Willibald Alexis Ruhe ist die erste Bürgerpflicht Roman Erstes Buch Erstes Kapitel. Die Kindesmörderin . »Und darum eben«, schloß der Geheimrat. In seiner ganzen Würde hatte er sich erhoben und gesprochen. Charlotte hatte ihn nie so gesehen. Der Zorn strömte über die Lippen, bis vor dem Redefluß des Kindermädchens allzeit fertige Zunge verstummte. Sie war erschrocken zurückgetreten, bis sie sich selbst verwundert an der Türe fand; aber der Geheimrat schritt noch in der Stube auf und ab. Charlotte hatte leise zu weinen angefangen – »Aber Herr Geheimrat, um solche Kleinigkeit!« »Eine Kleinigkeit, die Angst besorgter Eltern um Ihre Kinder! – Fünf Stunden von Hause fort, ohne eine Sterbenssilbe mir zurückzulassen, und die Kleinen mitgenommen, ohne um Erlaubnis zu fragen!« »Herr Geheimrat«, schluchzte sie, »haben nie nachgefragt, ich weiß auch gar nicht, warum jetzt!« »Schweige Sie!« fuhr der Hausherr fort. »Sie hat kein Einsehen, keine Moralität. Sie mißbraucht meine Güte. Sie muß aus meinem Hause. Es haben sich schon viele gewundert, daß ich Sie noch behielt. Aber Sie schlägt mit Ihrer Unverschämtheit den Boden aus dem Faß. Versteht Sie mich! Ein Glück noch, daß wir vom Viertelkommissar erfuhren, daß Sie zur Exekution hinaus war, wir hätten sonst gar nicht gewußt, wo Sie geblieben war.« »Wenn das die selige Frau Geheimrätin wüßte«, schluchzte das Mädchen, »das war eine seelensgute Frau. Und wie oft hat sie gesagt: ›Wenn wir nicht wären, mein Mann kümmert sich gar nicht um die Kinder.‹ Ja, das hat sie gesagt, nicht einmal , hundertmal . Und haben Herr Geheimrat jetzt auch nur einmal nach den Kindern gefragt? Das eben aber sagten die selige Frau Geheimrätin: ›Er hat kein Herz für sie!‹ Und es war eine Frau, so sanft wie die himmlische Güte und viel zu gut für diese Welt, und wer nur ihre stillen Tränen gesehen hat, die sie nachts vergoß, und darum nahm der liebe Gott sie zu sich, und sie würde sich im Sarge umdrehen, wenn sie wüßte, daß Herr Geheimrat mir darum solchen Affront antun.« Charlotte mußte die schwache Seite des Hausherrn kennen. Er wandte sich um und fuhr mit dem Taschentuch über das Auge, ob um eine Träne abzuwischen oder die Verlegenheit zu verbergen, laß ich ungesagt. An der Wand hing das Bild der Verewigten, in sehr abgeblaßten Wasserfarben gemalt, ein ebenso abgeblaßter Immortellenkranz darum. Darunter hing eine andere Schilderei, eine Urne mit einer Trauerweide. Ein Genius senkte eine Fackel. Das Bild war auf Pappe gezogen, und wenn man näher hinzusah, bemerkte man, daß in der Urne ein Medaillon angebracht war, in welchem einige blonde Haare zu einem Namenszuge sich verschlangen. Der Geheimrat nahm es heraus und drückte es an seine Lippen. »Oh du Unvergeßliche!« sagte er, noch einmal mit dem Tuch über die Augen fahrend. Sein Zorn war gewichen; in weicherem Tone fuhr er fort: »Aber Charlotte, wie oft habe ich Ihr gesagt, Sie soll mich nicht immer daran erinnern. Ein Mann in meiner Stellung darf sich nicht den Gefühlen hingeben. Aber Sie weiß das wohl, Sie braucht mich nur an die selige Gute zu erinnern, so tritt mir's in die Augen. Sie führt sich auf, als wenn Sie die Hausfrau wäre – und ist doch nur eine – Sie ist eine –« Dem Geheimrat war jetzt wirklich etwas in die Augen getreten, was er daraus fortzuwischen suchte und darüber in Heftigkeit geriet. Es war der dicke Staub aus der Schilderei, als er das Medaillon mit Gewalt wieder in seine Umfassung zu drücken bemüht war. Je mehr er im Ärger draufschlug, so dichter puderte es ihm ums Gesicht. »Aus dem Haus muß Sie, daß Sie's weiß«, schloß er, mit den Augen beschäftigt, aus denen jetzt wirkliche Tränen, aber nicht der Rührung, sich preßten. »Ja, Herr Geheimrat, das werde ich auch, sobald Sie es befehlen«, sagte Charlotte, die ihrerseits die Ruhe wiedergewonnen hatte. »Denn ich kenne meine Schuldigkeit. Aber erst werde ich vors Hallesche Tor gehen, aufs Grab der seligen Frau Geheimrätin, und die Kinder nehme ich mit. Da werde ich mit ihnen weinen, und sie sollen die kleinen Hände falten und ihre Mutter bitten, daß sie ihnen einen lieben Engel vom Himmel schickt, der sie in Schutz nimmt. Denn wissen Sie noch, Herr Geheimrat, wie die selige Frau Geheimrätin auf dem Totenbette lagen! Kreideweiß das Gesicht! ›Ach Jesus, was wird aus meinen Kindern!‹ Ja, das hat sie gesagt!« »Charlotte!« sagte der Geheimrat, »Sie weiß, daß ich meine selige Frau innigst geliebt habe, aber die Welt gehört den Lebendigen, sagt der Dichter, und die Toten soll man ruhen lassen.« »Die selige Frau Geheimrätin sollen wohl Ruhe haben, wenn sie aus dem Grabe sehen, wie's hier oben zugeht! Die Frau Geheimrätin, Ihre Schwägerin, kommt auch nicht umsonst wieder so oft ins Haus. Aber ich werde mich wohl hüten und mir die Zunge verbrennen wie damals und sagen, was ich denke. Aber was die selige Frau Geheimrätin denkt, wenn die Geheimrätin Schwägerin den Kleinen Zuckerbrot bringt und sie über den Kopf streichelt, das weiß ich.« »Meine Schwägerin ist eine sehr respektable Frau, Charlotte.« »I Herr Jesus, wer redet denn auch gegen sie! Aber den Blick vergeß ich nicht, auf ihrem Totenbett, wie die selige Frau zurückschauerte: ›Ach, wie sieht sie die Kinder an!‹ sagten sie, nämlich die Frau Geheimrätin auf dem Totenbett. Und so riß sie die Kinder an sich, und dann sagte sie: ›Ach, sie hat so spitze Finger!‹« »Das waren Visionen, sie war im hitzigen Fieber.« »Aber die Frau Geheimrätin Schwägerin verkniffte ordentlich den Mund und sagten: ›Mein Gott, als ob ich mich um die Bälger risse!‹ Und dann sagte die Sterbende, und da war sie nicht mehr im Fieber: ›Die Charlotte, die hat wenigstens ein weiches Herz!‹ – Und da hatte die Selige recht, und ich habe die Kinder liebgehabt, als wenn's meine eignen wären, und wenn's nicht die Kinder wären, i, da wäre ich ja schon längst aus dem Hause, wo man so mit mir umgeht.« Dem Geheimrat schien unangenehm zumute zu werden, da Charlotte in einen Tränenstrom ausbrach, der nicht mehr zu stillen schien. »Es war auch nicht so gemeint«, sagte er endlich. – »Sie soll ja nicht auf der Stelle fort – ich meinte nur –« »Es werden sich schon andre finden – oh, das weiß ich –, ich weiß auch wer. Und wenn die Selige das von oben sieht, wie die Schwägerin mit ihren spitzen Fingern die Kleinen liebkost, dann wird sie nachts vor Herrn Geheimrats Bette treten, und was sie ihn dann fragen wird –« »Halte Sie doch das Mau –! Charlotte – liebe Charlotte, Sie ist echauffiert.« Das Kindermädchen war echauffiert, es ließ sich nicht in Abrede stellen. Es waren auch Gründe dafür. Aber der Herr Geheimrat liebte nichts Echauffiertes, nämlich wenn es ihn in seiner Ruhe inkommodierte. Er suchte sie zu beruhigen; er erklärte die Kündigung für eine Aufwallung, ein Echauffement. Indem er sagte, solche Dinge müsse man bei kaltem Blute überlegen, schob er den Stein des Anstoßes etwas weiter auf den Weg. Da schien ein Friede geschlossen, wenigstens ein Waffenstillstand; Charlotte weinte nur noch still, der Geheimrat seufzte und mochte wieder an anderes denken, als er sich erkundigte, was denn die Kinder machten. Gleich darauf fiel ihm noch etwas anderes ein. »Aber, Charlotte, sage Sie, wie kam Sie nur darauf, und mit den Kindern! vors Tor zu laufen, dahin! Eine Hinrichtung ist ein unmoralisches Vergnügen, habe ich Ihr das nicht oft vorgestellt, es ist gegen die Humanität, ein Schauspiel, woran nur der rohe Pöbel Vergnügen finden kann.« »Sie haben schon ganz recht, Herr Geheimrat, aber Sie hätten die Person sehen sollen, die Mariane; ganz schlohweiß war sie, vom Kopf bis zum Fuß, und wie sie die Augen niederschlug, die Hände hielt sie so vor sich gefaltet! Und der Herr Prediger saß neben ihr, und noch oben sprach er mit ihr, und dann küßte sie ihm die Hand und knickste noch einmal vorher gegen uns alle. Und die vornehmsten Herren in Tränen. Ach, Herr Geheimrat, es war Ihnen etwas, ich sage Ihnen, es ging einem durch Mark und Bein, und manche dachten, ach, wenn du doch auch so sterben könntest, so den Herrn Prediger neben sich und ganz weiß, und Blumen, und die Putzmacherin, Mamsell Guichard an der Stechbahn, hatte ihr ein Tuch mit Spitzen geschenkt, und die vornehmsten Personen weinten. Und ich habe sie auch gekannt, die Mariane, und ehedem war sie keine schlechte Person.« »Sie hat mir davon erzählt. Aber nun ist sie eine Kindesmörderin.« »Und das ist schlecht von ihr, Herr Geheimrat; das wird auch kein Mensch abstreiten. Und wir haben's ihr alle vorhergesagt. An solchen Kerl sich zu hängen! Er war noch nicht einmal königlicher Stallknecht, da konnte er noch lange dienen. Und wenn er's geworden, ob er sie dann geheiratet hätte! ›Wenn's denn doch einmal sein sollte, wär's nur ein anständiger Herr gewesen‹, sagte ihre Tante. Der hätte doch fürs Kind bezahlt, und wenn er nicht wollte, da ist das Stadtgericht! Das weiß ich ja von meiner Kusine. ›Heiraten oder bezahlen!‹ sagten der Herr Präsident. Da hat er auch gezahlt, jeden Ersten, der Herr Hoflackierer, und wenn's bis zum Dritten nicht da war, auf der Stelle Exekution, jeden Monat. Beim zweiten hat er sich gar nicht erst verklagen lassen. Gleich gezahlt, oh, 's ist ein sehr reputierlicher Herr, das muß man ihm nachsagen, und wenn's dritte kommt, wer weiß, ob sie dann nicht schon unter der Haube ist. Denn seine Alte wird's ja nicht mehr lange machen, die hat er nur mit dem Geschäft geheiratet. Und warum sollte er sie nicht ins Haus nehmen? Ist ja sein purer Profit. Er kommt viel wohlfeiler fort, als wenn er Alimente zahlen muß. Aber ein Begräbnis wird er seiner Alten ausrichten – na, da könnte sich mancher Geheimrat schämen. Nein, das muß man ihm nachsagen, lumpen läßt sich der Herr Hoflackierer nicht; er ist ein sehr reputabler Herr. – Und, wie gesagt, hübsch war die Mariane, so blaß und schön, und das Kind, blutrot hat's wie 'ne Schnur um den Hals gehabt.« »Und meine Kinder hat Sie mitgenommen. Die unschuldigen Würmer! Sie Person, Sie!« »Aber, Herr Geheimrat, ich weiß auch nicht, wie Sie mir vorkommen. Es ist ja nur, daß die Kinder es einmal gesehen haben. Das ist ja fürs ganze Leben. So was kriegen sie nicht wieder zu sehen. Es soll ja kein Mensch mehr hingerichtet werden.« »Wer hat Ihr das wieder vorgeschwatzt?« »Sie können's mir ganz gewiß glauben, Herr Geheimrat. ›Das ist die letzte Hinrichtung‹, hat der König gesagt. Und sie haben ihn beinah zwingen müssen, daß er nur die Feder in die Hand nahm. Die junge schöne Königin hat geweint. Und da hat er sie gefragt: ›Aber Luise, warum weinst du denn?‹ Denn unter sich sagen sie immer du; und es kommt einer zum andern, ohne daß die Kammerherren anklopfen und sie melden, und darüber ist die Hofmarschallin, die alte Gräfin Voß, ganz aufgebracht. Aber das tut nun nichts. Es wird alles noch ganz anders werden, sagen sie; und gar nicht wie beim Dicken. Die Livreen werden auch anders. Und alle Menschen sollen Brüder sein, und alle Frauenzimmer Schwestern...« Der Geheimrat intonierte, wie durch eine Erinnerung geweckt, plötzlich das Lied, indem er mit den Fingern auf dem Knie den Takt schlug: Wir Menschen sind ja alle Brüder, Vereinigt durch ein heilig Band, Du Schwester mit dem Leinwandmieder, Du Bruder mit dem Ordensband! Das Kindermädchen warf einen schlauen Blick: »Gestern, hinterm Gitterfenster auf dem Hofe – da sangen's Herr Geheimrat viel lauter.« Die Erwähnung schien dem Geheimrat unangenehm. »Das versteht Sie nicht. Es ist allerdings gegen die Humanität, einen Menschen ums Leben zu bringen. Aber, wie gesagt, das versteht Sie noch nicht, und das ist nur unter uns, und wie sollten wir denn die Spitzbuben loswerden und die atrocen Menschen. Laß Sie sich also so was nicht einbilden, und die Königin –« »Ja, Herr Geheimrat, die Königin, das weiß ich expreß von jemand, der es weiß, vom Kommissar die Köchin, die hat beim Doktor, der die Hoflakaien kuriert, vorher gedient, und da hat sie's von der Mamsell, die beim Hofmarschall ist, mit eigenen Ohren gehört, zum König hat sie's gesagt, die Königin, sie könnte ihm ja keinen Kuß geben, weil seine Hände voll Blut wären, und nur diesmal, hat er gesagt, hätte er's tun müssen, weil's eine Kindesmörderin wäre, nämlich von wegen des Beispiels, weil's sonst alle täten. Aber dann soll keiner mehr geköpft werden, und dies ist das letztemal, und darum verdienten's wohl die Kinder, daß ich sie hinführte, denn es soll auch gar kein Blut mehr fließen und kein Krieg mehr sein, auf der ganzen Welt nicht, und der König hat's gesagt.« »Aber sage Sie mal, Sie ist doch sonst eine vernünftige Person.« – Der Hausherr war aufgestanden, um ihr zu beweisen, daß sie diesmal unvernünftig sei. Das ist überall eine schwierige Aufgabe, wo die Person, welcher man es beweisen will, sich für vernünftig hält. Sie mußte überdem eine gute Royalistin sein; denn auf die Vorstellung des Geheimrates, daß so etwas gar nicht in des Königs Macht stehe, ja nicht in des Kaisers, auch nicht in der Macht des großen Feldherrn und Konsuls der Franzosen, erklärte sie, wozu denn ein König wäre, wenn er das nicht mal könne! Der König könne aber noch weit mehr, wenn er nur wolle; es gäbe jedoch Personen, die viel klüger sein wollten als der König, und alles besser wissen und machen, und sie wisse auch, was sie gehört, und könnte manches sagen, was mancher nicht gern hörte. Und wer nur gestern abend sein Ohr aufgehabt, hätte im hintersten Hofe und unterm Gitterfenster gehorcht, was die Gefangenen gesungen. Davon könnte manches Vögelchen Lieder singen, die mancher Mann gar häßlich klingen würden! »Sie unverschämtes –, ich glaube gar, Sie hat getrunken!« »Ich getrunken! Habe ich das um den Herrn Geheimrat verdient, als ich gestern abend gar nicht sah, wie Sie die Treppe heraufkamen, die kleine Hintertreppe, und nicht wußten, wo die Tür war! Ich getrunken! Ein Glas Weißbier setzten mir der Herr Wachtmeister von Prinz Louis' Dragonern vor, und das trank ich, der Kinder wegen, denn wir waren außer Atem, weil die Leute so grausam drängten, und so hob der Herr Wachtmeister die Kinder über die Lyziumhecke, und ich quetschte mich durch die Hecke, und da sagte der Wachtmeister, ich sollte erst einen Pomeranzen mit ihm über die Lippen nehmen, weil ich so echauffiert wäre. Das kann der Wirt im Blauen Himmel bezeugen; der sagte, wir zerträten ihm seine Hecke, und er war betrunken. Aber wo wären wir alle, und die lieben Kinder, die schrien, daß es ein Gottserbarmen war; aber der Wachtmeister gab's dem Wirt, daß er mäuschenstill ward. Ich hätt's ihm nicht geraten, mit dem anzufangen. Er hat die Rheinkampagne mitgemacht und trägt noch eine Kugel in der Schulter, alles für seinen König! sagt er, und wenn Friede bleibt, kriegt er eine Zivilanstellung.« Es war eine Veränderung in dem Geheimrat vorgegangen. Von Zorn keine Spur mehr in seinem Gesicht, als er aus der emaillierten Dose eine lange Prise Spaniol nahm und mit dem Batisttuch den Tabak, der sich ausgestreut, von den Kleidungsstücken abklopfte und »ja, ja, so geht's in der Welt!« sagte. Man sah, zwischen beiden hatte ein langer Verkehr eine Verständigung hervorgebracht, die gewissermaßen in hieroglyphischen Ausdrücken sich Luft machte. Und jeder verstand den andern. Offenbar war er an etwas erinnert worden, was er nicht liebte, und ebenso offenbar, daß Charlotte auf einen andern Gegenstand übergesprungen war, entweder, um ihm die Verlegenheit abzukürzen, oder weil dieser Gegenstand für sie einen Zweck hatte. »Wie ist's denn nun mit dem Unteroffizier von Möllendorfs Grenadieren?« sagte der Geheimrat wie in vertraulicher Weise, nachdem er verschiedenes andere gefragt, zum Beispiel, wieviel Menschen wohl draußen gewesen und welche Equipagen darunter und ob die Kinder auch ordentlich gesehen hätten. »Dieser Mensch hat nicht meiner Erwartung entsprochen«, entgegnete Charlotte, »und Herr Geheimrat wissen auch, was ich immer gesagt habe von der Infanterie. Er stellte sich sonst ganz reputierlich an, denn Wahrheit muß Wahrheit bleiben, aber er hatte kein Herz für die Kinder und war von Profession, wie ich jetzt erfahren mußte, ein Schneider. 's ist wahr, er hat eine Zivilanstellung erhalten, aber was ist das, ein Nachtwächterposten! Wenn er mir das früher gesagt hätte, ich hätte ihn schön angesehen. Nein, Herr Geheimrat hatten ganz recht, wenn Sie mich warnten. So wegwerfen werde ich mich nicht, und ich sehe ihn auch gar nicht mehr an, wenn ich ihm begegne. Dieser Wachtmeister aber hat ein wirkliches Gemüt für die Kinder, und er ist ein Witwer. Prinz Louis Ferdinand hat zu ihm gesagt, er sollte sich trösten, der Soldat wäre so besser akkommodiert; und das ist wahr, sagt er, wenn's wieder losgeht, ist der Pallasch die beste Braut für den Dragoner. Aber wenn Friede bleibt, sagt er, will er den Pallasch hinter die Tür hängen und sich nach einer Frau umsehen. Und, sagt er, eine, die treu ihrem Herrn gedient hat, die ist ihm lieber als eine, die noch nicht gedient hat, denn da weiß er nicht, was er kriegt. Und eine, die ihre Jugend ihrem Herrn geopfert hat, die wird der Herr doch nicht ohne gute Aussteuer fortlassen, das müßte ja ein schmutziger Herr sein. Und das kann ich wohl von meinem Herrn sagen, sagte ich, er wird sich nicht lumpen lassen; der Herr Geheimrat haben's mir oft versprochen, wenn ich mich mal veränderte, dann wollten Sie dafür sorgen, daß es schmuck und blank in meinem Hause aussehen sollte. Und da hat er die Malwine auf dem langen Wege hergetragen, und sie schlief gleich auf seiner Schulter ein. Der Fritzchen, der schrie und hatte sich ungebärdig, den haben wir zwischen uns genommen, das war wirklich ein Elend mit dem Jungen, weil er sich auf die Erde warf, und wir mußten ihn an den Schultern rutschen, bis der Herr Wachtmeister ihm für einen Dreier Rosinen kaufte, und da ging's denn, und Sonntag, wenn's Herr Geheimrat erlauben, wird er mich nach den Zelten abholen und sich dem Herrn Geheimrat präsentieren und mich mit Waffeln traktieren.« Der Herr Geheimrat schien nicht recht zu wissen, was er sagen sollte, indem er mit einem Finger um den andern ein Rad schlug. »Ja, sieht Sie, Charlotte«, sagte er, »wer das wüßte, ob Friede bleibt, oder 's wieder losgeht. – Und hat Sie auch das bedacht, ein Kavallerist riecht immer nach dem Stall –«, wollte er sagen oder hatte es gesagt – Zweites Kapitel Die Geheimrätin mit den spitzen Fingern . Als die Seitentür aufging und die Geheimrätin Schwägerin hereinrauschte. Rauschte, sage ich, denn ihr hellseidenes Kleid, obgleich die Schleppe abgeschnitten, bauschte noch immer in reichen Falten hinter ihr. »Ich hoffe doch nicht zu derangieren«, sagte die Dame, als der Geheimrat in einiger Verlegenheit aufsprang und die Spanioldose auf die Erde fiel. Wenn Charlotte sich in Verlegenheit gefühlt, fand sie die Gelegenheit, sie zu verbergen, indem sie die Dose auflangte und mit dem zusammengefegten Tabak in der Schürze das Zimmer verließ. »Wie kann meine teure Frau Schwägerin mich überraschen!« sagte der Überraschte. »Die Überraschung ist nicht ganz meine Schuld, denn der Herr Schwager hörten in dem konfidentiellen Gespräch, was ich zu meinem Bedauern stören mußte, nicht mein Klopfen. Da mußte ich endlich, ohne auf die Invitation zu warten, eintreten, denn ich liebe nicht das Lauschen.« Er drückte in verbindlicher Weise ihre Finger an die Lippen und führte sie auf das Kanapee. Ob die Finger besonders spitz waren, kann ich für jetzt nicht sagen, denn sie waren in Trikothandschuhen versteckt, und während die eine Hand an den Lippen des Geheimrats ruhte, umfaßte die andere den Fächer, um das Spiel zu beginnen, was bei einer Konversation auf dem Kanapee notwendig ist. Aber das ganze Gesicht war, was man spitz nennt. Vielleicht hätte man auch die kleine Gestalt der Dame so nennen mögen, indes war ein Etwas darin, entweder nenne ich es Anmut oder Elastizität, was diesen Eindruck verwischte. Alabasterarbeit, hätte ein Dichter oder Künstler gesagt, der erst der Hauch des Gedankens oder Gefühls Farbe und Bewegung gibt. Weder jung noch alt, weder schön noch eigentlich hübsch, konnten doch ihre dunkeln kleinen beweglichen Augen, wenn sie aus den blonden Augenbrauen besondere Blicke schossen, anziehen. Es war schwer zu sagen, wovon diese Blicke sprachen, ob von Verstand, Gefühl, Sinnlichkeit, ob sie stachen, suchten, lockten, ob sie aus einer beglückten oder zerrissenen Brust kamen. Sie konnten einen sehr verschiedenen Glanz annehmen, nur nicht den der ursprünglichen Wahrheit, jenen Glanz, der auf den ersten Blick einnimmt und überzeugt. Man sah in diesen Augen, daß sich die Gedanken und Gefühle erst sammeln mußten, um ihren Blicken den Ausdruck zu geben, den sie wollte. Es war überhaupt etwas Besonderes in der Frau; es lag in ihrem Wesen Ruhe und Unruhe. Man konnte sie in diesem Augenblick für sehr bedeutend, im nächsten für ein gewöhnliches Weib halten. Ihre Kleidung war einfach, aber gesucht; zwischen der zu Grabe getragenen Rokokomode und dem griechischen Ideal, das Mode geworden. Kurze, enganschmiegende Ärmel, ein weit ausgeschnittenes Kleid mit kurzer Taille, die eine rosaseidne Schärpe noch mehr hervorhob, aber ein Überwurf um die Schultern und die langen Handschuhe suchten die Entfaltung der griechischen Nacktheit wieder zu verbergen. Der Geheimrat entschuldigte sich wegen seiner Toilette. Er hatte Ursach. Die Geheimrätin sagte lächelnd, sie hätte für dieses Äußerliche keinen Sinn. Aber während er seine Füße in den Pantoffeln zu verstecken suchte, ohne sich doch der Bemerkung enthalten zu können, daß er sich von ihnen nicht trennen könne, weil sie noch von seiner seligen Frau gestickt wären, verbarg die Geheimrätin keineswegs ihre sehr zierlichen Füße auf dem Schemel, als sie mit der sanften, fast süßen Stimme, durch die nur zuweilen ein feiner, schneidender Ton fuhr, sagte: »Man muß gestehen, daß der Herr Schwager die Treue gegen die selige Geheimrätin bis zum Exzeß kultivieren.« »Und wie geht es denn meinem teuern Bruder, dem Geheimrat?« seufzte er. »Wir haben uns so lange nicht gesehen. Ach Gott, wir Geschäftsmänner!« »Er ist in seinen Büchern vergraben.« »Er kultiviert nicht das Leben«, fiel der Hausherr ein. »Ich hatte immer gehofft, daß eine so spirituelle Frau ihm einen Elan geben würde.« » Passons là-dessus «, sagte die Geheimrätin, mit einer eigentümlichen Bewegung des Fächers. »Ich begreife freilich zuweilen nicht, warum eigentlich die Männer auf der Welt sind, die sich nichts aus ihr machen. Aber ich bin gewissermaßen in seinem Auftrage hier.« »Von einem Gelehrten wie er weiß ich diese Attention zu schätzen. Warum mußte er aber neulich wieder ablehnen? Zu einer einfachen Suppe, à la fortune du pot , ein paar gute Freunde nur.« »Lupinus sagt, er verdirbt sich immer bei Ihnen den Magen.« »Scherz, Scherz! Spartanische Suppen kann ich freilich nicht vorsetzen, auch ist mein Malaga, mein Hochheimer kein Falerner. Nichts, als was ein armer Mann bieten kann. Müssen uns alle nach der Decke strecken, aber herzlich gegeben und – gut gekocht.« »Wenn Ihre Charlotte will, kocht sie trefflich«, sagte die Geheimrätin mit einem jener Blicke, von denen wir sprachen. – »Sie werden sich schwer von ihr trennen können«, setzte sie langsam hinzu. »Sie werden sich vielleicht nie von ihr trennen wollen.« Der Blick und die Beobachtung hatten für den Geheimrat etwas, was ihn aus seiner Ruhe brachte. »Liebste Schwägerin, in meiner Lage – in meinen Dienstverhältnissen, begreifen Sie, muß ich dann und wann kleine Diners arrangieren – man muß sich Freunde – man muß die Gönner warmhalten. Einer hilft dem andern. Es geht einmal nicht anders.« »Das begreife ich vollkommen«, sagte die Schwägerin mit dem gedehnteren Tone, »aber zu Ihren Diners bestellen Sie ja die Schüsseln beim Koch Corsika.« »Das wohl, in der Regel wenigstens – indessen –« »Essen Sie auch gern zu Hause gut. Und damit Sie immer gut gekocht bekommen, ist Ihnen darum zu tun, daß Charlotte immer bei guter Laune ist. Der Kalkül ist richtig, nur verdenken Sie es Ihrer Familie nicht, wenn sie einen andern macht –« »Welchen, meine verehrteste Schwägerin?« » Mon beau-frère «, sagte die Geheimrätin, mit dem Fächer einige kurze, bedeutungsvolle Schläge durch die Luft führend, »die Familie hofft, daß Sie ihr nicht den Chagrin antun werden, die Person zu heiraten!« Der Geheimrat wurde rot, aber nicht sehr, er klatschte mit beiden flachen Händen auf die Knie und seufzte: »Ja – man wird doch auch mit jedem Jahr älter. Und eine Pflege, wie ich sie nur wünschen kann.« »Herr Geheimrat, aber eine Mesalliance!« » Mais, ma belle-sœur ! Adam war unser aller Vater. Neulich am Klavier, ich hätte meine Schwester embrassieren mögen, Sie sangen es zu allerliebst: Als Adam grub und Eva spann, Wer war denn da – der erste Geheimrat?« Er begleitete es durch ein angenehmes Gelächter. »Es ist also vollkommener Ernst!« »Ernst, teuerste Schwägerin! Ich hielt es für einen deliziösen Scherz, wenn es von der Kanzel stürzte: Der königliche Herr Geheimrat Lupinus mit der ehrsamen Jungfrau Charlotte Philippine Katharine, Tochter des ehrbaren –, was weiß ich, wer ihr Vater war, wenn sie einen hat. Ma belle-sœur, wie hätten sie die Köpfe zusammengesteckt, wie wären sie aus dem Dom gestürzt! Diese Gruppen unter den Pappeln, nachmittags die Kaffeeklatsche. Und nun denken Sie sich, Schwägerin, Charlotte und ich im Wagen und unsre Vorfahrvisiten! Vierzehn Tage kein ander Gespräch. Und das Hochzeitsmenuett! Sanft gebannt – an ihre Hand durchs Leben – schweben!« Die Dame war sehr ruhig geworden. »Mais mon beau-frère, warum haben Sie es aufgegeben?« »Mon Dieu, wer sagt Ihnen, daß ich es aufgab!« »Ein witziger Einfall, über den man nachdenkt, ist keiner mehr.« »Es geht doch nichts über einen sublimen Verstand. Ich werde mich hüten, sie zu heiraten.« »Ich bin jetzt ganz getröstet, wenn Sie es tun. Wirklich, lieber Schwager. Die Person hat gute Eigenschaften, und Ihre Erziehung –« »Wenn ich sie heirate, ist die Erziehung aus«, zischelte er ihr laut ins Ohr. »Sobald der Hochmutsteufel in sie schießt, kocht sie nicht mehr, pflegt sie mich nicht mehr, kurzum, sie ist nicht mehr, was sie ist, und darum müßte mich ja der – Excüs! wenn ich meine gute Charlotte aufgäbe, um eine schlechte Geheimrätin draus zu machen. – Man wirft so gemütliche Redensarten hin, möglich, es könnte sein – wenn nur nicht das und das wäre, wünscht ihr den besten Mann, aber klopft ihr auf die Schulter, sich nicht zu übereilen, es würde sich wohl noch alles anders und besser finden, als mancher denkt. Et cetera.« Nach einer Pause, während sie auf ihre spitzen Finger gesehen, sagte die Geheimrätin: »Aber die Person ist auch klug. Sie merkt es. Lieber Schwager, kein Mann ist so klug, daß nicht eine Frau, die er beständig um sich hat, ihm die schwache Stunde abmerkt. Schlingen sind nun einmal die Waffen unserer Schwäche; es ist in der Natur. Entweder entschließen Sie sich und heiraten sie, oder brechen Sie schnell.« »Das kann ich nicht, c'est absolument impossible ! 's ist wahr, Corsika kocht gut, 's kocht keiner so in Berlin. Das heißt en général – mais –! Was hilft mir das, wenn die Gäste fortgehen und sagen: ›Es war alles recht fein, aber man weiß von nichts Besonderem zu sprechen, nichts hat einen Eindruck hinterlassen.‹ Das ist gleichsam ein verlorner Tag. In der Charlotte, verzeihen Sie mir, ist ein Genie. 's ist nicht zu leugnen, manches verdirbt sie, aber plötzlich mit einem Elan hat sie eine Komposition gefunden, parbleu! Erinnern Sie sich noch des Rebhühnerfrikassees mit farcierten Trüffeln? Da war doch nur eine Stimme. Noch acht Tage drauf, als wir bei Exzellenz Schulenburg-Kehnert am Tische saßen, sprach Lombard davon. Sein Koch hat's versucht, der englische Gesandte auch, es schickten noch mehrere ihre Köche. Warten Sie – ça ne fait rien . Es hat's keiner rausgekriegt. Und wär's auch nur um Lombards willen. Es war ein glücklicher Tag, als er mir beim Abschied die Hand drückte. Ich weiß es, Lombard hat viele Feinde, aber in der Freundschaft und – und in gewissen Ideen hat er eine gewisse constance, persévérance . Man kann wohl sagen, 's ist ein Mann von einem nobeln Esprit, ein Mann comme il faut .« »Schade, daß Lombard verreist ist«, sagte die Geheimrätin, »ich meine, schade für Sie.« Es war wieder ein so eigner Ton, eiskalt und bitter wie der Blick, der den Geheimrat traf – und sie brach so scharf ab, daß die Wärme und Gemütlichkeit, welche die Erinnerung der Trüffeln und Rebhühner angeregt, plötzlich gedämpft war. »Mein Gott, belle-sœur, Sie kommen –« »Von meinem Mann geschickt. Was ist denn das mit den Gefangenen in der Vogtei und den eingeschmissenen Fensterscheiben? Mein Mann hofft, daß Sie dabei außer dem Spiele sind.« Wir wissen, daß diese Erinnerung für den Geheimrat zu den unangenehmen gehörte. Die Rosenlinien der Freude verzogen sich auf seinem Gesicht in graue Runzeln. Er schlug auch etwas die Augen nieder. »Ma belle-sœur wissen, daß ich immer ein Herz habe für die Leiden der Menschheit. Was an mir ist, tue ich, um das Schicksal der armen Gefangenen zu erleichtern.« »Unter denen auch der abscheuliche Bankerottier ist, der so viele Leute um ihr alles gebracht.« »Er ist ein Mensch wie wir, meine Schwester.« »Ganz doch nicht«, sagte die Schwägerin und zog den Arm etwas zurück, auf den er seine Hand gedrückt. »Man sagt, es sind sehr viele schlechte Menschen grade jetzt in der Vogtei.« »Wenn einer nicht bezahlen kann, hat er darum aufgehört, mein Bruder zu sein?« »Die Gefangenen sollen unerhörte Freiheiten genießen. Neulich bei Präsident Kircheisen ward behauptet, sie kämen abends frei zusammen und spielten Hasardspiele, ja einer hielte förmlich Bank.« »Um die Humanität zu fördern, drücke ich ein Auge zu. Die innern Türen lassen sie sich zuweilen aufschließen. Es ist nicht gut, daß der Mensch allein ist, und unter Gottes Himmel sind wir alle –« »Und zwischen den Mauern der Vogtei!« fiel die Geheimrätin ein. »Gestern abend –« »Sehn Sie, teuerste Schwägerin, da hatte ich eine rechte Freude. Sie schickten eine Deputation an mich mit der Bitte, ihnen eine kleine, gewissermaßen religiöse Zelebration zu gestatten. Da morgen, als heute, ein menschliches Mitwesen, eine irrende Schwester, gewaltsam aus dieser Welt gerissen werden sollte, wollten sie den Abend nicht ohne stille, ich möchte sagen, sympathetische Betrachtung hingehen lassen. Ich war wirklich gerührt über dieses Zeichen edler Empfindung unter meinen Kindern, wie ich sie gern nenne.« »Sie waren also selbst bei dem – sogenannten Festin?« »Sie erzeugten mir die Ehre, mich einzuladen. Ach, aber so bescheiden. Und ich versichere Sie, ich fand eine Stimmung, die einer Kirche Ehre gemacht. Und die Arrangements so sinnreich und einfach. Der Regimentsquartiermeister, der bei der Lichtenau da im Marmorpalais als Dekorateur und Maschinist gearbeitet hatte – ein unglücklicher Mensch, er mag geirrt haben, wer irrt nicht! –, konnte um lumpige zehntausend Taler die Quittungen nicht aufweisen! – Lieber Gott, wenn man für alles Quittungen verlangte, was zur Zeit der Komteß Lichtenau ausgegeben ist! Ein charmanter Mann sonst, sage ich Ihnen, von so philosophischer Ruhe. – Das kleine Zimmer war griechisch drapiert, et aussi un peu gothique . Hinten ein Opferaltar; in Spiritus brannten die Flammen empor zu dem Triangel, aus welchem das Auge der Allwissenheit auf uns herabblickte. Der Rendant vom Salzsteueramt –« »Der in Hamburg ergriffen ward, als er sich einschiffen wollte?« »Ein Opfer der Mißverständnisse. Er hatte die beste Absicht, von London aus den kleinen Irrtum auszugleichen – sonst ein Mann von Charakter, sublimen Ideen, ist auch Maçon . In einem weißen Talar, eine Binde um die Stirn, hielt er eine Rede; ich wünschte, Sie hätten sie gehört; wie ließ er die irrende Schwester beten! Ach, aber wie das kleine Kind, das der Mutter voraufgegangen, die Arme ausbreitete und im Namen der Allmacht sprach: ›Mutter, dir ist vergeben! die Seligen warten auf dich!‹ – da blieb kein Auge trocken.« »Und nachher haben sie getrunken?« »Die Gesellschaft hat einige Flaschen besorgt. Das Herz schloß sich unwillkürlich auf. Man durfte sich doch nicht lumpen lassen. Ich ließ ein Dutzend Hochheimer bringen. Ich sage Ihnen, diese Empfindungen, die sich da aufschlossen! Da war doch kein böser Gedanke, nichts als die reinste allgemeine Menschenliebe, und wäre nicht der verlorne Mensch, der Sohn des Geheimrats Bovillard, dazwischengekommen, so wäre auch alles ganz gut abgelaufen.« »Läßt ihn der Vater noch immer einsperren?« »Nein, er sitzt jetzt wegen des letzten Skandals mit dem Gendarmerieoffizier. Dieser Taugenichts verdirbt mir eigentlich die Harmonie in meiner Gesellschaft. Indessen hat man doch Rücksichten wegen des Vaters.« »Gewiß, und sehr ernste.« »Und unser Hofrat Süßring, Sie kennen den exzentrischen Kopf – bös ist er nicht, nur wenn er etwas im Kopfe hat. Ich vergaß, Ihnen zu sagen, man war so froh geworden, man sah das Opferfeuer brennen. Man wollte sich daran wärmen. Man machte den Vorschlag, an der Flamme das Getränk der Freiheit zu brauen, das aromatische der Engländer, das unser Schiller so herrlich besungen hat – Vier Elemente, innig gesellt!« »Man kochte eine Bowle Punsch. das weiß ich auch, und sehr starken.« »Süßring, der eigentlich in Glatz sitzen soll, aber er ist kränklich und kann die freie Bergluft nicht vertragen. Belle-sœur wissen ja, durch welche Konnexionen – und er ist auch eigentlich unschuldig. Es war nur der Punsch. Sprang er plötzlich auf den Tisch –« »Und hielt eine seiner bekannten republikanischen Reden.« »Es sollten keine Kerker und Festungen mehr sein, die Eisenstäbe sollte man zerbrechen und die Schwerter auch, und als er das Lied sang und wir einfielen: Allen Sündern soll vergeben Und die Hölle nicht mehr sein!« »Da schmissen sie mit den Gläsern die Fenster ein.« »Nein, da sprang Bovillard erst auf den Tisch. Den eigentlichen Zusammenhang weiß ich wirklich nicht mehr, aber in seiner Barocksprache rief der tolle junge Mensch: wenn wir die Hölle zerstörten, wo wir denn bleiben wollten! Nun, ich sage Ihnen, einen Galimathias plein de romantique , daß uns Hören und Sehen verging.« »Ich glaube Ihnen wirklich, daß Sie beides nicht mehr konnten.« »Durch die Unart dieses einen einzigen Menschen ward uns ein Abend gestört – meine Schwester, das Menschenleben ist nicht reich an solchen Abenden voll Harmonie der Seelen. Und der Mond stand draußen und schien so friedlich durchs Gitterfenster.« »Der Mond wird auch vermutlich stehengeblieben sein«, sagte die Geheimrätin aufstehend, »wo blieben denn aber der Herr Schwager?« Sie machte Miene zum Gehen, und er beugte sich, um wieder ihre Hand an die Lippen zu führen: »› Homo sum, nil humani a me alienum puto ‹, sagt Terenz, teuerste Schwägerin. Fragen Sie meinen Bruder, was das heißt. Im übrigen – abgeschüttelt!« »Meinen Sie, Geheimrat? In der Stadt ist man andrer Meinung. Man spricht davon, daß Sie die Ihnen obliegende Surveillance über die Gefangenen schlecht beobachtet.« »Man hat schon viel über mich gesprochen. Qu'importe !« »Wenn man aber auch bei Hofe davon spricht. Auch im Palais. Auch wenn der König entrüstet ist. Auch wenn Kabinettsrat Beyme auf der Stelle an den Justizminister schreiben müsse, daß die Sache untersucht wird. Herr Schwager, es ist kein Spaß, warum ich hier bin, es handelt sich um Ihre Existenz.« Der Geheimrat war zusammengefahren wie die Sinnpflanze bei der menschlichen Berührung. Sein Gesicht war blaß, seine Vollmondswangen schienen wie welk herabgesunken. Er öffnete die Lippen und wollte sprechen, aber die Zähne, die in eine unwillkürliche Berührung gerieten, stammelten nur die Formel: »Mein allerdurchlauchtigster König, mein allergnädigster König und Herr!« »Ist eine Natur, die wir alle eigentlich noch nicht kennen, aber in gewissen Dingen hat er sich außerordentlich streng gezeigt.« So sagte die Geheimrätin Schwägerin, die ruhig vor dem Zerknickten stand. Der Geheimrat stammelte noch etwas von geheimen Feinden, und nachdem er einige Schritte getan, fiel er auf seinen Armsessel. »Von Feinden weiß ich nichts«, sagte die Schwägerin, »im Gegenteil, Sie haben sich viele Freunde durch Ihre Diners gemacht, und es trifft sich nur sehr unglücklich, daß Lombard nach Frankreich ist. Aber sich in den Sorgenstuhl zu werfen, ist nicht Zeit, mon beau-frère! Ihre Freunde können wenig, Sie müssen selbst etwas tun, und auf der Stelle. Ihr Zopf ist noch gut, die Frisur passiert für den Abend. Werfen Sie sich in Ihr Habillement .« »Mein Gott, doch nicht zu Seiner Majestät!« rief er aufspringend und rang die Hände. »Auch nicht zum Justizminister. Ich rate Ihnen auch nicht, Haugwitz zu inkommodieren. Aber zu Bovillard müssen Sie. Schnell, schnell, Herr Geheimrat. Er vertritt Lombard beim Minister. Mein Mann hat schon etwas vorgearbeitet.« »Zu Bovillard! ja, zu Bovillard! Aber, mein Gott, was wird er sagen!« »Wenn Sie von seinem Sohne sprechen, wenn Sie auf ihn die Schuld schieben wollen, würden Sie alles verderben. Sie müssen ihn ganz ignorieren. Verstehen Sie mich; diese Schonung kann nur den Vater gewinnen, denn Vater bleibt er. Daß er von ihm erfahren soll, überlassen Sie andern. Sie exkulpieren sich nur für sich. Das Wie überlaß ich Ihrem Genie, wie Sie jetzt Ihrer Toilette.« Sie war hinausgerauscht, und der Geheimrat wankte nach seinem Kleiderschrank. Drittes Kapitel. Eine Heimfahrt . Die Geheimrätin stieg die Hintertreppe hinab, auf der sie gekommen. Sie ging langsam, oft, schien es, in Gedanken versinkend. Auf dem Podest blieb sie stehen, von wo man einen Blick durch ein Wandfenster in die Küche hat. Charlotte spielte mit den Kindern, oder vielmehr, die Kinder spielten mit Charlotte. Sie zupften sie vom Herde fort. Malwine wollte ihr etwas ins Ohr sagen, derweil kletterte das Fritzchen heimlich auf den Herd und schüttelte die Salzmetze in die Kasserolle. Malwine fing plötzlich an zu lachen und ätschte das Mädchen aus, Fritzchen war mit einem Satz vom Herde auf ihrem Rücken und umschlang ihren Nacken mit den Armen. Sie sträubte sich, schimpfte und suchte den Alp loszuwerden, die Kinder tobten, sie schlug. Eine charmante Erziehungsszene, dachte die Geheimrätin, und unwillkürlich entschlüpfte es ihren Lippen: »Es wäre eigentlich nicht so übel, wenn der liebe Gott die Kinder zu sich nähme!« »Warum den inkommodieren!« sagte eine Stimme dicht hinter ihr. Ein Fremder, in seinen Mantel geschlungen, der vom Regen triefte, stand auf der Stufe neben ihr. Sie hatte ihn nicht bemerkt, als er vom Hofe die Treppe heraufkam. Auch erlaubten ihr die hereinbrechende Dunkelheit und der Mantelkragen nicht, das Gesicht zu sehen, als er im Vorbeigehen den Hut lüftete. Es lag etwas Unheimliches für sie in der Begegnung. Wer läßt sich gern in seinen Gedanken belauschen. »Wenn nur keine schädliche Substanz in dem Gefäß war«, setzte der Fremde hinzu. »Wie meinen Sie das?« »Der Mutwille der Kinder könnte unschuldige Personen in Verdacht bringen.« »Das einzige Unglück wäre doch nur, daß er heut abend eine versalzene Suppe auf den Tisch bekommt«, bemerkte die Geheimrätin, die, schnell zu sich gekommen, ihre Unruhe nicht merken ließ. »So treffe ich den Geheimrat zu Hause, was mir sehr angenehm ist«, entgegnete der Fremde, noch einmal den Hut anfassend, um die Treppe hinaufzusteigen. »Dies ist nicht der eigentliche Weg zu ihm«, konnte die Geheimrätin sich nicht enthalten zu bemerken. »Auf der Vordertreppe begegnen Sie der Bedienung, um sich melden zu lassen.« »Meine Botschaft kommt wohl gelegener über die Hintertreppe.« »Auch wenn er zu Hause wäre, zweifle ich, daß ihm überhaupt Besuch gelegen kommt, da er selbst im Begriff ist, einen zu machen.« »Ich weiß es«, entgegnete der Fremde, »und wenn auch nicht mein Besuch, wird ihm doch mein Rat nicht ungelegen kommen. Ich habe die Ehre, mich der Frau Geheimrätin gehorsamst zu empfehlen!" »Seltsam!« sprach die Geheimrätin für sich, als der Fremde mit sichern, leichten Schritten die Treppe hinaufgestiegen war. »Er kennt mich. Wer ist er? Er kommt gewiß in der Angelegenheit – was kann er aber für Rat bringen!« An der Hoftür stürzte ein heftiger Platzregen ihr entgegen. Ihre Kutsche hielt auf der Straße vor der Haustür. Sie überlegte, ob sie einen Versuch machen sollte, durch die wahrscheinlich schon verschlossenen Bureaus sich einen trockneten Weg nach dem großen Hausflur zu suchen, als ihr Bedienter mit einem Regenschirm ihr entgegentrat. Auf ihr Befremden darüber, da sie beim Ausfahren keinen mitgenommen, antwortete der Diener, der fremde Herr, welcher eben durchgegangen, habe ihm den seinen zurückgelassen, mit der Bemerkung, ihn für die Frau Geheimrätin zu benutzen, damit sie über den Hof in ihren Wagen könne. »Kennt Er den Herrn?« fragte sie beim Einsteigen. »Ich habe ihn nie gesehen.« »Seltsam!« wiederholte die Geheimrätin nachdenkend. Nicht alle Gedanken drücken sich auf dem Spiegel des Gesichts aus, und in einer dunklen Kutsche, nur erhellt vom ungewissen Laternenlicht, wenn der Regen gegen die Fenster schlägt, läßt sich auf diesem Spiegel noch weniger lesen. Dem Dichter ist es indes zuweilen vergönnt, eine andre Sonde in die Brust zu senken, wie er ja auch Geister und Träume zitiert, wo er den Vermittler zwischen dem Reich des Unsichtbaren und des Sichtbaren bedarf. Sie sann dem Fremden nach. Seine äußern Umrisse waren ihr verwischt, nur war es ein blasses Gesicht mit scharfen, tiefliegenden Augen, dessen konnte sie sich entsinnen. Sie hatte ihn noch nie gesehen. Doch es waren damals viele Fremde in Berlin; auch hatte der Ton seiner Stimme etwas Ausländisches. Aber was wollte er bei ihrem Schwager? Wirklich einen guten Rat geben? Wenn auch der Geheimrat nicht eben persönliche Feinde hatte, waren doch viele, die auf sein einträgliches Amt lauerten. Weshalb sollte sich ein Fremder gedrungen fühlen, gerade ihrem Schwager zu helfen! Aber sie vertiefte sich im Aufzählen, wer wohl ihm auf den Dienst lauern könnte, bis ein leises Gelächter aus ihren feinen Lippen brach. Die Geheimrätin fragte sich, woher denn ihr eigner Anteil an dem Geschick des Geheimrates kam? – Achtete sie ihn? Liebte sie ihn? Oder weil er der Bruder ihres Mannes war? Was war ihr ihr Mann? – Ein Mann, der sich in seiner Bücherstube vergrub, wo die Welt umher für ihn lachte! Man hätte jetzt eine Röte sehn können über ihr blasses Gesicht steigen. Und um eine solche Familie Sorge und Anstrengung, darum Intrigen, damit eines ihrer Mitglieder nicht zu Schaden komme! Sie kam sich selbst in dem Augenblick so ordinär vor. Die Kutsche hielt vor ihrem Hause. Der Diener öffnete den Schlag. Er schien aus ihren Mienen ihre Bestimmung lesen zu wollen. Sie warf einen Blick auf die erleuchteten Fenster: »Herr Geheimrat erwarten Frau Geheimrätin zum Pikett.« – Sie hatte schon einen Fuß auf dem Tritt und blieb einen kurzen Augenblick stehen, als tue der Regen, der in unverminderter Heftigkeit fiel, ihr wohl, dann warf sie sich in den Wagen zurück und befahl: »In die Komödie!« Die Stadt war noch immer aufgeregt von dem Schauspiel am Mittage. Es war seit lange keine Hinrichtung vorgefallen. Die Heimgekehrten kamen erst jetzt aus den Schenken zurück, es gab mancherlei Unruhe, kleine Aufläufe, Verhaftungen. Der Kutscher zog es, der tobenden Menschenschwärme wegen, vor, durch eine der Quergassen zu fahren, welche herrschaftliche Equipagen sonst vermeiden. Auch hier stopften sich die Fuhrwerke, und die Dame hatte Gelegenheit, durch die Kutschenfenster ein Schauspiel zu betrachten, was Frauen ihres Standes sonst nicht aufsuchen – an den hell erleuchteten und grell drapierten Fenstern der kleinen Häuser die Schönheiten, welche sich den Vorübergehenden zur Schau stellen. Sie schlug die Augen nicht nieder und wandte den Blick nicht ab. Sie fühlte auch kein Mitleid mit den armen Geschöpfen: Sie schlürfen des Lebens Glut in vollen Zügen, aus einem Taumel in den andern gestürzt, kaum dazwischen erwachend, bis sie verwelken und man sie fortwirft. Und das ist unser aller Los – ob früher, ob später? Was kommt es drauf an. Wer nur sagen kann: er hat sein Leben genossen! Sie rezitierte in ihrem Selbstgespräch die Verse des Breslauer Dichters Bürde, der, damals in Berlin, seine Übersetzung des Milton herausgab. Dichter sorgen am väterlichsten für ihre Gedichte, wenn sie sich selbst in der Sozietät zeigen. Um der Väter willen nimmt man sich der Kinder an. Die Geheimrätin Lupinus würde die Verse: Ach, es sind die gleichen Todeslose, Die das Schicksal allen Wesen zieht! Früher nur entblättert sich die Rose, Später nur verwittert der Granit, die sie zweimal mit Empfindung wiederholte, so wenig gekannt haben, als die Mehrzahl unserer Leser sie kennen wird, wenn sie nicht die Bekanntschaft des Sekretär Bürde in den Gesellschaften gemacht hätte, wo der schlesische Minister, Graf Hoym, in dessen Gefolge er angekommen, ihm einen Ehrenplatz verschaffte. Das Komödienhaus war nicht gefüllt. Die Geheimrätin saß allein in ihrer Loge. Ihr schien das Haus dunkel. Es war nicht dunkler als gewöhnlich. Die Talglichter, die der Lampenputzer vor den Augen des Publikums ansteckte, duldeten auch keinen entfernten Vergleich mit dem Glanz der Theater von heut. Man sah wohl damals schärfer, denn man sah mehr, aber das Licht kam aus der Darstellung, versichern uns die, welche aus jener Zeit das deutsche Theater kennen. Für die Geheimrätin aber blieb es dunkel, obgleich Fleck als Odoardo seine ganze adlige Kraft entfaltete, die spätere Händel-Schütz als Orsina das Publikum entzückte. Lessings Meisterwerk schien ihr an einem Etwas zu lahmen, das sie sich nicht erklären konnte; der jungen Schauspielerin, welche die Emilia zum ersten Male gab, hätte sie nachhelfen mögen. Wenn sie sich Rechenschaft gab, war es aber nicht die Schauspielerin, sondern sie hätte ihrer Rolle, ihrem Charakter eine andere Richtung geben mögen. Ihre Phantasie beschäftigte sich, eine welche andere Rolle Emilia spielen können, selbst glücklich und beglückend, glänzend und Glanz um sich verbreitend, wenn sie den Pulsen folgte, die für den Prinzen schlugen. Eine welche andere Herrschaft über ihn blühte ihr als der stolzen Orsina, vermöge ihres Liebreizes, ihrer geistigen Vorzüge. Sie hatte es in ihrer Macht, auch dieses Prinzen Wankelmut zu fesseln, und Tausende, ein ganzes Land glücklich zu machen. Und alles das vernichtet ein plumper Dolchstoß, der alle unglücklich macht und – die Törin bat selbst darum! Die Geheimrätin war gewohnt, in ihrer Loge Besuche zu empfangen. Entweder zeigte sich heut kein Bekannter, oder sie hielten sich entfernt. In einer Loge gegenüber, wo eine neu angekommene Schauspielerin von Ruf saß, hörte das Klappen der Logentür nicht auf. Ihr war diese Störung unangenehm, das Schauspiel fing an sie zu langweilen. Sie besann sich, daß sie zwar die Einladung zu einer Gesellschaft heut abend nicht angenommen, aber auch nicht abgelehnt hatte. Sie hatte nur gesagt, sie fürchte einer Migräne wegen nicht erscheinen zu können. Sie hatte oder wollte jetzt keine Migräne haben und verließ die Loge. Der Bediente hielt schon im Korridor ihre Enveloppe bereit. »Er zittert ja.« Sie hätte kaum nötig gehabt, sich nach dem Grund zu erkundigen, der Bediente war ja noch in denselben ganz durchnäßten Kleidern, in welchen er auf dem langen Doppelwege aufgestanden. Der zugichte Korridor hinter den Logen war nicht geeignet, die Naßkälte zu vertreiben. Johann sagte, das Fieber sei noch immer nicht ganz fort. Die Geheimrätin erwiderte nicht unfreundlich, er müßte endlich etwas dazu tun. Der Regen goß noch immer in Strömen, als sie wieder in die Kutsche stieg und Johann hinten auf Der arme Mensch! dachte die Geheimrätin. Seltsam, daß es so sein muß! Es mußte so sein; über diesen Damm kam sie nicht hinweg, ja, sie lächelte über den närrischen Gedanken, daß sie Johann auffordern könnte, sich in den Wagen zu setzen. Aber sie dachte über die Zukunft des Menschen nach. Er litt nicht vom Regen, sondern an einer innern Krankheit, deren gelegentliche Ausbrüche nur in Fieberanfällen sich zeigten. Sie glaubte etwas von der Arzneikunde zu verstehen und den Schluß ziehen zu dürfen, daß er nie vollständig genesen werde. Was wird nun aus solchem Menschen? Eine Zeitlang hält man es noch mit ihm aus. Wenn er aber immer wieder zurückfällt, muß man ihn entlassen. Dann findet er wohl noch einen Dienst. Aber auf wie lange? Die neuen Herrschaften werden nicht so lange Geduld mit ihm haben. Er wandert ins Krankenhaus, vielleicht ins Spital, vielleicht auf die Gasse. Und wäre es ihm nicht besser, wenn er durch einen Blutsturz, eine radikale Erkältung ein rasches Ende fände? Er ist auch eine verfehlte Existenz! Sie schauderte und verfiel in ein Sinnen, dem die Ausdrücke fehlten, bis der Wagen vor dem erleuchteten Hause hielt. Viertes Kapitel Hier politisch, dort poetisch . Der Eintritt der Geheimrätin in die Gesellschaft erregte einen allgemeinen Aufstand; es schien ein froher. Man hatte sie nicht mehr erwartet. Die Wirtin und einige Damen embrassierten sie; die ältern Herren bemühten sich, ihr die Hand zu küssen: »Nein, das ist hübsch und liebenswürdig von ihnen, uns doch noch zu überraschen!« – »Es wäre ein halber verlorener Abend gewesen ohne die Frau Geheimrätin«, sagte der Wirt. Ein dritter: »Je später der Abend, so schöner die Gäste.« Es war eine ansehnliche, aber etwas bunte Gesellschaft, vielleicht eine, wo die Wirte auch solche Verwandte und Bekannte gebeten haben, welche sonst sagen könnten: »Zu so etwas werden wir nicht eingeladen!« Die Geheimrätin war von der zuvorkommendsten Freundlichkeit. Man konnte auf den ersten Blick annehmen, daß sie, wenn nicht an Stand und Vermögen, doch von Natur und Bildung von feinerer Art, ein Wesen war, was man so gewöhnlich ein höheres nennt, wenn es in Kreise tritt, die sich ihrer Gewöhnlichkeit bewußt sind. Der Neid, den es hervorruft, zeigt sich in der Regel erst dann, wenn dies vornehme Wesen seine Eigenschaften geltend machen will. Dies war bei der Geheimrätin nicht der Fall. Sie konnte nicht liebenswürdiger, bescheidener, gewissermaßen harmonischer zur Gesellschaft auftreten; sie bedauerte so sehr den Aufstand, den sie erregt. »Aber warum ist Ihr lieber Mann nicht mitgekommen? Wir sind ihm zwar unendlich verbunden, daß er sich entschlossen, unsre Frau Geheimrätin uns zu gönnen, aber es wäre doch hübsch gewesen, wenn er sich selbst entschlossen. Das hätte erst unsre Freude vollkommen gemacht.« »Sie tun meinem Manne unrecht«, entgegnete die Angekommene. »Wenn es nach ihm gegangen, wäre ich längst hier. Er kann es nicht sehen, wenn ich ein Vergnügen seinetwegen entbehre. Aber liebe Frau Geheimrätin« – die Wirtin nämlich war auch eine Geheimrätin –, »Sie glauben nicht, wie er jetzt mit Arbeiten überhäuft ist, und ich sehe mit wahrer Angst, wie er sich dabei anstrengt, daß sein Kopfleiden wieder heraustritt. So machte ich mir ein Gewissen daraus, ihn heut zu verlassen. Aber er hatte keine Ruhe. Wir wollten Pikett spielen; da legte er mit dem freundlichen Blicke, dem man nicht widerstehen kann, die Karten weg, streichelte mir über die Backe und sagte: ›Liebe Ulrike, ich werde viel mehr Ruhe haben, wenn ich dich in heitrer, lieber Gesellschaft weiß. Du mußt Dich aufheitern nur um meinetwillen.‹ Da kann man denn nicht widerstehen.« »Man muß gestehen, unsre Frau Geheimrätin Lupinus ist das Muster einer Hausfrau«, sagte der Wirt, »und diese Ehe eine exemplarische. Man wird nicht viele in Berlin so finden.« »Mit Ausnahme doch!« sagte die Geheimrätin Wirtin, und die Geheimrätin Gast schlang sanft den Arm um ihre Schulter: »Ich kenne eine Ausnahme. Was unsere Ehe betrifft, so möchte ich ihr nur darin einen kleinen Vorzug beimessen, daß wir uns so innig verstehen, ohne es auszusprechen. Wir gehen eigentlich jeder seinen eigenen Weg, was gewiß zu Mißdeutungen Anlaß gibt, aber jeder fühlt für den andern mit, er verfolgt ihn still in den Gedanken, jeder ist unsichtbar beim andern. Wir wissen oft nicht, woher die Sympathie kommt, doch sie ist da. So in diesem Augenblick. Das Vergnügen, in dieser liebenswürdigen Gesellschaft zu sein, ist mir gestört, weil ich weiß, mein Mann hat nicht die Augen geschlossen und ruht nicht, wie er mir versprach, im Lehnstuhl aus, sondern er hat wieder seine Folianten vorgenommen, er vergleicht zwei alte Handschriften, er bückt sich über, er drückt die Feder, während der Angstschweiß ihm von der Stirne träuft, weil er sich die Abweichung in einer Lesart nicht erklären kann. Ich sehe das alles so deutlich vor mir wie den Pique-As in Ihrer Hand –« Sie fuhr sich leicht über die Stirn und erschrak über den Eindruck, den ihre Rede gemacht. Dabei kam ihr zu Sinn, daß die Gesellschaft ja durch sie vom Spieltisch zurückgehalten werde. Sie bat um Entschuldigung wegen ihrer unzeitigen Herzenseröffnungen. »Was kann eine schöne Seele Schöneres tun, als andere ihre Empfindungen mitempfinden lassen«, lispelte eine Seele, die sich wohl selbst für schön hielt. »Nennen Sie es lieber eine Schwäche«, schüttelte die Geheimrätin den Kopf. »Die Welt will nicht, daß wir uns geben, wie wir sind, und die Welt hat im Grunde recht.« Nun aber hatte sie auch keine Ruhe, als bis die Herrschaften sich niedergesetzt. Ein heiteres Vergnügen zu stören, erschien ihr immer wie eine Todsünde. Sie hatte recht. Wer die Karte zur Whistpartie in der Hand hält, läßt sich ungern stören, am wenigsten durch Herzensergüsse einer schönen Seele. Einige hatten die Geheimrätin schon immer für eine Clairvoyante gehalten; die Clairvoyance war in der Mode. Andere meinten, sie sei nur von einer außerordentlich reizbaren, nervösen Komplexion. Man bedauerte sie, es gab wohl auch andre, die sie darum beneideten. Hier lobte man sie, wie schonend sie das Verhältnis zu ihrem Ehemann darzustellen wisse, da jedermann bekannt sei, ein wie eigensinniger Stubengelehrter der Geheimrat wäre. Sie sei gewissermaßen eine Märtyrin ihres feinen Sentiments. Er bereite und gönne ihr kein Vergnügen, was sie sich nicht abstehle. Eine andere rief: »Und wie unrecht von ihm, denn von ihr kommt doch das Geld!« Es war eine glänzende Gesellschaft aus den höhern Kreisen des mittlern Lebens. Aber man muß an eine Gesellschaft aus dem Anfang dieses Jahrhunderts ebensowenig den Maßstab des Glanzes von heut legen, als an die Komödienhäuser von damals den unserer Theater. Der Vergleich geht vielleicht noch weiter. Die Kleiderstoffe und Geschirre waren kostbarer, gediegener und dauerhaltiger, aber im künstlichen Ausbeuten und geschickten Zerlegen des Stoffes, damit jeder Teil seine Wirkung erhalte, haben wir es weitergebracht. Trifft das vielleicht auch auf die Unterhaltung zu? – Aber gar keinen Vergleich duldeten die Räumlichkeiten. Unsere Bürgerhäuser werden Paläste. Diese hohen Räume, die gewaltigen Fenster und Flügeltüren, welche den Zimmern die Wände stehlen, fand man zu Anfang dieses Jahrhunderts nur in den wenigen aristokratischen Häusern der neuen Stadt. Die vornehmen Bürgerhäuser in den Vierteln der Friedrichsstadt aus Friedrichs Zeit geben zum Teil anspruchsvolle Fassaden, aber im Innern ist alles klein und zugemessen. Die niedrigern Zimmer liefen eines in das andere; dennoch blieb der Wohnung etwas Wohnliches, weil Flügeltüren und Fenster nicht die Räume unnatürlich verkürzten und der Mensch Platz für sich und seine Sachen an den Wänden fand und trauliche Winkel, sich zu verlieren. In Zimmer an Zimmer konnte die Gesellschaft sich ausbreiten. Wenn aber die Geheimrätin das Theater dunkel fand, weil ihr Auge in eine künftige Zeit drang, so konnte sie auch hier, trotz der vielen Wachskerzen auf schweren Silberleuchtern, den flimmernden Schein des Lampenlichtes vermissen, das die Nacht zum Tage macht. Unter den Möbeln, zum großen Teil noch vom spätern Rokoko, gewundenen weißlackierten Stühlen und Tischen mit dem verbleichenden Schimmer von Gold, sah man schon den Übergang zur antiken Welt in einigen glatten, scharf eckichten Stücken, deren Modelle dem Tischler wenn auch nicht aus Pompeji, doch angeblich aus Hetrurien zugewiesen waren. Sie konnten sowenig als die Schildereien und die paar plastischen Stücke an den Wänden die Schnörkeleien des Rokokotum durch edle Einfalt beschämen. Wovon man sich unterhielt? – Wer faßt die zuckenden Irrlichter zusammen, die von Mund zu Munde hüpfen. Und in einer gemischten Gesellschaft! Hier politisch, dort poetisch, Regelrecht wie ein Lineal, Philosophisch und ästhetisch, Krümmend hier sich wie der Aal, Sprudelnd wie der Dampf vom Teetisch, Aber überall trivial, hat ein späterer Dichter sie beschrieben. Ob die Geheimrätin sie auch so fand? Sie wechselte oft die Gruppen. Hier der ewige Streit, ob Goethe oder Schiller ein größerer Dichter sei. In diesen Kreisen war es längst entschieden. Welcher Mann von Bildung hätte zarten Lippen widersprochen, welche dem Dichter, der gesungen: Ehret die Frauen, sie flechten und weben Himmlische Rosen ins irdische Leben, den Preis zuerkannten! Es war nur seltsam, daß der Streit, trotz der Entscheidung, immer wieder von neuem aufgeworfen werden konnte. Eine Geheimrätin – es war aber eine dritte Geheimrätin – stellte sogar die Behauptung auf, während jede Seite in Schiller wenigstens ein nobles Sentiment enthalte, wisse sie keine einzige Sentenz in Goethe, welche die Seele rührt und erhebt. Dies fand doch Widerspruch, und man zitierte aus der »Iphigenie« die Verse: Weh dem, der fern von Eltern und Geschwistern Ein einsam Leben führt! Ihm zehrt der Gram Das nächste Glück von seinen Lippen weg. Ihm schwärmen abwärts immer die Gedanken Nach seines Vaters Hallen, wo die Sonne Zuerst den Himmel vor ihm aufschloß, wo Sich Mitgeborne spielend fest und fester Mit sanften Banden aneinander knüpften. Ein junger Mann mit blassem ernstem, aber etwas eingefallenem Gesicht rezitierte die Verse mit Ausdruck. Man schwieg eine Weile. Als die Geheimrätin sie schön fand, drückten alle ihre Bewunderung aus. Eine Dame hatte bis da geglaubt, sie rührten von Schiller her, sie hatte die Erhabenheit des Gefühls Goethe nicht zugetraut. Doch bemerkte sie, die Verse ründeten sich nicht so wie bei Schiller, und bei aller Schönheit fehlte ihnen der schmeichelhafte Klang des Gefühls. »Aber er liegt in unsrer Seele und fühlt das Weh, das uns in der einsamen Brust verzehrt«, hatte die Geheimrätin gesagt, als sie sich abwandte. Man schien sich zu fragen, was sie damit meine. Ein alter Hofrat antwortete seiner etwas schwerhörigen Nachbarin: »Sie ist eine Adlige von Geburt und mag's nun doch nicht recht verschnupfen, daß sie einen Bürgerlichen geheiratet hat. Darum hält sie wohl das von ›seines Vaters Hallen‹ auf sich anzüglich. Aber Schloß Wustenau stand schon 1762 sub hasta , und sie ist auch gar nicht mal drin geboren; sie bildet sich's nur ein.« Die Dame, vor kurzem erst nach Berlin gekommen, war zufällig selbst eine adlige Offiziersdame, was der Hofrat vermutlich nicht gewußt. »Wenn er ihr ein Sort gemacht hatte«, erwiderte sie, »das passiert wohl, aber wie ich höre, ist das Vermögen von ihr, et voilà qui est bien curieux .« »Ja, meine gnädigste Frau«, erklärte der Hofrat, »als sie ihn heiratete, war sie ein blutarmes Fräulein, man hielt's für ein großes Glück, daß sie ihn kriegte. Erst nachher machte sie die große Erbschaft.« – »Ah! c'est ça«, sagte die gnädige Frau und sagte nichts weiter. »Wie kommt es, daß man den Einsiedler einmal in Gesellschaft sieht«, sagte die Geheimrätin im Vorübergehen zu dem jungen Manne, der die Verse gesprochen. »Und noch mehr, wie kommt es, daß Sie Goethe noch für wert achten, ihn auswendig zu lernen? Wer so in transzendentalen Regionen der neuen Poesie schwebt, gäbe auf die alten Dichter, dachte ich, nichts mehr. Aber nehmen Sie sich in acht, daß mein Mann nichts davon erfährt, Herr van Asten! Für ihn, wie Sie wissen, sind ja schon Goethe und Schiller Neuerer.« Ohne eine Antwort abzuwarten, war sie vorübergeschwebt. In einem Kreise, wo man über Politik sprach, stritten sie sich, wer ein größerer Feldherr gewesen: Moreau oder Napoleon Bonaparte? Die Parteien standen scharf gesondert. Der Geheimrätin kam das sonderbar vor; den Grund wußte sie sich nicht recht anzugeben. Das Gespräch ward ihr langweilig. Sie hatte sich auch einmal für Bonaparte interessiert und auch für Moreau. In diesem Augenblick waren die Feldherren ihr gleichgültig. So gleichgültig als die Gespräche über die Tagesgeschichten und Stadtklätschereien, die in jeder Gesellschaft ihr unverwüstliches Recht beanspruchen, auch wenn man sie vorher grundsätzlich ausschloß, wie es heut abend mit der Geschichte der Kindesmörderin geschehen war. Aber wer wußte nicht einen pikanten Zug zu erzählen, wer fühlte nicht den Zug in sich, aus eigner Wissenschaft das Erzählte zu berichtigen, und ehe man es sich versah, war der verbotene Gegenstand überall der des lebhaften Gesprächs. Es gab aber noch einen andern Gegenstand. Man berührte ihn nicht in ihrer Gegenwart. Die Geheimrätin sah nicht allein in die Ferne, sie konnte auch dahin hören. Sie wußte genau, was gesprochen wurde und daß sie, ihr Mann, dessen Bruder, das fatale Ereignis der vorigen Nacht den Stoff abgab. Vielleicht, daß sie eben darum die Gesellschaft besucht hatte, um zu zeigen, daß sie ohne Besorgnis war oder – darüber hinweg. Aber es gefiel ihr nicht länger, daß das Gespräch verstummte, wo sie sich näherte. Wer spielt gern die Vogelscheuche! Bei einer Whistpartie fehlte durch einen Zufall der vierte Mann. Sie zeigte sich bereitwillig, die Karte zu übernehmen. Man erkannte das ganze Opfer, welches sie brachte. Sie versicherte, wenn sie durch ihr schlechtes Spiel das Vergnügen ihrer Mitspieler störe, so sei ihre Schuld doch nicht so groß als ihre Genugtuung, in so angenehmer Gesellschaft eine Stunde zu verbringen. Das Spiel prosperierte in der Tat nicht durch ihren Eintritt, aber wie die Mücken um den hellsten Lichtschein, sammelte sich um diesen Tisch die ambulierende Gesellschaft. Wer fühlte sich nicht geehrt, der Geheimrätin Rat zu geben, die bei ihren Fragen vielleicht mehr Unschlüssigkeit verriet, als in ihrem Charakter lag. Und wie liebenswürdig nahm sie ihn hin. »Sie ist die charmanteste Frau!« flüsterten die andern. Die Geheimrätin zankte auch nicht um die Points. »So aufgeräumt, Herr von Dohleneck?« sagte sie, die Karten prämelierend , zu einem Kavallerieoffizier, der sich neben ihr etwas brüsk auf einen Stuhl warf, den ein Zivilist eben für eine junge Frau hingestellt zu haben schien. Die Dame warf dem Offizier einen bösen Blick zu, den er aber nicht bemerkte oder bemerken wollte, und der Zivilist beeilte sich, ihr einen andern Stuhl hinzusetzen, den sie aber nicht annahm, sondern ins Nebenzimmer eilte. »Sie irrten sich«, sagte die Dame, »ich wollte mich gar nicht setzen, ich suchte meinen Mann.« Möglich, daß nur zwei Augen vermittelst einer vorgehaltenen Lorgnette diesen Auftritt bemerkten, der wie ein Lüftchen über den Wasserspiegel der Sozietät hinkräuselte, um am Ufer zu verschwinden. Aber am Ufer trieb und wühlte das Lüftchen weiter im aufgelockerten Sande. Der ihn bemerkte, war ein Herr, etwas über die mittleren Jahre hinaus, welcher eben eingetreten war und mit der Lorgnette die Gesellschaft erst zu mustern schien, ehe er sich ihr zeigte. Wir werden ihn näher kennenlernen. Der sich auf den Stuhl warf, war – nur ein Abdruck von Hunderten oder von Tausenden. Das wohlgeformte, volle Modell eines Kriegsgottes, den man vielleicht hätte schön nennen können, wenn die Überfülle der Gesundheit und Kraft in dem beinahe sechsfüßigen Körper etwas mehr Elastizität und das volle, rote Gesicht unter den blonden Haaren und dem blonden Stutzbart weniger Sorglosigkeit und weniger Gutmütigkeit verraten hätten. Er war ein Mann, der seinen Mann stand, aber der militärische Grimm, der auch den Mann herausfordert, welcher Miene macht, nicht stehen zu wollen, fehlte ihm. »'s ist, um sich totzulachen, wenn Federfuchser über Dinge schwatzen, die nicht in ihren Büchern stehn.« »Besser totlachen als totärgern, lieber Rittmeister!« bemerkte die Geheimrätin. »Was hat Sie denn in die Rage gebracht?« Der Offizier kam aus der politisierenden Ecke. »Stellen Sie sich vor, schöne Frau, der Professor da, oder was er ist, Sie kennen ihn ja wohl« – er zeigte auf den jungen Mann von vorhin, jedoch mehr durch ein Augenblinzeln, indem er sich den Schnurrbart strich –, »der junge Herr meint, wenn's mit den Franzosen losgeht, wäre es doch sehr zweifelhaft, wer Sieger bleibt.« Man blickte verwundert und halb erschrocken auf den Redner oder auf die glücklicherweise entfernte Gestalt des Mannes in Rede. »Na, auf Ehre, 's ist wahr«, setzte der Offizier hinzu. »Er räsoniert von Bonapartes Genie als Feldherr; nun, das mag er haben, wir lassen's ihm. Und 's wäre auch zweifelhaft, ob selbst Friedrichs Genie imstande wäre, ihm überall zu parieren, wie er Daun und Laudon getan. Nu, darüber kann man nur lachen. Aber als ich ihn fragte, was er denn zu unsrer Armee meinte, wissen Sie, was er sagte?« »Es ist mir etwas ganz Neues, daß Herr van Asten sich mit Politik beschäftigt.« »Ich dachte, er würde nach der Rheinkampagne retirieren, da hätte ich ihm mit 'ner Antwort gedient. Nein, er sagte, hören Sie, ich hab's des Spaßes wegen behalten: uns stehe ein Heer gegenüber, das aus dem jugendlichen Volksbewußtsein stets neue Kräfte schöpft, wie der heidnische Riese, ich weiß nicht, wie der Kerl heißt, der zu jedem neuen Kampfe seine Muttererde küßte. Ob wir denn mit unsern geschlossenen Phalangen von altem Ruhme, aber ohne den Genius, der ewig zeugt, uns getrauten, eine Kraft zu werfen, die ewig neu wächst? Ich sage Ihnen, es war zum Bersten. Gut, daß keiner meiner Kameraden es gehört. Ich sagte ihm nur: ›Mein lieber Herr, wer die Erde küßt, macht sich das Maul schmutzig‹, und hol mich der und jener, wenn wir unsern Soldaten nicht die Propreté eingefuchtelt haben.« Der Verlegenheit, über die Rede zu lächeln oder sich zu äußern, wurden die Zuhörer durch den Wirt überhoben, der plötzlich mit einer Stimme, die eher auf die Kanzel als an den Whisttisch gehörte, laut sprach: »Aber, meine verehrten Herren und Damen, Gott sei Dank, daß wir der Beantwortung dieser Frage durch die Weisheit unsrer Staatsmänner überhoben sind, welche es nicht dahin kommen lassen werden, daß der Degen des großen Friedrich aus der Gruft geholt wird, um mit dem Degen des großen Mannes sich zu kreuzen, und die es nicht dulden werden, daß die beiden ruhmwürdigen und erleuchteten Nationen in andern Streit geraten als den, aus welchem für die Zivilisation die schönsten Früchte entspringen. Wozu also dieser Disput, der uns nichts angeht? Die weisen und humanen Männer, denen unsre Regierung anvertraut ist, werden immer für unser Bestes sorgen, und was sie ersinnen, ist gut und wird zu unsrer aller Ruhe beitragen.« Fünftes Kapitel Der vornehme Gast . Der Grund dieser seltsamen Anrede war, daß der Wirt in dem Augenblicke den Gast in der Tür bemerkt hatte, welcher vorhin mit der Lorgnette die Gesellschaft musterte und jetzt mit einer raschen Vorwärtsbewegung den nächsten Gruppen zueilte. Und doch schien er, als der Geheimrat Bovillard ihn im Vorübergehen mit einem freundlichen Händedruck begrüßte, von dieser unerwarteten Gegenwart nicht wenig überrascht und erschreckt. »Mesdames – Messieurs!« sagte der Wirkliche Geheimrat mit einer verbindlichen Neigung gegen den Spieltisch, »ich hoffe, daß sich niemand derangieren läßt«, und war durch die nächste Gruppe, auch durch eine zweite und dritte, ohne sich um die Personen zu kümmern, geeilt, bis er die Wirtin fand, deren Hand er an die Lippen führte, und seine verspätete Erscheinung mit vielen schmeichlerischen Worten und einer höchst wichtigen Konferenz entschuldigte. Es war ein Funke in die Gesellschaft gefahren, die zu ermatten anfing; und der Funke hatte gezündet. Einen liebenswürdigern, einen freundlicheren Mann als diesen vornehmen Gast konnte man sich nicht denken. Wie wußte er jedem, der ihm vorgestellt ward, etwas Angenehmes zu sagen, wie wandte er sich mit Teilnahme und Herablassung zu ganz unbedeutenden Personen. Für jeden hatte er ein verbindliches Wort. Die Tasse in der einen Hand, den Biskuit in der andern, wie geriet er plötzlich ins Feuer und erzählte mit hinreißender Lebendigkeit irgendein gleichgültiges Ereignis, das er am Hofe erlebt. Der subalterne Zuhörerkreis war in Entzücken über die Vertraulichkeit eines so hochgestellten Mannes. Ebenso plötzlich konnte er freilich einen andern am Arm ergreifen und, ohne sich zu kümmern um die, welche er eben an seine Fersen gebannt und um sich als Trabanten gezaubert, ihn mit einem: apropos, wissen Sie schon? beiseite ziehen. Er flüsterte ihm etwas ins Ohr, er setzte die Tasse fort, die Hand vor dem Mund, sprach er noch leiser, aber mit faunischem Lächeln; nein, er lächelte nicht mehr, er lachte, er kicherte, wenn sich das für einen Wirklichen Geheimrat geschickt hätte. Der andere natürlich lächelte auch, er lachte, er versuchte zu kichern. Die Lorgnette am Auge und das Gesicht halb über die Schulter gewandt, konnte man glauben, daß er nach dem Gegenstande suche, den sein beißender Witz eben getroffen. Aber er lorgnettierte nur ein hübsches Gesicht und sprach seine Admiration aus, daß die Kleine, die er nannte, sich so ausgewachsen; er hätte es nicht erwartet. Wenn man ihm bescheiden bemerkte, daß er die Personen verwechsele, fand er sich nicht in Verlegenheit, sondern stellte das Paradoxon auf: die Liebe solle zwar nicht wechseln, aber alle wahre Liebe bestände aus Verwechselungen: »Unsere Phantasie schafft sich ein Ideal. Das lieben wir. Je öfter wir nun in einer beauté dies Ideal wiederzufinden glauben, um so glücklicher sind wir, und um so mehr andere beglücken wir. Nicht wahr, Herr Geheimrat, die Fabel vom Amphitryo ist das chef-d'oeuvre in der Mythologie?« Der in den Kreis getretene Geheimrat war nicht allein ein ernsthafter Mann, sondern er stand auf einer amtlichen Stufe, die der eines Wirklichen sehr nahe kam. Es hatte sich die Nachricht in der Gesellschaft verbreitet, daß ein Kurier, der heut nachmittag wichtige Nachrichten gebracht, den Geheimrat so lange zurückgehalten. Er glaubte ein Recht zu haben, sich bei diesem danach zu erkundigen. »Bester Freund«, sagte letzterer in der Fensternische, wohin sie sich zurückgezogen, »wann verging ein Tag, wo nicht ein Kurier an einen Minister kam, und wenn ich ihre Wichtigkeit, nämlich unserer Minister, danach abwägen sollte, so wüßte ich wirklich nicht, wo vor Respekt bleiben. – Aber Gott weiß, mich hat nie danach gelüstet, ihre Geheimnisse früher zu erfahren, als sie an den Tag kamen. Denn was hilft mir's, ob der Kurfürst von Hessen seiner jüngsten Mätresse einen so kostbaren Hut geschenkt hat, daß die nächstältere darüber in einen Wutkrampf verfallen ist. Oder wenn die Fetzen des Heiligen Römischen Reichs sich darüber streiten, ob der Professor Fichte ein Deist ist oder keiner. Und diese Bagatellen, Sie glauben nicht, wie man uns damit überschüttet. Diese Geschichte mit...«, er flüsterte einen Namen, »Sie kennen sie doch? der halbe Mulatte aus Holland – wie hieß er doch gleich! – ließ ihm auf dem Sofa zwei Rollen, jede mit hundert Friedrichsdor, zurück! Als unser Freund es sah, rief er ihn zurück: ›Sie haben etwas vergessen! Unterstehen Sie sich nicht, mir noch einmal vor die Augen zu treten.‹ Konnte der Graf nobler handeln? – Eine Woche darauf kommt der Baron, der in Batavia, wie Sie wissen, einmal Gouverneur war, zu ihm und fragt ihn, ob er nicht seine Schimmel verkaufen wolle! Sie erinnern sich doch der Wagenschimmel? Blind und lahm, ein wahrer Skandal, ein Spott der Kutscher. Unser Freund sagt nein. ›Wie kommen Sie darauf?‹ – ›Exzellenz‹, sagt der, ›ich zahle jeden Preis. Ich muß sie haben. Ein verrückter Lord hat seinen Sinn darauf gesetzt, ein Achtgespann gerade von solchen Tieren zu besitzen. Einem Toren und Nabob kommt es nicht aufs Geld an. Ich habe alle Roßtäuscher in der Provinz in Akquisition gesetzt; sie können mir nur fünf auftreiben, und mir geht dadurch ein großer Gewinn verloren. Ich sähe es daher als eine große Gefälligkeit von Eurer Exzellenz an, wenn Sie mir zu Hilfe kämen.‹ – ›Ich bin kein Kaufmann‹, sagte unser Freund, ›und weiß keinen Preis zu setzen, lassen wir die Sache fallen!‹ – Der Baron überschlägt sich: ›Hundertfünfzig Friedrichsdor für jedes kann ich geben, Summa dreihundert, Zug um Zug. Mein Kutscher wartet unten.‹ – Unser Freund sah ihn ernst an: ›Man soll auch zuweilen den Narren gefällig sein; aber Ihnen soll der Reukauf frei bleiben.‹ – Nun gesteh ich Ihnen zu, der Schinder gab nicht zwanzig Taler für beide Bestien – nun, wir haben es alle verstanden, es war ein Witz, nichts als ein Witz! Aber können Sie glauben, liebster Geheimrat, wie man uns bombardiert mit anonymen Denunziationen. Wir sollten Lärm schlagen, dem Könige die Sache hinterbringen. Soll man sich um solche Bagatellen die Finger verbrennen! Beyme schmunzelte neulich: ›Ich hätte die Pferde wohl nicht verkauft, aber Sie wissen doch, der Pferdehandel unterliegt andern Gesetzen, als die im Landrecht stehen. Darin soll der Bruder dem Bruder nicht trauen. Und, ich bitte Sie, der König hat für andre Dinge zu sorgen.‹ Haugwitz sagte: ›Sollen wir etwa darum einen verlieren, der sich nicht um Politik kümmert.‹ Sehen Sie, liebster Geheimrat, je weniger wir sind, die sich um die Dinge nach außen kümmern, um so besser wird alles gehen.« Der Geheimrat wußte nun wenigstens, daß Bovillard ihm nicht sagen wollte, was er wußte. Doch wußte er darum noch nicht, ob er etwas wußte. Seltsam, derselbe vornehme Mann ging gleich darauf mit einem angesehenen Kaufmann aus der Brüderstaße Arm in Arm durch die Zimmer, und wenn wir recht gehört, vertraute er demselben, was er dem Geheimrat nicht für gut gefunden, mitzuteilen: »Sie kennen meine Amtspflicht, aber einem Freunde wie Ihnen kann ich die Versicherung geben, unsere Sachen stehen gut. Phantasten, unpraktische Köpfe, Schwärmer, die an Krieg denken! Idealisten, liebster Splittgerber! Vor denen müssen wir uns vor allem hüten. Es taucht jetzt hier solche Klasse von jungen Strudelköpfen auf, die von Deutschland, deutschem Wesen, deutscher Sprache, Art sprechen. Man kann darüber lachen, aber man muß Achtung geben. Die Ideen können viel Unheil in der Welt anrichten. Erinnern Sie sich an Frankreich! Da ist hier der junge Professor Fichte! oh, es sind ihrer mehrere. Ein sublimer Kopf – aber sie sehen den Wald vor den Bäumen nicht. Auf das Praktische, auf das, was uns not tut, den Sinn gerichtet! Das Hemde ist uns näher als der Rock. Der Kaufmann ist eigentlich der wahre Philosoph für die Welt. Er weiß, was uns not tut. Sie geben mir recht, lieber Splittgerber. Wenn wir ein Trauerjahr vor uns haben, werden Sie nicht Cochenille verschreiben. Das Heilige Römische Reich, als es existierte, brauchte freilich vielerlei Nürnberger Ware, unter andern auch einen Kaiser. Brauchen wir das? Wir sind das Reich du grand Frédéric! Sie werden mir darin recht geben. Eine Weltkatastrophe hat alle Verhältnisse umgeworfen, Was sind Nationalitäten? – Irrlichter! Laterna-magica-Bilder! Wenn man eine anders gefärbte Glasscheibe verschiebt, sehen sie anders aus. Wie Preußen sich selbst gefunden hat in seinem großen Könige, so haben die Franzosen sich in ihrem Bonaparte gefunden. Wie Friedrich das Genie der Franzosen erkannte, erkennt Napoleon den Genius, der in unserer Monarchie lebt. Sie glauben gar nicht, wie man uns erkannt! Wir sind wie bestimmt von dem Geist über dem Sternenzelt, brüderlich, Hand in Hand im Völkerbunde nebeneinander zu schreiten. Und da wollen Querköpfe eine tudesque Idee dazwischenschieben. Ich bitte Sie, ich wiederhole es, was sind Nationalitäten? Fragen Sie, wenn Sie Pfeffer kaufen, von wem Sie ihn kaufen? Der billigste Verkäufer ist der beste. Und wenn Sie verkaufen, wer den höchsten Preis dafür zahlt, der ist der beste Käufer; nicht, ob er Italiener ist, Franzos oder Russe.« Dem Kaufmann aus der Brüderstraße schien der Ideengang des Staatsmannes denn doch nicht ganz geläufig. Er handelte nicht mit Pfeffer: »Herr Geheimrat beliebten von einem Kurier zu sprechen –« Bovillard legte die Hand auf seinen Arm und mäßigte die Stimme: »Nur Ihnen, und unter dem Siegel des tiefsten Geheimnisses.« Bovillards Gesicht glänzte – »Alle Mißverständnisse gehoben, alle Schwierigkeiten ausgeglichen, der König und unser Vaterland können sich glücklich schätzen, daß sie Diplomaten haben, welche es verstehen, Krieg zu führen, ohne den Degen zu ziehen.« Zufällig aber begegnete dem Wirklichen Geheimrat, als er sich an der Tür umwandte, jemand, zu dem er dieses Gespräch nicht geführt hätte, jemand, der gern den Degen gezogen hätte. Der Rittmeister würde sich nicht dem Staatsmanne genähert haben, den er nicht leiden konnte, wenn dies nicht der einzige Ausweg gewesen wäre, um einer Dame nicht noch einmal zu begegnen, die er ebenfalls nicht leiden konnte. Es war dieselbe, welcher er vorhin den Stuhl vor der Nase fortgenommen. Wenn er aber darin ungalant gehandelt, was zweifelhaft bleibt, da es möglich ist, daß er sie nicht bemerkt hatte, so war er diesmal eher galant, indem er der Dame nicht in den Wurf kommen wollte, die ihm eben mit einer Miene den Rücken gedreht, beredt genug, um ihre ganze Nichtachtung auszudrücken. »Held und Sieger!« rief der Geheimrat ihm entgegen mit der Phrase aus einer damals gangbaren Oper: »Auf Deiner Stirne, Jüngling, glüht der Mut, Dein Auge dürstet nach der Feinde Blut, Doch Palmen seh ich statt der blut'gen Speere, Mit Friedenszweigen kehren unsre Heere Geschmückt nach Haus vom Felde ihrer Ehre.« »Geheimrat irren sich«, entgegnete der Offizier, » das Feld gehört zu den Domänen, wo uns die Geheimen-, Kriegs- und Kabinettsräte nicht mehr exerzieren lassen. Oder haben Sie etwa den Schlüssel in der Hand?« »Doch Mavors zorn'ger Sohn, gedulde Dich ein wenig, Fortuna ist ein Weib und Launen untertänig, Sie tändelt, ehe sie die ehernen Würfel schüttelt, Und bis Bellona erst am Turm den Widder rüttelt. Die ist ein Weib und die . O lern mit Weibern tändeln, Und bist Du Sieger da, wirst Du's in ernstern Händeln. Es wird schon noch einmal losgehen«, schloß der Geheimrat die Zitation aus einer vergessenen Tragödie und hielt mit treuherziger Miene die Hand dem Offizier hin. »Einschlagen, Geheimrat?« antwortete dieser, den Arm langsam hebend. »Aber ich schlage uckermärkisch ein.« Er schlug ein. »Also aufs Losgehen!« Der Geheimrat zuckte unwillkürlich mit dem linken Knie. »Und meine Mutter war aus Pommern«, setzte der Offizier hinzu, als er die Hand aus der Presse ließ und sich entfernte. »Es geht doch nichts über eine deutsche Kraftäußerung«, bemerkte der Geheimrat. »Und ich glaube, die war noch aus der Sturm-und-Drang-Periode.« An der Türpfoste gelehnt, lorgnettierte er noch einmal ins Zimmer, nur stand neben ihm nicht mehr der Kaufmann aus der Brüder-Straße, sondern ein Herr mit dem Kammerherrnschlüssel und einem Krückstock. »Parbleu, comme elle est belle – belle et bête ! N'est-ce pas?« Die Bemerkung galt der Dame, vor der der Rittmeister seinen Rückzug angetreten. Eine fast junonische Gestalt, aber mit ausdruckslosem Gesicht, stand sie in der Mitte des andern Zimmers – zufällig allein. »Ist denn niemand da, ihr die Cour zu machen?« »Hier!« sagte der Kammerherr, mit verächtlichem Blicke sich umsehend. »Wir befinden uns allerdings in einer etwas gemischten Gesellschaft. N'en parlons pas! Wer ist denn sonst ihr Amoroso?« »Wissen Sie denn nicht, Bovillard«, sagte der Kammerherr verwundert, »sie ist ohne Passionen.« »Tant mieux! so müßte man sie ihr einjagen. Ich bitte Sie, Kammerherr, sehen Sie diese Formen an! Vielleicht ein Tugenddrache! Liebt sie ihren Mann?« »Sie sind sechs oder acht Jahre verheiratet.« »Der Baron spielt, sie stellt sich neben ihn!« »Um eine Position zu haben.« »Wie sie den Arm aufhebt! Sehen Sie – sehen Sie, ganz die Attitüde der Lichtenau! Die Lichtenau war auch nicht immer, was sie ist –« »Sie wollten sagen, was sie war.« »Wäre die Lichtenau nicht in Paris erzogen worden – sehen Sie jetzt wieder – täuschend! Aus der Baronin kann etwas werden.« »Nur keine Lichtenau«, seufzte der Kammerherr. »Diese Zeiten sind vorüber.« » Les temps changent, mais pas les hommes . Mon cher baron, die Welt ist rund, et tout ça reviendra . Aber das Leben entflieht, die Jugend verblüht, es wäre wirklich ein mildtätiges Werk, die schöne Frau verliebt zu machen. Schaffen Sie mir einen Gegenstand, ich unternehme es.« »Ich will Prinz Louis noch einmal aufmerksam machen; er scheint aber nicht darauf zu reflektieren.« »Was, Prinzen! Den ersten besten, es gilt ja nur, die Gaben der schönen Frau an den Mann bringen. Wir wollen sie etwas ins Gebet nehmen und sehen, wo in der Konversation der Stahl den Feuerstein berührt.« Als sie sich der Tür näherten, schwenkte indes der Geheimrat, den Kammerherrn unterfassend, schnell wieder zurück. Die Dame in Rede stand hinter dem Stuhle ihres Gatten, und diesem gegenüber saß unsre Bekannte, welche uns in diese Gesellschaft geführt. »Ein andermal!« sagte Bovillard leis zu seinem Begleiter. »Da sitzt die Geheimrätin.« »Die Lupinus! – Sind Sie Feinde, oder – es ist doch keine alte Liaison?« »Bewahre mich der Gottseibeiuns. Ich weiß nicht, die Frau hat für mich etwas – je ne sais quoi. Lombard lacht mich immer aus. Aber wer kann für Sympathien und Antipathien.« »Sie ist eine gescheite Frau.« »Gewiß, aber heut muß ich doppelt ihre Distanz wünschen. Habe mich zweimal vor ihrem Schwager verleugnen lassen. Was diese verdammten Kindesmörderinnen für Anhängsel haben!« Sechstes Kapitel. Der späte Gast . Zwei Sonnen vertragen sich nicht am Himmel. Der Spieltisch, an dem die Geheimrätin Lupinus saß, war sehr einsam geworden; die Vögel, die nach dem Licht flatterten, blieben aus, seit das Licht des Wirklichen Geheimrates durch die Zimmer flackerte. »Aber, meine beste Frau Geheimrätin!« rief ihr Partner, der Ehemann der schönen Frau, »wir hätten die Tricks gewiß gemacht, wenn –« »Die schönen Augen der Frau Baronin haben mich geblendet. – Sie haben da eine Hilfe bei sich, Baron, die eigentlich unerlaubt ist.« Die Geheimrätin war am Geben. Sie vergab sich. Es war der Augenblick, wo sie den Wirklichen zur Tür hereinblicken und sich rasch wieder entfernen sah. »Die Frau Geheimrätin sind wohl unpäßlich«, bemerkte die schöne Frau. »Ich! meine liebe Baronin? – Ach nein. Die Seele muß immer Herr sein über den Körper. Das sagt mein guter Lupinus so oft. Dadurch erhält er sich in seinen anstrengenden Arbeiten. Und ich –« Sie hatte sich wieder vergeben. Die andern Partner sahen sich verlegen an. Der Baron zeigte die Karten seiner Frau: »Jammerschade, daß man solches Spiel fortwerfen muß.« Die Lupinus hielt sich das Taschentuch ans Gesicht: »Es ist nichts, nur ein heftiges Herzklopfen, es wird gleich vorüber sein. Wirklich, liebe Baronin«, sagte sie zu dieser, welche von Hoffmannstropfen gesprochen, »der Schmerz ist gar nichts, wenn nur der Verdruß nicht wäre, daß mein Unwohlsein die Gesellschaft stört. – Sehen Sie, jetzt habe ich nicht vergeben. Was ist Atout , wenn ich fragen darf? Cœur oder Pique? Es flimmert mir nur vor den Augen.« »Frau Geheimrätin haben kein Atout mehr.« Sechs Augen starrten die Spielerin in gläserner Verwunderung an. Die schöne Baronin öffnete ihre Lippen weiter, als nötig war, um ihre Perlenzähne bewundern zu lassen. Die Spielerin hatte noch eine Handvoll Trumpf. Stumm hatte die Geheimrätin die Karten niedergelegt. »Sie sind ein Engel voll Güte«, sagte sie zur Baronin, als diese die Karten nahm. »Und nun um Gottes willen kein Derangement .« Sie entschlüpfte – nur um einen Augenblick sich zu erholen. »Ein Glas Wasser wird es tun.« Aber die Wirtin betraf sie, als sie ihr Umschlagetuch nahm, um fortzugehen. »Liebste Geheimrätin, Sie werden uns das nicht antun. Ich führe Sie in die Schlafstube, ein halb Stündchen Ruhe, ich kenne ja Ihre Seelenstärke, und Sie haben sich erholt, wenn Sie uns gut sind.« »Beste Geheimrätin«, erwiderte die Lupinus, »ich erkenne Ihre himmlische Güte, aber glauben Sie mir, die Luft erdrückt mich.« »Im Speisesaal ist sie ganz anders. Es ist gedeckt. Wir warten nur auf den interessanten Fremden, den Legationsrat von Wandel. Sie haben doch schon von ihm gehört, er ist sehr begütert in Thüringen. Mein Mann sagt, ein Mann von eminenten Gaben. Ich hatte es mir so hübsch vorgestellt, er sollte Sie zu Tisch führen. Wo konnte ich ihm eine geistreichere Nachbarin verschaffen. Er ist nur zu einer Audienz bei Prinz Louis Ferdinand ganz plötzlich beschieden, aber er muß den Augenblick hier sein.« »Ich einen Mann von Geist unterhalten! Sie spotten meiner. Ach, aber es ist nicht das. – Mein armer Mann – er sitzt noch bei der Studierlampe – ich sehe ihn wieder – verzeihen Sie, teuerste Freundin, es preßt mich, es sprengt mir die Brust – ja, mir ist, als wenn jetzt ein großes Unglück zu Hause geschähe. Nicht mir, meines guten Mannes wegen verzeihen Sie die Störung.« »Es ist recht schade, daß die Frau Geheimrätin an Visionen leidet«, bemerkte die Hofrätin am Spieltisch, der man die Zufriedenheit ansah, daß die Baronin die Karten übernommen hatte. »Es ist doch mit dem Nervensystem etwas Singuläres. Und es stört mancherlei.« »C'est le temps!« bemerkte Bovillard, der inzwischen hinzugetreten. »Un peu mystique, un peu clair-obscur, un peu de clairvoyance et un peu de vérité, voilà tout. So sind die Zeiten – ein wenig mystisch, ein wenig helldunkel, etwas Hellseherei und etwas Wirklichkeit, das ist alles. Es ist wie mit dem Schnupfen. Man glaubt ihn los zu sein, da kommt er wieder.« »Herrjemine«, rief die Baronin, als sie ausspielen sollte. »Ich kann ja nicht, ich habe meinem Manne seine Karten gesehen.« Das sah jeder ein. Die Hofrätin öffnete vor Schreck den Mund, fast wie vorhin die junonische Frau. Die Partie war wirklich zerstört. Da übernahm der Wirkliche Geheimrat die Karten. Er blieb der Gott des Abends. Man sprach noch nach Wochen in den Kreisen von der Liebenswürdigkeit dieses Staatsmannes. – Er ist später gestürzt; die Hofrätin hielt fest am Glauben. Sie versicherte noch nach langen Jahren, es sei nur die schwärzeste Kabale, die einen solchen Mann stürzen können. Unten im Hausflur wartete Johann. Er zitterte noch immer. Indem er der Geheimrätin die Enveloppe umgab, ging die Haustür auf, ein verspäteter Gast trat ein. Als er den Mantel abwarf und seinem Diener Anweisungen wegen des Abholens gab, erkannte sie in ihm den Fremden, dem sie vorhin auf der Hintertreppe begegnet war. Die Blässe seines Gesichts war durch die schwarze, feine Hoftracht nicht gemindert. Ein Mann in mittleren Jahren und stattlicher Figur, stieg er leicht mit den Bewegungen vornehmer Sicherheit die Treppe hinauf Ein Ordensband und Kreuz schien unter der Halsbinde versteckt. Ein Band am Knopfloch deutete auf ein anderes Ehrenzeichen. Der Fremde hatte die Geheimrätin, die im Schatten der aufgehenden Tür stand, nicht gesehen. Einen Augenblick schien sie im Zweifel, ob sie nicht umkehren solle. Sie fühlte sich wieder wohl. Die frische Luft im Flur hatte wahrscheinlich gut gewirkt. Aber – es schickte sich nicht. Sie saß im Wagen. Die Tür schlug zu. Sie lehnte sich in die Ecke und – weinte. Weil es sich nicht schickte! – Darum? – Und das heißt leben, fuhr sie auf, unter diesen langweiligen, nüchternen, abgeschmackten Puppen wandeln, sich kleiden, sprechen, die Gefühle und Gedanken zusammenhalten, damit ja nichts entschlüpft, was sich nicht schickt. Und – darum leben wir! »Der Herr Geheimrat sind noch auf«, hörte sie, im Hause angelangt, »aber Sie haben befohlen, es soll Sie niemand stören, Sie sind in einer wichtigen Untersuchung.« Zum erstenmal, seit wie langer Zeit! fühlte die Geheimrätin ein Verlangen, ihren Mann zu sehen. Er war doch etwas anders als die Larven in der Gesellschaft. Er liebte die Menschen in seinen Büchern; im Vergleich mit jenen war er ein freier Mann, denn von dem Gesetz des Sichschickens, was diese tyrannisierte, hatte er sich losgemacht. Hatte er doch auch, als sie vor langen Jahren nach Italien reisten, geschwärmt, wie er es konnte, wenn nicht für Kunst und Natur, doch in dem reichen Trümmerlande für die Wege, welche Horaz geschildert, für die Ruinen, welche die Sage nach ihm nennt. Das waren nun längst vergangene Dinge. Die Geheimrätin schwärmte nicht mehr für Italien. Sie wäre einmal gern nach London oder Paris gereist; jetzt auch vielleicht nicht mehr. Berlin war ihr unausstehlich, aber sie wußte nicht, wohin sich wünschen. Sie wollte ihren Mann sehen, irgend etwas mit ihm sprechen, was sie nicht an die Gesellschaft erinnerte. Vielleicht traf sie doch auf einen Ton, wo ihre Seelen zusammenklangen. Er sah nicht auf, als sie eintrat. Er hörte auch nicht die leis geöffnete Türe, nicht das Rauschen ihres Kleides. Den Lichtschirm vor den Augen, die Feder im Munde, saß er zwischen zwei Folianten, in denen seine Finger als Zeichen lagen, um die Varianten in jedem Augenblick aufschlagen zu können, und seine Augen flogen von der einen zur andern Stelle. Sie trat näher; auch da keine Regung. Mit unterschränkten Armen betrachtete sie ihn. – Ist das ein Mensch oder eine Pagode? – Sie schritt langsam im Kreis um ihn, ohne sich zu sehr Mühe zu geben, leis aufzutreten; aber die mit Heu dicht unterstopfte Decke verriet sie nicht. In einem Moment war es ihr, als ob sie auflachen müsse; im nächsten, als müßten die Tränen ihr aus den Augen stürzen. Sollte sie ihn anreden? Das hieße einen Nachtwandler aus seinem Traum aufrufen. Erst als sie sich wandte, um hinauszugehen, wehte er mit der Hand. Es war, als ob instinktartig eine Ahnung ihn überkommen, daß ein Wesen in der Nähe sei, das ihn stören könnte. Leise hatte sie die Tür wieder zugedrückt. Durch das Flurfenster schien der Mond auf die Rumpelkammer, durch die der Weg nach ihrem Schlafzimmer führte. Die wunderlichen Ecken und Spitzen der alten Möbel starrten sie im Mondenlicht eigentümlich an. Es überfuhr sie ein Schauer, sie lachte, um sich Luft zu machen, hell auf. Aus den Winkeln schien es ihr zu antworten. Die Jungfer hatte die Nachtlampe in Ihrer Schlafstube hingestellt. Der Geheimrätin war es zu dunkel. Sie mußte die Kerzen auf dem Armleuchter anzünden. Die Geheimrätin war beim Entkleiden ungehalten, sie behauptete, die Jungfer verfahre mit Absicht ungeschickt. Sogar entfuhr der sanften Frau der Vorwurf: sie steche aus Bosheit. Die Jungfer weinte. Die Geheimrätin hielt ihr eine ernste Vorhaltung, ob das ein Grund sei, um Tränen zu vergießen. Sie erinnerte sie an die vielen leidenden Kreaturen, denen der Schöpfer nicht einmal eine Stimme gegeben, um zu klagen. Wenn jeder klagen wollte, was ihn drückte, ob es in der Welt vor Gewimmer und Tränen auszuhalten sei! Die Jungfrau sagte: sie sei ein armes Mädchen und wisse nicht, wie sie dazu komme. Die Geheimrätin antwortete ihr mit Würde, ob sie glaube, daß die armen Mädchen mehr litten als die vornehmen Damen, die ihre Schmerzen verhalten müßten? Sie ermahnte sie zur Duldung, zum Gehorsam, zur Tugend und entließ sie. Die moralische Vorhaltung schien auf die Predigerin selbst keine Rückwirkung geübt zu haben. Sie saß entkleidet an ihrem Bett, das Gesicht im Ellenbogen gestützt, und starrte in die Lichtschnuppen der Kerze. Da fiel ihr Auge, den Lichtstrahlen folgend, auf ein Spinnengewebe am Winkel der Zimmerdecke. Es war Freitag. Das Reinigungsgeschäft sollte erst am Sonnabend erfolgen. Die dicke Spinne, die sie heut nicht zum ersten Male bemerkt, lag schlafend in der Mitte des Raubnetzes, das sie ausgespannt, gesättigt und erschlafft schien sie von dem Mordgeschäft, worauf die toten Fliegen im Netz deuteten. Die Geheimrätin stand auf und nahm den Armleuchter. Ihre Augen waren scharf, ihr Arm aber reichte nicht bis an die Decke. Ein Kitzel, die Nemesis zu spielen, überkam sie. Die Bäume im Hofe, vom Winde bewegt, schlugen gegen das Fenster. Das war doch keine warnende Stimme! Es war ja kein Unrecht, ein solches mörderisches Ungeziefer zu vertilgen, das selbst seine Netze ausspannt zur Vertilgung seiner Mitgeschöpfe. Sie holte einen Stuhl. Auch der war zu niedrig. Sie schleppte mit Anstrengung einen Tisch heran. Warum tat sie es mit angehaltenem Atem, warum bemühte sie sich, ja kein Geräusch zu machen? Warum schlich sie auf den Zehen, da sie schon in bloßen Füßen ging? Warum pochte ihr Herz, als sie auf den Stuhl und vom Stuhl auf den Tisch stieg? Die Spinne regte sich nicht. Nur das Gewebe schaukelte etwas, wie eine Hängematte, vom Hauch des Lichtes angeregt. Draußen rauschten wieder die Äste. Hätten sie die Spinne geweckt, vielleicht hätte die Geheimrätin sie geschont. Was schonen! Morgen vollbrachte es der Besen der Magd. Wer ihr ins Gesicht gesehen, wie die Augen glänzten, die Lippen sich krampfhaft verzogen! Jetzt war's geschehen. Ein Knistern. Die Spinne, zusammenglühend, schien sich noch einmal zu krümmen, dann flackte das Netz in leichten Flammen auf, und der verkohlende Körper schwebte nieder. Die Geheimrätin schloß, krampfhaft zurückfahrend, die Augen, als sie einen heftigen Schmerz empfand. Die schief gehaltene Kerze hatte einen heißen Wachstropfen auf ihren bloßen Fuß gespritzt. Die Äste rauschten zum drittenmal. Es war der Grabesgesang. »Die hat ausgelitten! Sie empfindet keinen Schmerz mehr! Und wie leicht und schnell!« sagte die Geheimrätin. Ihr Fuß mußte ja noch morgen bei der zarten Komplexion ihres Körpers empfindlich schmerzen. Jetzt aber schmerzte er sie nicht. Sie empfand ein Wohlbehagen, das der Empfindung eines Rausches verwandt war. Sie hatte eine Kreatur, die doch zum Tod verdammt war, rascher aus der Welt geschafft, als es morgen der stumpfe Besen der gefühllosen Magd getan hätte. Und im Schlaf! Sie hatte ihr einen seligen Tod bereitet. Sie suchte noch mehr Spinnen; aber im Zimmer war keine mehr zu entdecken. Dagegen hingen an den Wänden unzählige Fliegen, die der regnerische Tag hineingetrieben. Noch vorsichtiger schlich sie auf den Zehen heran, und es glückte ihr, die erste, zweite, auch eine dritte durch das schnell angehaltene Licht zu töten. Morgen würden sie langsam, unter furchtbaren Qualen am Fliegenstock verenden; jetzt im Lichtschein, im Taumel, waren sie einen Augenblick erwacht und verglüht. So mußte auch Semele in einem Moment glückselig und tot sein, angeleuchtet von Zeus' Lichtglanz und verbrannt von der Wonne, dachte die Geheimrätin. Aber nicht alle Fliegen wollten diesen seligen Tod sterben. Als sie der einen die Flügel angesengt und das Insekt summend aufflog, löste sich allmählich der Schwarm von den Wänden. Sie summten um das Licht, um ihren Kopf, und die Geheimrätin stand wieder atemlos in der Mitte des Zimmers, mit dem freien Arm die aufgestörten Tiere abwehrend. In dem Augenblick war ihr nicht wohl zumute. Die Tiere wurden so groß und schwarz und mit feurigen Augen; sie kamen ihr wie die Erinnyen vor. In dem Augenblick wünschte sie, sie hätte nicht angefangen. Sie wollte das Licht auslöschen, sich ins Bett vergraben und die Decke über den Kopf ziehen, aber sie fürchtete sich ohne Licht. Da hörte sie die Stimme ihres Mannes, der draußen die Türe öffnete: »Johann, ich will zu Bett gehn.« Aber Johann hörte nicht, auch nicht auf den wiederholten, verstärkten Ruf. Johann hatte sich auf ihr Geheiß zu Bett gelegt, um zu schwitzen. Es war ihr lieb, daß Johann nicht hörte; er schlief also wahrscheinlich. Dem tut es mehr not, dachte sie, und Lupinus kann sich selbst helfen. Der Geheimrat schlug brummend die Tür zu und mußte sich wohl selbst geholfen haben. Sie hörte nichts mehr. Auch die Fliegen hatten sich wieder zur Ruhe begeben. Aber nach einer Weile schellte sie nach der Jungfer. Sie schellte immer stärker, und die Jungfer mußte aus dem Bette. Als sie ins Zimmer kam, war die Geheimrätin eigentlich in Verlegenheit. Sie wußte nicht, warum sie nach ihr verlangt. »Befehlen Frau Geheimrätin vielleicht Cremor tartari ? Oder soll ich Kamillentee kochen?« »Nein, mir ist ganz wohl«, sagte die Geheimrätin. Aber im nächsten Augenblick sagte sie, morgen früh solle zum Hofrat Heim geschickt werden: »Und ganz früh. Hört Sie, Lisette. Damit Sie ihn noch zu Hause treffen. Und ich ließe ihn dringend ersuchen, mich zu besuchen, ehe er zur Prinzeß Ferdinand fährt. Die hält ihn immer so lange auf. Ja, hört Sie, es soll ihm recht dringend gemacht werden, denn ich fühle, ich werde sehr krank werden. Und er kann auch für den Johann gleich ein Rezept verschreiben, die Sache muß doch endlich zu Ende kommen.« Wenn ängstliche Träume ein Zeichen der Ungesundheit sind, mußte die Geheimrätin sehr krank sein. Es waren nicht mehr Fliegen und Spinnen, sondern lauter Marionetten, die ihr keine Ruhe ließen. Da kam der fieberkranke, blasse Johann und sprang mit zusammengehaltenen Beinen und fragte sie, ob es nun nicht bald mit ihm zu Ende ginge. Dann füllte sich die Schlafstube mit der ganzen Gesellschaft vom vorigen Abend, lauter Gliederpuppen, die an Drähten vom Schornstein aus geführt wurden. Sie tanzten, und das Holz klappte unangenehm. Wenn sie am Bette vorbeikamen, gähnten sie und fragten, ob es nicht bald Schlafenszeit wäre. Gern hätte die Geheimrätin gesehen, wer den Draht führte, aber sie konnte, wie sie sich auch anstrengte, den Kopf nicht in den Schornstein zwängen, und wenn es ihr einmal gelang, schoß eine neue Figur herunter und schreckte sie zurück. Dazu klappte ihr Mann als Pantalone immerfort durch die Stube und hauchte sich in die Hände und sagte, ihn fröre, und wer ihn nur heiß machen könne! Da rief eine Stimme aus dem Schornstein, deren sie sich nicht entsann, aber gehört hatte sie dieselbe schon einmal: »Wenn's weiter nichts ist, man braucht ja nur alle die Puppen zu verbrennen, das gibt ein gutes Kaminfeuer.« Und dann war es ihr, als ob alles um sie her verbrenne. Sie geriet in Angst, daß sie mit verbrennen könne, und hüllte sich in ihr Bette, bis eine wohltätige Transpiration ihrer Natur zu Hilfe kam und sie in einen tiefen, ruhigen Schlaf einhüllte, der so lange andauerte, daß sie erst aufwachte, als das freundliche Gesicht des Hofrats Heim mit den durchdringenden blauen Augen sie anschaute und er mit seiner etwas kreischenden Stimme ihr den Morgengruß bot: »Na, da leben Sie ja noch, Frau Geheimrätin; hab ich doch wirklich nicht anders geglaubt, wie das Mädchen reinstürzte, als Sie wären schon maustot.« Siebentes Kapitel. Der Staatsmann . Wir überlassen die Geheimrätin Lupinus und den Hofrat Heim ihrem Tête-à-tête, welches für den letztern minder interessant gewesen sein muß als für die erstere, denn schon nach zehn Minuten nahm er seinen Stock – den Hut ließ er immer im Wagen zurück – und sagte: »Hören Sie mal, Frau Geheimrätin, Ihre Krankengeschichte erzählen Sie mir wohl ein andermal; denn hol mich der Teufel, wenn ich nicht geglaubt hätte, es ginge auf Leben und Tod, so mußte ich zur Prinzeß Ferdinand, die ist wirklich krank.« – Aber auch die Prinzessin Ferdinand mußte nicht ganz so krank sein, denn er machte noch verschiedene andre Besuche, bis er durch den Sand des Wilhelmsplatzes vor ihrem Palais vorfuhr, und auch da ward er nicht sogleich vorgelassen, weil die Prinzessin noch mit ihren Kammerfrauen einige dringende Toilettengeschäfte hatte. Etwa zehn Minuten spielte der Hofrat mit dem großen Rohrstocke und dem goldenen Knopfe, indem er ihn sanft in der Hand gleiten und sanft auf den Boden fallen ließ, während der Kammerherr ihn mit Bemerkungen über das Wetter und Anekdoten aus der kleinen Hofgeschichte unterhielt. Dann aber ließ er den Stock etwas stärker auf das Parkett fallen und faßte den Kammerherrn am Knopfe: »Hören Sie mal, Baron, sagen Sie Ihrer Königlichen Hoheit, ich will erst zum Scharfrichter Brand vors Hamburger Tor. Da wird die Kindesmörderin seziert, ein prächtiger Kadaver. Wenn ich zurück bin, wird die Prinzessin wohl fertig sein.« Es verging keine Minute, so ward Heim vorgelassen. Wir wissen nicht, ob er auch hier eine Krankheitsgeschichte hören mußte; aber er brauchte seitdem nie mehr in der Antichambre zu warten. Wir führen unsere Leser in die Wohnung und die Geschäftszimmer des vornehmen Mannes, dessen flüchtige Bekanntschaft wir in der Gesellschaft gemacht. In seinem Hause, unter seinen Untergebenen, war der Wirkliche Geheimrat ein andrer Mann. Man könnte sagen, er sei um einige Zoll gewachsen; der von den vielen huldreichen Verbeugungen gekrümmte Rücken war hier grade geworden. Er war aber um deswillen kein großer und auch kein grader Mann. Im Vorzimmer waren Expektanten . Die trüben Mienen verrieten, daß nicht jeder Hoffnung hatte, vorgelassen zu werden. Sie wandten sich an die durchpassierenden Beamten. Wie viele große Männer hätte ein Neuling da zu entdecken geglaubt, wenn sie freundlich zuhörten, sich an der Binde zupften oder die Schulter zuckten. Und doch waren es nur Schreiber und Boten. Ob einer von ihnen sich in den Winkel ziehen und zu einer vertraulichen Verständigung hinreißen ließ, will ich nicht verraten haben. Das Zimmer, wo der Geheimrat empfing, war geräumig, halb mit Aktentischen und Repositorien, halb mit den Bequemlichkeiten und dem Luxus eines reichen Lebens ausgestattet. Auf den Fauteuils und kleinen Tischen lagen zerstreut in elegantem Einband die neuesten Werke der französischen Literatur. Am Ende des Aktentisches saß ein jüngerer Rat, in den eingegangenen Schriftstücken blätternd und sie zum Vortrag ordnend. Im entferntern Winkel stand der Geheimrat und hatte einer Dame Audienz erteilt, die sich sehr bescheiden in der Ecke zwischen Fenster und Hintertür hielt. Es war eine Tapetentür, durch welche sie auch vermutlich der Kammerdiener eingelassen, denn nach Beendigung der Audienz schlich sie durch diese Tür hinaus. Ihre vielen Ringe, eine Garderobe aus den kostbarsten und auffällig modernen Stücken und der prachtvolle Shawl darum schienen ihr eher ein Anrecht auf einen Platz auf dem Sofa zu geben, wenn nicht die Haltung der sehr wohlbeleibten Frau verraten hätte, daß die Hülle nicht recht zum Körper oder der Körper zur Hülle sich schickte. Einem Psychologen hätte vielleicht schon ein Blick auf ihre groben Füße angezeigt, daß die feine Kleidung ihr nicht angeboren war. Wer ihr aber ins Gesicht sah, wo trotz aller Sanftmut und Glätte die ursprüngliche Gemeinheit sich nicht verbergen konnte, begriff, warum der Geheimrat in einer Art ihr Audienz gab, wie es in der Regel auch ein noch vornehmerer Mann keiner Dame gegenüber übers Herz bringen würde. Er stand, die Hände in den Seitentaschen, halb seitwärts, halb ihr den Rücken kehrend, wodurch sie freilich Gelegenheit gewann, ihr Anliegen auf dem nächsten Wege ihm ins Ohr zu flüstern. Sie sprach leise. Er hatte mehrmals den Kopf geschüttelt. Dann sprach er, gleichfalls mit gedämpfter Stimme: »Gedulden Sie sich also, bis Lombard kommt; er kann die Sache allein arrangieren. Und bis dahin hüten Sie sich, daß keine Klage einläuft. Keinen Skandal! In dem Fall wollen wir die Sache schon hinhalten.« Die Supplikantin verbeugte sich tief. Er klopfte ihr freundlich auf die Schultern. Sie wollte ihm die Hand küssen. Das litt er nicht. Der junge Rat las von einem Zettel den Namen der nächst zur Audienz aufgeschriebenen Person. Der Geheimrat machte eine Bewegung mit der Hand und warf sich, die Beine übereinander, aufs Sofa; ein Zeichen, daß er sich erholen wolle, vielleicht glaubte der Vortragende darin eines für sich zu erkennen, daß Bovillard sich über die vorige Audienz auszulassen Lust hatte. »Was wollte denn die Schubitz?« fragte er, zwischen den Papieren kramend. »Eine Eingabe von ihr ist nicht da.« »Man will sie in der Behrenstraße nicht länger dulden. Sie soll ihr Haus verlegen – in eine minder anständige Straße«, setzte der Geheimrat mit sarkastischer Miene hinzu. »Wer will denn das, wenn ich fragen darf?« »Erinnern Sie sich, was le grand Frédéric dem alten Spalding antwortete? Der beklagte sich auch über eine Nachbarschaft, die ihn in seinen Meditationen störte, und Friedrich schrieb nur auf den Rand des Memorials: › Mon cher Spalding, ni vous ni moi... pourquoi donc gêner d'autres... ‹ Unter Friedrich hätte die Behrenstraße petitionieren können, bis sie aschgrau ward.« »Auch unter –«, der Rat verschluckte es, denn der Geheimrat unterbrach ihn. »Das muß man Wöllnern lassen. Er wußte christlich ein Auge zuzudrücken, wenn – es die Schwäche seines Nächsten galt.« Er betonte die letzten Worte. Der junge Rat hatte vorhin die Aufforderung zum Lächeln übersehen. Er lächelte jetzt. »Aber wer kann es sein?« »Wer! Wer? Mon cher! Haugwitz vielleicht, oder Lucchesini, Schulenburg, oder Beyme, der Cato Censorius. Vielleicht ist auch Prinz Louis Ferdinands sittliches Gefühl beleidigt.« Der Geheimrat gefiel sich so, daß er aufstand und mehrmals durch die Stube schritt: »Ja, ja, es hat sich manches in Preußen geändert.« »Und wird noch manches anders werden«, setzte der Rat hinzu. »Gewiß, wenn man uns in Ruhe läßt, wenn man verständig denkt und handelt; wenn man die Kläffer nicht hört, wenn, wenn – was liegt noch vor, lieber Rat?« Das Vorliegende schien den Wirklichen nicht sehr zu interessieren. Er ging noch immer auf und ab: »Der Freiherr Hardenberg ist ein gentiler Mann, das ist nicht zu leugnen, und ich verdenke ihm auch nicht, daß er lieber in Berlin ist als in Ansbach und Bayreuth, aber – –« Der Wirkliche fand es für gut, den folgenden Gedanken zu verschlucken. Nach einer Weile fand er es wieder für gut, einige Gedanken über die Lippen zu lassen: »Auf diese Sprudelköpfe gebe ich gar nichts. Eine Partei, die nur dampft und lodert, ist nicht gefährlich. Sie kennen, lieber Freund, die Natur des Königs noch nicht, wenn Sie glauben, daß solches Feuer auf ihn Eindruck macht. Im Gegenteil, die Genialitäten sind ihm zuwider. Diese Herren von Sturm und Drang, die uns aus unsrer Haut jagen möchten, weil unsre Aisance ihnen nicht gefällt, kommen mir vor wie die modernen Kraftgenies, diese sogenannten Romantiker, über die der Vernünftige lächelt. Man macht es mit, weil es Modesache ist. Ja, wir langweilten uns; diese jungen Leute bringen etwas Pikantes ins Leben, Paradoxien, Raketenfeuer, was einen Augenblick angenehm prasselt. So muß man es auffassen. Ein Tor, wer es für mehr nimmt. Oder glauben Sie, daß aus diesen jungen Herren je etwas wird, vorausgesetzt, daß sie sich nicht bekehren, was übrigens bald genug eintritt. Der extravagante Herr Bernhardi gibt schon jetzt klein bei und unterhandelt beim Magistrat um eine Anstellung an der Schule. Ach, mein Freund, das praktische Leben bildet die Menschen, und wenn der Brotkorb hoch hängt, so lernt auch der Lahme springen. Der Wackenroder hat einen braven Vater, er wird schon zu sich kommen. Ich bitte Sie, halten Sie es für möglich, daß diese Herren Schlegel jemals nur auf einer Universität zugelassen werden! Und dieser junge Mensch, der Monsieur Tic oder Tique, der mit seinen krausen Phantasien die Welt verkehrt machen will, glauben Sie, daß nach zehn Jahren noch ein Hahn nach ihm kräht? In einem Menschenalter ist sein Name vergessen. Gönnen wir ihnen das Vergnügen, sich ein wenig sonnen in der Gunst des Augenblicks, und gaffen wir's an wie einen Sonnenaufgang in der Oper. Mais mon cher, le classique est éternel ! Racine und Corneille, welche dieser Monsieur Schlegel wie Schulknaben traktiert, seront pour toujours les délices du genre humain , und könnte ich einen Blick in das Elysium werfen, möchte ich le grand Voltaire sehen, wie er mit dem grand Frédéric sich über diese deutschen Kritiker mokiert, die an seinem Piedestal von Granit mit einem Schusterpfriemen feilen. Der Kotzebue, an dem sie auch häkeln und mäkeln, er ist nicht eminent, aber ich sage Ihnen, und dazu gehört keine Clairvoyance, daß er sie um ein Siècle überlebt.« Der Rat sagte: »Wer in den Spiegel der Zukunft sähe!« » C'est plus que ridicule «, fuhr der Redner fort, »daß in der Kapitale Friedrichs, wo Voltaire das Pflaster betreten hat, oder eigentlich ist er nur in der königlichen Kutsche gefahren, wo wir doch ganz respektable Gelehrte haben, die Herren Nicolai, Biester, und wie sie heißen, daß hier eine école mystique sich auftun konnte.« »Sie findet nicht großen Anhang.« »Wer redet davon! Haben Sie das Sonett auf die Jungfrau von dem Judenjungen neulich gelesen? C'est charmant! Das lob ich mir. Man glaubt draußen allen Ernstes, sie könnten uns über Hals und Kopf konvertieren, und wenn wir eines Morgens aufständen, wären wir katholisch geworden, wir wüßten nicht wie!« »Die Brandenburger würden sich schwer dazu akklimatisieren.« »Acclimatiser! ein hübscher Einfall. Aber meinethalben! Je mehr Schaumblasen, die das Publikum beschäftigen, und Phantome, die es ins Bockshorn jagen, desto besser für uns. Aber diese Herren sollten sich nur nicht mit politischen Ideen abgeben. Die tudesquen Vorstellungen, die hie und da auftauchen, doppelt lächerlich in Friedrichs Hauptstadt! Je vous prie, mon cher, qu'est-ce que c'est donc que l'Allemagne ? Allerlei Mansch, allerlei Menschen, bunt durcheinander. Ce terrible Götz de Berlichingen, wenn er in dem eisernen Ofen über die Bretter knackt, et les ravissements et les larmes du public ! Klassische Bildung! en vérité! Da ist ein junger Herr von Kleist, höre ich, der möchte den großen Arminius auf die Bretter bringen. Den Hermann sollten sie doch ruhig auf seiner Bärenhaut schlafen lassen, wo Klopstock ihn eingesungen hat. Wo gehört denn der Deutsche besser hin als auf die Bärenhaut, um zu meditieren. Aber so sind wir Idealisten! Mit nichts wissen sie umzuspringen, für nichts zu arbeiten, für nichts sich zu schlagen – als für Ideen.« »Geschlagen haben sich die Deutschen doch, und wenn sie sich nicht so schlugen, wie sie sollten, war es eben nur, wie ich meine, weil ihnen die Idee fehlte, für die sie sich schlugen.« Der Einwand schien dem Geheimrat unbequem zu kommen. Von Untergeordneten läßt sich ein vornehmer Mann ungern aus dem Felde schlagen. Er fiel plötzlich dem Gegner in die Flanke, da, wo er es wirklich nicht erwartete: »Sagte ich es Ihnen nicht! Ganz richtig Ihre Bemerkung, die Ideen fehlen ihnen, weil nur das Genie Ideen hat und kein Genie da ist. Wo sollten sie denn zutage gefördert werden? In der freien Reichsstadt Dinkelsbühl, in Nürnberg oder bei der Reichsritterschaft des obersächsischen Kreises? Wenn diese Misere, die nie gelebt hat, die nur das faule Fleisch war, die Schwiele und Hornhaut vom Körper, welche seinen gesunden Blutumlauf hindert, ich bitte Sie, wenn diese Misere jetzt prätendiert, wo der Riese von Korsika sie mit einem Fußtritt zerquetscht, Ideen eines Gesamtlebens zu haben!« » Sie prätendieren es auch kaum«, sagte mit ernstem Tone der Rat. »Desto törichter, wenn andere für sie denken und prätendieren, wenn Phantasten und Nebelmenschen Vorstellungen erwecken wollen, die durch die Weltgeschicke glücklicherweise applaniert sind. Solch ein Dunstbild einem Genie wie Bonaparte gegenüber! – Sie sind noch jung, Herr von Fuchsius. Ich trug auch Ideen aus den Hörsälen ins Leben über. Ach, aber Teuerster, wie schnell kuriert uns das Geschäftsleben. Mich kümmern auch nicht im geringsten diese Schwärmer, sie sind so unpraktisch, unbedeutend, daß man ihnen nicht einmal irgendein Spielzeug hinzuwerfen braucht. Verdrießlich ist nur, daß Bonaparte, durch falsche Zuträger, durch Zeitungsartikel getäuscht, davon Notiz nimmt. Lombard hat alle Mühe, ihm zu beweisen, daß dieser Furor teutonicus nichts ist als eine Seifenblase, mit der sich einige Professoren belustigen.« »Der Beweis wird ihm nicht zu schwerfallen«, sagte der Rat aufstehend. »Herr Geheimrat ließen gestern fallen, daß Ihnen eine Notiz im ›Hamburger Unparteiischen‹ bezüglich auf Lombards Depesche nicht unangenehm wäre. Wir wurden unterbrochen. Meine Feder und mein Wille stehen zu Ihrer Disposition.« Bovillard setzte sich halb auf den Tisch, indem er vertraulich den Arm auf die Schultern des Rates legte; die Runzeln seines Gesichtes verzogen sich in ein wohlgefälliges Lächeln: »Mich hat seit lange kein Brief so erquickt!« »Lombard muß Wichtiges berichtet haben«, bemerkte der Beamte. »Nach den Äußerungen des Herrn Geheimrats gestern zu mehreren Geschäftsmännern herrscht unter den Kaufleuten eine sehr frohe Stimmung.« »Dürfte ich Ihnen den Brief zeigen! Bonaparte hat ihn empfangen nicht wie einen Abgesandten, sondern wie einen alten lieben Bekannten, den er endlich von Angesicht zu Angesicht sieht. Er saß auf dem Sofa und las. Was denken Sie? Den Ossian. Nachdem er Lombard die Hand gereicht, rezitierte er ihm eine Stelle voll der tiefsten Empfindung für Menschenwohl. Er fragte ihn, ob er Ossians Gefühle teile. Lombard war nicht ganz vertraut, da las er ihm selbst die Szene vor, wo Malwine im Mondenschein über das Schlachtfeld eilt und süße Betrachtungen ausgießt darüber, daß Mord und Schlachten die Geschicke der Menschheit regulieren. Bonaparte schlug das Buch zu und wandte sich schnell ab, um seine eigene Bewegung zu verbergen. Und diesen Mann gefallen sich unsere Fanatiker einen Blutmenschen zu nennen! ›Wer gebietet der Parteienwut!‹ Das warf auch Bonaparte im Gespräch hin. ›Sire‹, erwiderte Lombard, ›Europa kennt den Sieger des achtzehnten Brumaire.‹ Der Kaiser schüttelte mit gesenktem Blick den Kopf: ›Ach, das war für die Straßen von Paris, für Frankreich vielleicht, aber der Genius muß noch geboren werden, der Europa wieder in seine Fugen richtete.‹ Lombard zitierte eine Stelle aus einer Schrift des jungen Ancillon. Napoleon schien sie zu kennen, aber mit einem schlauen Augenaufschlag fiel er ein: ›Mich dünkt, der Sinn ist weit schlagender in den Worten ausgedrückt.‹ – Und was zitierte er? Eine Stelle aus einem von Lombards Traités !« »Sollte Bonaparte Lombards Schriften gelesen haben?« rief der junge Rat mit einem ungläubigen Lächeln. »Dieselbe Frage stellte Lombard, natürlich nur mit andern Worten, und sein Gesicht mag auch dabei geglänzt haben, denn, wir wollen es nicht leugnen, er ist etwas eitel. Eitel sind wir alle, lieber Fuchsius. Napoleon sah ihn mit seinen schönen, klugen Augen vielsagend an und griff dann nach einem Buche, das neben ihm auf dem Tische lag. Es war Pariser Druck und Band, Sie werden es sehen. Kaum, daß er darin geblättert, schlug er eine Seite auf und reichte sie dem Gesandten. Es war Lombards Diktum. – ›Unverdiente Ehre, wenn mich ein französischer Schriftsteller zitiert hat.‹ – ›Sie sind es ja selbst‹, lächelte Napoleon und wies ihn auf den Titel. Kurzum, es waren Lombards Traités in einer Pariser Ausgabe, prachtvoll gedruckt. Und mit einem Wort, es kam heraus: Der Kaiser hat Lombards Abhandlungen, weil sie ihm so sehr zusagen, in einer Prachtausgabe für sich und seine vertrauten Freunde drucken lassen. Napoleon Bonaparte, sage ich Ihnen, der Genius des Jahrhunderts, kann sich von Lombards Schriften nicht trennen, er führt sie mit sich in seinem Feldnecessaire, er blättert täglich, er findet Zerstreuung, Erholung, Erquickung darin, wenn die Sorgen ihn drücken. Mit französischer Artigkeit bat er ihn um Entschuldigung wegen des Nachdrucks, den er in seinem Reiche streng bestrafen würde, denn jeder Arbeiter müsse die Früchte seiner Arbeit genießen können. Aber die deutsche Typographie sei noch so weit zurück, es tue seinen Augen wehe, einen schönen Gedanken grob auf deutschem Papier zu sehen. ›Ach‹, fügte er hinzu, ›was könnte aus Deutschland, ich meine, aus Ihrem Preußen werden, wenn ein Genius die Industrie belebte!‹ Lombard erwiderte in galanter Weise die Artigkeit: er fühle sich in seinem Interesse durch den Nachdruck so lädiert, daß er auf eine große Entschädigung Anspruch mache. Er fordere nicht weniger als das Exemplar, welches durch des Kaisers Hand geweiht sei. ›Ich gebe es ungern, es ist mir lieb geworden‹, sagte der Kaiser, ›aber Sie sind im Recht, und nun ist es nicht mehr meines., Er hatte rasch seinen Namen mit einer verbindlichen Zeile hineingeschrieben.« Der Geheimrat war nach dem verschlossenen Schrank geeilt, von wo er einen in saubere Hüllen verschlossenen Band holte und auf dem Tische enthülste: »Lombard hat ihn vorausgeschickt. Doch das ist nur für uns. Um Himmels willen davon keine Mitteilungen. – Da ist sein Name. Schöne, feste Züge, der Charakter des Genius. Ex ungue leonem . – Hier ist auch mein Bericht, den Lombard die Güte hatte in seinem Traité aufzunehmen, mit abgedruckt.« Der Geheimrat umhülste das Buch wieder mit einer Geschicklichkeit, die einem Buchbinder Ehre gemacht, und stellte es auf seinen Ort zurück. »Was sagen Sie nun. Ist der Mann, wie seine enragierten Feinde ihn uns darstellen wollen?« »Das sind allerdings überraschende Kombinationen.« »Sie haben an eine Attrappe gedacht. Sehen Sie, wie Sie sich durch Ihr Vorurteil täuschen ließen. Überhaupt, da war nichts Affektiertes in Bonapartes Benehmen, nichts von der Herablassung eines Emporkömmlings. Er verhandelte mit unserm Freunde wie der Gleiche mit dem Gleichen. Lombard wollte diplomatisch Schritt um Schritt mit seinen Missionen herausrücken. Napoleon unterbrach ihn rasch: ›Ich bin Frankreich, die Welt fängt an, es zu erkennen, und Sie sind Preußen, die Welt erkennt es noch nicht, aber ich. Überlassen wir doch das anderen, sich untereinander zu täuschen‹, setzte er mit dem durchdringenden freundlichen Blicke hinzu. – Das bleibt natürlich unter uns, und Lombard tat natürlich das Seinige, dagegen zu protestieren und auf seine untergeordnete Stellung zu weisen. – ›Wie sie wollen‹, sagte Napoleon lächelnd, ›ich nehme die Menschen, wie sie sind, respektiere aber auch den Schein, den sie hervorzukehren für nötig halten.‹ – Und nun floß das Gespräch anmutig hin wie zwischen zweien, die, wie Schiller sagt, auf der Menschheit Höhen stehen und parteilos und affektlos das Getriebe tief unter sich betrachten.« »Und bei dem Gespräche blieb es?« »Lombard kann nicht genug sein Entzücken über den reichen Geist ausdrücken. Er schüttete seine Anschauungen über die Weltverhältnisse wie eine Fee aus ihrem Füllhorn. Unser Freund sagt, er hat in dieser einen Stunde viel gelernt.« »Dazu ward er indes nicht hingeschickt. – Und noch gar keine positiven Resultate?« »Wir können ganz beruhigt sein. Bonaparte hegt eine Achtung vor Preußen, die mich wirklich überrascht hat. Wenn er von Friedrich spricht – nun, das versteht sich von einem Genius wie seiner von selbst. Er malte seine Schlachten; als er die von Hochkirch schilderte, geriet er in eine wahre Begeisterung: Die gewonnenen Schlachten wolle er dem großen Toten lassen, rief er aus, aber er gebe drei seiner eigenen Siege für den Rückzug von Hochkirch.« »Lombards Mission war aber doch nicht eigentlich, sich Unterricht über den Siebenjährigen Krieg geben zu lassen?« »Spötter! Wissen Sie, was Napoleon über den Baseler Frieden sagte?« »Die erste Wunde unserer Ehre!« seufzte der Rat. »Das gab er selbst zu. Erkennen Sie die Größe des Mannes. Aber nach diesem Frieden sei es Preußens Aufgabe gewesen, die demarkierten Teile von Deutschland, die unter seinen Schutz gegeben waren, sich zu unterwerfen. ›Ein kleines Unrecht‹, rief er, ›kann in der Politik nur gutgemacht werden durch ein großes Unrecht. Was wäre Preußen jetzt, es stände da, eine europäische Macht, die nicht nötig hätte, Sie, mein lieber Lombard, zu mir zu schicken, um mich zu sondieren. Es wäre an mir gewesen, zu Ihnen zu schicken, ich hätte aber freilich schwer einen Lombard gefunden.‹ Er tat einige Schritte im Zimmer auf und ab. ›Aber es tut nichts‹, hub er wieder an. ›Preußen ist ohnedem, was es ist. Der Genius Friedrichs schwebt über ihm, und die Fittiche seines Adlers rauschen stark genug, daß sich so leicht kein Feind heranwagt.‹« »Und weiter berichtet Lombard nichts?« »Sie bleiben ein ungläubiger Thomas. Der Kaiser ist nicht allein weit entfernt von einer feindlichen Absicht, sondern eine innige Verbindung mit uns wäre sein Wunsch. Wohlverstanden, eine Alliance, welche die Zügel der Welt in die Hand nimmt. Zivilisation, Kultur, wahre Aufklärung, das Glück des Menschengeschlechts und ewiger Frieden wären ihr Ziel. Wer zwingt ihn denn, immerfort das Schwert wieder zu ziehen, als die Manöver des Herrn Pitt, der jetzt Österreich, jetzt Neapel, nun Rußland, Schweden und die Kleinen, warum nicht auch Spanien und die ganze Welt aufhetzt. Was sind diese Subsidien, die das monopolisierende England verschwenderisch auswirft, als das Blutgeld, womit es den Ruin der Länder erkauft, die sich verführen lassen? England wäre es recht, wenn der ganze Kontinent zur Wüste würde, wenn er nur damit der Markt wird, wo die Bettelvölker, um ihre Blöße zu kleiden, seine schlechtesten Waren kaufen müssen. Das ist sein Ziel, und jedesmal, wenn Bonaparte seinen Degen gegen einen neuen Feind ziehen muß, tut er es mit Seufzen; er weiß, er kriegt nicht gegen die armen Neapolitaner, Hessen und Schwaben, die sind nur die Schlachtopfer; seine eigentlichen Gegner, die reichen Kaufleute an der Themse, sitzen ruhig hinter ihren Wollsäcken und trinken ihren ostindischen Tee, derweil die mit ihren Taschengeldern zu ihrem Vergnügen, zu ihrer Spekulation erkauften Völker in die französischen Kanonen getrieben werden. Darum ist sein Grimm gegen Pitt und die andern unbeschreiblich. Wenn ihm die Landung gelänge, wenn er England seinen Degen ins Herz bohrte, so würde er vielleicht der Blutmensch, den man aus ihm macht. Aber seine Vernunft regelt seine Begierden. Seine Pläne sind andre. Könnte er den ganzen Kontinent mit einem Netz gegen die fremde Ware umspannen, daß kein Ballen ihrer Manufakte eindringt, könnte er den Gewerbefleiß unter den Kontinentalen anstacheln, daß wir gezwungen würden, für uns selbst zu erfinden, schaffen, könnte er die Briten aushungern, daß sie sich den Tod essen an ihren Schlauderwaren, dann hätte er gesiegt, wie er wünscht, nicht für sich, für die ganze europäische Menschheit. Dann würden wir alle reiche, glückliche, selbständige Völker. Aber er allein, ein wie großes Genie auch, kann das nicht. Er braucht einen Bundesgenossen. Rußland kann es nicht sein, Österreich ist des Gedankens nicht fähig, Preußen allein steht auf der Höhe der Zivilisation und Intelligenz, mit Preußen Hand in Hand könnte er den Weltgedanken ausführen. Begreifen Sie nun, warum es in seinem Interesse ist, mit uns freund zu bleiben?« »Lombard hat die Propositionen zur Allianz vermutlich schon in der Tasche?« »Bonaparte kennt uns, und darum gibt er fast die Hoffnung auf. Er kennt die Hindernisse. Ich versichere Sie, mit erschreckender Genauigkeit kennt er die Koterien an unserm Hofe, er weiß, was bei der Radziwill, in den Kreisen der Prinzeß Wilhelm über ihn gesprochen, wie er tituliert wird. Er weiß die Ausdrücke, das Treiben in den Umgebungen des Prinzen Louis Ferdinand auf ein Haar, ja, er liest die Gedanken, die der Prinz unterdrücken muß. Die Diskurse in unsern Wachtstuben, die freien Unterhaltungen unsrer Garde du Corps liegen aufgezeichnet in seinen Akten. Soll ihm das Vertrauen und Hoffnung auf uns einflößen?« Der Rat war ernsthaft geworden: »Das ist schlimm. Man sagt, seine Spione kosten ihm viel. Preußen soll ihm überhaupt viel kosten, und das ist noch schlimmer.« »Ich sage Ihnen, jene Phantasten und Gelehrten sind Bagatell; diese sogenannte Kriegspartei aber wird uns ruinieren. Sie bohrt und drängt und stürmt, bis einmal der Widerstand der wahren Staatsmänner zu schwach wird und das gute Herz des Königs nachgibt.« »Und wir ständen allein«, fiel der Rat ein. » Prenez garde , mon cher, das auszusprechen. Man muß diesen Fanatikern gegenüber vorsichtig sein. Es freut mich, daß Sie den Wahn nicht teilen, als wären wir allein stark genug, gegen den Strom zu schwimmen. Doch besser, daß man dies für sich behält. Um so mehr, als, denken Sie, auch Napoleon zweifelt. Wie hübsch er das auffaßt. ›Ich bin ja nicht töricht‹, sagte er zu Lombard, ›um nicht zu wissen, daß, wenn Preußen bei Valmy, Pirmasens, wenn es am Rhein ernstlich gewollt hätte, Frankreich nicht mein Frankreich und ich nicht ich wäre.‹ Das ist nun allerdings zuviel Artigkeit, indessen ersehen Sie daraus, wie hoch er auch unsre Armee schätzt. ›Ich weiß‹, sagte er, ›Ihres Königs Herz schlägt für Menschen- und Völkerglück wie nur meines, aber ich würdige vollkommen seine Lage, er ist jung, befangen, zu gewissenhaft, er weiß sich nicht zu helfen zwischen den guten und bösen Ratgebern. Zuviel Blutsbande verknüpfen ihn mit den Ungestümen, Rasenden, und man kann sich keines Augenblicks versehen, daß nicht eine Mine auffliegt und die Feinde der Humanität siegen.‹« »Und wird Mortier Hannover räumen?« fragte der Rat mit scharfer Betonung. »Wird die Sperrung der Weser- und Elbemündungen, auf die Preußen bestehen muß, aufgehoben werden? Unser Handel geht zugrunde, wenn das nicht geschieht. Das ist schlimm, aber es gibt Schlimmeres. Wir verfeinden uns England. Das ist aber noch nicht das Schlimmste. Ganz Deutschland aber blickt sehnsüchtig und erwartend auf Preußen als die einzige Macht, die ungebrochen dasteht, frei noch von Frankreichs Einfluß, als die einzige Macht, welche die Ehre des Vaterlandes retten, der übermütigen Gewalttat eine Schranke entgegensetzen kann. Wenn wir diese Aufgabe nicht erfüllen, nicht rettend einschreiten, attestieren wir unsre Ohnmacht, und wir laden die Schmach auf uns, daß eine Koalition fremder Mächte, die nicht ausbleiben kann, diese Aufgabe übernimmt. Ich wiederhole nur, was die Tausende täglich sagen, die man Biedermänner nennt, mich selbst, wie sich versteht, jedes Urteils begebend.« »So!« sagte der Geheimrat gedehnt. »Diese Biedermänner werden sich gedulden müssen, bis Lombard aus Brüssel zurück ist. Die Spezialitäten seines Auftrags wird er mündlich Seiner Majestät vortragen.« Die Geschichte und auch die Memoiren der Zeit erzählen nichts von diesem Gespräch und dem, was es hervorrief; der Dichtung aber ist es erlaubt, auch aus der Tradition zu schöpfen, wo sie noch die Worte lebendiger Zeugen belauscht hat, die es glaubten. Was einmal geglaubt ward ist ein Faktum, das auch der Geschichte angehört. Übrigens mag der Geheimrat Bovillard Verhandlungen und Gespräche anders aufgefaßt haben als die, welche gesprochen und verhandelt hatten; er war ein Mann von lebhafter Imagination. »Und der Artikel für den ›Hamburger Korrespondenten‹?« sagte nach einer Weile der Rat Fuchsius. »Sie werden das selbst am besten kombinieren. Ihre feine Feder weiß die Fäden zu verschlingen, daß man nicht ahnt, woher es kommt. De haut en bas etwas, mit einem gelinden Achselzucken die kriegerischen Herren behandelt. Es versteht sich, die hohen Personen, die ich nannte, bleiben unerwähnt, auch die Generale, namentlich Rüchel, Blücher. Nur mit der höchsten Distinktion von ihnen gesprochen! Zu ihrer Einsicht habe das Publikum die feste Zuversicht, daß sie die verderblichen Ratschläge von des Königs Ohr abhalten würden. Die Seitenhiebe werden Sie ebenso geschickt applizieren. Es bleibt, wie gesagt, alles ganz Ihrem Ermessen überlassen. Es ist Ihr Dafürhalten.« »Dann bleiben mir nur die Gendarmerieoffiziere übrig.« »Mit diesen Herren komm ich nicht gern in Konflikte. Man begegnet sich doch täglich in Gesellschaften.« »So könnten nur die deutschen Gelehrten, die Romantiker, die Zielscheibe sein.« »Ganz richtig.« »Die Herr Geheimrat eben für unschädlich erklärt.« »Sie verführen die anderen mit ihren abstrakten Ideen. Ja, setzen Sie es recht ins Licht, die Lächerlichkeit dieser Theoretiker, die sich einbilden, über Dinge mitsprechen zu können, von denen sie nichts verstehen. Geben Sie's ihnen recht stark, legen Sie auch Napoleon einige pikante Phrasen in den Mund über die deutschen Ideologen. Sie wären das einzige Hindernis des Friedens, nach dem alle Welt sich sehnt. Ich weiß, sie sind's nicht. Darauf kommt es aber nicht an. Sie schlägt man, die Kriegspartei meint man. Die Herren vom Militär erfreut es inniglich, wenn man gegen die Professoren- und Schreiberweisheit loszieht. Sie schlucken die Invektiven mit Heißhunger herunter und merken nicht, daß es Schläge für sie selbst waren. – Apropos, wenn Sie auch einige scharfe Seitenhiebe gegen den Herrn von Stein geschickt anbringen könnten –« »Rechnen Herr Geheimrat den Freiherrn zu den Ideologen, zu den Romantikern oder der Kriegspartei?« » Qu'importe !« »Viele richten ihre Blicke gerade jetzt auf ihn.« »Um so schlimmer, der Mann wäre imstande –« Der Geheimrat hielt plötzlich, wie durch eine Erinnerung gestört, inne. Sein Sekretär unterbrach das Gespräch in einem Augenblick, wo der Geheimrat selbst im Begriff stand, es zu enden, vielleicht, weil ihm Gedanken aufstiegen, für die Fuchsius ihm nicht der geeignete Vertraute schien. »Ich kann heut niemand mehr empfangen«, rief er dem Sekretär zu. »Mein Gott, wenn man doch wüßte, wie ich überlaufen bin. Ich kann mich doch nicht verdoppeln und verdreifachen.« Der Sekretär nannte einen Namen. Das Gesicht des Wirklichen verzog sich merklich in die Länge. »Diesmal werden Herr Geheimrat ihn wohl nicht abweisen können«, sagte der Rat. »Sie ließen ihn durch mich auf diese Stunde bescheiden.« Aufgähnend und mit einer französischen Phrase fand sich der Geheimrat in sein Schicksal. Der Rat beurlaubte sich, das nächste Gespräch würde wohl besser ohne Zeugen geführt. »Ein anderer«, dachte der Wirkliche, »würde in seiner Stelle die Last mir abzunehmen verstanden haben. Aber das Insinuante , entweder das Geschick oder die Neigung, sich ihren Oberen gefällig zu zeigen, fehlt den jungen Männern von heut. Er hat Kopf, Talent, Geschick, Kenntnisse, auch Gewissenhaftigkeit – nur zu viel. Während zu unserer Zeit der Anfänger es seine erste Aufgabe sein ließ, nachzusinnen, abzulauschen, wie er seinen Vorgesetzten gefällig werde, schießen in der jüngern Generation eigentümliche Begriffe von der Staatskarriere auf. Wie soll mit dieser Neigung, die Dinge selbst zu beurteilen, eine eigene Meinung zu haben, die Disziplin künftig bestehen. – Wäre er eben nicht ein so geschickter Arbeiter –! Ja, dieser Legationsrat aus Thüringen, wenn ich ihn für unsern Staatsdienst gewinnen könnte –« Achtes Kapitel. Der wirkliche und der nichtwirkliche Geheimrat . Die Gedanken des Wirklichen wurden durch die Erscheinung des Geheimrates unterbrochen, mit denen unsere Geschichte anfängt. Auch Lupinus war ein anderer in seinem Hause als – wir ihn hier wiedersehen. Die süßesten Falten glätteten sein volles Gesicht, und die Glätte ging über die sanft gepuderte Stirn bis an den Schopf. Lächelnd der Mund, das Auge, den Hut in der Hand, hatte er an der Tür seine respektvolle Verbeugung gemacht, um, den Dreiecker an die Brust gedrückt, mit einer Bewegung, welche an die der Maus erinnern konnte, auf den Wirklichen zu sich in Bewegung zu setzen: »Mein teuerster Gönner!« Der Wirkliche hatte die Bewegung vorausgesehen und vor dem Händedruck, der ihm drohte, sich hinter einem Lehnstuhl verschanzt, den er mit der Linken faßte und bewegte, um sich gelegentlich darauf zu stützen, während er mit der Rechten sich auch gelegentlich bewegte. Der Wirkliche schien während dieses Auftritts um einen Kopf größer als der andere Geheimrat. Ob er es war, laß ich ungesagt. »Mein Herr Geheimrat, ich hatte nicht erwartet, daß wir uns so begegnen sollten.« Lupinus war um einen Schritt zurückgeprallt. Den Hut noch fester an die Brust drückend, verneigte er sich noch tiefer: »Mein Herr Geheimrat, wer hat keine Feinde!« »Um das kurz abzuschneiden, von Ihren Feinden weiß ich nichts, aber ich weiß doch alles. Ich bin nicht Ihr Richter, das wissen Sie. Wie Sie sich vor dem weißbrennen wollen, ist Ihre Sache, zu mir kommen Sie aus andern Gründen. Einem Advokaten muß man alles sagen.« »Soll ich sagen, daß mich diese edle Gesinnung überrascht? Nein! Justice et humanité, voilà le patrimoine de la famille de Bovillard! Si mon ami Bovillard est mon avocat, je suis l'homme le plus heureux. Gerechtigkeit und Menschlichkeit sind die Eigenschaften der Familie Bovillard. Wenn mein Freund Bovillard mein Anwalt ist, bin ich der glücklichste Mensch. « »Herr, rasen Sie! Von Ihrer Kassation ist die Rede! Um des Himmels willen, plagte Sie denn der Teufel! Lauern uns denn nicht genug auf den Dienst, wissen sie nicht, wie man uns auf die Finger sieht, wie man die unschuldigsten Handlungen verdächtigt, und Sie müssen uns mit solchen Stänkereien kommen! Herr Geheimrat, Sie verdienten ja schon darum –« »Meine Intentionen waren die reinsten von der Welt »Zum Geier mit Ihren Intentionen. Wissen Sie, wie der König in die Lippen biß, wie die Königin blaß ward, wie ein Jemand, den ich nicht nennen will, die Achseln zuckte und zu Ihrer Majestät flüsterte: ›Das sind die Freunde des Herrn Lombard!‹, wie Seine Majestät, die Hände auf dem Rücken, stumm durchs Zimmer gingen: ›Das muß anders werden! – Heißt das Ordnung! Das nennt man Humanität, daß man Gottes Ordnung umkehrt und die Verbrecher Saufgelage feiern läßt. – Es muß, es soll anders werden!‹ schlossen Seine Majestät. Beyme hat ihn noch nie so gesehen. Die Kabinettsordre an den Justizminister war ihm noch nicht stark genug, er mußte sie umschreiben. Was sagen Sie nun?« Lupinus wußte nichts zu sagen. Er kaute mit den trockenen Lippen und rieb mechanisch die Hände über den Hut, bis der Wirkliche ihm zu Hilfe kam: »Erleichtern Sie Ihr Herz und schenken mir reinen Wein, aber verstehen Sie, ganz reinen, und bis auf den Grund.« Ob der Wein ganz rein war, lassen wir auf sich beruhen. Es war so ziemlich derselbe, den wir in Lupinus' Gespräch mit seiner Schwägerin gekostet. Nur blieb der tolle Sohn des Geheimrats aus dem Spiele. Der Zuhörer, welcher besonders am Schluß aufmerksam den Kopf wiegte, schien einigermaßen befriedigt, denn er sagte, als der andere zu Ende war: »Können Sie nun mit gutem Gewissen behaupten, daß Sie nichts hinzugetan noch davongenommen haben; ich meine, daß, wenn Sie vor dem Richter stehen, Sie ebenfalls nichts mehr noch weniger aussagen würden?« »Wir sind Menschen, Herr Geheimrat, wir sind alle Menschen, und unser Los ist irren.« »Beamte sind aber eine besondre Klasse von Menschen, die nicht irren sollen; sonst jagt man sie fort." »Seine Majestät der König kennt gewiß meine Loyalität.« »Der Hochselige kannte sie freilich durch Herrn Rietz. Ich möchte Ihnen nicht raten, sich darauf zu berufen. Überhaupt scheinen mir Ihre Erinnerungen und Kenntnisse etwas antediluvianischer Art. Wenn man ein Beamter ist Ihres Ranges, die gebildete Gesellschaft besucht, ist es erste Pflicht, daß man sich um die Verhältnisse und Ansichten kümmert. Vielleicht liegt das in Ihrer Familie –« »Herr Geheimrat meinen meinen Bruder in der Jägerstaße. Ja, um die Dehors kümmert er sich allerdings wenig. Sollte er sich vielleicht bei irgendeiner Gelegenheit einen Verstoß haben zuschulden kommen lassen! Gott, er hat ein gewissermaßen kindliches Gemüt, er kann kein Wasser trüben. Aber Gelehrte – Gelehrte, mein teuerster Gönner, ach, der Vers ist wie auf ihn gemacht: Er weiß, wie man in Rom gegessen Und zu Athen sich gab den Kuß; Darüber hat er ganz vergessen, Wie man die Gabel halten muß. Wie oft habe ich freundschaftlich mit dem Trefflichen gesprochen, daß er sich doch etwas in die Verhältnisse schicken möchte.« »Hätten Sie sich die Predigt doch lieber selbst gehalten!« fiel der Wirkliche wieder verdrießlich ein. »Mein Herr Geheimrat, es ist ganz unbegreiflich, wie Sie die Veränderungen übersehen haben, die sich in unsern Sitten zutrugen. Ja, ja, in unsern Sitten! Sehn Sie denn nicht ein, daß und wie sich alles geändert hat? Ein junger, tugendhafter König ist unser Staatsoberhaupt, eine ebenso tugendhafte und sittsame junge Königin an seiner Seite. Ihr Haushalt ist ein wahres Exempel von Moralität, von wirklich rührender Häuslichkeit. Fühlen Sie denn nicht, wie dies Beispiel schon auf das Publikum einwirkt. Anfangs war man etwas frappiert, man verstand es nicht, man glaubte nicht, daß es dauern könne, man sah mehr darin ein idyllisches Schauspiel, manche fürchteten sogar, daß die königliche Autorität verlieren würde, ohne den Gold- und Silberapparat. Aber es war anders. Wird dieser König weniger geliebt als der höchstselige? Ja, ich wage zu behaupten, der große Friedrich ward nicht so veneriert . Wenn dieser jugendliche Monarch mit zwei Rappen, die schöne Königin an seiner Seite, durch die Linden kutschiert, wie schlagen alle Herzen! Hören Sie die Bemerkungen der Leute. Das sind Symptome, mein Lieber, auf die man achten muß.« »Herr Geheimrat!« rief der andre, sich auf die Brust schlagend, »Wie mein kleiner Fritz neulich, den Sie die Güte hatten aus der Taufe zu heben, die Verse von Gleim hersagen sollte: Und die Tugend, sie ist kein leerer Wahn, Erzeugt in dem Hirne des Toren! drängte sich die stille Träne des Mitgefühls auch aus meinen Augen. Wer erkennt nicht dieses sublime Beispiel des erhabenen Königspaares! Ich erlaubte mir daher auch neulich in der Loge –« »Mit freimaurerischen Redensarten ist es nicht mehr getan. Man soll auch en vérité die Jugend exekutieren. Bemerken Sie denn nicht, wie die Dinge in Berlin schon jetzt ein andres Ansehen gewinnen. Man muß sich fügen, mein Lieber, man muß mit dem Strome schwimmen, man muß sich kleiden wie die andern, wenn uns auch die Mode nicht gefällt. Ou voulez-vous être un original, qui ne se désoriginalisera jamais? Glauben Sie mir, es gefällt manchem am Hofe nicht, ich muß manche Klage hören, aber – man fügt sich. Manche Liaisons sind stadtkundig, wer hatte bisher Arges daran, aber – man geniert sich jetzt, man fährt nicht mehr zusammen in den Tiergarten. Ich könnte Ihnen – aber n'en parlons pas – apropos – man sagt mir, Sie besuchen noch immer das Haus der Schubitz.« Der Nichtwirkliche blickte ihn verwundert an. »Mein hochverehrtester Gönner, auch das –« Offenbar wollte er, was man nennt mit etwas herausplatzen, vielleicht aus der Defensive in die Offensive übergehen, aber rasch sich besinnend, fuhr er in dem vorigen süßflötenden Tone fort: »Wenn ich sagen dürfte, wie anständig es dort hergeht! Ich kann beteuern, daß alles Unmoralische davon entfernt ist. In den untern Zimmern versammelt sich abendlich gelegentlich eine Gesellschaft von frohen Menschen. Man trinkt Tee, man läßt sich eine Bowle brauen; in heitern Gesprächen vergehen die Stunden. Wie mancher Geschäftsmann, erdrückt von der Last des Tages, der keine Familie hat oder in ihrem Kreise nicht das rechte Soulagement findet, sucht die Zerstreuung, die notwendige Erholung, um sich wieder zu erfrischen für die Sorgen und die Arbeit des nächsten Tages. Der Staat fordert von uns ungeheure Opfer, er muß uns doch auch etwas Erholung gönnen. Einige machen auch ein Spielchen, die Räume sind so gemütlich und hell. Muß man denn immer Arges denken! Diese leichten, anmutigen Kinder der Natur – ich will im entferntesten nicht für ihre Vertu sonst einstehen – aber in diesen Reunions, wenn doch auch nur einmal etwas Unsittliches vorgefallen wäre! Hüpfende Gazellen, Hebes mit der rauchenden Schale, mischen sie sich in das Gespräch, man hält sie fest, wenn sie entschlüpfen wollen, man richtet Fragen an sie und freut sich ihrer schamaften Antworten. Sie wissen oft den Nagel auf den Kopf zu treffen. Ich will auch nicht dafür einstehen, daß man nicht einmal, überrascht von einer naiven Antwort, den losen Schalk auf den Schoß zieht und ihn dafür mit einem Kuß auf die Lippen belohnt oder bestraft. Aber, wie gesagt, il n'y a rien là d'immoral, Monsieur le conseiller ! Man findet immer achtungswerte Gesellschaft, die höchstachtungswerteste zuweilen. – Herr Geheimrat würden erstaunen, wenn Sie hörten, welche Equipagen vor dem Hause halten – oft die ganze Behrenstraße hinauf bis zur Friedrichstraße. Man trifft sich auch mit den Künstlern, den Genies unserer Stadt. Wie oft hat Herr Friedrich Gentz seine brillantesten Gedanken in diesen Kreisen zuerst saillant ausgesprützt. Da ist der berühmte Bildhauer, das Genie – wie heißt er doch gleich? –, der macht Studien zum Basrelief für das neue Schauspielhaus. Der tiefsinnige Herr Adam Müller, ce génie mystique, las den Damen aus seinen Schriften vor, s'il m'est permis de m'exprimer ainsi pour les convertir . Reine psychologische Studien! Der Herr Hofrat Hirt versichert, bei den Bewegungen der einen Nymphe würde er doch immer erinnert an ein pompejanisches Wandgemälde, was der Lichtenau so gefallen hatte, er hat es im Marmorpalais konterfeien müssen. Da sagte auch neulich Fleck – doch das erinnern sich Herr Geheimrat –, von der Auguste könnte die Schick agieren lernen, wenn sie die Dido singt. Enfin, je vous assure, mon génie protecteur, on n'y va que pour faire ses études artistiques, philosophiques, psychologiques – Alles in allem versichere ich Ihnen, mein Gönner, man geht nur dorthin, um Studien zu treiben, künstlerische, philosophische, psychologische – « » Et physiologiques «, unterbrach Bovillard. »Und was studierten Sie, Herr Geheimrat?« »Menschenkenntnis, Herr Geheimrat. Lernt man in der Schwäche sich nicht selbst am besten kennen?« »Das will ich gelten lassen. Darum schickte ein gewisser Jemand auch wohl seine Pantoffeln in das Haus.« Der Geheimrat senkte den Blick. »Soviel mir bekannt, sind diese schon vor Monaten wieder abgeholt.« »Das ist sehr klug von dem Jemand gehandelt. Denn, merken Sie noch etwas, eine Polizeiorder ist unter der Feder, in diesen Häusern soll künftig eine Präsenzliste geführt werden. Wer aus und ein geht, muß seinen Namen einschreiben. An jedem Morgen wird der Polizeipräsident wissen, wer sie besucht hat, und die Beamten werden höhern Orts gemeldet.« Die beiden Geheimräte sahen sich unwillkürlich mit einem wunderbaren Blicke an. Es entstand eine Pause. Eine vertraulichere Stimmung schien zwischen dem Wirklichen und dem Nichtwirklichen eingetreten, als jener, nach einem kurzen Ambulieren seine verschanzte Stellung im Stich lassend, sich mit überkreuzten Beinen auf das Sofa setzte. Der Nichtwirkliche nahm bescheiden in der andern Ecke Platz. »Und dann, warum müssen Sie mit jeder Schürze auf der Straße Konversation anfangen und jedes hübsche Dienstmädchen in die Backen kneifen?« »Mon Dieu, auch das ein Verbrechen, wenn das Herz uns treibt, unsere Mitmenschen zu uns zu erheben! Je vous proteste, ce n'est rien que l'inspiration d'un cœur humain .« »Genialität, mon ami! Ces beaux temps sont passés . Sie werden mich gewiß nicht zu den Rigorosen rechnen, aber man muß doch auch mit einem gewissen Ernst, der unserer Stellung und unserem Alter ziemt, die Verhältnisse betrachten. Es mußte anders werden. Das sittliche Gefühl des jungen Monarchen war durch so viel Affröses verletzt. Man hätte sich nicht wundern dürfen, wenn er selbst mit rigoroser Strenge dazwischenfuhr. Aber in seiner milden, bescheidenen Weise zieht er es vor, nur durch sein Beispiel zu wirken. Und es ist überraschend, wie es schon gewirkt hat. Wie menagieren sich jetzt die Damen am Hofe! Hört man noch das disgustierende Geplauder von sonst! Ein Wort, ein strafender Blick der Königin, und wie der Nebel beim Sonnenschein wird es rein – die schockierenden Konfidenzen verstummen. Kennen Sie die alte Voß wieder? Ganz die Airs einer würdigen Matrone! Wenn es auch noch nicht überall einklingt, so macht man doch Efforts . Selbst Komteß Laura, geht sie wohl noch so ausgeschnitten wie sonst? Und wenn man auch noch die Redouten in Bergers Saal besucht, mit welcher Dezenz geschieht es! Da kennt keine die andere, so tief maskiert! Ihre Wagen lassen sie schon an der Ecke der Dorotheenstraße zurück. Nein, die Progressen in der öffentlichen Moral sind unverkennbar. Und die Minister! Was kann denn erhebender sein, als wie der unsere den Glanz des Weltmannes von sich abgestreift hat und wie ein Patriarch unter den Seinen lebt. Die Frau Ministerin, wenn sie, das schlichte Häubchen auf dem Kopf, die Schürze vor, als Hausfrau in Küch und Keller waltet! Ein Fremder könnte glauben, daß er in eine gewöhnliche Bürgerwirtschaft gerät. Ein herzlicher Händedruck würde ihn begrüßen, ein Trunk Bier steht immer auf dem Tische.« »Trinken Exzellenz jetzt Bier?« fiel Lupinus rasch ein. – »Wahrscheinlich von dem, was mein Freund, der Hofrat Fredersdorf, in Spandow braut. Ein treffliches Bier, aber sollte es ganz nach Exzellenz Geschmack sein?« »Das tut wohl nichts zur Sache. Ich meinte nur –« »Vielleicht nur des Magens wegen – Exzellenz leiden an Indigestionen – da würde ein bitteres Magenbier, zum Exempel das Zerbster – der Magen eines Ministers ist etwas Kostbares für das Land – ich habe da eine gute Quelle. Meinen Herr Geheimrat vielleicht, daß Exzellenz es nicht ungütig nehmen würden, wenn ich mir erlaubte, ein Fäßchen –« »Sorgen Sie lieber für Ihren eigenen Magen«, sagte Bovillard aufstehend, »denn Sie haben viel Verdorbenes gutzumachen!« – Aber der Alp auf der Brust des Geheimrat Lupinus schien sich doch allmählich gelöst zu haben, als er die Teilnahme seines Gönners bemerkte. Die Sache war nicht durch einen Scherz zu beseitigen. Man sprach auch von einem Dritten, der seine Vermittlung schon angeboten. »Wenn man dem nur ganz trauen kann«, sagte Lupinus. Der Wirkliche lächelte leichthin: »Das zu prüfen ist meine Sache. Ihre, Anstand, Ernst, Moralität zu zeigen – und vorsichtig zu sein. Denn mir ist gar nichts darum zu tun, daß Sie mit blauem Auge davonkommen und durch eine Hintertür schlüpfen, sondern Ihre Ehre soll ganz fleckenlos dastehen. Verstehen Sie mich, mein Herr Geheimrat? Es handelt sich um Ihre vollkommene Rechtfertigung, weil unser Interesse damit zusammenhängt. Verstehen sie mich! Wissen Sie auch, daß der Justizminister schon einen Kandidaten für Ihren Posten in petto hat?« »Womit habe ich das verdient!« Beinahe entfiel ihm der Hut, als er mit der Hand über die Stirn fuhr. »Das machen Sie mit sich selbst aus. Dann kann ich Ihnen auch nicht verbergen, daß das Verhältnis mit Ihrer Köchin Seine Majestät schockiert. Sie täten besser, sie wegzuschicken oder wieder zu heiraten.« »Wenn ich die Ungnade Seiner Majestät damit abwenden könnte – mein Gott, ich bin ja zu allem bereit – jeden Augenblick.« »Warten Sie's doch noch ab«, entgegnete der Wirkliche, wirklich von diesem Zeichen der Devotion überrascht. »Es kann sich manches wieder ändern. Überhaupt müssen wir warten«, setzte er hinzu, »denn ich besinne mich, daß der Minister morgen wegen des Geburtstags Seiner Majestät nicht zu sprechen ist.« Mit etwas erleichtertem Herzen nahm Lupinus seinen Rückzug. Bovillard schien schon einer Reihe anderer Gedanken gefolgt, als er, die Hand an der Tür, ihm ein Apropos nachrief: »Apropos, wissen Sie nicht, was aus der Jenny geworden ist?« Lupinus, halb schon aus der Tür, war im Augenblick zurückgeschnellt, und mit derselben Elastizität verklärte sich sein Gesicht zu einem Ausdruck, der das grade Gegenstück zu dem während dieser peinlichen Unterhaltung war. Es war die allmächtige Natur, welche die Folterbande gesprengt hat. »Die ging ja nach Leipzig – nach dem Vorfall –« »Das weiß ich. Aber von da?« »Man sagte, nach Paris. Ab! ces souvenirs!« Der Geheimrat von der Vogtei küßte seine Finger. »Wie eine Gazelle«, sagte der Wirkliche. »Und eine Taille!« » Quand elle pirouettait autour d'elle-même  –« » En petit comité , viel ravissanter als hinter den Lampen. Diese Grazie!« »Augen wie eine étincelle .« »Et son esprit!« »Witzig! Sie konnte fünf Mann totmachen.« » Et ses délicieux petits pieds ! Erinnern sich Herr Geheimrat noch an jenen Abend, wie sie auf den Tisch sprang!« »N'en parlons pas!« Bovillard wehrte mit der Hand. Mit einem eigentümlichen Blick setzte er hinzu: » Mon cher conseiller, c'est à vous de vous taire – et surtout à présent !« »A moi!« Lupinus senkte die Augen, die Hand auf der Brust. » D'ailleurs ces souvenirs dureront plus que ma vie .« »Ja, sie hat manche Erinnerungen hinterlassen«, schmunzelte Bovillard. »Und man kann sie ordentlich historisch verfolgen«, setzte der andere hinzu. »So was kommt doch nicht wieder. Sind Herr Geheimrat nicht auch der Meinung, es verschlechtert sich alles in der Welt?« »Es kann aber auch einiges besser werden«, sagte Bovillard. Noch einmal rief er dem Scheidenden nach: »Also, un peu plus de morale et – de modération .« Neuntes Kapitel. Der dritte August . Der dritte August fing in Berlin an, ein Feiertag zu werden. Die Bürger freuten sich, daß sie einen guten König hatten. Sie hatten lange keinen guten König gehabt; denn der Alte Fritz war wohl ein großer König, aber er war ein Fürst gewesen, den eine tiefe Kluft des Respekts von seinem Volk trennte. Es verehrte, es bewunderte ihn, aber den Bürger schauerte, wenn er dachte, daß er mit ihm auf einer Diele, unter einem Dache stehen sollte. Der Müller von Sanssouci war ein einzelner Mann. Und zuletzt war der Alte Fritz sehr alt geworden und grämlich, und seine Kaffeeriecher drangen in die Häuser und die Hütten. Wenn er durch die Linden ritt auf seinem alten Schimmel, liefen ihm die Kinder nach und schrien und waren glücklich, wenn sie die Sohle seines Stiefels, den Saum seines Rockes anfassen konnten, auch leuchtete sein Auge noch immer groß und durchdringend, und die Bürger erstarrten in Ehrfurcht vor dem großen Könige, aber Liebe hat der matte Strahl des großen Auges nicht mehr geweckt. Und als der große Mann im Sterben lag, durchschauerte es auch wohl die guten Bürger, daß so ein großer Mann wie der kleinste unter ihnen von dieser Welt scheiden müsse. Aber an seine großen Schlachten und, was noch größer, seine Taten für den Staat, und daß er die Seele dieses Staates gewesen, und ob eine andre Seele und welche in diesen verlassenen Körper fahren werde, daran dachten sie nicht. Den guten Bürgern fiel es überhaupt nicht ein, daß der Staat ein Leib sei, der eine Seele braucht. Sie dachten vielmehr – ganz still –, wenn der Alte tot ist, hören die Kaffeeriecher auf und vielleicht auch die Tabaksregie. Unter diesen Gefühlen der guten Bürger, die man später die Gutgesinnten nannte, entschlief der größte Mann seines Jahrhunderts. Wenn er's gewußt, vielleicht hätte sein letzter Seufzer geklungen: »Das hatte ich nicht verdient!« Und darum jubelten die guten Bürger dem neuen, gütigen Könige entgegen, der auch wirklich die Kaffeeriecher fortjagte, aber später und sehr bald ward er kein guter König. – Er starb in seinem Marmorpalais am Heiligen See, einsamer als der große Friedrich in Sanssouci. Die Kluft war noch tiefer geworden zwischen dem Könige und dem Volke. Und nun hatte man wirklich einen guten König. Durch viele Jahre war er derselbe geblieben; es war Friede im Lande, keine Kaffeeriecher, den Tabak kaufte man zu mäßigen Preisen, die Geisterbanner und Frömmler waren fortgeschickt, Handel und Gewerbe blühten, die Soldaten waren zwar noch Soldaten, aber man konnte sich ja vor ihnen hüten, und der König und die schöne Königin fuhren so bürgerlich geschmückt, so herzlich und zutraulich durchs Volk. Keine Läufer, selten ein Vorreiter, oft in einer einfachen zweispännigen Kutsche. Das Volk fing an, diese Annäherung zu verstehen und zu würdigen, und – es liebte seinen König. Darum war bald der dritte August, des Königs Geburtstag, ein Feiertag geworden. Sie gingen vors Tor, in die Schenkgärten, sie strömten aufs Land, in die Dörfer, die glücklichen Familien, welche die Sorgen abwerfen konnten, um einen sorgenfreien Tag unter Gottes freiem Himmel zu feiern. Auf dem Hochplateau, südlich von Berlin, lag damals ein ländliches Dorf mit hohen, schönen, dichtumwipfelten Bäumen, mit moosbewachsenen Schilfdächern und einer alten gotischen Kirche von Granitquadern. Nur eine halbe Meile von der Stadt versank doch das Dorf fast unter den hohen Kornfeldern, wo die Ähre im Lehmboden üppig wucherte. Von all dem ist nur die Kirche von Granit geblieben, einst eine Besitzung der Tempelherren, von denen das Dorf den Namen trägt. Diese sind vor alten Zeiten schon von der märkischen und von der Erde überhaupt verschwunden, und das Feuer, das ihre Edelsten verschlang, hat auch allmählich die schönen Linden und Ulmen der Dorfstraße versengt und die Schilfdächer der Häuser verzehrt. Heut sieht das Dorf aus wie eine mit Bäumen untersprengte Stadt. Aber auf dem üppigen Rasen, unter den prachtvollen Baumreihen war zu unsrer Zeit noch ein Spielplatz für ländliche Lust, wie man ihn nur wünschen mochte. Wo konnte man freiere Luft atmen, wo, hingestreckt im Grün, dem Spiel des Laubes, dem Gesang der Vögel ungestörter lauschen! Wo wölbte sich ein prächtigeres Dach von Ästen, um den Mittagstisch darunter aufzuschlagen! Noch prangten die Dörfer um die Stadt nicht mit blauen und goldenen Wirtshausschildern, noch lauerten die Kellner nicht am Eingang der Gitter mit der Speisekarte. Die Schenke war eine Trinkstube und Kegelbahn, weiter nichts, die Familien kehrten bei den Bauern ein, die sie vom Markte kannten. Und noch strömte nicht alles hinaus, was an Sonn- und Feiertagen die Werkstätte schließt, um das Geräusch der Straßen draußen durch neuen Lärm zu ersetzen und den Staub, den sie hinter sich gelassen, durch wilde Spiele wieder aufzuwühlen. Es war eine Pilgerfahrt der Familien. Sie brachten eine sonntägliche Stimmung mit. Man hatte sich lang vorher besprochen. Man freute sich, einmal unter Gottes freiem Himmel einen Tag zu feiern. Wie wenige waren gereist und hatten schönere Gegenden gesehen, und wie viele hatten die Dichter gelesen und konnten auswendig ihre Lieder zum Preise der schönen Natur. Auch wer das Theater besuchte, was damals in den gebildeten Mittelständen viel häufiger geschah als jetzt, hörte und sah, wenn er es glauben wollte, daß die Menschen in den Dörfern andere und bessere wären als die in der Stadt, weil sie Gott und seiner Natur näher sind. Wenn auch nicht bei den Schäfern, doch in der Hütte, die der Fliederstrauch überschattet, sollte der Friede und das Glück des Lebens zu suchen sein. Bei aller Blasiertheit der vornehmen Welt konnte sie dieser Stimmung durch Spott nicht wehren, ja, sie erwehrte sich selbst ihrer nicht. Man mußte idyllisch sein. Wir sehen eine solche glückliche Familie den langen, beschwerlichen Weg hinauswandern. Sie steigen über den Sand des Templower Berges, dann suchen sie den festeren Fußsteig, der neben der durchwühlten Straße fast baumlos nach dem Dorfe führt. Die Sonne brennt am wolkenlosen Himmel, und ihre Schritte sind nicht leicht; außer der Sonntagsstimmung bringen sie ja in Körben und Pompadouren mit, was zur Erheiterung dieser Stimmung dienen soll. Oft muß der Familienvater das Taschentuch herausziehen, um den Schweiß zu trocknen, und oft hält er still und sieht, ob die andern nachkommen. Da verstummt wohl das Gespräch, aber sie bleiben heiter. Unter den schattigen Ulmen, welche die Avenue des Dorfes bilden, hält endlich die Mutter und setzt ihren Beutel nieder, während der Vater sich umsieht. »Aber wo ist denn Adelheid?« – »Ach, du mein Gott«, ruft die Mutter, »da trägt das Kind doch den schweren Korb der Jette. Hab ich's ihr nicht verboten?« Die Adelheid aber hüpft heran und setzt den Korb zu ihren Füßen nieder: »Mütterchen, er war gar nicht schwer.« Die Glutröte, die ihr Gesicht überzieht, straft sie Lügen. Sie steht einen Augenblick atemlos. »Aber englisches Mädchen, wie konntest du das tun!« Der Vater schüttelt den Kopf. Aber als ihre Röte verschwindet, weist die Tochter auf das Mädchen, das noch röter gefärbt herankeucht: »Die Jette konnte ja nicht mehr.« Der Vater murmelte: »Dafür ist sie im Dienst«, doch es schien ihm nicht ernst; er klopfte der Tochter auf die leuchtenden Schultern: »Knüpfe dein Tuch zu, du bist echauffiert, und wir sind gleich im Dorf« Der Wind wehte in die alten Ulmen, als wollte er die kleine Disharmonie weghauchen; die Jette nimmt wieder den schweren Korb auf die Hüfte, und im Schatten der Bäume geht der Zug munter weiter. Die Jette stimmt einen damals sehr beliebten Gassenhauer an, und die Kinder fallen jubelnd ein: »Mein Gustchen, mein Gustchen, Komm mit mir aufs Dorf, Da singen die Vögel, Da klappert der Storch; Da tanzet die Maus, Da fiedelt die Laus, Da kucket der Kuckuck Zum Fenster hinaus.« Nun fängt der Festtag an. Die Hunde klaffen, als sie das leichte Gittertor in der Lyziumhecke geöffnet. Adelheid kennt sie, und sie kennen Adelheid; sie streichelt sie, und sie wedeln zu ihren Füßen. Aber es ist tiefstill im Gehöft. Die Flurtür ist nicht verschlossen, doch auch im Innern des Hauses kein menschliches Wesen. Nur der graue Kater springt über den Herd, und im Zimmer schnattert der Star in seinem Käficht, indes die Wanduhr monoton tickt. – Ach, sie sind alle auf dem Felde! Und das Feld ist weit. – Dadurch scheint die Lustbarkeit gestört. Soll man Jette wieder im Sonnenbrande hinausschicken? Nein, der graue Kater, der von den Eindringlingen durch die angelehnte Kammertür entflohen ist, zeigt ihnen ein anderes Auskunftsmittel. Da liegt ja die alte Großmutter im Bette. Sie ist schon etwas närrisch und kann kaum mehr sprechen, aber Adelheid hat es ja neulich zu Pfingsten verstanden, ihr Töne und Verständnis zu entlocken. Ja, die Alte liegt noch da, stumpfsinnig lächelt sie, wie zu allem, auch den Eintretenden zu, ihre Anrede ist ihr nichts anderes als das Ticken der Uhr. Aber sie gafft Adelheids Gesicht an, ihr Grinsen wird zum Lächeln; sie muß sich neben sie setzen, sie streichelt ihre Locken mit der dürren Hand, und wie durch die Berührung allmählich elektrisiert, kommen Töne hervor, minder kreischend. Es leuchtet auch etwas wie Besinnung im Auge. Sie verständigen sich, ein Wort, ein Blick, und sie wissen, daß die Hausfrau im Kuhstall ist. Bald fährt Frau Brösicke vom Melken auf, denn ein seltsames Kikeriki schallt ihr aus der Wandluke. Wetter! Wo kommen denn die Hühner her! Und als sie sich umwendet, blitzen ihr zwei wunderblaue Augen entgegen unter einer blonden Lockenfülle, und die kirschroten Lippen öffnen sich, um zwei Reihen Perlenzähne zu zeigen und ein: »Angeführt mit Löschpapier, Frau Brösicke!« ihr zuzurufen. »I, so soll doch!« ruft die Bäuerin und läßt den Melkeimer fallen, aber ihre Überraschung ist keine unangenehme. »Ach, die seelenhübsche Mamsell Adelheid vom Gendarmenmarkt!« Auf dem Hofe aber hat eine andere Überraschung Platz gegriffen, die nicht so angenehmen Eindruck hinterläßt. Das Dienstmädchen hatte eben vom Schöpfbrunnen den vollen Eimer an die durstigen Lippen gesetzt, als eine heftige Ohrfeige, die aus der Luft zu schwirren schien, ihre brennenden Backen noch röter machte. Der Eimer schnellte aus ihrer Hand, und das Wasser, was sie nicht trinken sollte, überschüttete sie aus den Lüften. »Es geht doch nichts über die Unvernunft solcher Leute. Zu trinken, wenn sie erhitzt sind!« – Das Mädchen weint, aber sie beklagt sich nicht. Der Hausherr hat das Recht. Auch die Hausfrau widerspricht nicht, nur flüstert sie ihrem Alten zu: »Alter! Solchen Leuten schadet es nicht. Das liebe Vieh trinkt auch, wenn es Lust hat, und frägt nicht, ob's die Doktoren verboten haben.« Nun ist alles helle Tätigkeit inner und außer dem Hause. Jeder hilft mit, denn mitarbeiten an der Herrichtung zur Tafel, zum Mittagstisch, ist ein Teil der Freude. Jeder, nur der Vater nicht. Ihm wird der erste Schemel unter die Linde gesetzt, daß er in Ruhe seine Pfeife rauchen kann. Die Bäuerin will dem Herrn Kriegsrat selbst die Kohle bringen, aber Adelheid nimmt ihr die Zange ab. Und nachdem er mit dem Finger nachgestopft und einige Züge versucht, kräuselt es sanft aus dem Meerschaumkopf, und aus den Lippen schießen Rauchwirbel regelmäßig hervor. Die Pfeife zieht, alles ist in Ordnung, der Vater nickt freundlich der Tochter zu, und sie flieht vergnügt ins Haus. Was soll man zuerst ergreifen! Die Bäuerin eilt ans Heck, auf den kleinen Hügel, und pfeift durch die hohle Hand nach dem Felde. Sie mußten es wohl gehört haben, denn bald wimmelt es von kleinen Semmelköpfen in Flur und Küche, die ihr zur Hand sind. Da knarrt der Ziehbrunnen, das Reisig prasselt auf dem Herde, bald lodern und knallen auch die Scheite frischen Holzes, die der älteste Knab noch eben im Hofe gespalten, und die Mutter aus der Stadt packt in der Stube aus den Körben und Beuteln und verteilt und bespricht mit der Hausfrau. Aber ebenso schnell tragen die Knaben und die Magd Tisch, Schemel und Bänke aufs Grüne unter die Linde. Es fügt und schichtet sich, wenn auch nicht ganz regelrecht. Wie kann ein winklig gezimmerter Tisch grad auf der Erde stehen, die ja rund ist. Das Tischtuch fliegt hinauf, die irdenen Schüsseln und Teller halten es fest, wenn ein Luftzug die Zipfel überschlagen will, und die Schüsseln füllen sich schon, nicht vom Reis, der noch über dem Feuer siedet, aber von den Lindenblüten, die der Zephir von den Zweigen schüttelt. Es war ein goldiger Tag. Die Hitze war nicht gering, aber auf den Körper des Familienvaters, der ausruhen sollte von der Arbeit einer Woche, schien sie wie ein Balsam sich zu senken. Seine Frau zog sich einen Schemel neben ihn. Drinnen war alles geordnet, sie konnte es den andern überlassen und den Strickstrumpf vorholen, um auch der Ruhe zu pflegen. »Es hat dich aufgeheitert, du warst heut morgen anders«, sagte sie; »noch als wir zum Tore hinausgingen, sahst du vor dich hin, daß ich wunders dachte, was es wäre.« »Und du eiltest so aus dem Tor, daß ich auch dachte, wunders was es wäre.« Sie ließ den Strickstrumpf sinken. »Ja, sieh mal, ich hätte es nicht gern gehabt, wenn uns einer begegnet wäre. Denn eigentlich, es ist doch nicht, was sich für uns schickt, ich meine nämlich für dich. Ja, als du noch Subalterner warst – aber nun, und wer weiß, was du noch wirst, da der Justizminister es mit dir so gut meint.« Der Ehemann blies einen langen Dampf in die Luft und ließ die Pfeife am Fuße ruhen: »Das ist nicht immer ein Glück. – Schickt sich Gottes Natur nur für die Subalternen, für die Vornehmen aber nicht?« »Wie du wieder bist, Mann! Ist nicht Gottes Natur auch in den Zelten und im Hofjäger? – Ins Freie raus ist recht hübsch, ja, und ich sage gar nichts dagegen, aber so zu Fuß mit Sack und Pack! – Das schickt sich doch nicht mehr.« Er war bei guter Laune: »Nächstes Mal wollen wir einen Wagen nehmen.« Sie nahm die gute Laune wahr: »Es ist mir auch schon recht, daß du lieber hier raus wolltest als nach Charlottenburg, denn da sind immer unterwegs die Soldaten, und die Gendarmenoffiziere flankieren in den Gärten nach hübschen Gesichtern, und du hast schon recht, hier heraus kommen sie nicht geritten, weil's zu sandig ist und die vornehmen Equipagen nicht herfahren, aber sieh mal, unsre Kinder werden doch jetzt größer, besonders die Adelheid. – Was siehst du denn so besonders dahin?« »Ich freue mich, daß die Adelheid so groß geworden ist.« »Ist dir sonst was Besonderes?« »Ja, ich habe Lust nach was Besonderm«, nickte er, »denn ich bin durstig.« Die Erklärung des Besonderen schwebte schon heran. Adelheid kam aus dem Kruge mit einem Glase Weißbier. Wer ein Glas Weißbier, das Berliner große Glas, welches in der populären Sprache nicht mit Unrecht eine Stange heißt, gesehen hat, wie der Schaum, wenn es gut eingegossen, noch einige Zoll über dem Rand steht, und der Porzellandeckel mit seinem Knopf am Rande des Glases schweben muß; – und wer die Unebenheit des Weges und die Entfernung erwägt vom Kruge bis zur Linde, der konnte sich über Adelheids Geschicklichkeit wundern, ein Künstler aber würde sich gefreut haben, mit welcher Grazie sie das Glas trug. Die schönen Formen des Mädchens entwickelten sich bei jedem Schritt, und mit jedem trat sie, zuerst vorsichtig ausschreitend, sicherer auf. Als sie aber, die Anhöhe unterm Baume hinaufsteigend, das Glas mit beiden Armen erhob und dem Vater zulächelte, glich sie doch dem Meisterwerk eines griechischen Meißels, der Hebe, die den Göttern die Schale reicht. »Daß dir's gut bekommt, Papachen!« Der Vater setzte an und leerte ein gutes Viertel in einem Zuge. Er reichte es der Tochter, weil sie als Botenlohn das nächste Recht habe. Sie nippte und reichte das Glas der Mutter. »Ich mag nichts«, die Mutter mußte ja stricken. »Alte, trinke. Schluck runter, was dich verdrießt.« Sie durstete auch. Sie wollte nur gezwungen nippen, aber sie trank. – Den Unmut hatte sie nicht ganz hinuntergeschluckt, als sie das Glas zurückgab. »Die Adelheid in den Krug zu schicken! Das ging wohl an, solange sie die Flechten im Nacken trug. Und weißt du denn, ob nicht Soldaten im Kruge sind!« Der dritte August, oder die warme Sonne oder das Spiel des Lindenlaubs mußte auf der Brust des Kriegsrats das Erz geschmolzen haben. Er fuhr die Frau nicht an, worauf sie doch gefaßt war, er sagte nicht, sie solle sich um das bekümmern, was sie anginge – er gab ihr recht. Aus sprach er es nicht, aber er zupfte der Lieblingstochter am Ohr: »Die Klara soll das Glas nachher zurückbringen und das Pfand einlösen.« »Vater, es sind im Krug keine Soldaten. Aber den alten Major Rittgarten traf ich da, mit dem steifen Beine. – Der läßt dir sagen, nach Tisch will er uns auf eine Tasse Kaffee besuchen. Er freute sich, mich zu sehen, und freut sich noch mehr, mit dir ein halb Stündchen zu plaudern.« »Ich will gar nichts damit gesagt haben, Alter, daß du durstig warst und mal einen guten Trunk dir machen wolltest«, sagte die Frau, als die Tochter fortgehüpft war, »auch meinethalben mochtest du sie schicken, aber tue doch die Augen auf; sie wächst ja aus den Kleidern raus, und wir tun noch immer, als ob sie ein Kind wäre.« »Ist geboren in der Nacht, wo der Gendarmenturm einstürzte«, sagte der Kriegsrat. »Das vergißt sich nicht und läßt sich leicht ausrechnen.« »Nun ja, siehst du, für uns kann sie immer noch ein Kind sein, aber was sollen die Leute draußen sagen! Die kurzen Röckchen, das paßt doch wirklich nicht mehr.« Nach einer kurzen Pause sagte der Vater: »Soll andere Kleider bekommen, hab's schon in meinem Etat mir zurechtgelegt.« In solcher nachgiebigen Laune war er seit Jahren nicht gewesen. Ein Eisen muß man schmieden, solange es heiß ist. »Sie spricht auch noch manchmal wie ein Kind.« »Ist dir das wieder nicht recht? Soll ich das auch anders machen?« »Du nicht, Alter, nein, aber die Erziehung. Die Nähschule und die andre, nun ja, solange ging es, aber wir sind doch nun was andres. Das bißchen Französisch, das ist ja gar nichts. Sieh mal des Inspektors Töchter, die über uns wohnen, wie parlieren die schon! Und wovon sprechen sie nicht, wenn sie in Gesellschaft sind, von römischer Geschichte und Bonaparte und Afrika, und von dem Dichter Schiller wissen dir die Tischlertöchter drüben ganze Gedichte auswendig. Mir ist da oft zumute, als müsse ich mich verkriechen, weil ich davon nichts gelernt. Nun, ich bin eine alte Frau, oder werde's doch werden, aber um die Adelheid tut's mir oft in der Seele weh, wenn sie so gar nicht mitsprechen kann. Nicht einmal einen Roman hat sie gelesen, und ein einziges Mal ist sie in der Komödie gewesen. Gott sei Dank, sie hat Mutterwitz, daß sie's ihnen geben kann, und darum behält sie Respekt. Aber, lieber Mann, Französisch muß sie lernen und ein bißchen auf dem Klavier klimpern und vor allem tanzen.« Der Vater paffte dreimal heftig und schlug sich auf den Schenkel: »Tanzen soll sie nicht lernen! Und Romane und französisch parlieren und klimpern auch nicht. Daß dich! Ich werfs zum Fenster hinaus, wenn ich was attrappiere. Und – in die Tanzschule schicke ich sie absolut nicht.« Sie ließ ihn sich erholen: »Da hast du auch ganz recht, Alter«, hub sie, ihre Maschen zählend, wieder an, »und sie wird schon ohnedem tanzen lernen, denn sie hat ein Geschick dazu, und wenn sie nur erst in einem guten Hause ist. Aber sie wird doch älter, und einmal wird sie heiraten müssen. Der Sohn vom Hofbronzeur, der möchte sie gern haben. Die Eltern sind reich. Nun ja, wenn du sie dem geben willst, da braucht sie nicht mehr zu lernen.« Der Vater schwieg wieder: »Sie konnte ihn ja nie leiden.« »Und weißt du, was die Jette sagt? Sie hätte doch bei vielen Herrschaften gedient. Aber eine solche Mamsell wäre ihr noch nicht vorgekommen. Sie stäche manches Fräulein aus; auch manche Gräfin hätte nicht so feine Art. Du bist doch nun einmal Kriegsrat, und wir müssen in Gesellschaften. Sollen wir die Adelheid immer zu Haus einschließen? Du siehst es freilich nicht, wie sie zu uns raufgaffen, wenn sie am Fenster strickt, und ich hab's dir nicht sagen wollen, vom Bäcker nebenan, oben auf dem Boden, kann man in unsre Schlafstube sehen. Da steigen die jungen Herren vom Kammergericht, die Referendare, die beim Bäcker wohnen, und sehen runter, wenn wir Licht anmachen. Seit ich's weiß, darum hab ich dir die dicken Vorhänge abgeschwatzt. Aber willst du sie immer behüten?« Der Kriegsrat antwortete nicht. »Du hast schon ganz recht. Wenn wir sie in Gesellschaft führen, da wird's ein großes Gaffen geben, und die Herren werden um sie schwänzeln. Aber ich weiß doch nicht, Alter, ob sie da besser dran ist, wenn sie nicht Französisch kann und nicht Klavier spielen, und wenn die Leute endlich merken, sie ist ein Gänschen, mit der kann man schon was aufstellen, oder –« Der Kriegsrat war aufgestanden. Die Pfeife stellte er an den Baum, seine Frau nahm er unter den Arm. Sie gingen unter den Linden langsam auf und ab, und er klopfte ihr auf den Arm: »Du bist schon eine kluge Frau.« Sie hatte gesiegt. Sie waren einig, daß Adelheid eine Erziehung erhalten müsse, um in der Welt aufzutreten. Weniger einig waren sie über das Wie. »Davon ein andermal«, sagte der Kriegsrat. Aber sie hielt plötzlich inne und sah ihn groß an: »Alter, dahinter steckt noch was andres. Gestern abend kamst du nachdenklich nach Haus, und du fragtest nach der Pfeife und hieltest sie schon zwischen den Beinen und heute morgen auch, Alter, da ist was los. Sonst hättest du auch nicht so schnell nachgegeben.« Der Kriegsrat sah seine Frau scharf an, aber nicht unfreundlich: »Christine, es ist was los – eigentlich soll man Frauen so was nicht sagen, bis es gewiß ist, aber ich weiß, du plauderst nicht. Der Geheimrat Lupinus von der Vogtei –« »Wird kassiert«, fiel sie ein, »weil die Gefangenen die Fensterscheiben eingeschlagen haben.« »Es ist möglich, daß er sein Amt verliert, oder seine Entlassung nehmen muß«, korrigierte der Kriegsrat. »In diesem Falle gedenkt Seine Exzellenz, der Herr Justizminister –« »Dir – dir, Mann!« rief sie verwundert. »Siehst du wohl, was Konnexionen machen! Ich weiß es von mehr als einem, wie dir der Herr Justizminister gewogen sind.« »Ich verdanke ihm meine Stellung, das weiß ich. Eigentlich wäre das nun nicht meines Amtes, noch ist's meine Karriere; aber Exzellenz haben die gute Meinung von mir, daß ich der rechte Mann wäre, um dort die Zucht und Ordnung herzustellen.« »Und du nimmst sie doch an?« »Still!« gebot ein fast drohender Blick. »Die Sache mit Lupinus ist noch nicht entschieden. Und wenn, soll ich mir wieder neue Neider und Feinde machen? Denn wie viele, Würdigere, würden um mich zurückgesetzt!« Die Frau Kriegsrätin wußte sehr viel Gründe, warum er annehmen müsse; sie wußte, daß er ganz zu dem Posten befähigt sei, denn daran zweifeln hieße ja, an der Autorität seines hohen Vorgesetzten zweifeln, der werde es doch am besten wissen, wozu er tauge. Und um die andern kümmere sie sich gar nicht. »Und«, schloß sie, »du würdest dann auch Geheimer –« Sie erschrak und verschluckte das Wort. »Aber –« Aber einig wurden sie doch. Die Adelheid sollte Französisch lernen und ein Lehrer im Hause angenommen werden, für Geographie und Geschichte und was sonst so nötig ist, damit man nicht dumm in der Gesellschaft ist. Dazu gab der Vater die Einwilligung. Klavierspielen – auch das – aber Ästhetik! Ja, Gellert und auch Bürger und vor allem der treffliche Gleim! Er konnte alle seine Preußenlieder auswendig – »Mann! Mann!« sagte die Mutter, »da lächeln sie über uns. Sie sprechen immer nur über Schiller und Goethe und Tiedge! Die muß sie kennenlernen.« Gegen Schiller hatte der Kriegsrat nichts einzuwenden; die Königin liebte diesen Dichter, und er hatte erfahren, daß auch der König sich einmal günstig über ihn geäußert. Und Goethe ließ er passieren, sein »Götz von Berlichingen« hatte ihm wunderbar ums Herz geklungen. »Solche eiserne Hand täte unserer Zeit not!« Aber Tiedge, der sollte ja extravagante Ideen und die ganze junge Schule unsittliche Grundsätze predigen. Darüber wußte die Mutter nicht Auskunft zu geben, sie hatte nur gehört, daß er ein frommes und himmlisches Gedicht geschrieben, was »Orania« heißt, und ein anderes, was »Die Verkehrte Welt« heißt. Das wäre nicht so gut; dafür wäre er aber der Verfasser von sehr hübschen und moralischen Kindermärchen. Im übrigen, meinte sie, was sich für junge Mädchen schickt, werde wohl der Lehrer am besten wissen. Damit war auch der Vater einverstanden, auch daß Adelheid in bessere Gesellschaft gebracht werden sollte. Nur über die Familien, wo man sie einführen sollte, war man in Streit. Endlich schloß der Vater: »Meinethalben, wo du willst, denn du kennst die Frauen besser als ich; nur nicht, wo sie Romane findet und Offiziere.« Zehntes Kapitel. Die alte Zeit . Mit einem Schlag auf die Schulter rief eine Stimme hinter ihm: »Und warum keine Offiziere, alter Schwede? – Willst am Ende auch mit mir nicht mehr umgehen? Meinst, ich könnte deine Tochter verführen! So seid ihr Menschen am grünen Tisch und hinter den Büchern, laßt euch einen Schreck vom ersten besten einblasen, und weil ihr nicht die Augen aufzuschlagen wagt, um dem Ding ins Gesicht zu sehen, vermeint ihr, es sei wunder was. Ich sage dir, wer nicht der Gefahr entgegengeht, der ist schon halb verloren. Was wäre Preußen, wenn wir abgewartet hätten, bis die Österreicher und die Franzosen und Russen den Siebenjährigen Krieg anfingen? Daß wir nicht die Hände in den Schoß legten, daß wir nicht abwarteten, bis der liebe Gott es so schickte, daß wir in ihr Gespinst dreinschlugen, eh's zum Netze ward, das hat uns Glück gegeben und stark gemacht und groß. Wäre der Alte Fritz ein Druckmäuser gewesen und hätte gewartet und gelauert, bis die anderen angriffen, dann hätte der liebe Gott ihm auch nicht beigestanden, und was aus unserem Preußen geworden, das weiß der Teufel.« Ein herzlicher Händeschlag folgte dem Schulterschlag. Auch mit der Frau Kriegsrätin: »Reden Sie meinem Manne nur ein bißchen ins Gewissen rein, Herr Major, 's tut zuweilen not, wenn er gar zu zipp ist. Sonst ist's ein guter Mann. Und zu Tisch bleiben Sie doch unser lieber Gast? Es wird gleich angerichtet.« »Danke schönstens, Frau Kriegsrätin, habe meinen Speckeierkuchen schon im Kruge verzehrt, aber ein Gläschen Wein, da ich so was im Korbe flimmern sehe, und auf des Königs Gesundheit, das schlägt ein guter Soldat und Untertan niemals aus.« Der Invalide konnte doch nicht lange stehen, zum einen Schemel unter der Linde war ein zweiter gerückt, und als die Wirtin sich empfahl, um in der Küche nachzusehen, dampften schon zwei Pfeifen. »Es kann doch nicht dein Ernst sein«, sagte der Kriegsrat. »Denn wer kennt besser unsere Offiziere als du!« »Freilich kenne ich sie, ich habe sie jedoch auch gekannt, als sie noch andere waren. Aber das weiß ich auch, je mehr ihr euch von ihnen zurückzieht, so schlimmer wird's. Auch die Soldaten waren nicht so arg, als Friedrichs Auge noch über sie wachte. Doch das tut's nicht allein. Wenn ihr nicht vor ihrem Anblick liefet und die Türen zuschlügt, wo einer nur von fern sich blicken läßt, wenn ihr ihnen offen entgegenträtet, ein ernst Wort mit ihnen sprächet, so würdet ihr manches anders finden, als ihr denket. Sie sind auch Menschen, aber wenn ihr sie nur als Vogelscheuche betrachtet, das macht sie wild und boshaft.« »Aber du gibst mir doch recht, daß man ein jung Frauenzimmer vor den Offizieren wahren muß. Vor allem eins, das noch unerfahren ist.« »Da schlägst du dich selbst. Ein jung Frauenzimmer, das sich zu benehmen weiß, läuft weit weniger Gefahr als eins, das schon vor Schrecken aufschreiet, wenn's einen Federbusch sieht, weil die Mama ihm gesagt, es soll sich davor in acht nehmen wie vor einem Raubtiere. Denn das sind unsere jungen Offiziere, wenn's auch nicht mehr dieselben sind, doch nicht. Ich sag's grad heraus, ihr Herren von der Feder und die anderen, ihr habt sie verderben helfen. Warum macht ihr ihnen überall Platz und weicht vor ihnen zurück, wo ihr's nicht nötig hattet. Ist's nicht eine Schande, wenn ein alter Kriegsrat oder ein ehrenwerter Kaufmann mit grauem Haar vor einem Lieutenant oder gar einem Fähnrich ausweicht? Wo steht's denn geschrieben, daß es so sein soll? Wenn ihr ihnen nicht immer das Feld ließet und das Maul schlösset, sondern grad raus den jungen Herrchen die Wahrheit sagtet, nun je, einer oder der andere würde einmal anlaufen, aber im ganzen würde es anders, wenn sie wüßten, daß sie unter den Zivilisten auch ihren Mann fänden. Darum dominieren jetzt die Uniformen, wo sie mit den Fracks zusammenkommen; und die trennen sich immer mehr, die doch bestimmt sind, zusammenzuhalten als Brüder und Glieder eines Volkes.« »Es ist seltsam, einen alten Offizier so reden zu hören.« »Es war nicht alles gut unter dem großen König, aber es war anders. Sein Auge war ein Etwas, was das träge Blut in Bewegung brachte. Es war allüberall, wenn er auch nicht zugegen war. Man stellte sich vor, wenn man etwas tat oder unterließ, daß der König es gesehen haben könnte, man fragte sich, was er wohl dazu gesagt, wie er geurteilt hätte, und das gab eine Disziplin, die kein Kommando macht. Er war ungerecht. Oh ja, er ist es sehr oft gewesen. Aber wer von ihm litt, der setzte einen Stolz darein, daß er litt; er dachte sich, eigentlich weiß es wohl Friedrich jetzt, daß er dir unrecht getan, aber er kann's oder mag's nicht ändern, um der Autorität willen oder aus Eigensinn. Das Gefühl tat dann wohl, wie das Pour le mérite-Kreuz auf der Brust. Man litt um seinen König und durch seinen König, und der König weiß es auch und trägt vielleicht noch schwerer daran.« »Den Orden trägst du auch.« »Den, daß ich ein Bürgerlicher war. Ein Leiden läßt sich schon tragen, was viele Hunderte mit uns tragen.« »Bei Torgau war es ja wohl!« »Da fiel der Major, der mein Regiment kommandierte, und schon der dritte, der mir vorgezogen war, fiel auf den ersten Schuß. Ich kommandierte, es war nun mal kein anderer da, und nahm das Fichtenwäldchen. Die Herren gratulierten mir schon: ›Diesmal komme ich doch nicht zu früh, Herr Major?‹ sagte der alte Zieten, der an mir vorüberritt. Kam doch zu früh. Der junge Kapitän – was soll ich in meinem Groll einen Ehrenmann nennen! –, der noch Page beim König war, kurz vor Ausbruch des Krieges, ward Major auf dem Schlachtfeld und erhielt nachher als Obrist das Regiment, hatte es gewiß verdient, und was konnte er dafür, daß die Übermacht auf ihn fiel und ihn aus der Schanze trieb. Friedrich wußte es, hatte ihn vom Pferde stürzen sehen, überreiten und wieder aufsitzen; so war er blutend und zu den Seinen zurückgekehrt.« »Jedermann gibt dir das Zeugnis, daß du es auch verdient hattest, Rittgarten. Ich habe viele brave Offiziere gesprochen.« »Wer sagt denn, daß es Friedrich nicht auch dachte. Aber er hatte mich zweimal übergangen. Wenn er es nun zum drittenmal anders machte, strafte er sich ja selbst. So wird der König gedacht haben, und darum avancierte ich nicht auf dem Schlachtfeld und erhielt nicht das Regiment. Er ließ mich nachmalen fragen, ob ich nicht ein paar Freibataillons kommandieren wolle, die sich damals über der Elbe bildeten; und hatte wohl die Absicht, daß ich dann anvancieren sollte. Ich ließ gehorsamst mich bedanken für die gnädige Attention, mein ganzes Leben wäre regulär gewesen, und so möcht ich's auch gern zu Ende bringen. Da hat Friedrich gelacht, ich weiß es, und hat gesagt: ›Der ist ein Starrkopf, so soll er's haben!‹ – Siehst du, das war soviel für mich als ein Orden! – Nachher hat er mich wohl vergessen. Aber ich habe noch einen Orden von ihm.« »Du!« »Es war sein Sterbejahr. Mir ahnte es. Da hatte ich keine Ruhe mehr. Wenn ich ihn noch einmal sehen könnte! Hatte längst meinen Abschied, wie du weißt. Jetzt war ich nun Major, ein Invalidenmajor. Reiste nach Potsdam und ging nach Sanssouci hinaus. Das Glück wollte mir wohl. Ein alter Kammerdiener, den ich kannte, ließ mich auf die Terrasse. Es war ein sonniger, schöner Nachmittag, wie heut; nur noch schöner, es spielte so was wie der Duft in den Orangenbäumen, die Sperlinge zwitscherten. Der König saß an der offenen Glastür in seinem Lehnstuhl, den Pelz übergedeckt. Sie wollten ihn zum letztenmal die Luft dieser Erde recht frisch kosten lassen. Vor sich sah er nun, was er geschaffen hatte, und darüber hinaus den blauen Himmel, den der liebe Gott geschaffen hat. Die Kieferwälder in der Ferne bewegten sich. Mir war's, als hätt ich beten mögen. Und ich muß auch wohl die Hände gefaltet haben. Wollte stehen bleiben da in dem Winkel, wo die Hunde begraben liegen. Da klopfte der Wachthabende, der's mir wohl ansah an dem blauen Überrock, daß ich auch Soldat gewesen – oder hatte es ihm der Kammerdiener gesagt? –, er klopfte mir leis auf die Schulter: ›Gehn sie nur immer vor und sehen Sie sich Ihren König noch einmal an, er schläft fest. Wer weiß, ob er wieder erwacht.‹ Er stieß mich sanft vor. – Das war ein eigen Gefühl. Mir klopfte das Herz, wie, da ich zum erstenmal ins Feuer kam; aber zugleich war mir so ruhig, so sonntäglich zumut. – Nun stand ich vor ihm, nicht zehn Schritt entfernt, die Sonne wollte hinter die Bäume sinken. Gott weiß, was ich dachte! Einmal war's mir, als würde er, wenn sie sinke, auch die Augen schließen, und dann würde es Nacht werden, und alles, was er geschaffen, mit ihm untersinken. – Und das Gesicht des Schlafenden! – Was lag darin! Herr du mein Gott, was konnte einer darin lesen! Die Lippen bewegten sich ganz leis, als spräche er im Traume. Nun schlug er plötzlich das große Auge auf Er sah mich. Ich stand wie eingewurzelt, den Hut preßte ich in der Hand, und hätte mögen in die Erde versinken. Da öffnete er die Lippen: ›Ihn kenne ich auch – bei Torgau – vergeß er mich nicht.‹ Sah mich wohl, wie auch im Traum, der vor ihm gaukelte, denn er schloß sie wieder. Nur die Finger machten eine leise Bewegung. War's ein Wink für mich, oder was war es? Da hub das Glockenspiel in Potsdam an, die Sonne war hinter die Bäume gesunken, der Schatten fiel auf den großen König, und ich weiß nicht mehr, wie ich fortkam.« Der alte Major hatte etwas mit dem Finger am Auge zu tun; der Kriegsrat ebenfalls. Es entstand eine Pause. Auch schienen ihre Pfeifen in Unordnung geraten, denn beide Herren zogen sehr eifrig und benutzen den Rest der Pause dazu, dicke Wolken in die Luft zu blasen. Und dann war alles wieder in Ordnung. »Einem außerordentlichen Manne muß man schon manches nachsehen«, hub der Major an, »was man einem gewöhnlichen Menschen nicht verziehe. Dafür ist er ein großer Mann. Und wenn Friedrich heut lebte; so würde er wohl anders urteilen und nicht noch meinen, daß ein Bürgerlicher nur unter den Husaren gut ist und unter der Artillerie zum Offizier taugt. – Und daß er dem jungen Herrn, der sein Page gewesen, mein Regiment gab, daran hat er ganz recht getan, oder meinst du anders? Ist er nicht ein General geworden, der dem Staat Ehre gebracht hat? Warum ward der Bonaparte ein großer Feldherr, warum hat er um sich eine Schule guter Generale? Weil er's mit der Anciennität nicht genau nimmt, weil er die Tüchtigen sich herausgreift, wo er sie findet, weil er auf dem Schlachtfelde avancieren läßt, wie's ihm grad zumut ist. Da ist Salz, da ist Blut im Heere, er fragt nicht nach Glauben und Herkommen und alten Ansprüchen. Jeder hat Aussicht, daß er's bis zum General bringt, und noch weiter, wenn er seine Schuldigkeit tut oder noch mehr. Wenn das nicht gute Soldaten machen muß! Fort mit den Steifen und Alten, in die Magazine und in den Train; vorwärts mit den Jungen!« Der Kriegsrat sah ihn verwundert an. »Damit tadelst du ja Friedrich; er tat es nicht.« »Der Alte Fritz wußte, was sich schickte und was er brauchte. Er hatte es mit einem Daun zu tun; und seine Zieten und Seydlitze wußte er wohl zu brauchen, wo andere Feinde sich zeigten. Und wie ich dir sagte, es war sein Auge, seine Präsenz, die das Blut wieder umrührt, wo es stockig ward. Seitdem ist's schrecklich stockig geworden, sonst wären wir nicht im Lehm festgeklebt in der Champagne, und seit dem Baseler Frieden ist's noch ärger.« Der alte Major wollte noch mehr sagen, aber er tat's nicht mit Worten, er klopfte mit dem Meerschaumkopf so stark gegen seinen hohen Stiefel, daß die Pfeife ausging. Es war auch nicht mehr Zeit zum Rauchen und zur Konversation, die Magd trug, begleitet von den jubelnden Kleinen, die rauchende Schüssel Milchreis auf den Tisch. Klara sprach das Gebet, und die Mutter streute einen Staubregen von Zimt und Zucker über die Schüssel. Ein Ah! der Verwunderung und Freude ging durch den Kreis der Kleinen: »Das ist ein Sonntag! Das ist ein Festtag!« Sie blickten den Major verwundert an, nicht einmal Milchreis mit Zucker und Zimt wollte er genießen! Als die Bauerfrau mit beiden Armen einen Napf mit dampfenden Kartoffeln in der Schale auf den Tisch trug, die, aufgesprungen, ihre würzige, weiße Fülle entfalteten, ward das Ah! noch lauter. Aber wie erschrocken blickten sie auf den Vater, als dieser plötzlich die Hand auf die Schüssel legte. »Halt, Kinder! Ist es denn schon polizeilich erlaubt? Mich dünkt, das ist erst vom funfzehnten August ab.« Die Bäuerin gab die Versicherung, sie dürften jetzt schon vom ersten August ab frische Kartoffeln zu Markte bringen, und sie meinte, es werde künftig noch früher erlaubt werden, weil die Kultur fortschreite. »Dann schreiten wir doch in einem Ding fort!« sagte lächelnd der Major. »Hab's mir auch so gedacht, wenn ich bedenke, wie sie jetzt die Kriege führen. Ach, die Küchenwagen, die wir mitschleppen mußten, und die Magazine, die der große Friedrich anlegte! Das kostete ein Heidengeld und ein Fuhrwesen! Der Bonaparte bestellt seine Magazine in Feindesland, ohne daß es ihm einen Groschen kostet; und eher fängt er den Krieg nicht an, als bis sie fertig sind.« »Wie meinst du das?« »Er läßt nicht früher ausmarschieren, als bis die Kartoffeln reif werden. Da finden seine Soldaten ihre Magazine überall auf dem Felde. Aber sie buddeln und kochen sie auch im Juli, ja, wenn sie Hunger haben, schon im Juni. Kriegsrat! nicht wahr, das ist abscheulich, so gegen die Polizeiordnung zu handeln, wenn man hungert.« »Ich finde es nur einem guten Patrioten konträr, Herr Obristwachtmeister, wenn man immer den Feind im Munde hat und ihn lobt.« »Was, Feind! Kriegsrat! Er ist unser Alliierter, bedenke das Landrecht, da steht was von Landesverrat drin, wenn man gegen alliierte Mächte räsoniert. Und ein wie großmütiger Alliierter! Fordert nichts von uns, sie sagen, er schickt sogar recht viel ins Land. Und rings um uns her stäubt er und fegt und macht uns los von anderen lästigen Allianzen, bis wir mutterseelenallein auf der Welt dastehen. Da wird er uns dann ums Herz fallen und drücken: Du liebes Preußen, nun hindert mich nichts mehr, dir zu sagen, wie ich dich so recht herzinnig und ganz besonders geliebt habe!« Der Frau Kriegsrätin ward bange bei dem Gespräch. Sie verstand es nicht, aber der Instinkt sagte ihr, es sei anders gemeint als gesprochen, und sie sah eine häßliche Falte auf der Stirn ihres Mannes. Da sah sie auch plötzlich die Bienen, die sie übrigens viel früher hätte sehen können, denn sie summten unverschämt um Gläser und Teller: »Jemine, Herr Obristwachtmeister! da ist sie in Ihrem Glase. Schütten Sie aus, das ganze Glas – frisch zu – Sie müssen mit reinem Weine des Königs Gesundheit trinken.« »Der schöne alte Franzwein!« sagte der Major, als er das Gläschen auf die Erde tröpfeln ließ. »Der gärte gewiß schon im Faß, als ich bei Roßbach die Schärpe verdiente.« Er hielt plötzlich inne, als er die Wespe mit dem Finger hinausgeworfen. »Alter Freund! ein frisch Glas auf den jungen König, aber jetzt stoß an mit dem Restchen: daß Preußen noch einmal ein Roßbach erlebt!« Es war die Versöhnung. Der Kriegsrat verstand es, er fuhr aber so heftig gegen das Glas des Majors, daß es einen Sprung bekam: »Tut nichts! Ein neues Roßbach, wenn ich's auch nicht erlebe.« Um nicht aus einem gesprungenen Glase des Königs Gesundheit zu trinken, mußte ein neues herbeigeschafft werden. Dazu kamen andere Unterbrechnungen. Die Jette trug lachend eine verhüllte Schüssel auf. Die Mutter hob das Tuch, und als die Kirschkuchen sichtbar wurden, war die Ordnung am Tische nicht mehr zu erhalten. »Gib ihnen die Kuchen und laß sie laufen«, sagte der Vater, »Sie haben doch keine Geduld mehr und stören uns nur.« Dazu erschallte Trompeten- und Paukenmusik vom einen Dorfende. Es war lebhafter im Dorf geworden, Equipagen fuhren vor, aus der Schenke tönte militärische Musik. »Mein Alter Dessauer!« sagte der Major. »Verzeihung, meine Freunde, wenn ich da zu meinen alten Kameraden muß.« »Aber vorerst das Glas auf den König, Alter.« Der Major erhob sich. Er sammelte sich zu einem Spruch, indem er in die Wipfel sah. Sie strahlten nicht mehr, das Gold der Mittagssonne im Laube. Eine schwarze Wolke fuhr gerade über den Horizont. Es war sehr heiß, der helle Schweiß perlte ihm auf der Stirn. Indem er ihn abtrocknete, verweilte er an den Augen. Er mußte auch da etwas zu trocknen haben. »Du helle Sonne, die du auf ihn scheinst, den einzigen, Herrgott, wenn du untergesunken wärst mit dem Licht seiner Augen, und es wäre wirklich Nacht geworden –« Er sprach's mit feierlicher, aber zitternder Stimme; es war nicht, was er sprechen wollte. Darum hielt er wohl inne, das Glas in seiner Hand zitterte. Der Kriegsrat sah ihn ängstlich an, die Kriegsrätin nach der Flasche, ob er zuviel getrunken. Da schmetterte heiter und lustig das Reiterlied aus dem Kruge. Er fuhr fort: »Nein – nein – es wird wieder Tag werden. Das alles kann nicht untergegangen sein – es kann nicht, es kann nicht. Es schläft nur eine Weile. Und wir werden aufwachen, und andre Augen werden strahlen. Unser junger, lieber, bürgerfreundlicher König, meine Freunde, daß die Sonne Preußens vor ihm aufgehe, daß sein Auge hell aufgehe, das Gute vom Bösen zu unterscheiden, daß sein Sinn sich kräftige und stählern werde gegen die Ratschläge der Weichherzigen, der Schmeichler und Bösen, unser guter junger König soll leben hoch in aller Preußen Herzen!« Man stieß an, und die Gläser klangen auch ziemlich hell, aber die innere Bewegung des Invaliden hatte sich den andern mitgeteilt, es war kein fröhlicher Gläserklang, wo man den Becher mit vollem Herzen anstößt. Auch ward es laut im Dorf; eine spanische Reitermusik mischte schon ihre bizarren Töne mit den schmetternd kecken des Dessauer Marsches. So war eine kleine Disharmonie. Der Major nahm kurz mit einem Händedruck Abschied, die Bäuerin deckte rasch den Tisch ab. Es konnte ein Gewitter kommen, und es war eine Reiterbande im Dorf. Man mußte sich vorsehen. Im Staube sah man auch schon eine bunte Fahne schwingen, und ein Reiter im sogenannten spanischen Kostüm ritt mit einem Trompeter durch das Dorf, in gebrochenem Deutsch zu einem nie gesehenen Schauspiel, expreß zu Ehren Seiner Majestät des Königs, einladend, und umwogt von einer zahllosen Menge großer und kleiner Zuschauer, trottete ein Kamel heran, einen Affen mit roter Jacke auf dem Sattel, und ein Bär in Ketten marschierte hinterher, zum unendlichen Jubel der Jugend, dann und wann sich aufrichtend und im Kreise sich wirbelnd. Elftes Kapitel. Die Frau Obristin . »Herrgott, wo sind die Kinder!« Kaum aber war der Angstruf heraus, als die Verschwundenen schon unter den Bäumen zum Vorschein kamen; doch nicht allein. Eine fremde Dame führte Klara an der Hand, zwei junge Mädchen die andern beiden Kinder dem Tische der Familie zu. »Da sind gewiß die lieben Eltern«, rief schon von fern eine Dame, halb im Reisekleide, aber doch in einer sehr geschmackvollen Toilette. »Entschuldigen Sie nur, meine Herrschaften, daß ich mich so unangemeldet eindränge. Aber die englischen Kleinen gingen mir ans Herz, und ich weiß, was ein Mutterherz leidet, wenn es in Angst ist um seine Kinder. Da, liebe Kleinen, sind eure Eltern. Habt sie nun auch recht lieb, und lauft ihnen nie mehr fort.« »Mein Gott, was ist es!« rief die Kriegsrätin. Die fremde Dame gab eine Erklärung, die wir kurz zusammenfassen. Sie war von einer Reise mit ihren Nichten zurückgekehrt und hatte am Eingang des Dorfes die ihr schon sonst bekannte Reiterbande getroffen. Um nicht mit solchen Menschen zusammenzukommen und auch des gräßlichen Staubes wegen, war sie ausgestiegen und auf einem Fußwege durch die Felder ins Dorf gegangen, aber sie traf doch wieder auf der Dorfstraße die Gesellschaft und hatte mitten im Gedränge der Zuschauer die allerliebsten Kinder, die offenbar von guten Eltern waren, bemerkt. Da war es ihr wie durchs Herz geschossen, daß die Kleinen sich verlieren und den Reitern nachlaufen könnten, und einer der Reiter hatte die Klara gefragt, ob sie zu ihm aufs Pferd wollte, und da hätte sie es für Gewissenspflicht gehalten, das Kind an sich zu reißen und die anderen auch, um sie nach ihren Eltern zu fragen, und da sie's erfahren, hätte sie dem lieben Gott gedankt, daß sie noch zu rechter Zeit hinzugekommen, um die Kinder vor der Gefahr zu retten und ihren lieben Angehörigen zuzuführen. Die Kleinen aber schienen anderer Ansicht. Der jüngste Knabe namentlich zankte mit dem hübschen jungen Mädchen, welches ihn an der Hand noch immer festhielt, und schrie, er wollte zu den Affen. Der Kriegsrat hatte sich von seinem Schreck erholt und freute sich, daß es nichts weiter auf sich habe. »Ach, mein sehr geehrter Herr, den ich noch nicht die Ehre habe zu kennen«, sagte die Dame, »aber gewiß sind Sie ein Patriot, denn das sehe ich an den Weingläsern, und wer unseres guten Königs Geburtstag trinkt, den erlauben Sie mir schon, daß ich ihn als meinen Freund ansehe. Aber Sie meinen, das hätte nichts auf sich! Die Reiter stehlen ja die Kinder wie die Raben. Man kann sich vor ihnen nicht genug in acht nehmen. Oh du mein Gott, ich könnte Ihnen davon Geschichten erzählen, daß einem das Haar zu Berge steht. Sehn Sie, ich fuhr mit meinen Nichten nach Leipzig, damit sie ihren Vater sehen sollten. Wir haben ihn nicht mehr getroffen. Nun, das schadet nichts, der Wille war doch gut, und Leipzig ist eine schöne Stadt, und zur Messe. Sie hätten die Freude der Kinder sehen sollen bei den bunten, tausend schönen Sachen. Na, ich gönnte sie den armen Dingern. Und als wir zurückfuhren, brach ein Rad am Wagen. Ich sagte dem Kutscher, der sonst ein recht verständiger Mensch ist: ›I, kann Er's nicht zusammenbinden, daß wir noch nach Berlin kommen vor Königs Geburtstag?‹ Er sagte partout nein. Der Wagen müßte zum Schmied, wir riskierten sonst, auf der Landstraße liegenzubleiben. Nun können Sie denken, das wollte ich doch auch nicht, drei einzelne Frauenspersonen, und so kamen wir in das Dorf drüben, wie heißt es doch gleich, wo die Schmiede ist. Ja, da hieß es, machen könnte er ihn, aber nicht vor heute früh, und wir hätten auf der Streu liegen müssen in der Schenke, unter all dem Bauervolk in der Wirtsstube. Nun, Sie können meinen Schreck denken, wenn nicht der Herr Prediger davon gehört, und der invitierte uns in sein Haus. Sage ich Ihnen, war das ein charmanter Mann, und sagte: ›Unglücklichen helfen ist Christenpflicht!‹ Und die Frau Predigerin und ihre Töchter. Es ward uns heut morgen recht schwer, uns von ihnen zu trennen, und die Töchter und meine Nichten, die konnten gar nicht voneinander los und haben Brüderschaft getrunken. In Himbeersaft nämlich. Gott bewahre, daß Sie denken sollten, in Wein! Die Herren Prediger auf dem Lande haben auch wohl immer einen Weinkeller! Lieber Gott, sie sind recht schlecht gestellt. Ja, wenn man so über alle Ungerechtigkeit in der Welt nachdenken wollte! Aber ein Mann wie ein Mann Gottes! An den Augen sah er uns alles ab. Und wie wir heut schon im Wagen saßen, brachten sie der Jülli und der Karoline die Vergißmeinnichtsträuße, die sie am Herzen tragen. Sage ich doch, man findet in der Welt überall gute Menschen, und wo man gute Menschen findet, ist die Welt gut. Wir werden uns auch wiedersehen. Und vielleicht sehr bald. Denn der Herr Prediger hat vom Könige eine Vokation nach Berlin. Der König hat ihn mal predigen gehört – wo war es doch? – auf einem Schlosse, und hat gesagt: ›Das ist ein Mann, der zum Herzen predigt, solche Prediger möchte ich in meiner Residenz haben, die nicht das Wort Gottes auslegen, wie's ihnen gefällt, sondern wie's in der Bibel steht.‹ Ja, wir haben schon einen frommen König, der alle Menschen glücklich machen will, und der vorige hatte auch ein frommes Gemüt, wer ihn nur gekannt hatte, und das sind eigentlich neidische und schlechte Gemüter, die ihn schlechtmachen. Mein König ist mein König, und das sage ich graderaus, wer das nicht sagt, der ist nicht mein Mann. Sehn Sie, mein Herr Geheimrat, oder was Sie sind –« »Kriegsrat«, sagte der Kriegsrat. »Oh, Sie werden auch noch Geheimrat werden, das seh ich Ihnen an der Stirne an. Also, mein Herr Kriegsrat, sind Sie nicht auch der Meinung, daß die jetzigen jungen Leute gar nicht mehr sind wie sonst? Nein, was räsonieren sie, und alles wollen sie besser wissen. Ich bin eine gute Royalistin, ich liebe meinen König und sein Haus, und wer das nicht tut, der kann mir zu Hause bleiben. Da waren wir doch ein Herz und eine Seele, der Herr Prediger und ich, alle Obrigkeit kommt von Gott, und wenn er noch Berlin kommt, wird er bei mir logieren. Und wie gern wäre ich gestern schon reingefahren, denn man richtet doch gern sein Haus ein zu solchem Festtage. Nun schadet es aber nicht. Wir tranken schon gestern bei Predigers auf seine Gesundheit, und nun ward mir wieder das Glück, unter solcher charmanten, lieben Familie diesen schönsten Festtag für jeden Preußen zuzubringen.« Der Kriegsrat war anfänglich nicht ganz gut gestimmt; diese Stimmung war überwunden. Er pfropfte die letzte Flasche auf: »Erlauben Sie mir auch, meine verehrte Madam, ehe der Kaffee kommt, mit Ihnen anzustoßen auf die Gesundheit Seiner Majestät.« »Mein Herr Kriegsrat sind die Gütigkeit selbst. Wie sollte ich das ausschlagen?« »Wenn ich auch nicht die Ehre habe, Sie zu kennen, wird es mir doch zur besonderen Ehre gereichen, mit einer solchen Patriotin ein Gläschen zu leeren.« »Obristin Malchen«, sagte die Dame. »Mein Mann ist in holländischen Diensten und steht in Batavia. Ein grausam heißes Land, er wird aber heut auch hierher denken. Ach, er ist ein Patriot.« »Und doch in fremden Diensten!« »Ja, sehn Sie, verehrtester Herr Kriegsrat, da ließe sich mancherlei von sagen. Er war auch in preußischen Diensten ehedem, aber Sie glauben nicht, was draußen die preußischen Militärs in Respekt stehen. Und unsre Disziplin und der große Friedrich. Wenn's heißt, der hat unter ihm gedient. Nu, lieber Gott, Schwächen haben wir alle, da werden mir Herr Kriegsrat recht geben, aber sonst ist er – und hat mir erst voriges Jahr ein rotseiden Umschlagetuch geschickt, was die Mamlucken oder Malaien weben, ich sage Ihnen, von Berlin rede ich gar nicht, aber auch in Leipzig hat's kein Mensch für möglich gehalten.« »Die gnädige Frau werden uns doch die Ehre auf eine Schale Kaffee erzeigen«, sagte die Kriegsrätin, die wohl Lust hatte, das rote Umschlagetuch zu sehen, aber es war tief im Wagen verpackt. Der Kaffee dampfte in der großen braunen Bunzlauer Kanne, wie sie vom Feuer gekommen, auf dem Tisch, aber die Kinder dampften auch – vor Ungeduld. Die Beckenmusik dröhnte verführerisch aus dem Kruge herüber, und die Kleinen blickten erwartungsvoll bald auf den Vater, bald auf die Mutter. »Das ist ein Kaffee, so schön, wie nur mein Mann ihn mir mal geschickt hat, direkt aus Batavia«, sagte die Obristin. »Die Zichorien sind auch aus Herrn Rimpler seiner Fabrik«, sagte die Mutter. Aber die Kleinen wurden weder vom batavischen Kaffee noch von den Zichorien aus Herrn Rimplers Fabrik gelockt. Der kleine Junge schrie vielmehr: »Ich will zu den Affen!« Die Mutter warf einen fragenden Blick auf den Vater. Die Frau Obristin fing ihn auf. »Um Gottes willen, Sie werden doch nicht!« Der Kriegsrat meinte: ob denn in einem bevölkerten Orte und wo so viel anständige Leute beisammen, Gefahr sei, und die Mutter setzte hinzu: wenn sie die Kinder an der Hand führten? »Meine allerbeste Frau Kriegsrätin, erlauben Sie mir zu sagen, ich weiß davon. Solche Bande ist ärger als der Gottseibeiuns. Die stibitzen Ihnen die Kinder vor den Augen weg, und Sie merken es nicht. Hinter die Ecke, ein Pechpflaster schnell aufs Gesicht, und dann, wenn sie's in der Scheune haben, beschmieren sie's und färben's und ziehn ihm Lumpen an, und in einer Viertelstunde kennt's die eigne Mutter nicht wieder. Ja, was ich Ihnen sagen wollte, im Dorfe beim Herrn Prediger, da hatte der Oberst von der gottvergessenen Bande einer Witwe Sohn, ein hübsches Kind, gefragt, ob er nicht mit ihnen wollte, er sollte eine bunte Jacke kriegen und auch immer auf dem Pferde sitzen, und der Junge hatte Lust, aber sie haben ihn gottsjämmerlich geprügelt, der Schulz und die Bauern, da ist ihm die Lust vergangen. Solche Bande sind ja gar keine Christenmenschen nicht, das sind Zigeuner und Juden und Spanier, und wo kriegten sie denn ihre Leute her, wenn sie nicht Christenkinder stählen! Eltern können gar nicht vorsichtig genug sein, denn Sie glauben nicht, wie sie die Kinder malträtieren. Hungern lassen sie die Kleinen und dursten, und Schläge kriegen sie, daß Gott im Himmel sich erbarmen müßte, und ihre Glieder werden gereckt, daß sie die Purzelbäume schießen lernen. Und nachts, mit Respekt zu melden, sperren sie sie in den Stall zu den Affen und Kamelen, wo eine Unreinlichkeit ist, die erschrecklich ist. Nein, für Reinlichkeit bin ich, das ist die erste Tugend und erhält den Körper gesund. Wer reinlich ist und seine Mitmenschen liebt und den Armen Almosen gibt, der ist ein guter Mensch und Gott wohlgefällig, das sage ich oft meinen Nichten. Aber wie die Bären werden sie abgerichtet und lernen Vater und Mutter vergessen. Wenn ich so einen armen Jungen sehe oben krabbeln an der Stange wie 'ne Fliege an der Decke, nein, meine Herrschaften, sagen Sie, was Sie wollen, das kann ich nicht ansehn, das heißt ja die unsterbliche Seele verlieren, und was mich nur wundert, ist, daß die Könige solche Seelenverkäufer dulden. Die müßten mir alle auf die Festung und ins Zuchthaus und mit der Peitsche aus dem Lande gepeitscht, denn es sind alles Ausländer und Spione.« »Ist's die Möglichkeit!« sagte die Mutter, die es kalt überrieselte. »Nun bitte ich Sie, allerbeste Frau Kriegsrätin, wenn Sie einmal so einen Bajazzo sehen, wenn er auf dem Strick springt und die Fahne schwenkt, und Sie erkannten, daß er Ihr kleiner Theodor wäre, alles andre ist ja gar nichts, pure Spielerei gegen eine solche Empfindung. Oh du mein himmlischer Vater, wer möchte eine solche Mutter sein!« Die Kriegsrätin nahm ihren Knaben von der Hand des jungen Mädchens auf den Schoß: »Lieber Theodor, das wirst du mir nie antun!« Der Junge aber schrie nach wie vor, er wolle zu den Affen. »Und mit den Jungens ginge es noch«, fuhr die Frau Obristin fort, »aber bei der Bande ist auch ein Frauenzimmer, eine ganz hübsche junge Person, ungefähr so groß wie – ich habe doch die Ehre, Ihre Fräulein Tochter vor mir zu sehen?« »Wir sind nicht von Adel«, sagte der Kriegsrat. »Meine Tochter Adelheid!« »Nein, du mein himmlischer Vater, wenn ich dächte, daß so ein himmlisches Mädchen mit dem Bären tanzen sollte und dem Vieh einen Kuß geben! Und dann springt sie aufs Pferd, in Hosen und Stiefelchen, und reitet, nicht sitzend, sondern sie steht, und in Karriere, die Zügel so in der Hand, und die Röcke flattern nur so. Nein, wie die Polizei das zugeben kann. Das, erlauben Sie mir, ist ganz unweiblich.« Darin waren Vater und Mutter einig. Auch darin, daß man nicht zu den Seiltänzern gehen sollte, worüber aber nicht allein die Kleinen unglücklich, sondern auch die Nichten der Obristin nicht ganz zufrieden waren. Jene suchte die Obristin durch Zuckerbrote zu beschwichtigen, die sie aus dem Pompadour holte, und erklärte, sie hätte sie für artige Kinder aus Leipzig mitgebracht. Karoline schien aber gar nicht zu begreifen, warum sie das hübsche Schauspiel nicht mit ansehn solle, und auch die ernstere Julie sah die chère tante verwundert an, warum sie gerade heut so strenge war. »Mes chères nièces «, sagte sie, »weil man nicht weiß, wen man im Gedränge findet. Wer wird immer nach Vergnügungen aus sein, wenn die Eltern sagen, daß es sich nicht schickt! Da seht euch die Mamsell Kriegsrätin an und nehmt euch an der ein Muster. Sie sähe auch gern die Reiter springen, aber wo fällt's ihr ein, darum zu bitten; sie sieht, daß ihre lieben Eltern es für unanständig halten. Ja, die Predigerstöchter stürzten mit euch nach der Schenke, das sind gute Mädchen, aber wilde Hummeln. Nein, Mamsell Adelheid ist ein sittsam Kind, wie es sein muß, die ihren Eltern Freude macht. Der könnt ihr vieles absehn. Seht nur, wie sie ganz rot wird. Ach, wenn ihr auch noch so rot werden könntet!« Die Mädchen senkten die Köpfe. Adelheid war schnell zwischen beide gesprungen und umfaßte sie traulich, sie sollten nicht drauf hören. Die Tante scherze nur. Sie selbst wäre auch manchmal eine wilde Hummel und würde auch recht gern die Seiltänzer sehen, aber es wäre auch sonst viel Hübsches im Dorf und im Freien, was sie zusammen besehn könnten, und sie hoffte, daß sie noch hierbleiben und die Tante ihnen erlaube, mit ihr spazierenzugehen. Dabei könnten sie plaudern, singen, Blumen pflücken und Kränze winden. Vor allem aber würde sie sich freuen, wenn sie ihr von Leipzig erzählen wollten und den tausend schönen Sachen, die sie da gesehen. Das wären alles Wunderdinge für sie, denn sie sei noch mit keinem Fuß aus Berlin gewesen. Papa und Mama hätten wohl davon gesprochen, einmal eine Reise nach Potsdam zu machen, aber es sei immer was dazwischengekommen, und sie glaube auch gar nicht, daß es noch dahin kommen werde, denn der Gedanke sei doch gar zu schön. Die Obristin sagte, Mamsell Adelheid sei ein prächtiges Mädchen und ihre Eltern würden viele Freude an ihr erleben, und um der guten Gesellschaft willen wolle sie noch bis Abend bleiben; dann hoffte sie, die beiden Familien könnten Kompanie machen in ihrem Wagen. Die Kriegsrätin, der das längere Beisammensein mit einer so vornehmen Dame natürlich nur schmeichelhaft war, fand sich doch dadurch etwas in Verlegenheit, von der wir nachher reden wollen. Einstweilen riß die Obristin sie daraus, die aufstand, um die Jugend, wie sie sagte, eine Strecke zu begleiten. Sie wollte die Spiele der Kinder arrangieren, damit sie nichts Unschickliches trieben, und zusehen, ob die Gegend auch sicher wäre. Der Lärm und die Menschenmenge hatte sich aber nach dem anderen Teil des Dorfes gezogen. Die Kinder fanden bald auf den grünen Rainen den herrlichsten Platz zu ihren Spielen, denen die freundliche Obristin ratgebend zusah, bis es ihr zu heiß ward, die drei jungen Mädchen aber verloren sich in den hohen Kornfeldern. Zwölftes Kapitel. Schwanenjungfrauen . In den hohen Kornfeldern wuchs nicht überall Korn. Der ebene Boden wird noch jetzt durch viele Vertiefungen unterbrochen, ehemals waren es Seen, dann wurden es Moräste; seit die Kultur fortgerückt, sind es nur noch Tümpel geblieben. Doch ladet ein heller, klarer Wasserspiegel wohl zum Baden ein. Der Bauer, der dich trifft, warnt dich aber, denn der Sage nach sind einige dieser trichterförmig sich senkenden Löcher unergründlich. Außerdem gab es ehemals eine Britzer Heide, ein übelberüchtigter Wald, dessen Buschwerk gesprenkelt in die Kornfelder hineinwuchs. Und endlich schnitten viele Wege und Fußsteige durch diese Felder. Das Auge aus der Ferne sah nichts von den Unterbrechungen, es dünkte ihm eine unermeßliche, goldene Ährenfläche, darin die Kornblumen und der rote Mohn über die Einsamkeit klagten. An einem dieser kleinen Seen lag auf dem grünen, abschüssigen Rande ein junger Mann auf dem Rücken hingestreckt. Er hatte sich gebadet. Ob das Wasser unergründlich, danach hatte er nicht gefragt, es auch wohl nicht untersucht; er war ein guter Schwimmer, der sich im Wasser nach Lust getummelt. Er ruhte jetzt von der Anstrengung und um die Kühle abzuwarten, vielleicht auch, um sich mit der Einsamkeit zu unterhalten. Nach der Wasserseite zu verbarg ihn ein großer Hagebuttenstrauch. Die Hände unterm Kopfe, sah er dem Zuge der Wolken nach, der Flucht der Vögel; vielleicht horchte er auch auf die Lieder, welche die rauschenden Ähren ihm sangen. Ein Geräusch, was sich näherte, störte ihn auf. Den Fahr- oder Reitweg, der in einer Krümmung eine Seite des Tümpelrandes berührte, hatte er beim Herkommen durch die Felder nicht bemerkt. Ein schaumbedecktes Pferd schoß aus dem Ährenfelde. Noch zwei Sätze, und es konnte sich auf dem abschüssigen Rande nicht mehr halten und stürzte sich und den Reiter in die Tiefe. Dieser sah die Gefahr nicht, er ließ dem Roß die Zügel; der Instinkt des Tieres bewahrte beide. Im Augenblick, wo es galt, bäumte es und warf den Reiter ab. – Oder er gleitete aus Sattel und Bügel, die er längst verloren, denn er strauchelte nur etwas und stand gleich wieder auf seinen Füßen. Vielleicht aus einem Traum erwachend, denn ohne sich um das Pferd zu kümmern, das seinen eignen Weg suchte, stand er und hielt sich mit den Händen das Gesicht. Entweder ein Rasender oder ein Betrunkener, hatte der Liegende geschlossen, denn durchgegangen war das Pferd nicht. Es war ein ihm wohlbekannter friedfertiger Gaul aus dem Stall eines Pferdeverleihers. Der Reiter hatte nachlässig, aber sicher gesessen, und die blutenden Seiten des Tieres verrieten deutlich genug die Behandlung, welche es außer sich gebracht. Walter war an dieser Gesellschaft gar nichts gelegen, aber die seltsame Stellung des Ankömmlings fiel ihm auf. Durch die Hände schielte er auf das Wasser, und seine dunklen Augen glänzten seltsam. »Plagt dich – – wenn du's bist?« Er hatte die Hand auf die Schulter des Reiters gelegt. Dieser war nicht sehr erschrocken, als er sich umsah und den andern erkannte. »Vielleicht – eigentlich aber nicht. Ich dachte nur an ein Bad. – So aus dem Glutofen in die kühle Tiefe.« »Was hier dasselbe wäre!« entgegnete der zuerst Dagewesene und faßte heftig seinen Arm. »Kommst du aus dem Gefängnis, Louis? Wardst du heut entlassen?« »Um meine Freiheit zu genießen, jagte ich den Gaul fast tot und ward selbst wieder unfrei und matt wie eine Fliege. Und wenn ich wieder aufflattere, steht doch tausend gegen eins, daß ich wieder gegen etwas anstoße. Wär's nun nicht ein wunderschönes Ende, um gar keinen Anstoß mehr zu geben, wenn ich, erhitzt, durstend, an eines Felsens Rande in der Mittagssonne eine Flasche Champagner auf einen Zug ausstürzte und dann kopfüber ins Meer! – Übrigens gebe ich dir mein Wort, es war kein Ernst, wenigstens hätte ich mir eine andre Pfütze ausgesucht. 's war nur ein aufsteigender Gedanke.« »Aber keine Lerche, die in den Äther steigt«, sagte Walter, als beide sich auf dem Rasen gelagert. Der Ankömmling sog, hingestreckt, die Luft ein. »Nur nichts von Äther in diesem Schwefeldampfe«, sagte er nach einer Weile. »Wenn die Welt bestimmt wäre unterzugehen, ich glaube nicht mehr, daß es in Wasser oder Feuer geschieht, sondern Gottvater läßt sie ersticken in den Dünsten ihrer eigenen Gemeinheit. Es wäre eigentlich ein recht passendes Ende für sie.« »Mitgebrachte Gefängnisgedanken!« »Grillen, Schrullen oder Ungeziefer, wenn du willst, denn als ein vernünftiger Mensch glaubst du doch nicht, daß ich in dieser Sozietät eximierter Lumpen einen Gedanken aufgefangen hätte. Ja, hätten sie mich an eine Karre geschmiedet, unter den Baugefangenen gibt's vielleicht noch Menschen.« »Du solltest ins Gebirg, dich baden in der Morgenluft, im Felsbach – du solltest auf lange Zeit aus der Stadt.« »Alles Selbsttäuschung, Betrug, Walter! Freilich, wenn Tieck uns abends in dem verschloßnen, halbdunkeln Kämmerchen seine Märchen vorlas, mochte ich den Waldduft herunterschlürfen, der Nixe mit den langen Haaren um den Nacken fallen und die Allmutter Natur an meine Brust pressen; aber in natura ist's anders. – Bin ich nicht umhergestürmt! Die Sohlen habe ich mir abgelaufen, aber keine Nixe, nicht mal eine Hexe gefunden. Beim Morgenrot rufst du ah und findest dich in Odenstimmung, und abends wirst du empfindsam und könntest Matthisson mit seinem Zopf an die Brust drücken. Alles Illusionen! Sei redlich gegen dich selbst. – Die Wahrheit sucht man doch, wo die Sonne am höchsten steht, und ich habe sie gesucht, rechtschaffen. Schlürfte alle Aussichten, und meine Ansichten wurden immer enger. Am Ende kamen mir die zackigen Felsen da hinter Dresden, die wir beide einmal bewunderten, nicht anders vor als die gepuderten Köpfe unserer Kriegsräte. Und mehr haben sie auch nicht zu schaffen mit dem Weltgeist, als daß sie rot werden im Morgenlicht und abends Schatten werfen. Rot werden können unsere Puderköpfe freilich nicht mehr, aber wenn sie uns im Lichte stehen, kann man sie wegschubsen. Diese verfluchten toten Felsen bleiben aber immer stehen. Nein, Teuerster, die Romantik in Ehren, die Menschen bleiben doch wenigstens Puppen, mit denen man Schach spielen kann.« »Wenn wir nur fliegen könnten! Wenigstens wie die Lerche hoch.« »Und ich möchte sie immer mit dem Pustrohr runterblasen. Da fliegt das Biest hinauf, schmettert uns Wunderklänge vor und kommt doch nie weiter als ins leere Blaue. – Ja, Walter, wenn man's recht besieht, kommen wir auch noch zum Schluß, daß die Natur nicht mehr ist als eine alte Vettel, morgens und abends geschminkt. Und weil sie sich bei Tag nicht besehen lassen will, sticht und brennt die Sonne.« »Nur, daß die Schminke immer frisch bleibt, heut wie am Tag der Schöpfung.« »Wer sagt dir das! Es hat keiner gelebt, als Gottvater auf den Einfall kam, diesen Spielball Erde zu erschaffen und in das Uhrwerk Universum zu schleudern, damit er zu Ehre des Höchsten seinen Parademarsch um die Sonne kreist.« Der Ankömmling zog mechanisch die Gräser und Kräuter, die seine Hand ablangte, mit der Wurzel aus. »Suchst du nach der Alraunwurzel?« »Könnt ich sie finden! Den allertiefsten Schmerz aus der Tiefe herausziehen, vielleicht würden uns die andern Schmerzen dann wie Bagatellen erscheinen.« »Der tiefste Schmerz müßte doch töten. Darum verbarg ihn die Natur. Was wühlen wir denn nun tiefer und tiefer –« »Und spielen nicht lieber am Bach mit Vergißmeinnicht und Veilchen! Nicht wahr, das ist viel gescheiter. Wollen wir nicht etwa nach Halberstadt zum Vater Gleim, im Freundschaftstempel uns gegenseitig anräuchern und ansingen, du mein Anakreon, ich dein Tibull.« »Der höchste Schmerz wäre Selbstvernichtung, und zum Selbstmord schuf uns nicht die Natur!« rief Walter, ohne auf den Spott des Freundes zu achten. Louis hatte sich aufgerichtet und verbarg wieder das Gesicht in beiden Händen. »Ein Stück von der Alraunwurzel zog ich doch schon raus. – Wenn ich nur wüßte, ob der Wunsch Sünde wäre?« »Welcher?« »Wäre meine Mutter keine tugendhafte Frau gewesen!« Es folgte eine Pause. »Dein Vater ist nicht schlimmer als Tausende.« »Ist das ein Trost, daß ich eine Partikel bin von einer Partikel aus der allgemeinen Erbärmlichkeit.« »Er läßt dir Freiheit.« »Er läßt aller Welt die Freiheit, so niederträchtig zu sein, wie sie Lust hat, damit er nicht schamrot zu werden braucht.« ›Das ist ein hartes Wort‹, dachte Walter, und auch Louis mußte es denken, denn er war rasch aufgesprungen und reichte dem Freunde die Hand: »Adieu!« Walter umfaßte seinen Arm, er wollte ihn in der Aufgeregtheit nicht von sich lassen: »Du verwüstest dich selbst. Ich bin nicht zum Moralprediger geboren, aber – du warst es zu Besserem.« »Was kann man denn Besseres tun in dieser Gesellschaft, als sich selbst verwüsten! Trinken, und wenn man erwacht, wieder trinken. Sind nicht alle Edleren dazu bei uns verdammt. Tadelst du den Prinzen, daß er den Schaumbecher nicht von der Lippe läßt, daß er wenigstens den Jammer nicht mit ansehn will wo er nicht helfen darf. Lieber doch berauscht untertauchen und rasch, als nüchtern zusehen, wie wir Zoll für Zoll im Morast versinken. Oder wo ist denn die Kraft, die nach Besserem ringt, wo nur ernster Wille! Der Gute, Zahme, Bescheidene da, der sich nicht mehr ganz von den Schlechten von ehemals will leiten lassen, aber auch nicht ganz mit ihnen zu brechen wagt! Die beschränkte, duckmäuserige Tugend, die sich den Himmel malt an ihre vier Wände, aber der Himmel draußen ist ihr zu frisch und kühl. Sturmwind ringsum, nur aufspannen, nur zusteuern brauchten wir, und mit vollen Segeln triebe das Kriegsschiff – prost Mahlzeit! Man kettet das Steuer an, umwickelt die Ruder und laviert. Das ist eine berauschende Kunst. Soll ich mich auch anlernen lassen? Bei wem? Bei meinem Vater? Staatsdienst! Herrliche Menschenbestimmung! Dein Vater predigt es dir ja wohl auch täglich: Laß dich anstellen. Wollen wir uns polnische Krongüter schenken lassen? Die sind schon weggeschnappt. Wollen wir mit den Juden und Domänenräten die Rittergüter taxieren und Hypotheken verschreiben, die ihren Wert im Monde haben? 's ist auch schon zuviel drin gepfuscht. Lieferanten für die Armee, aber es gibt keinen Krieg! Oder uns üben, solche süßgänseschmalzhonigduftenden Kabinetts- und Humanitätsdekrete schreiben, die beweisen, daß Gott, der König, seine Minister und seine Regierungsräte alles mit Weisheit und Verstand gemacht haben? Himmel und Hölle! wem nun andres Blut in den Adern pulst! – Die schönen Verse, die hochedlen Charaktere des großen Dichters auf der Menschheit Höhen! Schlugen wir ihnen nicht oft in mitternächtlicher Lust den Schädel ein und sahen, daß es nur Masken waren! Gib, zeig, schenke mir was, wofür ich mich begeistern, was ich ans warme Herz drücken kann, wofür es in Flammen aufschlägt, wofür ich mich in die Schanze oder in den Tod stürze. Fähndrich Pistol ist mein Philosoph, wenn er die Welt doch noch für eine Auster hält. Leider fehlt aber das Schwert jetzt, sie zu öffnen. Laß mich rasen.« »Ich hätte gar nichts dagegen, wenn du ein rasender Roland würdest und dich einmal zum Tollwerden verliebtest. Du bedarfst einer Radikalkur.« Louis Bovillard lachte. »In diese Mücken! – Schaff mir was andres. Schaff mir ein Vaterland. Das, das! Vielleicht wär ich ein anderer!« Er spuckte, und ohne sich noch einmal umzudrehen, ging er sein Pferd suchen, das gemütlich im Kornfelde seinen verzehrenden Meditationen nachhing. »Ein Vaterland!« wiederholte Walter. Es war ein Funken, der viele Gedanken zündete, aber es waren nicht die Gedanken, um die er heut die Einsamkeit gesucht. Er stand mit untergeschlagenen Armen, seine Augen schienen die Würmer im Grase zu verfolgen, und er hörte nicht, wie sein Freund zurückgekehrt war, diesmal den Gaul am Halfter, und ihn vorsichtig um den Rand des Sees führte. Er hörte erst, als Louis seinen Namen rief: »Was sinnst du? Bei dir hat die Romantik noch nicht einmal ganz durchgeschlagen, während ich sie abschüttele. Du weißt den ›Zerbino‹ auswendig, und ich wette, du schwärmst wieder für den Kieferbusch drüben auf dem Sandhügel.« »Und warum nicht! Tieck hat unrecht, wenn er die Lust schilt, die sich auch aus dem Unbedeutenden Nahrung sucht. Gerade das führt uns zur Vaterlandsliebe, die du suchst. Aber was führt dich zurück?« »Der Anblick einiger Herren von der Gendarmerie, die mein scharfes Auge vom Gaule aus in der Ferne entdeckte. Um nicht ihnen zu begegnen, stieg ich ab und will mich durch einen Fußsteig schlängeln. Auch auf die Gefahr hin, daß der Bauer uns pfändet. Nun, bewunderst du nicht meine Vernunft?« »Wenn ich nicht wüßte, daß du bei nächster Gelegenheit doch wieder mit ihnen zusammenstößest.« »Das ist mein Fatum. Konnte Mercutio für seine Natur!« »Wenigstens spielt wieder Humor auf deiner Stirn.« »Und in deinen Augen glänzt ein Gedicht.« »Ich habe das Versmachen verschworen. Du weißt es.« »Aber, Walter, in solcher Natur! Ich müßte dich ja nicht kennen. Ein tiefer See mit romantischen Ufern! Vielleicht kommen die Schwanenjungfrauen angeflogen, entkleiden sich, ihre Schleier hängen sie an die Hagebutten. Husch hast du einen weggestohlen und erwartest als frommer Siedler im Korn die Schöne, die als Mediceische Venus um Gottes willen um ein kleines Stückchen Bekleidung bittet.« »Wir irrten darin, daß wir das Wunderbare immer in der Ferne suchten: Willst du immer weiter schweifen? Sieh, das Gute liegt so nah! Lerne nur das Glück ergreifen, Denn das Glück ist immer da.« »Wie schon Goethes anderer guter Mann, der nach Schätzen gräbt: Und froh ist, wenn er Regenwürmer findet.« »Wer den Sinn für sie mitbringt, dem schwebt ihr Geist entgegen auch vom Tautropfen, der am Grashalm hängt, er wiegt sich in den Ähren, über die der Wind hinspiele.« »Er glitzert auch im Mistkäfer, warum gähnt er nicht auch in dem Frosch, der da unvernünftig weit über der Mummel das Maul aufsperrt. Sieh ihn an, welche tiefe Weisheitssprüche die Padde krächzt. – Und welche Weisheit bläht sich eben auf deiner Brust! Es muß heraus, ich sehe es, und du brauchst einen Zuhörer. Frisch losgelegt! Gleichviel, ob die Naturandacht als Predigt oder als Rhapsodie rausbricht. Die Gendarmen sind noch im weiten Felde. Heraus denn, ein verschluckter Gedanke ist Gift.« Walter van Asten schien wirklich nur der Aufforderung zu bedürfen, den Gedankenstrom, der in ihm arbeitete, auszugießen: »Weil wir zuviel tranken und seine üblen Wirkungen empfanden, sollen wir darum den Wein selbst ausgießen! Sollen wir zur Nüchternheit, zur Korrektheit zurückkehren? Tut der Gärtner recht, der lauter exotische Gewächse in seinem Garten ziehen wollte, und sie kamen nur zum Teil oder verkrüppelt fort, der darum alle ausreutet und meint, der Boden tauge nur zu Kartoffeln! Legen wir doch das Geständnis ab, daß wir im Übermut, gelangweilt und aus Verdruß über die ekle Schalheit der Poesie, wie sie getrieben wird, uns in kecker Laune oft auf den Kopf stellten und vom Publikum verlangten, es solle es mit uns tun. Wir fanden Anhänger, und es ging eine Weile, wie alles Neue. Nun finden sie die Stellung unbequem. Ist das zu verwundern? Sollen wir aber alles darum als Visionen fahrenlassen, was wir in der Begeisterung, in dem seligen Rausche sahen. Hörten wir die Wälder, die Bäche nicht anders rauschen als der Prediger in Werneuchen, blieben uns nicht andere Anschauungen in Natur und Kunst zurück, nicht die Schauer der Ahnung, das Wesen der Wunder, welche die Welt erfüllen. Wir kommen nicht fort ohne den Glauben daran, auch wenn wir uns mathematisch beweisen, daß es keine Hexenmeister gibt und keine Gespenster um die Grüfte schweben. Haben wir nicht Geister zitiert, von denen unsere Väter nichts wußten! Wie anders, lebensfrisch schaun uns schon jetzt die Alten an, als die Philologen mit den Perücken sie sahen! Lebt nicht der britische Riese unter uns, ein geharnischter Geist, der unsere Theatermisere zertritt! Zitierten wir nicht Dante, nicht Calderon aus seinem vergessenen Grabe? Diese können sie nie wieder totmachen, sie werden leben und noch vieles mit ihnen, und wir mit Stolz sagen, wir wurden ihre zweiten Väter!« »Das ist alles recht schön«, entgegnete Louis. »Wenn die Geister nur Mark und Bein bekämen, wenn sie unseren Geheimräten und Ministern einen Rippenstoß geben könnten und einen Feuerhauch durch die Seelen unserer Philister jagen. Da's aber nicht ist, bin ich doch der Meinung deines Gärtners, daß unser Boden nur zu Kartoffeln taugt. Sind sie nicht ein herrliches vaterländisches Gewächs und Vetter Michel ein dito Mensch? Er grämt sich nicht, er schämt sich nicht, erträgt Fußtritte und Prügel wie der Esel, wenn er nur Kartoffeln hat, und item: Sag mir nichts von gutem Boden, Nichts von Magdeburger Land, Selig ruhen unsre Toten In dem leichten kühlen Sand.« »Vaterländisch!« fuhr Walter auf. »Und hat die Schule nicht grade auch unsre eigensten, zertretenen, vergessenen Schätze deutscher Vorzeit aus dem Staub und Rost ans Licht gezogen! Was kannten wir davon? Einzelne Äolsharfentöne der Minnesänger. Ging nicht eine deutsche Urwelt uns auf im Nibelungenliede! Du lächelst, weil die Toren lachen. Wir erfuhren, unser Volk hat gelebt, wie die Griechen durch die Iliade wußten, daß sie gelebt, daß ihre Väter groß und herrlich waren, ehe es eine Geschichte gab. Das wissen wir nun auch, daß Kriemhilden und Siegfriede, daß Gunter und Hagen unserer Geschichte vorangingen! Oh, welchen Born der Sage die Romantik uns erschloß! Jetzt verstehen wir erst, nicht aus den nüchternen Chronisten, ein welch Volk wir waren unter den Hohenstaufen. Im alten Kyffhäuser schläft nur der Kaiser seiner Herrlichkeit, und die Raben krächzen um seine Trümmer, und die Geister warten auf seine Erweckung. Das, Louis, hat uns die Romantik enthüllt, der du einen Fußtritt geben willst, weil sie nur Trugbilder zeigte, und du willst Realitäten. Was hatten die Juden mehr von Palästina als ein Traumbild. Das Traumbild weckte einen Moses. Laß einen Moses erweckt sein, und wir haben wieder ein deutsches Volk, eine deutsche Herrlichkeit. – Vielleicht, daß wir's darin versahen«, schloß der Aufgeregte, »Wir machten aus der ungeheuren Sage nur für uns ein Spielzeug; aber andere mögen nach uns kommen, die unserm Volke diese gewaltigen Bilder anders hinhalten, einen kolossalen Spiegel, vor dem unsere Erbärmlichkeit erschrickt – und sie können sich ermannen, sie können besser werden, wenn –« »Wenn ein Moses geboren wird!« fiel Louis ein, drückte rasch Waltern die Hand und riß sein Pferd in den Fußsteig. »Da liegt es!« tönte noch seine Stimme aus dem Korn. »Einen Moses! Nur einen Moses! Die Juden und die Ziegelstreicherknechte sind immer da.« Walter lag wieder unter der Hagebutte. »Wenn er einen andern Vater hätte, ein ander Vaterland!« Waren das nicht Streiflichter des ewigen Schmerzes, für den es keine Heilung gibt? Walter starrte auf den Wasserspiegel. Auch die Frösche lagen wie matt von der Hitze auf den breiten Blättern der Wasserlilie, regungslos. »Ein Moses!« Wo sollte der Moses herkommen, wenn auch über den Wassern nicht mehr der Atem Gottes schwebte! Wenn die Verstockung auch auf dem Element, das die Erde umgürtet, sich niedersenkt! Nein, es war nur die schwüle Luft. Die Augen fielen ihm zu, und die Natur übte ihren beschwichtigenden Zauber über die finsteren Gedanken. Die Falten verzogen sich um seine Brauen, der Mund fing wieder an zu lächeln, und man konnte denken, daß Traumbilder aus einer glückseligen Welt um seine Schläfen spielten. Waren das auch Erscheinungen seiner Phantasie, die blühenden Mädchenköpfe im Korn? Schossen Elfen auf zwischen den Ähren? Der Hagebuttenstrauch im Korn, der grüne Rain, der die Felder trennt, ist ja ihr Spielplatz. Hier führen sie Reigentänze, hier stampfen ihre zierlichen Füßchen die Ringelkreise, die der Landmann am Morgen findet, und der Abendtau fiel noch auf frisches Gras. Aber schnell, wenn ein Späherauge sie entdeckt, verschrumpfen sie, hängen sich an den Ginsterstrauch, sie klettern in die Hagebutte. Der Wind scheint in den Blättern und Zweigen zu spielen, aber es sind ihre leichten Körper, die sich daran schaukeln. Diese verschwanden nicht. Die eine, eine schmächtige Brünette von dunkeln, aber etwas umflorten Augen, mit einem getrübten Blick. Die roten Mohnblumen, die ihre losen Blätter im schwarzen Haar flattern ließen, paßten zu der Gestalt, dem melancholischen Gesicht. Eine Elfe, die den einen unwiderstehlich anziehen mochte, den andern zurückstoßen. Die andere, kleinere, rundliche, ein nußbraunes Mädchen, mit Schelmengrübchen um die Wangen und lachenden Schelmenaugen; wie wohl stand ihr der Kranz von Kornblumen, Ähren und Mohn im Haar. Aber die dritte, die Elfenkönigin. Wie frei schaute ihr blaues Auge, blau wie die Kornblumen, blau wie der Himmel, aus der freien Stirn. Wie leicht bewegte sie sich, wie anders atmete sie die Luft ein; nicht als gehöre die Welt ihr, aber als nehme sie freudig ihren Tribut hin von Licht und Luft, von Farbe und Atem. Und wie hatten die andern, das konnte sie nicht selbst getan haben, die Felder geplündert, um die eine auszustatten! Ein dichter Kornblumenkranz war auf ihr blondes Lockenhaar gedrückt, und eine Mohnblume, aber keine rote, die hätte nicht hierhergepaßt, eine seltene, volle, weiße, glänzte als Diamant über ihrer Stirn. Eine andere Girlande von Kornblumen hing wie eine Schärpe um ihren Nacken, und auch den Abwurf des Kleides hatten sie mit allen bunten Blumen, die als scheckiges Unkraut zwischen den Ähren blühen, besetzt. Eine Hochzeit mit der Natur? So traten die Elfen aus dem Korn auf den kleinen freien grünen Platz drüben am Rande. »Ach, wie hübsch!« rief die Königin. »Da ist Wasser!« und breitete die Arme aus, indem sie sich Luft nach der Brust fächelte. Das nußbraune Mädchen umfaßte sie plötzlich und ergriff die Hand der Brünette: »Faß sie an, hier wollen wir tanzen – Ringel-Ringel-Rosenkranz.« Die Elfen schwebten im Ringeltanz, bis es ihnen zu heiß ward. Sie lagerten sich auf den Abhang, die Königin in der Mitte. Sie scherzten und plauderten wie neckische Kinder. »Ich muß mich eigentlich schämen«, sagte die Königin, »wie habt ihr mich ausgeputzt, und ich bin's doch nicht wert.« »Schäme dich nicht!« sagte die schmächtige Elfe mit dem schwarzen Haare, die ganz auf dem Boden ausgegossen lag, und drückte die Hand der Königin an ihre Lippen. »Herrgott«, rief die Königin, »du küssest mir die Hand, und ich glaube gar, du weinst.« Sie zog erschrocken die Hand zurück. Die Nußbraune lachte auf: »Die Jülli ist immer närrisch, und ich bin immer lustig. So sind wir, wir bleiben aber doch gute Freunde. Nicht wahr?« »So wollen wir's alle drei sein«, sagte die Königin. »Ich komme mir nur so dumm unter euch vor, ihr seid in Leipzig gewesen. Das will mir gar nicht aus dem Kopf. Und euer Onkel ist ein vornehmer Offizier und gar in Indien. So was hätte ich in meinem Leben nicht geträumt.« Die Schwarzbraune schüttelte den Kopf. »Der ist nicht mein Onkel.« »Na, meiner auch nicht«, lachte die Nußbraune. Die Elfenkönigin bat die Gespielinnen nun, ihr Wort zu halten und ihr recht viel, soviel sie könnten, von Leipzig zu erzählen. Die Nußbraune hatte auch Lust dazu, nur brachte sie die Herrlichkeiten, die sie gesehen, etwas konfus heraus, und man wußte oft nicht, ob sie von den Menschen oder von den Waren sprach. Aber alles war herrlich dort gewesen, die Affen und die Seiltänzer, die Komödianten und die Buden auf den Straßen. Über die Griechen und die polnischen Juden und die Türken hätte sie sich bucklicht lachen mögen, und vor ihren langen Bärten hätte sie sich zuerst grausam gefürchtet, aber dann hätte sie gesehen, daß es alle reiche und generöse Herren wären, mancher hätte mit den Dukaten um sich geworfen wie mit Zahlpfennigen, und alle hätten gesagt, solche gute Messe hätten sie lange nicht erlebt, und sie wünschten alle ihre Lebtage auf der Leipziger Messe zu sein. Die Schwarzbraune senkte ihren Kopf: »Mir ist's hier viel lieber. Hier ist's hübsch.« »Wenn man nur Gesellschaft hätte!« rief die Nußbraune. Ein stummer Blick der andern schien sie zu strafen. Auch die Königin sah sie verwundert an und sagte: »Sind wir uns nicht genug! Wir plaudern ja so allerliebst zusammen, und wenn's nur nicht so heiß wäre.« »Wir könnten uns baden!« rief plötzlich die Muntere. »Ja, baden, baden! Kinder, das ist prächtig!« Der Gedanke zuckte wie ein Blitz. Der Ort war so still und einsam, ein tiefer Kessel, geschützt durch einen Rand von über Mannshöhe, und darüber stand noch wie eine Ringmauer das Ährenfeld. Wo sollte da ein Lauscherblick herkommen! Selbst die Vögel flogen nicht mehr. Im Strauche regten sich die Blätter, die Kornähren wiegten sich nur durch ihre Schwere. Die Karoline war plötzlich aufgeschnellt und machte eine Bewegung, als wolle sie mit einem Ruck ihre Kleider abwerfen. Jülli, die Schwarzbraune, sah fragend auf die Elfenkönigin, ob sie Lust habe. – Lust hatte sie wohl, aber – aber sie machte die Bemerkung, man wisse ja nicht, ob das Wasser nicht zu tief sei. Darauf wandte Karoline ein, sie wollten am Rande bleiben und es zuerst versuchen. Adelheid errötete jetzt, sie fühlte, daß sie nicht ganz die Wahrheit gesagt, sie wußte nicht und zweifelte sogar, ob ihre Eltern es erlauben würden. Jülli sagte: »So lassen wir es lieber, wer weiß, ob es chère tante auch recht ist!« »Wer wird denn ma chère tante fragen, wenn sie nicht bei ist!« lachte Karoline, aber der Blick, den ihr Jülli zuwarf, schien sie doch unschlüssig zu machen. Man unterhandelte und kam überein, daß man sich nur die Strümpfe ausziehen wolle und ein wenig die Füße baden, das gebe Erfrischung für den ganzen Leib und sei auch gar nicht gefährlich. Die Füße sich waschen, ohne die Eltern zu fragen, sei doch wohl erlaubt, dachte Adelheid. Nur ihren kleinen Bruder hatte die Mutter einmal geohrfeigt, als er sich beim Regen die Strümpfe ausgezogen und durch den ausgetretenen Rinnstein gewatet war. Die Züchtigung hatte er indes ausdrücklich nur erhalten, weil das die Straßenjungen täten, weil es sich in einer Stadt nicht schicke und weil der Rinnstein ein schmutziges Wasser sei. Diese drei Gründe griffen ja hier nicht Platz. Die Strümpfe und Schuhe flogen auf den Rasen, und sechs zierliche Füße plätscherten im Wasser. Die Mädchen faßten sich an, um die Kühlung gemeinschaftlich zu genießen. Karoline zog die andern unmerklich etwas weiter: »Hier können wir bis am Knie stehen, ach, das tut wohl!« – »Herrgott, Karoline, was willst du?« rief Jülli, die sah, daß Karoline Miene machte, ihre Kleider abzustreifen und aufs Ufer zu werfen. – »Ich bin ja vom Kietz in Spandau, ich ertrinke nicht.« In dem Augenblick fuhr ein Ton durch die Luft. War's das Gekreisch eines Reihers, war's ein Pfeifen, der Warnruf einer menschlichen Stimme? Erschrocken sahen die Mädchen sich um. Das war ein Moment. Im nächsten waren sie es, die laut aufschrien und, mit einem Sprunge am Ufer, nach Schuh und Strümpfen griffen. Ein dritter Moment: ein helles Gelächter vieler Männerstimmen, Säbel klirrten in der Scheide, Pferde wieherten. Mehrere Kavallerieoffiziere preschten durch den Feldweg, und einer rief: »Hussa! Richtig gesehen! Badende Mädchen; da wollen wir helfen!« Zwei machten Miene, vom Roß zu springen, während der vorderste sich zwischen Rand und Kornfeld einen Weg zu bahnen suchte, ohne dabei auf die Ähren zuviel achtzuhaben. Aber das Pferd scheute vor einer Unebenheit, und die Elfen gewannen den Vorsprung. Sie kletterten, sprangen, schwebten in atemloser Hast um den Rand des Sees, nach einem Ausweg suchend. Der, auf dem sie gekommen, war ihnen schon durch den Reiter versperrt. Sie fanden ihn in der Nähe des Hagebuttenstrauches. Den Lauscher hinter dem Busche hatten sie nicht entdeckt, aber die Unordnung in den schwankenden Ähren verriet noch lange die Richtung, in der sie verschwunden waren. »Echappiert!« rief der vorderste Reiter, die Terrainschwierigkeiten als guter Kavallerist erwägend, und ließ den Daumen und Mittelfinger in die Luft knallen. »Wollen wir schwenken, nachpreschen, Dohleneck?« fragte der zweite. »Müßten ein ganzes Kornfeld niederreiten«, sagte der Rittmeister, »und das käme wieder zu des Königs Ohren. Ihr wißt, wie er die Bauern protegiert!« »Jammerschade!« Der zweite schlug vor, abzusitzen, die Pferde anzubinden und ihnen zu Fuß nachzueilen. »Die sind fix wie der Wind.« »Aber barfuß. Die Füßchen würden ihnen doch zu weh tun, so über Stock und Block. Und werden sie mit blanken Beinen ins Dorf laufen zu Papa und Mama? Irgendwo im Korn verpusten sie sich und ziehen die Strümpfe an, da attrappieren wir sie und probieren, ob sie die Strumpfbänder nicht zu fest binden. ›Das ist schädlich‹, sagt Hufeland.« Der Rittmeister strich den Bart und sagte: »Meine Maxime sei, nie was suchen, aber die Überraschung hinnehmen. Das ist soldatisch. Und wenn wir sie bei Nahe besehen, wer weiß, ob wir uns nicht schämen, ihnen nachgelaufen zu sein.« Hexen wären es nicht, meinte der zweite, und der dritte: er müsse die eine schon gesehen haben; auch die andre kam ihm bekannt vor, aber er wußte nicht, wo sie hinbringen. Man beschloß endlich, beim Rückwege durchs Dorf zu reiten, »wo man sie doch wohl wieder zu Gesicht kriegen wird.« – Sie sprengten fort. Es war still wie vorher. War's ein Traum! dachte Walter, der sich hinter dem Strauche aufrichtete und über die Stirn fuhr. Die eingeknickten Ähren sprachen dagegen. Unfern von der Stelle, wo er gelegen, lagen Kornblumen, die sich von einem Strauß aufgelöst. »Das hatte sie an der Brust.« Er raffte die Blumen rasch auf. An einer halb geknickten Ähre flatterte ein blauseidenes Strumpfband. »Das hat sie verloren.« Er ergriff es und schlang es um die Kornblumen zum Bukett. »Und die Toren wollen sagen, es gebe keine Romantik!« Er blieb zaudernd stehen. Sollte er auch ins Dorf? »Die Erscheinung war so schön, warum denn die Wirklichkeit aufsuchen, welche in einem Augenblick vielleicht den ganzen Zauber löst.« Dazu erinnerte er sich, daß er dem Geheimrat Lupinus versprochen, ihm bei der Kollationierung zweier Manuskripte heut abend zu helfen. Und Lupinus hatte gesagt, daß er ihm einige Privatstunden verschaffen zu können hoffe. Walter schlug vergnügt den Rückweg ein. Er war es, der bei Annäherung der Reiter das Warnungszeichen aus dem Busch gegeben, welches die jungen Mädchen vor einer Szene bewahrt, in welcher er unmöglich den stillen Lauscher spielen durfte. Aber welche Rolle hätte er spielen sollen! Dreizehntes Kapitel. Das Gewitter . Auch die Sonne hat Flecken, und auch in der glücklichsten Ehe gibt es Familienszenen. »Ach, daß ein so schöner Tag so ausgehen muß!« seufzte die Hofrätin, aber der Kriegsrat blieb unerbittlich. Es war doch wie vom Himmel gefügt, daß sie mit einer so vornehmen, liebenswürdigen und freundlichen Dame Bekanntschaft gemacht. Die Herzensgüte sah man ihr an den Augen ab. Was konnte ihre Tochter davon profitieren! Sie war ganz gewiß, daß die Obristin Adelheid zu sich einladen würde, und wer weiß, wenn die Nichten mit ihr Freundschaft schlössen, ob sie nicht an ihren Privatstunden teilnehmen könnte. Ja, es wäre wohl möglich, daß die Obristin ihre Tochter ins Haus nähme, in Pension wollte sie gar nicht sagen, denn sie hätte wohl bemerkt, mit welchem Wohlgefallen sie die Adelheid immer angesehen. Und alle diese Vorteile und Aussichten wolle er mutwillig von sich stoßen. Und warum? »Weil wir keine Equipage halten können«, rekapitulierte der Kriegsrat. »Wie du auch bist, Mann! Wer redet denn davon. Aber den Christian von der Brösicke könnten wir heimlich in die Stadt schicken, daß er uns eine Lohnkutsche holt, von Herrn Verdrieß, dem Fuhrmann, er wohnt ja gleich am Halleschen Tor. Für einen Groschen tut's der Junge, ach, er tut's umsonst, aus Pläsier, daß er zurückkutschieren kann. Dann fährt der Kutscher vor, wir kommen mit Anstand in die Stadt zurück, und sie denken, 's ist unser Wagen.« »Sie sollen nichts denken, was nicht wahr ist.« »Alter, verstehe mich nur, 's ist ja auch nicht darum, daß wir was scheinen, was wir nicht sind. Für 'nen Registrator schickte sich's auch, aber – wenn Du nun Geheimrat wirst!« »Kommt Zeit, kommt Rat.« »Und bis dahin kommst du ins Gerede und wirst am Ende gar nicht Geheimrat.« »Dann bleib ich Kriegsrat.« »Und deine Tochter bleibt sitzen. Sie kommt ins Gerede. Wenn wir nun mit Sack und Pack unterm Arm trotten, liebster, bester Mann, und die Obristin kommt gerollt in der schönen Equipage, und die Adelheid trägt wohl gar wieder den Korb – ach, wird sie denken, das sind solche Leute! und du bist's, der das Glück deiner Kinder verscherzt hat, aus Eigensinn!« »Da können wir ja gleich die Frau Obristin fragen.« Sie kam. Und ehe noch das Wort: »Du wirst doch nicht?« von ihren Lippen war, mußte die arme Frau hören, was sie doch nicht von einem Manne, der auf Reputation hält, für möglich gehalten. Er mußte entweder sehr bös oder bei sehr guter Laune sein. »Ach, du meine Güte!« rief die Obristin. »Liebe Frau Kriegsrätin, mein Mann war auch nicht immer Obrist. Und ich habe auch nicht immer den Mantel von Sammet getragen. Ein Korb am Arm, auch ein großer Korb, ist keine Schande; wenn man sich nur nicht mit jedem abgibt, der gelaufen kommt, da kann man auch im blauen Kattunspenzer ein honetter Mensch sein. Es ist schon recht, daß man auf Distinktion hält, und ich halte gewiß darauf, davon können Ihnen meine Niecen was erzählen; aber pfui, wenn man darum einen Menschen nicht ästimieren wollte, wenn er nicht mit Vieren fährt! Ich könnte Ihnen von Prinzen erzählen, haben den Stall voll Kutschenpferde und gehen zu Fuß aus, im Surtout bis über die Ohren zugeknöpft, und wenn sie anklopfen, man hört das gleich raus. So treten sie in die Hütten der Armut, und wie mancher, der hungert, wird von ihnen satt. ›Strecke jeder sich nach seiner Decke‹, das ist meine Maxime. Wer seine Nebenmenschen nicht achtet, den achte ich auch nicht. Meine liebe Frau Kriegsrätin, was ist aller Glanz dieser Erde! Eitelkeit, sagt der Herr Prediger, und wer solide handelt, der kommt am besten noch fort in diesem irdischen Jammertal. Und wenn ich nur Platz hätte in meinem Wagen, mein Gott, ich würde es mir ja zur größten Ehre rechnen, wenn ich eine so solide Familie mitnehmen könnte. Einen Platz haben wir noch; der stuckert aber so sehr. Und als wir Abschied nahmen, so legte der Herr Prediger die Hand auf meine Schultern und sagte: ›Eigentlich wollte ich bei keinem einkehren in dieser gottlosen Stadt; aber Sie sind eine rechtschaffene, eine solide Frau, Frau Obristin, zu Ihnen komme ich, bis ich mir ein Quartier gemietet habe.‹ Na, den Herrn Prediger sollen Sie kennenlernen, wenn Sie mir die Ehre erzeigen auf eine Schale Kaffee. In seiner Jugend hat er in Leipzig studiert, da haben wir geplaudert von –. Ich sage Ihnen, ein charmanter Mann.« Der Kriegsrat seufzte: »Ach, Leipzig! Sie wissen nicht, was mich das gekostet hat.« »Ja, 's ist ein teures Pflaster, und gar in der Messe. Na, das freut mich aber, daß Herr Kriegsrat auch da waren.« »Mich gar nicht, liebe Frau Obristin«, sagte der Kriegsrat, der gemütlich seine Pfeife ausklopfte. »Es kostet' mich meine Karriere. Ich ließ mich, da ich in Halle studierte, verführen, mit andern meiner ältern Kommilitonen einmal nach Leipzig hinüberzureiten. Nur einen Tag; am nächsten kehrten wir zurück. Als mein Vater es erfuhr, bekam ich einen Brief. Das war ein Brief, nicht mit Tinte, mit Feuer geschrieben und Pech und Schwefel darauf! Der verlorene Sohn in der Bibel wird keinen solchen Brief erhalten haben, sonst wäre er nicht verlorengegangen. Ich mußte auf der Stelle zurück. Da standen schon die Pedelle, vom Rektor geschickt, und brachten mich auf die Post, und der Herr Postverwalter hatte mir einen Platz bestellt, neben dem Schirrmeister, daß er auf mich achthabe. Und als ich nun ins elterliche Haus kam! Meine arme Mutter in Tränen, und meine Schwestern! Acht Tage ward ich in eine Kammer gesperrt, fast bei Wasser und Brot, und mußte die Psalmen auswendig lernen. Aber das war noch gar nichts dagegen, wie mein Vater mir da am achten Tage selbst die Tür öffnete und mich so mit untergeschlagenen Armen ansah, ein Blick, daß mir das Herz im Leibe zu Stein ward, und mir ankündigte, daß es nun mit meinem Studieren aus sei. ›Nun versuche, du ungeratener Sohn‹, sprach er, ›ob du durch dein ferneres Leben es wieder gutmachen kannst, daß du deines Vaters Schweiß und deiner Mutter und Schwester saure Händearbeit zu solchen Extravaganzen vergeudet hast.‹ Der Bauerwagen stand vor der Tür, der mich in eine kleine Stadt brachte, wo ich als unterster Schreiber in einer Packkammer meine neue Karriere anfangen mußte. Sehn Sie, das kostet' mich Leipzig!« Die Kriegsrätin war erstaunt, aber nicht ganz unzufrieden, daß ihr Mann durch die Obristin zu solchen vertraulichen Mitteilungen sich hinreißen ließ. Diese machte ihm ein Kompliment: »Wer weiß, wozu es gut gewesen. Die Studierten kämen oft nicht weiter, und wer klein anfinge, der hörte oft groß auf.« »Mein Vater war ein strenger Mann, aber ein braver Mann, und er hatte recht«, sagte der Kriegsrat. »Denn meine Eltern mußten sich's schwer verdienen, daß sie nur durchkamen. Und was hatte ich in Leipzig zu suchen!« Das gefiel der Kriegsrätin wieder nicht, daß er zu erzählen anfing, wie knapp es in seinem elterlichen Haus zugegangen. Die Obristin horchte aber sehr teilnehmend. »Lieber Herr Kriegsrat, wir müssen uns alle durchs Leben schlagen, einer so, der andere so. Und nicht jedermann, der ein Sonntagskleid anhat, hat darum einen Braten auf dem Tisch, ja, ich weiß manchen im Seidenkleid, der oft nicht satt zu essen hat. Und was kosten die Kinder den Eltern! Erziehen muß man sie, anziehen doch auch, daß sie uns nicht zur Schande rumlaufen, und wenn sie wachsen, was haben sie für einen Appetit. Ich weiß manchen königlichen Herrn Geheimrat, der einen Livreebedienten hat – und er muß ihn haben – und fährt in seidenen Strümpfen aus, aber sonnabends, wenn die Köchin auf den Markt soll, da kratzen sie aus allen Schubladen die Groschen. Und, lieber Gott, die jungen Demoiselles will man doch auch verheiraten. Da müssen die lieben Eltern sie auf die Bälle führen, daß die Mannspersonen sie zu sehen kriegen; denn die Katze im Sack will keiner mehr kaufen. Das kostet auch Geld. Und das Ballkleid und die Blumen und Schleifen. Lumpig will man das Fleisch von seinem Fleische auch nicht gehn lassen. Und beißt ein junger Herr an, da muß man Gesellschaften geben, Spazierfahrten, wieder neue Kleider. Kostet alles Geld. Und dann kommen die Verwandten und erkundigen sich unterderhand nach der Aussteuer und Mitgift. Nu bitt ich Sie, von seinen achthundert Talern oder zwölfhundert Talern, oder kommt's hoch, fünfzehnhundert, soll er eine Mitgift gespart haben! Ein guter Vater muß ja alle seine Kinder ernähren. Und nun heiraten sie sich. Pure Liebe heißt es. Oh ja, aber Schmalhans ist Küchenmeister. Und nun kommen Kinder, eins übers andere, und wollen getauft sein. Da kommt die junge Frau zur Frau Mama und weint ihr das Herz voll, und die Frau Mama weint dem Vater das Herz voll. Geld soll er schaffen. Ja, wovon! Die andern Töchter sind auch rangewachsen. Die haben auch Sponsaden, möchten auch unter die Haube. 'ne Haube kostet noch nicht alle Welt, aber das andre. Na, ich sage doch, ein Vater mit vielen Töchtern und 'nem knappen Einkommen, das ist erschrecklich. Da ist doch besser, er bringt sie unter, gute Menschenherzen schlagen überall, und wer weiß, was den Kindern da blüht, daß der Vater nicht mehr nötig hat, für sie zu sorgen. 's ist manche vornehm geworden und hat ein schönes Sort gemacht und am Ende sich noch sehr anständig verheiratet, die ihr Leben lang 'ne alte Jungfer geblieben wäre, wenn sie nicht aus ihres Vaters Hause kam.« Der letzte Teil ihrer Rede wurde wohl überhört, denn die jungen Mädchen kamen jetzt zurück. Sie hatten unter sich ausgemacht, nichts von dem Abenteuer zu erwähnen. Jülli und Karoline sprangen, als wäre nichts vorgefallen, Adelheid ging langsamer und bückte sich oft. Schlug ihr das Gewissen, daß sie etwas nicht Erlaubtes getan oder daß sie darauf eingegangen, es zu verschweigen? Die Aufforderung, für das Abendessen zu sorgen, war ihr willkommen. Im Hause schlüpfte sie rasch in die dunkle Hinterkammer und setzte den Fuß auf den Schemel, um mit einigen Flachsfäden aus dem Spinnrocken den Strumpf festzubinden. War es die alte Wanduhr oder ihr Herz, das so laut schlug? Ein heiseres Gelächter schallte plötzlich hinter ihr. Die Alte hatte sich aufgerichtet und stierte sie mit dem unheimlichen Gesichtsausdruck an: »Verloren – Strumpfband verloren! – hi, hi, hi! Das bedeutet was. – Der's fand, wird sich freuen. Hi, hi, hi!« – Das junge Mädchen floh, wie vor dem Spottgesang böser Geister. Die Satte mit dicker Milch fand kein so frohes Publikum um sich versammelt als der Milchreis zu Mittag. Die Kinder waren müde, die jungen Mädchen in Gedanken, die Älteren hatten sich ausgesprochen. Alle drückte die Schwüle des Tages, der zum Abend geworden. Aus dem Kruge schallte Tanzmusik. Reiter galoppierten auf dem Fahrwege heran, es waren Gendarmerieoffiziere. Sie hielten plötzlich an und lorgnierten die Gesellschaft. Mit einem häßlichen Gelächter gab der eine ein Zeichen. Die Frauen schrien, sie glaubten, die Reiter wollten den Tisch umreiten; sie ritten nur um den Tisch, einer hinter dem andern im Kreise, oft so nahe, daß die Pferde die Stuhllehnen berührten. Die Kriegsrätin ward blaß vor Schreck, der Kriegsrat vor Unwillen, die jungen Mädchen senkten die Köpfe, die Kinder waren ängstlich vor den Pferden. Die Obristin faßte den Arm des Kriegsrats unter dem Tisch und flüsterte ihm zu: »Es sind junge Leute.« Die jungen Leute aber beugten sich seltsam im Sattel, sie warfen Kußhände zu mit den Fingern, mit beiden Händen, sie miauten, schnalzten, krähten. Endlich waren sie wie der Sturmwind verschwunden, nachdem sie ein: »Auf Wiedersehn, allerliebste Engelchen!« der Gesellschaft zugerufen. Der Schemel hinter ihm fiel auf der Erde, als der Kriegsrat aufsprang, und der Aufbruch war damit gemacht. »Gerechter Gott!« rief er, den Stock auf die Erde stampfend, »wann wird das endlich mal ein Ende nehmen! Gibt's keinen Fleck auf der Erde, wo man seine Töchter ruhig hinführen kann! Gibt's denn niemand, der dem Könige das sagt, denn er ist gütig und gerecht.« Die Frau Kriegsrätin wehrte still die Obristin ab, die beruhigende Worte auf der Lippe hatte von Jugend und Tugend. »Um Gottes willen, Frau Obristin, jetzt keine Silbe, sonst bricht es los.« Es schien aber schon jetzt loszubrechen, wenn auch nicht in Worten, als er den Hut aufstülpte, den Rock zuknöpfte und rief: »Nun, marsch nach Haus!« Wir sehn die Familie auf dem Marsche. Es hatte jeder seine eignen Gedanken, darum war es heut abend so still, als es an manchem laut gewesen. Vergnügt war eigentlich nur die Kriegsrätin. Sie baute Schlösser in die Zukunft, und war ihr Wunsch nicht erfüllt, als ihr Mann der Obristin die Hand gedrückt und gesagt hatte: »Sie sind eine brave und praktische Frau. Ich freue mich, Ihre Bekanntschaft gemacht zu haben.« Eigentlich war das etwas unschicklich zu einer so vornehmen Frau gesprochen, aber sie hatte es nicht übelgenommen. Sie hatte die Hoffnung auf nähere Bekanntschaft ausgesprochen, aber nicht in der ordinären Weise, daß sie gleich zum Kaffee gebeten, sondern sie hatte gesagt, das würde sich ja schon alles finden und der liebe Gott es fügen, daß die zusammenkämen, die zusammengehörten. Aber beim Abschied – denn sie wollte noch am Krug vorfahren und einen Blick hineintun, weil sie Freunde ihres Mannes unter den Offizieren zu sehen geglaubt – hatte sie noch von dem roten Umschlagetuch aus Malaya ein Wort fallen lassen, und daß sie nur wünsche, daß die Mamsell Adelheid es einmal um die Schultern nehme. Das Tuch würde ihr doppelt lieb sein, wenn es dem englischen Kinde gut stände. Der Weg war so schwer, die Luft so drückend. Die Kinder waren müde. Nur der Kriegsrat schritt stramm voran. Da ging ein Lüftchen durch die Ulmen, aber kein erfrischendes, es war der Vorbote eines nahenden Sturmes. Vom Templower Berge kamen dicke Gewitterwolken. »Wenn uns das noch träfe!« sagte die Kriegsrätin. Es fielen die ersten Tropfen, einzelne, aber sehr schwere. »Herr Jesus, Mann, ob's nicht besser wäre, wenn wir umkehren ins Dorf? Die Stadt erreichen wir nicht mehr.« – Der Kriegsrat wies schweigend mit dem Stock zurück. »Ich kehre nicht um.« Hinter ihnen war die dunkle Wetterwand aufgestiegen, von Blitzen schon durchzuckt, und am sternenflimmernden Horizont näherte sich die Wand den beiden Wolken. »Wenn das zusammenstößt!« – »Wenn das uns träfe.« – »Es trifft uns schon!« Der erste Donner rollte dumpf über die Fläche. Der zweite, dritte war schon näher. Jetzt tröpfelte es nicht mehr, es prasselte. »Unter die Bäume! Dicht unter die Bäume!« rief die Mutter. Die Bäume halfen wenig, und bald hatten sie die letzte der breitwipfligen Ulmen erreicht, von wo ab das freie, weite Blachfeld vor ihnen lag, und kein Schutz vor dem Regen, der nicht mehr strömte, es schoß und goß. Sie standen unter der letzten Ulme, die dicht um ihren Stamm noch ein Wetterdach vor dem Wolkenbruch von oben gewährte, aber nicht vor dem Regen, den der Wind heranschlug. Sie standen auf den vom Erdreich losgespülten Wurzeln, um nicht im puren Wasser zu stehen, das schon über den Boden wallte; Jette hatte sich im Gehen Strümpfe und Schuhe abgestreift, ihr Sonntagszeug nicht zu verderben. Die Frauen schürzten ihre Kleider; schickte es sich aber auch für sie, die Schuhe auszuziehen? – »Die Kinder aufgenommen!« rief der Vater. Jette hatte den Kleinsten auf die Schulter gepackt, Adelheid dafür den von ländlichen Einkäufen schweren Korb aufgenommen. Der Vater wollte die Klara aufheben, das Wasser, das aus seinem dreieckigen Hute wie aus einer Rinne goß, überschüttete das Kind. Das dritte nahmen sie zwischen sich. Es waren furchtbare Minuten. Das Wasser klatschte, mit blauen Blitzstrahlen gemischt, auf die Erde, vor ihnen nur ein wellender Spiegel, vom Winde gepeitscht. Ein Totenschweigen, nur durch das Gewimmer der Mutter einmal unterbrochen: »Und alles das, um acht Groschen zu sparen. Du rechnest auch nicht, was die verdorbenen Kleider wert sind!« Die Antwort des Vaters übertäubte ein Aufschrei aus aller Munde. Der Regen von den höher gelegenen Feldern zur Rechten ergoß sich in einen Graben, der in der Regel ganz trocken und verschüttet war. Das aufschwellende Wasser brach den Damm und wühlte, ein breiter Bach, den Fußsteg auf, dicht vor der Ulme, und ein immer tieferer und rauschender Strom schnitt der Familie den Weg nach der Stadt ab. »Seht nicht in die Blitze, das verdirbt die Augen!« rief der Vater. »Wenn's nur nicht so gräßlich donnerte!« jammerte die Magd. »Und unsre besten Sonntagskleider sind hin!« – »Uns erwartet ein trocknes Haus und warme Betten«, sagte der Vater. »Denk dir unsre armen Soldaten im Kriege, die haben kein Haus und keinen Mantel.« – »Aber ihre Monturen muß der König bezahlen«, entgegnete die Kriegsrätin. »Wer bezahlt der Adelheid das neue Kleid? Und wenn sie's Fieber kriegt!« – »Oh Gott, wir gehn alle unter«, schluchzte wieder die Magd, als ein stärkster Donnerschlag dicht über der Erde hinzurollen schien. »Wär ich doch nie in den Dienst gegangen!« Da schien das stärkste Gewitter sich entladen zu haben. Die zusammengekeilten Wolken brachen. Es rauschte noch vom Himmel, und er schien sein blaues Licht niederzugießen, aber man hörte auch schon wieder die Bäume rauschen, und der Donner ward dumpfer. Man hörte auch einen Wagen. Die Pferde stampften im Wasser. Es war die Obristin mit ihren Nichten. Ein heller, lang andauernder Blitz – ein Schrei der Freude und des Schreckens. Hätte die Frau Kriegsrätin doch mögen in die Erde versinken, als der Kutscher hielt. Ach, es war weder Zeit, sich zu schämen, noch Toilette zu machen. Die gute Obristin hätte so gern alle mitgenommen! Was an Platz war in der Kutsche, sie sollten nur kommandieren; die Kleinen wollten sie schon auf den Schoß nehmen. »Mann, um Gottes willen, du wirst doch nicht jetzt Bedenklichkeiten machen!« Hinsichts der drei Kinder machte er auch keine, sie waren rasch hineingeschoben. Aber wer sollte den leeren Eckplatz einnehmen! Die Kriegsrätin hätte sich ja nimmermehr hineingedrängt. Sie war so stark und naß, und in solchem Aufzuge! »Väterchen, du«, rief Adelheid. Konnte er Mutter und Tochter allein in Nacht und Regen lassen! »Kommen Sie, Adelheidchen, Sie erkälten sich ja ganz die Füßchen«, rief die Obristin. »Wenn für die Kinder gesorgt ist, für die Eltern sorgt der liebe Gott.« Der Kutscher entschied in letzter Instanz über alle Bedenklichkeiten. Er ließ mit einem Donnerwetter, wenn's nicht bald würde! die Peitsche knallen, und ich glaube, er hätte sein Wort gehalten. Vierzehntes Kapitel. Wie es im Hause aussieht . Weshalb der Kriegsrat endlich nachgab, war, daß er in der Ferne die Gendarmerieoffiziere galoppieren hörte. Aber die Wagentür klappte noch in der Luft, sie hatten sich noch keinen Abschied zugerufen, als die Räder schon durch den flutenden Gießbach rollten. Entweder wollte er die Wagentür zuschlagen, oder war es, um seiner Tochter Anweisungen zu geben, weshalb der Vater nachstürzte. »Der Herr Kriegsrat ertrinken!« schrie die Jette; aus der Kutsche wehten sie, er möge zurückbleiben. »An den Tag werden wir lange denken!« entfuhr es dem Kriegsrat. Seine Frau drückte verstohlen seine Hand, er drückte sie wieder. »Und Mamsell Adelheid werden auch bald warm werden«, tröstete die Jette, »sie sitzen so eng zusammen.« Die Offiziere ritten vorüber, ohne von der Familie Notiz zu nehmen. Das Wasser war schon im Ablaufen, und man versuchte die Passage. Sie gelang endlich nach der richtigen strategischen Maßregel, daß ein Fluß leichter an der Quelle als am Ausströmen zu forcieren ist. Forciert mußte er aber doch werden; und man versank nicht allein im Moor und Wasser, sondern auch im trocknen Sande, da ein Platzregen in sandigen Gegenden das Eigene hat, daß er nur die Oberfläche durchnäßt. Die Sterne schienen wieder auf einen langen und sauren Weg. Der Kriegsrat ging, Arme und Stock auf dem Rücken, vorauf; er schien in die Sterne zu sehen. Auf dem Berge erwartete er Frau und Magd. Sie gingen eine Weile nebeneinander, ohne zu sprechen; ihre Gedanken schienen sich zu begegnen: »Wir kennen sie eigentlich nicht.« – »Wenn du nur gefragt hättest, wo sie wohnt«, sagte nach einer Pause die Frau. »Aber die Adelheid weiß, wo wir wohnen, und sie ist ja kein Kind mehr.« Eine neue Pause. Sie näherten sich schon dem Tore: »Wenn wir sie nun nicht zu Hause finden!« Die Kriegsrätin hatte keine Antwort darauf. Es preßte sie etwas auf der Brust. Sie strengte sich an, mit ihrem Manne Schritt zu halten. Da mußte am Tor noch die Schildwacht ihnen Stillstand gebieten und der Torschreiber den Korb der Jette untersuchen. Der Kriegsrat mußte seine Börse ziehen, um einige Groschen Akzise zu zahlen, und die Sohlen brannten ihnen unter den Füßen. Selbst über den schönen Stern in der Mitte des Platzes, der seine Strahlen von großen und kleinen Pflastersteinen ausgießt, eilten sie, ohne einen Blick dahin zu werfen, was der Jette unbegreiflich schien, denn es war doch die größte Merkwürdigkeit von Berlin, die jeder Handwerksbursche gesehen haben mußte; sonst war er nicht in Berlin gewesen. Der schöne Stern ist längst verschwunden. Auf seinem Kernpunkt steht die Friedensgöttin, die man aufgerichtet, als der Friede anfing aufzuhören. Auf einer spitzen Säule flattert sie in der Luft wie der Vogel, der mit einem Fuß auf der Dachfirste Posto gefaßt und sich umschaut, ob es drüben geheuer ist. Die große Friedrichstraße war ihnen nie so lang vorgekommen; und doch eilten sie, daß der Kriegsrätin der Atem verging. Die Jette dachte mit dem schweren Korb: ›Ich bin doch auch ein Mensch!‹ – An den Fenstern zählten sie die Lichter. Würden sie ihre Wohnung dunkel finden? »Wenn's um diese Ecke, das Haus da, hell ist«, sagte sich die Mutter, »dann finden wir's auch bei uns hell.« Einmal war es dunkel, dann wieder hell. Man muß an ein Orakel nicht zu oft dieselbe Frage stellen. Der Vater dachte an die Schwalben, die Schüsse gehört und Brannstgeruch gerochen und mit gestreckten Flügeln schießen, ob sie ihr Nest noch finden. Aber er hatte keinen Schuß gehört und keinen Brannstgeruch empfunden. Die Frau Kriegsrätin beruhigte sich auch: wie schrecklich hatte nicht die Obristin die Angst und das Unglück der armen Eltern gemalt, denen die Seiltänzer ihre Kinder stehlen. Beide sagten sich, sie wären beruhigt, aber beider Herz klopfte, daß jeder das des andern hätte können schlagen hören, als sie um die letzte Ecke zum Gendarmenmarkt bogen. – Zwei Herzen und ein Schlag, ein freudiges Ah! Ihre Fenster waren hell, sehr hell. – Die Haustür offen. Die Magd des Wirtes kam ihnen entgegen: »Na, Gott sei Dank, daß Sie da sind. Die Mamsell und die Kinder haben sich schon zu Tode geängstigt.« – Auf der halben Treppe sprang ihnen Adelheid entgegen: »Ach, mein lieber Vater, meine liebe Mutter! Gott sei Dank.« – Der Vater drückte sie an seine Brust, die Mutter riß sie an sich. »Ach, und ihr seid ganz durchnäßt. Schnell, schnell, oben liegt alles schon bereit.« – Die Kleinen waren schon umgezogen in trocknen Kleidern. »Das hat alles die Adelheid getan!« – »Nicht alles, Mütterchen, die Jülli und die Karoline halfen, ach, und die gute Frau Obristin hat für uns gesorgt wie eine Mutter.« »Hat euch im Wagen hergebracht?« »Und war auch so naß und müde von der Reise. Aber Gott bewahre! ›Anvertrautes Gut muß man eher zurückliefern, als man an seines denkt‹, sagte sie. ›Und euer Vater ist ein guter Diener seines Königs. Und der König geht vor allem, und heut ist sein Geburtstag.‹ Denkt euch, als wir ausgestiegen waren, wollte sie die Kutsche zurückschicken, um euch holen zu lassen. Aber der Kutscher war ein garstiger Mensch. Er fluchte, um solches Rackerzeug sollte er auch wohl noch seine Pferde ruinieren. Die gute Obristin wurde ganz erschrocken und steckte ihm noch Geld zu, daß er nur ruhig wäre, denn es wäre ja des Königs Geburtstag, und darauf solle er trinken.« »Unverschämtes Volk!« rief der Kriegsrat, seinen Stock erhebend. »Oh, das ist noch nicht alles«, sagte Adelheid, »kommt nur herein und seht!« Sie traten in das helle Zimmer. Eine Punschbowle dampfte über einem Kohlenbecken. »Das hat alles die Obristin für euch besorgt, damit euch die Erkältung nichts schadet. Die Karoline mußte selbst zum Kaufmann, die Zitronen und den Rum kaufen, und die Gustel unten kochte das Wasser, und dann erst gingen sie und wollten nicht bleiben, um euch nicht zu stören. Und so herzliche Grüße haben sie mir aufgetragen, daß ich sie gar nicht bestellen kann.« Mann und Frau saßen noch um Mitternacht am Tisch sich gegenüber, der Kriegsrat in seinem geblümten Schlafrock und Pantoffeln, die Kriegsrätin in ihrer Dormeuse . Die Kinder waren längst im Bett, die Bowle bis auf einen kleinen Rest geleert. Den goß der Kriegsrat, redlich teilend, in die Gläser: »Es wird zuviel, Alter!« sagte die Frau. »Wir müssen doch auf ihre Gesundheit anstoßen!« Der Mann setzte die Pfeife fort. »Mann, da sieht man, wie man sich täuschen kann.« »Aber's ist gut, wenn man's wieder gutmachen kann.« Gläser mit Punsch klingen nicht so hell wie mit Wein, aber die Herzen klangen. Der Kriegsrat ging sehr vergnügt, aber nicht so kerzengrad wie am Tage, nach seinem Bett. Die Kriegsrätin leerte noch den Rest ihres Glases im stillen. Sie trank auf das Glück ihrer Familie und auf die Aussichten, die sich mit einem Male ihr so reich und wunderbar eröffneten. »Uns kommt alles unverhofft!« sagte sie und wischte eine Träne der Rührung aus dem Auge. Im Bette hatten die Eheleute sich besprechen wollen, was sie tun müßten, um es der Obristin zu vergelten. Es hatten sich darüber Ansichtsverschiedenheiten gezeigt, die in Güte beigelegt werden sollten, aber man hörte bald nur eine vollkommene Harmonie – im Schnarchen. Die Gefühle der Dankbarkeit waren am andern Morgen nicht erloschen, aber etwas abgekühlt. Gestern wollte der Kriegsrat, sobald er aufgestanden, der Obristin seine Aufwartung machen. Heute fand die Frau, daß eine Visite so früh am Tage bei einer vornehmen Dame sich nicht schicke. Der Mann aber dachte, daß er ja ins Bureau müsse, und Herrendienst geht sogar dem Gottesdienst vor, sagen die Geschäftsmänner. Es war aber noch ein Grund, weshalb es nicht ging; sie wußten ja nicht, wo die Obristin wohnte. Wohnungsanzeiger gab es noch nicht. Der Kriegsrat wollte sich im Bureau danach erkundigen. Der Kriegsrat kam heute spät nach Hause. Seine Nachforschungen nach der Obristin waren nicht glücklich gewesen. Man glaubte wohl den Namen gehört zu haben, wußte aber nichts Gewisses. Übrigens hatte das nichts Auffallendes, denn es hielten sich jetzt viele vornehme Familien aus der Fremde in Berlin auf. Da wäre eine russische Fürstin hier, und Damen und Herren vom höchsten Stande aus Frankreich und England, von denen man wohl wisse, daß sie andere Namen führten, als ihnen zukämen, aber die Polizei kümmere sich nicht um ihr Inkognito oder drücke ein Auge zu, weil sie mit dem Hofe und den Ministern insgeheim verkehrten, damit andre Mächte nicht aufmerksam würden, und plötzlich würde aus einem oder dem andern, der in einer Winkelgasse wohnt, der außerordentliche Ambassadeur eines hohen Potentaten. Denn ganz Europa blickte jetzt erwartungsvoll auf Preußen, »und wie es sich jetzt entscheidet, das gibt den Ausschlag.« Die Kriegsrätin hatte mit sichtlicher Ungeduld, ihm auch etwas mitzuteilen, zugehört, aber die Nachricht schien sie einzuschüchtern: »Ach Gott, das wäre ja viel zu vornehm für uns!« »Die Allervornehmsten sind oft die Allerleutseligsten.« »Ja, und das war sie«, brach es heraus, ihr Gesicht strahlte vor Freude. »Männchen, wir sind glücklicher gewesen als du. Als wir eben dasaßen, die Adelheid und ich, und überlegten, was wir anziehen sollten, wenn wir sie besuchten, klingelte es, und wer trat ein? – Sie selbst. Wir waren beide, daß wir uns nicht sehen lassen konnten, aber sie sagte, sie müßte uns sehen, und sie hätte die ganze Nacht keine Ruhe gehabt, ob's uns auch bekommen wäre. Ich sage dir, nein, es war eine Liebenswürdigkeit, als wenn wir alte Freunde wären.« »Da seid ihr gewiß schon heut zum Kaffee invitiert!« »Nein, das bedauerte sie ebensosehr, daß sie uns in den ersten Tagen nicht bei sich sehen könnte, denn sie hätte das Haus voll Unruhe gefunden. Nichts wäre gemacht, wie sie's bestellt, und sie müßte Tapeten runterreißen lassen und Gott weiß was.« »Aber wo wohnt sie?« »Wir sollen's gar nicht jetzt wissen, bis sie in Ordnung ist. Aber bei uns wird sie einmal ansprechen und mit 'ner Tasse Kaffee vorliebnehmen. Doch ganz unter uns, wie wir sind, ohne Umstände, und wir sollten niemand dazubitten. Oder sie wird auch mal vorfahren und anfragen, ob einer von uns mit ihnen spazierenfahren will. Alter, weißt du, sie meint, du säßest zuviel, du müßtest dir mehr Bewegung machen. Solche gute Staatsdiener wie du müßten sich ihrem Könige erhalten, das wäre ihre Pflicht und Schuldigkeit, und sie hätte so viel zu deinem Lobe gehört, was sie in der Seele erfreut, und sie wisse auch schon, daß dein Avancement vor der Tür steht.« »Da hat sie zuviel gehört«, unterbrach der Kriegsrat und ging auf und ab. »Damit ist es vorbei. Ich hörte –« »Hat sie auch gehört, du sollst dir aber keine grauen Haare darum wachsen lassen. Ein vornehmer Graf aus Schwaben oder Schweiz, oder was er ist, der möchte den Geheimrat Lupinus aus der Patsche ziehen, und es soll ihm schon gelungen sein, daß er die andern Gefangenen dazu rumgekriegt, eine Schrift zu unterschreiben, daß sie schuld wären und nicht er .« »Die Frau Obristin weiß sehr viel.« »Aber wenn's mit dem einen Posten nicht wäre, so wär's ein anderer, und wenn's nicht so, ginge es so. Und wenn ein vornehmer Herr einmal sich was in den Kopf gesetzt, da ließe er nicht nach, bis er's durchgesetzt. Aber du tätest doch nicht recht, daß du dich gar nicht um Konnexionen bekümmertest, denn die Welt wäre nun mal so, die gebratenen Tauben kämen uns nicht in den Mund geflogen, und Konnexionen und Freundschaften machten am Ende alles. Eine Hand wäscht die andere, und eine Hand drückt der andern das Auge zu, sagte sie. Und wenn du nur wolltest, so würde sie dir Konnexionen verschaffen, daß du dich wundern solltest, denn sie kennt viele Herren vom Hofe, die bei ihr aus und ein gehen, und jeder hätte seine Schwächen, und wenn jeder dem andern seine aufmutzen wollte, wär's in der Welt nicht zum Aushalten. Wir alle sollten brüderlich und christlich nur die guten Seiten der andern uns merken, dann wär's eine Welt voll Liebe und Freundschaft.« »Und im Grunde soll's mir auch lieb sein«, sagte der Ehemann, der nicht genau zugehört, »von wegen seines Bruders in der Jägerstraße. Die Brüder Lupinus lieben sich zwar nicht sehr, es wäre aber doch immer häßlich, wenn es hieße, daß ich ihn aus dem Dienst verdrängt. – Und wegen des Lehrers habe ich auch heut mit dem Herrn Geheimrat gesprochen. – Er ist ein junger Mann, aber wir sollten uns daran nicht stoßen, sagte der Geheimrat. Er kennt ihn seit Jahren, und er hilft ihm bei seiner Bibliothek. Ein Mann von admirablen Kenntnissen, und treibe gerade das, was ein junges Mädchen braucht, um in den Gesellschaften nicht den Mund zuzuhalten. Und wir würden schon zufrieden sein. Er wird sich heute nachmittag uns präsentieren.« Diese Erwartung gab in der stillen Häuslichkeit wieder einige Unruhe. Adelheid hatte die meiste Besorgnis, sie fürchtete das erste Examen, und daß sie der Lehrer doch gar zu dumm finden würde. Die Unruhe nahm mit Verlauf des Tages zu. »Die Adelheid stellt sich wirklich vor«, sagte die Mutter, »als würde er sie mit dem Lineal auf die Finger klopfen.« Endlich klingelte es, kurz vor der Dämmerstunde, der Lehrer trat ein. Der Eindruck, den er auf den Vater machte, war ein guter. Er hatte sich einen exzentrischen jungen Mann gedacht, laut und viel sprechend, wie ihm die jungen Männer von der Schule geschildert worden, zu der er gehören sollte. Aber er war von bescheidenem, ernstem, gehaltenem Wesen. An seinem Benehmen sah man, daß er die Welt kannte. Seine Anrede war bestimmt, fest und kurz. Auch der Mutter mißfiel er nicht, aber die Frau Kriegsrätin glaubte sich doch einem solchen bloßen Privatlehrer gegenüber ein Air geben zu müssen, und sie fragte ihn, womit er seine Lektionen anzufangen denke. »Dazu gehört, daß ich meine künftige Schülerin kenne«, entgegnete er, die Handschuhe leicht in den Hut werfend, um den Stuhl einzunehmen, den der Vater ihm präsentiert. Aber die Schülerin präsentierte sich schon selbst. Adelheid, die bei seinem Eintritt abwärts gestanden, war unbefangen vorgetreten, und ohne die Vorstellung der Mutter abzuwarten, sprach sie, sich leicht neigend: »Ihre Schülerin ist schon hier, ich bin es.« Die Mutter wunderte sich über die plötzliche Dreistigkeit ihrer Tochter; aber sie bemerkte, daß der Lehrer erschrak. Er wich einen halben Schritt zurück und errötete. Adelheid meinte später, die Mutter könne sich wohl getäuscht haben, da es schon anfing dunkel zu werden. Als die Jette das Licht gebracht, setzte man sich, und Herr van Asten schien so unbefangen als beim Eintritt. Man sprach über dies und jenes, Tagesereignisse und Naturerscheinungen, man ward über die Stunden einig, über die Bedingungen war man es schon vorher durch den Geheimrat. Er hatte gar nicht examiniert, und doch sagte er beim Abschied zur Mutter: er wisse nun genau, wo er anfangen solle. Adelheid nahm das Licht vom Tisch und leuchtete ihm hinaus. Vom Treppengeländer aus wünschte sie ihm eine gute Nacht. Die Mutter begriff ihre Tochter nicht; noch eben so bang und plötzlich so unbefangen. Adelheid erklärte, der Herr van Asten komme ihr gar nicht wie ein Lehrer vor, sondern wie ein gewöhnlicher Mensch. Er spräche ja so, daß ein Kind ihn verstehen könnte. – Das aber grade machte die Mutter bedenklich, ob ihr Mann auch an den rechten geraten. Sie hatte Achtung gegeben, ob er nicht einmal einen Dichter oder einen berühmten Schriftsteller zitieren werde. Aber wenn sie das Gespräch darauf lenkte, brach er ab, oder vielmehr, er lenkte es auf Dinge, die jedem geläufig, und wenn nicht, gab er solche Erklärungen davon, daß sie jedem verständlich wurden. Ein Lehrer muß doch da sein, um zu belehren, und doch wenigstens zuweilen in schönen Redensarten sprechen, dachte sie, die nicht jedermann versteht, die aber so schön klingen, daß man neugierig wird und zum Lernen Lust bekommt. Ihr Mann meinte, wenn die Stunden anfingen, werde er wohl gelehrter sprechen. Die Kriegsrätin aber wollte ihre Freundin, die Obristin, bitten, einmal bei dem Unterricht zugegen zu sein, um ihr aufrichtig zu sagen, ob der neue Lehrer was tauge. Nur über eins war sie beruhigt. Bei diesem Manne war für ihre Tochter keine Gefahr, auch wenn sie einmal nicht in der Stunde zugegen wäre. Er war ja viel älter, als sie gedacht, und blaß und hatte auch einige Pockennarben, und tanzen konnte er gewiß nicht. Sie meinte, es ginge ihm wohl kümmerlich, obschon sie sich entsann, daß er einen feinen Rock trug; und um ihm etwas Gutes zu erzeigen, dachte sie daran, ihm einen Freitisch anzubieten. »Das würde sich nun nicht schicken«, sagte der Kriegsrat, der anderntags von Erkundigungen heimkam, die er im Interesse seines Kindes eingezogen. Zuerst hatten ihn die gescheitesten Leute versichert, der Herr van Asten wisse mehr, als in tausend Büchern steht, aber er habe den Tick, daß er das Sprichwort zuschanden machen wolle: Der spricht ja wie ein Buch. Das wäre überhaupt jetzt Mode, daß die gelehrten Leute nicht merken lassen wollten, daß sie gelehrt wären. Aber weit mehr verwunderte sich die Kriegsrätin, als sie erfuhr, Herr van Asten habe einen angesehenen Vater, den Prinzipal des alten Handlungshauses in der Spandauer Straße. Weil er jedoch zu der jungen ästhetischen Schule halte, die man Romantiker nennt, habe er sich mit seinem Vater überworfen und sei aus dessen Hause gezogen und nehme keine Unterstützung von ihm an, sondern er habe sich vorgesetzt, sich selbst fortzuhelfen. So knapp es ihm gehe, schlage er sich durch, und es könne ihm niemand etwas nachsagen, als daß er stolz sei und andere nicht in seine Angelegenheiten blicken lasse. Die Kriegsrätin sah den jungen Mann schon ganz anders an, als er zur ersten Stunde kam. Er hatte neben dem feinen Rock auch ein feines Wesen. Nur gefiel es ihr auch heute nicht, daß er die Adelheid so viel sprechen ließ und selbst wenig sprach. Sie nahm sich vor, nachher ihre Tochter zu rügen, daß sie ihre Unwissenheit so bloßgegeben, aber wie war sie verwundert, als van Asten sie beim Fortgehen versicherte, daß Adelheid weit mehr aus sich heraus wisse, als er geglaubt, und daß sie sich selbst am besten unterrichten werde. Der Lehrer brauche nur wenig hinzuzutun. Und wie unbefangen reichte sie ihm beim Abschied die Hand: »Auf Wiedersehn, Herr van Asten.« Das schien der Mutter gegen den Respekt und nicht schicklich. Adelheid sah sie aber groß an: »Wenn ich ihm nun gut bin, soll es sich nicht schicken, daß ich ihm die Hand schüttele!« Die Stunden hatten ihren Fortgang, und Adelheid reichte jedesmal beim Abschied dem Lehrer die Hand, als an einem schönen Tage die Obristin mit ihren Nichten vorfuhr und die Mutter oder Adelheid auffordern ließ, mit ihnen einen kleinen Abstecher ins Freie zu machen. Die Kriegsrätin entschied auf der Stelle für Adelheid. Mutter und Tochter wechselten jetzt die Rollen, indem die letzte fragte, ob es sich auch schicke, während die erste sagte, wenn ihre Tochter ein Vergnügen habe, sei es, als ob sie selbst es genossen, und was sie denn für Bedenken haben könne. Als Adelheid am Abend zurückkehrte, waren alle Bedenken verschwunden. In der Aufregung der Freude flossen ihre Lippen über. Liebenswürdiger konnten Nichten und Tante nicht sein. Wie anmutig war die Unterhaltung geflossen während der Spazierfahrt, wie rasch der Wagen dahingerollt durch den Tiergarten. Als sie nach Hause fuhren, hatten die Nichten sie so dringend gebeten, einen Augenblick bei ihnen hinaufzuspringen. Die Tante meinte, es sei noch nicht alles eingerichtet. Aber die Nichten sagten: »Chère tante, sie muß doch dein rotes Shawl sehen.« Und oben die Zimmerchen, es war so niedlich und fein, wie sie es nie gesehen, man fühlte den Fußboden nicht, solche weichen Decken lagen, und Sofas an allen Wänden, und schwere bunte Gardinen machten die Stuben dunkel, daß sie vor der Zeit Licht anzünden mußten. Keine Talglichte, sondern eine Lampe mit gedämpftem Glase, die an der Decke hing. Da hätte das Zimmer erst wunderbar schön ausgesehen. Leider war der Schlüssel verlegt zum Kasten, wo das rote Tuch lag, und die Tante hatte gemeint, sie müsse es zuerst einmal bei Tage sehen, weil die Farben bei Licht ganz andere würden. Auch war ein Besuch gerade eingetreten, ein vornehmer Herr, vor dem es doch nicht schicklich war, Toilette zu machen. Der Herr hatte ihr zuerst nicht sehr gefallen, er war klein und hüftenlahm und ging an einem Stock, der ihm als Krücke diente. Auch sein gerötetes Gesicht mit vielen Pickeln war häßlich. Aber sie hätte bald auch da eingesehen, wie der Schein trügen kann. Er war ein Kammerherr vom Hofe, der Herr von St. Real, den sie schon nennen gehört, der eine gelegentliche Vorfuhrvisite bei der Obristin machte. Er war die Artigkeit selbst gegen die Damen und auch gegen sie. Er sprach so fein und verbindlich, wie sie noch keinen Herrn sprechen gehört, und schien alles zu wissen, denn er lächelte fein zu allem, was sie sagte, und machte dann eine Bemerkung, woraus sie sah, daß er die Sache kannte. Sie hatte nie geglaubt, daß die vornehmen Herren so freundlich gegen Bürgerliche wären. Er hatte sich erkundigt, ob sie Klavier spiele und singen könne und was ihre Lektüre sei, was sie zuerst nicht verstanden. Dann hätte er ihre Eltern sehr gelobt, daß sie ihr keine Romane in die Hände gäben, denn das sei alles nicht wahr, was darin stehe, und verwirre die Phantasie. »Und denkt euch«, fuhr sie auf, »er kennt auch Herrn van Asten! Denn er fragte, bei wem ich Unterricht hätte. Und als ich ihn nannte, sagte er, er hätte von ihm gehört, daß er ein sehr verständiger junger Mann wäre. Und den Beweis sähe er jetzt vor Augen. Ich wurde rot. Aber er fuhr fort, das Gute kommt doch wohl nicht alles vom Lehrer, sondern das Beste von den Eltern. Ich war wie übergossen, als er deinen Namen nannte, Väterchen, und in meiner Verlegenheit fragte ich ihn, ob er dich denn kennte. ›Ich selbst habe nicht die Ehre‹, antwortete er, ‹aber der Name Ihres Herrn Vaters ist bei Hofe wohlbekannt und sehr gut angeschrieben.‹« Sie sprang auf und fiel dem Vater um den Hals: »Väterchen, man kennt dich bei Hofe!« Die Mutter wischte eine Träne aus dem Auge. Der Vater meinte, man müsse auch nicht alles glauben, was die Leute uns ins Gesicht sagen. Nachdem hatte sich der Kammerherr empfohlen, so höflich und fast respektvoll, daß sie sich wieder geschämt, denn gegen die Nichten war er gar nicht so fein. Er hoffe sie ein andermal wiederzusehen, und die Obristin hatte gesagt, das solle nächstens geschehen, auf eine Tasse Schokolade, wenn ihre Wohnung erst ganz in Ordnung sei, und darauf war sie mit dem Kammerherrn fortgefahren, in die Oper. Ein Bedienter sollte Adelheid nach Hause bringen, aber die Nichten hätten es sich nicht nehmen lassen, sie selbst zu begleiten. Der Rückweg sei nun nicht so angenehm gewesen, denn sie wären oft angesprochen worden von unverschämten jungen Männern. Aber die Nichten hätten sie schön zurechtgewiesen: »Schämen Sie sich nicht, anständige Damen zu attackieren!« Da hätten die Herren gelacht, aber die Nichten hätten sie um Gottes willen gebeten, es der Tante nicht wiederzusagen, denn sie würde sehr böse sein, weil sie die Adelheid wie ihren Augapfel liebte, aber sie hätten es ja auch nur getan, weil sie sie noch mehr liebhätten. Die Adelheid hatte in ihrer Aufregung und ihrer Freude, daß ihr Vater bei Hofe bekannt sei, das Haus und die Straße vergessen. So wußte man noch immer nicht, wo die Frau Obristin wohnte. Fünfzehntes Kapitel. Auch eine Idylle . Der Minister saß in seiner Laube. Die Laube hatte die Aussicht auf den sehr großen Garten, von dem nur der kleinere Teil von Gärtners Hand in Blumenbeete und Weingelände geordnet war. Auf durchschnittnen Wiesen weideten Kühe mit Schweizergeläut. Vor dem Minister stand ein Tisch mit Akten und Schreibzeug. Neben ihm saß die Frau Ministerin. Der Minister saß in einer hellen linnenen Jacke und groben Haus- und Gartenschuhen. Das Aktenstück lag schon lange aufgeschlagen vor ihm, die Tinte in der Feder war eingetrocknet, und der Kanzleibote hinter der Laube wartete eine halbe Stunde auf die Unterschrift des Citissime – denn der Minister horchte, den Kopf im Arm, auf das Schweizergeläut. Die Ministerin, in einem so einfachen Hauskleide, daß man sie für eine einfache Bürgersfrau gehalten hätte, wenn nicht ihre Haube mit Brüsseler Spitzen besetzt gewesen und ein Mullumwurf den bloßen Hals bedeckte, strickte eifrig. Sie strickte baumwollene Strümpfe und erzog ihre Kleinen, die an der Laube spielten. Wenn sie sich mit Sand warfen, sollte sie den Streit schlichten und doch dabei auch auf die älteste Tochter horchen, die auf ihrem Knie Vossens »Luise« ihr vorlesen mußte. Das Kind kam mit den Hexametern selten zurecht und gähnte oft. Der Minister richtete respirierend den Blick aufwärts nach den reifenden Trauben am Laubendach. »Du hast wohl recht schwer zu arbeiten«, sagte die Ministerin. »Du solltest dich schonen.« »Mir war es eben, als wäre ich noch in Florenz. So schwebten auch die Trauben von unsrer Veranda. Und dieser Wiesenhauch! Als wehte es von Fiesole her, und der Arno plätscherte unter mir.« »Ich weiß nicht, ob mir nicht dieser Heugeruch lieber ist als der Duft der Orangen. Ist es überhaupt recht, daß du so oft dahin zurückdenkst? Solche Vergleiche stören die Heiterkeit der Seele. Wir sind doch einmal in diesem Lande, es ist auch hier schön, und wir sind zufrieden und glücklich, und –« »Und«, fiel er ein, ihr die Hand reichend: »süße, heilige Natur Laß uns gehn auf deiner Spur, Leite uns an deiner Hand Wie ein Kind am Gängelband.« Die Ministerin akkompagnierte die Stolbergschen Verse durch eine stumme Lippenbewegung, indem sie andächtig in die Luft schaute. Dann zählte sie die Maschen, sie hatte eine verloren. Der Kanzleidiener räusperte sich umsonst. Das Ehepaar war in sein stilles Glück versunken und in Betrachtungen, warum Leopold Stolberg katholisch geworden. Die Frau Ministerin wußte diesmal nicht, warum der Minister respirierend schwer den Blick nach den Trauben gerichtet; warum er das Citissime dreimal durchlesen hatte, ohne zu wissen, was darin stand; warum er wie ein Träumer auf das Schweizergeläut hörte; kurz, warum er in der elegischen Stimmung war. Vor einer Stunde hätte man ihn in seinem Arbeitszimmer in einer ganz andern gefunden. Eine Nachricht hatte ihn aus seiner Ruhe gebracht! Er hatte laut für sich gerufen: »Dann ist alles aus! Dann gehn wir alle unter!« Er hatte nach seinem Kammerdiener und Jäger geschellt: »Anspannen und ankleiden!« Er wollte an den Hof fahren, selbst der Majestät die dringendsten Vorstellungen zu Füßen legen. Er hatte schon die Hofbeinkleider an, und der Kammerdiener nestelte die Schnallen, als er ihn wieder hinausschickte; er wollte sich einen Augenblick ausruhen. Auf das Sofa sich niederlassend, löste er unwillkürlich die Bundschnalle. Es war so heiß! »Wozu sich denn auch persönlich den Ärger bereiten!« Es wäre doch möglich, daß er mit dem Könige aneinandergeriet. Das fruchtet ja zu nichts! Er konnte schriftlich seine Gründe aufsetzen, warum der Mann, dessen Name ihn so erschreckt, nicht zum Minister tauge. Er hatte wieder geklingelt und der Kammerdiener ihn entkleiden müssen. »Und die Equipage, Exzellenz?« – »Ausspannen!« Der Sekretär hatte die Schreibmaterialien zurechtlegen müssen, der beste und fertigste Kopist in Bereitschaft stehen. Der Kopist hatte eine Stunde mit eingetauchter Feder bereitgestanden, es standen aber erst zweiundeinehalbe Zeile auf dem Konzeptbogen. Der Minister saß auch gar nicht mehr am Schreibtisch, er saß zurückgelehnt auf dem Sofa. »Entweder es ist, oder es ist nicht«, dachte Seine Exzellenz. »Wenn es nicht ist, so ist es gut, wenn es ist, so ist es vielleicht auch gut« – gähnte er, von der Hitze im Zimmer übermannt –, »dann ist doch das Ende vom Liede, daß wir unsere Entlassung nehmen müssen.« Weshalb sich für diese Eventualität noch mit einem schwierigen und kitzligen Memoire befassen, es kann der Griff in ein Wespennest werden, und an stechenden Insekten fehlte es ohnedies nicht. Eine unverschämte Bremse schwirrte unermüdlich um seine heiße Stirn. Der Sekretär hatte sich lächelnd von der Tür, an der er gelauscht, an sein Pult begeben, und der Kopist auch lächelnd seine Feder ausgewischt, als man den Minister endlich sah, mit dem Batisttuch sich Luft wedelnd ins Freie begeben. Beim Durchgehen hatte er verordnet, die Akten ihm in die Laube zu tragen. Die stille Szene glücklicher Häuslichkeit, in welcher die Sorgen von vorhin schon verschwunden schienen, hatte aber noch einen Beobachter. Der Geheimrat Bovillard stand unfern von dem Eingang der Laube, den Hut im Arm und die Arme gekreuzt. Eine Pause benutzend, trat er mit einigem Geräusch vor. »Sie haben uns wohl belauscht, lieber Bovillard«, sagte die Ministerin. »Das ist nicht recht; wer zur Familie gehört, der muß nie zu stören fürchten.« Er wollte ihre Hand an die Lippen führen, sie zog sie unwillig zurück: »Wir sind Deutsche. Einen ehrlichen Handschlag.« »Ich bewundere Ihren Fleiß, Exzellenz.« Der Handschlag war weit sanfter, als den der Geheimrat neulich abend mit dem Rittmeister tauschte. »Häusliche Angelegenheiten«, sagte die Exzellenz, »gehen der Freundschaft vor. Halte mir mal deinen Fuß her, lieber Christian.« Sie probierte den Strumpf am Fuße des Ministers. »Sie lächeln wohl über mich, Bovillard. Das geniert mich aber gar nicht. Ehe wir's uns versehen, kommt der Winter ins Haus, und da muß eine gute Hausfrau beizeiten gesorgt haben. Setzen Sie sich und plaudern mit meinem Mann von Staats- und gelehrten Dingen, ich werde Sie nicht stören.« »Und keinen Handschlag für mich?« fragte der Minister, seine Hand über den Tisch ihm entgegenhaltend. »Frauendienst geht vor Herrendienst.« Der Geheimrat nahm mit anscheinender Behaglichkeit Platz auf dem Gartenschemel. Lieber hätte er in einem Fauteuil gesessen. »Ach, wer auch eine Frau hätte, die uns Strümpfe strickte!« »Ist Ihre Schuld, Bovillard. Warum haben Sie nicht wieder geheiratet?« »Wo jetzt Frauen finden, die wie Exzellenz nur für das Glück ihres Mannes leben.« »Wenn man sie suchte, würde man sie schon finden.« »Alles will jetzt ästhetisch sein.« »Und Sie, wenn Sie eine Frau hätten, die Ihnen Strümpfe strickte, würden französische Spottverse auf sie machen. Im Ernst, Geheimrat. Bessern Sie sich ein bißchen.« »Soll ich katholisch werden wie Graf Stolberg? Wenn Exzellenz befehlen, tout à vos ordres .« »Pfui über den Spötter und Atheisten! Da sitzen Sie nun wieder mit dem Rücken gegen die Natur.« »Ich kann Exzellenz doch nicht den Rücken kehren.« »Sinn für Häuslichkeit einem so eingefleischten Admirateur der französischen Literatur beizubringen, müssen wir wohl aufgeben, aber rührt Sie denn gar nicht die Natur, hat nie eine Nachtigall Sie ergriffen?« »Nein, Exzellenz! Aber ich hätte beinahe mal eine ergriffen. Sie flatterte nur wieder fort.« »Inkorrigibler Flattergeist! Sehn Sie, meine Angelique laß ich Vossens ›Luise‹ lesen und freue mich, wie das Kind immer mehr Sinn dafür bekommt.« »Ach, wer wieder ein Kind werden könnte!« »Und wer kein Staatsmann geworden wäre!« seufzte der Minister. »Ich war eigentlich zum Herrnhuter geboren. Warum mußte man mich herausreißen an die Höfe, ins Feld der Intrigen. Ich hätte, ein Vater, unter meinen Untertanen gelebt, sie beglückend, selbst beglückt.« »Und nun beglücken Exzellenz ein ganzes Volk. Voilà la différence .« »Das mich verunglimpft, weil ich – solche gute Freunde habe.« »Wir wollen uns alle bessern, Exzellenz! Diese Laube sei der Tempel der Tugend, wo wir ihr Gehorsam geloben, und die Frau Ministerin die erhabene Priesterin, welche unsre Schwüre empfängt.« »Apropos«, hub die Ministerin an, »wissen Sie denn den Vorfall von gestern bei Hofe?« Der Geheimrat kannte ihn noch nicht. »Der König und die Königin hatten eine Landpartie verabredet, nach Pichelswerder. Sie laden die alte Voß ein, daran teilzunehmen. Aber ganz ländlich, heißt es. Wird das unsrer lieben Gräfin auch anstehen? Sie fühlt sich unendlich geehrt, an einem Vergnügen teilzunehmen, was Ihro Majestäten nicht verschmähen, und in voller Gala rauscht sie die Treppen hinunter, worüber die Majestäten schon kaum ihre Lust zurückhalten. Denn mit Schrecken sieht die Gräfin die Mütze des Königs und die Königin in dem Morgenrock, der ihr so reizend steht. Aber unten im Charlottenburger Hofe! Was steht vor der Tür? Ein Leiterwagen mit Stroh! – Sie fragt nach der königlichen Kutsche. – ›Dies ist sie‹, sagt der König, ›wir werden uns etwas behelfen müssen, ländlich, sittlich.‹ Die alte Voß ist erstarrt, aber noch entsetzter, als sie sieht, wie der König die Königin hinaufhebt. Die andern Hofdamen helfen sich selbst. Der König bietet endlich der alten Dame seine Dienste an, aber sie erklärt feierlich: solange sie ihr Amt als Oberzeremonienmeisterin nicht verwirkt oder verloren, werde und könne sie sich dazu nicht entschließen. ›Und‹, setzte sie hinzu, ›wenn ich auch so unglücklich wäre, darüber die Gnade Ihro Majestät zu verlieren!‹ – Der König sagte freundlich: ›Um des Himmels willen, liebe Voß, wenn Sie nicht mitwollen, bleiben Sie zurück, aber meine volle Gnade bleibt bei Ihnen.‹ Und hinauf sprang er, und der Wagen rollte fort.« Der Geheimrat schnalzte auf: »Délicieux! Die alte Voß allein am Tor wie die Henne am Teich!« »Ich glaube, Komteß Laura«, fuhr die Ministerin fort und zog ihren Strumpf, »ich glaube, die hat auch nicht sehr vergnügte Mienen auf dem Leiterwagen gemacht. Es ist erschrecklich, welche Airs sie sich gibt .« »Ich finde sie nicht mal schön«, sagte Bovillard, am Halstuch zupfend. Er fand sie nicht schön, weil auf dem Gesicht der Ministerin etwas stand, was ihm sagte, daß die Ministerin eine solche Findung wünschte. »Sie fischt ihn auch nicht weg«, sprach der Minister. »Und wenn, meine weisen Herren –«, fiel die Ministerin ein, »was hätten Sie gewonnen? Hat sie den Esprit, um ihn zu gouvernieren? So wenig als die Fromm, die Pauline und die andern. Er ist zu impetuös . Überdies, erlauben Sie mir, ich finde es von so klugen Leuten unverantwortlich, eine solche Person in ihre Konfidenz zu ziehen.« Der Minister meinte, sie hätte wohl neulich beim Thé dansant zu scharf gesehen. Als Frau sei die Komteß ein gutmütig Geschöpf. »Daß sie sich mir da verdrängte, will ich ihr vergeben haben«, sagte die Ministerin; »sie hat keinen Takt; aber ich bitte Sie, wenn auch Komteß Laura sich unterstehen will, das Mulltuch um den Hals zu binden wie unsre tugendhafte Königin, so finde ich das rebutant , ja, geradezu rebutant, meine Herren, und ich wenigstens mit meinem schwachen Verstande begreife nicht, wie man das hingehen lassen kann. Aber die Herren werden wohl Gründe dafür haben. – Die Herren haben auch zu sprechen, was ich nicht hören soll«, setzte sie, das Strickzeug weglegend, hinzu, »und ich will sie nicht stören. Aber das sage ich Ihnen, ich bin keine Freundin von Intrigen. Schlicht und grad, damit kommt man am weitesten. Geben Sie es auf, den Prinzen einzufangen. Er bricht durch alle Ihre Netze. Und was hätten Sie am Ende gefangen! Er hat eine Partei, aber diese Partei wird nie ans Ruder kommen, solange er und der König ihre Natur nicht changieren und die klugen Herren klug handeln. Umstellen Sie Seine Majestät, sein Sie auf der Hut, daß keine zweifelhafte Person in seiner Nähe sich festnistet, lassen Sie ihm alle Extravaganzen des Prinzen zu Ohren kommen, auch immerhin seine genialen Streiche, die in einem gewissen Publikum so viele Bewunderer finden. Desto besser, der König kann nun einmal geniale Streiche nicht leiden. Das übrige macht sich dann schon von selbst.« Der Minister hatte seine Gemahlin umarmt: »Mir aus der Seele gesprochen. Nichts von Intrigen! Den geraden Weg.« Der Geheimrat und der Minister hatten allerdings ein Geschäft. »Exzellenz hatten die Eingabe vor sich, wie ich zu sehen glaubte«, sagte der Geheimrat, als sie durch ein Weinspalier gingen, wo der Minister die Trauben mit Lust befühlte, und weit mehr Lust zu haben schien, ein naturhistorisches Gespräch zu führen, als über die Angelegenheit, um die der Begleiter gekommen war. »Und gelesen«, seufzte der Minister, als er nicht mehr ausweichen konnte. »Aber ich bitte Sie, Freund, Sie lasen sie doch auch.« »Ich finde die Angelegenheit sehr klar dargestellt.« »Ja, klarer kann es kaum sein, daß man die Gefangenen beschwatzt hat, etwas zu unterschreiben, was ein handgreifliches Märchen ist. Sie attestieren, daß sie unter sich in der Freude ihres Herzens zur Vorfeier des königlichen Geburtstags einen ungebührlichen Lärm gemacht, daß sie dadurch den Vogt in ihr Gefängnis gelockt, daß sie die Tür hinter ihm verschlossen und ihn gezwungen, an ihrem Gelage teilzunehmen, bis es ihm zu arg geworden. Ich bitte Sie, was konstatiert denn selbst aus dieser Erzählung? Selbst wenn die Fabel Wahrheit wäre, hat ein Mensch, der so wenig seine Autorität zu erhalten weiß, sein Amt verwirkt. – Wer ist dieser Herr von Wandel?« fragte er mit verändertem Tone. »Warum interessiert sich dieser Legationsrat so lebhaft für die Sache?« »Es ist nicht die erste, Exzellenz.« »In die er sich mischt. Ich weiß es. Er tritt auf wie der ›alte Überallundnirgends‹. Diese Geflissentlichkeit, sich in Dinge zu mischen, die ihn nichts angehen, gefällt mir nicht!« »Was kann er davon haben, daß Lupinus loskommt? – Exzellenz halten ihn für einen Aventurier . Aber er spielt nicht, macht keinen übermäßigen Aufwand, er beschäftigt sich mit den Naturwissenschaften.« »Darum kommt man wohl jetzt nach Berlin! Darum drängt man sich in alle Gesellschaften, macht den Affärierten, weiß um alle Sekrets, macht sich bei Prinzen und Damen beliebt, spielt hier den Weisen, dort den Liebenswürdigen und für uns alle den Rätselhaften.« »Er ist ein Mann des Friedens«, lächelte Bovillard. »Aber unseres Friedens? Er ist zu klug, um zu schwärmen, also was will er? Ich liebe nicht die rätselhaften Menschen. Wäre er nur ein Kundschafter, ein Agent von Napoleon oder Kaiser Alexander, von wem es sei, gleichviel, ich wüßte mich mit ihm zu stellen, aber der Abgesandte einer unbekannten Puissance , der hat etwas – bleiben Sie mir mit ihm vom Halse, ich gestehe, mir wird unwohl, wenn ich in das gläserne Gesicht sehe.« Bovillard lächelte nicht, er erlaubte sich zu lachen: »Exzellenz! er ist ein Schwärmer. Zudem ein Philosoph. Er hat ein System. Männer mit Ideen pflegt keine Puissance zu Spionen zu wählen.« Der Einwand frappierte den Minister: »Jedenfalls muß man mit solchen Menschen vorsichtig sein.« Er blieb am Ausgange der Weinallee stehen: »Bovillard, wozu denn der Embarras , um einen Menschen zu retten, der sein Schicksal verdient hat! Seine Diners sind doch, dünkt mich, zu ersetzen.« »Exzellenz, ein Ring heraus, und eine Kette ist entzwei. Seine Familienverbindungen!« »Man darf nicht schonen, wo es an den eigenen Ruf geht. Sie haben es nicht zu vertreten, aber ich, wenn es am Hofe heißt: Das ist einer von der Lombardschen Clique! Grade wenn wir ihn springen lassen, befestigen wir unseren Ruf« »Er hat mir so aufrichtig Besserung gelobt.« Der Minister saß ihn mit kaum unterdrücktem Lächeln an. »Und dann der König! Es geht nicht, er ist diesmal selbst Partei!« »Ich weiß, ich weiß. – Indessen sollten Exzellenz – ich meine, wenn Sie sich der Sache annehmen wollten, wenn Sie das Los der armen Kinder des Geheimrats mit aller Ihrer Humanität erwögen, sollte es Exzellenz nicht möglich sein, vor der königlichen Huld und Gnade die Sache in einem Lichte – aber – mein Gott, wie schön ist die Aussicht! Welch ein wunderbares Licht!« Sie waren aus dem Weingang ins Freie getreten, und der Geheimrat blieb wie versunken in der Anschauung stehen. Ein Eisen muß man schmieden, wenn es heiß ist, aber an eine Tür, die man verschlossen findet, nicht klopfen, bis das Haus in Aufruhr gerät. Wenn man wartet, öffnet sie sich wohl von selbst. »In dieser Verdure glaubt man doch die Alpenfrische wiederzusehen. Wie geschickt Exzellenz die Stadtmauer da mit Gebüsch versteckt haben.« »Der Garten war sehr morastig«, sagte der Minister, »als ich das Grundstück kaufte, es war mein Vergnügen, das Wasser in Gräben zu leiten, die sich aber wie natürliche Bäche schlängeln. Hält man die schilfichte Krümmung dort wohl für gegraben?« Der Geheimrat fand, die Lorgnette im Auge, nichts als Natur: »Da auch Mummeln im Teich – ich wollte sagen, in dem kleinen See. Il faut avouer, que c'est plus qu'imiter la nature. C'est la nature prise sur le fait. Man muß zugeben, das ist mehr als Nachahmung der Natur. Das heißt die Natur auf frischer Tat ertappen. « Er wollte sich auf einen abgehauenen Baumstamm am Ufer des künstlichen Baches stellen, um sich im Wasser zu spiegeln. Der Minister hielt ihn am Rockschoß zurück: »Um Gottes willen, er kippt über. Mein Gärtner hat ihn erst heut morgen aus Treptow eingefahren.« »En vérité!« sagte der Geheimrat, »die Täuschung ist mir lieb, denn ich wollte schon mit Ihnen zürnen, einen solchen Kernbaum umzuhauen!« »Wo sollte ein Baum von solchen Dimensionen auf diesem Boden fortkommen«, entgegnete der Minister, über die Täuschung doch nicht ganz unzufrieden. »Wenn ich auf etwas mir zugute tue, ist es nächst meinem Weinbau, von dem Sie ja wohl schon gelesen haben werden«, setzte er lächelnd hinzu, »auf meine Kühe. Es ist holsteinische Zucht. Beyme will in Steglitz auch den Versuch machen, ich zweifle aber, daß sie ihm fortkommen. – Und mit welchen Vorurteilen ich zu kämpfen hatte! Zwei Kuhhirten mußte ich entlassen. Der eine hielt das Schweizergeläut den Kühen für schädlich! Wohin sehen Sie dort?« »Was ist das blendende Weiß da?« »Meinen Sie das Stückchen Stadtmauer, worauf die Sonne scheint? Der Teil ist neu geweißt.« »Sollt ich mich so getäuscht haben! – Richtig! Sie springt da grade über die Büsche. Wissen, Exzellenz, es ist eine Torheit – aber die Phantasie geht oft mit uns durch –, in dem Augenblick dacht ich an Schnee. Man könnte der Illusion zu Hilfe kommen. Ich meine –« Der Minister fiel ein, er sei kein Freund der Spielereien im Wörlitzer Stil. »Die Natur und nichts als die Natur! Da hatte ich auch einen Wasserfall angelegt, ich habe aber die Steine wieder herausnehmen lassen. Man erreicht weder ihre Größe noch ihre Einfachheit.« Der Geheimrat empfand in dem Augenblick eine unangenehme Berührung auf dem Rücken. Der Minister zuckte sogar schmerzhaft zusammen, denn eins der Kieselsteinchen, mit denen beide beworfen wurden, hatte ihn in dem Nacken getroffen. Sechzehntes Kapitel. Von Urmenschen und großen Menschen im Schlafrock . »Verfluchter Junge!« entschlüpfte es ihm, indem er, sich umdrehend, die Hand erhob. »Jean, oder warst du es, Jacques! Du siehst doch, ich bin nicht allein.« Statt der Antwort flog ein neuer Steinhagel. Er kam aus den Ästen einer der Ulmen, die in einiger Entfernung durch ein seichtes Wasser von ihnen getrennt in einer Gruppe Buschwerk standen. Bovillards Lorgnette entdeckte in den Ästen einen der Knaben des Ministers, einen andern am Ufer als wilder Mann kostümiert. Dieser schrie, auf seine Keule gestützt, in unartikulierten Tönen, deren leichtverständlicher Sinn war, daß sie Riesen oder Waldmenschen wären, denen dieser Wald gehöre, und daß kein Fremdling aus der feigen, schwächlichen Menschenrasse sich in ihr Territorium ungestraft verirren dürfe. »Da werden wir wohl unterhandeln müssen, lieber Bovillard.« »Ah, Dero Herren Söhne – spielen Ritter.« »Die Passion ist vorbei, sie wollen nichts als Menschen, Urmenschen sein. Na, Jean, Jacques, sagt, was wollt ihr denn von uns?« »Jean, Jacques! Sind Ihnen Ihre Taufnamen Hugo und Busso nicht unmenschlich genug?« »Eine Passion meiner Frau.« Der Minister verneigte sich: »Also ihr großmächtigen Herren der Insel und Gebietiger des Waldes, was fordert ihr von uns armen Menschenkindern, damit wir unter eurer Gnade einen ungehinderten Durchweg haben?« Während die Knaben dies »freche Ansinnen«, wie sie es nannten, in Überlegung ziehen wollten und dazu der eine Waldmensch vom Baum herabrutschte, hatte Bovillard Zeit, die Insel zu betrachten, von deren Existenz er noch nichts wußte. Sie war sichtlich erst vor kurzem gegraben, sowie die künstliche Höhle aufgeschüttet von Erdreich, Ästen und Moos mit rohem Tisch und Bänken, und ein schadhaftes Bärenfell, das am Eingang hing, verriet an seiner Furnitur, daß es von irgendeinem Liebhabertheater stammte. Der Riese, indem er den Blätterkranz auf der Stirn zurechtrückte, während der andere das Bärenfell auf die Erde breitete und sich in malerischer Position hinwarf, stellte nun in einer schwülstigen Knabenrede an die jämmerlichen Wichte und elenden Kreaturen der Zivilisation seine Forderungen und Vorstellungen: daß sie, die auf Lotterbetten lägen und den Gaumen kitzelten mit feinen Weinen und Speisen, ihnen, den Waldmenschen, die auf Wurzeln schliefen und von Eicheln lebten, ihr Trank das klare Quellwasser, ihr Becher die Hand, nicht einmal ihr letztes Asyl, die Waldwildnis, gönnten. Wohl kennten sie, die Urmenschen, die Arglist ihrer Verfolger, die ihnen die Erde entrissen und sie wilde Männer schölten, und daß sie nur kämen, um sie auszukundschaften und durch gleisnerische Worte zu betrügen. Eigentlich sollten sie nun zu ihrer Rettung die verräterischen Spione der Kulturmenschen vernichten, aber die Waldmenschen wären großmütiger, sie wollten ihre Hände nicht mit ihrem Blute besudeln, denn Allvater rausche in den Eichen über ihnen: »Laßt sie noch diesmal laufen!« Darum möchten sie noch diesmal laufen, mit geduckten Köpfen, die Hände auf dem Rücken, laufen, was sie könnten, denn wenn sie bis zwölf gezählt, würden sie Felsstücke auf ihre Schädel nachschleudern. » C'est bien joli !« sagte der Geheimrat und klopfte den Staub von den Füßen, als sie außer Atem die Büsche erreicht. »Ein prächtiger Junge!« »Aber wie kamen sie auf die Idee?« »Ganz ihre eigene. Das ist es eben, was mich freut. Auf einem Spaziergange im Tiergarten sprach meine Frau beim Anblick der Urne auf der Rousseau-Insel einige gefühlvolle Worte. Die Jungen schnappten es auf; wir mußten ihnen erklären, wer Rousseau gewesen, es kam dazu, daß sie vor kurzem den ›Robinson‹ gelesen – kurz, die Jungen wollten als Einsiedler auf einer Insel leben. Sie glauben nicht, mit welchem Scharfsinn sie argumentierten. Wir riskierten, daß die Kinder uns eines Morgens fortliefen und nach der Rousseau-Insel wateten. Um den Skandal zu verhindern, ließ ich ihnen diese hier graben. Es gab eine angenehme Beschäftigung, und jetzt muß ich wirklich ihre Perseverance admirieren, mit der sie sich auf der Insel –« » Ennuyieren «, fiel der Geheimrat ein. Es trat eine Pause ein. Der Minister hub wieder an: »Ich gebe Ihnen zu, Bovillard, wir erscheinen als Kinder, indem wir dies unterstützen. Ich gebe Ihnen noch mehr zu, meine ganze, in einer großen Stadt hervorgezauberte Ländlichkeit ist auch nur ein Kinderspiel; wer aber hielte es aus ohne ein Spiel der Phantasie! Nur darin ist der Unterschied, daß die einen es wie ein joujou de la Normandie in die Hand nehmen, um es aufzurollen und wieder fallen zu lassen. Wir andere vertiefen uns, glücklich, wenn wir in dem Spiel uns selbst vergessen.« »Die Tiefe Ihrer Sentiments, Exzellenz, wird Ihnen niemand abstreiten.« »Sagen Sie lieber Innigkeit, Zärtlichkeit, wie Sie wollen. Ich empfinde es tiefer als viele, was uns alle abmattet. Wie es um uns her grau ist, abgelebt aussieht, wie auf einem Stoppelfelde! Was ging nicht unter! Unsere Adelsherrlichkeit, unsere Schlösser und Burgen! Der Lüster unserer Salons! Das Heilige Römische Reich folgte unserem Glauben an seine Herrlichkeit. Was ist unsere Philosophie, unsere Gelehrsamkeit, selbst unsere Poesie und Literatur, die kaum aufgeblühten, die kaum das Ausland zu observieren schienen – ils sont passés ces jours de fête , denn selbst dem vergötterten Schiller zupfen die jungen Romantiker seine Schwanenfedern aus.« »Exzellenz, ein anderer Matthisson; Elegien auf die Ruinen einer verfallenen Welt!« »Durchrieselt uns nicht alle das Gefühl eines inneren Zerfalls der Dinge! Unsere Kultur, unsere Industrie, Politik, vielleicht selbst unsere Population, alle zu weit getrieben, schmachten nach einer Rekreation.« »Um Rousseausche Orang-Utans zu werden?« »Rousseau ging zu weit, ich gebe auch das zu. Wie sie in Neapel auf der Lava Weingelände bauen, mögen wir um die Ruinen Gärtchen pflanzen. Das ist unsere Aufgabe. Sehn Sie diese Stadtmauer, wie weit hinaus über das Bedürfnis hat sie Friedrichs kolossales Genie gestreckt. Die Häuser kommen ihnen nicht nach, welche immensen Massen Ackerfeld liegen darinnen. Nun ist es an uns, die Natur wieder mit der Kunst zu verbinden. So betrachte ich meine Gartenanlagen, der Park vermittelt das Feld mit dem Garten, der Garten, als Gemüse-, Obst-, Ziergarten, den Park mit der Stadt.« »Ja, wer das Vermitteln wie Exzellenz versteht!« »Die Haushaltung unseres jungen Königs, ich gebe auch das Ihnen zu, erscheint wie ein zu schroffer Gegensatz gegen die vorige. Auch damals wollte man die Natur, aber es war ein zu voller bunter Blumengarten, ein Gewächshaus mit Tulpen, Nelken, Lilien, Levkoien, deren Duft und Farbenpracht uns eblouierte . Mit dem ersten Frost senkten sie die Köpfe, und die ganze Herrlichkeit war welk. Was nun natürlicher, als daß unser junger Herr es anders anfängt. Er will wieder das natürliche Grün, den Klee, die Wiesenblumen, die keiner Heizung, keiner Glasscheiben bedürfen, die immer wieder aufblühen, auch wenn noch soviel Füße den Rasen zertreten, denn diese Natur ist ewig, diese bescheidene, sich selbst genügende, die nicht prunken will vor der Welt. Dies ist meine Rekreation, und sehen Sie, Bovillard, darum ist mir der Hang meiner Kinder so rührend. Niemand hat ihn eingeflößt, ganz von selbst kehren sie zum Natürlichen zurück. Ich will sie nicht zu Anachoreten und wilden Männern erziehen. Aber die Jugend muß den Übermut abschäumen, ihre Inklinationen klären sich dann von selbst, und als Jünglinge werden sie in edler Einfalt der Sitten das Maß und die Genügsamkeit bewahren, die sie auf dem Pfad der edlen und rechtschaffenen Menschen zu ihrem Ziele führt.« Durch den Buschweg, den sie nach dem Hause einschlugen, kam ihnen der Kammerdiener mit einem verdeckten Korbe entgegen: »Ah, Rekreationen, die uns die Frau Ministerin schickt!« rief Bovillard, der hungrig geworden, und schlug die Serviette zurück. Die frischen Kirschkuchen und das Gelee in Gläsern blickten ihm nicht unangenehm entgegen, aber der Kammerdiener zog den Korb entschieden zurück: »Verzeihen Sie, gnädiger Herr, das ist für die Herren Urmenschen auf der Insel. Ich habe mich etwas verspätet.« »Gedulden Sie sich etwas, lieber Bovillard. Für Ihren Geschmack sind doch nicht diese idyllischen Fruchtgenüsse. Aber ich will Ihnen eine allerliebste kleine Straßburgerin vorsetzen«, lächelte die Exzellenz. »Wenn auch nicht ganz Unschuld, doch sehr pikant und eben frisch angekommen.« »Die Damen bleiben doch die Blüten der Natur«, entgegnete der Geheimrat, »ich meine aber die in der Mitte zwischen Gänseblumen und verwelkten Tulpen.« Bei einer Öffnung der Büsche hatten die Spaziergänger einen Blick auf die Rückseite der sogenannten Insel. Der Kammerdiener hatte auf einer Stange den Erfrischungskorb hinübergereicht. Die Urmenschen hielten es für naturgemäß, sich darum zu balgen. Der stärkere stemmte den Kopf gegen den Bauch des andern und hob ihn durch einen gymnastischen Schwung auf die Schultern. Bovillard lachte, der Minister glaubte eine Erklärung oder Entschuldigung geben zu müssen. Die Kinder glaubten nur, es den wilden Tieren nachtun zu müssen, wenn ihnen das Fressen vorgeworfen wird; übrigens liebten sie sich als Brüder und würden nachher schon gerecht teilen. »Ich lache nicht darüber, mir kam nur eine Szene bei Rietz in den Sinn.« »Bei Rietz«, wiederholte der Minister nachsinnend. Um des Geheimrates Lippen schwebte ein faunisches Lächeln: »Exzellenz werden sich vielleicht noch der Jenny erinnern. Sie sang uns da die Marseillaise entzückend schön. Während wir klatschten, rief sie mit einmal: ›Ça ira!‹ und mit einem Satz vom Stuhl auf den Tisch! ›Schenkt ein!‹ rief das deliziöse Wesen, und nur auf einem Zeh schwebend, hob sie das schäumende Glas: ›Vive la liberté!‹ Ohne einen Tropfen zu vergießen, trank sie's aus. Eine Grazie, wie eine Göttin, wie sie zwischen den Flaschen schwebte, das leichte Musselinkleid in antiken Falten, den Rosazephir um ihren Nacken, und ihr Teint von der Freude, vom Wein angerötet. So tanzte sie, nein, es war kein Tanz, es war doch ein Hinsäuseln der ätherischen Freude über die Tafel. Kein Glas fiel um. Die ganze Gesellschaft außer sich, wir mußten ihre Füße küssen.« Der Minister hatte unwillkürlich den Kopf gesenkt. Bovillard fuhr fort: »Einer unserer verehrten Freunde, erinnere ich mich noch sehr wohl, war so benommen von olympischer Lust, daß er sich die Weste aufriß und das Füßchen an sein pochendes Herz drückte. Darüber verlor die Grazie das Übergewicht, und ehe wir's uns versahen, umfaßte er sie und trug sie fort.« Bovillard sah nicht, wie der Minister mit der Hand abwehrend winkte. »Wie die Najade sich schalkhaft sträubte, ihr Zephir flatterte, eine Attitüde, Exzellenz, ich wünschte, Sie hätten es sehen können. Das war doch ein Jubel, eine Admiration! ›Der Sabinerinnen Raub!‹ wie aus einem Munde scholl's. ›Ein leibhafter Johann von Bologna!‹« »Was öffnen Sie die Gräber der Vergangenheit, Bovillard! Ich ward ein schlichter Hausmann.« »War's denn was Böses?« »Eine Verirrung doch wohl, liebster Freund. Das müssen wir zugeben, aber die edelsten Empfindungen lagen zum Grunde. Es war mir oft so wie in der Brüdergemeinde. Aller Schein, aller Standesunterschied, das Drückende unsrer Verhältnisse sinkt wie ein Schleier. Der Bruder- und Schwesterkuß drückt das Siegel der Humanität der edlen Gleichheit auf unsre Lippen, und nun fallen mit den Titeln alle beengenden Rücksichten fort. Man fühlt sich wieder in der Natur, dem Ursprünglichen nähergerückt, das Herz geht auf, man schließt es unwillkürlich weiter auf, vielleicht weiter, als man sollte – aber es ist ja eben dieser Drang, der uns glücklich macht.« Der Geheimrat blieb einen Augenblick stehen: »Ich besorge, daß Exzellenz an jenem Abend Ihr Herz zu weit aufgeschlossen haben. Die Jenny war ein pfiffiges Ding.« »Ich wüßte doch nicht –« »Das glaube ich gern. Der Champagner bei Rietz war immer première qualité. Aber erinnern sich Exzellenz, daß damals die hannöversche Geschichte spielte – man schickte einen Kurier nach, um eine gewisse Depesche coûte que coûte zurückzuholen. Die Jenny, wenn sie noch lebt, wird das freilich längst vergessen haben, aber –« »Wem könnte ich sonst –« »Nicht Exzellenz, aber die Jenny. Als sie nach Hause fuhren, stahl sich Lupinus zu ihr. Ich bin nicht bei ihrer Entrevue gewesen, noch habe ich, Gott bewahre, mein Ohr ans Schlüsselloch gelegt, aber ich weiß nur, daß auch sie von allen beengenden Rücksichten sich frei, sich wieder in der Natur fühlte, dem Ursprünglichen nähergerückt, daß sie ihr Herz auch aufschloß »Dem Lupinus! Pfui!« »Der Schwesterkuß drückte das Siegel der edlen Gleichheit allen auf. Ich will auch nicht verschwören, daß nicht die undankbare Schelmin Eure Exzellenz etwas railliert hat. Der Sillery hatte sie, wie gesagt, auch animiert, und statt die Mysterien der süßen Stunde in ihrer Brust zu verschließen, machte sie sich über den Minister lustig, der ihr zu Füßen gestürzt, ihre Knie umfaßt und geschworen hatte, vor solcher Huld und Grazie etwas Geheimes auf der Brust zu behalten, wäre Sünde. Wie die Sonne die Knospe entfalte, müsse das Herz sich erschließen vor der Schönheit. – Exzellenz, solche Geschöpfe sind launenhaft, unberechenbar. Sie hatte sich vielleicht bei den politischen Herzensergießungen etwas ennuyiert. Nun mußte sie gegen den ersten besten, den sie sah, auch ihr Herz und ihr Lachen ausschütten. Wie gesagt, was die Jenny betrifft, sie hat alles ausgeschüttet, aber – ich weiß nur aus manchen gelegentlichen Redensarten, daß der Geheimrat manche dieser Reminiszenzen eingeschachtelt hat.« Es folgte eine lange Pause, in welcher im Minister vielerlei vorging: »Sie sind ein Quälgeist, Bovillard«, sagte er endlich. »Haben Sie denn keine bessern Gegenstände zu protegieren?« Mit einiger Emphase sagte der Geheimrat: »Die Tugend und das Verdienst helfen sich selbst fort, das liest man in jeder Erziehungsschrift; den Lumpen aber muß man unter den Arm greifen. Exzellenz, welch ein süßes Gefühl, so manche Vogelscheuche in Amt und Würden zu sehen! Der ehrbare Bürger bleibt respektvoll stehen und zieht tief den Hut, und wir – wir lachen in uns, wir wissen, welcher Hauch, welche Laune, welcher Zufall sie aufschwellte. Nur den Atem brauchen wir anzuziehen, und sie fallen auf den Müllhaufen zurück und schrecken keinen Sperling mehr. Es ist eine kleine Erholung, dies Protegieren, eine Entschädigung für die saure Aufgabe, unsre besten Kräfte dem Dinge zu widmen, was sie Staat nennen.« »Ihre Rechnung ist nur nicht ganz richtig«, entgegnete der Minister. »Diese Figuranten und Stehaufmänner, deren jeder Staat bedarf, bleiben es nicht immer, sie bekommen nur zu oft eignes Leben und eignen Willen und rebellieren dann gegen die, welche ihre Schöpfer waren. Passons là-dessus !« Sie setzten sich auf eine beschattete Bank mit der Aussicht auf einen Wiesenplan und das Haus. Ihr Gespräch war noch nicht zu Ende; das fühlte sich von beiden Seiten heraus, wenngleich jeder den Anfang zu machen scheute. Der Minister saß nachdenkend, den Kopf im Arm gestützt. »Bovillard«, hub er endlich an, »will Ihr Protegé sich rächen, vergessene Dinge ausplaudern, so trifft es nur mich! Was ist der einzelne dem Staat gegenüber!« »Exzellenz, auf der Goldwaage, auf der Lupinus zu leicht wiegt, müßten viele springen.« »Und wer sagt ihnen, daß sie nicht springen werden – wenn ein Changement eintritt?« Bovillard sah den Minister groß an: »Nach Lombards Depeschen! Die Radziwill hat sich vor Ärger krank melden lassen, die schöne Prinzeß Wilhelm schreitet wie eine heilige Katharina in stummem Zorn durch ihre Gemächer, die Garde du Corps – was weiß ich, was sie tun. Prinz Louis hat, glaube ich, ein Pferd totgeritten und bei der Mamsell Rahel Levin ein Collegium Philosophicum aus Verzweiflung sich bestellt.« »Sind damit Ihre Novitäten zu Ende?« »Der Einfluß der auswärtigen Mächte ist damit paralysiert.« »Wer denkt an das! – Im Innern droht der Feind, Bovillard – Stein wird ins Ministerium treten.« »Der Freiherr vom Stein!« »Stein vom Stein!« Der Geheimrat war ein Mann, der sich nicht leicht aus der Fassung bringen ließ. Der Minister konnte ein Lächeln nicht unterdrücken, als er sein verlängertes Gesicht sah. »Wer hätte es noch vorgestern erwartet! Man hat dem Könige seine außerordentlichen Verdienste in Westfalen, seine Rechtschaffenheit, seinen graden Sinn, seine hohe Geburt unterbreitet, man hat –« »Wer?« »Ein guter Freund von uns, Bovillard. Wer anders als Beyme.« »Ist Beyme toll?« »Man sagt, er hätte zuweilen Gewissensskrupel, daß er sich uns so unbedingt anschließt.« »Die Schrullen vom Kammergericht. Was habe ich mir Mühe gegeben, ihn davon loszubringen.« »Es ist mit den Juristen wie mit Ihren Puppen und Vogelscheuchen, Bovillard. In der Regel sind sie trefflich zu nutzen, wenn man ihr Formelwesen sich zum Panzer ajustiert, wenn sie aber widerborstig werden, sind sie Stacheln in unserm Fleisch. Beyme hat den Vortrag an den König aufgesetzt.« »Und hinter ihm diktierte –? Wer, bester Freund, könnte unsre Aufmerksamkeit so getäuscht haben! Hardenberg?« »Wird ihn vielleicht nicht grade wünschen, aber noch mehr fürchten, daß er ihn zu fürchten scheinen könnte. Hardenberg ist ein Spekulant auf die Zukunft, der sich um deswillen den Genuß der Gegenwart nicht will trüben lassen. Er möchte gern aus der Vogelperspektive die Dinge betrachten, um, wenn seine Zeit gekommen, auf seine Beute herabzuschießen. Daß die Zeit jetzt für ihn noch nicht da ist, sieht er ein.« »Aber wer in aller Welt steckt hinter Beyme?« »Wir müssen höher suchen. Einer sehr tugendhaften Frau am Hofe sind wir nicht tugendhaft genug, lieber Bovillard.« » Der wird der Hecht im Karpfenteich«, rief der Geheimrat. »Ja, wenn er hier agiert wie in seinem Westfalen! Ich bestreite durchaus nicht Steins Verdienste. Oh, er hat charmant administriert, was Steine anbetrifft und Wege und Metalle. Nur mit den Menschen hat er eine eigentümliche Art umzugehen.« »Der Herr Oberpräsident waren ja ein kleiner König von Westfalen.« »Und er wird sich hier nicht degradieren wollen. Ich sehe schon, wie er sein Bureau reformiert; das möchten wir ihm immerhin lassen, aber von seinem Finanzkastell aus wird er Invektiven, Aggressionen, Blitze nach allen Seiten schleudern. Der Hitzkopf kann nun einmal nicht aus seiner Natur.« »Mit dem feinen Ton unserer Société ist's aus. Wie war der Brief an den Herzog von Nassau, an ein regierendes Haupt! Exzellenz, ich weiß Geschichten von seiner Grobheit.« »Ich kenne sie auch und sein Ungestüm. Er wird mit dem Könige selbst aneinandergeraten!« »Desto besser!« »Sagen Sie das nicht, Bovillard. Der König hält allerdings auf seine Würde. Es ist aber ebenso möglich, daß er sich in seine Art fügt. Hat er sich einmal darin gefunden, eine gewisse Estime für seinen Charakter empfangen, und sieht er, daß das Staatsschiff so leidlich dabei fortsteuert, so kennen Sie ja des Monarchen Natur, die vor jeder durchgreifenden Änderung eine Scheu hat. Selbst ihm unliebsam Personen läßt er in ihren Ämtern, und am Ende gewöhnt er sich auch an das Toben seines Premiers; denn daß Stein das wird, wenn er erst einen Fußtritt im Ministerium hat, können Sie glauben.« »Was haben wir da zu tun!« sagte der Geheimrat aufspringend. Der Minister erhob sich langsam, es schien wie von einer schweren Sitzung. »Wir! Nichts, Bovillard. Wir fügen uns als Philosophen in das, was nicht zu ändern ist. Mich persönlich kümmert es nicht. Bedarf der König meiner Dienste nicht mehr, so danke ich ihm aufrichtig für das mir so lange geschenkte Vertrauen und singe mit ebenso aufrichtigem Herzen mein: › beatus ille, qui procul negotiis ‹, und die paterna rura sollen mir doppelt willkommen sein.« »Aber der Staat, Exzellenz!« Der Minister sah ihn mit einem schlauen Blick unter den herabgezogenen Augenbrauen an: »I, der wird wohl auch ohne uns bestehen.« Es trat eine Pause ein; sie gingen langsam dem Hause zu. »Sie und unsre Freunde allein tun mir leid. Er ist jeder Zoll ein Reichsfreiherr. Seine Majestät Diener wird er empfinden lassen, daß ein Unterschied ist zwischen Dienern und Dienern. Er hat gar kein Hehl, daß er Lombard nicht leiden kann; ja, er hat eine recht reichsfreiherrliche Verachtung gegen den Sohn des Perückenmachers.« »Da werden sich ja unsre kurmärkischen Edelleute in die Hände reiben.« »Ich zweifle, ob ihnen mit dem Changement gedient ist. So ein ehemals Reichsunmittelbarer sieht mit einer eignen Verachtung auf unsre wendischen Krautjunker herab. Ich sage Ihnen, in dem Mann ist alles Aristokrat, und die Autorität, die er am Rhein verloren, muß er suchen an der Havel wiederzugewinnen. Von der süßen Illusion lassen Sie ab, daß das Kabinett bleibt, was es war. Die Fiktion, daß die bürgerlichen Herren Kabinettsräte die Volkstribunen sind, wird er mit einem Hagelwetter auseinandertreiben. Er kann sein gewesenes Deutschland auch als Preuße nicht vergessen, er wird eingreifen, durchgreifen, reformieren, bis – doch ich mache keine Ansprüche auf Clairvoyance. Aber, lieber Bovillard, Sie sehen ein, der Augenblick, wo Stein ans Ruder kommt, ist nicht angetan, um Ihren Geheimrat zu retablieren.« Siebzehntes Kapitel. Das Citissime! »Scheint doch einem Staatsmann auch kein Augenblick ruhiger Naturgenuß vergönnt!« seufzte der Minister, als der Kanzleibote mit seinem Citissime ihnen wieder entgegenkam. – Zugleich meldete ein Diener den Kammerherrn von St. Real. Man hörte den Wagen in den Hof fahren. »Unterzeichnen Sie für mich, lieber Bovillard, hier gleich in der Laube. Im Auftrag, es wird genügen –« »In welcher Angelegenheit?« »Ich weiß es wirklich nicht. Der Kammerherr versprach mir, im Vorüberfahren vom Palais anzusprechen, wenn etwas Neues passiert. Auf Wiedersehen im Pavillon – bei der Straßburgerin.« Der Geheimrat ließ die schon eingetauchte Feder fallen, als er einen Blick in die Reinschrift geworfen. Er durchlas sie mit gekniffenen Lippen – ein Bericht des Ministeriums auf Spezialanfrage in Belang des den Königlichen Geheimrat Lupinus betreffenden Amtsvergehens. Der Minister erteilte sein Gutachten dahin, daß nach seinem besten Ermessen der Fall mit unnachsichtiger Strenge zu behandeln sei und daß jede Schonung zum unverwindlichen Schaden des königlichen Dienstes ausschlagen müsse. Er drang selbst im Interesse des Staatsdienstes auf eine strenge Ahndung und augenblickliche Suspension des Angeschuldigten. Es war nicht in Bovillards Art, alles, was er unterschrieb, durchzulesen. Er las diese Schrift zweimal und murmelte: »Sieh da, die feine Feder meines jungen Freundes. Nicht zu verkennen. Ei, ei, Herr von Fuchsius, wollen Sie sich schon so wichtig machen und unentbehrlich! Und auch diese feinen Anspielungen auf uns! Daran wollen wir uns gelegentlich erinnern.« Der Kanzleidiener hätte noch lange auf die Unterschrift warten müssen, wenn ihm der Geheimrat nicht die Weisung gab, die Sache bedürfe noch einer Regulierung mit Seiner Exzellenz. Die Regulierung schien aber dem Geheimrat selbst einige Sorge zu machen, denn den Kopf im Arm, stierte er lange in die Luft, bis allmählich ein sardonisches Lächeln über seine Lippen spielte und er mit einem ganz eigentümlichen Blick ausrief: »Wenn es denn doch einmal sein muß, wollen wir etwas gründlicher anfassen.« Er schrieb sehr schnell. Zwei Seiten waren gefüllt, mit Schmunzeln überlas er das Konzept: »Hätte ich doch selbst kaum gedacht, daß der Mensch so verworfen ist! Und dieser Schluß: ›Demnächst kann ich nicht umhin, es gerade in diesem Augenblick als eine dringendste Pflicht Eurer Königlichen Majestät zu Füßen zu legen, die Angelegenheit nur von dem angegebenen höheren Gesichtspunkte zu betrachten und den Rücksichten der Humanität und Gnade, denen höchst Ihr Herz so gern sich erschließt, diesmal nicht nachzugeben. Ja, ich muß für strengste Handhabung der Gerechtigkeit nicht allein im Interesse des allgemeinen Staatswohles und zur Erhaltung der Moralität unter Dero Dienern stimmen, sondern auch in spezieller Rücksicht auf die Männer und erprobten Staatsdiener, denen Eure Majestät höchst Ihr Vertrauen besonders zuzuwenden geruht. Leider steht die betreffende pflichtvergessene Person durch entfernte Verwandtschafts- und frühere gesellschaftliche Bande mit einem oder einigen dieser gedachten Männer in einer gewissen Relation, und es ist gewissen ihrer Feinde und Neider eine willkommene Aufgabe, aus diesem zufälligen Annex Verdächtigungsgründe zu schöpfen, ich wiederhole es, gegen Männer, die der Verdacht nicht berühren kann, weil ihr Charakter und ihr Verdienst von Euer Majestät gewürdigt sind. Desto mehr wird es zur Pflicht, gerade im Interesse des Thrones, auch vor dem Publikum diese Männer zu schützen. Eure Majestät können ihnen keine willkommenere Rechtfertigung gewähren, als wenn Sie das Recht und nur das Recht walten lassen. Was ist ein Staat ohne Moralität seiner Bürger, was eine Monarchie, wo der Beamte nicht in Unbescholtenheit und sittlicher Würde wenigstens nachzueifern strebt dem erhabenen Exempel, welches sein Oberhaupt dem Lande und Volke täglich gibt.‹« »Wunderschön!« Es entfuhr unwillkürlich den Lippen des Geheimrats, und er steckte das Konzept in die Brusttasche. »Die Exzellenz wird sich wenigstens eingestehen müssen, daß sie Räte um sich hat, die auf ihre Ideen einzugehen wissen. Das kann man auch dem Herrn vom Stein unter die Nase halten.« Welcher Glanz leuchtete auf der Stirn des Ministers. St. Real stand hinter dem Lehnsessel und wiegte sich in Wohlbehagen, während der Hausherr auf und ab ging. Als er den Geheimrat eintreten sah, hielt er ihm die Hand entgegen: »Wissen Sie schon, Bovillard?« »Nichts, Exzellenz, als daß Ihre Ansichten mich überführt haben.« »Lassen Sie sich's von St. Real sagen.« Er warf sich in den Fauteuil, überschlug die Beine und rieb die Hände. »Seine Majestät haben in Gnaden die Anstellung des Herrn vom Stein abgelehnt.« »Stein wird nicht Finanzminister«, wiederholte der Minister. »Da fällt uns also ein Stein vom Herzen!« Bovillards Bonmot, so leicht es war, fand empfängliche Herzen. Gut, daß kein Lauscherauge in den Pavillon drang. Es hätte Mienen, Bewegungen und Gesten gesehen, schwer verträglich mit der ministeriellen Autorität eines Großstaates. Nur der Geheimrat hatte rasch eine Flasche entkorkt, um ein Glas hinunterzustürzen, aber die Physiognomien erinnerten einen Augenblick an die faunischen Gesichter, welche Rubens' Pinsel so unvergleichlich auf die Leinwand warf. Belauschte Augenblicke der kannibalischen Natur im Menschen, die nun ewig geworden sind durch die Kunst. Wenn jemandem, wem darf man es weniger verargen als einem Staatsmann, wenn er im unbelauschten Augenblick die geglättete Maske fallen läßt, um einmal wenigstens in der ursprünglichen sich vor sich selbst zu sehen. »Nun heraus! Wie war's?« rief der Geheimrat am Tische, indem er einen tief aushöhlenden Schnitt in die Leberpastete tat. Ich vergaß zu sagen, daß man die Türen vorher verschlossen und auch noch die Gardinen vor die mit Weinreben fest umrankten Fenster gezogen – der Kühlung wegen, hieß es. Es war allerdings ein sehr heißer Tag geworden! Vorher aber war der Haushofmeister auf besondere Order des Ministers selbst in die Keller gestiegen, und ein Korb mit Flaschen, staubig, kalkicht, mit Spinneweben umwoben, stand infolgedessen am Tische. Auf demselben hatten sich aber neben der Straßburgerin noch Schüsseln des verschiedensten Inhalts aus verschiedenen Weltgegenden eingefunden, »ein Frühstück, wie's ein schlichter Mann guten Freunden eben vorsetzt, die nach dem Herzen sehen, nicht auf den Wert«, hatte der Minister gesagt. Was bedurfte es der Aufwartung unter ein paar traulich beisammensitzenden Freunden! Darum sollte niemand gemeldet, niemand eingelassen werden, und der gütige Wirt selbst nahm den Pfropfenzieher zur Hand. »Die Geschichte ist eigentlich sehr einfach«, sagte St. Real. »Gestern abend war der König noch dafür gestimmt. So nahmen wir's wenigstens an. Sie mögen sich das Geflüster in den Vorzimmern denken, die Fragen, die man hören mußte. Die Damen wollten wissen, ob der Herr vom Stein noch ein junger Mann wäre? Ob er ein Haus mache. Ob er ästhetisch ist. Ob er lieber Jean Paul liest oder Lafontaine und Schiller und Goethe vorzieht. Die Herren steckten die Köpfe zusammen. Es wußte eigentlich niemand, woher der Wind blies, denn wenn man auch sagte, Beyme hat Lombards Abwesenheit benutzt, so erklärte das wieder nicht, warum Beyme gegen seinen Freund intrigieren sollte. Andre kalkulierten gar, die ganze Sache ginge von Lombard selbst aus, er wünsche solchen Mauerbrecher in das Königs Nähe, entweder, um andre damit aus dem Weg zu räumen, oder er wünsche, daß die höchste Person es einmal empfinde, wie unangenehm der Umgang mit einem deutschen Degenknopf ist.« »Torheit!« sagte der Minister. »Und doch vielleicht nicht übel spekuliert.« »Nichts, meine Freunde«, entgegnete jener, »lernt sich leichter an Höfen, als das Vergessen ehemaliger Freunde. Nur die Kränkungen vergißt man dort nie.« »Die alte Voß ließ für mich keinen Zweifel«, fuhr St. Real fort. »Sie rühmte gegen Komteß Laura die alte Familie der Stein; von Männern solcher Abkunft könne man sich versprechen, daß sie wieder die nötigen Dehors auch an den Hof bringen werden.« »Charmant!« Man ließ bei Gläserklang die alte Voß leben. Der weiße, prickelnde Burgunder schärft die Zunge, man schärfte die Darstellung von Anekdoten, die jeder kannte, aber jeder gern wiederhörte, bis sie für den Hautgout appretiert waren und unter allen guten Eigenschaften ihnen nur eine abging, die Wahrheit. »Aber wir kommen von der Sache ab. Was erfuhren Sie von ihr?« »Nicht mehr, als sie mich erraten ließ und ich eigentlich schon wußte, daß die Königin dahintersteckte. ›Geben Sie nur acht‹, flüsterte sie mir zu, ›wenn Ihro Majestät herauskommt.‹« »Und?« »Ihro Majestät kamen bald heraus.« »Und?« »'s ist doch eine wunderschöne Frau! Ihr schwarzes Atlaskleid rauschte über die Schwelle, und, war's Zufall oder Absicht, die Tür klappte hinter ihr, daß mir's noch ins Ohr gellt. Die Oberlippe ein bißchen eingekniffen, keinen von uns ansehend, raus war sie, und winkte nur der Berg, ihr zu folgen.« »Und das ist alles?« »Mich dünkt, genug.« »Man kann sich täuschen.« »Meine Ohren, Exzellenz, sind sehr scharf. Wenn ich im blauen Saal die Stiefel Seiner Majestät im roten Zimmer knarren höre, weiß ich, was die Glocke geschlagen hat.« »Ging also unruhig auf und ab!« »Wir sahen uns an und dankten Gott, daß nur ein Stein gefallen war.« »Er ist also?« » Ist! Bald kam Beyme heraus, dann auch Köckeritz. Beyme fragte nach der Berg. Da sie fort war, wandte er sich an die Voß und zuckte die Achseln: ›Madame, j'ai fait mon possible !‹ Zwischen den Zähnen murmelte er: › ultra posse nemo obligatur .‹ Nachher schenkte uns Köckeritz reinen Wein.« »Exzellenz«, rief Bovillard bei einer neuen Flasche, »dieser St. Perray ist gewiß reiner.« »Hatte die Radziwill zu stark urgiert , ein neuer Geniestreich des Prinzen sie verdrossen?« Der Minister setzte hinzu: »Ehe ich die Motive nicht kenne, bezweifle ich doch das Faktum.« »Was bedarf es noch der Motive! Natur, rien que de la nature ! Er hatte sich beschmeicheln lassen, unter Händedrücken das halbe Versprechen gegeben. Dann gereute es ihn. War schon gestern abend umhergegangen, die Hände auf dem Rücken. Die Berg hatte ein Selbstgespräch belauscht: ›Man will mir auch meine Minister machen!‹ Leider hatte sie nicht mehr Gelegenheit, die Königin davon zu avertieren . Heute morgen muß ihm ein Blatt in die Hände fallen, worin die Kindesmörderin eine irrende Schwester genannt wird, ein Opfer der gesellschaftlichen Verhältnisse. Es war etwas mit Emphase ihre Geschichte erzählt. Resultat: Sie waren ägriert , sehr ägriert. Ob die gelehrten Herren auch die expressen Worte Gottes fortkorrigieren wollten: wer Menschenblut vergießt, dessen Blut soll wieder vergossen werden? Man antwortete, der Verfasser sei kein Gelehrter, sondern eines von den jungen Genies. – ›Die eine verkehrte Welt machen wollen!‹ brach es nun heraus. ›Will aber keine verkehrte Welt aus meinem Reiche machen; soll alles in der Ordnung bleiben. Leute waren doch sonst mit zufrieden. Sollen zufrieden bleiben. Schöne Wirtschaft würden die Herren Genies anfangen, alles auf den Kopf stellen. Kindermörderinnen am Ende noch belohnen!‹ Während sie sich nun noch so expektorierten, kommt Beyme zum Vortrag, der wirklich nichts davon wußte, und indem er die Gründe für Steins Anstellung resümiert, entfährt ihm unglücklicherweise der Ausdruck: vor seinem Genie würden auch die und die Vorurteile sich beugen. Da war's um ihn geschehen! Der König sagte, er brauche keine Genies, er wolle keine Genies und – das übrige können Sie sich selbst erzählen.« Bovillard goß den Rest der zweiten Flasche in das Glas und erhob es: »Angestoßen, Freunde! Auf das Andenken der Kindesmörderin! Selige verirrte Schwester, dieser Tropfen sei dir geweiht, daß du Preußen vor Ministern bewahrt hast, die Genies sind! – Was stiert Exzellenz Christian ins Glas und trinkt nicht? Suchst du im Wein nach einem untergegangenen Genie? Verlorene Müh. Ertrunknes lebt nicht wieder auf« »Mir kommt nur der Gedanke«, sagte der Minister nach einer Pause, »ob eine Regierung denn überhaupt der Genies bedarf. Unser Minos vom Kammergericht fertigte neulich einen Bekannten, der ihm einen genialen Juristen für das Kollegium empfahl, mit den Worten ab: ›Ich brauche nur zwei für die knifflichen Sachen, für die andern sind Ochsen ausreichend.‹« »Ochsen mögen eine Weile die Tretmühle treiben, wie Exzellenz das selbst am besten wissen, im übrigen meine ich, daß Ochsen noch nie eine Mühle in Gang gebracht haben.« »Woran ging Josephs II. Schöpfung unter«, fuhr die Exzellenz fort. »Und was meint Ihr, daß aus unserm Staat würde, wenn irgendein Zufall Prinz Louis Ferdinand auf den Thron brächte?« Nach einer kleinen Pause hub der Geheimrat an, den Weinrest in seinem Glase schüttelnd: »Ich meine, zuerst würde er unsern verehrten Wirt zur Tür hinauskomplimentieren. Dann ging's an Lombard, Beyme, Lucchesini, an uns alle. Es würde aufbrausen wie tausend auf einmal entkorkte Champagnerflaschen. Da man sie aber nicht alle mit einemmal austrinken kann, würde der Wein bald schal werden. Und wie er seiner Mätressen satt wird, würde er's auch der Genies. Dann kämen die unermüdlichen Geschöpfe dran, die man nun Zuträger nennen mag oder Sykophanten oder Gelegenheitsmacher, Kuppler oder auch Ochsen, wie man will, die immer für neue Stoffe in Wein, Ideen und Liebe sorgen. Diese bleiben endlich seine Gesellschaft, eben weil sie sich zur Tür hinauswerfen lassen und immer wiederkommen. Endlich gewöhnt man sich an sie, weil man ihrer bedarf, weil sie zu allem zu brauchen, man verachtet sie, aber sie bleiben doch unser Umgang, weil sie immer gefällig, unsre Freunde, weil wir keine besseren finden, und schließlich – es bliebe auch unter Louis Ferdinand alles beim alten. Christian, wir blieben auch!« Der Minister drohte mit dem Finger: »Ach was! wir sind unter uns. Wein und Wahrheit. Betrachten wir hier unsern würdigen Kammerherrn. Verzog er die Miene, ward er nur einmal rot, als ich von Kupplern sprach?« »St. Real kann ja nicht mehr rot werden.« »Exzellenz! Dieser echte Philosoph beschämt uns. Sein purpurn Antlitz brennt, wenn er so viel Flaschen aussticht wie nur Fleck und der Prinz, nicht röter, als wenn er eine Tasse Tee nippt. Wenn wir wankend aufstehen, sagen sie: Er hinkt ja immer. Er kennt die Liebe nicht mehr, aber sein liebebedürftiges Gemüt schafft sie für andre. Wir kamen überein, daß er, ohne Schmeichelei, unter uns das Minimum von Verstand hat, aber wie weiß er den Überfluß an Mangel zu kaschieren, daß jemand, der jetzt durchs Fenster sähe, doch schwören könnte, er hätte die meiste Räson. Und, Exzellenz, sehn Sie seine Lippen und Manschetten, er hat immer noch etwas in petto, uns zu überraschen.« »Nein; er scheint mir melancholisch, weil er die Laura beim Prinzen nicht anbringen kann.« »Apropos, St. Real, wie ist's mit der junonischen Gans?« »Aha, der schönen Eitelbach«, sagte der Minister. Der Kammerherr schüttelte den Kopf: »Geben Sie die Hoffnung auf, meine Herren. Königliche Hoheit exprimierten sich in drastischer Kürze: ich sollte die Tugend nicht der Versuchung aussetzen. Übrigens wisse ich ja, daß Sie Gänsebraten nicht liebten.« Glich der muntere Frühstückstisch doch auf Augenblicke einem Seziertisch. Alle Qualitäten der schönen Frau wurden von Experten zergliedert und abgewogen, wobei der Witz die leichte Vergleichung mit den Ingredienzien der Pastete nicht verschmähte. Das Resultat war, daß man alles an ihr fand, nur keine Seele, keinen Verstand und keine Passionen. Ja, es sei Hopfen und Malz verloren, erklärte der Kammerherr, ihr eine Inklination beizubringen. »Es ist nichts unmöglich«, trumpfte Bovillard. Der Minister bemerkte, daß seine Augen von einem eignen Feuer strahlten. Das konnte allerdings vom Weine sein, er goß schon die fünfte Flasche an, als er die Stimme erhob: »Jeder Humanitätsbürger hat die Pflicht, das Seine zu tun zur Vervollkommnung des Menschengeschlechts, und ist ein Weib, meine Freunde, vollkommen, hat es eine andre Bestimmung als die Liebe? Seid ihr denn Kannibalen, oder habt ihr Herzen von Stein, daß euch das schöne Weib nicht rührt, das in ungeheurer Langenweile mit ihrer bête noire von Mann ihre Rosentage verträumt? Christian, und Sie, St. Real, waren unsere Vorfahren nicht Ritter, die ihre Lanze für die gefangene Schönheit einlegten! Und ist sie nicht gefangen, gleichviel, ob von einem brutalen Ungeheuer oder einem Alp von Apathie! Welche Schätze liegen da wüst in dem schönen Tempel, und ihr wollt zaudern, Hand anzulegen! Nein, ihr Ritter, Schatzgräber, Maurer, sinnt auf ein Zauberwort, das ihren Bann löst. Angefaßt, gehämmert, Funken geschlagen, bis wir das innere Feuer in der schönen Bildsäule entzündet. Seht doch den dicken Iffland auf der Szene, wenn er als Pygmalion Leben in seine Galatee schwatzt und klopft. Was, sollen wir ungeschickter sein? Glut soll durch ihre Adern strömen, sterblich soll sie sich verlieben, interessant werden, rührend, sie soll uns Tränen entlocken! Kinder, könnt ihr euch denn ein pikanteres Schauspiel vorstellen als die Eitelkeit in rasender Leidenschaft!« »Bovillard rast!« »Du willst sie doch nicht selbst in dich verliebt machen?« sagte der Minister. »Nichts davon, es muß etwas ganz Absonderliches dabei sein.« Er zog den Rock aus und warf ihn auf die Erde. Auch das Halstuch folgte. Die Toilette des Ministers entsprach allenfalls diesem Negligé, nur der Kammerherr blieb zugeknöpft. »Unser Geheimrat ist im Zustande der Divination.« »Etwas Frappantes«, rief Bovillard, »daß man drei Tage vor lautem Gelächter die Glocken nicht hört. – Wenn's irgendeinen berühmten Kanzelredner gäbe –« »Warum nicht gar!« »Du hast recht! Da machte man sie zu einer Schwärmerin. Es muß gar keine Erklärung für die Neigung geben. Etwas Originelles, ein Flügelmann von der Garde oder ein Zwerg. Ein grundhäßlicher Kerl, ein Bucklichter, ein Weiberfeind. Ein Trunkenbold, ein Weiser. Wenn der alte Gundling noch lebte, oder Moses Mendelssohn.« »Ich schlage Johannes Müller vor.« » Er müßte sich doch auch in sie verlieben können.« »Und am Ende hieße es, sie hätte sich nur in seine Schweizergeschichte verliebt«, sagte der Minister, und mit niedergeschlagenen Augen flüsterte er: »Ich wüßte schon jemand –« Das stille Gelächter, die verkniffenen Lippen, die blinzelnden Augen der andern bekundeten, daß der Minister verstanden war. In jovialen Kreisen solcher Freunde versteht man sich an Zeichen. Ein »Schade, schade!« ging wie der Hauch des Abendwindes über ein Ährenfeld. »Da uns hier eine höhere Magie entgegenarbeitet, bescheide ich mich, wiewohl ich das Verdienstliche des Vorschlags vollkommen würdige«, schmunzelte Bovillard. St. Real schüttelte den Kopf: »Es kann doch nicht immer so dauern.« »Das Reich der Tugend! Hört den grauen Sünder, der es nicht mal von dem göttlichen Schiller weiß: ›Und die Tugend, sie ist kein leerer Wahn!‹ Sein Himmel hängt nicht voll Geigen, sondern voll lauter Pompadoure. Er ist ein Kryptokatholik, sein Heiligenkalender fängt an mit der Sankt Agnes Sorel und hört auf mit der heiligen Baranius.« »Bovillard merkt nicht, daß St. Real einen Einfall hat.« »Wenn wir den Witz ausgeschüttet, kraucht ihn immer einer an. Heraus damit! Sollten wir etwa Namen aufschreiben und würfeln? Auch das; ich pariere jede Wette, wen das Los trifft, in den will ich die Eitelbach verliebt machen.« Der Kammerherr spiegelte sich im Glase, das er dicht ans Gesicht hielt: »Herr von Bovillard, ich zweifle, wenn ich den nenne, der mir eben einfiel.« »Nenne den Namen, ich will ihn beschwören.« »Daß er davonläuft, das will ich glauben, er hat mehr Schulden als Haare auf dem Kopf.« »Nein, auch er soll kleben wie eine Klette. Und sie verliebt sein, wie – na, wie denn? – wie ein verliebter Maikäfer. Das ist das einzige, was mir aus einer tollen Tragödie klebenblieb, aus der Iffland uns neulich zum Jokus vorlas, von dem verrückten Kleist.« »Auch in den Herrn Rittmeister Stier von Dohleneck? Getrauen Sie sich, auch mit dem eine Liaison zustande zu bringen?« Der Geheimrat sprang auf: »Was gilt die Wette!« »Bovillard, sein Sie nicht unsinnig«, sagte der Minister. »Ich frage, wer wettet!« fuhr der Erhitzte fort. »Aber dazu andern Wein, feurigern!« Er schleuderte das Glas hinter sich. »Vom spanischen her, einen Pedro Ximenes! Die Eitelbach und Dohleneck, eine Liaison tragique, eine Liaison dangereuse, ein Turtelpärchen, was ihr wollt! Wer hält die Wette, auf was es sei! Christian pariere!« »Bovillard weiß nicht –« »Alles weiß ich, daß sie wie Katze und Hund sind, eine Aversion fühlen, eine gegenseitige Idiosynkrasie, die stadtkundig ist. Desto besser; je schwieriger die Aufgabe, so ehrenvoller der Sukzeß. Va-t-en , Christian, wettest du?« »Meinethalben.« »Auf was? Nicht Geld, nicht Champagner, etwas Abnormes, was den Appetit reizt.« »Exzellenz könnten eine Geliebte abtreten«, kicherte der Kammerherr. »Ich und eine Geliebte!« »So sinne etwas Sinnreiches aus, was du gegen dein Gewissen tust.« »Ich will Gentz' hinterlassene Schulden bezahlen.« » Accedo ! Und ich eine Abhandlung schreiben zum Lobe des Herrn vom Stein. Daß er uns unentbehrlich ist, laß ich drucken. Ein Schelm gibt nur, was er kann. Ich habe mehr eingesetzt. Topp, eingeschlagen.« Der Kammerherr hielt seinen Arm dazwischen. »Wozu Krieg, meine Herren, Depensen , die keinen Vorteil bringen? Warum denn überhaupt eine Wette, warum nicht eine Allianz?« »Was meinst du, Christian?« »Ich bin doch immer ein Mann des Friedens.« »Topp! Alle drei eingeschlagen, Männer des Friedens, einen Rütlibund! Wir alle gemeinschaftlich an das Werk. Aber Teilung der Arbeit. Du nimmst den Rittmeister auf dich, und sträubt sich die Exzellenz dagegen, wird der Kammerherr zum Diensttuenden. Ich weiß schon meinen Helfershelfer für die Baronin, übrigens, jeder hilft dem andern, und bei dem erhabenen Geiste, der aus diesen Flaschenmündungen noch duftet, geloben wir Todesverschwiegenheit!« Während sie sich die Hände reichten, klopfte es. »'s ist nichts; ein Hund schlug an die Tür«, beruhigte der Wirt. »Wer würde sich auch unterstehen, wenn wir in Staatsangelegenheiten beisammen, Exzellenz zu stören! Oder ist's keine Staatsangelegenheit! Womit sollten wir uns amüsieren, da nun Friede bleibt? Das Leben muß einen Zweck haben. Auch die besten Kräfte ermatten ohne ein Ziel. Mit Hindernissen zu kämpfen ist unsre Bestimmung. Je schwieriger, um so elastischer streckt sich unser Geist. Darum, gerade im Staatsinteresse, wir müssen unsre Kräfte an subtilen Aufgaben üben, um zuverlässig zu sein in der Stunde, die kommt.« Es klopfte wieder: »Laß die Geister pochen, wir antworten mit diesem Gläserklang. Auf den Amandus und die Amanda.« »Bravo, einer, der da lieben soll und muß!« »Noch etwas: Wenn etwa infolge dieses schönen Seelenbundes ein Weltbürger das Licht dieser Welt erblicken sollte, so –« Ein klirrender Schall unterbrach sie. Es pochte jemand mit Heftigkeit ans Fenster. »Es brennt!« Alle waren aufgesprungen. Der Kammerherr schien am festesten auf seiner Krücke zu stehen. Der Geheimrat machte eine Bewegung nach seinem Rocke, die damit endete, daß er auf den Stuhl zurücksank. Der Minister hatte seinen zurückgeschleudert, und mit der Hand am Tische machte er die Geste des Riechens. Aber die wohlbekannte Stimme seines Privatsekretärs rief draußen: »Halten zu Gnaden, Exzellenz, das Citissime! – Das Citissime, das Gutachten des Ministeriums an Seine Majestät den König. Herr Geheime Kabinettsrat Beyme haben schon zwei Expressen geschickt. Heute abend um sechs ist Vortrag bei Seiner Majestät; sämtliche Gutachten der Ministerien sind in des Herrn Kabinettsrats Händen, nur unseres fehlt noch. Der Bote steht auf Kohlen.« Bovillard hatte mit einem glücklichen Griff seinen Rock erfaßt und warf die Papiere auf den Tisch: »Da, Exzellenz – ein bißchen schmutzig. Schadet nichts, die Sache ist's auch. Unterschreibe –« »Zwei Papiere?« »Ist gleichgültig, er muß doch springen.« »Muß er absolut!« »Ist sehr gesund für sein Podagra.« Der Minister war in einen Sessel gesunken: »Muß er denn! Wir sitzen so fröhlich beisammen – und Stein kommt ja nicht.« »Hätte's beinahe vergessen! Mais, c'est bon!« »Wozu Rigorosität gegen einen Mitmenschen, der uns nichts getan hat«, sprach St. Real. »Also Allen Sündern soll vergeben Und die Hölle nicht mehr sein!« »Bovillard, Ihnen fließt es ja von den Fingern. Da an der Ecke auf dem Schreibtisch ein anderes Gutachten. Kurz nur. Wegen der Förmlichkeit weiß ja Beyme, wie wir's halten. Trinken Sie ein Glas Champagner, um sich aufzuheitern.« »Nicht nötig, Exzellenz. Hier das Konzept, brauche nur ein paar Striche zu ändern!« Mit Sekretär und Bote war man in Ordnung, natürlich, nachdem man es einigermaßen mit der Toilette geworden, zwei Kristallflaschen mit frischem Brunnenwasser standen auf dem Tische, und der Geheimrat schrieb an der Ecke, während der Minister ein Gespräch mit dem Kammerherrn führte. St. Real hatte sichtlich am wenigsten von dem süßen Traubensaft genossen oder es darin zu einer Virtuosität gebracht, daß man die Wirkungen nicht merkte. Der Minister hörte ihn, im Armstuhl zurückgesunken, mit einiger Anstrengung an, während der Kammerherr halb vor ihm stand, halb auf dem Tische saß. Wir hören, da das Gespräch halblaut geführt wird, nur einiges heraus. »Malchen – Malchen? Der Name kommt mir bekannt vor.« »Erinnern sich Exzellenz vielleicht des Waldkindes, das der Höchstselige auf einer Promenade finden mußte?« »Das ist lange her – spielte sie nicht die Gurly? Die war freilich noch nicht geschrieben.« »Einer der hübschesten Züge von der Lichtenau; wie überhaupt, es war doch eine seltene Frau. Der Höchstselige hatte die ersten Brustbeklemmungen und empfand eine Sehnsucht nach etwas Natürlichem und Frischem. Die Gräfin wußte auf der Stelle Rat. – Im roten Friesröckchen, bis an die Knie aufgeschürzt, barfuß huckte das Kind im Revier und pflückte Erdbeeren, ohne sich umzusehen. Der König winkte uns Stille zu, er wollte sie überraschen. Er fuhr sie an, was sie in dem Walde zu tun, und drohte, sie zu pfänden, denn das sei verboten. Das Mädchen spielte prächtig. Zuerst erschrak sie und bedeckte ihr Körbchen, dann lag sie auf den Knien, der gestrenge Herr möchte sie nur diesmal noch gehen lassen. Der König befahl ihr barsch, die Erdbeeren und den Korb zurückzulassen. Da stürzten ihr die Tränen aus den Augen, und sie bat, um Gottes willen, die möchte er ihr lassen für ihre arme Mutter, sie wollte es lieber dem gnädigen Herrn Förster abarbeiten, was sie Schaden getan. Das befremdete ihn doch von solchen Leuten. ›Ißt denn deine Mutter so gern Erdbeeren?‹ Und er sprach von Abkaufen. Die Kleine wehrte schnell mit der Hand: ›Nichts verkaufen! Meine Mutter hat mir aufgetragen, die schönsten und reifsten Erdbeeren zu sammeln. Alles für den guten Herrn König.‹ – ›Den König!‹ rief der König, ›wie kommt der dazu? Für den König werden wohl andere denken und sorgen, die ihm näherstehen.‹ – ›Das ist's eben, was Mutter sagt‹, fiel das Mädchen ein, ›die denken und sorgen nicht so für ihn, wie er's verdient, und er ist so sehr gut und jetzt krank. Die frischen Walderdbeeren werden ihn wenigstens einen Augenblick erquicken, und jeder Augenblick, der dem guten König einige Erquickung schafft, sagt Mutter, das ist ein gesegneter vor dem Herrn.‹« »Oh weh!« zuckte der Minister auf. »Da hätte er etwas merken können!« »Nein, Exzellenz, er merkte nichts. Er drückte die Träne aus dem Auge: ›Lichtenau, ich werde doch geliebt!‹ Die Lichtenau hatte ihm etwas den Rücken gedreht.« »Richtig, ich sehe sie noch stehen.« »Und wischte auch am Auge. Er streichelte sie sanft am Arm und sagte in seiner Herzensgüte: ›Das Kind versteht es nicht. Es sind viele um den König, die für ihn sorgen und ihn liebhaben!‹ – Wie das Kind ihn da groß und unschuldig ansah – ›Der König hat jeden lieb, sagt Mutter, und das wäre ein schlechter Mensch, der nicht sein alles für ihn gibt.‹ – Er mußte schnell weitergehen, er fühlte sich erleichtert: ›Ich habe mal eine Stimme aus dem Volke gehört!‹ Die Lichtenau sagte plötzlich: ›Ich wünschte, Euer Majestät hörten einmal die Stimme Ihres ganzen Volkes.‹ – ›Ach, die ist wohl anders!‹ – ›Nein, Sire« sagte die Gräfin, das Tuch vor ihren geröteten Augen. ›Überall dieselbe Liebe und Verehrung; nur uns traut man nicht zu, daß wir sie teilen. Es ist vielleicht recht gut so‹. – Ach, es war ein kapitales Weib!« »Es brachte ihr auch die Schenkung ein von dem Gute – wie heißt es doch gleich? –, über das noch der Prozeß ist. Aber die Malchen, jetzt entsinne ich mich ihrer ganz deutlich. Ein anstelliges Ding, leichtsinnig, aber wohl zu leiden. War sie nicht schon früher zu den Genien gebraucht worden, auch in den Kinderballetts?« »Und später bei den Geistererscheinungen. Sie war viel bei Bischoffwerder und Hermes. Vielleicht erinnern sich Exzellenz auch, daß sie nachher einen Unteroffizier von Larischs Musketieren heiratete. Im Anfang ging's ihnen gut, aber der Mann trank, es gab Unrichtigkeiten mit dem Montierungsgeschäft im Lagerhause, die Frau konnte es nicht mehr ausgleichen, sie ward doch auch älter, und eines Nachts waren sie über Hals und Kopf verschwunden. Sonst ein braver Mann, auch sehr zu brauchen, und soll jetzt holländischer Werbeoffizier sein oder schon drüben in Ostindien. Genug, sie hat ihn avancieren lassen, was uns nichts angeht, und ist seit einigen Monaten als Frau Obristin in Berlin. Ich versichere, Exzellenz, sie ist ein wahrer Trüffelhund.« Der Minister griff tief in seine Spanioldose: »Wenn nur keine Klagen bei der Polizei eingehen! Sie wissen nicht, lieber St. Real, was uns diese Bagatellen oben zu schaffen machen.« »Man sucht ihr ein gewisses Lüster zu erhalten.« »Der Name der neuen Schönheit?« St. Real sprach leise ins Ohr des Ministers. »Wie gesagt, durchaus keine beauté du diable, eine, wie gemacht, um auf die Dauer zu fesseln, und eine Fraicheur , Exzellenz, wie er es liebt.« »Und ein halbes Kind!« »Weil sie noch nicht erzogen ist. Aber mit einem Elan, einer Vivacité für alle neue Eindrücke.« » Languissant ?« »Au contraire, eher un peu romantique, etwas Spirituelles, soit disant Schwärmerisches. Es kommt nur darauf an, ihrer Phantasie eine Richtung zu geben.« »Hoffen Sie eine Maintenon oder eine Pompadour zu erziehen?« »Warum nicht eine Lavallière!« »Tugendhafte Mätressen helfen uns nichts. Übrigens wünsche ich, daß Ihnen kein Querstrich kommt.« Der Kammerherr drückte mit einiger Heftigkeit seine Krücke: »Das ist es eben. Zwar tun wir alles, die Dehors zu beobachten, auch ist es nur ein ganz kleiner, höchst anständiger Sozietätskreis, der sich da zur Erholung zusammenfindet. Ganz anders als bei der Schubitz; un petit circle von Gewählten. Aber sie ist noch immer die alte; gutmütig, leichtsinnig, unbesonnen zum Rasendwerden. Ihre Zunge geht mit ihr durch, und um einen witzigen Einfall setzt sie ihre Existenz aufs Spiel. Habe ich das Wunderkind erst in andre Kreise entrückt, mag sie der Teufel holen, aber sie ist jetzt meine einzige Brücke. Stellen sich Exzellenz vor, da hat sie den frommen Pfaffen, den Seine Majestät jetzt nach Berlin zieht, irgendwo auf einer Reise kennengelernt, ihn zu sich invitiert, und jetzt hat sie die Unverschämtheit, ihn und seine Töchter bei sich einzulogieren. Bei sich in ihrem Hause! Ich erfuhr es erst beim Herfahren. Wenn das ruchbar wird, das gibt einen Skandal, und ich zittere vor den Folgen.« »So eilen Sie, St. Real, den Ruf des frommen Mannes zu retten.« »Er ist gerettet!« rief Bovillard aufstehend, »da hören Sie nur den Schluß: ›Demnächst kann ich nicht umhin, es grade in diesem Augenblick als eine dringendste Pflicht Euer Königlichen Majestät zu Füßen zu legen, den Rücksichten der Humanität und Gnade, denen Ihr Herz so gern sich erschließt, auch diesmal nachzugeben. Ja, ich muß darauf dringen, in spezieller Rücksicht auf die Männer und erprobten Staatsdiener, denen Euer Majestät höchst Ihr Vertrauen besonders zuzuwenden geruht. Weil der unglückliche Mann, der vielleicht in einem Augenblick aus zu großer Güte des Herzens gegen den Buchstaben des Gesetzes gefehlt – was aber noch keineswegs ermittelt ist –, mit einem oder einigen jener gedachten Männer in einer gewissen Relation gestanden, ist es eine willkommene Gelegenheit für deren Feinde und Neider, Verdächtigungsgründe auch gegen sie, diese Männer, zu schöpfen, die freilich über den Verdacht hinaus sind, weil ihr Charakter und ihr Verdienst von Euer Majestät gewürdigt sind, die aber eben um ihrer Pflichttreue und dieser besondern Verdienste willen auch vor dem Publikum gerechtfertigt zu erscheinen Anspruch haben. Euer Majestät können ihnen keine willkommenere Rechtfertigung gewähren, als indem Sie, über die Anschuldigungen des Hasses und des Neides mit stummer Verachtung weggehend, Ihre Gnade walten lassen.‹« »Bravo, bravo!« riefen die Zuhörer. »Oh, es kommt noch besser, dieser Schluß muß sein Herz erweichen: ›Was ist ein Staat ohne Moralität seiner Bürger, was eine Monarchie, wo der Untertan und der Beamte nicht in Unbescholtenheit und sittlicher Würde wenigstens nachzueifern strebt dem erhabenen Exempel, das sein Oberhaupt dem Lande und dem Volke täglich gibt.‹« »Bravissimo! Er ist gerettet!« Noch einmal wurden die Gläser gefüllt und erklangen auf den edlen Menschenfreund, der über die Kabale gesiegt. Das Konzept wanderte in die Kanzlei, wo man ein Citissime mit mehr Respekt behandelte, und die Reinschrift kam, wie wir aus dem Erfolg annehmen, noch zur rechten Zeit an Ort und Stelle. Der Kammerherr wollte abfahren, der Minister aber Lomber spielen. Der Kammerherr hatte Bedenken wegen des Predigers, alle drei aber bedachten, daß man nach der Arbeit ausruhen muß. Erst in der Nacht wurden die Karten weggelegt. Der Minister und sein Geheimrat warfen sich in Surtouts, um die Kühlung der Abendluft in den Straßen zu genießen. Achtzehntes Kapitel. Der rote Shawl . Karoline kam aus der Seitenkammer und drückte die Tür leise zu: »Er ist eingeschlafen.« – »Wenn er nur nicht aufwacht, bis ma chère tante in die Komödie fährt«, sagte Jülli, die durchs Schlüsselloch sah. »Er verdiente es schon«, meinte Karoline. »Ich liebe es gar nicht, wenn die Herren betrunken vom Frühstück kommen und glauben, sie tun uns noch eine Ehre an, wenn sie in ein anständig Haus poltern. Schmeißt sich da mir nichts dir nichts aufs Sofa, gähnt, und eh man sich's versieht, ist er eingeschlafen. Da soll man sich wohl aus der Konversation bilden! Ma chère tante hat gut reden.« »Die vornehmen jungen Herren tun's alle so«, warf Jülli ein. »Und er hat nie kein Geld, sagt ma chère tante«, fuhr die andre fort, »und wenn sie nur gewußt, wie er mit seinem Vater steht, der ein sehr anständiger und vornehmer Herr ist, hätte sie ihn auch gar nicht ins Haus gelassen. Aber nun sie's weiß, soll er sich nicht mausig machen, und sie wird ihm mal den Stuhl vor die Tür setzen, daß er sich verwundern soll, hat sie gesagt. Und vollends jetzt, wo die Predigers oben sind. Still, sie kommt runter.« Jülli drückte ihr Gesicht an eine Scheibe, Karoline hatte sich ans andre Fenster gesetzt und eine weibliche Arbeit schnell ergriffen. Die Tante schalt. Junge Frauenzimmer müßten nicht immer am Fenster sitzen. Das gäbe übel Gerede; die Stadt sei gottlos genug, daß sie immer an Schlimmes denkt. »Was hast du dir wieder die Nase plattgedrückt an der Scheibe?« fuhr sie Jülli an. »Siehst du, davon kommt die Träne ins Auge, und das habe ich dir gesagt, wenn eine erst anfängt, sich die Augen rotzuweinen, dann ist's mit uns aus. Siehst du etwa die Karoline weinen? Die lacht den ganzen Tag. Alles was recht ist. In der Kirche, vor unserm Herrgott, soll man weinen und das Gesicht langziehn, wenn der Herr Prediger gerührt spricht, und niemand kann mir nicht sagen, daß ich euch nicht in die Kirche führe, und keiner, daß ihr nicht fein und anständig gekleidet seid, daß ihr euch mit Ehren sehn lassen könnt, aber zu Hause sollt ihr nicht sein wie in der Kirche. Die hat der liebe Herrgott bauen lassen, daß man da traurig sein soll, aber die Welt daneben, daß man lustig sein soll. Und die Herrschaften, die zu uns kommen, die wollen's auch, sonst würden sie in die Kirche gehn und nicht zu uns.« Karoline unterbrach die Rede, indem sie hell auflachte. Wenn sie damit der eben ausgesprochenen Weisung nachkam, sündigte sie doch sogleich dagegen, indem sie das Fenster aufriß. Der Lärm und das Gelächter draußen rief indes auch die Tante heran. An der Ecke der Straße war ein Fischmarkt, und es war nichts Ungewöhnliches, daß der altberühmte Witz der Fischweiber gegen Käufer und Neugierige eine Art Auflauf veranlaßte. Diesmal war eine bestimmte Person der Gegenstand der Lustigkeit. Der ältliche Herr hatte mit den sämtlichen Verkäuferinnen ein Geschäft angeknüpft, und nachdem er sich aus jedem Fischkasten die fettesten Karpfen und Aale zeigen lassen, alle befühlt und mit allen ihren Besitzerinnen wegen des Preises unterhandelt. Wenn das schon nicht ohne beißende Bemerkungen von beiden Seiten abgegangen war, so steigerte sich das Gezänk in das, was man in Berlin ein »Aufgebot« nennt, als der Käufer sich endlich, wie sich von selbst verstand, für die Ware nur einer Verkäuferin entschied. Die übrigen erhoben sich und überschütteten mit einer Flut nicht schmeichelhafter Namen den Käufer, der seinerseits einen nicht gewöhnlichen Mut zeigte, denn er harrte nicht allein aus, sondern harangierte seine Feinde durch Gegenreden. Seine graziösen Gestikulationen bewiesen, daß er der Höflichere war, und man konnte bemerken, daß in das laute Gelächter der Menge auch seine aufgebrachtesten Feindinnen einstimmten. Ein schärferer Beobachter hätte indes darin keine Feindseligkeit, sondern nur ein Schauspiel entdeckt, was sich gewiß schon oft ereignet und zur gegenseitigem Herzenserheiterung noch oft wiederholen sollte. Diesmal mußten jedoch einige der Fischweiber in ihre Klagen und Repliken noch andere Anzüglichkeiten eingemischt haben, welche die Köchin des ältlichen Herrn veranlaßten, durch deutliches Zupfen am Ärmel ihn zu einem frühzeitigeren Rückzug zu veranlassen, als ihm lieb schien. Eines der Weiber, ob nun im Scherz oder Ernst, hatte ihm ein altes Fischnetz nachgeworfen mit der Bemerkung: das wolle sie ihm schenken, damit ihm seine Fische nicht durchgingen wie seine Gefangenen! Das Netz hatte unglücklicherweise seinen Kopf getroffen und die Perücke heruntergerissen. Während die Köchin sich danach bückte, waren ihr die Fische aus dem Korbe geglitten. Das Wiedereinfangen der Aale verursachte allgemeine Lustigkeit und neuen Aufruhr, worüber man zuerst nicht bemerkte, daß sie ihm in der Hast die Perücke verkehrt aufgestülpt hatte, was denn das Gelächter unwiderstehlich machte, und weder der Rückzug noch die Adjustierung der Perücke halfen vor dem Troß begleitender Gassenjungen und dem Gelächter der Neugierigen, welche der Lärm an die Fenster zog. »Ach, der Herr Geheimrat Lupinus!« hatte die Tante ausgerufen. »Das ist ein spaßiger Mann! Wie niederträchtig er ist, auch gegen die gemeinsten Leute! Sieh mal, selbst dem Apfelweib wirft er 'ne Kußhand zu, und so gravitätisch, wie zum Menuett! Seht, Kinder, daran könnt ihr euch ein Exempel nehmen; so wird mancher rechtschaffene Mensch auf Erden verleumdet von bösen Feinden, aber 's gibt einen Gott im Himmel und einen König auf Erden, und wer ehrlich sein Brot erwirbt und ein gefühlvolles Herz hat für seine Nebenmenschen, der geht nicht zuschanden.« Aber als die vorwitzige Karoline zum Fenster sich hinausbiegen und dem Herrn Geheimrat zurufen wollte: »Warum tragen Sie nicht die Fische selbst?«, drückte die Hand der Tante eine sehr vernehmliche Erinnerung auf ihre Backe: »Untersteh dich!« Das Fenster flog zu. Die Szene hatte sich verändert. Karoline weinte. Nur war sie keine so unterwürfige Zuhörerin. »Und 's ist wahr, er hat immer die Fische vom Markt getragen, mit 'nem Kapaun unterm Arm hab ich ihn selbst gesehen, und darum bin ich kein schlechtes Mädchen nicht. Und das ist Wahrheit.« Die Obristin mäßigte sich. Der Herr Geheimrat sei eine obrigkeitliche Person, und mit genialischen Herren müsse man's anders nehmen. Und wenn er keine Respektsperson wäre und nicht so viele vornehme Freunde und Verwandte hätte, dann säße er jetzt Gott weiß wo. Und das einzige, was man ihm nachsagen könnte, wäre seine Köchin. Gegen die Charlotte wäre schon sonst nichts zu sagen, denn sie wäre ein braves Mädchen, aber für einen vornehmen Herrn schicke sich das nicht, so was im Hause zu haben. Außer dem Hause geht das niemand was an, hatte ihr ein sehr angesehener und tugendhafter Herr gesagt. Daß er die Charlotte auf den Markt mitnehme, wolle sie nicht gerade gutheißen, aber der Mensch, der's jedermann recht täte, müßte erst erfunden werden. Die gute Tante hatte, je mehr sie ins Reden kam, desto mehr auszusetzen. Ja, die Predigerstöchter oben wären neugierig wie ein neugeboren Kalb, und wenn nur ein Wagen vorbeifährt, rutschten die Köpfe zum Fenster raus. Das habe sie sich nun einmal aufgebunden, weil sie ein so gutmütig Herz habe. Aber ihre Nichten sollten doch bedenken, daß sie nicht aus dem Kuhstall wären, und auf sich was halten. »Wie ich so alt war als ihr, da hielt man mich für 'ne Gräfin, und ich hätte mal den Kopf umdrehen sollen auf der Straße, wie ihr tut. Und an guten Exempeln fehlt's euch doch nicht; in mein Haus kommen nur die feinsten Leute. Und wie sprecht ihr mit dem Herrn Kammerherrn, der so gütig ist; ich werde manchmal purpurrot, wenn ich denke, daß er's am Hofe wiedererzählt. Merkt ihr, dumme Liesen, denn nicht, wie er ganz anders mit der Mamsell Kriegsrätin sich unterhält, wenn die hier ist? Die weiß ihm zu antworten, daß er oft nicht weiß, was er sagen soll, so frappiert's ihn. Und das sage ich euch, wenn sie heut zur Schokolade kommt, daß ihr euch nicht wieder das Maul verbrennt, du vor allem, Karline. So ein Trampeltier merkt auch gar nicht, wie ich ihr neulich auf den Fuß trat. Denn sie ist zu ganz was anderm, weil sie ein feines sittsames Mädchen ist und 's noch weit mehr werden wird, und ihr könntet mal froh sein, wenn ihr ihr die Schuhbänder zumachen dürft. Aber Mädchen, was hast du dir wieder die Schuh schiefgetreten! Bei dem Dinge hilft doch auch keine Vernunft. Und wie breit der Fuß wird, das kommt davon, wie du beim Tanzen ranzest. Die Jülli hat noch ein ganz schmales Füßchen; aber die hält auch auf Anstand. Und das neue Kleid, zu Weihnachten erst hast dies gekriegt, und wie sieht's schon wieder aus, daß Gott erbarm!« »Ma chère tante, wann krieg ich das Bombasinkleid?« »Ei was, laß dir's von den Herren schenken.« »Die Herren sind nicht so generös.« »Wenn sie dich so mit den Beinen schlenkern sehen unter dem Stuhl und so rekeln mit dem Ellenbogen über die Lehne, da sollen sie sich wohl wunder was vorstellen, was ihr seid. Zu meiner Zeit, sag ich, kerzengrad saßen sie auf dem Stuhl, und so schlugen sie die Augen nieder, wenn ein Herr zu ihnen sprach, aber da verstanden sie auch zu bitten, und da waren die Herren auch generös.« »Man soll die Herren nicht rupfen. Das haben ma chère tante immer gesagt. Na nu, ist's nu nicht wahr?« »Sie unverschämtes Geschöpf! Was das für Reden sind in meinen Appartements! Wenn's Ihr nicht mehr gefällt, werd ich Ihr 'nen Stuhl vor die Tür setzen. Dann mag Sie sehen, wo's Ihr besser gefällt. Denn überhaupt soll's anders werden bei mir. Ja, ja, meine Damen, das merken Sie sich, ich will keine Pension, wo das pöbelhafte Wesen nicht rausgeht. Ein Wort kostet mich's, und Sie wird nach Spandow zurückgeschafft, Mamsell Karline, da wo ich Sie herholte, auf den Kietz. Wird's Ihr besser gefallen, barfuß im Kahn und die Pletzen schuppen oder winters beim Kienspan Netze flicken? Ihre Finger sahen ja aus, mit Respekt zu sagen, wie Pfoten, rot und geborsten, und hab ich das für meine Mühe, daß ich sie mit Mandelöl und Kleie weich kriegte und in Handschuhen schlafen ließ! Sag ich doch, wer Dank säet, der wird Undank ernten.« Es klingelte, der Schokoladengast stand im Zimmer. Ein Livreebedienter, der die verfeinerte Haushaltung der Frau Obristin seit einigen Tagen repräsentierte, hatte Adelheid abgeholt. »Nein, sage ich doch, nicht wie ein Fräulein, wie eine Prinzessin! Und mit jedem Tag, möchte ich sagen, gewachsen!« »Das kommt nur vom langen Kleide«, lächelte Adelheid und war mit raschem, sichern Schritt, nach einer flüchtigen Begrüßung der Tante, zu den Nichten geeilt, die sie mit der natürlichsten und zuvorkommendsten Herzlichkeit küßte. Sie schalt und bedauerte, daß sie gar nicht zu ihr kämen; die Nichten waren verlegen. War's der scharfe Blick der Tante, war's die überwiegende Erscheinung des in der Fülle ihrer Schönheit strahlenden Mädchens, aber der Strahl aus dem klaren Auge goß in die getrübten der unglücklichen Geschöpfe von seinem Licht. Sie fühlten sich in einer andern Atmosphäre, die etwas von ihrem heilenden Balsam auch auf sie träufte. Die Obristin hielt es für gut, allein das Wort zu führen. Ihre Lippen flossen über vom Lobe der braven Eltern, die wohl mehr zu tun hätten, als solchen Besuch zu empfangen. Sie wisse wohl, was der Herr Kriegsrat und die Frau Kriegsrätin für die Erziehung ihrer Tochter täten, und da wäre es ja ausverschämt, sich aufdrängen zu wollen. Aber um so mehr schätze sie es und rechne die Ehre sich an, daß sie ihrem Lieblingskinde erlaubt, sich ein Stündchen sich in ihrem schlichten Hause zu gefallen. Sie wäre nun eigentlich in rechter Verlegenheit, worüber mit einer solchen feinen Dame sprechen, die so viel schon wisse und noch viel mehr von solchen Lehrern lernen würde. Adelheid war ihrerseits aber gar nicht mehr in Verlegenheit. Sie, was man nennt, »kappte« die Obristin durch kurze, natürliche Antworten, und schon vor der Schokolade war das Gespräch im lebendigsten Gange, denn es betraf das neue, feine Kleid, was der Vater ihr geschenkt und die größte Aufmerksamkeit der Nichten erregte. Das Zeug, der Laden, wo es gekauft, der Kaufmann, seine Waren, Preise, es ward alles ausführlich behandelt, die Krone der Verwunderung aber blieb, daß Adelheid und ihre Mutter es selbst zugeschnitten und genäht, »und sitzt wie angegossen«, rief die Tante, »nu seht, wenn ihr das könntet! Und Mamsell Kriegsrätin tut's nur zum Pläsier. Denn ihr Herr Vater würde ihr ja gern den ersten Schneider ins Haus schicken, und später werden ihr ganz andere Leute Kleider machen lassen. Ja, ja!« Das Lächeln der Obristin gefiel Adelheid nicht, auch mißfiel ihr, daß die Tante immer, um sie herauszustreichen, ihre Nichten demütigte. Ohne sie zu beachten, erbot sie sich deshalb gegen Jülli, wenn sie ein neues Kleid bedürfe, es ihr zuzuschneiden, auch, wenn sie es wünsche, ihr Unterricht im Schneidern zu geben, so gut sie es eben könne. Die Tante war von dem Anerbieten sehr gerührt, bei der Jülli könnte es vielleicht noch anschlagen, aber die Karline wäre gar zu faul: »Wer den Unterricht zu schätzen weiß und was lernt, aus dem kann alles werden, wie oft habe ich ihnen das gesagt. Nun sehen sie es mal mit Augen vor sich. Ja, mein liebes Engelchen – verzeihen Sie schon, Fräulein Adelheid, daß ich so zu Ihnen rede, aber ich kann gar nicht anders, wenn ich Ihnen ins liebe Gesicht sehe –, ja, das muß ich Ihnen auch sagen, seit ich die Ehre habe, Ihre Bekanntschaft gemacht zu haben, da ist mit Ihnen auch schon eine Veränderung vorgegangen. Ach, Sie haben einen vortrefflichen Lehrer.« Adelheids Gesicht leuchtete auf: »Kennen Sie ihn?« »Habe nicht die Ehre; aber ich wollte wetten, er heißt Kupido.« »Nein, er heißt van Asten. Und seine Stunden sind gar nicht wie Stunden. Es plaudert sich so fort, und sie sind immer zu Ende, ehe wir es uns versehen. Ich schäme mich zuweilen, wenn er fort ist, daß ich so wenig aufgeschrieben habe, aber wenn ich mich hinsetze, um es niederzuschreiben, dann muß ich oft einen ganzen Tag schreiben und noch mehr. Ich tue es nun gar nicht mehr, denn ich behalte doch alles auswendig.« »Ist's die Möglichkeit!« »Manchmal ist mir wie einem Vogel zumute, als schwebte ich hoch in die Luft, und unter mir sähe ich Berge und Städte und Flüsse. So weiß er das alles klarzumachen, wenn er erzählt. Da ist mir oft, als müßte ich das Umschlagetuch zusammenziehen, wenn er die kalten Länder beschreibt, wo ewiger Schnee liegt und Eis. Und wenn er die heißen schildert, da wird mir's so heiß, so heiß – ach, ich rede gewiß recht dummes Zeug, es ist nur gut, daß es Herr van Asten nicht hört.« »Ach, liebe Seele, Engelchen, das versteh ich. Wer das einmal gekostet hat, wie's draußen schön ist in der Welt, der möchte immerfort fliegen. Na, nu versteht sich, fliegen kann keiner von uns, denn wir haben keine Flügel. Aber zwei Füchse vorgespannt vor den Wagen, oder noch besser viere, Extrapost, und nun, Schwager, ins Horn gestoßen und geknallt, über Berg und Tal und Sonnenschein, und überall geputzte und frohe Menschen. Das ist ein Leben, mein Engelchen. Berlin ist eine hübsche Stadt; aber, ach Gott, was gibt's noch für andere! Das zu sehen und sich erklären zu lassen! Und Herr van Asten müßte neben Ihnen im Wagen sitzen! Na, das wäre doch ein Leben, wie alle Tage Sonntag. Ihnen gönne ich's. 's kommt auch mal so. Was man sich wünscht, das kommt.« Adelheid schwieg betroffen. Hatte sie sich denn das gewünscht? »Nein, liebe Frau Obristin, daran habe ich gar nicht gedacht. Neulich, da schämte ich mich fast, daß ich noch nicht in Potsdam gewesen und daß Sie aus Leipzig kamen, aber jetzt – jetzt ist mir gar nicht, als wenn das nötig wäre. Wenn Herr van Asten mir von den fremden Ländern erzählt, so brauche ich gar nicht zu reisen.« »Ist das ein himmlisches Gemüt! – Und wie sie die Schokolade nippt, seht euch mal das an. Wo sitzt auf ihren Lippen nur ein Tröpfchen, und wie ihr immer schlürft. Die Schale faßt sie doch an, als hätte sie's bei Hofe gelernt. – Nu müssen Sie auch mal in die Untertasse sehn, das ist ein Spiegel, da sieht Adelheidchen sich selbst.« Adelheid ließ die Porzellantasse beinahe fallen. »Die Venus! Das ist ja die Venus!« kreischten die Mädchen. Die Tante wollte über die Attrappe sich ausschütten vor Lachen, aber als sie Adelheids Verlegenheit bemerkte, nahm sie rasch die Untertasse in die Hand und meinte, da müßte sie sich vergriffen haben; denn sie habe noch eine Tasse, wo die Venus ein Umschlagetuch hat. Adelheid hatte wohl von der Venus gehört, aber in der Mythologie und Geschichte sollte der Unterricht später anfangen, weil Herr van Asten sie zuvor die Erde und ihre Bewohner, wie sie ist und sind, habe kennen lehren wollen, ehe er zu den Menschen überginge, die vormals gelebt und was sie geglaubt und sich vorgestellt. Dagegen entwickelte die Frau Obristin in dieser Wissenschaft einige Kenntnis und schien sie mit Vergnügen auszukramen. Sie wußte namentlich viel von Najaden und Dryaden, von den Metamorphosen und sogar von Ovid, der ein charmanter Dichter gewesen, daß Adelheid über ihre Gelehrsamkeit erstaunte. Sie hatte auch in ihrer Jugend bei Hofe den kleinen Schauspielen zugesehen, wie man die Götter und Göttinnen anzog und den Engeln Flügel anband. »Da könnte ich wohl manches von erzählen, was Herr van Asten nicht so wissen wird, denn er war nicht dabei. Liebes Kind, Sie müssen nur denken, die Leute waren damals spaßiger als jetzt, das wird auch Herr van Asten wissen, und Böses war nichts bei. Denn die wurden bloß so Heidengötter genannt, wir kannten uns ja alle, alles gute Christen, und alles Trikots, pfui, wenn einer denken könnte, daß es was andres war. Der Herr Kammerherr könnte Ihnen davon erzählen – ich weiß auch gar nicht, wo er bleibt; er wollte noch mit einem vornehmen Herrn vom Hofe zur Schokolade bei mir ansprechen –, nein, sag ich Ihnen, der weiß die ganze Mythologie auswendig. Venus, das war die Mutter vom Kupido oder Amor, und ihr Vater war Jupiter, und sie war aus Meeresschaum geboren, und die Kinder vom Amor waren Amoretten. Wenn der Herr Kammerherr die Amoretten anzog, das war zum Totlachen; Kinderchens, nicht größer als so, mit Papierflügeln, einem Gürtel um den Leib, und alle an einen langen Strick gebunden, der so hing, und wenn sie artig blieben und nicht zappelten, kriegte jede nachher einen Honigkuchen. Ich selbst war mal ein Kupido, na, Engelchen, das war eine Geschichte, wenn ich daran denke! Sehn Sie, so stand ich mit einem silbernen Pfeil und sollte ihn jemand ins Herz stoßen, versteht sich, nur von Pappe und Schaumsilber; aber wenn ich Ihnen den Jemand nennte, da würden Sie Augen und Ohren aufsperren! Es war ein sehr reicher und vornehmer Herr und wurde nachher noch vornehmer und reicher. Ach, und ein Herz und ein Gemüt, so gut wie ein Kind. Da gab ein jeder gern sein Liebstes hin, wenn dem guten Herrn eine Freude damit geschah. Und wie generös! Da wurden die Goldstücke nicht gezählt; nur so in der Hand gewogen. Und einmal, es war nämlich in einer kleinen, engen Gasse, da neben der Spandauer Straße, zwei Stock hoch in einem finstern Hause, Treppen so grade rauf wie 'ne Leiter und stockduster, daß man sich Hals und Bein bricht, da kommt der Herr eines Abends rauf. Gott bewahre, er wird nicht allein ausgehen, einer in Livree vorauf, und zwei Herren begleiten ihn, alle in großen Mänteln. Nämlich, er hatte in Dresden ein Bild gesehn, von einem gewissen Titus oder Tilian, darauf kommt's nicht an. Es stellte eine Venus vor, die auf einem Kanapee ruht. Und es hatte ihm so gefallen, daß er gar nicht die Augen wegkriegen konnte. Da hatte jemand zu ihm gesagt: ›Gnädiger Herr, ich weiß in Berlin ein Original dazu; das hier ist ihm wie aus den Augen geschnitten.‹ Wie der vornehme Herr dazu den Kopf schüttelte und meinte, das halte er für ganz unmöglich, denn so was gäbe es gar nicht lebendig, sagt der andre: ›Wenn gnädigster Herr sich dafür interessieren, so käme es ja nur auf die Probe an. Ich weiß, der Mann, dem es gehört, würde es sich zur größten Ehre schätzen.‹ Sehn Sie, so war der Hergang.« Adelheid wollte nach Hut und Handschuhen greifen. Warum, wußte sie nicht, aber sie war unruhig geworden. Die Obristin faßte sie am Arm: »Engelchen, liebes, Sie ängstigen sich doch nicht? Das war nur, was sie lebende Bilder nennen, lassen Sie sich's nur von Herrn van Asten erklären, und der hat sie auch gar nicht gesehn, Gott bewahre, der Vorhang ist gar nicht aufgegangen von wegen der silbernen Leuchter, denn darin hatte er's versehen. Die Stube sah Ihnen doch wie ein Paradies aus. Da hatte er Blumen und Bäume von Winkel-Bouchés bringen lassen und Wachslichter hinter die Büsche, und oben hatte er sich vom Theater eine Lampe geborgt, ganz blaß, die sah wie Mondenschein aus, und hinten war die rote Gardine zum Zurückschlagen, und davor zwei große Bäume, das waren aber Tannen aus dem Tiergarten, und da huckten oben zwei Amoretten, sie waren angebunden, aber nicht ganz fest. Und Räucherpulver war auf ein Kohlenbecken gestreut, das war so verdeckt, daß es wie ein Altar aussah, und die kleine Stube roch Ihnen süß und schön. Ich mußte nun dahinterkauern, und wenn er einträte, sollte ich vorspringen und ihm den Pfeil auf die Brust halten und die Worte sprechen: Oh edler Menschenfreund, Dein tugendhaftes Herz, Wenn dieser Pfeil es trifft, so sei es nicht zum Schmerz. Wenn dies ihr Tempel war, ist er von jetzt ab Dein ; Sei du ihr Phöbus nun in diesem Mondenschein. Nu können Sie sich vorstellen, Engelchen, wie mein Herz schlug, als ich ihn die Treppe raufkommen hörte; Herr Jesus, ich glaubte doch, mir würde es in der Kehle steckenbleiben. Und der Mann von der Frau, der stand auch so und japste an der Tür; er war auch baumgroß mit einem Tressenrock und weißseidenen Strümpfen. – Und die weißen Handschuhe zitterten nur so, wie er die Armleuchter hielt. Und wie der Herr draußen die letzte Treppe raufsteigt – wir hörten ihn husten –, er nun mit dem Fuß die Tür zurückgeschmissen und raus, und da sinkt er beinah in die Knie und leuchtet runter: ›Mein gnädigster Herr, das ist zuviel Sonnenschein in mein armes Haus!‹ Der Herr nun, der nicht weiß, wie ihm ist, hält den Arm vors Gesicht und stolpert just, wie er ruft: ›Verfluchter Kerl!‹ Das hab ich selbst gehört; das andre hab ich nicht gesehen, das haben sie mir gesagt. Nämlich darüber hat er die Balance verloren, und drei Stufen rutschte er, und hätte ihn der andre nicht gehalten, wäre er gefallen. Da schrie es: ›Lichter aus!‹ Aber da hatten sie schon auf den dritten gestoßen, der helfen kam, und der kriegte den Schuß. Das hörte ich poltern. Und da riefen sie von unten: ›Licht! Licht!‹ Aber dann schrien sie wieder: ›Nein, kein Licht!‹ Der Bediente aber, der oben gehuckt, war nun wie ein Satan zugesprungen, dem Mann hatte er die Kerzen ausgeblasen und stieß ihn, daß er in die Stube zurückfiel. Aber nun stellen Sie sich vor: Ich, wie ich meine, daß er reintreten muß, war mit dem Pfeil aufgesprungen und stoße ein bißchen ans Kohlenbecken; derweil aber ist sie schon rausgesprungen, und eh ich mich's versehe, krieg ich's um die Ohren: ›Du‹ – die Schimpfworte will ich gar nicht sagen –, ›das ist ja zu früh!‹ Darüber purzelt der Altar um, und die Kohlen kullern. Nu wär's noch alles gegangen, aber die kleinen Engelchen, nämlich die Amoretten, sind angestoßen von ihr, wie sie rausspringt, nämlich die großen Tannenbäume, und wo sie hinschlug, wuchs kein Gras. Diese Engelchen waren nun runtergerutscht vom Ast, aber weil sie angebunden sind, konnten sie doch nicht runter, also zappelten sie Ihnen und schrien Ihnen gottserbärmlich.« »Ach, Gott, die armen Kinder!« rief Adelheid. »Und im ganzen Hause schrien sie, und das war ein Türenklappen: ›Herrgott, was ist denn los?‹ – Da schreit's mit einmal ›Feuer!‹ und der Nachtwächter tutet, und es war auch Feuer, denn die Kohlen waren an die Gardine gekommen, und die brannte hellauf. Na, der Mann, das muß man ihm lassen, schnell wie der Wind, runter die Gardine, ausgetreten, aber auf der Straße hatten sie den Schein gesehen, und nun tutete es durch die Stadt noch eine Stunde.« »Aber die armen Kinder! Was ward aus denen?« »I, die haben sie runtergeschnitten und links, rechts ein bißchen, dann nach Haus. Ich kriegte auch 'nen Katzenkopf; da mußte man schon nicht draufsehn. Aber der Mann und die Frau, nein, ich sage doch, wenn gemeine Leute ohne Bildung in Rage sind! Einer auf den anderen los, daß er's verdorben hätte. Mit dem silbernen Leuchter schlug er ihr ins Gesicht; sie hatte ihm aber vor den Bauch getreten, das muß man auch wissen. Totgeschlagen hätten sie sich und Gott weiß was, wenn nicht die Polizei kam; die riß sie auseinander.« »Die Polizei!« Es überrieselte Adelheid, sie war schon aufgestanden. Sie hatte die Polizei nur auf dem Markt gesehen, oder wenn sie einen Dieb einbrachte, aber sie wußte doch, daß es etwas Schlimmes war, wo die Polizei kam. »Gott sei Dank, die kam aber erst, als der Herr fort war. Das war noch ein Glück. Aber der Bediente und der andre konnten kaum den einen fortschleppen, so war er auf die Hüfte gefallen. Hatte sich was gebrochen. Und der arme Herr trägt's heute noch –« Sie verstummte plötzlich. Im Eifer der Erzählungslust hatte sie nicht bemerkt, daß der Kammerherr von St. Real im Zimmer stand. Er verbeugte sich ehrerbietig vor Adelheid: »Verzeihen Sie, mein Fräulein, wenn ich auf einige Augenblicke die Frau Obristin Ihrer Unterhaltung entziehe. Nur einige dringende Worte –« Adelheid erklärte, sie wolle nicht stören, sie müsse nach Hause. Warum sie das mußte, wußte sie selbst nicht, aber sie mußte, das war ihr klar. Den eigentlichen Zusammenhang der Geschichte hatte sie nicht gefaßt; ihre Aufmerksamkeit war bei den armen Kindern haftengeblieben, die mit Stricken am Baume hingen. Sie dachte an die unglücklichen Geschöpfe, welche die Seiltänzer ihren Eltern stehlen und die auf immer verlorengehen. Wie herzergreifend hatte das die Frau Obristin im Dorfe erzählt. Es war der Gedanke des Verlorengehens, die Vorstellung, daß ja ein ganz unschuldiger Mensch zufällig in dem Hause hätte sein können. Mein Gott, wenn auch sie jemand dahin geführt hätte, um das Bild zu sehn, und dann der Feuerlärm, die Polizei! Es drückte sie zentnerschwer. Die Bilder an der Wand schielten sie so seltsam an, so herausfordernd, fast alles mythologische Darstellungen; sie hatte sie früher nicht genau betrachtet, jetzt schlug sie die Augen nieder. Wenn sie nur erst hinaus wäre, wollte sie die Mutter bitten, sie nie wieder in das Haus zu lassen. »Ich kam in der Absicht«, sagte der Kammerherr, »das Fräulein um die Ehre zu ersuchen, Sie in meinem Wagen zu Ihren Eltern zurückfahren zu dürfen. Vorhin begegnete ich Ihrem Herrn Vater, dem Kriegsrat, und er erlaubte mir, diese Bitte an Sie zu richten. Wenn ich Ihre Zustimmung habe, vergönnen Sie mir nur einige Momente mit Ihrer würdigen Wirtin.« Das Zwiegespräch in der Fensternische ward sehr leise geführt. Mit der süßesten Miene flötete St. Real der Frau ins Ohr: »Sie unverantwortliches Plappermaul! Jetzt auf der Stelle, wiederhole ich ihr, schaff Sie die Predigerfamilie fort!« Wie zutraulich drückte er dabei ihre Hand, und wie war sie erfreut über dies Zeichen von Vertrauen und bat ihn, ihr ja diese gütige Gesinnung zu bewahren. »Weiß Sie, was der König tut, wenn er's erfährt?« Dabei klopfte er ihr zutraulich auf die Schultern. – »Nur bis morgen, gnädigster Herr, ich kann sie ja doch nicht auf die Straße schmeißen.« – »Durch den Büttel läßt er Sie aus der Stadt peitschen, und Sie hat's verdient, Sie unverschämtes Mensch!« – »Zu gütig!« – »Ihre Zunge müßte man Ihr mit glühenden Zangen ausreißen, denn sie geht mit Ihr durch, weiß Sie, bis wohin – bis zum Galgen, und Sie hat ihn verdient.« – »Nein, mein Herr Kammerherr sind doch die Obligeance selbst, und nun wollen Sie uns auch die Mamsell Kriegsrätin entführen. Ganz nach Ihrem Kommando.« »Man hat sich kaum gefreut, so soll die Adelheid schon wieder fort«, sagte Karoline. Jülli aber sagte, es sei wohl gut, es scheine ihr ein Gewitter aufzusteigen, daß sie das nicht noch überrasche. Sie sah dabei aber ängstlich nach der Tür zum Seitenzimmer. Der Kammerherr meinte, ein Gewitter wäre nicht im Anzuge, es sei dafür zu kühl, aber ein Sturm und Regen. Er fragte, ob Adelheid nur das dünne Umschlagetuch habe. – »Oh, wir leihen ihr ein andres«, sagte Jülli. »Ach, das rotseidne der chère tante!« rief Karoline. »Adelheid hat's ja noch nicht gesehen. Das ist ja wahr! – Wie prächtig wird sie darin aussehen. Und das hält warm!« Der Kammerherr nickte der Obristin zu, sie möge das Fräulein nur recht warm und schön anziehen. Dann ging er hinaus, um nach dem Wagen zu rufen, sagte er. Es mochte aber auch sein, um nicht bei der Toilette zu stören oder um sich nach dem Lärm zu erkundigen, den man auf der Straße hörte. Ein Reiterregiment ritt vorüber, aber es schien, als ob sie haltmachten, und man hörte Gelächter und Rufen. Die Obristin hatte das vielbesprochne Tuch vom Malaienlande aus der Kommode geholt, als sie im Vorübergehen einen Blick aus dem Fenster warf: »Was das nun wieder ist! Sind doch die Herren Gendarmen nur da, um Unfug mit ehrlichen Leuten anzufangen!« Sie breitete das Tuch aus, und es glänzte in so köstlichem duftenden Rot, daß Adelheid selbst ein unwillkürliches Ach! ausrief Man hing es ihr um, man zog sie vor den Spiegel. Zuerst als wallenden Talar. Die Obristin schien darin wirklich geschickt: »Du meine Güte, wie eine Opferpriesterin!« – »Wie eine Königin!« Der Lärm draußen wurde lauter; kein Aufruhr, aber ein wüstes Gelächter. Man rief Spottnamen hinauf; es schien, als ob von oben geantwortet würde. Darauf ein noch ausgelasseneres Gelächter und einzelnes gellendes Pfeifen. Die Tante beschwor die Nichten, sich vom Fenster fernzuhalten. Sie nahm das Tuch wieder ab, um es anders zu drapieren, als man jemand die obere Treppe hastig herabkommen hörte und die Tür aufklinkte. Die Obristin schien ein anderes Gesicht zu erwarten als das etwas ängstliche, welches zur halbaufgestoßenen Tür hereinsah. Die Beffchen über der schwarzen Weste verrieten einen Geistlichen. Der geblümte Schlafrock und die lange Pfeife, welche die halbzugehaltene Tür verbergen sollte und doch nicht verbarg, hätten sich auch zu jedem guten Bürger geschickt, dem häusliche Behaglichkeit über alles geht. »Haben Sie gehört, verehrteste Frau Obristin?« »Ach, mein allerbester Herr Prediger!« »Bitte tausendmal um Vergebung, wenn ich derangiere, insonders wegen meiner Toilette. Aber das ist ja nicht zum Aushalten!« »Ist Ihnen was arriviert ?« »Ich sehe ja nur zum Fenster hinaus, und meine Töchter neben mir, und rauche ganz in Frieden mein Pfeifchen, als einer der Herren Offiziere mit dem Arm nach mir weist, ich weiß noch nicht warum, und darauf strecken alle die Hälse und heben mit einem Aha! ein schallendes Gelächter an. Sagen Sie mir, was man da zu tun hat. Ich habe zwar einige Worte an sie gerichtet, sehr freundlich und zurechtweisend, sie antworten mir aber nur durch unartikulierte Laute, nachahmend den Gesang der Hühner durch ein Kikeriki! oder, noch unbegreiflicher, durch ein sogenanntes Kuckucksgeschrei.« »Ist's die Möglichkeit!« rief die Obristin. »Ja, von einem der Herren Offiziere, bei denen man doch Bildung annehmen sollte, hörte ich den unanständigen Ausdruck: ›Pfaff und Pfäffchen!‹ Und einer rief: ›Gefällt's dir im Kuckucksneste?‹ Wird mir doch in der Tat bange, denn der Pöbel fängt auch schon an, mitzukrähen, und die Nachbarn reißen die Fenster auf. Soll ich nun zur Polizei schicken, oder erlauben Sie mir, daß ich hier ans Fenster trete, wo sie mich besser hören können, und ihnen recht eindringlich ins Herz rede, wie ihr Betragen sich besser zu Sodom und Gomorrha schickt als für die Residenzstadt unseres Königs?« »Sodom und Gomorrha! Da haben Sie recht, das ist das richtige Wort!« rief die Obristin, erfreut, an ein Wort sich klammern zu können, das sie für den Augenblick aus einer Verlegenheit riß, die, wie man an ihrem Zittern wahrnehmen konnte, schon peinlich geworden. Wie sie sich herausriß, war ihr gleichgültig. »Sodom und Gomorrha, Herr Prediger. Oh, Sie werden unsere Stadt noch anders kennenlernen. Aber um Gottes willen nicht die Polizei! Nicht zehn rechtschaffene Menschen unter tausend. Aber nicht die Polizei. Wer sich die auf den Hals ladet, sehen Sie –« Sie hatte in ihrer Angst das Tuch hin und her gewickelt, bis sie's Jülli zuwarf mit dem Befehl, es ordentlich zu legen, daß es das Fräulein umschlagen könne, und hatte damit schnell einen neuen Ausweg gefunden. – »Sehen Sie, Herr Prediger, das ist's, ein reines pures Mißverständnis. Sehn Sie, das Tuch hier, weil's so koklikorot ist – hier gibt's nicht solche –, müssen die Mädchen damit rumschmeißen gegens Fenster – das haben sie für 'nen Affront angesehen, die Herren Kavalleristen – warum, das weiß der liebe Himmel! Was sehn die nicht für 'nen Affront an, wenn ein ehrlicher Bürgersmann was tut – Sie wissen ja vom Lande, man darf kein rot Tuch aufhalten, dann fliegt das Federvieh – und rote Federbüsche haben sie –, alles, lieber Herr Prediger, nur nicht die Polizei! Und die Herren Offiziere sind, im Grunde genommen, seelensgute Menschen. Nur Jugend! Jugend muß man austoben lassen. Aber nur nicht die Polizei! Soll Ihnen auch keiner ein Haar krümmen, lieber Herr Prediger, jetzt erlauben Sie, will Sie in ein Dachstübchen schaffen, hinten raus, und Ihre Mamsell Töchter, die lieben Mädchen, wie mögen sich die erschrocken haben, da soll Sie auch keine Seele finden. Denn das Soldatenvolk ist grausam, boshaft oft gegen die Herren Geistlichen, ach, und die Herren Offiziere auch, aber unser herzensguter König wird sie schon besser machen. Und heut abend kommen sehr vornehme Herren vom Hofe her; da wollen wir alles arrangieren, ganz nach Ihrem Belieben! Nur nicht die Polizei!« Der Herr Prediger fand sich von der Frau Obristin hinauskomplimentiert, er wußte so wenig warum, als Adelheid den Zusammenhang verstand, und noch weniger, warum die beiden Nichten, die mit ihr allein geblieben, in ein Kichern ausbrachen. Sie fragte nach dem Grunde. Karoline wollte vor Lachen platzen und drehte sich auf dem Hacken. Jülli aber umarmte von hinten Adelheid und drückte einen Kuß auf ihre Schulter: »Ach, 's ist besser für dich, daß du das nie erfährst.« – Adelheid schlang den Arm um ihren Nacken und sagte leise: »Das mußt du mir das nächste Mal sagen, wenn wir uns wiedersehen.« – Jülli drückte hastig einen Kuß auf die schönen Lippen: »Du darfst uns nie wiedersehen. Adieu auf immer!« Im selben Augenblick hatte Karoline das Tuch um Adelheids Nacken geschlungen. Sie mußte eine besondere Geschicklichkeit darin besitzen. In antikem Faltenwurf fiel es von der einen Schulter, während die Kleine mit verstohlener Schnelligkeit ihr das Kleid von der andern herabzog: »Nun sieh dich in dem Spiegel! Das ist Venus, wie sie leibt und lebt, da auf dem Bilde!« Adelheid sah in den Spiegel und errötete, als sie den kleinen Betrug entdeckte. Es war ein schöner Anblick, sie mußte es sich selbst sagen. Sie hob eben die Hand, um ihren Anzug zu ordnen, als – sie noch etwas anderes im Spiegel sah. Neunzehntes Kapitel. Der Sturm bricht los . Eine Tür ging auf, und ein junger Mann trat ein. Sein wildschönes Auge, trüb und wüst wie eines Trunkenen, der eben aus dem Schlaf erwacht, die Haare verstört. Die Halsbinde hing ungeknotet über die Weste, den Rock hatte er nicht nötig gefunden anzuziehen. Er blieb auf der Schwelle stehen und reckte die Arme, um den Schlaf zu vertreiben. Dies Bild sah Adelheid im Spiegel. Sie blieb atemlos stehen. Jetzt sah er sie; nur ihre Gestalt in der Wirklichkeit, ihr Gesicht im Glase. Sein Auge belebte sich, es schoß auch im Spiegel einen Blitz, vor dem sie erschrak. »Was habt ihr denn da für eine neue Tugend!« Rasch, mit drei festen Schritten, war er vorgetreten, und ehe Adelheid ausweichen konnte, hatte er sie umfaßt und wollte sie zu sich umdrehen: »Tugend, ich will dir ins Gesicht sehen!« »Louis, du wirst –! Um Gottes willen, Louis! sie ist nicht von hier!« hatte Jülli geschrien und riß vergebens an seinem Arm. »Eure Larven kenn ich.« Im selben Augenblick war die andre Tür aufgeflogen, die Obristin hereingestürzt. Ihre sonst so gutmütigen Augen funkelten: »Der wieder da! Oh, das mußte noch kommen! Für einen verlornen Sohn ist die zu gut! Reißt sie dem Trunkenbold aus den Armen!« Es wäre nicht unmöglich gewesen, daß sie mit ihren Fingern einen Griff nach dem Gesicht des jungen Mannes versucht, wenn nicht Adelheid sich jetzt rasch umgewandt, die herabgefallenen Locken aus dem Gesicht gestrichen hätte und gerufen: »Mein Herr! So sehe ich aus.« Es war etwas Überwältigendes in dem Blicke der äußersten Entrüstung, was man nicht vergißt, im Ton der Stimme ein Metall, das keiner bis da gehört; es tönte durch das Zimmer. und in den nächsten Sekunden hörte man nichts anderes. Er hatte sie unwillkürlich losgelassen. Sie standen nicht einen Schritt voneinander, und ihre Blicke begegneten sich. Sie wollte sprechen, aber die Stimme versagte ihr. Tränen wären eine Wohltat geworden, es überstürzte sie nur eine krankhafte Hitze, der sogleich eine fieberhafte Kälte folgte. Sie wandte den Kopf ab, bedeckte das Gesicht, und, ein Schrei der gepreßten Brust, stürzten die Worte heraus: »Oh mein Gott, wo bin ich hingeraten! Was ist das mit mir!« Sie wankte; aber sie schauderte vor der Obristin, die sie auffangen wollte. Sie tappte mit aufgehobenen Armen, als der junge Mann eine Bewegung machte, war's, seine Beute wieder zu ergreifen, war's, der Ohnmächtigen beizustehen. Aber die Erscheinung eines andern fremden Mannes, der ein »Halt, mein Herr!« ihm entgegenrief, veränderte die Szene. Es war ein hochgewachsener Mann von leichtem, vornehmen Anstande. In seinem blassen, ausdrucksvollen Gesicht, in dem man einen Philosophen, Staatsmann, wenigstens einen Denker erkennen mögen, brannten auch zwei dunkle Augen, nicht groß, aber bedeutend durch den Ausdruck edlen Zornes, der in ihnen glühte. Ein Mann von mittleren Jahren, der aber durch die Entrüstung, den Stolz seiner Haltung, die Elastizität der Bewegung um vieles jünger schien. Es war ohne Zweifel das bedeutendste, ausdrucksvollste Gesicht im Zimmer, vielleicht, was man überhaupt in diesen Räumen gesehen, ein Mann, in dem jeder Muskelzug, jede Bewegung die Weltkenntnis und Erfahrung ausdrückten, und ein Mann, der geboren schien, um zu imponieren. Den leichten Umwurfmantel, mit dem er ins Zimmer getreten, hatte er schon an der Tür abgeworfen und stand im schwarzen Zivilhofkostüm dem andern gegenüber. Auf dem Gesichte dieses Jüngeren, dem die Leidenschaften viele Falten eingedrückt hatten, suchte man indes umsonst nach einem Zuge, der eine Inklination verriet, sich imponieren zu lassen. Mit einem verächtlichen Achselzucken: »Das geht Sie nichts an! Die Dame ist ohnmächtig!« wollte er an ihm vorüber. Ein »Elender, zurück!« donnerte ihm entgegen. »Ihr Arm darf die Unschuld nicht berühren.« Die Hand des Kavaliers hatte die Halsbinde des jungen Mannes gefaßt, als dieser auch auf diese Worte nicht geachtet. Ein fürchterlicher Blick des Jüngeren, während seine Arme krampfhaft zitterten, sagte dem Kavalier, was er im nächsten Moment erwarten konnte, wenn er nicht zuvorkam. Louis war unzweifelhaft der Stärkere, aber er war in einer ungünstigen Stellung, des Angriffs nicht gewärtig, noch vom wüsten Traumschlaf ermattet. Der Kavalier war, auf einen Angriff gefaßt, eingetreten, wahrscheinlich ein gewandter Fechter, der die Schwäche des Gegners zu nutzen weiß. Ihn kurz an sich ziehend, warf er ihn mit einem heftigen Stoß zurück: »Schlafen Sie Ihren Rausch aus!« Louis fiel auf einen hinter ihm stehenden Stuhl; doch so heftig gegen die Lehne geschleudert, daß er einen Moment besinnungslos blieb. Ein fürchterlicher Moment. Heulen, Schreien, Lärm jeder Art. Es polterte von oben, es stürmte die Treppen herauf, Leute waren eingedrungen ins Haus, schon sogar als ungerufene Zeugen ins Zimmer. Als Adelheid, an die Wand gelehnt, ihre Besinnung zurückkam, hatte auch der junge Mann sie wiedergewonnen. Es war der entsetzlichste Blick, den Sie gesehen, ein Basiliskenblick, die Zornader glühte auf seiner Stirn, und die Brust hob sich wie eine Meereswelle, als er aufsprang und nach einer Waffe griff. »Mord!« »Totschlag!« »Polizei!« – »Blut!« schrien verwirrte Stimmen. Dem Stuhle, den der Rasende wie eine Keule in der Luft schwang, hätte der Galanteriedegen, den der andere rasch gezogen, nicht pariert. Aber die Obristin faßte nach dem Stuhlbein, als der Degen schon mit einem gefährlichen Parierstoß nach der Brust zuckte. Jülli sah die Spitze funkeln, sie hing an Louis' Brust, sie umklammerte seinen Hals, ein Schild, das ihn schützte, aber ihm die freie Bewegung raubte: »Louis, nicht dein Blut!« Der Stoß des nur zur Verteidigung gezückten Degens hätte tödlich werden können, wo der Feind in blinder Wut sich auf den Gegner gestürzt hatte, als Adelheid dem Kavalier in den Arm fiel: »Um Gottes, um Gottes Barmherzigkeit willen, kein Blut um mich!« Es war alles das Werk eines Momentes. Die Degenspitze hatte Jüllis Schulter gestreift; es rieselte rot von ihrem Nacken. Im selben Augenblick trennte ein dritter Fremder die Kämpfer. »Auch Mord und Blut in diesem Sündenhaus.« Des Predigers Gesicht war krampfhaft verzogen, er hob die zitternden Arme gegen die Obristin, er drohte ihr. Aber die Stimme schien auch ihm zu versagen. Er griff in die Tasche und warf ihr eine kleine Börse zu Füßen: »Weib, mach dich bezahlt mit meinem Sparpfenning.« Der Lärm hatte inzwischen einen bacchantischen Charakter angenommen. Den Pöbel kitzelte die wilde Lust, hier die Nemesis zu spielen, zerstören zu können. Die Träger der Effekten des Predigers, die er in aller Hast hinunterschaffen ließ, fanden auf Treppen und Türen kaum Durchweg; man wollte untersuchen, ob nichts Verdächtiges damit entschlüpfte. Rohe Witzworte begleiteten diese Improvisation; noch ärgere Invektiven schallten von der Straße, denn das Gerücht von dem, was im Hause sich zugetragen, wuchs natürlich, je entfernter man davon stand. Die Schwadronen zogen ab, und das von den Blasinstrumenten angestimmte Lied »Ach, du lieber Augustin!« dröhnte als Parodie durch das Getöse. Da hatte die Obristin, die nicht nach dem Geldbeutel griff, denn sie sah, es war hier mehr verspielt, eine unbeschreibliche Wut ergriffen. Die Larve der Sanftmut und Gleisnerei war abgefallen, die innerste Natur des gemeinen Weibes hatte sich herausgekehrt, und ihre funkelnden Augen und fletschenden Zähne suchten nach einem Gegenstande der Rache. Sie hatte ihn gefunden. Den Geistlichen hatte sie mit dem Ellenbogen und einem Schimpfwort beiseite geschoben, die »Natterbrut an ihrem Busen«, die ihr so mit Undank gelohnt, die den Störenfried versteckt, sollte es entgelten. Aber stand der nicht selbst vor ihr, der all das Unglück angerichtet – mit seinen bösen, schönen Augen? Sprach sie's aus, oder sah sie's an ihren gespitzten Fingern, an den gehobnen Armen, die Hyäne auf dem Sprunge? Jüllis Augen blitzten auch dämonisch: »An seinen schönen Augen deine Hand, du schändlich Weib! Erst über meinen Leib! den zertritt nun vollends.« »Die Weiber bringen sich um!« schrie es. »Polizei!« Schon arbeitete sich der Kommissar durch die Tür. Das Weib hatte das Mädchen an der Schulter gepackt, wo der Degen gestreift. Das Mädchen stieß einen Schmerzensschrei aus und sank ohnmächtig nieder, während von hinten eine andere Megäre die Wütende umklammerte. Auch hier eine abgefallene Larve, auch hier die lang verhaltene Wut einer gemeinen Natur, die keine Rücksichten mehr kennt! Der Polizeibeamte sah nicht mehr des Kavaliers gezückten Degen, er hatte ihn eingesteckt, auch der geschwungene Sessel war längst aus Louis' Händen zu Boden gefallen; er saß zurückgesunken in einem Stuhl und starrte, Totenblässe im Gesicht, auf das zu seinen Füßen liegende Mädchen, seine Lebensretterin. Der Polizeibeamte sah nur die ringenden Weiber, eine blutbedeckte Hand von der zusammenschnürenden Umarmung einer Wütenden in die Luft gestreckt. Mit kräftigem Arm, mit dem Griff des Säbels, der unsanft auf ihre Schultern fuhr, riß er sie auseinander. Die beiden Sergeanten ergriffen die Obristin und Karolinen. Indem sein Blick umherstreifte, nach den übrigen Komplicen zu suchen, fiel er zunächst auf Adelheid. Sie war, von Mitleid fortgerissen, neben der Verwundeten hingekniet; aus dem natürlichen Impuls, sich den Blicken zu verbergen, beugte sie sich tiefer über das unglückliche Mädchen, als nötig war, in dem Augenblick vielleicht das glücklichere; sie wußte ja nicht, was um sie vorging. Auch Adelheid wußte es kaum, als die rauhe Hand des Kommissars sie aufriß: »Aufgestanden! Marsch!« – »Sie ist unschuldig!« rief eine Stimme. »Da der Beweis ihrer Unschuld!« entgegnete der Kommissar und zeigte Adelheids Hand, auch sie blutig von der Berührung. »Auf der Wache wird sich alles herausfinden, mein schönes Kind. Einstweilen mitgefangen, mitgehangen.« – »Sie ist unschuldig!« schrie Louis, aus seinem Starrsinn erwachend. Er war aufgesprungen. Der Beamte sah ihn mit einem höhnischen Blicke an: »Wenn man Sie als Zeugen aufrufen wird, ist Zeit für Sie, zu sprechen. Oder sind Sie etwa auch unschuldig? Die Person hier auf eine Trage, und vorsichtig! Auf der Wache wollen wir untersuchen, wo sie hinmuß.« Wie so viele Nadelstiche bohrte das rohe Gelächter in Adelheids Herz. An wen sich wenden! Sie hatte keinen Freund, keinen Bekannten hier. Der Kammerherr war verschwunden. Sollte sie das Weib anrufen, das noch vor Wut kochte und, grimmige Blicke mit dem andern Mädchen tauschend, von neuen Tätlichkeiten nur durch die Wache abgehalten ward! Und was hätte deren Zeugnis in dieser Lage ihr geholfen! Durfte sie den Namen ihres Vaters nennen? Der Retter stand aber schon vor ihr: »Diese Dame ist an den Auftritten hier so unbeteiligt als ich selbst«, rief der Fremde; und schon sein Kostüm und Anstand brachte auf den Kommissar so viel Eindruck hervor, daß er unmerklich Adelheids Arm losließ. »Ich bin der Legationsrat Kammerherr von Wandel aus Thüringen. Auf der Rückkehr von der Tafel Seiner Königlichen Hoheit führte mich der Zufall, ich meine der Spektakel, in dies Haus, und ich kam glücklicherweise noch zu rechter Zeit, um dieses junge Mädchen vor Beleidigungen zu retten, über die ich, wenn es erfordert wird, Zeugnis ablegen kann. Ich verbürge mich für den unbescholtenen Ruf der Dame, deren Name und Familie mir bekannt sind und die nur der Zufall oder die Bosheit hierherlocken konnte. Diesem würdigen Geistlichen und seiner Familie ist es nicht besser ergangen. Daß sie keinen Teil an den Exzessen dieser Personen da hat, brauche ich kaum auszusprechen; das Blut an ihrer Hand rührt, wie Sie sehen, von der liebreichen Pflege, die sie jenem armen Geschöpfe angedeihen ließ.« Der Polizeikommissar verneigte sich leicht vor dem Fremden, nachdem dieser ihm den Namen des Vaters ins Ohr geflüstert hatte: »Diese Demoiselle kann demnächst auf Bürgschaft des Herrn Legationsrates entlassen werden.« »Und ich ersuche Sie, mein Herr Prediger«, wandte sich der Legationsrat an den durch das Gedränge noch immer festgehaltenen Geistlichen, »das junge Mädchen unter dem Geleit Ihrer Töchter aus diesem Hause zu bringen. Sie bedarf eines weiblichen Schutzes vor Neckereien und Brutalitäten, die Begleitung eines Mannes, wer es auch sei, würde sie nur anlocken.« »Bleiben Sie mir vom Leibe! Soll ich noch von der Brut mir anhängen, wo ich kaum weiß, wie ich mit meinen unschuldigen Töchtern ohne Insulten davonkomme.« Dem Geistlichen diente die eigene peinliche Lage gewiß zur Entschuldigung, wenn er jetzt so hart erschien, als er früher leichtgläubig gewesen. Auch die Reden unter den Zuschauern konnten ihn rechtfertigen, denn man zischelte sich zu oder sagte es vielmehr ganz laut: »Die Hübscheste wird losgebissen von dem vornehmen Herrn.« – »Das weiß man schon, an wem nichts mehr zu verlieren ist, den läßt man dem Galgen.« Der Polizeikommissar, der mit dem Bleistift einige Notizen gemacht, wies auf Louis. »Wollen Herr Legationsrat auch etwa für diesen jungen Herrn bürgen?« »Mich dünkt, sein Zustand bürgt für ihn«, sagte Wandel. »Wenn er ernüchtert ist, wird er selbst am besten Rechenschaft geben, welche Motive ihn in dies Haus geführt. Ich meinerseits habe durchaus keine Ansprüche an den Sohn des Herrn –«, er flüsterte wieder den Namen in das Ohr des Beamten, »sollte der Herr an mich Forderungen haben, so ist ihm meine Adresse bekannt«, setzte er scharf betonend mit einem ebenso scharfen als kurzen Blick auf den Betreffenden hinzu. »Demoiselle«, sagte er dann, Adelheid seinen Arm bietend, »da sich kein anderer Ritter findet, müssen Sie sich meinem Schutz anvertrauen. Platz!« Die Menge machte ihn. Im Hinausgehen sah Adelheid unwillkürlich zurück. »Sie mögen sich entfernen, Herr von Bovillard«, hatte der Kommissar diesem zugeflüstert, indem er anscheinend in seinem Taschenbuche Bemerkungen notierte. »Doch erst nachher, wenn die Menge sich verlief. Sie verdanken diese Berücksichtigung dem Zeugnis des Herrn Legationsrats; Sie werden selbst am besten wissen, daß die Polizei andere über Sie hat.« Der junge Mann stand aufgerichtet, wie eine Bildsäule regungslos; seine Hand wühlte krampfhaft in der Brust, nur die Augen schossen noch einen Blick auf Adelheids Begleiter, dessen Ausdruck sich nicht beschreiben läßt. Es war nicht mehr das Feuer des Zornes, nicht das Aufprasseln eines Brandes, der seinen Höhepunkt erreicht, es war die Glut des Hasses, die still fortlodert, weil sie unerschöpflichen Stoff unter der Asche gefunden. Und doch zuckte dies stiere Auge, als es dem des jungen Mädchens begegnete, und senkte unwillkürlich die Lider. »Eilen Sie!« rief ihr Begleiter. »Draußen ist frische Luft.« Sie schwankte an seinem Arme, als er sie durch die Tür gerissen. »Nur einen – einen Augenblick nur!« – stöhnte sie im Vorzimmer. – »Oh Gott, mein Vater, meine Mutter!« Sie war in einen Sessel im Vorzimmer gesunken. Der Retter hatte ein Etui mit kleinen Essenzfläschchen aus der Tasche gezogen und tupfte, vorsichtig Tropfen davon auf den Finger gießend, über ihre Stirn. Die Vorübergehenden machten ihre Glossen, es waren keine freundliche. Ein Glück für die Ohnmächtige, daß sie nichts davon hörte. Ihr Begleiter hörte und verstand sie, aber keine Miene, kein Blick verriet eine innere Bewegung. Er betrachtete die Ohnmächtige wie der Kenner ein Bildwerk. Als das Zimmer zufällig leer war, lüftete er vorsichtig das Tuch, das sie um sich geschlungen: »In der Tat ein Prachtwerk der Schöpferin. Fast zu schön, um es zu verschwenden«, setzte er hinzu. »Und doch, wenn wir es nicht verschwendeten, nicht mehr wert als eine Mumie in einer Raritätensammlung.« Erst die Tropfen aus dem letzten Fläschchen, die er noch behutsamer anwandte, brachten die Wirkung, die er beabsichtigt, hervor. Es mußte eine sehr starke, gefährliche Essenz sein, denn nur, nachdem er verdrießlich nach der Uhr und der Sonne gesehen und die Schläferin, ohne daß sie erwachte, stark am Arm gerüttelt, hatte er die doppelte Metallkapsel und den Stöpsel gelüftet. Sie war erwacht, aber ihre Augen, ihr Atem, ihr Lächeln, bald auch die Sprache, zeugten von einer Einwirkung auf die Nerven, die der Retter nicht beabsichtigt hatte. Sie erhob sich und sprach in Ekstase. Es war das schöne Metall der Stimme, das vorhin fast berauschend ins Ohr der Zuhörer geklungen; aber hier nicht ein schneidender Laut der Totenglocke, es klang und wogte melodischer, wie ein Lobgesang, als sie ihrem Retter ihren Dank aussprach, ihn versichernd, es werde alles gelingen, alles gut werden, er sollte nicht sorgen. Sie sprach sehr schnell. Der Legationsrat kniff sich ängstlich in die Lippen, als sie Schillersche Verse rezitierte, von der Tugend, die kein leerer Wahn; von der Welt, die das Strahlende zu schwärzen liebe, aber die edlen Herzen schlügen überall, auch im Hause des Verderbens. Oh, wie würde sich ihr herrlicher Lehrer freuen, welch ein Triumph für ihn, daß sein Wort in Erfüllung gehe: nur durch die Leiden, die großen Leiden, entwickele sich die Seele. Und wie erst würde ihr Vater sich freuen, wie sehne sie sich, ihm in die Arme zu sinken. Da, da! – sie zeigte ans Fenster. Die Türme auf dem Gendarmenmarkt glühten in der Abendsonne, in jener wunderbaren Pracht, wie sie ein kalter nordischer Abendhimmel zuweilen auf die Dächer und Spitzen höherer Gebäude ausgießt, die gelben Streiflichter am fernen Horizont deuteten aber dem Kenner, daß diese schöne Röte kein Vorbote eines schönen Tages sei. »Mein Vater sieht sie auch aus seinem Fenster, er freut sich, und er darf sich freuen, denn bald werde ich auch in seine Arme stürzen, rot von dieser Sonne angeleuchtet.« »Wickeln Sie sich fester in Ihr Tuch, Mademoiselle. Sie sind erhitzt, und es ist sehr kühl draußen geworden.« Das Gewitter, das sich auswärts entladen, hatte eine empfindliche Kälte verursacht. »In dies Tuch!« rief Adelheid, als der Legationsrat bemüht war, den seidenen Shawl fester um ihre Schultern zu ziehen. Sie riß es hastig ab und schleuderte es in den Winkel. »Es ist nicht meines.« Sie schauderte. »Fort, fort! nach Hause!« »Unmöglich, Demoiselle! Sie ziehen sich eine gefährliche Krankheit zu. Wenn das Tuch nicht Ihnen gehört, schicken wir es sogleich zurück. Nur bis ich Sie zu Ihrem Herrn Vater gebracht.« »Mein Vater soll das Netz nicht sehen, worin sie seine Tochter fangen wollten.« Sie hing sich mit Ungestüm an seinen Arm. »Mich friert; aber nur hier. Gewiß nur hier, draußen ist es warm.« Auch den Legationsrat fröstelte. Er konnte die Retterrolle, die er übernommen, bereuen. Die entschlossenen Züge seines Gesichtes schienen dem zu widersprechen. Aber seine Lage war eine kitzlige für einen vornehmen Mann, dem der Anstand vor der Welt allen Rücksichten vorangeht. Öffentlich aus diesem Hause eine Dame zu führen, deren aufgeregter, halb verwilderter Zustand den Vermutungen, die sich von selbst machten, nur zu sehr Tor und Tür bot. »Sie ist ja offenbar betrunken«, mußte er im Vorbeigehen hören. »Die Schminke eben abgewischt«, sagte ein anderer. »Und in der Windfahne auf offener Straße!« Dies waren nicht mehr die Stimmen des Pöbels, es waren die Urteile ruhiger Bürger. Es waren dieselben Personen, welche vorhin den Prediger und seine Töchter vor den Insulten der Buben geschützt. Denn diesen Landmädchen sähe man es ja an, daß sie nicht in das Haus gehörten, aber es sei doch eine Verhöhnung alles Anstandes, wenn ein Kavalier im Hofkostüm mit einer solchen frechen Dirne ohne Scham und Scheu auf offener Straße sich zeigt. So etwas sei selbst zu den schlimmsten Zeiten der Lichtenauschen Wirtschaft nicht vorgekommen. Zum Glück hörte davon Adelheid nichts. Der Legationsrat hörte alles, aber keine Miene verriet es. Die ruhigen Bürger blickten ihm kopfschüttelnd, die Gassenbuben liefen ihm höhnend nach. Er schwieg auch da, er beschleunigte nicht einmal seine Schritte. Er suchte nur nach etwas, vielleicht nach einem Bekannten; nach einem Fiaker konnte er sich nicht umsehen, es gaben deren in Berlin noch nicht. »Wissen Sie die Wohnung meines Vaters?« fragte Adelheid. »Ich weiß sie.« Aber er nahm eine andere Richtung und beschleunigte jetzt seine Schritte. Als Adelheid ihn daran erinnern wollte, trat er an eine offene Kutsche, welche in der Querstraße vorüberfuhr, und gab dem Kutscher ein Zeichen zum Halten. Zum großen Befremden der Dame, welche darin saß; zu ihrem noch größeren aber redete er sie bei ihrem Namen an und bat sie um einen Dienst der Menschenfreundlichkeit. Er nannte seinen Namen. Eine leichte Röte überflog die blassen Wangen der Geheimrätin Lupinus. Sie neigte sich anmutig über den Wagenrand, sein Anliegen zu hören. »Erlauben Sie, daß ich französisch spreche«, sagte er, »wegen der Zuhörer.« Es blieb zweifelhaft, ob er die Gassenbevölkerung meinte, die sich schon um den Wagen drängte, oder Adelheid, die noch an seinen Armen hing. In einer fließenden kurzen Darstellung, mit einem Akzent, in welchem die Geheimrätin den Pariser zu erkennen glaubte, erzählte er die skandalösen Vorfälle in dem Hause, ohne alle Personen, die darin verwickelt waren, zu nennen, und den wahrscheinlichen Grund, wie das arglistige Weib das junge Mädchen in ihr Garn gelockt. »Sie sehen, Madame«, schloß er, »die schreckliche Lage, in welche eine Verkettung von Umständen die Tochter ehrbarer Eltern gebracht hat. Wenn es mir auch dort mit meinem Degen gelang, sie vor der Brutalität zu schützen, so ist der Stahl doch eine ganz unzulängliche Waffe gegen böse Vermutungen und die aufgeregte Populace hier. Ich rufe vertrauensvoll Ihre Hilfe an. Meine Bitte, sie in Ihrem Wagen aufzunehmen und den Eltern zu überliefern, ist nur der geringste Teil meines Anliegens. Die Ehrenrettung des jungen Mädchens erfordert einen offenen Akt der Anerkennung. Wenn Sie sich entschließen könnten, sie hier öffentlich zu embrassieren, so ist ihre Ehre wenigstens vor diesem Straßenpublikum retabliert. Denn wer kann zweifeln, wenn eine Dame vom Ruf der Frau Geheimrätin Lupinus sie dieser Auszeichnung werthält.« Die Geheimrätin war durch die Vorstellung nicht unangenehm berührt. Sie fragte leise, übergebeugt: »Wer ist eigentlich die junge Person, ich hörte den Namen nicht deutlich?« – Der Name des Kriegsrats mochte der Geheimrätin eine sehr gleichgültige Bekanntschaft sein. Aber sie stieß plötzlich den Schlag auf und breitete ihre Arme dem jungen Mädchen entgegen, welches der Legationsrat rasch hineinschob. »Meine werteste Demoiselle, mein liebes Kind, wie konnte ich auch nicht gleich die Tochter meines Freundes, des wackern Kriegsrats erkennen! Das ist ja abscheulich, daß Ihre Gouvernante so wenig Ortskenntnis hat und sich in das Haus verirren mußte! Aber wie sind Sie in diesem Jahre gewachsen, ach, und wie echauffiert! Johann, schnell den Mantel aus dem Kasten! Ich hoffe, das wird nicht von üblen Folgen sein. Wie sie zittert! – Herr von Wandel, es gibt eine Justiz hier und einen König, der solchen Affront, einer achtungswerten Familie angetan, strafen wird!« – »Dessen bin ich gewiß!« rief der Legationsrat, seinen Hut abziehend. »Mein Gott, Sie steigen doch auch ein?« »Meine Gegenwart könnte stören.« »Wie das? Wer verdient wie Sie, den Dank des erfreuten Vaters entgegenzunehmen! Oh, rasch ein, daß ich das Vergnügen habe, dem Manne den Wohltäter, den Retter seines Kindes zu präsentieren.« »Erlauben Sie mir, ich bitte inständigst darum, Ihre gütige Einladung ablehnen zu dürfen. Es gibt Erörterungen, welche das Gefühl verwunden; die Wunde wird schmerzlicher, wenn ein fremder Mann sich in das Heiligtum des Familienkreises drängt. Vermutungen könnten aufsteigen, die, so empörend sie klingen, doch immer ihr Recht verlangen. Den Dank, ach, mein Gott, wer denkt in dieser Welt an Dank! – Es ist Ihr Schützling jetzt, tragen Sie das ganze Wohlwollen Ihres edlen Herzens auf die Arme über und, wenn es anginge, verschweigen Sie meinen Namen. Ich übte nur die Pflicht eines jeden Kavaliers, weiter nichts, Sie setzen Ihren guten Namen an ein gutes Werk und auf die bloße Bitte eines Ihnen fremden Mannes. Vergönnen Sie ihm nur, dieser Tage seine Aufwartung zu machen, um sich nach dem Wohlergehen Ihres Schützlings zu erkundigend, »Ein Mann von seltener Delikatesse«, sagte die Geheimrätin, nachdem er sich beurlaubt. Adelheids Zustand erforderte ihre ganze Sorgfalt. Sie saß wieder sprachlos, in sich versunken, und ein heftiger Fieberfrost fing ihre Glieder zu schütteln an. Der Kutscher erhielt den Auftrag, rasch zu fahren. Gruppen von Bürgern standen noch immer um das Haus, das die Polizei bereits verlassen und vermutlich geräumt und verschlossen hatte, als der Legationsrat auf seinem Rückweg die Straße passierte. Man war jetzt schon besser von den Verhältnissen unterrichtet, man wußte, wer das junge Mädchen war, man hatte auch Kunde von dem, was wir eben erzählt: »Schade um sie, die ist auf immer verloren«, sagte ein ältlicher Mann, von der Haltung und dem Gesichtsausdruck, woran man sogenannte solide Bürger erkennt. »Und warum das, mein Herr van Asten?«, fragte der Legationsrat, der herangetreten war und in dem Kaufmann einen Geschäftsfreund erkannte. »Weil sich gewisse Dinge nicht wieder reparieren lassen, die einmal schadhaft geworden sind.« »Auch wenn ich Ihnen beweise, durch welche Ränke und Intrigen sie in dies Haus verlockt ward?« »Mir werden Sie es vielleicht beweisen und vielleicht auch diesen Herren, welche uns zuhören. Aber schon den beiden nicht, welche dort eben fortgehen, noch weniger der ganzen Stadt, welche heut abend im Theater, in den Gesellschaften, in den Wirtshäusern von dem Vorfall plaudern wird. Man wird schon heut mehr erzählen, als sich ereignet hat, und morgen weit mehr wissen, als wir heut gesehen haben. Man glaubt aber immer lieber das Schlimmste, weil es das Interessanteste ist. Wollen Sie es durch den Ausrufer ausschreien lassen, daß die Demoiselle Alltag ein unschuldiges Mädchen ist, oder an die Ecken es anschlagen lassen? Das Übel würde nur schlimmer. Sie könnten freilich, wie man wohl jetzt tut, durch Artikel in den Zeitungen der Sache den Anstrich geben, den man wünscht, aber, mein Herr Legationsrat, ich weiß doch nicht, ob das der jungen Dame oder ob es Ihnen von Vorteil wäre.« »Was kann es mich betreffen?« fragte rasch der Kavalier. »Man würde nach den Ursachen fragen, weshalb Sie eines jungen Mädchens, das Sie als Fremder in dieser Stadt kaum kennen, sich so besonders annehmen. Schon dies besondere Interesse würde aber auch dem Mädchen schaden. Doch ganz davon abgesehen, frage ich Sie, was würde es einer Firma helfen, die in der Meßwoche ihre Wechsel nicht zahlt und protestieren läßt, wenn ihre Freunde durch ein Zirkular nachher bewiesen, daß das Haus eigentlich solide sei und aus welchen zufälligen Umständen es grade an dem Tage und in der Woche nicht zahlen konnte? Unter seinen Bekannten möchte das Haus sich wohl wieder aufrappeln, sein Kredit aber in der großen Handelswelt bliebe erschüttert.« »So muß man sie verheiraten, dann ist die Sache vergessen«, sagte ein dritter. Der Legationsrat schwieg einen Augenblick vor sich hin. Wer ihn genau kannte, hätte vielleicht in der Muskelbewegung um den Mund einen inneren Kampf wahrgenommen: »Sie meinen also, das sei ganz unmöglich? – Es ist nichts unmöglich, sage ich Ihnen, was man will. Wenn man den Kredit eines Hauses schaffen und erschüttern kann, warum nicht auch ihn reparieren!« »Ein geflicktes Haus, und meine Ehre ist verloren«, sagte der Kaufmann. »Was kommt es auf die eigene Wertschätzung an«, fiel Herr von Wandel nach einigem Nachdenken ein, »wo es sich handelt um die Konstellation zum Allgemeinen. Die Ehre eines Handlungshauses wie eines Staates beruht auf der Meinung; die Meinung auf Illusionen. Herr über diese zu werden, ist die Aufgabe des Mannes, der überhaupt seine versteht. Und dieser gebrechlichste Schein aller gebrechlichen Dinge, der Ruf eines Mädchens, sollte über diese Aufgabe hinausliegen! Was wir mit einem spöttischen Blick, einer Geste, einem flüchtigen Wort vernichten können, sollte uns nicht gelingen, mit aller Kraft unsres Geistes, allen Mitteln, die uns die Natur gab, wiederherzustellen? Herr van Asten, was gilt die Wette, ich stelle den Ruf dieses Mädchens so wieder her, daß die tugendreichste Mutter ihre Töchter mit Vergnügen ihr zuführt.« »Er mag ein guter Kavalier sein, aber kein guter Kaufmann«, sagte der Begleiter des andern, als der Legationsrat sich rasch entfernt hatte. »Ein guter Kaufmann setzt nicht so viel ein um etwas, was ihm so wenig einbringt.« »Und doch«, entgegnete der Kaufmann, »sah ich niemand so glücklich spekulieren seit der kurzen Zeit, daß wir in Geschäftsverbindung stehen.« Zwanzigstes Kapitel. Abällino, der große Bandit . Als die Polizei die Türen der Wohnung verschlossen hatte, war manches in derselben nicht mehr, wie es vorher gewesen. Die Volksjustiz hatte geglaubt, auch ihrerseits für die gekränkte Sitte Rache nehmen zu müssen. Die Polizei hatte ihr Auge auf andere Dinge gehabt, um ihren ungebetenen Helfershelfern überall auf die Finger sehen zu können, und diesem Umstande darf man es zuschreiben, daß, als sie die Wohnung räumte, eine Person, ganz von ihr übersehen, zurückgeblieben war. Die Hände fest auf die Stirn gespannt, den Kopf auf die Stuhllehne gedrückt, saß, ob schlafend, träumend, in einen ohnmachtartigen Starrkrampf versunken, wir wissen es nicht, der junge Bovillard. Die Ruhe um ihn her mochte ihn wecken. Er sprang auf. Sein dunkles Auge stierte nach der Stelle, wo der Legationsrat zuletzt stand, wo er seinen Blick aushalten mußte, und mehr als das, wo der Mann, der ihn tödlich beleidigt, als sein Fürsprecher auftrat. Ihm verdankte er seine Freiheit und – doch hätte er eine Wollust darin empfunden, wenn er mit seinen Händen ihm die Kehle zuschnüren, wenn er ihn erwürgen können. Den Arm mit der geballten Faust streckte er aus – zum Zweikampf mit einem Luftbilde? Aber indem er ihm in dem Augenblick einen tödlichen Haß schwur, übergoß ihn die Röte der Scham. Wie vielen hätte er Todhaß schwören müssen, die alle Zeugen seiner Beschämung gewesen. Noch eine andere Erinnerung stieg auf, er drückte mit der Faust gegen die Stirn und atmete schwer. Dann suchte sein Auge an der Wand drüben nach der Tür, durch welche Adelheid fortgeführt ward: »Und von dem Schuft!« Es war das erste laute Wort, und der Schall schien die neckischen Geister zu wecken, die an der Stätte der Zerstörung geschlummert hatten. Im letzten Sonnenstrahl, der durch die oberen Scheiben drang, wirbelte der dichte Staub, der sich noch immer nicht gesetzt hatte. Es schwirrte in der Luft von Fasern und Federn, die Gardinen hingen zerrissen an den Fenstern, der Spiegel war zerschlagen, Stühle und Tische umgestürzt, den weiblichen Figuren auf den Schildereien hatte man mit Kohle große Bärte angemalt. Er stieß die Tür auf. Im Vorzimmer war es still und leer. Schien er doch zu suchen, ob nicht jemand wie er zurückgeblieben wäre, ob er nicht vielleicht ein stilles Schluchzen höre. Es waren die Tauben auf dem Dache. Er sah sich noch einmal um, ehe er die Wohnung verlasse, und aus dem gebrochenen Spiegel grüßte ihn sein Bild, ihn daran erinnernd, daß er so auf der Straße sich nicht zeigen dürfe. Er ging nach dem Seitenzimmer zurück, seinen Rock zu holen. Die Luft wimmelte wie von Schneeflocken. Von der Zugluft, welche die aufgestoßene Tür verursachte, wirbelten die Federn aus den Betten, welche sie in mutwilliger Zerstörungslust aufgeschnitten. Vergebens suchte er nach Rock und Hut. Sie waren verschwunden, gestohlen. Fort aus dieser Höhle der Verwüstung! Die ihm wohlbekannte Hintertür war verschlossen, der Schlüssel fehlte. Er eilte zurück nach dem Vorzimmer; auch diese Tür war zu; er war eingeschlossen. Sollte er Lärm machen? Nach so vielem Lärm? Er hatte keinen Grund, die Trommel des Aufruhrs zu rühren. Indem er noch, unschlüssig, was er solle, aufmerksam beobachtend umherging, fiel sein Auge auf einen Kamin, der nach alter Art in einen weiten, aber kurzen Schornstein führte. Er erinnerte sich aus fröhlichen Abenden, daß die heitere Unterhaltung oft durch das Brausen des Windes gestört wurde, wenn es stark wehte, selbst Regen und Schneewirbel unter die lustigen Kinder hier getrieben wurden. Indem er den Kamin untersuchen wollte, ob von da vielleicht ein Ausgang zu entdecken wäre, entdeckte er etwas, was er nicht erwartet, einen Stock und zwei Beine, die sich vergebens in die Höhe zu ziehen suchten. Als er sie ergriff, stieß eine Stimme, die unzweifelhaft zu den Beinen gehörte, einen Angstschrei aus. Er zog einen vollständigen Menschen herunter, weit vollständiger und anständiger gekleidet als er, gefärbt wie er, nur nicht weiß vom Federstaub, sondern schwarz vom Ruß. »Ach Sie, Bovillard«, sagte der Geschwärzte aufatmend, »Gott sei Dank!« Ich glaubte, es wäre der Polizeikommissar.« »Ich freue mich auch ungemein, grade den Herrn von St. Real zu begrüßen. Wie befinden sich Herr Kammerherr? Ein Anfall von Podagra fesselte Sie neulich zu meinem Bedauern ans Bette.« »Sie sehn, ich bin wieder passabel hergestellt.« »Ja, wer schon gymnastische Übungen machen kann! Aber im Schornstein ist das doch etwas unbequem. Da ist hier ein junger Lehrer an einem Gymnasium, ein Herr Jahn, der will öffentlich Unterricht in der Gymnastik geben. Wie ich höre, beabsichtigt er damit eine Verbesserung der deutschen Nation und insbesondere des Menschengeschlechts. Da sollten Sie sich melden, bester Kammerherr!« »Pestilenz! Wo kommen Sie her, Bovillard?« rief der Kammerherr, sich schüttelnd. »Von einem Dejeuner bei Dallach. Ich versichere Sie, Kammerherr, der Mann perfektioniert sich. Austern wie frisch aus der See, ein Kaviar und ein Burgunder, der Minister kann ihn nicht besser haben. Schade, daß Ihr Podagra den Burgunder oder der Burgunder Ihr Podagra nicht verträgt. Wir vertrugen uns vortrefflich, lauter Freunde einer Gesinnung, alles Verehrer der Schick! Nein, sie hat doch eine Stimme, darüber geht nichts!« »Ihre Stimme in Ehren, aber Ihre, Bovillard, war mir lieber. Wenn der verfluchte Kommissar hier Wache gehalten hätte, bis ich erstickt war!« »Kommen Sie von oben da her, Kammerherr? Oder wollten Sie oben hinaus?« »Ich war hierhergeraten, ich weiß noch nicht wie.« »Vermutlich wie ich.« »Damit der Rotkragen mich nicht finde, kroch ich in der ersten Bestürzung da hinein. Nun aber, teuerster Mann, können Sie mir nicht gelegener kommen. Ich habe eine dringende Bitte an Ihre Gefälligkeit.« »Ich gleichfalls.« »Schaffen Sie mir meinen Wagen, versteht sich, dort um die Ecke. Ich hoffe, der Kerl wird sich von selbst retiriert haben, als der Skandal losging. Dann rekognoszieren Sie etwas Luft und Terrain.« »Mit dem größten Vergnügen.« »Kann ich Ihnen einen Gegendienst erzeigen, rechnen Sie auf meine Bereitwilligkeit. Liebster junger Mann, wenn Sie mir nur Ihr ganzes Vertrauen schenkten, hoffe ich gewiß, die Differenzen mit Ihrem Herrn Vater zu lösen.« »Nichts von Frieden, ich will Krieg. Sie haben hier gelauscht, Sie erfuhren, Sie wissen alles, hätten Sie etwas vergessen, will ich Sie daran erinnern. Dem Herrn von Wandelstern, oder wie er heißt, will ich den Hals umdrehen, natürlich ganz in legaler Weise, durch Pistolen oder Stichdegen, wie es ihm mehr Vergnügen macht, Sie sollen mein Kartellträger sein. Die Sache eilt, weil man so etwas leicht vergißt; und auf der Stelle, wenn Sie los sind, ersuche ich Sie, in eigener Person zu ihm zu fahren, meine Herausforderung zu bringen und das Nötige mit ihm abzumachen.« St. Real sah etwas verblüfft den andern an und wollte seine Hand fassen: »Liebster junger Mann, um solche Kleinigkeiten –« »Da ist nun der Geschmack verschieden, Herr Kammerherr, ich behandle das Kleine groß, andre das Große klein. Da muß man jeden seinem Penchant überlassen.« »Mein Gott, teuerster Freund, bei solcher Art Konflikten muß man nicht mit gefärbten Gläsern sehen. Wo nichts zu gewinnen, muß man nicht einsetzen. Sie begreifen, daß gewiß niemand von dem plaudern wird, was hier vorfiel. Unter Kavalieren ist es eine stillschweigende Übereinkunft, daß man an solchen Orten sich nicht kennt. Die Person ist ja nun auch verschwunden, sie wird über die Grenze geschafft. In ein paar Tagen, wie gesagt, ist der Vorfall vergessen und verdampft wie ein Rausch. Stänkern Sie nicht darin, liebster, bester, junger Mann.« »Die Person! Sie meinen die Frau Obristin Malchen. Das ist ja eine höchst respektable Dame. Sie erfreut sich wenigstens einer Protektion, die ihr nur Ehre bringen kann.« »Liebenswürdiger Schäker! Kennen Sie denn aber den Herrn von Wandel?« »Vermutlich ein ebenso respektabler Herr wie Ihre Freundin.« »Teuerster Bovillard, Sie irren sich. Er ist ein intimer Freund Ihres Herrn Vaters; ich versichere Sie, einer der feinsten Köpfe, ein Mann der Wissenschaft, ein Gelehrter, ein Mann von stupenden Kenntnissen, ein Diplomat und von den liebenswürdigsten Eigenschaften. Sie müssen sich kennenlernen. Oh, Sie werden es mir danken. Und dabei ein Gemüt wie ein Kind, unwiderstehlich bei den Damen. Ich sage Ihnen, Sie werden Freunde werden, wenn ich Sie bei ihm einführe, Sie werden sehen, er hat alles vergessen.« »Ich nicht, mein Herr!« trumpfte Bovillard. »Entweder, oder – wollen Sie nicht?« »Sein Sie überzeugt, ich gleiche die Sache zu Ihrer Zufriedenheit aus.« Der Jüngere eilte ans Fenster, um es aufzureißen. »Bovillard! Was wollen Sie tun?« »Die Polizei rufen. Wissen Sie nicht, daß wir eingeschlossen sind? In dem leeren Nest habe ich nicht Lust, die Nacht zu verbringen.« »Sind Sie rasend! Man würde –« »Uns auf die Wache bringen. Ganz in der Ordnung. Wer bei einbrechender Nacht in einem verdächtigen Orte betroffen wird und sich nicht ausweisen kann, daß er dahin gehört, wird zum Ausschlafen auf die Wache gebracht. Das ist das erste Erfordernis eines gesetzlichen Staates. Der Staat muß auch seine Ruhe haben, wie jeder Mensch, wenn er schlafen will.« »Unsre Lage würde ja weit schlimmer.« »Unsre? mein Herr, Sie bedenken nicht, welch ein Unterschied zwischen uns ist. Sie haben einen guten Ruf zu verlieren, ich gar keinen. Denn einen schlechten verliert man nicht, wenn man auf die Wache geschleppt wird. Sie sehen, daß ich gar nichts dabei riskiere.« Der Kammerherr hatte sich mit großer Gewandtheit zwischen Bovillard und das Fenster gedrängt. »Wenn Sie denn absolut wollen! Ich will's arrangieren, aber – er schießt Ihnen – den Sperling putzt er auf zwanzig Schritt mit dem Kuchenreuter vom Zaune. Sie junger Hitzkopf, tun Sie's doch lieber nicht, 's ist gegen mein Gewissen!« »Herr Kammerherr, Ihr Gewissen ist mir zu wert, Ihr Gewissen dürfen Sie nicht dransetzen. Sie müssen es mit gutem Gewissen tun, sonst schreie ich: ›Polizei!‹« »Monsieur de Bovillard fils est un original. Ganz der Vater, nur in anderer Manier. Sie sind beleidigt, Sie müssen Satisfaktion haben, ich sehe es ein. Mit schwerem Herzen, aber – ich sehe es ein. Nu suchen Sie mir aber meinen Kutscher auf.« »Ich sagte Ihnen ja, wir sind eingesperrt.« »Va-t-en! Was soll draus werden! Wir müssen doch raus!« »Belieben Herr Kammerherr hier die Fensterhöhe zu betrachten. Man erzählt sich zwar, daß Herr von St. Real in seiner Jugend aus Loyalität einen Sprung getan, woran er sein Leben lang denkt, indessen, dieser Abgrund ist keine Treppe, und ob die Loyalität Sie jetzt tragen wird, das überlaß ich Ihrem Ermessen.« »Bovillard, bringen Sie mich nicht außer mir.« »Wenn ich Sie außer sich setzte, was könnte ich Ihnen jetzt Besseres antun?« »Schaffen Sie Rat. Ihr Genie hat etwas in petto.« »Vermutlich haben Sie schon untersucht, daß es durch den Schornstein nicht geht. Indessen kommt Zeit, kommt Rat, nämlich Dunkelheit, und im Dunkeln findet sich manches besser, das werden Sie aus eigner Erfahrung wissen. Aber, Sie sind müde, setzen Sie sich.« Bovillards prüfender Blick hatte schon vorher auf einem Wandbrett etwas gesehen, was die Tumultuanten übersehen haben mußten, sonst würde man es wahrscheinlich jetzt nicht mehr gesehen haben, ein Fläschchen süßen Weins mit Spitzgläsern, da hingestellt, um nach der Schokolade die Kollation zu würzen. Er langte den Schatz schnell herunter, von dem er, nachdem er ihn gekostet, versicherte, es sei ein echter alter Malaga, der ihnen eine wohltätige Wärme geben werde. Der Kammerherr fühlte allerdings ein Bedürfnis. Er war sehr müde. Der kalte Angstschweiß stand auf seiner Stirn. »Ausgetrunken! Ein zweites Glas!« »In der Tat eine seltsame Situation!« Indessen, er trank. »Warum seltsam! Ein Weltmann muß sich in alle Situationen finden. Tun Sie ganz, als wären Sie zu Hause.« »Der Wein war doch nicht für uns bestimmt.« »Für mich nicht, aber für Sie.« »Man muß auch im Scherz ein Maß finden.« »Was Scherz! Das Nest ist leer, aber die Erinnerungen sind geblieben. Nicht wahr, Kammerherr? Durch diese Dämmerung schweben die Grazien. Auf den Wirt! Angestoßen!« »Bovillard!« »Bester St. Real, wir sind ja unter uns! Reden wir denn zum profanum vulgus ! Auf den Höhen der Menschheit, wie der Dichter sie nennt, verlangt man auch Freude, den schönen Götterfunken. Wer pour les menus plaisirs sorgt, ist ein Wohltäter der höheren Menschheit. Oder sind Sie traurig, daß die rauhe Hand der Wirklichkeit eingriff? Sehn Sie, ich bin Idealist; mich kümmert die Polizei nicht. Ich sehe sie noch immer schweben und tanzen, die süßen Erinnerungen und Entzückungen, die Küsse und Rosen. Eine solche Wirtschaft hat etwas ungemein Poetisches; nur das Geld darf nicht fehlen. Hätten Sie, Kammerherr, mit rechtem Eindruck zum Viertelskommissar gesprochen – nun, ich will dem Manne nichts nachreden, er ist gewiß ein ausgezeichneter Staatsdiener – aber, aber, wenn man sich nur verständigen will, wird man verstanden.« » Le père tout craché . Aber gehn Sie mir mit Ihrer Poesie, ich habe mit der Sache nichts zu tun.« »Sie lieben die Realitäten. Ich lebe nur in den Ideen, konstruiere mir meine Welt selbst. Wenn ich solch ein Haus betrachte und die Wirtschaft drin, werde ich unwillkürlich an unsern Staat erinnert.« »Hüten sie sich, aus einem mauvais plaisant zu einem Kalumnianten zu werden.« »Kennen Sie den Dichter Dante?« »Bleiben Sie mir mit den Poeten vom Halse, sage ich Ihnen, sie müßten denn so allerliebste französische Verse machen wie Ihr Herr Vater.« »Dante hat nur italienische Chansons gedichtet. Aber eines dieser wunderhübschen Lieder sollten Sie kennen. die Melodie ist reizend. Es fängt an: Ah tutta l'Italia è un gran bordello ! Da denk ich immer an Sie, an alle Ihre Freunde, an dies ganze bezaubernde Freundschafts-Liebes-Sippschafts-Wesen –« Er stürzte ein Glas aus und ließ ein zweites folgen. Der Kammerherr hatte den Instinkt, daß hinter dem wilden Scherz ein ebenso wilder Ernst lauerte. Er konnte herausbrechen, und er hatte nicht geirrt. »Preußen ist nicht Italien!« sagte er, um rasch abzubrechen. »Warum nicht! Sie buhlen um uns, sie zahlen Geld, schweres Geld um unsre Gunst, Gott weiß, wo es bleibt. Was allein hat die Lichtenau gekriegt, um den Baseler Frieden zu hintertreiben! Andre müssen wohl mehr geboten haben. Diese Gesandten hier, die geheimen und die öffentlichen, ihre blinzenden Augen, ihre spitzen Ohren, ihre säuselnden Worte, ihre süßen Händedrücke! Nicht wahr, wunderhübsch, wenn wir immer jung blieben! Aber, mein teuerster Kammerherr, ich fürchte, sie merken schon, daß unsre Wangen mit Karmin, unser Hals mit Bleiweiß geschminkt ist. Sie buhlen, um uns auszulachen, wenn sie unser satt sind, sie zahlen, um, wenn wir hungrig sind und am Fenster winken, uns den Rücken zu drehen. Oh, sie machen uns vielleicht noch eine Gegenrechnung! Aber wir – wir leben fort, in dulci jubilo, taumeln von der Bowle zur Bowle, vom Liebeskuß zum Liebeskuß, die Jalousien dicht vorm Fenster, daß wir den Tag nicht anbrechen sehen. Aber er wird anbrechen, Kammerherr, er bricht an, sie werden uns herausreißen wie jene Dirnen, halb nackt, mit hängenden Haaren, auf die Straße, in Regen und Wind, zum Gespött der Kinder.« »Wie ein vernünftiger Mensch sich in solchen Phantasien gefallen kann!« »Wer sagt, daß ich vernünftig bin! Wer bleibt vernünftig in einem Tollhause!« Er stürzte ein paar neue Gläser hinunter. Es war schon dunkel geworden. Die Lichter an den Fenstern der gegenüberstehenden Häuser warfen nur einen Sprenkelschein in das unheimliche Zimmer, durch den Kamin zuckte dann und wann ein heulender Ton, wenn der Wind in den Schlot fuhr. Dem Kammerherrn ward es immer unheimlicher. »Zitieren Sie keine Geister«, sagte er, den Stuhl näherrückend. »Sinnen Sie lieber, wie wir rauskommen.« »Ich sehe einen Geist! Da schreitet er, riesengroß, mit funkelndem Aug, und hebt die Krücke: ›Wo habt ihr meine Erbschaft verpraßt?‹ fragt er. ›Daran hätten Generationen zehren können, wo ist mein Schatz, ihr Herren Geheimräte? Wo das Ansehn, das ich euch hinterließ? Hättet ihr nur meinen Hut auf eine Stange gesteckt, meinen Rock daran gehängt, ihr hättet ruhig schlafen können, sie hätten sich nicht über meine Grenze gewagt. Das hinterließ ich euch, es war weit mehr als meine Schätze. Wo ist der Respekt vor meinem Reich? Ihr buhlt, kokettiert, schachert mit der Schuld um die Unschuld; meine großen Gedanken zerreißt ihr wie ein kostbar Gewebe in Fasern, um die Bettelarmut eures Geistes damit zu schmücken. Ihr reitet auf meinem Namen, aber gebt acht, daß euch das Pferd nicht absattelt, denn ein edel Roß will gute Reiter.‹« »Bester Herr von Bovillard!« rief der Kammerherr, dem das Haar sich zu sträuben anfing, als der andere im Selbstgespräch fortfuhr und dabei bald mit dem Glase, bald mit der Flasche auf den Tisch stieß. »Angestoßen, Kammerherr«, schrie jener auf, »auf die große lustige Wirtschaft, wo einer den andern betrügt, eine Hand die andere wäscht. Angestoßen auf den Kleister und Firnis, der die Fäulnis zusammenhält bis – angestoßen!« Der Zitternde stieß mit dem Glas gegen die Flasche, die Bovillard auf einen Zug leerte und dann in den Kamin schleuderte, wo sie in tausend Stücke zerbrach. »Bis dahin! Nicht wahr – zu Wasser, bis er bricht, darin sind wir einverstanden, wie es für vernünftige und gesetzte Leute sich schickt.« Er war aufgestanden und klopfte auf die Hand des Kammerherrn, die er mit dem andern Arm an seine Brust hielt: »Ja, mein teuerster Herr von St. Real, wenn alle so verständig und gesetzt wären wie wir beide! Diese Tagesfliegen schwärmen ums Licht, und wenn einer sich verbrennt, lacht der andre vergnügt, daß es ihn traf. Wir aber sehen die Nacht, wir sehen, was hinter uns liegt, und sehen, was vor uns kommt. Apropos, was halten Sie denn von Napoleon?« »Sie belieben zu scherzen. Ein Genie! Ein großes Genie! Machen Sie, daß wir fortkommen.« »Wie er aus Ägypten. Wissen Sie wie? – Er hat sich dem Teufel verschrieben; in einer Pyramide war's, eine Nacht wie diese! Ja, ich habe auch meine diplomatischen Mitteilungen. Der Teufel hat ihm die ganze Welt versprochen und weiter nichts dafür gefordert als seine Seele. Kammerherr, denken Sie, wenn Sie für solche Bagatelle könnten Großmogul werden!« »Das erzählen Sie mir alles weiter – aber nachher.« »Ein einziges Hindernis nur muß er forträumen – die Gruft in Potsdam. Darum – Sie verstehn mich. – Nun bitte ich Sie aber als einen vernünftigen Mann, ist das ein so unübersteigliches Hindernis? Braucht es eines Krieges um einen Leichnam? – Denn Sie werden mir wieder zugeben, es ist jetzt nur noch ein Leichnam. Sollen wir um ein point d'honneur so eigensinnig sein, darum Blut vergießen, einen Krieg anfangen, der sechzigtausend Menschen kosten kann, darum das Wohl von Hunderttausenden, von Millionen aufs Spiel setzen? Unsre Seehandlung, unsre Zuckersiedereien, unser Messingwerk in Neustadt-Eberswalde? Ich bitte Sie, Ruh und Frieden unsrer Bürger – was wirft die Porzellanmanufaktur nicht ab; wenn auch die Juden nicht mehr kaufen müssen zu ihren Hochzeiten, wir haben ja schon die Meißner Fabrik überholt – das ist auch ein Ehrenpunkt! Und unsre Gold- und Silberfabrik und unser Pfandbriefsystem; wir können ja Geld machen, soviel wir wollen, nur die Güter höher abgeschätzt, als sie wert sind; und alles das sollen wir leichtsinnig hinopfern um einen sogenannten Ehrenpunkt! Das fordern gewisse Menschen! Wissen Sie, was ich glaube, was der geheime Grund von Lombards Sendung ist? – Er soll versuchen, ob Napoleon sich nicht abfinden läßt mit Friedrichs Rock und Hut. Ja, ich vermute noch etwas. Besteht der Kaiser drauf, so geben wir auch die Krücke, aber das wäre auch das Ultimatum – den Leichnam, nein, nimmermehr! Wenigstens für jetzt nicht. – Bester Kammerherr, ich lese Ihre Gedanken, Sie wollen sagen, das sei wieder nur ein halber Schritt, Napoleon würde doch nicht eher ruhen, bis er das Ganze, bis er Friedrichs Sarg in Paris hat, und wir würden auch da nachgeben. Möglich, aber liebster Mann, wahren Sie Ihre Zunge, wer spricht denn so was aus! Grade diesen Vorwurf verträgt man nicht: Halbes, immer Halbes! 's ist richtig, aber es ist nun mal so. Wer ändert's: Zwei Halbes macht ein Ganzes. Erst geben wir den Rock und dann den Leib. Und wenn man mehr will, noch mehr, Seele und Geist, wenn – wir noch davon haben. Ein guter Untertan, lieber St. Real, findet sich in alles. Der liebe Gott wird's zum Guten fügen, und das Genie unserer großen Staatsmänner, und wir haben einen guten König; was will man mehr! Apropos, was halten Sie von unseren König?« Der Kammerherr, der sich schon zu besinnen anfing, ob nicht am Ende die Arme der Polizei denen des Rasenden vorzuziehen wären, stammelte etwas von seinem grenzenlosen Respekt vor Seiner Majestät. »Das ist mir sehr lieb zu hören«, sagte Bovillard, »vielleicht wissen Sie auch, warum Seine Majestät jetzt so betrübt sind.« »Wenn Seine Majestät in die Herzen ihrer Untertanen blicken könnten, würden Sie gewiß keinen Grund finden«, antwortete der Kammerherr, in der Angst des seinen die Hand auf die Brust drückend. Bovillard war um einen Kopf größer als der Kammerherr. Mit unterkreuzten Armen und halb gesenktem Kopf schien er mit den funkelnden Augen, die durch die Nacht glänzten, in sein Herz bohren zu wollen: »Es ist manches faul im Lande Preußen, und mancher, der auf der Stirn das Schild eines ehrlichen Mannes trägt, ich sage es Ihnen im Vertrauen, ist ein Schurke. Im Lagerhause in der Klosterstraße wird das Soldatentuch gewebt. Schön und dicht sieht es aus und blau, wenn der Appreturbügel darüberfuhr, aber die Witterung verträgt es nicht. Und ehe er drei Monden es auf dem Leibe trug, schrumpft es im Regen zusammen, daß der Ärmel dem Soldaten am Ellenbogen sitzt. Kann man jedem Soldaten einen Regenschirm in die Hand geben? Kann man mit halbnackten Soldaten Krieg führen? Wissen Sie nun, warum wir keinen Krieg führen können? Wissen sie nun, warum Seine Majestät betrübt sind?« »Ich habe nichts mit den Tuchlieferungsgeschäften zu tun!« rief der Kammerherr aus. »Ich bin kaum einmal in meinem Leben im Lagerhause gewesen.« »Sie haben mit andern Lieferungsgeschäften genug zu tun, ich weiß es. Aber Vorsicht, lieber Kammerherr. Um Gottes willen, was soll der Monarch sagen, wenn er wieder von dieser Geschichte hört!« »Bovillard, liebster, bester Freund, Sie werden doch nicht!« »Ich nicht, aber Sie können sich doch leicht vorstellen, daß andre ihm davon sagen werden, was er wissen soll. Beim Frühstück, ehe er die letzte Tasse geleert, weiß er alles, was am vorigen Tage passiert ist. Und wenn erst alle Zeugen vernommen sind, die Polizei kreuz und quer fragt und spioniert, Hergang, Wirkung, Ursach, 's ist nichts so fein gesponnen, es kommt ans Licht der Sonnen. Liebster Kammerherr, ich bin im Ernst um Sie besorgt. In diesen Angelegenheiten ist der Monarch sehr irascibel .« »Wenn ich nur ganz gewiß sein könnte« sagte gedehnt mit scharfem und schüchternen Blick auf den Plagegeist der Kammerherr, »von unsern Freunden wird die Sache schon in dem rechten Lichte vorgetragen werden.« Bovillard drückte ihn heftig an die Brust: »Wie Sie mich beruhigen! Offenherzig gestanden, ich bedurfte dieser Beruhigung nicht, ich wollte Sie nur auf die Probe stellen. Ein Tor, wer da sagt, daß die Tugend von der Erde Abschied nahm. Wer noch auf Freunde sein Vertrauen setzt, übt sie. Und Ihre Freunde werden sie ebenfalls üben. Oh, ich möchte bei dem Vortrage sein, ob nun ein Kammerdiener oder ein Kammerherr ihn übernimmt; wie sie weißbrennen werden, was schwarz ist, und vielleicht anschwärzen, was weiß wie Schnee ist. Ja, so beim Kaffee, so unterderhand, gelegentlich hingeworfen, erfährt ein Fürst die Wahrheit – von guten Freunden. Sorgen Sie aber auch für einen Sündenbock. Denn wenn nach dem Hofe der offizielle Vortrag kommt, muß er doch ergrimmt werden über die falsche Darstellung. Er weiß es ja alles besser, er hat es alles wie selbst erlebt. Wenn der Vortragende da erblaßt, stockt, nicht vorbereitet ist, keinen Zornableiter zur Hand hat, dann wird es schlimm. Lassen Sie den Kommissar opfern, mich, wen es sei, retten Sie sich nur selbst dem Vaterlande. – Na, nu wollen wir uns aber zusammen retten.« Der Kammerherr sah mit einigem Befremden auf das Messer, welches plötzlich in seiner Hand blitzte: »Sein Sie ohne Sorge; nur im höchsten Notfall stoße ich es einem durch die Gurgel!« Er holte noch aus dem Kamin ein altes Ofeneisen. Er mußte schon vorher die Gelegenheit geprüft haben. In der alten Ausgangstür des Vorzimmers war in der untern Füllung eine Ritze, er vergrößerte sie durch das Messer und lockerte die andern Fugen, bis er das Brecheisen hineinpassen konnte. »Jetzt warten wir, bis ein Wagen vorüberrasselt, dann ein Krach, und wir haben ein Mauseloch. Wollen Sie nun den Durchbruch auf Ihre Kappe nehmen, Kammerherr?« – »Ich?« – »Versteht sich, nur wenn wir attrappiert werden. Der Unterschied ist, wenn Sie es auf sich nehmen, ist es nur ein Ausbruch , Sie können beweisen, daß Ihnen die Wohnung und Sie in die Wohnung gehören, außerdem sind Sie ein anständiger Mann, dem die Polizei aufs Wort glaubt. Wenn es aber auf mich kommt, mir glaubt man nichts, außerdem bin ich in Hemdsärmeln, die Polizei könnte es daher leicht unter dem Gesichtspunkt eines Einbruchs fassen, und diese Fassung unangenehme Folgerungen nach sich ziehen, in Betracht dessen, daß man vieles in diesem Hause vermissen wird, was dazugehörte, ich meine nicht uns beide, aber die gestohlenen Sachen.« »Bovillard, machen Sie keine Faxen! Wie werde ich denn einen Freund in der Not verlassen!« »Aber nur der Tod ist umsonst. Was krieg ich für meine Arbeit? Ich friere, so kann ich mich nicht auf der Straße sehen lassen. Leihen Sie mir Ihren Rock.« »Dann hab ich ja keinen.« »Sie fahren in Ihrer Kutsche, ich gehe nach Hause.« Man einigte sich, daß Bovillard mit dem Kammerherrn fahren sollte. Die Freunde würden sich schon warm machen. »Was geht über eine echte Freundschaft!« sagte Bovillard, hatte aber schon mit seinen scharf umherspähenden Augen das weggeworfene Umschlagetuch entdeckt, das er jetzt ergriff, um sich damit, wie er sagte, gegen die Kälte zu schützen, bis sie im Wagen säßen. Ein Wagen rollte endlich über das schlechte Straßenpflaster, die Tür krachte, und Bovillard war hinaus. Als St. Real, auf den Knien heranrutschend, den Kopf durch die Öffnung stecken wollte, drückte jener das halbe Brett wieder hinein: »Halt, so ist nicht gewettet. Was geben Sie Zoll?« »Bovillard, nur jetzt keine Possen.« »Es ist mein feierlicher Ernst. Ein Narr, wer eine vorteilhafte Situation nicht nutzt.« »Sie haben geschworen, mich nicht zu verraten.« »Richtig! Und Ihren Kutscher zu avertieren. Weiter nichts. Ich klemme die Füllung wieder ein – sehn Sie, so –, Sie können nicht aufstoßen, denn ich stemme hier das Eisen dagegen. Nun bedenken Sie, wenn morgen die Polizei öffnen läßt!« »Bovillard, Sie sollen meinen Rock haben.« »Pfui, es ist nicht Eigennutz.« »Meine Freundschaft! Sie werden bei Ihrem Lebenswandel noch oft der Fürsprache bedürfen, Sie sollen in jedem Fall auf mich rechnen können.« »Ich will nichts für mich, sage ich Ihnen ein für allemal. – Gehen Sie in sich, St. Real, werfen Sie einen Blick zurück auf Ihr äußeres, ach, auch auf Ihr inneres Leben. Bedenken Sie, wie oft Sie die Gelegenheit versäumt, die sich Ihnen darbot, Gutes zu tun, und wie oft Sie dem Versucher in die Stricke gefallen sind. Ach! Wurden Sie nicht selbst zum Versucher? Legten Sie nicht selbst Stricke, stellten Sie nicht Netze? Schwirrt Ihnen nicht der schauerliche Klagegesang der unglücklichen Vögel in diesen Netzen um die Seele? Ich höre diese Anklagestimmen. St. Real, noch ist es nicht zu spät! Benutzen Sie wenigstens diese Gelegenheit, hören Sie auf die Stimmen und bessern sich. Ihr Haar wird grau, Ihr Atem kurz, mit jedem Tag auch Ihr Leben um einen kürzer; Sie hinken, ach, das Podagra kriecht so schnell als der Vogel fliegt, wenn das Ziel das Grab ist. Lassen Sie sich diesen schauerlichen Moment gemahnen, weit sind die Pforten zur Hölle, aber eng die zum Himmel, wie dieses Loch. Geloben Sie, St. Real, Sie wollen Ihr Dasein bessern, wie es Ihren Jahren, Ihrer Geburt, Ihrem Stande entspricht. Oh, Sie wissen nicht, wie das Ihre Brust erleichtern wird, Ihr Keuchhusten wird nachlassen, Ihr Bein flinker werden, der Burgunder Ihnen wieder schmecken. Retten Sie sich, sich selbst, Ihrem Könige, dem Staate. Schwören Sie mir, Sie wollen tugendhaft werden.« »Alles, was Sie wollen!« »Hier, Ihre Hand darauf?« »Ja, ja, ja – ziehn Sie mich nur raus!« Es war zum Glück still im Hause, und niemand begegnete ihnen, bis sie vor die Tür traten. St. Real hielt es für angemessen, hinter seinem Begleiter zurückzubleiben, der zu theatralisch den roten Shawl um die Schultern drapiert hatte. Ja, er blieb um mehrere Schritte zurück, als eine Patrouille die Gasse heraufkam. Auf das Werda? des Gefreiten, welches dem Manne in der roten Toga galt, antwortete er ein Gutfreund. Der Gefreite wollte Namen und Stand der auffälligen Person wissen. »Abällino, der große Bandit!« Die Wache schien sich zu besinnen, was ein Bandit sei. Einer meinte, es sei ein Komödiant. »Ihr Geschäft?« »Die Tugendhaften retten, die Schurken entlarven!« »Auf die Wache!« Abällino schlang den Mantel vornehm um die Schultern und schickte sich an, schweigend zu folgen. »Da kommt noch einer; der scheint zu ihm zu gehören.« – »Ein Hinkepeter.« – »Verstellung«, sagte der Gefreite, »nur rasch ran.« Der Kammerherr klopfte sich auf die Brust, weil der Husten ihm steckengeblieben war. »Kennen Sie den?« fragte der Gefreite den Rotmantel. Der Rotmantel schien ihn scharf anzusehen; dann sagte er: »Dieser Mann trägt eine Larve, reißen Sie ihm dieselbe ab, mein Herr Korporal.« Den Hut ließ der Kammerherr sich abreißen, aber er schwor Stein und Bein, das sei sein wahres Gesicht. Die Wache schien unschlüssig. »Schwere –, ich frage Ihn«, rief der Korporal, »ob Er den hier kennt?« »Dies ist nicht sein natürlich Gesicht.« Abällino schüttelte den Kopf. »Das ist keine natürliche Röte. Sehn Sie, mein Herr Wachtkommandant, jetzt wird er blaß.« »Potzblitz Millionen, er hinkt. Ist das auch nicht natürlich?« »Das ist wohl seine Natur«, sagte Abällino mit der größten Ruhe. »Indes meine Bande ist sehr groß, es hinken viele. Lassen Sie ihn den Mund auftun. An seiner Sprache werde ich leichter erkennen, ob er der ist, den ich vermute. Fragen ihn Herr Wachtkommandant gefälligst, ob er mich kennt.« »Kennt Er – kennen Sie diesen hier?« Unter einem Guß von Angstschweiß platzte er heraus: »Ich bin so – ich weiß – ich kenne ihn so – ich kenne ihn so wahr nicht.« »Jetzt kenne ich ihn, Herr Wachtkommandant, ein sehr gefährliches Subjekt. Wir in der Bande nennen ihn Petrus vom Hahnenschrei. In Wirklichkeit heißt er Judas Ischariot, ist ein getaufter Jude und handelt mit abgelegten Kleidern und Frauenpuppen.« »Sie sehen, meine Herren, er ist ein Betrunkener.« »Aber wo kamen Sie mit ihm zusammen?« sagte der Korporal, dessen Augen entweder für die feine Kleidung des Kammerherrn aufgingen oder für die Bewegung seiner Hand in die Tasche. »Bei einem Krankenbesuch«, stotterte St. Real – »eine unglückliche, arme Kranke – im Auftrag einer hohen Mildtätigkeit, die ihre Gaben nicht bekannt wissen will. – Dort hält meine Equipage.« Das war hervorgestoßen, während der Sprecher noch mit ängstlichen Blicken nach dem Banditen hinaufschielte, ob er nicht widersprechen werde. Der Bandit bewegte sich nicht, er schenkte ihm Gnade. Der Korporal, der sich zwischen ihn und Bovillard gestellt, um die Kollisionen zu verhindern, hörte den harten Taler, der zufällig aus des Kammerherrn Tasche glitt, auf das Pflaster fallen. »Marsch!« kommandierte der Gefreite. »Auf die Wache! Dies ist ein anständiger Herr vom Hofe.« Stolz wie ein König schritt Abällino nach der Wache! Der Kammerherr sank fast ohnmächtig in die Wagenkissen zurück und stöhnte: »Das kommt davon, wenn man mit der Kanaille sich abgibt!« Der Vorfall der Nacht hatte in Berlin, wie man richtig vermutet, Aufsehen und Entrüstung erregt. Um so beruhigender für alle guten Bürger wirkte ein Artikel, der einige Tage darauf in den Zeitungen erschien. Bovillard und St. Real hatten auch richtig gerechnet, daß, wer nur guten Freunden vertraut, nicht verloren ist. Der Artikel lautete: »Es ist ein betrübendes Zeichen unserer Zeit, wenn der böse Wille aus den geringfügigsten Ereignissen Nahrung schöpft, um Mißtrauen gegen die Maßregeln der hohen Obrigkeit zu verbreiten. Kaum ist vor einigen Wochen ein Ereignis, das man dazu benutzt, aufgeklärt und beseitigt, als man böswillig abermals einen sehr unbedeutenden Vorfall benutzt, diesmal, um ein falsches Licht auf die Moralität unserer Stadt und ihrer Bewohner zu werfen, dabei aber sich nicht entblödend, den Verdacht auf höhergestellte Personen zu lenken, als begünstigten sie die Immoralität. Damals war ein gewiß unter keinen Umständen zu billigender Exzeß in unserer Vogtei Anlaß, einen unserer rechtschaffensten Staatsdiener der Konnivenz mit Verbrechern zu beschuldigen. Dem Scharfblick einer hohen Person, die hier zu nennen der Respekt uns verbietet, war es vorbehalten, die Wahrheit von der Verleumdung zu unterscheiden, und den eigentlich Straffälligen das Bekenntnis ihrer alleinigen Schuld zu entlocken. In gleicher Weise wird der traurige Exzeß, welcher neulich in einer unserer belebteren Straßen stattfand, seine Aufklärung finden. Einer wohllöblichen Polizei war es keineswegs entgangen, daß das Haus einer jetzt viel genannten Dame zu Verdacht Anlaß gab. Sie vigilierte vielmehr auf dasselbe, um beim ersten gegründeten Anlaß einschreiten zu können. Bei dem wirklichen oder angeblichen Stande der Bewohnerin und den unverdächtigen Attesten, welche dieselbe von auswärtigen Obrigkeiten mitgebracht, Staaten, mit denen unsere Regierung in Frieden lebt, war es indes unzulässig, auf bloßen Verdacht hin einzuschreiten. Wer dies doch für gerechtfertigt hielte, teilt nicht unsre Ansicht von dem, was einer wohlgeordneten Staatsbehörde obliegt. Diesem Umstande ist's zuzuschreiben, daß es der gedachten Frau gelang, unbefangene Gemüter zu täuschen; wir wissen kaum, was wir mehr bedauern sollen, daß es ihr gelang, einen durch seinen strengen religiösen Sinn und seine Kanzelberedsamkeit gleich ausgezeichneten Geistlichen mit seiner Familie in ihrem Hause unter dem Schilde der Gastfreundschaft aufzunehmen, oder daß sie die sittsame Tochter höchst verehrter Eltern und eines unserer treuesten und bewährtesten Staatsbeamten in ihr Haus zu verlocken wußte. Der traurige oder, wenn wir wollen, glückliche Vorfall, der sich hierauf ereignete, ist bekannt. Übrigens hätte es dieses Vorfalls nicht bedurft; denn, wie die Erscheinung des Kommissars im selben Augenblick jeden überzeugen sollte, der Augen dafür hat, hatte die Polizei schon die Beweise in der Stille gesammelt, die jetzt ihr Einschreiten rechtfertigten. Die Anwesenheit einer oder mehrerer angesehener Personen in dem Hause gibt zwar für diejenigen, welche am Argen Wohlgefallen haben, willkommene Nahrung. Wir lassen ihnen dieses Vergnügen, teilen aber mit jedem Gutgesinnten, der diese Herren kennt, die Überzeugung, daß sie nur in dem löblichsten Zwecke sich an den Ort begeben hatten. Der eine dieser Herren hat seine edle Absicht bekundet, indem er das Opfer der Intrige, unbekümmert um die Insulten des Pöbels, von dem man doch nicht fordern darf, daß er den Schein von der Wahrheit unterscheide, aus dem Hause und ihren betrübten Eltern zugeführt hat. Wir zweifeln gar nicht, daß auch dies zu bösen Nachreden Anlaß geben wird, ebenso der Umstand, daß ein gewisser Herr in dem geräumten Quartier über Nacht zurückblieb, um Kollisionen von außerhalb auf die Spur zu kommen, wenn man gleich weiß, daß durch seine aufopfernde Vermittelung diejenige Person endlich arretiert wurde, welche den Unfug in dem Hause veranlaßt, ja, wir sind auch davon überzeugt, daß die in letzter Nacht erfolgte Flucht der verhafteten Dame aus dem Gefängnis einer Intrige wird zugeschrieben werden. Indem wir unser Bedauern über derartige Insinuationen nicht verbergen und in der Leichtgläubigkeit, mit der das Publikum auf sie horcht, eine tiefere Immoralität als in der gerügten betrauern, sind wir doch des Glaubens, daß der größere und bessere Teil des Publikums sich davon nicht täuschen lassen und das Vertrauen sich erhalten wird, daß niemand besser als unsre Obrigkeit für unsre wahre Wohlfahrt sorgt, welche in der Ruhe und dem Frieden aller rechtschaffenen Menschen besteht. Die Argwöhnischen und Böswilligen, das wissen wir, werden wir nicht damit zum Schweigen bringen, aber Heil dem Staate, wo das Auge seines Oberhauptes über das Wohl aller wacht, wo vor seinem Throne der Kleinste wie der Größte nur Gerechtigkeit zu erwarten hat. Wo die Tugend auf dem Throne sitzt, kann die Immoralität keinen dauernden Wohnsitz im Lande haben.« Zweites Buch Erstes Kapitel. Staub . »Und wir behalten Frieden, und alles bleibt beim alten«, schloß der Geheimrat Lupinus, diesmal aber in der Jägerstraße, und schob den grünen Augenschirm zurecht. Es lag eine sonntägliche Heimlichkeit über der geweihten Stube. Kein Dienstbote durfte sie aus freien Stücken betreten. Die Frau Geheimrätin besorgte selbst das Abstäuben der Bücher, und wenn sie der Hilfe einer gröberen Hand bedurfte, mußte der Fuß, der zu dieser Hand gehörte, die Schuhe zurücklassen. Aber das Abstäuben und Reinemachen war ein Festtag, zu dem man die günstige Stunde ablauschen mußte. Der Geheimrat behauptete, nichts sei so gefährlich der Gesundheit als der Staub; in demselben sammelten sich die Atome, die der organische Lebensprozeß nicht zu absorbieren vermöge, also das Tote, vielleicht das Tötende. Warum also das aufregen, künstlich in Bewegung setzen, was sich selbst bereits nach dem Gesetz der Schwere vom Leben abgesetzt hat? Die Geheimrätin hatte dagegen nur zwei Einwendungen. Es sei doch besser, den Staub mit allen Vorsichtsmaßregeln für die Gesundheit, als da sind nasse Tücher, Handbesen, feuchter Sand und geöffnete Fenster, durch einen raschen, wohlgeleiteten Angriff zu bewältigen, als abzuwarten, bis eine zufällige Gelegenheit diesen Feind der Gesundheit von selbst in Aufruhr bringt. Demnächst, wenn er immer liegenbleibt, verderbe er die Bücher selbst, und darunter Raritäten, die unersetzlich wären. Das letztere Argument hatte angeschlagen. Wenn Menschen sterben, werden andere dafür geboren; seltene Ausgaben, Inkunabeln, gehen unter, um nie wieder geboren zu werden. Hinsichts des ersteren Argumentes hatte er manche Bedenken gehabt. Die Vorsicht, die man beim gefährlichen Ausstäuben anwende, könne besser darauf verwandt werden, daß man jeden Anlaß vermeide, der den Staub aufregt: wenn man leise gehe, leise spreche, sich jeder heftigen Bewegung enthalte, was überhaupt zur Konservation des Lebens zuträglich sei. Denn das eigentliche Gift des Lebensorganismus seien die Affekte, weit gefährlicher als üble Angewöhnungen, selbst als Laster. Deshalb hatte er an den Fenstern doppelte Reiber anbringen und Tuchecken an die Seiten anschlagen lassen, auch eine Doppeltür vor das Vorzimmer, und die gesteppte Tuchdecke verhinderte jede Erschütterung beim Gehen. »Sie vergessen nur«, hatte die Geheimrätin erwidert, »daß Ihre Fußdecke mit dem Heu darunter selbst ein Staubreservoir ist und daß Sie beim leisesten Auftreten diese feinen Atome aufrühren, und gerade die, welche am gefährlichsten auf die Lunge fallen.« Der Geheimrat sparte im Leben die lauten Worte, da ein Wortwechsel auch mit sich selbst zu Affekten führen kann, aber wenn ein Thema ihn angeregt, was ihn interessierte, oder andere es in ihm angeregt, ergossen sich auch die lang gesperrten Schleusen in langen Sermonen. Er erinnerte daran, daß die Müller und Steinsetzer ein verhältnismäßig kurzes Leben führten und gewöhnlich an der Auszehrung stürben, weil der feine Mehlstaub von den zerklopften und gefeilten Sandsteinen auf die Lunge falle. Es gebe auch einen Staub von gewissen Vegetabilien, Steinerden und Metallen, so feiner Art, daß ihn das unbewaffnete Auge nicht zu entdecken vermöge, und doch sei er höchst schädlich. So wirke der Arsenik in den Gruben. Gewöhnlich sage man, die Verbrecher, die dort arbeiten, stürben an der vergifteten Luft, das sei aber uneigentlich gesagt, denn sie kämen um an dem atomisierten Staub des Metalls. Im Mittelalter und aus den Höhlen des Jesuitismus seien daraus grauenhafte Künste hervorgegangen, man habe durch künstlich präparierte Stoffe einen Staub erzeugt, der plötzlich oder langsam nach einer gewissen Berechnung die dazu erwählten Opfer getötet. Dieser habe einen Brief eröffnet, und der Streusand, der ihm entgegenspritzte, sei Gift gewesen. Einem andern – und er nannte sogar einen Kaisernamen – habe man die Kerzen, die in seinem Zimmer brannten, mit Arsenik versetzt, und das aussprühende Licht habe allmählich den vergiftet, der nach der Meinung einer Hofpartei, die das Dunkel liebte, zu viel Licht geliebt hatte. Die Geheimrätin hatte aufmerksam zugehört: »Und doch wollen Sie sich mit dem Staube vertragen?« Er hatte gelächelt: »Das sind Ausnahmen, meine Liebe, aus den Zeiten der Barbarei und Finsternis. Feinde und Staub sind nur Produkte unruhiger Tätigkeit.« »Dann wäre eigentlich das beste, sein ganzes Leben lang schlafen!« hatte seine Frau gedacht. Er aber hatte fortgefahren: »Wenn wir alles ruhen ließen, was liegt, wäre das Leben noch einmal so glücklich. Weil die Menschen alles besser machen wollen, rühren sie das auf, was die Vernunft und die Geschichte längst beseitigt hatte, und es kommt in neuer Form und Färbung zum Vorschein und quält uns aufs neue, was unsre Väter und Urgroßväter schon gequält hatte. Die Geschichte des Menschengeschlechts, meine Teure«, pflegte er lächelnd hinzuzusetzen, »ist in einem kleinen Buch geschrieben, wenn wir das immer und immer wieder läsen, kennten wir alle seine Bestrebungen in das vetitum nefas , alle seine eitlen Hoffnungen und Torheiten und die Lehre, welche der einzige Weg zum Glück ist, sich zu finden in das, was ist, und – nicht unnötig Staub aufrühren.« Alsdann pflegte eine Lobrede auf den Horaz zu folgen, die aber von der Geheimrätin an einem bestimmten Wendepunkte mit einer praktischen Bemerkung auf etwas anderes übergeleitet ward. Der Geheimrat wußte es, lächelte, schwieg und war eigentlich zufrieden. In der Hauptsache aber waren sie zu einem Akkord gekommen. Seine Ausgaben des Horaz, die auf einer Reihe niedrigerer Regale wie eine Art Schirmwand um den Arbeitstisch standen, durfte die Frau wöchentlich einmal abstauben; aber nur sie selbst und mit einem weichen Pfauenwedel. Sie nahm jeden Band einzeln heraus, trug ihn in das Vorzimmer und fegte ihn am geöffneten Fenster. Da lächelte er zufrieden, die andern Bücher, die großen schweinsledernen Folianten, die hinten bis an die Decke die Zimmerwände füllten, sollten nur dann und wann und nur ganz oberflächlich abgestaubt werden. Auch sollten dazu sonnige Tage abgewartet werden, weil die Sonne den Staub niederdrückt. Die Horazregale sollten dabei mit Leinentüchern überdeckt und der Geheimrat selbst jedesmal vorher avertiert werden, um zu untersuchen, ob es nötig sei. – Ob diese Bedingungen streng innegehalten wurden, bleibt ein häusliches Geheimnis. Die letzte gewiß nicht, denn der Geheimrat hätte es nie für nötig gefunden. Aber der Eifer der Geheimrätin mußte nachgelassen haben; die Luft verriet, daß die Fenster sehr lange nicht geöffnet worden. Der chromatische Farbenspiegel der Scheiben und die Spinneweben an den Fensterecken gaben den vollgültigsten Beweis dafür, daß, wie alle Passionen, auch die des Reinlichkeitssinnes einem Wechsel unterworfen sind. Oder es waren andere Gründe? Gerade diese Spinnen, der schillernde Glanz der Scheiben, der Duft des Unberührtseins war es, was dem Zimmer den Charakter sonntäglicher Heimlichkeit gab. Wohlverstanden der sonntäglichen Heimlichkeit einer alten deutschen Gelehrtenstube, in welche der Qualm des Tabaks noch nicht eingedrungen und den Büchergeruch noch nicht niedergedrückt hat. Und ganz zu dieser Stube, will man sagen, wie die Seele zum Körper oder die Spinne in ihrem Netze, paßte die Gestalt des Geheimrates, der, den Kopf im Ellenbogen und die Ellenbogen auf einem Folianten, in ihrer Mitte saß, wohlgefällig, zufrieden, schlau lächelnd. So hatte er das Wort gesprochen: »Und wir behalten Frieden, und alles bleibt beim alten!«, als ein Seufzer aus der tiefen Stille des Zimmers ihm antwortete. Der Geheimrat glaubte an keine Gespenster, er sah auch nach keinem, als sein schlauer Blick über das Regal, welches die Zweibrückner Horaze trug, auf die schweinslederne Hinterwand fiel, wo jemand auf der Leiter einen Folianten in der Hand wiegte. »Gehören Sie auch zur Kriegspartei, mein Herr van Asten?« »Ich bin ein stiller Zivilist, Herr Geheimrat«, war die Antwort. »Wozu beschweren Sie sich denn aber da mit dem Hugo Grotius? Sein › De jure gentium ‹ gehört doch sonst nicht zu Ihren Studien.« Wenn der Geheimrat so weit hätte sehen können, würde er eine leichte Röte auf des jungen Mannes Gesicht bemerkt haben. »Nehmen Sie's nur runter«, fuhr er fort. »Sie können's auch mit nach Hause nehmen, wenn's Ihnen nicht zu schwer ist; die Edition ist nicht selten, man kann sie bei den Antiquaren bekommen. Der Montesquieu steht auch noch angeschrieben.« Der junge Mann war von der Leiter gestiegen, den Folianten im Arm: »Wenn Sie mir also erlauben –« »Aber nehmen Sie sich in acht, Ihr blauer Frack ist von dem Grotius ganz staubig. Der hat zwar auch mal in einer Kiste gesteckt, wenn ich mich recht entsinne, einer Bücherkiste, und da wird er noch staubiger rausgekrochen sein, aber er wollte nur in Freiheit kommen, nicht zu einer jungen schönen Demoiselle. Aber Sie wollen doch nicht der Mamsell Alltag aus dem Hugo Grotius Vorlesungen halten? Das Kind ist zwar gescheit, aber ich zweifle doch, daß ihr die Lektüre sehr pläsant sein wird.« Der Geheimrat war in ungewöhnlich guter Laune, der junge Mann schien außer Gewohnheit befangen. Indessen hatte er sich schnell gesammelt, während er den Staub vom Rock abklopfte. »Herr Geheimrat sind heiterer, seit Mamsell Alltag hier ist. Ihr Haus ward belebter. Stören Sie aber die vielen Gesellschaften nicht?« »Au contraire! Was so jetzt die Menschen alarmiert und sonst auch wohl bis zu mir drang, bleibt nun außer meinem Rayon. Die Herrschaften können das nun bequemer unter sich und mit meiner Frau abmachen.« »Sollte es nie in Ihren Rayon dringen!« sagte van Asten sehr ernst. »Wenn ich mich einschließe, das wollte ich doch mal sehen. Aber ei, ei, Herr van Asten, will die Romantik Sie nicht verlassen! Sie sehen da wieder eine Geistererscheinung.« »Die, welche ich sehe, Herr Geheimrat, sehen viele mit mir. Dieser Herbst wird die Fluren, wo fröhliche Saaten gereift, mit Leichen und Blut decken.« »Sehn Sie mal«, sagte der Geheimrat, »was Sie nicht alles sehen!« und wischte mit dem Läppchen die Tinte aus der Feder, die er dann sorgsam vor sich auf das Papier legte. Sein Gesicht bekam dabei einen immer, was man nennt, graueren Ausdruck, wie ein kluger Mann, wenn er einen, der sich auch für klug hält, auf eine Sandbank abgesetzt zu haben glaubt. »Und diese vielen, die mit Ihnen diese erschreckliche Geistererscheinung sehen, sind, kurios genug, dieselben, die vor Freude damals zitterten, als der Herr General Bonaparte, wie sie es nannten, die Hydra der Revolution niedergetreten hatte. Da sollten wir andern mit ihnen hüpfen und springen vor Entzücken, denn sie sagten uns, er wäre ein Messias der neuen Weltordnung. Sehn Sie mal, wir taten das nun nicht, denn wir entsannen uns, daß dieselben spring- und hüpflustigen jungen und alten Herren ein Zehnjahr vorher ebenso gesprungen und gesungen hatten, als diese Hydra in Paris den Kopf erhob, und sie hatten damals auch darin einen neuen Messias und Weltbeglücker, und wer weiß was, entdeckt. Wir sprangen nicht, weil wir mit König Salomo wissen, es gibt nichts Neues unter der Sonne, aber wir ließen sie springen, weil wir wußten, sie werden schon müde werden. – Es ist mancher müde geworden, mehr als müde. Da ich nun nicht in Verzückungen geraten bin, nicht damals bei der ersten und nicht damals bei der zweiten Menschenbeglückung, warum soll ich denn jetzt in Ravissements des Zorns oder Patriotismus geraten, weil diese selben Herren in ihrem Götzen nun plötzlich das Tier der Apokalypse entdeckt haben! Was kümmert mich Hannover. Im Siebenjährigen Kriege waren die französischen Marschälle oft darin und brandschatzten, aber gerade nur so lange, als der große Friedrich Besseres zu tun hatte. Und wenn sie's ihm zu arg machten und er verdrießlich wurde, schickte er seinen Seydlitz oder einen Braunschweiger hinüber und ließ sie wieder fortjagen.« »Es sind andere Zeiten. Wir haben keinen Friedrich mehr, und die Konstellationen sind furchtbar, Herr Geheimrat!« »Und der alte Lupinus weiß nichts davon! Nicht wahr?« Der Geheimrat nahm mit großem Wohlgefallen eine lange Prise. »Der Mortier, oder wie sein General heißt, hat Hannover mir nichts, dir nichts besetzt, ohne uns zu fragen, und wir hatten es doch so halbwegs, noch vom Baseler Frieden her, garantiert. Und er hat es getan, um uns mit England aneinanderzubringen. Er sperrt die Flußhäfen gegen die Kolonialwaren, und die Engländer sperren sie uns, daß wir unser Holz und unsre Leinwand nicht rausschicken können. Das gibt nun viel Jammer und Geschrei, aber das ist alles nichts als das Strohfeuer, womit man die Bienen aus dem Baume und die Fische aus dem Wasser lockt. Die ganze deutsche Nation hat auf uns gewartet, daß wir doch nun losschlagen würden. Man kann's in allen Zeitungen lesen, daß alle Biedermänner auf uns warten. Aber es gibt noch viel ungeduldigere Leute. Der Schwedenkönig ist wie toll umhergelaufen und hat überall angeklingelt: ›Macht doch Krieg!‹ Der russische Kaiser rüstet: ›Krieg partout!‹ ruft er. Und ganz in der Stille rüstet Österreich. Darum sollen wir auch in die Falle gehn und auch rüsten. Aber wir gehn nicht in die Falle und rüsten nicht. Denn Rüsten kostet Geld, und der Krieg bringt nichts ein, und was geht's uns an. Sehn Sie, der alte Lupinus hat doch auch etwas in die Zeitungen geguckt.« »Und wir, eingekeilt in diese Mitte! Ganz Europa in Waffen gegeneinander, und wir –« »Sehen zu, wie sie sich schlagen und vertragen, und denken mit König Salomon: ›Alles ist eitel!‹« Walters Brust hob sich; es waren ernste Gefühle, die heraus wollten, aber er überwand sich – es war hier nicht der Ort dazu. Nur ein Stoßseufzer brach es hervor: »Und der Brand in unsern eignen Eingeweiden!« »Ein Eimer Wasser drauf, lieber Walter. Ist probat!« Hatte der Gelehrte heute ein Sonntagsgesicht? Er, der nichts sah, was um ihn vorging, blickte er heut in die Seelenzustände eines andern und fand sein Vergnügen darin, das Verborgene herauszuschöpfen? – »Da steht wieder auf Ihrem Gesicht: ›Ach Gott, der gute Geheimrat Lupinus! Er weiß, woran die Verfassungen in Rom und Athen zugrunde gingen, aber wie es im preußischen Staat gärt und stockt, das sind ihm böhmische Dörfer.‹ – Wer wird denn gleich einen verdammen, junger Herr, ohne daß er ein bißchen versucht hat, ihn zu bessern! – Oder zu untersuchen, ob denn nicht doch ein Lichtchen der Erkenntnis in ihm flackert! – Manche Fahne, die vor dem Heer des großen Königs flatterte, ist von den Motten zerfressen, das weiß ich, und die Monturen im Zeughause gehen in Plunder, wenn man sie ausklopft. Weiß auch noch mehr. Unsre Soldaten sind nicht Bonapartes Soldaten. Und unsre Offiziere – weiß ich auch, man muß aber nicht alles sagen, was man weiß. Die eisernen Ladstöcke, durch die wir bei Müllwitz siegten, sind jetzt Gemeingut geworden, die Räder von unserm Fuhrwesen gehen aber noch in dem Geleise von Anno ehemals. Unser Schatz ist ausgepumpt, das weiß ich auch, und das bißchen, was unser junger König durch Sparsamkeit wieder hineinfließen läßt, löscht noch nicht den Durst. Es sieht auch in den Finanzen ganz kurios aus; unter dem Schimmel werden wohl noch manche harte Taler liegen, aber man kratzt den Schimmel nicht ab, weil manches andre damit bloßgelegt würde. Ja, ja, die Blöße fürchtet man und hat daran ganz recht. Viele Schlösser sehn blank geputzt aus, schließen aber nicht mehr, und manche Mühlen klappern wohl, mahlen aber nicht mehr. Auch die große Staatsmühle macht noch dasselbe Geräusch, daß man's in weiter Ferne hört und wunders denkt, was sie mahlen muß, aber wer in die Mehlkammern sieht, merkt, daß es kaum zur Not hinreicht. Das kann nun von mancherlei herkommen. Etwa davon, daß man niemals vorher weiß, woher der Wind kommt, und wenn er da ist, erschrocken links und rechts rennt, und was links stehen soll, rechts stellt, und was rechts, links. Auch kann die Mühle von alter Konstruktion sein, und in Holland und Amerika haben sie seitdem bessere Gänge erfunden. Und dann spricht man auch von der großen Staatsuhr, deren Räderwerk erst gar quer und verkehrt wäre, denn wenn einer nicht täglich sie stellte, so zeigte sie nie die rechte Stunde an. Das käme aber daher, weil kein Rad mehr ins andre griffe, große und kleine, es ginge jedes für sich, die Räder der Minister, und kein Oberminister, der sie regulierte, und wenn sie auch mal regulär gingen, so hätten die Geheimen Kabinettsräte wieder ihren aparten Schlüssel, und die Oberpräsidenten in den Provinzen wohl auch; und wäre mal, rara avis , alles egal und konform, dann schöbe ein Finger ganz von oben den Zeiger um eine Viertelstunde zurück, wodurch denn das ganze Räderwerk in Unordnung geriete. Das ist nur etwas, es ist aber noch viel mehr.« Walter hatte mit steigender Verwunderung zugehört. »Und was ich nun tue? wollen Sie fragen. Da will ich Ihnen mit einem Dichter antworten, keinem alten, nein, einem allerneuesten, den ich auf meiner Frau Tisch fand, das ist der Herr Bürde aus Schlesien. Da lesen Sie es: Glücklich, wer im engbegrenzten Raume Seiner Heimat tiefe Wurzeln schlägt Und, gleich einem wohlgediehnen Baume, Fest steht und die Äste nur bewegt! Der die Lebensnotdurft nur begehret Und, allein auf Gegenwart beschränkt, Was er heut erworben, heut verzehret, Und sich weder heftig freut noch kränkt; Den die Welt zu sehen nicht gelüstet, Der mit Besserm Gutes nicht vergleicht Und, zur letzten Reise stets gerüstet, Sich geräuschlos aus dem Leben schleicht. Nur umsonst verdoppeln wir die Schritte; Nie erreichen wir das Ziel der Bahn! Immer stehn wir in des Zirkels Mitte, Und der Umkreis weicht, sowie wir nahn! Das sind noch Gefühle eines Dichters«, sprach er, das Buch fortlegend. »Der einer ersterbenden Welt angehört wie sein Horaz«, sprach Walter für sich. Er nahm die Vorlesung als Zeichen zum Abschied, der Geheimrat hatte es aber nicht so gemeint: »Wenn eine Mühle ins Stocken gerät, glauben Sie, daß wir darum kein Brot mehr zu essen bekommen, und wenn alle Uhren unrichtig gingen, daß die Sonne sich darum auch einmal verspätet, aufzugehen?« Walter meinte, es sei doch eines jeden Pflicht, dafür zu sorgen, daß seine Uhr richtig gehe. »Für seine eigne mag er sorgen, lieber Herr van Asten, aber nicht um die Rathausuhr.« Lupinus sah ihn dabei sehr pfiffig an. Walter errötete wieder: »Sie möchten unsern Staat wieder auf die Beine bringen.« »Wer wünscht das nicht.« »Warum denn nicht! Wer jung ist! Einer sammelt Schmetterlinge, der andre Mineralien, Wappen. Mancher möchte auch gern ein Taschenspieler werden. Alles unschädlich, solange wir jung sind. Die Welt liegt ja vor uns wie ein Feld mit Blumen. Weil wir noch nicht dran denken, wie sauer es uns wird, bis ans Ende zu kommen, flattern wir von einer zur andern. Warum denn da nicht auch Kollektaneen machen aus den Maximen großer Staatsmänner, warum nicht auch aus eigenen Gedanken etwas einflicken! Die Klassiker haben auch Lücken. Hatte schon Homer, als sie ihn in Alexandria herausgaben, und wie haben sie den Livius geflickt! Wo's Ganze Flickarbeit, merkten sie oft gar nicht die eignen Lumpen der Editoren. Apropos! Da ließen Sie neulich einen Zettel fallen – warten Sie, wo hab ich ihn gleich hingelegt? – Hier! Das ist wohl kein Exzerpt, so mit frischer Tinte, recht frisch aus dem Herzen geschrieben: ›Daß ein Staat, der bestehen will, der Sitten, oder, wo diese fehlen, kräftiger Männer zur Ausführung kräftiger Maßregeln bedürfe, gewahrt niemand. Die Augen gehn erst in der Not auf.‹« Walter steckte hastig den Zettel in die Brusttasche: »Zu einem Briefe –« »So, also ein Brief! Da wollte ich Sie nur bitten, sich an den zu erinnern, welchen der junge Herr Gentz bei der Thronbesteigung an Seine Majestät den König schrieb. Das war mal genial! Wie riß man sich darum! Da lag's doch klar, wie ein umgestürzter Pudding auf der Schüssel, wo's bei uns mankierte, was anders, besser nun gemacht werden sollte. Man brauchte nur zuzugreifen, gar keine Mühe sich zu geben, nur zu tun, zu dekretieren, wie's der junge Herr Gentz den Ministern wies. – Haben sie's getan? Haben sie zugegriffen? Nichts angerührt, 's ist alles beim alten geblieben. Und Herr Gentz? Ist er Minister, Kabinettsrat, Präsident geworden? Er blieb Kriegs- und Domänenrat, hatte niemals Geld, aber immer Schulden. Bis es ihm hier zu langweilig ward und er fortlief nach Österreich. Seine Sachen brauchte er nicht zu verkaufen, dafür sorgten schon seine Gläubiger; aber seine Grundsätze, die waren lange vorher schon versilbert. Na, an wen ist denn Ihr Brief gerichtet?« Da lag sein Geheimnis trocken an der Luft. Walter hatte bis da nur einen Stolz, als freier Mann unter den drängenden Verhältnissen zu stehen. Mußte ihm der, von dem er es am wenigsten vermutete, ablauschen, was er sich selbst noch nicht vollkommen eingestand! Lupinus mußte seine innersten Bewegungen verstanden haben. »Junger Freund! Warum denn gegen sich selbst unwahr sein! Was die Freiheit ist, hat weder Plato noch Seneca erklärt, gewiß ist aber, sie gibt nichts zu beißen und zu brechen. Ein Dichter wollen Sie nicht werden und ein Kaufmann auch nicht. Ganz recht, der eine kann Bankerott machen, und der andere verhungert, wenn nicht ganz, doch beinah. Also, was bleibt Ihnen, als eine Anstellung suchen. Den Staat verbessern wollen ist aber der schlechteste Anfang von einer Karriere.« Walter hatte sich wieder gesammelt: »Wenn ich aber nun doch so töricht wäre, anmaßend, geben Sie meinem Willen einen Namen, welchen Sie wollen, ich protestiere nicht dagegen, aber wenn ich denn doch in mir den Ruf fühlte, nach diesem Ziele zu streben, warum nicht anfangen, wie ich enden will?« Der Gelehrte sah ihn scharf an: »Weil Sie dann nicht zum Ziele kommen«, hub er nach einer Pause an. »Ein Mann, der seine Frau erziehen will, muß es ihr ja nicht sagen, so sagt man wenigstens, und wer den Staat verbessern will, muß es ja nicht merken lassen. Wollen Sie mein Rezept wissen? 's ist kein neues, uralt wie die Welt. Wenn man groß ist, muß man sich klein ducken, sich anschlängeln an das, was gilt. Meistens an Personen, zuweilen an Gedanken. Wenn's auch recht dumm ist und man von Herzen drüber lacht oder sich ärgert! – Lachen Sie immer und ärgern sich nur bei zugeschlossenen Türen! – Ohr und Auge aufhaben, aufgepaßt auf alle Falten und Fältchen, und da bei guter Zeit ein Zeichen zwischengelegt! Was kann man nicht in schwachen Stunden belauschen, und hat man erst die Schwächen eines großen Mannes weg, dann mit einiger Klugheit wird man ihm bald notwendig. Und ist man ihm erst notwendig, so ist man auch sein Herr. Vor dem Brausewind, der alles besser wissen, alles wegfegen will, verschließen sich solche Herren, auch wenn ihnen seine Ansichten gefallen. Sie denken, der kann dich mal selbst fortfegen. – Und die Herren am Ruder hier sind so affabel. An Protektionen sollt's Ihnen nicht fehlen. Schreiben Sie eine Verteidigung der Politik der Herren Kabinettsräte.« »Ich!« »Liebster Herr van Asten, wie vieles hat Cicero verteidigt, was er im Grund der Seele verdammte. Ganz parteilos, versteht sich, und sehr patriotisch müssen Sie schreiben: Eine Stimme aus dem Volke! oder so was. So recht biedermännisch, daß man glaubt, es kommt aus dem Herzen, daß es den Herren wie Honig beim Frühstück herunterläuft. Wenn sie mal einen recht dummen Streich gemacht, daß sie sich selbst schämen und alles tun möchten, ihn ungeschehen zu machen, dann dreist los auf die Gegner, aus der Defensive in die Offensive, gefragt sie: ›Was würdet ihr denn getan haben?‹ Werden wieder schimpfen. Schadet nichts. Kriegen vielleicht einen Hacks ab. Schadet noch weniger. Ober den Spektakel ist am Ende vergessen, um was es losging, die Herren Räte haben freie Luft bekommen, und –« »Und was ist das Ziel?« »Na, man wird Sie nicht gleich zum Kriegs- und Domänenrat machen, aber ein kleines Pöstchen gibt's schon, vielleicht ein besseres als mit einem Titel, so ein Sekretär in secretis –« »Und wohin führt das?« »Warten Sie doch! Ein klein bißchen Geduld nur und ein bißchen mehr noch. Haben Sie erst Posto gefaßt, Ihre Fühlfäden ausgestreckt, kennen Sie die Menschen und ihre Gedanken, was sich anzieht und was sich abstößt, wissen Sie, was noch fest steht und was schwankt, dann ist ja noch immer Zeit.« »Wozu?« »Was Sie wollen. Meinethalben, Sie werden schon was Gutes gewollt haben. Sind Sie der Mann am Steuer, und an Kapazitäten fehlt es Ihnen nicht, und ästimiere auch Ihren Charakter, aufrichtig, dann – einen Schub, einen Fußstoß! Wie Sie's anfangen, daß der alte Plunder zusammenbricht, darum ist mir nicht bange. Nicht wie Coriolan und Catilina muß man anfangen. Cicero wußte, wo er sich bücken mußte und wo er grad aufrecht stehen durfte.« Walter hatte seinen Hut ergriffen: »Daß Ciceros Name auf der Proskriptionsliste stand und sein Kopf aus der Portechaise fiel, würde mich vielleicht nicht abhalten, wie Cicero zu handeln, aber – mein Herr Geheimrat, ich habe ein anderes Vorbild aus dem Altertume, von dem Ihr großer Horaz gesungen hat: Integer vitae  –« » Scelerisque purus «, fiel der Gelehrte ein und nahm wieder eine lange Prise. »Auch ein schönes Vorbild. Gar nichts dagegen zu sagen. Au contraire, aber dieser Integer vitae war nicht verliebt.« Das war abermals ein zweites Geheimnis, und von den poesielosesten Lippen trocken in die Luft gesetzt, ein so still in der Brust gehütetes, kaum sich selbst gestandenes, ein so zartes Kind, daß es in dieser rauhen Luft erstarren konnte. War dieser Bücherwurm heute ein Magier! »Sie sind in die Mamsell Alltag verliebt«, fuhr er fort. »Verdenk's Ihnen gar nicht. Ein hübsches und gescheites Mädchen. Sie möchten sie einmal heiraten. Noch besser. Zum Heiraten braucht man Brot, sicheres Brot, und sicheres Brot gibt nur eine Anstellung. Darum wollen Sie Ihre Freiheit hingeben und Karriere machen.« In dem Augenblick öffnete sich die Tür, und der Kopf der Geheimrätin blickte herein: »Ehe Sie gehen, Herr van Asten, auf ein Wörtchen!« Die Türe ging wieder zu. Der Blick mußte eine eigentümliche Wirkung haben. Ihr Gespräch war unterbrochen, aber auch die sonntägliche Stille des Zimmers war gestört. Der Kater hatte sich knurrend aufgerichtet, und Staub wirbelte durch den Sonnenschein. Es blieb noch eine Weile still. Es war, als ob der Gelehrte sich schämte. Dem Eindringling hätte er nicht zurufen können: » Noli turbare circulos meos !« Er selbst war ja aus seinen Kreisen getreten; das machte ihn befangen. Walter war es auch. Vor dem alten, freundlichen Manne, der mit der Wünschelrute seinen verborgenen Schatz berührte, hätte er sprechen mögen, wie ihm zum Herzen war. Es lag schon auf der Zunge. Da war es plötzlich erstarrt vor dem stechenden Blicke, das süße Geheimnis schien ihm vergiftet, ein Nebelschauer hatte einen Mehltau auf die Blüten gelagert. Er besann sich und sprach schöne Worte, die nicht der Ausdruck seines Gefühls waren: »Seine Träume gehören nicht dem Menschen allein, es sind gaukelnde Kinder aus anderen Welten. Sie haben einen berührt, der, lieblich gaukelnd, Einlaß forderte. Aber – auch die süßesten Träume muß der Mann verscheuchen können, wo die Pflicht gebietet. Ich glaube meinen Gönner nicht versichern zu dürfen, daß dies schöne Mädchen, dem Sie gastlich Ihr Haus geöffnet, dem Ihre Gattin Muttersorge widmet, ihres Unglücks wegen mir heilig ist. Sie und ich, das ist ein langer Weg, den wir zu gehen hätten, bis wir uns träfen, und sie selbst ahnt vielleicht noch nicht –« Der Geheimrat wehrte mit beiden Händen: »Ist nicht mein Departement. Ist meiner Frau ihres. Da sprechen Sie, da schweigen Sie, wie Sie's für gut finden.« Er faßte seine Hand und sah ihn vertraulich, fast bittend an: »Lieber Walter, schweigen Sie lieber, es ist besser, daß niemand etwas davon erfährt. Wir haben hier vielerlei Allotria getrieben. Gott weiß, wie ich mich fortreißen ließ. So ist's mit unsrer Stärke und unsern Entschlüssen! Rühmte mich, nichts solle in meine Kreise dringen, wenn ich meine Tür verschlösse, und plötzlich stand drinnen der Bonaparte, unsre Monturen, Finanzen und gar eine Liebschaft von Ihnen und rannten mich beinahe um unter meinen Büchern. – Vergessen Sie, daß Sie einen alten Mann in einer schwachen Stunde betroffen haben!« »Also das bleibt alles unter uns«, schien das letzte Wort, als er Waltern gleichsam an die Türe gedrängt, aus Besorgnis, daß von den Allotriis doch noch etwas über die Lippen kommen könnte. Aber dort legte er die Hand ihm noch einmal auf die Schulter: »Lieber Herr van Asten, um Sie ist mir nicht bange. So oder so, aus Ihnen wird was. Bleiben Sie ein vir integer . Rühren Sie nicht mehr Staub auf, als absolut nötig ist. Aber das kann ich Ihnen wohl sagen: Wer nie in Italien war, nie das Albanergebirge gesehen hat, mit keinem Fußtritt am See gestanden und doch wie Sie den Traktus von Albalonga, die alte Latinerstadt in dem länglichen Bergrücken herausfand, der ist auch zu mehr berufen. Heyne und Wolf und alle, im Grunde genommen, was sind sie uns! Graeca sunt, non leguntur ; es hat etwas für sich. Aber Latium! Rom ist ewig. Und nun will ich's Ihnen sagen, habe Ihre Dissertation an Herrn Niebuhr geschickt. Er findet Sentiment darin – ästimiert Ihre Konjekturalkritik, wird einmal selbst an Ort und Stelle untersuchen – jetzt kommt er her und wird wahrscheinlich Bankodirektor. Ist das, dann können Sie auf eine Anstellung bei der Bank rechnen, und Ihr Schicksal ist gemacht.« Zweites Kapitel. Unterricht in der Erziehung . Wir waren nur am späten Abend bei einem flüchtigen Besuch in den Zimmern der Geheimrätin. Es sah jetzt anders darin aus. Die Möbel hatten neue Überzüge erhalten, manches Veraltete war einem Neuangeschaffenen gewichen. Die Schildereien waren geschmackvoller geordnet, das Silberzeug glänzte frisch aufgeputzt, und die Geheimrätin war selbst beim Drapieren der Gardinen beschäftigt, als van Asten eintrat. »Sie finden mich in einer ungewohnten Beschäftigung. Aber wenn man etwas ordentlich gemacht haben will, kann man es den Leuten nicht überlassen. Es hält schwer, unseren Ouvriers Geschmack beizubringen.« »Frau Geheimrätin erwarten Gesellschaft?« »Eine ganz kleine. Sie wissen, wie die großen, glänzenden mir zuwider sind, wo alles auf den Apparat abgesehen ist und Geist und Herz sich verstecken müssen.« Die geöffneten Flügeltüren einer Reihe Appartements, die ausgelegten Teppiche und die Wachskerzen auf den Kronleuchtern schienen indes mit dieser Angabe nicht zu stimmen. Die Lupinus mochte den beobachtenden Blick des Lehrers bemerkt haben, als sie hinzusetzte: »Aber es wird nicht gespielt. Daß diese geisttötende Unterhaltung im Anfange des neunzehnten Jahrhunderts sich noch erhalten kann, und in Kreisen, die durch ihre Bildung hervorstechen! Man wird es späterhin kaum begreifen.« Van Asten meinte, es wäre wenigstens eine harmlose Schattenseite. »Der Geistreiche kann doch nicht immer sprudeln und sich ausgeben, und der Geistarme findet ein sicheres Versteck. Welt und Gesellschaft sind nun einmal zusammengewürfelte Kunststücke von Reichen und Armen. Den bunten Schleier, der den Unterschied verbirgt, sollte man nicht mutwillig zerreißen.« Der Geheimrätin mißfiel diese Auslegung nicht: »Es freut mich, daß Adelheid sich in diesem Kreise zu gefallen anfängt. Im Anfang war ich besorgt. Aber sie gewöhnt sich schon –« »Sie gewöhnt sich!« wiederholte van Asten und schwieg doch wieder. »Sie gewöhnt sich an die edlere, feinere Art, nachdem sie inne wird, daß ihre naiven Antworten nur ihrer Neuheit wegen gefielen und wirkten. Das ist der Takt des Kindes, den ich admiriere. Daß man bei der zweiten, dritten naiven Antwort schon anders lacht als bei der ersten, hat sie gemerkt. Oh, es ist ein höchst gelehriges Kind. Man braucht nur anzutippen. Sie müssen eine wahre Freude an solcher Schülerin haben.« Van Asten schien die Freude nicht in dem Maße zu empfinden, als die Geheimrätin es erwartete. »Man spricht schon in der Stadt von Ihren geistvollen Zirkeln.« Die Geheimrätin zuckte die Achseln: sie möchte wünschen, daß man weniger davon spreche, man könnte sein Haus doch auch nicht für jedermann offenhalten. Dennoch wehrte sie die Elogen schon schwächer ab, als Walter van Asten die Äußerung einer geistvollen Prinzessin wiederholte, die sich gefreut, daß doch endlich einmal das Haus eines Offizianten sich der Bildung und Kunst erschlossen, da, wer nach Geist und Intelligenz verlangt, sie bis jetzt fast nur in den reichen Judenhäusern suchen mußte. Die Geheimrätin lächelte: »Zu gütig von dieser geistreichen Prinzessin. Der Prinz, ihr Bruder, macht allerdings keinen Unterschied, ob er in der Hautevolee oder in den Judenhäusern ist; nur im Schoß seiner Familie sieht man ihn am seltensten.« Die Bemerkungen waren so hingeworfen, daß Walter darin die Aufforderung las, noch mehr zu erzählen, obwohl ihre Worte dagegen protestierten. Dieselbe Prinzessin hatte geäußert, es sei doch eine wirkliche Beschämung für unsern Adel, daß er der Kunst und Wissenschaft und dem Umgange mit den Geistern der Nation sich verschließe, die ihre Ehre ausmachen. Da hätte eine Fremde, die Staël, nach Berlin kommen müssen, um ästhetische Zirkel zu bilden, und jetzt usurpiere Prinzeß Biron von Kurland, was Pflicht des einheimischen Adels sei. Die Geheimrätin machte einige Bemerkungen über die Herzogin von Kurland, daß sie sich merkwürdig konserviert habe, schöner eigentlich noch als ihre Töchter, die doch auch sehr liebenswürdig wären. Aber ihre Gedanken waren wohl nicht bei der Herzogin noch den Gelehrten und Dichtern, die sie in ihren Bann gezogen. »Prinzeß Radziwill hatte auch gefragt, wer denn Schiller gefeiert, als er hier war? Ebenfalls wieder Juden, Fremde, Diplomaten, einige bürgerliche Häuser.« »Ich habe mir Schiller doch anders gedacht«, sagte nach einer Pause die Lupinus. »Er war so schweigsam. An Ehrenbezeugungen hat es ihm doch wirklich nicht gefehlt, aber es blitzte so selten das innere Feuer auf. Ich sprach zweimal mit ihm, und beidemal redete er wie ein gewöhnlicher Mensch. Ob er uns vielleicht der erhabenen Sentiments, der berauschenden Gedanken nicht werthält, die doch bei jeder geistigen Berührung aus einem Geiste wie der seine aufsteigen, emporwirbeln müssen, denke ich, wie die Lerche in den Äther!« »Es ist vielleicht nicht gut, daß man die Dichter mit Lerchen vergleicht.« »Sie wollen sie lieber mit Nachtigallen vergleichen«, sagte die Lupinus spitz, »die aus der Nacht ihrer Einsamkeit ihre Töne schmettern lassen, wenn es ihnen eben bequem ist, eigensinnig, qu'importe , wer sie hört!« »Es mag auch manches andere ihn verstimmt haben«, sagte Walter, noch ungewiß, wohin die Geheimrätin steuerte. »Ihre Majestät die Königin hätte ihn gern hierhergezogen.« »Meinen Sie nicht auch, ein Genius wie seiner wäre in unserem Staube, unserer Kritik, an unserer Hofluft untergegangen? In Weimar thront er in einem Tempel, hier hätte er Tempeldienste verrichten müssen. Es fehlt hier an der rechten Sonne, meinen Sie nicht auch? Und noch immer so viel Rücksichten, Bedenklichkeiten. Es sieht einer den andern an, wenn er in die Gesellschaft tritt, und wenn er ihn noch nicht gesehen, fragt er zuerst, ob er auch zu ihm gehört. Mein Gott! Diese Geburts- und Standesunterschiede müßten doch verschwinden, wenn die rechte Sonne des Geistes in einem Zentralpunkt auf alle schiene, gleichwie in einem Saal die Kerzen an den Seitenwänden keinen Schatten werfen, wenn ein voller Kronleuchter alle von oben beleuchtet. So könnte ich mir das Haus der Herzogin denken. Aber sie ist nur eine passagere Erscheinung, und dann ladet sie doch auch nur eine gewisse Elite ein, es ist auch noch manches andre da, doch passons là-dessus. Ebenso können die Kreise der geistreichen Jüdinnen nicht dominierend werden, es stößt sich doch mancher daran.« Jetzt wußte van Asten, wohin die Geheimrätin steuerte. Er hatte ja selbst dahin das Schiff der Unterhaltung gelenkt und nur nicht gemerkt, daß sie durch ein Scheinmanöver es abgelenkt, nur damit er mit noch mehr Nachdruck die Richtung wieder einschlage. Warum sollte er nicht in ihre Wünsche eingehen! Es war keine Sünde gegen die Wahrheit, daß er es für verdienstlich erklärte, wenn eine Dame ihr Haus als Vereinigungspunkt für die Notabilitäten der Intelligenz öffne, eine Dame, die mit klarem Verstande, Belesenheit, feiner Sensualität und durch den Stand ihres Gatten und ihre eigne Geburt dazu wie berufen scheine. »Sie scherzen! Das könnte eine jede, wenn sie wollte. Im übrigen, was ist es denn auch Besonderes, wenn man etwas anders aussieht als diese ehrbaren Hausfrauen, die vom Bügeln und Kinderwiegen noch echauffiert scheinen, wenn sie ihr Gesellschaftskleid angelegt haben. Denn allerdings kommt mir manche vor, wenn sie nach dem Kuchenteller den Arm ausstreckt, als mache sie eine Bewegung, um ein Stück Wäsche über die Leine zu werfen. Und dann, lieber van Asten, Sie spielen auf meine Herkunft an. Ich bitte Sie, um Gottes willen, nur davon nichts, daß ich von Adel bin. Über diese Unterscheidungen sind wir doch hinaus. Sie wissen, daß ich meinen Namen ohne Tränen einem Bürgerlichen hingeopfert habe. Lassen wir die Toten ruhen! Ja, ich will gern meine Schwäche bekennen, es ist mir manches Mal recht angenehm, ja es schmeichelt mir, wenn ich mich als den Mittelpunkt dieser heitern, von Geist und Witz funkelnden Kreise betrachte. Aber«, – sie hielt einen Augenblick inne – »aber, wenn sie gegangen, die Lichter ausgelöscht sind, überfällt mich doch wieder, ich weiß nicht was, ein inneres Gähnen, eine Hohlheit.« »Verlangen Sie von einem Spiel ein Resultat?« »Aber von all dem schwirrenden Geschwätz, von den Händedrücken, den zärtlichen Beteuerungen, was bleibt denn andres als – eine Lüge! Ich weiß recht gut, daß einige von den jungen Leuten, die am Tisch die Mäßigen gespielt, noch ins Weinhaus eilen, um sich zu restaurieren. Es tun es auch noch andere, Johannes Müller, Herr Dedel, auch vom Prinzen weiß ich es. In ihren Symposien machen sie sich herzlich über uns lustig. Und ich verdenke es ihnen nicht. Gärt und lacht es doch auch in mir, und wenn meiner Natur die erhitzenden Getränke nicht entgegen wären, könnte ich mit ihnen Vergessenheit trinken wollen. – Sie sehen mich verwundert an. Nein, nein, ich versichere Sie, ich empfinde das ganze Unbehagen, von dem man mir erzählt, daß es die Schwelger nach ihrem Rausche fühlen.« Van Asten sah sie betroffen an. »Warum stürzen Sie sich denn in die Lüge, wenn Sie ihre Wirkungen kennen?« Er verschluckte es. »Und wenn die Leute sich auch wirklich amüsiert haben«, fuhr sie nach einer Pause fort, »wie Sie versichern, worüber war es! Die in der Ecke am lustigsten schienen, lachten vielleicht über mich, über mein Bestreben, ihnen einen angenehmen Abend zu bereiten. Vielleicht über den Geheimrat, unsre Bewirtung, Einrichtung. Gott weiß worüber. Alle sind meine Feinde, Neider, und ich mußte doch beim Abschied die Hand ihnen drücken und sie versichern, wie unendlich ich mich gefreut, sie bei mir zu sehen, warum sie so schnell forteilten. Darum Embrassements, nachgewinkte Küsse, Beteuerungen, daß sie seit lange keinen so vergnügten Abend verlebt. Und wenn sie auf der Straße sind, kaum in den Wagen gestiegen, gähnen sie, wie ich gähne: ›Gott sei Dank, daß der langweilige Abend vorüber ist.‹« Welcher Dämon war plötzlich in die seltsame Frau gefahren! Mit der Gefallsucht, über die er nicht Richter sein wollte, hatte sie begonnen, und aus ihrem Innersten quoll heraus, was sie ihm nicht sagen wollen. War er der Magnet, der ihre verborgenen Gedanken und Qualen wider ihren Willen entlockte, oder welche unsichtbare Macht zwang sie, noch eben in der geschmückten Lüge sich schaukelnd, den häßlichsten Grund der Wahrheit herauszukehren! Es war eine Wahrheit der Empfindung; dieser verkniffene Zug um den Mund, dieser böslächelnde Blick konnten nicht heucheln. »Es ist das Mysterium der Natur«, sagte er, »daß oft, wo wir sie nicht säen, wir Liebe ernten.« »Und doch sind Liebe, Freundschaft, Entzücken und Begeisterung nur Masken für den Egoismus. Mit ihnen will jeder soviel für sich herauspressen, als er kann. Solange es ihm gelingt, ein Vergnügen sich zu verschaffen, so lange dauert die Freundschaft, die Liebe, der Fanatismus, die er auch grade so lange für echt und wahr hält, als der Reiz dauert. Ist der hin, das Thema erschöpft, wird uns die liebste Freundin, der beste Freund gleichgültig; anstandshalber führen wir noch eine Weile die Täuschung fort, bis wir die Puppen fallen lassen, herzlich froh, wenn ein Zufall uns trennt.« Damit war das Gespräch zu Ende. Statt eines eitlen geistvollen Weibes stand neben ihm eine Salzsäule. Es war eine Verwandlung, zu der sie so wenig getan als Lots Frau zu der ihren; nur ein Naturprozeß. Es wehte ihn kühl an; er hatte nichts mehr mit ihr zu reden, und doch forderte die Konvention, daß er nicht schweigend ging: Wenigstens, äußerte er, werde die Tochter des Kriegsrats Alltag, davon sei er überzeugt, nie vergessen, was sie der Geheimrätin Lupinus verdankt. »Meinen Sie!« Die Salzsäule sah ihn mit einem ihrer eigentümlichen Blicke an, und ihre Mundwinkel verzogen sich zu einem spöttischen Lächeln. »Grade so lange wird sie mich als die Schöpferin ihres Glückes enthusiastisch lieben, als sie sich in meinem Hause amüsiert und vergöttert wird. Vielleicht auch nicht einmal so lange. Nur bis sie auf eigenen Füßen steht und von mir nichts mehr profitieren kann.« Er verbeugte sich: »Frau Geheimrätin haben sonst mir nichts zu befehlen?« »Adieu – doch! Warten Sie. Ich hatte ja einen Auftrag für Sie. Richtig. – Springen Sie doch im Vorübergehen bei Alltags an. Die Kriegsrats werden sich vielleicht wundern, wenn sie von der Gesellschaft heut abend hören und nicht eingeladen sind. Aber das geht doch nicht immer. Sie passen ja nicht.« »Ihre Eltern –« »Eben darum; nur Adelheid zuliebe! – Wenn sie sehen, daß das Mädchen solche gewöhnliche Eltern hat!« »Der Vater ist doch ein geachteter Mann –« »Wer redet von den Äußerlichkeiten. Sie passen nicht zu der gebildeten Gesellschaft. Wenn auch etwa Schadow und Hirt mit solchen Kern- und Naturmenschen sich zu unterhalten einen Spaß finden, so sind doch andere, die daran keinen Spaß finden. Die russische Fürstin hat zugesagt, und ich – Sie sehen mich in einer kleinen Aufregung und Spannung –, ich hoffe, auch Jean Paul wird kommen.« »Jean Paul Friedrich Richter!« »Ich hoffe wenigstens. Man reißt sich so um ihn, daß man es wirklich einen glücklichen Augenblick nennen kann, wo man ihn frei trifft. – Indessen – wie gesagt also, gehn Sie zu den Eltern, und Sie werden schon die beste Art finden, es ihnen begreiflich zu machen. Es hätte sich erst heute so zufällig gemacht –« »Es wird schwer sein, die Art zu finden, die nicht beleidigt.« »So sagen Sie – nein, sagen Sie, was Sie wollen, es ist mir im Grunde ganz gleichgültig. Was gehören Alltags zu Jean Paul!« Van Asten verneigte sich wieder, aber an der Tür rief ihn die Geheimrätin wieder zurück: »Apropos, ich habe doch ganz vergessen, was ich Ihnen sagen wollte. Mein Kompliment dem Lehrer, sie lernt unbegreiflich schnell, aber Sie müssen ihr etwas mehr ästhetischen Elan geben.« Van Asten sah sie erstaunt an: »Ich finde in ihr ein Verständnis der Dichter –« »Ja, ja, das ist schon recht – das ist es aber nicht –« »Ihr Gedächtnis für alle wahrhaft schönen Stellen –« »Ist bewunderungswürdig. Das ›Fischerlied‹ von Goethe hörte sie nur einmal von Ihnen, und am Abend rezitierte sie es mir vorm Zubettegehen. Admirabel! Das ist alles recht schön, auch kann sie die ›Glocke‹ beinahe auswendig. Schiller war enchantiert davon. Ich hatte es nämlich so einzurichten gewußt, daß er sich mit der Berg an der Tür im Nebenzimmer unterhielt, als sie, von den jungen Mädchen wie zufällig aufgefordert, einige Partien draus deklamierte, Aber Sie hätten ihr Gesicht sehen sollen, als Schiller plötzlich in die Hände klatschte. Glauben Sie, daß, wenn ich sie vorher ihm vorgestellt, sie nur den Mund aufgetan hätte? Mit Schiller passierte das noch, aber wie benahm sie sich gegen Jean Paul! Da von der Gesellschaft Unter den Linden will ich nichts sagen. Es war ja ein Gedränge um ihn, beinahe ein Skandal.« Walter lächelte. Der böse Leumund erzählte von zwei Freundinnen, die in derselben Absicht nach dem Sessel eilten, von dem der Dichter eben aufgestanden. Der Natur der Dinge nach konnte nur eine die Glückliche sein und sitzen, wo der Dichter gesessen. Man behauptete, daß beide seitdem nicht mehr Freundinnen wären. Die Geheimrätin las aus Walters Lächeln den Sinn: »So seid ihr alle, und keiner besser als der andre. Die Huldigungen edler Frauen für eine Größe, wenn sie euch selbst nicht gelten, sind nur gut für euren Spott. Nicht wahr, das charmante Triolett, was durch die Stadt läuft, ist von einem Ihrer Freunde, von dem Herrn Tieck oder Bernhardi oder einem der Herren Schlegel?« »Unsre Freunde«, sagte er, »erkennen das echte Feuer, das aus diesem Genius in so wunderbaren Flammenwirbeln der Phantasie und des Humors gen Himmel prasselt, wenngleich der krause irdische Troß, den es mitnimmt, vielen das Verständnis seiner Seelenakkorde erschwert.« »Wir nun bemerken nicht diesen Troß und sind darin glücklicher als die Herren der Schöpfung, denen so oft der Sinn über die verletzte Form verlorengeht. – Das aber ist es, ja, ja, Herr van Asten, Sie wollen Ihrer Schülerin einen zu klassischen Sinn einimpfen. Sie dämpfen ihre Entzückungen – aber was ich sagen wollte –, ich habe ihn nachher mit Adelheid besucht –« »Jean Paul?« »Ja, wir sahn ihn im Heiligtum seiner Häuslichkeit. Es war doch etwas ganz anderes als bei der albernen Ihlendorf Unter den Linden. Mein Gott, wie wird diese unglückliche Frau von dem einen glücklichen Fang wieder aufgebläht werden! Ihr silberner Teekessel soll manchen Abend ganz umsonst rauchen und die arme Baronin in fieberhafter Angst auf jeden Klingelzug hören! Und nun war Jean Paul einmal bei ihr, ihre Säle vollgestopft, und ganz Berlin spricht davon! – Aber, ich sage Ihnen, unter seinen Penaten muß man einen großen Mann sehen.« »Sie waren in seiner Wohnung – und mit Adelheid?« »Die russische Fürstin war eben fortgefahren. Wir trafen nur noch vier Damen, die ihm einen Teppich gebracht, denn der Fußboden ist sehr kalt, weil er über einem Stall wohnt. Sie ließen es sich nicht nehmen, ihn selbst anzunageln, und währenddem hatten wir die schönsten Minuten. Ach, wie ganz anders ist Jean Paul als Schiller! Jeden Moment, jedes Blitzen eines Sonnenstrahls weiß er zu benutzen, es sprüht immer etwas Sinnvolles, Angenehmes. Wenn eine der Damen sich auf die Finger klopfte, beneideten die Genien sie um den Schmerz, den eine edle Seele bei einem Liebeswerk empfindet.« »Und die Damen erwiderten die Galanterien?« »Es scheint wirklich ein Pfingstgeist in unsre Landsmänninnen gefahren. Denken Sie, selbst die Eitelbach, wie berauscht von seiner Nähe, ward witzig. Sie sprach etwas, was im ›Hesperus‹ stehen könnte.« »Oder vielleicht schon drinsteht.« »Gleichviel, es ist eine Magie, die alle in seiner Gegenwart über sich selbst erhebt. Ich ließ ihm durch Adelheid ein Bukett überreichen.« »Gewiß mit Worten, die im ›Titan‹ ihren Ehrenplatz fänden.« »Es war, meine ich, keine üble Phrase, eine Phantasie, die mit am Morgen eingefallen war. Sie hatte sie auch ganz gut auswendig gelernt, eine Art Streckvers. – Sie trug einen Kornblumenkranz im Haar.« »Kornblumen! –« »Natürlich künstliche. Die Kornblumenzeit ist ja vorüber. Sie sollte mir recht natürlich kindlich aussehen. Aber sie sprach so hölzern, ich möchte sagen, gedehnt. Mir ward schon ängstlich zumute, und sie war kaum in der Mitte, als die Eitelbach den Schrei ausstieß. Sie nämlich war es, die sich mit dem Hammer auf den Finger geklopft hatte. Da sprang Jean Paul vom Sofa und küßte ihr das Blut vom Finger.« »Was eine unangenehme Unterbrechung gab.« »Stellen Sie sich vor, Adelheid war nun so in Konfusion, oder was war es, sie hatte den Streckvers vergessen, überreichte ihm wie ein Bauernmädchen den Strauß und sagte: ›Die Blumen bleiben ja, was sie sind, auch ohne Worte.‹« »Der Dichter wird durch ein Impromptu die Verlegenheit ausgeglichen haben.« »Das ist es eben, er sprach so wunderschön, in lauter gewählten, ich möchte sagen, selbst in Streckversen; aber sie antwortete ihm, als wäre er ein Mann wie andere, ganz offen, naiv, dreist. Es schnitt mir durch die Seele. Das Mädchen empfand so gar nichts von der Veneration. Jeder gibt sich doch Mühe, soviel er wenigstens kann, sie an den Tag zu legen.« »Jean Paul wird ihr verziehen haben.« »Ich aber nicht«, fiel die Geheimrätin, scharf ihn anblickend, ein. »Was soll er von mir denken, wenn nicht einmal meine Umgebung das Interesse an den Tag zu legen weiß, das er bei den unbedeutendsten Frauen erregt. Unbedeutend ist Adelheid nicht, es muß also doch etwas an ihren Lehrern liegen –« »Oder an ihrem Charakter.« »Den ich in diesem einen Punkt zu biegen mir erlauben werde, mein Herr van Asten. Übrigens wird sie Gelegenheit haben, ihn in diesem Augenblick zu zeigen. Da ich heut morgen durch Doktor Selle erfuhr, daß die Gesellschaft der Kurland ausfällt – sie ist an den Hof geladen –, also Jean Paul frei ist, schickte ich Adelheid zu ihm, ihn zu invitieren.« »Das junge Mädchen –« »Mit dem Bedienten.« »Aber – er logiert – was man gewöhnlich eine Kneipe nennt.« »Ich weiß es, unten ist eine Bierstube, auf dem Hofe eine Hufschmiede. Ist er darum weniger der Dichter?« »Und in der frühen Stunde. In Pantoffeln und Schlafrock, die Pfeife im Munde –« »Empfängt er Fürstinnen, denen die Stunde und das Kostüm nicht unanständig erscheint, wenn es gilt, dem Genius die Huldigungen darzubringen, würdig des Mannes, welcher so die wahre Frauenwürde erkannt hat. Adelheid wird davon nicht sterben, beruhigen Sie sich, wenn sie sich einmal selbst überwindet. Wir müssen uns alle überwinden, das – ist die Aufgabe unseres Lebens. Morgen aber kommen Sie etwas später zur Lektion, Herr van Asten, wir müssen ausschlafen.« Als er die Tür öffnen wollte, trat Adelheid ein. »Kommt er?« rief die Geheimrätin. »Er kommt.« Sie flog der Geheimrätin an den Hals, die ihre Locken streichelte und ihre Stirn küßte. »Ich wußte es, einem so schönen Mädchen konnte er nichts abschlagen.« »Ach, hätten Sie ihn gesehen, wie ich ihn sah, liebe – Mutter –«, das Wort kam etwas zögernd über die Lippen. »Mit welchem Herzklopfen ich die kleine steile Treppe hinaufstieg, aber es war heut alles ganz anders. Wie er mir schon entgegentrat! Er ist ein herrlicher Mann! – Ach, Herr van Asten, bald hätte ich Sie übersehen! Oh, gehn Sie noch nicht fort, bleiben Sie, Sie müssen es auch hören –« Sie reichte ihm die Hand: »Ja, wie man sich in dem Menschen täuschen kann. Neulich kamen mir alle seine Reden so künstlich vor, und daß er das zuließ von den Damen. Mir fiel einer von den Götzen ein, von denen Sie mir aus Indien erzählt, die sich umherrollen lassen, und ihre Sklaven liegen auf der Erde. Verzeihen Sie mir, Mama, ich konnte mich kaum zurückhalten aufzulachen, er kam mir so unmännlich, albern vor, wie er auf dem Sofa ruhig die Huldigungen hinnahm und nichts dafür gab als blumichte Reden. Aber heut trat er mir mit einem frischen, kräftigen ›Herein!‹ entgegen, schon angekleidet. Er faßte meine Hand, als ich Ihre Bitte kurz aussprach, aber nicht so süß wie neulich, es war, wie ein Mann dem andern die Hand schüttelt. Er hörte mich freundlich an und sprach dann: ›Sagen Sie Ihrer Pflegemutter, ich nehme ihre Einladung mit Dank an und werde kommen, ich danke Ihnen aber, mein liebes Kind –‹, doch das tut nichts zur Sache –« Rasch abbrechend, küßte sie noch einmal die Mutter, schüttelte van Asten zutraulich die Hand: »Freuen Sie sich, er kommt!« und legte Umschlagetuch und Hut fort. Aber die Geheimrätin wollte mehr, sie wollte alles wissen, was Adelheid nicht wiedersagen wollte. Vor einem Genius verstummen alle Rücksichten. »Er fuhr mit der Hand über meine Stirn. Dabei sah er mich ungemein freundlich an. ›Sie sind ein wahrhaftes deutsches Mädchen!‹ Das kann ich wohl wiedersagen, ohne zu erröten, aber was er nachher sprach, wie er sich ein deutsches Mädchen und wie er sein großes Vaterland sich denke und es liebe, ach, da müßte ich ja selbst eine Dichterin sein. Ich dachte an Sie, Herr van Asten, wissen Sie noch, als Sie bei der Geschichte der alten Kaiser aus Schwaben in Feuer gerieten, es war wie ein großes Bild, das Sie in die Luft malten, und ich sah alles leuchten wie Flammen und Abendrot, wenn Sie mit Ihrem Finger Kreise durch die Luft zogen: Da beginnt die deutsche Glorie auf dem Berge Hohenstaufen, dann fuhren Sie mit dem Finger im Zickzack durch ganz Deutschland, jetzt nach Italien, nach Asien, ich sah deutlich den reißenden Fluß mit den schönen Bäumen, in dem der Kaiser Barbarossa ertrank, dann fuhren Sie hinüber nach Sizilien, Sie zeigten das Blutgerüst, auf dem der edle Konradin verblutete, und endlich wiesen Sie nach dem Berge in Thüringen und schlossen: ›Das war Deutschland, und da ruht seine Zukunft!‹ Und was Jean Paul sprach von der Auferstehung der freien, großen Nation, der wir freudig entgegenleben sollten, uns vorbereitend in Tugend und Sitte und reinem Natursinn, da stand mir Ihr Bild wieder klar vor der Seele.« »Daß es Ihnen nie untergehe«, sprach rasch der junge Mann. »Ich irrte mich nicht in ihm. Leben Sie wohl!« »Auf Wiedersehen, heute abend. Ich selbst will Sie ihm vorstellen.« Der Lehrer sprach einige undeutliche Worte. Die Geheimrätin stotterte: Herr van Asten sei wohl heute behindert, da er von ihrem Manne so lange aufgehalten worden. »Mama, haben Sie ihn nicht eingeladen?« fragte Adelheid verwundert, als sich die Türe schloß. »In die Gesellschaft paßt er doch nicht.« »Mein Lehrer, den Sie selbst so schätzen?« »Es ist nicht deswillen. Aber er ist zu unansehnlich.« »Unansehnlich!« »Jean Paul freut sich an schönen Gesichtszügen. Van Asten ist doch eigentlich häßlich.« »Häßlich!« rief Adelheid mit Zaudern und schien sich zu besinnen. »Das ist mir nie eingefallen, daß van Asten häßlich sei. Daran habe ich überhaupt nie gedacht.« »Was auch recht gut ist, liebes Kind«, entgegnete lächelnd die Geheimrätin. »Und überdem ist er nichts in der Gesellschaft.« Drittes Kapitel. Man muß gelten wollen . Die Vorbereitungen zu dieser Gesellschaft schienen uns vorhin doch schon fertig; es mußte indes nicht so sein, wenn wir gegen Mittag eine Szene im Speisesaal der Geheimrätin belauschen. In der Mitte am Tisch stand Adelheid vor einem Salatnapf und neben ihr, mit prüfendem Blicke jede ihrer Bewegungen beobachtend, die Geheimrätin. Um Adelheids Augen war eine Binde geknüpft. Sie übte sich, den Salat zu mischen, die Eier zu zerdrücken, Öl und Essig aufzugießen, ohne diese Ingredienzien zu sehen. Aber die Geheimrätin hatte Flaschen und Eierteller an einen bestimmten Ort gestellt, und wenn Adelheids Arm irrte, gab sie durch leise Töne ihr ein Zeichen. Einige Schüsseln, zur Seite gesetzt, deuteten darauf, daß dies Experiment schon mehrmals versucht war. Jetzt schien es zu gelingen. Der Salat kräuselte sich im Napf, doch verrieten Adelheids Bewegungen noch immer eine innere Ängstlichkeit, und wer unter die Binde sehen können, würde eine Träne in ihrem Auge entdeckt haben. »Nur etwas ruhiger«, sagte die Wirtin, »und dann geht es vortrefflich.« »Aber ich werde doch nicht mit der Binde zu Tische gehen«, entgegnete das junge Mädchen. »Du wirst aber, wenn du den Salat machst, gen Himmel, das heißt an die Decke blicken. Es wird sich irgendeine Gelegenheit finden, dich aufzufordern, ein Gedicht, am besten eines von ihm, herzusagen, du gerätst, von der Schönheit hingerissen, in Affekt und blickst in die Wolken. Während du rezitierst, stellt der Bediente den Salatnapf vor dich und flüstert dir zu: ›Fräulein, der Salat!‹ Du läßt dich nicht stören und unterbrechen, greifst aber unwillkürlich nach Löffel und Gabel, und ohne einen Blick hinunterzuwerfen, verrichtest du mechanisch die Arbeit.« »Aber die Liane aus dem ›Titan‹ ist ja, wie Sie mir gestern vorlasen, wirklich in dem Augenblick blind, und der häßliche Minister, ihr Vater, zwingt sie nur zu der Komödie, damit die Gesellschaft glauben soll, seine Tochter könne noch sehen. Herr Richter und alle unsre Gäste wissen aber, daß ich sehen kann, warum soll ich denn nun eine Fertigkeit zeigen, von der jeder Mensch weiß, daß sie eine außerordentliche Abrichtung kostet. Die Gäste werden wahrscheinlich den ›Titan‹ gelesen haben.« Adelheid hatte die Binde abgerissen. »Das setze ich sogar voraus«, sagte lächelnd die Lupinus. »Sie werden sogleich wissen, was es bedeutet. ›Ach, eine Liane!‹ wird es von Mund zu Munde gehn. Du liebst ja nicht die groben Komplimente, dies, hoffe ich, soll eines der feinsten sein, die ihm in Berlin begegnet.« Adelheid kam das Ganze mehr wie eine Beleidigung als wie ein Kompliment vor gegen den großen Mann. »Du kennst nicht die Welt und noch nicht die großen Männer«, seufzte die Geheimrätin. »Grade wer übersättigt ist von Lob und Bewunderung, ist am empfänglichsten für die kleinen Aufmerksamkeiten. Kann man Jean Paul noch mehr mit Huldigungen überschütten, als es die Damenwelt hier getan! Der Hausknecht schimpft schon, wo er wohnt, über die vielen verwelkten Blumen, die er täglich in die Müllgrube kehren muß, und glaubst du, daß wir ihm eine Freude machten, wenn wir ihn wieder mit einem Blumenregen überschütteten! Er würde das hinnehmen als etwas, was sein muß, und denken: wenn ihr nichts weiter könnt! Aber eine solche versteckte Anspielung muß ihm schmeicheln, eben weil er recht gut weiß, welche große Vorbereitungen es gekostet hat.« »Und warum muß ihm denn geschmeichelt werden?« »Weil er ein Mensch ist wie andere.« »Und warum muß man überhaupt schmeicheln?« »Weil wir leben wollen.« Adelheid sah sie groß an. Sie schien sagen zu wollen: ich schmeichle niemand und lebe doch. »Weil du jung und hübsch bist«, antwortete die Geheimrätin auf den unausgesprochenen Gedanken, »darum ist man gegen dich aufmerksam. Wenn du nicht mehr jung und hübsch bist, wirst du dich schminken müssen. Es gibt mancherlei Schminke. Je älter man wird, mein liebes Kind, um so mehr Arbeit hat der Mensch, denn um so mehr muß man die Schwächen der andern studieren, um vor ihnen zu gelten.« »Warum muß man denn gelten wollen!« Es entfuhr ihren Lippen; sie wußte kaum den Sinn der Worte zu sagen und hätte sie gern wieder verschluckt, als die Pflegemutter sie anschielte. »Ja, warum lebt man! Der Philosoph fehlt noch, der uns die Frage beantwortet.« Es entstand eine Pause. Die Salatnäpfe wurden vom Dienstmädchen fortgeschafft, die Geheimrätin brachte die Tafel wieder in Ordnung, putzte die Möbel und richtete oder vertauschte die Kupferstiche an der Wand. Adelheid war emsig über eine weibliche Arbeit gebeugt, es schien, um ihr Gesicht zu verbergen. Vielleicht hatte der scharfe Ton der Pflegemutter sie verwundet. Es klang davon noch etwas in der kurzen Frage wider: »Kam das auch von deinem Lehrer?« »Was, Mama?« »Daß man nicht soll gelten wollen! Herr van Asten ist ein Philosoph, der sich die Welt konstruiert, wie ein Dichter sie ansieht. Nicht wahr, hat er dir nicht gesagt, jeder Mensch soll gar nicht scheinen wollen, sondern nur sein, was er ist? Das klingt hübsch, aber die Menschen sähen sehr häßlich aus, wenn sie nichts täten, um sich zu verschönern. Davon, mein Kind, macht keiner eine Ausnahme.« »Er selbst will gewiß nicht mehr scheinen, als er ist –« »Sprich es nur aus, was du verschluckst, du meinst, er wäre sogar noch besser, als er scheinen will. Nicht wahr, denkst du es nicht bisweilen, wenn er in einer begeisterten Rede plötzlich innehält, als wolle er etwas nicht sagen aus Bescheidenheit, wenn er die Augen abwendet, rasch auf ein anderes Thema übergeht! – Und wenn er nun damit nichts wollte, als daß du glauben solltest, er wäre und wisse noch weit mehr, als du denkst?« Adelheid sah sie groß an: »Dann wäre er ja ein abscheulicher Mensch!« »Nicht schlimmer als andere. Ja, er täte gewissermaßen nur seine Pflicht. Ein Arzt, ein Prediger und Lehrer, wenn sie wirken sollen, müssen einen Glauben an ihre Vortrefflichkeit um sich verbreiten, damit ihre Patienten und Schüler an sie glauben.« »Er brauchte es gewiß nicht«, sagte Adelheid. »Da hast du gewissermaßen wieder recht. Er war ein guter Lateiner, wie mein Mann sagt, er hätte nur einen gewissen Klassiker zu edieren brauchen, und eine Anstellung und Anerkennung hätte ihm nicht gefehlt. Aber man sagt, das gilt jetzt nicht mehr viel. Da wandte er sich den jüngern Geistern zu, die aus der Natur, veralteten Poeten und der Mystik Gott weiß welche Schätze zu graben vermeinten. Abgestandene Aufklärung nannten diese jungen Genies die Werke, durch welche jene Männer, die vor ihnen berühmt waren, ihren Ruhm gewonnen. Auf dem Wege war kein Platz mehr für sie, zur Geltung zu kommen. Van Asten wollte auch Dichter sein.« »Das hat er wieder aufgegeben, liebe Mutter. Er sagte mir, wer fühlt, daß seine Begabung für die Poesie nicht ausreicht, soll davon beizeiten abstehen.« »Sehr vernünftig. Von der ganzen jungen Schule hat noch kein einziger eine Anstellung erhalten. Herr Iffland will auch ihre Theaterstücke nicht zur Aufführung bringen. Es hat einen glänzenden Schein, mein Kind, aber es gilt nicht. Darum hat dein Herr van Asten sich wieder auf anderes geworfen. Er will ein selbständiger Mann, ein Charakter sein. Er hat sich von seinem Vater getrennt, der ein angesehener reicher Mann ist, und will sich selbst sein Fortkommen verschaffen. Wenn es ihm gelingt, hat er recht. Das ist die Aufgabe des Genius, aus sich heraus seine Welt sich zu erschaffen. Sein Anfang ist recht hübsch. Er tritt nicht auf wie ein junger Kandidat, der mit gekrümmtem Rücken um die Erlaubnis bittet, ein Wort mitsprechen zu dürfen, sondern er geht aufrecht und spricht wenig, kurz, aber entschieden. Das frappiert auch Vornehmere, und man fragt, wer er ist. Ich will ihm nur wünschen, daß es ausreicht. Aber ich fürchte, es wird nicht ausreichen. Gute Privatstunden geben, und dann und wann eine gute Abhandlung in den Journalen drucken lassen, damit erlangt ein junger Mann keine Bedeutung. Er täte noch immer am gescheitesten, wenn er zu seinem Vater ins Kontor zurückkehrte. Wenn man einmal der Erbe von van Asten und Kompanie wird, kann man sich schon bequemen, ein paar Jahre am Ladentisch zu stehen.« »Walter!« »Dann würde er dir wohl weniger gelten?« »Das nicht, aber –« »Vor den Leuten würde er an Geltung verlieren. Ach, mein Kind, es steht keiner so hoch, daß er nicht alles verliert, wenn er vor den Leuten nicht mehr gilt; Kaufleute und Könige, Gelehrte und junge Mädchen. Warst du etwa eine andre, als du in dem schlechten Hause betroffen wardst? Benahmst du dich wie die Mädchen dort, trugst du Kleider wie sie, blicktest du frech die Männer an? Nichts von alledem, du warst die tugendhafte, sittsame Adelheid, die du vorher warst und jetzt bist, aber du galtest vor den Leuten für ein Mädchen wie die andern, und aller deiner trefflichen Eigenschaften ungeachtet, wärst du auf ewig verloren gewesen –« »Wenn Sie nicht meiner sich erbarmt hätten.« Man täte der Geheimrätin unrecht, wenn man glaubte, daß sie mit dem langen Eingang nur eine neue Dankopferung bezweckt habe. Im Gegenteil, sie liebte nicht Affektszenen, wo das Herz auf dem Präsentierbrett liegt. »Ich habe nichts für dich getan damals«, sprach sie mit einer Ruhe, welche die Aufwallung entschieden zurückwies. »Du wurdest nur dadurch gerettet, weil der Zufall dich in mein Haus führte. Das deiner Eltern ist gewiß ein sehr ehrbares, aber dein Vater und deine Mutter haben wenig Umgang mit der Gesellschaft. Wenn sie dich auch noch so behütet und eingeschlossen, du hättest doch einen Flecken behalten. Die dich gekannt, wußten freilich, was du warst, die andern aber hätten gedacht: schade um das arme Mädchen, sie lebt nun so zurückgezogen, führt sich so sittsam auf und tut alles, was sie kann, den Verstoß wiedergutzumachen, sie ist auch vielleicht ohne eigne Schuld, aber sie war doch einmal in dem Hause, und das vergißt man nicht.« »Aber, Mama, warum nennen Sie es Zufall? Es war Ihr edles Herz, Ihre Großmut, die mich aufnahm.« »Es war der ausgezeichnete Mann, den der Zufall dich finden ließ. Mit bewunderungswürdigem Scharfsinn erkannte er im Augenblick die ganze Lage. ›Hier ist nichts zu vertuschen und durch Flicken nichts zu retten‹, sagte er. ›Was verloren ist, muß man verlorengeben und dafür Neues erobern. Sie muß aus ihrer Sphäre entrückt, in eine andere, höhere versetzt werden. Das muß mit einem gewissen Eklat geschehen, der die Klatschzirkel verblüfft, durch einen leuchtenden Akt der Anerkennung muß man ihnen auf den Mund schlagen, daß sie an ihrem Urteil irre werden. Und das ist nicht schwer, denn die Menge murrt zwar über die Vornehmen, richtet ihr Urteil aber immer instinktartig nach dem ein, was dort gilt. Ist das schöne junge Mädchen in den Kreisen, ich sage nicht retabliert, sondern mit vollen Ehren aufgenommen, wird sie gehätschelt, so sinkt das Urteil der Menge über sie von selbst zusammen, und am Ende schämt sich jeder, der über sie geurteilt, und leugnet es ab, denn er will doch nicht dümmer erscheinen als die vornehmen Leute.‹ So argumentierte der Legationsrat, und ich gab mich gefangen, und deine Eltern endlich auch. Und hatte der Treffliche nicht recht? Ist nun nicht alles gut? Man reißt sich um dich. Bist du eine andere geworden als damals in der kleinen Wohnung am Gendarmenmarkt? Habe ich dich besser gemacht, erzogen? Ich bin weit von der Eitelkeit entfernt, mir das anzumaßen; ich weiß sogar, daß du ein Charakter bist, der sich eigentlich nicht erziehen läßt, der sich aus sich selbst heraus bildet. Was du nach meinem Willen tust, geschieht nur aus Dankbarkeit, und du behältst noch deinen Willen. Aber vor der Welt bist du eine andere, du giltst, ich sage nicht für tugendhaft, davon ist nicht mehr die Rede, aber vielleicht für mehr, als du jetzt schon bist, du bist ein enfant gâté der Modewelt, alles, weil du in einem Hause lebst, was Geltung hat. Ja, mein liebes Kind, wer unter den Menschen leben will, muß vor ihnen gelten wollen.« Die Geheimrätin wühlte mit einem kalten Eisen in einem warmen Herzen. Es war nicht das erstemal, es geschah auch nicht zufällig; sie meinte auch, nicht mit grausamer Absicht. Um fest zu werden für das Leben vor uns, muß man jeden Augenblick über das hinter uns klar sein, war ihr Argument. Auch Adelheid wiederholte nur, was sie schon tausendmal gesagt, von dem Schutzengel, den sie gefunden, dem neuen Leben, welches sie in diesem Hause angefangen, wie sie sich jedesmal strafe, wenn sie dem Willen ihrer Retterin entgegen handelte, wie alles hier zu ihrem Glücke ausschlage. »Und doch wünschtest du dich schon fort!« So eiskalt der durchdringende Blick der Lupinus war, der auf ihr ruhte, eine so hohe Röte übergoß Adelheids Stirn und Wangen; sie senkte die Augen: sie sei vielleicht zu glücklich, darum wünsche sie manchmal, es wäre alles ein Traum. »Das sind idyllische Stimmungen, die ich deinen Jahren gönne, aber dein Verstand überflügelt schon deine Jahre. Dir mißbehagt manches, du fühlst dich nicht ganz zu Hause; ich verdenke es dir nicht, aber du mußt klar mit dir werden. Ich weiß es sehr wohl, liebes Kind, manche Besucher, die Gesellschaftsformen, mein Verhältnis zum Geheimrat, auch das zu deinen Eltern, die ich nicht als zu meiner Familie gehörig betrachten kann, das verstimmt dich. Auch stimmen unsere Sentiments nicht immer zueinander. Das beklemmt dich; ich verarge es dir nicht. Aber es ist nun einmal so. Der Kanarienvogel findet sich in seinem glänzenden Käficht auch beklommen. Aber wenn man ihn hinausließe, erstarrte er an der rauhen Luft. Du wirst einmal hinaus, wenn sich eine gute Partie für dich findet, was in meiner Gesellschaft sich bald machen dürfte, und dann bist du frei.« »Nicht doch! nicht doch!« Adelheid küßte mit Heftigkeit die Hand der Lupinus. »Du bist unruhig. Hättest du wieder beleidigende Äußerungen gehört?« »Im Gegenteil, liebe Mutter, das ist alles überwunden, selbst der schreckliche Gedanke, daß ich in die Zeitungen kommen mußte, auch das ist nun vorüber. Als wir neulich durch die Nebel auf der Wiese fuhren und die Sonne ging dann auf und sie verdampften, bis alles, alles klar war, da fühlte ich mich wie aufgelebt. Das Gras, die Büsche und die Blumen sind doch nicht schuld daran, dachte ich, daß der häßliche Nebel sie belegt.« Der Geheimrätin prüfender Blick war noch derselbe: »Und dir ist doch etwas! Du kamst so echauffiert zurück. Du kannst dich nicht verstellen. Ist er dir wieder begegnet?« Adelheid nickte nur mit dem Kopf. »Wo?« »Als ich in den Torweg zu Herrn Richter einbog, glaubte ich ihn um die andre Ecke kommen zu sehen, ich hoffte, er hätte mich nicht bemerkt. Und darum war es mir lieb, daß Herr Richter mich länger aufhielt. Aber als ich heraustrat, und wirklich, ich hatte ihn in dem Augenblick ganz vergessen über den herrlichen Mann, da –« »Unterstand er sich, dich auf offener Straße anzutreten?« »Nein, eigentlich nicht. Er stand am Eckhause, wo ich vorbei mußte, mit gekreuzten Armen, wie ein Träumender.« »Und als du vorbeigingst?« »Mama, ich glaube beinahe, ich hüpfte vorbei, so wohl war mir in dem Augenblick, und ich sah ihn erst und er gewiß mich auch, als ich beinahe an ihn stieß.« »Und –« »Ich weiß nicht, stieß ich einen Schrei aus, aber es war gewiß nicht laut, ich fuhr zurück –« »Und er?« »Vielleicht sagte er auch etwas. Das weiß ich nicht mehr. Aber der Blick, den er auf mich warf, verfolgte mich.« »Ich freue mich, daß es nur sein Blick war.« »Nein – er ging mir nach.« »Unerhört! Ließest du ihn nicht durch den Bedienten zurechtweisen? Er ist ja ein fürchterlicher Mensch.« »Den armen kranken Johann, der sich nur so hinschleppt –« »Du hättest den ersten besten Polizeimann oder Soldaten anrufen sollen.« »Nein, teuerste Mutter, lassen sie mich lieber nie mehr ausgehen ohne Ihre Begleitung. Ich bitte Sie recht dringend, inständigst darum. Ich hätte wohl den Mut, ihm Rede zu stehen, wie er verdient, aber –« »Dreimal hatte er ja wohl die Unverschämtheit, sich anmelden zu lassen, seit er aus dem Arrest ist?« »Das drittemal grade, als Sie zum Polizeipräsidenten gefahren waren.« »Da ist auch keine Abhilfe«, sagte die Geheimrätin kopfschüttelnd. »Der Präsident meinte, die paar Wochen, die man ihn wieder eingesperrt, seien das Äußerste, was man tun könne. Denn von der Insulte gegen dich ist nicht die Rede gewesen, nur weil er maskiert auf der Straße erschienen und mit der Wache seinen Spott trieb! – Aber mit uns treibt er täglich seinen Spott, sagte ich, er verfolgt im Theater, auf der Straße meine Pflegetochter, er dringt in mein Haus. Wer schützt uns? Der Herr Präsident hatten keine Antwort als, er bedaure, daß wir keine Bastille hätten und keine lettres de cachet für Personen, die uns unbequem sind.« Adelheid senkte die Augen: »Was tat er uns auch eigentlich, was die Obrigkeit verbieten kann? Andre fixieren mich auch im Theater. Er wollte in unser Haus, aber bei hellem Tage, er klingelte und ließ sich ordentlich melden. Er schrieb einen Brief an mich, aber wir schickten ihn uneröffnet zurück. Wir können dem Richter nicht einmal angeben, was er will.« »Sollen wir warten, bis er eine Leiter anlegt oder nachts übers Dach einbricht?« »Neulich, als Sie fortgefahren waren, hatte er mich durch das Flurfenster gesehen, und doch respektierte er die Unwahrheit, die der Bediente auf Ihren Befehl sagte: ich sei nicht zu Hause. Johann hatte die Tür schon geöffnet, er brauchte nur den Fuß vorzusetzen, ihn mit dem Ellenbogen zurückzustoßen, und wenn er seiner Tollheit nachgehen wollte, war er Herr im Hause. Es mag in dem Augenblick auch so etwas in seinen Sinnen umgegangen sein. Die Arme auf der Brust gekreuzt, stand er eine Weile auf dem Flur, und sein Auge schien in die Dielen zu brennen. Da hab ich auch einen Augenblick gezittert. Plötzlich rief er: ›Ich werde sie ein andermal zu Hause finden‹, und ohne sich umzusehen, stürzte er die Treppe hinunter. Es kann doch also keine böse Absicht sein.« »Seine Absicht ist, meinem Hause einen Affront anzutun. Es ist eine Beleidigung jetzt mir zugefügt. Sein Vater hat den Taugenichts zwar desavouiert, nichtsdestoweniger bleibt sein Vater der Herr Geheimrat Bovillard, der am Ende noch Gefallen daran findet, wenn sein ungeratener Sohn eine Dame insultiert, die er schon mit seinen Pläsanterien verfolgt. Aber das soll, muß anders werden. Wir werden einen Beschützer finden. Dein Erretter, der Legationsrat, der unglücklicherweise bald nach jener Affäre Berlin verlassen mußte, um seine Güter zu revidieren, wird bald zurückkehren. Er weiß, wie man uns Ruhe verschafft. Er ist jetzt der Mann, der gilt, der Stern der Gesellschaften, und ich hoffe von seinem Einfluß auf den alten Bovillard, daß er selbst endlich müde wird und den Vaurien auf gute Art aus der Stadt schafft.« Die Lupinus hatte in ihrem Eifer übersehen, daß Adelheid den Mund zu einer Mitteilung geöffnet: »Herr von Wandel ist ja zurück.« Die Geheimrätin hätte jetzt ebenso Grund gehabt, in Adelheids Art etwas Auffälliges, eine Aufgeregtheit zu finden, aber weil sie selbst aufgeregt war, merkte sie es nicht. »Er zurück! – Woher weißt du das?« »Als ich vor ihm – vor jenem – in einen Laden flüchten wollte, trat er heraus.« »Wandel – und – mein Gott, das Wichtigste sagst du mir jetzt erst!« »Ich war so überrascht, verwirrt –« »Und –« »Ja, was eigentlich geschehen, weiß ich nicht. Ich glaube, ich habe ihm die Hand gereicht.« »Du glaubst –« »Mama, ich glaube, ich hätte jedem sie gereicht, der mir entgegentrat, es war eine Angst, ich sah nichts mehr vor mir.« »Und der Legationsrat! – Haben sich beide wiedererkannt?« »Ich weiß es nicht. Der Legationsrat sah nur meine Angst. Aber dann hat er mich nach Haus geführt.« »Er – dich? Hierher? Wo ist er? – Was sagte er?« »Liebe Mutter, zürnen Sie mir, ich weiß nichts von dem Gespräch. Ich horchte nur immer, ich bebte, ob er noch hinter uns wäre. Er wird mich für sehr kindisch gehalten haben.« »Ich will es dir vergeben, weil du beschämt warst, nicht mehr Mut gezeigt zu haben. Und vor dem herrlichen Mann, dessen Gegenwart schon deine gesunkenen Geister erheben mußte! – Aber mein Gott, wo ist er? Er hat dich hergeführt. Warum kam er nicht mit herauf?« Adelheids Geister waren nicht gehoben. Auf alle Fragen der Geheimrätin über ihren Begleiter wußte sie kaum sich zu entsinnen, daß er beim Abschied gesagt, wenn er nicht zu einem Minister berufen, würde er sich sofort das Vergnügen gemacht haben, bei ihrer gütigen Pflegemutter anzusprechen. Adelheid ward mit dem Befehl entlassen, für ihre Toilette zu sorgen. Die Geheimrätin war in sichtlicher Unruhe zurückgeblieben. Ihre Gedanken machten Kreuz- und Quersprünge: »Was ist denn wichtig, und was sind nicht Bagatellen! Nur das, was grade gilt. Und sie gilt, weil – weil gestern die Frivolität Mode war und heute die Unschuld. Auf wie lange? Und wenn man auch Unschuld und Schönheit konservieren könnte wie Mumien, so würden es doch abgestandene Dinge werden, denn der Reiz ist nur beim Neuen. Und wer ihnen immer Neues, immer Pikantes vorsetzen, wer sich wie das Chamäleon umwandeln könnte, in jedem Jahr und Monat ihnen neu sein, der würde ihnen am Ende auch gewöhnlich und alt werden, weil er es kann, weil man es von ihm erwartet, und sie würden ihn beiseite schieben, wenn er nichts anders kann, und ihn wegwerfen, wenn er es nicht mehr kann.« Als der Blumenstrauß, den sie aus der Vase genommen, von ihr gedankenlos zerpflückt war, erschrak sie über die bittre Richtung, die ihre Gedanken genommen. Eine schlechte Vorbereitung zu dem heutigen Abend. Es sollte ein Fest der feinsten Heiterkeit sein. Wenn sie den Legationsrat präsentieren konnte, ihn, den neuesten Lion der Gesellschaft, den bewunderten, rätselhaften Mann, der aber, als er, eine neue Sonne, aufgegangen, plötzlich wieder verschwunden war! Wenn er nach seiner langen Abwesenheit zuerst in ihrer Gesellschaft wieder erschien! Wenn er jetzt anklopfen sollte, sein erster Besuch bei ihr? Wenn – niemand kannte den geheimen Grund seines Aufenthalts in Berlin, und welches Vertrauen hatte er grade ihr gezeigt, als ihn ein dringendes Geschäft plötzlich auf seine Güter rief! – Wenn er sich gedrungen fühlte, sie zur Mitwisserin seiner Ideen zu machen. Ihre Phantasie malte sich eine Reihe angenehmer Situationen, als eine kalte Frage dazwischenfuhr: Wird er denn überhaupt kommen? Hat er dem Mädchen nicht vielleicht etwas aufgebunden, nur um sie loszuwerden? Ist er nicht vielleicht abgereist, um seine Verbindungen hier zu brechen? Er kehrt zurück, Gott weiß warum, aber nicht, um die wieder anzuknüpfen, deren er überdrüssig ist. Er ist ein Mann, der der Welt angehört, Berlin ihm ein Stationsort, um sich auszuruhen, nicht länger als nötig, und die Personen, mit denen er umgeht, zum Zeitvertreib zu gebrauchen. Zum Tor hinaus, in der nächsten Stadt hat er uns vergessen. Aus diesem neuen peinlichen Selbstgespräch riß sie ein fester Klingelzug, und gleich darauf meldete ihr der Diener den Legationsrat von Wandel. Viertes Kapitel. Der Legationsrat . Man hätte eine der chamäleonischen Verwandlungen, von denen sie sprach, in der Geheimrätin selbst erblickt, als sie auf dem Kanapee dem gefeierten Manne gegenübersaß. Ihre Wangen waren angehaucht, ihr Auge glänzte lebhafter, die Schärfe ihrer Züge hatte sich gemildert; wie sanft klang ihre Stimme, während ihre Finger sich mit den Polsterquasten der Sofalehne beschäftigten. Er war derselbe. Sein Gesicht schien sich nicht verwandeln zu können. Die dunkeln Augen konnten dominieren; ihr gewöhnlicher Ausdruck aber war der des Observierens. Er las, was in der Seele stand, aber man konnte, was er gelesen, im Spiegel seines Auges nicht wiederlesen. Leidenschaften hatten dies Auge entzündet, und ihre Spuren waren auf dem edelgeformten Gesichte unverkennbar, allein, er hatte die Ruhe der Betrachtung gewonnen, die sich von kleinen Emotionen nicht mehr irren läßt. Die Geheimrätin war in der Regel die Erste in den Kreisen, in welchen sie sich bewegt, sie war sich dieses Übergewichts bewußt, dennoch glaubte sie den rohen Kitzel überwunden zu haben, welcher sich darin gefällt, dies Übergewicht auch die anderen empfinden zu lassen. Dem Legationsrat gegenüber fühlte sie diesen Zauberbann zerstört. Aber gerade gegen eine geistige Übermacht anzukämpfen ist interessant. Eine Frau hat so viele kleine Künste, mit denen sie unvermerkt in das feste System des Mannes Bresche legt, wenn es der Mühe verlohnt. Er stand auf der Höhe, wo man nur wenig auszugeben braucht, aber man reißt sich um die Münze wie um eine Seltenheit. Dann sieht man auch wohl nicht immer genau nach, ob die Münze echt ist. Er saß nachlässig im Fauteuil, doch mit dem Anstand des vornehmen Mannes einer Dame gegenüber, die er auch dafür anerkennt. Ihre Unterhaltung hatte sich weit entfernt aus den Kreisen, in welchen wir die Lupinus zu Hause wissen. »Einer Frau von Ihrem Geist ist keine Region verschlossen, in die sie dringen will «, hatte er auf eine Bemerkung der Geheimrätin erwidert, daß sie die Sphären des Staates für ihr Geschlecht, wenn nicht unzugänglich, doch geschlossen halte. »Man sagt uns doch so oft, wir sollen uns nicht aus unserer Sphäre verlieren.« »Wer das uns auf sich beziehen will! Ist die Staël keine Frau! Mich dünkt, man braucht nicht so weit zu suchen. Sind nicht die höchsten Damen an unserem Hofe die eifrigsten Partisaninnen der Politik! Und wer sagt uns, ob nicht die ganze Politik der Zukunft in den Händen der Frauen ruhen wird!« »Oh, wer in diese Zukunft blicken könnte, ob sie uns Aufschlüsse, Lichter, Befriedigung bringt oder das alte Einerlei des Zweifels, der getäuschten Hoffnungen, der immer neuen Erwartungen, die nie erfüllt werden!« »Die Zukunft, gnädige Frau, wird sein wie die Gegenwart, wenn wir sie nicht zu ergreifen verstehen.« »Und wer ergreift diese! Wir Frauen scheinen wenigstens nicht dazu bestimmt.« »Auch Frauen ergriffen sie und blieben Siegerinnen grade so lange, als der Mann es bleibt, das ist so lange, als er sich selbst beherrscht.« »Die Enthaltsamkeit soll uns doch nicht zum Siege führen!« »Die Kraft, das Ziel unverrückt im Auge zu behalten, die Wege, die die kürzesten und sichersten, nie zu verlieren und die Mittel zu handhaben, wie man Rosse zügelt und spornt, deren Natur wir kennen.« »Das ist nur an den Männern.« »Warum? Der Mann ist bei der Umfassenheit seiner Bildung, Bezüge zum Leben, weit leichter der Verführung ausgesetzt.« »Das sind Paradoxien.« »Nichts weniger. Er ist zugänglicher den Leidenschaften, weil er sie leichter befriedigen kann, dem Ehrgeiz, den Illusionen aller Art; und gibt er ihnen sich hin, hört er auf zu berechnen, verfolgt er eine Phantasie, ist er schon verloren. Das Weib in seiner anscheinend beschränkteren Sphäre kann ihre ganze Kraft weit leichter auf einen bestimmten Gegenstand konzentrieren, und wie sie den Mann beherrscht, wenn sie will, warum nicht die Welt!« »Spötter!« »Dem Weibe gab die Natur die feine Beobachtungskraft, die wir nur mit unendlicher Anstrengung uns aneignen, die Gabe, aus Symptomen, die unserem in die Ferne schweifenden Blick entgehen, Seelenzustände, vergangene und künftige Begebenheiten zu entziffern. Vermag sie's, Herrin zu werden über ihre Neigungen, Vorurteile, ihre Liebe und ihren Haß, ihre Impulse und abergläubischen Vorstellungen; vermag sie's, ihre Bestrebungen, ihre Liebe und ihren Haß auf größere Dinge zu richten, als den Untergang einer Rivalin, die Protektion eines Günstlings, dann, sage ich Ihnen, kann sie mit ihren außerordentlichen Mitteln Großes, Außerordentliches, warum nicht das Größte.« Die Geheimrätin schwieg nachsinnend. Sie hielt es für den Moment geeignet, seitwärts abzuspringen: »Sie wollen die Begeisterung nicht gelten lassen«, sagte sie, wieder aufblickend. »Ich kann einen Trunkenen beneiden, aber nur, solange er es ist.« »Damit streichen Sie aus der Geschichte ihre schönsten Taten.« »Aus der Geschichte nicht, meine Gnädigste. Sie ist ein großes Quodlibet, wo Platz ist für vieles. Nur aus dem Katechismus der wenigen streiche ich sie, welche wissen, was sie wollen.« »Und wie wenige Größen bleiben dann übrig«, erwiderte die Geheimrätin. »Wenige, aber zum belehrenden Exempel genug. Cäsar blieb sich gleich bis zum Gipfelpunkt.« »Und fiel durch Mörderhand.« »Der rohe Zufall liegt außer unserer Berechnung; er fiel, nachdem er erreicht, was er erstrebt. Und doch, vielleicht war's auch nicht ganz Zufall!« »Wie hätte Cäsar den Arm des Brutus hemmen können, wenn er keine Ahnung seines Vorsatzes hatte!« Der Legationsrat lächelte: »Cäsar hatte Vertrauen, wo er nur Argwohn haben durfte. Cäsar war der große Mann, weil er sich selbst alles verdankte, weil er im Siegerglück nicht glaubte, daß er nun genug gehandelt, daß nun das Schicksal für ihn wieder handeln müsse, weil er nicht, von der eignen Größe trunken, an eine Mission glaubte. Aber er irrte, als er glaubte, daß ein großer Mann auch sogenannte menschliche Regungen haben, daß er ohne ein bestimmtes Interesse großmütig sein dürfe. Er durfte nur auf die Schlechtigkeit der Menschen spekulieren, und er spekulierte auf ihren Edelsinn. Er, in seiner Lage, durfte nicht hoffen und lieben, nur beobachten und rechnen, und ihm war der Argwohn eine Tugend und Notwendigkeit. Er schloß das scharfe Auge, er rechnete falsch und vertraute. Ein Cäsar darf auf nichts vertrauen!« Es trat eine Pause ein. Das Gespräch hatte eine Wendung genommen, die vermutlich an den Anfang desselben wieder anknüpfte. Man hatte von den Ereignissen des Tages gesprochen, von dem Stern, über den die Meinung sich noch teilen konnte, ob er ein leuchtendes Tagesgestirn sei oder ein nächtliches Meteor. »Und er ist Kaiser«, hub die Geheimrätin an, »er hat sich selbst dazu erklärt! Es liegt etwas so wunderbar die Sinne Berauschendes darin, ein gewesener Artillerielieutenant! Und die altgekrönten Mächte beeilen sich, ihn anzuerkennen!« »Sie müssen wohl!« »Nehmen Sie sich in acht, Herr Legationsrat. Man darf ihn hier nicht ungestraft in allen Kreisen bewundern. Und Sie besuchen –« »Die verschiedensten«, fiel er rasch ein. Es war das gewesen, wofür der Gast es nahm, ein Klopfen auf den Busch. »Ich bewundere nichts«, fuhr er fort, »ich beobachte nur, und mein Fazit der Anerkennung ziehe ich erst, wenn ich einen Mann am Ziel sehe.« »Wird er es erreichen?« fragte die Geheimrätin leiser. »Wenn Sie mir sagen könnten, was sein Ziel ist, würde ich versuchen, auf die Frage zu antworten.« »Sein Ziel!« – Die Geheimrätin sah ihn groß an; aber sie verstummte vor seinem abmessenden Blicke. Mit einem Seufzer sagte sie: »War es denn ein Verbrechen, in ihm einen Beglücker der Menschheit zu erblicken!« – »Ein Verbrechen ist Unsinn und der Wahn, daß einer für alle etwas schaffen könne, eine Torheit. Jeder schafft für sich. Ich weiß nicht, ob der junge Bonaparte in seiner Jugend wirklich diesem Wahne nachhing, der Kaiser der Franzosen wird ihn belächeln. Man muß die Menschen kennengelernt haben wie wir, gnädige Frau, um zum Resultat gekommen zu sein, daß, was man so die Menschheit nennt, nicht wert ist, sein Bestes für sie zu opfern.« »Aber, mein Gott, für wen soll man sich denn opfern!« Der Gast schien es überhört zu haben, oder seine Gedanken hatten unwillkürlich einen andern Gang genommen: »Es ist zu bedauern, daß die Kaiserin ihm keine Hoffnung auf Nachkommen gewährt. Eine wahre Zierde ihres Geschlechts!« »Sie kennen die Kaiserin Josephine?« »Ihre Majestät, Königin Luise, ist gewiß die personifizierte Huld und Schönheit, aber diese Kreolin, in der sichtlich noch das tropische Blut pulst, hat etwas Bestechendes, Fortreißendes. Man muß sie gesehen haben – ach, schon als Josephine Beauharnais!« »Sie kannten sie damals schon?« »Es rühmen sich viele, doch wer kann sagen, daß er sie kennt! Kennt man nur ihren Einfluß auf den Kaiser!« »Sie hat vieles Blutvergießen verhindert.« »Sagt man. Wer diese on-dits geschickt auszustreuen weiß, der kommandiert über Armeekorps. Und beide, der Kaiser und die Kaiserin, sind darin geschickt, es fragt sich eben nur, wie lange beide zusammen operieren werden.« »Mein Gott, Sie scheinen auch mit den häuslichen Verhältnissen des Kaiserpaares vertraut.« »Ich lese nur, was jeder lesen kann, der die Augen auf hat. Will er ein Reich gründen, was ihn überlebt, muß er einen Sohn haben, der ihn beerbt. Wer arbeitet mit voller Kraft für einen andern Dritten! Was ist ihm der adoptierte Stiefsohn! Erinnern Sie sich, was die sentimentalen Seelen von ihm hofften, nachdem er die Revolution besiegt?« »Ich habe nie geglaubt, daß Napoleon sich zu einem Monk herabwürdigen könne«, sagte die Geheimrätin. »Gewiß, wer die Kraft hat, ein Egoist zu sein, wird sich nie mit einer Livree begnügen.« »Egoist!« »Alle großen Männer sind es, eigentlich alle wahren Männer. Wer schaffen will, muß für sich schaffen, und wer ein Weltreich gründen will, für eine Dynastie, die seine ist. Die Kaiserin Josephine ist aber auch eine kluge Frau. Sie sieht das ein; wie weit sie voraussieht, wissen wir nicht, aber sie hat einen Sohn. Es ist nun ein recht kluger Anfang, daß sie die Maske der Milde, Liebe und besänftigenden Güte vornimmt, und ob es von ihrem Gatten klug ist, sie ihr zu lassen – das ist eine andere Frage, die – uns beide wenigstens, meine teuerste Geheimrätin, glücklicherweise nichts angeht.« Er war aufgestanden. Die Geheimrätin hätte die Unterhaltung gern fortgesetzt: »Sie sind gewiß sehr affäriert. Eine so ehrenvolle Sendung muß Ihre ganze Zeit in Anspruch nehmen.« »Ich bitte Sie, kein Wort von der Bagatelle. Natürlich wird man nicht gerade zur Tür hinausgeworfen, wenn man als Überbringer solcher Ehrenzeichen ankommt, indessen, wie gesagt, ich wünschte, daß man in den Zirkeln hier kein Aufhebens davon machte.« »Indessen sehen wir auch wohl bald Ihre eigne Brust mit einem dieser Ehrenzeichen geschmückt.« »Für einen Briefträgerdienst! Monsieur Laforest, der Gesandte, lachte über die Mission, und das verdient sie auch; haben wir doch jeder für Wichtigeres zu sorgen! Ich freue mich nur, daß die Demoiselle Alltag Ihre Liebe und Sorgfalt lohnt. Sie haben sich da eine ungemein schwierige Aufgabe aufgebürdet.« »Ich freue mich, daß alle Ihre Berechnungen so richtig eintrafen. Adelheids Renommee ist nicht allein hergestellt, sie ist – nun, Sie erfuhren es schon. Möchte sie nie den Dank gegen den vergessen, dem sie ihr alles verdankt.« »Dank, meine Gnädige! Es gibt keine Substanz in der Chemie, die so schnell verflüchtigt! Wer darauf bauen wollte –« »Sie brauchen nicht zu bauen, denn Ihr Haus steht fest. Freilich, was ist Ihnen daran gelegen, daß man Sie in Berlin vergöttert! Indessen, es ist doch auch für einen Philosophen nicht ganz unangenehm, wenn ihn die Leute auf der Straße kennen und feiern. Ach, mein Gott, warum mußten Sie damals so schnell abreisen. Das war ein Erkundigen, ein Fragen nach Ihnen. Der Hausknecht, die Ouvriers, die für Sie gearbeitet, wer nur das Glück gehabt, Sie in Gesellschaft, in seinem Hause zu sehen, mußte Auskunft geben, wie Sie aussähen, sprächen, welche Ihre Freunde, ob Sie verheiratet wären, ob Sie hier Ihr Domizil aufschlagen würden. Man wußte Sie in kleine Teile zu zerlegen und meinte, der kleinste wäre doch noch etwas, was der Betrachtung Stoff gibt. Einige meinten, es sei doch eine Art Koketterie, daß Sie durch Ihre schnelle Abreise der allgemeinen Bewunderung sich entzögen, ich indes meinte etwas anderes –« »Und darf ich fragen, was meine Freundin meinte?« »Sie leben sich selbst und fühlen einen andern Beruf als der Neugier der Menge Rätsel aufzugeben, die Sie nicht lösen wollen, vor ihr wenigstens. Wahrhaftig, ich verdenke es Ihnen nicht.« Der Legationsrat ließ einen seiner undurchdringlichen Blicke an der Diele haften, einen der Blicke, welche die tiefste Absorbierung der Gedanken ausdrücken; man will indes behaupten, daß auch die Kunst solche Blicke gebrauche, um den Mangel an Gedanken zu verbergen: »Ach, meine Freundin, was verrät uns mehr, welche Leerheit rings um uns ist, als dieses Haschen nach Geheimnissen, die nicht da sind. Weil sie aus sich heraus nichts schaffen können, weil sie sich selbst nichts sind, darum haschen sie nach einem Spielwerk, und ein unbekannter Fremder wird zu einem Rätsel, weil er vielleicht seinen Rock anders zuknöpft, anders den Hut abnimmt, einen andern Ton auf die Worte legt, als hier alltäglich ist.« »Da ich immerwährend bestürmt werde, sagen Sie mir, was ich den Leuten sagen, oder wenigstens, was ich ihnen verschweigen soll –« »Verschweigen! Mein Gott, ist denn zwischen uns ein Geheimnis! Malen Sie mich Ihren Bekannten, wie Sie wollen. Eine solche Meisterin wird immer das Richtige treffen. Warum ich hier bin, das ist ja wohl das interessanteste Rätsel. Ich soll Emissär sein, Gott weiß von welchem Illuminaten- oder Freimaurerorden, obgleich diese Albernheiten längst aus der Mode sind! Ich bin geheimer Envoyé einer Macht, man weiß nur nicht welcher. Nicht wahr? Natürlich soll ich Staatsgeheimnisse ausspionieren! Ja, wenn nur deren hier wären! Und da ich an der Tafel der Minister, der Prinzen speise, da ich ziemlich offen mit ihnen konversiere, ist es doch nicht meine Schuld, wenn ich Dinge erfahre, an denen mir wirklich nichts gelegen ist. Ich soll ja auch wohl ein Krösus sein, und bald wieder ein Glücksritter! Soll ich nicht auch nach einer reichen Ehe mich umsehen!« – Er seufzte: »Und die Geister einer unaussprechlich geliebten Gattin schweben noch um ihren Grabeshügel! Doch genug davon. Meinetwegen lassen Sie mich einen Cagliostro sein. Im übrigen habe ich noch niemand verhehlt, daß der Zustand meiner Güter in Thüringen mich hergeführt hat. Treffliche Güter, aber verwildert unter meinem Vorbesitzer. Es bedarf einer wissenschaftlichen Agrikulturbehandlung, um ihre Ertragsfähigkeit auf die Höhe zu bringen, die ich mir zum Ziel gesetzt. Ich besitze chemische Kenntnisse, wer aber kann alles wissen, wer braucht nicht des Rates fremder Einsicht! In Berlin finde ich einen Hermbstädt, Klaproth, Flittner. Sie sind meine Lehrer, Freunde, ich konsultiere sie, experimentiere mit ihnen in der Zersetzung von Kalkerde, Mergel, in allen Arten künstlicher Dungarten. Das ist meine Beschäftigung hier. – Sie selbst aber sehen mich ungläubig an. Ach, ich versichere Sie, in dieser Wissenschaft allein ist mein Trost. Hier ist Wahrheit, hier lern ich kennen, was sich bindet, was sich abstößt, hier ist Folgerung, Zusammenhang, hier lös ich mir Rätsel, welche der Ballsaal der Menschenwelt mit seinen tausendfachen Umhüllungen und Masken so verwirrend umhüllt, daß oft das schärfste Auge, wenn es die Wahrheit glaubt gefunden zu haben, doch nur beschämt vor einer neuen Larve steht. Vor der Chemie gilt keine Täuschung. Während sie Farben und Formen zaubert, zersetzt sie alles in seine Urstoffe. Das Kräuseln des Dampfes in der Retorte, im Tiegel, der Geruch, den sie entwickelt, den Lichtglanz, die schimmernde Farbe auf der brodelnden Essenz ist das Leben, flüchtige Momente, während wir doch nur den Tod produzieren, Schlacke, Asche, Staub, Luft in Luft. Der Tod nur ist dauernd. Leben Sie wohl.« »Mein Gott, was ist Ihnen? Sie betonen das Wort Tod so besonders!« »Mit jeder Stunde, die wir leben, bereiten wir ja den Tod. Ich hoffe also heut abend auf Wiedersehn.« »Sie hoffen nur? Vorhin sagten Sie bestimmt zu. Sie erwarten heut keinen Befehl eines Prinzen mehr.« »Nein, wenn indes ein Hindernis –« »Sie müssen doch nicht wieder fortreisen?« »Ich hoffe nicht, daß es so schlimm ausfallen wird.« »Sie spannen meine Neugier. Jetzt müssen Sie sprechen.« »Es ist nur eine der Kleinigkeiten, die das Leben pikant machen. Den jungen Bovillard, den ich in der Tat auf meiner Reise vergessen hatte, traf ich vorhin auf der Straße, und wenn meine Physiognomik mich nicht täuscht, finde ich zu Hause das, was ich längst erwarten durfte. Indessen wird er sich doch nicht so überhasten, daß er mir nicht noch das Vergnügen gönnt, einen vergnügten Abend in Ihrer liebenswürdigen Gesellschaft zu verbringen.« »Allmächtiger Gott«, rief die Geheimrätin erblassend. – »Eine Herausforderung! – Und dieser Taugenichts darf sich unterstehen, einen Mann wie Sie – und um die edelste Handlung –« »Vor seine Kugel zu fordern.« »Das darf nicht sein. Bester Freund, Sie kennen nicht seinen Ruf. Mit Ihrer Ehre verträgt es sich nicht –« »Er saß noch nicht im Zuchthause, ward nicht ertappt auf dem Volteschlagen, auch hat er seine Spielschulden, wie ich höre, noch immer bezahlt, und ein Dutzend Duelle als Kavalier bestanden; das, meine gütige Freundin, gibt dem Sohn des Geheimrat Bovillard nach den Ehrengesetzen unserer Welt das Recht, auch Bessere wie ich vor die Geschicklichkeit seines Arms zu laden, und wenn seine Kugel dies Herz durchbohrt, so versichre ich Sie, ist sein Renommee nicht schlimmer, sondern besser.« »Abscheulich! Wer bessert das?« »Ein Mirabeau hatte einmal den Mut. Er sprach es aus, daß man einem Dummkopf nicht das Recht lassen dürfe, dem genialsten Mann Frankreichs mit einem Stück Blei seinen Kopf zu zerschmettern. – Die Revolution ist überwunden, und die Dummköpfe haben wieder ihr Recht.« »Aber um Gottes willen, es muß doch Mittel geben –« »Ein Cäsar Borgia würde freilich in solchem Falle Mittel finden; auch haben sehr kluge Köpfe sich dadurch der Welt erhalten, die allerdings mehr von ihrem Ingenium profitiert hat als von zehn Haudegen, welche die Weinhäuser mit ihren Rodomontaden erfüllen. Indessen, wir sind keine Borgias, und das neunzehnte Jahrhundert verträgt keine Stiletts und Banditen.« »Aber es muß seine edelsten Männer schützen. Es gibt auch andre Mittel, eine höhere Polizei, eine Justiz. Bovillard, der Vater, muß es erfahren, er muß endlich etwas tun, dem Unwesen seines Sohnes zu steuern. Der König selbst ist entsetzt über diese blutigen Raufereien –« Der Gast hatte ihren Arm ergriffen: »Um des Himmels willen, meine gütigste Freundin, soll ich bereuen, daß ich im Vertrauen die Lippen öffnete. Es war alles Scherz –« »Nein, es ist Ernst.« »Wenn Sie dem Dinge den Namen gönnen, so beschwöre ich Sie, kein Sterbenswörtchen davon! Sie werden mich verstehen. Was ist das Leben? Eine Anweisung auf Geltung. Wird dieser Wechsel zurückgewiesen, was bleibt uns davon! Wer mag der Lebensluft, in der wir nur atmen können, den Rücken kehren! Ich rechne also auf Ihre Diskretion. Jedes Wörtchen, jeder Wink könnte von meinen Feinden anders gedeutet werden. Es ist ja auch möglich, daß der junge Mann sich eines Besseren besinnt. Ach Gott, der Möglichkeiten sind so viele, daß ich es aufrichtig bereue, Sie nur einen Augenblick geängstigt zu haben. Keinesfalls darf die Vorstellung Ihre Heiterkeit stören. Meine soll es wenigstens gewiß nicht, denn ich freue mich aufrichtig, den neuen Abgott der Residenz kennenzulernen.« »Sie kennen Jean Paul noch nicht?« »Ich begegnete ihm wohl irgendwo.« Die Geheimrätin sah etwas verlegen vor sich hin: »Ich hoffe, Sie disapprobieren nicht –« »Was sich versteht in Kredit zu setzen. Der Wert eines Staatsmanns, meine Freundin, und der eines Dichters, was sind sie an und für sich, es kommt allein ihr Kurswert in Betrachtung, gleichviel, ob der Dichter ihn sich selbst gemacht oder andere so gütig waren. Apropos, da kann ich Ihnen eine Neuigkeit mitteilen. Bei Hofe ist eine lebhafte Intrige. Nachdem es nicht gelungen, Schillern hier zu fesseln, versucht man, Herrn Richter uns einzuimpfen. Die Parteien sind geteilt. Ihre Majestät die Königin wünscht ihm eine Präbende zuzuwenden. Beim König fürchtet man auf Schwierigkeiten zu stoßen. Um deswillen spielen alle Maschinen. Der Berg läuft von diesem zu jenem. Herr Jean Paul soll von der allgemeinen Gunst gehoben und getragen werden, bis er dem Throne so ins Auge gerückt ist, daß Seine Majestät sich zu einer Auszeichnung gleichsam gezwungen fühlen. Daher werden die Kunstgärtner bis zum Exzeß um ihre seltenen Blumen geplündert, daher die Damendeputationen an den neuen Frauenlob. Die Königin lüde ihn gern selbst ein, aber er muß erst gewisse Leiterstufen der Einladungen durchgemacht haben, bis das in einem petit cercle möglich ist. Man ist daher auch sehr zufrieden mit den Arrangements unsrer teuren Freundin, und die Stufe der Ehre, die Sie ihm heut erweisen –« »Mein Gott, wie kann man wissen –« »Man weiß alles. Aber bedenken Sie wohl, daß die Gunst der Königin nicht jedesmal zur Gunst Seiner Majestät führt. Er ist kein Freund der Abgötterei. Doch qu'importe, aber hüten Sie sich, daß unsre Schönheit hier, wenn sie ihm den Lorbeerkranz auf die Schläfe drückt, nicht zu tief ins Auge des Dichters sieht. Man sagt zwar, er wäre in alle Huldinnen Berlins verliebt, und in seinen Entzückungen weiß er nur noch nicht, welcher er das Tuch zuwerfen soll; aber nur nicht unsrer Adelheid! Ihre Natur ist zu schön, um sie mit einem Dichter zu verträumen. Au revoir!« Der Legationsrat ließ die Geheimrätin in einem Meer von Gedanken. Sie paßten nicht alle zu dem Fest des heutigen Abends und schienen ihre Lust etwas zu trüben. Fünftes Kapitel. Mars mit dem Zopf . Eine Gesellschaft, zur Zeit, als Gesellschaften die Blüte des geistigen Lebens repräsentierten, mag man mit einem Sonnensystem vergleichen. Wenn aber viele Sonnen mit gleichen Ansprüchen da sind, kann sie uns wie ein Universum erscheinen, das, nicht fertig, noch nach einem Zentralpunkt sucht. Ein solches meteorisches Wogen ist für viele unbehaglich, für den Beobachter interessant, für den Maler aufzufassen unmöglich. Er muß sich mit Segmenten genügen lassen. Die Wirtin wäre gern die Sonne gewesen. Aber eine Sonne muß nicht allein scheinen und leuchten, sie muß auch wärmen. Sie war eine Frau von Verstand und selbst Witz, eine Erscheinung, die nicht ohne Eindruck blieb, aber es war nicht der Verstand und Witz, der fesselt, nicht die Erscheinung, die zugleich imponiert und anzieht. Sie durchdrang die Gespräche, sie wußte sie zu leiten, abzubrechen, aber ihnen nicht den Hauch und die Färbung zu geben, daß sie sich von selbst fortspannen. Sie war die liebenswürdigste Wirtin, die für jeden etwas Angenehmes in Bereitschaft hatte, aber es schien so spitz zugeschnitten, daß die Ökonomie dem Geschmeichelten nicht entging. Es blitzte, wo sie erschien, die Konversation wagte in sanften Wellenlinien einer gewählten Sprache, aber sie stockte plötzlich, wenn sie zu andern Kreisen sich wandte. Man fühlte sich geniert, wo sie hinzutrat, und frei, wenn sie den Rücken gedreht. Das wird freilich in allen Gesellschaftskreisen sein, wo eine an Geist und Bildung überragende Erscheinung der Unterhaltung ihr Siegel aufdrückt, die minder Gebildeten fühlen das unsichtbare Joch, die Magie des Geistes, gegen die sie, ohne sich selbst bloßzugeben, nicht rebellieren dürfen, sie fühlen sie sogar doppelt, wo der Geist sich zu ihren Vorstellungen herabläßt und sie würdigt, in ihrer Sprache zu reden. Aber diese Gesellschaft war eine ungleich andere als die gemischte, in der wir neulich die Geheimrätin zu beobachten Gelegenheit hatten. Sie war eine gewählte. Die Geheimrätin kannte alle, sie wußte, was man vermeiden, was man andeuten dürfe, und doch traf sie es nicht, daß es den Leuten wohl ward. Eine liebenswürdige Wirtin, eine geistvolle Frau! war das allgemeine Urteil; wohlverstanden das, was zwei sich sagten, die sich und ihre Meinungen noch nicht kannten. Wenn sie sich verständigten, kamen einige »Aber« hinterher. »Aber sehr scharf.« – »Geistreich, sehr geistreich, aber ihr Geist schneidet.« – »Enfin«, sagte ein dritter, »sie hat alles, um eine Gesellschaft zu entzücken, nur fehlt ihr der Aplomb.« Es waren Wandelsterne und Fixsterne. Zu jenen gehörten die Wirtin und ihre Pflegetochter. Wenn jene mit ihrem leisen Tritt die Kreise durchwandelte, konnte man sie mit einer Gespenstererscheinung vergleichen. Das ist ein gewagtes Gleichnis; aber ebenso gewagt ist es doch, wenn andre Adelheid mit dem aufgehenden Morgenstern verglichen oder gar mit einer Sonne, die Frohsinn und Lust verbreite. Wer schärfer gesehen, hätte vielleicht auch die große Anstrengung des jungen Mädchens bemerkt, so zu erscheinen, wie die Pflegemutter es wünschte, immer munter, naiv, geistreich. Es war noch ein anderer weiblicher Stern von sehr verschiedener Natur, auf den wir später treffen werden. Jean Paul war noch nicht da, auch Herr von Wandel ließ noch auf sich warten. Dagegen schien an dem großen Ofen eines Nebenzimmers einer der Fixsterne zu stehen in der Person des französischen Gesandten Laforest. Der Diplomat brauchte seine Kreise sich nicht auszusuchen, oder er wollte es nicht, aber er zog magnetisch die kleinen Lichter an sich. Er war heute sehr aufgeräumt und liebenswürdig, behauptete man. Ein Bonmot ging schon durch die Zimmer. Auf eine unbescheidene Frage: was ihm in Berlin am besten gefalle, hatte er geantwortet: die Öfen. Andere hatten schon gehört, daß er gesagt: es sei das einzige Gute, was er in Berlin gefunden. Noch andere, er habe gesagt: in einer Stadt, wo er nichts kalt und nichts warm gefunden, sei eine Maschine, die man nach Belieben heizen und kühlen könne, der preiswürdigste Gegenstand. In einer Herrengruppe musterten einige die Gesellschaft. Man wunderte sich, den Geheimrat Lupinus von der Vogtei unter den Gästen zu sehen. »Was wundert Sie das?« sagte der Regierungsrat von Fuchsius. »Er ist völlig freigesprochen und alles bleibt ja beim alten.« »Aber sein Leben auch dasselbe. Es ist doch ein Skandal, wie ich hörte«, bemerkte ein Major, noch in jüngeren Jahren; er hatte nicht den preußischen Pli . »Wir bleiben alle, was wir sind«, sagte aufseufzend Fuchsius. »Seit Lombard zurück, die Anstrengungen der Königin, neue Lebensgeister ins Ministerium zu bringen, gescheitert sind, ist es mit allen den guten Vorsätzen und den schönen Ansätzen vorüber. Welche trefflichen Reden und Memoiren sind umsonst geschrieben.« »Zum Teufel mit den Reden!« sagte ein General, den grauen Schnurrbart streichend; aber es leuchtete noch ein Feuer aus seinen lebhaften Augen. »Das denkt vermutlich der Geheimrat Lupinus auch«, fuhr der Rat fort. »Warum soll er sich genieren? Es schwimmt ja alles wieder in diesem Sumpfe süßer Gewohnheit weiter. Und wenn der Staat selbst sich auf dem Lotterbette weiter streckt und wiegt, was darf er vom einzelnen fordern, daß er sich aufrafft! Der König, das gebe ich Ihnen zu, wünschte es –« »Wenn er nur wenigstens die französischen Orden nicht angenommen hätte!« rief der General, der sich auf einen Stuhl gesetzt, und preßte die Brust auf der Rabatte zusammen. »Schimpf und Schande! Mag er sie der Clique austeilen, aber der preußische Ehrenrock ist beschimpft, wenn auch Militärs sie tragen müssen!« »Das kommt auf Ansichten an!« erlaubte sich der jüngere Militär zu entgegnen. »Der feindliche General, den Napoleon in seinen Bulletins lobt, fühlt sich doch mehr geschmeichelt als selbst durch die Orden, die ihm sein eigener Fürst erteilt.« »Spitzfindigkeiten, mein Herr von Eisenhauch!« fiel der General ein. » Sie gerade würden sich am meisten schämen. – Allianzen, wo sie natürlich und möglich sind, ein Entschluß, wo die Ehre gebietet, und Krieg, wo es die Existenz gilt.« »Vergebung, meine Herren«, sagte der Major. »Sie wissen, ich bin kein geborner Preuße und habe erst seit kurzem die Ehre, Ihrer Armee anzugehören. Vielleicht gab mir aber meine Stellung als Beobachter von außen Gelegenheit, unbefangener in manchen Dingen die Politik Ihres Staates zu betrachten. Schleudern Sie nicht zu heftige Bannstrahlen gegen die Männer am Ruder.« »Die Politik, daß wir uns an der Nase herumziehen lassen, mein Herr Major!« »Preußen fühlt sich groß und hat doch den Instinkt, daß es nicht so groß ist, um das Gewicht in die Waagschale der Weltbegebenheiten zu werfen, wie damals, als ein jugendlicher Kriegsheld, der Genius des Jahrhunderts, an seiner Spitze stand. Daher die natürliche Scheu, herauszutreten, ein entscheidendes Wort mitzusprechen. Wenn es nun nicht gehört würde? Dann ist der Nimbus hin. Wenn es unterläge? Dann ist seine Existenz hin. Wenn es sich aber den vielfachen Koalitionen unbedingt jedesmal angeschlossen, die seit der Pillnitzer den europäischen Brand statt zu löschen vermehrt haben? Es hätte sich der Selbständigkeit begeben, die ihm Friedrich hinterließ, es wäre kein Körper mehr, eine mitfortgerissene Partikel. Es kämpft und ringt und verhandelt ebenso um seinen Schein als um sein Wesen. Darum das Lavieren, die unleugbaren Zweideutigkeiten seiner Politik, die ihm die Herzen entfremdeten, welche erwartend, hoffnungsvoll ihm in Deutschland entgegenschlugen. Meine Herren, wer unter uns lobt das! Aber nachdem wir so lange den Frieden uns eingehandelt, eingetauscht, ertrotzt oder erbeten, was sollen nicht Männer, die der großen Aufgabe nicht gewachsen sind, vor dem Augenblick der Entscheidung erschrecken! Leugnen wir uns nicht, es heißt jetzt alles einsetzen, alles in die Schanze schlagen, um nicht mehr zu gewinnen, als Preußen hatte, ja, vielleicht nicht das einmal, denn wir wissen nicht, was die mächtigen Verbündeten, denen wir uns hingeben müssen, uns davon lassen! Wundern Sie sich, daß diese Männer auf andere warten, die es ihnen abnehmen, daß sie nicht selbst wagen, die Toga zu schütteln: Hier habt ihr Krieg!« »Wenn man Sie nicht besser kennte«, sagte der General, »nicht wüßte, daß Sie Ihre Dienste von Staat zu Staat tragen, wo nur Aussicht ist zum Kriege gegen die Franzosen!« Fuchsius sagte, sich vorsichtig umblickend: »Nehmen Sie sich etwas in acht. Man weiß in Saint-Cloud, daß Sie ein militärischer Ideologe, und ich weiß, daß Laforest Sie beobachten läßt. Aus Enghiens Beispiel wissen wir wenigstens, wie der neue Kaiser zu schrecken versteht.« »Pah!« rief der General. »Wir sind nicht in Baden. Zügeln Sie indes Ihre Advokatenberedsamkeit, Herr von Eisenhauch. Es könnte Sie mancher mißverstehen. Ich aber sage Ihnen, wer jetzt nicht herbeieilt, um am Brande mitzulöschen, ist so schlimm, als wer Feuer hinzuträgt. Wonach Bonaparte trachtet, liegt klar zutage. Österreich soll erdrückt, zermalmt werden. Ein Tor, wer jetzt noch glaubt, daß Österreichs Vernichtung Preußens Erhebung ist. Das Schicksal hat bestimmt, daß beide Feinde zusammen handeln. Nur darin sollen sie rivalisieren, wer am tüchtigsten losschlägt. Zaudern wir jetzt wieder –« »So sind wir isoliert und – verloren!« rief Fuchsius. Ein stolzer Kommandoblick des Generals traf den Sprecher: »Wer sagt das?« »Wenn wir alle unsere Bundesgenossen von uns gestoßen –« »Sind wir noch wir selbst.« Der General hatte sich erhoben, die beiden Herren folgten, sie blickten sich bedeutungsvoll an. »Ja, meine Herren«, fuhr der General fort, »es wäre ein namenloses Unglück, man könnte uns der Frechheit, des Verrates beschuldigen, wenn wir wieder die Gelegenheit entwischen lassen wie vor sechs Jahren, aus Eigensinn oder Eigennutz. Ein Unglück ja, wenn wir nicht losschlagen, aber verloren sind wir nicht, wenn wir allein stehen.« Die jüngeren Zuhörer senkten die Augen. Der Veteran aber fuhr mit leuchtenden Blicken und gehobener Stimme fort: »Nein, meine Herren, vielleicht fügt es das Schicksal so, damit wir noch größer einst dastehen. Sie sind kein Preuße, Herr von Eisenhauch, Herr von Fuchsius ist kein Militär, ich bin beides, und mein Herz pocht laut und froh bei dem Gedanken: wir allein ihm gegenüber! Dann alles in die Waagschale geworfen, und, ich sage Ihnen, wir schnellen nicht in die Luft! Braunschweig, Möllendorf, Hohenlohe, Kalckreuth! sind das nicht Namen, vor denen die Davoust und Bernadotte, und wie sie heißen, erbleichen! Einer genügte schon; denn welcher Ruhm und welche Erfahrung sind da aufgespeichert. Und nun denken Sie, alle diese Namen vor einer Armee, deren Offiziere zur Hälfte noch unter Friedrich siegten, vor graubärtigen Soldaten, die noch sein Auge anfunkelte. Und die Generale, die zum Felddienst zu alt, pflanzen ihre Fahnen auf die Mauern unserer stolzen Festungen. Denken Sie sich dies Korpus von altem Ruhm, unvergleichlicher Taktik, von preußischem Mute beseelt, von Wut entflammt, zehnjährige Unbilden zu rächen, und gegenüber – die zusammengestoppelten, gepreßten Scharen der windigen Franzosen, die nur siegten, weil sie schneller sich bewegen konnten – dies räumen wir ihnen ein –, denken Sie ihn anpreschen mit solchen Schwärmen gegen ein Karree, ein Karree aus der ganzen preußischen Armee, und fragen Sie sich dann, wieviel Napoleon Bonapartes Name wiegen, wieviel Überzahl er haben muß, welche taktische Künste ausreichen, damit er diese Eisenmauer durchbricht. Er wird sie nicht durchbrechen, und wir, wir wollen sehen, wie Friedrichs Geist von Leuthen auf uns herabblickt!« Es war etwas Hinreißendes in dem Feuer, dem der alte Kriegsmann sich überlassen. Man wußte, als Kornett hatte er unter Friedrich seine Sporen erworben, der große König selbst hatte den Jüngling mit seiner Gnade beglückt. Es war Wahrheit in der Rede, wenn auch nur die des Glaubens. Man schwieg. Der General tat einige Schritte auf und ab. Dann zog er die Befreundeten zu sich in eine Ecke und sprach mit leiserer Stimme: »Meine Herren, das ist noch keine Entscheidung, und wir dürfen die Hoffnung noch nicht aufgeben. Wir müssen zusammenhalten, arbeiten, minieren, wir müssen Tag und Nacht auf der Hut stehen, dieser Clique auf die Finger zu sehen; wir müssen, zur Ehre unseres Königs, den Hahn gespannt, die Lunte in der Hand halten, und unsere tägliche Losung muß sein: Kein Nachgeben mehr! Und wenn der Allianztraktat mit Frankreich zur Unterschrift auf des Königs Tische läge, dann grade, dann noch zaudert er. Er zaudert, wenn er ein Todesurteil unterschreiben soll; was, wo so viele Tausende durch einen Federzug dekretiert werden! Die Hoffnung, sage ich, nicht aufgegeben, denn ein Lüftchen kann alles ändern. Darin sind wir einig. Im andern nicht. Sie sind beide jung, auf Schulen gewesen, glauben Systeme zu haben. Ich tadle es nicht, ich war auch einmal jung, aber die beste Schule ist das Leben.« »Aber Herr General geben mir zu –«, was der Major sagen wollte, ward vom General unterbrochen. »Daß einige Reformen notwendig sind. Ja, einige, Herr Major.« Er hatte ihn am Rock gefaßt und fuhr vertraulicher fort: »Die reitende Artillerie, das bedenken Sie wohl, war Friedrichs Schöpfung. In einem Lieblingskinde sehen die gescheitesten Väter oft nicht die Fehler. Auch ein großer Mensch ist ein Mensch, und darum keinen Vorwurf auf den großen König! Ihre Konstruktion der Lafetten, ich sage es gradeheraus, trotz Tempelhofs Autorität, ist admirabel; sie muß eingeführt werden, was auch der Kriegsminister opponiert. Auch Ihre Ideen über die Bespannung zeigen von dem Scharfsinn, den ich ästimiere. Selbst zugeben will ich, daß in unserm Geschützgießen Verbesserungen möglich sind, aber ich denke, daß unsre Kanonen noch, wie sie sind, einen preußischen Donner orgeln sollen, der die Franzosen an Roßbach erinnern wird. Nicht alles auf einmal! Gegen Ihre Propositionen hinsichts der Spontons bin ich; das sage ich Ihnen jetzt offen raus. Das Spontonexerzitium mag immerhin andern närrisch erscheinen, Narren werden Sie in der Welt überall finden. Das Präsentieren mit dem Sponton ist das Präsentieren der Armee vor sich selbst. Der Fähndrich, der, vor die Front springend, es balanciert, jetzt senkrecht, nun verquer, macht die Honneurs vor dem Feldherrn, dem General, vor dem Bataillon, vor sich selbst, nicht vor dem Publikum. Das halten Sie fest. Der Franzos mag darüber sich mokieren, soviel er will, er hat recht, für ihn ist's Narreteidung, weil er das nicht hat, was wir haben – verstehn Sie mich recht –, unsre Essenz, meinethalben Existenz. Das Sponton ist das Residuum des alten Rittergeistes im preußischen Militär. Wenn ich so sagen darf, es betrachtet sich als eine geschlossene Zunft und ist das Symbolum des Respektes vor sich selbst. Und, meine Herren, schaffen Sie erst die Spontons ab, so fällt auch der Ringkragen, warum nicht auch die Schärpe und der Federhut, und wo ist das Ende!« Fuchsius und der Major hatten sich angesehen. »Sie wollen auch gern die Gamaschen forthaben«, fuhr der General freundlich fort. »Der preußische Soldat ohne die Gamasche, sage ich Ihnen, ist nicht mehr der preußische Soldat. So kennen sie uns, so sollen sie uns wieder kennenlernen, anders nicht. Weiß wohl, liebster Major, was Sie in Ihrem Memoire über die Massenbewegungen sagen. Charmant exprimiert, fein beobachtet. Durch diese schnellen Evolutionen, daß er gleichsam aus einem Sack die leichtfüßigen Massen schüttelte, seinen Feind flankierte, von allen Seiten scheinbar zugleich angriff, sofort die Geworfenen durch neue Massen ersetzte, dadurch hat Bonaparte in den meisten Bataillen gesiegt Richtig! Aber gegen welche Feinde! Sehn Sie, offenherzig gesprochen, ich admiriere auch seinen Erfolg und sein Genie, aber was sagt Friedrich in seinen Memoiren? Wenn sich zwei Feldherrn in langen Kampagnen gegenüberstanden, lernen sie sich dermaßen kennen, daß jeder die Manier und die Finten des andern auswendig weiß. Wir sind nun in der Lage, daß wir durch bald zehn Jahre ihn aus der Ferne beobachtet haben, und ich sage Ihnen, dieses großen Taschenspielers Kunststücke kennen wir nun, er aber kennt uns nicht und kann uns nicht überraschen. Seine Choks werden an uns abprallen, wie die Schwärme der Parther an den römischen Triariern, und was unsre Kavallerie anlangt, so braucht niemand in Sorge zu sein. Die Zieten und Seydlitze werden sich finden zur Poursuite , wenn wir einmal die Kanaille geworfen. Freilich, im Laufen kommen wir ihnen nicht gleich.« Der General glaubte gesiegt zu haben. Der Major aber sah ihn wieder fragend an: »Indessen, mein Herr General, es waren doch auch andere Punkte –« Der Veteran lächelte mit der Freundlichkeit eines Gönners, der einen Klienten nicht zu herb in die Grenzen des Respektes zurückweisen will. »Ich habe das auch wohl gelesen und mich über die Intentionen und die wohlarrangierte Explikation gefreut. Aber, meine Herren« – er schien auch den Rat in seine Belehrung hineinziehen zu wollen –, »mit Theorien hätte Friedrich Schlesien nicht erobert; unsere Armee ist nun einmal so und nicht anders, Herr von Eisenhauch. Und so war sie gut, und ob sie dann noch gut bleiben wird, wenn Ihr Rekrutierungssystem durchginge? Um Gottes willen keine neuen Flicken auf ein alt Kleid. Draußen Unruhe, aber Ruhe, Ruhe, Ruhe im Innern. Nichts angerührt! Friedrichs Seele steckt in den Trommeln und den Grenadiermützen so gut als in dem point d'honneur der Offiziere und der Kantonpflicht der Rekruten. Ich räume Ihnen ein, ein Etwas muß anders werden, das Verhältnis der Kapitäne mit Kompanie zu den Kapitäns ohne Kompanie. Diese sechshundert Taler und jene mit vielen Tausenden, mit Equipagen, Reitpferden, Fourgons, Dienerschaft. Das schadet der Disziplin. Das muß anders werden. Die Zahl der zu Beurlaubenden muß den Herren Kompaniechefs genau bestimmt werden und kein Mann darüber.« »Würde diese Bestimmung genügen?« »Für jetzt, Herr Major, wenn wir das durchsetzen, können wir zufrieden sein. Wenn Sie mich aber nicht verraten wollen, in meinen Ideen gehe ich weiter. Es wird eine Zeit kommen, wo der Kapitän nichts mit dem Traktement seiner Leute zu schaffen haben darf, wo sie nur in einem Konnex reiner Disziplin zueinander stehen. So muß es einst kommen, sag ich Ihnen, aber diese Zeit erleben nicht wir, vielleicht nicht unsre Kinder. Denn – der Mensch muß nicht zu klug sein wollen, oder es ist vorüber mit aller Autorité.« Der General ging. »Eine aus lauter Preußentum konzentrierte Säure!« sagte der Major. »Und doch immer noch einer der Bessern«, entgegnete der Rat. »Er wird sich auch, wenn es gilt, in seiner verrosteten Rüstung noch mit einem gewissen Geschick rütteln.« »Was hilft's den andern!« rief der Major, der sich in den Armstuhl mit einem Schmerzensseufzer niederwarf. – »Ist dies die Hauptstadt des großen Genius, von dem das Licht nicht über sein, nein, über unser aller Deutschland aufging! Deutschland glaubt wenigstens noch, daß es hier hell sei; es ist der Anker, an den seine letzte, schmerzliche, krampfhafte Hoffnung sich klammert.« »Hat man es Ihnen draußen anders geschildert?« »Nein! Aber der Tand, das Spiel und die Eitelkeit hielt ich für die Maske, unter der der männliche Entschluß, die Vorbereitung zur Tat, sich verbirgt. Der blonde Arminius ließ auch die schönen Römerinnen lange mit seinen Locken spielen. Mit dieser Selbsttäuschung reiste ich durch Ihre Provinzen. Es sieht knöchern aus, überall ausgewachsene Kleider, schlotternde Glieder, eine Maschine, die klappert. Der Geist nur kann das zusammenhalten, tröstete ich mich; der Nimbus um Friedrichs Thron flimmert noch in so wunderbarem Flammenglanz, von fern gesehen. Und nun hier zur Stelle! Aus Kreisen in Kreise, aus Gesellschaften in Gesellschaften werde ich geschleppt. Irgendwo, hoffe ich, wird ein Vorhang sich lüften, die Stimme von Sais ertönen. Aber ein Vorhang nach dem andern reißt –« »Und Sie sehen nur Draht, Stricke und Kulissenschieber, der Dirigent fehlt.« »Sie haben doch einen König, der nüchtern blieb unter den Taumelnden, der nicht blasiert ist, ein scharfes Auge hat für das Unziemliche, der nicht den Esprit fort spielen will, um seine Frivolität zu entschuldigen und seine Unwissenheit zu verbergen. Er will das Gute –« »Gewiß! Und es überkommt ihn oft ein Schauer, in mancher Morgenstunde fühlt er, es kann so nicht mehr lange gehen. Aber von wem soll er erfahren, wie es gehen muß? – Keine Stände, keine Magnaten, kaum etwas, was einem Adel ähnlich sieht. Die Prinzen, was sind sie ihm? Die Polterer verträgt er nicht, die Genies sind seiner Natur zuwider. Unsre Minister kennen Sie, unsre Kabinettsräte noch besser. Sie leben nur in den Tag hinein, zufrieden, wenn sie bis morgen gesorgt haben. Er ist friedfertig, und alle Morgen präsentieren sie ihm eine Schüssel: ›Ruhe!‹ Mit Maßlieb und Vergißmeinnicht geschmückt: ›So sieht es bei uns aus, Majestät, und sehen Sie, wie es draußen aussieht, wo sie alles bessern wollten.‹« »Aber er ist Friedrichs Enkel!« »Grade der ist sein Spukbild. Wo es ihm zu arg wird, wo er darunterfahren möchte, es anders haben, sagt man ihm: ›Das hat doch unter Friedrich bestanden, und es ging ganz gut!‹ Oder gar: ›Majestät, das hat Friedrich selbst eingerichtet.‹ Dann erschrickt er; in seiner Bescheidenheit getraut er sich nicht, es besser machen zu können. Und dies heilige Gespenst wird dem jungen Fürsten grade von denen zitiert, welche vor seinem Geist in Staub und Asche versinken müßten. Es sollte mich nicht wundern, wenn der König einen förmlichen Widerwillen gegen seinen Großoheim einsaugte, so störend wird sein Bild ihm überall vorgehalten, wo er etwas Selbsteigenes durchsetzen will.« »Aber, mein Gott, Ihr großer König nannte sich Rex Borussorum, König der Preußen! Wo sind denn seine Preußen! Hat denn das Volk gar keine Stimme mehr, das ihn einst auf seinen Schildern trug? Oder war der Schmerzenslaut auf seinem Sterbebett eine Wahrheit? War der Große wirklich müde, über Sklaven zu herrschen?« Der Rat zuckte die Achseln: »Das ist eine Frage, mein Herr, über die wir die Antwort der Zukunft überlassen.« »Aber wenn keine Stimme, hat Ihr Volk auch keine Sinne mehr? Wo die Sturmglocken über den Kontinent läuten, wo der nächtliche Feuerschein von allen Seiten, der Brannstgeruch den Siebenschläfer aufwecken muß, schläft das preußische Volk allein da fort, begreift es nicht, was selbst jener verrostete General ahnt, daß es sich um Sein und Nichtsein handelt! – Wo der Geist schläft, wacht doch das Interesse. Für die Notdurft, den Vorteil ist auch im Sklaven der Sinn rege.« Der Eifer des Majors verwandelte das halblaute Gespräch oft in ein lautes. Der Regierungsrat hatte, mit vorsichtigem Blicke Wache haltend, den Eifer zu dämpfen versucht. Er setzte sich jetzt dicht neben ihn: »Mein teuerster Freiherr, rufen Sie alles hier an, nur nicht das Interesse. Wer soll denn wünschen, daß es anders wird? Sie befinden sich ja noch erträglich wohl, und die Kette klinkt auch noch ineinander, wenn man nicht zu stark dran reißt. Der Ertrag der großen Güter steigt, ihre adligen Besitzer zahlen keine Steuern, und ihr Wert läßt sich durch die bekannten Künste im Hypothekenbuch ins Enorme hinaufschrauben. Ein Krieg, und dieser Wert sinkt. Und sollen die Junker ihn wünschen, denen im Heere, am Hofe, selbst in der Regierung die obersten Stellen nach wie vor reserviert sind! So viel Bürgerliche sich auch dazu im Laufe eines Jahrhunderts aufgeschwungen, sie blieben Ausnahmen oder gingen da oben in die Klasse der Bevorzugten über. Sollen die Kaufleute einen Krieg wünschen oder auch nur eine Änderung? – Sie seufzen unter starken Abgaben, aber der Handel blüht, und sie werden reich. Die übrigen Staatsdiener werden zwar kärglich bezahlt, aber pünktlich. Wenn ein Krieg die Kassen leert, woher dann die Besoldung nehmen?« »Ist das Ihre ganze Nation! Haben Sie nicht Künstler, Handwerker, Männer der Wissenschaft, kleinere Grundbesitzer, Bauern, die unter einer drückenden Einteilung der Lasten seufzen?« »Sie seufzen wohl, aber sie sprechen nicht mit. Und wenn sie zu sprechen Lust hätten, so haben sie noch nicht zu denken gelernt. Mein Herr Major, Preußens Volkssinn steckt noch immer unter dem blauen Rocke. Und nun betrachten Sie auf den Wachtparaden diese schwerfälligen alten Offiziere, diese Pontacsnasen, diese Kapitäne, die kaum die Schärpe um den Leib pressen, in den sie drei Viertel ihrer Kompanie verschluckten. Sollen die Besserung wünschen, nach Neuerung verlangen? Ich gebe Ihnen zu, es sind nicht alle so, die Armee zählt schon viel jüngere Offiziere, voll Feuer, Eifer, Begeisterung –« »Aber die Begeisterung ist eine Fuchtelklingenbegeisterung«, unterbrach der Major, »und ihr Herz schlägt nicht fürs Vaterland, nur für das point d'honneur und den Esprit de corps –« »Halt, mein Herr, es gibt auch –« »Ich sah, ich hörte sie auf meiner Reise. Mir ward bange, wenn ich dachte, daß Preußen auf diesen Säulen allein ruht, und die Säulen sind unterspült und gelöst von der Erde, die sie tragen soll. Ich schauderte, wenn ich hörte, wie man überall vor den Soldaten die Schubläden und Türen verschließt, als wären es nur geworbene Landsknechte, nicht des Landes Söhne. Doch sei das, mögen sie noch Leibeigene sein, nicht dem Vaterlande, ihrem Kapitäne. Aber, allmächtiger Gott, welche Sprache mußte ich unter diesen hören in den Wachtstuben der Herren Offiziere. Wäre das Deutschlands Adel, so wäre er verloren, nur schmählicher als der Frankreichs; nicht unter der Guillotine, er stürbe an einem inneren, fressenden Schaden. In den kleinen Städten, wenn der Bürger dem Fuchtelexerzitium zusah, welche Urteile! Sie gönnen es den Junkern, daß sie recht tüchtig mal von den Franzosen geklopft würden. Und das mußte ich von guten Patrioten hören. Weiß man denn nichts davon hier? Ist man blind, taub, stumpf? Ist das nicht ein Zersetzungsprozeß, der den Blutlauf erstarrt?« Der Major empfand einen Stoß an seinem Ellenbogen: »Pst! Laforest wirft schon lange von seinem Ofen her beobachtende Blicke.« »Mag er es!« rief der Major aufstehend. »Lieber ihm in den Rachen, als da dem neuen Rhinozeros.« Das neue Rhinozeros war der eben eingetretene Legationsrat von Wandel, eine Sonne, die sofort ihre Trabanten hatte. »Ich kann den Menschen nicht leiden, ich weiß nicht warum«, sagte der Major. »Das geht anderen auch so, Herr von Eisenhauch, zum Exempel unserm Minister. Bovillard möchte ihn gar zu gern in unsern Staatsdienst ziehn, Exzellenz haben aber eine unwiderstehliche Aversion.« »Ist es denn wahr, daß er die sieben Adler von Napoleon hergebracht hat?« »So ist es.« »Dann ist's ja klar, er ist eine französische Kreatur.« »An dem Herrn ist mir noch nichts klar.« »Mir scheint er gefährlich.« »Ist's Ihnen darum zu tun, Aufklärung über den Punkt zu erhalten, lassen Sie uns zu Laforest gehen. Der Kreis um ihn lichtet sich.« »Sie warnten mich eben vor ihm.« »In seinem Rayon ist man wenigstens vor seinen Spionen geschützt. Es ist sogar gut, daß Sie sich ihm arglos zeigen.« »Wie sollte er aber dazu kommen, uns Aufschlüsse zu geben?« »Er gehört nicht zu den zugeknöpften Diplomaten. Überdem ist er jetzt satt. Bonapartes Gesandter hat, was er will, hier erreicht. Er kann den nonchalanten Plauderer spielen. Er kann nicht allein den Rock aufknöpfen, auch das Hemde aufreißen, damit wir seine Brust schlagen sehen. Die gewinnende Vertraulichkeit wird auch wohl noch zum Leimstock für eine harmlose Fliege. Wie vergnügt alle von ihm fortgehen! Trauen Sie keinem seiner Worte, und doch ist es möglich, daß er uns die reinste Wahrheit schenkt. Denn ob er mit ihr oder mit der Lüge uns täuscht, ist ihm gleichgültig. Übrigens weiß er alles, was hier geschieht, und früher und genauer als der Polizeipräsident. Was der König beim Frühstück geäußert, läßt er schon am Mittag chiffrieren. Er kennt die Anträge der Minister, die nicht bis zum Könige durchgedrungen sind, weil die Kabinettsräte Widerstand leisten, und ehe noch Seine Majestät eine Silbe davon erfahren, fliegt der Kurier damit schon nach Paris.« »Warum macht man Laforest nicht zum Minister des Auswärtigen ?« »Besser des Innern. Der russischen Fürstin ward vorgestern ein Brillanthalsband gestohlen. Die Polizei suchte umsonst. Er hat es gefunden. Gestern erhielt die Fürstin das Band, heut die Gerechtigkeit die Diebe!« »Oh, wer den Dieb, der Deutschlands Heiligtum gestohlen, der Gerechtigkeit überlieferte!« seufzte der Major. »Ob wir uns auch an die fremde Diplomatie werden wenden müssen?« Sechstes Kapitel. Der Diplomat . Die Unterhaltung mit Laforest ward natürlich französisch geführt. Der Gesandte pikierte sich dann und wann, eine barocke deutsche Phrase einzuschalten. Es klang so vertraulich und so abscheulich; er war von der besten medisierenden Laune. »Exzellenz scheinen sich zu amüsieren.« »Vortrefflich, où peut-on être mieux qu'au sein der illüstren Geister dieser Residenz.« »Die Dame des Hauses kann von besonderem Glück sagen, wenn Herr von Laforest so lange in ihrer Gesellschaft verweilt«, sagte Herr von Fuchsius. »Ein Gesandter muß beobachten.« »Da Preußen in den letzten Monaten in Brüssel und Paris war«, bemerkte der Major, »hatte Frankreichs Gesandter allerdings wenig aus dem verlassenen Berlin zu berichten.« »Sagen Sie das nicht, mein Herr Baron. Den Kaiser interessieren die inneren Bewegungen Ihrer Kapitale mehr, als Sie denken. Vor seinem durchdringenden Blicke ist kein Winkel in Madrid und Konstantinopel verborgen, aber in Deutschland, diesem Land der Ideen und Schulen, sind ihm überall Querzäune, Hecken und Gräben gezogen. Er hat sich oft darüber geäußert. Wenn er über Reuß-Greiz im klaren zu sein glaubt, gewahrt er plötzlich, daß es in Reuß-Schleiz ganz anders aussieht. Hier verehren sie Schiller, dort Goethe. Dort Kant, hier Fichte. Hier gilt schon etwas für Dummheit und Aberglauben, was dort noch gefährliche Aufklärung ist. Feine Konjekturalpolitik, logische Schlüsse reichen auf dies Land der Mannigfaltigkeiten nicht aus. Da stampft er mit dem Fuß, schreibt eigenhändig Marginalbemerkungen: Warum dies? Warum das? – Ein französischer Gesandter an einem deutschen Hofe müßte eigentlich erst auf deutsche Schulen gehen, wenn er alle Fragen des genialen Mannes beantworten wollte.« »Allerdings bequemer, wenn man auch Deutschland über einen Leisten scheren könnte.« Der Gesandte lächelte beifällig. »Er hat ein gutes Schermesser, wie Sie wissen, und was das übrige Deutschland betrifft, so kommt es ihm auf einige Höcker mehr oder weniger nicht an. Aber warum Ihr spezielles Vaterland sich noch zu Deutschland rechnet, das interessiert ihn. Diese intensiven Bande der Sprache, des Gefühls, der Poesie und Philosophie.« »Was ihm gewiß ungleich interessanter ist, als die Situation unserer Festungen und Straßen zu erhalten.« »Unbedenklich«, sagte der Gesandte, eine Prise nehmend, die verbergen sollte, daß er recht wohl bemerkte, wie der Rat umsonst dem Major einen Wink gab, seine Invektiven zu lassen. »Denn wenn es zum Kriege mit Preußen käme, was der Himmel verhüte und ich für unmöglich halte, so läßt der Kaiser, mein Herr, weder durch Terrainschwierigkeiten noch Festungen sich aufhalten. Der Kontinent liegt vor ihm wie eine Spezialkarte, er hat die Risse aller Festungen und die Kataster Ihrer Zeughäuser. Er weiß, wo er die Elbe passieren muß, um nach Berlin zu marschieren, er kennt sogar die Straßen, durch die er einrücken würde; aber Ihre Parteien, das muß ich gestehen, kennt er nicht.« »Auch nicht, wo ein solcher Beobachter ihn davon in Kenntnis setzt?« »Ma foi, ich kenne sie auch nicht. Denn Sie meinen doch nicht jene unruhigen Geister, die von der ehemaligen Herrlichkeit des Reiches deklamieren, von Arminius und Wittekind und – Thusnelda und deutschem Adel, zuweilen von Freiheit, zuweilen von der Liebe zu den angestammten Herrscherhäusern, und die überall konspirieren möchten im Namen der Religion und Tugend für ein Etwas, was nie gewesen ist! Verzeihen Sie, darüber berichte ich ihm wirklich nicht; er würde mich auslachen.« »Sind Seine Majestät der Kaiser so scherzhaft gestimmt?« »Er lachte wenigstens eines Tages, als Talleyrand ihn auf dir gefährlichen Tendenzen dieser adligen Tugendritter aufmerksam machte. ›Soll ich mich etwa um Commis voyageurs bekümmern, welche die verlegene Ware des feudalistischen Patriotismus an den Mann zu bringen suchen?‹ Aber als Freund möchte ich Ihnen, meine Herren, anraten, wo Sie etwa einen dieser Reisenden träfen, ihn zu warnen, daß er es nicht zu arg treibt. Der Kaiser, einmal in Harnisch gebracht, versteht keinen Spaß mehr.« Der Rat hatte die Hand des Majors rasch ergriffen, ehe dieser den Mund öffnen konnte. »Exzellenz haben ganz recht, es gibt unter uns keine Parteien, da wir alle dasselbe wollen, das Glück unseres Vaterlandes.« »Ganz wie in Frankreich!« sagte der Gesandte. »Wenn die Nationen sich nur verständen, so wäre die Erde ein Paradies.« »Und Diplomaten können viel dazu beitragen.« »Wie ich von Herrn von Laforest überzeugt bin, daß er nur Gutes und Wohlmeinendes über uns nach Paris berichtet.« »Was könnte ich anders! Apropos, da fällt mir ein, neulich konnte ich ihm nur Stoßseufzer berichten. Sagen Sie, was ist das für ein Weg von hier nach Tegel! Knietiefer Sand und Steine! Aus Erbarmen für meine Pferde mußte ich aus dem Wagen springen.« »Was führte Exzellenz nach Tegel?« »Sein expresser Auftrag.« »Napoleon sollte dies unbedeutende Dorf kennen?« »Im Kreise der Kaiserin war von der Staël die Rede gewesen, Madame Josephine suchte sie zu verteidigen gegen den sprudelnden Zorn ihres Gemahls – unter uns, Napoleon ist darin etwas kleinlich –, dabei kam man auf ihre Studien in Deutschland, auf Herrn von Goethe, der ein romantischer Poet und Minister zugleich sei, was Napoleon wieder nicht begriff, auf ein didaktisches oder dramatisches Poem desselben, Doktor Faust, auf die Illustration eines Hexensabbats, ich glaube, Walpurgisnacht, wo ein Vers vorkommt, der ja wohl heißt: Und dennoch spukt's in Tegel! Irgendein Germanomane muß wohl in der kleinen Sozietät gewesen sein, wie dem nun sei, der Kaiser ließ sich die Worte übersetzen und erklären. Das Spuken kann er nicht leiden, er meinte, es spuke überall in Deutschland, warum in dem Orte, von dem man ihm gesagt, daß er dicht bei Berlin liegt, was das zu bedeuten habe, was Tegel sei? Kurz, das Ende vom Liede, eine Anfrage an mich, ein Befehl, an Ort und Stelle zu untersuchen und zu berichten.« »Und Sie entdeckten nur den stillen Ruhesitz des großen Gelehrten, der wohl nicht auf den Kordilleres mit Ihrem Bonpland gegen den Kaiser konspiriert haben wird.« »Ein großer Mann pikiert sich in seiner Laune oft auf Kleines. Er traut Ihrem Könige wie seinem Busenfreunde, aber bei einem Spukhaus in Deutschland denkt er sogleich an Höllenmaschinen und Konspirationen des Herrn Pitt. Den Baron Humboldt ästimiert er sehr.« Der Major bemerkte: »Wahrscheinlich war dies das letzte Wichtige, was Exzellenz aus Berlin zu melden hatten.« »Im Gegenteil, Herr von Eisenhauch, was gab es nicht in den letzten Monaten zu berichten: Die Ansichten, die bedenkliche Stimmung im Publikum bei der Hinrichtung der Kindesmörderin. Es handelte sich dabei um Abschaffung der Todesstrafe, im Volk glaubte man es wenigstens. Wenn Preußen die Initiative ergriffe, glauben Sie nicht, daß der Kaiser mit Vergnügen darauf einginge? Dann die Frage, ob der Geheimrat Lupinus abzusetzen sei oder nicht. Welche anderen Fragen knüpfen sich nicht daran! Unter uns, Napoleon würde vielleicht kürzeren Prozeß gemacht haben; freilich je nachdem. Und dann die Exzesse in dem Hause der Obristin. Wie viele feine Hoffäden spielen da hinein, und ich muß gestehen, man hat es mit Takt applaniert. Der Kaiser war, wie ich Ihnen im Vertrauen sagen kann, darüber erfreut; an einem andern Hofe würde man in der verdächtigen Dame eine seiner Emissärinnen gewittert haben. Auch die Anwesenheit der vielen vornehmen Fremden geniert ihn gar nicht. Ginge es freilich nach Talleyrand, so hätten wir längst auf die Ausweisung der Fürstin Gargazin gedrungen. Sagt man nicht im Publikum, sie intrigiere für Rußland! Immerhin. Wir kennen Ihren König, Ihren Hof, Ihr Volk und Land und sind vollkommen ruhig!« »Was kann uns Schmeichelhafteres gesagt werden.« »Und was habe ich jetzt zu berichten über den Empfang des Monsieur Jean Paul. Muß ich nicht aus Gesellschaft in Gesellschaft, um nur Zeuge zu sein der Huldigung und Vergötterung des Poeten.« »Wenn Troubadoure wie die Rattenfänger von Hameln durch den Kontinent zögen, würde Seine Majestät Kaiser Napoleon sparen können an – Diplomaten, die beobachten, vielleicht auch an Armeen, die für ihn erobern.« »Mein Kaiser ist ein Eroberer, Sie haben recht, Major. Er ist dazu geboren. Glauben Sie aber nicht, daß er es vorzöge, wenn er den Embarras der Waffen sparen und die Herzen erobern könnte? Wenn die Deutschen doch ihre wahren Interessen verständen. Teilen wir! Der Kaiser erobert die Reiche dieser Welt und läßt dafür Ihre Nation schaffen und erobern allein in dem der Ideale und der Schönheit. Die Deutschen haben Überfluß an Produkten, und ihnen fehlt nur der Markt dafür. Den eröffnet er ihnen in seinem Weltreiche.« »Unser Dichter Friedrich Schiller sang schon von dieser Teilung.« »Ah, ich weiß, ein schönes Lied, vom Parnaß.« »Indessen hat uns Seine Majestät, Ihr Kaiser, auch schon mit etwas Irdischem beglückt. Sieben seiner höchsten Ordenszeichen allein für unsern Hof!« »Ich bin beschämt, eben zu hören, daß Seine Majestät, Ihr König, so schnell sich revanchieren will. Auch sieben seiner Schwarzen Adlerorden gehen nach Paris.« »In der Tat!« sagte der Major. »Ich möchte der glückliche Überbringer sein.« »Wie der Überbringer der kaiserlichen Auszeichnungen auch hier einer glücklichen Entree sicher ist«, setzte Herr von Fuchsius hinzu. »Nein, er hat das Bein gebrochen«, sagte der Gesandte. Rat und Major sahen sich verwundert an und dann nach dem andern Zimmer, wo der Legationsrat der russischen Fürstin eben die Pflegetochter des Hauses vorstellte. »Er scheint doch in voller Gesundheit auf seinen Beinen zu stehen.« »Ach, ein kleiner Irrtum, meine Herren! Ein Adjutant von Mortier war als Kabinettskurier hergeschickt. Er brach in einem Hohlweg unglücklicherweise Wagen und Bein, und da ihm zur Pflicht gemacht war, Depesche und Beilage an einem bestimmten Tage mir einzuhändigen, glaubte er ihr zu genügen, wenn er beides jemand überlieferte, auf den er sich verlassen könnte. Der arme Debeleyme liegt noch auf seinem Schmerzenslager auf dem Gute des Herrn von Wandel, der wirklich mit aufopfernder Güte und Kurierpferden den Auftrag statt seiner ausgeführt hat.« Rat und Major hatten aus der Antwort nicht erfahren, was sie wissen wollten, »Der Adjutant konnte sich also auf Herrn von Wandel verlassen?« sagte nach einer Pause der Major. »Ein Paket von Erfurt nach Berlin zu tragen! Das übergebe ich dem ersten besten Landreiter, der ein anständiges Trinkgeld einem gefährlichen Angriff auf bunte Blechwaren vorzieht.« Laforest lächelte: »Meine Freunde, wozu unter uns ein Versteckspiel, wo jeder dem andern in die Karten sieht! Sie wünschen zu erfahren, ob und in welchem Konnex ich mit Herrn von Wandel stehe? Wenn ich nun feierlich dagegen protestierte, würden Sie mir glauben? – Sie würden wenigstens sehr unrecht tun. Ich protestiere aber gar nicht dagegen.« »Sie geben ihn nur durch Ihre Erklärung bloß.« »Ich überlasse ihn Ihrer Divinationsgabe, denn meine ist bis dato noch an ihm gescheitert.« »So muß er Eure Exzellenz beschäftigen?« »En passant. Der Fürstin Gargazin drängt er sich auf, also gehört er nicht zu ihr. Ein österreichischer Agent ist er auch nicht, er spricht zuviel von seinen vertrauten Bekanntschaften am Wiener Hofe. Für englische Spione habe ich einen besonderen Takt. Aber –« »Vielleicht aus Spanien oder Schweden«, warf der Major ironisch hin. Ein eigenes Lächeln schwebte um die Lippen des Gesandten: »Warum nicht auch aus Frankreich. Ich bin nur der offizielle Gesandte, mag Talleyrand nicht auch einen geheimen für nötig halten, der mich beobachtet?« Hier war die Möglichkeit einer Wahrheit. Die Blicke der beiden gestanden es sich, und Fuchsius erwähnte, daß der Legationsrat, seiner Angabe nach, bedeutende Güter in Thüringen besitze. Interessierte er wirklich in der angegebenen Art den Gesandten, so mußte dieser sich darüber Aufklärung verschafft haben. Laforest ging auch sofort darauf ein: »Allerdings hat er sich dort angekauft; in einer Subhastation erstand er nicht unbedeutende Güterstrecken, man sagt indes, solche, die nie lange in der Hand ihres Besitzers blieben, weil sie, schwer belastet, kaum die Mühe der Kultur lohnen. Hier in Berlin will er sein, um mit den Männern der Wissenschaft einen Meliorationsplan zu entwerfen. Warum nicht! Er kann aber auch zu allerhand andern Geschäften da sein: um die Quadratur des Zirkels zu finden, Geister zu zitieren – das Wahrscheinlichste ist mir aber immer, um Geld zu machen. D'ailleurs Messieurs, diese Mystizismus duftenden Personen sind meiner Natur entgegen. Ich überlasse daher den Legationsrat, auf parole d'honneur , ganz wie er ist, Ihren Recherchen.« Wenn Wahrheit überhaupt in einem Diplomaten möglich ist, dachte der Major, so ist sie dies. Der Rat mußte dasselbe denken: »Da Bovillard ihn protegiert, lag es sehr nahe, zu glauben, daß er auch Exzellenz bekannter wäre, als wir jetzt hören.« »Wer steht denn dafür, wenn er ein Magier ist, daß nicht Bovillard der Protegierte ist und er der Protektor! Aber da fällt mir ein – wissen Sie schon, daß der junge Bovillard ihn heut auf Pistolen gefordert hat?« »Den Legationsrat! – Ach, es ist richtig, wegen jener alten Geschichte.« »Meine Herren, ist der junge Bovillard vielleicht Ihr Freund?« »Nichts weniger als das!« sagte der Rat, der über die Aufmerksamkeit verwundert schien, mit welcher Laforest den Gegenstand ihres Gesprächs zu beobachten schien. »Man findet es sonderbar, daß Herr von Wandel gleich nach der Affäre abreiste, und grade damals an Ort und Stelle seine Güter und so lange ameliorieren mußte.« Auch der Major hatte während des Gesprächs die betreffende Person scharf ins Auge gefaßt: »Ich sehe keine Veränderung in diesem eisernen Gesichte.« »Möglich. Naturen dieser Art sind mir, wie gesagt, fremd. Die Präparationen des Duells aber sollen mit der strengsten Verschwiegenheit vorgenommen werden. Beobachten Sie doch gefälligst, meine Herren, wenn Sie sich nachher in die Gesellschaft verlieren, ob schon andere davon wissen, ob der Legationsrat bekannte Personen in den Winkel zieht. Das sind freilich Bagatellen, aber aus Bagatellen lernt man einen Menschen kennen.« Der Seitensprung schien auf beide Herren keinen besonderen Eindruck gemacht zu haben; die Person des jungen Bovillard war ihnen gleichgültig. Auch die Aufmerksamkeit des Gesandten schien rasch auf andere Dinge übergegangen. Er sprach etwas von Sympathien und Antipathien, jene, weil sie sich chemisch auf ihre Elemente zerlegen lassen, kümmerten ihn nicht, woher aber komme die Idiosynkrasie, jener angeborne Widerwille, den die Vernunft umsonst bekämpfe? Wie alles Wunderbare finde er auch ihn in diesem Lande zu Hause. Aber er schien jetzt nur der Sympathie zu huldigen, indem er die Frauen die Musterung passieren ließ. »Herr von Fuchsius scheint mit besonderer Sympathie die schöne Pflegetochter des Hauses zu beobachten. Allen Respekt Ihrem Geschmack. Oder flattern Ihre Augen weiter; denn, man muß gestehen, es entfaltet sich ein unvergleichlicher Blumenflor. Das sind ja wohl Reichardts Töchter? Kann man anmutigere Bilder sehn! Dieser frische Hauch der Jugend, diese schwellende Rosenfülle! Wenn es zu einem Nationalkriege käme, sollten Sie Ihre Frauen in die Vorderreihen stellen. Der französische Soldat ergäbe sich aus Galanterie. Wer ist die junonische Schönheit dort?« »Exzellenz meinen die Herz?« »Nein, die den halben Rücken uns zugedreht.« »Baronin Eitelbach?« »Die!« Der Gesandte schielte mit sardonischem Lächeln über das Ofengesims. »Schön ist sie.« »Auch tugendhaft.« » Nous le verrons .« »Zweifeln Sie nicht daran, Exzellenz! Die arme schöne Frau hat keine andern Eigenschaften.« »Messieurs! Die Gelegenheit macht Diebe und Intrigen den Verstand. Geben Sie einer Deutschen die Erziehung einer Pariserin, versetzen Sie sie täglich in die Salons, wo der Verstand sich reiben und schleifen muß. – Der Witz sprießt von selbst heraus und – Ihre Landsmänninnen werden so liebenswürdig und intrigant wie eine Pariserin.« »Was die Baronin betrifft, so haben wir Grund, es zu bezweifeln.« »Meine Herren, was gilt die Wette, diese Dame, die jetzt für dumm gilt, hat in Jahr und Tag Esprit, sie wird interessant, witzig, das Stadtgespräch, vielleicht die Beauté, die Sonne der Gesellschaften.« Man sah Laforest verwundert an. »Die neuesten Mysterien von Berlin. Und es ist exakte Wahrheit.« Er zog sie hinter den Ofen und flüsterte, die Hand am Munde, etwas, was ihn selbst wenigstens angenehm kitzeln mußte, denn das Gesicht verlor im Erzählen den diplomatischen Ausdruck. »Qu'en dites-vous? Aber es bleibt ein Mysterium.« »Was sagen Sie dazu?« fragte der Regierungsrat, als Laforest sie verlassen. »Daß Berlin auf gutem Wege ist, Paris zu werden. Aber das riecht sogar nach Byzanz. Im Augenblick des höchsten Ernstes ein solches Spiel niederträchtiger Frivolität!« »Diese Menschen können nicht aus ihrer Natur.« »Was soll's mich denn kümmern, ob einer mehr noch einen Faden treibt in das Gewebe verstockter Torheit, niederträchtiger Gesinnung und liederlichen Willens!« »Sie müssen spielen, um zu leben.« »Man naht doch mit heiliger Scheu der Stätte, die ein großer Geist geweiht hat. Noch sind's nicht zwanzig Jahr, daß sein Auge leuchtete, seine Stimme tönte, und nun solche Kreaturen, wimmelnd im Dunstkreis seines Grabes! Sind das die Würmer, die an des Riesen Leichnam nagten? Oder, fragt man sich unwillkürlich, erschien auch der Riese uns nur so gigantisch in seinem Dunstkreise? Und war es anders, wenn man ihn im Schlafrock sah?« »Das ist eine fürchterlich ernste Frage, mein Herr von Eisenhauch. Seine Atmosphäre war vielleicht nicht angetan, um Männer zu erzeugen. Er sehnte sich nach ihnen in seiner tiefen Einsamkeit, aber sein scharfer Atem, das Feuer seines Auges ließ die Embryonen nicht aufkommen. Friedrichs Tafelrunde war für blitzende Geister und kühne Ritter, aber für Charaktere war doch kein Platz.« »Und wir brauchen sie, Männer – wenn nur einen , und der eine ist es auch nicht – eine verglaste Ruine, an der die Flamme nur noch zuweilen emporleckt, um die ungeheure Verwüstung zu zeigen.« Der Rat drückte ihm die Hand: »Trösten wir uns, daß die Zeiten verschieden sind. Eine jede gebiert das, dessen sie bedarf, also auch ihre Männer.« Sie verloren sich in der Gesellschaft. Fuchsius stieß an der Tür mit Laforest wieder zusammen, der, den Hut in der Hand, die Versammlung rasch verlassen zu wollen schien. »Wohin, Exzellenz?« »Zum Berichten.« »Was, wenn das Herz des Diplomaten noch geöffnet ist?« »Was Sie mehr interessiert als mich.« »Geht die Eitelbach in die Falle?« Der Gesandte flüsterte ihm ins Ohr: »Stein wird doch Minister.« »Eine Attrappe?« »Für den es trifft, übrigens eine neueste wirkliche Neuigkeit.« »Von Engeln Ihnen zugeraunt?« »Der russischen Fürstin.« »Und warum jetzt?« »Weil man keinen andern Finanzminister auftreiben kann. Nutzen Sie es, Herr von Fuchsius. Ein neuer Minister verspricht alles und gewährt zuweilen einiges, wenn man schnell dahinter ist.« Laforest verschwand. Siebentes Kapitel. Die russische Fürstin . Einfacher konnte man für eine große Gesellschaft nicht gekleidet sein als die russische Fürstin. Ihr Kleid schimmerte ins Graue, nichts von Brillanten, kein Geschmeide. Die glänzend schwarzen Haare scheitelten sich schmucklos um ein feines, ausdrucksvolles Gesicht, in dessen breiter als europäisch geschlitzten Augen zuweilen ein stilles Feuer glühte, das seine Strahlen aus einer schönern Welt zu borgen schien, und ein süß harmonisches Lächeln spielte dazu um die wohlgeformten Lippen. Sie mußte jedem etwas Angenehmes oder Interessantes zu sagen wissen, denn ein solcher Eindruck strahlte vom Gesicht derer, die von ihr gingen. Seit Laforest den Schauplatz verlassen, schien sie der Magnet geworden, welcher die Wandelsterne anzog. »Was hat die nordische Sibylle meiner Freundin vertraut?« fragte die Wirtin die Baronin Eitelbach. »Sie lächeln ja so vergnügt.« »I Gott bewahre, ich lache nicht. Sie hat mir nur gesagt – oh, es ist zum Totlachen!« »Gewiß eine Wahrheit. Das sehe ich auf Ihrem Gesicht.« »Sehn Sie auch in die Gesichter rein, Geheimrätin? Ich wäre sterblich verliebt, hat sie gesagt, oder wenn noch nicht, so würde es bald zum Ausbruch kommen. Ist das nicht zum Totlachen?« »Prüfen Sie Ihr Herz«, sprach die Geheimrätin, den Zeigefinger erhebend, und entfernte sich in der Richtung nach dem neuen Zauberkreise. Die Anwesenheit der Fürstin war ihr zwar angenehm, sogar sehr angenehm, es war die vornehmste Frau in ihrer Sozietät. Aber was sie Laforest vergab, war ihr hier nicht mehr angenehm; die Fürstin zauberte zuviel. Herr von Wandel stand neben der schönen Frau, die an ihrer Schärpe zupfte. Er hatte das Gespräch behorcht: »Prüfen Sie Ihr Herz!« wiederholte er mit sanfter Stimme. Sie fuhr etwas zusammen. Ein Wort des Vorwurfs schien auf ihren Lippen bereit, aber mit so zutrauenerweckendem Blick sah der ernste Mann sie an. Er hatte es nicht böse gemeint, und er spaßte nicht. »Wir stehen den jungen Leuten hier im Wege«, sagte er und bot der Baronin den Arm, um sie von der Tür in das nächste Zimmer zu führen. Sie ließ sich führen. »Was Sie da sagen«, sagte sie nach einer Weile, »ist sehr schön gesagt, aber –« »Sie wollen mich nicht verstehen. Die wahre Tugend hat das mit der wahren Schönheit gemein, daß sie ihren Wert nicht kennt, und weil sie ihn nicht kennt, begreift sie nicht die Wirkungen, die sie auf andere ausübt.« »Das hat mir aber noch kein Mensch gesagt«, sagte sie, »und mein Mann am wenigsten.« »Ei, wer wird denn zum Verräter werden! – Die Knospe weiß nicht, daß sie zur Blume sich entfalten wird, und wenn es ein Zauberer ihr verriete, wer weiß, ob die Rosenblätter dann so rot aufgingen! Das Nichtbewußtsein ist es, was der Blumen Farbe und Duft nährt, die süße Scham, daß sie sich selbst dem Lichte zeigen werden. Dies das Mysterium der Natur und der Liebe, meine Gnädige.« »Sie sprechen ja ganz wie Jean Paul!« »Wäre der vielleicht der Glückliche!« Die Baronin bat ihn, mit seinen Überschwenglichkeiten innezuhalten, und wollte sich doch ausschütten vor Lachen. »In Jean Paul sind wir alle verliebt.« »Eine doch vielleicht mehr als die andere. Prüfen Sie Ihr Herz!« wiederholte der Legationsrat mit einem ernsten Tone. »Na, ich bitte Sie, Herr Legationsrat. Sie denken doch nicht im Ernst? Man macht es mit wie die andern. Jean Paul –« »Wer spricht von Jean Paul! Er reitet nicht und macht nicht Fensterparade.« Die Baronin öffnete ihren schönen Mund, was ein Zeichen des Erstaunens war, dem die Worte fehlten, weil eigentlich der Gedanke fehlte. Er drückte ihre Finger an seine Lippen, und indem er sich mit ihr erhob, sagte er leise: »Wenn dies Herz am Altar der Grausamkeit geopfert hat, so sein Sie wenigstens menschlich grausam, zeigen sich nicht immer mittags am Fenster Ihr Köpfchen zwischen den Balsaminentöpfen. Das nährt die Hoffnung, die Sie nicht erfüllen können.« »Das tue ich ja immer.« »Und weil er das weiß, reitet er immer vorüber.« »Wer? – Sie meinen doch nicht die Dragoner und die Gendarmen, die marschieren immer nach der Parade durch unsre Straße. Ihre Musik ist gar zu schön, und die Uniformen –« »Der Dragoner – und auch der Gendarmen«, setzte der Legationsrat mit Betonung hinzu. »Herrgott, Sie ängstigen mich, Legationsrat, wer sieht denn nach mir rauf?« »Machen Sie eine Badereise. Vielleicht vergißt er Sie.« »Wer? Wer? Sie Quälgeist!« Der Legationsrat hielt die schöne Hand noch immer in seiner und blickte so sinnig fragend zu ihr herab: »Sollte das Verstellung sein? Nein, dies seelenvolle Auge kann nur der Spiegel der innern Wahrheit sein.« »Sie meinen doch nicht den Lieutenant Kleist oder den Fähndrich Kaphengst? Mit dem hab ich ja noch gespielt als Kind, und der ist mein Neveu .« »Sie spielen ein gefährlich Spiel mit ihm – das Spiel des Zornes, gnädige Frau. Eine Frau darf nicht hassen.« »Wen hab ich denn gehaßt, ich wüßte niemand.« »Nennen Sie es Antipathie, Widerwillen, wie Sie wollen; sobald die Abneigung zur Leidenschaft wird, hat sie etwas – Interessantes, Lockendes. Mancher Kranke, der eine Medizin mit Widerwillen nahm, schlürft sie zuletzt mit Leidenschaft. Ja, hätten Sie ihm gleichgültige Verachtung gezeigt! Aber Sie exportierten ja Ihre Antipathie. Das darf eine Frau nie tun! Sie ließen ihn merken, wie schon seine Gegenwart, sein Anblick Ihnen zuwider war. Das, von einem Weib, reizt den Mann. Er kann sich rächen wollen. Das sind unedle Naturen. Aber gehaßt zu werden von einer schönen Frau ist ein berauschendes Gefühl. Es stachelt unsre Eitelkeit, wir sinnen nach, welche unsrer Eigenschaften denn diese Leidenschaft in dem schönen Gegenstande geweckt haben kann.« »Herrgott, Sie meinen doch nicht?« »Namen nenne ich nie. Wenn Sie ihm den Rücken kehren, sieht er nur Ihre schöne Taille, wenn Sie die Schleppe verächtlich um den Arm schlagen, nur den gerundeten Ellenbogen. So wissen Sie nicht, daß Sie in jeder Bewegung, die Ihre Abneigung deployieren soll, einen Köder auswerfen, und statt ihn abzustoßen, fesseln Sie ihn.« Die schöne Frau warf einen Blick ins Leere, und er traf die Wahrheit. Momente gibt es, wo sie in jeder Natur durchschlägt; aber es sammelten sich zugleich eine Masse Erinnerungen, die ihr Auge jetzt trübten, jetzt einen Strahl des Zornes entzündeten, und es platzte heraus: »Wie das Porzellanservice aus Meißen ankam und der Spediteur es so schlecht verpackt hatte, und mehr als die Hälfte war auf dem Transport zerschlagen, vierhundertfunfzig Taler der Schaden, und Gott weiß, welche Mühe es gekostet, daß ich meinen Mann dazu gekriegt! Und war nicht versichert! Da sollten einem wohl nicht die Tränen ins Auge treten, ich möchte heute noch weinen, und er – lachte, ja, das hat er, sich ordentlich geschüttelt! Oh, er hat ein schlechtes Herz. Ich hab's ihm aber gesagt, das kam aus einem boshaften Gemüt. Und voriges Jahr noch in der Gesellschaft bei den Leuten – i mein Gott, Sie kamen ja auch noch nachher –, da nahm er mir ja den Stuhl vor der Nase weg. Ich begreife gar nicht, wie man so grob sein kann und so maliziös.« »Vor andern. Wer sieht ins Herz!« »Er pustet ja ordentlich vor Selbstgefälligkeit. Glaubt er, alle Frauen müßten sich in ihn verlieben, wenn er den Bart streicht?« »Das ist ein eigen Kapitel, meine Freundin, von der Sympathie und der Antipathie. Ich kenne den Herrn Rittmeister nicht, ich weiß nur –« »Daß mir ordentlich wohl ist, wenn ich ihn in einer Gesellschaft nicht treffe.« »Ob ihm aber wohl ist? – Sie sahen nicht, wie er nach jener Gesellschaft, wo er Sie so auffallend beleidigt, Ihnen immer von fern folgte, wie er wartete, um Sie einsteigen zu sehen; wie er, als der Wagen vor Ihrem Hause vorfuhr, schon durch Quergassen schneller dahin gekommen war, und an der Ecke, im Mantel verhüllt, sah er Sie aussteigen! Mich dünkt, Sie sahen sich um und wandten schnell den Kopf –« »Ich erinnere mich nicht.« »Sie müssen ihn gesehen haben. Wenn da grade nicht, doch ein andermal. Entsinnen Sie sich nur. Man kann sagen, er folgt Ihnen auf Schritt und Tritt, vielleicht unwillkürlich.« »Sie erschrecken mich, Herr von Wandel. Der Mensch lauert mir auf, um mir einen Affront anzutun.« »Das will ich nicht hoffen.« »Aber, ich bitte Sie, 's ist ja rein unmöglich. Wer sich so vor den Menschen beträgt, was kann der Gutes im Schilde führen!« »Der unerklärte Trieb unserer Natur, der ewige Zwiespalt unserer selbst, das Licht und der Schatten, der Ahriman und der Ormuz, daß wir schaffend vernichten, vernichtend schaffen. Wenige, die sich über diesen Zwiespalt erheben, die dies Rätsel der Natur gelöst. Sie selbst, meine teure Freundin, werden dies oft empfunden haben. Ihr sinnend Auge gibt mir die Antwort.« Darüber sann nun zwar die Baronin nicht nach, aber sie entsann sich, wo der Rittmeister ihr in den Weg getreten war, und sie kam zum Resultat, daß es in letzter Zeit öfter geschehen als früher. Sie glaubte auch sich zu entsinnen, daß er sich nicht so grob benommen wie früher. »Sie meinen also, er wird jetzt höflicher sein?« »Im Gegenteil. Er wird um so kälter und schroffer sich zeigen, als er in sich glüht und weich ist. Weil er sich, in seinem falschen Stolze, dieser Affektion noch schämt, setzt er einen Trumpf drauf, sie in schlimmern Trotz zu verstecken.« »Mein Gott, aber was soll ich da tun?« »Wenn Sie klug handeln wollen, nichts.« »Wenn er mich aber wirklich verfolgt! – Am Ende haben Sie mich doch zum besten!« »Seh ich wie ein Spötter aus! Wenn Sie in seinen Leiden einen Ersatz suchen für die Kränkungen, so wird Ihre Rache bald gesättigt sein. Ein solcher innerer Kampf verzehrt. Mich dünkt, Herr von Dohleneck sieht schon jetzt blasser aus. Es wird Ihnen nicht entgangen sein, daß er in seiner Kleidung nachlässiger ist. Wie unstet ist sein Blick! Wenn er krank würde, das wäre noch das beste. Oder das Feuer bricht plötzlich heraus. Einen Exzeß besorge ich nicht, weder ein Attentat gegen Ihre Person – auch keinen Selbstmord. Nein, er ist von zu guter Familie. Und wenn er plötzlich mit einer Liebeserklärung vorbricht, so werden Sie ja selbst am besten wissen, wie ihm antworten. – Aber, wie gesagt, meine Gnädigste, ängstigen Sie sich ja nicht. Es kann ja alles besser werden, als wir denken, die Zeit heilt viele Wunden, und sein Penchant geht vorüber. Mein Gott, ich kann mich ja auch irren. Nur würde ich Ihnen, wenn es mir erlaubt ist, anraten, mehr die Unbefangene zu spielen. Heiter, heiter! als bemerkten Sie nichts, raillieren Sie ihn, das bringt Verliebte am besten aus der Fassung; und dann beobachten Sie, Ihrem feinen Blick kann es nicht entgehen. Wie gesagt, ich kann mich ja geirrt haben.« »Dieser Mensch begegnet mir überall,« sagte der Major an einer andern Stelle zum Regierungsrat, »wie ein eiskalter Luftzug. Undurchdringlich im Gespräch, alles wissend, jedem Gefühl verschlossen. Ich bin jetzt zu glauben geneigt, daß Laforest wirklich kein Bohrloch in dieser glatten Wand gefunden.« »Und doch sehen Sie, welches Leben er in die schöne Bildsäule gehaucht! Man möchte erfahren, was der Magus mit ihr sprechen konnte.« »Sollte er in der frivolen Intrige mitspielen? Sie waren nachher in eifriger Konversation mit ihm.« »Eifrig?« »So war seine Miene.« Fuchsius lächelte: »Er fragte mich, ob das Vermögen von ihr oder von ihm käme. Von Heims neuer Wunderkur, von der Legierung des Platina und von der neuesten Liaison der Unzelmann. Das war ein Teil unseres Gesprächs, das glatt wie ein Aal dahingleitete. Nähern wir uns der Sibylle. Jetzt spricht er mit ihr.« »Auch nur en passant.« Die Sibylle schien einen Köcher von Liebespfeilen ausgeschossen zu haben; oder waren es wirklich sibyllinische Sprüche, was der Physiognomie der andern einen so besondern Ausdruck gab! Doch hatte jene plötzlich allen den Rücken gekehrt, um der Wirtin ihre ganze Aufmerksamkeit zu schenken. » Elle est une merveille d'amabilité !« versicherte der Geheimrat Lupinus von der Vogtei, beide Hände als Schallrohr vor dem Mund, denen, die ihm entgegenkamen. »Pleine de grâce, et d'une sagesse, s'il m'est permis de m'exprimer ainsi presque éthérée. Et un savoir-faire! Voller Anmut, und von einer, wenn ich mich so ausdrücken darf, fast übersinnlichen Klugheit. Und eine Gewandtheit! « »Na warum denn?« sagte der Doktor Markus Herz, der ihm in den Weg getreten kam und nicht Platz machte. »Mon ami!« rief Lupinus. »Elle a une pénétration parfaite, elle lit dans votre cœur comme dans un livre ouvert. Mein Freund, sie hat einen vollkommnen Durchblick, sie liest in Ihrem Herzen wie in einem offenen Buche. « »Auch in Ihrem, Geheimrat?« fragte der Arzt, seine Hand auf Lupinus' Schulter legend. »Elle connaît tout le monde, elle enchante tout et est enchantée de tout. Sie kennt alle Welt, sie entzückt alle und ist von allem entzückt. « »Auch von Ihnen! Na hören Sie, dann ist sie mehr als ein Wunder – ein Meerwunder.« »Immer der liebenswürdige Satiriker. Mais quant à la beauté , Madame Herz kein Vergleich. Elle est la beauté même et aussi pleine de sagesse .« Die Fürstin hatte ihren schönen Arm halb um die Wirtin geschlungen, ihr für den vergnügten Abend zu danken: »Aber das Beste entziehen Sie mir so lange.« Die Lupinus bedauerte, daß der Dichter noch immer auf sich warten lasse; gewiß sei es ein plötzliches Hindernis, was die Ankunft, der alle Herzen entgegenschlügen, nur verzögere. »Ich kann die Spannung begreifen«, entgegnete die Fürstin, »ob er aber die Erwartung befriedigen wird! Es kommt sehr auf die Laune an, in der er ist. Aber ich meine jetzt unsre teure Wirtin, die freilich der Gesellschaft angehört, und ein einzelner Gast wäre unbescheiden, wenn er mehr fordert, als auf seinen Teil ihm zukommt.« Die Geheimrätin meinte, sie habe nicht den andern im Lichte stehen wollen, und besonders vor einem, nach dem alle unwiderstehlich sich gezogen fühlten. Ohne auf das Bittere zu achten, was sich dem Kompliment unwillkürlich beimischte, sah mit einem innigen Blick die Fürstin sie an: »Wozu diese Gemeinplätze zwischen uns! Sie sind eine Märtyrin, und Ihr ganzes Leben ist ein Opfer. Ich weiß ja alles, und ich betrachte mit einer bewundernden Teilnahme Ihr stilles Wirken der Resignation. Was kann Ihnen diese Gesellschaft sein? Sind Sie nicht mit sich selbst, mit Ihren Büchern immer in einer bessern? Und alle diese Embarras nur, um andern Freude zu machen!« Die Lupinus protestierte dagegen. Sie kannte die Fürstin noch zu wenig. Sie wußte nur, daß sie vertrauten Umgang mit Elise von der Recke gepflogen, daß die Jünger der romantischen Schule bei ihr Zutritt hatten, man sagte auch, daß sie der katholisierenden Richtung dieser Schule huldige. Sie antwortete mit der Banalphrase, daß andern Freude bereiten selbst Freude schaffe. Die Fürstin streifte darüber hinweg wie über ein Etwas, was keiner Erwidrung bedurfte. Aber es lag keine Beleidigung in ihrem Blick. »Ihr ganzes Opferleben fühl ich in mir selbst wieder«, sprach sie, sich in die Ottomane zurücklehnend, auf der beide in einer Nische Platz genommen. »Ich fühle es wieder, obgleich mir, was die Welt ein glücklicheres Los nennt, beschieden war. Der Fürst, mein Gatte, verstand mich, ich verstand ihn. Ich brauchte nicht ängstlich vor der Welt den Schirm vorzuhalten, damit man seine Schwächen nicht gewahre. Er war kein eminenter Geist, kein Gelehrter, er liebte das Leben und trank seine Genüsse wie den Schaum des Weines, er war, was die Welt nennt, ein vollkommener Lebemann; aber ohne Arg, grade wie er war, gab er sich. Da mußte die Vorsehung nach einem kurzen Glück – Wozu Elegien an einem so frohen Tage! Es war so besser, für ihn, für mich.« »Wo sollte das hinaus!« dachte die Geheimrätin. »Mein Mann ist –« Die Fürstin unterbrach sie aber mit einem sanften Händedruck: »Ich frage mich oft, warum müssen diese Kräfte durch Anstrengungen gehemmt werden, die nie eine andre Frucht tragen können als einen Schein? Denn Ihren sonst so trefflichen Mann werden Sie doch nicht gesund machen, ich meine, so gesund, daß er sich wieder ins Leben taucht!« »Ich versuche wenigstens, es ihm so angenehm wie möglich zu machen. Seine Ansprüche sind so bescheiden!« »Das weiß ich. Aber ist das eine Aufgabe für eine Frau Ihres Geistes! Sein Glück ist gemacht, indem Sie ihn in seiner Assiette sich selbst überlassen. Sie könnten doch, frei, sich mehr Ihren eigenen, edleren Trieben überlassen. Freilich haben Sie sich eben wieder eine neue Sorge auferlegt, die Sie ganz absorbiert, doch wer wollte da ein Wort gegen sagen! – Aber nun bewundere ich Sie wieder, wie Sie sich auch der Familie Ihres Mannes annehmen. Dies Festin ist doch auch gegeben, um Ihren Schwager gewissermaßen in der Gesellschaft wieder zu retablieren.« Die Geheimrätin seufzte: »Man muß doch für seine Familie leben!« »Das ist ein schöner Zug im deutschen Gemütsleben!« »Wo der Staat seine Ehre anerkannt hat, darf die Familie sie nicht sinken lassen.« »Hoffen Sie, daß er wieder den rechten Weg finde, der arme Irrende?« »Das hoffe ich nicht –« »Man muß nie eine Hoffnung aufgeben. Aber sehn Sie da – sie ist reizend! Und welche Gruppe, diese beiden Frauen! Zum Malen!« Ihre Blicke hafteten auf Adelheid, die mit der Doktor Herz im Nebenzimmer sich unterhielt. Die Fürstin schwärmte in dem Lobe ihrer Schönheit. Es war mehr als Malerei, sie lebte in der Schilderung mit, ihre nervösen Bewegungen verrieten es. »Hier kann man den Unterschied von Schönheit und Schönheit studieren. Madame Herz ist gewiß eine vollkommne, aber ihr fehlt etwas.« »Der Kopf ist zu klein für die junonische Gestalt«, sagte die Geheimrätin. »Ich betrachte sie nicht als Skulpteur. Die Psyche ist's, die mich interessiert, wie das innerste Sein knospet und blüht in der Erscheinung! Aber Sie mögen recht haben, liebe Frau, aus dieser edlen, großen Gestalt schoß nicht mehr auf als ein kleiner Kopf, weil es an dem Feuer gebrach, das eine gebietende Stirn, eine Jupiternase, schwellende Lippen, das schwimmende, überwältigende Auge schafft.« »Die Herz ist passiv, aber sehr intensiv.« »Qu'importe!« »Und tugendhaft.« » C'est ça. Par son naturel . Aber sehn Sie, trotz des orientalischen Nimbus, ich frage Sie, könnte ein Maler aus dem Gesicht eine Heilige machen? Nimmermehr, ihm fehlt die Sinnlichkeit. – Sie bewegt sich – jetzt recht lebhaft – drückt ihre Lippe es aus? Verrät es das Auge? – Und nun dagegen Adelheid! Eine unwillkürliche Bewegung ihres Füßchens, und die Lippe spricht es aus, das Grübchen am Kinn. Elastisch die ganze Figur, aber das Gesicht die Blüte. Wenn ich nichts als das Gesicht sähe, wollte ich mir ihre ganze Gestalt konstruieren. Oh, Sie müssen eine wahre mütterliche Freude an dieser Akquisition haben.« »Wenn sie meinen Erwartungen entspricht. Ihre Erziehung entsprach den beschränkten Sphären ihres elterlichen Hauses. Es müssen viele Gewöhnungen, vulgäre Ansichten ausgetrieben werden –« »Nichts austreiben, um Gottes willen nichts austreiben, teure Frau!« »Ihr fehlt das Sublime. Ich sehe noch immer durch alle ihre Reize den Ton, aus dem sie gebildet. Aus ihren ästhetischen Urteilen platzt zuweilen eine Natürlichkeit, über die ich erschrecke. Daß die Herz sich für sie interessiert, ist mir lieb; ich hoffe, sie soll aus ihrer Konversation lernen. Manches Eckige, Erdige wird sich abschleifen, um dem Sinnigen Platz zu machen.« Die Fürstin sah sie verwundert an, aber die Mißbilligung, die in ihrem Blicke lag, ging in ein Lächeln über: »Nicht die Herz! Keine Hofmeisterin! Die Herz würde ihr schöne Maximen predigen! Oh, keine Predigten! – Sie zur Tugendpuppe erziehen, das heißt eine Natur verderben, wie sie nicht oft aus Gottes Schöpfung hervorgeht.« »Ich meinte auch nicht grade eine Klostererziehung.« »Dies pulsende Blut will sein Recht. Der Schöpfer träufte es in unsre Adern, wie er die Sonne in den Ätherbogen warf, wie er der Traube Blut gab, uns zu berauschen. Wer nie berauscht war, nie im Wirbel der Leidenschaft taumelte, wer nie die Wonne dieser Erde kostete, der kann auch nicht die Wonne der himmlischen Seligkeit empfinden.« Ihr schönes Auge glänzte so seltsam dabei, während sie starr nach der Decke sah. Nach einer langen Pause stand sie auf und strich tief aufatmend ihren Scheitel mit beiden Händen. Sie lächelte schelmisch die Geheimrätin an: »Nicht wahr, ich habe recht viel dummes Zeug gesprochen? Vergessen Sie es und entschuldigen mich. – Aber als ob ich mich vor Ihnen zu entschuldigen brauchte, vor einer Frau, die ja auch weiß, wie der Geist so oft sich von dem Körper trennt, und die Seele hinfliegt in Räume, wohin das Auge nicht dringt. – Aber kommen Sie schnell unter die andern, wir kommen ins Gerede. Wenn man auch etwas anders ist als die andern, um Gottes willen, man muß es ihnen nicht verraten!« »Wo sehen Durchlaucht plötzlich hin?« »Ich –« Die Fürstin errötete leicht und flüsterte ihr ins Ohr: »Mir war's, als sähe ich Jean Paul dort über den Gendarmenmarkt kreuzen, um schneller hier zu sein. – Da unterhält sich ja der Herr von Fuchsius sehr lebhaft mit Ihrer Tochter. – Ei, ei, selbst der ernste Major Eisenhauch widersteht dem Magnete nicht und vergißt auf einen Augenblick seine großen Vaterlandsgedanken. Ich besorge, meine Freundin, Ihr Haus wird bald wie Troja aussehen.« »Sehn Sie eine Zerstörung voraus?« fragte die Lupinus. Der Clairvoyantenblick der Fürstin hatte sie etwas verstimmt. »Nur die Helena, um die ein trojanischer Krieg entbrennen wird. Sorgen Sie bald, wenn Sie dem entgehen wollen, für eine anständige Partie. Der Regierungsrat ist ein junger Mann, dem eine gute Karriere bevorsteht.« »Herr von Fuchsius sieht nach Vermögen. Es ist nur Galanterie. Ich werde indes ein wachsames Auge haben.« »Wozu! Laßt doch die Schmetterlinge spielen. Die Jugend ist so kurz! Und was sagen Sie zum Legationsrat?« »Der –!« Das Wort schien der Geheimrätin auf der Lippe zu ersterben. »Er und das Kind?« »Sie haben nicht daran gedacht. Es ist auch so besser.« »Durchlaucht kennen ihn? Er wird von so vielen verkannt.« »Die Bestimmung jeder Größe! Sie fühlt sich nur zu Gleichgesinnten hingezogen. Es täuschten mich auch vorhin wohl nur einzelne Blicke. Es war Elise, die mir ihre Beobachtungen mitteilte. Ach, die gute Recke dachte vielleicht an ihr eigenes Verhältnis mit Cagliostro.« »Cagliostro!« wiederholte die Lupinus. »Cagliostro war doch vielleicht mehr, als wofür die Welt ihn jetzt erkannt haben will, meine Freundin. Er mußte fallen, wie viele gefallen sind, weil – passons là-dessus! – Unsre große Katharina war in diesem Punkte eifersüchtig. – Es ist mir recht verdrießlich, daß Herr von Wandel der Affäre wegen mit dem jungen Manne – nicht wahr, Bovillard heißt er? – in Verwickelung gekommen ist. Und wie ich höre, stellt er Adelheid nach. Das muß für Sie doppelt peinlich sein.« »Ich hoffe, Durchlaucht, das wird nichts auf sich haben. Der wüste Mensch soll uns nicht länger stören.« Die Fürstin sah sie fragend an: »Blutdürstig, meine sanfte Freundin! Der Lauf der Kugeln ist zweifelhaft. – Das war auch nicht Ihre Meinung.« »Durchlaucht, dieser Mensch ist inkorrigibel.« »Desto besser. Lassen Sie ihn fortsündigen. Grade über diese Sünder, die ihr Ohr der Stimme der Vernunft verschlossen haben, zuckt schon ein anderer Strahl. Da tun wir nichts bei, das kommt mit einem Male. Was wäre die Welt mit ihren gaukelnden Marionettenpuppen, die das grelle Schauspiel von Eitelkeit, Verkehrtheit, Ungerechtigkeit und Sünde vor uns aufführen, wenn wir nicht wüßten, daß plötzlich eine unsichtbare Hand aus den Wolken fährt, und zerstört ist ihr Spiel. Ein Licht zuckt herab, und die Irrenden sehen den Abgrund, vor dem sie stehen. Warum den jungen Wüstling gleich aufgeben, opfern wollen; da gibt es ja tausend Mittel. – Nur keine öffentlichen Schritte. Es läßt sich so vieles unter Hand abtun, eben wenn man Freunden vertraut. Freunden haben Sie ja nur zu winken. Kommandieren Sie auch über mich. Apropos, ich habe viel von dem jungen Lehrer gehört, ein origineller Charakter, sagt man. Wo ist er? Stellen Sie mir ihn vor.« »Er ist nicht hier. – Für unsre Gesellschaft –« »Würde er keine Augen haben, nur für seine schöne Schülerin. – Sie sehen mich an. Wie? Soll er sein Blut in Eis verwandeln, oder spielt die Geschichte von Abälard und Heloise nur in der grauen Vorzeit! Ach, eine reizende Geschichte, aber wenn Sie dieselbe nicht wiederholt sehen wollen, müssen Sie auch da achthaben, mehr als nach außen das Auge wach! Ja, teure Frau, die Obliegenheiten einer Mutter sind groß. Sie haben eine halb Gefallene aufgerichtet, aber wer sich vor dem Fallen noch fürchten kann, ist stets dem Fallen nah. – Oh weh! da fällt Ihr Diener – ein Glück, daß der andere ihm das Präsentierbrett hielt. Der arme Mensch ist krank –« »Aber Johann, wie konnte Er auch!« fuhr die Geheimrätin auf. Der Diener hatte sich wieder erhoben und, es schien, erholt. Er versicherte es wenigstens und wollte sich nicht hinausschicken lassen; es sei eben nur ein Schwindel gewesen. Die Geheimrätin versicherte der Fürstin, sie habe so viel Lohnbedienten angenommen, daß Johann gar nicht nötig gehabt, selbst zu servieren; er habe es nur aus Eigensinn getan. »Oder Furcht, daß seine Herrschaft ihn für entbehrlich hält«, sagte die Fürstin. – »Wie liebreich Adelheid ihm zuspricht! Sie hat ihn überredet, sie schickt ihn hinaus. Bravo! Hören Sie! Herren und Damen sind entzückt, sie muß etwas Seelenvolles gesagt haben.« Die Geheimrätin fand sich allein. Auch die Fürstin war zu denen geeilt, die Adelheid mit ihrem Beifall überhäuften. Die Geheimrätin fand sich sehr allein. Nur Diener, auf den Tag gemietet, in Livreen, frisiert oder noch in Perücken, bewegten sich in den Zimmern, mit den Vorbereitungen für die Abendtische beschäftigt. Sie kannte mehrere von ihnen nicht. Der eine schien im Vorübergehen einen seltsamen Blick auf sie zu werfen, zwei dunkle Augen, aber er wandte sie rasch auf die Teller, die er trug. Ward sie beobachtet, hatte man auch in ihre Gesellschaft Lauscher geschickt, von seiten der chlairvoyanten Gesandten oder Gesandtinnen? – Sie wollte in den Saal. Aber der Fürstin nacheilen, welche ihr eben so brüsk den Rücken gedreht! Sie umfaßte Adelheid. So hatte die Gargazin auch sie vorhin umfaßt. Sie zog sie auf ein Kanapee, sie spielte mit ihrer Hand; sie sagte, sie flüsterte ihr tausend schöne Dinge ins Ohr. Adelheids Gesicht glühte. Oh, sie war weit liebenswürdiger, lebhafter, zuvorkommender gegen die Tochter als gegen die Mutter. Alle gruppierten sich, näher oder ferner, um diesen Mittelpunkt. Nach der Wirtin sah niemand, es kam niemand in den Sinn, daß sie abgeschlossen war. Der Legationsrat stand in einer Fensternische, weit jenseits, die Arme unterschlungen, und beobachtete die Gruppen, sein Gesicht unbeweglich wie immer; aber als der Strahl seines Auges sie traf, glaubte sie in dem Auge eine an sie gerichtete Bemerkung zu lesen. War es ein Vorwurf, Bedauern, Mitleid? »Warum sich der Gesellschaft entziehen, ma belle-sœur?« rief der Geheimrat Schwager, der, zufällig aus einem hinteren Zimmer kommend, der Wirtin entgegentrat, als sie die beste Partie ergriff, weil kein Mensch sich um sie, sich auch nicht um die Menschen zu kümmern, sondern um die Teller und Tische. »Weil ich überflüssig bin«, war die kurze Antwort, mit der sie an ihm vorüberstreifte. Wenn er an Ton und Art noch nicht gemerkt, daß sie auch ihn für überflüssig hielt, ward er auf der Schwelle zum Saal daran gemahnt, als die Fürstin am Arm des Legationsrates über die Schwelle rauschte. Wenn es nicht grade mit dem Ellenbogen geschah, fühlte er sich doch durch Blick und Bewegung mit seiner ganzen Persönlichkeit beiseite geschoben. Die Fürstin verließ die Gesellschaft. Den Legationsrat hatte sie gewürdigt, sie als Kavalier an den Wagen zu begleiten; aber nicht einmal eines Blickes würdigte sie den Mann, der vorhin ihre Liebenswürdigkeit ausposaunt. War er ein anderer geworden? Sie gewiß! Einen Kopf größer schien sie ihm. Fort waren die Rollen der Liebenswürdigen, der nervös Irritierten, der Bescheidenen und der Schwärmerin geworfen, als Fürstin hielt sie ihren Ausgang. »Ach, unsere emsige Wirtin. Immer wie eine Biene für den Honig sorgend.« »Durchlaucht wollen uns doch nicht verlassen?« »Leider, eine heftige Migräne! Oh, bitte, nehmen Sie nicht auf mich Rücksicht. Ich verschwinde wie ein Schatten, um Licht und Heiterkeit zurückzulassen.« Die Geheimrätin öffnete den Mund, um dagegen zu demonstrieren, aber unwillkürlich kehrte ihr die Erinnerung an jene Gesellschaft vom vorigen Sommer zurück – da war sie es ja, welche die Rolle der Fürstin gespielt. Sie verstummte. Migränen sind oft angenehm für die, welche sie vorschützen, nicht immer für die, welchen sie vorgeschützt werden. »Apropos!« rief die Fürstin. »Herr von Wandel, nur einen Augenblick, zwei Worte mit unserer Freundin.« Sie zog diese beiseite – »Wissen Sie schon, Jean Paul –« »Kommt nicht? Vielleicht hat er von einer Clairvoyanten gehört, daß er Fürstin Gargazin nicht mehr trifft.« »Nein, er kommt, aber in welcher Laune! Es ist mir wirklich recht leid. Nur Ihretwillen.« »Ist ihm was passiert?« »Er ward bei der Berg so lange aufgehalten. In der besten Absicht, denn wer konnte anders denken bei der besondern Vorliebe, mit der die Königin sich der Sache angenommen. Da, um neun erst bringt der Kurier die Hiobspost.« »Eine Hiobspost!« »Der König will die Präbende nicht geben.« »Und Ihre Majestät die Königin hatte doch –« »Nichts gespart, was Klugheit und Liebenswürdigkeit vermögen. Bis acht Uhr gaben sie im Palais die Hoffnung nicht auf. Man paßte nur auf den günstigen Augenblick, und er schien gekommen. Majestät brachen eben ein Stückchen von dem Kuchen, den Sie besonders lieben, und versicherten, so vortrefflich sei er noch nie gebacken. Das benutzte Ihre Majestät, und der König lächelte ihr auch mit der liebenswürdigsten Laune zu, aber ebenso liebenswürdig schüttelten Sie den Kopf und sagten: ›Herr Jean Paul mag ein sehr guter Romanschreiber sein, aber darum ist er noch kein guter Domherr.‹« »Hat Ihre Majestät nicht Lafontaines Beispiel eingewandt? Der hat doch auf ihre Vorstellung die Präbende erhalten.« »Ihre Majestät sind zu klug, um nach solcher Erklärung noch einmal anzufangen. Und es gibt Wichtigeres zu bitten.« »Der arme Jean Paul also gänzlich aufgegeben?« »Für Berlin verloren. Ich wollte Sie nur avertieren. Noch weiß niemand hier davon. Sie tun also gut, liebe Frau, die Sache auch zu ignorieren. Die Verehrung für den Dichter hängt mit der Aufmerksamkeit zusammen, die ihm der Hof erzeigt. Erfahren sie, daß der ihn aufgibt, ist der Lüster fort.« »Nein, es gilt nichts mehr«, sagte die Geheimrätin bitter. »Es tut mir nur um Sie leid, aufrichtig, meine liebe Geheimrätin. Soviel Embarras! Sie würden die Gesellschaft auch nicht gegeben haben, wenn Sie das vorausgewußt. Adieu et au revoir!« »Jean Paul kommt!« ging ein Gemurmel durch die Zimmer. Die Geheimrätin meinte, der Legationsrat hätte doch in zu ehrerbietiger Entfernung auf die Fürstin gewartet, als er sie hinausführte. »Fürstin Gargazin liebt Herrn Jean Paul nicht?« bemerkte Herr von Wandel, als er auf einen raschen Armdruck sie seitwärts in ein Zimmer geführt, damit sie dem Dichter, der die Treppe heraufkam, nicht begegne. »Ich liebe nicht den Kultus für sogenannte große Menschen«, antwortete die Fürstin beim Hinuntergehen. »Die Lupinus wird sich mit diesem Zauberfest wieder lächerlich machen.« »Ein Erbstück der Familie.« »Sagen Sie, dieser Menschen, dieser Stadt, dieser Zeit. Weil jeder aus seiner Sphäre treten möchte –« »Ohne den Charakter zu haben, die neue sich untertänig zu machen.« »Wenn jeder die Sphäre des andern durchschauen könnte!« erwiderte die Fürstin langsam, den Blick auf den Begleiter gerichtet. »Übrigens tut mir die arme Frau leid. Prinz Louis wird nie zu ihr kommen. Sie läßt alle ihre Minen umsonst springen.« Die Fürstin drückte beim Einsteigen dem Legationsrat die Hand: »Ich werde nichts vergessen.« Achtes Kapitel. Eine schlimme Nacht . »Wie er sich hätscheln läßt!« »Daß eine solche Weibervergötterung einem Manne nicht widerwärtig wird«, sagte der Major – »Und daß man uns dazu eingeladen hat!« der General. »Sehn Sie mal«, rief Baron Eitelbach und öffnete eine Kapsel, in der einige Haare sich befanden. »Das soll ich in Gold fassen lassen. Meine Frau hat sie ihm selbst abgeschnitten.« »Frau Baronin wollen sie als Medaillon tragen?« »Versteht sich. Ich habe sie gefragt, ob ich ihr auch die Schere soll vergolden lassen. Da hat sie gleich einen Scherenorden drunter.« »Tun Sie das ja nicht, Baron«, sagte der General, »man fände Anspielungen. Sie scheren unser Armeetuch genug.« »Und er ist doch ein Mann«, äußerte der Major. »Welche Gedankenfülle, welche Jugendkraft, welches Morgenrot für unser Vaterland!« »Sahn Sie, mit welcher Unbefangenheit die Alltag ihn empfing!« sagte der Regierungsrat. »Wie anders, ungeniert, unterhält sie sich mit ihm.« Ein Geflüster war durch die Gesellschaft gegangen. Die schöne Baronin arbeitete sich zu der Gruppe, in der wir uns befinden: »Wissen Sie schon? 's ist nichts mit ihm. Er bleibt nicht hier. Der König will ihn nicht. 's ist doch schrecklich!« Man steckte die Köpfe zusammen, und das Geheimnis, welches die Fürstin der Wirtin anvertraut, war längst ein Gemeingut, als die Gesellschaft zu Tische ging. Vorher aber sah man ein Schauspiel, es war ein Impromptu. Adelheid hatte von der Tafel einen Blumenkranz ergriffen und ihn plötzlich auf die Stirn des Dichters gedrückt: »Nun sind Sie ein freier Mann!« Es war alles anders geworden, als die Geheimrätin gewollt. Die Bekränzung sollte stattfinden, aber in anderer Art, später, an der Tafel selbst. Sie hatte Figuranten geworben, die bei jedem Gespräch mit Phrasen aus des Dichters Schriften ihm antworten sollten; das mußte jetzt rückgängig gemacht werden, es paßte nicht mehr. Die Empfindsameren umringten ihn, statt mit Siegeshymnen, mit Kondolenzversicherungen. Es sah nicht wie bei einem Freudenfeste aus. Während die Mehrzahl nicht laut genug ihr Bedauern an den Tag legen zu können glaubte, schlichen andere fort. Die Geheimrätin begegnete dem General, der seinen Hut zum Gehen ergriffen. »Auch Sie uns verlassen?« »Man weiß nicht, was im Palais vorgegangen ist«, sagte der Offizier mit seiner soldatischen Offenheit, »nicht, inwieweit Seine Majestät sich über die Person des Herrn aus Bayreuth ausgesprochen haben.« »Aber ein Charakter wie mein Herr General –« »Hat auch Rücksichten zu nehmen. Der König, meine liebe Frau Geheimrätin, erfährt jeden Morgen genau, wer bei Rüchel war und wer bei Blücher war. Und Sie wissen gar nicht, wie diese Rapportements gemacht werden. Hat er sich nun wirklich ungnädig über den Poeten ausgedrückt, so wird auch von Ihrem Festin ihm berichtet, und Sie wissen nicht wie. Ihnen kann das nun nichts schaden, wenn einer sagt: ›Es ist doch auffällig, daß die Lupinus dem Fremden ein Fest gibt, als wenn er ein Potentat wäre, und grade in dem Augenblick, wo Eure Majestät sich so nachdrücklich über die Stellung ausgesprochen haben, die er nur beanspruchen kann.‹ Beyme setzt vielleicht hinzu: ›Und jetzt, wo Eure Majestät eben einen solchen Gnadenakt gegen ihren Schwager ausgeübt.‹Wer weiß denn, wer zwischen den Lippen murmelt: ›Undank ist der Welt Lohn!‹ Und wenn Lombard dabei ist, wird er sich die Gelegenheit entgehen lassen, mir einen kleinen Freundschaftsstoß zu versetzen? Ich höre ihn schon hinwerfen: ›Es ist doch noch sonderbarer, daß grade unser General dabeisein mußte. Er ist doch sonst kein Admirateur von Poeten.‹ – ›Sollte das andere Gründe haben?‹ fügt vielleicht noch ein guter Freund hinzu, denn Sie glauben nicht, wieviel gute Freunde jedermann am Hofe hat, der eine gute Stellung hat, die andern zu gut für ihn dünkt.« »General, aber bei Ihrem Renommee!« »Je höher der Kornhaufen, so mehr Mäuse nagen unten. Mein Kommando wird mir Seine Majestät darum nicht nehmen, aber wird mir vielleicht das nächste Mal sagen: ›Sind auch ein so großer Verehrer von dem Herrn Romanschreiber? Meinte, die Lorbeerkränze schickten sich nur für Generale.‹ Und das wäre noch das beste, dann ist es ausgeschüttet. Ohnedem bleibt etwas, denn der König hat ein vortrefflich Gedächtnis. Und wissen wir, von wem und wann daran weitergebohrt wird! Ein wunder Fleck hat anziehende Kraft. Und weiß ich, was noch hier geschieht bei Tisch von den Admirateurs, welche Gesundheiten sie ausbringen! Kann nicht einer beim Wein eine Beleidigung gegen Seine Majestät aussprechen! Höre ich's ruhig mit an, so heißt's im Palais, ich habe eingestimmt, und rede ich drein – nein, meine gnädige Frau, ich will Ihr schönes Festin nicht stören.« Sie selbst aber wollte es stören. Die Salatszene sollte nun unterbleiben. Sie war, als der General ihr begegnete, eben auf dem Wege zum kranken Johann gewesen, um ihm Konterorders zu geben. Sie hatte aber auch vorhin den Befehl zum Servieren gegeben, und in dem Augenblick brach die Gesellschaft um zu Tisch zu gehen auf. Es entwickelte sich heut alles gegen ihren Willen. Jean Paul hatte ihr seinen Arm reichen sollen. Ihrer Zweifel, ob es nicht jetzt passender sei, diese Ehrenpflicht dem vornehmsten Gast zu übertragen, ward sie überhoben, als der Dichter schon ihre Tochter entführte. Sie mußte, um nicht allein zu gehen, ihren Arm notgedrungen dem reichen, welcher allein ledig an der Tür stand, es war der Schwager, und sie mußte zufrieden sein, daß es ihr wenigstens gelang, eine Tafelordnung so ziemlich herzustellen. Wenigstens saß Jean Paul neben ihr. Wenn er von dem Fehlschlag seiner Hoffnungen verstimmt gewesen, hatte er unter soviel Teilnahme und beim Klange der Gläser es überwunden. Der gute Wein wirkt nach einer Aufregung doppelt. Er sprach oder sang in Worten, die wie Streckverse klangen. Die Lüfte in den märkischen Pinien hätten ihm zugerauscht das alte Lied: ›Wo es dir wohl geht, ist dein Vaterland!‹, aber da sei aus dem blauen Äther eine Taube niedergerauscht mit einem Lorbeerzweig und habe ihm zugeflüstert: ›Der Dichter muß frei sein!‹ Und ein frischer Morgenwind habe seine Stirn, seine heiße Brust gekühlt, er sei erwacht und wieder arm, aber frei, frei wie der Vogel in der Luft, und dies Glas bringe er aus auf die Taube mit dem leuchtenden Fittich. Nur ein Teil der Gesellschaft verstand es. Der Geheimrat von der Vogtei, der auch sein Glas gefüllt hatte und sich für verpflichtet hielt, als nächster Anverwandter der Wirtin die Gesundheit des Gastes zu übernehmen, unterbrach den Dichter: die erste Gesundheit gebühre ihm selbst. In einer Rede, die, wenn auch sonst nichts, doch verriet, daß er von dessen Schriften nichts gelesen, gratulierte er dem Poeten, der nun mit Piron sich die Grabschrift setzen könne: Ci-gît Piron, qui ne fut rien, Pas même académicien . Aber wie Piron ein aimabler Poet geblieben, obgleich er sonst nichts gewesen, so werde auch ohne Präbende für sie alle hier: Unser herrlicher Jean Paul Friedrich Richter Bleiben ein ihnen unvergeßlicher Dichter! Im Gläserklang erhob sich der Gast: »Unser Auge blickt nach den blauen Bergen, und unser Herz schwillt vor Sehnsucht, weil der Himmel sie küßt. Aber oben weht es uns zu rein an, wir atmen zu bang in der Nähe des Unaussprechlichen, und die Täler verschwimmen vor unsern Augen. So sehnt des Dichters Brust sich nach dem Schönsten und Höchsten, wie Semele nach Zeus' wahrhaftiger Gestalt. Aber in der Feuerglut zerspringt sein Herz, er kann nur leben im Tal, atmen im Duft der Kräuter, und die Berge über ihm, die Fußschemel des Unnennbaren, sind die Säulen der Ewigkeit, an denen sein Geist sich aufrankt.« Wer einmal dort oben vom Lichte getrunken, habe genug fürs Leben. Nun möge man ihn beglückt zurückkehren lassen in die stillen Täler seines Fichtelgebirges. Wenn seine Waldbäche über die bemoosten Steinblöcke rieselten, die Fichten säuselten, die Veilchen aus dem feuchten Grün dufteten, und wenn dann wieder an des Dichters Seele edle, schöne Frauen vorüberschwebten, Lianen und Natalien, im Diadem des Morgenrotes, wenn ihre Füße im Tau sich badeten, ihre seelenvollen Augen das Blau des Äthers saugten, um Huld und Wohlwollen für tausend blutende Herzen widerzustrahlen – dann kämen sie von den Bergen, die er einmal bestiegen, wo auch er Seligkeit getrunken. In seiner Eremitage nun kein Einsiedler mehr, umschwebten ihn Berlins edle Frauen, beim Frührot böten sie aus der Kristallschale ihm den Morgentrank, und wenn die Königin des Tages hinter die Berge sinke, sollte den Dichter einlullen die Harmonie ihrer Silberstimmen. Dies Glas leere er auf Berlins schönere Hälfte. Unter dem Gläserklang der Herren, unter den Verzückungen der Damen war Adelheid aufgestanden. Den Wink der Geheimrätin hatte sie nicht bemerkt. Ihre Augen gegen den Plafond gerichtet, tönte ihre metallreiche Stimme durch den Saal: »Aber die Sterne oben sind nicht stumm, sie tönen, im Festsaal des Ewigen kreisend, die Sphärensprache der Harmonie, und der Geweihte versteht sie. Der blasse Geweihte, der am Schmerzenslager überwindet, der Geweihte, dessen Stirn die Freude des Sieges rötet, und er, der Geweihte, der der Äolsharfe ihre Klagetöne abgelauscht, den Vögeln ihren Gesang, er, der die summenden Stimmen der Völker versteht, Phöbus' geweihter Priester hört den Gesang der Sterne –« »Mamsell, der Salat!« flüsterte Johanns zitternde Stimme, aber er getraute sich nicht mehr, den Napf zu tragen. Die Geheimrätin war beim Anfang der Tafel wieder umgestimmt geworden, denn die Stimmung der Gesellschaft war entschieden für den Dichter, und die Lupinus teilte nicht die Besorgnis des Generals. Im Gegenteil schien ihr eine derartige Manifestation jetzt als ein Ehrenpunkt. Aber Jean Paul hatte ihr bei Tafel gar keine Aufmerksamkeit erwiesen. Er schwärmte in eignen Gefühlen, seine Komplimente waren nur an ihre Tochter gerichtet. Sie wollte es ihn empfinden lassen, und ihre Lippen hatten sich zu einigen spitzen Worten gespitzt, die mit dem Stichwort schließen sollten, auf welches Adelheid einzufallen hätte, als diese unerwartet, gegen die Verabredung, von einem Impuls sich hinreißen ließ. Unglücklich fügte sich auch hier alles, der kranke Johann stotterte zur Linken die Worte, während einer der sogenannten »Ausgestopften,« das heißt der gemieteten Lakaien, ihr zur Rechten den Salatnapf überreichte. Es war derselbe Lakai, dessen funkelnde Augen sie vorhin erschreckt. Adelheid ergriff in ihrer Ekstase den Napf, und statt ihn niederzustellen, hob sie ihn wie eine Opfervase empor – »Und er, der geweihte Priester, hebt die Schale den Göttern entgegen«, fuhr sie in der Rolle fort, entnommen aus irgendeiner Dithyrambe der Jean Paulschen Poesie, die wir wieder vergessen haben, vielleicht auch aus denen, die von der Geheimrätin zu diesem Zweck komponiert waren, als der »Ausgestopfte« ihr etwas zuflüsterte. Die Worte hörte man nicht, aber die Gesellschaft konnte nicht anders denken, als daß der Sinn von dem, was der Lohnlakai sprach, nichts anderes sei, als was der kranke Bediente ziemlich vernehmlich zur selben Zeit sprach: »Auf den Tisch, Mamsell, 's ist ja der Salatnapf!« Adelheids Stimme stockte plötzlich. Als sie nach der Seite blickte, stieß sie einen Schrei aus. Darüber entfiel ihr der Napf. Viele Arme wollten helfen. Ein Armleuchter war umgestoßen. Die Kerzen fielen auf das Tischtuch; eine streifte an den Fruchtkorb, der mit künstlichen Papierblättern ausstaffiert war. Das Papier brannte, das Tischtuch brannte. Man schlug zu, man schlug ungeschickt zu. Man riß am Tischtuch, und noch ein Leuchter fiel. Es flammte auf und floß, man schrie: »Hilfe! Feuer!« Die Stühle schlugen um, die Damen in den leichten, Feuer fangenden Kleidern schrien am lautesten und stürzten fort. Herren und Bedienten rissen am Tischtuch. Es brannte schon lichterloh, die Kerzen vom Kronleuchter träuften, als einige entschlossene Arme die Tischtuchenden über die gesamte Verwüstung zusammenschlugen. Der Brand ward so erstickt, aber auch das Porzellan, Glaswerk, Torten und alles, was zerbrechlich war, in dem Chaos zusammengeschüttet und vernichtet. So konnte man vermuten, daß es hergegangen, denn der Brand war gelöscht, ehe die Nachtwächter Berlin in Alarm versetzten. Im übrigen wußte niemand später über den Hergang klare Auskunft zu geben. Es lag auch in mancher Interesse, es im dunkeln zu belassen. Die Entschlossensten hatten schnell ihre Damen fortgerissen, um den Abschied unbekümmert, nur Garderobe und Straße galt es erreichen. Wenn sie dem Feuerschaden auswichen, entgingen einige Damen dem des andern Elements nicht. Die Wassereimer, mit welchen die Diener ihnen entgegenstürzten, verdarben manche Toilette. Das Gedränge kam einer Verstopfung nahe. Man sprach von Ohnmachten. Die ohnmächtig Gesagten leugneten es. Am Boden gelegen wollte niemand haben, nur vielleicht auf einem Stuhl. Viele ließen es sich nicht nehmen, daß die Wirtin wirklich im Gedränge ohnmächtig geworden. Nach ihren eigenen Äußerungen später konnte man es glauben, sie sprach von einem Schleier, der über sie gekommen, eine wohltätige Macht hätte die Schreckensszene vor ihr verhüllt. Es wäre allerdings eine doppelte Schreckensszene für sie gewesen, wenn sie alle Urteile wirklich hören müssen, welche in der Aufregung über sie und ihr Fest laut wurden. Die erste Gerettete war die Baronin Eitelbach. Als ihr Gemahl sie in den Wagen heben wollte, rief sie aus: »Herrgott, die Mamsell Alltag brennt ja.« Sie wollte zurück. Der Gemahl aber stieß sie in den Wagen: »Entweder ist sie jetzt verbrannt, oder sie ist gelöscht; wir ändern's nicht.« Der Lärm hatte auch den Geheimrat aus seiner Studierstube gelockt. Als er im Schlafrock und Pantoffeln in die Vorzimmer drang, war die Gesellschaft schon entflohen. Nur ein branstiger Qualm drang durch die Türen, Wasserrinnen ergossen sich über die Dielen, und Wirrwarr, Gedränge und Getreibe überall. Aus der Tür des Speisesaals trug ein Lakai Adelheid und legte die Ohnmächtige auf ein Sofa. Brust und Schultern waren in ein nasses Tuch eingeschlagen. Ihr Musselinkleid war von der Flamme ergriffen worden. Sie hätte mit einem Druck der Hand die Flamme löschen können, aber sie hatte wie eine Bildsäule dagestanden, regungslos. Der Bediente Johann hatte eine Serviette ergriffen, aber seine Hände zitterten, die Serviette geriet selbst in Brand. Da hatte einer der fremden Lakaien ihn fortgestoßen und mit Tüchern, die er schon in einen Wassereimer getaucht, das Feuer erdrückt. Aber jetzt war sie ohnmächtig geworden, und der Lakai, ein kräftiger junger Mann, hatte sie in das Entreezimmer getragen, als der Geheimrat dazukam. Das war das Resultat einer kurzen Untersuchung, welche der Gelehrte angestellt und bei dem er sich, als er später in seine Arbeitsstube zurückkehrte, vollkommen beruhigte. »Jetzt muß man ihr die nassen Tücher abnehmen, sie erkältet sich sonst«, hatte er gesagt, der Lakai aber gerufen: »Man muß einen Arzt holen!« und war nach der Tür gestürzt. »Das wird nicht nötig sein«, hatte der Legationsrat Wandel gesagt, der aus der dampfenden Stube trat. »Es ist nur eine Affektion der Nerven.« Er hatte mit dem Geheimrat die nassen Tücher abgezogen und gefunden, daß keine Brandverletzung stattgefunden, selbst der Brandfleck am leichten Oberkleide war geringfügig, die Flamme hatte nicht einmal das festere Unterkleid ergriffen. Der Legationsrat steckte das Essenzbüchschen, welches er geöffnet, wieder in die Tasche, murmelnd: » Hydor ariston !« Das hatte eine freundliche Falte auf die Stirn des Geheimrats gelockt. Er redete den Legationsrat lateinisch an, und dieser antwortete lateinisch. Herr von Wandel hatte eine schöne, reine Aussprache, nicht ganz ciceronianisch, aber er applizierte sehr geschickt einige Feinheiten der Latinität: »Es ist nichts als eine psychische Aufregung, vielleicht Exaltation für den Dichter, vielleicht etwas anderes – aber es geht schnell vorüber, sie wird sich von selbst erholen!« Und so geschah es, auf einige Tropfen, die er aus einem Wasserglase auf ihr Gesicht spritzte, schlug Adelheid die Augen auf. Sie erkannte die Gegenstände, atmete und machte eine Bewegung mit der Hand, daß die Herren sich entfernen möchten. »Das übrige wird weibliche Pflege und ein Kamillentee tun«, beruhigte der Gast den Wirt. Der Geheimrat hatte dem Legationsrat die Hand gereicht und den Wunsch seiner näheren Bekanntschaft ausgedrückt. Er tat dies selten. Im Speisesaal grinste ihn die Verwüstung an. Es dampfte, flutete, er mußte über umgeworfene Stühle, Tische, Scherben steigen. Wenn das in seiner Studierstube passiert wäre! Der blasse Geisterschreck, den dieser Gedanke auf sein Gesicht zauberte, trieb ihn zu einer ungewohnten Tätigkeit. Er rief den Dienern, den Mägden, er legte selbst Hand mit an. Da flog ein erstes Lächeln über die weißen Lippen der Geheimrätin, und es zuckte etwas von Leben in ihrem starren Blicke. Sie hatte bis da regungslos auf dem Kanapee halb gesessen, halb gelegen, vielleicht im Gedränge von den Fortstürzenden dahin gestoßen. Das Eau de Cologne, was Lisette ihr ins Gesicht gesprengt, war ohne Wirkung geblieben. Jetzt, beim Anblick der Tätigkeit ihres Mannes kehrte das Leben zurück. Die Zunge löste sich, sie konnte sprechen, es platzte heraus wie ein Lachen: »Mit den Pantoffeln! Sie erkälten sich ja im Wasser die Füße.« Der Geheimrat fühlte jetzt, was ihm ein Unbehagen verursacht, für das er sich keinen Grund anzugeben gewußt. Er ging im Wasser, seine Füße waren ganz naß. »Aber es muß doch Ordnung geschafft werden, meine Liebe.« Er sah sich um. »Dafür wird Lisette sorgen, die versteht es besser. Gehn Sie in Ihre Stube und ziehen sich andere Strümpfe an, morgen ist alles wieder wie sonst.« »Aber – ich hoffe, die Inkommodität wird Ihnen nicht schlecht bekommen?« »Ganz und gar nicht«, sagte die Geheimrätin, die aufgestanden war. »Eine kleine Störung in den Gewohnheiten des Lebens. Weiter nichts. Morgen ist's vergessen. Ich hoffe, daß in Ihrer Stube nichts derangiert ist.« Das hoffte der Geheimrat auch; er hatte hier nichts mehr zu tun. Die Geheimrätin ließ sich von Johann führen. Mit jedem Schritte, den sie tat, ging sie fester. Der Bediente hielt sich an dem Türpfosten, als er sie in ihr Schlafzimmer gebracht. Sie maß ihn mit einem durchdringenden Blicke: »Was soll das werden mit Ihm, Johann?« Er verstand es: »Um Gottes Erbarmen, gnädige Frau Geheimrätin, stürzen Sie mich nicht in mein Elend.« Ihm war es, als bohrte ihr Blick in sein Herz, aber sie sagte: »Morgen früh soll Hofrat Heim kommen.« Er ging. Sie rief ihn zurück: »Nein, nicht Heim! Der ist zu nichts zu brauchen«, murmelte sie. »Selle, rufe Er den Geheimrat Selle, ich lasse ihm meine dringende Empfehlung machen« – Sie stockte und hub wieder an: »Nicht zu Selle, zum alten Geheimrat Mucius, ich ließe ihn dringend bitten.« Johann war gegangen. Sie schellte wieder: »Es soll mich niemand stören. Was auch vorfalle. Ich werde mich selbst ausziehen. Lisette soll mit den andern die Sachen fortschaffen, aber sie soll sich nicht unterstehen, Lärm zu machen. Ich will nichts mehr wissen, versteht Er mich.« Johann ging. Sie rief ihn doch wieder zurück: »Morgen früh wird niemand vorgelassen. Niemand.« »Herr Jean Paul Richter fragten, wann er seine Aufwartung machen könne, um Abschied zu nehmen.« »Ich bin nie, wenn er sich meldet, zu Hause.« Sie stand noch eine Weile, nachdem der Bediente fort war, die Blicke auf die Diele geheftet. Ihr mußte sehr heiß sein, sie schöpfte tief Atem, riß Tuch und Kleidungsstücke auf und warf sich auf das Sofa, den Kopf im Arm gestützt. Sie wollte nichts von dem Geräusch hören, und hörte doch alles, das Aufheben jedes Stuhls, das Klappern der Teller, so leise Mägde und Diener ihr Geschäft verrichteten. Sie gab sich Mühe, die Tritte jedes einzelnen zu erkennen, und indem sie sich darüber ärgerte, horchte sie nur immer schärfer. Sie haderte innerlich, diese Magd sollte einen Verweis erhalten, jene entlassen werden. Was glühte in ihren Adern, was war die trockene Hitze, die ihr alle Spannkraft raubte, was die Unruhe, die jede Anwandlung von Schlaf verscheuchte? Ein verlorener Tag? Es war nur ein Tag unter vielen. Eine verlorene Schlacht in einem Kriege, in einem langen, trostlosen mit dem Leben. – Und von wem war sie geschlagen? – Von allen. Heut, wo sie so sicher auf einen Sieg gerechnet. Sie kannte die Gesellschaft, die bösen Zungen, die Macht des Lächerlichen. Ihre Niederlage war eine auf lange Jahre hinaus. Sie hörte schon die Fragen mit spöttischem Lächeln: »Waren Sie auch bei dem Zauberfest der Geheimrätin?« Die ebenso lächelnden Antworten: »Sie hat es sich etwas kosten lassen. Recht schade, wozu das?« – »Sie hat einmal kein Geschick dazu.« – »Die Apotheose Jean Pauls war doch au comble du ridicule .« – »Und dazu das Unglück noch! Die arme Frau. Warum wird sie aber nicht klug!« Oder die bittersten: »Es ist ihr schon recht, daß sie mal die Lektion bekommen hat!« Sie war unerschöpflich in der Selbstmarterung, sie verteilte diese Sarkasmen und Bonmots, zu deren Zielscheibe sie sich selbst machte, unter ihre Bekannten, ihre besten Freunde. Und hatte sie es denn von ihnen anders erwartet? Sie lachte auf. Ach, das Lachen half nichts. Sie empfand einen ungeheuren Durst, aber nicht Wasser, nicht Wein konnte den stillen. Aber an wem diesen Durst kühlen? – Laforest, warum mußte er das erste Zeichen zum Aufbruch geben, er, der nur gekommen schien, um Audienz zu geben, Huldigungen zu empfangen. Der General, der feige davonlief? Mochte er laufen. Jean Paul, der, erstickt von Eitelkeit, nur im Lobe sich berauscht, nur mit den jungen Mädchen getändelt, ohne ihr, die sie mit so raffinierter Sinnigkeit das ganze Fest für ihn bereitet, nur ein Wort des Dankes zu sagen, nur die gewöhnlichste Aufmerksamkeit zu erweisen. Alle, alle hatten sich nur um sich bekümmert, um andre Gestirne, sie war eine Einsiedlerin gewesen in ihrer Gesellschaft. Die Dienerschaft draußen mußte mit ihrer Verrichtung zu Ende sein. In der Stille hörte man nur noch vereinzeltes Türenklappen und Hinundherlaufen. Sie lauschte aufmerksamer. Den Tritt kannte sie. Der Legationsrat war noch im Hause geblieben? Er kam grade auf ihre Tür zu. Endlich ein Mensch, ein Geist, der sich ihrer annehmen, mit dem sie ihre Gedanken austauschen könnte. Sie war aufgesprungen. Sie wollte die Tür aufreißen. – Nein, es war an ihm. Gleichviel, wollte er sich melden lassen, klopfen, eintreten. Er blieb stehen. Sie glaubte ihn gähnen zu hören. Er zog sich den Überrock an. Er sprach leise mit Lisette. Es war von Tropfen und andern Hausmitteln die Rede, für eine Magd, die der Schreck niedergeworfen, von einem Tee, den sie dem Geheimrat kochen sollte. Auch dem Johann sollte sie davon eine Tasse geben – von ihr kein Wort! – Er fragte nicht nach ihr. War sie kein menschlich Wesen? Hatte der Schreck auf sie keine Einwirkung? Hatte er sie vergessen? Er war fort, sie lag wieder auf dem Sofa. Ihre Stirn war so heiß, so heiß – ein kühlender Tropfen nur! Aber vor dieser Stirn tanzten Bilder in erschreckender Klarheit. Sie wußte jetzt, wer ihre Feindin war. Wen hatte Wandel hinausgeführt, wem seinen Kavalierdienst erwiesen, die gewöhnlichsten Regeln der Artigkeit gegen die Wirtin, wer diese auch gewesen, verletzend? Weil sie die Vornehmre, die Vornehmste war? Oh, dahinter steckte mehr. Die Fürstin war es, welche, unter der Maske der anspruchslosesten Holdseligkeit ihr den Abend verdorben, welche ihr auf ihrem eigenen Grund und Boden eine totale Niederlage beigebracht. Sie hatte das Fest beherrscht, sich Huldigungen darbringen lassen, durch ihr Gespräch sie selbst gefesselt, daß sie ihr Auge der Gesellschaft entzog. Dann, nachdem sie ihr durch die böse Nachricht den Todesschlag versetzt, war sie triumphierend fortgegangen. Aber nicht Zufall war es – nein, Plan; ein weit hinausreichender Plan. Der Fürstin, die einen Kreis um sich zaubern wollte, waren die angenehmen Zirkel der Geheimrätin im Wege. Hatte sie nicht in einem langen Gespräch sie nach allen Verhältnissen, Personen ausgefragt! Wozu das? Sie wollte auskundschaften, was den Zauber dieses Kreises bilde. Was konnten die fremde, vornehme Frau sonst die Verhältnisse eines bürgerlichen Hauses in Berlin interessieren! Und jetzt wußte, kannte sie alles, und hatte vielleicht alles zerstört. – Wer würde denn noch ihre Gesellschaft besuchen? Nicht weil der König sich gegen den Dichter ausgesprochen. Oh nein, das konnte ihrer Sozietät grade einen neuen Reiz geben, die freien mutigen Geister locken, aber vor dem Fluch des Lächerlichen flieht die Geisterwelt. Und er – sollte, könnte ihr dabei hilfreiche Hand geleistet haben! Unmöglich! Eine unaussprechliche Bitterkeit ergriff die Gequälte. Kann eine Frau einen Mann fordern? Was kann überhaupt eine Frau, und wenn sie den Mut einer Judith und Herodias besaß, in dieser Welt der Konventionen! Ihr Haß mag glühen wie der Ätna, den Atem muß sie in sich zurückpressen, sonst verwundet sie sich selbst. Die Macht des Lächerlichen umstarrt sie wie himmelhohe Eisfirnen, die auf ihrem Spiegel nur die verzerrten Züge ihrer Wut als Karikaturen wiedergeben. Gibt es denn keine Mittel für ein Weib, der Welt den Krieg zu erklären? Sie erinnerte sich, was Wandel von den großen Frauen gesprochen, die ihre Welt beherrscht, von den Fabelköniginnen Semiramis und Zenobia bis zu den Katharinen von Medici und der großen Zarin auf dem russischen Thron. – Torheit, an solche Möglichkeit zu denken! Und wenn die Revolution fortgärte über die Welt, sie erhöbe nur Männer, und die Weiber blieben Sklavinnen und Intrigantinnen. Nur das kleine Spiel der Ränke, um hie und da mit giftigen Nadeln zu stechen, ihnen vergönnt! Einen Verhaßten – mag eine Frau, die einen Mächtigen beherrscht, verfolgen, vernichten; wenn nun aber ihr Haß nicht an einzelnen sich genügen läßt, wenn die Vernichtungslust ihre Adern wie ein wildes Feuer durchglüht, wenn sie die Armseligen, Gemeinen, Undankbaren von der Erde wegspülen möchte, wie Pharaonis Scharen das Rote Meer – wenn sie fühlt, mit diesem Rachekitzel der Menschheit selbst einen Dienst zu leisten! – Sie kann nur morden im Traume! Sie preßte ihre Hände an die heiße Stirn, als sie wieder ein Geräusch hörte. – Das war Adelheids Stimme, hell – wie ein Aufschrei. Es kam von weitem her, aber nicht weit genug, daß es von ihrem Zimmer sein konnte. Da kam ihr das Mädchen wieder in den Sinn. Sie hatte gar nicht an sie gedacht. Was war aus ihr geworden? Sie sann nach. Eine dunkle Vorstellung, daß man »Hilfe! Sie brennt!« gerufen. Sie durfte sich versengt haben. Von ihren Feinden war ja alles geschehen, der Sache einen Eklat zu geben. Aber der Ton kam wieder; nicht mehr ein Schrei, aber der bange tönende Schall, den die Menschenstimme annimmt, wenn etwas Ungewöhnliches uns überkommt. Sie hörte noch eine andre Stimme. Auch ein Schrei, wie wenn man Geister erblickt. Das war keiner von der Dienerschaft, auch nicht ihr Mann. Wie ein tiefes Schluchzen! Eine heftige Bewegung. Sie hörte Männertritte. An Mut fehlte es der Geheimrätin nicht. Sie ergriff den Leuchter und trat hinaus. Die Kerze warf nur ein schwaches Licht in den verwüsteten Saal. Ihr »Wer ist da?« hallte ohne Antwort durch die Räume, aber aus dem Kabinett daneben war eine Gestalt bei ihrem Eintritt fortgeeilt. Sie schlüpfte durch die Tür nach dem Entree. Sehen konnte sie nur einen Schatten, sie hörte das leise Klinken der Tür draußen, sie hörte deutlicher Tritte, die auf der Treppe allmählich verhallten. Im Kabinett stand Adelheid, die zugedrückten Hände an der Stirn. Sie atmete schwer; ein intensives Zittern schüttelte ihre Glieder. Sie erschrak aber nicht, als sie die Hände allmählich vom Gesicht fortzog, nicht vor dem Glanz des Lichtes und nicht vor dem Anblick und dem forschenden Blick der Geheimrätin. »Was war das, Adelheid? Wer war hier?« »Fragen Sie mich nicht«, antwortete das Mädchen. »Es war alles wie ein Traum.« »In dem noch ein anderer mitträumte!« Das Mädchen schöpfte nach Luft. Aber ihr Blick hatte doch eine Sicherheit, welche die Geheimrätin frappierte. Adelheid sank auf einen Stuhl und stützte den Kopf im Arme: »Es war fast zuviel!« schluchzte sie, »zu viel für mich. Und, mein Gott, warum komme ich dazu. Warum bin ich dazu ausersehen!« Die Geheimrätin setzte sich neben sie: »Hat dich jemand gekränkt, beleidigt?« »Ich weiß es nicht.« »Ein Mensch entschlüpfte durch jene Tür, er war bei dir –« »Oh, mein Gott, er war bei mir, und nun ist er fort –« »Und wer war es?« »Das ist ein Geheimnis, lassen Sie es mir. Es sprengt mir die Brust, aber ich werde schon stark werden! Er ist fort, er wird nicht wiederkommen.« »Ein Geheimnis vor der , die Mutterstelle an dir vertritt! – Bedenke, liebes Mädchen, es darf kein Geheimnis zwischen der sein, für deren Ehre ich durch deine Aufnahme in meinem Hause Bürgschaft vor der Welt leistete –« »Die Sie – von da aufhoben«, fiel Adelheid schaudernd ein. »Und der geringste Verdacht, ein Geheimnis, was ich verdecken, ein Fleck, den ich beschönigen hülfe –« »Wäre mein Verderben!« rief Adelheid aufspringend. »Ich weiß es, ich weiß alles – oh Gott, ich bin unglücklich, aber es ist nicht mein Geheimnis.« »Wessen denn?« »Dem ich auf seinen Knien versprach, es zu bewahren.« »Auf seinen Knien!« Hätte die Lupinus der Beruhigung über einen Punkt bedurft, so war sie jetzt durch Adelheids Exaltation und durch die Sicherheit ihrer Sprache beruhigt. Aber dieser bedurfte sie nicht. »Verstoßen Sie mich, gütige Frau! Ich weiß ja, welchen Undank ich auf mich lade. Stoßen Sie mich aus Ihrem Hause, zurück in meine ungewisse Lage – nein, mehr als das, es kostet Ihnen nur ein Wort, wenn Sie mich aufgeben, so fällt der ganze Fluch wieder auf mich, alle die bösen Erinnerungen, das Gerede erhält neue Kraft, dann bin ich vor der Welt verloren.« »Exaltiere dich nicht«, sagte die Geheimrätin, »mich kümmert das Urteil der Welt nicht, ich verlange nur Wahrheit zwischen uns.« »Und ich – darf sie Ihnen – heut nicht geben.« » Heut nicht –« wiederholte langsam die Geheimrätin. »Da es kein Dieb und Räuber war, denn es ist doch nichts entwendet, und er floh vor dem Anblick einer schwachen Frau, kann es nur ein leidenschaftlicher Mensch gewesen sein. Da du aufschriest, war es auch kein Rendezvous, sondern er überraschte dich, und vielleicht aus Mitleid oder Schonung willst du seinen Namen jetzt nicht nennen. Nun, das pressiert ja auch nicht. Du willst ihn nicht wiedersehen, und wenn du es ihm selbst schon gesagt, überhebst du mich der Mühe, ihm mein Haus zu verbieten. Auch wirst du klug sein, um dich und mich nicht in Demelees zu verwickeln, und die Vorsicht gegen andere beobachten, die du gegen mich übst. Im übrigen könnte es mich wenig kümmern, wer es ist, da es an törichten Menschen in der Stadt nicht fehlt, die dich auf Schritt und Tritt angaffen und uns beiden Inkommoditäten verursachen, wenn ich nicht besorgen müßte, daß es einer der Freunde unseres Hauses wäre. Wenn das ist, müßte ich Mamsell Alltag bitten, bis morgen sich zu besinnen, ob Sie mir den Namen nennen will, denn Personen, welche hinter meinem Rücken das Recht der Gastfreundschaft verletzen, müßte ich den Stuhl vor die Tür setzen.« Sie hatte sich umgewandt. An der Tür holte Adelheid sie ein. Sie preßte die Hand der Geheimrätin an die Lippen und bedeckte sie mit heißen Tränen: »Oh, verzeihen Sie mir, ich bin ein undankbares Geschöpf, aber – nicht so undankbar – nein, aus Ihrem Hause ist er nicht, er ist nie über Ihre Schwelle getreten, er darf nicht über Ihre Schwelle treten.« Mit dem Lichtstrahl, der plötzlich in der Lupinus aufschoß, fiel ein schwerer Stein von ihrem Herzen. Es war ein erstes, wohlgefälliges Lächeln, das über ihre Lippen schwebte. Sie hatte an den Legationsrat gedacht, jetzt schämte sie sich fast, daß sie an ihn denken können. Sie zupfte Adelheid am Ohr: »Nimm dich in acht! – So verrät man sich. – Ich hoffe, du hast dich gegen ihn nicht verraten? – Doch wie kam er ins Haus?« – Plötzlich stand der fremde Bediente vor ihren Augen, dessen blitzende Augen sie am Abend erschreckt. »Ich werde künftig dafür sorgen, daß man keine Verkleidungen in meinem Hause aufführt, und du – nun, das hängt von dir ab. – Es ist spät, wir wollen zu Bett gehen.« Dem späten Einschlafen der Geheimrätin gingen Träume vorauf, die wir nicht begleiten. Nur einmal schrie und fuhr sie auf. Sie hatte von der Folter geträumt; ihre Glieder wurden zerschlagen. Sie befühlte ihren Arm. Sie hörte ein stilles Weinen. Die Wände sanken nieder, die ihr und Adelheids Schlafzimmer trennten. Adelheid lag auf ihrem Bett, mit den schlaflosen Augen ins Wüste starrend: »Es leidet noch eine hier«, flüsterte der Dämon, und eine wohltätige Wärme verbreitete sich wieder durch ihre Adern. Sie lächelte, als sie einschlief. Neuntes Kapitel. Scheiden und Meiden . Jülli weinte, den Kopf auf den Tisch gelegt, still vor sich hin. Vor ihr lag ein kleiner Beutel mit Geld. Am Tisch stand Louis Bovillard mit untergeschlagenen Armen, den Hut auf dem Kopf, der beinahe die Decke des engen Hofstübchens berührte. Es war nichts Freundliches in der Stube, bis auf die Resedatöpfe im Fensterbrett, auf welche grade ein durch zwei hohe Hinterhäuser sich drängender Sonnenstrahl fiel. »Damit willst du mich abkaufen«, schluchzte sie. Er antwortete nicht. »Du willst verreisen, nicht wiederkommen.« »Ich verreise nicht«, sagte er nach einer Pause. »Aber du willst mich nicht wiedersehen. Warum gibst du mir mehr, als du geben kannst? Dein Vater gibt dir nichts, du hast Schulden, ich weiß es. – Wozu brauchte ich denn so viel Geld!« Plötzlich war sie aufgesprungen, die Tränen brachen ihr aus den Augen, und sie stürzte mit wilder Heftigkeit ihm um den Hals. »Nein, Louis, verzeih mir, Louis, ich weiß nicht, was ich sage, du hast mich nicht abkaufen wollen. Was hättest du abzukaufen! Du bist die Großmut selbst. Nur aus Mitleid, aus purem Mitleid hast du mich aus dem Staube aufgerafft, bloß um die dumme Schmarre da am Halse. Oh, hätte der Herr seinen spitzen Degen mir doch durchs Herz gestoßen, dann wären meine Schmerzen aus, und ich machte dir nicht so viele. Du hast recht, stoße mich fort, ich bin eine Last an deinen Hacken. Du liebst mich nicht, du hast mich nie geliebt. Sag's raus, graderaus, das wirkt vielleicht wie die Degenspitze – und dann ist alles gut.« »Mädchen, sei nicht närrisch.« »Närrisch bin ich nicht. Ich hab's wohl überlegt, du hast unrecht getan, daß du mich hier in das Haus brachtest, wo du selbst wohnst. Das schadet deinem Ruf« Er lachte auf: »Ich habe keinen zu verlieren.« »Doch! Oh mein Gott, ich habe es selbst von den Herren gehört: ›Wenn er wenigstens die Schicklichkeit beobachtet hätte, das Geschöpf auswärts einzumieten. Man kann ja nicht mehr mit Anstand über seine Schwelle.‹« »Zur Tür hinaus mit den anständigen Freunden!« »Sage das nicht, Louis. Oh, wenn ich Freunde gehabt hätte, damals, einen nur wie dich, ich wäre jetzt nicht, was ich bin. – Mein alter Vater, der blinde Konrektor, der war so gut, er hätte sich meiner erbarmt, wenn einer ihm nur zugesprochen. Aber die Leute und die Stiefmutter! – Ach, mein Herz brannte, mehr von dem Schimpf als von der Schande! – Wie sie mich in den Korbwagen packten, und die halbe Stadt darum – die höhnischen Gesichter, die Finger und die spitzen Reden: ›Nun kann sie mit seidenen Kleidern gehen – nun kann sie Romane lesen!‹ Als es zum Tor hinausrollte, wie schnitt mir's ins Herz!« »Kammermädchenphantasien!« »Die gnädige Frau hätte es auch gut mit mir gemeint – aber ich war noch stolz wie du, ich wollte mich nicht ihr zu Füßen werfen. – Aus Scham stürzte ich fort und ins Elend. – Louis, glaube mir, es braucht jeder Freunde, sonst fällt er.« »Ich nicht mehr«, murmelte er zwischen den Lippen. Sie riß die Augen weit auf, sie faßte ihn krampfhaft an der Weste: »Allmächtiger Himmel, ist's das! – Als ich vorgestern in dein Zimmer kam – es war unrecht von mir, ich weiß es, und du tatst recht, daß du auffuhrst; du packtest mich am Arm und fragtest, so bös hab ich dich nie sprechen hören, was ich mich unterstehe, du stießest mich zur Tür hinaus und schlugst sie mit einem Schimpfwort zu – es war ein häßlich Wort, aber es hat mich nicht beleidigt; es hatte mich auch nicht beleidigt, als sie mich Geschöpf nannten, nein, ich bin stolz darauf, wenn sie mich dein Geschöpf nennen, ich wollte auf deiner Schwelle schlafen, wenn du mich mit Füßen trätest, wenn du mich totträtest und nur dabei sprächest: ›ich tue es aus Liebe‹, das wäre ein seliger Tod. Aber ich habe etwas gesehen, Louis, ehe du mich rauswarfst, und darum warfst du mich raus – du putztest Pistolen auf dem Tische.« »Was kümmert's dich!« »Louis! Geh nicht allein aus der Welt. Wenn du gehst, nimm mich mit.« »Ich denke, einen mitzunehmen«, sprach er vor sich hin. »Im übrigen sei ruhig, Mädchen, die Pistolen sind nicht für mich geladen.« »Das ist nicht wahr. Für wen denn? – Ich lasse dich nicht so fort. Willst du in den Krieg? Es ist ja kein Krieg. Sie sagen, wir behalten Frieden.« »Krieg! Alles ist in Krieg miteinander, Tugend und Vernunft, Wahnsinn und Laster; alles betrügt sich, schlägt sich ein Bein, kuppelt, stiehlt, spielt falsch; nur die Schurken und Memmen leben in Frieden und Eintracht, und wenn sie in der Stille den Sündenbecher der Niederträchtigkeit geleert, wenn sie satt sind, predigen sie uns Honettität.« »Sprich nicht so häßlich. Ich kann's nicht leiden. Spaße lieber. Sag's mir im Spaß, daß du mich nicht mehr magst, daß ich dir unausstehlich bin, daß du das Geld nur gibst, um mich loszuwerden, hörst du, Louis, sag's im Spaß und tu's dann im Ernst. Aber sag es mir ja nicht vorher. Lache mich aus, nenne mich ein dummes Gänschen, wie du sonst wohl tatest; so geh fort, daß ich denken kann, daß ich träumen kann, du kommst wieder. Und wenn du dann auch nicht wiederkommst, so erwarte ich dich noch immer, und wenn ich dich erwarte, bin ich glücklich – bis, bis – tu mir den einzigen Gefallen –« Er fuhr mit der Hand in ihre Haare: »Bist du so ein verzogenes Kind, das vor dem rauhen Lüftchen Wahrheit zittert? Das solltest du den feinen Damen überlassen, die sich überglätten mit der Politur der Tugend. Eine wie du müßte vor dem Nackten nicht erschrecken, nicht vor dem nackten Laster, dem nackten Elend – auch nicht vor dem nackten Tode.« »Wenn du mich so recht schmähst und schlechtmachst, glaube ich zuweilen, daß du mich doch liebhast. Wenn ich dir gleichgültig wäre, tätest du es nicht.« »Hast recht! Wen man lieb hat, kann man quälen, martern, man wird ein wildes Tier. Da am letzten Abend bei der Malchen. Nicht wahr? Und ich bin seitdem nicht besser geworden. Gott bewahre! Wer dir das sagt, belügt dich.« »Kaum daß du freikamst, erkundigtest du dich nach mir, du hast für mich gesorgt, daß ich nicht auf die Straße geriet.« »Einbildung! Pure Einbildung! Ich wollte nur ein Geschöpf haben, an das ich mein schwarzes Blut, meine tolle Laune auslasse. Warf ich dich nicht zur Türe hinaus, schimpfte ich dich nicht, drückte ich dir nicht mal die Kehle, daß du zu ersticken glaubtest – aus purem Mutwillen? Und habe ich dich nicht auch geschlagen?« »Nein, Louis, das hast du nicht. Du hast mich nie geschlagen.« »Dann war's eine andere. Und eine, der ich das größte Herzeleid angetan. Wenn ich ein guter Mensch wäre, hätte ich auf meinen Knien rutschen müssen, bis ich es gutgemacht. Beleidigt hatte ich sie, daß ich ihr nicht vors Gesicht treten durfte, und ich hatte auch gute Vorsätze – aber das wilde Tier bäumte sich gegen das Gute, und ich war rasend, toll vor Scham. – Da habe ich sie gequält, daß sie auch in Tränen ausbrach – aber das waren andre Tränen –, und das war der Dämon, das Ungeheuer, das sie zerstört, die es zu lieben vorgibt. – Darum sei froh, Mädchen, ich erwürgte dich noch einmal in der Nacht –« Er drückte ihr abgewandt die Hand und wollte hinaus. »Louis! Das ist wider Abrede. Du wolltest mir noch was vorlügen.« »Was?« »Befiehl mir, ich solle, wenn ich zu Bett geh, die Tür offenlassen, du wolltest hereinschleichen, mich im Schlaf erwürgen. Ach Louis, wenn du das tätest! Ich könnte wieder beten zum lieben Gott. Wie ruhig würde ich einschlafen.« »Bete!« sagte er, ihr die Hand reichend. »Das andere findet sich. Wenn ich – es ist doch möglich, daß ich – vielleicht in ein Weinhaus geriete, nicht nach Hause käme, dann setz dich morgen auf die Post. Zu deinem alten Vater! Die Stiefmutter ist ja tot. Er braucht eine Pflege für seine alten Tage.« »Weil er blind ist, sieht er meine Schande nicht, denkst du. – Ach, die Leute da –« »Das Nest! Erzähl ihnen von den vornehmen Damen hier, auf die sie nicht mit Fingern weisen. – Dummheit, ward kein Mädchen dort verführt, lief keine mit ihrem Geliebten fort und kehrte wieder? Du hast dich mit ihm überworfen und willst solide werden. In dem Beutel ist genug, damit kannst du einen Putzladen anfangen. Putzen will sich jede, auch in einem Nest. Vielleicht machst du auch die Lehmkabache deines Vaters damit schuldenfrei, und dann ist alles gut.« »Adieu, Louis«, sprach sie, »ich danke dir auch recht schön. – Ja, es wird alles gut werden.« Sie hatte sich nach dem Fenster umgewandt und stopfte heftig mit dem Finger die Erde im Resedatopf. Sie durchstach die Wurzeln. »Auf Wiedersehn!« sagte er, die Klinke in der Hand. Er sah sich noch einmal um. Die volle Glut der Sonne fiel auf ihr Gesicht; dennoch war es totenblaß, die Zähne klapperten unmerklich unter den festgeschlossenen Lippen. Sie verließ plötzlich die Blumentöpfe und kam auf ihn zu, aber nicht stürmisch, sie zitterte nur etwas, als sie sprach: »Ich muß dir doch noch danken, lieber Louis, daß du so gut warst, selbst zu mir zu kommen. Du hättest mir ja das Geld durch einen andern schicken können und schreiben. Das wäre dir viel leichter geworden. Du hast es dir nicht leicht gemacht, um mir noch eine Freude zu machen. Das nehme ich dafür, daß du mir doch gut bist. Gott lohn es dir.« Sie schüttelte ihm die Hand; er drückte einen Kuß auf ihre eiskalte Stirn. »Also – ich komme wieder«, sagte er, auch seine Stimme schien zu zittern. »Nimm dich nur in acht auf der steilen Treppe, daß du nicht fällst.« Sie sah ihm nach. Als sie die Tür zudrückte, vergingen ihr die Kräfte. Sie wollte nach dem kleinen alten Sofa, sie streckte die Arme danach aus, aber sie kam nur bis in die Mitte der Stube. Mit einem erstickten Schrei schlug sie besinnungslos auf die Dielen. »Daß uns das Abschiednehmen so schwer gemacht ist! Selbst dieser!« sprach Bovillard für sich auf dem Rückwege. »Und doch, woraus besteht das Leben? Nur aus einer langen Reihe von Trennungen. Jeder Moment der Abschied von dem vorangegangenen. Und die Menschheit erfand sich keinen andern Trost, als die Illusion des Wiedersehens. Als ob je einer wiederfand, was er verließ! Den Trunk aus dem Becher, den süßen Blick; den Kuß, den sprudelnden Witz? Und wenn es stehengeblieben, kein andres geworden wäre, so wär's ein abgestandener Wein, eine ekle Wiederholung. Und des Daseins Losung bleibt doch – weiter! Bis – und da hoffentlich auch weiter.« In seiner Stube fand er zwei versiegelte Briefe. Ein verächtliches Lächeln schwebte über seine Lippen, als er den ersten durchflog. Er zerriß ihn: »Dacht ich's doch!« Er öffnete den zweiten, ihm widerfuhr dasselbe Schicksal: »Eine Kopie! Süße Harmonie edler Seelen! Sie hätten das doppelte Schreiben sparen können.« Seine beiden Sekundanten, die endlich zugesagt, nachdem er vergebens bei andern angefragt, mußten mit dem größten Bedauern sich wieder lossagen, der eine wegen einer unvermeidlichen Dienstreise, dem andern war eine zärtlich geliebte Schwester erkrankt. »Oh, diese zärtlichen und pflichteifrigen Menschen! Könnten sie nicht auch aus Diensteifer für das Gemeinwohl, aus Zärtlichkeit für unsern zartpulsierenden Staat, Hilfe leisten wollen, wo ein verrufener Raufbold aus dieser harmonischen Gesellschaft ausgestoßen werden soll! Zittern sie vor Angst, daß man sie für meine Freunde hält! – Jülli hat recht, es gibt Momente, wo man noch Freunde braucht – zum Sterben. Sonst –« er wog seine Pistolen in der Hand – »sind das die zuverlässigsten Freunde, und einen von uns beiden, wenn nicht beide, liefern sie ins Jenseits ohne viele Umstände. Aber auch dazu fordert man Umstände!« Er ging aus, sich einen Sekundanten zu suchen! Wen? – Er sann umsonst nach. Den ersten besten, der ihm auf der Straße nicht ausweichen würde, mit einem Gesicht, auf dem geschrieben stände: Tritt mir nicht in den Weg! Der Zufall führte ihn vor das Haus, wo Walter van Asten wohnte. Er blieb zaudernd stehen. Schon wollte er, kopfschüttelnd, weiter, als er den Torweg geöffnet hatte: »Er war in Halle ein guter Schläger, und als Senior der Marchia stand ich ihm oft zur Seite. Er ist mir noch Revanche schuldig und solche Auffrischung unter seinem Bücherstaub wird ihm ganz zuträglich sein.« Die Freunde hatten sich lange nicht gesehen. Walter sah jünger, frischer aus. Sein Händedruck war elastisch, ein kräftiges »Willkommen!« tönte Louis entgegen. »Du siehst ja wie das Morgenrot aus! Und doch unter Büchern verpackt. – Und da eine neue literarische Arbeit!« »Dazu ist nicht Zeit jetzt!« »Nu, wozu denn?« Louis warf sich auf den Stuhl am Arbeitstisch und ergriff das Konzept. Er las – las weiter und warf plötzlich den Hut vom Kopf, daß er auf die Erde rollte: »Plagt dich der –! Lasten der Bauern, Vorspann, Naturalverpflegung der Kavallerie! ›Und alles das noch auf das verkümmerte Dasein einer Menschenklasse geworfen, welche unter dem Joch der Leibeigenschaft seufzt, die, wie milde sie auch immerhin gehandhabt werde, das Gefühl der Menschenwürde niederdrückt. Unter Hand- und Spanndiensten für den Edelmann, gemessenen und ungemessenen Fronen, ohne Selbstgefühl, Freiheitsgefühl, ohne Eigentum, ohne Liebe zur Scholle, an die er gefesselt, ohne Sicherheit für die Vorteile, welche sein Fleiß erringt, wie soll da das heiligste Gefühl, die aufopfernde Liebe fürs große Vaterland erstarken!‹ – Was hast du denn mit den Gefühlen der Bauern zu tun?« »Unsre Gefühle werden darin dieselben sein!« »Wir machten uns wenigstens beide über Ifflands tugendhafte Bauern lustig.« »Ich rede von unserm realen Bauernstande.« »Wahrhaftig!« rief Louis weiterblätternd. »Willst du ein Thomas Münzer oder ein Gracche werden?« »Wir brauchen nicht so weit zurückzublättern. Was gab Frankreich die Elastizität! Was schaffte ihm gegen diese Masse Alliierter eine solche Allianz von Jugendkraft, von Mut, Begeisterung, Material als die Freigebung aller Arbeitskräfte. Nur dadurch, daß es alle Bann-Stapel-Zunftfesseln sprengte, daß es dem Landmann den Boden zurückgab, den der Fleiß seiner Arme durch Jahrhunderte erworben, daß es ihm Rechte gab, wo er nur Pflichten gekannt, ward ein solches kampffreudiges Heer aus der Erde gezaubert, nur dadurch ward es möglich, daß das junge Frankreich einer Welt von Feinden siegreich widerstand. Und was hat uns in der Rheinkampagne, was Österreich in so vielen Kriegen, was sie alle unterliegen lassen? Daß wir nur geworbene, gepreßte Söldnerheere ihm entgegenführten, daß unsere Taktik, Kriegskunst, daß unser ganzes Sein, unser Denken und Atmen, veraltet und verrottet war. Es ist nicht Napoleons Adlerblick, nicht Tollkühnheit, Genie und Talent seiner jugendlichen Feldherrn, auch Österreich und Rußland stellten große Talente und eiserne Generale vor ihre tapfern Heere, aber die Welt ward eine andere, und weder mit Kondottieribanden und Wallensteins Schwärmen noch mit Friedrichs Phalangen läßt sich mehr ein bewaffnetes großes Volk überwinden. Ein Volk wird nur noch durch ein Volk, Ideen werden nur durch Ideen überwunden.« Bovillard hatte, ohne genau aufzuhören, in dem Papier weitergeblättert. »Ein ganzes, neues Rekrutierungssystem!« »Nenne es ein Regenerationssystem. Wenn wir nicht von Grund und Boden anfangen, wenn wir nicht den Stand frei machen, auf den die ganze Last des Staates zurückdrückt, wenn wir nicht dem Bauern die Halseisen und Fußschellen lösen, wenn wir nicht in dem einzig noch gesunden Teil unsers Körpers, aus dem der andere, verwitterte und blasierte sich frisches Blut holen kann, wenn wir in ihm nicht den natürlichen Blutumlauf herstellen, so sind alle Veranstaltungen und Besserungen von oben herab umsonst. Dahin zu wirken ist unsre Aufgabe.« »Aufgabe!« rief Bovillard, das Papier hinwerfend. »Unsre Aufgabe ist, uns vom Strom treiben zu lassen. Einige wirft er ans Ufer aus, andere spült er bis ins Meer – und das ist die Vergessenheit.« »Und noch andre –« »Stemmen in kindischem Übermute den Fuß gegen ihn und hoffen seinen Lauf hemmen zu können. Solche stierhautstirnmauerbrechende Toren zerdrückt er zu Atomen, oder er hebt sie federleicht auf seinem spritzenden Schaum zum Gespött des Pöbels.« »Hast du auch den Glauben an Missionen abgeschworen?« »Dazu gehört andre Luft, andrer Boden, ein ander Volk. Vulkane, Gebirge, deren Gipfel die Wolken küssen, Steppen vielleicht, wo der Samum haust, wo der Odem der Allmacht in dem ungeheuren Nichts die Seele ergreift. Wir hier sind nicht Nichts und nicht Etwas. Friedrich, ja, er hatte eine Mission. Willst du noch einen Friedrich auf Friedrich impfen? Klopf nicht zu stark den Staub aus den Purpurmänteln; sie werden selbst Zunderlappen und Staub unter der Purifikation.« »Drüben ist eine Mission«, fiel Walter ein, »ein Attila, eine Geißel Gottes, ein Hunnenschwarm, voran eine Feuersäule mit drei wunderbar leuchtenden Farben. Warum nicht hier? Sollen wir's ruhig abwarten, was über uns kommt? Der germanischen Nation alle Fähigkeit, Kraft absprechen? Eintreten im alten Schlendrian, in Reih und Glied, gewärtig, wie der Feind eins um das andre wirft und zertritt.« »Wir!« Bovillard lachte, aber nicht höhnisch. »Nu laß uns mal ohne Poesie sprechen, denn ich kam zu einem sehr prosaischen Geschäfte. Was willst du eigentlich?« »Es interessiert dich heut wohl nicht. Ein andermal.« »Das könnte dann zu spät werden.« »Weil alle zu spät handeln, ist's jedes Rechtlichen Pflicht, zu sprechen, solange es noch Zeit ist.« »Ja! Du schreibst eine Dissertation, willst wohl promovieren, ein Kameralistikum in Halle lesen. Steck's nur den Jungen in die Köpfe, dann schießt's wild auf als Unkraut, und reif wird's grade, wenn's nicht mehr Zeit ist. Das ist der deutsche Entwicklungsgang.« »Ich will nicht dozieren. Ich will's deutsch sagen, was ich denke. Und ich denke nicht an die Zuhörer, an die Sache. Und die Sache ist nicht mein, sie ist unser aller. Diese Gedanken fluktuieren in tausend Geistern. Sie stöhnten und ächzten schon längst selbst in der trägen Masse. Nach einer Besserung, Erlösung sehnten sich alle. Weil die Greuel in Frankreich seitdem auch die Besten in bleichen Schreck versetzt, ist darum das Licht nicht Licht, weil es einmal geblendet hat? Sollen wir das Feuer nicht mehr nutzen zum Wärmen, Sieden, Schmelzen, weil es einmal zur Feuersbrunst aufloderte? Diese Ideen leben noch in unserer Nation, und wo kein anderer ihm zuvorkommen will, ist der Schwächste stark genug, er hat die Pflicht, mit ihnen hervorzutreten. Mag dann draus werden, mag aus ihm werden, was da will!« »Wenn sie's nur läsen! – Hast du noch nicht die Hoffnung auf diese Zöpfe und Perücken aufgegeben? Das beste noch, wenn ein Minister ausruft: ›Da ist auch wieder einer, der's besser verstehen will als wir!‹« »Es sind nicht alle wie –« »Mein Vater. Kennst du die andern? Der Beste wird dir zurufen: Das ist alles recht schön, aber nicht an der Zeit. Im Augenblick, wo die Renner zum Wettlauf gesattelt werden, ist nicht Zeit, eine Vorlesung anzuhören über die Veredelung der Pferderassen.« »Und du auch meinst, wie die Tausende und aber Tausende, daß wir nur berufen sind, über Schiller und Goethe zu streiten, nur in die Tiefen der Mystik und der Metaphysik uns zu versenken! Andere für uns handeln lassen, das wäre unsre Destination. Louis, wir hatten einen Wartburgkrieg von Minnesängern, aber von derselben Wartburg leuchtete Luthers Fackel über Europa! –« »Das war ein Mirakelmann aus der Zeit der Wunder. Wir leben unter Wichtelmännern; in einem verschütteten Bergwerk suchen sie mit der Laterne nach Glimmer und Spießglas. Die edlen Erze sind längst gefördert und kursieren als Scheidemünze.« »Wir hier haben noch Kräfte, nur ungeordnete, sie sind überlastet, man hat sie aus dem Auge verloren. Nur drauf hinzuweisen braucht es, daß sie gären, kochen, zum hellen Kristall aufschießen. Dazu ist kein Mirakelmann, nur ein guter Schürmeister nötig. Wir haben einen jungen Fürsten, der das Rechte will und bange ahnt, wo das Schlechte liegt, aber eine dicke Atmosphäre, nenn's eine elastische Mauer, hat sich um ihn gesetzt. Oh Gott, daß die frischen Lüfte, die Lichtblitze endlich zu ihm drängen! Da ist's jedes Pflicht, da ist niemand zu gering, zu schwach, der eine Stimme hat, zu sprechen; wer malen kann, der male, wer meißeln, meißle in Stein, daß er das Auge aufreißt vor der Gefahr. Und rasch, denn sie rückt mit Riesenschritten näher, sie ist nicht zu ermessen, wir stehen an einem Abgrunde, der alle verschlingt. Und aus diesem Grunde heraus könnten wir eine Festung bauen, unnehmbar! Jetzt das Volk aus seiner Erstarrung, seiner Gleichgültigkeit, seiner Entfremdung gegen das Höchste und Heiligste auf Erden, jedes Glied zum mitfühlenden Glied der großen Kette zu erheben, Volk und Fürst in eins zu verschmelzen, das wäre die Aufgabe des Gesendeten. Ich sehe ihn nicht, du siehst ihn nicht, keiner sieht ihn, aber ist er darum nicht da? Hat nicht jeder, dem ein Funken durch die Adern zuckt, die Aufgabe, Steine dem künftigen David zuzutragen? Wenn er die Steine sieht, wird er nach der Schleuder greifen.« Louis Bovillard hatte ihm mit verschränkten Armen zugehört. Die Wimpern der schönen Augen zuckten zuweilen auf und warfen ihm einen teilnehmenden Blick zu. Aber die Saiten seiner Seele waren nicht gestimmt für die Töne, die Walters Bogen strich. – Er schwieg einen Augenblick, dann entstieg ein gähnender Seufzer der Brust, der Kobold saß auf der Lippe und griff das letzte Wort auf: »Zum Steinewerfen haben sie allenfalls noch Mut, wenn's auch nicht Schädel trifft, doch Fensterscheiben. Wenn nicht die des französischen Gesandten, doch der Schauspielerin ihre, die er unterhält.« Walter sah ihn wehmütig an: »Haften, schweben, kräuseln denn Louis Bovillards sämtliche Gedanken heut nur noch bei den Gendarmerieoffizieren? Der Louis Bovillard, der einmal, auf der Windsbraut reitend, nach den Strahlen der Sonne griff! Und heut noch an Persönliches sich klammern, in einer Zeit, wo der einzelne nur Luft zum Atmen findet, wenn er sich versenkt ins Allgemeine.« »Das ist Lüge, glaub's mir, pure Lüge. Wir kriechen nicht aus unserer Haut. Es ist alles persönlich, unser Appetit und unsre Begeisterung, unser Haß und unsre Liebe. – Auch dir ist was Angenehmes im Traum begegnet, darum träumst du jetzt für die Menschheit und für den Staat Seiner Majestät des Königs von Preußen.« Der frohe Zug um Walters Lippen, sein heller Blick sprach für Louis' Behauptung. Ein deutliches Ja beantwortete sie: »Ich träume einen schönen Traum, und darum gehe ich mit Mut an mein Werk.« »Laß es aber nicht drucken«, sagte Bovillard. »Warum?« »Es sind verteufelt gute Gedanken darin; gedruckt sind sie Allgemeingut. Irgendeiner schmeißt sie etwas um, gießt seine Soße drauf. So laufen sie durchs Publikum, und du gehst deinen Profit quitt.« »Sie sollen wirken. Auf diesem Wege gelangen sie an ihr Ziel. Wenn auch verrückt, verfälscht, es haftet etwas. Will ich etwas für mich?« Bovillard sah ihn scharf an und sagte: »Ja!« Walter errötete. »Du willst wirken, das heißt selbst eine Wirksamkeit haben. Zünden deine Gedanken, so wärst du ein Narr, wenn du am Feuer nicht deinen Topf wärmen wolltest. Du hoffst noch und hast ein versöhnlich Gemüt. – Purpurroter Freund der Wahrheit, wenn du im Amte bist, lerne dich etwas verstellen, nur zum Besten des Allgemeinen, in das der einzelne sich versenken muß . Wer dem realen Staat dienen will, muß lügen können.« Walter hatte nicht gesehen, wohin Bovillard sah. Indem er ihn zu fixieren schien, hatte er über seinen Kopf weg auf der Wand einen Kranz vertrockneter Kornblumen entdeckt, die künstlerisch mit einem blauseidnen Bande verschlungen waren. »Und außerdem bist du verliebt und wünschest eine anständige Versorgung, um heiraten zu können.« Die Purpurröte auf Walters Gesicht wich einer Blässe, doch nicht auf lange. In seinem Auge sammelte sich wieder der milde Glanz der Zuversicht von vorhin. »Weshalb vor dem Freunde ein Geheimnis. Ich liebe und ich hoffe. – Nun schütte deine Philippika aus gegen meinen Egoismus, ich will versuchen, ob ich dem Hagelschauer widerstehe und doch noch etwas von mir rette –« »Wenn wir auch ein verschieden Fazit zögen, die letzte Rechnung schließt jeder doch nur mit sich ab. Du tust recht. Dir steht's an der Stirn geschrieben, daß du zum guten Bürger geboren bist, an meiner stand etwas von Kains Zeichen. – Hast du dich mit deinem Vater ausgesöhnt?« »Unsere Trennung ist wohl keine fürs Leben.« »Fandst du die Cousine, Mamsell Schlarbaum, jetzt liebenswürdiger?« »Ein gutes Mädchen, aber noch weniger, als der Dichter in ihrer Brust einen Widerhall gefunden hätte, würden es die Töne, die jetzt in meiner klingen.« »Eine politische Schwärmerin hast du doch nicht zur Hausfrau gewählt?« »Sie ist ein deutsches Mädchen »Und liebt dich?« Walter schwieg, dann reichte er dem Freunde die Hand: »Ich hoffe es. – Nun von dir. Du kamst in Geschäften. Womit kann ich dir zu Dienst sein?« »Mit nichts.« »Du wolltest von mir?« »Was ich jetzt nicht mehr will.« »Und warum nicht?« »Weil du verliebt bist.« »Die Liebe tötet nicht die Freundschaft.« »Weil du glücklich bist.« »Liebende und Glückliche sind freigebig. Sie möchten die ganze Menschheit ans Herz drücken.« »Und ich – ihr den Hals brechen.« Mit einem raschen Händedruck ging er aus der Tür. Zehntes Kapitel. Wachtstuben-Abenteuer . »Hol euch alle der –«, rief der eine Spieler und warf die Karten auf den Tisch. Das Tarockspiel war beendet. Er zog die lange seidene Börse, um die letzten Goldstücke dem Gewinner hinzuschleudern. Bei der Berechnung ergab sich, daß sie nicht reichten. Er ließ sie zurückgleiten, machte einen Knoten und steckte die Börse in die Tasche. »Am nächsten Gagetag!« Ein höhnisches Gelächter antwortete darauf. Es waren Offiziere, der Ort des Spiels eine Wachtstube. Der Verlierende war in einer Parüre , die auf den ersten Anblick allerdings Zweifel ließ, ob er der Mann sei, um einen bedeutenden Spielverlust durch die Einnahme eines Gagetages aufzubringen. In einem nicht mehr ganz reinlichen Kamisol, das zerknitterte Hemde nur durch eine leichte Binde um den Hals festgehalten, die Füße in Pantoffeln, im Munde eine Tonpfeife, verriet nur die gelbe Weste unter dem Kamisol und die auch etwas vernachlässigte Frisur den Offizier. Aber der Kapitän war ein Arrestant; die Wachtstube sein Gefängnis. »Ihre nächste Gage, Herr Bruder, gehört ja dem Schneider«, sagte der Wachthabende, der einzige unter den Spielern, dessen Parüre in parademäßigem Zustande war. Das vielstündige Spiel hatte bei den andern manche Manquements in der Adrettität zur Folge gehabt. »Den schmeißt er wieder zur Treppe runter«, sagte der Kornett, auf dem Schemel kippend. »Und dann kommt der Ephraim und der Levi.« »Die bestellt er auf dieselbe Stunde wie neulich, und sie müssen warten, bis er rausrufen läßt: ›Einer soll rein, denn einer kann heut nur bezahlt werden.‹ Dann fallen sie sich in die Bärte, prügeln sich, und er läßt sie wegen Ruhestörung arretieren. Onkel und Herr von Kniewitz, schade, daß Sie nicht dabei waren. Es war ein kapitales Stück. Ich sehe noch die blanken Taler und die Judengesichter, neu geprägt, auf dem Tische; die Sonne schien drauf. Freilich, der Regimentsquartiermeister stand dabei. Hatte sie ihm nur auf eine Viertelstunde geliehen. Aber die Juden! wie sie sie zu Gesicht kriegten; sie trauten zuerst ihren Augen nicht. Nu einer dem andern vor wie Wasser aus 'ner Schleuse, und eh einer die Hand an den Tisch gebracht, einer den andern zurück, an Brust und Kragen, beide auf der Erde, kopfüber, das strampelte und schrie.« »Wenn sie sich nun vertragen und geteilt hätten?« »War mir gar nicht bange, Onkel! Der Kapitän versteht's. Du hättst ihn sehn sollen. Nicht die Miene verrückt, und mit einemmal schoß er auf, Augen wie der Alte Dessauer: ›Schafft mir die Bestien aus den Augen. Auf die Wache mit den Schuften, die so den Respekt vor dem Rock des Königs verletzen.‹« »Dafür soll er leben!« Der Wachthabende stieß an. Die Gläser klangen. »Und die Straßenjungen hinter den Juden her«, setzte der Kornett hinzu, »es war ein Schauspiel für Götter!« »Eigentlich ist's contre façon «, sagte der Kapitän, »daß christliche Offiziere einem Kameraden ausziehen, was die Juden übriglassen! Und noch dazu einem gefangenen, den ihr in eurer Gewalt habt.« »Hört den Fuchs! Du müßtest doppelt blechen, weil wir unser Renommee aufs Spiel setzen. Mit einem spielen, der mißliebig ward, sich vergangen hat an einem kaiserlich russischen Gesandten!« »Sitz ich etwa darum, daß ich den auf der Maskerade emittiert habe? – Euretwillen, ihr Herren Gendarmen, allein um euretwillen! Weil ihr damals dem Pfaffen bei der Malchen das Katzenständchen brachtet. Majestät waren fuchswild; aber ihr wurdet durchgeschwatzt. Das kennt man schon, wenn's nur an die Kavallerie gehn soll. Für den nächsten war's aufgehoben, und das war ich. Und nicht um den Alopeus, sondern um den Pfaffen bin ich der Sündenbock.« Der Kornett strich seinen Milchbart, als wäre es wirklich schon ein Knebelbart, sein Oheim, der Rittmeister, lächelte und drehte seinen vollen rotschimmernden mit stillem Vergnügen in die Höhe: »Nicht wahr, Fritz, das war auch ein kapitales Vergnügen?« »Kostet mich bare hundert Friedrichsdor, die ich dem Onkel pumpen mußte nachher in der Weinstube. Aber, Onkel, weiß du, ich hätte dir noch hundert zugepumpt, wenn du hättest ›Absitzen!‹ blasen lassen.« »Ich glaub's dem Jungen«, sagte der Rittmeister, »der hätte gern oben Ordnung gemacht.« »Die Predigermädels sahen wir noch. Na, die passierten; aber die Bescherung nachher hätte ich sehn mögen.« »Glaub's auch«, sagte der Onkel und wirbelte noch immer am Bart. »Na, davon muß man jetzt nicht reden. Du vor allem nicht. Wie stehst du denn mit der Komteß Laura?« »Davon redet man nicht«, erwiderte der Kornett, sich gemächlich, ein Bein übers andre, im Schemel wiegend und aus den übermütigen Lippen den Rauch blasend. »Verfluchter Junge, der!« sagte der Onkel. »Dem ist's Glück mit der Muttermilch angeblasen. Solchem Milchbart, der kaum flügge ist, muß sie winken.« »Fortuna ist ein Weibsbild!« seufzte der Gefangene. »Und wenn man den General nicht fängt, ist man zuweilen mit dem Kornett zufrieden«, bemerkte der Wachthabende. »Werde Sie um Erklärung nachher bitten lassen, Herr Lieutenant!« sagte der Kornett, ohne seine Stellung zu ändern. »Kiekindiewelt!« rief der Rittmeister. »Kornett Wolfskehl, genannt zu Ritzengnitz, ein Kornett kann keinen Offizier um Erklärung bitten lassen.« »Der wäre imstande und forderte den Prinzen selbst«, sagte der Arrestant. »Gefällt mir an ihm. Solche lieben die Damen. Plaudert nicht am Morgen in der Wachtstube die Eroberungen der Nacht aus.« »Fritz, merkst du was! Der Kapitän spekuliert auf deinen Beutel. Lob ist nicht umsonst. Revanchiere dich, bezahl seine Schulden. – Er rührt sich wahrhaftig nicht. So ein junger Glückspilz! Das war das pfiffigste Stück meiner seligen Schwester, daß sie ihren Alten beschwatzen mußte, ihn mit einundzwanzig mündig zu erklären. Um 'ne halbe Million das Pupillenkollegium betrügen! Als ob die Weiber das nicht wüßten, auch ohne Pupillenkollegium, und nun bildet sich der Junge ein, 's ist um sein glattes Gesicht.« »Onkel, wir stehn in Relationen.« »Halt's Maul! Willst du dem Herrn Kapitän seine Spielschulden vorstrecken? Das ist das Vernünftigste, was du tun kannst.« »Mit Vergnügen, lieber Onkel, sobald du deine Wechsel bei mir eingelöst hast.« »Kinder, nun bitte ich euch, ist das nicht gegen die Moralität, daß ein Neffe von seinem Onkel Wechsel hat! – Hast neulich erst in der Garnisonkirche gehört, was der Prediger von der Sittenverderbnis sprach. Pfui!« »Herr Bruder haben recht«, sagte der Wachthabende. »Überhaupt solche Papierwische. Wär ich König, ich ließe alle Wechsel verbrennen.« »Fritz, nimm also Räson an, willst du?« »Bin nicht bei Kasse.« »Bin ich's etwa?« »Laßt den Horstenbock nur erst loskommen«, sagte der Wachthabende. »Er findet auch noch einen Salomon Schmuel, der ihm fünfundvierzig Prozent auf den fünfundvierzigsten Gagetag vorschießt. 's sind christliche Gemüter unter der löblichen Judenschaft.« »Reinen Tisch!« rief plötzlich der Rittmeister, » quit ou double .« Auf dem unreinen, wie eine Wachtstube ihn mit sich bringt, mischte er die zergriffenen Karten und blickte fragend den Arrestanten an. Er nickte Zustimmung: »In sechs Monat.« »Quit ou quadruple  –« »Was?« Alle sahen sich verwundert an. »Quit ou quadruple, à payer , wenn Horstenbeck 'ne Kompanie hat!« Alle lachten; das Interesse steigerte sich, sie rückten wieder näher an den Tisch. Darin war Vernunft. Die vervierfachte Summe des Spielgewinstes war ein Kapital, aber eine Kompanie war auch ein Kapital. Der Kapitän schlug ein. »Und meinen Neffen, dem Kornett, verkauf ich sie für neunzig. Nutzt der Junge wieder sein Geld mit zehn Prozent.« »Was ein guter Onkel nicht tut!« lachte der Lieutenant. »Aber wenn nun Krieg wird?« » Tant mieux !« rief der Arrestant. »Wenn mich 'ne Kugel trifft, lach ich euch alle aus.« »Rot oder schwarz?« rief der Wachthabende, die Karten noch einmal zu dem wichtigen Spiel häufelnd. »Rot!« rief der Rittmeister. Also »Schwarz!« der Kapitän. »Verloren!« jubelte der Kornett auf, mit den Fingern schnalzend. »Onkel, verloren!« Der Arrestat warf diesmal nicht die Karten auf den Tisch, er trocknete die Nässe, nämlich vom Wein, der auf dem Tisch reichlich floß, mit dem Ärmel ab, und legte sie sorgfältig zusammen: »Rittmeister, ein andermal bin ich zur Revanche bereit.« »Die hat Dohleneck nicht nötig. Wer so viel Glück in der Liebe hat, hat's nicht im Spiel.« Es prustete unter den Anwesenden auf, der Kornett wollte sich überschlagen. »Herr Bruder, Sie haben unrecht«, sagte der Wachthabende, als eine Wolke auf der immer heiteren Stirn des Rittmeisters sich zusammenzog, »die Geschichte mit der Tänzerin noch immer als eine partikuläre zu betrachten. Sie ist eine Korpsangelegenheit.« »Eine verflucht knifflige Geschichte, erinnre ich mich«, sagte der Arrestat, »sie kam ja bei allen Offzierkorps zur Sprache. Die Meinungen waren sehr geteilt.« »Kinder!« rief der Rittmeister. »Über die Sache ist längst Gras gewachsen. Laßt die Toten ruhen.« »Den Teufel auch«, rief der Wachthabende. »Der Louis Bovillard ist noch lebendig, und wie! Die Sache muß noch mal zu Ende kommen.« »Die Hetzpeitsche!« jubelte der Kornett. »Man wäre auch schon einig darüber geworden, wenn nicht –« »Der Vater wäre.« »Der sollte uns nicht genieren. Wenn man nur wüßte, ob er nicht doch ein Edelmann ist.« »Das müßten ja die Listen der Refugiés ergeben.« »Sind nachgeschlagen, soweit wir zukonnten; da muß sich der Alte oder Lombard zwischengelegt haben, und unsre fanden verschlossene Schränke. Zwei verschiedene ältere Listen hatten wir nachgesehen. Zu der einen war ein Pierre Bovillard aufgeführt mit dem Zusatz confiseur ; in der andern ein Sieur Pierre-Bertolet Fulcrand de Bovillard, maître de Cerisé. Da standen wir nun am Berge. Der Obrist wollte es mal unterderhand von Lombard erfahren, der Fuchs mußte aber Lunte riechen und antwortete: alle Refugiés stammten direkt von Adam, und alle unsre Väter wären einmal Perückenmacher gewesen!« »Ein Skandal!« Der Arrestat spuckte. »Aber kriegen wir's raus, daß er vom Konditor ist –« »Die Hetzpeitsche!« jubelte der Kornett. »Ich habe ein paar Burschen aus der Neumark, die wissen sie zu applizieren. So halb polnische Rasse. Haben's an ihrem eigenen Rücken gelernt, und teilen herzlich gern anderen ihre Erfahrung mit.« » Modération ! meine Herren Brüder!« sagte der Rittmeister aufstehend. »Wenn einer von uns den Bovillard vor die Klinge fordern könnte, tant mieux, von Herzen gern, so wäre der Geschichte mit einemmal der Kopf abgeschnitten. Bis dahin aber – vergessen Sie nicht, daß es anders ist, als es war –« »Muß wieder werden, wie's war!« trumpfte der Arrestat mit der Faust auf den Tisch. »Wenn sie uns die Fuchtelklinge nehmen, ist's mit der Disziplin aus. Aber kommt noch mehr eingeschobene Kanaille in die Armee, adieu dann Esprit de corps, adieu Friedrichs Geist, adieu Preußens Ehre!« Eine Ordonnanz überbrachte ein rosa Billet, mit Vergißmeinnicht sauber verschlungen; es schien ein Spott auf die dampfende Wachtstube: »Herrn Rittmeister Stier von Dohleneck eigenhändig zu übergeben.« Der Empfänger mußte es an das trübe brennende Talglicht halten, um in dem Tabaksrauch die feingekritzelte Adresse zu lesen: »Von wem?« »Ein Frauenzimmer brachte es. Sie wollte aber nicht bleiben.« »Ein Rendezvous! – Warum ist sie nicht selbst gekommen, das liebe Kind? – Kann nicht mal abwarten, bis er von der Wache zurück ist.« Der Rittmeister hörte nicht auf die Raillerien. »Hier ist's zu dunkel. Herr Bruder von Horstenbock erlauben wohl, daß ich's bei ihm am Fenster lese.« Ohne eine Antwort abzuwarten, war er in die daranstoßende Kammer getreten, die Tür hinter sich zuwerfend. »Vielleicht von der Jenny!« rief der Kornett. »Sie hat Reue gekriegt und ist zurück.« Der Arrestat fragte nach dem eigentlichen Zusammenhang der Geschichte, die ihrer Zeit so viel zu reden gemacht. Er hatte damals in der Provinz gestanden und nur Widersprechendes darüber gehört. Dohleneck hörte jetzt nicht zu, es sei also kein Grund, hinterm Berge zu halten. »Herr von Dohleneck war nur unser Deputierter«, sagte der Wachthabende, »es ist daher töricht, wenn er sich die Sache persönlich zu Herzen nimmt. Das Persönliche verschwand bei der Sache gänzlich, und er war nur der Vertreter für das Allgemeine. Wie der Prinz zuletzt mit dem Blitzmädchen stand, weiß jedes Kind. Ob er aber wirklich so vernarrt war, wie er vorgab, das weiß der Himmel. Eines Abends beim Champagner verschwor er sich gegen ein zehn von uns, die er invitiert, die Hexe wäre so speziell in ihn verliebt, daß sie auf keinen andern hören würde. Nun müssen Sie gestehen, meine Herren, daß das für uns eine direkte Herausforderung war. Wer wußte nicht, wie's um die Jenny stand? Also wir hielten im geheimen eine Art Kriegsrat, und es war auch nicht eine Stimme dagegen. Es war eine Korpssache. Auf der Stelle ward zusammengeschossen, bar, es kam eine erkleckliche Summe zusammen, und zwei wurden ausgelost. Sie müssen auch gestehen, Herr Bruder von Horstenbock, daß das loyal und kavaliermäßig gegen den Prinzen gehandelt war.« »Und klug auch. Die Liebenswürdigsten und Hübschesten zu wählen, wäre doch eine kitzlige Sache für die Kameradschaft gewesen.« »Es fiel auf Dohleneck und einen andern. – Ein Billett an die Tänzerin bat um die Erlaubnis, bei ihr ein Souper en trois nach der Oper zu arrangieren, und dies kleine Souvenir mit dem Vergißmeinnicht als Angebinde anzunehmen. Drin lagen hundert Dukaten. Die Antwort war: sie werde das Vergißmeinnicht zum ewigen Andenken bewahren und den Tisch decken lassen. Unser Koch hatte während der Oper ein kaltes Souper, exquisite Sachen von Sala Tarone, arrangiert, und die Jenny sprang ihnen schon an der Treppe entgegen. War auch keine Silbe die Rede von Tugend und Treue, sie war ausgelassen lustig und sagte, sie wäre schrecklich hungrig. Unsre Kameraden waren's auch. Aber kaum fliegt der erste Pfropfen an die Decke, als ein Wagen vor die Tür rasselt. Sie erschrickt: ›Er wird doch nicht.‹ Kaum hat sie das Tüchlein wieder um den Hals genestelt, als es die Treppe raufknarrt. Nu aufgesprungen, als die Kammerkatze reinstürzt: ›Herrjemine, der Prinz, Mamsell!‹ – ›Retten Sie sich!‹ ruft die Jenny und wirft das eine Kuvert in den Waschkorb. Die Offiziere wollen ins Nebenzimmer fliehen, da holt sie die Katze zurück: ›Meine Herren, um Gottes willen, da kommt er ja durch.‹ Retour also, und wollen zur Stubentür auf den Flur. Da klirren seine Sporen, und er klopft. – ›Hannchen, mach' auf!‹ ruft die Jenny und hat derweil schon den großen Kleiderschrank aufgerissen: ›Meine Herren, ist's gefällig?‹ Platz hatten sie drin, das ist wahr, und die süßesten Erinnerungen an alle Schäferinnen und Göttinnen, die in den Kotillons gesteckt, aber – nun, das übrige ist kaum nötig zu erzählen. Verschlossen waren sie, und der Schlüssel steckte in Jennys Tasche, und Jenny hing am Halse des Eintretenden und bat ihren herzgeliebten Louis und schönsten Louis und einzigen Louis um Verzeihung, daß sie nicht auf ihn gewartet, aber sie wäre zu durstig gewesen vom Echauffement.« »Merkten sie's da?« »Auf parole d'honneur haben sie vor unserem Ehrengericht versichert, der Kerl hätte täuschend den Prinzen gespielt.« »Sie konnten alles hören?« »Jedes Anstoßen, jeden Kuß, das Kritzeln mit dem Messer auf dem Teller.« »Donner und Wetter!« »Zwei Pfropfen hörten sie gegen die Decke knallen, selbst durstig zum Verkommen und hungrig auch. Zwei Stunden saßen sie am Tisch.« »Bloß am Tisch?« »Meine Herren, bedenken Sie, es waren Offiziere, die da für ihre Kameraden standen. Ja, sie haben eingeräumt, zuletzt entdeckten sie durch eine Ritze, daß es Bovillard war. Was aber war zu tun? Ich frage Sie, Kapitän, hätten sie poltern sollen?« »Eine verfluchte Situation und eine Frage, daß einem der Kopf schwindelt. Wenn ich für mich dagestanden –« »Hätten Sie die Tür gesprengt. Sehr richtig. Aber in dem Schranke stand das ganze Offizierkorps; das erwägen Sie.« »Nein, da durften sie's nicht.« »So entschied auch unser Ehrengericht.« »Aber was ward nachher daraus?« »Sie hörten rutschen, packen, Kisten und Kasten aufreißen – man sprach unter Gekicher davon, auf den Apolloball zu gehen.« »Und nachher?« »Keiner schloß auf. Blieben sitzen.« »Kam denn nicht die Kammerkatze?« »Nicht Katze, nicht Maus; die war mit der Jenny fort. Kurzum, wie Ihnen bekannt sein wird, die Tänzerin war mit Extrapost nach Leipzig gefahren. Ist heut noch nicht zurück. Nicht einmal austrommeln lassen konnte man sie. Die Wirtin mußte endlich, als sie zu poltern anfingen, das Schloß aufbrechen lassen. Frei waren sie da freilich, aber –« »Von wem nun Satisfaktion!« »Meine Herren, ich versichre Sie, die Sache hat uns allen schwere Nächte gemacht. Was sollten wir tun? Bovillard fordern? Wenn es damals noch ging! Aber die Räson! Hatten sie's denn mit ihm zu tun gehabt? – Er stellte sich gegen Dritte als die pure Unschuld. War bei der hübschen Tänzerin gewesen, hatte sich ungemein amüsiert. Sollten wir uns nun blamieren und ihm mit dürren Worten sagen, daß wir uns nicht amüsiert hätten? Durften wir überhaupt an die große Glocke schlagen? Durften wir es vor dem Prinzen? Wer wußte denn, ob er nicht mit im Spiele steckte? Ob er's nicht eingeleitet, um mit guter Manier die Jenny loszuwerden! Es war ja ein Labyrinth, ein Wespennest, in das wir stachen. Gott weiß, was draus geworden wäre. Dohleneck und der andre wollten ihren Abschied fordern. Das ging auch nicht. Sie waren ja wir . Das ganze Offizierkorps hätte den Abschied nehmen müssen. Meine Herren, ich versichere Sie, es war eine Hundegeschichte, und dazu den Bovillard ansehen müssen, der wie der Sonnenschein über die Parade spazierte.« »Sag ich doch, man hat zuweilen im Leben Pech und weiß nicht, wo's herkommt.« Der Rittmeister hatte die Worte des Arrestaten noch gehört, als er eintrat, den rosa Brief auf den Tisch warf und sich auf den Schemel: »Ist das Pech oder nicht, oder was ist es? Ich weiß es nicht.« »Onkel, ein Rendezvous? Will's dir abkaufen, unbesehen. Bin generös. Den ersten Wechsel dafür.« »Lest mal das Zeug. Ich krieg's nicht klar.« Der Arrestat las: »Wenn ein menschliches Herz in Ihnen schlägt, so setzen Sie Ihr Betragen nicht fort. Mein Gott im Himmel, ist es denn möglich, daß ein Kavalier, ein Offizier des Königs, ein Mann, dem man sonst gute Eigenschaften nicht abspricht, im Martern eines weiblichen Herzens sein Vergnügen finden kann! Wenn Sie auf unsre Bitten nicht hören wollen, wenn Sie Ihre Schwadron täglich vorüberreiten lassen müssen, treiben Sie den Hohn wenigstens nicht so weit, immer vor ihrem Fenster den Bart zu streichen. Sie sehen freilich nicht die Dolchstiche, die es in das Herz der Armen drückt, denn die Balsaminen verbergen sie Ihren Augen. Wir verteidigen die Arme nicht, sie ist ein schwaches Weib. Sie verspricht uns wohl am Abend, morgen will sie sich in die Hinterstube verschließen, aber wenn Ihre Trompeter um die Ecke blasen, reißt es sie mit unwiderstehlicher Gewalt ans Fenster. Wenn sie dann schluchzend, ohnmächtig in unsre Arme sinkt, verspricht sie uns freilich, es soll das letztemal gewesen sein, aber – vielleicht wird es einmal das letztemal sein. – Bietet denn eines Mannes Brust eine so unerschöpfliche Höhle für das Rachegefühl, daß er nie vergeben kann, und einer Frau, einer schönen Frau? Sie hat Sie beleidigt, ja, das geben wir zu, aus Übermut gekränkt, aber das Herz des Weibes gehört den Impulsen. Was wären wir, wenn wir ihnen nicht mehr gehorchten! – Damit Sie es denn wissen, ja, dies Gefühl, Sie gekränkt zu haben, ist es, was an ihrem zarten Dasein nagt, diese Vorwürfe, die krampfhaft ihre Brust durchschüttern, die sie im Schlaf aufschreien lassen, die Wermut in den Becher der Freude träufeln. Und das könnte ein Mann ruhig ansehen und sich durch die Qualen, die er einer Frau bereitet, geschmeichelt fühlen! – Nein, mein Herr, es kämpft noch immer mit mir der Gedanke, daß unter diesem brüsken, zur Schau getragenen Affront – ein andres Gefühl sich nur gewaltsame Selbsttäuschung erheuchelt! – Ich wiederhole meine Bitte, besinnen Sie sich, nehmen Sie Urlaub; entfernen Sie sich einige Zeit aus Berlin. Die Zeit heilt viele Wunden. Es ist alles vorbereitet; man wird Ihnen bereitwillig Urlaub erteilen. Auch wenn Sie augenblicklich der Mittel entbehrten, soll dafür gesorgt werden. Es gilt ja das Glück einer der edelsten Seelen. – Bleiben Sie aber doch – dann, dann – nein, ich lasse es mir nicht abstreiten, was ich ahne – dann hören Sie mehr von mir.« »Na, was ist das, Dohleneck?« »Ja, was ist's? So soll doch Gott den Teufel totschlagen, wenn ich 'ne Sterbenssilbe von verstehe!« »Der Brief deutet auf andres, was voranging?« »Freilich, schon zwei solche Wische, und neulich auf der Maskerade wird mir was ins Ohr geflüstert. Ich glaube, ich bin in einem Tollhause.« »Herr Bruder, besinnen Sie sich«, sagte der Wachthabende. »Da sind ja viele Indizien im Briefe: – eine schöne Frau, also ist's kein Mädchen, eine Frau, die Sie beleidigt hat, eine Frau, an deren Fenster Sie täglich vorbereiten. An welcher Ecke lassen Sie die Trompeter blasen? Und Balsaminen stehn am Fenster.« »Onkel, übertrag's mir, ich krieg's raus. Du bist immer so kommode. Hast's lieber, wenn 's Mädchen zu dir kommt, als daß du zu ihm gehst.« »Herr Bruder haben wahrscheinlich einige Avancen nicht bemerkt«, sagte der Arrestat, »so was nimmt das Frauenzimmer übel.« »Das will ich meinen«, rief der Kornett. »Aber Onkel ist auch jetzt sehr interessant geworden seit der Geschichte mit der Jenny.« Der Rittmeister hörte ihn nicht, er saß, den Ellenbogen auf dem Tisch, die Faust an die Stirn gedrückt. Der Arrestat überflog das Billett – »Es muß eine Frau von Distinktion sein.« »Das will ich meinen«, rief der Kornett. »'s ist ja mein Onkel. Wie wird sich was Ordinäres an den hängen! – Onkel, noch einmal, überlaß mir's. Parole d'honneur, ich handle nur für die Familienehre, nicht für mich. Eines Abends bring ich sie dir im dichten Schleier in die Kaserne. Schubs in die Tür hinein: Nun versöhnt euch! – Nachher will ich sie auch wieder nach Hause bringen. Kann ein Neffe mehr für 'nen Onkel tun!« Der Rittmeister war aufgesprungen. Ein Licht schien auf seiner Stirn zu leuchten, und doch glänzten die Augen nicht wie eines Liebenden, der im Morgenschein ein lieblich Bild sieht, sondern wie eines aufgeschreckten Schläfers, dem ein Gespenst an der Wand vorübergleitet: »Donnerwetter! Schockschw – –! wenn die es wäre!« Da öffnete sich die Türe, und der Gefreite schritt gravitätisch auf den Wachthabenden los. Elftes Kapitel. Ein Satz in die Löwenhöhle . Der Gefreite schulterte: »Herr Lieutenant, ich rapportiere.« »Was?« »Es schleicht ein Verdächtiger um die Wache.« »Was hat er getan?« »Er hat ins Fenster gekuckt, und dann ist er fort.« »Warum ist er verdächtig?« »Acht Zoll, Haare ohne Puder, kleiner Kopf, verfluchte Augen und am Ellenbogen ein Loch, oder ist's ein Kalkfleck.« »Und sonstens?« »Der Vorpahl und Schlagebohm haben ihn schon gesehen. Zweimal ist er eingebracht worden auf dem Molkenmarkt. Einmal war er Bandit. – Da kommt er all wieder. Solln wir 'n reinschmeißen, Herr Lieutenant?« Der Kornett war ans Fenster gesprungen: »Hölle und Teufel, das ist Bovillard!« »Was!« rief der Wachthabende, »sollte der Kerl es wagen –« »Eine Peitsche!« schrie der Kornett, als Louis Bovillard schon in der Stube stand und mit ihm beinahe zusammenprallte. Der Eintretende war nicht der, welcher zurückwich. »Eine Peitsche wünschen Sie, Kornett? Für Pferde oder für Hunde? Das muß man wohl unterscheiden. Pferdegerten bekommen Sie am besten bei Conradi an der Schleusenbrücke, aber wenn Sie Hundepeitschen wollen, gehn Sie ja nicht anders als zu Krilow, Spandauer Straße. Echtes Juchtenleder, elastisch, fein gearbeitet. Aber nehmen Sie sich in acht, nie zu stark geschlagen. Der bestdressierte Hund knurrt, wenn man ihn mit Juchtenleder zu stark traktiert. Also merken Sie, Kornett von Wolfskehl, bei Krilow, Spandauer Straße, Eckhaus nach dem Neuen Markt zu.« Bovillard war beinahe um einen Kopf größer als der Kornett, und es schien sehr natürlich, als er ihn mit der Hand auf die Schulter klopfte. Aber es war nicht natürlich, daß der Kornett es sich gefallen ließ. War's die Magie des Auges, oder was bewirkte nach solcher Ausgelassenheit solche Einschüchterung? »Was suchen Sie hier?« trat ihm der Wachthabende entgegen. »Männer von Ehre.« Was dem Kornett geschehen, geschah jetzt der ganzen ehrenwerten Versammlung. Sie schwiegen. Als wär's eine elektrische Berührung, die alle in einem Moment umgewandelt hatte! Ein dritter würde es ein Gefühl der Geschlagenheit genannt haben. Sie wußten nicht, was sie zu tun hatten. Bovillard war wie ein Geist aus der Mauer in ihre Mitte gedrungen; ein Zischeln oder selbst nur ein Verständigen durch Blicke war nicht mehr tunlich. Indessen nahm der Wachthabende das Wort: »Sie kommen in welcher Absicht?« »Ihren Schutz und Beistand anzusprechen.« Die Sache war aufs neue vollständig verrückt. »Werden Sie von der Populace verfolgt?« »Die Populace kümmert mich nicht.« »Oder wollen Sie sich freiwillig in Arrest überliefern, weil Sie –« Der Offizier hielt inne. – »Nichts weniger als das.« »So muß ich den Herrn auffordern, sich deutlicher zu explizieren!« »Mit dem größten Vergnügen.« Der Wachthabende hatte, um seine Autorität aufrechtzuerhalten, sich auf den Schemel niedergelassen, was der Arrestat und der Rittmeister schon vor ihm getan. Auch der Kornett schien willens, dem Beispiel zu folgen, als Bovillard mit einer raschen Schwenkung den vierten und letzten Schemel vor dem Wachthabenden niedersetzte und sich selbst darauf: »Ich komme um einer Ehrensache halb.« Alle sahen unwillkürlich den Sprecher, dann sich untereinander an. »In solchen Angelegenheiten pflegt ein Kavalier nicht selbst zu kommen, sondern durch einen Vermittler – wenn überhaupt davon die Rede sein kann«, setzte der Wachthabende trocken hinzu. »Diesen Vermittler hoff ich hier zu finden.« »Donnerwetter!« brummte der Arrestat. »Glaubt der Herr da, oder wer's ist, den ich nicht kenne, daß wir hier solches Gelichters sind! Vermitteln! Pestilenz! Wer mir das anböte –« »Ist wohl ein Mißverständnis«, sagte der Rittmeister. »Gewiß«, fuhr Bovillard ruhig fort, »wenn die Herren an Beilegen denken. Ich will nichts beigelegt wissen, da ich vielmehr einen Gang auf Leben und Tod vorhabe. Wo man a tempo auf zehn Schritt schießt, pflegt der Tod näher zu sein als das Leben. Diese Rücksicht bestimmt auch mich, über andere Rücksichten wegzusehen.« »So weit schon? Was wollen Sie denn noch?« »Nur einen Sekundanten. Auf morgen abend steht die Promenade an. Die Bekannten, auf die ich fest gerechnet, haben mich nachträglich im Stich gelassen, Freunde habe ich nicht, also muß ich an – Nichtfreunde mich wenden. Unter den Zivilisten war meine Bemühung vergebens, ich wende mich daher an das Militär.« »Wie – ich meine, wie kommen Sie zu uns?« »Weil Sie auf der Wache sind. – Meine Herren, ich betrachte Sie nicht als Individuen und Personen, sondern als Vertreter Ihres Standes und Ihren Stand als den, welcher die Ehre zu vertreten hat. In einer Universitätsstadt würde ich mich an die Senioren der Landsmannschaften gewandt haben, hier wende ich mich an Sie. – Auf der Wache stehen Sie wie im Felde. Käme ein feindlicher Offizier zu Ihnen, um eine Ehrenangelegenheit abzumachen, so würden Sie als Kavaliere und Offiziere doch keinen Augenblick anstehen, die nötigen Arrangements zu treffen.« Die Offiziere sahen sich wieder halb befremdet, halb zustimmend an. Der Rittmeister strich vergnügt seinen Bart. Der Wachthabende sagte nach einer Pause: »In solchen Dingen kommt doch alles auf die Verhältnisse und Personen an, mit denen man zu tun hat.« »Gewiß«, entgegnete Bovillard, »und ich habe keinen Grund, vor den Herren den Namen meines Adversaire zu verschweigen, Ihr Wort vorausgesetzt, daß Sie Namen und Sache bis zum Austrag verschwiegen halten wollen.« Der Wachthabende blickte sich nach seinen Kameraden um: »Ich kann in ihren Namen die Versicherung geben.« »Was kaum not täte. Die Herren würden doch nicht eine Ehrensache rückgängig machen wollen!« »Hol mich der Teufel, nein!« brach es von den Lippen des Rittmeisters, derselbe freudig verächtliche Ausdruck stand auf den Gesichtern der andern. »Mein Adversaire ist der Ihnen wahrscheinlich nicht unbekannte Legationsrat von Wandel.« »Der!« Alle sahen wieder befriedigt, fast vergnügt ihn an. »Die Sache ist kontrahiert, und er hat's angenommen?« »Kontrahiert, angenommen, Ort und Waffen, Zeit bestimmt.« Der Wert des Fremden war in der Wachtstube sichtlich gestiegen. Der Wachthabende hatte sich wieder vom Schemel erhoben. »Der Bonapartes schwarze Nachteulen hergebracht hat? Die sieben Stück Ehrenlegionen!« schrie der Kornett. »Derselbe.« »Na, da ist nun wohl keine Frage mehr!« rief der Rittmeister, mit seiner breiten Hand auf sein Knie schlagend. Nur der Arrestat war sitzen geblieben und zündete mit dem Fidibus die Pfeife: »Kenn ihn nicht von Person. Müßten doch aber erst nähere Recherchen halten. Wie ich gehört, treibt sich der Monsieur de Wandel viel um mit dem Geheimrat – Bovillard heißt er ja wohl? – Ist das nicht ein Verwandter von – ich meine von Ihnen da?« »Ist egal«, rief der Rittmeister, der in einen immer angenehmeren Rosenharnisch zu geraten schien; vielleicht um die störenden Gedanken von vorhin abzuschütteln. »Wer's auch sei, mit dem schleichenden Fuchs, der die Weisheit verschluckt hat, loszugehen, ist ja ein Pläsier.« »Meine Herren«, sagte der Wachhabende, sich umschauend, »das ist ein eigener Kasus.« »Gegen den Kerl, der um den Bonapartegesandten schwänzelt, muß man jedem beistehn«, meinte der Kornett. »Man muß ihn aber doch auch kennen«, sagte der Arrestat. »Es kommt auf die Verhältnisse und Personen an, mit denen man zu tun hat, äußerten Herr Bruder vorhin.« »Der Grund Ihres Disputes ist?« fragte der Wachthabende. »Gründe unter Kavalieren!« rief Bovillard, jetzt auch aufstehend. Die Hand an der Brust, verneigte er sich leicht. – »Verzeihung, meine Herren, wenn ich mich getäuscht hatte. Es war nicht meine Absicht, Sie zu inkommodieren.« Es war aber jetzt durchaus nicht die Absicht der andern, sie wollten sich inkommodieren lassen. »Es frägt sich eben nur, mit wem wir –«, der Redner stockte. Bovillard fiel ein: »Die Ehre haben, zu tun zu haben. Sehr begreiflich. Da ich nicht so glücklich bin, von Ihnen gekannt zu sein, wünschen Sie meinen Stammbaum einzusehn.« Das Wort Stammbaum schien wieder eine Wirkung hervorzubringen. Dennoch blieb dem Wachthabenden die Frage im Munde stecken. Der Arrestat fragte über den Tisch: »Sie heißen – Bovillard?« »Wie meine Ahnen.« »Da war auch mal hier ein Pastetenbäcker, pâtissier et confiseur Louis Bovillard.« »Ich habe die Ehre, sein Urenkel zu sein. Man rühmt ihn als einen der trefflichsten Männer in unserem Hause, ein Charakter und seltner Esprit.« »Es gab aber auch unter den Refugiés«, fiel der Wachthabende ein, »einen Sieur Pierre-Bertolet Fulcrand de Bovillard, der als maître de Cerisé in den Listen eingetragen steht.« »War auch mein lieber Urgroßvater, ein exzellenter Mann.« »Wie paßt das zusammen?« »Sie waren ein und dieselbe Person.« »Mein Herr, wir sprechen hier in einer seriösen Angelegenheit.« »Die seriöseste von der Welt. Mein Ahnherr konnte die Güter von Cerisé nicht mitnehmen, als er vor Louis' Dragonern bei Nacht und Nebel über die Grenze schlüpfte, aber sein Talent, Pasteten zu backen, hat er mitgebracht. Er befand sich auch ganz wohl dabei. Ein jovialer Mann. Ich bin nicht stolz auf Verdienste meiner Vorfahren, die mir abgehen, aber ich darf mit Ruhm sagen, daß seine Konfitüren am Hofe des nochmaligen Königs Friedrich im besten Renommee standen. Sonst wäre er auch nicht auf kurfürstlicher Durchlaucht Befehl mit nach Königsberg beordert worden.« »Er ward mit zur Krönung befohlen!« »Und mit zur Tafel gezogen?« fragte der Arrestat. »Allerdings. Die große Pastete an der Krönungstafel war sein Werk. Sie nimmt in der Geschichte keinen unrühmlichen Platz ein. Wir besitzen in der Familie eine Abbildung davon. Wenn es den Herren gefällig wäre, sie zu sehen, stehe ich immer zu Diensten.« »Und in die Pastete hat Ihr Urgroßvater seinen Adel eingebacken?« »Wie Sie's nehmen wollen, Herr Kapitän. Als sie aufgeschnitten ward, kam der bekannte Zwerg heraus. Mein Ahnherr ward gerufen, mit Lob überschüttet. Ihre Majestät, die geistreiche Königin Sophie Charlotte, setzte ihm eigenhändig einen kleinen Lorbeerkranz auf. Leibniz erwähnt seiner und der Pastete in einer Epistel; Gundling schrieb später eine Abhandlung darüber, auch Morgenstern.« »Und für diese Verdienste –« »Ward er persönlich von der Perückensteuer befreit.« »Man muß gestehen, Ihre Familie hat eine historische Entree in unserm Staat gemacht.« »Wie viele andre. Bekanntlich fällt in jene Zeit die Blüte des Königsberger Marzipans. Gewöhnlich schreibt man die Erfindung einem Schweizer Kuchenbäcker zu. Mit welchem Rechte, und ob ich Traditionen in unsrer Familie Glauben schenken darf, das bleibt für immer in den Nebeln des Altertums verhüllt.« »Aber da Ihre Väter in den Staatsdienst getreten sind, erkannten mutmaßlich die preußischen Könige durch Briefe Ihren französischen Adel an?« »Die Bovillards haben nie etwas auf den Briefadel gegeben. Kann man etwas geben, was nicht ist, und etwas vernichten, was ist? So hat einer meiner Vorfahren gesagt, dem man einige Schwierigkeiten machte, als er aus den Kreuzzügen zurückkehrte. Louis der Heilige sagte lächelnd zu ihm, als er's erfuhr: ›Das kommt mir vor, als wenn Martell deinen Ahnherrn in der Mohrenschlacht nach seinem Recht gefragt hätte, den Mohren den Schädel einzuschlagen.‹ – ›Mein Ahnherr‹, sagte jener zu König Louis, ›hätte Karl Martell antworten können: Die Römer fragten bei Zülpich nicht danach, als mein Urahn hinter Chlodwig in ihr Speerkarree einhieb.‹« Bis zu den Kreuzzügen konnten ihm weder die Stiere von Dohleneck und die Kniewitze noch die Horstenbock und Wolfskehlen, genannt zu Ritzengnitz, folgen. Aus Besorgnis, daß er sie nicht noch bis zur Schöpfung der Welt inkommodiere, erklärte man schnell das Verhör für beendet, und der Rittmeister schätzte es sich zum Vergnügen, den Herrn von Bovillard in seiner Ehrensache mit dem fremden Legationsrat zu begleiten. Bovillard bat den Wachthabenden, ihn mit dem Herrn, den er noch nicht zu kennen die Ehre habe, bekannt zu machen. Er bat es mit Ruhe und feinem Anstande. Mit demselben Anstande erfolgte die Präsentation. »Von einem Offizier Ihres Rufes konnte ich diese ritterliche Gesinnung erwarten.« »Hol mich der und jener«, sagte der Rittmeister, »ich freue mich, daß ich Sie anders kennenlerne, als ich – dachte.« »›Sei keusch wie Eis und rein wie Schnee, du wirst der Verleumdung nicht entgehen‹, sagte ein Poet zu Ophelia, und es ist auch so geschehen.« »Die sprang ja wohl ins Wasser«, sprach der Rittmeister, den Pallasch umschnallend. »Herr von Bovillard, wir gehn ins Feuer; da wird es anders.« »Hat sich magnifique benommen, ganz als ein Kavalier«, sagte der Wachthabende, als beide die Stube verlassen. »Man muß es ihm lassen.« Der Arrestat paffte Gedanken in die Luft, die er nicht nötig fand, in Worten zu äußern. Sie mochten nicht ganz mit denen des Wachthabenden harmonieren. »Donnerwetter!« rief der Kornett am Fenster. »Sie gehen Arm in Arm.« »Was soll nur daraus werden?« »Die Hetzpeitsche kann er nicht mehr bekommen.« »Das kommt davon, wenn man einen leichtsinnigen Onkel hat!« Der neue Kavalier mochte die Gedanken der Herren in der Wachtstube mitempfinden, denn auf der Straße hatte er den Rittmeister gefragt, ob er sich nicht fürchte, in seiner Gesellschaft gesehen zu werden. Der Rittmeister konnte das Wort fürchten nicht leiden, er hatte sich mit einem um so festeren Druck an Bovillards Arm gehängt. »Wer sich schlagen will und zum Sterben bereit ist –« »Über den ist die Fahne geschwenkt«, fiel Bovillard ins Wort, »und er ist ehrlich, wie des Scharfrichters Schwert den armen Sünder ehrlich macht.« In der Kaserne, wo Dohleneck wohnte, hatten beide eine lange Unterhaltung. Unmöglich konnte das Gespräch allein die Arrangements des morgenden Ganges betreffen. Sie schieden mit einem Händedruck, wie Freunde, die sich herzlich über vieles ausgesprochen haben. »Wissen Sie, was ich möchte? – Philosophie studieren!« sagte der Rittmeister, als die Hände noch ineinander lagen. »Warum?« »Damit ich auf die vielen verfluchten Warum, die einem aufstoßen, immer ein Darum wüßte. Warum haben wir uns nun heute erst kennengelernt? Warum haben wir uns so viele Jahre gefoppt und geärgert? – Sympathien nennen sie's. Wir stecken beide in Schulden, sind beide ehrliche Kerls, lieben beide mal 'nen tollen Spaß, werden beide geplackt und gestoßen von Schuften, die wir gründlich hassen, warum; sagen Sie, warum stecken die Sympathien nicht an der Stirn wie die Ringkragen am Hals. – Und dann« – er atmete tief auf –, »warum placken wir uns selbst? Warum ist nun das? Exerzieren, Parade, Liebschaften, Komödie, ein Spielchen, auf die Wache kommen und wieder rauskommen? Wie ein Schnürchen, wenn's zu Ende, fängt's wieder von vorn an. Warum leg ich mich abends zu Bette, um morgens aufzustehen? Und warum stehe ich morgens auf, da ich weiß, daß ich abends wieder zu Bette gehen muß?« Louis Bovillards Hand faßte die des anderen etwas höher nach dem Gelenk, und er sah ihn scharf an: »Dieser Drang nach Philosophie deutet auf eine Krankheit.« »Na, krank bin ich nicht.« »Das Kriterium der gefährlichsten Krankheit ist der Glaube, gesund zu sein. Sie sehnen sich auf Augenblicke hinaus aus diesem Leben?« »Weiß der Henker – zuweilen wünsche ich, es wäre aus.« »Und Sie haben immer Appetit?« »Vollkommen.« »Alle Funktionen in Ordnung?« »Regulär.« »Dann ist's – Sie sind verliebt.« »Nein – nein – 's ist eine in mich verliebt! Das ist's!« »Das Warum?« »Ein andermal.« Zwölftes Kapitel. Iphigenia . Der Unterricht, den Walter im Lupinusschen Hause erteilte, war einige Tage ausgefallen, weil Mamsell Alltag sich unpäßlich befand. Doch hatte der Bediente hinzugefügt, es habe nichts zu bedeuten. Walter war zufrieden, obgleich er nie zufriedener war, als wenn an den Gendarmentürmen die Glocke schlug, die ihn zur Stunde rief; er hatte in diesen Tagen seine Arbeit fertig machen können. Adelheid sah heute wirklich noch etwas blaß aus, aber nie hatte Walter sie reizender gesehen. Ein Häubchen umschloß ihre Locken, ein leichtes, bis unter dem Halse schließendes Morgenkleid ihre elastischen Glieder. Den griechischen Schnitt, in den die Geheimrätin sie nötigte, hatte er nie geliebt. Der schöne Arm erschien ihm heut schöner unter dem faltigen Überrock, als wenn er in leuchtender Fülle aus den kurzgeschnittenen Ärmeln schoß. Sie war ihm rasch entgegengeeilt, sie hatte seine Hand so herzhaft gedrückt, und doch zitterte sie. Sie hatte ihr »Guten Morgen!« nie mit einem so festen Tone gesprochen, und doch war ihre Stimme etwas belegt. Sie hatte ihn herzlich angesehen und doch sogleich wieder die Augen gesenkt. »Wir haben viel nachzuholen, lieber van Asten«, hatte sie gesagt, »darum müssen wir rasch anfangen.« Sie saß am Tisch, er ihr gegenüber. Es war ein wunderschöner Morgen. Die Linden auf dem Hofe spielten im Sonnenschein. Der Schatten der Blätter spielte durch das geöffnete Fenster auf die Tischplatte. Es funkelte auch golden auf den Blättern des Buches. Daher mochte es kommen, daß er sich verlas; auch sie las oft falsch. Und dazu zwitscherten die Sperlinge, gewohnt, am Fenster die Krumen zu stehlen, welche Adelheids Hand ihnen hinstreute, und eine Wespe verirrte sich in die Stube und trieb Unfug, bis man sie mit Tüchern hinausgescheucht. Es war viel Störung in der heutigen Lektion. Walter schlug vor, das Fenster zu schließen. Adelheid fand die freie Luft so schön, ihr sei noch so beklommen. Aber es würde schon vorübergehen – »ich werde schon Mut bekommen«, setzte sie leiser hinzu. Sie hatten heute die »Iphigenia« beendet. Adelheid hatte den letzten Akt gelesen. »Sie müssen mir später einmal die ganze ›Iphigenia‹ hintereinander vorlesen, wenn Sie bei voller Stimme sind«, sagte Walter. »Das Gedicht klingt und dringt ganz anders ins Herz mit Ihrer schönen Stimme. Das Parzenlied –« »Heut könnte ich es nicht lesen«, fiel Adelheid ein, »es ist zu schrecklich.« »Für den schönen Morgen! Sie haben recht. Wir müssen uns heut allein mit dem Charakter der Iphigenia beschäftigen. Iphigenia ist der leuchtende Gedanke der Versöhnung, der in der alten Welt wie ein Strahl auf dunklem Meere erscheint, aber er fand noch nicht die eigentliche Verkörperung. Was die griechischen Dichter noch als einen Torso hinstellten, hat der deutsche, der aus anderer Quelle sein Licht schöpfte, zur Erscheinung gebracht. Dieses Atridengeschlecht –« »Um Gottes willen!« rief Adelheid, »wie konnten die alten Dichter so etwas ersinnen! Sie sagten doch, die Griechen hätten immer der Schönheit gehuldigt, und selbst dem Häßlichen wußten sie eine Wendung zu geben, daß es das Gefühl nicht verletzte. Wie ist es nun möglich, daß sie solche Greuel erfanden, die doch unmöglich sind?« »Unmöglich?« fragte der Lehrer. »Die erste Geschichte des Hellenentums ist nur eine Verkörperung des Kampfes, den die Kultur mit der Barbarei geführt. Der Barbarei ist alles möglich, und wenn der finstre, religiöse Wahn hinzutritt, ist sie zu Greueln fähig, für die uns Begriff und Worte fehlen. Ertöten wir aber die Kultur, reißen wir die edle Humanität an der Wurzel aus, welche Kunst, Wissenschaft, der Geist des Christentums jetzt durch Jahrtausende gepflanzt und gepflegt, so sinken wir alle wieder in den Naturzustand, in die Barbarei zurück, wo die Taten der Atreus und Thyestes möglich sind.« Sie schauderte, vor sich niederblickend. Hatte er zuviel gesagt? »Vor einer andern Schülerin würde ich das nicht sagen, aber Ihr Geist, Adelheid, ist stark. Sie selbst haben, so jung noch, Prüfungen zu überstehen gehabt. Sie haben Blicke in die wüste Verworfenheit getan. Ist zum Beispiel eine Mutter, die ihr Kind ermordet, nur um mit Anstand noch in der Gesellschaft weiter zu erscheinen, soviel besser als jene rohen Barbaren, die ihrem Rachetrieb alles opferten! Und sind es die vielen hier, welche aus falscher Empfindsamkeit die entsetzliche Tat beschönigten? Wissen Sie, weiß ich, welche Prüfungen auch meiner Freundin noch aufgespart sind, wie viele von denen, die Sie jetzt mit Aufmerksamkeit überhäufen, die so liebenswürdig, edel sprechen und zu handeln scheinen, Ihnen in einem ganz andern Lichte erscheinen werden!« Adelheid sah ihn verwundert an. Er war in Gedanken vertieft. – »Es war unrecht von mir«, rief er plötzlich aus. »Die Vorsehung hat uns die schönen Illusionen als Patengeschenk mitgegeben, damit wir Mut behalten. Sie selbst lüftet für jeden nur so viel von dem Schleier, als er ertragen kann. Und niemand hat das Recht, dem andern die schirmende Decke fortzureißen. Vergebung! Kehren wir zur ›Iphigenia‹ zurück.« Er hielt die Hand zur Vergebung über den Tisch, sie schlug, ohne zu zaudern, ein, und beide mußten vergessen haben, daß sie eingeschlagen hatten, denn als er in seiner Rede fortfuhr, blieben die Hände noch immer auf dem Tisch. »Das Schrecklichste hat sich nun erfüllt, das Schicksal der Atriden liegt wie ein wüster Traum im Hintergrunde. Ein sonst edler Jüngling, der den letzten Blutschlag getan, Orestes, ist der Träger des Fluches. Er wird von den züngelnden Furien gepeitscht, die nur in der Nähe des Heiligtums, wo der reine Gedanke, der Geist des Gottes herrscht, vor dem Zerrissenen weichen. Er ist geflohen von der Blutstätte, von den heimatlichen Gestaden, wo jeder Stein an die Geschichte seiner Ahnen mahnt, über Meere und Berge. Aber wie der Psalmist sagt, und nähme er Flügel der Morgenröte und flöge ans äußerste Meer, die Erinnyen folgen ihm. Da tritt Iphigenia auf, die, zum Opfer bestimmt, die Göttin schon früh mit gnädiger Hand aus dem Greuelhause forttrug und zur Priesterin sich weihte. Sie ist das außerordentliche Weib, das den Fluch ihrer Geburt überwunden hat. Selbst längst entsühnt, ist sie bestimmt, als versöhnende Priesterin zu walten. Schon hat die Macht der reinen, edlen Weiblichkeit sogar die Sitte der Barbaren gemildert, und Thoas muß von ihr sagen: – es fehlt, seitdem du bei uns wohnst Und eines frommen Gastes Recht genießest, An Segen nicht, der mir von oben kommt. Aber diesen Segen soll sie auch dem verlornen Bruder mitteilen. Der Atem ihrer reinen Brust soll den Wahnsinn auf seiner glühenden Stirne kühlen, die wüsten Bilder aus seiner zerrissenen Brust vertreiben. Er bekennt ihr den ganzen, vollen, entsetzlichen Fluch, der auf ihm lastet, er stürzt vor ihr nieder, als er sie erkennt –« Walter mußte innehalten. Adelheid hatte plötzlich die Hand zurückgezogen und hielt sich die Brust. Dann fuhr sie sich über die Stirn. »Ist Ihnen wieder unwohl?« »Nichts, lieber Walter. – Fahren Sie nur fort, Sie erzählen so schön.« »Es ist doch wohl besser, wir setzen heut noch die Stunde aus.« »Nein, um Gottes willen nein, heute muß es sein. Nichts bis morgen wieder verschoben. Ich werde gewiß Mut bekommen. Es war nur die Vorstellung der Furien – ich möchte das Stück nie auf dem Theater sehen, so schön es ist.« »Aber Orest wird ja geheilt.« »Wer seine Mutter totschlug!« »Lesen Sie, liebe Adelheid, irgendeine heitre Rede der Iphigenia. Sie kann wie Balsam wirken.« Adelheid las, was sie zufällig aufschlug: »Das ist's, warum mein blutend Herz nicht heilt. In erster Jugend, da sich kaum die Seele An Vater, Mutter und Geschwister band; Die neuen Schößlinge, gesellt und lieblich, Vom Fuß der alten Stämme himmelwärts Zu dringen strebten; leider faßte da Ein fremder Fluch mich an und trennte mich Von den Geliebten. ... Selbst gerettet, war Ich nur ein Schatten mir, und frische Lust Des Lebens blüht in mir nicht wieder auf« Er nahm das Buch und schlug eine andre Stelle auf Er suchte nicht viel, die Situation war ihm peinlich, er nahm die erste beste dithyrambische, und sie las den Anfang des vierten Aktes: »Denken die Himmlischen Einem der Erdgebornen Viele Verwirrungen zu, Und bereiten sie ihm Von der Freude zu Schmerzen Und von Schmerzen zur Freude Tief erschütternden Übergang: Dann erziehen sie ihm In der Nähe der Stadt Oder am fernen Gestade, Daß in Stunden der Not Auch die Hilfe bereit sei, Einen ruhigen Freund.« Sie hatte das Buch fallen lassen, sie war aufgestanden. An der Tischecke schwankte sie, sie wandte sich ab, dann rasch auf Walter zueilend, ergriff sie seine Hand: »Ich habe den Freund gefunden, Walter. Sie haben mich lieb?« Er umfaßte aufspringend ihre Hand, er bog den Kopf zurück, er starrte sie wie eine Erscheinung an: »Ist's Traum oder Wahrheit?« »Walter, Walter, sprechen Sie, sonst wird's ein Traum, und mein Mut verläßt mich.« Er preßte die Hand heftig an seine Brust: »Ja – um Gottes willen. Adelheid, du –« Er erdrückte den tiefen Seufzer, den er zu hören glaubte, indem er sie an die Brust schloß. Ihr Herz schlug an seinem, sie weinte an seinem Halse, aber still, nicht wie die Leidenschaft, nicht wie die Seligkeit der Liebe weint. Er sank auf den Stuhl zurück, er hielt ihre Hände gefaßt. So beschaute er sie. »Es ist des Glücks zuviel, zuviel auf einmal. Laß mich dir ins Gesicht sehen, ob es nicht doch nur ein Traum ist?« »Jetzt nicht, es könnte aussehn wie die Lüge«, sagte sie, »nicht, bis ich alles gesagt. Das Schwerste ist heraus, aber – Sie müßten ja rot werden über mich, wenn – wenn nicht alles so gekommen wäre, wie es ist.« »Wie es ist!« wiederholte er. »Du sahst in mein Herz. Du erbarmtest dich meiner, um mich nicht länger in Hangen und Bangen zu lassen.« Sie schüttelte den Kopf: »Nein, Walter. Sie müssen sich nicht anklagen, um mich zu entschuldigen. Sie waren nicht in Hangen und Bangen, Sie sind ein Mann.« »Nun fort das kalte Sie«, rief er. »Ich nehme Besitz von meiner Eroberung.« »Du wußtest recht gut, daß, wenn du mich fragtest, ich nicht nein sagen könne. Und, weiß Gott, nicht um dir das Herz zu erleichtern, habe ich gesprochen.« Er wollte sie noch einmal an sein Herz drücken. Aber sie entwand sich sanft seinen Armen. »Keinen Kuß auf eine Unwahrheit. Es muß jetzt volle Wahrheit zwischen uns sein.« »Unwahrheit!« Sie nickte mit einem tränenfeuchten Blick. »Laß mich nur einen Augenblick Atem schöpfen.« Sie hatte sich an den Tisch gesetzt, der Kopf gleitete in die Arme. Er hatte sich leise an ihren Stuhl gestellt und legte sanft den Arm auf ihre Schulter. »Ich habe dich lieb und bin bei dir, und du hast mich auch lieb. Was hindert dich noch?« »Ich habe dich liebgehabt, seitdem ich dich gekannt«, sagte sie ruhig, sich zurücklehnend, »wie einen Bruder, vor dem ich mein Herz offenlegen konnte. Habe ich's nicht getan? Und wenn ich's nicht tat, war es, weil ich dachte, du läsest ja schon in meiner Seele wie in einem offenen Buche. Aber seit der – der fürchterlichen Geschichte ward es noch anders. Du allein bliebst immer derselbe gegen mich. Die andern – erst wußten sie nicht, wie sie mich ansehen sollten, und wichen mir aus. Nachher überschütteten sie mich mit Liebkosungen und Bewunderung und machten aus mir wunder was, was ich nicht bin. Ich war doch nicht schlechter, nicht besser, Gott weiß es – aber was ich nun bin, nun ja, was ich besser bin, bin ich durch dich. Seit ich das fühlte, ward mir bange. Du hattest es mir vorausgesagt, durch große Leiden werde der Mensch geläutert, seine Sinne gehen auf für das Edle und Schöne und sein inneres Auge für das Ewige und Wahre. Und da sah ich, wie du viel sorgsamer und liebevoller wardst, und mit jeder Schülerin würdest du dir nicht soviel Mühe geben. Und dein Unterricht ward auch so besonders. Und da, Walter, da kam dann – ich weiß nicht wie – der Gedanke, daß es so sein müßte –« »Und erschrakst du vor dem Gedanken?« Sie schwieg einen Augenblick: – »Nein, gewiß nicht, Walter. – Wo konnte ich besser aufgehoben sein, dachte ich, wer sollte mich besser zum Rechten führen und schützen! Ich gewöhnte mich so daran, daß –« »Du gewöhntest dich nur daran?« Jetzt erschrak sie vor dem Ton der Frage. Sie legte sanft die Hand auf seine und blickte ihn klar an: »Hast du nicht zuweilen gemerkt, daß ich lächelte? Ich dachte dann an das, was du oft gesagt, der Mensch erzieht sich selbst, und man kann keine Natur ändern. Und du wolltest mich doch ändern, so wie du mich wünschtest. Und dann widersprach ich aus Übermut. Nur aus Schelmerei, ich nahm mir im Herzen doch vor, zu werden, wie du es wünschtest.« »Das hattest du dir vorgenommen, und ich war der Gegenstand deiner Gedanken!« »Und da kam ich auf kuriose Dinge. Ob ich dir auch würde auf die Schulter klopfen, wie Mutter tut, wenn sie den Vater freundlich haben will. Wenn Vater auffährt, ob du auch zornig werden könntest? Und ob ich dann auch so machen dürfte, wie Mutter tut, um ihn wieder gut zu machen. Ich muß dir sagen, es kam mir nicht ganz recht vor, wenn auch Mutter sagt: ›So muß man die Männer behandeln, wenn man Friede im Hause haben will.‹ Du bist doch ein ganz andrer Mann, und ich meinte, wir müßten uns jeder dem andern geradheraus sagen, was er denkt. Ach, und tausend Dinge. Aber, Walter, das dachte ich alles weit entfernt.« »Hast du nicht auch gedacht, daß du jetzt in einem glänzender Hause bist, eine gefeierte Schönheit, von Bewerbern umschwirrt, die von ihrer Anbetung sprechen? Hast du nicht an dein Herz gefühlt, ob, wenn der eine oder der andre ernst spräche –« »Nein«, fiel sie rasch ein. »Sie sind mir alle gleichgültig.« »Aber die Geheimrätin! Du bist ihr Augapfel. Sie wünscht, daß du eine gute Partie machst, sie sucht vielleicht schon einen passenden Gatten, der dich über deinen Stand erhebt. Vielleicht auch, sie ist kinderlos, reich, das große Vermögen kommt von ihr –« Sie faßte mit Heftigkeit seine Hand. »Nein, Walter, das denke um Gottes willen nicht. Ich habe nie daran gedacht.« »Und der Gedanke ist so natürlich. Du schauderst ja fast.« »Ich begreife es oft nicht, warum ich nicht mehr Dank für sie fühle, aber – aber lassen wir das! Walter, verrate mich nicht, und deute es mir nicht schlimm, es ist mir oft, als möchte ich je eher, je lieber aus diesem Hause fort. Es ist mir so heiß, so bang oft –« »Aber weißt du, in welches ich dich führen könnte? Ein armer Gelehrter – würdest du aus deinem Reichtum mir in eine Hütte folgen?« Sie sah ihn mit ihrem klaren Lächeln an: »Ja, Walter. Ich bin ja nicht für den Reichtum geboren. Wer weiß, wenn sie meiner überdrüssig wird, setzt sie mich hinaus. Da müßte ich mir vorsorglich ein Obdach suchen. – Oh pfui! keinen Scherz. – Aber ich habe mir es auch gedacht, daß du zu stolz sein könntest, weil du arm bist. Oh, ich liebe dich so stolz, wenn du den reichen und vornehmen Herren kein Wort, keinen Blick schuldig bleibst. Wie viele bücken sich und kriechen, du gehst grade. – Nein, Walter, auch darum nicht, nicht weil ich dir zu Hilfe kommen wollte. – Ach, hilf mir doch – das Schwerste ist heraus, und das Allerschwerste steckt noch in der Brust.« Sie barg ihr Gesicht an seinem Halse. Er strich über ihre Stirn; er bat sie zu denken, sie sei in der Kirche wie die fromme Katholikin, von der sie neulich gelesen, und er ihr Beichtvater. »Neulich, nach unsrem Feste – du weißt von dem unglücklichen Zufall. Ich verlor meine Besinnung, jemand trug mich aus dem brennenden Zimmer. Häßliche, gleichgültige Menschen kamen und gingen; aber in der Nacht, als es still ward, halb wachte ich, halb träumte ich – die andern hatten mich wohl vergessen in dem Wirrwarr, und die Nachtlampe brannte dunkel, da schlich es herein. Er überraschte mich –« »Gerechter Gott!« »Nein, Walter, erschrick nicht.« »Wer?« »Ich kannte ihn und darf ihn doch nicht nennen. Er umfaßte meine Knie wie der Orest das Bild der Göttin, und seine schönen Augen rollten wie die eines Wahnsinnigen. Ich wollte aufschreien, mich losmachen, aber ich konnte nicht, wenn ich ihm ins Auge sah. Ihn peinigten ja auch wie den Sohn des Agamemnon – die Furien.« »Was wollte der Freche?« »Er bat mich, daß ich vergessen, vergeben sollte.« »Was solltest du ihm vergeben?« »Das ist aus der alten schrecklichen Geschichte –« »Von der kein Wort! – Die Geheimrätin erwähnte neulich eines Unverschämten, der dich auf der Straße verfolgt –« »Ach, Walter, jetzt verstehe ich erst, was wir in den Gedichten lasen. Ist das Liebe, so ist ja Liebe eine Krankheit, vor der Gott dich und mich bewahre. So muß Orest krank gewesen sein.« »Er sprach seine Leidenschaft aus, er quälte, marterte dich? – Weiß jemand darum?« »Keiner soll davon wissen, außer dir. Dich nehm ich aus.« »Du versprachst ihm Verschwiegenheit?« »Ihm nicht, mir gelobte ich sie aus – einem Mitleid, das ich noch nie empfunden. Walter, oh hättest du ihm in das Gesicht gesehen, das schöne, fürchterliche Gesicht. Bald ein wildes Tier, das mich zerreißen konnte, bald wie ein Kind so sanft. – Ich bedurfte keines Beistandes, keiner Hilfe, glaube es mir, gewiß nicht. Ich wäre ihm wie eine Heilige, eine Göttin, eine Priesterin, deren Wünsche ihm Befehl sind –« »Das ist die Sprache der Wüsten! Du kennst diese Menschen noch nicht. Wo ihre gewöhnlichen Künste nichts fruchten, sie einen Widerstand finden, den sie damit nicht bewältigen, stehlen sie aus der Seele ihres Opfers die edelsten Gefühle, um sie zu überlisten. Mit Tränen, empfindsamen Reden nesteln sie sich wie der Mehltau an die Fasern und Fäden einer edlen Seele. Sie reißen die Brust auf, um Schmerzen zu zeigen, die sie erheuchelt, und indem sie das Mitleid aufrufen, spritzen sie Gift in die arglose Seele der Teilnehmenden.« Sie sah ihn ruhig an und schüttelte den Kopf: »Du kennst ihn nicht; den nicht. Nein, Walter, das war keine Täuschung. Er schüttete seine volle Seele, seinen brennenden Schmerz, seine Selbstanklagen aus. Und dahinter blieb nichts zurück, kein Fältchen. – Wie eines Wahnsinnigen Reden klang es, ja; aber wie die Wahnsinnigen im Altertum, sagtest du, die Wahrheit verkündeten. So spricht keiner, daß er unwürdig sei, so entsagt keiner dem, was ihm das Liebste ist – so spricht keiner von dem Stern, der ihm zu spät geleuchtet. So nicht vom Vaterlande, das untergeht. So klagt sich keiner an, daß er zu früh verzweifelt und darum selbst in dem Sumpfe versank, wo keine Rettung ist. Ich reichte ihm meine Hand, ich sagte, ich wollte ihn aufziehen, er rief: ›Berühre mich nicht, es ist zu spät!‹ Walter, das vergeß ich nie, das klang wie das Parzenlied. Da ist ein edler Mensch verlorengegangen.« »Verloren!« rief Walter, in sich hinbrütend, »das ist ein schrecklich Wort.« Sie ergriff seine Hand: »Und darum, Walter, darum habe ich gesprochen, wie ein Mädchen nicht sprechen soll. Und nun betrachte mich wie dein Eigentum; ich bin ganz ruhig und zufrieden. Schalte und walte damit, wie du willst, schilt mich, züchtige mich, daß ich den Schleier der Schicklichkeit zerriß, daß ich nicht abwartete, bis du gesprochen. Bin ich nicht auch wie die griechische Fürstentochter, fortgerissen aus dem Hause der Eltern, in die Welt gestoßen? Mein Gott hat es so gewollt, daß das Schrecklichste, Unerhörteste an einem armen Mädchen vorüberging. Da ward sie eine andere. Und du bist der Mann, an den sich das schwache Mädchen lehnt, du der einzige, den ich wert fand, mich ihm zu geben, wie ich bin. War's recht oder unrecht, nun ist's an dir, zu entscheiden. Du aber bist nun die Säule, an die der Efeu sich rankt, du der Freund, den mir die Götter erzogen. Du sprichst nun für mich. So an dich mich schmiegend, will ich stehen, wenn neue Stürme drohen, und der Unglückliche, der Verlorene, wenn er wiederkommt, deine Verlobte, Walter, wird, ruhig und heiter, nicht mehr erschrecken.« Die Schwalben und die Bienen und die Sonne in der Linde schauten auf einen Glücklichen und eine still Zufriedene. Ein Moment, von dem Dichter jener Zeit gesagt hätten, daß Götter die Sterblichen darum beneiden könnten. Der Neid der Götter war immer gefährlich, aber auch jene Götter täuschten sich und wurden getäuscht. Sie schaukelten über den Spiegel auf der See und sahen nicht den Sturm, der schon ihre Tiefe aufwühlte. – Über die Dächer tönte es vom Gendarmenturm. Die Lehrstunde war wohl zu Ende. Sie hörten mit Schrecken die Schläge. Es waren aus der einen Stunde drei geworden. Das süße Geheimnis, was es für andre noch bleiben sollte, durfte es nicht vor der Pflegemutter. Walter hatte es so gewollt. Adelheid erkannte seine Gründe an, aber sie seufzte, als sie aufstanden. Es war ein schwerer Gang. An der Tür der Geheimrätin hörten sie ein Gespräch. Es war Wandels Stimme. Lisette, die hinzukam, sagte: Frau Geheimrätin wolle nicht gestört sein. – Adelheid atmete auf. Walter drückte ihre Hand: »Also ein andermal, teures Fräulein.« »Die sind auch einig«, sagte Lisette, nachdem sie die Flurtür hinter ihm zuschloß. Dreizehntes Kapitel. Auch eine Lehrstunde . In dem Gespräch zwischen der Geheimrätin und dem Legationsrat mochte auch schon weit über eine Stunde verstrichen sein. Es war gewissermaßen auch eine Lehrstunde, aber vom ursprünglichen Gegenstande mochten sie ebenfalls weit abgeschweift sein. Wir fanden neulich die Geheimrätin in ägrierter Stimmung auf den bewunderten Mann. Jetzt saßen sie beide im intimsten Seelenverkehr auf dem Kanapee. Die Aussöhnung war längst erfolgt. Am Morgen nach der Gesellschaft war er schon vor Mucius und vor Selle dagewesen, er hatte ihr von dem präparierten Äther gebracht, der sie wunderbar schnell gestärkt und hergestellt. Er hatte Mucius durch seine Kenntnisse, die er in bescheidene Fragen einkleidete, überrascht, daß der Doktor beim Weggehen geäußert: »Das ist ein Tausendkünstler, Madame! Den müßten wir setzen lassen, daß er uns nicht ins Handwerk pfuscht!« Hatte er nicht Selle, der durch das Versehen des Dieners auch bestellt worden, so geschickt in die Konsultation zu ziehen gewußt, daß er die Verlegenheit der Geheimrätin nicht merkte! Wie gesagt, es war alles ausgeglichen – zwischen ihnen, aber nicht die tiefe Falte auf ihrer Stirn. Noch heut verriet sie den Riß in der Brust. »Ich werde gar keine Gesellschaften mehr geben«, hatte sie gesagt. »Gott sei Dank!« sagte er. »Warum?« »Weil Sie endlich zur Überzeugung kamen, daß man das Für-die-Menschheit-sich-Opfern den Narren überlassen muß.« »Sie meinen doch nur für die reale Menschheit, die in ihren Flitterkleidern ihre Armseligkeit zu verbergen sucht.« »Und was ist die nicht reale Menschheit? Sollen wir uns für den Begriff begeistern, der zwischen Adam und dem jüngsten Wiegenkinde liegt?« »Aber was ist der Mensch, der sich für nichts interessiert! Für irgend etwas muß er doch der Opfer fähig sein, er muß leben, oder er kehrt zum Tier zurück.« »Physiologen behaupten, daß jedes Menschengesicht eine Ähnlichkeit mit einer Espèce derselben hat.« »So wäre es an uns, zu entdecken, mit welchen wir Verwandtschaft haben. Und wenn wir's wissen, sind wir am Rande unsrer Erkenntnis.« »Moralisten behaupten, daß es alsdann unsre Aufgabe sei, dieses Tier zu bekämpfen.« »Mit welchem haben Sie zu kämpfen?« fragte die Lupinus. »Sie sind in ägrierter Laune, teuerste Frau. Das ist eigentlich die beste. Mit diesem moralischen Scheidewasser spülen wir am schnellsten die sensualen Auswüchse ab, die uns an unserm Glück hindern.« »Was verstehen Sie unter diesen Auswüchsen?« »Die sogenannten wohlwollenden Gefühle, die die ärgste Lüge sind, der Selbstbetrug, der uns am klaren Denken, am folgerechten Handeln hindert.« »Sie lenken von meiner Frage ab. Für was lebt der Mensch?« »Nur für sich selbst.« »Aber in dies Selbst schließen Sie die Ideen, Bestrebungen, Illusionen, wie Sie es nennen wollen, ein, die unser Dasein über das Vegetieren der Pflanze, über den Instinkt der Tiere erheben?« »Vielleicht.« »Warum nur bedingt? Sie wollen ihn noch nicht bewundern, aber Sie anerkennen Napoleon.« Er hatte mit untergeschlagenen Armen, im Sofa zurückgelehnt, gesessen. Er sah sie scharf an: »Wollen Sie ein Napoleon werden?« »Torheit!« »Fühlen Sie Beruf, eine Semiramis, Zenobia zu sein oder eine Maria Theresia, Katharina?« »Das liegt ganz außer meiner Sphäre.« »Das ist das Lösewort. Wer die Grenzen seiner Sphäre erkennt, weiß, wofür er lebt. Er weiß auch, wie er leben soll, das heißt, er kennt die Mittel, mit denen er wirkt, bis wohin er wirken kann. Wenn er aber das weiß, weiß er auch, daß nichts ihn hindern darf, so zu wirken, wie er kann , sagen wir muß . Was man will und kann , muß man; es gibt keine höhere Aufgabe. Das aber ist die Krankheit unserer Zeit, das Siechtum unserer Halbwollenden, daß sie den großen Männern ihre großen Endziele abstehlen wollen. Haben sie Adlerflügel, Titanenkräfte? So flattern sie wie die Motten ins Licht und zerstoßen ihre blutwarmweichen Hirnschädel, mit denen sie Mauern einbrechen wollten, am ersten besten Zaunpfahl. Daher diese Idealisten, Staatskünstler, Menschheitsverbesserer! Was war es, das sie den Größen abstehlen sollten? – Die richtige Erkenntnis ihrer Sphäre, die sie füllen, der Kräfte, über die sie gebieten können. Der achtzehnte Brumaire wäre ein Verbrechen, nein, eine Dummheit gewesen, wenn der Lieutenant von Toulon ihn gewagt, für den Sieger an den Pyramiden ward es eine Tugend, die Europa und die Welt bewunderte; er wußte, was er konnte.« »Und was können wir, die wir nicht wissen, was wir wollen, können?« »Kein Mensch ist so gering, daß er nicht etwas will, was Scheinbar über die Verhältnisse, über seine unentwickelten Kräfte hinausgeht. Aber wenn er den Mut hat, es sich zu gestehen, so wachsen schon dadurch unvermerkt diese Kräfte. Liegt das Ziel im Kreise des Möglichen, wohlverstanden, für ihn, so ist es auch für ihn erreichbar. – Ich bin entfernt davon, in Ihre geheimen Wünsche dringen zu wollen; aber denken Sie sich, meine Freundin, einen solchen Wunsch, den Sie bisher für unerreichbar hielten, verkörpern Sie ihn sich, und überrechnen Sie dann die Mittel, die Ihr Geist, Ihr Vermögen, Ihre physische Kraft, Ihre Freunde Ihnen bieten. Reichen diese Mittel aus, so sind Sie am Ziel-, denn es ist allein Ihre Schuld, wenn Sie es nicht erreichen.« »Das ist ein gefährlicher Gedanke.« »Warum? – Gesetzt, Sie fühlten sich unglücklich mit Ihrem Gatten –« »Ich bitte Sie, Herr Legationsrat –« »Nun, Sie wünschten ihn zu einem lebenslustigen Mann zu machen. Ist das etwas Unrechtes? – Doch es ist ein indiskretes Beispiel, Verzeihung! Also umgekehrt – Sie wollten sich ganz der Armenpflege widmen, Ihr Haus zum Hospital umschaffen, selbst Krankenwärterin werden. Ihre Mittel wären endlich erschöpft, ja, meine Freundin, die Möglichkeit wäre da, daß Sie ihm auch seine Stube nähmen, seine Bibliothek verkauften –« »Ach, der arme Mann!« »Nur nicht Mitleid! Wer etwas will, muß diese Rücksichten verbannen. Sehn Sie, die Fürstin Gargazin möchte uns alle zu Konvertiten machen, sie scheut keine Mittel – gar keins, wenn sie nur einen bekehren kann.« »Mein Mann stürbe, wenn er von seinen Büchern lassen müßte.« »Und wird von ihnen lassen müssen, wenn er von allem läßt! Doch, um wieder auf Bonaparte zu kommen, wieviel Peripherien hat er, eine nach der andern, um seinen jeweiligen Standpunkt gezogen, weit, weiter, und das ist das Bewunderungswürdige, nicht seine gewonnenen Schlachten, sondern daß er, im Mittelpunkt des Kreises, nie über den Kreis hinausgriff! So ward er Konsul, Kaiser –« »Oh, ich bin ungemein begierig, Ihre Ansichten darüber zu erfahren.« »Wozu das, Freundin? Wozu die eigne Kraft anstrengen und uns vergessen?« »Aber es ist so interessant –« »Sie haben recht – seine Familienverhältnisse! Da liegt der Hemmschuh für den Giganten.« »Die Familie erhebt er mit sich.« »Aber Josephine hat keine Kinder. – Sie muß fort.« »Wie! Sie hob ihn. Er kann sie doch nicht verstoßen.« »Ei, seine Bewunderin hält ihn für so klein? Gefühle der Dankbarkeit sollen ihn an seinem Weltberuf hindern.« »Aber das Urteil der Welt würde –« »Den Titanen regieren! Da habe ich keine Skrupel. Aber die Kreolin ist eigensinnig, reizbar. Wenn sie sich nun nicht scheiden lassen will?« »Sie meinten neulich, daß Josephine gegen ihren Mann konteroperieren könnte?« »Darüber bin ich hinaus. Sie ist nur eine Frau mit den gewöhnlichen Affekten eines Weibes. Groß im Kleinen, zu klein zu einer Tat, zu weich, gutherzig. Nein, nein, von der Seite ist nichts zu besorgen, aber er, Napoleon, muß sich von ihr scheiden, er muß Söhne haben, er ist in voller Manneskraft, er ist durch die Verhältnisse wie von selbst zu einer Ehe gedrängt, die seine Nachkommenschaft vor der Meinung legitim macht, welche aus dem Schutt und Staub der Revolution aufsteigt und die Throne wieder mit einem Nimbus umzieht. Das ist ganz unabänderlich, das muß er. Und wenn sie sich nun nicht scheiden lassen will, was muß er tun? Was wird er tun? Da, Freundin wird sich's bewähren, ob er – er ist.« »Mein Gott, Sie meinen –« »Bisher war er sich immer klar. Aber diese Differenz –« »Er liebt Josephinen!« »Was ist Liebe? Verstehn wir uns! Wir beide meinen nicht jene Veilchenduft-, jene Vergißmeinnichtsschwärmerei zartgeschaffener Seelen noch jene dämonische Leidenschaft, die Mauern einreißt, um im Genuß sich zu töten. Das sind Kinderspiele. Ich meine die Liebe, vor der Jahre und Verhältnisse wie Plunder versinken, das in den Mysterien der Natur geborne Bündnis derer, die sich verstehen, sich das Zeugnis der Ebenbürtigkeit einer dem andern ausstellen. Diese Liebe bedarf keiner Besiegelung durch Lieder, Beteuerung und Schwüre. Sie ist da von selbst. Die Geister wie die Blicke brauchen sich nur zu finden, und im Moment ist der Bund geschlossen, ohne Worte.« Die Geheimrätin seufzte: »Das ist eine Vorstellung, erhaben wie die Ewigkeit!« »Und nun, frage ich, herrscht zwischen ihm und ihr ein solcher Bund? Begreift sie ihn nur? Freilich möchte sie sich sonnen in seinem Diademenglanze, die immer liebenswürdige Kaiserin und Französin sein, entzückend in Toilettenkünsten, Intrigen, brillierend von Esprit in der Konversation, bezaubernd die Herzen durch ihr weiches Herz, wenn er zuschlagen muß, ihm in den Arm fallend: Ach, tu's doch lieber nicht! Was ist sie ihm? – Eine Last, die er abstreifen muß. Er muß, sage ich, wenn er vorwärts will, und er kann es, es kommt nur darauf an, ob er Mut hat, es zu wollen.« »Mein Kopf schwindelt.« »Traf dies Los nicht auch solche, die er wahrhaft liebte? Und er vernichtete sie, weil er sie liebte.« »Ich verstehe Sie nicht.« »Jene graubärtigen Krieger, seine Veteranen, die Säulen seines Ruhmes, die ihm nach Afrika gefolgt. Im Sonnenbrande der syrischen Wüsten war seine Mission erfüllt, er huldigte nicht der Torheit, ein romantischer Alexander sein zu wollen, er dürstete nicht nach Eroberungen, die sich nicht halten lassen. Er mußte zurück. Konnte er die Kranken, die Verwundeten durch die glühende Sandwüste mitschleppen? Kaum seine Gesunden hielten die Strapazen aus! Sollte er die Unglücklichen dem Grimm barbarischer Feinde zurücklassen? Er war rasch entschlossen –« »Sie nehmen das Gerücht für wahr an?« »So wahr ich ihn ehre. Gewiß nach einem schweren Kampf. Wer trennt sich leichten Herzens von denen, die uns die Teuersten sind. Aber als es in ihm klar war, daß es sein mußte, zauderte er keinen Moment, Hand ans Werk zu legen. Durfte er sie erschießen, erschlagen lassen? Das durfte er nicht vor dem Urteil der unmündigen Welt, nicht vor ihnen selbst. In süße Illusionen ließ er sie einwiegen durch Opium, bis – bis sie in süßen Träumen von dieser Welt schieden. Wie mancher der Soldaten mag auf dem sauren Rückweg, unter Durst und Sonnenstichen erliegend, hilflos vielleicht zurückgelassen, weil er sich von der Kolonne verirrt, im Angesicht des Tigers, der Hyäne, deren Geheul seiner Witterung nachging, wie mancher mag an die schnell und glücklich Gestorbenen in Accum zurückgedacht, ihr Los beneidet haben! Napoleon ging an ihren Lagerstätten umher, seine Augen blitzten sie an; dem nickte er, dem drückte er die Hand, dem rief er ein baldiges Wiedersehn auf dem Felde der Ehre zu. Sie alle richteten sich begeistert auf und riefen ihrem großen General ein Vivat!« »Und im Leibe des –« Sie hielt zusammenschaudernd inne. Er spielte ein bedeutungsloses Fingerspiel. Er hatte sehr wohlgeformte, aristokratisch weiße Hände. Ein sanftes Lächeln spielte um die Augen, die auf die Hände niedersahen. »Wenn wir uns nur gewöhnen könnten, die Dinge anzusehen nicht wie die Leute, sondern wie sie sind! Wir würden viel glücklicher sein und weit mehr Glück um uns verbreiten. – Hätte der große Mann sich um den Katechismus und die Morallehrer und Gott weiß welche Gevattern und Muhmen gekümmert, was hätte er dann tun sollen? Etwa um die Hunderte oder Tausende Kranke nicht zu verlassen, selbst zurückbleiben mit seinem schon geschmolzenen Heere, ohne Vorräte, der wachsenden Zahl seiner Feinde, der Hitze, den neuen Krankheiten gegenüber? Er wäre, so wahr zwei mal zwei gleich vier ist, als Opfer gefallen. Dann hätten freilich alle alten Weiber und alle romantischen Seelen sein Lob gesungen, als Märtyrer, der sich selbst geopfert für Notleidende, und wieviel Tausende mit, das ist ihnen gleichgültig; es ist doch eine edle Tat. Aber daß er alsdann eine andre Mission vergessen hätte, daß es galt, sein großes Frankreich aus der Anarchie zu retten, die aufs neue ihre Polypenarme ausstreckte, daran denken diese sentimentalen Gemüter nicht. Lieber die arme Fliege retten, die im Netz der Spinnen sich gefangen hat, als zugreifen, wo die Gardine Feuer fängt, und das Haus kann verbrennen. Das ist die Moral, welche die sanften Seelen uns predigen.« Er war aufgesprungen: »Oh, wie glücklich könnte die Welt sein, wenn die Menschen es verständen, frei zu sein!« Er war sichtlich in einer Gemütsbewegung. Man hörte Adelheids Stimme am Klavier. »Was würden Sie tun?« wandte er sich plötzlich zur Lupinus. »Hier wäre Ihr Johann erkrankt, zu Ihren Füßen hingestürzt, und dort hörten Sie einen Schrei Ihrer Tochter – der tolle Mensch, durchs Fenster gestiegen, überfiel sie am Klavier. Oder – er ist zwar zu allem fähig – aber setzen wir nur den Fall, Sie wüßten, daß er wieder zu ihr eingedrungen, daß er sie mit seinen Verführungskünsten zu umgarnen sucht, was würden Sie, frage ich, zuerst tun? Dort nach Ihrem Schrank mit den Essenzen springen, um den Diener zu soulagieren , oder da nach dem Zimmer zu Ihrer Tochter? Ginge Ihnen der Diener oder die Tochter vor, der kranke Mensch, der doch über kurz sterben muß, oder das blühende junge Wesen?« »Meine Tochter natürlich«, sagte die Lupinus. »Aber wenn der Mensch, der Johann, inzwischen stürbe? Was würde die Welt dazu sagen?« »Was würden Sie dazu sagen? Das ist allein die Frage. Doch nichts anderes als: dort droht ein unersetzlicher Verlust, hier kann ein Mensch sterben, für den der Tod eine Wohltat ist. – Leben Sie wohl!« »Habe ich Sie beleidigt?« »Mich?« »Sie raunen mir da eine entsetzliche Möglichkeit ins Ohr.« »Possen! Phantasiestücke. – Apropos, haben Sie Ihre kleine Apotheke arrangiert? – Den Äther gebrauchen Sie, ich bitte nochmals, nur im äußersten Notfall.« Er war an das Glasschränkchen getreten und übersah die Etiketten der Gläser. »Ich werde noch Ihres Unterrichts in manchen Mixturen bedürfen.« »Nur mit keiner Silbe gegen jemand davon erwähnt. Doktor Mucius und die andern wären imstande, einen Ausweisungsbefehl gegen mich zu erwirken. Die Herren Ärzte vertragen es nicht, wenn man in ihr Amt pfuscht.« Mit einem zweiten Händedruck hatte er die Tür erfaßt, als Adelheids volltönende Stimme im Zimmer hinter dem Entree die Reichardtsche Komposition des Freudvoll und leidvoll, Gedankenvoll sein am Fortepiano sang. »Die Kleine singt recht hübsch.« »Reichardt ist zufrieden. Dussek war neulich entzückt.« »Weil Sie gut zu essen geben – und Ihr Wein vortrefflich ist.« »Lachen Sie nicht so abscheulich.« »Eine gute Figur. Sie könnte auch auf dem Theater ihr Glück machen.« »Pfui! Darum hätte ich sie –« »Wie Sie wollen. Aber sie geniert Sie doch wohl zuweilen. Nicht wahr? Bekennen Sie es nur.« »Sie kann recht impertinent sein.« »Offenherzig! Ich verdenke es ihr nicht.« »Hat sie ein Recht dazu?« »Wird ihr nicht hundertfach gesagt, daß sie hier der Glanzpunkt ist? Sie allein der Magnet, der die Leute in dies Haus zieht? Sagen Sie es nicht selbst, Freundin? Ich könnte mir ein Gewissen draus machen, sie zu Ihnen gebracht zu haben, wenn ich nicht wüßte, daß auch eine Philosophin zuweilen eine Narrenschule um sich braucht.« »Einige finden sie geistreich.« Jetzt hätte die Geheimrätin mehr Recht gehabt, sein Lächeln abscheulich zu nennen. »Es wird sich ja wohl bald für das geistreiche Mädchen eine gute Partie finden.« »Wer weiß! Die jungen Leute sehen nach Geld.« »Der Herr Bovillard würde vielleicht auch nicht so toll verliebt sein, wenn er nicht an eine Mariage dächte, um seine Schulden zu bezahlen.« »Wie! Sie denken, es ist sein Ernst –« »Wenn es Ihr Ernst ist, sie zur Erbin einzusetzen.« »Wer denkt daran!« »Außer sehr vielen Adelheids Eltern, und sehr ernstlich.« »Impertinent! Am Ende wünschen sie, daß ich noch bei meinen Lebzeiten meines Vermögens mich entäußere, um das aufgenommene Mädchen auszustatten.« »Solche Wünsche spricht man wenigstens nicht laut aus.« »Oh, sie sollen sich getäuscht sehen. Ich will –« »Keinen Eklat, meine Freundin. Keine Affekte in solcher gleichgültigen Sache. Ihr Wille ist ja genug. Sie hatten also nie im Sinne, sie wirklich an Kindes Statt anzunehmen?« »Und wenn ich einmal daran dachte –« »So sind Sie bei reiferer Überlegung von der Törigkeit dieses Entschlusses überzeugt, und Sie sind die Frau, die in einer Aufwallung nichts ändert. Was braucht es denn mehr, die Sache ist zwischen uns – ich meine, in Ihrem Geiste klar. Aber wozu das aussprechen. Ich würde es auch nicht merken lassen. Laß die Gimpel sich doch täuschen. Wozu gab Gott jedem sein Maß Klugheit? Warum sollen wir mit dem, was wir übrig haben, den Toren beispringen. Und vielleicht verschafft der Glaube dem Mädchen doch eine gute Partie. Und ist es einmal soweit, dann springt auch nicht gleich jeder darum ab. Das Point d'honneur ist eine Erfindung, um die Mittelmäßigen zu regulieren. Und gibt es nicht mariages d'inclination ? Und – wer weiß, wie Sie das Mädchen auf andre Art wieder loswerden? Es fügt sich so manches. – Ich lache ordentlich, daß ich Ihnen darüber Instruktionen geben will. Lassen Sie sie freudvoll und leidvoll, unter Hangen und Bangen, ihrem Schicksal entgegenhüpfen. Wir haben doch wahrhaftig für anderes als dafür zu sorgen.« »Der abscheuliche junge Mensch will mir nicht aus dem Sinn«, sagte die Geheimrätin. »Er wird Sie bald nicht mehr beunruhigen«, entgegnete der Legationsrat, indem er ein versiegeltes Päckchen in den Schrank gelegt, den Schlüssel abgezogen und ihn in die Hand der Geheimrätin gedrückt hatte: »Bewahren Sie ihn wohl.« »Was haben Sie hineingetan?« »Etwas, was Sie nur eröffnen dürfen nach meinem Tode.« Sie starrte ihn an. Er drückte ihre Finger an die Lippen: »Auch davon still, still! Es ist nur mein Testament.« Sie preßte krampfhaft ihre Hand auf seinen Arm: »Was haben Sie mir gesagt?« »Daß ich einen festen Arm habe, einen sichern Blick, daß meine Kugel nie geirrt; daß – das wilde Blut des Leidenschaftlichen nicht zielen kann, und – so gewiß Sie vor mir stehen, ich werde nicht fallen . Ich habe Ihnen noch mehr gesagt, mit kaltem, ruhigem Blute werde ich ihn zu Boden stürzen sehen. Das Bewußtsein, die Gesellschaft von einem Ruhestörer zu befreien, wird mir Befriedigung sein – wenn es dazu kommt!« »Aber –« »Weil der Zufall dämonisch ist, schrieb ich das auf.« »Mein Freund, was soll ich mit Ihrem Testament?« »Es lesen – annehmen oder verwerfen.« Er wollte mit umgewandtem Gesichte hinaus. »Nicht so! Ich muß wissen, ob ich nichts Gefährliches im Schrank verschließe.« »Gefährliches! – Ich hatte eine Freundin, eine teure Freundin, sie war mein alles, ich war es ihr. Sie verstand mich, sie ging nicht in meine Ideen ein, sie ging ihnen voraus –« »Angelika, Ihre Gattin –« »Auch dies äußere Band sollte das unlösbare unserer Geister befestigen – wenn das nötig, sagen Sie, möglich gewesen wäre! –, als eine andere rauhe Hand es zerriß. In ihrem Testamente hatte sie mir ihr Vermögen hinterlassen mit den Worten: ›Es ist ja nicht meines, es ist deines, denn was mein war, war dein, ich war du, du ich. Wirke es in deiner Hand für mich.‹ Sollte ich es etwa nun nicht annehmen, weil die Verwandten lamentierten und Gott weiß was für Klagen wegen Übervorteilung, Erbschleicherei vorbrachten? – In ihrer Hand war es vergeudet, in meiner lebte es zu den großen Zwecken der Seligen. – So wird auch meine Freundin keinen Anstand nehmen, wenn ich das mir Anvertraute ihr wieder vertraue. Sie kannten mich, Sie wissen, was damit zu wirken, und wenn die Spanne Zeit zu kurz war, um unsre Geister ganz ineinander aufgehn zu lassen – in dem Papiere – wozu Schrift, wo der Geist lebendig bleibt! Ihrer wird klären, wo es dunkel scheint; wo es dunkel ist, werden Sie Licht bringen. Die Verwaltung meiner Güter braucht Sie nicht zu erschrecken, es ist dafür gesorgt. Verwandte werden Sie nicht stören, die Welt der Blutsbande ist hinter mir in aschgraue Nebel versunken – ich stand allein in dieser – die Zukunft war mein Reich – ich hoffte vielleicht neue – doch wozu das! Pfui über diese angeborne Natur, die uns immer wieder in die Sackgasse der Sentimentalitäten treibt.« »Wie komme ich dazu?« »Wie!« – Er lächelte. »Nein, Sie sind im Recht, Sie mußten sich darüber täuschen; es mußte Sie frappieren, daß ich in erster Zeit mich in scheuer Ferne hielt. – Ach, die Entschlafene schwebte ja noch immer an meiner Bettwand – und wer ist stark genug, wenn er Doppelgängerinnen sieht. – Aber seit auch der Geist der Seligen nicht tot ist, seit – genug. Wir werden uns ganz verstehen lernen, und wenn nicht, wenn unter einem schrillen Akkord Sie plötzlich die Saite springen hörten, dann – würden sich unsre Geister erst recht gefunden haben.« Mit einem langen, brennenden Kuß auf ihre Hand war er rasch verschwunden. Sie betrachtete eine Weile die Hand. Entweder, weil sie brannte oder weil sie zitterte, oder fragte sie sich, warum denn die Schwägerin auf ihrem Sterbebette gesagt, daß sie spitze Finger hätte? Vierzehntes Kapitel. Im Grunewald . »Sie waren zu eilig.« »Ich lasse nie auf mich warten«, entgegnete der Legationsrat dem noch sehr jungen Manne, welcher diese Frage tat, und dessen Äußeres unverkennbar den Franzosen verriet; wir setzen hinzu: auch den Diplomaten, wenngleich die Diplomatie jener Zeit noch nicht ganz wieder die Parure der untergegangenen angenommen hatte und die moderne noch nicht erfunden war. Der junge Franzos stand unter einem Baum. Zwei Paar Pistolen lagen auf einem über dem Erdreich ausgebreiteten Mantel, daneben eine Pulverbüchse, ein Kugelbeutel und was sonst zu den Vorbereitungen eines Geschäfts gehört, welches unzweifelhaft am Ausgange des Kiefernwaldes im Werke war. Die Pistolen waren noch nicht geladen; der junge Mann prüfte, den Hahn abdrückend, die Schärfe der Feuersteine. Sie schlugen helle Funken, alles war im guten Stande. Der Legationsrat ging mit gemessenen Schritten unter den Bäumen auf und ab. In der Ferne hinter dem Kieferngebüsch, in welches der hochstämmige Nadelwald auslief, bemerkte man eine leichte Kalesche, vor der zwei mutige Hengste ungeduldig den Sand stampften. Der Legationsrat sprach ab und zu, wenn er vorüberkam, seinen Sekundanten an. Zuweilen schien er, in Gedanken versunken, ihn zu übersehen. »Wie weit rechneten Sie die Grenze?« »Wenn Ihre Pferde in gestrecktem Galopp auf den Seitenwegen die zweite Station erreichen, sind Sie mit dem Postrelais morgen früh auf sächsischem Grund und Boden. Es ist nur der fatale Sand.« Der Fragende schien, während er die Antwort hörte, den Gegenstand schon vergessen zu haben: »Wenn die Sonne hinter dem Hochwald sinkt, werden Sie die Position ändern müssen. Vicomte.« »Seien Sie unbesorgt. Die Sonne wird geteilt.« Der Spaziergänger war nach einer weitern Promenade wieder zurückgekehrt. Die Falten aus seinem Gesicht waren verschwunden, er schien sogar zu lächeln, als er an der schweren goldenen Kette die Uhr aus der Hosentasche zog: »Die Uhren können differieren. Ich vergaß, meine nach der Akademie zu stellen.« »Auch ist der Rittmeister ein pünktlicher Mann«, sagte der Vicomte. »Nur empfahl er Vorsicht. Lieber Verspätung, als was Verdacht erregen kann.« »Ich hoffe doch nicht«, sagte Wandel, und sein Auge blitzte, »daß unsrerseits etwas versehen ist! Die Polizei hat Luchsaugen.« »Verlassen Sie sich auf mich und den Rittmeister. Ihm ist's ein Vergnügen und mir auch.« »Sie sollten sich in Ihrer Vergnügungslust etwas moderieren, Vicomte«, sprach leiser der Legationsrat mit einem halb vertraulichen, halb strafenden Tone. »Man hat hier andre Ansichten als in Paris.« »Pah!« »Und Sie würden nicht immer jemand finden, der Sie aus solchen delikaten Verwicklungen herausreißt.« »Tut es Ihnen etwa leid?« »Mir tut nie etwas leid, was ich getan.« »Dann soll es mir auch nicht leid tun, daß ich Ihnen aus Dankbarkeit sekundiere.« »Bereueten Sie es schon?« »Halb und halb. – Nur aus Zärtlichkeit für meinen Chef.« »Laforest hat viel Aufmerksamkeit für mich.« »Weil er Sie fürchtet.« »Fürchtet er mich wirklich?« »Er fürchtet, was er nicht kennt.« »Aber den Vicomte Marvilliers de la Motte Calvy fürchtet er doch nicht?« »Was er nicht hat, macht ihn verdrießlich, und was er nie erwerben kann, bissig.« »Die adligen Familien tauchen wieder auf am Hofe Ihres Kaisers. Er wünscht seinen neuen Thron mit alten Namen zu dekorieren. Es wird manches wieder oben schwimmen, was man auf immer im Abgrund versunken glaubte.« »Vive la bagatelle!« rief der muntre Franzos. »Es ist immer besser als vive la canaille! Tant mieux, wenn er das Alte wieder vorzieht. Alles, nur nicht die alten Frauen!« Herr von Wandel zog wieder die Uhr – »Ich kann mir das Unbehagen eines so ausgezeichneten Diplomaten wie Herr von Laforest denken, wenn man ihm junge Männer attachiert, die er für Kundschafter seiner Rivalen hält, vielleicht selbst schon für künftige Rivalen, denn in der Diplomatie tritt der alte Adel unbedingt wieder in seine vorigen Rechte. Da würde es mir doppelt leid tun, Vicomte, wenn Ihre Gefälligkeit gegen mich sein Mißtrauen aufs neue anregte. Doch läßt er Sie wohl ohnedies seine wichtigem Depeschen nicht chiffrieren.« Der junge Mann sah auf: »Meine Finger sind noch stumpf von dem Figurenmachen.« »Die Antwort, die Hardenberg an Duroc erteilte, kann ihm unmöglich schon bekannt sein.« »Ich will sie Ihnen auswendig sagen: Preußen werde unwandelbar bei seinen bisherigen Grundsätzen verharren und, treu seinem Programm, die Ruhe des nördlichen Deutschlands wahrzunehmen und zu schützen wissen. Duroc zieht mit einer langen Nase ab, wenn er Ihren König zu überreden meinte, daß er mit seinen Truppen wieder in Hannover einrücke, um es für uns gegen die Alliierten in Schutz zu nehmen.« »Es ist nicht mein König«, sagte Wandel kurz. »Und daß Preußen«, fuhr der Attaché fort, »rüstet.« Wenn auf Wandels Gesicht einige Verwunderung sich ausgesprochen, ging sie in einen sarkastischen Zug über: »Preußen rüstet gegen Frankreich! Ei, ei, Herr Vicomte, Sie geben uns überraschende Aufschlüsse!« »Nur für sich. Achtzigtausend Mann zur bewaffneten Neutralität.« »Man weiß doch«, entgegnete Wandel, »daß General Buxhövden hier ist, um für die russische Armee einen Durchzug durch Schlesien zu fordern.« »Ja, in diesem Augenblick kann er wohl noch hier sein«, sagte schlau der Attaché. »Und –« »Und er hat gewiß wie wir alle geglaubt, die Regierung wäre so schwach oder franzosenfeindlich oder dämlich, daß es nur eines Anstoßes bedürfe, um sie zu zwingen, sich öffentlich gegen Napoleon zu erklären. Er hat auch angestoßen –« »Und es hat eine Dröhnung gegeben.« »Man will nicht dämlich sein, nicht absolut franzosenfeindlich, nicht eingestandnermaßen schwach und keine offizielle Gliederpuppe, man empfindet die Kränkung, und übermorgen bricht die Armee nach der Weichsel auf, um den Russen die Zähne zu weisen.« Der Legationsrat hatte hier offenbar Dinge erfahren, die ihn überraschten, die neuesten Neuigkeiten des heutigen Mittags. Wenn er die Überraschung auf seinem Gesichte verriet, so merkte wenigstens der Attaché nichts davon, und es stellte sich auf dem eisernen Gesichte das feine Lächeln der Überlegenheit wieder ein, wie des Meisters, der einen Schüler auf die Probe gestellt hat, als er in gleichgültigem Tone sagte: »Die Feldkessel wurden beim Gouverneur schon gepackt, als ich vorhin ansprach. Das wird keine ernste Kampagne werden. Die Ansichten, welche in der gestrigen Ministerkonferenz siegten –« »Kennen wir!« unterbrach der Attaché. »Ich zweifle nicht an der Divinationsgabe des Herrn von Laforest. Indessen sind hier viele so glücklich, diese Ansichten im allgemeinen zu kennen.« »Und wir im besondern . – Was sehn Sie mich so verwundert an, Herr von Wandel? – Ich meine das Zirkularschreiben an die Gesandtschaften nach Wien und Petersburg.« Es war in der Tat ein so skeptischer Blick, de haut en bas, wie ein Duellant seinen Sekundanten nicht anzusehn pflegt, als der Legationsrat, die Hand auf die Schulter des Vicomte legend, sprach: »Ja, Herr von Marvilliers, die diplomatische ist eine angenehme Karriere für einen Anfänger, wenn man uns nur nicht immer die Brosamen vom Tische als Geheimnisse aufpackte. Wenn Ihr Gesandter eine Kopie dieser Rundschrift sich zu verschaffen gewußt hat, so versichre ich Sie, er chiffriert sie selbst um Mitternacht bei verschlossenen Türen und in Charakteren, wozu – kaum Talleyrand den Schlüssel hat.« Der Attaché fühlte sich gar nicht angenehm durch die Armauflegung des Legationsrates berührt. Mit einer raschen Bewegung hatte er die Brieftasche aus der Brust gerissen und sich zugleich des Armes entledigt, zu dessen Stütze er keinen Beruf fühlte. »Hier, hören Sie!« Er las von einem Papier: »Sie werden bemerklich zu machen haben, Preußen sei von Frankreich noch nicht beleidigt, im Gegenteil, bei der Teilung Deutschlands gut bedacht worden. Warum solle man einen Krieg beginnen, nicht für sich, sondern für andere? Die Verbindung, werden Sie einfließen lassen, mit Österreich und Rußland habe Preußen nie Segen gebracht. Sollte es vom Rhein her angegriffen werden, finde es in seinem eigenen, unüberwundenen Heere hinlängliche Verteidigungsmittel. Schön sei es allerdings, für Freunde zu kämpfen, und wenn man für Freunde, so kämpfe man für sich selbst; nur sei es schade, daß niemand in Deutschland so recht wisse, wer Freund und Feind sei. Und wer danke uns denn unsre Erhebung? Vielmehr fordere Klugheit und Gerechtigkeit: Zurückziehen in sich und Beobachtung strenger Unparteilichkeit. – Die Demonstrationen, die wir machen werden, seien nur bestimmt, um die Stimmung im Volk zu beschwichtigen. Hannover würden wir nicht besetzen, aber keinen Durchmarsch der vom König von Schweden in Stralsund gesammelten Truppen gestatten, auch nicht den Durchmarsch der Völker Seiner Majestät des Kaisers von Rußland durch Schlesien, um Österreich Hilfe zu bringen, und ebensowenig den von Truppen des französischen Kaisers, durch welche Provinzen unsres Staates es sei, um einen Angriff gegen die Staaten Seiner Majestät des Kaisers von Österreich zu effektuieren, wir würden vielmehr jedes Unternehmen dieser Art als casus belli betrachten, getreu dem so lange bewährten Grundsatz unseres Staates, unsre Untertanen vor jeder Unruhe, von innen wie von außen, zu bewahren.« »Ich habe es selbst chiffriert«, setzte der Vicomte hinzu, das Papier wieder einsteckend. Die triumphierende Miene des jungen Mannes verzog sich, als er das lauernde Gesicht des Legationsrates sah, der mit angestrengter Aufmerksamkeit, das Auge halb zu, das Ohr vorgebeugt, hingehorcht hatte. Er hatte sich induzieren lassen. Wandel hatte indes ebenso schnell sein Gesicht in die gewohnten Formen zurückgezwängt, und auch er zog die Brieftasche heraus, hielt sie vors Auge und las – fast wörtlich dasselbe, was der Vicomte gelesen. Gleichgültig schloß er nach dem letzten Worte den Stahldrücker und steckte das Etui in die Brusttasche: »Ich wollte Ihnen nur zeigen, daß es auch andre Quellen gibt, um aus den preußischen Staatsgeheimnissen zu schöpfen. – Nun aber wünschte ich wahrhaftig, daß die Herren sich beeilten. Ich hatte mir mit dem englischen Gesandten ein Rendezvous in der Oper gegeben.« Er wandte dem Sekundanten den Rücken, um mit raschen Schritten wieder einen Streifzug durch die Bäume zu machen. Er hatte Grund gehabt, rasch die Brieftasche zu schließen, denn wenn der Attaché einen Blick hineingetan, würde er nur ein leeres Blatt gesehen haben. Wandel las aus der Luft; vermöge seines außerordentlichen Gedächtnisses konnte er den kaum aus dem Munde des Attaché vernommenen Brief fast Wort für Wort rezitieren. Der Vicomte blies die Melodie eines neuesten Chansons in die Luft, nicht ganz mit sich zufrieden, als der Legationsrat auch unzufrieden zurückkehrte und versicherte, daß er auch von der Höhe, wo man die Straße übersieht, keinen Staub entdeckt habe: »Wenn Sie sich geirrt hätten, Vicomte! Man kann sich in diesen Kiefernwäldern, wo die Ausgänge sich so frappant ähnlich sehen, leicht täuschen! Wenn die Herren an einer andern Seite des Grunewalds aufgestellt wären und uns dort ebenso sehnsüchtig erwarteten als wir sie hier!« Der Attaché versicherte, daß er sich beim heutigen Morgenritt mit dem Rittmeister genau orientiert habe. Er wies auf einen aus der Rinde des Baumes ausgehauenen Span. Um die Stelle genau zu bezeichnen, hatte der Offizier mit seinem Pallasch vom Pferde herab die Marke gemacht. Er wies auf eine Reihe von Bäumen, an denen dasselbe Zeichen sich fand. »Ich denke so ungern Übles von meinen Gegnern«, sprach der Legationsrat nach einer Weile vor sich hin. Der Attaché summte sein Lied fort und lud dabei eine Pistole. »Was wollen Sie tun, Marvilliers?« »Die Krähe da vom Ast putzen.« »Warum?« »Mich zu amüsieren.« »Verzeihung, wenn meine Meditationen Sie langweilen. Indessen, wer mit einem Schritt am Rande der Ewigkeit steht –« Der Franzos lachte auf: »Würde nicht zuschnappen wie ein Haifisch nach einer politischen Neuigkeit, die er auf der Stelle gern an den Mann brächte oder, richtiger gesagt, an eine Dame. Denn zu Madame la conseillère in der Jägerstraße reiten Sie doch gewiß, wenn die Affäre hier beendet, auf Flügeln der Liebe.« »Herr Vicomte!« »Ich soll mich doch nicht durch die Hengste da täuschen lassen! Sie denken nicht nach Sachsen, Sie denken nicht zu sterben. Sie wollen leben bleiben, hierbleiben und sich amüsieren.« »Ich habe allerdings, wie ich Ihnen sagte, das Präsentiment, daß ich von seiner Kugel nicht fallen werde.« »Solche Präsentiments in Ehren, aber was Ihren Geschmack anbetrifft –« »Mein Herr!« »Sie wollen doch nicht mit mir eine Kugel wechseln! Da Sie das Präsentiment haben, leben zu bleiben, müßte ich fallen, und wenn ich fiele, was würde aus den Liebesbriefen, die ich zu bestellen habe, aus den Seufzern, die ich affektieren, aus den Vermummungen und Händedrücken, die ich am stillen Abend effektuieren soll? Parbleu, Herr von Wandel, wissen Sie, daß Sie mir einen Kriminalprozeß auf die Schultern laden? Das wird ja eine Halsbandgeschichte. Wie die Lamothe können Sie mich an den Pranger stellen. Solche Komödienfarcen en vue , und ich soll glauben, daß Sie an den Rand der Ewigkeit denken!« » Ce ne sont que des services d'amitié . Nichts von Eigennutz.« »Eigennutz, ein abscheuliches Wort, wo wir nur des intérêts kennen. Von Interessen und Nutznießung ist die Rede, est-ce qu'on parle d'un mariage  –! Und warum einem Fremden, dem Rittmeister, ein Glück aufdringen, und mit dreifacher Anstrengung, was Sie mit halber Anstrengung selbst genießen könnten! Und eine beauté sans pareille pour s'amuser und ein Leierkasten, den man nur zu stimmen braucht, und er flötet Liebeslieder, wie Sie wollen, von Dur bis Moll. Warum denn nun für einen Dritten ihn stimmen! Ein Götterspaß, ein solches Weib für sich schmachten lassen, nachlaufen, unsre Schulden bezahlen; um einen freundlichen Blick abzustehlen, in Schleier und Enveloppe auf unsre Stube schleichen, um sich zu erkundigen, warum wir uns so lange nicht sehen ließen, ob wir unpäßlich sind, grollen. Denken Sie sich, sie zündet Ihnen die Pfeife an. Ist das nicht auch für die Phantasie eines Deutschen ein entzückender Gedanke!« »Ist das schon die Libertinage Ihres neuen Hofes?« »Alt wie die Welt ist das Vergnügen. Etwas jünger vielleicht die Kunst, es sich so pikant zu machen als möglich.« Der Legationsrat nahm ihm mit einer entschiedenen Bewegung die Pistole aus der Hand: »Schießen Sie nicht nach Krähen, wo es eines Menschen Leben gilt. Vicomte, ein guter Jäger schießt nur auf ein bestimmtes Ziel, Dilettanten feuern auch nach Sperlingen. – Halt! Sie kommen.« Um die Waldecke flogen Staubwirbel auf. Ein Reiter sprengte in gestrecktem Galopp heran. Er winkte ihnen schon von fern. »Das ist nicht der Rittmeister; er ist in Zivil.« »Wenn ich recht sehe«, sprach Wandel, »sein Neffe, der Kornett.« »Machen Sie sich aus dem Staube, meine Herren!« rief der Reiter. »Wir sind abgefaßt. Schon vorm Jagdschloß. Alles verraten.« »Ich fliehe nicht.« »Wie es Ihnen beliebt. Bovillard wird nach der Stadt gebracht. ich fürchte, mein Oheim auch. Ich schwenkte, ehe sie mich erkannt, um Sie zu avertieren.« Der Vicomte sah den Legationsrat fragend an, als der Reiter bereits in der Schonung verschwand. »Packen Sie die Pistolen ein, wenn's Ihnen beliebt, wir fahren –« »Nach Sachsen?« »Nach der Stadt. Dem Schicksal, das meinen Gegner trifft, werde ich mich nicht entziehen.« »Das kann eine lange Verhaftung nach sich ziehen; je nachdem –« »Sie sind frei, Herr Vicomte. Ich überliefre mich der Behörde.« Der Wagen war noch nicht vorgefahren, als eine andre leichte Jagdchaise heranrollte. Der Rittmeister sprang heraus, ein Zeuge und ein Wundarzt folgten. Man erfuhr, was eigentlich keiner Verständigung mehr bedurfte. »Aufgeschoben ist nicht aufgehoben«, tröstete der Rittmeister. »Und wozu hilft eine Untersuchung, mein Herr, auf die Sie dringen, wer eine Unbesonnenheit und gar einen Verrat beging. Die Polizei gibt ihre Quellen nicht an.« »Aber wie begnügte man sich damit, den einen Duellanten zu verhaften, warum suchte man nicht den andern? Verdanke ich das etwa Ihrer Güte, mein Herr Rittmeister?« »Nur Ihrer eigenen Position«, sagte der Rittmeister, sich offiziös verbeugend. »Wir wußten ja nicht, mit wem wir die Ehre hatten. – Ausdrücklich ist Herr von Bovillard verhaftet worden, weil er sich einer Tätlichkeit und Herausforderung gegen eine diplomatische Person zuschulden kommen lassen, welche in expressen Angelegenheiten ihres Souveräns in Berlin war. Wegen Verletzung des Völkerrechts.« Der Attaché sah verwundert auf seinen Begleiter, während der Rittmeister ein höhnisches Lächeln kaum unterdrücken konnte. »Wäre es möglich«, rief Herr von Wandel, leicht an die Stirn schlagend. »Ich bin allerdings auch hier sozusagen im Charakter eines Envoyé, um die Beschleunigung einer Prozeßangelegenheit zu versuchen. Indes, wer konnte das wissen, und die ganze Sache ist ja eine Bagatelle. Der Fürst –« »Von Bentheim-Schlotz-Baben-Oberstein«, sagte der Rittmeister. »Der zu mediatisieren vergessen ward!« lachte Herr von Marvilliers auf. »Was hat denn der hier für Geschäfte, wenn er nicht inzwischen mediatisiert ist!« »Das sind die diplomatischen Geheimnisse Ihres Freundes, in die wir kein Recht haben einzudringen«, sagte der Rittmeister. »Die indes unserem Freunde einige Wochen Haft kosten werden. Was man nicht alles der Diplomatie verdankt!« setzte er hinzu, auf den Wagen springend. Beim Heimwege war der Legationsrat verstimmt. Der Attaché konnte es nicht unterlassen, ihn als Kollegen zu raillieren. Er hatte herausgebracht, daß die Angelegenheit des Fürsten von Bentheim-Schlotz-Baben-Oberstein keine andre sein könnte, als den Erlaß der Transitosteuer wegen tausend Kruken Schlotz-Baben-Obersteiner Mineralwasser, welche bei der Akzise mit Beschlag belegt worden, zu erwirken. Wer aber konnte sich für das Mineralwasser und die unangetastete Ehre seines Negozianten so lebhaft interessieren, daß er, um ihn zu retten, das Duell der Polizei denunzierte – wer anders als die Geheimrätin Lupinus. »Sie haben ganz recht«, sagte der Legationsrat, als er auf dem Gendarmenmarkt halten ließ und ausstieg, »ich gehe auch eben, um ihr zu danken oder zu zürnen.« Aber der Legationsrat bog nur scheinbar in die Jägerstraße ein, als der Wagen weiterrollte. Er eilte rasch um die Ecke und durch die Markgrafenstraße nach den Linden, wo er im Hotel der Fürstin Gargazin verschwand. Die Fürstin schrieb an ihrem Sekretär an mehreren Briefen, für welche die Boten warteten. Niemand sollte gemeldet werden, der Legationsrat ward aber dennoch durch einen vertrauten Kammerdiener die Hintertreppe heraufgelassen und sogleich empfangen. Sie hatten ein langes Zwiegespräch. Die Fürstin schrieb, was Wandel diktierte: »Das übrige war mir schon heut nachmittag bekannt«, sagte sie. »Buxhövden ist fort, aber die Depesche wird ihn überholen. Wir sind also für heute quitt.« Beim Abschied drückte er ihre Hand an die Lippen und verschwand auf dem Wege, den er gekommen. Fünfzehntes Kapitel. Gehn Sie nach Karlsbad . »Ruhe!« sagte der Minister. Ein anderer als der, welchen wir in seinem Tuskulum gesehen. – Trug der hohe stattliche Mann auch nicht Stern und Ordensband, so gehörten sie doch zu dieser Miene, dieser Frisur, dieser Gestalt wie dazu geboren. Das Wort Ruhe, das er zum Geheimrat Bovillard gesprochen, paßte ebenso zu der ganzen Erscheinung des im Vollgefühl seiner Würde aufrecht dastehenden Mannes, ein König in seinem Zimmer. Bovillard lehnte sich, den Hut in der Hand, in die Fensterbrüstung. Er war, im Gehen begriffen, nur noch durch eine Wendung des Gespräches zurückgehalten. Am Tische blätterte der Rat von Fuchsius in einer der anfliegenden Druckschriften, die er später in die Tasche steckte. »Die Österreicher konzentrieren sich zwischen Ulm und Memmingen«, sagte er, durch eine Bemerkung im Gespräch der beiden dazu aufgefordert. »Nach den letzten Nachrichten aber nicht in einer Stärke, um einen Angriff wagen zu können. Sie warten offenbar auf Kutusow und die Russen, die von der Donau her kommen sollen –« »Wenn Napoleon ihnen Zeit läßt«, fiel Bovillard ein. »Wenn wir Kutusow durch Schlesien lassen«, sagte der Minister. »Das soll nun freilich jetzt nicht geschehen«, warf der Geheimrat hin. »Buxhövden ist ebenso unverrichteterdinge abgereist wie vor ihm Duroc.« »Wir nehmen wirklich die Miene einer respektablen Selbständigkeit an«, bemerkte der Rat. »Sie meinen, weil wir alle vor den Kopf stoßen und keinen zum Freunde behalten.« »Ei, Herr von Bovillard, von Ihnen das!« sagte der Minister. »Ist das jetzt auch Lombards Meinung? – Haugwitz war freilich beim Lomber neulich ganz konsterniert. Aber er leidet am Magen.« »Exzellenz, ich muß gestehen, die Sachen wachsen mir über den Kopf. Eine Bewegung wie eine Völkerwanderung. Und wir so ganz allein in der Mitte!« »Sollen wir darum auch wandern?« »Napoleon läßt seine Truppen von Boulogne, vom Rhein heranrücken. Marmont führt sein Korps von Mainz her, Wrede eins von der obern Donau, Davoust aus Schwaben. Das ist genug, um die Österreicher zu erdrücken. Und nach allem, was man aus Paris schreibt, genügt es ihm diesmal nicht, seinen Feind zu schlagen, er will ihn vernichten. Sie studierten vorhin die Karte, sind Sie nicht der Ansicht, Herr von Fuchsius?« »Wenn die Russen nicht zu ihm stoßen, sei Mack geliefert, war Herrn von Eisenhauchs Meinung. Napoleon developpiert Kräfte wie nirgend zuvor.« »Kann er nicht«, warf der Minister ein. »Wer hindert ihn?« »Wir. Bernadotte steht mit Hunderttausend in Hannover. Lassen wir ihn nicht durch, so ist Bonaparte ohne ihn nicht stärker als die Österreicher.« »Und wenn er nun doch stärker wäre!« rief Bovillard. »So laßt sie sich die Köpfe zerschlagen. Wir haben Profit tout clair .« »Exzellenz, warum mußte Durocs Antrag so hochmütig zurückgewiesen werden? Er ließ sich anhören. Wenn wir Hannover für ihn besetzt, so zog Napoleon seine Truppen heraus. Für wen wir es besetzten, blieb der Zukunft zu entscheiden. Einstweilen hatten wir das ganze nördliche Deutschland damit in Händen, wir nahmen eine respektable Position ein. In der konnten wir allerdings zusehen, wie Exzellenz mit Recht bemerken, und konnten auch lachen, wenn sie sich die Köpfe zerschlugen. Können wir das jetzt noch, nachdem wir Napoleon durch unsre Weigerung erzürnt? Nachdem wir Tete gegen Rußland an der Weichsel, und auch gegen ihn in Ansbach und Bayreuth machen? Wenn er siegt, wie wird er's uns gedenken? Wenn die Alliierten siegen, wie werden sie uns Buxhövdens Abweisung nachtragen?« Der Minister sagte lächelnd: »Bernadotte lassen wir nicht durch Franken und Kutusow nicht durch Schlesien. Voilà, das hebt sich, und wir bleiben im Equilibrium .« Man schwieg. »Wozu sich Sorgen machen, mein Herr Geheimrat? Haben Dinge genug, die uns kümmern.« »Wenn aber Napoleon unsre Neutralität nicht respektierte!« »Lassen wir die Russen durch. Sie sind doch sonst ein so ruhiger Mann. Alterieren Sie die Vorwürfe, die man Herrn Lombard macht? Oder kümmert Sie Ihr Sohn? Das ist ja nun auch abgemacht.« »Ich weiß nicht, Exzellenz, es ist mir zuweilen wie in einer Gewitterluft.« »Gehn Sie nach Karlsbad, sag ich Ihnen. Hilft von allem. Pure Hypochondrie.« »Ich muß gestehen, daß ich sonst nicht zur Hypochondrie neige. Indessen diese Stimmen im Publikum –« »Da höre ich nie drauf Ist reine Magenverstimmung. Sprechen Sie doch mit Hufeland.« »Lombard, das gebe ich zu – in vertrauten Stunden gibt er es selbst zu –, hat sich durch Napoleons enchantierendes Wesen, ich will nicht sagen, bestechen lassen, aber er hat mit zu günstiger Stimmung für seine Persönlichkeit die Dinge betrachtet. Napoleon ist undurchdringlich, er ist auch gefährlich. Mein Gott, wer leugnet das! Jetzt nun überall diese Stimme hören, diese Blicke ertragen zu müssen, als wären wir an alledem schuld, was sich nicht ändern ließ!« »Was ist's denn, mon ami! Werden die Interessen der Pfandbriefe nicht mehr gezahlt? Ist Hungersnot? Die Weber in Schlesien fangen an, etwas zu lamentieren. Können wir dafür, daß sie nicht mehr mit Dukaten Kegel schieben? Es geht ja sonst bei uns alles in seinem Geleise fort.« »Und mir ist, als drehte sich alles im Wirbel.« »Gehn Sie nach Karlsbad. Zwei Becher Sprudel täglich, nachher drei. Drei Wochen lang. Ist alles vorbei, ist alles nur Imagination.« »Exzellenz mögen recht haben«, sagte Bovillard, sich zum Gehen anschickend. »Nochmals meinen Dank, daß Sie sich meines fils perdu angenommen.« »Nicht der Rede wert. Aber wie gesagt, fort muß er, wenn er abgesessen hat. Leidet auch an Imaginationen. Die Reden, die er führt, sollen ja execrabel sein.« »Er hat sie nicht von mir.« » Assurément ! Aber eben darum. Ist für Sie selbst am besten.« »Gewiß, aber wie?« »Ihr Herr Sohn«, sagte Fuchsius, »benimmt sich diesmal weit gefaßter im Gefängnis, ja, er hat selbst erklärt, es wäre ihm lieb, Berlin und Preußen auf immer zu verlassen.« »Charmant!« sagte Bovillard. »Aber wohin? Wenn wir Kolonien hätten!« »Wenn wir die hätten«, sagte der Minister und legte seufzend seine Hand auf Bovillards Schulter. »Dann wäre vieles besser. Das waren die Herren von der Theorie unter den vorigen Königen! Gestehn Sie mir, Geheimrat, ist das ein kluger Staatsmann, der eine Domäne, weil sie nur Tausend einbringt, und er hoffte 'ne Million, der sie darum für 'nen Spottpreis fortgibt! Brauchten wir unser Korn, Holz den Engländern zu verkaufen, uns von ihnen Preise machen lassen? Müßten wir noch von ihren Kolonialwaren nehmen? Hätten wir Not, wo unsre schlesische Leinwand lassen? Brauchten wir Rußland zu bitten, wie neulich, unsere inkorrigiblen Verbrecher nach Sibirien zu schaffen! Kolonien, Herr Geheimrat, und wir schafften unsre Verbrecher hin, unsre Rohprodukte, unsre Fabrikware, Ihren Herrn Sohn auch, wir machten allein die Preise, und die Kolonisten müßten kaufen und bezahlen. Wenn das wäre, könnten wir doppelt lachen über die Kalamitäten um uns her; wir könnten es aber auch so. Sie schlagen sich, plündern, brennen, verwüsten, und wir kultivieren unser Land, protegieren unsre Fabriken. Dann halten wir Markt und machen auch die Preise. Wie steigen jetzt schon unsre Güter mit den Friedensaussichten! Wissen sie, was man mir für Schöneichen geboten hat? – Der van Asten in der Spandauer Straße möchte es gern. Will das Holz schlagen lassen, Brettermühlen anlegen; aber ich lasse es ihm nicht. Apropos« – der Minister zog den Geheimrat beiseite und sprach leise – »kennen Sie den van Asten?« »Er gilt für einen sehr respektablen Mann.« »Ja, ja, aber das intus! Er hat viel in französischen Weinen gemacht. Seit dem Lager von Boulogne ist das Holz in Frankreich teuer. Will nun in Brettern hinmachen und in Wein retour. Entre nous soit dit , warum soll man den Vorteil nicht mitnehmen! Warum soll ich nicht selbst mein Holz zu Brettern und die Bretter zu Geld machen oder auch Wein. Wein im Keller ist bares Geld.« »Und der Wein aus Exzellenz' Keller unter Freunden doppeltes Geld wert.« »Also Sie meinen, man kann ihm trauen? Aber Schöneichen laß ich ihm jetzt nicht. Wissen Sie, wie hoch es der Legationsrat taxiert?« »Herr von Wandel ist ein Kenner.« »Hat mir Mergellagerungen nachgewiesen, an die kein Mensch gedacht. Hat sich auch sehr nobel bewiesen gegen Ihren Sohn, seine sogenannte diplomatische Qualité ganz desavouiert.« »Von einem so edelgesinnten Manne konnte ich es erwarten.« »Er meinte, ob man Ihren Sohn nicht auf eine schonende Weise, etwa durch einen Kurierritt nach Petersburg oder Madrid, entfernen könnte? Was meinen Sie dazu? Können's ja mit Lombard abmachen.« »Ich will darüber nachdenken.. »Reiten ist sehr gut. Treibt auch das finstre Blut aus. Sollten auch reiten, Geheimrat, Ihr Embonpoint – aber besser, wie gesagt, ist Karlsbad. – Haben Sie solche Eile?« »Zu Herrn von Wandel, dem ich noch meinen Dank schulde. Man trifft ihn so selten zu Hause.« »Verschließt sich auch viel in seinem Laboratoire.« »Oder bei der Lupinus«, lächelte Bovillard. »Inklination!« »Wer hätte das denken sollen!« » De gustibus – wissen Sie. Überhaupt, was der Mann prästieren kann! Sagt mir der Präsident vom Pupillenkollegium, tagelang sitzt er in der Registratur ohne Refraichement .« »Was macht er denn da?« »Liest die Akten durch. Ich hab ihn empfohlen.« »Wozu die Pupillenakten?« »Weil der Mann sich für Agrikultur interessiert!« »Der Grund und Boden der märkischen Güter ist doch nicht in den Pupillenakten verzeichnet.« »Er findet Ihnen im kleinsten Umstand Renseignements . Sie glauben nicht, wie merveillös er im Divinieren ist. Aus einer Gutsrechnung, was an Gerste, Korn, Weizen gewonnen ist, zu welchen Preisen das Holz fortging, wieviel Torf gestochen ist, daraus macht er Schlüsse, zum Etonnement . Sein Kopf ist voll Verbesserungspläne für unsere Landwirtschaft.« »Um so mehr zu bedauern, daß Haugwitz einen Degout gegen ihn hat. Was könnte er im Staatsdienst nützen!« »Hat er den Gout dafür?« »Der kommt von selbst, wenn man unter Ministern wie Exzellenz arbeitet.« »Ich ästimiere ihn sehr. Hat geniale Gedanken, zum Beispiel über Schafzüchterei. Wie ich mich mit meinen Bauern separiert habe, das möchte er allen Gutsbesitzern zum Exempel hinstellen. Hat mir eine Rechnung aufgemacht, wieviel der Gutsherr eigentlich Schaden hat bei den Frondiensten. Ich versichre Sie, die Augen gingen mir über –« »Vor Freude, daß Ihr Genie ein so glückliches Arrangement getroffen. Die Bauern sind gewiß auch zufrieden.« – »Sie wissen, wie Bauern sind.« »Aber das Publikum verehrt Exzellenz als einen Wohltäter der unterdrückten Menschenklasse, und als der Staat für Ihre Verdienste Ihnen Schöneichen schenkte, hat er nicht daran gedacht, daß es so viel mehr wert war, als Exzellenz daraus gemacht. In der Taxe, die Seiner Majestät damals vorgelegt wurde, war es ja wohl nur geschätzt auf –« Der Minister unterbrach ihn: »Ich ästimiere, wie gesagt, Herrn von Wandel sehr, indessen –« »Seine Relationen mit der französischen Ambassade?« »Was kümmert mich das! Möchte er den Türken dienen oder wem draußen. Aber –« »Haugwitz' Abneigung –« »Kümmere ich mich um Haugwitz' äußere Affären! Was braucht er von meinen inneren zu wissen! Auch solche modernen Ideen! Jeder Minister trägt Seiner Majestät vor oder läßt vortragen, was er für nötig hält, im übrigen Herr in seinem Departement, und kümmert sich nicht, was ein anderer Minister will und denkt oder nicht will und nicht denkt, und wenn ich jemand anstelle, der Haugwitz' Pläne konterkarieren oder Lucchesini vergiften wollte, das ginge doch nur mich an, ob ich einen solchen Menschen behalten will oder nicht. Also 's ist nicht um Haugwitz noch um irgend jemand.« »Dann wüßte ich in der Tat nichts, was man Herrn von Wandel vorwerfen kann, als daß er keine Diners gibt. Gewisse Personen schockiert das allerdings.« »Er hat nicht von unten auf avanciert. Verstehen Sie mich wohl, was ich damit meine. Kann das Hereingeblasene nicht leiden. Der Pli muß durch die Schule kommen. Es ist mir nicht sowohl um die Examina, denn er wäre von guter, ich meine von sicherer Extraktion, so – aber – die Familie Wandel, sie mag sehr respektabel sein, je n'en doute pas , indessen im Rüxner und in Kaiser Caroli Landbuch finden wir keinen Wandel. Comprenez-vous? Wie gesagt, ein genialischer Mann, sehr unterrichtet, generös – ich werde ihn morgen zu Tisch einladen.« Die Einladung war die Entlassung oder der Wink zum Gehen für Bovillard. An der Tür winkte ihn noch ein Apropos zurück. Der Minister ging dem Rückkehrenden noch um einige Schritte entgegen, und mit einem faunischen Augenblinzeln flüsterte er in einem Tone zwischen Herablassung und Kordialität: »Apropos, Herr Geheimrat haben ja wohl interessante Staatskonferenzen jetzt bei St. Real?« »Verstandesspiele, Rekreations in der Gewitterschwüle«, entgegnete Bovillard und war hinaus. »Wer war denn das im Vorzimmer?« fragte er, als Fuchsius ihn noch im Flur des Hotels einholte. »Die Physiognomie muß ich schon gesehen haben.« »Der Sohn des reichen Kaufmanns van Asten.« »Der! – Ist ja ein Genie. Was will der beim Minister?« Fuchsius zuckte die Achseln: »Was eigentlich, weiß ich nicht. Vielleicht eine Anstellung.« »Bovillard lachte: »Sehn Sie! Hab ich's Ihnen nicht gesagt. Auch diese Genies kriechen zu Kreuz. Wenn der Vater die Tasche zuhält, soll der Staat sie öffnen. Übrigens ist der Alte gar nicht so reich. Ein Schrullenkopf auch.« »Beim Sohn hat es doch vielleicht andre Gründe.« »Lieber Rat, warum kriecht jemand zu Kreuze? Nur weil die Not ihn drückt. Das ist das große Geheimnis der Staaten, der Zauberstab, womit die freien Geister der Obrigkeit untertan gemacht werden. Zu hungrig muß man sie nicht werden lassen, dann beißen sie, wie der beste Hund, wenn der Herr zu stark schlägt. Aber auch nicht zu satt; sie beißen dann aus Übermut. Wenn man nur immer merken läßt, daß man das Seil zum Brotkorb in der Hand hat, wedeln die bissigsten Köter uns um die Beine.« »Ich möchte das bei dem jungen Mann bezweifeln. Er kommt mit Ideen zum Minister.« »Und will eine Anstellung! Machen Sie Berlin nicht zu einem Tollhause.« »Der Einfluß des Herrn Fichte ist doch vielleicht größer, als der Staat denkt.« »Der Staat denkt nicht, wir denken für ihn. Herrn Fichtes Staat und Menschheit liegt im Monde. Das wäre für Preußen jetzt freilich eine charmante Situation. – Was kann der junge van Asten für andre Gründe haben?« setzte er im Hinausgehen hinzu. »Man spricht von einer Verlobung mit der Pflegetochter der Lupinus.« »Ah, der famosen Schönheit! Nun, da wird der junge Mann seine Fortune machen, wenn die Geheimrätin sie adoptiert.« »Man zweifelt, daß sie dazu gewillt ist.« »Freilich, in dem Fall würden andre Freier zugegriffen haben. Nicht wahr, Herr von Fuchsius? Eine reiche und schöne Frau ist auch für den Staatsdienst eine bessere Mitgift als der Fichte unterm Kopfkissen. Diners und eine brillante, geistreiche Gemahlin, ich sage Ihnen, das hilft in der Karriere. Nun, was nicht ist, kommt wohl noch.« Es sei nicht Zeit zum Hochzeitszuge, wenn die Gewitter am Himmel rollen, sagte der Rat. »Nun, wozu ist denn Zeit!« rief der Geheimrat, als er mit einem »Excusez, lieber Rat!« dem Legationsrat, der um die Ecke trat, mit offenen Armen entgegeneilte. »Dazu ist Zeit!« sprach Fuchsius für sich. »Sich wieder in den Schlamm zu werfen, um Seifenblasen in die Luft zu spritzen! Was klagen wir die Zeit an, wenn die Menschen ihre Wahrzeichen nicht verstehen wollen. Die arme Zeit, was soll sie mit solchen Menschen!« Im Weitergehen begegnete er dem Rittmeister, der, in Gedanken versunken, ihn nicht sah. Der Rat blickte ihm nach: »Ob es nicht Pflicht wäre, dieser Puppe den Star zu stechen, daß er sähe, an welchem Draht er gezogen wird. Es ist doch eine Natur in ihm!« Er hatte es unwillkürlich halblaut gesprochen. Der Major Eisenhauch, der hinter ihm gekommen, klopfte ihm auf die Schulter: »Laßt die Puppen noch eine Weile nach der Drehorgel tanzen. Der Blitz züngelt schon, der die Drähte schmelzen wird, alle mit einem Schlage. Dann laßt uns sehen, was auf den Resonanzboden fällt, was steht!« »Ihre Augen glühen.« »Die Wolken rollen; das Gewitter muß sich entladen. Abermaliger Aufschub ist unmöglich. Die zuverlässigsten Nachrichten«, sagte er leiser und sich vorsichtig umblickend, »kamen eben an. Napoleon darf, kann, wird die Österreicher an der Donau nicht eher angreifen, als bis Bernadotte aus Hannover zu ihm stößt. Er darf keinen Umweg nehmen, die Stunde brennt, Napoleon muß schnell zuschlagen, bevor die Österreicher sich verstärken; Bernadotte muß also durch die fränkischen Lande, um zur Stunde zu kommen. Wissen Sie, was es heißt, wenn Napoleon sagt, es muß sein?« »Wenn doch ein Mensch bei uns dies Muß ausspräche!« stöhnte der Rat. »Wo die Menschen zu schwach sind, donnern die Umstände. Er wird die Traktaten verletzen, er wird durch preußisches Gebiet brechen, und wir –« »Was werden wir tun?« »Wenn noch ein Funke preußischen Mutes ist, zündet er, und die Mine springt. Sie zweifeln noch! – Sie glauben, auch diesen Hohn könne unsre Langmut dulden! Herr, ich schelte Sie einen Hochverräter an sich selbst. Ich hoffe, auch Haugwitz läßt seine Lomberkarten fallen; auch Lombard blitzt es in einem lichten Momente, daß er eine Dupe war. Wer nicht! Oder wäre der Nerv schon ausgezogen diesem eisernen Volke, Glanz und Elastizität diesem Herrschergeschlechte, jene Wunderkraft, die dies Reich aus einem Nichts geschaffen, wäre lungenkrank im letzten Stadium!« »Sei unser Genius wach!« »Und wir auf sein Kommando! Darauf kommt es an.« »Stein ist fest. Er wird auf Hardenbergs ebenso feste Unterstützung rechnen dürfen.« »Keiner darf ruhen, wir alle müssen einheizen, schüren, jeder an seiner Stelle. Brandstifter sein wird jetzt zur Tugend und Pflicht. Keine Parteimeinungen mehr, Zivil und Militär, die traurige Spaltung muß verschwinden. Die Prinzen unterstützt! Die Königin! Vor allem Prinz Louis! Die Regimenter angejubelt auf der Parade, beim Marsch. Haben wir denn keine Kriegslieder, keine Dichter! Auf dem Theater Stücke, die das Blut entzünden! Wozu haben wir Federn, Papier, Druckerschwärze, Zeitungen, wenn sie nur da sind, um Rätsel und Anekdoten zu drucken. Das wäre das Mittel, um Blitze –« »Sie vergessen –« »Die für die Gebildeten schreiben! Ins Volk die Blitze geschleudert! Das gilt es! Haß, Grimm muß die Massen durchwühlen. Rachewut zum Opfermut werden. Erfinde man Greuelgeschichten, wenn die wirklichen noch nicht zünden, vom Franzosenübermut, von Schande und Schändungen, Erpressungen, Hohn und Höllenlust; diese Dichtung ist heilig, es gilt ja das Volk, nicht uns. Ihm sein alles zu retten, seine Sitte, Sprache, Geschichte, sein selbsteigenes Leben, seine Zukunft. Denn alles das steht auf dem Spiel, nicht wenn wir geschlagen werden, wenn wir nicht schlagen. Wir gehn unter in uns und vor uns selbst. Wem dies Schrecklichste der Schrecken klar ist, der kennt keine Rücksichten mehr!« Während Fuchsius auf der Straße seinen Freund bitten mußte, sich zu mäßigen, um keine Aufmerksamkeit zu erregen, stand Walter van Asten vor dem Minister. Wenn er mit Feuer gekommen war, verloderte es vor dem aufrechten Mann, der, ohne eine Miene zu verziehen, seine Anrede angehört hatte. Er war ins Stocken geraten, er hatte wenigstens nicht das gesagt, nicht alles, was noch auf der Schwelle zum Hotel, noch im Vorzimmer in seiner Brust, ein wohlgeordneter Strom der Überzeugung, fertig lag. »Was wollen Sie eigentlich?« sagte der Minister. »Ich habe es in der Druckschrift, welche ich meiner ehrfurchtsvollen Bitte um diese Audienz beilegte, dargelegt.« »Ich lese nichts Gedrucktes«, sagte der Minister. Es war ein kalter Blitzschlag. Aber er zündete in Walters Brust. Eine Pause, dann verbeugte er sich: »So bitte ich um Verzeihung, daß ich an die unrechte Stelle mich wandte.« Walter hatte übersehen, daß der Olymp, aus dessen Wolken der Blitz kam, seine Stirn nicht kräuselte. Auch nach dieser Antwort blieb er unbeweglich. Er gab nicht das Zeichen zur Entfernung. Nach einer neuen Pause kam aus denselben Lippen dieselbe Frage: »Was wollen Sie eigentlich?« »Jetzt nur meine Dreistigkeit bereuen.« »Sie sind der Sohn von van Asten und Kompanie?« »Zur Kompanie gehöre ich nicht.« »Ein respektables Haus. Macht nur in Geschäften, die es versteht.« Abermals eine Pause und noch kein Zeichen der Entlassung. Aber der Olymp bewegte sich. Die Hände auf dem Rücken, ging der Minister einigemal auf und ab: »Der Tausend noch mal, wie kommen Sie denn zu dem Zeug!« Also hatte er sich doch vortragen lassen, von jemand, der Gedrucktes las. Der Schluß war richtig und Waltern, ich sage nicht der Mut, aber die Lust zurückgekehrt: »Weil ich in Eurer Exzellenz den Mann erkannte, welcher durch die Tat dem, was notwendig wird, vorausgekommen ist. Sie sind es, der mit seinen Bauern sich gesetzt hat, der ihnen Freiheit, Eigentum zurückgab, Sie der erste, der dies glänzende Beispiel –« »Ach, also darum!« unterbrach der Minister. »Ich glaubte von wegen Ihres Vaters –« »Nein, weil Exzellenz erkannt, wo uns der Schuh drückt, weil Exzellenz erkannt, daß diese Säule, auf welcher der germanische Staat ruht, der Bauernstand, kein Helotenstand länger bleiben darf –« »Ja, ja, ja, also darum!« wiederholte der Minister, ihn unterbrechend, und nahm eine Prise, vielleicht ein Zeichen der Zufriedenheit, jedenfalls eines, daß er fürs erste nichts weiter hören wollte. – »Was geht Sie denn der Bauernstand an? Sie haben doch keine Güter.« »Erlauben Sie mir, zu fragen, was ging er Exzellenz an –« »Weil meine Bauern faules Volk sind, weil der Meier sie aus dem Kruge treiben mußte, weil mein Inspektor gut rechnen kann, und mir wie's Einmaleins bewies, daß die Fronarbeit uns teurer zu stehn kam als der Tagelohn, weil ich meine Äcker durch die Bauernäcker arrondierte, die sie mir als Abkaufsumme hergaben, weil ich ein guter Landwirt bin und sie zweimal besser nutze als sie, weil ein großer Komplex sich besser bewirtschaftet als ein kleiner. Darum, mein junger Herr –« »Und wenn auch nur diese, gelten diese Gründe nicht für alle?« »Was gehen mich die andern an! Fege jeder vor seiner Tür, und wer sich im Mist betten will, warum soll ich's hindern!« Walters Brust hob, seine Lippen öffneten sich, der vorhin unterdrückte Strom der Rede floß heraus in kurzen, schlagenden Sätzen, und die Exzellenz hatte die Güte, ihn nicht zu unterbrechen. Sie beschäftigte sich, einen Fleck auf ihrer Emailledose abzuwischen. Er hatte gesprochen; das Was wissen wir schon, oder wir erfahren es noch. Da war der Fleck wirklich gereinigt, und der Minister sagte recht freundlich: »Eine hübsche Elaboration. Wenn Sie das geschrieben hätten, könnte man's ad acta nehmen. Aber Drucksachen, das ist nichts; es schickt sich nicht für einen Geschäftsmann. – Was wollen Sie nun eigentlich, ich meine Sie für sich?« »Ich leugne nicht, Exzellenz, wenn diese Ansichten vor unsern erleuchteten Staatsmännern Eingang finden und man an die Ausführung ginge, daß ich mich wohl befähigt fühlte, mit Hand anzulegen. Ich würde eine Freiheit opfern, die ich mir lange als ein köstliches Gut bewahrt, und würde gern eine Anstellung annehmen.« »Sehn Sie, das lieb ich, das ist vernünftig gesprochen. Sie gehn auf eine Anstellung aus, um das übrige kümmern Sie sich nicht.« »Dies dürfte doch von meiner Ansicht differieren.« »Darauf kommt es nicht an. Wird Ihren Vater sehr freuen. Ist ein braver Mann, und wird es Ihnen an Unterstützung nicht fehlen lassen, wenn ich ein Wort einlege. Denn Unterstützung werden Sie noch eine ganze Weile brauchen. Die große Karriere, die geben Sie natürlich auf, haben ja nicht Kameralia studiert. Und die Examina! Schadet nichts. Das Von-unten-Anfangen ist das solideste. Erst in der Kanzlei ein Jahr, höchstens ein paar als Kopist. Dann machen wir einen Versuch mit dem Expedieren, Sekretär! An Konnexionen wird es Ihnen ja wohl bei guter Konduite nicht fehlen« – lächelte der Minister – »dann Geheimsekretär, Kanzleiinspektor!« Der junge Mann stand sprachlos da. »Der Kriegsrat Alltag, sehn Sie dessen Karriere! Noch nicht voll sechzig und war schon Kanzleidirektor mit dem Titel Kriegsrat, und Sie wissen nicht, was er noch wird! – Aber nun etwas, mein junger Herr, die Flausen lassen Sie aus dem Kopf. Nie etwas besser wissen wollen als Ihre Vorgesetzten. Wenn's auch mal falsch wäre, nie den Mund aufgetan. Sie wissen nicht, warum sie's falsch machen. Keine Silbe mehr gedruckt, das versteht sich von selbst. Wenn Sie Bücher lesen müssen, tun Sie's für sich. Nötig ist's nicht. Stört immer im Dienst. Gelehrte sind schlechte Offizianten. Und« – der Minister faßte mit holdseliger Miene den Knopf seines Rockes – »und am Kopistentisch sollen Sie nicht zu lange sitzen, Sie schreiben ja eine saubre, präzise Hand, habe mich wirklich gefreut, die Grundstriche so grade und voll. Daran sieht man den Charakter. Da dispensieren wir Sie wohl schon nach einem halben Jahre!« Walter hatte die volle Sprache und Ruhe wiedergewonnen: »Gerührten Herzens habe ich Eurer Exzellenz gütige Intentionen vernommen, die ich wohl nur der guten Meinung verdanke, welche Exzellenz für meinen Vater hegen. Da aber meine Ansichten von der Art, wie der Staat die Kräfte seiner Bürger nutzen muß, von der Ansicht Deroselben abweichen, so glaubte ich unrecht zu tun, wenn ich Dero wohlwollende Gesinnung solchen entzöge, welche williger und befähigter zu den Diensten sind, für die ich meinen Willen und meine Kraft unausreichend bekennen muß.« Der Minister sah ihn weder verwundert noch erzürnt an. Er liebte wohlgesetzte Kanzleiphrasen. Dann nickte er ihm freundlich Abschied. »Also Sie wollen nicht. Grüßen Sie Ihren Vater von mir und gehn Sie nach Karlsbad, lieber Herr van Asten. Nach Karlsbad, sage ich Ihnen. Wenn wir alle Staatsverbesserer dahin schicken könnten, würde es mit unserm Staate besser. Nicht nach der Festung, dafür bin ich nicht. Simpel nach Karlsbad, drei Becher täglich am Sprudel, die gehörige Promenade darauf, drei Monat, und wir hätten Ruhe im Lande.« Sechzehntes Kapitel. Eine wichtige Konferenz in Staatsgeschäften . »Der Herr Geheimrat sind nicht zu Hause.« – »Der Herr Geheimrat erteilen heut keine Audienz« – lauteten die verschiedenen Antworten, mit denen der Kammerdiener die verschiedenen Personen, welche in der Wohnung des Geheimrats Bovillard nach ihm fragten, abgewiesen hatte. Auch Herrn von Fuchsius war dasselbe begegnet, »wegen einer wichtigen Konferenz in Staatsgeschäften«. Bei Konferenzen in wichtigen Staatsgeschäften war der Rat immer zugezogen. Der Diener zuckte lächelnd die Achseln: »Herr Geheimrat haben heut expreß befohlen, keine Ausnahme zu machen.« Fuchsius sah aus dem Torweg den Wagen des Ministers fahren: »Wenn die entsetzliche Ratlosigkeit wirklich zum Rat – und wenn sie zur Tat führte!« sprach er aufseufzend. »Es ist spät, aber doch vielleicht noch nicht zu spät!« »Exzellenz waren nicht aufgelegt«, bemerkte der Kammerherr von St. Real in der kleinen Hinterstube, wo sich die Konferenz versammelt hatte. »Leidet am Magen«, sagte Bovillard mit dem mokanten Lächeln, das seine Freunde kannten, wenn er die Worte eines nicht gegenwärtigen Freundes zitierte. »Am Magen?« »Exzellenz halten nicht Diät. Mischen zuviel, Trüffelwürste und Rhabarber, Sonnenaufgänge und nächtliche Promenaden, Tugend und Tänzerinnen –« »Die Auswärtigen Angelegenheiten liegen in seinem Magen wie Kraut und Rüben.« »Wir sind indes, meines Wissens, nicht hier wegen der affaires étrangères «, bemerkte der Kammerherr. » Mais qu'est-ce qu'on peut faire, mon ami , wenn der Leiermann vor der Tür vom Morgen bis Abend sie aborgelt, Hardenberg mit so schönem Diskant singt und Lombard und Beyme und Voß, und dazwischen brummt der Baß des Herrn vom Stein, und Johannes Müller zwitschert, und Herr von Massenbach gibt seine unmaßgebliche Meinung, und Lucchesini räuspert sich, und Rüchel trommelt, und Prinz Louis schmettert mit Trompeten, und seine Schwester und die Prinzeß Mariane akkompagnieren mit Jeremiä Klagegesang. Da bleibe ein vernünftiger Mensch unaffiziert! Ich will in allem Respekt noch gar nichts sagen von der Venus Urania, die in der Stille vor ihrem Spiegel die Haube der Bellona probiert, und wie ihrem himmlischen Gesichte der Blick des Zornes und der Entrüstung steht, den sie auf den Monsterpilz bei Gelegenheit werfen will.« »Monsieur de Bovillard braucht uns nicht zu versichern, daß er nie Admirateur der Venus Urania war.« »Offenherzig, ich halte es mit dem edlen Schiller – der ist nun auch tot, alles Edle stirbt, meine Freunde –, als er sang: Ach, da euer Wonnedienst noch glänzte, Wie ganz anders, anders war es da! Da man deine Tempel noch bekränzte, Venus Amathusia!« Der Dritte im Bunde, der kein anderer war als der Legationsrat Wandel, meinte, er könne die Besorgnis nicht teilen, soviel er wisse, sei doch gestern beschlossen: der König wolle, die besondere Lage seiner fränkischen Lande erwägend, jeder der kriegführenden Mächte den Durchgang gewähren. Damit schiene denn doch alles ausgeglichen, und die äußern Angelegenheiten dürften dem exzellenten Freunde seines edlen Freundes kein Kopfzerbrechen mehr verursachen. »Gestern, Teuerster! Aber heute nicht mehr. Man hat angeführt, das verrate Schwäche. Darum wollen wir heute Stärke verraten und erklären, daß wir niemand durchlassen. Brauchen uns aber darum nicht zu ängstigen, morgen haben wir uns wieder anders besonnen und lassen durch. Dieser Durchlaß nun liegt Christian im Magen, ein Aderlaß an seinem Humor, und darum lief er fort, eh wir anfingen.« »Der Legationsrat sagte: ›Ich glaube eher, daß ich die unschuldige Ursach bin. Als er mich sah, sah ich an seinem Gesicht, daß er nicht bleiben würde. Warum mußten die Herren mich in ihr Vertrauen ziehen?‹« »Haben Sie wirklich einen Basiliskenblick?« sagte der Geheimrat. »Teuerster Freund, warum sind Sie, wie Sie sind? Die Uneigennützigkeit selbst, um Freunden einen Dienst zu leisten, und wo Sie für sich etwas wollen sollten, karg wie ein Harpagon.« »Was soll ich denn für mich wollen?« »Scherz beiseite, im Monde leben Sie sowenig als wir. Was Reelles sollen Sie wollen. Sie haben Klaproth bezaubert, Hermbstädt schwört auf Sie, von den Frauen rede ich gar nicht, warum verschmähen Sie es absolut, unsre Exzellenz in Ihren Bann zu ziehen? – Die Gelegenheit liegt auf dem Präsentierbrett. Sie sind jetzt sein Vertrauter in diesem Divertissement, kann er jemand fallenlassen, den er nicht plaudern lassen darf? Auf Ehre, Sie brauchen nur zu wollen, und Sie sind ein gemachter Mann.« Wandel schwieg eine Weile, die Augen in dem unbeweglichen Gesichte fern auf einen Punkt in der Diele geheftet. Dann brach es mehr heraus, als daß er es sprach: »Aber wie lange wird er selbst es sein!« Es war ein disharmonischer Klang. Bovillard schien es zu überlaufen, was man nennt, mit einer Gänsehaut. Es dauerte eine Weile, ehe Herr von Wandel zu merken schien, was er angerichtet. »Nicht wahr«, sprach er, »Sie glauben nicht an Ahnungen. Sie bestreiten die Magie; und Sie haben recht, sehr recht. Fort damit, sie drückt unsern Magen. Hätte die Natur denn umsonst diese Bretterwände, Mauern, Körper, die Distanzen vor uns aufgeführt, damit unser Auge nicht durch, nicht drüber hinausgehen soll? Das Drüben ist nichts für unsre Nerven. Ein Tor, ein Narr, ein Rasender, ein Selbstmörder, der ein schönes Weib, wenn es endlich in seine Arme sinken will, statt es feurig zu umschließen, festhält und mit dem Aug in die Zukunft bohrt, wo auch diese letzte entzückende Hülle zu Plunder und Asche sinkt und Modergeruch das Gerippe umhaucht. Nein, meine Herren, das ist Krankheit, häßliche Krankheit. Hören Sie nicht auf mich. Ich bin's zuweilen, aber ich weiß mich zu kurieren. – Ein Glas Wein, feurigen Wein. Nur um zu genießen, gab die Natur uns die Sinne.« Er hatte dies rasch, wie in einer Art Schauer, herausgesagt und stürzte ebenso rasch ein Glas Ungar, das Bovillard ihm geschenkt, herunter. »Tokaier Essenz! Übrigens – Ihren Seherblick in Ehren, Ihr Gespenst schreckt mich nicht. Fort müssen wir alle, wenn der Vorhang fällt, aber er fällt erst, wenn das Stück ausgespielt ist.« »Die Philosophie, die uns zu glücklichen Menschen macht.« »Und was ein Riese in der Entfernung schien«, setzte Bovillard hinzu, »wird oft in der Nähe zu einer mittelmäßigen Kreatur. – Was besorgten wir nicht von Stein! Und was ist er? Pah, er brummt, poltert, übrigens –« »Lassen wir ihn in den Akten vergraben sein!« fiel der Legationsrat rasch ein, »entschuldigen Sie mein Intermezzo, eine Aufwallung der Gefühle. Lassen Sie mich aus dem Spiel und – gehn wir an unsre Geschäfte.« Wandel hatte sich an den kleinen Tisch gesetzt, auf dem wie zum Spott für vier Personen Aktenhefte, Papier und Federn lagen; das wichtigere Aktenstück oder Corpus delicti stand unter dem Tische, der Champagnerkorb. »Von nun an wird niemand, wer es sei, eingelassen«, rief Bovillard, als der Kammerdiener die Leuchter auf den Tisch gesetzt. »Also, meine Herren, wir standen bei Artikel zwei« – rief er noch mit einer Stimme, welche der abtretende Diener im Nebenzimmer hören können. Als die äußere Tür zuklang, erhob sich der Flaschenkorb, ein Pfropfen knallte gegen die Decke, und drei Gläser stießen gegeneinander: »Auf guten Fortgang!« »Der scheint gesichert«, sagte Wandel. »Und wir verdanken ihn, was ich als Präsident hier auszusprechen mich für verpflichtet halte, insbesondre der unermüdlichen Tätigkeit unseres teuren Kollegen. Herr Legationsrat von Wandel, wiewohl gleichsam als Experter zugezogen, hat sich doch der Sache als Amateur angenommen. Gehn wir demnächst zur Sache über. Wir standen also –« »Ich erlaube mir, ehe wir fortfahren, eine präjudizielle Bemerkung«, hub der Kammerherr an. »Ich weiß für gewiß, daß der französische Gesandte von unseren Verhandlungen Kenntnis hat. Sollte durch die unverzeihliche Indiskretion eines Kanzleibeamten demselben ein Aktenstück in die Hände gespielt sein? Wenn dem so wäre, erlaube ich mir, bei unserm würdigen Herrn Präsidenten den Antrag auf strengste Recherche deshalb.« »Das Kollegium hat den Antrag vernommen«, sagte Bovillard. »Ich muß präjudiziell bemerken, daß ich dagegen stimmen werde. Wenn das Kollegium erlaubt, erkläre ich meine Gründe. Pro primo haben wir keine Aktenstücke, denn es ward nichts geschrieben, logischer Schluß: Sie können nicht abgeschrieben werden. Pro secundo haben wir keine Kanzlei, was nicht ist, kann keine Indiskretion begehen, pro tertio würde eine solche Untersuchung den Verdacht der Indiskretion auf ein oder das andere Mitglied unsres hochverehrten Kollegii werfen, was wir aus besonderen und höheren Rücksichten vermeiden müssen. Herr Kollege von Wandel wünscht uns seine Ansicht mitzuteilen.« »Was das Faktum anlangt«, sagte der Legationsrat, »so muß ich dem geehrten Kollegen von St. Real beistimmen. Laforest weiß es; aber was folgt daraus? – Laforest weiß alles. Warum sollte er dies nicht wissen? Wer es ihm zuträgt –« »Vermutlich der Champagnergeist«, rief Bovillard, sein Glas füllend, daß der Schaum über den Rand stieg. »Landsleute plaudern gern weiter!« »Aber es schadet unsrer Sache nichts. Diplomatische Berichte bleiben versiegelte Geheimnisse, und wenn die Archive sich für Historiker lüften, kümmert es keinen Lebendigen mehr. Ferner, was Laforest weiß, weiß er nur für Napoleon oder Talleyrand. Beide werden unsre Pläne nicht konterkarieren. Endlich, wenn das Geheimnis auf dem Wege nach Paris auch hier durchgeschwitzt hätte, was ich nicht in Abrede stellen will, ist die Sache doch zu pikant, als daß der ehrliche Finder den Verräter spielen sollte. Aus diesen Gründen, meine Herren, erblicke ich in dem hingestellten Faktum weder Gefahr noch etwas Hinderliches und stimme, salvo meliore , unmaßgeblich, über den Einwand hinwegzugehen.« Der Präsident blickte, die Feder in der Hand, sich um. Es war einstimmiges Konklusum. Der Wein fing an die Zunge zu lösen, und man warf den Kurialstil mit den Akten in den Winkel. »Sie also tout à fait ébloui ?« rief Bovillard nach dem Bericht des Legationsrats. Der Kammerherr anerkannte mit gebührenden Lobsprüchen die Diligenz, welche Herr von Wandel bewiesen, bestand indes darauf, daß die Baronin, wenn die Schwadron vorübermarschierte, sich jetzt ostensibler am Fenster zeige. Es sei zuviel gefordert, wenn sein Pflegebefohlener, der Amandus, sich jedesmal einbilden solle, daß der Kopf der Amanda hinter den Balsamintöpfen versteckt sei. Die Imaginationskraft eines Kavallerieoffiziers sei aber nicht die eines Poeten; er müßte ihn also dann und wann leibhaftig sehen, um im Glauben zu verharren. »Unser Operationsplan aber forderte Bedacht«, entgegnete Wandel. »Wir mußten als Psychologen zu Werke gehen. Wer ist schwerer zu erobern? Sie oder er? Das war die Frage. Es galt, eine Bildsäule zur Galatee zu erweichen, und aus der Galatee eine Potiphar zu machen. Haben wir erst eine Madame Potiphar, so ist doch keine Sorge darum, daß ein Gardekavallerieoffizier den Joseph spielen sollte. Diese zweite Eroberung machte sich vielmehr dann von selbst. – Apropos, worum ich Herrn Kammerherrn sooft ersucht, der Amandus, Ihr Klient, darf nicht mehr den Knebelbart streichen.« Der Kammerherr versprach, daß es unterbleiben solle. »Sie haben auch gewiß schon eine kleine Entrevue in petto«, sagte Bovillard. »Sie etwa im Negligé von ihm überrascht!« »Wer setzt auf eine Karte sein Ganzes, wenn er im Gewinnen ist! Wer spielt überhaupt ein gewagtes Spiel, wenn er durch arithmetische Progressionen zum Ziele kommen muß! Der beste Zauber, meine Herren, ist, der sich selbst wirkt, auf organischem Wege. Neugier und Eitelkeit operieren wunderbar in der Psyche des Weibes. Die gespannte Erwartung entzündet die Phantasie. Um zu erfahren, ob es so sei, wie ich angab, gab sie sich alle Mühe, den Amandus zu beobachten, und entdeckte nun mit weiblichem Scharfsinn weit mehr, als ein Mann mit seiner roheren Wahrnehmungsgabe nur erfinden kann.« »Und die Uhr geht fort?« »Eine schlechte, die man jede Stunde anstoßen muß. Sie geht so normal, daß ich alle Intermezzos und gewaltsame oder nur freundliche Hilfe von draußen wegwünsche.« Bovillard wiegte sich, beide Hände in den Seitentaschen, behaglich im Stuhl und fixierte schlau den Redner: »Wenn der Schalk ihm nicht im Nacken säße! Allen Respekt für seine Intuitionen in die Psyche des Weibes, aber er weiß ebensogut, wie man Weiber durch Weiber behandelt, und uns möchte er doch einbilden, daß wir seine Agentinnen nicht kennen. In der Jägerstraße hängt freilich ihr Agenturschild nicht heraus, aber die Zwirnsfäden sieht man doch, mit denen sie ihre Mirakel weben. Überhaupt, cher ami, wozu denn diese Mystères! Ist gar nicht Ihr Profit, Legationsrat. An Talismänner und Wünschelruten glauben wir hier nicht, aber je mehr zweibeinige Maschinen einer für sich in Bewegung zu setzen versteht, ein um so größerer Wundertäter wird er für uns.« Auf Wandels Stirn lagerte sich eine offiziöse Falte, und die Augenbrauen drückten sich zusammen: »Prätendiere ich, ein Saint-Germain zu sein? Aber der ausgezeichneten Frau tun Sie unrecht. Eine Dame, deren Verstand in so anderen, höheren Regionen schweift, würde sich nie zu einer mesquinen Intrige bequemen; Verzeihung, meine Herren, aber nennen wir die Sache bei ihrem Namen, und man muß seine Menschen kennen. Ich hätte nicht einmal gewagt, ihr von der Sache zu sprechen. Meine Herren, ich wiederhole es, Sie kennen diese seltene Frau nicht.« »Holla! Also offen ausgesprochen, ihr Ritter. Und uns den Handschuh hingeworfen! Kennen Sie sie denn?« Nach einigem Schweigen antwortete Wandel: »Nein! – Es gibt Erscheinungen, wo der Augenaufschlag die Seele uns erschließt, andere, wo der geschickteste Psychologe sein Senkblei umsonst gebraucht. Ich fühle nur, daß dies Seelengewebe aus so zarten, ätherischen Fasern zusammengesetzt ist, daß die leiseste Berührung unharmonischer Töne es zusammenschrecken macht; und hinwiederum ist es von einer Elastizität, daß ein rauher Anstoß diese Fühlfäden zu hartem Stahl verwandelt.« »Lassen Sie sich nicht erdrücken von dem Stahl. Heim sagte mal, in der Frau wäre eine kaschierte Sinnlichkeit. Gegen die Sinnlichkeit habe ich nichts, aber das Kaschierte liebe ich nicht.« »Diese rohen Ärzte, die die Schwungfedern der Seele nur empirisch betasten! Da wollen Sie ihren Mann mit Asa foetida und Valeriana behandeln, und seine Krankheit ist rein eine des Gemütes. Der Geheimrat lebte längst nicht mehr, wenn sie nicht eine geistige Atmosphäre um ihn zu bereiten wüßte, worin er atmet.« »So schlimm stünde es mit dem Bücherwurm?« »Sie sahen ja auch wohl ihren Bedienten, einen Moribundus. Was quält sie sich ab, diesen Menschen wieder auf die Beine zu bringen! Ich gebe Ihnen zu, es ist vielleicht ein krankhafter Instinkt, der Natur in den Arm greifen zu wollen, aber sie will's – sie muß probieren. Die Doktoren haben ihn längst aufgegeben, er ist ja nur ein Bedienter, aber denken Sie – neulich fand ich sie, wie sie von dem teuren Lebensäther, den Herr Flittner präpariert, dem Menschen einflößte. Mein Gott, sagte ich, der Äther ist immer nur ein Palliativ, er läßt die Lebensflamme noch einmal auflodern, aber um so schneller verzehrt sie. Man wendet ihn bei hohen Personen an, wo die letzten Momente kostbar sind; aber dieser Bediente, was kommt es da auf eine Spanne Leben und Bewußtsein an. Er kann Ihnen unter den Händen zusammensinken. Was würden Sie dann sagen? – Ich kann Ihnen das wunderbare Lächeln nicht beschreiben, mit dem sie antwortete: ›Ich habe mir dann selbst genügt.‹ So ist sie –« »Eine Schwärmerin! Gehn Sie mir vom Leibe mit Ihrem Lebensäther.« »Ich gebe Ihnen gewissermaßen recht, Herr von Bovillard. Das Verhalten zu ihrem Pflegekind könnten strenge Moralisten auch eine Schwärmerei nennen. Sie opfert sich ihm ganz, und warum? und wie wird es ihr belohnt! Sie wissen von der soi-disant Verlobung mit dem jungen Schulmeister. Eine andre Frau würde außer sich sein. Welche Pläne sind ihr vereitelt! Sie lächelt als Philosophin.« »Es gibt Personen, auf die alles Mißgeschick zusammenstürmt«, fuhr er, den Kopf schüttelnd, nach einer Pause fort, wo die andern geschwiegen; der Abstecher, in welchem der Legationsrat sich so zu gefallen schien, kam beiden ungelegen. »Der Vater des Lehrers, der alte van Asten, höre ich, brummt über die Sache und ist sogar auf die Geheimrätin ungehalten.« Bovillard fiel ein: »Die Ehrbarkeit seines alten Hauses fühlt sich touchiert. Was ist natürlicher, er sah sie mal aus einem andern Hause kommen. Um das Renommee eines Hauses und die Ehrbarkeit ist's doch eine köstliche Sache! Was macht der Alte für Geschäfte damit, mit dem verräucherten Steinhaufen in der Spandauer Straße, mit dem glatt gepuderten Kopfe, der Catomiene, die sich nie verzieht, auch nicht, wenn er das große Los gewinnt, mit seinen rindsledernen Schuhen, die schon eine Viertelmeile weit knarren! Das ist ein Respekt auf dem Markte, an der Börse, wenn der alte van Asten mit seinem Bambusstocke heranhustet. Und das nennt die Kanaille nicht Diplomatie.« Der Geheimrat schien vergnügt, von dem ihm sichtlich unangenehmen Gegenstande abgelenkt zu haben, während der Kammerherr mit ebenso sichtlicher Ungeduld meinte, man komme ja ganz von der Hauptsache ab. »Mademoiselle Alltag bleibt indes immer eine sehr interessante Nebensache«, lächelte der Legationsrat. Bovillard stichelte, er hege den Verdacht, daß sein Freund eine noch vornehmere Agentin in Kontribution gesetzt. Wandels Stirn legte sich diesmal nicht in offiziöse Falten, sie blieb ganz glatt, als er erwiderte: »Herr von Bovillard will damit andeuten, was Herr von Laforest dazu sagen dürfte, wenn ich mit der russischen Fürstin kommuniziere. Laforest weiß, daß ich Kosmopolit, und die Prinzeß, daß ich ein Sünder bin. Der Unterschied ist nur, daß Herr von Laforest es aufgibt, die Fürstin aber noch nicht, mich zu ihrem Glauben zu bekehren.« »Oh, der Verräter! Nun ist er auch geständig, unsre Geheimnisse an Rußland verraten zu haben!« »Hat aber damit den Beistand seiner Diplomatie erkauft. Schlagen Sie diesen Beistand nicht zu gering an, meine Herren. Ihre Erlaucht interessiert sich wirklich en passant für die Baronin Eitelbach.« »Sie will sie zur Sünderin machen, um sie nachher zur Heiligen zu bekehren. Deliziös! Magnifik der Gedanke!« »Meine Herren«, sagte der Legationsrat, sich verneigend, »ich habe nun das Meinige getan. Die nächste Aktion muß vom Rittmeister ausgehen.« Man ließ die Gläser auf den Strategen und seine Agentinnen klingen. St. Reals Bericht war kürzer: »Sie glauben nicht, wie schwer es uns ward, den Stier auf die Spur zu bringen. Als es indes soweit war, ging es auch wie ein Brummtriesel, der nicht mehr zu sich kommt. Oder es überschauerte ihn wie ein Donnerwetter mit Platzregen. Der Mann ist vollkommen ausgetauscht, weich, sage ich ihnen, wie Wachs. Sein Gewissen gerührt; er deliriert, verwünscht zuweilen seinen Knebelbart, ja, es gibt Augenblicke, wo er ihn abschneiden möchte. Nach dem letzten Billett wollte er wirklich Urlaub nehmen. Wir hatten Mühe, ihm begreiflich zu machen, daß das jetzt als Feigheit ausgelegt werden könnte. Mit einem Wort, er ist zu allem bereit, was das verehrte Kollegium über ihn beschließt. Nur muß man ihm zu Hilfe kommen. Er ward ordentlich jungfräulich schüchtern aus Gewissensbissen, daß er eine schöne Dame, die ihn liebte, so lange und grausam beleidigt hat.« Man schmunzelte stillen Beifall. Die mokante Miene des Geheimrats sprach von einem aufsteigenden Wetterleuchten: »Ein süperber Mensch! Läßt sich stellen und schicken, wo man will, alles aus Pflichtgefühl. Statt solche Talente nun zu nutzen, läßt sie der Staat in Wachtstuben verkommen! Doppelte Pflicht für uns, meine Freunde, ihn zu poussieren.« »Aber was nun weiter?« sagte der Kammerherr. Der Geheimrat nahm die Präsidentenmiene an: »Unser Thema also war, sie sollen und müssen sich verlieben. In der Ausführung sind wir auf dem Punkt angelangt: sie stehen im Begriff, sich zu verlieben. Die nächste Frage ist nun: Wie soll dieser Prozeß weitergeführt werden? und die darauffolgende: welchen Ausgang soll er nehmen?« »Als Tragödie oder als Komödie?« »Nur keine Tragödie! Haben draußen Trauerspiele genug. Höchstens etwas Sentimentales, ein wenig Jammer, unterbrochen durch einige Affektblitze, Verzweiflungsseufzer, einige Tränen, etwas Menschenhaß und Reue, pour décorer la situation, aber sowenig wie möglich.« »Eine Zwischenfrage, meine Herren. Wünschen Sie die Sache schnell zum Resultat geführt?« »Legationsrat, was fällt Ihnen ein! Wir führen ja das Stück zu unserer Rekreation auf.« »In diesem Falle wird es nötig, einen Hemmschuh anzulegen; denn lassen wir die Dinge sich jetzt entwickeln, so platzt über kurz die Erklärung heraus und endet in einer Liaison oder einem stillen Seelenbündnis.« »Zum Geier mit Ihrem Seelenbündnis! Auf Eklat kommt's an, Schauspiele soll's geben, einen Skandal, daß die Stadt die Hände zusammenschlägt.« »Exzellenz meinten nicht so –« warf St. Real ein. »Exzellenz ist ein Hypochonder geworden. Wer A gesagt, muß B sagen. Keine Retiraden! Hemmschuhe meinethalben. Ersinnen Sie was. Warum ging Ihr verfluchter psychologischer Prozeß auch mit Siebenmeilenstiefeln? Etwas von Rendezvous auf Redouten oder im Mondenschein, wo man zusehen kann. Dann Hindernisse! Wenn Eitelbach nicht will, so werden Sie ja schon Ehrenwächter finden. Kann man nicht eine Prinzessin oder die Königin für die Tugend der Baronin interessieren? Grausame Trennungen, überraschendes Wiedersehen!« »Er könnte wie Leander zu Hero schwimmen! Die Spree ist nur nicht breit genug.« »Imagination, meine Herren! Sie können sich in einer Kutsche ein Rendezvous geben, sie wird als verdächtig angehalten, beide auf die Wache gebracht.« »Nur nicht auf die Wache! Das ist ein zu häßlicher Eklat!« rief der Kammerherr. »Oder er steigt zu ihr ein. Der Nachtwächter entdeckt die Leiter, Lärm wird gemacht, man sucht nach Dieben.« »Wünschen Sie, daß er mit Madames Bewilligung eingestiegen ist?« fragte Wandel. »Besser nicht. Nein, er muß es in toller Leidenschaft tun. Sie muß außer sich sein. Man kann sie ja vorher wieder ein bißchen gegen ihn eingenommen haben. Sie wird empört, daß er ihren Ruf aufs Spiel setzt. In tugendhafter Entrüstung befiehlt sie ihm, sich nie wieder vor ihr sehen zu lassen. Er stürzt ihr zu Füßen, hilft nichts, er muß wieder zum Fenster raus. – Da fehlt die Leiter, der Lärm geht los. Denken Sie sich die pikante Situation! Sie in Zorn, er in Verzweiflung. Je größer die Gefahr, je näher die Tritte, so mehr schwindet ihr Zorn, das Mitleid siegt, das Bekenntnis ihrer Liebe platzt heraus.« »Und?« – »Zur Zärtlichkeit ist da nicht Zeit. Immer Aufschub. Die Polizei schlägt an die Tür. Sie muß ihn verstecken – in den Kleiderschrank.« »Da kriegen Sie den Rittmeister nicht mehr rein!« lächelte St. Real. »Es wird sich ja ein Versteck finden. Lassen Sie ihn auf den Boden springen, aufs Dach klettern.« »Und! – Er muß doch auch vom Dach wieder herunter. Ich meine, was das Ende vom Liede sein soll?« »Kommt Zeit, kommt Rat, Legationsrat; schlagen Sie einen alten Roman nach. Vom Dach werden wir ihn nicht fallen lassen.« »Mit einem Worte, verlangen Sie eine Entführung oder nur –« »Prächtig! Eine Entführung. Göttermensch, Sie stehlen mir's aus der Seele. Wie lange ist in Berlin keine entführt worden. Das gibt ein Gerede, Kinder, einen Spaß! Ich will selbst die Postrelais bezahlen, mit Seegebarth sprechen, die schnellsten Postpferde sollen sie haben.« St. Real schüttelte den Kopf: »Alles sehr schön. Wer soll sie aber verfolgen?« »Nun, ihr Mann!« Kaum war es über die Lippen, als er selbst in das stille Gelächter der andern einstimmen mußte. »Er lacht sich vor Vergnügen tot, wenn er's hört.« Es war ein unerwarteter Querstrich. Bovillard riß die gekreuzten Arme auseinander, mit denen er eine Weile vor sich sinnend gesessen. »Er tut's doch vielleicht!« »Der Baron! Er schämte sich in den Tod, daß man ihn für eifersüchtig hält.« »Wer spricht von Eifersucht, St. Real! Neunzigtausend Taler gehn ihm durch. Kann er neunzigtausend Taler mir nichts dir nichts über die Grenze lassen?« »Neunzigtausend Taler«, wiederholte der Legationsrat. »Sie haben freilich getrennte Gütergemeinschaft«, sagte der Kammerherr. »Ihn schätzt man ebenso hoch.« »Hundertachtzigtausend Taler unter Brüdern, meine Herren«, fuhr Bovillard fort, »die zerreißen wir. Bedenken Sie das wohl.« »Hundertachtzigtausend Taler!« wiederholte der Legationsrat. »Was, so ernsthaft, Wandel?« »Die Sache ist es. Er müßte sich nach dem Eklat scheiden lassen, sie würde den Rittmeister heiraten, und wir verschaffen ihm eine Frau mit neunzigtausend Talern. Meine Herren, Sie räumen mir ein, daß die Sache dadurch ein ganz anderes Fundament gewinnt. Es ist kein Divertissement mehr, es wird zu einem reinen Geschäft, und wir müßten uns fragen – das heißt, ich bitte Sie, sich darüber zu entscheiden, welche Räson Sie haben, den Herrn von Dohleneck zu einem reichen Mann zu machen?« »Räson! Pah, was kommt's drauf an! Und hab ich keine! Der Rittmeister hat sich nobel gegen meinen Taugenichts benommen. Blutvergießen verhindert. Sie auch, Legationsrat. Wollen Sie sie entführen? Hätte nichts dagegen. Neunzigtausend Taler, wir sind ja in einer generösen Laune, und er hat Schulden wie Haare auf dem Kopf« Die vierte Flasche war entkorkt, und die Gesichter leuchteten. »Handeln wir wie die Vorsehung, welche die Güter dieser Welt ausgleicht. Angestoßen auf den großen Gedanken, Freunde! Für die Menschheit –« »Das heißt für Stiers Gläubiger.« »Das Gefühl uneigennützigen Handelns für die Zwecke der Humanität stärke uns. Reine Liebe edler Seelen, neunzigtausend Taler in ersten Hypotheken und schlesischen Pfandbriefen, und eine wunderschöne Frau und dumm! Was Götter selbst beneiden könnten, wir schenken's einem verschuldeten Kavallerieoffizier.« Der Legationsrat stimmte nicht in die Ausgelassenheit: »Sie zerstören Ihre eigenen Beschlüsse, wenn Sie zu hastig losgehen.« »Legationsrat, ein edler Entschluß darf nicht Runzeln bekommen.« »Aber ein Witz nicht zur Spekulation werden, sonst bricht seine Spitze. Conclusum est  –« »Sie sollen sich noch eine Weile quälen«, sagte der Kammerherr. »Hatte ich es beinah vergessen. 's ist mein gutes Herz. Ich kann nun einmal Unglückliche nicht leiden sehen. Alle Menschen sind ja Brüder –« »Und alle Frauen Schwestern!« sagte Wandel aufstehend. »Aber ich muß Konterorder geben, wenn's nicht schon zu spät ist.« Er zog die Uhr und stampfte auf. »Wahrhaftig, es ist schon zu spät.« »Was ist's?« Sie standen nicht mehr ganz fest, als sie jetzt aufstanden. Der Legationsrat strich über die Stirn. »Unser Joseph geht heut an Madame Potiphars Haus vorüber. Ein leises Schluchzen sollte seine Schritte fesseln –« »Ei, Herr von Wandel, mir ins Gehege!« rief der Kammerherr. »Der Joseph war zu meiner Disposition.« »Verzeihung! Ich wollte Sie überraschen; es war gut gemeint. Eine schluchzende Gestalt am Balsaminenfenster sollte ein Bukett auf seine Brust fallen lassen; eine rasche Entwicklung stand dann in Aussicht. Wer konnte den heutigen Beschluß ahnen. Um zehn Uhr war's bestellt, und es ist ein Viertel auf elf. Vielleicht kann ich noch retten.« Bovillard fiel ihm in den Arm: »Bleiben Sie, laßt sie glücklich sein, wir sind's ja auch. Glückliche Menschen machen, was gibt es Schöneres unterm Sternenzelt? Fand einmal meine Selige in Tränen über Lafontaines neuestem Roman: ›Kriegen sie sich nicht?‹ frage ich. – ›Nein‹, schluchzt sie, ›er ist so grausam.‹ – ›Pfui!‹ sage ich. – ›Er ist erst am Ende des ersten Bandes‹, sagt sie. – ›Er muß!‹ sage ich. – ›Wie kannst dies?‹ – Da klopft es. Wer tritt ein? Herr Lafontaine. Ich riß meine Selige auf, ich zeigte ihm ihre roten Augen: ›Barbar, das ist Ihr Werk; können Sie's ruhig ansehen?‹ Eine Träne der Rührung, eine Träne der Versöhnung. – Er küßte ihre Hand. – ›Sie sollen sich kriegen, Madame!‹ – Auf der Stelle ließ ich ihn zu Herrn Sander fahren, dem Buchhändler. Zwei Bogen wurden makuliert, und nach acht Tagen kriegte sie die ersten des zweiten Teils. Schon im ersten Kapitel hatten sie sich gekriegt. – Den Jammer sparte er nachher für die Ehe – zwei Bände voll!« »Das nenne ich einen exemplarischen Ehemann!« sagte Wandel. »Und Herr Lafontaine kriegte die Präbende!« bemerkte St. Real. »Eine gute Tat belohnt die andre.« Schon als Bovillard den Dichter Lafontaine klopfen ließ, hatte man ein starkes Pochen an der Haustür gehört, darauf einen Lärm von mehreren Stimmen; die des Kammerdieners war deutlich zu erkennen, welche Eindringenden den Zutritt verwehren wollte. Eine andere Stimme tönte aber scharf hindurch, welche den Legationsrat zu frappieren schien, auch der Kammerherr horchte aufmerksam. Nur der Geheimrat hörte in seiner Aufregung erst darauf, als feste Männertritte die kleine Hintertreppe heraufstürmten. »Sie dürfen nicht, ich darf niemand reinlassen«, schrie der Kammerdiener, der um die Wette mit dem Stürmenden zu laufen schien. »Aber mich!« rief es. Darauf ein Fall, der Diener mußte zurückgestoßen sein, und die Tür sprang auf »Was bedeutet das!« rief der Geheimrat, einen Leuchter ergreifend, und wollte ins Kabinett. »Das Vaterland!« rief die Stimme im selben aufgeregten Tone, als der Geheimrat schon, wie von einer Erscheinung erschreckt, zurückprallte. Der Leuchter entfiel ihm. Der Legationsrat hatte hastig den Hut gefaßt, als er den Eintretenden erblickte, der Kammerherr folgte ihm ebenso schnell. Der Geheimrat Bovillard blieb mit der Erscheinung allein im Zimmer. Siebzehntes Kapitel. Vater und Sohn . Wer den jungen, blassen Mann gesehen, der in vernachlässigtem Anzuge, unfrisiertem Haar, die Hände auf dem Rücken, durch die Straßen schlenderte, von der frühen Nachmittagsstunde bis zum späten Abend, bald die Augen in den Himmel, bald auf das Pflaster gerichtet, wäre versucht gewesen, in ihm ein unheimliches Wesen zu entdecken, das, losgerissen aus den Kreisen einer Ordnung, denen es in anderen Zeiten angehört, nun spukhaft durch sie wandelt, neugierig, gleichgültig, schadenfroh, wie man will. Entweder einen Bummler oder ein Hoffmannisch Gespenst. Jene gab es noch nicht; an Gespenster durfte damals kein Gebildeter in der Residenz des Staates der Intelligenz glauben. Und doch war es etwas Verwandtes. Louis Bovillard war entlassen. Er war ein stiller Gefangener gewesen; die Beamten waren erstaunt darüber, er hatte diesmal keinen Streit angefangen, keine Scheibe zerschlagen, keinen Wärter zur Tür hinausgeworfen. Er hatte, in sich versunken, dagesessen, bis die Stunde der Befreiung schlug. Nichts von der Außenwelt war zu ihm gedrungen; da war es doch natürlich, daß er sich jetzt orientieren wollte in der ihm fremd gewordenen. Wohl hatte es durch die dicken Mauern geklungen von außerordentlichen Dingen, von einer Stimmung, die nie dagewesen, von einem heißen Fieber, das die Glieder schüttle, von einem Geist im Volke, der den langen Winterschlaf von den Lidern streife. Im Gefängnis träumt man lebendiger von der Freiheit. Er aber hatte auf seinem Holzbett stumm gelächelt; seine Träume waren anderwärts. Und jetzt lächelte er wieder, wenn er durch die bewegten und stillen Straßen ging. Sie waren so breit, so tot und so geräuschvoll wie immer; die Mühlen klapperten, die Menschen schwatzten wie immer. »Was suchen Sie, Bovillard?« fragte ein Bekannter, der ihm nicht hatte ausweichen können. – »Die Stimmung«, war seine Antwort. Der Kalkulator stutzte, aber er erinnerte sich, daß Bovillard Klavier spielte. »Sie suchen einen Stimmer? Ihr Klavier« – »Ist total verstimmt«, antwortete der junge Mann und wandte ihm den Rücken. Ein Plakat an der Ecke! Vielleicht ein Aufruf des Königs an sein Volk? – Nein, verlorne Sachen, drei Auktionen! Doch auf der andern Seite eine obrigkeitliche Bekanntmachung: eine Warnung vor falschen Zweigroschenstücken, die sich in Ostfriesland bedenklicherweise gezeigt, und eine Einschärfung von Gouvernement und Polizei, wie die unter den vorigen Königen erlassene Verordnung noch jetzt in voller Kraft sei: daß die sogenannten Zelte und Gebäude im Tiergarten nach wie vor nicht massiv, vielmehr nur von Brettern gebaut werden dürften. – Auf dem Papier stand das Gesetz, im Tiergarten baute man, wie man Lust hatte. Er trat an eines der noch seltenen und sehr bescheidenen Schaufenster, wo Kupferstiche aushängen. Vielleicht die großen Generale des letzten Krieges. Würden endlich Erzherzog Karl und die andern die Bilder der französischen Generale verdrängt haben? – Gar keine Generale! Nur König und Königin, wie sich's gebührt; Schauspieler und Schauspielerinnen, der Jubelgreis Erman, der Astronom Bode mit einem Sternenkranz um die Schläfe. Er hatte ja einen neuen Kometen am Großen Bären entdeckt. Willenlos führten ihn seine Schritte in einen Buchladen. Er fragte nach Novitäten für die Zeitgeschichte. »Warum sind des Kanzleidirektors Kistmacher in Breslau Gedichte merkwürdig?« – »Haben Sie nicht in der Vossischen gelesen? Er zeigt seinen Freunden an, daß er mit Gott und seinem König heut gesund und munter in sein neunundfünfzigstes Dienstjahr tritt. Das hat denn gleich Nachfrage nach den Gedichten gemacht.« – Der Buchhändler hatte noch einen interessanten Beitrag für »unsre Zeitgeschichte!« – »Zuverlässige Nachrichten von der Sackschen Familienstiftung zu Glogau, zum Unterricht für Stiftsberechtigte.« Sie hatten eben die Presse verlassen. »Die Lektüre soll mich heut nacht erquicken!« sagte Bovillard und steckte das Heft in die Tasche. Er maß die Schritte von der Quadriga bis zu Prinz Heinrichs Palais; siebenmal hatte er die Länge der Linden gemessen und nichts gesehen als welke Blätter. Die Gesichter, denen er begegnete, die Blätter, die der Staubwind um seine Füße kräuselte, verschmolzen sich. Seine Phantasie schweifte in eine Wüste; er grübelte, warum die Natur ihnen die Quellen versagt, warum keine Erdbeben die Sahara erschüttern; Vulkane erheben sich doch aus dem Meere. Er saß in einer Weinstube. Er hörte viele Stimmen. Viele Stimmen machen eine Stimmung. Männer der Wissenschaft zu seiner Linken, Männer der Praxis zur Rechten, Männer der Kunst kamen, als das Theater aus war. Man sprach links und rechts vom Fortschritt. Wieviel öffentliche Vorlesungen befriedigten nicht die Wißbegier! Klaproth über Chemie für jedermann, Fischer über Experimentalphysik, und der gelehrte Bendavid las gar über Geschmackslehre! Aber dann brauste der Streit von der Rechten zur Linken und im Zentrum über das Stück des Tages: »Die Organe des Gehirns«. Wer war größer, Kotzebue oder Iffland? Kotzebue, der mit beißender Kritik, mit übersprudelnder Laune die neue Schimäre der Wissenschaft geißelte, der Gall auf immer vernichtet hatte, oder der unvergleichliche Mime, der heute den Lear und morgen den Kannegießer mit gleicher Virtuosität spielte? Iffland drückte Kotzebue zu Boden. Alle Lippen bebten vom Lobe des Mimen; man anatomisierte den kleinen Finger seiner linken Hand, mit dem er ein widerstrebendes Gefühl ausgedrückt, man zerschnitt seine karierte Weste, welche die Zersetzung eines sublimen Gedankens in ebensoviel Teile darlegte. »Und Fleck ist doch größer!« trumpfte ein stabiler Gast auf den Tisch. – »Warum, Renommist?« – »Er schafft, Iffland kopiert.« – Kunst und Natur, ein ewiger Streit, man überschrie sich; die Gläser klirrten, die Köpfe wurden heiß. »Und alle eure Kunst ist doch nur Chemie«, schrie der Renommist. »Die Pest auf Dichter, die nur die Schädellehre zersetzen, aber keinen Schädel lebendig machen.« Er setzte sich von den Genialen zu den Philistern; doch es waren Philister des Fortschritts. Die Emdener Heringsfischerei hatte zum erstenmal Dividenden ausgeteilt. Und die Chaussee von Potsdam nach Brandenburg war ehegestern fertig geworden. »Meine Herren, das erwägen Sie, man kann von nun an in neun, ja vielleicht künftig in sieben Stunden von Berlin nach Brandenburg fahren! Und wie lange ist es her, wo wir einen Tag brauchten durch den Sand, um nur nach Potsdam zu kommen! Das war ja schon ein ungeheures Evenement. Wenn das der Alte Fritz erlebt hätte! Bis Potsdam wie auf einer Diele! Und das hat unsre Regierung getan, und doch sind sie nicht zufrieden! Ich frage sie, was verlangt man denn noch? Sollen wir fliegen? Ja, schöne fliegen, wenn Krieg kommt!« – »Nur die unruhigen Köpfe, Herr Hofrat!« – »Ganz richtig, Herr Nachbar, was geht uns Österreich, was geht uns der Napoleon an!« – »Jetzt will jeder Mensch eine Meinung haben, und alle Welt soll man fragen.« – »Der Alte Fritz fragte niemand, und es ging doch.« – »Ganz recht, Herr Geheimsekretär, es ginge auch noch, wenn nur eben nicht die unruhigen Köpfe wären.« – »Und werden die Emdener wieder Dividenden zahlen, wenn's losgeht?« – »Werden sich hüten, Herr Hofrat! Mit Handel und Verkehr, mit Fabriken und allem ist's aus.« – »Friede! Friede!« war das Losungswort in der Ecke. Ein Zeitungsleser, der zugehört, lächelte. »Da hören Sie das allerliebste Gedicht: › Pensées sur la position d'à présent ‹.« – »Die ›Vossische Zeitung‹ hat immer allerliebste Gedichte.« Er mußte es vorlesen: »Je souhaite la paix en tout Entre l'amante et son amant, et sa femme et son époux. Beaucoup de pleurs seroient épargnées, Si Mars sauvage encore vouloit se reposer. L'espérance consolante me reste encore, Que les mères et les épouses ne pleureront De leurs fils et maris la mort, Et que le transport des canons Et toutes ces préparations A la paix universelle serviront. Ich wünsche gänzlichen Frieden, Zwischen Liebender und Liebendem, und Ehefrau und Gatten. Viele Tränen würden erspart, Wollte der wilde Mars sich zur Ruhe begeben. Es bleibt mir die tröstende Hoffnung, Daß die Mütter und Gattinnen nicht Tränen vergießen Um den Tod ihrer Söhne und Männer, Und daß der Kanonentransport Und diese Rüstungen alle Dem allgemeinen Frieden dienten. « »Charmant!« – »Allerliebst!« – »Das ist Poesie!« – »Das ist noch ein Dichter, der Gefühl hat.« – »Nein, eine Dichterin; es steht drunter Philippine de B.« – Die poetische Entzückung hatte die andre Seite der Gesellschaft aufmerksam gemacht, einer das Zeitungsblatt ergriffen und in anderem Pathos die Poesie vorgelesen: »Von Bovillard!« rief er, »das riecht nach seiner Poesie!« Und ein schallendes Gelächter bestätigte im Chor. Louis Bovillard hörte es nicht mehr. Er hatte sogleich den Verfasser erraten. Sein Vater liebte, seine zarteren Gedanken, wie er es nannte, unter weiblichen Namenschiffren ins Publikum zu schicken. Er irrte wieder durch die dunklen Straßen. Verspätete Theatergänger. Iffland und immer Iffland! – Verliebte Pärchen; süßes Geflüster, aufgeschreckt durch seinen rauhen Fußtritt. – »Oh Liebe, du Zauberin«, lachte der Dämon in ihm, »nur in die laue Nacht brauchst du den Arm zu strecken, und die Herzen setzen an wie die Fliegen an die Leimstange.« In der einsamen Straße, durch die er einbog, stand ein Militär an ein Haus gelehnt in horchender Stellung. Aus dem geöffneten Fenster oben blickte verstohlen eine weibliche Gestalt sich um, und als sie niemand zu sehen glaubte, fiel ein Blumenstrauß auf den Lauscher. Als der Militär das Geschenk an seine Brust drücken wollte, fühlte er seinen Arm gepackt. Ein »Halt!« dröhnte durch die Stille, im selben Augenblick klirrte das Fenster zu. Zorn und Schreck hatten nicht Zeit, über den Vorrang zu streiten, als die Erkennung schon erfolgt war. »Bovillard! – Plagt Sie der Teufel! – Wo kommen Sie her?« »Aus meinen Banden.« »Wohin soll's?« fragte Dohleneck schon mit gerunzelter Stirn. »In die Freiheit.« »Sie brauchten andere nicht mit sich zu reißen.« »Nur die ich liebe.« Der Rittmeister hatte sich eine Weile in der ersten Überraschung von ihm fortziehen lassen. Jetzt erst, nachdem sie um die Ecke waren, hatte er Posto gefaßt: »Himmel, Sackerment, Bovillard, Red und Antwort, was war das! Wenn einer bis über die Ohren verliebt ist –« »Einen Eimer Wasser ihm über den Kopf Was sich liebt, auseinanderzuscheuchen, ist heut mein Pläsier.« »Sie kommen aus dem Tollhause, oder –« »Ich ging aus mir selbst, wollen Sie sagen.« »Warum?« »Weil es mir zu eng drin ward.« Der Rittmeister hatte sich erholt: »Wenn Sie es nicht wären! Wissen Sie, was Sie taten?« »Zur Hälfte.« »Sie störten –« »Einen halben Ernst, das ist möglich, gewiß, eine ganze Posse.« »Neulich vertraute ich Ihnen –« »Ein namenloses Liebesabenteuer zur Hälfte. Und wenn es dies war, gratuliere ich Ihnen, wenn ich auch die andere Hälfte verdarb.« »Kennen Sie das Haus?« »Nein, weiß wahrhaftig nicht mal, welche Straße es war. Aber auf das Soubrettengesicht fiel grade ein Lichtschein aus dem Fenster drüben.« »Ein Soubrettengesicht! Eine majestätisch schöne Frau!« Bovillard lachte: »Ein durchtrieben Schelmengesichtchen, und hinter ihr guckte ein Bedientengesicht – für so was hab ich Augen. So wahr der Wolkenstreif eben durch die Mondsichel geht, man wollte Sie foppen!« »Nein, Sie täuschen sich.« Ein sanfter, aber fester Händedruck antwortete ihm: »Darin täusche ich mich nie. – Sie sind betrogen – von wem? Das ist gleichgültig. – Diesmal von denen da oben am Fenster –« Er hatte ihm das Bukett aus der Hand genommen: »Fort mit dem Bettel! Wer weiß, in welcher Hand er war!« Er schleuderte es über die Straße. Sie gingen schweigend nebeneinander. Was in der Brust des Offiziers arbeitete, konnte nicht heraus. »Laßt die Motten ins Licht fliegen, es ist ihre Bestimmung. Sie, Dohleneck, sind zu gut dazu, zu arglos.« »Sie sollen darüber richten«, sprach der Rittmeister, plötzlich stehenbleibend. »Grade Sie, Gott weiß woher, ich traue Ihnen, obgleich – verteufelter Gedanke, wenn man mich wieder in den April geschickt!« »Sie spielen alle Komödie!« rief Bovillard, in die Wolkenzüge am Himmel blickend. »Das ist ihre Bestimmung. Warum träufte die Natur diesen Reiz in unser Blut, diese Mottenlust in unser Hirn! Aber so wollen sie uns vielleicht! Daß unser Auge schwimmt, unser Mark weich wird, unsre Spannkraft erschlafft, das Hirn unfähig, einen Gedanken festzuhalten, der Geist zittert vor dem Entschluß, der Arm vor dem Schlag. Diesen goldenen Semeleregen sehn sie mit stillem Vergnügen auf das Geschlecht rieseln, damit die Titanenenkel ausgehn sollen aus dem lebendigen Geschlecht. – Rittmeister!« rief er. »Soldat des Königs! Wenn die Welt in Brand steht, ist's dann Zeit, wie Schmetterlinge um die Flammen wirbeln! Wollen Sie das Haus stürmen, auf einer Leiter durchs Fenster brechen? Mein Wort, da helf ich Ihnen. Kommen Sie, fordern Sie Wahrheit! Wollen Sie ein schönes Weib entführen, das Sie genarrt, erzürnt hat, ich bin dabei. Gewalt, Gewalt! Das ist noch ein Wort, ein Sturmglockenlaut, der in den Himmel dröhnt. Wollen Sie? Auf der Stelle – nur nicht Seufzer, nur nicht Liebesblicke, kein Buhlen um Gunst, keine Küsse. Ja – ein Weib, was mich haßte, mit einem Fußtritt mich von sich stieße –« In dem Augenblick rasselte eine staubbedeckte Kalesche um die Ecke. Bei der raschen Wendung mochte das Hinterrad an einen Stein gestoßen sein, das Rad brach, und der leichte Wagen stürzte um. Schon im nächsten Augenblick hatte der darin Sitzende mit einem Fluch sich aus dem Wagen gearbeitet. Der Fluch galt den Pferden oder dem Kutscher, eine barsche Zurechtweisung den beiden, welche zum Helfen hinzugesprungen waren. Auf ihre Frage, ob er keinen Schaden gelitten, antwortete der Mann, der seinen militärischen Mantel in die Kalesche zurückwarf und hastig nach einer Ledertasche griff: »Das wäre das wenigste!« »Verfluchter Kerl, warum hier grade!« rief er, sich umsehend, dem Kutscher zu. »Es ist ja noch eine Viertelstunde bis zum –« Er nannte den Namen eines Ministers. »Wenn es Ihnen darauf ankommt, führe ich Sie auf kürzerem Wege dahin!« sagte Bovillard. Es war ein Kurier. Der Rittmeister, im Schein der Laterne, bei welchem der Reisende die Ledertasche besah, erkannte einen befreundeten jüngern Offizier. »Was bringen Sie in Ihrer Tasche, Schmilinsky?« »Brennend Feuer«, antwortete der Feldoffizier, indem er die Tasche wieder zuschloß. »Ja, auf dem nächsten Weg, meine Herren, zum Minister.« Der wohlbeleibtere Kavallerieoffizier hatte Mühe, den beiden nachzukommen. »Was brennt denn?« fragte Bovillard, als sie ihre Schritte mäßigten, um Atem zu schöpfen. »Ich habe keinen Grund«, sagte der Kurier, »geheimzuhalten, was mir auf dem Fuße nachkommen muß. Ja, ich wundre mich, daß das Gerücht mir nicht voraufgeeilt ist, weil ein ähnlicher Unfall mich unterwegs aufhielt. Ich glaubte Berlin selbst in Aufruhr und finde eine Kirchhofsruhe. Am Tor wußte man noch nichts. »Was ist's?« »Die Franzosen sind eingebrochen.« »Wo?« fragte es mit einem Munde. »Wie ein Platzregen ins Ansbachsche – Bernadotte mit – neunzigtausend Mann wenigstens wälzt er in Sturmmärschen durch – die Bayern hausen wie in Feindesland –« »Krieg!« jauchzte der Rittmeister. »Und die preußischen Truppen?« »Was dastand, machte Platz oder nicht, wie es kam. – Sie wissen nicht vor Order und Konterorder, was zu tun –« Sie waren am Hotel angelangt und rissen an der Schelle. Der Kurier lehnte sich erschöpft am Pfeiler: »Er wird doch fester halten als der«, sagte er. »Meine Herren, wer das mit ansehn mußte! – Sie spuckten auf unsre Grenzpfähle; ich sah einen umgerissen – aus purem Übermut –« »Wer?« rief der Rittmeister. »Franzosen oder Bayern, gleichviel. Der preußische Adler im Kot, die Tapfen ihrer schmutzigen Füße auf Friedrichs zerbrochenem Adler. Meine Herren, es war ein Stoß ins Herz für einen preußischen Militär.« »Das muß der Langmut den Hals brechen!« jauchzte Bovillard und stürmte an der Hausglocke. Der Portier hatte endlich den Schieber des Seitenfensterchens geöffnet. »Ein Kurier! Depeschen!« riefen drei Stimmen zugleich. »Exzellenz haben sich bereits zur Ruhe verfügt.« »Der Sekretär! Aus dem Bureau, wer es sei.« »Alles schläft schon.« »In Teufels Namen, so weckt sie!« schrie der Rittmeister. »Ich muß Exzellenz persönlich sprechen, der Kurier! Ein Kurier aus dem Ansbachschen, Depeschen von äußerster Wichtigkeit.« »Nach zehn Uhr wird nichts angenommen. Morgen früh um acht Uhr. Wenn's sehr wichtig ist, können Sie schon um sieben klingeln.« Der Laden klappte, das Schiebefenster ging zu. »Was ist da zu tun?« »Zum Gouverneur!« »Er wird noch von der Schnepfenjagd nicht zurück sein«, entsann sich Dohleneck. – Es waren wohl Adjutanten und Offiziere da, aber sie waren für außerordentliche Fälle nicht instruiert. Es müßte doch wahrscheinlich ein Ministerkonseil berufen werden. Also riet man, einen andern Minister aufzusuchen, es werde doch einer wachen. Es wachte aber zufällig keiner. Hier wurden sie angeschrien, dort höflich zur Ruhe vermahnt. Sie sollten wissen, daß Exzellenz jeden Sonnabend zu transpirieren einnehmen. Dann werde niemand, wer es auch sei, vorgelassen. »Er spielt Lomber! Man darf ihn nicht stören!« rief Bovillard und unterschlug die Arme. Sie waren vom letzten Hotel abgewiesen. »Was sehn Sie da, Bovillard?« »Nach dem neuen Kometen, den Herr Bode am Großen Bären entdeckt hat. Der Mann hat sich doch ein großes Verdienst um den preußischen Staat erworben.« »Wenn Kometen auf Krieg deuten!« sagte Dohleneck. »Wohin? Wohin?« Bovillard stürzte ihnen vorauf »Ich sehe Licht, Funken schlagen. Es gilt einen Sturm.«   Die Erscheinung, welche durch die Hintertreppe ins Arbeitszimmer des Geheimrats gedrungen, war sein Sohn. Es waren Jahre vergangen, seit Louis Bovillard seinen Fuß in diese Räume gesetzt. Die auf des Vaters Seite waren entflohen, die auf des Sohnes unten geblieben, oder sie hatten ihm die Sache übergeben und waren auch fortgegangen. Der Vater und der Sohn waren allein. Der Vater hatte sich wiedergewonnen. Wenn der erste Anblick ihn erschreckt, wenn er hinter den Tisch getreten, auf dem die Flaschen rollten, wenn er an der Glocke ziehen wollen, so war der wüste Traumeindruck so schnell vergangen, als er aufschoß. Dieser Sohn kam nicht mit der Pistole in der Brust; er floh nicht vor seinen Verfolgern, er war nicht eingedrungen um des Vaters Beutel oder Schutz; aber wie wild auch das Auge rollte, wie starr und wüst das Haar um seine Stirn spielte, wie vernachlässigt sein Anzug, Louis kam auch nicht als verlorner Sohn, der die Treber gegessen und zerknirscht vor des Vaters Füßen den Boden küssen will. Er blieb aufrecht an der Tür stehen. Ein verlorner Sohn hält auch kein Portefeuille in Händen. »Mein Vater! Vergessen Sie auf einen Augenblick Ihren Sohn, dem Sie diese Schwelle verboten. Sehn Sie nur den Sohn des Vaterlandes. Es gilt dessen Ehre, vielleicht sein Dasein.« Er hatte in kurzen, abgestoßenen Sätzen erzählt – was wir bereits wissen. »Und was geht es dich an?« Louis trat um einen Schritt näher: »Das ist nicht Ihr Ernst, es kann nicht Ihr Ernst sein. Auch Ihr Auge blitzte auf, ich sah es. Vergessen Sie, daß Ihr Sohn Zeuge ist dieser Bewegung, die Ihnen keine Schande bringt. Herrgott – Sie müssen –« Der Geheimrat war in Bewegung; es gelang ihm nicht ganz, sie zu verbergen. »Der du nicht mein Sohn sein willst, du weißt doch, daß ich nicht Minister bin, und die Depeschen sind nicht an mich.« Louis war noch um einen Schritt näher getreten, er hatte des Vaters Arm ergriffen, er sah ihn mit einem Blick an, den der Geheimrat nicht ertrug. »Wenn ihr Kind ins Wasser fiel, springt die Mutter nach, auch wenn sie nicht schwimmen kann. Der Naturtrieb ist's, sie kann nicht ohne das Kind leben; sie will mit ihm untergehen. Hier handelt sich's um Untergang; unser Vaterland geht an der Donau unter. Wie Gebirgsbäche nach einem Platzregen ein Tal überschwemmen, so stampfen des Feindes Hufen auf unserem eigenen teuren vaterländischen Boden die Quellen auf. Aus unserem Blut, aus unseren Brüdern rekrutiert er sein Heer. Der Bayer zieht mit ihm, wie der Schakal dem Löwen folgt, Baden ist längst gezwungen; in diesem Augenblick, der Kurier bringt die Nachricht, schließt auch Württemberg sich an; die Kleinern, die Größern, die Größten reißt er, er reißt alle mit sich. Nur wir glaubten uns von besserer Natur, zu groß, wir schrieben Friedrichs Namen mit Ellenbuchstaben an unsre Grenze. Da liegt die falsche Rechnung. Eine Tradition war's, ein Nebelschild, ein Dunstbild. Seine Sappeurs haben unseren Grenzpfahl niedergehauen, seine Kanonen rollen, seine Reiter sprengen darüber. Der schwarzweiße Pfahl liegt im Graben, der Adler zertreten, es gibt keine preußische Grenze mehr, es gibt kein Preußen mehr, wenn wir das ruhig hinnehmen.« »Wenn das Faktum sich als richtig ausweist, wird Preußen wegen des Grenzpfahls Satisfaktion verlangen. Dessen darf man sich versichern.« »Und der große Kaiser«, fiel Louis ein, »wird sie ihm gewähren, oh gewiß eine glänzende Satisfaktion, wenn wir ruhig bleiben und uns nicht kümmern um was uns nichts angeht. Er wird uns auf seine Kosten einen neuen Pfahl aufstecken lassen. Oh, es wird ihm eine Lust sein, uns Grenzen zu stecken. Wenn wir ihm nur Zeit lassen, unsere deutschen Brüder zu erdrücken und erwürgen, läßt er uns auch wohl zur Genugtuung die dummen Sappeure füsilieren, die's getan. – Seine Bulletins werden uns kajolieren . Oh süße Harmonie der Geister, wenn das ganze Deutschland zertreten ist, Österreich ins Herz gestoßen, verblutet, wenn uns dann der große Kaiser belobt wegen unsrer weisen Mäßigung. – Nur jetzt fordern Sie es nicht, mein Vater, jetzt hat er anderes zu tun. Seine Kolonnen wälzen sich, schwarze Rauchsäulen, über das blühende Schwaben und Franken, er durchbricht die Donau, die Feuerschlünde und die Bajonette, die Roß und Mann, die es ihm nehmen sollten, er umzingelt Mack und den Erzherzog. Von Schwaben aus, von Franken, von den Alpen her, umgarnt, eisern umarmt schon, ist die österreichische Armee durch eine Übermacht, gegen welche die Tapferkeit umsonst ist, wenn keine Hilfe erscheint. Ja, bei Nördlingen oder Ulm ist's vielleicht schon in diesem Moment entschieden, und wir – wir sehen zu und schlafen.« Der Geheimrat hatte sich ganz wiedergewonnen. »Du weißt, ich liebe nicht Exaltation, am wenigsten in Staatsangelegenheiten.« Er hatte sich auf einen Stuhl niedergelassen und fuhr mit einem Tuch über seine Stirn: »Wer leugnet, daß unsre Lage kritisch ist? Sie ist sehr bedenklich; ich will ernsthaft mit dir sprechen, weil ich aus deinem Affekt heraussehe, daß es dir ernst ist. Es ist mir nicht unlieb, denn wer weiß, was noch kommt, wo Ernst not tut. Wir haben uns täuschen lassen, es ist sogar möglich, daß wir nicht zu rechter Zeit uns entschieden, uns nicht beizeiten wahre Alliierte verschafften. Es ist noch schlimmer, daß, wenn wir es jetzt wollten, man uns nicht mehr traut. Ja, ich fürchte, Napoleon grollt uns im Innern mehr als einem seiner Gegner. So ist's, mein Herr Sohn«, rief er aufstehend, »ja, so ist es. Und weil es so ist, dürfen wir grade jetzt nicht anders handeln, als wir gehandelt. Sollen wir, wo das Schicksal von Europa auf der Messerschneide schwebt, mit einemmal außer uns geraten, uns selbst verlieren, und dem Teil, der auf dem Punkt steht, zu verlieren, uns in die Arme werfen! Wir gingen mit ihm unter.« »Wenigstens wäre es ein männliches Ende –« »Eines, der sich selbst verloren gibt. So weit sind wir noch nicht. Aber wir sind in einer Lage, wo man nicht vorsichtig genug sein kann, wo man behutsam jeden Schritt, jedes Wort, jeden Blick, den Hauch des Mundes abwägen muß. Unsre Politik ist und kann, sie darf nicht anders sein, als hinzaudern, abwarten, wie draußen die Würfel fallen –« »Das ist Ihre Politik, Vater!« »Aller Vernünftigen. Sieh dich um und höre die Stimmen in Berlin –« »Das Ihre vernünftigen Freunde demoralisiert haben. Die Krämer- und Schreiberseelen zittern freilich vor jedem Feuerhauch. Er könnte diese Stickluft in Brand stecken. Ihr Ich ist ihr Vaterland, die Kunden, die morgen ausbleiben, wenn die Kriegstrompete schmettert, sind ihre Brüder. Aber die Provinzen, das Land urteilt anders. Auch hier –« »Gibt es Brauseköpfe wie du, Phantasten, Patrioten, leider sehr hohe und sehr gefährliche darunter, die das Schicksal des Staats auf eine Karte setzen möchten. Das Blut von Tausenden ist ihnen nichts, der Wohlstand und das häusliche Glück von Millionen, die Verwüstung und Vernichtung des Landes auf eine lange Zukunft hinaus, wenn sie nur ihrem Götzen Ehre opfern können. Der Krieg ist ihnen ein ritterliches Spiel, und um einzuhauen, um Lorbeern zu ernten, als Sieger zurückzukehren –« »Genug, mein Vater«, sagte Louis Bovillard und nahm das Portefeuille vom Tische. »Sie wollen nicht. Diese Depeschen sollen auch ruhen, wie des Königs Minister, bis – es morgen zu spät ist.« »Halt! mein Sohn, was ist denn zu spät? Ich habe alles zwischen uns vergessen und rede wie zu einem, der mir gleich ist. Dieser Kurier bringt uns nichts Neues. Verstehe mich wohl, wir sahen, was jetzt geschehen ist, seit Wochen voraus. Es konnte nicht anders kommen. Seit acht Tagen erwarteten wir jede Stunde, daß es geschehen wird. Wir waren darum nicht müßig. Der weise Vorschlag, daß unser Staat, was er nicht ändern konnte, freiwillig zugebe, die Erlaubnis des Durchmarsches für alle kriegführenden Mächte, scheiterte leider. Wir sannen auf andres. Ehe das Auskunftsmittel gefunden ward, ist das Übel eingetreten –« »Das zum Himmel schreit.« »Die Diplomatie hat Mittel, die Schreier stumm zu machen. Nur weil die Hitzigen hier das Oberwasser hatten, war die Ausgleichung verspätet. Wir haben noch nichts an unsrer Ehre verloren, wenn Bernadottes Einbruch von Napoleon als ein Mißverständnis desavouiert wird. An der Bereitwilligkeit dazu wird es ihm nicht fehlen, denn mit dem Siege an der Oberdonau hat er weder Österreich noch Rußland vernichtet. Es kann ihm nicht gleichgültig sein, wenn Preußen mit seiner ganzen Kriegsmacht hinter den Verbündeten grollend ihm im Rücken steht. Ja, wir wissen, er wird alles tun, dem bösen Schritt einen guten Schein zu geben. Laforest erwartet schon einen außerordentlichen Gesandten. Napoleon opfert auch Bernadotte, wenn es sein muß. Nur muß er wissen, daß wir bereit sind, auch die Hand zu reichen, um das Mißverständnis zu konstatieren. Siegen aber in diesem Augenblicke bei uns die Feuerköpfe, so ist alles verloren; und wenn im Schrecken der Nacht ein Ministerrat gehalten wird, weiß wer, ob ein Schlaftrunkener nicht die Fackel ins Pulverfaß wirft?« »Haben Sie mir noch mehr zu sagen, mein Vater?« »Dein Herzenswunsch ist es, und dir verzeih ich's und den jungen Leuten und patriotischen Frauen, die keinen Blick in unsre Verhältnisse haben, und ob wir können, was wir wollen.« »Wenn der Eroberer schon mit Angst uns aufmarschiert in seinem Rücken erblickt!« »So wird er kehrtmachen, wenn er uns in die Zähne sieht, meinst du!« – Der Geheimrat blickte sich um, wie wenn er einen Lauscher fürchtete. Mit gedämpfter Stimme sprach er: »Wir sind nicht gerüstet, da hast du die Wahrheit, die man nicht aussprechen darf. Die Schulden der Rheinkampagne sind noch nicht ganz gedeckt, die Mobilmachung nach der Weichsel hat ein neues Loch in den Schatz gefressen. Wir haben kein Geld, auf keine Subsidien zu rechnen, da wir mit England blank stehen; es sieht so schlimm in unserer Kasse aus, daß Herr vom Stein drauf dringt, Papiergeld zu machen. Wer wird das in Zahlung annehmen?« »Die Millionen, Vater, die unser Kriegswesen jährlich –« »Sind ausgegeben, um den Schein, den äußern Anstrich von Friedrichs Heer zu erhalten. Poliert und frisch gestrichen ist alles, aber das Holz morsch und faul. Die Schilderhäuser blinken und funkeln, in den Magazinen stockt es. Unsre Festungen sind verfallen, unsre Generale Greise, unser Fuhrwesen verrottet, von unsren Truppen standen die wenigsten im Feuer, unser Exerzitium ist veraltet, und drüben steht ein Feind, flink wie der Wind, mit dem Genie, aus allem Stoff, den er findet, Soldaten zu machen, aus Pflastersteinen Kugeln, aus einem Lande, in dem wir verhungern würden, Vorräte in Überfluß zu pressen, ein Feind, sage ich dir, der alle unsre Schwächen kennt, und wir kennen sie nicht, und das ist das schlimmste. Wir schaukeln uns im Übermut, wir schreien wie Kinder, die durch ein dunkel Zimmer müssen, um sich Mut zu machen, wir taumeln wie Nachtwandler auf den Dächern, um, wenn man unsern Namen ruft, herabzustürzen. Das wissen wir , die wenigen, die man schimpft und verlästert, mein Sohn, und darum ist unsre Politik, den Krieg vermeiden um jeden Preis.« »Um jeden!« rief der Sohn. »Mein Vater, auch um den Preis Ihres eignen Rufes, die Ehre des Namens, den Ihre Väter trugen? Bedenken Sie, er gehört Ihnen nicht allein. Mir ist's nicht gleichgültig, wenn sie mit dem Finger auf meinen Vater weisen, wenn einst in der Geschichte auch sein Name unter denen genannt wird –« »Louis!« fiel der Geheimrat ihm ins Wort, »ich könnte dir heut viel vergeben.« »Nicht, wenn ich gleichgültig bliebe zu meines Vaters Schmach. Auf die Gefahr hin Ihres letzten Zorns, ich will, muß reden! Kennen Sie das Urteil des Publikums? Ganz verhallt so was nicht, ganz läßt es sich nicht übertäuben in Späßen und in Lustigkeit. In einsamen Stunden, wenn Sie nachts aufwachen, die Wanduhr tickt, der Wurm im Holze bohrt, der Wind gegen die Fenster klappt, schreit es Ihnen da nicht zu, was man von Ihnen und Ihren Freunden flüstert, lächelt? – Nein, man spricht, man schreit es laut auf dem Markt, mein Vater! – Man schilt Sie Verräter am Vaterlande. Mehr noch, man glaubt Sie gewonnen vom Feinde, bestochen. Für Napoleons Geld gäbe diese Verräterclique dem Könige Ratschläge, die das Vaterland ins Verderben stürzen.« »Ich kenne unsre Feinde.« »Sie kennen sie; das ist mir lieb. Verachten Sie die giftigen Zungen, so wünsche ich es. Aber nicht durch stummes Achselzucken, nicht, indem Sie die Hände vornehm in den Schoß legen. Dazu ist nicht mehr die Zeit. Sie können sie nur verachten durch helles, offnes Handeln. Hier ist ein Moment; hier gilt es rasch handeln. Was der Kurier gebracht, ist kein Geheimnis; morgen weiß jeder, er weiß auch, daß er verschloßne Tore fand, daß die Minister schliefen oder schlafen wollten. Der Lieutenant Schmilinsky, ein Soldat von rohem Schrot und Korn, nimmt kein Blatt vor den Mund, ja, er speit schon Feuer und Flamme. Er weiß jetzt, daß seine Depeschen in Ihren Händen ruhen, daß es an Ihnen wäre, die Minister zusammenzurufen. Geschieht es nicht, so fallen, mein Vater, die Verwünschungen, die jene treffen, auf Ihr Haupt zuerst.« »Das hast du getan.« »Ich, und mit freiem Willen –« »Louis – deinen Vater in eine Lage zu bringen, die –« »Ihm Gelegenheit verschafft, den Makel abzuwaschen. Ich freue mich, ich bin stolz darauf. – Zum Minister – befehlen Sie, daß der Kutscher anspannt – befehlen Sie, ich begleite Sie, befehlen Sie, was Sie wollen, ich bin zu allem bereit. Nur keinen Augenblick gezaudert –« »Und nach alledem, was ich dir – nur dir – vertraute –« »Will ich meinen Vater rein sehen, von der Anklage wie von der Schuld.« – Er griff nach des Vaters Hand. – »Enterben Sie mich, aber das tun Sie mir zuliebe. Beim allmächtigen Gott, ich glaube nicht, was der Argwohn spricht, nicht von Ihnen, auch nicht von den andern – aber ich lechze, ich sehne mich nach Beweisen, nach einer schlagenden Tat, damit, was ich wünsche und glaube, zur Überzeugung wird, damit ich stolz jedem die Stirn weisen, damit ich ihm ins Gesicht schauen und ihn als einen Lügner strafen kann, der meinen Vater – schilt.« Der Geheimrat war in einer Aufregung, die sich nicht verbergen ließ, auf und ab gegangen. Jetzt plötzlich riß er an der Schelle. Er ergriff das Portefeuille, er drückte Louis' Hand: »Rufe den Kurier, wir fahren zum Grafen.« Drittes Buch Erstes Kapitel. Gewitterschläge am schwülen Himmel . Im Hause der Geheimrätin war es seit jenem glänzenden Abend still hergegangen; aber es war eine Stille, die von sich sprechen machte. Sie litt an Kongestionen des Blutes, Beklemmungen des Herzens und klagte über Visionen. Im Kreise der ihr liebsten Menschen sah sie oft andre Gesichter. Sie redete eine Person an, und meinte eine andre; aber sie beteuerte, sie wisse sich darüber genau Rechenschaft, wenn der Zustand vorüber. Es wären nur nervöse Affektionen, über die die Ärzte keine Auskunft geben könnten. Sie sprach bitter von den Doktoren und wollte nicht mehr von ihnen behandelt sein. Die Gevatterinnen urteilten verschieden über ihren Zustand. Sollte auch die Lupinus sich der Schwärmerei, dem Mystizismus in die Arme geworfen haben, sie, auf deren Tisch man immer Moses Mendelssohn aufgeschlagen fand! Zwar etwas clairvoyant war sie schon in letzter Zeit gewesen, aber nicht mehr, als die Mehrzahl der zarter gebildeten Frauen es dazumal waren oder sein zu müssen glaubten. Es waren bei ihr nur momentane Wallungen, und sie deutete dieselben nur für das Aufblitzen unbewußter Naturkräfte. Sie wollte keine Geisterseherin sein und erklärte sich gegen den Aberglauben. Aber die Zungen waren fertig, über sie zu richten, und es gibt in einer großen Stadt böse Zungen. Wir übergehen das, was die Boshaften sich zuzischelten: es sei nur Ärger, weil ihre Gesellschaften nicht die Anziehungskraft geübt, die sie gewünscht, und die Exklusiven sich zur russischen Fürstin zögen, weil Prinz Louis durchaus nicht kommen wollen, und es möchte wohl einen besonderen Grund gehabt haben, warum sie den Prinzen so gern an sich gezogen. Worauf andere hinzusetzten, der Prinz müsse wohl auch einen besondern Grund haben, warum er nicht gekommen. Wir heben lieber heraus, was die Mildgesinnten zur Erklärung vorbrachten: sie sei zu fein, und weil ihr alles Rohe widerstrebe, wirke es affizierend, gewissermaßen revolutionierend in dem zarten Körper. Andre: sie, die für einen kranken, wunderlichen Mann zu sorgen, habe sich nun noch die Last für die Erziehung einer Pflegetochter aufgeladen. Was koste das nicht! Und ob es denn auch recht anerkannt würde! Demoiselle Adelheid sei wohl gut und schön, aber sie habe ein eigensinniges Köpfchen. Habe sie es nicht durchgesetzt gegen aller Willen, daß sie mit ihrem Lehrer halb verlobt sei, einem jungen Menschen, der nichts hat und alle vernünftigen Aussichten von sich stößt. Nicht ihre Eltern hätten es gewünscht, die jetzt auch höher hinaus dächten, noch der Vater des jungen Mannes, der gradezu erklärt, er werde nie solche Schwiegertochter in sein Haus lassen. Um zu einer solchen Partie ihr zu verhelfen, hätte Madame Lupinus das schöne Mädchen auch nicht in ihres genommen, und nun sei doch ihre Lage gewiß nicht beneidenswert: eine Pflegetochter hüten, an die keine Blutsbande sie fesselten, zu einer Verbindung das Auge zudrücken, die sie ungern sähe, und noch dazu die Verantwortung gegen die Eltern des Mädchens und gegen den alten van Asten, von dem sie noch obenein einen unhöflichen Brief in die Tasche stecken müssen. Könne das nicht ein edelgesinntes Gemüt herunterbringen! – Wenn noch andre fragten, warum setzt sie sich dem aus, warum duldet sie's? so antworteten noch andre Gutgesinnte: alles drehe und wende sich jetzt um das kleine Köpfchen, und wenn die Mamsell gleich ihre Herrschaft geschickt zu verbergen wisse, so wäre sie es doch, die das Haus regiere. Das komme davon, wenn man sich in Dinge mische, die uns nichts angehen, sagten wieder die halb Boshaften, und mehr tun wolle, als wozu uns die Pflicht für unsre nächsten Angehörigen treibt. Sie hätte doch Anverwandte, und ihr Mann auch, die es besser brauchen könnten als das fremde Mädchen und ein Recht dazu hätten. Und wenn sie gar ein Wort fallenlassen, wie es hieß, daß sie daran gedacht, die Mamsell zu adoptieren, so wäre es kein Wunder, wenn die ihr den Kopf nun heiß mache. In gewissen Kreisen sprach man von einem intimen Verhältnis der Geheimrätin mit dem Legationsrat. Der Legationsrat behielt bei den Anspielungen seine vollkommene Ruhe und rühmte die Bildung und den eminenten Scharfblick der geistreichen Frau. Ein Liebender bewundert nicht mit der klaren Ruhe des Verstandes eine Geliebte. Die Gevatterinnen wußten, daß er nur seltene Besuche machte, immer in der allgemeinen Besuchsstunde, sie wußten von der Dienerschaft, daß er sich stets in den Formen des feinsten Anstandes bewege. Ihre Gespräche flogen in höhere Regionen der Wissenschaft oder betrafen Geschäfte. Die Lupinus besorgte selbst ihre Geldangelegenheiten, und der Wandel hatte ihr gute Hypotheken nachgewiesen und die Pfandbriefe, die er für die sichersten hielt, anempfohlen. Er war ein Freund des Geheimrates, den dieser oft stundenlang in seinem Studierzimmer festhielt. Wandel war ein lebendiges Lexikon für alle Ausgaben des Horaz. Und wie teilnehmend hatte er sich bei dem letzten Unglücksfall, der das Haus betraf, benommen, wenn man den Todesfall des alten Bedienten so nennen kann. Wie lange war man darauf vorbereitet gewesen, obgleich Geheimrat Mucius gesagt, er könne sich noch zehn Jahre quälen. »Wie recht hatte Ihre Frau Gemahlin«, hatte er zum Geheimrat gesagt, »die immer besorgte, daß er an einem akuten Anfall Ihnen unter den Händen sterben werde. Und mit welchem Takt sie die Scharlatanerie der Ärzte erkannt!« Als man Johann an einem Morgen tot neben seinem Bette liegend gefunden und alle Hausgenossen in die Kammer stürzten, war die Lupinus nur bis über die Schwelle gekommen. Hier ging ihr der Atem aus, die Kräfte versagten, und sie war in die Knie gesunken. Ihr Gatte und der Legationsrat mußten die Ohnmächtige aufheben. Wie liebevoll hatte er ihr da Worte des Trostes zugesprochen. Die Dienerschaft zerfloß in Tränen: »Warum erschrecken, meine Freundin, über etwas, das nur eine Wohltat des Himmels ist, für den armen Dulder, für uns alle, die wir seine Leiden sehend mit ihm litten! Preisen wir vielmehr die Hand, die dies getan. Sein Wille geschehe! der es gut, schnell und kurz gemacht!« Gestärkt durch seinen Zuspruch, hatte sie nachher an der Leiche gestanden, ihre Züge beobachtend. »So ist es recht«, hatte er gesagt, »dem, was wir als gut erkannt, fest ins Auge gesehen! Wem helfen Tränen, wem weichliches Gefühl des Mitleids! Indem wir das eine Notwendige erkannt, stärken wir unsere Nerven, um der Notwendigkeit auch weiter ins Auge zu blicken, und wir mögen endlich den Sinn des alten Kirchenliedes erfassen: ›Tod, wo sind nun deine Schrecken?‹« Sie war gestärkt worden. Sie hatte selbst am Beerdigungstage die Leiche mit frischen Blumen geschmückt. Die Dienerschaft, die Nachbarschaft waren davon gerührt, und das Lob der Geheimrätin war unter den gemeinen Leuten weit verbreitet. Im Hause der Geheimrätin war es still hergegangen, sagten wir; heut aber in der Mittagsstunde eines frischen Oktobertages drängten sich die Besuche. Die Regimenter von Larisch und Winning, von der Weichsel zurückberufen, marschierten durch Berlin nach ihrem neuen Bestimmungsorte, der fränkischen Grenze. Die Straßen waren belebt, die Fenster besetzt. Der Durchzug erfolgte unregelmäßig, bataillonsweise; die Truppen, in Eilmärschen aus Polen herangezogen, hatten in ihren letzten Nachtquartieren keine Zeit gehabt, sich zu einem Paradezug zu ajustieren. Während Monturen, Gesichter, Haltung von den Strapazen der angestrengten Märsche sprachen, wirbelten aber die Trommeln, und die Trompeten schmetterten Lustigkeit in die klare Herbstluft; der Jubel der Zuschauer überbot sie noch. Aus den Fenstern schwenkte man Tücher, auf der Straße drückte man den Soldaten die Hand; man reichte ihnen zu trinken, und während die Schnapsflaschen und Semmelkörbe umhergingen, schickten patriotische Hausfrauen große Bunzlauer Kaffeekannen und Tassen hinunter. In der Küche der Geheimrätin brodelte ein Waschkessel, Adelheid hatte für den Soldatenkaffee und für die Schokolade der Gäste zu sorgen. Diese standen in zerstreuten Gruppen an den Fenstern. Es gehörten nicht alle zueinander. Walter van Asten las aus einer fremden Zeitung einigen um ihn Stehenden einen Artikel vor: »Dem Vernehmen nach hat der Staatsminister von Hardenberg dem französischen Gesandten, Herrn Laforest, die Antwort erteilt: Sein König wisse nicht, worüber er sich mehr zu verwundern habe, über die Gewalttat des französischen Heeres oder über die unbegreiflichen Entschuldigungsgründe dafür. Wie habe man Preußens aufopfernde Redlichkeit vergolten, das Opfer gebracht, die seinen teuersten Pflichten nachteilig werden könnten. So könne man denn doch keine andern Absichten des Kaisers Napoleon annehmen, als daß derselbe Ursachen gehabt, die zwischen ihm und der Krone Preußen bestehenden Verpflichtungen für wertlos zu halten, und achte darum Seine Majestät der König sich selbst aller früheren Obliegenheiten entbunden. Frieden wolle Preußen auch noch jetzt, halte sich aber nun verpflichtet, seinem Heere die Stellung zu geben, welche zur Verteidigung des Staates unerläßlich sei.« »Ja, es werden drei Heere gebildet, wie ich aus sicherer Quelle weiß«, bemerkte jemand. Ein andrer setzte hinzu: »Und es bleibt nicht bei der Rückberufung unsrer Weichselarmee, sondern wir haben auch den Russen den Durchzug durch Schlesien geöffnet.« Der Kriegsrat Alltag flüsterte seinem Nachbarn ins Ohr: »Die Donschen Kosaken sind schon in Breslau angemeldet.« »Ach Gott, ach Gott! so haben wir also Krieg!« rief die Kriegsrätin. Auch die Fürstin Gargazin hatte das Haus mit ihrem Besuch gewürdigt. Sie lächelte, zum Rat Fuchsius sich abwendend: »Mir will die Vorstellung einer Komödie noch nicht aus dem Sinn.« »In einer Stadt, wo das Theater eine so große Rolle spielt«, entgegnete der Rat, »ist dieser Gedanke allerdings sehr natürlich.« »Es wäre doch grausam«, fuhr die Fürstin fort, »wenn man mit den armen Menschen wieder nur Kämmerchenvermieten spielte. Vom Rhein nach der Weichsel, und von der Weichsel nach dem Main!« »Das könnte das beste Heer demoralisieren«, äußerten mehrere. Der Geheimrätin schien die entschiedene Sprache des preußischen Ministers doch jetzt den Zweifel aufzuheben. »Ich sprach Diplomaten, die aus der Note nur den Sinn herauslesen«, bemerkte die Fürstin, »daß Preußen unter allen Umständen Frieden will.« »Aus welcher Zeitung ist der Artikel, Herr van Asten?« fragte die Lupinus. »Aus dem ›Hamburger unparteiischen Korrespondenten‹, der heut morgen ankam.« »Warum müssen wir das nun aus einem fremden Blatt erfahren! Über etwas, das uns so nahe angeht, lesen wir kein Wort in unsern Zeitungen.« »Dann ist's auch vielleicht nicht wahr«, lächelte die Fürstin mit einem besondern Blick auf den Regierungsrat. Es mochten mehrere den Blick verstehen. Fuchsius besorgte für die Hamburger Zeitung Regierungsartikel. »Die erlauchte Fürstin«, entgegnete Fuchsius, »weiß, daß gewisse Regierungen schüchternen Jungfrauen gleichen, die in ihrer Gegenwart keine Schmeicheleien vertragen, hinter ihrem Rücken hören sie sich recht gern gelobt.« »Ich kenne auch Regierungen«, setzte die Gargazin darauf, »die erschrecken, wenn man ihre Gedanken ausspricht, besonders, wenn sie gar keine haben.« Der Kriegsrat Alltag wandte sich mit einem innern Schaudern ab. Er hatte nicht geglaubt, daß vornehme Personen so respektlos von der Regierung sprechen könnten. Die Gruppe löste sich auf, als die Janitscharenmusik das Anrücken eines neuen Bataillons verkündete. Adelheid streifte mit dem Präsentierbrett an Walter vorbei. »Ein bißchen zuvorkommender gegen meinen Vater! Auch mit der Mutter könnten Sie mehr sprechen.« Der Jubel am Fenster und auf der Straße ersparte ihm die Antwort. Am lautesten ward es in dem kleinen Nebenzimmer. Eine weibliche durchdringende Stimme ließ sich vernehmen: »Nein, sag ich doch, so vieles Volk, und alle zum Totschießen! 's ist grausam! – Sieh mal, Fritz, wie sie blitzen, die Spontons! Da, der mit dem roten Federbusch! – Malwine, willst du dich nicht so rüberlegen! – Was man mit den Kindern Not hat. – Und da, das blutjunge Gesicht – ach du liebe Seele, der hinkt, hat sich die Füße durchgelaufen. – Was 'ne unsterbliche Menschenseele nicht ertragen muß! – Und staubig, alle wie gepudert! – Liebechen!« rief sie hinunter, »sehn Sie, dem da schenken Sie 'ne Tasse Kaffee! Er friert so, und ein so hübscher Mensch. – Sieht sie's wieder nicht, die Lisette! – Nu ist er fort! – Na, 's wird wohl noch andre mitleidige Seelen geben. – Was so ein Tornister drücken muß! – Fritz, wenn du auch solche grausame Flinte auf dem Buckel tragen müßtest – nu paß acht, nu kommt der Tambour. Hurrje, hurrje! hörst du, wie er schlägt!« »Will auch Trommler werden«, sagte der Junge. »Nein, Fritzchen, da wirst du totgeschossen. Das ist nur für ordinäre Leute. Guter Leute Kinder, die sind zu was anderm da.« »Will Trommler werden!« wiederholte der Trotzkopf »Papa hat's gesagt.« »Ja, wenn du ein Taugenichts wirst, dann wirst du unter die Soldaten gesteckt.« Das Fritzchen schrie und stampfte auf die Erde. »Du Olle, du sollst mir's nicht verbieten, du hast mir nichts zu verbieten.« »Range du! Untersteh dich und kneif noch mal. Wenn wir nicht bei hübschen Leuten wären, kriegtest du eins hinter die Ohren, daß du dich wundern sollst.« Die Geheimrätin war unbemerkt Zeugin des Auftritts gewesen. Sie brachte den Kindern Brezeln und fragte, ob sie schon Schokolade bekommen. »Ach du mein Gott, die gestrenge Frau sind auch gar zu gütig gegen die Kleinen!« rief Charlotte, die sich umgedreht. »Daß wir Ihnen auch so viel Inkommodität verursachen! Aber Kinder sind nun mal Kinder, und wer weiß, ob sie so was mal wiedersehen, sagte meine Cousine, die Frau Hoflackier. Ja, sie gehn alle in den Tod.« »Gibt es einen schönern als fürs Vaterland!« sprach die Geheimrätin mit Erhebung. »Das sagte mein Wachtmeister auch, Frau Geheimrätin, aber, nehmen Sie mir's nicht übel, Tod ist doch Tod. Und eingebuddelt werden sie, ohne Sang und Klang, ohne Leichenhemd und ohne Sarg, wo sie stehn und liegen. Und der Fritz will absolut Soldat werden. Ist ein rabiater Junge. Und mein guter Herr Geheimrat, der die Güte selbst ist, Sie glauben gar nicht, wie er ihm schon auf der Nase spielt. Kinder sind Gottes Segen, oh gewiß, aber sie können auch Gottes Fluch werden, wenn sie ausschlagen.« Die Geheimrätin streichelte die Köpfe der Kleinen: »Geht, liebe Kinder, in die andre Stube und laßt euch Schokolade geben.« Warum erschrak Charlotte heute nicht vor der Butterbrezel, welche die Frau mit den spitzen Fingern den Kleinen gab; warum kamen ihr diese Finger heut nicht spitz vor, als sie über die blonden Haare der Kleinen strich? Charlotte war auch jetzt in innerer Bewegung, aber es war eine andre, als sie, plötzlich in Tränen ausbrechend, den Saum des Kleides der Geheimrätin erfaßte und es an die Lippen drückte: »Ach, Frau Geheimrätin, das müssen Sie mir schon erlauben. Es war doch zu schön. So einen ordinären Dienstboten unter die Erde zu bringen, und seine eigne Herrschaft! Das wird Ihnen Gott lohnen. Er war mein Cousin, aber das ist es nicht. Er war meiner Mutter Onkel Schwesterkind, und angeheiratet nur, aber, und wenn er mir gar nichts gewesen wäre, das vergeß ich Ihnen nicht. Darüber ist auch nur eine Stimme in der Stadt. Und meine Cousine, die Frau Hoflackier, sagt, solch einen Sarg und von so schönem fetten Eichenholz hat sie nicht gesehen, als ihr Mann seine Alte begrub, und das war ihr Glück, und ihr Mann versteht's; wenn der den Beutel auftut, dann hält er nicht den Finger drauf. Und hat jetzt eigen Gespann; alle Sonntag fahren sie nach Charlottenburg und haben mich auch schon mitgenommen, und ich habe auch mal die lieben Kleinen mitgenommen, daß sie doch auch ein Vergnügen haben, und ich kaufte ihnen für einen Dreier Semmel, daß sie die Karpfen füttern konnten. Na, das war eine Herrlichkeit. Aber der Silberbeschlag! Nein, Frau Geheimrätin, das ist es gar nicht. Was ist Silber? Unter der Erde rostet's, wir rosten alle. Aber die Blumen, nein, du mein Himmel, Jesus, nein. Wie ein Purpurri rübergeschüttet, wie ich da in den Hausflur trat, es knickte mir in die Knie, und ich wollt's nicht glauben, und die Menschheit! Vom Gendarmenmarkt, vom Fürstenhause her, die Polizei konnte gar nicht durch, daß die Leichenträger nur Platz hatten. Und da war doch nur eine Empfindung!« »Er war ein treuer Diener, und wir sind alle Menschen.« »Aber doch mit Unterschied, Frau Geheimrätin. Und den Kranz von weißen Rosen, den Sie auf seine Totenlocke gedrückt und sein bleiches Antlitz! ›Er war mein Cousin‹, schluchzte ich, und meine Cousine, die Frau Hoflackier, sprach: ›Ja, das Leben ist doch schön!‹ Nein, Frau Geheimrätin, und wenn Sie mich eine schlechte Person nennen, Sie haben ihn sterben lassen, daß mancher sagen möchte, so möchte ich auch sterben.« Wenn eine Emotion sich in dem halbgeschlossenen Auge der Geheimrätin kundgeben wollte, so bemerkte es niemand, Charlotte am wenigsten, denn helle Trompetenstöße lockten jetzt aufs neue und unwiderstehlich an die Fenster. Jeder stürzte dahin, wo er Platz fand; Charlotte hatte einen, der ihr wohl nicht zukam, eingenommen, Arm an Arm mit der Baronin Eitelbach. Keine sah die andre, keine gab auf die andre acht. »Ach, da reitet er!« rief Charlotte, den Blick auf eine Schwadron der Gendarmen gerichtet, die um die Ecke schwenkte. Sie gab den durchmarschierenden Dragonern nur das Geleit. »Ach, da reitet er!« tobte es in einer Brust neben ihr, ohne daß die Lippen sich bewegten. »Nein, wieviel schöner sehn doch unsre aus als die Dragoner!« Wunderbare Sympathie! Dasselbe dachte die Baronin. »Es geht doch nichts über die Garde! – Das ist alles adrett. Und wie sitzen sie auf dem Pferde! Hurrje! Das fühlt auch jeder.« Charlotte hatte recht; einer spricht es, der andre fühlt es. Die Tücher fingen wieder an zu wehen. »Wem gilt dieser Jubel?« fragte am andern Fenster die Fürstin. »Den neuen Uniformen, Erlaucht«, flüsterte jemand hinter ihr. »Die bleiben in Berlin?« »Es wäre schade, sie dem Herbstwetter auszusetzen.« »Aber die armen maroden Truppen, die ins Feld müssen, werden es übelnehmen.« »Erlaucht! Das Futter fürs Pulver darf nichts übelnehmen.« Am Zwischenfenster schluchzte plötzlich die Kriegsrätin: »Und alle diese jungen schönen Leute werden auch totgeschossen!« »Nur ihre Pflicht«, sagte der Kriegsrat. »Wenn der König befiehlt, muß jeder sterben.« Das Schluchzen ward ansteckend. Charlotte am nächsten Fenster fing an so laut zu weinen, als sie eben gejubelt: »Sie müssen alle sterben, ich seh ihn nicht wieder.« Als die Baronin ihr Batisttuch an die Augen drückte, hatte sich indes die Szene wieder geändert. Charlotte stieß die Nachbarin in ihrer heftigen Bewegung fast zurück: »Er streicht den Bart; das gilt mir; ja, ja, ich seh's«, und damit er's wieder sähe, bog sie sich hinaus. Malwine und Fritz wären dafür gestoßen worden. Es war nicht nötig, daß sie das Umschlagetuch sich abgerissen, der Wachtmeister ritt schon unter dem Fenster und warf ihr Kußhände zu. Und wie keck schmunzelnd er wieder den Bart strich! Die Baronin sah auch etwas, aber – sie ward blaß. Er strich nicht den Bart, nein; aber als er hinaufgeblickt, ihre Augen ihn getroffen, wandte er plötzlich den Kopf. Er setzte die Sporen ein und war zur Generalität geflogen. Sie sah ihn im Gedränge nicht wieder. »Ist Ihnen unpäßlich, meine Gnädige?« fragte der Legationsrat, der, jetzt erst eingetreten, die Dame nach einem Stuhl führte. »Es wird bald vorübergehen.« »So ist es recht. Weinen Sie sich aus. Verhaltener Kummer ist für Seele und Leib gleich gefährlich.« Die Eitelbach hatte Zeit, sich auszuweinen; bis auf die Kinder, welche die Einladung an den Schokoladentisch nicht umsonst vernommen, war kein lebendes Auge im Zimmer. Alle auf das Schauspiel draußen gerichtet. Prinz Louis selbst ritt vorüber, der Jubel hatte seinen Gipfelpunkt erreicht und brach doch immer wieder von neuem aus. Tücher! Hüte! Mützen flogen. Es wollte nicht enden. »Der Krieg ist ja noch nicht erklärt«, flüsterte der Legationsrat; »die Garde bleibt jedenfalls noch in Berlin, wenn Ihr empfindsames Herz vielleicht für einen dieser tapfern Krieger Besorgnis hegt.« Die Baronin sprach es nur für sich: »Er sieht mich ja nicht an.« Sie bereute schon den Selbstverrat, als ihr Blick auf das verwunderte Gesicht des Legationsrates fiel. Er rückte einen Stuhl heran. »Teuerste Frau«, hub er nach einer Pause an, »erlauben Sie ein Wort des Vertrauens. Sie waren so gütig, mir jüngsthin Ihres zu schenken, und es ruht in dieser Brust wie in einem Grabe.« »Ja, Sie sind solide.« »Verrat in so zarten Angelegenheiten halte ich, wenigstens von der Lippe eines Mannes, für ein unverzeihliches Verbrechen.« »Sie wissen ja alles.« »Ich hielt es für längst vorüber; das Spiel des Windes auf einem Ährenfelde.« »Oh, es wird auch wohl so sein. Sie werden recht haben, ganz recht«, brach es aus der bewegten Brust. »Aber er verfolgte mich ja letzthin so auffällig.« »Besitzen Sie einen Brief von ihm? – sprach er Sie an?« »Nein – aber – es war ja ganz klar – die Fürstin Gargazin –« »Können Sie der auch ganz trauen?« – Der Legationsrat sah sich vorsichtig um. »Sie ist eine seelensgute Frau. Schon vor acht Tagen versicherte sie mich, ich möchte mich vorbereiten, er könne sich gar nicht mehr halten. Sie hat ihn neulich bei sich in ihr Kabinett zurückgedrückt, er wäre imstande gewesen, in ihrer Gegenwart mir zu Füßen zu stürzen.« Der Legationsrat sah ernst vor sich hin und schüttelte den Kopf: »Das glaube ich doch nicht –« »Als wir von der Waldow kamen, öffnete er mir den Wagenschlag. ›Ei, wie komm ich zu der Ehre?‹ sagte ich.« »Und er –« »Er hatte schon, ganz träumerisch, einen Fuß auf dem Tritt, als mein Mann dazukam und ihn einlud mitzufahren –« »Worüber er zur Besinnung kam, das ist freilich sehr begreiflich.« »Sahen Sie, wie er jetzt fortsah, als er mich erblickte?« »Da scheute wohl nur sein Pferd –« »Nein, es war eine innere Stimme –« Er faßte sanft ihre Hand: »Hören Sie auf diese inneren Stimmen, meine Freundin? – Ach, das ist ein gefährliches Lauschen. Wie oft hören wir die Wahrheit, wie oft täuschen wir uns!« »Sagen Sie, ich hätte mich getäuscht!« »Einem Kavalier muß der Ruf seiner Geliebten über alles gehen. Was der Rasende im verschloßnen Kabinett der Fürstin vielleicht gewagt hätte, wird er doch nicht vor tausend Augen sich unterstehen. Nein, da beruhigen Sie sich – und wenn er es getan, so hätte ich ein Wort mit ihm reden wollen. Wenn es weiter nichts ist – da, wie gesagt, sein Sie ganz ruhig.« »Was meinen Sie mit dem ›weiter nichts‹?« »Oh, grübeln Sie nicht nach. Eine Bitte! Tun Sie sich Gewalt an. Verbergen Sie diese Gefühle. Sie sind zu schön und rein, die Welt ist Ihrer nicht wert. Möglich, das gebe ich zu, möglich, daß auch er Ihrer nicht wert ist. Aber erscheinen Sie dafür desto größer, und wenn er treu ist, bewahren Sie ihm das Vertrauen, ist er es nicht, sich die Größe, über Ihren Schmerz erhaben zu sein. Meine Freundin«, sagte er aufstehend und drückte ihre Hand an seine Brust, »das Vergängliche gehört der Zeit, was aber in die Äonen hinausragt, das ist das heilige Bewußtsein einer schönen Seele. Sie werden mich verstehen.« Ganz verstand sie ihn nicht, aber es war gut, daß sie ihn nicht fragte, denn die Gesellschaft war wieder im Zimmer. Nur der Major schien am Eckfenster noch draußen: » Das Friedrichs Heer!« »Grade in diesen Regimentern ist nichts geändert«, sagte Fuchsius. »Jeder hat allerdings noch seine drei gepuderten Locken.« »Sie marschierten doch vortrefflich –« »Geknickte Glieder eines Riesenkörpers, die nicht mehr ineinanderklingen. Mein Freund, zuweilen will's doch auch mich beschleichen, als wäre es am gescheitesten, zur Friedenspartei überzugehen.« Der Legationsrat wurde mit Fragen, was er Neues bringe, überstürmt. »Duroc ist abgereist.« »Wirklich! Endlich!« rief es. »Mit einer Kriegserklärung?« »Man hat ihm nur zu verstehen gegeben, daß man unter den obwaltenden Umständen das Freundschaftsbündnis als gelöst vielleicht zu betrachten genötigt sein dürfte.« »Und hat Laforest Pässe erhalten?« »So unhöflich ist man nicht gewesen.« Die Fürstin lächelte: »Er denkt übermorgen eine Matinee zu geben.« »Dies unterbleibt doch vielleicht«, sagte Wandel, »wenn Erlaucht mir erlaubt, das Gerücht mitzuteilen, was ich von der Börse bringe. Seine Majestät Kaiser Alexander wird hier erwartet. Der österreichische Erzherzog Anton ist schon auf dem Wege nach Berlin.« Die Nachricht überraschte. Auch der Regierungsrat war frappiert: »Dieser Mensch weiß alles.« »Wenn wir nicht wollen«, sagte Eisenhauch, die Lippen zusammenbeißend, »so zwingen uns andre zum Ernst.« Man beobachtete die Fürstin, um auf ihrem Gesicht die Bestätigung zu lesen. Man konnte nichts lesen; sie war mit Adelheid beschäftigt, der sie heute ihre ganze Aufmerksamkeit zu widmen schien. »Herr von Wandel, Ihre Neuigkeiten sind noch nicht zu Ende?« Er war gefällig und gab eine Liste von Avancements und Verfügungen zum besten: »Auch hat Herr von Bovillard mit seinem Sohne sich ausgesöhnt. Er will ihn wieder für den Staatsdienst gewinnen. Einstweilen hat der junge Bovillard Kurierstiefel anziehen müssen. Er ist fortgeschickt.« »Da wird doch wenigstens ein Platz in den Gefängnissen frei«, sagte die Geheimrätin mit Bitterkeit, und ihr Blick fiel auf Adelheid. Ob zufällig, oder ob sie eine Veränderung auf ihrem Gesicht bemerkte? »Meine holde Adelheid erschrak«, sagte die Fürstin, »bei Ihrer Nachricht von der Ankunft unsres Kaisers, Herr von Wandel. Sie stellt sich unter einem Kaiser aller Reußen einen orientalischen Despoten vor, einen Großmogul, vor dem alles in Ehrfurcht auf den Boden stürzen muß. Ihr Lehrer wird ihr sagen, ein wie liebenswürdiger Kavalier Kaiser Alexander ist. Auch ein Welteroberer, aber – durch Huld und Güte gewinnt er die Herzen. – Doch mich dünkt, unser Neuigkeitsbote hat seinen Sack noch nicht ausgeschüttet. Was sagt die Falte auf Ihrer Stirn?« Der Legationsrat zuckte die Achseln: »Ich weiß nicht, ob ich die frohe Stimmung hier stören darf.« Eine Anforderung zum In-ihn-Dringen. »Die Österreicher sind total geschlagen. Der Kurier kam schon heut morgen an. Man hielt die Nachricht zurück, um den Jubel beim Durchmarsch der Truppen nicht zu dämpfen.« »Bei Günzburg brach er über die Donau, das war schon ehegestern bekannt«, sagte jemand. »Damit ist das Schicksal der Hauptmacht nicht entschieden.« »Ich bedaure, Ihnen sagen zu müssen, daß sie es ist. Bei Werdingen ward der Sukkurs aus Vorarlberg vernichtet, darauf Mack, gänzlich umzingelt, in Ulm eingeschlossen und nach den blutigsten Gefechten zur Kapitulation gezwungen. Sechzigtausend Mann fielen oder streckten die Gewehre, hundert Kanonen und ein unermeßliches Kriegsmaterial sind verloren. Es existiert keine österreichische Armee an der Donau mehr, denn auch das Korps, was der Erzherzog zurückführen wollte, ist unterwegs so gut wie aufgerieben.« Eine stumme Pause folgte. Die Janitscharenmusik eines neu vorüberziehenden Bataillons bildete dazu einen üblen Kontrast. »Adieu Deutschland!« seufzte Fuchsius. »Viktoria!« rief der Major. »Das geht ans Leder. Die Haut läßt man sich nicht ruhig abziehen.« Die Fürstin warf einen ihrer himmlischen Blicke an den Plafond: »So mußte es kommen, und es muß noch mehr kommen. Meine Herren, ich halte es für eine frohe Botschaft. Ja, der Mann ist groß; denn ein Größerer hat ihn gewürdigt, seine Geißel zu sein. Es soll noch mehr Blut fließen, um die Welt zu reinigen, und wir haben kein Maß für die Ströme, die da rauschen werden über die Länder.« »Ach du mein Gott, das ist ja schrecklich!« rief die Kriegsrätin erblassend. Adelheid war zugesprungen und umfaßte die Mutter, die auf einen Stuhl gesunken war. »Warum schrecklich«, sagte die Fürstin mit Holdseligkeit, »wenn es sein Wille ist! Er, der die Haare auf unserem Kopfe gezählt hat, weiß auch, wen er opfern, wen er retten will. Und über seinen Erwählten schweben seine Engel. Einen weißen leuchtenden Fittich seh ich gebreitet über dieses Kindes Haupt!« sprach sie und legte wie segnend ihren Arm auf Adelheids Locken. Die von solcher Huld gerührte Kriegsrätin wollte aufstehen. Die Fürstin drückte sie sanft zurück: »Glückliche Mutter, auf deren Kindes Stirn die Worte des Dichters stehen: Und was kein Verstand der Verständigen sieht, Das übet in Einfalt ein kindlich Gemüt! Die Königin hat sich neulich sehr angelegentlich nach Ihrer Tochter erkundigt. Sie wünscht sie einmal zu sehen«, flüsterte die Fürstin im Fortgehen mit holdseliger Herablassung zur Mutter. Sie glaubte in die Erde versinken zu müssen. Die Harmonie der Gesellschaft, wenn man die Stille so nennen kann, die vom Eindruck der Nachricht hier noch herrschte, ward durch häßliche Kinderstimmen in der Nebenstube unterbrochen, und als Charlotte plötzlich in ein heulendes Geschrei ausbrach, stürzte die Gesellschaft dahin. Der Rat und der Major, die nicht für Familienangelegenheiten gestimmt waren, ergriffen die Gelegenheit, sich zu entfernen. Auf der Treppe sagte Fuchsius: »Der Frömmigkeit der Gargazin wäre es genehm, wenn ganz Deutschland in Brand und Flammen aufginge.« »Damit Rußland es erlösen kann!« setzte der Major hinzu. »Es fragt sich da eben nur, wo die Scylla und wo die Charybdis ist.« Auch die Fürstin Gargazin mußte heut nicht für Familienszenen gestimmt sein. »Was war denn das mit dem Rittmeister? Springt er ab?« sagte sie zum Legationsrat, der ihr im Vorzimmer den Kaschmirshawl umreichte. »Wir haben Konterorder, Erlaucht. Weil er zu hastig war, hat man ihm eine spanische Fliege appliziert.« »Ihre Burleske fängt an, mich zu langweilen.« »Die schöne Frau verarbeitet sich desto mehr in Liebesweh. Wir überlassen sie ganz Euer Erlaucht.« »Das für mich, was aber haben Sie?« »Leibeigene beherrschen, ihr Schicksal machen, kneten, wie der Bildhauer den Ton, halte ich für ein Vergnügen.« »Das sind andre Geschöpfe.« »Um so größer, Gnädigste, auch über solche als Puppen zu schalten, die sich mit Schiller für frei halten, und wären sie in Ketten geboren, oder mit Herrn Fichte ihr göttliches Ich adorieren. Ich kenne keine angenehmere Unterhaltung, und harmlos, und welche Vorbereitung, Erlaucht, für das unstreitig Größere, auch diese Geschöpfe zu bekehren!« Zweites Kapitel. Das Intermezzo . Das Familienereignis, welches den Aufstand verursacht, war auch für die näher Angehörigen kein eben interessantes. Die Lupinusschen Kinder, bei der Aufmerksamkeit, welche Prinz Louis und die Reiter verursachten, sich selbst überlassen, waren über die Reste des Schokoladentisches hergefallen. Knabe und Mädchen hatten um die Wette »gestopft«, um die Zeit zu nutzen, wo man sie nicht beobachtete, und Fritz es angemessen gefunden, auf die Schokolade und das viele Zuckergebäck einige Gläser süßen Weines zu gießen. Mit der Schilderung der Wirkungen, die sich hier zeigten, verschonen wir unsere Leser. Charlottens Aufschrei galt dem traurigen Anblick, den Malwine verursachte, die leichenblaß mit blauen Lippen, gläsernen Augen und krampfhaften Bewegungen auf dem Stuhle lag. Fritz saß, als die andern eintraten, noch wie ein Kobold auf dem Tisch und machte den Versuch, mit grinsendem Gesichte aus der Flasche, die er in der einen Hand hielt, das Glas in der andern zu füllen, was ihm aber nicht gelingen wollte. Der süße Wein floß vom Tisch auf die Dielen. Was noch drauf erfolgte, überlassen wir der Phantasie des Lesers; aber der Knabe schlug, als er schon kopfüber vom Tisch gefallen war, noch mit der Flasche, die er krampfhaft in der Hand hielt, um sich. Zwar verwundete er keinen der andern, die herbeigesprungen waren, aber, indem die Flasche in Scherben zerschlug, sich selbst an den Schläfen. Charlotte schrie wie besessen: »Sie stirbt!« Den Kindern sei's angetan! andere: »Ein Doktor! Schnell einen Doktor!« Nur die Geheimrätin hatte ihre Besinnung behalten: »Was wird es sein! Die Kinder haben sich den Magen überladen. Irgendein Hausmittel, Legationsrat.« Wandel zuckte die Achseln, nachdem er dem Mädchen an Puls und Schläfe gefaßt: »Das wag ich doch nicht.« »Sie verschreiben doch andern Medikamente.« »Nur dem, der mir Vertrauen schenken will. Der Vater der Kleinen ist nicht hier. Ihr Zustand scheint aber so bedenklich, daß ich rate, ihn auf der Stelle rufen zu lassen –« Die Geheimrätin sah ihn zweifelhaft an. »Es ist mein Ernst«, setzte Wandel hinzu. »Bei dem Mädchen kann ein rascher Aderlaß nötig werden. Der Zustand des Knaben scheint, da die Natur sich selbst half, nicht gefährlich, seine Wunde muß indes ein Chirurg untersuchen. Mit Blut befaß ich mich nicht.« Die kurze Zwischenzeit, wo Walter und Adelheid zugleich hinausgestürzt waren, um nach einem Arzt zu schicken, und die noch Anwesenden Miene machten, sich zu entfernen, füllte Charlotte mit ihren Lamentationen, bis die Geheimrätin, welche Wandels Abweisung etwas pikiert zu haben schien, ihr ins Wort fiel: sie meinte, hier sei doch nichts zu beklagen als ein Ungeschick, ein trauriger Zufall oder die vernachlässigte Erziehung der Kinder. Das Glück wollte, daß ein Regimentsarzt schon vor dem Hause angetroffen ward und auch der Vater der Kinder vom abgeschickten Boten bereits auf dem Herwege gefunden und benachrichtigt war. Der Chirurg erklärte allerdings beider Zustand für gefährlicher, als die Geheimrätin gedacht; Malwine, deren Natur sich nicht selbst geholfen, bedürfe eines Blutlasses; aber er mußte die herangeholte Lanzette noch sinken lassen, weil die Wunde an der Schläfe des Knaben so nahe an eine Arterie streifte, daß, wenn er nicht rasch hier mit einem Verbande zu Hilfe komme, eine Verblutung zu besorgen stand. Wir wissen wirklich nicht, ob es, nachdem dieser Verband erfolgt, noch nötig ward, auch das Blut des kleinen Mädchens zu fordern, denn die Kinder wurden in eine Nebenstube geschafft, und der Legationsrat, der hilfreiche Hand dabei geleistet, erklärte, als er zurückkam, er hoffe, daß andre Mittel ausreichen würden. Aber um die Peinlichkeit der Situation für die noch Gebliebnen zu vermehren, erhob sich in der Nebenstube ein neuer Wortwechsel, von dessen Heftigkeit man überzeugt sein wird, wenn wir sagen, daß Charlotte die Angeklagte war, der Geheimrat der Kläger, und die Geheimrätin, die angerufene Richterin, sich der Angeklagten nicht anzunehmen schien. Charlotte war ihr eigner Advokat, und der Geheimrat von der Vogtei konnte, wie wir wissen, wenn die Gelegenheit es mit sich brachte, auch außer sich geraten. Er folgte der entgegengesetzten Maxime seines Bruders; er hielt Emotionen nicht für das Gift, sondern für eines der Präservativmittel des Lebens. Seine Freunde meinten, er alteriere sich am liebsten vor dem Mittagstisch, weit dies dem Organismus des Magens zuträglich sei; jedoch immer nur mit Maß. Doch als er jetzt aus dem Krankenzimmer herausstürzte und Charlotte hinter ihm, schien er eher der Verfolgte. Sie wenigstens schrie in die Versammlung hinein, ohne im geringsten von den respektablen Personen Notiz zu nehmen: »Meine Cousine, die Frau Hoflackier, hat mir wohl gesagt: ›Warum gibst du dich noch mit ihnen ab, warum opferst du dich Ihnen! Du kennst sie ja, und Undank ist der Welt Lohn.‹ Ja, ich kenne sie, und Undank bleibt der Welt Lohn!« »Charlotte«, rief das blasse Gesicht der Geheimrätin, die an der Schwelle stehenblieb. »Bedenke Sie, wo Sie ist.« »Ja, Frau Geheimrätin, das bedenke ich auch, und Sie sind eine nobelgesinnte Dame, und wer Domestiken behandelt, wie er es selbst verdient, der ist rechtschaffen vor Gott und vor den Menschen. Denn wir Domestiken sind auch Menschen vor Gott und unsrer Herrschaft, und ich brauchte es ja nicht zu sein, sagt mein Cousin, der Herr Hoflackier. Ja, wenn der nur hier wäre! Der würde ein Wort sprechen, aber ich bin eine vereinzelte, unglückliche, ledige Person. Und darum sind der Herr Geheimrat so unverschämt. Hab ich denn die Schokolade gesoffen?« »Charlotte!« wiederholte die Geheimrätin. Der Vogtei-Lupinus war auf dem Gipfelpunkt seines Zornes: »Sie soll mir nicht wieder vors Gesicht.« »Das will ich auch gar nicht. I, bilden Sie sich das nur nicht ein. Und wenn Sie's mir auch nicht sagten. Gott bewahre, daß ich noch einen Fuß in das Haus täte, wo man eine rechtschaffne Person so malträtiert. Meine Cousine, die Frau Hoflackier, hat auch gesagt, sie könnt's nicht begreifen, warum ich's so lange ausgehalten. Ja, was tut der Mensch nicht, wenn die Kinder uns ans Herz gewachsen sind. Und nun soll ich die Schuld sein! Oh du gerechte Güte! Hab ich die Schokolade invitiert? Hab ich die Brezeln gebacken? Wer weiß denn, was der Kuchenbäcker reingetan.« »Charlotte, ich bitte Sie, sei Sie stille«, sprach die Geheimrätin, die Hand am Herzen. »Sie weiß nicht, was Sie redet. Sie ließ die Kinder außer acht.« »Wird mir das auch angerechnet!« »Sie pflichtvergessenes« – schrie Lupinus – »derweil Sie am Fenster das Maul aufsperrte.« »Weil ich ein Gemüt habe, weil ich für meinen Gott und meinen König und unser herrliches Militär zum Fenster raussah, weil ich als eine gute Patriotin mein Herz ausschüttete! Nein, das geht mir doch über alles. Nu; kommen Sie mir wieder! Sag ich doch – nu Kinder hin, nu alles hin, nu adieu sag ich Ihnen. Sie sollen mich nicht wiedersehn, Herr Geheimrat, nu mag's gehn, wie es will, und wo ich hin will, das weiß ich. In Ihr Haus zurück? – I Gott bewahre! – Sie können meine Sachen rausschmeißen lassen, auf den Schinkenplatz. Was Sie wollen wie Sie wollen, immerzu! Oh, das geniert mich noch nicht soviel, wie Ihre ganze Wirtschaft nicht, mein Herr Geheimrat! Was ist für mich die Welt noch, wenn man so mit meinem Herzen umgeht! Aber nehmen Sie sich in acht. Mein Cousin, der Herr Hoflackier, weiß, was ich habe. Der zählt jedes Stück nach. – Vors Hallsche Tor will ich, aufs Grab der seligen Geheimrätin, da will ich sprechen, da will ich mich ausweinen, da will ich klagen, da will ich mir ein Leids antun – denn ich kann nicht leben ohne die Kinder!« Die Geheimrätin meinte, ihr Schwager solle seine Affekte moderieren. Er mußte es auch meinen; er hatte sich auf einen Stuhl gesetzt und trocknete den Schweiß von der Stirn. »Eine erschreckliche Person!« seufzte die Kriegsrätin. »Da ist man ja keinen Augenblick seines Lebens sicher! Und wenn sie sich nun wirklich ein Leids antut!« Andre waren minder gläubig. Ein Spötter äußerte, vor dem Halleschen Tor sei zwar der Kirchhof, aber auch die Reiter wären durch dies Tor marschiert. Wenigstens mußte Charlotte nicht augenblicklich ihren Entschluß auszuführen gesonnen sein, denn plötzlich trat sie zur Tür wieder herein. Noch rot vor Echauffement drängte sie durch die Anwesenden nach dem Fenster und riß das Tuch an sich, das die erschrockene Baronin mit ihrem Rücken zufällig festhielt: »Das ist mein Umschlagetuch!« So ging sie wieder zur Tür hinaus, unbekümmert um die Ansprache des Geheimrats, der sich wirklich moderiert haben mußte, denn beim Vorübergehn sagte er zu ihr: »Hat Sie sich noch nicht besonnen?« Sie mußte sich allerdings, wenn auch nicht darauf, doch auf etwas anderes besonnen haben, denn, die Tür noch in der Hand, fing sie heftig an zu schluchzen, ihr Perorieren war aber diesmal an die Wirtin gerichtet: »Und das muß ich Ihnen sagen, Frau Geheimrätin, und wenn Sie mich für eine schlechte Person halten. Die Kinder lassen Sie nicht zu ihm, nein, um Gottes willen, das tun Sie nicht. Bei ihm sind sie in Grund und Boden verloren, der Herr Geheimrat verstehen nichts von der Erziehung. Das Mädchen verdirbt und der Junge auch, sonst hätten sie auch nicht die Schokolade aufgetrunken, aber sie lernen's von ihrem Vater, Gott straf mich, der kann auch nichts stehenlassen, er muß in alles die Nase stecken und kosten. Und die selige Frau Geheimrätin werden vom Himmel runtersehn und's Ihnen lohnen. Und handeln Sie an diesen Kleinen, wie Sie – oh Gott! – oh Gott! – an meinem Cousin gehandelt haben.« Unter noch heftigerm Schluchzen flog die Tür hinter ihr zu. Daß die kranken Kinder einstweilen bei der Geheimrätin blieben, war eine Sache, die sich von selbst verstand, denn der Arzt hatte schon erklärt, sie dürften auf keinen Fall fortgeschafft werden. Warum aber der Geheimrat nach einer Weile aufsprang und den Hut ergriff, um der Köchin nachzueilen, blieb zweifelhafter. Er sagte, es geschehe, um nachzusehen, damit die desperate Person nicht sein Haus von oben zu unten kehre. Es gab indes in der Gesellschaft solche, die meinten, es wäre nur um sein Mittagessen. In seinem Affekt hatte er nicht bedacht, daß sein Schicksal noch in Charlottens Händen ruhte. Der Aufbruch war jetzt so allgemein als die Verstimmung. Walter empfing für seinen ehrerbietigen einen sehr kalten Gruß vom Kriegsrat Alltag; die Kriegsrätin mußte in einer eignen Laune sein, denn sie zupfte noch ihren Mann, warum er sich so lange aufhalte? Auch der Geheimrätin bewies sie lange nicht mehr die Ehrerbietung und gerührte Dankbarkeit, mit der sie sonst von dieser gütigen und unvergleichlichen Frau Abschied nahm. Kaum aber war sie die Treppe hinunter, als es die Brust nicht mehr hielt: »Mann, hast du gehört, Ihre Majestät die Königin hat sich nach unserer Adelheid erkundigt!« – Der Mann sagte: »Hm!« und meinte, man müsse auch nicht alles glauben, was vornehme Leute sagen. »Aber«, erwiderte sie, »eine Fürstin kann doch nicht lügen!« Und als er meinte, es könne wohl etwas daran sein, es werde aber nicht alles so sein, sprach sie: »Daß aber die Königin auch nur von unsrer Tochter weiß, daß sie überhaupt auf der Welt ist, das hattest du und ich uns doch nicht im Traume einfallen lassen!« Sie hatte immer geglaubt, die Könige wüßten von den einzelnen Menschen gar nichts, und die Individuen verschwömmen ihnen, wie man von einem hohen Berge eine Landschaft sieht. Walter und Adelheid nahmen im Vorzimmer Abschied. Es mußte auch hier etwas von Verstimmung sein. Sie meinte, er hätte sich doch überwinden können und zuvorkommender gegen ihre Eltern sein. Er sagte, es habe ihm etwas die Brust zugeschnürt. Sie entgegnete, auch auf ihrer Brust laste es wie ein Alp – »und ich überwinde es doch«, sagte sie und zwang ihr Gesicht zu einem heiter lächelnden Ausdruck. »Wenn ich dich erst aus diesem Hause fort wüßte«, sagte er nach einer Pause. »Wünsche es nicht«, entgegnete sie. – »Und wohin? So lieb ich meine Eltern habe, so fühle ich doch, dahin passe ich nicht mehr.« »Du verlangst nicht nach Glanz und Reichtum –« »Aber –« unterbrach sie ihn und schwieg plötzlich. »Daran bist du auch schuld; warum hast du aus mir eine andre gemacht, als ich war –« Er ging mit einem stumm wehmütigen Händedruck. An der Tür wandte er sich noch einmal um. Sie war ihm nachgeeilt und hielt den Kopf an seine Brust: »Gib den Mut nicht auf, Walter. Ich lerne mich täglich mehr überwinden, und es wird alles besser werden – für uns beide.« Am zärtlichsten hatte die Baronin Eitelbach von der Geheimrätin Abschied genommen. Sie war ihr unter Tränen um den Hals gefallen, und als die Lupinus nach der Ursach fragte, sagte die Baronin, sie wisse selbst nicht, warum sie eigentlich so gerührt sei, ob über das Unglück der armen Kinder oder das ihrer Freundin, der wieder so etwas begegnen müsse, oder die Unverschämtheit der Charlotte! oder über das Unglück, das überall in der Welt ist, und wer ein gutes Herz hätte, der täte am besten, wenn er es ganz versteckte. Darauf hatte die Lupinus mit einem schweren Seufzer geantwortet: »Daß auch eine so junge Frau schon solche Blicke in dieses Meer der Schmerzen und Täuschungen wirft, das Welt heißt.« Beim Hinausbegleiten hatte der Legationsrat die Hand der Baronin sanft ergriffen: »Meine Freundin, mir ist eingefallen, haben Sie sich auch nichts vorzuwerfen? Ich meine, keine Schuld, aber vielleicht doch irgendeinen geringschätzigen Blick, eine Bewegung – Sie wissen, Männer sind eitel und Verliebte leicht gereizt. – Sinnen Sie darüber nach!« hatte er teilnehmend hinzugesetzt, als sie ihn erschreckt anblickte, und klopfte sanft auf ihre Hand. Drittes Kapitel. Es war etwas nicht, wie es sein sollte . Die Geheimrätin ruhte in einem Fauteuil, als Wandel ins Zimmer zurückkehrte. Sie sah sehr abgespannt aus; über das blasse Gesicht flog aber doch eine nervöse Röte, und ihr dunkles Auge rollte seltsame Blicke umher. In dem weißen Kleide, das sich in weiten, weichen Falten um sie breitete, und der Haube von derselben Farbe hatte ihre Erscheinung etwas Geisterartiges. »Was war denn der Eitelbach?« fragte sie. »Verliebt.« »Possen! – Ich hörte davon. Spielen Sie mit?« »Man darf kein Spielverderber sein.« Sie zuckte verächtlich die Achseln, es konnte aber auch für einen innern Schauder gelten: »Wie steht es nun also? – Ach, mein Gott, es ist soviel, was mir durch den Kopf geht.« »Das Kapital, was Sie morgen ausgezahlt erhalten, würde ich meiner Freundin raten, bar in Händen zu behalten.« Die Geheimrätin sah ihn mit etwas mehr als Verwunderung an. Sie hatte von dieser Sache nie mit ihm gesprochen. Erst heute hatte sie das Notifikatorium erhalten, daß das Geld für sie fällig im Depositorium des Kammergerichts liege. »Beruhigen Sie sich, ich bin kein Geisterseher. Dies erfuhr ich auf ganz natürlichem Wege, als ich heut früh auf der Registratur des Pupillenkollegiums einige Akten durchsah. Nicht aber die Ihrigen«, setzte er rasch hinzu. »Hinter meinem Rücken sprach der Dezernent mit dem Registrator von den fünftausend Talern. Auf dem Herwege wollte ich mich auf der Börse erkundigen, in welchen Papieren Sie das Geld in dieser Woche am besten anlegen könnten, als ich die beunruhigende Nachricht erhielt. Hätte ich nicht Gesellschaft gefunden, wäre es natürlich das erste gewesen, was ich Ihnen mitteilte.« »So wäre es auch wohl am besten, wenn ich jetzt meine Pfandbriefe verkaufte?« Er schien sich zu besinnen: »Nein. Sie sind schon auf die Nachricht im Kurs gesunken.« »Aber sie können noch mehr fallen.« »Möglich; sie werden aber auch wieder steigen.« »Wenn Krieg kommt!« »Wer sagt das?« »Sie – alle Welt! – Die Augen sagen es.« »Ich bin überzeugt, daß es nur eine Demonstration ist. Die bewaffnete Neutralität ist zur Beschwichtigung der aufgeregten Stimmung. Man muß der Kriegspartei ein Spielzeug hinwerfen. – Schaudern Sie nicht; es ist die höchste Weisheit der Staatskunst, wenn die Gemüter in Wallung sind, immer das richtige Spielzeug bei der Hand zu haben. Wenn die Leidenschaften, Stimmungen, Phantasien die Zügel zerreißen, wenn die Völker durch keine Gaukelei mehr zu beschwichtigen sind, ach, meine Freundin, wehe uns allen dann!« »Es gibt doch höhere Ideen auch in der Staatsweisheit.« »Solange wir Menschen bleiben, bleiben es Phantasien.« »Friedrich –« »Fand ein Volk, das mit den plumpsten Erfindungen zu fesseln war. Erinnern Sie sich des Schloßenregens, als er die Gärten in Potsdam verwüsten ließ! Nämlich in den Zeitungen, welche die Nachricht nicht widerrufen durften. Das Volk glaubte es; er kannte sein Volk. Wenn er es nachher klüger erzog, so mag er sich im Elysium mit seinen Nachkommen deshalb abfinden. Die Komödien und Spielzeuge werden allerdings jetzt kostbarer, die Völker müssen sie teuer bezahlen, aber einige Phrasen von Tugend und Patriotismus darum, und das gute Volk vergißt und vergibt alles – heut wie vordem.« »Ich bin eine schwache Frau, ich mag nichts davon verstehen, aber, mein Gott, das einfachste Gefühl, die Vernunft selbst –« »Sie rufen Mächte an, die dort nicht mitsprechen«, lächelte der Legationsrat. »Sie könnten auch sagen, Österreich ist wohl geschlagen, aber noch nicht vernichtet, die unermeßlichen Kolonnen, die Rußland aus seinen Steppen wälzt, haben sich noch nicht einmal auf dem Felde gezeigt, sagen, daß Preußen den Tiger schon gereizt hat, indem es seine Krallen ihm zeigte, daß es nun an ihm wäre, über Hals und Kopf zu eilen, sich auf ihn zu stürzen, während er selbst blutend mit seiner Beute noch am Boden ringt. Das ist aber alles schon gesagt. Es hört's nur keiner, der es hören sollte.« »Aber Sie kalkulieren selbst mit Vernunftschlüssen; die Leidenschaften, ein Impuls, der Zufall könnte Ihre Rechnung plötzlich zuschanden machen.« »Die Koterie tritt nicht schroff genug dem stürmischen Willen entgegen, sie gibt klug nach. Das bürgt mir dafür, daß die Saiten nicht springen werden. Und was helfen alle Funken, wenn sie auf eine Masse fallen, die keinen Zündstoff in sich hat. Man wird die Sache hinziehen, vor dem Publikum rüsten, die Kriegshelden fluchen und schwören lassen, heimlich aber verhandeln, lavieren, proponieren, unmögliche und mögliche Friedensvorschläge machen –« »Bis!« »Ja – bis es sich entschieden hat. In Mähren muß es sich entscheiden; dann –« »Nun und dann?« »Nie zu weit hinausdenken!« »Sie hätten neulich die Radziwill hören sollen.« »Zu Palastverschwörungen ist bei uns kein Terrain.« »Und was sagen Sie zu Alexanders Herkommen?« »Der letzte Verzweiflungsschrei der Kriegspartei. Es wird viele erhebende, rührende Auftritte geben. Aber läßt sich eine scheue Natur ändern? Die Koterie wird für einen Panzer sorgen von Gummielastikum, damit die Tränen, oder für einen von Asbest, damit die Funken abgleiten. Der Eindruck wird stark sein, aber vorübergehen. Und reist Alexander fort, vor einem Entschluß – nein, vor einer Tat, so werden unsre Freunde dafür sorgen, daß alles wieder aplaniert wird.« »Alles!« sagte die Lupinus mit einem stechenden Blick, der im Zimmer umherirrte. »Mir sind diese Menschen zuwider, die ihre ganze Kraft nur darauf vergeuden, damit es nicht anders wird, als es ist.« » Wir sollten sie loben. Träge Wellen sind oft das beste Fahrwasser.« »Was müssen wir tun?« »Nicht die Pfandbriefe verkaufen, bares Geld für den Notfall im Sekretär und in den Kriegsenthusiasmus einstimmen.« Sie war aufgestanden und hatte mit einem nervösen Aufgähnen den Stuhl fortgesetzt: »Warum müssen wir das! Warum können wir nicht auch darin frei sein! Warum dürfen wir nicht die Mode beherrschen? Wir verachten sie doch.« »Weil es uns nichts einbrächte als einen Heiligenschein, den unglücklicherweise wir selbst nur sehen. Weil es die Menschen von uns entfernt und wir sie brauchen – als Instrumente. Darum spielen wir mit ihrer Torheit.« »Oder sie mit unsrer.« »Man muß sich das Spiel nur nicht zu ernst denken.« »Diesmal dünkte ich ihnen gut genug, ihr Operngucker zu sein«, sprach sie mit Bitterkeit. »Welche brillante Gesellschaft, bloß zu Schokolade und Zuckergebäck! Wenn noch mehr Regimenter vorübermarschieren, kommt mein Haus wohl wieder in die Mode. Selbst die Gargazin hatte die Gnade, aus meinem Fenster die Truppen zu sehen.« »Die Kinder werden Sie auch recht genieren?« »Warum? Unsre Wohnung ist groß.« »Ich besorge nur, daß Ihr Schwager, wenn die Charlotte von ihm zieht, sich nicht beeilen wird, sie Ihnen wieder abzunehmen.« »So bleiben sie. Ich liebe Kinder – sie bringen Frische ins Haus.« Er sah sie zweifelhaft an: »Ich besorge nur, daß dies wieder zu Mißdeutungen Anlaß gibt. Seit man zu wissen glaubt, daß Sie Mamsell Alltag nicht eigentlich als Ihre Tochter betrachten –« »Als meine Erbin wollten Sie sagen.« »Ich meine nur, daß man auf den Gedanken kommen könnte, Sie wollten die Kinder Ihres Schwagers adoptieren.« »Wer sagt, daß er ein falscher ist! Die Leute wissen es nicht, Sie wissen es nicht, und ich weiß es auch noch nicht. Ich weiß nur, daß Mamsell Adelheid nicht meine Erbin wird.« »Die Alltag scheint Ihre Liebe ganz verscherzt zu haben.« »Soll ich mein Haus zu etwas Ähnlichem hergeben wie das, aus welchem ich sie hernahm!« Wandel warf einen forschenden Blick: »Sie approbieren nicht die Inklination mit dem Herrn van Asten?« »Ich! Was geht es mich an! Meinethalben könnte sie sich hängen an wen sie will, das larmoyante Wesen kann ich nur nicht ausstehen. Aus kleinen Verhältnissen – nein, aus einer solchen Katastrophe, die doch die Seele eines jungen Mädchens erschüttern muß, trat sie in mein Haus. Was hatte ich gehofft, daß sich aus ihr entwickeln würde, bei ihren Gaben, ihrem Mute, ihrer lebhaften Phantasie. Sie hätte die Königin der Stadt werden können.« Der Legationsrat zuckte die Achseln: »Sie meinen den Gedanken, den der Kammerherr einmal hinwarf.« »Aber ich würde doch Bedenken getragen haben. Die Gesinnungen der Eltern –« »Wären zu überwinden gewesen. Loyale Leute, in unerschütterlicher Devotion gegen das ganze königliche Haus! – Nur daß die Rolle der Herzenskönigin eines apanagierten Prinzen niemals eine glänzende werden kann.« »Was kümmert mich der Prinz!« rief sie. »Sie selbst sollte sich ihr Los werfen. Wie es war, und wenn ein Fauxpas, eine rasende Leidenschaft, eine Entführung – ja, wenn der junge tolle Mensch, der Bovillard, sie gewaltsam geraubt hätte, es wäre doch eine Abwechselung, es hätte zu sprechen gegeben – Sie lächeln, weil Sie die Affekte begraben haben, aber doch sage ich Ihnen, der Durst unsrer Seele nach dem, was uns über den Alltag erhebt, ist – das Bessere in uns.« Der Legationsrat mußte zerstreut sein, die Sache interessierte ihn nicht mehr. »Der alte van Asten rückt auch mit keinem Groschen raus, wenn sein Sohn Adelheid heiratet.« In dem Blick, den die Lupinus ihm zuwarf, hätte ein Psycholog eine verächtliche Beimischung lesen können. »Sie liebt ihn gar nicht.« »Sie sprechen in Rätseln.« »Sie erwähnten einmal einer chemischen Agenz, die allen Stoffen ihre natürlichen Säfte aussaugt, daß sie Farbe und Geschmack verlieren.« »Will der Pedant sie zu einer Gelehrten erziehen?« »Es ist übel, wenn der Lehrer eine zu gute Schülerin hat. Ich konnte nichts mehr wirken, wo ich von einem Vorgänger Geist und Gemüt schon ganz eingenommen fand. Mit ihrer lebhaften Auffassungsgabe betrachtet sie ihn als ihren Wohltäter, um nicht zu sagen, als ihren Schöpfer; sich wenigstens als seine Schöpfung. Es ist keine unedle Natur, meine ich«, fuhr die Lupinus nach einer Pause fort, »die den Drang in sich fühlt, sich selbst einem verehrten Mann zum Opfer zu bringen. Aber das Mädchen ist krank. Das ist die Krankheit der Resignation. Ja wir, in unseren Jahren – aber wenn junge Mädchen die Blüte ihrer Empfindung auf dem Altar der Pflicht – was lachen Sie so häßlich?« »Daß Sie ein armes junges Mädchen anklagen um die Krankheit, welche Theologen, Dichter, Philosophen um die Wette unserm Geschlecht einimpften! Um das Siechtum unsrer Staaten, unsrer Bildung, daß wir aus uns hinaus uns denken, schwärmen, spekulieren, statt zu rechnen. Dies Infusorium des Universums will mit dem bißchen Kraft, Talent, das die Natur in seine Wiege als Patengeschenk legte, den Sternenlauf regulieren, statt für sich selbst zu sorgen, da, wo sein höchstes Ziel nur sein kann, sich erträglich und behaglich über dem Strom zu erhalten, der es täglich zu verschlingen droht. Welcher Hochmut in dieser Tugend, eine Welt um sich beglücken zu wollen, um stolz dann sich selbst die Märtyrerkrone aufzudrücken!« »Das kann doch nicht ganz Ihre Ansicht sein?« »Erst sich selbst – Ich verstehe natürlich darunter, daß zwei, die sich verstehen, sich als eine Einheit betrachten. Wer sie errungen hat, die Höhe, die er erreichen kann, ja dann, meine Freundin, dann mag er ein Gott sein, der goldnen Regen um sich sprenkelt, der Trost der Unterdrückten, der Rächer der Gekränkten, dann mag er schwärmen, schwelgen –« Er bedeckte das Gesicht mit beiden Händen. »Oh, lassen Sie uns von meinen Plänen ein andermal reden. Heute könnten sich meine Phantasien verirren – Gott weiß in welche –, lassen Sie mich heute schweigen –« Er hatte ihre Hand ergriffen, eigentlich ihren Arm, und, den Blick gen Himmel, die Hand an seine Lippen gedrückt. – So starrte er eine Weile, die Augen aufwärts, in einem Zustande völliger Absorbierung. Er schien, als sie sanft den Arm zurückzog, sich nur mit Anstrengung wiederzufinden: »Also, was Sie sagten! – Sie liebt ihn nicht?« »Sie liebt einen andern.« »Tant mieux!« Die Geheimrätin sah ihn forschend an: »Auch wenn der andre ein guter Bekannter von Ihnen ist – sie liebt Bovillard, ohne es sich zu gestehen.« »In der Tat!« Der Legationsrat biß sich in die Lippe, aber lachte mit völliger Unbefangenheit auf. »Wir sind Gegner, nicht Rivalen.« »Sie retteten sie vor ihm und zum Dank –« »Würde sie mich an ihn verraten! Ist das etwas Besonderes! Zum Unglück für das arme Kind – oder zum Glück für Herrn van Asten ist aber Herr von Bovillard jetzt die Kreuz und Quer auf hundert Meilen geschickt. Ja, ich glaube, sie haben ihn so geschickt, daß sie wünschen, er möchte nie wiederkehren.« »Und ich habe die Bescherung im Hause!« »Arme Freundin!« »Eine Liebschaft ohne Aussicht und Ende. Verborgene Tränen und stille Seufzer. Er fragt: ›Warum hast du geweint‹, und sie sagt mit den seelenvollsten roten Augen: ›Oh, ich habe nicht geweint.‹ Er glaubt es oder glaubt es nicht. Händedrücken und Beteuerungen in klopstockischem Odenschwung. Bin ich dazu berufen? Habe ich sie dazu in meinem Hause? Ihre Eltern sind unzufrieden. Der alte van Asten möchte mich zur Kupplerin erklären! Der junge sieht mich fragend an, wenn sie Migräne hat, und Adelheid zittert, wenn ich ihn auffordere, länger zu bleiben, als sie wünscht, und gebe ich ihm ein Zeichen, daß er gehn soll, so ist sie wieder verstimmt. Sie denkt, er könnte denken, was er nicht denken soll. Und wenn der junge Bovillard wiederkäme! Möglich ja, wenn der Vater ihm verzeiht, daß er präsentabel würde, daß – daß er sich in diesem Hause zeigte. Kann ich ihn abweisen? – Welche Szenen, Verwickelungen! Wer hat mich dazu ausersehen, mein Gott, als ob ich nicht anderes zu denken und vor mir habe!« Die Geheimrätin hatte sich in einen Eifer geredet, der ihr wohltat, und dem Legationsrat tat er auch wohl. Mit andern Gedanken beschäftigt als diesem ihm ganz gleichgültigen Liebesverhältnis, hatte er ihnen nachhängen können, ohne sich beobachtet zu sehn. »Das haben Sie!« rief er. »Sie müssen gerettet werden.« »Nun, verloren, Herr von Wandel, geb ich mich noch nicht.« »Aber eine Frau, die der Wahrheit als Priesterin sich geweiht hat, darf nicht diese Unwahrheit um sich dulden. Das ist es, was ich nicht dulden darf Dieser Dunstkreis muß verschwinden. – Zurückschicken ins elterliche Haus wollen Sie sie nicht?« »Es würde mir jetzt übel ausgelegt werden.« »Sie haben recht. Es gäbe zuviel Gerede; sie ist einmal die Modepuppe. Ja, wenn man sie entführte! Sie selbst deuteten vorhin darauf.« »Adelheid läßt sich nicht entführen.« »Und eine Mariage –« »Sie scheinen wieder zerstreut.« »In der Tat, ich bin es. Verzeihung! Nein, fort muß sie jedenfalls, Ihrer Ruhe wegen. Bedenken Sie, daß Sie jetzt auch die Kinder im Haus haben. Also sorgen Sie dafür, auf eine oder die andere Weise. Finden wird sie sich.« »Apropos!« rief er, von der Tür zurückkehrend. »Etwas noch. Sie müssen die Mode mitmachen. Hüllen Sie sich in Patriotismus, von so tiefer Farbe, als Sie können. Immer exaltiert. Beim allgemeinen Fanatismus merkt man nicht das Zuviel. Franzosenhaß, Durst nach Blut und Rache auf den Lippen. Man kann nicht zu stark auftragen, denn man weiß nicht, wie bald man überboten wird. Und wer nicht vorausschwimmt, ist bald zurückgedrängt und ans Ufer geworfen.« War schon vorhin ihre Erscheinung geisterhaft, was mehr jetzt, als sie allein in der Mitte des Zimmers stand, das Ohr etwas geneigt nach der Tür. Sie horchte – sollte er nicht wiederkehren? – Nein keine Tritte mehr auf der Treppe, es hallte vom Flur – die schwere Haustür öffnete sich. Ein Schlag dann, der sie durchschütterte. Aber sie blieb stehen, die Finger etwas krampfhaft zusammenziehend. – Warum blieb sie stehen? – Unter den halb niedergeschlagenen Wimpern schielten ihre Augen umher. Warum schlug sie die Augen nicht auf, die sonst so durchdringend scharf in der Seele des anderen zu lesen schienen? – Fürchtete sie sich vor der Leere im Zimmer? Es war noch heller Tag. Es war etwas nicht, wie es sein sollte. Sie hatte eine andre Sprache, andre Mitteilungen erwartet. – Glatt wie ein Aal! – Aber vielleicht trug sie selbst die Schuld! Was hatte sie sich ihrer Bitterkeit überlassen? Was interessierten ihn Adelheids Liebesverhältnisse! – Darum war er zerstreut, brach plötzlich ab, in Sinnen versunken! – Sie atmete auf; ihre Wange rötete sich etwas. – Aber – es war doch etwas nicht, wie es sein sollte. – Warum sprach der große, herrliche, seltene Mann nur in Rätseln, warum auch gegen sie die Hieroglyphensprache? – Hätte sie ihn falsch verstanden? Er, vor dessen Augen die Hüllen der Menschen, der Dinge, in Kristall sich verwandelten, und er schaute bis in die Keime der Taten und Gedanken, hatte er auch in ihr Inneres einen Blick geworfen und – In dem Augenblick knarrte die Tür, der neue Bediente, Christian, trat etwas ungeschickt herein, indem er, um die Türe zu schließen, den Rücken zeigte. Der Rücken zeigte nur die alte Livree seines Vorgängers. Die Lupinus stieß einen Schrei aus, sie fuhr zusammen, wankte; vielleicht wäre sie gefallen, wenn ihr Arm nicht die Lehne eines Stuhls erfaßt hätte. – »Johann! – ungeschickter Mensch – wie kann Er mich erschrecken!« »Aber gnädige Frau, ich komme ja nur, wie Sie befohlen –« »Er soll nicht hinterrücks hereinschleichen, Christian. Meine Nerven vertragen es nicht.« »Aber die Kinder, gnädige Frau, das Mädchen besonders, sie ächzen und piechen – ich glaube immer, denen hat's einer angetan.« »Lügner! – Unverschämter Verleumder!« – Mit einem zornfunkelnden Blick schoß sie an ihm vorüber nach der Kinderstube. Der Bediente sah ihr kopfschüttelnd nach und reckte sich dann in der Livree, die nicht ganz zu seinem breiten Rücken paßte. Eine Naht riß: »Ich glaube, in dem Hause paßt mir's so wenig als in dem Rocke. Solche Bälger zu bedienen und eine solche Frau! Ich weiß zwar nicht eigentlich, was Nerven sind, aber ich glaube, meine Nerven vertragen es auch nicht.« Als nach einer Viertelstunde die Geheimrätin zurückkehrte, lagerten seltsame Stimmungen auf ihrem Gesichte. Der Anblick der Kinder war gewiß ein widerwärtiger gewesen, der Schauder sprach sie deutlich aus, aber darüber war ein andrer Ausdruck, wie ein Mondenstrahl, der durch zerrissen Gewölk über eine offene Gruft streift. Es fröstelte sie, sie machte eine Anstrengung, als wollte sie auf die Knie fallen; aber – vielleicht versagten ihr die Knie den Dienst, sie hob die Arme und rieb die Hände, als wollte sie sie zum Gebet falten. Auch das mußte sich an etwas stoßen. Sie ließ die Arme sinken und fiel selbst aufs Sofa. Hier, den Kopf im Arm, flüsterte sie: »Es sind abscheuliche Kinder; aber ich will mich zwingen, sie zu lieben – ich will sie pflegen, wie – wie – ich will's an ihnen gutmachen.« Viertes Kapitel. Bei Josty . Beim Schweizer Kuchenbäcker Josty unter der Stechbahn traten mehrere Offiziere in Galauniform ein. Heller als das Gold und Silber ihrer Achselbänder und Schärpen leuchtete die Freude auf ihren Gesichtern. Zum Teil schien diese selbe Empfindung auch auf denen der Gäste aus dem Zivil zu strahlen. Es war ein großer Fest- und Feiertag in Berlin. Die Gruppen von Neugierigen wollten den Schloßplatz und den Lustgarten noch nicht verlassen, obgleich in diesem Augenblick nichts mehr zu sehen war als die Truppen, welche in ununterbrochenen Zügen durch die Königsstraße und über die Lange Brücke in die Friedrichsstadt zurückmarschierten. Aus den geöffneten Fenstern schallte ihnen noch manches Hallo! und Vivat! und Hurra! Und manche geschmückte Dame wehte mit dem Taschentuch. Auch trugen der Große Kurfürst und seine Sklaven Girlanden und Kränze von den Blumen, die der späte Herbst in den Gärten darbot. Aber das Schauspiel war ein anderes als neulich das der durchmarschierenden Truppen. Diese waren nicht mit Staub bedeckt, an ihren Gamaschen klebte nicht der Kot der Landstraße; sie funkelten im glänzendsten Paradeanzug, und nur der Puder ihrer wohlfrisierten Haarlocken stäubte auf das dunkle Blau ihrer Monturen; sie rückten auch nicht ins Feld, sondern kehrten von einer Paradeaufstellung zurück. Es waren die auserlesenen Regimenter Möllendorf, Knebel, Rheinbaben, die Grenadiere Prinz August von Preußen und die Gendarmen und Garde du Corps, die vom Schloß bis ans Tor eine große Chaine gebildet, um den einziehenden Kaiser Alexander zu empfangen. Wie viele Jahre waren es her, daß ein Selbstherrscher aller Reußen in die Tore Berlins eingezogen! Wer ihn gesehen, den jugendlich strahlenden, humansten Fürsten, dessen Blick Güte und Wohlwollen lächelte, der die Majestät vergessen ließ in der Liebenswürdigkeit, glaubte etwas gesehn zu haben, was er sein Leben durch nicht vergessen dürfe. Wie mehr als gnädig hatte er gegrüßt, mit welcher Huld die Anreden empfangen. Wie viele Frauen schworen, wenigstens bei sich, daß das Auge des Unwiderstehlichen auf ihnen gehaftet. Aber er war nicht zu Tanz und süßem Liebesspiel gekommen. Der Ernst der Gegenwart dämpfte wieder die aufsteigende Lust; in die Jubelstimmen hatten sich andre Laute gemischt, kühne Rufe, die der unbewachten Brust entschlüpften, auch Tränen; die funkelnden Degenspitzen schienen vielen schon angerötet. So ernst wehmütig war der Empfang gewesen im großen Portal des Schlosses. Hier hatten König und Königin, von ihrem Palais herübergekommen, den Gast bewillkommnet. Es war eine feierliche Szene, als die beiden jungen Monarchen sich umarmten, als der Zar die Hand der huldvollsten Königin an die Lippen drückte; ein Moment, von dem Europas Schicksal abhing! Und in wie lautloser Teilnahme hatte die Menge dem Familienstück zugesehen, das zum großen Trauerspiel für Hunderttausende, für Millionen werden durfte, mit welcher bangen Spannung gewartet, was drinnen vorgehe, als die höchsten Herrschaften in die Appartements getreten waren. Und doch wußte man, daß es hier nicht geschehe. Sie nahmen nur Erfrischungen ein. Die Hofequipagen standen schon vor dem Portal, in denen die Wirte den hohen Gast nach Potsdam entführen wollten. Dort – wo Friedrich schläft – sollte gewürfelt werden über das Los der Zukunft. Die Hofequipagen rollten schon lange auf der gedielten Kunststraße hin, die für eines der wunderbaren Prachtwerke der Königsstadt galt, als die Offiziere in den Konditorladen traten. So prächtig ihre Galauniform, so bescheiden sah damals der Laden aus. Nichts von Gold und Mahagoni, nichts von Säulen und funkelndem Kristall. Auch glänzte das wenige Tageslicht, das durch die Kolonnaden der Stechbahn ins Zimmer fiel, nicht wider von zahllosen Riesenbogen ausgespannter Zeitungen. Zeitungen waren freilich auch hier schon, zwei oder drei vielleicht, bescheidene Blättchen auf grauem Löschpapier, die wöchentlich zwei- oder dreimal alle Neuigkeiten der Welt wiedererzählten, was in der Türkei geschah und am Rheine, und von Berlin brachten sie vornan lange Listen aller angekommenen Fremden, mit ihren Titeln und den Wirtshäusern, darin sie wohnten. Dann alle Ernennungen zu Hof- und Staatsdiensten, zuweilen auch eine Mitteilung, daß ein hoher Herr bei Hofe empfangen und zur Tafel gezogen worden. Und hinterher Theaterrezensionen, Scharaden, Fabeln, Anzeigen von Auktionen, Verkäufen, Büchern, Wohnungen und sehr vielerlei. Aber bei besonderen Gelegenheiten stand auch vornan ein Gedicht, gereimt oder ungereimt, immer jedoch zum Lobe der höchsten Herrschaften. Denn jene Zeiten waren vorbei, wo man sich in den Zeitungen auch wohl einen Spaß erlaubte, wie der wunderliche Gelehrte Philipp Moritz und der erst in diesem Jahre 1805 verstorbene, noch wunderlichere Burmann, welcher die Leser mit Reimereien, so seltsam wie er selbst, beschenkte. So hatte er einst am 21. Dezember die »Vossische Zeitung« mit dem Vers angefangen: Gott Lob und Dank, Die Tage werden wieder lang. Nein, seit jenen Zeiten war ein feiner klassischer, französischer Geschmack in die Zeitungen gefahren, wie er ja auch in der Gesellschaft war. Der tölpelhafte deutsche Hanswurst war längst fortgeschickt, und man sprach nur das aus, was gegen nichts und niemand verstieß, auch auf die Gefahr hin, in dem Gesagten nichts zu sagen. Darum, doch auch aus andern Gründen, las man nie in den Berliner Zeitungen von dem etwas, was in Berlin geschah, es sei denn, daß eine hohe Obrigkeit es der Druckerei zugesandt, und auch über das Draußen enthielt man sich jeder eignen Meinung und druckte nur ab, was andere Zeitungen vorher gedruckt hatten. Heute aber war ein außerordentliches Ereignis auch in der genannten »Vossischen Zeitung«. Vornan stand ein langes Gedicht, dessen Anfang und Ende so lauteten. Jemand las es in der Konditorei laut vor, als die Offiziere eintraten, und alle, die es hörten, sahen sich verwundert an: »Nicht Salomon und Titus – wozu Namen Der Vorzeit! Sind wir Neueren so arm? – Nein, Alexander , Friedrich , Arm in Arm, Stehn da, ein Brüderpaar. Zu Preußens Adler kamen Die Adler Rußlands! Jubelnd sieht Berlin Sie über sich vereinten Fluges ziehn.     Sie stehen vor dir, Arm in Arm,     Oh glückliches Berlin! Sprich aus die schönen Namen!     Wer sind die Menschenfreunde? Sprich!     Wer? – Alexander, Friederich!« Daß das Gedicht ausgezeichnet schön sei, darüber war nur eine Stimme, aber einer der eingetretenen Offiziere begriff nicht, wie solch ein Blitzkerl von Zeitungsschreiber augenblicklich von den Evenements Witterung habe, daß er auf der Stelle imstande sei, sie drucken zu lassen, und gar in Versen! »Und«, sagte ein anderer, »daß man's dreimal in der Woche erfährt, was vorher passiert ist! Erst muß es doch geschrieben werden, was schon eine verfluchte Arbeit ist, und dann gedruckt und verkauft.« – »s ist auch 'ne schwarze Kunst«, lachte ein anderer. Herr Josty, mit der Flasche Curaçao in der Hand, flüsterte den Herren zu: »Und was werden Sie erst sagen, wenn wir alle Tage ein Blatt bekommen, was uns jeden Tag von den Kriegsevenements avertiert. Sehn Sie mal gefälligst in der Ecke hinterm Ofen den Herrn im grünen Rock und Nankinghosen, das ist Herr Professor Lange. Der gibt ein solches Blatt heraus, es soll ›Telegraph‹ heißen. Morgen schon kommt die erste Nummer. Die Leute werden sich den Kopf überschlagen.« – Die Offiziere vigilierten den »verfluchten Kerl«, der mit dem Bleistift Notizen machte, und stritten, ob seine Ohren oder seine Nase spitzer wären. Auch der Herr Kriegsrat Alltag hatte diesen Tag nicht alltäglich begangen. Auch er hatte in der Konditorei des Herrn Josty eine Tasse Schokolade genippt, was zu jener Zeit, als wir ihn kennenlernten, ein außerordentliches Evenement gewesen wäre. Aber schien er doch selbst ein anderer geworden. Der gestickte blaue Rock war zwar schon etwas über die Mode hinaus, jedoch vom feinsten Tuch, das sauberste weiße Halstuch war über das Jabot geknüpft, und seine Brüsseler Manschetten spielten um die knappen Ärmel. Frisch gepudert war das Haar, und der Zopf mit neuem, glänzenden Seidenband umwickelt. Die goldene Uhrkette hing um einen Fingerbreit länger auf die schwarztaffetnen Beinkleider, und die gestreiften Seidenstrümpfe mit den silbernen Schnallenschuhen deuteten unverkennbar auf ein nicht alltägliches Evenement. Und das war es, wo der Herr Minister ihn gewürdigt, ihn aufzufordern, sich im Schloß zu gestellen, er wolle schon für einen Platz sorgen, daß er die Majestäten recht von nahe sähe. Hatte er ihn nicht selbst dort an die Treppe gestellt, wo die hohen Herrschaften vorbei mußten? Wenn er sich nicht ans Geländer zurückgedrückt, soweit es möglich, hätte ihn da nicht das seidene Kleid Ihro Majestät der Königin fast berührt? Durch eine glückliche Schwenkung der Schleppe hatte der Page es noch vor dieser Berührung bewahrt. Der Kriegsrat war errötet vor Schreck. – Welcher neue Schreck aber! – Kaiser Alexander, der die Königin am Arm führte, war auf dem Podest einige Stufen über ihm stehengeblieben, damit die hohe Frau Atem schöpfe. Seine Majestät, der hinter ihnen ging, war natürlich auch stehengeblieben, und auf derselben Stufe, auf der die Füße des Kriegsrats standen. Zwar war die Stufe breit, aber es war dasselbe Brett, und der Kriegsrat fühlte unter seinen Füßen die Bewegung, welche der Fuß Seiner Majestät verursachte. – Und es war noch nicht alles. – Exzellenz, der Minister, sein Gönner, flüsterte dem Könige einige Worte zu, und – er traute seinen Ohren nicht, aber es war so – er hörte seinen Namen. Der König hatte sich drauf umgesehen, hatte ihn angesehen und die Worte gesprochen: »Treuer Diener seines Herrn. Freue mich.« – Er hatte es gesprochen, wirklich und wahrhaftig, und es war noch nicht alles. – Als die hohen Herrschaften auf dem Podest sich in Bewegung setzen wollten, war der König bei ihnen und sagte der Königin etwas ins Ohr, und die Königin wandte auch ihr Gesicht zum Kriegsrat nieder, und er hörte die Worte: »Ah c'est lui!« – War das neue Täuschung, oder war es auch Wahrheit, sie hatte ihm von oben freundlich zugenickt. Wie der Kriegsrat nachher von der Treppe heruntergekommen, wie auf den freien Platz, das wußte er selbst nicht. Er las nie ein Märchen, weil er überhaupt nicht las, aber aus seiner Jugend, aus der Ammenstube, wußte er doch, was ein Feenmärchen ist. – Zuerst hatte ihn die Luft wunderbar angefächelt, wie einen, der nach langer dunkler Haft ins Sonnenlicht gerissen wird, oder wie den Trinker, der aus dem Keller ins Freie tritt. Unten hat er es noch nicht gefühlt, jetzt aber dreht sich die Welt um ihn, und der Boden wankt unter seinen Füßen. Der Rippenstoß eines Korporals, dessen Rotte er in seinem Schwanken vermutlich zu nahe gekommen war, hatte ihn wieder zur Besinnung gebracht. Er sah die klirrenden Männer an sich vorüberziehen und die höhnischen schiefen Gesichter, die Zungen, die sie ihm streckten, beleidigten ihn nicht, er fühlte sich ihnen nähergerückt; der König, der ihn einen treuen Diener genannt, war ihr Herr. Vor seinem Kommando, vor seinem Blick mußten sie zu Bildsäulen erstarren. Und ihm war es, als müsse der Huldblick des Königs etwas von seiner Majestät und Machtvollkommenheit auch auf ihn ausgegossen haben; auch vor ihm müßten diese rohen Männer, wenn er es sagen wolle, was er wußte, in Ehrfurcht erstarren. Er sagte es zum Glück nicht. Vielmehr kehrte auf dem Wege bis zu Herrn Josty dem Ehrenmann die volle Besinnung zurück. Es war kein Traum gewesen, auch keine Erscheinung aus einem arabischen Märchen, vielmehr nichts als die Besiegelung dessen, was er längst ahnte, vielleicht wußte, und in der Stadt munkelte es schon. Er sollte nicht mehr lange Kriegsrat bleiben, er war zu Höherem bestimmt. Diese Bestimmung drückte sich auch in seiner Haltung aus, wie er am Tische in der Ecke neben einem andern Manne gesessen und mit demselben dem Anschein nach ein eifriges Gespräch gepflogen hatte. Der andre Mann, ungefähr im Alter des Kriegsrates, oder etwas älter, war in seiner Erscheinung just das Gegenteil. Sein feingeschnittenes, intelligentes Gesicht war durch ein Paar kleine graue, ins Blaue spielende Augen, wenn sie mit Eifer auf einen Gegenstand fielen, lebendig. Sonst hatte es mehr einen kalkulatorischen Ausdruck, jene verschrumpften, doch nicht unedlen Züge, welche ein beständiges Nachdenken über plus und minus ausdrücken, jene Absorbierung von allem, was Impuls oder Phantasie heißt. Wenn aber die Augen aufblitzten oder auf einen Gegenstand zuckten, bewegte sich wohl um die Lippen ein sarkastischer Zug. Sein Haar, weißblond von Natur oder weiß vom Alter, schien schon lange den Puder als etwas Überflüssiges abgestreift zu haben. Es fiel schlicht, eben nicht sorgsam gekämmt, auf den Hinterkopf und um die Schläfe herab. Daß er ebensowenig Umstände mit der Toilette wie mit der Frisur machte, verriet der Überrock von grobem Tuch und einem dick übergelegten Kragen. Seine Hände, die auf dem Tische lagen, waren weiß und fein, seine Füße dagegen, die er weit vorgestreckt hatte, schienen grob wie die blauen Strümpfe und die dick versohlten Schuhe. »Also keine Mariage nicht!« hatte der Mann mit den graublauen Augen gesagt und zwei Gläser mit Granatwein gefüllt, worauf der Kriegsrat das eine nach einigem Bedenken ergriffen und mit ihm angestoßen hatte. »Überdem ist sie auch noch zu jung«, setzte er hinzu und das halb ausgetrunkene Glas auf den Tisch. Der andere sagte: »Alter schützt vor Torheit nicht, und zu jung ist keine nicht, um sich nicht zu verplempern.« Der Kriegsrat spielte etwas verlegen oder verletzt mit der silbernen Dose, ein Präsent seines Ministers: »Nun, was das Verplempern anlangt, Herr van Asten, so dünkt mich –« »Mein Sohn hätte sich verplempert – meinen Sie vielleicht«, fiel der Kaufmann ihm ins Wort. »Wenn auf meinem Kornboden zwei Säcke geplatzt sind und der Roggen und Weizen liegen untereinander, da kümmert's mich wenig, welcher Sack zuerst platzte, sondern wie ich die Körner auseinanderbringe oder mitsammen verwerte. Unsre Säcke sind Gott sei Dank noch nicht geplatzt, da halte ich nun fürs beste, daß jeder seinen an sich nimmt und sich nicht um den andern kümmert. Und wo das Fazit stimmt und die Probe aushält, muß man beileibe nicht jeden Posten von neuem nachrechnen. Ihnen ist mein Sohn nicht vornehm genug, oder wie Sie das nennen wollen.« »Bitte recht sehr, Herr van Asten, das habe ich nie gesagt.« »Aber gedacht. Schadet gar nichts, Herr Kriegsrat. Habe ihn auch gar nicht erzeugt und erzogen, daß er vornehm sein soll. Konträr, und mir ist ganz lieb, daß er Ihnen nicht vornehm genug ist und vielleicht noch sonst was. Mir ist nun Ihre Mamsell Tochter nicht reich genug und vielleicht noch sonst was. Sehn Sie, aufrichtige Leute kommen bald zu Rande, und das, was sonst ist, soll uns nicht kümmern, und wir bleiben gute Freunde. Darum erlaube ich mir, noch einmal an Ihr Glas anzustoßen.« Der Kriegsrat seufzte; der andere hätte es recht gern zur Gesellschaft getan, nur um die Einigkeit vollkommen herzustellen, der alte van Asten konnte aber nicht seufzen. »Mein hochverehrtester Herr Kriegsrat, mit Ihrem Permiß, ich lese Ihre Gedanken. Daß die jungen Leute jetzt auch ihren Willen haben wollen, das gefällt Ihnen nicht. Sie seufzen: Ehedem war's anders! Habe ich gar nichts dagegen. Ehedem wog man ein Pfund Pfeffer mit Gold auf, jetzt kostet's ein paar Groschen. Ehedem bezahlte man mit Pfeffer seine Wechsel. Wenn mir jetzt einer damit käme, würfe ich ihn die Treppe runter. Ist so mit allem, mit der kindlichen Liebe, mit der Freiheit, der Erziehung; der Marktpreis ist ihr Wert. Steht darum geschrieben, daß wir den Marktpreis nicht machen können! Man muß nur geschickt operieren. Mein Herr Sohn will auf dem Kopf stehn. Ihre Mamsell Tochter auch. I nu, so lassen wir sie, bis sie müde werden. Daß sie's aber werden, dazu kann man schon was tun. Wenn ein Materialist einen Jungen in die Lehre nahm, ehedem kriegte er Schläge nach Noten, wenn er naschte. Es hat wohl nicht immer geholfen. Jetzt läßt sein Prinzipal ihn so viel Sirup nippen und Rosinen und Mandeln naschen, als er Lust hat. Ein-, zweimal den Magen verdorben, und er ist kuriert auf sein Leben. Und so ist's mit dem eignen Willen auch und mit der Freiheit und mit, was sonst ist. Sie kommen retour, sage ich Ihnen, wenn man's nur recht anfängt.« »Habe doch immer vernommen« – fiel der Kriegsrat ein. »Daß der alte van Asten einen Bock geschossen hat. I ja, das passiert dem Klügsten. Nu laß ich ihn austoben, die Hörner ablaufen. Wissen Sie, wieviel Hörner mein Sohn schon ablief? Kein Hirsch hat so viel Geweihe im Wald abgeworfen. Habe sie mir alle gesammelt. Das macht mir sehr viel Freude. Noch mehr wird's machen, wenn ich sie ihm zeigen kann, wenn er kommt wie der verlorne Sohn und ans Tor klopft. Wird Ihnen auch so gehn, wenn sie sanft an der Klingel zieht und, das Tuch an den Augen, weinerlich anfängt: ›Lieber Papa!‹ Freilich bei einer verlornen Tochter ist es etwas anderes als bei einem verlornen Sohn –« »Mein Herr van Asten!« sagte der Kriegsrat und hob sich in seinem Stuhle. »Ich hoffe doch nicht –« »Daß ich etwas Injuriöses gemeint hatte! I Gott bewahre! Ich sollte mich in Injurienprozesse einlassen! Ich, ein solider Geschäftsmann, in ein Geschäft, wo man nur verlieren und nie gewinnen kann. Nein, wenn's sein muß, lieber bar zahlen! Wenn der eine das Gold liebt, auch wenn's schmutzig ist, so liebt der andre, wenn's glänzt, auch wenn's nur ganz dünn ist. Ist ja wahre Gottesgnade, daß wir nicht alle dasselbe lieben. Wo sollte es raus! Sie möchten mit Ihrer Tochter hoch hinaus. Ist ganz recht von Ihnen. Man muß anschlagen, was man hat. Wenn Sie nun Geheimrat werden, brauchen Sie einen Schwiegersohn, der auch was zu raten gibt, und keinen Gelehrten, der ausgibt, was er hat, nämlich sein bißchen Wissen, ohne was dafür einzunehmen, nämlich Geld. Was Tituliertes, was Blankes, so oder so, wovor unsereins den Hut abzieht. Lassen Sie nun Ihre Demoiselle Tochter in meinen Herrn Sohn verliebt sein, ganz geruhig, bis sie sich übergeliebt haben. Glauben Sie mir, das kommt über kurz oder lang, denn satt macht die Liebe nicht, und zanken werden sie sich auch und verknurren, wenn man sie nur läßt, und dann kommt die Langeweile, die roten Augen machen auch nicht schöner. Aus Wochen werden Monate und aus Monaten Jahre. Sieht ein hübsches Mädchen erst eine Falte im Gesicht, die nicht fort will – ich will gar nicht sagen, Runzel –, da guckt wohl ein kleiner Gedanke raus: ja, wenn ich den nicht zurückgewiesen hätte! Oder den! Dann wird der Liebste auch nicht grade sehr freundlich angesehn, wenn er zur Tür reinkommt und auf einer seiner Runzeln steht: Ich habe noch immer nichts! Sieht er nu in ihrem Gesichte, was sie in seinem sieht, na – und so weiter, und am Ende – sie weinen, sie fühlen, sie haben sich getäuscht, es wird geklatscht dazwischen, dafür braucht man gar nicht zu sorgen, und am letzten Ende nimmt die gehorsame Tochter den ersten besten, den der Papa ihr zuführt. Und überläßt man's dann den Muhmen und Gevattern, die Sache zu arrangieren, so kommt's am letzten Ende raus: sie hat ihn von Kindheit an geliebt.« Dies war ungefähr das Gespräch, welches die beiden ältlichen Herren vor dem Eintritt der Offiziere geführt und das durch das laute Vorlesen des Gedichtes unterbrochen war. Der Kriegsrat schüttelte den Kopf, als er seinen Hut nahm. »Gefallen Ihnen die Sentiments nicht von Salomon und Titus?« fragte der Kaufmann und griff nach einem Zeitungsblatt. »Sie sind sehr schön«, entgegnete der Kriegsrat, »nur begreife ich nicht, wie man so etwas zu drucken erlaubt. Dadurch wird ja der Bonaparte avertiert, was hier passiert ist.« »Sehr richtig bemerkt«, sagte van Asten, und sein schlaues Gesicht wollte gewiß noch etwas sagen, aber der Kriegsrat gab, als der vornehmere Mann, das Zeichen, daß er genug gehört, indem er sich mit einer leichten Verbeugung empfahl. Der Vornehmere muß das letzte Wort behalten. Aber als er durch die Offiziere den Weg nach der Türe suchte, waren offenbar diese die Vornehmeren. Sonst liebte er doch nicht die Offiziere, aber mit verbindlichen Verbeugungen schlängelte er sich durch ihre Füße, welche die Herren sich nicht besondere Mühe gaben aus dem Wege zu ziehen. »Das war der Vater von dem schönen Mädchen«, sagte ein Garde du Corps zu dem Rittmeister, der seine glänzenden Reiterstiefeln auch nicht um einen Fingerbreit zurückgezogen hatte. Der Kornett lachte: »Was sprechen Sie zu Dohleneck von schönen Mädchen! Für meinen Onkel ist nur eine schön, und wenn die eine nicht, so mag die anderen der Teufel holen und ihre Papas dazu.« Der Rittmeister, der am Fenster saß, trommelte an die Scheiben. »Krieg! Krieg! Das ist das beste.« »Zum Avancement!« lachte der Chor. Die Unterhaltung ging auf dies wichtige Thema über, wichtiger als Alexanders Ankunft, als der Streit, ob die Königin dem Kaiser zuerst die Hand gereicht oder er nach der Hand gegriffen, wichtiger als der Krieg selbst. Man stritt über die Ernennung eines Kapitäns zum Major. Einige wollten sie gelesen haben, andere leugneten es. »Es steht heute drin.« – »Es steht nicht drin.« – »Her den Wisch!« Mit einem Satz war der Kornett nach dem Tisch gesprungen, an dem van Asten saß, und hatte ihm die Zeitung aus der Hand genommen: »Wir wollen etwas nachsehen.« Es mußte noch etwas anderes vorgefallen sein. »Wollen Sie etwas?« fragte der Kornett und ließ seine Pallaschscheide auf der Diele klirren, indem er sich zum Kaufmann umkehrte, als dieser sich mit einigem Geräusch erhoben hatte. »Mich nur gehorsamst entschuldigen«, sagte van Asten und zeigte auf sein vorgestrecktes Bein, »daß Herr Kornett von Wolfskehl auf meinen Fuß treten mußten! Haben sich doch hoffentlich keinen Schaden getan?« »Ich glaubte, es wäre ein Holzklotz. Excuse!« sagte der Kornett und hoffte auf einen beistimmenden Lachchor. Aber die einen griffen nach dem Zeitungsblatt, die andern machten eine ernste Miene: »Kornett, keinen Spaß mit dem Mann! Der reiche van Asten aus der Spandauer Straße, der mit dem Minister *** unter einer Decke steckt!« Die Ernennung stand nicht im Blatt, dafür ein paar Dutzend andere, wie jede Zeitungsnummer sie in diesen Tagen brachte. Auch fingen unter den Annoncen schon die Abschiedsworte an, welche Offiziere, Wundärzte und Beamte an ihre Freunde oder Bekannte in den eben verlassenen Garnisonen richteten; auch Nachrufe und Danksagungen ganzer Städte an die abziehenden Garnisonen und deren Offiziere: »Wenn das kein Beweis ist, daß wir wirklich in den Krieg ziehn!« – »Ehe nicht die Kugeln durch meinen Mantel pfeifen, glaub ich nicht daran.« – »Ich glaub's auch dann noch nicht«, ein dritter, als ein vierter durch die Glastür, die er klirrend aufgerissen, eintrat: »Nu glaub ich's! Kameraden. Aufs Pferd! aufs Pferd!« – »Du sprangst eben runter!« »Direkt von Steglitz in Karriere! Habt ihr nichts gehört? – Vierundzwanzig Kanonen donnerten aus dem Hohen Busch, als die Equipagen durchs Dorf schwenkten. Der dicke Stallmeister fiel beinahe von seinem Schimmel. Die Königin sah erschrocken zum Kutschenschlage raus.« »Possen!« »Nein, Ernst. 's war aber nicht Bonaparte, nur Beyme! Wenn Beyme Kanonen auffährt, Beyme schießen läßt, da müßt ihr zugeben, es wird ernst, es geht los.« »Viktoria!« schrien zehn Stimmen. »Wenn er nur nicht blindgeladen hätte!« rief der Rittmeister und riß die Tür auf. »Man braucht frische Luft. Krieg! Krieg!« – Herr Josty sah am Fenster den Offizieren nach. Er schien die Häupter seiner Lieben zu zählen, aber nicht mit der Zufriedenheit, die auf den Gesichtern der Offiziere strahlte. Was half ihm der Krieg! Er war gewiß ein guter Patriot, aber wie viele können ihm noch immer entrissen werden, an die teure Bande ihn schon lange knüpften. Er schlug ein kleines Büchlein im Winkel auf und schrieb kleine Zahlen zu den Namen. Aber viele kleine Zahlen machen eine große. Herr Josty schüttelte den Kopf und wollte seufzen. Indessen – er besann sich: »Indessen«, sagte er, »es gleicht sich in der Welt alles aus.« Und auf seinem Gesichte glichen sich auch die Falten aus. Die Offiziere hatten sich links nach der Schloßfreiheit zerstreut. Nur einer von ihnen, er schien abhanden gekommen, suchte die Freiheit rechts unter den Kolonnaden der Stechbahn. Die Augen auf dem Boden, ging er gradaus, bis die Mauer ihn erinnerte, daß an der Ecke die Freiheit zu Ende war. Er wollte zur Kolonnade hinaustreten, als aus der Brüderstraße eine elegante Equipage rasch vorüberfuhr. Die Dame darin, in Pelz, Hut und Schleier verhüllt, sah ihn nicht, aber der Mops auf dem Rücksitz bellte heftig den Offizier an. Ob die Dame aufmerksam ward, wissen wir nicht, wenn sie sich aber vorbeugte, um nach dem Gegenstand auszuschauen, der den Eifer ihres Hundes verursachte, konnte sie ihn nicht mehr sehen; denn der Rittmeister hatte sich hinter den Pfeiler gelehnt. Er schien mit geschlossenen Augen auf das Rollen der Räder zu hören, bis es unter dem Klappern der Werderschen Mühlen verrollte. Dann riß er sich auf, machte sich durch einen schweren Atemzug Luft und – wollte auch ins Freie, in den Tiergarten. Es mußten wunderbare Dinge im Rittmeister Stier von Dohleneck vorgegangen sein. Er freute sich auf einen Spaziergang in den stillen, einsamen Alleen des Tiergartens. Er hatte seinen Plan gemacht: links durch die Buschpartien an den Zelten vorbei nach dem Poetensteig. Da traf er gewiß niemand. Aber – wenn nur die Aber nicht wären, als er an der Konditorei vorüberging, öffnete Herr Josty freundlich die Tür. Er glaubte, der Gast wolle zurückkehren. Solchen Glauben darf ein Kavalier nicht täuschen. Einen Schritt war er schon vorbei, es kostete also nur einen zurück, und er stand wieder in dem traulichen, gemütlichen Lokal. Es war ja auch da einsam geworden. Als Herr Josty die Tür verbindlich schloß, hatte er wieder ein Haupt seiner Lieben in seinen Mauern. Fünftes Kapitel. Von Möpsen und Wechseln . Aber der Rittmeister wollte ganz einsam sein. Im Vorzimmer saß noch der Herr van Asten und schien zu rechnen oder sprach leise mit einer andern in Berlin wohlbekannten Person, dem Herrn Auktionskommissarius Manteuffel, der sich über den Tisch zu ihm lehnte, um auf die Fragen des Kaufmanns Antwort zu geben. Dem Rittmeister waren heut alle Menschengesichter zuwider, was mehr Rechenmenschen, aus deren Gesichtern Zahlen springen. Zahlen erinnern an Schulden. Herr Manteuffel, der ihn eintreten gesehen, obgleich er der Tür den Rücken zuwandte, blinzte den alten Asten an. Der aber machte eine Bewegung mit der Hand, die unter Geschäftsleuten ausdrücken kann: den hab ich sicher, oder: um die Bagatelle kümmere ich mich nicht. Herr Josty hatte noch ein kleines dunkles Hinterstübchen. Vertrautere Freunde fanden hier einen Platz, um einen Sorgenbecher in der Stille zu leeren, den der Konditor seinen andern Gästen nicht vorsetzte; er war kein Weinschenk. Es war in dem Raume wirklich klein und dunkel, wie in einer Tonne, recht zur Selbstbeschauung geschaffen, denn durch die vergitterten Fensterspalten drang nur bei Mittag ein Dämmerschein, der sich von den hohen Hintergebäuden in den feuchten Winkel, der Hof hieß, hinabließ. Das eigentliche Licht kam von einer dünnen Sparlampe in einer Mauerblende, um den Tisch, die Bank, die Wandspinden spärlich anzuleuchten. Ein Ort, geschaffen, um das innere Licht leuchten zu lassen. »Einen Rotspon, Herr Josty!« rief der Rittmeister, als er sich zwischen Bank und Tisch geklemmt. »Pontac oder Medoc?« Auch darüber noch nachdenken! Was hatte nicht der Rittmeister zu denken! »I nu Medoc«, sagte er nach einer Weile, den Kopf in der Hand und den Ellenbogen auf dem Tische. »Ist auch gesunder fürs Blut, klärt mehr die Gedanken auf. Die Engländer nennen ihn darum Claret«, sagte Herr Josty, als er den langen Pfropfen aus der Flasche gezogen. Als der Wirt die kleine Tür leise hinter sich zugedrückt, störte nichts die drei – nenn ich sie Geschöpfe, Wesen, Mächte –, die hier zurückgeblieben zu stillem Verkehr: den Rittmeister, die Lampe und den Medoc. Es war mehr als still, ich würde sagen bewegungslos, wenn nicht der Schatten an der Wand jedesmal unruhig geworden, sobald der Rittmeister das Glas aus der Flasche wieder vollschenkte. Ob er Gedanken schöpfte, ob er sie verschluckte? Der Medoc mußte das Blut nicht gereinigt haben, denn er ward nicht froh. Der Schatten an der Wand spiegelte drei Positionen, in denen er minutenlang verharrte: den Kopf in der Hand, das Kinn in beiden Händen, und dann den Leib ganz zurückgelehnt, mit gesunkenen Armen, oder, wenn ein Entschluß zu kommen schien, sie plötzlich auf der Brust verschränkend. Aber die Flasche war schon zu drei Viertel ausgeleert und der Entschluß noch nicht gekommen. Ein Entschluß kostet jeden etwas, wer aber weiß, wie der bestgefaßte zum Übel ausschlagen kann, und wer nur die Erfahrung des Rittmeisters gewußt, der würde ihn um seine Unentschlossenheit nicht getadelt haben. Hatte er sich nicht zu einem kühnen Schritt entschlossen, um endlich aus Liebeszweifel und Überdruß frei zu werden? Es war kein Geringes für jemand, der von zwei unsichtbaren Schutzengeln hin und her gezogen wird und in sich keinen Oberen findet. Wenn diese ihm zuraunten: Sie hat dich eigentlich nie geliebt, sie hat nur gespielt mit dir; nun auch dieses Spieles überdrüssig, läßt sie es nur zu ihrem Amüsement, dich zu foppen, vor andern durch ihr Kammermädchen fortsetzen, so sprach eine innere Stimme: Das erste hast du ja selbst immer geglaubt. Aber dann, wenn jene ihn auf die vielen Beweise von Aufmerksamkeit und Zärtlichkeit hingewiesen! Stand die Moosrose nicht noch immer zwischen den Balsaminen, trug sie nicht noch immer das Halstuch von der Farbe, die sie angelegt, als sie sein Lob derselben vernommen? Ja, brauchte es einer Mittelsperson, gefüllter Gläser, um ihm zu sagen, daß sie jetzt anders war, als sie sonst war? Sah er nicht den getrübten Blick ihres Auges? Sie wandte freilich das Gesicht ab, wenn sie sich zufällig begegneten, aber das war ein ganz andres Abwenden als sonst. Und dann, ein Mann, der ein Staatsdiener ist, der es bis zum Rittmeister gebracht hat, dem der Krieg die Tore zum Oberstwachtmeister eröffnet, gesteht ein solcher es sich leicht ein, daß er so lange gefoppt worden, daß er nur die Dupe einer andern oder gar ihres Kammermädchens gewesen? Sucht er nicht nach Beweisen, daß dem nicht so sein könne, wird er nicht vielmehr scharfsinnig auch da noch sie zu entdecken versuchen, wo sie nicht sind? Die Hälfte des Scharfsinns, den er anwendet, um aus dem Netz sich loszuwickeln, und er wäre nie in dem Netz gefangen worden. Möglich war es ja, da sie anfänglich nur ihn necken, ihre Empfindlichkeit für das an ihm kühlen wollen, was er sich selbst jetzt vorwarf; möglich, daß auch andere da mitgearbeitet hatten. Aber – das konnte sich geändert, sie so gut gesehen haben, als er es sah, daß er sich auch geändert, dies konnte ganz andre Empfindungen in ihr geweckt haben. Er hatte ja auch Augen, und was er gesehen, ließ er sich nicht abstreiten. Diese Verwandlung ihres Sinnes konnte nun denen nicht mehr zu Sinn sein, die anfänglich mitgespielt. Sie waren es, die jetzt die Konterminen legten, die ihn wieder ihr entfremden, ihn von ihr trennen wollten. Daher diese Briefe in ganz verändertem Tone, diese Mahnungen, Drohungen sogar, abzulassen von Verfolgungen, die eine edle Frau tief kränken müßten. Der Rittmeister Stier von Dohleneck hatte das Schwert gezogen, um den Knoten zu durchhauen, er wollte Licht haben – Wahrheit. Er wollte am hellen Tage in ihre Wohnung treten, sich mit seinem vollen Namen melden lassen und um eine Unterredung unter vier Augen bitten. Wer den Rittmeister von Dohleneck kannte, wußte, daß das ein ungeheurer Entschluß war. Und ein ganz freier und ein geheimer – er teilte ihn niemand mit. An dem Tage, als die ersten Regimenter von der Weichsel durchmarschierten, hatte er ihn gefaßt. Es war der Augenblick, als sein Pferd oder er bei ihrem Anblick am Fenster unruhig geworden und kehrtgemacht hatten. Er war sehr unzufrieden mit sich zurückgekehrt, er hatte sich gesagt: ein Soldat dürfe nie kehrtmachen vor einer Gefahr, ob wirklich, ob scheinbar. Gerade hier ist es seine Pflicht, zu rekognoszieren, und nicht zu weichen, bis er – rapportieren kann. Es war vorgestern gewesen, daß er seine beste Interimsuniform angezogen und sich auf den Weg gemacht. Ein saurer Weg! Die Pflastersteine schienen Klebriges zu schwitzen, sie hielten seine Sohlen fest. Er aber sprach sich Mut ein: »Nun, und wenn es nichts ist, dann ist es nichts, und alles bleibt beim alten.« Sein Herz wurde ordentlich leicht, aber nur auf einen Augenblick; je weiter er die Straße hinunterging, je näher er dem Hause kam, so schwerer ward es wieder. Er hätte auch sein Wort gehalten, was er sich selbst gegeben, nicht, wie wohl andre in gleicher Herzensangst tun, ein paarmal vor dem Hause vorüberzugehen, bis der Mut ihnen kommt. Nein, er wäre gleich das erstemal eingetreten, wäre nicht der Mops gewesen. Was es nun war, ob er in etwas getreten, was Joli verdroß, ob eine angeborne Idiosynkrasie in dem Tiere gegen den Menschen lebte, genug, ein kleiner, häßlicher, fetter Mops klaffte ihn an. Als er sich des Störenfrieds entledigen wollte, machte er das Übel nur ärger, der Tritt fiel wider Willen so unglücklich aus, daß das Tier, von der Stiefelspitze gehoben, winselnd auf das Pflaster fiel. Ein Dienstmädchen oder ein paar erhoben ein Zetergeschrei mit dem Hunde um die Wette. Natürlich über die Barbarei, ein armes Tier so grausam zu malträtieren! Nun war einmal etwas versehen, und Fehler hecken mehr als gute Taten. Als er die Straße wieder heraufkam, waren zwar Mops und Mädchen verschwunden, aber die Equipage der Fürstin Gargazin stand vor der Tür. Er war mutig eingetreten. Von der Treppe kam ihm die Fürstin entgegen. Sie fuhr verwundert zurück: »Wirklich Sie! Nun, in der Tat, das nenne ich Mut.« Er hatte sich verbeugt, er war mutig geblieben. Sie war verschwunden. Auf der halben Treppe begegnete ihm der Legationsrat. Als Wandel ihn erblickt, blieb er stehen, lüftete etwas den Hut und öffnete den Mund, um – doch zu schweigen. Aber als Dohleneck auf der nächsten Stufe war, hörte er seinen Namen. »Was soll's?« »Mein Herr Rittmeister«, sagte Wandel, »ich hege nicht die Anmaßung, zu glauben, daß Sie in mir einige Teilnahme für Sie vermuten, indes erlauben Sie die Frage: Wollen Sie zur Frau Baronin!« »Wenn es sie nicht inkommodiert«, hatte Dohleneck erwidert. »So vergönnen Sie mir wenigstens die Bitte, zu bedenken, welchem Empfang Sie sich aussetzen. Ihro Erlaucht, die Fürstin, muß Ihnen ja begegnet sein; sollte sie nichts gesagt haben?« »Nichts, was mich angeht«, hatte der Rittmeister erwidert. »Sie sind der Herr Ihrer Handlungen!« verbeugte sich der Legationsrat. »Aber« – setzte er mit unterdrückter Stimme hinzu – »ich glaube ebensowenig, daß Herr von Dohleneck das arme Tier auf der Straße mit Absicht mißhandeln konnte, als ich glauben mag, daß ein Kavalier von Ihrem Herzen und Ihrer Ritterlichkeit ein Vergnügen daran finden kann, eine unglückliche Frau, die in Tränen sitzt, noch unglücklicher zu machen.« Und noch blieb der Rittmeister mutig. Die Klingel hielt er in der Hand, als ein Hundegeklaff gegen die Tür stürzt. Das war der Hund des Aubry, die Kraniche des Ibykus. »Nein, mein Joli, der häßliche Mensch, der soll dir nicht wieder was tun«, hörte er die Stimme des Kammermädchens. – Er hatte nicht geklingelt; er war wieder auf der Straße. Joli knurrte hinter ihm am Fenster. Und seitdem hörte der Rittmeister, wo er die Augen schloß, den Mops knurren und die Baronin weinen. »Alles um dich!« – Er hatte wohl daran gedacht, sich in eine andere Garnison versetzen zu lassen; aber seine Schulden und seine Ehre! Nun kam ein tröstender Engel. Der Krieg befreit einen Militär von den Verfolgungen seiner Gläubiger und einen Liebenden von denen seiner Phantasie. Zu dieser trostreichen Überzeugung war der Rittmeister Stier von Dohleneck in dem Augenblick gelangt, er wollte auf diesen Tröster in der Not ein Glas leeren, als, zu seiner Verwunderung, aus der leeren Flasche nichts mehr fließen wollte. Er schlug damit gegen das Glas, ein Zeichen, welches Herr Josty sehr wohl verstand, als die Tür aufging, aber statt des Konditors der Kaufmann Herr van Asten eintrat. Sie mußten sich beide schon kennen, aber die Freude des Wiedersehens schien auf seiten des Rittmeisters nicht groß, noch weniger, als nach der ersten Begrüßung der Kaufmann einen Platz auf der Bank in der Art einnahm, daß er dem Offizier die Tür und den Ausgang dahin versperrte. Und als van Asten die abgetragene dicke Brieftasche aus dem Rock zog, zog sich auch das Gesicht des Rittmeisters sichtlich in die Länge. »Sie werden sich hier die Augen verderben.« »Bin Ihnen für Ihre Teilnahme sehr obligiert, aber was hier drin liegt, kenne ich alles auswendig.« Diese Versicherung tröstete den Offizier noch weniger, besonders als er, trotz der Dunkelheit, mit seinem scharfen Auge einen länglichen, schmalen Papierstreifen, den van Asten jetzt unter andern auf den Tisch legte, sehr gut zu erkennen glaubte. Warum den Gruß der Batterie abwarten, lieber geradlos darauf. »Herr van Asten«, sagte er, »inkommodieren Sie sich nicht. Ich kenne den Wisch. Sind noch vierzehn Tage hin. Wenn ich am Verfalltage noch lebe, na, da sprechen wir weiter davon. Bin ich aber tot, machen Sie und ich unsre Rechnung mit dem Himmel –« »Der es verhüte, daß ein so braver Offizier so früh in ihn eingeht.« »Und wenn bloß Krieg ist, machen Sie's mit dem Könige aus.« »Teuerster Herr von Dohleneck«, rief der Kaufmann, den Wechsel wieder in die Tasche schiebend, »was soviel Gerede um eine Bagatell! Zweihundert Taler! Darum sollte der alte van Asten einen Offizier seines Königs molestieren! Bin ich ein Wucherer? Weiß ich nicht, daß ein Soldat vor dem Feinde Courage braucht? Courage und Kredit sind Verwandte. Und was kostet nicht die Feldequipage! Wie kann da ein Offizier an solche Lumpereien denken. Mancher hat auch sonst Liebes hinter sich. Möchte Ihnen doch gern ein Angebinde zurücklassen.« Der Rittmeister von Dohleneck sah ihn etwas groß, aber nicht sehr klar an. Der Eingang war zwar angenehm, aber wer bürgte ihm, daß es der Ausgang auch sein werde? »Alle sind nicht wie Sie. Solidität wird eine immer rarere Eigenschaft, und der Krieg ist ein grausam Vergnügen. Wer weiß, wer zurückkommt und wer dableibt! Wenn nun alle blieben, wer soll da bezahlen? Wie viele Kaufleute sind mitruiniert!« Der Rittmeister sah mit Verwunderung, wie der Kaufmann eine ganze Partie ähnlicher Papierstreifen auf den Tisch legte. Es überkam ihn ein Schauer in der Seele derer, die sich mit ihrem Namen darunter verschrieben; seine Stirn aber runzelte bei der Vorstellung, daß der alte Geldmann ihn etwa ausersehen, um über die Verhältnisse seiner Kameraden Auskunft zu geben. Ein schlauer Seitenblick des andern las, was in seiner Seele vorging. »Wie werde ich denn einen Offizier zum Zeugen aufrufen gegen seine Kameraden! Das weiß ich, jeder Offizier muß für den andern gutsagen –« »Na hören Sie, was das anbetrifft!« »Wir verstehen uns ja! Kavalierparole ist sehr was Schönes. Gibt gar nichts Schöneres in der Welt. Aber bei Wechseln, da halten wir Kaufleute, 's ist so 'ne alte Usance, uns an andre Dinge. Wer ins Feld marschiert zum Beispiel, kann nicht alles mitnehmen; man erleichtert's den Herren, nimmt ihnen, was zu schwer ist, ab. Hatte da eben ein kleine Konferenz mit unserm Manteuffel. Das ist ein praktischer Mann!« »Hol ihn der Teufel!« sagte der Rittmeister. »Weiß wohl, daß ihm die Herrn Offiziere nicht sehr grün sind. Ja, lieber Himmel, wenn mal 'ne Sache unterm Hammer steht, gibt er sie hin um jeden Preis. Das ist wahr. Ist nu mal nicht anders. Die Moral ist, man muß es nicht dahin kommen lassen. Was nun des Herrn Rittmeisters kleinen Wechsel anbetrifft, so machte mir Herr Manteuffel die Proposition –« »Seelenmann, Sie werden mich doch nicht an Manteuffel verkaufen?« »Verstehn Sie mich, er wollte Sie einem andern abgeben.« »Das ist ja Seelenverkäuferei!« »Sagte ich auch. Und ich wußte ja nicht, ob Sie gern mit dem Herrn in Konnexionen kämen. Nun, wir kennen uns! Aber der Herr ist ein Fremder, und voll hätte er auch nicht gezahlt, und wie gesagt, wer weiß, ob Ihnen das recht ist, an den Legationsrat von Wandel abgegeben zu werden.« »Der!« Der Rittmeister legte schwer seine Hand auf den Tisch. »Sehn Sie, das hab ich Manteuffeln auch gesagt. Er ist ja ein Ausländer! Sollen wir preußisches Blut, einen Soldaten unsres Königs, an einen Fremden verraten? Wissen Sie denn, in wessen Diensten der Herr ist? Kann er nicht ein Agent des Bonaparte sein, kann er nicht den Auftrag haben, alle Wechsel aufzukaufen, die preußische Offiziere ausgestellt haben? Und wenn der Krieg losgeht, die Herren marschieren sollen, ja, da hat der König keine Offiziere. Alle eingesteckt in Wechselarrest. Kann nun ein König Krieg führen ohne Offiziere? Der Bonaparte drüben freilich, woraus macht der sich nicht welche! Die sind denn auch danach. Aber wir müssen sie doch aus den Kadettenhäusern haben, aus guten Familien. Der Napoleon ist es imstande, sagte ich zu Manteuffeln, denn dem ist alles möglich.« »Und was sagte Manteuffel?« Der Rittmeister strich sich den Knebelbart. »Manteuffel, wissen Sie, sagt nie viel. Er wischte sich die Brille ab und meinte, ich dächte wohl an England, das Napoleon zu ruinieren denkt. Aber was für England paßt, passe nicht für uns, wir hätten keine Bank zu sprengen. Ja, antwortete ich, wäre ihm doch beinahe gelungen. Und 's kann auch hier manches springen. Aber 's soll ihm nicht gelingen. Meinen Herrn von Dohleneck soll er nicht in seine Klauen kriegen, ehe wir nicht wissen, wer er ist. Nun freut mich zu hören, daß der Herr Rittmeister ihn kennen, denn Sie fürchten sich, in seine Hände zu kommen.« Der Rittmeister sah den schlauen Mann auch etwas schlau an: »Mich will bedünken, daß mein Herr van Asten ihn besser kennt als ich; sonst –« »Der klügste Mann weiß nicht alles, und der beste Kaufmann läßt sich auch betrügen.« Es schien etwas im Kopfe des Rittmeisters, den der Rotwein noch nicht umdüstert hatte, aufzublitzen: »Halt, da entsinne ich mich –« Van Asten blätterte und glättete über zwei Papierstreifen: »Ein gelehrter Mann, ein feiner Mann, ein Mann von vielen Kenntnissen, hübscher Konduite. Oh, ist gar nichts gegen ihn zu sagen, ein charmanter Mann –« »Hol ihn der Teufel!« »Das ist schon manchem charmanten Mann passiert. Täte auch gar nichts. Ein guter Wechsel gilt im Himmel und in der Hölle, man muß nur den Aussteller kennen. Es freut mich, Herr Rittmeister, daß Sie auch davon wissen. Oh, wir haben manche Geschäfte miteinander gemacht, der Herr Legationsrat und ich. Prompt auf die Minute, und hat eine glückliche Hand. Wünschte sie Ihnen, Herr Rittmeister. Wirklich und wahrhaftig, Ihnen gönne ich alles Gute, das große Los, 'ne tote Tante mit Hunderttausend; und noch lieber 'ne reiche Frau mit 'ner halben Million. Sie sind ein so gemütlicher Mann. Hätte ich 'ne Tochter, na, wer weiß. Ich sage – gegen die Wechsel ist auch gar nichts zu sagen. Sie sind nur etwas sehr lang. Und wem ich sie abgeben will, der sagt, was ich mir auch sagen könnte. Man ist manchmal auf den Kopf gefallen. Fallen tut nichts; man steht wieder auf. Aber auf den Kopf muß man nicht fallen, Herr Rittmeister! Also sagt mancher Mann: Es kann ja inzwischen was passieren, er kann ja auch in den Krieg wollen, es kann ihn eine Kugel treffen. Einen toten Menschen kann man nicht in Wechselarrest bringen. Sind Sie nicht auch der Meinung?« »Vivat die Soldatenfreiheit!« »Und wenn er auch nicht in den Krieg zieht, die Herren Kavaliere haben oft Händel. Sehn Sie mal, er kann ja in ein Duell geraten. Paff! Wird mich der Totschießer honorieren? Ja, wenn so ein Gesetz existierte! – Fällt mir bei, der Herr von Wandel hatte ja neulich eine solche Affäre. Richtig! Mit dem Sohn vom Geheimrat Bovillard! – Und Sie – ja, Herr Rittmeister, waren ja dabei.« »Wissen Sie das auch!« – »Der Herr Legationsrat waren wohl erstaunlich mutig? Wollten immer drauflos?« Jetzt fixierte der Rittmeister den andern: »Hol mich der – und jener! Ich glaube, Sie wollen mich aushorchen, was ich von ihm denke.« Herr van Asten sagte nicht ja und sagte nicht nein; er lächelte nur: »Weiß schon vielerlei, aber – wenn man auch schon das ganze i geschrieben hat, kann's einem doch gerade noch auf das Tippelchen drauf ankommen. Ist ein Politikus. Einem Politikus gegenüber muß man wieder einer sein. Ob er ein Spion des Großen Mogul ist oder ein Geisterseher oder ein Magnetiseur oder ein Lovelace, oder – oder – was kümmert's mich, aber – verstehen Sie mich, das eine möchte ich wissen, ist's da mit rechten Dingen zugegangen, oder –« Der Rittmeister fuhr mit der Hand in die Frisur: »Blitz, ich glaube, nein! Und wollen Sie's recht wissen, dreimal, dreimal nein. Und – unter uns: Es stinkt! Er hat's, Gott weiß durch wen, der Polizei gesteckt.« »Also nicht der junge Bovillard?« »Ein grundehrlich Blut, réparation d'honneur . Wie ein Kavalier sich benommen.« »Aber der Legationsrat hat ihn wieder aus dem Gefängnis losgebeten?« »Um ihn als Kurier fortzuschicken. Die Memme!« Der Alte van Asten lehnte sich auf den Tisch und schüttelte den Kopf: »Da hätten wir also das Tippelchen auf dem i. – Na, Herr Rittmeister, welchen Wein lieben Sie am meisten? Werden mir doch die Ehre erweisen und Bescheid tun auf ein Gläschen?« Ein Tokaierfläschchen stand auf dem Tisch und färbte schon mit dunklem Gold zwei Gläser, als Dohleneck noch immer nicht wußte, wie er dazu kam. »Nu, stoßen Sie an«, sagte der Kaufmann. »Worauf?« »Auf einen alten Esel! – Ja, sehn Sie mich nur recht an, und dann dreist los!« Die Gläser klangen, der Rittmeister zauderte aber doch fast erschrocken, ehe er den Feuersaft an die Lippen brachte. »Aber, Herr van Asten, wie komm ich dazu?« »Daß ich Ihnen solche Konfessions mache? Das will ich Ihnen sagen. Weil ich Ihnen gut bin. Nicht als Kaufmann, als Mensch. Nein, eigentlich bin ich Ihnen doch gut grad als solider Kaufmann. Denn wovon leben die? Von den soliden Leuten doch nicht? Da müßten sie verhungern. Die jungen Tunichtsgute, die auf Kredit einschenken lassen, das Ihre durchbringen und noch ein bißchen mehr, das sind ihre besten Kunden. Geht auch mal einer durch, tut nichts, darauf ist die Kreiderechnung schon zugeschnitten. Ein solider Kaufmann, sag ich Ihnen, muß eigentlich die Unsoliden leben lassen! Darum, noch mal angestoßen!« Der Rittmeister stieß etwas brummend an. »Weiß Gott, mein lieber Herr von Dohleneck, mir ist immer wohl zumute, wenn ich Ihre glatten Backen sehe. Wenn Sie so eine Flasche ausstechen, 's ist nicht wie die andern jungen Hitzköpfe, die schwappeln und schäumen und stürzen, die Hälfte geht in die unrechte Kehle. Nein, bei Ihnen fühlt man ordentlich, wie dem Weine sein Recht geschieht, es muß Ihnen wohl sein, daß er so glatt runtergeht. Die Beine ziehen Sie auch nicht zurück, wenn ein Bürgersmann vorbei will, dafür sind Sie Kavallerieoffizier; diese Beine dienen König und Vaterland, dafür müssen sie ruhen können, wie's Ihnen kommode oder Mode ist. Aber 's ist 'ne ganz andre Art darin, wie Ihre Beine liegen. Die andern Herrn, Ihre Kameraden, wenn sie so das Kinn zu uns umdrehen, denken: ›Wozu ist nun wohl die Kanaille auf der Welt!‹ Sie aber denken, das will ich wetten: ›I, warum soll das Gewürm nicht auch im Sonnenschein spielen, 's ist ja Platz da!‹ Und wenn Sie den Bart streichen und so glau und schlau dabei ins Blaue sehn, da möchte ich manchmal aufspringen und Ihnen die Hand drücken, oder wenn ich ein hübsch Mädchen wäre, fiele ich Ihnen um den Hals.« »Donnerwetter, Herr van Asten, ein hübsches Mädchen, erlauben Sie mir, das sind Sie nicht, aber –« »Warum ich ein alter Esel bin, das wünschen Sie zu wissen. Sie sollen's. Ist mir doch so, als müßte ich einem heut mein Herz ausschütten. Drei dumme Streiche! Wenn Sie die gemacht, na, was wär es! Ein Kavallerieoffizier braucht nicht zu denken; aber ein alter Kaufmann! Pfui! – Pro primo, das ist wacklicht, pro secundo, das ist faul, und pro tertio, das ist dumm. Pro primo, das sag ich Ihnen nicht, ist ein Kompaniegeschäft mit einem vornehmen Herrn. Das wackelt noch, aber kommt Krieg – fliegt's in die Luft; der große Herr wird sich salvieren, der kleine bleibt hängen. Die Moral ist, 's ist nicht gut mit großen Herren Kirschen essen. Pro secundo hab ich vom Legationsrat drei kurze Wechsel auf drei lange prolongiert! Denken sie, neun Monat! Darüber muß ein Kind zur Welt kommen; wenn nun ein Krieg kommt, wenn er eklipsierte! Die Moral ist: Wenn man einen Aal am Kopfe hält, muß man nicht loslassen, sonst sitzt man bald am Schwanzende. Und drittens, denken Sie sich, da habe ich eben eine ganze Schrift, die der Nachbar, Herr Mittler, gedruckt hat, für mein bares schweres Geld aufkaufen lassen, verstehn Sie, alle fünfhundert Exemplare.« »Was! Wollen Sie auch Buchhändler werden?« »Gott bewahre mich! Kontobücher, die andern taugen nichts.« »Was steht denn drin, was Sie so sehr interessiert?« »Lauter dummes Zeug.« »Was wollen Sie damit?« »Verbrennen! Sind schon Asche.« »Pestilenz!« rief der Rittmeister. »Sie sind mir ein kurioser Mann.« »Möglich. Sehn Sie, das dumme Zeug rührte von mir her, nämlich Blut von meinem Blut, von meinem Sohn. Konnte ich's nun übers Herz bringen, das dumme Zeug unter die Leute laufen zu lassen? Also fix in die Tasche gegriffen und Manteuffeln es machen lassen.« »Nu, das ist pfiffig gehandelt.« »Recht dumm, Herr von Dohleneck. Manteuffel glaubt zwar, er hat sie alle gekriegt, aber eins oder das andre ist doch unter den Tisch gefallen, und wer das weg hat, gibt's nicht raus. Wird's nun erst bekannt, man kriegt keine mehr, dann fallen sie drüber her wie die Fliegen übers Aas, jeder will's lesen. Ist das nun nicht eine pure Dummheit, hundert Taler wegzuschmeißen, damit ich was Dummes erst recht in die Welt schicke!« Das lag außer dem Departement des Rittmeisters. Er stellte sein leeres Glas auf den Tisch: »Herr! Wissen Sie was? – Aber verraten müssen Sie mich nicht. Den einen dummen Streich wollen wir Ihnen reparieren. Dem Legationsrat passen wir alle auf die Finger, und wenn er sich mal attrappieren läßt, dann soll er Ihnen kein Kopfweh mehr machen.« Der Kaufmann war aufgesprungen und faßte den Rittmeister mit beiden Händen, ich glaube es war nur an den Kragen; ursprünglich war die Liebkosung den Ohren oder Backen zugedacht. Der Respekt ließ die Hände tiefer sinken: »Herr, sind Sie des Teufels! Keine Hand angerührt an meinen teuern Legationsrat! Wollen Sie mir fünftau– wissen Sie, wie hoch die Wechsel sind? – Herr, Goldmann, daß dich! Nicht rühren an den Mann, bis – Wollen mich doch nicht ruinieren? – Und alles bleibt geheim, nicht wahr?« »Die Wände werden nicht plaudern«, sagte der Rittmeister. Ein deutscher Handschlag, und der Rest der Flasche floß in das Glas des Offiziers. »Also«, sagte der Kaufmann, indem er den bewußten Wechsel zum nicht geringen Befremden des Offiziers wieder aus der Brusttasche zog. »Also auf wie lange wollen Sie ihn prolongiert? – Denke, auf neun Monate. Lieber Gott, in neun Monat, was ist da nicht geboren!« Mit einem raschen Schriftzug war die Prolongation erfolgt. »Sie haben mir 'nen recht großen Gefallen getan«, schloß van Asten. »Könnte man alle Geschäfte so schnell abwickeln! Passiert aber auch nur unter Freunden, die sich ganz verstehen. Und wenn Sie sonst zur Equipage noch etwas bedürften, einhundert oder zweihundert Tälerchen, klingeln Sie nur, Spandauer Straße, gleich um die Ecke das dritte Haus und dann links, auf dem Hofe ist der Eingang.« Sechstes Kapitel. Fensterskizzen . Es war ein grauer Herbsttag, an dem die Sonne nur dann und wann einen Blick auf die Dächer von Potsdam warf. Der Wind wehte die gelben Blätter durch die Straßen: öde sonst, heut belebt von Köpfen, Uniformen, Livreen aller Farben und Muster, von Physiognomien, die den verschiedensten Nationen, ja Weltteilen, anzugehören schienen. Die Equipagen von Ministern, Generalen, von Gesandten und fremden Prinzen rollten unaufhörlich zwischen den Palästen und Wirtshäusern, und zu diesen Gästen von diplomatischem Charakter kamen aus der Hauptstadt zahlreiche Postchaisen, Lohnfuhrwerke und jene langen und schmalen, ihrer Zeit wohlbekannten Charlottenburger Korbwagen, deren magere und keuchende Pferde zwölf Neugierige oder noch mehr aus der ersten auf einmal in der zweiten Residenzstadt absetzten. Es mußte ein großes Ereignis oder eine große Erwartung sein, welche so viele Berliner, und an einem Tage, den beschwerlichen Weg unternehmen ließ. Ja, Potsdam, das lange verödete, schien wieder der Mittelpunkt eines europäischen Lebens geworden. Man sah es an den Blicken, man hörte es am Geflüster der Gruppen, aber nicht an den laut gewordenen Reden. Denn wenn zwei sich begegneten, fragten sie nur: »Haben Sie ihn schon gesehen?« – Wenn ihn nicht, den ritterlichen Gast, hatte man doch einen seiner silberumgürteten Kosaken gesehen, die Straße auf, Straße ab sprengten, angestaunt und bewundert von allen. Und es war doch auch sonst so viel auf den Straßen zu sehen, was da selten sich zeigt: die ersten Männer des Staates, Militär und Zivil, im Freien promenierend, in den Haustüren, an den Ecken stehend. Es schien ein öffentliches Leben in der Stadt Potsdam, und – es war keine Parade! So vornehm die Männer und Gäste, waren doch nicht alle geladen, ja die wenigsten hatten in den Appartements des Schlosses Zutritt, welche heute mehr dem häuslichen und Familienbeisammensein geöffnet sein sollten. Aber gleiche Erwartung, Spannung, ob und was sich entwickeln werde, hatte die Ersten und Höchsten hergetrieben. Feldherrn, Minister und Kabinettsräte, und nicht mit dem geheimnisvollen Nimbus der Autorität und des Allesbesserwissens um die Stirn, suchten, wie die Opferpriester im Flug der Vögel, in den Mienen der andern, ob sie eingeweiht waren. Es mußten wenige eingeweiht sein. Die eben vom Schlosse zurückkamen, antworteten, wenn Gruppen sich um sie bildeten, nur mit Achselzucken. Auch vornehme Damen standen an den geöffneten Fenstern. Neugierig schweiften die Blicke der Fürstin Gargazin über den Platz, und sie hörte nur halb, was der Kammerherr von St. Real erzählte. Er war im Schloß gewesen und hatte aus dem Vorzimmer einen flüchtigen Blick auf das häusliche Glück im Schoß des Heiligtums geworfen. »Was helfen uns Familienszenen, Kammerherr!« »Seine Majestät der Kaiser ließen zwei der königlichen Kinder auf Ihren Knien reiten. Ihre Majestät die Königin blickte mit verklärter Mutterfreude auf das Bild.« »Das glaube ich; aber der König?« »Stand, die Hände auf dem Rücken, daneben.« »Ernst wie immer?« »Nein, Seine Majestät lächelten. Alle meinten, das werde eine Unité, die nie zerreißen kann.« »Aber andern die Geduld«, warf die Fürstin ein. » Die Einigkeit da gefällt mir besser. Sehn Sie, Haugwitz mit dem Erzherzog Arm in Arm.« »Sie scheinen in ein sehr ernsthaftes Gespräch verwickelt«, bemerkte ein Dritter am Fenster. »Und Blücher schlägt hinter ihnen mit den Füßen den Takt. Er kann seine Freude kaum verbergen.« »Er sollte nur den Säbel nicht so klirren lassen! Lombard flankiert umher. Ihm ist's nicht recht. Er möchte gar zu gern Haugwitz einen Wink geben.« »Sehn Sie die Position, die er einnimmt. Sie sehn Lombard noch nicht; so sind sie vertieft. Jetzt müssen sie auf ihn stoßen, und geben Sie acht, wie er sich wie ein Aal in ihr Gespräch schlängeln wird!« »Magnifique!« rief die Fürstin und klatschte ihre feinen Hände unwillkürlich zusammen. Ein rieselndes Gelächter der Umstehenden akkompagnierte ihre Empfindungen. Der Erzherzog mußte Lombard gesehen haben, und mit einer geschickten und raschen Wendung bog er kurz vor seinem Zusammentreffen dem Hindernis aus. »Parbleu! Erlaucht, steht er nicht da wie eine Salzsäule!« »Lombard verblüfft, ô c'est pour rire .« »Blücher streicht sich den Bart. Der Seitenblick, den er ihm zuwirft! Ich fürchte für Lombards Magen.« »Er kann viel vertragen.« »Er rekolliert sich schon.« »Der rechte Mann, um bonne mine à mauvais jeu zu machen. Aber sehn Sie Rücheln dort an der Ecke. Wie ein steinerner Roland, und ein Gesicht, als hätte er in eine bittre Zitrone gebissen.« »Das ist schlimm, wenn Rüchel nicht zufrieden ist.« »Wie sollte er es sein, gnädigste Frau, wenn Blücher vor ihm triumphiert!« »Ah, Monsieur de Bovillard!« rief die Fürstin mit holdseliger Stimme, über die Fensterbrüstung gebeugt. »Den!« Die Kavaliere sahen sich verwundert an. »Er kommt wahrhaftig herauf« »Meine Herren, von meinen Freunden erfahre ich nur, was ich weiß, an unsre Feinde müssen wir uns wenden, wenn wir lernen wollen«, entgegnete die Fürstin rasch umgewandt, während der Mann, welchem die Bemerkung galt, schon die Treppe heraufstieg: » Tout à vos ordres, ma princesse !« keuchte der Atemlose, sich tief verneigend. »Sie sind echauffiert. Meine Herren, das Fenster zu, damit Herr von Bovillard sich nicht erkältet! Wirklich, Sie sollten sich schonen, für den Staat und – die Ehren, die Ihrer warten.« »Erlaucht belieben, mit einem abgesetzten Manne zu spotten. An uns ist es, Kohl zu pflanzen.« »Eine sehr hübsche Beschäftigung«, entgegnete die Fürstin, »die sich aber ganz gut mit einigen Dekorationen auf der Brust verträgt. – Blicken Sie mich doch nicht so ehrlich an –« »Auf Ehrlichkeit und Ehre, Madame, ich glaube, wir sind schon russisch. Ihr Sklave wirft sich Ihnen zu Füßen und fleht um Ihre Fürsprache, daß er Gnade empfange.« »Die Alexander, der Großmütige, von selbst gewährt. Ohne Spaß, Herr von Bovillard, was trugen Sie davon? Einen Orden, Brillantringe, Dosen? Er vergißt seine Freunde in der verschwenderischen Großmut gegen seine Feinde.« »Erlauchte Frau, Sie könnten mich stolz machen, zu glauben, daß ich noch nicht überwunden bin, denn meine Brust und Taschen sind leer.« Die Fürstin fixierte ihn, mit der Antwort, wie es schien, nicht unzufrieden: »Er ist noch großmütiger, wenn er Freunde gewinnen will. Doch freilich, wenn er Sie öffentlich dekorierte, wie würden Sie vor Laforest bestehen? Aber in der Tat, lieber Bovillard, die Miene der Ehrlichkeit steht Ihnen schlecht; ich fürchte sie weit mehr, als wenn Sie mit Ihrer mokanten mich zum besten haben.« »Parole d'honneur, princesse! Auf die Gefahr hin, ich muß ehrlich sein, denn ich weiß nichts.« »Wer ist beim König?« »Haugwitz, wie Sie sehen, promeniert mit dem Erzherzog. Voß geht in der Antichambre verdrießlich umher und sagt zu den einen ja, zu den andern nein. Hoym hat nur Augen für die Königin; er scheint im Vertrauen und wartet auf ihre Winke. Schulenburg und Angern unterhalten sich mit den Adjutanten über die Viehzucht in der Krim. Köckeritz sagt zu jedem, es werde alles gut werden, wenn man nur ruhig bleibt. Wittgenstein hat ein paar vornehme Russen am Arm und zischelt ihnen die geheime Geschichte einiger Hofdamen zu. Zur Radziwill war Alexander sehr zuvorkommend. Sie ist ihm aber zu enthusiasmiert, hat mir im Vertrauen Fürst Woronzow gesagt. Er liebt die plastische Ruhe. Die Prinzeß Mariane bewundert er um ihre Schönheit, sie ist ihm aber wieder zu plastisch und klassisch. Komteß Laura –« »Um Himmels willen, das Kataster unsrer Schönheiten ein andermal!« unterbrach ihn die Fürstin. »Aber die Königin bleibt die Zentifolie unter den Blumen, die Sonne unter den Sternen. Und welcher getreue Untertan wagte dem zu widersprechen!« »Beim Gespräch vor der Kinderszene, ich meine im Kabinett, war kein Minister zugegen? Wo war Beyme? Ward Lombard von ihnen hinausgeschickt?« »Erlaucht, ich bin ja so unschuldig wie ein neugeboren Kind, und, hol mich der Geier – Pardon! – sie sind's alle im Schlosse. Es druckst etwas und will nicht herausplatzen –« »Und der Allianztraktat? –« platzte es bei der Fürstin heraus. »Steht noch nicht auf dem Papier –« Bovillard, wenn er sie nicht selbst eingebüßt, hätte jetzt von der Fürstin sagen können, daß sie die Kontenance verloren. Sie war nicht mehr Diplomatin, sie ging mit Heftigkeit auf und ab: »Und von der Stunde hängt es ab! – Ist denn solcher – möglich! Jung und –« »Die Bedächtigkeit ist doch eine schöne Sache«, fiel Bovillard ein. »Ihr intrigiert doch hinter unserm Rücken«, fuhr die Fürstin auf, »trotz Beymes Versprechen, das er der Radziwill geben mußte, trotz des Gesprächs, was Lombard neulich mit der Prinzessin Mariane hatte. Ihr laßt Haugwitz mit dem Erzherzog Anton verhandeln, damit er von der wichtigem Unterhandlung mit Alexander abgezogen wird. Hardenberg laßt ihr einer reisenden Schauspielerin mit Extrapost nachfliegen, daß er noch nicht nach Potsdam zurück ist; Prinz Louis zu einer opportunen Zeit dem König in den Weg treten, daß er aufgebracht werden mußte. Stein, Gott weiß, wo ihr den in den Winkel gestellt habt. Kurz, ich durchschaue alle eure Ränke, und im wichtigsten Moment seines Lebens, wo er Rat haben muß , ist es euch gelungen, ihn mit Nullen und Pagoden zu umstellen.« Die Fürstin hatte recht, wenn sie heut in des Geheimrates Bovillard Physiognomie etwas Unnatürliches fand, nämlich die Ehrlichkeit. Wie er jetzt, aufrecht stehend, sie groß ansah, die Hand an der Brust, hätte der gewiegteste Psycholog geschworen, er meine es aufrichtig: »Erlauchte Prinzessin, die Flüsse spielen um den Berg, aber wenn der Berg den Einfall bekommt, einzustürzen, ist ihr Spiel aus. Einem Selbstherrscher aller Reußen gegenüber, der den Einfall bekommt, uns mit seinem höchsteigenen Besuch zu überraschen, hört unser Spiel auf. Der Gewalt weicht die Kunst. Jetzt spielen höhere Mächte, und wir fügen uns als Stoiker in das Unabänderliche.« Es entstand eine Pause. Die Fürstin hatte ihre Promenade noch nicht beendet: »Einer muß doch den Anfang machen!« rief sie halb für sich aus dem Chaos ihrer Gedanken. »Aber wenn der eine es nicht geschickt anfängt, schickt er ihn fort«, sagte Bovillard. »So ging es Stein. Der Freiherr polterte mit einer Proklamation los, die er in der Tasche trug, am Schweif eine Kriegserklärung. Majestät zogen die Stirn und zuckten mit dem Arm. Stein sagte, was man wolle, müsse man zeigen, und was man zeige, müsse man wollen. Majestät sagten, Sie hätten auch noch andre Räte, auch kluge Leute, auch treue Diener ihres Herrn, die er schon länger kenne als den Herrn von Stein und die nicht gleich mit dem Kopf durch die Mauer wollten. Zum Glück applanierte der Kaiser mit einer liebenswürdigen Wendung den Riß.« »Und Stein?« »Studiert im Lustgarten den Kunststil der Dryaden und Najaden.« »Hardenberg wäre besser zum ersten Angriff gewesen. Wer denn nun?« »Wer hat gleich ein neues Konzept fertig! Von unsern Freunden werden Sie die Initiative nicht erwarten. Wir stellen uns nur zur Disposition.« »Man kann wirklich nicht mehr Aufopferung fordern«, bemerkte ein Russe. »Johannes Müller ist doch zitiert«, sagte die Fürstin. »Steht auch da, Erlaucht, mit der Feder in der Tasche, Tinte hat er auch, aber das Papier will man ihm noch nicht geben. Lombard ist ja auch berufen, hat auch die Feder gespitzt; je nachdem, französisch oder deutsch, hart oder weich.« »Aber nachdem Stein abgeblitzt, mußten doch Majestät Ihre Meinung äußern.« »Sie haben sie auch geäußert. Das Wort Kriegserklärung, so hart noch herausgestoßen, ohne alle Überzuckerung, hatten Majestät dermaßen irritiert, daß Ihro Majestät die Königin dem Kaiser einen Wink gab. Alexander verstand sie auch mit einer admirablen Grazie. Nun ward der Krieg emballiert, in eine traurige Eventualität übersetzt, und unter dieser Umhüllung passierte er wieder in der Konversation. Wenn man nur den rechten Ernst zeige und nur zur rechten Zeit, dann könne man sich der sichern Hoffnung hingeben –« »Daß Bonaparte zu Kreuz kriecht! – Oh, charmant!« rief die Fürstin, und dunkle Lichter blitzten auf ihrem Gesicht, die wenig zu der zurechtgelegten Sanftmut paßten. »Darum von Petersburg nach Moskau geflogen, darum eine halbe Welt in Aufruhr, darum diese kostbaren Stunden in Potsdam! Um eine Ambassade, um eine neue Konferenz, um Protokolle -« »Ohne Ambassade, Erlaucht, geht es nicht ab, mein kleiner Finger sagt es mir.« »Die dem Korsen vorstellen soll, wie unbillig er gehandelt, ihm Moral predigen und Unterricht im Völkerrecht geben! Damit er sie, uns, alle, nicht allein verachtet, besiegt, mit Füßen tritt, nein, daß er sie auch verlacht. Und er hat recht.« Der Major von Eisenhauch war schon während ihres Gespräches eingetreten. Er schien über die Gesellschaft, die er hier fand, verwundert. »Nun, und Sie, Major?« Er zuckte die Achseln: »Bis zum außerordentlichen Gesandten ist man gekommen. Er soll morgen abreisen.« »Mit welchen Bedingungen?« »Man spricht davon, der Luneviller Friede soll zum Grunde gelegt werden.« »Die kann Bonaparte nicht annehmen«, sagte die Fürstin rasch. »Das wäre also so gut wie Krieg. Aber wer wird zu ihm gesandt?« »Haugwitz.« In den Gesichtszügen der Anwesenden war Überraschung, vielleicht etwas mehr, Entrüstung, Schreck zu lesen. Eine sprachlose Pause. »Ist das auch das Spiel der höheren Mächte?« fragte die Gargazin mit einem bittern Blick auf Bovillard, der verstummte. Der Major antwortete statt seiner: »Seiner Majestät eigner Wille. Niemand hatte natürlich an Haugwitz gedacht. Sie mögen denken, wie es auf alle gewirkt. Aber des Königs Gerechtigkeitsgefühl spielte mit.« »Sagen Sie – ach, mir fehlen auch die Worte dafür. Er schickt den hin, der unter jeder Bedingung nach dem Frieden greift.« »Warum nicht den«, bemerkte Bovillard bescheiden, »der Napoleon persönlich angenehm ist. Zum Vermitteln schickt man doch nicht widerwärtige Geschöpfe.« »Um Vergebung«, nahm der Major das Wort, »ich glaube vielmehr, daß das des Monarchen eigentümlicher Sinn war. Er wollte dem, welchen er durch einen gefaßten Beschluß gekränkt, durch sein Vertrauen es vergütigen. Übrigens, ich glaube jetzt auch an Haugwitz. Er geht nicht gern, aber er geht. Der Erzherzog, der Kaiser, von allen Seiten überschüttet man ihn mit schmeichelhafter Aufmerksamkeit. Auch contre-cœur ist er verstrickt.« »Meine Herren«, erhob sich die Fürstin, »die Personen sind am Ende gleichgültig. Aber wo ist der Wille? Was ist beschlossen? Wann reist Haugwitz? Mit Kurierpferden? Wohin? Welchen Termin soll er dem Usurpator setzen? Wenn er nein sagt, wann stoßen unsere Heere zusammen? Wo? Wo ist der Plan? – Wo der Traktat? Fehlt es in Potsdam an Papier? Eine Feder kritzelt zu langsam. Mit Blitzen müßte man schreiben. Denn der Attila reitet auf Blitzen.« Sie sah sich vergebens nach einem Aufblitzen in den Mienen um. Die Herren zuckten die Achseln. Man blickte ziemlich ratlos zum Fenster hinaus. Auch dort waren nur fragende Gesichter. »Köckeritz kommt aus dem Schlosse!« »Rüchel packt ihn. Wie hastig sie sprechen!« »Rüchel ist außer sich. Er kneift den armen Köckeritz ordentlich in den Arm.« »Oh weh, seine Nachrichten müssen schlimm lauten.« Aber man sprach sich Trost zu. Es sei gut, daß man die Hitzigen aus der nächsten Umgebung zu entfernen gewußt. Die Radziwill und ihr Bruder hätten durch ein Wort alles verderben können. Die Königin operiere verständig und im Einverständnis mit dem Kaiser. Sie leiteten klugerweise das Gespräch auf gleichgültige, aber dem König angenehme Dinge, um in der Gunst der Stunde auf die Sache einzulenken. Dann lasse sich oft das Schwierigste in einem Augenblicke abtun. »Und wer kann sich rühmen, daß er der Liebenswürdigkeit eines Alexander auf die Länge widerstanden hat!« bemerkte ein Begleiter der Fürstin mit einem feinen Seitenblick, der trotz der Aufregung verstanden ward. »Wenn die Stunde nur nicht so kurz wäre und der Boden nicht unter unsern Sohlen brennte!« seufzte sie. Es hatte sich noch jemand in der Gesellschaft eingefunden, entweder jetzt erst, oder er befand sich schon eine Weile unbemerkt im Zimmer, das einer gemeinschaftlichen Schauloge ähnlich schien. Vom letzten Fenster wandte sich der Legationsrat von Wandel zu den Sprechenden um: »Wir dürften uns die klugen Leiter dieses Tages zum Beispiel nehmen und wie sie die Ungeduldigen, unsre eigne Ungeduld zurechtweisen. Wenn man auch schon einig wäre, würde man einen geheimen Traktat vor aller Augen abschließen? Halb Berlin ist hier versammelt, die Ohren und Augen dringen bis durch die Mauern des Schlosses. Außerdem kennen wir alle die Scheu seiner Majestät vor der Publizität. Man hat gewiß diesen Tag in Potsdam nicht ohne Absicht gewählt, aber nicht auf diesen Strom von Zuschauern gerechnet. Mich dünkt, es ist sehr klug, daß man nun den Tag verstreichen läßt, um den Abend abzuwarten.« »Wissen Sie etwas?« Die Fürstin trat mit ihm beiseite. »Eigentlich nichts. Man unterminiert und weicht auf. Alexander sucht ihm die Eventualität als gar nicht so gefährlich zu schildern. Es werde mit einer Entscheidungsschlacht abgetan sein. Wenn die drei vereinigten Heere zusammen agierten, müsse man den schon Geschwächten zerdrücken, wie er den Mack bei Ulm.« »Und er rechnet aus die Leichen und das Blut!« »Dann meint Alexander, es werde vielleicht in dem Falle gar nicht zum Blutvergießen kommen; umzingelt, ohne Rettung, ohne Aussicht, werde er sich auf Gnade ergeben.« »Charmant! Majestät unser gnädigster Kaiser malen ihm auch vielleicht die Seligkeit der Großmut. Wie sie den Besiegten aufheben, ihn an ihre Brust drücken wollen, wie Karl den Wittekind, ihn ihrer Liebe versichern und ihm ein bescheidenes Kaisertum zuweisen. Nicht wahr, Majestät Napoleon werde, gerührt von soviel Großmut, in Tränen ausbrechen, daß er sich in seinen wahren Freunden getäuscht, mit ihnen in einem heiligen Bunde geloben, fortan nur für das Wohl der Menschheit zu wirken. Und so weiter.« »Vergessen Erlaucht nicht: der König ist ein gerechter Mann und ein Mann von Takt. Durch Illusionen läßt er sich nicht bestechen.« »Bestechlich ist jeder. Man muß nur viel und das Rechte bieten.« »Ihr Kaiser schien vergessen zu haben, daß der König vor Napoleon Respekt hat. Friedrich Wilhelm erinnerte ihn, daß er ein großer Feldherr sei, dem Gott Siege verliehen, und nur Siege, auch jetzt ein gekrönter Fürst, den er anerkannt, daß er Verträge mit ihm geschlossen, die ihm immer und auch dann noch heilig seien, wenn der andre sie verletzt –« »Wirklich! Und –« »Da schien die Königin der Bock einen Wink gegeben zu haben. Sie trat mit einem der jüngsten Kinder herein.« »Et cetera«, rief die Fürstin ungeduldig. »Und nach dieser Kinderszene, was kam da für eine neue?« »Nachdem man wieder weich geworden, stellten Ihro Majestät ihrem Gemahl vor, ob nur Bonaparte vor Gott mit Siegen gekrönt, ob nur er Kronen trage, ob man um seiner Feinde willen seine Freunde vergessen dürfe? Ob er einen bessern Freund habe als Alexander? Ob irgendein anderer Freund so gütig seine herben Launen würde hingenommen haben? Was er sagen würde, wenn der Kaiser aufgebracht das Zimmer verlassen, sich in den Wagen geworfen und aufgebrochen wäre? Und was die Welt dazu sagen würde, wenn Alexander – nach solchem Embarras – scheide, breche? Ob das nicht ein Bruch mit Rußland, mit den Alliierten wäre? Ob Napoleon wenigstens das nicht so ansehn müsse? Ob er mit Gewalt in dessen Arme wolle gestoßen sein?« Der Legationsrat neigte sich zum Ohr der Fürstin: »Ein moralischer Coup. Irgendeine Attrappe – um Mitternacht meint man. Worin sie bestehen wird, ist noch Geheimnis.« »Doch keine Geistererscheinung!« Die Fürstin sah ihn mißtrauisch an. »Die kämen im Jahre 1805 um zehn zu spät. Und woher wissen Sie es?« Der Legationsrat beugte sich wieder ans Ohr der Fürstin, als die Tür aufgerissen ward und der Jäger hereinrief: »Exzellenz Minister Laforest!« »Laforest!« hallte es leise wider von den Lippen; die Gesichter schienen zu erblassen wie vor einer Geistererscheinung. Aber Laforests Eintritt verscheuchte den Eindruck. Ihm voraus sprang ein großes, schönes Windspiel; er selbst im eleganten hellen Negligéüberrock glich mehr einem Engländer als einem Franzosen; nonchalant und heiter, warf er leicht grüßend seine Blicke im Kreise umher, nachdem er vor der Fürstin sich verbindlich geneigt. »Herr von Laforest in Potsdam – das ist ja eine unerwartete Überraschung!« sagte diese. »Sie meinen, weil Duroc abgereist ist, müßte ich auch Pässe erhalten. Durocs Mission war Krieg, meine Frieden. Der Krieg geht ab, der Friede bleibt. Gnädigste Frau, das ist der Vorzug eines ordentlichen Gesandten, der sich um außerordentliche Dinge nicht zu kümmern hat.« »Herr von Laforest glaubt nicht, daß es zu außerordentlichen Dingen kommen wird?« fragte ein russischer Kavalier. »Ist die Einigkeit hier nicht schon etwas Außerordentliches, mein Herr! Nur in diesem Zimmer allein, welche Physiognomien, welche Parteien sehe ich vereinigt unter der Huld unsrer bezaubernden Wirtin. Ist nicht ganz Potsdam zum Blumenstrauß geworden, ich meine nicht von Federbüschen und Ordensbändern, sondern von schönen Gesichtern. Mir ist, als wäre ich zum Schluß einer großen Komödie eingetreten.« »Andre meinen, zum Anfang einer großen Tragödie«, sagte die Fürstin. »Das kann ich nicht glauben, Prinzessin. Wirklich nicht! Würde Seine Majestät Ihr Kaiser darum selbst hergekommen sein? Beginnt man einen Krieg mit rührenden Familienszenen? Nein, nein! Ich leugne ja gar nicht, was zutage liegt, man war mit der Absicht, eine Eventualität ins Auge zu fassen, gekommen, aber bei reiferer Betrachtung der Dinge gibt man die mörderische Absicht wieder auf« »Exzellenz haben vermutlich die Dinge sehr nahe betrachtet?« »Ich kam auf dem Umweg über Sanssouci. Das herbstliche Laub gibt eine wunderliche Schattierung. Sie sollten dahin einen Ausflug machen. Herr von Stein ging an mir vorüber, ohne mich zu sehen. Ich mache nun wirklich nicht Ansprüche, ein Menschenkenner zu sein, aber ein Abc-Schüler konnte auf seinem Gesicht lesen, daß seine Kriegspläne nicht durchgegangen sind. Ein Biedermann, ein scharfer Verstand, mit einem Wort, ein Kraftgenie, dieser Herr von Stein. Wirklich schade, daß er ein Ideologe ist.« »Wie unterscheiden Sie Komödien von Tragödien?« fragte etwas spitz die Fürstin. »Das Charakteristische einer Tragödie, sagen wenigstens die Ästhetiker, sei, daß die Helden zuletzt isoliert dastehen, im Gefängnis oder am Schafott. In der Komödie gruppieren sie sich dagegen zum Schluß immer dichter aneinander. Alle heitern und lustigen Figuren, die sich durch fünf Akte gesucht, finden sich; die Fältchen und Runzeln werden ausgeglättet, die Mißverständnisse aufgeklärt. So kommt mir die ganze Weltgeschichte in ihrer jetzigen Entwickelung wie ein großes Lustspiel vor. Früher isoliert, finden sich jetzt nicht mehr die einzelnen Personen, nein, ganze Staaten, Völkerschaften zusammen, die Kongresse werden immer größer. Die Fürsten, die Staatsmänner lernen sich kennen; früher kannten sie nur ihre Schwächen, jetzt ihre Vorzüge; die Mißverständnisse, in der Ferne groß, erscheinen in der Nähe klein. So bahnt sich eine Verständigung an in immer weitern Kreisen, bis wir alle endlich eine große Völkerfamilie sind, einig in Harmonie und Interessen.« »Haben Sie gute Nachrichten von Ihrem Kaiser? Seine Majestät befinden sich doch in erwünschtem Wohlsein?« »Er erwartet mit Sehnsucht den Ambassadeur aus Berlin. Sie müssen wissen, Kaiserin Josephine bewundert Kaiser Alexander in der Stille um seine Humanität, seine Ritterlichkeit. Sie möchte ihn gern von Angesicht sehen –« »Mein Kaiser Alexander ist zu galant, als daß er dem Wunsch einer reizenden Dame nicht gern entgegenkäme.« »Auf das Entgegenkommen kommt es ja nur an, in allen Dingen.« »Das fehlte noch, daß uns Napoleon hier überraschte!« rief unwillkürlich Major Eisenhauch. Der Gesandte schien es gehört zu haben: »Aber nichts von Überraschung in so ernsten Dingen. Ein neutraler Ort in der Mitte, der findet sich ja leicht zum Fürstenkongreß. Drei, vier edle Monarchen und noch edlere Menschen, begleitet von schönen Fürstinnen, holden Frauen, in deren Augen der Tau des Mitgefühls für Menschenleiden perlt, und in ihren Händen ruhend das Schicksal des Kontinentes! Was gibt es Schöneres? Einen Dichter könnte es begeistern zu einer Ode. Leider sind Diplomaten keine Dichter. Tyras, Attention!« »Wohin?« Laforest war aufgestanden, der Hund sprang an ihm herauf: »Wittgenstein ließ mich dringend auf einen Augenblick bitten. Was wird es sein! Eine neue chronique scandaleuse. – Berlin ist von Ihrem Kaiser enchantiert. Weiß man noch gar nichts, wo sein Auge haftenblieb?« »Wohin sehen Exzellenz?« »Prächtig! – Das sind Söhne der Natur, Prinzessin! Besonders der ältere mit dem rötlichen Bart.« »Ach, die beiden Donischen Kosaken! Seine Begleiter.« »Solche Ursprünglichkeit! Das erquickt das Auge. Wie zusammengewachsen mit ihren Pferden. Kein Blick der Neugier auf die Tausende, welche sie angaffen. Herr von Eisenhauch seufzt – gewiß über unsre Entartung. Ja, von den Söhnen der Steppe könnte wieder frisches Blut in unser Geschlecht kommen.« »Der Kaiser reitet jetzt wahrscheinlich aus«, sagte der Kammerherr. »Wenn Kaiser Napoleon uns mit seinem Besuch erfreuen sollte«, sprach der Major, »wird er uns doch auch mit seinem treuen Rustan überraschen.« »Hier braucht er keine Mamelucken«, fiel Laforest rasch ein. »Im Vaterlande der Humanität schützt ihn Ruhe und Ordnung. Er hat es oft gesagt, in Berlin würde er allein, ohne Waffen, ohne Begleitung in der Dämmerung durch die Winkelgassen reiten.« »Ein ehrenvolles Attest für uns!« bemerkte St. Real. »Gewiß«, stimmten alle ein. »Wenn es seine irdische Krone verlöre, hätte Preußen auf die himmlische Anspruch, die den Friedfertigen verheißen ist.« »Wir sind Feinde, Herr von Eisenhauch«, wandte sich Laforest zum Sprecher, während die Fürstin zum Fenster hinaussah. »Feinde, aber in einem kommen Sie doch mit mir überein?« »Ich gebe nichts auf.« »Auch nicht die Hoffnung, daß man hier noch Politik machen kann?« Der Jubel draußen galt dem Erscheinen des ritterlichen Kaisers. Zwei Schritt begleitete die Fürstin den Gesandten; seine Miene schien ihr noch etwas mitteilen zu wollen. »Was soll's noch, Exzellenz! Die Orlogfahne flattert.« »Sie kann wieder abgenommen werden.« »Jetzt nicht mehr.« – »Aber später.« »Die Kluft ist zu groß.« »Über die tiefste weiß die Diplomatie Brücken zu schlagen, wenn das Interesse es fordert. Wird sind Feinde, in einem kommen Sie aber doch mit mir überein?« »Keine Allianz!« rief sie mit nervöser Heftigkeit. »Mit den Ideologen oder Germanomanen. Ich bin kein Dichter, aber vielleicht ein Prophet. Ich sehe die Brücke gespannt, die Rußland und Frankreich einst verbindet.« »Was wollte Laforest eigentlich?« fragte ein Russe, nachdem der Kaiser vorübergeritten und die Gesellschaft sich wieder schweigend zusammenfand. »Auf die Frechheit den Hohn setzen!« rief Eisenhauch. »Belauscht hat er wenigstens nichts, was er nicht schon weiß«, versicherte Bovillard. Der Legationsrat erwiderte: »Vielleicht nur uns beschäftigt, um unsre Aufmerksamkeit von dem abzuziehen, was wir nicht wissen sollen. Die erlauchte Frau steht in Gedanken versunken?« »Über dem aufgewühlten Chaos hinzutänzeln wie auf Blumenwiesen ist die Kunst dieses Lebens«, sagte die Fürstin Gargazin. »Wer immer die Risse sähe und die züngelnden Flammen! – Ich liebe die Diplomaten, welche in jeder Situation die Dehors beobachten.« »Frau Baronin Eitelbach!« meldete der Jäger. Unausstehlich! schien auf den schwellenden Lippen der sanften Frau geschrieben; aber über die Lippen kamen nur die sanft verhallenden Worte: »Auch die jetzt! Und wir stehen auf Kohlen!«, wobei ein strafender Blick auf den Legationsrat fiel; der aber blieb bis auf ein leises Achselzucken unbeweglich. Es war die Protestation der Unschuld. »Sehr willkommen!« sagte die Fürstin laut, und als die Gemeldete eintrat, war der Schauer des Unmuts von Lippen und Stirn verschwunden oder versteckt in dem herzlichen Embrassement. »Auch meine liebe Baronin! Ich weiß nicht, ob die Überraschung größer ist oder die Freude!« Siebentes Kapitel. Das Gespenst von Sanssouci . Teilten nur die mit Sternen und Bändern die fieberhafte Stimmung? Auch unter dem schlichten Bürgerrock schlugen warme Herzen bang, sehnsuchtsvoll der Entscheidung entgegen. Nicht alle, vielleicht nicht viele unter den vielen, aber alle fühlten, was es galt. Wenn nicht das Vaterland selbst, doch seine gefährdete Ehre. Und es war eine mächtige Blutströmung damals, weil der Glaube sie trug, daß sie unerschütterlich stehe am Firmament angefestet mit dem Gestirn, das Friedrichs Ehre heißt. Unter denen, die in den langen Korbwagen aus Berlin gekommen, wußte man gewiß so wenig von dem, was im Schlosse vorging, als die in glänzenden Equipagen und mit blasenden Postzügen herübergerollt es wußten. Und doch, obgleich ihre Ohren nicht so fein gespitzt, ihre Augen nicht so geschärft waren, um aus dem Schütteln einer Handkrause Schlüsse zu ziehen, was den Mann in dem Augenblick bewegte, der das Hemde trug, obgleich alle die feinern Vermittelungen, Organe und Bezüge ihnen abgingen, welche die Erwählten mit dem in Verbindung setzen, was ihnen als Herz gilt, doch wußten diese Massen weit mehr als jene. Ein Tropfen Blut färbt ein Glas mit Wasser, ein Wort, eine hingestreute Nachricht durchfliegt, bewegt, entzündet die Massen. Jene üben die Kritik der Phantasie, um ihre Denkkraft zu zersplittern bis zur Nichtigkeit. Diese lassen sich berauschen von einem Wink, Blick, Schall, ohne ihn zu prüfen. Jene legen die Empfängnis auf einen Destillierkolben, der auch den Diamant in Rauch zersetzt, bei diesen fällt sie in den Zauberkessel des Glaubens und steigt und schwillt zu einem riesigen Dunstphantom in die Lüfte. Warum konnte denn Kaiser Alexander nach Berlin gekommen sein, warum hatte man ihn nach Potsdam feierlich abgeholt? Warum hatten sich die hohen Herrschaften als Familie abgeschlossen? Warum war der Erzherzog Anton da und die hohe Generalität in Gala? Es muß eine systematische Depravation vorangegangen sein, wenn das Volk bei außerordentlichen Akten an eine Komödie denken soll. Es war vieles in Preußen vorangegangen, was das Volk geschmerzt, gekränkt, es hatte viele Männer hassen gelernt und hielt andere für fähig, es täuschen und verraten zu wollen, aber daß die höchsten Behörden, Minister und Generale, die Regierung in ihrer Gesamtheit, daß der Hof, der König und der Kaiser ein großes Schauspiel vor ihm aufführe, hinter dem eine andre Wahrheit lauert als die sichtbare, das hielt damals das preußische Volk für unmöglich. Es glaubte an die Wahrheit wie an die Ehre seines Staates. Weil es glaubte, war es froh. In der Freude das Maß der Schönheit beobachten ist nicht allen Völkern gegeben. Die Lustigkeit brach roh heraus. Wenn der Kosak die Peitsche wirbelte, jubelten sie ihn an, sein Hurra erwidernd: »Los auf die Franzosen!« Man reichte den Söhnen des Don die Schnapsflaschen. Die Flaschen gingen auch im Volk von Mund zu Munde. Des Alten Fritz Name, der Name Roßbach schallten unter einem Gelächter, daß manchem die schönen Namen in der Gesellschaft leid tun konnten. Das mußte auch einem so gehen, der sich unter die dichtesten Haufen gemischt; er wollte die Volksstimme hören. Aber Walter van Asten fand nirgend die Volksstimme, die er suchte. Ihm schien die Freude empörend, mit der man dem Kosaken die Hände schüttelte, seine Stiefel, Sporen betastete, den Schweif seines Rosses streichelte. Einer im Haufen machte den Spaßvogel. Mit wankenden Füßen und rot aufgedunsenem Gesicht malte er den Zuschauern, wie Napoleon bei Roßbach laufen würde, wofür schallendes Gelächter und Jubel ihn belohnte. Wo waren denn die Patrioten, die Walter suchte? Er mußte in einer bösen Stimmung sein; wo er ging, wohin sein Auge fiel, sah er nicht, was er erwartet. Im Volke Roheit, blödsinnige Hoffnungen, in den andern verbissene Wut, militärischen Übermut oder Kammerherrngesichter. Auch er hatte auf ein Schauspiel gehofft, aber keine Komödie, auf eines, das aufgehn werde wie die Blume aus der Knospe, wie die Sonne am Frühlingsmorgen, auf einen Auferstehungstag des preußischen Volkes. Wenn die Trommel wirbelte, eine Reiterschar durch die Straßen sprengte, aller Augen nach dem Schlosse sich wandten, wenn dann – die Fenster aufrissen, der König an die Brüstung träte, an der Hand die schöne Königin, zur Seite der ritterliche Freund. Wenn er an die Brust faßte, die Hand zum Schwur gen Himmel hob: »Gott sei mein Zeuge, ich kann nicht anders. Was ich getan, er weiß es, um die blutige Entscheidung zu ersparen. Er wollte sie mir nicht sparen. Mein Volk, es ist kein Krieg um eitlen Vorteil, es gilt die Erhaltung deiner selbst, unsrer teuer errungenen Selbständigkeit, es gilt Preußens mit Füßen getretene Ehre, es gilt den Augenblick, den nichts zurückkauft. Mein Volk, es gilt unser Dasein. Dies Wort ist Krieg, und mein Volk wird zu mir stehen!« – Und das Volk wäre mit einer Stimme, mit einem Laut in des Königs Worte eingefallen. Dann hätten Tränen perlen mögen im festesten Auge, dann jeder an die Brust des andern fallen, dann die Arme sich zum Schwur erheben, ein Laut in die Wolken, nicht Jubel, Freude, Musik, ein Laut der Einigkeit zwischen Fürst und Volk. Die Trommel wirbelte oft, es blieben Präludien. Kavalleriescharen preschten flimmernd und klirrend durch die Straßen, es war der Wind, der im Ährenfelde rauscht. Nur eine Melodie summte alle Viertelstunde ihm in die Ohren, das Glockenspiel auf dem Turme: Üb immer Treu und Redlichkeit Bis an dein kühles Grab, Und weiche keinen Fingerbreit Von Gottes Wegen ab. Er folgte den welken Blättern, die der Wind vor seinen Füßen trieb; ihm gleich, wohin. Er folgte ihnen aus der Stadt, hinaus aufs Feld, auf die Höhen. Ehe er es selbst wußte, stand er auf dem Ruinenberge, der das unter ihm liegende Sanssouci und die noch tiefere Stadt beherrscht. Die Laune des großen Königs baute Trümmerwände eines römischen Zirkus hierher, die Arena sollte das Wasserreservoir werden, aus dem die Fontänen in Sanssouci und der Stadt gespeist würden. Das Werk mißlang, und der König gab es auf. Er war müde geworden des Kampfes mit den Menschen und der Natur. Die künstliche Ruine, von Unkraut überwuchert, von aufschießenden Kiefernbäumen umstanden, war selbst wieder zur natürlichen geworden. Die eisernen Röhren, zerschlagen, waren als Prallpfeiler an den Straßen benutzt. Walter lehnte sich an eine Arkade. Grau lag Gegend und Stadt vor seinen Füßen; von den geputzten Menschen drang kein bunter Flimmer über die Dächer, vom Geräusch kein Ton herauf. Er war einsam, nur die Krähen schwirrten um die Kiefern. Kalt die Luft, grau der Himmel, grau war es in ihm. Es war grau nicht seit heute erst. Mit geschlossenen Augen verfolgte er ein Schauspiel; die Träume seiner Jugend gingen an ihm vorüber. Der Ehrgeiz, der schon in des Knaben Brust gespielt, wie oft hatte er sie geschwellt, wonach hatte er nicht die Hand gestreckt! Was war jetzt sein? Wie vieles davon hatte er, mit männlichem Entschluß, es nie wieder anzusehen, selbst in die Rumpelkammer verschlossen. Die Dichterlerche wollte wirbelnd in die Lüfte steigen; hatte er nicht geträumt von Lorbeerkränzen und seinen Namen an die Säulen geschrieben gesehen, wo die glänzendsten stehen! Eine Schamröte flog über seine Wangen. Dann – und dann, es waren Schaumwellen, und er lächelte. Aber er lächelte nicht mehr bei einem andern Gedanken, seine Hand preßte sich krampfhaft an die Brust: Und auch das könnte ein Traum gewesen sein? – Liebt sie dich denn? – Er wollte die Frage, die wie Hammerschläge auf sein Herz pochte, fortdrängen, was gehörte sie hierher! Er glaubte sie heut wenigstens überwältigt zu haben; andre Gedanken hatten ihn hergetrieben. Aber wie neckisches Echo rief sie wieder aus jedem Winkel. Endlich schwieg das Echo, aber er sann einer andern Frage nach, und seine Brust hob sich wieder: War das sträflicher Ehrgeiz, Jugenddünkel? Ist es nur den Adlern erlaubt, aus der Wolkenhöhe auf die Erde zu schauen? Dringt des Menschen Geist nicht tiefer in die geschaffenen Dinge, fliegt er nicht höher als der Vogel? Was tiefer, höher! War das Ehrgeiz, daß er ein tiefes Übel des Gemeinwesens erkannt, daß der Drang ihn übermannt, es vor der Welt hinzustellen und zu rufen: Helft, und so könnt ihr helfen! Wie ernst geprüft, studiert hatte er, dann nach vollster Überzeugung seine Gedanken ausgesprochen: so klar, deutlich; es mußte ja jedem, der die Augen nicht verschließen will, einleuchten. Und wo er anklopfte, verschlossene Türen; wo er sprach, lächelte man. Hatte ihn jemand widerlegt? Man hatte von schönen Gedanken gesprochen, aber wie die Welt sei, blieben es ja doch nur Chimären. »Sie hätten die ganze Welt für eine Chimäre erklärt, wenn der Schöpfer, ehe er das ›Werde‹ sprach, die klugen Leute befragt hätte!« Und seine Schrift! War ihm nicht das Seltsame begegnet, daß der Verleger, Herr Mittler auf der Stechbahn, schon nach einigen Tagen, als er sich einige Exemplare zurückholen wollte, ihm lächelnd erklärt, daß sie sämtlich vergriffen wären? – Verkauft? Alle bis auf das letzte, und – niemand in der ganzen Stadt sprach davon! Weil es wenige politische Schriften jener Zeit gab, erregten sonst auch die unbedeutendern Aufsehen, und von seiner wußte niemand, niemand fragte ihn danach, keine Zeitung hatte sie erwähnt! Sein Auge streifte nach den Krähen hinauf Dachte er an die Märchen von Raben, welche gestohlene Preziosen in ihre Nester tragen? Da blinkte es allerdings golden in dem Krähenneste zu seinen Häupten, aber es war ein Nachmittagstrahl, der das rauhe Geflecht anrötete. Die Wolken waren gebrochen, und die Sonne goß mit gesparter Kraft ihren Goldschein auf einen Teil der Gegend. Sanssouci mit seinen Metallkuppeln fing den vollen Strahl auf. Die Schnörkelspitzen der Dächer glühten, es mußte warm werden auf der Terrasse, warm wie ein später Herbsttag es zuläßt, und Walter fröstelte auf der windigen Höhe. Die Tore waren geöffnet und unbewacht. Die Wege waren mit welkem Laub überstreut. Das Knistern seiner Schritte rief kein lebendes Wesen herbei; wen seine Beine trugen, war nach der Stadt gewandert. Ja, es war laue Luft auf der Terrasse und Walter müde. Er setzte sich auf einen der Steine, unter denen Friedrichs Hunde ruhen. Es stand ein verwitterter Name darauf. Ob unter allen, die jetzt lebten, einer das Tier gekannt, das ihn trug! Und doch hat sein Name Anwartschaft auf Unsterblichkeit! Die Orangerie war längst in die Glashäuser geschafft, es sah leer, wüst und zerstört aus. Nur einige von den Riesenkürbissen, die man nicht der Mühe wert hielt fortzutragen, faulten am Boden. Die hohen, bis zur Erde reichenden Glasfenster des Palastes waren golden von der Sonne angeglüht. Der Reflex des Lichtes blendete ihn, und doch sah er immer wieder hin: »als wären es seine großen Augen!« Wenn diese Augen herabsehen, wenn sein Gesicht jetzt in den öden Sälen wandelte! Wenn das zur Strafe an der Schwelle der Ewigkeit dem Größten seines Jahrhunderts diktiert wäre, zurückzukehren als Schemen und zu sehen, hören, einzuschlürfen den Schmerz, wie Staub und Wetter, Moos und Rost seine Schöpfung umzogen! Noch nicht zwanzig Jahre vergangen, und wo war seine Herrlichkeit! Klopfte es nicht an die Fenster, war es nicht sein Finger, der voll Unmut dagegen hämmerte? – Ach, die körperlosen Wesen haben nicht die Macht, sie sind nur der Schwamm, der die Feuchtigkeit der Luft einsaugt, die Äolsharfe, die vom Winde bewegt wird, die Seele, die den Weltschmerz empfangen muß; aber keine Träne, kein Wehruf, nicht das Blinken der Augenwimpern ist ihnen vergönnt, ihren eignen Schmerz den Lebendigen kundzugeben! Walter war ein Romantiker gewesen, an Geister glauben war damals sein errungenes Recht. Aber an Friedrichs Geist glaubten die Romantiker nicht. Das Licht des achtzehnten Jahrhunderts war ein anderes, ein künstliches, selbstverfertigtes von einem nüchternen Geschlechte, blasse Strahlen werfend wie Mond und Nordlicht, keine Wärme verbreitend. So hatten sie gelehrt, so hatte er geglaubt. An einem anderen Lichte müsse der Geist entzündet werden, an einem andern Feuer das Blut erwärmen. Nicht durch die Vernunft, numine afflatur der Geist. So steigt er in die Höhen der Seligkeit, wo das Auge trinkt aus einem Silbermeer der Wahrheit und Gnade, bis es trunken wird von Klarheit und Wonne. So hatten sie gelehrt, und er hatte geglaubt. Dazwischen lagen freilich Jahre, und andre Gedanken hatten wie der Widerschein eines Weltbrandes in seiner Seele gezuckt. Was er noch lehrte, glaubte er nicht mehr, und was er glaubte, lehrte er nicht mehr. – Ist denn nicht alles Licht aus einem Quell, der Funke, den der Titane stahl aus dem verschlossenen Schatz der Ewigen, und keine Fluten, die der Himmel herabgießt, löschen es mehr! Dort mattes, frostiges Licht, es wärmt nicht; hier züngelnder Flammenschein, er sengt, verwirrt dich, sein Feuerhauch verzehrt dich vielleicht. Was ist besser? Seitdem war er aus der Schule ins Leben übergegangen. Er hatte aus der Pflanze, aus dem Stein ihr Licht gezogen; er suchte wieder nach einem, aus dem alle Lichter kommen und das Leuchten in allen Zeiten. Aber das Licht, das aus Friedrich leuchtete, war ihm ein kalter Schein geblieben. Man sagt, wer ein Romantiker gewesen, wer einmal aus dem Zauberquell getrunken und aus der Erde die geheimnisvolle Wurzel riß, der höre immer summen und klingen die Zauberweisen, die ewigen Klagen und das ewige Hohngelächter der Natur, die nach Erlösung ächzt; es sei der Venusberg, der sich immer wieder auftut dem, der aus ihm entronnen, sagen die Verständigen. Aber ich liebe die Schatten der Wälder, wenn mir zu heiß ward zwischen den Glutöfen und ihren dampfenden Schornsteinen, unter dem Strahl der saatenreifenden Mittagssonne. Dann strecke ich mich auf das schwellende Grün unter ihren Riesenästen und lausche dem Vogelgesang, dem Rieseln der Quelle, die an ihren Wurzeln spielt. Die Vögel und die Quellen singen: Und wurden diese Bäume denn geboren, als es Nacht war, weckte nicht auch sie der lebenzeugende Strahl aus dem Schoß der Erde, strebten sie nicht zum Licht und breiteten ihre Wipfel nach dem Sonnenreich? Wehe dem armen ausgebrannten Menschengeschlechte, wenn es auch gar nichts mehr hört von dem Rauschen der Zauberwälder. So dachte vielleicht der ehemalige Romantiker Walter van Asten. Und Friedrichs Erscheinung war ihm wie die eines übelwollenden Gnomen, in eine Welt gesetzt, zu der er nicht paßte. Da saß er auf der Brunnenröhre – das Bild kam ihm wohl von dem bekannten »Der König nach dem Tage von Kolin« – den Dreimaster verschoben auf den schlecht gepuderten Locken, und zeichnete mit dem Stocke Figuren. Der Tabak lag dick auf seiner Schoßweste, die Augen wühlten glanzlos im Sande; er hatte keine für die liebende Teilnahme seiner Genossen, die ängstlichen Blickes um ihn standen. Und wenn dieser Friedrich eine Welt in sich trug, so war vielleicht eine aus einem andern Jahrhundert, aus andern Zonen über dem Ozean. Er war verfrüht und isoliert auf dieser Scholle. Die Freunde der Jugend, wenn er deren gehabt, hatten die Wellen der Jahre fortgespült; er saß, ein eigensinniger Greis, der nur auf sich hörte, mißtrauisch gegen alle, ein Einsiedler in der neuen Welt, die nicht mehr seine war. Seine großen Augen sahen nicht den Wechsel der Geschlechter, nicht neue Jugend um sich und andere Ideen, die mächtig sich emporrangen aus dem deutsche Volke. »Was sähe denn jetzt dies große Auge?« rief er unwillkürlich laut. Aber als er seines aufschlug, sah er eine Erscheinung. Unfern von ihm auf einem andern Steine saß Friedrich. Übergebückt, die Locken überschattet von der schiefen Spitze des alten Hutes, zeichnete er mit dem Stock im Sande. – Die Erscheinung verschwand nicht, als Walter die vom Sonnenlicht geblendeten Augen rieb; es waren aber nicht Friedrichs Augen, als die Erscheinung den Kopf wandte und ihn fragend ansah. »Des großen Königs Auge, meinen Sie?« sagte der alte Mann, und ein Seufzer machte sich Luft. Er war ein Militär aus Friedrichs Zeit, und Walter wegen seiner Täuschung zu entschuldigen, wenn nicht schon der Abendsonnenflimmer und die Träumereien es übernommen. Der Typus eines bedeutenden Mannes drückt sich unwillkürlich seinen Dienern und Bewunderern auf. Es gibt Momente, wo zwei Unbekannte sich ihre Gedanken ablesen, ehe sie ein Wort gewechselt. Der Blick und die Physiognomie allein tun es nicht; es ist der Ort, die Stunde, das Licht, die Luftschwere oder deren Leichtigkeit. Sie können jahrelang sich begegnen, Worte tauschen, und bleiben sich doch fremd; es ist der Zauber des Augenblicks, welcher die Seelen aufschließt. Der Weg zum Gespräch war kurz, wo beide sich entgegenkamen. »Was war denn sein Vaterland«, rief der Major, mit dem Stock in die Erde bohrend, »als er die Franzosen lieben lernte, was sie ihm jetzt zum Verbrechen machen! Ich alter Mann lese nicht viel neue Bücher, doch aber einige, und ich lese es mit Schmerz, wie die Jugend den Einzigen richten will. Wie war es denn damals? Sehn Sie um sich, so weit das Deutsche Reich ging – wie mußte er sie zu sich heranschleppen! Sie liefen ihm dann nach, nur weil er's kommandierte. Nun, war's da zu verwundern, daß er keinen Respekt bekam vor den Leuten, die nur auf Kommando einen geraden Rücken zeigten, die auf Kommando ins Licht blickten, daß er auf die nicht hörte, die ihn nicht verstanden, und wie er alt und grämlich ward, auf niemand mehr.« Walter wies auf die Glastür in der Mitte: »Dort saß der König dieses Landes mit dem hergelaufenen Witz aus allen Ländern, und beim schäumenden Glase sprühte von ihren Lippen der Spott über die, welche im Könige ihren natürlichen Anwalt haben sollten.« »Haben Sie, mein junger Herr, den König da im Saale sitzen gesehen?« »Nein«, entgegnete mit etwas verlegener Stimme Walter. »Ich war zu jung, und als ich ihn einmal sah –« »Ich habe ihn gesehn«, fiel der alte Offizier ein und schwieg einen Augenblick; dann fixierte er den andern. »Sie sind kein Junker? Wahrscheinlich ein Gelehrter?« »Wenn die Menschen durchaus in Stände geteilt werden müssen, würde man mich dazu rechnen.« »Verlangen Sie, daß ein Friedrich sich seine Tischgesellschaft aus denen holen sollte, die zum Wollmarkt kommen? Lieber Gott, mich dünkt, er hatte genug getan, wenn er ihnen alle Stellen ließ in der Armee und im Zivil ja auch. Nun, an seinem Tisch lassen Sie ihm doch seine Franzosen und Engländer und Italiener. Die witzigen Seifenblasen beim Champagnerglase wurden ja schon runtergespült bei der Tasse schwarzen Kaffee.« »Aber nachdem er den Kaffee getrunken! Er hatte ja sein Volk gebildet! Sie sagten eben, er hatte sie herangeschleppt. Seine Junker lasen ja schon die ›Pucelle‹, ihm zum Vergnügen, und wußten kaum, daß eine Jeanne d'Arc gelebt. Homer und Leibniz waren ihnen unbekannte Größen, aber sie lachten aus Herzenslust über den ›Candide‹!« »Nachgetan hat es ihm mancher. Aber wie! Daß Gott erbarm! Sollte er die als seinesgleichen in die Arme schließen? Als er aus dem Nichts heraus arbeitete bei seinem Schöpfungswerke, wer hat ihm da von allen seinen Landeskindern geholfen!« »Und was davon ist denn noch!« sagte Walter und senkte den Kopf. »Es muß doch schon noch etwas sein«, entgegnete mit sarkastischem Tone der alte Militär. »Denn um der Hunde willen, die unter uns liegen, sind Sie doch nicht hier? Auch kommen darum nicht die vielen Tausende Fremder, die des Jahres die Terrasse besehen wollen. Drinnen, da hinter den Glasfenstern, ist's leer, der Staub wirbelt im Sonnenschein und die Motten nisten in den Polstern. Warum läßt man sie darin? Warum ist denn noch niemand in dies Haus gezogen, nachdem er es verlassen? 's ist ja so lustig und hübsch. So meinen Sie doch wohl, daß drinnen noch etwas ist, davor sie Respekt haben, und gehn ihm fein aus dem Wege.« »Vielleicht die Furcht vor dem Gespenst mit dem Krückenstock«, warf Walter hin. »Kann wohl sein«, nickte der Major und wies nach Potsdam hinunter. »Warum kämen sie sonst aus Petersburg und Paris her und legten ihr Ohr an die Türen? Selbst der mächtige Kaiser! Warum ständen die gesattelten Kurierpferde in den Ställen, um das Ja oder Nein nach Wien und London zu tragen? Um uns doch nicht! Sein Geist ist's allein, mein junger Herr Gelehrter, der noch da sitzt; auf den horchen sie, vor dem schüttelt es sie, die Großen und Mächtigen, daß er plötzlich aufstehen könnte und sich schütteln im Zorn.« Es war eine Pause eingetreten. Ihre Gedanken, abwärts schweifend, fanden sich wieder. »'s ist doch was Großes um einen großen Mann!« sagte der alte Militär. »Was er hinterließ, es läßt sich mit keinem Schwamm auslöschen. Was haben sie gebürstet und gescheuert, die Herren da mit den Jesuitengesichtern! Säuberlich, daß man's nicht merken sollte, aber der Klumpfuß kam doch vor, und das Volk hat ihn gesehen. Wie haben sie seine œuvres posthumes traktiert, daß es eine Schande ist! Und hier in Sanssouci, jetzt schonen sie die Scheuermagd, aber damals, als noch der Staub seiner Füße dalag, das Buch, darin er gelesen, das letzte Papier, auf dem seine Hand geruht – da hätten seine Generale und Minister auf Sammetschuhen eintreten müssen, mit verhaltenem Atem und zu Protokoll nehmen und Siegel anlegen, daß alles bleibe, wie es gelegen, ein Heiligtum zum ewigen Gedächtnis seines Volkes – aber die Besen haben ja gewirtschaftet, als könnte der Erbe im Totenhaus es nicht abwarten, bis er Hochzeit macht. – Und das sollte noch nicht das schlimmste sein, großer Gott!« »Was ist denn schlimmer?« »Daß eine junge Generation aufkam, die ihm vorwirft, daß er nicht deutsch gedacht haben soll! Kann man denn zerstören, was nicht mehr ist!« »Mich dünkt, der große Mann teilte nur das Los aller Sterbenden«, sagte Walter nach einer Pause. »Mit Riesenplanen tritt der Jüngling ins Leben, seine Hoffnungen segeln mit dem Morgenrot, die Welt dünkt ihm in seiner Hand ein Bild von Wachs. So schüttelt er die Glieder am frischen Morgen; dann kommt die Mittagshitze, und er ruht aus. In der Abendkühle hofft er wieder anzufangen, aber er irrt, die erschöpfte Natur will ihr Recht, der Schlaf senkt sich auf seine Glieder, und auch das weiche Wachs ist hart geworden; es schneidet seine wunden Finger. Da wirft er's am Ende fort und sie lachen ihn wohl noch aus, den törichten Bildner. Und was bleibt ihm! Er hüllt sich in den Mantel der Resignation und spricht, wenn der letzte Gruß der Abendsonne ihn ruft, Salomonis Wort!« » Der , mein Herr«, rief der alte Soldat, und wies auf die Palasttür, » der brauchte sich nicht in ihren Mantel zu hüllen. Ja, einen Mantel schlangen sie ihm um, daß ihn die Kälte von draußen nicht berührte. In ihm war's warm; seine Werke wärmten ihn, wenn er auf die sah. Dreizehn Bataillen! Nun ja, seitdem sind größere geschlagen worden. Es gibt auch größere Dichter, Philosophen. Andre haben das Volk mehr kajoliert. Das hat er nicht verstanden, auch nicht große Worte machen; er wollte es auch nicht. Dachte vielleicht, was ich getan , ist denn das nicht mehr! Herr, was wir sind und haben ist sein Werk, unser Name, unsre Straßen, unsre Häfen, unsre Ordnung, unser Respekt. Sein Auge leuchtete als Stern den Unterdrückten. Sein Wort, das er donnerte, als der Müller Arnold klagte, dröhnte durch Europa, und es wird durch die Welt hallen, solange sie steht. Sein Wort, daß jeder in seinem Staate selig werden solle, wie er will, Gottvater im Himmel, kann denn das je vergessen werden!« »Walte der !« setzte er nach einer Weile hinzu, indem er den Hut von der Stirn nahm, es war wohl, um zu verbergen, daß er die Hände im Schoß faltete. »Walte der da oben, daß jetzt sein Geist da unten mitspricht!« »Amen!« rief bewegt der jüngere Mann. Der Offizier bemerkte es, wie er heftig dabei die Arme verschränkte und finster in sich schaute. Er warf ihm einen ersten freundlichen Blick zu: »Sein Werk ist doch wohl noch nicht untergegangen, denn sein Volk lebt noch!« »Und er zögerte nicht, ja zu sagen«, fiel Walter ein, »wenn eine halbe Welt ihn zu beschwören kommt.« »Nein«, sagte der Alte jetzt aufstehend, »aber der große König hätte sich nicht beschwören lassen, er wäre der halben Welt zuvorgekommen, und hätte den Degen gezogen, und sie beschworen, daß sie ihm folgen mußte. Das ist's, da liegt der Unterschied. Wo wir drauflosgingen, siegten wir; wo wir's an uns kommen ließen, zogen wir den kürzern.« Sie wurden hier unterbrochen. Eine Gestalt am andern Ende der Terrasse war schon eine Weile sichtbar oder hörbar, nur sahen und hörten die beiden im Eifer ihres Gespräches sie nicht, und der ältliche, sehr wohlbeleibte Mann, der ihnen mit einem weißen Tuche ängstlich winkte, vermochte wegen seiner Körperschwere nicht so schnell heranzukommen. Jetzt aber war er da, und wer er war und was er wollte, erlitt keinen Zweifel. Achtes Kapitel. Zwei subalterne Personen drohen den Gang der Geschichte zu ändern . »Kurz, es ist nicht erlaubt, hier auf den Steinen zu sitzen.« So schloß der wohlbeleibte Mann mit wichtiger Miene eine Strafrede, die seinen Atem erschöpft und sein Gesicht gefärbt hatte. Ein Beamter war er, dafür sprach jeder Zoll an dem Mann; nur welche Charge er bekleidete, ist uns nicht aufbewahrt. Ein Beamter nicht in Uniform, aber in Galastaat; einem feinen Rock, der gewiß einst geschmackvoll um den Leib schloß, nur hatte der Körper dem Fortschritt gehuldigt, während das Tuch konservativ geblieben war. Weiß waren die seidenen Strümpfe, weiß die Weste, und das Jabot stritt mit dem Zopf und der Frisur um die Wette, was glänzender sei; farbig war nur der Rock, rot nur das Gesicht. Sein Blick, als er sich umwandte, schien zu sprechen: »Und Sie sind doch noch hier?« Walter stand im Schatten, auf das Gesicht des alten Majors glühte der rote Abendstrahl. Es lag wieder Friede darüber ausgebreitet, als er lächelnd sprach: »Vor zwanzig Jahren, als ich auf die Terrasse kam, führte mich der Wachthabende selbst zum großen König. Ich sah ihn sterben. Nun weist man einen alten Soldaten fort, weil er kam, nur um seinen Geist zu sehen. – Freilich, es kann gefährlich werden, Friedrichs Geist zu sehen.« Leicht den Hut gegen den jungen Mann lüftend, hatte sich der Invalide umgewandt und war die Treppe hinabgestiegen. »Aber was fällt Ihnen denn ein, Herr Pate Nähtebusch«, sagte Walter plötzlich. »Einem alten Soldaten seinen Ruheplatz nicht zu gönnen!« Als der Beamte, die Hand vorm Gesicht, um die Sonnenstrahlen abzuhalten, den jungen Mann erkannt hatte, machte er eine lebhafte Bewegung. »Aber war ich denn blind!« Fast schien es, als wollte er ihn umarmen. »Herrjemine, und das war Ihr Bekannter?« rief der Oberkastellan, um ihm doch einen Titel zu geben. Herr Nähtebusch winkte und rief umsonst; der Major hörte nicht, oder wollte nicht mehr hören, und es wäre zuviel vom Oberkastellan verlangt gewesen, ihm nachzulaufen. Er hatte eine Konstitution, die das nicht ertrug, und er kam aus der Stadt! Was das sagen wollte, werden wir hören. Nicht der Ärger hatte sein Gesicht gerötet; es war die Freude, vielleicht auch der Wein. Herr Nähtebusch hielt auf Konnexionen. Sollte die Fama, die ihm nachsagte, daß er ihnen seinen Posten verdankte, jetzt von ihm sagen, daß er einen Bekannten vom Sohne des reichen van Asten fortgewiesen wie einen Vagabunden! Einigermaßen beruhigte es ihn, als er erfuhr, daß Walter den alten Offizier hier zum erstenmal gesehen, es beruhigte ihn aber wieder nicht, daß Walter ihn nicht kannte, nicht einmal seinen Namen wußte, daß er aber vermutete, er sei ein ausgezeichneter Offizier gewesen. Aber wieder beruhigte es ihn, daß er pensioniert sei. – Ein Pensionierter hat selten noch viel Konnexionen! Herr Nähtebusch trocknete jetzt den Schweiß von seiner Stirn und atmete auf: »Lieber Herr Pate«, sprach er, »lassen Sie sich das eine Warnung sein. Man muß sich mit niemandem in ein Gespräch einlassen, den man nicht kennt. Man weiß nicht, in welche Verlegenheiten es uns nachher bringt, und junge Leute, erlauben Sie mir's zu sagen, schließen gar zu gern ihr Herz auf.« Man sah's dem Herrn Oberkastellan an, daß er das Bedürfnis fühlte, auch seines aufzuschließen; ja, er war in der Stadt gewesen, im Schlosse, man hatte ihn an die Türe gelassen, als die hohen Herrschaften speisten. »Nicht jeder hatte das Glück gehabt«, sagte er mit einer stillzufriedenen Miene. Er hatte sie essen gesehen. Nach Tische, als der König mit dem Kaiser Arm in Arm umherging und dieser vor Huld und Güte gegen jeden strahlte, hatte der König ihn, den Glücklichen, dem Erhabenen vorgestellt. Denn war es das nicht, als er sagte: »Und das ist der Mann, der in Sanssouci zur Ordnung sieht!« Alexander hatte darauf etwas französisch erwidert; was, hatte Herr Nähtebusch nicht verstanden, aber es war gewiß etwas sehr Gnädiges; die Melodie der Worte summte ihm noch in den Ohren. Aufmerksamer hatte Walter dem Schluß der Mitteilungen zugehört. Herr Nähtebusch sprach viel. Wem verdanken Gesandte oft ihre wichtigsten Nachrichten? Nicht Räten und Ministern, dem feinen Ohr der Kammerdiener. »Sie glauben also, es ist alles reguliert und abgeschlossen?« »Alles!« entgegnete Herr Nähtebusch, und um sich vollständig zu erholen, nahm er eine lange Prise. »Bis aufs kleinste. Morgen in der Vormittagsstunde fahren die hohen Herrschaften nach Berlin zurück in einem Ensemble. Im Rittersaal ist große Tafel. Wissen Sie wohl, es wird vom goldenen Service gespeist. Das kommt aber erst nachher in die Zeitungen. Abends besuchen Höchstdieselben im Nationaltheater die Vorstellung der Oper ›Armida‹. Bei ihrem Eintritt in die Mittelloge werden Höchstsie durch einen Tusch von Trompeten und Pauken aus den Balkonlogen begrüßt, und das ganze Publikum erhebt sich mit einem Vivat, das nicht enden will. Dasselbe wiederholt sich beim Schluß der Oper. Folgenden Tages ist große Wachtparade auf dem Lustgarten. Alsdann besehen Majestäten in zwei achtspännigen Equipagen die Merkwürdigkeiten der Stadt. Mittags ist Diner beim Prinzen Ferdinand in Bellevue. Eine Denkmünze auf die glorwürdige Zusammenkunft ist bereits unter dem Prägestock. Der Medailleur, Herr Loos, ist der Verfertiger, und wenn ich übermorgen in die Stadt komme, hat er versprochen, sie mir zu zeigen. Aber das, lieber Pate, bleibt unter uns.« Sie waren dabei auf der Terrasse auf und ab gegangen. »Und nach dem Diner bei Prinz Ferdinand?« »Reisen Seine Majestät Kaiser Alexander ab. Die Pferde sind schon bestellt.« »Und weiter nichts?« Mit einem ungemein schlauen Lächeln klopfte Herr Nähtebusch auf seine Dose: »Man spricht auch noch von einer kleinen Attrappe.« »Einer kleinen –« »Wie man's nehmen will! Wenn Majestät der Kaiser auf nächster Station, man sagt in Vogelsdorf, eine Erfrischung fordern, wird's im Kruge heißen: Die Leute sind alle auf dem Felde oder im Stalle. Der Kaiser wird sich dann in den Kuhstall zu begeben geruhen, um einen Trunk frisch gemolkener Milch anzunehmen. Und die Bäuerin, die eben melkt, wird sehr überrascht sein von den vornehmen Gästen, aber Seine Majestät der Kaiser werden noch weit mehr überrascht sein, wenn Sie der Bäuerin ins Gesicht sehen, die ihm die Schale reicht. Na, was sagen Sie dazu, mein lieber Herr Pate? – Ich habe aber nichts gesagt, es sind ja nur Konjekturen«, sagte Herr Nähtebusch und rieb sich die Hände. Sie standen am andern Ende der Terrasse. »Also auf eine Trianonszene läuft es aus; das ist ja alles recht schön und gut«, sagte Walter. Herr Nähtebusch sah den jungen Mann mit einem eindringlichen Blick an. Fast war's ein durchdringender, indem er seine Hand faßte, und wir hatten uns in ihm geirrt. Die Purpurröte des Echauffements verbarg nur den Psychologen: »Mein lieber Herr van Asten, als Ihr Herr Vater mir die Ehre erzeigte, mich bei Ihnen zum Paten einzuladen, sagte ich's voraus, das ist ein Junge, der wird's zu was bringen. Ich hatte vorgestern wieder das Vergnügen, mit Ihrem Herrn Vater zu sprechen. Da müßten Ihnen die Ohren geklungen haben.« »Mein Vater, wissen Sie –« »Ist ein charmanter Mann, ganz wie sein Sohn, wollte auch immer seine eigenen Wege gehn; nahm, was andere wegwarfen, und warf weg, was andere griffen. Dem einen glückt's, dem andern nicht. Ja, ja, mein lieber Herr van Asten, wir würden alle warm sitzen, wenn jeder auf seinem Platze bliebe. Verstehn Sie mich, er soll nicht immer sitzenbleiben, er soll auch weiterrutschen, wenn neben ihm ein besserer frei wird. Das findet sich, das kommt jedem, wenn er nur Augen und Ohren aufhat und in der Stille umherfühlt. Aber er muß nicht ungeduldig werden, nicht springen wollen, nicht über die Dächer wegklettern. Merken sie erst, daß einer ein unruhiger Kopf ist, der kriegt gleich 'nen schwarzen Strich, und sie passen ihm auf die Finger. Wir könnten's alle so gut haben; denn die großen Herrschaften, glauben Sie's mir, meinen's mit uns so gut, wenn wir uns nur nicht mausig machen wollen. Lieber Herr van Asten, ich bitte Sie, was geht's uns denn an, ob sie sich da oben schlagen oder vertragen und Allianzen schließen oder keine? Tun sie's, gut; tun sie's nicht, für uns ist's auch gut. Es hat jeder in seinem Hause ja genug zu sorgen. Kinder, laßt doch den Potentaten das Regieren und kümmert euch nicht darum. 's hat noch keiner dabei Seide gesponnen. Der Bauer bleibt ein dummer Bauer, und wer sein bißchen Grütze im Kopf hat, der bringt sein Schäfchen ins trockne. Was geht's uns denn an, wenn die andern Schafe versaufen!« Hatte der Herr Pate seine Schrift gelesen? »Mein Vater muß sehr freundliche Gesinnungen gegen mich verraten haben.« »Das hat er. Das ist ein kluger Mann. ›Die Jugend muß ihre tollen Hörner ablaufen‹, hat er gesagt. ›Ich Dummkopf glaubte, daß man seinen Sohn zum Studieren auf die Universität schickt, hielt meinen deshalb kurz. Und der Junge war nur zu gehorsam, er büffelte, gab zuwenig aus und nahm zuviel ein, nämlich fixe Ideen‹, sagte der Herr Vater. ›Nun haben wir die Bescherung. Das tolle Feuer, was rausschwören sollte, steckt noch drin, und's bricht an der unrechten Stelle los. Dem Jungen mache ich keine Vorwürfe, mir mache ich sie.‹« »Und der Herr Pate legten gewiß ein freundlich Wort ein. Will man mich vielleicht noch einmal auf die Universität schicken, um das Versäumte nachzuholen?« »Erlauben Sie mir, ich sagte ihm: ›Das Leben ist ja auch eine Universität. Er kann ja auch hier seine Hörner abstoßen; je toller er drauflosgeht, um so eher wird er stumpf. Wie ist er da beim Minister angelaufen. Wird auch noch öfters anlaufen! Sind nicht alle Minister so human, daß sie die Rappelköpfe nach Karlsbad schicken. 's ist mancher eingesperrt worden, der sich die Zunge verbrannt hat. Schadet auch nichts. Der Sohn vom Geheimen Rat Bovillard, wie oft hat der gesessen! Man kann's gar nicht zählen. Der Vater war so klug, hat sich nicht um ihn gekümmert; nun ist er von selbst zu Kreuz gekrochen. Ist kirr geworden, um den Finger zu wickeln; läßt sich vom Vater par force schicken, wohin es ist. Und wenn er sich müde geritten hat, dann gibt ihm der Vater 'ne kleine Stelle, sucht ihm 'ne Frau aus, die ein bißchen Geld hat. Zuerst in 'ner kleinen Stadt, wo er über den Akten schwitzen muß; ist froh, wenn er nach Hause kommt, 'ne Pfeife raucht bei 'nem Glase Bier, ein Partiechen; Kinder kommen denn auch, die schreien, ein Vater hat doch auch ein Herz. Ach Gott! darüber vergißt er alle krause Ideen; ist froh, wenn's nur bei ihm zu Hause gut geht, und denkt nicht mehr daran, den Staat besser machen zu wollen. Und geben wir acht, mit dem Walter wird's auch so kommen.‹« »Verdank ich das alles Ihnen, Herr Pate?« rief Walter mit wachsendem Erstaunen. »Wir saßen so traulich bei Herrn Kämper zusammen, wir sechs oder sieben, alles respektable Bürger.« »Was! Ein Kollegium, um über meine Besserung zu beraten!« »Wo hat nicht jeder 'nen faulen Fleck im eigenen Hause! Wenn man so beim Bier sitzt, ein Pfeifchen im Munde, spricht man sich gegenseitig Trost zu. Der hat 'nen Sohn, der spielt. Das ist beinah am allerschlimmsten. Da waren wir alle einig. Das tut mein Pate nicht; alles, was recht ist. Er trinkt auch nicht, er läuft auch nicht den Mädchen nach. Na, Jugend hat keine Tugend, darüber sind wir weggegangen. Aber das Theater, was hat das ehrbaren Familien schon für Kummer und Not gebracht. Erst alle Abend der Herr Sohn ins Parterre. Das kostet Geld, die jungen Leute machen Schulden. Ist aber viel schlimmer, wenn's kein Geld mehr kostet, wenn sie's umsonst haben; dann haben sie Konnexionen hinter den Kulissen, das sind die schlimmsten und teuersten Konnexionen. Und die Truppe ist einmal abgereist, und der Herr Sohn ist verschwunden. Ja, ja, das ist manchen Eltern so gegangen. Den Kummer haben Sie Ihrem Herrn Vater nicht gemacht. Wissen Sie aber, einige meinten, das wäre immer noch nicht so schlimm, als wenn ein Bürgersohn sich mit der Politik abgibt. Da kann man noch mal Direktor werden wie der Herr Iffland; der war auch anständiger Leute Kind. Auf dem großen Welttheater aber –« »Ist für uns nichts zu holen«, fiel Walter ein. »Ihre ehrbaren Bürger haben recht. Erfuhren Herr Pate sonst noch etwas?« sprach er, zum Abschied die Hand reichend. »Mancherlei! Man wird Heiratsannoncen lesen, über die man sich wundern soll. Mancher Herr Offizier läßt sich in aller Schnelligkeit kopulieren. Lieber Gott, wenn's ins Feld geht, will man den Kindern doch einen Vaternamen hinterlassen; das Gewissen schlägt auch unterm blauen Rock. Seine Majestät sind sehr damit zufrieden. – Ach, und wissen Sie schon vom Kriegsrat Alltag?« »Was?« »Wird Geheimer Tresorier des Königs, Titel Geheimrat. Da ist auch nur eine Stimme: ›Der hat's verdient!‹ Mit seiner Demoiselle Tochter wird er nun auch höher heraus wollen. Wer verdenkt es ihm?« »Adieu, Herr Pate!« Der Pate hielt seine Hand fest. Sein schlaues Lächeln schien noch ein Geheimnis zu verstecken. »Heraus damit!« »Ich sehe einen verlornen Sohn –« »Wo?« »Im Kontor seines Vaters.« »Und was brachte ihn dahin?« Der Kastellan hielt beide Hände wie ein Sprachrohr an seines Paten Ohr, daß es die Bäume nicht hören sollten, und schrie hinein: »Minchen Schlarbaum! Sechzigtausend Taler!« Ein Mann in mittleren Jahren war während dieses Gespräches in der Seitenallee auf und ab gegangen. Walter hatte ihn bemerkt, ohne auf ihn zu achten. Der Fremde, sichtlich von einem Gedanken bewegt, hatte die beiden kaum gesehen. Als der Pate nach jener, wie er meinte, sehr feinen Insinuation rasch fortgeeilt war, hatte sich Walter in die Allee gewandt. Der Sonnenball versank gerade hinter den Brauhausbergen. Walter faßte an seine Brust, und aus der wunden Tiefe machte sich das Wort Luft: »Er war müde, über Sklaven zu herrschen!« Der Fremde war hinter einem Baum hervorgetreten. In seinem festen, aber zuweilen stürmischen Schritt hielt er wie frappiert inne. Auf Walters Gesicht schien der letzte volle Sonnenschein, der Fremde stand beschattet; ein feingeschnittenes, charakteristisches Gesicht war noch zu erkennen. »Ein Hiesiger?« fragte der andre rasch. Die Frage war seltsam, es mochte auch ein Beamter sein, der den späten Besucher auf einem nicht erlaubten Wege ertappt zu haben glaubte. Walter antwortete ebenso kurz: »Aus der Hauptstadt.« »Ein Angestellter?« warf der andre in derselben Art hin. »Ein freier Mann«, sprach Walter jetzt mit fester Stimme. Der andre sah ihn groß an. Walter glaubte die Worte murmeln zu hören: »Das ist ja wunderbar.« Mehr hörte er nicht, denn beide gingen aneinander vorüber. Sie trafen sich zufällig noch einmal. Der Fremde hatte den Weg verfehlt, indem er einen Ausgang, wo er nicht war, suchte. Walter wies ihn zurecht; es war auch sein Weg. Der Fremde schien durch eine leichte Bewegung zu danken, ohne es für nötig zu halten, ein Wort zu verlieren. So machte es wieder der Zufall, daß sie nebeneinander gingen. Der Fremde war wirklich ein Fremder in der Mark, wie sein Akzent dem kundigen Ohr verriet, aber seine Kleidung, obgleich nur ein einfacher blauer Rock, die Sicherheit seiner Bewegungen, das aristokratische Gesicht verrieten den vornehmen Mann. Er blieb stehen und betrachtete einen Gegenstand, der auch Walters Auge fesselte – die Mühle auf dem Berge. Ihr Dach war vom letzten Abendschein schwach angerötet, ein träger Wind trieb die Flügel. Der Begleiter verstand die stumme Frage, die der andre, über die Schulter blickend, an ihn richtete: »Ja, sie ist es.« Damit schien eine Verständigung eingetreten. »Also einer doch!« sagte der Herr im Weitergehen. »Wenn man sie kennte, würde man mehrere wissen, die auch Mut gehabt«, warf Walter hin. »Da man sie aber nicht kennt, so existieren sie nicht für die Geschichte«, entgegnete jener. »Es existiert manches nicht in der Geschichte, was doch lebte.« »Was sich nicht geltend gemacht hat, lebt nicht«, entgegnete der Fremde scharf. »Es hat einmal vegetiert, um zu faulen und Dung zu werden für andre.« Walter entgegnete: »Der Müller von Sanssouci vor seinem Könige wird aber leben bleiben: uns lebt er als Symbol, daß ein Rechtsbewußtsein auch damals im Volke war.« Er hatte das uns scharf betont. » Wir aber«, entgegnete der andre, »sehen in dem Aufheben, das man von der einen Geschichte machte, nur das Bekenntnis, daß der eine Mann nur eine Ausnahme von der Regel war.« »Und wo ist die Regel«, fragte Walter, »nämlich im deutschen Volke? Ich setze voraus, daß wir Landsleute sind.« Der Fremde fixierte zum erstenmal unsern Bekannten; es war ein scharfer, prüfender Blick, aber ohne Härte. Die Antwort schien ihm nicht zu mißbehagen. »Das macht die Sache nicht besser hier«, sagte er. »Die Müller von Sanssouci haben in Preußen keinen Fortgang gehabt.« »Die Größe des einen hat sie niedergedrückt. Das vergißt man so leicht im Auslande.« »Man wundert sich nur, warum sie nicht wieder aufgetaucht sind, nachdem sie von der Größe nicht mehr zu leiden hatten. Sie wiederholten vorhin die Worte des großen Königs, als Sie sich allein glaubten, warum machen Sie ein point d'honneur draus, was Sie sich selbst bekennen, vor andern zu verbergen! Wo Sie Ihrer Schwäche sich bewußt sind, warum es nicht auch vor andern gestehen. Das würde Vertrauen wecken. Wenn Sie sich den andern Deutschen gegenüber immer in Parade aufs hohe Pferd setzen, so verlangen Sie nicht die brüderlichen Neigungen, um die es doch einigen, den Bessern unter Ihnen wenigstens, zu tun ist. Wir sind alle schwach, aber wenn wir es uns gegenseitig eingeständen, würden wir auch die Mittel finden, um wieder stark zu werden. Das ist's, was Sie vom übrigen Deutschland trennt, meine Herren Preußen. Übrigens bin ich jetzt selbst einer.« »Jetzt wird sich's zeigen!« rief Walter animiert. »Was?« »Daß wir eine Schwäche zu bekennen den Mut haben, eine Schuld gegen unsre deutschen Brüder durch die Tat auszulöschen. Preußen radiert den Baseler Frieden mit seinem Blute aus den Tafeln der Geschichte.« »Nichts wird sich zeigen«, rief der andre heftig. Es kochte etwas in seinem Busen und schien schon an den Lippen zu sprudeln, aber er unterdrückte es rasch, mit einem Seitenblick auf den unbekannten Gefährten. Die rauhe, heftige, fast dominierende Art, mit der der Fremde seine Aussprüche tat, erweckte in Walter die Lust, es in selber Art ihm wiederzugeben: »Ich hoffe, daß in der kurzen kurzen Zeit, seit Sie ein Preuße wurden, man dem Ausländer nicht so viel Einblicke in unsre Angelegenheiten gegönnt hat, daß ich Ihren Ausspruch als ein Verdikt nehmen müßte.« Der andre war vielleicht betroffen, aber nicht erzürnt, vielmehr verzogen sich seine Lippen zu einem Lächeln: »Haben Sie Einblicke?« »Keine, als die jedem freistehen, der ein Herz und Augen hat für die Ehre seines Vaterlandes. Sie ist so auffällig verletzt, daß sie ebenso auffällig Genugtuung heischt; der Hohn, den man uns zugefügt hat, den Napoleons Generale noch täglich in Ansbach und Bayreuth Preußen zufügen, könnte einen Stein ins Leben rufen. Das und noch vieles andre, was hier nicht hergehört, ist mir Bürgschaft.« »Wofür?« »Daß endlich der stahlgeborne Entschluß ins Leben springt.« Der andre ging eine Weile schweigend, dann sagte er ruhig: »Einen Gesandten wird man an Napoleon schicken, ihm Friedensbedingungen stellen und unterhandeln. Wenn Sie wissen, was Unterhandlungen sind, wo preußische Diplomaten mitsprechen, so stellen Sie danach Ihre Hoffnungen.« »Diesmal, nur diesmal nicht« – rief Walter, in Eifer gebracht – »es geht nicht, es läßt sich nicht mehr zurückdrängen. Das Volk leidet es nicht.« »Das Volk, mein Herr! Das weiß ich nicht; ich kenne es wenigstens noch nicht genug, und was ich von ihm kenne, doch – das gehört nicht hierher.« Sie standen an einem Scheidewege. Der Fremde wenigstens nahm an, daß sie hier scheiden müßten, oder er wollte hier scheiden. Es waren seine Abschiedsworte: »Dies Volk, mein Herr, mag gut sein, tapfer, treu, aber es ist noch zu klein für seine Traditionen. Es hat sich übernommen, und es ist nie gut, wenn man sich den Magen auch mit dem Besten füllt, wenn der Magen nicht die Kraft hat, es zu verdauen. Dies Volk ist zu vielem gut, es hat auch gesunde Glieder, wenn nur der Kopf da ist, der sie regiert. Das aber bilden Sie sich nicht ein, daß diese Glieder schon reif sind, für sich selbst zu stehen. Dafür vergaß der große Mann zu sorgen. Er führte sein Volk in die Weltgeschichte ein und übersah, ihm die Erziehung zu geben, daß es mit Ehren darin bestände. Mit der militärischen Turnüre ist's nicht getan; der Knebelbart imponiert nur auf den ersten Anblick, und selbst ist allein der Mann. Er war müde, über ein Volk von Sklaven zu herrschen, ja, aber sie sind es geblieben, weil er ein Lehrmeister war wie der Gelehrte in einer Bauernschule. Glänzende Schulaktus hat er mit ihnen aufgeführt und sie deklamieren lassen, was sie nicht verstanden. Friede seiner Asche und Fluch dem, wer einen Stein auf sein Grab wirft, denn Deutschland hat keinen Größern geboren, aber sein Reich, mein Herr, ist die Schöpfung eines Zauberers. Wunderbar groß, zweckmäßig, ineinandergreifend erscheint alles, solange sein Geist darüber waltet. Aber wenn der schlafen geht, vertrocknen die Palmen und Lilien zu Heidekraut, und der Palast versinkt in ein Unkenmoor. Da sehn Sie diese Reihe von Statuen. Kunstwerke, solange er unter ihnen wandelte, jetzt verwitterte, moosbedeckte Fratzen. Was ist aus seiner Gliederung geworden in Zivil und Militär, was aus dem angestaunten Mechanismus seiner Staatsorganisation? Ein schönes Lied auf einen Leierkasten gesetzt, aber die Melodie bleibt dieselbe in Leid und Freud, weil die Hand vermodert ist, die den Mechanismus der Drehorgel umsetzt. So leiert es hier fort ins andre Jahrhundert die Melodie des vorigen, bis alle Räder und Gänge verrostet und voll Staub sind. Dieser Staat Preußen, mein Herr, ist zum Popanz geworden, nicht, weil sein Volk Sklaven sind, sondern weil der Zauberer fehlt, der das Uhrwerk wieder aufzieht. Dieser Staat Preußen ist ein Konglomerat von Kraft und gutem Willen, wie man sie selten in der Geschichte sah, aber eine Gliederpuppe, wenn kein neuer Geist hineinfährt.« Der Mann wandte sich mit einem Kopfnicken rasch um. Zwei Schritt weiter blieb er noch einmal stehen: »Wie heißen Sie? Ich möchte Ihre Adresse wissen – wenn ich wieder einmal einen so gefälligen Führer in Potsdam brauche«, setzte er halb lächelnd hinzu, um das Scharfe auszugleichen. Walter hatte keinen Grund, seinen Namen zu verschweigen. Er kannte aber genug von der Luft in den hohen Lebensregionen, um zu wissen, daß dieser Name, so laut er ihn aussprach und so deutlich der andre ihn sich wiederholte, schon am Ende der Straße verhallt war. Jener hatte vielleicht erwartet, daß Walter auch ihn bitten werde, den seinen zu nennen, Walter wollte aber nicht bitten. Neuntes Kapitel. Der dritte November . Es war Nacht geworden; die große Mehrzahl der Gäste war längst nach Berlin zurückgekehrt. In den öden, toten Straßen bewegten sich nur einzelne Gestalten; das »Üb immer Treu und Redlichkeit« hallte von der Turmuhr nach wie vor. »Warum stürmt nicht lieber die Brandglocke!« sprach die Dame, welche, tief in eine Pelzenveloppe verhüllt, am Arm ihres Begleiters an den Häuserreihen ging. Sie gingen nicht in der Abendkühle spazieren, es war rauhe Witterung; sie hielten eine bestimmte Richtung, aber den zarten Füßen merkte man an, daß sie nicht gewohnt waren, auf rauhem Pflaster sich zu bewegen. Ein dichter Schleier bedeckte das Gesicht der Fürstin. »Weil es noch nicht brennt«, sagte ihr Begleiter. »Ewiger Zweifler!« »Ich zweifle nicht, daß die Schwammleine angezündet ist; aber ein Fußtritt kann sie auslöschen, ehe der Funke die Mine faßt.« »Ich liebe nicht zu kalkulieren, wenn die Schatten der Verstorbenen durch die Luft vibrieren.« In der Stimme der vornehmen Frau waren Akkorde, die ihrem Begleiter, der andrer Ansicht war, den Mund zu schließen schienen. Sie traten in einen Torweg oder eine Kolonnade zurück, um einer einfachen Hofequipage auszuweichen, die jetzt vorüberrollte. Der Wagen hielt vor der Kirche, wo Seine Gebeine ruhten. Drei dunkle Gestalten konnte man aussteigen sehn. Sie traten in die Kirche, aus welcher ein gedämpftes Fackellicht bei Öffnung der Türe vorstrahlte. Die Fürstin drückte krampfhaft den Arm ihres Begleiters. Er glaubte, sie wolle ihn tiefer in den Schatten zurückziehen, um nicht gesehen zu werden: »Man sieht uns wirklich nicht, und wenn es wäre, würden wir nicht die einzigen Zuschauer sein. Ich sah Schatten in der Kirche sich bewegen.« »Ich auch!« rief sie. »Es war mir, als sähe ich seinen !« Der Legationsrat ging nicht auf die Stimmung ein: »Diese Leute hier ruhten unter ihm wie in Abrahams Schoße. Ich finde es eigentlich undankbar und grausam, daß man ihn zitiert, um sich aus einer gewöhnlichen Verlegenheit zu helfen.« »Ich würde Ihnen verzeihen, wenn Sie sagten, selbstmörderisch.« »Nur christliche Demut, Fürstin, sie sehn ihren eigenen Unwert ein.« »Was ist das grausam, den zu beschwören, der in dem jenseits keine Ruhestätte gefunden hat! – Hören Sie den dumpfen Ton! Jetzt öffnet man.« »Und sein Geist steigt ihnen aus der Versenkung entgegen.« »Sprechen Sie nicht so.« »Ich möchte wohl wissen, wie der Geist eines Atheisten aussieht.« »Sahn Sie nie Geister –« »Man sieht sie nur, wenn man sie zitiert; und was unnötig ist, muß ein Vernünftiger nie tun.« »Geister erscheinen auch ungerufen.« »Dann wirft man sie zur Tür hinaus.« »Die Totenhand, die auf eine lebendige Brust hämmert, sollte doch überall Einlaß finden.« »Je nachdem die Brust beschaffen ist.« »Wandel, ich möchte Sie einem Geist gegenüber sehen.« »Sie würden keine Veränderung an mir bemerken.« »Sie sahen schon Geister!« – rief die Fürstin auf, und ihr Auge glänzte ihn an. »Ja, Sie Unbeweglicher, es zuckte etwas um Ihr Auge, was ich noch nicht kenne. Sie haben Geister der Toten gesehen und vor ihnen gezittert. Sie zittern jetzt –« »Vor dem Zugwind«, sprach er, sich in den Mantel hüllend. – »Nun, und wenn ich sie sah, meine Gnädigste, so lernte ich ihnen ins Gesicht sehn, wie ein Mann den erschaffenen Dingen muß, und sie hielten meinen Blick nicht aus, so wenig als der festeste Stoff meine Säuren und den Äther, in dem ich ihn verbrenne. Wenn sie weinten, lachte ich sie an, wenn sie klagten, drohte ich – sie hielten's nicht aus, ich blieb Sieger, und sie sind verschwunden. Meine Gnädige, vor dem Willen verflüchtigt sich der Diamant; wenn die Dinge, die wir Wesen nennen, uns nicht widerstehen, warum die wesenlosen?« »Kommen Sie«, sagte die Fürstin. »Der Küster gibt uns das Zeichen.« Vielleicht sah sie den Küster nicht, aber sie sah Geister. Der Mond warf, zwischen den Wolken vortretend, ein Streiflicht auf die Stirn ihres Begleiters, sie konnte den Anblick heut nicht ertragen. Was mußte er sie noch bitten, sich nicht zu beeilen: der Mann, der ihnen für ein ansehnliches Geschenk einen Platz unter dem Siegel der Verschwiegenheit versprochen, werde noch vielen andern dasselbe Siegel aufgedrückt haben: »Und mancher wird die Komödie für acht Groschen sehen.« Sie waren an die kleine Tür gelangt, welche eine unsichtbare Hand vorsichtig öffnete, um sie einzulassen. »Sie nicht!« rief sie, als er sie hineinführen wollte. »Sie gehören nicht hier hinein.« »Es ist ja nur eine protestantische Kirche«, flüsterte er ihr ins Ohr. Sie streckte die Hand abwehrend gegen ihn: »Doch – Sie stören mich. – Folgen Sie mir nicht, ich verbiete es Ihnen, Herr von Wandel. Wer nur eine Komödie sehen will, gehört hier nicht hinein.« »So werde ich Erlaucht wieder an der Tür erwarten.« »Reisen Sie nach Berlin.« »Sie können doch nicht allein zurück. Wer weiß, ob die Szene Sie nicht affiziert. Soll ich Ihren Jäger mit der Kammerfrau herbestellen?« Sie schüttelte den Kopf: »Es gibt Momente, wo man das Bedürfnis fühlt, allein zu sein.« Der Legationsrat schien die Frage auch an sich zu stellen, als er draußen mit gekreuzten Armen eine Weile stehenblieb, die Augen in das zerrissene Gewölk gerichtet. Er hatte sich oft Mühe gegeben, unverwandten Blickes in die Sonne zu sehen, jetzt verdroß es ihn, daß er nicht mal ohne Augenblinken den Mondenstrahl ertragen konnte, sooft er plötzlich aus den Wolken trat, die an ihm vorüberrollten: »Seltsam! Es liegt nur in den Augennerven, in der schwachen Wurzelkonstruktion der Wimpern. Wenn man sie von Draht machen könnte, müßte man auch dem glühenden Feuerball ins Gesicht sehen. Und diese Frau –« ein heiseres Gelächter machte sich Luft – »sie spielt mit ihren Illusionen wie der Taschenspieler mit seinen Karten, und doch – in der unbewachten Stunde zittert sie als Sklavin vor dem selbstbeschworenen Gespenst! Vielleicht des Weibes Natur, sie kann nicht immer wachen. Aber der Mann –?« Die Turmuhr präludierte, und die Glocken huben ihr »Üb immer Treu und Redlichkeit!« an. »Oh süßer Leierkasten, der durch die Welt geht und uns das Spiel mit den Narren und Phantasten um so vieles erleichtert!« sprach er, sich langsam fortbewegend. Er lächelte, als aus der Kirche die Orgel mit leisen Schlägen einen alten Choral anhub. Der Orgelspieler war nicht sichtbar, auch die Fackeln, von denen vorhin Erwähnung geschah, brannten nicht offiziell, man suchte sie hinter den Pfeilern zu verbergen, gleichwie die Zuschauer, in Mänteln und unscheinbaren Pelzen verhüllt, ein doppeltes Inkognito zu bewahren suchten. Unter den Mänteln war mancher Stern verborgen, manches Herz pochte hörbar, und das Auge, auf dem du sonst nur Flattersinn und eitle Lust spielen sahst, durchzuckte hier ein banger Ernst. Die Orgeltöne schienen in der dunkeln Kirche mehr die Stille symbolisch anzudeuten, als daß sie dieselbe unterbrachen. Es war lautlos, ein verhaltener Atem. So war es möglich, daß man jetzt ein Geräusch zu hören glaubte, was man sonst nicht gehört hätte. Es war nicht sein Geist, der durch die Räume schritt, in denen er nie geweilt, sonst würden sie nicht die Köpfe vorgesteckt, nicht sich gebückt und die Hände ans Ohr gelegt haben, um besser zu horchen. »Sie weint«, flüstert eine Stimme dem Nachbarn zu; »Sie umarmen sich«, eine andere. Bald ward die feierliche Stille durch das Knarren der Tür unterbrochen; die Gestalten der Neugierigen drückten sich tiefer in den Schatten der Mauervorsprünge. Der Fackelschein ward jetzt offiziell. Die Königin und der Kaiser wurden zuerst sichtbar; der König folgte. Luise schien erschöpft, sie drückte jetzt das Taschentuch ans Gesicht. Aber nur einen Moment; dann warf sie einen forschenden Blick auf den ernsten Gatten. Es mußte ein Ernst sein, der ihre Hoffnung stählte. Sie lehnte sich an seine Brust, um sich doch ebenso schnell wieder aufzuraffen. Alexander und der König reichten sich die Hand. Es war ein wichtiger, bedeutungsvoller Handschlag. Aus der dunklen Stille kam ein Laut wie der Hauch unsichtbarer Geister; ein Hauch der Verwunderung, Freude, Beistimmung, wofür jede Sprache zu rauh ist, ihm Ausdruck zu geben. Mit königlicher Würde schaute Luise umher, nicht forschend, nicht mißbilligend. Ihr Blick galt den Geistern, welche die Sprache dieses Auges, das selige Lächeln verstanden. Dann reichte sie Alexander wieder rasch den Arm, und die drei verließen die Kirche. Als die Wagentür zuschlug, die Räder auf dem Pflaster rollten, schienen die gebannten kleineren Geister aus ihrer Erstarrung aufzuleben. Sporen klirrten, scharfe Tritte dröhnten auf den Fliesen, Töne, wie wenn das Eis bricht; das Blei auf der Brust war ja gebrochen; kein Zeremoniell mehr, man schloß sich in die Arme, auch solche, die nicht als Freunde bekannt waren. »Der Bund ist besiegelt.« Viel mehr Worte hörte man nicht. Es war ein Augenblick nicht zum Sprechen, nur zum Fühlen. An der Tür wurden zwei Militärs zusammengedrängt, die sich im Leben nicht gern, wie man sagte, begegneten. Sie sahen sich an, und unter ihren ergrauenden Haaren funkelten die Augen sich entgegen; sie drückten sich die Hand. Worte wechselten auch sie nicht. Der eine, aus dessen Mantel eine Husarenuniform zum Vorschein kam, hielt aber beim Hinausgehen unsern Bekannten, den Major Eisenhauch, am Kragen zurück. »Nanu, was sagen Sie, Major?« »Blücher und Rüchel Hand in Hand, ein gutes Prognostikon. So das gesamte Vaterland, und wir sind am Ziel.« »Larifari!« sagte der General. »Vorwärts, eh er sich anders besinnt, das allein tut's. Nur keine stätischen Pferde hinter uns.« »Im Volk –« »Sind viele Esel!« »Aber das Roß, wenn die Trompete schmettert –« »Pfeffer mang die Kerben!« sagte der General ihm ins Ohr. »Daß es sich bäumt, dafür sorgt ihr; fürs Reiten, dafür sorgen wir, haben Sie mich verstanden?« Die Kirche war ziemlich geräumt. Nur hinter dem Eingang stand noch eine Gruppe, zwei in Überröcke verhüllt, und am äußersten andern Ende kniete eine weibliche Gestalt. Die beiden, durch hohe Halsbinden gegen die Kühlung bis zur Unkenntlichkeit maskiert, schienen die Hinausgehenden die Revue passieren zu lassen. »Ist das nicht Komteß Laura, Vicomte?« sagte der größere und ältere auf französisch zum jüngeren, nach der knienden Dame lorgnierend, die von ihrer Enveloppe und dem Schleier unförmlich umwallt war. Der Vicomte hatte sich schon auf den Zehen gehoben: »Pardon, Monsieur, Komtesse Laura hat noch zu viele Stationen bis zur Betschwester.« Die verhüllte Gestalt, aus ihrer Andacht vielleicht durch die Stille aufgeschreckt, erhob sich und rauschte an ihnen mit elastischen Schritten vorüber. Sie hatte die beiden nicht gesehen, diese aber sie, trotz der Schleier. »Madame la Princesse!« rief der Attaché verwundert. »Ihre Sünden müssen sie sehr drücken«, sprach der Gesandte, »daß sie es nicht verschmäht hat, in einer lutherischen Kirche zu beten.« »Und ganz allein!« replizierte der Vicomte. »Sie nimmt gern einen andern mit ins Gebet.« » Disparaissez !« rief Laforest und winkte ihm, indem er der Dame nacheilte. Der Vicomte ging lächelnd seine Wege: »Er will sie nicht allein gehen lassen! Monsieur Laforest, man muß es ihm gestehen, übt die Humanität bis zur Outrage. Die Petarde, die ihn in die Luft sprengen soll, in der Tasche, schützt er die Lunte, die sie entzündet, daß der Wind sie nicht ausbläst.« Wirklich sehen wir auf der Straße den offiziellen Minister des Kaisers der Franzosen der nicht offiziellen Agentin des Kaisers aller Reußen den Arm anbieten, um sie in ihr Hotel zu geleiten, und sie reicht ihn ihm, nach einem momentanen Zaudern, rasch hin. »Stumm wie die Nacht und bewegt wie die schöne Seele einer Deutschen«, sagte der Franzose zu seiner schweigenden Begleiterin. »Sagen Sie lieber, Haß und Grimm im Herzen und am Arm des verhaßten Feindes durchs Leben gehen müssen!« »Oh, wäre ich so glücklich, eine solche Feindin durchs Leben führen zu können.« »Wer denkt an uns!« »Ich sehr stark an mich.« »Das lügen Sie vor sich selbst. Unsere Aufgabe ist's, uns immer selbst belügen, täuschen, unsere glühendsten Gefühle mit einer Eiskruste umgeben und, wenn wir vor Frost zittern, wie der Frühling lächeln, in Flitterstaat glänzen, und vom Gefühle unserer Sünde zerknirscht, in Selbstzufriedenheit strahlen! Alles für andere, uns selbst, unser Glück, unsere Buße und Hoffnung hinzuopfern für ein anderes Wesen, einen Begriff, von dem man eigentlich nicht weiß, was er ist. Ins Reich der Seligen kommt der Staat doch nicht.« »Ich glaube kaum, daß ein Platz für ihn da ist: weder unter den Gerechtfertigten noch unter den Sündern.« »Und doch Diplomat!« »Weil er sich selbst ganz verleugnen muß, sollte ja das die himmlischen Tore ihm vor allen öffnen.« »Vielleicht, wenn – Exzellenz, hat Sie nie das Gefühl durchzuckt, die Sehnsucht durchschauen, vernichtet zu sein, aufzugehen in ein anderes Wesen, zerstampft in Atome, die das andere Wesen vergrößern und verherrlichen?« »Oh, sehr oft, Madame, in den Armen einer liebenswürdigen Frau.« »Haben Sie nie die Seligkeit der Begeisterung empfunden?« »Wofür?« »Wofür? Und Sie kommen aus einer Revolution. Die glutspritzende Lava treibt doch ungeheure Bilder in unsere Lebensnacht.« »Prinzessin, die Lava ist schon kalt geworden.« »Sie waren einmal Republikaner!« »Was waren wir nicht alles! Und eben weil wir so viel gewesen sind, für so vieles geschwärmt, gerast haben, ist wirklich in uns kein Platz mehr für die Begeisterung.« »Auch nicht für Ihren Kaiser?« Laforest ließ eine Pause vergehen, bis er antwortete: »Auch für den nicht. Die Jugend, die Kriegslustigen, wer avancieren will, die meinethalben. Wir andern – pausieren, wir wissen ja nicht, ob es das Letzte ist. Der einzige Erfahrungssatz, den wir nach Hause trugen aus allen Revolutionen, ist der, daß die Dinge ihren Kreislauf machen, und die höchste Weisheit für die Individuen wäre die, auszurechnen, welches Stadium eintreten wird, wenn es mit uns zu Ende geht. Wer sich darauf präparierte, stürbe glücklich.« »Um fortgespült zu werden ins Meer der Ewigkeit als letzte Schaumflocke, die die Flut der Zeit auf ihren Wellen trug.« »Wer wird mit mehr Konsistenz hineingespült!« »Sie belügen sich wieder selbst. Warum hätten Sie sich in die Kirche gewagt, ausgesetzt der Entdeckung! Wenn einer dieser Franzosenfresser Sie erkannte!« »Habe ich etwa spioniert?« »Nein, Sie wußten es ohnedem. Aber aus reiner Dienstpflicht hätten Sie das nicht unternommen. Es war die Abenteuerlust, der ein Motiv zum Grunde liegt, das Sie sich selbst zu verbergen suchen. Ein Wagestück für Ihren Kaiser!« »Sahen Sie nie am Roulettetisch Männer, die selbst nichts mehr zu setzen haben, mit gespannter Aufmerksamkeit das Spiel verfolgen, das sie nichts angeht? Sie pointieren im Geist, eifrig, zufrieden und entsetzt wie die andern. Das Spiel ist ihnen zur Natur geworden.« »Was sahen Sie in der Gruft?« »Was ich erwartete, ein romantisches Schauspiel.« »Das zu einem Schluß führt, der Ihnen nicht gefallen darf.« »Welchen Schluß meinen Sie, Prinzessin? Ich sah nur einen frappanten Aktschluß. Die Zuschauer taten mir leid, daß sie nicht klatschen durften.« »Der Schluß des nächsten Aktes wird blutig werden.« »Vielleicht, vielleicht auch noch nicht. Man muß den nächsten Aktaufzug abwarten.« »Ich glaube, Sie werden ihn hier nicht abwarten.« »Das täte mir um der Gesellschaft willen leid, die ich sehr ungern verlasse.« »Und was ist der letzte Akt?- »Der letzte, Prinzessin, wer sieht so weit!« »Aber Sie sehen etwas vor sich. Sie täuschen mich nicht.« »Ich sehe allerdings einen folgenden – einen, der nicht ausbleiben wird, wenn dieser ernst wird.« »Aber er spielt nicht in der Potsdamer Kirche?« »Doch – es wird auch Nacht sein – bei Fackelschein seh ich meinen Kaiser in die geöffnete Gruft steigen; hinter ihm seine Generalität. Man wird Friedrichs Sarg öffnen und Napoleon die Hand des Gerippes ergreifen.« »Abscheuliche Phantasie!« »Natürlich nichts als Phantasie! Und er wird sprechen: ›Großer Geist, vor mir sollst du Ruhe haben in deiner Gruft.‹« »Napoleon ist kein Freund von Nachtstücken.« »Je nachdem es ihm konveniert. Glauben Sie nicht, daß der Akt die Bewunderung der Deutschen für ihn erhöhen muß?« Sie waren an die Tür des Hotels gekommen, wo die Fürstin abgestiegen. »Ich danke Ihnen für die Begleitung«, sagte sie. »Wir werden uns nicht wiedersehen – wenigstens bis zu einem nächsten Aktschluß.« »Warum?« Er hatte sie die Stufen hinaufgeführt und drückte die nicht verschlossene Tür auf. »Sie haben Ihrem Kaiser von der heutigen Nacht zu berichten. Leben Sie wohl.« Er drückte ihre Hand an die Lippen; sie zitterte. »Ich möchte Sie noch um einige Details bitten, die mir entgangen sind. Aber Sie stehen in der Zugluft.« Er zog sie in den Flur und drückte die Türe zu. Zehntes Kapitel. Bekenntnisse schöner Seelen . Als die Fürstin, in ihren dichten Zobelpelz gegen die kalte Morgenluft verhüllt, in den Wagen stieg, um in seinen weichen Polstern einer Reihe seltsamer Gedanken Audienz zu geben, war sie nicht wenig betroffen, noch jemand darin zu finden. Es war zu spät zum Schreien; die Tür war zugeschlagen, die Jäger hatten sich aufgeschwungen, und der Wagen rasselte schon über das unebene Pflaster nach dem Berliner Tor zu. Es war übrigens wohl Grund zum Betroffensein, aber nicht zum Schreck, als die weichen Hände der Baronin Eitelbach die der Fürstin erfaßten. Sie bat sie mit einer mit Tränen kämpfenden Stimme um Verzeihung wegen der Attrappe, aber sie habe sie sprechen müssen, koste es, was es wolle. Deshalb nach Potsdam gekommen, habe sie von Stunde zu Stunde vergebens auf den Augenblick gewartet, mit ihr allein zu sein, und endlich diese kleine List sich erlaubt, um der einzigen Frau, die Teilnahme für sie empfinde, die sie und ihre Leiden verstehe, ihr Herz auszuschütten. Die Fürstin wollte sich mit sich selbst beschäftigen, und die Leiden der Baronin waren ihr unter allen Dingen, mit denen sie sich beschäftigte, in dem Augenblick die allergleichgültigsten. Das schien wenigstens der Seufzer anzudeuten, der aus ihrer Brust sich Luft machte, aber sie drückte die Freundin mit sanfter Innigkeit an diese selbe Brust: »Ach, glauben Sie mir, Leiden schickt der Himmel denen, die er liebt.« »Aber nicht solche«, rief die Schluchzende, »wie mir! Ach, mein Gott, ich weiß ja nun alles, 's ist mir so klar wie was!« »Was ist Ihnen klar, Liebe?« »Nichts, sage ich Ihnen, wie ich Ihnen immer gesagt, als ein Mißverständnis. Mein Mops ist mir jetzt ordentlich zuwider; ich könnte ihn vergiften. Aber wer trennt sich gleich von solchem Tier! Er hat nun mal seinen Platz. ›'s ist die Gewohnheit‹, sagt mein Mann. Fanchon hat wohl recht, wenn sie singt –« »Ich verstehe Sie nicht.« Die Fürstin verstand sie wirklich nicht. »Ich weiß es, ich rede konfus, ich verstehe mich ja selbst zuweilen nicht. Aber das mit dem Mops war so gewiß ein Irrtum, er konnte nicht dafür, er wußte nicht, daß er meiner war. Es sind boshafte Menschen dazwischen, die haben ihm das arme Tier vor den Fuß geschoben; oh, ich weiß nicht, ich habe eine Ahnung –« »Eine Ahnung, Baronin?« »Aussprechen will ich's nicht, nein, gewiß nicht, ich mag niemand unrecht tun, aber der Legationsrat, ich weiß nicht, sein Gesicht – zuweilen –« »Was hat Wandel mit Ihrem Mops zu tun!« »Glauben Sie, daß er sein Freund ist?« »Des Mopses!« »Nein, seiner! Mögen Sie über mich lachen, ich fürchte, der Rittmeister ist nicht frei.« »Soviel ich mich entsinne, sagt man, er sei von seinen Gläubigern etwas geniert.« »Ach, Sie wollen mich nicht verstehen. Er ist zu arglos, gutmütig, er hat das beste Herz von der Welt, ein Gefühl, rein wie ein Kind; mein Gott, Fehler hat jeder Mensch, er hat mir nicht weh tun wollen, aber boshafte Menschen sind dazwischengekommen.« »Öffnen Sie Ihr reines Herz nicht zu leicht dem Argwohn. Das ist der Wurm, der an unserm Seelenfrieden zehrt. Man täuscht sich bei einem lebhaften Geiste so leicht.« »Dann ist was andres dazwischengekommen. Sie können sich nicht vorstellen, wie ich mich gequält habe, was ich ihm denn getan haben könnte; Tag und Nacht ließ mir's keine Ruhe.« »Und Sie haben sich ganz ernst gefragt?« »Teuerste Fürstin, da blieb kein Fältchen in meiner Seele. Nein, wahr und wahrhaftig, ich tat ihm nichts, ich bin unschuldig; es ist was anderes dazwischengekommen.« Die Fürstin war in ein Sinnen verfallen, das nicht zu der Art Teilnahme stimmte, welche sie der schönen Frau bisher angedeihen ließ. Sie hatte sich wieder mit sich selbst beschäftigt. So paßte auch ihre Entgegnung nicht ganz zu dem eben Gesagten: »Das ist der Kobold, meine Freundin, der uns alle neckt: es kommt uns allen, bei unsern besten Entschlüssen, unsern edelsten Bestrebungen, etwas dazwischen, worauf wir nicht gerechnet. Da glaubten wir, mit jahrelangen Mühen, mit gesparter Kraft die Hindernisse beseitigt, wir eilten schon mit offenen Armen dem Ziele entgegen, und plötzlich straucheln wir – Gott weiß, woran, wir wissen es selbst nicht, an einem Ball, den eine Kinderhand uns zwischen die Füße warf, am Reflex einer Scheibe, und wir glauben eine Mauer, einen Abgrund vor uns zu sehen. Wir müssen über uns lachen, wir ärgern, schämen uns, daß es so sein konnte, aber es ist so, und wir sind vom Ziele ab, wir müssen von neuem anfangen. Die Menschen nennen es Zufall. Nein, meine Freundin, es ist der ewige Dämon, der uns von der Wiege an belauscht bis ans Grab, um, wenn wir schwach werden, uns zu fassen. Dagegen können wir auch nichts, gar nichts. Es ist vielleicht vermessen, ihm absolut widerstehn zu wollen, denn mit unsrer Kraft ist's nicht getan. Besser geschehen lassen, was wir nicht ändern, und dann desto herzlicher bitten, daß der rechte Helfer bald erscheint, der uns wieder aufhebt.« Die Baronin hatte in ihrer Gemütsbewegung nur etwas von dem Monologe aufgefaßt, und es war das, was zu dieser paßte. »Lachen Sie mich aus, aber ich kann nicht dafür. Ich habe auch zum lieben Gott gebetet, daß er mir einen Freund schicken möchte, der mir hilft.« »Sie haben doch so viele, meine Beste!« »Nein, keinen, wo ich Rat holen wollte. Da –« »Erschien er plötzlich, wo Sie ihn nicht vermutet.« »Wenn ich die Augen schließe und lange dasitze, sehe ich ihn deutlich vor mir, als wenn er leibte und lebte, nein, noch deutlicher. Ich zähle die Knöpfe an seiner Uniform. Ich sehe ihn, wenn er den Fidibus anzündet, wenn er sich aufs Sofa wirft, das Bein auf den Stuhl legt, wenn er gähnt und seufzt und mit der Hand übers Gesicht fährt.« »Das sind ja interessante Visionen! Aber erlauben Sie mir, es zu sagen, diese Wahrnehmungen können doch zuweilen sehr unangenehm werden, wenn eine zarte Frau in die Garçonwirtschaft einer Kaserne blickt und alles das sieht. Es soll da nicht sehr sauber hergehn.« »Sein Herz ist rein, seine Seele ein Spiegel. Ich kann ohne Erröten hineinblicken. Was kümmern mich die Äußerlichkeiten! Er hat in seiner Kaserne keine weibliche Pflege. Da hängt manches am unrechten Ort und geschieht nicht, wie es sollte. Er fühlt es wohl, kann sich aber nicht klar darüber machen. Er fühlt, er muß sich herausreißen, weil er sonst unterginge.« »Das wissen Sie alles?« rief die Fürstin, über die neue Clairvoyance verwundert. Es ging ihr wie der Lupinus: die Eigenschaft, die sie für sich liebte, ward ihr bei andern unbequem. »Ich weiß noch mehr. Ja, er ist – er hat Vertrauen zu mir – er wollte sich mit mir verständigen – er hat, wie ich, das Bedürfnis gefühlt, das unselige Mißverständnis aufzuklären, er hatte einen männlichen Entschluß gefaßt; mit einem Wort, teuerste Freundin, er wollte an jenem Nachmittage zu mir, weil er es nicht länger in der Ungewißheit aushalten konnte, und da –« »Kam etwas dazwischen; jetzt verstehe ich Sie! Aber dann läßt sich ja der Schade leicht wiedergutmachen.« »Sieht er mir denn ins Herz!« rief die Baronin. »Man kann ihn langsam sondieren –« »Langsam! Und es geht los! Er muß mit!« Sie sah die Fürstin mit stieren Augen an, und jetzt brach das lang Verhaltene unwiderstehlich heraus: »Langsam! und Sie waren zugegen, wo sie den Krieg beschlossen haben. Weiß ich, ob er noch in Berlin ist, wenn wir ankommen? Es sind Kuriere mit neuen Marschorders schon diese Nacht abgegangen. Und er geht, ohne zu wissen, was mich quält. Nein, er geht mit dem Gedanken, daß ich ihn verspottet. Die erste Kugel kann ihn treffen, und – und in das Jenseits ist er, und weiß nicht –« »Daß Sie ihn lieben! – Meine teuerste Baronin, wenn wir das nur geahnet hätten! Man hielt es für eine flüchtige Passion. Wie hier die Welt ist!« »Ja, diese schlechte Welt kenne ich. Glauben Sie nicht, daß ich mehr weiß? Man hat mit uns ein grausames Spiel getrieben. Man amüsierte sich, mich aufzuziehen, weil er mir damals unausstehlich war. Sie antworteten, ich war ja auch ihm zuwider! Das war recht von ihm. Wie sollte er eine Frau achten, so empfindlich um eitle Torheiten. Er ist ein deutscher Ehrenmann, wie die Ritter in alter Zeit müssen gewesen sein. Gnädigste Frau, Sie kennen dieses Gemüt nicht. Mit seinem ruhigen Auge hatte er meine wahren Gefühle erkannt, und das war es, was seinen Sinn änderte. Er sah mich an mit, nennen Sie's, wie Sie wollen, Aufmerksamkeit, Teilnahme, meinethalben Bedauern, Mitleid; seine Blicke verfolgten mich nun, er wollte mich prüfen, und im Augenblick, wo das Licht der Wahrheit durchschlug –« Die Fürstin wußte in dem Augenblick nichts Passenderes zu tun, als daß sie die Baronin an die Brust schloß. Die Baronin interessierte sie sehr wenig, ihr Liebesschmerz noch weniger, am wenigsten aber der Rittmeister, dessen Lob eben beginnen sollte. Durch das improvisierte Embrassement verbarg sie außerdem die Träne des Mitgefühls, die in ihrem Auge nicht da war, und ersparte sich eine Antwort, die ihr in dem Augenblick nicht konvenierte. Sie saßen eine Weile in schweigender Rührung. Bei der Baronin bedurfte es nur des Antippens mit dem Finger, und ihre Bekenntnisse, lange noch nicht erschöpft, brachen von neuem heraus. Dies besorgte die Fürstin, sie schien nur deshalb auf eine Wendung des Gespräches nachzusinnen, welche diesen Ausbruch verhinderte; weil sie aber nur zu gut wußte, wie Gefühle der Art einem Raume mit brennbarem Äther gleichen, wo man kein Licht einbringen darf, damit nicht alles in Flammen stehe, so schwieg sie lieber ganz. Sie fühlte sich indes auch nicht vollkommen sicher auf dem Terrain, denn sie war überrascht, nicht sowohl über die Macht der Leidenschaft, welche die für kalt gehaltene Frau aufregte, als über das Bewußtsein und die Seele, mit welcher sie das Gefühlte aussprach. Wo Diplomaten Bewußtsein und Seele merken, werden sie unsicher und tappen umher, bis sie mit ihren Fühlfäden die Schwäche entdeckt haben, mittelst deren sie den Gegenstand, der sich ihnen entziehen will, wieder in ihr Netz ziehen. Die Fürstin hatte wenigstens eine unverfängliche Wendung gefunden, als sie, wie aus tiefem Nachsinnen aufseufzend, den Blick gen Himmel, rief: »Und der Krieg ist es, der meine Freundin so erschreckt! Was ist der Krieg anders als ein Gewitter, das die schwüle Luft reinigt.« »Mit Menschenblut! Und darunter die Besten. Die Kugel wählt nicht die Schlechten.« »Wenn nun in der Natur solches verborgenes, furchtbares Gesetz bestünde, das Menschenblut fordert!« fuhr die Fürstin fort, die sichtlich in ein neues Gedankengewebe sich hineinspann oder zu einem Phantasieflug erhob, der über die Fassungskraft ihrer Gesellschafterin hinausging. Sie wollte, obgleich die Wahrnehmung sie interessierte, daß die Leidenschaft auch eine Eitelbach weit über sich erhoben hatte, sich selbst in eine Sphäre erheben, wo jene ihr nicht folgen konnte. »Ja, es existiert dieses Gesetz! Und der Soldatenstand ist der geehrteste, weil er auf diesem großen Gesetz der geistigen Welt beruht. Warum heißt Gott in der Bibel der Herr der Heerscharen! Es ist das nicht ohne tiefen Grund. Wie herrscht in dem weiten Reiche der lebendigen Natur eine, wir können sagen, gesetzliche Wut aller Wesen gegeneinander! Es gibt keinen Moment in der Zeit, meine Freundin, wo nicht ein lebendes Wesen von einem anderen verzehrt wird. Der Mensch aber ist unter diesen zahllosen Arten von Würgetieren die allerfurchtbarste. Er tötet, um zu essen, um sich zu kleiden, sich zu schmücken, ja aus Vergnügen, er tötet, um zu töten. Der Mensch, dieser entsetzliche Herrscher der Natur, will alles an sich reißen, vom Lamme seine Eingeweide, um eine Harfe widertönen zu lassen, vom Walfisch seine Barten, um das Mieder des jungen Mädchens zu halten; seine Tafeln sind bedeckt mit Kadavern. Ja, dem Menschen ist in dem unerforschlichen Ratschluß des Ewigen das Amt gegeben, den Menschen zu erwürgen, und der Krieg ist's, der den Spruch erfüllt. Die Erde selbst schreit nach Blut. Das der Tiere genügt ihr nicht, auch nicht das der Schuldigen, das durch das Schwert des Gesetzes vergossen wird. Sie will mehr Blut, reineres. Der Mensch, von einer göttlichen Wut ergriffen, an der Haß und Zorn keinen Teil haben, rückt ins Schlachtfeld und tut mit Begeisterung, wovor er schaudert. In Erfüllung des großen Gesetzes, das gewaltsame Zerstörung unter den lebenden Wesen fordert, ist die ganze Erde, fortwährend von Blut getränkt, nur ein ungeheurer Altar, auf dem alles geopfert werden muß ohne Ende. Ja, meine Teure, zweifeln Sie daran, wenn Sie die Weltgeschichte durchblättern, wenn Sie die roten Schlachtfelder überblicken, mit denen der gekrönte Korse die Länder füllt, daß der Würgeengel sie umkreist wie die Sonne und eine Nation nur aufkommen läßt, um andere zu schlagen! Wenn die Verbrechen sich gehäuft über das Maß, dann verfolgt mit Hast der Engel, ohne Maß zu kennen, seinen unermüdlichen Flug. Die sicht- und greifbaren Anlässe erklären den Krieg nicht; jeder kennt ja das Übel; wenn sie wollten, könnten sie ihm ja leicht vorbeugen. Aber es ist der Durst dieser großen Sünder nach der Strafe, von der sie fühlen, daß sie sie verdienst, sie stürzen danach wie die Hirsche zum Quell, um dadurch gesühnt zu werden. Sehen Sie, Teuerste, wenn wir ihn so betrachten, müssen auch die Schrecken des Krieges geringer werden; ja wenn wir uns versenken in den berauschenden Gedanken, daß Er es ist, der, von dem sündigen Menschengeschlecht im Augenblick seiner höchsten Not gerufen, in seiner Donnerwolke eintritt, um die Ungerechtigkeit, welche die Kinder dieser Welt gegen ihn begingen, zu strafen und vernichten, dann wird der Krieg selbst in unsern Augen zu etwas Göttlichem, und seine Schrecken schwinden vor dem geängsteten Gemüte.« Wir wissen, daß dies nicht die eigenen Ansichten der Fürstin Gargazin waren, sondern daß sie dieselben in Petersburg aus dem Munde eines französischen Fanatikers vernommen hatte, der, damals noch wenig beachtet, später aber von so unheilvollem Einfluß ward, noch heute dauernd, aber noch heute zweifelhaft, ob von schlimmerem auf die Völker oder die Fürsten, indem er ihr Thema, die Erblichkeit der Rechte, auf keinen festern Grund zu bauen wußte als auf die Erbsünde der Menschen! Auch die Baronin wußte es nicht, es war ihr auch sehr gleichgültig. Mit der Erde, der Menschheit und ihrer Sündhaftigkeit im allgemeinen hatte sie nichts zu schaffen und gewiß auch keine Widerrede dagegen, wenn diese nur durch einen Krieg gesühnt werden könnte. Nur sollte der Rittmeister davon ausgenommen sein, denn sie hätte einen Eid darauf abgelegt, daß er keine Strafe des Weltgerichts verdiente. Aber indem sie mehr auf die Musik als den Inhalt der Rede gehört, waren doch einzelne Töne in ihre Seele gedrungen, die sie jetzt nachdenklich machten. Sie saß in die Wagenecke zurückgelehnt und klärte vergeblich mit ihrem Taschentuch die Fensterscheibe vom warmen Hauch, der sie immer wieder von neuem beschlug. Die Fürstin meinte, sie wollte ihre Tränen vor ihr verbergen, aber die Baronin suchte nach einem Licht. Von draußen kam es nicht. Es war das bleierne Grau des Novembermorgens, das unerquicklich durch die Kiefern schien. Die Fürstin hatte erreicht, was sie vorhin wollte, sie hatte die Baronin zum Schweigen gebracht; aber die stumme Sprache der Seufzer ward ihr noch peinlicher als die vehementen Liebesklagen, von denen sie sich debarrassiert. Sie drückte sanft die Hand ihrer Begleiterin, sie bedauerte, wenn ihre Phantasien einen zu tiefen Eindruck auf ihr Gemüt gemacht, auch sei der Krieg ja noch nicht bestimmt erklärt, und wenn er ausbreche; wache ein Auge dort oben über alle und wisse die Schuldigen von den Unschuldigen zu unterscheiden. »Nur die Schuldigen trifft sein Zorn! Er richtet nicht wie ein menschlicher Richter, der nur auf die offenkundigen Taten sieht, er prüft die Nieren und sieht das Herz. Mancher, der uns als großer Sünder erscheint, geht vor ihm frei aus, weil sein Herz rein geblieben, nur die Gewalt der Umstände ihn zur Tat trieb. Dagegen wie mancher, der nichts getan, was die Sinne fassen, ist schon verdammt, weil er in der Stille seinen sündhaften Regungen nachging, weil er in Gedanken gegen Gottes Gesetze sündigte. Wie leicht lullen wir uns in süße Verstellung ein, es sei nicht schlimm, was wir denken; wir lügen uns edle Absichten vor oder glauben, es sind ja nur Phantasien, und wenn es zur Ausführung kommt, so würden wir stark sein und ihnen widerstehen. Ach, meine Liebe, wir sind nicht stark, und Gedankensünden sind oft die schwersten, die wir begehen können.« Die Fürstin mußte heute selbst so von ihren eigenen Gedanken bedrängt und verwirrt sein, daß ihre diplomatische Kunst sie in dem, was sie laut sprach, zu verlassen schien. Sie hatte nichts von dem neuen peinlichen Eindruck gemerkt, den diese Tröstung auf die Baronin hervorgebracht, die plötzlich sich auf den Boden des Wagens niedersenkte und die Knie der Fürstin umfaßte: »Ach, ich verstehe Sie«, schluchzte die schöne Frau, »aber – ich konnte nicht anders.« »Meine Liebe, Gute, beruhigen Sie sich«, sprach die Fürstin, die eine neue Spezialbeichte fürchtete und nichts weniger als Lust hatte, den Beichtvater abzugeben. »In solchen großen Weltkatastrophen hat das Auge droben weniger acht – ich wollte sagen, es sieht milde und gnädig auf die kleinen Vergehungen herab.« »Ja, ich liebe ihn«, rief die Baronin, »und ich bin ja eine verheiratete Frau.« Also das war es. Mild lächelnd blickte die Fürstin auf die Sünderin herab und fuhr mit den weichen Fingern über ihre Stirn: »Erinnern Sie sich, wie der verlorne Sohn aufgenommen ward!« »Ich kann ihn doch jetzt nicht verlassen – wenn ich jetzt zurückkehre, raube ich ihm seinen Glauben –« »An Ihre Liebe. Das ist sehr wahr. Der verlorne Sohn kehrt auch nicht auf den ersten Anfall von Reue zurück. Würde er so im Hause des Vaters empfangen sein! Er mußte eine furchtbare Schule der Sünde durchmachen, um der Gnade wert zu sein. Wäre er in sich gegangen nach einer leichten Verirrung, und hätte er sich etwa nach einem Trinkgelag, einem Verlust im Spiel, einer wüsten Nacht, reuig dem Vater zu Füßen geworfen, es wäre gewiß sehr hübsch und moralisch, aber der Vater, wenn er ein vernünftiger Mann war, hätte ihn aufgehoben und auf die Schulter geklopft und gesprochen: ›Nun, das freut mich, daß du es selbst einsiehst, künftig wirst du dich davor hüten, aber nun mache kein Aufheben davon, daß du nicht ins Gerede kommst; sei ganz wie vorher, ich werde gegen dich auch wie immer sein.‹ Oh meine Freundin, wo blieb da die Seligkeit, die den Sohn, den Vater, das ganze Haus, die Nachbarschaft erfüllte, jene Seligkeit, um die es sich lohnt, gelebt, soviel Qualen ausgestanden zu haben! Wie er dalag auf der Schwelle, zerknirscht, gebrochen an Leib und Seele, und nun zuckte das Gnadenwort des Vaters wie ein Sonnenstrahl nach langen, grauen Tagen, der Himmel tat sich auf in seiner Herrlichkeit, als die Arme des Vaters sich öffneten, ihn zu umschließen. Er ward ein neuer Mensch, er gesundete an Leib und Seele, alle Welt wußte es, alle Welt freute sich mit ihm, und das große Geheimnis der Liebe ward Himmel und Erde offenkundig.« Es klang wunderschön, die Baronin wußte aber doch nicht, was sie damit machen sollte: »Wenn ich nur wüßte –« »Weiß Ihr lieber Mann darum?« fiel die Fürstin ein. »Ach der! – Er würde sich halb totlachen, wenn er alles wüßte. Es hat ihm schon Spaß gemacht, daß er mich necken konnte.« »Wenn aber aus dem Spaß doch Ernst würde? Wenn er in eifersüchtiger Laune – es könnte eine unangenehme Szene – eine Scheidungsklage –« »Ach, da hat er schon eine andre.« »Die spanische Tänzerin soll ihm viel Geld kosten.« »Das meinen Sie! Nein, ich meine die Braunbiegler.« »Die reiche, korpulente Witwe mit den Edelsteinen und Ketten um den Hals! Die muß ja eine Fünfzigerin sein!« »Sie ist ja die Witwe seines Kompagnons – hunderttausend Taler bar außer dem halben Geschäft! Wäre Herr Braunbiegler vor acht Jahren gestorben, hätt er mich gar nicht geheiratet, das sagt er mir und jedem tausendmal. Er hätte das Geschäft in einer Hand und die Tuchlieferung fürs Militär allein.« Ein Lächeln schwebte über das Gesicht der Fürstin: »So denken die Männer, und von uns fordern sie Hingebung und Treue! – Was ich sagen wollte, es kommt Ihnen also jetzt alles darauf an, den guten Rittmeister von seinem Irrtum zu kurieren. Wie wäre es denn – es ist nur ein Einfall – Sie glauben nicht, daß er sich noch einmal auf den Weg macht?« »Mein Gott, er muß ja ausmarschieren. Das ist's ja!« »Richtig! Wie wäre es denn, wenn Sie sich auf den Weg machten! Ich meine, wenn Sie ihm entgegenkämen, natürlich in allen Ehren. Sie könnten ihn zu sich rufen lassen; das möchte aber falsch ausgelegt werden, und vielleicht käme er auch nicht. Sie müßten etwas recht Eklatantes tun, das eblouiert die Männer. Ich hoffe, Sie verstehn mich nicht falsch. Wenn Sie ihn in der Kaserne aufsuchten, ich meine, nicht heimlich, sondern in Ihrer Equipage, den Bedienten hinter sich, die Welt würde das freilich nicht gutheißen –« »Sie meinten also –« » Ich meine gar nichts, aber wenn Sie einen solchen Schritt sich durchaus nicht ausreden ließen, wenn Sie sich kühn über das Urteil der Menge wegsetzten, welche die Impulse edler Seelen nie begreift – ich stelle mir nur eben den magischen Eindruck vor, den dieser heroische Entschluß auf unsern Freund hervorbringen müßte.« »Ich sollte also direkt zu ihm in die Kaserne –« »Um Himmels willen, Liebste, Beste, verstehn Sie mich nicht falsch. Ich meine nur, bei dem allgemeinen patriotischen Aufschwung, der gerade von den Frauen getragen wird, sinken die gewöhnlichen Schranken. Die Schwester eilt zum Bruder, die Braut zum Bräutigam, man möchte den teuren Scheidenden die letzten Stunden durch verdoppelte Aufmerksamkeit versüßen, man windet ihnen Kränze zum Abschied, und in den Efeu und das Immergrün möchte man schon Lorbeern flechten. Finden Sie das unnatürlich?« Wenn die Fürstin sich hätte Rechenschaft geben sollen, welches Motiv sie antrieb, würde sie gestockt haben. Herrschsüchtige strengen oft die halbe Kraft an, den Schein hervorzubringen, daß sie nicht beherrschen wollen; Geistvolle, wenn sie von andern in ihren Gedankenkombinationen gestört werden, wehren sich die Störung durch lebhaftes Reden ab. Diese äußerste Anstrengung, sich nicht zu verraten, verrät freilich den Schuldigen nur zu oft, es bedarf dazu aber anderer Richter als Zuhörer, die von ihren eigenen Gedanken absorbiert sind. Die Fürstin wollte von der Baronin loskommen, aber in jeder Wendung, welche sie dem Gespräch gab, verstrickte sie sich aufs neue. Die Intrige, zu der sie sich aus Gefälligkeit herbeigelassen, war ihr gleichgültig; selbst das Vergnügen, Eroberungen zu machen, erkaltet, je unbedeutender die Personen, die wir zu erobern ausgingen, im Verlauf der Arbeit uns erscheinen; und wenn sie aus Not wieder ins Rad dieser Intrige griff, geschah es nur aus Rücksicht für Freunde, die ein Diplomat immer abschütteln darf, sobald das Interesse es fordert, niemals aber aus Laune. Sie wollte wenigstens das Spiel derselben nicht verderben, darum ein Ratschlag, bei dem ihre Freunde Zeit gewannen, nach ihrem Gutdünken zu handeln. Aber die Fürstin hatte heut Unglück. Der Funke, den sie geschlagen, hatte in der Baronin gezündet. Sie strich über die Stirn und machte Miene aufzustehn: »Ja, Sie haben wieder recht. So muß es sein, ich bin's ihm schuldig. Wenn nur nicht wieder etwas dazwischenkommt!« »Ach, wenn doch etwas dazwischenkäme!« dachte die Fürstin, und der Himmel erbarmte sich ihrer. Ein heftiger Krach, ein prasselndes Knallen, und der Wagen senkte sich. Im nächsten Augenblick waren die Damen unsanft auf die Seite geschleudert und lagen in der umgestürzten Kutsche, deren Fenster klirrend in Stücke sprangen. Der Kutscher hatte nicht schnell genug einem hinter ihm in Sturmeseile heranpreschenden Sechsspänner ausweichen können. Das Hinterrad des Wagens war vom Vorderrade des nach ihm kommenden erfaßt worden, das Terrain war abschüssig, und der Wagen der Fürstin, weiter in der Richtung rollend, gestürzt. Wenigstens ein Rad war gebrochen. Aus der Kutsche des Sechsspänners ertönte ein donnerndes »Halt!« Ein Kavalier sprang noch im Fahren heraus, und ehe die Lakaien sich von ihren Sitzen gearbeitet. »Es ist Frauengeschrei!« sagte ein heransprengender Reiter, der zum Wagen gehörte. »Um so unverzeihlicher!« rief der Kavalier und schien zu fordern, daß auch der Begleiter vom Pferde springe, während er selbst, der erste, sich an der umgestürzten Kutsche beschäftigte, den obern Schlag zu öffnen. »Sie sind doch nicht verwundet?« rief die Eitelbach zur Fürstin, die unter ihr lag. »Ich glaube nicht. Man öffnet. Machen Sie Luft.« Die Eitelbach war rasch zur Hand. Sie erfaßte eine andre Hand, welche sich ihr aus dem geöffneten Schlage entgegenstreckte. Als sie sich hinaufgeschwungen, umfaßte sie der kräftige Arm des Kavaliers und hob und senkte sie mit einem glücklichen Schwunge auf die Erde. Im nächsten Moment übte der Begleiter, der rasch aus dem Sattel geglitten, denselben Ritterdienst an der Fürstin. Der Zobelpelz, den sie der empfindlichen Morgenkühle wegen nicht zurücklassen wollte, machte einige Schwierigkeit. Der Retter und die Gerettete mußten sich übrigens kennen. Als sie aber den andern Kavalier sah, ließ sie den Pelz plötzlich zu Boden sinken und blieb in respektvoller Entfernung mit auf der Brust gekreuzten Armen am Wagen stehen. Der Kavalier sprach zur Baronin, die ihren Schreck abschüttelte: »Ich hoffe doch, daß die schöne Frau sich keinen Schaden getan.« »Danke für gütige Nachfrage, Ihro Kaiserliche Majestät, ich denke, es ist alles noch gut abgelaufen«, erwiderte sie mit einem Knicks, der die Fürstin erröten machte. Sie sah aber nicht, daß die Baronin dabei auch auf ihre Falbalas sah, die beim Herausheben zerrissen waren. Der Kavalier ließ den wohlgefälligen Blick, mit dem er die Gestalt der schönen Frau maß, jetzt auf ihre Begleiterin gleiten: »Ei sieh da, Prinzessin, das Morgenlicht täuscht. Hoffentlich auch mit dem Schreck davongekommen, liebe Gargazin.« Er reichte ihr die Hand, die sie ehrerbietig an die Lippen brachte: »Sire, ein kleiner Unfall verschafft uns oft ein großes Glück.« »Aber die Damen können doch unmöglich in der Kälte hier stehen«, rief der Kavalier, sich umsehend. »Wäre in meinem Wagen – Aber es muß sogleich Rat geschafft werden.« »Eure Majestät«, sagte die Fürstin, »der Unfall wird leicht zu redressieren sein. Hier ist Hilfe zur Hand.« »Wir sind bei Stimmingens«, rief die Baronin, auf das Gehöft zeigend, das in der Morgendämmerung gegen den dampfenden weiten Seespiegel auftauchte. »Da sind wir gut aufgehoben. Wer bis Stimmingen kam, ist zufrieden.« Der Kavalier lächelte. Wenn ein großer Mann Zufriedenheit um sich erblickt, ist er selbst zufrieden. Aus der Wirtschaft waren in der Tat schon rüstige Arme herbeigeeilt, um die gestürzte Kutsche beschäftigt. Ein ältlicher Begleiter, in einen dicken Pelz verhüllt, der sich jetzt aus dem Wagen gearbeitet, machte, mit einer Bewegung der Hand gegen die Uhrtasche, eine bedeutungsvolle Verbeugung: »Meine Damen«, sprach der Kaiser, »ich bedaure, daß die Stunde, die zur traurigen Staatspflicht ruft, mich zwingt, die angenehmere in Ihrer Gesellschaft abzukürzen. Ich hoffe, daß Ihr Wagen bald wiederhergestellt ist, um das Vergnügen zu haben, Sie in Berlin wiederzusehen.« Die huldreichste Verneigung schloß mit einem Kopfnicken gegen die Fürstin: »Adieu, Gargazin, erkälten Sie sich nicht.« Noch einmal sah der Erlauchte vor dem Einsteigen sich um, und sein Blick galt der Baronin. »Glückselige Frau!« sagte die Fürstin zur Eitelbach, während sie beide am hohen Rande des Sees auf und ab gingen, die Fürstin wieder in ihrem Zobel, den der Adjutant ihr aufgehoben. Sie zogen den Aufenthalt im Freien der überheizten Wirtsstube und der Gesellschaft darin vor, beide vielleicht von einem innern Feuer erwärmt, während der Novemberwind empfindlich kalt von Spandau her über die weite Fläche des Sees blies. »Warum glückselig jetzt?« »In Rußland würde diese Frage eine Blasphemie sein. Die Schönheit, auf der das Auge der Majestät mit Wohlgefallen ruhte, wird glückselig gepriesen. – Aber wie kannten Sie ihn, und auch mein hoher Herr –« »I wissen Sie denn nicht! Wie sich's in der Königsstraße stopfte und sie halten mußten, gerade vor unserm Hause. Und die ganze Zeit sah er nach meinem Fenster – fünf Minuten oder drei wenigstens kein Auge fort. Es hat uns allen rechten Spaß gemacht.« »Spaß!« Die Fürstin erschrak, es kam aber noch ein anderes Gefühl hinzu, wie konnte ihr das verborgen geblieben sein! Niemand hatte es ihr hinterbracht. War sie so schlecht bedient! Die Eitelbach konnte sich täuschen, aber hatte sie nicht selbst Alexanders Blicke beobachtet! Sie kannte diesen Blick. »Ich begreife Sie nicht, so ruhig sprechen Sie das aus. In Rußland, nein, in ganz Europa bliebe keine Frau gleichgültig, die der ritterlichste und liebenswürdigste Monarch so ausgezeichnet hat.« »Ach, Sie meinen mich? Nein, ich war's ja nicht.« »Wer denn?« »Die Mamsell Alltag, die stand am Fenster neben mir.« »Adelheid Alltag!« rief die Fürstin und blieb sinnend stehen, so im Sinnen, daß sie den herangaloppierenden Reiter nicht bemerkte, der sich zum zweitenmal vom Pferde warf und an die Damen trat. Es war der Adjutant des Kaisers. »Seine Majestät haben mich zurückgeschickt, meine Damen, mit dem strengsten Befehl, Ihnen meine Gegenwart aufzudrängen und nicht eher zu weichen, als bis ich ihm rapportieren kann, daß der Wagen sowie alles, was Sie wünschen, zur Zufriedenheit der erlauchten Frauen hergestellt ist.« Die Fürstin mußte, nach dem eigentümlichen und forschenden Blick, den sie ihm zuwarf, zu schließen, in alter und sehr genauer Bekanntschaft mit dem Adjutanten stehen: »Berichten Sie, Prinz, Seiner Kaiserlichen Majestät, wie sie uns sprachlos vor Rührung über diese außerordentliche Gnade gefunden haben. Um uns aber in unsern stummen Dankgefühlen nicht zu stören, bitten wir Sie, uns auf der Stelle auch noch zu vertrauen, warum Sie außerdem hergeschickt sind.« Der Adjutant, wie im Einverständnis mit der Art der Frage, verneigte sich vor der Baronin: »Außerdem wünschten Seine Majestät zu erfahren, wer das junge Mädchen war, die am Einzugstage neben der schönen Frau am Fenster stand!« »Wirklich!« rief die Fürstin; man glaubte unter dem Zobelpelz ihr Herz gegen die Brust schlagen zu hören, die matt gewordenen Züge ihres feinen Gesichtes belebten sich, und ihr schwarzes Auge strahlte von einem Glanz, der das graue Morgenlicht beschämte: »Berichten Sie Seiner Majestät, daß, was wir wünschen, wenigstens, was ich wünsche, zu meiner Zufriedenheit hergestellt sein wird. Vielleicht sage ich Ihnen dann unterwegs – Sie chaperonieren doch unsern Wagen? –, wer das junge Mädchen ist, vielleicht auch nicht. Je nachdem Sie sich aufführen.« Elftes Kapitel. Von Magistratspersonen und ungeratenen Kindern . Die Geheimrätin Lupinus war am Rathaus vorgefahren und hatte in die Hände des Magistrats eine Gabe von dreihundert Talern als milden Beitrag zu den Kriegskosten des Staates niedergelegt. Der Magistrat hatte es für nötig erachtet, durch eine konfidentielle Deputation der Geheimrätin für diesen Beweis einer außerordentlichen patriotischen Gesinnung seinen besondern Dank abzustatten. Sie hatte die Herren Büsching, Köls und Gerresheim mit Beschämung, wie sie sagte, empfangen und ihre Verwunderung nicht zurückhalten können über einen so aufsehenerregenden Schritt und um eine Handlung, welche nach ihrer Meinung die Pflicht von jedem fordere. »Aber Sie waren die erste in Berlin, die das Beispiel gab«, hatte Büsching erwidert, »und vor diesem Beispiel verneigen wir uns.« »So wünsche ich, meine hochgeehrten Herren, daß das Beispiel von den Nachfolgern verdunkelt und meine obskure Person und die Kleinigkeit, die ich mitbrachte, bald vergessen werde über die großen Opfer, die andere, Reichere, auf dem Altar des Vaterlandes niederlegen.« »Eigentlich hatte sie recht«, sagte Gerresheim, als die Herren wieder in den Wagen stiegen. »Das schickt sich nicht für eine Korporation wie der Magistrat von Berlin.« »Was schickt sich denn, und was schickt sich nicht«, sagte Köls, »wenn das Vaterland in Gefahr ist! Wir mußten aus den Provinzen täglich in den Zeitungen lesen, daß der und der Edelmann seine Rekruten ausstattet und wertvolle Lieferungen verspricht, während in der Hauptstadt nicht das geringste geschehen ist. Da war es Pflicht, den ersten besten, der mit einer ansehnlichen Offerte hervortrat, zur Stimulation für die andern zu honorieren.« »Dies ist auch meine Ansicht«, schloß Büsching. »Es ist mit unserm Gemeindewesen überhaupt nicht, wie es sollte. Da muß man manches dem einzelnen überlassen, was eigentlich nicht an ihm wäre.« »Unser Räderwerk ist etwas verrostet, das ist richtig«, stimmte Gerresheim bei. Jener fuhr fort: »Können wir als Korporation etwas tun, um auf das Staatswohl einzuwirken? Weder nach oben noch nach unten haben wir Einfluß.« »Ist auch nicht unseres Amtes, Herr Kollege«, sagte Köls. »Und ich sollte meinen, es macht uns schon genug zu schaffen.« »Papierstöße in Aktenberge zu verarbeiten! Meines Erachtens wäre in einem wohlgegliederten Staate die Aufgabe des Magistrats einer Stadt wie Berlin eine andre, als im Schlendrian zu vegetieren.« »Liebster, bester Kollege, keine Neuerungen! Haben wir's nicht gesehen, wohin sie führen. Wenn erst distinguierte Männer im Amt einen Penchant dazubekommen –« »Neuerungen!« fuhr Büsching dazwischen, »was so uralt ist, als es Städte in Deutschland gab. Der Bonaparte freilich macht in seinem neuen Reiche seine Bürgermeister zu Domestiken und den Magistrat zu Pagoden ; bei uns aber ist doch wenigstens noch die Fiktion, daß wir aus der Bürgerschaft hervorgegangen, daß wir ihre Interessen vertreten, oder, wie man jetzt sagt, sie repräsentieren. Traurig genug, daß es nur noch Fiktion ist.« »Aber, liebster Büsching, warum denn traurig!« »Es geht ja alles ganz gut so.« »Jetzt meine Herren Kollegen, geht es zur Not noch. Aber wenn Gefahr kommt, wie denn dann? Werden seine Präfekten und Maires den Napoleon halten, wenn über Nacht eine andere Gewalt sich zum Herrn aufwirft! Sind wir dem Staat eine Stütze, wenn ein Unglück hereinbrechen sollte? Wir gingen nicht aus der Bürgerschaft hervor, wir haben keine Wurzel in ihr. Und wenn ein Fremder kommt, uns einsperrt, fortjagt, steht sie ratlos da, ohne Zusammenhang, Organismus, ohne Willen und Kraft auch nur zum Notwendigsten. Ja, wären wir wie in England.« »Keine Neuerungen!« unterbrachen ihn beide Kollegen wie im Chorus, mit einer Bewegung, als wollten sie sich die Ohren zuhalten. »Und Neuerungen in diesem gefährlichen Augenblick, liebster Kollege Büsching!« »Und wann denn!« sagte der Kollege mit Ruhe. »Weiß denn einer von uns, was uns die nächste Zeit bringt! Jetzt ziehen wir ins Feld, vielleicht auch nicht; aber beendet, meine werten Kollegen, ist, auch im glücklichsten Falle, damit die Sache nicht. Gesetzt, was ich aus Herzensgrunde wünsche und glaube, wir schlagen ihn; damit haben wir ihn nicht überwunden. Dies Frankreich hat in seinem größten Elend, und immer im Augenblick, wo wir es für ganz vernichtet hielten, wunderbar neue Kräfte aus sich selbst entwickelt. Es kommt keiner gegen es auf, wenn er nicht auch Neues in sich findet, sich aus sich selbst herausspinnt.« »Aber der Bürger, liebster Büsching, was soll der damit! Wenn der erst suchen soll, was dem Staate not tut, ist die Verwirrung voll.« »Er weiß sich in den kleinsten, eigenen Angelegenheiten nicht zu helfen«, setzte der andere hinzu. »Ein Spiel in den Händen der Advokaten, möchte er doch noch in der einfachsten Schuld- oder Hypothekensache von jedem Rat haben. Und er sollte Rat geben!« »Es ist schlimm, daß es so ist, meine Herrn, aber noch schlimmer, daß, während er von jedem Rat will, er unserm am wenigsten traut. Oder wollen Sie sich darüber täuschen, daß im Volke der Glaube ist, wir betrügen es, wenn wir Erbschaften regulieren, Inventare aufnehmen, Sporteln liquidieren, ja leider selbst, wenn wir Recht sprechen?« »Das Volk ist einmal dumm, Kollege!« »Ist es dazu vom Schöpfer destiniert! Oder haben wir es allmählich dumm gemacht, weil wir ihm nicht den geringsten Einblick in unsern Mechanismus gewährten? Es kann in unsere Akten nicht sehen, und wenn, verstünde es nicht einmal unsere Sprache.« »Friedrich hat etwas davon im Sinn gehabt, was Sie meinen«, erwiderte Köls. »Ihm und seinen Räten schwebte der Gedanke vor, daß die Justiz Allgemeingut werden sollte; daher die wunderlichen Verordnungen, wie lange nur ein Prozeß dauern sollte, die Beschränkung des Einflusses der Advokaten, der indirekte Zwang, daß jeder eigentlich seinen Prozeß selbst führen müsse. Wohin hat uns das geführt? Nur auf Widersprüche; denn es war nicht auszuführen, weil das Volk keinen Sinn dafür hatte, weil es nichts davon verstand, kurz, weil es nun einmal zu dumm ist.« »Weil« – sagte Büsching und hielt inne –, »doch das führt uns hier zu weit. Meine Herren Kollegen, fühlen Sie denn nicht, daß es einer innigern, festern Gliederung zwischen oben und unten, zwischen allen Teilen, Gliedern und Ständen bedarf, um uns fest in uns selbst zu machen? Wenn ein Feind in England einfiele und London nähme, wäre England nicht verloren, weil in jeder Grafschaft ein Teil des Ganzen lebt, der selbst Lebenskraft hat, weil die Gemeindevorstände aus der Gemeinde hervorgingen, mit ihr zusammenhängen, mit ihr, auf sie gestützt, handeln können. Da rettet sich ein Teil des Staates, der Nation, in die Städte, Grafschaften, von dort aus erhebt sich England wieder. Was aber wäre Preußen, wenn Berlin genommen ist und der Sitz der Regierung, ehe man die Staatsmaschine retten konnte, mit allem Darum und Daran, dem Feinde in die Hände fiel? Wo sollte sich ein Widerstand organisieren, wo eine legale Autorität auftreten, wenn ein Schlag den Knoten zerhieb, in dem alle Fäden zusammenliefen, und sie hängen nun lose da. Die einzelnen möchten zwar gern, und sie sind bieder, gut, entschlossen; aber wo ist ein Mann, ein Name, eine Institution, welche eine Kraft, einen Anspruch hat, die einzelnen um sich zu sammeln? Wir haben keine Aristokratie, keine Magistrate, wie sie sein sollten, gar keine Korporationen mit Einfluß hinter sich, mit Untergebenen, die ihren Führern, wenn nicht aus Liebe folgen, doch aus Interesse sich zu ihnen scharen. Wenn der Schlag fiele, sind wir zersplittert, eine zerstreute Herde, von der jeder Nachbar, jeder Räuber, was ihm bequem liegt, an sich risse.« »Wir haben unsre Armee«, sagte Köls. »Und die Armee hat Disziplin«, setzte Gerresheim hinzu. »Mit Disziplin läßt sich alles durchsetzen.« »Auch der Opfermut, der festhält an einer verlorenen Sache? – Lassen Sie uns abbrechen, meine Kollegen, unsre Ansichten finden keine Vereinigung. Wir haben keine Korporationen, Stände, keine Gliederung im Staate, aber wir haben Menschen, gute, tüchtige Menschen, vielleicht Charaktere, die nur jetzt verborgen sind, und die Not weckt noch mehr zur rechten Stunde. Das hoffen wir doch alle, und lassen Sie uns an diesem Glauben festhalten. Darum –« »Wollen wir auch das Scherflein der Witwe nicht verschmähen; die dreihundert Taler der Lupinus sind uns aber lieber«, fiel Köls ein. »Sie ist ein wenig fanatisch in ihrem Patriotismus«, sagte Büsching. »Und –« setzte Gerresheim hinzu und schwieg plötzlich, bis er die Bemerkung hinwarf: »Die Frau Geheimrätin admirierte vor kurzem noch den Bonaparte mit einiger Ostentation; da ist das Changement doch auffällig.« Die drei Herren sahen sich an und mußten sich verstehen. »Es ist doch etwas Eigenes mit der Weibernatur«, sagte Köls nachdenklich. »Wie weit sind sie uns oft vorauf, ich möchte sagen, wie der Blitz, der durch die Nacht leuchtet, und wir sehen den Weg vor uns. Aber dann, wenn wir den Weg einschlagen wollen, haben sie sich plötzlich verloren, und wir haben Mühe, sie mitzuziehen.« »Sie tut's auch jetzt nur, um von sich reden zu machen«, sprach Büsching. »Darüber hab ich mich keinen Augenblick getäuscht. Aber das dürfen wir um Gottes willen nicht sagen. Hingenommen das Gold und einen Heiligenschein daraus geschlagen. Zum Zweck ist's dasselbe.« »Es wird mit dem Schein manches Heiligen nicht besser sein«, assentierte Köls. »Was meinen Sie, Gerresheim?« »Weiß der Geier, in der Frau ist etwas, was mich anzieht und abstößt. Als ob ihr Auge mich aushöhlen wollte, und ich fühle mich gedrungen, dann immer tiefer hineinzugehen, um sie wieder auszuhöhlen.« »Ei, ei, Gerresheim, doch nicht wieder verliebt?« »Das wäre denn nur wie der Inquirent in seinen Inkulpaten, den er zum Geständnis bringen will. Ich kann die Vorstellung nicht loswerden, daß ich die Frau einmal vor mir sitzen hätte am grünen Tisch, in einem Glorienschein von erhabener Tugend und philosophischer Resignation. Da steht mir denn der kalte Schweiß auf der Stirn, wie sie auf meine Fragen antwortet. Sie redet sich aus und in mich rein, daß ich an mir irre werde. Glauben Sie mir, das könnte die Frau in solcher Lage, mit ihrem züngelnden Blicke, voll Sanftmut und doch in die Seele bohrend, mit ihrem feinen Lächeln, mit der unendlichen Milde, die um ihre blassen Totenlippen schwebt. Sie bedauert mich, sich, die ganze Welt, und Gott weiß, was hinter dem Bedauern lauert, Hohn und Haß, Gift und Tod.« »Gerresheim, ich bitte Sie, ein Mann wie Sie, ein Richter, Kriminalist, und solche Phantasien!« »Ich weiß es, es ist unrecht, aber wer kann dafür! Sie ist die reputabelste Frau in Berlin, und doch –« »Was steckt dahinter?« »Nichts weiter, Büsching, als die Warnung, daß man die Leute nicht zu klug werden lassen darf. Stellen Sie sich das Elend vor, wenn jeder Dieb so fein, gewitzigt, gelehrt und gebildet wäre wie die Geheimrätin Lupinus! Da möchte der Teufel Richter bleiben.« Während dieses Gesprächs stand diejenige, von welcher die Rede war, am Fenster und hatte der fortrollenden Kutsche nachgesehen. Das Fenster war geschlossen, und die Scheiben belegten sich vom Hauche ihres Mundes. Sie konnte nichts mehr sehen, und nach den Gesetzen der Natur, die wir kennen, nichts hören als das Fortrollen der Räder. Wer aber ihr Physiognomiespiel beobachtet, hätte glauben mögen, daß sie das Gespräch im Wagen angehört. In ihren Augen stand geschrieben: ich weiß, was ihr über mich denkt! Ich kann's nicht ändern, aber ihr könnt und sollt mich nicht anders machen, als ich bin. Dann flog ein eigentümliches Lächeln über die Lippen, welche die Magistratsperson so treffend gemalt hatte. »Der Herr Legationsrat von Wandel lassen ihren Respekt vermelden!« sprach der eintretende Diener, nachdem ein Zug an der Türglocke sie aus ihren Gedanken aufgeschreckt. »Ich lasse dem Herrn Legationsrat für seine unerwartete Attention danken.« Der Bediente ging aber noch nicht, obgleich die Dienerschaft gewöhnt worden zu schweigen, wenn die Geheimrätin mit einer ihrer scharfen Bemerkungen eine Rede abschnitt. Es hatte sich manches in dem Hause verändert, die Geheimrätin schnitt viel öfter, rascher die Reden ab: sie sprach am liebsten mit sich, und man sah ihr an, daß sie in der Unterhaltung dem mit ihr Redenden nur äußerlich Aufmerksamkeit schenkte, während ihre Gedanken andre Wege gingen. »Ist's noch etwas, Heinrich?« fragte sie, als der Bediente nicht ging. Er hieß eigentlich Johann, hatte aber beim Eintritt in den Dienst diesen Namen ablegen müssen. »Herr Legationsrat –« sagte der Bediente und stockte vor dem Blick der Geheimrätin. »Hat mir seinen Respekt durch seinen Bedienten vermelden lassen«, wiederholte sie rasch. »Weiter hat Er mir doch nichts zu sagen?« »Sie lassen der Frau Geheimrätin sagen, Frau Geheimrätin möchten doch heute abend ja nicht versäumen, in die Komödie zu kommen. Es wäre nämlich was los. Es wäre nicht um der Komödianten willen, sagte der Mensch, sondern weil die Herren Garde du Corps und von den Gendarmen die Logen gemietet, und man wüßte nicht, was draus werden könnte. Frau Geheimrätin möchten aber ja nichts zu andern von sagen, denn es sollte es nicht jeder wissen.« »Das sagte Ihm alles der Mensch? Vermutlich schrie er es Ihm von der Treppe zu?« »Nein, Frau Geheimrätin, der Mensch des Herrn Legationsrats waren nur sehr eilig, weil er's noch vielen ansagen sollte. Sie standen alle auf einer Liste. Darum –« Die Geheimrätin schnitt diesmal das Gespräch nicht durch ein Wort, sondern durch einen Blick ab. Aber der Blick war schärfer als das Wort. Sie hatte sich auf das Kanapee gelehnt, aber sie saß nicht allein. Einst hatte sie aufgeschrien, als sie kleine Schlangen sah, die über das Sofa ihres Arztes züngelten und, um seinen Arm sich ringelnd, ihm an den Hals glitten. »Fürchten Sie sich nicht, Frau Geheimrätin«, hatte Heim gerufen, ohne Anstalt zu machen, der fast Ohnmächtigen beizuspringen. » Die Schlangen tun niemand was. Es hat aber andre, die zischen und sind giftig, und niemand sieht sie!« Diese Schlangen schienen jetzt neben ihr auf den Kissen zu spielen, um ihren Hals sich zu schlingen und durch ihre immer engere Umklammerung die scheu schielenden Blicke ihrer Augen zu erpressen. Fuhren sie auch zuweilen mit einem nagenden Stich in ihr Herz, so kam wohl daher das plötzliche Aufzucken, das krampfhafte Atmen, das sie sich selbst zu verbergen suchte, indem sie die Hand unwillkürlich an die Brust führte. »Er hat recht«, sagte sie, mit Anstrengung sich wieder vom Sofa erhebend, während sie sich doch noch an die Lehne hielt. Aber dann zwang sie sich mit aller Muskelkraft, die dem starken Willen zu Gebote steht, aufrecht zu stehen. »Er hat recht«, wiederholte sie. »Das Leben ist und bleibt ein Krieg aller gegen alle, und nur der steht fest, der sich zuletzt auf niemand verläßt als auf sich. – Auf niemand « – setzte sie mit Nachdruck hinzu. »Denn der beste Bundesgenosse wird der gefährlichste Feind, wenn die Bande zerrissen sind, die ihn an uns fesselten. Und was sind denn diese Bande, wenn wir sie näher betrachten? Der Leim, der die spröden Fäden schmeidigt und bindet, ist das Interesse, weiter nichts! Die süßeste Liebe, der eifrigste Wissensdrang, wenn wir sie zersetzen, es bleibt nur das Gelüste, das allerfeinste, nach Genuß und Vorteil. Die Vaterlandsliebe, was ist sie, auf ihre Grundstoffe zerlegt? Ein grober Egoismus! Und dieser Patriotismus, den wir uns vorlügen, jeder sich selbst, in noch stärkerer Dosis dem andern, und der gibt ihn uns wieder zurück, aufgeschwollen, bis das grauenhafte Phantom fertig ist, das Wolkenbild, das unsre Sinne verwirrt, unsre Vernunft uns raubt. Und was bleibt dann? –« In der Kinderstube war es laut geworden, keine ungewöhnliche Erscheinung. Die Kinder verübten, wenn sie kaum sich etwas erholt, allerhand Schabernack. Sie neckten, zankten, schlugen sich, und es war mehr als einmal passiert, daß sie in unbewachten Augenblicken wieder einen frischen Trunk aus dem Quell des Übels getan, von dem sie geheilt werden sollten. Charlotte kam aus der Stube, die Enveloppe umgetan zum Fortgehen. Sie weinte. »Haben die Kinder Sie wieder nicht in Ruhe gelassen?« »Ach, Frau Geheimrätin, wenn da der liebe Gott nicht hilft, dann weiß ich nicht, wer helfen soll.« »Warum hilft Sie sich nicht selbst?« »Ich knuffe sie auch, Frau Geheimrätin, aber Wechselbälger sind gar nicht so schlimm. Nein, seit sie doch in dem Hause sind! Ein vernünftiger Mensch soll doch auch nicht in Rage kommen, denn wer in Rage ist, hat keine Vernunft, ja sonst – ich frage mich immer, womit hat's die liebe gute Frau Geheimrätin verdient, nämlich die selige, die hatte ja ein Herz wie Zucker, das konnte keine Fliege leiden sehn, und der Fritz, wenn er den Maikäfern die Flügel ausreißt, das ist sein größtes Pläsier. Malwinchen ist stiller, aber die hat's dick hinter den Ohren. Glauben Sie mir's, Frau Geheimrätin, die war's, die hat die Medizinpulle in die Mehlspeise gegossen. Oh Gott, ich kenne sie ja; der Fritz, ja mit reingepolkt hat er in die Speise, aber Fritz ist viel zu wild; der hätte nicht nachher die Pelle, mit Respekt zu sagen, so wieder rübergepellt, daß man's nicht merken tat. Und daß so was in einem so reputierlichen Hause vorkommen mußte! Meine Cousine, die Frau Hoflackier, als sie's hörte, schlug die Hände über dem Kopf zusammen und sagte: ›Charlotte, du mein Jemine! die Leute hätten ja denken können, sie wären vergiftet und vergeben worden.‹« »Das ist ein albernes Gerede.« »Das sagte ich ja auch. Erstens, ›das waren vornehme Gäste, und die nennt man nicht Leute , Cousine‹. Nun, Sie müssen wissen, meine Cousine ist jetzt eine sehr respektable Frau, aber sie hat nicht die Bildung gehabt. Da muß man ihr schon etwas zugute halten. Aber dann sagte ich ihr: ›Aber, Cousine, wie kannst du so was nur denken! Gemeine Leute sind rachsüchtig, und da hat schon mancher seiner Frau auf den Kopf geschlagen, und in den Büchern steht's von mancher Frau, die ihren Mann vergeben hat in der Suppe, daß sie ihn unter die Erde kriegte, und hinter der Tür stand schon ein anderer. Aber unter honetten Leuten kommt so was nicht vor, die wissen sich anders zu helfen. Und wenn's einmal, so macht man auch nicht so viel Geschrei davon, denn da wär's ja getan um allen Respekt und die Moralität.‹ Nein, alles, was recht ist, und mein guter Herr, der Geheimrat, in der Seele hat er mir weh getan, daß er dabeisein mußte.« »Er machte einen Spaß daraus.« »Das ist schon richtig, Frau Geheimrätin. Aber glauben Sie, was ein Vaterherz empfinden muß, das ist auch was; man sagt's nur nicht jedem. Ach, von meinem Herrn Geheimrat könnte ich Ihnen vieles sagen. Spaßig ja, aber weh tut doch weh. Und die Schokoladenmehlspeise ißt er gerade so gern, und nun muß es rauskommen, seine eigenen Kinder sind's, und in dem Hause, wo sie so viel Liebes und Gutes genossen haben! Und vor solcher großen Gesellschaft, und gerade, als man auf die Gesundheit trinken wollte von den hohen Herrschaften. Und die Gesichter!« »Sie war ja nicht dabei!« »Aber als hätt ich's leibhaftig gesehen! Und ich weiß alles. Vor mir bleibt nichts versteckt, das glauben Sie nur. Wenn einer zwinkert mit den Augen und so zusammenfährt, dann weiß ich, was die Glocke geschlagen hat. Ich könnte da manches sagen, was ich von meinem Herrn Geheimrat weiß; na, da schweigen wir von, denn es schickt sich nicht. Aber wie ich kam und Malwinchen mir um den Hals fiel, nun wußte ich's, warum sie mit den Augen zwinkerte.« »Wie war nur das Kind in die Küche gekommen?« »Du lieber Gott, sie hat einen guten Geruch. Da ging sie denn der Mamsell Adelheidchen so lange um den Bart – das heißt, sie streichelte mit ihren Händen die blonden Locken, oh, Malwinchen ist ein Filou, und da müßte Mamsell Adelheid früher aufstehen, wenn sie's merken wollte.« »Adelheid hat nichts davon gesagt.« »Ach, Frau Geheimrätin, wie wird man Ihnen denn alles sagen, was in Ihrem Hause passiert! Sie haben auch gesagt, der Herr Geheimrat soll Kaffee haben vom zweiten Aufguß, weil's ihn echauffiert; Mamsell Adelheidchen aber läßt ihm vom ersten geben, weil sie gemerkt hat, daß es ihm besser schmeckt. Und der Herr Geheimrat, der nichts merkt, merkt's recht gut und ist still zu. Warum sollte er's auch laut machen; er denkt, dann kann's anders werden. Es geht in jedem Hauswesen so zu, und wer der Klügste ist, soll sich nicht einbilden, daß nicht einer ist, der ihm auf die Sprünge kommt. Jedes Schloß hat ein Loch und jede Mauer eine Ritze, man sieht sie nur nicht, und wer noch so verdämelt aussieht, zuweilen schießt's in ihn. Das sage ich meinem Geheimrat auch. Will sich manchmal um alles kümmern, meine Marktrechnungen nachrechnen. ›Lieber Herr Geheimrat‹, sage ich ihm, ›wenn ich Sie übers Ohr hauen wollte, dann wären Sie der letzte, der's merkt.‹ Er hat auch gemerkt, daß es Malwinchen gewesen war; aber er tut nur so, sonst hätte er ja losfahren müssen – und vorm Braten schon, und am Ende hätten Sie ihn die Kinder gleich einpacken lassen. Na, das käme ihm jetzt bequem. Es ist ja auch nicht das erstemal, bei uns haben sie's schon mal so gemacht. Die Himbeersoße zur Speise rein ausgeleckt, derweil wir asservieren. Was tun sie, damit wir's nicht merken sollen? Sie gießen das große Tintenfaß aus der Registratur rein. Ich sah's nicht mal, denn wir hatten eine zur Aushilfe, so ein schlesisches Puddel, die schrie: ›Herrje – die Tunke ist ja schwarz!‹ Na, die schwarze Brühe merkten wir denn bald. – Und nu's einmal raus, soll auch alles raus. Das Achtgroschenstück, warum der Hausknecht seinen Jungen so gottsjämmerlich prügelte, der Gottlieb hatte es nicht in die Gosse fallen lassen – das sagte der Junge nur aus Pfiffigkeit, daß er mit den Patschen drin wühlen konnte, und wer half ihm nicht, und derweil er heulte und wühlte, dachte er, kommt 'ne mildtätige Seele und schenkt ihm was. Sie haben ihm auch was geschenkt, aber die Prügel waren das meiste. Nein, aus der Tasche hat er sich's stehlen lassen. Und wer hat's ihm stibitzt? – Ich weiß es.« Ihre Hände mußten die Tränen nicht fassen können, die aus Charlottens Augen stürzten, auch das blaue Tuch, das sie davorhielt, ward in allen Wendungen naß, und ihr Schluchzen schallte von den Wänden zurück. »Wäre es möglich, Charlotte!« »'s ist gewiß, Frau Geheimrätin. Es schoß mir gleich was durch den Sinn. Und nachher, wie ich im Stroh suchte unter seinem Bett, da fand ich's – das Achtgroschenstück.« »Sie hat es dem Hausknecht wiedergegeben!« »Ich wollte es auch, aber da kriegte mich der Fritz zu packen. Sage ich Ihnen, wie ein Kobold, er kniff mir in die Waden und biß mir in die Finger, und schrie und weinte – nu, man hat doch auch ein Herz im Leibe – wer will denn seiner Herrschaft Kinder an den Galgen liefern! – Dem Gottlieb tut man's wieder gut. Die Prügel hat er doch mal weg; schaden ihm auch nichts. Aber von dem Achtgroschenstück, davon ist's ja eben. Zum Kuchenbäcker um die Ecke. Sein ganz Schnupftuch voll brachte er mit, husch unters Bett, und nun stopften sie. Daran liegen sie ja jetzt wieder. Nein, sage ich doch, das steckt im Blute.« »Meint Sie?« »Oh du lieber himmlischer Vater, wenn da nicht einer hilft, der wird mal 'ne Räuberbande, wie's zu lesen steht in den Büchern bei Herrn Vieweg – blutig-duster im Walde, und am Ende schleppen sie ihn in Ketten. Na, wenn das mein Herr erlebte!« »Im Blute, sagt Sie, steckt es!« »Wer's zu verantworten hat, weiß ich auch, Frau Geheimrätin. Nein, da sind Sie nicht dran schuld. ›Im Blute‹, sagt der Herr Prediger, ›steckt die Sünde‹, der Frühprediger, meine ich, wo die russische Fürstin allemal hinkutschiert. Ach, Frau Geheimrätin, haben Sie den mal gehört? Das ist gar kein Prediger wie die andern, der donnert von der Kanzel, daß es einem brühsiedendheiß wird, und 's ist einem, als ob das liebe Fleisch von den Knochen abginge. Der sagt's uns raus, daß die ganze Menschheit in Grund und Boden nichts taugt und keinen Schuß Pulver nicht wert ist. Und das kommt aber nicht von uns, sondern weil wir uns von der Erbsünde losgesagt haben, darum alles das und noch viel mehr. Herr Jesus, Frau Geheimrätin, wie malt der Mann das alles, man sieht's ordentlich. Man möchte von keinem mehr ein Stück Brot nehmen, so sind sie versunken und verpestet in Eitelkeit und Habsucht und Wollust und Hoffart. Und das wird auch nicht besser werden, denn die Kinder werden noch immer schlechter als die Eltern, von wegen, daß sie's von ihnen lernen, bis der Herr in seinem Zorne wieder eine Sündflut schickt, oder ein großes Feuer, oder, wie er sagt, eine Bluttaufe, denn vernichtet müßte das ganze gottlose Geschlecht werden, sagt er, das abgefallen ist vom rechten Glauben an die Erbsünde, und darum wären wir schwächlich und diebisch und neidisch und verredeten und vergäben einer den andern und wollten besser scheinen, als wir sind. Und dann streckt er die Arme aus und ruft zum Herrn der himmlischen Heerscharen, daß er die Kindlein fortnehmen möge in seinem Erbarmen, und er möchte Tränen weinen, daß sie ein Meer würden, sagt der Herr Prediger, und die unschuldigen Kleinen alle darin versöffen, damit sie nicht lernten die Sünden der Eltern, sondern reinkämen in den Himmel wie neugefallener Schnee. Das war nur ein Schluchzen in der ganzen Kirche, und ich dachte, oh Gott, wenn doch der Himmel so unser Malwinchen und Fritzchen zu sich nehmen wollte. – Und daß nun einmal alles rein aufgewaschen wird, Ihre chinesische Porzellanvase hat Fritzchen auch zerschlagen. Mamsell Adelheid hat sie nur so oben mit der schönen Seite auf den Rand gesetzt, daß Sie's nicht merken sollen, und dann will sie's abpassen, wenn Frau Geheimrätin mal bei guter Laune sind. Ja, wenn die englische Mamsell nicht wäre, dann wäre schon längst ein Malheur passiert.« Zwölftes Kapitel. Präpariertes Gift . Charlotte war fort. Ihr Geheimrat hatte sie zur Mittagsstunde erwartet, und »wir haben heut sein Lieblingsgericht«, hatte Charlotte sich entschuldigt. Die Geheimrätin stand im Krankenzimmer. Es war ein eigenes Lächeln, mit welchem sie die schlafenden Kinder betrachtete. Nicht das des Wohlgefallens, es war nichts Wohlgefälliges in dem Anblick. Es war eine Wißbegier, die, je länger sie über das Mädchen sich beugte, zu einer wollüstigen Empfindung ward. Der Knabe hatte sie weniger interessiert. Auf seinem Gesichte las sie nur rohen Trotz und sinnliche Tücke. In Malwinens Lineamenten schien sie zu studieren. »Sonderbar!« lispelten ihre Lippen, »welche schalkhafte Ruhe über dem Kindesgesichte! und doch aus allen Grübchen der Schelm vorschießend, der Zerstörungstrieb – in Kindern! So schickt vielleicht die Natur jeden fertig auf die Welt, es ist alles Prädestination, und wir verfehlen nur unsere Bestimmung, wenn –« Sie tippte mit dem Finger über Malwinens Stirn, wie um durch das Gefühl sich zu vergewissern, ob das Auge nicht getäuscht. Die Probe mußte mit der Rechnung stimmen; ihr Lächeln ward intensiver, als plötzlich doch ein Schatten über ihre Stirn flog. Der Schlaf ist ja ein Verräter! Lag nicht der ganze dunkle Trieb für das Auge des Kundigen auf dem Kindesgesicht ausgedrückt! Wenn das mit den Erwachsenen derselbe Fall wäre! Wenn jeder sich einschließen müßte, vor nichts mehr besorgt, als daß ein Fremder ihm im Schlaf ins Gesicht sähe! – Erschreckt vor dem Gedanken, blickte sie um sich, und – die stille Krankenstube barg den Verräter. Hinter der Fenstergardine saß Adelheid und stickte an der Fahne, mit welcher die Geheimrätin, sie wußte noch nicht wie, das Gouvernement überraschen wollte. »Spielen wir hier die Lauscherin?« – »Was sollte ich belauschen! Ich arbeite an Ihrem Auftrage.« »Mit verweintem Gesicht? Ich meinte, eine Patriotin wie du sollte nicht Tränen in die Fahne ihres Königs sticken.« »Die armen Kinder litten aber wieder so sehr.« »Und da ist es ein süßes Gefühl, als Schutzengel über die Unschuld zu wachen! Man mag sich für gewisse Leute interessant machen, wenn man immer die Leidende spielt; es gibt aber andere, die durch die Maske sehen.« Adelheid ward rot und senkte ihr Auge nieder, das entrüstet aufgeblickt. Von der Rede kamen nur die Worte heraus: »Meine Mutter –« »Das Wort wird dir wohl täglich schwerer. Aber solange du dich bewogen findest, in diesem Verhältnis zu bleiben, ist es doch gut, daß du dich vor den andern bezwingst, Liebe gegen mich zu zeigen.« »Meine Mutter, Sie martern mich.« »Das ist unser aller Los. Wir alle werden gemartert von den Verhältnissen, vom Urteil der Menschen; bis wir gleichgültig werden, sagen die Leute. Das ist nicht wahr, man wird nicht gleichgültig, wenn man sich nicht schon aufgegeben hat. Nur wer so weit ist, daß er alle Hoffnung fahrenließ, nimmt die Tritte und spitzen Stiche ruhig hin. Wer sich noch fühlt, ruht nicht, bis er andre wieder martern kann. Sieh mich immerhin verwundert an; es ist so, es ist das Gesetz der Welt.« »Das Gesetz der Rache!« »Nenne es, wie du willst. Es gibt nur zwei Gattungen Wesen, Unterdrücker und Unterdrückte. Wo du hinsiehst, so ist es. Das ist eine Phantasie aus der Vorzeit, daß es freie Menschen gäbe; sie sind von unserer Kultur so ausgerottet wie die wilden Tiergeschlechter. Denn die noch da sind, sind doch schon unterworfene Geschöpfe. Der Mensch hegt und erhält sie, um sie zu fangen, schießen, je wie es ihm beliebt. Der Hirsch, der Hase ist so sein Eigentum, daß er schon unverbrüchliche Gesetze für ihn gegeben hat, wie lange man ihn schonen, wann der Vertilgungskrieg losgehn soll. Nach eben solchen Gesetzen schont ein kluger Herr die von ihm abhängig, nicht aus Liebe, nur um seines Vorteils willen. Er spart ihre Kräfte auf, um sie am besten zu nutzen. Der Wurm und der Hirsch lehnen sich vergeblich gegen ihre Überwinder auf; unter den Menschen glückt es unterweilen dem einen und dem andern, durch List, Ausdauer, frei und Herr zu werden über seine Unterdrücker, und dieser Prozeß ist unsere Geschichte. Aber wenn sie es sind, dann machen die Sieger es nicht besser und anders; sie unterdrücken, quälen und martern wieder, wie sie gemartert wurden. Das ist auch Geschichte, mein Kind. Findest du es so unnatürlich, daß man lieber sticht als gestochen wird?« »Ich freue mich, daß ein harmloses Mädchen nicht in Verlegenheit kommt, wählen zu müssen.« Die Lupinus lächelte: »Warum unser Verhältnis durch Unwahrheit erschweren, mein Kind. Zwischen uns muß Wahrheit sein. Ich ertrage sie, du kannst es auch. Du wirst noch mehr ertragen müssen.« »Mein Gott, was ist denn zwischen uns Wahrheit?« rief Adelheid und erschrak, als es über ihre Lippen war. »Du sprichst es eben aus. Wir sind zusammengewürfelt und passen nicht zueinander. Wir gefallen uns nicht und müssen doch vor den Menschen die Miene annehmen, als wenn wir uns liebten. Auf deinen Lippen zittert die trotzige Bemerkung, ich könnte dich ja verstoßen, dir die Tür weisen. Nein, Adelheid, das kann ich nicht, ich darf es nicht. Die Welt, die mich gestern noch liebkoste, hat sich über Nacht von mir gewandt. Daß ich dich damals gerettet, ist längst vergessen, so wie du es vergessen hast. Still, still, ich zürne dir darum nicht, ich finde es ganz natürlich. Sie sinnen mir an, daß ich dich nur aufgenommen, um mit dem schönen Mädchen Staat zu machen, du solltest der Lockvogel sein für eine Gesellschaft, die sonst nicht über die Schwelle der Lupinus gekommen wäre! Nun sei es anders! Man hat sich satt gesehen, man gafft andere Sterne an. Man vernachlässigt mich, spottet meiner hinter meinem Rücken. Wer so einsam dasteht wie ich, von dem wenden sich auch die treuesten Freunde. Merke dir das, es gibt keine Treue, als wer sich selbst treu ist, und das ist schwer. Die Schule ist lang und hart, ich habe sie durchgemacht. Ich kenne die Welt; einer nach dem andern ihrer bunten, flimmernden Lappenvorhänge fiel nieder, auch einer, der fest schien wie das diamantene Firmament – aber das Firmament ist ja auch eine Illusion! Wenn ich dir jetzt den Stuhl vor die Tür setzte, hieße es, das sei aus Verdruß, weil du meine Erwartungen nicht erfüllt, ich wäre deiner satt. Daß man mich dann tadelte, haßte, ertrüge ich – ich hasse sie ja auch; aber man würde mich auslachen, und – ausgelacht mag ich nicht sein.« Die Tränen, die aus der wunden Brust, ein heißer Strom, vorbrechen wollten, gerannen durch die Eiskälte der Rede zu Eis: »Sie haben mir erklärt, warum die Bande, welche Sie an mich fesseln, von Ihnen nicht gelöst werden können, Frau Geheimrätin; aber warum ich sie nicht lösen darf, wenn ich weiß, daß meine Gegenwart für Sie eine störende ist –« »Das habe ich dir allerdings nicht gesagt«, fiel die Lupinus ein, »weil ich es nicht für nötig hielt. Die Sache ist so einfach. Kann man Liebe erzwingen? Du liebst mich nicht und hast mich nie geliebt. Das glänzende Leben in meinem Hause ist dir nicht mehr neu oder nicht mehr glänzend; es zieht dich nicht mehr an. Die Huldigungen, die du empfängst, würden dir auch sonstwo nicht entgehen. Hättest du dich klug von Anfang an benommen, so wäre deine Stellung jetzt gesichert, vielleicht eine so glänzende, daß du auf die mit stillem Mitleid herabsehen könntest, die du noch jetzt so gütig bist, deine Wohltäterin zu nennen. Dein übler Stern hat es anders gewollt. Du folgtest einer sentimentalen Regung, und aus einem Gefühl, das du Dankbarkeit nennst, gabst du dich dem Manne zu eigen, an den dich eine doppelte Täuschung knüpft. Du glaubst ihm deine geistige Ausbildung zu verdanken, und du glaubst, ihn zu lieben. Mein Kind, wer der Dankbarkeit huldigt, ist schon verloren; die Undankbaren sind die Glücklichsten, weil sie die Freiesten sind. Gutes tun ist nichts als eine Berechnung; die einen tun es, um einst im Himmel belohnt zu werden, die andern, um hier einen Vorteil zu haben, mit einem kleinen Einsatz spekulieren sie auf einen großen Treffer. Auch sie sind Toren! Sie täuschen sich immer in dieser Berechnung; wenn die Undankbarkeit des Geschöpfes sie längst belehrt haben sollte, hegen sie dafür noch immer ein Interesse und meinen in einer Art stillen Wahnsinns, ihr Geschöpf werde doch noch einmal in sich gehen und es ihnen lohnen, was sie dafür getan.« Die Geheimrätin hielt einen Augenblick inne, es schien, als wolle sie sich an der Wirkung ihrer Rede erfreuen; aber Adelheid stand wie ein Steinbild vor ihr. Darauf hatte sie nichts zu sagen. Dann fuhr sie fort: »Über diese Illusion, mein Kind, bin ich wenigstens längst hinaus. Auch du stehst auf einem Wendepunkt. Du bist selbst so klug, daß du fühlst, wie dein Herr van Asten eben nur tat, was ein geschickter Lehrer soll, den man dafür bezahlt. Er erkannte dein Talent und führte dich auf den rechten Weg. Du hättest ihn, auch ohne Walter, vielleicht später, vielleicht besser gefunden. Deine Bildung ist nicht sein Werk, und noch weniger bis du sein Geschöpf. Das siehst du jetzt mit jedem Tage mehr ein, und um deswillen fängst du dich an zu schämen über das Übermaß von Dankbarkeit, mit dem du dich ihm in die Arme warfst. Du liebst ihn auch nicht. Das aber gestehst du dir noch nicht ein und lullst dich vielmehr immer tiefer in die Selbsttäuschung, daß du ihn lieben müßtest. Etwas Berechnung ist indes auch dabei. Du möchtest gern von mir loskommen, aber zu deinen Eltern willst du auch nicht zurück. In der vornehmeren Stellung, in welche sie gerückt sind und welche dir allenfalls den äußern Glanz bietet, an den du dich nun gewöhnt hast, würdest du dich noch weniger behagen; ihre neuen Kreise sprechen dein ästhetisches Gefühl nicht an. Du bemerkst vielleicht schon manches Lächerliche in den Prätensionen, die sie machen. Als gutes Kind gibst du dir Mühe, diese Regung zu unterdrücken; aber du würdest sehr unglücklich sein, sowohl in den alten beschränkten Verhältnissen als in den ausstaffierten neuen. Um aus diesem Dilemma zu kommen, von mir los, und nicht zu deinen Eltern zurück, drängt es dich, und du drängst vielleicht auch ihn, daß Walter eine Stellung bekomme, wo er dich heiraten kann. Mit einer fieberhaften Angst hast du dich auf dies Thema geworfen und machst ihm immer neue Vorschläge, wie er es anfangen soll. Du quälst dich, ihn, deine Eltern, seinen Vater, uns alle. Das weißt du auch recht gut, denn du weißt, daß Walter an ganz anderes denkt als an dich und sich, aber du tust es doch, weil du in einer Art Fieber bist. Du betrachtest es als eine Destination, dich als ein Opferlamm, und mit allerhand hochherzigen Vorspiegelungen schilderst du dann als ein erhabenes Ziel der Selbstverleugnung, was doch nichts ist als der Nothafen, wohin der Schiffer in seiner letzten Verzweiflung steuert. Und wenn du ihn nun geheiratet hast –« »So getraue ich mir zu, ihm eine gute, treue Frau zu sein.« »Daran zweifle ich nicht. Aber du wirst es ihn doch fühlen lassen, welche Opfer du ihm gebracht. Du wirst ihm nicht täglich sagen: das und das hätte ich sein können, wenn ich dich nicht geheiratet, ihr werdet euch nicht immer zanken, noch wird er dich abends und morgens mit verweinten Augen sehen; aber du kannst dich nicht enthalten, es ihn empfinden zu lassen, was du empfindest. Augenblicke werden kommen, wo du Reue fühlst. Je länger du dich anstrengst, es zu verbergen, je stärker bricht es einmal unwillkürlich heraus. Er ist ein guter Mensch, aber wenn er empfindlich wird, was ich ihm nicht verdenke, bricht es wohl los, nicht ästhetisch, sondern recht irdisch materiell. Hast du dann Tränen, so ist das noch das beste. Hast du keine, so schraubst du dich zurück in deine Resignation, du verschließest dich in die Burg deines Selbstgefühls. Bist du erst da isoliert, mein Kind, so begnügst du dich bald nicht mehr mit der Verteidigung, sondern du machst Ausfälle. Keine Festung hält sich auf die Dauer, wenn der Kommandant nicht die Gelegenheit benutzt, die sich ihm zur Offensive bietet, und dann – dann ist der Kriegszustand gegen alle erklärt – du stehst wie ich. Täusche dich doch nicht, als ob du nicht jetzt schon darin lebtest! Auf Walter bist du ungehalten, daß er nicht ernstere Anstalten trifft; da fliegt manches spitze Wort, das durch den süßen Händedruck nicht verwischt wird. Ich hörte schon geschraubte Redensarten zwischen der Mutter und dir; ihr vergöttert Kind will nicht mehr das flügge Vöglein im Neste sein; sie begreift dich nicht, aber du begreifst sie nur zu sehr. Und führst du nicht etwa gegen mich einen täglichen Krieg? Irgendwie mußt du es mir doch vergelten, daß dir mein Anblick zuwider ist. Da begnügst du dich, ein harmlos Mädchen, meine häuslichen Anordnungen zu kontrekarieren, du soulagierst meinen Gatten in seinen Wünschen, die ich für seinen Gesundheitszustand nicht angemessen finde, du vertuschest die Unarten der Kinder hier und bist ihnen wohl selbst behilflich bei Näschereien, wenn sie auch den Kindern schädlich sind. Wenn ich mit dem Gesinde zanke, wirkst du begütigend hinter meinem Rücken und umgehst auf unmerkliche Weise, was ich bestimmte. Oh, es ist ein angenehmes Gefühl, von Kindern und Dienstboten als ihr Schutzengel betrachtet zu werden, und während man ihre Liebe einkassiert, ihren Haß gegen andre zu lenken, die nicht so gütig sind und es nicht sein dürfen, weil sie ihre Pflicht dadurch verletzten. Und wie klug es von dir ist, es so heimlich zu tun, daß ich keinen Verdruß davon habe! Die chinesische Vase dort ist mir ein teures Andenken aus meinem elterlichen Hause. Wie geschickt hast du sie auf die Kante des Schrankes gestellt, damit ich nicht täglich den Verdruß habe, zu sehen, wie die unartigen Kinder sie zerbrochen haben.« »Geheimrätin!« rief Adelheid erblassend, »das ist zuviel!« »Ich mache dir keinen Vorwurf; im Gegenteil, ich lobe dich, daß du zur Besinnung kommst. Kann ich fordern, daß mich jemand lieben soll, und gar um der Kleinigkeit willen, wo auch ich mir gestehe, daß ich es nicht aus Liebe zu dir getan, sondern wirklich, weil es mich amüsierte, mein Haus durch ein so schönes Mädchen lebendig zu machen. Vieles, was ich aus Liebe getan, ward mir schlechter vergolten. Unsre Naturen haben nun einmal keine Sympathie. Du bist mir gleichgültig, ich bin dir vielleicht widerwärtig. Kannst du oder ich dafür? Wie ich die angeheuchelten Gefühle der Dankbarkeit betrachte, hast du eben gehört. Du hast nun schon gelernt, dich geistig von mir frei zu machen. Das ist ein Fortschritt. Du mokierst dich über mich, komplottierst im kleinen gegen mich. So wird dir mein Haus eine gute Schule werden fürs Leben. Fahre fort; so nur lernst du, wie man mit den Menschen umgehen muß, um – was die andern nennen, frei zu werden. Ich bin die Ältere und sah es zu spät ein. Übe dich an mir, du hast ein langes Leben vor dir.« Adelheid stand sprachlos da, als die Geheimrätin langsam nach der Türe sich entfernte. Sie wandte sich noch einmal um: »Noch eins, was ich von dir fordern kann. Wir sind nun einmal aneinandergekettet. Wir müssen es tragen, bis der Zufall die Kette zerreißt. Hüte dich vor jedem Impuls. Wenn du etwa auf die Straße stürztest – echauffiert, halb nackt wie damals – du verstehst mich – würde es an mitleidigen Seelen nicht fehlen, die dich wieder aufnähmen. Auch in Sammet und Seide würden sie dich kleiden, aber nicht aus Liebe zu dir, nur aus Feindschaft gegen mich, mir einen Possen zu spielen. Nimm deine ganze Vernunft zusammen, Adelheid. Mir spielten sie den Possen, aber du müßtest zuletzt doch bezahlen. Wer sooft eine Rolle spielt und mit sich spielen läßt, hat den Kredit verloren.« Die Tür klinkte hinter ihr zu. Adelheid stand eine Weite regungslos: »Das Weib! Das Weib!« rief sie. »Das Weib vergiftet mich!« und warf sich schluchzend auf das Bett. Dreizehntes Kapitel. Auch Vater und Sohn . Wenige Minuten nach dieser Szene erhielt Walter van Asten ein Billett von seiner Braut, so geeignet, ihn aus seiner Ruhe aufzureißen, als es von Adelheids äußerster Unruhe Zeugnis ablegte. Er erkannte in den wild hingesprühten Worten seine besonnene, klare Freundin nicht wieder. Er verstand das ganze Billett nicht, denn zu Anfang sprach es von einem Abgrunde, an dem sie schaudernd stünde, sie strecke vergebens die Arme nach Hilfe aus, dann entzifferte er in den von Tränen ausgelöschten Worten, daß er sie retten könne; aber die Schlußworte widerriefen das Vorangehende. Sie sei in einem Fieberzustand, er möge nicht auf sie hören, sie lassen, wo sie sei, sich selbst, ihrem Schicksale überlassen. Wenn sie unterginge, sei es vielleicht das beste für ihn und sie. Gewiß, gewiß, sie werde sich auch dann erholen, die Geheimrätin habe sie nur prüfen wollen, hinter dieser Medusenmaske schlüge vielleicht ein gefühlvolles Herz. Sie drang in ihn endlich, nicht zu kommen, sich durch nichts stören zu lassen, was er höre. Wenn sie das gewollt, warum nur die Nachschrift? Warum hatte sie den Brief nicht zerrissen, einen neuen geschrieben oder die Absendung ganz unterlassen? Sie befand sich also in einer Aufregung, welche ihr die Besinnung geraubt, und in diesem Zustande hatte ihr Herz nach ihm verlangt. An ihn hatte sie zuerst gedacht, als sie nach Rettung aufschrie. Die Resignation war erst nachher gekommen. Er war aufgesprungen, sein Entschluß gefaßt, nur ihrem ersten Willen zu gehorchen, und eben hatte er den Oberrock vom Nagel gerissen, als ein zweites Billett von unbekannter Hand ihm überbracht ward. Der Bote war verschwunden, das Wirtsmädchen hatte nicht nach dem Absender gefragt, und der unterzeichnete Name, als er es aufgerissen, war ihm fremd. Jemand, der sich einen Sekretär des neuen Ministers nannte, forderte ihn auf, sich morgen in einer Frühstunde bei demselben melden zu lassen, indem Seine Exzellenz ihn kennenzulernen wünsche. Auch hier ein Postskript des Inhalts, daß der Minister bereit sei, ihn schon heute nachmittag zu empfangen. Die Stunde war benannt, und Walter hätte eben nur Zeit gehabt, seine Toilette danach einzurichten, wenn er der letzteren Weisung, die fast wie ein Befehl klang, hätte Folge leisten wollen. Was wollte der Minister von ihm? – Natürlich, er hatte seine Schrift gelesen, seine Ansichten hatten ihn angesprochen, er wollte mit dem Verfasser – »Endlich!« brach es von seinen Lippen, und seine Stirn klärte sich auf, aber der Glanz verschwand schnell wieder. Nach so vielen Enttäuschungen vielleicht eine neue! Hatte ihm nicht ein ängstlicher Freund aus der Schulzeit zugeflüstert, daß er aus höheren Kreisen gehört, wie man seine Vorschläge für naseweis halte, daß seine Anmaßung eigentlich eine Rüge verdiene? Und bedurfte es für ihn solcher Zuflüsterung nach der eigenen Erfahrung, die er bei einem befreundeten Minister gemacht! Zwar, nach seinem Ruf im Publikum, war der neuen Ideen zugänglich, er hege selbst großartige Pläne, aber er sei eigensinnig, hieß es, dringe damit nicht durch, darum verdrießlich, und jetzt so gut wie ohne Einfluß. Auch er mochte ihn nur warnen wollen. Aus dem Zweifel, ob er den Überrock oder den Frack anziehen solle, riß ihn ein neues Klopfen, eine neue Überraschung. Sein Vater trat in die Stube. Er war noch nie hiergewesen, aber auf seinem Gesicht ersah man nichts von der Verwunderung, welche sich auf dem des Sohnes ausdrückte, weder eine freudige noch eine betrübte. Er reichte dem jungen Mann die Hand: »Ich muß doch auch mal sehn, wie's dir geht«, und setzte sich, wie ermüdet vom Wege, auf einen Sessel. »Ein unerwarteter Besuch, mein Vater.« »Da du nicht zu mir kommst, um zu sehn, wie's bei mir aussieht, muß ich zu dir kommen, um zu sehn, wie's bei dir aussieht. Wir kommen ja sonst ganz auseinander.« »Das hab ich nie gefürchtet, und Ihr Besuch bestätigt meinen Glauben«, sagte Walter, während der Vater seine Blicke flüchtig umherschweifen ließ. »Nu, das ist ja alles recht hübsch ordentlich. Deine Lektionen müssen auch schon was Erkleckliches eintragen, freilich, und die Schriftstellerei auch! Um wen man sich so reißt, daß man gar kein Exemplar mehr kriegt, und wenn man's mit Gold aufwiegt. Schreibst du wieder was Neues?« »Es würde Sie sowenig interessieren als das alte.« »Du willst, wie ich höre, die Bauern verbessern. Das ist hübsch. Mach nur die Lümmel gescheit. Du erinnerst dich wohl nicht mehr, als wir Niederlanken gekauft hatten.« »Doch, mein Vater. Sie sahen sich genötigt, es wieder zu verkaufen, weil die Bauern mit den Hofediensten schwierig waren.« »Weil ich kein Adliger sei, sagten die Schlingel. Weißt du, wie ich es jetzt machen würde? Ich nähme einen Edelmann als Kompagnon.« »Sie nahmen auch Juden, was manchen an der Börse verdroß.« »Juden, Heiden, Atheisten, je wie sich's zum Geschäft paßt. Ein Kaufmann muß Augen und Ohren aufhaben. Wo's gilt, schnell zugegriffen, verlegene Ware fortgeschmissen à tout prix. Er muß mit der Zeit fortschreiten. Das tust du ja wohl auch?« »Ich fürchte, die Zeit schreitet über uns fort.« »Ja, ja, sie hat jetzt lange Beine.« »Mein Vater, ich kenne Sie, und ich glaube, Sie kennen mich. Sie haben den sauren Weg, der mich erfreut und beschämt, nicht ohne Absicht angetreten?« »Wer fällt denn gleich mit der Türe ins Haus? Ich wollte mit dir vorher ein bißchen über Krieg und Frieden diskurrieren, europäische Weltverhältnisse. Du bist ja jetzt ein Politiker, und ich hoffe, doch noch immer mein Sohn, der mir mit Rat und Tat zur Hand sein wird, wenn es seines Vaters Wohl gilt.« »Zum Spotten ist die Zeit zu ernst.« »Was, spotte ich? Geht einen Kaufmann Krieg und Frieden nichts an?« Der Alte stampfte mit seinem Rohr auf den Boden. »'s ist Ernst, Herr Sohn. Wenn ein Kaufmann Schiffe auf der See hat, so geht ihn der Sturm sehr viel an; und wenn die Portepeefähndriche bis zu den Generalen hinauf in seinen Büchern stehen, so ist ihm ihr Leben noch viel teurer als dem Vaterlande.« »Als ein umsichtiger Kaufmann, wie ich Sie kenne, werden Sie Ihre Unternehmungen nach den letzten kritischen Zeitumständen eingerichtet haben.« »So? Hoffst du das?« »Sie mußten den Krieg als wahrscheinlich im Auge haben und Ihre Spekulationen, wenn nicht darauf einrichten, doch danach abmessen.« »Wenn ich nun auf den Frieden spekuliert hätte!« Indem Walter seinen Vater aufmerksam betrachtete, suchte er, ob hinter der barocken Wolke, mit welcher van Asten seinen wahren Gesichtsausdruck zu verbergen wußte, nicht eine andere Stimmung lauere. Doch keiner der schlauen Blicke züngelte zu ihm auf; er saß, die Hände auf den Stock gestützt, seine Augen auf den Boden gerichtet. »So bin ich wenigstens davon überzeugt, daß Sie Ihr Geschäft übersehen haben. Wenn eine Unternehmung Ihnen fehlschlüge, werden Sie nicht selbst geschlagen sein. Des Renommee des alten Hauses van Asten und Kompanie –« »Die ältesten Häuser stürzen beim Erdbeben. Krieg ist ein Erdbeben. Lerne was von mir, was dir gefallen wird: ein Kaufmann, der immer nur auf Nummer Sicher setzt, hat bald ausgewirtschaftet.« »Mein Vater, wenn Sie auf den Frieden Ihr alles setzten –«, sagte Walter nachdenklich. »So ist wieder Unfriede zwischen uns«, fiel der Alte ein, »denn du hast dein alles auf den Krieg gesetzt. Ich weiß es.« »Was ist mein alles, Vater!« Der Kaufmann winkte ihm mit der Hand, zu schweigen. »Ich weiß es ja, darum kam ich nicht her. Ich will nicht richten mit deinen heroisch patriotischen Stimmungen, ein guter Geschäftsmann kann auch damit etwas anfangen, wenn die Leute danach sind! Da aber die Leute nicht danach sind, so – habe ich meine Rechnung auf den Friedensfuß gesetzt.« »Und die Armee –« »Ist auf den Kriegsfuß gesetzt, das heißt, der Lieutenant kriegt soundso viel, und der Obrist soviel Zulage. Die bezahlt der Schatz, und wenn keiner da ist, der Bürger und Bauer. Nun sehe ich aber nicht ab, was der Fuß in Stiefel und Sporen mich bange machen soll, wenn der ganze Leib noch im Schlafrock steckt.« »Der Schlafrock wird ihnen abgerissen!« »Bist du auch dabei?« Jetzt erst warf der Alte einen seiner schlauen Blicke zu ihm hinauf. »Man will heut in der Komödie ein paar Raketen in die Luft schicken. Das Sprühen und Prasseln soll gewissen Leuten die Augen und Ohren öffnen. Wenn sie nun aber absolut nicht sehen und hören wollen! Kinder sollten nicht mit Feuerzeug spielen.« »Sie wissen, daß wir wirklich das verlassene Hannover besetzt haben.« »Und wir verproviantieren die Franzosen in Hameln.« »Aus dieser Zweideutigkeit Preußen herauszureißen ist jetzt die Aufgabe aller Besseren.« »Und du siehst, der König zaudert, wie er vorhin gezaudert. Kaiser Alexander selbst mußte kommen, um ihn zu elektrisieren. Nun der Exekutor fort ist, fallen wir in unsere Natur zurück. Wie sagt doch da der Lateiner von der furca expellas?« »Wenn der Degen zu Dreiviertel aus der Scheide gerissen ist!« »So steckt immer noch ein Viertel drin, und das kann man so langsam rausziehen, bis es zu spät ist und der Krieg an der Donau vorüber ist. Bonaparte hat Wien genommen, weißt du das schon? Die beiden russischen Heere unter Kutusow und Buxhövden werden Mühe haben, sich um Olmütz zu vereinigen. Die Nachricht kam eben auf der Börse an.« »Wien genommen!« rief Walter. »Und Haugwitz?« »Hat sich von Bonaparte hinschicken lassen, weil in Wien ein Gesandter am besten aufgehoben ist. Der Kaiser hat sehr viel Rücksichten gegen ihn gehabt, fand es unschicklich, daß ein preußischer Minister und Diplomat sich im Heerestroß mitschleppen lasse.« »Und Haugwitz ließ sich fortschicken?« »Was wird er nicht! Er liebt die Kommodität. Sehr langsam reist er schon, damit ihm kein Unglück widerfahre. Und hat gewiß recht gehabt; ein Unglück, was unserm Premierminister zustieße, wäre ja eines für den ganzen Staat!« »Und er traf ihn –« »In Brünn gerade bei den Vorbereitungen zu einer neuen Schlacht. Da hatte Napoleon natürlich keine Zeit, sich mit ihm zu unterhalten. Wenn ich zur Messe in Leipzig bin und meine Bude vollsteht von Juden, Türken und Armeniern, wo es einen Handel gilt um alle meine Waren, und die Spitzbuben wollen mich übers Ohr hauen oder ich will sie, was bei einem Kaufmann auf eins rauskommt, und da käme ein lieber Sohn oder Kommis von einem Geschäftsfreunde, den ich zum Teufel wünsche, um sich mir zu präsentieren und mir Freundschaftsversicherungen zu machen oder mir guten Rat zu geben, wie ich mit den Juden handeln soll, glaubst du, daß ich solchen ungelegenen Gast anhörte? – Ich schmisse ihn zur Tür raus. Nein, Napoleon war höflicher, sagte zu ihm: ›Lieber, jetzt habe ich keine Zeit, gehn Sie nach Wien und warten, bis ich Zeit habe, dann wollen wir sprechen.‹« »Und Haugwitz schüttelte nicht die Toga! Er ließ nicht die zweimal hunderttausend Bajonette zwischen seinen Drohworten klirren.« »Drohworte! Er ist ja ein feiner, gebildeter Mann!« »Aber sein Auftrag –« »Kennst du den? Ich kenne ihn nicht. Es werden hier nicht zehn, nicht drei sein, die ihn kennen. Soviel man uns schreibt, sprach er als ein tiefgekränkter Freund, daß Napoleon die guten, wohlmeinenden Ratschläge, die Preußen ihm gegeben, so außer acht gelassen. Oh, ich zweifle gar nicht, er wird sehr sanft und elegant gesprochen haben – schade, sehr schade, daß Napoleon gerade nicht den Ossian las, sondern sich die Reiterstiefel anzog.« Walter war auf einen Stuhl gesunken und barg sein Gesicht im Arme. Als der Vater den Seufzer hörte, den er unterdrücken wollte, stand er leise auf und berührte sanft die Schulter des Sohnes: »Mein lieber Walter, dein Vater hat doch wohl recht gehabt. Wenn wir uns sonst nicht vertrugen, weil deine Gedanken woanders hingen als meine, so mag ich unrecht gehabt haben. Gedanken sind zollfrei, und ich dachte als Kaufmann nur an die Ware. Solange man im Schmetterlingskleide über die bunten Wiesen flattert, da lasse man doch die Kinder spielen. Ich bitte dich um Verzeihung, daß ich damals meinte, ich könnte dich mit einem Bindfaden leiten, den ich an deine Flügel band. Aber wenn der Schmetterling sich verpuppt hat und aus den Gedanken Pläne werden, wenn sie die Ideen marktgerecht zurichten und an den Mann bringen wollen, ist's was anderes. Nun, sehe jeder, wie er's treibe. Du bist jetzt ein Mann, ein Kaufmann für dich; wenn du spekulierst, mußt du so gut wie dein Vater auf ein Fallissement gefaßt sein. Dein Vater würde sich zu schicken wissen in das, was nicht zu ändern ist, und du auch; du bist mein Sohn. – Aber wenn man für den Staat spekulieren will, ist das erste, daß man sich die Menschen ansieht, die, für die man spekuliert – die Leute, ob sie danach sind. Die Gedanken, oh, die sind wunderschön. Aber was sind Ideen ohne Menschen, die sie tragen! Das große Vaterland, oh, das ist das Erhabenste, was es gibt, wer wollte nicht dafür Gut und Blut opfern! Wenn nun aber das Vaterland bloß Erde und Stein wäre und die Menschen ausgestorben? Würdest du dafür auch dein Blut dransetzen? Oder die Menschen drin wären alle blind oder taub oder Kretins. Ja, ich weiß doch nicht, ob es recht wäre, sich selbst darum hinzugeben, für eine große Blindenanstalt, für ein Taubstummeninstitut oder gar für ein Haus voll lauter Blödsinnigen. Mein lieber Walter, dein Vater hat sich nun durch ein Menschenalter die Menschen angesehen, wie sie sind, und darum hat er jetzt auf den Frieden spekuliert, und ich glaube, er hat recht spekuliert.« »Diese!« rief Walter aufstehend. »Ja, die Sie meinen, aber es gibt andere.« »Wer zweifelt daran! Es gibt überall gute, rechtschaffene, kluge, sogar ausgezeichnete Menschen, es kommt nur eben darauf an, ob die Klugen die Dummen und die Guten die Schlechten überwiegen oder umgekehrt. Mein Sohn, ich will dir zugeben, daß euer recht viele sind, die fühlen und sagen: So geht es nicht mehr! Da's aber noch immer so geht, so müssen diese vielen doch immer noch die Schwächeren sein, sie dringen nicht durch, die andern bleiben am Ruder, und wer am Ruder sitzt, steuert, wohin er will, meinethalben ins Verderben; auf den blicken alle, der entscheidet, auf den kommt es an, in welchen Hafen das Schiff treibt. Ist Haugwitz abgesetzt, Beyme fortgejagt, Lombard eingesperrt? Deine Besseren und Edleren schreien freilich überall, es müsse so kommen. Noch aber ist es nicht gekommen. Umgekehrt. Die Prinzen, die Königin, so viele berühmte Generale, der halbe Hof, die Prinzessinnen an ihrer Spitze, kabalieren und verschwören sich beinahe an den Straßenecken gegen sie, und Lombard trinkt seine Schokolade und sein Weißbier so vergnügt wie vorher, Beyme macht alles, und was er redet, ist des Königs Rede, und Haugwitz ist zu Napoleon geschickt, um – die Rechnung zu arrangieren.« »Sie gehen vor keinem Bilde Friedrichs vorüber, ohne den Hut abzunehmen, und, Vater, so gering schätzt ein Verehrer des großen Königs dessen Volk?« »Weißt du noch unsere Tapeten aus Arras? Vor denen habe ich auch großen Respekt. Die da in unserem Eßzimmer stellen den Trojanischen Krieg vor. Was hat der Äneas für schöne karmesinrote Kniehosen an! Das Prachtstück ist auch viele Generationen in unserer Familie, König Franz I. hat es einmal in einem seiner Schlösser an der Wand gehabt. Darum kriegtet ihr Kinder auch immer Klapse auf die Finger, wenn ihr dran polktet. Sind mir auch jetzt nicht feil! Nimm sie aber mal ab und halte sie gegen die Sonne! Wie ein Sieb von Motten! Und bringe sie auf die Messe. Wenn's kein Raritätensammler ist, so frage, was sie dir bieten. Abgestandene Ware findet auf dem Markt keine Käufer.« Walter schwieg einige Augenblicke; dann rief er: »Und scheine es heut nur Rost für den Raritätensammler, ein Geist wie Friedrichs kann nicht wie ein Meteor durch die Weltgeschichte geleuchtet haben, er kann nicht versunken sein ins Meer der Ewigkeit, ohne daß seine Strahlen gezündet und gezeugt haben. Andere Geschlechter müssen kommen, welche, wenn Rost und Schlacke abgeworfen, seinen Geist in seinem Volke widerspiegeln.« »Das verstehe ich nun nicht«, sagte van Asten, der wieder Platz genommen hatte. »Mit der Ewigkeit hat ein Kaufmann nichts zu schaffen. Was er heute einkauft, will er morgen absetzen. Walter, sieh dich da recht vor, daß du nicht zu kurz kommst. Das, wie gesagt, ist nun deine Sache, aber warum kam ich doch gleich? Ja so – wirst du heut abend in die Komödie gehen?« Walter suchte umsonst in dem wieder schlauen Blick des Vaters nach dem Sinn der Frage: »Ich verstehe Sie nicht.« »Nun, ich meine, ob du auch einen Schwärmer abbrennen wirst? Man spricht von einem wunderschönen Kriegsliede, das sie singen wollen.« »Ich billige diese Theaterszenen nicht, wo es eine große, ernste und heilige Sache gilt.« »So! Na, das ist mir auch recht lieb, daß du dich nicht unter die Offiziere mengst. Die haben es bestellt. Ich glaubte nur von wegen des Liedes, weil du auch Verse machst. Ins Theater wirst du aber doch gehen, ich meine, ganz simpel?« »Ich war noch nicht entschlossen.« »Dann tu's mir zu Gefallen. Aber nicht ins Parterre. Da wird man zu sehr gedrängt. Ich habe dir im zweiten Range Logenbilletts genommen.« »Mir?« »Dir und der Cousine Schlarbaum. Die muß doch den Spektakel mit ansehen, und hat keinen, der sie führt. Ich, weißt du, geh nie ins Theater, da habe ich dich ihr vorgeschlagen.« »Also darum –« Eine flüchtige Röte belebte Walters Gesicht, und ein schmerzlicher Zug ging um seinen Mund. »In dieser Angelegenheit, dachte ich, wären wir im reinen.« »Du meinst doch nicht, daß ich meine Puppe einem Taugenichts aufdringen will, der sie nicht mag. Dazu ist mir das Mädchen viel zu lieb, und ihr ganzes Vermögen steckt in meiner Handlung. Wenn sie nun rabiat würde wie gewisse Leute, die man gegen ihren Willen verheiraten wollte. Ich kenne einen, der lief drum aus dem Hause. Wenn sie nun auch aus dem Hause liefe, nämlich mit ihrem Kapital, verstehst du mich, sie kündigte es mir, weil sie sich nicht verkoppeln lassen will.« Walter lächelte: »Meine Cousine Minchen ist ein viel zu sanftes Mädchen und liebt ihren Oheim zu innig, um ihr Vermögen ihm zu kündigen.« »Alle Sanftmut hat ihre Grenzen, wenn's ans Mein und Dein geht. Und – wenn das Vormundschaftsgericht – du fürchtest dich doch nicht, daß Mamsell Alltag eifersüchtig wird, weil du deine Cousine führst? Au contraire, du schlägst da zwei Fliegen mit einer Klappe. Hat sie dir schon erlaubt, sie ins Theater, auf die Promenade zu führen? Sieht sie, daß du ihr zum Trotz ein andres hübsches Mädchen führst, so wird sie vielleicht zuerst maulen, aber dann sich besinnen und nicht mehr, was man so nennt, ›ête‹ sein. – Na, wohin denn mit einem Male?« »Verzeihen Sie mir, mein Vater, dahin, wo meine Pflicht mich ruft.« »Desto besser. Ich begleite dich. Geht's zur Mamsell Alltag, so bleib ich vor der Tür und warte auf dich. Was gilt die Wette, ich sehe es dir gleich an den Augen ab, wenn du runterkommst, ob's oben gut stand oder schlimm.« Walter verbiß eine Bemerkung, er faßte des Vaters Hand: »Die Zeit ist nicht zum Scherz angetan. Nicht hier, nicht dort. Wenn das aber, was Sie von der Cousine sagten, Ernst war, so, Vater, schnell und deutlich, was hinter diesem Ernste liegt.« »Der Ernst, Herr Sohn, daß sie ins Theater will, und du sollst sie begleiten.« Dabei stampfte van Asten wieder den Stock auf die Diele, ein Zeichen, daß es ernster Ernst war. »Und warum? – Bilde dir nichts ein. Sie macht sich nichts mehr aus dir. Du sollst sie begleiten, um sie zu beschützen, aus Verwandtschaft und aus sonst was. Sind junge Mädchen nicht neugierig? Werden hübsche Mädchen nicht angegafft? Sind unsre Offiziere nicht nach den Mädchen aus? Sind sie nicht unverschämt im Attackieren? Und willst du noch mehr wissen? Ein Kornett, oder ist er jetzt Lieutenant bei den Gendarmen, ein Herr von Kiekindiewelt, oder wie er heißt, schleicht ihr auf Schritt und Tritt seit letzter Redoute nach. Ein Libertin, ein Taugenichts, ein Verschwender. Minchen ist schüchtern und hat das Pulver nicht erfunden, das weißt du auch. Er zieht sie auf, sie weiß nicht zu antworten. Du sollst für sie antworten. Verstehst du mich? Weißt ja Rat für alles, und wo der Unrat steckt. Nun zeig's mal, nicht mit der Feder, mit dem Maule. Wenn du spitzig wirst, ist's gut; wenn du grob wirst, noch besser. 's ist so einer von denen, die die Beine über die Stuhllehne hängen und 's nicht so genau nehmen, wenn sie einem Bürger auf die Hühneraugen treten. Darum ist es auch für den Bürger gut, wenn er dicke Schuhe trägt. Außerdem hat er sehr viel Geld, also ist er sehr ungeschliffen. Junge, ich bin dein Vater und verbiete dir, dich in Händel einzulassen. Aber wenn ihr so von ungefähr aneinandergerietet, will ich nichts davon wissen. Du hast in Halle eine Klinge geschlagen, in deinem Stammbuch steht auf jeder Seite ein Kreuz von Hieben. Außerdem hatte der Herr Schwertfegermeister die Gefälligkeit, seine Rechnung mir nach Berlin zu schicken. Ich erinnere dich nun nicht darum daran, daß du's mir wiederbezahlen sollst, was ich für dich gezahlt, sondern –« Walter lächelte: »Sie besorgen, daß ich in Berlin unter meinen Büchern die Kunst vergaß, die ich in Halle betrieb, die Kunst zu handeln. Ich werde Ihrem Befehl gehorchen und Minchen ins Theater begleiten.« »Nu begleite ich dich, wohin du willst«, sagte vergnügt der Vater. An der Tür hielt er den Sohn beim Rockzipfel: »Walter, 's ist 'ne schlimme Zeit geworden, und sie muß besser werden, oder sie wird noch schlimmer. Sind die im blauen Rock 'ne andere Rasse Menschen? Stammen nur die Junker von Adam und wir andern fielen nebenher von der Bank? Jeden Tag wird ihr Übermut größer. Darum einmal drauflos! Trumpf auf Trumpf. Nicht mit Federkielen, die Feder wird stumpf, je spitzer ihr schreibt. Sie lesen's nicht, oder sie lachen drüber. Aber –« Es blieb ein Gedankenstrich. An der Haustür setzte er noch etwas hinzu: »Und darum ist's auch gut, daß Friede bleibt. Wenn sie die Franzosen schlagen, dann wär gar nicht mehr mit ihnen auszukommen. Jetzt sprudeln sie vor Übermut, aber daß man sie nicht brauchen will und ohne sie fortzukommen meint, ist ein guter Dämpfer.« Walter war anderer Ansicht, aber es war nicht der Augenblick, um die des Vaters zu bekämpfen. Über die im Hintergrunde liegende Absicht desselben war er nicht im Zweifel. Er zürnte ihm nicht, daß er von einem Plane, der ihm ans Herz gewachsen, nicht lassen konnte; aber es stimmte ihn wehmütig, daß der Vater mit unerschütterlicher Festigkeit einem unerreichbaren Ziele nachging. Unerreichbar, weil Walter in seinem Willen sich ebenso klar und unerschütterlich dünkte. Aber das Intermezzo oder die kleine Intrige, die der Vater spielte, erheiterte ihn, weil er sie durchschaute und sich in ihrem Netze fangen zu lassen nicht besorgte. Der hübschen Cousine hatte er den Mut, so unbefangen entgegenzutreten wie immer; einem unverschämten Angriff gegen dieselbe zu begegnen, dünkte ihm eine nicht der Rede werte Kleinigkeit; des Vaters Meinung über den Militärübermut teilte er, wenngleich das Übel ihm weder so tief noch so groß schien und er am wenigsten das Mittel guthieß, welches dieser angedeutet. Eine leise Wolke des Unmuts spielte aber doch um seine Stirn, als der Vater seinen Antrag motivierte. Es war eine Wahrheit in des Alten Worten, und der Schatten einer empfundenen Wahrheit spielte in sein Gemüt, als van Asten von seinem Sohne eine Tat forderte, um zu beweisen, daß sein Geist nicht in der Forschung untergegangen sei. Je lächerlicher ihm die Probe schien, um so mehr empfand er den Vorwurf Als an der Ecke sich ihre Wege schieden, sprach er: »Schlimm ist die Zeit, mein Vater, aber sie ist es schon lange. Was wir können, dürfen wir nicht zeigen, und was wir zeigen, ist nicht, was wir wollen. Eine gründliche Kur tut uns allen not, die Kur, die uns wieder zu Menschen macht, den Bürger zum Bewußtsein erweckt, warum er es ist, den Staat zu dem, daß er Männer bedarf, nicht Automaten. Ist dies Bewußtsein da, dann werden sich auch die Männer finden.« »Also, du willst jetzt noch nicht mit zur Cousine?« »Zur Theaterstunde bin ich in ihrer Wohnung.« »Grüß mir die Mamsell Alltag. – So ein affärierter Mensch! Muß Trost und Hilfe da bringen und da auch, bei hübschen Mädchen. – Apropos!« rief der Vater den Sohn zurück, »was das Bewußtsein anlangt, wär's nicht besser, wenn die Bürger es zuerst kriegten? Wenn da erst viele, wie du zu sagen beliebtest, Männer geworden, dann käme der Staat, meine ich, von selbst zum Bewußtsein, daß er ihrer bedarf. Denke ein bißchen darüber nach!« Der Alte war fort. Als Walter in die Jägerstraße einbog, rollte der Lupinussche Wagen heran. An der Seite der Geheimrätin saß Adelheid, geputzt wie ihre Pflegemutter, aber ihre Wangen schienen vor Freude zu glühen, wie er sie nie gesehen. Als die Damen ihn erblickten, lächelte die Geheimrätin ihn schelmisch an und wandte sich mit einer liebkosenden Bewegung zu ihrer Pflegetochter. Es kam ihm sogar vor, als küßten sie sich; gewiß hörte er, als der Wagen vorüberrollte, ein lautes Gelächter. »Was war das!« rief er. »Ein Herz und eine Seele nach diesem Brief! Und sie ruft mich nicht heran, wo sie sehen muß, daß ich zu ihr will.« Er starrte dem Wagen nach, wie in Erwartung, daß er halten, Adelheid sich herausbiegen und ihn rufen werde. Er wartete umsonst. Der Wagen war verschwunden. Walter hatte recht gesehen und gehört. Aber man kann als Augenzeuge ein Faktum beschwören und hat doch ein falsches Zeugnis abgelegt. Walter hatte nicht das kurze Zwiegespräch belauscht, was die Geheimrätin mit Adelheid vorher gepflogen, nicht die Komödie, die sie ihr zur Pflicht machte. Die Wangen des jungen Mädchens glühten allerdings, aber sie waren vorhin totenblaß, und die Röte war die Schminke, welche die Geheimrätin selbst ihr aufgelegt. »Die Welt braucht nicht zu wissen, was wir wissen«, hatte sie gesagt. Vierzehntes Kapitel. Ein Präludium . Das Nationaltheater bot heut einen feierlichen Anblick. So gefüllt hatte man es seit lange nicht gesehen. Es war nicht Ifflands Kunst noch Flecks Genie, auch nicht die Anmut der Unzelmann, der spätern Bethmann, oder die bezaubernde Stimme der Schick, was dieses Publikum angelockt. Es war kein glänzendes im gewöhnlichen Sinne, obwohl Gold und Silber von den Uniformen flimmerte und aus den Gesichtern der Zuschauer ein eigentümlicher Glanz strahlte, der der gespannten Erwartung, aber auf ein Etwas, was die Mehrzahl voraus wußte. Daher die schlauen, lauschenden Blicke, ein vergnügtes Zublinzeln, ein Zuverstehengeben, daß man unterrichtet sei. Kein glänzendes Publikum, was man in Berlin so nannte, sagen wir; denn weder der Hof war zugegen, noch ein hoher Gast, dessen Anwesenheit immer die Neugier anzieht. Im Gegenteil fehlten gerade die ausgezeichnetsten Männer, die man sonst im Theater zu sehen pflegte, und die, welche zu dem regierenden Kreise in näherer Beziehung standen. Man vermißte aber auch mehrere eminente Persönlichkeiten, welche zu diesen Kreisen nicht gehörten, sondern sich ihnen feindlich gegenüberstellten. Wenn sie es waren, die das Schauspiel angeordnet, hielten sie es für schicklich, wenigstens den Schein zu vermeiden, und verbargen sich in der Tiefe der damals sehr dunkeln Logen. Nicht der Schauspieler und der Darstellung wegen schien dieses große, lebhafte Publikum versammelt, sondern seiner selbst willen. Es wollte sich eine Darstellung geben. Auf dem Zettel stand angekündigt Babos »Puls«. Um dieses feinen, psychologischen Schauspiels willen hatte nicht das Offizierskorps für die Wacht- und Quartiermeister der Regimenter Gendarmen verschiedene Logen im ersten und zweiten Range gemietet, noch sah man deshalb im Parterre und auf dem Amphitheater Gruppen von Infanteristen und Husaren, jede von zehn bis zwölf Mann um ihren Unteroffizier versammelt. Auch saßen untersprengt in den anderen Logen zwischen geputzten Damen und aristokratischen Herren gemeine Soldaten in ihrer Kommißuniform, ein damals weit grellerer Kontrast und unerhörter Anblick. Die »honetten« Leute erschraken sonst vor der Berührung mit der blauen Montur. Und so geschickt, aber doch nicht glücklich, hatte man das bürgerliche Publikum mit dem Militär im ganzen Hause vermischt, denn wer Augen hatte, sah die Absicht. Man wollte sie aber auch nicht verbergen, nur einen luftigen Schleier darüberwerfen. Volksschauspiele zu arrangieren, war die Zeit in Preußen noch nicht gekommen. Auf dem Komödienzettel stand aber hinter dem Baboschen »Puls«: »Auf vieles Begehren ›Wallensteins Lager‹ von Friedrich Schiller.« »Hatte man denn kein patriotischeres Stück?« schien der Sinn der Frage, die jemand im Parterre seinem Nachbarn zuflüsterte, der zu den Eingeweihten in Beziehung stehen mußte. »Es ist weder preußisch- noch deutschpatriotisch.« – »Aber militärisch«, antwortete ein Dritter. – »Es wäre doch schlimm«, meinte jener, »wenn wir den Franzosen nichts entgegenzusetzen hätten« – »als soldatesken Stolz!« ergänzte der Dritte. »Ein Schelm gibt mehr, als er hat!« Babos »Puls« ward mit mehr Aufmerksamkeit gegeben als gehört. Die Pulsschläge im Parterre waren zu heftig, um den sanften auf den Brettern folgen zu können. Es blieb still trotz des Meisterspiels der Darstellenden. Aber doch schlugen nicht alle Pulse auf ein Ziel. Es war so viel zu sehen, viele sahen sich, die sich niemals hier getroffen. Woran sollten die Soldaten denken, die in diesen Räumen zum erstenmal standen, kerzengrad, auf Kommando und des neuen Kommando gewärtig. Das Spiel da oben war für sie ein Schattenspiel an der Wand in unverständlichen, gleichgültigen Hieroglyphen, die auf ihren glotzenden Gesichtern nicht den geringsten Eindruck machten. Auch vor der Schlacht schlagen nicht alle Pulse nur der Entscheidung entgegen. Die Karte, der Würfel und ein schönes Auge machen das Blut so lebhaft pulsieren, als der erste Trommelwirbel, das erste Pfeifen der Kugeln. Es waren viele schöne Augen in den Logen, und viele junge Offiziere observierten. »Sie schminkt sich aber nie« sagte ein Kürassier. »Sie ist geschminkt!« rief der Kornett. »Sie ist echauffiert. Sieh doch, wie ihre Arme zittern. Ihre Finger hämmern ja wie im Krampf auf die Brüstung.« »Ihre gelben Locken fangen schon an, wie Bindfaden runterzuhängen. Ist das etwa auch ein Beweis, daß sie nicht geschminkt ist?« Der andre observierte schärfer mit dem Ausruf: »Donnerwetter, sollte ich mich irren! Sie changiert nicht Farbe, und doch zuckte sie zusammen, als die Lupinus ihr was ins Ohr sagte.« »Was gilt die Wette?« wiederholte der Kornett. »Besser, wer entscheidet sie«, fiel der andre ein, »wer schafft den Beweis?« »Schicken wir eine Untersuchungsdeputation an sie«, sprach ein dritter. »Wolfskehl wäre dabei, in den Schminkangelegenheiten hat er gründliche Studien bei Komteß Laura gemacht.« »Stellt einen Posto«, rief der Kornett, »drüben hin, der sie nicht aus dem Auge läßt, und einen andern hinter ihr. Wenn die Rührung losgeht, dann Attention! Der drüben, ob's unter dem Auge weiß, der hier, ob das Tuch rot wird.« »Ein trefflicher Operationsplan! Wolfskehls militärisch Genie entwickelt sich immer mehr.« »Am Ende fangen die Weiber gar nicht an zu weinen?« »Und wozu das alles«, sagte der Kürassier. »Da müßt ihr euch doch den Mund wischen. Die Person hat nun mal was, daß man nicht weiß, was es ist; zudem Beschützer an allen Ecken. Man weiß nicht, wo man anstößt, wenn man zugreift.« »Grad das könnte mich tentieren«, rief der Kornett. »'s ist nur, sie ist nicht nach meinem Gout.« »Wolfskehl liebt nur das Bornierte. Da oben sitzt die neuste, die er auf dem Zug hat.« Man schaute nach der Loge im zweiten Range, nicht aber mit Diskretion, wo Walter van Asten hinter seiner Cousine stand. »Wer ist denn ihr Beschützer?« »Das Pockengesicht! Irgendein Schulfuchs.« »Vielleicht ihr Erkorner – oder Destinierter. Er behandelt sie mit vieler Ästimation.« »Sieht mir grade aus wie einer, der Lust hat, sich einen sanften Rippenstoß applizieren zu lassen, wenn ich Lust bekäme, dem Mädel den Arm zu bieten. Wollt ihr parieren, er dankt mir nachher an der Treppe –« »Wofür?« »Die Ehre, daß ich seinen Schatz geführt. Hol mich der Geier, er soll's !« Der zornfunkelnde Blick eines ältern Offiziers in militärischem Reitüberrock, der mit verschränkten Armen an einem Pfeiler stand, begleitete das »Pst!«, welches er den Schwätzern zurief, ohne seine Stellung zu verlassen. Sie schwiegen unwillkürlich. Nur der Kornett ließ seinen Säbel klirren: »Wer ist denn der Bramarbas?« Beide Begleiter zischten ihm ein bedeutungsvolles »Pst!« in die Ohren. »Mit dem ist nicht gut Kirschen essen!« »Aus der Provinz einer! So ein Kommandant aus Krähwinkel vielleicht. Soll der sich unterstehen, einem Offizier von der Garde Räson zu lehren?« – »Der unterstände sich noch mehr«, flüsterte der Kürassier. »Um Gottes willen, sei still, Fritz, 's ist der Obrist Yorck aus Mittenwalde. Der hat selbst mit dem Alten Fritz angebunden.« Nicht alle Pulse schlugen gleich. »So in sich versunken, Herr Geheimrat?« fragte Herr von Wandel, der in eine nebenstehende Loge trat, den Geheimrat Bovillard, welcher sein Opernglas erhob, um es wieder abzusetzen und mit dem Taschentuch zu wischen. »Ich bin nicht disponiert.« »Das werden Sie doch nicht zeigen wollen!« »Ich zeige mich. Was kann man in meiner Lage Besseres tun.« »Sie hatten in letzter Zeit vielen Verdruß? Herr von Fuchsius hat Sie verlassen, sich angeschlängelt an die neu aufgehende Sonne –« »Wohl bekomm es ihm. Wenn die Sonne ein Stein ist, hört sie auf zu glänzen.« »Haben Sie Nachricht von Ihrem Herrn Sohn?« »Haugwitz hat ihn aus Wien mit einer Depesche um Verhaltungsbefehle hierhergeschickt; das wissen wir aus anderer Quelle. Er scheint unterwegs aufgehalten oder aufgefangen zu sein.« »Was den Vater allerdings nicht gut disponiert; indes wird der Sohn des Geheimrat Bovillard vor Napoleons Auge immer Gnade finden.« »Auch, wenn er von dieser Komödie hört!« sagte Bovillard noch leiser. – »In welchem Winkel mag sich Laforest versteckt haben?« »Sie wollen doch nicht das Theater verlassen? – Ich bitte Sie, Geheimrat. Was ist's! Ein bißchen Trommeln, Singen und Geschrei werden Sie ertragen können –« »Wenn nur nicht drüben die Lupinus säße! Ich kann das Gesicht nun einmal nicht ausstehn. Ist denn das 'ne Larve oder ein Gesicht?« »Sie hat, glaube ich, Verdruß gehabt mit ihren Dienstleuten oder ihrem Pflegekinde. Sie ist allerdings etwas blaß.« »Diese kleinen, feinen, stechenden Korallenaugen! Wandel, ich versichre Sie, wenn ich ihrem Blick begegne, ist mir's, als wenn ein gläserner Dolch mir ins Herz bohrt.« »Leiden Sie oft an solchen Visionen?« »Begreif es einer, warum ich an einen Kirchhof denken mußte.« »Hier?« »Und sie wie das weiße Bild des Todes. Wen sie ansieht und küßt, der müßte sterben.« »Ihre Lektüre echauffiert Sie, teuerster Freund. Dieses junge Genie, der Chateaubriand, reizt die Phantasie auf. Unwillkürlich beschwört er Geister, die für unsre Atmosphäre nicht passen. Ich möchte Ihnen dagegen als kalmierende Lektüre ein treffliches Buch empfehlen, welches eben erschienen ist – Wagners ›Gespenster‹. Lesen Sie darin vorm Einschlafen einige Geschichten, Sie werden davon eine vortreffliche Wirkung empfinden. Es konnte kein besseres Gegengift gegen die romantischen Schwärmereien gerade jetzt auftreten, wo selbst bei den Franzosen –« Er konnte nicht ausreden. Der Geheimrat war über die hintern Stühle geklettert und zur Loge hinaus. Wandel, der rasch gefolgt, ließ ihm in der Konditorei ein Glas Zuckerwasser bereiten, in das er Hoffmannstropfen goß. »Nichts als ein Schwindel, teuerster Geheimrat, begreiflich, wenn Sie an die Eventualitäten des Krieges dachten. Da sieht man wohl Leichen und Kirchhöfe. Wie mancher dieser exaltierten Militärs wird kalt und stumm auf dem Schlachtfeld liegen, wenn ihre Wünsche in Erfüllung gehen. Auch vielleicht um Ihren Sohn waren sie besorgt. Das kombiniert sich alles so natürlich bei einer nervösen Komplexion. Wenn Sie sich erholt, lassen Sie uns zurückkehren.« »Das Mädchen ist hübsch, aber die Augen wie gläsern. Wenn das Wachsbild nun unter ihren Armen schmilzt!« »Das wäre unnütz!« »Was reden Sie?« »Ich weiß es selbst nicht, wahrhaftig, Bovillard. Ihr Unfall hat mich konsterniert. Es ist nicht Besorgnis um Sie – aber Sie sollten Hufeland befragen, wenn diese Anfälle sich wiederholen. Indes – erlauben Sie mir Ihren Puls. – Da intoniert das Orchester schon das Reiterlied. Ja, ja, Sie leiden an den Nerven. Sie glauben nicht, was die Beschäftigung des Geistes da hilft. Man muß sich zuweilen peinigen und sich in Zerstreuungen stürzen. Sie arbeiten zuviel. Sie lebten auch vielleicht in letzter Zeit zu solide! Überwinden Sie sich und kehren zurück. Täuschte ich Mich, im Mantel dort, das war Laforest. Er ist es.« »Ein interessantes Stück, der ›Puls‹!« sagte der Gesandte im Vorübergehen. »Nicht wahr, meine Herren? – Wenn doch die Staatskunst auch solche Ärzte zur Hand hätte, die am Pulsschlag ihrer Kranken die geheimen Intentionen der Völker erkennten!« »Welchen Auslegungen Sie sich aussetzen, wenn Sie fortgehen, wo ein Laforest zu bleiben wagt«, sprach Wandel dringend zu Bovillard. »Bedenken Sie die Stimmung im Publikum, teuerster Freund! Lombard selbst hat einen Beitrag für die Militärmusik geschickt!« Der Geheimrat Bovillard wollte bleiben, dies deutete wenigstens der stumme Händedruck an, als er aufstand: »Wenn nur das Weib fortginge!« Aber als er die Tür des Konditorsaales öffnete, kam ihm gerade dieses Weib, welches er vermeiden wollte, entgegen. Die Lupinus führte ihre Pflegetochter am Arm. Ein scharfer Kennerblick mußte unter der Röte von Adelheids Wangen die tiefe Blässe entdecken. Sie wankte am Arm ihrer Führerin, deren Anstrengungen, es zu verbergen, vergebens waren. Als Bovillard zurückprallte, kaum von den Eintretenden gesehen, eilte eine neue Zeugin herbei. »Mein Gott, was ist ihr!« rief die Fürstin Gargazin. »Nichts als übergroße Hitze! Ein Glas Limonade, Herr Reibedanz! Das wird dem Übel abhelfen.« »Sie ist krank, das sind konvulsivische Bewegungen!« rief die Fürstin. »Adelheid wird Ihnen das Gegenteil beteuern, wenn sie sich erfrischt hat«, sagte die Geheimrätin, indem sie mit einiger Heftigkeit das Glas dem jungen Mädchen an die Lippen hielt. Adelheid nippte, aber das Glas fiel auf die Erde, sie selbst knickte zusammen und wäre selbst gefallen, wenn die Fürstin sie nicht aufgefangen und mit dem hinzuspringenden Bovillard auf ein Kanapee gebracht hätte. Die Lupinus hatte sich diesen Augenblick entgehen lassen, indem sie mit dem Legationsrat ein rasches Gespräch in stummen Blicken gewechselt. Wandels ernster Blick schien tief eindringend, die Geheimrätin hielt ihn nicht aus, und als sie ihn gesenkt, hörte sie die Worte ins Ohr geflüstert: »Was soll diese Komödie! Ich hoffe, hier ist nichts vorgefallen, was Sie bereuen müßten!« Sie wollte die Lippen öffnen, als Adelheids unterdrückter, unartikulierter Schrei die Aufmerksamkeit der Hilfeleistenden auf den Gegenstand der Teilnahme wieder zog. »Es muß doch etwas mehr als die Hitze im Hause sein«, bemerkte die Fürstin mit einem eignen Ton. Bovillard fragte: »War sie vielleicht zum erstenmal im Theater?« Er setzte hinzu, die Blicke der jungen Offiziere, die eben nicht mit Schonung sie fixierten, möchten sie affiziert haben. »Ein Flakon!« rief die Geheimrätin. Die Fürstin, neben Adelheid kniend, hielt es ihr bereits an das Gesicht. »Sie wird sich wieder erholen.« Die Lupinus wandte sich zum Legationsrat: »Mein Gott, was zaudern Sie! Eines Ihrer Hausmittel, die Sie stets bei sich führen.« »Meine einfachen Mittel wende ich nur an, wo mir der eigentliche Grund der Krankheit nicht unbekannt blieb.« Die Geheimrätin hatte sich wiedergefunden. »Der eigentliche Grund der Krankheit kann denen nicht unbekannt sein, die von dem überschwenglichen Gemüt des jungen Mädchens unterrichtet sind. Patriotin bis in die äußersten Fibern ihrer Seele, hat sie seit vierzehn Tagen an einer Fahne für unsere Garnison gestickt und mich und sich um ihre Nächte betrogen. Erst heute morgen entdeckte ich es, und es hatte leider eine lebhafte Szene zur Folge, die ich jetzt bereue und zu der mich doch die Pflicht für die Gesundheit des Mädchens trieb. – Man hat etwas mehr zu sorgen für fremde als für eigene Kinder«, setzte sie mit einem feierlichen Tone der Resignation oder des gekränkten Bewußtseins hinzu. »Um dem Gerede der Leute zu entgehen«, sagte die Fürstin. »Auf Dank rechne niemand, der Pflichten übernimmt, die über seine Pflicht gehen«, bemerkte der Legationsrat. »Aber wir alle sind Ihnen dankbar«, fiel die Fürstin besänftigend ein, »für die geschickte Weise, wie Sie das Kind, und noch zu rechter Zeit, aus der Loge führten. Ich bewundere Madame Lupinus wirklich, und, Gott sei gelobt, es hat gar kein Aufsehen erregt. – Sie atmet.« »Aber noch geschlossene Augen.« »Mein Hotel ist so nahe, liebe Geheimrätin, ich würde mir ein Vergnügen machen, selbst sie dahin zu schaffen. Eine Portechaise steht im Flur. Mein Kammerdiener fliegt dahin – wenn –« »Wenn Madame Lupinus«, fiel der Legationsrat rasch ein, »nicht die Hoffnung hegte, daß die junge Dame sich noch erholte, um an ihrer Seite zur Vorstellung zurückkehren zu können. Und die Hoffnung scheint mir begründet.« »Ich würde es mir nie vergeben, dem Kinde ein Vergnügen zu rauben, nach dem ihr Herz sich sehnt.« Der Legationsrat hatte rasch aus seinem Etui ein Fläschchen geholt, welches er der Fürstin überreichte: »Drei Tropfen in den Händen gerieben und damit in Intervallen über die Schläfe gefahren. Nur der Luftdruck, nicht Berührung!« Er war ehrerbietig zurückgetreten, ohne auf die Frage: »Warum nicht Sie selbst?« zu antworten. Die Ouvertüre begann schon. »Ich begreife Sie nicht«, sagte leise die Lupinus, an deren Seite er sich gestellt, während der Geheimrat Bovillard der Fürstin beistand. »Noch weniger ich den Zusammenhang hier«, entgegnete er im selben Tone. »Was ging hier vor?« »Sie sah eben ihren Liebhaber. Sie hatte ihn vor dem Theater erwartet, so glaube ich wenigstens aus ihren Reden in der Ekstase schließen zu dürfen. Sie hatte ihm geschrieben, ihn zu sich geladen. Und statt zu kommen –« »Sah sie ihn an der Seite eines hübschen Mädchens, dem er viele Aufmerksamkeit erwies.« »Ist das nicht Grund genug, Herr Legationsrat?« Wandel zuckte die Achseln: »Unter andern Verhältnissen. Erlauben Sie mir indes, zu glauben, daß es hier kein Grund ist. Doch ich bin beruhigt, und verzeihen Sie, wenn ich es vorhin nicht schien. Das erste Gesetz der Wissenden, mein Freundin, ist, sich zu hüten vor dem Unnötigen, wo das Notwendige schon unsere ganze Geisteskraft beansprucht. Wir dürfen nicht spielen mit den Dämonen, wie diese hier tun; sie vertragen es nicht. Sie gehorchen uns nur, wenn wir das eiserne Auge nie von ihnen lassen und mit einem Stahlarm sie pressen – auf das Notwendige hin. Von Phantasten und Jongleurs reißen sie sich los und schlagen sie mit den zerrissenen Fesseln nieder.« Im Theater ward es laut. Ein Teil des Publikums schien durch Summen und Singen die kriegerischen Töne der Ouvertüre zu akkompagnieren. »Mein Gott – wenn sie doch jetzt – wir versäumen etwas!« rief die Lupinus, es war aber nicht das Verlangen, nach dem Theater zurückzukehren. »Wie sanft sie atmet!« sagte die Fürstin. »Debarrassieren Sie sich vor ihr. Es ist am Ende doch das Gescheiteste!« flüsterte Wandel der Geheimrätin zu. Sie blickte ihn fragend an. »Sie bezweifeln, daß ich als Ihr Freund spreche. Mein Rat sollte Ihnen beweisen, daß ich es bin. Ich sage nicht, daß Sie eine Natter sich am Busen erzogen haben, aber in dem Mädchen ist etwas Dämonisches. Bildete sie sich nach Ihnen? Schlug nur einer Ihrer Ratschläge an? Sie müssen sich gestehen, daß das Mädchen unberührt blieb, gleichviel ob im guten oder bösen. Aber Sie sind nicht mehr Herrin Ihrer selbst, seit dieses Gewicht an Ihnen hängt, Ihr kluges Auge, Ihr scharfes Ohr, Ihre Schritte und Tritte, ich möchte sagen, Ihre Gedanken belauscht. Fast erkenne ich meine stolze, sichere Freundin nicht wieder, wenn ich die Rücksichten sehe, die sie auf ein in jeder Beziehung untergeordnetes Wesen nimmt. Aber sie ist nicht, sie kann nicht untergeordnet sein ihrer Natur nach, das ist eben das Dämonische, was ein frei denkendes Wesen nicht neben sich dulden dürfte. Bringt sie nicht Unglück in jedes Haus, in das sie tritt! Dort – hier. Überrechnen Sie die Verlegenheiten, in die Ihre Güte gegen Adelheid Sie gestürzt, und ziehen Sie den Schluß, welches von beiden Übeln größer ist, daß die Welt wieder einmal acht Tage über Sie lästert, oder – daß Sie frei, Sie selbst wieder sind. Wählen Sie das kleinere und ergreifen die erste Gelegenheit.« Die Ouvertüre schloß mit Anklängen aus dem Dessauer Marsch. »Sie richtet sie auf«, sagte Bovillard. »Oh, eine wahre Patriotin.« Herr Reibedanz rief zur Tür herein: »Machen Sie schnell, meine Herrschaften, der Vorhang geht auf« »Sie muß mit«, sprach die Geheimrätin. »Sie hat die Kraft, sich selbst zu genügen.« »Ich glaube es auch«, sagte die Fürstin. »Herr von Bovillard, unterstützen Sie ihren Arm, sie will aufstehen.« »Bovillard!« wiederholte Adelheid mit der süßen Stimme einer Träumenden, die aus einem lieblichen Traum erwacht, und erhob sich. »Geliebtes Kind!« sprach die Geheimrätin, ihr entgegentretend. Aber derselbe Traum mußte auch bittere Erscheinungen ihr vorgegaukelt haben, denn als ihr Auge auf die Pflegemutter fiel, welche die Arme gegen sie ausbreitete, stieß sie dieselben mit einer krampfhaften Bewegung zurück. Das träumerische Auge veränderte seinen Ausdruck, ein Entsetzen wie mit Zorn gemischt schien aus der tiefsten Seele aufzusteigen und lieh dem Augapfel einen Glanz, vor dem man erschrak. Wie kam dieser Blick in das Auge einer Jungfrau! Die Fürstin hatte ebenso rasch es bemerkt, als sie mit der huldvollsten Freundlichkeit Adelheid unterfaßte: »Bovillard, geben Sie ihr den Arm, wir führen unsre Patientin.« »Sie träumte noch den Dessauer Marsch und sah die Franzosen vor sich«, sagte der Geheimrat. »So ist sie! Voller Laune und Phantasie!« bemerkte die Lupinus an Wandels Arm. »Wie unsre Zeit und diese Menschen«, entgegnete er. »Nichts, wohin wir sehen, als Phantasie und kein Entschluß.« Fünfzehntes Kapitel. Wallensteins Lager . Kaum ließ sich während der Darstellung das Mitspielen des Publikums zurückhalten. Die Iffland, Unzelmann, Mattausch, Herdt, Bessel, Gern, Labes, Kaselitz erschienen in ihren Waffenröcken und Wehrgehenken nicht wie Schauspieler, welche das Bild einer zweihundertjährigen Vorzeit den Zuschauern hinzaubern wollten, sondern wie Repräsentanten dieser Zuschauer selbst, die, jedem Kunstausdruck, jedem Verse, der auf das Ergreifen der Waffen deutete, zujubelnd, ihre eigene kriegerische Stimmung aushauchten. Das war ein Bravorufen, Klatschen, so kräftig, sonor, wie man es in diesen der ernsten Kunst geweihten Räumen selten gehört. Der Kunstenthusiasmus erlaubte sich in Berlin wohl Tränen und Entzückungen, auch Verzückungen, aber noch nicht, mit dem Feuer zu spielen, das er später verschwenderisch über seine Lieblinge ausschüttete, einen flammenden Glorienschein, der oft zur verzehrenden Flamme werden sollte für den Ruf des Gefeierten. Das Reiterlied war gesungen; tiefe Spannung auf allen Gesichtern, ein banges Schweigen in dem gedrängt vollen Hause. Da trat Kaselitz als Dragoner von Piccolomini vor und verteilte ein gedrucktes Lied zum Lobe des Krieges unter seine Kameraden. Die Pappenheimer, die Panduren, Illos Kroaten, alle verstanden deutsch zu lesen, das Orchester hub an, und nach der Schulzeschen Melodie: »Am Rhein, am Rhein!« ward ein Lied gesungen, von dem überlebende Zeitgenossen uns versichern, daß es gewirkt wie ein Tyrtäischer Kriegsgesang. Das Publikum erhob sich. Man streckte die Arme nach der Bühne, um den Text zum Mitsingen zu erhalten, die Schranken des Orchesters fielen. Da aber regnete es schon von gedruckten Blättern aus dem Amphitheater. Das Parterre stimmte ein, Jubel oder Rührung, es war zweifelhaft, was größer war. Die Damen in den Logen wehten mit den Tüchern; ernsten Männern, bei deren gefurchtem Gesicht man einen Eid hätte ablegen mögen, daß sie nie geweint, standen Tränen im Auge. Die letzte Strophe mußte wiederholt werden. »Das ist ein Lied!« – »Das ein Gesang!« – »Ein Dichter!« – Von Mund zu Munde ging sein Name geflüstert hin: »Es sind der Herr Major von Knesebeck!« Dort schrie einer dem andern zu: »Donner und Wetter, der Knesebeck ein Dichter!« Man wollte, man mußte sich näherkommen. Die in jener Zeit nicht so strenge Billettordnung ward gebrochen, man besuchte sich in den Logen, schüttelte sich die Hände; aus den Logen ging man ins Parterre, und unversehens hatten einige Allzeitfertige aus Brettern und Stühlen eine Art Treppe nach der Bühne gebaut. Das Stück war ja zu Ende, nur den Vorhang hatte man herunterzulassen vergessen – oder auch nicht vergessen. Während junge Enthusiasten hinaufsprangen, den Schauspielern die Hände zu schütteln, winkten andere den Darstellern, herabzukommen. Bald sah man Iffland in seiner stattlichen Armatur als Wachtmeister im Kreise der Offiziere, seiner Freunde. Er spielte nicht den Wachtmeister, er war es. Er war ein Patriot von Herzen, und von Herzen redete er feierliche Worte von Aufopferung und Treue. Seine jungen Verehrer drängten sich, ihm in die Hand zu schlagen als Gelöbnis, daß sie leben oder sterben wollten für König und Vaterland. In der Erhebung des Augenblicks fand niemand darin Seltsames, daß der Schauspieler den Ernst des Lebens repräsentierte; aber auch heitere Szenen mischten sich in diesen heroisch theatralischen Ernst. Es hat sich von je an gefügt, seit es Offiziere gab und Juden, daß beide in gewissen Verhältnissen zueinander stehen, Verhältnisse, die, in der Jugend sehr intim, sich oft erst im Alter lösten, zuweilen auch gar nicht. Da sah man einen bekannten jüdischen Handelsmann, welcher später, vielleicht auch damals schon, den Namen Gans führte und für einen witzigen Mann galt, an den Armen zweier Lieutenants umherstolzieren, oder besser, er umschlang sie mit seinen Armen, und den Begegnenden versicherte er, in diesen beiden Freunden opferte er seine teuersten Erinnerungen dem Vaterlande! Unzelmann, als Trompeter, streifte am Arm eines hübschen Kavallerieoffiziers durch das Parterre. Wer dafür noch Sinn hatte, blickte neugierig verwundert nach. Der junge blonde Offizier nahm das spöttische Lächeln seelenvergnügt hin, Unzelmanns komische Miene deutete aber an, daß ihn der Sinn nicht verletze. »Unzelmann und Quast Arm in Arm!« – »Unzelmann spielt heute seine Frau.« Er rief den Spöttern nach: »›Beschämte Eifersucht‹ wird nicht mehr gespielt, meine Herren«, – »denn Eifersucht ist das größte Ungeheuer!« replizierte ein junger Schöngeist, der die alten Spanier studierte. »Und gegen das größte Ungeheuer«, fiel der Schauspieler ebenso schnell ein, »ziehen unsere braven Truppen. Auch ›Menschenhaß und Reue‹, meine Herren, wird nicht mehr gegeben, denn wir brauchen allen Menschenhaß gegen die Franzosen.« – »Und«, setzte ein dritter Witzbold hinzu, »ein Lump, wer nicht sein Bestes und sein Schlechtestes mit seinem Alliierten teilt.« Anspielungen, die damals jeder verstand, auch viele Jahrzehnte nachher hat sich die Erinnerung erhalten; nicht wert um ihrer selbst willen, aber von Wert zur Charakteristik einer Zeit, die längst von den Springfluten der Geschichte fortgespült und von ihrem mächtigen Strome auf immer verschüttet scheint. Nicht die Frivolität ist begraben, aber in dem luftigen Kleide von damals darf sie sich der Gesellschaft, in keinem ihrer Kreise, mehr zeigen. Enthusiasmus, wohin man sah, aber es fehlte noch etwas; ein Schluß, der dem Anfang entsprach, ein Siegel auf die fertige Urkunde gedrückt. Wozu die ganze Aufregung ohne ein Ziel? Aus dem Theater sind später Revolutionen hervorgegangen, aus der »Stummen von Portici« stürzten die berauschten Zuschauer, um die Funken des Bühnenfeuers als Brand auf den Markt zu tragen. Dazu war hier nicht der Ort, nicht die Zeit, nicht die Menschen. In den geschlossenen Theaterräumen hallte der Ruf: »Krieg! Krieg! Zu den Waffen!« trefflich; aber wären sie hinausgestürzt, was dann? Wie klein wäre die Zahl gewesen, wie bald zerstreut auf den breiten Straßen! Hätte jeder sich gern in der Gesellschaft der andern erblickt, die vielleicht ihnen da zuströmten? Und was sollten sie tun? Vor das Palais des Königs rücken, dort Fackeln schwingen, wild schreien: Krieg! Krieg! Was würde dieser König, der, dem Ungewöhnlichen, Exaltierten abhold, seine Person scheu von aller Repräsentation zurückzog, zu einem brüllenden Haufen sagen, der ihn zu einer Handlung zwingen wollte, die er vielleicht schon beschlossen hatte! Würde es nicht gerade das Mittel gewesen sein, das Wort, das sich von den Lippen lösen wollte, in die tiefste Brust zurückzuschrecken? Er mußte zürnen, und erzürnen wollte niemand den geliebten Monarchen. Aber etwas mußte geschehen, das fühlte jeder. So konnte man nicht auseinandergehen. Die Logenschließer hatten unter den Enveloppen der Damen Blumenkränze gesehen, oder waren es schon Lorbeerkränze? Auf irgendein Haupt sie zu drücken, dazu waren sie doch mitgenommen. Aber wo war das Haupt, wo der eine, der eine solche Masse wecken, begeistern, führen konnte? – Wohl gab es einen, einen noch jugendlichen, genialen Prinzen von kühnstem Geiste und bewährtem Mute. Sein Schwert hatte Franzosenblut getrunken, ritterlich hatte er sich mehr als einmal in die Scharen der Feinde geworfen und – dem unüberwundenen Helden hätte man alle seine Schwächen vergeben. Er wäre der Mann des Volkes gewesen, und wäre er vorgesprungen da, auf eine Erhöhung, und hätte den Degen blitzen lassen im Scheine der Theaterflammen, nur wenige kräftige Worte – möglich war es, daß es ein Ernst ward, dessen Folgen niemand berechnet. Aber diesen einen fesselten Rücksichten, er knirschte im verhaltenen Grimm in seinen vier Wänden; er zückte den Pallasch, um ihn wieder in die Scheide zu stoßen, er sah nach den Wolken und lauschte auf den Galopp eines Pferdes, ob es die Ordonnanz war, die das heißersehnte Wort brachte. Er hatte sein Wort geben müssen, heut nicht im Theater zu erscheinen. »Scharf geschliffen und von vornherein die Spitze abgebrochen, damit der Stahl nicht verwundet.« – Andre gab es wohl, die von demselben Feuer glühten, Namen von ehernem Klang und altem Ruhm; sollte man aber die Kränze auf eisgraues Haar drücken? Warum nicht lieber auf Friedrichs Büste. Aber etwas mußte geschehen; die Gärung war zu groß, um sich zu verlaufen. »Es lebe der König!« rief eine Stimme. Tausend riefen es nach. Das Orchester intonierte den neuen Volksgesang, der so rasch Allgemeingut geworden, und das feierliche: »Heil dir im Siegerkranz, Retter des Vaterlands!« hallte wie besänftigend durch den hohen Raum des Schauspielhauses. Eine der kleineren Logentüren klappte zu, und ein Mann, vor dem sich der Schließer respektvoll neigte, eilte im Surtout die Treppe hinunter. »Das alte Lied!« sagte sein jüngerer Begleiter; es war Herr Fuchsius; »es klang mir hier wie eine Ironie.« »Alles Theater, alles gemacht, alles nichts, und daraus wird im Leben nichts!«, erwiderte der andre. »Seine Exzellenz, der Herr Minister von Stein!«, flüsterten sich die Logenschließer zu. Aber als das Lied durch neue Hochs, dem Könige gebracht, unterbrochen wurde, klappte wieder eine Logentür, eine Stimme teilte den Vornesitzenden etwas mit, diese sprachen nach links und rechts, und bald lief es wie ein Lauffeuer durch die Logen: »Die Garnison marschiert!« – »Die Berliner Garnison rückt aus!« Soll das den letzten Drucker geben! schien des Ministers Blick zu seinem Begleiter zu sagen, während der Lärm drinnen sich wieder steigerte. Ein Vorübergehender las den Sinn der ungesprochenen Worte und erwiderte dem Manne, den er nicht kannte: »Sie können es ganz gewiß glauben, mein Herr, diesmal ist es ernst. Die Kriegskasse ist schon fertig, und das Feldlazarett wird gepackt. Ich habe einen Vetter, der dabei ist.« »Und ich habe es selbst angeordnet«, lächelte der Minister seinem Begleiter zu. »Soll man sie um ihren Glauben beneiden oder bedauern?« Sechzehntes Kapitel. Am Altar des Vaterlandes . Was bis hier geschehen, davon finden wir die Hauptzüge wenigstens in den öffentlich gewordenen Berichten. Die Zeitungen gedenken des denkwürdigen Abends; aus ihnen sind jene Züge schon in die Geschichtsbücher übergegangen. Es fiel aber an dem Abende noch manches vor, wovon sie schweigen. Ein großer Teil des Publikums hatte sich bereits entfernt. Die Begeistertsten empfanden noch das Bedürfnis, sich Mut und Hoffnung zuzureden. Hier schüttelte man sich die Hände; hier schloß man sich in die Arme; hier unterhielt man sich von Vorteilen, welche die Österreicher errungen haben sollten, von dem und jenem französischen General, der verwundet sei; dort von einem Volksaufstande, der sich irgendwo vorbereite, von dem ungeheuren russischen Heere, aus dem Innern Asiens heranwälze. In bewegten, bangen Zeiten knüpft die Hoffnung aus den Sonnenstäubchen, aus den Spinnfäden in der Herbstluft Taue für ihre Anker! Da lief schon längst ein Gerücht durch die entfernten Gruppen, daß ein Kurier mit wichtigen Nachrichten angekommen sei, aber er und sein Pferd, gleich erschöpft, seien auf dem Markt gestürzt. Der Kommandant, welcher des Weges gekommen, habe ihn auf der Straße vernommen und sei mit den Depeschen sogleich nach dem Palais geeilt. Ein kleiner Mann mit sehr wichtiger Miene, den man früher schon bei allen Gruppierungen bemerken konnte, schwang sich jetzt auf eine Logenbrüstung und schrie: »Es ist richtig, meine Herren, der Kurier ist da! Er hat sich beim Fall den Fuß verstaucht – er kommt direkt vom Schlachtfelde – ich sah ihn selbst – sie führen ihn jetzt am Schauspielhaus vorbei.« Sogleich war an der Tür ein Gedräng; man wollte hinaus, um sich von der Wahrheit zu überzeugen. Die Entfernteren riefen: »Holt ihn herein!« – Was er auf der Straße aussagen dürfe, könne er doch auch dem Publikum erzählen. »Wenn uns Merkel nicht wieder eine Flinte aufbindet!« sagte ein Mann in mittleren Jahren, mit lebhaften dunkeln Augen, der, seiner Kleidung nach, dem geistlichen Stande anzugehören schien; der Bleistift und das Pergament in seiner Hand deutete aber auf einen Berichterstatter für eine Zeitung, was er auch wirklich war, der französische Prediger und Professor Catel, damals und noch lange nachher Redakteur der »Vossischen Zeitung«. – »Diesmal hat Merkel die Wahrheit gesagt, liebster Catel«, bemerkte sein Nachbar. »Der Kurier ist da, auch ich sah ihn, und was ich durch das Gedränge gehört, sind so wunderbare Dinge, daß Sie Ihre Zeitung übermorgen damit füllen können.« – »Sie verlangen doch nicht von mir, daß ich Mirakel schreiben soll!« entgegnete Catel. »Das ist weder meines Metiers noch meiner Zeitung. Aequam memento rebus in arduis servare mentem .« »Ist zwar ein schöner Wahlspruch«, entgegnete der andere, »aber es gibt doch Ausnahmen.« »Die sich doch wieder auf eine Regel zurückführen lassen. Alle Bewegung sinkt auf ihr Niveau oder Maß zurück, und die Gesetze dieses Maßes sind die Kunst. Und das sahen wir an diesem Abend. Iffland hat sich wieder selbst übertroffen. Sehen Sie – sehen Sie ihn da, Feuer und Flamme für den Krieg, er ist der Soldat, den er vorhin gespielt, ich glaube, wenn ihn Seine Majestät der König in die Linie beriefe, so würde er auch da vor den Rotten wie ein Meister der Kriegskunst dastehen. Und nun betrachten Sie, mit welcher klassischen Ruhe er auch dieses Feuer menagiert! Und vorhin im ›Puls‹, das war kein Spiel, das war wieder ein Ernst, eine Wahrheit, eine Kunst, die uns an der menschlichen Natur irremachen könnte. Ohne Zweifel war er von den Auftritten, die nun folgen sollten, nicht allein unterrichtet, sondern er hat sie mit arrangiert, er lebte in dem Gedanken, und wo merkte man es ihm an! Ich habe ihn genau beobachtet. Da war jedes Fältchen der Weste, jeder Knopf wie sonst. Wie er mit der Rechten den Puls des Patienten fühlte, zählte er mit den Fingern der Linken auf dem Rücken die Schläge. Das werden wenige bemerkt haben. Er tat es auch nicht fürs Publikum, für sich, um sich selbst zu genügen. Diese Ruhe, diese Herrschaft über Leidenschaft und Welt ist es, was den Künstler macht. Ich hätte nur einen Wunsch jetzt –« »Doch nicht, daß Iffland selbst ins Feld ziehen soll!« »Nein, ich möchte ihn Talma gegenüber sehen. Jeder, bin ich überzeugt, würde den andern bewundern, jeder vom andern lernen wollen.« »Französisches Feuer und ein Klassiker im Blute!« bemerkte ein dritter. »Von der Kolonie!« sagte der andre. »Die besten Preußen und gute Deutsche, und doch alle ein Tendre für Bonaparte.« Ein Jubel und Hallo kündigte hier an, daß der Kurier ins Theater gezogen war. Noch sahen ihn die wenigsten, aber Stimmen schrien schon: »Viktoria! Ein Sieg, ein ungeheurer Sieg! Hoch lebe der König! Hoch Preußen!« Umsonst sträubte sich der junge, staubbedeckte Mann, dem man die äußerste Erschöpfung von einem angestrengten Ritte ansah. Sein Gesicht war blaß, nur zuweilen von einer flammenden Röte überflogen. Er sprach lebhaft, aber mit Anstrengung zu den um ihn Stehenden. »Meine Herren, es ist ein Irrtum, ich bin nicht selbst der Träger der erwünschten Nachrichten. Ich habe vergebens draußen schon gegen die Auszeichnung protestiert, aber man hört mich ja nicht. Meine Depeschen vom Minister Haugwitz enthalten nichts, noch können sie etwas von der Nachricht enthalten, die Sie, die wir alle wünschen, daß sie auf Wahrheit beruhe. Meine Depeschen, wie meine eigne Kenntnis der Dinge, sind von Wien, von weit älterem Datum. Ich wußte mich, um nicht aufgefangen zu werden, auf Nebenwegen durchzuschlagen. Ich mußte weite Umwege machen, und ich wiederhole Ihnen, daß es nur ein Gerücht ist, was ich an der sächsischen Grenze zuerst hörte. Was verlangen Sie von mir, daß ich es hier öffentlich mache! Ich kann nichts sagen, als daß ich von andern gehört, was diese wieder gehört.« Die in den Logen und dem hintern Parterre hatten natürlich nichts von dieser Protestation gehört. Unisono schrie, tobte, forderte man, daß der Kurier laut spreche; was hier gut sei, müsse es für alle sein. »Hier sind keine Verräter! Keine Spione!« – »Auf das Proszenium!« – »Sie müssen jetzt, Bovillard«, rief jemand, der ihn kannte, »Oder man läßt es uns entgelten.« Der Erschöpfte ward von zwei Männern unter den Arm gefaßt und fast auf die Bretter hinaufgerissen. Übrigens herrschte kaum ein Unterschied mehr zwischen der Bühne und dem Zuschauerraum. Selbst von den angesehensten Damen standen schon mehrere auf der ersteren. Schauspieler hatten einen Altar herangetragen, der vielleicht aus der vorigen Operndarstellung noch hinter den Kulissen stand. Er diente dem Erschöpften, der sich von seinen Begleitern losgemacht, zur Stütze. Sein Auge rollte, als suche er in der Luft nach Worten, während es den Umstehenden nicht entging, daß seine Glieder fieberhaft zitterten. Jetzt fuhr er mit der Hand über die Stirn; um die Erinnerung zu sammeln, glaubten einige, andre versicherten nachher, er sei gestanden, als habe er ein Gespenst gesehen. Da rief er plötzlich aus voller Brust: »Sieg, Sieg verlangen Sie aus meinem Munde. – Wenn wir an uns selbst glauben, deutsche Männer, müssen wir ja siegen! Warum nicht dort!« – Ein Händeklatschen, ein brüllender Applaus: »Sieg! Ein Sieg! – Weiter! – Wo?« – »In Mähren, hinter Brünn – eine Schlacht, sagen sie, ist geliefert, blutig, wie keine seit Menschengedenken – drei Tage hätte sie gewütet – drei Kaiser standen sich gegenüber – dreimal ging die Sonne blutrot auf – am dritten –« Alles hörte bang, mit angehaltenem Atem, während der Sprecher nach Luft zu schnappen schien. – »Am dritten hat man ihn gesehen – Bonaparte – in der Mitte von nur drei Reiterregimentern, die ihn mit ihren Leibern schützten – sich durchschlagend nach Bayern – sein Heer, sein großes Heer –« »Was ist ihm?« riefen die Nächststehenden. Bovillard beugte und stützte sich, wie um sich zu halten oder etwas zurückzudrängen, auf den Altar. Durch die weiten Räume aber brauste es: »Hurra! – Viktoria!« – »Kränzt den Siegesboten!« rief die Fürstin, die Treppe heraufsteigend. »Kränzt ihn!« wiederholten weibliche Stimmen. Die Kränze waren da, aber das Publikum wollte vorher den ganzen Freudenbecher ausgeschüttet wissen: »Sein Heer – wo ist sein Heer?« »Fragt die Erinnyen! – Eine Blutlache –« Diese Worte konnte man auf dem entferntesten Amphitheater verstehen, so scharf schnitten sie durch die Luft, doch ohne den sonoren Metallklang von vorhin. Dann hörte man einen Fall, einen Schrei der Umstehenden, Töne des Jammers, einige wollten ein Auflachen gehört haben. Sehen, was vorgefallen, konnten natürlich nur die Nächststehenden; indem man, um zu sehen, herandrängte, verbarg man die betreffenden Personen. Von Mund zu Munde ging es, der Bote der Siegeskunde war am Altar des Vaterlandes niedergesunken, aber mit voller Ehre. Ein junges Mädchen, schön wie keine, in Fieberglut, hatte sich mit dem Kranz über ihn erhoben, aber als sie ihm denselben auf die Stirn drückte, als er ihre Hand ergriff, stürzte es ihm aus dem Munde, ein roter Blutquell, und er war hingesunken, ohne die Hand loszulassen. Siebzehntes Kapitel. Eine Entführung . Soviel wußte man bis in die entferntesten Winkel, aber in der Masse verschwand das Persönliche vor dem sturmbewegten Gefühl. Man begnügte sich nicht mehr mit einem Händedruck, auch Leute, die sich nicht leiden mochten, stürzten sich in die Arme: »Das Vaterland ist gerettet!« – »Zugeschlagen. Nun ihm den Garaus gemacht!« – »Drauflos! – Tod allen Franzosen!« »Davon werden sie auch nicht sterben!« brummte der Offizier, welcher vorhin Yorck genannt wurde, der sich jetzt Luft nach dem Ausgang machte, während die Tücher der Damen ihm fast um die Ohren schlugen: »Wenn überhaupt die Geschichte wahr ist.« »Sie stießen«, sagte sein Begleiter, »den armen Merkel beinahe um, der die Nachricht frisch aufnotiert, um sie noch warm in seinen ›Freimütigen‹ zu setzen.« »Hol sie alle –« entfuhr es dem Oberst, als seine Aufmerksamkeit durch eine andere Szene in Anspruch genommen wurde. Walter van Asten führte seine Cousine durch das Gedränge. Einer der jüngeren Offiziere, deren Geschwätz der Oberst vorhin durch seinen zornfunkelnden Blick zum Schweigen gebracht, benutzte den Augenblick, wo Walter sich bückte, um den Pompadour aufzuheben, der dem jungen Mädchen aus der Hand gefallen war. Er drängte sich zwischen beide und wußte den Arm der Dame in seinen zu schieben: »Mein schönstes Fräulein, Sie hatten einen Führer, der den Weg nicht kennt. Erlauben Sie mir, daß ich Ihnen den nächsten zeige.« Minchen Schlarbaums Arm hing wirklich am Arm des Offiziers, als ob es so sein müsse, aber ihr Mund öffnete sich so weit, als ihr Auge groß ward. »Mein Gott, verzeihen Sie, das ist ja mein –« »Ihr Pompadour«, fiel der Kornett ein. »Da – nehmen Sie ihn rasch. Ich hoffe, daß der – Herr da ihn für Sie aufgelangt hat.« »Und ich, Herr Kornett von Wolfskehl, hoffe«, sagte Walter, »daß Sie nur in der Trunkenheit der Freude meine Cousine mit – jemand Ihrer Bekanntschaft verwechselt haben. Für eine andre Trunkenheit würde ich Rechenschaft fordern.« »Was! – Spricht da einer von Rechenschaft – ich habe mich wohl verhört«, näselte der Kornett zu den Kameraden, die still lächelnd in der Nähe standen, als er schon Walters Hand an seinem Arm fühlte. Es war noch eine sanfte Berührung. »Ich, Kornett Wolfskehl«, sagte Walter in einem Tone, der noch dem Druck seiner Hand entsprach. »Auf der Stelle ersuche ich Sie so höflichst als dringend, Ihrer Wege zu gehen, da ich meinen vollkommen kenne, den ich gehen muß und werde, wenn Sie den Platz nicht augenblicklich verlassen.« »Herr« – fuhr der Kornett auf – »wer sind Sie in drei« – und hatte doch den Arm der Dame fahrenlassen. Walters Blick hatte etwas herrisch Durchdringendes. Auch auf den übermütigen Jüngling hatte er unwillkürlich einen Eindruck gemacht. »Jemand, dem es leid täte, sich an dem Rock des Königs vergreifen zu müssen, der aber keinen Augenblick zaudern würde, wenn – jemand, der nicht der Ehre wert ist, ihn zu tragen, daruntersteckte.« »Was! – Unterfängt sich die Ka–« »Halt!« donnerte die Stimme des älteren Offiziers dazwischen. »Meine Herren Offiziere, wenn der Zivilist da zu dem Frauenzimmer gehört, ist er im Rechte.« Dulden wir das! schien der zu den Kameraden gewandte Blick des Kornetts zu sprechen. »Herr Obrist, er hat unsre Uniform berührt.« »So wird er Ihnen Rede zu stehen haben, warum«, entgegnete der Obrist. »Herr Jesus, um Gottes willen keinen Skandal!« schrie Minchen Schlarbaum. »Da ist ja Herr Professor Catel, der kennt meinen Cousin.« In dem Augenblick ward aber die Aufmerksamkeit wieder auf den allgemeinen Gegenstand der Teilnahme gelenkt. Wie wenn ein Vorhang zu beiden Seiten aufrollte, hatten sich die Personen, welche um den Kurier gestanden, nach beiden Seiten verteilt, um der stürmischen Forderung des übrigen Publikums zu genügen. Bovillard lag auf dem Boden, das umkränzte Haupt vom Theaterarzt gestützt, während seine ausgestreckte Rechte die Hand des jungen Mädchens noch immer gefaßt hielt, welche den Kranz ihm aufgedrückt. Diese kniete, entweder durch ihre Lage dazu genötigt oder aus eigener Bewegung, daneben. Von der Fieberröte flutete nichts mehr auf ihrem Gesicht; es war totenblaß, nur die großen schönen Augen starrten auf den Jüngling zu ihren Füßen. Sie selbst schien der Hilfe zu bedürfen, denn die Fürstin hielt sie umfaßt. Die Wallensteinschen Krieger, auf ihre langen Degen gestützt, standen im Halbkreis wie eine Wache. Es war nicht Arrangement, es hatte sich von selbst so gemacht. Wer den Rest Spiritus auf dem Altar entzündet, dessen blaue Flammen spärlich durch das Halbdunkel der verlöschenden Öllampen in die Höhe leckten, ist nie ermittelt. Der Anblick war überraschend, das erste Schweigen des Publikums verriet, daß es den Sinn und Zusammenhang nicht begriff. Es wußte nicht, ob es noch jubeln dürfe, ob trauern sollte. Eigentlich wußte es niemand; was seit letzt geschehen, ging über alles Arrangement hinaus, bis die Gefühle der einzelnen wie kleine Blutadern in einem großen erstarrten Körper pulsierten. Die Teilnahme war verschieden. Eine Stimme rief aus der Mitte heraus: » Ah, c'est pittoresque! C'est vraiment antique et classique! « »Aber er stirbt ja wirklich!« schrien andere. Der Klassizismus mußte in dieser Versammlung noch eingewurzelt sein, denn es fand sich jemand, der seine Zuhörer an das erhabene Beispiel aus dem Altertum erinnerte, wo der Bote einer Siegesnachricht im Augenblick, wo er sie überbrachte, aus Erschöpfung zu den Füßen seiner Mutter tot niederstürzte, und die Mutter ward um deshalb als die glücklichste Frau im ganzen Hellas gepriesen. Herr Herklotz, der Theaterdichter, man vermutet, daß er es gewesen, hatte mit Iffland einige Worte geflüstert, und dieser, heute in andauernder Aufregung, hatte schon den breitkrempigen Hut gezogen und war an die Rampen getreten zu einer neuen patriotischen Ansprache, mutmaßlich aus jener Vergleichung geschöpft, als Major Eisenhauch ihn sanft am Arm faßte: »Um Gottes willen, Herr Direktor, bedenken Sie, das ist der Vater des Sterbenden.« Der Geheimrat Bovillard, in einem Gespräch mit St. Real begriffen, hatte erst spät seinen Sohn erkannt. » Mais enfin, grand Dieu, c'est donc mon fils !« rief er händeringend zu denen, die ihn abhalten wollten, sich auf die Bühne zu stürzen, und arbeitete sich durch das Gedränge. »Mais, mon cher conseiller«, rief der Geheimrat Lupinus, der, seinen Arm unterfassend, ihm nacheilte, »il ne mourira pas. Nous admirons ce ravissement d'amour paternel suprême. Oh! c'est touchant. Mais considérez, mon ami, votre état et surtout votre caractère. Vous êtes philosophe! – Et il ne mourira pas, assurément, ce n'est qu'un échauffement passager. C'est, jeune homme, un épanchement patriotique, l'amour paternel le guérira! Aber, mein lieber Rat ... er wird nicht sterben. Wir bewundern diese Erregung höchster Vaterliebe. Oh!, das ist anrührend. Aber bedenken Sie, Freund, Ihren Stand und vor allem Ihre Würde. Sie sind Philosoph! – Und er wird sicher nicht sterben, das ist nur eine vorübergehende Wallung. Das ist, junger Mann, ein patriotischer Herzenserguß, die Vaterliebe wird ihn heilen. « Es arbeitete sich noch jemand währenddessen durch das Gedränge, doch mit einem andern Ungestüm. Auch nach ihm streckten sich unwillkürlich Arme aus, als wollten sie ihn zurückhalten. Weshalb Walter van Asten plötzlich dem Offizier, dem er noch eben die Zähne zu weisen so große Lust gezeigt, den Rücken gekehrt, weshalb er seine Cousine, zu deren Schutz er aus sich selbst heraus geschritten schien, stehenließ, weshalb er unbekümmert um beide ins dichteste Gewühl sich gestürzt, daß er im nächsten Augenblick ihnen allen verschwunden war, daß wußten die freilich am wenigsten, welche sich am lautesten darüber verwundenen. Ein Hohngelächter der Offiziere brach plötzlich aus. Der Obrist drückte verächtlich den Hut auf die Locken: »Ist's ein solcher, so lassen Sie den Patron nur laufen.« »Er hat vielleicht jemand gesehen, der seiner Hilfe noch mehr bedarf«, antwortete Professor Catel auf Minchen Schlarbaums erstaunten Blick und bot ihr rasch seinen Arm, während die Offiziere zu einer Art Kriegsrat zusammengetreten waren. »Rede stehen!« – »Nimmermehr.« – »Die Peitsche dem Poltron !« »Meine Herren«, sagte der Obrist im Abgehen, »wenn er den Rock des Königs angefaßt und sich salviert hat, ehe er Rede stand, ob er nicht nur einen Fleck drauf abklopfen wollte, so schickt sich's weder, Satisfaktion von ihm zu fordern, noch für Sie, den Bütteldienst zu übernehmen. Das ist nun meines Erachtens allein Sache der Polizei und der Justiz, und vorderhand können Sie's ruhig einem Wachtmeister und Sergeanten lassen. Empfehle mich Ihnen.« Der Geheimrat Bovillard hatte sich über seinen kranken Sohn werfen wollen, aber vernünftige Freunde ihn zurückgehalten, weil es sich mit seiner Würde nicht vertrage, weil das vor dem Theaterpublikum eine Szene aufführen hieße, weil sein Sohn in keiner Lebensgefahr sei, weil jeder Affekt die Lage desselben verschlimmern könne. Der Geheimrat Bovillard war den vernünftigen Vorstellungen zugänglich, und für den öffentlichen Anstand hatte er immer das feinste Gefühl. Um so besser, als man seinen Sohn bereits auf demselben Ruhebett, auf welchem bei der Darstellung des »Puls« der kranke, junge Graf gelegen, fortgetragen hatte. Dabei mußte sich noch einiges ereignet haben, was die Umstehenden beschäftigte. Man hatte seine Hand aus der des jungen Mädchens losreißen müssen, so fest hielt er sie gefaßt. Sie war darauf – von der Anstrengung und dem physischen Schmerz, sagten die Verständigen – zu Boden gesunken. Ob in einer Ohnmacht oder einem Starrkrampf, darüber stritt man; die zum letzteren hinneigten, behaupteten, sie sei schon vorhin, als sie noch aufrecht saß, in einem Starrkrampf gewesen. Andere vermuteten noch anderes, und Iffland flüsterte zu Bethmann: »Ich besorge, daß man uns auf unserem Grund und Boden eine Komödie aufgeführt hat, während wir hier dem Publikum einen Ernst vorspielen wollten.« Während er, lauter als nötig, Anordnungen gab, den Vorhang fallen zu lassen, und deutliche Winkel daß es Zeit wäre, das Schauspielhaus zu räumen, erhob sich ein neuer Lärm im Orchester. »Als hätte sich heut alles gegen unsere Ordnung verschworen!« rief Iffland, von daher zurückkehrend. »Gönnen Sie der Freude etwas Tumult, Herr Direktor.« »Ein Zivilist hat sich gegen einen Offizier vergangen. Sie arretieren ihn eben. Als ob ein Tag, der in allen nur einen Gedanken hervorrufen sollte, zur Aufwärmung dieser leidigen Streitigkeiten zwischen den Ständen geeignet wäre.« »Es soll sonst ein ganz anständiger Mensch sein.« »Desto schlimmer«, rief Iffland. »Wenn die Vernünftigen nicht einmal ihre Affekte am Altar des Vaterlandes zügeln! Was erwarten wir dann vom Pöbel!« »Die Affekte werden immer ihr Recht behalten«, erwiderte Herr von Fuchsius. »Und wenn ihr eine Staatsordnung auf Menschen ohne Leidenschaften und Schwächen bauet, so habt ihr auf Sand gebaut. In einer Zeit wie unsre, Herr Direktor, hilft uns nur, wenn wir den Affekten alle Schleusen öffnen. Der Organismus ist zu systematisch verschlammt. Die Künste der Ordnung reichen nicht aus. Nur ein Überfluten des Stroms kann uns aus der Lethargie erretten.« »Wenn sie sich zanken, ist's doch ein Beweis, daß sie noch leben!« setzte Major Eisenhauch hinzu. »Sie lebt!« sagte der Arzt, welcher für Adelheid herbeigerufen war und noch immer ihren Puls hielt. »Ihr Leiden scheint mir nur psychisch; eine Folge von zu lange verhaltenen Gemütserschütterungen. Nach dem Zwange rächt sich die Natur. Die äußerste Ruhe tut ihr zunächst not. Auf die Bretter aber, dünkt mich, gehört die Kranke nicht.« Damit war von allen Herr Iffland einverstanden. Der hatte bereits eine Portechaise kommen lassen. Zwei Soldaten, noch in Wallensteinschen Waffenröcken, versprachen, rüstige Träger zu sein. »Aber wohin?« fragte der Direktor, nachdem Adelheid unter Beihilfe des Arztes und der Fürstin in die Portechaise gehoben war. »Gleichviel! In das erste befreundete Haus!« sagte der Arzt. »Das ist mein Hotel.« Die Fürstin gab, nachdem sie einen schnellen Blick nach der Geheimrätin geworfen, die nötigen Anweisungen: »Leise aufgetreten, keine Erschütterung. Für einen guten Lohn verpflichte ich meinen Kammerdiener.« Die Lupinus sah weder den Blick noch die Abführung der Portechaise. Eine Reihe riesiger Pappenheimer hatte eine Wand dazwischen gebildet. Aber auch ohne diese Kürassiere würde sie in dem eifrigen Gespräche mit dem Legationsrat es schwerlich gesehen haben. Er hatte sie schon vorhin fast mit unziemlicher Heftigkeit bei der Hand ergriffen und in die Kulissen gezogen. »Ich verstehe Sie nicht. Sie selbst drangen darauf, daß ich kündigen sollte.« »Und heut bietet Moldenhauer fünf Prozent, wenn Sie die Kündigung zurücknehmen. Schlagen Sie ein! wiederhole ich. Jede Hypothek zwanzigtausend Taler! Bedenken Sie! Einen so unerwarteten Gewinn! Sie wären rasend, ihn von der Hand zu weisen.« »Aber wenn die Kapitale selbst darüber verlorengehen! Noch gestern schrieben Sie mir: ›Kündigen Sie.‹« »Noch vor einer Stunde hätte ich es getan.« »Und jetzt, wo Preußen losschlagen muß –« »Es schlägt nicht los.« »Napoleon vernichtet ist –« »Er ist nicht vernichtet.« »Trägt ein Ariel Ihnen Botschaften durch die Luft?« »Ja, in Gestalt einer Taube, die zu Herrn von Marvilliers auf Laforests Hinterdach niederflog.« »Die Schlacht –« »Ist geliefert«, flüsterte er, näher an sie tretend, ihr ins Ohr. »Das Blut floß in Strömen. Die Russen total geschlagen, Österreich verloren, dem Sieger auf Gnade und Ungnade überliefert –« »Entsetzlich! Wo? – Wie?« »Wenn man den Namen in dem rasch gekritzelten Zettel richtig liest, heißt es Austerlitz, wo Europas Schicksal entschieden ward. – Die Schlußfolge überlaß ich Ihnen.« »Und diese Menschen in ihrem Siegesrausch!« »Was gehen diese Menschen Sie an! Denken Sie an sich und ergreifen, was der Moment Ihnen bietet. Es wäre möglich, daß Moldenhauer schon morgen mittag den wahren Verlauf erfährt. Deshalb beschied ich ihn auf morgen früh zu Ihnen. Ein Notar ist avertiert, daß wir ihn auf der Stelle rufen. Moldenhauer wird Sie als Engel segnen, denn er hält sich als Kaufmann ruiniert, wenn Sie auf die Kündigung bestehen. Sie zaudern natürlich etwas, bis –« »Und wenn wir uns doch verrechneten!« »Das Einmaleins ist nicht unerschütterlicher als der moralische Egoismus der Staatskunst. Stürzt sich das Lamm in den Rachen des Löwen, der vom Blute der Hunde träuft?« »Aber –« »Wird, kann, darf Preußen jetzt losgehen? Das frage ich Sie, und es bedarf nicht Ihres Scharfblicks, um ein entschiedenes Nein zu antworten. Selbst wenn diese Mannequins nicht am Ruder säßen, ein entschlossener, zornsprühender König auf dem Throne – jetzt wäre es Torheit – Torheit ist alles – aber es wäre mehr als das – Verbrechen, Wahnsinn – es ist eine Unmöglichkeit.« »Doch Napoleon könnte –« »Aber wird nicht. Er ist zu vorsichtig, um die Verzweiflung herauszufordern, und zu geschwächt durch solchen Sieg, um auf einen gerüsteten Staat sich zu werfen; zu klug, um nicht andre Vorteile von einem Feinde zu erpressen, der die Dummheit hat, an einem politischen Gewissen zu laborieren, und das Unglück, daß es ihn drückt. Wenn der Löwe satt vom Blut ist, läßt er die Lämmer weiden und spielt auch mit ihnen, daß sie zutraulich werden, bis er wieder Hunger bekommt. So weit dürfen wir nicht rechnen.« »Es wird dunkel!« rief die Geheimrätin; man fing an, die Lampen auszulöschen. – »Mein Gott, wo ist Adelheid?« Der Wachtmeister aus »Wallensteins Lager« war ihr entgegengetreten: »Beruhigen sie sich, Madame. Die Demoiselle ist in sichrer Obhut fortgebracht, die Frau Fürstin Gargazin –« »Hat sie Ihnen am Ende entführt«, lachte Wandel. Ein Kammerdiener der Fürstin stand in der Kulisse, um der Geheimrätin die Tatsache, nur mit andern, schöneren Worten zu melden, und, wenn sie es für nötig fände, die Kranke zu besuchen, das ganze Hotel zu ihrer Disposition zu stellen. Ein Zusatz lautete indes, daß die Ärzte jeden Besuch für lebensgefährlich beim Zustande der Kranken erklärt. Als die letzte Spiritusflamme auf dem Altar aufzuckte, ging die Geheimrätin an Wandels Arm rasch fort. Sie standen am Ausgang. Links führte der Weg zur Fürstin, rechts nach der Jägerstraße. »Sie ist Ihnen entführt. Wollen Sie ihr nachlaufen? Mich dünkt, es ist heute genug Komödie gespielt. Überlassen Sie das solchen, die zu nichts Besserem taugen. Wozu einen Schmerz heucheln, den Sie nicht empfinden. Mich dünkt, Sie könnten dem Himmel danken, wenn Sie das Mädchen auf die Weise wirklich loswerden.« »Aber was wird die Welt sagen?« »Die hat fürs erste anderes Spielzeug. Nachher findet sich leicht eine plausible Fabel.« Die Geheimrätin ging nicht in das Hotel der Fürstin. Das Publikum drängte hinaus. »Herr Professor Catel«, sagte Merkel triumphierend, »werden Sie uns übermorgen wieder eine neue spanische Fabel von Yriarte in der ›Vossischen‹ bringen?« »Herr Doktor Merkel«, erwiderte Catel, »wenn nur nicht Ihre deutsche Wahrheit, die aus Ihrer Brieftasche heraus will, bis sie in den ›Freimütigen‹ kommt, zur Fabel wird!« »Halt! Halt!« rief eine Stimme am Ausgange. »Das Wichtigste« – »Was denn?« – »In der romantischen Unruhe vergaß man die Ankündigung, was morgen gegeben wird.« Es war ein Häuflein Mutwilliger, das überall die Gelegenheit zur Unruhe willig ergreift. »Ordnung muß sein, trotz der Politik!« – »Theater muß hier sein, wenn auch draußen Schlachten sind.« Man pochte und schrie: »Die morgende Vorstellung! Rasch, fix raus.« Ein Unterbeamter des Theaters blickte scheu durch die Kulissen und erklärte demütig einem hochverehrten Publikum: Herr Direktor Iffland und alle Regisseure hätten sich schon entfernt, ohne eine Anweisung hinterlassen zu haben. Das vermehrte erst den Lärm, das Publikum wollte sein Recht. Plötzlich sprang ein junger, elegant gekleideter Mann vom Parterre auf die Bühne, verneigte sich und sprach: »Morgen: ›Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben, Originallustspiel aus dem Französischen in drei Akten.‹ Hierauf: ›Heute rot, morgen tot, politische Burleske in einem Akt.‹ Zum Schluß: ›Ende gut, alles gut, Schauspiel aus dem Englischen des Shakespeare.‹« Applaus begleitete das Impromptu. Es war ein Kammergerichtsreferendarius, man nannte seinen Namen. Seine Freunde jubelten über den Geniestreich. Es gab viel Gerede darüber in allen Zirkeln der Stadt. Ältere Männer, die Räte des Gerichtes, schüttelten den Kopf: In diesem politischen Treiben ginge Sitte und Ordnung zugrunde. Achtzehntes Kapitel. Die Patrioten trennen sich . »Was tun Sie, Herr von Eisenhauch!« »Was die Ehre mir gebietet.« »Keine Übereilung, die Sie bereuen könnten.« »Ich bereue nur, daß ich zu lange vertraut.« »Wenn jetzt die Freunde des Vaterlandes zurücktreten –« »Wer sagt, daß ich zurücktrete, Herr von Fuchsius!« Der Major hielt in der Arbeit inne, die ihn ganz zu beschäftigen schien. Er packte hastig an einem Felleisen, während ein anderes schon vom Diener zur Tür hinausgetragen ward. Waffenstücke, Hüte und Mäntel hingen umher, und zwei Pferde stampften am Hause vor einer leichten Reisekalesche. Es schien nichts Heimliches, was hier verhandelt ward, denn der Major mäßigte nicht seine Stimme, wenn die Diener eintraten, noch sprach er leiser, wenn sie die Tür beim Fortgehen offenließen. »Wer sagt, daß ich zurücktrete! Ich verzweifle nicht an unsrer Sache , mein Herr, auch noch nicht an unserm Vaterlande , und ich verzweifle auch nicht an diesen hier, denn man kann nur verzweifeln, wo man hoch hoffte.« »Major –« »Nicht mehr in preußischem Dienst. Meinen Abschied, der jetzt ausgefertigt wird, haben Sie die Gefälligkeit und schicken ihn mir nach oder verbrennen ihn. 's ist gleichgültig.« »Wohin?« »Nach Österreich, solange noch da ein Funken glimmt. Nach Rußland, England, Spanien, wohin es sei, wo Herzen schlagen, Männer atmen, welche noch ein Gefühl für Schande haben.« Fuchsius hatte die Tür zugedrückt. Es war ein Absteigequartier, und ihm schien die Unterhaltung nicht geeignet, um von andern Hausbewohnern belauscht zu werden. Aber Eisenhauch rief in der Arbeit: »Wenn es Sie nicht geniert, was mich betrifft, mögen Napoleons Spione alles hören.« »Nur ein Wort. Großfürst Konstantin und Fürst Dolgoruki sind hier. Noch ist nichts verloren. Sie belagern den König, sie dringen in ihn, daß Preußen ein entscheidendes Wort spreche.« Eisenhauch lachte auf. »Lachen Sie nicht. Keine Sprache ist hier so wirksam als die russische.« »Sagen Sie, als die der Furcht. Als ich bei Ihrem Minister den Abschied forderte, drückte er mir die Hand ans Herz, wenigstens an den Platz, wo eins schlagen sollte.« »Und –« »›Sie kommen meinem Wunsche zuvor‹, versicherten mich Seine Exzellenz, ›denn Ihres Bleibens wäre hier doch nicht länger. Napoleon würde Ihre Auslieferung fordern, und Sie ersparen uns durch Ihren hochherzigen Entschluß die Unannehmlichkeit, Sie ausweisen zu müssen.‹ – Von einer Übereilung, Herr von Fuchsius, ist daher, wie Sie sehen, nicht die Rede. Ich fliehe, damit man mich nicht einsperrt, ich mache mich beizeiten aus dem Staube, damit man mich nicht verfolgt.« Fuchsius hatte sich, das Gesicht bedeckend, auf das Kanapee gesetzt. »Und doch wage ich zu behaupten«, sagte er, während der Major im Packen fortfuhr, »Sie übereilen sich. Vergönnen Sie mir, mit der Ruhe gegen Sie auszusprechen, die ich mir erst sammeln muß, vielleicht als ein Produkt Ihrer Unruhe. Wo schöpft nicht der Trostlose Trost! – Haugwitz' Aufträge, als er nach Brünn abreiste, waren auf keine Niederlage berechnet. Die Klugheit gebot ihm, wie die Dinge standen, zu verschweigen, was er unter andern Umständen sprechen sollte.« »Und ließ sich, ehe die Dinge standen, wie sie stehen, mit einem gnädigen Zornblick nach Wien komplimentieren. Ließ sich mit einem Schnalzen wie ein Hund beiseite schieben, damit Napoleon bei Austerlitz ungestört schlagen konnte. Sah vom Stephansturm mit einem Fernrohr nach Mähren, um seine Worte abzuwiegen, je nachdem, ob er zum Sieger oder zum Besiegten zu sprechen hatte. Höll und Teufel – verzeihen Sie, mein alter Freund – ich weiß auch, was Diplomatie ist, aber Machiavell ist ein Stümper vor solcher Politik. Die Reise nach Mähren wird ein Brandfleck bleiben in der preußischen Geschichte, ich fürchte, er zerlöchert das ganze Buch. Der boshafteste Feind hätte nichts Schlimmeres ersinnen können. Doppelzüngigkeit ist ein mildes Wort. Doppelsinnigkeit! eine doppelte Sinnlosigkeit, denn man weiß heute nicht, ob uns Österreich oder Rußland mehr hassen oder Napoleon mehr verachten muß. – Wissen Sie's zu verteidigen?« Der Regierungsrat sagte nach kurzem Schweigen: »Nein! – Ich überlasse Ihnen das volle Verdammungsrecht über das, was geschehen ist. Aber es ist noch nicht alles geschehen!« »Der zweite Baseler Frieden ward in Schönbrunn geschlossen, zehntausendmal schmählicher als der erste. Wollen Sie ihn noch durch einen dritten überbieten lassen!« »Der Vertrag von Schönbrunn ist noch nicht ratifiziert, Herr von Eisenhauch. Bis er es ist, lassen Sie uns, lassen Sie mich wenigstens hoffen. Wir sollen Ansbach an Bayern abtreten, Cleve, Wesel, Neuchâtel an Frankreich, und erhalten dafür das Danaergeschenk, die Erlaubnis Napoleons, uns an Hannover schadlos zu halten. Mein Herr, lassen Sie uns hoffen, daß wir diesen Brocken, an dem der Adler ersticken soll, nicht annehmen! Unser Militär knirscht vor Wut und Erbitterung, es ist ein schlagfertiges Heer; zum Kriege ausgerückt. Soll es ohne Krieg zurück? Hören Sie, wie man laut ruft, von den Prinzen und Generalen bis zu den Unteroffizieren und Gemeinen: des Staates Ehre ist verpfändet; die Minister haben sie verkauft, an uns ist es, sie wieder einzulösen. Rußland operiert offen, geheim. Hat Österreich keine Stimme an unserm Hofe? Es ist still erbittert wie nie zuvor. Horchen Sie durch die Straßen, in den Wirtshäusern, es ist nur eine Stimme: Noch ist der Augenblick, zu handeln! Hören Sie in jeder Gesellschaft, wo zwei, drei zusammenstehen, die Wut gegen Haugwitz. Es ist kein Tadel mehr, es ist ein allmächtiges Gefühl, das kaum mehr Worte findet. Männer mit weißem Haar spucken beim Namen des Mannes. Er hat Preußens Ehre verkauft! Ein Glück für ihn, daß er nicht hier ist. Die Männer der Clique getrauen sich nicht bei hellem Licht über die Straße; man würde –« »Vielleicht einen Stein aufheben«, rief Eisenhauch, den Koffer zuwerfend, »aber ehe man ihn wirft, würde man sich besinnen, es sei doch vernünftiger, ihn nicht zu werfen. Der Stein könnte ja ein Loch in den Kopf werfen und den Kopf doch nicht öffnen. Was man würde, könnte, möchte, dürfte, das ist alles vortrefflich, was man weiß, ist die Weisheit selbst, aber der Haken ist, daß man nicht tut, was man könnte, möchte, dürfte, und daß, was man weiß, die Erkenntnis zuschanden wird an der Gespensterfurcht vor dem Entschluß.« »Ich gebe Ihnen ja alles zu, aber jetzt ist die Volksstimme wie ein Strom, der seine Eisdecke bricht. Die Wut kennt keine Zügel mehr nach dieser Enttäuschung. Alle Wut ist blind, wollen Sie mir einwerfen, aber diese ist intensiv und kritisch zugleich. Das ist ein neues Symptom. Man fragt: Warum mußte Haugwitz so lange zaudern? Warum reiste er so langsam? Warum ließ er sich wie ein Junge in Brünn behandeln? Warum wie eine petite femme, die man bei der Schlacht nicht braucht, nach Wien schicken? Was würde Friedrich zu solcher Vollstreckung seiner Befehle gesagt haben? Seinen Kopf hätte es einem solchen Abgesandten gekostet. Dem Grafen wird es den Kopf nicht kosten, und man fragt schon jetzt, warum? Man wird es immer dringender fragen. Wie lautete sein Auftrag, der ihm so zu handeln erlaubte? Warum reist er so langsam zurück, als er langsam hingereist ist? Warum darf er blumenreiche Zeitungsartikel in die auswärtigen Blätter senden, die uns in den Wahn einlullen sollen, seine Mission sei geglückt, er habe nur ausgerichtet, was sein König ihm aufgetragen? Wer ist hier der Betrogene, wer der Verräter? Klimpert französisches Geld in seiner Tasche, oder ist er der stumme Dulder, der eines andern Schuld heroisch auf seine Schultern nimmt? Das, Major, fragt man, man fragt es laut, und Männer fragen es, vor denen unsre Höchsten Respekt haben.« »Aber was hilft die schärfste Frage, auf die ich keine Antwort bekomme?« »Preußen sucht zu vermitteln. – Lachen Sie nicht. Zu anderer Zeit würde ich mit Ihnen lachen, jetzt ist es das einzige Mittel, um Zeit zu gewinnen. Der König ist ratloser denn je in diesem Gedränge der Parteien und Leidenschaften. Man hat mit Lord Harrowby negoziiert, daß die englische Legion, die bei Stade gelandet, einstweilen in Hannover nicht vorrücken soll. Obrist Pfuel ist an Haugwitz gesandt; er soll den Abschluß hinhalten, er soll Seine Majestät den König als Vermittler der ganzen europäischen Wirren in Vorschlag bringen. Er soll den Gedanken an einen großen, allgemeinen Fürstenkongreß anregen, auf dem alle streitigen Fragen entschieden würden, und in diesem Augenblick ist auf dem Palais eine Sitzung der Minister, die schon mehr als einmal stürmisch wurde –« »Und in süßem Frieden endete«, unterbrach Eisenhauch. »Sie wissen davon? Ich flog nur, als ich von Ihrem Entschluß erfuhr, Sie aufzusuchen.« »Pfuel ist zurück. Er traf unterwegs den zurückkehrenden Haugwitz und hielt, nach den Mitteilungen desselben, seine Mission nicht mehr für nötig. Wird man nun Pfuel den Kopf zu Füßen legen? – Ei bewahre! Er handelte nach Rücksichten und Intentionen, die unser beschränkter Verstand nicht begreift. Heut in der Ministersitzung, nachdem die Köpfe warm geworden, man die patriotischen Reden gehört, ist man zum Beschluß gekommen: Kein Krieg! Denn Krieg ist ein großes Übel, dessen Folgen niemand absieht.« »Widersprach denn niemand!« »Sie weinten sogar. Das treue Ansbach fahrenzulassen! – Nun, Bayern wird ihm auch ein gütiger Herr sein! – Aber Hannover den Engländern nehmen, unseren besten Verbündeten! Man tröstete sich mit dem schönen Gedanken: es kann ja nicht immer so bleiben, darum muß es einmal besser werden. Einstweilen soll aber alles so bleiben, bis – hören Sie – bis zum allgemeinen Frieden! Dann werden alle Völker, Fürsten, sogar die Staatsmänner vernünftig werden. Die Engländer auch; sie werden um des allgemeinen Besten willen Hannover freiwillig abtreten.« Der Regierungsrat sprang auf: »Beim Himmel, es ist nicht Zeit zu Epigrammen.« »Bittre Wahrheit, liebste Fuchsius. Der Sturm im Ministerrat ging in ein sanftes Adagio aus. Man schwärmte, da man nicht Mut hatte, für sich selbst zu handeln, wie es notwendig für das Wohl der allgemeinen Menschheit!« »Und Stein – auch Hardenberg?« »Überstimmt. Und weil sie überstimmt, fügten sie sich. Man darf doch nicht gegen den Strom schwimmen. Es gab sanfte Händedrücke, beinahe kam's zu Umarmungen.« » Finis Germaniae !« seufzte der Rat. »Gott bewahre! Der Fisch Germanien kann noch lange zappeln. Tausend Harpunen ihm ins Herz, sein Blut ins Meer verspritzt, er lebt doch, er ist eine geduldige Bestie und schnappt immer wieder nach jedem neuen, glänzenden Köder, den ihm ein listiger Nachbar hinwirft. Will er nicht, so braucht er nur zu drohen, dann frißt er doch.« »Genug! Leben Sie wohl!« »Nein, Bester, jetzt wird sich erst der eigentümliche Glanz der Staatskunst entfalten. Nichts tun, und wenn man in der Klemme steckt, sich justifizieren und glorifizieren, daß man die Hände in den Schoß gelegt. Warten Sie nur auf die herrlichen Staatsschriften und Zeitungsartikel. Das wird salbungsvoll riechen. Mit Humanität und Philosophie und Christentum wird man dem Volk beweisen, daß die Weisheit selbst nicht weiser hätte handeln können. Die guten Bürger werden sich die Augen wischen vor Rührung, und das ›Heil dir im Siegerkranz‹ wird noch einmal so schön klingen, als wenn der König gesiegt hätte. Man wird auf uns hetzen, die wir gehetzt haben, bis das Volk es glaubt, daß wir nur ehrgeizige, unruhige Köpfe waren. Sie glauben nicht, was dies Volk glaubt, wenn man ihm sagt, daß wir seine Fleischtöpfe am Feuer verrücken wollten. Man wird anrüchig werden, wenn es heißt, daß man zur Kriegspartei gehört hat. Salvieren Sie sich beizeiten. Spitzen Sie Ihre Feder, auch Sie werden Artikel für den Frieden schreiben müssen.« »Nimmermehr! – Ich nehme meinen Abschied!« »Das hat mancher gesagt, und bleibt doch – aus höherer Staatsräson. Weshalb auch um solche Bagatell, als eine Meinung ist, seine Existenz aufs Spiel setzen!« »Herr von Eisenhauch!« »Nichts Persönliches! Gott bewahre! Die Personen verschwimmen wie die Charaktere in diesem Mengelmus. Da tut der Beste am besten, wenn er still mitschwimmt. Wo steht denn geschrieben, daß wir nicht niederträchtig denken, nicht feig handeln sollen? Nur einen Brei sollen wir darum kneten, einen Firnis des Anstandes. – Und dann, ja man muß sich für eine bessere Zukunft konservieren.« Der Regierungsrat blickte ihn ernst-wehmütig an: »Wir gingen so lange miteinander! Sollen wir so scheiden!« »Ein zerronnener Traum! Preußen hatte die Aufgabe, Deutschland zu retten, es hat sich nicht selbst zu retten gewußt. Den letzten Rest seiner öffentlichen Ehre hat es geopfert, selbst den Rest der Ehrlichkeit, auf die es sich brüstete, warf es in den Tiegel.« Der Rat ging im Zimmer auf und ab; er sah nicht, was auch dem Militär entging, daß ihr lautes Gespräch einen Vorübergehenden angelockt, der an der Schwelle der geöffneten Tür stehenblieb. »Unterscheiden Sie wenigstens die Nationen von – denen, die Sie brandmarken.« »Wer ist die Nation? Wo sitzt sie? Wo schlägt ihr Herz, wo drück ich ihre Hand? Das ist die ungeheure Täuschung, daß wir dieses Konglomerat von Gliedern für einen organischen Körper ansahen. Hier, wo alle Adern zusammenfließen sollen, glaubte ich das Herz gefunden zu haben. Was fand ich? Zwei Rassen, man sollte meinen, von verschiedener Abstammung, Sprache, Hautfarbe, wie Niebuhr die Römer sezieren will. Zwei Rassen, die sich ausweichen, verachten, hassen, Militär und Zivil genannt! Dies Militär knirscht freilich, aber was hilft uns das Knirschen der Maschine mit knarrenden Rädern! Dieser Koloß ohne Elastizität kann noch zermalmen, nicht mehr retten, befreien, weil ihm der Odem fehlt. Der Mensch, der Mann, der Bürger, ja der Ritter selbst, ging unter in der vielgelobten Disziplin. Da sollen wir Kämpfer, Paladine suchen für die ewigen Güter der Nation, wo Gefühl dafür, Bewußtsein, der feurige Wille zum Verbrechen ward! Ein paar elende Kreaturen, gehaßt, verachtet von allen, selbst von denen nicht geliebt, in deren Stimmungen sie sich einhüllen, um sie im Schlaf zu beherrschen, die sind wichtiger als dieses mächtige Heer. Was ist nun dieser gewaltige separierte Teil der Nation, den man als ihr andres Selbst im Auslande betrachtet, wenn sein zornschnaubender Hauch nicht mal diese Lumpenmänner fortbläst!« »Die Nation besteht nicht allein aus dem Militär.« Der Major war sonst kein Mann von vielen Worten, aber, wenn eine Schleuse geöffnet, hältst du das Wasser nicht zurück. Die Feuersäule, die ein Haus ergreift, sprüht mit dem trocknen Gemüll auch Gebälk und Steine in die Luft. »Ich kenne nun auch die andern. Durch das Geflimmer der Worte sah ich ihre Wahrheit. Viel buntes Glas, einige böhmische Steine und wenige Diamanten; durch die gutgeschliffenen Gläser glänzt es von fern wie ein Eldorado. Große Versicherungen und kleine Taten, ein beständiges Streben nach dem Höchsten, aber der Weg führt durch Moor und Sandsteppen des Albernen und Frivolen. Auf Stelzen vor Freund und Feind, und wenn sie die Tür zuschlossen, spotten und lachen sie über sich selbst. Gedanken, große und schöne, aber wie Irrlichter; sie erblassen schon auf der Lippe. Vom Boden habt ihr euch gelöst, der dürftigen Natur, die euch der Himmel anwies. Ihr konntet wie Sturmvögel euch andre Regionen suchen, aber nun flattert ihr, von euren ermatteten Adlern verlassen, zwischen Himmel und Erde und wißt nicht, wohin. Überall vor Rücksichten scheuend, zittert ihr vor eurer eignen Kraft. Ums euch nicht zu gestehen, woran ihr krankt, am Glauben an euch selbst, hüllt ihr euch in Wolkenpaläste und klammert euch an Systeme, die beim nächsten Sturmwind zerrissen sind. Dies Scheinleben ist das Zehrfieber, das euren Staat vom Wirbel bis zur Zeh entnervt. Eine angezündete Fackel wollten sie neulich schleudern, ein Weltbrand sollte es werden, aber sie waren zufrieden mit Kolophoniumblitzen. Da, in den Flammenzuckungen dieses verunglückten Theaterabends konnte man die ganze Misere erkennen. – Auf dem Theater sollte die Welt zurechtgelegt werden, und mit Recht, denn diese Welt ist nur eine Theatervorstellung. Man spielt sich selbst und ist zufrieden, wenn man gut gespielt hat.« Fuchsius hatte mit verschränkten Armen und verbissenem Munde schweigend zugehört. Jetzt öffnete er ihn, aber was er sagen wollte, schien er rasch zu verschlucken. Tonlos sprach er: »Sie aber sind noch nicht zu Ende, Major. Ich erwarte, daß Ihre Philippika auch die Schlittenpartie der Gendarmen der Nation auf ihr Schuldkonto schreiben würde.« »Ist denn seit vierzehn Tagen von Besserem die Rede? Ist Mark und Niere durchschüttet von der Satire des Weltgeschickes, daß man auf den Brettern den Krieg spielte, derweil er draußen im Blute von Austerlitz schon ersäuft war, daß man über einen Sieg jubeln konnte, tagelang noch die Blätter Lorbeern den Russen zuschmeißen, derweil in den unterrichteten Kreisen jeder vom Gegenteil wußte? Nichts von Erschütterung. Man hatte von Wichtigerem zu plaudern: ob der Blutsturz des jungen Herrn Bovillard ein gefährlicher oder nur ein bißchen Bluthusten war? Ob seine ganze Lügenpost nur eine Intrige, um seiner Geliebten in einer interessanten Situation nahezukommen? Ob die Madame Lupinus im Recht ist oder die Gargazin? Oh, wer da den Einblick gewönne in dies höchst intrikate wichtige Ränkespiel der beiden Frauen! Ob die Lupinus, wie ihre Freunde sagen, wirklich die Tugendwächterin war für die hübsche Mamsell Alltag? Ob sie das junge Mädchen bewacht und bewahrt hat vor der Leidenschaft für den jungen Wüstling, und ob sie nur in edler Entrüstung zurückwich, als die Sache zu einem öffentlichen Skandal umschlug? Andre wissen ja wohl, sie hätte sie wie ein Cendrillon behandelt, ein moralischer Vampir, mit Basiliskenblick das Blut der Jugend und Phantasie dem Kinde ausgesogen, und es sei ein wahres Glück, daß die Fürstin sie ihr entrissen, ehe das herrliche Geschöpf ein moralisches Skelett ward. Dann der wichtige Streit, ob ihre Ohnmacht Verstellung war, ein abgekartet Spiel, und ob ihr Bräutigam, der junge Gelehrte, nicht vielleicht absichtlich von den Offizieren gereizt worden, ob es nicht auch Intrige ist, daß er sich vergessen mußte, daß man ihn arretieren durfte, als er seiner Braut zu Hilfe sprang? Oh, worüber sondern sich nicht die Parteien am Teetisch: ob der junge van Asten den Kornett wirklich am Arme gepackt oder ob er nur seinen Ärmel berührt hat, ob der Kornett sich mit ihm schlagen darf oder – Gott weiß was, ich weiß nur, Herr Regierungsrat, eine Regierung ist glücklich, die Untertanen von so subtilem Verstande hat, die nach jedem Köder springen, den man ihnen hinwirft. Hannibal vor den Toren, und sie streiten, ob die Gans in Moll oder Dur gegackert hat, als Brennus stürmte!« »Und das Resultat, Herr Freiherr von Eisenhauch?« »Daß Deutschland auf den Neumond hoffen mag, auf einen Kometen, auf die Sturmbraut, meinethalben auf Napoleons Großmut, auf alles, nur nicht auf Preußen.« Fuchsius hatte seinen Hut ergriffen: »Wenn eine Epidemie herrscht, lohnt es, dünkt mich, nicht der Mühe, zu untersuchen, wer der Kränkste ist. Leben Sie wohl. Wir sind alle krank, Major, sehr krank. Preußens Genius verzeihe Ihnen, was Sie sprachen, wenn Sie einen Gesündern finden.« Er hörte nicht mehr die Worte, die mit sonorer Stimme durch die offene Tür in das Zimmer schallten: »Herr Major, eine Beleidigung, dem Staate zugefügt, trifft auch jeden Bürger.« Den Hut auf dem Kopfe, den Stock in der Hand, der krampfhaft auf dem Boden hämmerte, stand der Major Rittgarten auf der Schwelle. Unter seinen grauen Wimpern schossen die Augen zornfunkelnde Blicke auf Eisenhauch. Beide mochten sich als Hausgenossen kennen, ohne in nähere Berührung getreten zu sein. »Was ich sprach, war nicht an Major Rittgarten gerichtet.« »Noch hoffe ich, daß Sie den Einwand machen, daß er bei offener Tür Sie belauschte.« »Was ist Ihr Wunsch?« »Der Staat, den Sie geschmäht, kann nicht von Ihnen Rechenschaft fordern. Ich fordere sie, als alter Militär, der unter Friedrich focht und bald dahin geht, wo sein großer König sie von ihm fordern wird.« Mit dem Mitleid der Achtung blickte der jüngere Militär den älteren an: »Ich ehre Ihren Schmerz und achte Ihren Mut; beide aber nicht als Legitimation, den Handschuh für ein Etwas mir zuzuwerfen, was Sie nicht persönlich betrifft.« »Sie haben das preußische Militär beleidigt, die Ehrenkränkungen meiner Brüder nehme ich auf mich. Sie haben das preußische Volk geschmäht, dies treue, gute, rechtliche Volk. Sein Blut rinnt, wenn auch langsam, doch zu heiß noch in meinen Adern, um mit diesem ungerechten Fleck vor meinen König zu treten. Ihre Antwort?« »Nur eine Frage: war, was ich sagte, unwahr?« »Zu der Frage haben Sie kein Recht. Sie sind nicht Richter. Nicht unter diesem Dache, nicht auf diesem Boden, der Sie gastlich aufnahm, dürfen Sie das Volk schmähen und den Fürsten, dem das Volk vertraut. Und wenn ich Ihnen antwortete, verstehen Sie meine Sprache nicht.« »Das klingt als wirkliche Herausforderung!« »Die es ist.« »Eh der Verklagte antwortet, muß er die Klage kennen. Treten Sie für jene Offiziere ein, die ich meinte? Vertreten Sie jene Eitlen, Schwachen, Nichtigen –« »Ich sagte Ihnen darauf schon meine Meinung.« »Aber unter Ehrenmännern, ehe man zum äußersten Ernst schreitet, sucht man Verständigung über das, worüber der Streit ist. – Sie haben mich vorhin angehört, ich sprach im Zorn. Lassen Sie mich jetzt auch Sie anhören, ich will auch Ihren Zorn ruhig hören.« »Kennen Sie unser Volk? Wenn Sie an einem Kranken seine Geschwüre zählen, kennen Sie darum sein Herz und seine Nieren? – Wer justifiziert und glorifiziert sich denn in seiner Schande? Das preußische Volk etwa? – Wer schreibt die salbungsvoll duftenden Staatsschriften? – Söldlinge, oft Fremdlinge, die das Volk aus Grund der Seele verachtet. Wen treffen ihre Epigramme? Spielen die braven Herzen, die in Pommern und Ostpreußen, in Schlesien und Westfalen für des Vaterlandes Ehre schlagen, in Berlin Theater? Sie zucken die Achseln! Wo haben Sie es gefunden, daß das Volk niederträchtig denkt und feig handelt? Sie haben nicht herausgehört das stumme Zähneknirschen, die blutenden Herzschläge, als sie den letzten Rest, wie Sie meinen, seiner Ehre und Ehrlichkeit in den Tiegel warfen. Die warfen hinein als schlechte Verwalter, was sie aufgegriffen. Aber nicht die Herzen des Volkes. Die hat es ihnen nie zum Aufbewahren gegeben, die hat es aufgehoben für eine bessere Zeit. Es ist kein Rest da, sage ich ihnen, der volle Stock von Ehre und Ehrlichkeit liegt noch in unsrer Brust. Wer ist die Nation, wo sitzt sie, fragen Sie? Wer hat sie denn schon aufgesucht in ihrem Heiligtum? Wer hat denn schon dies Volk gefragt, wer hat es gerufen? Der Große Kurfürst einmal, und da kam es, Friedrich rief es siebenmal, und siebenmal stand es da mit Gut und Blut. Diese – haben es nicht gerufen, weil sie es nicht wagen, sie zittern vor dem Geist, den sie aufrufen könnten, vor dem ihre Erbärmlichkeit in Staub und Spreu versänke. Aber rufen Sie es einmal, bei dem rechten Namen, auf den es hört, mit dem rechten vollen Ton, der in Mark und Nieren schmettert, und es kommt. Dann, mein Herr, gebe ich Ihnen mein Wort, wird es nicht vor denen scheuen, die seine Fleischtöpfe verrücken wollen; es wird glauben, ja, nicht an die schönen duftenden Reden der Herren am Ruder, an seine Bestimmung wird es glauben, an die Stimme der großen Fürsten aus der Gruft, und selbst wird es seine Fleischtöpfe ausschütten für alle, die für das Vaterland streiten wollen!« Eisenhauch machte eine Bewegung, als wolle er die Hand des Veteranen ergreifen. Aber dieser blieb in seiner festen Stellung; die Hand umklammerte den Stock. »Wir sind ein ander Geschlecht«, fuhr er ruhiger fort, »als Sie draußen; ja, es ist so, das Warum kümmert Sie und mich heut nicht. Wenn wir krank wurden, können wir uns nur selbst heilen; Ihre Ärzte tun es nicht, sie verstehen unsre Natur nicht. Aber etwas, mein Herr, sollten Sie kennen. Die Blätter der Geschichte lehren es. Wenn wir am tiefsten erniedrigt schienen, die Welt uns verloren gab, dann grade schnellten wir in Jugendkraft zur vorigen Größe.« »Wem gab denn die Natur ewige Jugend!« »Sie sagen, wir haben uns vom Boden gelöst, auf dem wir wuchsen, und flattern haltlos zwischen Himmel und Erde, weil wir nicht Mut haben, vorwärts ins Blaue uns zu stürzen. Ich geb's Ihnen zu. Aber wir haben Vertrauen; noch haben wir's, Herr Major. Der Fürst vertraute dem Volke, das Volk dem Fürsten. Solange das Band hält, ist Preußen nicht verloren. Wie oft traten Retter auf, als die Not am größten, die Klügsten keine Aussicht sahen, die Mutigsten verzweifelten. Man sagt, daß der große König Gift in seinem Ringe trug. Gebraucht hat er es nicht. Nicht bei Kolin, nicht in der Nacht von Hochkirch, nicht, als er mit seinem Häuflein, wie der Mansfelder, durch seine Staaten irrte. In sich selbst und aus der Verwüstung heraus fand er sich wieder. Und in welcher andern Wüste rettete, schuf der Große Kurfürst seinen Staat! Wo überall, wie von Gott geschickt, unerwartet, der David auftrat, der den Goliath niederwarf, wo diese Rettungen aus Zerwürfnis und Elend recht eigentlich die Quintessenz unserer Geschichte sind, warum da glauben, daß sie jetzt zu Ende sind? Warum nicht festhalten an dem, daß zur rechten Zeit der rechte Mann sich wieder einfindet? Wir sind jetzt erniedrigt, ja, dupiert vor aller Welt, vor uns selbst am meisten, ein Sumpf von Fäulnis, überdeckt mit einem Flimmer von Eitelkeit und Hochmut – aber es gab noch verwüstetere Geschlechter vor uns, und Gott gebe, daß nicht noch verwüstetere nach uns kommen.« Eisenhauch sah, einen Schritt zurücktretend, dem alten Mann feierlich ins Gesicht: »Sie fordern von mir Genugtuung?« »Und mitleidig blicken Sie auf meinen schwachen Arm. Wenn er den Degen nicht mehr führen kann, ist er doch noch stark, um die Pistole zu heben, und stark genug ist der Greis, mein Herr, der Mündung Ihres Feuerrohrs ins Auge zu sehen.« Eisenhauch hatte ein Pistolenpaar in der Hand, aber er warf sie in den Kasten: »Ich nehme Ihre Forderung an, aber – für später . Jetzt haben andere Missionen das Vorrecht. Mein Herr, ein großes Schlachtfeld breitet sich vor uns aus. Ob morgen, ob nach Monaten, ob nach Jahren die Hunderttausende, zum Morden bereit, sich gegenüberstehen, darauf kommt es nicht an. Aber es muß kommen. Geblutet muß werden, gebrannt, vertilgt, und der Sturm muß fegen durch die verpesteten Winkel. Fragen Sie sich, die Hand auf der Brust, ob's die Winkel allein sind, ob das Miasma nicht auf den Heerstraßen weht, in den Schlössern und Städten, ob's in den Schreibestuben und Wachtstuben die Brust dem Redlichen nicht zusammenschnürt. Draußen im Reiche ist es zusammengebrochen. Was da liegt, faul und morsch, jedem Kinde ist's klar. Hier ist noch ein gleißender Firnis darum. Aber reißt die Schale ab, Herr, Sie zittern selbst, Sie ahnen oder Sie wissen, was darunter, ich will nicht noch einmal Ihren Schmerz stacheln. Ich aber sehe vor mir, wenn auch dieses letzte stolze, turmreiche Schloß zusammenstürzt, nur Verwesung, eine unermeßliche Leichenwüste. – Herr Major, ein letztes Wort: wenn der Tod seine Fackel über uns alle schwingt, wenn Deutschlands, Preußens, Österreichs Name ausgelöscht ist, dann ist auch unser Streit begraben – ein Höherer mag richten, wer mehr gefehlt. Wenn aber Gott entschieden hat, daß es in Deutschland noch ein Volk gibt, nicht reif zum Helotenstamm, und Preußen ist dies einzige Volk – dann, mein Herr – stehe ich Ihrer Kugel.« Neunzehntes Kapitel. Innerlich Lachen an einer Berliner Börse . An der Berliner Börse war ein Plakat angeschlagen. Der Freiherr von Hardenberg hatte der Kaufmannschaft eröffnet, daß Preußens Lage von der Art sei, daß nun alle Besorgnisse für Handel und Verkehr gehoben wären, indem es Seiner Majestät dem Könige gelungen, »den Frieden auf genügende Art zu behaupten.« Jeder möge daher, im vollen Vertrauen auf die Fürsicht einer Regierung, die kein ander Ziel habe als das Wohl ihrer Untertanen, seinen Geschäften und Unternehmungen nachgehen. Außer dieser amtlichen Bekanntmachung mehrere Avertissements von seiten des Börsenvorstandes: Der Graf von Haugwitz sei als außerordentlicher preußischer Gesandter in Paris mit vieler Freundlichkeit empfangen worden. Ferner: Der König berufe den größten Teil seiner Truppen in ihre Kantonierungen zurück und danke ihnen für ihre bewiesene Treue. Man sah vergnügte Gesichter. Sie sprachen sich ins Ohr. Vielleicht hatten sie Rücksichten, daß sie nicht laut sprachen. Einige riefen auch Bekannte aus dem Publikum, die über den Lustgarten gingen, heran, und mit ihnen ward noch stiller, vertraulicher konversiert. Von diesen ging dann auch mancher, nach einem herzlichen Händeschütteln, mit erheitertem Gesicht von dannen. Andere aber gingen, die Hände auf dem Rücken, den Kopf gesenkt, schweigend fort. Der und jener schüttelte wohl den Kopf und wandte dem andern hastig den Rücken, um sich aus dem Getümmel zu verlieren. Wie viele froh waren und wie viele betrübt, ist nie gezählt worden. Einer saß auf einem der Steinpfeiler nach dem Lustgarten hinaus. Es war ein sonniger Tag, und in seinem Kalmuckrock mochte er wohl den Winter vergessen. Sein Gesicht sah aber nicht aus, als ob ein lauer Maienwind darüberstreife, es glich den blätterlosen Zweigen der Platane, die weiß angelaufen vom Morgenreif sich über ihm leise wiegten. »Na Sie, hören Sie mal, Sie können doch nur lachen«, sagte ein Herantretender. »Warum denn wie ein Eisbär, Herr van Asten?« »Ich lache auch, Herr Baron. Sie sehen's nur nicht, ich lache innerlich.« Des Barons beide Hände klimperten in den Seitentaschen mit Geld: »Ich glaube, Sie wären kaputt gewesen mit allen Ihren Forderungen ans Militär.« »Kaputt werden heißt ja wohl den Kopf verlieren?« »Halten Sie Ihren fest.« »Mancher hält's für ein groß Unglück, Herr Baron.« »Das will ich meinen!« »Mancher aber meint, man könnte auch ohne Kopf leben.« »Sie Bonmotiseur, Sie! Warum lachen Sie denn aber nur innerlich? Meine Frau sagt, man kann äußerlich lachen und weint innerlich. Das begreife ich. Ein ästhetisches Gemüt ist immer sentimental. Das bin ich nicht, Sie sind's auch nicht, van Asten. Aber wissen Sie, was mir entgangen ist?« »Ihre Operntänzerin? Davongelaufen?« »Nein, keine Pläsanterie! Haben Sie nichts davon gehört? Sie haben's im Kriegsministerium ausspintisiert, daß der Infanterist im Winter auch friert. Mäntel sollten sie kriegen – wenn's zum Krieg gekommen wäre, nämlich. – Nanu, was sagen Sie? Ich hatte schon ein Dutzend neue Stühle eingerichtet. Soll ich nun für die Kalmücken weben lassen?« »Für die Franzosen, Herr Baron, die nehmen das Tuch auch ungeschoren.« »Ohne Spaß, Herr van Asten; ich hätte 'nen guten Schnitt bei gemacht.« »Liebster Baron, Sie sind ein exzellenter Fabrikant und guter Kaufmann, aber erlauben Sie mir, Sie huldigen zu sehr den Phantasien. Ich meine, Sie sind zu leicht exaltiert von Ideen. Mäntel für die Infanterie! Ich bitte sie, hatten Friedrichs Musketiere Mäntel? Man hat Ihnen was aufgebunden. Erfindungen eines neuerungssüchtigen Kopfes! Hohle Theorien! Und unsere Regierung! Liebster Baron!« »Die Franzosen haben ja schon Mäntel!« »Desto schlimmer! Wer wird denn denen was nachmachen wollen!« »Pfiffikus, Sie!« sagte der Baron und spielte mit seinen großen Berlocken. Die Sonne schien ebenso wohlgefällig mit seinen Brillantringen zu spielen. »Na, nu sagen Sie aber mal, warum lachen Sie denn innerlich?« »Daß wir so 'nen schönen Frieden haben und sogar auf genügende Art .« »Wer Sie nicht verstände! Was geht's uns an, sage ich.« »Das sage ich auch, Herr Baron.« »Ihre Forderungen in Hannover kann Ihnen nun Schulenburg-Kehnert eintreiben. Mit dreiundzwanzig Bataillonen und fünfundzwanzig Schwadronen rückt er ein. Wollen Sie noch mehr Exekutoren?« Ein Dritter, der hinzutrat, sagte: »Wir haben doch nun eine zusammenhängende Grenze gewonnen. Ansbach konnten wir nicht schützen, um Hannover brauchen wir nur den Arm auszuspannen.« »Nicht zu weit«, fiel van Asten ein. »Das Tuch des Herrn Baron reißt sonst an der Achsel.« Das Gespräch war allgemein geworden. Ein Vierter sagte: »Was hilft alles Umarmen, wenn kein Herz uns entgegenschlägt! Der Hannoveraner liebt uns nicht, und die Ansbacher ringen die Arme, daß wir sie aufgeben. Sie haben ein Schreiben geschickt, daß man sie, die treuesten Söhne des Vaterlandes, nicht vom Vaterherzen reißen solle.« »Sehr schön gesagt«, sagte Baron Eitelbach im Abgehen zu seinem Begleiter. »›Sehr rührend‹, würde meine Frau sagen. – Was gehn mich die Ansbacher an! – Der alte van Asten könnte mich dauern, wenn er nicht solchen heillosen Schnitt gemacht. Hat auf den Frieden spekuliert. Glauben Sie mir, Dreißigtausend gebe ich für seinen Abschluß. Pfiffig ist er, aber warum hat er seinen Sohn so erzogen! – Ein Zivil muß das Militär gehnlassen. Wofür ist des Königs Rock! Ist nun in der Bredouille. Kann sehn, wie er ihn rauszieht. Tut mir wahrhaftig leid, der Mann. Ja, warum hat er ihn nicht besser erzogen! Das kommt davon.« »Was ist Ihre Meinung, Herr Mendelssohn?« fragte ein jüngerer einen älteren Kaufmann von sehr klugem Gesicht. »Wir sind weder dreist genug, das trügerische Geschenk zu behalten, noch stark genug, es von uns zu weisen, darum ergreifen wir den beliebten Mittelweg, wir suchen den Schein zu retten und den Gewinn auch.« »Aber wir haben den Schönbrunner Vertrag ratifiziert.« »Wir ratifizieren nichts, wir statuieren nur Provisorien, um uns eine Hintertür zu lassen. Und indem wir den Vertrag modifizieren, heben wir ihn eigentlich auf. Bis zum allgemeinen Frieden soll alles zwischen Preußen und Frankreich bleiben, wir sollen keins der versprochenen Länder räumen, Hannover nur besetzen und hoffen, daß die Engländer bis dahin ein Einsehen bekommen und uns um Gottes willen bitten, doch Hannover zu nehmen.« »Was die Nachwelt dazu sagen wird! Die treuen fränkischen Lande fortzuschleudern ohne Besinnen und Reukauf, und die Gegengabe dafür nur mit Vorbehalt anzunehmen!« »Die Nachwelt hat kein Konto in unserm Buche.« »Aber was schreiben wir auf unseres?« »Das angenehme Gefühl, daß wir edel gehandelt haben.« »Und was Napoleon dazu sagen wird!« »Sie hören's ja. Er hat Haugwitz ›mit einer Freundlichkeit empfangen, die eine günstige Deutung erlaubt.‹« »Ob sie nicht erröten, indem sie es bekanntmachen?« »Schamröte ist eine Illusion der Vergangenheit.« »Aber Napoleon!« »Er lacht auch innerlich, wie unser Herr van Asten. Aber was ist mit ihm da!« »Ein Kavallerieoffizier auf der Börse! Geht die Welt unter!« Der Offizier war der Rittmeister Stier von Dohleneck. Es war eine kleine Aufregung. Der Rittmeister schüttelte in einer Art Ekstase dem Kaufmann die Hand, fast schien es, er fühle sich in Versuchung, ihm um den Hals zu fallen, aber das schickte sich nicht. Der Kaufmann war aufgestanden, er hatte die Hand des Offiziers noch einmal ergriffen, sie gedrückt, dann fahrenlassen und war auf den Stein zurückgesunken. Der Rittmeister war wieder fortgeeilt. »Ein braver Mann, der Herr von Dohleneck.« Es waren frohe Gesichter. Wie sollte es auch nicht; seine Botschaft war eine frohe und van Asten ein geachteter Mann auf der Börse. Bald wußten Juden und Christen den Inhalt: Das Ehrengericht der Offiziere hatte sich endlich dahin geeinigt; daß der junge Walter van Asten an jenem Abende nur in einer entschuldbaren Affektion mit dem Kornett in Konflikt geraten, ohne seinen Stand kränkende Intention, daß er seinen Arm nur berühren wollen, um ihn auf etwas aufmerksam zu machen, und allein durch den Stoß eines Nachbars habe er sich an dem Arm festgehalten und damit durchaus nicht den Rock des Königs attentieren wollen. Die Sache wäre also eine reine Privatsache zwischen dem Kornett und dem Kaufmannssohne, letzterer aber, angesehen, daß in niederländischen Familien unter dem vorgesetzten van nicht selten alte adlige Abkunft sich kaschiere, auch der junge Walter nicht erweislich hinter einem Ladentisch stehend gesehen worden, eine Person, von der ein Kavalier, in Anbetracht der Umstände und der Meriten seines Vaters, ohne sich etwas zu vergeben, Satisfaktion fordern möge. Das Zeugnis des Kornetts selbst hatte diesen Spruch, an den niemand vorhin geglaubt, veranlaßt. Wer anders als sein Oheim, der Rittmeister, war das bewegende Motiv gewesen! »So belohnt sich eine gute Tat«, raunte ein Freund dem Vater zu. »Ein braver Mann, der Rittmeister«, wiederholte der Chor. »Na, nu können Sie auch äußerlich lachen, Herr van Asten«, sagte der wieder hinzugetretene Baron – »der Friede, der Schnitt und der Herr Sohn ohne Kriminal und Prison davongekommen. Was wollen Sie mehr!« »Lache ich denn nicht!« rief der Alte und lachte, so laut, daß die Davongehenden noch auf dem Lustgarten sich verwundert umblickten. »Es ist des Glücks nur zu viel! Das Zahlbrett voll zum Einstreichen, ein Friede, der uns genügt, und soviel Patriotismus an der Börse und alles in Ruhe und lauter Ordnung im Lande, und mein Sohn – mein Sohn kriegt die Erlaubnis, von den Herren Offizieren sich 'ne Kugel durch den Kopf jagen zu lassen! – Verzeihn Sie, meine Herren, wenn ich genug gelacht habe, daß ich auch ein bißchen weine, denn das große, unverdiente Glück habe ich alter Esel mir selbst angerichtet.« Viertes Buch Erstes Kapitel. Ein Mann von zu vielem Sentiment . »Was gibt es Neues?« rief der Geheimrat Bovillard dem Legationsrat entgegen und lud, ohne sich im Frühstück stören zu lassen, durch eine Bewegung den Eingetretenen zum Platznehmen ein. Die Zerlegung eines Kapaunenflügels schien ihm einige Anstrengung zu verursachen. Übrigens sah Herr von Bovillard gemütlicher aus als in letzter Zeit; die Runzeln waren gewichen, das Gesicht glänzte, besonders die unteren Teile, das Kinn hatte etwas Charakteristisches, was sich in den Augen widerspiegelte, obgleich die Lippen erst der eigentliche Ausdruck waren. Herr von Bovillard gab heute kein Schauspiel für andere, sonst würde er die Ärmel des Rockes nicht aufgekrempelt getragen, nicht den Zipfel der Serviette im Halstuch befestigt haben. Er war für sich, der Schmecker mit Bewußtsein, aber der Zutritt eines Freundes, wie Herr von Wandel, störte ihn nicht. Auch dieser nahm mit vollkommener Aisance einen Platz neben dem Esser. »Das Neueste hoffe ich von Ihnen zu erfahren.« »Da«, sagte Bovillard und goß in ein vasenartiges Kristallglas aus der Weinflasche. »Prüfen Sie, wie schmeckt es Ihnen?« »Es schmeckt wie der beste Champagner, schäumt aber nicht.« »Non mousseux, neueste Erfindung. Eben aus Epernay mir zugeschickt. Es hat es noch niemand hier. Darum Diskretion. Was sagen Sie dazu?« »Der Schaum dünkt mich doch die lockende Fahne, unter der der Champagner die Welt erobert hat. Man soll nie ohne Not seine Fahne aufgeben.« »Ihre Säuren, Wandel, Ihre Chemie hat Ihnen den Geschmack verdorben. – Ihre Zunge fühlt das Richtige heraus, aber über die Kritik ist Ihnen die petillierende Lust daran vergangen. – Sehn Sie mich an, ich kann mich über die Entdeckung wie ein Kind freuen. – Woran auch sich halten, wenn man nicht bisweilen wieder zum Kind würde!« »Die Nachrichten lauten übel, Geheimrat. Napoleon ist ein anderer geworden, seit unsere Truppen in ihre Kantonnements zurückgekehrt. Was er fordert, ist nicht mehr der Schönbrunner Vertrag, heißt es. Ja, man spricht, daß Haugwitz wirklich am 15. Februar diesen neuen, noch demütigendern Vertrag abschloß. Er liege jetzt dem König zur Unterzeichnung vor.« »Liebster, bester Freund, warum hören Sie darauf? Sie brauchen es doch wahrhaftig nicht. Ja, es steht schlimm, sehr schlimm, wir werden noch mehr nachgeben müssen, aber wer ändert es? Sie nicht, ich nicht, niemand. Man muß lavieren und abwarten, bis ein glückliches Changement kommt. Wir sind in einen Sumpf geraten, je mehr wir strampeln, um so tiefer versinken wir. Nur nicht die gute Laune verloren. Hören Sie draußen den Leiermann: Es kann ja nicht immer so bleiben Hier unter dem wechselnden Mond. Da, trinken Sie, oder wollen Sie schäumenden? Ich klingle.« »Der Wein ist gut, aber er steigt zu Kopf« »Nun denken sie an den armen Haugwitz! wie es in seinem aussehn muß. Kann er dafür? Verdenken Sie's ihm, daß er sich auch aus Paris nicht beeilt, zurückzukehren? – Die schnaubende Koterie hier in Reiterstiefeln, die Rüchel, Blücher, die Prinzen! Und das Geschwätz, Gesinge, Gebrüll hinter ihnen.« »Die Gnade Seiner Majestät wird, als schirmender Fittich, ihn vor Outrage bewahren.« Herr von Bovillard schien bereits in einer behaglichen Weinlaune: »Gewiß. Der König läßt ihn nicht los. Wissen Sie – eigentlich – eigentlich kann er ihn auch nicht leiden, wie uns alle nicht, aber – das ist es eben. – Trinken Sie doch, Wandel, man kann jetzt nichts Besseres tun. C'est le mystère de notre temps , daß wir unentbehrlich sind. Von der Kanaille bis ins Schlafgemach Seiner Majestät – sie können uns alle nicht leiden, möchten uns köpfen, erwürgen, vergiften – von unseren Posten jagen –« »Wo findet Seine Majestät Staatsmänner –« Mit einem sehr pfiffigen Blick und einer eigentümlichen Handbewegung fiel der Geheimrat ein: »Er findet sie schon, er braucht nur auf die Straße rauszugreifen –« »Die Lust haben Minister zu sein, ja, aber Männer Ihres Scharfblicks!« »Wissen Sie, was Oxenstierna an seinen Sohn schrieb: ›Mein Sohn, du glaubst nicht‹, et cetera. Liebster Wandel, warum denn nicht Wahrheit zwischen uns! Wenn wir uns in dem Spiegel sehn. – Und doch – in keinem Stande Freude, und doch – wir bleiben, wir werden bleiben, und Sie und ich, wir wissen, warum wir bleiben. – Auf das Wohl Seiner Majestät des Königs! – Das begreifen Seine reichsfreiherrlichen Gnaden, der Herr vom Stein nicht. Voilà le miracle ! Wie lange ist's nun schon her, daß er uns alle aus dem Sattel werfen wollte! Wenn wir doch Karikaturmaler hätten! Herr vom Stein als Mauerbrecher! Herr vom Stein legt den Widder an, erster Moment. Herr vom Stein fährt fort am Bock zu drehen, zweiter Moment. Dritter, vierter, fünfter et cetera, Herr vom Stein steht noch immer am Bock. Finale: Herr vom Stein schlägt hintenüber, er hat einen Bock geschossen. – Aber Sie trinken ja nicht. Vive la bagatelle! – Schnell, was Neues aus der Stadt.« »Das Duell hat endlich stattgefunden.« »Beide maustot?« »Blut ist geflossen.« »Hätte nichts geschadet. Warum zanken sie sich! Diese Militär- und Zivilraufereien sind mir in der Seele zuwider.« »Der junge van Asten hat sich ein Renommee gemacht. Die Offiziere glaubten nicht, daß er den Kampf auf krumme Säbel annehmen werde. Der Kornett ist ein Schläger à merveille. Der Gelehrte ging aber drauflos, und die Herren von der Garde du Corps stecken jetzt wieder die Köpfe zusammen, denn er trieb seinen Gegner Schritt um Schritt bis in die Büsche.« »Und das Ende vom Liede?« »Er war an der Schulter verwundet, kaschierte es aber, und als die Sekundanten es merkten, hatte er den Kornett schon in eine verzweifelte Position gebracht. Auf einen Hieb flog der Säbel des Offiziers zu Boden.« »Und der Kornett mit?« »Nur ein Fetzen von seinem Ärmel und etwas Fleisch und Blut. Grade genug, um ihn kampfunfähig zu machen, wenn er nicht schon desarmiert gewesen wäre.« »Und der Held von der Feder versetzte ihm den Gnadenstoß?« »Bewahre! Er senkte die Waffe, trat zurück und fragte bescheiden die Sekundanten, ob nun der Ehre genug geschehen sei. Man hätte es für ritterlich gehalten, wenn –« »Ein Roturier ein Kavalier sein könnte«, unterbrach ihn Bovillard. »Qu'importe! Er hat gehandelt, wie man uns vorwarf, daß wir handeln, wir nutzen den Vorteil nicht, der uns in die Hände gespielt ward. – Wandel, Sie haben vielleicht recht. Vive la générosité!« »Die Sekundanten erklärten nach einer längeren Beratung die Sache für ausgeglichen. Der Fleck am Ärmel, den die Hand gemacht, sei durch den Säbel repariert.« »Der ihn loshieb!« fiel Bovillard ein und gähnte. »Legationsrat, was wären wir ohne den Witz in Ehren- und Staatssachen! Die Welt wäre längst bankrott ohne die Kunst der Auslegung. Der Starke wirft sein Wort wie Brennus' Schwert auf die Goldwaage; aber der Schwache muß das Körnchen Mutterwitz wie der Goldschläger breitschlagen, um die Risse in der Logik und die falschen Räsonnements zu überkleben.« »Und das Volk gafft doch das Goldblech an, als wär's massiv.« »Wozu wär's das Volk und wir die Gescheiten! – Um eine Liebschaft war ja wohl die Affäre? Das Mädchen kann gute Geschäfte machen, es kommt en vogue!« »Mehr Anwartschaft hätte der junge Gelehrte darauf, der, wie man sagt, aus Galanterie, oder wie einige behaupten, aus Gehorsam für seinen Vater zum Ritter an einer Dame ward, die er nicht liebt.« » C'est touchant !« sagte Herr von Bovillard und gähnte noch stärker als vorhin. »Man fängt überhaupt an, von ihm zu sprechen, es wäre ein Charakter. Man spricht aber auch – von Ihrem Herrn Sohn.« Der Geheimrat, der wirklich müde schien, ward aufmerksamer. Er reckte sich in seinem Stuhl und goß ein frisches Glas Champagner ein, dessen Wirkungen er aber sofort durch ein Glas Wasser paralysierte. »Wie befindet sich der Patient?« »Mon pauvre fils! – Mein lieber Freund, wer macht die Erziehung? Ich habe oft darüber nachgedacht. An guten Beispielen – das war's nicht eigentlich, was ich sagen wollte, aber – das zweite Kind des Lupinus ist nun auch gestorben!« »Ein merkwürdiges Unglück, was diesen Mann trifft. Doch meinen auch viele, es wäre ein Glück, für die Kinder nämlich. Bei der verkehrten Erziehung wäre nie aus ihnen etwas Gescheites geworden.« »Der Mann! Er Kinder erziehen! Wenn sie nach ihm geschlagen hätten! – Mein Louis, was ich sagen wollte, Heim meinte, es sei keine Gefahr, wenn er sich nur vor Exaltationen hütet!« »Das wird schwer sein.« »Das befürchte ich auch. Das Blut seiner Mutter. Was die für Nerven hatte! Ich bin ja bereit, alles zu tun – er hat exzellente Gedanken, aber ich muß Ihnen sagen, ich habe keine Autorité. Im Disput geraten wir immer aneinander.« »Der junge Herr von Bovillard ist noch in andere Dispute verwickelt.« Wandel sprach es mit kalter Stimme. »Meinen Sie – die alte Geschichte!« Der Geheimrat warf dabei einen forschenden Blick auf ihn. »Mein Gott, ich glaubte die Kinderei längst beigelegt.« »Nur reponiert, meine ich, bis Ihr Herr Sohn die Güte haben wird, einen neuen Termin anzusetzen.« »Mann von Ihrer Klugheit und Philosophie! ich bitte Sie –«, Bovillard war jetzt aufgesprungen und ergriff die Hand, die Wandel halb zurückzog. »Die Ehrengesetze dieser Welt gehen über die der Klugheit und Philosophie.« »Er wird zur Einsicht kommen, und Sie sind mein Freund.« »Und gewiß der Freundschaft jedes Opfer zu bringen bereit, nur nicht meinen unbefleckten Namen.« »Wer redet davon! Überlassen wir den Kavallerieoffizieren den krummen Säbel; wozu sind wir Philosophen! Die diplomatische Kunst wird mildere Lösungsmittel finden, als ein Stück vom Ärmel, und vom Fleisch dazu! Liebster Legationsrat, das findet sich ja.« »Wenn ich als Beleidigter den ersten Schuß hätte, versteht es sich, daß, wo der Sohn meines Freundes vor mir steht, ich in die Luft feuere. Ihrem Herrn Sohn bleibt dann Überlassen, zu zielen, wohin er will.« Bovillard hatte Wandels Arm an seine Brust gedrückt. »Wir verstehen uns ja. Exzentrisch ist er, aber Louis ist kein schlechter Mensch.« »Wenn ich die Freude erlebte, daß mein Freund Bovillard in seinem Sohne einen nützlichen Staatsbürger gewönne!« »Er schwärmte auch einmal für die Gloire Napoleons. Wer weiß, ob diese Phantasien nicht rediviv werden.« »Er soll jetzt für einen andern Gegenstand schwärmen: Die Fürstin Gagarzin behauptete neulich konfidentiell, die eigentliche Krankheit der schönen Mamsell Alltag sei nichts anderes als kaschierte Liebe. Die Geheimrätin Lupinus ist in ihren Mitteilungen sehr diskret. Wenn ich indes aus einigen hingefallenen Äußerungen schließen darf –« »Sind Sie neidisch, daß mein Junge Glück hat bei den Frauen?« »Nur ein väterliches Erbteil! Wie ich höre, frequentiert er auch die Zirkel der russischen Fürstin. Er ist gern aufgenommen. Sollte dies mit den Wünschen und Absichten seines Vaters konvertieren?« »Was geht es mich an! – Aber was geht es denn Sie an?« »Nicht das geringste, wenn Ihr Sohn nicht den Namen seines Vaters trüge. Die Fürstin ist eine liebenswürdige, feine, geistreiche Dame, aber sie gilt, mit Recht oder Unrecht, als die geheime Agentin Rußlands, man behauptet, daß sie mit Alexander in intimeren Verhältnissen gestanden. Ich gebe nichts auf diese Insinuationen, aber wer ihren Umgang sucht, wer viel in ihrem Hause erscheint, entgeht dem Verdacht nicht. Das kann in diesem Augenblick bedenklich werden, da Napoleon – Genug, ich weiß, die Besucher des Hotels werden an jedem Abend verzeichnet und dann nach Paris telegraphiert.« Bovillard lachte auf, indem er jetzt erst die Serviette fortwarf: »Wissen Sie, wer am meisten bei der Gargazin gesehen wird? – Laforest! Konspiriert er vielleicht gegen Napoleon? Vielleicht aber ist er auch nur da um der Mamsell Alltag willen oder um Komtesse Laura. Die ist jetzt auch ein Schoßkind der Fürstin. Duroc war auch bei ihr. Wissen Sie, was ich rausgebracht habe? Sie will die Alltag zu etwas machen, entweder zu einer Pompadour oder zu einer Heiligen. Sie erwartet nur Order deshalb aus Petersburg. Werter Freund, unter Freunden reinen Wein, was kümmert Sie mein Sohn bei der Gargazin?« »Nicht der Sohn, nur die Auslegung, welche man seinen Schritten geben könnte.« »Sind Sie so sehr um die Auslegung besorgt, welche die Leute den Schritten distinguierter Personen geben?« sprach Bovillard, ihn scharf fixierend. »Wissen Sie, wie man Ihre Schritte hier auslegt?« »Ein unbedeutender Privatmann, der neben seinen wissenschaftlichen Studien nur als Dilettant in die politischen Kreise dringt, entgeht wohl der Ehre dieses Skrutiniums.« »Haugwitz schreibt mir konfidentiell aus Paris. Für schweres Geld hat er eine Kopie der Personalbemerkungen über Berlin erwischt. Hören Sie, da sind doch Dinge drunter! – Haugwitz wird sich hüten und es drucken lassen. Laforest selbst weiß das nicht alles; es stecken andere dahinter. Liaisons dekuvriert, die wir nicht ahnen konnten. Sie standen doch mit Eisenhauch in keiner Verbindung?« »Es bedurfte keines Seherblicks, um die feuerfangende Nähe zu erkennen.« »Man weiß in Paris, was er vorm Zubettgehen mit seinem Bedienten sprach, seine Lektüre vorm Einschlafen, seine Briefe, die er schrieb und wieder zerriß. Ein wahres Glück, daß wir ihn los sind, aber – wissen Sie, was von Ihnen dasteht?« fragte Bovillard mit einem schlauen, scharfen Blick. Wandels blaßgelbes Gesicht verfärbte sich nicht, nur ein flüchtiger Glanz belebte das dunkle, kleine Auge, um sofort in ein mokantes Lächeln überzugehen: »Vielleicht ist es entdeckt, daß auch ich die Zirkel der Gargazin besuche.« »Pah! Drei Reihen Chiffren, die Haugwitz' Sekretär nicht dechiffrieren konnte, und dann mit andrer Hand imperatorisch flüchtig danebengeschrieben: ›Wieviel würde er kosten?‹« »Sie wollen mich doch nicht stolz machen, Bovillard! Um die nackte Klippe des Ehrgeizes ist mein Lebensschiff gesegelt.« »Solange sie nackt aussieht. Wenn man aber im Vorbeisegeln zwischen den Riffen eine fette Trift entdeckt, legte mancher wieder bei.« »Es ist für mich eine durchaus sterile Insel.« »Wohin denn? Das ist die Frage.« »Ich verstehe die Legitimation derselben nicht.« »Ich frage als Freund. Wo hinaus? Man muß doch endlich mit Ihnen ins reine kommen. – Ich wiederhole Ihnen: Mich täuschen Sie nicht. Sie sind kein Saint-Germain et cetera. Sie sind von unserm Fleisch und Blut. Halb nur wie ein Lebemann, halb wie ein Kartäuser in einem Schneckenhaus. Das Leben in Berlin ist teuer, auf Gold sitzen Sie nicht, und Gold machen Sie nicht. Sie mögen ein vortrefflicher Ökonom sein, aber Ihre thüringischen Güter verbessern Sie nicht in der Apotheke des Herrn Flittner. Die Delicen der Wissenschaft gönne ich Ihnen; wer aber den Champagner wie Sie über die Zunge schlürft, will sie nicht wie die Pedanten um ihrer selbst, er will etwas daraus für sich präparieren. Sie greifen nicht nach dem Monde, aber Sie erscheinen wie er aus der Wolke, um wieder dahinter zu verschwinden. Das ist hübsch, um Kinder zu erschrecken und zu amüsieren, ein Mann will etwas anderes, als Laterna-magica-Bilder auf die Wand werfen.« »Meine Vermögensumstände, die niemand kennt, erlauben mir –« »Sie schweifen ab. Auch ein Krösus will noch mehr. Was wollen Sie? – Daß man das nicht weiß, wirft einen Schatten auf Sie. Wie lange sind Sie schon in Berlin? Ihr paraît et disparaît verstärkt den Verdacht; glauben Sie mir, alle Ihre Gefälligkeiten werden um deshalb falsch ausgelegt, und das ist es, was Haugwitz, ich will nicht sagen, zu Ihrem Feinde macht, aber er hat eine Scheu vor Ihnen, er fürchtet Sie. Mein Gott, wir sind ja unter uns. Wollen Sie sich Napoleon verkaufen, haben Sie sich schon verkauft? Tant mieux, er bezahlt gut. Auf meine Diskretion können Sie rechnen. Es sind viele erkauft und doch gute Patrioten. Sie haben nicht einmal eine Pflicht zu brechen, und – wie gesagt, mich geht's nicht an. L'amitié surpasse la trahison . Enfin, wir sind ja auch Napoleons Freunde.« Der Legationsrat hatte die Stirn in Runzeln gelegt. Er stand wie in sich versunken, mit verschränkten Armen, den Blick, der in weite Fernen zu streifen schien, von dem Manne abgewandt, welcher eben so eindringlich zu ihm gesprochen. Es schien ein Selbstgespräch: »Wer dieses Meteor ergründete! Ob er wirklich der Wandelstern, der im Kreislauf der Äonen wiederkehrt, wenn seine Zeit kam, die unsre Schwäche nur nicht ermißt, oder – nur die blitzende Nachterscheinung, der Komet, der seinen Schweif betäubend über unsere Häupter rasselt. Wir stehen gebeugt unter dem Hagel seiner Meteorsteine und –« Er hielt inne und atmete tief. »Und wer sich selbst getreu blieb, wird auch hier sich nicht betäuben lassen. – Nein – nein – auch diese Sonne von Austerlitz hat trübe Flecke. Groß und strahlend, aber je mehr sie der Mittagshöhe sich nähert, um so mehr sehe ich sie schwanken, zittern vor sich selbst. Auch er wird untergehen, indem er sich selbst überhebt. Nur wer fest und bewußt – ach, mein Gott!« fuhr er fort, aus seiner Träumerei erwachend. »Ich vergaß mich da in Gedanken, die nicht hierhergehören. Groß ist er, aber – sichrer der, der sich an keine Größe lehnt, nur auf sich selbst.« Der Legationsrat hatte sich verrechnet, wenn er gemeint, auf den Geheimrat damit einen Eindruck zu machen. Dieser hatte sich ruhig ein neues Glas eingeschenkt, und mit derselben Behaglichkeit ließ er es über die Zunge gleiten, die er vorhin an Wandel gerügt oder gerühmt. »Sie wollen also mit Napoleon nichts zu tun haben? Votre plaisir! Aber, merken Sie sich, Haugwitz ist ängstlich inquietiert . Er gibt Winke, wie man Sie beobachten soll. Wenn Sie also keinen Passepartout von Napoleon in der Tasche haben –« »Die Aufmerksamkeit, welche Herr von Haugwitz meiner unbedeutenden Persönlichkeit schenkt, möchte mir schmeicheln, wenn –« »Sie keine andern Absichten hätten. Gehn Sie mit sich zu Rat, entscheiden Sie sich, aber bald. Wir sind nun ganz wieder in unsrer Aisance, wenn er zurück ist. – Haugwitz bleibt. – Der König ist seelenfroh, wenn er nichts zu ändern braucht. ›Es stiefelt sich fort‹, sagen die witzigen Berliner, und eines Morgens könnte Haugwitz etwas einfallen – das passiert auch manchmal an einem Feiertage – der Polizeikommissarius klopft an Ihre Tür mit der Bitte, sich schnell anzuziehen, und Sie werden eingepackt. – Da haben Sie die Bescherung. Man tituliert's höhere Staatsrücksichten, im Grunde genommen ist's nur eine Indigestionslaune. Sie sind ein Mann von großer Klugheit –« »Der indes bei Verbindlichkeiten, die er eingeht, den Charakter und sein Gewissen immer berücksichtigt –« »Et cetera, bravo!« sagte der Geheimrat und klopfte ihm auf seine Schultern. »Wozu noch Flausen. Das übrige wird sich finden. Es müßte doch mit dem Teufel zugehen – Excuse! –, wenn er uns nicht hülfe, die Antipathie zu beschwören. Haben Sie nicht sympathetische Tropfen? Apropos! da fällt mir unser Mirakel ein, unser Liebespaar. Haben wir's da nicht durchgesetzt? Das verloren wir ganz aus den Augen. Wie steht es? – Das ist der Fluch eines Staatsmannes, sein Liebstes muß er opfern dem Dinge, was das dumme Volk – wie steht's, Legationsrat?« »Der Dépit amoureux ist eine passagere Erscheinung. Die Gargazin, die uns aus Gefälligkeit beistand, ist der Sache überdrüssig.« »Die gute Fürstin möchte alle Welt glücklich sehen. Aber Haugwitz – das ist's, was ich sagen wollte. Der arme Haugwitz muß jetzt eine Rekreation haben nach so viel Verdruß! Ein, zwei Fliegen stören uns nicht, aber das Fliegengebrumm, wenn wir schlafen wollen, ist fatal. Recht was Exquisites! Strengen Sie Ihren Scharfsinn an, etwas zum Totlachen, bedenken Sie, es gilt fürs Vaterland.« »Durch den Aufschub ist die Sache verdorben. Die Glut der ersten Leidenschaft ist abgekühlt. Sie ist beruhigt, weil er nicht in den Krieg geht. Das Weitere, denkt sie, wird sich finden, oder es wird sich auch nicht finden. Was mit larmoyanten Menschen machen, die von Seelenadel zu sprechen anfangen und von der Läuterung durch Entsagung! Ein Schauspiel für Engel mag es sein, wenn sie sich so par distance im Theater anschauen, die Augen verschwimmen, und um die Lippen ein wehmütiges Lächeln schwebt, aber –« »Rhabarber und Seelenadel stehn bei mir auf einer Stufe. Ich weiß nicht mehr, wo ich es neulich las: ›Das entnervt die Seelen und Körper: dies verhimmelnde Schwärmen raubt unserm Geschlecht die warmblütige Kraft zur Tat.‹ Und wir brauchen ein rüstiges Geschlecht. Also, teuerster Mann, Ihren ganzen Scharfsinn drauf, fädeln Sie was Neues ein. Man sagt, sie hätte Scheidungsgedanken.« »Pfui! das ist unmoralisch. Ich meine, man könnte ihr das Unsittliche einer solchen Handlung vorstellen lassen.« »Wenn nur ein Duell zwischen dem Rittmeister und dem Baron zu ermöglichen wäre!« Der Legationsrat schüttelte den Kopf »Wer dem Baron eine Kugel vor den Kopf schösse, was ich natürlich nur im Scherz sage, täte übrigens dem Staate einen rechten Dienst.« »Im Ernst?« »Sein Tuch, 's ist ein Skandal. Wenn man solche Montur gegen die Sonne ausbreitet, können die Wespen durchfliegen. Ich sagte es ihm neulich. Was antwortete er? Er hätte 's so eingerichtet, daß die Kugeln der Staatskasse keinen Schaden täten. Ich liebe nicht solchen frivolen Witz in ernsten Dingen. – Sie sind nachdenklich, Wandel? Sie sehn nach der Uhr.« »Einige nennen ihn einen schlechten Menschen.« »Pah! Seine Mätressen bezahlt er gut, unser Tuch macht er schlecht. Aber im Grunde genommen, was geht's uns an; wir haben Friede. Noch keinen Einfall?« »Doch – vielleicht. Bei ihm ist Hopfen und Malz verloren. Wie aber, wenn man sie eifersüchtig machte?« »Auf ihres Mannes kleine Liaisons? Was hülfe uns das?« »Nein, auf den Rittmeister. Er sah neulich die neue Choristin mit dem Operngucker sehr eifrig an. Wenn es gelänge, sie aus ihrer Seelenruhe aufzustacheln? Wenn sie außer sich geriete, sich fortreißen ließe –« »Nun, was besinnen Sie sich?« »Es ist nur ein flüchtiger Einfall – schwierig, aber möglich ist alles –, wenn sie in ihrer Verzweiflung ihren Mann zu Hilfe zöge.« » Ça serait le comble du ridicule .« »Aber nichts Neues. Wie gesagt, alles noch embryonisch dunkel, aber sie muß jetzt mit dem Rittmeister aneinander. Das ist mir klar; es gibt kein ander Mittel.« »Wenn es nur zum Rechten führt.« »Dafür lassen Sie mich sorgen.« »Wohin so eilig?« »Zur armen Geheimrätin! Ach, eine Unglückliche! Die bedarf des Trostes!« »Bleiben Sie mir mit der vom Leibe. Ich kriege Bauchgrimmen, wenn sie mich lange ansieht.« »Das ist eine unglückliche Frau! Nun auch das zweite Kind!« »Es waren doch robutante Geschöpfe. Sie kann sie unmöglich liebgehabt haben.« »Der Idealismus weiß von einer Liebe, die gerade das ihm Unangenehme mit zärtlichen Armen umfaßt, einer Liebe, die ihre ganze Innigkeit und Wärme ausströmt auf die Subjekte, welche es am wenigsten empfinden und, statt es zu erwidern, mit Undank belohnen, eine Liebe, die sich gefällt, immer zu geben und zu opfern, ohne wiederzunehmen, ja, die ihre höchste Befriedigung in der Empfindung sucht, von Verkennung und Undank heimgesucht zu sein.« »Das ist nicht unsre Sorte von Liebe, nicht wahr, Wandel?« »Die Weit ist mannigfaltig. Bewundern darf man doch die Märtyrer, auch wenn man sich nicht berufen fühlt, ihnen nachzufolgen.« »Par distance! – Warum nahm sie aber die Kinder zu sich!« »Warum! – Warum nahm sie ihren Mann? Sie hat den Geheimrat nie geliebt. Um ihn zu pflegen. Warum nahm sie die Alltag zu sich? Aus Liebe doch nicht zu dem eigensinnigen Geschöpfe? Mein Herr Geheimrat, Männer wie wir sind über die Ungerechtigkeit der Welt hinaus, wir warten nicht auf den Dank, aber erlauben Sie mir, wenn ich die Frau unglücklich nenne, die für die Anstrengungen ihres warmen Herzens, andre glücklich zu machen, nichts erntete als Verkennung.« »Liebster Legationsrat«, entgegnete Bovillard, »erlauben Sie mir, nichts darauf zu sagen als: les goûts sont différents !« »Ich wünschte, Sie hätten sie am Schmerzenslager der kleinen Malwine gesehen. Weil sie nicht weinen konnte, das hat man auch getadelt.« »Die Kinder sollten ihre Erben sein; wer kriegt's denn nun? In ihrer Familie ist alles ausgestorben. Mit der einen Seitenbranche ist sie spinnefeind.« »Unnatürliche Feindschaft in Familien! Vielleicht kann man da freundlich zu einer Verständigung einwirken.« »Lieber vermacht sie's Kapuzinern. Und fünfundneunzigtausend Taler unter Brüdern!« »Ich glaubte nur achtzigtausend!« »Vor dem letzten Heimfall. Aber – fünfzehntausend in Obligationen – Sie können sich drauf verlassen – fielen auf ihr Teil aus der Konkursmasse ihres Onkels. Und man muß doch auch rechnen, was vom Geheimrat dazukommt, wenn er früher stirbt –« »Wenn er früher stirbt.« Wandel hatte es so gedankenlos, oder in Gedanken versunken, gesagt, als er gedankenlos mit seinen Handschuhen gespielt. Er reichte zum Abschied dem Geheimrat die Hand. »Wenn nicht mehr – ich wollte sagen, wenn Sie der verlassenen Isolierten nur ein stilles Plätzchen der Teilnahme in Ihrem Herzen schenken wollten!« »Bleibt ein ehrenwerter Mann«, sprach Bovillard, als er fort war, »nur zuviel Sentiment.« Zweites Kapitel. Wandel muß Politik treiben . Das Haus der Fürstin schien ein offenes. Man kam und ging zu jeder Tageszeit; man war willkommen und empfangen, ohne angemeldet zu sein, und konnte verschwinden, ohne daß es bemerkt ward. Englischer Komfort schien mit französischer Anmut und Leichtigkeit gepaart; Ähnliches hatte man in Berlin noch nicht gesehen, man beredete es, aber gefiel sich darin. Keine Tür war verschlossen, die Wände schienen von Kristall; es ist aber damit nicht gesagt, daß nicht doch manche Tür unter der Tapete versteckt und der Kristallspiegel eine Wand verdeckte, hinter die zu blicken nicht erlaubt war. Die Fürstin hatte sich neuerdings zu einem längeren Aufenthalt eingerichtet. Alle Weltteile hatten ihre Produkte, Kunstfertigkeit und Erinnerungen beigesteuert, um die Zimmer auszuschmücken. Das Hetrurische und Pompejanische, vor kurzem die Modepuppe, ward hier paralysiert durch das Chinesische und Hindostanische. Porzellanfigürchen, Pagoden und Pfauenwedel; dazwischen die rein geschnittenen Schönheitslinien eines griechischen Basreliefs, römische Kaiser und Mohrenköpfe auf echten Konsolen, neben Federkronen von den Sandwichinseln und urweltlichen Gerippen, Schamanenmänteln und Bogen und Köcher der naturwüchsigen Völkerschaften Sibiriens. Die Ostentation alles dieses Apparates war wenigstens nicht auffällig, ein gewisser Geschmack hatte in der Verteilung obgewaltet, Licht und Schatten waren gehörig verteilt, oder vielmehr der Schatten waltete ob, indem das Fensterlicht in den meisten Zimmern durch schwere Vorhänge und Vorsatzstücke gedämpft war. In schwarzen Rahmen hingen zwischen den andern Raritäten Landschaften in Wasserfarben, römische Ruinen, zerstörte Kirchhöfe, Hünengräber, bemooste Kruzifixe darstellend, über dem Meer hing der Mond in Nebelwolken, oder die Sonne ging auf und beleuchtete trauernde Gestalten oder Kniende um ein bekreuztes Grab. Auch sah man näher den Türen bereits einige der schmal geschnittenen Holzbilder, auf deren Goldgrund jene hageren kindlichen Figuren mit den Unschuldsköpfen sich präsentieren, die erst später in Berlin zur ästhetischen Anbetung kommen sollten. Die modernen Besucher gingen noch ziemlich teilnahmlos an diesen florentinischen Stücken vorüber, während die Mondscheinskreuze, die verdorrten Kränze an den eingefallenen Gräbern manchen Seufzer oder aus schönen Augen eine Träne lockten. »Der Stufen zur Erkenntnis sind viele«, pflegte die Fürstin zu sagen, »und deren nur wenige, die, vom Strahl erleuchtet, sogleich die höchste besteigen.« In den tieferen Kabinetten verbargen sich oder lockten größere Heiligenbilder, betende oder angebetete Madonnen, Märtyrer, in ihren Verzückungen lächelnd, der Heiland am Kreuz. Da, in der verschwiegenen Nische auf einem schwarz mit Silber überhangenen Altar ein Kruzifix von Ebenholz, der Heiland daran feinste Lucchesiner Elfenbeinarbeit. Als Piedestal zum Kruzifix diente ein künstlicher dürrer Fels aus Achat, zu Füßen desselben eine kleine Öffnung, aus der, gespeist von einem verborgenen Wasserreservoir, eine Quelle sprudelte. Das Wasser floß in einen antiken Sarkophag. Antik wenigstens die Vorderseite, deren heidnische Basreliefs freilich wenig mit dem Quell und seiner Bedeutung korrespondierten, aber es war eine Antike, ausgegraben auf einem der Güter der Fürstin in der Krim, und das Heidnische an den Bacchantinnen sollte vielleicht durch den frisch hineingemeißelten russischen Doppeladler purifiziert werden. Neben der sinnigen Deutung hatte der sprudelnde Quell auch eine ganz praktische Bedeutung; das kühle, mit Efeu umrankte Kabinett ward durch das springende Wasser zur angenehmen Retirade in heißen Sommertagen. In einem der helleren Zimmer, mit Magdalenenbildern an der Wand, der Boden ausgelegt mit reichen orientalischen Teppichen, und schwellenden Diwans an den Wänden, saß die Fürstin mit der Baronin Eitelbach. Die Märtyrer und andere Heiligenbilder in den dunklem Gemächern mochten schlechtere Kopien oder Trödelware sein, die Magdalenen waren vortreffliche Kopien nach Correggio, Battoni, Murillo und anderen, in der Größe der Originale und in dem blendenden Farbenglanz, der keine Nachdunkelung sehen ließ. Kostbare Goldrahmen umschlossen diese Stücke, und ihre Gruppierung war so geschickt, daß überall das richtige Licht darauffiel. Es war das sorgfältigst und elegantest ausgeschmückte Zimmer der fürstlichen Wohnung. »Das Fräulein wollten eben ausfahren, um, wie sie sagten, Luft zu schöpfen«, berichtete der Diener. »Wenn aber Durchlaucht befehlen, wird sie sich sogleich zurechtmachen und hier erscheinen.« »Was das Fräulein will, muß geschehen«, erwiderte die Fürstin rasch. »Man sollte doch jetzt meinen Willen kennen, daß sie nur ihren Wunsch zu äußern braucht, und meine Domestiken haben zu gehorchen. Ist schon angespannt?« »Zu Befehl, Erlaucht.« »Da muß ich einen Augenblick zu dem lieben Kinde. Verzeihung, teuerste Baronin, sie erholt sich so schwer. Ich bin sogleich – meine Gedanken bleiben bei Ihnen.« Im andern Zimmer begegnete ihr der Legationsrat. »Schnell einen Liebesdienst. Die Eitelbach drinnen quält mich mit ihrem Liebesleid. Das ist Ihre Sache. Machen Sie ihr bald ein Ende, sonst – ich weiß nicht, was ich täte, wenn Sie nicht im Spiele wären.« »Empfinden Erlaucht denn gar keinen Beruf, sich der gequälten Schönen anzunehmen?« »An langweiligen Menschen hatte ich heute schon genug. Vater und Mutter waren hier, denken Sie, eine Stunde lang! Diese Dankadressen im Kanzleistil, diese bürgerlichen Rührungsgefühle in der Sonntagshaube, der ganze Iffland, Kotzebue und Krähwinkel in meinem Hause. Ich möchte doch um solcher Leute willen keine Migräne bekommen; aber jetzt erbarmen Sie sich meiner.« »› Tu l'as voulu , George Dandin!‹ sagte Molière«, sprach der Legationsrat, sich verneigend. » Et je le veux, Monsieur le conseiller !« »Was denkt Prinz Louis, Erlaucht?« »Ob der Champagner oder Rheinstrom eher in die Lethe fließt.« »Leider flüstern seine Freunde, daß er schon den nächsten Weg auf dem jamaikanischen Feuerstrom Rum dahin sucht.« »Der Unglückliche!« Sie schien die eben gegebene Anweisung an den Legationsrat auf die Eitelbach ebenso vergessen zu haben, als sie an der Ecke eines Diwans Platz nahm. Ein ernster Zug flog über die Seidenwimpern, die sich geschlossen hatten, wie erschreckt vor einem Bilde. – »Vielleicht der letzte Held unter diesen! – Warum fand er nicht den rechten Weg! – Das ist es nicht. Aber, Wandel, erklären Sie mir's, es ist etwas Niederdrückendes, Entmutigendes, daß grade dieser einzige in der großen Misere, diese Feuerseele unter den Nachtvögeln, wie ein losgerissener Stern aus dem Firmament in einen Sumpf stürzen muß!« »Sie sprachen es aus, Gnädigste, weil alles versumpft ist!« »Und Sie sprachen etwas aus, was Sie nicht verstehen, nicht verstehen wollten. – Ich fühlte mich so andächtig gestimmt. Der arme Prinz! Seit die Abberufung des englischen Gesandten bekannt ist, soll er sich in einem erschütternden Zustand befinden.« »Es befinden sich auch andere, die nicht Prinzen sind, in unangenehmer Lage. Mehr als hundert preußische Schiffe sind bereits von den Engländern gekapert. Dem Handel wird dieser teure Frieden teuer zu stehen kommen.« »Diese Krämerseelen verdienen es«, rief die Fürstin. »Es war ja ihr stiller Wunsch. Wenn Krämer, Kinder und Narren über ein Land regieren, wehe ihm!« Es war ein neues Changement in der Fürstin eingetreten; sie fühlte sich zum politischen Disput gestimmt. Wandel kannte die Lineamente in ihrem Gesicht, welche den Wechsel und welche Stimmung sie ausdrückten. Er lehnte sich über einen Stuhl, um ihr zu korrespondieren. Vielleicht fand er auch mehr Neigung zu einer politischen Disputation als zu einer sentimentalen mit der Baronin, vielleicht wollte er sich auf diese präparieren. »Es gibt auch großartige Krämer. Die Engländer werden bei diesem Weltdisput nicht zu kurz kommen.« »Ich begreife nicht, wie diese hier ohne Schamröte lesen können, was sie über ihre Politik urteilen!« rief die Fürstin, in wirklichen Affekt geratend. »Diese Noten, die Herr von Reden für Hannover in Regensburg, Ompteda eben in Berlin übergab! Herr Fox hat im Parlament gedonnert. Ich habe eine solche Sprache nie gehört.« »Noten sind Worte auf Papier geschrieben, Erlaucht. Sie lesen sie, antworten, und das Resultat ist Papier auf Papier! Gekaperte Schiffe, das ist etwas anderes.« Die Fürstin hatte vom Tische eine englische Zeitung genommen. »Durchfliegen Sie diesen Artikel. Mich dünkt, die Worte schneiden schärfer wie Taten. Der Prinz soll grade darüber außer sich geraten sein. Die Lippen schäumend, drückte er die Stirn an die Scheibe, daß sie zerbrach.« »Er wird auch wieder ruhig werden«, sagte Wandel und las: »Nie hat eine Macht heuchlerischer gehandelt und die Gesetze der Treue und des guten Glaubens frevelnder gebrochen als Preußen. Von ihm kann man lernen, wie man mit Worten schmeichelt und durch Taten verwundet.« »Ist's nicht so ?« Der Legationsrat zuckte die Achseln: »Was aus Unentschlossenheit gefehlt und in Torheit gesündigt ward, heißt nun sträfliche Hinterlist. – Warum war man unentschlossen und warum handelte man töricht?« »Lesen Sie weiter.« »Der aufgegebene Krieg gegen Frankreich war ein unwürdiges Geständnis von Schwäche, die sogenannte Verwaltung Hannovers bis zum Abschluß des allgemeinen Friedens überdachter Verrat. Errötet Preußen nicht vor der Entschuldigung, daß die Wahl der Mittel zur Sicherung seiner Ruhe nach der Schlacht von Austerlitz nicht mehr von ihm abhängig gewesen sei? Ziemt eine solche Sprache einem schlagfertigen Staate, wenn es Ruhm und Vaterland gilt? Ziemt sie vor allem dem preußischen, der Friedrichs Siege hinter sich hat, Friedrichs Heer vor sich und zur Seite Rußlands Beistand? Preußen prahlt mit gebrachten Aufopferungen. Ja, es hat geopfert seine Unabhängigkeit, seine Pflicht, seine alten Besitzungen, seine treusten Untertanen und seine zuverlässigsten Bundesgenossen. Preußen hat durch den Schönbrunner Vertrag aufgehört als selbständige Macht, es kann nur noch existieren unter den Flügelschlägen des französischen oder russischen Adlers.« »Was sagen Sie dazu?« »Warum fordert man von den Epigonen den Mut der Titanen!« »Der kleine König von Schweden sperrt ihnen auch die Ostseehäfen, er kapert auch, wie die Engländer ihre Schiffe. Man hätte doch nun erwartet, sie würden Schwedisch-Pommern nehmen!« »Man ist befangen im Bewußtsein seines Unrechts, und statt es gutzumachen, indem man es vollendet, verdoppelt man den Fehltritt, indem man es halb tut.« »Das ist Ihre Moral, Wandel. Ich im Gegenteil bewundere den Mut dieser Staatsmänner. Mit welchem Gesichte kann der Mann von Schönbrunn vor die Prinzen, vor die Bilder seiner alten Könige treten, vor das Land, vor das preußische Heer, vor Friedrichs Armee? Erklären Sie mir den Mut, Wandel, wie er vor diesem stolzen hochmütigen Offizierkorps es aussprechen darf: Preußen fühlt sich zu schwach, mit dem stärksten Bundesgenossen an der Seite einen gerechten Krieg zu führen. Können Sie's?« »Gnädigste Frau, vor wem erröten, wem Rechenschaft geben! – Wer fordert sie von dem Manne!« »Und sei es nur vor seinem eigenen Spiegel.« »Der Spiegel, Gnädigste, ist unser Machwerk; man schleift, färbt ihn, wie man will, man stellt sich vor ihn, wie man Lust hat. Die Hand in der Brust, das Kinn aufrecht, die Blicke funkelnd. Oder die Arme gekreuzt auf der Brust, die Augen niedergeschlagen; der Spiegel ist gehorsam, er gibt alles wieder. Denken Sie ihn sich so, mit verkniffenen Lippen davor, und er lispelt: ›Er war stark und wir schwach, er entschlossen, und wir wissen nie heut, was wir morgen tun sollen, er hat ein kriegsgewöhntes, siegreiches Heer, und wir eines, was den Krieg verlernt hat. Ein Krieg kostet Blut, viele Menschen, er ruiniert noch mehr Bürger, seine Nachwehen sind furchtbarer als seine Verwüstungen. Alles das sind Realitäten, die Ehre aber ist ein Wahn. Mein König hat einen Abscheu vor Blutvergießen, und ich liebe es nicht. Alle guten Menschen lieben es nicht. Gott auch nicht, er hat den Frieden geboten, und Napoleon bietet ihn uns auch. Sind das nicht ebenso viele Winke des Himmels? Wofür sollen wir uns schlagen? Für uns doch nicht. Er will uns ja mehr geben, als wir hatten. Für Österreich etwa, das verloren hat? Wir sind doch nicht Don Quixoten, um für einen Rivalen uns zu opfern? Oder für das törichte Gebrause, was man jetzt öffentliche Meinung nennt? Wiegt meines Königs unausgesprochener Wunsch nicht schwerer? Die öffentliche Meinung macht mich nicht zum Minister, sie möchte mich stürzen. Aber sie kann's nicht. Mein König kann mich halten, und er wird es.‹« »Von Advokaten des Teufels hab ich wohl gehört«, sagte die Fürstin, ihn fixierend, »nur weiß ich nicht, wer sie bezahlt.« »Ich halte Exzellenz für einen sehr honetten und zuweilen sehr heiligen Mann, der, wenn er den Feind zitiert, es gewiß nur tut, um ihn zu beschwören. Vielleicht – ich sage, es ist möglich, daß er jetzt in der Stille die Hände vor seinem Bilde, nämlich im Spiegel, faltet, auch vielleicht ein Kreuz schlägt und aus tiefster Brust seufzt: ›Ich bin ja nur ein unwürdiges Werkzeug!‹ Gegen letzteres wird denn wohl niemand etwas einzuwenden haben.« »Inkorrigibler!« sagte die Fürstin und gab ihm einen leichten Schlag mit dem ausgezogenen Handschuh, um doch wieder sinnend vor sich niederzublicken: »Und doch, wäre es ein Wesen von Fleisch und Blut, dieses Preußen, ich könnte es beneiden um die Empfindung. So zerknirscht in Demut niederzufallen in den Staub, an die Brust zu schlagen und zum Herrn zu rufen: ›Strafe mich um meinen Dünkel und meine Überhebung. Das sind die Früchte meiner Saaten, daß ich mich auflehnte gegen deine Satzung!‹ – Ach nein, sie kennen nicht die Wollust der Demut und Zerknirschung, sie sind alle noch aus Friedrichs Schule, schlechte Schulknaben, sie beten nicht den Herrn, nur ihren Witz an, und sein Gespenst seh ich umherschleichen – das muß eine furchtbare – die fürchterlichste Strafe des Himmels sein: so sein Werk zertrümmert, seine Schöpfung verhöhnt, sein Geist zum Pasquill – und keiner den Mut, in ihrer Erniedrigung die Arme zu erheben: ›Herr, erbarme dich unser!‹« Herr von Wandel kannte die Fürstin – auch ihre temporellen Visionen. Sie genierten ihn nicht. Die liebenswürdige Frau liebte nicht die Gêne. Er wartete in Geduld, bis der Paroxysmus vorüber war; er brauchte nicht lange zu warten. »Nun an Ihr Geschäft«, sprach sie. »Wie lange lassen Sie die arme Eitelbach warten!« »Oh, dies hat Zeit!« »Sie würden einen guten Marterknecht abgeben.« »Ich weiß in der Tat noch nicht, was ich mit ihr reden soll.« »Wenn Sie nur die persiflieren können, die Sie vorgeben zu lieben, so versuchen Sie es einmal, sich in die Baronin zu verlieben. Ich erlaube es Ihnen.« »Der Rat ist nicht so übel!« sagte der Legationsrat und verneigte sich tief. »Mit meiner gnädigen Freundin Erlaubnis will ich wenigstens den Versuch machen.« Die Fürstin hörte es nicht mehr, sie warf am Fenster der abfahrenden Adelheid Abschiedsgrüße zu. Drittes Kapitel. Herr von Wandel muß sentimental sein . »Unter Heiligenbildern eine Heilige!« rief der Legationsrat der Baronin entgegen. »Wissen Sie, was mein Mann von Ihnen sagt?« replizierte die Baronin. »Wie heilig Sie auch aussähen, Sie wären ein Pfiffikus, und er möchte mit Ihnen keine Geschäfte machen.« »Warum sollte er teilen! Er macht für sich allein die besten.« »Ihnen traute er nicht über den Weg, meinte er neulich.« Der Legationsrat zuckte lächelnd die Achseln: »Was konnte ich dafür, daß aus der Mäntelgeschichte nichts ward. Meine Absichten waren die besten, meine Demarchen gut, es stieß sich an andern Dingen. – Ja, teuerste Freundin, wieviel ist damit ausgesprochen! Unser Wille mag noch so rein sein, wir tun alles, was wir können, der Himmel selbst scheint uns zu winken, und es wird doch nichts draus. Das ist der unerforschliche Organismus jener höheren Sphärenkreise, in die unser Auge vergebens zu dringen sucht. Darin finde ich aber eben den merkwürdigen Unterschied zwischen ihrem und unserm Geschlecht, ich meine, zwischen den Erwählten. Während wir noch immer titanisch nach dem Unmöglichen ringen, findet das edle Weib schon in der Entsagung den höhern Trost. Da erst verklärt sich ihre Liebe zu derjenigen, welche nicht besitzen, nur beglücken will; selbst beglückt, wenn sie den geliebten Gegenstand glücklich sieht in der Liebe zu einer andern.« Der Legationsrat schien unwillkürlich mit dem Taschentuch über die Augen zu fahren. Die Baronin sah ihn aber sehr scharf an: »Was meinen Sie denn damit? Denn das habe ich Ihnen auch abgemerkt, Sie sagen nichts ohne Absicht.« »Meine Freundin wird aber darin mit mir einig sein, daß es unter zartfühlenden Seelen besser ist, über gewisse Interessen nur andeutend wegzugehen, als sie auszusprechen. Wer heilende Wunden mutwillig aufreißt, wird zum Selbstmörder.« Die Baronin sah ihn so klar an, daß Wandel seine Augen einen Moment niederschlug: »Manche Wunde tut auch wohl, wenn man weiß, daß, der sie schlug, es in guter Absicht tat. Sie sind nicht Dohlenecks Freund, leugnen Sie's nur nicht; ich weiß es –« »Mir ist er eigentlich ganz indifferent, meine Freundin. Wenn er feindliche Gefühle gegen mich hegt, so sind sie ihm wahrscheinlich vom jungen Bovillard beigebracht.« »Sie meinen auch, wie die andern, daß es nur Mißverständnisse sind?« »Von dem, was die Leute sprechen, laß ich mich nie bestimmen.« »Ja, es ist ein Mißverständnis«, sprach sie mit gen Himmel erhobenen Blicken. »Es war kein Zufall, ich weiß, daß alle die Kränkungen von ihm absichtlich ausgingen –« »Ist es möglich!« »Ja, mein Herr Legationsrat, so gewiß, als Sie hier vor mir sitzen.« »So abscheulich hatte ich ihn mir doch nicht gedacht. Und sieht aus, als könnte er keinem Kinde das Wasser trüben.« »Und seine Seele ist so rein wie der Spiegel des Sees.« »Sie sprechen in Rätseln. – Ich, oder vielmehr ein Freund, glaubten letzthin in Ihren Blicken ein stummes Spiel gegenseitiger Verständigung zu entdecken. So kann man sich täuschen!« »Sie haben sich nicht getäuscht.« »Das Rätsel wird immer dunkler.« »Und immer heller in meiner Seele. Ja, weil der edle Mann sah, wie mein Gefühl für ihn immer heftiger ward, wie ich mich von ihm hinreißen ließ, und weil er mich wahrhaft liebt, darum mit eigner Selbstüberwindung jene Kränkungen und Ärgernisse, die mich tief betrübten, um dann mich wieder desto höher zu erheben. Er beleidigte mich, um mich wieder zu mir selbst zu bringen, um mich von meiner Leidenschaft zu heilen. So lebten wir eine lange, schmerzliche Weile uns zur gegenseitigen Qual, bis – wir uns verstanden haben. Nun aber haben wir es, und ich bitte es ihm tausendmal im Herzen ab, wie ich ihm unrecht getan. Ich glaubte zu leiden, und wie mußte er erst leiden, indem er mir und sich zugleich so unaussprechlich wehe tat.« Wandel, der etwas unaufmerksam gesessen, warf hier einen forschenden Blick auf die Rednerin. Er hatte manches, aber dies grade nicht erwartet. Die Geschichte interessierte auch ihn nicht mehr besonders, oder er war im Nachsinnen, wie er ihr eine andre Wendung beibringe, um ihr wieder ein Interesse abzugewinnen. Es war die Neugier, wie man in einem empfindsamen Roman plötzlich die Seiten umschlägt, um die Motive eines den Leser überraschenden Sinnesumschlags zu erfahren, mit der er sie rasch fragte: »Und das hat er Ihnen alles gesagt?« »Kein Wort.« »Ah, also die Sympathie der Seelen!« »Warum senken Sie die Augen?« Er mußte sich gestehen, daß diese Wendung dem, was die Freunde wollten, am wenigsten entspreche: »Oh, das ist ein Thema«, rief er, »bodenlos, unergründlich.« »Sie erschrecken ja beinah.« »Ich? – Erschrak ich? – Ich stellte mir nur vielleicht die Frage, ob es ein Glück ist, in der Seele des andern lesen zu können? Oder nicht vielmehr ein Unglück? Fragen Sie sich einmal, ganz aufrichtig, die Hand aufs Herz. Würden Sie wünschen, daß ein andrer Ihre Gedanken läse wie ein offnes Blatt?« Er hatte ihre Hand ergriffen und legte sie sanft an ihr Herz. Sie ließ es geschehen und sah ihm klar in die Augen. Ohne alle Bewegung sprach sie mit heller Stimme: »Ja, es könnte jeder lesen.« »Auch der Baron, Ihr Gemahl?« »Jetzt erst recht. – Im Anfang schoß es mir da über den Kopf. Nachher ward ich zuweilen stutzig, ich schämte mich, wenn der und jener mir jetzt ins Herz sähe, und ich gab mir Mühe, daß ich's mir anders zurechtlegte und rechtfertigte, aber nun habe ich's nicht nötig. Da fiel mir wieder ein, was mal der Prediger sagte: ›Jedes guten Menschen Herz muß so zugerichtet sein wie ein Glasschrank. Darin verbirgt man nichts, und wer in die Stube tritt, sieht es.‹« »Der gute Prediger unterließ nur hinzuzusetzen, meine Freundin, daß wir nicht jeden in unsre Stube lassen. Die Stube verschließen wir, und der Glasschrank steht nur offen für unsre Freunde, für die, welche wir geprüft, die täglich Zutritt haben. Ja, die mögen hineinschauen und sich der Dinge freuen, die uns erfreuen.« »Ach, ich weiß jemand, der würde sich zuknöpfen, wenn man ihm ins Herz sehn wollte!« »Wer ist das?« Wandel schien über diese Wendung des Gesprächs noch weniger erfreut. »Sie sind ein guter Mensch, Herr von Wandel, aber voller Finten. Reden Sie sich ja nicht aus, ich weiß es.« Er hatte ihre schöne Hand, die über der Diwanlehne lag, erfaßt und drückte sie sanft an die Lippen. »Könnten Sie in dies Herz schauen!« sprach er seufzend. »Finten nennt es meine Freundin. Immerhin! Finten sind Spitzen, aber es sind blutende Spitzen, Dolchstiche, Dornen, die andre hineingedrückt. Da ist der einzige, aber ein süßer Trost, daß um diese Dornen Rosen blühten.« Sie hatte die Hand ruhig seinen Küssen überlassen und schien verwundert, als er plötzlich aufstand und den Stuhl wegsetzte. »Wohin wollen Sie denn?« »Nach dem Lande, wo keine Rosen blühen.« »Jetzt doch nicht gleich?« »Ich bin keine Stunde sicher, daß nicht die Pässe und Anweisungen aus Petersburg eintreffen, und darf meines Verweilens nicht mehr lange sein. Die Akademie in Petersburg hat zu meiner Beschämung eine so dringende Vorstellung an Seine Majestät den Kaiser gerichtet, die Untersuchung der Bergwerke für so wichtig erklärt und meine geringen Kenntnisse so hoch angeschlagen, daß ich undankbar wäre, wenn ich dem ehrenvollen Rufe zu folgen nur einen Augenblick zauderte.« »Ihre Verdienste in Ehren, aber – die Gargazin wird sie wohl recht ausgeschrien haben.« »Erlaucht hat allerdings auch Güter in Asien, und einige Bergstriche versprechen, wenn mein Auge aus der Ferne sich nicht täuscht, unter geschickter Hand eine ungewöhnliche Ausbeute.« »Nach Asien wollen Sie, Herrgott, das ist weit.« »Bis an die chinesische Grenze. Sie mögen denken, wie schwere – sehr schwere Opfer es mich kostet!« »Wieso denn?« »Muß ich nicht meine eignen Güter in Thüringen verlassen?« »Wissen Sie, was mein Mann sagt? – Die möchte er nicht geschenkt haben; wenn Sie nicht die Feldsteine zu Klößen kochen lernten, müßte 'ne Kirchenmaus drauf verhungern.« »Ei, Ihr Herr Gemahl auch Ökonom? Ich hielt ihn nur für einen Spekulanten. Für den glücklichsten, weil – er das große Los gezogen hat.« Die Baronin lachte ihn recht herzlich an: »Damit meinen Sie mich; mir verbergen Sie nichts. Wenn Sie aber meinen Mann fragen, so sagt er Ihnen, es wäre seine schlechteste Spekulation.« »Ich halte viel auf Ihren Herrn Gemahl. Über dem tiefen Schacht von Wissen und Erfahrung spielen wie Schmetterlinge Humor und Witz. Ich weiß seinen kaustischen Witz zu schätzen; weil ich ihn verstehe, verwundet er mich nicht wie andere, und es tut mir aufrichtig leid, daß unsre verschiedenen Berufsgeschäfte uns so selten zusammenführten. – Glauben Sie mir, auch von ihm wird mir die Trennung schwer.« »Von wem denn sonst noch! Von der Geheimrätin oder der Fürstin! oder – oder – oder.« »Verdiente ich diese Bitterkeit? Die Baronin Eitelbach sieht mich gern scheiden.« »Nein, weiß Gott, nein, ich plaudre gern mit Ihnen. Ich glaube Ihnen nicht alles, was Sie sagen, aber es hört sich so hübsch an. Es klingt, als ob man mit Ihnen in die Wolken fliegen müßte.« »Seele mit dem Taubenauge und dem Blick des Adlers, erlauben Sie mir, den Bruderkuß auf die Stirn der Schwester zu drücken.« Sie wehrte ihn, als er in Begriff war, es zu tun, sehr entschieden zurück: »Sie sind noch nicht fort. Wenn's soweit ist, wollen wir uns besinnen.« » Einen Wunsch erlauben Sie mir wenigstens, mit den Lippen auf Ihre schöne Hand zu hauchen.« »Hauchen Sie aber nicht zu lange.« »Wie Sie in meine Seele blicken, möchten Sie ebenso klar in die des Rittmeisters blicken! Jetzt noch nicht, aber später, wenn ich fort bin.« »Warum denn jetzt nicht?« »Jetzt hat er genug Beschäftigung mit der kleinen Choristin.« »Welche Choristin?« »Die in der Geisterinsel die Herzen entzückt. Sie wissen ja.« »Sie sind ein abscheulicher Mensch.« »Vielleicht irre ich mich auch. Sein Neffe, der Kornett, bezahlt sie, und die böse Welt sagt: ›für seinen Onkel‹. Doch, wie gesagt, das mag nur Gerede sein. Und wäre es, ist's ein Versuch, seinen Schmerz zu betäuben. Das will ich ihm verzeihn. Aber – ich glaube, es ist vielleicht besser, ich schweige.« »Nein, jetzt ist's besser, Sie reden. Das ist ebenso abscheulich von Ihnen, daß Sie einen Stachel einem ins Herz senken, und dann laufen Sie fort. Man quält sich, was es ist, und dann ist's am Ende nichts.« »Auch ich hoffe, daß es nichts ist. Das ist das Opfer, welches ich Rußland und der Wissenschaft bringe, jetzt von so vielen Freunden mich loszureißen, die vielleicht meiner Hilfe bald bedürfen. Einer Eigenschaft rühme ich mich – ich ward frei von Affekten, ich blicke klar in die Zukunft, in die Seelen der Menschen, die Fältchen und die Schleier derselben täuschen mich nicht. Der Rittmeister ist, ja, ich gebe es zu, was man nennt, ein guter Mensch, aber verschuldet, bis über die Ohren verschuldet. Der Krieg konnte ihn retten. Nun bleibt Friede. Er muß alle Anstrengungen machen, sich über dem Wasser zu halten. Damals, als es losgehen sollte, überkam ihn ein nobler Impuls; das ist nun vorüber; er ist Mensch, ein armer Edelmann, ein Offizier, auf seine Gage angewiesen, von Gläubigern gedrängt, gewissermaßen von den Umständen zum Aventurier gestempelt, gezwungen, sein alles auf eine Karte zu setzen. Lieber Gott, er ist darum kein Bösewicht, daß er alle Rollen spielt, den brüsken, den sentimentalen, sogar den idealen Liebhaber, um eine reiche Frau zu kapern.« »Sind Sie bei Trost? Ich bin ja verheiratet!« »Daran denkt ein solcher Aventurier nicht. Er hält alles für erlaubt, und in der Not kein Band für zu fest. Ich kenne solche Menschen.« »Jetzt schweigen Sie. Sie mögen viele Menschen kennen, aber den Rittmeister Stier von Dohleneck kennen Sie nicht. Ich könnte Ihnen sehr böse werden, spinnefeind, wenn Sie nicht ein so guter Mensch wären. Darum bitte ich Sie, tun Sie mir den Gefallen und – sein Sie still. Kein Wort mehr davon!« Er verneigte sich respektvoll: »Ich gehorche dem Befehl, wo ein leiser Wunsch genügt hätte; aber eine Bitte spreche ich im Scheiden aus. Wenn das Traumbild Ihres Glaubens zusammensinkt, wenn Sie sich schwach fühlen, wenn mit Ihrem Vertrauen das Glück des Lebens vor Ihnen zusammenbricht, dann denken Sie, dann rufen Sie mich. Ich werde Ihre Stimme hören, auch wenn hunderttausend Meilen uns trennen, kein Brief mich trifft, keine Taube durch die eisigen Lüfte dringt. Wenn Auguste von Eitelbach gepreßten Herzens in ihrem Kummer meinen Namen nennt, wenn sie schluchzend in die Nacht ruft: ›Ach wäre er hier, er könnte mir helfen‹, dann werde ich Ihren Ruf hören, ob ich im tiefsten Schacht der Bergwerke von Irkutsk dem Licht der Gnomen folge, um die Adern edler Erze zu schürfen, oder einsam schweife auf einem Rentierschlitten um die kalten Seen Sibiriens – und ich bin bei Ihnen.« Ohne einen Händedruck war er nach der Tür geeilt. Sie rief ihm nach: »Nach Sibirien gehen Sie?« »Warum schaudern Sie, gnädige Frau? Es ist warm auch am Eispol, wenn das Blut im Herzen pulst.« »Ich dachte nur – ich war in Glogau, als der Erxner, der Raubmörder, nach Sibirien transportiert ward. Was man doch manchmal Närrisches denkt – wenn Sie auch so in Ketten hingeschleppt würden! – So fuhr er auch zusammen, wie Sie jetzt –« Er verneigte sich noch einmal und war verschwunden. Sie sah ihm aus dem Fenster nach. So in sich versunken, hatte sie ihn noch nicht gesehen. Er erwiderte den Gruß zweier Bekannten nicht. »Er hat nur einen Fehler«, sprach sie bei sich, »er kann den Rittmeister nicht leiden. Aber – aber, er wird noch nicht – mit Sibirien hat's gewiß noch gute Weile.« Viertes Kapitel. »Ob's edler im Gemüt, die Pfeil und Schleudern des wütenden Geschicks erdulden, oder –« »Torheit, zu glauben, daß ein Mensch seiner Zeit vorausgeht. Von der Strömung in der Luft werden wir gezogen, wie die Atome dem Atem zufliegen. Es ist das unergründete Gesetz in der moralischen Welt, was den Riesen wie den Zwerg regiert, und die tollste Ironie ist es, der wahnsinnigste Traum unsrer trunkenen Phantasie, zu wähnen, daß wir aus eignem freien Impuls die Welt nur um eine Spanne weiterrücken!« Zwei Genesende saßen auf einer abgelegenen Bank im Tiergarten, die laue Sommerluft einschlürfend. Der eine, den Arm in einer schwarzen Binde, schien seine Krankheit bereits abgeschüttelt zu haben, und das blasse Gesicht rötete sich, während die Glieder oft elastisch zuckten. Es war Walter. Der andere trug keine sichtliche Verwundung, aber der kräftige Geist schien mit einer physischen Mattigkeit im fortdauernden Kampf, und sein auch bleiches Gesicht blitzte von einer verräterischen Röte, während das dunkle tiefe Auge gespensterhafte Glanzblitze warf. Es war Louis Bovillard; er hatte die obigen Worte gesprochen. »Dem Fatalismus huldigen, dahin also führte unser langer, saurer Bildungprozeß, unser Suchen, Tappen, Klimmen!« entgegnete Walter. »Du mußt bekennen, daß die Türken dies Ziel bequemer haben. – Du bist noch krank.« Bovillard sah mit seinem glühenden Auge wehmütig auf den Freund: »Was hilft dir deine Gesundheit?« »Daß ich meine Kraft sparte.« »Wofür? Was hilft der Ameise die Seherkraft der Kassandra, wenn der Stiefel eines Stallknechts sich nur aufzuheben braucht, und der Bau ihres Lebens ist zerstört!« »Gott und Natur sind ewig, und der Mensch –« »Bleibt ihre erhabenste Kreatur, aber ewig wie Herkules am Scheidewege. Da steht: ›Entsage!‹ und ein himmelblaues Lamm daneben, dich auf Dornenwegen zur Trübsal zu führen. Hier steht: ›Genieße!‹ und Fuchs, Wolf und Schlange stehn als deine Lehrmeister dabei.« Walter hatte längere Zeit vor sich hingeblickt; die Lukubrationen des Freundes hatten ihn nicht gestört: »Wo ist das Allgemeinwohl? Das ist die Frage. Sitzt's in den Gipfeln? in den Wurzeln? Wo ist das Mark? Wir fühlen es, wie das Wasser den festen Boden unterspült, die Wurzeln vom Erdreich löst, wir fühlen das Annahen des Sturmes. Und noch wäre Rettung möglich, aber die phlegmatische Masse schließt noch die Augen, trunken schreien einige in die Lüfte, aber sie helfen nicht, nur dem Feinde geben sie ein Zeichen, wie es steht. Die zu Wächtern bestellt sind, zu Baumeistern und Steuerleuten, singen uns Schlaflieder zu. Sie zittern nicht vor der Gefahr draußen, nur vor der Aufregung, welche die Furcht davor im eigenen Lager verursacht. Wo nun einer mit dem besten Willen kommt, wo soll er anklopfen, wo, wenn er sein Gut und Blut hineinwerfen möchte, ist die Büchse, um es aufzunehmen? Das ist die Frage.« »Was hilft's dir, wenn du die rechte Eingangstür in ein verrottet Haus findest, wo drinnen nichts mehr zu retten ist?« »Es ist «, fuhr Walter auf. »Wie hätte dieser Staat so lange bestehen können und leuchten in der Geschichte. Es ist etwas Niedagewesenes, wie dies Regentengeschlecht persönlich auf das Volk eingewirkt hat. Das leugnest du dir nicht fort, vom Anbeginn bis heute. Es hat alles, was sein eigen war, Gedanken, Geist, Intelligenz, Tatkraft, Mut, Entschlossenheit, Ausdauer, ausgespritzt in die Adern der rohen, verwilderten Stämme, die es vorfand, die es später mit seinen starken Armen umklammerte, bis sie unter dem warmen, schirmenden Druck zu einem Leibe verwuchsen. Wir sollten freudig staunen über das Wunder einer Gärtnerkunst, denn das war es, wo die Fürsten von anderm Stamme, Blut, aus einem fernen, fremden Lande, so sich mit dem Boden, den Boden mit sich amalgamierten; wenn nicht eben die Impfe so wunderbar nachhaltig gewirkt hätte, daß alles, was auf dem Throne zur Geltung kam, im Volke sich widerspiegelt und reproduziert, wie die Stärke vorhin, nun die Schwächen, wie das Licht, jetzt die Schatten. Ist nun ein Volk von der Vorsehung destiniert, das frage ich mich, sein Licht ausgehn zu lassen, weil von seiner Herrschaft ihm keins mehr leuchtet, sich selbst auszulöschen aus der Reihe der lebendigen Nationen, weil der Druck der Luft von oben, das Miasma, es affiziert! Ist's destiniert, mit allen Mitteln zur Hand, sich nicht selbst kurieren zu dürfen?« »Wenn es ein Affenvolk ist! Und wir sind alle Affen. Was willst du mehr von ihm?« » Das mehr, was die Erziehung, grade jene seiner Könige es lehrte: selbst zu denken und zu fühlen. Diese Eigenschaften sind nicht fortgespült; sie wuchern geil und lustig fort. Es kam einmal die Sitte von oben herab, die nüchterne, strenge, hausbackene Bürgertugend von jenem Soldatenkönig, dann vom selben Throne mit den laxen Sitten und der Frivolität jene eben so nüchterne Aufklärung. Jetzt, wo Frömmigkeit und Gerechtigkeit in mildem Scheine von oben ausstrahlt, wo wir aus einem guten Sinne auf Tüchtiges gehofft, ist's die Unentschlossenheit, die sich auf das Volk ergießt und es zersetzt. Wie, wo soll da geholfen werden! Nein, wer soll helfen, wer die adstringierende Säure gießen in die in Auflösung befindliche Masse!« »Frage lieber, wer ist der neue Prometheus? Denn die Nachkommen des alten verfolgten Revolutionärs sind im Laufe der Zeit legitime Philister geworden, gute Bürger, die des Nachtwächters Ruf gehorchen: ›Bewahrt das Feuer und das Licht.‹ Schaff dir neue Menschen. Mit den alten ist nichts anzufangen.« Bovillard war aufgestanden und blickte in die Ferne, wo die Sonne zwischen dem Walde versank. »Torheit«, wiederholte er, »zu rühmen, daß wir die Zeit verrücken, die, unser spottend, über uns hinrollt. Der Kriegswagen des Donnergottes, von Sturmrossen gezogen, Festungen zermalmt er und Heere, die für unüberwindlich galten, wie Kartenhäuser und bleierne Soldaten, und es ist nichts so fest auf Erden, was nicht schon knickt, wo sein schnaubendes Gespann heranbraust.« – Er legte seinen Arm auf Walters Schultern. – »Ich war da, Lieber, ich sah es ja in der Nähe. Unsern Staatsmann sah ich, heiliger Gott! Friedrich und sein großer Ahn, der Kurfürst, müßten im Sarge rot werden, wenn sie das gesehen! Ein Verräter – nein! Man kann nur verraten, was man weiß. Wenn er sich in den Wagen setzte, zur Konferenz zu fahren, wußte er noch nicht, was er raten, fordern, sprechen sollte. Napoleon fuhr ihn an. Er schwieg. Napoleon kajolierte ihm, ging ihm um den Bart. Er schwieg auch. Dies Schweigen soll wirklich den großen Mann anfänglich verwirrt haben, bis er merkte, daß man auch schweigen kann, nicht um zu verschweigen, sondern weil man nicht weiß, was man wollen soll. Solche Ratlosigkeit, solche Fassungskraft, solcher Mangel an Gedanken und Mut! Der Vertreter des Militärstaates wußte von den militärischen Operationen nicht, was ein Quartaner in Preußen wissen muß, ließ sich einschüchtern, Gott weiß womit, und was Napoleon in seiner Laune einfiel: er ließ sein Heer über Gebirge und Flüsse springen, Schlesien nehmen, Polen revoltieren, daß die Adjutanten hinter der Tür kaum das helle Auflachen zurückhielten. Das Heer, geschwächt, blutend, hätte damals nicht vier Meilen mehr gemacht. Dann, zum Trost, überschüttete er ihn mit Lobsprüchen für seinen guten Willen, seine Einsicht, und unser Mann ward rot vor Freude. – Und in solche Hände legen unsre Fürsten unser Schicksal, und solchem Feinde gegenüber!« »Die deutschen Fürsten – »Laß mich von ihnen schweigen: Was ich auch da sah, wenn eine Nachwelt kommt, wird sie's nicht glauben. Sauve qui peut , das ist das große Schibboleth der Zeit.« »Und das deutsche Volk?« »Soll es für die Goldne Bulle schwärmen, für Regensburg oder Wetzlar! Schwärmer gibt es, wofür wären wir Deutsche!« »Auch die Kreuzfahrer waren Schwärmer, und doch eroberten sie Jerusalem.« »Warte nur, Lieber, wenn die gutgesinnten Bürger die Straßenjungen gegen sie animieren. Kot auf sie! Mit Recht, sie stören ja die Ruhe. Alle die Volkserhebungen, die man versucht hat, da und dort, um den Erzherzog zu soulagieren, kläglich fielen sie aus, und wenn man Frieden schloß, wie ließ man sie im Stich! die armen Schelme! Was heute Tugend heißt und Patriotismus, die Diplomatie stempelt's morgen zum Verbrechen und Hochverrat, wenn's ihr so bequemer ist. Was willst du da vom armen Volk erwarten? Sie äffen den Fürsten nach, und sie tun recht. Wer etwas für sich schaffen kann, zugegriffen, solange es Zeit ist! Die alten Bande sind gelöst. Es gibt kein Recht, kein Gesetz, kein Vaterland mehr. Hasche den Sonnenblick, genieße den Augenblick, du weißt nicht, was morgen kommt. Schöne Mädchen und Zyperwein, Walter, solange es schmeckt. Preußen hat recht, wir waren im Unrecht; es hat den größten Bissen erschnappt. Presse Hannover aus, du weißt nicht, ob es dir nicht schon morgen wieder entrissen ist. Schöne Mädchen und Zyperwein! nur nichts von Vaterland, Menschenglück. Phantasmagorien, nichts als Mondscheinillusionen. Im Ernst, Walter! Sieh mich nicht so an. Die alte Zeit ist abgelaufen, aller Widerstand ist Torheit – der neue Titane zerschlägt dem alten Sonnengott den Karren, die Splitter und Funken fliegen durchs Weltall. Ducke dich in eine Höhle, wenn du eine findest, und wenn du lebendig bleibst, gaffe ihm nach, wohin er seinen Feuerball peitscht. Ich weiß es nicht.« »Und doch«, sprach Walter, ihm nachblickend, als er ohne Abschiedskuß nach der Stadt gegangen, »doch würdest du der erste sein, wenn –« Er folgte ihm. Seltsam, als Walter in das Haus des Geheimrat Lupinus trat, sollte er eine Unterhaltung überstehen, die denselben Gegenstand hatte. Er fand den gealterten Mann kränkelnd. Er hustete viel. Walter meinte, das Zimmer sei wohl lange nicht gelüftet, der Bücherstaub habe etwas Drückendes. Der Geheimrat hörte ihn mit Freundlichkeit an. »Gewöhnen wir uns doch daran, das Leben als eine Gewohnheit zu betrachten, dann fällt so vieles fort, was uns sonst quält und ängstet. Ist nicht der am glücklichsten, der nichts in seiner Lebensweise ändert? Wer immer ändert, stellt damit nur ein Testimonium aus, daß er nie zufrieden war. Ich weiß es, ich werde sterben, vielleicht bald, aber Sie werden noch lange leben; nun lassen Sie uns von Ihnen reden. Da ist Herr Niebuhr nun angekommen. Er wird bestimmt angestellt, und wahrscheinlich in einigen Wochen schon ist er Bankdirektor mit dem Titel Geheimer Seehandlungsrat. Er hat Ihre Abhandlung über Alba Longa mit Vergnügen gelesen. Er wird ein Mann von Einfluß werden. Jetzt kann ich Sie noch empfehlen, vielleicht bald nicht mehr. Sagen Sie mir Ihre Wünsche, lieber Walter.« Auf Walters Gesicht stand die Antwort. Es war ein Thema, was sie oft besprochen. Mit einem vielsagenden Blicke faßte der Kranke die Hand des Gesunden: »Unser Staat ist kränker, als ich bin. Die Republik liegt in den letzten Zügen, die Scipionen schlummern in ihrer Gruft, die Virtus neben ihnen, unser Aktium und Philippi steht vor den Toren, die Catonen mögen den Giftbecher leeren, es bricht zusammen, Herr van Asten, ich weiß es auch, und der Cäsar scheint auch schon da, der uns nur nicht behagt. Was bleibt da dem Freien? – Das Exempel, das ihm ein alter Freigelassener ließ.« Der Geheimrat hatte sich mit Mühe vom Stuhl erhoben und war, auf einen Stock gestützt, an seine heiligste Bücherwand geschlichen. Einen Walter wohlbekannten dünnen Band, unscheinbar in altem Leder, nahm er heraus. Es war eine Ausgabe des Horaz, an die er keine fremde Hand ließ; er zeigte das Buch nur seinen Freunden. »Wenn's Ihnen schlimm ums Herz wird, hier ist der Trost. Zweifeln Sie, daß Horaz ein guter Patriot gewesen? Ging ihm das Schicksal des römischen Staates nicht ans Herz? Ich sage Ihnen, es schnitt ihm hinein, tiefer, als die Herren Ausleger denken; der Schnitt steht nur zwischen den Versen, und da verstehn sie nicht zu lesen. Was hätte es nun geholfen, wenn er sich ins Schwert gestürzt? Was hatte Rom davon, daß Brutus es tat! Horaz warf seinen Schild fort, machte sich auf die Behendigkeit seiner Hacken, und als er stille stand und sich den Staub abklopfte, sah er, daß der Himmel noch immer blau war und die Sonne so lau und golden auf das schöne Italien schien als vorhin. Hätte er nun krächzen sollen wie die Eule Tacitus von ihrem alten Turm, Zeter und Wehe über die Verderbnis der Zeit! Hat Tacitus die Zeit besser gemacht oder die römischen Sitten, hat er Rom nur einen bessern Kaiser verschafft? Konträr, sie wurden immer schlimmer. Die Bußprediger tun's nicht, und in das Rad der Weltgeschichte greift keiner ein; das geht über die Köpfe der Völker und Königreiche. Ein Narr, wer da glaubt, daß er in die Speiche faßt, ohne zermalmt zu werden und ausgelacht obenein. Horaz schloß Frieden. Hat er darum sein Vaterland verraten? Sein Vaterland war größer. Ubi bene ibi patria ! Er sang: › Beatus ille qui procul negotiis ‹ –. Sein › contentam ducit vitam ‹ klang wie süße Musik unsern Vätern ins Ohr. Er ließ die laufen, quos curriculo pulverem olympicum collegisse juvat , und freute sich, von Rosen und Efeu umkränzt, am funkelnden Falerner. Er ließ den Augustus regieren, wie er Lust hatte, denn er stand unter dem bessern Regiment der guten Cythera. – Nicht wahr, das ist recht frivol und schlecht von ihm gehandelt! Und so was der Jugend zu predigen! Aber, aber – zweitausend Jahre beinahe vergangen, und Horaz lebt! Die Brutus spuken freilich, in allen Revolutionen, gar tugendhafte Männer, aber was hinterlassen sie? Verfolgungen, Kriminalprozesse, Steckbriefe, Ausweisungen, Schafotte, Bankrotte, ruinierte Familien, Elend – aber wen auch das Rad nach oben trägt, dem Horaz hört er immer gern zu, er hat in aller Welt das Bürgerrecht, der süße Prediger einer Lebensweisheit, die dauern wird, solange die Welt steht.« Walter schwieg. Sie hatten auch darüber schon oft sich verständigt, daß sie sich nicht verständigen könnten. Der alte Gelehrte klopfte ihm auf die Schulter: »Will ich Sie denn zwingen, junger Eigensinn! Erinnern Sie sich, wie Morus seine herrliche Biographie des Philologen Reiske anfängt: ›Omnis vitae Reiskianae ratio fuit, non cedere malis sed audentiorem contra ire! Der eigentliche Wahlspruch von Reiskes Leben war, der Not nicht zu erliegen, sondern mutiger ihr entgegenzutreten. ‹ Ist auch ein schöner Spruch und ein klassisches Latein. Meinethalben immer drauflos wie der große Reiske. Erinnern Sie sich aber gelegentlich, daß Horaz auch gesagt hat: › Est modus in rebus, sunt certi denique fines .‹ Er hat keine Maxime aufgestellt wie Cicero, daß der Mensch wedeln soll vor der Macht, weil sie Macht ist. Und dann dachte auch wohl der heidnische Philosoph nicht an den Wurm, 's ist an einem anderen, der das Maß finden, die Grenze stecken soll. Und › Integer vitae, scelerisque purus  –‹, das hatte dieser selbe Horaz auch gesagt. In meinem Testament hatte ich es Ihnen vermacht – diese – ja diese Leidener Silberschrift mit verschlungenen Händen. Warum so lange warten! Rasch in die Brusttasche, zur Erinnerung an einen alten Mann, der Ihnen wohlwollte.« Das war etwas Ungeheures – Walter erschrak: »Dies Exemplar, Herr Geheimrat!« Der Gelehrte drückte es ihm in die Hand: »Dieses, ich weiß keinen bessern, der es nach mir aufhebt. – Es ist freilich nur vom zweiten Abdruck. Ja, wenn es mir gelungen wäre, eines mit dem Totenkopf zu erhalten! Was habe ich nicht korrespondiert, nach England, Schweden, was habe ich geboten! Der Herr Legationsrat von Wandel, was hat der sich nicht für Mühe gegeben – er hofft noch immer; aber – es war vielleicht ein zu großer Wunsch, und kein Mensch scheidet von dieser Welt, der sagen kann, daß alles in Erfüllung ging, was er wünschte.« Den Geheimrat befiel hier ein heftiges Hüsteln. Die Sprache versagte ihm, und der kalte Schweiß stand auf seinem blassen Gesicht. Als Walter ihn nach seinem Stuhl führen wollte, stand die Geheimrätin plötzlich da – man konnte glauben, daß sie hinter einer Bücherwand Zeuge des Gesprächs gewesen. »Verzeihen Sie, Herr van Asten, man muß einen so langen Umgang mit einem teuren Kranken gehabt haben, um seine Wünsche zu verstehen.« Ihr Blick hatte ihn fortgewiesen, und er gehorcht. Fast machte er sich einen Vorwurf. Hatte ihm der Geheimrat nicht noch etwas sagen wollen? Vielleicht war es das letzte Mal, daß er ihn sah. Aber er hatte schon die Weisung der Geheimrätin überschritten, die aus Vorsorge für den Kranken den Befehl gegeben, niemand ohne ihr Vorwissen in das Zimmer zu lassen. Er zauderte im Vorzimmer. Der Kranke mußte sich wieder erholt haben, er hörte ihn die vorhin angefangene Ode ›Integer vitae, scelerisque purus‹ rezitieren. War es sein Sterbegesang? Die Geheimrätin schien betroffen, als sie, zurückkehrend, Walter noch fand. Der Blick, den sie ihm zuwarf, hatte etwas Befremdendes, es war ihm auffällig, daß sie ein Tuch vor dem Munde hielt, welches sie im Augenblick, wo sie ihn sah, fallen ließ. Er glaubte sich zu entsinnen, daß sie schon im Krankenzimmer es an die Lippen gehalten. Doch es war nur ein Moment gegenseitiger Befangenheit. Sie setzte sich auf ein Sofa, oder ließ sich fallen, und drückte das Tuch an das Gesicht. Ein Schluchzen hörte er nicht. Er sprach einige Worte der Teilnahme, daß die Gefahr wohl nicht so groß sein werde, als man annehme, daß die Natur des Geheimrates auch schwerere Krankheiten zu überwinden imstande sei, daß er unter einer solchen Pflege genesen müsse. Den starren, höhnischen Blick, als sie das Tuch wieder sinken ließ, konnte er nie vergessen. »Meinen Sie, Herr Doktor? – Er wird sterben. Wenn auch nur darum, damit die Leute sagen können, ich hätte ihn schlecht gepflegt.« »Gnädige Frau, es ist nur eine Stimme, mit welcher Aufopferung Sie für das Schicksal Ihrer Angehörigen sorgen.« »Sind Sie wirklich noch so jung und harmlos, Herr van Asten? – Sie haben doch auch schon Erfahrungen hinter sich«, setzte sie hinzu, »und sollten wissen, was auf diese Stimme zu bauen ist. Oder hörten Sie immer nur den lächelnden Anfang und schlossen vergnügt Ihr Ohr, wenn die herzlich Teilnehmenden von ihrem Lobe sich erholten, zuerst in kühler Betrachtung, die sie unparteiische Würdigung nennen, dann in leisen Bemerkungen, daß bei dem vielen Guten doch auch Schattenseiten sind; endlich, wenn die liebreichen Seelen erkannt, daß sie unter sich sind, öffnen sich die Schleusen, und die ätzende Bitterkeit schießt heraus, bis von dem Lobe nichts bleibt als eine tötende Wunde.« »Das Tier im Menschen zu bekämpfen, sind wir auf dieser Erde.« »Meinen Sie, Herr Doktor! Ich meinte nur, die Klauen und die Stacheln unter einer glatten Haut zu verbergen. – Wer leben will, atmen, genießen«, rief sie mit einer heiseren Stimme, die nur aus einer zerrissenen Brust kommt, »dem rate ich nicht, die Waffen fortzuwerfen, die ihm die Natur gab.« »Sie gab uns auch andre – einen Schild, durch welchen die Stacheln nicht dringen.« »Der Schild, den Sie meinen, heißt Resignation. Sind Sie in der Tat noch so unschuldig, Herr van Asten, oder, ich glaube doch nicht, daß Sie zu den konzilianten Gemütern sich geschlagen haben, die jeden Riß mit einer weißen Salbe heilen möchten. Nein, ich weiß es, auch Sie stemmen den Kopf gegen eine Mauer. – Machen Sie sich doch nicht kleiner, als Sie sein wollen, vor – denen, welche Sie von einer besseren Seite kennengelernt! –« sprach sie plötzlich aufstehend. Sie war in einer Aufregung, die Walter an ihr neu war. Sie wollte das Zimmer verlassen, aber es war ein Dämon in ihr, der sie sprechen ließ, was sie nicht sprechen wollte. »Das Leben ist ein fortwährender Krieg aller gegen alle. Einfaltspinsel oder Betrüger, die von der Humanität faseln. Die stillen, friedlichen Pflanzen haben kein ander Naturgesetz, als eine die andre niederzudrücken. Nur die entfernt stehen auf zwei Gipfeln, die den Saft der Erde, Tau und Licht des Himmels nicht zu teilen haben, mögen mit Liebe kokettieren. Das kann der Mensch nicht. Zwei, die auf zwei Gipfelhöhen stehen, beneiden sich auch in der Entfernung; so fein hat die Natur es gefügt. Unterbrechen Sie mich nicht, mein Herr, ich statuiere gar keine Ausnahmen. Mann und Frau sind doch wenigstens eins, wollten Sie einwenden! Ja! bei den Ehen, die im Himmel geschlossen werden. Nur schade, daß bei denen, die wir kennen, der Notar und der Geistliche das Werkzeug waren. Wir leben auf dieser Erde, mein Herr. Ihre dämonischen Säfte, ihr Atem zuckt in unserm Blute, und ihr Prinzip ist: töten, indem wir nach Luft und Leben ringen. Ihre Rechtsgelehrten sprechen ja wohl von dem Recht der Not, wonach von zwei Schiffbrüchigen auf einem Brett der schlauere und stärkere den andern hinabstoßen darf. Die Toren nennen es einen Ausnahmefall. Es ist die Regel, das Naturgesetz, danach leben Könige und Völker, es gilt allüberall, wo die heiße Sonne auf das blasse Elend scheint, und der blasse Mond spöttisch über die Seufzer lächelt, die aus der heißen Brust zu ihm aufsteigen. Oder gehören Sie zu denen, die das Brett loslassen und sich von der Welle fortspülen lassen, damit die Kreatur am andern Ende, der edle Nebenmensch, gerettet wird?« »Ich ward noch nicht in die Versuchung geführt.« »Wenigstens ehrlich!« lachte die Geheimrätin. »Nein, nur halb ehrlich! Die kleinen Versuchungen, wo sie unterlagen, haben Sie aus Schonung gegen sich selbst vergessen. Sie zittern nur vor den großen, die noch kommen.« »Ich will sie abwarten.« »Mit der Miene eines Stoikers. Aber ich sehe, wie der unterdrückte Ehrgeiz, das getäuschte Vertrauen unter den Fältchen Ihrer Stirn kocht. Sie tun recht daran, Herr van Asten, die Haut recht glatt zu spannen. Aber mich täuschen Sie nicht, so wenig als ich Sie täuschen will. Ja, ich bin im Kriege mit dieser Welt um mich her. Wenn ich nicht schon ganz gemieden, ausgestoßen bin, oh, glauben Sie nicht, daß es aus Menschenliebe, aus einem Rest von Achtung vor meinen Eigenschaften ist. Die gesellschaftlichen Rücksichten drücken ihren Stachel auf den zurück, der sie zuerst bricht. Das ist es allein. Darum kommt man noch in mein Haus, darum öffnen sich die Flügeltüren, wo ich erscheine. Darum noch Händedrücke, plötzlich süße Mienen, wie sauer es ihnen auch wird, ein Embrassement! Ich gebe ja noch zu essen, ich habe einen Namen, mein Mann hat einen, meine Väter hatten einen. Andere führen eine glänzende Tafel, haben höhere Titel, versammeln anmutigere Gesellschaft um sich, aber die Türen könnten sich doch einmal schließen, man könnte hinausgestoßen werden, und dann bin ich gut genug als pis-aller . Oh, die Menschen sind vorsichtige Rechenmeister. Auch sind einige so gütig, zu meinen, daß ich Verstand hätte, sogar einen scharfen. Ich sehe ihre Schwächen. Das ist vielen sehr unangenehm. Meine Zunge verwundet auch wohl; es ist meine Natur. Das ist vielen dieser zartgeschaffenen Seelen noch unangenehmer. Da sie mich nicht von der Welt schaffen können, was ihnen das liebste wäre, versuchen sie, mit mir zu liebäugeln. Und das ist das gescheiteste. Wen man fürchtet und nicht vernichten kann, muß man streicheln, bis die Gelegenheit kommt, eine Fallgrube, in die man ihn hinterrücks stößt. Das ist die Politik der Natur; Könige und Kammerdiener, Kluge und Dumme üben sie, und es gibt solche, die meinen, daß die Welt nur durch sie besteht.« Wer hatte diese unglückliche Frau bis zu diesem Äußersten gereizt? So hatte sie sich nie ihm gezeigt. Sie schien seine Gedanken zu lesen: »Hat meine Aufwallung Sie erschreckt? Beruhigen Sie sich, mein Herr, ich werde auch wieder ruhig werden. Es ist zuweilen Bedürfnis, sich gegen Menschen auszusprechen, von denen wir glauben, daß sie uns verstehen.« Sie war ans Fenster getreten, aber mit einem Umweg und Seitenblick auf den Spiegel, wie Walter, jetzt aufmerksamer, bemerkte. Sie hatte das Fenster geöffnet, um Luft zu schöpfen, aber sie hatte mit dem Tuche rasch die Toilette ihrer Physiognomie gebessert. Als sie sich zu unserm Bekannten umwandte, war das Gesicht ein anderes, die fieberhafte Aufregung war verschwunden, die Augen stachen noch, aber glühten nicht mehr, es war der lauernde, ernste Ausdruck, der in ihren Zügen fesselte und abstieß. »Ich gab mich Ihnen eben ganz, wie ich bin. Sie konnten das geheimste Fältchen in meiner Seele lesen. Ich überlasse Ihnen, davon Gebrauch zu machen, wie Sie wollen, denn ich bin nicht so albern, zu glauben, daß ein Rest von Dankbarkeit und Pietät Sie bestimmen sollte, mich zu schonen. Nein, beurteilen Sie mich, klagen Sie mich an vor der Welt, wie Sie mich kennengelernt. Mein unglücklicher Mann wird sterben – den täuschenden Trost der Ärzte weiß ich zu würdigen –, er wird sterben, und mich wird man anklagen. Man wird sagen, ja, als es zum Ärgsten kam, da schlug ihr das Gewissen, da pflegte sie ihn, da verließ sie ihn nicht bei Tag und Nacht, da härmte sie sich ab. Warum nicht früher? Und die klugen Leute haben recht, denn der Schein ist wider mich. Wer sieht denn hinein in das geheime, zwanzigjährige Wehe eines zerrissenen Herzens! Ich verbarg es der Welt; es hat niemand ein Recht, meine zerrissenen Schuldbücher nachzuschlagen. Das Glück meines Lebens kostete mich der Schein, die Rolle einer Befriedigten zu spielen. Wenn ich nun aufschrie: Er war nie mein Gatte! Nein, mein Herr, ich ward ruhig, ich ward sehr ruhig. Sie mögen mich eine Frau schelten, die um ihren Mann sich erst kümmerte, als der Anstand forderte, auf seinem Totenbett das Haar vor Schmerz zu raufen. Ich will ihnen auch den Gefallen nicht tun; ich will ihnen auch den Schein lassen, mich kalt, gefühl- und herzlos zu schelten. Meine Trauer will ich in mich verschließen und eine stumme Bildsäule an seinem Sarge stehen, damit sie ein Rätsel mehr zu lösen finden. Jeder mag es nach seiner Art. Sie, Herr van Asten, kennen mich nun, in einer unbewachten Stunde schloß ich mein ganzes zerrüttetes Sein vor Ihnen auf – Nun suchen Sie sich Kompanie, die Ihnen gefällt, unter Hohen und Niedern, über mich herzufallen, mich zu zergliedern, verurteilen. Ich bin auf alles gefaßt.« »Ich aber nicht darauf, daß Frau Geheimrätin Lupinus mich dazu fähig hält.« »Fähig, das weiß ich nicht, ich kenne Sie nicht genug. Aber aus Klugheit dürfen Sie vielleicht nicht Kompanieschaft halten. Die gemeinen Seelen müssen, es ist ihre Natur, Krieg führen gegen alles, was sich über ihr Niveau erhebt. Und Sie sind in diesem Kriege. Bleiben Sie in der Defensive, so sind Sie verloren. – Ich weiß es nicht«, setzte sie nach einer Weile hinzu, »ich kümmere mich nicht darum, ob Sie den Mut haben, Ihren Feinden ins Lager zu dringen.« Unwillkürlich war Walters Blick auf seinen Arm in der Binde gefallen. »Sie haben den Chevaleresken gespielt, Ihren Gegner am Leben gelassen. Verspielt, Herr van Asten! Wer seinen Gegner nicht vernichtet, hat ihn gestärkt. Hätten Sie Rache genommen, wie die Beleidigung es heischte, ja dann – aber glauben Sie nicht, daß man Sie darum für einen Kavalier hält, weil Sie nach der Mondscheinschrift in dem schwarzen Buch der Kavalierehre gehandelt. Obsolete Dinge! Man zuckt die Achseln, ein Gelächter rieselt, wenn die Junkeroffiziere von der Affäre erzählen. Der andre wird jetzt beklagt, Sie – Sie, Walter, werden nicht gefürchtet. Und Sie könnten gefürchtet werden, es war in Ihre Hand gegeben. Es war die einzige Waffe für den Bürgerlichen, glauben Sie mir, ich kenne sie ja, sich Respekt zu verschaffen. Die warfen Sie aus der Hand. Was wollen Sie nun tun? Alles, was Ihre feine, scharfe Feder schreibt, kitzelt ja keinem die Haut. Sie antichambrieren umsonst, Ihre Ideen bleiben Mondscheinsgedanken, denn die Welt bleibt dieselbe, Herr van Asten. Nach jedem Erdbeben, wo etwa die Lohe des Geistes, aus der verschlossenen Tiefe berstend, über die Täler und Berge wirbelte und die Wolken erleuchtete, wo die Geknebelten Freiheit schrien und Recht, nach jedem solchen Rausch kommen sie wieder zur Besinnung, es zieht sich wieder die Rhinozeroshaut der Gewohnheit um das Pseudotitanengeschlecht, das den Himmel stürmen wollte, und die Menschheitsbeglücker hat man noch immer nachher gekreuzigt und verbrannt, wenn man es nicht für bequemer hielt, sie nur einzusperren und auf dem Stroh verfaulen zu lassen. Die Welt wird nicht anders.« »Noch würde ich sie geändert haben, wenn ich den Kornett in die jenseitige geschickt. Die Rache baut nicht Häuser, sie zerstört nur. Wehe, wo es gilt, unser zerrüttetes Gemeinwesen wieder zu heben, wenn die bisher Gedrückten nur daran denken, sich an ihren Unterdrückern zu rächen, wenn nicht alles Persönliche als wesenlos beiseite bleibt, wenn die Retter nicht mit ernstem, heiligem Willen an die Tat gehen.« Man hätte ein chamäleontisches Mienenspiel auf dem Gesicht der Geheimrätin bemerken können, das sich endlich in ein feines ironisches Lächeln um ihre Lippen auflöste: »Sie haben die Prüfung gut bestanden, Herr van Asten; ganz wie ich sie erwartete. Hoffen wir alle auf dem Wege der Geduld und Entsagung zu unserm Recht zu kommen. Ich habe Geduld. Nicht wahr! Und ich habe entsagt – sogar dem Glück, verstanden zu werden. Kann man mehr? Leben Sie wohl –« Sie war gegangen, um an der Tür wieder stehenzubleiben: »Sahen Sie Adelheid seit Ihrem Ehrenhandel?« »Sie hatte einen Rückfall, als ich nach meiner Genesung ansprach.« »Sie werden auch in dieser Entsagung sich einen Lorbeer erwerben können.« »Wenn ich um den Sinn der Worte bitten darf?« »Daß Adelheids Sinn, seit sie bei der Fürstin ist, sich geändert hat, brauche ich Ihnen doch nicht erst zu sagen.« »Die Fürstin hat so wenig Macht, als irgendeine Frau auf Erden, Adelheids Sinn zu beugen.« »Freilich, da ein andrer ihn schon gebeugt hatte.« »Ich werde mich selbst zu beugen wissen vor dem Unabänderlichen, wenn es entschieden ist.« »Eine seltsame Bezeichnung für den jungen Bovillard.« »Bovillard!« »Liebt, das heißt, er rast für sie. Nun, das weiß jedes Kind – Sie gewiß auch.« »Bovillard!« »Er ist ja auch wohl Ihr Freund! Was tut das? Daß die Fürstin sie deshalb zu sich genommen, daß es eine große Komödie in der Komödie war, ist Stadtgespräch. Daß Adelheid seine Neigung erwidert und nur krank ist, weil sie es zu gestehen sich scheut, sind öffentliche Geheimnisse.« Walter hatte an seinen wunden Arm gefaßt, nur um mit der Hand irgend etwas zu fassen. Der furchtbare Schmerz erpreßte einen unterdrückten Schrei, er lehnte sich erblassend an ein Möbel. »Nun, Sie werden heroisch sein. Wer wird Rache nehmen, wenn er beleidigt ist! Und an einem Freund! Übrigens glaube ich wirklich nicht, daß die Fürstin Gargazin an Herrn von Bovillard ernstlich denkt. Sie hat wohl andre Pläne. – Haben Sie nicht gehört, wann Kaiser Alexander Berlin wieder besucht?« Walter hatte nur die Hälfte gehört. Er hatte, respektvoll vor ihr sich neigend, für die gütigen Mitteilungen gedankt; der Kaiser, wie er gehört, werde ein Bad in Asien besuchen. Es sei bei der geschwächten Gesundheit des erhabenen Monarchen wohl recht zu wünschen. Unten an der Treppe faßte er wieder seinen Arm. »Dies Weib! Dies Weib! Gießt sie Gift oder Feuer in meine Adern!« Die Lupinus lachte, als sie allein war, häßlich auf: »Der Wurm sticht doch, wenn er getreten wird, und der verwundete Elefant und Löwe erhebt ein Gebrüll, wovon der Wald erzittert, nur der Mensch prätendiert, edel zu sein, wenn er mit einem stummen Seufzer sich zertreten läßt.« Fünftes Kapitel. Nur keine Lüge mehr! Es war ein glänzender Gesellschaftsabend im Palais der Fürstin. Aber der Abendstern, der heute glänzen sollte, erschien wie erlöschendes Licht, wie eine schöne Statue in Mondscheinbeleuchtung. Es war etwas vorangegangen. »Ein zu heißer Tag!« sagten die Herren. Die Fürstin lächelte sanft. Man wußte in den flüsternden Gruppen, weshalb die Fürstin die schöne Adelheid in ihrem Hause aufgenommen. Sie sollte es dekorieren, wie die schönen Bilder, Statuen und Raritäten an den Wänden es dekorierten. Gerade wie die Lupinus vorhin ein solches Möbel für ihr Haus gebraucht. Dies hatten die scharfen Zungen schon längst ausgesprochen. Auch mag ein Möbel, eine Ornamentur, die in einem Hause längst ein abgenutzter, alltäglicher Gegenstand geworden, in einem andern durch geschickte Verwendung wieder zu einem der Bewunderung werden. Aber die Fürstin arrangierte nichts, sie ließ alles gehen, wie es wollte. Das junge Mädchen war nicht wie eine Untergebene, nicht wie eine Tochter, man möchte sagen, auch nicht wie eine Freundin, sondern wie eine Herrin aufgenommen, der ein Recht auf dieses Haus und alles darin zustand. Sie hatte ihre besonderen Zimmer, Diener, sie konnte Besuche empfangen, ausfahren, wie sie Lust hatte. Sie erschien oder blieb aus, wenn Gesellschaft sich versammelte; die Fürstin betrachtete es als eine Freundlichkeit, wenn sie teilnahm, und dankte ihr, jedoch mit der Bitte, es nie als ein Opfer zu betrachten, vielmehr ganz ihrem Penchant zu leben. Die Königin Luise hatte wieder gelegentlich den Wunsch geäußert, die schöne Adelheid zu sehen. Der Wunsch einer Königin ist sonst Befehl. Aber als Adelheid die Augen niedergeschlagen und geantwortet hatte: »Was soll ich vor der hohen Frau?«, war die Fürstin ihr mit der liebenswürdigsten Art um den Hals gefallen: »Sie haben recht, was sollen Sie da! Warum sich einen Zwang antun. Solche hohe Personen werfen in der einen Stunde einen Wunsch hin, um ihn in der nächsten zu vergessen.« Gegen vertraute Freunde äußerte sie: »Wo die Sonnenblume wuchert, verkäme das Veilchen. Der Gärtner behandelt jede Pflanze nach ihrer Natur. Zwingt man ihr Licht, Erde, Wärme auf, die ihr fremd sind, vergeht sie oder schießt zu einer unnatürlichen Bastardart auf. Und eine Pflanze, die im Zimmer krank war, heilt man nur, wenn man sie dem natürlichen Boden zurückgibt. Es ist an dem jungen Mädchen zuviel erzogen worden; das rasche, künstliche Einimpfen von Wissenschaft und Grundsätzen hat ihren natürlichen Entwicklungsgang gestört. Diesen muß man wiederherstellen, indem man sie ganz sich selbst überläßt –« »Und ihren Phantasien«, hatte einer der Freunde geantwortet. Es mußte im Ton ein Vorwurf liegen. Wenigstens faßte die Gargazin es so auf, indem sie nach einem Augenblick Nachdenkens entgegnete: »Und warum nicht! Sehnen wir uns nicht alle zuweilen in die Märchenwelt zurück, wo die Blumen sprechen und die Wälder singen. Ist denn die Unterhaltung am Teetisch so fesselnd, daß wir darum nicht begierig wären, die Stimmen der Vögel zu verstehen! Wir können nicht mehr aus dem Gewühl der Gesellschaft dahin zurück, warum es denen nicht erleichtern, die noch halb im Flügelkleide gehen! Die Phantasie, sich selbst überlassen, schießt giftige Blüten, will man behaupten. Wie macht denn die Biene den Honig? Keiner lehrt sie, welche Blumen und Kräuter schädlich, welche den süßen Saft enthalten. Sie nippt den Tau, sie nippt den Duft, sie saugt am Busen der Natur – der Mensch soll nicht Instinkt haben, wollen sie behaupten, weil der Schöpfer ihm einen besseren Mentor mitgab. Die arme Vernunft und die noch ärmlichere Erziehungskunst! Was präpariert ihm diese für Kreuz- und Querwege, welche philisterhafte Musterkarte von eingepferchten Begriffen und Vorstellungen, durch alle die das arme Kind systematisch hindurch soll auf den Weg zur Vervollkommnung. Oh, geht mir damit, laßt es springen wie das Reh im Walde. Verirrt es sich, wird es sich wieder hinausfinden. Nascht es von einer giftigen Frucht, legt es sich unter einen Blütenstrauch schlafen, der tötenden Dunst aushaucht, so hat die Natur, die Bergluft, der klare Quell tausend Mittel, das Gift zu paralysieren. Sehn Sie das Bild«, hatte sie, auf eine Schilderei zeigend, gesprochen. »Das Kind ist am Abgrund eingeschlafen, aber sein Genius wacht neben ihm.« »Könnte es aber nicht einmal sein, Erlaucht, daß der Genius müde würde von dem ewigen Händeaufhalten?« hatte Lombard erwidert. »Was macht denn dann das arme Kind, wenn er einschläft?« »Es würde unzweifelhaft in den Abgrund stürzen, mein Herr Geheimrat, wo es indes nicht so düster und schreckhaft sein muß, als der Maler angedeutet, denn ich weiß von sehr geistvollen und liebenswürdigen Personen, die in dem finstern Grunde wie zu Hause sind. Das arme Kind –« »Würde sich auch gefallen, wenn es einmal gefallen ist, meine gnädigste Frau?« »Wenn sein Engel erwacht ist, wird er die Arme emporstrecken, und aus den dunkeln Wolken da wird ein Vaterauge blicken, von so glänzender Huld, daß selbst mein Herr von Lombard davon geblendet wäre, und eine lichte Wolke würde sich herabsenken in den Grund, das Kind umschließen und es sanft in die Lüfte heben.« »Charmant, Erlaucht, ganz sanft«, hatte Lombard gerufen, »sanft und langsam, damit es doch noch ein bißchen da unten sich umsehn kann und eine rekreiernde Erinnerung in die Wolken mitnimmt. Bon Dieu, wie grau hat der Maler sie angelegt! Das sind Wolken, die Regen träufen.« »Tränen aus schönen Augen«, hatte die Fürstin erwidert. Es war etwas vorangegangen vor dem Abend, von dem wir sprechen wollten. Die Fürstin war von ihrem Prinzip gewichen, sie hatte Adelheid genötigt, mit der Baronin Eitelbach eine Spazierfahrt zu machen. Sie wollte die schöne Seele los sein. Adelheid hatte sie als Blitzableiter gebraucht, ohne zu bedenken, ob die elektrischen Zuckungen des Entsagungsfiebers nicht in den Blitzableiter selbst übergehen und ihn verderben könnten. Die Welt wäre vollkommen, wenn es keinen Egoismus gäbe, sagen weise Leute. Andre meinen, es wäre darin nicht auszuhalten, wenn nicht bisweilen der Impuls der Selbstsucht zerstörend durch die Linien und Netze fahre, mit denen uns die berechnende Weisheit zu Zahlen in einem großen Exempel machen will. Es war ein schwüler Sommertag, aber es ruhte sich so weich in den Polstern des offenen, von englischen Federn geschaukelten Wagens, und der russische Kutscher lenkte seine Pferde pfeilschnell durch die schattenreichsten Gänge des Tiergartens. Eine Fahrt, recht geeignet, um seinen Träumen nachzuhängen; die Gedanken konnten spielen wie die Schatten der Blätter auf den hellen Kleidern der schönen Damen, die, sie wußten selbst nicht recht, warum, hier kopuliert waren. Die Baronin war eine herzensgute Seele; dessen war sie sich jetzt selbst bewußt, seit die Liebe ihr ein Bewußtsein gegeben. Sie hatte nie hinter dem Berge gehalten, als sie noch nichts mitzuteilen hatte, nämlich aus ihrem innern Leben; seit hier ein Gedanke wogte und andere erzeugte, die sie für ihr unbestreitbares Eigentum hielt, erschien es ihr sogar als Pflicht, von diesen Gefühlen und Gedanken auszuschütten. Je schwerer uns eine Errungenschaft ward, um so höher taxieren wir sie, um so mehr halten wir uns berechtigt, daß andere Belehrung von uns empfangen müssen. Es ist nun einmal aller Autodidakten Art. Adelheid war eine Kranke. Das war eine angenommene Sache, nur war man darüber uneinig, ob ihre Krankheit eine physische oder psychische sei. Die Roheren oder die Gleichgültigen sagten: sie sei so schlecht von der Geheimrätin behandelt worden, oder sie habe sich doch so wenig mit ihr vertragen können, daß sie fortlaufen mußte, und man habe es dann nachher so abgekartet, als hätte die Fürstin sie nur wegen des Nervenanfalls ins Haus genommen. Von dieser erschrecklichen Behandlung oder dem inneren Zwiespalt sei das arme Mädchen krank, und schweige nur darüber aus Großmut und Schonung gegen ihre frühere Wohltäterin. Vermittelnde sprachen für jene schon erwähnte Tradition, daß die Geheimrätin ihr Verhältnis zu Walter van Asten begünstigt, daß sie ungehalten geworden, weil Adelheid kalt gegen ihn geworden; das habe beide auseinandergerissen. Aber krank konnte sie doch darum nicht sein; nicht aus Verdruß, daß sie die Liebe einer Frau eingebüßt, welche sie nie geliebt, noch Wohltaten, welche ihr stets erdrückend gewesen. Genoß sie doch jetzt die volle Liebe und Wohltaten der liebenswürdigen Fürstin in ganz anderm Maße. Also mußte eine andere Liebe ihrem kranken, unbeschreiblichen Wesen zum Grunde liegen. Und hier war das Feld der Vermutungen für die Feineren. Sie hatte dem ihre Neigung zugewandt, der sie als Lehrer rasch und glücklich in ein höheres geistiges Leben geführt. Es war eine reine uneingeschränkte Neigung geblieben, welche sie, von Bewunderung und Dankbarkeit erwärmt oder getäuscht, für Liebe gehalten, bis – ein anderer erschien, für den ihr Herz anders schlug. Sie war krank geworden, wirklich körperlich leidend, unter Gefühlen, die sie vergebens zu unterdrücken versucht. Da war – es mußte eine Krisis eingetreten sein, die mit einer äußern Begebenheit in Verbindung stand. Sie war infolge derselben in ein andres gastliches Haus übergebürgert. Soweit war den Eingeweihten alles klar. Sie kannten auch den Namen des Zauberers, ihn selbst. Hier aber schoß ein neues Rätsel auf, eine neue Sphinx lagerte sich vor dem Portikus, der in die Salons der Fürstin führte. Louis Bovillard hatte Zutritt. Die Fürstin, die um alles wissen mußte, nahm ihn, wenn nicht mit Auszeichnung, doch mit zuvorkommender Teilnahme und Güte auf. Er, bis da ein wüstes Genie, das man verloren gab, vermieden, wenn nicht gar ausgestoßen aus der Gesellschaft, ward von ihr nicht nur zu den kleinen Zirkeln und Partien gezogen, sie schien die Fahne über ihn schwenken zu wollen, wenn sie die höchsten und ehrenwertesten Personen in ihr Haus geladen hatte. Und er ging aufrecht und stolz umher, unbekümmert um die, welche ihn scheuten oder haßten; denen mit ironischem Mitleid sich nähernd, welche vor seiner Berührung erschraken. Bis auf eine feinere Toilette, eine gentilere Haltung schien er hier derselbe Louis Bovillard, auf den man einst auf der Straße mit Fingern zeigte; dieselbe Nonchalance, derselbe kaustische Witz, mit bitteren Sottisen, mit einem beißenden und vernichtenden Urteil, derselbe Übermut und dieselbe Rücksichtslosigkeit gegen die, um welche die Gesellschaft sich ehrerbietig gruppierte. Nur wenn eine erschien, war er ein anderer. Sein Übermut war gebrochen, sein Witz stockte, seine glühenden Augen hafteten auf ihr. Er konnte dem flüchtigen Beobachter, wenn er sie dann wieder zu Boden sinken ließ, wie ein verlegener junger Mensch bedünken, der zum erstenmal in eine Gesellschaft tritt. Und doch war Louis Bovillard kein Rätsel. Aber sie, die eine, welche diese Wirkung auf den tolldreisten Wüstling geübt! Liebte sie ihn, sie, die so ruhig und kalt ihm entgegentrat wie jedem andern gleichgültigen Gast, seine Verbeugung mit leichter Grazie erwidernd, um nach einigen gewechselten Worten über Wärme und Kälte, Wetter und Wind, anderen entgegenzueilen! Wie war sie da erfreut, schüttelte die Hände, embrassierte die unbedeutendsten und unangenehmsten Damen wie nur teure Jugendfreundinnen. Nur daß sie, plötzlich in Gedanken versunken, auf ihre Ansprache zerstreut antwortete. Sie mußte nicht recht zugehört haben, sie verwechselte die Personen. »Eine verzogene kleine Glücksprinzessin«, hatte da wohl eine vornehme Dame geäußert, die auf spezielle Aufmerksamkeit Anspruch machte. – »Sie ist wohl destiniert, immer die Interessante zu spielen«, entgegnete eine andere. – »Sie ist krank, und kränker, als wir denken«, sagte ein Arzt, der berühmte Doktor Markus Herz, welcher sie seit einiger Zeit aufmerksam zu beobachten schien. Auf die Frage, was ihr fehle, entgegnete er: »Was unserm Staate fehlt, eine heftige Krisis, damit die Krankheit herauskommt.« – »Welche Krankheit?« – »Die schwerste, die, welche man vor sich selbst verbirgt.« Sie liebt ihn doch, sagten die Empfindsamen, denn sie war immer blaß. Das blühende Kolorit war verschwunden, die Rosenröte, die sie überhauchte, ging so schnell vorüber, als sie plötzlich kam. Sie konnte unter andern blühenden jungen Mädchen wie eine Geistererscheinung aussehen. Klopfte man bei der Fürstin vorsichtig an, so schien sie überrascht von der Wahrnehmung. Sie hatte gar nichts bemerkt, da es ihr Prinzip sei, ein so vom Himmel sichtlich begünstigtes Wesen ganz sich selbst zu überlassen. Schon die Beobachtung wirke störend ein auf eine so eigentümlich konstruierte Psyche. Freilich konnte auch sie dem, was zutage lag, ihr Auge nicht verschließen, aber sie hatte schnell die Erklärung gefunden. Adelheid war enthusiastische Patriotin. Die Schmach des Vaterlandes drückte ihre Seele. Und Adelheid bestätigte es ja mit Wort und Tat. Sie begriffe nicht, wie man Bovillard heißen könne! hatte sie einmal ausgerufen, als verlautete, daß der Kaiser der Franzosen dem Geheimrat Bovillard eine Auszeichnung durch seinen Gesandten zukommen lassen. Jemand, der fein auf den Strauch klopfen wollte, hatte darauf erwidert, der junge Bovillard teile nicht die Meinungen seines Vaters. »Aber er schwärmt für Bonapartes Größe!« hatte sie ruhig erwidert und sich abgewandt. »Also darum kann sie ihn nicht leiden!« hatte zu seinem Nachbar der Kammerherr von St. Real gesagt, welcher die Zirkel der Fürstin zu frequentieren anfing, sich aber noch bescheiden im Hintergrunde hielt. »Meinen Sie nicht auch, lieber Doktor Herz, daß unsre jungen Mädchen anfangen, an Überschwenglichkeit zu leiden?« Der Doktor hatte, freundlich nickend, seine Hand auf die Schulter des Kammerherrn gelegt: »Wir sind alle zu Leiden geboren; der Unterschied ist nur, daß die einen an zu vielen Mängeln, die andern an zu vielen Vollkommenheiten leiden. Zum Exempel, die einen sind zu dumm und die andern zu klug. Beide Krankheiten sind darin sich gleich, daß beide inkurabel sind. Ihre Differenz aber ist, und darin werden Herr Kammerherr mir wieder recht geben: wer überschwenglich klug ist, leidet nur für sich, der überschwenglich Dumme macht andre leiden, denn sie müssen ihn anhören.« Auch die Baronin Eitelbach betrachtete Adelheid als eine Kranke; Adelheid litt an der Krankheit, in deren Überwindungsstadium sie sich selbst befand. »Liebe Seele«, hatte sie gesagt, »ich kenne ja das. Sie sind verliebt und wollen sich's nicht eingestehen.« Adelheid war aufgefahren: Sei es denn Zeit, um zu lieben, wo man nur hassen müsse? Sie hatte von der Ehre und der Not des Vaterlandes gesprochen, warm, wie es aus dem Herzen kam, in solchen Augenblicken dürfe der Mensch nicht an sich denken! Aber sie erschrak über ihre eigenen Worte. Es war eine Rede, geborgt aus einer anderen Stimmung, denn sie hatte ja eben nicht an das Vaterland, sie hatte nur an sich gedacht. Wie sie dort im kurzen Röckchen unter den Platanen gespielt, unter den Brombeersträuchern Hütten gebaut, der kleine grüne Fleck hinter den verkümmerten Tannen war eine Wüste gewesen, die für sie kein Ende hatte. Das Wort Waldeinsamkeit war noch nicht ein Gemeingut, aber sie hatte die Ahnung und den Begriff. Und dann – durch dieselbe Allee war sie später gefahren, und wenn sie an die forschenden Blicke der Neugierigen dachte, die sie jetzt erst verstand, schoß das Blut ihr zu Kopf! Aber auch die Obristin Malchen und ihre Nichten verschwanden wieder wie neckende Spukgeister hinter den Gesträuchen, in denen die Sonne ihr funkelndes Gold aussprenkelte. Wie oft war sie an der Seite der Geheimrätin hier vorübergerollt. Warum war diese Erinnerung jetzt ihr weit schreckhafter? Warum rückte sie in die Ecke des Wagens, als scheue sie vor der Berührung eines Gespenstes? Verdankte sie ihr nicht viel, sehr viel, ihr ganzes geistiges Dasein dem Umgang der klugen Frau, ihren Belehrungen? Ja, vielleicht war es das, was wie ein Frostfieber ihre Adern durchrieselte. Sie war die chemische Säure gewesen, die aus der jungen Brust die Begeisterung, aus dem Blut die Elastizität gesogen, den Glauben, die Hoffnung und die Liebe. Sie wäre untergegangen, das fühlte sie, in dieser kalten, zersetzenden Nähe, und etwas davon war in ihr geblieben, es beschwerte ihr Blut, es trübte ihren Blick, der Egoismus des Verstandes! Und als diese wechselnden Schicksale wie die Stäubchen im Sonnenstrahl vor ihrem inneren Auge wirbelten, hatte sie sich gefragt, warum das Schicksal so wunderbar mit ihr gespielt? Sie schleudere aus einem Arm in den anderen, Menschen und Gewohnheiten tauschend, wie die Bilder aus einer Laterna magica? Ob sie eine besondere Bestimmung habe, indem sie die Menschen in ihrer Schlechtigkeit kennenlernen sollte? Eine entsetzliche Frage hatte in dem jungen Herzen angepocht: Hat die Natur den Menschen auf die Welt gesetzt zur Lüge, oder um nach der Wahrheit zu ringen? Die der Lüge lebten, einen andern Schein um ihr Sein woben, hatte sie nicht beobachtet, daß grade diese vom Glück angestrahlt waren, gesucht, geschätzt, anerkannt, selbst von denen, welche sie durch und durch erkannten! Die dagegen kein Aushängeschild über ihr Wesen trugen, ihre Gedanken rein aussprachen, grade auf ihr Ziel losgingen, wo hatten sie es erreicht, wie wurden doch ihre Gedanken mißverstanden, anders ausgelegt, höchstens belohnt durch eine laue Anerkennung ihres redlichen Strebens. Aber hinzugesetzt ward: Schade, damit wird er nie durchdringen. Es hilft der Welt nichts, was er tut. – Was hatte Walter errungen? – Der arme Walter! Und sie! – Sie hatte ihn getäuscht, sie täuschte ihn noch immerfort, sie täuschte sich – sie war in ein Labyrinth der Lüge geraten. Und wo der Ausweg! Als wolle sie ihn suchen, hatte sie in die Wipfel geblickt, deren Blätter im Abendwinde durcheinanderwogten, ohne daß sie nur eins mit den Augen verfolgen können. Da hatte die Baronin jene Worte an sie gerichtet. Und wieder betraf sie sich auf einer Lüge. Sie mußte das Auge vor dem Blick der Eitelbach niederschlagen. So hell und klar sah diese sie aus ihren großen blauen Augen an. Das ausdruckslose Gesicht gewann durch das Gepräge der Wahrheit einen Ausdruck, der für sie in dem Moment überwältigend war. »Liebe Alltag, warum zieren Sie sich denn vor mir«, sprach die Eitelbach mit dem gutmütigsten Tone von der Welt. »Der Bonaparte mag ein noch so böser, und unser König ein noch so guter Mensch sein, jeder Mensch denkt doch an sich zuerst.« »Jeder!« sagte Adelheid, um nur durch ein Wort ihrer gepreßten Brust Luft zu machen. »So ist es schon. Ich laß mich auch gar nicht mehr irremachen. Krieg mag schon nötig sein auf der Welt, meinethalben; ich kenne sie aber, die Herren Offiziere, alle, und da ist keiner, der nicht an sein Avancement denkt, wenn er sich in den Kragen wirft und grunzt, daß man glaubt, die Seele sollte ihm ausgehen, von des Königs Rock und Friedrichs Ehre, und wenn er dann auf den Hacken kehrtmacht und eine Miene sich geben will. – Na, habe dich nur nicht, denke ich. – Grade wie mein Mann. Wenn der spuckt und über den Frieden lamentiert und sagt: ›Daran gehen wir zugrunde!‹, dann weiß ich auch, was die Glocke geschlagen hat. Wenn er die Mantellieferung gekriegt, dann wären wir nicht zugrundegegangen und es könnte Friede werden in alle Ewigkeit. So sind die Männer. Sie denken nur an sich.« »Nicht alle.« »Nein, einer nicht. Aber sonst! Ja, wenn das andre draußen mit ihren Wünschen zusammenpaßt, dann sind sie lichterloh. Das weiß dann zu parlieren und encouragiert sich, bis sie's am Ende selbst glauben, daß es darum ist. Es amüsiert mich, wenn ich sie so höre sich warm reden; aber mich täuschen sie nicht mehr, auch die Klügsten nicht. Ich denke: Sprecht ihr nur, ich weiß doch, was dahintersteckt.« »Täuschen die Männer nur? Belügen wir uns niemals?« Die Baronin schien nachzusinnen: »Nein, liebe Seele, Engel sind wir auch nicht immer. Wenn mein Mann Feuer schlägt, mancher Schwamm will gar nicht zünden, aber der andre fängt im Augenblick. ›Der ist weicher‹, sagt er. So sind wir Frauen, habe ich da gedacht. Wenn ein Funke vom Himmel fiele, bei den Männern hat es gute Weile, aber wir –« »Lodern rascher auf. Ist das aber gut?« »Was vom Himmel kommt, ist doch gut. Die Leute sagen nun, Sie könnten den Louis Bovillard nicht ausstehen, weil er den Napoleon einen großen Mann nennt und Gott weiß was. Die Leute sind nicht gescheit. Er tut es nur, um sie zu necken und Sie auch. Und wissen Sie, warum Sie ihm immer den Rücken kehren? Damit er sich nicht einbilden soll, daß Sie ihm gut wären. Und warum Sie immer so in Ekstase sprechen, wie Sie die Franzosen hassen? Nur damit die andern nichts merken sollen, wie Sie verliebt sind.« »Frau Baronin!« »Mir machen Sie nichts weis. Sie sind's bis über die Ohren, und wenn er selbst ein leibhaftiger Franzose wäre, schadet nichts. Und wenn er dem Bonaparte sein General oder gar sein Spion wäre, da würde Ihr Franzosenhaß so klein, ach, mit dem Teelöffel könnten Sie ihn runterschlucken.« Adelheids erstaunter Blick sagte: Wie kamst du dazu? Auch diese stumme Sprache verstand die Erleuchtete: »Und ich weiß auch wohl nicht, was Sie jetzt denken? Daß die blinde Henne auch mal ein Korn gefunden hat. – Denken Sie's immerzu, ich nehm's Ihnen gar nicht übel. Als ob ich nicht wüßte, daß die andern auch so denken! Das geniert mich aber gar nicht. Haben sie doch gedacht, sie könnten mir Männchen vormachen und mit mir Blindekuh spielen in Ewigkeit. Eine Weile geht's, aber dann fällt die Binde doch runter. Jetzt sollen sie's aber nicht mehr, da gebe ich Ihnen mein Wort. ›Allzu scharf macht schartig‹, und ›hinterm Berge wohnen auch Leute‹, sagte meine Mutter. Aber warum wickeln Sie sich so in Ihr Shawl? Zu schämen brauchen Sie sich doch nicht, und vor mir am wenigstens, denn ich sage es jedem gradheraus: Ich liebe und bin glücklich.« »Und Sie haben doch entsagt?« Das Verhältnis der Baronin war zum öffentlichen Geheimnis geworden. »Und nun bin ich grade erst glücklich. Ich weiß, er liebt mich, und er weiß, ich liebe ihn, und es geht nun einmal nicht.« »Ist das ein Glück?« »Muß man denn sich immer ins Auge sehen, die Lippen öffnen und die Hand drücken, um sich zu sagen, daß man sich liebt! Wenn wir noch so weit getrennt sind, sehen wir nicht beide da den Abendstern aufgehen? Brauchen wir uns Briefe zu schreiben, um uns zu sagen, daß wir uns nie vergessen werden? Ja, ehedem dachte ich wohl, ohne Rosabilletts auf duftendem Papiere und schöne Präsente ginge es nicht. Ach, wie ist das alles ganz anders! Diese Blicke aus seinen treuen, guten, schönen Augen werden immer vor mir stehen, wie die Sterne am Himmelsbogen. Und ist das kein Glück, daß ich überzeugt bin, auch er sieht mich, wie ich ihn sehe! Auch er wird von falschen Zungen umschwirrt, die mich wie ihn verreden. Aber auch er weist sie zurück! Nein, je weiter Zeit und Ort uns entfernen, um so inniger wird unser Bund, denn er ist unauflöslich. – Und, Adelheidchen, so könnten Sie auch fortlieben und glücklich sein –« »Und lügen – lügen in Ewigkeit!« brach es aus der gepreßten Brust. Es war unwillkürlich; die Eitelbach wollte sie nicht zur Vertrauten ihrer Gefühle machen. »Entsagen, Liebe, ist das lügen! ›Der Besitz tötet die Freude des Verlangens‹, hat mir jemand ins Stammbuch geschrieben. Würde ich ihn lieben wie jetzt, wenn er vor acht Jahren – nun ja, wäre er mein Mann, dann würden wir uns vielleicht recht gut sein, aber hätten sich unsre Seelen kennengelernt! ›Die gemeinschaftliche Menage‹, sagte der Legationsrat, ›das tägliche Beieinander stumpft die feineren, sinnigen Gefühlsfäden ab, nur Verlangen und Entbehrung weckt die edleren Seelenkräfte.‹ Er will's mir auch ins Buch schreiben. Er braucht es nicht ich fühle es, ich weiß es. Ich ward eine andere, mein Mann sagt, er kennt mich nicht wieder. Nun bin ich erst froh, ich weiß, warum ich lebe. Wir nicken uns durch die Lüfte einen ›Guten Morgen!‹ zu. Wenn ich ausfahre, freue ich mich der frischen Luft; auch ihn kühlt sie ja, wenn er über die Heide sprengt. Abends schüttelt er treuherzig den Kopf und ruft mir ›Gute Nacht!‹ zu.« Adelheid faßte krampfhaft den Arm ihrer Begleiterin: »Soll das Ihr Leben dauern?« »Herrgott, wie Sie zittern! – Warum denn nicht.« »Weil – allmächtiger Gott, ich glaube, der Versucher rauscht in den alten Eichen! Nennen Sie das entsagen?« »Wie denn sonst? Der Versucher, das weiß ich wohl, mit dem hat die Fürstin es zu tun, er vergiftet das Blut, sagt sie, und der sündhafte Gedanke zehrt an der Seele, ein kleiner Fehltritt sei nichts gegen eine große Gedankensünde. Ach, die gute Gargazin ist eine Russin, sie kennt die Liebe nicht, die sich alles versagt und nur für den Geliebten sorgt. So, liebe Seele, würden Sie lieben. Wenn Sie den Herrn van Asten heiraten müssen, weil er Ihr Wort hat, tun Sie's, und er wird gewiß ein guter Ehemann werden, besser als meiner. Aber dann, wenn Sie Ihre Pflicht getan, wer darf Sie von Ihrem Bovillard trennen, oh, dann werden Sie selig, unaussprechlich selig werden.« Adelheid fühlte einen Schwindel, es schwankte und drehte sich, und ihr war, als müsse sie aus dem Wagen springen. Es war aber mehr als eine Empfindung der aufgeregten Stimmung. Der Kutscher, wie sich nachher ergab, betrunken, hatte den Wagen aus der Seitenallee in die Chaussee umgelenkt, ohne den Charlottenburger Milchkarren, der leer, aber langsam ihm entgegenfuhr, zu bemerken. Die Fuhrwerke waren aneinandergestoßen, freilich zum größern Schaden des Karrens, der zerbrochen am Boden lag, die Blechgefäße polterten auf die Straße, aber auch die Equipage hatte sich übergelehnt, und Adelheid war jetzt zu dem gezwungen, wozu vorhin innere Angst sie drängte. Als die Baronin noch um Hilfe schrie, hatte sie, rasch entschlossen, sich schon danach umgesehen, und sie war zur Hand. Zwei einsame Spaziergänger waren von den entgegengesetzten Seiten des Weges auf den Lärm herangeeilt. Adelheid riß ihr Shawl von den Schultern und warf es dem ihr Nächststehenden zu. Als er aber die Arme ausbreitete, um ihr herabzuhelfen, fuhr auch ihr ein Schrei über die Lippen, kein lauter in dem allgemeinen Toben und Fluchen, aber laut genug, daß er zweien durchs Herz fuhr, der, welche ihn ausgestoßen, und dem, welcher ihr die Arme entgegenstreckte. Walter van Asten sah, wie Adelheid sich von ihm abwandte und umschlungen vom Arm des Rittmeisters Stier von Dohleneck aus ihrer gefährlichen Lage gehoben ward. Er hatte genug gesehen. Auch die Baronin durchzuckte ein Ton, der nur halb über ihre Lippen kam. Sie nahm die Hilfe des jungen Mannes dankbar an. »Ich danke Ihnen«, sagte sie, ihr Haar in Ordnung bringend, »daß gerade Sie es sind.« Wir lassen unsere Leser auf der dunkelnden Charlottenburger Chaussee nicht länger verweilen; was geht uns der Lärm, das wüste Gezänk an zwischen Kutscher, Milchmann, den umstehenden Schiedsrichtern und Helfern. Ein Rad war gebrochen, in der Equipage konnten die Damen nicht mehr nach Hause fahren. Ihre Retter führten die Erschreckten langsam, bis eine leere Kutsche ihnen begegnete. Adelheid wußte nachher nicht, was der Rittmeister mit ihr gesprochen, sie wußte selbst nicht, ob es der ihr wohlbekannte Rittmeister gewesen, an dessen Arm sie ging. Sie wußte nichts von sich auf dem viertelstündigen Wege. Erst als man sie in den andern Wagen hob, fühlte sie einen Händedruck. Walters Stimme flüsterte fest, aber nicht rauh und kalt: »Zum Abschied, Adelheid! Nun bist du frei.« Die Damen hielten ein gegenseitigem Schweigen für die beste Unterhaltung auf dem Rückwege. Adelheid hatte sich fest in ihr Shawl geschlungen, obgleich es eine laue italienische Nacht war und die Baronin ihr Tuch abwarf, um sich nicht zu echauffieren. Das junge Mädchen mußte frieren, ihre Zähne klapperten, und es waren wohl Phantasien, wenn die Baronin oft die Worte hörte: »Nur keine Lüge mehr!«. Sechstes Kapitel. Die Wollust der Märtyrer . Das war dem glänzenden Gesellschaftsabend vorangegangen. Es war noch etwas anderes vorangegangen – im Souterrain des Hauses. Wer die liebenswürdige Wirtin sah, wie sie mit mädchenhafter Grazie den Gästen entgegeneilte und über das unerwartete Erscheinen von dem und jenem fast kindlich erfreut schien, konnte an der Wahrhaftigkeit ihrer Empfindungen zweifeln! »Wenn sie es auch nicht so meint, ist es doch angenehm, daß sie es so zeigt!« Aber er konnte nicht ahnen, wie diese Augen, aus denen Wohlwollen und Güte blitzten, vor einer Stunde auf ein anderes Schauspiel, ich sage nicht lächelnd geblickt, aber teilnahmlos, stier. Auch das paßte nicht, vielleicht mit der Wollust eines gesättigten Raubtieres, das seines Opfers Blut fließen sieht. Der Kutscher hatte es allerdings verdient. Mit einer milderen Züchtigung wegen des ersten Unfalls auf der Potsdamer Chaussee davongekommen, rief sein Ungeschick heute auf der Charlottenburger die exemplarische Strafe hervor, welche der Haushofmeister ihm diktiert. Auf Ordnung muß ein Herr und eine Herrin im Hause halten. Es war die Ordnung, daß der dienstvergessene Leibeigene von zweien andern eine Lektion empfing, deren Maß nur unsere Begriffe und die Kraft unsrer Nerven übersteigt. Auch daß die Herrin zugegen war, um nach Handhabung der Ordnung zu sehen, verstieß nicht absolut gegen die Sitte. Nur daß sie, mit verschränkten Armen an der Kellertür stehend, so lange zusehen konnte, ohne mit den Augenwimpern zu zucken, ohne auf die Wehlaute des Zerfleischten ein Halt zu rufen, daß um ihre Lippen ein eigentümliches Lächeln schweben konnte, während ein seltsamer Glanz in ihren Augen leuchtete und ihre Stirn wie vor Freude sich rötete, das mußte einen besonderen Grund haben. Es hatte auch einen. In Gedanken versunken, in Phantasien, die sie interessieren mußten, schien sie eigentlich, was geschah, vergessen zu haben. Sie hatte auch den fragenden Blick des Kochs aus der Ukraine übersehen, der einen Augenblick innehielt, in der Meinung, es sei genug. Ein Sklave darf keine Meinung haben; als sie nicht gewinkt, fuhr er mit dem Stallknecht in der Arbeit fort. Die Herrin hatte es zu verantworten; er und der Kalmück waren nur die Werkzeuge, vielleicht die willigen. Der Zoll von Herrendienst, den sie dem Kutscher abentrichteten, war gewiß nur eine Vergeltung für viele ähnliche, die jener bei andrer Gelegenheit ihnen geleistet. Es hätte schlimmer werden können, wenn nicht der französische Kammerdiener der Fürstin zugeflüstert: »Madame la princesse, je crains que les cris de la bête ne pénètrent les oreilles de Mademoiselle Alltag. Elle fait sa toilette tout près de l'escalier. Fürstin, ich fürchte, die Schreie des Tieres werden bis zu den Ohren von Fräulein Alltag dringen. Sie macht ihre Toilette dicht bei der Treppe. « Da war die Fürstin aus ihren Träumen erweckt worden. Etwas unangenehm, schien es. Die Alltag durfte nichts hören. Sie hatte den Exekutoren rasch gewinkt, innezuhalten; sie wollte ungehalten sein, daß man sie nicht früher aufmerksam gemacht, aber sie sagte, der Anblick sei rebutant. Sie hatte etwas von pauvre homme hingeworfen und Anweisung gegeben, ihn gut zu pflegen, damit er bald wieder seinen Dienst verrichten könne. Und sie hatte noch eine unangenehme Überraschung gehabt. Der Kammerdiener hatte ihr auch etwas vom Herrn Legationsrat zugeflüstert, was sie damals überhört. Oben fand sie ihn in einer Anwandlung von Ohnmacht auf dem Kanapee. »Possen! oder was ist das?« fragte sie verwundert, als er sich durch die Tropfen erholt, die sie aus ihrem Flakon gesprengt, und er selbst ein Fläschchen entkorkte, um durch das Einatmen wieder zum vollen Gebrauch der Sinne zu kommen. »Ich kann kein Blut sehen«, sagte er. »Sie wissen es.« »Starker Mann!« »Stärkere leiden an Idiosynkrasien.« »Wer seinen Freund zum Rendezvous auf zwei Kugelmündungen ladet!« Es blieb zweifelhaft, ob die Bemerkung ironisch gemeint war, ihr Blick verriet es nicht. Ihre Gedanken waren noch anderswo. »Die Kugel bringt den Tod, dem andern oder mir. Ich fürchte weder diese Frage zwischen Sein und Nichtsein noch das Eingehen in das Nichtsein. Aber das Blut ist eine unvertilgbare Essenz«, sprach er schaudernd und sprang auf. »Ich kann nicht dafür, daß meine Natur so ist, noch begreife ich's, warum die ewig gebärende Mutter diese Anomalie in ihrem großen Schöpfungswerk zuließ. Ich wische alle Tinten, Farben spurlos aus, aber warum widersteht dieser häßliche rote Saft, warum wird er so oft zum Verräter –« »Weil der Himmel das warme Blut in unsere Adern goß«, rief die Gargazin, »als den köstlichen Saft, in dem wir, uns berauschend, einen Vorgeschmack seiner Seligkeit trinken mögen. Das begreifen Sie freilich nicht, Mann von Marmor.« »Den Rausch begreif ich, erlauchte Frau, auch den Rausch in Blut. Aber nicht, verzeihen Sie, wenn es durch Geißelhiebe aus dem – Rücken einer elenden Kreatur gepeitscht wird. Alles, was man ohne Zweck tut, ist meiner Natur entgegen.« »Der Zweck! Kurios! Fragen Sie meinen Haushofmeister. Der Mensch hat es verdient!« »Daß Sie sich selbst strafen und Ihren besten Kutscher zerschlagen lassen, damit er sechs Wochen nicht auf dem Bock sitzen kann, wenn je wieder?« »Ich war in einer animosen Laune. Wer widersteht einem Impuls?« »Darum war ich um meine erlauchte Freundin besorgt, denn der Exzeß in der Bestrafung könnte in diesem Staate unangenehme Folgen haben.« »Die sich redressieren lassen.« »Gewiß, es bleibt indes immer sehr unangenehm, wenn man seine Kräfte zum Redressieren von Vergangenem verwenden muß. Die Meinung, das Publikum übt eine Macht, die wir durch den Widerstand nur intensiv stärker machen. Wenn es hieße, die Fürstin Gargazin hat ihren Leibkutscher zu Tode prügeln lassen, so würde man die Gerichte wohl zum Schweigen bringen, weil Sie die Fürstin Gargazin sind, auch für die Öffentlichkeit würde die Wissenschaft Atteste bereit haben, daß der Kutscher an einem organischen Fehler gestorben ist, aber das Todesröcheln des Zerfleischten möchte doch etwas Leichengeruch in den harmonischen Duft hauchen, den der Liebreiz einer Natalie Gargazin um sich gezaubert.« Sie schwieg, aber ihre Lippen schwellten sich unmerklich zu einem süßen Lächeln. Von dem Gesprochenen hatte sie wohl nur einen Teil gehört. Mit wieder auf der Brust verschlungenen Armen, wie vorhin, sprach sie: » Sie sahen den Tod und ich das Leben, Sie das Entsetzen und ich – ich, was kann ich dafür, daß ich anderer Natur bin, Herr von Wandel! Pawlowitsch wird nicht sterben, diese Geschöpfe haben eine andre Natur. Sie kennen das nicht. Er ist mein treuster Diener. Meinen Sie, daß er mich weniger lieben wird, weil ich ihn züchtigen ließ? Wenn er genesen ist, versichere ich Sie, wird er mit verdoppelter Devotion sich auf die Erde werfen, meinen Rocksaum küssen und bei seinem Heiligen für mich beten. Und ich, ich teile diese Gefühle der Anhänglichkeit für das Geschöpf. Ich empfand die Geißelschläge mit. – Lachen Sie nur! Das verstehen Sie eben nicht. Sie können auch bei der Abbildung eines Martyriums lachen, oder wenden dem schönsten Bilde aus Ekel den Rücken. Mich ergreift immer eine unbeschreibliche Wonne bei diesen Qualen, mein Blut wallt, mein Körper empfindet sie mit; dieses spritzende Blut, ich sehe es schon in Rosen und Lilien verwandelt, diese Röte des äußersten Schmerzes auf den Wangen, der Todesschweiß, die verzückten Augen, die krampfhaften Verrenkungen, mir werden es lauter Schönheitslinien, und wo Sie Zerrissenheit und Untergang sehen, durchschauen mich schon Harmonie und Vollendung.« »Das heißt ein Läuterungsprozeß in procura geführt«, sagte der Legationsrat, oder er dachte es vielleicht nur; denn die Fürstin, in sich versunken, schien auf seine Erwiderung kaum zu achten. »Wenn man nur dem Geschöpf diese Überzeugung auch einimpfen könnte, so würden seine Schauer, die, wie ich glaube, gemeinerer Art sind, sich gewiß auch in eine wollüstige Empfindung auflösen.« »Sie würden es!« rief die Fürstin. »Wer sagt Ihnen, daß sie es nicht schon sind! Er leidet für seine Herrin, die er anbetet, er leidet durch ihren Willen, und er kennt kein höher Gesetz. Diese Leibeigenen sind glücklicher als wir, mein Herr Legationsrat von Wandel. Wie das Animal, die Pflanze, stehen sie dem Ursprünglichen näher. Und wir ringen unser Leben durch vergebens nach dem Paradieseszustande zurück, in dem sie existieren. Wie die Lilie auf dem Felde, wie der Vogel im Busch, freuen sie sich der Sonne, die sie bescheint, sie legen ihr Haupt nieder auf den grünen Rasen unter seinem Himmel oder auf die Bank, die man ihnen am Ofen gebaut. Sie denken nicht, sie sorgen nicht auf den andern Tag; Speise und Trank ihnen schaffen ist unsere Aufgabe. Sie kennen unsre Pein und unsre Qualen nicht, unsre Zerrüttung und Zerrissenheit steht ihnen fern. Sie würden sie sowenig begreifen als der Herr von Wandel, warum der Erlöser für uns gelitten hat, warum in Natur und Welt es so gefügt ist, daß immer ein anderer für den Schuldigen leidet, daß es Sündenböcke gab im Alten Testament, Märtyrer und Heilige, die den Überschuß ihrer guten Werke uns als Erbe ließen. Diese Sklaven singen und lachen, während wir, die Erwählten, die tausend Nadel- und Dolchstiche empfinden, die Welt und Verhältnisse täglich in unser Herz drücken, und wir müssen dazu ein lächelnd Gesicht machen, auch wenn wir in krampfhafter Pein vergehen möchten. Was ist das bißchen Not dagegen, daß unsre Laune ihnen bereitet; die schöpferische Laune, die heute quält und morgen dafür entzückt.« »Warum stehen Sie in Gedanken verloren?« hub sie nach einer Pause wieder an; ihre Verzückung, wie es schien, hatte sich gelöst. Sie ließ die Arme sinken und sah ihn fast mitleidig an. »Sie armer Mann, was ich Sie bedaure in dem hochmütigen Mitleid, was Sie in dem Augenblick über die Schwärmerin empfinden mögen.« »Ich bedauerte nur«, erwiderte er, »daß die Gottheit, die wir uns als männliches Wesen denken, kein Weib ist. Wieviel schöner würde ihre Welt sein.« »Ihr Spott kann mich nicht mehr beleidigen. Sie tun mir so unendlich weh, weil jede Entzückung Ihnen versagt ist. Aber ich appelliere an Ihren Verstand. Womit wollen Sie die Welt zusammenhalten? Diese Masse, diesen Pöbel, das Chaos von kriechendem Gewürm, das fliegen möchte und nicht aufrecht gehn kann! Wer soll sie bändigen, fesseln, wenn keine eherne Faust, umspielt von süßen Himmelslichtern, da ist, keine beseligende Illusion, diese gemeinen, rohen, selbstischen Kreaturen, die aus Habsucht einer auf den andern stürzen, sich zerreißen, verzehren möchten. Sie kratzen sich die Augen aus, damit der Bruder nicht schärfer sieht, sie verschlingen die Vorratskammern, die ihren eigenen Winter sichern sollten, damit die Mitmenschen nicht im vollen leben. Täuscht Sie der Popanz Humanität, den die Afterweisen an ihren papiernen Gesetzeshimmel malen, und jeder stellt dem andern ein Bein, und Gift auf der Zunge, Erbschleicherei, Betrug, Raub, Brudermord lauert unter der Lämmermaske dieser Alltagsgesichter.« »Der Popanz täuscht mich nicht, Prinzessin«, sagte Wandel. »Mich täuscht überhaupt nichts. Ja, könnten wir sie alle wieder als eine Horde Leibeigene einpferchen in die dumpfen Ställe alter Gewohnheiten. – Schade nur, daß es auch nur eine Illusion ist, und wenn – die Priester würden sich untereinander auch auffressen.« »Hoffen Sie noch auf die Vernunft«, fuhr die Fürstin fort, die ihn wieder nur halb gehört. »Die Göttin, die sie in Frankreich auf die Altäre hoben, hat doch zu aller Welt geschrien: ›Seht, wie albern und ohnmächtig ich bin!‹ Oder hoffen Sie's mit dem Geist, der wie ein Blitz aus dem Himmel in das Gewürm wetterleuchtet. Wie oft fuhr er nieder in diesem Deutschland, in Philosophen und Gesetzgeber, in versteckte Mönche, Stubengelehrte und Fürsten auf dem Thron. Was hat er gezündet, gewärmt und gefruchtet! Die dumpfen Ställe der alten Gewohnheit hat er in Brand gesteckt, aber die Unglücklichen, daraus Vertriebenen, wo fanden sie anderes, helleres, wärmeres Obdach! Feuersbrünste hat er angefacht, Wälder und Heiden verzehrt, aber wo nur eine Fackel angezündet, die in der Nacht leuchtet, welche immer darauf wieder eintrat. Da lobpsalmen die alten Weiberstimmen in den nüchternen Kirchen den Herrn, daß er die Greuel des Aberglaubens und der Finsternis verscheucht hat, aber wo blieb ihr Licht, das ihnen leuchtet, durch den finstersten Wald des Zweifels ihnen den Weg zeigte, wo ihr Haus, das die Müden und Beladenen aufnahm, wo das Geläut der Himmelsglocken, die sie mit Engelszungen in Schlaf einlullten, wo der Schlafpelz, die weiche Bärenhaut, in die sie sich hüllten, und alle Sorgen waren vergessen! Wo in aller Welt können diese Verirrten, Heimatlosen anklopfen in ihren Ängsten, ihrer Zerrissenheit, um den Trost zu finden, den nur die Gewißheit gibt! Was hilft's ihnen, wenn sie sich von des Teufels Krallen gepackt fühlen, und der gelehrte Herr mit den Beffchen setzt die Pfeife fort, um vornehm herablassend der armen Kreatur mit nationalistischer Salbaderei zu demonstrieren, daß der Teufel wahrscheinlich nicht existiert. Um etwas Gewisses, Festes, Sicheres schreien sie, und er setzt ihnen eine Schüssel Schlangeneier vor, aus denen statt eines, tausend Zweifel schlüpfen!« Diesmal war es der Legationsrat, welcher nicht acht gegeben. Er hatte mit seinen Augen einen Punkt fixiert und packte plötzlich den Arm der Fürstin am Handgelenk: »Ein Blutfleck!« Der Ärmel ihres Musselinkleides trug unverkennbar die Spuren eines darauf gespritzten Tropfens. »Ich habe es wirklich nicht gesehen.« »Aber andere werden es sehen. Um des Himmels willen, wechseln Sie das Kleid, ehe es jemand bemerkt. Adelheid –« »Interessieren Sie sich so für das Mädchen?« sprach die Fürstin, der die Unterbrechung nicht unerwünscht zu kommen schien, indem sie den bedeckten Arm mit den Fingern prüfte. Es war ein eigner Ton, in dem sie fragte, der bare Gegensatz zu dem Affekte, in welchem das Vorige gesprochen war. »Nicht im geringsten. Ich interessiere mich für den Gegenstand, der Ihr Interesse erregt hat. Da ich Ihre Absichten ahne, muß ich wünschen, daß jeder Nebelfleck, der Ihren Anblick vor den Augen der Unschuld trüben dürfte, entfernt würde.« Sie sah ihn scharf an. »Sie sind die Uninteressiertheit selbst. Und doch – zuweilen fällt vor meinem Auge Ihre schöne Hülle ab wie Staub und Moder, und das nackte Gerippe starrt mir entgegen; das Herz von chemischen Agenzien zernagt. Aber glauben Sie nicht, daß ich erschrecke. Ich betrachte gern die Natur in ihrem geheimsten Schöpfungsprozeß, wie sie ihr Schönstes und Bestes mutwillig selbst vernichtet. Oh, immer zu, die Natur ist eine elende Kammerzofe des Mysteriums, aus dem die Gnade leuchtet. Immer zu, mein Freund, sich selbst verzehrt, bis der Durst brennend, unerträglich wird! Dann verlangen auch Sie nach dem Quell. Oh, welche Kämpfe wird es Ihnen kosten, wie wird diese Stirn rollen vor stolzem Zorn, wie diese Riesenbrust toben vor unaussprechlicher Pein, wie werden Sie wütend mit der Faust dagegenschlagen, ringend einen Gigantenkampf mit dem Selbstbewußtsein, bis – bis der Riese krachend zu Boden stürzt und wie ein Kind an der Mutter Brust liegt! Wie werden Sie schlürfen, unersättlich an dem Born der Gnade!« » Mais en attendant ?« sagte der Legationsrat. »Rührt Sie denn nicht Adelheids Schönheit?« »Daß ich nicht wüßte.« »Mir unerklärlich, mein Herr großer Sünder. Anfänglich hielt ich es für Verstellung, Sie wollten mich täuschen. Jetzt haben Sie mir nicht allein die Beruhigung gegeben, sondern auch Rätsel zurückgelassen, daß das Mädchen Sie kaltläßt. Ist sie Ihnen eine zu vollkommene Schönheit?« »Kunstkenner gehen auch an vollendeten Meisterwerken vorüber.« »Weil nur die sie interessieren«, fiel sie ein, »die Mängel haben. Ist's der Egoismus des kritischen Sinnes, der immer korrigierend schaffen möchte?« »Vielleicht, vielleicht auch nicht. Sagen Sie, eine Antipathie gegen, was man reine Unschuldsseelen nennt. Es überkommt mich ein Frösteln in Gegenwart solcher jungen Mädchen.« »Ich begreife es, weil ich es mitfühle. Aber –« »Sie selbst kajolieren die Nymphe.« »Sie wissen, warum.« »Und eben deshalb wundre ich mich, daß Sie dem jungen Bovillard den Zutritt in Ihr Haus erleichtern.« Die Gargazin sah ihn schadenfroh an: »Für die Naivheit möchte ich Sie küssen.« »Sie protegieren ihn nicht?« »Wenn man Erz schmelzen will, braucht man Feuer.« »Wenn man aber das Feuer über den Kessel schlagen läßt, kann es leicht kommen, daß das Erz überläuft und verdorben wird.« »Qu'importe!« sagte die Fürstin und stäubte an dem Fleck am Ärmel. »Was nennen Sie verdorben werden?« »Ich scheue nicht vor einem gewagten Spiel, aber ich frage mich vorher, ob der Vorteil das Risiko lohnt?« »Was geht Sie meine Rechnung an? Einen Stein kann man nicht schmelzen, man sprengt ihn oder wartet, bis der Blitz ihn spaltet; das Erz kann man aber so langen glühen und wieder zerglühen lassen, bis man es zu der Form geschmeidig findet, die man ihm geben will. Wollen Sie sich in Adelheid verlieben, Ihre Künste an ihr versuchen, ich habe nichts dagegen, ich will nicht eifersüchtig sein. Sie liebt ihn, ich meine Bovillard, das ist ihre Krankheit, die verborgene, die an ihr zehrt. Sie muß heraus, die Krisis ist notwendig; darum wird sie kommen, ohne daß wir etwas dazutun. Verstehen Sie mich, wir lassen die Natur walten.« »Und dann?« »Wenn Sie die Bibel läsen, würden Sie wissen, man soll nicht für den andern Morgen sorgen. Sein Sie heut abend liebenswürdig, Herr Legationsrat.« »Ich bin nicht ganz disponiert!« »Sie sollen es sein, Sie können es sein. Herr von Bovillard hat nur zwei Augen, und die gehören jetzt nicht ihm.« Die Wagen fingen an vorzurollen; die Fürstin verschwand mit dem wiederholten Befehl: »Seien Sie liebenswürdig!« – Sie hatte kaum Zeit, ihre Toilette zu ändern, aber niemand hat den Blutfleck an ihrem Ärmel gesehen. Siebentes Kapitel. Was sagen Sie zu meiner Frau? Das war dem glänzenden Gesellschaftsabend vorangegangen. Der Abendstern, der heute glänzen sollte, sagten wir schon, erschien aber wie ein erlöschendes Licht. Die Töne, welche im Souterrain das Ohr zerrissen, waren nicht zu Adelheid gedrungen, und wenn einer, so ahnte sie nicht den Grund; es war für sie nur in der Luft das dumpfe Akkompagnement ihrer eigenen zerrissenen Gedanken. Nie war ihr eine Toilette schwieriger geworden. Sie dachte, so müsse einem Verurteilten zumute sein, wenn er sich zum letzten Gange ankleidet. Zum Glück war die Aufmerksamkeit heute nicht auf die blasse Adelheid konzentriert; sie richtete sich vielmehr auf eine andere Erscheinung, von der man sagen durfte, daß sie in voller Blütenpracht war. Aus einiger Entfernung sah die junge Dame an der Türecke wie ein liebliches junges Mädchen aus, dem die Scham die Wangen rötet, die Augen schlägt sie nieder in holder Befangenheit. So schüchtern stand die Gazellengestalt, halb bedeckt von dem Oleanderboskett, das aus irdenen Töpfen in malerischer Unordnung um den mit Efeu umhangenen Türpfosten duftete. Die schöne Blüte zitterte vor jeder Berührung, wenn wir die Begegnung, die Ansprache der älteren Damen, welche die Tür passierten, so nennen sollen. Das Wechselgespräch war immer sehr kurz; man konnte glauben, zur Zufriedenheit des jungen Mädchens, das vielleicht erst seit kurzem in die Gesellschaft eingeführt war, und der Boden unter ihr brannte, vor Angst, daß sie einen Verstoß begehe. Wenn man einen Schritt näher trat, verwandelte sich die Achtzehnjährige allerdings in eine vollblühende Zwanzigerin, die Moosrose ward zur vollen Zentifolie. Aber schön blieb sie, man konnte unwillkürlich rufen: wunderschön! Wem das dunkle, schwimmende Auge zwischen den schwarzen Brauen und den roten anmutig schwellenden Pfirsichwangen einen Blick zuwarf, mußte von Stein sein, wenn er nicht gerührt ward. Und war sie nicht eine Zauberin, eine Armida? Zwischen den Oleandertöpfen schossen eine weiße und eine Feuerlilie in die Höhe, und bunte Glaslampen, damals etwas in Berlin Unbekanntes, warfen ihr Zauberlicht auf die Blumen und das schöne Mädchen, das sich auf ihnen zu wiegen schien wie eine Titania, Grazie jede Bewegung. Wie sie mit den Blumen in ihrer Hand spielte, die sie vielleicht in Gedanken von einem Strauch gepflückt, das war kein gewöhnliches Fächerspiel, das die Verlegenheit verbergen soll und die fehlenden Worte ersetzen. Es war die Sicherheit einer Königin, die den Herzen zu gebieten weiß, unbesorgt um ihre Herrschaft. Wenn sie die sanft geworfenen Lippen öffnete und die schönen Zähne im Gespräch zeigte, konnte man schwören, wenn man auch kein Wort verstand, daß sie eine witzige Replik, eine glückliche Bemerkung hinwarf. Sie konnte auch abfertigen, und man mochte ebenso schwören, daß die vielen, die mit ihr eine Unterhaltung anknüpften, aus Lust oder Gelegenheit, ihr nicht genügten. Wenn man indes noch einige Schritte näher trat – doch wir können unsre eigenen Beobachtungen sparen, wo eine Gruppe Herren, an der Tür gegenüber, sich die ihrigen schon mitteilten. »Was hat sie denn heut für ein Rot auf«, sagte ein Gardeoffizier. »Wer?« »Komteß Laura. Das blinkert ja wie eine Karmesinmuschel.« »Neueste Josephinenschminke, liebster Graf«, drängte sich der Baron Eitelbach an sein Ohr. »Bei Herrn Arnous vorige Woche frisch aus Paris. Die von der Oper sind außer sich, ist ihnen zu teuer. Was kann der Schönheit zu teuer sein, sage ich.« »Und greifen in die Tasche.« Der Baron hielt allerdings beide Hände in den Seitentaschen, und es klimperte etwas von Gold, aber er zuckte die Schultern: »Fürs ganze Corps de ballet! Na, hören Sie, das bringt mir ein ganzes Regiment nicht auf. Alles, was recht ist.« »Sie sparen's für Ihre Frau Gemahlin.« »Ein sublimer Einfall von Ihnen, Graf, wahrhaftig, ein sehr sublimer. Wie sie blaß aussieht gegen die Laura! Aber sie will sich nicht schminken. Partout nicht mehr.« »Hat's auch nicht nötig«, sagte ein dritter Intimus. »Meinen Sie? – Ich sage Ihnen, die Schminke bringt 'ne Revolution hervor. Das ist ein Geschicke zu Arnous, aber – die alte Voß und – na warten Sie nur, ich kann sie Ihnen alle nennen, die schon von haben. Sind ihrer nicht viel; aber passen Sie acht, eh vierzehn Tage um sind –« »Wenn die Männer die Tränen auf den Wangen sehn«, sagte der dritte Intimus, »greifen sie doch in die Tasche. und wenn das Rot pures Gold wäre.« »Gold, ein charmanter Einfall!« rief der Baron. »Wenn's Mode würde, echtes Gold auf die Backen! Bei Gott, ich gäbe was drum: wie die Weihnachtsäpfel. An den Backen sähe man's den Frauen an, was ihre Männer wert sind.« »Eine Taille, auf Ehre doch, wie 'ne Wespe«, sagte der Gardeoffizier. »Ich sollte meinen, wer sich so schnürt, braucht sich gar nicht zu schminken.« »Und Füßchen, 'ne Pariserin könnte sie beneiden«, meinte der Dritte. »Das tänzelt nur so auf dem Boden.« »Was für welche hat meine Frau dagegen! Sehn Sie mal«, rief der Baron und nahm eine Prise. »Eine Heroine muß nicht auf Tänzerfüßen stehn.« »Heroine! Charmanter Einfall. Meine Auguste eine Heroine. Wie sie miteinander parlieren! Ich versichere Sie, auf Ehre, meine Frau spricht jetzt wie ein Buch. Immer Schiller im Munde. Und die Tugend, sie ist kein leerer Schall, Erzeugt in dem Hirne des Toren! Damit weckt sie mich alle Morgen. Bei Gott, 's ist wahr. Macht alles die unglückliche Liebe.« »Schade, Baron, daß Sie sich nicht auch unglücklich verlieben können.« »Warum kann ich's nicht?« »Weil Sie zu reich sind. Wer Geld klimpern läßt, ist immer glücklich in der Liebe.« »Sie sind ein charmanter Mensch, aber was soll mir die unglückliche Liebe?« «Sie könnten dann auch einmal mit der Tugend in Berührung kommen.« »Was hab ich von der Berührung?« »Tugend vermehrt den Kredit.« Der ganze Körper des Barons zuckte in der nicht wohl zu beschreibenden Bewegung eines Gesättigten, welcher gleichgültig eine Schüssel vorübergehen läßt, an der die Blicke der Hungrigen noch verlangend schweben. Er bedurfte nicht mehr Kredit, als er besaß. Aber auch der Satte lächelt, wenn seine Gäste die Speisen loben, die er ihnen vorgesetzt. Der Baron von Eitelbach lächelte wohlgefällig über die Bewunderung, welche man der Schönheit seiner Gemahlin zollte, während man ihre Reize mit der Komteß verglich. Zum Vorteil der ersteren; es waren Kenner, die hier urteilten. Auf den Hacken sich wiegend, die Hände noch immer in den Taschen, die breite Unterlippe aufgeworfen, hatte er gleichgültig die Gesellschaft im andern Zimmer gemustert, während sein Ohr doch bei der Unterhaltung blieb, als er es für schicklich hielt, eine Diversion zu machen: »Sehen Sie mal, wie die Alltag eingepackt hat. Gar nicht wiederzuerkennen.« »Etwas blaß«, äußerte der dritte Intimus. »Das kann seine Ursachen haben.« »Man hat zuviel Geschrei von ihr gemacht.« Der Baron hatte es gleich gesagt. Das Kennerauge des dritten Intimus ließ sich nicht täuschen. »Vorübergehende Indisposition. Frisch begossen und die Blume ist wieder in voller Pracht.« Über die Indisposition lächelten die Kenner; der Baron fühlte sich geistreich gestimmt; er nannte die unglückliche Liebe eine Klippe für die Schönheit. Lob erntete er dafür nicht, denn die Aufmerksamkeit der andern war wieder auf die schöne Komteß gerichtet. »Auf wen mag sie nur vigilieren?« »Sie ist unruhig.« »Warum steht sie aber wie eine Schildwacht an der Tür?« »Muß wohl seinen Grund haben. – Halt! sehn Sie, schon wieder –« Die drei Kenner rückten die Köpfe noch näher zusammen. Die Komteß hatte während des Gesprächs mit der Baronin nochmals durch die Türritze geblickt. »Das muß man doch rauskriegen. Welcher Magnet steckt in der andern Stube?« Wie der Zunächststehende sich auch auf den Spitzen seiner Schuhe erhob, konnte er doch nur einen Teil des Zimmers übersehen. Da kam plötzlich ein anderer Gegenstand aus demselben, und mit vielen Verbeugungen durch die beiden Damen schlüpfend, erreichte er die beobachtende Gruppe. Der Geheimrat Lupinus von der Vogtei war gewiß nicht gefährlich, für das Auge keiner galanten Dame, die noch auf Jugend Anspruch macht; aber je schärfer das Auge der Liebe ist, um so blinder wird es für die Gefahr, die von Beobachtern droht. Das schlaue Gesicht des Geheimrats verriet, daß er Neuigkeiten geangelt, und seine freudige Miene, daß er den Markt erreicht, wo er sie absetzen konnte. »Raten Sie!« sprach er, sich die Hände reibend. »Das lohnte noch der Mühe.« »Ein neuer Gegenstand?« »Funkelnagelneu.« »Raus mit der Sprache, was wissen Sie?« »Sehr viel. Die letzte Aventure wird nur vertuscht, aber parole d'honneur, Sie können sich drauf verlassen, sie ist so –« »Sie meinen die mit der Schildwacht – der Kerl kann doch nicht hier sein!« »Ist eingestiegen, Herr Baron, so gewiß ich vor Ihnen stehe. Herr Graf verziehen die Miene, in der Garde hat man sich das Wort gegeben, nicht davon zu sprechen. Nun, ich schweige in Devotion, wenn's verboten ist.« »Was geht's mich an«, sagte der Offizier mit einem nicht zu unterdrückenden Schmunzeln, »und wenn der Grenadier dafür Spießruten laufen muß, so wüßt er doch, wofür.« »Dazu ist's aber nicht gekommen. Die Disziplin hat aus Galanterie ein Auge zugedrückt.« »Sie hat ihn wirklich ins Fenster gewinkt?« fragte der dritte Intimus. »In den Communs, Sie wissen doch, in Potsdam die kleinen holländischen Häuschen neben dem Marmorpalais.« Der Geheimrat sprach es mit vorgehaltener Hand, dem Fragenden fast ins Ohr. Er mußte es aber mit solcher Kunst akzentuieren, daß es auch den beiden andern nicht entging. »Ja, warum hat man für die Kavaliere und Hofdamen so niedrige Fenster gebaut, ça ne coûte qu'un pas ! Warum dufteten die Linden so süß in der lauen Nacht? Warum schlugen die Nachtigallen so verführerisch? Warum stellt man einen jungen Grenadier, sechs Fuß hoch wie ein Apollo, vor das Kammerfenster einer schönen Hofdame? Warum schien der Mond so sehnsüchtig und beleuchtete den jungen Mars? Da ist gar nichts bei zu verwundern, und eigentlich trägt niemand die Schuld, denn Gott bewahre, daß er ins Fenster geklettert wäre, so ein sechsfüßiger Kerl braucht nur den Fuß aufzuheben, so ist er drin.« »Und?« »Das einzige Unglück war, daß die Uhren in Potsdam nicht stimmten, denn als die Ablösung kam, hatte es drinnen noch nicht voll geschlagen.« »Dem Glücklichen schlägt keine Stunde.« »Süperbe Bemerkung des Herrn Domherrn. Die Esel – verzeihen Herr Graf, es war wohl nur der betrunkene Unteroffizier, machten Lärm, und – wie gesagt, wenn nicht glücklicherweise der junge Prinz Hohenlohe bei der Patrouille gewesen wäre –. Man deckte den Mantel der Liebe über die Affäre, schmiß den Unteroffizier, weil er in der Betrunkenheit einen falschen Rapport gemacht, auf achtundvierzig Stunden ins Cachot, seine Kerls waren Stockpolen, die nicht deutsch sehen und hören können, man zeigte ihnen den Bambus, wenn sie sich einfallen ließen, etwas auszuschwatzen, was sie nicht verstehen, übrigens ein paar Louisdor Schmerzensgeld –. Ah, Prinz Hohenlohe hat wie ein Kavalier gehandelt.« »Und doch wußte man's, ehe der Morgen in Potsdam graute, schon in allen Wachtstuben.« »Meine Herren«, sagte der Gardeoffizier in vertraulich offiziösem Ton, »Diskretion! Man wußte es auch schon am andern Morgen in Berlin, aber auf der Wachtparade gab man sich das Wort – Ich rate auch Ihnen –« » Discrétion pour jamais !« rief der Geheimrat, den Finger an den Lippen. »Ihro Majestät die Königin darf nichts davon erfahren«, wandte er sich zu den andern. »Die liebe Komteß, es ist doch ein gar zu charmantes Kind, und bei Lichte besehen, was ist es denn? Eine Vision, die Phantasie einer lauen Juninacht –« »Aber nicht die erste«, schmunzelte der Baron, »in der Dragonerkaserne wissen Sie auch davon zu erzählen.« » Mon cher baron, l'amour règne partout , aber Was bei Mondenlicht gesponnen, Verrinnt beim Licht der Sonnen.« »Der Kerl aber, der Grenadier, ist nach Warschau in ein Regiment gesteckt«, sagte der Offizier. »Und er war nicht von Mondschein gewebt, das versichere ich Sie.« »Monsieur le comte, die Erscheinung im Zimmer ist auch schwarz von Kopf bis Fuß, ordentlich spektreartig«, nahm der Geheimrat wieder das Wort. »Das blasse Gesicht in der weißen Hand, ruht er auf dem Sofa, den Claque auf dem Schoß, die Beine unnachahmlich hingestreckt, die andre Hand im Knopfloch am Herzen, als wenn er eine tiefe Wunde verstecken will. Soll ich Ihnen noch das schwarze Haar beschreiben, in dem zuweilen diese selbe Hand wühlt? – Nein, die Augen sind noch dunkler. Schade nur, daß sie nicht ein einziges Mal nach der Türritze gerichtet sind, um die andern schwarzen Augen zu sehen, die sehnsüchtig durchblicken. Je vous assure , wenn die sich begegneten, die einmal Funken zusammenschlügen, Stahl und Feuerstein –« »Hol' Sie der Kuckuck, Geheimrat, wer ist's?« »Impertinent!« sagte eine herzutretende Dame. » C'est affreux «, die andere. » Il joue l'Anglais !« erwiderte jene. Beide kamen durch die bewußte Tür; die Baronin aber, am Arm die schöne Laura führend, mit ihnen zugleich. »Warum ereifern Sie sich, meine Damen? Mir und Komteß Laura ist's vorhin auch so passiert. Er merkte uns erst, als wir uns neben ihm aufs Sofa setzten, und dann redete er uns für andere an. Nicht wahr, Komteß?« »Er ist zerstreut«, sagte die Komteß und war es selbst. »Haben wir's ihm übelgenommen? – I Gott bewahre. Wenn mich einer nicht sehen will, laß ich ihn stehn.« »Aber, gnädige Frau, wer ist er denn, daß er sich etwas herausnehmen darf?« »Ach Gott, vom jungen Bovillard ist man weit mehr gewohnt. Erinnern Sie sich noch –« »Doch werden Sie mir zugeben, daß Damen in einer Gesellschaft wie diese mehr Konduite von Herren voraussetzen dürfen, wenn sie dahin gehören .« Der letzte Satz ward von den feinen Lippen sehr scharf betont. »Wen die Fürstin eingeladen hat, der gehört doch her.« »Mein Mann meinte«, erwiderte die andre, die noch nicht Lust hatte, von ihrem hohen Pferde zu steigen, »es gehöre doch ein eigener Tick dazu, einen Menschen von dem Renommee ihrer Société aufbringen zu wollen. Mein Mann ist sonst gar nicht skrupulös, und gegen unsre erlauchte Wirtin fällt es mir auch nicht im entferntesten ein, damit etwas gesagt zu haben. Sie wird wohl ihre Gründe haben, warum sie Leute zusammenbittet, die nicht zusammengehören.« »Beste Frau Staatsrätin«, erwiderte die Eitelbach, »wozu wären denn die Gesellschaften, als daß sich die zusammenfinden, die noch nicht zueinander gehören. Wenn man immer nur alte Bekannte sähe, das wäre ja langweilig.« »Philosophie, wie sie auch ist, im Munde einer schönen Frau«, erwiderte die Staatsrätin mit süßem Lächeln, »ist immer liebenswürdig. Nur begreife ich nicht, wenn der junge Herr von Bovillard so viel zu denken hat, warum er seinen Pensées gerade in einer Gesellschaft nachgeht.« »Wissen Sie, wie mir eine Gesellschaft vorkommt?« entgegnete die Eitelbach. »Als wie eine Komödie, wo jeder anders aussieht und anders spricht, als ihm zumut ist. Uns werfen sie vor, daß wir uns putzen und schnüren und auflegen und ausstopfen. – Ihr Herren mögt immer laut lachen, ich seh's doch, wie Ihr's innerlich tut. Das geniert mich gar nicht, denn die Männer spielen mehr Komödie als wir. Ach Gott, wenn sie sich präparieren, liebenswürdig zu scheinen, um einer die Cour zu machen, wo sie's gar nicht so meinen. Und wenn einer vornehm tut, als hätte er eine Elle verschluckt, oder gelehrt redet, als wär's ein Buch, da möchte ich ihn immer fragen: Warum quälst du dich denn? Wenn du raus bist, stöhnst du doch auf und schlenkerst mit den Armen, als wenn du den engen Rock aufreißen wolltest und denkst: Gott sei Dank, daß es aus ist. Warum hast du denn angefangen, warum bist du nicht gekommen, wie du bist, und hast gesprochen, wie dir der Schnabel gewachsen ist.« Der Baron Eitelbach rieb sich vergnügt die Hände: »Was sagen Sie zu meiner Frau, Frau Staatsrätin?« »Sie wird doch Ausnahmen machen. Sie ist nicht so grausam, uns alle zu verdammen.« »Da ist einer wie der andre. Jetzt merk ich's erst, aber ich habe es längst gewußt.« »Ihren Herrn Gemahl werden Sie wenigstens ausnehmen?« Die Baronin schien sich zu besinnen, indem sie ihn anblickte. Ihre Antwort begann mit einem langgezogenen »Na! – Das ist wahr, ein petit-maître will er nicht sein, und die Cour macht er auch nicht, nämlich in Gesellschaften, und spricht auch nicht, als ob er die Weisheit mit Löffeln gegessen hätte, denn er macht sich nichts aus den Gelehrten, aber –« Das »Aber« der schönen Frau, als sie innehielt, schien lautlos von allen Lippen wiederholt, nur ihr Gemahl rief es laut lachend: »Aber, Auguste, nur raus damit!« »Aber«, rief sie rasch, »mein Mann tut jetzt, als wenn er wünschte, daß ich alles ausplaudern sollte, weil er so tut, als ob er sich nichts draus machte. Nachher zu Hause und im Wagen schon würde er mir das Kapitel lesen: ›Aber, Auguste, wie konntest du wieder!‹ Sehen Sie, wie er das Kinn im Halstuch versteckt. Er möchte Sie glauben machen, daß er sich vor Lachen ausschüttet, aber – aber ich will keine Komödie vor Ihnen aufführen.« Das Urteil über die Baronin lautete heute sehr verschieden. »Wer hätte es von ihr gedacht!« sagte die Dame, welche wir als Staatsrätin angeredet hörten. »Früher nicht den Mund geöffnet, ohne eine Betise zu sagen, und wirft jetzt mit Sottisen um sich!« »Ich weiß aber nicht«, entgegnete die andere, »ob mir das rohe Tuch nicht lieber war als die neue Appretur im Lagerhause.« »Die sie indes gewiß nicht dem Bügeleisen ihres Mannes verdankt«, fiel die erste ein. »Solange sie neu ist, wird ihre Neuheit frappieren; ich fürchte aber, daß es mit dem Glanze gehen wird wie mit dem Tuche ihres Gemahls: nach den ersten Regengüssen wird es fadenscheinig.« Die Urteile der Männer lauteten günstiger. Einige gingen so weit, zu behaupten, sie hätte ihren Verstand nur kaschiert oder ihr Mann ihn nicht aufkommen lassen, wogegen andere wollten, er sei vielleicht grade durch die Reibung mit ihm ins Leben gerufen. Die Feineren lächelten: Es war ja die Wirkung der Liebe. Die Flammen hatten eine Eiskruste oder Bleirinde gesprengt. »Schade, daß sie nicht mehr jung genug ist, um eine Gurly zu spielen«, schloß einer. »Also doch auch sie eine Rolle«, entgegnete ein anderer. »Sie hörten ja, daß sie keine Ausnahmen statuiert.« Den eigentlichen Vorteil zog Komteß Laura von dem Disput, wenn es ein Vorteil war, daß sie über dem neuen Gegenstand der Unterhaltung dem scharfen Skrutinium entschlüpfte. Achtes Kapitel. Nationalität . In einem andern Zimmer sah man Staatsmänner, Gelehrte und Künstler sich um die Wirtin bewegen. Die Zeitverhältnisse, die Politik waren in das Gespräch gezogen, aber mit jenem Takt, der alles Bestimmte und Persönliche ausschloß. Eine jener Stimmen war hier erklungen, die damals nur wie vereinzelte Akkorde, Trompetenstöße aus einem mythischen Lande, in das Gewirr des Tages schmetterten, um später zu einem rauschenden Orgelton zu werden. Nicht, daß nicht schon im Volke, unter einzelnen Gelehrten, in den Universitäten und Schulen der Ruf der Nationalität vibrierte, den später die Arndt und andre zu einem mächtigen Schlachtruf für die deutsche Nation erhoben, aber in den höheren Kreisen der Gesellschaft verstummten diese Töne, erstickten diese Luftzuckungen noch immer an einer ganz andern Luftatmosphäre. Man hörte sie an, nicht ungefällig, aber vornehm Beifall lächelnd, wie man eine neue, überraschende Erfindung betrachtet, deren glänzende Erscheinung man zwar bewundert, aber die Wirksamkeit und Dauerhaftigkeit bezweifelt. Man hatte nachdenklich einem Redner zugehört, welcher gesprochen von der Heiligkeit, einem Volke anzugehören, von dem Recht auf Sprache, Sitte, eigenes Wesen, ja von der Pflicht desselben, für dieses höchste Gut sein alles einzusetzen. Eine Nation, die gegen diese Pflicht gleichgültig werde, habe schon das Anrecht auf ihre Existenz eingebüßt. Soweit ward der Sprecher verstanden, die Damen hatten Verse aus der »Jungfrau von Orleans« und »Tell« zitiert. Aber als er weiterging und nicht sowohl den Haß gegen alles Französische, nicht allein gegen Bonaparte und seine Soldaten, gegen die Revolution und die Jakobiner empfahl, worin man ihm beigestimmt haben würde; als er es als noch heiligere Pflicht forderte, daß der einzelne wie das Ganze sich versenke in das, was deutsche Art und Wesen sei; daß nur dann, wenn wir dieses wieder rein hergestellt in der Sprache, unsern Gewohnheiten, unsrer Denkweise, wenn wir ganz wieder zurückgekehrt zur eigentümlichen Anschauungsart unsrer Väter, das Fremdartige, was durch Jahrhunderte sich in unser Blut gefressen, abstreifend und ausmerzend, daß nur dann Rettung sei für unsre Nation von der Fremdherrschaft: da hörte man wohl belobende Phrasen; die meisten aber verstanden es nicht, andre schwiegen, noch andere schüttelten den Kopf. Der Redner hatte eine noch kühnere Hypothese aufgestellt: nur in der Nationalität sei die Wurzel der Kraft, um der Tyrannei zu widerstehen. Der korsische Riese, der mit den Flügeln des Vogels Rock die Welt umspanne, wisse, was er tue, indem er das Ureigene der Nationen erdrücke, um sie in eine Allgemeinheit von gleicher Farbe, gleicher Prägung zu stampfen. Das ermatte den Lebensnerv; woran solle die Begeisterung, der Patriotismus sich klammern, wenn ein Pfeiler nach dem andern der alten heiligen Erinnerungen, der Töne und Bilder zerbreche, an denen wir uns als Kinder gehalten! Das anscheinend Unbedeutendste sei da von Wichtigkeit, ein altes Lied, es dünkt uns ohne Sinn, ein Sprichwort, eine Ruine, ein dunkler Winkel, den ein Geist, eine Sage umschwebt, eine Gewöhnung, die uns albern erscheint, alles sei doppelt bedeutend, was als Heftnadel gelten könne, um ein Volk zusammenzuhalten, in einem Augenblick, wo alles hinarbeitet, es zu zersplittern und sein Dichten und Trachten in allgemeine Begriffe von Wohlergehen und Glückseligkeit aufzulösen. Er ging noch weiter: nur den Nationen, welche diese ihre Nationalität festgehalten, winke die Palme des Sieges. Nicht seine Insellage schütze Albion, sondern das ehrenwerte Festhalten an den alten Sitten und Gesetzen. So sah er in Spanien eine Mauer, an welcher des Eroberers Ehrfurcht scheitern müsse, er erwartete von den Basken in den Pyrenäen, daß sie die Standarte der heiliggehaltenen Volksrechte erheben würden, er blickte nach Rußlands Steppen, wo eine Völkerwiege des Ureigenen braue, aber seine Stimme wurde bewegt, als er von dem teuren deutschen Vaterlande sprach, einem Volk, das sich selbst zerrissen und sich nicht wiederfinden könne, das wie Kinder, die Muscheln am Meere sammeln, alles Neue, Fremde, Glänzende aufgreife, das wie ein Schwamm die Feuchtigkeit der Luft einsauge und seine schönsten Eigenschaften zu selbstmörderischer Tätigkeit auspräge. Mit seltner Empfängniskraft begabt, drängt seine Natur es dazu, alles Große zu bewundern, aber sein böser Geist wolle, daß es nur das Fremde bewundert; wo die eigene Größe Anerkennung fordert, erschrecke es scheu, kalt, ängstlich, und im Mißtrauen an sich selbst zergehe die schönste Kraft. Der Redner, ein junger Mann von hoher Abkunft, hatte einen doppelten Fehler begangen. Er hatte begeistert gesprochen; die Begeisterung gehört in keinen Salon. Er war selbst gerührt worden; das war ein Fehler unter allen Umständen. Er hatte aber auch sein Auditorium nicht berechnet, und das war unverzeihlich. Er befand sich in Friedrichs Hauptstadt, in einem Kreise von Würdenträgern und ausgezeichneten Männern, die sich für Träger der Monarchie des großen Königs hielten, diese selbst aber für so fest, gesichert und in gutem Stande, daß es nur einiger Ausbesserungen bedürfe, aber keines Fundamentalbaues. War nicht seine ganze Rede ein einziger Angriff gegen die Schöpfung des Einzigen? Wo war denn die Nationalität hier, die er als einzigen Anker, der Zukunft und Vergangenheit zusammenhalte, anpries? Wo das ureigene deutsche Element? Friedrich, der mit dem Degengriff und der Feder zerstörend in das Zerfallende hineingegriffen, hatte eine Schöpfung hingestellt, die der Gegenwart angehörte. Freilich hatte er diesen Vorwurf in seinem Sinne nicht deutlich ausgesprochen noch begriffen es alle, aber man fühlte es. Ein peinliches Schweigen war eingetreten. Einige Damen lobten hinter dem Rücken das sonore Organ des Redners: leise, aber laut genug, daß er es hören konnte. Man begegnete ihm mit großem Respekt, aber – es galt seinem Stande. Der junge Mann fühlte sich unbehaglich, er verschwand bald; er war noch zu Hofe geladen. Dennoch hatte seine Rede einen Eindruck hinterlassen. Ob die Fürstin das Lob der Nationalität, die Hoffnung auf Rußland, für ein Kompliment genommen? »Was sagen Sie dazu?« sprach sie, aus ihrem Nachsinnen erwachend, als ihr Blick auf einen Mann fiel, dessen Stirn, Auge, Haltung den Künstler nicht verkennen ließ, der sich mit dem Stolz des Bewußtseins in dem Kreise bewegte, welcher an Stand und Geburt weit über ihm stand. Aber sein Blick, seine Sprache, die Nonchalance seines Wesens bekundete, daß er sich, wenn nicht ihnen gleich, doch frei und unberührt von der Präponderanz dieser Geburts- und Standesvorzüge fühlte, ohne doch in das umgekehrte Extrem zu verfallen, einer brüsken Nichtachtung. Er hatte der Rede des jungen vornehmen Mannes mit zugehört, anfangs aufmerksam, dann hatte er mit dem Kammerherrn von St. Real eine Marmorgruppe betrachtet und schien ihn jetzt auf einige Fehler derselben aufmerksam zu machen. »Ich habe die Eloquenz admiriert«, entgegnete der Künstler. »Überhaupt, wenn in den Schulen etwas dafür getan würde, möchte die art rhetorique auch in Deutschland Progressen machen.« »Ich meine, was Sie zur Sache sagen. Was halten Sie von der Nationalität, Schadow? Ein Künstler muß darüber ein Urteil haben.« »Meine gnädige Fürstin«, entgegnete der Bildhauer, »wenn man die Menschen nackend auszieht, so sieht einer aus wie der andere, und wir Skülpteurs haben's eigentlich nur mit nackten Menschen zu tun.« »Aber die Rassen sind anders gebildet. Wo wären die Götterbilder der Griechen, wenn ihre Phidias und Praxiteles nur nackte Hottentotten gesehen hätten.« »Ich pariere darauf, wenn Phidias sich nur eine hübsche Hottentottin ausgesucht, er würde auch eine Venus zustande gekriegt haben, die unsre Amateurs admirieren müßten. Und was die Rassen betrifft, so ist unsre deutsche auch eben keine Schönheit gewesen. Nach den descriptions der Historiker und den Skulpturen an den Säulenbildern waren unsre barbarischen Vorfahren auch barbarisch häßlich.« »Die Kultur also hat die Rassen veredelt. Das ist Ihre Meinung?« »Sie könnte noch immer etwas mehr tun, als sie getan; indessen, wir Künstler dürfen es nicht zu genau nehmen. Wo wir nichts finden, borgen wir, hier einen Arm, da ein Bein, eine Hüfte, eine Schulter –« »Und das Beste tun Sie selbst hinzu, die Harmonie. Die Kunst ist Stückwerk, wie alles unter dem Monde, der Geist muß in die Formen fahren, um ihnen eine Seele zu geben. Aber Sie wollen mich nicht verstehen und verstehen mich doch. Die Griechen waren eine Nation, die Römer –« »Die Juden sind auch eine«, fiel Schadow ein, »und doch rümpft man in der Société die Nase.« »Ich will Ihre Meinung wissen, Schadow«, sagte die Fürstin mit entschiedenem Ton. »Ihre Moquerien ein andermal.« »Wenn man meine Skulpturen so gütig ist zu rühmen«, sagte der Künstler, »ist's jetzt so Mode, ein Schwanzende dranzusetzen, daß wir uns von der französischen Imitation losreißen müßten. Ich habe auch nichts dagegen; wer frei stehen kann, mag sich losreißen, aber ein Kind gebiert sich nicht selbst. Es ist dazu eine Mutter und ein Vater nötig, und die mußten wieder Väter und Mütter haben. Meine ersten Väter waren die französischen Maitres, die der grand Frédéric herbeirief. Was fängt die junge Welt jetzt an, gegen sie zu schwätzen! Auch meine Jungens, der Rudolf und Wilhelm, tun's, seit sie den Mund auftun können, als müßte es so sein. Habe auch nichts dagegen, denn Schwatzen gehört zum Leben, aber ich lache so im stillen, was wäre ich denn, und was wäret ihr alle und wir alle ohne die Franzosen! Und die Franzosen ohne die Italiener und die ohne die Römer und Griechen! Und die Griechen vielleicht ohne die Ägypter und so weiter.« »Sie mögen recht haben.« »Da wollen sie jetzt auf Goldgrund malen, lange Engelsgesichter mit Wickelkinderleibern und mit Schleppkleidern, und das nennen sie deutsch, weil sie vor vierhundert Jahren, als das Gold noch wohlfeiler war, die Leinwand so angestrichen haben. Als ob der Fiesole und die Florentiner so gemalt hätten, wenn sie damals schon Besseres gesehen.« »Sie springen ab. Ist die Nationalität Ihnen gar nichts?« »Das Kleid, was der Mensch sich anlegt, weil wir nun einmal nicht nackt gehen sollen. Sie sagen, es schickt sich nicht, ich aber meine, weil wir zu eitel sind. Weiter nichts, um unsre Gebrechen und Unschönheiten zu bemänteln, legen wir Kotillons, Surtouts und Redingoten an. Und gar nicht nach unsrer Wahl, wie wir's von unsren Voreltern übernommen haben. Wir ändern nur den Schnitt. Und von wem kommt der? Soweit Sie zurückgehn, aus Paris. Nehmen Sie mir Stück für Stück vom Leibe, was vom Auslande stammt, und ich würde wirklich mich nicht unterstehen, in dem Kostüm, was die Natur mir läßt, vor Euer Erlaucht stehnzubleiben. Was ist's nun mit der Nationalität anders, gnädigste Frau, verschieden geschnittene und gefärbte Röcke um dieselben Menschen. Freilich pressen enge Schuhe den Fuß der Chinesinnen klein, und der des Türken wächst plump in seinen weiten Pantoffeln, aber der Fuß bleibt Fuß, und mit der Sohle treten sie in Grönland auf und in Konstantinopel. Ist der Franzose ein andrer, weil er mehr auf den Zehen geht, und wir mehr auf den Hacken? Wo wir nun alle bettelarm wären, und zottig umherlaufen müßten in unsrer Blöße, lohnt sich's da, um den Schnitt und das Kostüm uns zu hassen? Denn weiter ist die Nationalität nichts.« »Einem Bildhauer vergebe ich diese Naturauffassung. Aber Sonne, Klima, Luft wirken verschieden auf die Kreatur. Die Nationen sind verschieden in Gemütsart, Intentionen, das können Sie nicht abstreiten.« »Ja, in jedem Lehrbuch steht's, daß der Franzose leichtes Blut hat, der Spanier schwarzes, der Italiener heißes, der Deutsche warmes. Der Franzose ist leichtfüßig und eitel, der Italiener zänkisch und rachsüchtig und der Deutsche keusch und treu. Eigentlich brauchte man nur an den Puls zu fassen, und gleich hätte man weg, von welcher Nation jemand ist. Schade nur, Prinzessin, daß ich in Italien die liebsten Menschen fand, von warmem Blut und dem besten Herzen, fleißig, emsig, rechtschaffene Familienväter und treue Freunde. Sollte ich sie darum hassen, oder die Franzosen, weil Montesquieu und Rousseau, weil Buffon und Laplace Franzosen waren, oder alle Deutschen darum lieben, weil sie alle grad, ehrlich, Männer von Wort, Biedermänner und keusch wie Joseph sind?« Herr Schadow hatte dabei wie zufällig den Blick auf dem Kammerherrn von St. Real ruhen lassen, welcher etwas unruhig ward. Es gibt Tiere und Menschen, welche das Fixiertwerden nicht vertragen. Die Fürstin, sichtlich im Innern bewegt, nahm wieder das Wort: »Sie haben recht, die Nationalität ist auch nur ein Götze, geknetet und angestrichen aus Leim und Kot, aus Träumen und Blut. Aber, Herr Schadow, ein schöngeformtes Götterbild bleibt's, schöner als Ihre Apollo und Jupiter.« Der Meister hatte eine Prise genommen: »Ja, die Kostüms sind recht hübsch, ich zweifle gar nicht, daß der Patriotismus einst eine Rolle spielen wird.« »Wie wir alle!« sagte die Fürstin, indem ihr Blick die Gesellschaft überflog. Die Eitelbach und Laura gingen vorüber; sie nickte ihnen zu, aber ihre Gedanken waren mit anderm beschäftigt und die Worte kaum an den Bildhauer und den Kammerherrn gerichtet, so wenig als an den Rittmeister Dohleneck, der eben aus dem andern Zimmer auf sie zuschritt. Sie sprach mit sich selbst. »Wir alle spielen eine Rolle, vor andern oder vor uns selbst. Wenn wir uns doch darüber nicht täuschen wollten! Schadow hat recht, was ist denn unser eigenstes Eigenes? Die Szene, wo wir auftreten, das Licht, das uns anleuchtet, das Kleid, das sich an unsre Glieder schmiegt, es übt Einfluß, es macht uns erst zu dem, was wir scheinen; das Lächeln der Lippen, es ist angeblasen vom Augenblick, der Stimmung; alles, was wir zu besitzen glauben, ist Geborgtes und wir nur Mollusken, die Farbe und Gestalt annehmen von der Flüssigkeit, die sie einsaugen, Schmetterlinge, denen der Blütenstaub den Duft leiht, und der Finger des Knaben entfärbt sie wieder; Irrlichter sind wir, schaukelnd in der Vibration der Luft, und unsere törichste Rolle, es ist die unverschämte Lüge, wenn wir wahr zu sein glauben.« »Dazu, meinen einige, wären wir auf der Welt«, entgegnete der Meister. »Schadow, haben Sie nie die ungeheure Leere empfunden, dies gähnende, graue Mißbehagen der Kreatur?« »Niemals, meine Gnädigste.« » Ich kann den Trinker begreifen, der ausstürzt Becher über Becher, immer feurigren Wein, es ist die Molluskensehnsucht nach einer Existenz, nach einer Verkörperung des Geistes.« »Wenn ich den brennenden Durst empfinde, den Erlaucht meinen«, sagte Schadow, »dann knete ich ihn in Ton und meißle ihn in Stein.« »Und das tote Werk vor sich, sind Sie befriedigt?« »Da ist's heraus, fix und fertig, was mich plagte, nach allen Regeln steht's vor mir, und ich bin frei.« »Glücklicher – Unglückseliger! Bis Sie wieder von neuem geplagt werden.« »Dann schaff ich's von neuem aus mir raus.« »Und käme eine andre Zeit, die alle diese Regeln zusammenwürfe?« »Dann habe ich für meine geschaffen und genug getan.« War das Zustimmung, war es Schadenfreude, oder wo kam der Funke her, der plötzlich über ihr Gesicht zuckte: »Und Sie haben recht. Wir, wir leben ja alle nur für unsre Zeit. Nur unsre Rolle gut durchgespielt, das ist die Aufgabe. Harmonie hineinbringen müssen wir, nicht die aus den Sphären, die bringt schrillende Disharmonien. Die Harmonie des Scheins. Sie schaffen, was heute gilt, der Komponist, was heute die Ohren kitzelt, der Philosoph, der Politiker – ach, mein Gott, wohin verirrten wir uns, lieber Schadow, schwärmen und philosophieren, heißt das nicht aus der Harmonie unsrer Rolle fallen, und unsre lieben Gäste blicken verwundert nach uns.« Neuntes Kapitel. Sie hassen . Der Rittmeister von Dohleneck hatte die Fürstin in Beschlag genommen: »Ein Wort nur, gnädigste Frau, eine Bitte!« »So dringend?« »Ja. – Sie sind ihr Schutzengel.« »Ich ein Engel! Wen beschütze ich? –« »Auguste – die Baronin Eitelbach!« korrigierte er sich. »Ach so! Eine schöne Frau hat überall Schutzengel. Jeder Kavalier ist es.« »Die Komteß Laura hat sie an ihren Arm gepackt und schleppt sie wie ihr Opfer mit sich. Sie ist zu arglos, zu gut, sie begreift nicht, daß diese Kompanieschaft ihrem Ruf schadet. Es verdrießt mich schon den ganzen Abend, aber –« »Da ist ja ihr Gemahl, der Baron.« »Der! –« »Er ist freilich ein seltsamer Freigeist.« »Was schiert er sich um seine Frau und ihren Ruf. Er freut sich, daß sie mit einer vornehmen, bei Hofe gern gesehenen Dame intim scheint.« »Dann sprechen Sie doch selbst mir ihr. Sie wissen ja, wie gut sie von Ihnen denkt.« »Erlauchte Frau, Sie wissen, wie wir –« »Das hätte ich beinahe vergessen. Kinder, was trübt ihr euch das kurze Schmetterlingsleben durch Skrupel? Was hilft euch die Pein? Wenn ihr euch auch noch so ehrbar grüßt, so kalt aneinander vorübergeht, dem bösen Leumund entgeht ihr doch nicht. Am wenigsten Sie, Dohleneck, wenn Sie sich der lieben Frau zum Ritter aufdringen, wie Sie jetzt tun.« Der Rittmeister war um einen halben Schritt zurückgetreten, wäre es keine Dame und nicht die Fürstin gewesen, er hätte die Hand vielleicht an den Degen gelegt. Er erkannte schnell seine Position. »Gnädigste Fürstin, ich wollte keinem Kavalier Anspielungen geraten haben, die der Ehre meiner tugendhaften Freundin zu nahe träten. Aus Ihrem Munde nehme ich dankbar die Worte als eine freundliche Warnung.« Sie blickte ihn mit einer herzgewinnenden Freundlichkeit an: »Die arme Laura! Da scheut ihr Herren der Schöpfung euch nicht, um einer Frauen Ehre zu erhöhen, die von andern zu vergiften. Ist das ritterlich, Herr von Dohleneck? Was sie von meiner Laura schwätzen und plaudern, was geht es mich an!« »Sollten Sie nichts gehört haben?« »Ich kam als Fremder her, ich bin es noch, ich nehme die Personen, wie ich sie finde, was in der Gesellschaft von Traditionen umgeht, kümmert mich nicht. Sollte ich bei allen Gästen, die mich mit ihrem Besuch beehren, danach mich erkundigen, so weiß ich wirklich nicht, ob mein Salon nicht leer bliebe. Überdem sagten Sie selbst, daß der Hof sie protegiert. Ich sollte meinen, das sei genug, um dem Vorwurf zu begegnen, der in Ihrer Bitte für mich liegt.« Aber der Rittmeister hatte Sukkurs bekommen. Herr von Fuchsius und eine Hofdame waren hinzugetreten. Auch der Legationsrat schloß sich der Gruppe an. Die Hofdame hatte Zweifel, ob der Hof die Komteß noch länger halten werde, seit der letzte Skandal laut geworden. Herr von Fuchsius wußte, daß der König sehr aufgebracht sei, und der Legationsrat, daß die alte Voß das Ohr der Königin belagere, welche noch die meiste Prädilektion und Entschuldigungen für die schöne Komteß hätte. »Auch die alte Voß!« wiederholte mit einem eigenen Lächeln die Wirtin. »Da ist ja eine völlige Verschwörung gegen ein armes Mädchen, das sich nicht verteidigen kann. Ich verstoße wohl schon, wenn ich es versuche?« »Ihre Erlaucht wollen gütigst vermerken«, sagte die Hofdame, »es ist noch nichts darüber ausgesprochen. Bis jetzt ist sie rezipiert, und Fürstin Gargazin können sie ohne Gefahr bei sich sehen.« »Sie würden mir einen großen Gefallen erweisen, liebe Almedingen, wenn Sie mich davon avertierten, sobald ich es nicht mehr darf.« »Sobald man ihr die Türe weist; Erlaucht können sich darauf verlassen, daß ich mit der ersten Nachricht zu Ihnen fliege.« Die Fürstin drückte ihr verbindlich die Hand: »Von Ihrem Eifer bin ich überzeugt. Bis dahin hat es aber wohl noch einige Zeit?« »Es sind vielleicht doch nur Mißverständnisse«, warf der Legationsrat hin. »Oder sie bessert sich auch. Man muß ihr nur Zeit lassen«, meinte Herr von Fuchsius. »Ein – zehn, fünfzehn Jahr«, murmelte der Legationsrat, »dann macht sich das von selbst.« »Macht mir das junge Reh auf der Maienwiese nur nicht scheu«, sagte die Fürstin. »Wenn ihr ihr beständig von der Arglist und Tücke der Menschen vorerzählt, glaubt ihr, daß ihr sie dadurch schützt? In ihrer Angst und Verwirrung läuft sie von selbst ins Netz.« Das junge Reh stand plötzlich unter ihnen. Laura hatte wohl nur durch das Zimmer gewollt, denn der Glanz ihres Auges verriet nicht, daß sie gelauscht, noch von dem, was hier über sie gesprochen worden, eine Ahnung hatte. Auch verriet die Miene der Fürstin nichts von Betroffenheit, als sie die Flüchtige erhascht und den Arm um ihre Schulter, wie eine Mutter um ihr Lieblingskind, schlang. »Haben Ihnen nicht die Ohren geklungen? Wenn Sie wüßten, was wir gesprochen, würde Laura bis über die Ohren rot werden.« Die Komteß meinte, es wäre sehr heiß. »Nun möchte der Wildfang gleich ans Fenster stürzen, um sich zu erkälten. Nein, Komteß, hier ist ein Familienrat, ich stelle die Mutter vor, und alle diese Freunde werden mir beistehen, Sie zu hüten.« »Ich bin Ihnen sehr obligiert –« »Aber das Kind weiß selbst, was ihm am besten ist! Nicht wahr? So lese ich Ihre Gedanken, die geheimsten auch, aber – ich verrate nichts. Ist sie nicht ein Feenkind«, wandte die Fürstin sich zu den andern; »da ist doch kein verborgenes Fältchen, nichts Angelerntes, nichts von Verstellung. – Sehn Sie in dies Gazellenauge; nur etwas zu munter noch, leichtsinnig, flatterhaft, ein Schmetterling, der lauter Honig naschen möchte, aber mit der Zeit pflückt man Rosen, mit der Zeit wird sie auch den rechten Weg finden. Ach das macht sich alles von selbst. – Sehen Sie! Jetzt sollte ein Maler diesen Augenniederschlag, diese Grübchen am Kinn malen. Herzensengelskind –« Die Fürstin wollte sie embrassieren, aber statt des Feenkindes mit den Pfirsichwangen stand ein blasses, scharfgeschnittenes Gesicht vor ihr, statt des blühenden Hauptes mit dem phantastischen Lockenbund eine enganschließende Haube mit Spitzen, und statt der Gazellenaugen, die gutmütig und gedankenlos umherschweiften, fuhr ihr ein stechendes, kleines Augenpaar entgegen. Die Geheimrätin Lupinus war ungemeldet eingetreten. »Mein Gott, welche Überraschung!« Die Gargazin spielte hier keine Rolle, als sie mit den geöffneten Armen zurückfuhr. Es war eine vollkommene, natürliche Überraschung; denn sie war jedes andern Besuches gewärtig als der Lupinus, die zwar zu ihren Soireen ein für allemal formell eingeladen, aber noch nie gekommen, auch nie erwartet war. Ob sie aus Nachlässigkeit der Domestiken unangemeldet bis in das Zimmer gedrungen, ob die Fürstin im Eifer des Gespräches die Meldung nicht gehört, lassen wir unentschieden, aber Tatsache war, daß sie unbemerkt mitten im Zimmer stand und der Wirtin in dem Augenblick sich näherte, als die Komteß durch eine Seitenbewegung sich den Armen der zu gütigen Fürstin entwunden hatte. Alle waren überrascht; nur die Überraschende schien sich in der Wirkung, die ihre Erscheinung hervorrief, zu gefallen. Sie hatte etwas gestört, vielleicht zerstört, eine Gruppe voll Liebe und Einigkeit. Die Lust, welche das Zerstören veranlaßt, wird von vielen als eine Wollust geschildert. Die Lupinus war eine andere geworden, als wir sie kennengelernt. Die bunten Farben waren aus ihrer Kleidung verschwunden, aus ihren Zügen der Liebreiz, der noch fesseln konnte, während die Schärfe derselben zurückschreckte. Ihre Augen konnte man nie eigentlich schön nennen, aber es lag zuweilen etwas Schmachtendes, Sehnsüchtiges darin, was mit dem lauernden Aufblitzen versöhnen mochte. Man bedauerte sie, man las die Unbefriedigung, welche als Unruhe in ihr aufzuckte. Diese Unruhe schien einer eiskalten Ruhe gewichen. Schien , sagen wir, solange sie Herrin über sich blieb, aber in Momenten zuckte das Feuer der Unruhe wieder heraus, ihr Auge schoß Blitze; die wehe tun konnten, vor denen ein sanftes Auge sich unwillkürlich schloß, wie ein keusches Gemüt vor einem Augenblick, den es nie gesehen, und doch hat es die Empfindung, daß es so etwas nicht sehen darf. Und doch, wie schnell war die Ruhe wieder über das Gesicht ausgegossen, und ein Lächeln schwebte um die Lippen, das ein Maler vielleicht mit dem einer Heiligen verglichen, die unter Folterqualen zu den Umstehenden spricht: »Es schmerzt nicht.« Die Fürstin und die Geheimrätin hatten einen Versuch gemacht, sich zu embrassieren, ein Versuch, der, an irgend etwas gescheitert, in einem wiederholten Händeschütteln sich aufgelöst. »Ich werde Ihnen das nie vergessen, da ich weiß, was Sie mir bringen«, waren die nächsten Worte der Gargazin, und die Freude schien auf ihr Gesicht zurückgekehrt, als sie den neuen Gast neben sich aufs Kanapee gezogen. Ihr Auge streifte über die anderen hin, es lag darin ein gütiger Befehl an die Freundesgruppe, sich aufzulösen. Die Hofdame hatte sich mit dem Regierungsrat schon fortgeschlichen. Der Komteß nickte sie zu: »Geben Sie Ihren Arm getrost dem guten Rittmeister. Ich versichere Sie, Komteß Laura hat keinen bessern Freund als Herrn von Dohleneck.« »Ich weiß, was ich Ihnen bringe«, hatte die Geheimrätin erwidert. »In das Haus der Freude eine Trauergestalt, aber die Pflicht der Dankbarkeit geht über diese Rücksicht.« »Dankbarkeit?« rief die Fürstin mit einem erstaunten Blick, indem sie die Hand der Geheimrätin an sich zog. »Sie stehen noch immer, Herr von Wandel, wollen Sie nicht neben uns Platz nehmen, meine Freude teilen. – Madame Lupinus spricht von Dankbarkeit!« »Nur von einer Pflicht, gnädigste Fürstin, die ich solange aufgeschoben. Sie haben sich meiner Pflegetochter wie eine wahre Mutter angenommen.« »Ach das! – Ich bitte Sie, kein Wort davon.« »Gönnen Sie mir das Wort. Ja, ich bekenne es, ich bringe ein Opfer, um endlich auszusprechen, was ich über Ihre Handlungsweise denke.« »Egoismus, nichts als Selbstsucht! Weil Adelheid mir gefällt, weil ich mein Haus, meine Gesellschaften durch ihre Schönheit schmücken will.« Die Fürstin fühlte ihre Hand sanft gedrückt. »Warum das wiederholen, was der Pöbel über uns urteilt. Adelheids blühende Jugend gehörte nicht in mein Krankenhaus. Sie erkannten es – und – ich gestehe es Ihnen, im ersten Augenblick schmerzte mich die Art, wie das teure Kind mir entführt ward; jetzt preise ich den Himmel, daß er es so gefügt hat, und – daß er Ihnen den raschen Entschluß eingab.« Die schönen Seelen verstanden sich; das vorhin versuchte Embrassement erfolgte wie von selbst. »Einen Fingerzeig des Himmels wollen Sie darin erkennen«, sagte die Fürstin. »Ich kann noch immer nicht umhin, mir einen Raub vorzuwerfen.« »Lassen wir den Streit darüber, gnädigste Frau. Adelheid gehört in Ihr Haus, es ist meine aufrichtige Meinung. Der Legationsrat kann bezeugen, wie oft ich es aussprach. Bei mir wäre sie verkommen.« »Sie spricht nur mit der größten Liebe von dem Guten, was sie durch meine Freundin erfahren.« »Es täte mir leid um das Kind, wenn sie unwahr würde.« »Warum so selbstquälerisch? Sie wissen selbst, bis zu welcher Verirrung das Dankbarkeitsgefühl sie trieb.« »Und doch hat sie mich nicht ein einziges Mal besucht.« Das hatte die Geheimrätin nicht sagen wollen; es war heraus, ehe sie es verschlucken konnte, und, was schlimmer, die Fürstin hatte es aufgefangen. »Sie sind leidend«, sprach sie mit bewegter Stimme. »Und Sie überwanden sich, verließen Ihr stilles Asyl, und – Ich weiß ja, wie ich dieses Opfer zu schätzen habe.« Die Geheimrätin war wieder ganz Herrin über sich geworden: »Doch ist es nicht ganz so. Warum zwischen uns eine Verheimlichung! Überwindung kostet es mich, ja, sehr große, diese Festkleider wieder anzulegen. Ich erwarte auch nicht Erheiterung, noch suche ich Zerstreuung, denn ich betrachte es als eine Pflicht gegen mich selbst. Sie sehen also, mein Opfer ist reiner Egoismus.« »Wie Sie sich da wieder täuschen wollen! Sie tun es um der Gesellschaft selbst willen, Sie erkennen die Pflicht, daß wir nicht uns, daß wir für alle leben sollen.« »Oder sie für uns!« rief eine Stimme in der Geheimrätin, die aber diesmal auf den Lippen erstarb. Die Gargazin mußte den Sinn verstanden haben, so leuchtete ein Blick sie an; es war ein merkwürdiges Verständnis zwischen beiden Frauen. Sie liebten sich gewiß nicht, aber zum Haß war für die Fürstin kein Grund. Sie sah sich um, ob niemand lauschte. Der Legationsrat war unschädlich, er bildete eine Schutzmacht gegen die andern. »Wir verstehen uns, glaube ich, besser, als wir einen Ausdruck dafür finden«, hub die Fürstin an, der Lupinus näherrückend. »Was ist uns die Gesellschaft? – Ich setze voraus, daß wir beide jetzt über die kleine Rivalität recht herzlich im Innern lachen, ich meine die, welche die Leute uns anlügen. Ich gebe auch zu, daß in der Lüge was Wahres war. Wir spielten Schach miteinander, weil sie uns dazu nötigten, zwangen. Genug, wir haben gespielt. Weiter war es nichts.« »Und Euer Erlaucht gewannen.« »Die Erlaucht hatte nichts damit zu schaffen. Wir gingen unserm Penchant nach, und in einem Punkte stießen wir aneinander.« »Ich gebe keine Gesellschaften mehr. Mein Haus ist ein Haus der Trauer geworden, mein guter Mann –« »Wird gewiß unter solcher Pflege genesen. Wer redet davon! Wir wollen ja nur unsre Gedanken über das Wesen der Geselligkeit einklingen lassen. Lieben wir sie etwa um ihrer selbst willen? Um daraus Belehrung, Trost, Hilfe zu schöpfen? Sind wir lüstern, wie die unsterblichen Götter im Olymp, die den Opferduft der Menschen mit Wohlgefallen einschlürfen sollen? Oder ist es bei uns die Neigung, das Verlangen, mit unsresgleichen zusammen zu sein? Sehn Sie, wie unser Freund lächelt. Nicht wahr, das brauchen wir beide nicht, wir haben Ressourcen in uns, um uns vor der Einsamkeit nicht zu fürchten.« »Ich lächle nur«, sagte Wandel, »weil Sie von ›Ihresgleichen‹ sprechen.« »Und mit Ihrer Bosheit treffen Sie es. Wir zaubern das um uns, was uns doch nicht entgeht. Weil wir unter Toren leben müssen, verschaffen wir uns einen kleinen Hof von allen Torheiten um uns her. Wer dreist einer Gefahr entgegengeht, hat sie halb überwunden. Eine Welt en miniature sollen unsre Salons bilden. Was im großen, wirklichen Leben uns anwidert, das erscheint uns auf dieser Bühne gefälliger, weil wir damit spielen, es regieren zu können meinen. Am Ende bilden wir uns ein, dieser Makrokosmos ist unser Werk, und wir hätten alle diese Puppen uns zum Vergnügen ausgestopft und in Szene gesetzt.« »Man muß nur nicht die Drahtfäden merken lassen«, sagte der Legationsrat. »Zum Vergnügen!« fiel die Geheimrätin ein, die aufmerksam gefolgt. »Wo wir wissen, wie einer den andern verredet, hier mit Lob ihn überschüttet, um, wenn er ihm den Rücken gedreht, ihn zu verspotten; wissen, wie die mit Honiglippen uns Kußhände zuwerfen, gegen uns kabalieren. Hier drückt ein Beamter dem andern die Hand und empfiehlt sich seiner Gewogenheit, während die Entlassung oder Versetzung des zweiten schon in der Kanzlei ist, und er hat sie betrieben, um in seinen Posten zu rücken. Wo sie uns schön und geistreich finden, um sich nachher vor Lachen auszuschütten, daß wir es geglaubt! Die Tugend in aller Munde, und die Kuppleraugen schleichen um, ihre Opfer sich auszusuchen. Nur die absolute Mittelmäßigkeit ist sicher, denn was hervorragt, worin es sei, ist den Pfeilen ausgesetzt. Sie zumeist, die wähnen sie zu regieren. Man preist ihr Zauberfest, man erhebt es beim Abschied in den Himmel, aber ehe sie nur in den Wagen springen, klagen sie über Langeweile, Zurücksetzung, gemischte Gesellschaft, daß die Wirtin es nicht verstanden, die Gäste zu placieren, sie klagen vielleicht über Hochmut, Anmaßung, über das Essen und Trinken auch, Gott weiß worüber nicht. Ich begreife, wie man mit diesen Puppen spielen, aber wie es ein Vergnügen sein kann, das bleibt mir ein Rätsel.« »Ihre Kritik geht über die Gesellschaft hinaus«, sagte der Legationsrat. »Das Rätsel ist die Welt –« »Und wehe, wer nicht mit ihm spielen kann«, rief die Fürstin aufstehend, denn neue Gäste waren im Vorzimmer eingetreten. »Wer auf diesem bunten, beweglichen Teppich nicht mit den Füßen einer Tänzerin wandelt, hier über Gegenstände springt, dort sie fortstößt wie Glaskugeln, der ist verstrickt, der ist verloren.« »Es gibt noch einen andern Weg – wo man fest stehen kann –«, entgegnete die Geheimrätin, indem sie auch aufstand. Es war ein Metallklang in der Stimme wie ein Grabgeläut. » Den Weg«, unterbrach die Fürstin, »den Weg haben Sie doch nicht gefunden!« Sie blickte ihr forschend ins Auge; als die Lupinus antworten wollte, rief die Gargazin, wie von etwas überwallt: »Sie hassen! – Oh, unglückliche Frau, der Haß ist ein zu fürchterliches Spiel für uns; der Haß hat einen unergründlichen Fonds, Sie wissen nicht, was da herauskommt aus der gähnenden Kluft – selbst der Schmetterling flattert nicht lange darüber –« Sie ward unterbrochen. Ein freudiges »Ach!« mußte sich aus ihrer Brust ringen, um eine andere Erscheinung zu begrüßen, wir wissen nicht, wen? Es ist uns auch gleichgültig; der unerwarteten Erscheinung, die alle aus dem Fonds ihrer Liebe mit einem gleichen Ton der freudigen Überraschung bewillkommt wurden, waren viele. Die Lupinus aber hätte, noch nicht in die Gesellschaft eingeführt, allein gestanden, wäre nicht der Legationsrat gewesen. Im Nebenzimmer arrangierte man Spieltische, es wurden schon Karten umgereicht. »Werden Sie spielen?« fragte Wandel. »Werden Sie reisen?« entgegnete die Geheimrätin. »Ich riete Ihnen, eine Karte zu ergreifen.« »Und ich Ihnen, zu reisen.« »Warum?« »Aus demselben Grunde, weshalb Sie mir zur Karte raten. Man ist der Mühe überhoben, zu antworten, wenn man fürchtet, gefragt zu werden.« »Gilt der Haß, dem Sie die Gesellschaft geweiht, auch mir?« »Ich bin es müde, Rätsel zu lösen.« »Im Augenblick, wo Sie den Schlüssel fanden?« »Um auf einen neuen Verschluß zu stoßen. Viel Glück, Herr Legationsrat, in Rußland.« »Will ich, gehe ich denn dahin?« »So wollen Sie jemand damit täuschen?« »Meine Feinde. – Kennen Sie meine Feinde?« »Nicht alle – einige.« »Verlangen Sie, daß ich die Sorgen, unter deren Wucht ich meine Freundin erliegen sehe, noch durch Mitteilung von Verhältnissen erhöhe, die nur mich allein betreffen! Nicht mich allein – nein, gewiß nicht, ich bin der letzte – aber niemand, der mir persönlich teuer ist.« »Ihre Sachen sind gepackt, Extrapostpferde stehen für Sie täglich im Hofe des französischen Attaché bereit.« »Das ward Ihnen bekannt?« »Durch Zufall.« Er sah sich um: »Wenn Sie eines Morgens hörten, daß ich über Nacht aufgegriffen, über die Grenze geschleppt ward, und wenn am andern Abend die Nachricht käme, daß er mich füsilieren ließ, so würden Sie den Grund der Vorsicht wissen.« »Wer?« »Napoleon.« »Da würden Ihre Pferde doch nicht beim Vicomte Marvilliers stehen.« »Der Löwe sucht nach dem Raub nicht in seiner Höhle.« »Aber der junge Attaché!« »Wenn ich Ihnen sagte, daß er darum weiß, wäre ich ein Verräter. Ich will kein Verräter werden, lieber – scheiden.« Er hatte sich halb umgewandt, um rasch die Hand der Geheimrätin zu ergreifen: »Leben Sie wohl«, lispelte er. »Nur eines – ist Ihr Leben in Gefahr?« »Noch nicht, aber – gütiger Gott! Die peinliche Erwartung einer Entscheidung, in der ich täglich schwebe, verschließt mir die Lippen, wenn ich sie öffnen müßte, um Vertrauen zu gewinnen. Ich klage niemand, Sie am wenigsten an. Im Gegenteil, Sie haben recht, daß Sie mir dies Vertrauen nicht schenken, ganz recht; verdammen Sie mich als Lügner, der die Pflicht hatte zu sprechen, und wenn er den Mund öffnen sollte, ihn verschließt, als kaltherzigen Intriganten, der mit den Gefühlen spielt, der edle Herzen zerreißt, verdammen Sie mich, Sie haben recht, aber – wenn es vorbei ist, widmen Sie mir eine Träne der Teilnahme, wenn Sie erkannt, daß ich nicht anders handeln durfte.« »Wandel!« sie hielt inne. – »Wann – wann kommt die Entscheidung?« »In einer Woche, vierzehn Tage – höchstens ein Monat, wenn aus Warschau –« »Aus Warschau?« »Ich beteure Ihnen, es ist nur eine Vorsichtsmaßregel; vielleicht zerläuft alles wieder, wie so oft, in Luft und Wind.« »Wer ist in Warschau?« »Entfiel mir das Wort? – Ich bin verwirrt –« »Das muß Entsetzliches sein, was Sie außer sich bringt.« »Was ist entsetzlich, Freundin, in diesen Weltkrisen?« Seine Hand zitterte in der ihren. »Ihr Scharfblick erriet es. Nun bin ich in Ihre Hand gegeben. Mein Leben hängt von Ihnen ab. Gehen Sie zu Laforest und –« »Sie phantasieren. Als ob er nicht wüßte, daß sie mit der russischen Diplomatie verhandeln.« »Auch daß man mich verstrickt, nennen Sie es Zufall, in ein Netz gezogen, dessen Zipfelende die Bourbonen halten; daß Ludwig XVIII. wieder in Polen ist, daß Dinge in Frankreich verbreitet werden; daß in Napoleons nächster Umgebung Personen gewonnen sind; daß ihm die Flaschen mit dem Kellersiegel, die er mit sich führt, nichts helfen; daß die Suppe, die er kostet, das Geflügel, das er in den Mund führt –« »Schweigen Sie, um Gottes willen, schweigen Sie –« »Oh, ich möchte alles, was man mir eingefüllt, ausgießen, es zersprengt meine Brust; denn bei Gott, nur mein böses Glück, nicht mein Wille hat mich hier verstrickt. – Ich fühle mich schon erleichtert, daß ich eine Mitwisserin habe, bei der mein Geheimnis wie im Sarge ruht –« »Man wird auf uns aufmerksam werden, daß wir uns so lange absondern.« »Sie haben recht und ich die Beruhigung, daß, wenn ich plötzlich verschwinden sollte, Ihr Verdacht mir nicht wie ein ängstlicher Schatten auf der Heerstraße nachschleppt –« »Um Gottes willen, meinen Sie, daß Sie diese Nacht schon verschwinden müssen?« »Ich meine nichts, ich weiß nichts; ich sollte meine Lippen verfluchen, daß sie zum Verräter wurden, aber mir ist wohl zumute, wohl wie einem Kinde, das seinen ersten Fehltritt beichtete. Nein, nein, es war wohl nur die Angst, erpreßt durch Ihre Drohung!« »Warum stürzten Sie sich in diese Lage?« »Warum bin ich ein Mensch?« »Reißen Sie sich los – wenn es sein muß, reisen Sie auf der Stelle fort!« »Ich lebte nur für andere. – Nein, nein, ich weiß es, ich bin nötiger hier. Ich will für andere leben – sein Sie unbesorgt – nur um etwas Geduld flehe ich noch – oh, könnten Sie in mein Inneres blicken – Pflichten hier, Pflichten dort, Verlockungen – aber seien Sie überzeugt, als Mann, als Sieger werde ich daraus hervorgehen.« »Man kommt.« »Ein Freundesrat –« »Ich werde Sie nicht bemerken, wenn Sie verschwinden.« »Heiter! meine Freundin. Es war sehr gut, daß Sie herkamen, aber Sie kamen als Trauergestalt. Sie freuten sich des Eindrucks. Um des Himmels willen, mit Geistererscheinungen darf man nicht spielen. Fort die Trauer, einige bunte Bänder, stimmen Sie ein in den frivol geistreichen Ton. Man muß mit ihnen tänzeln, die Gargazin hat recht. Sie hat erkannt, daß Sie hassen. Das kann schlimm werden. Werfen Sie die Maske ab, nicht hastig – lassen Sie sich allmählich erheitern durch die liebenswürdige Gesellschaft. Da bringt man Ihnen eine Karte, nehmen Sie, spielen Sie, mit wem Sie wollen, es sind alles Puppen; aber nicht zerstreut.« Die Eitelbach präsentierte jetzt der Geheimrätin eine Karte: »Wollen Sie?« »Mit dem größten Vergnügen.« »Ihnen präsentiere ich keine Karte, denn Sie mogeln, sagt mein Mann.« Damit ging die Baronin schnippisch am Legationsrat vorüber, der scherzhaft die Finger nach einer Karte gespitzt hatte. »Sie wird immer schöner«, sagte eine Stimme hinter dem Legationsrat. »Kann man schöner werden, wenn man eine vollkommene Schönheit ist?« entgegnete Herr Schadow. Zehntes Kapitel. Der verlorne Sohn und die heilige Magdalene . Das Spiel war zu Ende. Die Geheimrätin hatte allein gewonnen, und bedeutend. Sie war gesprächig, sehr liebenswürdig gewesen. Jetzt sah sie neben sich nur verdrießliche Gesichter. Wenn sie noch heiter und aufgeweckt blieb, legte man es ihr als Freude über den Gewinst aus, den die andern Mitspieler berechneten. Sie war rasch aufgestanden, um mit der Lorgnette die Bilder an der Wand zu besehen. Es war hoch gespielt worden. Der Kammerherr hatte ansehnlich verloren. Er zankte sich mit seinem Visavis um einige Points. Die Wechselreden wurden so anzüglich, daß die Baronin Eitelbach die Herren bitten mußte, sich zu menagieren. Der Kammerherr warf dem andern einen maliziösen Blick zu, den jener, den Stuhl heftig fortrückend, durch ein Murmeln erwiderte: wer krumm ginge, könne auch nur krumm handeln. Der Kammerherr gehörte zu denen, welche das Glück haben, zuweilen taub zu sein. Die Baronin hatte ihre Börse ausgeschüttet: »Mehr habe ich nicht; mein Mann muß zahlen.« – »Das geht immer so, wer Glück in der Liebe hat«, sagte der Baron, verdrießlich die lange Börse ziehend. »Ich verbitte mit alle Gemeinplätze«, hatte sie erwidert. Er wollte nicht glauben, daß sie soviel verloren haben könnte, als sie angab, sie warf ihm den Bêtezettel hin, er rechnete, wollte zanken, es war aber niemand mehr da, mit dem er zanken konnte. Indem er die Geldstücke hinwarf, zischelte er der Baronin etwas ins Ohr. Sein Auge begleitete dabei den Rittmeister. Sie ward hochrot, stand rasch auf und warf ihm mit einer Replik einen verächtlichen Blick zu, um ihm darauf den Rücken zu kehren. Auch an andern Tischen war Uneinigkeit wegen der Berechnung. Überhaupt schien die von poetischem Duft umwobene Harmonie, welche vorhin geherrscht, etwas zerrissen. Ein erwarteter Gast war noch nicht da. Der Duft der Speisen drang schon verlockend aus den Souterrains, aber es – sollte noch gewartet werden; der Prinz Louis hatte diesmal bestimmt seine Gegenwart versprochen. Einigen Herren schien dies sehr unangenehm. Man fragte, ob er denn überhaupt kommen werde? Jemand meinte, die Anwesenheit des Geheimrats Lupinus dürfte seine Hoheit schwerlich locken. Ein besternter Gast entgegnete lächelnd: »Das würde wohl nicht der einzige Gegenstand sein, der einem königlichen Prinzen hier nicht lockend vorkäme. Man muß gestehen, wenn man die Société überfliegt, daß unsere gute Prinzessin mit asiatischem Geschmack eine kleine Völkerwanderung zusammengetrieben hat.« »Sie liebt die Quodlibets, aber das Kostüm ist gewählt«, sagte die Almedingen. Herr von Fuchsius spielte auf den neulichen Vorfall des Prinzen mit dem zweiten Lupinus an. Die Hofdame hatte davon reden gehört, sie wußte auch, daß man bei Hofe schokiert gewesen, sie hatte aber noch nichts Näheres erfahren können und war so begierig wie der Besternte, es zu erfahren. Man zog sich in eine Fensternische zurück. »Eine der Pläsanterien Lombards, die gar nichts auf sich gehabt hätten, wenn nicht der Humor des Prinzen eine Bombe hineinwarf, die unter einem entsetzlichen Eklat platzte. Ihnen ist bekannt, daß Seine Königliche Hoheit Lust bekamen, sich in die Humanitätsgesellschaft aufnehmen zu lassen.« »Was er nur in all den Gesellschaften sucht!« sagte die Almedingen. »Man sagt, den Geist, den er – an einem andern Ort nicht finden kann. Ob es ihm in der Humanitätsgesellschaft gelingt, laß ich auf sich beruhen. Die Aufnahme ist sehr einfach durch ein Ballotement erfolgt, in dem noch niemand durchfiel. Nur eine schwarze Kugel war in der Urne, die sich seltsamerweise bei jeder Aufnahme findet. Beim Rezeptionsdiner neulich scherzte der Prinz darüber und äußerte, er möchte wohl den kennen, der ihn aus der geehrten Gesellschaft hinausballotieren wolle. Lombard, der bei sehr guter Laune war, ärgerte sich gerade über den Geheimrat, der zu eifrig eine farcierte Fasanenbrust tranchierte, auf die er vielleicht selbst reflektiert hatte. Er flüsterte mit ernsthafter Miene, die Augen auf Lupinus gerichtet, dem Prinzen etwas ins Ohr, und, die Achseln zuckend, schloß er halblaut: ›Er ist sonst ein braver Mann, man begreift nicht, wie er dazu gekommen ist.‹ Der Prinz starrte lachend den Regenten der Vogtei an, und wenn er es nicht selbst bemerkt, so flüsterten seine Nachbarn es ihm ins Ohr. Nun hätten Sie den unglücklichen Geheimrat sehen sollen. Ein Schauspiel für Götter, wie er auffuhr, Messer und Gabel fallen ließ, kreideweiß, der Stuhl hinter ihm fiel nieder. Man kann buchstäblich sagen, die Augen gingen ihm über, und die Stimme versagte ihm. Er wehte sich mit den Händen Luft zu. Endlich brach es los. Ein Gefangener am Marterpfahl bei den Irokesen, sah er alle Augen auf sich gerichtet, und der Prinz hatte die Grausamkeit, mit dem Ernst eines Generals beim Kriegsgerichte ihn unverwandt anzustarren. Nun, meine Damen und Herren, die Beredsamkeit des Geheimrates Lupinus mögen Sie sich denken. Nachdem er die Wolken der unerhörten, fürchterlichen Verleumdung zu zerstreuen gesucht, kam er auf sein teures Ich zu sprechen, natürlich französisch, welches von der Muttermilch an nur in Devotion für das königliche Haus sich gesäugt. Nach vielen Endlich – Aber – Rückfällen – Wiederholungen – geriet er in eine Art dithyrambischen Schwunges, und aus der Kehle oder der Brust kam ein Lobgesang auf das königliche Blut, das so rein und heilig, wie es im Herzen pulst, durch alle Glieder fließe, daß jeder Tropfen davon reiner sei als der Purpur des Morgenrotes. – Alle sahen auf den Prinzen, der bis da mit unveränderter Miene den Mann angeschaut – er mochte eine Viertelstunde gesalbadert haben – als er rasch aufstand, das gefüllte Glas in die Hand nahm und die Lippen öffnete. Ringsum gespannte, bange Erwartung. ›Mais‹ riefen Seine Königliche Hoheit, eine kleine Pause – › c'est assez !‹ – Kein Wort weiter. Sie stürzten das Glas runter, stampften es auf den Tisch und konversierten mit ihrem Nachbar weiter über die Trüffelpastete.« Der Besternte, einem fremden Hofe angehörig, schwellte sichtlich von einem innern Behagen, das er zu verbergen sich Mühe gab, während die Hofdame erblaßt war: »Entsetzlich! Und –?« »In der Gesellschaft war eine Totenstille, jeder sah auf seinen Teller.« »Und der unglückliche Prinz?« »Aß mit großem Appetit. Vielleicht dachte er nach, ob die Gesellschaft eines so genialen Einfalls wert war. Lupinus saß, was man in Berlin sagt, ›wie übergossen‹. Er ließ alle Schüsseln vorübergehn.« »Unglaublich!« riefen beide Zuhörer, jeder dachte etwas andres. »Daß solch ein Mensch sich nicht vernichtet fühlt«, sagte die Almedingen. »Weshalb, meine Gnädigste?« »Weil er die Ursach war, daß ein Prinz von Geblüt sich selbst vergaß. Wenn eine solche Gewissenslast auf mich drückte, ich wüßte doch nichts anders, als daß ich mir das Leben nehmen müßte.« »Die Gewissen sind verschieden«, entgegnete Fuchsius. »Das ist eine wunderbare Gabe Gottes. Herr Lupinus gehört zu der großen Klasse Menschen, die man wie die Frösche mit Keulen in den Sumpf stampfen mag, sie stecken die Köpfe doch wieder raus.« Das zarte Gefühl der Almedingen erlaubte ihr nicht länger, dem Gespräche zuzuhören. Als sie gegangen, sagte der Besternte: »Mich dünkt, zu dieser Klasse gehört die Majorität der Menschen.« Der Regierungsrat erwiderte: »Wenigstens, wenn die Keulenschläge, die sie täglich empfangen, sie zur Besinnung ihres Unwerts brächten, wäre die Welt eine andere, als sie ist.« Die Nachricht lief um, der Prinz werde gar nicht kommen. Es seien Depeschen vom Rhein höchst betrübenden Inhalts eingelaufen, darauf er zu Hofe berufen. »Und sie läßt noch nicht servieren!« seufzte ein Präsident, die Uhrkette ziehend. Die noch nicht servieren ließ, hatte währenddessen die Goldstücke vom Spieltisch eingesammelt und, nachdem sie dieselben in Papier gewickelt, in den Pompadour der Geheimrätin gleiten lassen. »Wollen Sie mich bestechen?« »Ich könnte Sie doch nur belohnen wollen, daß Sie meinen Abend durch Ihre Heiterkeit geschmückt.« »Ich bin schon belohnt durch den Genuß, den mir Ihre Pikturen gewähren. Von wem ist dieser verlorne Sohn?« »Von einem Spanier. Ein Ribera, sagt man; einige wollen gar von Murillo. Betrachten Sie diese Schwielenhaut, diese Kruste von Schmutz, man sieht ordentlich die verschiedenen Lager, auf denen er sich gewälzt.« »Ich bewundere nur das Gesicht. Aufgedunsen wie von der schlechten Nahrung, aber wie glüht das Auge!« »Einige finden Ähnlichkeit mit Prinz Louis Ferdinand.« »Wie blaß, bemerken Sie, Erlaucht, bei dieser Beleuchtung. Ich möchte eher an den jungen Bovillard erinnert werden.« »In der Tat. Die schwarzen Brauen, auch im Kinn. – Warum ist diese herrliche Parabel nicht weitergeführt! Wir sehen nur die Vaterfreude. Wenn auch die Geliebte seiner Jugend die Arme dem Verlornen entgegenbreitete, wieviel rührender wäre die Geschichte.« »Sie könnte auch aus Verzweiflung verloren, vielleicht die Magdalene selbst geworden sein.« »Das ist eine geistreiche Kombination, ein genialer Gedanke!« »Da hebt ja schon eine heilige Magdalene die Arme ihm entgegen. Wenn man die zwei Rahmstücke ausschnitte, wäre es ein Bild. Dieselbe Größe, dieselbe Färbung.« »Überraschend! Worauf Sie mich aufmerksam machen!« »Erlaucht haben viele Magdalenenbilder! Wohin ich sehe –« »Hier Battoni, da Correggio; da ist auch ein Murillo – den liebe ich weniger – dort ein Carlo Dolce, ein van der Werff, Guido Reni. Von geschickten Malern kopiert; ich gab ihnen meist selbst Anleitung.« »Seltsam«, sagte die Geheimrätin, »ich erinnere mich keiner Magdalene von Raffael.« »Der divino maestro hatte sich so ganz der Marienverehrung hingegeben! Für mich hat der Magdalenenkultus etwas Berauschenderes. Leben wir nicht alle der Erde näher, keimt nicht das Veilchen aus ihrer dumpfen Verborgenheit, atmet die Nelke nicht ihre Würze, fühlt unsre Brust sich nicht wunderbar geschmeichelt vom Duft der Nachtschatten! Die Marien bewundern, die Magdalenen begreifen wir. Wenn die ewige Jungfrau ihren Arm um uns legt, müßte es, dünkt mich, die Empfindung wie eines vom Blitz Getroffenen sein; wenn die heilige Magdalene ihn sanft um uns schlingt, oh, wie anders, wie gern würden wir uns von ihr heben lassen, schweben durch die Wolken, die sich öffnen, denn sie flüstert uns Balsamworte zu: auch ich kannte deine Schmerzen und deine Wonnen. »Raffael sucht, gnädigste Frau, neben dem Ideal der Schönheit immer auch die Naturwahrheit; nun will man in diesen reizenden Magdalenen –« »Oh, ich kenne diese Kritik«, unterbrach die Gargazin. »Um der Wirklichkeit zu genügen, die sie Wahrheit nennen, soll man die Magdalenen mit blassen Lippen, abgehärmten Wangen und erloschenen Augen malen. Das wird ein büßendes Weib, aber keine Heilige, die schon den Vorschmack der himmlischen Wonnen empfindet. Nein, eine Magdalene, die zur himmlischen Glorie sich aufschwingt, sie ist keine heruntergekommene Dirne aus den Kloaken irdischer Gemeinheit, sie muß, indem ihr Auge die Himmelswonnen kostet, was ihr dort geboten wird, noch mit dem vergleichen können, was sie zurückläßt. Dies schöne Haar, die reizende Figur, die süße Lippe und der wogende Busen, dies alles, was wir sehen und was entzückt, muß auch ihr noch gefallen, sie muß sich mit Schmerzen davon trennen, und doch gibt sie es mit Vergnügen hin für die Schönheit und Wonne, die sie nur sieht. So denke ich sie mir wie einen Geist, der, schon frei im Ätherlichte emporschwebend, noch einmal in die verlassene Hülle zurückgekehrt ist, um, nach des Dichters Worten, noch einmal mitzufühlen Schmerz und Qual.« »Ich könnte sie mir anders denken«, sagte die Lupinus, vor sich hinblickend. »Doch das gehört nicht her.« »Jede neue Anschauung ist mir willkommen. Für mich ist die Magdalene der eigentliche Inbegriff des Mysteriums der göttlichen Liebe.« »Hat sie denn wirklich geliebt?« sagte die Geheimrätin. »Mich dünkt, ihre Art von Liebe konnte nicht zum Glauben führen!« »Weil sie changierte?« »Ja, wäre sie eine Sultanin gewesen, die ihre Lieblinge sich wählte und entließ, um endlich ihr Ideal zu finden. Aber sie ist doch gedacht als ein armes Mädchen. Hat nun ihr Fonds von Liebe ausgereicht, um alle die fortzulieben, die mit Seufzern und Schwüren kamen, mit Beteuerungen und Glut, die Lieder und Geld zu ihren Füßen streuten und gähnend fortgingen, um nicht wiederzukommen? Vielleicht ward sie auch gemißhandelt, und von denen, die sie wirklich zu lieben geglaubt; ihre edelsten Empfindungen, wenn sie sich zu äußern wagten, wurden verspottet. Und das durch Monden, Jahre wiederholt. Solchen Fonds von Erfahrungen hinter sich, Täuschungen darf man es nicht mehr nennen, erwarten wir von ihr etwas anderes als Verachtung, Bitterkeit gegen das ganze Geschlecht! Ich könnte sie mir denken als eine Intrigantin, welche ihre Lust darin findet, die Männer gegeneinander zu hetzen, als eine Brandstifterin, eine Semiramis, eine Amazonenkönigin, die die Brandfackel in Länder und Städte wirft –« »Vielleicht auch als Brinvilliers – das ist das richtige Argument des Verstandes, meine teure Frau. Das wahrhaft von der Liebe erfüllte Gemüt – Was ist Ihnen?« »Nichts – ein vorübergehender Stich vom langen Sitzen.« »Die Liebe sucht nichts, die Liebe findet alles«, fuhr die Fürstin mit süßer Stimme fort. »Wer nur ein Ohr dafür hat, nicht mutwillig es schließt, wo der Spring unter der grünen Tiefe rauscht, aus Furcht, daß er zu furchtbar vorbricht. Oh, die Törigen! Sehen Sie da den Rittmeister und die Eitelbach. Wo alles sich findet, was sich nur suchen will, gehen sie wie Wachspuppen aneinander vorüber.« »Mich dünkt, Adelheid und der junge Bovillard tun das auch.« »Kinder, die Versteck spielen.« »Ich glaubte, sie in Feuer und Flamme zu finden.« »Im hellen Zimmer jagen, im dunkeln fangen sie sich.« »Mamsell Alltag ist blaß.« »Unter den vielen Geschminkten.« »Der Marmorausdruck ihres Gesichts –« »Geliehen, teuerste Frau! Was das arme Kind sich Mühe gibt, ihr Gefühl uns zu verbergen, die tausend Nadelstiche, die das kleine Herz durchbohren! Solche widernatürlichen Affekte rächen sich.« »Aber eine mütterliche Freundin wie Erlaucht wird der Leidenden zu Hilfe kommen!« »Da darf kein Fremder helfen wollen. Wahr und wahrhaftig nicht. Die Natur findet ihren Weg, und die Knospe bricht auf, wenn die Blume reif ist.« »Schade nur, wenn das arme Mädchen sich wieder täuschte!« sagte die Lupinus nach einer Pause. »Wie meinen Sie das?« »Der junge Herr von Bovillard ist zwar, was man nennt, in der Gesellschaft wieder ehrlich gemacht, aber – ein Sort kann er ihr doch nicht machen. Ich glaube schwerlich, daß man ihm eine Anstellung gäbe, wie jetzt die Dinge stehen. Sein Vater hat auch nicht mehr den früheren Einfluß. Der alte Alltag würde mit der Mariage ebensowenig zufrieden sein.« Ein vornehmes Lächeln schwebte um die Mundwinkel der Fürstin: »Daran habe ich wirklich nicht gedacht.« »Hat Ihre Majestät noch das Verlangen, Adelheid zu sehen?« »Die Königin hat wirklich an anderes zu denken. Da fällt mir ein, in der Magdalena, die hier die Arme, nach Ihrer glücklichen Entdeckung, dem verlornen Sohne entgegenhält, findet Schadow Ähnlichkeit mit unsrer Adelheid.« Die Geheimrätin lorgnettierte: »Der Schnitt des Gesichtes, aber – ich möchte eher eine Verwandtschaft mit der Komteß Laura entdecken.« »Wie fein wieder Ihr Blick, Sie sind eine geborne Kunstkennerin. Merkwürdig, Laura ist fast ganz so kostümiert. Wir wollen die schönen Mädchen uns herrufen, um zu entscheiden, wer ein näheres Anrecht darauf hat, eine Heilige zu werden.« Die schönen Mädchen waren nicht im Magdalenen-Zimmer. In dem Kabinett hinter den Feuerlilien stand Adelheid, an derselben Türpforte, wo die Komteß gestanden; fast in derselben Stellung, auch sie blickte durch die Türritze, teilnahmlos, zerstreut, wenn Vorübergehende sie anredeten. Die Gargazin und die Lupinus sahen sich bedeutungsvoll an. Es war nicht Zeit mehr zu feinen Beobachtungen. Das war kein eitles Spiel einer Koketten, die auf neue Eroberungen sinnt, die sich im Gedanken vor dem Spiegel schmückt und, in der Phantasie ihr eigen Bild malend, sich fragt: »Wirst du ihm so gefallen?« Sie atmete nicht, sie zitterte nicht, aber der Rand des Blumentisches, den sie krampfhaft faßte, hätte, wenn er Empfindung gehabt, einen eiskalten Druck empfunden. Sie wußte nicht, daß ihr Lockenbund sich etwas gelöst und eine Flechte, sie entstellend, auf die Seite fiel, sie fühlte den Boden unter sich brennen, und ihr war eiskalt zumute; nur schoß es zuweilen glühendheiß durch die Adern, und gegen die Augen drängte es wie ein Strom, der einen Ausweg sucht, aber die Wächter haben die Schleusen zugezogen. Die Gargazin drückte die Hand ihrer Begleiterin und flüsterte ihr ins Ohr: »Die Knospe bricht; heut entscheidet es sich.« Zu mehr war nicht Zeit. Gruppen drängten sich um einige spät Angekommene. Prinz Louis kommt nicht, lautete die eine Botschaft. Ein zweiter wußte von der eingelaufenen Nachricht: der französische Kaiser habe Distrikte und Orte am Rhein besetzt, die unzweifelhaft zu Preußen gehörten, und mit dem Übermut der Reunionskammern sie für französisches Staatsgut erklärt. Der Ministerrat war nach dem Palais berufen. Man hatte auch Generale in äußerster Erhitzung dahin stürzen sehen. Einige wollten wissen, man werde über Nacht dem französischen Gesandten die Pässe zustellen. Die Fürstin rief nach dem Geheimrat Johannes von Müller. Er war nicht mehr in der Gesellschaft; schon vor einer halben Stunde war er abberufen. Eine andere Botschaft aus dem Hause der Geheimrätin: der Herr Geheimrat befinde sich in heftigem Fieber und phantasiere, indem er wunderbare Namen anrufe. »Will denn alles heut den schönen Abend uns stören!« Die Geheimrätin war nicht der erste Gast, welcher Abschied nahm. Die Geheimrätin hatte eine Ahnung den ganzen Abend durch geplagt. Ihr sei, versicherte sie, als wenn ein furchtbares Gewitter, ein Erdbeben im Anzuge sei. »Um so größer war Ihre Gefälligkeit, den ganzen Abend die Heitere gespielt zu haben –« Dafür hatte die Fürstin sie weiter begleitet, als die Etikette forderte, vielleicht billigte: »Ich möchte von Ihnen den Mut lernen, wie man bei einem Erdbeben lächelt.« Die Fürstin lächelte aber nicht, als sie zurückkehrte, man konnte vielmehr ein leichtes Schaudern bemerken: »Ich hoffe, es war das erste und das letzte Mal.« Ein Vertrauter, wie Wände und Möbel es sind, vor denen man nichts verbirgt, aber sie erwidern das Vertrauen nur durch Schweigen; ein russischer Kavalier hatte den Herzenserguß gehört und wagte darauf zu antworten: »Warum behandelten Erlaucht die Frau mit der Aufmerksamkeit?« »Weil ich sie fürchte«, hatte die Fürstin dem Möbel erwidert, »weil – ich muß Wandel fragen.« »La table est servie!« meldete der erste Kammerdiener. Auch Wandel war verschwunden. Der erste Gast war jetzt der Präsident, die vornehmeren waren fort: »Es wird doch auch diesmal nur blinder Lärm gewesen sein!« sagte die Fürstin. »Gewiß«, entgegnete der Präsident, indem er ihr respektvoll den Arm reichte. »Man wird schon wieder ein Auskunftsmittel finden, und wir können –« »Ruhig essen, Herr Präsident. Meine Herren, führen Sie die Damen, unsre Ordnung ist zerrissen – wie es sich findet.« Die Ordnung war zerissen, die Tischgänger wurden gepaart, wie niemand es erwartet hatte. Wir haben Louis Bovillard in dieser Soiree nur einmal ins Auge gefaßt und auch da nur durch die Vermittelung anderer Augen. Vielleicht verloren wir nichts. Den vernichtenden Titanhumor, der ihn für viele interessant machte, ließ er nur noch selten spielen. Was gehörte er in die Gesellschaft! War er doch auch vielleicht entwichen in einem langen Siechtum! Was der Strömung der Zeit angehört, wird heut von ihr auf der Woge hochgetragen, daß es die Wolken anspritzt, um morgen im Abgrund zu versinken. Der Kothurn, den wir heut bewundern, morgen belächeln wir ihn. So liefert die Tragödie von gestern immer Stoff zur Komödie von heute. Louis Bovillard sahen wir durch die Türritze als Träumer. Im Kostüm des englischen Spleen hatte er einige alte Damen verletzt. Die jungen mochte er nicht verletzen wollen, denn er war plötzlich ein anderer geworden. Er war in ihrem Kreise voll Laune, Witz, liebenswürdig vom Wirbel bis zur Zeh, aufmerksam auf jede Neckerei, die er in dem Tone wiedergab, von dem sie ausging. Was hatte ihn so verwandelt? Die Liebenswürdigkeit der jungen Damen oder die steinernen Gesichtszüge, die Adelheid ihm zeigte? Man kann ja nicht immer in einer Gesellschaft den Träumer spielen, sonst wird man langweilig; und Adelheid mochte das auch denken, denn nichts verriet, daß sie sich über diese Veränderung wunderte. Man hatte in dem lustigen Zimmer Pantomimen aufgeführt beim Klange des Klaviers. Aber Louis mußte längst vergessen haben, um was er am Instrumente saß. Er träumte wieder, denn er hatte sich in Akkorde vertieft, die wohl zu einem schauerlichen Liede von Novalis oder Tieck paßten, aber nicht zu der harmlosen Situation aus der jüngsten Reichardtschen Oper, noch zu den Scherzen des Suchens nach der Musik. Hatte die junge Gesellschaft das gemerkt? denn sie war allmählich verschwunden vor den dumpfen, lang aushaltenden Tönen, die er den Tasten entlockte. Nur eine war hinter dem Klavier sitzen geblieben, und als er die Phantasie mit einem Tonschlage schloß, der wie ein tief aufseufzender Meeresstoß gegen das Eis brach, respondierte ein Ton der Bewunderung aus ihrer Brust. »Das war zu göttlich! Eigentlich verdiente es einen Kranz!« Komteß Laura war aufgesprungen, und ehe der Fortepianospieler es sich versah, fuhr ihr weicher Arm um seine Schulter und steckte das Bukett feuriger Nelken, das sie in der Schürze getragen, rasch ihm an die Brust. Als der den Arm fassen wollte, um den Dank auf die Hand zu hauchen, war die Nymphe entschlüpft. Das Unglück aber wollte, daß die Zipfel ihres garnierten Tuches an seinen Rockknopf sich genestelt. Das Tuch war lang, und erst in der Mitte des Zimmers ward sie inne, daß sie an ihn gefesselt war. »Sie zerreißen mein Tuch.« Er zog sie langsam an sich. »Was wollen Sie?« – »Sie strafen, daß Sie entfliehen wollten.« Sie mußte ihr Tuch mehr lieben als die Strafe fürchten, sonst hätte sie doch das Tuch losgelassen und wäre entflohen. Als er ihr jetzt entgegensprang, um sie zu strafen, erschreckte ihn nicht ihr leichter Schrei, mit dem sie dem strafenden Arm sich entwinden suchte, sondern – eine Erscheinung. Adelheid stand zwischen der Tür und ihm, die Hand ans Herz gepreßt, als fühle sie einen Schmerz, blaß, mit Geisteraugen, wie eine Bildsäule. »Meine Herren, schnell den Arm den Damen!« riefen mehrere Stimmen, als durch die offene Tür der Zug zum Speisesaal vorüberging. »Sans gêne, jeder, wer ihm zunächst steht.« Ob er, ob die Komteß das Tuch vom Knopfe losgenestelt, wissen wir nicht, aber es mußte losgemacht sein, denn Bovillard fand kein Hindernis mehr, als er der ihm Nächststehenden den Arm öffnete. Es machte sich von selbst, es ging nicht anders, ohne einen Verstoß. Es war Adelheid, die der Strom auf ihn zudrängte, während er die Komteß fortschob. Auch sie mußte, sie stand ihm zu rechts. Aber sie weinte. Eigentlich bebte nur ihre Brust. »Ihre Schlußakkorde – es war mir, als ob – als ob etwas sprang –« »Darf ich –« rief die näselnde Stimme des Barons Eitelbach zur Komteß, ohne sich tief zu neigen. Sie sah ihn einen Augenblick von oben bis unten an und steckte dann ihren Arm in den seinen mit einem »qu'importe!« Es machte sich auch von selbst. Es waren die letzten Gepaarten. Drei Paare folgten einander zu Tisch, von denen keiner am Abend erwartet, daß der Zufall ihn zu dem andern führen würde. Die zwei sahen wir eben; ihnen voran ging der Rittmeister Stier von Dohleneck und die Baronin Eitelbach. Spottvögel verglichen sie mit Kerzen auf einem Armleuchter. Elftes Kapitel. Ein belauschtes Intermezzo . Im Vorzimmer des neuen Ministers stand Walter van Asten. Es war vieles vorgefallen, was diese Audienz, um die er nicht nachgesucht, immer wieder aufgeschoben hatte. Der Minister war einmal zum Könige berufen gewesen, eine dringende Konferenz hatte sich ein andermal in die Länge gezogen. Man hatte ihm hinaussagen lassen, es tue dem Minister sehr leid, aber um ihm seine Zeit nicht zu rauben, werde Exzellenz ihm einen andern Tag bestimmen lassen. Am heutigen war Walter mit frohem Herzen aus dem Hause gegangen. Nicht weil ein entfernter Bekannter, der sich plötzlich seinen Freund nannte, heut morgen zu ihm gestürzt war, mit der frohen Kunde, die er vom Schwager des Bruders eines Kanzleibeamten gehört, daß derselbe seine Broschüre auf dem Arbeitstisch des Ministers liegen gesehen. Seine Schrift hatte Walter fast vergessen. Was war es jetzt Zeit zu Organisationen! Wenn man im Mittelalter eine Glocke goß zu Ehren einer Stadt, opferten die Reichen von ihrem Silber, daß sie einen schönen Klang gewinne, so war der Glaube. Wenn aber das Erz im Guß war, überkam eine fieberhafte Lust alle, man griff in die Läden und trug, was man Kostbares entbehren konnte, hinzu; ja, auch was man nicht entbehren konnte, und in der Opferlust sah man arme Witwen, alte Mütterchen, hinzustürzen, um ihren letzten Löffel in den Kessel zu werfen. Ihr Herz jauchzte, und die Träne rollte über die vertrockneten Runzeln, wenn sie ihr teures Silberstück schmelzen sahen. Zur Glorie der Stadt! Und wenn ihre Gebeine längst moderten, lebte, atmete, tönte ihr Opfer den Nachlebenden in der Luft, im Silberklang der Glocken. Eine ähnliche Empfindung war es, mit der Walter heut sich auf den Weg gemacht. Er hatte kein Silberstück zu bringen; in dem Augenblick fühlte er alles wertlos, was er gedacht, geschrieben, sich selbst wollte er opfern. Gleichviel, was man mit ihm anfinge. Es war kein anderer Impuls in ihm, als die Luft des Atoms, sich aufzulösen in das Allgemeine. Nur rasch wünschte er die Operation. Es ist ja alles vergänglich; auch der tiefste Seelenschmerz, von dem wir nie zu genesen glauben, ist nur ein bitterer Rausch, der sich verflüchtigt. Wie furchtbar er auch die Brust des Ruhigen, Verschlossenen durchwühlt, so, in stillen Augenblicken, daß er die Sonne untergesunken sieht, um nirgend wieder aufzugehen, auch der Schmerz arbeitet doch nur wie alles, was Odem hat, bis – sein Atem ausging! Dann ja dann, was uns ins Auge fällt, der Abendstern oder ein Abenteuer, ein Problem oder ein Bild aus dem Alltagsleben, Hitze oder Kälte, Hunger oder Durst, die Neugier oder die Müdigkeit, sie erregen neue Wünsche, neue Anstrengungen, neue Arbeit, neues Leben. Was wäre auch das menschliche, wenn es an einem Schmerz schon verblutete, und jedem sind der Schmerzen so viele zugemessen! Die Sonne der Liebe, die so wunderbar bei ihrem Aufgang in sein graues Leben gestrahlt, war versunken – freilich, er hatte ihr Licht schon lange immer matter, immer kälter werden sehen, aber so plötzlich untergesunken, so dunkel, unheimlich war auf einmal die Nacht, daß mit ihr alles versunken schien, was er gebaut, geträumt. Für sich, was sollte er da noch bauen, schaffen, wollen! wozu? Was er für sich erstrebt, es hatte ja keinen Zweck mehr! Ehre! Wo war denn Ehre überhaupt zu gewinnen! Eine Existenz! Brauchte er um die zu ringen? Ein dampfender Schlund schien sich vor ihm zu öffnen, in den er, ein anderer Curtius, unverzagt gestürzt wäre. Er hatte den Kanonendonner bei den Revuen gehört, das Geprassel des Pelotonfeuers. Wenn das Ernst ward, die breite Brust den dampfenden Batterien entgegenzuhalten, müßte es nicht Lust sein! Der Minister ließ ihn lange warten. Seine Exzellenz waren in eifrigem Gespräch mit einem vornehmen Besuch. Wenn sie sich der Tür näherten, schallten Worte und ganze Sätze zu ihm; dann, die Klinke an der Hand, machten sie wieder kehrt, es schien neues Öl in die Flamme gegossen, und indem sie sich tiefer ins Zimmer entfernten, gingen die Worte in unartikulierte Töne über. Er glaubte den Titel seiner Schrift zu hören. Er konnte sich aber auch getäuscht haben. Er näherte sich unwillkürlich dem Tische, worauf die letzte Lektüre des Ministers lag. Obenauf seine Schrift. Sie war an vielen Stellen eingeknifft. Er sah dicke rote Striche, Ausrufungs- und Fragezeichen. – Also doch darum! Sie hatte die volle Aufmerksamkeit des ausgezeichneten Mannes erregt. Mußte er sich nicht vorbereiten? Er trat zaudernd noch näher. Da stand ein »Bravo!« dick neben einer Stelle. Sein Herz klopfte. Schon griff seine Hand nach dem Buche, als die Tür aufsprang und der Minister seinen Besuch hinausbegleitete. Sie bemerkten ihn im Eifer der Unterhaltung nicht; der Fremde mochte zur englischen Gesandtschaft gehören, sie sprachen englisch. »Mylord, Preußen ist durch den neuen Vertrag ohne Schwertstreich aus der Reihe der europäischen Mächte gestrichen. Sie können's in hundert Schriften lesen«, sprach der Minister. »Was verlangen Sie noch von uns?« »Und doch hat Seine Majestät, Ihr König, Laforests Antrag nicht gewillfahrt«, sagte der Engländer. »Weil der unverschämte Mensch forderte, er solle Lombard für etwas belohnen, wofür –« »Sie und ich ihm einen andern Lohn gönnen«, fiel der Gesandte ein. »Indessen hatte Lombard nichts getan, als was Seine Majestät billigen mußten, er hatte Haugwitz während dessen Abwesenheit verteidigt, das heißt den Vertrag, den der König selbst ratifiziert hat.« »Die Patrioten hätten Lombard in Stücke zerrissen, wenn man ihn noch dekorierte und beschenkte.« »Seine Majestät hörten auf die Stimme des Volkes, aber auch auf die Ausfälle des ›Moniteur‹. Um Napoleon zu genügen, hat man den Baron Hardenberg entlassen.« »Kämmerchen vermieten«, warf der Minister hin. »Exzellenz, nichtsdestoweniger muß ich Ihnen bekennen, daß mein Kabinett grade dies am wenigsten versteht. Und wenn mein Kabinett, das englische Volk begreift es nicht.« »Gibt die Diplomatie niemals mit der einen Hand, um mit der andern zu nehmen?« »Nicht in Krisen, wo man nicht weiß, ob man noch Zeit hat, den ausgestreckten Arm zurückzuziehen.« Der Minister, der eine Weile vor sich hingeblickt, zuckte mit den Achseln: »Und doch irren Sie, Mylord, die Uhren auf dem Kontinent gehen langsam. Die Stunde ist noch nicht so weit vorgerückt.« »Seiner Majestät Uhr ging rascher, als Sie uns Hannover nahmen, Ihre Häfen uns verschlossen.« »Weil Napoleon schneidend auf die Ausführung des Vertrages drang. Er stand mit dem Hammer des Auktionators da.« »Und jetzt mit dem Liktorenbeile, Exzellenz. Er legt den Vertrag aus, wie es ihm gefällt. Er hat vor der Zeit Ihre Besatzung aus Wesel verdrängt. Der Kommandierende derselben hat, beinah ausgehungert, in seiner abgeschnittenen Lage um die zurückgelassenen Vorräte bitten müssen. Murat, der neukreierte Großherzog von Berg, hat, auch nach dem schmählichen Vertrage, unbestreitbar preußische Bezirke, Alten, Essen, Werden besetzt. Er zieht die Kassen ein, requiriert für die Magazine, setzt Beamte ein und ab. Der Kaiser bleibt, aller Remonstrationen ungeachtet, herrisch dabei. Ihr Staat ist so absolut isoliert, daß er von Frankreich abhängig sein muß, und doch genügt das Napoleon nicht. In seinem Übermute spielt er mit Preußen wie der Tiger mit seinem Opfer, ehe er es zerreißt. Wozu Schonung, er spricht es deutlich aus gegen jeden, der es hören will, nicht vor seinen Ministern, vor seinen Stallknechten ruft er: ›was Rücksichten gegen einen Staat, der so tief in der öffentlichen Meinung sank, daß er nirgends Freunde hat; daß, die es waren, am lautesten vor Schadenfreude lachen werden, wenn er zusammenstürzt.‹ Napoleon sucht Krieg, er will Krieg, er provoziert ihn –« »Und findet lämmermütige Geduld«, fiel der Minister unerwartet ein. Mit ironischem Lächeln fügte er hinzu: »Sollte Seiner Majestät, dem Kaiser der Franzosen, da nicht am Ende selbst die Geduld ausgehen?« Der Brite fixierte ihn: »Eine Maske, Exzellenz, tut zuweilen ihre Dienste, wenn man sich noch verstellen kann; wenn man aber sich so deployiert hat, daß der Feind alle Schwächen und Hilfsmittel kennt, ist es zu spät. Und wenn Sie es noch länger hinhalten, Ihr Volk hält es nicht länger aus.« »Kennt man das auch in Paris!« sagte der Minister mit einem eigentümlichen Tone, zwischen tiefem Ernst und leichtem Spott. »Ihre Staatsmänner zählen noch nach Jahren«, hub der Brite wieder dringender an. »Ich nach Monden, Wochen, vielleicht nach Tagen. Wissen Sie hier nichts von den Verhandlungen mit den deutschen Fürsten im Westen und Süden? Um das Reich Karls des Großen zu stiften, müssen die Wittekinde vorher im Staube liegen. Er darf auch den Schein eines Sachsenreiches nicht dulden. Wüßten wirklich Ihre Staatsmänner nichts davon, verschlossen sie in unglaublicher Verblendung ihr Ohr, oder glauben sie noch, ihr Veto einzulegen, wenn alles abgemacht ist?« Der Minister war bewegt, nicht durch die letzte Mitteilung des Engländers. Er hatte nur bis jetzt seine Stimmung durch Einwendungen in ironischem Tone zu verdecken gewußt. Wie tief er in eigenen Gedanken versenkt war, beweist der Umstand, daß er das Vorzimmer vergaß und Walter nicht bemerkte, obschon dieser keinen Versuch gemacht, sich zu verbergen. Der Engländer mochte ihn gesehn, aber für einen Vertrauten, zum Hause gehörig, angesehen haben; auch setzte er vielleicht nicht voraus, daß ein Sekretär die englische Sprache verstand. Der Minister ging unruhig einige Schritte auf und ab. Walter hielt es sogar für seine Pflicht, durch ein Geräusch seine Anwesenheit zu verraten, aber ohne seinen Zweck zu erreichen. »Wir wissen noch mehr, Mylord«, sprach der Minister, vor dem Briten stehenbleibend. »Eine Revolution ist im Ausbruch, eine Revolution, welche allen, die gewesen sind, die Krone aufsetzt. Sie spielt in der Hofburg zu Wien. Der Steuermann springt in den Rettungskahn, Fahrzeug und Volk sich selbst, den Wellen überlassend. Franz II. legt die römische Kaiserwürde nieder, er will seine deutschen Provinzen los und ledig erklären von allen Pflichten gegen das Reich. Das Reich mag an der nächsten Klippe zerschellen, damit Österreich gerettet wird.« »Mich dünkt, einen preußischen Staatsmann sollte diese Nachricht nicht erschrecken«, sagte ruhig der britische Diplomat. »Wenn er aus Herzbergs Schule ist! Wir fragen, hat er ein Recht dazu, darf er preisgeben ein ihm anvertrautes, heiliges, das höchste Amt der Nation, der Christenheit, ohne die zu befragen, die durch freie Wahl es ihm auftrugen? Das deutsche Volk behält das unveräußerliche Recht auf sein Dasein.« Der Brite fixierte ihn: »Sprechen Eure Reichsfreiherrliche Gnaden da als preußischer Minister?« Im Staatsmann arbeitete ein Feuer fort, er hörte nicht den Einwand. »Das ist der Fluch jener französischen Revolution, die aus dem nackten Begriff schöpfte und in den Hexenkessel roher Begriffe alles einwarf, Totes, Lebendiges, Ungebornes und Verwestes, auch das Heiligste und Gerechteste. Was blieb denn noch übrig, woran wir uns halten, wo der Vielfraß Zeit alles aufzehrte, als das Vaterland! Zersetzen wir auch das auf seine Knochen und Fasern, dann Valet die letzte Sprungkraft, die uns aus dem Schlamm aufreißt. Ohne daß wir an Deutschland festhalten, ist kein Hessen und kein Sachsen, ja, kein Preußen und kein Österreich. Sie, Mylord, wenn ich nicht irre, rühmen sich Waliser Abkunft, was hält denn Ihr großbritannisches Reich zusammen, als daß es eins ward, Briten und Sachsen, Sachsen und Normannen, Engländer und Schotten, selbst das widersträubende Irland hat der Nationalsinn mit eisernem Arm an die gemeinsame Brust geklammert. Wäre es Bonaparte damals gelungen, hätte er Ihre Schiffe gesprengt, Ihre Strandbatterien durchbrochen, Ihre Armee geschlagen, London genommen, hätte er die Mythe ins Leben und die Kronen von Frankreich und England auf eines, sein Haupt gesetzt, hätten Sie sich genügen lassen mit einem kleinen Waliser Reich oder Piktenreich? Zerfallen und zerfahren war Ihr schöner germanischer Staat, wenn der Nationalsinn kein Herz mehr hatte, von dem alle Adern ihr Blut empfingen. Uns hat man die Adern unterbunden, seit Jahrhunderten das Blut abgezapft und in andre Kanäle zu leiten gesucht, und doch wallt und strömt es immer wieder nach dem Herzen hin. Es sucht es und kann's nicht finden, das ist seine Qual, aber es muß, es wird es wiederfinden, oder – der deutsche Name ist ausgestrichen aus der Geschichte.« »Und in England, wollten Sie sagen«, fuhr der Brite, ohne aus seiner Gelassenheit zu kommen, fort, als der Minister plötzlich innehielt, »daß die getrennten Stämme dies Herz erst gefunden haben. Richtig, es war ein glücklicher, aber ein künstlicher Prozeß. Die Fusion des Blutes ist hergestellt, aber der Stempel darauf ist das Interesse. Das sollten Sie doch nicht vergessen, Sie lesen es ja auch in allen Journalen und Schriften. Ja, Exzellenz, wir dürfen uns nicht darüber täuschen, es ist das Interesse, was uns zusammenfügte und hält, ein Band, das Napoleon durch seine Kontinentalpolitik täglich fester macht. Aber wenn wir sehen, daß die Kontinentalmächte, in deren Interesse es lag, mit unserm zu gehen, ihr eignes vergessen, wenn wir sie schwanken sehen von einem Tage zum andern, ihre Entschlüsse ändern, dann – mein Herr, wir sind Kaufleute, Phantasien und Fanatismus, zu manchen Geschäften gut, um den Impuls zu geben, tragen wir in unserm Kontobuch nur unter dem Riskontro ein. Napoleon ist ein großer Spekulant, er setzte bisher alles auf eine Karte; solange trauten wir ihm nicht. Seit er aber im fortdauernden Gewinnen und sich immer konsequent ist, dürfte England dahin kommen, ihn als einen solidern Kaufmann zu betrachten, mit dem es sich wohl einmal auf ein Geschäft einlassen könnte.« »Pitts Nachfolger werden und können sich auf eine Associéschaft mit Bonaparte niemals einlassen.« »Alle Vorstellungen täuschen, sobald die Rechnung ein anderes Fazit gibt.« Der deutsche Staatsmann sah ihn scharf an: »Mylord, ich habe mir die Achtung vor dem Charakter bewahrt, auch in der Politik – und ich glaube, nie falsch gerechnet zu haben. Ein wirklicher Charakter stimmt mit den Gesetzen der Mathematik. Die Maske ist zu durchsichtig. Wo könnte England gewinnen?« »Wenn es die schwankende, haltungslose Politik derer, die seine Freunde sein müßten und es nicht sind, sich selbst überläßt und mit dem starken Feinde ein einfaches Geschäft macht, Zug um Zug.« Der Brite sah sich vorsichtig um. Indem sein Blick auf Walter fiel, dämpfte er die Stimme. Es war ein stilles Zwiegespräch von einigen Sekunden. Der Minister horchte, den Kopf etwas vorgebeugt, zu, bis er ihn wieder in die Höhe warf. Er war ein ganz andrer geworden. Alle Unruhe und Agitation war fort. Sein Auge lachte sogar etwas höhnisch, als er mit lauter Stimme sprach: »Daß er die Proposition machen ließ, bezweifle ich gar nicht, wenn er aber England Hannover zurück anbot, so kenne ich die klugen Kaufleute in der Downingstreet zu gut. Fehlgeschossen, Ihr greift nicht nach dem Danaergeschenk. Wie! Eine Herde Euch schenken lassen, und wenn sie Euch gehörte seit Abrahams Zeit, aber um Heide und Stall haben sich Wölfe gelagert! Wollt Ihr sie annehmen unter der Kondition, daß Ihr die Wölfe nicht bekriegen dürft, daß Ihr Eure Lämmer unter der Aufsicht der Raubtiere schert und die Wolle holt? Glaubt Ihr zu besitzen, was nur auf einem Vertrage beruht, und wenn der Wolf hungrig ist, wollt Ihr ihm das Papier entgegenhalten? Nimmermehr, Mylord, lehren Sie mich von Ihren Staatsmännern nicht kleiner denken, nicht an sie den Maßstab von diesen hier anlegen! Ja, sei es, das Interesse allein trennt und verbindet, und darum bleibt England uns verbündet, wie gut oder wie schlecht wir's ihm gelohnt. Und doch rechne ich nicht darauf – ich habe gelernt, auf nichts mehr zu rechnen, ich rechne allein – doch das gehört nicht hierher. Im übrigen, Mylord, jetzt ist es Sommer, aber Bonaparte fängt erst im Herbst Krieg an.« Zwölftes Kapitel. Ein Plagiarius wird entdeckt . Walter hatte auf den ersten Blick in dem Minister den Mann erkannt, mit dem er zufällig in Sanssouci zusammengetroffen war – nicht zu seiner Überraschung; eine leise Ahnung war schon früher in ihm aufgestiegen. Dennoch fühlte er sich angenehm berührt. Er war bei dem ausgezeichneten Manne eingeführt, er kannte den Minister, der Minister ihn, er durfte hoffen von einer vorteilhaften Seite; so waren die ersten lästigen Formalien beseitigt. Nachdem der Engländer gegangen, durchschritt der Minister noch einmal das Vorzimmer. Die Mitteilungen des Briten beschäftigten ihn, die Lippen bewegten sich, die Hände spielten ein Pantomimenspiel, als er sich jetzt rasch nach dem Tische umkehrte. »Wer sind Sie? Was wollen Sie hier?« fuhr es heraus, als er Walter erblickte, und um die Augenbrauen wölbten sich gefährliche Runzeln. »Euer Exzellenz haben mich beschieden.« »Wer – Sie sind doch nicht?« »Mein Name ist Walter van Asten. Wenn keine Verwechselung unterlief, ward ich von Exzellenz erwartet.« Der Minister sah ihn von oben bis unten an. In den Runzeln der Augenbrauen sammelte sich ein Gewitter des Zornes, aber während um die Lippen ein spöttischer Zug bemerkbar ward, glänzte in den Augen, die ihn scharf durchbohrten, etwas von Mitleid mit Verachtung gemischt. »Sie – Sie haben das da –«, er griff nach Walters Broschüre, und indem er sie mit zwei Fingern verächtlich aufhob, hielt er sie ihm plötzlich mit beiden Händen vors Gesicht, um sie ebenso rasch wieder auf den Tisch zu werfen. – »Das haben Sie geschrieben – ich meine, Sie haben es drucken lassen?« »Ich habe keinen Grund, es zu leugnen.« »Und mir unterstehen Sie sich, diese Schrift zu unterbreiten?« »Ich erfuhr erst heut, daß Eure Exzellenz von meiner Schrift Notiz genommen.« »Der Rittmeister Dohleneck ist Ihr Freund?« »Soviel ich weiß, steht er zu meinem Vater in Verhältnissen.« »Doch noch etwas Bescheidenheit, durch den Papa und die Freundschaft mir in die Hände zu spielen, wozu Ihnen selbst die Unverschämtheit abging. Gut gespielt, mein Herr, Sie können sich rühmen, daß ich Sie einen Augenblick für ehrlich hielt.« »Wenn meine Ansichten oder meine Darstellung Euer Exzellenz Mißfallen erregten, so glaube ich wenigstens diese Behandlung nicht verdient zu haben, da ich mich Ihnen damit nicht aufgedrängt habe. – Wenn Euer Exzellenz mich nur deshalb rufen ließen«, setzte er nach einer Pause hinzu, »so glaube ich jetzt entlassen zu sein.« »Unversch– Ihre Ansichten! Herr, in drei – hat ein Plagiarius Ansichten? Kann ein Dieb sagen, der einen Kasten aus dem offenen Fenster stahl, daß ihm die Sachen darin gehören, wenn er sie in seiner Spelunke in Schränke und Fächer gestellt hat?« Walters Blut stürzte gegen seine Brust, er preßte die Lippen, seine Stirn glühte, und wie ein eiskalter Strahl fuhr es ihm zugleich vom Wirbel bis zum Zeh: »Was haben Euer Exzellenz mir zu befehlen?« Er sprach es mit fester Stimme, aber es war der letzte Moment der Fassung. »Scheren Sie sich zum – wo Sie hergekommen, und unterstehen sich nicht, mir wieder unter Augen zu treten.« Der Minister hatte mit halber Wendung ihm den Rücken gekehrt. »Ich werde nicht gehen«, hörte er hinter sich eine klar tönende Stimme. »Denn darum haben, darum können Exzellenz mich nicht herberufen haben. Ich gehe nicht, weil ich es mir schuldig bin, und ich gehe nicht, weil ich es Euer Exzellenz schuldig bin. Ich habe ein Recht, vor Ihnen gerechtfertigt zu werden, wie der Minister ein Recht hat, vor mir gerechtfertigt zu stehen, und wäre ich die unterste menschliche Kreatur in diesem Staate.« Der Freiherr sah ihn über die Schulter an: »Im Mundwerk ein Virtuos wie im Stil; aber ich liebe nicht Virtuosen, ich will Charaktere. Was haben sie vorzubringen? Kurz!« »Daß hier ein Mißverständnis sein muß.« »Es ist alles klar. Mit abgeschriebenen Gedanken wollen Sie sich brüsten. Gehen Sie zu andern Staatsmännern. Ich will Ihnen den Gefallen tun und Sie vergessen. Verstanden? Ganz vergessen! Machen Sie da Ihre Fortune. Aber, junger Mann, wem es ernst ist um das Vaterland, und wo es sich handelt um seine heiligsten Interessen, da dulde ich keine Escroquerie .« Es war nicht mehr die Glut der Entrüstung und des Zornes, es war eine lösende Wärme, welche unsern Bekannten aus seiner Erstarrung ins Leben rief. Hier war ein Mißverständnis. Er fühlte sich so mutig wie je. Der Minister, der, ohne ihn noch eines Blickes zu würdigen, gegangen war und schon die Tür in der Hand hielt, hörte den entschiedenen Tritt des andern hinter sich, er hörte ein »Halt!« ihm zurufen. Vielleicht wäre der Dreiste ihm ins andere Zimmer gefolgt, wenn er nicht an der Schwelle kehrtgemacht. Vorhin hatte Walters Stimme ihn sanfter gestimmt; der klare, ruhige Blick, die gesetzte Haltung, mit der er ihn jetzt ansah, hemmte noch einmal das Gewitter, das im Losbruch, entweder gegen einen unerhört Unverschämten oder gegen einen Unschuldigen. Das klare, blaue Auge sprach für die Unschuld. »Exzellenz, ich weiß, was ich begehe, und weiß, daß ein Klingelzug, ein Rufen aus Ihrem Munde über mein Los entscheidet. Lassen Sie mich durch Ihre Diener hinauswerfen, ins Gefängnis schleppen, mir den Prozeß machen wegen Attentats gegen einen höheren Staatsbeamten im Dienst. Ich will nichts ableugnen und weiß, daß es mehrere Jahre Festung, meine Karriere kosten kann. Dennoch! – So heilig Ihnen Ihr unbescholtener Ruf ist, so heilig mir meine Ehre. Der Staatsmann, den ich nicht mit den übrigen verwechsle, der die Dinge nach ihrem Werte prüft, und die Menschen nicht nach ihrem Kleid und Namen, er hat mich, den er freundlich in sein Haus lud, hier in seinem Hause einen Plagiarius gescholten, er hat mich des Diebstahls, der Escroquerie bezichtigt. Ich habe ein heiliges Menschenrecht, dafür Rechenschaft zu fordern. Von andern würde ich sie nicht fordern, die in brutalem Dünkel den Untergebenen nicht fähig halten, zu denken, was sie nicht selbst gedacht; von Euer Exzellenz fordre ich sie, und Sie werden sie mir gewähren. Wessen Gedanken habe ich entwendet, wessen Schrift nachgedruckt? Wen habe ich um seinen Vorteil betrogen? Diese Schrift, die Ansichten darin, falsch oder richtig, sind meine. Ich bin auf Tadel gefaßt, ich werde auch Verspottung zu ertragen wissen, aber ich will mein Recht als Eigentümer.« Er hatte das Heft vom Tisch ergriffen. Der Minister sah ihn mit einem durchdringenden Blicke eine Weile an, aber während der Zorn noch auf den Lippen schwebte, und den untern Teil des Gesichtes durchzuckte, glätteten sich schon die Falten der Stirn, und unter den Brauen wurden die Augen klar; ja, ein spöttisches Lächeln fing an, sich über die Mundwinkel zu legen. »Die Gedanken, mein Herr, sind meine .« Walter hielt zum ersten Male den Blick nicht aus, er senkte seine Augen; der Blick wurde ganz sarkastisch. »Meine eigenen«, wiederholte der Minister in einem Tone, der dem Blicke entsprach. »Ihre Artigkeit wird doch nicht Beweise fordern?« »Und wäre das, mein Gott!« »So wäre das noch keine große Sünde. Gedanken können sich begegnen, Gedanken fliegen durch die Luft. Der eine, arglos, im Eifer des Gesprächs, läßt sie über die Lippen, und sie vibrieren von Ohr zu Ohr, bis der letzte Horcher sie in Worte faßt und sie für die seinen hält, weil er sie zu Papier bringt. Diesen Diebstahl will ich Ihnen verzeihen, aber –« Darauf war Walter allerdings nicht vorbereitet gewesen, aber ein Blick auf das Exemplar der Druckschrift in seiner Hand gab ihm den Mut zurück. Er hielt das dicke ›Bravo!‹ mit Rotstift dem Minister entgegen: »Hier fanden Exzellenz –« »Einen meiner Gedanken ausgeführt, wie es mir gefiel. Nein, ich bekenne, mehr. Was ich erst flüchtig hingeworfen, auf eine andere Zeit die Ausführung versparend, fand ich so entwickelt, es bekam Hand und Fuß, es ward durch die Wendung ein neuer Gedanke. Es überraschte mich, und ich war froh, daß jemand mich verstanden hat, in meinem Sinn gedacht, weiter gedacht als ich –« »Gott sei Dank!« brach es von Walters Lippen. Er vergaß in dem Augenblick seine Stellung, selbst die peinliche Lage, in der er sich noch eben befand. Er zuckte mit der Hand, als wolle er nach der des Ministers greifen. »Gott sei Dank, ich bin gerechtfertigt. Diese Wendung werden Sie mir doch als Eigentum lassen!« Indem der Staatsmann ihn unverwandt anblickte, schien die Wolke von vorhin sich wieder auf seinem Gesicht zu sammeln, aber es war eine Magie, um nicht zu sagen, Sympathie in beider Augen, welche den Ausbruch des Gewitters noch nicht zuließ. »Auch die darauffolgenden Seiten? Sehen Sie nach.« Walter blätterte. Sie waren mit Rotstift an der Seite von oben bis unten angestrichen. »Es ist nur die Entwicklung jener Wendung des Gedankens. Ich glaube, sie ist folgerichtig und nicht unglücklich.« »Ich glaube es auch«, sagte der Minister. Es wetterleuchtete wieder. Er sprach rasch, in abgestoßenen Sätzen: »Also Ihre Entwickelung? – Mit Ihren Fingern geschrieben? – Zweifle ich nicht. – Und der Rittmeister, Ihres Vaters Freund, hat nicht mit Ihrem Wissen gehandelt? – Ich will es glauben. – Kennen Sie den Regierungsrat Fuchsius? – Still! Es kommt nichts darauf an. – Die Verlegenheit will ich Ihnen sparen. – Gedanken fliegen nicht allein durch die Lüfte, auch durch die Finger von Abschreibern. – Sind Sie ein Clairvoyant? Ja, ich hörte, aus der romantischen Schule. Sahen Sie die Ausführung, Seite für Seite, Satz für Satz, Wort für Wort durch die Mauer schimmern? Sie schrieben vermutlich um Mitternacht, beim Vollmond. Sagen Sie ja. Auf eine Illusion mehr kommt es einem Romantiker nicht an, und wir scheiden in Freundschaft. Ich kann Sie noch als einen ehrlichen Menschen mir aus dem Sinn schlagen, wenn Sie mir ehrlich versprechen wollen, künftig zu wachen, wenn Sie über Dinge schreiben wollen, die Sie zu verstehen glauben.« »Ich bin kein Ödipus, Exzellenz, und stehe sprachlos vor dieser Sphinx.« Der Minister nahm ihm die Broschüre aus der Hand, aber indem er demonstrieren wollte, zerdrückte er sie in der Heftigkeit seiner Gestikulation. »Als ich sie vorgestern in die Hand bekam, war ich entzückt. Der Anfang süperb. Das Vorwort ist von Ihnen, das kann ein Geschäftsmann nicht. So wollte ich die Verordnung vors Publikum gebracht, so eingeleitet. Selbst die Perücken, durch die ich mich schlagen muß, würden einigen Respekt vor dieser Überzeugungskraft, vor dieser Gesinnung in blühender Sprache, die zum Herzen dringt, gewinnen. Das kommt von Ihnen? Nicht?« »Wenn nicht ein unsichtbarer Geist es mir eingab, der sein Eigentum reklamiert.« »Machen Sie Ihre Sache nicht schlechter, als sie ist, junger Mann. Gestehen Sie offen Ihren Fehltritt ein. Von da ab hat der Teufel der Eitelkeit Sie geplagt – Wort für Wort abgeschrieben.« »Von wem?« »Ich will's noch glauben, daß Sie das Original selbst nicht kannten.« Der Minister war, mit einem stummen Wink, daß der andere ihm folge, in sein Arbeitszimmer getreten. Vom Schreibtisch nahm er ein sauber mundiertes Promemoria und reichte es Walter: »Lesen Sie! die Ausarbeitung des Herrn von Fuchsius, welche dieser geschickte Arbeiter auf die von mir ihm angegebenen Ideen entwarf, ganz zu meiner Zufriedenheit, ganz in meine Ideen eingehend.« Walter las, blätterte, überflog mit steigender Verwunderung. Das Thema dasselbe die Einleitung die formelle eines geübten Geschäftsmannes, die Einteilungen fast die nämlichen mit seiner Schrift, dann eine Ausführung – es war fast Wort für Wort die seine – nur der rhetorische Schluß ein anderer im Aktenstil. Er ließ das Papier sinken. Ein Lichtstrahl zuckte durch das Zimmer und auch in seine Seele: »So ist der Streit nur um die Priorität!« »Der Streit ist entschieden«, fiel der Minister scharf ein. »Meine Gedanken über die Regeneration des Bauernstandes sind älter als – was geht das Sie an! Fuchsius teilte ich sie Ende des vorigen Jahres mit, wir hatten darüber Gespräche, seit sechs Monaten ist er mit der Ausarbeitung des Promemoria beschäftigt, stückweise kannte ich die Arbeit schon früher, in ihrer vollendeten Gestalt legte er sie mir vor drei Monaten vor. Ihre Broschüre trägt die Jahreszahl 1806 auf der Stirn. Die Sache ist damit zu Ende.« Der Minister schien etwas zu erwarten. Wäre er ein König gewesen, die Stirn mit dem orientalischen Nimbus umstrahlt, hätte man meinen sollen, er erwarte, daß der andere zerknirscht ihm zu Füßen stürze, sich seiner Gnade ergebend. Aber er war ein deutscher Mann, ein Freiherr im schönsten Sinne des Wortes; er erwartete, daß der moralische Eindruck den jungen Mann erschüttern, zu Boden werfen werde, dann verkündete ein gütiger Zug um die Augen, daß er Gnade walten ließ für den Verirrten. Der Minister war kein Moralist, sonst würde er gesprochen haben, daß ein freies Bekenntnis, eine unverhüllte Beichte die Hälfte der Schuld lösche und der Weg zur Läuterung sei. Wenn etwas davon auf seinen Lippen schwebte, ward es zurückgedrängt durch die aufrechte Haltung des andern. Er begegnete nur dem Blick des Selbstbewußtseins. »Sie wollen nicht?« – Eine Bewegung deutete dem jungen Mann an, daß er entlassen sei. Walter verbeugte sich und ging. Der Minister schien es nicht erwartet zu haben: »Sie haben mir nichts mehr zu sagen?« wandte er sich noch einmal um. »Seit Sie mir zu sprechen verboten haben. Ich würde sonst, was Exzellenz vielleicht entgangen, bemerklich gemacht haben, daß es Buchhändlerart ist, auf Druckschriften, die am Ende eines Jahres erscheinen, die Jahreszahl des folgenden zu setzen; daß ferner unter meinem Vorwort das Datum steht, an dem ich die Schrift vollendet, und das war schon in der Mitte vorigen Jahres, also ehe Euer Exzellenz Herrn von Fuchsius die Aufgabe stellten; ferner, wenn es in einer so unwichtigen Angelegenheit darauf ankäme, könnte ich durch den Buchdrucker mein Manuskript, durch das Zeugnis von Freunden darlegen, wie ich die betreffenden Stellen bereits Anfang vorigen Jahres niedergeschrieben hatte. Ich könnte auch bemerken, daß aus einer gedruckten Schrift, welche beinahe ein Jahr zirkuliert, sich leichter Auszüge machen lassen als aus einer schriftlichen, die im Bureau eines Ministers unter dem Siegel der Amtsverschwiegenheit bewahrt ist.« »Halt! Die sämtlichen Exemplare Ihrer Schrift sind aufgekauft und makuliert worden, ehe sie ins Publikum kamen.« »Wer tat das?« rief der Erstaunte. »Ihr eigner Vater. Weil er es bereute, ließ er mir das letzte Exemplar durch Herrn von Dohleneck zustellen.« »So könnte ich schließlich darauf aufmerksam machen«, sagte Walter, »daß ich mit dem Herrn Regierungsrat in durchaus keinen Relationen stehe.« »Kennen Sie Herrn von Fuchsius?« unterbrach ihn der Minister, der schon in der Mitte der Rede mit eigenen Gedanken beschäftigt schien. »Man rühmt ihn als einen unserer befähigtesten jüngern Beamten, dem eine glänzende Karriere bevorsteht.« »Ich frage, ob Sie ihnen kennen? Persönlich? Schickten Sie ihm wirklich kein Exemplar? Wissen Sie, daß er keines besessen?« Als Walter den Mund öffnete, schoß wieder ein Lichtstrahl durch das Zimmer. Er erinnerte sich, als er bei jenem andern Minister eine Audienz erhalten, daß Herr von Fuchsius damals aus dem Zimmer gegangen, daß dem Minister kurz zuvor ein Vortrag über die Schrift gehalten sein mußte. In dem ernsten Moment fuhr ein Lächeln über sein Gesicht. Er erinnerte sich, daß Fuchsius, als er durchs Vorzimmer an ihm vorüberging, eine Druckschrift aus der Tasche sah. »Herr Regierungsrat von Fuchsius!« meldete in dem Augenblick der Amtsbote. »Soll warten!« sagte der Minister. »Im Bureau!« rief er dem Boten nach. Er schien mit Gedanken beschäftigt, als er, die Hände auf dem Rücken, aus dem Fenster sah. War Walter vergessen? Hatte der Staatsmann angenommen, daß er gehen müsse? Sollte er jetzt gehen? Sich räuspern? Plötzlich wandte er sich um. Er hatte ihn nicht vergessen, aus dem Pult riß er ein Konzept und warf es hin: »Versuchen Sie sich daran. Hier auf der Stelle. Da ist Papier und Feder. – Eine Ausarbeitung – ganz nach Ihrem Sinne – an die Lineamente brauchen Sie sich nicht zu halten; da ist viel dummes Zeug drin. – Eine Stunde haben Sie Zeit. Ich habe Geschäfte. die mich wohl noch länger abhalten.« Dreizehntes Kapitel. Blicke aus eines Ministers Fenster ins Volksleben . Die Tür schlug hinter ihm zu. – War das eine Rechtfertigung, daß der Minister dem jungen, ihm fremden Manne das Heiligtum seines Arbeitszimmers mit offenstehenden Schränken überließ? Walter konnte wieder lächeln, als aus einem halbgeöffneten Schubfach ein Körbchen mit Goldstücken ihm entgegenblitzte. Da lag auch ein versiegeltes Paket mit der Aufschrift: »Nach meinem Tode zu verbrennen.« Vornehme Leute haben oft eigne Vorstellungen, wie sie die von ihnen verletzte Ehre ihrer Untergebenen herstellen. Jedenfalls war es nur eine halbe Rechtfertigung; der Minister wollte ihn durch die neue Aufgabe prüfen, ob er imstande sei, selbständig Gedanken zu entwickeln und auszuarbeiten. Das Konzept, das ihm übergeben war, enthielt flüchtige, von des Ministers Hand hingeworfene Sätze, etwa folgender Art: »Was allgemeine Stimmung, wenn kein gesetzliches Organ dafür existiert! – Jeder Minister ausschließlich in seinem Geschäftskreise – ein König oder Gliederpuppe. Fehlt jedes Element, den König aufzuklären über den wahren Status. – Geheime Kabinettsräte! – Dahinter war ein dicker Tintenklecks. Der Schreiber hatte mit der stumpfen Feder aufgestaucht. »Absolut nicht mehr möglich. Aut! – aut! – Fein anzufangen – Dummes Zeug. So Hardenberg nach heutiger Konferenz. Blücher würd's besser verstehen.« – Dahinter einige Striche, Federproben, Eselsohren! Daraus ein Promemoria entwerfen! Allerdings das Zeichen eines großen Vertrauens. War Exzellenz' Denkweise so bekannt, daß er aus Chiffren und Hieroglyphen ein System konstruieren konnte? Oder hatte er ihn absichtlich in ein Labyrinth gesetzt, um ihn auf bequeme Weise loszuwerden, wenn er den Ausgang nicht fand? Feder und Papier waren zurechtgelegt, aber Gedanken sollen dem Schreiben voraufgehen. Sie im Promenieren zu sammeln, war die Stube zu klein. Und es war drückend heiß. Er lehnte sich aus dem Fenster, um Luft zu schöpfen. Die Nachmittagssonne brannte von dem wolkenlosen Horizont auf die breiten Straßen Berlins. Die geputzten Spaziergänger, die nach dem Tiergarten eilten, suchten die schmale Schattenseite. Er hörte ihre Gespräche. Nicht einen, der nicht dem andern zurief: »Das ist mal heiß!« Jener machte die Bemerkung: Anno 99 wäre es doch noch heißer gewesen. – »Ja, ja, so geht's!« schlossen zwei Bekannte mit einem deutschen, vielsagenden Händedruck ein Gespräch, in welchem sie sich eben nichts zu sagen gewußt. – »Schlechte Zeiten!« – »Wenn nur Friede bleibt!« – »Meinen Sie? – Ja, ja – wer weiß!« – »Hab ich's Ihnen nicht immer gesagt, es geht, oder es geht nicht.« – »Ja, wenn nicht der Bonaparte wäre!« – »'ne sappermente Wirtschaft!« – »Na, man wird ja sehen.« – »Und das Bier auch immer schlechter.« – »Sauregurkenzeit, Herr Gevatter!« – »Die armen Komödianten!« rief eine geputzte Dame. »Nein, an solchem Tage spielen zu müssen!« – »Und, ›Belmonte und Konstanze‹!« – »Und in Pelzen, hu, einem schaudert!« – »Und wie leer wird es sein!« – »Vor leeren Bänken spielen müssen! Ich kann mir gar nichts Schauderhafteres denken. Das ruiniert ja die Kunst!« – Hinter den Geputzten schlenderte wie ein Opfertier, nicht eins, das erst gebraten werden sollte, sondern das schon gebraten war vom Sonnenbrand, ein junger Bursch im Sonntagsrock. Der Mund offen, die blaßblauen Augen unter den glatt herabhängenden Stirnhaaren der Ausdruck eines Minimum von Seele. Plötzlich aber belebten sie sich von Pfiffigkeit; halb pustete, halb pfiff er, und war seitwärts gesprungen nach dem Straßenbrunnen. Rasch klirrte die Plumpe, und seine Lippen schlürften aus Herzenslust an dem dick vorsprudelnden Wasserstrahl. Warum mußte er es so laut machen, daß die Schwestern sich umsahen: »Aber Karl, potz Wetter, wie unanständig!« – »Nein, Mutter, sieh! der Karl! der Junge hält doch nie auf Reputation. Als ob er von 'ner Schusterfamilie wäre! Wie ein lebendiger Straßenjunge!« – »Warte nur, wenn der Vater!« – »Du kriegst ja draußen Weißbier, Karl«, rief die Mutter. Wenn nur die wirklichen lebendigen Straßenjungen es nicht gehört hätten. Es schmatzte und grinste: »Straßenjungen! Wer sind denn eure Straßenjungen!« – »Und wer sind sie denn! Aus der Fischerstraße!« – »Wenn man sie nicht kennte! Die näht Pantoffeln zu. Selbst Schuster!« – »Und die andre – Schneidermamsell bei den Komödianten!« – »Dicketun hilft nichts.« – Hätten die geputzten Damen nur geschwiegen! Aber sie schwiegen nicht. Sie mußten ihre Ehre verteidigen. Die Straßenjungen ließen sich in Berlin nicht überschreien. Die korpulente Mutter ermahnte ihre Töchter, sich mit dem »Kroppzeug« nicht abzugeben. »Selbst Kroppzeug!« war das Echo. Das war natürlich nicht zu ertragen. Die Frau rief aus Leibeskräften nach ihrem Manne: ob er das dulden wolle, seine Frau Kroppzeug genannt! Der Mann schien sonst voraufgeschickt, das jüngste Kind auf dem Arm, damit die Ehre der geputzten Familie nicht kompromittiert werde. Sein blauer Überrock mit dem hochstehenden Kragen, in den der Kopf beinahe versank, die groben Kniestiefel und das weit aus ihnen vorblickende Pfeifenrohr paßten allerdings nicht zur Eleganz des weiblichen Teils der Familie, und man durfte annehmen, daß er sich bei Hofjägers an einen aparten Tisch setzen müsse. Aber in der Not hört solche Distinktion auf Während der Mann zurückkeuchte, so hastig, daß der Pfeife die Spitze abbrach und er jetzt vollkommen Grund hatte zum Zorn, hatte der Auftritt schon eine andre Physiognomie angenommen. Fritz war von den Schwestern animiert worden. Daß einer der Straßenjungen sich dicht vor sie gestellt und die Zunge »geblökt«, durfte er doch nicht dulden. Der Täter lag auf dem Boden und Fritz auf ihm, es war indes zweifelhaft, ob er nicht bald unter ihm liegen würde. Da war es ebenso natürlich, daß der Vater mit dem zerbrochenen Pfeifenrohr daruntersprang. Es war auch nicht mehr Geschrei, kaum mehr das, was man in Berlin ein Aufgebot nannte, es war das nächste daran. Vorübergehende standen schon, wie es sich schickt, entweder still oder nahmen teil, als ein Einspänner um die Ecke bog und die Knäuel in etwas trennte. Es waren anständige Leute auf dem Wagen, der Herr Hoflackier und seine Frau mit ihrer Cousine Charlotte, deren Vaternamen uns noch immer ein Geheimnis blieb. Anständige Leute flößen Achtung ein, besonders, wenn sie Wagen und Pferde haben. Anständig will jeder sein. Der Herr Hoflackier hatte aber seinen Rock geknöpft und trug seinen Hut wie ein vornehmer Mann, auch kutschierte er selbst, und das Gestränge glänzte, wenn auch nicht von Silber, doch von etwas, was wie Silber aussah. Hätte er nun die Peitsche knallen lassen und ein donnerndes Wort gesprochen von »Auseinander!« und »Ruhe und Ordnung«, und hätte den Wagen durchrollen lassen, dann wäre alles gut gewesen; aber er fragte: »Was ist denn hier los?« Und seine Damen erkundigten sich noch eifriger. Bei dem Durcheinander von Antworten schien der Streit jetzt erst recht anzufangen. Wenn man nicht darüber ins reine kam, wer ausgeschlagen habe, was weniger darüber, wer ausgeschimpft hatte. Die Frau Hoflackier schien für die geputzten Damen mehr Sympathie zu empfinden, während ihre Cousine die armen Jungen insofern in Schutz nahm, als man nicht gleich losschlagen müsse, wenn einer mit der Zunge blökt. Wenn die Damen im Wagen schon verrieten, daß sie im Inquirieren nicht geschickt waren, soviel weniger der Hoflackier, der sich einige Blößen gab, welche auch von diesem Auditorium gefühlt wurden. Schwierig war allerdings seine Stellung, wenn er außer den Parteien auch noch den Meinungszwiespalt zwischen seinen Besitzerinnen schlichten sollte; man soll sich aber nicht zum Richter bestellen, wenn man nicht das Zeug dazu hat, sagte nachher ein ehrbarer Mann. Die Frau Hoflackier mußte durch eine sehr unanständige Geste eines Straßenjungen in ihrem Zartgefühl verletzt sein, denn sie schrie auf, wie ihr Mann auch dazu komme, unter dem Pöbel sie zur Schau zu halten! Hatte sie dabei unglücklicherweise auf die geputzten Schwestern ihren Blick gerichtet, denn diese – der Zorn macht blind – nahmen den Affront auf sich. »Pöbel! Wer ist denn hier Ihr Pöbel?« griffen aber zehn Stimmen zugleich die Beleidigung auf. Jetzt war es an Charlotten, auch die ihre zu erheben: »Und wer sind Sie denn, meine Damen, wenn ich fragen darf? Das ist meine Cousine, die Frau Hoflackier, und der Herr Hoflackier, mein Cousin, hat immer nur mit anständigen Leuten zu tun.« – »Sie meinen wohl, wir wären nicht anständig«, schrie die eine Geputzte, die den im Streit ihr abgerissenen Hut wieder auf das glühende Gesicht gesetzt hatte, nur nicht ganz in der vorigen Fasson. – »Da müßte doch die Polizei mitsprechen!« rief die zweite. – »Die Polizei«, rief Charlotte, »die kennt ihre Leute und weiß, wer sich abends, wenn er aus der Tanzstunde nach Hause geht, von Referendaren in Konditorläden führen läßt.« – »In Konditorläden! Das ist eine unverschämte Lüge! Das sollen Sie mir vor dem Kriminal beweisen, meine Dame. Der Herr Referendar invitierten mich, aber ich sagte: ›Das würde sich wohl nicht schicken, Herr Referendar!‹ Und wir sind da nicht hineingegangen.« – »Es kommt mir auch gar nicht darauf an, wo Sie die Rosinen gegessen haben«, replizierte Charlotte mit einem sehr feinen Blick. – Die zweite Schwester hielt die Höflichkeit nicht mehr für angebracht: »Und woher Sie die Rosinen in Ihrem großen Munde haben, weiß man auch!« – »Ja, manche Leute«, fiel Charlotte ein, »manche Leute haben einen sehr großen Mund und sehen wunder wie aus, Sonntags vorm Brandenburger Tor, wo sie keiner kennt, aber vorm Hamburger Tor kennt man sie auch.« – »Vorm Hamburger Tor!« schrie die eine. – »Vorm Hamburger Tor!« wiederholte die andere. »Da hätte man sie ja rausgeschmissen, Knall und Fall, wenn's nicht der Herr Wachtmeister gewesen wäre.« – »Mit Schmiedegesellen geben wir uns allerdings nicht ab«, trumpfte Charlotte drein, »die sind uns zu rußig!« – »Sie ist ja eine Köchin!« fuhr die Jüngste auf. »Eine Geheimratsköchin! Und eine für alles!« Die ursprünglichen Parteien waren aufgelöst, vermischt; es gab nur einen gemeinsamen Kampf gegen die im Wagen Sitzenden. Wer die allgemeine Lachlust gegen sich hat, ist verloren. Wie schwer der Herr Hoflackier auch zur Empfindung zu bringen war, denn die Frau Hoflackier mußte ihm mit der Faust in den Rücken pauken, damit er nur merkte, daß sie ohnmächtig ward, jetzt glaubte er fluchen zu müssen. Es geschah zwar mit einer gewaltigen Bierstimme, aber weder mit den rechten Ausdrücken noch mit der rechten Folge. Zuerst Flüche aus dem Stall, dann Gründe. Ein Donnern, das mit dem Säuseln des Windes endet, verfehlt seine Wirkung. Im Hohngelächter der Buben blieb ihm nur das letzte Mittel, nach der Polizei zu rufen, und er schwor, so wahr er Seiner Majestät Hoflackierer wäre, wolle er sie alle durch die Bank in die Stadtvogtei schmeißen lassen. Ehe sich einer dessen gewärtigte, war Charlotte plötzlich vom Sitz aufgesprungen, hatte sich übergelehnt, dem Schwager Zügel und Peitsche entrissen, und ließ mit einem »Platz!« die Peitsche knallen. Das mutige Pferd, des langen Geredes sichtbar überdrüssig, bäumte sich mit einem Satz, der dem Wagen zwar einen Stoß versetzte, daß die Frau Hoflackier ihre Ohnmacht vergessen mußte; aber der Peitschenhieb hatte auch den gordischen Knoten zerhauen, den zu lösen dem Herrn Hoflackier am schwersten geworden wäre. Der Haufe, der auf die Rodomontade schon zu Tätlichkeiten Miene machte, flog auseinander, und Kies und Funken stoben. »Kikelkakel Polizei!« rief Charlotte, als sie Zügel und Peitsche dem verdutzten Herrn Schwager wieder in die Hand warf. »Darum lohnt sich's auch!« Die aus der Ohnmacht erwachende Frau Hoflackier stöhnte, das komme davon, wenn man sich mit gemeinen Leute einlasse. – »Gemeine Leute, das geht schon«, entgegnete Charlotte, deren Herz jetzt warm wurde, und ihre Zunge löste sich. »Aber wenn gemeine Leute wollen gebildet tun, Cousine, das ist um die Crepance zu kriegen. Die Schmiedetöchter da an der Panke, Hufschmied war er für die Fuhrleute und Bauern! Aber seit er den Knopfladen in der Stadt angenommen, da sollte es oben raus. 'ne Mamsell läßt sich auch gleich machen, habe ich oft zu meinem Geheimrat gesagt. Das kostet Geld und Bildung, mit 'nen paar Redensarten und 'nem langen Plunderkleid ist's nicht getan. Da mußten sie in die Komödie, vom Tanzboden ins Corps de ballet. Ging's nicht so, dachten sie, geht's so. Das kennt man ja. Und Airs geben sie sich, wenn ein Offizier mal auf der Redoute ›Meine Damen!‹ gesagt hat. Als ob man nicht wüßte, wie sie mal barfuß laufen mußten und Reisig auf der Hucke tragen, das ist noch keine Sünde nicht, aber pfui, wer sich schämt, was er gewesen ist. Und gegen den Vater wäre auch gar nichts zu sagen, wenn er nicht so schreckliche Manieren hätte. Man merkt doch gleich den Grobschmied raus. Und wo er zuschlägt, wächst kein Gras. Aber er ist doch mal ihr Vater, und gestohlen hat er auch nicht. Aber die Mutter, na, lieber Gott, wenn man von der erzählen wollte! Unter der Haube ist sie nun mal, aber von vorher weiß man Geschichten. Gott bewahre mich, daß ich was sagte. Wer allen die Haube vom Kopfe reißen wollte, die jetzt hochmütig tun, und auf andere schief runtergehen, da hätte man viel zu tun. Einer den andern verreden, da ist die Schlechtigkeit der Menschheit, und bis das nicht abgeschafft ist, Cousin, da können Sie mir glauben, ist's nichts in der Welt. Ich weiß das ja von meinem Geheimrat. Da möchte einer den andern runterbringen. Katzenfreundlich vor den Augen, und wenn sie sich den Rücken gedreht haben, pfui! Da stellt einer dem andern das Bein, und noch weit höher hinauf. Und wenn er gefallen ist, da drücken sie ihm die Hand und tun, als ob sie die Augen wischen, aber wenn er sich wieder setzen will, Prostemahlzeit! sie sitzen schon auf dem Stuhl. Der König hat's anders haben wollen, aber sie haben ihm gesagt, es geht nicht. ›Sire‹, haben sie gesagt, ›wollen Sie die Menschen anders machen, als sie sind?‹ Solch ein seelensguter König! Wenn's nur nach dem ginge! Ja, ich sollte mal drei Tage lang König sein, Cousin. Ich wollte die Menschen schon anders machen. Warum Krieg! Brauchen wir Krieg? Wenn wir Krieg brauchen, haben wir ihn draußen, soviel wir wollen. Der Bonaparte macht ihn, sagt mein Geheimrat und die andern. Misch dich nicht in was, das dich nichts angeht. Und unsere propern Soldaten, was haben wir davon, wenn wir sie totschießen lassen? Aber 's wird doch Krieg. Passen Sie acht, es geht los.« Einmal auf dem Einspänner, mußten wir ihn doch bis ans Tor begleiten. Wir zweifeln nicht, daß Charlottens Lunge, die das auf dem damaligen Berliner Straßenpflaster vermocht, auch draußen auf dem weichen Erdreich des Tiergartens noch lange fortgefahren ist. Ob ihre politischen Deduktionen zur Belehrung des Hoflackierschen Ehepaares beigetragen, lassen wir auf sich beruhen, sie verschafften ihnen aber den Vorteil, nichts von den Spitzreden zu hören, die unter lautem Hohngelächter ihnen nachschallten. Hier war nur eine Partei zurückgeblieben, man möchte sagen, eine Herzensseligkeit, und die geputzten Mamsellen fielen sich mit den Straßenjungen um die Wette ins Wort, um den Fortgerollten etwas Kränkendes nachzuschicken. Der Zorn, wenn er auch nicht mehr trifft, muß sich selbst genügen. – Nein, wenn solche Leute sich herausnehmen wollen, die nichts sind! – Wer unter der Gassenjugend kannte nicht die Geheimrats Charlotte! Wenn die anfängt, müssen die Fischweiber unterducken. – Ja, mit den Fischweibern mag sie Trödel anfangen, da ist sie unter ihresgleichen, aber sich unterstehen, anständige Personen auf der Straße zu attackieren! – Eine Köchin so aufgedonnert, ein Skandal, was die Polizei verbieten müßte. – Die Polizei fragt freilich nicht, wo eine Köchin ihr Umschlagetuch her hat. – Vom Wachtmeister hat sie es gewiß nicht erhalten! – Wenn Charlotte sich einbildete, daß der Geheimrat sie heiraten würde, hier auf der Straße war es eine ausgemachte Sache, daß sie die Rechnung ohne den Wirt gemacht. – Und ihre Cousine, mit der sie großtat! – Ja, wenn man nicht alles wüßte, wenn man sie nicht gekannt hätte! – Ja, der Herr Hoflackier war ein honetter, proprer Herr, der auf sich was hielt. Immer adrett. Er zahlte bar. – Der arme Hoflackier, daß er sich von der Person hat herumkriegen lassen! – Aber es war ihm schon recht, warum war er ein solcher Schafskopf! – Die Waage des armen Hoflackiers ward immer leichter. Arbeiten verstünde er, das müßte man ihm lassen, aber sonst – ein Einfaltspinsel. – Und ohne die Weiber, was wäre er! – Barfuß, die Stiefel auf dem Rücken, war er durchs Hallesche Tor eingewandert. Aus dem Vogtlande! Ja, wenn seine Meisterin nicht ein Auge auf ihn geworfen! Und wie hatte er es ihr vergolten! – Aus dem Vogtlande mußte er herkommen, um andern das Verdienst wegzuschnappen, und dann will er noch Polizei spielen über Berliner Stadtkinder! Himmelschreiende Anmaßung! Der honette, propre, adrette, immer bar zahlende Herr Hoflackier wäre gewiß noch schlimmer geworden, hätte nicht die Polizei jetzt wirklich mit vielem Geräusch versucht, die Gruppierung auseinanderzutreiben. Sie jagte sich mit den Gassenjungen. Die anständigen Leute ersuchte sie, auseinanderzugehen, denn je weniger jetzt zu sehen war, um so mehr drängten sich, um noch zu sehen, was andre vor ihnen gesehen hatten. Die ursprünglichen Tumultuanten waren längst entwischt, und die ehrbare Familie des weiland Hufschmied, jetzigen Knopfhändlers, schon auf dem Wege nach dem Hofjäger, wo sie, nach einigen Nachrichten, die wir aber nicht verbürgen wollen, sich mit der des Hoflackiers verständigte, indem sie herausfanden, daß es nichts als ein Mißverständnis gewesen, was sie aneinandergebracht. Unter den ehrbaren Bürgern war sehr ernsthafter Disput über den Vorfall. Um so besseres Streiten, als kaum einer von denen, die stritten, noch mit Augen gesehen, um was es sich stritt. In einem Punkt nur waren alle einig: Warum war die Polizei nicht früher gekommen? »War denn die Polizei überhaupt nötig?« sagte der Begleiter einer ältlichen Dame, der etwas Fremdartiges an sich hatte. Er war aus Amerika nach einem langen Aufenthalt daselbst in seine Vaterstadt zurückgekehrt. Man sah ihn verwundert an. »Haben Sie denn da keine Polizei?« – »Wo man sie braucht. Was sich von selbst schlichtet, dazu ruft man sie nicht.« – Die ehrbaren Männer schüttelten den Kopf: »Es war ja ein Skandal!« – »Doch nur für die, welche sich um solche Bagatellen stritten.« – »Aber es ward ein Auflauf; es hätte noch schlimmer werden können. Einer mußte doch beispringen.« – »Hätten die Nachbarn und ehrbaren Bürger sich nicht selbst helfen können, wenn es ihnen zu arg ward?« Man verstand ihn nicht. Das wäre noch hübscher, ehrbare Bürger um so was zu inkommodieren! Die meisten Nachbarn meinten, es liege an der Unvollkommenheit der Gesetze, man solle andere machen; nur waren sie verschiedener Ansicht über das Wie: den Straßenjungen sollte verboten werden, auf der Straße zu schreien, verlangte der Herr Tabakskrämer drüben. Der Schullehrer meinte: den Frauenzimmern müsse untersagt sein, in einem Putz auf der Straße zu erscheinen, der über ihren Stand ginge, denn daher komme doch die ganze Geschichte. Ein Dritter: man solle nicht jedem erlauben, auf der Straße zu plumpen, denn das sei der eigentliche Quell. Man kam zu keiner Einigung. Als die Leute erfahren, der Mann sei ein Amerikaner, erregte er den Respekt, welchen in Berlin alles beansprucht, was weither ist. Mehrere der ehrbaren Leute, die zugleich auch wißbegierig waren, umringten ihn mit bescheidenen Fragen über amerikanische Einrichtungen. Einer, der ihm aufmerksam und beistimmend zugehört, sagte: »In alledem, mein geehrter Herr, mögen Sie recht haben, aber ich frage Sie, wenn Sie keine Schilderhäuser und Schildwachen in Amerika haben und keine Polizeikommissare und Sergeanten, wer reißt denn den Handwerksburschen die Pfeifen aus dem Mund?« – »Niemand.« – »Ja, mein Gott, wie kann denn aber da Ordnung in Amerika sein!« Die guten Bürger schüttelten den Kopf. Die ältliche Dame, welche sich von dem Amerikaner führen ließ und zu ihm in dem Verhältnis einer Verwandten oder Bekannten stehen mochte, die, einst seine mütterliche Lehrerin, die langen Jahre vergißt, welche den Knaben zum Manne erhoben, sagte mit der Feierlichkeit überlegenen Wissens und doch mit dem gutmütigen Lächeln einer mütterlichen Freundin, die Verirrungen sanft aufnimmt, weil wir alle irren: »Du wirst überall Ungläubige treffen, mein lieber Friedrich, wenn du von den Vorzügen deiner neuen Welt da drüben sprichst. Und dir selbst wird, wenn du dich nur wieder zurechtfindest, auch das Auge aufgehen, daß in keinem Staate so väterlich für das Wohl der Bürger gesorgt ist, als in dem unseren. Nur in dem einen hast du recht, da ist es besser bei euch, daß sie die Kirchen heizen! – Ja, ich habe es immer gesagt, wenn die Obrigkeit dafür bei uns sorgte, was hätten die Leute dann noch zu klagen! – Nun, wer weiß, wenn ich die Augen schließe, kommt man wohl auch noch dahin! Die großen Herren hier haben immer an anderes zu denken, was ihnen wichtiger scheint, darüber vergessen sie das Nächste.« – »An diesem heißen Augusttage ist es doch wohl nicht das Nächste, liebe Tante«, entgegnete der Amerikaner. – »Wenn wir aber nicht im Sommer für den Winter sorgen, dann ist es im Winter zu spät. Im Winter aber denken sie, nun, es ist ja noch Zeit, es kommt ja der Sommer. So wechseln Winter und Sommer und es geschieht nichts.« Es war eine bekannte alte Dame der Residenz, gleich geschätzt wegen ihrer Wohltätigkeit und Frömmigkeit als wegen ihres klaren Geistes. Nur war sie ebenso bekannt wegen dieses Steckenpferdes, das ihr zur fixen Idee geworden. Sie meinte, die Armut fühle sich erst recht, wenn sie in ihren Lumpen in den kalten Gotteshäusern stehe, wogegen die Verlassenen und Gedrückten mit einem ganz anderen Gefühl gegen ihren Schöpfer und ihre Mitmenschen aus den warmen Kirchen zurückkehren würden, gleich wie ein Satter gegen die Verdrießlichkeiten des Lebens geharnischt sei, wo ein Hungernder auf den ersten Angriff fällt. So wußte sie zu beweisen, daß aus dem Heizen der Kirchen nicht allein christlich frommer Sinn, allgemeine Menschenliebe, sondern auch Zufriedenheit, Selbstbescheidung und Gehorsam gegen die Obrigkeit, kurz, ein glückliches, vollkommenes Gemeinwesen entspringen müsse. Man nannte sie ein Original; einige aber meinten: ist nicht jedes denkende Wesen mehr oder minder ein Original, das von einer gehegten Vorstellung nicht lassen kann, sie nährt, und von ihrer Realisierung das Wohl der großen und kleinen Kreise abhängig wähnt, in denen sein Gedanke sich bewegt? Glaubt nicht jeder ein Radikalmittel zu wissen, schüttelt er nicht bedenklich den Kopf, wenn die Regierer und Lenker andere Mittel ergreifen, seines ignorierend, und ist nicht der ganze Komplex dieser Sinnenden, Denkenden und Tätigen doch eigentlich das Korpus der geistigen Menschheit, welches, aus wie vielen Irrtümern es auch bestehe, die Trägen und Stumpfsinnigen mit sich fortreißt in dem großen Entwickelungsprozeß der Menschheit? Die Straße war wieder still geworden, und Walter saß am Schreibtisch. Er schlug die Augen nieder. Es war eine ermattende Luft. Er schüttelte die Träume ab, aber die Wirklichkeit kehrte als Traumbild zurück. Eine Seite stand fertig geschrieben, als er die Feder wieder fortlegte und sich zurücklehnte: »Lohnt es sich denn um dieses Volk! Will es anders sein, als es ist! Weiß es, was es wollen muß, um aus der Dumpfheit der Existenz –« Er trat noch einmal ans Fenster. Vierzehntes Kapitel. Blicke aus eines Ministers Fenster ins innere Leben . Es war nicht grade kühler geworden, aber die Sonne prallte nicht mehr vom Pflaster und den hellen Häusermauern zurück. Sie war hinter das Dach eines hohen Hauses gesunken. Ein vornehmeres Publikum bewegte sich langsam zum Tore hinaus. Da ging sein Vater, am Arm den Rittmeister von Dohleneck. Seltsame Freundschaft vom neuesten Datum! Er lächelte über das Gerücht, das der Witz der Berliner Börse erfunden: sein Vater wolle ihn enterben, weil er keine Schulden gemacht, um den Rittmeister zu adoptieren, der viel Schulden hatte; denn die Firma Walter van Asten verdanke ihren Kredit denen, die keinen hätten. Ihre Schuldigkeit sei es daher, das Schuldenmachen zu begünstigen. Er wußte nun, was seinen Vater und den Offizier aufs neue verband. Es war kein angenehmer Gedanke. Er wollte nicht durch einen Vater, noch weniger durch einen Gendarmen-Rittmeister, es war sein Stolz gewesen, nur durch sich empfohlen zu sein. »War das nicht auch vielleicht Phantasie«, fuhr er aus seinen Träumen auf, »eine fixe Idee, wie die der guten alten Oberkirchenrätin? Bewegen wir uns nicht alle in einem großen Gespinst, über das wir nie hinausfliegen, wie wir uns auch anstrengen? Wir sehen nur nicht das Gängelband, an dem man uns führt. Ja, alle sind wir eingeführt in die Kreise, wo wir wirken sollen; der durch seinen Namen, Herkunft, der durch die glatten Wangen, das Geld des Vaters, es war ihm mitgegeben, als er geboren ward. Der ruft den Schneider, den Coiffeur, den Tanzmeister zu Hilfe. Sie lesen, bilden sich, um zu wirken. Was wäre unser ernstestes Studium, wenn uns nicht doch als endliches Ziel ein Wirkungskreis vor Augen stände, der uns gefällig machen soll, uns unter den Menschen erhebt, einen Einfluß verschafft! Warum nun, wo wir immerfort Hilfe suchen müssen, um die Lücken unseres dürftigen Ichs auszufüllen, die von uns stoßen, die man uns darreicht, die von selbst da ist! Das Netz, das uns umschlingt, heißt Konnexionswesen. Ist's nicht in unsere Natur eingeimpft, bedingt durch unsre Gesellschaft, unser Gemeinwesen, lag es nicht ausgeprägt in unserm zünftigen, deutschen Sippschaftswesen? Der Sohn schlüpfte in die Kundschaft, Rüstung, die Lehen seines Vaters, die Gesetze drückten ein Auge zu, die Freundschaft half und die Gewohnheit machte die Vererbung zu einem Recht. So überall. Wir sehen freilich Lumpe aus diesem Wege steigen, wo das Verdienst zur Tür hinausgewiesen wird. Warum läßt es sich ausweisen? Warum greift es nicht zu den Mitteln, welche die Vorsehung ihm bot? Ist das nicht vielmehr Hochmut, vielleicht der impertinenteste Dünkel, sich nur selbst genügen zu wollen? Sollen wir nicht klug sein wie die Schlangen! Und was Klugheit! Grassiert nicht unter diesen Menschen die Manie, zu protegieren! Sie locken uns; wir brauchen nur zuzugreifen. Es ist der Kitzel des Stolzes und der Armseligkeit derer, die aus sich nichts machen können, andre zu erheben, die sich ihnen fügen, ihren Launen schmeicheln, in ihre Gedanken hineinlegen. So entstanden Schulen, künstlerische, philosophische, religiöse, so erwuchs das Königtum zu der mythischen Größe. Man erhob sich, weil man Kleinere unter sich groß werden ließ. Man unterließ den Pyramidenbau, weil man inneward, daß man doch nicht über die Wolken dringe; aber je mehr Abstufungen man zu seinen Füßen betrachtete, um so erhabener dünkte man sich selbst. Es ist ihr Spielzeug, warum erfassen wir es nicht und lassen sie spielen zu unserm Zwecke!« Die Baronin Eitelbach fuhr vorüber. Der Rittmeister grüßte sie in feierlich militärischer Haltung. Sie erwiderte den Gruß in derselben Art. Er sah seinen Vater lächeln. Es war ja ein Allerweltsgeheimnis. Was hatte die halben, noch im Nebelschleier verborgenen Dirigenten zu dem frevelhaften Spiel veranlaßt? Man nannte hochgestellte Personen. Was hatten sie für ein Interesse, daß zwei sich verliebten, die bis da eine Abneigung gegeneinander empfanden, eine verheiratete Frau von unbescholtenem Ruf und bekannt wegen ihres Phlegmas, und ein Offizier, dessen Passionen im Strom des Alltäglichen nie dem Siedegrad nahegekommen waren? Was anderes, als die Sättigung, welche die Buhlerin endlich zur Kupplerin macht! Der Kitzel, mit den Gefühlen anderer zu spielen, wo die eigenen versiegt und ausgebrannt waren, die dämonische Lust, über das Los anderer zu schalten und walten, gleichviel, ob mit ihrer Freiheit ihre Stellung in der Welt, ihre Ehre, ihr Seelenfriede und ihr Lebensglück verlorenging. So mehr Vergnügen, je schwieriger die Aufgabe war. In der Anstrengung die Hindernisse überwinden stählt die Kraft. Und diesen mächtigen Antrieb zum Bösen, sollte man ihn wegwerfen, wo man ihn zum Guten angreifen und nutzen kann. Der Wagen war vorübergerollt. Sein Blick fiel auf eine Fensterreihe schräg dem Hotel gegenüber. Ein Teil dieser Fenster war mit grünen Jalousien verschlossen; sie schienen nicht erst heute gegen den Sonnenbrand herabgelassen, der dicke Staub darauf sprach von einem langen Verschluß. Das ganze Haus sah still und öde aus wie eines, worin Krankheit wehte. Ein Leiterwagen mit Strohbunden kam langsam herangefahren. Er hielt seitwärts. Man streute das Stroh sorgsam auf das Pflaster vor dem Hause. Jetzt rollte vor einem der Mittelfenster die Jalousie langsam auf, eine weibliche Gestalt sah auf die Arbeiter hinaus. Die Geheimrätin Lupinus gab den Leuten Anweisungen, die er nicht hörte. Sie hatte wieder ein Tuch vor dem Munde und wehte sich frische Luft zu. – Man nannte die Lupinus eine unglückliche, schwer vom Schicksal heimgesuchte Frau. Man rühmte sie wegen der stoischen Ruhe, mit welcher sie die harten Unfälle, die Schlag auf Schlag sie trafen, ertrug. Sie widmete sich Tag und Nacht der Pflege des kranken Gatten und mußte von ihren Bekannten an die Pflicht erinnert werden, zuweilen auch an sich selbst zu denken. Die Zufälle des Geheimrats sollten besonderer Art sein und er seine Pflegerin durch wunderbare Phantasien plagen. Von alledem merkte man nichts, wenn sie in der Gesellschaft erschien. Sie sprach von dem, was ihr bevorstehe, mit Ruhe und Fassung. Sie machte sich keine Illusionen, wenn auch die Ärzte ihr Trost zusprachen; mit einem Seufzer fügte sie hinzu, sie habe in ihrem Leben die Trugschlüsse dieser Wissenschaft hinlänglich kennengelernt. Sie zitierte gern Stellen aus Mendelssohns »Plato«. Was sei denn das Leben anders, als ein Gefängnis oder ein Wachtposten, aus dem die Seele sich hinaussehnt, nach Befreiung oder Ablösung. Sie blickte auch wohl nach den Sternen und schien über sich selbst zu lächeln, wenn sie in zwei kleinen, die sie bezeichnete, die lieblichen Kinder zu sehen glaubte, die unter ihrer mütterlichen Pflege in das Jenseits entschweben müssen. »Halten Sie mich um deswillen nicht für eine Schwärmerin«, setzte sie mit einem sanften Händedruck hinzu, »dazu bin ich verdorben. Meine Freunde sagen so oft, daß ich es am Ende glauben muß, ich sei eine Philosophin. Die Leidenschaften, die uns verwirren und aufregen, wer kann von sich rühmen, daß er sie ganz bewältigt, um zu der Ruhe der Seele zu gelangen, welche uns zu wahrhaft Freien macht! Bin ich nicht eine schlechte Philosophin, wenn ich nicht einmal so weit über mich Herr ward, wie mein guter Mann? Er sieht seiner Auflösung mit der Ruhe des Gerechten entgegen, froh wie ein Kind jeden Augenblick genießend, der ihm noch geschenkt ist; der Sonnenstrahl, der in sein Zimmer fällt, preßt ihm ein Lächeln aus, er weht mit der Hand durch die Sonnenstäubchen; er streichelt den Kater über den Rücken: Was wird aus dir nach meinem Tode werden? Er kann noch scherzen: ob man nicht Versorgungsanstalten für treue Haustiere einrichten sollte? Mein Herz blutet bei diesen Scherzen, und das sollte eine Philosophin nicht. Sie sollte auch nicht mehr hoffen, wo der Verstand ihr sagt, daß hinter der Hoffnung ein Strich gemacht werden muß. Ich kann es noch nicht«, sprach sie, sich plötzlich abwendend, das Tuch am Gesicht, »da sehen Sie, was ich für eine Philosophin bin!« Die Geheimrätin Lupinus ward allgemein bewundert, aber man fröstelte bei dieser Bewunderung, und man vermied sie. Walter hatte scharfe Augen. Das Gesicht kam ihm heute besonders spitz vor. Sie schielte ja. Fiel nicht ihr Blick seitwärts über die ganze Straße? Wie kam ihm die Vorstellung von einem Brennglas, das in der Ferne zünden soll? Er hatte niemals Zuneigung für sie empfunden. Er hatte sich ehemals selbst darum getadelt, denn er glaubte, es sei nur die Abneigung, welche kluge Männer so oft gegen kluge Frauen empfinden, aus Hochmut oder aus Eifersucht. Er hatte diese Gefühle damals bekämpft, er hatte sich zur Freundlichkeit gezwungen gegen eine Frau, die sie ihm selbst gezeigt und später seinen Dank beanspruchte. Sie hatte seine Geliebte gerettet. Das war längst Vergangenes. Er errötete sogar bei der Erinnerung, wie er ihren Launen entgegengekommen war. Junge Männer, wenn sie eines unpassenden Benehmens sich erinnern, gäben im Augenblick dieses Unbehagens einen Teil ihres Lebens darum, die Erinnerung auszulöschen. Was ging ihn jetzt die Lupinus an? Und doch stand ihr volles Bild vor seiner Seele; das, welches im Spiegel sich wiedergibt, und das, was kein Glas und kein Metall aufnimmt. – Wie oft hatte er im Gespräch über ernste, wissenschaftliche Gegenstände die Schärfe ihres Verstandes, ihre Phantasie im Kombinieren bewundert, aber es war, als ob ein bleigrauer Schleier gleich darauf die Anschauung überzog, eine ätzende Substanz, welche die eben noch glühenden Farben verzehrte; aus dem Gemälde ward ein blauer Kupferstich. Er war nie erhoben durch ihr Gespräch, er ging nie froh von ihr. Was wollte diese Frau? Jetzt eine Philosophin, die das Firmament durchdringen will nach dem Ewigen; jetzt schien ihre Brust sich zu heben von den Hochgefühlen für Vaterland, Freiheit, für die Heroen der Menschheit. Fand sie eine Schranke, eine eiserne Wand, vor der sie zurücksank nach verzehrendem Kampf? – Nein, ihre Flügel schienen schon erlahmt, wenn die Zuschauer fortsahen. Und dann wie das Vogelgeschlecht, das auch Flügel hat, aber nie in die Wolken sich erhebt, flatterte sie im Frivolen, Eitlen, gehoben von keinem andern Drang, als dem der Gefallsucht. Tausende, die nach dem Interessantsein haschen, zufrieden, wenn irgend etwas als vorzüglich anerkannt wird, sei es auch nur eine Lieblingsarie am Klavier, ein kleiner Fuß, ihr feines Whistspiel. Wo blieb sie denn stehen, woran hielt sie sich? fragte er sich. Wäre sie sich selbst genug? Auch die Vorstellung, von allen verkannt zu sein, es ist eine bittere Wollust, aber sie mag zur Säule werden, auf die zuletzt allenfalls eine Säulenheilige klettert und in schwindelndem Stolz auf das Gewühl herabsieht. Aber – nein, dazu pulste ihr Blut zu ruhig. Der holde Wahnsinn spielte nicht um ihre Schläfe, sie, jeden Augenblick die sich bewußte Beherrscherin ihrer Worte, ihrer Mienen. Wußte sie ja sogar, daß sie den Männern nicht gefiel, daß Frauen vor ihren Liebkosungen erschraken. Gefühlvolle erkältete ihr Gespräch, Geistreiche fühlten sich gelähmt. Nur ganz Beschränkte waren durch ihr Wohlwollen geschmeichelt, nur solche gerieten in Entzücken über ihren Geist, die von ihr sich heben und tragen lassen wollten, und auch diese nur so lange, bis sie ihrer nicht mehr bedurften. Und auch das wußte die Unglückselige! Wohin er blickte, was sie gelten wollte, sie erreichte es nicht. Schwärmte sie für Napoleon, studierte sie Plato, begeisterte sie Fichte, erglühte sie für die Schönheitsformen des Altertums, war sie plötzlich von patriotischen Gefühlen für die Ehre des Vaterlandes erweckt, war sie die liebevolle Pflegerin des kränkelnden Gatten? Nichts von alledem! Walter hatte mathematische Beweise dafür. Sie schloß jetzt wieder die Jalousien. Die spitzen Finger der mageren Hand waren noch sichtbar, wie sie sich mühten, eine Schlinge an einen Wandnagel zu befestigen. Es gelang nicht so schnell. Das Spiel der einsamen Hand hatte etwas Unheimliches für Walter. Was wird sie nun drinnen in der dunkeln Stube anfangen? Handarbeiten? Sie nahm sie nur vor, wenn Fremde da waren, gewisse angefangene Stücke, die er gut kannte, Stickereien, Nähtereien, die aber nie fertig wurden. Würde sie sich ans Bett des Kranken setzen, den Schweiß von seiner Stirn wischen, seine magere Hand liebevoll streicheln? Er glaubte durch die Mauer zu sehen, daß sie es nicht tat. Er hätte eine Wette darauf gewagt, daß sie mit Schaudern vom Kranken sich abwandte. Vielleicht ergriff sie eine Lektüre? – Was sollte sie lesen? Und am Krankenbett! Da lagen gewisse Bücher, Mendelssohns »Plato«, Tiedges »Urania«, Fichte, Schleiermacher, aufgeschlagen oder mit Zeichen unter ihrem Arbeitstische. Je nach dem Besuch, der sich meldete, ward eines auf den Tisch gelegt. Die Geheimrätin galt für eine sehr belesene Frau, sie sprach mit Geist über die Novitäten, die – sie nicht gelesen hatte. Walter hatte sie für sie lesen, ihr den Inhalt vortragen müssen. Oh, er wußte Bescheid im Hause; und wieviel hatte ihm Adelheid mitgeteilt! – Ein Schmerz, ein Gedanke, ein Blitz zuckte durch seine Brust. Was hat sie mit Adelheid gewollt? – Nicht drei Tage waren vergangen, und sie hatte sie gequält, alle ätzende Schärfe des Verstandes auf das Kind der Natur ausgegossen. Was war denn ihre Absicht? Sein Herz pochte immer heftiger. Ein Möbel, den Schmuck des Hauses, den man ankauft, um Gäste anzulocken, verdirbt man nicht, man bemüht sich nicht, ihm die natürliche Farbe, seinen Glanz zu rauben. Aber hatte nicht diese Frau – Adelheid hatte es nie ausgesprochen, in ihrem Stocken, ihrem Zittern hatte er es gelesen. Mein Gott, was hatte sie gewollt! – Dunkle Bilder wagten vor seiner Stirn – der Legationsrat, sein rätselhaftes Verhalten zur Lupinus! Hatte sie einen Kuppelhandel treiben wollen? – Nein, vergiften – sie vergiften. Aber warum, womit? Weil Unglückliche den Anblick von Glücklichen nicht ertragen können? Weil der Adel einer reinen, gottgeschaffenen Seele zum beständigen Vorwurf für die wird, welche diesen Adel eingebüßt. Es war plötzlich eine Überzeugung, die ihn durchdrang. Aber war es nur Instinkt gewesen, oder hatte sie systematisch gearbeitet? Mein Gott, ist es denn möglich, daß eine Frau systematisch an ein solches Geschäft geht! Es war wohl nur ein Gebilde des Argwohns, und doch – alle ihre Handlungen – und boten Erfahrung und Geschichte ihm nicht hundert Beispiele einer solchen Verführungslust bloß aus dem Gelüst, zu verfuhren? Wie man dem Tobsüchtigen Wasserstürze gibt, hatte sie auf alle ihre warmen Gefühle einen Eisguß geschüttet. Das junge, warme Herz, ja, es sollte systematisch erkalten, vor der Zeit absterben, – nicht an eignen bitteren Erfahrungen, an denen einer egoistischen Seele, die nicht mehr Liebe, Glaube, Hoffnung kannte. Ein blühendes Geschöpf, von der Natur mit allen Frühlingsregungen begabt, wollte sie zum ausgebrannten Vulkan machen. War sie das selbst? – Nein, etwas lebte doch in der Frau, ein geheimes Feuer – Haß, Neid, eine stille Wollust des Egoismus. Eine kaltherzige Egoistin ist zu allem fähig. – So wollte sie Adelheid präparieren, zu einer Mitsünderin, einer Verlorenen, Trostlosen. Und er selbst! – Stand er ohne Schuld da? Hatte ihn nicht längst eine Ahnung überschlichen, daß die Lupinus dies beabsichtigte? Und hatte er die Ahnung nicht aus dem Sinn geschlagen, und aus Eigennutz? War es nicht sein Wunsch gewesen, daß seine Braut dort aushalte, weil er in diesem Hause freien Zutritt hatte, weil in letzter Zeit wenigstens die Geheimrätin seinen Wünschen entgegenzukommen schien, weil er unter andern Verhältnissen, in einem andern Hause für seine Hoffnungen fürchten mußte? Darum hatte er, zwar nicht gegen seine Pflicht gehandelt, aber doch – die Gedankensünde begangen. Selbst ein Egoist, wagte er andere anzuklagen! Da rollte die Equipage der Fürstin vorüber, im Fond diese mit Adelheid, auf dem Rücksitz saß Louis Bovillard. Die Fürstin schien zu schlummern. Adelheid und Louis sahen nichts, sie sahen nur sich. Der Wagen war verschwunden, eine Erscheinung. Ein »Gott sei Dank!« löste sich aus Walters Brust, vielleicht von seinen Lippen. Er fühlte eine wohltätige Transpiration. Das Schicksal hat es so, es hat es vielleicht zum Besten gefügt. Ja, im Kontobuch stand noch seine Schuld auf der Seite »Soll«, aber sie war ausgeglichen auf der Seite »Hat«. Er hatte nichts mehr. Seine Geliebte war die Geliebte eines andern. Sie war gerettet, und er – verloren? Nein, er war nur frei geworden, um sein ganzes Ich, ohne Egoismus, hinzugeben einer andern Geliebten, dem Vaterlande, der Idee, als deren letztes Ziel in der Ferne – Deutschlands Errettung vom Fremdjoche schwebte. Mit Eifer setzte er sich an den Schreibtisch, und seine Arbeit förderte sich. Er war fertig, als der Minister eintrat. Fünfzehntes Kapitel. Alles für einen andern . Die verfinsterte Stirn des Ministers, mit welcher er eingetreten, erheiterte sich nicht, als er das Papier durchlas. Er flog es nur noch über, als er es auf den Tisch fallen ließ. »Das ist nichts – gar nichts.« »Euer Exzellenz Ideen –« »Die Ausführung taugt nichts. Dilettantenarbeit für Herrn Merkel in den ›Freimütigen‹. Oder an die Zeitung da in Leipzig. Wir arbeiten hier nicht für die ›Elegante Welt‹.« Walter hielt den Hut schon unter dem Arm und verbeugte sich, den Entlassungswink antizipierend. »Empfindlich! Das taugt nicht für die Staatskarriere.« »Da meine Schrift nichts taugt, kommt wohl darauf nichts mehr an.« »Man darf nicht der Empfindlichkeit nachhängen, wenn man sich berufen fühlt, für das Gemeinwesen tätig zu sein.« »Mir ward eben der Beruf abgesprochen.« Der Minister hatte, ohne ihm zu antworten, das Papier wieder in die Hand genommen und klopfte, indem er sprach, mit der umgekehrten Hand darauf. »›Dürfte‹ – ›sollte‹ – ›wagte‹! Wie soll das wirken! Das gleitet an den blasierten Ohren vorüber wie eine obligate Flöte, die den Waldsturm akkompagnieren will. Das Gleichnis vorn, machen Sie ein Gedicht daraus. Diesen hier muß man derb, Schlag auf Schlag, die Notwendigkeit vors Auge führen. Da ist ein guter Passus, aber die Worte auch wieder viel zu gehobelt. Und wie sollen sie die Anspielung verstehen? Mit der Trompete ihnen ins Ohr blasen, es ist noch immer sanftere Musik als die Kanonen.« Walter äußerte etwas davon, daß die Stellung eines Anfängers, der kaum in das Geschäftsleben geblickt, ihm nicht erlaube, sich sofort in die Stellung des Ministers gegen seine Kollegen oder gegen die Majestät des Königs zu finden. »Das glaube ich gern«, sagte der Minister, der, sichtlich erschöpft und mit andern Gedanken beschäftigt, sich auf das Ruhebett geworfen. »Man muß vieles erst lernen.« Walter wartete noch immer auf das Zeichen der Entlassung. Der Minister blätterte in einem Notizbuch. Hatte er ihn vergessen? Plötzlich sprach er: »Setzen Sie sich und schreiben!« Walter folgte mechanisch. »Nein, hier neben mir; ich will Ihnen ins Gesicht sehen.« Der Minister sah ihm, kaum zwei Schritte entfernt, ins Gesicht. War das wieder eine seiner eigentümlichen réparations d'honneur oder sollte es eine Prüfung sein? Der Minister dachte an beides nicht. Er übersann ein Thema, mit dem er nicht fertig werden mochte, er steckte das Gedenkbuch wieder in die Tasche. »Es ist gut, ein andermal.« Was sollte das heißen? – Er bestimmte ihm einen andern Tag. Nein, morgen; überhaupt erwarte er ihn jeden Tag um die und die Stunde. Weshalb? Wozu? »Die Form Ihrer Anstellung wird sich später finden. Die Branche, für die Sie sich eignen, muß sich erst ermitteln.« Walter sah ihn mit stummer Verwunderung an: »Eben war ich auf das schmerzlichste in meiner Ehre gekränkt –« »Das ist ausgeglichen«, fiel der andere ein. »Sie wollen Ihre Freiheit aufgeben, sich dem Staatsdienst widmen. Ich nehme Ihr Anerbieten an. Wie gesagt, bis sich etwas Bestimmtes findet, betrachte ich Sie als meinen Privatsekretär. Ich kann in vielen Dingen Ihre Feder gebrauchen.« »Ich bin noch nicht gereinigt. Nach einer so schweren Anklage muß der Angeschuldigte auf einen klaren Richterspruch bestehen.« »Sind Sie so punktiliös? Ich sprach mit Fuchsius. Die Sache klärt sich einfach auf. Während er in der Bearbeitung meines Entwurfs war, kam ihm Ihre Schrift zu Händen.« »Er räumte ein –?« »Daß er sie benutzt hat.« »Wer gab ihm ein Recht dazu?« »Er hielt die Schrift für eine preisgegebene, verschollene – machen Sie das mit ihm aus.« »So entblödete er sich nicht, eine fremde Arbeit für die seine auszugeben.« »Er entnahm Ihnen nur die Entwicklung der Gründe, die Ausführung –« »Dreiviertel seiner Schrift –« »Unter andern Verhältnissen würde auch ich es nicht gutheißen. Hier galt es, eine schwierige Arbeit bald und zum Zwecke tauglich herzustellen. Die suprema lex , das salus rei publicae . Warum doppelt schreiben, was einmal zum Zweck genug ist?« Der Minister wollte den Regierungsrat gerechtfertigt sehen; es wäre von Walter töricht gewesen, jetzt mit Hartnäckigkeit auf seiner Meinung zu bestehen. Er gab sie nicht auf, aber er schwieg, weil er auf des Staatsmannes Stirn andre Gedanken gelagert sah. »Ich brauche jemand, auf den ich mich verlassen kann, der, offenen Kopfes, fähig ist, im Umgang, in der Gesellschaft sich geltend zu machen. Verstehen Sie, jemanden, der nicht mit der Tür ins Haus fällt, was man mir wohl zum Vorwurf macht, der das Metall der Gesinnung in eine gefällige Form zu schmelzen weiß. Nicht ein Haarbreit darf er aufgeben, aber den Widerstößen soll er eine gewisse Elastizität entgegensetzen. Ich muß ihn brauchen können, nicht zu förmlichen Missionen, für die Form ist Vorrat die Fülle, aber zu gelegentlichen. Keinen Spion, aber er soll die Sinne wach haben. Keinen –« Der Minister hielt inne, und als er Walters sich rötende Stirn bemerkte, kam er schnell dem Mißverständnis entgegen. »Er muß von Geburt sein, einen Namen haben, der ihm überall Eingang verschafft, auch am Hofe. Das ist das Traurige, daß die Minister nie mit voller Kraft nach außen und nach innen wirken können, daß sie der Vermittler, Unterhändler bedürfen, nennen Sie's immerhin Kundschafter, die sie mit dem Hofe, den höchsten Personen in Rapport setzen und zugleich den Kabinettsräten aufpassen. Jammervoll, unnatürlich ist es, ein Kraftzersplittern, was die besten Intentionen erlahmt, aber es ist nun mal so, und gegen ein Gift braucht man ein Gegengift.« »Unter den Männern von Geburt werden Exzellenz eine reiche Auswahl haben.« Der Staatsmann verstand den kleinen Parierhieb, aber mit einem vornehm leichten Aufzucken ging er über etwas hinweg, was zu beachten er nicht für wert hielt. »Die Besten sind geschulte Puppen, wenn redlich, steif wie ein Wegweiser. Sie machen Front dahin, wo sie vor zwanzig, dreißig Jahren den Feind sahen; daß die Dinge sich verändert, daß er jetzt von den Flanken, vom Rücken droht, ist ihnen nicht begreiflich zu machen. Friedrichs Schule hat sich schlecht bewährt. Über das Militär rede ich nicht, nur vom Zivil. Da stehn die Posten, wo man sie hingestellt, sich brüstend, daß sie die Stelle nie um einen halben Fußbreit verlassen, aber unaufmerksam, wenn die Konterbande drei Schritte von ihnen bei hellem Tage über die Grenze dringt. Was geht es sie an, sie tun ihre Pflicht! Wenn die dumpfe Tugendtreue, eigentlich nur Bequemlichkeit, sie auszuhalten drängt, so wäre ihre höhere Tugend und Treue, ihre Befehlshaber aufmerksam zu machen, daß man ihre Kräfte besser verwende. Vor dieser Anmaßung, Überschreitung ihres Dienstes, erschrecken diese Menschen wie vor einer Sünde gegen den Heiligen Geist. Mag das Vaterland untergehen, wenn sie nur an ihrem Schilderhaus präsentieren. So nicht einer, nein, alle, keine Freiheit des Urteils, keine selbsteigene Bewegungskraft. Je besser die Normalpreußen geschniegelt, gebürstet und geschnürt sind, so kleiner der Kern des Menschen darin. Ja, in manchem, wenn man ihn aufhülst, ist's hohl, das Mark in die Rinde geschossen.« »Die Klage der Patrioten ist doch, daß von dieser Schule sich nur zu viele frei gemacht«, entgegnete Walter. »Wo aus dem Leibe die Seele längst entwichen ist, was wundern wir uns über die Überläufer zum andern Extrem? Diese Ungebundenheit, Frechheit, Laszivität in der Meinung und den Sitten, preise man sie immerhin als Geistesfreiheit, Aufklärung und Liberalität, es sind nur die Symptome einer Auflösung –« »Vor der Gott uns bewahre!« fiel Walter ein. »Und nicht bewahren wird, wenn wir nicht selbst etwas dazutun, wenn wir nicht –« Der Minister war aufgesprungen, er unterbrach sich selbst gewaltsam. Daß er soweit in der ersten Stunde des Vertrauens gegen seinen neuen Bekannten gegangen, schien diesem ein besseres Zeichen der Ehrenrettung. »Kennen Sie den Legationsrat Wandel?« fragte der Minister plötzlich. »Er ist ein Ausländer.« »Ausländer!« – Mit einem Lächeln fuhr der Minister fort: »Scheint doch dieser Staat destiniert, von Ausländern seine Impulse und seine ausgezeichneten Männer zu empfangen. Schwerin war ein Schwedisch-Pommer, Keith ein Brite, Derfflinger ein Österreicher; auch ist der wackere Blücher ein Mecklenburger, Hardenberg ein Hannoveraner. Moses Mendelssohn stammt auch nicht aus den Marken, und die Väter eines guten Teils unserer Diplomatie, unsrer Staatsmänner und Offiziere wußten vor den Dragonaden in ihrer Normandie und Provence kaum von der Existenz eines Landes, das Brandenburg heißt. Vergessen Sie auch nicht, junger Mann, daß die Hohenzollern aus Franken oder gar aus Schwaben sind. Eingewanderte, wenn Sie wollen, ich hielt sie für mehr, für Eroberer – wie der Nilstrom Ägypten erobert hat.« »Man sagt, Herr von Wandel sei im Thüringischen angesessen. Noch andre geben ihm die Niederlande oder eine dänische Kolonie zum Vaterlande.« »Meinethalben Island oder Teneriffa, wenn – man muß sich gewöhnen, Preußen anders zu betrachten als nach dem Naturprozeß. Nation und Staat waren hier nicht eins, sie wurden es. Es kostet auch mich zuweilen Mühe, von den mitgebrachten Vorstellungen zu lassen. Aber es geht nur so, nicht anders, oder alles zerfällt. Es war allein der Geist dieser großen Fürstin, die das Verschiedene, Fremdartige aneinanderkittete, einen Hauch hineingoß. Diesen Geist muß man lebendig erhalten, immer wieder wärmen die junge Tradition, damit sie nicht alt wird. Finden wir innerhalb unserer Grenzen nicht den Licht- und Wärmestoff, so greifet nach draußen. Was anderwärts Verbrechen, hier ist es erlaubt, Gebot der Notwendigkeit, der Selbsterhaltung.« »Ich habe nicht die Ehre, Herrn von Wandel näher zu kennen.« »Das Mysteriöse, womit er sich umgibt, schreckt die Menschen zurück. Ich mag die nicht tadeln, welche sich hier vor den Blasierten verschließen. Eine eiserne Maske vors Gesicht, um die warmen Pulsschläge des Herzens nicht zu verraten!« »Man gesteht ihm ebenso die Gabe zu fesseln zu als abzustoßen.« »Charaktere und ernste Sitten bedarf die Nation; der Staat darf es nicht so genau nehmen. Eine Libertinage, die nicht die publiken Sitten verletzt, darf ich übersehn. Er weiß das Siegel des Anstandes daraufzudrücken. Er beobachtet scharf, hat merveillöse Kenntnisse, Takt, mit seiner Suada entlockt er Geständnisse, ohne selbst etwas zu verraten, er ist bei den Frauen beliebt, eine fast unerläßliche Eigenschaft eines Diplomaten, den man brauchen will«, setzte der Minister lächelnd hinzu. »Seine Liaisons mit der Fürstin Gargazin sind Stadtgespräch.« »Die sind in diesem Augenblick nicht hinderlich. Und zudem kann Haugwitz ihn nicht leiden, er fürchtet ihn. Das spricht zu seinen Gunsten.« »So haben Exzellenz bereits entschieden –« »Wenn er Feuer in der Brust sich bewahrt hat. Er muß noch glauben können, wenn er nicht mehr lieben kann, hassen doch aus Herzensgrunde, das Schlechte, Erbärmliche, die Verräterei, das Schöntun mit dem Fremden; er muß noch hassen können, denn wer nur im Sumpf fortschwimmt, mit der Resignation, endlich doch zu ertrinken, paßt nicht für mich.« »Er gilt als in intimem Konnex mit den Männern der Lombardschen Clique.« »Wissen Sie, ob er diese Kreaturen nicht nur belauschen, durch Gefälligkeiten ihre innerste Natur, wenn sie eine haben, ihre geheimsten Gedanken herauslocken will? Wissen Sie, ob hinter dieser anscheinenden Indifferenz, diesem blasierten Weltbürgertum nicht ein Haß glimmt, wie ich ihn wünsche? Ja, dahin sind wir gekommen: bis der Deutsche nicht hassen lernt, aus vollem Herzen hassen, bis er seine philanthropischen Schwärmereien, jenen Allerweltsgerechtigkeitssinn, ohne sich selbst je gerecht zu werden, nicht durch Kasteiungen und Blut sühnt, bis er nicht wieder zum Egoisten wird, ist Deutschland verloren.« »Ich glaube, Exzellenz, in diesen Studien befindet sich auch unser Volk.« »Studien! Da liegt das Elend. Studien vor einer Krisis! Der Haß, der seine Verwünschungen ins Firmament speit, tut es nicht, der Weltsturm treibt die Dünste fort, ehe es zum Gewitter kommt. Handeln! Und bis dahin ließen wir's kommen, daß wir nicht mehr offen handeln dürfen; die Tugend, die Tatkraft muß sich verbergen, hinter einer Larve agieren. Schlimm, daß es ist, aber es ist. Wir brauchen die Tugenden der Brutus, behüte uns Gott vor ihren Dolchen, aber jener zähen Festigkeit, die ihre Gefühle nicht bei jedem Gegenstand aufflackern läßt, sondern sie verschließt, im stillen nährt, bis der Augenblick der Tat kam. Weshalb preisen wir jenen Mann, mit dem unsere Geschichte anfing? Spielte der römische Rittmeister in Rom den deutschen Patrioten, radotierte Arminius in den Kaffeehäusern über Deutschlands Unglück, sang er Lieder zur Gitarre, zum Ruhm seines unvergänglichen Vaterlandes, damit die Römerinnen dem blondhaarigen Schwärmer ›Bravo‹ klatschten? Er schwieg und hatte die Augen auf, er schwieg und diente, um zu lernen, er schwieg und sammelte Haß und Haß, bis es ein Stock ward, den Feind zu zermalmen. – Wir sind herabgedrückt, entwürdigt, bis zu dieser Lage«, fuhr der Minister nach einer Pause fort; »aber noch schlimmer als die wirkliche Tatsache, wenn wir sie uns zu verbergen suchen. Offen es uns selbst eingestanden, das ist der erste unerläßliche Schritt zur Rettung. Mir graut vor diesem Bramarbasieren, vor diesem Kornettsdünkel. Ich liebe die stillen Menschen, die sich des Urteils enthalten, weil ich denke, sie könnten doch Vernünftiges denken, wo die lauten Denker nur Unsinn zutage bringen.« Der Minister hatte ausgesprochen. Er ging, noch in Aufregung, umher, aber sein Blick forderte unsern Freund auf, seine Meinung auszusprechen. »Einige, dünkt mich, sind still aus Überzeugung, weil ihre Ansicht nicht verstanden würde, andere aus Furcht, die Mehrzahl aber, meine ich, aus Spekulation, um sich nicht zu kompromittieren, wenn die Dinge anders ausschlagen, als sie berechnet hatten.« »So kennen Sie Wandel?« fragte der Minister scharf, vor ihm stehenbleibend. »Ich sehe ungern in dies unbewegliche Gesicht.« »Das stimmt mit Fuchsius. Weiter!« »Ich kenne ihn wirklich nicht, Exzellenz.« »Weiter!« sprach der Minister. »Wenn der tiefste Grund des Menschen sich auf dem Gesichte irgendeinmal abspiegelt, so erschrecke ich, daß ich nie einen Zug auf seinem sah, der den Menschen verriet. Die Diplomatie mag andere Gesetze haben, ich aber könnte dem nie vertrauen, der stets Herr ist über sich. Wer alle Gefühle und Leidenschaften kostete, wie Mithridates die Gifte, um sich ihrer zu erwehren, hat den göttlichen Menschen in sich getötet. Wer den Ausdruck für Liebe, Haß, Furcht, Ehrgeiz, Lüsternheit und Habgier bis zum unkenntlichen Schattenspiel überwunden hat, scheidet für mich aus der Reihe der sinnlichen Geschöpfe. Ohne Sinnlichkeit kann ich mir aber keine Sittlichkeit denken und keinen Charakter, der nicht die Sitte zum Fundament hat.« Der Minister sah ihn eine Weile an. Die Schärfe seines Blickes ging in Wohlgefallen über. Er klopfte ihm auf die Schulter: »Wir werden uns näher kennen lernen. – Aber – ich will ihn doch nicht aufgeben. Ich glaubte indes, das in ihm zu entdecken, was ich hier nirgend finde. Dies unausstehliche Sichspreizen und Knistern, um vornehmer scheinen zu wollen, als man ist, macht für mich diese Menschen um zehn Prozent schlechter, als sie sind. Wir wollen ihn auf die Probe stellen, Sie sollen mir behülflich sein.« »Als Kundschafter!« »Ihr Vater steht mit ihm in Relationen, wie Fuchsius mir mitteilte. Ein guter Kaufmann gibt nur Kredit dem, der Kredit hat.« »Auch ein Kaufmann ist Illusionen unterworfen.« »Das sollen Sie ermitteln, mit Fuchsius sollen Sie sich darüber verständigen. Fuchsius hat Antipathien gegen Wandel. Das muß ein Staatsbeamter sein lassen, ich meine, persönliche Antipathien. Aber er will Renseignements haben, erinnere ich mich recht, aus den Niederlanden, daß häßliche Schatten ihm folgen. – Irgendwo hat ein Glücksritter – es ist ein Entführungsroman, mit Tod, Erbschleicherei und so weiter – gekuppelt – für Romane habe ich keinen Sinn, Fuchsius wird Ihnen das Nähere mitteilen. Aber auch er mag in seinem Argwohn zu weit gehen. – Haben Sie Bedenken?« »Ich kenne bis jetzt weder den Roman noch die Wahrheit.« »Oder wissen Sie ein taugliches Subjekt? Ein feiner Beobachter oder ein blitzendes Talent. Auch Sarkastik oder Humor wären treffliche Eigenschaften, Feuer, wenn auch mit etwas Qualm, das die Salonmenschen hinreißt. Mag er auch sonst ein verlorener Sohn sein, wenn er nur kein verlorener Sohn vom Vaterland ist. Es gibt viele verlorene Söhne, die nur eines Impulses bedürfen, damit das erstickte Feuer aus der Schlacke auflodere. Englands erste Staatsmänner gingen diesen Weg, aus einem Roué ward ein Charles Fox. – Sie denken an jemand. Sinnen Sie nach. Er darf nicht scheuen, die Stellung anzunehmen. Es ist ein Sort. Den Ratscharakter, mit einem ansehnlichen Gehalt, habe ich, um der Form zu genügen, für ihn bereit; die eigentlichen Dienste ergeben sich mit der Zeit. Morgen sehen wir uns wieder. – Jetzt gehen Sie ins Bureau und besprechen sich mit Herrn von Fuchsius.« Walter trat einen Schritt zurück. »Exzellenz, eine erste Bitte, und wenn sie mir abgeschlagen würde, meine letzte, erlassen Sie mir diese Konferenz. Ich kann nicht mit Herrn von Fuchsius – dienen.« Die Brauen des Freiherrn zogen sich zusammen, die Augen wurden kleiner, ohne die Schärfe ihres Blickes zu verlieren. Er warf einen Gegenstand, den er in der Hand hielt, auf den Tisch. »Soll ich etwa ihn um Sie aufgeben! – Herr, ihn kenne ich, Sie noch nicht.« Er wandte sich wieder, um nach einigen Schritten zurückzukehren. Das Ungewitter war verzogen, und die Stirn ward heiterer, als er zum zweitenmal die Hand auf Walters Schulter legte: »Junger Mann, Sie müssen noch viel lernen. Glücklicherweise nur, was jeder Fant, der ein Jahr in der Routine ist, an den Fingern weghat. Ist ein Staatsmann ein Gott, ein Deukalion, daß er seine Menschen sich machen kann, wenn ihm die nicht gefallen, die ihm das Schicksal zuweist? Er hat genug getan, wenn er jeden an den Platz stellt, den er füllt. Findet er nur das heraus, ist er schon weise. Den er zum Steineklopfen braucht, von dem darf er nicht fordern, daß er Nähnadeln spitzt. Und wen er zum Schatzmeister gemacht, und seine Läden bleiben verwahrt, soll er ihn fortjagen, weil er sich einmal einfallen ließ, in seines Herrn Sonntagsrock auf der Promenade zu stolzieren? Hab ich etwa hier Vorrat, daß ich nur zu wählen brauche? Wollte ich alle um solches Vergehen fortjagen, so könnte ich vom Türsteher bis zum ersten Geheimrat die Geschäfte allein übernehmen. Herr von Fuchsius ist jung und sieht in die Zukunft, er denkt ans Vaterland und denkt richtig, soll ich ihn zum Teufel schicken, weil er nebenher auch an sich denkt? Fordere vollkommene Menschen, und du wirst als Eremit zu Grabe gehen. Kein Wort mehr davon. Die Ehre meiner Beamten, die ich mir bildete, ist meine Ehre. Es kann Ihnen auch einmal zugute kommen.« Jetzt war Walter entlassen. An der Tür blieb er stehen. »Ich wüßte –«, er stockte; es schickte sich nicht mehr. »Preßt es die Brust, heraus damit –« »Einen Mann –« »Der geeignet. Nennen Sie ihn. Ich sann eben auch nach.« »Er ist mein Freund –« Walter stockte. »Desto besser.« »Ja, ich kann aus vollem Herzen sagen, er ist der Mann, wie Exzellenz ihn suchen.« »Sein Name?« »Wird ihn hier nicht empfehlen.« »Wenn es ein guter ist?« »Der Sohn des Geheimrat von Bovillard.« »Der Tolle?« »Louis von Bovillard. Für sein Herz, das fürs Vaterland schlägt, sag ich gut. Das erstickte Feuer kann aus der Asche zu einer Flamme aufglühen, wenn er an eine edle Schmiede kommt.« Walter blickte zweifelnd auf den Minister, der nachdenkend stand: »Senden Sie ihn zu mir, ich glaube, Sie haben gut getroffen. Er hat seine Wiener Mission mit mehr Eifer ausgeführt, als Haugwitz wünschte. Aber –« »Euer Exzellenz Bedenken sollen mir Befehl sein.« »Nein – der alte Bovillard hat ja seinen provenzalischen Adel renovieren lassen. Es sind die Bovillards Maîtres de Cerisé. Ich danke Ihnen, Herr van Asten, daß Sie mich an ihn erinnert haben. Über wen diese Menschen hier entrüstet sind, muß kein gewöhnlicher Mensch sein. – Bringen Sie ihn mir. – Ist er noch mit seinem Vater überworfen? Gleichviel. Die Bovillard de Cerisé waren schon in den Kreuzzügen genannt, und was mehr ist, wahrscheinlich von reiner keltischer Abkunft. Fast unbegreiflich, wie ein solches Mondkalb von Vater da hineinkam. Schicken, bringen Sie ihn bald. – Da erinnere ich mich, dem jungen Mann wird eine fixe Anstellung jetzt sehr gelegen kommen.« »Um die Aussöhnung mit dem Vater zu erleichtern?« »Nein, die Gargazin sagte mir neulich, er ist so gut wie verlobt mit einem schönen Mädchen, einer Beauté der Stadt, es wäre aber viel Jammer von beiden Seiten, weil nichts daraus werden kann. Nun kann ja etwas daraus werden. Wie gesagt, führen Sie ihn zu mir und freuen sich, daß Sie Ihres Freundes Glück machen.« »Ich freue mich«, entgegnete Walter mit voller Stimme, aber sie klang wie Grabesgeläut, und entfernte sich. Sechzehntes Kapitel. Theorie und Praxis des Egoismus . Als Walter aus dem Hause trat, war es nicht mehr so heiß, daß er darum die Weste sich aufreißen mußte. Er wollte auch nicht Kühlung, der schwere Atemzug bedeutete etwas anderes. Er eilte nach Louis Bovillards Wohnung. Noch eine schwere Last von der Brust, und dann war er frei. Die Vorübergehenden dünkte der junge Mann mit der geröteten Stirn, dem stieren Blick, der nicht um sich sah, nicht auswich, ein Trunkener; sie wichen ihm aus. Er hörte nicht das Rollen der heimkehrenden Wagen, nicht den Tambour, der den Zapfenstreich schlug, er hörte überall nur ein dumpfes Grabgeläut. Auch den Wagen der Fürstin sah er nicht, die doch dicht an ihm vorüberfuhr. Er hörte nicht Adelheids Stimme, mit einem so schelmischen Silberklang, wie auch wir seit den Tagen ihrer kindischen Lust sie nicht gehört. Es waren Nachtigallentöne mit Lerchengewirbel, in denen sie der Wonne, die die Brust sprengte, Luft machte, nur Akkorde, aber wer, der ihr ins Auge sah, verstand sie nicht! So sahen wir es niemals glänzen, lachen; sie neckte den ernsten Geliebten, sie war Mutwillen und Ausgelassenheit. Louis' Auge glänzte auch, dunkel schön, nur auf sie den Blick gerichtet, aber den Zug des Mutwillens, des Übermuts, der feinen Ironie, die sonst um seine Lippen spielten, in seinen Augen blitzten, suchte man umsonst. Die Fürstin, in ihre Wagenecke gedrückt, sah mit stillem Lächeln zu. Walter sah und hörte nichts. Auch die im Wagen bemerkten ihn nicht. Es war für beide gut. Je näher er dem Hause kam, um so langsamer ging er. Nicht daß er unschlüssig geworden, er sann nur über die Weise, wie er dem Freunde sein Glück mitteilen wolle, ohne seinen Stolz zu verletzen, ohne ihn auf immer zum Sklaven der Dankbarkeit gegen sich zu machen. Wußte, ahnte Bovillard, daß er der Räuber grade an seinem Glücke war? Er hatte Grund, zu glauben, daß es Bovillard bis jetzt verborgen geblieben, und er scheute eine Szene, die das Verhältnis enthüllte. Er war in einer heroischen Stimmung und wünschte sie durch einen Auftritt nicht gedämpft, der ohne sentimentale Regung nicht abgehen konnte. Oben auf der Treppe hörte er eine zänkische Frauenstimme, er glaubte sie zu kennen; eine andere schüchterne, die er nicht kannte. Eine Mädchengestalt kam ihm die Treppe herab entgegen; ihre bestaubte Kleidung, ihr schwankender Tritt schien von Ermüdung, vielleicht nach einer weiten Fußwanderung, zu sprechen. Ihr Gesicht sah er nur halb, sie hielt das Taschentuch vor. Als sie ihm rasch vorüber war, brach das unterdrückte Weinen deutlich heraus. Unten noch eine Weile zaudernd, stürzte sie nach einem noch heftigern Aufschluchzen zur Haustür hinaus. Die Wirtin kannte Waltern. Der Herr von Bovillard war nicht zu Hause, aber er könne wohl jeden Augenblick kommen. Als Walter seinen Wunsch ausgesprochen, ihn zu erwarten, hatte sie kein Bedenken, ihm die Wohnung aufzuschließen und Licht anzuzünden. »Denn«, setzte sie schmunzelnd hinzu, »ich weiß wohl, wen ich einlassen darf und wer mir nicht über die Schwelle darf. Nein, machte mir die Person nicht ein Lamento. Der Herr van Asten müssen's ja noch gehört haben. Aber, wenn sie noch mal kommt, laß ich die Polizei rufen.« »Wer ist sie?« Die Wirtin verzog noch spitziger den Mund. »Ja, wer wird sie sein! – Sie wird keine andere geworden sein, als sie damals war, wir aber sind andere geworden, und das müßte solche Person doch bedenken. Und diese vor allem. So nobel und honorig haben Herr von Bovillard sich gegen sie benommen, daß es ihre verfluchte Schuldigkeit wäre, nun uns nicht mehr zu belästigen. Aber nein –« Walter wollte nichts davon hören, aber die Frau wollte noch reden. Sie achtete sein abwehrendes Zeichen nicht. »Nein, Herr van Asten, von dieser grade ist's ausverschämt. Sie hat dazumal hinten im Stübchen auf dem Hofe gewohnt, das ihr der gnädige Herr chambregarniert hatte. Gott weiß, was er für einen Narren an ihr gefressen. Sie ließen zwar mal fallen, das Mädchen hätte ihnen das Leben gerettet. Na, was das sein wird, kennt man schon. Ein paar Ritze hat sie allerdings an der Schulter. I Gott, solche Mädchen lassen sich auch nicht gleich für einen totstechen. Ich kenne sie ja. Ist's nicht der, so ist's ein anderer.« Walter durchzuckte eine Erinnerung. Erst später hatte er den Zusammenhang der Geschichte gehört. Da war es, wo Louis Adelheid zuerst gesehen! Mit einem Seufzer, den die Frau nicht hören sollte, warf er sich auf das Kanapee. Die gute Frau hatte ihn aber doch gehört. »Sie haben schon recht, über solche Undankbarkeit muß man seufzen. Er hatte sie von Kopf bis Fuß gekleidet. Sie hatte ja keinen ganzen Strumpf auf dem Leibe, als sie aus dem Prison kam. Und dann, wie's nu genug war, hat er ihr Geld auf den Weg mitgegeben, ich will gar nicht sagen wieviel, denn ich weiß es nicht; aber wenig war's nicht, denn das Halsband von der seligen Frau Mutter und die emaillierte Uhr gingen drum zum Pfandjuden, dem alten Joel. Er hat's mir selbst gezeigt, nämlich der alte Joel; er war kein übler Mann und schund die jungen Leute nicht so wie jetzt sein Sohn. Aber geben mußten wir's, da hätte auch gar keine Räson geholfen; denn er hat ein gar zu gutes Herz. Diese Ohrringe habe ich auch von ihm, aber alles in Ehren. Als sie von ihrer großen Reise retournierten und krank wurden, ich habe ihn gepflegt, rechtschaffen, das kann ich wohl sagen, und der alte Geheimrat haben's auch gesagt: wenn sein Sohn immer mit so rechtschaffenen Weibspersonen zu tun gehabt hätte! Jetzt sind wir nun, Gott sei Dank, besser situiert, und wenn uns mal was fehlt, brauchen wir nicht zu dem Judenschinder.« »Das ist schon lange her, daß er das Mädchen fortschickte?« unterbrach Walter, eigentlich nur, um den Redefluß zu unterbrechen. »I freilich, das war ja – warten Sie mal – nun, das tut nichts zur Sache – richtig, wie sie ihn totschießen wollten, er ward aber nur eingesperrt. Das Mädchen machte da noch Spektakel, nämlich, das muß ich sagen, ganz in der Stille. Sie weinte auf ihrer Kammer, daß es zum Herzbrechen war. Manchmal glaubte ich doch, sie würde – wenn ich sie aufrichtete, sank sie zusammen. ›Mein Kind, das hilft doch nun mal nichts‹, sagte ich, ›raus mußt du, fort mußt du.‹ – Und da packte sie ihre paar Sächelchen ins Bündel. Na, wenn ich denke, wie sie die Treppe runterging, und unten blieb sie noch stehen und japste nur so. Ich sagte: ›Nu sieh dich nicht mehr um, Julchen; ein paar Schritt noch, dann ist's vorbei. Und komm mir nicht wieder nach Berlin. Und wenn du ihn sonstwo sehen solltest, untersteh dich nicht und sieh ihm nicht ins Gesicht, sonst riskierst du, er läßt dich greifen, und du kommst ins Spinnhaus. Da ist's eklig.‹ – ›Das ist Louis nicht imstande‹, sagte die impertinente Person, und da schupste ich sie zur Tür raus. Aber in aller Güte.« »Sie hat ihn geliebt?« »Mein lieber, guter Herr, was wird sie nicht! Ein neues schwarzseidenes Kleid hatte er ihr gekauft.« »Und seitdem hat sie ihn nicht wieder gesehen?« »Gott bewahre, was denken Sie? – Heute morgen zuerst, da war ich nicht zu Hause, er auch nicht. Und kommt wieder! Ich war wie aus den Wolken gefallen! Na, ich habe ihr denn aber auch das Kapitel gelesen. Jetzt, wo der Herr Vater sich wieder hat nobilitieren lassen – wir haben noch nicht das neue Schild an der Klingel, aber ich hab's bestellt. – Jetzt untersteht sich das ausverschämte Mädchen, meinen Herrn in Disreputation zu bringen. ›Jetzt, mein Kind, wenn er so was will, wird er sich's anderwärts suchen‹ sagte ich.« »Und sie?« »Na, Sie können wohl denken. Tränen haben die immer parat.« »Nicht alle. Was wollte sie?« »Was wird sie wollen! – Lieber Gott, man hat doch auch ein Herz, wenn's auch solche Menschen nicht verdienen, und da ließ ich sie denn hier am Tische kritzeln. Da liegt ja das Schnitzel. Aber ich ließ sie nicht aus den Augen, keinen Augenblick. Stibitzt hat sie nichts, obgleich ich ihr nachsagen muß, reine Finger hatte sie immer.« »Sie sah wie eine Unglückliche aus.« »Das mag schon sein, mein Herr van Asten, muß man aber andere darum unglücklich machen wollen, wenn man's selbst ist! Jetzt kann man wohl davon sprechen, unser junger Herr ist ein Bräutigam; wenn's auch noch nicht deklariert ist, das weiß jedes Kind. Freilich, der alte Herr Geheimrat wollen nicht recht dran, denn die Mamsell hat nichts, das ist wahr, und sie sagen auch, er könnte sie nicht gut ansehen, weil sie bei der Lupinus Kind im Hause gewesen, und da überfrieselt's ihn immer, weil er die nicht ausstehen kann. Aber was tut das! Mein junger Herr frägt auch nicht, was der Papa will, und eine Frau, die schön ist, hat schon manchem Mann mehr eingebracht als volle Kasten. Das spricht sich ganz anders, und wenn auch dem Mann nicht, der jungen schönen Frau hilft man doch gern, besonders die alten Herren. Das weiß man ja. Der Geheimrat von ihr, nämlich ihr Vater, der will auch noch nicht recht dran, so heißt es. Was nicht ist, kann ja noch kommen. Eine gute Anstellung, mein Gott, da müßte mein Herr keine guten Freunde haben, und jetzt, wo er von altem Adel gemacht ist, da kommt das ja von selbst. Und wer ist denn der alte Geheimrat Alltag! Jetzt freilich, so lang läßt er das Uhrband raushängen, und wenn er zu Königs fährt, sitzt er wie eine Elle im Glaskasten; aber man müßte ja nicht wissen! Mein Seliger, als der Kanzleidiener war, da war der alte Alltag noch Schreiber, so Supernumerar. Einen Rock hatte er, von seinem Vater, der war dreimal gewandt, und wie lief er winters, um sich warm zu machen! Hätte einer ihm gesagt, daß seine Tochter mal solches Glück machen könnte, du meine Güte! – Ein Esel, mit Respekt zu sagen, wär er ja. – Übrigens, und wenn's die nicht ist, so ist's 'ne andere. Unter den ersten Fräuleins kriegt er sie, wenn's sonst nicht ist, und darum ist es so schlecht und boshaft von der Person, daß sie kommen muß und meinen Herrn ins Gerede bringen, jetzt, wo er so solide ist, 's ist gar nicht zu sagen wie.« »Die Per– ich meine, das unglückliche Mädchen macht doch nicht etwa selbst Ansprüche?« Ein unbeschreibliches Erstaunen malte sich auf dem Gesichte der Frau Wirtin. Worte fand sie nicht sogleich, bis die ganze Wucht ihrer Gedanken in der Silbe »Die!« sich konzentrierte. Walter war beruhigt, wenn er überhaupt der Beruhigung bedurfte; aber er wollte Ruhe haben, nämlich von der Gegenwart des geschwätzigen Weibes befreit sein. Sie ging in einen weinerlichen Ton über, indem sie ihren Drahtleuchter ergriff. »Viele haben schlecht von ihm gedacht, daß weiß ich, denn die Welt ist auch schlecht, und Jugend muß austoben; und wer weiß, wer besser ist, ob der alte Herr oder mein junger. Und wie's bei den vornehmsten Geheimräten aussieht, Herr Jesus, lieber Herr van Asten, bei diesen vornehmen Herrschaften, da ist ja eine Zucht, daß mal der Gottseibeiuns dreinschlagen möchte. Er tut's auch noch, glauben Sie's mir, und die Julchen, die wir auf der Straße nicht ansehen mögen, ist nicht schlechter als viele von den vornehmen Damen in Brüsseler Spitzen. Wenn die sich schämen wollten, man sieht's nur nicht, weil sie so dick geschminkt sind. Jugend muß austoben, sonst kommt's nachher, aber dann einen Strich gemacht. So hab ich's auch meinem Seligen gesagt: ›Nu sei zufrieden, was du hast, und um was rückwärts ist, da hast du dich nicht zu kümmern.‹ Mein guter Herr, nun ja, tolle Streiche genug. Nüchtern ist er nicht immer nach Haus gekommen und ist allerdings auch sonst nicht immer nach Haus gekommen, und den Regenschirm hat er im Theater aufgespannt, dafür ward er arretiert, und er ist oft arretiert worden, aber wenn sie alle ins Prison bringen wollten, die's verdient haben, da ist der König nicht reich genug, um Gefängnisse zu bauen. Und wenn ein Armer kam, da blieb kein Groschen in der Tasche. – Und nun hat er sich gebessert, und ich wollte ja jeden zur Treppe runterschmeißen, der sich mausig machte und ihm vorhielte, was sonst geschehen ist. Das ist jetzt vorbei, mein Herr! würde ich sagen. Und alle seine Freunde müßten das sagen, denn ich bin nur eine arme Frau und verstehe mich viel darauf, wie sie da parlieren und mit den Augen zwinkern. Aber Freundschaft ist Freundschaft. Und wer ein rechter Freund ist, der muß seinem Freunde alles hingeben, auch sein Liebstes. Das ist Freundschaft, und wenn alle so täten, dann wäre die Welt gut.« Ob sie dann wirklich gut wäre! dachte Walter, als er allein war. Wenn wir den Egoismus ausgerottet, wie die Raubtiere, wie ein schädlich Unkraut, ob sie die vollkommene würde, von der wir träumen! – Sprang der erste Schiffer in den schaukelnden Kahn, um den Vater zu retten, wie die Idylle erzählt, oder war's ein Kaufmann, ein Verfolgter, ein Räuber, der sein Leben retten, der Früchte, Gold, Mädchen, Sklaven von den reichen, im goldnen Meere dämmernden Inseln holen wollte? Und fing das Menschengeschlecht wirklich an mit einer Idylle, so war es eine kurze; ein sanfter Hauch der Engel, der am rauhen Hauch der Elementgeister erstarrte. Die kurze Idylle war aus, und die lange Geschichte fing an – mit Brudermord. Wir alle aber sind nicht die Kinder der Idylle, sondern die Erzeugten der Geschichte. Der Egoismus führte uns über Meere, gründete Staaten, erhob Könige auf den schwindelnden Thron, schuf Republiken, er trieb uns in die Schachte der Erde, in die Lüfte auch, daß wir den Lauf der Gestirne berechneten. Alles, alles, wir wollten Gold machen und fanden, nicht Regenwürmer, die Künste, die uns zu Gebietern der Natur erhoben. – Und dieses mächtige Movens unsers Daseins sollten wir ausrotten, ausbrennen, wie den Nerv in unseren Zähnen, damit wir nicht mehr Zahnschmerzen haben! Torheit, die materia peccans bleibt und wirft sich nur auf andre Teile, edlere vielleicht. Emanzipieren sollten wir uns wollen, von unsrer Bildung, aus der Geschichte, die uns machte, heraus uns zwängen in ein wesenloses Dasein, in das Traumleben einer schönen Phantasie, das nie existiert hat, nie existieren wird. Und doch fordern es Religion und Philosophie, beide, schroff und mild, je nachdem; aus dem Gewissen, weil es verderbt ist, sollen wir uns ins Vage setzen, den Reiz ertöten, der uns über das Tier erhob, zu den wunderbaren Empfindungen trieb, das Menschengeschlecht zu seinen großen Taten inspiriert hat. Und grade, die sich am höchsten dünken über das Tier, die fühlen wieder den Drang, den Feueratem in der Brust, mit Flügeln wollen sie in den Äther schweben, göttergleich sein, sich vergessend, nur für das All, und – sind aus Kot! Er ging, mit sich unzufrieden, auf und ab: er griff nach dem Zettel auf dem Tisch und warf ihn wieder hin. Was wird sie ihm schreiben! – Er soll sie wieder liebhaben, ihr Geld geben! Warum warf er das Papier so verächtlich fort? War das ein spezieller Egoismus, den er nach der Verteidigungsrede für den generellen verwerfen mußte? Er hatte sich mit untergeschlagenen Armen an die Fensterbrüstung gestellt. Er bereute nicht, daß er der Geliebten entsagt, nicht, daß er sie dem Freunde überließ, ohne Klage, nicht, daß er ihn noch außerdem in den Stand setzen wollte, sein Glück zu genießen; das lag hinter ihm als abgetane Notwendigkeit. Er war ein deutscher Denker, klar wollte er sich machen, warum er gegen ein Prinzip gehandelt, das er sich eben künstlich entwickelt. Weil sie ihn nicht mehr liebte, weil sie ihn vielleicht nie geliebt? Diesen einfachen, natürlichen Grund schien er beiseite zu schieben und fand den wahren nur in dem Drange, sich dem Vaterlande ganz hinzugeben. Was ist die Wahrheit einer Überzeugung? Der höchste Verstandesrausch, über den wir nicht hinauskönnen: Wo wir dies endliche Ziel im Irdischen fanden, sollen wir stehenbleiben, darauf alle unsere Gedanken, Kräfte werfen. Und es gibt keinen höheren Begriff als das Vaterland. Wir haben humanistisch, philanthropisch auch dies zu zersetzen versucht, und wohin hat es uns geführt! In ein Meer von schwimmenden Inseln und Fata Morganen. Wenn wir unser Schiff herantrieben, landen wollten, verschwanden die Türme und Berge in die Wolken, die Gärten der Armida wurden schillernde Sumpfpflanzen, die der Sturm auseinanderwehte. Keine dieser Ideen, wie auch vom Morgenrot gefärbt, gewann einen Leib, den wir umarmen, keine ward eine Säule, ein Fels, an dem wir uns im Sturme klammern konnten. Der edle Schiller traf das rechte Wort: Die angebornen Bande knüpfe fest, Ans Vaterland, ans teure, schließ dich an, Das halte fest mit deinem ganzen Herzen. Hier sind die starken Wurzeln deiner Kraft, Dort in der fremden Welt stehst du allein, Ein schwankes Rohr, das jeder Sturm zerknickt. Nur das Vaterland ist die Eiche, an die wir uns klammern können, nur sie hat das Recht, Opfer von uns zu fordern, das höchste, letzte auch, uns selbst. Die tausend Götzen sonst haben keines. Ihnen gegenüber tritt das volle, heilige Recht des Ichs ein. Louis kam noch nicht zurück. Das Talglicht auf dem Tische brannte immer düsterer. Sein halbverkohlter Docht beugte sich in einer Wölbung immer höher über die Flamme. Walter hatte aufmerksam dem Verbrennungsprozeß zugesehen, ohne sich gemutet zu fühlen, nach der Putzschere zu greifen. Er brauchte kein Licht. Das ewige Gleichnis der Kerze und des Lebens gaukelte vor ihm in den matten Schwingungen der Flamme. Da fiel das dicke schwarze Knopfende von der eigenen Schwere herab auf den Zettel; der noch glimmende Schweif fing an, in das mürbe Papier ein Loch zu sengen. Walter löschte, ehe es ein Brand ward. Dabei mußte er den Zettel wieder aufnehmen. Die Schriftzüge verrieten keine ganz ungebildete Hand, sie flogen über das Papier. Er fing an zu lesen und hörte erst auf, als es zu Ende war. »Du mein alles! Ja, die böse Frau hat recht. Du darfst mich nicht wiedersehen. Die Frau ist nicht böse. Wer Dich lieb hat, ist gut. Wer Dir Schmerzen sparen will, ist ein Engel. Nein, Du sollst mich nie mehr sehen. – Vergib mir, Du mein einzig Geliebter, daß ich darum kam. Nur darum – mein Kopf brennt mir, ich weiß nicht, was ich schreibe. Ich sah Dich nur unglücklich, nun wollte ich Dich glücklich sehen. Ist das auch eine Sünde! – Es sollte meine einzige, letzte Freude sein. Mit einer einzigen Freude aus der Welt gehn, ist das zuviel gefordert! – Sie sagte – ach Gott, ich klage sie nicht an. Wahr und wahrhaftig, Louis, bei allem, was Dir teuer ist, glaube mir, ich kam nicht, um von Dir zu pressen, nicht um Dein Glück zu stören – ich Dich stören! – Und Du sollst mich auch nicht für eine ausverschämte Person halten, die Dich aussog und es liederlich verbracht hat, und wenn das Geld fortgerollt, kommt sie wieder. Glaube ihr nicht, Louis, und darum schon muß ich Dir schreiben. Ich vergebe ihr auch das, denn sie hat's nicht gesehen, wie ich damals aus dem Tore wankte. Ich glaubte, die Luft würde es guttun, aber die Luft tat's nicht gut. Irgendwo, ich habe den häßlichen Ort vergessen, blieb ich liegen – nein, ich wollte da nicht – draußen auf der Landstraße aber fiel ich um, da hoben sie mich auf einen Leiterwagen und fuhren mich rein in ein großes Haus. Ach, die häßlichen Gesichter, wie sie sich stritten. Der Bürgermeister war sehr zornig, er wollte mich wieder aufladen lassen und zur Stadt hinaus, Gott weiß wohin. Sie fluchten. Ich habe Dich fluchen gehört, aber so nicht. Einer schrie, das gäbe eine Untersuchung und mache noch mehr Kosten. ›Aber wie kommen wir zu der Last!‹ schrien sechs andre. ›Sie müssen's uns ja vergüten auf Heller und Pfennig!‹ – ›Eigentlich müßte der Abdecker auch solche kriegen!‹ lachte einer. – Louis! Louis! ich lag da, sinnlos, starr, wie ein gefallen Tier, um das die Raubvögel sich streiten. Wer das erlebt – der hat kein Recht mehr auf dieser Welt. Und ich sollte noch Dein Glück stören wollen! Endlich hieß es, man muß doch was finden, wo sie hingehört, und dann hätten sie mich wieder auf den Karren geladen, und das hätte ich nicht ausgehalten; es wäre wohl so am besten gewesen. Aber als sie drauf suchten, fanden sie dein Geld. Hätte ich schreien können: Es gehört ja Dir!, hätte ich es ihnen fortreißen können! Aber ich konnte keinen Finger rühren, keinen Laut rausbringen. Da ward es stille; sie schmunzelten und führten wieder häßliche, lustige Reden. Der Inspektor sagte, die wolle er schon gut und lange pflegen. Da ward mir das Haar geschoren, da stürzten sie kaltes Wasser über den Kopf mir, oh, es war doch immer so heiß! Da sah ich immer Dich, wenn mir wohler ward. Du zucktest die Achseln und sagtest: ›Sie ist doch auch eine Kreatur Gottes.‹ Ach, Du warst nur wie ein Nebel auf dem Berge. Wärest Du in Person gewesen, Du hättest ihnen wohl gesagt, daß sie's sanfter machten, die rohen Männer, die mich bei den Armen und Beinen in den Badekübel warfen. Es tat weh, aber ich fühlte es ja nur halb. Ich ward gesund. Gott weiß wozu. Sie gaben mir ein langes Papier, das war meine Rechnung, und den Geldbeutel, der war ganz klein geworden. Louis, ich hatte noch keinen Groschen davon ausgegeben. Ich wanderte nun nach meiner Vaterstadt. Unterwegs habe ich nicht an Dich gedacht, nur an meinen alten Vater und was ich ihm sagen wollte, wenn ich vor ihm auf die Knie stürzte. Ich wußte es alles auswendig. Ich hab's ihm aber nicht gesagt. – Als ich durchs alte Tor kam, trugen sie ihn heraus. Ich stieß einen Schrei aus, sie stießen mich fort. Ich lief ihnen nach. Als sie die Bahre auf dem Kirchhof niedersetzten, drängte ich mich durch; da warf ich mich auf die Knie, wollte es dem Toten sagen, was ich dem Lebendigen nicht mehr sagen konnte. Da haben sie mich erkannt. Da wiesen sie mit den Fingern auf mich und zischelten. Dann murrten sie laut. Endlich sah ich Gesichter, oh Herrgott, dem Bürgermeister und Inspektor seine, die waren freundlicher, hätten sie doch nur laut geflucht! Aber der Herr Prediger tat es. Als mich der Büttel am Armgelenk gefaßt und aufgerissen – an der eingefallenen Kirchhofsmauer ließ er mich wenigstens, da durfte ich knien –, da hörte ich des Herrn Predigers Rede. Mich ließen sie keine Erde ihm in die Grube nachwerfen, aber auf mich warf der Herr Prediger – das kann ich nicht wieder schreiben. Und es war nicht wahr – ich habe meinen Vater nicht umgebracht! – Und die Blicke nachher, wie sie an mir vorübergingen! Gott sei Dank, dann ward es frei, der stille Abend, da lag ich über seinem Grabe, und der Lindenbaum fluchte nicht, in seinen Blättern säuselte es wie süße Lieder, und ich schlief ein, bis das Morgenrot mich aus dem Frieden weckte. Um die Mauer schlich ich von hinten nach dem Hause, wo er starb, wo ich geboren bin. War denn das ein Verbrechen, daß ich es zum letztenmal sehen wollte! Bürgerfrauen hatten mich bemerkt. Der Ratsdiener, mit dem Schild auf der Brust, kam und sagte – ach, was er mir sagte, ich weiß es nicht: von liederlichem Gesindel und auf die Finger sehen und hinausbringen, und ich hätte kein Heimatrecht mehr! Nein, Louis, ich habe keine Heimat; wie ich da am rauschenden Wasser stand, da sahen keine roten Gesichter heraus vom Bürgermeister und nicht die häßlichen spitzen der Bürgerfrauen – und da – da hörte ich, daß Du glücklich wärst – ich wußte es schon, unter der Linde auf dem Kirchhofe hatte ich Dich gesehen, und die Herrschaften, die im Wagen vor der Schenke schwätzten, derweil ihre Pferde Mut tranken, und ich trank auch Mut, sie sagten mir nichts Neues – und da stach es mich und trieb mich, Dich wollte ich noch einmal glücklich sehen. – Und das hab ich nun auch aufgegeben, da ich weiß – –« Hier waren einige Zeilen von Tränen verwischt. »Das Geld brauchst Du nicht – das kümmert mich auch nicht mehr – und mich wirst Du vergessen – aber, wenn ich nur etwas wüßte, was Dir recht lieb wäre, ich wollte alles tun, mir einen Finger abschneiden, mich wieder verkaufen, wenn ich nur wüßte. – Und nicht wahr, das war nicht unrecht von mir. Manche hat sich betrunken, ehe sie ins Wasser sprang. Ich wollte ja nur Dich noch einmal sehen, Dich sehen, wenn Dein schön Auge so recht aus voller Seele lacht. – Nein, ich werde es nicht mehr sehen –. Lebe wohl, Du mein alles –.« Die Unterschrift war wieder von den Tränen ausgelöscht. Aber dahinter noch einige kaum lesbare Zeilen: »Aber ich muß Dich sehen – hilf mir Gott, wenn ich mein Worte breche. Wenn Du in die Kirche gehst mit ihr. Ganz von ferne – sieh Dich nicht um, Du wirst mich nicht entdecken. Trinken muß ich den Strahl aus deinem Auge, und dann –« Die letzten Worte gingen in ein fieberhaftes Gekritzel über. Walter war von der Lektüre aufgeregt; aber sein Entschluß schnell gefaßt. Es gibt doch etwas auch neben dem Vaterlande, um was der Mensch sein Höchstes einsetzt, sich selbst. Und wo ist der Sittenrichter, der es kalt verdammt? Er nahm das Papier, falzte es und tat es in seine Brieftasche: Ich will ihr Testamentsvollstrecker sein. Wenn sie nur etwas wüßte, was ihm recht lieb wäre, was sie zu seinem Heile tun könnte! Ich übernehme es für sie. Sein Liebesglück darf durch diese Erinnerung nicht vergiftet werden. Was könnte er ihr helfen, ohne ihre Liebe zu erwidern! Sie bleibe vor ihm verschwunden, spurlos. Die Wirtin werde ich instruieren. Was er – ohne Liebe, aus Erbarmen für sie tun könnte, kann ich ebensogut. Seinen Vorsatz, auf Louis' Rückkehr zu warten, um mündlich der Überbringer der frohen Botschaft zu sein, gab er jetzt auf. Der Freund weilte zu lange bei seinem Glück. Er nahm Papier und Feder und teilte ihm kurz und klar, was seiner warte, was von ihm gefordert werde, mit. Er stellte sich in den Hintergrund und ließ den neuen Minister selbst den sein, der zuerst sein Auge auf Louis Bovillard geworfen, für sich die bescheidene Rolle eines um Rat Befragten vindizierend, welcher nur aus vollem Herzen die Eigenschaften bestätigen können, welche der Minister bereits in ihm entdeckt. Siebzehntes Kapitel. Ein volles Bekenntnis . Im Hause der Fürstin hatte sich seit jenem Gesellschaftsabend vieles ereignet, von dem wir nicht Zeuge waren; es drückte sich auf den Physiognomien ab. Adelheid war heut beim Teetisch eine Hebe; sie ging nicht, sie schwebte. Sie schien fortwährend zu singen. Man hörte es nicht, aber man fühlte es. Ihr Gesicht hatte einen andern Ausdruck. Der Legationsrat bemerkte es gegen die Fürstin. »Ei!« sagte die Gargazin mit einem besondern Blick. »Ich glaubte, dafür hätten Sie keine Augen?« »Für die Schönheit!« »Nur für die, welche Sie zergliedern können. Adelheid gibt das den Reiz, was Sie nicht lieben, die Harmonie der Seligkeit.« »Ein Nebelbild!« Wandel blickte dabei scharf, aber ruhig auf Louis Bovillard, der, in sich versunken, im Fauteuil saß, und die Teetasse mit einem verstohlenen Kuß auf die Hand hinnahm, welche sie ihm reichte. Die beiden hätten das Gespräch kaum gehört, auch wenn es laut geführt worden. Wer sich aber wundert, den Legationsrat auch in dem kleinen Kreise zu erblicken, in dem Louis Bovillard ihm gegenübersitzt, dem sagen wir, daß in der Stadt ein Gerücht umlief, daß zwei Kavaliere neulich in der Jungfernheide ihre Pistolen versucht; es sei kein Blut geflossen, aber einige dürre Zweige wären abgefallen. Was ging Louis der Legationsrat noch an; auch der Legationsrat hatte an anderes zu denken. Er war heut nur auf eine Viertelstunde gelegentlich angesprochen, nachdem die Familie aus dem Tiergarten zurückgekehrt. »Was geht Sie das an!« replizierte die Fürstin, ihre Stickerei wieder vornehmend. »Alles Leben ist ein Traum!« rief der Legationsrat nach einer Pause. Die Fürstin hielt die Nadel an: »Fallen Sie nicht aus der Rolle, Herr von Wandel?« »Welcher?« »Die Sie die Güte haben, vor sich selbst aufzuführen. Apropos, ich bemerke, Sie fangen an, wenig zu essen und vom Glase nur zu nippen. Das ist für Berlin zu spät, man kennt Sie einmal als Gutschmecker. Sparen Sie sich die Rolle des Saint-Germain für Sibirien. Sie können sich dort mit einem Schamanenzauberer assoziieren. Vielleicht kommen Sie in einer ganz neuen Inkarnation nach Europa zurück.« Wandel bewunderte die Laune der Fürstin und die Farben ihrer Stickerei. Sie stieß halb mutwillig seine Hand fort. »Mir ist immer bange, wenn Sie etwas anfassen, daß die Farbe ausgeht. Haben Sie nicht wieder eine chemische Tinktur an der Hand kleben?« »Erlaucht vergessen, daß die Chemie die schönsten Farbestoffe präpariert.« »Bis sie nicht die Schminke erfindet, die einen Toten lebendig macht, geb ich nichts auf Ihre Wissenschaft.« »Sie fordern zuviel. Den Schein des Lebens herzustellen gilt doch für das höchste –« »Was sie geleistet hat«, fiel die Fürstin ein, »und eben darum hasse ich sie. Eine scheinbare Tugend, ein scheinbarer Reichtum, ein anscheinend blühender Staat und alles übertünchte Gräber – durch Ihre Chemie. – Was fixieren Sie Adelheids Freund?« Wandel senkte die Augen – »Hippokratische Züge.« »Qu'importe! Schmeckt der Blumenhonig den Schmetterlingen darum weniger süß, weil sie nur ein Schmetterlingsleben führen?« »Der Schmetterling weiß freilich nicht, wie lang sein Lebensfaden ihm zugemessen ist, aber« – der Legationsrat beugte sich näher der Fürstin –, »aber, ich kann Ihnen nicht verhehlen, man begreift meine erlauchte Freundin nicht. Sie begünstigen das Verhältnis und tun nichts, ihm eine Zukunft zu sichern.« – »Was heißt Zukunft?« »Der alte Bovillard stellt sich auf die Hinterfüße. Seit er die Flasche alten Weins, die seinen provenzalischen Adel enthält, entkorkt, ist der Duft ihm ins Gehirn gestiegen. Er will nichts für seinen Sohn tun. Mamsell Alltags Vater ist ebenso närrisch von seiner neuen Würde benommen. Am Hofe hat man noch einen Degout gegen den jungen Wüstling. Wenn niemand etwas für sie tut! Verschaffen Erlaucht ihm bei Ihrer Legation eine Stellung, und er – ich meine, er ist vernünftig genug geworden, um zu wissen, was der Begriff Vaterland wert ist.« »Haben Sie für nichts anderes zu sorgen?« sagte die Fürstin, wieder mit ihrer Arbeit beschäftigt. Der Legationsrat griff gedankenlos nach dem Hut. Es kam zwischen Seufzen und Gähnen heraus: »Wenn man nur nicht soviel Gefälligkeiten übernommen hätte!« »Und sich nicht so rücksichtslos für seine Freunde und Freundinnen opferte!« fiel die Gargazin ein. »Spotten Sie nur! Mir wird der Kopf zuweilen wüst.« »Dafür haben Sie ja Arkana zur Hand.« »Die larmoyante Liebelei des Rittmeisters und der Baronin ennuyiert die Freunde.« »Les Georges Dandins l'ont voulu.« »Nun soll ich die Platoniker wieder auseinanderbringen oder vielmehr aneinander. Man wünscht ein Gezänk, wobei sie sich in die Haare gerieten, einen Eklat, einen coup de main, eine Pulverexplosion.« »Ich auch«, sagte die Fürstin. »Die Luft wird unerträglich schwer.« »Der Mann, der Baron, ist zu gar nichts zu gebrauchen. Das ist das Schlimme.« »Die Baronin scheinen Sie seit einiger Zeit wirklich in Affektion genommen zu haben.« »Ich?« »Pardon! Ich vergaß, daß Sie keine Affektionen haben. Gehen Sie morgen wieder zur Lupinus?« »Die unglückliche Frau bedarf des Trostes.« »Der Mann wohl nicht?« »Er ist in Momenten so glücklich. Er kann sich über das Geringste, was seinen Phantasien schmeichelt, wie ein Kind freuen. Ein alter Einband, eine neue Lesart, die er entdeckt zu haben glaubt. Auch meine erlauchte Freundin würde ihre Lust daran haben, denn man kann sagen, es schwebt gewissermaßen schon die Glorie der Erlösung um seine Stirn. Lange wird er es nicht machen. Da ist es denn Pflicht seiner Freunde, was sie vermögen, die letzten Augenblicke ihm zu versüßen.« »Die Luft im Krankenhause soll abscheulich sein. Nehmen Sie sich in acht.« »Die Geheimrätin ist zu eifrig in ihrer Pflege, zu exzentrisch, um immer die gehörige Vorsicht zu beobachten. Sie erinnern sich, bei dem Jean-Paul-Feste, wie Adelheid beinahe verbrannt wäre.« Die Fürstin sah über die Arbeit starr vor sich hin. »Es ist etwas eigenes, das Kapitel von Sympathien und Antipathien.« »Von den Sympathien haben wir das corpus delicti vor uns«, lächelte Wandel, auf das Liebespaar blickend. »Aber die Antipathien haben etwas Monströses«, sagte die Gargazin, »weil wir sie mit allem Verstande uns nicht zu erklären wissen. Gibt es einen Gegensatz zum Magnet, einen Stein, der abstößt?« »Feuer und Wasser mischen sich nicht.« »Das ist es nicht, was ich meine. Das eine löscht doch, das andere durchglüht das andere. Aber wer erklärt diese innere Seelen- und Körperangst, die ein vernünftiges Wesen oft vom ersten Erblicken an gegen das andere empfindet, den angebornen Widerwillen, den geheimen Schauder, wo gar kein vernünftiger Grund da ist?« »Doch vielleicht der Kitzel zu Paradoxien! Das häßlich zu finden, was andere entzückt, fordert der Widerspruchsgeist von selbst auf, der gerade begabten Naturen eigen ist.« »Warum fürchtet sich Haugwitz vor Ihnen?« Wandel schien etwas betroffen. Er wollte von dem Unglück sprechen, von geheimen Feinden verredet zu werden, wo ein Ehrenmann sich nicht verteidigen kann, weil ihm die Anklage selbst unbekannt blieb. Das war es nicht, was die Fürstin meinte. »Warum hat Louis' Vater einen angeborenen Widerwillen gegen die Lupinus? Ich weiß, er hat diese Antipathie. Er kann sie weder sich noch andern erklären. Solch eine magische Scheu zieht sich durchs Leben, unzertrennbar von unsrer Persönlichkeit, wie wir von unserm Schatten. Was ist das nun? Ich, von meinem Standpunkte, könnte es mir deuten; aber ich wünschte Ihre Ansicht zu kennen. Sie Rationalist, Ihre Wissenschaft muß wenigstens vor sich selbst alles zurechtlegen können, was in der Natur erscheint.« Wandel hub an von den sich anziehenden und den sich abstoßenden Kräften, von den Stoffen, die als Wäremeableiter dienen, er ging zur Elektrizität über und stand beim Blitzableiter, ohne daß wir wissen, wie weit er sich in die Wolken, und von ihnen herab wieder in die psychische Welt versenkt hätte, als ihn die Fürstin abermals unterbrach. Möglich, daß er nicht ohne Absicht in die Doktrin sich verlor, weil er wußte, daß die Fürstin nie aufgelegt war, Vorlesungen anzuhören, und er in dem Augenblicke noch weniger, sie zu halten. »Warum ist sie auch mir zuwider?« »Zwei Sonnen vertragen sich nicht am Himmel, pflegte man zu sagen. Aber von Rivalität kann nicht mehr die Rede sein, wo die eine unterging.« »Wenn ich Ihnen auch zugestände, daß ein solches Gefühl einmal da war, das ist es nicht. Es ist etwas anderes. Ich kann mit ihr Komödie spielen, aber nachher überfröstelt es mich, wie jemand zumute sein muß, der erfährt, daß er mit einem von der Pest infizierten Hände geschüttelt. Nach jenem letzten Abend erschien sie mir im Traum. Ihre kostbaren Kleider fielen in Lumpen, eines nach dem andern, ihr vom Leibe. Ich schrie auf, ich floh vor dem scheußlichen Gerippe. Ich war plötzlich aus dem Bette, und es stand noch immer vor mir, ja, es dauerte eine Weile, als ich schon die Augen mit Gewalt aufgerissen hatte, bis es in den Boden versank. Was ist das? Erklären Sie's mir.« »Vielleicht die polarische Attraktionskraft der Gegensätze. Wir träumen des Gegenteil von dem, was wir fühlten, dachten, erlebten, liebten. Das ist der Inhalt der Traumbücher. Die Geheimrätin ist immer sehr gewählt gekleidet, sie spricht und denkt ebenso, alles Rohe und Nackte überkleidend.« »Darum schien sie mir roh, nackt, scheußlich. – Wandel, ich möchte Sie einmal im Traum sehen.« Der Haushofmeister war schon eine Weile nähergetreten, als er sich jetzt über den Stuhl der Fürstin neigte und einige Worte ihr ins Ohr flüsterte. Die Fürstin ließ die Arbeit sinken, sie stützte den Kopf im Arm. Die verbissenen Lippen sprachen von einer unangenehmen Nachricht. Der Haushofmeister flüsterte sie auch dem Legationsrat zu: »Er ist eben verschieden!« – »Le pauvre diable!« sprach Wandel, die Achseln zuckend. »Hat er noch viel gelitten? Ich meine, hat er noch wie neulich phantasiert?« – »Er warf sich noch einige Male unruhig, kreuzte sich, wiederholte den Namen der Fürstin, japste ein paarmal auf, als wollte er etwas sagen. Solchen Kutscher kriegen wir nicht wieder!« hatte der Haushofmeister erwidert. »Warum mußte auch jetzt grade diese Störung kommen?« sagte der Legationsrat und beugte sich über den Lehnsessel der Fürstin. »Wissen Sie, teuerste Freundin, mich schaudert doch zuweilen vor der Leibeigenschaft.« Sie blickte verwundert zu ihm auf »Ihre beredte Verteidigung hat mich allerdings von der Naturnotwendigkeit des Instituts überzeugt. Ich erkenne, welche unaussprechliche Wohltat sie für diese Geschöpfe, Familien, ja diese ganzen Völkerschaften ist, die sich über ihre Naturdumpfheit nicht erheben mögen. Ja, es ist ein berauschendes Gefühl für die von Gott dazu Erwählten, für diese Armen, Verlassenen, Urteilsunfähigen ihr alles zu sein, Vater, Mutter und Vormund, für sie zu fühlen und zu denken, die Sorge für unser eigen Wohl hintanzusetzen, um für Hunderte und Tausende von Seelen zu sorgen, welche die Vorsehung in unsre Hand legte. Von dieser Seite erscheint auch mir die Institution eine wunderbare, heilsame, aber der Exzeß der Gefühle von der andern Seite hat doch etwas Bedenkliches.« Sie verstand ihn nicht. »Was hat diesem Menschen den Tod gebracht, nachdem er in der Genesung so fortgeschritten, der Arzt hatte zuversichtlich seine völlige Heilung versprochen, als die Angst, Gewissensbisse kann man sagen, daß er so lange nutzlos liegen mußte, ohne die Güte seiner Herrin durch seine Dienste erwidern zu können. Wie durchzuckte es ihn, als er hörte, daß Euer Erlaucht einen Berliner Kutscher interimistisch angenommen. Er biß sich in die Lippen und ballte die Hand, daß ein anderer, ein Fremder, seine geliebte Herrin fahren sollte. Wir verbargen es Ihnen, er sprang nachher heimlich auf, kleidete sich an, und war schon auf dem Wege nach dem Stall. Wir kamen noch zur rechten Zeit. Als man ihn wieder ins Bett brachte, überfiel ihn der Paroxysmus; er phantasierte nur von Peitsche und Pferden, er umklammerte seine Kopfkissen, wie man einen erwürgt, und nannte es Christian. Nenne man es Eifersucht, Brotneid, es war etwas Edleres, meine ich, aber von da ab gab der Doktor die Hoffnung auf. Es tut mir leid, von einem Toten es zu sagen, aber der Mensch hat sich selbst umgebracht. Ein Selbstmord aus Pflichtgefühl. Diese Exzesse des Gefühls, Sie mögen mich darum tadeln, aber ich kann sie nicht gutheißen. Etwas Egoismus ist jeder Kreatur notwendig, oder sie hört auf zu existieren. Selbsterhaltungstrieb und einige vernünftige Überlegung wären Sie auch Ihren Leibeigenen einzuimpfen ihnen und sich selbst schuldig.« Die Fürstin warf ihm einen dankbaren Blick zu. Es gibt Momente, wo ein Kluger von einer groben, handgreiflichen Lüge angenehmer berührt ist, als von einer feinen, die wie ein lauer Abendwind sich als Wahrheit in sein Herz zu schmeicheln sucht. Ihr zweiter Blick war auf die andern gerichtet; aber sie waren schon verschwunden. Es war ihr lieb. »Adelheid darf nichts davon erfahren«, sprach sie, zum Haushofmeister sich umwendend. »Sie sind nun ganz d'accord, wie Sie es wünschen?« warf der Legationsrat hin. »Heut im Tiergarten scheint die letzte Scheidewand gefallen.« »Welche?« »Die Affektion für ihren Lehrer. Sie haben recht, Wandel, es gibt auch Exzesse einer geistigen Leibeigenschaft.« »Ich hielt diese für überwunden seit jenem Abend.« »Das Bekenntnis der Liebe stöhnte noch immer unter den Fußklammern des Gewissens. Was der Mensch sich selbst quälen kann! Sie hat ihm bekannt, wen sie um seinetwillen geopfert, das hat einige Tränen, Schluchzen, platonische Herzschläge verursacht, denn die Rivalen waren Freunde, aber sie sind auf gutem Wege.« Des Haushofmeisters Verbeugung war eine Frage, welche die Fürstin verstand. »Wollen Sie mit mir – den guten Pawlowitsch sehen?« fragte die Fürstin den Legationsrat. Wandel schien ungewiß, welche Antwort sie erwartete: »Man hat es der Geheimrätin Lupinus verdacht, daß sie die Leiche ihres Dieners wie die eines Familiengliedes pflegte und schmückte. Es ist hierorts nicht Sitte.« »Man muß sich in die des Ortes fügen«, sagte befriedigt und laut die Fürstin und richtete den Blick nach oben. »Ich werde den treuen Pawlowitsch noch oft sehen. Der irdischen Qualen enthoben, schwebt sein verklärter Geist in die Räume des Lichtes. Ob es da Hohe und Niedere, ob Herren und Leibeigene gibt, ob wir alle wie Atome in der Seligkeit verschmelzen, die nichts Gesondertes duldet, alle Akkorde in dem großen Halleluja, Glockentöne in der ewigen Harmonie!« Sie sprach es, sich selbst anregend, mit silberreiner Stimme. Aus dem andern Zimmer respondierte das Klavier, in Phantasien, die der Stimmung entsprachen; ein ernster Grundton wie das Wogen des Meeres, aber wie Schaumwellen spritzte die Freude dann und wann auf. Es war Adelheid. Wandel hatte, um der Stimmung auch zu entsprechen, die Hände vor sich gefaltet. Als die Fürstin es bemerkte, trat sie an ihn und riß seinen Arm zurück. »Das sollen Sie nicht. Sie können gehen.« Er schien einen andern Befehl erwartet zu haben, aber mit einer spitzen Stimme wiederholte sie: »Gute Nacht, Herr von Wandel, ich will im Thomas a Kempis lesen. Die Lektüre interessiert Sie nicht.« Als der Legationsrat langsam die Hintertreppe hinunter über den Hof ging, sah er auf dem Balkon, der nach dem Garten führte, Louis Bovillard auf einer Bank ruhend. Unter Myrten- und Orangenstöcken schien er, den Kopf im Arme, auf die Töne im Zimmer zu lauschen. Oder auch nicht. Als der helle Mondenstrahl, hinter einer Wolke vorkommend, auf sein Gesicht fiel, wäre der Beobachter vor dem finsteren Ausdruck erschrocken, wenn es in Wandels Art gelegen hätte, zu erschrecken. Er dachte, mit einem schlauen Blick auf den dunkeln Garten, wohin eine leichte Treppe vom Balkon führte, ›das ist ja ein betrübter Anfang zu einer Wonneszene‹, als mit einem letzten Aufschlag das Spiel endete und der Klavierdeckel zufiel. Wandel empfand so wenig ein Interesse, das zu belauschen, was auf dem Balkon vorgehen würde, als für die Penseen der Fürstin bei der Lektüre des Thomas a Kempis oder bei den Gedanken, die über das Buch hinwegflogen. »Groß ist Salomo!« sprach er, die Hoftür hinter sich zudrückend. »Unter der Sonne geschieht nichts Neues. Und das Mirakel ist nur, daß sie um dasselbe Elend immer wieder von vorn anfangen!« Nur die Nachtvögel hörten das Liebesgeflüster unter den Myrten und Orangen. Da Mond begleitete es durch die Laubengänge des Gartens. Er lächelte nicht, er seufzte nicht; auch er hörte ja nur, was er durch Tausende und Tausende von Jahren gehört. Er kennt die stille Sprache des sanften Händedrucks, was der Atemzug sagt, was die Locke spricht, die sich auf die Schulter senkt, wofür der Hauch aus der tiefen Brust keine Worte findet. Der Mond kennt alle Sprachen der Welt von Anbeginn und weiß, daß keine ausreicht, um den Gefühlen der Liebenden Worte zu geben, nachdem sie alles gesungen und gesagt, was sich singen und sagen läßt. Es waren keine Mondscheinsgedanken, die durch die verschlungenen Hände und Arme von Herz zu Herz vibrierten. Es waren aber auch nicht Stürme, nicht Blitze, die aus Vulkanen zucken. Die Liebenden schwebten auf den geglätteten Wogen, wie abendlich ein Nachen über den spiegelglatten Fluß zum Ufer schwebt. Aber vorher, als die Sonne noch hoch stand am Himmel, hat der Kahn, unter Gesang und Rudergeplätscher, mit Wind, Sonnenbrand und der bewegten Flut gekämpft. Davon ruhen sie jetzt aus; schweigend, es ist eine Stille, dem Verständnis, der Erinnerung geweiht. In den einsamen Gängen des Tiergartens erst hatte Louis erfahren, wem er sein Schönstes geraubt. Es war eine Gewitterwolke am klaren Horizonte; aber der dunkle Schatten, der auf seine Stirn fiel, zeigte die Gegend ringsum nur um so lachender. Welche Bekenntnisse entlockte er der Geliebten! Darum ihre Kälte, Scheu; und nun hatte ein Wort sie freigegeben, alles gelöst, sie wollte ihm alles geben, was sie so lange ihm vorenthalten. Und was hatte er denn dem Freunde geraubt? Sein Schönstes, ja, aber nicht sein alles. Hatte nicht Adelheid gestern einen Brief empfangen von Walter, einen freundlich heiteren, eine Urkunde war es, worin er das ihm anvertraute köstliche Gut, wie er es nannte, der Eigentümerin zur freien Disposition zurückstellte. Mit welchem Scharfsinn hatte er auseinandergesetzt, daß er nie ein Recht darauf gehabt, daß es höchste Undankbarkeit sei, was die Dankbarkeit im überströmenden Gefühl des Augenblicks auf den Altar legt, als verfallen anzunehmen, als unwiderrufliches Eigentum. Hatte er nicht klar auseinandergesetzt, daß er nicht die Eigenschaften besitze, um Adelheid so glücklich zu machen, wie sie verdiene, dahin, in die glänzenden Höhen sie zu führen, wozu ihre Schönheit, Natur, die sichtliche Fügung des Himmels sie bestimmt. Er sei ein stiller, sinnender Mann, sie berufen, zu glänzen. Sein Verdienst wäre vielleicht, daß dieser Glanz ein echter werden müsse, daß er sie gehütet vor dem Flitter und Schimmer, daß er die Hochgefühle einer deutschen Jungfrau in ihr geweckt; darauf sei er stolz; aber hatte er sich nicht zugleich angeklagt, daß er diese Überzeugung gewaltsam unterdrückt, daß er solange sich getäuscht, daß er, schon mit dem Bewußtsein, wie ihre Liebe nur Achtung sei, ein Pflichtopfer, sich fort und fort getäuscht, es könnten doch andre Gefühle für ihn zum Durchbruch kommen, und daß nicht ein freies Opfer von seiner Seite, sondern erst ein Zufall, ein Impuls des Momentes, die lange Kette des Truges gesprengt habe? Und hatte er nicht endlich versichert, auch er fühle sich jetzt frei, glücklich, sie dürfe um ihn nicht sorgen, denn er sei nun zurückgegeben der heiligen, ernsten, höchsten Pflicht des Mannes, ganz seinem Vaterland zu leben. Mit Begeisterung hatte Adelheid den Brief vorgelesen, dort auf der unter Brombeeren und Hagebutten versteckten Birkenbank, während der Wagen der Fürstin langsam auf der Chaussee auf und ab rollte. »Nun bist du doch zufrieden«, hatte sie gesprochen und mit der Hand die Falten aus seiner Stirn geglättet. Er hatte geschwiegen, und seine Zufriedenheit in einem Kuß auf ihren Arm gehaucht. – Jetzt fuhr sie wieder mit der Hand über seine Stirn: »Kalt und feucht! Die Abendluft könnte dir schaden!« Die Nachtvögel zeigten ihnen den Weg. Sie flatterten, an die hellen Scheiben der Glastür die Köpfe stoßend. Trüb brannte das Licht im kleinen Gartenzimmer. Sie hatten sich noch so viel ohne Zeugen zu sagen. Es war still im Hause, nur aus dem Souterrain tönte dumpfes Geflüster der Leute, die Fürstin saß in ihrem Armstuhl und hörte über den Thomas a Kempis nicht, wie Adelheid durch die Tür blickte. Aber als sie zurückkehrte, hörte auch Louis nicht ihr Kommen. In sich zusammengesunken, saß er auf dem kleinen Kanapee. Es war nicht die Erwartung, von der der Dichter gesungen. Erst ihr Arm, der sich sanft um seinen Nacken schlang, erweckte ihn. »Noch immer – Walter! Ist das recht!« sprach sie. » Der ist glücklich!« seufzte Louis. »Glücklich!« Sie blickte ihn vorwurfsvoll an. »Ist's die Lerche nicht, die in den Morgennebeln nach der Sonne steigt. Ist's der Träumer nicht, der die ganze Menschheit an die Brust schließen möchte! Ich möchte sie lieber erwürgen!« »Sprich nicht so. Das ist der Rest deiner Krankheit.« »Vielleicht ein anderer Rest!« – Er blickte starr vor sich nieder. »Bin ich nicht ein Feuerbrand, bestimmt, was er anrührt, zu zerstören! Sie hatten's mir verhehlt, aber ich erfuhr es, als ich geboren ward, hab ich meine Mutter umgebracht. Der Zerstörungstrieb war die Mitgift an meiner Wiege, und hat sie nicht in meinem Leben lustig gewuchert! Meinen Vater – doch davon still. Ich ward ein wüster Mensch auf der Universität, nicht so ganz schlecht als andere, aber indem ich gegen die Schlechten losging, ward ich ein Störenfried unter den Guten. Die Guten sagen, um das Leben gutzumachen, muß man sich vertragen lernen, auch mit dem Schlechten. Ich habe es nie gelernt. – Ich habe ins Leben gerast. Ich wollte niemand vernichten, und wie viele habe ich zertreten. Kennst du denn mein Leben, Adelheid? Soll ich das alles herausziehen aus dem Sumpfe, denn zwischen uns muß Wahrheit sein. Wie sie mich aus den Häusern gestoßen, auf der Straße mir auswichen, mit den Fingern auf mich gezeigt, bis –« – »Bis du dich selbst aufrafftest!« »Nein, bis auch ich dich ins Verderben riß – damals – bis ich auch den einzigen, den treusten, wahrsten Freund nun um sein Heiligtum betrügen muß. Was ich berühre, opfere ich. Soll ich es hinnehmen, wie die Götter der Alten an dem rauchenden Blut der ihnen geschlachteten Menschen sich weideten! Was ist's denn in mir, frage ich, dies düster glühende Auge, das Zucken meiner Lippen, der nie gestillte Durst meiner Seele, daß mir das Beste, Köstlichste aufbewahrt ist! – Nun ich siech bin, trostlos hinter mir, trostlos vor mir, willst du blühendes, junges, reines Leben dich an den morschen Stamm ranken, ich soll, muß dich zerstören, weil du mein bist. – Ja, Walter hat recht, nicht für ihn, aber du bist auch nicht für mich.« »Für wen denn?« sprach sie, und der Ernst, der aus Louis' Worten hauchte, schien plötzlich auf sie übergegangen. Aber Louis' Ernst war ein düsterer, ihre Worte waren ein sonorer Metallklang. Er hatte es nicht gesehen, wie sie in krampfhafter Erschütterung den Arm von seiner Schulter zurückgezogen hatte und das Gesicht mit beiden Händen bedeckte. So setzte sie sich in die andere Ecke des Sofas, und eine Pause trat ein. »Weinst du? Habe ich dich gekränkt, Adelheid?« »Ich weine nicht«, sagte sie im selben Tone, »und du kannst mich nicht beleidigen. Ich dachte nur über mein Schicksal nach, und – bei deinen Worten brach es heraus, ach, von so lange her! Louis, das Schicksal schleudert mich ja in deine Arme. Was würde ich denn, was bin ich? Oh, mein Gott, es ist schrecklich, wenn die Binde so mit einemmal von den Augen fällt!« »Du bist die gefeierte –« »Puppe von – ich weiß nicht wie vielen. War ich denn nicht herausgerissen aus dem Schoß meiner Familie, dem Glück, der Bildung, für die ich geboren war, haben sie nicht alle an mir gearbeitet, mich zu erziehen, der eine so, der andere so, um aus mir zu machen, was ich nicht war, um mich zuzustutzen zu etwas, sie wußten selbst nicht was, aber ihr Ziel haben sie alle erreicht, die vielen Künstler, ich bin wie der Vogel, den man aus dem Neste nahm und buntes Gefieder ihm anklebte. Die, denen das Gefieder gehört, erkennen ihn doch nicht an, sie spotten still über den Eindringling, aber zu den Seinen darf er auch nicht zurück. Er gehört da nicht mehr hin.« »Welche Phantasien, meine Adelheid!« »Ich sehe nun zu klar, und nur zu lange ließ ich mich von der süßen, eitlen Gewohnheit einschläfern, daß ich die Augen nicht aufschlug, daß ich die Stimme nicht hörte, die im Innern immer deutlicher rief. Jenes abscheuliche Weib – oh, sie war noch die Beste, sie wollte mich nur einfach verderben; da war ich unschuldig; wie der Vogel, der aus dem Nest flattert, fiel ich in das Netz, das sie ausgespannt. Aber die andre, oh, mein Geliebter, ich fühle das Gift, das sie in meine Adern spritzte, es schleicht noch jetzt, es zehrt noch.« »Die Geheimrätin wollte dir wohl!« »Sie will, sie kann niemand wohlwollen, glaube es mir, Louis. Sie hat kein Herz; darum wird ihr unwohl, wo ein Herz warm schlägt. Ich las von einem Gespenstertier, das nachts sich auf die Schlafenden legt und das Blut ihnen aussaugt. Sie saugt auch das Blut aus mit ihren spitzen Reden, ihren spitzen Blicken. Ich wäre schlecht geworden, Louis, das fühle ich, ich ward schon eine andere, wie ein in Eis getauchtes Tuch warf sie's um die Brust, wenn edlere Empfindungen aufzuckten.« »Was wollte sie mit dir?« »Martern will sie, sie muß martern, was glücklicher ist. Sie konnte den Kanarienvogel quälen, wenn er zu lustig schmetterte; sie beneidete das arme Ding im Käfig, sie marterte ihre Domestiken, ihren Mann, sich selbst auch, wenn sie sich ertappte, daß sie lebhafter gewesen, als sie scheinen wollte. Oh, Liebster, es ist entsetzlich, wenn ich daran denke, ein Traum, und mich schaudert, er ist vielleicht noch gräßlicher, als ich zu träumen wagte!« »Und alle Welt bewundert sie.« »Die Welt hat recht. Diese Frau und dieser Mann dazu –« »Welcher?« »Der Legationsrat. – Sie sind beide – hohl, verrate mich nicht, Louis, ausgehöhlte Gespenster. Sie haben alles menschliche Gefühl aus sich gesogen, gepreßt. – ›Man muß die Empfindungen und Regungen, die uns stören, aus sich herausdestillieren‹, hörte ich ihn einmal sagen, und das haben sie, sie haben daraus präpariert die schöne Glätte, den glänzenden Firnis, den die Welt bewundert.« »Mein Gott, woher kam dir die Erkenntnis?« »Weiß ich's? Sie hielten mich für das Schoßkind, das man ausputzt, in den Armen schaukelt, mit Glanz und Süßigkeiten nährt, von dem man alles Unangenehme fernhält, auch die Gedanken – und die Gedanken kamen doch, von selbst – ich war unaussprechlich unglücklich!« »Dich mißhandelt?« Sie nickte: »Es waren unsichtbare, feine Geißelschläge, die Luft fühlte sie kaum. Wie ein feiner, ätzender Staub auf die Lunge geworfen.« »Und du mußtest es dulden?« »Wie schließt man das Auge vor dem Zucken des Blitzes, das blaue Licht schießt durch die geschlossenen Lider. – Ich mußte es dulden, ohne ihr entfliehen zu können, und es war mir auch nicht erlaubt zu klagen. Und ich mußte immer lügen – lügen von unermeßlicher Dankbarkeit; wenn ich es nicht ausgehalten, wäre ja das Urteil der Welt über mich zusammengebrochen –« Er warf, die Hände faltend, sein Gesicht in ihren Schoß: »Und daran war ich schuld!« »Nein, klage dich nicht an. Es war eine Kette von Bestimmungen. Aber untergegangen wäre ich in der Lüge, das fühle ich. Je größer sie ward, so kälter schlug's mir ans Herz.« »Gott sei Dank, eine Frau, die warm fühlt, nahm dich zu sich.« Adelheid war aufgestanden. Sie schüttelte den Kopf. Eine hohe Röte überzog ihr Gesicht, als sie sich zu ihm umwandte, die Hände sanft auf seine Schultern legte und seine Augen küßte: »Laß uns davon nicht sprechen, Liebster.« »Du zweifelst an der Güte der Fürstin?« »Meine Augen wurden geöffnet, wunderbar klar liegt es vor mir; Blicke, um die mich niemand beneiden darf. Das ist die entsetzliche Schule der Lupinus. Nein, mein Geliebter, laß uns davon schweigen.« »Auch hier nicht glücklich?« »Ich werde glücklich, denn ich werde wieder ich selbst.« Er blickte sie fragend an. »Bin ich denn mehr, als ich fort war! Da wollte man den seltenen Vogel in ein Bauer sperren, dort flatterte ich an einer unsichtbaren Kette, hier läßt man mich frei fliegen, weil man weiß, ich kann nicht entfliehen. Ich habe ja kein Haus, wohin. Eine Leibeigene bin ich, nichts anders als die da unten auf den Bänken schlafen müssen. Jeden braucht man, wozu er gut ist, und solange er dazu gut ist. Mich staffiert man aus mit allem Glanze, solange es sich lohnt. Wenn ich nicht mehr hübsch bin, nicht mehr singen, Musik machen, nicht mehr tanzen kann, nicht mehr muntere Antworten gebe, nicht mehr die Herzen entzücke, dann wirft man mich fort wie jedes andre unnütze Werkzeug. Sie hat so wenig ein Herz für mich als die Lupinus. Und die andern! Sehe ich denn nicht, wie man mich abschätzt? Gehöre ich zu diesen Erwählten? Fühle ich nicht unter ihren Komplimenten und schmeichelnden Reden heraus, was ich ihnen bin, was ich ihnen wäre ohne den geliehenen Lüster? Rümpfen diese vornehmen Damen nicht die Nase, wenn ihre Töchter mich einladen, mich mit ihren Freundschaftsversicherungen überschütten? Zittern die Mütter nicht, wenn die Söhne mir zuviel Aufmerksamkeit erwiesen? Nahte sich mir denn mit ernster Absicht in der langen Zeit nur ein edler Mann aus diesen Kreisen? Herr von Fuchsius ist ehrlich genug: er trat bald zurück, weil ich kein Vermögen besitze. Die andern sagen es nicht, aber ich lese ihre Gedanken. Mitten im Zauberwirbel der Geselligkeit, der Pracht und rauschenden Lust, bin ich eine Fremde, mitten in den Scharen, die mich umdrängen eine Gemiedene. ›Wer wird sie denn nehmen!‹ hörte ich eine vornehme Dame zu einer andern flüstern, nachdem sie vorher nicht Worte genug gefunden, mir Schönes zu sagen. ›Sie ist doch nur eine Gesellschafterin,‹ erwiderte die andre, ›ein vornehmer Lockvogel.‹ – ›Und mit solchen Ballschönheiten geht's bald zu Ende.‹ – ›Dann kommt zuletzt doch noch einer, der erste beste‹, setzte die andre tröstend hinzu. ›Und unter der Haube ist unter der Haube.‹« »Warum hört Adelheid auf das Geschnatter!« »Weil ich es hinter ihrem geschlossenen Munde lesen würde. Ja, ich bin eine Gebrandmarkte – erschrick nicht, Louis, vor dem Wort, es ist nicht so übel, es sind viele Bessere als ich, ich könnte zuweilen sogar stolz darauf sein. So stolz, daß ich auch meine Gleichen suche. Brauchst du noch Beruhigung um deinen Freund, so wisse, ich hätte jetzt Waltern nicht mehr die Hand gereicht. Er war mein Mentor, mein Schutzengel, er hob mich, ihm danke ich, daß ich nicht unterging in dem Sumpfe; aber nun steht er mir auch so hoch da, daß ich den stillen, reinen Strom seines Lebens durch meine Berührung nicht trüben, nicht stören darf und will. – Du bist mein Retter. Wir haben uns nichts vorzuwerfen, wir sind beide Fremde, Mißverstandene, Gemiedene, Ausgestoßene, und unsere Herzen schlagen zueinander. Das hinter uns lassen wir ruhen und blicken – wir flüchten beide – in eine bessere Zukunft.« »Wie du selbstquälerisch dich erniedrigst«, sprach er, ihre Hand an sein Herz drückend. »Wenn der gerechte Richter die Waage hält, ist die Schwere deiner Schuld wie die Flaumfeder, die in der Luft sich wiegt.« »Die Welt ist kein gerechter Richter; sie wägt auch nicht die Schuld, sie wägt nur die Verhältnisse ab. Auch der gerechte Richter fragt, was ich bin, nicht was ich hätte sein können. Was bin ich denn! Nicht hier, nicht dort eine Wahrheit! Ein halbes Kind, herausgerissen aus dem elterlichen Hause, lernte ich tänzeln, ehe ich gehen konnte, Komödie mußte ich spielen, ehe ich von dem etwas wußte, was ich spielen sollte. Ehe ich eigen gedacht, empfunden, gelebt, lernte ich reflektieren. Die schlichte Bürgerstochter, plötzlich gestoßen in Kreise der ersten Geister und der vornehmen, blasierten Menschen, mußte ich Angelerntes hersagen. Louis, erschrickst du nicht, wie ich rede! Ist das die natürliche Sprache eines zwanzigjährigen Mädchens! Soll, darf ich reflektieren, wie ein Mann, der die Lebensschule durchgemacht hat! Ich erschrecke oft vor mir selbst; ich schaudere, wenn ich in den Spiegel sehe. So haben sie mich heraufgeschraubt zu einem unnatürlichen Dasein. Ich frage mich oft in Stunden der Verzweiflung: Kann mich wer so lieben? wer sich mir so vertrauensvoll hingeben? Statt eines kindlichen Mädchens eine, die die Schlechtigkeit der Menschen im tiefsten Grunde kennengelernt –« »Aber unberührt von ihr blieb. Deine schöne Natur hat gesiegt.« Sie strich ihm die Locken aus der Stirn: »Sei ehrlich! Wäre es dir nicht lieber, wenn ich ein Kind wäre, das arglos, neckisch, vertrauensvoll sich in deine Arme würfe? So zerdrücke ich oft eine stille Träne, wenn ich im Hause bin, wo ich nicht mehr zu Hause bin, wenn die jüngern Schwestern mich mit neugierigen Fragen bestürmen, über die ich lächeln muß. ›Wäre ich wieder so!‹ ruft es, aber ich möchte doch wieder nicht so sein, ich könnte nicht wieder so sein – es ist eine Kluft gerissen, und ich gehöre hierhin, nicht dorthin. Das ist der Fluch –« »Nicht deiner Schuld.« Sie blickte sinnend vor sich hin und schüttelte langsam den Kopf: »Wenn mein Herz blutete und springen wollte unter der schillernden Maske, log ich nicht, indem ich nicht aus der Rolle fiel? Mischte nicht da etwas Falschheit sich unwillkürlich in mein Denken und Tun? Ich log mir Entschuldigungsgründe vor. Die Phantasie ist unerschöpflich. Ich log mir vor die Vortrefflichkeit meiner zweiten Mutter, der Gesellschaft, der Welt, bis es nicht mehr ging, bis das Bewußtsein herausplatzte. War es keine lange Lüge, die ich auch mit dir gespielt? Schon da an dem schrecklichen Orte! Dein Blick hatte mich verwundet, aber die Wunde tat nicht weh. Hatte sich dein Gesicht mir nicht eingeprägt! Es durchschauerte mich mit Angst, als du mich verfolgtest, aber es war eine bange, süße Angst, bis an jenem Abend, wo du –« »Da schon! Entzückendes Bekenntnis!« Sie nickte, die Hände vorm Gesicht. »Ja, da schon, wie ich dich mit kaltem Mitleid von mir stieß, dir verzieh unter der Bedingung, daß du mich nicht wiedersähest, als ich dir sagte, ich könne dich nie lieben, es war schon eine Lüge. Ich preßte das Feuer mit aller Gewalt in die Brust zurück. Ich log mir vor, daß es nur Mitleid sei, daß ich dich verabscheue, und ich log weiter. Es war die Angst vor dir, vor mir selbst, ich wollte mich retten aus dem Strudel, aus dem Haus, Selbstsucht war's, als ich an Walters Brust bekannte; ja, es war Liebe, aber nicht ihr Sonnenschein, ein süßes Mondenlicht, die Liebe der Achtung, der Dankbarkeit, der Bewunderung. Jahre sind über diese Lüge hingegangen, sie machte mich bitter, unzufrieden, ich mußte mich selbst verachten, und – ist das keine entsetzliche Schuld, daß ich zwei Jahre das Lebensglück des edelsten Mannes erschüttern mußte. – Schuld gegen Schuld, Geliebter, wir haben beide zu büßen und gutzumachen. Einer muß sie am andern stützen, aufrichten – einer dem andern Mut zusprechen. Das Leben hinter uns begraben wir und fangen beide ein neues an.« Achtzehntes Kapitel. Der Weg zum neuen Leben . Von der düster brennenden Kerze war ein verglimmendes Dochtstück nach dem andern gefallen; hier ohne Schaden auf die Marmorplatte des Tisches. Auch war es nicht dunkel im Zimmer, der Mond und das dämmernde Morgenlicht erhellten es. »Das ist mein Vaterland«, murmelte Louis, in das Licht starrend. Adelheid fühlte wunderbare Kraft; er schien zerknickt. Mit wie leuchtenden Blicken er auch ihren Reden zugehört, das Leuchten verschwand allmählich, das Auge ward matt, ein wehmütiges Lächeln spielte um seinen Mund, und die Augenwimpern senkten sich wie die eines Einschlummernden. Und sie hatte doch, eine begeisterte Prophetin, gesprochen. Den Weg zum neuen Leben hatte sie ihm gezeigt – es gab nur einen – das Vaterland. Die angebornen Bande knüpfe fest, Ans Vaterland, ans teure, schließ dich an, Das halte fest mit deinem ganzen Herzen. Hier sind die starken Wurzeln deiner Kraft, Dort in der fremden Welt stehst du allein, Ein schwankes Rohr, das jeder Sturm zerknickt. Und das eine Vaterland war ein größeres geworden. Er war nicht heut erst der Gegenstand ihres Gesprächs. Warum hatte Louis immer durch ein stilles Nicken, was ebensogut dem schönen Munde und den schönen Worten galt, geantwortet? Er seufzte tief auf: »Wo ist denn Deutschland?« »Ich spreche nicht von dem Traum hinter uns, Lieber«, sagte sie lächelnd, »nicht vom Kyffhäuser und der Kaiserherrlichkeit. Du mokierst dich darüber. Das deutsche Vaterland liegt vor uns –« »Das Walter dir malte«, unterbrach er. »Walter und Hunderte und Tausende unserer Edelsten!« »Was in der eignen Brust des Schwärmers lebt, überträgt er auf die Millionen Kreaturen, in denen nichts lebt als der Gedanke, wie sie morgen satt werden.« »Als wüßte ich nicht, wie du voriges Jahr in edler Begeisterung selbst deinen Vater aufwecktest!« »Damals! Seitdem – Gib die Hoffnung auf. – Dies Volk erwacht nicht wieder, es ist kein Volk. – Deutschland ist ein Traum der Dichter!« »Und eben floß Palms Blut dafür. Es raucht zum Himmel.« »Und ist übermorgen vergessen.« »Überall knirscht die verhaltene Entrüstung. Greise, Knaben, schwache Frauen, kannst du ihre Stimmen verleugnen, die Tränen der Wut, die am stillen Herde geweint werden!« »Ich hörte sie, ich sah mehr als du; sie schnitten Pfeifen aus dem Rohr, mit den Trompeten sollten sie's aufnehmen, sie sprangen auf die Bänke, einige, und ihre Fäuste zerdrückten in der Luft den Eroberer; die andern brüllten dazu und stampften das Seidel auf das Brett. Wenn man uns nur ruft! Pamphlete über Pamphlete, von den Kanzeln donnerte es, Schmähworte, Verwünschungen – heute! – Übermorgen sah ich sie wieder, er war als Sieger eingezogen. Sie hatten die Dächer ausgehoben, ihn zu sehen. In den Schenken war auch nur eine Stimme – der Bewunderung: die herrlichen Bärenmützen, die Bärte der Sappeurs, nein, das war ganz anders als bei uns. Die Einquartierung so liebenswürdig, sie hatte nicht den Teller zum Fenster hinausgeworfen, sie hatte ein Kind auf den Armen gewiegt; oh, es waren prächtige Menschen, verleumdet, sie hielten Mannszucht. Die Jungen, die die Pfeifen geschnitten, machten ihre Exerzitien nach. Wo gab es bei den Deutschen einen Tambourmajor!« »Das ist ein Pasquill auf den Pöbel überall.« »Der in Frankreich war ein anderer. Oh, die gepuderten Ehrenmänner! Gute Deutsche, sangen sie Claudius' Rheinweinlied, und die Augen gingen ihnen über, aber – aber nachher sah ich sie anders. Die Verhältnisse waren ja auch anders. Solange es ging, war es gut, was aber nicht mehr geht, ist nicht mehr gut. Man muß nicht mit dem Kopf durch die Wand rennen wollen. Wer nicht beizeiten nachgibt, hat nachher das Zusehen. Und im Grunde genommen, was ist es denn, was ein guter Bürger braucht? Ruhe und Ordnung, Handel und Wandel. Dafür zahlt er seine Steuern. Was kümmert's ihn, an wen!« »Sind die Krämer die Nation?« »Wenn du Pöbel, Alltagsseelen und Kaufleute davon nimmst, was bleibt vom Volk? Oh, erinnere mich nicht daran. Ich habe auch die andern kennengelernt. Da in den Ameisenhaufen, wie sie rannten, einer über den andern, um zu retten – sich! Das war ein Wirbelsturm der Angst, wer zuerst ankomme. Nur die Fahne des Vaterlandes brauche es aufzupflanzen, meinten unsere Freunde, ein Trompeter daneben, und die Deutschen würden in hellen Haufen heranbrausen, ›Waffen!‹ schreien. Die gute Fahne wäre zur Vogelscheuche geworden, sie wären in ihre Verstecke gelaufen, wie vor einem Pestzeichen. Nein, ich hörte Hüons Horn, der Kaiser der Franzosen stieß hinein, und sie tanzten sich rasend, tot. Wer das mit ansah, Adelheid, dieses Kriechen, Antichambrieren, diese Botschaften der kleinen Hohen und Höchsten, wie sich jeder entschuldigte, seine Veneration auf dem Präsentierteller vor dem Unüberwindlichen hinhielt, wie er den andern fortstieß, verredete, denunzierte, wie er, kaum daß er die Unterwerfung unterzeichnet, auch schon um die Belohnung petitionierte! wie sie, die Stolzen, Hochgemuten, mit Ahnen von Odin und aus dem Cheruskerwalde, seinen Satrapen um die gestickten Rockschöße tänzelten, froh eines Händedrucks, und wenn sein Vater auch ein Stallknecht gewesen! Ihre Elsteraugen verschmerzten auch einen Sporentritt um die Erlaubnis, mit zugreifen zu dürfen, wo sie ausgeschüttet lagen, zu Füßen des Giganten, die Klöster, Stifte, Städte, Schlösser, Abteien. Oh, wie er lächelte, das gelbe, schöne Gesicht mit den klugen, durchdringenden Augen, als er mit der Fußspitze ihnen die Erlaubnis zustieß und sie stürzten hin und rafften. ›Waren das meine Feinde!‹ sprach der Apoll mit dem Satanslächeln. Wer das sah –« »Oh weh«, seufzte Adelheid mit abgewandtem Gesicht, »er hat auch den Glauben an sein Vaterland verloren.« »Klage die Grüfte an!« sprach er dumpf vor sich hin. »Die da haben's verschuldet.« Sie sah ihn mit tiefer Wehmut an, und eine helle Träne fiel aus ihren Wimpern. Sie galt nicht dem Vaterlande. Saß er nicht da wie eine schöne Ruine, ein Verschwender am letzten Rest seiner Habe! – Mit geknicktem Glauben und ohne Hoffnung! Aber er war ja noch krank! »Der Erzherzog Karl war einst dein Held! Noch lebt er.« »Es lebt nur einer«, rief er aufstehend – »er, der Gigant, vor dem diese Misere daliegt, wie das Blachfeld vom höchsten Turm gesehen. Er wird ihr Wohltäter werden, nicht wie unsere Philantropen faseln, nicht weil er sie erheben, verständiger, besser, glücklich machen, weil er die Qual ihres Daseins enden wird. Wer, die nicht glauben können, schnell sterben läßt, ist ihr Wohltäter. Sein Siegeswagen mit schnaubenden Rossen wird über die Staaten und Throne rasseln, und die zerbrochenen Zepter liegen wie Spreu an den Landstraßen. Was bauten sie die Throne nicht fester, warum stahlen sie der Sonne Schein, um ihre Kronen zu vergolden! Beim feuchten Herbstwinde kommt das schlechte Metall zum Vorschein. Warum brauchten sie die Stäbe nicht als weise Richter, warum als Korporalstöcke! Warum ward die Weisheit schimmlig, die Kraft stockig? Ihnen geschieht recht und den Völkern. Zum Kehraus wird geblasen, mit Posaunen, Pauken und Kanonen. Er ist der Mann dazu, seine Seele Stahl. Die Weichherzigen, die Gemütlichen haben ausgespielt; die Menschheitstränen sind in den Sumpf gefallen, aus dem kein reiner Bach mehr entspringt; es muß wettern, blitzen, donnern, daß das Unterste sich zuoberst kehrt. Meine Seele jauchzt, ein Weltgericht ist im Anzug und das neue Evangelium in Blut und Brand getauft.« Adelheid erschrak nicht, es zuckte ein Freudenstahl in ihrem Auge. Das war ja das Schütteln eines Fiebers. Louis zitterte, indem er den Rock vor der Morgenluft sich zuknöpfte; aber ein hitziges Fieber bringt eine Krisis hervor, das schleichende nur ist ohne Hoffnung. Stahl war noch in dieser Seele. »Du bis für ihn begeistert?« sprach sie rasch. »Du bist ein freier Mann«, fuhr sie fort, als er schwieg. »Senke nicht den Blick, ich erschrecke nicht darüber, ich freue mich, daß du begeistert bist. Louis Bovillard, ist das französische Blut in dir erwacht? Du begehst dann kein Verbrechen, wenn du das erworbene Land deiner Väter abstreifst, wo dich nichts mehr fesselt, du kehrst zurück in das Land deiner Vorfahren. Siehst du da nur Leben, Rettung, für einen großen Gedanken, für dich, oh, so zaudere nicht, aber offen, ehrlich, kehre dahin zurück, zu ihm, den du für einen Heros und Heiland hältst, schlürfe den Feueratem ein aus seiner mächtigen Brust, diene ihm, wie du willst, du wirst in jeder Gestalt willkommen sein, und lebe auf als Mann.« – Er schwieg noch immer. – »Dein Vater hat es dir ja leicht gemacht. Er hat seine französischen Erinnerungen wieder ans Licht gezogen, so etwas gefällt jetzt an Napoleons Hofe.« Er schwieg noch immer, dann brach es heraus: »Ich kann ihn aber nicht lieben.« »Aber Louis, du bist ein Mann. Ein Mann muß lieben oder hassen; in wetterschweren Zeiten darf er nicht die Hände in den Schoß legen, abwarten, was kommt. Mein innig Geliebter, du darfst nicht unter die Alltagsmenschen versinken. Dein edles Selbst darf nicht untergehen in dem Schwarm, den du verachtest; nein, aufrichten sollst du dich, stärken am Anblick der Jämmerlichen, deren Unentschiedenheit das Elend über uns gebracht. Du mußt dich entscheiden; hast du gewählt, oh, dann wird der Funke wieder sprühen, er wird dich drängen zum Handeln. Wo du wählst, ich folge dir.« Er hielt seine Hand auf ihre Stirn: »Wäre ich Sachse gewesen, und hätte den großen Karl bewundert, ich glaube doch nicht, daß ich gegen mein Volk streiten könnte.« Ihr Auge blickte ihn freudig an. »In dieser Luft bin ich, sind meine Väter geboren, in diesen Sitten, Gewohnheiten sogen sie das Leben ein, zeugten ihre Kinder. Wir erwarben ein Vaterland, und es hat uns erworben. Ich hätte in den Reihen der Sachsen gestritten, Adelheid, auch wenn ich gewußt, daß Karl sie zertreten mußte.« Sie hatten gesiegt, er war wiedergewonnen, doppelt gewonnen. Es waren Momente der Seligkeit, die Feder und Farbe umsonst zu malen versuchen. Die Morgenluft wehte schon frisch ins Zimmer, als sie die Balkontür öffneten, die ersten Vögel erhoben ihre zwitschernden Stimmen in den dunkeln Gebüschen, und ein rötlicher Streifen färbte den östlichen Horizont. Im Himmel und in den Büschen war noch Poesie. Die gefiederten Sänger brauchen nicht für morgen zu sorgen. Der himmlische Vater speist sie, aber von denen, welchen er Verstand gab, fordert er, daß sie selbst ihre Speisung suchen. Es galt für Louis einen Wirkungskreis zu suchen, und auf die Poesie folgte ein langes prosaisches Gespräch. Es geht nun einmal nicht anders im Leben. »Du glaubst nicht, wie mich der Gedanke anwidert, für diesen Staat zu arbeiten, mich hineinzuwerfen in einen Topf, wo der Zufall die Lose zieht, zum Werkzeug herzugeben, wo keiner weiß, was er will, und niemand, wessen Wille gilt. Ja, wär's in Österreich, im kleinsten Lande, wo sie den Mut haben, sich zu gestehen, was sie wollen. Und wär's das absolut Schlechte, die Gewißheit ist ein Trost.« Sie war beredt, sie hatte Trost auch dafür. Österreich lag auf den Tod verwundet, wo war das deutsche Land, wie er es wünschte! Preußen konnte in diesem Augenblick alles wiedergutmachen, es stand da wie berufen, einzutreten in die große Geschichte. Durfte da einer seiner Söhne sich losreißen, in der Fremde kämpfen wollen? Sie hatte Schillers »Dreißigjährigen Krieg« eben gelesen. Sie erinnerte daran, wie die letzten Ritter für die geistige Freiheit von einem Fürsten und einem Heer, wenn diese geschlagen, zu dem andern übergingen, und mit dem letzten Häuflein, das noch im Felde stand, kämpften sie unverzagt, ohne die Hoffnung zu lassen – und die Hoffnung ließ auch sie nicht zuschanden werden. Das Kämpfen mit dem Schwert war jener Zeit für den, der nicht dafür geboren oder dazu gezwungen war, ein noch fremder Gedanke. Es gab viele Wege, dem Vaterlande sich zu widmen. Der gefundene sollte zugleich der zu ihrer Verbindung sein. Adelheid errötete nicht vor dem Gedanken, daß sie ihr Glück daran knüpfte. »Wer nicht zugleich an den teuren eignen Herd denkt, dessen Liebe zum Vaterlande ist ein Feuer, das in den Schlot prasselt und keine Wärme zurückläßt«, hatte Walter gesagt. – Es lag wieder kraus vor ihnen, sie konnten den Weg nicht finden. Die Fürstin wollte sich damit nicht befassen; Adelheid wußte nicht weshalb, denn sie glaubte nicht an den vorgeschützten Grund: eine Fremde dürfe sich nie in die innern Angelegenheiten eines Staates mischen. »Die Verwendung meines Vaters würde einen Preis kosten«, rief er unwillig, »für den ich alle Ämter der Welt fortstieße.« Aber soll uns das kümmern! schienen beider Blicke sich zu sagen. Sie hatten die Hände ineinandergeschlungen zum Abschied. Da rötete sich plötzlich wunderbar Adelheids Gesicht, als sie eben gesprochen: »Mut, Lieber, wir haben uns ganz gefunden, das übrige wird sich von selbst machen. Wer weiß, was du zu Hause findest!« Die Röte kam aber nicht vom Blut; es war der erste Sonnenstrahl, der durch die Büsche schoß. Sie nahmen es als ein gutes Omen. Adelheid führte ihren Freund auf dem Wege, den vorhin Wandel genommen, durch das Souterrain nach der Hofpforte. Als sie die steinerne Wendeltreppe hinab waren, kam ihnen Lichtschein entgegen. In der Mitte des Flurs lag eine Leiche, die Diener hatten Kerzen darum angezündet. Sie starrten zurück. »Eine Leiche!« Adelheid unterdrückte einen Schrei. In dem Augenblick ward ihr Name oben von der Fürstin gerufen. »Wir müssen scheiden!« – »Bei einer Leiche! Das ist ein böses Omen, Adelheid.« – »Ein gutes!« rief sie an seinem Halse. »Auch der Tod soll uns nicht erschrecken, auch der Tod nicht trennen!« Die Fürstin war sehr blaß. Mit gläsernen, durchwachten Augen starrte sie das junge Mädchen an, aber nicht verwundert, sie noch wach zu finden. Sie fragte auch nicht, woher sie komme. Es war eine innere Bewegung, als sie Adelheid an sich drückte und sie bat, bei ihr zu wachen oder auf dem Sofa zu schlafen. Sie hatte gelesen, das Buch war ihr entfallen, und sie hatte böse Träume gehabt oder Visionen, wie sie sagte. Man sah, sie fürchtete sich in der unheimlichen Einsamkeit des grauenden Morgens. Adelheid wollte die Kammerfrau wecken. Die Fürstin schüttelte den Kopf: »Tun Sie es diesmal selbst, mir zuliebe.« Sie zitterte heftig, als Adelheid sie entkleidete; sie hatte nie die Fürstin zittern gesehen. Auch war sie seit lange nicht so zärtlich gewesen. Als sie ihr zum Schlafengehen die Hand drückte, sprach sie: »Apropos, ich vergaß Ihnen zu sagen, die Königin hat sich wieder durch die Voß nach Ihnen erkundigen lassen. Bereiten Sie sich vor, bei nächster passender Gelegenheit werde ich Sie der Majestät vorstellen. Sie werden ihr sehr gefallen.« Die aufsteigende Sonne konnte nicht durch die schweren Jalousieläden in das dunkle Zimmer dringen, sonst hätte sie auf dem Sofa ein sehr frohes Gesicht gesehen. Das Lächeln blieb, als Adelheid einschlief. Sie hatte sich bis heut vor der angekündigten und immer wieder aufgeschobenen Vorstellung vor der Königin gescheut. Heut träumte sie, daß Engel sie zu ihr führten. Als Louis Bovillard in sein Zimmer trat, goß die Tageskönigin ihr erstes Rot durch das Fenster. Alle Gegenstände waren purpurn, am leuchtendsten aber sein Gesicht, als er in dem Goldschein Walters Brief las und überlas. Er mochte zuerst glauben, es sei ein Traum. – Er zerdrückte eine Träne, die sich über die Wimpern schleichen wollte, riß das Fenster auf, schlürfte die wonnige Morgenluft ein und warf sich dann lächelnd aufs Sofa. Es war am späten Vormittag, als er erwachte, aber sein Gesicht lächelte noch immer. Neunzehntes Kapitel. Verfallene Wechsel . Wer nicht beobachtet sein will, verhängt seine Fenster. Wer Geheimes schafft, verstopft auch die Schlüssellöcher. Das weiß ein Dummkopf, aber den Klügsten, welche den Luftzug berechneten, der durch ein Mauseloch dringen mag, passiert wohl, daß sie vergaßen, den Schlüssel in der Tür umzudrehen. – Weise sagen, wenn den Klugen das nicht zuweilen passierte, wär's in der Welt nicht auszuhalten; die Affekte, die sie unbesonnen handeln lassen, seien das Salz, welches das Leben vor der Fäulnis schützt. Behaupten doch noch Weisere: wenn alle Menschen verständig wären und Charakter hätten, müsse die Welt vor lauter Reibung in Flammen aufgehen. Der Legationsrat von Wandel wollte heute gewiß nicht beobachtet sein. Er war in seinem Laboratorium, eine kleine, alte Küche nach dem Hofe hinaus, die, unbenutzt zum gewöhnlichen Gebrauch, an seine Zimmer stieß. Es war kaum nötig gewesen, die Fenster mit Matten zu behängen; durch ihre alle Farben schillernden, mit Staub und Spinneweben umzogenen Scheiben wäre kein Blick gedrungen. Hier durfte kein Diener Ordnung schaffen, keine Aufwärterin den Staub wegkehren. Es ward niemand eingelassen, außer bei besonderen Gelegenheiten der Assessor und Apotheker Flittner, der Geheimrat Hermbstädt und andre bekannte Chemiker. Aber dann hatte die Küche ein etwas verändertes Ansehen. Um irgendein glänzendes Experiment zu zeigen, waren Töpfe, Tiegel fortgestellt, es war der übrige Apparat mehr theatralisch geordnet. Auch wurden ein Gerippe und zwei Frauenbilder, die an der Wand hingen, beseitigt. Wahrscheinlich saß auch der Legationsrat nicht ganz in dem Kostüm wie heute vor der Retorte – in Hemdsärmeln, weiten Unterbeinkleidern, um den Kopf einen turbanartigen Bund gewickelt, auf der Nase eine große Brille mit Ohrenklappen und mit einem seidenen Halstuch, daß über die Lippen und halb über die Ohren ging. In dem einen Tiegel kochte ein Stoff. Er schob das Tuch höher und drückte den Turban tiefer in die Stirn, wenn er mit einem Span darin rührte, und neue Ingredienzien hinzutat. Alsdann schien er dem Kräuseln des Rauches, der sich in den Schlot verlor, mit Aufmerksamkeit zu folgen. Das erste Experiment mußte geglückt sein, das Residuum des Tiegels ward in eine Retorte getan, und der Legationsrat sah dem Entwicklungsprozeß des Gases mit einem stillen Vergnügen zu. Darauf deutete wenigstens der halb verzogene Mund und der schlaue Blick des halb schielenden Auges, während er auf dem Schemel zurückgelehnt saß, ein Bein über dem andern wiegend. Sein Blick fiel aber auch auf die beiden Frauenbilder. Wie er mit den Augen zwinkerte, schien er mit ihnen ein eigentümliches Gespräch zu führen. Seine Lippen bewegten sich, er gestikulierte mit den Händen. Ein Diagnostiker hätte vielleicht bemerkt, daß ihm die Unterhaltung einige Anstrengung kostete. Wenn er noch schärfer sah, würde er aber auch bemerkt haben, daß Wandels Absicht war, sich zu etwas zu zwingen, was ihm Pein verursachte. Es gibt eine Wollust, die auch den Schmerz aufsucht. Die beiden Bilder waren in Wasserfarben, beide schöne Frauengesichter. Die Ältere, blaß und kränklich, hatte einen schmachtenden Blick, die jüngere, Nußbraune, schaute mit ihren funkelnden Augen kecker in die Welt hinein. Wandel schien sich lieber mit der Älteren zu unterhalten, als einer genaueren Vertrauten. Wohl nickte er der jüngeren und warf ihr eine Kußhand zu, aber es war, als ob er das Funkeln ihrer Augen nicht lange ertrug. Er schlug zuweilen seine Augen nieder. Beide waren unzweifelhaft Schwestern, dem wohlhabenden Stande angehörig, wie ihre reichen Kleider, nach der Mode der vergangenen Jahrzehnte, andeuteten. Seine Lippen flüsterten Laute, freilich nur für die Geister, welche im Sonnenstrahl als Stäubchen sich schaukelten, aber auch der Dichter darf sie hören: Schöne Molly, warum ließest du nicht den Vorwitz! Deine Kohlenaugen funkelten vielleicht noch, munterer als auf dem Bilde, und dein Leib wäre so wonnig und voll, denn du hattest Anlage zum Embonpoint, als deine arme Schwester da täglich magrer und dürrer wird. Wenn ich nicht mit Draht hülfe, fiele sie auseinander. – Arme Angelika, dir konnte ich nicht anders helfen. Hadre mit der Natur, daß sie dir keinen bessern Brustkasten schuf. Du dankst mir auch, daß ich deine Schmerzen schneller endete. Ja, ich weiß es, Angelika, wir sind Freunde geblieben – wenn die Wolke durch den Mond streift, und du mir im Nebelgeriesel einen feuchten Kuß auf die Wange hauchst, es ist ein Kuß des Dankes und der Liebe. – Ich versichere dich auch, ich habe dich geliebt. Du warst sanftmütig, voller Ergebung, eine Schwärmerin freilich, aber klug genug, von einem Manne nicht mehr zu fordern, als er geben kann. Ein Mann hat viele Ausgaben, das sahest du ein. Und darum dein schönes Testament, das wahrhafte Zeichen einer schönen Seele, obgleich ich gestehen muß, daß ich es eigentlich diktiert hatte. – Um dieses Testamentes willen wirst du mir ewig unvergeßlich bleiben! – Nein, ohne Spaß, das andere seitdem ist alles Spaß, du gabst alles für mich auf, in Brüssel deinen Mann, in Paris dich selbst. Mit solcher Aufopferung, Entsagung, solchem Fanatismus hat mich keine geliebt. Um deswillen versprach ich dir, was du in der Fieberhitze des Totenbettes fordertest – das letzte heilige Gelöbnis, dich auch im Tode nicht von mir zu lassen. Vernünftige Menschen würden es eine unsinnige Plackerei nennen! Ich habe dich verstanden – nicht dein Geist, das ist eben Alfanzerei! – aber deine Materie, was sich von dir erhalten ließ, soll mich umschweben. Ein bescheidener Platz am Nagel. Nein, mehr. So hast du meinen Mut geliebt, der sich nicht scheute, dich schneller ausleben zu lassen, du wolltest, daß ich an diesem Anblick die Nerven immer stähle, wenn sie schwach würden, immer mehr Herr über jene Empfindungen würde, die der Mensch sein Erbteil nennt. Wenn du deine Augen aufschlagen könntest! Wie hat das Rézipé gewirkt. Ich schüttle deine Hand, klapperndes Gebein. Ich fürchte mich nicht vor dir, vor nichts! Und doch schienen seine Knie beim Niedersetzen nicht ganz so fest, als das Totengerippe an der Wand noch hin und her rasselte, bis es die vorige Ruhe gewonnen. Er biß sich in die Lippen. Dann schlug er das Auge zum anderen Bilde auf: Die Schelmin! – Noch sehe ich dich, du allerliebstes Geschöpf, wie ich dich am Schlüsselloch ertappte. War es denn Lüge, als ich dir die Kehle zuhielt und den Mund mit Küssen erstickte? Ich liebte dich ja, das war Wahrheit. Nur dir zuliebe hätte ich's! Was ging's dich an, ob das auch Wahrheit war? – Du wardst glücklich, selig in meinen Armen. Die tote Schwester hinderte es so wenig, als die kranke es gehindert hatte. – Sie wußte es, sie hat sehr viel gewußt, ehe sie starb, und mich darum nicht minder geliebt. – Eine Närrin, Molly, eine abscheuliche Törin warst du, du hättest noch lange glücklich sein können, wer weiß wie lange! Denn du hattest die Kunst, dich zu konservieren, du wärst witzig geblieben und hättest meinen Geist aufgefrischt – ich hätte es dir wirklich nachgesehen. Aber du bekamst Gewissensbisse – Torheit, es war zu spät, meine liebe Molly; es war auch nur die Angst, daß es dir wie Angelika erginge. Das wollte ich dir verzeihen, liebes Mädchen, aber so dumm zu sein, daß du es nicht bei dir behieltest, daß du es mir in einer schwachen Stunde vertrautest! Das war die größte Sünde, die der Mensch begeht, die Sünde gegen sich selbst, und du mußt gestehen, das verdiente schon die Strafe. Nachher ward der kleine Schelm pfiffig. Allen meinen Küssen, Seufzern widerstandest du, du wolltest kein Testament machen. Ich verdenke es dir nicht. Es verlängerte dein Leben, und mich zwang es zur Verschwendung. Mußte ich nicht meine ganze Liebenswürdigkeit auf dich ausschütten, mußte ich nicht allen zarten Saiten meines Daseins süße Töne entlocken, um dich nur zum Schweigen zu bewegen? Mein Kind, das hat mich viel Anstrengung gekostet, denn du warst mir sehr gleichgültig geworden, und mir entging darum eine schöne Irländerin, auf die ich mein Aug geworfen. Nachher schwiegst du nicht – du schriebst einen Brief – du schriebst dir selbst dein Urteil – darüber kannst du nicht klagen. Aber ich – Er verzog das Gesicht und ballte die Faust gegen das Bild: Der Brief – den ich fand, ist zu Aschenstäubchen aufgelodert, aber es stand darin von einem andern Briefe, der meiner Wachsamkeit entschlüpft war – Molly! Molly! – Sein Gesicht bekam einen furchtbar häßlichen Ausdruck: die Zähne fletschten zwischen den zurückgekniffenen Lippen wie Hauer eines Ebers, die Augen sprühten das grünliche Feuer ein wilden Katze. Aber der Paroxysmus der Wut und Angst war schnell vorüber, die aschgraue Urnenruhe lagerte sich wieder auf dem gelben Gesichte, die Finger entklammerten sich. – Possen! In einem Dutzend Jahren und nicht zum Vorschein gekommen! Feuer – Regengüsse – Feuchtigkeit – Staub und dünnes Briefpapier! – Lacht ihr, daß ich mich zuweilen ängstigen kann! – Mes dames! was wollen Sie? Ich beweise Ihnen ja das vollste Vertrauen. – Ja, Sie sehen alles. Sie brauchen jetzt durch kein Schlüsselloch zu observieren, ich verhänge nicht einmal Ihr Gesicht. Was verlangen Sie mehr? Einige Galanterie? – Mes dames de Bruckerode, je vous assure, que tout ce que vous voyez n'est que moutarde après diner, rien qu'un dessert maigre après un repas délicieux. Meine Damen Bruckerode, ich versichere Ihnen, alles was Sie sehen ist nichts als Senf nach dem Essen, nichts als ein dürftiger Nachtisch nach einer köstlichen Mahlzeit. – Wirklich, Angelika – das waren andre Zeiten, andre Genüsse, voller Empfindung, Sympathien, Leidenschaften. Was ist es jetzt? Asche! Damals glühende Kohlen! Kalkulatorische Geschäfte! Wo sind deine süßschmollenden Lippen, meine Molly? So etwas gibt es nicht mehr. Deine ängstlichen Blicke, als du die Schokolade trankst, ich mußte vorher nippen und dann, oh, das war Wonne! Oh, und du, meine Angelika, du hattest nicht genippt. Fest mich anblickend, ohne Angst, Vorwurf, nur das tiefe Seelenverständnis im Auge, leertest du die Schale, und drücktest mit der feuchten, kalten Hand meine. Du hattest mich verstanden, ich dich. Ils sont passés, ces jours de fête ! »Schönen guten Morgen, mein lieber Herr Geheimer Legationsrat!« unterbrach eine heisere Baßstimme diese Schwärmereien des Einsamen, und vor ihm stand der Kaufmann van Asten. Es war so – keine Erscheinung der Traumwelt. Der alte van Asten war der letzte Mann, der in ein Traumgewebe gepaßt hätte. Trotz seiner schweren rindsledernen Schnallenschuhe war er unbemerkt durch die beiden Zimmer gekommen und drückte jetzt die Tür hinter sich zu, während dem Legationsrat die Binde vom Kinn rutschte und er, aufspringend, an der Lehne des Stuhles sich hielt. »Na, wie geht's Ihnen denn, mein lieber Herr von Wandel? Haben sich ja so lange nicht sehen lassen. Ist das Freundschaft?« Der Turban und die Brille waren vom Kopf des Legationsrates verschwunden, eine Operation, die ihm Zeit ließ, seine Fassung wiederzugewinnen. So war es; man merkte nichts von Bestürzung, kein Zittern mehr, es war das feste, eiskalte Gesicht mit den durchforschenden Augen, als der Legationsrat den Kaufmann anredete. »Wie kommen Sie hierher?« »Durch die Türe. Herr Legationsrat hatte vergessen, den Schlüssel umzudrehen. Sehen Sie mal, liebster Herr von Wandel, in unsern unsichern Zeiten! Wieviel Gesindel schleicht um. Hätten ja Ihr Sofa forttragen können. Sie hätten's in Ihren Meditationen nicht gemerkt. Aber ich habe hinter mir zugeschlossen; wir können jetzt ganz sicher sein.« »Tausendmal Vergebung, mein teuerster Freund, daß Sie mich in diesem Kostüm und hier – Kommen Sie in meine Wohnung. Diese unerwartete Freude –« Er wollte ihn unter den Arm fassen; ebensoschnell aber hatte der Kaufmann einen Schemel vor die Tür gestellt und darauf Platz genommen. Wo van Asten einmal Platz genommen, hätte es anderer Kräfte bedurft, ihn wieder fortzubringen. Breitbeinig saß er, die Füße fest auf den Boden, die Arme auf den Stock gestützt. Der Stock schon hatte etwas Respektgebietendes, er schien mit Blei ausgegossen, als er auf die gebrannten Fliesen sank. »Werde mich ja nicht unterstehen, Sie zu derangieren. Wo ich Sie finde, sind mir Herr Legationsrat lieb. Und Geschäfte sind Geschäfte.« »Die können warten!« »Wenn Sie nun auf dem Sprunge ständen, den Stein der Weisen zu finden. Da kommt's auf den Augenblick an. Silberblick heißt's ja wohl? Müßte ich mir den Vorwurf machen, daß ich die Menschheit um eine köstliche Erfindung betrogen hätte.« »Wie Sie wollen!« sagte Wandel und nahm auf dem Stuhle Platz, so nachlässig, wie seine innere Aufregung erlaubte, den Rücken dem Herde zugekehrt, ein Bein über das andre streckend. Wie der Kaufmann in seiner Positur dem Rat den Weg durch die Tür versperrte, schien dieser den zum Herde zu verbarrikadieren. »Den Stein der Weisen suchen nur die Toren, und Gold –« – »Hat ein Philosoph nicht nötig. Und was Sie sonst präparieren, geht mich nichts an. Im Geschäft Geheimnisse unter Brüdern.« »Doch nicht unter uns, Herr van Asten«, lächelte der Legationsrat. »Sie werden mich auslachen. Ich versuche, eine kostbare Schminke zu präparieren.« »I, sehn Sie mal! – Sind eben aus Paris auf der Stechbahn ganze Kisten angekommen. Erschrak, wie ich bei Herrn Arnous den Preis auf dem Kontokorrent las.« »Eben deshalb versuche ich, ob ich diese sogenannte Josephinenschminke billiger nachbilden kann. Die vornehmen Damen sind wie toll danach, der Preis ist nur zu exorbitant. Sie soll, doch das will ich erst versuchen, einen angenehmen, natürlichen Duft verbreiten, ohne der Haut schädlich zu werden. Deshalb haben die ersten Chemiker der Akademie sich für die Kaiserin Josephine an die Aufgabe gemacht. – Torheiten, nicht wahr, Herr van Asten, aber was wäre das Leben ohne Torheiten! Ich habe die Schwäche, daß ich meinen Freunden und Freundinnen zu gefällig bin; aber ich plaudre nicht gern davon, wenigstens nicht, bis es geglückt ist. Es ist auch eine kleine Überraschung damit im Spiel. Darum, auf Ihre Verschwiegenheit rechne ich.« »Wie auf den Tod. Sie sind ein braver Mann, Herr Legationsrat.« Der Kaufmann ließ seine Augen im Laboratorium wandern. »Was sind denn das für Frauenbilder?« »Wären Ihnen die Züge vielleicht bekannt?« fragte Wandel, ihn scharf fixierend. »Kam nie aus Berlin heraus. Aber das sind keine deutschen Frauenzimmer.« »Welcher Kennerblick! Die Ältere eine Schwedin, die Jüngere eine Italienerin.« »So! so! Ich hätte sie für Schwestern gehalten, und sie kommen mir so niederländisch vor. Sie müssen nämlich wissen, ich bin auch aus flämischem Blute.« Der Legationsrat verzog faunisch das Gesicht: »Ich strenge mich vergebens an, eine Ähnlichkeit zwischen Ihnen und den Damen zu entdecken.« »So wenig, als zwischen mir und dem Skelett da. Wollen Herr Legationsrat das etwa auch schminken? – War auch wohl eine Dame?« »Ich fahre es mit mir zu anatomischen Studien. Schon seit länger. Ich kaufte es einmal von einem Totengräber, ich erinnere mich wirklich nicht, wo.« »Gleichviel! Der Tod ist jetzt umsonst und Leichen wohlfeil. Aber die italienische und die schwedische Schwester, das müssen ein paar hübsche Mädchen gewesen sein. Gönne es Ihnen, Rekreations der Jugend, geht mich nichts an.« Die umschweifenden Blicke schienen je mehr und mehr den Legationsrat in eine unbehagliche Spannung zu versetzen. Er kämpfte sichtbar mit einem Entschluß, der ihm ebenfalls schwer ward, aber es brach heraus: »Was verschafft mir die Ehre Ihres Besuchs?« »Eine kleine Geschäftssache.« »Welche, teuerster Freund? Doch nicht –« »Ein kleiner Wechsel –« »Richtig!« Der Legationsrat schlug sich an die Stirn. »Der ist aber erst in acht Tagen fällig!« »Freut mich, daß Sie sich so genau erinnern. Ich habe immer gesagt, Sie sind ein prompter Mann. Ja, in acht Tagen fünftausend Taler.« »Die Sache ist mir sehr erinnerlich – zu Ende der Hundstage, aber ich glaubte, Sie hätten die Bagatelle längst abgegeben.« »Auch geschehen, mir aber wieder zurückzediert. Hat viele Herren gehabt; das macht sich wohl so im Geschäft.« Als der Kaufmann sein Taschentuch aus der Brust zog, wobei er aber etwas sorgsamer zu Werke ging als an jenem Abend, wo er die Wechsel vor dem Rittmeister auf den Tisch ausstreute, fiel Wandel ihm ins Wort. »Aber lassen wir das nachher. Die Sache ist ja kaum der Rede wert. Wie geht es Ihnen jedoch? Sie sehen nicht ganz wohl aus. Daß die Partie Ihres Herrn Sohnes rückgängig ward, konnte Sie doch nicht tuschieren. Er ist im Gegenteil in sich gegangen und hat beim neuen Minister eine kleine Stellung angenommen. Ich pariere, er wird ein vernünftiger Mensch werden.« »Kann sein. Söhne kosten immer Geld, so oder so, ob sie vernünftig sind oder toll.« »In jenem Zustande wird er auch die vernünftige Partie, welche ein geliebter Vater für ihn ausgesucht, nicht länger von der Hand weisen.« »Kann sein, kann auch nicht sein. So oder so. Hilft auch nichts, wenn Krieg wird. Es weiß niemand, wo den andern der Schuh drückt, mein Herr Geheimer Legationsrat.« »Ich bin simpel Legationsrat«, lächelte Wandel. »Sie sind ein geborner Geheimer. Ja, wenn Sie das wüßten, Sie müßten aber noch mehr wissen.« Wandel hatte unverwandt das etwas schwer zu studierende Gesicht des Kaufmanns beobachtet und glaubte darin gelesen zu haben, was ihm Ruhe gab. Der Mann war innerlich bewegt. Plötzlich griff er nach seiner Hand oder vielmehr nach dem untern Arm, es ist aber möglich, daß der treuherzige Freundesdruck auch der Wucht des Stockes galt, den er mit dem Arm schüttelte und sehr schwer fand. Mit einer Stimme, der Widerhall eines vollen Herzens, sprach er: »Herr van Asten, Sie drückt etwas. Ich bedaure, daß es mir nicht gelungen, Ihr volles Vertrauen zu erwerben. Könnten Sie an der Brust eines Freundes Ihren Kummer ausschütten, schon das würde Sie erleichtern. Ein unbefangener Freund sieht aber oft klarer und Auswege und Mittel, die dem selbst Bedrängten entgehen. Mein Gott, sollte der drohende Krieg – aber ich schweige –« Mit voller Ruhe erwiderte der Kaufmann: »Geheimes will ich Ihnen gar nicht sagen, aber was die ganze Börse erfahren hat, das können Sie auch wissen. Wir hatten für zehntausend Taler Weine aus Bordeaux bestellt –« »Wir? – Ah, das ist das kleine Kompagnongeschäft mit Seiner Exzellenz. Sie exportieren dafür Holz und Bretter von Seiner Exzellenz Gütern.« »Wissen Sie das auch? – Schadet nichts.« »Das Schiff muß jetzt in Stettin angekommen sein.« »Ist! – Mit Weinen, delikaten Weinen – volle Ladung zum Wert von hunderttausend Talern unter Brüdern.« »Hunderttausend! Eine Null zu viel.« »Da liegt es, das Geheime, mein Herr Legationsrat. Nur eine einzige Null zuviel bei der Bestellung. Der Kasus ist klar – ein Schreibfehler. Wer ihn beging, ist gleichgültig. Der Zufall kann einen Artillerielieutenant auf den Kaiserthron bringen und der Zufall ein großes Reich stürzen, warum nicht auch ein großes Handlungshaus.« »Es beweist nur, welchen Kredit Ihre Firma in Bordeaux haben muß.« »Es beweist, daß einem auch der Kredit den Hals zuschnüren kann.« »Ich begreife Ihre Lage, die Ware ist für den Augenblick nicht abzusetzen, sie übersteigt weit den momentanen Bedarf. Alles schränkt sich ein. Indes wird jetzt Ihr Kredit sich beweisen. Ihre Freunde werden sich zeigen.« »Haben sich schon gezeigt.« »Sie werden Ihnen beispringen.« »Sind schon gesprungen. Kommen lauter kleine Wechselchen zurück. Werden noch mehr kommen.« »Exzellenz der Minister –« »Pst! Exzellenz sind ja kein Kaufmann, lassen mich nicht vor. Verdenk's ihnen auch nicht, sind ja nicht in die Gilde eingeschrieben. Wollten nur gelegentlich eine kleine Chance mitmachen. Alles kordial, mündlich. Setzten großes Vertrauen in mich, was ich sehr ästimiere. Wenn wir den Profit gemacht, war's ja beim alten van Asten, ob er die Hälfte auszahlen wollte. Verklagt hätte er mich nimmer.« »Aber er setzte den Wert seiner Hölzer aufs Spiel.« »Wird kein Narr gewesen sein! Auf Höhe dessen hatte er sich vorher auf mein Haus in der Spandauer Straße intabulieren lassen. Jedes Kind sieht nun ein, daß ich mit Exzellenz nicht die Schuld eines Schreibfehlers halbieren kann, und Exzellenz haben zwar einen vortrefflichen Magen, aber die Hälfte von meinem Wein trinkt auch er nicht aus.« Eine Pause trat ein. Der Legationsrat blickte mit verschränkten Armen vor sich nieder: »Ihre Lage ist traurig, aber nur wer sich selbst aufgibt, ist verloren. Die Weine unter dem Steuerverschluß, gleichviel ob hier oder in Stettin, sind ein totes Kapital, welches das größte Haus ruinieren könnte. Darüber täusche ich mich nicht; täuschen Sie sich auch nicht, mein Freund. Wechselprolongationen auf den Kredit eines einmal erschütterten Hauses, Moratorien, die Ihre Gönner Ihnen verschaffen möchten, sind mißliche Auskunftsmittel. Selbst müssen Sie sich helfen.» »Ich denke schon daran.« »Nichts Kleines. Um Gottes willen das nicht. Ein Verschwender, der die Groschen zusammenzuscharren anfängt, ist verloren. Er muß aufs neue verschwenden, um die Verschwendung zu verstecken. Das tote Kapital muß flüssig gemacht, der Wein ausgetrunken werden. Das können Sie durch Ihre Verbindungen – ich sage Ihnen, es ist möglich.« Der Kaufmann sah ihn pfiffig an: »Etwa eine Kabinettsorder extrahieren, daß jedermann zur Stärkung seiner Gesundheit täglich ein Viertelchen Medoc trinken soll? Medoc ist nicht Salz, Herr Legationsrat.« »Noch heut das ausführbar, was unter Friedrich dem Großen noch möglich gewesen wäre. Aber andres ist ausführbar – größeres – erschrecken Sie nicht; man könnte indirekt die Leute zwingen, wenn man direkt auf das höchste Ziel lossteuert. Wäre Ihr Medoc nicht ein Kapital, das zwei-, dreihundert Prozent eintrüge, wenn Sie es an einer Nordküste lagern hätten, wo Napoleons Kontinentalsperre schon Kraft hat? Wird die Schiffahrt geschlossen, sind Sie wieder ein Krösus.« »Alle Zeichen deuten, daß wir Krieg anfangen.« »Alle Zeichen sind trügerisch, wo kein Wille ist. Noch schwankt die Waage. Die Kriegspartei scheint nur schwer, weil die Stimmen der Schreier das Feld behaupten. Mit Geschick ließen sich Stimmen gewinnen, die diesen Offizieren und Gelehrten die Wahrheit sagten, wohlverstanden, im Interesse des großen, wohlhabenden Bürgertums. Abschreckende Gemälde von den Drangsalen eines Krieges, wie er auf alle Stände zurückwirkt, Handel, Industrie, Ackerbau auf Jahrzehnte zurückbringt. Ihnen vorstellt, wie auch im günstigsten Falle der Bürger durch den Krieg nichts gewinnt als erhöhte Abgaben! Die Kriegspartei ist tätig mit ernsten und Spottliedern, mit Pasquillen, mit fulminanten Tiraden! Warum werfen die Freunde des Friedens nicht einige Tausende zum selben Zwecke hin, an die Zeitungsschreiber, die Journalisten. Man kann viel damit machen, ich versichere Sie.« Der Legationsrat mußte schnell an den glotzenden Augen des Kaufmanns bemerken, daß er ihn auf ein Terrain geführt, wohin dieser ihm nicht folgte: »Die Schriftsteller machen nicht den Krieg.« »Sie haben recht, man sagt, die Kabinette machen ihn. Wer sind die Kabinette? Menschen mit Neigungen, Schwächen, Leidenschaften, Ansichten. Balancierend hierhin, dorthin; bald auf die Stimme der Furcht, der Vorliebe, zuweilen auf die des Publikums hörend. Ihr gütiger Monarch will nicht den Krieg, das Kabinett auch nicht. Er wird beiden aufgedrängt von den leidenschaftlichen Parteien, vom Interesse früher alliierter Mächte. Preußen steht aber jetzt allein. Diese Alliierten sind innerlich erbittert, ihre Beihilfe zweifelhaft, der Krieg kann sehr unglücklich ausschlagen. Die Kabinettsräte sehen es ein, der König möchte den Frieden erhalten, und wenn sie doch das Wort Krieg aussprechen, ist's, weil sie gezwungen werden, weil sie keine Unterstützung gegen die jungen Schreier und Fanatiker finden. Mein Herr van Asten, warum treten denn nicht die Patrioten zusammen, ich meine die, welche Mittel haben, warum unterstützen sie nicht das Kabinett? Das ist noch möglich. Fragen Sie sich doch, was es gilt? Bleibt Friede, bleibt er nur durch eine Allianz mit Napoleon, es gibt nichts Drittes. Krieg mit ihm oder Anschluß. Im letzten Falle Beitritt zu seinem Kontinentalsystem, die Häfen sind gesperrt, und Ihr Bordeauxwein, ohne Konkurrenz, ist wenigstens dreihunderttausend Taler wert. Nun rechnen Sie, wenn Krieg wird, wenn es nur bleibt, wie es ist! Ihr Wein ein totes Kapital, Ihre Gläubiger lebendige Quälgeister, Ihr Haus erschüttert, vielleicht – Man schätzt Sie auf über zweihunderttausend, wenn indes Ihre Aktiva nichts werden, Ihre Passiva – ich schweige davon. Aber in solchem äußersten Fall muß der Mann das Äußerste wagen. Und sind Sie allein in dem Falle? Verabreden Sie sich, schießen Sie zusammen. Lucchesini, Haugwitz, Lombard, sie alle sind ja zugänglich, die freundlichsten Männer. Sie erwarten ja nur, daß man sie unterstützt, gewichtige Stimmen aus dem Publikum. Schaffen Sie, womit man Ihnen hilft, um den Schreiern den Mund zu stopfen. – Mit hunderttausend Talern übernehme ich's.« Der Kaufmann verstand jetzt, aber er war sichtlich von einer Vorstellung betroffen, die ihn schwindlig machte. Das Argument des Legationsrates hatte etwas Verführerisches, die Verhältnisse waren, wie er sie schilderte, aber er erschrak zuerst vor dem Gedanken, daß ein einfacher Bürger sich unterfangen dürfe, in das Schicksal eines Staates einzugreifen, dann, daß er dies sein könnte; zuletzt, wenn er die angenehme Maske von der Sache fortzog, erschrak er, denn was war die patriotische Operation –? Van Asten war ein rechtlicher Mann. »Mein teuerster Herr!« sprach der Legationsrat wieder mit der gewohnten Überlegenheit des vornehmen Mannes, und auch sein Kostüm hinderte ihn nicht, die Situation, die er liebte, einzunehmen, ein Bein über das andere, den Hinterkopf mit der Lehne, die Finger der rechten Hand mit sich selbst spielend. »Mein teurer Herr, wenn wir uns doch gewöhnten, die Verhältnisse zu betrachten, wie sie sind. Was sind die Menschen in ihrer Massenhaftigkeit anders als Herden zweibeiniger Geschöpfe, bestimmt, von anderen, die klüger sind, geleitet zu werden. Sie wären ja wie die Schafe, unglücklich, wenn sie keinen Bock hätten, der ihnen vorspringt. Oder huldigen Sie dem Perfektibilitätsglauben, daß dieses Konvolut von Dummköpfen einmal Vernunft bekommen kann? Daß sich dann alles von selbst machen werde, was jetzt die Gescheiten für die andern denken und abtun? Nicht einmal zu der Einsicht kommen sie, trotz der Erfahrung von so viel tausend Jahren, daß sie nicht klüger werden, als die vor ihnen waren. Lieber Herr, ich bitte Sie, wo hat die Menge denn ein Urteil, nur über die gewöhnlichsten Dinge? Sehn Sie ins Theater, wie sie ängstlich werden, bis eine Autorität den Mund auftut, damit sie sein Urteil nachsprechen können. Verständigen wir uns doch nur darüber, was sind sie denn weiter als unsere Packesel; und darüber ist allein die Frage, wer ihnen seine Last aufpackt und wer den Esel schlägt. Wozu stifteten sie Freimaurerorden, Gemeindeordnungen, eleusinische Geheimnisse, Konstitutionen, als zur Handhabe, wie man einen Lastträger am besten dressiert: die Fahne, die Feuersäule, das Schibboleth, darauf kommt's ja nicht an. Als der Herrschaft der Könige in Frankreich das Garaus gemacht schien, wäre nichts dagegen zu sagen gewesen, denn daß das Volk sich selbst beherrschen sollte, war nichts als eine schöne Chimäre, wenn nur die klugen Leute, welche die Könige vom Thron gejagt, sich untereinander verständigt hätten, wie sich in die Macht teilen! Das ist das Unglück, daß die Klugen darüber nie ins klare kommen. Fragen wir uns: Wer hat denn überhaupt in der Welt geherrscht? Einige wenige Könige, die Genies waren oder Feldherren aus Passion; das waren seltene Ausnahmen. In der Regel waren es kluge Minister, schlaue Favoriten, noch schlauere Mätressen. Sie herrschten um so sicherer, je feiner sie es zu verstecken wußten. Oder wollen Sie nach Klassen gehen? Die Hohenpriester fingen an, dann kamen die Könige, dann militärischer Adel, dann Priester, Könige und Feudalritter im bunten Gemisch, bis die Könige wieder glaubten, das Oberwasser zu haben; da nahmen es ihnen die Philosophen. Das Schibboleth, früher Glauben geheißen, hieß nun Aufklärung. Wer weiß denn, wenn die Klugen inzwischen nichts anderes erfinden, ob der Mystizismus, der Pfaffenglaube die Herrschaft der Aufklärung nicht wieder ablöst! Dem Volke kann das ganz gleichgültig sein. Bei allem diesem Wechsel bleiben sie und werden bleiben, was sie von Anbeginn waren, Herden, Knechte, Sklaven, Kontribuenten für die Regierer; aber bei allem diesem Wechsel, mein teuerster Freund, ist nur das beständig, daß die Pfiffigsten das Heft in der Hand behalten. Nun sehe ich aber nicht ab, warum die reichen Leute nicht einmal den Priestern, Rittern und Philosophen das Geschäft abnehmen, warum sie nicht auch einmal pfiffig sein und regieren wollen? Sie ahnen nicht, mein werter Herr, welche Macht in Ihren Kontorstuben, Ihren Wechseln, in Ihren Federstrichen ruht, durch welche Sie Weltteile verbinden. Im vollen Ernst, Ihnen, den großen Kaufleuten, Fabrikanten, blüht die künftige Weltherrschaft entgegen. Sie haben die ersten Kenntnisse von allen Vorfallenheiten, mit einiger Umsicht berechnen Sie, was in der Welt gilt und gelten wird, Sie haben die Sprache, die alle Welt versteht, das Geld. Geld brauchen die Staaten zum Kriege, zum Frieden. Wenn Sie nur etwas abgeben, sich etwas verständigen wollten, etwas mit den ackerbautreibenden Herrschaften, etwas mit den Herren von der Feder, es braucht da nur kleine Aufmerksamkeiten und Gefälligkeiten, ein klein wenig auch mit den Ideen, welche, was man so nennt, beim Volke im Schwunge sind, so prophezeie ich Ihnen, Sie, die Herren von der Industrie werden bald die wahre reelle effektive Universalmonarchie in Händen haben, wie die großen Handelsherren in dem kleinen Venedig ehedem, wie im großen England und im noch größeren Amerika jetzt schon und in Zukunft noch mehr. Sie, Teuerster, fingen ja schon an. Bravo! Ihre Associéschaft en commandite mit der Exzellenz war eine großartige Idee, nur muß man sich von den vornehmen Herren nicht übers Ohr hauen lassen. Wenn Sie geschickt agieren, haben Sie den Herrn ja noch jetzt in Händen, er muß jeden Eklat vermeiden, während Sie vis-à-vis de rien alles einsetzen müssen. Also Courage, für Frieden und Ruhe alles drangesetzt, Frieden und Ruhe, welche die Nation und Ihr König wünschen. Also, warum nicht frisch und kühn, ein Auge zugedrückt und in die Tasche gegriffen!« Herr van Asten griff auch in die Tasche, aber nur, um seine Brieftasche vorzuholen. Er war während der langen Rede wieder seiner Herr geworden: »Weil mir ein Sperling auf der Hand lieber ist als eine Taube auf dem Dache. Weil mein Fuß zu dick ist, um ihn in Diplomatenschuhe zu stecken. Weil ich auf glattem Boden nicht gehen kann und weil ich in der Schule gelernt habe, daß, wer besticht, ebenso ein Schurke ist, als wer Bestechung nimmt. – Hier ist ihr erster Wechsel.« Den Bleistift, welcher die Brieftasche verschlossen, zwischen den Zähnen haltend, zog der Kaufmann den Papierstreifen heraus. »In acht Tagen stehe ich zu Dienst«, entgegnete Wandel, mit einem Versuch zu lächeln. »Pressiert es so, Herr van Asten?« »Mich nicht. Glaubte vielleicht, daß es Sie pressieren würde, den Wechsel einzulösen.« »Zeigen Sie. Sollt ich mich im Datum geirrt haben!« Der Kaufmann hielt den Wechsel seitwärts in die Höhe. Sein Bein und Stock blieben die Barriere. »Sie haben ja wohl gute Augen. – Sehen Sie? Sie sehen vielleicht nicht alles. Ich auch nicht. – Die Schrift ist blaß. Herr Legationsrat, seit acht Tagen wird sie jeden Tag blässer, und in acht Tagen hätte ich einen weißen Papierstreifen in der Tasche. Ist das nicht kurios?« Wandel hielt die Hand vors Gesicht, um besser zu sehen. Plötzlich drehte er sich auf den Hacken um und sank auf den Stuhl zurück mit einem lauten Auflachen. Van Asten verlor keine seiner Bewegungen aus den Augen. »Das ist kurios.« »Nur kurios, Herr Legationsrat?« »Waren Sie besorgt, daß ich den Wechsel um deswillen nicht honorieren würde?« »Besorgt eigentlich nicht, Herr Legationsrat, ich ließ nur, als ich's merkte, vom Notar eine vidimierte Abschrift nehmen und den kuriosen Fall ad protocollum vermerken.« »Die Geschichte wird immer hübscher. Ich hatte damals eine sympathetische Tinte präpariert und tauchte wahrscheinlich aus Versehen die Feder beim Ausfüllen des Wechsels hinein. Wollen Sie gefälligst hergeben, der Schaden ist im Moment repariert.« Er stellte eines der Kohlenbecken vom Herde auf den Fenstersims. »Wie Sie wollen«, lächelte der vornehme Mann, als van Asten das Papier hinter seinen Rücken hielt. »Probieren Sie selbst, eine Sekunde leise über den Kohlendampf und die natürliche Schwärze ist wiederhergestellt.« Der Kaufmann besann sich einen Moment. Er schien seine Position nicht verändern zu wollen, bei der Operation am Fenster hätte er dem Rat den Rücken wenden müssen. Er überreichte ihm den Wechsel, von dem er ja eine vidimierte Kopie besaß, strengte aber jetzt womöglich seine Augen noch mehr an, jede Bewegung des andern zu verfolgen. Wandel fuhr nur leicht ein paarmal über das Kohlenbecken und reichte den Wechsel, ohne ihn selbst anzusehen, zurück: »Prüfen Sie jetzt selbst.« Die Schrift stand wieder schwarz da, aber das Papier schien sehr mürbe geworden. »Soll ich Ihnen vielleicht einen neuen Wechsel schreiben? – Sie scheinen etwas ängstlich. – Ich vergebe Ihnen, ein Kaufmann soll vorsichtig sein. Mit dem größten Vergnügen.« Er schob aus dem Winkel einen kleinen Tisch mit Schreibzeug hervor, bestimmt, um seine Notate bei den chemischen Experimenten zu machen, und – schrieb. Van Asten hatte zu dem Anerbieten weder ja gesagt noch nein. Er benutzte den freien Moment, sich umzuschauen. Es war ein stiller Sonntagnachmittag, das ganze Haus schien ins Freie ausgeflogen, er war auf der Treppe niemand begegnet. Im Hofe knarrte nicht der Brunnen, keine Stimme; man hörte nur das Zwitschern der Sperlinge, in der Küche das Picken des Holzwurms in dem alten Gebälk. Van Asten war auch ein mutiger Mann, aber ihm war eigen zumute, wenn sein Blick auf das Gerippe fiel, auf die eisernen Gerätschaften, die ebensoviel Waffen werden konnten. Waren nicht auch vielleicht auf dem Herde, in den Tiegeln und Destillierkolben geheime Waffen! Wenn der Koch mit dem Löffel daraus auf ihn spritzte, mochte nicht eine Essenz darin enthalten sein, die ihn betäubte, ihn selbst im Augenblick blaß machte wie die Schrift auf dem Wechsel? Waren nicht die Blicke, die der Schreibende seitwärts dann und wann auf ihn gleiten ließ, auch Waffen! Der Kaufmann stand hinter seinem Schemel, den daraufgestemmten Stock noch fester in die Hände pressend. An einer schwarzen Tafel standen mit Kreide arithmetische Figuren, darunter Berechnungen, die des Kaufmanns Aufmerksamkeit anzogen, große Zahlen addiert. An der einen Ecke: 80 000 + 15 000 – 40 Jahr p. p. + + + zu viel Summa: 95 000 – 40 Jahr p. p. + + + zu viel an der andern: 90 000 + 28 Jahr – Verstand. p. p. 90 000 180 000 + 28 Jahr – Verstand ??? Der Legationsrat war fertig und hielt ihm die Schrift hin: »Wollen Sie probieren – englische Immortelltinte, neueste Erfindung von Party – es ließe sich darin ein Geschäft machen. Um alle Simulation zu vermeiden, habe ich unter heutigem Datum akzeptiert.« »Wollen Herr Legationsrat noch gefälligst darunter notieren: Duplikat des an dem und dem akzeptierten Solawechsels.« »Wozu, teuerster Mann, wir tauschen die Papiere aus, und damit ist die Sache abgemacht.« »Möchte gern den ersten Wechsel auch behalten, nur aus Kuriosität, von wegen der sympathetischen Tinte. Geschieht Ihnen ja kein Schade dadurch, lieber Herr Legationsrat. Können noch, der Sicherheit wegen, hinzubemerken: Duplikat und so weiter, wodurch der Primawechsel außer Kraft gesetzt ist. Weiter nichts. Bin ein Raritätensammler und trenne mich nicht gern von Seltenheiten.« Wandel war in die Höhe gesprungen wie der Tiger beim Geräusch des herangeschlichenen Jägers. So funkelte auch sein Auge, als er krampfhaft die Stuhllehne preßte. Der Stuhl in seiner Hand hätte zur Waffe werden können, aber nicht gegen den, der ihm gegenüberstand. Die markigen Hände des Kaufmanns umklammerten den Stock, sein Kinn lehnte sich darauf, und seine hellblauen Augen fielen ohne Blinkern auf die gelbglühenden des andern. »Was wollen Sie noch?« fragte Wandel. »Sie haben noch einen Wechsel von mir akzeptiert, auf Höhe von zehntausend Talern.« »Der am vierzehnten Oktober fällig ist, mein Herr.« »Weiß es, wir könnten aber vielleicht noch ein Geschäftchen machen. Schreiben Sie mir noch ein solches Duplikat – der Wechsel wird auch blaß.« Wandel verkniff die Lippen. Nach einer Pause sagte er: »Wie Sie wünschen.« »Ist mir lieb, daß Sie so gefällig sind; den Verfalltag wünsch ich nur etwas anders. Schreiben Sie gütigst: akzeptiert zum ersten September.« »Herr! Das sind nicht vierzehn Tage.« »Weiß es.« »Das könnte mich derangieren.« »Würde mir sehr leid tun.« »Das ist unverschämt.« »Kann sein. Ein Kaufmann muß die Konjunkturen benutzen. Ist sich jeder selbst der Nächste, darin werden Sie mir recht geben.« »Ihre Gründe, Herr van Asten! Durch das Duplikat verschwindet jede Besorgnis wegen der Tinte.« »Gründe wollen Sie! Soviel Sie wollen: bis zum vierzehnten Oktober kann Krieg ausgebrochen, Sie können tot, bankerott, Sie können nach Asien und Sibirien gereist sein. Ich könnte Ihnen noch viel mehr Gründe sagen, der Hauptgrund aber ist, ich will mein Geld haben.« »Das ist ein sehr verständlicher, mein Herr van Asten. Wenn ich mich recht besinne, könnte ich mich dazu bestimmen lassen. Ich erwarte Rimessen aus Thüringen, die jeden Augenblick eintreffen müssen. Indessen, Kaufmann gegen Kaufmann – dies unbeschadet unserer Freundschaft –, was geben Sie für die Gefälligkeit?« »Die Wechsel fürs Geld.« »Und die Prima für die Antizipation?« Beide sahen sich durchdringend an. Beide waren Kaufleute durch und durch in dem Augenblick, die durchbohrenden Blicke wurden milder, die Drohung schmolz in ein Lächeln. Wandel schrieb auch den zweiten Wechsel um, und nachdem van Asten ihn sorgsam geprüft, tauschte er beide neue Wechsel gegen die beiden Primawechsel aus. Von dem geschraubten Ton vorhin merkte man nichts mehr. Die Unterhaltung floß noch einige Augenblicke über gleichgültige Dinge, wie zwischen Geschäftsmännern, die eine unangenehme Disharmonie durch freundliches Entgegenkommen verlöschen wollen. Van Asten versicherte, daß er ihre Differenz schon so gut wie vergessen habe. Wandel lobte es, wer erfolgreich leben wolle, müsse an die Zukunft und sowenig als möglich an die Vergangenheit denken. Auch vor Raritäten müsse man sich hüten, sie würden am Ende ein totes Kapital, in welchem unser Lebensstock immer sparsamer, dünner wird. »Da!« – er riß aus einer Lade unter der schwarzen Tafel eine Partie Papiere hervor –, »was habe ich davon, daß ich diese Assignate zwölf Jahre aufhob, eine halbe Million und darüber!« »Freilich jetzt nur Raritäten«, sagte nachdenklich der Kaufmann. »Kein Gläubiger ist mehr so dumm, sie für Aktiva anzusehen. Vor fünf bis sechs Jahren konnte man wohl noch etwas darauf erschwindeln.« »Fidibus, Teuerster! Zum Feueranmachen brauche ich sie.« »Über eine halbe Million! Na – sie werden Ihnen auch nicht so viel gekostet haben.« »Es kommt darauf an«, entgegnete der Legationsrat mit einem eigenen Zucken um die Lippen. »Was haben Herr Legationsrat denn da an der Tafel ausgerechnet? Taler und Verstand ist ein kurioses Additionsexempel.« »Phantasiebelustigungen! Vielleicht Geschäfte, die ich vorhabe.« »Das sind hohe Summen.« »Ich habe größere Geschäfte gemacht.« »Das Fazit des einen ist fünfundneunzigtausend, das des andern hundertundachtzigtausend ohne den Krimskrams dran von unbekannten und irrationalen Größen.« »Sie sind ein unbefangener Mann, aber von glücklichem Takt. Beide Geschäfte kann ich nicht zusammen machen. Es gilt die Wahl. Zu welchem raten Sie?« »Wenn ich hundertundachtzigtausend machen kann, ziehe ich sie fünfundneunzigtausend vor.« »Ich auch«, lachte der Legationsrat. »Nur habe ich die achtzigtausend so gut wie in der Hand; beim andern Geschäft aber sind Schwierigkeiten zu überwinden; es ist, würde der Engländer sagen, ein Steeplechase mit Hindernissen.« » Sie winden sich durch, Herr Legationsrat.« »Ich nehme es als ein gutes Omen an«, lächelte Wandel. »Wir scheiden doch als Freunde.« »Wie vorher.« Der Legationsrat hatte den Kaufmann bis zur Tür begleitet. »Nun sehen Sie, da wir als Freunde scheiden, und Sie sich so honett gezeigt, ist ein Dienst des andern wert. Sie haben mich gerettet, ich gesteh's Ihnen, für den Moment. Und aus purer Gefälligkeit! Der alte Asten ist aber kein Bettler. Er nimmt nichts umsonst. Also erstens dafür: tiefste Verschwiegenheit; von mir hört keiner eine Silbe. Zweitens eine Maxime – Ein Kaufmann darf nicht zu viel Spekulationen auf einmal vor sich haben. Wenn er zu lange wählt, entschließt er sich zu spät. Sieht er zu eifrig nach der Taube auf dem Dache, so fliegt ihm der Sperling aus der Hand. Merken Sie sich das; rasch zugegriffen. Und drittens ist mir schon lange für Sie was eingefallen. Machen Sie sich doch an Madam Braunbiegler. Das wäre eine Partie für Sie. So reich wie dick. Hundertzwanzigtausend unter Brüdern. Der alte Braunbiegler verstand's. Lauter solide Hypotheken und Pfandbriefe. Und die halbe Fabrik! Unter uns, hundertfunfzigtausend wenigstens. Und Sie mit Ihrer Chemie können das Tuch noch dünner strecken. Zugegriffen! Ein bißchen Schwierigkeiten, aber Sie kriegen sie.« Die Treppen dröhnten unter den schweren Tritten des Kaufmanns, er sah nicht mehr die Blässe auf dem Gesicht des Legationsrates; nicht, wie er in die Küche zurückwankte, nicht, wie er, an der Türpfoste stehenbleibend, das kalte Gesicht mit beiden Händen bedeckte. Da verließ ihn seine Kraft. Ihn schwindelte, es drehte sich um ihn wie im Kreise, die Bilder, das Gerippe, die Retorten. Er fletschte die Zähne, die Augen traten aus den Höhlen, er ballte die Faust gegen die Bilder: »Lachen Sie nur, mes dames de Bruckerode!« Dann wankten die Knie. Der starke Mann sank auf den Schemel, es war auch ihm zu viel gewesen. Die Retorte fiel von der Erschütterung vom Gestell und verschüttete ihren Inhalt in die Kohlen, der Staub wühlte auf, die Bilder bewegten sich, das Gerippe rasselte an der Wand. Zwanzigstes Kapitel. Eine Spinne in ihrem Netz gefangen . »Sie kommen so vergnügt von ihm?« empfing die Geheimrätin den eintretenden Legationsrat. Er sah allerdings anders aus, als wir ihn neulich verließen. In sorgfältiger Toilette und Coiffüre, ein Ordensband im Knopfloch, ein anderes, das sich unter dem Halstuch versteckte, schien er mehr zum Besuch bei Hofe als im Krankenzimmer ajustiert. Es ist indes zu bemerken, daß er seit kurzem seiner Kleidung eine Sorgfalt widmete, welche seine Freunde in der letzten Zeit vermißt hatten. Der Kleidung entsprach der heitere Gesichtsausdruck. »Wie haben Sie ihn gefunden?« setzte die Lupinus hinzu. »Wie meine Freundin mich findet – vergnügt.« Sie blickte ihn verwundert an. »Sie wissen, daß er in seiner Kollektion eine seltene Ausgabe des Horaz nicht besitzt, die mit verschlungenen Händen und einem Totenkopf unter dem Druckort.« »Leiden, Anfang des siebzehnten Jahrhunderts, Initialen von der und der Form«, unterbrach ihn die Lupinus; »ich habe es oft genug hören müssen. Er hatte alle Kommissionäre in Requisition gesetzt und große Summen geboten, immer umsonst.« »Und jetzt hat er sie.« »Wie ist das möglich! Sie selbst sagten, die Ausgabe wäre nicht mehr aufzutreiben.« »Um einem Sterbenden einen letzten heitern Augenblick zu machen, dünkt mich, ist alles möglich und – erlaubt.« »Erlaubt!« wiederholte die Lupinus betonend und blickte ihn fragend an. »Es tut mir leid, daß Sie nicht zugegen waren. Wie seine Augen aufblitzten; er traute ihnen kaum und hatte auch gewissermaßen recht. Bekanntlich ward diese Ausgabe in Leiden während der schweren Belagerung der Stadt gedruckt. Die Setzer waren einer nach dem andern auf den Mauern gefallen. Die Typen wurden zu Kugeln umgeschmolzen. Aber der Faktor, der letzte in der Druckerei, hatte selbst sein Letztes daran gesetzt, diesen Horaz, die Ehre der Offizin, zu vollenden. Mochte dann die Freiheit, der Protestantismus, Holland, die Stadt Leiden untergehen, wenn nur die Leidener Horazausgabe für die Nachwelt lebte. Von allen seinen Typen, die schon als Kugeln um die Schanzen pfiffen, hatte er nur so viel sich losgebettelt, um den Titel noch zu drucken, er selbst Setzer, Drucker. Da, im Vorgefühl seines Schicksals, setzte er unter die Jahreszahl und das Wort Leiden einen kleinen Totenkopf. Nur eine geringe Zahl Exemplare hatte er abgezogen, da verließen ihn die Kräfte. Er sank um, mehr vom Hunger als von der Arbeit erschöpft. Die Soldaten drangen ein, auch die letzten Buchstaben fortzunehmen, als die Glocken der Stadt ertönten. Der Entsatz war gekommen. Leiden war frei, der Faktor starb zwar am selben Tage, auch der größte Teil der Bürgerwehr war von Hunger, Seuchen, Kugeln fortgerafft, aber er starb mit frohem Gesicht – seine Horazausgabe, Leidens Ehre, war gerettet. – Ist es nicht ein rührendes Kapitel aus der Geschichte der Menschheit? Erhebt es nicht das Gefühl, daß ein armer Setzer für eine Idee sein Leben daransetzte und glücklich starb!« »Allerdings, aber –« »Wer glücklich starb, hat glücklich gelebt. Es waren nur fünfundneunzig Exemplare des Titels mit dem Totenkopf gedruckt. Sie sollten das Ehrendenkmal für den Patrioten bleiben. Der Magistrat ließ die übrigen Titel mit einer Änderung abziehen. Auch sie sind von hohem Wert; die aber mit dem Totenkopf und dem Totenschweiß des Armen unschätzbar. Sie wurden an hohe Potentaten verschenkt, sie finden sich jetzt nur in den Königlichen Bibliotheken von Schweden – Gustav Adolf führte sein Exemplar im Felde immer mit sich –, England, Dänemark. Durch die Einnahme von Breda kamen mehrere nach Spanien. Man hielt es in Holland für eine große Kalamität. Bei den endlichen Friedensverhandlungen gab dies manchen Anstoß. Die Generalstaaten gaben sich umsonst alle Mühe, die Exemplare zurückzuerhalten. Später sind durch die Verführung des Geldes und die Macht des Handels auch Exemplare nach Amerika gegangen.« »Von daher haben Sie keins bezogen?« »Gewiß nicht, sie sind auch gar nicht mehr im Handel.« »Sie haben ihm ein nachgemachtes Exemplar gebracht?« Mit einem weichen Lächeln drückte er ihr die Hand: »Finden Sie das unrecht, Freundin, wenn ich seit Wochen ein solches Titelblatt nachbilden ließ? Es kostete Mühe, Druckerschwärze und Papier dem Braun des Altertums ähnlich zu vergelben, allein, die geschickte Ungersche Offizin überwand alle Schwierigkeiten. – Er ist so glücklich wie jener Setzer in Leiden, ein letzter Sonnenstrahl fiel in den Dämmerschein seines Lebens. Schadet es ihm, daß es nur eine Illusion ist! Was ist denn unser aller Glück anderes. Sind nicht alle unsere frohen Stimmungen auch nur das Produkt von Illusionen! Die frohen, meine Gönnerin, wie die bösen. Die Wahrheit finden wir nur in uns selbst, wenn wir alle Täuschung abgestreift.« »Ihre Leidener Geschichte, so rührend sie ist, erinnert mich nur zu sehr an die Kindheit des Menschengeschlechts. Über diese naiven Zustände von Ehre sollten wir doch hinaus sein!« Sie saßen auf dem Kanapee der halbdunkeln Stube. »Sollten!« rief er, sich in die Ecke zurücklehnend, »und wir sind immer nur Kinder wie am ersten Tag. Nur das Spielzeug wechseln wir, oft auch nur, wie es in Familien mit beschränkten Mitteln geschieht. Die Mütter nehmen ihren Kleinen die Puppen und Soldaten allmählich fort, an denen sie sich das Jahr durch sattgespielt, um sie ihnen frisch lackiert und neu angezogen zu Weihnachten wieder zu schenken. Die klügsten Kinder merken es nicht. So das ganze Menschengeschlecht. Nur die Erwählten kommen mit sich ins klare. – Ja, wenn sie so weit sind, wenn alle Nebel, Dämmerscheine, chromatische Täuschungen, Vorurteile gesunken, wenn sie wissen, ihre Kreise und sich selbst zu beherrschen, wenn sie sich das Zeugnis ablegen können, daß sie durch nichts sich beirren lassen, keine Mißgriffe tun, rein und grad auf ihren Zweck hinsteuern – dann – das muß ein Göttergefühl eigener Art sein.« Die Geheimrätin senkte in ihrer Sofaecke den Kopf: »Wer kann das von sich sagen!« »Ich kenne eine Frau, die das kann!« Er sah vor sich auf die Diele. Es war etwas Eigenes heut im Benehmen des Legationsrates. So weich sein Ton, so sanft vorhin sein Händedruck, so geschmeidig, fast herzlich sein ganzes Benehmen; aber er sah sie nicht an, er streckte nicht die Hand aus, um sie auf ihren Arm zu legen, er saß isoliert wie ein Träumer, und nur durch das Medium der Töne waren sie in Berührung. »Die Klügste kann sich darin täuschen!« Er schien es nicht gehört zu haben. Er legte den Arm auf die Lehne, und seine Finger hämmerten gedankenlos auf das polierte Ebenholz, während seine Augen jetzt an der Decke hafteten. »Mögen Sie sich immerhin momentan isoliert fühlen, was ist das gegen das beruhigende Gefühl, wie ein Gott in Ihren Kreisen gewaltet zu haben. Sind nicht, seit Sie mit sich klar wurden, Ihre Wünsche in Erfüllung gegangen; ich meine, ist nicht alles geschehen, was Sie für gut, für notwendig erachteten? Jenes undankbare Mädchen, das wirklich Ihr Lebensglück störte, mußte Sie verlassen, ohne daß Sie der geringste Vorwurf trifft. Man entführte sie Ihnen, die Menschen bedauern Sie sogar wegen der hinterlistigen Art, wie es geschah, ohne zu ahnen, welche Wohltat Ihnen damit widerfuhr. Damit wurden Sie zugleich die lästigen Gesellschaften los, die Sie hinderten, ganz sich selbst zu leben. Wie oft fand ich meine Freundin in Sorgen um das Schicksal des kränklichen Bedienten. Was stand dem armen Geschöpf bevor, sobald Sie sich seiner nicht mehr annehmen konnten? Bettelstab, Hospital! Da hat Gott seiner sich erbarmt, ihn zu sich genommen. Gott nimmt sich aber nur da der Menschen an, wo er ihren ernsten Willen, ihre angestrengte Tätigkeit sieht, sich selbst zu helfen. – Wie belohnten jene unartigen Kinder Ihre mehr als mütterliche Aufmerksamkeit! Ich darf Ihnen wohl sagen, man verdachte es Ihnen, daß Sie sich selbst diesen verwahrlosten Geschöpfen opferten. Man hielt es für eine Art Ostentation, man meinte, Sie wären auf die Sprünge der Fürstin Gargazin gekommen. Das sind die Urteile der Menschen! Kann ein Vernünftiger noch davor Respekt haben! Sie lernten nur zu bald, daß für diese Unglückseligen nichts Besseres sei, als – wenn auch ihrer eine unsichtbare Hand sich erbarme. Diese so früh verdorbenen Kinder wären ja unter der Aufsicht des nichtigen, läppischen Vaters, unter der Erziehung dieser Köchin in Grund und Boden verworfene Geschöpfe geworden. Und am Ende hätte Sie noch ein Vorwurf getroffen. Aber das Unkraut konnten Sie nicht mehr ausziehen, Sie nicht mehr Weizen säen. Verzeihung, daß ich so offen es ausspreche, auf die Gefahr hin, Sie zu beleidigen, die Kinder mußten sterben.« »Mußten –«, wiederholte mehr fragend als trumpfend die Geheimrätin. »Ja, teuerste Frau«, sagte er mit Nachdruck. »Ich habe es mir oft überlegt. Hätten Sie einen Vorteil davon gehabt, daß sie starben, wäre eine Erbschaft im Spiel gewesen, dann war es anders. Was jetzt die Leute sagen, darauf kommt es nicht an.« Sie schielte, innerlich bebend, zu ihm hinüber, wagte aber die Frage »Was sagen denn die Leute?« nicht über die Lippen zu bringen. »Die Geschichte der Medea halte ich für eine unglücklich erfundene Fabel«, fuhr er in derselben Ruhe fort. »Eine Mutter ihre Kinder schlachten, um ihren Geliebten zu retten! Das wäre eine Verirrung der Natur. – Ja, wer über diese Empfindungen hinaus ist; ich könnte mir eine Medea denken, ohne die brennende Glut des Südens, eine, deren Blut eiskalt geworden, eine Seherin des Nordens, die abgerissen, abgeschüttelt hat alle die Fibern und Blutadern, die sie mit den Lebendigen zusammenhalten, eine Norne, welche im ehernen Becher die Lose der Menschen schüttelt; wer fallen muß, der fällt, sie kann nicht weinen, sie kann nicht lächeln, es muß. – Sind wir nicht alle auf diesen Prozeß angewiesen, ist es nicht der natürliche des Daseins? Das Blut wird mit den Jahren kälter, was uns in der Jugend entzückte, gleichgültig. Unsere Träume, Phantasien, Projekte belächeln wir. Werden die Menschen mit Runzeln liebenswürdiger? Wir erkennen ihre Schwächen, die Ideale sind längst gesunken, ihre Eigenheiten treten heraus, sie werden uns widerwärtig. Nein, nicht widerwärtig, Freundin, nur gleichgültig. Wir hören eine Todespost verwundert an: Hat der noch gelebt, wir dachten, er sei längst tot! Wir sterben mit, wo alles um uns stirbt, und lassen darum sterben, was nicht leben kann! Einer weniger, der anderen in die Quere kam, einer weniger, der mit verbrannten Flügeln nach der Sonne flattern wollte! Wem sind sie denn nicht verbrannt? Wir sind allezeit bereite Totengräber – aus Mitleid, Adepten der Notwendigkeit. – Das ist weit natürlicher als die andere Erklärung, daß wir's aus Neid wären, aus Haß, Haß gegen die ganze Menschheit. Ist denn die Menschheit wert, daß wir sie hassen? So wenig als unsere Liebe. Allerdings lehrt uns der Instinkt, zu stechen, wo wir gestochen werden. Sticht uns ein Größerer, stechen wir den Kleineren. Dagegen ist nicht anzukämpfen, es ist das Naturgesetz der Kreatur. Wo wir's überwinden, ist Unnatur; die Verweichlichung der Moral, die wir umsonst Religion taufen, es bleibt Verkehrtheit, die sich rächt. Aber nur nicht aus Haß, Erbitterung; wir spielen mit Tod und Leben, wie man mit uns spielt; die Folterschrauben, die man uns ansetzt, probieren wir an andern, um zu erfahren, wieviel ein Mensch aushalten kann. Das führt zu einem Ziele; der Haß ist immer eine irrationale Potenz, die ins wüste Blaue treibt, wo niemand das Ende absieht. Pfui, Blutrache! pfui, das alte mosaische Zahn-um-Zahn! Wem hat es genutzt, und alles Unnütze ist Verbrechen. Dagegen begreife ich sehr wohl, was der Alltagsmensch Rache nennt, und was doch weiter nichts ist als der Schuß nach einem Ziele. Napoleon hat Palm erschießen lassen. Er hat recht getan, man soll ihn fürchten. Die Schriftsteller sollen sich nicht unterstehen, ihn unangenehm zu kitzeln. Dies Recht hat jeder – sich furchtbar, sich gefürchtet zu machen. Aber mit Klugheit, mit Vorsicht es benutzt! Nicht jeder ist Napoleon, aber jeder kann wie die kleine Spinne aus seinen eigenen Säften ein Netz sich weben, um die zu fangen und verderben, die sich in seine Region drängen. Haben Sie einmal die Spinne beobachtet? Es ist für mich ein furchtbares Tier. Da liegt sie still, zusammengekauert, ich möchte sagen, fromm, im Zentrum ihres Kreises, sie scheint zu schlafen, aber sie ist nur pensiv , sie brütet über ihr ungerechtes Los. Warum gab die Natur den Fliegen, Bremsen, Mücken, Wespen Flügel? Sie flattern, spielen in den Lüften ein gedankenloses Spiel, sie naschen an den Blumen, sie schlurfen den Sonnenschein. Die Spinne ist stiefmütterlich behandelt, sie, die arbeitsamer denkende Schöpferin, muß an Mauern kriechen, in Winkeln ihre Gehänge spinnen, aus ihrer besten Kraft, nur um sich zu halten, zu existieren! Sie ist gescheut, verachtet. Soll sie nicht dem Schicksal, dem ungerechten, zürnen, nicht Grimm im Herzen tragen! Beim Allmächtigen, meine Freundin, welcher Gerechte fordert das von ihr! Sie fügt sich in das Unabänderliche, sie wartet und lauert; einmal kommt doch der Augenblick, um das Gefühl der Rache zu kühlen. Dann – auch dann stürzt sie noch nicht wie eine Harpyie auf ihr Opfer los. Sie scheint fortzuschlafen, bis der unbesonnene Wildfang sich in das Netz verwickelt hat, strampelt. Dann – Was ich plaudere! – Da halte ich Sie ab von der Pflege des armen Kranken. – Es wird ja ohnedem nicht mehr lange dauern. – Sollte der Krieg losbrechen, ach Gott, eine wahre Wohltat, wenn der liebe Gott den Dulder früher zu sich nimmt. Denken Sie den armen Gelehrten, wenn der Feind einrückte! Oder Berlin wird gestürmt; welches Los, wenn er mit seinem ›noli turbare circulos meos‹ dem französischen Chasseur entgegenträte. Im besten Fall, es ist Napoleons Art, alle Einwohner einer eroberten Stadt müssen zum innern Schutz in die Nationalgarde treten. Stellen Sie sich den Geheimrat vor mit dem Gewehr auf dem Rücken, einen Säbel an der Seite! – Nein, aus Liebe für ihn muß man ihm bald den ewigen Frieden wünschen. – Apropos, ich vergaß, womit haben Sie denn vorhin geräuchert?« Die Geheimrätin hatte vielleicht mit ganz andern Empfindungen auf dem Sofa Platz genommen. Sie ahnte nicht, daß eine Schreckensstunde ihres Lebens nahte. In ein laues Bad, umduftet mit Wonnegerüchen, glauben wir geführt zu werden, und sie haben uns in ein kaltes Sturzbad gelockt. Oh, das ist nichts, wo es mit einem Male herabrauscht, aber wenn man uns festgebunden, und tropfenweise, stärker und stärker, fällt es auf unsern Schädel, endlich öffnet sich das ganze Reservoir. Sie versuchte zu ihm aufzusehen, aber sie ertrug nicht den eiskalten, durchbohrenden Blick. »Wie meinen Sie das?« »Ich meine, welche Ingredienzien schütteten Sie in die Kohlenpfanne? Denn daß Sie räuchern, dagegen ist nichts zu sagen, es ist vielmehr notwendig. Der Staub, die Ausdünstungen, der Katergeruch, es hat, alles zusammengenommen, etwas Eblouierendes. Es muß dagegen gewirkt werden. Aber Vorsicht, meine Freundin, man muß sich gegen den Verdacht im voraus schützen.« Sie wollte aufstehen; sie sank aufs Kanapee zurück. »Mit nichts, als was ich von Ihnen habe«, sprang es aus der gepreßten Brust. »Sie meinen die kleine Apotheke, meine Gönnerin, die ich Ihnen aus Herrn Flittners Apotheke zum Hausbedarf zusammenstellen ließ. Die wird vor jedem Medizinalkollegium die Prüfung bestehen. Es sind die unschuldigsten Mittel, wenn man sie unschuldig gebraucht. Freilich, wenn man sich vergreift, dann stehe ich für nichts ein. Wasser das beste Heilmittel, man kann auch mit Wasser ermorden.« Ein zweiter Versuch, aufzuspringen, scheiterte an der Schwäche ihrer Knie; aber sie lehnte sich zurück, und die Kraft hatte sie gewonnen, ihm starr ins Gesicht zu sehen. – Oh, dies unveränderliche Gesicht! War es auch nur eine Muskelbewegung, die eine Aufregung, Furcht, Schadenfreude, Mitgefühl verriet! So hätte er eine Liebeserklärung machen, so ein Todesurteil aussprechen können. Er erfaßte die Spitze ihrer Hand: »Verständigen wir uns doch! Das Notwendige erkenne ich an. Wo der Bruch da ist, der zur Auflösung führt, soll der Wahrhaftige nicht Salbe darüber streichen. Er muß sich in das finden, was nun einmal nicht zu ändern ging; ich kann es auch nicht tadeln, wenn er der Notwendigkeit einen Schritt entgegentrat. Aber –« »Bei allen Mächten, warum foltern Sie mich?« »Opiate, narkotische Mittel, alle Säfte aus Vegetabilien dunsten und verdunsten, wie Veilchen und Rose duften und verduften. Sie lassen Materielles nicht zurück, wogegen alles Mineralische ein Residuum, einen Satz, einen Ausschlag zurückläßt. In wie veränderter Form es auch sei, die Wissenschaft findet ihn. Wenn wir doch diese wohltätige Weisung der Natur nie aus dem Auge ließen! Das Lebendige im Pflanzen- und animalischen Leben ist bestimmt zu blühen, reifen, um sich dann zu verflüchtigen, damit es, im Äther scheinbar verschwimmend, irgendwo wieder ansetzt zu neuem Leben. Diese Aussicht kann uns angenehm berühren, zu welchen Träumen gibt sie nicht Stoff! Aber erschrecken kann es uns nicht. Dagegen repräsentiert der Stein, das Metall die irdische, niederdrückende Schwere. Wir mögen den Stein noch so hoch in die Luft schleudern, er kehrt wieder zurück. Er kann uns auf die Brust fallen, unser Fuß stolpert daran, und wenn wir ihn zerreiben zu Pulver, Staub, er fällt wieder auf die Lunge, und bei der Sektion findet ihn der Arzt.« Die Geheimrätin hatte sich jetzt aufgerafft; mit beiden Händen an die Sofalehne sich haltend, sah sie über die Schultern auf den Sprecher zurück: »Welche Verständigung – was wollen Sie?« »Ich, für mein Teil, meine Gönnerin, was kann ich wollen! Was könnte ich bezeugen? Gar nichts! – Daß ich bei Herrn Flittner auf Ihren Wunsch eine Hausapotheke entnahm! Das ist alles dort in die Bücher eingetragen. Eine exakte Apotheke. – Und wer sagt denn, daß das Physikat zu einer Obduktion zu schreiten sich veranlaßt finden wird! Reine Vermutungen von mir. Nur in Ihrem Interesse, ein Freund stellt sich oft das Schlimmste vor. Denn wer in aller Welt wird auf die Vermutung kommen, weil in diesem Hause so kurz hintereinander bedenkliche Todesfälle eingetreten sind, daß hier eine ungesunde Luft ist, aus irgendeiner nicht ergründeten Ursache. Die Polizei hat jetzt an anderes zu denken.« »Aber wenn – wenn sie daran dächte?« »Da sind tausend Möglichkeiten, wie man ihr ein X für ein U macht.« »Aber wenn man Sie –« »Sie meinen, wenn man mich als Zeugen aufriefe. Frau Geheimrätin, das ist eigentlich eine Beleidigung. Zweifeln Sie, daß ich gegen mein Herz reden und nicht meine höchste Achtung vor Ihrem Charakter aussprechen würde?« »Nach meinem Charakter würde man nicht fragen.« »Man wird Tatsachen fordern. Was kann ich denn über Tatsachen aussagen! Daß die Kinder näschig waren, daß sie zugriffen, wo sie nicht sollten; daß sie in ihrer Naschgier eine schädliche Speise vom höchsten Küchenbrett holten. Oder wird man mich inquirieren, ob ich den Geruch in der Krankenstube abscheulich fand? Da würden die Experten sich nicht mit Meinungen befassen. – Doch, was ich Ihnen zu sagen vergaß, es war sehr klug, daß Sie dem toten Johann den Blumenkranz so tief in die Stirn drückten. Da kam ein häßlicher blauer Fleck über der Schläfe zum Vorschein –« Es war der entsetzlichste Blick, den wir von ihr sahen – nein, den sahen wir hier noch nicht. Es war einer, der einen Abschnitt im Leben bedeutet. Mit solchem warf der Wüterich den Schlüssel zum Hungerturm, worin er seinen Feind gesperrt, in den Fluß, mit solchem scheidet man von der Hoffnung, man stößt den Kahn zurück ins Meer, der uns an die Wüste trug, um darin zu verschmachten. Aber ein Blick war's wie ein Eisendruck, der die erschlafften Nerven plötzlich stählt. »Herr Legationsrat, was fordern Sie von mir?« »Fordern – ich!« »Ihre Prinzipien verbieten Ihnen, etwas Unnützes zu tun. – Kurz, schnell, damit wir ins reine kommen.« »Ich wollte Sie weder ängstigen, noch derangieren – nur eine kleine Bitte. Eine Zahlung von fünftausend Talern übermorgen geniert mich, weil mir eine Deckung aus Hamburg ausblieb. Sie haben wohl die Güte, mir mit den fünftausend, welche Sie asservieren, augenblicklich beizuspringen, bis meine Rimessen aus Thüringen ankommen.« »Ich – ich werde sie Ihnen schicken.« »Wozu Dritte implizieren – es gibt so leicht Nachfragen. Nur eine Feder, meine Gönnerin, um die Schuldschrift aufzusetzen.« Sie wankte an den Sekretär; die Goldrollen aus dem verborgenen Fach lagen auf der Platte. Sie wies stumm darauf hin. Er machte das Zeichen des Schreibens. »Wozu das?« »Es ist doch der Ordnung wegen.« Um ihm zum Schreiben Platz zu machen, trug sie die Rollen auf einen andern Tisch. Die Rollen waren schwer, ihre Glieder waren wie gebrochen. Eine entglitt ihr, einige Goldstücke rollten umher, die sie aufzuheben sich bückte. »Oh mein Gott, Sie geben sich meinetwegen soviel Mühe!« rief er, auf dem Stuhl sich umwendend, schrieb aber weiter. Er wandte sich wieder um: »Wie wollen Sie es mit den Zinsen gehalten haben?« Sie antwortete nicht. »Es ist doch wegen des Lebens und Sterbens, verehrte Freundin. Ich würde sechs Prozent schreiben, aber Sie könnten, da Sie nicht kaufmännische Rechte haben, dadurch in Ungelegenheiten kommen. Sehr möglich auch, daß der Zinsfuß in dieser Krisis noch steigt. Ich setze daher lieber: je nach dem höchsten Börsensatz.« Sie winkte ihm Schweigen mit einem krächzenden Hohngelächter. Er schrieb weiter. Was schrieb er noch! Er war aufgestanden und hatte ihr mit einer verbindlichen Verbeugung den Schuldschein überreicht. Sie warf ihn auf den Tisch, ohne ihn anzusehen. Jetzt war nichts mehr von Angst, Scheu, Bangigkeit in diesem Gesicht, es wogte ein wildes Feuer in der Brust, ihre Augen vermieden ihn nicht, sie sah mit einer Art böser Freude auf ihn: »Was ist Ihnen noch sonst gefällig? – Da ist der Schrank mit meinem Silberzeug – dort meine Geschmeide, Ketten, Ohrringe – meine Juwelen. Da im Korb die Schlüssel zum ganzen Hause. Erbrechen Sie, nehmen Sie fort, was Sie Lust haben.« »Ich erkenne Ihre Güte, unter welcher Form sie sich auch ausspricht. In bezug darauf habe ich mir noch eine zweite Bitte erlaubt. Zum ersten September läuft ein Wechsel auf mich von zehntausend Talern ab. Nur für den unerwarteten Fall, daß meine Rimessen auch bis dahin nicht einträfen, wünschte ich mich hier sicherzustellen. Für Frau Geheimrätin Lupinus liegen funfzehntausend Taler auf der Seehandlung disponibel. Ich habe mir erlaubt, ein Zessionsinstrument auf Höhe von zehntausend dort aufzusetzen. Zugleich ein eventuelles Rezipisse. Wenn Sie die Zession gefälligst unterzeichnen, befreien Sie mich, ich gestehe es, von einer momentanen Verlegenheit. Momentan, sage ich, denn« – er lächelte – »meine Aussichten sind gut. Es kostete nur den Entschluß zu einem sehr glücklichen Geschäft, dessen Chancen so gut wie in meiner Hand liegen. Glauben Sie mir, ich bin sicher auf höher als diese Bagatelle.« »Wie hoch schätzen Sie sich, mein Herr?« Der Hohn in der Frage berührte ihn nicht. »Auf über zweihunderttausend Taler, meine Gnädige«, antwortete er freundlich und überreichte ihr die eingetauchte Feder. Sie warf sich auf den Stuhl, sie überlas, ohne zu lesen, sie schrieb ihren Namen darunter; zu seiner Befriedigung, indem er über die Achsel sah, deutlich genug. Sie stand auf, sie sah, sie hörte nichts mehr, quer durch das Zimmer wankend, stürzte sie aufs Sofa. Tränen, um zu weinen, fand sie nicht, die Augen brannten unter den vorgehaltenen Händen. Endlich ward es ein krampfhaftes Schlucken, Schluchzen, ihre Füße klapperten auf dem Boden, ihre Brust hob und senkte sich, sie holte Luft. Wandel falzte das Papier und steckte es in die Brieftasche, die Goldrollen hatten in den Taschen nicht rechten Platz. Er schlang um einen Teil sein seidenes Tuch, legte das Pack in den Hut und wollte leise zur Tür hinaus, als – ihm ein anderer Gedanke kam. Er saß neben der Lupinus, als sie die Augen aufschlug. »Noch martern!« rief sie zusammenzuckend. »Nein!« war die Antwort mit fester Stimme, »nur zu stählen wünschte ich meine Freundin.« »Das Wort nicht mehr aus Ihrem Munde! Kennen Sie, was Erbarmen heißt, bäte ich Sie, mir aus den Augen, aus meiner Nähe! Ein Totengerippe könnte mit seinen hohlen Augen mich nicht so entsetzlich anstarren.« »Denken Sie, ich wäre eines«, lächelte er. »Ich habe ein solches stets neben mir – eine einst heißgeliebte Freundin. Wenn ich verzweifeln wollte, das Blut gegen die Stirn preßte, wenn ich einen dummen Streich zu begehen im Begriff war – dumm sind alle Handlungen, deren Impuls im Blute liegt –, dann drück ich ihr die Knochenhand, ich presse mich an ihre Brust, sie muß neben mir ruhen, und ich werde gesund. Sie war ein liebliches Wesen, das nur den Impulsen des Herzens folgte, sie kannte keinen andern Regulator ihrer Handlungen, und – was ist sie nun? – Ein Traum ihr Leben, nur ihre Treue, Hingebung war mehr – sie, im Tode, gibt mir Kraft im Leben, sie gießt Eisen in mein Blut, Stahl in meine Nerven. Oh, erheben Sie sich – so dürfen wir nicht scheiden.« »Die Kette ist gesprengt – auf ewig.« »Wenn uns die Verhältnisse auseinanderreißen, warum denn in Feindschaft? – War denn unsre Freundschaft auf Affekte begründet? – Ruhe ist die erste Pflicht, um in einem Schiffbruch nach dem Kahn auszublicken, der uns retten kann. Ich bewundere Ihre klare Ruhe und Klugheit, die Ihnen die Entschlossenheit gab – wie lange handelten Sie in dieser Konsequenz, und nun soll die Aufwallung eines Augenblicks –« »Wo die Hölle sich vor mir auftut –« »Gut, nennen Sie es Hölle, mich einen Dämon, Teufel, weil ich nach derselben Konsequenz handle, wie eine Freundin gehandelt hat. Aber wer in die Hölle steigt, um in dem Bilde, was Sie beliebten, zu bleiben, würde dort sehr einsam leben, wenn er nur mit Heiligen umgehen wollte. Wir selbst sollen uns das Ziel sein, aber die Assoziation ist das Mittel. – Ist das undenkbar, daß wir uns gegenseitig noch Hilfe leisten könnten! Weil Sie mir jetzt halfen – meinetwegen helfen mußten –, können Sie nie in die Lage kommen, wo Sie von mir Hilfe erwarteten? – Oh still, meine Freundin, ich weiß, was dieses Aufatmen sagen soll: Sie stürzten lieber in den Abgrund, als sie von mir annehmen! Ich lasse diesem natürlichen Gefühl sein Recht, wie die Alten schreien mußten, um ihren Schmerz loszuwerden. Schreien Sie, meine Freundin, innerlich, weinen Sie, wenn Sie wieder Tränen finden, verfluchen mich! Nichts von Resignation, Vergebung edler Seelen; ein Palliativ, was die Natur abschwächt. Nein, ergehen Sie sich in Ihrem ganzen Haß, aber dann – dann bedenken Sie, daß wir beide uns kennen, daß der Zufall in der Welt eine bedeutende Rolle spielt, daß, wo kein Thron mehr sicher steht, die sicherste Stellung im Leben es nicht mehr ist, daß Fälle denkbar sind –« Sie sah ihn scheu an: »Sie meinen –« »Ich gebe nichts auf Ahnungen, aber – einen Wunsch, eine Weisung laß ich Ihnen zurück als letztes Angebinde. Sie haben sich stark gezeigt, bleiben Sie es, wenn das Unglück da ist. Welches Recht haben diese Menschen, die wir kennen, über uns? Etwa uns ins Herz zu schauen! Der Pöbel! Wer in aller Welt gibt ihnen das: unsre innersten Gedanken auszufragen? Ins Gefängnis mögen sie den Freien schleppen, auf den Rabenstein uns schleifen, nicht uns zwingen, daß wir uns selbst verraten und verdammen. Das Recht hat keiner Mutter Sohn, er stehe, so hoch er will. Der Pöbel kann uns nicht, wir können ihn , wenn wir fest bleiben, überwinden. Die Märtyrer wurden mit Recht Heilige, nur daß sie töricht waren, sich für andere martern zu lassen. Wir würden es für uns. Sie versprechen es mir, Schwester im Bunde, ewig zu schweigen, ich schweige auch. Darauf einen Bruderkuß!« Er war fort; seine letzten Tritte verhallten auf der Treppe. Sie hörte die Haustür öffnen, zuschlagen. Aber er war noch bei ihr. Sein Bruderkuß brannte jetzt wie Feuer, jetzt wie Eis. Sie war gebrandmarkt, der Druck des Stempels drang von der Stirn bis ins Herz; sie fühlte ihn von den Fingerspitzen bis zur Zeh. Warum bin ich ein Weib! lachte es in ihr. Vergeltung! – Ohnmacht! – Soviel kleine Opfer, und der Dämon selbst, sein Hohngelächter zitterte in der Luft, er umschwirrte sie, unerreichbar. – Und hätte er zu ihren Füßen gelegen, ohnmächtig, gebunden, woher denn Marterwerkzeuge nehmen, die ihren Rachedurst gestillt! Welche Schmerzen konnten das Maß ihrer Schmerzen ausgleichen! – Und durfte sie's! – Ein Laut, ein Schrei, ein Wort des Gemarterten, und die Klingeln und Glocken hätten in den Lüften geklungen, geklungen bis ans Ende der Welt, wo Gerechtigkeit ist. – Wo ist denn Gerechtigkeit! Nein, sie war noch an ihn gekettet an einer feinen, unsichtbaren Stahlkette – jede Rachezuckung, und sie vibrierte wider, elektrisch, in ihm, er hob die Faust – nein, er lachte sie nur an mit seinen Haifischzähnen: Wenn mich, vernichtest du dich! – Zu entsetzlich, er war, er blieb ihr unsichtbarer Bundesgenoß. – Wer in diese Strudel trieb, muß eine Säule finden, woran er sich aufrechthält. – Ein Totengerippe! Was ist ein fühlloses Totengerippe Schreckliches mit einem verglichen, was die Augen noch rollen kann in den Höhlungen? Ja, sie bedurfte solches Stahlgusses, solcher Stärkung, des glühenden Eisens, das zur Wollust werden kann, wenn es den Nerv in dem nagenden Zahne ausbrennt. Sie stürzte in das Krankenzimmer. Ja, das war noch schrecklicher als ein Gerippe an der Wand. Er stand aufrecht. Wie die letzte Flamme in einem verglimmenden Feuer auflodert, spielte der letzte Atem in dem lebendigen Knochenmann. Er mußte furchtbar gespielt haben. Da lagen zerschlagene Gläser, Geschirre, die kostbaren Horazbände auf die Erde geworfen; ein dicker Staub wirbelte durch das Sonnenlicht, das ohnedem nur dunstig durch die trüben Scheiben drang wie eine dumpfe abendliche Kirchenbeleuchtung durch gelbe Scheiben. Auch die Decke vom Schreibtisch halb herabgerissen, und der Kater oben, mit gekrümmtem Rücken und orangeglühenden Augen, spinnend. Was hatte das ruhige alte Tier in diese Unruhe versetzt! Hatte er, vom Schmerz ergriffen, diese Verwüstung angerichtet? Körperliche Schmerzen waren es nicht. Diese schienen überwunden. Das Gespenst, den Schlafrock weit auf, ein Gerippe darunter, so wankte er auf die Frau zu. – Die Brust schlug noch – heftig, in den Skeletthänden hielt er ihr ein Buch entgegen. Das Buch zitterte durch die Luft. Das war ein wüster Blick in dem Auge, sein letzter, das war ein Schrei aus tiefster Brust, auch sein letzter: »Weib! es ist falsch – alles falsch!« »Alles ist falsch«, antwortete sie tonlos. Er hatte nicht mehr die Antwort gehört. Er lag auf der Diele, er hatte ausgelitten. Der Kater war vom Tisch gesprungen und bäumte sich über den Leichnam. Die Geheimrätin irrte in der Stube umher und konnte den Spiegel nicht finden. Als sie ihn gefunden, konnte sie nichts drin sehen. Sie rieb und rieb, aber der Spiegel blieb blind. »Mein Gott, ich muß doch die Wahrheit sehen!« rief sie und suchte nach einem Tuche. Jetzt meinte sie, der letzte Hauch sei abgerieben. Sie sah sich und sie sah sich nicht. »Allmächtiger!« schrie sie auf und preßte die Hände über ihren Scheitel. Diese Bewegung sah sie, aber sonst nur Umrisse. Umsonst quollen die Augäpfel aus den Höhlungen hervor. Mit einem neuen entsetzlichen Schrei fuhr sie zurück. Die Gestalt im Spiegel fuhr auch zurück: »Ich bin ja hohl!« Es war ein heulender Ton. Ihr Diener fand sie nachher halb auf der Erde liegend, den Kopf aufs Sofa gefallen. Sie sträubte sich verzweifelt, als man sie ins Bett bringen wollte, und rief einmal über das andere, man werde gewiß nichts finden. Fünftes Buch Erstes Kapitel. Ernste Fragen, die mancher überschlagen wird . Den Druck der schwülen Luft fühlte ein jeder, aber ein Höhenrauch schien die schwarzen Wolken noch zu verbergen. Es wetterleuchtete auch schon, nur wirkten die elektrischen Zückungen verschieden. Ängstlich vor dem Ausbruch flatternde Vögel gewahrte man nicht. Es waren Männer im Lande und in der Hauptstadt, welche bang der nächsten Entwickelung entgegensahen, um so banger, als das Gewitter so lange sich hingezogen. Kluge und ernste Männer, welche fürchteten, daß es in einem entsetzlichen Schlage sich entlade, ein Wolkenbruch, die Saat eines Jahrhunderts fortspülend; aber sie schwiegen, sie bargen den düstern Ernst in ihrer Brust. Wäre es doch zum Verbrechen geworden, durch eine Kassandrastimme den Mut der Mutigen zu dämpfen! Seltsam, es sollen gerade die Feuergeister gewesen sein, dieselben, die vorhin keinen Anlaß versäumt, zum Kriege anzuspornen, welche jetzt mit banger Ahnung dem Unvermeidlichen entgegensahen! Sahen sie ringsumher nur blutige Sümpfe, wo der Funke erstickt, oder trauten sie dem eigenen Feuerstoffe nicht? Dagegen waren es die, welche bis dahin ihren Sinn vor dem Ernst des Augenblicks verschlossen hatten, vor denen er jetzt, ein geharnischter Riese, stand. Geflattert waren sie wie der Schmetterling, in ihrem Dünkel mit dem Überwältigenden spielend, jetzt Bewunderung für das Meteor des Tages, jetzt kalt abwägende Richter, Gleichgültigkeit heuchelnd vor dem Ungeheuersten, was seit einem Jahrtausend geschehen, um ungestört zu bleiben in der süßen Gewohnheit, nicht mehr und weiter zu denken, als ihrer Behaglichkeit zusagte. Und nun waren sie aus ihrem Taumel der Sicherheit, aus ihrem Dünkel, ihrer Täuschung erwacht; es war anders geworden. Das Schauspiel, was ihnen auf den fernen Brettern zu ihrer Unterhaltung aufgeführt schien, ward Ernst, die Darsteller schlossen sich zu eisernen Phalangen, über die Rampen rückten sie heran, um die düpierten Zuschauer zu erdrücken. Die immer zum Frieden geredet, die Napoleons großen Sinn, seine Bewunderung für Preußen im Munde geführt, die da gepredigt, das geht uns nichts an, an uns wird er sich nicht vergreifen, auch ihnen waren plötzlich die Schuppen von den Augen gefallen, und nun sprudelte und tobte es. Tausende von Stimmen, eine wollte die andre überschreien, die am lautesten, heftigsten, welche am leichtsinnigsten der Zeichen gespottet. Da kam es denn wohl, daß sie am ernstesten und unverdrossen um Einlaß gepocht zur unerläßlichen Tat, jetzt von dem Troß zurückgestoßen waren, und den Spott hinnehmen mußten, sie seien nicht zur rechten Zeit entschlossen. Noch lag ein offizieller Schleier über der nächsten Zukunft, aber er war so durchlöchert, daß, wer nur das Auge aufriß, durchsah. In Paris war der Rheinbund gestiftet und Preußen war nicht dazu geladen, ja, es hatte noch nichts davon erfahren. Die Fürsten, welche an der Leimrute saßen, auffliegen konnten sie nicht mehr, aber frei mit ihren Füßen flattern, und der Großmütige hatte sie dafür entschädigt mit den Beutestücken in seinem Netze, mit den freien Städten, den Gütern der Stifte, Klöster, der Reichsritterschaft, mit der Souveränität im eignen Lande. Frei, von niemand behindert, durften sie mit den Flügeln die schlagen, die darunter ein Recht hatten auf Schutz. Ihre Rechte, die besiegelt standen in allen Verträgen, waren durch einen Federstrich ausgelöscht. Und die duftende Zeitungsphrase des »Moniteurs« sagte: Des Kaisers Absichten hätten sich hier wie immer mit den wahren Interessen Deutschlands übereinstimmend gezeigt. – Und wohin sollten sie schreien, wohin hilfeflehend die Arme strecken? Der Kaiser hatte die römische Kaiserwürde niedergelegt, da er außerstande sei, seine beschworenen Pflichten gegen das Reich zu erfüllen. Wo war das Reich, wo das deutsche Volk! Österreich, des langen, ehrenwerten Kampfes müde, hatte sich in sein Schneckenhaus gezogen, das halbe Reich hing im Netz des Eroberers, und nur Preußen stand allein im Winkel, ohne den Mut, ohne den Beruf, ohne die Mittel. Das fühlte jeder in Preußen. Wenn eine Überzeugung auf dem trocknen Boden aufschießt, von dem wir reden, so haben Spötter behauptet, daß sie wie ein Unkraut, das die Wolken säen, plötzlich die Felder überwuchert oder wie ein Heidebrand über Berge und Täler sich ergießt. Dann ist kein Widerstand mehr. Aber jeder Fanatismus berührt in der Regel nur gewisse Kreise, nur die an der Straße Wohnenden, die auf den Höhen Sichtbaren. Die in den tiefen Niederungen nur sich selbst leben, unbekümmert um, was nicht ihre nächste Sorge angeht, berührt er nur selten. Aber der Fall war hier. Des Herzogs von Enghien Aufhebung und Füsillade hatte nur die politisch Denkenden und Fühlenden getroffen, was gehn den guten Bürger Staatsakte an! Darum haben sich die zu kümmern, die dazu geboren sind oder dafür bezahlt werden. Aber daß er den Buchhändler Palm in Braunau erschießen lassen, berührte das Gefühl des Menschen, sogar den Gedanken des Bürgers. War Palm nicht ein Bürger, eingeschrieben in die Bürgerrolle, der ruhig seinem Verdienste nachgegangen und ruhig seine Abgaben gezahlt hatte? Was ging ihn die Schrift an, die er verlegt, und noch dazu starb er den Heldentod, weil er den nicht nennen wollte, dem er sein Wort gegeben, zu schweigen! Das konnte jedem »passieren«! Ist ein guter Bürger da, um den Heldentod zu sterben! Es war ein Brand, der durch alle Glieder ging, vom Wirbel bis zur Zeh. Die Entrüstung fand keine Worte dafür, und je gebundener die Meinung in dem andern gefesselten Deutschland war, so lauter sprach sie sich in Preußen aus. Man fühlte, was Freiheit war, und fing an zu begreifen, daß sie ein Gut, ein heiliges Menschenrecht ist. Zur Unterstützung der Familie des ermordeten Mannes wurden überall im Lande reiche Sammlungen veranstaltet, und die Regierung schritt nicht ein, weder aus Furcht vor dem Kaiser, noch wegen unbefugten Kollektierens. Es war Leben im Lande; aber man sah es der prasselnden, ängstlichen Geschäftigkeit an, daß die Übung fehlte. Wie jene Bürgerfrau beim großen Brande der Petrikirche die Borsdorfer Äpfel sauber in Papier wickelte, während das Silberzeug auf der Diele zerstreut lag, griff man nach dem Entfernten und ließ das Nächste liegen. Fast ein halbes Jahrhundert war vergangen, seit Preußen einen Krieg um sein alles geführt! Feinde ringsum, und der Geist verkörperte sich zur wahrhaft rettenden Tat. Ringsum sahen sie jetzt ja keine Feinde, und der Geist fehlte zur Tat, weil – man ihn noch nicht suchte. So sah es in den Bürgerhäusern aus. Es wird sich ja schon alles machen, auch ohne uns, war das Trostwort. Wie es in den Palästen der Großen, in den Hotels der Minister aussah? In dem des neuen Ministers saß in dem Zimmer, das wir schon kennen, Walter van Asten am Schreibtisch. Aber die Flügeltüren waren zu dem nebenanstoßenden Audienzsaal geöffnet, wo der Regierungsrat von Fuchsius auf und ab ging. Zuweilen blätterte er in Schriften, zuweilen trat er zu dem neuen Sekretär, um Bemerkungen mit ihm zu wechseln. Er wartete auf eine Audienz und hatte schon lange gewartet, der Minister war in den obern Zimmern mit dem jungen Bovillard. Walter war bei einer Arbeit, aber er ließ oft selbst die Feder ruhen, und das gelegentliche Gespräch mit dem Rate schien ihm keine unangenehme Unterbrechung. »Sie haben sich da einen gefährlichen Rivalen zugeführt«, sagte der Rat. » Sie beschäftigt er mit Berichten über sein Papiergeld, und Herrn von Bovillard schließt er in seinen Intimis das Herz auf« »Das war die ihm zugedachte Stellung«, entgegnete Walter, die Feder weglegend, und stand auf »Wir sind Jugendfreunde, die Verhältnisse haben darin nichts geändert, und wenn sie es hätten, was kommt es jetzt darauf an, wo der der Beste ist – der handeln kann!« »Wer handeln kann!« rief Fuchsius mit einem wehmütigen Lächeln. »Welche bittere Erfahrungen stehen Ihnen hier noch bevor!« »Deren Herr von Fuchsius enthoben ist, weil er freiwillig seine Stellung aufgab.« »Das soll eine Spitze sein, lieber Asten, aber sie verwundet mich nicht. – Ich bin dennoch freiwillig abgetreten und zu meiner juristischen Karriere zurückgekehrt, trotz alledem, was Sie das Gegenteil zu glauben berechtigt.« »Ich setze voraus«, sagte Walter und reichte ihm die Hand, »daß Sie nach dem, was zwischen uns darüber verhandelt ist, in mir keine persönliche Ranküne mehr vermuten. Sie wäre jetzt ein Verbrechen.« Der Rat drückte die gebotene Hand. »Ich bin keinen Augenblick in Zweifel über Ihre Intentionen, und eben darum tun Sie mir leid. Sie werden das Meer der Täuschungen von vorn an ausschlürfen. – Zugeben will ich Ihnen übrigens, daß jener Umstand vielleicht der äußere Anlaß war, aber der Entschluß datiert von länger. Der Gedanke, daß Seine Exzellenz von jetzt ab meine Arbeiten mit einer Reserve von Mißtrauen kontrollieren dürfte, änderte meine bisherige Stellung zu ihm; indessen, wertester Freund, was sind Stellungen, wo alles Schattenbilder sind in einer laterna magica, wir alle Tropfen in einem Meer. – Sie einer, Bovillard, der Freiherr selbst, alle, alle, die das Bessere wollen.« »Wer sich verloren gibt, ist verloren«, entgegnete Walter. »Wir sind künstlich isoliert, ja, umgürtet von Gräben, Wasser, Sandwällen, und unser Feuer droht in sich selbst sich zu verzehren. Das ist Ihre, das ist vieler Ansicht. Aber wer berechnet die Macht des Feuers, wo ringsum trockene Stoffe lagern! Mag, einmal entzündet, es nicht zu einer Lohe aufschlagen, die über Deutschland sich ergießt. Mag sie nicht Europa in Flammen setzen!« »Und was dann! – Ich redete nicht davon. – Der Krieg liegt, ein so wüstes, trostloses, verworrenes Bild vor mir wie der Friede. – Ihr wollt das Volk wecken, einen Nationalkrieg entzünden – die Idee liegt doch dunkel im Hintergrunde?« »Und Sie teilen sie nicht?« »Ich habe sie geteilt – aber das ist vorüber. Einen Sturm wollen Sie loslassen, und was weht er auf? – Staub. Mehr nicht. Das Ferment, was Kreuzzüge möglich machte, ist ausgegangen. Auch die Französische Revolution könnte sich nicht wiederholen. Ja, trockene Stoffe liegen die Hülle und Fülle um uns her, aber es ist Schlacke, Asche. Sie müßten es doch erfahren haben, lieber Asten. Was hat Ihre ästhetische Schule gewirkt? Es ward vielen, die noch warmes Blut haben, etwas heißer zumute als gewöhnlich. Sie hatten Visionen, phantasierten, aber über die reale Welt hinaus. Und nun – wo ist's in die Nation eingedrungen, wo ins Herzblut, wo ist neues großes Geschaffenes, das weiterzündet und weckt? – Die Völker sind ein farbloses Dekokt geworden, eine träge, weiche, schwammige Masse, der der übersprudelnde Enthusiasmus, die Exzesse der Furcht und Dummheit die elastische Kraft ordentlich chemisch abgezapft haben. Wo ist etwas Ureigenes, Schaffendes zurückgeblieben von den Säulen des Herkules bis zur Mongolei? Dies tote, willenlose Residuum ehemaliger Kraft, nur dann und wann aufsprudelnd in einer Fuselbegeisterung, nimmt jeden Eindruck an, die Farbe, den Stempel jedes Siegers. Jetzt ist's der Korse, der ihn ihr aufdrückt. An seine Weltherrschaft glaube ich nicht, auch er wird fallen, aber noch nicht. Das Ungeheuer bläst noch mit vollem Atem. Was nun das Volk vorher elektrisieren, seine Kraft vom Wirbel bis zur Zeh nervös aufregen, um es in seinen feuerschnaubenden Rachen zu treiben! Wenn es Krieg sein muß, warum nicht das alte, vertrocknete, knarrende Gestell ihm entgegenhalten! Kracht und bricht es, so zerschmettert er nur, was ohnedem verlorengehen muß.« »Und an diesem Gestell, mein Herr, standen noch vorgestern einige bewundernd!« »Zwischen vorgestern und heut liegt gestern, und von gestern zu heut ist eine Kluft. Auch die Lebendigen reiten heute schnell.« »Drei Fürsten haben diesen Bau aufgerichtet, größere kannte ihre Zeit nicht, und ein treues Volk hat mehr als hundert Jahre in unsäglicher Aufopferung, in rührendem und felsenfestem Vertrauen mitgearbeitet.« »Wäre das Werk schon so ganz morsch, so vom Boden gelöst, so die Fundamente verfault!« Der Rat senkte schweigend den Kopf. »Und wenn dem so ist, so laßt es fallen«, fuhr Walter auf »Der Grund und Boden ist noch da, auf dem es stand, das Holz, aus dem es gezimmert, das Eisen, das ihm Klammern und Nägel gab. Die Arme sind noch kräftig, die Fäuste markig, die Schultersehnen zäh und dauerhaltig. Es ist ein dauerhaltiges Geschlecht, auf dessen Schultern sich die Hohenzollern zu Kriegsfürsten erhoben, und noch verspüren wir nichts davon, daß die Träger der Last überdrüssig wurden. War der Geist des großen Königs nur das Produkt einer Zeit, die nicht mehr ist, so muß ein anderer Geist sich erheben. Und hören Sie nicht den Geist? Braust er nicht daher wie das Wehen der Luft, das dem Gewitter voraufgeht! Es kommt eben nur darauf an, ihm die Richtung zu geben, daß er nicht spielend vorüberführt, daß er ins Mark dringt.« »Und das ist ein Prozeß, nicht schwerer und nicht leichter, als die Quadratur des Zirkels finden.« »Weil ihn noch niemand versucht.« »Vergessen Sie doch nicht die Zöpfe, und vor den Zöpfen waren Perücken, und der Puderstaub, den sie ausgestreut, liegt dem Volke auf der Lunge. Sie glauben es zu kennen, weil Sie es an schönen Sommerabenden bei der Promenade vor seinen Türen tanzen sahen. Lernen Sie es kennen wie ich, durch die Administrationsakten. Steigen Sie mit dem Akzisevisitator, mit dem Steuerrevisor ins Heiligtum ihrer Häuslichkeit und sehen unter der dicken Schale hausbackener Ehrlichkeit die versessene Dummheit, den Trotz und die spekulierende Pfiffigkeit. Gelingt es Ihnen, da ins Mark hinein die patriotischen Gefühle zu schauern, dann erkläre ich Sie für einen Zauberer. Der Korporalstock, mein Freund, ist der Zauberstock, der aus den Bauerlümmeln adrette Soldaten macht. Sie können nicht dafür, sie wissen's nicht anders. Und weil es etwas besser bei uns war als draußen, halten sie es für das Vollkommenste. Der Schuh drückt auch sie, aber sie gehen von dem alten Leisten nicht ab. Väter und Großväter ließen ja danach arbeiten, und sie haben auch gelebt. In dies dumpfe Dämmerleben wirft die alte Glorie einen etwas poetischen Schein. Item, sie sind zufrieden, sie hoffen, daß es so bleibt, sie geben ihre Söhne her, es zu verteidigen, weil es so hergebracht ist, weil sie müssen, sie stehen auch vielleicht selbst auf, wenn es ihnen befohlen wird. Sie werden vivat schreien und sich nach Schuldigkeit schlagen. Das ist aber auch alles. Mehr fordern sie nicht. Sie werden sich über die Gesichter wundern, wenn die Herren mit ihren Reorganisationsprojekten hervortreten. Ich rede gar nicht von den Berechtigten, die Zeter schreien müssen, weil es ihnen ins Fleisch schneidet, auch der große vernünftige Pöbel, der dabei profitiert! Ach, wie mächtig ist die träge Gewohnheit. Wie werden sie die Köpfe zusammenstecken : Es ging doch sonst! Es ist doch immer so gegangen! Warum soll es denn nun mit einemmal anders werden. Man weiß, was man hat, man weiß aber nicht, was man kriegt. – Wir sind nun mal von sinnender Natur und unsre sinnenden und träumenden Spekulationen schön wie der Regenbogen, aber fußen sowenig als er auf der realen Erde. – Da hören Sie nur, wie man schon in Entsetzen über Ihre Tresorscheine die Köpfe schüttelt. Papiergeld ist etwas noch nicht Dagewesenes. Damit ist für sie der ganze Kredit des Staates erschüttert. Das steht freilich da nicht in Ihrem schönen Programm.« Als der Rat eine Bewegung machte nach dem Papier, was auf dem Schreibtisch lag, hatte Walter schnell den Bogen umgedeckt. Er hatte vorhin still die Miene verzogen, als Fuchsius von den Arbeiten gesprochen, welche der Minister ihm aufgelastet, denn es war eine andre Arbeit, mit der er beschäftigt war, und er mußte Gründe haben, weshalb der Rat sie nicht sehen sollte. Fuchsius stand auf, Walter aber ging einige Schritte auf und ab, indem er ihn doch mit einer Bewegung zum Bleiben einlud. Das Lächeln auf des Rates Lippen mochte der Betrachtung gelten, wie bald jemand im Amte die Miene ändert. Es war allerdings nicht mehr der sinnende Gelehrte, der an die Dinge außer seinem Ideenkreise nur vorsichtig tastet, ein anderes Gefühl sprach sich in einem andern Wesen, einer andern Haltung aus, als er jetzt stehenblieb: »Sie erkennen die Krisis. Sie wissen wie wir, daß die Versäumnis damals uns jetzt eine Notwendigkeit aufdringt. Wir handeln nicht mehr frei, wir müssen handeln, wenn wir nicht wie ehrlose Feiglinge uns in den Staub werfen, den Sieger bitten wollen: Tritt uns auf den Nacken, wir haben's verdient. Fordern Sie das? Selbst unter diesen blasierten, verluderten, albernen Menschen geht ein stiller Schauer des Entsetzens. Sie ahnen, was sie ihrer Geschichte, den Namen ihrer Väter und ihrer Fürsten im Grabe schuldig sind. – Und wenn es so ist, kein Preuße ist, den es nicht durchzuckt: jetzt muß es sein! wenn es sich um Sein und Nichtsein handelt; sollen wir losschlagen mit einem gebundenen Arm, wo ein Schnitt den andern frei macht! Ist das preußisch gehandelt, im Sinn des Großen Kurfürsten, der vom Rheine flog mit einer Handvoll Männer und die Schweden schlug gegen alle Regeln der alten Taktik! Oder im Sinne Friedrichs, der schöpfte, wo keiner vor ihm Quellen sah! Wäre denn damit alles erschöpft? – Sie haben nur ihren Nachfolgern den Weg gezeigt, wie der Geist immer neue finden muß, wenn die Natur sich verschließt. – Erlahmt sind die Völker, aber sind sie schon entnervte, kraftlose Greise? – Unseres nicht. Wer hat es denn auf die Probe gestellt? Ja, es taumelt noch in einem großen Traumdasein, von einer Glorie geblendet, die nicht in sein Mark drang. Kennen wir dies Mark, wissen Sie, welches Gewicht es schwingt, wenn wir dem Blute freie Strömung geben! – Die Massen, ja, sie sind träg, verdrossen, nachhinkend. Ein Tor oder ein Verbrecher, wer den Funken hineinschleudert und brennen läßt, wie es kommt. Nein, er muß als Wächter dabeistehen. Sie taumeln zuerst denen nach, die sie fuhren; dann lernen sie schreiten, ihnen folgen. Endlich gehen sie auch wohl eine Strecke vorwärts ohne Führer. So ist's in der Welt seit ihrem Beginn. Aus den schlechtesten Soldaten, aus den Neapolitanern, hat Bonaparte feuerfeste Krieger gemacht. Und der gute, feste, grobkörnige Teig, der uns vorliegt, ihn sollen wir nicht zu formen versuchen, wenn Gott uns Männer schickt, die Einsicht haben! Wenn wir Stahl und Feuerstein haben, sollen wir nicht Funken schlagen; wenn wir ein Volk haben, das sein Vaterland liebt, sollen wir es nicht aufrufen, nicht elektrisieren, sein alles einzusetzen, wo es sein alles gilt.« Der Rat seufzte mit einem wehmütigen Blick auf den Redner, während er doch mit wachsender Teilnahme seiner Rede zugehört zu haben schien. »Leben Sie wohl, van Asten«, sprach er, ihm die Hand reichend. »Ich weiß auch, wie glücklich Illusionen machen.« »Und Sie halten es für unrecht, mich zu wecken; wer nie geträumt hat, nicht träumen kann, dem geb ich kein Recht dazu. Aber von Ihnen fordere ich es als Pflicht. Fürchten Sie nicht, daß ich wie der Nachtwandler vom Dache stürze.« »Männer fordern Sie, Männer von Einsicht. Und Sie glauben, der Rechte ist da. Sind Männer der Einsicht auch Männer der Tat? Einsicht hatten viele. Was halfen sie, wenn sie die Achseln zuckten, weil sie sich zu schwach fühlten. Aber dieser, den Sie meinen, und die wenigen mit ihm, die ihn verstehen, fühlt den Beruf! Das ist Ihre Antwort. Er fühlt sich auch stark, ins Rad zu greifen; mit eisernen Besen, Karsten, Schaufeln will er den Schlamm auskehren und aus den Gebirgen Waldbäche in die verschlammten Kanäle leiten. Zugegeben diese Herkuleskraft; ist, wo des Feindes Hammer schon am Außentore kracht, Zeit dazu, die Garnison neu zu organisieren?« »Die Not lehrt nicht allein beten, sie lehrt uns auch die Zeit ergreifen. Wenn sie zehn, zwanzig Jahre vergeudet, um so schwerer wiegt, um so kostbarer ist der Augenblick, und der ein Verschwender, ein Verräter, der ihn ungenutzt verstreichen läßt. Sie kennen den ersten Sturm, den er gewagt. Er blitzte ab, werden Sie entgegnen. Aber er ward nicht abgeschlagen. Als der König das Memorial zurückgab, nahm man uns da etwa die Waffen? Gab man ihm die Entlassung? Er ward nur ungnädig aufgenommen, weil sie der Gedanke aus der bequemen Ruhe störte. Der Gedanke ward seitdem stärker, die Bundesgenossen wuchsen, und aus der Ruhe haben andere den Monarchen gerissen. Es ist eine Zeit der Unruhe, und er muß dessen Hand fassen, der den Boden unter ihm fest macht.« »So will er es wirklich noch einmal wagen! Ich sage Ihnen, die Kabinettsräte sprengt er nicht. Er springt eher selbst.« »Gefahr kommt nicht in Anschlag, wo es nur einen Weg gibt. Sie schätzen die Menschen ab nach den langen Jahren der Schlaffheit; warum müssen sie dieselben bleiben, wenn der Sturm sie packt! Verjüngt sich denn nicht die Natur; wenn Äcker durch lange Jahre brachlagen, ist ihre Tragkraft dann nicht eine neue? Wenn die Stadt brennt, Überschwemmung die Deiche gebrochen hat, entwickelt sich nicht eine Kraft, eine Energie, die man nie erwartet hatte! Haben wir nicht Beispiele, daß die Mutlosesten ins Feuer stürzen, über glühende Balken klettern, um ihre Teuren zu retten. Ja, der Rettungsmut wird zum Fieber, sie stürzen um Gleichgültige in die Flammen. Das trauen Sie einem Volke nicht mehr zu, wenn es das Vaterland gilt! Aber nein, wir sind einig. Das Volk ist eine Masse, die Färbung und Form, Tätigkeit und Trieb nur von den wenigen empfängt, die sich ihm geweiht haben. Sie wie ich verachten das Gesindel, das so lange die Brut des Adlers in Käfigen fütterte, ihr die Flügel verschnitt, wenn sie aufflatterte, sie streichelte: Überhebe dich nicht, der Weg zur Sonne ist zu weit für dich. Diese stoßen wir fort. Ihr Mißtrauen jetzt trifft die wenigen, die es wagen. Nein, Herr von Fuchsius, es trifft weiter. Ihr Mißtrauen spritzt sein Gift über die Natur hinaus, die wir sehen, in die Natur, die wir nur ahnen. In ihr herrscht ein ewiges Maß, das der mächtigste Frevler nicht überschreitet. Das Glück wie das Verbrechen hat sein Ziel; so die Schmach, das Elend. Es muß eine Erhebung, eine Erlösung geben für ein gedrücktes Volk, wenn es eine sittliche Weltordnung gibt. « »Und wie viele Völker gingen unter, um nie wieder aufzustehen.« »Ist Deutschland schon Byzanz? Ist's Preußen? Im Volke unten sind noch Erzstufen, die im rechten Schmelzofen ein Glockenmetall geben. Die zu suchen ist unsere heilige Pflicht; und daß schlechte Verwalter dies ergiebige Bergwerk unverantwortlich verwüstet, doppelte Aufgabe für uns, das Versäumte nachzuholen.« Der Regierungsrat saß in Gedanken versunken, den Kopf im Arm: »Ist denn eine sittliche Weltordnung! – Diese Geschichte, die das Weltgericht sein soll, was ist sie denn, wenn wir sie mikroskopisch betrachten! In ihren großen Phasen ein wohlaufgezogenes Uhrwerk, aber wir zu klein für diese Messungen, Infusorien, Schaumteile, die die Woge über das ungeheure Rad gießt. Auf die das Los fiel, geboren zu werden, während das Wasser stieg, schwärmen im Morgenrotsgefühl der Titanen; die aber geboren wurden, um zu sterben, wenn es überschlägt, wurden Threnodisten oder Stoiker. Da liegt der Kern.« Walter entgegnete: »Wen die Geburt an großen Scheidestunden auf die Welt gesetzt, sei geboren, auch groß zu fühlen.« »Oh, geben Sie mir wieder die Götterfunken, die Fichte, Schiller uns ins Blut hauchten! Nur muß man nicht Spezialgeschichte studieren, nicht Akten lesen. Da sinkt Ihre ideale Gerechtigkeit ins Reich der wesenlosen Schatten! Ja, mein Freund, die furchtbare Nemesis ist da, die auf ihrer Mühle alles Geschaffene wieder zermalmt und Maß für Maß übt, aber bilden Sie sich nicht ein, daß es einem der Geschädigten zugut kommt. Bonapartes Arm zerdrückt das Regiment jener kleinen Gewaltigen, die Ludwigs Wolkenperücke auf den hohlen Schädel drückten und auch ausrufend ›l'etat c'est moi!‹ die Majestät des deutschen Königtums verhöhnten, mit ihren Mätressen das Mark des Landes verpraßten und seine Söhne geknebelt nach Amerika verkauften. Der Gott der Gerechtigkeit hat die blutigen Tränen, die Schmerzenslieder der gefangenen Sänger erhört; aber die Rache trifft die Kinder der Schuldigen. Ruft sie die ins Leben, deren Gebeine im heißen Afrika bleichen? Und unter den Lebendigen! Die Gewaltigen ziehen aus mit ihren Geldsäcken, die Kinder der Mätressen, vom Mark des Landes gefüttert, sind große reiche Herren geworden, und die Untertanen, das Volk – bekommt einer nur einen Heller wieder? Nein, es muß von neuem steuern und steuern, um die Nemesis zu bezahlen und die neuen Gewaltigen groß und reich zu machen. Seine Marschälle, Brüder werden Fürsten, Könige; wir bleiben, was wir waren, die Masse, aus der man den Saft preßt. Auch diese neuen, ja, auch sie wird die Nemesis ereilen, auch Bonaparte wird übers Rad geschleudert werden, aber erst, wenn wir längst modern, und was unsre Kinder vom Raube zurückerhalten werden – nun, das kümmert Sie und mich nicht. Wir haben ja keine Kinder.« »Aber einen Glauben habe ich«, entgegnete Walter, »daß in dieser Fäulnis noch gesunde Stämme sind. Grade aus diesem abgestorbenen Elend im Reiche erheben sich die Größen unseres nächsten Vaterlandes.« »Was ist Größe! Sie werden nun in unsern Archiven blättern. Ach, wenn Sie in den Korrespondenzen, den wenigen Zeugnissen der Zeitgenossen lesen, die man klugerweise daselbst vor der Fackel der Geschichte bewahrte, ach, Sie werden so viel Perücken und Schlafröcke sehen, daß Ihnen die großen Männer darüber verschwinden. Wie viele Wunder, wie vieler Heroismus, wieviel Unbegreifliches wird Ihnen sehr begreiflich und ordinär erscheinen. Die Glas Wasser, die umgestoßenen Schokoladentassen, Liebster, sind es nicht allein, die über Königreiche, Dynastien und Völkerglück entschieden haben, der ewige Faden der Gemeinheiten und Niederträchtigkeiten zieht sich durch die Weltgeschichte. Mückenstiche, eine schlaflose Nacht, eine schlechte Verdauung haben auch über die Impulse derer entschieden, die auf der Menschheit Höhen wandelten; so wenigstens admirieren wir sie. Wie mögen sie in jenen Regionen über uns lächeln! – Wo unsrer Fäulnis Sitz ist, darüber sind unsere Freunde einig. Aber worauf brüsten wir uns noch, und wenn wir die Teile unter das Mikroskop bringen, auch da schillernde Verwesung! Wie stolz sind wir auf unsre unparteiische Justiz, und der pfiffige Müller Arnold kochte noch vergnügt seine Klöße von dem abgestrichenen Mehl, als die Präsidenten schon vor den Rekommandationen der Lichtenau sich bückten und zitterten, wenn einer, den sie abgewiesen, an sie appellierte. Für welches Wunderwerk galt Friedrichs Kontrolle, sein großes Auge sah ja alles, zählte die Groschen; schlagen Sie aber die großen Baurechnungen nach und sehen, wie grob er doch betrogen ward! Unsre stolzen Großen am Hofe, wie viele danken ihre Grafentitel nicht dem Könige, dem Kammerdiener Rietz! Wie manche ihre Titel, Güter, Orden der Laune des Augenblicks, einem schönen Frauenblick! Wie kamen wir denn zu Haugwitz, wie zu –, zu –, zu – Ward ihr Wert auf der Staatswaage abgewogen?« »Wie kamen wir zu dem, den Sie und ich gleich verehren, ein geharnischter Geist, der durch diese Misere schreitet?« »Und wie Hamlets geharnischter Vater in die Versenkung fallen wird. Und das, ehe Hamlet Mut bekommt. – Der Freiherr wird sich nicht, ich sage es Ihnen, er kann sich nicht halten. Solange er seine Pfeile nicht losschoß, fürchtete, darum schonte man ihn. Wenn er den Köcher entleert hat, wird man ihm ein Bein stellen. Er wird zu schroff drauflosgehen, und unvermerkt sitzt er in der Schlinge. Da wird er haspeln, poltern, um sich schlagen, das Dekorum verletzen, die Fäden des Gewebes sind aber zu weit gesponnen, es umstrickt ihn. – Er drückt, wie einer jener kolossalen Granitblöcke, die aus einer Sündflut auf unsrer Ebene zurückblieben, den Sand nieder, aber der Sand erhebt sich nicht zu ihm, und er befruchtet ihn nicht. Man klopft und zersprengt diese Steine. Unser Sand bleibt Sand. Und endlich – er ist ein feuersprudelnder Riese, aber – warum läßt er Bovillard oben seine sturmschnaubenden Reformationsaufsätze niederschreiben, und Sie beschäftigt er wie einen Rechenknecht? – Weil Sie bürgerlich sind, teuerster van Asten; wenn er Bovillard unter den Arm faßt, mit ihm auf und ab geht, sind es immer Staatsgeschäfte, von denen sein Auge leuchtet, was die Lippe so angenehm bewegt? Ihn interessiert ebenso der reine keltische Ursprung der Familie Bovillard, die neue Fabel, mit der Bovillards Vater die Zirkel amüsiert, vom Haus oder Gau oder Clan Cerisé oder Cerison, wobei ich gar nicht in Abrede stellen will, daß ein in der Deszendenz so heruntergekommener Adel guttut, seine Aszendenz bis zu den Zimbern hinaufzuführen und seine Schläfen mit Druidenkränzen zu umwinden. – Ein großer Mann muß sich auch amüsieren, und neben der Notwendigkeit für andre muß jeder auch für sich leben.« »Und wofür leben Sie jetzt?« »Für die Verbrecherwelt. Die Wahrheit, die ich in der Psychologie des Staates nicht fand, suche ich in der der Gefängnisse. Es ist eigentlich derselbe Stempel, nur ursprünglicher, frischer. Das Schillersche Weltgericht finde ich hier viel konziser, konkreter. Die Kreise eines Verbrechers, klein fangen sie an, um rasch größer zu werden, bis er noch schneller seine Katastrophe erreicht; dann verengen sie sich wieder, immer rascher, bis sie zur Schlinge werden. Dort sehen wir nur Stückwerk, hier Totalitäten.« »Aber nichts, was das Gefühl erhebt.« »Wie aus dem unscheinbaren Keim eine ganze Verbrecherlaufbahn entspringt, wie die erste Unterlassungssünde, die Scham darüber, das Streben, es zu verbergen, ebensooft als der Kitzel der Lust das Individuum weitertreibt, gäbe das keine Anschauungen, Belehrung, ja Erhebung? Da! in der großen Geschichte vertuscht man es, wie aus dem Kleinen das Ungeheure sich ballt, hier ist kein Grund dazu, die Diplomaten und Historiker fehlen, die das Schlechte schön malen, dem Albernen einen tiefen Sinn unterlegen. Die Natur gibt sich, wie sie ist, und versucht's ein Verbrecher, durch Lügen sich einen bessern Schein zu geben, so braucht man ihn nur fortlügen zu lassen, er verstrickt sich mit jedem Worte tiefer, unlösbar, und die Wahrheit fällt wie der reife Apfel vom Baume. Und wenn mitten aus der Verworfenheit ein schöner, menschlicher Zug wie ein Licht aus bessern Welten vorschießt, da kann dem Kriminalisten eine Träne ins Auge treten, und er kann den Verbrecher lieben, den er verdammen muß. Ja, Teuerster, der Sprung aus der Politik in die Kriminalistik ist für mich zur Rettung geworden aus einer Welt der Verwesung, über der der gleißende Schein immer mehr reißt, in eine Naturwelt, wo es noch chaotisch daliegt, unschön, meinethalben ekelhaft, aber es ist die grelle Naturwahrheit, die der Mensch bessern, veredeln sollte, gewiß, es war seine Aufgabe, aber er hat sie verpfuscht. Jetzt begreife ich die Völkerwanderung. Die Barbaren, welche die römische Kulturwelt mit ihren Keulen niederschlugen, waren nicht etwa rohe Engel aus dem Paradiese, auch unter ihnen grassierten Laster, Blutsünde und Greuel aller Art, aber sie waren der frische Abdruck des gigantischen Menschengeschlechts.« »Den finden Sie doch nicht unter Ihren Verbrechern in den Vogteien? Ich konnte sie immer nur als den Abdruck unserer Sittenverderbnis betrachten.« »Nun, so studiere ich in ihnen das Schattenspiel unser selbst.« »Aber wo unter hundert Fällen neunundneunzig nur die Verwechselung des Mein und Dein zum Gegenstand haben.« Fuchsius sah ihn lächelnd an: »Ist das nicht die große Frage, die alles regiert! Nur daß die Groben für andre, die Feinen für sich einen Mantel darüberhängen. Von meinen Verbrechern wollen die wenigsten sich selbst täuschen, es ist daher viel leichter, die Bemäntelung abzureißen und der Sache auf den Grund zu kommen. Übrigens versichere ich Sie, daß ich die interessantesten Studien vorhabe. Wir stimmen darin, wenn Sie in der Verbrecherwelt nur einen andern Abklatsch der höhern Stände erblicken. So zergliedere, arrangiere ich sie mir; ich finde die Erklärung für vieles, was oben im Licht geschieht, in meinem Schattenreich. Ich dringe in manchen intrikaten Dingen bis in die Familien, auch in recht angesehene, und finde immer den Abdruck desselben Stempels. Die Zerlassenheit, das laxe Wesen, die Maximen, Prinzipien dringen von oben nach unten durch wie eine ätzende Säure. Hier verschenkt man freilich nicht Staatsgüter, die Hunderttausende wert sind, zur Erinnerung für gute Kompanieschaft bei einer Orgie, noch schwarze Adlerorden an Roués für eine Galanterie, man gibt am Sterbebette eines Monarchen keinen Judaskuß seiner Mätresse, um eine letzte Gnadenbezeugung und um sie desto sicherer zu machen, damit, wenn er die Augen geschlossen, man sie auf die Wache schickt. Noch trifft man auf vornehme Damen, die, wenn die Sünde sie verläßt, doch von der Sünde nicht lassen können und unbescholtene Töchter guter Familien in ihre Zauberkreise verlocken, nicht aus Eigennutz, rein aus Vergnügen, und noch weniger verstehen meine Schelme, Betrüger, Galgenvögel darüber den Schleier von Philosophie und Humanität zu breiten, aber – Sie werden vielleicht nächstens Dinge sehen, die Sie nicht erwarten, und die Gesellschaft wird die Augen aufreißen. Leben Sie wohl – Exzellenz verkehrt mir zu lange mit Herrn von Bovillard.« »Sie scheinen wichtigen Entdeckungen auf der Spur.« Fuchsius nickte. »Dann müßten Sie eilen. Mich dünkt, das große Ungeheuer Krieg verschlingt die kleinen.« »Falsch geschlossen, Herr van Asten. Die Kriminalistik hat die Beständigkeit vor der Politik voraus. Wer auch siegt, das Jagdrecht der Justiz und Polizei auf die gemeinen Verbrecher bleibt unangetastet. Spitzbuben, Räuber und Giftmischer liefern die Kriegführenden sich mit gegenseitiger Courtoisie aus, und der Strick ist der sicherste Orden für den, der eine Expektanz darauf erwarb.« Der Rat schien doch noch etwas sagen zu wollen, als er den Türgriff langsam aufdrückte, Walter kam ihm zu Hilfe. Wenn er aus seiner Wissenschaft ihm etwas mitteilen könne, möge er kommandieren; er glaube nicht zu versichern nötig zu haben, daß er auf seine volle Verschwiegenheit rechnen könne. »Fand in letzter Zeit eine Kommunikation zwischen dem Minister und dem Legationsrat Wandel statt?« »Ich glaube es positiv verneinen zu können.« Der Rat schien zufrieden. »Sie selbst kamen nie mit ihm in nähere Berührung?« »In keine andere, als welche die gesellschaftlichen Beziehungen im Hause der Geheimrätin Lupinus mit sich brachten.« »Mit der schien er in Relation zu stehen –« »Welche das Geklätsch zu andern machte, als sie vielleicht waren. Sprach man doch auch, daß die Geheimrätin sich scheiden lassen und ihn heiraten wolle. Da, soviel mir bekannt, ihre Verbindung seit dem Tode des Geheimrats sich gelöst hat, so war auch das gewiß ein falsches Gerücht.« »Um so mehr, als jetzt verlautet, daß Herr von Wandel auf Freiersfüßen bei der reichen Braunbiegler aus und ein geht.« »In der Tat?« Der Rat faßte freundlich Walters Hand, und mit demselben Tone sagte er: »Herr van Asten, verzeihen Sie die Indiskretion, an der Börse meint man, daß Ihres Herrn Vaters Angelegenheiten schlimm stehen. Er hat sich in einer Spekulation verrechnet –« »Und wird hoffentlich, wenn sie fehlschlägt, der Mann sein, der seinen ehrlichen Namen mit dem Letzten, was er besitzt, löst.« »Daran zweifle ich nicht und wünsche ihm, daß er ohne dieses Opfer sich aus der Klemme zieht. Aber er steht in Geschäftsverkehr mit Wandel, er hat Wechsel von ihm, er hat Mittel gefunden, während man glaubte, daß Wandel auf Prolongation dringen werde, ihn zu bestimmen, daß er diese Wechsel in andere auf kürzere Sicht umschrieb. Schon das ist merkwürdig. Noch auffälliger, daß, während man Ursach hatte, an des Legationsrats Verlegenheit zu glauben, dieser aus Mitteln, die man nicht kennt, Ihren Vater prompt befriedigt hat.« »Man dürfte doch auch bei den Gerichten wissen, was in der Stadt ein lautes Geheimnis ist, daß Herr von Wandel mit diplomatischen Ambassaden in vertrauten Relationen steht.« »Pah!« sagte der Rat. »Spione hier werden nicht mehr teuer bezahlt, seit man die Geheimnisse wohlfeiler hat. Soviel haben wir heraus: was seine politischen Mysterien anlangt, ist er ein Windbeutel, nur mit der Russin steht er noch in einer Verbindung. Sie ist keine Verschwenderin und bezahlt ihn mit der Münze, die er bringt. Mit Versprechungen löst man aber nicht Wechsel von zehn- und zwanzigtausend Talern. Ich will, mein teuerster Herr, nicht hoffen, daß Ihr Vater sich näher mit ihm einließ.« »Sie erschrecken mich –« »Wenn Sie für Ihren Vater einstehen, gewiß ohne Grund. Aber – warnen Sie ihn, soweit ein Sohn es darf, der zugleich seine Pflichten kennt gegen den Staat und die Gerechtigkeit.« – Er zog Walter an sich, und die Hand am Munde sprach er ihm ins Ohr: »Ich habe den dringendsten Verdacht, daß dieser Herr von Wandel –« In dem Augenblicke hörte man starke Fußtritte auf der Treppe. »Der Minister!« »Und sehr ungnädig«, sagte Fuchsius, die Tür öffnend. »Die Audienz ist ungünstig ausgefallen. – Schade, daß Bovillard nicht Ihr Rival ist, er wird unfreundlich entlassen, und ich habe nicht Lust, den Zornerguß Seiner Exzellenz auf mich zu laden. – Von dem Bewußten ein andermal. Bis dahin Verschwiegenheit.« Der Rat war durch das Audienzzimmer nach der andern Ausgangstür geeilt, ehe der Minister in jenes eingetreten war. Zweites Kapitel. Ein treuer Diener seines Herrn . Der Minister war aufgeregt. Auf und ab gehend ließ er seinen Getreuen über den Grund nicht lange im unklaren. Ihm war es darum zu tun, dem jungen Bovillard eine offizielle Stellung zu geben, die ihm einen Zutritt bei Hofe verschaffe. Bis gestern hatte man ihm Hoffnung gemacht, heut war Bovillard durch Vertraute insinuiert worden, daß er, um der Person des Ministers einen abschläglichen Bescheid zu ersparen, lieber freiwillig zurückstehen möchte. »Exzellenz' Feinde also auch da geschäftig!« »Diesmal sind sie unschuldig.« »Hätte mein Freund selbst eine Unbesonnenheit –« Ein »Freilich! wer denn sonst!« sprudelte von den Lippen und verbot dem Sekretär fortzufahren. »Warum hat er nicht wie ein Kartäuser gelebt, warum hat er tolle Streiche gemacht, warum hat er im Parterre den Regenschirm aufgespannt, als die Tränen um den Jammer der Eulalia aus den Logen flossen.« Also der Zorn war Ironie. Walter ließ eine Bemerkung fallen, daß für Jugendsünden die Zeit das beste Heilmittel sei. Der Freiherr war noch nicht in der versöhnlichen Laune. »Jede Sünde rächt sich«, rief er und schien seine Schritte zu verdoppeln, aber die Gedanken waren weit darüber fortgeflogen. »Warum hat er nicht Komödie gespielt wie die andern? Warum sich nicht mit Tugend und Anstand geschminkt! War das so schwer! Brauchte nur seinen trefflichen Vater zu imitieren.« »Geheimrat Bovillard ist mir in der Tat unbegreiflich. Wiegt ihm die Gunst, die Euer Exzellenz seinem Sohne schenken, das Glück desselben auf! Ihm wäre es doch ein Leichtes, Haugwitz und die andern umzustimmen.« »Was kümmern mich die! Die Königin will ihn nicht.« »Die Königin! – Sie ist doch sonst nicht so streng in ihrem Umgang.« »Wenn sie's wäre! – Freilich, sie müßte drei Viertel des Hofes fortjagen. – Nun hat sie sich auf diesen gesetzt. Man hat ihn ihr als den Ausbund von frecher Sittenlosigkeit geschildert. Sie betrachtet es als einen Hohn, einen Kavalier von dem Rufe in ihre Antichambres zu bringen. Sie haßt auch wohl im Sohn den Vater. Kurzum, Weiberphantasien sind einmal nicht zu berechnen.« Eine Pause trat ein. Die Stirn des Staatsmanns schien heller zu werden, der neue Beamte hatte seinen Vorgesetzten wenigstens so weit studiert, um zu wissen, wann es an der Zeit sei zu Einwendungen, wann zu Vorstellungen. Eine geschickt angebrachte Schmeichelei verträgt auch der gradeste Ehrenmann. Er hob damit an, seines Freundes gute Eigenschaften gegen seine Schattenseiten abzuwägen. Seine Kenntnisse, seine Begabung, seinen feurigen Willen für das Vaterland konnte er mit mehr Wärme und Bewußtsein ans Licht stellen. Er ging diplomatisch darauf über zu dem glücklichen Blick, der diese Vorzüge erkannt, ihnen den richtigen Wirkungskreis angewiesen, Talente, die ohnedem wahrscheinlich untergegangen waren; Talente, die aber, richtig genutzt, gerade so, wie der Minister beabsichtigte, noch günstiger wirken könnten. Ein junger Mann von Stande, von der persönlichen Begabung, jetzt, wo es alles gelte, unter die Puppen und Schranzen gestellt, könne viele üble Einflüsse am Hofe paralysieren. Wenn sein schönes Auge die verwüsteten Hofleute lange anblicke, habe er oft bemerkt, daß sie den Blick nicht aushielten. Auch der Einfluß, den er auf Frauen übe, sei nicht zu gering anzuschlagen. Vielleicht, daß selbst Ihre Majestät, wenn sie sich überzeugt, daß Bovillard besser als sein Ruf sei, ihm eine Stütze sein und in ihm am Hofe eine Stütze finden werde gegen die Schalheit und Feigheit der Blasierten. Endlich, schloß er, daß, wenn kein anderes Hindernis augenblicklich im Wege stehe, es dem Minister selbst ein leichtes sein werde, die Königin, die ihn so gern höre, auf andere Gedanken zu bringen. Auch jener Minister, der ihn einst nach Karlsbad wies, würde es eine gute Elaboration genannt haben, um so mehr, als Walter nur die eigenen Ansichten des Freiherrn in seinem Vortrage verschmolz. Aber der Schluß traf nicht das Rechte. »Ich nicht. Ich grade kann, darf darin nichts tun. Ihre Majestät ist empfänglich für Ideen; mit Personalien darf ich ihr nicht kommen.« Ein Ausruf des Sekretärs protestierte dagegen. »Frauen, mein Lieber, wollen besonders behandelt sein, auch die ausgezeichnetsten. In ihren Vorurteilen gegen Personen gehorchen sie dem Impulse. Sie käme mir wohl mit dem Spruch des Dichters von dem, was sich schickt: ›Da frage nur bei edlen Frauen nach!‹ Und sie hätte recht. Schöne Seelen werden nicht durch Gründe, nur durch eine schöne Regung überwunden. Wenn er nicht darauf eingehen will, was ich ihm sagte, so ist es nichts.« »Es stände in Bovillards Wissen?« »Seine Braut ist die schöne Person, die neulich die Geschichte mit Ihrer Majestät hatte. Ich weiß es bestimmt, die Königin ist, wie hohe Personen sind, für das Mädchen enthusiasmiert; wenn er den Vorteil benutzte –« Der Minister hielt inne; nicht, weil er die Röte auf Walters Gesicht bemerkte, sondern weil er selbst etwas von Erröten fühlte. Ein ernster Staatsmann darf auch die Intrige spielen lassen, weil leider keine Staatskunst ohne sie bestanden hat, aber schon der Schein ist gefährlich, daß er im Ernst sich in ihr Spiel verliert. Der Minister griff nach den Skripturen auf dem Tisch und schien von der Lektüre absorbiert, während Walter mit einem wehmütigen Lächeln einer Erinnerung nachhing.   Der Vorfall, auf den der Freiherr angespielt, war eine bekannte Stadtgeschichte, die vor einigen Tagen sich ereignet. Wir müssen mit unseren Lesern aus dem Hotel des Ministers einen Seitensprung nach einem öffentlichen Ball tun, den eine Korporation zu Ehren der Majestäten veranstaltet hatte. Die Königin Luise hatte das schöne Mädchen bemerkt, und ein Diensttuender mochte aus Unkenntnis eine mißverstandene Vorstellung gemacht haben, als sie im Vorübergehen die Frage an Adelheid gerichtet: »Was sind Sie für eine Geborne?« Die Baronin Eitelbach, welche neben Adelheid gestanden, wollte, erschrocken, dem jungen Mädchen zu Hilfe kommen, und hatte die historisch gewordene Antwort gegeben: »Ach, Ihre Majestät verzeihen, sie ist gar keine Geborne.« – Nur die Gegenwart der Königin hatte ein Gelächter zurückgehalten, was wie ein Gewitterschauer auf den Gesichtern der Umstehenden drohte. Ihre ganze Huld und Majestät hatte die Fürstin zusammengenommen, um jene strafenden Worte zu sprechen, die ebenfalls in die Geschichte übergegangen sind und nach verschiedenen Berichten am wahrscheinlichsten so lauteten: »Ei, Frau Baronin, Ihre naiv satirische Antwort sollte gewiß das junge Mädchen nicht kränken. Von Geburt wenigstens sind alle Menschen ohne Ausnahme gleich. Ist es auch ermunternd und erhebend, von Eltern und Vorfahren abzustammen, die sich durch Verdienste und Tugenden auszeichneten, und wer wollte den Wert nicht anerkennen und sich nicht selbst geehrt fühlen durch die Ehre, aus einer guten Familie zu sein! Aber gottlob, das gilt für alle Stände gleich, und aus den untersten sind die größten Wohltäter des Menschengeschlechts hervorgegangen. Stand und Würden kann man erben, aber innere persönliche Würdigkeit, worauf am Ende doch alles ankommt, muß jeder sich selbst erwerben. Der Weg dahin ist die Selbstbeherrschung, und ich bin überzeugt, wenn ich in den Zügen des jungen Mädchens lese, daß ihre Seele diesen Weg längst gefunden hat. – Ihnen, liebe Baronin, danke ich, daß Sie mir Gelegenheit gaben, den Anwesenden meine Meinung darüber zu sagen. Es ist die Meinung, welche auch im Herzen meines Gatten, des Königs, lebt.« Der strafende Blick der Königin, der leichthin über die Reihen flog, hatte sich in den huldvollsten verwandelt, als er Adelheid wiedertraf. Sie wechselte einige Worte mit ihr, die nur die wenigsten hörten, aber beider Augen verrieten den Sinn. Mit dem gnädigsten Nicken war sie vorübergeschwebt. Die Szene hatte sich im Augenblick verwandelt. Die mokanten Mienen von vorhin waren zu langen Gesichtern geworden. Das junge Mädchen war noch eben als Eindringling in diese Kreise betrachtet und gemieden worden; fast isoliert hatte sie neben der Eitelbach gesessen, kein Tänzer sich ihr genaht! Welche Urteile waren hinter ihrem Rücken gefällt worden! Ach, selbst ihre Jugendgeschichte hatte man hervorgezogen. – Ist das die! hatten zwei Hofdamen sich erschreckt angeblickt, mit dem Versuch, über die Erinnerung zu erröten, der indes unter dem dicken Karmin erstickt war. Einige begriffen nicht, was denn den Ruf ihrer Schönheit gemacht. Andre hatten gemeint, es komme eben nur auf den Ruf an, und in wieviel Häusern sie gewesen: und nirgend ausgehalten! Da war es doch klar, daß sie selbst daran schuld sei. Einige hatten sich gewundert, andere es schon schockant gefunden, daß man sie diesen Zirkeln aufdringe. – Man muß eine russische Fürstin sein, um sich das erlauben zu dürfen! – Aber bei der Fürstin muß sie wohl auch schon auf der Kippe stehen, sonst würde sie ihren Schützling nicht von der Eitelbach chaperonieren lassen. Was läßt sich die gute Baronin nicht aufbinden! – Eine Zuhörerin konnte schon fragen, ob denn Adelheid schon aus dem Hause ihrer Eltern verstoßen gewesen, als sie in dem der Obristin eine Zuflucht gesucht. Und nun, wie Nebel bei einem Sonnenblick, war alles anders geworden. Woltmann berichtet von der Königin Luise, daß, wenn sie mit Häßlichen gesprochen, auch diese allmählich den Umstehenden schön gedünkt; solchen Zauber strahlte die Fülle ihrer Anmut aus. Eine ähnliche Magie hatte Luise hier geübt. – »Nein, wie schön sie ist!« hörte die Eitelbach jetzt hinter sich flüstern. »Welcher Anstand!« – »Es ist etwas Gebornes darin!« – Die Eitelbach war ohne Neid; mit Vergnügen sah sie die Lorgnetten auf ihren Schützling gerichtet. Sie lächelte die Dame an, die sich an ihren Arm hing: »Nein, liebste Baronin, was müssen Sie für eine Freude haben, einen solchen Engel zu bemuttern! Aber sie ist auch der besten Obhut anvertraut.« – Damen und Herren ließen sich Adelheid vorstellen. Ihre Antworten entzückten. – Da, um das Glück vollständig zu machen, hatte sich auch der König ihr genähert. Auch er sprach gnädig; freundlich sah er zum schönen Mädchen nieder, man hörte durch das Geräusch huldvolle Worte: »viel von gehört haben – sehr freuen – einen braven Vater haben. –« Auch die jüngeren Prinzen waren herangetreten, der König scherzte mit ihnen. Ein Scherz von den gewichtigsten Folgen. Bald durchflog die Säle die Neuigkeit: die Prinzen tanzen mit der Alltag. Sie war der Stern des Abends. Sie blieb der Gegenstand des Gesprächs in den Equipagen, die nach Hause rollten. Über ihre Schönheit war nur eine Stimme. Nur etwas zu ernst! Aber die Holdseligkeit der Königin hatte ihr auch davon angehaucht. Welche naive, frappante Antworten sie gegeben! Wie hatte sie den jungen Prinzen August auf eine etwas kecke Frage anlaufen lassen! Aber wie hatte der ältere Bruder, Prinz Louis, sich benommen? – Eine solche spirituelle Schönheit mußte doch auf den galantesten Ritter wirken. – Er war an ihr vorübergegangen. – Unmöglich! hieß es; aber viele versicherten es. Der unglückliche Prinz sieht jetzt nur Gespenster! Die Aussicht auf den Krieg schüttelt in ihm wie ein kaltes Fieber. – Aber nein, er war zurückgekehrt, er hatte mit ihr Worte gewechselt. Es klang unglaublich, was der Lauscher gehört. Er hatte sie wehmütig angeblickt, wie Hamlet Ophelien: »Was wollen Sie in dieser Atmosphäre? Die ist nur für kranke Seelen.« – Und sie, was hatte sie geantwortet? »Gnädigster Herr, ich meinte, wer gesund ist, bringe Lebensluft in jede Atmosphäre mit.« – Unbegreiflich fanden es viele – ein simples Bürgermädchen, die Tochter von dem alten Geheimrat Alltag! Er wird wohl nun geadelt werden, meinten einige. Andre schüttelten schlau den Kopf: Wer weiß denn, ob er ihr Vater ist! Eine Dame fand in Adelheids Gesicht Züge, die an den vorigen König erinnerten. Als der Kammerherr von St. Real der Fürstin Gargazin in einem entfernten Zimmer die erste Nachricht mit den Worten hinterbracht: » Sa fortune est faite !« hatte sie lächelnd geantwortet: »Wissen Sie nicht von dem Schatzgräber, der niemals reich ward, weil er alles gefundene Gold als Messing verkaufte?« Es mußte also doch eine Verstimmung, wenigstens eine Gleichgültigkeit zwischen der Prinzessin und ihrer Pflegetochter eingetreten sein. »Sie haben sich gut amüsiert? Das freut mich«, sagte sie beim Einsteigen in den Wagen. »Die Königin wird Sie rufen lassen. Ich weiß nicht, was Ihre Majestät mit Ihnen beabsichtigt, ich empfehle Ihnen auch nicht, das Eisen zu schmieden, solange es heiß ist, denn Sie sind ein Sonntagskind, und es fügt sich alles anders, als man es dachte. Der Hof sagt, Ihr Glück ist gemacht, die Stadt wird es nachplaudern, ich warne Sie auch nicht vor dem Neide – ich schaudre nur vor dem, was die Menschen Glück nennen. Der große Schiller hat ein schönes Gedicht geschrieben, aber sein glücklicher Polykrates war doch ein Tor. Warum warf er den Ring ins Meer, dessen Anschauen ihm täglich Freude machte? Das Verhängnis wandte er nicht ab, wer aber brachte ihm die verlornen Augenblicke zurück, als der Schimmer des Diamanten ihn entzückt!« Drei Tage lang sprach man am Hofe, sieben in der Stadt, nur von der schönen Adelheid. Dann waren andre Gegenstände gekommen. Die Königin hatte sie nicht rufen lassen, die Königin hatte an anderes zu denken. Die Fürstin mochte noch an anderes denken, sie sagte nichts, aber wenn sie Adelheid sah, schien ihr lächelnder Blick zu sprechen: wenn eine Königin vergaß, uns rufen zu lassen, so wäre es an uns, sie anzurufen, damit sie sich unsrer wieder erinnere. Zur Diplomatin ist sie nicht geboren.   Der Minister mochte das und seine letzte Bemerkung längst vergessen haben, indem er mit der Schrift sich auf das Kanapee geworfen und mit dem Daumennagel Zeichen am Rande machte, als er auch das Papier sinken ließ. »Was wollte denn Fuchsius?« »Sein Anliegen hat er mir nicht mitgeteilt.« »Er ist wie ein Trüffelhund auf Malefikanten. Als ob es darauf jetzt ankäme, einen Dieb und Betrüger mehr ins Zuchthaus zu liefern. Was sagte er sonst?« »Er sieht trüb.« Der Minister schien in dem Zustande der Erschöpfung, wo man lieber hört als spricht; eine indirekte Aufforderung an Walter, zu sprechen. Er mochte die unausgesprochene Absicht des Staatsmannes treffen, als er in Kürze die Ansichten des Regierungsrates referierte. Ganz wider Erwarten fiel der Zuhörer mit der Bemerkung ein: »Und hat er nicht recht?« »Ich, Exzellenz, habe mir den Glauben an eine sittliche Weltordnung bewahrt.« »Auch nachdem Sie das Gesindel von nahe gesehen haben? Das ist viel!« Der Freiherr mußte tief erschüttert sein. So hatte der neue Sekretär ihn noch nicht gesehen. Es war aber zugleich eine weiche Stimmung, die ihm Hoffnung machte, mit Vorschlägen, die er in petto hatte, durchzudringen. »Lesen Sie also!« sprach der Minister. Walter nahm das Papier, welches jener auf das Kanapee fallen lassen. Der Minister schüttelte mit dem Kopf »Zuvor die Hauptpassus, die wir aus dem vorigen Memorial heraushoben. Man muß sich diese erst vergegenwärtigen. Es wird nicht mehr alles für heut passen.« Walter griff nach einem andern Heft und las: »Bedrohte Selbständigkeit – Unwille der Nation über den Verlust ihres alten, wohlerworbenen Ruhmes.« Der Minister schüttelte den Kopf: »Dies bleibt nun weg. Wüster Lärm genug.« Walter las weiter: »Affilierung der Kabinettsregierung mit Haugwitz. An den Ministern haftet die Verantwortlichkeit für das, was sie nicht beschlossen, vor dem Publikum.« »Öffentliche Meinung!« korrigierte der Minister. »Weiter.« »Man schämt sich einer Stelle, deren Schatten man nur besitzt.« »Habe ich das im April geschrieben?« Seine Lippen warfen sich zu einem höhnischen Lächeln. – »Illusionen! Wenn sich einige geschämt haben, jetzt haben sie sich anders besonnen. Das bleibt weg.« Walter fuhr fort: »Das Ehrgefühl der Beamten wird unter einer solchen Regierung unterdrückt, ihr Pflichtgefühl abgestumpft. – Subalterne gehorchen nur noch halb, sie suchen ihr Heil bei den Götzen des Tages.« »Das bleibt. Das hat gewirkt, es kann noch wirken. Für die Reputation ihres Beamtenheeres haben sie noch einiges Tendre. Weiter!« »Der Monarch lebt in völliger Abgeschiedenheit von seinen Ministern. Von allem, was geschieht, erhält er nur einseitige Eindrücke durch das Organ seiner Kabinettsräte.« »Sie halten inne. Haben Sie da Bedenken?« »Könnten wir nicht die Person des Monarchen aus der Sache lassen?« »Wir leben nicht in England. – Wir leben in Preußen, wo der Monarch mit dem Volke identisch ist. Es scheint eine Anomalie, aber es ist eine Wahrheit. Wehe ihm und dem Volke, wenn es nur ein Schein werden könnte. Wo ein Fürst diese abnorme Stellung hat, wo der Kopf sich eins fühlt mit dem Körper, muß er auch das vertragen können, was die andern Glieder. Preußens König ist sowenig ein Kaiser Karl und König Artus, die als Pagoden dasitzen, drei Köpfe höher als ihre Tafelrunde, als er ein Fürst ist, dem die Konstitution ein glänzendes Altenteil angewiesen hat. Er ist nur der er ist, indem er eine Partikel seines Volkes ist. Exzeptionell, ja, ja, durchaus exzeptionell, aber so ist's. Wir dürfen's nie aus dem Auge lassen. Er muß empfinden wie wir – das Streicheln und die Schläge. Man muß ihn anfassen können, schütteln ein wenig, ein derbes Wort sagen. Verträgt er es nicht – doch weiter, weiter!« »Exzellenz, einen jungen Eichbaum schüttele ich, aber eine Sinnpflanze –« »Es ist keine Zeit für Sinnpflanzen, wenn der Samum weht. Man muß ihn schütteln. – Übrigens vergessen Sie nicht, das Gefühl für das Rechte hat er von seinen Ahnen geerbt. Er steht über den Parteien. Das ist allerdings eine Eigenschaft, die jeder König haben müßte, da aber nicht jeder König sie hat, Respekt vor dem, der sie – und in solchem Umgange – sich bewahrt hat. Eine große moralische und intellektuelle Kraft hätte Europa noch nach dem Tage von Austerlitz gerettet. Diese Kraft fehlte. Ich kann dem, dem sie die Natur versagte, sowenig Vorwürfe machen, als Sie mich anklagen können, nicht Newton zu sein.« »Weiter!« »Nun folgen die subjektiven Gründe. ›Wer hat dies unbedingte königliche Vertrauen? Beyme und Lombard, von ihnen ganz abhängig Haugwitz. Jener – guter Jurist ward übermütig, absprechend, korrumpiert – Verbindung mit Lombard untergrub seine Sittenreinheit – gemeine Aufgeblasenheit seiner –‹« Der Minister wehrte mit der Hand. »Die Frauen mögen jetzt fortbleiben.« »Wahrscheinlich auch die folgende Charakteristik: ›Physisch und moralisch gleich gelähmt und abgestumpft. Seine Kenntnisse französische Schöngeisterei. Ernsthafte Wissenschaften haben diesen frivolen Menschen nie beschäftigt, frühzeitige Teilnahme an den Orgien der Rietzschen Familie sein moralisches Gefühl erstickt.‹ Soll das auch bleiben?« »Weiter!« »›In den unreinen und schwachen Händen eines französischen Dichterlings von niederer Herkunft, eines Roués, der seine Zeit im Umgang mit leeren Menschen, mit Spiel und Polissonnerien vergeudet, ist die Leitung der diplomatischen Verhältnisse, und in einer Periode, die in der neuern Staatengeschichte nicht ihresgleichen findet.‹ Auch das?« »Ist's nicht wahr?« »Aber wozu der Vorwurf niederer Herkunft?« »Das verstehn Sie nicht.« Der Minister war aufgesprungen. »Brüstet er sich nicht selbst bei jeder Gelegenheit, daß er der Sohn eines Perückenmachers ist! Ein Skandal! eine Verworfenheit ohnegleichen. – Ja, wenn sie den Adel nicht systematisch zu Lakaien depraviert hätten, es stände anders. – Ihnen geschieht recht. – Laß sie an der Frucht ihrer Schuld nagen.« »Das folgende, persönlich gegen den Minister Gerichtete ist schon so oft gesagt –« »Kann aber nicht oft genug wiederholt werden.« Walter las mit Zaudern: »Sein Leben eine ununterbrochene Folge von Verschobenheiten oder Äußerungen von Verderbtheiten. Sein Urteil seicht und unkräftig, sein Betragen süßlich und geschmeidig. – Als Gelehrter Phantast – dann Mystiker aus Liederlichkeit – Geisterseher aus Mode – Herrnhuter aus Bequemlichkeit – verschwendet die dem Staat gehörige Zeit am Lombertisch. Abgestumpfter Wollüstling, gebrandmarkt im Publikum mit dem Namen eines listigen Verräters seiner täglichen Gesellschafter und eines Mannes ohne Wahrheit und Wahrhaftigkeit.« Walter hielt inne und blickte auf den Minister. »War's eine zu schwere Aufgabe für Ihre Feder?« »Ich frage mich nur, ob dieser persönliche Angriff notwendig ist?« »Man muß Personen ändern, wenn man Maßregeln ändern will, habe ich Ihnen diktiert. Man muß die Personen niederschlagen, daß sie das Aufstehen vergessen, wenn sie, zur Vordertreppe hinabgeworfen, auf der Hintertreppe immer wiederkommen. Man muß sie zertreten, töten, vernichten, wenn mit ihnen die Maßregeln unmöglich sind. Schonung aus Mitleid wird Verbrechen.« »Wenn wir auf den Erfolg rechnen können! Seine Majestät erwiderten auf das erste Memorial, worin Exzellenz auf Änderung des Kabinetts drangen: Sie wünschen nur, daß man Ihnen Beweise der Verräterei dieser Leute gäbe, so würden Sie keinen Anstand nehmen, sie zu entfernen. Die Beweise – sagt wenigstens das Publikum – liegen seitdem zutage – und –« »Es bleibt alles, wie es gewesen. – Und das, Herr, soll uns bestimmen, nicht unsre Pflicht zu tun? Nicht zu rütteln an den faulen Ästen, solange wir Mark in den Gliedern haben, nicht zu schreien, rufen, warnen, solange wir Atem haben und man uns nicht den Mund verbindet. Wie?« »Ich schweige in Ehrerbietung vor Eurer Exzellenz gerechter Entrüstung.« »Nein, Sie sollen sprechen, Ihre Meinung sagen, dazu sind Sie hier; darum ließ ich mich in das Gespräch mit Ihnen ein. – Sie meinen, auch diese Denkschrift wird ohne Wirkung bleiben?« »Man weiß, daß auch der alte General Blücher deshalb vergebens an den König geschrieben hat.« »Und jetzt werden diese Denkschriften die Prinzen Wilhelm, Heinrich, Louis Ferdinand, Rüchel und ich unterzeichnen. Damit keiner meiner Freunde mir vorwirft, daß sie in der Hitze und Galle aufs Papier geworfen ist, wird Johannes Müller sie vor der Unterschrift überarbeiten. Wenn solche Namen zusammenklingen, solche Männer die Arme verschlingen, solche Gründe ihm ins Ohr donnern, über welche Zaubermacht müßten diese Wichte gebieten, wenn er widerstehen kann. – Hier ist Müllers Konzept. Er schließt: ›Dieses Kabinett, welches nach und nach zwischen Eure Majestät und das Ministerium sich eingedrungen hat, daß jedermann weiß, was bei uns geschieht, geschehe nur und allein durch die drei oder vier Männer, hat, besonders in Staatssachen, alles und jedes Vertrauen längst eingebüßt. Ja, Majestät, die öffentliche Stimme redet fürchterlich deutlich und bestimmt von Bestechung.‹« »So wird er Ihnen entgegnen: Beweist es! Exzellenz, dies eine Wort kann alles verderben. Können wir, kann irgendeiner den Beweis führen? Ja, die Hand aufs Herz, kann einer dieser Hochgestellten und Gefeierten vor Gott die Beteuerung aussprechen: ›Ich bin fest überzeugt, daß französisches Geld in ihren Taschen klimpert!‹ Haben wir nicht vielmehr die moralische Überzeugung, daß sie mehr aus Indolanz, Eitelkeit, Dünkel, aus eigener Überhebung, aus Schlaffheit und Faulheit im Denken sich gegen das Verland versündigen, als daß sie wirklich Verbrecher sind!« Der Minister machte, die Hände auf dem Rücken, die Augen niederschlagend, wieder seine Zimmerpromenade: »Sie mögen recht haben, Gott hat sie nicht in seinem Zorn erschaffen, nur in seinem Mißmut: daß, zu unserer Beschämung, auch solches Gewürm herumkriechen muß.« »Vermöge ihrer zwei Beine müssen sie doch aufrecht gehen, und aufrecht gehend müssen sie die Augen aufschlagen, sie müssen sehen, was vor ihnen ist. In Augenblicken, wo sie aus ihrem wüsten Taumel erwachen, müssen sie auch an den Richterspruch der Nachwelt denken.« »Was kümmert dies Gesindel die Nachwelt! Den Bauch vollschlagen, die Taschen gefüllt, soweit es die Honnettität erlaubt, das heißt die Rücksicht vor den Leuten, mit denen sie mal Lomber spielen können, und nach ihnen die Sündflut!« »Das Gefühl für Schimpf und Schande –« »Prallt von den bunten Blechschilden ab, vorausgesetzt, daß sie mit Gehalt, Pensionen, Güterschenkungen gefüttert sind.« »Exzellenz, Lombard sprudelt und spricht jetzt nur Krieg, Lucchesini erklärt laut und offen, es ginge nicht anders, Haugwitz läßt den Kopf hängen –« »Weil sie sich vorm Pöbel fürchten.« »Kann der Strahl nicht auch in ihnen gezündet haben?« »Noch ein Optimist! Da walte Gott. Pack sie am Kragen und schmeiß sie zur Tür hinaus, so kommen sie zur Hintertür wieder hereingetänzelt und fragen mit einem süßen Händedruck, es sei doch wohl nicht ernst gemeint gewesen? Wirf ihnen einen Schurken ins Gesicht, so lächeln sie über den liebenswürdigen Scherz. Was ist ein Fußtritt in einen Plunderhaufen! Sie wollen Minister bleiben, Geheimräte, weiter nichts, und sie haben recht. Was wären sie, wenn sie es nicht sind!« »Und wenn dann doch eine innere Röte der Scham –« »Wenn die einmal herauskommt, treten sie vor den Spiegel und liebäugeln mit sich wie der Pharisäer. Werfen sich in die Brust, denn was sie vor sich sehen, ist ja ein treuer Diener ihres Königs. Das ist der rechte bequeme Bettelmantel für diese Menschen. Wenn sie etwas Dummes und Schlechtes gemacht, was sie vor Gott und den Menschen und sich selbst nicht rechtfertigen können, haben sie es nur als treue Diener ihres Herrn getan. Alles für ihren König! Mag Land und Volk darüber untergehen, wenn sie nur hinter der Decke der treuen Dienerschaft salviert sind. Scham in diesen Lakaienseelen! Die sich nicht schämen, ihre eigenen Fehler und Sünden dem aufzupacken, als dessen Götzendiener sie sich anstellen! Den, den sie als das strahlende Abbild göttlicher Majestät anpreisen, als Kratzbürste zu brauchen, an der ihr Schmutz kleben bleibt! – Oh, dies Gezücht schämt sich auch nicht, wenn es umschlägt, die Achseln zu zucken und mit den Augen zu zwinkern: Er wollte ja nicht anders, wir konnten nichts tun! Wer seine eigene Menschwürde opfert, dem ist nichts heilig, er opfert alles, zuletzt den Götzen selbst, wenn ein mächtigerer da ist.« Walter sagte nach einer Pause: »Sind Eure Exzellenz überzeugt, daß Haugwitz auf seiner Reise ohne Instruktionen gehandelt hat?« Der Minister faßte leicht seinen Rockzipfel: »Ein König, mein Lieber, ist ein Mensch, und ein Mensch noch nicht ein Chamäleon, wenn die Meinungen in ihm schwanken. Die Friedrich und Joseph, die Ludwig und Karle der Vorzeit sind Ausnahmen. Die Mehrzahl der Fürsten sind Menschen wie wir. Das Gute und das Böse, das Richtige und das Falsche rolliert in ihnen wie in einem Glücksrad. Da ist es Pflicht der gewissenhaften Räte, den Augenblick ergreifen, wo das Gute und Richtige oben liegt. Da müssen sie das Rad stillehalten, sie müssen es, sage ich, auf die Gefahr hin, daß es sie ergreift und zerdrückt. Trauen sie sich das nicht zu, sollen sie in der Schreibstube bleiben, oder ihrem Ehrgeiz mit Kammerherrnschlüsseln genügen lassen. – Wer so dreist ist, da oben stehen zu wollen, hat vor Gott, vor dem Volke, vor seinem König selber die Pflicht, ihm dreist ins Gesicht zu sehen. Nicht seine guten Launen soll er belauschen, um Gefälliges sich und anderen zu wirken, seine ernsten Augenblicke soll er ihm abstehlen, und wollen sie entfliehen, soll er sie festhalten mit eisernem Händedruck, er darf die Runzeln des Unmuts nicht sehen, er soll den sprudelnden Zorn nicht achten. Es ist ein anderer Zeuge dann über ihm, über beiden steht ein anderer König, vor dem der Purpur und die Staatsweisheit Plunder sind. – Und dringt er absolut nicht durch, soll er vor seinem Könige sich neigen und sprechen: ›Nimm das Amt zurück, das noch rein ist in meinen Händen! Wehe dem, der ein leichter Gewissen hat, es zu beflecken.‹ Das ist ein wahrhaft treuer Diener . Die armen Könige, die keine Männer finden, nur treue Diener, wie diese hier!« setzte der Minister mit gedämpfter Stimme hinzu und trat, die Arme unterschlagend, ans Fenster. – »Die armen Könige!« wiederholte er, »ich könnte sie bedauern. Solche treue Diener waren es, die die Throne unterhöhlt, Dynastien gestürzt. Ein arglistiger, böser Staatsmann hinterläßt Flecke; die kann man auswaschen, ausbeizen. Ein Chamäleon, das von jedem Regenbogenstrahl der königlichen Laune durchschauen ist, und ihn in Reskripten und Gesetzen austräufen läßt in alle Adern des Landes und Volks, dem Flüchtigen den Stempel der Autorität aufdrückend, der verdirbt die Völker und die Monarchien. Ich sagen Ihnen –« Ein Geräusch in der Ferne unterbrach ihn, zugleich brachte der Diener Licht. Es war Abend geworden. Drittes Kapitel. Gewetzte Degen . Der Lärm war ein wirres Stimmenmeer, unterbrochen von schallendem Gelächter. Ein schärferes Ohr hätte das Klirren von Stahl herausgehört, aber die Fenster, die ringsum von Neugierigen aufgeschlagen wurden, ließen es nicht zu. Auch der Minister öffnete einen Flügel: »Wahrscheinlich wieder ein Theaterfurore!« »Die Schick spielt heut die Elisabeth und die Unzelmann die Maria Stuart«, bemerkte Walter. »Man sprach davon, daß es unter ihren Anhängern einen Skandal geben könne.« Der Minister blickte hinaus. »Ich sehe Uniformen, wenn ich nicht irre, Gendarmen. – Der Lärm kommt näher.« Das Gelächter war jetzt mit lebhaften Hussas, Bravos und einem schrillen Pfeifen untermischt. »Etwa noch eine Schlittenfahrt! Daß Gott erbarm, diese Menschen lernen nichts.« Eine Menschenmasse wälzte sich auf die Straße zu, und die klappenden Hacken auf dem Pflaster deuteten auf ein Laufen. Eine Art Verfolgung mußte sein, aber die Verfolgten, wie immer Straßenjungen voran, jauchzten zugleich wie in einem Triumphgesang. »Die Sache wird ernsthafter. Sie möchten sich umsehn, Asten, was es gibt.« Die Dienerschaft unten hatte sich schon umgesehen und der Haushofmeister kam eben mit einem Rapport herauf; der von den Ausrufungen, die man jetzt deutlich von der Straße hörte, unterstützt ward. Es war allerdings ein Straßenskandal, doch ernsterer Art. Viele junge Gendarmen und Garde du Corps waren von einem lustigen Gelage in Charlottenburg spät zurückgekehrt. Der Wein sollte in Strömen geflossen sein. Gläser klangen, zerbrachen, einige waren sogar durch die Fenster geflogen. Es galt aber weder der Schick noch der Unzelmann, sondern den Franzosen und Napoleon. Man hatte sich in einen Harnisch getrunken, gesungen und votiert. Beim weiten Wege durch den nächtlichen Tiergarten war der Rausch nicht verraucht, vielleicht hatte der Anblick der Viktoria auf dem Brandenburger Tore ihn noch erhöht. Die Kühnsten vorauf waren als Sieger durchgesprengt. Wo es beschlossen worden, ob hier erst oder schon in Charlottenburg, weiß man nicht. Plötzlich war man abgesessen und nach dem Hotel des französischen Gesandten gezogen. Der eigentliche Hergang ward verschieden erzählt, man hatte Ursache, die Sache zu vertuschen. Ob man Spottweisen angestimmt, was man schrie, welche Reden man sich gegen den Bevollmächtigten des französischen Kaisers erlaubt, blieb unausgemacht, aber junge Offiziere hatten ihre Säbel gezogen und auf den Treppenstufen zum Hotel gewetzt. Es konnte im Dunkeln geschehen. Weder die Sterne am Himmel noch die spärliche Straßenbeleuchtung machten die Übermütigen kenntlich. Aber plötzlich, wie durch einen Zauberschlag, wurde es im Hotel hell. Die Fenster, von denen man die Läden fortriß, glänzten von so schnell angezündeten Kerzen, daß die Vermutung wenigstens da war, der Ambassadeur habe, wie von allem, auch von diesem Impromptu Witterung gehabt. Symbol für Symbol. Wir kündigen den Frieden, rief der Klang; ich nehme die Kündigung an, antwortete der Lichterschein. Übrigens blieb es totenstill im Haus, kein Kopf zeigte sich an den Fenstern. Die älteren und besonneneren Offiziere waren bei dieser unheimlichen Manifestation zurückgesprungen und hüllten sich in ihre Mäntel. Nur einige jüngere, in denen der Wein glühte, waren durch den Lichtschein, auch wohl durch die Akklamationen des Straßenpublikums, das sich in immer dichteren Scharen sammelte, noch mehr entzündet. Aber während ihre geschwungenen Pallasche funkelten, vernahmen andere schon deutlich Hufschlag und in der Scheide klirrende Säbel. War auch hier ein Verrat, eine Denunziation, eine geheime Sympathie im Spiele? Die Tatsache war, im Gouvernementsgebäude mußte der Feldmarschall Möllendorf, oder wer ihn vertrat, wach gewesen sein, denn Husaren und Polizeidiener sprengten heran, um dem Unfug zu steuern, die Täter zu ergreifen. Der Lärm wuchs. Die sympathisierenden Zuschauer bildeten noch einen Wall gegen die andringende Polizeimacht. Unter den besonnenen Teilnehmern an dem Abenteuer war die Gewissensfrage, ob sie für ihre Person sich ins Dunkel salvieren und die jüngern Unbesonnenen, die nichts von der Gefahr ahnten, ihrem Schicksal überlassen sollten, oder ob ihre Pflicht erheische, sie mit ihnen zu teilen? Bei einem Rittmeister, den mittleren Jahren näher als denen der Jugend, war der Entschluß schnell zum Durchbruch gekommen, denn aus dem Dunkel der Bäume, wo er sich den Mantel schon fest umgeknöpft, sprang er plötzlich zurück, umfaßte einen jüngern Offizier, der eben mit seiner Degenspitze eine Scheibe im Fenster des Erdgeschosses berührte – in welcher Absicht, wußte der junge Mensch nachher selbst nicht – und mit den Worten: »Fritz, bist du toll?« schleuderte oder riß der starke Mann ihn zurück. Fritz schrie Worte, die vor jedem Gericht als Landesverrat gelten mußten, der Rittmeister küßte sie ihm von den Lippen: »Ja, Fritz, wenn's losgeht, schlagen wir ihn miteinander tot. Du nicht allein, Fritz, Respekt, ich bin dein Onkel, dein Chef, ich schlage mit. Aber jetzt, Order pariert! – Mäuschenstill!« Damit hatte er den eigenen Mantel losgerissen und um die Schultern des Neffen geknüpft. Der Neffe parierte auch, er schulterte, ein Gliedermann, aber in der Hand den blanken Degen. – »Platz! Platz« riefen die Polizeimänner. – »Retten Sie sich!« riefen viele Stimmen aus den Gruppen; die Gruppen machten diesmal Partei mit Offizieren und Junkern, deren Übermut so oft doch ihre lauten Äußerungen des Unwillens hervorgerufen hatte. Der Rittmeister hatte rasch den Pallasch seinem Neffen aus der Hand gerissen, und ebenso rasch hatten wohlmeinende Bürger den jungen Offizier untergefaßt und ins Gedränge geführt. Er war gerettet, aber sein Retter – in der leuchtenden Uniform, den blanken Degen in der Hand! »Da steht er!« rief der Kommandierende der Patrouille und meinte wohl damit denjenigen, den die Reiter schon von fern gesehen mit der Degenspitze an den Fenstern klirren. »Platz! Platz!« Der Platz aber war grade das, was fehlte, und wo er noch war, trat die hilfreiche Straßenjugend ein, ihn zu versperren. Es war von je in ihrer Art, die Polizei zu necken, und wir verschwören nicht, daß sie der Patrouille falsche Weisung gab, um ihren Eifer vom gesuchten Ziele abzulenken. Aber auch der Rittmeister fühlte sich plötzlich von einem Manne unter den Arm gefaßt und fortgerissen. »Eilen Sie, schnell dort um die Ecke!« rief eine ihm nicht unbekannte Stimme. Als sie um die Ecke waren und der Offizier einen Augenblick Atem schöpfte, erkannte er wohl in dem Dienstbeflissenen den Sohn seines Freundes van Asten, der nur einen andern ihm früher erzeigten Dienst vergolten hatte; es überkamen ihn aber andre Empfindungen als die des Dankgefühls, indem er den Schweiß von der Stirn wischte. »Ein Offizier darf doch nicht Reißaus nehmen!« »Nicht vor dem Feinde«, entgegnete Walter, »aber vor einem Skandal. Schnell fort, bester Herr von Dohleneck.« Der Herr von Dohleneck, der, wenn auch nicht soviel als sein Neffe, doch auch viel des süßen Weines getrunken hatte, erhob den blanken Degen in die Luft: »Stehen oder fallen!« »Gegen die Franzosen, Rittmeister, nicht gegen die Polizei.« Er zog ihn weiter. Aber der Rittmeister blieb wieder stehen. Er lehnte sich an einen Brunnen. »Das ist ja eine verfluchte Geschichte –« »Die noch übler werden kann. Eine Verhöhnung des Gesandten, eine Verletzung des Völkerrechtes. Um Gottes willen, kommen Sie, schnell – weiter. – Werfen Sie den Degen fort!« »Ein Stier von Dohleneck seinen Degen fortwerfen! – Wer sagt das!« »Es ist ja nicht Ihr Degen. Ein fremder Pallasch, den Sie einem Ruhestörer aus der Hand rissen. Ihr Degen steckt ruhig in der Scheide. – Ich will's bezeugen, wenn's zum Schlimmsten kommt. Sie wollten nur Ordnung herstellen, Sie haben Ihren Degen nicht gewetzt. – Aber es darf nicht zum Schlimmen kommen. Es könnte sehr schlimm werden, außerordentlich schlimm, Herr von Dohleneck.« Der Herr von Dohleneck hatte den eisernen Schwengel des Brunnens mit dem Arm umfaßt, in dessen Hand der blanke Degen hing, während er mit der andern sich wie ein Irrer immerfort über die Stirn strich. Ein Meer von Gedanken mochte auftauchen; oder versenkte sich sein Sinn in den Kessel des Brunnens, und stieg in ihm der begreifliche Wunsch auf, daß die kühlen Quellwasser ihn und seine Gedanken überrieselten! »Hol mich der und jener, das ist grade eine Geschichte wie damals bei der Schlittenfahrt –« »Schlimmer«, drängte Walter; »damals profanierten Sie Luther, der es Ihnen gewiß vergeben hat, heut Bonaparte, der es nie vergibt, nicht Ihnen, nicht uns, nicht dem Könige.« »Der König auch nicht!« rief der Rittmeister. »Ach Gott, ich bin ja Katharina von Bora.« »Besinnen Sie sich.« »Nein – richtig – ich war nur ihr Kammermädchen. Das ist alles eins. Wenn er's erfährt, bin ich kassiert.« »Teuerster Herr von Dohleneck, ich wünschte, die Weihe der Kraft überkäme Sie und Sie beschleunigten Ihre Schritte.« Dabei blickte sich Walter um, ob nicht irgendwo eine Haustür sich öffne, in die er seinen Begleiter schieben könnte. Aber es war eine ruhige Straße, man hatte mit der Bürgerglocke geschlossen. Nur an den erhellten obern Fenstern blickten Neugierige heraus. Es war nicht der aufsteigende Weingeist, der schwarze Bilder vor Dohlenecks Hirn malte. Jene berüchtigte Schlittenfahrt der Gendarmenoffiziere, in der sie Luther, Katharina von Bora und deren Klosterkonviktualinnen in sehr frivoler Nebenbedeutung dargestellt, ein Ereignis, das ganz Berlin in Aufruhr gebracht, hatte den langmütigsten König aufs empfindlichste gereizt: sein eigener Wille war diesmal durchgedrungen, und wenn die Täter auch nicht so gestraft wurden, wie er für angemessen hielt, wurden doch die Urheber des Unfugs gestraft, seit langer Zeit ein Ereignis, was noch mehr überraschte, noch mehr von sich sprechen machte als der tolle Streich selbst. Es brauchte nicht der Erklärung, die man versucht hatte, daß dieser oder jener Minister oder ihre Frauen eine Pike gegen einen oder den andern der Offiziere gehabt, es war der religiöse Sinn des Monarchen, der die Profanationen rächte. Man wußte auch schon, daß er derartige Kränkungen nicht vergaß, und die, welche damals der Strafe entgangen waren, blieben doch in seinem vortrefflichen Gedächtnis notiert. Alles das wußte der Rittmeister von Dohleneck; oder vielmehr, es trat jetzt vor seine Seele, wie ein Zauberkünstler auf schwarzem Grunde plötzlich die bunten Bilder der Erinnerung vor dem Auge aufrollen läßt. Der Wein, der zur Taube, zum Tiger, zum Bären verwandelt, war der Magier. Es war in dem Rittmeister alles klar. Aber es stand keine Träne in seinem Auge, er sprang nicht auf zu einem wilden Satze, er brummte auch nicht mit geschlossenen Zähnen. Der Wein übt noch eine vierte Macht, er senkt die süße Schwermut über die Seele eines Opfers, die Schwermut, welche auch über den Glücklichen wie ein feuchter Nebel sich lagert, Balsam der heißen Brust. Der Rittmeister von Dohleneck wollte einmal Philosophie studieren. Wir zweifeln, daß er den Vorsatz ausgeführt hat, aber in seiner Brust mußte sich etwas von dem Stoizismus regen, der in großen Katastrophen den Schwachen stark, den Gedankenlosen zum Denker macht. Er blieb plötzlich auf dem Damme stehen, unbekümmert um den bekümmerten Blick, den Walter nach dem andern Ende der Straße richtete. Auch von hier kam eine Patrouille ihnen entgegen. Er drückte die freie Hand an die Brust: »Wozu strampeln gegen das, was man nicht ändert! Das Fatum! Nun weiß ich's. – Ob's der Teufel ist, das weiß ich nicht, aber es ist was, worüber ein ehrlicher Kerl nicht weg kann. Man möchte nicht, aber es packt einen – Schulden, Liebe, Skandale – der Strick sitzt fest, eh man ihn merkt, und nun will ich hängen. Ein Stier von Dohleneck flieht nicht. Mögen sie mich fangen und braten, hier bin ich. 's ist nun mal so.« »Aber wollen Sie auf die Festung, derweil Ihre Kameraden die Franzosen schlagen? – Rittmeister von Dohleneck, jetzt sich gefangen geben, jetzt sich kassieren lassen, wo der Krieg vor der Tür steht – Sie haben ihn erklärt – jetzt, jetzt, bedenken Sie, Ihre Offiziersehre steht auf dem Spiel – jetzt ist es Ihre Pflicht und Schuldigkeit, Sie müssen sich Ihrer Ehre, dem Staate retten – Sie müssen –« Dohleneck schien es einzusehen – das Fatum hatte ihn wieder umgeworfen. Er mußte sich retten – aber wie? Da rollte eine Equipage vorüber, von links und rechts, von beiden Seiten der Straße zeigten sich berittene Piketts. Das »Halt!«, welches Walter dem Kutscher zurief, hatte eine glückliche Wirkung. Das war ein Moment. Im zweiten hatte er den Kutschenschlag aufgerissen. Es saß nur eine Dame darin. Walter rief hinein: »Wer Sie auch sind, es gilt, einen Verfolgten zu retten. Kein Widerspruch, kein Laut!« Man wird sich nicht wundern, wenn die Dame, trotz des kategorischen Befehls, ihm nicht ganz nachkam, denn welche Dame in gleicher Lage mit der Baronin Eitelbach erschräke nicht, wenn auf solche Anmeldung ein Offizier mit blankem Degen ohne ein Wort, ohne einen Laut zu ihr in den Wagen springt. Sie schrie auf: »Herr Jesus, was ist das!« – Das folgende: »Er bringt mich um!« erstickte aber schon auf ihren Lippen, als von denen des Offiziers unter einem schweren Seufzer zuerst ein Fluch hervorbrach, dann die Worte: »Ich kann nicht dafür!« Sie mochte die Stimme früher erkannt haben als den Mann, der auf den Rücksitz – halb sank er hin, halb warf er sich. Der Degen rollte aus seiner Hand. Die Baronin fing ihn auf; er warf scharf – natürlich, er war gewetzt, und an den Sandsteinstufen des französischen Gesandten! – und sie verwundete ihre Finger. – Nach, Hause – das schicken wir hier vorauf – kam sie, die Hand umwunden mit ihrem Batisttuch. Ob sie sich selbst verbunden, ob der Rittmeister den Chirurg gespielt, darüber schweigen unsere beglaubigten Nachrichten, Das war der zweite Moment gewesen. Im dritten hatte Walter den Wagenschlag zugeworfen und dem Kutscher zugerufen: »Nun zugefahren, was das Zeug hält!« Der Kutscher gehorchte pünktlicher als seine Herrin dem kategorischen Befehl, und der Wagen kam unangefochten durch das Polizeipikett. Nicht so ganz unangefochten kam Walter selbst davon. Das Husarenpikett, welches eben um die Ecke schwenkte, als der Wagen abfuhr, schien Miene zu machen, ihm nachzusetzen. Der Kommandierende, welcher unsern Freund zu kennen schien, salutierte ihm schon von fern leicht mit dem Säbel, um die Frage einzuleiten, ob nicht ein Militär in die Kutsche gesprungen sei. »Der Schlag ward geöffnet«, entgegnete Walter, »und die darin sitzende Dame nahm, wenn ich nicht irre, einen Bekannten auf« »Ein Offizier mit blankem Degen?« »Der Degen, wenn ich recht verstand, war mit den Fensterscheiben des Herrn von Laforest in Berührung gekommen.« »Kornett Wolfskehl«, rief der eine Husarenoffizier. »Sagt ich's nicht!« »Ich lasse mich nicht täuschen«, erwiderte der Kommandierende, »das war Dohlenecks Statur. Sie müssen ihn ja kennen, Herr van Asten?« »Sollte der Rittmeister so jugendlicher Tollheit zugänglich sein! Es war zu dunkel. Aber, meine Herren, da entsinne ich mich ja, der Rittmeister war heut zu Exzellenz Schulenburg auf eine Lomberpartie eingeladen, Exzellenz Blüchers wegen. War Lombard oder Herr Crelinger der vierte, darüber bin ich nicht recht gewiß, aber – warten Sie – es wird mir gleich einfallen –« Der Kommandierende lächelte: »Wir danken für den Avis.« »Kornett Wolfskehl wird wohl zu fangen sein«, meinte der zweite. Die Husaren sprengten ihrer voraufgeeilten Patrouille nach. Wir verschwören nicht, daß in ihrer Verhandlung mit dem Ministerialsekretär nicht die wohlmeinende Absicht mitgespielt hat, dem Verfolgten Zeit zu lassen. Der Wagen der Baronin Eitelbach entging glücklich der Polizei und den Husaren, und als er vor dem Hause der Madam Braunbiegler hielt, war nichts Gefährliches passiert, als daß eine Scheibe im Kutschenschlage – wahrscheinlich durch einen zufälligen Ellenbogenstoß – entzweigegangen war. Auch hatte sich seltsamerweise ein Fußgänger, nach einer Verständigung mit dem Kutscher, zu ihm auf den Bock gesetzt. Dieser war, schneller als der Kutscher herabgesprungen, bereits verschwunden, als letzterer sich langsam heruntermachte, um, in Ermangelung eines Bedienten, den Wagen zu öffnen. Ehe das geschah, hatte sich aber die Wagentür gegenüber schon von selbst geöffnet und der Rittmeister war nach einem langen, zärtlichen Kuß auf die Hand der Baronin entschlüpft. Die Eitelbach war nie so langsam als heute die Treppe zu einer Gesellschaft hinaufgestiegen. Auch im Vorzimmer hatte sie noch so viel mit ihrer Toilette zu tun. Ein Glück, daß die große Gesellschaft, welche sich noch spät bei der Braunbiegler versammelt, mit andern Dingen beschäftigt war, um auf ihre Verlegenheit achtgeben zu können. Diese Verlegenheit hätte sich eigentlich noch um ein Bedeutendes steigern müssen, als die Wirtin ihr mit dem Bedauern entgegenkam, daß sie ihre Hand an der Fensterscheibe verwundet habe, sie hoffe, es werde doch nicht üble Folgen haben. Die Wirtin hatte nicht Zeit, ihr Erröten zu bemerken, sie hatte überhaupt in dem Gewirr nicht Zeit für einen einzelnen Gast. Auch andere, die an ihr vorüberstreiften, beklagten die schöne Hand. »Es wird aber gewiß nichts auf sich haben.« Wußte denn jeder nicht nur die Tatsache, sondern schon das Märchen, was sie sich künstlich zurechtgelegt, um die Wahrheit verbergen zu dürfen? – Von wem hatten sie's erfahren? – Gott sei Dank, daß sie wenigstens das nicht gehört, von dem nichts wußten, was – es war das erste Geheimnis, was sie unter ihrer pochenden Brust verbarg. Die Brust blutete vielleicht heftiger als die Hand. In solchen Stimmungen kann eine große Gesellschaft, wo keiner Zeit und Raum hat, auf den andern achtzugeben, zur Wohltat für ein geängstetes Gemüt werden. Ein Hofmann hätte es eine gemischte genannt, sie bestand mehr aus den Optimaten des Reichtums als der Geburt. Der Reichtum hing von den Decken als Kronleuchter, Armleuchter, Festons, Seiden- und Damastgardinen; er lastete in den Aufsätzen der Nischen und Ecktische, in den Teppichen auf dem Boden, vor allem auf und an der Wirtin. Zum Schildern ist nicht mehr Zeit. Die Juwelen, Ketten, Ringe, Aufsätze, die Madam Braunbiegler vom Wirbel bis zum Gürtel, von den Schultern bis zu den Fingerspitzen trug, waren in Berlin sprichwörtlich. Reichtum, überall, wohin man sah, nicht ausgebreitet, sondern aufgeschichtet, lastend, prahlerisch, ohne Geschmack. In solchen Kreisen pflegt die Unterhaltung der Lebendigen, der Hauch, der über eine Gesellschaft hinfliegen soll, den Widerschein und Abdruck des Apparates anzunehmen. Der Patriotismus hier war anderer Schattierung als der, welcher den Scheiben des französischen Gesandten gedroht. Das große Ereignis, welches die Straßen, die höheren Kreise heut abend in Bewegung versetzt, die diplomatischen in Entsetzen, hatte weniger Wirkung hervorgebracht. Man betrachtete den Krieg als etwas Ausgemachtes, Notwendiges, die Dehors desselben kümmerten die Anwesenden weniger. Nur die jüngern Leute versuchten in einer Nebenstube am Klavier die sechs neuen, eben erschienenen Kriegslieder, komponiert von Helwig, zu singen. Allgemeinsten Beifall erntete aber das Kriegslied der Preußen von Karl Müchler, komponiert von Mappes: »Endlich tönt der Ruf der Lust!« Aber es war ein anderer, näherliegender Gegenstand, der die praktischen Leute beschäftigte. Gestern war eine Frage entschieden, die schon wochenlang die Gemüter beschäftigt hatte: ob die Infanteristen Mäntel haben müßten? Es war eine Frage gewesen, so wichtig, so ernst behandelt und so lebhaft als irgendeine, welche zuweilen als Riesenschlange durch alle Gesellschaften in Berlin, von den Spitzen der Türme bis in die Winkel der Kellerwohnungen sich gewunden und dort ihre Streiter gefunden hat. Fragen wie die, ob das neue Jahrhundert um Mitternacht zu 1800 oder zu 1801 gefeiert werden müsse, ob Fleck oder Iffland ein größerer Schauspieler, Friedrich oder Napoleon ein größerer Feldherr gewesen? Es war eine ungeheure Neuerung, das gestand sich jeder, vielen schien sie gefährlich, weil den Franzosen nachgebildet. Ja, ein Husar, ohne Mantel gedacht, war kein Husar mehr; aber was blieb er noch, wenn auch Musketiere, Füsiliere, Grenadiere Mäntel erhielten! Der Unterschied von Kavallerie und Infanterie schien über den Haufen geworfen, ein so unübersehbarer Eingriff in die bestehende Ordnung, als heute vielen eine Gemeindeordnung bedünkt, die den Unterschied von Stadt und Land aufhebt. Friedrich hatte mit einer Infanterie ohne Mäntel gesiegt, er mußte doch wissen, warum es so besser war. Ein guter Soldat muß nicht frieren, wenn sein König befiehlt, daß er warm ist. Aber die Neuerer hatten eingewandt, daß auch der Infanterist ein Mensch ist, und daß jeder Mensch friert, wenn es kalt ist, daß der Regen den einen durchnäßt wie den andern, daß der Krieg seit Friedrich eine andere Fasson angenommen, daß Napoleon die Winterkantonierungen nicht mehr respektiere, daß er seine Feinde zu Winterfeldzügen nötigte. Die Mäntelpartei hatte gesiegt. Gestern hatte ein Erlaß der Geheimen Oberfinanz-, Kriegs- und Domänendirektion das Publikum davon avertiert: »Wie Seine Majestät der König schon längst darauf Bedacht genommen, daß der Soldat im Kriege nicht frieren dürfe, und wie es Seiner Majestät Wunsch sei, daß alle seine braven Krieger eine wärmere Winterkleidung erhielten, namentlich die Infanterie Mäntel mit Ärmeln, die Kavallerie wollene Unterhosen. Da aber selbige aus allgemeinen Mitteln zu beschaffen in gegenwärtiger Zeit auf mannigfache Schwierigkeiten stoße, so werde die Bereitwilligkeit der Nation angerufen, das Unternehmen des geliebten Landesvaters zu unterstützen und ihren warmen Patriotismus durch die Tat zu bewähren.« Mäntel! war das Losungswort durch die Stadt, im Zivil, während das Militär nur Krieg wollte, mit oder ohne Mäntel. Zum erstenmal war das Publikum aufgerufen, ein großes Werk des Allgemeinwohls zu unterstützen, ja, die Initiative war ihm in die Hand gegeben. Wen darf es wundern, wenn es umher brauste und schwirrte, eine Tätigkeit sich entwickelte, die sich selbst hemmte und verwirrte. Der Staat hatte bisher für alles gesorgt, nun sollte der Bürger nicht allein für sich, auch für den Staat sorgen! Kommissionen und Ausschüsse zu bilden, wo sollte man gelernt haben, was sich jetzt von selbst macht! Der Magistrat, der es in die Hand genommen, fand dafür kein ander Mittel, als eine Subskription, die von Stadtverordneten Haus für Haus umhergetragen werden sollte. Das war ein langer Weg. Aber nun fühlte sich jeder berufen, auf seine Hand es in die Hand zu nehmen; die Nähterinnen und die Geheimrätinnen, auf den Kanzeln und in den Werkstuben, im Theater und in den Weinhäusern, auch in andern Häusern, es war überall nur ein Wort, überall wollte man helfen, noch lieber Ratschläge geben, wie man helfen könne. In der Gesellschaft der Braunbiegler hatte die Sache noch eine andere Seite. Auf dem Konto Debet stand Patriotismus und Tuch. Was Madam Braunbiegler gezeichnet, konnte man auf ihrem strahlenden Gesichte fast in Zahlen lesen. Die Dame selbst wog mit ihrem treffenden Blicke die Gäste ab; auch sie las auf jedem Gesichte, wieviel ist der Mann wert? Wieviel hätte er zeichnen müssen? Wieviel hat er zu wenig gezeichnet? Wieviel zuviel, um sich höherzustellen? Endlich – wie tief stehen sie alle unter dir? Ihr zunächst mußte der Baron Eitelbach stehen. War er doch ihr Kompagnon! – Aber er stand nicht, er ging, er flankierte mit seinem strahlenden Gesicht durch die Gruppen. »Was sagen Sie nun dazu, Kapellmeister? Haben die Deutschen keinen Patriotismus nicht, Herr Righini?« » C'est étonnant !« erwiderte der Angeredete. »Selbst meine Waschfrau präsentierte mir einen Subskriptionszettel.« »Pfui! Das finde ich eigentlich abscheulich. Wenn die Populace sich erst mit etwas befaßt, dann, muß ich gestehen, faß ich's ungern noch an!« »Der Geist der Zeit!« sagte ein Dritter. »Was ist das?« fragte der Baron. »Ein Buch, was eben erschienen ist«, bemerkte ein vierter, »von einem gewissen Moritz Arndt. Es macht viel Aufsehen.« »Mir unbekannt!« sagte der Baron und ließ seine Lorgnette umherblitzen. Der vorige bemerkte, daß der eben neu ausgegebene »Preußische Staatsanzeiger« auf das Buch aufmerksam mache. »Was steht denn in den Zeitungen? Ich habe wirklich nicht Zeit, sie zu lesen.« »Der Kaiser Napoleon ist in Mainz angekommen. Sie schreiben, er sähe magerer und blasser aus als sonst, übrigens in vollkommener Gesundheit.« »Gar nichts Interessantes?« »In Neapel ist der berüchtigte Räuberhauptmann Fra Diavolo in Ketten eingebracht worden. Er ist wahrscheinlich jetzt schon erschossen.« »Ah! Kompagnon von Rinaldo Rinaldini, Abällino, Righini et cetera.« Der Baron legte mit anmutiger Schalkheit seine Hand auf die Schulter des Kapellmeisters. »Der Wahrheit die Ehre, Ihr Vaterland liefert uns immer die interessantesten Räuberhauptleute, stupende Kapellmeister und die schönsten Sängerinnen. Apropos, wie heißt denn die, die in Paris jetzt Furore macht?« »Catalani – man schreibt eben, daß der Kaiser ihr eine Pension von 1200 Francs ausgesetzt hat.« »Hab's gelesen – ja, ich hab's selbst gelesen. Man muß die Künste protegieren, das ist nobel. – Die Schmalz sang auch admirabel, muß man ihr lassen – ah, eine Kunst und eine Stimme! Ist jetzt in Italien. Wenn sie nur hübscher wäre! Es geht nichts über Kunst, sag ich Ihnen. – Neulich: ›Beschämte Eifersucht‹! – Was geht mich das Stück an? – Aber die Mebus! Zum Küssen, sag ich Ihnen. – Und Mattausch – ist nicht mein Mann – aber die Damen – göttlich! göttlich! und die Tücher vor den Augen. – Iffland kam gar nicht gegen ihn auf. ›Berlin sah seinen Iffland wieder‹, steht's in der Zeitung – ja, 's steht manches in der Zeitung, was doch nicht so ist. Aber Iffland, à la bonne heure, halten Sie ihn nicht auch für einen denkenden Künstler, Herr Generalstabsarzt?« Der Angeredete verneigte sich nur schweigend. »Sehn Sie, das hab ich immer gesagt, wo Iffland nicht spricht, weiß man sogar, was er denkt. Apropos, wissen Sie denn von der Eigensatz? – Geht nach Wien –« Der Zusatz ward nur hinter der Hand einem der Glücklichen ins Ohr geflüstert. Der Baron beglückte längst andre Gruppen mit seiner erheiternden Gegenwart, als das stille Gelächter im Kreise, den er verlassen, den Umlauf machte. »Apropos, ma belle!« rief der witzige Baron, als er seine Gattin zu Gesicht bekam, »was ist denn das für ein Kutschenfensterscheibengestoße? Denkst du, Glas kostet kein Geld? Werde die Türen mit Brettern vernageln lassen, profit tout clair ! Dann sieht auch keiner, mit wem du drinsitzest.« »Du weißt –?« Ihre weißen Perlenzähne starrten ihn an. »Ziert sich, weil er ihr den schönen Arm küssen will, und stößt dabei die Scheibe ein.« Ihre Perlenzähne verschlossen sich, aber ihre schönen Augen wurden größer. »Mir schenkt man reinen Wein.« Jetzt erst platzte das »Um Gottes willen, wer?« heraus. »Wer anders als der Legationsrat! Was war's denn nun, daß er zu dir in die Kutsche sprang? Muß man sich darum so haben!« »Der Legationsrat?« »Ist ein gescheiter Mann und wird nicht plaudern.« »Du kannst ihn ja aber nicht ausstehn.« »Man kann viele nicht ausstehn, ma chère, und trinkt doch mit ihnen Brüderschaft.« In sprachlosem Erstaunen sah die Baronin ihn an. »Ma chère, verstehe mich. Die Sache ist ganz simpel. Wandel reitet mit Achten vorgespannt ins Herz der Braunbiegler. – Wenn's zum Klappen kommt, wird sie – den Teufel – so dumm sein und einschlagen. Aber 's ist doch die Möglichkeit, wer kennt die Weiberherzen. – Und ein solcher Kompagnon ins Geschäft, na, da gratuliere ich! Also –« »Was denn?« »Ums kurz und klein zu machen, laß dir von ihm die Cour machen, soviel er Lust hat, und wenn er zu dir in den Wagen springt, schrei nicht auf.« »Der Legationsrat!« Weiter wußte die schöne Frau nichts zu sagen, denn der Legationsrat stand vor ihnen. Es ging zur Tafel. Der Baron legt den Arm seiner Frau in den des Rates: »Sie schmachtet nach Ihrer Unterhaltung. Sein Sie liebenswürdig, soviel Sie können, es wird niemand eifersüchtig –« In sich lachend, setzte er hinzu: »– Außer wer es soll!« Das Opfer ging neben dem, dem sie geopfert schien. So roh, widerwärtig war ihr Gatte ihr nie vorgekommen. Wandel ging im würdigsten Ernst. Er sprach Gleichgültiges, unbefangen. So war er bei Tisch der liebenswürdigste Nachbar, aber sein Gespräch, seine Erzählungen waren für alle, sie mußten jeden interessieren. Der Baron hatte seine Absicht nicht erreicht, die Braunbiegler ward nicht eifersüchtig, die Baronin aber saß auf Kohlen. Nachher kam ein Moment, um mit Wandel, in eine Fensternische von den Aufbrechenden zurückgedrängt, unbemerkt ein kurzes Gespräch zu pflegen. »Um Gottes willen, was ist das?« Wandel antwortete, mit der Quaste der Gardine spielend, als unterhalte er sich mit seiner Dame über irgendeine Trivialität: »Sein Sie unbesorgt. – Ich bin, ich bleibe der Wächter Ihrer Ehre – der Kutscher ist von mir gewonnen; es wird noch alles gut werden, wenn Sie sich nicht selbst verraten.« »Mein Gott, Herr von Wandel, wie komme ich dazu!« »Still! Ich beschwöre Sie, nur keine Emotion! Sie haben sich beherrscht, ich habe Sie bewundert. Fahren Sie so fort. In meiner Brust ruht Ihr Geheimnis wie im Schoß der Erde – vertrauen Sie mir –« »Aber, lieber Gott, wenn ich's recht bedenke, was ist es denn eigentlich –« »Denken Sie nicht, um Gottes willen, denken Sie jetzt nicht. Dem Reinen ist alles rein, aber – wer ist vor diesen rein? Ein Rendezvous in der Kutsche – bei Nachtzeit – Ihre verwundete Hand! die zerschlagene Scheibe – die Lüge! Oh, verzeihen Sie, ich rede nur, was diese reden würden. Gräßlich, wenn Auguste morgen der Gegenstand des Stadtgesprächs – Nein, nimmermehr! Denken Sie nicht, Sie sind in Agitation – lassen Sie jetzt andre für sich denken, die ruhiger sind, die wenigstens ruhiger scheinen«, setzte er seufzend hinzu. Sie reichte ihm bewegt die Hand: »Sie meinen es gut.« »Gnädige Frau«, sagte er, respektvoll zurücktretend, »mancher ist doch besser, als man glaubt.« »Charmant!« sagte der hinzutretende Baron, um seine Frau fortzuführen. »Kontinuieren Sie, Herr Legationsrat, noch bin ich nicht eifersüchtig. Aber was nicht ist, kann noch werden.« Viertes Kapitel. Nur eine Kleinigkeit . Es war schon Nacht, als Walter mit seinen Erkundigungen in das Hotel des Ministers zurückkehrte. Es waren inzwischen noch mehr Nachrichten eingegangen, geeignet, die ernste Stimmung des Staatsmannes zu erhöhen. Seine Gereiztheit hatte aber einer klaren Ruhe Platz gemacht, gleich wie das Dunstgewölk draußen einem sternenklaren Himmel, das Geräusch des Abends einer tiefen Stille gewichen war. Nur aus entfernten Gärten und Tabagien schallte noch eine dumpfe Musik. Depeschen wichtigen Inhalts waren dem Minister kommuniziert worden: Napoleon hatte endlich offiziell dem Berliner Kabinett die Stiftung des Rheinbundes notifiziert mit einer formellen Aufforderung, dieser Konföderation zum Wohle des gesamten Deutschlands beizutreten. Ein bittrerer diplomatischer Hohn ließ sich kaum denken. Eben als Laforest von seiner Meldung zurückgekehrt, hatte er die Serenade der Gendarmen empfangen! »Das ist ein reiner Zufall!« war Walters Meinung. »Wenn nun die ganze Weltgeschichte Zufälligkeiten wären, die unser grübelnder Verstand zu einer Kette von Notwendigkeiten verschlingt!« Walter meinte, daß Laforest zu verständig sei, eine Insulte trunkener Jünglinge anders zu betrachten, als sie war. »Gewiß«, hatte der Freiherr erwidert, »Napoleon wird um dieser Albernheit willen keine Stunde früher losschlagen, als seine Absicht ist. Aber eben, weil wir und er noch nicht gerüstet sind, weil wir beide die Maske der Freundlichkeit noch nicht abwerfen dürfen, zu welchen Lügen zwingt uns abermals die Unbesonnenheit! Man muß die jungen Leute härter strafen als nötig. Hardenberg muß wieder mit süßschwellenden Lippen Beteuerungen unserer freundschaftlichen Gesinnung machen. Das ist der Fluch unserer Gedankenlosigkeit«, setzte er hinzu, »des Allesgehenlassens, daß sich Zustände, Stimmungen entwickeln, die naturgemäß heraus müssen; wir ließen sie zu, wir nährten sie sogar, und wenn es zur Explosion kommt, erschrecken wir, stehen ratlos und möchten mit Keulen das Kind zurückschlagen, das aus der Mutter Leibe will.« Der Minister stand wie immer am offenen Fenster. Atmete er die frische Herbstluft ein oder verfolgte sein Auge das sternenbesäete Firmament? Zuweilen schien er auf die Blaseinstrumente zu horchen, deren Töne der Luftzug aus entfernten Tabagien und Gärten herantrug. Es war immer der Dessauer Marsch. »Der Alte Dessauer sang ja auch wohl die Kirchenlieder nach der Weise! – Es ist alles hier eine Weise. Das ist's, was den Mut dämpft!« Walter meinte, in Ansichten sei doch eine Musterkarte vorhanden. »Nein, die Uniform ist ins Blut gedrungen. Das ist's! Das ist das Übel. Ein König war einmal ein Wüterich der Sitte, da wurde das Volk puritanisch, ein anderer ein Freidenker, da wurden sie Freigeister. Dann Libertins, zur Abwechselung Träumer, magnetisch verzückt, Geisterseher. Aus Überdruß auch wieder tugendhaft, häuslich. Sie wären Enzyklopädisten, Freimaurer, bureaukratisch fischblütige Jakobiner geworden, wenn Mencken länger gelebt und Beyme nicht in die Stricke der andern gefallen wäre! – Und was das Übelste vom Übel, sie halten diese Virtuosität des Nachspringens noch für Bravour und Tugend.« »Und hat nicht diese Virtuosität oder Tugend unsern Staat zu dem gemacht, was er ist?« »Respekt vor dem Geschlecht, junger Freund! Die großen Männer waren es, die Riesengeister, von jenen Bergen stammend, auf denen auch der Hohenstaufen in die Wolken sah.« Auch die Stammburg des Ministers schaute von einem Berge in die Wolken. Der Minister mußte den lächelnden Zug um seine Augen verstanden haben; es lag wieder etwas wegwerfende Härte in seinem Ton: » Sie können nicht dafür, daß Sie es nicht begreifen. Ihre ganze Erziehung, die Bildung hier ist daran schuld. – Es war ein Experiment, wie es in der Weltgeschichte noch nicht einmal vorgekommen. Daß eine Dynastie, ein Fürstengeschlecht, ein Volk machte ! Zusammengeleimt widerstrebende Teile mit seinem Blute. Ich sage Ihnen, ich habe den höchsten Respekt vor diesem Blute. Welche Eisenteile, welche Elastizität, welche Attraktionskraft, Klarheit muß die Schöpferin Natur da einmal in ihrer übermütigen Laune hineingegossen haben! Aber wenn ein Volk, wenn Stämme, wenn die Natur selbst darüber untergingen, dann erlaube ich mir wenigstens eine Träne an ihrem Grabe.« Nach einer Pause hub er wieder an: »Ich sage Ihnen, ohne Aristokratie ist kein Leben in der Natur, kein Fortschritt in der Menschheit. Die Weltgeschichte wäre ein mongolisch-chinesischer Brei, ohne Halt, Erhebung, tragische Größe. Wenn man die Kirchtürme abbricht und die Schornsteine höher mauert, die Berge planiert und mit Schubkarren Hügel aufführt, ist das Ersatz? Was wäre der Erdball ohne sein Granitgerippe, das ihn zusammenhält gegen Orkane und Fluten, Wälle gegen Sonnenbrand und Steppensand! Wo entspringen die Flüsse? In dem ewigen Schnee, der auf ihren Firnen lagert. Die Menschennatur ist nicht anders. Hab ich eine Stimme wie die Catalani? Sind Sie schön wie Adonis? Können wir's uns geben? Sie würden mich, ich Sie einen Tor nennen, wenn wir danach trachteten. Wohin hat die Gleichmacherei der Jakobiner geführt! Frankreich seufzt unter einem neuen Marschallsadel; so dünn plattiertes Gold es sei, das Volk muß es von seinem Schweiße hergeben, wie es die Säckel der Direktoren füllen, die Guillotinen mit seinem Gelde bauen mußte! Ist der alte Adel darum tot? Er lauert nur und läßt seine Nägel wachsen, ums wieder an sich zu scharren, wenn die Gelegenheit kommt. Das die Wirkung der Impetuosen.« »Hier liegt aber vor uns die Arbeit eines Jahrhunderts, und darüber. Wir sehen nicht mehr die Arbeit, nur das fertige Werk.« »Ist es fertig?« – Er schüttelte den Kopf – »Was wäre der schönste Gliederbau wert, dem der Kopf fehlte? – Man fingt an, auf Friedrich zu schmälen. Man hat unrecht, auch der wackere Arndt irrt. Was er als Sünde des Individuums züchtigt, war nur der Instinkt des Blutes, es war die wunderbare Aufgabe der Dynastie, die Naturen und ihre Summitäten zu ertöten, um aus sich heraus allein das Werk zu erschaffen. Wär's ihnen gelungen, gelingt es ihnen, dann sind sie im Recht; es war eine Mission, eine Aufgabe von Gott, aber –« Das plötzliche Verstummen des Ministers war nicht von den Zeichen begleitet, welche den Willen, ein Gespräch abzubrechen, andeuten. Er wollte Widerspruch. Walter aber lenkte es von einer Seite ab, von der er wußte, daß sie für den Freiherrn immer empfindlich war. Er lenkte es auf die Fragen hin: ob denn die großen Reorganisationspläne des Staatsmannes gerade in dem kritischen Augenblicke an der Zeit seien? »Jetzt oder nie!« fiel der Freiherr ein. »Preußens Geschichte laß ich als eine seltene Rarität unberührt. Wir empfingen das Werk mit dem Stempel, den seine Schöpfer darauf gedrückt. Diese Schöpfer sind tot. Und wenn sie als Geister aus ihren Grüften um uns schwebten, sie könnten uns doch nicht zuflüstern, was wir tun müssen, denn ihre Kenntnis ist aus ihrer Zeit. Wir müssen aus der schöpfen, die ist. Ein stolzes Orlogschiff schaukelt im stürmischen Meere. Seine Kapitäne und Steuerleute sind gestorben, ihre Papiere verloren, selbst die Traditionen, wohin es steuern müsse, sind es. Was soll man tun? Die Hände in den Schoß legen, es den Winden überlassen, wohin sie treiben? – Ja, dann verdienten sie, Mann und Maus, elendiglich auf dem Wrack umzukommen. – Nein, das Volk wird zusammentreten, beraten, die Tüchtigsten aus sich, die Erfahrensten, die Kühnsten auswählen, sie in die Masten schicken, ihnen das Steuer in die Hand geben, und, mit Gott, sie werden tun, was an ihnen ist, sich und das Fahrzeug zu retten. – Ein solches Schiff ist Preußen, ein solcher Augenblick ist dieser. – Jetzt gilt es, das Volk aufrufen, jetzt oder nie. Erwacht, erwägt, was es euch ist, dies Vaterland, ob es wert, daß ihr alles daran setzt, alles, nicht nur Gut und Blut, auch die Gewöhnung, das eingeschrumpfte Dasein, den Stolz. Sie müssen neu geboren, sie müssen wieder Kinder werden, um der Gnade empfänglich.« »Und wenn das Volk den Ruf nicht hörte!« »So haben wir gerufen, und der Schall vibriert fort durch die Luft – er weckt nach uns, andre werden uns hören, wenn wir längst untergegangen.« Der Freiherr ging wieder in Gedanken versunken auf und ab. Er blickte noch einmal zum Fenster hinaus, und das Sternenlicht schien wieder seine Ruhe und Klarheit auf das charakterfeste Gesicht des Mannes gehaucht zu haben, als er zurückkehrend sich Walter gegenüber am Tische niedersetzte. »Wir dürfen uns nicht in Empfindungen verlieren, es drängt. Nehmen Sie wieder die Feder –« Walter schrieb – hingeworfene Sätze, die von den Lippen des Ministers wie ein immer lebendigerer Quell sprudelten. »Gedenken Exzellenz auch dieses Memorial durch die Hand der Königin an die höchste Stelle zu befördern?« »Ja, die Königin – wenn sie –!« Die Gedanken flogen, sie drängten und überstürzten sich, konvulsivisch, wie die Bewegungen der Lippen. »Und warum es uns verhehlen, was eine nur zu sichere Ahnung uns sagt! Auch dieser Versuch wird scheitern! Zu einem Titus in Tagen des Friedens war er geboren. Die Zeit forderte einen Sulla. Dieser bürgerliche Gerechtigkeitssinn reicht aus in Zeiten, wo das Rechte aufhört. Daß es da ein höheres gibt, was der geweihte Priester aus den Wolken greifen muß, wer darf ihn tadeln, daß ihn Gott zu diesem Glauben nicht geweiht. Er hat eine Scheu vor außerordentlichen Schritten – es wird ad acta gelegt werden wie das andere. – Sollen wir darum nicht unsre Pflicht tun? – Wir werden Napoleon unterliegen.« »Seiner Übermacht?« »Nein, unsrer Unmacht! Unserm Dünkel, der den im Sturm und Donner neu schaffenden Gott nicht sieht. – Schreiben Sie weiter –« »Und mit dieser Vorahnung –« »Vorbewußtsein«, korrigierte der Minister, »will ich ihnen einen Spiegel hinhalten. Desto besser, wenn sie ihn im Zorn zerschlagen, weil sie so häßlich drin aussehen. Wenn die Zuchtrute des Herrn über sie kommt, lernen die Völker beten. Mit Gebet allein aber, mit dem Insichgehn ist's nicht getan, sie sollen aus sich herausgehn. An Verstand hat's nicht gefehlt, aber an Mut, ihn auszuprägen. Wir werden nicht ernten, aber säen wollen wir. Der Krieg wird die Saat zerstampfen, aber ein Körnlein geht doch auf.« Es war lange nach Mitternacht, als Walter die Feder niederlegte. Es war nicht ungewöhnlich, daß der Minister nach gallichten Ergüssen seiner Heftigkeit selbst die Gescholtenen zur Widerrede aufforderte. Zur Ruhe zurückgekehrt, hörte er sie auch ruhig an. Walter glaubte, daß er in mehreren Punkten die Wirklichkeit schwärzer gemalt, als sie sei. »Das ist nur der Fluch jeder Parteistellung. Im Eifer fliegen wir über das Maß hinaus, in der Anschuldigung wie in der Verteidigung. Es läßt sich nicht anders tun, der redlichste Wille wird untertan dem Zwecke. Götter sind wir nicht, und der Allmächtige wird wissen, warum er uns nicht Engelsseelen gab. – Übrigens, solcher Liederlichkeit ist auch Gift ein Heilmittel. Heim braucht jetzt Arsenik, wenn das kalte Fieber absolut nicht weichen will.« Walter legte aufstehend die Papiere zusammen. Die Sitzung war geschlossen. »Warum schaudern Sie? – Ich bin jetzt heiter.« »Ich fragte mich nur, noch ergriffen von Ihrer Darstellung, ob denn noch schlimmere Zustände möglich sind!« »Wenn – Gottes Zornrute nicht dreinfährt, ja. Er allein kann helfen, das bekenne ich hier vor Ihnen in Demut. Wenn keine Blitze niederzucken, kein Gewitter diese faule Luft reinigt, so helfen alle unsere Vorschläge nichts. Dies in liederlicher Humanität aufgepäppelte Lottergeschlecht ist zu nichts Urkräftigem mehr tüchtig. Im glücklichsten Fall würden sie unsere Pläne wie ein neues Spielzeug hinnehmen, das solange amüsiert, als es neu ist. Die Blasiertheit ist weder der Begeisterung noch der Entrüstung fähig. Das ihr Fluch. Im Drang nach Unterhaltung spielen sie mit allem, was ihnen hingeworfen wird, sie flattern aber auch in jedes Netz, das die Arglist ihnen stellt. Wissen Sie, welche Netze, wer sie ihnen einst stellt? Die Herrschaft dieser frivolen Schwätzer, gedankenlosen Roués ist recht geeignet, den Boden zu anderer Saat weich zu machen. Ein Ekel muß doch am Ende die bessere Natur überkommen, auch die nichts Besseres weiß. Sie stürzt sich dann aus Verzweiflung in das erste beste, was ihr vorgehalten wird. Die Versuche der Wöllner und Bischoffwerder kamen nur zu früh, zu ungeschickt. Darauf ließ man die Romantiker los; junge Genies, von denen ich gern glauben will, daß sie in ihrem taumelnden Übermut selbst nicht wußten, an welchen Fäden sie flatterten. Diese Fäden sind abgerissen, aber der Knäuel ist noch da. Wer sieht voraus, wann er wieder neue Fäden auswirft. Friedrich, in seiner großen Schöpferkraft schwelgend, vergaß, daß es noch einen Schöpfer außer ihm, über ihm, gab. Das muß sich rächen. Den ewigen Gott haben sie zum sentimentalen Großpapa im Schlafrock gemacht. Gott läßt sein nicht spotten. Das wird , das muß einen Umschlag geben. Der kann fürchterlich werden. Den Gott am Kreuze wollen diese nicht mehr anbeten, es können andere kommen, die fordern, daß wir das Kreuz ohne den Gott anbeten. Wie nun, wenn ein langer Friede wieder die Gemüter in frivole Ruhe, in läppischen Dünkel auf die Taten ihrer Väter eingewiegt hat, wenn da diese Mächte wieder ihre Netze spinnen! – Nun, junger Freund, denken Sie sich dann diese von heut, so gedankenlos wirtschaftend mit dem Gut des Vaterlandes, so die Traditionen vergeudend, den Staat von Ehr und Ansehen, durch Jahrhunderte von den großen Hohenzollern gesammelt, großsprecherisch und kleinkrämerisch, mit einem Fassungsvermögen, das nicht über heut hinausgeht, und denken Sie diese Verwalter noch, den Mantel der Tugend und Religiosität sich umhängend, und dann fragen Sie sich selbst, ob es nicht noch schlimmer werden kann, als es ist?« »Es ist Geisterstunde!« »Und Sie meinen, ich sähe Gespenster. Möglich. Aber Rom vergißt nie die Fesseln, die es der Welt geschmiedet, und zweimal wurden sie von Deutschland aus gebrochen. Auf dieser Sandscholle ruht eine wunderbare Mission – Genug davon! – Wenn ich ihn weniger haßte, ich könnte ihn lieben, diesen Napoleon. Ein fürchterlicher Arzt, treibt er die Krankheit mit Skorpionengeißeln zur Krisis. – Aber was dann kommt – die Genesung, wie sie ausschlägt!« »›Man muß auf die großen Beispiele der Geschichte zurückblicken und Vertrauen auf die Vorsehung haben‹, schrieben Exzellenz neulich an den Freiherrn von Vincke.« »Was hielte uns sonst aufrecht! – Aber diese Vorsehung ließ Reiche und Nationen vom Erdball verschwinden, um andern Platz zu machen – sie ließ auch einen langen byzantinischen Todeskampf zu.« »Was Gott walte«, rief Walter, »daß diese Agonie von Deutschland fern sei.« »Amen!« sagte der Minister. Draußen klirrten Schleppsäbel auf dem Pflaster, junge Offiziere, von einem verspäteten Zechgelage heimkehrend, gingen lachend und singend vorüber. Es war eine unangenehme Störung in der Feierstunde des Gespräches, in der stillen Feier der Nacht. »Es sind Teilnehmer an der Bravade von heute darunter«, sagte Walter, der sich dem Fenster genähert hatte. »Sie sind des Erfolges sicher.« Der Minister legte seine Hand auf Walters Schulter: »Und welchen andern, mein Freund, hätte diese Bravade gehabt, wenn ein Jahr früher! Damals hätte es zünden müssen. Damals, als das Pulver gestreut lag. Laforest hätte seine Pässe fordern müssen, es ging nicht anders. Hardenberg hätte sie ihm auf der Stelle zugesandt – der Sturm war los, die Schleusen gebrochen, und die Sonne von Austerlitz wäre anders untergegangen! Warum trieb der Champagner ihr Blut nicht durch die Adern! – Warum da nicht? Warum zu spät? Das sind Fragen, die unsere Philosophie aus ihren Angeln heben.« Der Ministerialsekretär war schon aus der Tür, als er ihn wieder zurückrief »Ich wollte Sie nur um einen kleinen Dienst bitten, klein für Sie, groß für mich. Es liegt mir viel, sehr viel daran, daß Bovillard Zutritt bei Hofe erhält. Gerade jetzt, wenn das Memorial eingeht. – Er wird eigensinnig bleiben. – Tun Sie mir da den Gefallen und gehn zu dem schönen Mädchen, ich meine seine Braut. Stellen Sie ihr die Sache ernstlich vor, daß ihr eigen Glück davon abhängt, seine definitive Plazierung. Wenn sie um Audienz bei der Königin bittet, wenn sie das Sentiment, ihre eigene Herzenslage schildert, wird es ihr nicht schwer werden, auch Luisens Herz zu rühren. Die Lafontaineschen Romane spuken da noch immer. Ein Familienjammer ist außerordentlich wirksam. Sie kann ja auch einfließen lassen, daß nur auf diese Weise die Abneigung des alten Bovillard zu bewältigen ist.« Walter schwieg: »Liegt denn Euer Exzellenz so – überaus viel an –« »An Kleinigkeiten«, fiel ihm der Freiherr ins Wort. »Die Kieselsteine, die in ein Räderwerk, der Staub, der in eine Taschenuhr fällt, soll der Müller und der Uhrmacher sie liegenlassen, weil er der Vortrefflichkeit seiner Maschinen vertraut? Ja, Lieber, der Staatsmann, der auf die Kleinigkeiten nicht zu achten brauchte, wäre größer, als je einer in der Welt es war. Sie sind da, um unsern Scharfsinn wachzuhalten, und der sie nicht ergreift, wo sie ihm günstig sind, versündigt sich vor dem, der sie ihm in die Hände spielte. Also morgen schon womöglich.« »Exzellenz, wie komme ich dazu?« »Sie waren ja ihr Lehrer. Einige Schmeichelworte, einige Autorität. Einem so beredten Lehrer schlägt eine Schülerin nichts ab.« »Exzellenz, diese Aufgabe –« »Kostet Sie Überwindung. Desto ehrenwerter. Haben Sie vielleicht selbst einmal – zu tief in die schönen Augen geblickt? – Um so schöner noch Ihre Aufgabe. Wir sind alle zur Entsagung geboren.« Fünftes Kapitel. Zur Königin . Es war ein seltsames Zusammentreffen. Die Fürstin Gargazin war heute mit einem Gedanken aufgestanden, der sie beim Frühstück beschäftigte. Sie wollte bei der Königin eine Audienz erbitten, um Adelheid zu präsentieren. Vielleicht die Frucht eines Traumes; auch unsere Träume sind nur die Früchte einer Saat, die wir selbst gesäet. Adelheid fing an, sie zu genieren. Weshalb? – Das Gesetz ihres Zusammenlebens war ja, daß keine die andere genieren durfte! Und doch – zuweilen, wenn ihre Blicke sich begegneten, schlug die Fürstin die Augen nieder. Die Augen des Mädchens leuchteten so hell und klug. Sie erinnerte sich unwillkürlich an das, was Wandel über sie gesagt. Warum blieb er kalt vor dieser Schönheit? Warum empfand er ein Unbehagen in ihrer Gegenwart? – Wandel war ein blasierter Mensch, aber – ein Menschenkenner, es war etwas, worin beide in ihren Gefühlen stimmten. – Und was sollte das Mädchen noch in ihrem Hause! – Kaiser Alexander war fern, er hatte andere Gedanken; wenn er kam, kam er im Kriegerrock, und dann – dann! Die besten Berechnungen schlagen am ehesten fehl. – Und wenn Krieg ward, was sollte Adelheid in ihrer Begleitung! – Aber was sollte sie bei der Königin? – Das würde Gott am besten fügen. Die Fürstin war heute von einem Gottvertrauen, das durch die Ereignisse bestärkt werden sollte. Denn während sie noch am Frühstückstisch saß, war die Hofdame der Königin, Fräulein von Viereck vorgefahren und hatte unter andern Dingen von der Verwunderung der Königin gesprochen, daß Erlaucht ihre Pflegetochter Ihrer Majestät noch nicht vorgestellt. Die andern Dinge waren bald beiseite geschoben, die Viereck war nur darum gekommen. Die Königin durfte es nicht offiziell wünschen, auch war die Fasson schwer zu finden, wie die Fürstin das junge Bürgermädchen präsentieren solle. Also sollte ein gelegentliches Zusammentreffen arrangiert werden. Die Kammerfrau der Königin, Mamsell Schadow, war eine Bekannte der Alltagschen Familie. Adelheid konnte die Kammerfrau besuchen, und sowenig dabei etwas Auffälliges war, konnte es sein, wenn Ihre Majestät bei der Gelegenheit das junge Mädchen traf. Die Fürstin war über den Vorschlag um so mehr erfreut, als sie nicht nötig hatte, Mutterrolle zu spielen. Sie fürchtete nur Widerstand von dem kapriziösen Kopfe ihres Schützlings, eine Befürchtung, die um so größer ward, als sie hörte, daß Herr van Asten sich schon früh am Morgen bei Adelheid melden lassen, daß er angenommen worden und noch jetzt bei ihr sei. Was wollte der abgesetzte Liebhaber bei ihr! Er konnte doch nicht beabsichtigen, seinen Nebenbuhler und Freund wieder aus dem Sattel zu heben? Das Kammermädchen hatte zwar an der Tür gehorcht, aber nichts von Tränen und Beteuerungen. Die Sprache hatte so ernst geklungen, feierlich und – doch auch zärtlich, meinte das Kammermädchen. Sie mußte die Sprache, welche drinnen gesprochen ward, nicht verstehen. Jetzt ging er. Adelheid begleitete ihn bis an die Gartentreppe. Die Fürstin sah durch die Glastür wenigstens den Abschied. Der junge Mann schien verändert, aber zu seinem Vorteil, seine Haltung war fester, entschlossener, vornehmer. Er ergriff Adelheids Hand, er schien sie an die Lippen bringen zu wollen, aber besann sich. Er hob sie nur bis ungefähr an die Brust und drückte dann seine Hand darauf. Er sah sie dabei nicht zärtlich, aber innig an. Sie mußte ihn wieder so ansehen. Sie sprachen noch einige Worte, welche die Gargazin nicht hörte. Dann war es Adelheid, die ihm kräftig die Hand schüttelte und ihm etwas nachrief. Als er verschwunden, kehrte sie um und trat durch die Glastür. Sie war nicht betroffen, als sie der Fürstin hier begegnete. Das Betroffensein war an der Gargazin, als Adelheid ohne Umschweife, bescheiden, aber kurz und entschlossen, mit der Bitte vorrückte, die Fürstin möge ihr vergönnen, die Königin heut um eine Audienz angehn zu dürfen. Der Gedanke lag nahe, daß Adelheid von dem Besuch der Viereck erfahren. »Das recherchierte Kind der allgemeinen Gunst hat nur zu kommandieren. Ich kann nicht dafür, daß Sie die Hintertreppe hinauf müssen und Mamsell Schadow um Vermittlung angehen; hätten Sie mich früher Ihres Vertrauens gewürdigt, würde es mir wohl gelungen sein, Sie zur Vordertreppe heraufzubringen.« Adelheids klarer forschender Blick durchschaute die Sache noch nicht. »Die Gunst der Großen, meine Liebe«, fuhr die Gargazin fort, »ist ein Thema, was studiert sein will. Es ist nur das Schlimme, daß wer sie aus dem Grunde studiert hat, nicht weiter und nicht besser daran ist als der Bauer und das Kind, die den König für einen Gott halten. Wir sind ihnen Spielzeug, das sie auf ihren Putztisch stellen, solange es ihnen gefällt. Gefällt es ihnen nicht mehr, wird's in den Kehricht geworfen. Es ist Täuschung, wenn das Spielzeug glaubt, es könne etwas dazutun, daß es sie länger fessele, als ihre Laune dauert. – Erlauben Sie mir eine Warnung. Die Königin hat sich für Sie interessiert, als Sie ihr noch fern waren, das Gerede der Leute, Ihr Ruf vermehrte die Attraktionskraft; neulich auf dem Ball erregten Sie ihr Mitleid. Aber Passionen aus Mitleid halten nicht lange an und sind immer mit einer demütigenden Ätzung gemischt. Das zeigt Ihnen schon die Art, wie die Königin Sie rufen läßt.« »Mich rufen?« »Sie fühlen sich schon – ich will nicht sagen, gekränkt, aber Ihr Gefühl sträubt sich. Sie werden ihr nun vielleicht in der Art entgegentreten, wie sie es erwartet; Sie werden in Worten, Blicken, Haltung Ihr Selbstbewußtsein verraten. Liebes Kind, das dürfen wir nicht den Großen der Erde gegenüber. Weil sie ihre Größe immer fühlen wollen, wollen sie uns immer klein sehen. Je größer wir vor ihnen stehen, so mehr heben sie sich, um uns niederzudrücken; je niedriger wir uns aber bücken, je mehr wir den Schein annehmen, daß ihre Majestät uns eblouiert, so gnädiger werden sie und heben uns Zoll um Zoll – es freut sie dann, wenn wir uns über andere groß dünken, denn sie feiern sich selbst, weil sie uns so groß gemacht.« »Gnädigste Frau, die Königin hat mich nicht rufen lassen, sie hat mich vielleicht schon vergessen. Es ist mein eigener Wunsch, mich ihr vorstellen zu dürfen.« »Ihr eigener!« Die Fürstin hielt inne und maß das junge Mädchen. Adelheid war immer wahr; es war eben die Art der Wahrheit, welche der Gargazin nicht konvenierte. Nach einer Pause hub sie lächelnd wieder an: »Sie erlauben mir doch zu zweifeln, daß es ganz Ihr eigener Wunsch ist, wenn ich bemerke, daß er nach einem mysteriösen Besuche zum Vorschein kommt.« »Mein Freund und Lehrer hat mich an eine vergessene Pflicht erinnert«, sagte Adelheid, ohne zu erröten. »Louis' Anstellung –« »Ah das! Sie akkrochiert sich an der Abneigung Ihrer Majestät, und Sie, meine Liebe, sollen –« »Ich soll nicht; ich fühle jetzt selbst die Pflicht – was ein schwaches Mädchen vermag, dazuzutun, daß Louis einen Wirkungskreis erhält, der seinen Talenten angemessen ist, der ihn zu dem erhebt, wozu er berufen ist. Meine Hoffnung ist gering, aber mein Vertrauen groß. Ich verstoße vielleicht gegen die Sitte, ich bin darauf gefaßt, selbst den Unwillen der Königin werde ich zu ertragen suchen, denn ich bin von ihrem Edelsinn überzeugt, daß sie es meine Eltern nicht entgelten läßt. Mißbilligten Sie es, gnädigste Frau, so –« »Ich! Nicht im geringsten. Im Gegenteil, oh, das ist charmant, pikant von Ihnen. Vielleicht wünscht es Ihre Majestät sogar, und das ist der Grund, weshalb Sie gerufen werden. Nur Attention! meine Teure – vergessen Sie nicht, das zu bleiben, als was Sie sich ausgeben – das schwache Mädchen! Zeigen Sie ihr um Himmels willen nicht das starke Mädchen . Daß allüberall mit unserer Stärke nichts getan ist, das ist eine Lehre, für die unsre Adelheid noch zu jung ist. Aber einer Monarchin gegenüber nehmen Sie immerhin die Lektion einer älteren Freundin an, daß wir uns demütigen müssen. Sie muß alles tun, denken, wir lauschen nur und lassen im Gewande der Bitte Vorstellungen aufflattern, welche die Fürstin aufgreift und zu den ihren macht. Da geben Sie Ihr Eigentum hin; Sie wären augenblicklich verloren, wenn Sie in Freude aufblitzten: das habe ich ja gesagt! das sind ja meine Gedanken! Einer Monarchin gegenüber dürfen Sie gar nicht denken. Wie eine Pythia auf dem Dreifuß atmen Sie in halber Auflösung ihre Äußerungen ein, Sie nehmen alles an, nun, und ich traue Ihnen doch die Klugheit zu, daß Sie, wie die Priesterin, diese Töne dann zu einem Spruche ordnen werden, der Ihren Absichten entspricht. Ach, Sie glauben nicht, wie leicht das ist, wenn man erst die Neigungen und Schwächen der Großen kennt.« »Ich werde versuchen, zu ihrer Seele zu sprechen.« »Das ist recht. Sie liebt bürgerliche, rührende Szenen. Malen Sie Ihren Liebesschmerz unter Schluchzen, mit von Tränen erstickten Worten. Sobald Sie merken, daß sie gerührt wird, stürzen Sie auf die Knie, ergreifen ihr Kleid – sie wird Ihnen aber die Hand reichen, wenn Sie die rechte Sprache trafen – dann erklären Sie, Ihr ganzes Lebensglück läge in dieser Hand, sie wird Sie huldreich auffordern aufzustehen, Sie erklären aber, Sie würden nicht aufstehen, bis – nun, das übrige wird ein so kluges Mädchen wissen.« Adelheid rechtfertigte die Meinung der Fürstin. Sie fand eine Antwort, welche diese befriedigte, eine Antwort, die keine Unwahrheit war und doch verbarg, was die Schülerin über die Anweisung der Lehrerin dachte. Der Wagen war schon fortgerollt, als es der Gargazin, die ihm vom Fenster nachsah, leid zu tun schien. Wie schnell hatte sie etwas aus der Hand gegeben, was sie mit so großer Anstrengung sich verschafft! Sie hätte sie wenigstens so nicht fortlassen, einen Faden in der Hand behalten sollen. Wem die Intrige Zweck ist, wer nur in ihr den ewigen Durst nach Tätigkeit löscht, muß Apparate jeder Art stets fertig um sich liegen haben, er darf auch das Geringfügigste nicht verschmähen; der verlorne Faden kann zur Schlinge, die Schlinge zum Knoten werden. Nur darf man den Knoten nicht zu fest schürzen, und noch weniger mit der Schere ein Band zerschneiden. – Sie ließ den Köder an ihrer Angel fahren, weil sie des Spiels überdrüssig war, wie aber, wenn ein andrer – wenn die Königin von Adelheids Naivität, Klugheit, Liebreiz gefesselt ward, wenn sie ein Instrument aus der Hand gelassen, was hier ihr wichtigere Dienste leisten könnte als dort, wohin sie es bestimmt. Ein Gedanke durchfuhr sie blitzartig – der Losgelassenen nachzueilen, sie durch einen geschickten Schlingenwurf wieder an sich zu ziehen, selbst sie einzuführen, und wäre es auch durch die Vermittelung einer Kammerfrau. Schon hielt sie die Klingelschnur, um den zweiten Wagen zu befehlen, als ein andrer Gedanke dem ersten folgte: War denn Adelheid ein Instrument, das sich dem Willen seines Eigners fügte? Hatte sie selbst, die Lupinus, wer denn sie zu seinen Zwecken formen und bilden können? Wie die Stehaufmännchen von Holunderholz, wie eine elastische Puppe schnellte sie, geknickt, gebogen, gedrückt, wieder auf zu ihrer Natur. Es war eine, die den Impulsen gehorcht. Vor solchen Naturen hatte die Gargazin Scheu oder Respekt. – Sie ließ die Klingelschnur aus der Hand. Solche Naturen rollen oder stürzen sich in ihr Verderben, oder der Strahl der Gnade durchzuckt sie, wo wir es am wenigsten erwarten. Nur dürfen wir sie nicht erziehen wollen. Plötzlich lachte die Fürstin hellauf. Aber erst, nachdem sehr ernste Gedanken ihre Stirn verfinstert hatten. Dieses Mädchen hatte sie ja ganz durchschaut. Ja – es gibt Momente, wo eine unwillkürliche Macht zwingt, ein Bekenntnis der Wahrheit vor uns selbst abzulegen, wie niemand es vor einem Richter wagt und vermag. Sie hatte nicht eine Schlange, aber einen Spiegel an ihre Brust gelegt, klar geschliffen, daß er jeden Hauch aufnahm. Der Spiegel hatte geschwiegen – bis jetzt, aus Dankbarkeit, Klugheit. Wer bürgte der Gargazin, daß Adelheid immer schweigen werde, jetzt, im nächsten Augenblicke, wenn sie das Herz der Königin gewonnen, wenn ihres von einem mächtigen Impulse schlug! Welcher Eid, welche Pflicht band sie, wenn die Majestät der Königin von ihr Wahrheit forderte? Das waren die ernsten Gedanken. Aber plötzlich lösten sich die zusammengekniffenen Lippen, die Runzeln glätteten sich, und die Augen glänzten schadenfroh: »Sie kann sich ja nicht verleugnen, sie wird dort wie hier das starke Mädchen sein. Sie wird das Gefühl der Königin verletzen – und – und – und – sie wird zurückgeschickt wie sie gekommen. Vive la vérité ! – Und wenn sie zu mir zurückkehrt, ist sie eine andre, als die fortging, und wir können uns besinnen, wie anders wir sie aufnehmen.« Mit vergnügtem Gesicht trat die Fürstin ans Fenster. Ihr Auge fiel auf die kleinen Entresolfenster im Seitenflügel, wo die Kammermädchen wohnten. Ihr fiel ein, daß sie die Kammermädchen ja schon längst sich näher gewünscht, und ihr Gesicht verzog sich zu einem ganz eigentümlichen Lächeln, als sie dachte: Das wären ja allerliebste Stuben für Adelheid. Da kam der Legationsrat über den Hof. Das Lächeln ward wieder ein andres: »Eigentlich hasse ich ihn, ich müßte ihn verabscheuen, ich sollte ihn fürchten, aber es lügt niemand so angenehm als er.« Mamsell Schadow hatte indessen gegen das schöne Mädchen nicht die Diplomatin gespielt. Sie hatte es mit Herzlichkeit empfangen, obgleich sie wußte, daß der Besuch nicht ihr gelte, und sie sogleich in den Garten und in den Gang geführt, wo die Königin ihre Morgenpromenade zu machen pflegte. »Wir gehen hier an den Gebüschen langsam auf und ab, und wenn sie kommt, tun wir, als sähen wir sie nicht. Wenn sie in Gedanken ist und uns nicht sehen will, was man gleich merkt, treten wir ins Gebüsch zurück. Will sie uns aber sehen, dann tun wir sehr überrascht und etwas erschrocken. Das lieben die hohen Herrschaften, und dann encouragieren sie uns.« Eine Mitteilung der Schadow war aber nicht geeignet, Adelheid zu encouragieren. Ihr Vater, der Geheimrat, hatte vor einigen Tagen eine kurze Unterredung mit der Königin gehabt. Adelheids Name war dabei genannt worden. »Das ist schade, das darf nicht sein!« hatte die Königin geäußert. Nachher hatte die Schadow Ihre Majestät zur Viereck sagen gehört: »Ich muß das junge Mädchen einmal sprechen.« Adelheids Vater hatte eine Abneigung gegen ihre Verlobung mit Louis Bovillard. Die Mutter betrachtete sie als ein Glück. Sie wußte von häuslichem Verdruß deshalb. Über diesen Kampf war Adelheid hinaus. Beim kindlichen Gefühl der Dankbarkeit fühlte sie sich frei geworden. Sie hatte es keinen Hehl gegen ihren Vater gehabt: Ihr habt mich hinausgesetzt in eine andre Welt, wo andre Gesetze gelten. Wenn ich mich den Pflichten unterwerfen mußte, die sie fordern, so darf ich auch ihre Rechte für mich anrufen. So war ungefähr der Sinn ihres Gespräches, in dem der Vater unterlegen war. Es war ja nicht eigentlich sein Department; er fühlte, daß der Geist seiner Tochter auf Fittichen flog, die im Staube des Aktenlebens nicht wachsen. Nun, und wenn er in seinem Mißmut Seufzern und Klagen gegen die erhabene Person Luft gegeben, so fühlte Adelheid eine andere Lebensluft in sich. – Sie fühlte sich nicht decouragiert. Die Königin kam, aber nicht allein. Ein Kavalier ging an ihrer Seite, mit dem sie in lebhaftem Gespräche schien. Es war ein stattlicher, schöner Mann, von einem gewinnenden Ansehen, jede Bewegung weltmännische Grazie, obwohl sein rechter Arm, früh vom Schlage getroffen, gelähmt an der Seite hing. »Graf Hoym«, flüsterte die Schadow, »der Vizekönig von Schlesien. Wir müssen zurücktreten.« Beide gingen vorüber, und die Königin bemerkte sie in ihrer Aufregung wirklich nicht. »Palm! Palm! lieber Hoym, das bleibt doch das Abscheulichste. – So unschuldig, in der Nacht fortgerissen von Frau und Kindern – um – oh mein Gott, ich glaube oft seinen Schatten zu sehen, wenn ich unter diesen Bäumen gehe.« »Die Hunderttausende, gnädige Frau, die auf den Schlachtfeldern auch die Kugel traf –« »Nein, Hoym, das ist nicht das. Er schreitet über Leichen, das ist der Weg des Gräßlichen. Aber der Mord an einem schuldlosen Familienvater –« Das Säuseln der Bäume und die größere Entfernung nahmen die andern Worte fort. »Wie fühlen Sie sich, meine Liebe?« fragte die Schadow, um ihr Mut zu machen. »Nur Geduld, es wird alles ganz gut gehen.« »Mich dünkt, die arme Königin ist in großer Aufregung. Ist denn Graf Hoym jetzt ihr Vertrauter?« Die Antwort bewies der Kammerfrau wenigstens, daß Adelheid keines Riechfläschchens bedürfe, um mutig zu bleiben. Adelheids Mutter hatte ihr die Tochter anempfohlen, wenn die Gegenwart der Majestät das Kind überwältige. »Die arme Königin! Sie haben recht, sie so zu nennen. Ach, unter uns, sie hat niemand, dem sie ihr Herz ausschütten könnte.« »Ihr Herz?« Das war ein kluger Blick, welcher der Kammerfrau Mut machte, mehr zu sagen, als Kammerfrauen eigentlich dürfen. »Ja, wenn sie ganz ihrem Herzen leben dürfte! Dafür hat sie ihre Kinder, ihren Gemahl, sich selbst; aber die großen Staatsangelegenheiten müssen fürchterlich stehen. Das, ich möchte sagen, zersprengt ihr oft das Herz. Liebe Demoiselle Alltag, ich möchte manchen, der die Könige beneidet, einen Blick da hinein tun lassen, und sie würden Gott danken, daß sie so glücklich in ihrem Hause sind.« Die Spaziergänger hatten sich umgewendet und gingen wieder vorüber. Die Königin schien noch immer in derselben Stimmung: »Er sieht die ganze Gefahr, klar und deutlich. Er könnte retten, und diesen einzigen Mann, der retten könnte, ihn läßt man brachliegen.« Aus Hoyms Antwort konnte man nur die Worte hören: »Aber der Freiherr vom Stein –« Die Schadow hatte Adelheid tiefer ins Gebüsch gezogen. »Das ist ihr Hauptkummer jetzt. Unsereins darf freilich nichts davon wissen und noch weniger sich darum kümmern, aber man müßte ja nicht Ohren und Augen haben. Je mehr es ein hohe Person schmerzt, um so heftiger bricht es unwillkürlich heraus, und uns beachten sie doch eigentlich nicht als Geschöpfe, die es angeht und die es verstehen.« »Ihre Majestät wünscht den Freiherrn vom Stein zum Ratgeber des Königs?« Die Kammerfrau sah Adelheid verwundert an: »Das wissen Sie auch! – Man mag im Publikum freilich manches wissen, von dem die hohen Herrschaften glauben, daß sie es allein besitzen. Es ist so. Der Herr hat sich aber bei Hofe nicht beliebt gemacht; er hat viele Feinde. Das geht bis zu den Lakaien hinunter, Sie wissen nicht, wie das bei uns ist. Wen Sie oben von Einfluß sehen, dessen Worte sprechen sie nach.« »Aber wenn die Königin –« »Es ist das Schlimme, liebe Demoiselle, daß der König selbst den Herrn nicht liebt – er ist ihm unbequem. Ganz unter uns, er fühlt oft, daß es besser wäre, wenn die andern, gegen die jetzt das Geschrei ist, fort wären, er möchte sie auch zuweilen los sein, denn er ist der edelste, beste Herr von der Welt, aber sie sind ihm bequem, er hat sich an sie gewöhnt. Er entläßt ja keinen seiner alten Diener. Und die seelensgute Königin, betrüben möchte sie ihn doch auch nicht, und in Staatsangelegenheiten hatte sie sich's zum Gesetz gemacht, nicht mitzusprechen. Aber wer kann dafür, wenn das Herz voll ist und die Augen übergehen – sie sieht ja und hört – und, wie gesagt, wenn da am ganzen Hofe niemand da ist, der mit ihr fühlt und sieht –. Da ist nun der Herr Graf Hoym aus Schlesien angekommen. Ob's grade der rechte Mann ist, weiß ich nicht, aber er ist ein frisches Gesicht, er spielt ihr nicht immer die alte Melodie vor, und am Ende, wenn man kein Menschenherz hat, klagt man auch gegen den Mond und gegen die Wände.« Die Spaziergänger waren abermals zurückgekehrt. »In den Provinzen teilt man Ihro Majestät Entrüstung«, sagte Hoym, »allen ist es ein Rätsel: Friedrichs Staat in den Händen eines französischen Roturiers!« Die Königin blieb stehen: »Sagen Sie lieber, eines charakterlosen Libertins, der mit den höchsten Gütern, den Tugenden, der Ehre des schönsten Reiches leichtsinnig spielt wie mit den Geldrollen, die er alle Abend am Pharaotisch verliert.« »Jammerschade, daß unser Haugwitz sich von ihm leiten läßt. Sonst ein so liebenswürdiger heller Geist.« »Mich dünkt, es ist der höchste Grad des Unverstandes, das Werkzeug der Verworfenheit anderer zu werden.« Auf einen solchen Ausspruch aus dem Munde einer Königin muß der Untertan in Ehrfurcht schweigen. Hoym schwieg; auch die Königin schwieg einen Augenblick, wie im Gefühl, mehr gesagt zu haben, als die Etikette einer Königin zu sagen erlaubt. Die leichte Röte war wieder von ihrem huldstrahlenden Gesicht verschwunden, als sie fortfuhr: »Ihm, ihm allein verdanken wir es, daß das Ungeheuer mit kaltem Hohn auf uns herabblickt. Er verachtet unsre Machthaber, weil wir solchen an ihn bevollmächtigen. Ich sage nichts davon, wie er in Brünn sich fortschicken, in Wien behandeln, in Schönbrunn düpieren ließ; ich zerdrücke meinen Schmerz, daß er es war, der Hannover uns schenken ließ, der Brocken, an dem unser Adler ersticken sollte. Daß er aber nach dieser Erfahrung, belastet von den Verwünschungen einer ganzen edlen Nation, jetzt in Paris wieder dieselbe Rolle der Insouciance spielen konnte!« »Er war vielleicht, wie Lombard in Brüssel, von der Grandeur der neuen Majestät eblouiert. Il est un peu phantaste, Mystiker, er glaubt zuweilen an Geistererscheinungen.« »Nein, Hoym. Er glaubt nur an sich. Er schrieb damals her: ›Sobald ich ihn gesehen, ist alles abgemacht; ich weiß ja, was er in Wien zu mir gesagt hat.‹ Solcher naive Glaube wäre rührend, wenn er nicht ein Staatsminister des Königs wäre, wenn nicht Seine Majestät das Wohl seines Volkes und seiner Krone in seine Hand gelegt hätte. Da, in der schrecklichen Audienz, die er am siebenten Tage auf vieles Bitten und Dringen erhielt, mußte er sich von Bonaparte die Schmeichelei ins Gesicht sagen lassen: ›Sie sind ehrlich, ich weiß es, aber Sie haben keinen Kredit mehr in Berlin; Hardenberg und ein paar andre hirnkranke Narren wühlen das Volk auf und beherrschen Ihren König.‹ Das mußte er hören, der Abgesandte Preußens, aus dem Munde des Korsen, und – schwieg – mußte schweigen – und – und –« Als sie wieder vorüber waren, meinte Adelheid, die Königin sei jetzt wohl schwerlich gestimmt, ein unbedeutendes Mädchen zu empfangen; ob es nicht schicklicher wäre, wenn sie sich zurückzöge? Die Schadow verneinte es: »Das geht bald vorüber. Sie kann nicht lange zürnen, das ist ihr himmlisches Gemüt. Es ist, wie wenn ein Gewittersturm vorüberzog und dann die Abendsonne scheint. Dann atmet sie auf, sie kann sich an einer Feldblume freuen, und gerade dann wird sie erst recht gütig, wenn sie aufgebracht war, und möchte es an allen, denen sie begegnet, wiedergutmachen.« Aber das Gewitter war noch nicht ganz vorüber. Es war nur auf dem Rückzuge. Die Königin wandte in kürzeren Absätzen um. Diesmal schien Hoym der Ankläger gewesen zu sein. Die Fürstin schüttelte den Kopf: »Ich hielt ihn für ehrlich. Er hat ein so angenehmes Wesen.« »Leider ist es in Paris so bekannt wie hier, daß Lucchesini nach Berlin nur das berichtet, was uns schmeichelt. Die Hauptsachen hat er verschwiegen.« »Er ist ein Italiener. Ich will zugeben, daß seine Lust das Intrigieren ist, aber, Graf, er sieht sehr scharf die Dinge, wie sie sind.« »Das streitet ihm niemand ab, Ihre Majestät, aber sein Gesandtenposten in der französischen Hauptstadt gefiel ihm so außerordentlich, daß er das geschickt kaschiert hat, was unser Kabinett genötigt hätte, ihn auf der Stelle zurückzurufen. Noch weniger als er, hatte seine Frau Lust, Paris zu verlassen.« »Muß auch das in unser Unglück hineinspielen!« »Madame la Marquise haßt ihre Schwester, die Bischoffwerder, auf Tod und Blut. Sie hat ihrem Gemahl erklärt, daß sie an Krämpfen verginge, wenn sie mit ihr unter dem Himmel einer Stadt leben müßte. Unser Ambassadeur ist ein so guter Ehemann! Ich kann ihn nicht entschuldigen; in milderem Lichte aber darf ich Haugwitz' Versehen betrachten. Ward er nicht immerfort durch falsche Berichte getäuscht?« »Ich möchte so ungern auch diesen Mann aufgeben! Ist sein Eifer jetzt für den Krieg auch Verstellung?« »Nein, nur aufrichtige Erbitterung gegen Napoleon, der ihn nie leiden mochte und ihn endlich aus Paris fortschaffte.« »Oh, lieber Hoym –« fuhr die Fürstin mit der Hand an die Stirn, »Menschen, wie sie sein sollten! – Sind denn die Könige verdammt, daß ihr Glanz nur die an sich zieht, die nicht sind, wie sie sein sollen!« »Jetzt entläßt sie ihn bald«, flüsterte die Schadow. »Geben Sie acht, sie wenden noch kürzer.« Adelheids Herz schlug lebhafter. Eine angenehme Wärme durchdrang sie, sie fühlte eine Lust, dieser Königin Angesicht gegen Angesicht zu stehen. Es waren wirklich die Abschiedsworte, als sie zum letztenmal vorübergingen. »Und diese Mäntelgeschichte, welche das Land in Aufruhr bringt, wird man es künftig glauben, daß man erst jetzt, im letzten Augenblick daran denkt! Eine Sottise, bedürfte es noch der Epigramme, es gibt kein schlagenderes auf die Unfähigkeit unserer Verwalter. Und statt als wirklich treue Diener ihres Herrn die Schuld auf sich zu nehmen, lassen sie Seine Majestät den König in kläglichen Lauten zum Publikum sprechen, sie legen meinem Gemahl Worte in den Mund, über die ich mich in der Seele schäme. Sie haben nicht daran gedacht, und ihre Pflicht war es. Ist das Loyalität? – Auch im Kriegswesen sagte mir Rüchel Unbegreifliches. Für das Nötigste nicht gesorgt! Unsre Festungen zu armieren, dazu schickt man sich jetzt erst an. Es ist unerhört, man wird es künftig nicht glauben. Wozu bezogen sie die großen Besoldungen, wozu wurden ihnen Güter über Güter geschenkt! – Nein, lieber Graf, das Kabinett, was diesen gräßlichen Zustand möglich machte – es kann, darf nicht bleiben – oder –« Die Worte verhallten. Am Ende der Allee war der Vizekönig von Schlesien entlassen. Luise stand eine Weile sinnend. Ihre schöne, anmutige Gestalt im weißen, einfachen Morgenkleide ward noch vorteilhafter gehoben durch den grünen Rasenfleck, gegen den sie wie eine Marmorstatue abschnitt. Ein Sonnenstrahl, der durch die Baumwipfel auf ihren Scheitel fiel, setzte ihr eine goldene Krone auf, aber er goß zugleich ein wunderbares Leben auf das schöne Gesicht. Es war keine Bildsäule; die Königin schwebte die Allee wieder herab. »Sie hat uns gesehen. Sie kommt auf uns zu, sie wird uns ansprechen. Nun mutig, liebe Demoiselle. Wenn ich Ihnen winke, tun wir also wie erschrocken und treten einen halben Schritt zurück. Dann wird sie eine Bewegung machen, daß wir herantreten. Sie knicksen so, die Arme kreuzweis auf der Brust, die Ellenbogen gegen den Bauch. Tritt sie näher, greifen Sie nach dem Rock, als wollten Sie ihn küssen. Sie wird's nicht zulassen und die Hand Ihnen hinhalten. Die führen Sie an die Lippen, noch immer nach tief unten, das andre findet sich dann. Dreist geantwortet, aber ja nicht eigene Meinungen.« Sechstes Kapitel. Die eine gehörte schon einem andern . Auf Luisens Gesicht schien jede Spur der Agitation verschwunden, als sie näherkam. Sie ging auf beide zu. »Ihre Majestät entschuldigen«, wollte die Schadow anfangen, »es ist zufällig eine liebe gute Freundin –« »Es ist eine alte Bekannte und ein lieber Besuch«, unterbrach die Fürstin. »Wir sind ja hier unter uns, wozu die Komödie! – Es freut mich, Sie wiederzusehen, liebes Kind, so wie Sie sind. Ich meine«, setzte sie lächelnd hinzu, »wie Sie bei Gottes schönem Sonnenlicht aussehen. Das Lampenlicht täuscht immer, und es ist mir lieb, daß ich mich nicht getäuscht habe.« Eine gebietende, aber graziöse Bewegung hatte, wie sie vorhin den Rockkuß abgewehrt, Adelheid aufgefordert, an ihrer Seite weiterzugehen. Der Schadow schien es zweifelhaft, ob sie nach diesem Empfange respektvoll unter dem Baume stehenbleiben oder in ebenso respektvoller Entfernung folgen solle. Da wandte sich die Fürstin freundlich um: »Ach, liebe Schadow, da fällt mir ein, ich vergaß, als Hoym sich vorhin melden ließ, daß meine Lieblingsbücher auf dem Nähtisch liegengeblieben sind. Sehen Sie doch nach, damit die Kinder nicht darüberkommen.« Der Etikettenzweifel der Kammerfrau war gelöst, sie verneigte sich, und die Königin und Adelheid waren allein. Es war ein wunderschöner Herbstmorgen, kein Wölkchen am sonnedurchglühten Himmel, die laue Luft spielte durch die angegelbten Baumwipfel, Sperlinge zwitscherten in den Büschen, weiße Herbstfäden flogen umher. Es war kein gezwungener Anfang des Gesprächs, wie von selbst kamen die Worte von den Lippen der Königin: »Sind Sie auch eine Freundin der Natur?« »Sie streicht Balsam auf die Wunden der Leidenden, und wessen Herz vor Freude jauchzt, wo findet er Laute dafür, als in ihrer stummen Sprache!« Das war zu starke Farbe für die Stimmung, sagen wir, für die Poesie der Königin, aufgetragen. Sie blieb einen Augenblick stumm. Dann sprach sie Worte, die auch andre behorcht haben müssen, denn wir finden sie schon verzeichnet: »Ich muß den Saiten meines Gemütes jeden Tag einige Stunden Ruhe gönnen und sie dadurch gleichsam immer wieder aufziehen, damit sie den rechten Ton und Anklang behalten. Das gelingt mir am besten in der Einsamkeit, aber nicht im Zimmer, ich muß hinaus, in die freie Luft, in die stillen Schatten der Bäume. Unterlasse ich es, dann tritt gewöhnlich Verstimmung bei mir ein, und je geräuschvoller es um mich wird, um so ärger wird sie. Ach, es liegt ein ungemeiner Segen in dem abgeschlossenen Umgange mit uns selbst.« Das war viel von einer Fürstin gegen ein junges Mädchen, welches keine Ansprüche an ihre Vertraulichkeit hatte, welches sie zum zweitenmal sah. Adelheid fühlte das viele, es drückte sie indes weder nieder noch erhob es sie. Jene hatte wohl recht: die auf den isolierten Höhen thronen, fühlen auch das Bedürfnis, ihre Gefühle mitzuteilen. Wenn Sie keine Herzen, Seelen, Geister finden, die sie verstehen, klagen sie's der sternbesäeten Nacht. Sie schütten in der Verzweiflung ihr Herz auch aus vor den glatten Marmorwänden, lieber als vor marmorkalten und glatten Menschengesichtern. Adelheid gestand sich, sie war in diesem Augenblick nur eine Wand, ein Baum, an den die Fürstin ihr Herz ausschüttete. In der Art lag aber zugleich eine Korrektion. Die Königin hatte die Saiten auf den Ton gestimmt, der im Gespräche durchklingen sollte, es war ein elegisch-sentimentaler. Er paßte nicht zu der Stimmung, welche Adelheid mitgebracht, und die in dem belauschten Gespräche neue Nahrung erhalten hatte. Weil Adelheids Saiten zu hoch gestimmt gewesen, schwieg sie, in Erwartung, daß der Einklang mit der Fürstin sich herstellen werde. »Sie sind eines von den glücklichen Wesen«, hub die Königin an, »an deren Wiege, wie die Dichter sagen, gütige Feen standen.« Adelheid öffnete die Lippen, aber verschluckte das Wort. Die Fürstin hatte den fragenden Blick aufgefangen und verstanden: »Wäre ich nicht die – stände ich Ihnen nicht so fern und fremd, so würden Sie mich gefragt haben: Was ist denn Glück?« »An Ihre Majestät erlaube ich mir nicht die Frage, aber an mich selbst: Was macht das Glück dieses Lebens aus?« »Mich dünkt, der Stempel, den der Schöpfer seinen Geschöpfen aufgedrückt hat, ist die beste Antwort. Sie brauchen sich nicht im Spiegel zu sehen. Sehen Sie nur die Mienen der Leute, denen Sie begegnen. Die schöne Adelheid Alltag ist überall willkommen.« »Und doch verdankte ich neulich nur der Huld einer höherer Zauberin, daß ich dem Spotte und der Kränkung entging.« »Oh, das waren Unarten. Neidische und böse Menschen können den Frieden der Glücklichen nicht verkümmern. Dieser Friede ist ein Gut, was tiefer liegt. Ihre häßlichen Hände reichen da nicht hin.« »Gnädigste Königin, ich preise allerdings mein Glück, weil ich früh einen Lehrer fand, der mich auf das Wahre hinwies.« »Ich kenne Ihren Vater; er ist ein trefflicher Mann und treuer Staatsdiener, der nichts Höheres kennt als die Erfüllung seiner Pflichten.« »Mein Lehrer lehrte mich«, fuhr Adelheid rasch fort, »daß Leiden unsre besten Erzieher sind. Aus der Schule großen Unglücks entwickelt sich die Seele zur Freiheit und Selbständigkeit.« Die Fürstin sah Adelheid befremdet an. Es war wieder nicht das, was sie erwartet hatte; aber das Fremde war nichts fremdartig Feindliches, und statt abzustoppen, brachte es ihr das junge Mädchen näher. Der immer teilnehmender werdende Blick verriet es. Jetzt entsann sie sich wohl, daß das vielbesprochene Mädchen wunderbare Schicksale erlebt. »Haben Sie auch diese Schule durchgemacht! – Doch das ist ja nun vorüber.« »Wer kann sagen, daß er aus der Schule entlassen ist, solange er lebt! Und wer sieht unter dem fröhlichsten Gesicht die Schmerzen in der Brust!« Das war ein Ton, welcher anschlug, er vibrierte durch die Seele der Königin: »Und wer sieht heute, was morgen kommt!« Ein Seufzer machte sich aus ihrer Brust Luft. Da flog, von einem leisen Luftzug getragen, einer jener weißen flockigen Herbstfäden, wo die Allee sich bog, von der Wiese ihnen entgegen und legte sich um beider Brust, indem er, von ihrer Bewegung festgehalten, sie umschlang. Beide waren durch ein Spiel der Natur aneinandergefesselt. Adelheid hob den Arm, um den Faden vom Hals der Fürstin loszumachen, aber – es war die Wirkung und die Tat des Momentes, jene Einwirkung unsichtbarer Geister, die wir umsonst erklären, und, wenn erklärt, so wäre es nichts – die Tränen stürzten aus den Augen der Königin, und sie drückte Adelheid an ihre Brust. Niemand sah es, es war weite, sonntägliche Einsamkeit im Park. Die Sonne, obgleich sie alles sieht, ist eine schweigende Zeugin, die Käfer schwirrten, die Frösche ächzten ihr monotones Lied in den feuchten Wiesen; vom Kirchturm läuteten die gedämpften Glocken zum Begräbnis einer alten Frau. Die Lippen der Fürstin berührten Adelheids Wangen: »Ach liebes Mädchen, wer weiß, was morgen kommt!« Es war da in dem Augenblick mehr zwischen ihnen vorgegangen, als Worte aussprechen. Die Königin sprach: » Sie schickte mir der allgütige Vater im Himmel zu einer Stunde, wo ich Trostes bedurfte. Was man so gefunden, läßt man so leicht nicht wieder von sich.« Die Emotionen haben ihr ewiges, unverjährbares Recht, unter den goldenen Decken der Schlösser wie unter den Schilfdächern der Hütten; aber hier dürfen sie austoben bis zur Erschöpfung, dort ist ihnen ein Maß gesteckt. Luise war wieder die Königin geworden, als sie weitergingen, aber von einer Huld, welche die Majestät überstrahlte. Sie zeigte nach dem Pavillon mit chinesischem Dach, auf einer kleinen Höhe vor ihnen: »Dort wollen wir einen Augenblick ausruhen.« Ihr Gespräch, bis sie den Punkt erreicht, war lebhaft, aber es floß ruhig hin. Adelheids Äußerungen mußten die ganze Aufmerksamkeit der Fürstin erregt haben. Sie hatte sie oft forschend angeblickt. Als sie auf der ländlichen, von Birkenästen geflochtenen Bank Platz genommen, sagte Luise: »Sie sind noch so jung und schon solche Erfahrungen!« Adelheid errötete. »Sie kamen, wie Sie mir sagten, nie aus der Residenz, sie lebten nur in guten Häusern, unter respektablen Familien, und zuweilen blitzt es aus Ihren Reden, als wüßten oder ahnten Sie die Verworfenheit der schlechten Menschen. Ich glaubte, das wäre uns nur aufgespart, die wir von oben so vieles sehen, was Ihnen unten verborgen bleibt. Wie die Motten nach dem Licht, so flattern uns die zu, welche für ihre ungeordneten Begierden unten keinen Platz fänden. Wir müssen sie dulden, weil – ach, aus vielen Gründen! während die stillen, sittlichen, bürgerlichen Kreise ihnen die Tür verschließen dürfen. Man tut daher sehr unrecht, uns zu beneiden, liebe Mamsell. Wir, die wir andern Pflichten zu gehorchen haben, könnten die Niederen beneiden, welche diese Rücksichten nicht kennen. Sie dürfen nach ihrem Penchant leben und ihre Freunde sich unter den Rechtschaffenen und Guten nach ihrem Gefallen aussuchen.« »Ihre Majestät, ich meine, es gibt Rücksichten und Pflichten in jedem Lebenskreise.« »Ganz gewiß, aber es ist leichter, in den Hütten ein stilles Glück sich zu bereiten und doch keine Pflicht zu vergessen, als wenn unsre Wiege dem Throne nahe stand.« Die Fürstin sprach es mit dem bewegt feierlichen Tone, der keinen Widerspruch zuläßt. Ihr Auge sah dabei wie verklärt in die Ferne. Wo ihre Gedanken waren, ließ sie die Zuhörerin nicht lange erraten: »Auch ich habe einen Blick in dieses Glück getan. Es waren die schönsten, glänzendsten Stunden meines Lebens. Damals, liebes Kind, hielt ich es auch für das höchste Glück, was das höchste Wesen unterm Sternenzelt einer Sterblichen gewähren könne, Königin zu sein über ein glückliches Volk.« Die Gedanken der Königin verfolgten die berühmte Huldigungsreise, welche sie nach der Thronbesteigung Friedrich Wilhelms III. mit ihrem Gemahl gemacht. Tage waren es lichten Sonnenscheins, als vorausgeschickte Kabinettsordres allen Prunk und alle Ehrenbezeugungen verboten hatten; denn, hatte der König erklärt, die Liebe des Volkes habe untrüglichere Merkmale als Einholungen, Gedichte, Girlanden und Ehrenpforten. Der Monarch hatte erklärt, daß nur die Merkmale der Liebe für sein Herz Wert hätten, welche, von keiner Gewohnheit und Herkommen abhängend, grade aus dem Herzen kämen. Und so waren sie ihr, so dem glücklichen Gatten entgegengekommen. Das Volk tat, wie es befohlen war, und wir haben nicht den geringsten Zweifel, daß es nicht von Herzen es getan. Luise letzte sich an der Erinnerung. Sie malte einzelne jener schönen Züge, von denen uns die Zeitgenossen berichtet. Die Erscheinung des Königs und der Königin, einer jungen, von Liebreiz und Güte umflossenen, in Provinzen, wo auch die ältesten Greise sich nicht erinnern können, je eine Königin gesehen zu haben, glich der Erscheinung von Schutzgöttern des Vaterlandes, von erhabenen Genien der Gerechtigkeit und Milde, die überall, wo sie sich zeigen, unüberwindliche Eroberer, jedes Herz gewinnen. Eine Reise war es gewesen fortwährender Triumphe, nein, eine ununterbrochene Reihe von Familienfesten. Da brannte die Sonne herab, daß man die Augen nicht auftun konnte, und doch wich keiner vom Platze, bis er seine Königin mit Augen gesehen. Da waren neunzehn weißgekleidete Mädchen an ihren Wagen gesprungen. Eines hatte der Königin zugeflüstert: »Wir sind eigentlich zwanzig, aber die eine ist nach Haus geschickt.« – »Warum denn, liebes Kind?« – »Weil sie so häßlich ausgesehen.« Da hatte Luise nach der armen Häßlichen geschickt und sprach am längsten und freundlichsten mit ihr. – Und jener alte Bauer, der sie so gern sehen wollen und immer wieder von den andern und den Gendarmen zurückgedrängt war, die Königin hatte ihn wohl gesehn und heranrufen lassen, und noch sah sie ihn, wie der Greis sein Haupt entblößte und stumm, aber unverwandten Blickes die Landesmutter anschaute. In dessen Herzen, wußte sie, lebte ihr Bild ewig fort! Und wie in einem andern Dorfe in Pommern die Bauernschaft den Wagen umringt hatte und die Bauern in ihrem Plattdeutsch durchaus darauf bestanden, daß sie aussteigen müsse und sich »traktieren« lasse, damit die Städter nicht dächten, sie hätten das Vorrecht allein. Und die Königin war lächelnd ausgestiegen und in das Bauernhaus getreten und hatte von dem großen, ihr aufgetragenen Eierkuchen ein Stück gegessen und versichert, daß er sehr schmackhaft sei. Und wie der König im Zelt an der Weichsel, wo er als Gast der Elbinger tafelte, zu dem Landmann, der mit einer Bittschrift sich auf die Knie geworfen, in edlem Unwillen gerufen: »Nur vor Gott knien! Ein Mensch muß nicht vor einem andern Menschen knien!« »Da habe ich Blicke getan auf den Herd meines Volkes«, schloß die Königin, »und weiß, wo die Zufriedenheit und Seelenruhe wohnt. – Sie frösteln, liebes Kind, Sie schaudern sogar –« »Ach, Ihre Majestät, es waren Gedanken –« Die Fürstin hatte sie gelesen: »Freilich weiß ich, nicht überall stehen Hütten von Philemon und Baucis, aber die Immoralität hat da keinen dauernden Wohnsitz, wo bewährte Tugenden, Patriotismus und Menschenliebe die Seele umschlingen. Wenn wir wieder Ruhe und Frieden nach außen haben, dann hoffe ich, soll es in den höheren – Gott gebe, auch in den höchsten Kreisen besser werden. Aber sie, liebes Mädchen, können doch nicht klagen, Ihr guter Genius führte Sie nur unter edle Menschen –« »Erlauchte Frau, ich meine, die Menschen sind in allen Kreisen Menschen, und verzeihe mir der Allgütige, wenn es Sünde ist, sie kommen mir oft wie ein Knäuel von Schlangen vor. Wenn eine mich recht liebevoll anblickt, denke ich an den Tiger, der den Kopf auf die Krallen drückt, zum Satz auf sein Opfer.« »Was sind das für Phantasien!« »Ich weiß es nicht. Aber ich sehe überall Larven und dahinter Verbrecher.« »Kalmieren Sie sich.« »Es ist nun einmal mein Schicksal, ich ward von ihm herumgeschleudert, ich bin keine, ich will keine Clairvoyante sein, aber wie vieles mußte ich wider Willen belauschen, und da ist mir, wenn ich einen stillen Teich sehe, den kein Lüftchen kräuselt, als werde er plötzlich gären, sich heben, toben und Ungeheures zutage kommen; wo wir's am wenigsten erwartet, in den friedlichen Kreisen, die wir die glücklichen nenne, als braue unter der Ruhe Entsetzliches. Die Luft drückt mich, und zuweilen wünsche ich, daß der Sturm komme, die Elemente toben; ein Krieg erscheint mir nicht mehr so schreckensvoll, wenn diese brütende Stille nur aufhört.« »Das sind Imaginationen, vielleicht aus den neuen Büchern. Diese Schlegel, Tieck, Novalis sind aber eine exzentrische Lektüre, welche das Blut erhitzt; keine für ein junges Mädchen, das Herz und Geist zum Umgang mit rechtschaffenen Menschen ausbilden will.« »Mich dünkt, Ihre Majestät, die Zeit ist auch zu ernst und fordert von uns andre Pflichten, als in der Märchenwelt zu lustwandeln.« »Das ist verständig von Ihnen. Man eifert auch gegen das Lesen von Romanen und Schauspielen, aber man tut unrecht. Unser Iffland führt uns doch immer rührende Beispiele vor, wie wir uns glücklich finden können in beschränkten Verhältnissen. Sie wollen es tadeln, daß er die bösen Menschen immer aus der vornehmen Welt nimmt. Aber hat Iffland unrecht? Ich wenigstens und der König sehen uns immer mit Befriedigung an. ›Sie sollen sich nur ein Exempel dran nehmen, die es trifft‹, sagte neulich mein Gemahl. – Den Lafontainen möchte sie uns auch verleiden, aber wie viele herzliche und frohe Stunden verdanken wir ihm, wie vielen Trost, wenn wir abends nach einem verdrießlichen Tage uns mit ihm auf dem Sofa vom Gewühl zurückzogen. Oh, es gibt solche Tage, wo Fürsten nichts hören als Klagen, Gegenanschuldigungen, wo uns die Welt wie ganz verderbt erscheint, ›ein Knäuel von Schlangen‹, sagten Sie, wir wollen es nur ein Durcheinander von bösen Menschen nennen. Da, wenn wir uns fürchten mußten vor allem, was uns nahe kam, da erquickte uns Lafontaine mit der rührenden Einfalt seiner Person, wir sahen uns an, und wenn wir uns nicht aussprachen, dachten wir es: es gibt doch noch gute Menschen. Warum sind die es nicht, welche die Vorsehung uns in den Weg führt? Zuweilen erhöht dann der Himmel unsern Wunsch, und wenn wir es am wenigsten erwarten.« Der gütigste Blick ruhte auf Adelheid. »Was sind denn Ihre Lieblingscharaktere in Lafontaine?« fragte die Fürstin, um sie in ihrer sichtbaren Verlegenheit aufzumuntern. Die Gütige sah wohl die Wirkung, aber nicht die Ursache. Adelheid hatte an den Romanen nie Geschmack finden können, sie hatte die wenigsten durchgelesen. Sollte sie lügen vor einer Monarchin, die allen Schmuck der Hoheit vor ihr abgelegt und nur in ihrem edelsten Selbst sich gab! Adelheid hätte in diesem Augenblick aufstehen und ihr zu Füßen stürzen können, um die Wahrheit in ihr zu verehren, die nicht in schönerer Gestalt sich verkörpern konnte, aber die Unwahrheit sprechen konnte sie nicht. Es floß von ihrem Mund, was sie dachte, mit einer kleinen Einfassung von Schmeichelei, die darum nicht Unwahrheit war. »Mich dünkt, des Dichters Aufgabe ist, die Menschen zu schildern, wie sie sind. Weil er Dichter ist, darf er das Schöne und Erhabene in seinem wunderbar geschaffenen Spiegel vergrößern und verschönern, und es mag ihm auch vielleicht erlaubt sein, das Häßliche und Schlechte noch etwas häßlicher zu machen. Doch das verstehe ich nicht und bescheide mich deshalb. Das Große und Schöne soll er jedoch nicht häßlich und niedrig malen, sonst widersteht er unserm Gefühl, denn von der Dichtung verlangen wir Frauen wenigstens, daß sie unsre Gefühle erheben und uns die ewige Schönheit ahnen lassen soll. Aber wenn er umgekehrt das Kleinliche und Häßliche ausschmückt und dem Gemeinen den Schein der Tugend und des Edelmutes umhängt, damit uns das gefalle, was wir meiden und verabscheuen sollen, dann kommt er mir vor, als versündigte er sich an seinem hohen Beruf. Wenn ich durch die Wimpern einer edlen Fürstin eine Träne sich drängen sehe, weil sie bang einer schweren Zukunft entgegensieht, für ihre Familie, ihr Volk, ihr Land, oder ist's eine der Freude, daß ihr Gemahl siegreich aus dem Feld zurückkehrt, ihre Kinder ihr Freude bereiten, ihr Erstgeborener einen ersten Zug entfaltet, der an den Edelmut und die Tapferkeit seiner Ahnen erinnert – das, dünkt mich, ist eine Träne, die der Dichter auffassen muß wie ein Juwel im Sonnenschein. Aber entweiht er die schöne Träne nicht, wenn er auch alle seine unbedeutenden Personen bei jeder Gelegenheit gerührt sein und weinen läßt um Kleines und Geringfügiges, und wenn er dann die Träne so schön ausmalt, daß die armen Leser mitweinen müssen! Sie wissen am Ende nicht recht warum, aber er erhält die weinerliche Stimmung, weil er darauf rechnet, daß wir alle schwach sind und es uns am Ende an ihn fesselt. So kommt mit Lafontaine vor, erlauchte Frau, er weiß, wo wir alle schwach sind, und da versucht er uns zu streicheln, er drückt wehmütig die Hand, schlägt verführerische Akkorde an, bis wir fortgerissen sind, und wenn wir wieder zu uns kommen, schämen wir uns darüber, denn er hat uns weich gemacht, wo wir stark sein sollten, und wo haben wir dann noch Gefühl, Stimmung, die unentweihte Träne für das große Schicksal wirklich großer Menschen.« Die Königin hatte mit Aufmerksamkeit zugehört. Von Spöttern waren ihr ähnliche Urteile über ihren frühern Lieblingsdichter schon zugedrungen. Dieser Ton war anders. Sie stimmte nicht bei, sie widersprach nicht, sie schien die Sache zur weitern Überlegung zurückzulegen, als sie sich seitwärts wandte. »Dann ist wohl Jean Paul Ihr Dichter? Dieser Liebling der Musen erhebt uns in die Höhen, wo unsre Adelheid sich wohlbefindet. Ich liebe ihn auch, aber mir schwindelt zuweilen in seinen lichten Räumen, mitten in meiner Begeisterung und Bewunderung für ihn fühle ich mich beklommen. Daß ich es gradeheraus sage, die Luft dieser erhabenen Wesen ist mir zu rein, meine Neigungen sind doch noch zu irdisch, ich fühle, daß ich unter diesen Natalien und Lianen eine schlechte Rolle spielen würde. Es ist vielleicht die Eitelkeit«, setzte sie lächelnd hinzu, »die Königin möchte nicht gern die Magd spielen in der überirdischen Gesellschaft des edlen Dichters.« »Ihre Majestät verzeihen, wenn ein schlichtes Bürgermädchen diesen Stolz auch empfindet. Jean Pauls Frauen kommen mir oft vor wie aus Mondenschein und Sonnenstrahlen gewebt. Wenn man sich an sie hielte, zerflössen sie –« »Das dürfen Sie in Berlin nicht laut aussprechen, sonst verketzern Sie uns«, fiel die Fürstin noch im selben Tone ein. – »Nein, alle Admiration dem herrlichen Manne, aber Sie haben wohl recht, unsere Zeit fordert Männer, auch Frauen, welche den Dingen und Verhältnissen ins Gesicht zu sehen verstehen und vor einer rauhen Berührung nicht zurückschrecken. Sie fordert, daß wir unsere Empfindungen beherrschen. Es ist schwer, mein liebes Kind, schwer für einen jeden, die schlechten Menschen nicht merken zu lassen, daß man sie haßt, verachtet, was mehr für uns Fürsten! Das ist unsre gepriesene hohe Freiheit, wir müssen sogar freundlich scheinen gegen unsre Feinde, denen die Hand drücken, von denen wir wissen, daß sie in der Taschen den Dolch gegen uns versteckt halten. Das kostet etwas – eine Resignation, die oft unsre schwache Kraft übersteigt. – Wir träumen zu viel von dem Guten und Bessern. Das ist schön, aber wir dürfen nicht mehr träumen, wir alle nicht. Jede muß ihre ganze Kraft anrufen, um gerüstet dem gegenüberzustehen, was Gott zu unserer Prüfung schickt. Wir müssen uns bezwingen, entsagen zu können, auch dem, was uns das Teuerste, Liebste ist!« Der Ton ihrer Sprache hatte sich mit ihrer Stimmung plötzlich verwandelt. Es war auch um sie her anders geworden; die Sonne war hinter heraufziehende Wolken getreten, die Vorläufer des Windes hatten schon länger die gelben Blätter über die Füße der beiden Frauen getrieben, jetzt fing er an, in den Büschen das Gezweig zu rütteln, in raschen Stößen rüttelte er von den entfernten Baumwipfeln das Laub. Die laue Luft hatte, wie auf einen Zauberhauch, einer empfindlichen, scharfen Kälte Platz gemacht, daß die Damen die Tücher enger um den Hals zogen. »Wir müssen alle entsagen«, sprach die Königin feierlich, »auch Sie, Adelheid, werden die Kraft haben. Ich habe das schöne Vertrauen, nachdem ich Ihre schöne Seele kennengelernt.« Da war auch ein schöner Vorhang plötzlich gefallen, ein Vorhang gewebt aus Sonnenstäubchen, die in anmutigem Spiel hin und her geschaukelt, und die bleierne graue Wahrheit lag vor ihnen, das, warum die Fürstin Adelheid zu sich beschieden; auch das blickte schon verräterisch hervor, warum Adelheid gekommen war. Es gibt im Seelenleben Augenblicke, wo der Klügste sich keine Rechenschaft zu geben weiß, woher ein Gedanke aufquillt, dem er plötzlich zu folgen sich gedrungen fühlt, auch wenn er entgegen der Strömung ist, der all sein Fühlen und Denken sich hinneigt. Bei großen Männern ist es ein Kitzel, mitten in Planen, welche die Welt verrücken sollen, sich starr auf einen einzelnen Punkt zu setzen, der damit nichts zu tun hat, sorglos, ob die Emsigkeit, welche sie der Bagatelle widmen, sie an ihrem größern Schaffen hindert. Cäsar, mit dem Plan, die Welt zu erobern, im Kopfe, beschrieb, wie ein Liebender die Augen der Geliebten, die Konstruktion der hölzernen Rheinbrücke, die er erfunden. Es ist die ewige Mahnung an die großen Geister, daß sie auch Menschen sind, an uns, daß all unser ernstes Tun vor einem höhern Auge Spielwerk ist. An Frauen es zu rügen, ist nie einem Billigen eingekommen. Wenn sie gar nicht mehr spielen sollten, was wären sie sich – uns! Auf Königin Luises Seele lastete Ungeheures. Seit der vorjährigen Gruftszene in Potsdam schien sie vielen ihrer Umgebung wie ausgetauscht. Sie las nicht mehr Lafontaines Romane, daß sie heute sie gerühmt, war nur pietätvolle Erinnerung gewesen, sie lebte der ernsten Sorge vor der Gefahr, die über dem Hause ihres Gatten, dem Lande ihrer Liebe und Wahl schwebte. Keine Frau, vielleicht wenig Männer fühlten so schwer, innig, zuweilen klar die Bedeutung der Zeit, und doch hatte sie ein Etwas, was ganz außer diesem Kreise lag, mit Eifer aufgefaßt. Sie hatte sich für das schöne Mädchen interessiert, von dem der Ruf so viel sprach, die erste Begegnung hatte dies Interesse erhöht. Sie wollte Adelheid, nach dem gelegentlichen Gespräch mit ihrem Vater, vor einer Verbindung bewahren, welche dieser beklagt, welche ihr als ein Unglück erschien. Wie ihre Phantasie plötzlich sich dieses Gegenstandes so bemächtigen können, bleibt uns ungesagt, aber es war so, es war nicht unnatürlich, und die Königin sprach wie eine liebende, zärtlich besorgte Mutter zu ihrem Kinde. Luisens Beredsamkeit ward von ihren Zeitgenossen als bezaubernd gerühmt. Jedes Wort aus ihrem Munde sei ein Schlag des Herzens, ein Klang der Seele gewesen, da wo eben das Wort nur die wahrhafte Äußerung des wahrhaft im Innern Lebenden war. Der Zauber dieser Beredsamkeit sei gewesen, daß sie nicht eine Kunst war, sondern eine Tugend. Wie ihre Briefe ein voller, unverkümmerter Herzenserguß waren, so folgte in ihrer Rede, wenn das Herz sie diktiert, die Sprachfertigkeit dem raschen Schwunge ihrer Gedanken. So hatte die Königin zu Adelheid gesprochen. Der dürre Inhalt der belebten Rede würde lauten: Sie sind ein gutes Mädchen, und ein gutes Mädchen ist gehorsam dem Willen ihrer Eltern, Eltern sehen am besten, was zum Wohle ihrer Kinder ist, Ihre Eltern sind gegen diese Partie, weil sie dieselbe für unpassend halten, weil sie voraussehen, daß Sie mit diesem Manne kein glückliches Leben führen können. Der Mann Ihrer Liebe ist ein Wüstling, Sie selbst können sich darüber keiner Täuschung hingeben, denn Sie wissen es aus eigner Erfahrung. Wenn auch Ihre Eltern nicht wären, müßten Sie sich fragen: Ist dieser Mann meiner würdig, bin ich, bei ruhiger Überlegung, noch des Vertrauens, daß er mich glücklich, zufrieden machen kann? Sie müßten sich aufrichtig antworten: Was kann er mir bieten als ein ganz verwüstetes Leben! Welche Bürgschaft, daß, wenn er sich scheinbar gebessert, er nicht wieder in das alte Sein zurückverfällt, sobald die erste Leidenschaft, die er jetzt Liebe nennt, ausgetobt hat. Und was gebe ich ihm dafür? Den frischen, frommen Sinn einer tugendhaften Jugend, ein blühendes Dasein. Ist er solchen Opfers wert? Kann ich dies Opfer vor meinem Schöpfer verantworten, der so ausgezeichnete Gaben mir schenkte, nicht um sie wegzuwerfen? Er wird dereinst Rechenschaft darüber fordern. – Endlich, zugegeben, daß Ihr Herz sich schwach fühlt, daß Sie ihn lieben. Aber Sie sind ein starkes Mädchen, das selbst es ausgesprochen, in einer so ernsten Zeit dürfe man nicht mit Märchen tändeln, nicht dem Spiel der Phantasie sich hingeben. »Sein Sie, zeigen Sie sich jetzt stark. Drücken Sie Ihre Hand an das blutende Herz – ich weiß, daß es blutet, ich kenne auch diesen Schmerz – aber man kann ihn überwinden! Reichen Sie mir die andere, dann sehn Sie mich mit Ihren klaren Augen, die nicht lügen können, an und sprechen: Ja, ich will entsagen.« So schloß die Königin und hatte vielleicht erwartet, daß Adelheid auf die Knie sinken, ihre Hand an die Lippen pressen, das Gesicht in ihrem Schoß verbergen würde. Gerührt von so vieler Güte und Teilnahme, mußte sie das Gelöbnis stammeln, und Luise hätte sie dann in ihre Arme geschlossen und vielleicht gesprochen: »Nun sind Sie mir doppelt gewonnen!« Aber Adelheid sank nicht auf die Knie, sie preßte nicht die königliche Hand an die Lippen und verbarg auch nicht ihr Gesicht. Sie blickte so klar und ohne Trug, wie die Fürstin es verlangt, diese an und sprach: »Erlauben mir Ihre Majestät, daß ich antworte, ganz wie ich fühle?« »Das erwarte ich«, sagte Luise, ohne ihr Befremden verbergen zu können. »Ihre Majestät verlangen drei Punkte von mir: Gehorsam, Einsicht und Entsagung. Man ist ein schlechter Advokat in eigner Sache, habe ich immer gehört, möchten Sie, gnädigste Frau, daher Nachsicht mit einer Armen haben, die, angeklagt vor einem so hohen Richterstuhl, sich zum erstenmal verteidigen soll.« Die Verteidigung, was den ersten Punkt betraf, führte Adelheid mit einer Ruhe und klaren Auseinanderlegung der Tatsachen, daß man doch glauben können, es sei nicht das erstemal, daß sie, des Ungehorsams gegen ihre Eltern angeklagt, vor Gericht stehe: Noch gehöre ihr Herz und ihre volle Dankbarkeit den Teuren, aber nicht mehr ihr Schicksal, das Vater und Mutter ja längst in andere Hände gelegt. Wenn sie von denen sich frei gemacht, gehöre diese Freiheit ihr, die sie errungen. Wisse ein Vater, auch der beste, liebevollste, immer am besten, welcher Gatte das Glück seiner Tochter begründen werde, dürfe das Herz nie mitsprechen, und blicke dieses nicht oft klarer in die Seele des Geliebten und die Zukunft, als ein redlicher Vater, der im Staatsdienst unter Aktenstaub ergraut, den Wert des Menschen nur nach seiner Stellung im bürgerlichen Leben abschätze? Und sei nicht der Wille des Menschen wandelbar, es nie vorgekommen, daß Eltern ihre Absicht geändert, daß sie endlich ihre Hand segnend über Ehebündnisse gebreitet, denen sie vorher geflucht, während so mancher Vater die Hände gerungen, manche harte Mutter die Haare gerauft über das Unglück ihrer Tochter, das sie durch ihre Hartherzigkeit, ihren Eigensinn herbeigerufen? Aber nein, ihre Eltern würden rein von dieser Schuld bleiben. Ihr Vater kämpfe nur mit alten Vorurteilen, vielleicht seiner Bescheidenheit, die seiner Tochter ein stilleres bürgerliches Los gewünscht, und das Herz ihrer Mutter sei schon jetzt weich gestimmt. Wenn Adelheid in ihrer Advokatenrede auch nicht von der Wahrheit abgewichen war, hatte sie doch nicht die kleinen Künste der Diplomatie verschmäht. Die versteckten Anspielungen auf so manche Familienszene aus Lafontaine war verstanden und hatte gewirkt. Wo die Königin über die erdichtete Situation Tränen vergossen, durfte sie da die wirkliche mit der Kälte des Verstandes verdammen? Adelheid hatte in diesem Punkte gesiegt. Die Fürstin verschluckte Vorschläge, die ihr dunkel vorgeschwebt, daß ein so reines, schönes Mädchen, ein Abdruck der jungfräulichen Natur, nicht in das verderbte Städteleben passe, daß sie an der Hand eines braven, einfachen, redlichen Mannes fern auf dem Lande, in einer Hütte, umschattet von Fliederbüschen, das Glück und den Frieden des Lebens finden werde. Ihre großmütige Phantasie hatte zwar die Hütte im Innern recht hübsch austapeziert, aber – Adelheid paßte doch nicht dahin; zu dieser Überzeugung war die kluge Königin schon in der ersten Hälfte ihres Zwiegespräches gediehen. Aber um zu entsagen, dazu war sie stark. Luise blickte noch einmal mit Wohlgefallen das schöne Mädchen an. Welch ein Moment, wenn sie, nicht aus kindlicher Pflicht, nicht aus Rührung, nein, aus voller Überzeugung erklärte: ja, einer höhern Pflicht gehorchend, entsage ich. In einer neuen, kurzen Ansprache malte die Königin ihr die Seligkeit dieses Gefühls. Sei es nicht eine königliche Tugend, das Herz der Pflicht unterzuordnen? Grade die auf der Menschheit Höhen wandeln, die Fürstinnen, seien von Anbeginn dazu bestimmt; zum Besten des Allgemeinwohls träten sie an den Opferaltar. Es war eigentlich eine Dithyrambe, in der Luise sich für die kleine Niederlage erholte; leider aber war Adelheid heut nicht in derselben Stimmung. Als hätte die frische Herbstluft alle Nebel und Illusionen gelichtet, ihre Gedanken geklärt und in Schichten gelegt, antwortete sie mit einer Verständigkeit, die einen entzückten Liebhaber vielleicht erschreckt hätte: »Aber, gnädigste Königin, ich bin nicht aus fürstlichem Blute und weiß daher nicht, warum ich Opfer dem Allgemeinwohl bringen sollte. Das hat von einem unbedeutenden Mädchen nichts zu erwarten und nichts zu fürchten; ein Tropfen im Meere mehr oder weniger, das Meer merkt es nicht. – Soll ich für andere entsagen? Wem helfe ich, wen kränke ich? Etwa den Vater meines Geliebten, weil er diese Verbindung nicht wünscht? Er hat sich nie um seinen Sohn gekümmert, er hatte ihn so gut wie verstoßen. Was Louis Bovillard ist, verdankt er sich selbst. Er steht frei gegen seinen Vater, ja, er ist noch freier von ihm als ich gegen meine Eltern. Kann dieser Vater mir etwas vorwerfen, was nicht alle Welt weiß, was selbst vor den Lästerzungen derselben reingestempelt ist, seit Ihre Majestät mir öffentlich Ihre Huld gezeigt?« »Oh, nichts von dem!« sprach die Königin mit abwehrender Handbewegung. »Er könnte sich glücklich schätzen, eine so reine Schwiegertochter in sein beflecktes Haus zu bekommen. Dazu ist er jetzt ein Narr! Dieser profligate Mensch, der sein Leben durch nichts getan, als den Adel seiner Menschenwürde herabzusetzen, pikiert sich jetzt, aus vermoderten Pergamenten einen uralten Adel zu beweisen. Lächerlich und empörend!« »Gegen wen, erlauchte Frau, wäre es dann Pflicht, dem schönsten Traume meines Lebens zu entsagen?« »Gegen sich selbst! Können Sie keinen noch schöneren sich denken, das Bewußtsein, Ihre Tugend und ihr besseres Sein vor Ihren Affekten gerettet zu haben?« »Ich fühle in mir nicht den Beruf, eine Heilige zu werden«, erwiderte Adelheid. »Ich bin, was ich bin, und will nicht mehr sein, ein Mädchen wie andre, von nicht zu heißem und nicht zu kaltem Blute. Ich glaube mich überwinden zu können, wenn ich muß, wo ich aber die Notwendigkeit nicht absehe, glaube ich ein Recht zu haben, wie jedes lebende Wesen, wo Gottes Sonne auf mich scheint, mich zu freuen in ihrem Strahl.« Die Worte klangen nicht harmonisch zur Stimmung der Königin, nein, es war eine kecke Dissonanz, aber Luise konnte nicht zürnen; durch das Vorangehende war sie schon anders gestimmt. Das Gespräch hatte eine ganz andre Wendung genommen, als sie beabsichtigt. Sie begnügte sich zu sagen: »Ach, wenn Sie die Seligkeit einmal kennten, die im Entsagen liegt!« »Ich habe einst entsagt«, fiel Adelheid ein, »und kostete nur die Schmerzen der Enttäuschung, ich empfand die Folter der Unwahrheit. Ja, Majestät, da fühlte ich, es gibt auch eine Pflicht, uns selbst treu zu sein und wahr. Die hatte ich verletzt, mich versündigt gegen mich, gegen das Heiligtum meines Herzens. Es schlug für ihn von jenem ersten Augenblick an, und ich hatte seine Schläge unterdrückt; es waren die Rücksichten, die meine Königin aussprach. Das waren unglückselige Monate, Jahre; die Brust blutete, und keiner sah es, und kein Trost, ich half ja keinem damit. Statt kräftig zu werden und frisch, lähmte die Halbheit meinen Geist. – Es war keine Tugend, es war eine Sünde, es blieb Sünde, bis ich sie erkannt und mir gelobte, die Wahrheit offen zu bekennen. Gott schütze und wahre mich davor, daß ich wieder zurücksinke in die Unwahrheit.« Sie hielt inne, auch die Fürstin schwieg. Das Aber, das auf ihren Lippen schwebte, ward durch einen neuen Ausbruch der Rednerin unterbrochen. Sie fühlte sich auch vor der gütigsten Königin in ihrem Recht, jetzt alles auszusprechen. »Das war ein Selbstmord gewesen, und der Schöpfer will nicht, daß wir uns selbst vernichten. Aber es konnte mehr werden, ein Mord an einem unaussprechlich Unglücklichen, den zu retten meine schönste Lebenstat wäre.« »Oh mein armes Kind«, fiel die Fürstin ein, »ich sehe die Glut Ihrer Leidenschaft, aber täuschen Sie sich nicht. Ich sehe mehr, Ihre tugendhafte Seele empfindet mit dem Verlornen Mitleid, Sie wollen sich ihm opfern, um ihn glücklich zu machen, Sie fühlen den Drang schöner Seelen, eine Märtyrerin zu werden. Kennen Sie ihn ganz? Fragen Sie sich, ob er es wert ist, der Mann, der – wie viele, so unschuldig als Sie, mag er auf seinem Gewissen haben! Danach fragt die Welt freilich nicht, und die vornehmen jungen Wüstlinge machen sich daraus kein Gewissen. Aber sie beobachten doch wenigstens den äußeren Anstand. Was man vom jungen Bovillard erzählt, oh mich schaudert, ihn an Ihrer Seite zu sehen!« »Ist er darum schlechter, weil er keinen Schleier um seine wüste Jugend gebreitet! Mich schaudert vor denen, die die Welt lobt, weil die Weit nur das feine Kleid und die feine Miene sieht, hinter denen ihr verwüsteter Geist sich verbirgt!« »Man spricht ihm kein langes Leben zu, die Frucht seiner Ausgelassenheit!« »Rechnet die Liebe nach Jahren?« »Doch soll die Ehe ein Bund der Seelen, eine Harmonie gleichgestimmter Geister sein.« »Ist sie's denn immer?« »Aber der Mann muß wenigstens die Gefühle einer edlen Frau zu würdigen wissen, wenn er auch dem kühneren Schwunge ihres Geistes nicht folgt.« Adelheid lächelte. »Sein Geist , gnädigste Frau – Oh, könnte ich Ihnen diesen edlen Geist malen, der rein blieb wie der Äther über dem aufgewühlten Schlamm, könnte ich Ihnen sein Herz öffnen, wie es mächtig pulst für die Leiden, die Ehre des Vaterlandes, wie nur die Schmach, die er ansehen mußte, Gift in die Adern spritzte –« »Lassen wir die Poesie, liebes Mädchen, es handelt sich von ernsten Dingen. Ich will Ihnen glauben, daß ein besserer Keim in ihm ist, daß große Talente in ihm schlummerten, daß Charakterstärke ihm von Gott gegeben war, ich will zu Ihrem Besten alles zu seinen Gunsten glauben, aber warum gab er sich keiner geordneten Tätigkeit hin, warum zersplitterte und vergeudete er diese Gaben? Bei seiner Geburt, dem Einfluß seines Vaters wäre ihm ein Wirkungskreis leicht geworden.« Adelheid sah die Königin mit einem eigentümlichen Blicke an, es lag Frage, Bitte, ein Forschen darin. »Darf ich?« Sie hielt die Hände auf der Brust. Der Augenschlag der Königin winkte Gewährung. »Ich kenne jemand, den die Geburt hoch gestellt, höher steht nur einer. Sein Herz schlägt für das Vaterland, sein Blut glüht für seine Ehre. Mit dem ritterlichen Feuermut der alten Zeit, schlägt doch dies Herz weich für das Edle, Schöne, Große, das alle Zeiten schmückte. Er möchte, er könnte ein Volk erheben, es glücklich machen, denn seine Gaben befähigen ihn zu dem Höchsten. Und klar liegt vor seinem Gesichte die Vergangenheit, sein Auge blickt in die Zukunft. Warum ist dies Auge trüb? – Weil der Horizont trüb ist. Warum sank dieser Feuergeist, dessen Flügel der Sturm durchschnitt, der der Sonne entgegenblickte, ohne zu zucken, in den Schlamm zurück? Weil die Atmosphäre zu schwer ist, sein Feueratem sie nicht durchdringt, seine beredte Lippe umsonst redet, seine kühnen Vorstellungen an der Mattigkeit der Menschen, an der Zäheit, der Gewöhnung, an der Macht der grauen Alltäglichkeit abglitten. Da ward er mutlos, er verzweifelte. Erhabene Königin, wie sollte ich es wissen! Ich spreche nur, was die Stimmen der Tausende, die Lüfte mir zutragen, aber sie flüstern und rufen es laut: Das ist unser Los. Dies Firmament erdrückt die, die zum Besseren aufwallen. Es ist einmal so in diesem Reich. Wer daran schuld, sagen sie nicht, aber sie zählen viele, viele edle Geister, die im fruchtlosen Kampf verkamen, untergingen. Wenn der edelste Prinz, der tapferste Held, dessen Lob in allen Zungen, den die Armee vergöttert, diesem Lose nicht entging, dürfen wir die verdammen, die dasselbe gewollt und auch ihre Flügel verbrannten, sie sanken, tief, tief – Dürfen wir sie versinken lassen.« Luise hatte den Kopf halb abgewandt sinken lassen. »Meine Königin ist nicht die grausame Richterin, welche die Edlen büßen läßt, was Elende verbrachen! Man sagt« – fuhr Adelheid mit gedämpftem Tone fort – »der Prinz wäre zu retten gewesen, wenn er ein edles Weib gefunden, das seine Gedanken und seine Sorgen geteilt, wenn eine seiner würdige Gattin, seinem Geiste nahe, seiner Liebe wert, ihn aufgerichtet. Er suchte und – fand sie nicht. Man sagt, man flüstert es wenigstens, daß er eine gesehen, und er wäre gerettet, er wäre geworden, sie sagen ein Gott. Aber er verschloß, entsagend die brennenden Wünsche in der Brust – denn – die eine gehörte schon einem andern!« Adelheid fühlte, was sie gewagt, aber es war eine Macht über sie gekommen, der sie nicht widerstand. Auf eine Karte war alles gesetzt – Tod und Leben hieß die Krisis, es gab kein Mittel. Fieberhitze durchglühte sie, und sie schüttelte vor Frost, als sie aufgestanden. Auch die Königin stand auf. Noch wandte sie ihr Gesicht ab. Es war etwas – war's ein Kampf? –, was sie vor sich selbst verbarg. Wenn sie jetzt sich umwandte, ein zürnender Blick, eine Handbewegung Adelheid zurückwies, wenn sie ohne eine Silbe den Hügel hinabschritt, Adelheid jetzt allein ließ, verstoßen, verloren – Nein, sie wandte sich um, und im nächsten Augenblick drückte sie das verlassene Mädchen an ihre Brust. Worte sprach sie nicht, nur eine Träne fühlte Adelheid über ihre Wange rinnen. Als sie schweigend die Allee zurückgingen, hatte das Sterbegeläut vom Kirchturm aufgehört; dafür schmetterten Trompeten, und ein kriegerischer Marsch der Garnison des Städtchens tönte über die Baumwipfel. »Gott sei Dank!« sprach die Königin. »Das erleichtert das Herz.« Am Schlosse beim Scheiden reichte sie Adelheid die Hand zum Kusse. Dabei flüsterte sie ihr zu: »Wir sehen uns bald wieder.« In ihren Appartements befahl die Königin ihrem Kammerherrn, zum Minister Stein zu fahren. Sie wünsche ihn zu sprechen. Darauf hatte sie eine längere Unterhaltung mit der Viereck. Die Hofdame erklärte nachher den Hofleuten, daß Ihre Majestät endlich so huldreich gewesen, in den Wunsch einzugehen, den sie schon längst gehegt, nämlich bei ihrem geschwächten Gesundheitszustande eine Gesellschafterin zu nehmen, welche in ihren Appartements wohnen dürfe. Sie denke die Tochter des Geheimrats Alltag, die sich dazu anstellig zeige, zu akquirieren. Siebentes Kapitel. Eine Maus und eine Mausefalle . Bei Madam Braunbiegler sollte Whist gespielt werden. Die Gesellschaft war nur klein, kam aber nicht zur Ruhe. Wenn man kaum die Karten gezogen, störte eine Nachricht, eine Person, die unerwartet hereinstürzte. Es war nun einmal Unruhe in der Stadt, die mit dem besten Willen sich nicht bewältigen ließ. Man wußte schon, daß das Heer jetzt wirklich auf den Kriegsfuß gesetzt werden solle. »Wenn man nur abgewartet hätte, bis die Mäntelgelder beisammen waren!« hatte Madam Braunbiegler gemeint; aber es waren noch nicht siebzigtausend Taler gesammelt. – »Und was hilft das Geld, wenn die Schneider fehlen!« hatte der Legationsrat gesagt. Da brachte Herr von Fuchsius eine Nachricht, welche alle bisherigen in den Hintergrund drängte. Die Königin hatte endlich ihren Widerwillen gegen den jungen Bovillard aufgegeben, er war ihr vorgestellt worden, sie hatte ihn gnädig aufgenommen, sich günstig über ihn geäußert, zu andern aber spitz gesagt, er müsse wohl viele Feinde haben, da er ihr ganz anders geschildert worden. Er war tags darauf zum Legationssekretär, andre meinten sogar zum Legationsrat ernannt worden, beauftragt zu gewissen Vorträgen im Kabinett und in der persönlichen Nähe der höchsten Herrschaften. Man war geteilter Meinung, ob dahinter eine Intrige des neuen Ministers stecke oder des alten Bovillard. Fuchsius lächelte, als eine Dame mit einem andern »Wissen Sie schon?« hereinplatzte. »Die Alltag ist zur Gesellschafterin der Viereck ernannt. Sie zieht ins Palais!« – »Ins Palais!« – Was das zu bedeuten hatte, darüber war niemand im Zweifel, als man auch von der gnädigen Audienz erfuhr, welche die Königin dem schönen Mädchen gewährt. – »Nun wird ja alles klipp und klar. Ja, wer nur 'ne hübsche Larve hat und Konnexionen, dem fehlt's nicht.« So hatte Madam Braunbiegler gesagt. Madam Braunbiegler war ihrer Zeit eine berühmte Persönlichkeit in Berlin, was man heut nennen würde, ein öffentlicher Charakter, von der sehr viel Dikta noch umgehen. Wenn der Raum unserer Erzählung, die zu Ende geht, es erlaubte, hätte sie das Recht und die Anwartschaft auf eine bedeutendere Rolle darin, als wir ihr angewiesen, aber der Rahmen schließt sich, und die Rücksicht auf den deutschen Stil und die Grammatik, die wir bis da nach unsern schwachen Kräften beachtet, verbietet uns, ein Bild in den Vordergrund zu stellen, welches für viele Leser unverständlich bliebe ohne eine vorausgeschickte Abhandlung über den markbrandenburgischen Unterschied zwischen mir und mich. So genüge denn für dieses Mal – denn es ist wohl möglich, daß wir ihr künftig wieder begegnen – ein Diktum, welches mit stereotypischer Genauigkeit aus den Akten jener Zeit entnommen ist. Ex ungue leonem. Madam Braunbiegler hatte das Gespräch über den betreffenden Gegenstand mit den Worten geschlossen: »Denn heiratet er ihr ooch noch! Da gratulier ich. Er hat nischt und sie hat nischt. Das wird 'ne magre Kalbfleeschsuppe. Nee, sage ich doch, wenn pover Volk noch dicketun will und vornehm sind, die können mich gestohlen werden.« Madam Braunbiegler mußte sich dabei echauffiert haben; es kostete ihr immer eine Gemütsbewegung, wenn sie von ordinären Leuten sprach, die es den Reichen gleichtun wollten. Sie war den liberalen Ideen abgeneigt und hielt auf Standesunterschied. Der Shawl war ihr beim Echauffement von den leuchtenden Schultern gerutscht. Herr von Wandel legte ihn ihr sanft wieder um: »Sie könnten sich erkälten, gnädige Frau«, flüsterte er mit der sanftesten Stimme. Der Ritter begehrte nicht den Dank der Dame. Wie zufällig hatte er sich auf einen Stuhl am Spieltisch niedergelassen, wo Frau Geheimrätin Lupinus schon mit der Karte in der Hand saß. »Was sagt meine Freundin dazu?« Die Freundin war noch in halber Witwentrauer, in grauem Seidenkleide mit schwarzem Überwurf. Ihr Gesicht verriet nur die Verklärung der Trauer. Man hatte bemerkt, daß sie, die bei seinen Lebzeiten nie viel von ihrem Manne gesprochen, jetzt gern, wenigstens absichtlich, das Gespräch auf ihn lenkte. Immer als Philosophin. Sie bedauerte ihn nicht, sie erklärte es als ein Glück, daß er diese unruhigen Zeiten nicht mehr erlebt. Man wisse nicht, wie diese reine, von den Weltverhältnissen unberührte Seele in diesen Berührungen, Stürmen würde gelitten haben. Schon ein Kollektensammler, ein Weinreisender, der in sein Zimmer gedrungen, habe ihn in eine fieberhafte Erschütterung versetzt und den Frieden seines Geistes auf Tage gestört. Wenn nun, wie jetzt täglich geschähe, Aufforderungen um Scharpie, Beiträge zu dem und jenem ins Haus drängen, wie hätte sie ihn davor bewahren sollen! Schon das beständige Ziehen an der Klingel hätte sein Nervensystem angegriffen. Und nun erst gar die Mäntelgeschichte! Der Bürgermeister, Herr Büsching, war ja mit Herrn Gerresheim und Köls selbst zu ihr gekommen. Der selige Geheimrat habe eine so lebhafte Phantasie gehabt, daß, wenn die Herren ihm die Not der armen Soldaten, den Frost, die Schauer eines Winterlagers vorgemalt, er die Schrecken am eignen Leibe empfunden hätte. »Oh, und er war die Liebe und Teilnahme selbst! Man glaubt es mir nur nicht, weil ich keine Worte davon machen kann!« pflegte sie zu schließen. Zum Legationsrat sagte sie das aber nicht. Sie erwiderte ihm nur: »Was ich dazu sage? Das kommt doch nicht in Betracht. Was aber wird die Gargazin sagen?« »Sie ist vielleicht auch froh, daß sie das Wundertier los ist«, sagte Wandel leiser. »Besteht nicht unser Leben eigentlich aus Knüpfen und Lösen? Mit dem Knüpfen werden die meisten bald fertig, aber am Lösen, weil sie nicht voraus daran gedacht, scheitert ihr bißchen Verstand, und an den ungelösten Knoten des Daseins ging so mancher unter. Es ist vielleicht die Aristokratie der Erwählten, diese Kunst sich anzueignen, bei allem, was sie schaffen und wirken, schon an die Auflösung zu denken. Oh, wer es dahin gebracht –« »Wenn alles aufgelöst ist, was ist denn dann?« unterbrach ihn die Witwe. »Freiheit, Chaos, wie Sie es nennen wollen, allgemeine Glückseligkeit: denn ist es nicht ein Glück, wenn wir nicht mehr zu denken und sorgen brauchen um Bagatellen! – Ist das Leben mehr, meine Freundin! – Pardon, ich halte Ihr Vergnügen auf, Madame wartet –« Er hatte der Braunbiegler Platz gemacht, die sich mit ihrer Karte dem Tisch näherte. Aber mit derselben Unbefangenheit war er zur Baronin Eitelbach getreten, die am Fenster stand. Er klopfte auf ihre schöne Hand, er brachte die Fingerspitzen an den Mund. »Immer pensiv?« »Sagen Sie mal, Legationsrat, was sieht denn Fuchsius immer auf die Lupinus? Er ist doch nicht in sie verliebt?« »Ei meine Freundin, eine so scharfe Beobachterin; man muß sich vor Ihnen in acht nehmen.« »Nein, er observiert, er läßt sie nicht aus den Augen. Ich seh das schon eine halbe Stunde an.« »Nun, wenn es ein süßes Spiel der Liebe wäre, was kümmert es uns beide.« »Ich bitte Sie! – Die Lupinus –« »Lassen Sie doch die arme Witwe in Ruh. Haben Sie nicht an anderes zu denken.« »Sie sind ein guter Mann, ich kenne Ihr Herz, und Sie meinen es von Herzen«, sagte die Baronin, »aber warum müssen Sie mich immer beiseit ziehen?« »Um alle Gedanken abzulenken. Denn mich«, sagte Wandel mit einem Seufzer, »wird man doch nicht für den Glücklichen halten können. Im übrigen bis jetzt geht alles gut. Wenn wir nur auf seine Verschwiegenheit rechnen könnten. Offiziere plaudern gar zu gern – in der Wachtstube, bei einer Flasche Wein –« »Wenn ich es nur begriffe –« Mit einer wehmütig teilnehmenden Miene schüttelte Wandel den Kopf: »Freundin, wenn Sie es mir doch ganz überlassen wollten! – Aber – schenken Sie mir das Vertrauen nicht – dann, nun ja, das versteht sich von selbst. – Indes, ich schmeichelte mir, in der Hoffnung auf Ihr Vertrauen, grade so zu handeln, wie ich es tue, zur Schonung Ihrer Gefühle Ihnen verschweigen zu dürfen, warum.« »Aber warum denn? Mein Mann –« »Ist – ein Mann, den ich kenne, schätze, ich weiß zuweilen nicht, ob ich mehr seinen weltmännischen Freisinn oder seinen Scharfsinn bewundern soll.« »Seinen Scharfsinn?« »Merken Sie denn nicht, daß er Sie nie mehr mit dem Rittmeister neckt?« »Ja, aber –« »Daß der Kontakt dieser Verhältnisse auch einen Reflex auf Augustens Seelenfrieden werfen muß! Nicht wahr, das ist es, nicht was Sie nicht begreifen, sondern was Sie nicht begreifen möchten . Ich frage mich ja selbst oft, was ist denn die Zentrifugalkraft unsrer Gedanken, wenn sie bei dem Problem stehenbleibt! Was hat eine schöne junge Frau mit den Konflikten der Generalintendantur und Militärkontrolle zu tun? Aber aus dem Zirkel kann ich nicht heraus. Verdacht ist Verdacht. – Aus Verdacht, daß er Verdacht haben könnte, muß er keinen Verdacht zeigen. Aber schon der Schatten des Verdachts, daß er mit einem einflußreichen Militär – denn der Rittmeister bleibt doch immer der Neffe des Kriegsministers –, also schon die geringste Kollision eines, wie man es immer nenne, doch immer eines großen Lieferanten, besonders jetzt, wo die Mäntelbeschaffungskommission –« Er ward unterbrochen, wie es schien, nicht zu seiner Unlust. Wer an so viel und Wichtigeres zu denken hat, was von ihm fordern, daß er auf alles vorbereitet sei, namentlich wo er es nicht der Mühe werthält, sich viel Mühe zu geben. Aus der Phrase, in die er sich offenbar verwickelte, half ihm der Eintritt einer neuen Person. Eben hatte sich Madam Braunbiegler auf ihren Stuhl niedergelassen mit einem: »Na, kommt man denn endlich zur Ruhe. Das war doch heut eine Störung« – als eine neue schon wieder da war. Der Geheimrat Lupinus, nicht der selige, sondern von der Vogtei, war eingetreten, und sofort schien man zu wissen, weshalb. Die Wirtin gab dem allgemeinen Gefühl den Ausdruck: »Ach Gott, die Flanelleibbinden fehlten noch!« Die neueste Tätigkeit des Vogtei-Lupinus mußte also eine bekannte Sache sein; was wird in Berlin nicht bald zu einer bekannten Sache. Wer etwas gelten wollte, mußte sammeln, natürlich für die armen Krieger; wer sich hervortun wollte, für einen neuen Zweck. Von Winkelsammlern wimmelte es in den Häusern und auf den Straßen. Der Geheimrat sammelte für wollene Leibbinden. Die Mäntel waren für die Infanterie, die wollenen Leibbinden für die Kavallerie. Weshalb gerade der Vogtei-Lupinus diese Sache mit Eifer ergriffen, dafür wußte der böse Leumund auch einen Grund. Das Sammeln einer Kollekte damals war aber etwas anders. Wenn heut eine solche umgeht, sind Zweck und Gründe und die Dringlichkeit der Motive längst vorher erörtert, durch die Presse Gemeingut geworden, und man gibt oder gibt nicht. In jener Zeit war es anders. Wenn die Deputierten des Magistrats in die Häuser traten mit der Subskriptionsliste, so fingen sie damit an, wie jetzt der Vogtei-Geheimrat, Anfang, Ursach, Gründe, Zweck, Dringlichkeit vorauszuschicken und mit einer Bitte und captatio benevolentiae , je nach der Persönlichkeit des Angegangenen, zu schließen. Ein etwas umständlicher Weg, der aber das Gute hatte, daß die Einwohnerschaft von Berlin mit weniger Kollekten belästigt ward. Nachdem der Geheimrat seine Papiere und Listen aus der Mappe genommen, welche ein Beamter ihm nachtrug, hub er an von dem Nutzen der Leibbinden im allgemeinen, er zitierte Hufeland und Heim über die Wichtigkeit, daß der Magen eines Menschen warm gehalten werde; wenn die Funktionen desselben in Ordnung, sei der ganze Mensch in Ordnung. Das gelte aber ganz insbesondere vom Soldaten. Er ging dann auf die Kavallerie über und beschrieb, wie, Luft und Wind ausgesetzt, ein Kavallerist leichter am Magen sich erkälte als ein Infanterist, der durch die Bewegung des Marschierens schon den Magen sich warm mache. Wenn nun der letztere jedoch überdies noch Mäntel erhalte, so erfordere die Humanität und Billigkeit, daß man für den Soldaten zu Pferde auch etwas übriges tue. Er ging dann auf die drohende Herbst- und Winterkampagne über und schilderte, wie ein Kavallerist friere, wenn er auf der Erde schlafen muß, denn die Zelte schützen nicht vor der Kälte, die aus dem Boden dringt und zuerst in den Magen geht, zumal wenn er leer ist. Nun aber sorge ein guter Kavallerist allemal zuerst für den seines Pferdes, und komme es auf diese Weise oft, daß er für seinen eigenen nicht gesorgt hat. Mit einer glücklichen Wendung wieder zu den Leibbinden zurückgekehrt, zeigte er, wie sie am besten zugeschnitten und gebunden würden, gab zu, daß die von Wolle gestrickten allerdings zweckmäßiger, aber nicht so schnell zu beschaffen seien, daher die von Flanell dem Bedürfnis und Zeitgeist entsprächen, und schloß mit einer rührenden Deklamation an die Anwesenden, daß sie für König und Vaterland und die leidende Menschheit ihr Herz und ihren Beutel zu einer milden Gabe öffnen möchten. Auch die geringste sei ihm willkommen, lieber jedoch die größeren. An der Aufnahme sah man, daß auch hier schon fertige Parteien waren, Infanteristen und Kavalleristen, Mäntel und Leibbinden, Tuch und Flanell. Indessen siegte der Flanell. Wer widersteht, wenn andre ihm vorangehn und der Kontrolleur dabeisteht. Nur Madam Braunbiegler fand es impertinent, grade ihr damit ins Haus zu rücken. Sie gehörte natürlich zur Tuch- und Mäntelpartei und erklärte, sie würde nicht einen Pfennig rausrücken. »Eine Kleinigkeit doch!« flüsterte ihr der Legationsrat zu. Das brachte sie nur noch mehr auf: wenn sie gäbe, lasse sie sich nicht lumpen, und wenn's honorig sei, greife sie in die Tasche, daß es sich sehn lassen könne, aber Bettelei könne sie nun ein für allemal nicht ausstehen. »Und wie kommt er denn dazu!« Wandel zog seine »edle Freundin« beiseite. Er teilte ganz ihre Ansichten, ob sie es ihm aber verzeihen werde, wenn er eine Kleinigkeit nach Kräften beisteure: »Meine Stellung zum Hofe bringt es mit sich, und der Geheimrat ist wohl nicht ohne Auftrag hier.« Dies wirkte. Es konnte bei Hofe vermerkt werden, daß Madam Braunbiegler nichts für die Kavallerie getan. – »Schreiben Sie mir auf mit zwanzig Taler, Geheimrat!« rief die Wirtin, und die Blicke der stattlichen Frau überflogen die Gesellschaft, um für die Taler das Erstaunen zu ernten. »Eine Prise, Baron!« Sie griff mit ihren markigen Fingern tief in die Dose und schien den Spaniol mit Befriedigung einzuschlürfen, während sie nicht mit gleicher die Worte ihres Kompagnons vernahm: »Lupinus, Sie, hören Sie – notieren Sie mich auch mit zwanzig!« – »Na, na, Baron, nur keine Extravaganzen nicht! Seit wann haben Sie's denn so dicke sitzen? – Allerdings hatte der Baron es nicht so dick sitzen als sein korpulenter weiblicher Kompagnon, aber er schlug mit der Hand an die Brust: »Wenn 's Vaterland ruft!« Lupinus hatte die Hand, welche eben in der Dose gewühlt, mit Entzücken ergriffen und an seine Brust gedrückt: »Ah! Madam Braunbiegler est un ange. Votre exemple glorieux rendre notre chose victorieuse! « »Umgeguckt, Geheimrat, Ihre Schwägerin winkt, will Ihnen auch vielleicht 'nen Fuchs geben. Stecken Sie ein, was Sie kriegen.« Der Geheimrat Lupinus prallte buchstäblich zurück, als er sein Ohr an den Mund der Geheimrätin gelegt und diese einige Worte ihm zugeflüstert hatte, »Hun – hundert!« »Ich bitte, Schwager, sein Sie kein Narr!« sagte sie mit leisem, strafendem Ton und bittendem Blick. »Hundert Friedrichsdor!« »Aber ich habe Sie doch sehr gebeten; das war ja unter uns – Sie sind wirklich ein abscheulicher Mensch.« »Hundert Friedrichsdor!« rief es durch die Versammlung. – »Hundert Friedrichsdor für Flanell!« Starre Blicke, geöffnete Münder. Am weitesten hatte die Wirtin ihn auf, es kam aber kein andrer Laut heraus als ein »Nanu!« Die Geheimrätin-Witwe empfand das Unangenehme der Situation. Sie erhob sich etwas vom Stuhl: »Warum mußte mein guter Schwager über etwas an die große Glocke schlagen, was ganz unter uns abgetan werden sollte! Da es aber einmal ist, so bin ich meinen verehrten Freunden und Freundinnen Rechenschaft schuldig. Ich bin nicht so reich, um eine solche Summe zu diesem einen Zwecke beizusteuern. Ich erfülle darin nur den Wunsch und Willen meines seligen Gemahls. Sowenig er sich im Frieden seiner Seele um Weltangelegenheiten kümmerte, sah er doch mit bangem Blick die schwarzen Gewitterwolken nahen, und es waren seine letzten Unterhaltungen mit mir, daß für diesen Fall ein guter Patriot, was er könne, zum Wohle des Ganzen beisteuern müsse. Namentlich ging ihm die Lage unsrer armen Soldaten zu Herzen; er, den jedes kalte Lüftchen wie ein Eishauch berührte, erschrak vor dem Gedanken der Winterfeldzüge, die er für eine Barbarei der neueren Kriegskunst erklärte. Er malte sich in seinen letzten Fieberphantasien besonders lebhaft das Bild des Biwaks und rief mehr als einmal aus: ›Und sie haben nicht mal warme Kleider!‹ Wenn ein unerforschlicher Ratschluß ihn nicht plötzlich abgerufen, würde er in seinem Testamente gewiß Legate dafür ausgesetzt haben. Wollen Sie es mir daher nicht verargen, wenn ich dies Testament für geschrieben halte und in seinem Sinne zu handeln denke, indem ich tue, wie ich getan. Nicht ich tue es, mir darf niemand danken, mir niemand Verschwendung vorwerfen, es ist sein Geist, der mich in diesem Augenblick umschwebt.« Während die Geheimrätin es sprach, waren aller Blicke auf sie gerichtet. Es war eine Feierlichkeit in ihrem Wesen, ein sonorer Ton in der Sprache, der selbst der Braunbiegler imponierte. Mit ganz besondern Blicken beobachteten sie aber zwei der Anwesenden, Wandel und Herr von Fuchsius; jenes Gesicht erheiterte sich, dieser behielt denselben Ausdruck. »Nun aber, lieber Schwager«, ging die Lupinus plötzlich in einen andern Ton über, »tun Sie uns den Gefallen und gehn zu andern, denn Ihre Flanellbinden dürfen unsre Heiterkeit nicht stören. Was Sie mir getan, ist vergeben und vergessen. Sie sehen, wir haben Karten in der Hand und brennen zu spielen.« Die Liebenswürdigkeit selbst! – Nein, eine Vornehmheit doch, und diese Sanftmut dazu! – Wenn es nicht gesagt, wurde es gedacht. Wie herzlich, zutraulich, um es wiedergutzumachen, hatte sie dem Schwager, der so tief unter ihr stand, die Hand gereicht zum Abschied. Lupinus hatte die Hand an die Lippen gedrückt – »etwas schauspielerhaft«, sagten einige. »Wie ein Polisson« – andere. – »Er ist doch immer der Bruder meines seligen Mannes, der einzig Hinterbliebene der Familie!« hatte sie geseufzt. »Und was man auch immer gegen ihn sagen mag, von Herzen ist er gut.« Mit welcher Aufmerksamkeit sie spielte, sie webte leichte Scherze ins Gespräch! Eine Geschlagene war am Spieltisch. Die Braunbiegler gestand es sich selbst. Ein schweres Geständnis, aber sie wartete nur auf die Gelegenheit, sich wieder zu erheben. Große Seelen schweigen bis zum rechten Augenblick, kleine knurren und murren bei jeder Gelegenheit. »I Gott!« rief sie, als die Lupinus Karten gab, »es ist gar nicht darum, um die Flanellbinden. Tausend Taler sind mich ein Quark für König und Vaterland. Aber der – wie kommt denn der dazu! – Sag ich doch, wenn Leute, die nichts haben, andern an die Tasche klopfen wollen, das sollte vom König verboten werden.« Man erwähnte, daß die Königin sich günstig über den Eifer des Geheimrats in dieser Angelegenheit geäußert. Es sei schön, wenn ein alter Sünder durch gute Taten seine schlimmen wiedergutzumachen suche. »Wenn's nur von ihm käme!« sprach die von neuem Geschlagene. »Da habe ich auch nichts gegen. Er ist ja ein Mann in Amt und Brot, und der König wird wissen, warum er sich solche Geheimräte gemacht hat. Aber alle Welt weiß auch, er ist nichts im Hause. Da steckt die Charlotte hinter, seine Köchin. Ich weiß nur gar nicht, wie die Familie den Skandal zulassen kann. Wenn das in meiner wäre, ich würde mich ja schämen –« »Madam Braunbiegler haben anzusagen«, sprach mit großer Milde die Lupinus. – »Mein Seliger«, setzte sie hinzu, »mußte doch wissen, warum er mit seiner unendlichen Güte den Schwachheiten seines Bruders nachsah. Ich bin nur seine Erbin. Sein Wille ist meiner.« Das Spiel ging gut. Die Braunbiegler gewann. Das kühlt den Unmut. Aber hinter dem Spieltisch ward das Gespräch etwas laut. Verschiedene Personen saßen an dem großen Trumeau , der die Spielgesellschaft in seinem Glase auffing. »Sie sind ja so munter, lieber Eitelbach?« fragte die Lupinus hinüber. »Der Regierungsrat erzählt uns allerliebste Kriminalgeschichten.« Fuchsius hatte einen dankbaren Hörerkreis. »Das ist noch gar nichts«, sagte er. »Dann wird Sie eine andere Geschichte, die ich in einer englischen Zeitung las, noch mehr interessieren. Auf dem Lande lebte ein Gutsbesitzer oder Friedensrichter mit seiner Frau, wahre Muster in Sittlichkeit und Wohltun. Man stellte die beiden Leute wirklich als Exempel auf. Sie waren schon in vorgerückten Jahren und ohne Kinder, und da ihnen alles glücklich ging, bedauerte man sie nur, wenn ein Gatte dem andern in jene Welt vorausgehen sollte. Der Mann starb zuerst. Es hieß, er hätte sich zuwenig Bewegung gemacht, der viele Staub seiner Bibliothek, den er eingeschluckt, hätte sich auf seine Lunge geworfen.« »Die arme hinterbliebene Frau!« sagte die Eitelbach. »Frau Geheimrätin haben vergeben«, rief ein Spieler am Tisch. »Excüse! es flimmerte mir etwas vor den Augen.« »Sie ward auch allgemein bedauert«, fuhr Fuchsius fort, »ertrug aber ihr Schicksal mit wunderbarer Fassung. Sie lebte nur dem Gedächtnis ihres Mannes und führte mit großen Opfern alles aus, was er angeordnet. Man betrachtete sie als eine Art Heilige. Da fügte es der Zufall, daß durch einen Gewitterregen der an einem Abhange gelegene Kirchhof von aller Erde losgespült und durch die Gewalt des Wassers mehrere Särge den Abhang hinuntergestürzt wurden. Darunter war auch der, worin der selige Friedensrichter lag. Er zerbrach, und mit Erstaunen sah man die wohlkonservierte Leiche, als wenn er noch lebte. Von einer besondern Luft konnte es nicht herrühren, denn die andern Leichen waren zerstört. Man fand aber bald die untrüglichen Merkmale einer Arsenikvergiftung. Werden Sie es glauben, wenn ich Ihnen sage, daß es sich ermittelt hat, die eigene Frau hat ihn umgebracht.« Einem unterdrückten Schrei folgte eine lange Stille: »Aber wie ist denn das gekommen? Warum denn? Sie hat ihn ja so geliebt!« rief die Baronin. Fuchsius, der mit übergebeugtem Leibe auf dem Stuhle saß, wie wohl Erzähler tun, die für eine lange Erzählung den gesammelten Stoff wie einen Faden aus sich herausspinnen und dabei nicht rechts und links blicken, Fuchsius sah dabei unverwandt vor sich auf den Spiegel. »Das Warum ist nie recht klargeworden«, antwortete er auf die Frage der Eitelbach. »Es ist eine sehr alte Geschichte. In unsern gebildeten und aufgeklärten Zeiten kommt so etwas, wie Sie denken können, nicht mehr vor.« »Gott sei Dank, das ist nicht möglich!« rief die Eitelbach. »Aber ungleich interessanter«, fuhr der Rat fort, »und vollständig ermittelt ist, wie sie ihren Mann umgebracht hat. Können Sie sich das denken, sie puderte ihn, in dem Puderstaub aber war Arsenik.« Am Spieltisch war eine Störung. Der Geheimrätin waren die Karten aus der Hand gefallen; sie sah blaß aus, ihr Kopf senkte sich. Das hatten aber die wenigsten gesehen. Im selben Moment schon war der Legationsrat aufgesprungen: »Eine Maus!« Er zog das Taschentuch; damit fuhr und schlug er an der Wand entlang, nach dem Boden. »Eine Maus, eine Maus!« – Vergebens schrie Madam Braunbiegler auf: »Wir haben keine Mäuse!« Es hatten noch andre die Maus gesehen, denn worauf hätte sonst der Legationsrat sich so lebhaft geworfen! Wie auch die Wirtin dagegen protestierte, in ihrem Hause seien nie welche gewesen, noch sollten sie sich je zeigen, sie kam in dem allgemeinen Alarm nicht auf, besonders als auch der Regierungsrat, an ihr vorüberstreifend, ihr zuflüsterte: »Sie müssen sich schon zufriedengeben, es war eine Maus, Madam Braunbiegler.« An der Tür sagte er halb für sich: »Eine Falle wird ja auch im Hause sein.« Die Baronin meinte, er gehe, eine zu holen, als er sich unbemerkt im allgemeinen Aufstand entfernte. Es war ein verdrießlicher Aufstand, am verdrießlichsten für die Geheimrätin Lupinus, welche die Ursache gewesen, denn sie konnte nun einmal keine Mäuse sehen, ohne einer Ohnmacht nahezukommen. Aber wie schnell sie auch jetzt sich erholt, sie war die erste, welche ihre Karten wieder in der Hand hielt: »Warum mußten Sie mich verraten!« schmollte sie mit einem eigenen Blick zum Legationsrat. »Das Tier raschelte so ganz unerwartet zwischen Decke und Wand hervor. Was tat das! Die Gesellschaft wäre doch in ihrer Assiette geblieben.« Die Gesellschaft war wieder in ihrer Assiette, aber die Maus noch nicht fort. Man erzählte von andern bekannten Personen, die auch eine Idiosynkrasie vor Mäusen hätten. Auch Herr von St. Real ward erwähnt. Er spränge trotz seines Krückstockes, wenn er eine wittere, auf Stuhl und Tisch. »Sprang!« rief eine Stimme von einem andern Spieltisch. »Ach, wissen Sie noch nicht, er ist tot, plötzlich am Schlagfluß gestorben.« – Ein allgemeines Bedauern, das sich indes in ein allgemeines wohlgefälliges Lächeln auflöste. Nicht der Kammerherr, sondern sein Onkel, der reiche Johanniterkomtur Graf St. Real, war gestorben und sein Neffe Erbe seines Vermögens und seiner Titel geworden. Der Tribut allgemeiner Teilnahme ward dem unsichtbaren Erben gezollt. »Ach, ein so liebenswürdiger Herr, dem gönne ich's«, sagte die Wirtin. »Charmanter Kavalier«, schmunzelte ihr Kompagnon, der Baron. »Gefällig gegen jedermann, hat noch die feinen alten Hofsitten. Wenn solchem Mann ein Glück zufällt, da kann man doch noch sagen, es ist Gerechtigkeit drin. Die Glückspilze sind mir zuwider.« Die Braunbiegler meinte, er wäre tot, und nun könnte man ihn in Ruhe lassen. Die Lupinus nickte ihr beistimmend zu. Sei uns noch eine, die letzte Rede der Wirtin in ihrer Mundart vergönnt. Diese Mundart ist ja fast ausgestorben, wenigstens in den Kreisen, in die wir unsre Leser geführt, aber sie hat auch in ihnen geherrscht, und neben allen Dialekten der Philosophie und der Romantik, was der Gesellschaft jener Zeit einen bunten Anstrich gab, von dem die jüngere Generation keinen Begriff hat. »Wenn mir nu noch ener kommt«, trumpfte sie auf den Tisch, »Ob er totig ist oder lebendig, des weeß ich, denn schmeiß ich die Karten fort. Zu ville ist zu ville. – Aber, Frau Geheimderat, müssen Sie denn allemal vergeben?« Der Bediente war eingetreten, offenbar mit einer Meldung, aber er schien zu zaudern, als er die Lupinus im Begriff sah, die wieder aufgenommenen Karten zu mischen. »Es ist draußen – es steht draußen – es will jemand Frau Geheimrätin Lupinus sprechen.« »Wir haben hier auch zu sprechen.« »Der sagt aber, er muß absolut.« »Na, wer ist es denn, Jean?« »Ich kenne ihn nicht, Madam Braunbiegler – aber – aber er ist sehr dringend, er hat ein Schild auf der Brust und sagt, er muß partout.« Wandel hatte die Geheimrätin fixiert. Ein » à merveille !« entstieg unhörbar seinen Lippen, als sie die Karten vor sich niederlegte und aufstand. Sie verzog keine Miene: »Ich kann mir denken, was es ist; wahrscheinlich wegen eines Dokumentes aus meines Mannes Nachlaß, auf das eine auswärtige Behörde aus archivalischen Gründen einen Anspruch geltend macht. Es tut mir unendlich leid, daß ich abermals die Gesellschaft stören muß, hoffentlich nur auf einige Augenblicke.« Sie rückte den Stuhl zurück. Wandel reichte ihr den Arm und führte sie bis an die Tür. Ob und was er mit ihr gesprochen, weiß man nicht. Sie haben sich nicht wiedergesehen, heißt es. An der Tür blickte die Lupinus noch einmal über die Schulter, und die ihren Blick damals sahen, wollten ihn nie wieder vergessen haben. Mit einem Lächeln rief sie: »Ich bin am Geben, meine Damen, vergessen Sie es nicht, und ich werde nicht wieder vergeben.« Es war eine peinliche Stille von einigen Minuten. Im Augenblick, wo man einen Wagen abfahren hörte, trat das Stubenmädchen ein, blaß, wie verstört: »Ach Gott, wissen Sie schon –« Die Sprache versagte ihr. »Was?« »Sie wird abgeführt – sie ist kriminalisch –« die Tränen stürzten dem Mädchen aus den Augen. »Ach Gott, ach Gott! daß solchen Leuten auch so was passieren muß. Die gute Frau Geheimrätin!« »Unmöglich! – Ein Mißverständnis!« – Die Karten fielen, die Stühle und die Tische rückten. Überall blasse Gesichter. Mehrere Herren waren hinausgeeilt. Der Baron Eitelbach kam aber schon hereingestürzt. Es ist eine fatale Wahrnehmung für unser Humanitätsgefühl, aber es steht unstreitbar fest, mitten aus diesem Humanitätsgefühl schießt oft eine kannibalische Lust, wenn wir ungewöhnliches Unglück, von äußerem Schrecken begleitet, hören. In das Bedauern für die Leidenden mischt sich ein wollüstiger Kitzel. Es ist nicht immer Schadenfreude, oft nur die Freude, aus dem Alltäglichen heraus in die Regionen des Ungewöhnlichen uns versetzt zu sehen. Hören wir, daß es nur blinder Lärm war, kein Feuer, eine Mystifikation, so werden wir still. Wir äußern vielleicht ein Gott sei Dank! Aber ganz recht ist es uns nicht, daß die wunderbare Aufregung ohne Resultat geblieben. »'s ist richtig! Wissen Sie's?« schrie der Baron. »Um des Himmels willen, was?« »Sie hat ihrem Mann Rattengift gegeben. – Die Leiche ist heut heimlich ausgegraben – seziert. Oh, wir werden noch mehr hören.« Die Wirkung auf die Gesellschaft zu beschreiben, unternehmen wir nicht, die aufgerissenen Augen, die bleichen Gesichter, die Taschentücher, die Eau-de-Cologne-Flaschen. Die »Unmöglich! Es ist Verleumdung!«, welche zuerst von den Lippen brachen, verstummten allmählich. Es kamen immer mehr zurück, die es bestätigten, neue Details angaben. Die hatten die Gerichtsdiener, andere Fuchsius, einen Kriminalrat, einen Gerichtsarzt gesprochen. Die Gesellschaft war aufgelöst; die Nachrichten wuchsen mit den Vermutungen. Sie hatte nicht nur ihren Mann vergiftet, auch Kinder, ihre Dienerschaft. Sie war eine Giftmischerin aus Profession, eine Brinvilliers. Sie hatte aus einer Apotheke alles Rattengift aufgekauft. »Daher kann sie keine Mäuse und Ratten sehen.« Eine Dame entsann sich, daß sie einmal eine ganze Schule zu sich gebeten und traktiert, und die Kinder waren nachher krank geworden. Sie hatte die ganze Schule vergiften wollen, das war keine Frage. Wir wissen nicht, ob in derselben Gesellschaft, aber am selben Abend schon erzählten einige, daß die Lupinus die Intention gehabt, ihre Nachbarschaft, ja die ganze Jägerstraße aufzuräumen. »Und in unsrer Stadt! – In dem aufgeklärten Berlin! – Man wird es auswärts nicht glauben. – Aber wir werden noch mehr hören.« Nachdem Madam Braunbiegler sich vom ersten Schreck erholt, war sie die aufgeregteste, wenigstens die lauteste: Wenn man sie nur gefragt, sie hätte es längst gewußt – nein, das freilich nicht, aber vorgeschwant hätte es ihr, daß es so oder so kommen werde. Und der Frau hätte sie ja nicht um die Ecke getraut; so etwas Maliziöses im Gange und den Fingerspitzen, in den Locken und Lippen, und die kaschierte Vornehmheit! An ihrem Gesichte konnte man ihr die Giftmischerin ansehn. Und wenn sie nur den wüßte, der sie ihr zuerst ins Haus gebracht! War dies vielleicht die arme Baronin? Sie saß über ihren Stuhl gelehnt, wie ein Bild des Entsetzens, blaß, mit weit aufstarrenden Augen, sprachlos. Es war ihr vieles im Leben begegnet, sie hatte einmal geglaubt, noch vor kurzem, was sie dulden müsse, das dulde keiner außer ihr, aber das, was sie jetzt erlebt, war mehr, es war zuviel. Sie hatte dafür keine Sprache, vielleicht auch keine Gedanken. Die Lupinus galt ihr und war ihr immer vorgestellt worden als ein Muster von feiner, edler Bildung, von Herzensgüte und Verstand, das sie zwar nicht erreichen, aber auf das sie zur Nacheiferung blicken, woran sie sich halten könne. Und glaubte die Eitelbach nicht, daß sie schon eine andere, bessere geworden! Hatte sie nicht erkannt, woran es ihr Fehle, hatte sie es in einem gerührten Augenblicke nicht gradezu ausgesprochen, und die Lupinus hatte ihre Hand auf sie gelegt und mit herzgewinnender Güte gesagt: »Die einfältigen Herzens sind, denen ist das Himmelreich offen!« – Und ja, sie war es wirklich, welche die Lupinus zuerst mit der Kompagnonin ihres Mannes bekannt gemacht hatte. Da brach es heraus, Schmerz, Ärger, Wut: »Herr Gott, wenn die 'ne Giftmischerin ist, was sind wir dann alle!« Der Legationsrat Wandel schien in dieser fürchterlichen Szene nicht die Fassung behalten zu haben, welche er in allen Lagen des Lebens an den Tag gelegt. Das Unglück einer teuren, langjährigen Freundin mußte auch ihn momentan erschüttert haben. Er war wenigstens für die nächsten Minuten nicht ganz Herr seiner selbst. Er saß auf einem Stuhl, den Rücken der Gesellschaft zugewandt. Sein Kopf sank über. Plötzlich aber stand er auf und trat in die Mitte des Zimmers. Sein Auge leuchtete, indem er die Anwesenden überschaute, ein hochmütiger, fast verächtlicher Ton in seiner gehobenen Stimme: »Und wer sagt – ich frage, wer wagt die Frau, welche man aus unserm Kreise geführt, eines Verbrechens anzuklagen! Hat jemand von Ihnen Beweise? Liest man in ihrem Herzen! Wer, ich frage, traut sich zu, auf bloßes Geschwätz, Vermutungen hin, ein Urteil über eine Dame zu fällen, die als ein leuchtendes Exempel von Tugend bis da in unserer Mitte stand? Wer, wiederhole ich, fühlt sich so reinen Herzens, um den ersten Stein auf sie zu werfen! – Warum senken Sie die Köpfe? – Wie! Weil die Dienstleute ein Gerücht hereintrugen, ungebildete Gerichtsdiener, übereifrige Beamte sie verhaftet, vielleicht auf ein bloßes Mißverständnis, eine Verwechslung. – Kommt das nicht vor? Gibt es nicht Justizmorde? Wie, darum verdammen wir die, die Sie alle durch lange Jahre mit Bewunderung, Respekt betrachtet, die uns galt für ein Wesen höherer Art! Diese Bewunderung für ihre guten Eigenschaften, der Eindruck, den sie unwillkürlich auf uns alle geübt, wäre erloschen, fortgewischt durch ein einziges Wort! Oh mein Gott, lassen Sie mich nicht so schlecht von uns allen denken, daß ein unbesonnenes, überhastetes Wort die Taten eines ganzen Lebens verlöschen könnte –« »Aber –«, fiel ihm jemand ins Wort. Wandel ließ ihn nicht zu Worte kommen. »Sie haben recht, der Schein ist gegen sie. Ich vermesse mich auch in keiner Art, hier Richter zu sein noch ableugnen zu wollen, was etwa von emsigen Polizeibeamten zu Protokoll gegeben ist. Nein, von solcher Anmaßung bin ich weit entfernt. Aber, meine verehrten Freunde, hüten wir uns, Schlüsse zu ziehen aus dem, was scheint, was wir vermuten. Wollte ich meinen Vermutungen nachträumen, dem Scheine trauen, der eben wie ein Blitz vor mir aufzuckt, ich müßte zum Ankläger werden gegen die edelsten Männer, die lautersten Charaktere Berlins. Sie traute keinem Arzte mehr, sie glaubte ihre Schwächen durchschaut zu haben, sie nannte sie insgesamt Scharlatane; das wußten Heim, Selle; Mucius hat es auch gewußt. Sie präparierte sich selbst ihre Hausmittel, sie hatte sich eine kleine Apotheke von Herrn Flittner verschafft, wie ich ihr auch abriet und vorstellte, daß es zu Mißdeutungen eben von seiten der Ärzte führen könne. Es hat dazu, meine Herren, geführt, man hat Urteile über sie ausgesprochen, die ich nicht wiederholen will. Wie nun, wenn ich diesem Schein nachginge, argumentierte: Sie war eine sehr kluge Frau, die tiefer sah als andere, darum waren die, denen sie ins Handwerk schaute, ihre gebornen Widersacher, die ihr auf den Dienst lauerten, jede ihrer Handlungen mißdeuteten; diese Ärzte sind es, die, weil sie dieselben vom Totenbett ihres Gatten ferngehalten, weil sie dieselben beleidigt, verhöhnt, an Ruf und Praxis geschädigt, sie sind es, welche den Verdacht gegen die Unglückliche ausgestreut, bis andere daraus eine Denunziation gebildet. Oh nein, meine Freunde, ich unterdrücke diese Vermutung und noch andere, ich versichere Sie, Vermutungen, die einem andern als mir zu Schlüssen würden. Nein, sie steht mir zu hoch, als daß ich ihr helfen sollte durch das Verderben anderer. – Sie wundern sich über meinen persönlichen Eifer. Nun wohl denn, wenn Ihnen die Entrüstung eines Edelmanns über das Unrecht, das man einer edlen Frau antut, nicht Grund genug ist, so habe ich keinen, unter so nahen Freunden zu verschweigen, daß meine Achtung und Bewunderung für Madame Lupinus mich nach dem Tode ihres Gatten trieb, um ihre Hand zu werben. Ich sprach es noch nicht aus, um ihre Gefühle zu schonen, aber schon bei einer bloßen Annäherung kam sie schonend, doch mit einer Würde mir entgegen, die alle meine Hoffnungen zurückwies. Sie gehörte dem Toten wie einem Lebenden an, und nichts dürfe sich zwischen sie und diese heilige Erinnerung drängen. Brauche ich Ihnen zu sagen, wie ich diese heilige Empfindung verstand und ehrte, da jeder von Ihnen weiß, daß ich seitdem ihr Haus nicht mehr betrat. Und diese Frau wagt man zu beschuldigen, daß sie Hand gelegt an das teure Haupt ihres Verewigten! Diese Mitteilungen bin ich dem Kriminalrat schuldig. Ich werde sie machen und zum Richter sprechen: Untersuchen Sie streng, das ist Ihre Pflicht, aber erlauben Sie mir auch, eine moralische Überzeugung vor Ihrem Stuhle auszusprechen. Möglich ist alles, aber nur die, welchen die Sünde in ihrem ersten Stadium, im Argwohn und Neid gegen die Besseren und Glücklichen, genaht ist, werden die Beschuldigung aussprechen, sie werden ein Behagen daran finden, sie zu glauben, eine edle, reine Seele wird die Worte ausrufen, welche mir vorhin ins Ohr klangen: Wenn sie eine Giftmischerin ist, gütiger Gott, was sind wir dann alle!« Der Eindruck der Rede war groß. Er hatte seinen Hut ergriffen, sich gegen die Gesellschaft verneigt, am tiefsten gegen Madam Braunbiegler. Die Gesellschaft verstand die Bedeutung. Trotz des allgemeinen Schauers, trotz der Unruhe des Aufbruchs, denn die meisten nahmen Abschied, bewunderte man den ritterlichen Mann, welcher so der Ehre einer Frau sich annahm, die ihm den Korb gegeben! Und seine hohe Gestalt, sein tiefglühendes Auge unter einer Stirn, die sich im edlen Zorn immer höher zu wölben schien! So hatte man ihn nur gesehen, als er im Hause der Obristin als Retter auftrat. Niemand schien vergnügter als Baron Eitelbach, er hätte, als beide im Vorzimmer sich begegneten, dem Legationsrat um den Hals fallen können. Seine Frau übernahm es statt seiner. Eine Träne glänzte in ihrem schönen Auge, als sie, vom Arm ihres Mannes sich losmachend, ihre Hände auf seine Schultern legte und, auf den Zehen sich erhebend, einen Kuß auf seine Stirn hauchte: »Eine schöne Tat verdient eine Belohnung. Eigentlich, daß Sie's wissen, habe ich Sie nicht leiden können. – Sie sind ein guter Mensch, das wußte ich, aber es war mir doch immer daneben, als wenn Sie ein schlechter Mensch wären – heute aber – nein, Sie sind gar kein Mensch nicht, heute waren Sie wie ein Gott.« Schade, daß die schöne Szene durch ein kreischendes Gelächter unterbrochen ward. Nicht das des Barons, der nur etwas »grinste« und sich vor Schadenfreude die Hände rieb, sondern gespornte Stiefel polterten die Treppe herauf, und der Rittmeister schrie schon von draußen sein: »Tralirum la, tralirum la, nun geht es los! Tralirum la! Krieg! Krieg! Ausmarschorder! – Laforest kriegt seine Pässe!« Es war ein Intermezzo, das überhaupt zu dem, was hier geschehen, nicht stimmte: Trompetengeschmetter, das einen Choralgesang, die Trauermusik eines Grabeszuges unterbricht. Glühte sein Gesicht nur von der Freude oder auch vom Wein? Gleichviel, es glühte, und er war trunken. Er fiel um den Hals, wer ihm in den Weg trat. »Krieg! 's geht los!« begleitete den Kuß. Er hatte den Baron Eitelbach so umarmt, er drückte auch der Baronin seinen Bart und seine Lippen an die Wangen. Nur vor der aufrechten Gestalt des Legationsrats wich er zurück, um den Generalstabschirurg Görecke ans Herz zu schließen. Herr von Wandel glaubte einen schmerzlichen Zug um die Augen der Baronin zu sehen. Er flüsterte ihr ins Ohr: »Nicht verzweifelt, meine Freundin. Man muß in solchen Momenten die Aufregung auch einer Roheit nachsehen, die unter andern Umständen unverzeihlich wäre. – Er kann sich bessern, obgleich – doch es kommt eben darauf an, ob er ein Diamant ist oder nur ein Kieselstein.« Achtes Kapitel. Wir werden alle Blut sehn müssen . Die bleigraue Dämmerung eines Nebelmorgens drang noch kaum durch die von der innern Wärme angeschlagenen Scheiben in das Zimmer der Fürstin, als diese im Negligé aus ihrem Kabinett trat. Wandel, der hinter ihr die Tür schloß, war schon fertig angezogen. Er sah blasser als gewöhnlich aus und schlang ein wollenes Tuch gegen die Morgenkälte um den Hals, ehe er sich anschickte, den Mantel umzuwerfen. Die Fürstin wies auf die Tür zur Hintertreppe: »Sie können durch den Gartensalon. Adelheid schläft schon seit gestern nicht mehr hier.« »Der Abschied von der Tugendprinzessin war wohl sehr rührend?« Die Gargazin sagte nach einigem Besinnen: »Ja – ich habe geweint.« Was sie noch sagen wollte, verschluckte sie. »Tant mieux, Madame, sie kann uns nun protegieren. Le temps se change, mais pas les hommes .« »Ich wünschte, Sie changierten«, sagte die Fürstin ernst. – »Hat Sie der Anblick des jungen Mädchens nie gerührt? Zuweilen – wenn ich sah, wie alle Verlockungen und Verführungskünste von ihr abglitten – ja, zuweilen überkam es mich, ob sie nicht in einem unmittelbaren Schutze stehe.« »Die Hand des Schutzengels, den der Himmel ihr gesandt, drücke ich jetzt an meine Lippen. Au revoir! Übrigens habe ich ja auch ein wenig den Engel agiert.« Die Gargazin riß die Hand zurück, und ihr strafender Blick hätte ihn zum Schweigen auffordern sollen, aber er schwieg nicht: »So war uns die Rolle des Verführers zugewiesen. Jede Rolle ist gut, wenn man sie nur gut spielt. – Sie schaudern, es ist ein frostiger Oktobermorgen. Sie werden sich erkälten, Sie sollten sich wieder zur Ruhe legen.« »Ich schaudre, doch ich friere nicht.« Er sah verwundert, als sie nach der Klingelschnur griff. »Ich will nach der Hedwigskirche. – Wenn Sie gesündigt, fühlen Sie dann nie das Bedürfnis, Ihr Herz auszuschütten? Haben Sie gar keine Empfindung, keine Ahnung davon, welche Erleichterung, Wohltat es ist, so belastet und gedrückt sich in den Staub zu werfen und im Bekenntnis, in der Beichte zu den Füßen eines Plénipotentiaire der Allmacht alles das niederzulegen und jeden Winkel in uns auszukehren? Glauben Sie mir, es ist nur schwer, wenn man es noch nicht versucht. Sind wir erst daran gewöhnt, oh, so wird es mehr als ein Bedürfnis, eine Wohltat, wie ein Bad nach schwülem Tage. Wie da Luft und Licht allmählich die Adern unsrer Seele durchhaucht! Der Körper fühlt es mit, er wird leichter. Wir atmen auf, wenn in den hohen Hallen der Odem des Ewigen rauscht, die Orgel intoniert, die Glocken über uns anschlagen, der Zugwind trägt uns den Duft des Weihrauchs zu – wenn dann der Priester die Hände auf uns legt, die leichte Buße mit ernster Stimme diktiert und endlich das beseligende Wort der Lösung spricht – oh wie ganz anders fühlen wir uns, nein, wir sind es. Nun trägt ein anderer, was wir getragen, die Füße, die uns kaum trugen, sind leicht; wir sanken hin und schnellen auf. Die Welt ist wieder schön, rings um uns wie neu geboren und wir wie ein Kind, das nach dem Schmetterling im Sonnenschein hascht. Oh, Sie armer Mann, daß Sie das nicht begreifen.« »Ich begreife es – ich begreife es vollkommen!« »Und Sie verschmähen die Wohltat.« »Was dem Armen ein Schatz ist, wirft der Reiche oft aus dem Fenster.« »Oh, Sie reicher Mann!« Es war ein böser, aber scheuer Blick. »Weil Sie so gewaltig stark sind. Weil Sie die Schwäche nicht kennen! – Ich hätte Sie von Anfang an hassen müssen –« »Aber Sie wollten mich bekehren, darum erbarmten Sie sich meiner und liebten mich.« »Nein! – Eigentlich bewunderte ich in Ihnen die Allmacht der Natur. Wie es ihr möglich war, ein Geschöpf in Menschengestalt ohne Blut und Herz zu bilden! Sie waren mir neu, interessant, ich wollte Sie studieren. Ich klopfte an, ob nicht irgendwo eine schwache Saite herausklinge – aber kalter Marmor von außen und noch kälter von innen. Ich fragte mich, was bewegt denn diesen Block, den irgendein Dämon aus dem kalten Gestein loshieb und gemeißelt ins Leben setzte, mit täuschender Menschenähnlichkeit, aber er ward kein Mensch.« »Einige wollen behaupten, der Egoismus sei es allein, der diesen – Marmorblock in Tätigkeit bringt.« »Aber die Lichter des Himmels blitzen Sie doch an, die Töne der Natur finden in Ihnen einen Widerhall. Es rauscht und strahlt zuweilen so harmonisch heraus, daß Sie blenden, berauschen, verführen. Sagen Sie, ist das alles nur der Reflex eines Spiegels, den selbst nichts rührt? Haben Sie keine Seele, oder ist sie wie das Meer am Eispol, eingefroren seit ihrer Schöpfung?« »Viel näher, teuerste Freundin, läge doch der Vergleich mit dem Dämon, den der große Dichter ins Leben rief. Warum so ungeheuer weit suchen im Chaos des Möglichen und Unmöglichen, statt Goethes Mephistopheles zu zitieren? Die Ehre erzeugten mir andre, sie nannten mich den Geist, der immer verneint. Höflichere hatten sogar die Freundlichkeit, den Schalk in mir zu wittern, von dem es dort heißt, daß unter allen Geistern, die verneinen, er dem Herrn der Schöpfung am wenigsten verhaßt sei. Doch das laß ich auf sich beruhen, es ist Geschmackssache, wie alles in der Welt, Antipathien und Sympathien. Was sich anzieht, was sich abstößt, es ist alles ein Spiel der Laune, die wir nicht ergründen, der Kern des Kernes, die Ursach der Ursach, nach der die schöne Königin Charlotte selbst einen Leibniz umsonst fragte und quälte. Nein, danach müssen wir nicht suchen, nicht grübeln, um Gottes willen; wir alle sind ja nach Ihrem Glauben – Erwählte oder Verstoßene, denen die Gnade leuchtet, oder es blieb in ihnen finster. Haben Sie doch Erbarmen mit solchem Finstergebliebenen, er kann ja nicht für seine Maulwurfsaugen, noch daß sein Blut so kalt blieb als das arktische Meer. Wenn Sie da weitertragen wollten, hohe Frau, auf welche Fragen stießen Sie, Rätsel, die selbst Ihr Glaube, der Berge versetzt, nicht löst. Zum Exempel, warum gab der Panurg sich die Mühe, Meer da oben am Nordpol zu schaffen, wenn es sofort zu Eis erstarrte? Wir Skeptiker würden fragen, warum schuf er nicht sogleich Eis? Es wäre doch einfacher, bequemer, konsequenter gewesen. Was hat dies arme Salzwasser verschuldet, daß es die schmerzliche Metamorphose erduldete? Muß es, wie ein neugeborenes Kind, die Sünden seiner Erzeuger büßen? Und warum büßen in alle Ewigkeit; denn bis nicht ein Komet an diese alte Erde stößt, der Weltenbrand alles verzehrt, wird dies unglückliche, verzauberte Wasser doch aller Wahrscheinlichkeit nach nicht erlöst.« »So glauben Sie doch an den Weltenbrand?« »Ich glaube an alles, was außerhalb des Kreises meiner Tätigkeit liegt. Warum sollte ich das nicht aus Gefälligkeit für die Gläubigen! Es geht mich ja nichts an. Nur fordere ich als Gegengefälligkeit, daß sie innerhalb jenes Kreises gar keinen Glauben von mir fordern. Da glaube ich nicht einmal, was ich vor mir sehe, fühle, rieche, nur was ich hinter mir habe, den Wein, den ich geschlürft, den Kuß von süßen Lippen, den Busen, an dem ich geruht; daran glaube ich und schwöre auf die Seligkeit, außerdem aber nur an das mathematische Einmaleins, und – noch an etwas. Da koinzidiert ja unser Glaube. Der Panurg streute uns aus seinem Würfelbecher auf die Erde, wie wir sind, Starke und Schwache, Erwählte und Verdammte. Jeder geht auf seine Grasung. Wenn jener sauren Klee liebt, so wäre ich ja ein Tor, ihn fortzureißen, daß er auf mein süßes Kleefeld kommt. Er gab uns verschiedenen Geschmack, und das ist seine nicht genug zu bewundernde Weisheit, sonst fräßen wir einer den andern auf« »Der Weltenbrand!« rief plötzlich die Fürstin auf, und ihr Gesicht glühte. Nicht die Wärme von innen, es war eine Purpurglut, die von außen daranschlug. Die Sonne war aufgegangen, die Wolken zerrissen, eine unförmlich große Feuerkugel tanzte im Dunstlicht. Aber bald sah man sie nicht mehr vor der Färbung, die sie dem ganzen Dunstmeer mitteilte. Das Firmament schien in Feuer. Das Zimmer, eben noch im unheimlichen Grau, war von rotem Gefunkel übersprenkelt. Rasch hatte die Wirtin das Fenster aufgerissen, und die Dächer der Häuser, die weite Stadt, soweit man sie übersah, schwammen in einem Blutrot. Wenn sie überrascht war, schien es nicht die Überraschung des Schrecks, sondern einer dämonischen Freude. Sie streckte ihren entblößten Arm hinaus in die kalte Luft, während diese Kälte sie doch nötigte, die Enveloppe mit der andern Hand fester um ihre Brust und Hals zu drücken. »Sehen Sie!« »Die Nebel zerteilen sich. Es wird ein schöner Herbsttag werden.« »Der Tag der Vergeltung! Er bricht an, Feuer und Blut gemischt. Oh, ich könnte mich freuen, ein entzückendes Schauspiel, wenn die wogenden Flammen über diese Dächer sausten, das Lied der Vergeltung heulend –« »Die sanfteste Frau mit Nerophantasien!« »Diese Dächer, die steinernen hohen Mauern mit ihren griechischen, ihren etrurisch-römischen Formen, sie waren immer meinem Auge eine heidnische Dekoration. Oh, ich hätte sie abreißen, offenlegen mögen, daß man hineinblicke und sehe, was sie so geschickt verschließen, diese mit heidnischer Tugend übertünchten Sünden.« »Ich bin nicht aus Berlin – auch kein Preuße, fahren Sie fort, Priesterin des heiligen Zornes!« »Selbst Sie müssen das fühlen, kalter Verstandesmann: hier ist keine Gesundheit, selbst ihre Rechenexempel sind falsch, sie wandeln auf übertünchten Gräbern und merken es nicht. Ihre Bildung, was ist sie? Eine bunte Garderobe aus allen Ländern zusammengeholt, Frack und Frisur aus Frankreich, ein Surtout darüber aus England, bunte Flitter aus Italien, Spanien, wo es her ist. Und die gerühmte Intelligenz, aus welchem Quell schöpfte denn ihr Geist? Trank er von den Silberwassern, die aus dem ewigen Schnee rieseln, die Gottes Auge befruchtet? Aus schleichenden Flüssen, künstlichen Kanälen schöpften sie ihre Begeisterung. Diese Ramler, Gleim, oh, es ist zum Lachen! Womit beschäftigte sich ihre Poesie, Philosophie und Kunst, als über die Wüste der Alltäglichkeit einen glitzernden Teppich zu weben und den Gott, den sie nicht sahen, aber doch bisweilen fürchteten, wie Kinder das Gewitter, aus seinem Äthersitz herabzureißen, um ihm ein bürgerliches Kleid anzuziehen, bis er zum guten Nachbar ward, den man zu Gevatter bittet und die Hand schüttelt. Wen verfolgten diese Nikolaiten und Jesuitenriecher, als die von seinem Geist Durchschauerten. Die blieben die ihnen unbequemen Gespenster. So im Siegeswahne haben sie über dem Schutthaufen, der Gott und Teufel, Religion und Aberglaube begräbt, den Thron der Aufklärung aufgerichtet, im Ich, jeder ein Gott mit aufgeblasenen Wangen und Kolophoniumblitzen gegen Andersdenkende! Der rechte neue Aberglaube und Aberwitz, wo den Sündern vergeben wird, wie man irgendwo Gefangene laufen läßt, weil kein Gefängnis für sie ist. Die nach dem Trunke dürstenden Wüstenpilger speist man ab mit dem Troste, ihr Durst sei Illusion, er werde vergehen durch Enthaltsamkeit. Und wie diese Religion ein Mantel von Spinnweben, so ist ihre Staatskunst einer von verschimmelter Weisheit. Weil sie ohne wahrhaften Gott sind, haben sie aus einem Menschen einen Götzen gemacht. Ich sah zufällig als Kind, man führte mich dahin, die Leiche des großen Königs. Oh, schauderhafte Erinnerung. Dieser Größte der Großen, den sie in ihrer Vermessenheit in einem Stern an den Himmel versetzt, war eine kleine, zusammengeschrumpfte Mumie, ein Kinderbalg, ein verkrummtes Zwerglein. Man mußte mich fortreißen, denn ich lachte laut, draußen schrie ich noch auf: ›Das ist kein großer Mann, das ist ja eine häßliche Puppe!‹ – Und wenn wir hinsinken vor der schönen gebenedeiten Mutter, wenn sich unser tränenreicher Blick aufrichtet zu den edlen Gottzügen des Gekreuzigten, und schwebt er noch höher beim Klange des gloria in excelsis, zu dem ewigen Auge des Vaters, dann bezichtigt man uns der Idolatrie! Aber dies Pygmäengeschlecht kniet und betet vor der kleinen braunen Puppe, und das nennt es nicht Götzendienst, das ist Anbetung der Wahrheit! Und sie haben recht. Das sind noch die Bessern. Wer nichts ist, muß sich doch am Anblick von etwas, das mehr ist, stärken, und wer nie ein Goldstück in die Hand bekam, freut sich auch über ein Stückchen Goldpapier.« »Erlaucht! Das sind ja Ihre Alliierten! Von diesen beredten Lippen hörte ich zwar oft den Wunsch, daß dies sündhafte Berlin von seinen Götzen ließe, seinem Friedrich und Lessing, seinem Schiller und Goethe den Rücken kehre und vor dem König der Könige niederkniete; aber woher diese Vernichtungswut?« »Weil sie nicht zu bekehren sind! – Dies in eignem Wissensdünkel aufgeschwollene Pilzgeschlecht, im Innern faul und hohl, nimmt keine Lehre an. Die Ermahnungen der Gesendeten strömen durch das Faß der Danaiden. Berlin hat die Strafrute des langmütigen Gottes an den Himmel gerufen. Nun steht sie da. Schmähen Sie mir nicht auf den Mann, den wir bekriegen müssen. Des neuen Attila Mission ist groß, und ich sehe, sie ist noch nicht zu Ende. Nur wir sind zu oft am Ende, weil wir mit unserm Verstand ihm immer dies und das Ziel abstecken wollten, und der unsichtbare Wille lächelt über unsre Torheit. Die Leichen sollen sich noch zu Bergen türmen und das Blut in Strömen fließen, wo wir noch kein Bett dafür sehen. – Ei, Sie schaudern, das freut mich. So blutigrot wie dieser Morgen –« Wandel schauderte wirklich, er zog den Mantel um die Brust: »Sie wissen, ich kann kein Blut sehen, alles – andre – nur kein Blut –« Die Gargazin schien sich an seiner Angst oder an seinem Schreck zu weiden: »Steigt Ihnen es auch zu Wangen! – Wir werden alle Blut sehn müssen, mein Herr von Wandel. Ohne das keine Erlösung aus diesem Dasein. Entweder stockt es, und wir gehen in Konvulsionen unter, oder es strömt in hellen Purpurquellen aus, und das ist die leichtere. – Hören Sie die Trommeln wirbeln? Wie mutig und froh gehen die Tausende dahin, wo die eisernen Würfel fallen. – Ja, das Spiel ist aus, der Ernst beginnt, mein Herr. Verspüren Sie keine Lust? Hörten Sie's nicht singen: ›Im Felde, da ist der Mann noch was wert!‹ Regte es sich da nicht in Ihnen? Hier ist er – gar nichts mehr wert.« Welcher Dämon war in die Frau gefahren? dachte der Legationsrat. »Um ins Feld zu ziehn, muß man –« »Mut haben«, unterbrach sie ihn. »Bewahre Ihr Genius oder Ihre Heiligen die Liebenswürdigste Ihres Geschlechts davor, eine Amazone zu werden!« Sie schien ihn nicht zu hören. »So rottenweise sie fallen, Reihe um Reihe unter dem Kartätschenhagel stürzen, das Feld sich lichten zu sehen, für einen Feldherrn soll es ein Götterschauspiel bieten. Da, wenn er auf der Höhe hält, den Tubus in der Hand, sein Schlachtroß unbeweglich unter seinen Lenden, da soll Napoleon ein Gott sein. Ein Bewegen mit dem kleinen Finger, ein Seitenblick, ein Zucken mit der Lippe, die Adjutanten verstehen es, neue Bataillone wälzen heran, sie füllen die Lücken, um wieder – Lücken zu werden –« »Bis eine kleine Kartätschenkugel, matt nur noch im Sande hüpfend, auf den Hügel springt und den Gott vom Pferde reißt.« »Qu'importe! So zu sterben wäre auch Wollust. – Sind wir nicht alle zu Feldherren geboren, die wir über die Masse uns erheben? Diese Massen, die nichts sind ohne den Geist, der sie regiert, Knäuel grauen Gewürmes, ein Durcheinander ohne Unterscheidung, wenn nicht ein Lichtstrahl sie färbt. Wir färben sie, geben ihnen Leben, Ordnung, Zweck des Daseins – haben wir nicht dafür Recht, über sie zu schalten wie der Schachspieler? Futter fürs Pulver, nicht wahr? – Ich kann die Frau da begreifen, wenn es wahr ist, was sie von ihr erzählen. Mit Menschenleben spielen wie mit Schachpuppen, warum soll es nicht zum Kitzel werden, dem man nicht mehr widersteht.« »Die Unglückliche! Sie wollte gewiß keine Verbrecherin werden.« »Wer will das! Sie wollte nur Glück um sich verbreiten, aber weil die Menschen eigensinnig sich ihres auf eigne Weise suchen, ward sie erbittert, bis – bis – ja – weil sie nicht Mut hatte zu sündigen, darum ward sie Verbrecherin. Eine Philosophin – sie hat ihre Götter sich selbst geknetet – weiß ich, aus welchem Kot! – Wer den Gott des Lebens nicht kennt, seine Beseligung, dürstet doch nach einer anderen. Der Gott des Todes gewährt sie auch, und wem die großen Würgeengel nicht zu Kommando stehen, wie Bonaparte, läßt sich mit den kleinen genügen. Die Gemeinheit sagt, sie hätte es aus Rache getan. Nein, ich verteidige die Frau. Auch sie nur ein Werkzeug in seiner Hand.« »Sie würde mit ihrer erlauchten Verteidigerin schwerlich zufrieden sein.« »Herr von Wandel wird sie allerdings besser verteidigen, weil er sie besser kennt.« War das ein Basiliskenblick? – Er wollte sprechen – aber er stotterte nur von Gott und reinem Bewußtsein. Wenn sie unschuldig, werde jener sie schützen, dieses sie trösten. »Reden Sie doch nur in Sprachen, die Sie verstehen«, herrschte die Fürstin ihn an. »Wenn Gott seine Zuchtrute am Himmel aushängt für die Völker, straft er auch die einzelnen. Merken Sie sich das, Herr von Wandel. Wenn Pestilenz, Krieg, Verderben in einem Lande ausbricht, kommt es nicht angeweht vom Winde, es bricht von innen heraus, wie ein Geschwür von den faulen Säften. Merken Sie das! – Werden Sie noch hierbleiben? Mich dünkt, hier ist nicht Ihres Weilens. Mich dünkt, Ihnen könnte Gefahr drohen. – Mich dünkt, man glaubt Sie zu kennen –« »Wer?« »Ich nicht«, rief mit Nachdruck die Gargazin. »Ich will nicht, mir graut, Sie kennenzulernen. Die Akademie will Sie nicht, aber für Gelegenheit nach Rußland lassen Sie mich sorgen – ich könnte Ihnen eine Professur in Kasan verschaffen.« Er sah sie groß an: »Was ist's? Wissen Sie etwas? Droht mir etwas? Ist's vorsorgende Liebe, oder ward ich Ihnen lästig?« »Ich könnte Sie hassen.« »Weil Sie mich nicht bekehren können.« »Nein, ich zittre, wenn ich Sie ansehe. Jetzt begreif ich's, wie die erhabene Katharina vor Abscheu und Wut zittern konnte –« »Wenn Lieblinge nicht fühlten, daß es ihre Pflicht sei, vor ihr zu verschwinden, wo ihre Gunst ausging. Allerdings ein großes Verbrechen der Undankbaren, durch ihren Anblick der Zarewna eine Erinnerung zu verursachen, die sie in angenehmeren Phantasien störte. Es war eine sehr zartfühlende Fürstin. Erlaucht, unser Verhältnis steht aber doch anders.« »Es steht nichts mehr, es fällt und bricht, wo alles bricht und kracht. Aber ich möchte nicht, daß etwas vor meinen Augen zusammenbricht, wo ich mir selbst Mühe gab, es zu bilden, als – meine Laune so war. Wollen Sie nach Kasan?« Der Legationsrat verneigte sich zum Abschied: »Die Luft dort ist mir zu streng.« »Was fesselt Sie hier?« »Erlaucht wissen –« »Unmöglich – nein – abscheulich – das traue ich Ihnen doch nicht im Ernst zu.« »Eine mariage de raison , weiter nichts. Wenn wir mit den Leidenschaften und Phantasien zu Rande sind, behält die Vernunft das letzte Recht.« »Mir aus den Augen!« »Was tat Madam Braunbiegler, Euer Erlaucht Zorn zu erregen?« »Oh mehr als abscheulich – widerwärtig – eine Versündigung gegen Geschmack, Gefühl, Ästhetik! An einen trunkenen Silen konnte die Nymphe sich hängen, da war im Efeu holder Wahnsinn – aber das Tier, das im Schlamme der Gemeinheit sich wälzt, das wagten die Griechen selbst nicht –. Und mit Bewußtsein, klarsehend – mir aus den Augen – da ist die Treppe – wenden Sie sich nicht um – ich will Ihnen nicht wieder ins Gesicht sehen – nie, nimmermehr!« Wandel hatte sich noch tiefer verneigt und – er stand schon auf der Treppe. Da aber wandte er sich doch um. Es mußte ein eigner Blick sein. Sie ward rot und blaß: »Erinnern Sie sich«, rief sie ihm nach, »daß Sie keine Zeile Schriftliches von mir in Händen haben. – Ich kenne Sie nicht. Fort – hinunter – Scheusal – schneller!« Neuntes Kapitel. Auch ein Satz in die Löwenhöhle . Er war symbolisch die Treppe hinuntergeworfen. Er machte sich keine Illusionen darüber. Aber warum? – Weil er das ästhetische Gefühl der Fürstin verletzt? Weil grade diese Rivalität ihren Schönheitssinn empörte? – Ein höhnisches Lächeln schwebte auf seinen Lippen. Er litt zum ersten Male ungerecht. Er hatte nie im Ernst an die Heirat gedacht; vielleicht, weil auch seine Ästhetik sich dagegen sträubte, vielleicht, weil er wußte, daß die reiche Braunbiegler eine Festung sei, die mit den Künsten und Mitteln, über welche er gebot, nicht zu erstürmen sei. Unrecht leiden und die Wahrheit nicht aussprechen dürfen, die uns frei machte; ist eine Marter. Die Lüge, um die er verstoßen war, gehörte zu einem System oder Gewebe, das noch nicht zerrissen war. Aber er hatte zu diesem Schmerz, der edleren Seelen vorbehalten ist, keine Zeit. Es waren ganz andere Vorstellungen, die seiner sich bemeisterten. War es nur eine Weiberlaune, welche plötzlich in ihr aufgestiegen, und hatte die Aufwallung einer Phantasie so lange, künstliche, wenn auch nie ganz feste Bande gesprengt? Oder lag etwas Bestimmtes zum Grunde? Mit jedem Schritte gewann die letzte Vorstellung an Gewicht. Eine fürchterliche Überzeugung, aus Kettengliedern zu einer Kette geworden. Er war nicht mehr, oder vielmehr, er galt nicht mehr, was er gegolten. Wer gibt einem fadenscheinigen Rock seine Wolle wieder? Sein Kopf senkte sich, seine Füße wurden schwerer. Der frühe Morgen war ein Glück für ihn; er begegnete keinen Bekannten. Der große Menschenkünstler hätte seine Aufregung nicht verbergen können. Dort stand er an der Ecke, zaudernd, drei Wege vor ihm, der eine führte zur Post. Seine rechte Hand griff unter den Rock, an die Stelle, wo das Herz sitzt. Ob er dessen Pochen hörte, es unterdrücken wollte? Über dem Herzen war auch die Brusttasche des Rockes, in dieser sein Taschenbuch, und in demselben steckte ein von allen Gesandtschaften visierter Paß ins Ausland. Es waren vielleicht auch mehre Pässe auf mehre Namen. – Sein Sinnen in dem Augenblicke war, ob er nach der Post eilen, Extrapost nehmen und die Stadt und das Land auf immer verlassen solle? Vielleicht ließ er damit mehr hier zurück als den Staub seiner Füße – seinen Namen. An einem andern Orte tauchte er unter einem andern neugeboren auf; die Welt ist groß. Aber vor seinen Augen mußte sie nicht so groß erscheinen, als er, mit den Zähnen die Unterlippe kneifend, vor sich hin starrte. Auf der Landkarte, die sein Auge in der Luft vor sich zeichnete, sah er vielleicht Städte und Länder, die ihm schon verschlossen waren. Indem schallte Reitermusik die Straße herauf. Berittene Rekruten sangen das jetzt so beliebte: Frischauf, Kameraden, aufs Pferd, aufs Pferd! Ins Feld, in die Freiheit gezogen! Sie schaukelten sich dabei, noch ungeschult, in toller Lustigkeit in den Sätteln. »Was ist diesen Bauernlümmeln Freiheit – was Vaterland!« rief es in ihm. »Der Stock ihr Meister, und doch gehn sie mutig dem entgegen, dem sie nicht ausweichen können; sie müßten denn desertieren. Und das Desertieren hat in diesem Lande mehr Gefahr, als – dem Feinde stehen. Ich will auch nicht desertieren.« Er ging weiter; nicht nach der Post, aber doch schien er noch unschlüssig, wohin. War es Zufall, daß seine Schritte sich nach dem Hotel des französischen Gesandten lenkten? Alles war hier in Tätigkeit, Packwagen standen unter dem offenen Torweg; aber auch eine Kutsche angespannt auf der Straße. Laforest wollte Abschiedsbesuche machen. Wenn Wandel hier angeklopft, würde er bereitwillig aufgenommen sein; er ging unschlüssig bis an die Stufen, aber – er mußte Gründe haben, weshalb er nicht anklopfte. Er ging rasch vorüber und atmete auf: »Er ist doch nur ein Meteor!« sprach er für sich. »Wenn er untersinkt, wo bleibt Napoleons Schweif!« Wir glauben, daß Wandel sich hierin selbst belog. Er hatte andere Gründe, weshalb er Frankreich nicht mehr betrat. Er war auf eine Bank unter den Linden hingesunken. Zwei Morgenspaziergänger, die einen Brunnen tranken, setzten sich ebenfalls. Nachdem sie über die Wirkungen des Wassers sich des längeren unterhalten, sprachen sie auch von der Lupinus und ihrer Verhaftung. Die Geschichte erhielt neue Wendungen. Sie war nach des einen Konjektur eine geborne Giftmischerin aus Instinkt. Er wollte gehört haben, sie hätte schon in der Schule angestiftet, dann als fünfzehnjähriges Mädchen zuerst ihren Vater und darauf ihre Mutter komplett vergiftet. Die Zahl ihrer übrigen Opfer lasse sich gar nicht berechnen, und sie tue es ohne allen Zweck und Vorteil, nur weil es in ihrem Blut liege. Sie könne es nicht lassen. Der andere wollte entgegengesetzte Nachrichten haben: sie sei eine wohlerzogene und sonst treffliche Frau gewesen, aber die Neigung zu einem fremden, vornehmen Herrn habe sie aus Rand und Band gebracht. Sie hätte sich zuerst selbst vergiften wollen, weil er ihre Leidenschaft nicht erwidert, ihre Blicke nicht verstanden. Dann aber hätten sie sich verständigt, und der fremde Herr merken lassen, daß wenn sie frei wäre und nicht manches sonst im Wege stände, er sie gern heiraten würde. Darauf hätte sie eine Pflegetochter und die Kinder ihres Schwagers vergeben. Bei der ersten sei es noch zur rechten Zeit gemerkt worden, und man hätte sie aus dem Hause geschafft; die Kinder wären draufgegangen. Der fremde Herr hätte darauf zu ihr gesagt: so sei es gar nicht gemeint gewesen, und er habe auf immer von ihr Abschied genommen. Da aber hätte sie grade schon auch ihren Mann vergeben gehabt und wäre von der Alteration außer sich geraten. Alles war ja umsonst getan. »Ich weiß nicht, Herr Geheimsekretär«, sagte der andere Geheimsekretär, »ich weiß nicht, ob ich nicht den andern vornehmen Herrn auch bei den Ohren faßte.« »Wird auch geschehen«, rief der Angeredete dem klugen Manne ins Ohr. »Gestern im Kasino hörte ich so etwas, unter uns gesagt, daß der Herr Regierungsrat von Fuchsius auf ihn vigilieren. Es ist da was – man weiß nur nicht, was. Indes, man wird ja davon hören.« Bald darauf klingelte es heftig in der Wohnung des Rat Fuchsius, auch noch in früher Morgenstunde, denn der Rat saß im Schlafrock und Pantoffeln beim Kaffee und Pfeife. Ein fremder Herr wünschte in einer dringenden Angelegenheit ihn zu sprechen, und ehe noch der Bescheid hinausging, war der Legationsrat schon eingetreten. Zwei feingebildete Männer sind um den Anfang eines Gespräches nicht verlegen, ohne das Wetter zu Hilfe zu rufen. Aber Wandel unterbrach den schönsten Fluß der Introduktion, bei der Fuchsius ihn nicht einmal gefragt, was ihm die Ehre des Besuches verschafft, indem er den Hut auf die Erde fallen ließ und, mit beiden Ellenbogen auf den Tisch sich stützend, die Hände gegen die Stirn drückte: »Mein Gott, wozu das alles! – Sie wissen, warum ich hier bin. – Die Arme, Unglückselige! – Sie sehn mich in unaussprechlicher Angst und Verwirrung – ich kann kaum meine Worte fassen – verzeihen Sie, wenn ich Ungehöriges rede – Sie wissen aus eigner Anschauung, in wie naher Verbindung ich mit ihr stand –« »Um so schmerzlicher, kann ich mir denken«, entgegnete Fuchsius, »muß die Beschuldigung, welche die Dame trifft, einen edelgesinnten Freund berühren.« »Ich danke Ihnen für diese schonende Sprache. Eine Bitte voraus – wenn sie schuldig ist, ich meine, nach Ihrer Ansicht, gleichviel, ob es nur Ihre moralische Überzeugung ist oder eine, die sich auf Beweise gründet, erlauben Sie mir wenigstens, ihrem ältesten Freunde, sie in unserm Gespräch als eine arme, unglückselige Dulderin zu bezeichnen.« »Da der Jurist die Regel gelten läßt: Quilibet bonus praesumiter, donec contrarium probetur , versteht sich dieses Recht für einen so intimen Freund von selbst.« In Wandels Gesicht blitzte eine Freude auf. Er reichte seine schöngeformte, weiße Hand über den Tisch dem Rat: »Dank, tausend Dank! Sie erquicken mein Herz. Und wenn es nur Täuschung, ja Selbsttäuschung wäre, es ist wenigstens ein schöner Augenblick. Das erlauben Sie mir, ohne Schmeichelei, hinzuzusetzen: Die Geheimrätin hat den Trost, keinem gewöhnlichen Kriminalisten in die Hände gefallen zu sein. Still – still – ich weiß, welchen Wert es für einen Angeschuldigten hat, einen Untersuchungsrichter von Weltbildung, wahrer Humanität zu haben, der zugleich ein Psycholog ist, einen Mann, da nicht, wie die meisten rohen Empiriker, aus dem Dunstkreis der Verbrecherhöhlen und Strafanstalten seine Menschenkenntnis geschöpft hat und nicht die holde Röte der Scham, die Blutröte des Schreckes und der Entrüstung für ein Schuldbekenntnis hält.« Fuchsius hatte seine Pfeife gestopft, ohne für nötig zu halten, auf das Kompliment zu antworten; seine Hand hatte er nur zaudernd und wie scherzend von der des Legationsrates erfassen lassen. »Ist Ihnen das so bekannt?« entgegnete er, scheinbar nur mit dem Luftzug der Pfeife beschäftigt. »Ja«, sagte Wandel mit fester Stimme. »Und nun ohne Umschweife, wie es sich unter Männern ziemt: was haben Sie über mich disponiert?« »Sie vergessen, daß ich mit der Diplomatie nichts mehr zu tun habe.« »Mein Gott, wozu die Komödie! Bin ich ein fugae suspectus ? Haben Sie mich nicht in Ihrem Hause? Mit einem Worte: werden Sie mich verhaften lassen?« »Ich – Sie? – Das ist eine sonderbare Frage. Sind Sie denn angeklagt?« » Qui s'excuse s'accuse , wollen Sie damit sagen. Wohlan, ich betrachte mich als ein Angeklagter, und frage Sie offen heraus: Habe ich mich als ein Surveillierter zu betrachten, oder habe ich die Captur zu gewärtigen? Um Anordnungen wegen meiner Güter zu erlassen, liegt mir viel daran, es zu wissen, und ich würde Ihnen sehr dankbar sein, wenn Sie mir gradaus Ihre Absicht mitteilten.« »Die Kriminaljustiz schreitet bei uns nur im Fall dringender Verdachtsgründe zur Kaptur.« »Nun, sind das für Ihre Justiz nicht dringende Gründe, daß eines intimen Umganges mit der Geheimrätin das Gerücht mich bezichtigt, und ich räume es ein, es war mehr als Gerücht. Ich war fast täglich in ihrem Hause, ich führte ihre Geldgeschäfte, ich wußte um Dinge, die niemand sonst weiß. Sie war eine nervös-hysterische Kranke, eines jener zartgestimmten Instrumente, die eine ganz besondere Behandlung erfordern, um nicht immer Disharmonien zu hören und von sich zu geben. Sie hatte einen Widerwillen gegen die Ärzte, welche sie nicht so zu behandeln verstanden oder es nicht wollten. Ich mußte ihr kleine sympathetische Mittel verschreiben; es war oft Betrug dabei, das gestehe ich ganz offen, denn solche Kranke, die sich stets selbst täuschen, verlangen, auch von ihren Ärzten getäuscht zu werden. Im Verlauf der Zeit war sie auch damit nicht zufrieden, sie wollte selbst operieren. Wie ich auch dagegen mich sträubte, sie bestellte sich bei Herrn Flittner eine kleine Hausapotheke, und ich mußte den Vermittler spielen. Herr Regierungsrat, alles das sind schon Verdachtsgründe, auf die ein gewöhnlicher Richter mit beiden Fäusten zugreifen würde. Aber – ich empfand eine Achtung für die seltene Frau, die mit jedem Tage wuchs, die, weil ich sie erwidert glaubte, zu einer Seelenharmonie ward. Und ebenso offen gestehe ich Ihnen, ich träumte grade nicht davon, denn dazu bin ich zu alt, aber ich malte mir das Glück, dereinst den Rest meines Lebens an ihrer Seite verleben zu können. Dabei war nicht Arges von meiner Seite, denn mein seliger Freund war um zwanzig Jahre älter als seine Frau, kränklich, sehr kränklich, die Ärzte schenkten ihm kaum noch einige Frühlinge, obgleich sie es aus Schonung der Geheimrätin verschwiegen. Ich hatte mich getäuscht, auch das ist Ihnen bekannt. Sie gab mir einen Korb, als ich nach dem Hinscheiden des Edlen auf die schöne Fernsicht hinwies. Einen entschiedenen, deutlichen Korb, indem sie mich zu enttäuschen suchte, daß sie je andre Empfindungen für mich gehabt als die einer Seelenharmonie. Hierin, behaupte ich ebenso offen, hat sie sich getäuscht. Aber das ist das Eigentümliche in diesen so für höhere Einflüsse immer gestimmten Seelen, daß sie den Eindruck des Momentes übertragen auf Vergangenheit und Zukunft. Sie hatte sich an dem Sterbelager des Gatten überwunden, und diesen Sieg datierte sie weiter zurück. – Doch wohin verliere ich mich. Ich hatte daran gedacht, wenn sie frei ward, um ihre Hand zu bitten, mein Interesse war daher des Geheimrats früher Tod; er ist früher gestorben, als man erwartet, es heißt, nicht auf natürlichem Wege, ich war bis dahin, wenn nicht täglich, doch sehr oft in ihrem Hause, im nächsten Verkehr mit der, welche man der Giftmischerei bezichtigt, sie empfing Spezereien, wobei mein Name genannt ward – ich will mich auch gar nicht darauf berufen, daß ich grade in letzter Zeit seltener ansprach – ich hielt darauf wirklich um ihre Hand an, wollte also meinen Vorteil geltend machen. Nun, mein Herr, entscheiden Sie, ob das in Ihrem Lande dringende Verdachtsgründe sind.« Fuchsius hatte ihn fest angesehen: »Ich kehre die Frage um: Was würden Sie in meiner Lage tun? Sie haben die Rechte studiert.« »In Amerika ließe ich den Mann auf der Stelle verhaften. Ich erinnere mich eines ähnlichen Falles, wo ich als Friedensrichter so handelte. Es ergab sich nachher, er war unschuldig. Aber Sie müssen den amerikanischen Charakter, die besondern Verhältnisse beachten, Standesrücksichten gibt es nicht; die feineren Bezüge der Seelenkunde gehören dort nicht vor Gericht, nichts als die matter of fact . Ich weiß, ich stoße so oft an, indem ich mich in die europäischen Verhältnisse noch nicht wieder zurechtfinde.« »Ich höre zum erstenmal, daß Sie in Amerika waren, Herr Legationsrat.« Wandel lächelte: »Ich ehre die Rücksichten, die ein Kriminalrichter hat, auch schon Ermitteltes vor dem Inquisiten zu ignorieren. Ich aber habe keinen Grund, zu verleugnen, daß ich erst Anfang dieses Jahrhunderts aus der andern Welt zurückgekehrt bin.« »Wo Sie doch nicht geboren wurden?« »Eine Vorahnung, was die Revolution uns bringen würde, trieb mich schon bei ihrem Ausbruch dahin!« sagte Wandel mit einem tiefen Seufzer. »Wäre ich doch nie zurückgekehrt! Man muß gestehen, die Revolution hat mehr und Tieferes zerstört als Königreiche und Fürstentümer.« »Vielleicht auch dem nur den letzten Stoß gegeben, was längst in sich zerstört war«, sagte der Rat. »Sehr wahr! Eine tiefe Wahrheit, Herr Regierungsrat. Wenn ich der schlichten Sitten, der Natureinfalt gedenke in unserm Dorfe, nicht bei den Landbewohnern allein, auch in unsrer Familie, wie sie traulich abends unter den Lindenbäumen vor der Tür des reinlichen holländischen Hauses saßen und ihren Tee tranken bei der weißen Tonpfeife. Wer dachte bei diesen glücklichen Landbewohnern an das alte Herrengeschlecht der Vansitter. Und als ich zurückkehrte!« »Vansitter!« wiederholte Fuchsius und blickte mit einer nicht erkünstelten Verwunderung den an, von dessen Lippen dieses Wort geflossen war. Wandel, der sich nicht aus seiner Ruhe bringen ließ, lächelte fein: »Ja, wie Ihnen wohl auch schwerlich geheim blieb, gehöre ich zu dieser, leider nur zu ausgebreiteten Familie.« »Sie stammen aus Geldern?« »Wo die Familie herstammt, darüber befragen Sie die Heraldiker. Ja, ein großer Teil von Geldern, Yssel, glaube ich, doch sogar mehrere der größeren friesischen Inseln gehörten zu den Besitztümern dieser alten sassischen Dynastien. Soll ich etwa stolz darauf sein! Von der Herrlichkeit der Familie blieb nichts über als die Firma Vansitter in Kopenhagen, und dies reiche Handlungshaus, welches vermutlich Ihre Notiznahme veranlaßt, ist schon längst durch eine Erbtochter in andere Hände übergegangen. Sic transit gloria mundi , mein Herr Regierungsrat. Die echten Abkömmlinge der Vansitter sind über die Erde zerstreut wie Ihre Becker und Schulzen.« »Wie aber kamen Sie zum Namen Wandel?« »Da lauert wohl die arrière-pensée , daß ich meinen aus Gründen verwandelt hätte! Allerdings und wieder auch nicht. Der Zweig, dem ich angehörte, war schon seit einem Jahrhundert aus den Niederlanden nach Dänemark übergesiedelt, aber den Grad meiner Verwandtschaft mit der großen Firma bin ich nicht imstande Ihnen anzugeben, denn schon mein Großoheim, der Gouverneur von Surinam, äußerte lachend: Wenn man alle Vansitter in einen Sack würfe, würde Gott im Himmel selbst seine Mühe haben, sie wieder zu rangieren und jeden an seinen Platz zu stellen. Ehe ich nach Amerika ging, hatte allerdings mein Vater mit seinem Bruder Moritz Wilhelm eine unserer Stammbesitzungen in Geldern, Wandel, von entfernten Vettern wieder erstanden. Aber lassen Sie mich davon schweigen, wie ich es nach meiner Rückkehr wiederfand. Nach der Schlacht von Jemappes war es geplündert, ecrasiert , die Särge meiner Vorfahren – doch davon genug! Dennoch fand ich mich bewogen, wieder den Namen Wandel anzunehmen, mit welchem Recht, das interessiert Sie nicht – aber beruhigen Sie sich, ich hätte nötigenfalls verbriefte Nachrichten über diese Berechtigung nachzuweisen – aber das Motiv können Sie sich leicht denken. Nicht wegen des Vansitter, der von den holländischen Patrioten gehenkt war, angeblich als preußischer Spion – der politischen Sphäre ward ich längst fremd – aber ein anderer Vansitter hatte ja – war's in Brüssel oder Brügge, die famose Entführungsgeschichte in der Familie Bruckerode – selbst bis in die amerikanischen Urwälder verfolgten mich die Zeitungen mit diesen saubern Familienerinnerungen. Apropos weiß man gar nicht, was aus diesem, meinem unglücklichen Vetter geworden ist?« »Wer weiß von allen Opfern, die im Strudel der Revolution untergingen!« »Desto besser für ihn. Ich hörte einmal dunkel, er sei mit Napoleon nach Ägypten gegangen und in Syrien wie die andern Zurückgelassenen aus dieser Welt geschieden. Wie dem sei, er hat seine Torheiten oder seine Vergehungen gebüßt, und sowenig ich auf meine aristokratische Abkunft stolz bin, fühle ich mich verlegen durch die präsumtive Verwandtschaft mit einem Vaurien . Wir alle, mein teuerster Regierungsrat, leben nur für die Gegenwart. Ihr und uns gehören wir an; ein Tor, wer weiter hinaus will, und nun, Excüse für die Abschweifung, zu unserer unglücklichen Geheimrätin zurück. – Hat sie wirklich noch nichts eingestanden?« »So nehmen Sie an, daß sie etwas einzugestehen hat?« Wandel war aufgestanden. Er schien ein schweres Wort aus der Brust zu pressen: »Ja, wie die Dinge stehen, kann ich einer Vermutung mich nicht erwehren. Und – offenherzig – kann man ein notorisches Faktum bestreiten? Sie hat die ganze Schule an Königs Geburtstag nach den Zelten eingeladen; sie hat sie dort bewirtet mit Kaffee und Kuchen; sie selbst bereitete den Kaffee, sie hatte den Zucker mitgebracht, den Kuchen zu Haus gebacken. Die Lehrer und Hunderte von Zeugen standen umher und sahen –« »Daß drei oder vier Kinder unwohl wurden und nach Hause gefahren werden mußten, weil sie sich den Magen überladen hatten. Alle sind wiederhergestellt. Das ist ein leeres Stadtgeschwätz.« »Gott sei Dank! Aber, unter uns, wir beide waren im vorigen Jahr selbst Zeugen von der plötzlichen, unerwarteten, gefährlichen Erkrankung der Kinder ihres Schwagers –« »Die ebenfalls auf dem natürlichsten Wege von der Welt erfolgte.« »Das konnte sein, Herr Regierungsrat. Aber in Verbindung mit jenem nachfolgenden Faktum gewann die Sache für mich – ja, vor dem Richter ist es Pflicht, die innerste Überzeugung auszusprechen –, sie gewann dadurch ein mehr als bedenkliches Ansehn.« Fuchsius blickte ihn verwundert an. »Mein Herr Regierungsrat, Hamlets Wort von dem zwischen Himmel und Erde hat eine Bedeutung, die wir mit unserer Philosophie nicht lösen. Erklären Sie mir den Instinkt der Kinder, der vielen jungen Mädchen, die ohne allen Grund, ohne denkbares Interesse, nur einem dunkeln Triebe folgend, Feuer anlegen. Wie viele ähnliche, grauenhafte Erscheinungen zeigt die Kriminalgeschichte aller Völker, von sonderbaren Gelüsten, die zum Verbrechen, zur entsetzlichen Atrozität sonst gutgeartete Seelen antreiben. – Die Lupinus hat keine Kinder, ich weiß, wie der Mangel, die Sehnsucht danach auf seiten ihres Gemüts hämmert. Sie springt nachts aus dem Bette, wandelt umher, den Leuchter in der Hand – so sagten mir wenigstens ihre Kammermädchen –, sie sucht an den Wänden und ruft: ›Wo sind meine Kinder!‹ Die Magie der Natur lehrt uns die Wahlverwandtschaft der Gegensätze. War der Prozeß so undenkbar, daß sie plötzlich das tödlich haßte, was sie liebte und entbehrte, daß sie die glücklichern Eltern, die sie beneidete, verfolgte! Es ist ein schauerliches Geheimnis der Natur, eine Exzeption von der Regel, aber diese ganze Frau ist eine Anomalie. Angenommen dies, konnte ich sie nicht verteidigen, vielleicht nicht mal entschuldigen, aber als mitfühlender Nebenmensch konnte ich an ihre Tat glauben und sie doch nicht verdammen.« »Ich kann Ihnen die Beruhigung geben«, sagte Fuchsius, »daß sowenig als die Schulkinder in den Zelten durch Kaffee, die der Lupinus durch die Schokolade vergiftet sind.« Wandel richtete sich auf, ein tiefer Atemzug schien ihn zu erleichtern, und sein Gesicht klärte sich auf Ehe Fuchsius sich dessen versah, fühlte er sich embrassiert: »Mein teuerster – Sie edler Mann, Ihr Wort ist Leben. Es hat eine Last, eine Angst, eine unbeschreibliche Angst von meinem Herzen gewälzt. Sie war rein, ich bin ein Sünder, der das für möglich hielt, der mit seinem heillosen Argwohn – oh Gott, ich weiß nicht, was ich rede. – Dank, tausendmal Dank, sie ist gerettet –« »Gemach, mein Herr!« »Sie ist für mich gerettet. Um das übrige kümmere ich mich nicht.« »Es bleibt, dünkt mich, noch viel übrig.« »Das andre, ich bitte Sie – nicht wahr, sie soll auch ihren Hausknecht vergiftet haben, und ihren Mann mit Bücherstaub, und ein Attentat mit Trüffelwürsten, die sie ihrem Schwager Lupinus schickte. Erlauben Sie mir, daß ich darüber lache. Nach einer so ernsthaften Stunde fühlt man zuweilen das Bedürfnis. Nun inquirieren Sie, Liebster, soviel Sie wollen, wenn Sie mir nur sagen, sie hat keine Kinder vergiftet –« »Das sagte ich nicht unbedingt.« »Bedingt oder unbedingt, mir gleichviel.« »Man hat eine Substanz gefunden –« »Die wie Arsenik aussieht. Liebster Fuchsius, ich will Ihnen etwas zugeben, ich will sehr viel zugeben, es ist Arsenik. Oh, es ist zum Totlachen! In den Bücherstaub soll sie ihn gemischt haben! Nicht wahr? Da muß sie ihn vorher im Mörser stampfen, reiben, ausschütten, in ein Behältnis, eine Schachtel füllen, damit gar nichts vorbeifällt; dann muß sie es in eine Streusandbüchse tun und nun in die Stube schütten, schwenken, sprengen. Erlauben Sie mir, wenn das die Frau vermochte, ohne sich selbst zu vergiften, verdiente sie ein Prämium der Akademien.« »Der Staub auf seinen Lieblingsbüchern ist untersucht, und Hermbstädt hat Arsenik darin gefunden.« »Der gute Hermbstädt! Verstehen Sie mich recht, ich zweifle gar nicht daran, ich wundre mich nur, daß Hermbstädt ihn gefunden hat. Ich will ihn finden, wo Sie wollen: da hier im alten Lederrücken des Stuhls, in Ihren Pantoffeln, Arsenik ist überall, selbst in Ihrem Blute. Es kommt nur darauf an, ihn zu sekretieren. Verraten Sie mich nicht den trefflichen Männern hier, sie sind alle meine guten Freunde; aber man kann ein sehr guter Mensch und Freund und doch ein sehr bornierter Chemiker sein. Entre nous soit dit , wie mancher Ruhm wird hier erblassen, wenn die junge Schule in Paris aufkommt. Namentlich in den Apparaten, um verborgene Substanzen zu entdecken. Hören und Sehen wird den Herren vergehen, wenn man einen Porzellanteller über den Körper hält, ein lindes Kohlenfeuer darunter, und auf der weißen Glasur spiegelt sich alles ab, was im Leichnam versteckt war. Dadurch wird manches Geheime an den Tag kommen; aber aus des Geheimrats Stube alles eher als ein Verbrechen – oder fand man etwa Arsenikstücke in seinem Magen? Die müßten freilich von außen hineingekommen sein.« »Das nicht, aber –« »Von dem bewußten Staub auf Lunge und Gaumen. Da rufen Sie mich, Teuerster, wenn Sie die Untersuchung nicht aufgeben, und Sie sollen das Wunder sehen, aus seinen schweinsledernen Folianten will ich, vor Ihren Augen, soviel Arsenikstaub entwickeln, um das ganze Kammergericht, vom Präsidenten bis zum letzten Nuntius damit zu vergeben. Da würden manche Leute triumphieren, die immer gesagt, daß in den Büchern Gift steckt! – Au revoir!« »Aber im Magen des Dieners stak positiv ein starker Arseniksatz. Wie erklären Sie das?« Wandel verbeugte sich: »Gar nicht; wo das Märchen anfängt, kriecht die Vernunft in ihr Schneckenhaus. Wenn der Märchendichter ein Motiv erfindet, warum die Lupinus ihren Hausknecht vergiften mußte, um ihn loszuwerden, wo es ganz einfach bei ihr stand, ihn fortzujagen, wenn er ihr nicht mehr gefiel, wird sie auch ein Motiv dafür finden, warum sie dem Hausknecht bei einem Dejeuner Trüffelwürste servierte. Mein Verstand steht still, ich weiß aus dem Märchen keine andre Moral zu ziehen, als daß ein Hausknecht von einer Geheimrätin sich nicht mit Trüffelwürsten muß traktieren lassen.« Er hatte schon vorhin Hut und Stock genommen und drückte jetzt dem Rat die Hand: »Ich spreche Ihnen nochmals meinen Dank aus für die Beruhigung, welche die Unterhaltung dieser Stunde mir verschafft hat. Moral! Moral ist das Losungswort jetzt. Ist das Moral, daß ein Publikum, welches diese Frau bis dahin vergötterte, auf solchen Argwohn hin sie sofort für schuldig erklärt und als Scheusal verdammt? Wenn auch sonst alles bei uns wankt, konnten sie doch auf die Unbestechlichkeit, auf den Scharfsinn unsrer Justiz vertrauen. Die steht doch noch rein, unparteiisch da. Oder wäre auch dies nicht mehr? Sie konnten ihr Urteil, bis sie gesprochen, sparen. Nein, es ist ihre Lust, ihr Kitzel, zu verurteilen, und mit einer wahren kannibalischen Wollust schwelgen sie darin, das Schlechte noch schlechter zu malen, das Große ins Ungeheure. Mein teuerster Regierungsrat, es ist vieles in diesem Staate faul, ich stehe vor einem echten Patrioten, der das mehr als einer fühlt, aber – es ist nicht die Regierung allein, im Volke selbst – wenn die Menschen aller Stände nur erwerben wollen und vergessen, daß alle Güter der Selbständigkeit und der Nationalehre untergeordnet werden müssen, wenn ein Volk sein Dasein behaupten will, wenn ich dies Treiben sehe, dann ist mir oft, als müsse das Strafgericht vor der Tür stehen. – Und steht es nicht vielleicht schon da?« Sein tiefer Blick war nach oben gerichtet. Er drückte Fuchsius noch einmal die Hand und wollte hinaus. »Wohin so eilig?« »Zu meinem alten Geschäftsfreunde, dem unglücklichen van Asten.« »Es kam ja noch nicht zum Äußersten.« »Das – sehn Sie – das nenne ich gegen die Moralität!« »Daß er aus Versehen eine Quantität Waren sich verschrieb, die seine Kräfte übersteigt? Der Wein lagert in Stettin. Bis der Konkurs reguliert ist, finden sich doch vielleicht Abnehmer.« »Wer redet davon! – Sein Sohn, sein einziger Sohn könnte ihn retten, wenn er das Mündel des Alten heiratet. Sechzigtausend – nein, mit den Zinsen müssen es jetzt achtzigtausend Taler sein, und Demoiselle Schlarbaum ist ein hübsches, sittsames Mädchen, er hat nichts gegen sie einzuwenden, er bekäme eine vortreffliche Hausfrau, aber – der junge Mann denkt höher hinaus, sie ist ihm nicht ätherisch genug, er hat dem Vater erklärt, betteln wolle er für ihn, nur könne er das Glück seines ganzen Lebens nicht töten, das wäre Selbstmord an seiner Bestimmung, er gehöre nicht sich allein an, es gebe höhere Pflichten und was der sentimentalen Redensarten mehr sind. Ich sah eine Träne im Auge des Alten, als er es erzählte. Und um dieser Tiraden und Sentiments willen läßt der junge Herr, der als ein Muster von Tugend verschrien ist, den würdigen alten Mann, seinen Vater – ruinieren. Und das loben noch einige, er hat doch seinen Gefühlen gehorcht! – Oh Menschen!« Als der Legationsrat hinaus war, sprach Herr von Fuchsius: »Sollte ich mich doch getäuscht haben?« Aber der Legationsrat trat wieder ein, ohne anzuklopfen; ja, in seiner Aufregung vergaß er, den Hut abzuziehen. »Sie fanden ein Residuum von Arsenik im Magen des Menschen, des Bedienten oder Hausknechts?« »Unzweifelhaftes Arsenikpräparat.« Wandel fuhr mit beiden Händen an die Stirn, der Hut flog ab, er selbst sank auf einen Stuhl, einige Minuten sprachlos: »Dann bin ich sein Mörder – ich verschulde indirekt seinen Tod – ich gab den Ratschlag.« »Erklären Sie sich deutlicher, wenn ich bitten darf. Es ist vermutlich nur eine Phantasie.« »Nein, Wahrheit! Der Mensch litt an einem perennierenden kalten Fieber. – Die Ärzte hatten es nicht erkannt, getäuscht durch zufällige Symptome. Heim macht jetzt Versuche, das Wechselfieber mit Arsenik zu kurieren. Er wendet es bei Unbemittelten an, seit die China durch den gehemmten ostindischen Handel so enorm aufschlug. Ich erzählte in einer Gesellschaft von der ersten glücklichen Kur. – Jetzt entsinne ich mich, die Lupinus hörte mit besonderer Aufmerksamkeit zu – dieser Blick, den ich damals nicht verstand! – Ihre Wißbegierde, ihre unselige Lust, alles Gewagte zu versuchen – oh arme Freundin, jetzt wird mir alles klar, und ich – dein Mörder! Wollen Sie mich jetzt verhaften lassen; Sie haben ja ein vollständiges Bekenntnis!« sprach der Legationsrat aufstehend. Fuchsius hat ihn nicht verhaften lassen; aber als er jetzt hinaus war, um nicht wiederzukehren, sagte der Regierungsrat: »So kann man sich in einem Menschen täuschen. Das ist der Fluch der vorgefaßten Meinungen.« Zehntes Kapitel. Verschlungene Hände . Ob die Fürstin in der Hedwigskirche ihr Herz ausgeschüttet, wissen wir nicht, aber einige Stunden, nachdem wir sie verlassen, finden wir sie schon in vollständiger Morgentoilette, wie sie mit einiger Verwunderung die Meldung eines Besuches anhört. Der Besuch ward angenommen, und der Gesandte, Herr von Laforest, erschien im Zimmer, um bald darauf im Fauteuil ihre gegenüberzusitzen. Die Fürstin hatte diese – Aufmerksamkeit, wie sie sagte, nicht erwartet. »Die Scheidestunde ist so ernst, daß man über die gewöhnlichen Höflichkeitsformeln wegsieht«, setzte sie hinzu. »Warum ernster, Fürstin, als jede andre Trennung?« »Weil es eine auf immer ist.« »Das Wort immer und ewig ist, dünkt mich, aus dem Lexikon der Diplomatie gestrichen. Nämlich aus dem zum Gebrauch der Adepten. In der Ausgabe, die ins Publikum kommt, ist es freilich dick unterstrichen; wir schließen immer ewige Verträge. Die Formeln aber dürfen wir nicht aus dem Auge lassen, sie sind die ewigen Fäden, an denen ein zerrissenes Gewebe wieder zusammengeknüpft wird. Man muß auch mit dem Teufel höflich sein, weil man nie weiß, ob man nicht seine Allianz einmal braucht.« »Sie können unmöglich glauben, daß man auch jetzt noch einmal den Bruch kittet.« »Mit diesen hier? Nein. Gott sei Dank, die Saat ist reif zur Ernte und die Sicheln geschliffen; für Körbe und Scheuern werden Napoleons Receveurs gesorgt haben. Preußen hat uns viel, sehr viel Geld gekostet. Es wird mit Zins auf Zins alles wiederzahlen müssen, auch wenn es darüber draufgeht.« »Ihre Assurance laß ich auf sich beruhen, aber wir sind Preußens Alliierte.« Laforest fixierte sie lächelnd: »Ist der starke Mann, der einen Knaben hinter sich aufs Pferd nimmt, weil das Kind allein durch den Wald sich fürchtet, der Alliierte desselben? Eigentlich ist's ein Zwerg, der sich an die Kruppe des Riesen klammert.« »Durch zehn Jahre hat das große Frankreich unter allen seinen wechselnden Regimenten diesem Zwerge geschmeichelt.« »Um so verdrießlicher sind wir gestimmt, und um so schärfer wird die Züchtigung ausfallen.« »Wenn der Riese es zugibt!« »Das ist der Punkt, Prinzessin. Wir müssen uns darüber klarwerden. Der Zwerg hinten auf der Kruppe wird auf die Länge dem Reiter eine lästige Zugabe, er hindert ihn in seiner freien Bewegung und will wohl gar mitsprechen und das Pferd mitlenken. Wenn man ihn vor aller Welt aufhob und von seiner Großmut ein Fait machte, kann man ihn nicht immer ohne weiteres wieder in den Staub setzen.« »Lassen wir die Gleichnisse. Sie sind merveillös in Ihrer Zuversicht auf Sieg.« »Mein Kaiser schlägt nur los, wenn er ihn schon in Händen hat.« »Das kontrastiert furchtbar gegen den Glauben hier.« »Desto besser. Seit Friedrichs Auge erlosch, sieht man hier durch eine Brille, die ihnen immer das Gegenteil von dem zeigt, wie die Dinge sind. Eine wahre Wohltat der Vorsehung. Was braucht ein Maulwurf in die Sonne zu sehn! Den Lauf der Gestirne berechnen andre.« »Sie gefallen sich heut in Paradoxien.« »Ohne alle Gleichnisse, Prinzessin, und aufrichtig, Gedanke gegen Gedanke! Wenn große Mächte über große Fragen miteinander in Streit liegen, so ist die Einmischung der kleinen immer verdrießlich. Was haben sie in die Waagschale zu legen, wo Kraft, Wille, Genie auf beiden Seiten stehen?« »Wo das Zünglein der Waage hin und her schwankt, dünkt mich, gibt grade ein kleines Gewicht den Ausschlag.« »Das bestreite ich. In der Theorie mag es richtig sein, in der Praxis grundfalsch. Bundesgenossen bringen Prätensionen mit und beschweren, hemmen die Macht, die zu entscheiden hat. Wodurch siegte Friedrich? Weil er keine Bagage von Alliierten hatte, weil er immer frei handeln konnte. Wodurch ist dies Deutsche Reich mit seinem König und Kaiser römischer Nation, das ehedem die Weltherrschaft prätendierte, untergegangen? Weil seine Kaiser nie frei handeln konnten; an den Rücksichten, die sie allen möglichen Berechtigungen in dem bunten Reiche gewähren mußten. Österreich verblutet, England lassen wir auf seinem Brett im Meer ›Rule Britannia‹ singen, die Frage steht nur noch zwischen Frankreich und Rußland. Ich bin wenigstens des Glaubens, daß Rußlands große Staatsmänner die Sache so ins Auge fassen. Es ist der Kampf um die Herrschaft auf dem Kontinent zwischen dem Okzident und dem Orient. Was soll, was hat da mitzusprechen in diesem Kampfe zwischen zwei Kolossen die Bagatelle Preußens?« »Und doch ist jetzt von ihr allein die Rede. Sie ruft unsern Beistand an, wir gewähren ihn ihr. Außerdem beruft sie sich auf geheiligte Rechte, die mein Kaiser respektiert.« »Rechte! Sagen Sie, in aller Welt, was, Prinzeß, gab diesem Pilz von gestern ein Recht, sich unter die Großmächte einzuschieben und, wenn sie über Weltfragen entscheiden, ein Wort mitzusprechen?« »Da Herr von Laforest Geschichte studiert hat, bin ich wohl der Antwort überhoben.« »Es ist einmal so gewesen, aber nun ist es nicht mehr. Lassen Sie uns doch darüber klarwerden. Ja, ein großer Geist hat in einer mesquinen Zeitepoche die Gelegenheit ergriffen und das Problem gelöst, aus nichts etwas zu machen. Ich leugne auch nicht, daß einige andre tüchtige Geister, die ihm vorangingen, ihm vorgearbeitet hatten. Gibt dies aber dem Produkt ein Recht, für immer zu bestehen? Der große Geist schläft in Potsdam. Schon jetzt, nach zwanzig Jahren, sind seine Traditionen erloschen, wie sein Schatz erschöpft ist. Nur seine Zöpfe und Gamaschen sind noch da; auch die schon durchlöchert seit der Kanonade von Valmy. Seit dem Baseler Frieden ward die Ehre schadhaft, der Riß immer größer, seine Reputation in Europa ist aus. – Womit denn erhält man eine unnatürliche Existenz als durch krampfhafte Exaltation der kleinen Mittel. Sind sie erschöpft, dann fällt der sieche Leib um so schneller zusammen. Der Erbe des Emporkömmlings hat das Gut des Erblassers verpraßt. Ein Friedrich selbst, wenn er seine Gruft sprengte, wenn er mit der berühmten Krücke auf seinen Schimmel stiege, fände nicht mehr das Material. Er siegte über zersplitterte, uneinige Kräfte, durch die Bewunderung seiner Feinde. Jetzt fände er einige große Nationen wider sich, und die Bewunderung der Völker gehört einem andern. Lasse man doch zerfallen, was sich nicht selbst mehr hält.« Die Gargazin war nachdenklich geworden. »Die hier sehen davon freilich nichts!« sprach sie mehr für sich als zu ihrem Besuch. Dem Gesandten schien es angemessen, ihren Gedanken nicht zu Hilfe zu kommen; er fürchtete ein Zurückschnellen. Diesmal aber rekollierte sich die Diplomatin selbst: »Und doch, ist es nicht wunderbar, ein Finger Gottes scheint da im Spiel, wie oft hat dieser Zwerg unter den Staaten aus ähnlichen Kalamitäten sich wieder erhoben, ein Phönix aus der Asche! Es kann doch plötzlich wieder ein Geist aufschießen –« »Sehn Sie einen? Einen, der nur begreift, was Friedrich wollte, der ahnt, was er tun müßte, um in seinem Sinn zu handeln! Er ging seiner Zeit vorauf, diese alle sind im Nachtrabe. Sehn Sie einen einzigen, frage ich?« »Einen doch –« »Der ist beiseit geworfen, früh verfault, weil er zu üppig aufschoß. Ist das nicht wieder ein Finger Gottes, wie sie diesen einzigen behandelt, der klüger als sie war. Sie wollten nicht gerettet sein. Gott hat sie mit Blindheit geschlagen! Das darf freilich ein profaner Mann wie ich nicht sagen, aber Fürstin Gargazin muß es denken.« Die Fürstin schien in einem Meer von Gedanken versenkt. Ihr Schweigen war ein zugestandener Sieg für den Gegner. Aber plötzlich öffnete sie die Lippen: »Einen Mann seh ich noch nicht, aber eine Frau –! Wer kann sagen, daß er die Königin kennt! Es ist schon jetzt eine wunderbare Umwandlung vorgegangen. Wer erkennt in ihr wieder die immer tanzende Huldgöttin vom vorigen Jahre, die nur auf Blumenkränzen sich zu schaukeln schien und mit ihren Taubenaugen die sentimentalen Gemüter entzückte. Wo ist diese schwärmerisch tändelnde Fee geblieben! Alexanders Besuch, die Nacht in der Gruft, hat sie wie ausgetauscht. In diesen Augen leuchtet jetzt ein Geist – es ist eine Majestät in dem Blick. Wir wissen nicht, was sie vermag – was sie wird.« »Um des Himmels willen nur keine Jael und Judith!« »Warum nicht eine Jeanne d'Arc?« »Auch dazu sind Ihre Majestät zu lieblich schön. Im übrigen« – er verneigte sich – »habe ich nie daran gezweifelt, daß die Frauen zum Herrschen und Beglücken geboren sind.« Der Diplomat hielt inne. Hinter dem Komplimente für die Dame vor ihm schien er jetzt ernsteren Gedanken Raum zu geben. Die Diplomatin las etwas davon, sie nahm das Kompliment nur für das, was es war: »Napoleon scheint auf den Einfluß der Königin Luise aufmerksam.« Laforest lachte auf: »Wenn er überhaupt noch auf etwas hier aufmerksam ist.« »Preußen ist ihm eine zurückgelegte Station. Er legt wohl schon Relais bis Petersburg?« Laforest verfolgte den vorigen Gedanken – momentan: »Übrigens keine üble Idee, daß eine Dynastie, die ihre Aufgabe vergaß, durch Frauen daran erinnert wird! Mirakulös, wie der Deutsche es liebt. Was würde Friedrich im Elysium dazu sagen. Napoleon wird herzlich lachen. – Doch was kümmert uns das! Ich bin hier, um Abschied zu nehmen.« »Aber doch auch, um noch etwas zu mir zu sagen, was bis jetzt nicht über die Lippen wollte. – Besitzen Sie ein vollständiges Kataster aller Truppenteile, die ins Feld rücken?« setzte die Gargazin hinzu. »Napoleon kennt die Kranken und Maroden in jeder Kompanie, er weiß, wieviel Schüsse jede preußische Kanone machen kann.« »Dann wird der Krieg nur ein Rechenexempel.« »Das ist er auch. Die Übermacht erdrückt die Macht. Das Vernünftige, nein, das Natürlichste wäre doch, daß Preußen den Ausbruch des Krieges hinzuzögern suchte, bis die russischen Armeen sich nähern; dann allerdings wäre der Erfolg zweifelhaft. Aber man will Ihre Hilfe nicht abwarten, die Herren Offiziere, selbst die Feldherrn betrachten es als eine Ehrensache, daß Preußen es allein auf sich nimmt. Wenigstens den ersten Schock wollen sie aushalten und natürlich siegen; alsdann will man Ihrer Armee das Geschäft mit dem Kehrbesen überlassen. Sehn Sie, wie alles drängt, treibt, spornt nach Erfurt. Die Straße nach Magdeburg ist schon aufgewühlt. Die Motive, welche die alten Helden anführen, klingen auch plausibel, wenigstens ritterlich, romantisch: Preußen müsse die Schmach des langen Zauderns dadurch auswetzen, daß es nun allein den Entscheidungsschlag führt. Die jungen Helden sagen: Was hat er denn bewiesen? Die Österreicher konnte er schlagen und die Russen. Die haben wir auch geschlagen. Nun gilt es beweisen, wer besser schlägt. Kurz, der Chorus der Alten und Jungen ist: Drauflos, ehe die Russen kommen, damit wir die Ehre allein haben. Wenn das Rechenexempel richtig ist, ist auch nichts gegen die Motive zu sagen. Wenn ich der großmütige Alexander wäre, gönnte ich meinen guten Alliierten diese kleine Freude.« »Aber Alexander gehorcht höheren Pflichten als dem Kitzel der Schadenfreude. Er läßt marschieren, Herr von Laforest. Möge Ihr Kaiser auf einen ernsteren Zusammenstoß bereit sein, als – Sie denken.« »Wir sind bereit und – freuen uns darauf, denn endlich muß es doch entschieden werden, wem zwischen zwei gleich großen Spielern das Schachbrett gehört. Aber das ist ein Kampf, der im Jahre 1806 noch nicht ausgefochten wird. Jetzt räumen wir nur das Feld von kleinen Mitspielern, unnützen Ratgebern; es könnte eigentlich beiden Großmächten gleichgültig sein, welche es über sich nimmt, diese Parteigänger fortzukehren, denn beide haben den Vorteil, wenn das Feld frei wird. Ihre Armeen können sich entwickeln. Und« – setzte er aufstehend hinzu – »sie können ihre ganze Stärke zeigen, sie kämpfen nicht für einen Vorwand, sie kämpfen für sich – wer weiß, ob es dann zum Kampfe mit den Massen kommt, ob beide Gewaltige sich nicht besser im Frieden über die Teile der Erde zu verständigen wissen.« »Nur nicht Menschheitsbeglückungsträume, Herr von Laforest!« sprach die Fürstin. »Mit dem Ossian konnten Sie diese hier beschwatzen; uns in Rußland –« »Männer wird Napoleon nicht mit Kinderspielzeug fangen wollen. Die Welt bedarf der Autorität. Ein Stempel der Kraft muß den Völkern wieder aufgedrückt werden, damit sie nicht vom Winde der Meinungen wie Flugsand durcheinandertreiben. In Frankreich hat sein Fuß die Jakobiner zertreten, er hat die zerrüttete Ruhe und Ordnung der Gesellschaft wiedergeschenkt, er ist des Willens, sie auch den Völkern wieder aufzudrücken, wenn – wenn nicht, die seine Bundesgenossen darin sein sollten, mit dem gemeinschaftlichen Feind gemeinschaftliche Sache machen.« Die Fürstin blickte ihn scharf an. Sie war verwundert, sie wollte mehr hören. Der Mund schien, halb geöffnet, als ein Zeichen der Aufmerksamkeit, aber er spitzte sich auch wohl schon zu einer satirischen Entgegnung, während Laforest fortfuhr: »Ist dies Preußen nicht das wahrhafte Wespennest der Sektierer, Illuminaten, wo täglich Ideen und Neuerungen geheckt werden, Laiche und Brut zu neuen Revolutionen? Und das Schlimmste, sie wurden von oben unterstützt oder gingen von oben aus; die Philosophen läßt man Systeme bauen, man schmeichelt ihnen, ruft sie in den Staatsdienst, und was man niedertreten und ausrotten sollte, begießt man noch! Können wir, nach solchen Erfahrungen, uns noch täuschen, wie weit diese Systeme tragen, wie sie das Blut vergiften, den Glauben an die Autorität in Kirche und Staat untergraben, wo jeder dürftige Verstand sich anmaßt, selbst alles von vorn an zu prüfen, bis in den Grund der Dinge hinein! Täuschen wir uns auch darüber nicht, daß die Könige von Preußen noch die Macht hätten, wenn sie wollten, das Unkraut auszujäten. Wir sahen ja, wie der Versuch unter dem vorigen Monarchen mißlang. Es hat sich so eingefressen in den fruchtbaren Boden, daß es den Weizen nicht mehr aufkommen läßt; ja, man wird noch oft Versuche machen, aber ich besorge, immer vergebens. Was hat selbst in Österreich das kurze Beispiel Josephs geschadet; nun bedenken Sie, was und wie tief eine sechsundvierzigjährige Regierung, und eines Friedrich, das Blut des Volkes vergiften mußte! Voran dem Reigen ging, um das Maß voll zu machen, sogar eine philosophische Königin! Es ist in der Nation zur Tradition geworden, daß die Macht ihres Staates auf der sogenannten Intelligenz beruht, und sie hat, meines Dafürhaltens, darin nicht so ganz unrecht. Darum, Prinzessin, darf dieser Staat keine Macht bleiben, oder er wird der Funke zu einem Brande für alle Staaten. Und welche Verpflichtungen haben denn die alten, mächtigen, in ihrer Mitte einen Emporkömmling zu dulden, der auf seine Bildung sich geckenhaft brüstet und sich zuweilen die Miene gibt, sie zu verachten; stand er nicht jetzt eben noch, es war unerhört, wie der Minos da und maßte sich an, zwischen den Kombattanten über Europas Schicksal zu richten?« Die Gargazin war ihm mit gespannter, dann, wie es schien, gesättigter Aufmerksamkeit gefolgt: »Herr von Laforest überraschen mich. Wer hätte das vermutet. Auch Ihr Kaiser will als ein neuer Sankt Georg den Drachen des Unglaubens zertreten! Seit wann ging diese remarkable Veränderung in Seiner Majestät vor?« »Können Sie mit Spott das Einmaleins umändern oder einen mathematischen Lehrsatz umstoßen? Der Satz heißt in diesem Falle: Er folgt den Maximen, die er zu seiner Selbsterhaltung für notwendig hält. Seine Pläne gehen tiefer, als Sie glauben. Von wo entspringt all das Unheil, an dem die Völker leiden? Aus den Beispielen, die wir unvorsichtig aus dem Altertum holten, aus der unverständigen Anwendung der Begriffe, die damals galten, auf die Verhältnisse von heut. Schon lange geht er mit dem Projekt um, das Studium der Klassiker von den Schulen zu verbannen. Das, was uns nützlich ist, soll daraus übersetzt werden, eine Übersetzung unter dem Stempel der Autorität; mit dem andern klassischen Kram fort als Zeitvertreib oder Gift. Stimmte dies nicht mit den Ansichten meiner erlauchten Frau? Ihre Kirche gibt aus der Bibel dem Volke nur, was sie für gut hält, Napoleon will dasselbe, das Heidentum will er verbannen. Mich dünkt, da gehen wir noch Hand in Hand. Er hat die Pariser Universität zum Instrumente seiner Macht umgeschaffen. Sind wir da nicht auch einig? Er will nicht, daß, wie in Deutschland, soviel Lehrstühle sind, soviel Irrlehren der Jugend gepredigt werden. Der Staat soll eine Lehre prüfen, als gut und richtig approbieren, und diese soll dann in allen Schulen vorgetragen werden. Stimmen wir darin nicht? Er haßt die Ideologie, weil sie den Menschen vom Praktischen und Notwendigen entfernt, weil sie ewig an der Autorität rüttelt, Stolz, Überhebung, Schwärmer hervorruft. Will Ihre Kirche die? Darf der Staat des großen Zaren sie dulden? Deutschland ging daran unter. Preußen schmeichelt ihnen, weil die ganze Nation aus Ideologen besteht. Darum nennt mein Kaiser sie die Jakobiner des Nordens. Mich dünkt, eins der treffendsten Worte, die aus seinem Kopf entsprangen.« »Und was ist der langen Rede kurzer Sinn?« »Das nur andeuten wollen wäre Vermessenheit, wo die Weisheit eines Alexander selbst das Beste treffen und – Fürstin Gargazin das, was einschlägt, ihm anraten wird.« »Was aber würden Sie an meiner Statt meinem Kaiser raten? Versetzen Sie sich einmal in meine Stelle.« »Fürs erste würde ich diese Don Quixoten anlaufen lassen, wie sie's verdienen. Wer den heißen Brei angerichtet, kann ihn aufessen. Ihnen ihren Willen gelassen! – Sie lächeln, das wäre gut französisch geraten, und so arglistig dumm, daß es eigentlich eine Beleidigung sei, einer Fürstin Gargazin es ins Gesicht zu sagen. – Erlauben Sie mir die Bemerkung, es ist nicht so ganz dumm, Buxhövden hat in Riga den Befehl, zu rüsten. Vergönnen Sie mir auch, zu bemerken, der Befehl ist etwas spät an ihn ergangen, viel zu spät. Ich tadle darum Ihre Staatsmänner nicht, denn konnten sie wissen, daß es hier endlich Ernst, daß man sich nicht doch einmal wieder anders besinnen werde? Eine Mobilmachung kostet viel Geld; man tut es doch nicht immer bloß zum Vergnügen, besonders dann nicht, wenn eine ernsthafte, große Rüstung uns bevorsteht. Für die spart ein weiser Staatsmann die vollen Kräfte. Nun rüstet Buxhövden. Es ist jetzt Anfang Oktober. Bis spätestens Ende Oktober stoßen die preußischen und französischen Heere aufeinander, irgendwo im Herzen von Deutschland; geht es nach den Feuerköpfen hier, soweit wie möglich nach dem Rheine zu. Nun bitte ich Sie, wieviel Truppen kann der wackere Buxhövden bis dahin disponibel machen, bis dahin durch Kurland, Litauen, Preußen, Pommern, Brandenburg, durch unwegsam Sandsteppen, aufgewühlte Wege dem Gros der Preußen nachschicken? Ich will das Höchste annehmen, daß dreißigtausend Mann in forcierten Märschen bis zum Entscheidungstage die Preußen erreichen, daß sie dieselben noch nicht geschlagen finden; würden diese dreißigtausend abgematteten Krieger, aus Complaisance auf die Schlachtbank geführt, das Schicksal ändern? Sie würden mit den Preußen aufgerollt, vernichtet. Und gesetzt, die Preußen siegten, wieviel Brosamen Ehre würden die Bramarbasse dem russischen Sukkurs zukommen lassen? – Rußland wäre noch einmal moralisch geschlagen, ohne selbst geschlagen zu haben. – Nein, erlauchte Frau, ich versetze mich ganz in die Seele Ihrer klugen Staatsmänner und spreche zugleich im Stolze eines Franzosen, wenn ich sie sagen lasse: Rußland ist es sich selbst schuldig, nicht mehr durch Echantillons seiner Macht gegen den Giganten zu kämpfen, es darf nicht mehr das Schwert ziehen gelegentlich für andre, es ist Pflicht seiner Ehre, Gehorsam gegen seine Machtstellung, seine ganze Macht zusammenzuhalten, um sie für sich auf den furchtbaren Rivalen loszuwälzen, wenn – die Zeit kam.« »Nachdem die preußische Armee vernichtet ist!« »Die wird es ohnedies. In ihrem Dünkel wollen es die Herren, die den König zum Kriege zwingen, auf einen Schlag ankommen lassen. Durch einen Effektstreich soll wiedergutgemacht werden, was so lange Jahre durch versäumt ist. Schade nur, daß Preußen nicht Rußland ist. Sind sie besiegt, so ist Preußen zertrümmert, das Land liegt vor uns, eine offene Beute.« »Und Rußland, das zusieht?« »Behält die Kraft, auf einen Feind sich zu stürzen, der zwar Sieger ist, aber blutet. Denn auf einen verzweifelten Widerstand dieser zweimalhunderttausend Preußen sind wir gefaßt. Was dann weiter, steht im Rat der Götter, aber ich meine, daß Kaiser Alexander, an der Spitze seines Reiches, souteniert von seiner Grenze, ein Wort darin mitsprechen wird, das nicht verhallen kann. Wo zwei gleiche sich gegenüberstehen, ist aber Zeit zum Verhandeln.« »Ich könnte es eine Gnade Gottes nennen, daß Preußen keine Staatsmänner hat wie Herrn von Laforest.« »Und ich Rußland Glück wünschen, daß sein Zar eine Freundin hat, deren hellerem Blick er traut. Unter uns, Napoleon hat keine solche Freundin, er glaubt nicht an das wunderbare, den Frauen geschenkte Ahnungsvermögen. Er traut nur auf sich. Das ist – ein Unglück, denn über aller menschlichen Weisheit schwebt doch ein Etwas – was wir mit dem Verstande nicht ergründen. – Gleichviel nun, ob Sie Buxhövden die Regimenter, die er zusammentreibt, marschieren lassen, oder ihn freundlich warnen, daß er die Dinge sich vorher ansieht, daß er mehr an Rußlands Ansehen denke als an die momentane Freundschaftsaufwallung Alexanders für Friedrich Wilhelm – das, teuerste Frau, sind Bagatellen – so oder so, ein höherer Wille lenkt dennoch alles, und – ich denke, unser Abschied ist nicht auf lange, wir sehen uns bald, unter andern Verhältnissen, wieder. – Sie sehen mich zweifelhaft an, weil Sie mich kennen. Kennen Sie mich denn ganz, wo ich mich selbst nicht kenne? Die Völker müssen regiert werden; und um sie regieren zu können, darf man sie nicht zu klug werden lassen. So weit gehen unsre Wege miteinander. Nur in den Mitteln, da liegt der Unterschied. Ob Napoleons imperialistischer Wille ausreicht – wir kommen da immer wieder auf den Stock zurück. Es ist ein gutes, aber ein grobes Mittel, und wer weiß, ob der Stock nicht einmal bricht? Ihre – es ist ja natürlich auch meine – Kirche hat sanftere Mittel. Wäre der Protestantismus nicht gekommen, wir wären alle glücklicher! Stände erst wieder die eine Autorität unerschütterlich fest, dann kettet sich eine an die andre. Obgleich selbst nichts weniger als heilig, erkenne ich doch das stille Wirken der heiligen Gemüter, die der aufgewühlten Erde wieder ein Festes geben wollen. Ich ahne Ihr schönes, großes Werk, Prinzessin. Nur vorsichtig, den Schleier darüber gelassen, die Welt ist noch zu skeptisch. Aber sie wird immer empfänglicher werden, je mehr sie verblutet, ermattet. Wo alle Kraft erschöpft ist, hat die Bekehrung leichte Arbeit, und es ist gewiß eine schöne, belohnende. Haben Sie Ihren ritterlichen Kaiser erst ganz eingeweiht, dann machen sich die Allianzen von selbst, und dann – ich bin kein Träumer von einem Weltfrieden, denn die Menschen sind einmal geschaffen, um sich aufzuessen – aber es ist doch eine schöne Aussicht, wenn man einmal Kehraus machte mit diesem Kultus des Geistes, dieser Ideenherrschaft, wenn alle die Idole stürzten, eines nach dem andern, die der übermütige Menschengeist aus Erz und Marmor aufrichtete. Sie streckten ihre Arme bis in die Sterne, aber sie standen auf tönernen Füßen.« An der Tür war der Gesandte noch einmal umgekehrt und zog ein gedrucktes Blatt aus der Brusttasche: »Apropos, Prinzessin, Sie kennen vermutlich dies noch nicht. Ein Korrekturabzug, durch Zufall mir in die Hände geraten, ein Avantcoureur des kommenden Manifestes, in die Erfurter Zeitung gestreut. Bemerken Sie den Passus!« Die Fürstin überflog das Blatt: »Nicht bloß Preußen, die deutsche Nation sollte, ihrer Selbständigkeit beraubt, aus der Reihe unabhängiger Völker gestoßen, einer fremden Souveränität untergeordnet werden. Diesem Schlage, dem schrecklichsten, der Deutschland noch treffen könnte, zu begegnen, ehe es zu spät ist, dieses ist, nach glaubwürdigen Nachrichten, der einzige Zweck von Preußens gegenwärtiger Rüstung .« » Qu'en dites-vous , Madame? Preußen rüstet nicht für sich, sondern für die deutsche Nation! Wenn es nicht so entsetzlich naiv wäre, könnten andre als wir vor den Konsequenzen erschrecken. Aber ich hoffe, man wird weder in der Hofburg zu Wien blaß werden noch in Sankt Petersburg rot, noch wird mein Kaiser fragen: Wer in aller Welt gab denn Preußen die Vollmacht für die deutsche Nation? Denn in Wien, Petersburg und Paris weiß man, daß Phrasen tönender Wind sind. Nicht wahr? Aber ein wenig Achtung gibt man doch, wenn die Kinder in Phrasen zu sprechen anfangen, die sie freilich gelernt haben, aber man fragt doch: Von wem?« Der französische Gesandte, Herr von Laforest, war längst in seinem Wagen fortgerollt. »Und doch betrügt er mich nur!« war das Ende eines langen Selbstgespräches, aus dem die Fürstin bei diesen Worten zu erwachen schien. »Aber man läßt sich zuweilen gern betrügen.« Sie setzte sich an ihren Sekretär und schrieb hastig. Das Billett auf Rosenpapier mit der Aufschrift: »An den Legationsrat, Herrn von Wandel«, ward einem Diener übergeben mit dem Befehl, auf der Stelle dahin zu fliegen und Antwort zu bringen. Die Antwort ließ doch eine Stunde auf sich warten, welche für die Prinzessin in sichtlicher Spannung verging. Mehrmals hatte sie sich wieder zum Schreiben niedergesetzt, aber alles, was sie angefangen, gefiel ihr nicht, sie zerriß es wieder. »Es geht nicht schriftlich«, sprach sie. »Solche Botschaft kann nur mündlich an Buxhövden gebracht werden.« Endlich kam Wandels Antwort. Sie lautete: »Die ehrenvolle Mission, welche Fürstin Gargazin mir zugedacht, wie sie auch laute, ist mir der sicherste Beweis für das, was mein Herz mir sagt, daß es eine Selbsttäuschung war, als ich einen Moment glaubte, daß sie im Zorn von mir scheiden wolle. Eine Heilige kann nicht zürnen. Um so schmerzlicher trifft es mein Herz, daß ich dem Rufe nicht folgen kann. Meine Verhältnisse, meine Ehre gebieten mir, hierzubleiben. Die Dame, um deren Hand ich mich bewerbe, wird eine Aufwallung, zu der ich mich hinreißen ließ, vergessen, und die Gerüchte, die man über eine Entzweiung aussprengt, selbst widerlegen. Wenn die geringen Gaben, welche die Natur mir schenkte, die Kenntnisse, welche ich mir erwarb, in mancher Augen mir vielleicht eine höhere Sphäre anweisen, so fühle ich doch nur zu sehr, daß der Mensch, der immer in weiteren Peripherien sein Glück sucht, so oft das übersieht, was ihm zunächst liegt und worauf Natur oder Geburt ihn gleichsam hinstieß. Meine physikalischen und chemischen Kenntnisse berechtigen mich zum Glauben, daß ich in der Tuchfabrikation Verbesserungen einführen werde, welche dem Lande, dem ich fortan gehören will, von, wenn auch nur geringem, doch von Nutzen sein werden. Lächelt Fürstin Gargazin darüber, so denkt sie doch vielleicht milder, wenn sie den Spruch sich zuruft von dem, der sich selbst erniedrigt. Und doch würde ich Ihrem Rufe folgen, wenn nicht die heilige Pflicht mich fesselte. Jene Aussichten beiseite gesetzt, in diesem Augenblick kenne ich nur eine Pflicht, eine unschuldig verfolgte Frau, die mir einst teuer war, gegen die Barbarei der Gesetze zu schützen. Ja, ihr gehört mein Leben. Urteilen Sie über mich, verdammen Sie mich, ich werde nie vergessen, was seiner Wohltäterin, der edelsten Frau des Jahrhunderts, der Fürstin Gargazin verdankt Ihr untertänigster –«         Die Fürstin zerriß mit einem verächtlichen Lächeln den Brief in kleine Stücke: »Nun muß ich selbst –.« In ihrem Hause war helle Unruhe. Um Mittag fuhr ihr Reisewagen, mit vier Kurierpferden vorgespannt, aus dem Tore von Berlin. Eine Relaisbestellung bis Riga flog ihr voraus. Von der Höhe draußen wandte sie sich noch einmal um: »Lebe wohl, Babel! Du und dein Reich sollen vergehen!« Elftes Kapitel. Sie sind die Puten von Exzellenz . In einem öffentlichen Garten der Vorstadt war an einem schönen Oktobernachmittage eine ungewöhnlich große Zahl von Gästen versammelt. Jene Zeit, wo die Schichten der Gesellschaft sich weit schroffer gegenüberstanden, als es später der Fall war, hatte doch den Vorzug, oder, wenn man es nicht so nennen will, sie bot für das gesellige Leben den Vorteil, daß die öffentlichen Vergnügungsorte noch nicht in der Art schroff gesondert waren, daß die Anwesenheit von im Leben Niedrigergestellten die Höhergestellten abhielt, auch ihr Vergnügen zu suchen. Wo der Handwerksbursch Kegel schob, konnte auch der höhere Bürgerstand mit Ehren Weißbier trinken; beider Gegenwart schreckte sogar den königlichen Staatsbeamten und – was mehr sagen will – den Offizier nicht ab, seine Pfeife zu rauchen. Wenn auch der Respekt die Stände nicht an denselben Tischen vereinigte, wie es im glücklicheren Süden der Fall ist, so war doch Gottes freier Himmel, die bretternen Lauben und der schmucklose Saal, wenn es regnete, für alle ein gleiches Asyl, wenn sie aus dem Staub und Geräusch der Stadt sich retten wollten. Zwar dem Staub und dem Geräusch waren diese hier nicht entflohen, denn der Garten lag an der Landstraße, und auf derselben wälzten sich vom frühen Morgen an die Züge der ausmarschierenden Truppen. Der Wind trug die Staubwirbel und Wolken bis mitten in die große Stadt, und die dicke Lyziumhecke, welche den erhöhten Garten wie eine Mauer von der Straße trennte, lag in einem braungrauen Puderkleide, welches nichts mehr von dem ursprünglichen Grün zum Vorschein kommen ließ. Auch gaben sich die Mägde und die Gäste gar nicht mehr Mühe, den dicken Staub von den Tischen abzuwischen, und empfahlen nur, die Porzellandeckel sorgsam wieder auf die Weißbiergläser zu stülpen. Gegen Staub, meinten die Herren, sei der Tabaksdampf die beste Waffe. Man war ja zu Staub und Geräusch gekommen, und von den offenen Balkonen oder Estraden an der Hecke konnte man den braven Kriegern, die zum Tod für König und Vaterland auszogen, ein Lebewohl rufen, man konnte seinen Bekannten allenfalls die Hand reichen oder einen frischen Trunk auf den Weg – den schon von der Sonne Gebräunten; denn wie weit her waren die meisten marschiert und wie lange hatten sie auf den Sammelplätzen stehen müssen, ehe die Trommel zum Abmarsch wirbelte. Wie die Lyziumhecke, alle vom Staub gepudert, vom Blau ihres Rockes, vom schönen weißen Mehl ihrer Locken war nichts mehr zu sehen. Aber die Spontons und Bajonetten funkelten in der Sonne, die Federbüsche schüttelten in ihrer bunten Farbenpracht den Staub ab und – alle sangen. Ohne Gesang kein deutscher Soldat. Die Disziplin kann alles; das Singen wagt sie nicht zu verbieten. Lieder waren es, die kein Dichter für sie gedichtet, am wenigsten brauchten die Soldaten in Deutschland einen Tyrtäus; von den Zeiten des Dreißigjährigen Krieges, der Landsknechte, ja noch weiter hinauf, sie machten sich ihre Lieder selbst, oder die Luft hauchte sie ihnen zu. Einige aus alter Zeit vom Scheiden und Meiden, von frühem Tod und Morgenrot, von grüner Erde und Lindenbäumen, klangen wohl noch wie das Wehen eines Frühlingshauches durch Blütenwipfel, aber sie klangen selten. Der Soldat auf dem Marsche sehnt sich nach »kannibalischem Wohlsein«. Wenn einer die »Tabaksfreude« anstimmt, den »Krambambuli«, das von den Müllersäcken und Müllermädeln, da stimmte der ganze Chorus ein; Lieder sind es, welche der Schrift nicht angehören, aber sie leben schon viele Jahrhunderte, und wollen auch wohl noch Jahrhunderte leben. Daher mochte der Leiermann im Garten, sooft er wollte, seine Ballade anheben, die ein patriotischer Poet, um der Begeisterung aufzuhelfen, gedichtet, und die etwa anfing: Grad fünfzig Jahre sind es her, Da zog der große König aus Und hinter ihm sein mutig Heer, Den Feinden all zu Schreck und Graus. Die Militärs hörten gar nicht, die Bürger nur halb zu, trotzdem daß jeder Vers eine Schlacht des Alten Fritz illustrierte, von Mollwitz bis Torgau. Wenn aber die Füsiliere: »Ein Schifflein sah ich fahren« anstimmten, war alles Aug und Ohr, und die Zuschauer schienen stumm die mit greller Lustigkeit gekreischten Verse mitzusingen: Wie kommen die Soldaten in den Himmel? Kapitän und Lieutenant, auf einem weißen Schimmel, Da reiten die Soldaten in den Himmel. Kapitän, Lieutenant, Fähnderich, Sergeant, Nimm das Mädel, nimm das Mädel bei der Hand, Soldaten, Kameraden, Soldaten, Kameraden! Wie kommen die Offiziers in die Höllen? Kapitän und Lieutenant, auf einem schwarzen Fohlen, Da wird sie der Teufel schon alle holen. Kapitän, Lieutenant, Fähnderich, Sergeant, Nimm das Mädel usw. Und wenn die Husaren, ihren Bart streichend, zu den Mädchen hinaufsangen: Geh du nur hin, hab mein Teil, Ich lieb dich nur aus langer – Langerweil, Ohne dich kann ich schon leben, Ohne dich kann ich schon sein, so wollten die Mädchen sich ausschütten vor Lachen, die Zuschauer unter den Militärs strichen, in eigenen Erinnerungen schmunzelnd, ihren Bart. Es saßen viele Offiziere, darunter sehr vornehme, auf den Estraden, den Scheidegruß ihren Kameraden zu geben, den sie morgen von den nach ihnen Scheidenden empfangen wollten. Aber die ernste Wehmut, welche ernste Scheidestunden hervorrufen, hättest du auf wenigen Gesichtern gefunden. Plötzlich war der Gesang des Leiermanns verstummt, und eine grelle Beckenmusik schallte übertäubend aus dem Garten herauf – wie zur Freude aller. Der General, den wir einst in der Gesellschaft der Lupinus kennengelernt, und der jetzt auf einen der größeren Balkone trat, hatte es im Vorübergehen so angeordnet. »Das war ja nicht mehr zum Aushalten«, sprach er zu den Offizieren, die sich respektvoll erhoben. »Was soll das Krächzen! Wenn der Soldat ins Feld zieht, muß er fidel gestimmt sein.« »Sie leiern solche Lieder jetzt in allen Tabagien«, bemerkte ein anderer, und der Adjutant des Generals fügte hinzu: »Es geschieht auch wohl in guter Absicht, um die Soldaten zu animieren.« »Dummes Zeug! Ich weiß, 's ist von 'nem Gelehrten, einem der Herrn Genies, verfertigt, und er hat von einer Prinzessin sogar ein Bijou dafür erhalten. Der Soldat wird davon nicht animiert, daß man ihm die Geschichte des Siebenjährigen Krieges vorkrächzt. Hat etwa der Papa Gleim dem großen König zu seinen gewonnenen Bataillen verholfen? Laßt die Kerle sich selbst ihre Lieder singen von Schnaps und drallen Mädchen. Nur nicht sie animieren wollen, was sie nicht verstehen. Das ist auch 'ne neue Mode. Wozu braucht der Soldat animiert zu werden! Order parieren, die Fuchtelklinge und gute Verpflegung – das macht gute Soldaten.« »Und Generale«, fiel ein Obrist ein, »in denen Friedrichs Genie fortlebt.« Der General nahm das Kompliment hin, vielleicht wie etwas, was er von einem Subalternen erwartete, wofür zu danken ihm aber die Etikette verbot. »Mit dem Genie, meine Herren, ist's ein eigen Ding«, sagte er nach einer Pause. »Man macht zuviel Redens davon. Es sind gewisse Sätze, die feststehen, wie die Arithmetik, im übrigen kommt's auf den Mann an. Wenn er sie in der Not vergißt, dann holt ihn der Teufel. Aber zuviel gelehrte Offiziers in einer Armee, und die holt auch der Teufel. Das wimmelte ja in letzter Zeit von Genies, die uns alle Rat geben wollten. Gott sei Dank, daß wir losschlagen, ehe wir ihren Rat angenommen, das, meine Herren, ist's, was mir Assurance gibt, obschon manches davon, das muß ich Ihnen gestehen, so auf dem Papier ganz plausibel klang.« Unartikulierte Töne und ausdrucksvolle Blicke gaben zu verstehen, daß man der Assurance nicht bedürfe. »Was kann Papier und Federkiel bessermachen!« Der Obristwachtmeister Stier von Dohleneck stieß einen tiefen Seufzer aus, den die Kameraden zu verstehen glaubten. In Gegenwart eines höheren Offiziers müssen die Subalternen schweigen. Wenigstens ist es nicht an ihnen, ein Gespräch anzufangen, zu lenken oder andrer Meinung zu sein. So angenehm dies für die Hochgestellten ist, hat es doch auch sein Unangenehmes, weil sie nun genötigt sind, immer das Wort zu ergreifen, wenn es um sie her verstummt, und wenn der Pfingstgeist sie nicht heimgesucht hat, ereignet sich auch wohl, daß sie Alltägliches zutage bringen. Weil sie immer Zuhörer und immer Zustimmung finden und, wenn sie es wollen, immer belacht werden müssen, glauben sie endlich, daß auch das Alltäglichste geistreich sei, wenn es aus ihrem Munde kommt. So hat man davon betrübende Beispiele, daß gewisse Tiraden und Banalphrasen, in welche sie sich so verstrickt oder verliebt, daß sie dieselben bei jeder Gelegenheit vorbringen, ob sie passen oder nicht, zu einem Zopf hinter ihrem Rücken werden, mit dem die nach Herzenslust spielen, bei denen sie erstarrende Devotion voraussetzen. Es ist mit aller Autorität ein eigen Ding. Sie geht und braucht keine Füße, sie fliegt und braucht keine Flügel, sie strahlt und braucht kein Licht, solange man an sie glaubt ; wenn man aber nicht mehr an sie glaubt, dann sieht man sie hinken, wo sie zu fliegen meint, und sie mag mit tausend Hohlspiegeln das Sonnenlicht auffangen, man sieht doch nur ihre Schattenflecke. Der General hielt auf seine Autorität und duldete keinen Widerspruch von unten; nach oben erlaubte er sich aber Widerspruch, weil er auch dahin auf seine Autorität hielt. Er galt für streng, tyrannisch in seinen Launen, ja einige nannten ihn barbarisch in der Strenge gegen den gemeinen Soldaten und von brutalem Stolz gegen das Zivil. Heut erschien er milder. War es der Anblick der wohlgeordneten Kriegerscharen, war es die Assurance, mit diesem Heer zu siegen, oder der Ernst, welcher sich der Seele jedes denkenden Kriegers vor einer Schlacht bemeistert. »Weiß vielleicht einer von den Herren«, unterbrach er das Schweigen, »was aus dem Obristwachtmeister von Eisenhauch geworden? Nach Österreich kam er voriges Jahr zu spät, die Kampagne war vorüber. Demnächst schrieb man, daß er aus Alteration gefährlich erkrankt sei. Es sollte mich doch wundern, ob er sich nicht wieder bei uns einfindet, wenn es Ernst wird.« Auf die Frage wußte niemand Bescheid; sie wußten ebensowenig, ob der General etwas zum Lobe oder zum Tadel des genannten Offiziers hören wollte. Sie schwiegen. »Meine Herren, es ist ein Genieoffizier von admirablen Kenntnissen, hat auch manche vortreffliche Konzeption. Ich gestehe Ihnen, einige waren wirklich akzeptabel, und es tat mir leid, als er den Abschied nahm. Verdachte es ihm freilich nicht. Wollte nicht bloß Rat geben, drauflos, ins Feuer, chevaleresk und von exemplarischer Konduite. Aber, offenherzig, es ist mir heute doch lieb, daß er nicht bei uns blieb. Wir wären auf manche Vorschläge eingegangen, wir hätten vieles geändert. Vielleicht zum Guten – wer weiß es, wer hat die Probe gemacht! Heute gereicht es mir nun zur Genugtuung, daß auch nichts in unserm Armeewesen geändert ist. Wenn der große König aus den Wolken blickte, sähe er seine Armee, wie er sie verließ, kein Knopf an den Gamaschen mehr oder weniger. Und so soll und wird sie Bonaparte sehn. Meine Herren, Attention! Das ist etwas, was wir nicht zu gering anschlagen dürfen. Er muß bei dem Anblick gleichsam fühlen, daß er mit dem Genius des vorigen Jahrhunderts sich schlagen soll. Und da er ein Mann von einem gewissen Sentiment ist, muß dies einen moralischen Eindruck auf ihn machen. In seinem ›Moniteur‹ läßt er uns Don Quixoten nennen. Nun, wir wollen doch abwarten, wer Mühlenflügel und wer Geister gesehen hat!« Man konnte aber jetzt kaum noch etwas sehen und weniger hören. Der Staub war unerträglich geworden, zu Wolken aufwirbelnd fiel er als trockener Regen nieder. Dazu war ein Toben, Peitschenknallen, ein Gewieher der Pferde und ein Gekreisch der Troßknechte, daß die Kommandoworte nicht mehr durch das Gewirr drangen. Was halfen die Flüche und Klingen der Offiziere, die auf den Rücken der Säumigen fuchtelten, wo alles stockte! Drei Batterien hatten, nachdem die Dragonerregimenter das ihre getan, die Straße in Grund und Boden aufgewühlt, und jetzt, so weit das Auge vor- und zurücksehen konnte, war sie mit Bagagewagen , Fourgons , mit Kaleschen und Küchenwagen bedeckt. So breit der Weg, hatten die Fuhrwerke sich doch verfahren, und grad am Garten war eine totale Stockung eingetreten. Auch im Fuhrwesen war die alte Ordnung, aber in jeder Ordnung gibt es Ausnahmen, und Kutscher und Fuhrknechte sind darin verstockte Aristokraten, die auf Rang und Stand im Vorfahren unerbittlich halten. Wessen Generals, Obristen oder Kapitäns eigne Wagen vorfahren wollen und dadurch die Verwirrung verursacht, war nicht mehr zu ermitteln; kurz, Räder, Deichseln, die Pferde und ihre Geschirre waren in ein wüstes Knäuel gedrängt, daß die Kampagnepferde der Offiziere dazwischen in Gefahr gerieten und nicht Reiter noch Fußgänger mehr hindurchkonnten, um zu sehen, wo die Stockung anfing und Abhilfe möglich war. Die kommandierenden Aufseher und Offiziere mußten über die Wagen wegklettern und springen, und wo sich auch das nicht tun ließ, schwangen sich einzelne über die Hecke und suchten durch den Garten den Weg zu ihrem Ziel. Die Lyziumhecke war kein schirmender Wall mehr. Tisch, Bänke und Estraden wurden, weil alles überstieg und durchbrach, verlassen, um doch gleich wieder von Neugierigen besetzt zu werden. Eine Gefahr erschreckt nur im ersten Augenblick, im nächsten erregt sie schon den Kitzel, es mit ihr zu versuchen. Die rohe Wut, die Leidenschaften waren entfesselt. Manches Gesicht glühte auch vom Branntwein, es konnte aus der Zänkerei ein Kampf werden. Die verschiedenen Truppenteile haben immer gegeneinander Eifersucht. Da warfen sich die Feldkutscher vor, wer wider Recht den Vorrang erstreiten wollen; dort hechelten sie sich über den Inhalt und die Größe der Bagagewagen, und aus ihren versteckten Winken – wo man diese Rücksicht noch beobachtete – erfuhr das Publikum, daß mancher Offizier Dinge oder Gegenstände mitnähme, die eigentlich nicht ins Feld gehören. Wer daran zweifelte, sah wohl vorn aus den Rüstwagen ein halbverhülltes Frauengesicht scheu vorblicken, das nicht füglich zu den Marketenderinnen zählen konnte. Doch waren das nur Ausnahmen. Aber zwischen dem Schreien, Fluchen und Wiehern tönten noch andre Stimmen, die weder Pferden noch Menschen angehörten, sondern eher auf das Dasein einer Menagerie schließen ließen. Die Menagerie war indes gar kein Geheimnis, und wenn die großen Hühnerkörbe, hinten oder vorn auf den Generalswagen, bis da mit Decken verhängt gewesen, so waren diese beim Zusammenstoß, dem Klettern und den Manipulationen der Helfenwollenden von den meisten abgefallen. Das geängstete Federvieh flatterte und gackerte und schien selbst wieder einen Bürgerkrieg in den Gitterkörben zu führen, als durch das Zurückstoßen eines Wagens mit Zeltstangen diese an den Fourgon eines Generals stießen. Der Wagen schwankte und fiel auf die Seite, ohne doch ganz fallen zu können, der Hühnerkorb aber brach, stürzte, und die gefiederten Innewohner, soweit sie nicht von den Zeltstangen getötet waren, krochen, flatterten und flogen heraus. Da der Korb nach der Seite der Hecke übergestürzt war, entlud sich die lebendige Bescherung in den Garten. Die Hühner, in glücklichem Rettungsinstinkt, drängten sich nicht wie die Schafe in einen Keil, sondern über Köpfe und Tische flatternd krochen sie hier unter die Hecke, dort zwischen die Beine der Gäste oder suchten in sympathetischem Zuge den Hühnerstall des Cafétiers. Der Aufruhr war damit in den Garten getragen. Wo war die Disziplin, wenn rohe Trainknechte über die Hecke auf den Tisch springen konnten, wenn die Gläser von Stabsoffizieren unterm wuchtigen Tritt ihrer gespornten Reiterstiefel zitterten, wenn sie ohne Rücksicht auf Orden und Epauletten, nicht einmal die Honneurs machend, auf die Erde platzten, wenn entlaufenes Federvieh für diese Menschen alle Rücksichten, die der Autorität gebühren, aufwog! Wo, wenn selbst ordnungsliebende Bürger nicht davor schauderten, sondern es in der Ordnung fanden, denn durch den Garten verbreitete sich ein geflügeltes Gerücht. »Es sind ja Obrist Köckeritzes Truthähne!« – »Nein«, riefen andre Stimmen, »es sind Exzellenz Feldmarschall Möllendorfs Puthühner!« Verwirrung und allgemeine Verfolgung. Die Truthähne waren kein Gespenst; sie waren geflattert, geflogen, und viele hatten sie gesehen. Wohin? Links, rechts. Die Trainknechte fluchten, statt für die Weisung zu danken. Selbst die ernteten kein freundlich Wort, die es sich angelegen sein lassen, ein verirrtes Huhn aufzufangen. Hühner hin, Hühner her, aber der kalekutische Truthahn, die Bestie, wo war er, und die schöne Henne, das Prachtstück! Sie waren den Knechten doch vom Mundkoch auf die Seele gebunden. Der Garten erstreckte sich weit in die Sandebene. Solche Gärten haben auch stille Plätzchen, wohin gefühlvolle Gemüter sich aus dem Geräusch des Kegelschiebens und dem Klirren der Gläser zurückgezogen. Auf einer Bank unter dem Lyzium, das seine ausgewachsenen und schon vertrockneten Zweige zu einer Art wilden Laube über ihre Köpfe rankte, saßen Charlotte und ihr Wachtmeister. Es war die bittere Scheidestunde. Auch wir nähern uns der von unsern Lesern und scheuen uns deshalb, ihnen eine neue Figur vorzuführen, die – sie vielleicht nicht wiedersehen. Übrigens sah ein Wachtmeister wie der andere aus. Charlotte mußte das auch denken. Sie hatte geweint und hielt das Tuch noch an die Augen. Der Wachtmeister hatte wohl nicht grade geweint, aber sein Gesicht war rot, als er die rechte Locke unter dem Hute ajustierte. »Es geht nun mal nicht anders in der Welt; aber mit Courage geht alles.« »Halten Sie sich nur recht warm«, schluchzte sie, »daß Sie sich nicht verkälten.« »Halten Sie nur Ihren Geheimrat warm«, sagte er. »Darauf kommt alles an. Denn die Zivilversorgungen, das ist die Schwerenot, die sind verflucht mager.« »Und trinken Sie nicht soviel Schnaps. Und wenn eine Kugel kommt –« »Dann schreib ich's Ihnen.« »Und wenn Sie mir nicht schreiben?« Da hub das Schluchzen von neuem an; aber es war nur Charlotte. Der Wachtmeister hatte seine Handschuh angezogen, den Pallasch in die rechte Lage gebracht und sich grad aufgerichtet: »Demoiselle Charlotte, wozu hilft das Greinen! Sie müssen bedenken, der Soldat ist Soldat. Ist's nicht so, so ist's so. Sterben müssen wir alle, und wenn's uns noch so gefällt in einem Quartier, einmal ziehen wir raus. Drum sagt unser Obristwachtmeister: ›Kerle, Ihr müßt denken, daß andre nach euch kommen, die wollen auch was finden. Und warum nicht! Sie sind ja auch Menschen. Und so ist das ganze Leben‹, sagt er, ›wir ziehn aus einem Quartier ins andre. Und wem's sein letztes war, das weiß keiner nicht, denn 's kommt auf einmal, auf den Plutz. Da steht der Tod vor ihm rot und blaß auf der Mauer und kräht ihn an, und eh' es ausgekräht –‹« Charlotte schrie auf. Es krähte ihn ja an. Auf der Hecke stand der Kalekuter, seine roten Lappen von der Sonne beschienen, seine Augen funkelnd vor Angst und Zorn. Und eine Pute, das Prachtstück, flog auch über die Hecke und ihr gar in die Arme. Aber auch die Trainknechte flogen den Gang herauf, schreiend, fluchend, die bösen Trainknechte, mit so zornfunkelnden Augen als der Hahn. Charlotte hatte sich wirklich die Pute nicht aneignen wollen, die sie unwillkürlich an ihr liebebedürftiges Herz gedrückt. Charlotte war selten um eine Antwort verlegen, aber kaum, daß sie über die Lippen war, mußte sie es mit eignen Ohren hören, daß der Knecht sie anschrie: »Selbst Pute, Sie!« Und mit eignen Augen mußte sie es sehen, daß der Wachtmeister, statt ihr beizuspringen, mit nach dem Kalekuter haschte. »Es sind ja Exzellenz Möllendorfs eigene Truthühner!« rief ein andrer, um sie zu Respekt und Räson zu bringen. Der Puter und die Pute waren längst fort, denn als Charlotte die Arme öffnete, hatte die letztere es vorgezogen, einen Satz in die Luft zu machen, als in die Arme des Knechtes zu fliegen. »Bestien ihr, wartet!« war das letzte Wort, das sie hörte, und leider war ihr die Stimme sehr bekannt. Das Wilde Heer war verschwunden, und das war der letzte Abschied von ihrem Wachtmeister. Die Frau Hoflackier, die herbeikam, fand Charlotten in Tränen. Der Herr Hoflackier, der seiner Gemahlin die beiden jüngsten Kinder auf den Armen nachtrug, derweil das älteste an seinem Rockschoß ging, fragte, warum die Cousine weine. – »Das frägt er noch!« sagte die Frau Hoflackier. – »Es frägt sich vieles«, sprach Charlotte mit einem Blick gen Himmel. »Ach, lieber Cousin, die Militärs in Ehren, aber ihnen geht doch das ab, was ein empfindungsvolles Gemüt bedarf, wenn es sich über das Gemeine des irdischen Daseins erheben soll. Die Montur und die Uniform sind etwas sehr Schönes für König und Vaterland, aber mehr Gefühle für Frauenwürde findet man doch beim Zivil – selbst bei meinem lieben Geheimrat.« Und daß Puter und Pute, dieselben, noch ein zärtliches Paar aufschrecken, noch einen Abschied stören mußten! Den Obristwachtmeister Stier von Dohleneck und die Baronin Eitelbach, die in der einsamen Allee am Rande des Gartens promenierten. Es war die süße Verständigung nach so langen, langen Zweifeln. »Und nun grade uns trennen müssen!« Seltsam! war es doch hier das Widerspiel der andern Abschiedsszene. Er schien der Geknickte und strich über die Augenwimpern. Tränen waren es nicht, aber ein Jucken und Drängen an den Augen, als fürchte er sich vor ihnen. »Wissen Sie, mir ist's manchmal, als wären wir alle nur da, um uns zu trennen«, sprach die Baronin und sah in den blauen Himmel. »Und wir lebten nur, damit wir uns darauf vorbereiteten.« Er blickte sie verwundert an. »Die zueinander gehörten, müßten sich ihr Leben lang suchen, und wenn sie sich gefunden haben, wäre es nur, um voneinander Abschied zu nehmen. Da geht Mamsell Alltag mit ihrem Vater in den Salon. Das ist doch ein kreuzbraves, schönes und gescheites Mädchen. Was hat die ausstehen und sich versuchen müssen, darüber ist doch nun alle Welt im klaren, und nun's ihr endlich gut geht, und die schlechten Zungen schweigen müssen und die Königin sich ihrer angenommen hat und sie den nun endlich heiraten soll, den sie von ganzem Herzen lieb hat, da – da muß er den Tag vor der Hochzeit spornstreichs auf und davon.« »Nur auf einer dringenden Mission vom Könige. Er wird wiederkommen.« »Wenn sie ihn nun als Spion hängen!« Der Obristwachtmeister sah sie noch verwunderter an. Welche Lichter zuckten plötzlich durch diese Seele! »Alles kommt anders, als wir's uns gedacht«, fuhr die Baronin fort, »und es ist überall so. Die arme, unglückliche, schreckliche Geheimrätin! Ich mag's noch immer nicht glauben, daß sie so schlimm ist, aber wenn sie ihn liebte und heiraten wollte und es darum getan hat, nun ist sie auch auf immer von ihm getrennt.« »Wem?« »Dem Legationsrat. Apropos, der ist Ihr aufrichtiger Freund, Dohleneck, Sie mögen es nun glauben oder nicht. Ein Freund in der Not ist er, das kann ich Ihnen sagen. Sie packen ihm alles auf, wer was zu tragen hat und wen was ängstet, und dafür verreden sie ihn noch. Aber er trägt es und lächelt. Er weiß auch, Dohleneck, daß er Ihnen unausstehlich ist, und doch sorgt er um Sie wie ein Vater, nein, wie ein Freund, der alles tun möchte, um mir meinen liebsten Freund zu erhalten. Was gibt er mir nicht für Ratschläge, daß Sie in der Kampagne zu Ihrer Gesundheit tun und mitnehmen sollen, und bittet mich, daß ich Sie beschwören soll, Sie möchten sich nicht zu sehr exponieren.« »Wenn er mir den Rat ins Gesicht gäbe, würde ich wissen, wie ich ihm ins Gesicht antworte; ein Soldat tut nur seine Schuldigkeit.« Sie lächelte ihn ruhig an: »Ich weiß es schon. Grade so würden und mußten Sie sprechen, hat er zu mir gesagt. Darum hat er mir auch verboten, Ihnen von den Salben und Pulvern zu geben; Sie würden lachen und den Plunder in den Graben werfen. Der Beste und der Klügste ändert's nicht, was kommen soll, und das ist das Wunderbare in unsrer Bestimmung, sagt er, daß man das weiß, und sich immer wieder gedrungen fühlt, den Rat zu geben, der nicht befolgt wird. So hat er's auch mit der Lupinus gemacht. Wie er es ihr auch zu verstehen gegeben, daß es nur Achtung und Verehrung von ihm sei, sie hat's für Liebe gehalten. Und wie er jetzt auch sich Mühe gibt, daß ihre Unschuld an den Tag kommen soll, er weiß doch, sie werden nicht auf ihn hören, denn die Menschen rennen alle in ihr Verhängnis, und er preist die am glücklichsten, die nicht klug sind und nicht alles sehen wollen, denn ihnen werden viele Qualen gespart. Darum, sagt er, hat er uns so lieb, ob er schon weiß, daß ich ihm nicht gut bin und Sie ihn gar nicht mögen. Da ist auch alle Mühe umsonst, setzte er hinzu, alle Beweise helfen nichts, und der Mißtrauische weiß sogar in der guten Tat, die man ihm erzeigt, eine heimliche böse Absicht herauszulesen.« Dem Herrn von Dohleneck ging es dumpf durch den Kopf: »Wenn man sich doch getäuscht hätte!« »Das sagt er ja auch. Wenn in der letzten Stunde nur die Enttäuschung käme! Wenn er daliegt auf dem Felde der Ehre, und die Lüfte trügen mir wenigstens mit Äolsharfenklang sein Geständnis zu: ›Ich habe mich in dir geirrt!‹ Das wäre wenigstens ein Trost!« »Donner und – Himmeldonner! Er macht mich doch nicht bei lebendigem Leibe tot!« Der Obristwachtmeister Stier von Dohleneck hatte nicht die Veränderung gesehen, die auf dem Gesicht der Baronin vorgegangen. Die Tränen stürzten aus ihren großen, schönen Augen; sie zitterte: »Ja, mein inniger, einziger Freund, er hat eine Ahnung – er wollte schweigen – ich erpreßte ihm das Geständnis – Ihr zügelloser Mut – er sah Ihr Blut fließen – wir ändern's nicht – ja, es ist nur zu wahr, es findet sich alles nur, um sich zu trennen, die Herzen, um voneinander gerissen zu werden, die Seelen und Geister, um sich schätzen zu lernen, wenn sie sich verloren haben, und das Glück ist nur da auf der Welt, daß es zerbricht! – Es ging ja auch nicht anders«, sagte sie, sich zurückbeugend, und blickte ihn mit freudiger Wehmut an. »Wir konnten uns ja nur finden, um uns wieder zu trennen! – Freiwillig, nicht wahr, hatten wir es getan? Und nun trennt uns eine höhere Hand.« »Aber warum denn auf immer!« sagte der Offizier, ihre Hand an die Brust drückend. »Ohne Hoffnung –« »Darf der Mensch nicht leben und nicht sterben«, fiel sie ein. »Das hat er auch gesagt. Und sah dabei in den Himmel, und das war ein Blick! – Nein, nicht auf immer! sagte er, wer unvergänglich liebt, der liebt auch in die Ewigkeit. Ist denn das Blut ein Strom, der uns vom Jenseits trennt? Da liegt er auf der Heide, purpurn strömt es aus der Brust des Redlichen. Sein letzter Hauch ist seine Freundin, sein letzter Blick für Sie. Wenn er Sie im Tode sah, warum sollen Sie ihn denn nicht im Tode sehen! Sie werden sich wiedersehen!« »Nun, um Gottes Barmherzigkeit willen, ja, wir werden uns auch wiedersehen!« rief Dohleneck in ungewöhnlicher Aufregung. »Kein Krieg ohne Blut, aber warum gleich maustot! Wozu gibt's denn Scharpie und Pflasterkasten? Das Blut mag zwischen uns fließen, ja, ein tiefer Fluß, aber warum soll ich denn nicht rüberspringen und –« »Wir werden uns wiedersehen!«, und die Baronin öffnete die Arme und der Obristwachtmeister auch – da mußte es um sie sausen, krächzen, und die Wilde Jagd kam hinterher. »Fangt sie! – Da sind sie! – Die Brut!« Als die Unholde heranstürmten, war die Baronin schon durch die Öffnung der Hecke geschlüpft. Der Obristwachtmeister warf einen Zornblick auf die Störenfriede, ja, seine Linke ruhte auf dem Degengriff. Ob Herr von Dohleneck ihn gezogen hätte, wir wissen es nicht; aber es war ja sein Wachtmeister, der, in Respekt erstarrend, vor ihm schulterte und aus den Lippen des vorgestreckten Kopfes die Worte flüsterte: »Halten zu Gnaden, Herr Obristwachtmeister, sie sind die Puten von Exzellenz Feldmarschall Möllendorf!« Zwölftes Kapitel. Die Scheidestunde schlug . Als die Baronin durch die Hecke geschlüpft – sie hoffte, unbemerkt von den Verfolgern –, befand sie sich in einem schmalen Gange, der eigentlich nicht zum Spazierengehen, sondern, zwischen der beschnittenen Baumhecke und einem alten Plankenzaune, mit Unkraut bewachsen und für den Kehricht des Gartens bestimmt war. Ihre Absicht war auch wohl gewesen, wenn das Wilde Heer vorüber, in die Allee zu ihrem Freunde zurückzukehren. Davon wurde sie zu ihrem Schreck durch einen andern Mann, den sie nicht als ihren Freund betrachtete, abgehalten. Nein, sie fürchtete oder verabscheute den alten Herrn von Bovillard und glaubte dazu hinlänglichen Grund zu haben, denn hatte nicht der Legationsrat in einer vertrauten Stunde ihr – wir sagen nicht, alles, aber doch vieles vertraut, was sie nie erfahren durfte, wenn man nicht ohnedem wüßte, daß das Amtssiegel der Verschwiegenheit über die geheimen Staatsangelegenheiten in der Hinterstube des Geheimrat Bovillard nur zu oft erbrochen war. Und diesen selben Bovillard, der mit ihr und dem Rittmeister ein so grausames Spiel gespielt, dem sie in ihrer Entrüstung geschworen, nie mehr ins Gesicht zu sehen, traf sie an dem einsamen Orte, er kam grad auf sie zu und hob grade den Kopf, den er gesenkt trug, ehe sie ausweichen konnte. Zu andrer Zeit kochte es in ihr, ihm Sottisen oder die Wahrheit zu sagen, was sollte sie ihm jetzt sagen, wenn er mit seinem medisanten Witze sie raillierte! Ach, aber der Geheimrat war ein anderer, in kurzer Zeit schien er um Jahre älter geworden. Wohin war der elastische Schritt, die Jugendlichkeit, die er im Umgang affektierte? Er ging bedächtig und gesenkten Hauptes. Er litt an fixen Ideen, sagte man. War es sein Stammbaum, dessen Wurzeln bis zur Schöpfung der Welt zurückwuchsen, was seinen Blick auf der Erde wurzeln ließ? Man hielt es nur für eine momentane Phantasie des aufgeklärten Lebemannes; er benutzte sie, um seinem Dépit gegen die Verbindung seines Sohnes mit der Demoiselle Alltag einen scheinbaren Grund unterzulegen. Er litt, wer sollte es glauben, an einer andern Idee, die er zwar nicht deutlich aussprach, aber aus seinen hervorgestoßenen Reden erschien es, daß er an gewissen Tagen sich für vergiftet hielt, von wem anders als der Lupinus! Auf vernünftige Vorstellungen gab der vernünftige Mann zu, daß dies unmöglich sei, da er jede gesellige Berührung mit ihr vermieden hatte; aber er nahm doch in jenen Tagen viele und starke Laxanzen. Er, der erklärte Gegner der Romantik und allen Mystizismus, las in Büchern, die man nicht auf seinem Tisch erwarten sollen, und an Ärzte, die sich jener Richtung näherten, stellte er die verblümte Frage, was sie von dem bösen Blick hielten, an den die südlichen Nationen glauben, und ob nicht eine physische Möglichkeit sei, daß er der Gesundheit anderer schaden könne? Der Geheimrat Bovillard war bereits als malade imaginaire sprichwörtlich. Sein Gönner, der Minister mit der aufrechten Haltung, hatte ihm seine Universalkur, Karlsbad, wiederholentlich empfohlen, der Geheimrat den Rat aber von der Hand gewiesen – für jetzt. Er fürchte, es werde ihm als Furcht ausgelegt, wenn er sich aus Preußen entferne, er sei ein Patriot, darum müsse er es zeigen. Darum zeigte er sich an öffentlichen Orten; wenn auch nicht grade an dem, wo die Baronin ihm begegnete. »Ach, meine gnädige Frau«, sagte er, nachdem von seiner Seite weder eine freudige noch eine andre Überraschung stattgefunden, er brachte die Worte vielmehr mit einer Art innerem Gähnen heraus, indem er neben ihr herging. »Ach, meine gnädige Frau, die Moralisten sagen, alles in der Welt ist eitel; aber es ist nur die Wirkung aus der Ferne. Ich sehe in der Welt nicht ab, warum das eitel sein soll, was ich genieße, und es schmeckt mir. Eitel, das heißt, es verdirbt und vergeht, wird es nur durch die Einflüsse von außerhalb. Könnte jeder seinem Penchant nachgehen, dann gäbe es keine Eitelkeit und keine Sünde, nur vergnügte Menschen. Sie lieben im Frühling die Veilchen, ich die Maibutter, wie schön duften sie am Morgen, wie aromatisch und frisch schmeckt sie zum Frühstück! Da muß ein Weltkörper, viele Millionen Meilen von uns entfernt, so einwirken, daß das Veilchen am Abende welk ist, meine Butter ist ranzig und zerflossen. Das Übelste ist, auch die Philosophie hilft dagegen nicht. Der böse Magnet, Dämon, was es sei in der Ferne, unsre Pfeile erreichen ihn nicht, und was noch schlimmer, wir wissen gar nicht, wo unser Feind ist. So ist der Klügste nicht sicher, woher's ihn einmal überkommt, ob er auf dem Eis einbrechen oder im Tanzsaal ein Bein brechen soll. Was ist der Krieg? Die Soldaten bilden sich ein, sie trügen ihn, und sie bluteten für uns. Aber, konträr, sie haben das Vergnügen, und der Zivilist hat die Leiden; er muß zahlen und zahlen, Handel und Gewerbe stocken und wir müssen Spott, Übermut und Einquartierung ertragen, bis wir aus der Haut fahren. Ich will mich nicht um die Welthändel kümmern, sagt der gute Bürger. Und hat er dazu nicht ein Recht? Was er nicht eingerührt hat, braucht er nicht aufzuessen. Hat der Weizenbauer in Pyritz die Französische Revolution gemacht, hat er konsentiert zur Pillnitzer Alliance, oder hat er Napoleon zum Kaiser ausgerufen? Gott bewahre, er weiß von alledem nichts, hat nie was von dem wissen wollen; aber büßen muß er jetzt: seine Pferde werden ihm ausgespannt, Fourage muß er liefern, seine Söhne hergeben zum Totschießen, und wenn die Franzosen gewinnen, frißt und prügelt ihn die Einquartierung, sie schmeißt ihn am Ende aus Haus und Bett, wenn er eine junge Frau hat, alles das die Wirkung aus der Ferne, und niemand weiß, meine teuerste Baronin, wo das Übel ihm sitzt und von wo es kommt.« Die Baronin schenkte ihm einen Blick, der zu verraten schien, daß sie wenigstens die Ferne kenne, aus welcher sie die Wirkung empfunden. Der Geheimrat hatte für solche Blicke keine Augen und kein Gefühl. »Meine Beste«, sagte er, das Gesicht in eigentümlicher Weise verkneifend und beide Hände gegen die Seiten stemmend, »denken wir nicht an vergangene Torheiten. Sie sollten nach Karlsbad. Hier, Gott weiß, was hier kommt; die schwere Luft, und niemand weiß, was er in den Sonnenstäubchen runterschluckt, die er einatmet, wenn er den Mund auftut. – Da – da – können Sie ungeniert und frei leben. Ich ginge ja auch herzensgern, aber – ein Staatsmann und die Rücksichten. – Excüse!« Mit einem raschen Sprung war er in den Gang zurück, aus dem er die Baronin unter so liebenswürdigem Gespräch bis in den Garten zurückgeführt hatte. Da trafen sich im Gewühl viele Bekannte, die wieder auf die Estraden stiegen. Die Stopfung auf der Straße war gelöst. Der Abendwind trieb den Staub nach einer jenseitigen Richtung. Herr von Fuchsius, der die vereinsamte Frau zuerst gewahrte, hatte ihr seinen Arm angeboten. Sie hätte wohl einen besseren Führer gewünscht, sagte er lächelnd, aber in dem Gedränge müsse man sich schon dem ersten besten anvertrauen. »Wer in der Gefahr vereinsamt steht, ist verloren.« Überall Abschiedsszenen, Tränen, Tücher. »Sie waren eben Zeugin einer der tragischsten Abschiedsszenen!« Die Baronin sah ihn verwundert an. »Herr von Bovillard scheint förmlich von seinem Verstande sich geschieden zu haben. Es ist der Abschied eines Verschwenders von seinem verschleuderten Gute. Er ist auf dem Wege, ein vollständiger Hypochonder zu werden. – Aber beachten Sie den Abschied dort, er ist weit trauriger, zwischen Vater und Sohn.« »Zieht der junge van Asten auch ins Feld?« fragte die Baronin, denn dieser war es, dem sein Vater nach einem langen, wie es schien, eindringlichen Gespräch plötzlich den Rücken wandte. »Nur in die Freiheit – und der Alte vielleicht ins Schuldgefängnis.« Das Verhältnis war stadtkundig: »Mein Gott, wer hat denn da nun recht? Der junge Walter ist auch ein so braver Mann!« Der Rat zuckte die Achseln: »Baroneß, das sind Fragen, auf die nur der liebe Gott Antwort weiß.« Die Baronin drückte plötzlich die Hand ihres Begleiters, und der Freudenstrahl in ihrem Auge schien zu sprechen, daß der liebe Gott wohl Antwort gegeben habe. Der alte van Asten, der noch eben den Stock mit beiden Armen unmutig auf die Erde gestampft und den Hut tief in die Stirn gedrückt hatte, um den Garten zu verlassen, war plötzlich stillgestanden. Ebenso rasch wandte er sich um und fiel dem Sohn, der ihm wehmütig nachgesehen, um den Hals. Ob sie etwas gesprochen und was, wer konnte das hören, besonders jetzt, wo wieder ein feierlicher Marsch von Blaseinstrumenten durch die einbrechende Dämmerung schmetterte. Die Baronin riß ihren Führer auf die Estrade. War erst jetzt die Order gekommen? Die Gendarmen zogen aus der Stadt, um in einem benachbarten Dorfe Nachtquartier zu halten. Noch war es hell genug, um sich zu erkennen, und ein letzter roter Schimmer färbte die Federbüsche und Gesichter der Reiter. Die Baronin ließ ihr Tuch wehen, er sah es und salutierte mit dem Degen. Sie sprach kein Wort, aber unverwandten Blicks starrte sie hin, bis die Gestalt sich in der Menge verlor, dann lehnte sie sich, wie erschöpft, auf die Schulter des Rates. »Wir werden uns wiedersehen!« kam es wie aus tiefster Brust. – Unfern von ihr schrie eine andre weibliche Stimme: »Ich werde ihn nie wiedersehen! Was soll aus mir werden!« Charlotte war auf eine Bank gesunken. Zum Glück stand jetzt neben ihr ein ältlicher Herr – denn unter den übrigen Zuschauern schien keiner sich um den andern zu kümmern, ihre Blicke und ihre Gedanken gehörten den schönen, jungen ausmarschierenden Reitern allein an. Der ältliche Herr klopfte ihr auf die Schultern: »Charlotte, weine Sie nur nicht, gebe Sie sich zur Ruhe, es wird sich schon alles finden, und ich verlasse Sie nicht.« Es war eine besondere Stimmung unter allen, sehr verschieden von der lauten beim Vorüberziehen der frühern Regimenter. Hatte der Abend sie gemacht? Waren die Gendarmen grade die Lieblinge der Zuschauer? Man hörte keine lauten Hurras, keinen jubelnden Zuruf, nur unterdrücktes Schluchzen. Vielleicht tat's die Regimentsmusik, sie spielte die Melodie eines alten Volksliedes von Morgenrot und frühem Tod. Nachher flüsterte man sich zu: Prinz Louis sei in seinem Mantel verhüllt unter dieser Schwadron in der Stille mit ausmarschiert. In den Sälen, die als sehr bescheidene Pavillons des auch bescheidenen Restaurationsgebäudes in den Garten ausliefen, hatten einzelne Familien und Gesellschaften zum Abendbrot sich vereinigt. Die Lichter wurden schon angezündet, es sah aber wenig festlich aus, trotz der Astern und anderer Herbstblumen, die eine sorgende Hand wohl hie und da auf den Tisch gestellt. Luft und Boden, die Dielen auf dem Erdreich liegend, waren kalt und feucht, die Frauen hatten ihre Enveloppen, die Männer ihre Oberröcke umgetan. Es war auch sonst ein Etwas, was die helle Freude nicht aufkommen ließ. In einem dieser Pavillons hatte der Geheime Kriegsrat Alltag seine Familie und einige Bekannte vereinigt. Als Fuchsius die Baronin vorbeiführte, um sie nach ihrer Equipage zu geleiten, rief sie, durch die hellen Fenster blickend: »Herrje – da geht ja Adelheid mit dem jungen van Asten.« »Er war ihr hochverehrter Lehrer«, sagte der Rat, »und der alte Alltag hat zum Abschied alle nächsten Angehörigen zu sich gebeten.« »Geht er auch mit in den Krieg?« »Er nicht, aber seine Tochter. Die Königin folgt ihrem Gemahl ins Hauptquartier, und Mamsell Alltag ist, als Gesellschafterin der Viereck, bestimmt, Ihre Majestät zu begleiten.« »Das ist eigen«, sagte die Baronin, »das schöne, junge Mädchen in den Krieg! Was man nicht erlebt! Wissen Sie wohl, was ich glaube?« »Gewiß etwas Richtiges.« »Der Alte mochte damals nicht die Brautschaft. Jetzt, glaube ich, gäbe er etwas drum, wenn die Adelheid beim jungen Asten geblieben wäre. Er ist ein solider Mensch, und die Leute meinen, er wird eine gute Karriere machen. Hübsch ist er nicht, aber es ist so etwas in ihm – man traut ihm aufs Wort.« Möglich, daß die Baronin das Richtige getroffen hatte. Der alte Alltag, der schweigsam in der Gesellschaft umherging, drückte bei einer Gelegenheit ganz besonders die Hand des jungen Asten, er dankte ihm mit gerührter Stimme, daß er seine Tochter zu dem gemacht, was sie sei. Rührung war weder sonst noch jetzt das Departement des Geheimen Kriegsrates. Die Geheimrätin brachte selten das Tuch von den Augen. Sie unterhielt sich mit dem alten Rittgarten, er mußte ihr vom Krieg erzählen, wie weit man sich herangetrauen könne ohne Gefahr, ob die Franzosen auch auf Frauenzimmer schössen? Nie war sonst ihren Gedanken etwas entfernter gewesen. »Sie ist noch gar nicht gereist, das Kind, einmal nur bis Potsdam, und nun muß ihre erste Reise gleich in den Krieg sein! Wer hätte das nur als möglich gedacht; es wird doch alles anders, als es sonst war.« »Alles – alles!« sagte der alte Major, den Kopf schüttelnd, die Pfeife mußte ihm heut nicht schmecken. »'s ist Fügung des Himmels; das muß uns wohl trösten«, sagte die Geheime Kriegsrätin, »aber – aber –« »Der Himmel fügt es, daß alles aus dem Gefüge geht, und es wird noch mehr losgehen. Er weiß, warum. Es muß wohl nicht recht zusammengefügt gewesen sein.« Eine Konversation kam nicht auf. Wer zu sprechen anfing, brach plötzlich ab, im Gefühl, daß es Wichtigeres zu sprechen gab, und die Zeit war kostbar. Und dann hatte jeder mit dem andern etwas Besonderes zu sprechen. Wenn er fortgegangen, fiel ihm ein, daß er das vergessen, was ihm besonders auf dem Herzen lag. Welch ein Strom mütterlicher Ermahnungen war von den Lippen der Mutter geflossen, und immer besann sie sich, daß sie doch noch etwas anderes, etwas Neues zu sagen hatte. Jetzt nahte die Scheidestunde. Adelheid konnte nicht zum Abendessen bleiben, der Wagen der Hofdame, der sie nach dem Palais bringen sollte, war angemeldet. Der Vater hatte eigentlich am wenigsten mit ihr gesprochen. Jetzt legte er seine Arme auf ihre Schultern: »Du, mein geliebtes Kind, mein Bijou! Nun ich dich verlieren soll, begreife ich erst, was ich in dir gehabt habe. Und was ich hätte in dir haben können! Liebe Adelheid, ich hätte dich mehr lieben können, dann wäre ich dir mehr gewesen und du mehr mir. Ich hätte dich besser verstanden, und manches wäre besser – vielleicht! Aber es hat nicht sein sollen. Andre sagen, der Mensch gehöre zuerst sich selbst und seiner Familie und dann erst seiner Pflicht gegen den Staat. Ich verstand es anders. Gott wird wissen, wer recht hat. Wenn alles in der Welt wechselt, so wechseln wohl auch die Ansichten über die Pflichten. Aber ich glaube doch, wer das tut, was er gelernt hat, daß es recht sei, der tut recht, und der himmlische Vater wird ihm vergeben, wenn er dabei auch mal unrecht tut.« Adelheid an seinem Halse wollte nichts davon wissen, daß ihr Vater gegen sie unrecht getan; sie habe sich anzuklagen, daß sie nicht alle Pflichten eines Kindes gegen ihn erfüllt. Er schüttelte den Kopf: »Du warst ein ausgezeichnetes Kind, und für die hat die Vorsehung wohl besondere Gesetze. Sie führt sie Wege, die uns nicht gut dünken, aber sie leiten zum Ziel, das wir nur nicht sehen. So ist's mit dir gekommen, und so wird es noch weiter kommen. Es wird vieles besser werden, als wir denken – und – wir werden uns wiedersehen, und froher als heut –« Da brachen die Kleinen in Tränen aus, jede wollte zuletzt die liebe, schöne Schwester ans Herz gedrückt haben. Dem Alten ward zu weh ums Herz. Er konnte die Tochter nicht an den Wagen führen; er drückte ihr nur die Hand mit abgewandtem Gesicht und warf sich auf einen Stuhl. Die Mutter auch, nachdem sie ihr den mütterlichen Segen gegeben. Aber es fiel ihr noch etwas ein, als Adelheid die Glastür schon geöffnet: »Und das mußt du mir heilig versprechen, Adelheidchen, daß du immer wollene Strümpfe trägst. Die Oktobernächte werden schon so kalt. Die Königin ist so gut, die pure Menschenfreundlichkeit! Sie wird schon ein Auge zudrücken.« Adelheid hatte alles versprochen, sie mußte aber immer wieder dasselbe und Neues versprechen: gleich zu schreiben, wenn ihr was passiert, kein unreifes Obst zu essen, was jetzt so viele Leute krank mache, nie zu nahe gehen, wo sie schießen. Endlich mußte doch die Glastür geschlossen werden, von der Zugluft schmolzen schon die Talglichter. Die Geschwister wollten mit; anfänglich die Mutter auch, sie fühlte sich zu schwach. Die Kinder aber konnten sich im Gedränge und der Finsternis verlieren. So machte es sich denn wie von selbst, daß van Asten seine ehemalige Braut allein nach dem Wagen begleitete. Die Sterne funkelten hell am klaren Herbsthorizont, als sie aus dem Baumgang traten. An der Hinterpforte stand der Wagen. Sie reichte ihm die Hand. Mit ihrer Silberstimme sprach sie: »Walter, hinter uns ist es klar; ich hoffe, es wird auch vor uns immer klar bleiben.« Er schlug ein: »Es werden noch viele Nebel aufsteigen, bewahre deinen hellen Blick, und dann bleibt es zwischen uns klar.« »In keinem Fältchen deines Herzens ist ein Groll«, sprach sie, »nicht wahr? – Das gibt mir Mut. Aber –« Sie zauderte. »Sprich es aus!« sagte er. »Es soll gar kein Fältchen zwischen uns bleiben.« »Ich möchte dich auch ganz zufrieden, ganz klar mit dir selbst verlassen. Bin ich's noch, Walter, die wie eine Nachtwolke zwischen dir und deinem Vater schwebt, den Wünschen des Mannes, dessen Glück und Frieden dir das Teuerste sein müßte?« »Und wenn du es wärest, was kannst du dafür? Kann der Nordpol dafür, daß der Magnet nach ihm zeigt? Es wäre die Arbeit eines Narren, den Magnet zwingen zu wollen, daß er nach einer andern Himmelsgegend weist. Das sind ewige Notwendigkeiten, vor denen sie sich beugen sollen und müssen, die nicht Mut haben, sie freiwillig anzuerkennen. Dieser überreichen Welt an allem fehlt nur etwas – Charaktere. Ich bilde mir nicht ein, sie bessern zu wollen, dazu fühle ich mich zu schwach, aber ich bin stark genug, mich nicht von ihr bilden, fortreißen zu lassen.« »Lebe wohl, Walter!« sprach sie mit erstickter Stimme. »Ich habe den Glauben: es ist kein Lebewohl für immer. Wir sehen uns wieder.« »Ich sehe dich nicht wieder, denn ich sehe dich immer. Du bleibst bei mir, wie du bei mir warst. Was wären wir, wie hielten wir's aus unter den täglichen Hammerschlägen in dem wirren Mühlengetriebe des Egoismus und der Erbärmlichkeit, ohne den Glauben an eine vollkommene Welt, die nur den Ungeweihten unsichtbar ist, die auch wir nur in Momenten erblicken, aber dann so klar, stabil, ineinandergefügt, daß wir Trost schöpfen am Born dieses ewigen Organismus und lächeln mögen über uns, daß wir uns von den Widerwärtigkeiten, dem Schmutz, den Nebeln irren ließen und verzweifelten! – Das sollen wir nicht, es ist unsre Aufgabe, den Schmutz fortzukehren, die Dünste wegzublasen und den Spiegel in uns klar zu halten für jenen Silberblick. Arbeit kostet es, ein furchtbar Ringen, Selbstkämpfe mit unsern schönsten Illusionen, aber auch sie sind ein falscher Trost, sie müssen erst überwunden sein, bis wir schauen – den unsichtbaren Staat, die unsichtbare Kirche, bis die unsichtbare Weltordnung so klar vor uns liegt wie dort der gestirnte Himmel über uns. Es ist nur Stückwerk, Adelheid, wohin unser Auge dringt, aber atmet nicht deine Brust froher auf? Die Sterne irren nicht, aber sie wandeln. Wir wandeln auch, aber wir sind glücklicher als jene, die, wenn der Wandellauf sich erfüllt, Wunder sehen, hier Abgründe, dort flammende Berge. Wir lassen uns nicht erschrecken, wir vergehen nicht in Jubel; wir wußten, es mußte so kommen, und stehen gerüstet für das, was darauf folgt. – Es wird noch viel Schlimmes folgen, du wirst gerüstet sein, du wirst ihm klar ins Auge blicken.« »Lebe wohl, Walter!« wiederholte sie und drückte, sich auf den Zehen hebend, einen Kuß auf seine Stirn; dann schwebte sie in den Wagen, er rollte fort. In einem andern Pavillon des Gartens war eine militärische Gesellschaft versammelt, ihr Mittelpunkt der General, den wir vorhin auf der Estrade sahen. Es gibt Momente, wo auch ein Feldherr genötigt ist, ein Auge zuzudrücken. Solch ein Moment war's, als der General es geraten fand, das tölpelhafte Betragen der Trainknechte nicht zu sehen. Er hatte mit den andern – des Staubes wegen, der nichts mehr zu sehen erlaubte, den Balkon verlassen. Jetzt nahm die Erzählung eines jungen Offiziers, der erst später zu diesem Kreise getreten, die Aufmerksamkeit in Anspruch. Er war aus Mitteldeutschland, wohin er in einem Auftrage gesandt gewesen, zurückgekehrt und berichtete über die Streitkräfte des Feindes, welche sich am Main und Rhein sammelten. »Und halten Sie diese Kerle nun, wie Sie dieselben schildern, für stark genug, mit einer disziplinierten preußischen Armee es aufzunehmen?« »Exzellenz, trotz alledem sind es nicht mehr die ›windigen‹ Franzosen, wie wir sie ehedem nannten. Es ist wahr, sie stehen in Reih und Glied nicht wie eine Mauer, sondern ich möchte sie einem Ährenfeld vergleichen, das bei jedem Windesspiel sich bewegt. Das ist ihre natürliche Alertität, aber sie stehen ihren Mann, und, was gefährlicher, sie fliegen, während Österreicher und Preußen marschieren, und vermöge der Leichtigkeit ihrer Bewegungen steht im Augenblick ihre Front, wo der Feind seine Flanke und seinen Rücken hat. Ich hatte oft Gelegenheit, sie auf dem Marsche zu beobachten, und wenn man dies gruppenweise Hintänzeln sieht, dies bunte Durcheinander, dazu das Lachen, die Geschwätzigkeit, wird man zum Glauben verführt, daß es ein leichtes sei, mit ihnen ein neues Roßbach zu spielen, daß eine unvorhergesehene Reiterattacke sie aufrollen müßte. Aber vermöge dieser Leichtigkeit sind sie ebenso schnell wieder in Ordnung und zum Angriff bereit.« »Sie sagen uns da nichts Neues.« »Noch vermesse ich mich, dies sagen zu wollen. Aber wenn ich heut unsre schwerfällige Bagage sah, und so traf ich es auf dem ganzen Wege nach Magdeburg, und einen Marsch der Franzosen damit vergleiche, so wird mir mancher ihrer Erfolge erklärlich, der uns wunderbar bedünkte. Mit Erstaunen sah ich bei ihnen, Exzellenz, daß nur der Regimentskommandeur oder der Bataillonschef reitet. Einige Adjutanten neben ihm, das sind die einzigen Pferde. Ihre kleinen Tornister auf dem Rücken, spazierte oder tanzte das Offizierskorps in anmutigem Gespräch bergauf, bergab.« »Wo haben sie denn ihre Kampagnepferde, Herr von Müffling?« »Das fragte ich auch und ward ausgelacht. Sie haben keine.« Der General musterte die Gesichter der Offiziere, auf denen hie und da eine Zustimmung zu liegen schien. Er schüttelte den Kopf: »Das mag relativ seine Vorteile haben und für diese da passen, die aus dem Strudel einer Revolution geboren sind, aber ein preußischer Edelmann, Herr von Müffling, wird sich nie dazu verstehen, zu Fuß zu gehen.« Damit war die Sache abgemacht, es verstand sich, daß keine andere Meinung erlaubt war. Aber bei der Tafel erlaubte man sich doch Bemerkungen, daß die Armee unverhältnismäßig viel Bagage mitschleppe, daß das Auge des großen Königs nicht alles würde gutgeheißen haben, was die Offizierswagen enthielten. Der General fand es für gut, darauf zu bemerken, daß Friedrichs Kriege und Märsche aus einem besondern Gesichtspunkte angesehen werden müßten. Hier komme es nicht darauf an, durch forderte Märsche und Schwenkungen einen Feind zu überraschen, sondern durch die Wahrheit ihm zu imponieren. »Das geschieht, wenn wir ihm das ganze Gros der preußischen Kriegsmacht mit allem Apparat gegenüberstellen. Und da kommt es denn auf einige Bagagewagen mehr nicht an.« »Aber das ist doch zu toll«, erlaubte sich ein anderer General zu bemerken, »der Lieutenant Wolfskehl hat, wie ich eben höre, ein Klavier in seinem Reisewagen mitgenommen.« Man lachte, der erste General auch. Zu andrer Zeit würde er vielleicht nicht mitgelacht und gegen einen Lieutenant seines Regiments in ähnlichem Falle gedonnert haben; aber er war bei guter Laune: »Sind die Ritzengnitze so musikalisch? – Im übrigen, meine Herren, es drückt doch eine Assurance aus, die ich beim Militär liebe. Entweder – die zwei Fälle haben wir vor uns, die Schlacht ist nicht entscheidend, dann beziehen wir Winterquartiere, oder wir schlagen die Franzosen aufs Haupt, dann ist die Jahreszeit zu weit vorgerückt zur Poursuite , und wir beziehen auch Winterquartiere. Und ist denn das was Unziemliches, in den Winterquartieren Musik zu machen? Der junge Mensch will sich bei Prinz Louis insinuieren. Lassen wir's ihm.« Der General war sogar bei froher Stimmung. Die Zahl der leeren Rheinweinflaschen hatte sich hinter den Stühlen vermehrt. Als die Aufwärter abgetreten und ein Wink auch die Ordonnanz entfernt hatte, blickte die Exzellenz, das Glas ergreifend, schlau um sich und sah dann auf einen bekränzten Kupferstich vor ihnen auf der Wand. Er stellte den Prinzen Louis Ferdinand vor: »Meine Herren Kameraden, wir sind unter uns. Braunschweigs Plane plaudre ich nicht aus, denn er teilt sie niemand mit. Aber es gibt Lineamente, die ein gutes Auge von selbst entdeckt. Unser Gros steht bei Weimar und Erfurt, wir schieben unsre Tete bis Eisenach vor. Auf diese wirft sich Bonaparte mit seinem gewohnten Ungestüm; wir wollen zugeben, daß wir anfänglich etwas zurückweichen. Das können wir mit guten Ehren, verstehen Sie mich, bis wir stehenbleiben, aber dann stehen wir auch. Inzwischen hat Prinz Louis, der die Saale scheinbar okkupiert, einen Flankenmarsch am Thüringer Walde effektuiert, und wenn wir ihn geschlagen haben, ist nur die Frage, wo er das Loch finden soll, um zu echappieren. Der Prinz wird's ihm verlegen, meine ich, und dann ist die zweite Frage: was mit dem Kerl anfangen, wenn wir ihn haben? Wir haben ihn, sage ich Ihnen, wie unter diesem Hut, und der Prinz, ich gönne ihm die Ehre des Tages. Angestoßen, Kameraden, Prinz Louis Ferdinand!« Von der Erschütterung der Aufstehenden oder vom Klang der Gläser fiel das Bild von der Wand, das Glas zerbrach. Die Trinker hatten es wohl nicht gemerkt.   »Da lesen Sie!« rief der Minister ihm entgegen, als Walter spät zurückkehrte, und warf ein gedrucktes Blatt auf den Tisch. »Alles verloren, alles aufgegeben, alles aus!« »Unmöglich!« Es war das Manifest aus dem Hauptquartier Erfurt, d. d. 9. Oktober. »Verloren, Exzellenz –« »Nenne ich eine Sache, die so angefangen, aufgegeben, die so verteidigt wird. Da haben wir's, Lombards Meisterstück, kulanter, glänzender Stil, süße Suade, ein junger schüchterner Advokat könnte nicht besser seine erste Proberede halten.« »Aber der Inhalt!« »Lesen Sie! Entschuldigungen, daß wir so dreist sind, Bonaparte den Krieg zu erklären, falls er nicht so höflich ist, den wirklich unangenehmen Übelständen abzuhelfen, deren Gründe wie ein Rabulist sie aus den Winkeln zusammenklaubt, und zwischen jeder Zeile die Bitte, er möchte es ja nicht übelnehmen.« »Hier finde ich doch eine Stelle, die mich bei Lombard in Erstaunen setzt: ›Es ist Preußen erlaubt, an seine hohe Bestimmung zu glauben.‹« »Die ist wohl aus Versehen stehengeblieben oder aus Complaisance gegen Müller, oder wer sonst an einem Entwurf sich versucht. Und es ist ihm ›erlaubt!‹ Oh, es ist himmelschreiend, nein, diabolisch lächerlich, mit solchem Wisch von Deduktion einem Napoleon entgegenzutreten. Ich getraue mir in seiner Stelle – nein, er braucht nur die Schreiber seiner Schreiber die Feder ins Tintenfaß tauchen zu lassen, und sie können Europa haarklein aus unsrer eignen Schrift beweisen, daß wir im Unrecht sind. Was handelt es sich denn hier um Recht und Unrecht! Was ist hier Recht und Unrecht? Wir streiten nicht, wer zuerst die Pfefferbüchse nehmen, wer zuerst im See fischen darf, wir streiten –« »Um das, was sie nicht auszusprechen wagen.« »Sie müssen's, sie mußten's. Die ganze Sprache der Entrüstung in die Waagschale getan, die Sympathien, die heiligsten und heimlichsten Gefühle der Nation mußten angerufen, Deutschland, wo es ist, sitzt, wie es heißt und wie es spricht, aufgerufen werden, mit Flammen mußten sie schreiben, mit Scheidewasser, das in die Nieren dringt. Auf dies diplomatische Machwerk erhebt sich kein Arm, und die ehedem wollten, ziehn ihn wieder zurück, denn wo können sie vertrauen? Wenn er uns morgen ein Kompliment schickt, müssen wir übermorgen den Degen in die Scheide stecken. Wo kann nur ein Alliierter noch auf uns bauen, wenn wir nicht jetzt wenigstens uns selbst in Aufrichtigkeit und Aufopferungsmut überboten, die Schiffe hinter uns verbrannten, die Scheide wegwarfen. Wir taten's nicht, wir verspielten wieder – alles, weil wir wieder nur halb einsetzten.« »Alles?« rief Walter. »Der Degen ist aus der Scheide, und der Herzog von Braunschweig –« »Ein Greis, zitternd vor den Schauern der Vergangenheit. Wenn ein Schwindel in der Schlacht ihn überkommt, wenn er ohnmächtig wird, so müssen wir die Schlacht aussetzen, denn wie ein eigensinniger Arzt hält er auf Arkana, will sein Rezept niemand mitteilen, und diesem einen muß der unglückliche Fürst sein Vertrauen, sein Reich, sein alles übergeben, ohne ihm eigentlich zu trauen. Wär's nicht zu fürchterlich, klänge es wie eine bittere Satire – ein arabisches Märchen –« »Wenn auch Sie, gnädiger Herr, die Hoffnung aufgeben!« »Ich gebe nichts auf«, sprach der Minister mit Stolz, »nicht die Hoffnung, nicht meine Plane, nicht einmal mein Vertrauen zu diesen Menschen, denn ich hatte es nie. Komme, was da will, es muß darauf wieder anders kommen, und vielleicht ist es gut, in Gottes Ratschluß, daß das Nächste schlecht ist, unerträglich schlecht, daß sie in Verzweiflung sich zerreißen, daß – daß – aber Sie, van Asten«, sprach er und legte die Hand ihm auf die Schulter, »Sie dürfen nie verzweifeln, nie den Kopf sinken lassen, mir nie den Stuhl vor die Tür setzen, auch wenn ich Sie im Unmut einmal zur Tür hinauswürfe. – Die Augen auf! Wenn ein Unglück geschieht, haben wir alle Hände voll zu tun. Jetzt gehen Sie schlafen, damit Sie morgen wach sind.« Dreizehntes Kapitel. Die Schüler des Schauspielers . Es war eine wunderbar bewegte Nacht vom 13. zum 14. Oktober. Die Sterne warfen kein Licht auf das tiefe Saaletal, und die Tausende von Lichtern, die auf Befehl an den Fenstern der Stadt Jena brannten, verbreiteten nur einen ungewissen Schimmer, der die Dunkelheit noch dunkler zeigte. Aber durch die Nacht rauschte und dröhnte es, wie wenn Dämonen einer Erdrevolution vorarbeiten. Durch die Krümmungen der Schlucht, soweit das Auge getragen hätte, das Ohr reichte, wogte und wallte es; es war kein Strom, der durch die Rippen der Erde bricht, keine Windsbraut, die die Wolken peitscht, keine Feuersbrunst, die über Dächerreihen prasselt, es war ein heimliches, dumpfes Wirken und Schaffen, wie eine Sprache, die keine artikulierten Töne findet. Wie die Riesenschlange die Erde umfaßt, in lautloser Wut und Kraft drückt sie ihre Weichen, und da steigen gepreßte Schmerzenstöne in die Luft, so durchbrach die Monotonie hier ein Schrei, dort ein Hallo, ein Zusammenstoß der Geschütze und Rüstwagen, ein Peitschenknallen, ein gräßlicher Fluch. Dann aber wieder tiefe Stille, man hörte nur den dumpfen, dröhnenden, ehernen Tritt der Tausende, die Erde stampfend, das Wiehern der Rosse, das wuchtige Rasseln der Kanonen. Die Heeressäulen der Franzosen wälzten sich durch das tiefe Saaletal; wie die fabelhafte Heerschlange, die im Thüringer Walde sich zeigt, eine Kette, Mann und Roß, von den Höhen der Berge bis schon hinaus viele Meilen über Jena, da, wo die Unstrut in die Saale fällt. Die Thüringer, die das Weh aller großen Kriege, welche Deutschland zerfleischten, in ihren schönen Tälern, an ihren Berggeländen recht aufgesogen und eingesammelt, hatten solche Massen Krieger nie gesehen. Eine Völkerwanderung schien es. Wo die Schlange sich in dem Lichtschein ringelte, blitzte es auf von den Bajonetten und Flintenläufen, den funkelnden Säbeln, von umbauschten Helmen. Da auf dem Markte preschten die Chasseure, Raum machend für den Gewaltigen, und die Glieder standen und präsentierten. Es war eine kurze, aber ernste Heeresschau. Tausende und Tausende wälzten sich durch die Tore weiter, aber Tausende und Tausende verschwanden aus der lichthellen Stadt, man wußte nicht, wohin. Keiner legte sich zur Ruhe, der Kaiser wachte! Für wieviel Tausende sollte es die letzte Nacht sein, eine schlaflose Todesnacht. Steile Felsberge wipfeln sich über der Stadt; die Knaben üben sich im Spiel zu klettern, der Jenaer Bursch wagt in kecker Laune den gefährlichen graden Aufweg; wie wollen Mann und Roß und Kanonen zu uns herauf? scheinen die kahlen Berge höhnisch zu fragen. Aber ein siegreiches Kriegsheer hat für jede Mauer eine Leiter. Es ward eine Nacht voll Bewegung und Leben; Fackeln, brennende Kienscheite erhellten die Berge, die Axtschläge krachten durch das Tal. Es gibt keine noch so nackte und steile Höhe, die nicht durch Schlingungen und Wendungen zu gewinnen ist. Einige hat hier die Natur oder Vorzeit schon gebildet, der Berg am Mühltal heißt die Schnecke, andre kann ein geübter Blick suchen, und wo die Natur vorgearbeitet, hilft die Kunst nach. Napoleon hatte in jener Nacht auch die Hilfe der deutschen Wissenschaft. Ein gelehrter Militär in seiner Suite, welcher einst in Jena studiert, wies den Ingenieuren die Stege, die er im tollen Übermut der Jugend erklettert. Was man in einer Wette tut, um Kannen Bier, soll man's nicht, wo der Einsatz die Weltherrrschaft ist! Schaufeln und Äxte halfen nach; Geröll, in die Tiefen geschleudert, Baumstämme werden zu Brücken, und das Saaleufer von Jena war kein schneebedeckter Simplon. Wo die Pferde nicht konnten, zogen Menschenarme das Geschütz. Napoleon schmähte in dieser Nacht nicht auf die Ideologie der deutschen Studenten. Lange ehe der erste Hahn krähte, war es vollbracht. Die Massen der kaiserlichen Garden und Linientruppen standen, ein dichtgedrängt Karree, auf dem Bergufer; und auf dem Landgrafenberg, dem höchsten Punkte, von dem das Auge eine weite Aussicht hat auf die Hochebene, die sich nach Weimar erstreckt, erschien der Feldherr in der Mitte der Seinen. Fackeln beleuchteten den grauen Mantelrock, das schöne, prüfende Auge des Siegers, während er längs der Reihen ritt und den Jubel, der ihn begrüßte und verdoppelt bei jeder neuen Reihe in die Luft schallte, mit dem Lüften seines Hutes erwiderte. Seine Lippen blieben verschlossen, die Augen sprachen um so beredter: es ist morgen ein größerer Tag denn je! Der Jubel verhallte, er war in das Gebüsch geritten, um – zu ruhen, bis der Tag der Entscheidung anbrach. Auch seinen Kriegern war es jetzt vergönnt. Sie sanken hin, wo sie in Reih und Glied gestanden, die neben dem Pferde, die unter der Kanone; die kalte Nacht ihr Mantel. Hier brannten wenige Feuer, auch diese halb versteckt hinter Gebüsch und Erderhöhungen. Die Augen schlossen sich, ein allgemeines Schnarchen, ein Bild des Friedens wenige Stunden vor einem Gemälde des Todes, und welchem! Nicht alle schliefen. Die dunklen Gestalten dort vorn, in ihre grauen Kapottmäntel gehüllt, das Gewehr in den Arm gedrückt, gegen einen Baum gelehnt, an einen Steinhaufen gekauert, hatten scharf das Aug geöffnet. Es verfolgte jeden Rauchwirbel, der über den Wachtfeuern des Feindes sich kräuselte, jeden Windzug, der in der Zeltleinwand spielte. Seit die Rotten und Glieder sich auf die Erde gestreckt, konnte man das Schauspiel frei übersehen. So weit das Auge in die Nacht reichte, Wachtfeuer und Zeltreihen. Durch sechs Stunden dehnte sich das Schlachtfeld der Preußen aus, hell, licht, alles in bequemer, hergebrachter Ordnung. Und hier auf engem Raum, um einen bewaldeten Berg zusammengedrängt, im Dunkel seiner Schatten und der Nacht, und am Rande eines Abgrunds hinter ihm der Feind. Die Wachtposten standen kaum auf Schußweite voneinander entfernt; aber es fiel kein Schuß, kein Alarmzeichen, kein versprengtes Pferd störte die Ruhe. Schien es doch ein stillschweigend Abkommen, sie bedurften beide der Ruhe, um morgen sich zu morden. Nicht alle schliefen, auch von denen nicht, welchen es vergönnt war. Unter einer Eiche lag ein zum Tode Verurteilter. Der Offizier, der ihm zur Bewachung zugeordnet, hatte ihm doch höflich das Bund Heu, das für sein Pferd bestimmt, zum Kopfkissen gegeben, daß er, so bequem es ging, eines letzten Schlafes vor seinem letzten Tage sich erfreue. Aber Louis Bovillard konnte nicht schlafen, oder er hatte schon genug geschlafen; er richtete sich auf und stützte den Kopf auf seinem gesunden rechten Arm. Der linke war verwundet, ein Verband war darumgeschlungen. Vorgestern war er, als er, aus dem Saaletal aufgescheucht, über die Schwarzach setzen wollte, von französischen Jägern angerufen worden. Als er die Antwort schuldig blieb, hatten sie gefeuert. Am Arm verwundet, war er vom Pferde abgeschleudert und gefangen worden. Man hatte ihn nach Kahla gebracht und vor ein Kriegsgericht gestellt. Da er nichts sagen konnte oder wollte, als daß er in Aufträgen seiner Regierung nach Franken geschickt gewesen und, beim Rückwege unter die Scharen der Franzosen geraten, den Versuch gemacht, durch den Thüringer Wald sich nach dem Hauptquartier seines Königs durchzuschlagen, hatte das Gericht ihn für einen Spion erklärt und zum Strang verurteilt. Irgendein Zufall, der schnelle Abmarsch, hatte die Exekution verhindert; man hatte ihn mitgeschleppt bis Jena. Auch hier war dazu keine Zeit man hatte ihn auch auf den Berg mitgeschleppt. – Betrachtete er jetzt über sich den dürren Ast der Eiche, von dem er morgen herabschweben sollte, eine kalte Leiche? Oder suchte sein Auge durch den nebelgrau belegten Himmel nach einem Stern, an den er seine Hoffnung knüpfen wollte? Es war keine Hoffnung, die noch mit diesem Leben liebäugelt; das sprach sein umflorter Blick. Man hatte ihn immer menschlich, zuletzt mit chevaleresker Höflichkeit behandelt. Sein Wächter hatte ihm vorhin eine Zigarre angeboten, mit dem seltsamen Trost, wie in Spanien, woher er sie gebracht, die Sitte fordere, daß der Henker mit seinem Opfer eine Art Friedenspfeife raucht. »Der Tod ist ja der Frieden!« hatte der Gefangene erwidert. Eine Schar Krähen, von der momentanen Stille getäuscht, hatte sich auf den Ästen des Baumes niedergelassen; auch sie schienen wie der kluge Feldherr das große Feld zu überschauen, wo morgen abend eine Tafel, und eine wie große für sie gedeckt sein sollte. Der Offizier, der, mit verschränkten Armen auf einem Sattel sitzend, die Augen auf einen Moment geschlossen, schien durch das Gekreisch der Tiere erweckt und sah mit Verwunderung die Stellung seines Gefangenen. Der Gedanke an einen Fluchtversuch konnte ihm nicht kommen: »Schreckten böse Träume Sie auf, oder die geflügelten Bestien da?« »Ich bin auf mein Schicksal gefaßt.« »Um so mehr Aufforderung, die letzten Momente in Ruhe zu genießen. Nehmen Sie eine Morgenerfrischung.« Louis lehnte mit Dank die ihm dargereichte Flasche ab: »Der Zustand meiner Wunde erlaubt es mir nicht.« Der Kapitän lächelte: »Sie sind nicht Soldat. Die Wunde ist nur leicht.« Bovillard verstand den Sinn der verhüllten Antwort: »Meine Wunde ist tiefer, Kapitän.« »Und Ihr Auge stößt sich an dem dürren Ast über Ihnen. Hat Ihnen der Traum so bestimmt gesagt, daß Sie grade an dem die Sonne zum letztenmal aufgehen sehen werden?« »Ich werde eine Sonne dort untergehen sehen.« »Wenn ich Ihnen nun meine Meinung sagte, daß Sie dieser Prozedur überhoben sind! Die Reminiszenzen an die Pariser Laternen sind in der Armee nicht beliebt. Daß man es bis jetzt nicht exekutiert, was da in Kahla im ersten Aufbrausen diktiert ward, könnte Ihnen sagen, daß man sich die Hände mit der Strickarbeit nicht beschmutzen will. Es ist wahrscheinlich schon beschlossen, wenn die Sonne aufgeht, Sie hier unter dem Baume zu füsilieren. Sie gehen dann aus dieser Welt, wie vielleicht eine Viertelstunde später die, welche Ihnen den letzten Dienst erwiesen, vielleicht wie der, welcher jetzt die Ehre hat, die letzte Konversation mit Ihnen zu führen, gewiß wie Hunderte, welche Zeugen sind, daß Sie mutig sterben. Denn ich traue Ihnen das zu.« »Ich freue mich auf den Tod.« »Wenn diese Freude Ihnen nun vergällt würde«, sagte der Offizier nach einer Weile. »Ich spreche darin nur eine Vermutung aus. Aber es ist sonderbar, daß man Sie nicht unten abtat, daß man Ihnen und uns noch die Mühe machte, Sie diesen verteufelten Weg heraufzuschleppen. In welcher Absicht konnte das sein?« »Vielleicht, um Nachrichten aus mir zu pressen, die meine Untertanenpflicht zu geben mir verbietet. Man irrt sich.« «Pah!« rief der Offizier. »Aus Ihren Papieren, soweit sie von Ihnen nicht vernichtet sind, ersieht man, daß Sie auf einer Mission nach Franken waren. Sollten Sie vielleicht eine Freie Reichsstadt, einen Abt und Bischof oder gar die Bauern aufwiegeln? Was kommt es meinem Kaiser darauf an! Die Deutschen lassen sich nicht aufwiegeln. Oder sollten Sie belauschen, welchen Plan wir gemacht, durch den Thüringer Wald zu brechen? Unsre Tat kommt überall Ihren Spionen zuvor. Wir sind durchgebrochen, wir haben geschlagen.« Der Gefangene schwieg, der andere fuhr nach einer Pause fort: »Kamerad, aus Vorsicht möchte ich Ihnen anraten, präparieren Sie sich noch für einige Momente auf das Leben. Sahen Sie nicht, daß der Kaiser einen eigentümlichen Blick auf Sie warf? Er wandte noch einmal sein Pferd, um Sie wieder anzusehen.« »Wie der Tiger sein Opfer, ehe er es zerreißt. Das war sein Blick auf Leichenhaufen.« »Die sieht er vor jeder Schlacht. Ob eine mehr oder weniger, darauf kommt es –« »Dem Großhändler über Menschenleben freilich nicht an.« »Sie haben den unnatürlichen Haß Ihrer Nation gegen ihn eingeimpft.« »Nein!« antwortete Bovillard nach einigem Besinnen. »Dann würden Sie sich selbst sagen: Wenn ein Fürst einen zum Tode Verurteilten vor sein Auge ließ, bedeutete es sonst Gnade.« »Sonst!« »Sie prätendieren doch nicht, daß Napoleon einen persönlichen Haß gegen Sie hat, daß er an Ihrer Angst sich weiden wollte?« »Sowenig, als ich glaube, daß er den Herzog von Enghien persönlich haßte, auch nicht den Buchhändler Palm.« »Sie nähren selbst einen bitteren Haß gegen den großen Mann. Das tut mir von Ihnen leid.« »Gegen den großen Mann! Nein. Es gab Stunden, wo ich ihn bewunderte. Ja, in dieser meiner letzten darf ich es aussprechen, Momente, wo ich in ihm den neuen Heiland der modernen Weltordnung erblickte. Seitdem – genug! »Und zweifeln Sie jetzt, daß sein Atem stark genug ist, die langen Zeltreihen da umzublasen?« »Die sehe ich schon am Boden liegen.« »Nun, und warum ist er Ihnen nicht mehr groß?« »Weil er keine Größen neben sich erkennt –« Louis verstummte. Was ein Sterbender spricht, hat für den Anspruch auf Achtung, der selbst den Tod vor Augen sieht. »Besorgen Sie nicht, mich aufzubringen, Kamerad; was die Deutschen denken, fängt an, uns in Frankreich mehr zu interessieren, als Sie denken. Weil wir soviel handeln, haben wir jetzt nicht Zeit zum Denken. Sie sahen in ihm den Prometheus, warum nicht mehr?« »Diese Sucht, alle die zu verleumden, die er fürchtet, und selbst die, welche ihm dienten, in der Meinung der Welt zu stürzen, um sie in sicherer Abhängigkeit von sich zu erhalten, das ist nicht das Kriterium einer großen Seele, nicht Heroendrang, kein prometheischer Funke, es ist nur der Abglanz der ewigen Gemeinheit, an der die Menschheit krank ist – todkrank – und diese Krankheit grassiert – furchtbar –« »Was tut's!« warf der Franzos ein. »Die Welt will er besser machen, mit den Menschen überläßt er die Prozedur den Toren.« »Und wie kann sie besser werden, wenn die Menschen den Bodensatz, die Schlacken nicht von sich werfen? Der edle Prinz, den ich bei Saalfeld stürzen sah, war ein Bewunderer Ihres Kaisers. Einst rief er aus: ›Ich erlaube ihm ja, uns zu vernichten, aber moralisch zu meuchelmorden, das empört.‹« »Eine seltsame Konversation, Kamerad! Der zum Tode Verurteilte richtet seinen Richter. Ich hätte gewünscht, daß Sie heute wenigstens noch sein Bewunderer wären, daß man ihn darauf aufmerksam machen könnte –« »Und daß er vor der Schlacht einen Komödienakt spielen, großmütig mit einer Tirade aus Racine oder Corneille mich begnadigen könnte!« »Was kümmerte Sie die Posse, wenn sie den ernsten Schluß hätte, daß Sie mit dem Leben davonkämen, vielleicht gar mit der Freiheit. Nachher könnten sie darüber lachen, soviel Sie wollten. – Nun, im Ernst gesprochen – weiß man in seiner Suite, wer Sie sind –« »Da weiß man sehr viel!« »Der Sohn eines Mannes von Einfluß, der lange die französische Partei an Ihrem Hofe gehalten, vielleicht noch jetzt. Das hat die Gemüter sanft gestimmt, Gott weiß, welche Konjekturen die Herren daran knüpfen, genug – ich glaube, es käme nur auf Sie an –« »Ich sterbe in der größten Tragödie, in der mein Vaterland untergeht.« Die Augen des Verwundeten stierten mit einem Fieberglanze auf die Wachtfeuer im Tale, deren Flammen jetzt sichtlich niederbrannten. Der Offizier sah ihn verwundert an: » Wir werden siegen, denn ich glaube fest an Napoleons Stern. Aber Sie, ein Preuße! Der kleine Sieg bei Saalfeld –« »Ward zum entscheidenden, da Ihre Feldherren ihn benutzten, die Saale in reißender Schnelligkeit zu okkupieren. Sie haben das preußische Heer umflügelt, von den Marken und Sachsen, woher es seine Lebenssäfte erhält, abgeschnitten, Sie haben die Höhen des Flusses, die Übergangspunkte besetzt, Sie greifen es im Rücken an und drängen es mit Ihrer Übermacht in Positionen, wo Sie Herren sind. Und hier vor meinen Augen sah ich die Nacht, das Lager von Hochkirch wieder, sogar der verhängnisvolle Jahrestag ist's der Schlacht! Dort die weitzerstreuten Feuer der sorglos Gelagerten, ohne Schanzen, Verhau, natürliche Grenzen; hier zusammengekeilt auf der Höhe, welche das Plateau beherrscht, eine stärkere Kriegsmacht, die, beweglich und elastisch, wie ein Bergstrom hinabrauschend, die zerstreuten Feinde durchbrechen, trennen, aufrollen, vernichten muß. Und der größte Feldherr des Jahrhunderts gebietet über ein Heer, das eine Einheit ist. Ja, mein Herr, diese verdienen vernichtet zu werden, die Sie auf die steilen Wände klimmen ließen, ohne den Versuch nur, Sie daran zu hindern. Die mit Mann und Roß und vollem Geschütz müßig, zaudernd, unschlüssig zusehen konnten, wie Napoleon sich auf diesen Höhen formierte, die keinen Angriff wagten und Ihre Kolonnen nicht in den Abgrund stürzten – die sind schon geschlagen, vernichtet.« Der Sprecher sank zurück und drückte sein Gesicht in das Heu. Mit gespannter Aufmerksamkeit hatte der Kapitän ihm zugehört. Mit Voranschickung eines französischen Fluches schloß er: »In Ihnen ist ein Soldat verloren!« »Verloren – verloren!« murmelte Bovillard dumpf in sich. »Warum, Kamerad? Der Mann ist's nie, wenn er sich nicht selbst verlorengibt.« »Oder eine höhere Hand ihn schlug! – Da wieder!« Er atmete krampfhaft auf. Die brennenden Augen stierten in den Morgennebel. Die Hand machte eine konvulsivische Bewegung, er war im Fieber: »Morgen, morgen hinab – mit meinem Vaterland!« »Sehn Sie Geister?« Der Kapitän fuhr mit Franzbranntwein über die eiskalte Stirn des Verwundeten. Er erholte sich, er hatte sich wieder aufgerichtet. Die Krähen flatterten, durch etwas erschreckt, schreiend in die Höhe. Die Morgenluft strich durch die Wipfel des Holzes. Es war ein Bedürfnis, sich selbst Luft zu machen, als Louis mit tonloser Stimme vor sich hinsprach: »In Rudolstadt, am Tage vor seinem Tode, hatte der Prinz an der fürstlichen Tafel gespeist. Die Familie nahm ihn beim Aufbruch mit sich in ihre Gemächer; er winkte mir im Abgehen, daß ich auf ihn warte. Dort warf er sich ans Klavier und überließ sich seinen Phantasien. Er hat nie so schön gespielt. Ich stand allein in dem Saal, ein altertümlich Zimmer, es dunkelte. Ich lehnte mich an den Fensterpfeiler und sah den Wolken zu, die über den Horizont strichen. Ich schloß wohl die Augen. Das waren Töne, die nicht die Finger den Tasten entlockten, die Seele wogte in düstern und schmerzlich weichen Melodien; er schüttete sein Innerstes aus. Die Prinzessinnen weinten. Wolken, nichts als Wolkengetreibe mit blutroten Streifen. Da fuhr eine kalte Hand über meine Stirn, die Hand des Todes, und vom Druck öffneten sich meine Augen. Es gleitete an der Wand hin ein Schein, ein Licht, wie ich es nie gesehen – ein Roß in den Wolken, Pulverdampf, Staub. Es bäumte sich mit seinem Reiter – ein Blitzschlag oder ein Strahl, aus den Wolken niederzuckend – der Schädel spaltete – die Brust klaffte – der Reiter sank vom Pferde und es ward wieder Nacht. – Im selben Augenblicke schloß das Spiel am Klavier mit einer grellen Dissonanz, als sprängen die Saiten. Der Prinz, blasser als je, trat heraus und winkte mir, ihm zu folgen. Er blieb einsilbig. Als er mich entließ, sprach er dumpf: ›Ich habe meinen Tod gesehen –‹ Er hatte gesehen, was ich sah.« »Und?« »Er fiel am nächsten Tage.« »Und Sie?« »Ich bin kein Fortepianospieler, der auf den Wellen der Melodien sein Schicksal beschwört. Und doch, vorhin drückte wieder dieselbe kalte Hand auf meine Stirn, die Wolken teilten sich, und ich sah – ich sah nicht mehr, als ich schon längst gesehen, und ich sehe es wieder –« Er richtete sich plötzlich auf, er stand aufrecht: »Lachen Sie doch! – Wenn Sie ein Schüler sind von Voltaire und Diderot, so müssen Sie mich auslachen – ich sah mich selbst.« Der Kapitän lachte nicht, ihn fröstelte. Er sah eine Patrouille mit einem Ordonnanzoffizier heraneilen. Er reichte dem Gefangenen die Hand: »So wünsche ich Ihnen wenigstens eines – vor Ihrer letzten Stunde einen letzten Sonnenblick.« Bovillard schüttelte die dargereichte: »Das ist ein guter Wunsch. Das Scheiden von diesem Leben wird mir nicht schwer, ist's doch nur ein Rest, den ein Verschwender ließ – aber scheiden mit einer hellen Aussicht, von Harmonien umrauscht – und – es ist mir gewährt, ich sah ein Bild –« Der Ordonnanzoffizier war herangetreten: »Der Gefangene soll schleunigst vor Seine Majestät den Kaiser gebracht werden.« »Glück auf!« flüsterte der Kapitän ihm zu. »Das ist Ihr schönes Bild.« In der kleinen Hütte eines Heidewärters stand der größte Mann des Jahrhunderts. Sie war so klein, daß der Adjutant, der die Feder führte, sich in den Winkel drücken mußte, um den Bewegungen des Kaisers Platz zu machen. Den Hut auf dem Kopfe, den Kapottrock über der Uniform, schritt er auf und ab, den Tubus in der behandschuhten Hand. Er diktierte, er sprach zu den Generalen, die im Halbkreis draußen standen, durch die offene Tür. Durch diesen vornehmen Wächterkreis war auch der Gefangene in die Hütte gebracht worden. Der Kaiser hatte ihn offiziell nicht bemerkt; er diktierte weiter, er observierte mit dem Tubus durch das Fenster. »Wenn die Sonne aufgeht, okkupieren am linken Flügel die Tirailleure das Kiefergebüsch!« kommandierte er zur Tür hinaus. Ein Adjutant flog fort. Jetzt, als er sich umwandte, bemerkte er den Eingebrachten offiziell. »Ein Spion!« »Ein Gefangener, Sire!« Der Spion oder der Gefangene sank auch jetzt nicht auf die Knie, er zitterte nicht, er ertrug den kaiserlichen Blick fest, ruhig. Vier Augen, die sich begegneten, ohne zu zucken. »Ihre Generale lassen die Spione hängen, ich lasse sie laufen.« Der Gefangene stürzte dem Großmütigen nicht zu Füßen, er umfaßte nicht seine Knie, er küßte nicht seine Füße. Der Angriff war fehlgeschlagen. Sonderbar, und doch stimmten beide in ihren Empfindungen. Als der Kaiser jetzt wieder mit dem Tubus ans Fenster trat, glaubte der Adjutant ein Lächeln über seine Lippen schweben zu sehen. Auch über Bovillards Gesicht flog unwillkürlich eine Bewegung, die man so hätte deuten können. Wieder stand im Vorübergehen, wie zufällig, der Imperator vor dem Gefangenen still: »Ihr König hat den Krieg gegen mich angefangen; ich weiß nicht warum.« »Ich gehöre nicht zu den Vertrauten Seiner Majestät, meines gnädigsten Königs, auch nicht zu seinen Räten«, entgegnete Bovillard. »Meine Räte haben mir ein gedrucktes Papier aus Erfurt gezeigt. Da steht lauter Unsinn drin. Ich kann nicht glauben, daß der König von Preußen darum weiß.« Der Gefangene schwieg. Der Kaiser winkte einigen Generalen und gab ihnen leise Befehle. Es lichtete sich vor der Hütte. »Ihr König ist ein guter Mann«, fuhr der Cäsar fort, »aber er hat böse Räte. Sie sind von England bestochen. Er hört nicht die Wahrheit. Ich habe einen Brief von ihm erhalten, er schreibt, er will nicht Krieg. Ich will ihn auch nicht. Aber die Konspirationen meiner Feinde zwingen mich; sie sind auch seine Feinde, aller Welt Feinde. Sie leben von Intrigen, sie möchten in ihrem Ehrgeiz, ihrer Rachsucht die ganze Welt gegen mich aufwiegeln.« Der Gefangene schwieg. »Der Brief kam zu spät. Sagen Sie das Ihrem Könige. Das Blut, was vergossen wird, komme über ihre Häupter. Ich kenne sie – alle – alle!« Der Cäsar mußte noch Zeit haben zum Zorn; aber die Gelegenheit war ungünstig. Wenn ein Gegner, der uns in Zorn bringen soll, schweigt, müssen wir uns selbst in Harnisch setzen. »Sie waren bei dem Prinzen Louis«, fuhr er dazwischen, »ich meine in Saalfeld – Sie waren sein Freund.« »Ich sah ihn fallen, den ritterlichsten Fürsten, das edelste Blut, was für eine heilige Sache geflossen ist.« »Er war betrunken, als er ausritt.« »Er war der größte Bewunderer des größten militärischen Genius dieser Zeit und sprach von Eurer Majestät mit der hohen Achtung, welche jeder große Mann einer andern Größe schuldig ist.« Die Antwort kam dem Cäsar ungelegen. Indem er sein Auge nach einem Punkt draußen richtete, rief sein Blick einen Obristen heran. Er mochte etwas sehen, was dem Feldherrn nicht gefiel. Nachdem er dem Unwillen gegen den Offizier Luft gemacht, hatte er den Ton gefunden, in dem er gegen den Gefangenen einfiel: »Diese Hitzköpfe sind es, diese Kriegspartei von hirnverbrannten Phantasten, diese Ideologen und Studenten! Der Prinz hat seinen Lohn weg. Viel zu gut! Wie, ist es erhört, hier schreibt mir der König von Preußen, er wünscht Frieden, er wünscht eine Zusammenkunft, eine Vermittelung. Dies hätte sich so leicht gemacht. Und während sein König das mir schreibt, verläßt der Tollkopf seinen Platz, greift in rasendem Ehrgeiz meine Truppen an. Gleichviel ihm, wieviel Tausende darum ihr Leben ließen. Wollte durch die Attacke zur Schlacht zwingen. Und das nennt er Gehorsam gegen seinen Monarchen. Unerhört!« Es war die ernsteste Stunde in Louis Bovillards Leben. Dem größten Genius des Jahrhunderts stand er, der Unbedeutende, gegenüber, gewürdigt einer Unterhaltung, um die ihn Millionen beneidet hätten, und in der brennenden Krisis welchen Momentes! Und wie kam es, daß nicht Schauer von der Größe, nicht Haß und Bewunderung wie Fieberfrost und Hitze in ihm wechselten? Nein, er entsann sich des spöttischen Artikels einer englischen Zeitung, worin der angebliche Unterricht geschildert ward, den Talma dem neuen Kaiser im Ausdruck tragischer Affekte gebe. Er sah nicht den Gewaltigen vor sich, sondern den Schüler des Schauspielers. »Sire«, entgegnete er, »es ist die Taktik der Preußen, einen gewissen Angriff nicht abzuwarten, sondern ihm zuvorzukommen.« Seine Majestät der Kaiser mußte aus irgendeinem Grunde auch diese Antwort nicht gehört haben. Er fuhr im vorigen Tone, als wäre gar nicht dazwischen geredet, fort: »Füsilieren ließe ich ihn, wäre ich Ihr König, wenn er noch lebte. Weiß Ihr König nicht, wie auf diesen Prinzen die Hoffnungen der preußischen Jakobiner gerichtet waren? Wer stand ihm dafür, daß sein Ehrgeiz nicht weiterging? Von politischer Freiheit sprach er, er klagte, daß ich die liberalen Ideen ersticke – ich kann Briefe des Toten vorlegen – eine Krone wäre ihm nicht zu hoch gewesen, wenn seine Freunde sie ihm boten. Kennt Ihr König diese Freunde? Hab ich umsonst die Jakobiner in Frankreich zertreten, damit sie in Preußen ihr Haupt erheben? Ihr König dauert mich. Er ist von Schwärmern und Jakobinern umgeben. Man will nicht sein Wohl, man will liberale Ideen. Ja, die will man!« »Laßt die Toten ruhen!« sprach Bovillard. »Und die Weiber auch. Mit toll gewordenen Frauen kämpfen müssen! Und man soll nicht in Harnisch geraten! – Ich weiß alles. Warum ist die Königin bei der Armee? – Was tut eine Frau, wo die Waffen entscheiden? Ihre alten Generale sind außer sich. Weiber im Train, Weiber im Hauptquartier, und eine Armee ist verloren. Ich sollte mich freuen. Nein, ich weiß, was sie soll. – Den König warmhalten. Sie ist im Dienste Englands, von Alexander beschwatzt; sie ist die Hoffnung oder die Puppe der Schwärmer für Deutschland. Sie hat ihn angetrieben, sie das Feuer geschürt, sie ist die –« »Sire!« fuhr Bovillard auf, »muß ein Gefangener auf alles schweigen!« Napoleons Schlachtroß ward vorgeführt. »Gebt ihm die Briefe!« rief der Kaiser, »und das schnellste Pferd aus meinem Stall.« Das Roß stampfte. Der Kaiser war so dicht an Bovillard getreten, daß die Gesichter sich fast berührten. »Junger Mann, die Sterne gehen ihren Lauf trotz der Weiberlaunen und wehe, wenn in das Rad der Weltgeschichte eine Frauenhand greift. – Ich biete dem Könige von Preußen noch einmal meine Hand. Fliegen Sie mit dem Schreiben in sein Hauptquartier. Keinen Moment Rast, das Leben von Hunderttausend hängt an einem Haar. Dringen Sie zu ihm durch, selbst übergeben Sie ihm die Briefe, denn er ist von Verrätern umringt. Ich will den Angriff von Saalfeld, ich will alles vergessen, aber keine Weiber zwischen uns. Die Königin muß fort. Sie bringen ihm, Ihrem Vaterlande den Frieden, junger Mann. Rasch, ohne sich umzusehen, ohne zu atmen, wie der Blitz!« Das Schlachtroß bäumte sich unter dem Imperator. Der erste Kanonenschuß tönte dumpf aus der Tiefe, und in dem Augenblick ging die Sonne auf, eine unförmliche, blutrot dunstende Kugel, den Herbstnebel färbend, der nicht weichen wollte. Auch des Imperators Haupt war einen Augenblick von ihr angeglüht, der Jubelruf seiner Garden schwellte in die Luft. In Louis Bovillard rief eine Stimme: »Dieser Sieger bringt der Welt nicht das Heil, er bringt ihr den Sieg der Lüge.« Kaum daß der Kaiser fortgesprengt, stand der schönste andalusische Renner vor der Tür, man hob ihn hinauf, vornehme Offiziere waren dabei geschäftig, man empfahl ihm dringend Eile, die Richtung, die er zu halten habe, rechts am linken Saaleufer fort, damit er aus dem Bereich der scharmutzierenden Parteigänger komme, dann müsse er nordwestlich nach der Gegend zwischen Weimar und Auerstedt sich halten, rasch direkt nach des Königs Hauptquartier. Der Kapitän geleitete ihn wieder bis zu den äußersten Vorposten. Las er die Fragen und Zweifel auf der Stirn des Entlassenen? Er flüsterte ihm zu: »Ein Emissär Napoleons, ein Herr von Montesquieu, ist, wie ich eben hörte, von preußischen Parteigängern gefangen. Ihm könnte das Schicksal drohen, dem Sie entgingen. Die Großmut ist vielleicht das Fazit einer Rechnung. Gedenken Sie daran!« Das konnte es nicht sein! Auf der Höhe hielt er einen Moment, um Atem zu schöpfen. Der mit Millionen Menschenleben spielte, konnte zu einem solchen Spiel in solchem Augenblick sich nicht gedrängt fühlen – um einen seiner Offiziere! Da hörten die einzelnen Signalschüsse auf, das Knattern der Tirailleure verstummte vor dem Krachen der Geschützsalven, es donnerte an den Bergen, und die Erde unter ihm zitterte. Jetzt trieb ein frischer Morgenwind die Nebel auseinander. In dem Rahmen breitete sich zu seinen Füßen ein sonnenerhelltes Bild – die Schlacht von Jena. Und in ihm riß auch ein Vorhang, es ward heller und heller: dort will er den Fürsten von Hohenlohe schlagen, und er wird vernichtet, wenn das Hauptheer ihm nicht zeitig zu Hilfe eilt. Den König soll der Brief zweifelhaft machen, er soll, der Sirenenstimme der Friedenslockung horchend, den Moment versäumen, er soll zaudern, um selbst vernichtet zu sein! Louis Bovillard fühlte an sein Herz. Es schlug nicht, wie es sollte, er fühlte seinen Puls, er konnte die Schläge nicht zählen, er drückte die Hand an seine kalte Stirn. Ein tiefbanger Seufzer stieg aus seiner Brust: »Oh du Lenker des Weltalls! – nur bis dahin – warum so groß die Mission, wenn der Atem so kurz ist. Kraft nur – dann – dann –« Der Andalusier unter ihm scharrte und schnaufte in frischer Morgenjugendlust. »Dank für das Geschenk!« rief Louis. »Trage mich, mein Segler, durch die Lüfte. Du und ich, wir mögen in Staub sinken, wenn der Atem nur ausreicht zu einem Wort – ein letztes Wort!« Vierzehntes Kapitel. In der Dorfkirche . Im letzten Dorfe, welches die Königin passierte, hatten die Relaispferde gefehlt. Der Geistliche hatte seine Ackerpferde vorgespannt; aber sie waren auch müde, eben von einer Vorspannfahrt zurückgekehrt. Die Königin glaubte dem alten Manne die Sorge um seine Tiere anzusehen; sie hatte sich anfänglich geweigert, sie anzunehmen. Der Prediger hatte erwidert: »Wer weiß, was heute sein ist, ob es morgen sein bleibt! Wer es hingibt zu einem guten Werke, hat das Bewußtsein hinter sich.« Es war noch keine Flucht; die Monarchin hatte endlich, von den tausend Stimmen, die laut und lauter gegen ihre Anwesenheit beim Heere sich aussprachen, gedrängt, das Hauptquartier verlassen; sie wollte über Naumburg nach ihrem geliebten Magdeburg zurück. Es war ein herzzerreißender Abschied gewesen von dem Gemahl – der Schatten einer Leiche schwebte schon über der Umarmung. Ihr schwarzes Kleid galt der blutigen Erinnerung an den Prinzen Louis Ferdinand. Tausend wüste Nachrichten schwirrten durch Weimar, als sie es verließ. Alles hatte sich verändert, der Feind kam nicht von daher, wo man ihn erwartete, sondern griff vom Rücken an. Soviel wußte man schon, nicht, wie weit er vorgedrungen. Die festen Positionen an der Saale mußten ihn doch aufhalten! Aber Wirrwarr überall auf der Straße: verfahrenes Fuhrwerk, Marodeure, Kranke, umgestürzte, geplünderte Bagagewagen, versprengte Flüchtlinge, die, jenseits der Saale durch die ersten Angriffe der Franzosen geworfen, jetzt ihre Korps aufsuchten. Viele suchten sie auch nicht. Bei Lobeda war die sächsische Bagage, ehe die Franzosen erschienen, von den eigenen Trainknechten aufgegeben, überfallen und geplündert worden. Wer mochte unter den Hunderten, die davon auf der Straße erzählten, die Vorfallenheiten vergrößerten, ausschmückten, die Beraubten immer von den Räubern unterscheiden! Wohin war schon jetzt der Zauber der Autorität, wenn man Mühe hatte, für den königlichen Wagen Platz zu machen. In jenem Dorfe mochte die Ankunft der Monarchin eine Katastrophe abgewendet haben. Verwilderte Scharen Zersprengter, die sich eingelagert, machten Miene, das Mein und Dein zu vergessen. »'s ist Krieg, da hört alles auf!« hörte die Königin mit eignen Ohren. Welche Schadenfreude auf den Gesichtern jener Soldaten, die an der Hecke nicht schulterten, und sie trugen den preußischen Rock, sie wußten, daß es ihre Königin war. »Es sind ausgehobene Polen!« Sollte die Monarchin dies zugeflüsterte Wort beruhigen? Unter dem blauen Rock sei Herz und Verlaß, hatte man sie gelehrt. Wenn nun Tausende von Herzen darunter schlugen, auf die kein Verlaß war, und Friedrichs Disziplin fehlte! Daß diese nicht mehr sei, hatte sie in Weimar, Naumburg, selbst in Berlin von so vielen klagenden Stimmen gehört. Auf dem Kirchhofe sangen Marodeure, die ihre Beute von Lobeda teilten, unter wildem Gekreisch das Räuberlied: »Ein freies Leben führen wir, ein Leben voller Wonne!« – Die Königin, während der Umspannung einen Augenblick abgestiegen, hatte in die offene Kirche treten wollen, der Geistliche aber bat sie, umzukehren, es seien da Verwundete, Sterbende untergebracht. Es mochte noch mancher andere Anblick sein, nicht geeignet für die Augen einer zarten Frau. Am Ausgang hatte sie ein hingesunkenes junges Weib bemerkt, die Züge des Todes auf ihrem blassen, schönen Gesicht. Der Prediger wollte den Anblick mit seinem Rücken decken, aber die edleren Züge des Mädchens in der widerwärtigen Umgebung interessierten unwillkürlich die Königin. »Wie kommt die Unglückliche hierher?« Der Geistliche hatte die Achseln gezuckt: »Eins von den Geschöpfen, welche die Soldaten mitschleppen, oder sie laufen ihnen von selbst nach. So was gehört freilich nicht in ein Gotteshaus, aber wer kann's hindern! Sie haben sie auch wohl arg mitgenommen da bei der Plünderung in Lobeda und geschlagen. Sie blutete.« Die Königin fühlte das Bedürfnis, der Armen etwas Wohltätiges zu erweisen. Ach, sie hatte nichts, nicht einmal das, was jeder ihrer Diener bei sich führte, eine Börse. Sie wollte einen heranwinken, aber der Stallmeister stand schon mit der Miene banger Ungeduld am Wagenschlag. Aller Mienen sagten: Hier ist nicht länger zu verweilen! Es war stiller geworden auf der Straße. Der Wagen mit den müden Pferden fuhr aber nur langsam in den aufgewühlten Wegen. Zuweilen ließ der Wind den Kanonendonner von der Mittagsseite herübertönen. Es schien eine stillschweigende Übereinkunft, nicht darauf zu achten. Die Hofdamen, von Überanstrengung erschöpft, nickten. Auch die Königin hatte den Kopf in die Ecke gelehnt, zu schlafen geschienen. Jetzt richtete sie sich auf, warf den Schleier zurück und bedeckte das Gesicht mit beiden Händen. Nach einem kräftigen Atemholen löste sich ihr Schmerz in Tränen, sie glaubte, ohne Zeugen; aber ihr gegenüber in der Wagenecke wachten zwei Augen. Adelheid Alltag, die hier in bescheidener Zurückgezogenheit gesessen, wagte, die Hand der Fürstin zu ergreifen und, halb auf das Knie sinkend, sie an die Lippen zu drücken. »Es ist ja noch nichts verloren.« »Nichts!« sagte die Königin und schüttelte wehmütig den Kopf. – »Aber Ihr Anblick, liebes Kind, sollte mir eigentlich Stärke geben. Würden Sie denn den Mut gehabt haben, alles zu ertragen, wenn sie vorausgewußt, was Ihnen bevorstand? Die gütige Vorsehung verhüllte es mit einem Schleier. So hat der Vater im Himmel es wohl auch mit mir gefügt. Hätte ich das, was ich jetzt erlebe, noch vor zwei Jahren ahnen können, und wer sagt, was mir noch bevorsteht! Da tänzeln wir im Flügelkleide der Lust und sehen überall Sonnenschein und Wiesengrün um uns, während die Herbststürme schon heranziehen. Aber es ist in seinem unerforschlichen Ratschluß, daß wir nichts davon ahnen, um gesund zu sein und stark, wenn sie hereinbrechen.« Adelheid versuchte, von einer bessern nächsten Zukunft zu sprechen. Der Ton ihrer Stimme verriet, daß sie nicht daran glaubte. »Nein, liebes Kind, ich täusche mich nicht mehr; es ist vieles in diesen Tagen von meinen Augen gerissen. Es ist nicht mehr, wie es war. Wohin ist unser Ansehen, wohin die Kriegszucht, wenn so kleine Derangements schon solche Unordnung bringen! Die Offiziere mußten ein Auge zudrücken. Wenn das die preußische Armee betrifft! Wie hat man uns belogen! Ich hörte Stimmen aus dem Volke –« »Wir sind hier nicht in Preußen.« »Auch in unserm Heere selbst. Ich hatte nicht geglaubt, daß unsere Offiziere so gehaßt sind! Dieser Widerwille gegen die Junkerherrschaft! Und sah ich's nicht mit eigenen Augen. Die Brutalität gegen die armen Menschen, und diese alten Generale, denen drei Mann helfen mußten, um aufs Pferd zu steigen. Die in Weimar lachten, unsere Soldaten verzogen auch den Mund. Der wackere Rüchel suchte es mir zu verbergen. Ach, er ist auch gefürchtet und gehaßt –« »Desto allgemeiner verehrt und geliebt ist Seine Majestät der König.« »Gott sei Dank! Aber auch ich bin verredet, gehaßt, verleumdet.« »Um Gottes willen, Ihro Majestät, es ist nur eine Stimme der Liebe und Bewunderung –« »Unter denen, die mir vor Gesicht treten, wie damals auf der Huldigungsreise! Jetzt, liebes Mädchen, sehe ich und höre ich schärfer. Ich glaubte meine Pflicht zu tun, als ich dem König ins Feld folgte; ich dachte an die erhabenen Beispiele der Vorfahrinnen unseres Hauses, der schönen Else, die Kurfürst Friedrich I., an Luise von Oranien, die dem Großen Kurfürsten gefolgt sind; damals lobte man es, man brauchte ihren Mut und rühmte, daß sie die Gefahren ihrer Gatten geteilt, mit Rat und Tat ihnen zur Hand. Heut geißelt man mich mit bittern Sarkasmen.« »Das ist nur Lombard –« »Nein, liebes Kind, das vergebe ich ihm und könnte ihn darum loben; es ist einmal seine aufrichtige Meinung! Aber sie alle, bis auf wenige. Warum hatten sie damals nicht den Mut, es zu sagen? Das vergebe ich ihnen nicht. Vielleicht hätten sie mich aufgebracht. Lieber Gott, ich habe doch auch Gefühle. Davor fürchteten sie sich mehr als davor, ihre Königin dem übelsten Gerede auszusetzen. Und wenn sie wirklich dachten, daß meine Anwesenheit beim Heer unsrer Sache Schaden bringt! Sind das treue Diener ihres Herrn, die sich mehr vor einem bösen Gesicht fürchteten, das ich ihnen machen konnte, als – oh mein Gott, wie lernt man die Menschen in solcher Zeit kennen!« Sie schien von dem Gedanken sehr geängstigt. Nach einer Pause hub sie wieder an: »Ich wollte schon früher zurück, da beschwor mich Kalckreuth, er legte auf meine Gegenwart, wie er sagte, das größte Gewicht. – Jetzt legt ein anderer Gewicht darauf; Napoleon, weiß ich, beschimpft mich und meinen Gemahl laut vor seinen Offizieren, wer es will, kann seine Schmähungen hören.« »Ihre Majestät hörten dafür den Jubelruf der braven Truppen, als sie in Weimar vor Ihnen vorüberzogen.« »Auch das wird mir zum Verbrechen gemacht! Ich bin die Kriegsfurie, die wutschnaubende Megäre, die den König fort und fort gestachelt, bis er sich zum Kriege entschloß, ich bin hier, nur damit er in seinem Entschluß nicht wankend werde. Gott weiß, daß ich nie über öffentliche Angelegenheiten zurat gezogen wurde und auch nie danach gestrebt hatte. Erst als Kaiser Alexander voriges Jahr mich auf die Gefahr unsrer Lage, unseres Hauses aufmerksam machte, erwachte ich. Damals konnte ich noch keinen tieferen Blick in unsre Staatsverhältnisse werfen; war ich doch wie ein junges Mädchen, das aus der Pension in die Gesellschaft eingeführt wird. Aber Alexanders Worte erschreckten, weckten mich; ich sah meinen Gemahl, meine Kinder, die Thronfolge, alles, was mir lieb und wert war, in Gefahr, ich bot daher alles auf, ihn, seine Freunde zu wecken. Ja, ich hielt den Krieg für notwendig, und wenn das ein Verbrechen ist, so habe ich ihn gewünscht. Mir schien, daß alle Güter dieser Erde untergeordnet seien dem Gefühl edler Selbständigkeit und der Nationalehre. Seit ich eine Preußin geworden, fühlte ich nur als Tochter dieses Landes. Und den Trost habe ich, alle Bessern fühlen mit mir – es ist nur –« Der Wind mußte sich gewandt haben, wie ein fernes Gewitter dröhnten die Kanonenschläge über die Fläche. Die Tauentzien fuhr mit einem: »Ach Gott! ach Gott!« aus dem Schlaf, aber die Sonne schien hell durch die Wagenfenster. Im Hohlweg, in den der Wagen bog, hörte man nichts mehr. Die Hofdame schlief wieder ein. »Sein Tod muß schön gewesen sein!« rief die Königin plötzlich aus ihrem Versunkensein auf »Der Tod fürs Vaterland! Der König war tief erschüttert; im Leben standen sie sich fern. Das ist das Schöne vom Tod, daß er versöhnt. Viele Herren machten gleichgültige, unangenehme Bemerkungen, wir schlossen uns ein. – Kannten Sie den Prinzen?« »Ich sah ihn ein- oder zweimal, gnädigste Frau.« »Welchen Eindruck hat er auf Sie gemacht?« Es brach unwillkürlich von Adelheids Lippen, während sie rot. ward: »Wie einer, dem der Tod eine Wohltat ist. Wie einer, der nach der Sonne fliegt, und oben in der Luft, weil sie zu rein für unsre Lunge, erkennt er, daß es vergebne Mühe ist. Ihn verläßt die Kraft, er will nicht stürzen, aber er stürzt. Es ist ein trostloser Kampf, nicht um das Dasein – um das Sonnenlicht, möchte ich sagen. Er flattert und flattert, um sich zu halten, den ganzen Schmerz in der Brust, wieder auf die dunkle Erde sinken zu müssen, und ihre mefitischen Dünste fallen schon auf die Brust – da, wohl ihm, ehe seine Flügel erlahmen, wenn die Kugel eines Schützen seiner Qual ein Ende macht.« Die Königin warf ihr einen bedeutungsvollen Blick zu: »Sie halten es für ein Glück, Adelheid?« »Ja«, sagte sie mit fester Stimme. »Sie haben keine Nachricht von Ihrem Bräutigam?« »Keine«, entgegnete Adelheid mit derselben Stimme. »Und keine Ahnung, ich wollte sagen, keine Hoffnung?« »Euer Majestät Frage könnte mich besorgt machen, daß Sie auf eine schlimme Nachricht mich vorbereiten wollen. Aber ich bin auf alles vorbereitet. Wo hat der einzelne ein Recht auf Glück, wo das Ganze zusammenbricht – und doch – doch – ich habe noch eine Hoffnung, beinahe Zuversicht, daß ich ihn noch einmal sehe –« »Sie irren sich, Liebe. Ich weiß von nichts. Ich dachte nur, des Prinzen Tod war ein schöner; so könnte ich ihn allen denen wünschen, die ich ehre und liebe und die doch nicht leben können. War die Vorsehung nicht gütig gegen ihn? Vielleicht ist sie es so gegen alle Edle. Wer im Leben über den Staub und Stoff sich erhob, der, dünkt mich, hat auch die Kraft, die Mittel, sich in der letzten Stunde zu erheben, über den Tod – die Wolken teilen sich vor ihm, und er sieht Sonnenschein und Herrlichkeit –« Durch einen Lärm draußen wurden sie unterbrochen. Eine durchdringende Stimme hatte schon aus der Ferne ein wiederholtes »Zurück!« gerufen. Die Pferde, entweder scheu geworden oder angehalten, hatten eine Bewegung nach rückwärts gemacht, auch der Wagen war davon zurückgestoßen, als man das Fenster von innen niederließ. Ein staubbedeckter Reiter sprengte mit verhängtem Zügel ihnen entgegen. Sein Wehen mit dem Tuche hatten sie in den Staubwirbeln, die um ihn aufflogen, nicht gesehen. Jetzt hielt er am Kutschenschlag. – Da kam ein Schrei aus dem Wagen. Der Anblick konnte wohl ein zartes Frauenherz außer sich bringen. Er hing mehr, als er saß, auf dem Pferde, ein leichenblasses Totengesicht mit gläsernen Augen und stierem Blick. Der Hut war ihm vom Kopf geflogen, die Haare hingen in zerrissenen Streifen vom Scheitel. Wie gänzlich vom Ritt erschöpft, hielt er sich mit den Händen am Sattelknopf, während die Lippen konvulsivisch bebten im Versuch, Worte hervorzubringen. Jetzt gelang es ihm, er riß zugleich Briefe aus der Brust, die Worte kamen abgebrochen vor: »Zurück – die Königin muß zurück – die Feinde in Naumburg – die Brücke genommen, Franzosen auf den Höhen von Kösen – ein Angriff von dort!« »Die Franzosen!« schrien zehn Stimmen. »Wir sind verloren!« die Hofdamen. »Kehrt! Kehrt! Auf der Stelle kehrtgemacht!« kommandierten die Stallmeister. »Ist schon Gefahr?« rief die Königin zum Fenster hinaus. Ihr Blick schien dem Erschöpften einen Augenblick Besinnung und Kraft wiederzugeben. »Noch nicht – noch um Stunden sind sie zurück – mein guter Renner – aber Majestät muß nach Weimar zurück, über den Harz ist noch ein sichrer Rückweg. – Diese Schreiben an den König! – Schreiben der Arglist – traue niemand.« Die Briefe flogen aus seiner zitternden Hand grade noch in den Wagen, als dieser kehrtmachte und die Insitzenden den Reiter aus dem Gesicht verloren. Es war gut, daß die Hofdamen Riechfläschchen bei sich führten, ein Händedruck der Königin wirkte indes vielleicht doch belebender. Luise hielt mit der Linken Adelheids Hand, während sie aus dem Fenster mit den Stallmeistern und den begleitenden Offizieren sprach. » Die Gefahr ist vorüber!« sage sie, den Kopf zurückziehend. »Er stirbt!« rief Adelheid mit einer ohnmächtigen Bewegung, sich aufzurichten. Dann ward sie still und blickte ruhig vor sich hin. Wer Zeit und Sinn dafür gehabt, sie zu beobachten, würde jetzt ein Lächeln auf ihrem Gesicht erblickt haben. Wer hatte Sinn dafür, wer Zeit! Der Wagen schien sich nicht fortzubewegen: alles Peitschen und Fluchen war vergebens bei den müden Tieren. Endlich stürzten sie; es war aber am Eingang ins Dorf. Gefahr war nicht mehr, denn von der preußischen Avantgarde war das Dorf schon besetzt. Rüchel hatte einen Adjutanten der Königin nachgesandt, dessen Meldung mit der des Reiters übereinstimmte, sie müsse in Eil nach Weimar zurück, von dort seien Relais und Eskorte nach Sondershausen und dem Harze für sie bereit. Aber noch fehlten die Pferde, auch am Wagen war etwas zu bessern. Die Königin ging ins Dorf zurück. Sie sprach lebhaft mit den Offizieren. Sie schien in raschen, scharfen Fragen den Sinn jeder Falte auf ihrem Gesicht entdecken zu wollen. Adelheid wankte allein. Er kam noch nicht. Sie wagte nicht zu fragen; sie stand, ohne zu wissen, wie und warum, auf dem Kirchhof. Ein angelehntes Hinterpförtchen führte in die Kirche; eine einfache gotische Landkirche von Steinquadern, mit einer Balkendecke. Und doch hatten Reste von bunten Scheiben in den Spitzbogenfenstern sich erhalten; spinneumwebt, verdunkelt von Staub und Wetter, und doch genug Farbe enthaltend, um dem Sonnenschein, der eindrang, eine dumpfe, gelbbrennende Färbung zu geben. Sie paßte zu ihrer Stimmung. Ob der Schein sie lockte, ob eine Ahnung? Sie war eingetreten. Sie sah nichts von den Schrecken. Vielleicht waren sie schon entfernt. Auf den Stufen am Hochaltar lag der Bote, welcher der Königin die Rettungspost gebracht. Sein Pferd hatte sich losgerissen von den Vorreitern, die es auf einen Wink des Stallmeisters am Zügel führen sollten. Der Mann selbst war ja nicht mehr imstande, es zu lenken. Im Dorf war das Tier gestürzt mit seinem Herrn – ein heftiger, tödlicher Blutsturz. Louis Bovillard hatte sich nicht mehr aufrichten können, der Pfarrer hatte ihn in die Kirche tragen lassen. Der Sonnenschein fiel durch die gelben Scheiben grade auf sein Gesicht, als Adelheid eintrat. Sie schrie nicht auf, sie rang nicht die Hände, ihre Knie zitterten nicht. Schien es doch, als sei es nur die Erfüllung von etwas, was sie längst gewußt. Die Hände faltend, blieb sie noch in der Entfernung stehen und blickte auf ihn, wie man zum erstenmal den Grabstein eines teuren Verblichenen erblickt. Nicht einmal eine Träne stürzte aus ihrem Auge. Aber etwas hätte sie befremden mögen – auf der Stufe drunter die jugendliche Gestalt eines Weibes; sie hatte ihr Tuch über seine Füße gebreitet und ihr Gesicht in seinen Schoß gedrückt. Ein Bildhauer hätte die Figur der Trauer nicht besser dargestellt. Ihr aufgelöstes Haar wallte um ihren Nacken. Auch diese Anwesenheit dieser Trauernden störte sie nicht. Sie war jetzt neben ihm niedergekniet und hatte die kalte Hand erfaßt, die sie an die Lippen drückte. Sie schien zu beten, als es hinter ihr rauschte; die Königin legte die Hände sanft auf ihren Scheitel: »Mein Kind, es trifft jeden sein Teil, und du warst darauf vorbereitet.« »Wenn er nur noch einmal die Augen aufschlüge!« atmete sie leise. »Um meinen Dank in den Himmel mitzunehmen, denn er hat seine Königin gerettet. Ich kann ihm nicht mehr danken.« »Doch, Königin«, sprach Adelheid, sich umwendend. »Gönnen Sie mir die Freiheit, lassen Sie mich hier zurück. Ich war seine Braut vor Gott und vor Ihnen, er darf nicht verlassen sterben. Die Pflege ist spät, aber den letzten Dienst kann ich ihm erzeigen. Lassen Sie mich ihm die Augen zudrücken.« Da richtete sich das verwilderte Mädchen etwas auf und starrte die Hinzugekommenen an. Der Traum der Wahrheit schien durch ihre brechenden Augen zu dämmern. Die Gräfin Voß war an die Königin, die zweifelnd dastand, getreten und flüsterte ihr zu: »Wenn Ihro Majestät das zugeben, ist es absolut unmöglich, daß die Demoiselle ferner, in welcher Stellung es sei, in Dero Nähe verweilt. Ja, wenn sie nur getraut wären –« In dem nächsten Augenblick geschah vieles. Der alte Geistliche hatte sich über den Sterbenden gebeugt: »Er atmet noch.« – Das Mädchen zu seinen Füßen rief wie in wahnsinniger Freude: »Louis schlägt die Augen auf.« Der Sonnenschein hatte eine rote Scheibe getroffen, und ein rosiger Schein breitete sich über die eng zusammengedrängte Gruppe aus. Der Tote lebte noch, er schien zu lächeln, er erkannte die Gegenstände. Die Königin aber hatte im nächsten Augenblicke mit dem Prediger heimlich gesprochen. »Ich übernehme alle Verantwortung.« Der Geistliche erwiderte: »Auf die wage ich es selbst vor dem höchsten Richter, wo ich bald mit ihm erscheine. Aber hat er die Besinnung – und die junge Dame?« »Sie wird ihr Ja deutlich sprechen«, hatte die Königin geantwortet und flüsterte Adelheid etwas ins Ohr: »Bleib knien, mein Kind!« Da wollte es der Zufall, während der Pfarrer in Kürze die liturgischen Formeln der Trauung sprach, daß ein Knabe des Küsters auf der Orgel intonierte. Der Sterbende wollte den Kopf aufrichten, das gelang ihm nicht, aber von seinen Lippen kam es: »Da rufen sie uns!« Der Prediger sah froh der Königin ins Gesicht, welche Adelheid schnell einen Ring an den Finger gesteckt hatte. Das fremde Mädchen aber hielt den Kopf des Sterbenden, während der Prediger die Ringe wechselte. Als er die entscheidende Frage tat, antwortete ein »Ja« so wunderbar laut, daß es die Orgel übertönte. Es war sein letztes Wort. Kaum daß der Segen gesprochen, sank er röchelnd nieder. Der Brautkuß war der Sterbekuß. Das fremde Mädchen weinte und lachte: »Ich habe doch seinen letzten Händedruck.« – Die Königin sagte: »Ich konnte ihm noch danken.« Der Wagen stand fertig vor der Kirchentür. »Frau von Bovillard!« sprach feierlich die alte Voß, »Ihro Majestät sind bereit.« Die Fürstin sah fragend auf die Trauernde. Ihr Blick schien zu sprechen: »Willst du mich jetzt verlassen!« Der Geistliche sagte: »Für die Toten sorgt Gott und die Kirche. Wer noch Pflichten im Leben hat, fliehe von hier. Den Toten ist wohler in der Erde, als den Lebendigen, wo die Verwüstung ihr Reich aufschlägt.« Das fremde Mädchen schrie wie im Irrsinn auf: »Er wird nicht allein begraben werden.« Fünfzehntes Kapitel. Ein Frühstück bei Dallach . Es ist in der Luft eine Magie, die unsre Wissenschaft noch nicht erklärt hat; eine Kommunikation durch unfaßbare Organe, welche die Begebenheiten verbinden. Unergründlich nannten unsere Väter eine Tiefe, die sie noch nicht ergründet; unfaßbar hätten sie das Lichtbild genannt, wir lernten es fassen und festigen auf der Platte, und an Drahtseilen fliegt der Gedanke Hunderte von Meilen in Sekundenschnelle und drückt sich auf die Tafel in bunten Buchstaben, für jedes Auge lesbar. Dies Lichtbild spiegelte sich auch schon vor den Augen unserer Väter, der Gedanke flog auch da mit derselben Schnelle, nur faßten sie ihn nicht, weil ihnen die Verbindungsmittel unbekannt warten; weil sie die Platten und die Drahtseile nicht sahen, tauften sie es Wunder. Alte Leute entsinnen sich, daß man in der Stille der Nacht nach dem 14. Oktober vor Berlin auf der Erde die Schläge des Kanonendonners von Auerstedt hatte hören können. Von andern sagt man, daß sie am folgenden Tage schon den Ausgang der Schlacht gewußt. Aufgeklärte meinten, daß sei nur die Nachdröhnung gewesen von dem unglücklichen Gefecht von Saalfeld, die als Vorahnung gespukt. Nicht alle waren es, es waren nur wenige, darunter zwei, die wir kennen. Der Rat Fuchsius konnte in der Nacht nicht schlafen, seine Beängstigung ward gegen Morgen immer größer. Er hörte die Kanonenschläge, sein Bett schien unter ihm zu zittern; wie fest er auch die Augen zudrückte, er sah immer wieder den hellen Schein wie ein Nordlicht, das am äußersten Horizont aus der Erde quillt. Er zündete das Licht an und ergriff eine Lektüre, es war ein Band des Shakespeare. Die Stelle aus »Macbeth«, die er aufschlug, war nicht geeignet, seine Träume zu beschwichtigen: Die Nacht war stürmisch; wo wir schliefen, heult' es Den Schlot herab; und wie man sagt, erscholl Ein Wimmern in der Luft, ein Todesstöhnen, Ein Prophezein in fürchterlichem Laut. Von wildem Brand und gräßlichen Geschichten, Neu ausgebrütet einer Zeit des Leidens, Der dunkle Vogel schrie die ganze Nacht durch; Man sagt, die Erde bebte fieberkrank. Er sah die Schlacht, die meilenweit sich dehnende, mit ihren wankenden und wogenden Linien, den dampfenden Batterien, den Kavallerieattacken, und so gewiß er das Herz unter der Brust pochen hörte, so zentnerschwer drückte ihn eine Gewißheit – daß er nichts Frohes sah. Um den fürchterlichen Alp loszuwerden, zündete er noch ein Licht an und begrub sich unter seinen Akten. Auch aus diesen Bergen stiegen Dünste, tiefe Schachte öffneten sich, deren Ende er nicht sah, und Sphinxe lagerten sich vor dem Eingang. »Ein Weib, das selbst eine Sphinx ist«, rief er, sich im Armsessel zurücklehnend, »und der Ödipus will nicht erscheinen. Die Tatsache liegt nackt da, und alle Bezüge, Fäden, die zu einem Motiv führen, plötzlich abgeschnitten! Kann ein Weib gebären, ohne empfangen zu haben? Und wo wir einer Spur folgten, verschwindet sie nicht nur, sondern wir haben aktenmäßige Beweise, wie und woraus sie entstanden ist! Werden noch Ungeheuer geboren aus dem Meeresschaum, wenn Götter einen Sterblichen verfluchen, oder gestalten sie sich im Laich der mefitischen Dünste dieser Zeit? Shakespeare läßt die Greueltaten seiner Könige durch ungeheuerliche Erscheinungen vorausverkünden: eine Eule verfolgt einen Falken, die Rosse Duncans fressen sich. Solchen Anteil des Entsetzens nimmt die Natur am Tun der Könige! Die Zeiten sind doch nun vorüber, der Erdgeist kümmert sich nicht besorglicher um die Könige als um die Bettler; selbst wenn große Ideen geboren werden, Ideen, bestimmt, die Welt zu erschüttern, was geht's die Natur an! Sie läßt keine Sterne mehr den Weisen nach der Krippe leuchten, und keine moralische Revolution bringt sie aus ihrem Alltagsrock. Das ist unser Trost. Aber wäre doch ein inniger Konnex da, den wir nur nicht sehen, zwischen den Werken der großen Geschichte und den Taten der kleinen Menschen? Spiegelte sich das Ungeheuerliche des Weltbrandes wider im Tun der Individuen, dort die Revolution in der Desorganisation der natürlichen Gefühle und der krankhafte Drang, der Welteroberer erzeugt, riefe hier in der schwachen Weiberbrust den Kitzel hervor zur scheußlichen Tat!« Er blätterte weiter in einem Konvolut. Es waren Privatkorrespondenzen der gefangenen Geheimrätin: »Welcher Verstand! Welche klare Erwägung der Verhältnisse, welche ruhige treffende Beobachtung im Urteil über Personen! Und nirgends nur ein Wink von auswärts her! Alle ihre Verbindungen bestehen die Probe. Und vor allem dieser!« Er überlas noch einmal die Billette, welche Wandel an die Lupinus gerichtet und mit ihrer ganzen Korrespondenz zu den Akten genommen waren. Er fuhr, wie ein Unzufriedener mit sich selbst, mit beiden Händen über das Gesicht: »Wie ein Kriminalrichter sich in acht nehmen muß, auch auf den dringendsten Verdacht hin, eine bestimmte Meinung zu fassen! Wie leicht verführt er sich, und wie schwer wird es ihm, dann wieder auf den richtigen Weg einzulenken! – War ich nicht schon innerlich überzeugt von der Identität jenes von der französischen Justiz verfolgten Aventuriers mit Herrn von Wandel! Seine Verbindung mit meiner Giftmischerin erschien mir als ein nur zu deutlicher Fingerzeig! – Selbst die kecke Weise, wie er sich mir damals aufdrängte, konnte mich noch nicht ganz überzeugen. Man hat Beispiele – und er ist klug, sehr klug! – Aber diese Briefe an die Lupinus! Der klarste Spiegel einer unbefangenen Seele, besser als er sich selbst darstellt. Er mag anderweitig – aber in dieser Sache ist er nicht impliziert. Nichts von Ostentation, Raffinement! Er schreibt wie ein welterfahrener Mann. Seine Ratschläge, wie vernünftig! Er warnt sie vor der Exaltation, ihr aufrichtiger Freund; anfänglich zwar scheint ein anderes Gefühl im Spiele, die Neigung steigert sich, aber dann dies allmähliche Zurückfallen in den Ton der Achtung und des Respekts. – Schade, daß ihre Briefe fehlen! Ja, eine Ahnung von dem, was in ihr vorging, mag er gehabt haben, darum zog er sich zurück. Und soll ich es ihm als Verbrechen anrechnen, daß er sich jetzt Mühe gibt, eine von ihm hochverehrte Frau zu verteidigen? – Als Kriminalist sollte ich es vielleicht, als Mensch kann ich es nicht.« Fuchsius war an ein anderes Konvolut, das auf einem Nebentisch lag, getreten. Es waren französische Akten, er nahm eine Silhouette heraus und hielt sie ans Licht: »Und was bedeutet die Ähnlichkeit eines Schattenbildes mit einem lebendigen Menschen, wenn sie zu entdecken wäre! – Und dann, wie viele Jahre Staub hat an diesen Papieren gezehrt! – Übrigens« – sagte er mit wehmütigem Lächeln, »muß man die Gefälligkeit der französischen Behörden bewundern. Daß wir in einem Kampf auf Leben und Tod sind, in einem Kriege, der sie verpflichtet, Tausende und aber Tausende der Unsern umzubringen, hindert sie nicht, uns in unserm köstlichen Rechte beizustehen, damit wir ja nicht fehlgehen, ein uns verfallenes Justizopfer, und wäre es auch aus ihren Reihen, zum Tode zu fangen! Welche Zuvorkommenheit! Es war Laforests letzter Akt, hier unserm Kanzler die Akten aus Paris zu kommunizieren. Eine schöne Sache um das Band der Zivilisation! Die Revolutionen, die große Verbrecher krönen, retten die kleinen nicht vorm Galgen. Die ganze Welt wird für ihn zum Netz, und ein Verbrecher findet in keinem Staat und keinem Volke mehr ein Asyl!« Er war ans Fenster getreten. Es war noch totenstille, finstre Nacht, obgleich schon hie und da in abgelegenen Gehöften die Hähne krähten. Die Straßenlampen brannten düster, die Laternen wurden vom Morgenwinde geschaukelt. Ob er horchte –? Er hörte nicht mehr den Kanonendonner, aber der Tritt jedes verspäteten oder verfrühten Fußgängers schallte aus der Tiefe zu ihm herauf. Fuchsius wohnte hoch; er konnte die Dächer der nächstgelegenen Straßen mit niedrigen Häusern überschauen. Als er nach den Sternen ausschaute, sah er einen fernen Lichtschein. Er kam aus einem Hoffenster in einer jenseits gelegenen Straße. Er kannte die Straße, das Haus, das Fenster. Hier wohnte der Legationsrat. Das Fenster gehörte zu seiner Küche, die Küche diente ihm zum Laboratorium. Was konnte Wandel so früh hier zu schaffen haben? Er war ein Nachtschwärmer; er experimentierte nie anders als bei Tageslicht, hatte er selbst zu Fuchsius gesagt. Was präparierte er jetzt? Es war zwischen drei und vier. Und das Licht verschwand nicht. Gedanken durchzuckten ihn in rascher Folge. Was kann er in dieser Nachtstunde experimentieren? Warum die Heimlichkeit? Warum hat er, bei aller Offenherzigkeit in anderen Dingen, niemand klaren Wein über seine Vermögensverhältnisse eingeschenkt? Warum schweigt über ihn der alte van Asten, der einmal merken ließ, daß er etwas wisse, und jetzt behauptet, daß er nichts weiß? Er hatte Wechsel von ihm in der Hand! – Wechsel! – Fuchsius sah Wandel schreiben. Er rieb sich wieder die Stirn. Plötzlich saß er am Tisch und wühlte in den französischen Akten. In einem kleinen, vergilbten Handbillett verfolgte er mit dem Auge und mit dem Finger die Buchstaben. Ebenso rasch riß er das vorige Aktenstück herbei und verglich Wort um Wort, es erschien, Buchstabe um Buchstabe. Es war ein französisch geschriebenes Billett Wandels an die Lupinus: »Welche täuschende Waffe die Ähnlichkeit der Schriftzüge! Wie man auch da sich in acht nehmen muß!« Aber plötzlich vergrößerten sich seine Augen, sein Mund öffnete sich – ein, zwei – drei Worte – nicht nur die Schriftzüge der Buchstaben, die Schleifzüge, die Abbreviaturen waren dieselben, auch die ungewöhnliche Orthographie. »Florestan Vansitter!« rief er aufstehend, und es schien, als fröstelte ihn. Er warf einen Blick in den Spiegel, sein Auge glänzte ihm entgegen, ein Glanz, den man der Freude beimißt. »Pfui«, entfuhr es seinen Lippen. »Ist das nicht die kannibalische Lust des Menschenfressers, wenn er sein Opfer auf Schußweite erblickt! – Ach, wir sind alle Kannibalen, alle, uns dürstet nach Menschenblut. Bin ich der einzige, dessen Gesicht sich röten wird von diabolischem Entzücken, wenn es ans Tageslicht kommt! Wie wird die Gesellschaft hier von der Wollust des Entsetzens beben, wenn es ausgesprochen ist, wenn der Mann, mit dem sie Hände gedrückt, Gläser angestoßen, zu dem sie sich gedrängt, von dessen Lippen der Honig geistvoller Unterhaltung floß, arretiert, in Ketten eingebracht wird, ein gemeiner Verbrecher. ›Unmöglich!‹ werden sie rufen und doch innerlich zittern, wenn es nun nicht wahr wäre! – Oh du Mantel der Humanität, der uns so schön sitzt, aus welchen Mondscheinspinnefäden bist du gewebt!« Als er sich angekleidet und der graue Tag schon durch die Fensterscheiben blickte, stand ein junger Mensch in unansehnlicher Kleidung vor dem Rate. »Nichts von Wichtigkeit«, antwortete der Eingetretene auf eine Frage des Rates. »Ihr Benehmen im Gefängnis bleibt dasselbe. Sie ließ den Hofrat Heim, der ihr die Wahrheit sagte, anlaufen und verbat sich seine fernere Teilnahme.« »Sie kennen wir«, entgegnete Fuchsius, »aber mein Auftrag war, daß Sie auf alle Ereignisse und Bewegungen in dem Kreise achthätten, dem sie bis jetzt angehört. Was haben Sie da beobachtet, Eckard?« »Nicht das Geringste, was zur Sache gehört«, erwiderte Eckard mit einiger Selbstzufriedenheit. »Ob es dazugehört, werde ich beurteilen. Was macht ihr Schwager?« »Er wird sich doch nicht freuen, daß er pensioniert ist. Der Auszug aus seiner Amtswohnung in der Vogtei liegt ihm noch in den Gliedern. Er spuckt. Neulich in der Weinstube bei Sala Tarone ließ er einen Witz los. Sie haben darüber gelacht. Das passiert ihm jetzt selten.« »Welchen?« »Damals, als er wirklich eine Bêtise begangen, sagte er, nämlich mit den Gefangenen, sei er mit blauem Aug davongekommen, und jetzt müsse er büßen, wo er unschuldig sei wie ein neugeboren Kind. Er hätte doch seinem Bruder nie etwas zu trinken gegeben. Nun müsse er aus Haus und Brot, bloß weil es sich nicht schicke, daß er der Kerkermeister seiner Schwägerin würde.« »Die Justiz ist blind, trifft aber in der Regel doch am rechten Fleck. Noch etwas von ihm?« »Er heiratet sie. Das ist abgemacht. Im Dom ist schon die Trauung bestellt.« »Aus Dépit, daß er die Vogtei verlor?« »Nun ja! Er sagt aber, weil er das Heulen der Charlotte nicht länger aushalten können. Das ist wahr, ihr Wachtmeister ist bei Saalfeld niedergehauen, als er den Prinzen raushauen wollte.« »Was ist denn nicht wahr?« »Daß der Major Stier von Dohleneck auch da geblieben wäre. Der ist nur blessiert vom Pferd gefallen. Sie haben ihn splitternackt ausgezogen, dann gefangengenommen, dann hat er ihnen sein Ehrenwort geben müssen, und so kommt er retour nach Berlin. Die Baroneß Eitelbach weiß es nur noch nicht; sie geht schwarz.« Der Vigilant mußte sehr genau, auch mit den inneren Familienverhältnissen, vertraut sein. Ein flüchtiges Lächeln ging über die Lippen des Rates. »Was macht Geheimrat Bovillard?« »Sieht schon wie eine Leiche aus. Laxiert einen Tag um den andern; zur Abwechselung nimmt er auch Vomissements. Der Legationsrat Wandel sagt, wenn er so fortführe, würde es ihm ans Leben gehen. Es sei kein Spaß damit. Die Ruhr geht ohnedies bei der Witterung um, und die Werderschen bringen unreifes Obst. Man wisse aber gar nicht, was noch draus werden könne, denn die Ruhr könne noch was ganz andres sein, woran jetzt kein Mensch denkt.« Fuchsius hatte nur auf den einen Namen acht gegeben: »Läßt der Legationsrat sich viel beim Kranken sehn?« »Nicht eben. Er steckt ja fast immer bei der Braunbiegler. Auch mit dem Baron Eitelbach hat er viel zu schaffen. Der mag ihn nicht; aber er läßt ihn nicht los. Besonders, wenn er in der Fabrik ist, da spricht er in allen Dingen mit. Der Baron sagte: ›Wenn er mal in den Farbkessel fiele, dann wäre auch nichts verdorben als die Farbe‹.« »Eckard!« Der Rat zog ihn in den Winkel, als könnte die Luft hören, was er ihm zu sagen hatte. Er schloß: »Von jetzt ab vigilieren Sie auf ihn, Schritt und Tritt. Sie lassen ihn keinen Moment aus dem Auge, wo er hingeht, an wen er Briefe abschickt, von wo er Briefe empfängt, und wo möglich sehn Sie durch seine Wände. Ist denn durch seine Dienerschaft nichts zu ermitteln?« »Er wechselt oft die Bedienten, und sie kommen nie weiter als in seine Wohnzimmer. Die Mädchen im Hause sagen, in der Küche müsse's wie im Schweinestall aussehen, er läßt keinen Besen rein.« »Was lächeln Sie?« »Die Mädchen meinen, wenn eine Hintertreppe wäre, so begriffen sie's.« »So fährt der Spiritus familiaris wohl durch den Schlot!« sprach Fuchsius für sich. »seltsam, auch er wie sie nachweislich ohne nähern Umgang, ohne einen Vertrauten, ein isoliertes Ungeheuer, das, wie der Schwamm, aus der Luft den Atem saugt.« »Es war schon einer mal drin«, setzte Eckard im Fortgehen hinzu, »der sagt aber nichts.« »Wer?« »Der alte van Asten.« »Wie kam der hinein?« »Sie sagen, er hätte die Tür aufgelassen. Seitdem läßt er die Tür nicht mehr auf.« »Haben Sie Verdacht gegen den alten van Asten?« Der junge Vigilant schüttelte den Kopf: »Wenn er auch die tausend Stückfässer in Stettin auf den Buckel laden könnte, wo sollte er damit hin? Er ist ein ruinierter Mann, rein in Rotwein. Durch 'nen Pfuschmakler hat er schon unterderhand zum halben Preis ausgeboten. Wer will's jetzt! Gewinnen die Franzosen, so trinken die's aus und zahlen nicht, gewinnen wir, so finden unsre überm Rhein den Wein wohlfeiler. Vielleicht«, setzte er mit schlauer Miene hinzu, »soll ihm der Herr von Wandel den Medoc in was andres verwandeln, was Käufer findet. Er ist ja ein Tausendkünstler.« »Vigilieren Sie!« schloß der Rat die Unterredung. Ja, wenn die Wände, die des Legationsrats Wohnung umschlossen, vor ihm niedergefallen wären und er hätte einen Blick freigehabt! Auch der Legationsrat konnte in der Nacht nicht schlafen, auch er hörte den Kanonendonner, auch unter ihm zitterte das Bette, der Himmel leuchtete, er sah die Bataillelinien hin und her schwanken und war aufgesprungen, um Herr zu werden seiner Sinne. Auch er zündete Licht an und ergriff eine Lektüre, es war zufällig dieselbe, die Fuchsius ergriffen. Da schlug er die Stelle auf: Auf siebzig Jahr kann ich mich gut erinnern; In diesem Zeitraum sah ich Schreckenstage Und wunderbare Ding', doch diese böse Nacht Macht alles Vor'ge klein. Der Leser hielt inne: »Ein Zeichen ! Warum diese Nacht?« Er las weiter: Der Himmel, sieh, als zürn er Menschentaten, Dräut dieser blutigen Bühn. Die Uhr zeigt Tag, Doch dunkle Nacht erstickt die Wanderlampe: Ist's Sieg der Nacht, ist es die Scham des Tages, Daß Finsternis der Erd Antlitz begräbt, Wenn lebend Licht es küssen sollte? Er warf den Band fort: »Albernheit! Was hat der Himmel ein Recht, auf Menschentaten zu zürnen! Wir sind's, die die wesenlose Leere bevölkern; die Schwächlinge mit ihren Phantasiegespinsten, die Starken mit ihren Taten. Da ist die Frage: welcher Zauber ist stärker, die Vogelscheuchen, die sie an die Sterne binden, oder der Wille, der der Nacht und ihren Uhustimmen ins Antlitz lacht?« Er zündete eine chemisch präparierte Kerze an, welche einen besonders hellen Schein warf, und trat, was er wirklich selten bei Nacht tat, in sein Laboratorium. Alles, wie er es am Abend verlassen, dort hingen die Bilder, da das Gerippe, die Retorten, Kolben, Tiegel auf dem Herde; einige kleine Fläschchen, auf die sein Auge zuerst fiel, standen wie zur Abkühlung am Fenster. Er hielt den Atem an, wie um zu horchen. Es bewegte sich außer ihm etwas. Er biß sich in die Lippen: »Torheit! es ist die aufgeregte Phantasie von der Lektüre des Dichters, des größten, der geboren ward, aber warum ließ das Schicksal in einer dunkeln Zeit den Riesen ans Licht treten, daß an seinen gigantischen Gliedern noch immer ihre Moderfetzen kleben! Er hat Geister beschworen, ich kann es auch. Nur jeder in seiner Art!« Da bewegte sich das Gerippe sichtlich, ein schrillender Ton kam aus der Mundhöhlung, es rauschte etwas heraus, es wehte durch die Luft, und das Licht erlosch. Wandel sank nicht zu Boden, aber er preßte den Leuchter so fest, daß das Metall eingebogen war, der Totenschweiß, der von seiner Stirn tropfte, hatte ihn aus seinem Starrkrampf geweckt. »Von einem Nachtvogel sich erschrecken lassen, der in seiner Angst durch den Schornstein eindrang!« rief er, nachdem er mittels eines chemischen Feuerzeuges das Licht wieder angezündet. »Flattre nur, Unhold, du bist kein Leben und lügst keines mehr der schönen Hülle an. Es gibt keine Geister, nur Spuk, den, den die Schwäche unsrer Nerven gebiert. Aber ein Spuk und eine Verhöhnung unsrer Kraft, daß wir uns zumeist von denen in Angst setzen lassen, die selbst vor Angst aus sich herausgehen.« Aber weshalb war er hier? Um mit den Gespenstern, an die er nicht glaubte, eine Lanze zu brechen? – Warum hatte ihn die Dröhnung des Kanonendonners, warum das Phantasma der Schlacht aufgeschreckt? Berührte ihn der Ausgang, welcher es sei? – »Doch!« rief er plötzlich. »Das ist der Vorteil jener chaotischen Katastrophen, welche die kleine Menschenwelt und ihre Ameisenhaufen, Staat und Gesellschaft genannt, durcheinanderwerfen, daß wir uns da frei fühlen, Wo das Haus über ihren Köpfen zusammenbricht, merken sie nicht das Insekt, das sie sticht. – Die Kerker öffnen sich – vielleicht! Die Schuldbücher werden zerrissen – Es wird vergessen, alles – nein, doch vieles – auch das? – Vielleicht. Er nahm die Fläschchen, hielt sie gegen das Licht und tat sie dann in ein Etui. »So viele Arbeit um – eine Bagatelle. Ich ging doch an schwerere mit leichterem Mut, fast im elastischen Tänzerschritt. Aber der alte Asten hatte recht. Die Polypragmosyne hat mir Schaden getan. Das erste Gesetz lautet: nicht zu vieles im Aug! Dies Abwägen verwirrt und schwächt unsre Sehkraft. Rasch drauflos. Die Weisheit unsrer Väter: Frisch gewagt, halb gewonnen! Es ist eine ewige, alte Fabel vom Hunde und dem Fleisch, und doch, wer wehrt sich vor dem Blendwerk, daß ihn das große Bild im Wasser verlockt. Und das: Morgen, morgen, nur nicht heute – wieviel kühnen Entschlüssen brach es den Hals.« Und doch schien er selbst durch hervorgezogene Sprichwörterphilosophie entweder sich Mut einzusprechen, oder sich immer noch einen Aufschub abzulisten. Er packte die Fläschchen aus, um zu sehen, ob sie auch eingewickelt waren. Er befühlte auch Gegenstände, die er nicht mitnehmen wollte. Es war so heiß in der Küche, ob von der eingeschlossenen Luft oder von seiner inneren Hitze? Schon hatte er die Tür in der Hand, als er zurückkehrte. Ihm fiel ein, daß er auch auf die schlimmste Eventualität sich waffnen müsse. »Sie dürfen auch nicht das finden, was sie bei der Lupinus gefunden.« Er mußte schon vorgearbeitet haben. Nur aus einem Tiegel schabte er vorsichtig den Bodensatz und warf ihn in den Abzugsgraben. Dann streute er verschiedene Farbenpuder verschwenderisch umher. Die Küche bekam dadurch einen Wohlgeruch: »In meinen Schminkpräparaten mögen sie meine Arkane entdecken.« Dann näherte er sich dem Gerippe: »Wieder eifersüchtig? Gib mir die Hand, Angelika.« Sie gab sie ihm, aber schüttelte er so heftig, oder war der Wandnagel lose? Das Knochenweib stürzte herab. Wir wissen nicht, ob er geschaudert, doch schnell hatte er sich und das Gerippe gefaßt: »Das hätte ein böser Fall werden können, wie damals, als du vom Pferde sprangst und ich dich auffing. Du nanntest mich deinen Lebensretter. Ja, ein teurer war ich dir. Zweimal für das eine bißchen Rettung nahm ich dein Leben. Ihr armen jungen Weiber! Mit eurem warmen Blut und leichten Sinn seid ihr nun einmal vom Fatum destiniert, in unsre Netze zu flattern. Hier lernte ich Klügere, Kältere kennen, die auch denken, sogar berechnen konnten. Das war euch unmöglich. Und doch weiß ich nicht, ob ihr nicht die Glücklicheren seid. Ihr nipptet, und dann schlürftet ihr die Wonne des Lebens in vollen Zügen. Dann – mit einemmal – war es aus! Aber jetzt – jetzt – mach mir das Leben nicht schwer. Du könntest hier an der Wand in einem unbedachten Augenblick plaudern. Dort im Kasten bist du nicht gefährlich, du bist ein Präparat, eine anatomische Studie. Ruhe da sanft, und was würdest du sagen, Liebchen, wenn ich dir über Jahr und Tag eine Gesellschafterin zulegte? Schön und groß wie du, aber etwas dumm. Was tut das? Sie wird dich nicht langweilen. Sie ist stumm wie du. Und wenn ihr beide dann friedlich nebeneinander ruht, sieh, den Trost gebe ich dir, bei dir wird mein Sinnen bleiben, wir werden nach wie vor kosen, bei dir werde ich mir Rates erholen, du wirst mich verstehen. Die andre ist eine Gliederpuppe, jetzt gelenkig, dann wie du, aber deine Folie. Adieu, mein Herz!« Und wer behauptet, daß seines nicht doch schlug, daß der kalte, gräßliche Hohn auf seinen Lippen nicht nur der Mantel war, der die Natterstiche, das konvulsivische Ächzen, die Qualen, die keinen Namen haben, bedecken sollte? Nicht täglich, wie er der Lupinus log, drückte er das Gerippe an seine Brust. Es waren nur die fürchterlichsten Momente, wo er der Kraft bedurfte, und er konnte sie in sich nicht finden. Wer sah den Angstschweiß auf seiner Stirn, wer, wie die Knie wankten, wie er sich an das Treppengeländer hielt, als er herunterstieg. Es war ein saurer Gang. Warum? das wußte er sich nicht zu sagen. Er hatte schon viele Gänge der Art gemacht. Aber draußen sah man ihm nichts davon an. Wie der Hahn, um die Witterung anzukrähen, schlürfte er sie ein. Die Luft war grau, regenhaltig, eine bange Stimmung, wie sie einem großen Unglück vorangeht. Der Tausendkünstler hatte schnell die Physiognomie sich angeeignet. Wo fand er nicht auf der Straße Bekannte! Wo sah man sich nicht ängstlich an, hatte sich trübe Nachrichten, bange Ahnungen mitzuteilen. Schon wandelten Frauengestalten in Trauer, die frühe Nachwirkung des Gefechtes von Saalfeld. Der Baron Eitelbach ging zur Börse. Er ward unterwegs von mehreren angesprochen. Man kondolierte ihm. »Wie nahm sie's auf?« – »Ich kann wohl sagen, sie deployiert eine große Seelenstärke.« – »Ist's denn auch ganz gewiß?« – »Na, warum denn nicht? Sein Neveu, der Wolfskehl, hat ihn selbst vom Pferde hauen sehn; er hat's hergeschrieben.« Der Legationsrat trat in dem Augenblick an die Gruppe, und es war der vollste Ausdruck inniger Teilnahme, mit der er dem Baron die Hand drückte: »Sie sind ein Mann .« Er zog ihn etwas beiseite. »Und sie ist eine Frau, die durch Leiden geadelt wird. Ich bin überzeugt, daß dies Unglück den wahren Bund Ihrer Seelen nur fester schlingen wird. Es ist schön, es ist edel, – ich sage nicht, groß, von ihnen, daß Sie ihre Empfindungen durch solche Teilnahme ehren.« »Gehn Sie doch zu ihr, Legationsrat, trösten Sie sie. Sie hört Sie so gern plaudern.« Ein zweiter Händedruck: »Erlassen Sie mir das. Sie werden selbst den besten Trost wissen.« Als noch jemand an die Gruppe getreten, war der Legationsrat plötzlich fortgesprungen. Fuchsius sah ihm verwundert nach, aber noch verwunderter sah er dem zu, was Wandel begann. Er unterhandelte mit einer Obsthökerin. Er zog die Börse und schien eine ansehnliche Summe ihr in die Hand zu drücken. Dann nahm er plötzlich die Körbe mit Birnen und Pflaumen, den ganzen Vorrat der Händlerin, und warf ihn in einen der tiefen Rinnsteine, die den ganzen schwimmenden Vorrat alsbald in ein Abzugsloch trieben. Die Straßenjugend jubelte, andre jubelten nicht, sie schimpften auf den vornehmen Herrn, der so mit Gottes Gabe umgehe; statt armen Leuten sie zu schenken, verderbe er sie. Es gab einen kleinen Auflauf, aus welchem Wandel sich nur mit einer Mühe losmachte. Die Herren in der Gruppe hatten zwar mit Verwunderung zugesehen, doch ahnten sie die Aufklärung. Wahrscheinlich war das Obst unreif, oder der Legationsrat hielt es dafür. Er hatte schon an mehreren Orten von der unverzeihlichen Nachlässigkeit der Polizei gesprochen, daß sie solchen Verkauf zulasse, wo die Ruhr in der Stadt grassiere; man wisse ja nicht, was noch daraus entstehe. »Ihre Intention in Ehren«, sagte jemand zu dem Zurückkehrenden, »in dieser allgemeinen Kalamität ist es aber nicht recht, Anlaß zum Skandal zu geben. Das Volk ist ohnedem aufsässig.« »Und was helfen zwei Körbe weniger!« »Sie haben vollkommen recht, meine Herren«, sagte Wandel, »doch wer ist Herr über seine Impulse! Zudem sehe ich ein Gespenst, welches mir fürchterlicher dünkt als alle Kriegskalamitäten, die uns noch drohen mögen«. Man sah ihn verwundert an, auch auf die Sonne, die eben hell durch die Nebel brach, eine Szenerie, die gar nicht zu Gespenstererscheinungen paßte. Aber Wandels Gesicht hatte den Ausdruck: »Wissen Sie, meine Herren, welches Unglück uns droht? Noch ist es nicht hier, aber es wogt aus dem fernen Asien herüber, eine Pest, gegen die der schwarze Tod, das gelbe Fieber, und was sonst den Namen führte, unbedeutend erscheinen werden. Eine Krankheit, die ganze Ortschaften, Landstriche hinrafft, entwickelt sich in dem britischen Indien. Die englischen Ärzte geben entsetzliche Schilderungen und behaupten, daß sie ihren Siegeszug durch die ganze Welt halten werde. Sie nennen sie Cholera morbus, und was das Schrecklichste, es ist kein ärztliches Mittel dagegen zu entdecken. Sie fängt mit Vomieren an, heftiger Dysentrie, dies steigert sich in wenigen Stunden bis zum Tode. Der geringste Diätfehler, namentlich der Genuß von unreifem, ja selbst von reifem Obst ruft sie hervor. Ich kann Ihnen meine Besorgnis nicht verhehlen, ich hörte durch Selle vorhin von Fällen, die mich fürchten machen, daß sie schon in den Ringmauern von Berlin ist. – Ich bitte, lassen Sie sich nicht ängstlich machen, meine Herren, aber hüten Sie sich ja vor jeder Erkältung, vor Obstgenuß. Ja, ja, meine Herren, wir wissen alle nicht, was uns bevorsteht, und welche neue Wendung das Schicksal nimmt. Wo diese Krankheit grassiert, hört der Krieg von selbst auf – Sie fühlen sich doch nicht unwohl, liebster Baron, Sie fassen sich an den Magen?« Der Baron hatte Melonen gegessen. Die Gesichter einiger andern verrieten die Nachwirkung einer zu lebhaften Schilderung. Da erst erblickte Wandel den Rat Fuchsius. Er ergriff seine Hand: »Ach, mein wertester Freund! Vorsicht, Vorsicht, meine Herren, weiter nichts! Apropos, was macht denn unser Freund Bovillard? Ich sah ihn seit vorgestern nicht.« Der Rat zuckte die Achseln: »Durch seine Selbstkur –« »Tut er Buße«, fiel der Baron ein, »für die Gänseleberpasteten und Trüffelwürste, um die er seine Nebenmenschen übervorteilt hat. Es hat einer ausgerechnet, was er in seinem Leben verschlungen hat – die Summe ist gar nicht auszusprechen.« »Ich bin sehr um ihn besorgt«, sagte Wandel, den Kopf schüttelnd. »Die fixe Idee kehrt immer wieder. Und sonst die Räson selbst! Bestätigt sich noch das gräßliche Gerücht, daß sein Sohn gefangen und als Spion – das Leben verloren hat – so gebe ich auch den edlen Mann verloren. Heim will es nicht Wort haben, aber – glauben Sie mir –«, sprach er, Fuchsius beiseite ziehend, »das sind schon die veritablen Symptome der Cholera. Ach, mein Gott«, sprach er, seine Hand drückend, »teuerster Freund, was macht denn unsre Freundin?« »Sie wird mit der Rücksicht behandelt, die ihre Bildung beansprucht.« »Davon bin ich bei solchem Inquisitor überzeugt. Aber noch kein Geständnis, keine Regung des Gewissens?« »Stolz, fest, starr wie immer.« »Dann bin ich von ihrer Unschuld überzeugt. Jedes Weib verrät sich, wenn der rechte Inquirent zu ihrem Gefühle spricht.« »Dieser Ausspruch des vollendetsten Weiberkenners sollte auch mir Beruhigung geben.« »Nein, nein, inquirieren Sie, scharf und schärfer, nehmen Sie sie ins Gebet, wie ich jetzt meinen Baron. Er will noch nichts davon wissen, er ist ein starrer Anhänger des Alten, der gute Eitelbach, aber bei einer Flasche Burgunder hoffe ich es ihm einleuchtend zu machen, denn er ist doch ein guter Patriot –« »Was?« »Daß wir unpatriotisch, unverantwortlich handeln, wenn wir nach wie vor unser Tuch mit Indigo färben. Wozu den Engländern den Gewinst gönnen, wenn wir das Blau im Lande haben?« »Wollen Sie die Uniformen in Berliner Blau tauchen?« »Kein Scherz. Die Mark produziert seit alter Zeit einen Färbestoff in ihrer Waidpflanze, welche bis zur Entdeckung der Schiffahrt nach Ostindien nicht nur für das Bedürfnis ausreichte, sondern für Brandenburg zum ergiebigsten Handelsartikel ward. Da verließ man die Produktion, natürlich, weil der Indigo wohlfeiler, besser präpariert war. Jetzt, durch die Kriegsverhältnisse, ist er nicht mehr wohlfeil, durch Sperrung der Schiffahrt kann er uns sogar ganz abgeschnitten werden, es ist also Aufgabe der Industrie, ein Surrogat zu finden, welches in diesem Falle schon vor uns liegt. Warum in der Fremde suchen, was wir zu Hause haben! Es kommt nur auf die Preparation an, und ich hoffe den Baron heut beim Frühstück zu überzeugen, daß die, welche ich versucht, dem Zweck entspricht. Ja, damals war Waid nichts gegen Indigo, aber ist die Chemie nicht fortgeschritten? Ich wage zu behaupten, der Indigo ist jetzt nichts gegen den Waid. Im Ernst, die Sache verdient Aufmerksamkeit. Preußens Rock ist blau, und die Natur weist uns auf unsern Fluren die Pflanze, welche dies Blau in reicher Fülle enthält. Uns in jeder Beziehung unabhängig vom Auslande zu machen, ist, dünkt mich, die erste Aufgabe jedes Patrioten. Bester Rat, beehren Sie uns mit Ihrer Gegenwart bei Dallach, und helfen Sie mir, unsern Baron von seinem eigenen Vorteil zu überzeugen.« Fuchsius war vermutlich der Ansicht, daß es für einen Patrioten in dem Augenblick näherliegende Aufgaben gäbe, als die Blaufärberei; er lehnte die Einladung ab. Auch der Baron schien nur ungern vom Arm des Legationsrats fortgerissen zu werden. »Aßen Sie viel Melone?« hörte man im Abgehen Wandel zum Baron sagen. »So springen wir vorher bei Selle an; er verschreibt Ihnen eine kleine Magenstärkung.« Die Zurückbleibenden hörten nicht die Antwort, sie haben den Baron nicht wiedergesehen. »Er scheint seinem künftigen Kompagnon überhaupt nur sehr ungern zu folgen, der es doch an Aufmerksamkeit nicht fehlen läßt.« »Ist die Sache mit der Braunbiegler wirklich schon soweit?« antwortete ein anderer. Das stumme Lächeln der andern war eine bejahende Antwort. Die Indigo- und Waidangelegenheit schien den Baron um so weniger zu interessieren, je mehr der Legationsrat in ein wahres Feuer der Begeisterung geriet. Auf dem Frühstückstisch, in einem separaten Zimmer der Restauration gedeckt, nahmen die Proben Tuch, mit Indigo und Waid gefärbt, und die Fläschchen mit Färbestoff fast mehr Platz ein, als die Teller und Flaschen aus Herrn Dallachs Keller. »Alles ganz schön«, sagte der Baron, »wenn nur –« »In Gedanken! Was ist's?« »Wenn wir überhaupt noch blaues Tuch brauchen!« »Was, Sie Patriot und verzweifeln! Was wollen Sie da am Fenster?« »Ich dachte, wenn es ein Kurier wäre.« »Wir sind unter uns, Patrioten beide. Hören Sie, liebster Baron, und wenn's denn wäre, Tuch brauchen sie, solange die Welt steht. Ist's nicht blaues, dann grünes –« »Und wenn wir französisch würden?« »Changieren wir nur etwas das Blau. – Qu'importe! Der Weltbürger ist auch ein Patriot. Aber Sie trinken nicht. Schmeckt Ihnen der Burgunder nicht?« »Das könnte ich Ihnen wiedergeben.« »Ich bin etwas trunken, nicht vom Wein; aber ich möchte heut aller Welt um den Hals fallen. Mir ist, als stände mir etwas Erfreuliches bevor.« Herr Dallach war eingetreten und erlaubte sich, seinen Stammgästen eine Prise zu offerieren: »Herr Baron sehn etwas angegriffen aus. Ihnen ist doch wohl?« »Es wird vorübergehn«, sagte Eitelbach. »Er ist ein Anglomane, will an seinem Indigo festhalten. Da sehen sie, Dallach, das ist mit Waid gefärbt, wie ich Ihnen sagte – halten Sie's gegen 's Licht. – Der Baron krümmt sich, es einzugestehen, das passiert so obstinaten Leuten. – Aber was Teufel, Eitelbach! Hätte er sich beinah vergriffen und aus der Färberflasche eingeschenkt.« »In der Stadt ist man sehr unruhig«, sagte Dallach, »niemand weiß recht was, aber es sollen beunruhigende Nachrichten eingelaufen sein.« »Pah!« nichts von Politik. – Herzensmann, Sie essen zuviel Kompott! Nach der Melone, Vorsicht! Vorsicht! Das merken Sie sich auch, Herr Dallach, nicht zuviel Obst Ihren Gästen, Sie haben es zu verantworten. Schicken Sie uns Portwein, der wird dem Magen des Barons guttun.« Ein Zeichen für Herrn Dallach, sich zu entfernen. Auch der Baron war einen Augenblick aufgestanden und wiedergekommen. Der Portwein schien ihm wohlzutun. Und doch saß er wieder in sich versunken. Es war nicht seine Art: »Eine niederträchtige Geschichte«. »Was kümmert meinen Freund, schütten Sie Ihr Herz aus. Mein Gott, Teuerster, ich weiß es ja, Sie wünschen mich nicht als Kompagnon. Verdenk ich es Ihnen? Wer läßt gern in seine Geheimnisse einen andern blicken! Aber die Sache ließe sich ja anders arrangieren. Hänge ich denn so sehr an der Kompagnonschaft in der Fabrik, oder ist Madam Braunbieglers Herz grade ans Tuch gewachsen? Wir machen nach der Hochzeit eine Tour durch Europa. Wer weiß, ob wir wiederkommen.« »Es ist nicht das. Denken Sie sich, der Schmeckedanz, der Kerl auf dem Mühlendamm – ein verfluchter Jude –« »Hat doch nicht Wechsel auf Baron Eitelbach?« »Aber Dohlenecks Wechsel aufgekauft, Gott weiß, wie. – Und nun der tot ist –« »Bravo! kann er sich Fidibus davon machen.« »Nein, er schickt sie meiner Frau.« »Oh, das ist zum Totlachen.« »Nein, zum Einlösen.« »Ist der Kerl verrückt?« »Wenn nur nicht ein Brief dabei wäre –« »Von wem?« »Vom toten Rittmeister, ich meine, vom Major Dohleneck.« »Schreiben die Toten wieder Briefe?« »Nein, eh er ausmarschierte. Solch ein Galimathias. Wenn er fiele, sollt er sich nur an meine Frau wenden, die sei so sterblich in ihn verliebt, daß sie seine Ehre auch nach dem Tode nicht sitzenließe. Bei Lebzeiten hätte er sie können um den Finger wickeln, und sie hätte gehörig blechen müssen. Und wenn sie nach seinem Tode nicht zahlen wollte, so –« »Schnell noch ein Glas Port. Ich kann mir denken, wie die Niederträchtigkeit Sie affiziert.« Der Baron saß zurückgelehnt auf dem Stuhl, leichenblaß. »Die Erzählung hat Sie angegriffen. Hoffentlich hat der Jude nicht die Effronterie gehabt, Ihrer Frau Gemahlin den Brief zu schicken.« »Hat's! Das ist es eben!« »Oh pfui! Sind Sie auch sicher, daß der Brief wirklich von Dohleneck ist? Ich hielt ihn für sehr beschränkt, aber ehrlich.« »Das ist's eben – darüber heult sie mehr, als daß er tot ist.« »Gemeine Seelen! – Nun hat sie ihn kennengelernt. – Sie hat doch den Brief in gerechtem Zorn zerrissen und die Wechsel auch?« »Nein – sie will sie auslösen – sie ist obstinat. Ich soll's aus ihrem –« »Oh, das müssen wir hindern – auf der Stelle – wir wollen zu ihr – Was ist Ihnen?« Der Baron stürzte hinaus. Er kam nach einer Weile, von einem Kellner geführt, wieder herein. Wandel schien die Verwandlung auf seinem Gesicht nicht zu bemerken; in solcher Agitation ging er im Zimmer auf und ab: »Ich kann's mir denken – ihren Seelenzustand! Sie verachtet ihn. Und doch, sie will sich dadurch an ihm rächen, daß sie seine Manen beschämt. Das soll das letzte Opfer sein, was sie auf ewig von ihm scheidet. Oh, dort in jener Ewigkeit – mit welchem stolzen, vernichtenden Blicke wird sie ihm entgegentreten –« Der Baron hörte nichts davon, er konnte nichts davon hören. Der Legationsrat tat einen Schrei – er riß die Türen auf. Herr Dallach und die Kellner, die hereintraten, sahen die liebende Teilnahme, mit welcher Wandel dem Erkrankten den Kopf hielt. »Ein Arzt!« – »Ein Wagen!« »Die verdammte Melone! Habe ich ihn nicht gewarnt?« Herr Dallach reichte dem Kranken wieder ein Glas Portwein. Er wehrte es mit der Hand ab, Wandel schenkte ihm ein Glas Wasser ein. Er atmete wieder auf »Ach, das Wasser«, sagte Wandel, »wenn die Ärzte erst seine wunderbare Heilkraft ganz kennten! – Jetzt nur frische Luft!« Es kam kein Arzt, kein Wagen. »Die Stadt ist in Verwirrung.« »Würden Sie sich stark finden, teuerster Baron, zu Fuß nach Ihrer Wohnung – ich führe Sie.« Der Baron war aufgestanden: »Es wird gehen, es wird schon besser werden. Ich erhole mich.« »Die verfluchte Melone!« knirschte Wandel und stampfte: er stülpte den Hut auf. Er zog den Wirt noch einmal beiseite: »Herr Dallach, habe ich's nicht gesagt? Oh, es wird noch ärger kommen. Wir können uns gratulieren.« »Was ist denn, Herr Legationsrat?« »Die Cholera!« schrie er ihm ins Ohr. »Ein Anfall der asiatischen Cholera morbus! Und der Leichtsinn! Aber still, liebster Dallach, erschrecken Sie nicht Ihre Gäste; wir werden bald mehr hören.« Indem er den Kranken über die Schwelle mehr schleppte als führte, rief er zurück: »Dallach, lassen Sie ja alles auf dem Tische stehen, wie es liegt. Man kann doch nicht wissen, ob nicht Recherchen –« Es war ein saurer Weg für den Legationsrat. Zum Glück, daß die Straßenjungen mit andern Dingen beschäftigt waren. Sechzehntes Kapitel. Das große Trauerhaus . Wo der Trauerhimmel über eine ganze Stadt ausgespannt ist, wer achtet da sehr auf ein einziges Trauerhaus! Die Ärzte, nach denen er geschickt, waren nicht zu Hause gewesen. Sei doch der Krankheitsfall eine Art, daß ein gesunder Körper sich selbst heile, hatte er geäußert, oder wenn – dann war er plötzlich aufgesprungen und ließ doch noch einen Arzt rufen. Er hatte ihm im Vorzimmer die Symptome beschrieben, sie hatten gelacht, und als der Doktor ins Zimmer trat, hatte er lächelnd den Puls des Kranken befühlt und auch lächelnd zur Baronin gesagt: »Etwas Kamillentee und Einreibungen – das wird den Patienten bald auf die Beine bringen, aber wenn er auf den Beinen ist, gnädige Frau, dann tun sie mir den Gefallen und lassen ihn nicht wieder Melone essen und sich erkälten.« Liebevoller, aufmerksamer, aufopfernder hätte ein Bruder den Baron nicht pflegen können. Tag und Nacht saß er abwechselnd mit der Baronin an seinem Bette. Er trocknete, er rieb den Leib, er schenkte ihm den Tee, den er selbst vorher kostete. »Wenn er nur nicht so spaßhaft wäre!« hatte die Baronin gerufen, als sie ins Nebenzimmer trat, um Luft zu schöpfen, und schauderte. Sie ging in Schwarz. Viele wollten nie eine Seele in diesen großen Augen erblickt haben. Heut wären sie anderer Meinung gewesen. Dieser Blick voll tiefer Wehmut, voll Stolz und Ergebung sprach nur von einem Seelenschmerz. Als sie die Worte ausrief, hatte sie sich an die Wand gelehnt. Die Wand antwortete nicht. Da wollte sie die Worte wiederholen, aber sie kamen anders heraus: »Wenn er mir nur nicht das getan! Wenn er nur den Brief nicht geschrieben hätte!« Hatte Wandel durch die Wand gehorcht! Er war ein anderer, als sie zurückkehrte. Wie wenn ein scharfer Ostwind weht, die Mücken und Insekten, die uns geneckt und geplagt, mit einemmal verscheucht und verschwunden sind, waren die launigen Anekdoten, mit denen er ihre Sorge zu verscheuchen gesucht, auf seinen Lippen erstorben. Er saß da, ein blasses Bild, auch der Seelentrauer. Er hörte kaum ihr Kommen, kaum ihre Frage: »Wie steht es?« »Wie sollen die Glieder gesund sein, wenn der Körper krank ist!« Er sprang auf. »Ist eine Veränderung eingetreten?« Der Kranke lag in dem Augenblick still nach der andern Seite gewandt. Wandel stand am Fenster. Lärm, Unruhe, Hinundhergelaufe, kernige Fluchworte, dazwischen ein Geschrei, das hier in Heulen überging. Ein Reiter sprengte auf der Straße vorüber: »Das ist der Rittmeister Dorville. Ich fürchte, er bringt Übles vom Schlachtfelde.« Eine Stimme rief zum Fenster hinauf: »Verloren! Es ist alles verloren.« Was eine Stimme, was Stimmen! Es war alles in der Stadt nur eine, und das war ein entsetzlicher Wehruf .Wohl denen, die ihn laut machen konnten; der stumme Schmerz ist der tiefere. Er sprengt nicht immer die Brust, aber er stopft die Adern, er wirkt einen Niederschlag, der alle Funktionen der Glieder lähmt. Das Herz, das so mutig noch eben schlug, scheint stillzustehen, die Gedanken, die gradeaus schossen, zittern und verirren. Es war kein lauter Aufschrei in der Stadt; kein Todeshieb, der eine Wunde geöffnet, aus der das Herzblut mit einemmal ausströmt; es war eine Quetschung, ein Niederschlag. Ein Uhrwerk war's, dessen Räder noch gingen, aber keines griff ins andere. Die stürzten aus den Häusern, um draußen Nachricht einzuziehen, aus dem Sprachgewirr, den Gesichtern, der Luft. Die drangen in die Häuser, um sie von denen zu erhalten, welche darum wissen mußten. Die fragten mit scheuem Entsetzen: Was ist mit uns? Die drangen: Was sollen wir tun? – Ach, es wußte niemand, was er tun sollte, die am wenigsten, die es wissen sollten! Ein Knäuel von Hiobsposten wälzte, flog durch die Straßen. Hier schüttete es die entsetzlichsten aus und schien sich erschöpft zu haben, aber elastisch sprang es in die Höhe, um in der nächsten einen neuen Regen zu sprühen. Wenn die Besonnensten und Klügsten es nicht faßten, den Kern nicht herauszogen, was wunder, wenn die, welche nie gedacht, Fäden herausspannen, die ins Märchenreich gehörten. Die Franzosen hatten gesiegt, die Armee war in die Flucht geschlagen; die Besonnen hatten wohl recht, wenn sie schrien, man solle zukochen, heizen, für Stroh, Decken, Quartiere und Lazarette der Flüchtlinge sorgen, andere schrien nach Waffen und Widerstand. Da schreckte beide die Nachricht zum blassen Verstummen: Nichts von Flucht und Widerstand! Unsre Armee ist aufgerieben, vernichtet, alle Generale, der König, die Prinzen gefallen! Nicht unsre Flüchtlinge, die Franzosen kommen, stürmen, brandschatzen, plündern! Das ward zwar von Unterrichteten dahin korrigiert: die preußische Armee sei von den Franzosen nur umgangen worden, Napoleon habe sich zuerst bei Jena auf das Korps Hohenlohe geworfen und es vernichtet, darauf oder zugleich sei die Hauptarmee, wo der König und die Prinzen, bei Auerstedt total geschlagen, der Herzog von Braunschweig, der Oberfeldherr, im Getümmel erschossen, und beide geworfenen Korps, aufeinandergedrängt, würden von den Franzosen nach dem Rheine zu verfolgt; aber für die Begriffe der Masse war das zu schwer zu entwirren. Wenn auch einige Kluge kalkulierten, dann entferne sich ja die Gefahr, wenn noch Klügere meinten, es sei nur eine Kriegslist, um den Krieg nach Frankreich zu wälzen, so hörten andere dafür schon, wenn ein Pikett Husaren durch eine entfernte Straße preschte, die Vorposten der Franzosen in die Stadt einreiten. Andre aber hatten besser gesehen oder gehört, es waren Russen oder gar Engländer, die gelandet oder geflogen waren, um Berlin beizustehen. Natürlich waren das nur Luftblasen der Angst und Furcht in den untersten Volksklassen, die nie um öffentliche Dinge sich gekümmert, die in dem Wahne sicher träumten, der Bürger dürfe sich darum nicht kümmern, es sei am Staate, ihn vor Gefahr zu schützen. Ach, aber die Höheren waren die Allerratlosesten in diesen Stunden. Die noch die Besseren, die wenigstens nach Rat verlangten. Wäre er dagewesen, der Wille zur Tat hätte sich auch eingestellt. Man sah einige durch die Massen sich drängen. Aber wo Rates sich erholen? Die Lenker des Kabinetts sollten im Hauptquartier sein. Hier klopften sie umsonst an die Tür eines Großen. Er lag in einer heftigen Kolik und hatte befohlen, niemand vorzulassen. Ein anderer war bei einem andern, der andere war aber wieder anderswohin geeilt. Im Gedränge trafen sich zwei, die sich einst gesehen und seitdem nicht wieder, Walter und der alte Rittgarten. »Zum Gouverneur!« rief der Invalide. »Er muß die Trommel rühren lassen.« – »Trommeln! Das fehlte noch«, rief ein gutgesinnter Bürger, »um den Wirrwarr voll zu machen.« – »Es gibt nur einen , und wenn er nicht Hilfe weiß –« Walter ward durch einen lauten Aufschrei unterbrochen, der durch die Stimmen von Tausenden und aber Tausenden immer neu anwuchs. Das waren Laute des Schmerzes, aber auch der Freude: »Die Königin! die Königin!« In der Entfernung bog ein Reisewagen um die Straßenecke. Tränen, Schluchzen, Jubelrufe! Es war in dem Gewirr nichts zu verstehen. Ein Tuch, ein Arm wehte heraus. Die beiden, die sich eben gefunden, wurden wieder getrennt. Jeder hatte ein anderes Ziel. Aber die Stimmung schien sich geändert zu haben. Der Anblick der Königin hatte gewirkt. Der alte Rittgarten traf auf entschlossene Gesichter. Kernworte, Flüche! Da schüttelte einer seinen markigen Arm. Rittgarten ergriff ihn. Er sprach Worte, die zum Herzen drangen. Als sie das Hotel des Ministers erreicht, hatte sich die Zahl bedeutend vestärkt; es waren kräftige Männer, alte Soldaten darunter. Wut und Freude strahlte auf den Gesichtern. Wo war die alte Ordnung, die heilige Ruhe, wenn man berußte Arme, Schurzfelle auf den Treppen sah, einige sogar bis in das innere Heiligtum gedrungen. Es mußte hier schon viel vorgegangen sein, wenn wir den Minister, denselben, welcher den jungen Walter nach Karlsbad schicken wollte, zwischen diesen, selbst für die Antichambre ungeeigneten Gestalten umhergehen sehen, ohne daß sein Auge Blicke der Entrüstung warf. Nein, er trug weder Uniform noch Hofkleid, auch keinen Stern an der Brust, er ging nicht aufrecht, und die Stirn leuchtete nicht vom Widerschein seiner unantastbaren Würde. »Meine lieben Freunde!« sprach er, zwischen den Eingedrungenen sich bewegend. Seine feinen, aristokratischen Hände, stets in einer Position gehalten, die sie vor jeder Berührung schützen sollte, berührten doch freiwillig die Arme der Bürger, er drückte dem Nagelschmied die Hand, er legte sie dem patriotischen Stadtwachtmeister auf die Schulter: »Mein liebster, guter Freund, nur keine Übereilung.« »Aber, Exzellenz, sie stürmen Ihnen das Haus!« riefen drei, vier Stimmen. Der Hausflur war voll, die halbe Treppe, sie drängten von draußen, andre standen im Hofe und gafften mit häßlichen Blicken die Reisewagen an, die in Hast bepackt waren. Die Exzellenz beugte sich übers Geländer, sie rang die Hände, es war der mildeste, freundlichste Ton: »Um Gottes Willen, meine Freunde, keine Übereilung! Was wollen Sie?« Da brach es los, wie, ich weiß es nicht; es war aber das Unglück, da keiner wußte, was er wissen sollte. Es war die Wut, die in hundert Lauten sich Luft machte. »Wir sind verraten!« – »Der König und die Königin sind verkauft und verraten!« – »Das Vaterland ist in Gefahr.« – »Die Franzosen vor der Tür!« »Ja, ja, meine lieben Freunde, um Gottes willen, es ist wahr, wir sind alle in Gefahr – aber was wollt ihr, was sollen wir tun?« Eine rebellische Stimme aus dem Haufen schrie eine Verwünschung gegen die verfluchten Junker, die das Unglück übers Land gebracht. »Wir sind alle gleich! Wir sind alle Brüder, uns trifft es, wir müssen uns alle im Unglück beistehen.« Es klang schön, aber die im Hofe zeigten auf die bepackten Reisewagen: » Er kratzt aus, uns läßt er im Stich.« Ein höhnisches Gelächter verschlimmerte die Lage der Autorität, die es nicht mehr war. Da ward der Ruf laut: »«Widerstand! Waffen! Ein Schuft, wer seinen König verläßt!« »Um Gottes willen, verehrte Mitbürger! Ich beschwöre Sie, bedenken Sie Ihre Familien, Ihre lieben Kinder, Ihre Lage, diese Stadt! Es ist ein Unglück, ja, ein großes unermeßliches Unglück, unsre Armee ist geschlagen, total geschlagen, wir wissen nicht, wo sie ist. Wo eine so tapfere Armee erliegen mußte, ist es Torheit, ich beschwöre Sie, es ist Raserei, an den geringsten Widerstand noch zu denken.« »War's Torheit«, rief eine Stimme, es war der alte Rittgarten, »als Hadik in unsre Straßen sprengte, daß die Berliner nicht zu Kreuz krochen? Raserei, daß sie Schanzen aufwarfen, daß, wer eine Muskete tragen konnte, der Trommel folgte, als die Russen ihre Kugeln in die Friedrichsstadt warfen? Des Königs Hauptstadt ward gerettet!« »Meine lieben, teuren Mitbürger, bedenken Sie doch die veränderten Verhältnisse. Wer war Hadik, wer die Russen! Der Kaiser Napoleon ist unüberwindlich. Sie waren selbst Militär. Oh, erklären Sie Ihren Mitbürgern, daß aller Patriotismus und alle Bravour gegen ein diszipliniertes Heer nichts ausrichten. Oh mein Gott, stehn Sie mir doch bei, diese braven, rechtlichen, unsere Mitbürger vor einer entsetzlichen Verirrung zu bewahren.« »Exzellenz«, erwiderte Rittgarten, »eine Schlacht können wir den Franzosen nicht liefern, noch besteht Bürger und Bauer vor denen, die den Krieg erlernt. Das weiß ein Kind. Aber hier gilt's, was keiner erlernt, was geboren ist, das Herz zeigen am rechten Fleck. Ist der König geschlagen, so gilt's, ihm aufbewahren als treue Untertanen unsren Mut, unsre Treue, uns selbst. Er wird wissen, ob er Berlin halten soll oder aufgeben, und an uns ist's, ihm die Entscheidung offenerhalten. Das ist unsere Schuldigkeit. Es gilt, der Obrigkeit, die er zurückließ, gehorchen, und wenn sie stumm bleibt, sie fragen, was müssen wir tun, daß dem Könige seine Hauptstadt gerettet wird? Sind Soldaten da, so sammelt sie, sind Invaliden, ruft sie auf, sie werden dastehen. Sollen die Bürger ihnen zutragen, schanzen, Wache stehen? Sollen Wagen und Proviant hinaus, die Flüchtlinge einzuholen? Soll ihnen ein Lager abgesteckt werden? Soll junge Mannschaft geworben werden? Sollen wir Pullover holen, Kugeln gießen, abkochen für die Ankömmlinge? Alles das weiß der Bürger nicht, Exzellenz, aber er hat ein Recht, von denen es zu erfahren, die der König zurückließ an seiner Statt. Die müssen es wissen, die uns vorangehen. Und die und wir alle haben die Verpflichtung, uns so zu zeigen, daß der Feind erfährt, er hat eine Stadt von Männern vor sich, nicht von Memmen.« Gewirkt hätte die Rede, wenn nicht zwei Umstände die Wirkung paralysierten. Von draußen schrie es: »Die Königin! Die Königin flieht aus Berlin!« – »Die Königin redet zu den Bürgern!« Darauf eilten die Entschlossenen nach dem Palais. Vielleicht war dort Rat und Hilfe. Im hintern Hofe aber hatten andere einen Reisewagen umgestürzt. Wo mischt sich nicht schlechtes Gesindel hinein, wenn der Patriotismus aufbraust! »Sie plündern! Herr Major, hindern Sie's! Man weiß nicht, was draus wird! – Es sind Soldaten dabei.« Es bedurfte für den Offizier kaum der Aufforderung. Die Exzellenz ließ ihren Wagen im Stich, sie hatte eine höhere Aufgabe, das Terrain war günstiger, die Haufen gelichtet, er glaubte geneigtere Gesichter zu sehen. Er war auf die letzte Stufe in ihren Kreis getreten: »Mitbürger! Teuerste Freunde! Der Augenblick ist entsetzlich, aber lassen Sie sich von unruhigen Köpfen nichts aufreden. Hier ist nicht zu helfen. Der Himmel hat es so gefügt, wir müssen uns drin finden. Der mindeste Widerstand, irgendein unruhiges Benehmen von Ihrer Seite könnte die schrecklichsten Folgen haben. Denken Sie an Ihre Frauen, Ihre Kinder, denken Sie an Wien! Wie ungnädig hat seine Majestät, der Kaiser Napoleon, das trotzige Benehmen der Bürger aufgenommen. Er ist nun einmal der Sieger. Er wird ein großmütiger Sieger sein, wenn Sie der Vernunft Gehör schenken. Sein Sie freundlich, sein Sie sehr freundlich gegen ihn. Überwinden Sie sich; wenn er einzieht, rufen Sie ›Vive l'Empereur!‹ Ich weiß, es wird Ihnen schwer werden, aber der Mensch kann sich überwinden, meine Herren, der Mensch kann viel, wenn die Not ihn zwingt. Recht friedlich, recht besonnen! Illuminieren Sie! Das wird ihn überraschen, sein Herz wird sich aufschließen. Liebe Mitbürger, hören Sie auf den Rat eines Mannes, der's mit Ihnen wohlmeint, es ist nicht für mich. Bedenken Sie, erwägen Sie, ich wiederhole es nochmals, wie schrecklich sein Zorn auf Wien fiel. Sie sind keine Wiener, Sie sind Berliner, und das Beispiel wird Sie lehren, daß eine männliche, ruhige Hingebung im Unglück es allein ist, die den Patrioten ehrt.« In den Akten der Zeit wird man freilich diese Rede nicht aufgeschrieben finden. Aber man findet mehr – ein gedrucktes Aktenstück. An allen Straßenecken stand – an einem spätern Tage – folgendes Proklama, und in den Berliner Zeitungen las man es am 21. Oktober 1806. In dem Proklama hieß es:   »Nur festes Anschließen an diejenigen, welche das mühselige Geschäft übernehmen, die von einer solchen Begebenheit unvermeidlichen Folgen zu mindern, sowie die mehr als jemals nötig gewordene Ordnung zu handhaben, kann die schrecklichen Folgen abwenden, welche der mindeste Widerstand oder irgendein unruhiges Benehmen der Einwohner über die Stadt verbreiten würde , und das noch neuerliche Andenken des Betragens, welches die Einwohner Wiens in einer ähnlichen traurigen Lage beobachtet haben, muß die Einwohner Berlins belehren: daß der Überwinder nur ruhige, männliche Hingebung im Unglücke ehrt ... Ich ermahne jeden (denn – hoffentlich werde ich es nicht nötig haben zu befehlen)... ruhig bei seinem Gewerbe zu bleiben und alle Sorgen denjenigen zu überlassen, welche sich rastlos mit seinem Wohl beschäftigen werden . Ich verbiete durchaus alles Zusammenlaufen, alles Schreien auf den Straßen, alles öffentliche Teilnehmen an denen so verschiedentlich einlaufenden Kriegsgerüchten ; denn ruhige Fassung ist dermalen unser Los, unsre Aussichten müssen sich nicht über dasjenige entfernen, was in unseren Mauern vorgeht; dieses ist nur unser einziges höheres Interesse, mit welchem wir uns allein beschäftigen müssen . Berlin, den 19. Oktober 1806. Fürst von Hatzfeld«   Es mußten schon Flüchtlinge in der Stadt sein; vielleicht verbargen sie sich vor der Neugier oder dem Grimm des Volkes in den entfernteren Teilen. Aber das Volk suchte nach ihnen. Da hielt es eine staubbedeckte Reisekalesche an und zwang einen Offizier herauszusteigen. Vergebens protestierte er, daß er die Schlacht nicht mitgemacht, nicht vom Schlachtfeld komme, vielmehr über Schlesien aus Österreich; der Wagen kam ja vom Schlesischen Tor. Zum Gouverneur wollte er sich führen lassen, obgleich ihm die Eskorte unangenehm war, als Herr von Fuchsius ihm begegnete und von der verdächtigenden Begleitung befreite. »Zu spät!« – »Wieder zu spät!« erwiderte Eisenhauch und drückte die ihm entgegengehaltene Hand. »Das ist mehr als Austerlitz.« »Zum Gouverneur! Kommen Sie mit? – Solange die Möglichkeit da ist –« »Die Gewißheit!« unterbrach der Rat. »Auch Sie ohne Trost und Hoffnung?« »Die Gesetze der Natur sind ewig. Die Kugel rollt nur, bis sie den Abgrund erreicht, und der Verbrecher bleibt nur ungestraft, bis sein Maß voll ist.« Welche fast lüsterne Freude glänzte auf Fuchsius' Gesicht, als er dem alten Bundesgenossen die Hand rasch zum Abschied gedrückt. »Wohin? Wohin?« »Das im kleinen tun, was Gott im großen vollenden wird, wenn – auch da das Maß voll ist. Jetzt entlarven – ein Scheusal!« Eisenhauch begriff ihn nicht. Wer konnte einer Bagatelle jetzt nachgehen! Das Reich der Pygmäen war ja aus. Er bedachte nicht, daß um deswillen noch nicht das von Titanen beginnt. Er traf den Minister auf dem Flur – er kannte ihn, er wußte, was er unter andern Umständen von ihm erwarten durfte, aber jetzt –. Der Minister war zugleich preußischer Krieger, ein hoher General, er hatte einst ein Armeekorps kommandiert. Jetzt mußte er den Zopf fortgeworfen haben, jetzt in Stahl und Eisen aufspringen, und wirklich, der Minister schien erfreut, wie man erfreut ist nach einer guten Tat. Er erkannte sogleich den Freiherrn: »Gott sei Dank, mir gelang eben etwas, was von dieser Stadt eine große Gefahr abwendet.« Da rückte Eisenhauch rasch in kurzen Worten mit seinen Anträgen vor: er bot seine Dienste an, er stellte sich zur Disposition, wohin man ihn brauchen könne, er wollte noch mehr: einen unterwegs entworfenen strategischen Plan andeuten, wie man durch rasches Zusammenziehen der gebliebenen militärischen Kräfte und Benutzung der Lokalitäten Positionen einnehmen könne, nicht stark genug, um einen ernsten Angriff des siegreichen Feindes zu widerstehen, doch ausreichend, um die Hauptstadt vor dem ersten Anprall zu schützen, die zersprengten und flüchtigen Truppen aufzunehmen, in Kader zu sammeln – als der Minister mit Entsetzen ihn unterbrach: »Sind Sie rasend! In ein brennend Haus sich stürzen! Wir – wir werben nicht, was neue Soldaten – sollen wir noch den Kaiser reizen! Wir können Gott danken –« »Wenn wir unser elendes Leben salvieren«, rief eine Stimme von der Hoftür her. »Machen Sie sich aus dem Staube, liebster Freiherr Eisenhauch, verschwinden Sie, schnell, schnell, ehe ein Spion Sie erblickt. Gott sei Dank, mir gelang wenigstens eins: das Pulver ist aus Berlin, ehe er eintrifft. Er wittert überall Verschwörungen, Empörungen, Herr Gott, er hätte in Zorn geraten können –« »Über die Kreatur, die er zum Mann schuf, und sie ward ein Wurm!« rief die Stimme, und der alte Rittgarten hob seinen Stock. Es war ein erschreckender Anblick, der Greis, der sichtlich auf den Füßen schwankte, seine Brust bebend, sein Gesicht vom Blutandrang gerötet, aber weiße, verräterische Streifen zogen sich von der Nasenwurzel bis an die Mundwinkel. Seine Stimme polterte, aber die Laute waren nicht mehr artikuliert. Man konnte auf einen Schlaganfall aus Gemütserschütterung schließen. Und den Stock in der Luft schwingend, drohte er das Gleichgewicht zu verlieren. Eisenhauch hatte ihn rasch unterfaßt. Mit äußerster Anstrengung stieß der alte Krieger Worte vor: »Fluch – über die Verräter! – Diese Sykophanten an Friedrichs Thron, die sein Volk nichts achteten – sie werden die ersten sein – die ihm die Füße lecken, dem neuen Herrn –. Stempelt diesen, zeichnet ihn, daß man ihn wiedererkennt – er wird die fremde Livree tragen. – Oh, fort – hinaus, die Luft hier erstickt.« Rittgartens Stock hatte den Minister nicht getroffen, aber sein Blick und Wort. Er war verschwunden, in der nächsten Stunde auch aus Berlin. Die Prophezeiung des Sterbenden ging in Erfüllung. Der Minister – aber er nicht allein – ließ wenig Monate darauf sich ein neues borniertes Galakleid anmessen; er antichambrierte im Ministerrock des Königs von Westfalen, so stolz und aufrecht, die Brust so reich geschmückt, und er sah so gnädig und herablassend auf Niedere als damals, wo er nichts war und sein wollte als ein treuer Diener seines Herrn, des Königs von Preußen. Kleider machen Leute, sagt das Sprichwort, aber nicht auf alle paßt es, denn in der Politik gibt es Männer, für die alle Kleider passen. Ein Sterbender war der Major Rittgarten. Er atmete draußen noch einmal die freie Luft, er schien Eisenhauch zu erkennen, er erschrak nicht. Der führte ihn, den er einst auf Tod und Leben gefordert. Ein anderer hatte die Lose geworfen, eine andre Hand die Kugel abgedrückt. Aber da lief ein Mann mit Pinsel und Zettel heran und klatschte ein Plakat an die Tür. Als er das gelesen, zitterte er zusammen. Eisenhauch fühlte eine Erschütterung in den Gliedern des Greises. Auf dem Plakate standen die Worte:   »Der König hat eine Bataille verloren. Seine Majestät und dessen Bruder, Königliche Hoheit, sind am Leben und nicht verwundet. Ruhe ist die erste Bürgerpflicht. Ich bitte darum. Schulenburg.«   »Es wird besser«, antwortete Rittgarten auf des Majors Frage, der Hilfeleistende heranwinkte. »Ja, es wird besser, es muß besser werden!« rief Eisenhauch. »Oh mein Gott, mein Vaterland!« »Er kann nicht mehr allein stehen«, sagte jemand. »Preußen!« atmete der Sterbende, an des Freiherrn Brust sinkend – es war sein letztes Wort. »Kann nicht mehr allein stehen«, wiederholte Eisenhauch dumpf. »Es hätte nicht allein stehen dürfen, ohne Deutschland.« Der Schlag hatte den Invaliden getroffen.   Im Trauerhause, dem Hotel des Ministers gegenüber, hatte auch ein Schlag getroffen. Die Baronin lag auf ihren Knien am Bette, ihr Gesicht verbergend. Gott verzeih ihrer Seele, wenn sie nicht für die des Mannes betete, der eben, nach furchtbaren Konvulsionen, sanft entschlummert war. Es war ja Krieg, der in seinem Zorn Tausenden unnennbaren Jammer erregte, Und viel tapfere Seelen der Heldensöhne zum Aïs Sendete, selber sie aber hinstreute zum Fraße den Hunden Und dem Gevögel der Luft. So ward sein Wille vollendet. Warum war's eine Sünde, wenn ein edles Weib in ihrem Gebet an eine andre Seele dachte, wenn sie für diese um Vergebung flehte. Der Tote vor ihr hatte nie jemand getäuscht, was er war, hatte immer zutage gelegen, der Richter überm Sternenzelt kannte ihn und würde nach seinem Wert oder Unwert das Urteil fällen. Aber die Seele des einen war mit einem Fleck dahingegangen. Ein einziger Fleck hatte die reinste Seele getrübt, und ehe er sich verantworten können, hatte das blitzende Schwert den Helden niedergeschmettert. Wußte sie, in welchen Ängsten, daß er keinen hatte, dem er beichten, gegen den er sich von dem einzigen Fehler, der ihn drückte, entlasten konnte! Und war es denn eine Sünde, hatte er nicht wissen können, daß sie gern alles für ihn hingab, daß sie mit Freuden seine Schulden bezahlt hätte, wenn er sich nur an sie gewandt! War das nicht edel, daß er es nicht getan! Nur in einem schwachen Augenblick hatte er sich verführen lassen, auch nur vielleicht in betreff des Wucherers, der ihn aus der Not ziehen sollte. Und darum auf ewig verdammt! Nein, wenn einer, er bedurfte des Mitleids. Und sie hatte zum Vater, von dem alle guten Gaben kommen, gebetet, daß er Dohleneck vergebe. Da war sie, fast erheitert, aufgestanden, sie hatte des Toten Hand gedrückt, auch er würde im Leben nichts dagegen einzuwenden gehabt haben, und in stiller Fassung saß sie im Lehnstuhl, die Augen schließend, als ein heftiger Schrei sie aufschreckte. Der Legationsrat, der, um Nachricht, ob Gefahr sei, einzuziehen, sie verlassen, war zurückgekehrt, er hatte sich über das Bett geworfen, der stöhnende, konvulsivische Schrei kam von ihm. »Da ist ein edler Freund mir hingegangen. Er da oben nur weiß, was er mir war!« rief er, sich erhebend, die Hände übers Gesicht deckend. – Nur auf kurze Sekunden. Den nächsten Augenblick beugte er sich über die Witwe, sie fühlte einen langen Kuß auf ihre Stirn gedrückt: »Das ist der Bruderkuß, der Schwester gegeben. Die Sterne wollen es so. Edler Toter, deine Seele blickt auf uns, aber ich sehe dich ruhig lächeln, denn du weißt, daß ich deine heiligen Pflichten gegen dein Weib erfüllen werde. Durch diesen Kuß besiegte ich mein Gelöbnis.« Sie war vorhin überrascht worden; jetzt, als seine Lippen sich ihr näherten, stieß sie ihn zurück. Sie wollte sich auf die Leiche werfen, aber mit ebensolcher Entschlossenheit riß er sie am Arm zurück: »Unglückselige! Wissen Sie, was Sie tun? Er ist an Cholera gestorben, sein Hauch ist Pest. Er muß noch heut unter die Erde.« Er stand gebieterisch zwischen ihr und der Leiche, Ehe sie Zeit zu antworten hatte, führte er sie schon, halb zwang er sie an den Schreibsekretär: »Schnell, keine Minute verloren! Ihre wichtigsten Papiere, Kleinodien, was Sie an Geldeswert fassen können – in einen Kasten, was es ist. Ich besorge mit Ihrem Kammermädchen die nötigsten Kleider. Der Wagen rollt vor –« »Was ist's, mein Herr!« »Sie wissen nicht! In einer Viertelstunde spätestens müssen wir fort. Auf der Schöneberger Höhe sieht man schon die Avantgarde. Alles flieht, wer nur Pferde auftreibt. Die Königin beinahe in Lebensgefahr. Sie wird jetzt schon aus dem Tore sein. Gestreckter Galopp. Die Franzosen werden plündern, vielleicht die Stadt in Brand stecken. Napoleons Wut ist unaussprechlich. Nur keine Frauen zurückgelassen, ruft es durch alle Straßen. Sie mißhandeln – ihre Brutalität ist ohne Grenzen. Unglücklich Weib! keinen Augenblick verloren!« Er hatte den Sekretär aufgerissen. Mechanisch folgte sie seinem Befehl; sie hatte keine Luft, keinen Atem zum Denken, zum Erwägen. Das Rädergerassel draußen, das Stimmengewirr unterstützten, was Wandel sagte. Eine Schatulle war in lautloser Angst gepackt. »Nur nichts Unnützes!« rief er, als sie ein Pack eröffneter Briefe hineinwerfen wollte. »Wozu sich mit Erinnerungen beschweren! Nur nichts hinter uns.« Die Briefe fielen zerstreut auf die Tischplatte. Sie ließ alles geschehen in sprachloser Erstarrung. Da nahm er einen: »Ah, Dohlenecks Hand. Selig sind die Toten, aber sie haben nichts zu schwatzen.« Ehe sie es hindern konnte, hatte er den Brief in kleine Stücke zerrissen. Aber sie hatte den Blick gesehen, der auf das Papier schoß, die Freude, die aus seinen Augen blitzte – es war eine ganz eigentümliche Freude –, das Weiße des Auges verzog sich, er kniff die Unterlippe mit den Zähnen ein. Da blitzte etwas in ihr; es war, als ob ein Vorhang riß. Einige Schritte zurückfahrend, maß sie ihn von Kopf bis Fuß. Es war ein fürchterliches Licht, das in ihr aufschoß. Ihr Gesicht rötete sich, ein Strahl von einer Freude schoß darüber, während sie unwillkürlich die weißen Zähne zeigte und die Finger der schönen Hände sich krümmten. »Warum vernichten Sie gerade den Brief?« »Weil – weil ich im Interesse dieses heiligen Toten seiner Witwe Erinnerungen sparen will, die den Seelenfrieden einer treuen Gattin trüben könnten.« Der imponierende Ton verfehlte sein Wirkung. Ein krampfhaftes Lachen erheiterte ihre Brust: »Falsch! es ist alles falsch an Ihnen – jetzt – ich ahne – Sie sind ein Mensch, dem niemand trauen durfte – oh mein Gott! – und da der tote Mann – Wer schützt mich!« Wir zweifeln nicht, daß der Legationsrat auch jetzt noch Mittel gefunden – wenigstens würde er danach gesucht haben, das Mißtrauen der Witwe zu beschwichtigen, wenn sein Blick nicht plötzlich durch einen Gegenstand an der Tür absorbiert worden wäre. Es lag in der Natur der Dinge, daß, nachdem durch die Diener die Nachricht von dem Tode des Barons bekanntgeworden, eine Anzahl Freunde, Angehöriger und Teilnehmender sich in das Haus drängte. Ebenso natürlich war es, wenn bei der obwaltenden Krisis einige unangemeldet in das Zimmer drangen, zur Förmlichkeit eines Trauerbesuches war nicht mehr Zeit. Alle trauerten, und alle Trauer mischt sich. Die Baronin ward embrassiert, Dienstleute aus dem Hause drängten herein und schrien beim Anblick der Leiche auf. Das: »Wissen Sie schon?« – »Oh, der ist glücklich, der nichts davon hört!« – »Ach, wer weiß, was uns allen bevorsteht!« – »Und so jung noch!« – Das Schluchzen, das stille Weinen, das Händeringen, es war alles zusammen wohl geeignet, die peinliche Lage der Baronin zu vermehren und ihre Aufmerksamkeit abzuziehen, aber die Wandels war auf einen andern Gegenstand gerichtet gewesen. Er glaubte, als die Tür aufgerissen ward, den roten Kragen eines obern Polizeibeamten entdeckt zu haben. Der war zwar noch nicht eingetreten, aber wie aus einer geöffneten Schleuse ergossen sich Nachrichten, die ihm nicht alle angenehm waren. Dem »Wissen Sie schon?« der und jener Freundin folgte eine Reihe von Unglücksfällen und eine Totenliste. Der ist erschossen, der gefangen, der niedergehauen! Rittmeister Dorville schien die Pandorabüchse, welche alle diese Hiobsposten ausgeschüttet hatte. »Sah er auch den Major Dohleneck fallen?« fragte sie, sich selbst überwindend, die Baronin schüchtern. »Den hat Dorville selbst gesprochen.« »Gesprochen! eh er fiel?« »Nur verwundet, aber nicht schwer. Er ist ranzioniert, oder losgegeben, er kommt direkt nach Berlin, nur darf er nicht mehr dienen in dem Kriege.« Wandel hatte nicht mehr Zeit, den Blick zu sehn, den ihm Auguste Eitelbach zuwarf, ein triumphierender, durchbohrender Blick. Er sah auch nicht, wie ihre Brust sich hob, wie tief sie Atem schöpfte, um dann auf dem Stuhl zusammenzusinken, ihre Hände zu falten und ihre Gesicht zu verbergen. Der junge Mensch, den wir am Morgen bei Fuchsius sahen und den er Eckard nannte, hatte sich hinter ihn geschlichen und ihm zugeflüstert: »Es will Sie draußen jemand sprechen.« Wandel fixierte den Menschen, ob er ihn einer Antwort zu würdigen habe, als sein Auge auf Fuchsius fiel, der unbeweglich an der Tür stand. »Ah, ein alter Freund!« sagte er. »Das glaube ich nicht«, entgegnete der junge Mensch. In dem Augenblick öffnete sich die Tür, und ein Polizeiinspektor schritt zum Befremden der Anwesenden auf Wandel zu: »Da Sie meiner Invitation nicht gefolgt sind, erlaube ich mir, Sie abzuholen, mein Herr.« »Ich habe nicht die Ehre, Sie zu kennen.« »Wir werden uns kennenlernen.« »Ah, ich sah nicht den roten Kragen! Als was soll ich Ihnen folgen?« »Als mein Gefangener.« Noch einmal warf sich Wandel in die Brust: »Noch Possen im alten Kurialstil! Auf Ihre Gefahr hin! In vierundzwanzig Stunden wird mein Kaiser Rechenschaft fordern für die mir angetane Beleidigung. Wollen Sie es noch wagen? Immerhin!« Aller Augen starrten auf ihn. Nur der Polizeimann sah ihm fest ins Gesicht und sprach mit tönender Stimme: »Auf Requisition des Tribunals der Seine zu Paris und auf ausdrückliches Ansuchen des Kaisers der Franzosen durch seine vormalige Gesandtschaft hier verhafte ich Sie.« Totenstille. Wandel erblaßte, doch nur auf einen Augenblick: »Dann ist's ein Mißverständnis!« Er knöpfte sich zu, verbeugte sich leicht gegen die Anwesenden und folgte rasch dem Inspektor. Hinter ihm schnitt ein greller Pfiff durch die Luft. Der junge Vigilant hatte sich einen Spaß gemacht. Er schien ihn fortzusetzen, indem er beim Hinausgehen zu einem Angehörigen des Hauses sagte: »Sehn Sie nur im Sekretär nach, ob da nichts fehlt.« Der Inspektor brachte den Gefangenen in ein abgesondertes Zimmer zu flacher Erde, bis der bestellte Wagen ankam. Fuchsius' Gesicht war undurchdringlich geblieben, als Wandel an ihm vorüberging. Das des Polizeimanns versprach ihm vielleicht mehr, als er mit verschlungenen Armen ihn beweglich anblickte: »So will man mich wirklich ausliefern – auf Requisition des Napoleonischen Gerichts?« »Sie hörten es.« »Wissen Sie, was mit mir geschieht? In vierundzwanzig Stunden bin ich erschossen. Ich wußte um eine Verschwörung gegen Bonapartes Leben, ich war vielleicht selbst dabei impliziert. Der Kaiser weiß es; mein Leben ist entschieden. Ist Ihre Regierung so verzagt, mich ihrem Feind auszuliefern, weil er droht, so sind vielleicht doch noch Patrioten im Volke, die den Vorteil ihres Vaterlandes und ihren eigenen bedenken.« Der fatale Pfiff des Vigilanten antwortete von draußen. Der Inspektor erwiderte ruhig: »Sie sind wegen Giftmordes verhaftet.« »Das ist eine andere Sache«, hatte Wandel auch ruhig erwidert und sich nach dem Fenster gewandt. Nach einer kleinen Weile trat Herr von Fuchsius ein. Wandel begrüßte ihn höhnisch: »Ich gratuliere, Ihr Staat macht noch in seinem Untergang Progressen zur Gesetzlichkeit. Als wäre ich in dem glücklichen England, hat man mir soeben das Verbrechen benannt, um was man Lust hatte, an mir einen Justizmord zu begehen. Ich danke Ihnen aufrichtig, Herr Regierungsrat, für die Berücksichtigung, da ich weiß, daß ich nach der alten Observanz sehr wohl ein halbes, auch Jahre in Ihrem freien Quartiere schmachten können, ohne mit einer Sterbenssilbe zu erfahren, was mir die Ehre verschafft.« »Guido Florestan Baron Vansitter, genannt von Wandel!« redete Fuchsius ihn an. Er irrte, wenn er auf eine Bestürzung des Gefangenen gerechnet hatte. Nur ein mokanter Zug schwebte um die Lippen desselben, als er erwiderte: »Ich bedaure die Mühe, die es Ihnen machen wird, meine Identität mit der meines genannten Vetters herzustellen. Die meisten Zeugen sind gestorben; bis Sie die Überlebenden auftreiben und nach Berlin schaffen, darüber können Jahre vergehen. Der Untersuchungsrichter hat ein saures Geschäft, mein Herr von Fuchsius, wenn er Inquisiten vor sich hat, welche die Gesetze, die Menschen und ihre Inquirenten kennen. Aus persönlicher Freundschaft und Respekt vor Ihrem Charakter würde ich Ihnen raten, die Untersuchung abzugeben. Sie erscheint Ihrem Ehrgeiz lockend, ich versichere Sie aber, ich ärgere Sie zu Tode.« »Aus Respekt vor Ihrer Bildung, und nur darum, habe ich zwei Worte mit Ihnen allein zu reden.« »Allen Respekt vor Ihrer Versicherung, aber ich glaube Ihnen nicht, weil die Pflicht der Selbsterhaltung mir gebietet, Ihnen zu mißtrauen. Allein Ihnen, was Sie wünschen, aber vorher die Gewißheit, daß hinter der Tapete kein Protokollführer lauert.« Wandel schien sich diese Gewißheit verschafft zu haben: »Was steht zu Ihren Diensten?« »Führen Sie Gift bei sich? Ich meine Mittel, die es Ihnen ermöglichen, sich der Schande und der weltlichen Strafe Ihres Richters zu entziehen? Es ist meine Pflicht, mich davon zu vergewissern.« »Soll ich Ihnen mit Macbeth antworten: Weshalb sollt ich den römschen Narren spielen, Sterbend durchs eigne Schwert? Solange Leben Noch vor mir sind, stehn denen Wunden besser. Solange ich atme, will ich von dieser süßen Gewohnheit des Daseins nicht lassen. Besser Kerkerluft und schimmlichte Brotrinde als schwimmen ein Atom im grauen Nebel der wesenlosen Leere. Nein, da beruhigen Sie sich, Sie sollen mich als Epikureer kennenlernen. Ich wollte viel, ich lasse mich aber auch genügen am wenigen. Die Welt ist ein Kerker, warum sollte nicht der Kerker zur Welt werden für den, der noch Lust am Leben hat! Ich trank Neapels Sonnenschein, der sich im Golfe badete, aber auch wenn sie mich in einen Kerker mit Blechkasten würfen, will ich wie ein Kind mit dem Sonnenstrahl kosen, der sich durch die trüben Scheiben mittags zu mir stiehlt. Ich kann mich auch wie jener mit der Spinne vergnügen, mit Mäusen, dem Insekt im Stroh. Ich will mit ihnen spielen, mich necken wie mit vernünftigen Wesen. Sie sollen meine Könige, Staatsmänner, Volkstribunen sein, und ich werde nicht zu großen Unterschied mit den wirklichen finden. Oder wollen Sie mich an die Mauer ketten, Eisenstangen mir an Hände und Füße legen, ich bleibe doch der freie Mann. Können Sie meinen Geist, meine Phantasie fesseln? Können Sie ihr verbieten, mein Gefängnis zu bevölkern mit Wesen, die, ohne Selbstschmeichelei, etwas geistreicher sind als Ihre erwählten Gesellschaften. Fürchten Sie sich nicht vor dem Nagel in der Wand, gönnen Sie mir ein Strumpfband, ein Halstuch, ich schwöre es Ihnen beim höchsten Eide, bei der Achtung vor mir selbst, den Versucher, der mich auch nur um eine Spanne meines Lebens betrügen wollte, jage ich hohnlachend zum Gitterfenster hinaus.« »Baron Vansitter, es wäre besser für Sie, wenn Sie mit ernsten Dingen sich in der Spanne Zeit beschäftigten, die Ihnen noch gemessen wird.« »Spanne Zeit! Sie täuschen sich. Es wird eine recht lange Zeit werden. Ich gebe Ihnen mein Wort, ich werde mich verteidigen – besser als Ihr Staat gegen seinen Überwinder. Gewissermaßen soll jetzt mein Leben erst anfangen. Sie kennen mich doch einigermaßen und wissen, wie ich in die Schranken trat. Man meinte, ich war ein glücklicher Advokat, ich setzte manches durch, noch mehr wandte ich ab. Alles für andre! Nun, mein Herr, jetzt gilt es für mich selbst . Werde ich mich schlagen, wie Ihre Soldaten, für Kommißbrot, aus Furcht vor dem Korporalstock? Nein, wie der Pirat, den die Fregatten eingeholt. In dem Todeskampf siegt er wohl zuweilen gegen die Übermacht, es kommt öfter vor, daß er die Verfolger mit sich in die Luft sprengt. Oh, es soll ein Kampf werden, auf den ich mich freue; eine Beschäftigung für den Geist, wie ich sie wünsche. Sperren Sie mich in den engsten Kerker; je kleiner der Kessel, um so größer die Expansionskraft des Gases. Mein Kompliment Ihnen, ich weiß, wen ich vor mir habe: keine plumpe Kriminalspinne, die außer ihrer Aktenhöhle, blödsichtig, nicht um sich weiß, nein, einen feinen Welt- und Lebemann, der mit seinen Kenntnissen und psychologischen Erfahrungen mich umgarnen und harmlos fangen möchte. Grade auf solchen Gegner freue ich mich. Ich schätze Sie. Wir wollen uns in Minen und Konterminen begegnen. Das wird meinen Geist frisch erhalten; das erfrischt auch das Blut weit mehr als die körperliche Bewegung. Ich werde ein gesunder Gefangener bleiben. Auch Sie sollen Ihre Freude an mir haben. Ein Inquisitor verliebt sich am Ende in seinen Inquisiten – er sehnt sich in der Nacht auf den nächsten Morgen, wo er ihn wieder erblickt –« »Bis er ihn an einem Morgen dem Richter abliefert, der ihn nicht zurückliefert.« »Das bilden Sie sich ja nicht ein. Sie meinen das Schafott. Was wollen wir wetten? Aufs Schafott bringen Sie mich nicht. Ich kenne Ihre Gesetze, die Ansichten Ihrer Richter. Höchstens, wenn alles gut geht, nämlich für Sie, eine außerordentliche Strafe. Zehn, funfzehn, vielleicht zwanzig Jahr Gefängnis. Die ganze Welt ist ein Gefängnis; wie angestrichen, schwarz-weiß, blau, grün, schwarz-gelb, das ist am Ende gleichgültig. Ja, wenn Sie mich nach Frankreich auslieferten, das wäre eine andre Frage, vor den Geschwornen, da hört unsre Logik auf. Aber Sie sind ein zu guter Patriot, und die Sache ist doch wohl auch für Sie zu interessant, um sie aus der Hand zu geben.« »Der Baron Eitelbach ist nicht an der Cholera gestorben«, sprach Fuchsius, ihn fixierend. »Dann wäre es mir doch sehr interessant, zu erfahren, was man bei ihm finden wird! – Nichts Mineralisches, darauf können Sie sich verlassen«, sprach Wandel mit höhnisch freundlicher Stimme, indem er die Frechheit hatte, dem Rat dabei sanft auf die Schulter zu klopfen. »Scheusal!« rief dieser, zurückweichend. »Warum das? Nur keine Affekte, sie passen nicht für Sie, nicht für mich. Überhaupt, sein Sie darauf gefaßt, durch Überraschungen, Impulse, Gefühlsaufwallungen ringen Sie mir nichts ab. Es ist für uns beide besser, wenn wir uns auf den Standpunkt der Humanität und Courtoisie stellen, wie zwei geschickte Schachspieler, wo jeder die Intentionen des andern durchschaut. Einer muß endlich gewinnen, der, der die meiste Geduld hat und am längsten wach bleibt. Bleiben Sie wach, Herr von Fuchsius, Sie haben einen alerten Gegner. Nein, die Kränkung trau ich Ihnen nicht zu, zu glauben, ich könnte so einfältig gewesen sein, wenn ich den mir gleichgültigsten Mann auf der Welt aus ihr fortschaffen wollen, daß ich es mit Arsenik getan und nicht mit Pflanzensäften, deren Spuren schon nach ein paar Stunden verflüchtigt sind.« Der Wagen, der Wandel nach dem Gefängnis schaffen sollte, war vorgerollt. An der Tür wandte Fuchsius sich noch einmal um: »Herr von Wandel, es ist möglich, daß Sie recht behalten, daß die Gerichte mit ihren groben Werkzeugen nicht in alle verborgenen Winkel Ihrer Verbrechen dringen, ich aber habe die volle moralische Überzeugung. Um deshalb werde ich die Untersuchung vielleicht einem unbefangenen Richter geben. Hier aber, vor Gott, vor der Ewigkeit, oder, wenn Sie wollen, vor der wesenlosen Leere, deren Annahen Sie grauen machte, möchte ich in Ihre Seele schauen und eine Frage tun –« »Deren Inhalt ich mir denken kann. Geben Sie sich nicht die fruchtlose Mühe. Nur ein Wort. Nicht wahr, vor dieser Ihrer moralischen Überzeugung bin ich ein gräßlicher Verbrecher, weil – weil ich mit Menschenleben gespielt habe, das nehmen Sie an, zu meinem Vorteil, der Wißbegier, des Vergnügens wegen, was es sei. Nun blicken Sie um sich, links und rechts, in West und Ost, in Nord und Süd, auf die großen Spieler. Die haben gespielt und spielen fort, mit Tausenden, mit Hunderttausenden von Menschenleben, und ich kleiner bescheidener Bankhalter! – Ja, die haben Motive, antworten Sie, Menschenliebe, Allgemeinwohl, Religion, Freiheit und Gleichheit, Thron und Altar, Sitte und Nationalität – Herr, wer sagt Ihnen, daß ich nicht auch Motive habe, Ideen, vor denen alle Rücksichten schwinden müssen? Kann ich sie nicht auch überkleistern mit Goldschaum und Tugendfloskeln? Das wahre Motiv, Herr, das ist überall dasselbe: der Größere frißt den Kleineren, wenn er Appetit hat und sein Magen es verträgt, und der Unterschied ist nur der: die großen Verbrecher kommen in die Geschichtsbücher und wir kleinen irgendwo in ein Kriminalregister. Wenn der Wurm auf uns Mahlzeit hält, ist's uns beiden gleichgültig. – Aber ich, nein, mir ist's nicht gleichgültig, ein Stein ist mir vom Herzen gewälzt, ein Quell sprudelt in der Wüste – ich habe nichts mit der verfluchten Politik zu tun. Dieser Verstellung, dieser Heuchelei, für andre denken, fühlen zu sollen, bin ich quitt . Mögen sie sich totschlagen, betrügen, verreden, glorifizieren, wie sie Lust haben, mich kümmert's nicht mehr. Von nun an bin ich wahr, ja, mein Herr, ich fühle ganz die Seligkeit der Wahrheit, ich atme, kämpfe, lebe nur für mich.« Die Gerichtsdiener waren eingetreten. »Haben Sie mir nichts mehr zu sagen? Wir sehn uns wahrscheinlich zum letztenmal.« »Das würde ich aufrichtig bedauern.« »Nichts der Baronin Eitelbach, deren –« »Deren Glück ich gemacht, wollen Sie andeuten«, lachte Wandel auf »Wider Willen allerdings, wenn es wäre! Wenn ihre Wunden und seine Wunden geheilt, die Trauermonate mit honetten Tränen anständig verweint sind, wird sie ihn heiraten, und wenn ich an das Glück dieser geistreichen Ehe denke – wahrhaftig, dann wird mein Gefängnis mir noch einmal so interessant erscheinen.« »Und keinen Wunsch mehr?« »Nur eine Bitte. Haben Sie die Güte und empfehlen mich der Frau Geheimrätin Lupinus. Ich traue ihr zwar zu, daß, wenn sie von dem Evenement hört, eine kleine Schadenfreude in ihr aufblitzt. Warum nicht, sie bleibt doch eine charmante Frau. Wir verstanden uns, es war eine wirkliche Sympathie. Durch Mauern und Räume getrennt, werden wir noch miteinander leben, eine platonische Ehe; um so sicherer, denn unter einem Dach hätte sie mir doch vielleicht, aus Rache oder Liebe, einen ihrer Tränke gereicht, die für meinen Geschmack zu stark sind. Es hat sich so besser gefügt.«   Die Kutsche mit dem Gefangenen mußte oft anhalten. Wagen, schwer rasselnd, unter starker Militäreskorte, versperrten die Straße. Es waren die Kassen, welche der neue Minister fortschaffen ließ. »So wird doch etwas gerettet«, murmelte der Transportierte. »Und wenn Preußen sagen kann: Tout est perdu, sauf l'argent , ist's am Ende ein Anfang zu einer neuen Existenz.« Walter van Asten gab aus dem Fenster des Ministers den Kommandierenden beim Transport Anweisungen. Auch der Geheimrat Alltag schien unter denen, welche auf ihn hörten. Wandel, der den Zusammenhang gefaßt, lächelte: »Die Welt dreht sich um; das kann was werden! Wer Geld bringt, kann eine Karriere machen. Die beste freilich wäre, wenn der junge Mensch damit nach Amerika liefe.« Walter, der sich dem Auftrage des neuen Ministers mit Eifer unterzogen, war gekommen, um seinen letzten Bericht abzustatten. Er hoffe, das Geld mit sichern Leuten an den Ort seiner Bestimmung abzuliefern, aber – sein Bericht über die Volksstimmung war traurig, er hegte keine Hoffnungen, nach dem, was er gesehen, gehört. »Wie jeder beobachtet«, sagte der Bankdirektor Niebuhr, der ebenfalls vom Minister Abschied nahm. »Niemand kann an allen Orten zugleich sein.« »Diese jubelnden Trainknechte, diese gepreßten Bauernbengel, die froh sind, dem Stock und der Fuchtelklinge einmal entlaufen zu sein, sind freilich so wenig das Volk als da die zitternden Käsekrämer und Schnittwarenhändler«, hatte der Minister nachdenkend erwidert. »Und doch, Exzellenz«, fiel Niebuhr ein, »auch unter ihnen regt sich schon eine andere Stimmung. Ich lernte, wie Sie, dies Volk erst kennen. Aber wenn Sie es jetzt kennten wie ich, Sie würden es Ihrer Liebe wert finden. Ich habe in diesen Tagen nirgend mehr so viel Kraft, Ernst, Treue und Gutmütigkeit zu finden erwartet. Von einem großen Sinne geleitet, wäre dieses Volk immer der ganzen Welt unbezwingbar geblieben, und wie sturmschnell auch die Flut unser Land überschwemmt, noch jetzt drängte ein solcher Geist sie wieder zurück. Aber wo ist er, der große Geist, der es vermochte!« »Er wird erscheinen«, rief der Minister, und seine Stirn leuchtete, indem er Niebuhrs Hand drückte; die andere reichte er Walter. »Warum sollen nur die Völker des Altertums ihren Phönix haben! Ist das Christentum nicht basiert auf dem Mysterium der Wiedergeburt? Sollten nur die germanischen Völker bestimmt sein, auszugehen und überzugehen in andre? Ich glaube an den Phönix, aber der Scheiterhaufen ist noch nicht hoch genug. Es muß noch vieles Morsche, Faule, Wurmstichige darin verbrennen, viel mehr, als wir wähnten; vieles, was wir gestern noch für gesund hielten, vielleicht was uns das liebste und teuerste war. Leben Sie wohl, meine Freunde, wir sehen uns wieder, wenn noch nicht in besserer Zeit, doch in einer, wo wir wieder hoffen dürfen.« In den Geschichtsbüchern steht, und es ist daraus nicht wegzulöschen, daß viele der gutgesinnten Bürger Berlins die Mahnung jenes Ministers befolgten. Sie schickten sich in die Zeit, denn es war böse Zeit. Sie schwenkten die Hüte vor dem einziehenden Napoleon und riefen »Vive l'Empereur«, und illuminierten ihre Häuser, daß der Kaiser selbst in jene Worte der Verwunderung und der Schmach ausbrach, die wir nicht wiederholen wollen, Sie taten es aber nicht aus Gesinnung, sondern, wie andere nach ihnen, aus der »guten Gesinnung«, welche der Dichter nennt: Die Rücksicht, Die Elend läßt zu langen Jahren kommen; sie stimmten zu dem Übel und streichelten es, damit das Übel, das kommen konnte, nicht noch größer werde als das, was war, Aber nicht alle waren gutgesinnt. Es gab Männer, und Frauen auch, welche das Übel beim rechten Namen nannten und nicht erschraken, wenn es ihnen ein böses Gesicht machte. Diese einigen waren die Kieselsteine, an denen der Stahl Funken schlagen sollte, aus denen der stille Brand ward, welcher später zum allmächtigen Feuer aufloderte. Gut Ding will Weile im deutsche Lande. Viele hat die Geschichte genannt, oder fängt jetzt an, ihre Namen zu nennen, aber wie viele sind schlummern gegangen, auf ihren Grabsteinen wächst Moos, und die Geschichte kratzt es nicht mehr ab, um von ihrem stillen Wirken Zeugnis zu geben. Da darf die Dichtung, die so viel Trauriges und Schlimmes nicht verschweigen durfte, auch an den einzelnen Mutigen erinnern, und wo wir solche Bilder mutloser Zerschlagenheit aus der preußischen Hauptstadt hinstellen mußten, um wahr zu sein, wird es zur Pflicht, auch einiger Züge zu gedenken, die schon wie das ferne Wetterleuchten einer besseren Zeit am Horizont erscheinen. Da stand eine Deputation vor dem Gewaltigen, und er erwartete stammelnde Unterwürfigkeit, Bewunderung und demütiges Flehen. Er konnte es erwarten nach dem, was vorging. Aber einer im Priesterkleide trat vor und sprach: »Sire, ich wäre nicht wert des Kleides, das ich trage, des Königs, dem ich diene, des Wortes, das ich verkündige, wollte ich nicht bekennen, ich sehe – Eure Majestät nicht gern in Berlin.« – Was Napoleon erwidert, haben die Kinder der Zeitgenossen vergessen, aber im Verlauf des lebhaften Gesprächs, worin der kühne Mann den Sieger fragte, ob er denn in der Geschichte lieber als ein Räuber dastehen wolle denn als ein christlicher Herrscher, trat der alte Erman plötzlich herzhaft auf den Kaiser zu, faßte seinen Arm, schüttelte ihn und sagte: » Ce bras victorieux sera bienfaisant !« Es wird erzählt, Napoleon sei erschrocken zurückgetreten. Das hatte er aus Berlin nicht erwartet. Später habe er zu seinem Adjutanten geäußert: »Quel géant que ce vieux druide! Jamais prêtre ne m'a dit cela .« Erman, so weiß man, aber nicht aus dem Munde des bescheidenen Mannes, der selten davon sprach, wußte das Gespräch, als Napoleon eine gnädige Miene annahm, auf die Königin Luise zu lenken. Als warmer Lobredner der erhabenen Tugenden seiner Monarchin habe er versucht, die böse Meinung oder den bösen Willen des Kaisers zu beschämen. – Darüber ruht ein Schleier, den niemand lüften wird. Nach der Rückkehr des Königspaares nach Berlin überreichte die Königin selbst Erman die Dekoration, welche der König ihm verliehen, mit der Anrede: »Mon chevalier!« Der vor kurzem verstorbene Sohn des alten Erman, der auch wieder der alte Erman genannt ward, der berühmte Professor und Chemiker, schrieb in einem Briefe an eine Verwandte zur Zeit der Mobilmachung im Herbste 1850: »Ich denke jetzt oft an die Worte, die Napoleon an meinen Vater richtete: › Votre reine m'a fait une guerre de petite fille et de petit garçon .‹« Schon sieben Jahre später waren die Kinder der Knaben zu den Männern der Katzbach und von Leipzig erwachsen!« Eine andere Deputation berief später der zürnende Kaiser nach Paris. Es waren Männer des Gerichts, eines hohen Tribunals, das gewagt, ein Urteil zu fällen, welches dem Gewaltigen nicht gefiel. Sie hatten einen, der von Paris aus verfolgt ward, freigesprochen, und Napoleon wollte ihn verurteilt wissen. Napoleon donnerte sie an und schloß mit der Drohung, wenn der Fall wieder vorkäme: » Je vous fusillerai !« Der Präsident des Tribunals erwiderte dem Imperator: » Sire, vous fusillerez la loi .« Napoleon leitete gegen ihn ein Disziplinarverfahren ein. Der Mann des Rechtes, der die männliche Antwort gab, hieß Sethe. Ob der Fall in unsere Geschichte gehört? – Er geht über sie hinaus. Wandel ward von Paris aus verfolgt, das preußische Gericht fand aber die Beweise nicht zur Überzeugung geführt. Auch in bezug auf seine Verbrechen in Berlin hatte Wandel gegen Fuchsius richtig vorausgesagt. Trotz der moralischen Überzeugung, welche das Gericht gewann, genügten die Beweise nicht, um gegen ihn die letzte Strafe zu diktieren. Er büßte, wie die Lupinus, für seine schweren Verbrechen nur durch eine lange Freiheitsstrafe. Beide überlebten sogar ihre Strafzeit. Viele von den Personen, die wir hier vorgeführt, haben auch den Tag überlebt, mit dem wir unsere Geschichte beschließen, es wäre sogar möglich, daß sie noch heute leben. Wenn sie die Teilnahme unserer Leser sich erwarben, wäre es möglich, daß wir auch von ihren ferneren Schicksalen Kunde gäben; denn es ist viel vorgegangen seit fünfzig Jahren und heut.   Das war der traurigste Auszug, den je Berlin gesehn. Selbst der Jubel des Volks, als die Wagen der Königin vorm Schlosse hielten, um Wäsche und das Nötigste zu einer Reise ohne Ziel einzunehmen, war herzzerreißend für die hohe Frau. Sie hatte nicht Worte, nur Tränen. Dann die Straßen, die Tausende, die dem Wagen folgten, die zum letztenmal die geliebte, schöne, milde, bürgerfreundliche Königin sehen wollten. Auch da schrien viele, sie wollten ihr Gut und Blut lassen, man solle sie nur rufen. Was sollte Luise antworten! – »Auf Wiedersehn, auf Wiedersehn!« schluchzte es aus den Fenstern. Was konnte sie darauf antworten! Die Fenster alle aufgerissen, überall Kopf an Kopf, Tücher wehten und Tücher trockneten die Augen. Sie konnte nicht mehr hinauswehen, sie lehnte sich erschöpft zurück. Und doch fielen ihr zwei stattliche Häuser auf, da war es still, die Fenster, auch hie und da die Laden, waren geschlossen. Die Blicke ihrer Begleiter sahen mißvergnügt dahin. Die milde Fürstin sagte: »Gewiß sehr Kranke!« – »Da wohnt der Geheimrat Bovillard«, sagte die Hofdame verlegen, »er soll in der Tat krank sein!« Die Königin schütterte zusammen und fragte nicht mehr, auch nicht, wer in dem andern Hause wohne. Der Adjutant zu seiten des Wagens flüsterte der Voß zu: »'s ist doch unglaublich vom Grafen St. Real. Er hat Angst, daß Napoleon es ihm übel vermerken könnte.« – »Aber ein nobler Kavalier sonst«, bemerkte die alte Gräfin. »Auch ein Kranker«, sagte sie zur Königin. Da war die Straße gesperrt in der Nähe des Doms. Ein Hochzeitszug kam aus der Kirche. Die Leute lachten, die Straßenjugend war sogar laut; sie machten ihre Glossen zum Brautpaar. Auch die Kassenwagen hatten hier haltmachen müssen, und Walter war mit dem Geheimrat Alltag aus dem Wagen gesprungen, nicht aus Teilnahme für die Hochzeitsleute, sondern weil jeder den Augenblick nutzen wollte, um Abschied von einem Angehörigen zu nehmen. Walter preßte seinen Vater an die Brust: »Ich suchte Sie vergebens in – Ihrem Hause. Aber was bedeutet das, die Siegel waren abgenommen?« »Freude, mein Sohn, es können ja nicht alle trauern. Die Welt ist ein großes Kaufmannsspiel; wenn viele verlieren, müssen doch einige gewinnen, wo bliebe es sonst! Der Rotwein steigt, die Häfen werden gesperrt. Er ist schon gestiegen. Gestern bot man mir zehn Prozent über den Einkauf, heute zwanzig; wenn die Franzosen da sind, bieten sie fünfzig. Soll ich mich nicht freuen, daß die Franzosen da sind, oder soll ich weinen, daß unsre Junkeroffiziere Schläge bekommen haben? Dein Vater ist ein reicher Mann, er hat Kredit, Freunde überall, die ihm längst hätten helfen wollen, wenn sie nur gewußt, daß er in Not war. Nicht wahr, die Menschen sind doch besser, als wir denken, wir merken's nur nicht! Lebe wohl, mein Junge, behalt im Gedächtnis, daß der beste Rechner oft die größten Fehler macht. Wer weiß, wenn der Bonaparte mal 'ne Null zuviel schreibt! Drum rechne nicht zu viel, schone dein Leben, denn du mußt rechnen, daß du wieder eines reichen Mannes Sohn bist und sein Erbe; und Minchen Schlarbaum, vor der brauchst du dich nicht zu fürchten, wenn du wiederkommst, sie wird wohl den Herrn von Fuchsius heiraten. Drum bleibe meinethalben romantisch, hast recht, ich muß ja jetzt auch romantisch sein, auf jeden Fall aber bleibe – ein Patriot!« »Platz!« rief es, der Hochzeitszug bewegte sich fort. Aber als der Geheimrat Lupinus mit der ihm eben angetrauten Geheimrätin nach dem Lustgarten schritt, rief es wieder: »Platz! Ihre Majestät die Königin!« Der Zug stiebte auseinander, als der Wagen sich langsam Platz machte. Charlotte hatte in der Kirche viel geweint vor Gemütsbewegung, und sie hatte Gründe: der Tod ihres Wachtmeisters, die unverhoffte Ehre, zu der er ihr endlich verhalf, und der Verdruß, daß sie keine Kutschen und Pferde erhalten können. Die waren alle requiriert zum Transport und für die Fliehenden. Ein Brautzug zu Fuß hatte ihr eine Entwürdigung der Ehe gedünkt. Was aber war das gegen ihr Gefühl, ihre Bestürzung, nein, es war ein Donnerschlag, als man ihr auf die Schulter stieß: »Zurück! Die Königin!« Die Königin hatte halten und warten müssen um Charlotten! – Sie sah das holdselige Gesicht der Königin, das verwundert über das Unerwartete zum Kutschenschlage herausblickte. Da war's um sie geschehen; es war zu viel. In ihrem Brautanzuge, der sehr kostbar war, aber doch vielleicht aus der Garderobe der seligen Frau Geheimrätin, war sie auf die Knie gestürzt, das schwere bauschige Damastkleid im Gemüll der Straße! »Gnade, allerdurchlauchtigste Königin, aber ich kann nicht dafür. Er hat mich geheiratet.« Als die Königin, die vielleicht ein Bittgesuch vermutete, den Kopf weiter vorbeugte, setzte der Geheimrat mit tiefer Verbeugung hinzu: »Majestät, nur wegen der allgemeinen Kalamität.« Ob die Königin in ihren Schmerzen gelächelt, ob sie wirklich eine Bewegung mit der Hand gemacht, die für eine Segnung gelten konnte? Sie hatte sich schnell wieder in die Kutsche zurückgelehnt. Alles war das Werk des Augenblicks. Walter zuckte plötzlich auf. Der Brautzug trennte ihn von jener Wagenreihe; aber er sah eine weibliche Gestalt in Trauer sich aus der dritten Kutsche hinauslehnen und dem alten Alltag einen Scheidekuß geben. Es war Adelheid. Ihre Augen trafen sich. »Eine junge Witwe, die Frau von Bovillard«, sagte jemand neben ihm. Der Wagen rollte den andern nach. Adelheid sah noch einmal hinaus und winkte mit dem Tuche; er wußte nicht, ob ihm oder ihrem Vater. Durch die Pappeln schwirrte ein Luftzug; ihm war es, als säusele er: »Auf Wiedersehen!« »Rebutant!« sagte die Gräfin Voß, als die königlichen Wagen außer dem Tore waren. »Daß Ihro Majestät zuletzt ein solcher ridiküler Auftritt in Dero Residenz begegnen mußte. Man sieht, es ist mit aller Ordnung und Dehors dort aus.« Man mußte Zeit gehabt haben, vielleicht, um sie zu zerstreuen, die Fürstin von den Verhältnissen zu unterrichten. Auch hatte man sie aufmerksam gemacht, daß der alte, wohlbekannte Kaufmann van Asten lächelnd an der Straße gestanden: »Er hätte doch wenigstens in solchem Augenblick seine Freude verbergen müssen.« Die Königin hatte schweigend dagesessen. Jetzt öffnete sie die Lippen: »Weshalb, meine Freunde, weil wir traurig sind und Millionen mit uns, sollen alle trauern! Hat die Vorsehung es nicht so gefügt, daß, während es hier Nacht ist, jenseits der Erde die Sonne scheint, und wir wissen, daß, wenn es dort dunkelt, hier der Tag anbricht. Wenn wir alle in Finsternis und Trauer vergingen, wie sollte der Hoffnungsstrahl uns erleuchten! Freuen wir uns doch, daß nicht alle Herzen brechen, daß sie sogar noch lachen können, während wir blutige Tränen weinen. Die heute ausruhen, sind morgen wach. – Ich will es als eine gute Vorbedeutung nehmen, daß wir eine Hochzeit, Lachende und Frohe sahen beim Abschied aus Berlin. Wir werden es wiedersehn.« Als sie, um von der Höhe einen letzten Scheideblick auf die Königstadt zu werfen, den Kopf aus dem Fenster steckte, teilte sich der Herbstnebel am Horizont, und die Sonne strahlte aus dem blauen Firmament. Sie horchte auf die Lerchen in der Luft. Ob sie das Lied verstand? Es war kein letzter Seufzer des Mohrenkönigs, als er sein »Wehe mir, Alhambra!« auf dem Berge sang, von dem er zum letztenmal sein geliebtes Granada sah.