Marcel Prévost Halbe Unschuld (Demi-vierges)   1896   Autorisierte Übersetzung aus dem Französischen Paris, Leipzig, München Verlag von Albert Langen (München, Kaulbachstr. 51 a) Vorwort Als diese Studie in einer Pariser Revue erschien, machten einige von denen, die mir die Ehre erwiesen hatten, sie zu Ende zu lesen, zwei Einwendungen in betreff des »wesentlichen Inhalts«, wie man früher im Palais zu sagen pflegte, die mich lebhaft interessierten. Ich lasse sie hier folgen, so klar gefaßt, wie es mir möglich war: 1. Sie schildern unter dem Namen der demi-vierges eine gewisse Kategorie von jungen Mädchen, jedenfalls nur eine Minorität. Bei einer Beobachtung aber, die man an einer Minorität gemacht hat, liegt die Gefahr nahe, daß der zerstreute oder menschenfeindliche Leser sie unklugerweise auf die Majorität ausdehne. Es ließe sich denken, daß Sie zufällig auf einen, von der Reblaus geschädigten, kleinen Zweig eines sonst ganz gesunden Weinstocks gestoßen wären. 2. Aber selbst wenn die Verunreinigung, von der sie sprechen, wirklich vorhanden und verbreitet sein sollte, ist es vernünftig, sie zu veröffentlichen? Es handelt sich ja nur um eine Minorität, wie Sie selber sagen. Die Achtung vor dem jungen Mädchen ist uns geblieben, wo die Achtung vor so manchem anderen uns abhanden gekommen ist. Weshalb soll man sie mit Gewalt zerstören, und so die sociale Verwirrung, in der wir leben, noch vergrößern?   Von diesen beiden Einwendungen ist besonders die erste von Bedeutung. Aber auch sie scheint mir dadurch widerlegt zu sein, daß der Leser im voraus gewarnt wird, nicht voreilig zu verallgemeinern, da das Stück Welt, an der die Beobachtung gemacht wurde, so genau wie möglich beschrieben, so genau wie möglich umgrenzt und definiert worden ist. Ich habe in Wirklichkeit nicht von der Welt im allgemeinen gesprochen, sondern nur von der müßigen und genußsüchtigen Welt, insbesondere der Pariser Gesellschaft oder doch derjenigen, die den größten Teil ihres Lebens in Paris verbringt: eine Welt mit unbestimmten Grenzen, die sich an einigen Punkten den Landen der Kosmopolis nähert, andererseits von den Gewässern der Kythera bespült wird, aber auch an den äußersten Grenzlinien, die unaufhörlich überschritten werden, die reiche Bourgeoisie und die Aristokratie, die sich amüsieren will, berührt. Und die charakteristischen Merkmale dieser Welt? Die religiösen und moralischen Gedanken werden dort nie zu leitenden Ideen. Man billigt oder verurteilt dort nie im Namen eines höheren, unfehlbaren Prinzips, sondern im Namen der Konvenienz , im Namen der öffentlichen Meinung. Ein zweites Merkmal: es ist dort erlaubt, daß ein junges Mädchen sich in Männergesellschaft amüsiert. Dieses ist nach meinem Dafürhalten im engeren Sinne die Welt, in der man dem Typus der demi-vierge nicht nur als Ausnahme begegnet. Danach wäre die Verallgemeinerung wahrlich sehr einseitig, welche sagen würde: » Alle jungen Mädchen aus der Pariser Gesellschaft sind demi-vierges ...« oder: »Alle jungen Pariserinnen«; oder gar: »Alle jungen Französinnen«. Was die französischen jungen Mädchen betrifft, wäre die Ungerechtigkeit um so krasser, als die demi-vierges ein Typus sind, der in der Fremde weit verbreiteter ist als in Frankreich, ja, es sollte mich durchaus nicht wundern, wenn es sich nachweisen ließe, daß er bei uns überhaupt nur importiert ist. Der »Flirt« ist angelsächsischer Herkunft, und man mag das Wort noch so harmlos gebrauchen, mit noch so viel Poesie schmücken – wir kennen jetzt doch die wahre Bedeutung des Flirt . Aber nirgends in der Welt wird man die demi-vierges so selten finden wie gerade in Frankreich. * So bliebe noch die zweite Einwendung. Da es sich nun, alles in allem, auch in der Pariser Welt nur um eine Minorität handelt, wozu denn das Elend veröffentlichen? Liegt nicht eine größere Gefahr darin, die Kenntnis dieser Thatsachen zu verbreiten als darin, sie geheim zu halten? Nein; weil das Übel zunimmt, und schnell zunimmt. Das ist außer allem Zweifel, und es kann nicht anders sein, weil die Sitten der müßigen und genußsüchtigen Welt immer mehr die Sitten aller Welt werden, und selbst die niedrigere Bourgeoisie anfängt, sich nach ihr zu modeln. Und nichts ist ansteckender als das »Genre« der demi-vierges . Die demi-vierge geht durch das Leben elegant, strahlend und gefeiert. Sie rivalisiert mit der jungen Ehefrau und ringt ihr die Courmacher ab, durch den unberechenbaren Vorteil ihrer Frische und ihrer Neuheit. Auf das junge Mädchen der anständigen Bourgeoisie übt die demi-vierge denselben Zauber aus, wie der Lebemann auf den Schüler. Deshalb ist es von Wichtigkeit, den Müttern zu sagen. »Wenn Ihr nicht den Mut habt – Ihr, deren Töchter heranwachsen – ausschließlich für ihre Erziehung zu leben, damit sie mit intaktem Herzen und Körper in die Ehe gehen, d. h. ihretwegen aufs neue das Leben der jungen Mädchen zu leben , so laßt sie doch wenigstens nicht an Eurem weltlichen Leben teilnehmen, gewöhnt sie nicht daran, wie Frauen zu leben. Verheiratet sie jung, aber schließt sie von der Welt aus bis zur Ehe. Allerdings ist als Erziehungsmilieu nichts der ernsten Familie zu vergleichen, aber ein gut beaufsichtigtes Pensionat bleibt doch der müßigen Familie, wo jedes Buch Eingang findet, die jedem Vorübergehenden offen steht, immer vorzuziehen ... – »Aber sie müssen doch das Leben kennen lernen!« »Nein, gnädige Frau. Sie müssen die Pflicht, die Ehre, die Resignation kennen lernen. Glauben Sie denn im Ernst, daß ein junges Mädchen gut gewappnet sei gegen die Prüfungen des Lebens, weil sie wie ein Student der Medizin über gewisse Geheimnisse aufgeklärt ist? Wir unsererseits sind zwar aufgeklärt; aber es verhindert uns keineswegs, bisweilen recht thörichte Ehen zu schließen.« Und nun schließlich der wichtigste und treffendste Grund: die christliche Ehe – und bis eine neue Ordnung entsteht, ist es unsere Ehe – ist auf die Vorstellung von der Jungfräulichkeit, von der absoluten Unberührtheit der Braut, gegründet. (Die Wiederverheiratung ist außer Frage, denn für die christliche Frau, die sich wieder verheiratet, betrachtet man die erste Ehe als Lehrzeit ihrer Pflichten.) Zwischen der christlichen Auffassung der Ehe und dem Typus der demi-vierge existiert also eine unauflösbare Antinomie. Nun hat aber die moderne Erziehung die Tendenz, immer mehr den Typus der demi-vierge zu entwickeln. Deshalb muß die Erziehung der jungen Mädchen geändert werden – und es ist die höchste Zeit! – sonst wird die christliche Ehe zu Grunde gehen. Das ist, in wenigen Worten, der Inhalt meiner Überzeugungen. * Ich möchte noch eines hinzufügen. Indem ich die Sitten eines verderbten Milieus schilderte, gab ich mir die größte Mühe, nur das zu sagen, was mir unumgänglich notwendig schien. Das beleidigte Schamgefühl, das verständnislos genug ist, mich zu verklagen, sei es in geschriebener oder gesprochener Form, wird mich wenig beunruhigen. »Der Vorwurf der Immoralität,« sagt Balzac, »dem der mutige Schriftsteller noch nie entgangen ist, bleibt der letzte, der zu machen ist, wenn man dem Dichter sonst nichts anhaben kann. Wenn er in seiner Schilderung wahr ist, wirft man ihm das Wort unmoralisch ins Gesicht. Dieses Vorgehen gereicht denen zur Unehre, die sich seiner bedienen.« Juni 1894. Marcel Prévost. Erster Teil I. Während Maud sich an den Schreibtisch des kleinen Salons setzte und mit lebhafter Miene ein blaues In Paris werden die Stadttelegramme auf blauen Karten geschrieben. Telegramm niederschrieb, nahm ihre Mutter, M mme. de Rouvre, die dicht neben ihr auf einer Chaiselongue, in der steifen Stellung einer am Rheumatismus Leidenden ausgestreckt lag, ihren englischen Roman wieder auf um weiter zu lesen. Der Schreibtisch – viel zu niedrig für die schlanke Gestalt Mauds – gehörte zu den bizarren und bequemen Möbeln aus dunkelm Mahagoniholz, welche in London angefertigt, neuerdings auch in Paris in Aufnahme kommen. Ebenso trug die ganze Einrichtung des kleinen Salons und des zweiten, viel geräumigeren, den man durch die breite Thüröffnung ohne Vorhänge sah, das Gepräge dieses amüsanten, etwas verirrten Geschmacks von jenseits des Kanals, in dem sich unsere moderne Eleganz, die sich an den reinen und entzückenden Stilarten des vorigen Jahrhunderts satt gesehen, gefällt. Hier waren zierliche Stühle von gebogenem Holz, weiß oder mattgrün lakiert, übertrieben breite Fauteuils aus Mahagoni, eingelegt mit westindischen Holzarten, und mit flachen Polstern aus Saffianleder statt der weichen, seidenen Daunenkissen. Vom Fries des Plafonds fielen in langen, geraden Falten die Vorhänge und Draperien aus einfarbigem Corahstoff oder leichtem Krepp, gemustert mit großen orangegelben, malvenfarbigen und meergrünen Blumen. Ein kurzgeschorener Filzteppich von gelblichgrüner Moosfarbe bedeckte den Fußboden wie eine gleichmäßige Grasfläche – der frischgemähte Rasen eines englischen Parks. Die ganze Wohnung, wie ihre Ausschmückung, zeugte von einem sehr bestimmten Geschmack des Modernen, der die neuesten Bequemlichkeiten kennt und entschlossen ist sie auszunutzen. Es war der zweite Stock in einem jener kolossalen Häuser, mit denen ein Pariser Architekt vor kurzem mehrere Avenuen in der Umgebung von L'Arc de Triomphe beglückt hat. Dieses Haus lag nach der Avenue Kléber hinaus, nur wenige Schritte von der Place de l'Étoile entfernt. Die Wohnung hatte fünfzehn Fenster Front, in einer Flucht, und nahm die ganze Vorderseite des ungeheuren Hotels ein. Jede der drei Bewohnerinnen (M me. de Rouvre, die jetzt Witwe geworden, nachdem sie kurze Zeit von ihrem Manne geschieden gelebt, wohnte dort mit ihren zwei Töchtern, Maud und Jacqueline) hatte ihre eigenen Zimmer mit eigenem Eingang vom langen Korridor, der parallel mit der Façade lief. An Ballabenden konnte eine ungeheure, bewegliche Halle, die den ganzen Hofraum des Hauses einnahm, mit Hilfe von Elevatoren zur Höhe der einzelnen Stockwerke herausgehoben werden, deren Raum dadurch verdoppelt wurde. Maud de Rouvre paßte nicht schlecht in diesen reichen Rahmen, dessen moderne Eleganz von ihr ausgewählt und zusammengestellt war. Trotz der runden Hüften und der üppigen Büste ließ die biegsame Schlankheit ihres Wuchses sie zart erscheinen; ebenfalls die Anmut der schrägen Schultern; die Kleinheit des blassen Köpfchens, von braunen Haaren umgeben, von jenem seltenen Braun, das kaum zu beschreiben ist, etwa wie ein goldenes Gewebe, das man gebräunt hat, und wo durch die Patina der Farbe das leuchtende Rot des Metalls hervorschimmert. Dieses schwere, braune Haar war à la Japonaise in die Höhe gestrichen von einer schmalen Stirn, mit Augenbrauen so scharf und fein, als wären sie mit dem Pinsel gezogen: darunter blickten mäßig große Augen hervor, die aber von einer unvergleichlich strahlenden Bläue waren. Auch die Nase war reizend; zierlich oben am Ansatz, mit weiten Nasenflügeln, war sie eine jener entzückenden Stumpfnäschen, die dem Gesicht einen Ausdruck von stolzem Eigensinn verleihen, und die bei Konservatorieschülerinnen über ihre Berufung zur »großen Kokette« entscheiden. Nur der Mund störte etwas die Harmonie der Züge; er war klein, mit wundervollen Zähnen, aber eher rund als länglich, und mit Lippen, an denen ein Arzt, der sich für die Brandmäler der Entartung interessiert, sich die senkrechten, feinen Falten gemerkt hätte. Und sicher würde er dieses Anzeichen in Verbindung gebracht haben mit der Form der niedlichen Ohren, die fast ohne Ohrläppchen an den Kopf angewachsen waren. Aber wer weiß? Vielleicht liegt in diesen kleinen unharmonischen Mängeln, welche die Eintönigkeit der anerkannten weiblichen Schönheit unterbrechen, gerade der phantasieerregende Reiz, vielleicht sind sie gerade die geheimnisvolle Lockspeise, wodurch derartige Frauen am allergefährlichsten zur Liebe reizen. Wie Maud da saß, über ihren » blotter « gebeugt, das Viereck der Karte mit ihrer länglichen, schnellen Handschrift bedeckend, bannte sie unwiderstehlich den Blick, welcher vielleicht mit Gleichgültigkeit über klassischere Formen und Züge hinweggleiten würde. Ihr einfaches Kleid von grauem Krepp mit einem seidenen Gürtel, ohne jeglichen Besatz, ohne Juwelenschmuck; ihre langen Hände ohne Ringe; die Kamelienfrische ihrer Haut und irgend etwas Unbestimmtes in der Zeichnung der Arme und des Halses zeigte, daß sie noch junges Mädchen war, – kein ganz junges Mädchen mehr, aber kaum über zwanzig ... Und auf der anderen Seite – die breiten Hüften, der reife Busen, die sicheren Augen mit den unbeweglichen Pupillen, die sie in diesem Augenblick vom Papier hob, während sie, nach einem rebellischen Worte suchend, am Bart ihrer Feder kaute und die Stirn in Falten zog – wieder war es etwas ganz Bestimmtes, etwas Fertiges, ja sogar ein wenig Verbrauchtes, in der Haltung, im Blick, das einen zögern und fragen ließ: »Ist sie vielleicht eine verheiratete Dame?« In Wirklichkeit wurde sie auch, je nachdem sie ihre Toiletten wählte, je nachdem sie ihren Tag hatte »Mademoiselle« oder »Madame« genannt in den Läden, wohin sie in ihrem Coupé fast immer allein fuhr, da M me. de Rouvre, als Kreolin von Natur träge, durch ihr rheumatisches Leiden noch schwerfälliger wurde. Nichts konnte der schönen Maud weniger ähnlich sein, als diese arme, kränkliche Mutter, welche in diesem Augenblick auf ihrer Chaiselongue ausgestreckt lag, das Gesicht ängstlich verzogen von den stets erneuten Schmerzanfällen, außer stande ihren Tauchnitz zu lesen, der, ihren Händen entfallen, auf dem Teppich vor ihr lag. Und doch war Elvira Hernandez schön gewesen, das zeigten die Miniaturbilder aus ihrer Jugend, zur Zeit als François de Rouvre, Edelmann und Girondist, auf der Suche nach einem Vermögen im Jahre 1868 in Cuba landete, ihre Liebe gewann, sie heiratete und so mit einem Schlage das glänzende Abenteuer fand, nach dem er ausgegangen. Von dieser Schönheit waren keine Spuren geblieben, weder in dem von Gicht eingeschrumpften Körper noch in dem unglaublich faltenreichen, aufgedunsenen, durchwühlten, fast wie gekochten Gesicht, das sie unmäßig puderte, was noch dazu beitrug ihr das Aussehen einer Duenna zu geben, dem wenige Spanierinnen entgehen, wenn sie das vierzigste Jahr erreicht haben. Ihrer Anmut beraubt, waren ihr doch inmitten all ihrer Leiden die Frivolität, der sorglose Optimismus ihrer Jugend geblieben, und eine ausgesprochene Lust an Putz, an grellfarbigem Flitterstaat, auffallendem Goldschmuck und farbigen Steinen, ja, es bedurfte der ganzen despotischen Autorität Mauds, um sie zu verhindern sich jetzt noch an Promenadentagen in die Papageientoiletten zu kleiden, die sie sich im geheimen bestellte. Umgekehrt vernachlässigte sie sich, wenn der Rheumatismus sie faßte, über alle Maßen, und behielt bis zum Abend das Kleidungsstück an, das sie beim Aufstehen angezogen hatte. Heute zum Beispiel lag sie, obschon es Dienstag, ihr Empfangstag war, noch um zwei Uhr nachmittags in einem alten, braunen Schlafrock mit havannafarbenen Bändern da, unfrisiert, ungewaschen unter dem Mehlstaube, der ihre Wangen bedeckte. Maud hatte das Telegramm beendet, schrieb ihren Namen darunter und datierte es, – 4. Februar 1893; – darauf ließ sie ihren Finger, nachdem sie ihn leicht befeuchtet, über den mit Gummi bestrichenen Rand der Karte gleiten und schrieb die Adresse darauf. »An wen schreibst Du?« fragte die Mutter. »An Aaron. Er geht jeden Nachmittag in seinem Comptoir vor. Ich schicke den »blauen« an's Katholische Bureau.« M me. de Rouvre drehte sich stöhnend um auf ihrer Chaiselongue: »Und was willst Du denn von diesem widerlichen Alten?« »Ich will eine Loge in der Oper, morgen, für die Première ... Ich habe ihm geschrieben, daß er mir die Billette heute abend bringt. Ich habe ihn vorigen Dienstag so schlecht empfangen, daß er sich nicht wieder herwagt. Mein kleiner Brief wird alles wieder gut machen, und um fünf Uhr wird er hier erscheinen, um sich liebenswürdig zu machen.« Maud behielt während einiger Minuten das Telgramm zwischen ihren Händen und spielte damit. Dann fuhr sie fort: »Direktor des Katholischen Bureaus, das wird in den Ohren der Chantels einen guten Klang haben.« M me. de Rouvre schrie auf: »Der Chantels! Ich meine, das hatten wir nicht nötig, ihnen diesen Menschen vorzuführen, diesen falschen Elsässer, falschen Katholiken, der die Pfarrer, die frommen Schwestern und die religiösen Gemeinden ausbeutet, und der sich erlaubt es überall laut auszusprechen, daß er in Dich verliebt ist. Als ob eine Demoiselle de Rouvre etwas für einen Frankfurter Wucherer wäre, und noch dazu einen verheirateten! M me. de Chantel soll, wenn sie zum erstenmal ihren Fuß in mein Haus setzt, etwas Besseres vorfinden! Unsere Dienstage sind sehr gesucht!« Maud ließ die Mutter sprechen, mit einem Lächeln, das halb traurig, halb ironisch war. »Oh ja, sehr gesucht,« murmelte sie. »Nur ein wenig zuviel von Leuten, die überall erscheinen, wo sie offene Thüren finden. Ein Regierungsattaché wie Lestrange, der Sekretär eines Deputierten wie Julien; dann der übriggebliebene Rest von Papas Klubverkehr und unsere Badebekanntschaften. Das soll wohl Eindruck machen auf Leute von altem Adel wie Maxime und seine Mutter.« »Und M me. Ucelli?« »Ach die!« »Weshalb die? Eine Freundin der Herzogin de la Spezzia? ...« »Eben,« unterbrach sie das junge Mädchen. »Das wird ein bischen zu oft erwähnt. Wenn sie hier den Chantels begegnet, so wäre es besser, daß nicht von der Herzogin de la Spezzia die Rede wäre.« »Glaubst Du, daß die beiden Le Tessiers heute abend kommen werden?« fragte M me. de Rouvre nach einer Pause. »Ob Paul kommt ist unsicher. Sie haben heute im Senat eine wichtige Erörterung vor wegen des Privilegiums der Banque de France; da muß er sprechen. Aber Hektor wird heute kommen, wie er jeden Dienstag kommt.« »Nun, da sollt' ich doch meinen, wenn Maxime und seine Mutter hier einen Senator treffen, einen zukünftigen Minister, eine Art von Fürstin wie M me. Ucelli ...« »Einen Direktor einer großen katholischen Finanzgesellschaft wie Aaron,« unterbrach Maud sie ironisch. »Und einen vollendeten Gentleman, einen Sportsmann, der ein großes Ansehen genießt, wie Hektor ...« »So müßten sie allen Grund haben, zufrieden zu sein,« schloß das junge Mädchen, »Gott gebe es! ...« »Meinst Du denn, sie könnten das alle Tage haben? Ich möchte wohl dabei sein an einem ihrer Empfangsabende, da unten in Poitou, auf Vézéris!« Maud erhob sich und drückte an den elektrischen Knopf neben dem Kamin. »Wen die Chantels auf Vézéris empfangen, ist mir unbekannt,« erwiderte sie. »Es mögen vielleicht sehr lächerliche, sehr unbedeutende Menschen sein, aber davon bin ich überzeugt, daß sie dem ältesten Adel angehören, und daß sie zu den anständigsten und ehrenwertesten Familien in der Gegend zahlen.« M me. de Rouvre antwortete: »Bah! ... Niemand kann so einfach sein wie M me. de Chantel. Weißt Du noch diesen Sommer in den Schlammbädern von Saint-Amand, wie ausgezeichnet wir uns verstanden haben?« Unsere Besigue-Nachmittage ... Unsere gemeinschaftlichen Spazierfahrten in den Rollwagen ...« »Ja, das ist richtig,« kam es gedankenvoll von Mauds Lippen, »Ihr seid gut miteinander ausgekommen, Ihr Beiden.« Sie suchte, ohne sich die Sache erklären zu können, nach den unsichtbaren Fäden, die so schnell und leicht, während des einsamen Aufenthaltes in dem kleinen Orte im Norden Frankreichs, ihre Mutter, diesen alten tollen Vogel, und Maxime de Chantels Mutter, diese strenge Provinzialin mit dem puritanischen und vornehmen Wesen, aneinander geknüpft hatten. »Alle Beide sind fromm,« dachte sie, »fromm mit ein wenig Übertreibung; jede von ihnen hat dieselbe Krankheit, die sich aber verschieden äußert, und jede hält die andere für kränker als sich. Und überhaupt ist es mit den Sympathien geheimnisvoll. Weshalb mußte ich gerade Maxime gefallen?« Während sie aufrecht dastand, sich an den Kamin lehnend, suchte sie sich die vier Tage wieder zurückzurufen, die Maxime bei seiner Mutter in Saint-Amand zugebracht hatte, und während derer sie es gefühlt, wie er von ihr angezogen, an sie gekettet wurde gegen seinen Willen und fast ohne ihr Zuthun. Ganz plötzlich war er dann abgereist, hatte sich in die Einsamkeit von Vézéris geflüchtet, wo er einem großen landwirtschaftlichen Unternehmen umstand. Monatelang hatten sie nur von ihm gehört durch die Briefe, die M me. de Chantel an M me. de Rouvre schrieb. Maud dachte: »Macht nichts ... Er liebt mich. Man vergißt mich nicht.« Und richtig, jetzt kam er wirklich wieder; er begleitete seine Mutter, die in Paris einen Modearzt konsultieren wollte. * »... Fräulein wünschen?« Es war die Kammerzofe, der Maud geschellt. »Hier, Betty, lassen Sie dies an das Telegraphenamt bringen. Sie können im großen Salon das Feuer anzünden, aber erst machen Sie den Kalorifère zu. Es ist zum Ersticken heiß hier ...« »Jawohl, Fräulein.« »Um vier Uhr gehen Sie dann selbst hin und holen Fräulein Jacqueline von der Vorlesung ab. Und sagen Sie ihr, daß sie sich sofort anzieht und mir hilft im Salon den Thee zu servieren.« »Jawohl. Ist sonst noch was gefällig?« »Nein. Ach ja, warten Sie. Gegen drei Uhr wird jemand kommen ... ein junges Mädchen ... die nach mir fragen wird. Führen Sie sie gleich hier hinein, nicht durch den großen Salon, und lassen Sie mich wissen, wann sie kommt.« »Auch wenn Besuch da ist?« »Auch wenn Besuch da ist. Aber zu der Zeit wird niemand da sein.« »Wen willst Du denn empfangen?« fragte M me. de Rouvre, die sich mühsam in ihrem Sessel aufrichtete. »Du kennst sie nicht ... Es ist eine Klosterfreundin, die ich nicht wieder gesehen habe, seitdem ich Picpus verließ.« »Was will sie denn?« »Wie kann ich's wissen,« entgegnete Maud, ein wenig ungeduldig. »Ich weiß nur, daß sie mich zu sprechen wünscht.« »Und sie heißt?« »Duroy ... Etiennette Duroy.« »M me. de Rouvre sann einen Augenblick nach: »Etiennette Duroy ... Nein ... Ich erinnere mich nicht.« »Wann erinnerst Du Dich je an etwas,« antwortete Maud. Sie brach das Gespräch ab und ging ans Fenster, dessen Rouleau sie in die Höhe hob. Sie schaute hinab auf die Avenue, wo trotz der hellen Wintersonne eine leichte Schneedecke lag, auf die Wagen, die mit niedergelassenen Fenstern vorüberrollten und die eingemummten Fußgänger, die ihre Schritte beschleunigten. Die Kammerzofe, die auf der Thürschwelle des kleinen Salons stehen geblieben war, fragte: »Fräulein brauchen mich nicht mehr?« »Nein. Sie können gehen.« »Dann bringen Sie mich in mein Zimmer, liebes Kind,« sagte M me. de Rouvre, der es allmählich geglückt war sich auf die Füße zu stellen. »Maud! höre mal.« »Du wünschest, Mama?« »Ich brauche mich wohl nicht zu beeilen?« »Nein. Bleibe auf Deinem Zimmer, bis M me. de Chantel kommt. Ich werde Dich benachrichtigen lassen.« »Schön. Betty, geben Sie mir ihren Arm.« Sie schritt, auf die Kammerzofe gestützt, dem großen Salon zu, das linke Bein schwerfällig hinter sich her ziehend. In der Thür wandte sie sich um: »Maud!« »Was giebt's, Mutter?« Ihre nervöse Abspannung bemeisternd trat Maud wieder zu ihr ... Die Kranke suchte nach Worten, als ob das, was sie sagen wollte, sie verlegen machte. »Den Reiher,« kam es endlich heraus, »weißt Du noch? ... mit den Steinen aus allem Straß, den wir neulich im »Vieux Japon« sahen ...« »Ich weiß ... Was ist damit? ...« »Was damit ist? ... Ich hab' vergessen, es Dir zu sagen: ich habe darum geschrieben. Heute abend wird er gebracht.« Maud wurde plötzlich dunkelrot; die Falte in ihrer Stirn grub sich tiefer ein, und ihre Augen wurden beinahe schwarz. »Aber das ist ja lächerlich! ... So sag' mir doch,« fügte sie hinzu, sich gewaltsam beherrschend, »wozu brauchst Du ihn eigentlich? ...« »Ich brauche ihn gerade nicht,« entgegnete M me. de Rouvre, »aber es macht mir Vergnügen... Und ich habe sonst doch wenig Freuden, nicht wahr? Die Rechnung wird gleich mitgebracht werden. Ich denke mit drei Hundert Franken mehr oder weniger brauchen wir nicht zu rechnen, wie?« Maud antwortete nicht. Während ihre Mutter sich am Arme Bettys entfernte, trat sie wieder in den kleinen Salon zurück. Vom Schreibtisch nahm sie in Gedanken einen zierlichen Federhalter aus Holz, eine Strand-Erinnerung; aber ihre Finger zitterten so stark, daß sie ihn zerbrach. Sie warf die Stücke in den Kamin, Betty zeigte sich von neuem. »Fräulein?« »Ist die Dame schon da?« »Nein, es ist Herr Julien.« Maud schlug mit der Hand auf den Marmor des Kamins: »So legen Sie doch die Gewohnheit ab, Betty, kurzweg »Herr Julien« zu sagen, wenn es sich um Herrn de Suberceaux handelt. Vor Fremden besonders ist das lächerlich ... Weshalb kommt Herr de Suberceaux nicht herein?« »Joseph hat ihm aufgemacht... Er wußte nicht, wo das Fräulein waren. Herr Jul... Herr de Suberceaux ging dann in Fräuleins Zimmer, ohne zu fragen.« Betty hatte dies ganz arglos gesprochen; Maud schien auch durchaus nicht überrascht davon. »Gut, sagen Sie ihm, daß ich ihn hier erwarte.« Als sie allein war, sah sie sich in den Spiegel des Kamins, ohne Koketterie, mit dem Instinkt der Weltdame, die sich zum erstenmal am Tage vor einem Manne sehen laßt, und wäre es ein Bruder oder ein alter Freund. Julien de Suberceaux erschien auf der Schwelle des kleinen Salons. Er war ein Mann von kaum dreißig Jahren, mit außerordentlicher Sorgfalt gekleidet, nach der Mode der Stutzer von 1830. Er war groß, muskulös und fein gebaut, mit einem hageren und glanzlosen Gesicht, wie die Basken es haben, fast ohne Schnurrbart, aber mit wundervollem braunen Haar, das er langgeschnitten trug. Der Ausdruck dieses Kopfes mit den scharfgeschnittenen Zügen, dem schmalen Kinn, den dünnen Lippen, der geraden Nase wäre hart, fast drohend gewesen, ohne die Klarheit der hellblauen Augen, vom Blau der Flachsblüten, voller Zärtlichkeit und Unentschlossenheit – Frauenaugen. Maud wandte sich um und überflog seine Gestalt mit einem einzigen Blick, mit dem entzückten Blick der Liebenden, die wieder einmal den Mann ihrer Liebe elegant und bezaubernd findet. Er nahm die Hand, die sie ihm hinreichte und küßte sie mit ceremonieller Höflichkeit. »Guten Tag, mein Fräulein ... Wie geht es Ihnen? ...« Er untersuchte mit einem schnellen Blick das Zimmer, in dem sie waren und den großen Salon nebenan... »Nein ... niemand...« sagte Maud leise. Darauf zog er sie an sich, preßte ihren Körper an den seinen, indem er mit den Lippen, auf dem Stoff der Kleidertaille, den schwellenden Hals und die geheimnisvolle Höhlung unterm Arm liebkoste, dann wieder ihren Nacken, ihre Augen und Wangen mit Küssen bedeckte, die sie ihm, voll und lange, wiedergab, wenn sie ihren Mund berührten. Sie trennten sich, über und über erschauernd. Maud, auf deren bleicher Haut eine zarte Röte lag, ging zurück an den Kaminspiegel und brachte mit einigen Bewegungen der schlanken Finger ihr Haar und die etwas zerdrückten Falten ihres Leibchens wieder in Ordnung. Suberceaux, der auf einen Stuhl neben dem Schreibtisch geglitten war, betrachtete sie. Sie stand aufrecht vor ihm, die Hände auf dem Rücken des Lehnstuhls. »Maud! ... Meine geliebte Maud! ...« murmelte der junge Mann. Sie sah ihm tief in die Augen; mit einer leisen und deutlichen Stimme, kaum die Lippen bewegend, sprach sie: »Ich liebe Dich.« Von ihren Zügen, ihren Augen, ihrem ganzen Gesicht, war jener unbestimmte Glorienschein der Jungfräulichkeit gewichen, der sie noch vor kurzem umgab, als sie neben ihrer Mutter saß und schrieb. Wie sie da stand, war sie ganz Weib, mit jenem heißen Feuer im Blick und dem eigentümlichen Besiegtsein in der Haltung, wodurch die Mädchen sich verraten, welche einmal die Besinnung unter den Liebkosungen des Mannes verloren. Julien antwortete: »Ich mußte es wieder von Ihren Lippen hören... ich habe schlimme Stunden verbracht seit unserem letzten Zusammensein bei den Reserviers.« Sie setzte sich in den Lehnstuhl; ihre Augen hatten wieder ihren ruhigen, klaren Ausdruck. Dann fragte sie ihn aus: »Wieder im Spiel verloren? ...« »Nein, nein ... Im Gegenteil... Sehen Sie, meine Nacht.« Er griff mit der Hand in die innere Seitentasche seines langen Überrocks, der, weit über der Brust und mit weiten Rockschößen, in der Taille fest anschließend war wie ein Frauenkleid, und zog daraus, damit Maud sie sehen sollte, einen Haufen zusammengeknüllter Banknoten halb hervor. »Rue Royale?« fragte Maud. »Nein. Deux Mondes, gegen Aaron.« »Gegen Aaron? Um so besser! Aber einerlei, es ist unrecht von Ihnen. Sie haben mir versprochen...« Suberceaux machte eine gleichgültige Handbewegung. »Bah! was schadet's! ... Ich werde doch nie gründlicher auf den Hund kommen als gerade jetzt: und leben muß ich, nicht wahr? ... Und dann hindert's mich am Denken.« Sie ergriff lächelnd seine Hand: »Was wollen Sie denn vergessen? ... Mich?« »Ja wahrhaftig! ich wollt' ich könnt's,« antwortete der junge Mann, indem er ihr rauh seine Hand entzog. Sagte aber sofort wieder: »Ich bitte um Verzeihung ... Ich bin nervös und traurig. Sie machen mir so viel Kummer!« Mauds Augen richteten sich fragend auf ihn: er wiederholte: »Sie machen mir so viel Kummer ... Sie gehören mir nicht mehr ... Ich fühle es nicht mehr, daß Sie mir gehören.« Ohne zu sprechen, zeigte das junge Mädchen ihm mit den Augen die Stelle, wo sie sich vor kurzen: wie zwei Liebende umarmt hatten. Und die Erinnerung machte Julien von neuem erschauern. »Immer Vorwürfe ... immer ... Und doch kann ich Ihnen die Versicherung geben, ich thue, was ich kann.« Suberceaux, der allmählich wieder sanft und ruhig geworden war, senkte den Kopf. »Es ist so lange her,« stotterte er ... »so lange her ..., daß Sie zu mir gekommen sind!« Er hatte die letzten Worte sehr leise gesprochen, als empfände er Furcht von der gehört zu werden, zu der er sprach. Wirklich erhob Maud sich auch ganz plötzlich; ihre Augen wurden tiefdunkel, ihre Stirn zog sich in Falten, und das hübsche Gesicht wurde vor Erregung entstellt wie vorhin, als ihre Mutter den Reiher aus altem Straß erwähnt hatte. Aber Julien war schon wieder an ihrer Seite und flehte sie an: »Ach Maud! Seien Sie mir nicht böse drum ... Ich weiß, daß es Sie verletzt, wenn ich davon spreche ... aber ich kann es nicht lassen, davon zu sprechen ... Diese Erinnerung ist für mich mehr als mein Leben ... diese beiden Male. Ich schwöre es Ihnen, wenn man mir sagte: »Sie wird wieder in Dein Haus kommen ... Du wirst sie dort eine Stunde behalten dürfen ... ganz allein, wie diese beiden Male ... aber nachher wird man Dich töten, man wird Dich sofort niederschießen ...« ich würde Ja sagen, ich würde die segnen, die mich töteten ... Denn ich liebe Sie, ich liebe Sie!« Sie blieb sitzen, die Ellbogen auf den Tisch neben dem Kamin gestützt, und ließ ihn sprechen. Er fuhr fort mit gebrochener Stimme: »Das letzte Mal besonders ... das letzte Mal als Du bei mir warst ... es war am 3. Januar ... Ach Maud, wie schön Du bist ... nichts kommt Dir gleich ... Der Duft Deines Haares, Deiner Arme war in der Bettdecke geblieben ... Ich wollte nicht, daß sie das Bett abdeckten, und ich habe mich erst wieder hineingelegt, als der Duft ganz entschwunden war ... Und jetzt soll es vorbei sein! ...« Sie wandte sich langsam um. »Wie ungerecht Du bist! Empfange ich Dich hier nicht so oft Du willst? Überwacht man uns vielleicht? Hat man Dich je daran gehindert, in meinem Zimmer zu bleiben? Meine Mutter hat zuletzt alles ganz natürlich gefunden, und die Dienstboten sind dressiert.« »Nein, nein,« erwiderte Suberceaux ... »Das ist eine ganz andere Sache, wenn ich Dich für mich, bei mir habe. Du sagst, die Dienstboten seien dressiert. Möglich, aber ich, der ich doch keine Memme bin – daß ich nur aus einer Kugel oder aus einem Säbelhieb nichts mache, das weißt Du – ich fühle mich bedrückt, wenn ich herkomme, von den mürrischen Mienen Josephs und Bettys ... Deine Mutter hat eine Binde vor den Augen, die wird niemals etwas sehen: mag sein! aber trotz alledem ist es mir unangenehm, sie zu begrüßen; ich komme freier zu Dir, wenn ich weiß, daß sie nicht hier ist. Und Jacqueline?« »Ach! Jacqueline ... Ein Kind!« »Ein Kind, das alles sieht ... Und sie versteht es uns wissen zu lassen, daß sie uns durchschaut.« Maud näherte sich dem Gesicht Juliens und reichte ihm den Mund, den er leicht berührte. »Ich liebe Dich. Das muß Dir genug sein ... Willst Du die Bequemlichkeiten der bürgerlichen Liebe, wenn Du ein junges Mädchen liebst? Sieh mich an: kannst Du nicht ein klein wenig leiden, um mich zu besitzen?« Julien murmelte traurig: »Ich habe Dich ja nie besessen.« »Sag' das nicht. So spricht nur ein undankbarer und schlechter Liebhaber. Ich habe Dir alles gegeben, was ich Dir geben konnte ...« Er bat: »Sage nur, daß Du wiederkommen willst ...« »Wo denn?« »Rue de la Baume. Bei mir ...« Sie machte eine ungeduldige Bewegung: »Fängst Du nun wieder an? ... Ich habe Dir ja gesagt, daß man mir aufpaßt, daß man mich überwacht ... diese elende Ucelli, die Dir den Hof gemacht hat, und von der Du nichts wissen wolltest ... sie haßt mich, weil sie weiß, daß Du mich liebst ... Sie läßt mich von ihren Spionen verfolgen, davon bin ich überzeugt, diese Italienerin, diese fürstliche Kupplerin! Du lachst? Ich bin nicht das Mädchen, das sich um Kleinigkeiten ängstigt, das weißt Du ganz gut. Die beiden Male, wo ich Rue de la Baume besucht habe, hat sie's gewußt ... oder wenigstens geahnt.« »Ich werde die Wohnung wechseln.« »Nein; glaube mir, verlange das Unmögliche nicht. Darin verlaß Dich auf mich, wie wir uns am besten und am häufigsten sehen können ... Aber quäle mich nicht. Zu dieser Zeit mehr denn je muß ich auf meiner Hut sein.« Julien fragte überrascht: »Mehr denn je? Weshalb? ... Ist etwas los?« »Wer weiß,« erwiderte Maud. Er wurde blaß und schwieg einen Augenblick. Dann sagte er, scheinbar ruhig: »Können Sie ... Wollen Sie mir sagen ... um was es sich handelt?« »Ja,« antwortete Maud langsam, indem sie ihm fest in die Augen sah. »Ich will Ihnen alles erzählen, wenn Sie sich betragen wollen ... wie ich es von Ihnen verlangen kann.« Julien machte ein Zeichen, daß er zuhörte. Alle Beiden hatten gleichsam ohne Anstrengung den Ton und die Haltung von Weltmenschen angenommen, die sich gegenseitig gleichgültig sind. »So hören Sie,« sagte Maud ganz kurz, »wie's kam. Diesen Sommer, im Juli war's (Sie sehen, es ist lange her), lernten wir in den Schlammbädern zu Saint-Amand eine Dame aus der Provinz kennen, M me. de Chantel, welche dort die Kur gebrauchte. Ihre Tochter Jeannette begleitete sie, ein Kind von fünfzehn Jahren, ganz hübsch, aber vollkommen unbedeutend. Während der letzten Tage ihres Aufenthaltes kam ihr Sohn Maxime ...« Sie unterbrach sich: »Klingelte es nicht eben?« »Ja,« sagte Suberceaux; »ich habe das Klirren der elektrischen Glocke gehört. Es wird geöffnet. Schon Besuch?« »Nein. Es ist nur ein kleines ... Aber richtig' Sie müssen sie ja kennen, die kleine Duroy ... Étiennette Duroy ...« »Die Tochter von Mathilde Duroy?« »Und die Schwester von Suzanne Duroy, Ihrer alten Flamme.« »Ach was! Flamme! ...« »Nicht? Es heißt doch, daß Sie der erste gewesen.« »Weiß man das denn, bei diesen Mädchen!« antwortete Suberceaux. »Man ist nie der erste, glaube ich. Aber einerlei, wenn's Ihnen recht ist, möchte ich der Schwester lieber nicht begegnen. Warum in aller Welt empfangen Sie sie eigentlich?« »Sie war in Picpus mit mir zusammen, und sie soll jetzt sehr anständig bei ihrer Mutter leben. Übrigens weiß ich nicht, was sie von mir will. Aber wir sind gute Kameraden gewesen, und es wird mir Vergnügen machen, sie wieder zu sehen.« Das mürrische Gesicht Josephs erschien auf der Schwelle des Salons: »Fräulein ... Die Dame ist da ...« »Ich empfehle mich,« sagte Suberceaux. »Gehen Sie durch den großen Salon ... Auf Wiedersehen heute abend, nicht wahr? Kommen Sie um halb sechs wieder. Mama wird auch erscheinen ... Führen Sie das Fräulein gleich hier herein, Joseph, durch den Korridor.« Und während Maud den in Gedanken verlorenen Suberceaux bis an die Thür des großen Salons begleitete, sagte sie zu ihm: »Kommen Sie heute abend ... Er wird hier sein ... Ich wünsche es.« Dann, als er die Schwelle überschritten, durch die halboffene Thür, in leisem Ton wieder: »Ich liebe Dich!« II. Der Besuch war schon in den kleinen Salon geführt worden: eine kleine blonde, untersetzte Person, mit grauen Augen, weichen, feinen Zügen, mit Haaren wie reifer Hafer, und wie ein Vögelchen in die Federn ihres Kragens, ihres Muffs und Huts eingehüllt. Als sie Maud auf sich zukommen sah, so groß, so strahlend, so ganz »vornehme Dame«, stotterte sie ein furchtsames: »Guten Tag, Fräulein... Sie werden...« Aber Maud küßte sie herzlich: »Fräulein und Sie!... Willst Du wohl diese häßlichen Worte unterwegs lassen, Tiennette, und wieder zu mir sprechen wie früher in der Pension.« Mit einem vor Vergnügen errötenden Gesicht erwiderte Étiennette die Küsse. »Wie lieb ist es von Dir, daß Du Dich meiner erinnerst. Denke nur, ich wollte erst gar nicht zu Dir kommen... ich hatte Angst!« »Um Gotteswillen, weshalb denn aber!« antwortete Maud, indem sie ihre alte Freundin bat Platz zu nehmen, und sich selbst zu ihr setzte. »Weil ... siehst Du, die Klosterzeit, das ist setzt lange her ... Über vier Jahre! Und es gibt ja Menschen genug, deren Erinnerung nicht so weit reicht. Und dann,« fügte sie leise hinzu, »dachte ich, daß Du jetzt, wo Du doch meine Verhältnisse kennst ...« Maud lächelte: »Meinst Du denn, daß ich im Kloster Deine »Verhältnisse«, wie Du sagst, nicht gekannt hätte?« »Wie? Du hast gewußt? Aber von wem ... Wer hat es Dir erzählt?« »Le Tessiers ... Der älteste von ihnen, Paul, der voriges Jahr Mitglied des Senats wurde, hat den Herrn, den Deputierten aus Aude – na, wie heißt er doch noch – sehr gut gekannt.« »Du meinst Asquin?« fragte Étiennette. Und als ihr Maud bejahend zunickte, fügte sie hinzu, errötend, aber ohne Verlegenheit zu heucheln: »Es war mein Vater. Wir haben ihn vor zwei Jahren verloren.« »Ach, er war Dein Vater? Das habe ich nicht gewußt. Ich wußte nur, daß er ... zu Deiner Mutter kam, mit den beiden Brüdern Le Tessiers und Herrn de Suberceaux.« »Herr de Suberceaux war der Sekretär meines Vaters ... Er ...« Sie hielt plötzlich inne, von neuem überkam sie die Ängstlichkeit. Maud nahm ihre Hand: »Liebe Tiennette, so hab' doch Vertrauen zu mir. Ich sage Dir, ich weiß von allem, ja, von allem; ich kenne auch die Geschichte, die sich zwischen Julien und Deiner Schwester Suzanne abgespielt hat.« »Ja, natürlich,« entgegnete Étiennette, indem sie ihre Augen trocknete, »die kennt ja ganz Paris ... Meine Schwester ist so entsetzlich leichtsinnig! Sie hat sich mit Suberceaux kompromittiert, wie sie sich nachher mit so vielen anderen kompromittiert hat ...« »Aber einerlei,« sagte sie nach einer kleinen Pause, »Julien hat sich gegen uns schlecht benommen. Papa hat ihn sehr lieb gehabt, und Mama nahm ihn auf, als wäre er unser Bruder. Er hätte Suzanne in Frieden lassen sollen. Und kannst Du Dir denken, seitdem er mit ihr auseinander ist, hat er seinen Fuß nicht mehr in unser Haus gesetzt. Und doch weiß er, daß Mama krank ist; und wie gut ist sie gegen ihn gewesen! Nein, ich kann ihn nicht leiden!« Maud antwortete ernst: »Sprich nicht schlecht von ihm, Tiennette. Julien ist ein Freund von uns.« Mit einer jener kindlich einschmeichelnden Bewegungen, die sie so unwiderstehlich machten, schlang Tiennette die Arme um den Hals ihrer Freundin, und beinahe vor ihr knieend, flehte sie: »Liebste, sei mir nicht böse, das wußte ich ja nicht ... Er ist Dein Freund? Und ich, ich ärgere Dich, das erste Mal, wo wir uns wiedersehen! Bist Du mir sehr böse?« »Gar nicht,« erwiderte Maud, indem sie sie aus die Stirn küßte, »Aber nun sage mir, was verschafft mir eigentlich die Freude Deines Besuches. Ich hoffe, Du kommst, mich um irgend etwas zu bitten.« Étiennette errötete: »Ja, ich habe Deine Hilfe wirklich nötig, sonst hätte ich mich nicht hergewagt! ... Ich habe schon so viele Unannehmlichkeiten gehabt wegen Mama und Suzanne! ... Aber Du bist gut, ich danke Dir. Nun sollst Du hören, was mich herführt. Siehst Du, ich bin noch nicht sehr alt, aber ich habe doch das Leben schon gründlich kennen gelernt, und eines weiß ich ganz gewiß: es ist schrecklich für eine Frau, von Männern abhängig zu sein. Du verstehst, in dem Kreise, wo ich lebe, hat mir dieser und jener den Hof gemacht.« »Das glaube ich! wenn man so hübsch ist! Du hast Dich sehr herausgemacht, Tiennette, Du bist wirklich entzückend geworden ...« Sie lächelte, aber man sah ihr an, daß das Kompliment keinen Eindruck auf sie machte. »Unter anderen,« fuhr sie fort, »auch einer, den Ihr gut kennt (Du darfst es aber niemandem sagen, ich erzähle es nur Dir) ... Herr Le Tessier.« »Hector?« »Nein ... sein Bruder ... der Senator ist, und Unter-Direktor an der Banque de France. Während Papa noch lebte – er war ja Mitglied der Deputiertenkammer – kam er häufig zu uns, und damals hatte er mich lieb, wie man ein kleines Mädchen lieb hat ... Seit ich erwachsen bin ... ja, ich glaube, jetzt hat er mich gern ... in einer anderen Weise.« »Dann wollt Ihr wohl heiraten?« Tiennette lächelte traurig: »Ach nein – das ist ganz ausgeschlossen.« »Weil er reich ist, meinst Du?« »Nein. Ich glaube, daß ich kein Vermögen besitze, würde kein Hindernis für ihn sein. Aber ... all das andere ... Wir wollen nicht mehr davon sprechen, es macht mich traurig, siehst Du. Paul Le Tessier kann doch unmöglich Schwager von Suzanne Duroy werden.« »Und ebensowenig Mathilde Duroys Schwiegersohn,« dachte Maud. »Sie hat recht.« »Arme Kleine,« sagte sie dann laut. »So bliebe mir nichts übrig,« fuhr Tiennette im selben resignierten Ton fort, »als seine Geliebte zu werden ... denn von allen, die mir den Hof gemacht haben, liebe ich ihn am meisten, weil er gut ist ... Vielleicht ein wenig egoistisch, aber das sind ja alle Männer. Oh doch, gut ist er; er leidet sehr darunter, wenn er Menschen leiden sieht, die er gern hat. Und das ist heutzutage schon sehr viel. Dennoch ... ja, was ich Dir jetzt sagen will, wird Dir gewiß etwas dumm vorkommen ... dennoch kann ich mich nicht zu diesem Schritt entschließen. Vielleicht habe ich von Natur Anlage zu einer vernünftigen kleinen Bürgersfrau, oder es hat sich bei mir, durch alles, was ich von Kindheit an gesehen habe, allmählich eine Vorliebe für regelmäßige Verhältnisse gebildet. Kurzum ... Ich will niemanden verurteilen ... ich bin auch keineswegs sicher, daß ich für immer ein anständiges Mädchen bleiben werde – denn leicht ist das wahrhaftig nicht, wenn man ein solches Heim gehabt hat wie ich – aber, wie die Sachen nun einmal liegen, will ich versuchen unabhängig zu leben, mein Zimmer und mein Bett für mich zu haben, und für mich selbst zu sorgen ...« Sie hielt einen Augenblick inne, indem sie mit den Augen Mauds Zustimmung suchte. »Fahre nur fort,« sagte diese, »was Du mir da sagst, ist mir ganz neu und sehr interessant.« »Wie Du weißt,« fuhr Étiennette fort, »habe ich das Konservatorium besucht, nachdem ich das Kloster verließ. Ich bekam eine ehrenvolle Erwähnung für meinen Gesang und zwei erste Prämien für Klavierspiel und Solfeggien. Musikunterricht geben ist sehr anstrengend und wenig lohnend, deshalb habe ich die Guitarre spielen gelernt. Das paßt sehr gut für mich, besser vielleicht als für manche andere in Paris ... Meine Stimme ist zwar nur klein, aber angenehm und rein. Ich habe eine ganze Menge Lieder aus den dreißiger Jahren gesammelt und eingeübt ... Du weißt, man liebt dieses Genre augenblicklich sehr. Ich denke damit Erfolg zu haben ...« »Natürlich, ohne Zweifel!« rief Maud, die sich sofort angezogen fühlte von dem Künstlerischen im Plane ihrer Freundin. »Du bist ja so hübsch ... mit Deinen Haaren ... und Du mußt einen entzückenden Hals haben ... wir wollen Dich dann anziehen wie die Damen auf den Bildern aus dieser Zeit, mit einem Zuckerhut-Chignon, Puff-Ärmeln und Krinoline; und wenn Du dann so die alten Lieder zur Guitarre singst ... Du wirst einfach einen kolossalen Erfolg haben, meine Kleine.« Étiennette lachte, ein helles, jugendfrisches Lachen. »Ach nein Du, so schnell geht das nicht. Man muß Verbindungen haben, man muß eingeführt werden in die feinen, reichen Kreise ... Ja ... die Le Tessiers könnten es wohl ... Paul hat schon dran gedacht ein Sommerfest zu geben auf Chamblais, dem schönen Land-Besitze, das sie einige Meilen nördlich von Paris haben ... Aber siehst Du, sich von unverheirateten Herren vorstellen zu lassen, das würde der Sache doch ein weniger ... weniger anständiges Gepräge geben.« »Himmel,« sagte Maud lachend, »Du mit Deiner Anständigkeit! Das ist ja eine wahre Leidenschaft bei Dir geworden!« »Ja, in diesen Sachen giebt es nur ein Entweder – Oder, glaube ich ... Nein, so leicht wird es nicht gehen. Von Kindheit an habe ich zu Hause nur Herren getroffen, oder auch Frauen, mit deren Empfehlung mir noch weniger gedient wäre. Da kam mir der Gedanke an Dich ... Du bist reich, Du hast ausgezeichnete Verbindungen ...« Maud unterbrach sie: »Fürs erste bin ich nicht reich. Und was meine Verbindungen betrifft ... wir kennen viele Menschen ... sie sind aber durchaus nicht alle nach meinem Geschmack. Als wir 1884 nach Frankreich zurückkehrten, hatten wir noch Vermögen. Papa, der von altem Adel war, hätte uns in die beste Gesellschaft einführen können. Er zog es aber vor, sein Geld in die Spielhäuser zu tragen, oder es mit seinen Frauenzimmern zu verthun. Wir haben noch immer darunter zu leiden: selbst nach der Scheidung und nach seinem Tode ... Wir kennen eine Menge Klubherren, eine Menge ausländischer Damen, Menschen, deren Bekanntschaft wir im Bois oder in Badeorten gemacht haben. Aber das wird alles anders werden, wenn ich mich mal verheirate, darauf kannst Du Dich verlassen. Wie Du, bin auch ich der Gesellschaft müde, die ich in meiner Familie habe sehen müssen, und ich werde mich nur verheiraten mit einem wirklich angesehenen Manne, einem Manne, der die wahre Vornehmheit besitzt, die Vornehmheit, welche in einem alten Namen besteht, in sicheren Landgütern und einer fleckenlosen Familie mit untadelhaften Verbindungen ... Übrigens werde ich Dir mit dem größten Vergnügen die Verbindungen, die ich habe, zur Verfügung stellen. Es sind reiche Leute darunter, die sich amüsieren wollen; die können Dir immerhin von Nutzen sein.« Étiennette lachte über's ganze Gesicht, froh, wie ein kleines Schulmädchen. »Ich danke Dir,« sagte sie, »wie gut bist Du!« »Dann arrangieren wir irgend etwas,« fuhr Maud fort. »Ein Fest hier ... wir können hier großartige Feste geben, wir haben eine bewegliche Halle, ebenso groß wie die Festsäle im Hotel ›Continental‹ ... Verlaß Dich auf mich, ich werde die Sache machen ... Du hattest ja schon im Kloster eine hübsche Stimme. Sie muß sich jetzt sehr entwickelt haben.« »Ja,« antwortete Tiennette ... »Sie ist ganz angenehm ... Wenn Du willst, können wir gleich mal etwas versuchen. Hast Du irgend eine Romance im alten Stil?« Das Klavier stand dicht neben ihnen. Sie blätterten zusammen in den Noten. »Hier hab' ich eine gefunden,« sagte Étiennette, »freilich ist sie modern, aber wir können sie gebrauchen.« Es war eine Romance von Chaminade, mit dem Titel: »Der silberne Ring.« »Kannst Du mich begleiten?« »Ja!« Maud setzte sich ans Klavier und präludierte. Und Étiennette, über die Noten gebeugt, mit der einen Hand sich auf das Klavier stützend, fing an zu singen: »Dein heilig Gelöbnis, ich habe es hier, »In dem silbernen Ring, den ich trage von Dir.« Die Stimme war nur klein, aber so rein wie Kristallglas, das von einem Bogenstrich berührt wird, und die junge Künstlerin verstand sie zu benutzen; sie führte sie mit feingebildetem, musikalischen Sinn. Als sie den zweiten Vers beendet hatte, erklang ein lautes Beifallklatschen hinter den jungen Mädchen, und eine schmetternde Damenstimme rief mit italienischem Accent: » Brava! Brava! ... Ganz vorzüglich!« »Ah! M me. Ucelli!« sagte Maud. Die korpulente Dame, deren römische Züge und schwarze Augen nur leidlich zu dem künstlich gefärbten blonden Haar stimmten, umarmte Fräulein de Rouvre und küßte sie heftig auf den Hals. M me. Ucelli war nicht allein; eine Dame – von der man nicht wußte, war sie ein junges Mädchen oder eine junge Frau – brünett und mager und von befremdender Häßlichkeit, begleitete sie. »M lle. Cécile Ambre, eine gute Freundin von der Herzogin und von mir ... nicht wahr, sciasciona, mia ,« fügte sie hinzu, indem sie dem jungen Mädchen freundlich die Wangen streichelte. Sie ist nach Paris gekommen, und für einige Wochen bei mir zum Besuch. Ich habe mir erlaubt, sie mitzubringen. Sie singt die Lieder fin de siècle meisterhaft. In Spezzia ist sie der Liebling der Herzogin und ihrer cortina .« Maud reichte ihr die Hand. »Seien Sie uns herzlich willkommen, mein Fräulein!« »Aber liebes Kind,« fing M me. . Ucelli wieder an, »Sie haben da ja eine große Künstlerin entdeckt ... Nein wirklich, mein kleines Fräulein,« fuhr sie fort, indem sie sich an Étiennette wandte, die das Gesicht halb hinter ihren Federmuff versteckte, »Sie haben einen echten Sopran, eine Stimme, wie sie unsere Kastraten in alten Tagen besaßen. E quanto è carina ! Nicht wahr, Cécile? Man möchte sagen un angiolo da Siena « Fräulein Ambre antwortete ruhig: »Ja, das Fräulein ist sehr hübsch und singt sehr gut.« Maud stellte vor: »Étiennette Duroy, eine Freundin aus der Pension.« »Sind Sie am Theater, Fräulein?« »Nein, gnädige Frau, noch nicht.« »Aber wir wollen sie berühmt machen, nicht wahr, Madame?« entfuhr es Maud. »Sie begleitet sich auch selbst auf der Guitarre.« »Ah, cara mia ! Die Guitarre! ... Ich liebe die Guitarre ... Wir müssen sofort ein Konzert arrangieren, ein großes Konzert ... Ich werde singen ... Und Sie auch Cécilia? Wann soll es sein, Maud?« »Denselben Gedanken hab' ich auch schon gehabt,« antwortete Maud lächelnd ... »Im März oder spätestens April müßte es sein. Dann wird zugleich die große Halle eingeweiht. Sie haben sie ja gesehen, unsere Halle?« »Das will ich meinen ... Eine wunderbare Halle, Cécilia, ungefähr halb so groß wie unsere Scala ... Sie wird mit Maschinen in die Höhe gehoben. Ja überhaupt, Ihre Wohnung ist großartig! einzig! ... Sieh' nur her, Cécile. E come è ben accomodato! ... Gosto inglese !« Sie fingen an Italienisch zu sprechen. M me. . Ucelli verlor sich in bewundernde Betrachtungen über den eigentümlichen, modernen Geschmack der Möbel und Vorhänge. Maud sagte im Flüsterton zu Tiennette: »Sie ist mein Schrecken, und im Grunde ihres Herzens verabscheut sie mich ebenfalls, weil Julien eines Tages, als sie ihn besuchen wollte, ihr geradezu die Thüre gewiesen hat ... Ja, ja, meine Liebe. Die hat ein Temperament! So etwas wie Mann und Frau zugleich, und beide gleich herrschsüchtig. Sie haßt mich; sie benutzt meine eigenen Dienstboten, um mich auszuspionieren; mehr als einmal habe ich sie angetroffen, wie sie mit Joseph und Betty verhandelte. Aber das ist einerlei. Wenn sie wirklich in unserem Konzert singen will, so wird das ziehen. Du hast ihr gefallen, weil Du hübsch bist. Laß Dich nur nicht zu viel mit ihr ein: Ihr Beiden werdet Euch bald miteinander überwerfen.« »Du bist fabelhaft gut,« antwortete Étiennette. »Ich danke Dir. Ich gehe so vergnügt von Dir ... Nochmals, von ganzem Herzen, Dank! Wie Schade, daß ich Dir gar nichts zu Gefallen thun kann!« Die beiden Gäste waren unterdessen in den großen Salon gegangen, wo sie die feinen seidenen Gardinen musterten. »Besuche mich oft,« sagte Maud. »Das ist die einzige Art und Weise, wie Du mir danken kannst ... Ich habe keine vertraute Freundin, und oft fühle ich das Bedürfnis, mir das Herz zu erleichtern. Und außerdem,« fügte sie hinzu, nachdem sie einen Augenblick gezögert, »außerdem werde ich Dich vielleicht auch bitten, mir einen Dienst zu erweisen. Könntest Du mich bei Dir empfangen? ... bei Deiner Mutter, meine ich ... mir dann und wann ein Zimmer überlassen?« »Liebe, die ganze Wohnung, wenn Du willst. Mama ist so leidend, sie verläßt ihre Chaiselongue den ganzen Tag über nicht – es ist ein Herzübel, wie Du weißt – und ich habe die Leitung der Wirtschaft übernommen. Ich bin Herrin des Hauses.« »Die Sache ist nämlich die,« fuhr Maud fort, indem sie sich vergebens bemühte, ihre Stimme zu beherrschen, »ich möchte gern bei Dir jemanden treffen, ... jemanden, den Du kennst.« »Julien?« »Ist es Dir unangenehm? Meinst Du, daß es Dich kompromittieren könnte?« »Ach,« antwortete Étiennette traurig, »kann mich denn überhaupt noch etwas kompromittieren? Nein, thue, was Du willst. Meine Wohnung steht Dir zur Verfügung.« »Danke. Und verlaß Dich auf mich. Wir Beiden sind jetzt Verbündete, nicht wahr? Und Du wirst sehen, ich bin keine schlechte Freundin.« Arm in Arm gingen sie hinein zu M me. Ucelli und Fräulein Ambre. »Entschuldigen Sie mich, gnädige Frau,« sagte Maud. »Aber Fräulein Duroy will jetzt gehen, und sie hatte noch einen Auftrag für mich ...« »Sie wollen schon gehen, mein Fräulein?« sagte M me. Ucelli. »Dann erlauben Sie mir, daß ich Sie nochmals beglückwünsche. Sie werden einen großen Erfolg haben. Und bitte, besuchen Sie mich doch, in der Rue de Lisbonne, jeden Donnerstag abend. Wir machen gute Musik, in meinem kleinen Freundeskreise.« Étiennette dankte und wollte sich verabschieden. »Apropos,« fing die Italienerin wieder an, »wir werden uns vielleicht morgen, in der Walküre wiedersehen?« Étiennette antwortete: »Ach nein, gnädige Frau, ich gehe nie in die Premièren.« »Was? Sie besuchen die Premièren nicht, cara mia ?« Sie nahm Étiennettes Hände in die ihrigen, als wäre sie eine alte Freundin von ihr gewesen ... »Eine solche Künstlerin ... So graziös ... Che peccato !... Kommen Sie doch in meine Loge... Nr. 15 ... Sie treffen dort Fräulein Ambre, den Grafen Rustoli, und wen noch? ... Vielleicht einen Herrn Luc Lestrange, einen Freund des Hauses hier.« Die Thür zum großen Salon wurde geöffnet von einem weißbehandschuhten Diener, der jedoch die Gäste nicht meldete. Ein Mann von 35 Jahren, sehr korrekt, blond, mit einem hübschen, aber etwas welken und verbrauchten Gesicht, trat lächelnd herein. »Ich hörte eben meinen Namen ... Was hat man von mir gesagt?« Er küßte den Damen die Hände. M me. Ucelli rief: »Ah, Signore Lucco! Wie amüsant! Wir sprachen eben von Ihnen. Und siehe da, wenn man den ...« Étiennette nahm Abschied und ging. Maud begleitete sie hinaus. Als sie wieder kam, setzte man sich an den Kamin. Der Kamin war aus weißem Marmor, in neugriechischem Stil, fast ohne Zierat, nur mit einer einzelnen Tanagrafigur geschmückt – einer Vestalin, welche ein Räuchergefäß in den Händen hielt – außerdem zwei schlanken Blumenvasen; in jeder stand eine Orchideenblüte. Hinter dem Rost glomm ein mächtiges Scheit Holz, das an den Enden ganz verkohlt war und nur in der Mitte glühte. Gleich darauf öffnete sich die Thür von neuem; eine ältere Dame trat ein, von zwei gleichgekleideten, jungen Mädchen begleitet, die ganz hübsch, aber etwas bleichsüchtig aussahen. Sie hießen Marthe und Madeleine, Madeleine, beweglich und heiter; Marthe schweigsamer, oft zerstreut, mit Augen, die sich vor dem Beschauer flüchteten und Wangen, die plötzlich die Farbe wechselten. Trotzdem sahen sie sich sehr ähnlich. Maud stellte vor: »Herr Luc Lestrange, Direktor im Ministerium des Innern; M me. de Reversier, M lles. de Reversiers... Aber wenn ich nicht irre, kennen sich die Herrschaften schon?« »Herr Lestrange kennt doch jedes junge Mädchen in Paris, nicht wahr?« sagte M me. Ucelli lachend. »Nein,« antwortete ihr Lestrange leise. »Ich kultiviere nur gewisse Spezialitäten.« »Wie geht es Ihrer lieben Mutter?« fragte M me. de Reversier, indem sie sich setzte. »Sie ist noch immer leidend ... Sie wird heute wohl erst um fünf Uhr erscheinen.« »Und Jacqueline?« »Jacqueline ist in der Vorlesung. Aber es ist ja schon halbfünf. Da müßte sie schon zurück sein.« M me. Ucelli unterbrach ihr Gespräch mit Lestrange. »Was sind das eigentlich für Vorlesungen, Maud? Sind es vielleicht die in der Rue Saint Honoré, wo ein junger Mann von dreißig Jahren junge Mädchen in der Moral unterrichtet?« »Junge Herren und junge Mädchen, gnädige Frau,« korrigierte Maud. »Gleichzeitig?« »Gleichzeitig. Die Vorlesungen stehen jedem offen.« »Schau, schau!« sagte Lestrange. »Es wäre mir gewiß ganz heilsam, unter diesen Umständen einen kleinen Kursus in der Moral durchzumachen.« »Man wird Sie gar nicht einlassen, birbante ; Sie haben ein viel zu schlechtes Renommee unter den Familienmüttern. Sie kompromittieren die jungen Mädchen.« »Keineswegs. Ich gebe Ihnen die Versicherung, gnädige Frau, es sind die jungen Mädchen, die mich kompromittieren.« Maud versuchte dem Gespräch eine andere Wendung zu geben. »Wer geht morgen in die Oper, zur Walküre ?« »Ich habe emen Parquet-Platz,« sagte Lestrange. M me. de Reversier erklärte: »Man hat uns Plätze angeboten. Aber ich finde die Walküre kein passendes Stück für meine Töchter.« Man geriet in eine eifrige Debatte ... M me. de Reversier fand den zweiten Akt entsetzlich unpassend. M me. Ucelli protestierte lärmend im Namen der Kunst. Marthe und Madeleine nahmen auch an der Diskussion teil und sagten ihre Meinung. »Aber,« fragte Lestrange Madeleine, »da Sie, wie ich sehe, den Inhalt so gut kennen, weshalb ist es denn so unpassend, daß Sie das Stück sehen?« »Das Unpassende liegt ja gerade darin, daß andere sehen, daß wir dort sind. Würden Sie's vielleicht wagen, mir öffentlich alle die Dummheiten zu sagen, die Sie mir, meiner Schwester, Jacqueline, uns allen, privatim erzählen? ... Na, antworten Sie? Weshalb sehen Sie mich so sonderbar an?« »Ich sehe Ihre Lippen an,« antwortete Lestrange, »und ich denke an etwas, das noch viel schlimmer ist als das, was ich Ihnen je gesagt habe.« Madeleine de Reversier lächelte: »Bitte! warten Sie wenigstens einen Augenblick, ehe Sie mir's sagen. Es sind nicht Leute genug hier ... Mama horcht. Sie wissen, sie traut Ihnen nicht.« »Ihre Frau Mama ist eine sehr vernünftige Dame ... Aber da kommt ja noch jemand?« »Nein. Es ist der Thee.« Der Diener trat ein; er trug den Tisch mit dem Samovar, mit den Tassen und Kuchen. Hinter ihm zeigte sich Jacqueline de Rouvre; sie wurde mit freudigen Zurufen empfangen ... Die Frauen umarmten sie; sie drückte Lestrange die Hand. Es war eine ganz kleine Person, rothaarig, und niedlich ausgepolstert, das Gegenteil von Maud, aber der Mutter sehr ähnlich. Nur war sie seiner, eleganter, mehr Pariserin, – sie hatte eine Haut so weich wie Seide, und meergrüne Augen, von schmachtenden, schweren Lidern immer halb verhüllt; ihre Formen waren gereift, wie die einer verheirateten Frau, schwellender Busen und schwellende Hüften, die Taille aber dünn und fein. Dabei war sie von entschiedener Kindlichkeit in den Bewegungen und Manieren, in der Art und Weise, wie sie sprach und wie sie sich kleidete; ihre kurzen Backfischröcke glitten jeden Augenblick in die Höhe, daß man ihre schön gerundeten Waden sah; kurzum, ein ungewöhnlich reizvolles Wesen, wie geschaffen, um die Begierde der Männer aufzustacheln und sie toll zu machen. Als sie zwischen Luc Lestrange und M me. de Reversier Platz genommen, sagte diese lächelnd zu ihr: »Eben sprachen wir von den Vorlesungen über Moral, zu denen Sie gehen, Jacqueline. Welchen Gegenstand hat denn Ihr junger Lehrer heute vor gehabt?« Jacqueline schlug die Augen nieder und antwortete, indem sie den Ton einer Naiven karikierte. »Von der Liebe in der Ehe, gnädige Frau.« »Ein schöner Gegenstand. Na, und was sagte er denn darüber?« »Ich werde Ihnen gern seinen Vortrag Wort für Wort hersagen, gnädige Frau.« Sie erhob sich, sprang, leicht wie eine Bachstelze hinter einen Stuhl und fing an, indem sie ihr Gesicht in würdige Falten legte und mit Männerstimme sprach: »Die eheliche Liebe, meine Damen und Herren, besteht aus zwei Grundstoffen, in so enger Vereinigung, wie im Wasser der Sauerstoff und der Wasserstoff ... Diese Grundstoffe sind die Zärtlichkeit und (hier macht er eine Kunstpause, um den Effekt vorzubereiten) ... und die Sinnlichkeit. Sie wissen alle, was die Zärtlichkeit ist. Als in der Kindheit Ihre Mutter Sie auf dem Arm wiegte ... (u. s. w., hier folgt eine lange Tirade, die ich lieber übergehen will). Wir kommen dann also zur Sinnlichkeit ...« »Jacqueline!« unterbrach sie Maud, »paß auf, Du wirst jetzt unpassende Dinge sagen.« »Durchaus nicht. Ihr schickt mich in die Vorlesungen, und ich ziehe meinen Nutzen daraus. Also: ›Die Sinnlichkeit, meine Damen und Herren, ist etwas schwieriger zu definieren, insbesondere einem Zuhörerkreise wie diesem gegenüber. Begnügen wir uns also damit, in der Sinnlichkeit das edle Streben des Menschen nach der Schönheit zu erkennen, seine Freude an der Form.‹ An dieser Stelle unterbrach ihn jemand: ›Aber die Blinden?‹ Der junge Docent thut, als habe er nichts gehört. Aber Juliette Avrezac, die neben mir sitzt, flüstert mir in's Ohr: ›Ihr Tastsinn soll so entwickelt sein!‹« Die ganze Gesellschaft lachte, auch die jungen Fräulein Reversier und ihre Mutter schienen ganz die strengen Prinzipien vergessen zu haben, die sie kurz vorher gepredigt. M me. Ucelli war so begeistert, daß sie der Jacqueline einen Kuß gab. » E und fiore, ... pèro un fiore !« Maud wurde wieder ernst: »Nun ist's genug. Laß die Dummheiten, Jacqueline. Reiche lieber den Thee herum. Madeleine und Marthe werden Dir gern dabei helfen.« Sie standen alle drei auf, gingen an den Tisch und beugten sich mit ihren zwei kastanienbraunen und dem einen rotblonden Köpfchen über das Theeservice, dann boten sie mit anmutigen Knicksen die Tassen an. Sie benutzten eine in Paris neu eingeführte Mode, den Thee zu servieren: jede Tasse wurde einzeln gemacht in einem kleinen Porzellanapparat mit einem Sieb drin. Man bewunderte es allgemein. »Sagen Sie mal, Maud, haben Sie das entdeckt?« »Nein ... Aaron hat es mir aus London mitgebracht. Er überhäuft uns mit Geschenken, der gute Aaron.« »Das muß ich sagen,« bemerkte M me. de Reversier naiv, »Sie haben Glück. Der ›flirt‹ meiner Tochter bringt uns niemals Geschenke ein.« »Was sehe ich!« rief Maud froh, »da sind Sie ja, alle Beide ... Wie nett von Ihnen ...« Die so freundlich empfangenen Gäste waren zwei Herren; der eine war jung, bei dem anderen fingen die Haare schon an etwas grau zu werden. M me. Ucelli wiederholte, indem sie ihnen die Hand reichte: »Alle Beide! Und an einem Tag, wo der Senat Sitzung hält! ... Herr Paul Le Tessier, mir würden Sie diese Treue nicht erweisen ... Peccato ! Das ist nur die Zauberin Maud, die solches über Sie vermag!« »Erlauben Sie, gnädige Frau,« antwortete Paul Le Tessier, »aber wir haben sicher darauf gerechnet, Sie hier zu treffen. Übrigens ist es der reine Zufall, daß ich heute frei bin. Einer von den Senatsmitgliedern, Herr Briard, ist heute nacht gestorben. Und da die Regierung auf meine Interpellation nicht vorbereitet war, wurde die Sitzung aufgehoben.« Er sprach mit einer klangvollen und harmonischen Stimme und heftete einen ruhigen Blick auf die Dame, die ihn angeredet. Seine ganze kräftige, etwas wohlbeleibte Gestalt, das frische Gesicht, der kurzgeschorene, graumelierte Vollbart, die hellbraunen Augen, die er nur wenig bewegte, gaben ihm das Gepräge sicheren Gleichgewichts. Obgleich bartlos, schlanker, lebhafter und mit vollem Haarwuchs, sah der Bruder ihm ähnlich. Er war von demselben stämmigen Wuchs, nur war sein Körper durch Leibesübungen und ein Leben in freier Luft muskulöser und geschmeidiger geworden ... Und seine Augen, die ebenfalls braun waren, hatten in ihrer Tiefe ein gewisses lustiges Leuchten von lachender Ironie und Skepsis. »Herr Hector dagegen,« sagte M me. de Reversier, »läßt es sich angelegen sein, keinen Donnerstag zu versäumen.« »Ja,« unterbrach sie Jacqueline. »Er liebt die jungen Mädchen, und weiß recht gut, daß die, die er bei uns trifft, nicht zu den Dummen gehören.« »Eine von ihnen ist sogar viel zu klug für mich,« antwortete Hector flüsternd, indem er sich Jacqueline näherte. Lestrange hatte die kleinen Fräulein Reversier in eine Ecke des Salons getrieben und scherzte dort mit ihnen; sie saßen und lachten in einer etwas nervösen Weise über die Sachen, die er ihnen mit gedämpfter Stimme zuraunte. M me. Ucelli erhob sich. »Ich muß leider darauf verzichten, cara mia , M me. de Rouvre heute zu begrüßen.« »Bitte, bitte, bleiben Sie doch, gnädige Frau,« sagte Maud ... »Mama wird im Augenblick erscheinen, sie würde es sehr bedauern ...« Aber M me. Ucelli mußte noch Besuche machen und allerlei Einkäufe besorgen. Und Maud, der es ganz recht war, daß sie ging, ehe die Chantels gekommen waren, nötigte sie nicht weiter zum Bleiben. »Was ist das für eine stumme Schöne, mit der sie überall herumzieht?« fragte Paul Le Tessier, nachdem die beiden Damen sich entfernt hatten. »Ein Fräulein aus Nizza,« antwortete Maud, » Hofdame bei der Herzogin de la Spezzia.« »Eine schöne Empfehlung!« Die Gesellschaft war näher an den Kamin gerückt; sie fühlten sich setzt erst behaglich, wie in einem engeren Freundeskreise Aber trotzdem kam keine gemeinsame Unterhaltung auf. M me. de Reversier empfahl Paul ein Wohlthätigkeitswerk, für das sie die Regierung zu interessieren wünschte. Jacqueline kokettierte mit Lestrange, um ihn dem Fräulein Reversier abspenstig zu machen. Hector unterhielt sich im Flüsterton mit Maud. »Wozu ist eigentlich diese besondere Einberufung heute?« fragte er. »Wir erwarten heute zum erstenmal Besuch von Leuten, die ich gern ans Haus knüpfen möchte, und da war es mir an Ihrer werten Gegenwart, als Dekoration für meinen Salon, gelegen.« »Himmel, wie schmeichelhaft für mich! Und wen dürfen wir denn erwarten?« Maud lächelte. Hector fragte prüfend: »Einen Herrn Gemahl etwa?« Sie beantwortete die Frage nicht, sagte nur nach kurzer Pause: »Hector, sind Sie mein Freund?« Der junge Mann wurde gerührt von dem ernsten Ton ihrer Stimme. »Liebe Maud, das bin ich ... Mein Bruder war eigentlich der Freund Ihres Vaters, aber ich habe Sie gekannt und lieb gehabt, seit Sie ein kleines Mädchen waren ...« Doch als er merkte, wie das Vertiefen in diese Erinnerung ihn sentimental machte, nahm er sich sofort zusammen und fuhr scherzend fort: »Sie wissen ja, daß ich Sie angeschwärmt habe, damals als Sie ein fünfzehnjähriger Backfisch waren.« »Bitte, machen Sie sich nicht über mich lustig!« antwortete Maud. »Sie haben mich niemals angeschwärmt, ich weiß es, und nehme Ihnen das gar nicht übel ... Aber ich halte Sie für unfähig, mir ein Leid zuzufügen.« Er machte eine lebhafte Bewegung. »Gut, ich weiß es. Und denken Sie daran, daß ich möglicherweise bald Ihrer Hilfe bedarf.« Lautes Gelächter unterbrach sie. Alle hörten Jacqueline zu, die erzählte: »Nein, ich versichere Sie, er hat nicht denselben Strahl für alle seine Patienten ... Den alten Damen, die ihn »Herr Doktor« nennen, giebt er die Douche melancholisch, mit abgewandtem Gesicht! Das Wasser mag fallen, wie es will ... Mit den jungen hübschen Frauen scherzt er, er sagt ihnen alle möglichen Thorheiten, wahrend er sich damit amüsiert, ihnen kleine Schreie zu entlocken, sie mit dem Strahl erschreckt und kitzelt. Aber für uns junge Mädchen hat er eine jungfräuliche, eine keusche, liebkosende Douche. Kaum daß sie uns berührt, und niemals ein plumpes oder gewagtes Wort von ihm. Er redet von Musik, von Bällen, von Litteratur ... während wir ganz nackend vor ihm dastehen ... es ist urkomisch, versichere ich Sie ...« Sie hielt inne: »Pst! Still, es klingelte eben ... Da sind sie, unsere Leichenbitter ...« Ehe die Thür aufging, saß sie schon wieder am Theetisch, sittsam und korrekt wie ein Schulmädchen unter den Augen ihrer Lehrerin. Diesmal meldete der Diener: »M me. Vicomtesse de Chantel ... Fräulein de Chantel ... Herr Maxime de Chantel ...« Mit höflichem Ceremoniell, beinahe schweigend, wurden die Willkommengrüße ausgetauscht. Jacqueline flüsterte Marthe ins Ohr: »Na, sind die aber unverfälschte Provinz! Mamachen mit ihrem Söhnchen und Töchterchen ... Aber bitte, sieh sie doch nur an, sieh!« Wirklich nahm die Familie de Chantel sich ziemlich komisch aus in dem ultra-modernen Salon, zwischen den eleganten Herren, den geputzten Damen mit Kleidern und Hüten nach der allerletzten Mode. Chantels waren in Trauer alle drei; sie trauerten um eine entfernte Verwandte, wie es die alten vornehmen Familien in der Provinz fast immer thun. Die ungeschickt und plump gearbeiteten Trauerkleider machten die beiden Damen schwerfällig und benahmen ihnen jede Grazie: ebenso ließ der schwarze Tuchrock, den Maxime trug, und der kleine schwarze Schlips unter dem umgeschlagenen Kragen, ihn mehrere Jahre älter erscheinen, als er war. »Macht nichts,« antwortete Marthe de Reversier Jacqueline, »sie sehen »vornehm« aus, trotz alledem.« Und sie hatte Recht. So provinziell sie auch in ihrem Anzuge waren, bewahrten sie doch das Ansehen des alten angestammten Adels, des Adels des Großgrundbesitzes, der sich nie mit bürgerlichem Blut vermischt hat. M me. de Chantel war mager, klein und verwelkt, mit einem Gesicht, wie das einer Nonne, weiß wie eine Hostie; ihr Hut verbarg fast ganz das nur wenig ergraute Haar; aber ihre schwarzen Augen, die zugleich unschuldig und leidenschaftlich waren, lächelten mit einer überraschenden Milde, ganz wie die Augen ihrer Tochter Jeanne. Überhaupt sah Jeanne ihr ähnlich. Sie hatte dasselbe volle Haar, schwarz und strahlend wie die Jettperlen an ihrem Leibchen, aber sie war größer als M me. de Chantel und nicht so mager. Beim geringsten Wort schoß ihr die Röte in die bleichen Wangen, sie war furchtsam und wurde leicht verwirrt ... Und Maxime, mager und kräftig, glich in seinem Provinzrock und seinen vorweltlichen Beinkleidern, mit seinem nachdenklichen Gesicht und seinen Augen, die so warm leuchteten wie die der Mutter und Schwester, einem adeligen Offizier aus der Provinz, in Civilkleidern. »Gehe hinein zu Mama und sage ihr, daß sie gekommen sind,« flüsterte Maud zu Jacqueline. »Laß sie das schwarzseidene Kleid anziehen. Um Gotteswillen nichts Grünes oder Gelbes. Und sorge dafür, daß sie ein Korsett anzieht.« »Verlaß Dich auf mich. Ich werde sie selber schnüren, wenn es sein muß,« antwortete die Kleine und verschwand. Ein frostiges Schweigen hatte sich im Salon verbreitet, seit die Familie de Chantel angekommen war. Maud saß neben M me. de Chantel: sie wechselten, etwas verlegen, allgemeine Höflichkeitsphrasen. Jeanne hatte sich auf die andere Seite ihrer Mutter geflüchtet, sie rührte sich nicht und blickte nicht einmal auf. Maud gegenüber, zwischen M me. de Reversier und Hector, saß Maxime, sehr blaß, und biß sich auf die linke Spitze seines kurzen Schnurrbarts, eine ihm eigentümliche Gewohnheit. Er bemühte sich die Möbel, die Tapeten, die ganze Einrichtung der Wohnung anzusehen, aber seine Augen kehrten immer wieder unwiderstehlich zu Maud zurück, die ihm ganz zerstreut die Hand gereicht hatte, als er kam, zu Maud, die ihn jetzt keines Blickes würdigte. Und er fand sie doch so schön, so unendlich viel schöner als je zuvor, hier in diesem Rahmen, den sie selbst für sich geschaffen und ausgeschmückt hatte – so schön, daß er sie kaum wiedererkannte, und sich erstaunt fragte, wie es möglich gewesen, daß er es damals, in dem kleinen Badeorte gewagt, auch nur einen verliebten Gedanken zu ihr zu erheben; und später in sein Herz den Samen der Erinnerung zu streuen, ihn keimen und wachsen zu lassen, bis die gefährlichsten Blumen der Liebe sich entfalteten. Hector Le Tessier beobachtete den Neuangekommenen und unterwarf ihn einer scharfen Prüfung. Als erfahrener Pariser, wohlbekannt mit der Kehrseite der leichtlebigen Welt, in der er verkehrte, ohne sich fest darin niederzulassen, ahnte er die Intrigue, die sich in diesem Salon, um diesen Kamin und diesen Samowar anknüpfte und berechnete als psychologischer Dilettant die Chancen, welche sie entweder zum Lustspiel oder zum Drama entwickeln würden. » ... Die Rouvres, in Wirklichkeit ohne einen Pfennig Vermögen, trotz des scheinbaren Luxus, den sie entfalten ... Maud, müde von der Gesellschaft, in der sie lebt, und fest entschlossen sich vor Anker zu legen im sicheren Hafen einer vornehmen und soliden Ehe ... Der Provinziale dort über und über in sie verschossen, zu allem bereit ... Ja ... und dann aber Suberceaux? ... er ist verliebt, und sie ist verliebt ... und gerade dieses, etwas tierische Verliebtsein macht mir die beiden besonders sympathisch, trotz ihres Abenteurer-Temperaments ... Welch wundervoller Stoff zu einem Drama! Glücklicherweise bin ich dabei nur gleichgültiger Zuschauer!« Er freute sich über die Neutralität, die er soeben Maud versprochen: Gleichgültiger Zuschauer ... Gott sei Dank!« Maxime vergaß sich jetzt vollkommen und starrte Maud unverwandt an. Sie erwiderte seine Blicke nicht. »Sonderbar,« dachte Hector. »Ich meine, ich müßte sein Gesicht kennen.« M‹sup›me.‹/sup› de Rouvre trat ein. Sie hatte schwarze Seide an, und der schwarze Anzug machte sie jünger und hübscher aussehen. Aber mitten auf ihrem Busen, im spitzen Ausschnitt der Taille, funkelte der neu erworbene Schmuck. »Weshalb hast Du es nicht verhindert, daß Mama heute das scheußliche Ding anmachte?« flüsterte Maud Jacqueline zu, die zugleich mit der Mutter hereintrat. »Ich habe mir Mühe genug gegeben, aber wenn Du glaubst, daß das so leicht ginge?« Beim Erscheinen der M me. de Rouvre hatte M me. de Chantel sich erhoben. Mit einem Gesicht, das vor aufrichtiger Freude leuchtete, ging sie ihr entgegen; sie küßten sich und fingen sofort an von ihrer Krankheit zu sprechen, und, ohne Rücksicht auf die Trennung, mit genau denselben Worten wie vor Monaten: »Liebe Freundin ... wie geht es Ihnen ... und was macht Ihr Knie?« »Ach, Liebste! Leider wieder recht schlecht. Ich habe heute den ganzen Tagen liegen müssen ... Aber wie geht es Ihnen denn? Ihrer Schulter meine ich?« »Ach, ich danke! Viel, viel besser. Denken Sie sich, seitdem ich die Pillen des Dr. Leverts gebrauche ...« Sie setzten sich in eine Ecke und unterhielten sich von ihren beiderseitigen Übeln, und redeten beide so eifrig drein, daß die eine nicht hörte, was die andere sagte. Hector trat zu Maud. »Wie heißen sie doch noch?« fragte er. »Mir ist der Name entgangen, als sie gemeldet wurden.« »Chantel. Vicomtesse de Chantel.« »Ach, dann habe ich doch Recht. Ich kenne Maxime de Chantel.« Maud fragte eifrig: »Wirklich? Woher denn?« »Aus meiner Soldatenzeit. Acht Jahre sind es her. Ich diente damals als Freiwilliger bei den Dragonern in Châlons; er war mein Sekondelieutenant.« »Richtig. Er hat die Offiziersschule in Saint-Cyr durchgemacht, und ist drei Jahre Offizier gewesen ... Als sein Vater starb, mußte er seinen Abschied nehmen, um die Administration seiner Güter in Poitou – ein enormes Besitztum – zu übernehmen. Und er hat Sie jetzt nicht wiedererkannt?« »Nein. Sehr natürlich übrigens. Ich habe just keinen hervorragenden Dragoner abgegeben. Und außerdem scheint er mir augenblicklich außer Stande, überhaupt etwas wiederzuerkennen. Soll ich ihn an unsere Bekanntschaft erinnern?« Maud besann sich einen Augenblick, ehe sie antwortete: »Sie haben Ihr Versprechen von vorhin nicht vergessen?« »Nein ... Und wenn ich Ihnen in irgend einer Sache nützlich sein kann ...« »Das können Sie. Erinnern Sie ihn, bitte, daran, daß Sie sich kennen und schon früher getroffen haben. Zähmen Sie ihn mir. Er ist nämlich ein Halbwilder, verstehen Sie?« »In diesem Augenblick,« entgegnete Hector, »glaube ich, daß er seinem ehemaligen Rekruten gern vierzehn Tage Gefängnis zudiktierte. Sehen Sie ihn nur mal an!« Maxime hatte während der ganzen Zeit Maud und Hector beobachtet, wie sie im vertraulichen Gespräch dastanden. Sein Gesicht war krampfhaft verzogen. »Ich werde ihn beruhigen,« sagte Hector. Er benutzte die allgemeine Bewegung, die beim Erscheinen des Malers Valbelle eingetreten – eine große athletische Gestalt, mit einem kräftig gefärbten Gesicht und graugesprengtem Haar und Bart – um sich Maxime zu nähern. »Herr de Chantel, erlauben Sie, daß ich alte Erinnerungen wieder auffrische. Ich hatte die Ehre, in Câlons unter Ihnen zu dienen. Mein Name ist Hector Le Tessier.« Die leichte Ironie, womit Hector seine ehrerbietige Anrede würzte, entging Maxime; sein Gesicht erhellte sich, und er drückte die dargebotene Rechte Hectors. »Freut mich sehr, wirklich! Ich erinnere mich Ihrer ganz genau! ... Le Tessier ... Um 1884 herum, nicht wahr?« »1883,« verbesserte Hector. »Ganz richtig, 1883. Sie stammen aus Deux-Sèvres?« »Ja, ich bin aus Parthenay. An Ihrem vorzüglichen Gedächtnis, Herr de Chantel, erkenne ich den ausgezeichneten Offizier von damals wieder.« »Ich war sehr gern Offizier,« erklärte Maxime mit leichter Trauer in der Stimme. Paul Le Tessier gesellte sich zu ihnen; ebenfalls etwas später M me. de Chantel und M me. de Rouvre, die sich beide nicht genug wundern konnten über den Zufall, der die beiden Herren nach zehn Jahren wieder zusammengeführt hatte. »Und doch ist dies kein besonders abenteuerlicher Zufall,« bemerkte Paul Le Tessier. »Herr de Chantel ist drei Jahre Offizier gewesen, er hat nahezu zwei Tausend Rekruten unter sich gehabt, da ist es kein Wunder ... Er muß später in seinem Leben mehr als einem von ihnen begegnet sein.« »Sie schlimmer Rechenmeister,« sagte M me. de Rouvre. »Immer kommt er mit Zahlen und mit Beweisen dafür, daß das, was kommt, kommen mußte ! Und trotzdem behaupte ich, daß es ein höchst merkwürdiger Zufall ist, und eine Vorbedeutung, das die Herren gute Freunde werden. Das ist wenigstens meine Meinung.« »Ich bin damit einverstanden, gnädige Frau,« erwiderte Hector. »Und sollte sich Herr de Chantel noch einige Tage in Paris aufhalten, so bitte ich ihn, über meinen Bruder und mich zu verfügen. Wir sind alte Pariser, wenn wir auch aus Parthenay gebürtig sind ... Machen Sie uns doch gleich morgen das Vergnügen, mit uns im Restaurant zu speisen, Herr de Chantel?« Maxime nahm die Einladung an, und das Gespräch wurde in aufrichtigem, kameradschaftlichem Ton fortgesetzt; beide verloren sich in Erinnerungen an die erste frohe Jugendzeit, die nie wiederkehrt, und nach der man sich schon in den dreißiger Jahren zurücksehnt. Inzwischen kamen immer neue Gäste: eine M me. Duclerc, die mit einem gefeierten Pastellmaler verheiratet war – den man aber nie in Begleitung seiner Frau sah – pikant durch ihre Grisettenmanieren im Verein mit einem Madonnengesicht und einer Madonnenfrisur; der »Frauen«schriftsteller Henri Espiens, ein langhaariger, starrköpfiger und redseliger Südfranzose, M me. Avrezac und ihre Tochter Juliette, beide brünett, schlank und hübsch, und einander so ähnlich, wie zwei Schwestern; endlich eine Cousine von Maud, Nora Calvell, eine kleine Cubaneserin mit zitronengelben Backen, blauschwarzem Haar, girrender Stimme und feuergefährlichen Augen. Sie erschien allein – die Gesellschafterin ließ sie draußen im Vorzimmer warten. Maud zog Jacqueline ein wenig beiseite: »Nicht wahr? die Sache geht gar nicht so übel?« »Nein Du, aber Chantel und die beiden Le Tessiers dürfen sich nicht zu warm befreunden. Du weißt, wenn die Männer unter sich sind, halten sie zusammen gegen uns.« »Oh, Hector ist mir sicher genug!« »Paul auch?« »Nein. Du hast Recht. Aber ich weiß, wo ich ihn fassen kann.« Sie machte Paul mit dem Finger ein Zeichen, daß er zu ihr kommen sollte. »Mein werter Herr Senator.« sagte sie in heiterem Ton, »heute sind Sie um meinen allerschönsten Gast gekommen.« Paul lächelte: »Ich weiß es. Ich hatte sie sogar selbst geschickt.« »Die kleine Heuchlerin. Davon hat sie kein Wort gesagt.« »Sie wagte es nicht herzugehen, aber ich habe ihr die Versicherung gegeben, daß Sie ein guter und zuverlässiger Kamerad sind ... für die, welche Ihnen kein Hindernis in den Weg legen,« fügte er mit einem Lächeln hinzu. »Ich habe ihr versprochen, sie hier bei mir debütieren zu lassen, und ganz Paris zu ihrem Debüt einzuladen. Sie ist in der That entzückend, und Sie sind ein glücklicher Senator.« »Wie sagen doch die Könige in den Operetten: ›Ich will ja diesem Kinde nur ein Vater sein.‹« »Der wohl avancieren möchte,« murmelte Jacqueline zwischen den Zähnen. »Jedenfalls ist meine Schwester sehr liebenswürdig gegen Ihre Tochter, nicht wahr?« fügte sie laut hinzu. »Dafür,« fuhr Maud mit leiser Stimme fort, »bitte ich mir aber auch Ihre Hilfe aus für meine Pläne, die ich zwar noch kaum entworfen habe, deren glückliche Verwirklichung mir aber sehr am Herzen liegt.« Paul blickte zu Maxime hinüber. »Ist er es?« »Ja. Hector ist mein Verbündeter. Wollen Sie es auch sein?« »Sie können sich fest auf mich verlassen, gnädiges Fräulein. Um so mehr, als der wackere Landedelmann und Soldat da drüben, durchaus nicht zu bedauern sein wird. Aber, siehe da ... Aaron mit Julien!« Korrekt und mit unbeweglichem Gesicht trat Suberceaux ein, gefolgt von einem kleinen, rundlichen Herrn, mit rotem, aufgedunsenem Gesicht, dickem Bauch, und in starker Transpiration. Trotz des englischen Schnittes seiner Kleider und der Gardenia im Knopfloch, trotz des spiegelblanken hohen Hutes und der strahlenden Lackstiefel, sah man ihm doch den Frankfurter Wucherjuden deutlich au. Man stellte ihn feierlich vor als: »Der Herr Baron Aaron, Direktor der Katholischen Gesellschaft.« Der dicke Herr grüßte nach links und rechts, drückte allen die Hände und rollte wie eine Kugel über den Teppich des Salons. »Mein Fräulein,« stotterte er, indem er sich Maud näherte und ein großes Couvert aus seiner Tasche zog, »mein Fräulein, da sind auch die Billets für die Oper ... morgen ...« »Ich danke!« sagte Maud in gleichgültigem Ton, und legte das Couvert auf eine Konsole neben sich. Die Gesellschaft verteilte sich in den beiden Salons in kleinere Gruppen. Herr Espiens hatte die kleine M me. Avrezac zu sich in Mauds Boudoir gelockt; dort versteckten sie sich; man hörte nur dann und wann ein unterdrücktes Gelächter, sofort von Klavier-Geklimper übertönt. Juliette Avrezac stand neben Suberceaux und redete leise auf ihn ein, indem sie heftig und nervös gestikulierte und ihm augenscheinlich Vorwürfe machte. Er hörte sie gleichgültig an, die Augen auf eine Skizze von Turner gerichtet, ein Geschenk von Aaron, und eben erst aufgehängt. Am Theetische neckten Valbelle und Lestrange Dora Calvell, zum größten Amüsement für Jacqueline, Marthe und Madeleine; die kleine Kreolin, deren zitronengelbe Backen sich vom aufsteigenden Blute braun färbten, girrte wie eine Taube, lachte und antwortete dabei lustig auf die Reden der beiden Herren. »Nein, Herr Valbelle, nein. Ich bedanke mich! Ihnen Modell zu sitzen, und noch dazu als eine kleine Wilde! Sind Sie aber höflich ... nein!« »Aber wissen Sie,« sagte Valbelle: »keine gewöhnliche kleine Wilde, meine ich. Sie sollen ja Rarahu vorstellen ... das ist ja Poesie ... die Liebe ... kurz, gerade das, was Sie sind.« »Und das Kostüm wird Ihnen göttlich stehen,« bemerkte Lestrange. »Wie ist das Kostüm? ... Ach, Sie machen sich gewiß über mich lustig, weil Sie wissen, daß ich so dumm bin! ... Ich bin überzeugt, es ist überhaupt kein Kostüm da, wenn es zum Klappen kommt.« »Oh doch ... da sind Blätter ... sogar viel Palmblätter ... es ist durchaus anständig ... Sie können davon so viele umbinden, wie Sie wollen.« »Wenn ich es wäre,« sagte Jacqueline, »ich würde Herrn Valbelle augenblicklich den Gefallen thun, wenn ich mich nur dazu eignete.« Und sie flüsterte Marthe ins Ohr: »Paß auf, Nora sagt zuletzt wirklich ja. Sie ist gottvoll!« Nachdem Nora sich ein Weilchen besonnen hatte, sagte sie: »Mama wird's nicht erlauben.« »Sie brauchen's ihr ja nicht zu sagen,« antwortete Lestrange ... »Sie können sich ja vom guten Fräulein Sophie ins Atelier begleiten lassen.« Fräulein Sophie war Noras Gesellschafterin, berühmt im Kreise gewisser Pariser Lebemänner wegen ihres beispiellosen Gehorsams und ihrer Verschwiegenheit. Man pflegte sie auf einen Stuhl ins Vorzimmer zu setzen; dort schlief sie ruhig ein und rührte sich nicht, bis sie geweckt wurde. Die kleine Kreolin überlegte sich die Sache einen Augenblick. Endlich gab sie folgende Antwort, bei der sich ihre Freundinnen halb tot lachen wollten: »Ja, wenn Sie meinen ... So will ich es wohl thun ... Aber sie müssen mir versprechen, daß man mein Gesicht nicht zu sehen bekommt.« * Maxime, den Hector verlassen hatte, nachdem er sich seiner Schwester Jeanne hatte vorstellen lassen, sah und hörte dies alles; und er fragte sich: träume ich oder bin ich wach? Bin ich denn in einer ganz anderen Welt geboren? Sind das die Sitten, ist das die Redeweise der modernen Gesellschaft? Diese lauten Kneipenwitze, die aber doch noch lange nicht so schlimm sind als das ewige Zischeln und Flüstern in den Ecken ... Das ungenierte Sichaneinanderdrücken dieser Damen und Herren ... Und vor allem dieses häßliche Wort, das unaufhörlich hindurchklingt, wie eine stete Aufforderung zur Leichtfertigkeit: »Mein flirt ... Sie hat einen flirt vor ... Wir haben einen flirt gehabt ... Der flirt , meiner Tochter ...« Und das sind die Menschen, mit denen Maud lebt ... Das sieht sie täglich um sich, das hört sie täglich!...« Maud hatte noch kein Wort an ihn gerichtet. In diesem Augenblick entdeckte sie ihn, wie er ernst und aufrecht da stand, ganz in der Nähe der leichtfertigen kleinen Piepvögel, die Lestrange und Valbelle umringten; sie erriet sein Erstaunen und seine Gereiztheit und ging mit der Frage: »Woran denken Sie, Herr de Chantel?« gerade auf ihn zu, wobei ihre Augen seinen Blick suchten. Dann zog sie sich langsam in eine Ecke des Salons zurück, den jungen Mann zwingend, ihr zu folgen. »Ich dachte eben daran, mein Fräulein,« antwortete Maxime sehr ernst, »daß mein einsames Vézéris ein Zufluchtsort ist, den man nie verlassen sollte, wenn man ein Provinzbewohner und Bauer ist, wie ich.« Ohne es zu wollen, hatte er in seine Worte die ganze Bitterkeit niedergelegt, die er empfand, als er sich in Gegenwart der Frau, die er liebte, mit so eleganten, witzigen und glänzenden Herren wie Lestrange, Le Tessier und Suberceaux verglich. »Es ist also Ihre Absicht, bald nach Vézéris zurückzukehren?« fragte Maud langsam. »Ja. Ich habe meine Mutter nach Paris begleitet, weil sie nicht gern allein reisen mag. Sie wird für kürzere oder längere Zeit hier bleiben, wie es ihr Dr. Levert vorschreiben wird. Ich kann ihr hier doch nicht weiter nützen, darum reise ich zurück nach Vézéris, und komme erst wieder, um sie abzuholen. Paris ist viel zu groß für mich. Selbst wenn ich wie heute mitten drin bin, habe ich das Gefühl, als wäre ich ganz wo anders. Mein Geburtsort mit seinen niedrigen Hügeln, mit seinen weiten Ebenen, wo der Horizont sich in geheimnisvolle Fernen verliert, steht meinem Herzen viel näher.« »Ich verstehe es,« kam es leise von Mauds Lippen, indem sie langsam die Augen niederschlug. Maxime, der sich nach und nach durch den Klang seiner eigenen Stimme erregte, fuhr fort: »Die Einsamkeit hat mich zu dem gemacht, was ich bin, sie hat mich nach ihrem Bilde gemodelt. Ich habe das Gemüt meiner Hirten, die unbeweglich, den Blick auf den weiten Horizont gerichtet, Dämmerung auf Dämmerung heranrücken sehen. Meine Gefühle sind langsam und tief, so tief, daß ich während langer Monate von dem Eindruck einer Erinnerung leben kann ... Hier lebt man hastig und fühlt wenig, und die Worte sind schnell und kurz wie die Gefühle; mir wird das Sprechen nicht leicht, weil man so tiefliegende, ernste Gefühle nur schwer auszudrücken vermag ... Entschuldigen Sie, ich weiß überhaupt nicht, weshalb ich Ihnen das alles sage.« »Ach bitte, erzählen Sie weiter,« sagte Maud. »Nichts von dem, was die andern da sprechen (sie wies auf die abseits stehenden, zwanglosen Gruppen), wäre im stande, mich so zu interessieren.« »Jedenfalls ist es liebenswürdig von Ihnen, mir das zu sagen ... Sehen Sie, mein Fräulein, es faßt mich so stark, daß ich nicht einmal im stande bin, Ihnen meine Bewegung zu verbergen! Obgleich Monate vergangen sind, seit wir die vier Tage gemeinsam in Saint Armand verlebten, hat sich mir die Erinnerung unauslöschlich eingeprägt und jetzt, in Ihrer Nähe, wird alles von neuem lebendig.« Maud unterbrach ihn: »Auch ich habe sie nicht vergessen.« Dann schwiegen sie beide. Als Maud aber ihre Augen erhob und Herrn de Chantel anblickte, erschrak sie vor der Flamme in seinem Blick. »Für heute genug des Romans,« dachte sie. Und um alle feurigen und verliebten Worte abzuschneiden, die sie auf Maximes Lippen ahnte, sagte sie so laut, daß alle im Salon es hörten: »Sie müssen morgen jedenfalls die Oper hören, Herr de Chantel, und zwar in unserer Loge, nicht wahr, das ist abgemacht? Jeanne muß natürlich auch mitkommen. Wo ist eigentlich unsere kleine Jeanne heute abend? Ach! Sie spricht ja, sie ist ja ganz zahm geworden, unser scheuer kleiner Vogel!« Jeanne de Chantel unterhielt sich schüchtern mit Hector Le Tessier. Mauds Worte unterbrachen das Gespräch plötzlich, und heftig errötend suchte das Kind Schutz beim Bruder. Man lachte. »Wie haben Sie das angefangen?« fragte Maxime, und ließ seine Finger durch die braunen Locken der Schwester gleiten. »Ich habe ihr von Ihnen erzählt.« Gleich beim ersten Anblick hatte das kleine Mädchen aus der Provinz Hectors Neugierde erregt. Er begriff, daß in dieser jungen Seele sich etwas rührte, das sehr verschieden war von dem, was er in den Pariser Salons bei den anderen kleinen Dämchen, mit ihrer verbrauchten und verpfuschten Unschuld studierte, nicht aus Hang zur Leichtfertigkeit, sondern aus Sammler-Interesse, Er hatte sie sanft, beinahe väterlich ausgefragt, hatte ihr vom Bruder erzählt, den er ja gekannt, und von Poiton, ihrem gemeinschaftlichen Geburtsort; und das Kind öffnete ihm schnell das Herz, ohne Vorbehalt, wie alle schüchternen Seelen, wenn sie sich einmal sicher fühlen. Mit einer stillen, zarten Stimme, die gleichsam von wenigem Gebrauch klang, als ob sie mit Watte umwickelt wäre, erzählte sie ihm von ihrer Kindheit, draußen auf dem Lande, wo sie ohne Vergnügungen und ohne Freundinnen aufgewachsen war, wo sie von ihrer Mutter erzogen und von Maxime unterrichtet worden war. »Du liebes Kind!« sagte Maxime, und küßte das junge Mädchen auf die Stirn. »Na,« fing Mund etwas ungeduldig wieder an, »was ist denn eigentlich für morgen abend verabredet? Herr Aaron und Herr de Suberceaux haben ihre Billette, und Sie natürlich auch,« sagte sie, sich zu den Brüdern le Tessier wendend. »Sie gehören ja zu tout Paris . M me. de Chantel und Jeanne sitzen in unserer Loge. Und Sie, Herr de Chantel begleiten Ihre Damen, nicht war?« »Ich habe mich mit den Herren Le Tessier verabredet; wir speisen zusammen zu Mittag,« antwortete Maxime, der mißvergnügt war, daß Maud ihr Gespräch von vorhin unterbrochen hatte. »Gut, so sehen wir uns nachher, wenn Sie gegessen haben, wieder. Sie kommen dann alle drei hin. Das ist also abgemacht?« Sie sah ihn freundlich an: er verbeugte sich, Suberceaux that, als bemerke er sie nicht; er sprach sehr eifrig mit Paul Le Tessier. M me. de Chantel erhob sich. Aaron küßte Fräulein de Rouvre die Hand. Es war beinahe sieben Uhr. Die ganze Gesellschaft brach auf. Suberceaux trat zu Maud. Leise sagte sie: »Ich bin mit Ihnen zufrieden. Ich vergebe Ihnen Ihre schlechte Laune von vorhin. Sie haben sich musterhaft benommen.« »Er ist's?« fragte der junge Mann, mit einem verächtlichen Blick auf Maxime, der ihnen den Rücken zuwandte. »Ja.« »Er sieht furchtbar provinziell aus!« Kurz und trocken antwortete Maud: »Er ist in jeder Hinsicht ein feiner Mensch, und mehr wert als ...« »Als ich?« »Als wir ... Aber gehen Sie jetzt,« fügte sie hinzu. »Sie dürfen hier nicht allein zurückbleiben. Auf Wiedersehen, morgen.« III. »Nein,« erklärte Hector Le Tessier (er saß mit seinem Bruder und Maxime im Restaurant Joseph, wo sie zu Mittag gegessen), »die Gesellschaft, in der wir uns gestern trafen, lieber Chantel, ist durchaus keine Ausnahme. Die jungen Mädchen, die sich gestern so ungeniert gehen ließen, die über die schlüpfrigen Witze der Herren lachten, und im selben Ton darauf antworteten – und vor Ihnen haben sie sich gestern noch zusammen genommen! – sind ebenfalls keine ungewöhnliche junge Mädchen. Es ist die müßige Gesellschaft des heutigen Paris, und die jungen Mädchen sind eben die jungen Mädchen dieser Gesellschaft. – Und wenn Dora Calvell zum Beispiel auch unstreitig etwas ... wie soll ich sagen ... überseeisch ist, so sind die anderen jedenfalls gute Exemplare unserer jungen, genußsüchtigen Pariserinnen, die wohlhabende und nicht gar zu strenge Eltern haben, die im Bois de Boulogne, auf Bällen, in den Theatern, in Aix, in Trouville zu treffen sind, die eifrig baden, Lawn-Tennis spielen und allerlei Sport treiben. Sie werden da alle Stufen der sozialen Leiter vertreten finden, von der Grisette bis zur Tochter unserer alten hochvornehmen, historischen Familien. M me. de Reversier ist mit einem ganz angesehenen Manne aus guter Familie, einem ehemaligen Beamten, verheiratet, sie hat ein korrektes Heim und ein hübsches Vermögen. Herr Avrezac, der nun schon tot ist, hatte eine große Fabrik von Chemikalien; seine Witwe ist reich ... und Sie selbst werden ja wissen, daß die Rouvres aus außerordentlich guter Familie stammen: Jacqueline hat eine gute Erziehung genossen ... Nein, nein, es ist durchaus keine zweifelhafte, gemischte Gesellschaft von Deklassierten. Zweifelhaft sind meiner Meinung nach unter den jungen Mädchen, die bei Rouvres verkehren, schließlich nur die kleine Dora – die übrigens doch auch aus guter Familie ist – und ein Fräulein Cécile Ambre, deren Gesicht die Phantasie eines Beaudelaire angezogen und erregt hätte, die aber überall empfangen wird, als »Hofdame« einer italienischen Fürstin ... Alle zusammen, auch die, deren Bekanntschaft zu machen Ihnen noch bevorsteht, sind ein Produkt unseres leichtfertigen, frohen Paris, so ungefähr wie dieser seine Champagner ein Produkt von Charentes weißen Weinen ist ... keines von beiden mißfällt mir, muß ich sagen,« fügte er hinzu, und leerte sein Glas. Paul Le Tessier suchte sich mit vieler Sorgfalt eine Cigarre aus. »Hector reitet wieder mal sein Steckenpferd. Wenn er auf sein Lieblingsthema, die jungen Mädchen, zu sprechen kommt, ist er unermüdlich.« Maxime, der während der Mahlzeit nur wenig gesprochen hatte, und der nicht rauchte, antwortete: »Mich interessiert das sehr.« Hector Le Tessiers Worte trafen, als hätten sie darauf abgezielt, die geheimen Bekümmernisse seines Herzens. Verstört, und doch wie in einem Zauberbann, war er gestern von den de Rouvres fortgegangen. Maud, die so schön war und in so innigem Ton von ihren gemeinschaftlichen Erinnerungen gesprochen hatte, sie fand er freilich untadelhaft, gerade so, wie er sie wünschte. Aber die andern? Diese kleinen erotischen Schmeichelkatzen, deren jungfräuliches Äußere und mädchenhafter Anzug ihre Sprache, ihr Wesen noch verblüffender erscheinen ließen? Das waren Mauds Schwester und ihre Freundinnen, nur wenig jünger als sie ... Maud hörte sie an, antwortete ihnen, dachte vielleicht ebenso wie sie! ... Bei dieser Vorstellung fühlte der ehemalige Kavallerieoffizier eine Wut in sich aufsteigen gegen diese Menschen, gegen dieses Paris, das vielleicht die reine Seele der Frau befleckt und besudelt hatte, welche für ihn die Auserwählte war von dem Moment an, da er sie zuerst gesehen; diese Frau, die er seitdem geliebt mit der ganzen konzentrierten Wärme seiner starken, männlichen Seele, mit einer durch die Einsamkeit und Trennung nur um so heißer entflammten Leidenschaft ... Aber vielleicht war Maud mitten in dieser unlauteren Gesellschaft dennoch rein geblieben, ohne Kenntnis des Bösen, vielleicht ging sie durch die Welt, ohne sie zu verstehen, wie seine Schwester Jeanne, die sich am vorhergehenden Tage von nichts abgestoßen gefühlt hatte ... Ach, diese grausamen Zweifel! wie sich Gewißheit verschaffen? ... Er hörte Hector mit einer krampfhaften Aufmerksamkeit zu; er wollte die Wahrheit wissen, und doch fürchtete er sich davor. Aber Hector nahm sich wohl in acht, von Maud zu sprechen. Er verlor sich in Allgemeinheiten, leicht und gewandt wie ein geübter Gesellschafter, der gewohnt ist, wohlwollende Zuhörer zu haben. Von Zeit zu Zeit unterbrach der ältere Bruder seine Auseinandersetzungen durch irgend eine freundschaftliche, und mit väterlicher Ironie hingeworfene Bemerkung. »Sehen Sie, die Sache ist die,« fuhr Hector fort, »in Paris sind im Laufe der letzten fünfzehn Jahre zwei sehr ernste Ereignisse zu verzeichnen – zwei »Krache« würde mein Bruder sagen – von denen Sie, mein Lieber, draußen auf Ihren Gütern von Vézéris, zwischen Ihren Pferden, Hunden und Fasanen, auch nicht die geringste Wirkung verspürt haben ...« »Und die wären?« fragte Maxime. »Erstens, der Krach der Keuschheit. Was die Liebe betrifft, so ist unsere Zeit nämlich unstreitig mit der römischen Verfallsperiode oder mit der Renaissance zu vergleichen. Unsere jungen Mädchen (ich verstehe darunter immer die, welche dem faulenzenden, genußsüchtigen Paris angehören) warten zwar nicht mehr unbekleidet auf beim Tische der Medicäer, schmücken auch nicht mehr ihren Hals mit Emblemen der Zeugungskraft; sie sind aber ebenso gut unterrichtet in den Sachen der Liebe wie jene Florentinerinnen und Römerinnen. Wer genierte sich etwa in ihrer Gegenwart vom gestrigen Skandal zu sprechen? In welche Stücke führt man sie nicht? Wo wäre der Roman, den sie nicht lesen? Na, und Gespräche, Bücher, Theater, das sind alles in allem genommen ja nur Worte ... Aber es giebt in Paris professionelle Verderber, Männer, welche auf die Unschuld fahnden, wie zum Beispiel Herr Lestrange, den Sie gestern bei de Rouvres gesehen haben ... Die erste Lektion wird den jungen Mädchen am Abend ihres ersten Balles gegeben; der Unterricht wird während der ganzen Saison fortgesetzt; kommt dann der Sommer, so bietet sich dem professionellen Verderber durch das ungenierte Leben in den Badeorten, die beste Gelegenheit die letzte Hand an sein Werk zu legen ...« »Die Rechte also,« bemerkte Paul, »denn ich nehme an, daß er mit der Linken angefangen. Und: Ende gut, Alles gut.« »Nein,« fuhr Hector fort, »der Verderber verheiratet sich selten, und was wirklich wunderbar ist, die jungen Mädchen wissen es, ja sie wünschen es nicht einmal von ihm geheiratet zu werden, denn für gewöhnlich ist es ein Abenteurer, ohne Geld, so wie Lestrange oder Suberceaux. Und das moderne junge Mädchen will sich reich verheiraten.« Der Kellner trat ein: Paul hatte die Rechnung verlangt. Hector wartete, bis er wieder gegangen war, dann fuhr er fort: »Der zweite Krach, von dem ich Ihnen vorhin sprach, ist der Krach der Mitgift, der ebenso schädlich für die Jungfräulichkeit ist, wie der Krach der Keuschheit. Das junge unschuldige Mädchen existiert nicht mehr, das junge reiche Mädchen aber ebenso wenig. Der Millionär gibt seiner Tochter zweimal hunderttausend Franks mit, das sind sechstausend Franks Zinsen im Jahr, und das heißt soviel wie nichts – nicht einmal genug, um für einen Monat den Mietskutscher zu bezahlen ... So sind denn die jungen Mädchen nie so abhängig vom Manne gewesen wie gerade jetzt, und da sie nur ein Mittel haben, um ihn zu fesseln – die Liebe – so lassen die Mütter sie so früh wie möglich die Liebe kennen lernen, aus mütterlicher Zärtlichkeit ...« Beim Worte »Zärtlichkeit« machte Maxime unwillkürlich eine demonstrierende Bewegung. Hector wiederholte: »Wie ich sage, aus mütterlicher Zärtlichkeit ... Und das ist nicht das einzige Resultat dieser Zärtlichkeit. Meiner Meinung nach sind es hauptsächlich die Mütter, denen die Schuld beizumessen ist, daß der Junge-Mädchentypus sich so durch und durch verändert hat. Früher wurde das junge Mädchen im Kloster erzogen, fast immer in vollkommener Unschuld, denn Sie werden das doch nicht ernsthaft nehmen, was die Table d'hôte-Philosophen von der Unsittlichkeit der Klöster schwatzen. Verließ dann das junge Mädchen das Kloster, wurde sie mit einem Manne verheiratet, den sie kaum kannte, den ihre Eltern aber als passende Partie für sie gewählt. In dieser Weise wurde dann auch die Geldfrage geordnet, die fast immer Anlaß zu ehelichen Streitigkeiten gibt. Und der Mann wurde wirklich der erste , eine nicht zu unterschätzende Chance, wenn es gilt, Liebe zu erwecken. Außerdem fand die Braut, und käme sie auch aus dem feinsten Kloster in Paris, selbst im bescheidensten Heim, größeren Komfort, größeren Luxus als dort. So war man also gegen die beiden Krache geschützt. Aber was geschah? Einige hysterische junge Mädchen jener glücklichen Generation, einige Jane de Simerosen, fanden die Überraschungen des Ehebettes roh und unangenehm und zeterten über Betrug und Vergewaltigung. Sie schrieen so laut, daß sich die anderen überzeugen ließen. Es gab bald keine, noch so friedlich gesonnene Bürgersfrau mehr, die nicht geseufzt hätte: »Ein Kind außerhalb der Familie erziehen! Ein junges unwissendes Mädchen verheiraten! Welch Verbrechen!« Und sie gelobten sich, dies Verbrechen nicht an ihren Töchtern zu begehen ... Das Resultat kennen Sie. Das junge Mädchen hat nicht mehr das einfache, abgesonderte Klosterleben durchzumachen, sondern gewöhnt sich schon in ihrem fünfzehnten Jahre an das Wohlsein eines wohlhabenden Heims, das die Eltern während 40 Jahren ihres Lebens aufbauten. Sie wird jetzt nicht mehr unwissend sein, wenn sie sich verheiratet, o, nein! aber sie begnügt sich nicht damit, die Theorie der Liebe kennen zu lernen: sie unterstützt sie durch vorbereitende Untersuchungen, um sicherer zu sein. Und heutzutage ist es der Mann, dem das Ehebett die Überraschungen bereitet.« Die drei Herren saßen einige Augenblicke schweigend da. Der Kellner kam zurück mit der Rechnung. Paul Le Tessier bezahlte und sagte: »Wollen wir gehen? Es ist schon halb elf vorbei; ich habe noch einen Bericht durchzusehen und will morgen früh reiten. Sie gehen wohl in die Oper, Herr de Chantel?« »Ja,« antwortete Maxime, »wenn Ihr Bruder mitgeht. Sonst werde ich nur meine Mutter und Schwester am Ausgange abholen.« »Natürlich gehe ich mit, das war ja verabredet,« antwortete Hector ... »und wenn es Ihnen recht ist, am liebsten gleich ... Es wird Zeit ...« Sie zogen ihre Mäntel an und gingen hinunter. Vor dem Restaurant hielt Paul Le Tessiers Wagen. Über der Brandstätte der verschwundenen Opéra-comique leuchtete ein reiner, kalter Abendhimmel. Eine feine Schicht hartgefrorenen Schnees, von den vielen Fußgängern blank getreten, bedeckte die Straße; die Gasflammen und elektrischen Lampen leuchteten ruhig in der stillen, dichten Luft; die Stadt erschien schöner in dieser hellen, friedlichen, feierlichen Winternacht. »Fahren Sie mit?« fragte Paul Le Tessier. »Nein,« antwortete Hector. »Die paar Schritt Bewegung werden uns gut thun. Fahre Du nur zu Deiner Berichterstattung, mein Herr Senator!« Während das Koupé nach der entgegengesetzten Richtung davon rollte, schritten Hector und Maxime dem Boulevard zu. Hector hatte eine Cigarre angezündet, Maxime ging zerstreut neben ihm her, ohne den strahlenden Anblick, der sich vor seinen Augen ausbreitete, und der für ihn doch den Reiz der Neuheit hatte, nur eines Gedankens zu würdigen. »Träumen Sie, Herr Lieutenant?« fragte Hector. Maxime blieb plötzlich stehen, wie ein Pferd, das den Zügel fühlt. Seine mageren, außerordentlich gespannten Züge, seine Augen, aus deren Tiefe in diesem Augenblick eine Flamme hervorloderte, das eifrige Kauen am kurzen Schnurrbart – alles verriet die Erregung seiner Nerven. »Hören Sie mal, Le Tessier,« sagte er ... »Sie haben da vorhin von den jungen Mädchen gesprochen, mit denen Fräulein de Rouvre verkehrt, ja, selbst von ihrer Schwester, in Ausdrücken, die mir weh thaten. Ich hege für Fräulein de Rouvre, obgleich ich sie nur kurze Zeit kenne, die größte Achtung ... Ich möchte Ihnen das gern sagen ...« »Aber lieber Freund, ich habe Fräulein de Rouvres Namen nicht einmal genannt, glaube ich.« Maxime bereute schon seine Übereilung. »Verzeihen Sie mir ... es war unrecht von mir, in diesem Ton zu sprechen ... Ich habe Vertrauen zu Ihnen, großes Vertrauen,« fügte er hinzu, indem er im Weitergehen die Hand auf seinen Arm legte ... »Bedenken Sie nur, wie unsicher ich mich hier fühle, ich, der ich Paris nicht kenne und so gar nicht für dieses Leben geschaffen bin. Ich bin ein Bauer, aber ein Bauer, der seine Vernunft gebraucht, und sich auf die Gesichter der Menschen verläßt, ihren Charakter danach beurteilt, so wie er nach dem Aussehen des Himmels auf gutes oder schlechtes Wetter schließt. Ich weiß, daß Sie gerade das Gegenteil sind von dem, was ich bin, und dennoch weiß ich sicher, daß ich Sie gern zum Freunde haben möchte. Wollen Sie es sein?« »Das will ich, lieber Maxime,« antwortete Hector gerührt. Er dachte: »Solche Worte hört man nicht jeden Tag auf den Boulevards von Paris.« »Fräulein Maud de Rouvre,« fuhr er langsam fort, während sie die Chaussee d'Antin und Rue Meyerbeer hinauf wanderten, um zur Oper zu gelangen, »Fräulein Maud de Rouvre ist viel zu schön, als daß sie nicht den Neid und die Verleumdung ihrer Mitmenschen hervorriefe. Sie müssen sich darauf gefaßt machen, daß man ihr viel Schlechtes nachsagt; bewaffnen Sie sich mit Geduld und stählen Sie Ihr Herz. Es ist sicher überflüssig, daß ich Ihnen Aufklärungen gebe über eine Dame, die es Ihnen angethan hat, nicht wahr? ... Doch möchte ich zwei ganz allgemeine Bemerkungen machen, die ich Sie zu prüfen bitte, ehe Sie sie als thöricht verwerfen. Erstens: es giebt in dieser leichtlebigen Pariser Gesellschaft kein hübsches junges Mädchen, dem man nicht Liebhaber oder doch zweifelhafte Freunde vorgeworfen hätte. Was soll man dazu sagen? Man trifft damit so oft die Wahrheit, daß die Verleumdung verzeihlich wird. Die weißen, lichtblauen, rosa oder malvenfarbigen Tüllkleider, die Sie jetzt gleich in den Logen des ersten Ranges sehen werden, bedecken so wenig intakte Körper! Es giebt so viele demi-vierges unter diesen scheinbar so unschuldigen Jungfrauen! Die anständigen müssen für die unanständigen büßen. Die zweite Bemerkung, die ich machen möchte, ist diese: wenn es in Paris fast unmöglich ist, zu wissen, ob ein junges Mädchen vollkommen anständig ist – ist es noch schwieriger zu erfahren, ob sie einen wirklichen Fehltritt begangen hat. Die Abenteuer dieser Art, und besonders, wenn es sich um ein junges Mädchen handelt, lassen keine Zeugen zu. Sie erzählt natürlich nichts; so ist es denn der männliche Teil, der Liebhaber oder Halb-Liebhaber, der einen darüber aufklären müßte. Aber kann man einem Herrn trauen, der seine Geliebte verrät? Alles in allem: es ist unmöglich, darüber etwas zu erfahren. Das junge Mädchen, sie möge nun unschuldig oder verdorben sein, zurückhaltend oder herausfordernd, so ist und bleibt sie eine Sphinx, und das erst recht für den, der sie liebt.« Sie hatten den Hof der Oper erreicht, der von der Rue Glück und der Rue Halévy begrenzt wird. Sie gingen langsam auf und nieder auf diesem entlegenen Platze, dessen schweigendes, einsames Halbdunkel im scharfen Gegensatz stand zu dem bewegten Leben auf den Trottoirs, wo die Equipagen schon vorgefallen waren, wo die Wagen-Laternen blitzten, und die Pferde ihr Geschirr schüttelten, während sie mit den Hufen auf dem Asphalt scharrten. »Hätte Maud mich gehört,« dachte Hector, »sie wäre mit mir zufrieden gewesen. Übrigens habe ich nichts gesagt, was ich nicht verantworten könnte.« Maxime sagte halbleise, wie für sich: »Aber was für Ehemänner finden diese jungen Mädchen denn, die Sie » demi-vierges « nennen?« »Das will ich Ihnen sagen. Sie verheiraten sich mit Simili-Baronen, mit großen Geschäftsleuten, die am Rande des Bankrotts stehen; alles Menschen, die nach außen glänzend erscheinen, dabei aber stark angefault sind, allerlei Façade-Ehemänner, die einen Monat oder ein Jahr nach der Hochzeit zusammenstürzen; denn das ist die sonderbare Strafe, die diese kleinen Betrügerinnen meistens trifft, daß sie fast ohne Ausnahme mit der Ehe, in der sie den sicheren Gewinn erhofften, angeführt werden. Und mitunter geschieht es auch, wie die Vorsehung ja überhaupt allerlei lustige Launen hat, daß einzelne von ihnen sich mit anständigen Männern verheiraten, und daß solch ein Mädchen eine musterhafte Gattin und gleichzeitig eine entzückende Geliebte – für ihren Mann wird. Aber wie gesagt! Das Risiko ist zu groß; wenn ich mich mal verheirate, werde ich meine Frau nicht in Paris suchen. Es ist Wahnsinn, hier die weiße Drossel finden zu wollen: viel zu viel schwarze Drosseln färben sich weiß ... Ich werde mich mit einem weniger seltenen Vogel begnügen, dessen Farbe aber zuverlässiger ist.« »Und der Vogel wäre?« »Ein niedliches weißes Gänschen, draußen auf dem Lande geboren und aufgezogen.« Als er aber beobachtete, wie Maximes Gesicht sich wieder verdüsterte, fügte er hinzu: »Es sei denn, daß man einem so überlegenen Mädchen, wie Maud de Rouvre begegnete, einer wirklich ungewöhnlichen Persönlichkeit, die über alle Verleumdung erhaben ist.« Hector erhielt augenblicklich seinen Lohn für diese Worte. Maximes Gesicht erhellte sich, und er sah die Bewegung, die er machte, von der er aber sofort wieder abließ, seine Hand zu ergreifen und zu drücken. »Ist es unrecht von mir?« dachte er, »wenn ich diesen Menschen behandle, wie der Arzt den Kranken? Wenn ich ihm die Wirklichkeit sagte, würde es ihm oder einem anderen das Leben kosten. Überdies, kenne ich denn die Wahrheit? Man weiß niemals etwas mit völliger Sicherheit. Vielleicht kann er auch glücklich mit ihr werden, trotzdem er betrogen wird, und wie Werther sagt: »Halt uns denn das Glück etwa zum Narren?« Der Hof füllte sich mit Leuten, die während des Zwischenaktes hinausgingen. »Sollen wir jetzt hineingehen?« fragte Hector. »Wie Sie wollen.« Maxime folgte seinem Begleiter, der sich mit der Sicherheit eines Habitué's durch das Labyrinth der Treppen und Korridore bewegte. Dieses prachtvolle monumentale Gebäude, mit seinem kalten, schimmernden Marmor, und seinem lärmenden Gewirr von geputzten Menschen, verursachte ihm das unklare Gefühl einer feindlichen Macht, es war ihm, als beträte er gefährlichen Boden. »Und hier, hier sollte ich die Frau suchen und finden können, die für mich paßt?« In ihm stieg auch die Bitterkeit des Einsamen empor, der inmitten all der leichten, lässigen Eleganz der großen Hauptstadt recht gut fühlt, wie gerade seine Einsamkeit ihn linkisch gemacht – die Bitterkeit, die selbst intelligente Provinzialen gegen Paris fühlen. »Soll ich denn wirklich jetzt, in wenigen Augenblicken mein Lebensglück an etwas wagen, das nur ein künstlicher Rausch ist, und das so wenig gemein hat mit der friedlichen Zurückgezogenheit, von der ich geträumt habe?« Aber der Wunsch, Maud wiederzusehen, mit ihr zu sprechen, den Glauben zu befestigen, den er ihr entgegenbrachte, trieb ihn vorwärts, trotz allem und durch alles hindurch. Und als er sie vom Parket aus, in einer Loge vor ihm in der ersten Reihe zwischen Jeanne und Jacqueline entdeckte, sagte er zum ersten Male, mit der exaltierten Energie, die alle seine Entschlüsse bestimmte, zu sich selber: »Sie soll die meine werden.« Einige Minuten später traten die beiden Herren in die Loge, gerade als Aaron, geschäftig und schmunzelnd, hinaustrat. Sie trafen nur die beiden Mütter und die drei jungen Mädchen dort. Maud verließ sofort ihren Platz zwischen Jeanne und Jacqueline, den Hector einnahm, und kam zu Maxime in das kleine Seitenkabinet. »Einem solchen Weibe gegenüber ist jede Thorheit zu entschuldigen,« dachte Hector, der sie mit seinem Blick begleitete. »Glücklich, wer den Mut hat ein Thor zu sein!« Und wahrlich, Maud war blendend schön an diesem Abend. Von ihren rötlich schimmernden, dunklen Haaren bis zu ihren Füßen, deren vornehmer Spann die kleinen Schuhe verrieten, war sie wie eine Königin, dazu geschaffen, um von ihrem Throne aus die demütige Huldigung der Menge entgegenzunehmen. Maxime, der auf einem Divan neben ihr saß, betrachtete sie mit einer eifersüchtigen Bewunderung, die ihn erzittern machte. Sie trug eine rosenrote, seidene, mit golddurchwirkten Spitzen besetzte Taille, die im hellen Lichtscheine fast malvenfarbig wurde. Der ganz glatte, unbesetzte Rock war aus rosarotem Tüll. Der Ausschnitt am Halse war so keusch wie nur möglich, kaum die Wellenlinie der Brust andeutend, aber die Schultern wölbten sich fest und rund, in völliger Nacktheit; das schmale Schulterband wurde von einer einfachen Schulterspange, einem antiken Türkis-Skarabäen, gehalten. Im künstlichen Lichte der Glühlampen wurde das Haar rot, die dunkelblauen Augen bekamen einen lichtgelben Bernsteinglanz, die Weißheit der Haut wurde matter. Maxime betrachtete sie, gequält und eifersüchtig ... und glücklich ... und er gestand sich von neuem: »Es ist unmöglich, diese Frau nicht zu lieben!« Und die unnahbare Königin sprach zu ihm. Sie sprach zu ihm mit huldreicher Gewogenheit. Sie dankte ihm, daß er gekommen war, ihm, der so glücklich war, daß sie ihm erlaubte zu kommen. Wenn er es ihr doch gestehen dürfte, was er fühlte, sich ihr zu Füßen werfen dürfte und ihr sagen: »Ich liebe Sie! Ich liebe Sie! Thun Sie mit mir was Sie wollen, ich glaube an Sie!« Und vor wenigen Augenblicken erst hatte er an ihr gezweifelt. Er hatte während einer Sekunde den Verdacht hegen können, daß sie jemals einem andern Rechte über diese unberührbare Schönheit verliehen hätte! ... Er verdammte jetzt seinen Verdacht, als eine Sünde wider den heiligen Geist. Während Maud von Sachen sprach, die ihren Gedanken fern lagen, vom Stück, von den Schauspielern, vom strengen Winter, fühlte sie die Wärme seiner heißen Bewunderung und Sehnsucht sich entgegenströmen. Und trotz allem empfand sie Stolz über diese unerwartete und plötzliche Eroberung, die so wenig denen glich, an die sie gewöhnt war. Sie hatte mit wenigen Worten erzählt, wie sie ihren Tag verbracht hatte und fragte nun: »Aber Sie, was haben Sie im großen Paris unternommen?« Er gestand ihr nicht, daß er frühmorgens an ihren Fenstern vorbei geritten war, auf dem Wege zum Walde, wo er sein Fieber zu bekämpfen, seine Unruhe durch einen rufenden Galopp abzuschütteln versucht hatte. Er sagte nur: »Ich bin vor dem Frühstück geritten, dann habe ich gefrühstückt im Missionshotel, in der Nähe der Saint-Sulpice, wo ich mit meiner Mutter und Jeanne abgestiegen bin ... Nachher habe ich einige Besorgungen gemacht, einen Besuch bei einem ehemaligen Kameraden ...« Er unterbrach seinen Bericht: »Aber weshalb Ihnen das alles erzählen? Mein Leben enthält nichts, was Sie interessieren könnte. Nur das muß ich Ihnen sagen, daß ich den ganzen Tag, die ganze Nacht hindurch, nur einen Gedanken gehabt habe ...« Maud erhob sich lächelnd: »Die Musiker versammeln sich im Orchester, sehe ich. Sie bleiben wohl hier? Wir sprechen uns dann wieder, wenn das Stück vorüber ist. Hector, bitte bleiben Sie auch hier,« sagte sie zu Le Tessier, der aufstand, um ihr Platz zu machen. Nie in seinem Leben vergaß Maxime de Chantel diese Stunde, wo er im gedämpften Licht der Kronleuchter, bei den Tönen wahrhaft überirdischer Musik, hingerissen vom Zauber einer Märchendekoration, fühlte, daß jetzt, in diesem Augenblick, der Faden seines Schicksals geknüpft wurde durch einen ebenso geheimnisvollen Zauber, wie der war, der im Drama über das Schicksal des Helden entschied. Der Zuschauerraum war nicht zu dunkel, um nicht ringsum die Gesichter zu entdecken, die er am vorhergehenden Tage bei Frau de Rouvre gesehen hatte. Zum Beispiel die blonde Fürstin Ucelli, die bis zum Gürtel ausgeschnitten war, und ihren vollen Busen den Blicken der rätselhaften Cécile Ambre preisgab; M me. de Reversier und ihre beiden Töchter in einer Nebenloge, umringt von Herren im Frack; im Hintergrunde Luc Lestrange, dessen fahlroter Bart fast den zarten Nacken der kleinen Madeleine berührte. Aber vor allem sah er im Parket, von wo er sich fortwährend nach der Loge der Rouvres umsah – Julien de Suberceaux, schön, wunderbar elegant und chic, das Ziel von wenigstens zwanzig Damengläsern... Noch einmal machte Maxime es sich klar, daß er sich auf einen unbekannten und gefahrvollen Weg begäbe; aber wieder zwang er seinen Willen, wie man ein Vollblutpferd zu einer letzten Anstrengung zwingt, er gab ihm die Sporen und ließ die Zügel los ... Was kümmerten ihn die Hindernisse und die tiefen Gräben, wenn das Ziel Maud war? ... Maud, die in dieser Stunde, davon war er überzeugt, ganz bestimmt an ihn dachte , nur ihn an sich zu ziehen und festzuhalten wünschte. »Und gälte es mein Leben, sie soll die meine werden.« Während Jacqueline mit einem der weißen Vorhemden in Reversiers Loge kaum bemerkbare Freimaurerzeichen wechselte und sich dabei einer Sprache bediente, die kürzlich von London eingeführt war, betrachtete Jeanne de Chantel, die unbeweglich neben Maud saß, die Bühne mit geistesabwesenden Blicken. Von Zeit zu Zeit schoß, ohne sichtbaren Grund, ein Purpurstrom in ihr junges Gesicht. Wohl war ihre Gemütsbewegung hauptsächlich dem plötzlichen Eintritt in eine ganz neue Welt, unter Menschen, die in Wesen und Kleidung so verschieden waren von der Gesellschaft, die sie auf Vézéris traf, zuzuschreiben; aber zugleich war es auch die geheime Freude, daß sie einem von ihnen gefallen hatte. Gestern erst hatte Hector sie ausgezeichnet und sich lange mit ihr unterhalten; heute wieder, denn vorhin, während Maud und Maxime sich in die kleine Seitenloge zurückgezogen, hatte er sich an sie gewandt, ehe er Jacqueline anredete. Ihr unerfahrenes, warmes Herz empfand die ungewohnte Glut mit Verwunderung: aber ebenso wie Maxime, ja mehr noch als er, fühlte sie sich von einer tiefen Melancholie durchdrungen, von einem traurigen Gefühl der Verlassenheit, hier wo sie sich von Menschen umgeben sah, die ihren keuschen Sitten und Gewohnheiten, ihren feinsinnigen und frommen Gedanken so ganz fremd waren. Um sich zu beruhigen, mußte sie sich immer und immer wieder sagen: »Es kann ja doch nichts Schlimmes dabei sein, daß ich hier bin; ich bin ja mit Mama und Maxime zusammen.« Und von der ganzen Zuschauermenge, deren Nerven vom Schrei der Walküren gepeitscht wurden, waren diese beiden einfachen Wesen, Maxime und Jeanne, vielleicht die einzigen, die ehrlich und brav dachten, die sich auf ihre Gedanken und Herzen verlassen konnten. Die anderen, die das verderbliche Pariser Leben stumpfsinnig gemacht – dieses Leben, das den Menschen verfälscht, ihn verbraucht und betäubt – die anderen waren nur morsche Trümmer von dem, was der Mensch gewesen; sie wußten ja kaum, was sie wünschten, wußten nicht, ob es ihnen eigentlich Freude machte dort zu sein, oder ob es ihnen ebenso angenehm gewesen wäre, wenn die Musik überhaupt aufgehört hätte – so ermüdet waren sie von der Einförmigkeit ihrer Tage, so gequält von der Schlaflosigkeit ihrer Nächte, so zerrüttet, geistesabwesend, so erschlafft, mit einer Seele, die gelähmt und taub war, mit verwilderten oder abgenutzten Sinnen ... War zum Beispiel M me. de Rouvre überhaupt fähig zu denken, mit ihrem armen, leeren Gehirn, mit dem verwirrten Gemisch von kindischer Koketterie und Furcht vor Krankheit oder Schmerz? Was dachten und fühlten wohl diese Herren, mit den trüben, zweideutigen Blicken, wie Lestrange, der von innerlicher Begierde verzehrt wurde, der wie ein Monoman von nichts wußte, als von dem Drange, die Sinnlichkeit der Frauen aufzustacheln, und so ein freud- und friedloses Gefühlsleben führte? Welche Gedanken hatten diese nervösen Puppen, Jacqueline, Marthe und Madeleine de Reversier, Juliette Avrezac, Dora Calvell, deren Herzen durch unwahre Liebeleien leer, und deren Sinne durch unfruchtbare Empfindungen matt geworden? Oder diese lasterhafte Italienerin M me. Ucelli, die jeder Kunsteindruck nur sinnlich aufregte, deren Hand jedesmal, wenn die Schreie der Walküren erklangen, den magern Arm der Cécile Ambre mit nervöser Krampfbewegung umklammerte, war sie etwa fähig zu denken? Und nun Cécile Ambre selbst, die im Halbdunkel des Theaters wiederholt die Morphiumspritze benutzte? ... Ebenso wenig wußte Julien de Suberceaux, wohin ihn seine Gedanken führten, was er wünschte und was er fühlte; in seinem unklaren Herzen kämpfte an diesem Abend – wohl zu seiner eigenen Überraschung – die Eifersucht mit dem Ehrgeiz des Abenteurers und mit der kalten Blasiertheit des Roués ... Und ringsum diese Gruppen von Lebemännern, von müßigen jungen Mädchen mit ihren Müttern, alle von demselben kranken Geschlecht, die alle dasselbe halt- und zwecklose Leben führten, und sich dabei alle, trotz ihrer Lebensmüdigkeit, an das Leben festklammerten, alle sinnlich gereizt und alle schlaff, alle intelligent, und alle unbedeutend! Von dieser ganzen Menschenmenge waren die besten ohne Zweifel die Resignierten, wie Étiennette Duroy, deren niedliches Gesicht friedlich hinter den Schultern der M me. Ucelli hervorlächelte, oder wie Hector Le Tessier, der das Studium der menschlichen Leidenschaften als Liebhaberei betrieb, denn sie waren im stande, die Welt, in der sie lebten, zu beurteilen, und fühlten mit Sicherheit, daß ihr Lebensweg sie eines Tages in eine ganz andere Sphäre führen würde. * Die Oper war zu Ende. Die Damen hüllten sich eilig in ihre weiten Pelzmäntel, die Herren gaben den Logenschließerinnen ihr Trinkgeld, der große Saal war in einem Augenblick durch hundert Ausgänge geleert. Maxime ging die schimmernden Marmorstufen der großen Treppe hinunter. Mauds feiner nackter Arm ruhte in dem seinen. Die Worte, die ihm vor kurzem auf den Lippen geschwebt hatten: »Ich liebe Dich! Werde mein Weib!« wollten ihm hier nicht über die Lippen, hier nicht in dem blendenden Lichtmeere, im Schwarm der vielen Menschen. Und wie oft hatte er sich gerade diese Situation vorgeträumt, dort im einsamen Vézéris: er, mit Maud am Arm, vor den Augen aller Welt. Jetzt erfüllte sich der Traum, und jetzt war es ihm fast eine Qual. In der Vorhalle ließ Fräulein de Rouvre plötzlich seinen Arm los. Julien de Suberceaux ging dicht hinter ihnen, einen langen, schwarzen Mantel mit Sammetkragen um die Schultern geschlagen. Sein Gesicht war so verstört, so tragisch, daß Maxime, obgleich er sich wenig darauf verstand, solche komplizierte Naturen zu beurteilen, sofort begriff, daß hier etwas Außergewöhnliches vorlag. Mit geheuchelter Gleichgültigkeit, aber gequält von Eifersucht, zog er sich zurück. Maud ging auf Suberceaux zu, und mitten in dem lachenden, geputzten Schwarm begegneten sich ihre Blicke. »Sie sind ja verrückt,« flüsterte sie ... »So nehmen Sie sich doch in acht, wenn Sie mich nicht ganz verlieren wollen.« »Maud ...« stotterte er. Sie magnetisierte ihn mit ihrem Blick. »Morgen,« sagte sie leise ... »Um vier Uhr, bei Ihnen, Rue de la Baume.« Und während Julien stehen blieb, besiegt durch diese kurzen Zauberworte, nahm sie wieder Maximes Arm. »Armer Kerl,« sagte sie gleich darauf in einem ganz natürlichen Ton, ohne eine Frage abzuwarten, »er ist in Madeleine de Reversier verliebt, die seine Liebe nicht erwidert, und jetzt ist er wie wahnsinnig, weil er gesehen hat, daß Lestrange den ganzen Abend mit ihr geflirtet hat ... Ich habe ihm ein paar Worte gesagt, um ihn zu beruhigen. Er ist ein Jugendfreund von mir, wir haben als Kinder zusammen in den Gärten der Tuilerien gespielt .. Sie sehen, es giebt hier in unserem skeptischen und frivolen Paris doch auch noch wirkliche Leidenschaft ...« Maxime glaubte, was Maud sagte. Er fühlte sich wieder geborgen. Welcher von Liebe gequälte Mann hatte nicht dasselbe gethan! Unten an der Treppe rechts hielten die Equipagen, die rasch einzeln vorfuhren, um die eleganten, in ihre Pelzmäntel gehüllten Damen abzuholen. M me. de Rouvre bot Jeanne und M me. de Chantel an, sie nach dem Missionshotel zu fahren; sie hatte einen mit prächtigen Pferden bespannten Wagen, einen Landauer, wie sie die großen Pariser Fuhrwerksbesitzer an reiche Ausländer vermieten. Maxime ging zu Fuß nach seinem Hotel zurück, allein ... Er hatte Hector im Gedränge aus den Augen verloren, und bemühte sich nicht, ihn wieder zu finden. Er wollte seine berauschten Sinne in der Einsamkeit zur Ruhe bringen. Er schritt aufs geratewohl vorwärts durch die Stadt, wo die Unruhe der aus den Theatern Heimkehrenden allmählich nachließ, um in den verlassenen Vierteln des linken Seineufers endlich ganz auszusterben. Er kehrte sehr spät zurück zum Hotel, und ging nicht, wie es sonst seine Gewohnheit war, zur schlafenden Jeanne hinein, um ihr einen Gutenachtkuß auf die Stirn zu drücken. Ja, was der Vergangenheit angehörte, wurde jetzt vom Sturme hinweggefegt! – Zusammengesunken in einen Lehnstuhl saß er im kalten, klösterlichen Hotelzimmer, und alles, was ihm das Herz bewegte, machte sich in den Worten Luft, die er ganz laut aussprach: »Wenn man eine Frau liebt, so wie ich diese Frau liebe, dann möchte man sie als kleines Kind gekannt haben, man möchte sie erzogen haben, Jahr für Jahr, wie eine Schwester.« IV. Fast alle die Häuser, welche am Boulevard Haußmann, zwischen der Avenue Percier und der Rue de Courcelles liegen, haben einen zweiten Ausgang nach der Rue de la Baume, der für gewöhnlich nur von den Dienstboten benutzt wird. Diese Wohnungen haben den, in Paris so seltenen, Vorteil, daß sie von ihren Fenstern die Aussicht auf einen Garten haben, den Garten des Hotel de Ségur, dessen prächtige Rasenplätze bis dicht an die Rue de Courcelles reichen, und wo im Frühling die Nachtigallen singen, fast wie in einem ländlichen Park. Julien de Suberceaux bewohnte seit vier Jahren eine dieser wundervoll belegenen Wohnungen, nämlich die Hälfte des Zwischenstocks eines Privathotels. Seiner Zeit war sie zu einer Junggesellenwohnung eingerichtet worden, wahrscheinlich für einen erwachsenen Sohn der Familie, welcher Wert darauf legte, seine eigene Treppe zu haben, und den Ausgang nach der Rue de la Baume bequem fand. Seither war diese kleine Wohnung immer einzeln vermietet worden, da das Haus groß genug war, um diese Räume entbehren zu können. Als Julien im Jahre 1885 zum erstenmal von seiner fernen Vaterstadt draußen in den Provinzen nach Paris kam, begleitete er den monarchistischen Deputierten Asquin, einen großen Weinbauer aus der Umgebung von Limoux, als dessen Sekretär. Er war der letzte Sprößling einer der ältesten Familien des Landes und damals 21 Jahre alt; er wußte, daß er schön und klug war, aber er litt darunter arm zu sein. Von vornherein bereit allen Schwierigkeiten Trotz zu bieten, bewaffnet mit einer stolzen Verachtung für das Urteil anderer, setzte er den Fuß auf den Boden von Paris, wie jene bewunderungswürdigen und phantastischen Balzac'schen Helden, die zur Hauptstadt sagen: »Du sollst die Meine werden.« Aber seit den du Tillets und den Rubemprés haben die Zeiten sich geändert. Paris ist nicht mehr die Herrenbeute einiger wenigen Abenteurer. Paris ist ein ungeheures Feld geworden, in tausende von Parzellen ausgestückelt, wo ein jeder demokratische Appetit seine Befriedigung sucht. Es existiert jetzt eine ganze Legion von Rastignacs : Niemand macht sich ein Gewissen daraus, und derjenige, dem das Glück nicht hold ist, ist nicht besser als der, den es auf Kosten des anderen begünstigt. Übrigens war Julien nur ein halber Rastignac , dazu liebte er die Frauen, schön und berückend wie er war, viel zu sehr. Seine sinnlichen Begierden, die zu aufrichtig und stark waren, als daß er sie hätte beherrschen können, lähmten seine Erobererpläne. Bis zu dem Tage, da er Maud traf, war er nur ein sehr eleganter und sehr begehrter junger Herr gewesen. Er führte ein sehr flottes Leben, das er teils seinem Glück im Spiel verdankte, teils der Freigebigkeit des Herrn Asquin, den er wiederum durch gewisse Gefälligkeiten bezahlte; der Deputierte von Aude war nämlich trotz seiner 60 Jahre noch immer ein großer Damenfreund, aber mußte natürlich den katholischen Wählern gegenüber mit seinen galanten Abenteuern hinterm Berge halten. Die Wohnung in der Rue de la Baume war nun von Asquin für seinen Sekretär gemietet und bezahlt worden, mit der Bedingung, daß sie dann und wann dem Deputierten für ein Stelldichein zur Verfügung stand. Julien de Suberceaux wurde der Familie de Rouvre vorgestellt von Paul Le Tessier, der jetzt Mitglied des Senats war, aber damals in der Deputiertenkammer als Repräsentant für Niort saß. Er kannte Herrn de Rouvre, eine hohe Gestalt von distinguiertem Äußeren, mit weißem Backenbart und korrekten Manieren von Pariser Baccarat-Tischen und Demimonde-Gesellschaften her. Herr de Ronvre galt als reich; man wußte noch nicht, daß das Spiel und die Frauen in die Mitgift der Elvira Hernandez eine große Bresche geschossen hatten, seitdem die Familie in Paris lebte. Und als Julien damals zu sich sagte: »Ich will mich mit Maud verheiraten,« konnte er noch glauben, daß er dabei seinem Programme, in der Welt vorwärts zu wollen, um jeden Preis sein Glück machen zu wollen , treu geblieben. In Wirklichkeit aber hatte Maud vom ersten Augenblick an sein schwaches, scheinbar kaltes und berechnendes Herz bezwungen. Allerdings beherrschte sie ihn wohl durch ihre Schönheit und königliche Anmut, aber vor allem durch ihren Charakter, ihren Willen, den er vergeblich zu besitzen wünschte: jenen glühenden und unversöhnlichen Empörer-Willen, der fest entschlossen ist sich das Glück zu erobern, und seinen Fuß auf den Nacken der Menge zu setzen. Als Maud ihr achtzehntes Jahr erreicht hatte, wußte sie, daß sie ruiniert war, daß alles, was sie besaß, nur das Erbe eines Onkels mütterlicherseits war. Schon als Kind hatten ihr die Herren den Hof gemacht; sie hatte Erfahrung in der Kunst sie anzulocken und zu überraschen; aber trotzdem war sie sich recht gut bewußt, wie schwer es für sie sei, bei einer so geringen Mitgift die Männer festzuhalten und für die Ehe zu gewinnen. Zweimal hatte sie die schmähliche Enttäuschung erlebt, daß Herren, mit denen sie »geflirtet« hatte, sich in auffälliger Weise von ihr zurückzogen, als sie ihre Vermögensverhältnisse erfuhren. Sie fühlte einen wahren Haß gegen ihren Vater, der sie ruiniert hatte, und dieser Haß erstreckte sich auch auf alle die eitlen und skeptischen Kavaliere, die sich nur mit ihr amüsieren, ihre Schönheit genießen, und sich mit ihrer Gunst schmücken wollten. Von jetzt an wurde ihr die Ehe ein Land, das sie, sei es nun durch Gewalt, sei es durch List, erobern wollte und mußte. So begegneten sich diese beiden, Maud und Julien, wie zwei bewaffnete Gegner. Bei ihrem ersten Zusammentreffen bildeten alle, die zu ihrer Welt gehörten, sozusagen einen Kreis um sie, neugierig und gespannt auf den Ausgang des Kampfes. Wie es kommen mußte, daran zweifelte keiner, denn es schien allen klar, daß sich die beiden lieben mußten; sie waren das schönste Paar in Paris, von derselben Rasse, wahlverwandt, und in ihren feinen Umgangsformen, ihrem vornehmen und graziösen Auftreten ganz und gar zu einander passend, so daß selbst die Eifersucht die Waffen strecken und die Thatsache anerkennen mußte. Man hatte den Eindruck, daß hier ein Schicksal walte, ein Gesetz, das über menschliche Selbstbestimmung erhaben war; das empfanden auch die beiden selbst, obgleich sie sich mit der ganzen Kraft ihres Willens gegen dieses Gesetz sträubten. Julien war am heftigsten, am jähesten von der Leidenschaft erfaßt; aber auch Maud, trotzdem sie sich erbittert gegen diese unvorhergesehene Niederlage wehrte, mußte sich dennoch gestehen, daß sie überwunden war; daß ihr Widerstand, bei einem Kusse von diesem Manne, dem sie sich, trotz allem nicht hingeben wollte, gebrochen war. Sie ließ ihn furchtbar für ihre Schwäche büßen; sie erklärte ihm, daß sie sich verheiraten würde, wann es ihr gefiele; daß ihr Leben ihm nur provisorisch gehöre; sie schenkte ihm ihre Gunst nur halb. Julien unterwarf sich ihr; er liebte sie, überdies stärkte Mauds Einfluß seine sonst so schwankenden Entschlüsse ... Wie sie es wollte! Er begnügte sich damit, nur halb der Liebhaber dieses berückenden Mädchens zu sein; am Tage ihrer Hochzeit, wenn sie erst eine verheiratete Frau war, würde er es ganz werden. War das nicht eigentlich eine kecke Verhöhnung der Sitten und Gebräuche der Gesellschaft, eine hübsche Genugtuung für die Unsicherheit seines bisherigen hin- und hergeworfenen Lebens? In dem Jahre, das auf ihr erstes Zusammentreffen folgte, befestigten verschiedene unliebsame Umstände ihren Entschluß noch mehr, mit vereinigten Kräften gegen die Gesellschaft zu kämpfen, von der sie sich mißhandelt fühlten. M me. de Rouvre hatte auf Mauds Rat die Scheidung von ihrem Manne beantragt und durchgesetzt; einige Monate, nachdem die Sache entschieden war, starb Herr de Rouvre. Als die Erbschaftsangelegenheiten geordnet waren, blieben der Witwe gegen sechzigtausend Franks, Maud zweihunderttausend und Jacqueline ebensoviel. Hätten die drei Damen sich ökonomisch eingerichtet, so wäre es ihnen möglich gewesen, den Haushalt in feiner Weise zu führen, ohne das Kapital anzugreifen. Aber Maud war keineswegs gesonnen, ihren gewohnten Luxus aufzugeben. Eine große Wohnung, drei Dienstboten, Wagen und Pferde, die zweitausend Franks im Monat kosteten – mit weniger konnte sie sich nicht begnügen. Das fehlende Geld nahm Maud, ohne sich zu besinnen, von ihrem eigenen Kapital, denn sie wollte ihre Mutter nicht berauben, und Jacqueline war schlau und geizig und paßte gut auf in ihren eigenen Geldangelegenheiten. Maud hatte großes Vertrauen auf die Zukunft; sie ruinierte sich mit großartiger Gemütsruhe. Und fast hätten ihr die Thatsachen recht gegeben. Ein junger, ungeheuer reicher, rumänischer Edelmann, Graf Christeanu, verliebte sich derart in sie, daß er um ihre Hand anhielt, kaum einen Monat nachdem er vorgestellt war. Er bekam eine günstige Antwort, und reiste heim, um die Einwilligung seiner Eltern zu holen. Was aber war der Grund, daß er sich während dieses Aufenthaltes mit einem Klub-Freunde duellierte? Man erfuhr es nie. Kurzum, es fand ein Säbelduell statt, und er wurde getötet. Maud legte Trauer an um ihn. Bei dieser Gelegenheit sagte Hector Le Tessier: »Die Liebesgeschichten dieser Frau werden immer reich an dramatischen Effekten sein.« Fast zur selben Zeit wurde Julien auch von einem empfindlichen Schlage getroffen. Bei den Wahlen 1889 unterlag Herr Asquin, gegen seinen republikanischen Rivalen. Der junge Sekretär war nun in Paris sich selbst überlassen; der offene Geldbeutel des Deputierten stand nicht mehr zu seiner Verfügung, aber wenigstens war ihm doch die Wohnung in der Rue de la Baume, die für mehrere Jahre gemietet war, geblieben. Das Glück am Spieltisch erwies sich als ziemlich unzuverlässig. Suberceaux befand sich oft in schwierigen Situationen, aus denen er freilich gerettet wurde, wenn Asquin nach Paris kam – was ungefähr jeden zweiten Monat geschah – um seine Geliebte, Mathilde Duroy und seine Tochter Étiennette zu sehen; in diesem munteren und leichtsinnigen Kreise, wo Suberceaux Suzanne Duroy zu seiner Geliebten gemacht hatte, genoß der alte Herr die Freude, wenigstens für einige Wochen, sein flottes Pariserleben wieder aufzufrischen. Am Ende des Jahres 1890 starb er plötzlich. Suberceaux hatte auf eine Erbschaft gerechnet; aber von ihm, wie von Tiennette, schwieg das Testament; doch sollten ihr, wenn sie mündig wurde, zwanzigtausend Franks zufallen, da seit ihrer Geburt eine Versicherung für sie eingezahlt war. In jenen Tagen, als Maud und Julien die eiserne Hand des Schicksals fühlten, wurde ihre Liebe leidenschaftlicher denn je. Julien kam täglich zu de Rouvres, und verbrachte ganze Stunden in Mauds Zimmer, zu dem er – Maud hatte ihren Willen durchgetrotzt – unbehinderten Zutritt hatte. Er gewöhnte sich an den gefährlichen und qualvollen Genuß der unvollkommenen Liebe. Mit ihrem leidenschaftlich erotischen Temperament, ihrem Temperament einer » grande amoureuse « machte sie Julien zu ihrem Leibeigenen: sie that noch mehr, sie schuf ihn um nach ihrem eigenen Bilde, suggerierte ihm ihre Meinungen und Gefühle, elektrisierte seinen Willen. War er bei ihr, so betrachtete er das Leben mit ihren Augen, als einen unbarmherzigen Kampf um Macht und Reichtum; und er ging auf den entsetzlichen Plan ein: bis sie sich verheiratete, nur halb ihr Geliebter zu sein, es erst ganz zu werden nach ihrer Hochzeit. Es geschah nicht ohne innere Kämpfe. So skeptisch und mutig er in Gegenwart seiner Geliebten war, so unentschlossen, so feige machte ihn immer wieder von neuem die Einsamkeit. Maud, seine Maud sollte einem anderen gehören? Sie sollte durch einen anderen Weib werden. Konnte er das dulden, ohne daß seine Seele sich mit aller Macht dagegen empörte? Wie alle schwachen Herzen verließ er sich indessen darauf, daß das Schicksal im entscheidenden Augenblick eingreifen würde, wie damals, als der tödliche Säbelhieb den rumänischen Grafen traf. Mauds Pläne mit Maxime de Chantel flößten ihm gleich Angst ein, ließen ihn eine wirkliche Gefahr ahnen. Er verstand, das Maud sich dieses Mal um jeden Preis verheiraten wollte. Hatte sie ihm nicht bis gestern, also über ein halbes Jahr, das Geheimnis ihrer Begegnung mit Maxime in Saint-Amand verschwiegen? Hatte sie nicht (jetzt erst verstand er es) in diesem halben Jahre ihr Leben verändert, und hatte vorsichtig alles überwacht, was sie sagte und that, so daß sie vor der Welt, die so schnell ihre Meinung ändert, als untadelhaft gelten konnte? »Ich habe mich anführen lassen,« dachte Suberceaux. »Maud ist gegen mich nicht ehrlich gewesen. Bin ich im Ernst ihr Verbündeter, so müßte sie mich wenigstens ihren Plan wissen lassen ... Sollte sie ihn am Ende wirklich lieben? ...« Diese Gedanken quälten ihn an dem trüben Februar-Nachmittage, als er in fieberhafter Unruhe zu Hause saß und Maud erwartete. Es war schon dunkel, die Gasflammen brannten in den schneebedeckten Straßen, und der Schnee flog noch immer in schweren, zerstreuten Flocken gegen die Fensterscheiben, auf das Trottoir, auf die Chaussee, und auf die schwarzen und weißen Bäume des großen, leeren Parks. Die kleine Empire-Uhr in Amphoraform, die auf einem zierlichen Tischchen stand, schlug fünf. »Sie wird nicht kommen,« dachte er, und die rasende Wut, die er am vorhergehenden Abend empfunden, als Maud ihn dann in der Vorhalle der großen Oper durch ihre Worte beruhigt hatte, erwachte von neuem. Ein eiliges Klingeln an der elektrischen Glocke brachte ihn wieder zu sich. Er stand schnell auf um zu öffnen, abermals beruhigt, abermals besiegt und willenlos. Mit wahnsinniger Leidenschaft schlang er seine Arme um die eintretende, schwarzgekleidete, zitternde Gestalt. Er fand keine Worte; er wiederholte nur unaufhörlich den Namen »Maud ... Maud ...« wie eine Liebkosung, wie ein Kuß in ihr Ohr gehaucht, auf ihre Haare, auf ihren Hals gedrückt – wieder und wieder. Und als er sie in sein Schlafzimmer gezogen, und sie in einen Lehnstuhl gedrückt hatte, war es wieder ihr Name, den er in die Falten ihres Kleides hauchte, über den feinen Spann ihrer Füße, die er küßte, hinflüsterte, dieser Name, diese kurzen Silben, die ihm lebendig zu sein schienen, weil sie für den Liebenden der Inbegriff sind aller Anmut des Körpers und der Seele, und aller Schönheit der Geliebten. »Maud ... liebe, liebe Maud!« Sie legte ihre Hände, von denen sie schnell die Handschuhe gezogen hatte, auf seine Schultern: sie beugte sich nieder, um ihm Stirn und Augen zu küssen, während sie ihre eiskalten Finger an seinem Halse und seinen brennenden Wangen erwärmte. Auch sie war von seiner Nähe, zu dieser Stunde, an diesem Orte, heftig erregt. »Ich liebe Dich ... Ich liebe Dich ...« sagte sie zu ihm; mit jener veränderten, leise vibrierenden Stimme, die nur er kannte ... »Ich liebe Dich ...« Sie sprach so nahe an seinem Gesicht, daß der Atem und der Klang der Worte ihn liebkosten, wie unendlich feine Küsse. »Ach!« murmelte Julien, »wie ich gestern abend gelitten habe! ... Es war ja, als wollten Sie mich absichtlich peinigen.« Sie erhob sich langsam, zwang ihn sich ebenfalls zu erheben, und führte ihn in das kleine Wohnzimmer nebenan. »Setzen Sie sich neben mich,« sagte sie, »und seien Sie vernünftig. Ich habe Ihnen etwas Ernstes zu sagen. Deshalb bin ich gekommen.« »Nur deshalb?« flüsterte er, demütig und feige. »Deshalb zu allererst . Ja, mein Freund, es ist wirklich eine ernste Sache, um die es sich handelt, hören Sie mich an.« Er gehorchte und setzte sich neben sie. Während sie sprach, sah sie ihn fest an mit ihren dunkelblauen Augen, die im Lichtschein beinahe schwarz schienen, und konzentrierte alle ihre Geisteskraft in diesen Blick. Er ließ sich magnetisieren, ließ sich von ihrem überlegenen Willen die Kraft einflößen, die er selbst nicht besaß. »Hören Sie mich ... Sie wissen, daß ich Sie liebe, und daß ich keinen anderen als Sie lieben werde. Es ist eine große Thorheit von Ihnen zu glauben, daß ich Ihnen einen Herrn de Chantel vorziehen könnte. Daran brauchen Sie nie zu zweifeln; das ist alles klar wie der Tag, und wenn Sie vernünftig denken wollen, so müssen Sie es einsehen ... Aber – (sie senkte ihren Blick noch tiefer in seine Augen) – aber ich will mich verheiraten und mit Maxime de Chantel.« Sie machte eine kurze Pause, Julien sagte nichts; Ihre Worte: »Ich liebe nur Sie, ich werde keinen anderen lieben als Sie,« hatten für einen Augenblick gleichsam sein Herz beschwichtigt. »Ich will mich verheiraten,« fuhr Maud fort, indem sie ihre Stimme fest und gebieterisch machte. »Das Leben, welches ich jetzt führe, ist völlig untergraben; ich kann Ihnen die Versicherung geben, lange geht es so nicht mehr! ... Ich glaube, Sie lieben mich wahr genug; Sie werden nicht wünschen, mich ruiniert zu sehen. Auf jeden Fall aber will ich diesen Ruin vermeiden , verstehen Sie mich? Deshalb muß ich mich verheiraten: es ist mein Recht. Ich habe Ihnen immer gesagt, daß ich es beabsichtige; wir sind immer darüber einig gewesen, daß jeder von uns völlig frei sei. Das wissen Sie ja?« »Ich weiß es.« »Gut, mein Freund. Wir wollen das Wort, das wir uns gegeben haben, auch halten. Wir haben uns über elende Konvenienzrücksichten, die für andre Menschen als wir es sind, geschaffen wurden, hinweggesetzt: ich für mein Teil bin sogar stolz darauf. Wir sind Aufrührer, sind Abenteurer, ja Wohl! Aber uns selbst halten wir das gegebene Wort, nicht wahr? – oder, wenn Sie lieber wollen, so trennen wir uns jetzt, gehen wir auseinander.« Julien ergriff ihre Hände: »Ach, Maud! ... Uns trennen! Sprechen Sie das Wort nicht wieder aus! Könnten Sie mich verlassen, könnten Sie von mir gehen?« »Ich schwöre es Ihnen,« erklärte Maud, indem sie aufstand, »daß ich, wenn Sie trotz unserer Verabredung, trotz Ihres Versprechens, trotz meines Willens und meines guten Rechtes, es dennoch versuchen sollten, diese Ehe zu verhindern – ich schwöre Ihnen, daß ich Sie dann nie in meinem Leben wiedersehen würde.« Gleich darauf nahm sie Juliens Kopf zwischen ihre Hände, und drückte ihre Lippen auf seinen Mund: »Aber ich liebe Dich,« sagte sie ... »Und Du sollst immer, immer mein bleiben.« Besiegt und berauscht flüsterte Julien: »Aber wenn Sie sich in Ihren Mann verlieben sollten, was dann?« »Du bist von Sinnen,« antwortete sie. »Ich schwöre, daß ich nur Dich lieben, nur Dir für das ganze Leben angehören werde, nur Dir ... Aber zeige Dich meiner Liebe würdig! Keine Anwandlungen von Schwäche mehr ... Meine Ehe macht Dich frei, denn ich weiß, solange ich nicht verheiratet bin, wirst Du niemals etwas unternehmen. Willst Du denn immer nur von der Hand in den Mund leben? So gänzlich mittellos? und möchtest Du etwa, daß ich Musikunterricht gäbe? Gerade weil ich Dich liebe, wünsche ich, daß Du reich und unabhängig wirst; wenn Du mich wahrhaft liebtest, müßtest Du glücklich sein, mich als Königin zu sehen. Wir wollen uns mutig einen Weg bahnen, wir wollen unser Glück durchsetzen auf Kosten von Wesen niedriger Art, von schlechterer Rasse als wir. Ohne Gewissensbisse wollen wir sie uns unterthänig machen, wie man einem Pferde Gebiß und Sattel anlegt ... Wie wir einander für immer angehören, heben wir uns über die Welt hinaus, setzen wir ihr den Fuß auf den Nacken, der Welt, die wir verachten. Das war Dein Traum, als ich Dir begegnete. Was hat Dich seitdem so schwach gemacht?« Julien küßte ihr die Hände: »Du hast recht.« Mauds Worte hatten in ihm die stolzen Zukunftsträume von dem großen Glück, das um jeden Preis erobert werden mußte, wieder wachgerufen. In diesem Augenblick fühlte er wirklich in sich einen Willen aufflammen, der ebenso stark war wie der Mauds: er machte sich von der gewohnheitsmäßigen Moral frei, mit demselben unbekümmerten Trotz, mit derselben Verachtung vor dem Rechte anderer. Maud sah, daß er besiegt war. »Es ist spät,« sagte sie. »Ich muß gehen.« »Nein, nein,« flehte Julien, »bleibe bei mir, nur einen Augenblick, bleibe ...« Er ließ seinen Blick fragend nach dem dunklen Zimmer nebenan gleiten. In den Augen des jungen Mädchens las er die Zustimmung. Er trug sie wie eine Beute hinein. Mund gegen Mund sanken sie auf das Lager nieder, das Maud zweimal im Laufe der vier Jahre berührt hatte – ohne ihre Unschuld zu verlieren. * »Rue de Bern, 22 ... schnell ...« Maud rief dem Kutscher diese Adresse eilig zu, indem sie das in der Rue de la Baume wartende Koupee bestieg. Der Schnee fiel noch immer, jetzt mit etwas Regen untermischt, und das Pferd arbeitete sich mit Mühe vorwärts, erst den Boulevard Hausmann hinunter, wo die Pferdebahnen das Fahren eingestellt hatten, dann über den Place de l'Europe, der mit seinen tausenden von Lichtern über der weißen Fläche hell wie mitten am Tage war. Sie brauchte beinahe eine halbe Stunde, um zu Étiennette zu gelangen. Das Haus gehörte zu den großen Mietskasernen, die von einer Ballgesellschaft auf das Sparsamste errichtet, von schlechtem Material erbaut und schlecht erhalten, schon nach einem halben Jahre unsauber und unfein aussehen. Maud öffnete mit sich sichtlichem Widerwillen die Thür zu einer sehr schmutzigen Pförtnerwohnung. »Wohnt Fräulein Étiennette Duroy nicht hier?« »Im dritten Stock, die erste Thür an der Treppe« antwortete, ohne sich umzudrehen, eine dicke, große Person, die auf einem Apparat Essen kochte. Maud stieg die drei Treppen hinauf. Der zerbröckelte Stuck, die vielen Risse im Plafond, das unsaubere Treppengeländer, die abgenutzten Glockenzüge, die ihrer Quäste beraubt waren, der an den Ecken verschlissene Treppenläufer, alles trug das Gepräge der aufgeputzten Dürftigkeit, der verschämten Armut – der schlimmsten von allen. In Gedanken malte Maud sich ein solches Dasein für sich selber aus, solch ein Haus, solch eine Wohnung ... Das wartete ihrer, wenn sie sich nicht mit Maxime de Chantel verheiratete. »Nein ... Niemals! Nie soll es dahin kommen!« dachte sie. Und ihr Entschluß, um jeden Preis ihre Zukunft auf festem, solidem Grunde aufzubauen, gewann an Kraft. Sie zog die Klingel, und leichte Schritte näherten sich; als die Thür geöffnet wurde, stand Tiennette vor ihr, in einem sehr einfachen Tuchkleide, mit einer kleinen Battistschürze vor, deren Latz vorn an der Brust mit Nadeln angesteckt war. »Himmel, wie niedlich siehst Du damit aus!« rief Maud, indem sie sie umarmte. »Ich komme Deinen Besuch zu erwidern.« »Wirklich?« antwortete das junge Mädchen fröhlich. »Wie liebenswürdig von Dir. Aber dann mußt Du auch zu Mittag bleiben. Ja, ja, Du mußt ... ganz allein mit mir ... Mama ist leidend,« fügte sie hinzu. »Sie liegt zu Bette. Sie hat wieder ihr Herzleiden.« »Nein, Liebchen, es ist nicht gut möglich. Sie erwarten mich zu Hause: Chantels essen heute bei uns. Aber eine halbe Stunde darf ich bleiben.« Sie folgte Étiennette durch den engen Korridor in die niedrige Wohnstube, die mit Teppichen und Möbeln überfüllt war, Reste einer früheren, reicheren Einrichtung. Étieunette sagte einfach und gerade heraus: »Wie Du siehst, haben wir nicht viel Platz hier. Aber als wir damals umzogen, wollte ich die wertvollen Sachen nicht um einen Spottpreis verkaufen, verstehst Du. Nun will ich versuchen, mit meiner Guitarre so viel zu verdienen, daß wir uns eine größere Wohnung mieten können.« »Deswegen bin ich ja gerade gekommen,« fügte Maud, indem sie sich setzte, »wegen Deiner Lieder und Deiner Guitarre. Gestern abend in der Oper habe ich Dich ja kaum gesprochen. Ich hatte keine Zeit dazu. Aber hör' nun mal, was ich mir ausgedacht habe, ob es Dir angenehm ist. In einigen Tagen verläßt Maxime de Chantel Paris ...« »Ach, das ist der junge Herr, an dessen Arm Du gestern abend nach der Vorstellung gingst?« »Ja. Er ist in mich verliebt; es ist ein Mann nach meinem Geschmack: ich will ihn heiraten ... aber das bleibt unter uns. Wie ich Dir gesagt habe, verläßt Herr de Chantel Paris in wenigen Tagen, um auf seine Güter in Poitou zu reisen. Weißt Du, wenn wir ein Fest geben, möchte ich gern, daß es geschähe, während er in Paris ist.« »Das versteht sich!« »Mitte März kommt er zurück. Wir hätten dann also einen Monat, um die Vorbereitungen für das Fest zu treffen. Ich möchte gern, daß es am Tage nach seiner Ankunft stattfände. Ich muß mich nämlich seiner sofort wieder zu bemächtigen suchen, wenn er zurückkommt, denn er ist ein wunderlicher Kauz: einige Wochen nur der Einsamkeit überlassen, und er ist wieder verwildert. Aber sorge dafür, daß Du Dein Repertoire fix und fertig hast, und denke an Deine Toilette.« »Wie Du gut bist,« sagte Étiennette und küßte ihre Freundin. »Nein, bitte, ich bin gar nicht gut. Aber Du bist so dankbar, so herzlich, daß es mir Freude macht, Dir nützlich sein zu können. Und sind wir denn nicht Verbündete? Liebe Kleine,« fügte Maud hinzu, nach einer kurzen Pause, »meine Situation ist der Deinen ähnlicher, als Du denkst, glaube mir! Wir haben beide unter dem feigen Egoismus der Männer zu leiden gehabt, und wir müssen beide in Verhältnissen leben, aus denen wir uns hinaussehnen ... Und wir erwarten beide die Befreiung von der Zukunft. Deshalb wollen wir uns auch gegenseitig beistehen, das ist ja nicht mehr als in der Ordnung, finde ich.« Étiennette antwortete lächelnd: »Ich stehe Dir zu Diensten, verfüge über mich. Du hast unsere Gastfreundschaft noch nicht auf die Probe gestellt. Wann wirst Du es thun? Dein Zimmer ist schon zurecht gemacht, willst Du es sehen?« »Ja, gern,« antwortete Maud, die froh war, daß Étiennette den Anfang machte, und zuerst von der wahren Veranlassung ihres Besuches sprach. Denn sie hatte eingesehen, daß sie Julien während dieser Krise durch häufigere Zusammenkünfte in Atem halten müsse; deshalb hatte sie ihn eben beim Abschied durch das unerwartete Versprechen, ihn bei Mathilde Duroy treffen zu wollen, berauscht. Étiennette nahm von einem stummen Diener eine kleine vernickelte Lampe und ging voraus. »Du siehst,« sagte sie, »Du brauchst nicht einmal durch die Wohnstube zu gehen. Vom Korridor gehst Du gleich ins Speisezimmer, wo Du nie jemanden triffst. Hier ist das Zimmer.« Es war eine mäßig große, rechtwinklige Stube, mit einem anstoßenden kleinen Toilettenkabinet. »Es ist doch nicht Dein Zimmer, Étiennette?« fragte Maud. »Ach nein. Mein Zimmer liegt neben Mamas.« Und errötend fügte sie hinzu: »Es war das Zimmer meiner Schwester Suzanne. Voriges Jahr wohnte sie eine Zeitlang bei uns. Sie war krank; ihre Brust ist schwach. Nachdem sie einen Monat bei uns im Familienkreise gelebt hatte, ging es ihr viel besser. Unglücklicherweise verliebte sie sich in einen Schauspieler vom Gymnase. Da war es vorbei; wir haben sie nicht mehr halten können.« »Wo ist sie jetzt?« fragte Maud zerstreut, indem sie das Zimmer und die Möbel musterte. »Wir wissen es nicht ... Wir glauben, daß sie in London, bei diesem Schauspieler ist. Arme Suzon!« Tiennette trocknete einige Thränen, die an ihren Wimpern hingen. »Und Deine Mutter,« fragte Maud, »wo schläft sie?« »Auf der anderen Seite der Wohnstube, neben meiner Kammer ... Und da sie den ganzen Tag zu Bette oder auf einer Chaiselongue liegen muß, so siehst Du, daß Du hier ganz ungestört sein kannst.« »Aber die Dienstboten?« »Die Dienstboten,« sagte Tiennette lächelnd, »das sind sehr bescheiden ein kleines Mädchen und ich: wir besorgen die Hausarbeit zusammen. Meistens sitzt sie aber drinnen bei Mama ... An den Tagen, wo Du das Zimmer benutzen willst, soll alles in Ordnung sein, wenn Du mir nur einige Stunden vorher einen Rohrpostbrief schreibst. Den Schlüssel zur Wohnung werde ich Dir gleich mitgeben, dann brauchst Du nicht erst zu klingeln.« Sie äußerte das alles ganz einfach und naiv, glücklich, ihrer Freundin einen Gefallen erweisen zu können, ohne dabei zu überlegen, von welcher Art diese Gefälligkeit sei. So keusch und rein sie selber war, hatten doch die Erfahrungen ihrer Jugend sie an Gleichgültigkeit oder Nachsicht gegen den Leichtsinn anderer gewöhnt. Sie war ein wehmütiges und rührendes Erzeugnis der Riesenstadt Paris, die ja überhaupt so viele demi-vierges hervorbringt, wie zum Beispiel Maud, Cécile Ambre und die kleinen Reversiers. Sie waren wieder in die Wohnstube zurückgekehrt. Maud wollte jetzt gehen. »Denke Dir! es ist schon dreiviertel sieben! In diesem Schneewetter brauche ich fünfundzwanzig Minuten, um nach Hause zu kommen. Und ich muß mich noch umziehen! Es ist kaum noch eine Stunde bis zum Mittagessen! Lebe wohl Étiennette.« »Lebe wohl, wenn Du durchaus schon gehen willst ... Hast Du Paul seit gestern abend gesehen?« fragte Étiennette draußen im Korridor. »Nein. Aber Du selbst hast ihn wohl gesehen, kleine Geheimniskrämerin?« »Ach siehst Du, er besucht mich ja beinahe jeden Tag. Aber wenn Du wüßtest, wie ernsthaft es bei unseren Zusammenkünften hergeht! Ja, er ist heute bei mir gewesen, nach dem Frühstück. Wir haben von Dir gesprochen. Sein Bruder und er haben den Plan gefaßt, uns alle nach Chamblais einzuladen, ehe Maxime de Chantel abreist. Sie wollten Deine Mutter bitten, Wirtin zu sein, und ich sollte unter ihrem Schutz eingeführt werden. Hast Du gar nichts davon gehört?« »Nein. Es ist aber nett von Hector ... denn die Idee geht doch gewiß von Hector aus, nicht wahr?« »Von beiden glaube ich. Weißt Du ... Paul möchte sich mit mir so viel wie möglich in guter Gesellschaft zeigen.« »Ach ... Ihr denkt ans Heiraten?« »Ja, siehst Du ... ich glaube wirklich, daß Paul anfängt, mich so lieb zu haben, daß er daran denkt.« »Ich wünsche Dir Glück!« »Ich Dir ebenfalls, liebe Maud!« Die beiden Freundinnen umarmten sich. Dann lief Maud die Treppen der drei Stockwerke leicht hinunter und stieg in den Wagen, der jetzt schnell davon fuhr, denn es hatte inzwischen aufgehört zu schneien, und der Schnee in den Straßen war in dem milden Wetter schon zu Pfützen zerschmolzen. In die Wagenecke zurückgelehnt, die Hände im Muff, die Füße auf dem Wärmschemel, überließ Maud sich den süßen Fieberphantasien nahenden Siegesglückes, und da sie sich wegen der Zukunft sicher fühlte, kehrten ihre Gedanken allmählich zum heutigen Besuche bei Julien zurück, zu Träumen von häufigen Zusammenkünften im kleinen verschwiegenen Zimmer der Suzanne Duroy. V. Nachdem Maxime de Chantel seinen Stock in die Ecke des Eisenbahncoupés gestellt hatte, um sich den Platz zu sichern, stieg er wieder aus. Der Zug nach Chamblais, mit dem er fahren wollte, ging erst um drei Uhr; er hatte noch fünf Minuten Zeit. So schritt er mit strammer, militärischer Haltung den Perron des »gare de Nord« entlang, indem er die Waggons erster Klasse einer Musterung unterwarf. Er hatte gehofft, mit den Damen de Rouvres zu fahren, die ebenfalls bei Le Tessiers zu Mittag eingeladen waren. Indessen fand er sie nicht; sie waren schon am Vormittag hinausgefahren. Übrigens war der Zug beinahe leer, obgleich der strahlende Himmel und die frühlingsmäßige Wärme der Luft, welche plötzlich auf das Schneewetter gefolgt war, die Pariser wohl hätte ins Freie hinauslocken können. Maxime hatte Maud zwei Tage nicht gesehen, nicht seit sie am Dienstag zusammen im Théatre Français gewesen. Heute war Freitag. Die Zwischenzeit war ihm unter solchen Herzensqualen verstrichen, daß er sich nicht mehr verhehlen konnte, wie unentbehrlich ihm diese Frau geworden war. Er litt unter der Unruhe seines Herzens, er wollte sich aber niemandem anvertrauen. Die Gegenwart der Mutter, die er liebte, der Schwester, die er so eifersüchtig erzogen hatte – wurde ihm fast lästig; er fühlte, wie ihre Augen sich auf ihn richteten mit ängstlich fragender Zärtlichkeit. Der Gedanke an Maud nahm Besitz von seinen: ganzen Wesen, er folterte ihn und schnürte ihm die Kehle zu, verschloß gleichsam alle Ausgänge seiner Seele. Diese Liebe war keine zufällige Laune seiner Sinne, keine flüchtige Begierde, die der Wind hinwegweht. Seit dem ersten Tage ihrer Begegnung in Saint-Amand war es ihm, als seien Kopf und Herz unter einem Zauberbann, und er empfand im höchsten Grade die völlige, die entsetzliche Gleichgültigkeit gegen die ganze übrige Welt, welche die Folge jeder großen Leidenschaft ist. * Die Schaffner waren im Begriff die Thüren zu schließen, und forderten die Reisenden auf, einzusteigen. Als Maxime an sein Coups trat, fand er es zum Teil besetzt von einer korpulenten, blonden Dame in übertrieben eleganter Toilette, und zwei jungen, ebenfalls auffallend gekleideten Damen, die sich in einem sonderbaren, französisch-italienischen Kauderwelsch unterhielten. Maxime erkannte die beiden Damen sofort wieder. Es waren M me. Avrezac und ihre Tochter Juliette, die er bei seinem ersten Besuch bei de Rouvres getroffen hatte. Aber er sah auch, daß sie ihrerseits ihn nicht wiedererkannten. »Übrigens nicht zu verwundern,« dachte er. »Ich wurde ihnen ja nicht einmal vorgestellt, und sie waren noch dazu an dem Abend, jede auf ihre Weise, sehr stark in Anspruch genommen. Um so angenehmer für mich; ich brauche mich nicht mit ihnen zu unterhalten.« Juliette, die sich aus der Wagenthür hinauslehnte, rief: »Herr Aaron!« Schweißbedeckt und pustend kam der Bankier angestürzt. Er kletterte in das Coups hinein, gerade in dem Augenblick, als der Zug sich in Bewegung setzte. »Er kennt mich auch nicht wieder,« dachte Maxime. Der dicke Herr hatte wirklich seine kurzsichtigen Augen auf ihn gerichtet, ohne ihn zu grüßen. »Sind Sie auch auf dem Wege zu unseren lieben Le Tessiers?« fragte die Italienerin. »Ja. Paul hat mich eingeladen,« antwortete Aaron, immer noch pustend und stöhnend, mit seiner feuchten Stimme hinter den dicken Lippen. »Wir stehen in Geschäftsverbindung ... Ihr Landsitz ist herrlich. Aber Sie kennen ihn ja, nicht wahr, M me. Ucelli?« » Ma ché! Ich habe manche Fahrt da hinaus gemacht in mail coach , während die Herzogin de la Spezzia in Paris war. Aber M .me Avrezac und Juliette gehen heute zum erstenmal hin, glaube ich?« Maxime horchte auf ihr Gespräch gegen seinen Willen. Eine schmerzliche Ahnung sagte ihm, daß diese Menschen von der Frau sprechen würden, die er liebte. Er empfand den Wunsch ihnen verbieten zu können, ihren Namen auszusprechen. Und wirklich wurde gleich darauf der Name genannt. »Wissen Sie,« sagte M .me Avrezac, »daß M .me de Rouvre heute auf Chamblais die Wirtin machen wird?« »Ausgestreckt auf ihrer Chaiselongue vielleicht?« bemerkte Juliette. »Oh cara mia ! Sie wissen ja recht gut, daß in dieser kleinen Clique Maud alles bestimmt. Die Mutter spielt gar keine Rolle, sie ist eine reine Null. Uno zerro !« Sie sprach das letzte Wort mit krachendem Donnergeroll auf den »r'en« so majestätisch aus, daß die arme M .me de Rouvre dadurch ganz vernichtet und ausgelöscht schien. »Paul Le Tessier,« fuhr sie dann fort, »war ein Freund des verstorbenen Herrn de Rouvre, sein Jugendfreund, wie es scheint. Er hat Maud gekannt, als sie ganz klein war; er soll sie sehr lieb haben.« Aaron näherte sich mit seinem demütigen, erhitzten Gesichte den drei Damen und sagte mit leiser Stimme, aber doch so laut, daß Maxime es hören konnte: »Und sein Bruder, Hector Le Tessier, der von den Brüdern, der nichts thut, ist das nicht auch ein sehr guter Freund von Fräulein de Rouvre? ... Ja, ich meine natürlich ein Freund mit den allerehrenhaftesten Heirats-Absichten!« fügte er schnell hinzu, wie erschrocken über das, was er zu sagen gewagt hatte. » Altro !« rief die Italienerin ... »Der liebe Hector? Er sollte daran denken, Maud zu heiraten? Dazu ist er viel zu sehr Pariser ... viel zu sehr, na, wie nennt man das doch gleich, zu sehr gewitzigt, um zu heiraten ... Und noch dazu die!« »Herr Hector mag die jungen Mädchen nicht, die mit anderen als mit ihm flirten,« setzte Juliette hinzu. »Aber ich finde gar nicht, daß Maud so arg flirtet,« sagte M .me Avrezac. »Sie benimmt sich doch sehr fein, wie mir scheint.« Zum Dank für diese wenigen banalen Worte der Verteidigung hätte Maxime die Hände der Frau küssen mögen. M .me Ucelli antwortete: »Sie ist sehr gewandt ... na, wie sagen Sie noch, sehr »gerieben« ... mà ! Wie war es denn mit dem jungen Lestrange? ... Und der rumänische Graf, der ums Leben kam, ohne das man wußte wie und weshalb? Und jetzt der schöne Julien de Suberceaux ... Dio mio ! Daß sie mit ihm flirtet, wollen Sie doch wohl nicht in Abrede stellen?« »Ach was,« sagte M .me Avrezac entschuldigend, »alle jungen Mädchen flirten heutzutage. Das ist einfach eine neue Mode; Juliette meint, die jungen Mädchen, die keinen Flirt haben, verheiraten sich nicht. Ich muß aber sagen, es kommt mir vor, als ob die, welche flirten, sich ebensowenig verheiraten.« »Du hast ganz recht, Mama,« sagte Juliette. »Man will nichts mehr von uns wissen. Aber wenn wir uns nicht verheiraten, so amüsieren wir uns wenigstens ein bißchen. Man nimmt, was man kriegen kann.« » Flirt und Flirt ist zweierlei,« bemerkte M .me Ucelli. »Von den anderen will ich nichts sagen, ma per Suberceaux ... enfin ... L'ho visto; so di che parlo ...« Sie vollendete den Satz auf Italienisch für sich, gerade wie der Zug an einer Station anhielt ... Maxime verstand nur halbwegs, aber er hatte Mauds Namen gehört, wie er mit Lestranges, Suberceaux's und Hectors Namen in Verbindung gebracht wurde, und mit dem Duell eines rumänischen Grafen, der ums Leben kam, »man wußte nicht wie und weshalb.« Wie gern hätte er nicht diese Worte, die seinen Abgott in den Staub zogen, in den Kehlen dieser Menschen erstickt! ... Aber der unwiderstehliche Wunsch, alles zu hören, alles zu wissen, zwang ihn still zu sitzen und zu lauschen ... auf die Worte zu lauschen, die er haßte. * Als der Zug sich wieder in Bewegung gesetzt hatte, fragte Aaron, immer mit halber Stimme weiter: »Und Sie glauben wirklich, daß Suberceaux ... Sie meinen, daß ...« »Aha,« rief die Italienerin, indem sie dem Bankier mit dem Finger drohte, »Sie sind wohl eifersüchtig! ... Birbante! Nur hübsch geduldig... Ich halte noch immer auf Sie, mein Herr, ich wette, Sie holen die anderen alle noch ein.« Bei diesen Worten, die Maxime verstand, zuckte er so heftig zusammen, daß M me. Avrezac und ihre Tochter, Aaron und M me. Ucelli sich alle nach ihm umwandten... Einen Augenblick flammte es rot vor seinen Augen, seine Muskeln spannten sich, und er empfand eine wahnsinnige Lust auf dieses Schlangengeziefer loszustürzen, mit seiner Faust dreinzuschlagen, sie zu zertreten, zu vernichten... Mit Anspannung all seiner Willenskräfte beherrschte er sich, denn er verstand, daß Maud durch einen Skandal wenig gedient sei. Mittlerweile waren die anderen schweigsam geworden. Nachdem Aaron Maxime eine Weile verstohlen betrachtet hatte, beugte er sich hinüber zu den Damen. Er hatte den ehemaligen Offizier ohne Zweifel jetzt wiedererkannt, und gab der Gesellschaft einen Wink. Es wurde kein Wort mehr gesprochen, bis der Zug an der Station Chamblais anhielt. Hector Le Tessier und Jacqueline de Rouvre empfingen die Reisenden. »Wir beiden sind allein im Dogcart hergefahren, ganz wie zwei Verliebte,« sagte Jacqueline. »Er hat mir in einer Weise die Cour geschnitten, daß ich noch ganz rot davon bin.« »Du und rot werden?« antwortete Juliette, »bilde Dir das nicht ein... Das ist von der frischen Luft gekommen, mein Schatz.« »Du kleines Scheusal!« Die beiden jungen Mädchen küßten sich, indem sie wie zwei junge Kätzchen im niedlichen Kampfspiel die feinen Mäulchen aneinander rieben. Als die Gesellschaft aus dem Stationsgebäude, vor dem ein geschlossener Landauer und der kleine Dogcart hielten, hinaustrat, stellte Hector Maxime vor. Aaron streckte die Hand aus, Maxime aber that, als hätte er es nicht gesehen, grüßte leicht hin, und wandte sich ab. »Jetzt will ich mit Le Tessier im Dogcart fahren,« rief Juliette. »Ich habe auch Lust, rot zu werden, wie Jacqueline.« »Juliette!« sagte M me. Avrezac streng. Und flüsternd fügte sie hinzu: »Du wirst doch diesen Herrn nicht allein mit uns im Landauer fahren lassen? Er sieht ja aus, als wenn er uns lebendig auffressen wollte.« Die Sache wurde schnell arrangiert. Aaron stieg mit den Damen in den Landauer; Maxime folgte im Dogcart mit Hector. Mit einem niedlichen Pony in gelbem Geschirr bespannt, flog der leichte kleine Wagen den anderen schnell voraus. Als sie bei einer Biegung des Weges den Wald erreichten, konnten sie den Landauer nicht mehr sehen. Hector sagte zu seinem Begleiter: »Sie werden unser Landhaus heute ohne den Frühlingsschmuck, der ihm so gut steht, zu sehen bekommen; aber auch so wie es ist, wird es Ihnen, der ja keine Theater-Dekoration sucht, gefallen, mit seinen kahlen Bäumen, seinem hügeligen Waldboden und den Teichen, die noch vom schmelzenden Schnee gelb sind ... Kennen Sie übrigens die Geschichte des Schlosses? »Nein,« antwortete Maxime zerstreut; seine Gedanken waren noch immer bei den häßlichen Worten von vorhin. »Im vorigen Jahrhundert waren diese Wälder Besitztum eines Finanzpächters, eines Herrn de Beauregard. Damals existierte kein anderes Gebäude als ein einfaches kleines Forsthaus. Eines Tages brachte nun Herr de Beauregard eine Tänzerin von der großen Oper, Namens Héro, dorthin; er liebte sie wahnsinnig, aber sie verweigerte sich ihm, voller Launen wie sie war, trotzdem er sie mit Geschenken überhäufte. Fräulein Héro fand Geschmack an der Landschaft, die sie an eine Dekoration in der »Armida« erinnerte. »Wie schade nur,« rief sie aus, »daß hier das Schloß fehlt! ...« Ein halbes Jahr darauf führte Herr de Beauregard, der immer noch verliebt war, seine immer noch grausame Freundin wieder nach Chamblais hinaus: die Landschaft war unverändert, aber wo früher das kleine Forsthaus lag, erhob sich jetzt, wie durch einen Zauberschlag hervorgerufen: das Schloß Armidens. Und dieses Mal, so erzählt man sich, gab Héro ihren Widerstand auf ... Aber Sie hören ja gar nicht zu, lieber Freund ... Was ist Ihnen denn?« Maxime antwortete: »Sie haben recht ... die Sache ist aber die, ich bin verstimmt, nein, geradezu empört! Diese Leute da hinter uns, mit denen ich im Coupé saß, die Italienerin M me. Ucelli, die nicht wußte, wer ich war, M me. . Avrezac mit ihrer Tochter und Aaron, die mich nicht wiedererkannten, sprachen während der Reise von, von ...« »Von Fräulein de Rouvre, nicht wahr? Und Sie haben alles gehört?« »Ja.« »Ich brauche Sie nicht zu fragen, was sie gesagt haben. Ich weiß es im voraus. M me. Ucelli hat die böseste Zunge in ganz Paris, und Aaron ist einfach ein gemeiner Kerl, der Maud mit seiner plumpen Courmacherei verfolgt. Aber habe ich Sie nicht schon neulich gewarnt, mein Freund? Es war natürlich von Suberceaux, von Lestrange die Rede, nicht wahr?« ... »Ja ... und von einem gewissen rumänischen Grafen.« »Graf Christeanu, ja. Der Graf hat in ganz korrekter Form um Mauds Hand angehalten. Vierzehn Tage darauf wurde er in Bukarest im Duell getötet. Ich sehe darin durchaus nichts Kompromittierendes für Maud.« »Sie sprachen auch von Ihnen.« »Von mir? In diesem Zusammenhang! ...« »Sie sind doch sehr intim mit ihr,« unterbrach ihn Maxime lebhaft. »Sie nennen sie ja immer beim Vornamen, ganz kurz ›Maud‹.« Der Weg führte einen Hügel hinan. Hector ließ das Pferd im Schritt gehen. »Aber bester Freund! Was sind das für Einfälle! Ich habe Maud gekannt, seit sie vierzehn Jahre alt war, als sie noch Backfischröcke trug ... ihr Vater und mein Vater duzten sich. Wissen Sie, es scheint mir unverzeihlich, einer Frau, die man liebt, in solcher Weise zu mißtrauen. Soll ich Ihnen vielleicht mein Ehrenwort geben, daß ich nie etwas Anderes als der Freund von Fräulein de Rouvre war?« »Sie haben recht,« antwortete Maxime und senkte den Kopf. »Ich will an Sie glauben... Aber trotzdem ... Wenn Sie mir Ihr Ehrenwort geben wollten ... Es würde vielleicht den schrecklichen Eindruck von dem, was ich vorhin hörte, verwischen.« »Schön! Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, Sie Kleingläubiger. Sind Sie nun zufrieden?« Maxime dankte ihm durch einen Blick. Sie sprachen nicht mehr während des letzten Stück Weges, bis die weißen Mauern von Armidens Schloß durch das gelichtete Geäst des Parks hervorschimmerten. »Ein sonderbarer Mensch,« dachte Hector ... »Und ich komme mir ebenso wunderlich vor. Ich fange mit einem Male an dieses Mädchen so leidenschaftlich zu verteidigen, als ob ich für sie einstehen könnte ... Jedenfalls würde ich sie nicht heiraten ... Aber wen würde ich überhaupt heiraten? Außerdem – es ist doch zu gemein, die Ehe eines jungen Mädchens dadurch zu verhindern, daß man zweifelhafte Geschichten von ihr erzählt ...« Maxime war vom Wagen aus auf die Freitreppe des Hauses gestiegen, und ohne das wirklich wundervolle Zauberschloß – ein Trianon, nur größer und prächtiger – auch nur eines Blickes zu würdigen, sagte er zu Hector: »Wie viel Zeit ist es noch bis zum Mittagessen?« »Anderthalb Stunden ungefähr ... Haben Sie Ihren Frack im Handkoffer?« »Ja. In zwanzig Minuten kann ich bereit sein. Erlauben Sie, daß ich mich vorläufig zurückziehe ... Ich bin noch zu aufgeregt ... Wenn ich dem Bankier oder der Italienerin begegnete, könnte ich leicht Dinge sagen, die ich nachher bereuen würde. Lassen Sie mich einen Augenblick allein im Park spazieren gehen ... Ich bedarf des Alleinseins ... dann werde ich wieder ruhig.« »Ganz wie Sie wünschen! Und wenn Sie zurückkommen, gehen Sie um das Haus herum, dann wird Sie niemand sehen. Ein Diener wird Ihnen das Zimmer anweisen, wo Sie Toilette machen können.« »Ich danke Ihnen. So wäre es mir am angenehmsten. Ich sehe dann Fräulein de Ronvre erst, wenn wir zu Tische gehen. Auf Wiedersehen!« Der Landauer wurde oben auf dem Hügel sichtbar; die beiden Herren schüttelten sich die Hände. Maxime wandte sich hastig dem dichtesten Teil des Parkes zu; bald nahm ihn eine Weißbuchenhecke auf, die links am Fahrweg entlang lief. Der Abend dämmerte langsam herauf, und der reine, strahlende Himmel färbte sich; schon mischte die volle Mondscheibe ihren zarten Silberschein in das blasse, verdämmernde Rot der niedergehenden Sonne. Maxime schritt vorwärts mit ängstlich klopfendem Herzen, ohne nach links oder rechts zu blicken. Er suchte seiner Unruhe Herr zu werden und sich Klarheit zu verschaffen. Eine Stimme in seiner Brust sprach laut zu ihm: »Nimm Dich in acht! siehe, wie Du schon durch diese Frau leidest, und Du hast ihr noch nicht einmal gesagt, daß Du sie liebst! Nimm Dich in acht! Sie ist nicht für Dich geschaffen, und Du nicht für sie! Noch ist es Zeit Dich zurückzuziehen!« Ja, noch war es Zeit, und während einer Sekunde dachte er daran, es zu thun. Wenn er jetzt durch den Wald stürzte, bis zur Station, sich in den Zug würfe, um wie ein Dieb nach Paris zu entfliehen; und dann weit fort von Paris, sich in die Einsamkeit von Vézéris vergrübe, bis er im Vergessen Heilung für seine Wunden fände? »Im Vergessen! Ich kann ja aber nicht vergessen! ... Als ich Saint-Amand verließ, liebte ich sie nicht, konnte ich sie nicht lieben, denn ich hatte sie ja kaum gesehen ... Und dennoch habe ich nicht vergessen ...« Während seines ziellosen Umherstreifens war er an das Ufer eines großen Teiches gelangt, denn die unsichere, nebelige Abendbeleuchtung, die alle Grenzen verwischte, noch größer erscheinen ließ. Festgekettet am Ufer lag ein kleiner Kahn, der sich leise auf dem stillen Wasser schaukelte. Er enthielt nur ein breites Ruder. Maxime sprang in das Boot, löste die Kette und ruderte kräftig drauf los, um seine Nerven zu beruhigen. Aber draußen auf dem See mit den geheimnisvollen Ufern und den dämmeriggrauen Wellen, wo er sich ganz einsam, ganz auf sich selbst gestellt fühlte, klang die Stimme noch lauter, noch gebieterischer. »Nimm Dich in acht! Diese Frau ist das Unbekannte! In den Falten ihres Kleides trägt sie unglücksschwangere Geheimnisse ...« Er hatte aufgehört zu rudern und ließ den Kahn treiben; immer langsamer glitt er dahin, bis er zuletzt ganz still lag. Plötzlich tönten Glockenschläge von Armidens Schloß über den Park und den Teich herüber. Es war das erste Läuten zum Mittagessen. Maxime sah Mauds Bild vor seinem Auge aufsteigen, Maud, so wie er sie in ihrer Abendtoilette kannte, mit den nackten Schultern und den rotgoldenen Haaren. Sie war dort oben im Schloß, ihm so nahe! Nur wenige Stunden noch, und er sollte sie wiedersehen. Konnte er wirklich daran denken, vor ihr zu fliehen! Ein mächtiges Gefühl von Sehnsucht und Zärtlichkeit erwachte in ihm, und schwemmte alle seine Bedenken hinweg. Mit kräftigen Ruderschlägen arbeitete er sich zurück ans Ufer, befestigte den Kahn und lief zum Schloß hinauf. Es war schon einige Minuten über sieben. Er hatte eben noch Zeit sich in aller Eile umzukleiden. In dem Augenblick, als er in den Salon trat, meldete der Diener, daß serviert sei. Undeutlich erblickte er die Umrisse der schlanken Gestalt in dunkelgrünem Sammet, die er mit den Augen suchte; sie verließ den Salon an Hectors Arm; aber bei Tische fand er seinen Platz neben ihr. Sie fragte ihn zerstreut nach der Ursache seines späten Kommens: er antwortete im selben Ton ... Neben dem jungen Mädchen saß auf ihrer anderen Seite der Modeschriftsteller Henri Espiens: sie unterhielt sich fast die ganze Zeit mit ihm; er glänzte durch sprühende und schöngeformte Geistesblitze über die Liebe und die Frauen, und lachte jedesmal selbstzufrieden auf, wenn er eine Geistreichigkeit angebracht hatte. Maud hörte ihm lächelnd zu, antwortete aber nur wenig. Inzwischen saß Maxime und betrachtete diese Pariser Gesellschaft, und obgleich er sie noch nicht, wie Le Tessier und Suberceaux, mit halbem Auge zu durchschauen vermochte, begann er doch alle diese müßigen Menschen zu begreifen, die weder schlechter noch besser waren als die übrigen leichtlebigen Pariser; die aber nur daran dachten sich zu amüsieren, nachsichtig gegen einander waren, und sich gegenseitig kleine Kupplerdienste leisteten. Unfähig Eifersucht oder Leidenschaft zu empfinden, hatten sie die Köpfe voll von leichtfertigen Intriguen, erlaubten sich dabei die weitgehendsten sexuellen Freiheiten, und brachten es nur selten zu einem vollkommenen, ausgereiften Liebesverhältnis. M me. de Rouvre und Paul Le Tessier hatten die Plätze bei Tische geordnet, und es war leicht zu sehen, baß dabei vor allem Rücksicht genommen war auf die unter dem harmlosen Worte »flirt« maskierte Sinnlichkeit der Gäste. Man hatte Lestrange zwischen Jacqueline und Marthe de Reversier gesetzt, damit er Gelegenheit fände, seine Kunstfertigkeit im Erregen der Nerven junger Mädchen auszuüben! Aaron erzählte schmatzend schlüpfrige Geschichten über den vollen Busen der M me. Ucelli, während diese der braungelockten Juliette Avrezac verliebte Blicke zusandte. Hector, der vernünftige Hector, unterhielt sich in leisem Ton mit Madeleine de Reversier, die ihm von Zeit zu Zeit leicht über die Finger schlug, als wollte sie ihn damit zum Schweigen bringen. Paul Le Tessier hatte edelmütiger Weise Étiennette zur Nachbarin erwählt; er sah sie, ohne sich dessen zu schämen, von Zeit zu Zeit überaus zärtlich an, und sie erwiderte seinen Blick in derselben Weise; nur wurde ihr Auge zuweilen umflort von einer leisen Trauer bei dem Gedanken an die kranke Mutter daheim, die mit jedem Tage kränker wurde. Alle diese Menschen überließen sich ganz ungeniert im Beisein der anderen ihren kleinen erotischen Liebesaffären, während die Mütter gleichgültig dreinschauten. Und Maxime selber, hatte man ihn nicht an Mauds rechte Seite gesetzt, damit er, ganz wie die anderen, die Gelegenheit benutzte und seine Pläne förderte? »Es ist wenigstens noch ein Glück, daß sie Suberceaux nicht eingeladen haben,« dachte er mit Bitterkeit, »sonst hätte man ihn ohne Zweifel an die andere Seite gesetzt, an die Stelle des Romanschriftstellers.« Wenn er sich in dieser Gesellschaft umschaute, hatte er das Gefühl, als befände er sich im Kabinet eines Restaurants, nur erschien ihm die Zügellosigkeit hier um so schlimmer, weil so viele junge Mädchen dabei waren. »Wie gut,« dachte er, »daß meine Mutter, daß Jeanette nicht mitgekommen sind.« Nach Hectors diskretem Rat war M me. de Chantel mit Jeanne in Paris geblieben; auch war es Hector, der Maxime zu bestimmen wußte, seine Schwester mit sich zurück nach Vézéris zu nehmen, statt sie in Paris bei M me. de Chantel zu lassen. Aaron war in diesem Augenblick im Begriff, eine Skandalgeschichte, die während einer Woche das Gesprächsthema für ganz Paris gebildet hatte, zu Ende zu bringen. Die Frau eines ausländischen Offiziers war in einer Wohnung der Rue la Bruyère in einer lustigen Gesellschaft von kleinen Verkäuferinnen aus Bon Marché überrascht worden. Und das sorgfältige Ausmalen der Einzelheiten, die sich Aaron nicht nehmen ließ, machte die Zwiegespräche am Tische verstummen. Maxime sah Maud an: sie schien geistesabwesend, an etwas Anderes zu denken; es war deutlich zu sehen, daß sie nicht zuhörte. Aber die anderen jungen Mädchen spitzten die Ohren. In unwillkürlicher Erbitterung schlug Maxime mit der Hand auf den Tisch und riß dabei Mauds Fächer hinunter. Er bückte sich sofort, um ihn wieder aufzuheben. Als er sich erhob, war er ganz bleich; er hatte gesehen, wie Lestrange unter dem Tische seine Kniee in intime Berührung mit denen des Fräulein Marthe de Reversier gebracht hatte. »Was ist Ihnen?« fragte Maud, unruhig über sein Schweigen und seine augenscheinliche Erregung, obgleich ein unfehlbarer Fraueninstinkt ihr sagte, daß er in diesem Augenblick, mehr denn je, ihr allein angehöre, und daß seine Eifersucht ihn zu jedem Widerstand unfähig mache. »Nichts,« antwortete Maxime. »Aber es ist eine entsetzliche Hitze hier.« Die Temperatur im geschlossenen Speisesaal, wo man vor dem Essen den Kamin geheizt hatte, war wirklich unleidlich geworden. Alle seufzten erleichtert auf, als sie in den Nebenraum traten, wo der Kaffee serviert war; eine mächtige, moderne Halle, sehr geschickt an den linken Flügel des Schlosses angebaut. Durch die Fenster, von denen die Stores zurückgezogen waren, sah man den Park vom hellen Mondlicht überflutet daliegen, und auf dem dunkelblauen Himmel schwamm die silberne Mondscheibe. »Ach, laßt uns doch hinausgehen!« rief Tiennette. »Es ist so schön im Park! Wir haben noch eine volle Stunde, bis der Zug abgeht ...« Diese Idee wurde mit Jubel von der Jugend aufgenommen; man trank schnell den Kaffee, während die Diener Mäntel und Hüte hereinbrachten. Maxime half Fräulein de Rouvre beim Anziehen ihres langen, seidenen, mit Hermelin gefütterten Abendmantels; er bot ihr den Arm, den sie annahm. »Gehen wir,« sagte sie flüsternd, »führen Sie mich weit hinweg von diesen Menschen.« Er war ihr dankbar, daß sie seinen geheimen Wunsch so genau erraten und ausgesprochen hatte. Sie entfernten sich in das Dickicht des Parkes. Andere Paare folgten nach; aber Maxime suchte die Wege auf, die er von vorhin kannte, und bald standen sie am Teich, weit abseits von den anderen, im Gefühl von der ganzen übrigen Welt abgesondert zu sein. Der Teich schien wirklich jetzt ohne Grenzen, wie jene afrikanischen Seen, an deren Ufern der Reisende mit Verwunderung fragt: »Ist dies das Meer?« Über dem Wasser, das mit leisem Schaukeln im Mondenschein wie flüssiges Silber glitzerte, zeichneten sich die strengen, schwarzen Linien der kahlen Bäume ab. »Oh, wie schön,« flüsterte das junge Mädchen. Mit der Spitze ihres schmalen Fußes rührte sie an den Rand des Kahns, während sie weltentrückt über den endlosen See hinausschaute, selbst strahlender als der schimmernde See, als der Himmel, als die Sterne – im Besitze der Frauenschönheit, welche die Schönheit der Natur überstrahlt, der Frauenanmut, welche größer ist als die Poesie der Nacht. »Haben Sie Lust?« fragte Maxime, indem er auf den Kahn wies. »Oh ja,« rief sie ... »lassen Sie uns hinausrudern ... weit hinaus ... ganz allein ...« Er sprang in den Kahn, fing Maud auf in seine starken Arme, und setzte sie leicht, als wäre sie ein Kind, auf die hintere Ruderbank. Er selbst setzte sich ihr gegenüber, und nachdem er den Kahn gelöst hatte, ruderte er sie mit lautlosen Ruderschlägen auf den See hinaus. »Ich bete sie an, ich bete sie an,« dachte Maxime, von neuem ganz besiegt. »Und sie soll keinem anderen als mir gehören.« Bald hatten sie die vom wallenden, weißen Nebel umhüllten Bäume hinter sich gelassen. Maxime legte das Ruder hin; sie konnten sich nun im Ernst einbilden, mitten auf dem Meere draußen zu sein. Er sagte mit leiser Stimme: »Ich wollte, daß diese Stunde niemals ein Ende nähme, oder daß dieser Teich uns beide verschlänge, und niemand uns wiedersähe.« Sie antwortete, indem sie ihren Blick, dessen magnetische Macht sie kannte, fest auf ihn heftete: »Weshalb zweifeln Sie an mir?« Bei diesen einfachen Worten wurde Maxime dermaßen verwirrt und außer Fassung gebracht, daß er sich ihr zu Füßen stürzte, ihr die Hände küßte, ohne daß sie es ihm wehrte, und hervorstammelte: »Verzeihen Sie mir! Verzeihen Sie mir!« »Glauben Sie denn,« fing Maud wieder an, »daß ich in der Welt lebe, in der ich zu leben wünsche? Ach! Könnte ich mich aus diesem entsetzlichen Paris hinausretten, für immer!« Mit seinen Lippen auf ihren Händen, die sie ihm setzt zu entziehen suchte, wagte Maxime zu wiederholen: »Verzeihen Sie mir! Ich liebe Sie so grenzenlos!« Sie zog ihre Hände zurück und sagte, ohne Zorn, aber mit bewegter Stimme: »Führen Sie mich zurück!« Er nahm sanft das Ruder wieder zur Hand. Und ohne zu sprechen, ruderten sie sacht ans Land. Als sie aber durch den halbdunkeln Park mit seinen nackten Bäumen gingen, faßte Maxime Mut und sagte: »Maud, Sie wissen, daß ich Ihnen angehöre. Ich gebe mich nicht halb; wenn Sie wollen, bin ich für immer ihr Sklave. Aber ich bitte Sie um eines, ich flehe Sie darum: Wenn es Ihr Wille ist, mich von sich zu stoßen, dann spielen Sie nicht mit mir wie mit den leichtsinnigen Männern, von denen Sie umgeben sind. Sie wissen, daß ich bald abreisen werde. Ich dachte drei Wochen auf Vézéris zu bleiben, und dann wiederzukommen. Soll ich wiederkommen, Maud?« Sie legte ihre rechte Hand auf den Arm des jungen Mannes: »Glauben Sie jetzt an mich?« Er antwortete: »Ich glaube an Sie.« »Wie an Ihre Schwester?« »Wie an meine Schwester!« »Lieben Sie mich?« »Mehr als meine Schwester, mehr als meine Mutter, mehr als alles in der Welt!« »Dann kommen Sie zurück,« antwortete Maud. »Während dieser drei Wochen denken Sie an mich, denken Sie an die Zukunft. Ich will, daß Sie Ihrer Liebe sicher sein sollen. Dagegen gebe ich Ihnen das Versprechen bis zu Ihrer Rückkehr mich nicht im Theater, nicht in Gesellschaften, nirgends zu zeigen.« »Verzeihen Sie mir! Ich bitte Sie wieder: verzeihen Sie mir,« rief Maxime aus. »Ich bin Ihrer nicht wert!« Er wollte sie an sich ziehen – und war doch glücklich, als er fühlte, daß sie sich ihm verweigerte, daß sie sich selbst der keuschesten Verlobungsumarmung entzog. Und er begriff nicht, daß dieser plötzliche Widerstand, der ebenso aufrichtig empfunden war wie die scheue Scham eines jungen, unberührten Mädchens, seinen Grund hatte in der instinktiven Empörung einer Frau, die einen anderen Mann mit Leib und Seele liebt, und die es noch nicht gewöhnt ist, sich zu teilen. Zweiter Teil. I. Vézéris, März 1893. Also wage ich es doch, Ihnen zu schreiben, ohne zu wissen, wie ich Sie nennen soll, ich, der ich es kaum wage, Ihren Namen auszusprechen, wenn ich an Sie denke – und ich denke fortwährend an Sie. Ich habe Sie ja so wenig gesehen! Ich habe Sie ja so wenig gesprochen! Jetzt, wo ich wieder weit von Ihnen entfernt bin, scheint es mir, als müßte ich ganz aus Ihrer Erinnerung entschwunden sein. Oh wie fühle ich mich fern von Ihnen! Nicht nur durch Weg und Steg, sondern durch die weit größere Entfernung, die zwischen Ihrem Leben und meinem Leben liegt, zwischen Ihrem Wesen und meinem Wesen. Ich bitte Sie, glauben Sie nicht, daß dies überflüssige Worte sind, die ich nur so hinschreibe; daß ich in linkischer Verlegenheit versuchen wolle, die galanten Reden Ihrer geschmeidigen Anbeter nachzuahmen. Nein, es ist die tiefste Wahrheit meines Herzens, die ich Ihnen hiermit bloßlege; ich empfinde in Wirklichkeit den Abstand zwischen Ihnen und mir ebenso groß, wie den Abstand zwischen mir und dem unbeholfensten, niedrigsten meiner Hirten. »Es gibt Augenblicke, wo dieses Gefühl mich verzweifeln läßt. Dann wünsche ich, daß ich Ihren Pariser Freunden ähnlich wäre; dann würden die Worte, die ich Ihnen sagen oder schreiben wollte, ganz von selbst kommen, ich spräche Ihre Sprache und Sie verständen mich besser ... Aber eine Rolle zu spielen, die nicht für mich paßt, dazu bin ich zu ungeschickt, zu unbeholfen! Auf diesem Schlachtfelde bin ich im voraus geschlagen; Sie sind von mehr als zwanzig Bewerbern umgeben, die verführerischer sind als der arme Einsame auf Vézéris. Ich habe nichts Ihnen zu Füßen zu legen, als meine leidenschaftliche Zärtlichkeit; und, ich weiß, das ist etwas, das weder leuchtet noch lockt. Was soll ich thun? Aber trotzdem flehe ich Sie an, Sie lieben zu dürfen. Ich bitte um eine Gnade; eine ganz unwahrscheinliche, unverdiente Gnade: ich sage zu Ihnen: »Ich bin der Geringste von allen, und doch, geben Sie mir den Vorzug!« »Ich liebe Sie so sehr! Lassen Sie mich diese Worte laut ausrufen, sie würden mich sonst ersticken, jetzt, da ich so weit entfernt von Ihnen bin. Niemals wird ein anderer Sie anbeten, wie ich es thue. Kein Mensch auf der weiten Welt, keiner, wird Ihnen je seine Seele so ganz und voll hingeben wie ich, ohne einen anderen Gedanken als Ihnen anzugehören und Sie glücklich zu machen. Und wenn ich auch meine Unwürdigkeit einsehe, so gibt es doch Eines, auf das ich stolz bin, ich biete Ihnen ein Herz an, das besser, das reiner und mehr Ihrer würdig ist, als es Ihnen diese Herren aus Paris, über deren Leerheit und Lasterhaftigkeit ich mich entsetzt habe, geben können. Um Gottes willen, um Ihrer selbst willen, werfen Sie sich nicht weg an einen von diesen Männern! Wenn ich daran denke, daß einer von ihnen in diesem Augenblick bei Ihnen wäre, zu Ihnen spräche, Ihnen gefiele – dann flammt es in mir auf mit der ganzen leidenschaftlichen Kraft, die in meinem Wesen schlummert, dann möchte ich die falschen Worte in seinem trügerischen Munde vernichten und Sie mit Gewalt herausreißen aus allem, was Ihrer unwürdig ist, was Ihnen nicht nahen dürfte, Ihnen nie hätte nahen sollen! Verzeihen Sie mir, daß ich es wage, Ihnen das zu schreiben, aber ich empfinde es so qualvoll. Ich mußte es Ihnen sagen! ... »Wissen Sie, welchen Traum ich in meiner Einsamkeit träume und immer wieder träume, tausende von Malen? Ich stelle mir vor, daß Sie hier bei mir wären, Sie ein ganz kleines Mädchen und ich schon ein Mann; so fand ich vor zehn Jahren meine Schwester Jeanne, als ich nach Vézéris zurückkehrte mit einem Herzen voll Kummer, daß ich mein Regiment verlassen mußte ... Ihre kindliche, noch ganz unwissende Seele nahm mich sofort gefangen! Ich beschloß, daß ich allein ihr den Weg zur Erkenntnis, zum Denken und Wissen erschließen wollte, damit das Beste in mir in ihr zur Entfaltung käme; und ich habe Wort gehalten. Jeanne hat keinen Erzieher, keinen Freund außer mir gehabt; abgesehen von den weiblichen Beschäftigungen, in denen meine Mutter sie unterrichtete, hatte jeder ihrer Gedanken seinen Ursprung in meinem Denken. Ach, Maud! Sie als Kind gekannt zu haben, Sie erzogen und Ihre Entwickelung überwacht zu haben! Sie wären dann vielleicht, nein sicherlich, weniger glänzend geworden, weniger »Königin«, aber ich hätte dann zu jeder Zeit den Schlüssel zu Ihren Gedanken und Träumen gehabt, und ich brauchte nicht an Ihnen herum zu raten, wie an einem Rätsel! »Und doch, kaum habe ich diesem Gefühl des Bedauerns Ausdruck gegeben, so zweifle ich schon an seiner Berechtigung. Was ich an Ihnen so blind bewundert habe, ist vielleicht gerade das Gegenteil von dem, was ich in Jeanne liebe. Gerade Ihre wundersame Königinnenhoheit, die mich ängstlich macht, bezwang mich. Verzeihen Sie mir. Ich habe mich geirrt, habe mir etwas vorgelogen. Ich möchte Sie gar nicht anders haben, als Sie sind. Und Ihre letzten Worte haben mir Vertrauen eingeflößt: die schöne Stunde des Alleinseins, jene seligen Minuten, die ich kurz vor meinem Scheiden bei Ihnen verleben durfte – die Erinnerung daran läßt mich wieder Mut fassen. So unwürdig ich Ihrer auch bin: Sie haben es angenommen, daß ich Ihnen mein Leben weihe. Das ist alles, was ich für den Augenblick von Ihnen begehre. Und wenn ich daran denke, daß Sie mir das erlaubten, überkommt mich die Furcht, daß es nur ein Traum gewesen. »Bitte, schreiben Sie mir. Ich verlange nicht mehr, als was Sie mir schon gaben. Nur darum bitte ich Sie von ganzem Herzen, schreiben Sie mir: »Ich bleibe bei meinem Wort.« Ich bedarf dieses Trostes, um das Leben auszuhalten, bis ich Sie wiedersehe. »Ich denke nur an Sie, ich lebe nur für Sie. Die gänzliche Gleichgültigkeit meiner Seele gegen alles, was nicht mit Ihnen in Berührung steht, erschreckt mich. Es scheint mir, als könnt' ich nichts von dem mehr lieben, was mir früher so liebenswert war. Die Abwesenheit meiner Mutter ist mir gleichgültig; ich habe keine Freude mehr in dem Zusammensein mit meiner Schwester. Die arme Kleine ist untröstlich darüber! Ich fühle mich so entsetzlich einsam im Leben. Wohl bin ich thätig wie früher, ich spreche und arbeite wie sonst; aber ich habe das Gefühl, als wäre ich es gar nicht selber, sondern irgend eine gleichgültige Schattengestalt, die ich handeln sehe, die ich sprechen höre. Um Ihnen das zu schildern, müßte ich über andere Worte verfügen, als sie mir in die Feder fließen, aber Sie verstehen alles, Sie sind klug, und Sie werden mich, trotz meiner unzulänglichen Worte verstehen.« * Paris, März 1893. »Niemals, mein lieber Maxime, habe ich es so sehr wie in diesem Augenblick bedauert, daß ich nicht, wie mein ältester Bruder – der berühmte Paul – Gesetzgeber und Mitglied der Bankadministration bin; dann hätte ich doch jetzt wenigstens eine annehmbare Entschuldigung für die Verspätung meines Briefes ... Der Ihrige verriet mir, obgleich er anscheinend im ruhigen Ton gehalten war, eine nicht geringe Nervosität und Ängstlichkeit; ich hätte ihn früher beantworten müssen. Aber ach! ich werde bis zu meinem Todestage die Bezeichnung verdienen, die mir jetzt seit zehn Jahren anhaftet, »derjenige von den Le Tessiers, der nichts thut«. Verachten Sie mich wegen meiner Unthätigkeit nicht zu sehr, Sie Arbeitsmensch. Ich thue nichts, das ist freilich wahr. Jeder Entschluß kostet mich eine solche Anstrengung, daß ich vierzehn Tage gebrauche, um den Brief eines Freundes, den ich sehr lieb habe, zu beantworten; aber, daß ich so gar nichts thue, ist ursprünglich nur meiner Gewissenhaftigkeit und anständigen Gesinnung zuzuschreiben. Ich habe mich zur Unthätigkeit entschlossen von dem Tage an, da ich einsah, daß es nichts gäbe, was ich besser ausgeführt hätte, als irgend ein anderer beliebiger Mensch. Ein furchtbares »zu welchem Zweck?« hat mich zur ewigen Unthätigkeit verurteilt, oder besser, ich habe mich resignierterweise damit begnügt, einfach Zuschauer zu sein, ein so intelligenter und aufmerksamer Zuschauer wie nur möglich, bei den Handlungen anderer. »Und muß es denn nicht auch Zuschauer geben bei der fesselnden Komödie des Lebens? Waren Sie nicht selber, Sie, der Fremde, davon hingerissen und haben doch nur so wenigen Vorstellungen beigewohnt? ... Ihr Brief, mein Lieber Herr Lieutenant, zittert ja vor Neugierde. Sie wünschen die Fortsetzung des Stückes kennen zu lernen? Ihr Wunsch soll befriedigt werden, ich werde versuchen, Ihnen die begehrte Auskunft zu erteilen, vor allem über das, was Ihnen so sehr am Herzen liegt. »Da muß ich Ihnen denn zuerst erzählen, daß wir – durch ein sonderbares Zusammentreffen, dessen Rätsel Sie vielleicht zu lösen imstande wären – seit Ihrer Abreise von Paris, unsere Freunde de Rouvres fast ebensowenig gesehen haben wie Sie. M me. de Rouvre ist noch immer leidend; ihre Töchter haben ihr Kranksein als Vorwand benutzt, um alle und jede Einladung, sei es zu Mittagsgesellschaften, Bällen oder Theatervorstellungen abzulehnen. Trotzdem habe ich Miß Maud jeden Dienstag gesehen; ich bin an dem Tage Stammgast bei de Rouvres. Dort habe ich auch Ihre Mutter, M me. de Chantel, getroffen, deren Befinden sich zusehends gebessert hat. Sie können ihretwegen, glaube ich, ganz ruhig sein. Miß Maud selber ist noch immer dieselbe königliche Zauberin, wie Sie sie kennen; sie scheint mir im Augenblick ein wenig zerstreut zu sein, als läge ihr nur wenig daran, ihre Zaubermacht zu gebrauchen. Jüngst vertraute sie Paul und mir an, wie sehr sie Paris hasse, wie sehr sie sich sehne von hier fortzukommen. Wir haben uns beeilt, ihr Chamblais zur Verfügung zu stellen; wir bewohnen es selber ja nie, und einen schöneren Aufenthalt kann sie sich in diesem zeitigen Frühjahr doch kaum wünschen! M me. de Rouvre nähme unser Anerbieten gern an, glaube ich, nur müßte sie sich dann entschließen, die so liebgewonnene Freundin, Ihre Frau Mutter, zu verlassen. »Interessiert es Sie vielleicht auch, mein lieber Freund, ein wenig Stadtgeschwätz zu hören? Ich bin freilich in dieser Beziehung nur schlecht unterrichtet, gestehe ich. Aber da Sie mich auffordern, Ihnen etwas über die Menschen mitzuteilen, die Sie in unserm Kreis getroffen haben, so will ich Ihnen schreiben, was mir gerade einfällt. Erfahren Sie also zuerst, daß wir das Glück hatten, während einiger Tage die Herzogin de la Spezzia mit samt ihrer cortina in unserer Mitte zu haben. Das brachte zahlreiche Mittags- und Abendgesellschaften und mail-coach -Fahrten mit sich, bei denen M me. Ucelli und ihre unzertrennliche Cécile, die vom übertriebenen Morphiumgebrauch immer gespenstischer aussieht, beide glänzten. Und ferner: der schöne Suberceaux kompromittiert jetzt die kleine Juliette Avrezac unter den Augen der Mutter, dieser vortrefflichen Dame, die vollkommen gut weiß, wer Suberceaux ist und ihm unter keiner Bedingung die Tochter zur Frau geben würde. Ein anderes Gerücht, das noch überraschender ist, will wissen, daß von einer Heirat zwischen Jaqueline de Rouvres und Luc Lestrange die Rede ist. Die kleine gewandte Schwester der Zauberin soll den verstockten Junggesellen bekehrt haben. Da wird sich Marthe de Reversier die Augen blind weinen, wenn es wirklich der Fall ist. So lauten die Nachrichten von unseren lieben »demi-vierges« . Wenn ich noch hinzufüge, daß der Direktor der Katholischen Gesellschaft kürzlich, durch den Verkauf von amerikanischen Silberminenaktien vor der Baisse, einige Millionen gewonnen hat, und das Fräulein Suzanne Duroy, die Schwester der niedlichen Tiennette, deren Bekanntschaft Sie in Chamblais machten, immer noch in irgend einem unbekannten Lande weilt, daß ihre Mutter sehr krank ist und im Begriff steht, dem Himmel ihre, zwar spät bekehrte, aber äußerst gutmütige Seele zu überlassen – ja, dann hätte ich Ihnen glücklich alle Neuigkeiten mitgeteilt, die sich in dem Teil der Pariser Welt zugetragen haben, in welchem ich lebe. »Ach ja! Während ich diesen Bericht niederschreibe, möchte ich über seine Albernheit, seine Nichtigkeit weinen. Sich vorstellen zu müssen, daß man bald dreißig Jahre alt geworden ist, und daß man den Rest seiner Jugend damit verbringen soll, dem Zappeln all dieser gleichgültigen Marionetten, zuzuschauen: Leuten wie Suberceaux, M me. Ucelli, die kleinen Fräulein de Reversier, Lestrange, Mädchen von der Straße und Mädchen aus den Salons, Börsenschwindler, Klubherren, Theatermütter und – solche Menschen wie ich selbst bin! Ist diese Komödie wirklich so lustig? Habe ich nicht schon genug Scenen gesehen? Ist es nicht schon eine Wiederholung, der ich beiwohne, ohne es zu wissen, und sind die Rollen nicht schon von anderen besser gespielt worden? Ach, lieber Freund, beurteilen Sie mich nicht nach meiner Unthätigkeit oder meinen Vergnügungen, darum bitte ich Sie herzlich! Wenn Sie wüßten, wie oft ich diese Schein-Freunde, diese Schein-Menschen zum Kuckuck gewünscht und den Entschluß gefaßt habe, resolut ein anderes Leben, in anderer Umgebung, anzufangen. Aber zu diesem anderen und besseren »Ich« gelangt man nicht durch eigene Kraft allein. Um das Leben eines Mannes, der mein Alter erreicht hat, zu ändern, ist die Hülfe einer weiblichen Hand nötig. Wo soll ich sie finden, solch eine kleine, starke und gute Hand? Und hätte ich sie auch gefunden, würde sie sich dann die Mühe geben, sich nach der meinen auszustrecken? »... Ich habe Freunde hier, die mich tüchtig auslachen würden, könnten sie hinter mir stehen und über meine Schulter in diesen Brief gucken. Binnen kurzem erwarten sie mich zu einem Mittagessen mit kleinen Dämchen, die noch dümmer und affektierter sind als wirkliche Damen: nachher geht's wahrscheinlich wieder in irgend ein Theater, darauf wird das Essen und Trinken im Kabinet eines Restaurants fortgesetzt und dann – geht man schlafen, jeder wie er's trifft. Ein lustiges Leben, nicht wahr?! »Beklagen Sie mich! Denken Sie an mich und schreiben Sie an mich. Und (dies bleibt ein Geheimnis zwischen uns beiden) sagen Sie mir, ob Ihre kleine sanfte Gefährtin wohl draußen in der Einsamkeit, ihre Freunde in Paris ganz vergessen hat ...« * Paris, März 1893. »... Weshalb, lieber Freund, schicken Sie mir einen Brief, der mich in Verlegenheit setzt, den ich mich fast bemühen muß zu vergessen, als hätte ich ihn überhaupt nicht empfangen und gelesen, um mir nicht die Freude zu rauben, Ihnen antworten zu dürfen? Ich frage Sie ganz ehrlich, wenn Sie entdeckten, daß Hector Le Tessier Ihrer Schwester Jeanne (ich wähle diesen Namen nicht aufs Geratewohl) einen Brief geschrieben hätte, der in ähnlichem Ton gehalten wäre wie Ihr letzter Brief an mich, würden Sie das mögen? Würden Sie nicht finden, daß ein junges Mädchen beanspruchen kann, daß die Neigung eines Mannes zu ihr, sei sie noch so ehrenwert und aufrichtig, sich einen weniger unverhohlenen, einen rücksichtsvolleren Ausdruck ihr gegenüber wählt? ... Gut! ich habe das Recht, dieselben Rücksichten zu fordern wie unsere kleine Jeanne. Selbst in der Welt, in der ich lebe, und die mir nicht besser gefällt als Ihnen, würde es niemandem einfallen, mir diese Rücksichten zu verweigern. Sie bei Ihnen nicht zu finden, würde mir also ganz besonders schmerzlich sein. »Jetzt, nachdem ich Sie ein klein wenig ausgescholten habe, werde ich auf das in Ihrem Brief antworten, was ich lesen wollte und konnte. Sie sagen, daß Sie den Abstand zwischen mir und Ihnen ganz ebenso empfänden, wie den Abstand zwischen Ihnen und dem geringsten Ihrer Hirten. Nun muß ich aber meinerseits gestehen, daß ich mich Ihnen ganz nahe fühle, lieber Freund. So, wie man jeden Punkt seiner heimatlichen Umgebung wiedererkennt, so habe ich in Ihnen sofort die Eigenschaften wiedererkannt, die ich am höchsten schätze: Redlichkeit und Herzensgüte, in Verbindung mit etwas von der Rauheit, die einem ehrlichen Manne so gut steht. Mir sind die nachsichtigen Skeptiker, die resignierten und müden Männer, welche die Herrenwelt unserer modernen Gesellschaft ausmachen, noch mehr zuwider als Ihnen, und Sie können sicher sein, daß ich keinen von ihnen nur eines Gedankens würdigen werde. Zwischen jenen und mir fühle ich den weiten Abstand; mir stehen die Energischen, die Willensstarken, ich hätte beinahe gesagt die Gewaltthätigen, näher. Und was ich an Ihnen so hoch schätze, das ist gerade das ungestüme Feuer, das Ihre Neigungen durchströmt. Bleiben Sie deshalb für mich, was Sie sind. Aber wenn Sie an Ihre Freundin Maud denken, so denken Sie nur an sie. Vergessen Sie, was um sie herum ist; es spielt für sie auch keine Rolle. »Sie kehren ja bald wieder zu uns zurück, mit dem kleinen wilden Vogel von Vézéris, unserer kleinen Jeanne; wir werden Ihnen einen festlichen Empfang bereiten, um Sie mit Paris auszusöhnen und Sie auf einen Augenblick Ihr schönes Vézéris vergessen zu lassen. Seit Ihrer Abreise bin ich nirgends gewesen, auf keinem Ball, in keinem Theater. Mein erstes »Wiederaufstehen« im Gesellschaftsleben soll unter Ihren Augen, in unserem Hause stattfinden. Wir geben am 3. April ein großes Abendfest: musikalische Unterhaltung bis zwölf Uhr; dann wird getanzt und soupiert. Bitte sorgen Sie dafür, daß Sie zur rechten Zeit hier sind! Ich würde es Ihnen nicht verzeihen, wenn Sie fortblieben, und habe doch ein unklares Gefühl davon, wie leicht bei Ihnen noch in letzter Stunde allerlei Bedenken aufsteigen könnten. »Also, auf Wiedersehen, mein Freund! Bis dahin denken Sie an mich, wie ich wünsche, daß Sie an mich denken sollen, mit Achtung und mit Vertrauen. Von ganzem Herzen umarme ich unsere kleine reizende Jeanne, in der ich gerade das aufrichtig liebe, was ich an Ihnen bewundere – alles das, was Sie ihr gegeben haben.« » Maud .« * Vézéris, März 1893. »Es ist abgemacht, liebes Mütterchen, wir reisen übermorgen früh nach Paris! Maxime hat schon alles zur Reise vorbereitet, und ich habe meinen Koffer schon gepackt, so sehr sehne ich mich fortzukommen und Dich wiederzusehen. Es scheint mir eine Ewigkeit, seit ich Dich zuletzt sah. Denke Dir, ich, deren Gedanken doch immer bei Dir sind, ich kann mir Dein Gesicht gar nicht mehr recht vorstellen, oder wenigstens nur ein blasses Bild davon, das sich sofort wieder verwischt, und das ich nicht festhalten kann, wie ich möchte. Es hat mir sehr viel Kummer gemacht. Ich habe darüber weinen müssen, liebes Mütterchen! »Oh wie langweilig waren diese Wochen, die ich hier zugebracht habe, so weit von Dir! Ich habe es Dir gar nicht schreiben mögen, um Dich nicht zu betrüben, aber ich bin so unglücklich gewesen. Maxime ist so verändert! Es ist, als hätte er mich gar nicht mehr lieb! Er spricht kaum mit mir; und wenn ich etwas zu ihm sage, so sehe ich deutlich, daß er gar nicht zuhört! Von Zeit zu Zeit nimmt er mich noch auf den Schoß und küßt mich, küßt mich so heftig, daß es weh thut. Aber seine gute, immer gleichmäßige Liebe von früher ist verschwunden, liebes Mütterchen. Er liebt mich nicht mehr über alles. Er liebt die schöne Maud de Rouvre mehr. Aber weshalb sagt er es uns denn nicht? Ich wünsche mir ja nichts Besseres, als sie ebenfalls lieben zu dürfen, wenn sie ihn liebt und glücklich macht. Und doch, ich will es Dir nur sagen, liebes Mütterchen, fürchte ich mich ein klein wenig vor ihr. Sie ist zu schön, und sie spricht zu gut. In ihrer Nähe fühle ich mich immer ganz beschämt, daß ich nur ein so dummes kleines Ding bin. Übrigens kann ich mit niemandem als mit Dir und Maxime ganz so sprechen, wie mir's ums Herz ist. Und jetzt fängt Maxime auch an mich einzuschüchtern. »Ich glaube, wir sind am 3. April zu einem großen Ball bei de Rouvres eingeladen. Ach, Mütterchen, wie werde ich mich wieder langweilen! Ich mag freilich gern tanzen, das weißt Du, aber – aber in Paris muß man sich auch mit den Tänzern unterhalten, und wenn diese jungen Herren, die ich ja gar nicht kenne, mich anreden, weiß ich nie, was ich ihnen antworten soll. »Hier ist nichts Neues passiert seit meinem letzten Brief. Das Wetter ist noch immer schön, so warm, daß man glauben sollte, wir wären mitten im Sommer. Da fällt mir ein: eine Neuigkeit kann ich Dir doch erzählen. Mathilde Sorbier, Du weißt, die Dienstmagd bei Croissets gewesen ist, und die vor vier Monaten den Joseph Lepéroux heiratete (der Zweitälteste von den Söhnen) hat ein kleines Baby gekriegt. Es ist ein Knabe. Sie ist sehr stolz, daß er so schnell gekommen ist, es scheint etwas sehr Seltenes zu sein, so schnell ein Baby zu kriegen. Dienstag wird er in der Marienkapelle getauft werden. »Lebe wohl, mein liebes Mütterchen! Deine kleine Jeanne schickt Dir zärtliche Grüße und Küsse. Sie ist glücklich, Dich bald wiederzusehen!« II. Das Orchester, welches auf einer Bühne im Hintergrunde der mit illuminierten Büschen und Pflanzen geschmückten Halle Platz gefunden hatte, spielte eben das Finale von Borodines Symphonie in H-moll ; obgleich es noch nicht zwölf war, sah man auf den Gesichtern der Zuhörer doch schon mehr oder weniger den Ausdruck der bei solchen Privatkonzerten üblichen Langenweile. Die Damen, die auf den ersten Stuhlreihen zusammengepfercht saßen, folgten der Musik mit angestrengt aufmerksamen, bewundernden Mienen, mit heißen Köpfen und müden Augen. Die Herren zeigten ungeniert, daß sie sich langweilten. Einige lehnten sich in schlaffem Sich-gehen-lassen an die Thürpfosten, andere wanderten leise in den Gängen umher. Eine kleine Gruppe von überlegenen Rauchern, und einige flirtende Paare, die sich über die Kritik der übrigen Gesellschaft hinwegsetzten, hatten sogar Zuflucht gesucht in den Nebenräumen und Vorzimmern, deren Thüren alle weit geöffnet standen, wo die Beleuchtung weniger blendend und die Luft frischer war. Auf dem Sofa in der kleinen Wohnstube, die Maud sonst als Boudoir benutzte, wo sie ihren privaten Bücherschrank, ihr Klavier und ihren englischen Mahagoni-Schreibtisch hatte, saß Luc Lestrange in einer halb liegenden Stellung allein, mit der rechten Hand unablässig die Spitzen seines blassen Schnurrbarts drehend. Er sah aus, als erwartete er jemanden; er erhob sich jedesmal horchend, wenn der leiseste Laut von nahenden Schritten durch die Thüröffnung des großen Salons zu ihm drang. »Endlich kommen Sie!« rief er aus, als er Jacqueline de Rouvre eintreten sah ... »Wie ich mich nach Ihnen gesehnt habe ... Sie sind heute abend zum Aufessen niedlich,« fügte er hinzu, indem er seinen Blick über das junge Mädchen hingleiten ließ, die halb ernsthaft, halb lächelnd, mit den Spitzen ihrer Finger das weiße Tüllkleid wie eine Menuetttänzerin graziös in die Höhe hob, und vor ihm einen tiefen Knicks machte. Er sah sich um, um sich zu vergewissern, daß sie allein waren; dann schlang er seinen Arm um Jacquelines Taille und versuchte mit seinen Lippen den perlmutterweißen Nacken, der unter den roten Locken hervorschimmerte, zu erreichen; aber sie wand sich schnell und geschmeidig aus seinen Armen, und ehe er sich's versah, hüpfte sie, leicht wie eine kleine Bachstelze, hinter das Klavier. Dort stand sie mit dem einen Fuß auf dem Pedal, und ließ ihre Finger über die Tasten gleiten; dabei beugte sie sich so behende vornüber, daß ihre junge Brust fast entblößt erschien, trotz des hohen Ausschnittes ihres Kleides. »Jacqueline,« flüsterte Lestrange. »Da hilft keine »Jacqueline« mehr, mein lieber Herr!« antwortete sie, indem sie sich auf das Taburett setzte, bereit wieder fortzuschlüpfen, wenn er versuchen sollte, den Angriff zu erneuern. »Man küßt mich auch nicht mehr, weder auf den Hals, noch auf die Wange, noch auf die Arme, man küßt mich überhaupt nicht. Es ist mein erster Abend in langem Kleid... Ich bin eine erwachsene Dame.« Und wie um es festzustellen, daß ihr Kleid nun auch wirklich ein langes sei, legte sie die Beine mit einer so schnellen Bewegung übereinander, daß ihre rechte Wade bis weit hinauf sichtbar wurde. Lestrange stand aufrecht vor ihr und biß sich in die Lippen. »Aber trotz alledem,« sagte sie ... »soll es heute mal erlaubt sein, mich auf die Hand zu küssen.« Sie zog mit einem Ruck den Handschuh aus, und streckte den plötzlich entblößten Arm Lestrange zum Kuß hin. Er berührte mit seinen Lippen erst die Fingerspitzen, dann küßte er langsam und begehrlich das Handgelenk, den Unterarm, bis an den Ellbogen hinauf... Mit halb geschlossenen Augen, den Mund ein wenig offen, stand Jacqueline unbeweglich da, immer noch mit ausgestrecktem Arm; sie zog ihn aber plötzlich zurück, als der Bart die feine Haut der Armhöhle berührte. »Es ist genug für heute,« sagte sie. »Setzen Sie sich dahin, wir wollen hübsch artig miteinander reden.« Sie zeigte auf das Sofa. Lestrange gehorchte. »Wie Ihr Gesicht komisch aussieht, heute abend! Was ist mit Ihnen? Sie machen Augen, wie sie Chantel macht, wenn er mit meiner Schwester spricht.« Lestrange versuchte zu lachen, aber seine Stimme versagte ihm. »Mir ist ... Sie haben mich zum Besten, Jacqueline, wie die anderen übrigens auch. Aber ich gebe Ihnen die Versicherung, ich leide darunter. Wenn ich es Ihnen sage, finden Sie 's vielleicht lächerlich und thöricht, und doch ist es wahr: ich werde eine schreckliche Nacht haben.« »Ach was,« antwortete Jacqueline, mit ihrem Fächer spielend, »Sie werden schon einige Freundinnen kennen, die Ihnen eine schlaflose Nacht versüßen wollen ... Jedenfalls werden Sie leicht etwas Amüsanteres finden als unser kleines Fest.« »Kokotten?« »Kokotten, Schauspielerinnen, was weiß ich, kurzum, Damen für einzelne Herren ... Aber das werden Sie wohl besser verstehen als ich. Oder wollen Sie, daß ich Ihnen Adressen gebe?« »Als ob ich Sie über derartige Damen vergessen könnte,« antwortete Lestrange ernst. »Nun denn, es giebt ja auch wirkliche Damen ... Die kleine M me. Duclerc zum Beispiel. Vorhin noch hat sie sich an Sie herangemacht, mit einer Grazie, na! Oh ja, ich habe es wohl gesehen. Ich sehe alles, mein Herr! Und Sie haben sie um eine Blume gebeten. Da steckt sie ja in Ihrem Knopfloch.« »Ihre Blume? So viel mache ich mir daraus!« Er riß sie los und warf sie auf den Boden. »Eine Frau, die drei Kinder gehabt hat. Ich danke! Das lockt mich nicht.« Jacqueline nahm die Blume auf und entblätterte sie. »Sehen Sie, das kommt davon, von den schlechten Gewohnheiten nämlich,« sagte sie. »Man bildet den Geschmack für junge Mädchen aus, für die noch etwas unreifen Früchte, und dann findet man nicht länger Gefallen an den schönen, reifen.« Ein Paar zeigte sich in der Thür: eine Dame, deren jungfräuliches Gesicht umrahmt war von glattem, in breiten Streifen über die Schläfen gekämmten Haar, und die von einem sehr jungen Herrn, mit langem Haar, und von mittlerer Größe geführt wurde. Als sie sahen, daß das Zimmer besetzt war, zogen sie sich eilig zurück. »Siehe da!« sagte Jacqueline, »unsere arme kleine Duclerc; Henri Espiens entschädigt sie, scheint's, für Ihre Hartherzigkeit.« »Der Romanverfasser? Ein trauriger Märchenprinz. Wenn sie ihn aushält, so mag er sie behalten.« Sie schwiegen. Nach einer Pause hörten sie, von fern her, wie das Orchester das Finale der Borodineschen Symphonie spielte. »Aufrichtig gestanden,« sagte Jacqueline, »wäre ich ein Mann, ich hätte denselben Geschmack wie Sie. Mütter einer zahlreichen Familie, nein, das würde mir keinen Spaß machen. – Ich kenne einige der Mütter, die heute abend hier so schlank und anmutig paradieren, von Dr. Krauß her, von seiner Douche, wissen Sie, und ich möchte wohl das Gesicht des Verführers sehen, wenn die Entschleierung beginnt. Huha! ... Ein junges Mädchen dagegen, frisch und zart, wie ... Madeleine de Reversier zum Beispiel –« »Sprechen Sie mir doch nicht von den andern,« unterbrach sie Lestrange. »Sie wissen sehr gut, daß Sie die einzige sind, die ich mag.« »Daß Sie ›mich mögen‹, glaube ich wohl. Aber Sie ›mögen‹ gerade so gern jede Frau, sagen wir wenigstens jedes junge Mädchen, dessen Sie habhaft werden können. Ja, und wenn es die kleine flache und geschmacklos gekleidete Jeanne ist, so können Sie es nicht lassen, ihre ›Salzfässer‹ mit strahlenden Augen zu betrachten. Bitte, sagen Sie nicht nein! Es ist eine kleine Krankheit, an der Sie leiden, eine ›Nevrosette‹ wie mein lieber Dr. Krauß es so zartfühlend nennt. Ich mache Ihnen deswegen durchaus keine Vorwürfe, mein Lieber, und bin keineswegs eifersüchtig.« Sie amüsierte sich damit, bei jedem Satz einen Kuß auf die zerpflückte Blume zu drücken, die sie zwischen ihren Fingern hin und her drehte. Lestrange murmelte leise: »Sie haben recht ... Aber ich ... ich begehre Sie vor allen anderen!« Unter Jacquelines ironischem Blick wagte er es dieses Mal wieder nicht zu sagen: »Ich liebe Sie.« Sie fragte, indem sie die Blume immer noch dicht an die Lippen hielt: »Es ist also Ihr Ernst?« »Mein voller Ernst.« »Gut. Wenn es Ihr Ernst ist,« antwortete sie ruhig, »so heiraten Sie mich. Aha! Ich dachte es mir! Sie sehen ja ganz erschrocken aus!« »Ich versichere ...« »Ich versichere Sie, ja, Sie sehen erschrocken aus! Aber was haben Sie sich den eigentlich gedacht, mein armer Luc? Nun? Daß ich mich betragen würde wie Madeleine de Reversier, wie Juliette Avrezac und alle die anderen? Nein, nein, mein Lieber, fehlgeschossen. Ich habe die Komödie aus erster Hand kennen gelernt, und ich weiß, was sie wert ist. Man kommt über das Alter hinaus, wo man noch Aussicht hat, sich zu verheiraten und hat meistens nicht einmal ein wirkliches Abenteuer erlebt, das einem wenigstens ein bißchen Spaß gemacht hätte, dagegen höchst wahrscheinlich eine Unmenge von Scherereien. Ich bedanke mich! Ich will mich verheiraten. Und bin ich denn etwa eine schlechte Partie? Was? Ich bin von guter Familie, besitze eine Mitgift von zweihunderttausend Franks, über die ich frei verfügen kann ... Natürlich ist das nicht alle Welt, nur eine Kleinigkeit, aber in unseren schlechten Zeiten doch eine ganz angenehme Kleinigkeit. Ein bißchen leichtsinnig vielleicht? Pah, das ist doch nur meiner grünen Jugend zuzuschreiben, ich werde schon verstehen, mich in acht zu nehmen, wenn ich erst verheiratet bin. Und was das betrifft, intakt zu sein, so können Sie ganz Paris, ja ganz Orleans mit durchsuchen, mein Herr ... Sie werden keine finden, die mehr ... mehr Jungfrau von Orleans wäre als Ihre Dienerin. Selbst mit der kleinen Chantel und ihren Salzfässern will ich es wohl aufnehmen! Lieber Gott! Ich weiß natürlich recht gut, daß die Kinder nicht mit den Störchen kommen, ich bin kein weißes Gänschen, wie unser Freund Hector sagt. Nichtsdestoweniger wird mein Gatte die volle Befriedigung haben als Erster ... die ganze Geschichte einzuweihen.« Sie erhob sich, ließ die Finger abermals über die Tasten des Klaviers gleiten und fügte hinzu, wie für sich: »Und ich bilde mir fest ein, daß die Einweihung durchaus nicht langweilig werden wird.« Von der Halle klangen die immer leiser werdenden Schlußaccorde der Symphonie zu ihnen herüber. Es wurde Beifall geklatscht: dann hörte man das Geräusch vieler Menschen, die sich in die kleineren Salons verteilten. Luc Lestrange blickte Jacqueline an, aber sagte nichts. »Ja, so ist's, mein schöner Freund,« schloß sie ihren Vortrag. »Denken Sie darüber nach und entschließen Sie sich. Entweder heiraten, oder Sie werden von mir nichts erreichen als – das!« Und indem sie ihm die mißhandelte weiße Rose, die ihre Lippen geküßt hatten, ins Gesicht warf, huschte sie davon. Lestrange wollte ihr folgen, wurde aber von dem Menschenstrom, der die Halle verlassen hatte, aufgehalten. Er sah von weitem, wie sie sich an den Arm des Doktor Krauß hing, ein kahlköpfiger Vierzigjähriger, mit einem Zaren-Gesicht, der gelassen diese Gesellschaft von nervösen, zu Grunde gerichteten Menschen, von deren Nervosität er lebte, durch seine Lorgnette musterte. Beim Eingang zur Halle stieß Lestrange auf Paul Le Tessier, der sich mit Étiennette Duroy unterhielt. Sie stand ihm gegenüber, und mit einem Blick, der durchaus nicht väterlich war, betrachtete der würdige Senator den entzückenden Hals des jungen Mädchens. Die beiden Herren drückten sich die Hände. Lestrange fragte: »Jetzt kommen Sie wohl an die Reihe, mein Fräulein! Wir sehnen uns nach einem einfachen Liede nach dieser Sündflut von gelehrter Musik.« Noch zitternd vor Aufregung von dem Gespräch mit Jacqueline, bohrte er seinen Blick scharf in die blauen Augen der kleinen Étiennette. »Nein,« antwortete sie lächelnd. »Noch nicht. Erst wird M me. Ucelli singen, und ich bin sehr damit zufrieden.« »Sie hat das Lampenfieber,« sagte Paul. »Und ganz überflüssigerweise, denn ich wette, sie wird kolossal gefallen!« »Ach, mein lieber Senator,« bemerkte der Maler Valbelle, der sich ihnen angeschlossen hatte, »schweigen Sie nur still. Sie sind ja ebenso mitgenommen, wie die Kleine. Und mit Recht, Sie treten ja heute abend sozusagen auf als Gatte der Debütantin!« Étiennette wurde rot. Le Tessier antwortete nicht; er sah mißvergnügt aus, bot dem jungen Mädchen den Arm und führte sie weiter. »Sie haben sie verletzt,« sagte Lestrange zum Maler. »Weshalb sagen Sie das auch? Sie wissen ja, daß es eine ernsthafte Geschichte ist zwischen den beiden. Man spricht von einer Heirat.« »Ja, das ärgert mich ja gerade!« antwortete Valbelle. »Mit welchem Recht erlaubt sich dieser dicke Politiker das hübsche Mädchen in Beschlag zu nehmen? frage ich. Sie ist wie für uns geschaffen, für die leichtsinnige Erotik, ebenso wie ihre Mutter, die gutmütige Mathilde und die hübsche Suzon, ihre Schwester. Jetzt will man aus ihr eine anständige Bürgersfrau machen, damit sie ihrem dicken Senator treu bleibt. Na, meinetwegen, ich pfeife drauf!« »Thatsache ist,« sagte Lestrange träumerisch, »daß sie heute abend entzückend ist, in dem abstehenden Musselinkleid, den Puffärmeln und dem Zuckerhut-Chignon ... Sie muß den appetitlichsten Körper haben ...« Sie begannen das junge Mädchen durchzunehmen, sie mit plumpen Jockey-Worten zu entkleiden, indem sie sich in Vermutungen über die unbekannten Reize dieser verführerischen Mädchenschönheit verloren. Sie sprachen noch dazu mit lauter Stimme, so daß die Gäste, die auf dem Wege nach der Halle an ihnen vorüberschritten, Bruchstücke ihrer Unterhaltung auffingen. Allmählich glitt ihr Gespräch auf andere Gegenstände über, und es war dann vom Fest, von der Musik die Rede. »Da heißt es nun, daß diese Geschichte heute abend zu dem Besten gehören soll, was man hier in Paris auf dem Gebiete privater Festlichkeiten aufzutreiben vermag. Seit vierzehn Tagen sind ja die Neuigkeitsrubriken unserer Blätter voll von Notizen über die großartige Halle, über das wirkliche Theater hier, über die anmutige, schöne Wirtin des Hauses ... Ich finde, diese berühmte Geschichte ist nichts anderes, als eine gewöhnliche Abendunterhaltung. Was meinen Sie?« »Nun ja,« antwortete Lestrange. »Es werden überhaupt keine schönen Feste mehr gegeben. Wir sind viel zu häßliche Menschen, und alles ist schon zu oft da gewesen. Man ist eben nicht erfinderisch mehr. Aber was die anmutige und schöne Wirtin betrifft, so ist das jedenfalls keine Übertreibung. Sehen Sie sie nur mal an!« Maud stand, auf Maxime de Chantels Arm gestützt, und unterhielt sich mit dem unzertrennlichen Paare, M me. Ucelli und Cécile Ambre. Cécile, in fast geschlossenem, schlichtem Kleide, das Haar in einen niedrigen Knoten gebunden, ungefähr so wie eine Ludwig XVI-Perücke, hatte dasselbe unbestimmbare und beunruhigend zwitterhafte Äußere wie immer; die Italienerin trug ein Empire-Kostüm, die eine Schulter und die halbe Brust entblößt. Maxime war – in einem neuen bei Wasse gemachten Frack erschienen, aber durch kleine Verstöße in der Wahl seiner Wäsche und Stiefel war er trotz alledem sein provinzielles Gepräge nicht los geworden – er sah blaß aus, angegriffen von dem verzehrenden Fieber der Einsamkeit. Er sah nichts, hörte nichts, als die bezaubernde Gestalt, deren Hand auf seinem Arm ruhte, und auf seinem Gesicht, das unfähig war, die Gefühle seiner Seele zu verbergen, strahlte die Freude der sicheren Eroberung. Maud sprach und hörte zu; aber ihre Mienen waren zerstreut, ihre Gedanken abwesend; ihre blauen Augen blickten tiefschwarz, wie sie es immer thaten, wenn ernste Sorgen ihre starke Seele aufregten. Und doch, wie gleichgültig sie auch diesen Abend war gegen die Wirkung ihrer Schönheit, wie fern ihr der Gedanke lag, gefallen zu wollen – sie war trotzdem die Königin in diesem Kreise, von einer anderen Rasse als die übrigen, stolzer, vornehmer und bewußter, geschaffen als Herrscherin über sie zu bestimmen, ihnen die Zügel anzulegen. Von der Spitze ihres ein klein wenig hervorgestreckten Fußes bis zum welligen Helm ihres kastanienbraunen, rotgolden schimmernden Haares war ihre Silhouette in den anmutigsten, feinsten Linien gezeichnet, von jener vollendeten weiblichen Formenschönheit, der gegenüber die Kleidung keine edlere Aufgabe hat, als ihr so nahe wie möglich zu folgen. Maud, die ihre eigene Vollkommenheit kannte, wußte das sehr wohl: ihr blaßgrünes Kreppkleid schmiegte sich liebevoll, wie eine zarte Wasserpflanze, um den weißen Leib einer aus den Wellen entsteigenden Seejungfrau. Und der Hals und die Arme, ohne Schmuck, ohne Band, waren keusch in ihrer blendenden Nacktheit. »Ja,« wiederholte Lestrange, leise für sich, »sie ist sehr schön.« Er schwieg. In seiner Seele stieg die Erinnerung auf an einen der peinlichsten Augenblicke seines Lebens, an jenen Moment des Wahnsinns, der ein Geheimnis zwischen ihm und Maud geblieben war, als auch er an diese stolzen Dianalippen hatte rühren wollen. Die Erinnerung daran durchrieselte seine Sinne, und er zitterte, als ob sein Handgelenk noch unter dem rasenden Biß blutete, der ihn damals gezwungen hatte, das junge Mädchen loszulassen. »Die Ucelli will singen,« sagte der Maler. »Wollen wir hineingehen, es ist der Mühe wert, sie zu hören.« Die Damen hatten ihre Plätze schon wieder eingenommen, und Cécile Ambres männliche Finger schlugen die ersten Accorde an. Wie die Italienerin da stand neben dem Klavier, mit ihrem Gesicht dem Publikum zugewandt, glich sie einer enormen Statue von Fleisch, unanständig durch ihre üppige und schwellende, ungeheuerliche Nacktheit. Sie begann zu singen: ein leidenschaftliches Gedicht von Holmès, eine Anrufung des Éros, des Herrn der Welt. Und plötzlich wurde diese Fleischmasse beseelt, die heilige Flamme der Kunst verwandelte sie. Ihre Augen, ihre Lippen, ihre Bewegungen veränderten sich. So wie sie jetzt da stand, war sie die Hohepriesterin der Liebe, berauscht von Weihrauch, entflammt durch heiße Wohlgerüche, die ihre brennenden, nach Küssen schmachtenden Lippen dem Gotte der schmerzlichen Wollust darbietet, und ihre Arme ihm sehnsüchtig entgegenstreckt in zitternder, angstvoller Erwartung seiner Umarmung. Die Stimme, die einen reinen und schmerzlich bebenden Klang hatte, wie die Töne gewisser alten Violinen, war voller Seele, einer leidenschaftlichen und zerrissenen Seele, und die Klagerufe ihres Gesanges waren wie ebenso viele Küsse, Liebkosungen, Seufzer der Begierde oder Seufzer der Sättigung ... Unter den Zuhörern war keiner, der diese Strophen von Holmès nicht schon unzählige Male gehört hätte: so wie sie jetzt ertönten aber, trafen sie das Ohr wie eine ganz neue Musik, lockten sie das schlummernde Raubtier der Sinnlichkeit, das tief im menschlichen Herzen kauert, ans Tageslicht und machten es unruhig, so daß die Wangen der jungen Mädchen sich rot färbten, die Frauen zitternd aufseufzten, und die Augen der Männer sich entzündeten. Sie schleuderte die Schlußworte: » Éros, erschließe mir Deinen Himmel !« in den Saal hinaus mit einem so schmerzlich schluchzenden, so durchdringenden und leidenschaftlichen Aufschrei, daß es wie ein Beben durch die ganze Zuhörerschaft ging; halberstickte Laute rangen sich unwillkürlich hervor aus mancher zugeschnürten Kehle ... Dann sank sie wie vernichtet um in die Arme des Cécile Ambre und der herbeieilenden Orchesterherren. »Diese Frau,« sagte jemand hinter Lestrange, »singt mit ihrem Geschlecht.« Es war Hector Le Tessier. »Haben Sie bemerkt,« sagte Valbelle, »daß sie während ihres Gesanges ununterbrochen eine und dieselbe Person angestarrt hat?« Lestrange und Le Tessier wandten sich um nach der Richtung, in der die Augen der Sängerin thatsächlich noch immer wie gebannt hinstarrten. Im Hintergrunde der Halle, an die Wand gelehnt, sahen sie Julien stehen, schön wie ein Balzacscher Held, und ebenso gekleidet, unbeweglich, schweigsam und traurig. Beinahe ihm zu Füßen saß Juliette Avrezac, entfernt von der Mutter und den übrigen Damen, ihre Blicke voll zärtlicher, frauenhafter Liebe zu ihm emporhebend. Die ganze zarte Gestalt bot sich ihm liebend an, mit ihren demütigen Augen, ihrem wehmütig verliebten Lächeln, der feinen Nacktheit ihrer Schultern und Arme. »Es liegt immerhin eine Macht darin, so schön zu sein,« sagte Hector Le Tessier vor sich hin. »Wenn hinter dieser Schönheit noch eine männliche Seele steckte – die Welt würde ihm gehören.« In diesem Augenblick näherte sich Jacqueline de Rouvre am Arm des Doktor Krauß den drei Herren. Nachdem sie Lestrange einen kleinen moquanten Blick zugesandt hatte, machte sie Hector ein Zeichen, daß sie ihn zu sprechen wünschte. »Sie müssen sich schon zu mir herabbeugen, mein Herr. Sie sind viel zu groß für meine vertrauliche Mitteilung.« Und mit ihrem Munde am Ohr des jungen Mannes fuhr sie fort: »Jetzt, nachdem Éros der M me. Ucelli definitiv den Garaus gemacht hat, kommt Ihre kleine Schwägerin an die Reihe ... Sie ist entsetzlich bange, die Arme! Verlassen Sie diese Ecke nicht, und fachen Sie die Begeisterung hier an, damit sie lichterloh brennt. Den linken Flügel verteidigt Maxime unter Mauds Kommando: er ist bereit, jeden zu ermorden, der nicht applaudiert.« »Verlassen Sie sich auf mich,« antwortete Hector. Und indem er den Hals und die Arme des jungen Mädchens betrachtete, zeichnete er in der Luft mit schneller Bewegung, wie die Maler es wohl thun, einen Umriß. »Vorzüglich,« sagte er lächelnd. »Wirklich überraschend, das muß ich sagen ... Ich hätte es mir nicht so ... na, so ... wirklich überraschend!« »Sie unverschämter Mensch, Sie!« erwiderte Jacqueline. »Und das was Sie sehen, mein Herr, gehört noch zu dem Magersten an mir. Fragen Sie den Doktor, bitte!« »Fräulein Jacqueline de Rouvre ist diejenige meiner Klientinnen, welche ... mich am meisten ... aufregt,« antwortete der Amerikaner, ohne eine Miene seines phlegmatischen Gesichts zu verziehen. »Da sehen Sie! Das nennt man Doktoren-Liebe! ... Und noch dazu sagt er dasselbe zu uns allen, der gute Doktor!« Sie ließ den Arm des Doktor Krauß los und sprang mit mutwilliger Backfischlustigkeit davon. Der Doktor, der an diese Behandlung gewöhnt schien, blieb wo er war, reichte Hector die Hand und begann ohne jeglichen Übergang ihn wegen einer drohenden Ministerkrise jener Tage auszufragen. Inzwischen war Étiennette auf die Bühne getreten, vom berühmten Pianisten Spitzer geführt ... Weder Hector noch Maxime brauchten das Publikum anzuspornen; man applaudierte sofort, noch ehe sie angefangen hatte zu singen, so eigen und niedlich sah sie aus in ihrem Krinolinenkleide mit der spitz ausgeschnittenen Taille, den weiten Ärmeln und dem runden feinen Gesichtchen, eingerahmt von Seitenlöckchen, und mit dem Zuckerhut-Chignon. Über und über rot vor Aufregung stimmte sie die Guitarre nach den Accorden, die Spitzer auf dem Klavier anschlug, und begann zu singen, während das Publikum in gespanntem, freundlich aufhorchendem Schweigen verharrte. Ihre Stimme, die anfangs etwas unruhig war und vor Angst zitterte, gewann bald ihre Sicherheit wieder und klang, hell und dünn wie sie war, doch rein und gleichmäßig wie Krystall, das von einem Violinbogen berührt wird. Sie sang Romanzen, die von den vibrierenden Klängen der Guitarre und den leisen, gedämpften Tönen des Klaviers vorzüglich begleitet wurden, entzückende alte Romanzen, in denen ein ganzes Zeitalter wieder auflebte, die Zeit von Amy Robsart und Jane Eyre , die Zeit der kleinen Spinette, der Postwagen und der jungen Kavaliere in Kniehosen und hohen Stiefeln ... Ja! der Töne Zauber! Für einen kurzen Augenblick verlieh sie allen diesen blasierten und verlebten Parisern eine lebendige Seele der Kindlichkeit und Kunstbegeisterung, die den Franzosen von 1830–1840 eigen war. Allmählich ergriff diese Stimmung den ganzen Saal; Beifallklatschen und Bravorufe rauschten zu Tiennette hinauf, die Damen warfen ihr Blumen zu, und als sie die Estrade verließ, stritt man sich darum, ihr den Arm zu bieten. Paul Le Tessier erwartete sie in Jacquelines Schlafkammer, die an diesem Abend den Damen als Ankleidezimmer diente. Sie warf sich ihm erregt und freudestrahlend in die ausgestreckten Arme, und er küßte sie auf beide Wangen. »Sind Sie zufrieden?« »Mein liebes Kind, Sie sind ja eine große Künstlerin! Aber ich hoffe, daß diese große Künstlerin niemals dem Publikum gehören wird.« Sie wechselten einen Blick und besiegelten in diesem Augenblick die Zukunftspläne, die sie miteinander verbanden. »Sie sind gut,« sagte das junge Mädchen. »Sie lieben mich aufrichtig, so wie man mich lieben muß. Ich fühle mich so allein ... und es war so schrecklich, hier vor all den fremden Menschen zu singen, während ich an Mama dachte, die krank zu Hause liegt. Aber jetzt müssen Sie gehen ... Sie kompromittieren mich sonst, es kommt jemand.« M me. de Rouvre, die beinahe hübsch aussah in einem schwarzen Sammetkleide, mit Mondschein-Schmelz übersäet, Maud, M me. Ucelli und die beiden Reversiers traten ein, um das junge Mädchen zu beglückwünschen. Paul zog sich zurück. Als er in die Halle trat, begegnete ihm Julien de Suberceaux, der allein herumspazierte. Es waren außer ihm nur wenige Menschen im Saal. Paul war in der überströmend fröhlichen Stimmung, wo das eigene Glück einem die ganze Welt und alle Menschen liebenswert macht. Er drückte Juliens Hand mit freundlicher Wärme, wurde aber sofort abgekühlt, als ihn der gleichgültige Blick des jungen Mannes traf. Kurz darauf hörte er auf dem Wege zum Speisesaal folgendes Bruchstück eines Gesprächs zwischen Espiens und Valbelle, die von Herren aus den Ministerien und Regierungsbureaux umringt waren: »Wissen Sie, was die kleine Duroy ihrem Beschützer Le Tessier sagte, als sie vorhin von der Bühne herunterkam?« »Nein?« »Ach, mein Freund, wäre doch Mama hier! ... Sie, die immer nur auf meine Schwester Suzanne stolz war!« Der Zuhörerkreis brach in ein lautes Gelächter aus. »Ach die gute Mathilde!... Die gute Suzon!« In Paul kochte es auf; er hätte gar zu gern diesen faden Verleumdern einen Faustschlag ins Gesicht gegeben. Er beherrschte sich aber und ging weiter. An wen sollte er sich auch wenden? So war ja nun einmal der Ton in Paris, wo man mit falscher Geistreichigkeit und ohne Barmherzigkeit seinen Nächsten verleumdet, wo jede ehrenhafte Anstrengung verachtet wird, wo man sich freut, wenn es jemandem schlecht ergeht, und diejenigen, die sich herausarbeiten, mit Unwillen betrachtet. »Einerlei,« dachte er. »Ich werde sie heiraten.« Und sein Herz wurde warm bei dem Gedanken, daß er sein liebes kleines Mädchen, die so tapfer und brav war, rächen könnte, indem er diese Kerle zwingen würde, sie mit Achtung zu behandeln. Das Buffett war – nach Mauds Angabe – durch kleine Tische ersetzt worden, die im Speisesaal und im anstoßenden Rauchzimmer aufgestellt waren; die beiden Räume waren durch Dekorationen zu normannischen Wirtshäusern umgeschaffen. Man konnte sich darin zu verschiedenen, traulichen kleinen Gruppen niederlassen und die Diener wie in einem Wirtshause anrufen. »Das ist wirklich der Höhepunkt aller Erfindung im modernen Gesellschaftsleben! Kann man sich etwas Amüsanteres denken, als daß die jungen Mädchen und Frauen sich zu zweien und zu vieren, mit welchen Herren sie wollen, zu Tische setzen können, um ganz ungeniert das Kokottenspiel, das sie so sehr lieben, zu spielen, während Eltern und Ehemänner mit milder Nachsicht zuschauen.« So sprach Hector Le Tessier zu Aaron, dessen runde, kurzsichtige Augen in der lärmenden Gesellschaft nach Maud herumspähten, ohne sie zu entdecken. »Sie haben Fräulein de Rouvre wohl nicht gesehen?« fragte er Lestrange, der vorbeiging. »Ich suche sie gerade. Sie meinen wohl Fräulein Jacqueline, nicht wahr?« »Nein ... Ich meine Fräulein Maud.« »Ach Maud! aufrichtig gestanden, man muß im Besitz Ihrer Unverfrorenheit sein, um sie ihren beiden wachthabenden Leibgardisten abwendig machen zu wollen. Haben Sie sie beobachtet? Sie sind nämlich sehr amüsant anzusehen.« »Ja,« sagte Hector ernst, »amüsant anzusehen. Aber ich fürchte, die Geschichte endet nicht gut. Das Drama, das sich dort vorbereitet, wird weniger amüsant werden, fürchte ich.« Der Bankier, der langsam eine saftige Birne verzehrte, rief: »Drama? Passieren denn heutzutage Dramen in der guten Gesellschaft, darf ich fragen? Heh? Es gibt ja keine Leidenschaften mehr, nur Begierden! Keine Eifersucht, nur Verdruß.« »Ist dieser Gedanke von Ihnen, mein Herr?« fragte Hector sehr ernsthaft. »Ja ... jawohl,« antwortete der Bankier, der die Ironie in den Worten Hectors witterte. Um diese Zeit ging M me. Ucelli zwischen den Tischen umher und trieb die trägen Gäste wieder in die Halle, wo das Konzert fortgesetzt werden sollte. »Herein, herein! meine Damen und Herren! su! su! Ich bitte, herein in den Saal! ... Fräulein Ambre will die fin de siècle- Lieder singen, die sie bei der Herzogin vorgetragen hat ... Schnell, kommen Sie! ... Es ist großartig sage ich Ihnen. Gleich fängt sie an. Aber so kommen Sie doch, schnell!« Von neuem ertönten in der Halle die Klänge des Klaviers. Jeder suchte seinen Platz wieder auf. Von M me. Ucelli begleitet trug die junge Sängerin einige jener trocken-komischen Lieder vor, die nun schon seit fünf Jahren das musikalische Vergnügen von Paris bildeten, und die ohne Zweifel unsere Nachkommen durch ihre mühsam zusammengesuchte und schwerfällige Albernheit in Erstaunen setzen werden. Die Freundin der Herzogin sang die Lieder nach dem üblichen Rezept, mit strammer und steifer Haltung, ohne daß eine Muskel in ihrem Gesicht sich rührte, und fast ohne die Lippen zu bewegen. An passenden Stellen wurde stark geklatscht. M me. Ucelli gab das Zeichen. Fräulein Ambre verbeugte sich nicht, sondern setzte sich ruhig nieder, während die Italienerin auf dem Klavier rauschende Variationen in den Saal hinaus klingen ließ. Es war das verabredete Zwischenspiel. Maud und Jacqueline benutzten es, um diskret zwischen den Stuhlreihen hindurchzuschlüpfen und den jungen Mädchen Zeichen zu geben, daß sie aufstehen und ihnen folgen sollten. »Was bedeutet denn das?« fragte Doktor Krauß M me. de Reversier, die neben ihm saß. »Die jungen Mädchen werden hinausgeschickt. Diese Sitte ist seit kurzem sehr in Aufnahme gekommen. Wenn die gewagtesten Sachen von Bruant oder Félicia Mallet gesungen werden, schickt man die jungen Mädchen fort. Es ist ja auch viel passender, nicht wahr?« »Natürlich,« murmelte der Doktor. Aber er konnte das Lächeln nicht lassen, als er sie hinausgehen sah, seine kleinen konfusen Freundinnen, die fast alle seine Klientinnen waren, und deren Vertrauen er besaß. Jetzt wanderten sie, von den beiden Töchtern angeführt, in die Verbannung, mitsamt ihrer vielseitigen Tugend. Einige jüngere und ältere Herren, anerkannte und privilegierte Verehrer des Jungfrauen-Flirts, folgten ihnen: Lestrange, Hector Le Tessier und der Maler Valbelle, der seine unartigen Bemerkungen in die schwarzen Locken der kleinen Dora Calvell hineinlispelte. Die Auswanderung wurde mit Gelächter und Beifall begrüßt. In der Thür drehte Jacqueline sich um und sagte: »So, jetzt können Sie Ihre kleinen Unanständigkeiten in Ruhe genießen. Die Unschuld ist gerettet.« Von Maud geleitet, zog die lustige kleine Schar von hellen Musselinkleidern, in ihrer Mitte die vier oder fünf schwarzen Herrenfracks, in die kleine Wohnstube hinein, wo Lestrange und Jacqueline vor kurzem während der Symphonie Borodines ihr Zwiegespräch gehabt hatten. Die hier versammelten jungen Damen waren fünfzehn an der Zahl, von denen zehn hübsch waren; die anderen mit Ausnahme von zweien, welche unvorteilhaft aussahen, waren jedenfalls elegant und reizvoll genug, um sich Courmacher erobern zu können. Hier nun eingeschlossen zu sein mit Herren, die ihnen so manchen Abend schlüpfrige Reden ins Ohr geflüstert hatten, während die Töne einer leichtfertigen Musik, die sie sehr wohl kannten, gedämpft zu ihnen hineindrangen, – das erhitzte die kleinen Köpfe noch mehr, es erweckte in ihnen das Verlangen, sich diesen treuen Kavalieren, die sie den verheirateten Frauen mit geheimem Stolz entführt hatten, noch mehr auszuliefern. Maud hatte ihren Arm unter Jeanne de Chantels gesteckt, die von den vielen Lichtern, von der Musik – und vielleicht auch von einigen Tropfen Champagner, die Lestrange ihr vorhin eingeschenkt hatte, – ein wenig berauscht war. Trotz der rührenden Ungeschicktheit ihrer provinziellen Toilette fiel Jeanne de Chantel den Leuten auf durch ihre schöne Figur, ihr schweres, braunes Haar, ihre weiße Haut und ihre großen, frommen Augen. Sie fragte treuherzig: »Weshalb durften wir nicht im Saal bleiben? Was haben sie denn vor da drinnen?« Valbelle griff die Frage sofort auf und antwortete: »Das elektrische Licht wird ausgelöscht, mein Fräulein; die Herren nehmen die Damen auf den Schoß und küssen sie ab nach Herzenslust. So ist es Sitte in allen Pariser Gesellschaften nämlich, aber nur die verheirateten Damen haben die Erlaubnis, dabei zu sein.« »Er scherzt Kind,« sagte Maud und küßte die Stirn des jungen Mädchens, die plötzlich feuerrot geworden war. »Nein, die Wahrheit ist nämlich, man trägt heutzutage mit Vorliebe bei den musikalischen Soiréen Lieder im Straßenjargon vor ... und für uns junge Mädchen ist es viel angenehmer, nicht dabei zu sein.« »Aber es ist ja gar kein Jargon in den Liedern, die heute abend gesungen werden sollen,« wendete Juliette Avrezac ein, die mißvergnügt darüber war, von Julien getrennt zu sein. »Cécile hat mir das Programm erzählt: Héloïse und Abélard , die Droschke , Ronsards Stanzen ... Ich weiß sie alle auswendig.« »Ich auch,« gestand Marthe de Reversier. Und lachend erklärten die anderen, Dora Calvell, Madeleine de Reversier und Jacqueline: »Ich auch! ... Ich auch!« »Ich,« sagte ein ganz junges Mädchen, die Schwester der M me. Duclerc, »ich kenne die Droschke und Ronsards Stanzen , aber Héloïse und Abélard hat mein Bruder mir nie vorsingen wollen ... Das muß bös sein.« »Soll ich es singen?« fragte Jacqueline. »Ja, Ja!« »Schön. So hört denn!« Sie sprang auf den Klavierstuhl und fing an zu präludieren, ehe Maud, der dies mißfiel, sie zurückhalten konnte. Sie betonte die zweideutigen Verse mit einem überraschend talentvollen Vortrag. Die Herren applaudierten das Lied, das in Wirklichkeit einen tieferen Eindruck auf sie gemacht hatte, als sie es sich gestehen wollten. Der Gegensatz zwischen den Unanständigkeiten des Liedes und den jungfräulichen Lippen, die es vortrugen, den Mädchenohren, die dabei zuhörten, ließen in ihren Herzen die leichterregten Wallungen der Begierde aufsteigen. Auch die jungen Mädchen, diese demi-vierges, hatten sich im perlenden Schaum des gewagten Liedes einen Rausch getrunken. Ihr Lachen klang unnatürlich abgebrochen, und sie lehnten sich noch schmachtender an den Arm ihrer Herren. Mit lüstern glänzenden Augen hatte Luc Lestrange sich Jeanne de Chantel genähert. Er paßte während des Liedes auf, welche Wirkung jede Anzüglichkeit auf ihrem reinen und sinnenden Gesichtchen hervorbrachte. Aber das harmlose, wohlwollende Lächeln wich nicht von den Lippen des Kindes. »Der infame Kerl!« dachte Hector, der sie beobachtete. Zum erstenmal hatte er, der skeptisch nachsichtige Betrachter der Laster seiner Zeit und seines Umgangskreises, das Gefühl, wie widerlich diese Rolle des professionellen Frauenverderbers in Wahrheit ist; heute bemerkte er's, weil das Opfer dieser entsetzlichen Pest diesmal eine junge Seele war, die in einer ihm unerklärlichen Weise, fast unmerklich, ihm lieb geworden war. Als Jacqueline unter Bravorufen den letzten Refrain beendet hatte, fragte Lestrange Fräulein de Chantel, indem sein Blick die Augen des jungen Mädchens liebkosend suchten: »Wie gefällt Ihnen die Romanze, mein Fräulein?« »Sehr gut,« antwortete Jeanne naiv und etwas zerstreut, »es ist sehr hübsch ... und Jacqueline hat ausgezeichnet gesungen.« »Ja, nicht wahr? Man kann unmöglich in einer geistreicheren Weise Sachen sagen, die ... unpassender wären.« Jeanne wurde abermals purpurrot; ohne eigentlich recht zu begreifen, was Lestrange damit sagen wollte, ahnte sie dennoch die häßliche Absicht, ihre Gedanken auf verbotene Wege zu führen. Und dieses rief in ihr das Gefühl hervor, welches jedes junge Mädchen bei Liebesworten, die nichts mit aufrichtiger Zuneigung zu thun haben, ergreifen wird: die Angst. Gleichzeitig schämte sie sich, dort mit nacktem Hals und nackten Armen vor diesem Herrn zu stehen; sie fühlte sich unglücklich und einsam. Instinktiv suchte sie eine Stütze, einen Zufluchtsort; sie sah sich um, und zum erstenmal ging es ihr auf, wo und zwischen welchen Menschen sie sich befand. Sie begriff, was in diesen Gruppen von jungfräulichen Toiletten und schwarzen Fracks geflüstert wurde, sie entdeckte die übrigens kaum verheimlichten Liebeleien, die dort getrieben wurden. Die Offenbarung traf sie plötzlich wie ein Blick vom Himmel: ihr war zu Mute, wie vor Zeiten wohl einer christlichen Jungfrau, die, nachdem sie durch einen Schlaftrunk betäubt worden, in einem Hause von Suburra wieder zum Bewußtsein erwacht. Lestrange, der ihre Verwirrung mißdeutete, fuhr fort mit leiser Stimme zu sprechen; er verließ das Thema vom unanständigen Liede, das jedenfalls zu schlüpfrig war für die unwissende Jeanne, und, nachdem er ihr als Übergang einige Komplimente gesagt, versuchte er es mit der Melodie, die er auswendig wußte, weil er sie so oft heruntergeleiert hatte, und die er für ausgezeichnet, ja für unfehlbar hielt, wenn es galt, unter der Maske der Bewunderung und Freundschaft die Nerven eines jungen Mädchens zu erregen und ihre physische Sensibilität zu erwecken. »Mein Fräulein,« sagte er, »haben Sie sich wohl schon überlegt, welche Grausamkeit die gesellschaftlichen Berührungen in Paris mit sich führen? Wir begegnen einander heute abend; der Zufall will, daß wir uns freundschaftlich miteinander unterhalten; ich kann mir für den Augenblick einbilden, daß Sie, die so zart, so schön sind, mir angehörten; ich ahne, welch eine Welt von berückender Zärtlichkeit sich in Ihnen eines Tages entfalten wird ... ich ahne es – aber wir gehen wieder auseinander, vielleicht auf Nimmerwiedersehen ... Und ein anderer wird den Schatz heben: für einen anderen werden sich diese schönen Augen verschleiern, einem anderen wird diese Stirn, diese Lippen angehören, und alles Übrige, dessen Schönheit ich erraten kann, aus dem, was ich gesehen ...« »Mein Herr!« murmelte Jeanne. Sie fühlte, wie sein Blick sie förmlich entkleidete, sie war einer Ohnmacht nahe, aber er fuhr unbarmherzig fort, berauscht von seinen eigenen Worten, in seiner eigenen Falle gefangen. »Dieser Glückliche, ich werde es nicht sein ... aber von Ihnen zu träumen, daran kann mich nichts hindern. Ich sehe Sie an, und ich halte Sie fest; in einsamen Stunden kann mein Traum Sie zu mir zurückführen, wann ich es wünsche. Und wenn Sie mir auch fern sind, so wird all' Ihre junge Schönheit mir dennoch angehören; es wird an Ihnen auch nicht das geheimnisvollste Fleckchen sein, das ich nicht ...« Wie oft hatte er diese weiche, sanft anschmiegende Rede angewendet jungen Mädchen gegenüber, sicher sie darunter wie unter einer Liebkosung erbeben zu sehen? Aber dieses Mal kam er nicht zu Ende damit. Plötzlich stand Hector Le Tessier zwischen ihnen und schnitt ihm kurz das Wort ab. »Mein Fräulein, darf ich Sie zu M me. de Chantel begleiten?« »Ach ja, bitte!« rief sie mit einem Blick voll Dankbarkeit. »Aber, mein lieber Le Tessier, ich muß Sie denn doch ...« fuhr Lestrange auf. Hector sah ihm gerade ins Gesicht. »Ich stehe Ihnen sofort zur Verfügung, mein Herr.« Diese Scene verlor sich im Lärm des Aufbruchs der jungen Mädchen, die unter Gelächter und dem Rauschen von seidenen Kleidern hinauseilten. Das Konzert war zu Ende; in der Halle wurden die Stühle an die Wand gestellt, um Platz zum Tanzen zu schaffen; die Gäste strömten in den Speisesaal und verteilten sich an die kleinen Tische. Jeanne, die vor Gemütsbewegung nicht sprechen konnte, nahm Hector Le Tessiers Arm; durch die beiden Wohnstuben erreichten sie die Halle. Dort kam ihnen Maxime entgegen. »Weißt Du, wo Mama ist?« fragte das junge Mädchen. »Sie hat sich in M me. de Rouvres Zimmer zurückgezogen und ruht sich einen Augenblick aus. Soll ich Dich hineinbegleiten?« »Herr Le Tessier wird so freundlich sein.« Draußen im Korridor waren sie einen Augenblick allein. »Ich danke Ihnen,« sagte Jeanne, und sah mit ihren großen Augen zu Hector auf. »Bitte, gehen Sie jetzt wieder hinein ... Ich danke Ihnen von ganzem Herzen, Herr Le Tessier!« Sie reichte ihm ihre Hand; vorsichtig, bereit sie sofort loszulassen, wenn er den geringsten Widerstand spüren sollte, drückte Hector einen leichten Kuß auf die Spitze des grauen Handschuhs. Als das junge Mädchen verschwunden war, blieb er noch einige Augenblicke in eigentümlich bewegter Stimmung zurück; erst eine sonderbare, kitzelnde Empfindung in den Augenwinkeln brachte ihn wieder zu sich. Er schalt sich nun selber: »Das ist doch zu thöricht! Wahrhaftig ganz bewegt, und das nur, weil ich ein kleines dummes, unschuldiges Mädchen aus den Klauen dieses gemeinen Lestrange gerettet habe! ... Freilich – unschuldig ist sie allerdings. Ein weißeres Gänschen gäbe es wohl schwerlich unter all' den weißen Gänschen.« Trotz der ironischen Worte lachte und sang etwas in seinem Innern, so süß und frohlockend. Als ihm aber darauf die kleine Scene mit Lestrange von vorhin in den Sinn kam, empfand er mit seinem Spürsinn das Komische, das in diesem wohlfeilen Salon-Heroismus lag. »Ein Duell wegen dieses kleinen Mädchens, das ich ja kaum kenne, und die mir in Wirklichkeit vollkommen gleichgültig ist, nein! das wäre denn doch gar zu lächerlich! ... Aber dieser rohe Kerl, der Lestrange, ist mir unglaublich zuwider!« Er trat in die »normannische Schenke« hinein, und stand im selben Augenblick Lestrange gegenüber, auf dessen klugem und sinnlichem Gesicht er ein spöttisches Lächeln sah. »Ich stehe Ihnen zu Diensten,« sagte er. »Mir zu Diensten,« höhnte Lestrange ... »Ein Duell etwa, weil Sie die Kleine eben hinausführten? Ich glaube, Sie scherzen, Le Tessier. Ich fühle mich durchaus nicht beleidigt, kann ich Sie versichern, und habe gar keine Lust mich lächerlich zu machen. Es war mir wirklich ganz neu, daß Fräulein de Chantel Sie ...« »Fräulein de Chantel und ich haben durchaus nichts miteinander zu schaffen,« unterbrach ihn Le Tessier. »Lassen wir sie aus dem Spiel. Übrigens haben Sie recht. Ich habe durchaus keine Veranlassung, Ihnen persönlich an den Kragen zu wollen; ich bin, wie Sie wissen, auch keineswegs prüder als Sie, und ich, notiere die Unschuld unserer modernen jungen Damen nicht zu höherem Preise, als sie es verdient ... Aber gerade, weil sie sehr selten ist, meine ich sollte man sie schonen, wo man sie noch unverfälscht findet. Und eine mehr oder weniger, das wird Ihnen wohl so ziemlich einerlei sein, nicht wahr? Sie haben ja doch genug junge Damen eingeweiht ! ... Eigentlich wundert's mich, wie das Ihnen noch immer Spaß machen kann.« »Mir Spaß machen! Es macht mir weniger Spaß, als Sie denken,« erwiderte Lestrange, der plötzlich ernst und finster geworden war. »Aufrichtig gestanden, ich schere mich den Teufel um all' diese nervösen und anspruchsvollen kleinen Dinger ... Aber wissen Sie, es ist mir notwendig geworden, sie überhaupt einmal in erotische Erregung zu bringen – nachher können sie sich meinetwegen hingeben an wen sie wollen, sich verheiraten, ins Kloster gehen oder Kokotten werden, mir ist das alles ganz egal! Der Doktor Krauß nennt meinen Fall eine »Nevrosette« scheint's. Das Diminutiv ist ganz überflüssig. Ich sage Ihnen, ich leide darunter, bis zur wahnsinnigsten Angst... gerade wie die Monomanen. Eine von den kleinen Hexen hat sich das gemerkt; sie hält mich beim Genick, ich werde sie heiraten müssen.« Es war außer allem Zweifel: dieser Mensch war aufrichtig. Hector wurde durch dieses unerwartete, eigentümliche Geständnis angezogen; er konnte dem interessanten »Fall«, den es enthüllte, nicht widerstehen. »Gut, lieber Freund,« sagte er, »ich bin Ihnen nicht böse!« Und sie drückten sich die Hände, mit jener gleichgültigen »guten Kameradschaft«, die schnell verzeiht und schnell vergißt, welche die Pariser, wo es ihre Laster gilt, miteinander verbindet. »Aber bitte, ein Wort noch,« äußerte Le Tessier. »Es ist mir eigentlich immer ein Rätsel gewesen, daß Sie, mit Ihrem üblen Ruf – den wir ja faktisch alle kennen – von den Müttern überhaupt bei den jungen Mädchen zugelassen werden? Und wie geht es zu, daß die jungen Mädchen sich von Ihnen bethören lassen; sie wissen, daß Sie nicht heiraten wollen, wissen, daß Sie nicht lieben können – wie geht es zu?« »Hm ... die Mütter würden sich gekränkt fühlen, wenn ein Herr, der dadurch berühmt geworden, daß er allen jungen Mädchen den Hof macht, ihre Töchter links liegen ließe. Und was nun unsere lieben kleinen »demi-vierges« (das Wort ist von Ihnen, nicht wahr?) betrifft, so ist das Geheimnis ganz einfach dieses: geben Sie ihnen zwanzig unschuldige Romane zum Lesen, und stecken Sie in den Haufen » den Pförtner der Kartheusen « hinein, so können Sie darauf schwören, daß sie dieses Buch zuerst lesen. Sehen Sie, ich bin ein solches Buch, in seinem Einband von Wasse und Charnet , alle wollen sie mich gelesen haben.« Ein lustiger Walzer, vom Orchester intoniert, schnitt ihr Gespräch ab, und eine Schar vergnügter Tänzer und Tänzerinnen, die vom Speisesaal herüberströmten, drängte die beiden Herren in die aufgeräumte Halle hinein. Die Mütter begannen ihre Plätze längs den Wänden einzunehmen. M me. de Rouvre und M me. de Chantel setzten sich in den Hintergrund des großen Saales unter einem von Draperien und Pflanzen arrangierten Zelt, ein abgesondertes Plätzchen, wo die Frau des Hauses, ungestört von den Tanzenden, sich unterhalten lassen konnte, und dabei gleichzeitig dem Tanzvergnügen zuschauen. Lestrange eilte zu Jacqueline hin, schlang seinen Arm um ihre Taille und zog sie in den Strudel des Tanzes hinein. Während er mit ihr herumwalzte, beugte er seinen Kopf so tief über sie hinab, daß sein rotblonder Schnurrbart ihren rotblonden Nacken berührte; es war nicht leicht zu entscheiden, ob er ihr nur Worte zuflüsterte oder auch einen Kuß raubte. Und man hörte das junge Mädchen im Vorbeifliegen lachen, wie ein girrendes Täubchen. Valbelle, der Dora Calvell untreu geworden, führte Marthe de Reversier am Arm, die bleich wie ein Wachsbild war; ihr langes weißes Kleid berührte kaum den Fußboden, als sie in ihrer schmächtigen Lilienschönheit durch den Saal dahin schwebte. Die kleine M me. Duclerc schmiegte sich in einer wenig psychologischen Umarmung an Henri Espiens. Hector Le Tessier stand unterdessen in einer Ecke des Saales angelehnt an die Thür, mit mehreren anderen nichttanzenden Herren. Er hatte seinen Anfall von großmütigem Zorn schon wieder vergessen und betrachtete mit Wohlbehagen die vorbeitanzenden Paare, gleichgültig den verheirateten Frauen gegenüber, aber um so neugieriger, wenn es zarten, hellen, nur wenig ausgeschnittenen Musselinkleidern und feinen Mädchenköpfchen galt. Er sah sie mit der Anmut ihrer zwanzig Jahre an sich vorüberschweben, alle seine kleinen Freundinnen, deren naive Verderbtheit und wurmstichige Frische ihn amüsierten ... »Jetzt sind sie so recht in ihrem Element,« dachte er. »Seit zwei Stunden hat die Musik unaufhörlich ihre Nerven erhitzt. Erst M me. Ucellis Liebesanrufung, dann Tiennettes sentimentale Lieder und Fräulein Ambres Zweideutigkeiten, die Jacqueline ihnen wiederholte. Vor allem aber haben die leise geflüsterten Bemerkungen der Herren, ihre frechen Blicke, sie gehörig in Aufregung versetzt. Sie sind wohl vorbereitet; ihre Augen glänzen feucht, ihre kleinen Hände zittern. Nun kommt der Walzer ihnen gerade recht ... Ja, sie sind in ihrem Element, die lieben Kleinen ...!« * »Wie geht es Ihnen, mein Freund? Wo stecken Sie denn eigentlich heute abend? Ich habe Sie seit zwei Stunden unter all' diesen Menschen gesucht, ohne daß es mir gelang, Sie zu finden.« Es war Maxime de Chantel. Hector drückte ihm lächelnd die Hand. »Sind Sie nun auch ganz sicher, daß Sie mich gesucht haben? Ich meinerseits habe Sie öfters gesehen, aber ich hatte nicht das Herz, Sie zu stören.« »Ach, mein Freund,« antwortete Maxime, ohne einen Versuch zu widersprechen, »wenn Sie wüßten, wie glücklich ich bin! Kommen Sie ...« Er zog ihn mit sich. Das Bedürfnis, seine Freude mitzuteilen, machte ihn beredt. »Gestern morgen bin ich in Paris angekommen,« sagte er, »und wie Sie sich denken können, fuhr ich, so früh es irgend anging, nach der Avenue Kléber hinaus. Ich war furchtbar unruhig und traurig, ohne zu wissen warum. Ich hatte ein Gefühl, als müßte ich ihr total gleichgültig sein; als würde sie mich wahrscheinlich wie einen ganz Fremden, oder am Ende gar nicht empfangen. Ich versichere Sie, lieber Freund, ich war nahe daran, auf halbem Wege umzukehren; beinahe hätte ich es wirklich gethan.« »Was geht das alles mich eigentlich an,« dachte Hector, der Maxime mit überlegenem Mitleid beobachtete, in das sich aber doch etwas wie Neid mischte. »Aber die Leidenschaft entschuldigt ja alles.« »Trotzdem fuhr ich vor, stieg hinauf und klingelte. Ich wurde angenommen. Ach, mein lieber Freund, ich fand eine neue, eine entzückende Maud, ganz verändert durch die Zurückgezogenheit, in der sie gelebt hatte, während ich fort war, – so schlicht und einfach! so gut! Sie und die liebenswürdige Madame de Rouvre, ja selbst der kleine Schalk, die Jacqueline, empfingen mich, als ob ich zur Familie gehörte. Sie waren mitten in den Vorbereitungen zum Balle, alles ging drüber und drunter, und sie hatten furchtbar viel zu thun. Ich wurde auch gleich in Arbeit genommen, bin auf die Leiter gestiegen, habe Nägel eingeschlagen, kurzum, den Tapezier gespielt. Ach, wie glücklich fühlte ich mich! ... Wir fanden keine Gelegenheit viel miteinander zu sprechen, da wir nie allein waren, aber jedesmal, wenn ich ihre Augen suchte, begegneten sie den meinen mit einem Ausdruck, wie ich ihn liebe, ernst und sanft und gar nicht mehr ironisch, und ich fühlte, so gehörte sie mir.« »Die Circe!« dachte Hector. »Sie hat mir meinen braven Chantel gründlich verändert. Aus dem stolzen Romanhelden hat sie einen galanten Tapezier gemacht. Na, mir kann's gleich sein, aber er gefiel mir früher besser, mit seiner wilden Eifersucht und seinen starken Worten.« Und laut sagte er: »Wie ist es denn mit den ernsten Fragen, lieber Freund? Sind Sie zu einer Verständigung gekommen? Und was hat sie geantwortet? Denn was Sie selber betrifft, so ist ihr Entschluß gefaßt, sehe ich.« »Mein Leben gehört ihr. Sie kann damit machen, was sie will. Ich werde nie eine andere als sie lieben. Aber gestern wurde die Sache nicht berührt.« »Die Situation war wohl auch nicht sonderlich dazu geeignet,« sagte Hector lächelnd. »Solche Dinge pflegt man nicht auf einer Leiter, den Hammer in der Hand, abzumachen.« »Ja, das hat sie wohl auch gedacht. Sie hat unser Gespräch bis heute Abend aufgeschoben. Sie ist aber den ganzen Abend so gegen mich gewesen, daß ich nur ...« Er unterbrach sich plötzlich. Während das Orchester noch immer mit rauschenden Klängen ihr Gespräch übertönte, war in dem Saal selbst eine Art Pause entstanden; die einzelnen Paare zogen sich allmählich vom Tanz zurück. Hector und Maxime kamen näher, um zu sehen, was los war. Maud de Rouvre und Julien de Suberceaux waren während eines Walzers angetreten, und schon nach wenigen Augenblicken hatte die Neugierde und Bewunderung, welche die beiden unwillkürlich immer erregten, besonders wenn sie sich zusammen zeigten, einen offenen Platz um sie herumgeschaffen: sie fegten gleichsam die anderen beiseite, und walzten jetzt in der Ecke des Saales, welche dem Orchester am nächsten war, fast ganz allein auf dem Parketboden herum. Hector beobachtete Maxime; dieser sagte nichts, aber seine Wangen hatten sich plötzlich aschgrau gefärbt. »Der echte Chantel lebt noch, er ist nicht tot,« dachte Hector. »Und so hab' ich ihn lieber: eifersüchtig und wütend.« Maximes Eifersucht bedurfte keiner weiteren Erklärung: die beiden Tanzenden schienen so ganz für einander geschaffen zu sein! Man fühlte, daß sie sich lieben mußten. Doch war ihre Tanzweise durchaus korrekt, keinerlei verdächtige Intimitäten, wie sie sich vorhin Jacqueline, Dora, Juliette Avrezac und die kleinen Reversiers erlaubt hatten. Suberceaux und Maud hielten sich während des Tanzens in passender Entfernung voneinander, sie ruhte leicht in seinem Arm und ihre linke Hand berührte kaum seinen Rockärmel, während die andere nur leicht in der seinen lag. Dennoch war in ihren Bewegungen eine solche vollendete Harmonie, daß sie, trotz der flüchtigen Berührung, miteinander aufs innigste vereint schienen, wie jene geflügelten Insektenpaare, die man an Spätsommer-Abenden gemeinsam fliegen sieht, die sich kaum berühren und doch beide von demselben Lufthauch geschaukelt werden. Ihre Lippen bewegten sich anscheinend nicht, und doch sprachen sie miteinander. »Sind Sie mit mir zufrieden?« fragte Suberceaux mit leiser Ironie. »Nur halb zufrieden.« »Und doch habe ich Ihren Befehl pünktlich erfüllt? Ich habe Sie nirgends gestört.« »Sie benehmen sich aber ganz wie ein schmollendes Kind; Sie ziehen sich absichtlich von den anderen zurück; meinen Sie denn, daß das nicht auffallen würde?« »Wie? Ich habe die kleine Avrezac ja keinen Augenblick verlassen.« »Sie hat Sie nicht verlassen, wollen wir lieber sagen. Die arme Kleine, sie verschlingt Sie förmlich mit den Augen! M me. Ucelli hat sich allein für Sie ganz heiser gesungen. Aber Sie sehen heute abend auch sehr gut aus, mein Freund!« Sie sah ihn so verliebt an, daß eine leichte Blutwelle sein blasses Gesicht färbte. Und während sie in eine Ecke des Saales hineintanzten, drückte er sie unmerklich an sich. »Ich bete Sie an,« flüsterte er. »Mein Leben gehört Ihnen, machen Sie damit, was Sie wollen.« »Und ich liebe Dich! Ich verlange nach Dir!« antwortete sie. »Laß mich gewähren, sei nicht eifersüchtig! Jedesmal, wenn der Zweifel in Dir erwacht, denke an unser Zimmer in Rue de Berne. Nimm Dich aber jetzt in acht! Man beobachtet uns!« Als sie selbst, die ihm die seligsten Augenblicke des Nervenrausches und des Selbstvergessens schenkte, ihn mit eigenem Munde an ihre leidenschaftlichen Liebeszusammenkünfte erinnerte, hatte er einen Moment die Besinnung verloren; sein Arm preßte Mauds Körper an sich mit einer Glut, wie es nur der Liebhaber wagt. Aber nur eine Sekunde ... dann war er wieder Herr seiner Bewegungen. Der Walzer hörte auf. »Führe mich an meinen Platz zurück,« sagte Maud. »Morgen sehen wir uns wieder, es sei denn, daß Étiennettes Mutter kränker werden sollte. Bis dahin, denke an meine Lippen!« Sie brachen den Tanz kurz aber zwanglos ab vor der Laube, wo die Mütter saßen. Julien verbeugte sich vor seiner Tänzerin, die ihm mit einer leichten Neigung des stolzen Köpfchens antwortete. Niemand, nicht der vielerfahrene Hector, nicht der eifersüchtig aufpassende Maxime, ahnten, welche Verabredung dieser kühle Kavalier und diese korrekte Weltdame für den morgigen Tag getroffen hatten. Maud blieb nur wenige Augenblicke bei M me. de Rouvre; während die Musik zu einer Quadrille aufspielte, ging sie allein quer über das Parket des Saales zu Maxime de Chantel hinüber. »Herr de Chantel, wollen Sie die Güte haben, mir Ihren Arm zu reichen?« sagte sie, »und mich in das Garderobezimmer führen. Ich muß Ihre Hilfe für einen Augenblick in Anspruch nehmen.« Er zögerte, aber gehorchte doch, und bot ihr ohne zu antworten den Arm. Sie verließen den Saal zusammen und suchten sich einen Weg durch das Menschengewimmel, bis sie das Garderobezimmer, einen kleinen Raum neben Jacquelines Zimmer, erreichten. »Nein, wir wollen noch weiter gehen. Ich habe Ihnen etwas zu sagen.« Sie ging voran, durch einen kleinen Korridor und eine Schrankkammer. Dann standen sie in ihrem Schlafgemach. Es war ein großes dreifenstriges Eckzimmer mit seltenen, schönen, hellgrün lackierten Möbeln, in deren lichte, seidene Bezüge, große phantastisch hingestreute Blumen gewebt waren. Maxime folgte ihr mit klopfendem Herzen, die Bewegung schnürte ihm fast die Kehle zu. Hier in diesem entlegenen Winkel des Hauses war die Kapelle seiner Gottheit; das durchdringende Parfüm, welches Maud gebrauchte, ein Duft von Ambra und Farnkräutern, mit einer Essenz gemischt, die ihr Geheimnis war, floß hier mit dem Duft ihrer Haare, ihres Körpers zusammen und berauschte den jungen Mann. Hier kleidete sie sich an, dort stand ihr Bett, hier schlief sie. Es ergriff ihn ein Schwindel; er fühlte sich wie ein von starkem Wein Berauschter, der plötzlich an die frische Luft hinauskommt. Und die steife Haltung, die er in dem Anfall von Eifersucht angenommen hatte, verschwand. Maud sagte einfach: »Hier wird es ruhig sein. Niemand wird uns stören. Es würde mir nie einfallen, wie Mama und Jacqueline es thun, mein Zimmer fremden Menschen preiszugeben, und wäre es auch nur für einen Ballabend.« Diese Worte, die ihm so deutlich eine Ausnahme-Stellung einräumten, heilten Maximes verwundetes Herz völlig. Er folgte ihrer Aufforderung, auf einer mit Kissen bedeckten Chaiselongue Platz zu nehmen; sie selbst setzte sich auf einen Stuhl. Ein kleiner Tisch, auf dem eine Menge Toilettengegenstände lagen, trennte sie; auf einem stummen Diener neben dem Bette, brannte eine silberne, in einfachem, vornehmem Renaissancestil gehaltene Lampe mit silbernem Schirm. Sie warf ein ziemlich starkes Licht über einen kleinen Teil des Zimmers, während der übrige in Halbdunkel lag. »Sie sehen, daß ich Wort halte,« sagte Maud. »Ich habe Ihnen ein Gespräch unter vier Augen versprochen; hier sind wir ungestört. Wenn ich dies Gespräch bis heute abend aufgeschoben habe, so glauben Sie nicht, daß das eine Laune von mir gewesen. Ich wollte nicht eher mit Ihnen von den ernsten Sachen, die unsere Gedanken beschäftigen, sprechen, bis wir uns in dieser Gesellschaft getroffen hätten.« »Aber,« ... unterbrach sie Maxime. »Lassen Sie mich ausreden. Wir haben uns ja nicht oft gesehen, da sie aber gleich anfangs Eindruck auf mich gemacht hatten, und ich oft an Sie gedacht habe, ist es mir, als kennte ich Sie schon gut. Sie glauben, mich zu lieben ...« »Ach Maud!« »Der Ausdruck ist Ihnen nicht recht? Gut, ich will einen anderen wählen. Sie lieben mich also – auf Ihre Weise nämlich. Das heißt, Sie haben gleichzeitig ein Gefühl von Erbitterung gegen mich und die Neigung, die Sie für mich empfinden. Sagen Sie nicht Nein. In Wirklichkeit sind Sie wütend darüber, eine Pariserin und eine Weltdame lieben zu müssen, und Ihre Erbitterung wächst, wenn Sie mich in einer Gesellschaft, wie zum Beispiel heute abend, sehen. Als ich vorhin nur einen Walzer mit einem Jugendfreunde tanzte, war das Ihnen schon Grund genug, um wieder an mir zu zweifeln.« Sie hielt einen Augenblick inne, während Maxime bei ihren Vorwürfen beschämt den Kopf senkte. Er kam sich jetzt selbst wie ein Sünder vor, der keine Verzeihung verdient, und diese süße Reue machte ihn unendlich glücklich. »Sie zweifeln an mir, weil ich auf unserem eigenen Balle mit einem unserer Gäste tanze. Und bis jetzt haben Sie noch kein Recht über mich! Wenn ich Ihnen nun dieses Recht erst wirklich gegeben habe, welchen Gebrauch werden Sie dann davon machen? Verstehen Sie, weshalb ich zögere, Sie zu meinem Herrn zu machen?« Maxime antwortete mit leiser Stimme: »Ich liebe Sie ... so sehr, daß Sie sich keine Vorstellung davon machen können. Aber ich habe ein Grauen vor der Gesellschaft, in der Sie leben.« »Vor der Gesellschaft, in der ich lebe? Sie wissen ja, daß ich sie nicht höher schätze, als sie es wert ist. Aber wir sind hier nicht auf einem Rittergute in Poitou, wir sind in Paris, mein Freund, wo ich nur Pariser und Pariserinnen sehen kann. Ist es denn meine Schuld, frage ich Sie, wenn diese Gesellschaft gemischt, und die Mischung trübe ist? Bin ich erst verheiratet, wird meine Lebensweise natürlich von dem Manne abhängen, den ich heirate, wie sie jetzt von meiner Familie abhängt. Aber ich dulde es nicht, daß mein zukünftiger Gatte etwa glaubt, durch die Ehe mit mir etwas zu riskieren, oder sich dadurch in irgend einer Weise herabzusetzen. Ich bin nun einmal so. Vielleicht ist es ein thörichter, übertriebener Stolz – aber ich will, daß derjenige, der mich heiratet, es mit unbedingtem Vertrauen thut. Ich glaube, das kann ich verlangen!« Sie war während der letzten Worte aufgestanden. Ihre brennende Eigenliebe, die durch die ironischen Zweifel der Welt aufgestachelt und erhitzt war, machte sie aufrichtig. Maxime sah ihren stolzen Trotz und kam sich ihr gegenüber erbärmlich vor; der Gedanke fuhr ihm durch den Kopf, daß er sie verlieren könnte; bei dieser Vorstellung erfüllte eine so eisige, so entsetzliche Verzweiflung sein Herz, daß es ihm mit Blitzesschnelle klar wurde, wie notwendig sie ihm geworden war. Er stand ebenfalls auf und stammelte: »Ich habe ja aber nichts dergleichen gesagt, nichts dergleichen gedacht. Ich habe die größte Achtung vor Ihnen, ich glaube an Sie. Ich flehe Sie aus tiefstem Herzen an, ich flehe Sie demütig an: stoßen Sie mich nicht von sich.« »Noch ein Wort,« unterbrach ihn Maud, und ihr Blick hatte noch immer den strengen, traurigen Ausdruck. »Ich sagte Ihnen vorhin: mein Leben als verheiratete Frau wird von meinem Manne abhängig sein. Wenn also mein Mann verlangt, daß ich fern von der Welt leben soll, werde ich gehorchen, aber ich weiß nicht, ob ich mich dann glücklich fühlen werde. Ich bedarf einer gewissen Eleganz und Verfeinerung der Umgebung, eines Milieus, wo ich Kunstsinn und geistreiche Unterhaltung finde ... Ich bezweifle, daß man das anderswo als in Paris haben kann. Wenn ich aber für immer von Paris entfernt würde, käme ich mir wahrscheinlich vor wie in der Verbannung; wie die armen tropischen Vögel etwa, die hier im vergitterten Bauer leben. Ich würde nicht glücklich sein können, und Sie wissen, wenn in der Ehe einer leidet, leidet der andere auch. Bedenken Sie es wohl, mein Freund,« fügte sie langsam und sanft hinzu. Maxime ergriff ihre Hände, die sie ihm überließ. Er beugte sich darüber, und ohne zu wagen sie anzusehen, sagte er mit einer Stimme, die von hervorbrechender Leidenschaft so heftig zitterte, daß auch ihr das Herz davon erbebte: »Ich gehöre Ihnen, ohne Bedingungen, wie Sie wollen! Ich bin Ihr Sklave, Ihr Eigentum. Wenn Sie aber nicht einwilligen können, meine Gattin zu werden, dann sagen Sie es mir lieber gleich, ich flehe Sie darum; ich habe nicht länger die Kraft, in dieser Ungewißheit zu leben. Wenn Sie mich von sich stoßen, muß ich sterben, das fühle ich; aber ich sterbe jedenfalls rasch. So, langsam an der Ungewißheit zu Grunde zu gehen, das ist zu furchtbar.« Er war zu ihren Füßen gesunken, sein eines Knie ruhte auf dem Teppich; sie überließ ihm ihre Hände, die er gegen sein Gesicht drückte; aber sie hob ihn nicht auf. »Ich bitte Sie, sprechen Sie! Ich bitte Sie, sprechen Sie!« Sie antwortete: »Ich verlange, daß Sie an mich glauben, unbedingt, rückhaltlos, wie an Ihre Mutter und Ihre Schwester.« Er wiederholte mit denselben Worten: »Wie an meine Mutter und an meine Schwester.« Dann zog Maud ihn langsam zu sich empor. Er wagte es nicht, sie anzusehen, das Urteil aus ihren Augen zu lesen. Sie fragte: »Ihre Mutter und Ihre Schwester ... haben Sie ihnen von der Möglichkeit einer Ehe zwischen uns gesprochen? Und was sagen sie dazu?« »Meine Mutter und Jeanne sind so schlichte Menschen, daß sie sich ein wenig vor Ihnen fürchten. Vielleicht sind Sie auch erstaunt, daß ich als einfacher Landmann mich in Sie verliebt habe: ich denke mir das nur, sie haben mich nicht gefragt, und ich habe ihnen meine Pläne auch nicht mitgeteilt. Aber ich kann Ihnen die Versicherung geben, daß beide die größte Achtung für Sie empfinden, und daß sie die Frau, die ich zur Gattin wähle, lieben werden.« »Dann lassen Sie M me. de Chantel morgen bei meiner Mutter um meine Hand anhalten. Ich gebe sie Ihnen,« sagte Maud einfach. Als Maxime, überwältigt von dem plötzlichen Glück, stumm und unbeweglich stehen blieb, reichte sie ihm langsam und ernst ihre Stirn zum Kuß. Als seine Lippen sie berührten, erwachte in ihm die Leidenschaft, und er preßte das junge Mädchen an sich, Worte der Liebe und Zärtlichkeit hervorstammelnd ... Dieses Mal schreckte sie nicht zurück, entzog sie sich seiner Umarmung nicht; mit übermenschlicher Kraft beherrschte sie ihre Nerven und Sinne, entsetzt über den Aufruhr ihrer Seele bei diesem einzigen Verlobungskuß, und geängstigt von dem Gedanken, was ihrer künftig wartete, wenn sie sich zwischen ihm und dem andern teilen sollte – trotz alledem aber fest entschlossen, ihren Vorsatz auszuführen. * Sie kehrten in die Halle zurück und gingen in die Laube, wo sich jetzt alle näheren Freunde der Familie versammelt hatten. M me. de Chantel saß neben M me. de Rouvre; die beiden Brüder Le Tessier sprachen mit Tiennette. Hector las sofort auf Mauds und Maximes Gesichtern, was geschehen war. Er bewunderte Maud wegen des Sieges, den sie gewonnen hatte; er beneidete Maxime wegen seiner Niederlage. »Der Gatte einer so ungewöhnlichen Frau zu werden,« dachte er, »wiegt das nicht jahrelange Eifersucht auf, angsterfüllte Monate und den Pistolenschuß, der das Ende vom Liede wird? Glücklich die, welche blind oder verrückt sind!« Maxime ging zu Jeanne hin und küßte sie auf die Wange; dieser Ausbruch brüderlicher Zärtlichkeit machte ihr nun auch alles klar. Hector sah, wie ihr die Thränen in die Augen stiegen, die sie aber sofort zurückdrängte. Paul dagegen bemerkte nichts: er blickte nur Tiennette an; seine Seele war einzig und allein von dem freudigen Staunen erfüllt, das ein vierzigjähriger Mann empfindet, wenn die Liebe ihm unverhofft einen neuen Frühling bringt. »Der gute, alte, dumme Kerl,« dachte Hector mit brüderlicher Ironie und Zärtlichkeit, »ist er nicht ebenso verrückt wie der ackerbauende Vaterlandsverteidiger!« Im Grunde beneidete er ihn ebenfalls. »Bin ich denn wirklich der einzige Standhafte hier?« sagte er zu sich selber, fest entschlossen sich nicht zu sehr in seine eigenen Stimmungen zu vertiefen, und dem wehmütigen Gefühl des Alleinseins, dem sentimentalen Bedürfnis nach Zärtlichkeit, das beim Anblick der vielen Verliebten hier in diesem Ballsaale in ihm aufstieg, nicht nachzugeben. Es war spät geworden. Die Tanzlust schien nachzulassen; es war die Pause, die dem Kotillon vorangeht. Jacqueline und Suberceaux, die ihn anführen sollten, gingen umher und beaufsichtigten das Aufstellen der Stühle. »Nun passen Sie auf,« sagte Hector zu Maxime, »jetzt bekommen wir eine ausgezeichnete Gelegenheit, die Unschuld der jungen Mädchen zu prüfen. Einige von ihnen, so zum Beispiel Dora Calvell, die Schwester der M me. Duclerc und die kleinen Reversiers werden sich mit ihren Tänzern in unzugängliche Winkel zurückziehen. Für sie ist der Kotillon nur ein Vorwand zum ungestörten Flirt ... Diejenigen dagegen, die sich auf die vorderste Reihe setzen und tapfer ihren Platz behaupten, sind artige kleine Mädchen, die gern tanzen wollen. Die muß man, je schneller je besser, heiraten, ehe sie die Winkel aufsuchen, denn früher oder später kommen sie alle dahin!« Chantel lächelte zerstreut; seine Gedanken waren mit anderen Dingen beschäftigt. In diesem Augenblick schritt der Diener Joseph durch die Halle auf Maud zu und sagte ihr flüsternd einige Worte. Als er seine Meldung beendigt hatte, fragte Maud laut: »Sind Wagen unten?« »Jawohl, Fräulein, es sind Wagen da.« »So lassen Sie einen vorfahren, Joseph.« Darauf eilte sie zu Étiennette und flüsterte ihr etwas zu. Étiennette wurde leichenblaß, und ging sofort, von Maud begleitet, hinaus. Paul Le Tessier erhob sich und folgte den jungen Mädchen. Dieser Auftritt, der von keinem der anderen Gäste bemerkt wurde, ließ das Gespräch in der Nähe von M me. de Rouvre einen Augenblick stocken. »Was ist geschehen, mein liebes Kind?« fragte sie Jeanne de Chantel. »Haben Sie es gehört?« »Nein, gnädige Frau. Aber ich glaube, es handelt sich um die Mutter von Fräulein Duroy. Denn als Fräulein Maud ihr etwas zuflüsterte, sagte sie: »Ach, meine arme Mutter ...« »Es werden schlimme Nachrichten sein,« sagte Hector. »Die arme Frau ist nämlich todkrank.« Maud kam wieder zurück. Man fragte sie aus. »Ja, ihre Mutter ... ist sehr krank. Eine Frau, die im selben Hause wohnt, kam, um Étiennette abzuholen.« »Ach!« rief Jeanne de Chantel ... »Wie schrecklich ist das! Gerade während eines Balles! Und das junge Mädchen muß jetzt ganz allein nach Hause? ... Könnten wir sie nicht begleiten?« »Étiennette ist nicht allein,« antwortete Maud. »Sie haben zur Pflege der Mutter ein Dienstmädchen und eine Diakonissin im Hause. Und dann ist die Frau noch da, die sie abholte ... Wir würden ihr nichts nützen können. Sie hat nicht einmal gewollt, daß Paul Le Tessier sie begleitete.« Julien de Suberceaux und Jacqueline erschienen wieder. Sie trug die lustig flatternden Kotillonschleifen, und er schlug die Trommel und schüttelte das Tamburin dazu. Das Orchester intonierte einen Walzer aus der neuesten Operette. Und die ersten Paare fingen an vorzutanzen. Als Julien an Maud vorüber ging, erhob sie sich und hielt ihn an. Leise, doch so, daß Maxime sie hören konnte, sagte sie: »Wir wollen keine Schleifen; Herr de Chantel und ich tanzen nicht.« Aber noch leiser, beinahe lautlos, ohne die Lippen zu bewegen – so wie sie miteinander zu sprechen pflegten, wenn sie sich vor der Welt, ihr zum Trotz, etwas sagen wollten – fügte sie hinzu: »Étiennettes Mutter liegt im Sterben. Unmöglich bei ihr. Morgen früh, in der Rue de la Baume. Ich muß Dich sprechen.« Und Maud setzte sich wieder zu Maxime, der ihr einen dankerfüllten Blick sandte, weil sie seinetwegen auf die Freuden des Balles verzichtete. III. Das Zimmer, in welchem die todkranke Mathilde Duroy lag, verriet dem erfahrenen Beobachter, schon durch die zusammengewürfelte Einrichtung, in der sozusagen die verschiedenen Perioden ihres Lebens abgelagert waren, wie bewegt und unregelmäßig der Lebenslauf der Sterbenden gewesen. Die sehr abergläubische Mathilde trennte sich nämlich nicht gern von Sachen, die sie früher besessen. Während nun die Jahre gingen, und ein wechselvolles Geschick ihr wechselnde Verhältnisse brachte, häuften sich bei ihr die sonderbarsten, verschiedenartigsten Anschaffungen, Geschenke und Erinnerungen. Die unveränderliche Basis ihrer Einrichtung blieb aber ein traurig-banales Plüsch-Meublement mit unechtem türkischen Muster, das sie liebte, das für sie der Inbegriff von Komfort war, und das Étiennette, mit ihrem verfeinerten Geschmack und ihrer ungewöhnlicheren Natur, vergebens versucht hatte, ihr zu verleiden. Auf dem mit blauem Plüsch bezogenen und mit blanken cuivre poli- Sachen dekorierten Kamin, stand in einem schwarzen, ovalen Rahmen unter Glas ein vergilbtes, halb verwischtes Daguerreotyp-Bild einer hübschen, kleinen Konfirmandin, hell und frisch, lächelnd wie eine Weißdornblüte. Jeden Morgen und Abend verrichtete Mathilde ihre Andacht vor diesem Bilde, das sie selbst als unschuldiges kleines Dorfmädchen darstellte. Zwei andere, neuere Photographien schmückten ebenfalls den Kamin, eine auf jeder Ecke. Die eine stellte Mathildens Mutter dar, eine Frau im Kopftuch der Bretonnin, die andere Mathildens Mann, denn Mathilde war mit einem Werkmeister aus Paris verheiratet gewesen. Aus der Zeit ihrer Ehe war ihr nichts geblieben als dieses Porträt und die leichtsinnige Suzon, das Kind des Werkmeisters. Er war jung gestorben, und seine Witwe hatte sofort, sozusagen schon beim Begräbnis, dem die Arbeitgeber des Verstorbenen, reiche Fabrikanten, beiwohnten, einen Tröster gefunden. Ein eingelegter Rokoko-Bücherschrank gab den Stil ihrer ersten Verbindung an. Dann folgten als Reliquien aus kunstsinnigeren Verbindungen drei wundervolle, geschnitzte und vergoldete Fauteuils Louis XIV., mit echten Seiden-Gobelins überzogen, Möbel, wie sie die Fabriken speziell zu königlichen Geschenken anfertigen. Ferner einige amüsante Skizzen, die eine junge Frau mit halbentblößtem Busen darstellten, im Korsett oder Hemd (Mathilde Duroy war wegen ihrer Schultern und Arme berühmt gewesen). Und unten in der Ecke der Skizzen, wie auch auf dem Titelblatt dieses oder jenes Romans, der im Bücherschrank aufbewahrt wurde, konnte man die folgende Widmung, von berühmten Namen unterschrieben lesen: »An die gute Mathilde... von ihrem Freunde.« Die gute Mathilde! Die gute – das war ihr ganzes Leben hindurch ihr Beiname gewesen; es war eine leere, thörichte Güte, die sie von der Verschwendung zum Geiz führte; immer darauf aus, sich ein Vermögen zu sammeln, konnte sie dann plötzlich, der dümmsten Laune folgend, oder auch einem unüberlegten Anfall von Mitleiden, ihre ganzen Sparpfennige über Bord werfen. Was wäre aus ihr geworden, wenn sie nicht die freigebige, anspruchslose Freundschaft des Herrn Asquin gehabt hätte, dem es genügte, wenn er nach Paris kam, dort eine Art von Familie vorzufinden, seine noch ganz hübsche Maitresse und die niedliche Étiennette, die in Picpus eine gute Erziehung genossen hatte, und die ihn Papa nannte. Als der monarchistische Deputierte von Aude plötzlich starb, ohne ein Testament zu hinterlassen, erwachte in der armen Mathilde das Bewußtsein vom Ernst des Lebens. Bisher hatte sie in kindischem Vertrauen dahingelebt, wie es solche Frauen fast immer thun, oder wie sie es wenigstens in der Generation, welcher Mathilde angehörte, thaten – in der jetzigen ist der praktische Sinn stärker entwickelt. Infolge der Gemütsbewegungen zeigte sich eine Herzschwäche bei ihr, an der sie lange gelitten, an die sie aber während ihres lustigen Lebens nicht viel gedacht hatte. Mathilde, die jetzt über vierzig Jahre alt war, wurde krank. Suzanne war damals schon »selbständig« und half der Mutter mit ihrem Gelde dann und wann aus; erst der vernünftigen Étiennette gelang es aber, den Haushalt über Wasser zu halten. Étiennette hatte kurz vor dem Tode ihres Vaters das Kloster zu Picpus verlassen, siebzehn Jahre alt. Am Tage ihrer Geburt hatte der Deputierte, der trotz seines Leichtsinns ein gutherziger und verständiger Mann war, auf ihren Namen siebentausend Franks in eine Lebensversicherung eingezahlt, so daß sie in ihrem zwanzigsten Jahre eine Mitgift von zwanzigtausend Franks erhielt. So war denn die nächste Zukunft gesichert, wenn sie sich vernünftig einrichteten. Während Étiennette ihre Studien am Konservatorium fortsetzte, brachte sie die Verhältnisse der Mutter, deren Zustand keine Besserung in Aussicht stellte, in Ordnung. Sie mietete die kleine Wohnung in der Rue de Berne, und schaffte das nötige Geld für den kleinen Haushalt dadurch herbei, daß sie einige wertvolle Juwelen verkaufte und Geld auf ihre Lebensversicherungs-Police aufnahm. Dem Wunsche ihres Vaters zufolge war Étiennette in einem Kloster erzogen worden; sie kam nur heim, wenn er in Paris war, und hatte also bis dahin nicht viel unter dem leichtsinnigen Leben der Mutter und Schwester zu leiden gehabt. Mathilde Duroys Krankheit und Suzanne Duroys Flucht nach dem Auslande, fielen in die Zeit kurz nach ihrem Austritt aus dem Kloster. Diese wenigen Monate aber genügten, um sie schmerzlich empfinden zu lassen, welche traurige Kehrseite das Leben dieser beiden Frauen hatte. Der Schmerz machte sie reifer und älter. Sie war entschlossen, ihre Frauenehre zu bewahren, und ging ungeschädigt durch die Schule des Konservatoriums, wo so viele junge Mädchen ihre erste Erziehung zur Leichtfertigkeit erhalten. Die Freunde der »guten Mathilde« besuchten diese fleißig während der ersten Zeit ihrer Krankheit. Aber die Frauen, deren Gewerbe es ist, zur Erheiterung und zum Vergnügen zu dienen, verlieren ihre Existenzberechtigung, wenn sie krank werden. Bald waren es nur wenige, die die Treppe in der Rue de Berne hinaufstiegen, und während der letzten sieben Monate, als die Wassersucht Mathilde Duroy dauernd ans Bett fesselte, waren es nur die beiden Brüder Le Tessier die sich noch ab und an bei ihr sehen ließen. Nach und nach hörten Hectors Besuche auch fast ganz auf. Nur Paul kam immer noch. Er war ein ständiger, ja täglicher Gast; aber er kam nicht Mathilde Duroys wegen, es war Étiennette, die ihn anzog. Er, der viel beschäftigte Mann, fand seine liebste Zerstreuung in dem freundschaftlichen Verkehr mit diesem hübschen, jungen Mädchen, das unter keiner elterlichen Aufsicht stand. So zeigte sich bei Mathildens Krankheit der Egoismus der Pariser, ein Egoismus, der sich übrigens immer dann zeigt, wenn sich diejenigen abmelden, deren Aufgabe es ist, andere zu unterhalten – sei es nun ein Künstler oder eine Courtisane. Paul war aber, wie Étiennette damals zu Maud gesagt hatte, nur Egoist auf der Oberfläche, oder besser gesagt, sein Egoismus hatte einen Riß: er hielt nicht Stand gegenüber den Leiden der Menschen, die ihm lieb waren. Wenigstens zwanzigmal bot er dem jungen Mädchen, die er so tapfer gegen die Armut ankämpfen sah, seine Hilfe an. Er versicherte, daß er nicht daran dächte, etwas von ihr dafür zu verlangen, und er meinte es ganz ehrlich; der Bodensatz von Sentimentalität, den die vierziger Jahre im Herzen der Lebemänner an die Oberfläche bringen, wollte sich Étiennette gegenüber bethätigen. Aber Étiennette schlug sein Anerbieten aus, sie wollte nichts von ihm annehmen, gerade weil sie ihn ein klein wenig liebte. Ihre ruhigen Sinne verlangten nicht nach Liebe, aber Paul hatte sie durch seine ausdauernde Treue gewonnen; dadurch, daß er, der gesuchte Lebemann, an jedem Tage Zeit fand, ihr einige Stunden zu widmen. Sie hegte für ihn die Zärtlichkeit, welche keuschen Frauen eigen ist; wenn sie es wünschen, einem Manne ihren Körper hinzugeben, ist es um ihn von ihrer unbegrenzten Liebe zu überzeugen. Und deshalb eben schlug sie es ab, von dem Manne, den sie liebte, Geld anzunehmen, weil sie wußte, wie das Geld die Liebe in den Staub zieht. Paul widerstand dem Zauber dieser uninteressierten Liebe nicht. Er sank tiefer und tiefer hinein; es ist nicht leicht, ihr zu entfliehen, besonders nicht für einen Mann in seinem Alter. Nach und nach konnte er sich gar nicht mehr vorstellen, ohne Étiennette leben zu können; wie aber sie festhalten, wenn er sich nicht mit ihr verheiratete? In Wirklichkeit waren seine Begriffe von der Stärke ihres Widerstandes etwas übertrieben; er ahnte nicht, daß das junge Mädchen, welches nach allem, was sie gesehen hatte, zwar wünschte, als anständige Frau zu leben, doch keineswegs so große Forderungen stellte ... hätte sie ihm gestanden, was heimlich ihr Ziel war: eine angesehene Künstlerin zu werden, die sich ihren Lebensunterhalt selbständig verdiente, um sich dann bedingungslos in freier Liebe dem Freunde hingeben zu können – sein männlicher Egoismus wäre sicher darauf eingegangen. So sagte sie nichts; nicht aus Berechnung, sondern aus aufrichtigem Schamgefühl. Und Paul Le Tessier gewöhnte sich an den Gedanken, daß er sich eines schönen Tages, in nicht zu ferner Zeit, aus dem öffentlichen und gesellschaftlichen Leben zurückziehen und Étiennette heiraten würde. Unmerklich verkürzte er die Zeit immer mehr ... »Weshalb eigentlich warten? Die Mutter hat kaum noch ein Jahr zu leben ... Die Schwester ist verschwunden ...« Zu größerem Heroismus im Gedankengang bringen es selbst die besten in unserer bürgerlichen Gesellschaft nicht. * Als Étiennette vom Ball nach Hause kam, begleitet von der Nachbarsfrau, einer Frau Gravier, die sie abgeholt hatte, war es fünf Uhr morgens, aber noch ganz dunkel. »Es geht Madame etwas besser,« sagte das kleine Dienstmädchen, das aufmachte. »Sie scheint jetzt zu schlafen.« »Ist der Arzt drinnen?« fragte Frau Gravier. »Ja.« Étiennette warf ihren Mantel auf den Stuhl und eilte in die Schlafkammer der Mutter. In der Thür begegnete sie dem Arzt, der von der Krankenpflegerin gefolgt aus der Kammer kam. Es war ein noch junger Mann, kräftig und vollblütig, mit schwarzen, pomadisierten Haaren und schwarzem Bart. Mit wohlgefälligem Kennerblick sah er das hübsche junge Mädchen an, wie sie blond und licht im weißen ausgeschnittenen Kleide da vor ihm stand. »Ist die Dame vielleicht die Tochter von ...?« fragte er die Krankenpflegerin, die bejahend mit dem Kopfe nickte. »Ja, gnädige Frau ... oder Fräulein,« fuhr er mit einem freundlichen Lächeln fort, »ich habe die Kranke untersucht ... augenblicklich liegt sie ganz ruhig ... Aber Sie wissen ja, daß es ein sehr ernster Anfall war ... Das Herz ist stark affiziert ... Es ist mir indessen unmöglich, etwas Bestimmtes darüber zu äußern ...« »Ich bitte Sie, Herr Doktor,« unterbrach ihn das junge Mädchen etwas ungeduldig, »sagen Sie mir ehrlich, wie es um meine Mutter steht. Ist keine Hoffnung mehr? Ich wünsche die ganze Wahrheit zu wissen.« Er besann sich noch einen Augenblick, und sagte dann mit schnellem Entschluß: »Mein Fräulein, ich sehe, Sie sind darauf vorbereitet – nunwohl ja, es ist das Ende. Ich bin überflüssig hier. Es ist hier nichts zu thun, als sich ans Bett zu setzen und die Sache abzuwarten ... Glücklicherweise wird Ihre Mutter nicht schwer zu leiden haben, der Tod wird still und ruhig eintreten. Das ist die Wahrheit, mein Fräulein.« Étiennette blieb stehen, ohne zu antworten. Ein starker Schmerz schnürte ihr das Herz zusammen, aber noch waren ihre Augen ohne Thränen. »Soll ich den Prediger holen?« fragte Frau Gravier. »Ach ja, ich danke Ihnen.« »Ich habe die Ehre ...« sagte der Arzt. Er verbeugte sich, ließ abermals seinen Blick über ihren bloßen, strahlend weißen Hals hingleiten und zog sich zurück. Étiennette trat in die Schlafkammer. * Wie der Arzt gesagt, lag die Mutter ruhig da. Étiennette näherte sich dem Bette, über das eine Lampe, die auf dem Nachttisch stand, ihren hellen Schein warf. Mathilde lag auf dem Rücken; der Kopf und der rechte Arm waren unbedeckt. Ihr Körper, dessen obere Hälfte einen normalen Umfang hatte, war unten so aufgeschwollen, daß es aussah, als hätte man unter der Decke ein unförmliches Federbett über ihre Beine gebreitet. Das Gesicht hingegen war mager und bleich, wie altes, vergilbtes Wachs. Es wurde von einer hübschen, blendend weißen Nachtmütze eingerahmt, unter der einige blonde Haarsträhne hervorhingen, die an den Stellen, wo die künstliche Farbe fortgegangen war, angegraut erschienen. Von Zeit zu Zeit ging ein leises Zittern über ihre Züge, und sie bewegte die Augenlider und die Lippen; ihr ganzes Gesicht nahm dann einen verdrießlichen und feindseligen Ausdruck an, der herzzerreißend anzusehen war. Unartikulierte Laute, aus denen man aber einen schwachen Versuch zu sprechen heraushörte, drängten sich aus ihren halbgeöffneten Lippen ... Das junge Mädchen ergriff die kurze und dicke Hand der Mutter, und beugte ihre Stirn darauf nieder. Die Ringe, die fest und tief um die dicken Finger schlossen, drückten gegen ihre Stirn und thaten ihr weh. »Mama stirbt!« Aber dieser Gedanke hatte ohne Zweifel noch nicht die geheimnisvolle Grenze erreicht, wo Gefühl und Bewußtsein zusammenschmelzen. Étiennette war furchtbar traurig zu Mute, aber die Thränen wollten noch immer nicht kommen. Eine Hand berührte ihre nackte Schulter, und sie wandte sich um. Die Krankenpflegerin und Frau Gravier standen hinter ihr. Sie drehte den Kopf wieder um. »Ich werde nach der Kapelle in der Rue de Turin gehen,« sagte Frau Gravier. »Sie werden jetzt aufgeschlossen haben, es ist bald sechs Uhr. Adieu solange, ich bin gleich wieder zurück.« Sie küßte Étiennette, die schlaff und willenlos dasaß; dann ging sie. Die Krankenpflegerin, eine ältere, magere und brünette, starkknochige Person, sagte: »Ich werde Ihnen beim Ausziehen behilflich sein, Fräulein ... aber wir müssen uns beeilen ... Wenn der Herr Pfarrer sie so sähe ...« Erst jetzt besann sich Étiennette, daß sie noch immer im Ballanzug war. Schnell entledigte sie sich der Taille und des Kleiderrocks, und zog ein Morgenkleid über den weißen Unterrock. Darauf setzte sie sich an das Fußende des Bettes, starrte ununterbrochen die geschlossenen Augenlider der Kranken an und wartete. Die Krankenpflegerin hatte sich wieder auf die Chaiselongue gelegt; eine Zeitlang lag sie und aß Chokoladeplätzchen, dann schlief sie ein. Und Étiennette war froh, mit ihren Gedanken allein zu sein, jetzt, wo die Mutter ihren Todeskampf kämpfte. Denn der Todeskampf hatte langsam begonnen. Die Atemzüge wurden immer beschwerlicher; mit der rechten Hand umklammerte die Kranke krampfhaft die Decke und suchte, schwach und ungeschickt wie ein kleines Kind, sie beiseite zu schieben. Und immer heftiger bewegten die Lippen sich unter ohnmächtigen Versuchen zu sprechen. Was wollte sie sagen? Plötzlich drangen einige deutlichere Laute hervor; Étiennette horchte mit angespannter Kraft. Allmählich meinte sie etwas verstehen zu können, ja, sie unterschied wirklich die beiden Worte »Geld ... tot ...«, welche die zitternden Lippen immer von neuem, zwischen unverständlichen Lauten, hervorlallten. Dann folgten Bruchstücke von Namen: »Étienne ... Suz ...« und in die Namen ihrer Töchter mischten sich Namen ihrer ehemaligen Liebhaber »Maurice ... Asq ... Berly ...« Dann kam ein Satz ohne Sinn. »Sie wollte nicht sagen ... weshalb sie fortging ...« Und wieder lallte die Stimme unverständliche, abgerissene Worte und fuhr damit fort, lange, lange, wer weiß wie lange. Es peinigte Étiennette, daß sie sich eigentlich mehr nervös als bewegt fühlte: »Weshalb weine ich nicht? ... Ich bin ja doch tief betrübt ...« Um sich selber zum Weinen zu zwingen, konzentrierte sie mit Gewalt ihre Gedanken auf den Tod ihrer Mutter. »Ich werde dann ganz allein in der Welt stehen.« Freilich hatte die arme Mathilde während der letzten, langen Monate nicht gerade zur Erheiterung der Heimat beigetragen. Aber dennoch war sie für Étiennette die Familie; es war ihr Fleisch und Blut, die einzige, deren Gedanken ihr von klein auf immer nachgegangen waren. »Ganz allein ... Ich habe niemanden auf der Welt ...« Bei dieser Anrufung der Eigenliebe kamen ihr sofort Thränen in die Augen. »Was wird aus mir werden? An wen soll ich mich wenden?« Paul Le Tessiers Gesicht und Stimme stiegen plötzlich vor ihr auf: »Ach wäre er doch hier! Er wollte mich begleiten, weshalb sagte ich Nein.« Sie fühlte wohl, daß sie, sobald ihre Mutter gestorben war, sich in die Arme dieses Freundes flüchten würde. Sie fühlte, daß sie ihn mit sich thun lassen würde, was er wollte, wenn er sie nur davon befreite, so furchtbar allein zu sein. * »... Oh diese Männer! Nein, ich will nichts mehr von ihnen wissen!« Dieser Satz, den die Sterbende plötzlich, in ihrem wirren Lallen mit lauter und deutlicher Stimme sprach, erschreckte Étiennette dermaßen, daß sie zusammenfuhr, als hätte ein Toter oder ein Geist sie angeredet. Und doch kannte sie die Worte so gut: ihre arme Mutter hatte in verzweifelten Augenblicken des Ekels vor der Sklaverei ihres entwürdigenden Lebens sich oft genug dieser Worte bedient: »Oh diese Männer! ... Nein, ich will nichts mehr von ihnen wissen! ...« Durch das Röcheln des Todeskampfes hindurch kehrte dieser Satz immer wieder, freilich immer abgerissener und unverständlicher, aber Étiennette verstand ihn dennoch, und jedesmal, wenn sie ihn wieder heraushörte, durchzuckte ihr Herz brennende Angst und Scham. »Wenn es nur die Krankenpflegerin nicht hört!« Étiennette horchte; nein, sie schnarchte ruhig weiter. Dann stand das junge Mädchen auf, flüsterte: »Mutter ...« und suchte die krampfhaft geballte Hand der Mutter, die sich auf der Decke unruhig hin und her schob, zu ergreifen. Aber sie ließ sofort mit einem unterdrückten Schrei los, denn die Hand hatte mit krampfhaftem Griff ihre Finger umklammert und ihr die Nägel ins Fleisch gedrückt. Und der entsetzliche Satz kehrte immer, in abgerissenen Silben, wieder: »Oh... die ... se ... Männer! ...« Étiennette kniete am Bett nieder, hielt sich mit den Händen die Ohren zu, um nichts hören zu müssen und begann ein Gebet herzusagen ... Beten? Sie hatte früher jene ganz gewöhnliche, kokette Klosterfrömmigkeit besessen, die so nichtssagend und oberflächlich ist, daß selbst der vageste Deismus oft dem wahren Glauben näher ist. Im Verlauf der letzten zwei Jahre hatte der grausame Windhauch der Wirklichkeit jede Spur von der Religiosität ihrer Klosterzeit hinweggefegt, selbst das Abend- und Morgengebet, die Allergewöhnlichsten religiösen Übungen. Jetzt rief der Kummer, die Angst und die Verlassenheit die frommen Worte wieder auf die Lippen des jungen Mädchens zurück. »Ich bete zu Dir, Du Gnadenreiche! ... Gedenke meiner, Du Barmherzige!... Jungfrau Maria, ich rufe Dich an! ...« und die ungläubigen Hände fanden von selbst die frommen Gesten wieder, den Kuß auf das Kreuz von Daumen und Zeigefinger. Heilige Kraft des Gebetes, die so köstlich ist, daß noch die leiseste Erinnerung daran dem Unglücklichen, der sich ihr anvertraut, Trost zu verleihen vermag! Man hörte draußen Schritte ... Étiennette erhob sich. Ein Prediger war eingetreten, von Frau Gravier begleitet, und während diese mit Hilfe der Krankenpflegerin das Öl zur Darreichung des Sakraments zubereitete, näherte sich der Prediger dem Bette. Er nahm die Hand der Sterbenden, beugte sich über sie und fragte: »Meine liebe Tochter, können Sie mich hören?« Étiennette horchte hin, ebenso wie der Priester: sie unterschied deutlich den Wiederklang des entsetzlichen Satzes, den nur sie verstand: »Oh diese Männer ... Nein, ich will nichts mehr von ihnen wissen!« »Sie haben mich sehr spät rufen lassen,« sagte der Prediger im strengen Ton zu dem jungen Mädchen. Er war klein und mager, mit grauen gelockten Haaren, und trug einen Priesterrock aus feinem Kaschmir. »Gehen Sie ein wenig zur Seite,« sagte er weiter zu dem schluchzenden Kinde. Étiennette ging in die Ecke des Zimmers, wo die Krankenpflegerin und Frau Gravier jetzt niederknieten; auch sie kniete und versuchte zu beten. Der Prediger murmelte die Worte des Rituals: » Misereatur tui omnipotentens Deus ... Indulgentiam, absolutionem et remissionem peccatorum ...« Der singende Flüsterton seiner lateinischen Rede mischte sich mit dem immer heiserer und unverständlicher werdenden Gewimmer der Sterbenden, aber beständig unterschied Étiennette denselben verzweifelten Ausruf, den die Mutter jetzt unaufhörlich und immer schneller hintereinander ausstieß: »Oh diese Männer... Nein, ich will nichts mehr von ihnen wissen!« Die grauenvollen Worte, deren Bedeutung nur sie allein kannte! Sie brannten sich für alle Zeiten in die Seele des jungen Mädchens. Nein, niemals, niemals wollte sie in ein Leben hinein, dessen abscheuliche Knechtschaft mit einem solchen Todeskampf endete. Die Schwäche, die vorhin ihr Herz ergriffen hatte, bei dem Gedanken, wie einsam und verlassen sie in Zukunft sein würde, verschwand. »Nie will ich von einem Manne abhängig sein, nie! Lieber Arbeiterin, lieber Dienstmädchen sein, ja, lieber tot sein!« Als der Priester das Sakrament verabreicht hatte, sprach er ein kurzes Gebet über die Sterbende; dann winkte er Étiennette und ging mit ihr in die Wohnstube hinein. Er sprach zu ihr in einem strengen Ton, als sei er erzürnt darüber, daß sie in ihrem Kummer noch so schön aussah. »War Ihre Mutter eine fromme Christin, mein Kind?« »Ja ... Herr Pfarrer ... ja, das glaube ich ... Wenigstens hat sie jeden Morgen und Abend gebetet.« »Ging sie zum heiligen Abendmahl?« Étiennette besann sich einen Augenblick, ehe sie antwortete: »Nein, ich glaube nicht.« »Wir müssen für sie beten, mein Kind. Gott ist barmherzig, aber wer nicht um seine Gnade bittet, dem gibt er sie nicht.« Er schwieg einen Augenblick, dann fügte er hinzu: »Haben Sie andere Verwandte?« Étiennette errötete so lebhaft, daß der Priester sie verstand, und ihr die Lüge in der Antwort vergab. »Nein, Herr Pfarrer.« Er schien sogar etwas milder gegen sie gestimmt. »Armes Kind!« sagte er. »Der liebe Gott behüte Sie! Sie stehen also jetzt ganz allein in der Welt ... Sollten Tage kommen, wo Ihnen das Leben zu schwer wird, dann kommen Sie zu mir, Rue de Turin. Fragen Sie nach dem Vater Rigny.« Einen Dank hervorstammelnd begleitete das junge Mädchen den Priester in den Korridor hinaus. Als sie durch die Wohnstube zurückging, hörte sie einen lauten Schrei ... Frau Gravier und die Krankenpflegerin lagen schon auf den Knieen und beteten das De profundis . Étinnette sank neben ihnen hin, und dieses Mal weinte sie aus vollem Herzen. Sie blieb liegen, bis Frau Gravier flüsternd zu ihr sagte: »Aber jetzt müssen Sie sich hinlegen und ausruhen, liebes Fräulein. Sonst werden Sie uns auch noch krank.« Sie gehorchte mechanisch. Als sie sich erhoben hatte, sah sie mit Verwunderung, daß die Vorhänge vom Fenster zurückgezogen waren. Der goldene Sonnenschein eines hellen, frohen Frühlingsmorgen strömte in das Zimmer hinein. Mathilde lag mit geschlossenen Augen, und im Tode hatte ihr Gesicht wieder den milden Ausdruck aus den guten Tagen angenommen. * Gegen acht Uhr ungefähr, während Étiennette, von der hilfsbereiten, teilnehmenden Frau Gravier überredet, im Speisezimmer saß und etwas Kaffee genoß, kam das kleine Dienstmädchen Ursule herein und meldete vertraulich: » Die junge Dame ist drinnen in der Wohnstube. Sie kam mit Herrn Paul.« »Die junge Dame,« war der Name, womit Ursule den eleganten und geheimnisvollen, weiblichen Gast zu bezeichnen pflegte, der während der letzten zwei Monate in Suzannes ehemaligem Zimmer ziemlich häufige Stelldichein mit einem eleganten und geheimnisvollen, männlichen Gast gehabt, den Ursule ebenso unbestimmt »den jungen Herrn« benannte. Étiennette errötete, als sie an ihren vorurteilslosen Freundschaftsdienst Maud gegenüber erinnert wurde ... Es war ihr peinlich, Maud in diesem Augenblick zu sehen. Nein, wäre es jetzt gewesen, sie hätte es nie zugelassen! Dieses Ereignis, der Tod ihrer Mutter, und was sie in der Nacht durchlebt hatte, erneuerte in ihr den festen Vorsatz anständig und unabhängig zu leben; es erweckte in ihr eine neue jungfräuliche Keuschheit Dingen gegenüber, die sie bisher als unvermeidlich betrachtet hatte, mit denen sie aber jetzt für immer abschließen wollte. »Was soll ich sagen, Fräulein?« fragte das kleine Dienstmädchen. »Sagen Sie, daß ich sogleich kommen werde.« Sie ging zu Maud und Le Tessier hinein. Beide küßten sie liebevoll auf die Wangen, über die von neuem die Thränen herabströmten. »Liebe, liebe Étiennette!« »Armes Kind!« Sie nahmen Platz, Étiennette setzte sich zwischen sie. Darauf erzählte sie, wahrend die anderen sie ausfragten, in kurzen Antworten, wie die Nacht vergangen war. »Und was willst Du jetzt thun?« fragte Maud. Sie schüttelte mutlos und ratlos den Kopf. »Nun hören Sie, mein liebes Kind,« sagte Paul Le Tessier. »Maud und ich sind darüber einig geworden, daß Sie während der ersten Zeit nach dem Tode Ihrer Mutter, nicht gut hier in der leeren Wohnung bleiben können. Das wäre zu unheimlich und trostlos. Deshalb schlage ich Ihnen vor, – und Maud und M me. . de Rouvre stimmen meinem Plane bei – daß Sie... Nein, nein, seien Sie ruhig,« unterbrach er sich selber, als er sah, daß sie sich sofort bereit machte, ihm eine abschlägige Antwort zu geben. »Ich biete Ihnen durchaus keine Hilfe an, obgleich Sie, wie Sie wohl wissen, über mich wie über einen älteren Bruder verfügen können... Aber die Sache liegt so: M me. de Rouvre wird für einige Zeit nach Chamblais hinausziehen; Maud und Jacqueline begleiten sie und...« »Ja,« unterbrach Maud. »Du begreifst weshalb, nicht wahr? Ich glaube, es ist das einzige Mittel, die Eifersucht eines gewissen Herrn zu beruhigen ... Übrigens bin ich selber Paris so überdrüssig! Willst Du mit uns kommen? Mama und ich sind es, die Dich einladen, Étiennette, also hast Du durchaus keinen Grund, Nein zu sagen.« Étiennette antwortete nicht gleich. Wie ein kluges und erfahrenes kleines Mädchen räsonnierte sie folgendermaßen: »Es ist klar, Paul denkt im Ernst daran, sich mit mir zu verheiraten ... Und Maud fürchtet Suberceaux, wenn sie in Paris bleibt. Der Aufenthalt auf Chamblais kommt also ihnen beiden zu statten. Ja, und mir kommt er auch recht; jedenfalls bin ich ihnen dankbar, daß sie an mich gedacht haben.« Sie küßte Maud: »Ich nehme Deine Einladung mit Dank an.« Und als Paul sie darauf liebevoll in die Arme schloß, fühlte sie sich plötzlich so gestärkt durch seine Umarmung, daß sie mit zärtlicherem Gefühl für ihn als je zuvor dachte: »Er hat mich wirklich lieb ... Es thut so gut, von jemandem geliebt zu werden! ... Der gute Freund!« IV. Julien de Suberceaux hatte auf Mauds Befehl den Ball gleich nach dem Kotillon verlassen. Sie hatte ihm im Vorbeigehen folgende kurze Order gegeben: »Gehen Sie so früh wie möglich nach Hause. Ich werde nicht auf mich warten lassen ...« Sie wußte, daß er einem solchen Versprechen gegenüber gehorchen würde. Er ging zu Fuß zurück, die großen Avenuen hinunter, die in den frühen Morgenstunden so friedlich sind, wie die Alleen eines Parks. Sein Herz, das von der Ballnacht her mit finstrer Bitterkeit erfüllt war, Maud so nah und doch so fern zu sein, widerstand nicht der siegreichen Freude des strahlenden Morgenrots. Welcher junge Mann, der eine Frau liebt, und sich wiedergeliebt weiß, kann an einem schönen Frühlingsmorgen sich einer traurigen Stimmung hingeben? Er dachte: »Sie kommt zu mir ...« und der Gedanke daran brachte wie jedesmal sein Herz und seine Sinne in solch zitternde Bewegung, daß alle Sorgen schwanden und nichts als dieser Gedanke blieb. Das kleine stille Haus lag noch im ruhigen Morgenschlummer der vornehmen Straßen, als er heimkehrte. Die Läden vor den Fenstern waren geschlossen, die Vorhänge herabgelassen und auf den geräuschlosen Treppen brannte das Licht hinter matten Kuppeln. Auch in seinen Zimmern herrschte nächtliche Stille: er mußte seinen Diener wecken, der im Vorzimmer, mit einer Decke zugedeckt, auf dem Sofa lag und schlief. »Zünden Sie das Gas in meinem Toilettenzimmer an, Constant; bringen Sie warmes Wasser und machen Sie mir ein Bad zurecht.« »Will der Herr zu Bett gehen?« »Nein ... ich weiß noch nicht ... thun Sie vorläufig, was ich Ihnen gesagt habe.« Constant nahm den Stock, den Pelz und den Hut seines Herrn, ging dann voraus in die Wohnstube, die vom Scheine eines glimmenden Kohlenfeuers erleuchtet wurde, und schickte sich an, die Fenster aufzumachen. »Was wollen Sie?« »Ich wollte hier etwas lüften.« »Nein ... machen Sie nirgends auf ... Zünden Sie hier auch die Lampen an.« Die trauliche, besänftigende Halbdämmerung, in der er sein Heim fand, that ihm wohl. Er wollte sie genießen, bis die Geliebte kam. Einige Minuten später stand er allein in seinem Toilettenzimmer. Er benutzte die Hilfe Constants bei seiner Toilette nie: er hegte den instinktiven Abscheu vor männlicher Berührung seines nackten Körpers, die sonderbare Scham, von Männern nackend gesehen zu werden und Männer nackend zu sehen, die denjenigen eigen ist, für die das Weib das Höchste im Leben ist. Es gab nur einen männlichen Körper, dessen harmonische Linien, dessen matte Bernsteinfarbe und geschmeidige Bewegungen er zu betrachten liebte, und das war der Körper, der sich in diesem Augenblick, überrieselt von dem lauen Regen des Sturzbades, im großen Spiegel zeigte, der die ganze eine Wand seines Toilettenzimmers einnahm: es war sein eigener. Er pflegte diesen Körper mit peinlicher Sorgfalt, widmete seinem äußeren Menschen eine so verfeinerte Pflege, daß andere Männer, wenn sie es sehen oder davon hörten, darüber entrüstet sein würden, und darin einen Beweis von unmännlicher Schwäche sehen; das ist aber durchaus nicht der Fall, denn Schönheitssinn und das Bestreben, seine physische Kraft zu entwickeln, sind gerade sehr häufig vereint. So war es auch mit Julien. Die quasi-chirurgische Sammlung von Feilen, Pincetten, Scheren, allerlei Bürsten und Schildpatt-Kämmen mit goldeingelegten Namenszügen, die auf zwei Tischen ausgebreitet lagen; die komplizierte, elegante Badeeinrichtung, deren Nickel und Messing im Licht der Gasflammen strahlte; das feine, gestickte vielfarbige Leinenzeug, vom Frisiermantel bis zu den Nagelservietten; die zahllosen, geschliffenen Krystallflacons mit den silbernen Kapseln – dieser ganze Apparat, dessen Bestimmung es war zur Pflege eines männlichen Körpers beizutragen, konnte natürlich zu manchem boshaften Gerede Veranlassung geben, und viele Männer hätten, wenn sie es gesehen, ausgerufen: »Welch ein weibischer Mensch!« Und dennoch war keiner tüchtiger, was Leibesübungen und Sport betraf, als gerade dieser weibische Mensch, niemand mutiger einer Pistole oder einem Degen gegenüber. Anmaßend und herausfordernd Männern gegenüber, ließ er sich nur von Frauen leiten und beherrschen. Angethan mit einem wollenen Morgenanzug darunter ein seidenes Hemd, ging er durch das Schlafzimmer in die Wohnstube zurück; auf dem Wege bückte er sich nach ein paar Hanteln, die am Fußende des Bettes lagen, machte damit einige regelmäßige Übungen, fand, daß seine Muskeln in Ordnung waren und freute sich über ihre Geschmeidigkeit. Drinnen im Wohnzimmer sah man, als die Lampen angezündet waren, eine bunte Auswahl von Nippes und Kunstsachen, und viele schöne Möbel. Julien zog die Uhr auf: fünf Minuten nach acht. Er klingelte dem Diener. »Der Herr wünschen?« »Constant! Madame kommt in wenigen Minuten. Setzen Sie den Samovar und eine Schüssel mit Kuchen in das Speisezimmer. Wenn Sie das gethan haben, gehen Sie in Ihre Kammer und bleiben Sie dort, bis ich klingle.« »Bald kommt sie ...« Er versuchte sich ihre Gestalt vorzustellen, wie sie in wenig Augenblicken durch die grüne Portiere dort hineintreten würde ... Aber nein, auf diesem Hintergrunde wollte ihr Bild sich nicht mehr hervorzaubern lassen ... Wenn er sie sich jetzt dachte, war es in einem einfachen Hause in der Rue de Berne, drei Treppen hoch. Durch den Korridor ging der Weg in ein Eßzimmer und von dort in ihr Versteck hinein, das ehemalige Zimmer von Suzon, das Maud umgeschaffen hatte, und dem sie mit ihrem eigentümlichen Schönheitssinn das Gepräge ihrer Persönlichkeit gegeben. Hier hatte er sie von dem Tage an, wo Chantel abgereist war, bis zu seiner Rückkehr fast regelmäßig alle zwei Tage gesehen, zuweilen auch mehrere Tage hintereinander. Denn Maud wußte, daß sie dadurch ihre Herrschaft über ihn am sichersten aufrecht erhielt, und übrigens hatte sie selber unmerklich das Bedürfnis nach immer häufigeren Liebkosungen empfunden. War sie denn seine Geliebte? Keineswegs. Wie alle stolzen Menschen, die einen theoretischen Kampf wider die Gesellschaftsordnung führen, hatte sie mit gewissem Rechtlichkeitsgefühl sich selber eine Grenze gesteckt, die sie nicht überschreiten wollte. Sie behielt dem Manne, der ihr seinen Namen und sein Vermögen geben wollte, ihre letzte, höchste Gunstbezeugung vor. In ihrer hochmütigen Überlegenheit dachte sie: »Und selbst unter diesen Bedingungen wird Julien doch stets mein Schuldner bleiben! ...« Übrigens fanden beide Befriedigung in ihrem eigentümlichen Liebesverhältnis, und sehnten sich nicht nach etwas anderem. Maud nicht, weil sie, trotz allem unwissend war. Und ihr Liebhaber? Er erwartete bei jeder neuen Zusammenkunft sie ganz besitzen zu dürfen, aber waren sie erst zusammen, fand er vollkommene Seligkeit in den Liebkosungen, die sie ihm gewährte und verlangte nichts anderes. So hatte er während der Monate Februar und März in einer Art von beständigem Liebesrausche gelebt, der ihn jeden Gedanken an die Zukunft vergessen ließ. Träumend, mit geschlossenen Augen, lag er dort, allmählich in Schlaf versinkend ... In die wollüstigen Phantasien mischten sich langsam häßliche Erinnerungen ein, eifersüchtige Gedanken nagten an ihm und ein bitteres, kummer- und haßerfülltes Gefühl preßte ihm das Herz zusammen. Ohne sie leben? nein ... er konnte, er wollte es nicht ... Dann lieber gar nicht leben ... Die Sonne nicht mehr sehen ... nicht die hellen Morgen ... nicht die schönen, schneeweißen Wintertage ... nicht die strahlenden Pariser Abende... Alles verschwamm in Nebel, verwirrt und undeutlich. Er versank in das tiefe, traumhafte Dunkel, wo die Verzweifelten Vergessenheit für ihre Leiden suchen. Aber selbst im Dunkel des bewußtlosen Schlafes wich der Schmerz nicht von seinem schwer bedrückten Herzen ... Dann plötzlich war es ihm, als steige er vom tiefsten Abgrund des Dunkels hinauf zur Klarheit des Lebens; das Herz wurde ihm plötzlich so leicht; ein Gefühl der wunderbarsten Seligkeit durchströmte seinen Körper, und dieses unnennbare Wohlbefinden wuchs und wuchs ... Er öffnete die Augen halb, der Traum hatte eine bestimmte Gestalt angenommen: Maud stand neben ihm; sie hatte ihre entblößte Hand auf seine Stirn gelegt. Schnell richtete er sich in die Höhe. »Sie sind hier! ... Verzeihen Sie! ... Ich hatte mich dort ein Weilchen ausgestreckt, und ich glaube, ich habe geschlafen. Aber während des Schlafes fühlte ich Ihre Nähe, und sie that mir so wohl!« »Das habe ich wohl gesehen,« antwortete sie. »Als ich kam, hatten Sie böse Träume, Ihr Gesicht war ganz verzogen. Da legte ich meine Hand auf Ihre Stirn und leitete Ihren Traum, wohin ich wollte ... zu mir!« Sie neigte ihre frischen Lippen auf seine Stirn herab, zog sich aber zurück, als er sie in seine Arme schließen wollte. »Weshalb machen Sie noch immer Nacht, mein Freund? Wissen Sie, daß es nach neun Uhr ist? Schnell öffnen Sie mir die Fenster dort!« »Ach Maud!« bat Julien. »Ich hab' diese Beleuchtung so gern ...« »Nein, nein! schnell aufgemacht! ... Sehen Sie denn nicht,« fügte sie lächelnd hinzu, »daß mein Anzug gar nicht für Lampenbeleuchtung paßt?« Hinter ihrer heiteren Rede versteckte sich allerdings ein weibliches Unbehagen, sich hier in diesem abendlich beleuchteten Zimmer in Morgen-Promenadenanzug zu befinden: ein blaues, schweres und glattes Cheviotkleid, mit Sammet besetzt, dazu ein blaues Astrachan-Barett mit weißem Schleier. Julien gehorchte widerstrebend. Er öffnete die beiden Fenster und stieß die Läden auf, während Maud die Lampen ausschraubte. Das Tageslicht strömte hell und blau herein und verscheuchte den geheimnisvollen Nebel- und Lichtschein, der um die Lampenkuppeln schwebte. »Schön,« sagte Maud. »Und jetzt setzen Sie sich zu mir. Ich habe Ihnen vielerlei zu sagen. Erstens, daß Mathilde Duroy gestorben ist.« »Ach, wie unangenehm, wir können also nicht mehr ...« »Heute morgen, um sieben Uhr ungefähr, starb sie. Sie hatte das Bewußtsein schon verloren, als nach Étiennette geschickt wurde. Paul Le Tessier und ich gingen um acht Uhr hin; der brave Paul war wirklich so mitgenommen, als hätte ihn Mathildens Tod zum Witwer gemacht.« Julien, der nur von einem einzigen Gedanken besessen war, fragte: »Sollen wir uns denn künftig hier treffen? ... Oder soll ich mich nach einem anderen Ort umsehen?« »Sie sind ein Kind!« unterbrach ihn Maud, und reichte ihm ihre Hände zum Kuß. »Man kann mit Ihnen gar nicht ernsthaft reden. Sie hören ja gar nicht auf das, was ich Ihnen erzähle.« Sie saß einen Augenblick ganz still neben ihm, ihre Augen suchten dem Blick ihres Geliebten auszuweichen. Darauf fügte sie in einem ungewöhnlich müden Ton hinzu: »Seien Sie gut gegen mich! Wenn Sie wüßten, wie nervös ich heute bin!« Sie legte ihren Kopf an Juliens Brust, und aus einem weiblichen Bedürfnis sich liebevoll gegen den schwachen Freund zu zeigen, dem sie so großes Herzeleid zufügen sollte, öffnete sie sein seidenes Hemd und küßte ihn auf die Stelle, wo sie sein Herz klopfen hörte. »Komm!« bat er. »Nein. Heute morgen bin ich gekommen, um mit Ihnen von ernsten Dingen zu reden. Sie erraten wohl, um was es sich handelt? Ich habe Herrn de Chantel erlaubt, heute nachmittag um meine Hand anzuhalten.« »Ach so!« kam es von Juliens Lippen. Er wunderte sich darüber, keinen Schmerz zu fühlen; auch Maud war erstaunt, ihn so ruhig zu sehen. Sie fuhr fort: »Wir finden es beide am besten, daß alles so schnell wie möglich in Ordnung gebracht wird. Wahrscheinlich wird die Hochzeit noch vor Ende April sein.« Langsam fühlte Julien eine furchtbare Angst in sich aufsteigen, erst nur wie eine Vorahnung von kommendem Unglück, dann stärker und stärker. Er antwortete nicht. Und Maud fuhr fort: »Sie verstehen, daß ich mich bis dahin hüten muß vor Freundinnen-Neugierde und Freundinnen-Niederträchtigkeit: meine Heirat wird bei Vielen Neid und Haß hervorrufen. Maxime kennt niemanden in Paris, und sucht außer uns niemanden auf. Es liegt also keine Gefahr darin, daß er hier bleibt. Aber ich habe die Absicht, mit Mama und Jacqueline den letzten Monat vor der Hochzeit auf Chamblais zuzubringen ... Das heißt,« fuhr sie schnell fort, indem sie Juliens Hände ergriff, »ich werde natürlich fast täglich nach Paris hereinkommen ... schon wegen der Aussteuer, der Toiletten und der Einrichtung ... Du verstehst. Nur wird Chamblais mein offizieller Aufenthalt sein, und Étiennette geht mit uns, um jetzt nicht, so bald nach dem Tode ihrer Mutter, allein zu sein. Wir werden uns dort ganz häuslich einrichten, und wenn die Brüder Le Tessier nach Chamblais kommen, so wird es nur zum Besuch sein, als unsere Gäste. Ich finde, so ist alles vorzüglich eingerichtet ... aber was ist Dir?« Julien war während ihrer letzten Worte aufgestanden und ging jetzt, immer noch schweigend, unruhig im Zimmer hin und her. Die Angst drohte ihn zu ersticken; er konnte kaum Atem schöpfen. Nach einer Weile ging er wieder zu Maud hin und blieb vor ihr stehen. »Es ist also ... abgemacht?« »Ja, prinzipiell ist es abgemacht. Ich sollte meinen, es käme Dir nicht überraschend?« Sie sagte dieses dreist heraus, indem sie ihm dabei fest in die Augen sah, mit der strammen und trotzigen Haltung, die sie immer annahm, wenn ihre Bestimmungen auf irgend ein Hindernis stießen. Doch er leistete ihr keinen Widerstand. Er hatte sich auf eine Ecke des Tisches gesetzt, schwermütig und verzagt. Sie sah ihn eine Zeitlang an, bereit sich gegen ihn zu verteidigen. Als er aber noch immer schwieg und sich nicht von der Stelle rührte, versuchte sie, wie schon so oft zuvor, ihm Mut einzuflößen. Sie näherte sich ihm und sagte leise: »Sei stark. Ich liebe ja nur Dich allein!« Er hörte sie offenbar nicht, vertieft in seine eigenen, schmerzlichen Gedanken, und mit gebrochener Stimme murmelte er: »Es ist nicht möglich!« Die furchtbarste Angst folterte sein Herz, und zum erstenmal kam es ihm naturwidrig und empörend vor, als etwas völlig Unmögliches, daß dieses Weib, das ihm so ganz gehörte, einen anderen Mann heiraten sollte, und obendrein mit seiner Einwilligung. »Was willst Du damit sagen?« fragte Maud. »Es ist nicht möglich ... es geht nicht, Maud.« Er strich sich mit der Hand über die Stirn, als wolle er einen bösen Traum verscheuchen. »Es ist nicht möglich,« wiederholte er abermals, ganz tonlos, weder gebietend noch bittend, nur wie eine unumstößliche Thatsache. »Siehst Du, Maud, ich liebe Dich ... Ich habe sonst nichts aus der Welt... und Du liebst mich ... Ich bin fest davon überzeugt, daß Du mich liebst ... Und ich gehöre Dir, nur Dir ... mit Leib und Seele, Maud, nur Dir ... und ich kann ohne Dich nicht leben, ich kann's nicht ... Wir sind verrückt, Maud ... wir betrügen uns selber!« Maud antwortete ihm, beinahe hart: »Ich für mein Teil bin nicht verrückt. Aber Du sprichst freilich wie ein Verrückter!« »Aber Du mußt doch einsehen,« fing Julien wieder an, »daß das, was Du jetzt einem anderen geben willst, das Köstlichste ist, was Du besitzest ... Du wirst seine Frau , was Du auch sagst ... Mir hast Du gerade so viel gegeben, daß Du in mir die Sehnsucht erweckt hast nach dem, was Du ihm giebst. Und da Du mich liebst, mußt Du mir angehören. Ich sehe das jetzt ganz deutlich ein, es ist so klar wie der Tag.« Er ging wieder zu ihr hin, und immer eindringlicher sprach er: »Wir sind verrückt gewesen, Maud, ja verrückt, alle beide, Du sowohl wie ich ... Ich dulde es nicht, ich dulde es nicht, daß ein anderer Dich besitzt, Dich, die ich nie besessen habe. Es soll nicht geschehen. Laß mich Dich behalten, ich will ein neues Leben anfangen, ich will arbeiten, ich will Dich zur Königin machen, ich kann es besser als der Idiot, der Dich nicht versteht. Du lachst über meine Worte? Glaube mir, Maud, ich werde arbeiten können, wenn es gilt, Dich zu besitzen ... Ich will alles thun, was es auch sei, wenn ich Dich nur behalten darf. Ich will stehlen, ich will töten, um Dich zu besitzen ... Ach, bleibe bei mir! ... bleibe bei mir ... Ich halte es nicht aus ... ich halte es nicht aus! ...« Er stürzte vor dem jungen Mädchen nieder, küßte ihre Füße, bohrte die Stirn in ihr Kleid und umschlang ihre Kniee. Er weinte nicht, aber ein thränenloses Schluchzen schüttelte seinen Körper. Er fühlte, wie Mauds Hand sich gegen seine Schulter stemmte, wie sie, mit Anspannung all ihrer Muskelkraft ihn von sich zu drängen suchte. Sein verwundeter Stolz erwachte, er begriff, daß sein Flehen umsonst war und erhob sich. »Bist Du nun fertig?« fragte Maud in verächtlichem Ton. »Nein, ich bin nicht fertig,« antwortete Julien. »Womit ich aber fertig bin, daß ist mit dieser Heirats-Komödie; daraus wird nichts, verstehst Du? Man spielt nicht auf die Dauer mit einem Manne, so wie Du mit mir gespielt hast. Ich bin dieser Rolle überdrüssig,« fuhr er fort, außer sich vor Raserei über Mauds ironisches Schweigen ... »Ich will mich nicht damit begnügen (er keuchte vor Wut, und die Worte blieben ihm in der Kehle stecken) ein ... ein ... Laternen-Anstecker gewesen zu sein!« »Elender!« Sie führte mit der Hand einen Schlag gegen seinen Mund, gleichsam als wolle sie die Beleidigung wieder zurückzwingen. Aber Julien ergriff die Hand und preßte sie gegen seine Lippen; mit dem Arm, den er frei hatte, umschlang er das junge Mädchen und hielt sie fest, obgleich sich ihr Körper sträubte und wehrte, dann sagte er ihr, und sein Mund war so dicht an ihrem Gesicht, daß sie seinen heißen Atem fühlte: »Nein ... es soll nicht geschehen. Du sollst die meine werden. Hast Du wirklich geglaubt, daß ich Dich gehen lassen würde? Nein! Du gehörst mir! Ich will Dich besitzen ... ich will ... und geschähe es mit Gewalt!« »Schurke! Schurke!« schrie Maud. »Laß mich!« Er drückte sie nur fester an sich heran, sie fühlte, daß er sie aufs Sofa trug ... Der Gedanke, daß sie wider ihren Willen genommen werden sollte, vergewaltigt werden sollte, spannte ihren Stolz so stark an, daß sie Julien in diesem Augenblick haßte ... Mit Armen und Beinen, Nägeln und Zähnen verteidigte sie sich, kaum wissend, was sie eigentlich verteidigte, aus reinem Instinkt der Jungfräulichkeit gegen diesen Mann ankämpfend, der doch vordem so oft beinahe ihr Besieger gewesen war. Er seinerseits hatte jede Besinnung verloren. Ohne ihr Beißen und Kratzen zu beachten, rang er in wilder Raserei mit ihr. Plötzlich stieß Maud einen Schrei aus. Ihre Hand, die Julien in der Hitze des Kampfes gegen ihren Hals hinaufgepreßt hatte, war von der Nadel der Brosche verwundet worden: das Blut quoll rot unter der Haut hervor. Bei diesem Anblick kam Julien für einen Augenblick zu sich und ließ sie los ... Es war nur eine Sekunde, aber als er sie wieder packen wollte, stand sie schon am anderen Ende des Zimmers mit einigen auf der Flucht umgerissenen Stühlen als Barrikade zwischen ihm und ihr. »Maud! ... höre mich!« sagte Suberceaux, der vom Kampfe angegriffener war als sie, »höre mich ... es ist ja Wahnsinn ... weshalb ... weshalb willst Du nicht?« Er wagte es nicht, sich ihr zu nähern, von dem Blute hypnotisiert, das hervorrieselte und einen roten Streifen über ihre weiße Hand hinzog. Während sie unverwandt ihren Blick auf ihn gerichtet hielt, öffnete sie das Fenster: »Ich schwör' es Dir,« sagte sie noch ganz außer Atem, »ich schwöre es Dir, wenn Du mir nahe kommst, springe ich aus dem Fenster! ... Falle ich mich tot ... um so schlimmer ... Aber ich falle mich nicht tot, denn es ist nicht so hoch ... ich entschlüpfe Dir, und Du siehst mich nie ... nie im Leben wieder ... ich schwöre es!« Er that dennoch einen Schritt zu ihr hin. Im selben Augenblick stieß er einen heiseren, verzweifelten Schrei aus: sie stand im Fenster ... »Maud!« »Glaubst Du mir jetzt?« fragte sie ihn, sich in den leeren Raum hinausbiegend. Er wich zurück; er sank auf das Sofa, den Kopf in die Hände vergraben. Er war besiegt, das war außer Zweifel; er liebte sie viel zu sehr. Sie war und blieb in furchtbarer Weise seine Beherrscherin, er mußte gehorchen ... Die Thränen strömten aus seinen Augen, er weinte wie eine Frau, die einer Gefahr entronnen ist. Als er es wieder wagte, den Kopf in die Höhe zu heben, stand Maud vor ihm. Und abermals legte sie die Hand auf seine Stirn, um ihn zu beruhigen, ihre schöne Hand, die er verwundet hatte. »Maud ... liebe, liebe Maud!« Er hatte weder Kraft noch Willen mehr, nicht einmal Verlangen. Wenn sie nur bei ihm bleiben wollte, er forderte nicht mehr, als was sie ihm geben wollte. »Artig?« ... flüsterte sie. »Es ist gut so, ich verzeihe Dir.« Und neben ihm niederknieend, drückte sie in einem langen Kuß ihre Lippen gegen die seinen; dieser Kuß raubte ihm die letzten Kräfte. »Glaube mir,« sagte sie ... »Wir haben uns vernünftig betragen. Laß mich nur machen. Ich werde für Dich sorgen, wie ich für mich sorge. Ich liebe ja nur Dich!« Sie stand auf und zog die Handschuhe an. Er wollte ihr folgen. »Nein, bleibe hier,« befahl sie. »Lebewohl! Komm nicht zu mir in diesen Tagen; ich werde Dir schreiben.« * Als es zwölf Uhr war, und sein Herr ihm noch immer nicht geklingelt hatte, wurde Constant unruhig. Und er wagte es, ungerufen in die Wohnstube zu treten. Er fand Julien noch immer auf dem Sofa ausgestreckt liegen. »Der Herr schlafen vielleicht?« »Ja ... Gehen Sie nur, Constant. Wenn ich frühstücken will, werde ich schellen.« Er hatte nicht geschlafen. Nachdem Maud fortgegangen, war er in kummervollen Gedanken liegen geblieben, seine Seele von schmerzlicher Unruhe erfüllt ... Er litt. Vergebens suchte er wieder festen Fuß im Leben zu gewinnen, sich der Worte zu erinnern, mit denen Maud ihn in alten Tagen unter ihren Willen gezwungen hatte: »Die Welt gehört den Starken ... Du und ich, wir wollen die anderen benutzen, wir sind dazu da, die Peitsche über sie zu schwingen, weil wir ihnen überlegen sind ...« Vergeblich war es, daß er zu sich selber sagte: »Ich habe Maud vor diesem Manne in meinen Armen gehalten ... Sie hat mir Liebkosungen gegeben, die er nie erreichen wird.« Seine aufrührerische Eifersucht antwortete ihm: »Ja ... aber sie wird seine Frau ...« und in Gedanken sah er das schreckliche Bild vor sich: Maud in den Armen eines anderen. »Wie ich leide! ... Ach, wie ich leide!« Ja, er litt und dagegen half kein Argument, keine Theorie ... Freilich blieb er, trotz seiner Leiden, ungläubig den hergebrachten Gesetzen gegenüber; noch bewies ihm nichts, daß die Liebe ihr Moralgesetz hat, daß es darin ein »Gut« und ein »Böse« gibt. Weshalb denn aber entrang sich seiner schmerzerfüllten Seele ein verzweifelter Angstruf, gerade nach diesem so oft verleugneten, nach diesem nicht zu beweisenden Gesetz? Dritter Teil. I. »Bist Du wach?« »Ja, komm nur herein, Liebe.« Étiennette machte die Thür hinter sich zu, lief dann hin und küßte Maud, die noch nicht aufgestanden war. Sie liebkosten sich mit der ganz eigenen, anmutigen und überzeugten Zärtlichkeit, die sich hübsche Frauen, in Abwesenheit der Männer und der aus ihrer Gegenwart erstehenden Konkurrenz, gegenseitig gern erweisen ... Übrigens hatte sich ihre ehemalige Klosterfreundschaft während der Zeit, wo sie auf Chamblais zusammen lebten, nur gekräftigt. Beide hatten ihre Hoffnungen und Befürchtungen, über die sie sich gern in sicherer Vertraulichkeit aussprachen. Obgleich beide ausgeprägte Frauencharaktere waren, sowohl die in aufrührerischem Trotze vorwärtsstrebende Maud, als auch die in der strengen Schule des Lebens erzogene Étiennette, so erschienen sie in ihrem Verkehr wie zwei ganz alltägliche junge Freundinnen. Wer sie gehört hätte, wie sie sich miteinander unterhielten, würde vor allem die Unschuld ihrer Bemerkungen, ihre entzückende Kindlichkeit bewundert haben. Nachdem sie die Morgenküsse ausgetauscht hatten, begannen sie zu plaudern, verloren sich in gegenseitige Bewunderungen über ihre eigene Niedlichkeit und gingen dann auf das unerschöpfliche Thema der Kleider und des Putzes über. »Du müßtest immer schwarzen Krepp tragen, so wie heute,« sagte Maud. »Nichts steht besser bei Deinem Teint und Deinen Haaren. Nein, was hast Du doch für prachtvolles Haar! Deine Flechten sehen wirklich aus wie Gold ...« Sie nahm eine davon in die Hand und legte sie auf das Kopfkissen zwischen ihre eigenen aufgelösten, dunkleren Haare. »Sieh doch nur! ... meine werden neben Deinen fast dunkelbraun ... Eigentlich müßte ich mich nie mit Dir zusammen zeigen. Du stichst mich völlig aus, mein Schatz!« »Willst Du wohl gleich still sein!« antwortete Étiennette. »Als ob es etwas so wunderbar Schönes geben könnte wie dies ... ja und wie dies ...!« Sie ließ ihre Finger durch Mauds feine und weiche, braune Locken gleiten, aus denen bei der Bewegung rotgoldene Funken sprühten; sie öffnete den Halskragen des feinen Battist-Nachthemdes und drückte einen Kuß auf den zarten Hals der Freundin. »Nein, Du bist es, Liebe, die viel zu schön ist, ... schön wie eine Königin. Neben Dir sehe ich aus wie eine kleine Kammerzofe. Aber das ist mir einerlei, ich habe Dich so lieb!« Dann küßten sie sich von neuem. »Apropos,« sagte Maud, »ich habe mich für den großen, ärmellosen Mantel entschieden ...« »Für den von Laferrière?« »Ja. Nur werde ich einiges daran ändern lassen. Erstens muß er oben anschließender sein, und dann ...« Sie erklärte ihren Plan, von Étiennette unterbrochen, die ebenfalls während der Nacht darüber nachgegrübelt hatte, wie sich das Modell von Laferrière abändern ließe. Für einen Maler wäre es wirklich ein verlockendes Motiv gewesen, die beiden hübschen Mädchen zu malen, wie sie mit komischer Feierlichkeit und eifrigen Bewegungen hier in dem großen Zimmer des Armida-Schlosses mit der reich geschnitzten Täfelung und den alten Möbeln, die einem Museum zur Zierde gereicht hätten, allerlei anmutige Stellungen einnahmen, um die Form des besagten Mantels auszuprobieren. Sie waren sich noch nicht einig geworden, als die Thür sich öffnete, und Betty mit der Morgenpost erschien. »Haben Sie auch meinen Brief , Betty?« fragte Étiennette. »Ja, Fräulein. Ich sah, daß Fräulein nicht in Ihrem Zimmer waren ... Da hab' ich alles hierher gebracht. Es sind zwei Briefe für Fräulein Étiennette da. »Zwei!« rief das junge Mädchen ... »Wer kann das sein?« Sie erwartete nur einen Brief von Paul Le Tessier. Er schrieb jeden Tag an sie, selbst wenn er auf Chamblais frühstückte oder zu Mittag aß. Sie antwortete ihm ebenfalls jeden Tag. So hatte sie das beglückende Gefühl, nicht ganz allein in der Welt zu stehen. Auch heute war das weiße Briefcouvert mit dem Stempel des Senats ganz richtig da. Sie öffnete es jedoch nicht gleich, sondern behielt einige Augenblicke das andere Couvert zögernd in der Hand. Es war ein längliches, ziegelrotes Couvert mit einer ausländischen Briefmarke darauf. »Was hast Du, Liebe?« fragte Maud, als Betty fortgegangen war. »Woher ist denn der Brief?« »Von Suzon,« antwortete Étiennette. »Er kommt aus Holland.« »Wie unangenehm! Sie hätte auch lieber etwas damit warten sollen, von sich hören zu lassen, die gute Suzon.« Sie verstand Étiennettes Gedanken beim Empfange dieses Briefes sehr gut. Jetzt, da die Mutter gestorben, war das einzige Hindernis für eine Ehe mit Paul diese leichtsinnige Suzon, die mit ganz Paris soupiert und sich mit ganz Paris amüsiert hatte. Ihre lange Abwesenheit, ihr anhaltendes Schweigen, das nicht einmal beim Tode der Mutter unterbrochen wurde, hatte indessen bewirkt, daß man anfing, in dem raschlebigen Paris ihren Namen zu vergessen. Hatte sie etwa die Absicht, jetzt wieder auf dem Schauplatze zu erscheinen? »Ich schreibe Dir von Amsterdam, wohin ich mit der Truppe gereist bin. Das Theater habe ich übrigens verlassen. Ich bin mit einem jungen, sehr kahlen und sehr flotten Kaufmann zusammen , den ich nach Paris zu führen beabsichtige. Vielleicht wird sein Bruder uns begleiten: er ist auch reich, hat nichts zu thun, und Du bist ganz sein Typus. Ich hoffe, es geht Mama gut. Wenn sie irgend etwas wünschen sollte, braucht sie es mich nur wissen zu lassen. Ich wohne im Hôtel Mille Collones . Henri ist sehr liebenswürdig: er giebt mir alles, was ich haben will ...« So ging es weiter durch zwei Seiten, derselbe oberflächliche und gedankenlose Ton, ein unfeines Weibergeschwätz, das Étiennette demütigte und ihr ins Herz schnitt. »Ich hoffe, es geht Mama gut ... Henri hat einen Bruder, der nichts thut: Du bist ganz sein Typus ...« Das war Suzons Familienliebe! »Ich wage es nicht, ihn Dir vorzulesen,« sagte sie zu Maud. »Ich wollte, ich hätte ihn gar nicht gelesen.« Doch im selben Augenblick mußte sie daran denken, daß sie in dem sicheren Glauben gelebt, die Schwester, die lange schon ihre Gesundheit untergraben hatte, wäre ebenfalls tot, der Brustkrankheit erlegen. Und sie schämte sich, daß sie sich diese Möglichkeit ohne Schmerz hatte denken können, ja eigentlich nur als eine Befreiung. Suzon, die gutherzige, leichtsinnige Schwester, mit der sie als Kind gespielt hatte, als sie beide das Leben noch nicht kannten – Suzon war ja doch das einzige, was ihr aus jenen Tagen noch geblieben war. Dann sagte sie laut: »Armes Mädchen! Ich bin doch froh, Nachrichten von ihr zu haben. Sie ist so schwach. Wenn sie nur etwas vernünftiger sein wollte. Sie hat ein so gutes Herz.« Selbst das Anerbieten, durch das sie sich eben so gedemütigt gefühlt, war ja ein Beweis vom guten Willen des armen Mädchens. Jeder hilft, wie er kann, nach seinem Verstande und seinen Fähigkeiten. Arme Suzon! Sie fragte Maud um Rat. »Soll ich es Paul erzählen, daß ich Nachrichten von ihr habe?« »An Deiner Stelle würde ich nichts sagen. Es wird ihm nur unangenehm sein. Und sollte Suzon wirklich zurückkommen, erfährt er es früh genug. Übrigens wer weiß, vielleicht kommt sie gar nicht.« Tiennette küßte ihre Freundin. »Du hast natürlich recht. Du beurteilst alles so klug ... Aber ich quäle Dich mit meinen Sachen. Hast Du interessante Briefe bekommen?« »Nein,« antwortete Maud und ließ die Finger durch den Haufen von Briefen und geöffneten Couverts gleiten, der vor ihr auf der Bettdecke lag ... »Verschiedene Schreiben von Handwerkern und Kaufleuten, eine Frühstücks-Einladung vom unvermeidlichen Aaron zum Vernissagetag, ein Brief von einem gewissen John Arthur, der uns in der Rue Lincoln ein Hotel zum Mieten anbietet ... Das ist alles ... Ja, und dann natürlich von Maxime ein Brief.« »Und ...?« »Nein, kein Wort.« »Wann hast Du ihm geschrieben?« »Vorigen Mittwoch.« »Also ungefähr vor einer Woche. Wie sonderbar. Er muß beleidigt sein.« Maud ließ den Kopf auf das Kopfkissen zurücksinken; die Hände hingen schlaff hernieder, und das Gesicht bekam einen müden Ausdruck. »Ach Liebe, dann laß ihn meinetwegen beleidigt sein! Ich kann doch nicht jetzt, vierzehn Tage vor der Hochzeit, meine Nachmittage in der Rue de Berne verbringen. Ich will mich nicht tyrannisieren lassen. Die Wartezeit, die ich von ihm verlange, ist nicht so schrecklich lang: er muß sich wirklich gedulden. Übrigens, es mag ihm nun unlieb sein oder nicht, ich bleibe dabei, was ich ihm schrieb. Ich reise nicht mehr allein nach Paris. War es vielleicht kein vernünftiger Rat, den ich ihm gab? Daß er wegreisen sollte, ins Ausland für eine kurze Zeit ... ein oder zwei Monate. Er ist augenblicklich bei Gelde. Er gewinnt gerade in dieser Zeit so viel er will im Klub. Wenn er dann zurückkommt, ist alles klipp und klar; ich bin Vicomtesse de Chantel ... und später werde ich schon für Juliens Zukunft sorgen.« Sie wartete ein Weilchen darauf, daß Étiennette ihren Beifall zu erkennen geben sollte. Als diese aber schwieg und beständig wie geistesabwesend in den Brief von Paul Le Tessier hineinguckte, den sie eben gelesen hatte, richtete Maud sich in den Kissen auf und sagte, während sie den Ellbogen auf das Kopfende stützte: »Aber Du hörst ja gar nicht, was ich sage?« »O doch,« antwortete das junge Mädchen. »Aber Du weißt, liebe Maud, daß ich, was solche Sachen betrifft, ein bißchen dumm bin. Ich bin immer wieder erstaunt über Dich. Ich glaube, ich werde Dich nie ganz verstehen lernen.« »Die Sache ist doch klar genug!« »Bitte, Liebe, sei mir nicht böse!« fuhr Étiennette fort, indem sie schmeichelnd ihren Arm unter Mauds Arm gleiten ließ. »Ich gebe es ja zu: Du hast ganz recht, und ich bin ein kleines, dummes Ding ... Sieh, alles was ich begehre, ist, mit jemandem zu leben, der mich sehr lieb hat, und den ich sehr lieb habe ... Alles andere ist mir gleichgültig! Aber das ist etwas, in das Du dich nicht hineinversetzen kannst. Ich bin ein kleines Spießbürgermädchen: ich könnte damit zufrieden sein, in einer Provinzialstadt von dreitausend Franken jährlich zu leben. Und deshalb begreifst Du wohl, daß ich, wenn ich an Deiner Stelle wäre und Julien so liebte wie Du ihn liebst (leugne es nicht, Maud! Du liebst ihn so sehr, daß Du seinetwegen Unvorsichtigkeiten begangen hast, was Dir sonst nicht ähnlich sieht), – wenn ich also an Deiner Stelle wäre, würde ich mich ganz einfach mit Julien verheiraten ... Freilich ist er faul, aber keineswegs dumm, und unter Deiner Leitung wäre er sicher vorwärts gekommen ... Du wärest weniger reich geworden, als es die Vicomtesse de Chantel wird, aber Du hättest es vermieden, der Alternative gegenüberzustehen: entweder einen Menschen, den Du liebst, nicht mehr zu sehen, oder fortwährend auf einem Vulkan zu leben ... denn Deine beiden Anbeter sind unstreitig etwas lebensgefährlich. Aber auf einem Vulkan leben, nein, das ist nichts für mich. Dann ziehe ich das bescheidenste Leben vor, wenn ich mich nur sicher weiß.« Alles das wurde in ruhigem, einschmeichelndem, fast liebkosendem Ton gesprochen, mit der anmutigen Mischung von Bescheidenheit und Sicherheit, die der Tochter von Mathilde Duroy eigen war. Maud, die ihr ernsthaft zugehört hatte, antwortete mit etwas erregter Stimme: »Was Du da sagst, kann auf Dich und viele andere passen. Auf mich paßt es nicht ... Glaube nur nicht, daß ich mich damit über Dich oder irgend jemand sonst erheben will. Aber ich kenne mich und weiß, daß ich mich nie darein finden würde, mit einem Menschen, wie Julien, verheiratet zu sein; ich will nicht zu den Deklassierten gehören. Dann lieber eine ganz gewöhnliche Kokotte werden, wie ... (Sie hätte beinahe gesagt »wie Deine Schwester«, aber sie biß sich noch rechtzeitig auf die Zunge) wie so manche andere, die mit der Klostertugend anfing und mit etwas weniger Tugendhaftem endete. Ja lieber würde ich, wenn es sein sollte, die offizielle Geliebte des widerlichen Aaron ... Das wäre jedenfalls den Schritt voll und ganz thun: dann wäre man ein für allemal aus der guten Gesellschaft heraus, kümmerte sich nicht mehr um sie, aber hätte dagegen Geld genug und – all das andere.« »Und die Liebe?« fragte Étiennette lächelnd. »Die Liebe? Was Du unter Liebe verstehst, verstehe ich nicht darunter. Mit seinem ehrbaren, vortrefflichen Ehegatten in der Ofenecke zu sitzen, ihm auf den Schoß zu klettern, gehätschelt und getätschelt zu werden, geküßt und gestreichelt, nachdem man ihm erst den Grog zubereitet und die Pantoffel geholt hat! Diese Art von Liebe paßt mir nicht! Ich verabscheue sie geradezu. Ja, ich verabscheue sie! ... Dagegen hilft absolut nichts! Ich kann nun einmal das Küssen und Streicheln und Zärtlichthun nicht vertragen; es greift meine Nerven an.« »Aber Julien doch?« fragte Étiennette etwas erstaunt. Maud stützte ihre Elogen gegen die Bettkante, und mit verschleierter, inbrünstig vibrierender Stimme sagte sie: »Julien! ... Ja, die Liebe, die zwischen mir und ihm ist, die geht nicht in Pantoffeln, davon kannst Du überzeugt sein! Du sagtest vorhin, daß ich ihn liebe ... Nein Du, ich bin sicher, daß ich ihn nicht liebe! ... Ich sehe zu gut, wie er ist, nicht hervorragend begabt, eitel, egoistisch und faul ... Ach glaube mir, ich kenne ihn! ... Aber dennoch und trotz alledem besitzt er etwas, das ihn den anderen Männern gegenüber unendlich überlegen macht. Er ist so unendlich viel schöner, stärker, feiner, eleganter, so unendlich viel ... ja wie soll ich es sagen, ich finde kein Wort, um es auszudrücken. Er ist nur eines, aber das ist er im vollsten Maße ... er ist der Liebhaber . Verstehst Du mich?« Sie legte sich wieder in das Bett zurück, schloß die Augen und fuhr fort: »Alle Männer, ... selbst der arme Christeanu, der alle Weiber bethörte – sowohl die jungen wie die alten ... sind mir gleich widerlich. Maxime ist ja nicht häßlich. Und dennoch spüre ich jedesmal Lust, ihn zu beißen, wenn er mich auch nur auf die Stirn küßt ... Nur mit Julien ist das nicht der Fall. Ich liebe seine Hände, seinen Mund, seine Augen. Ich verlange nach ihm, glaube mir, ganz in derselben Weise, wie die Männer nach uns verlangen, selbst wenn sie uns hassen ... Das wirst Du natürlich auch nicht verstehen. Und vielleicht wirst Du es nie verstehen können, ebensowenig wie ich Deine Ofen- und Pantoffelschwärmereien verstehe. Ich bin nur in einen einzigen Mann verliebt, aber ich bin es in furchtbarer Weise. Woher habe ich dies Temperament? Mama ist träge wie ein Murmeltier, Jacquelines Leidenschaft besteht nur aus Worten ... Vielleicht ist es ein Erbe von meinem Vater, der sehr erotisch war ... oder von irgend einem halbwilden Neger, einem unbekannten Stammvater mütterlicherseits ... Jedenfalls leide ich darunter.« Sie schwieg einen Augenblick, dann fügte sie hinzu: »Weißt Du noch, einen Abend zu Haus, als der belgische Graphologe unsere Handschriften untersuchte? In meine Charakteristik schrieb er »sehr sinnlich ..., und der kleine Schafskopf, der Espiens, der über meine Schulter in das Papier hineinguckte, fing an zu lachen: »Ha! Ha! Sehr sinnlich, das ist gut ...« Ich brachte ihn durch einen Blick zum Schweigen, konnte mich aber nicht enthalten zu sagen: »Was lachen Sie? Es ist gar nicht zum Lachen, kann ich Ihnen sagen ... Glauben Sie etwa, daß es komisch wäre? ...« Nein, siehst Du, keine von diesen Damen-Puppen und keiner von diesen Herrchen wissen, was das heißen will, Sinne zu haben ... Es giebt Augenblicke, wo ich glauben möchte, daß in ganz Paris nur zwei Menschen die Kunst der sinnlichen Liebe verstehen: Julien und ich.« Sie schwieg eine Weile. Unterdessen dachte Étiennette, die etwas erschrocken war über den Einblick, den sie so plötzlich und unvorbereitet in die Seele der Freundin bekam: »Wie erregt muß sie sein, um so zu sprechen, sie, die sonst so vorsichtig ist!« Aber als Maud sich wieder zu ihr wandte und sie anredete, hatte sie die Herrschaft über Stimme und Haltung vollkommen wiedergewonnen. »Na, und was schreibt der liebe Senator?« »Er schreibt, daß er, wie verabredet, heute zum Frühstück kommen wird. Hector wahrscheinlich auch.« » Sehr wahrscheinlich,« sagte Maud lächelnd, »da Maxime Jeanne mitbringt.« Étiennette erhob sich vergnügt und küßte Maud. »Na,« sagte sie, »jetzt will ich hineingehen und mich schön machen, um meinen Geliebten zu empfangen?« »Er ist nicht zu beklagen, Dein Geliebter. Aber einen Rat möchte ich Dir geben: paß auf, daß der Flirt sich nicht zu sehr in die Länge zieht.« In der Thür stehend, nickte ihr das junge Mädchen zustimmend zu. »Und glaube mir,« schloß Maud das Gespräch, »kein Wort von Suzon.« ... Sie klingelte nach Betty. Sobald die englische Kammerzofe eingetreten war und ihrem Fräulein die Pantoffel gereicht hatte, sprang Maud aus dem Bett und ließ sofort das feine Batist-Nachthemd von ihren Schultern auf den Teppich gleiten, wo die Kammerzofe es schnell aufnahm. Während das Bad drinnen im Toilettenzimmer zubereitet wurde, ging das junge Mädchen in unbekümmerter Nacktheit im Schlafzimmer hin und her, von der Kommode, wo sie selbst das Hemd, die Strümpfe und das Beinkleid, das sie anziehen wollte, auswählte, zum Kaminspiegel, vor dem sie sich damit belustigte, das Tageslicht mit rötlichem Glanz in ihren Haaren spielen zu lassen. Und ihr weißer Körper, von dem sonnenverbrannten Nacken bis zur zarten Brust, die breiten und doch weich hinabschwellenden Hüften, die schmalen Kniee und die zierlichen Füße, die mit ebenso vieler Sorgfalt wie die Hände gepflegt waren – dieser ganze, weiße Diana-Körper war so vollkommen, daß er keusch erschien, wie die heilige Nacktheit der Marmorgöttinnen. Wenige Augenblicke nachher lag sie drinnen auf dem Sofa im Toilettenzimmer, während Betty, auf den Knieen vor ihr, sie leicht mit Frottierhandtüchern rieb, sorgfältig die Nägel an den Füßen feilte, und die blanken Glieder massierte. Maud genoß mit Wohlbehagen die schnelle, leichte Behandlung der flinken Hände ihrer Zofe. »Noch ein wenig, Betty ... und etwas stärker ...« Während der halben Stunde, in der sie massiert wurde, überließ sie sich in ungestörtem Schweigen ihren eigenen Gedanken und legte sich den Tag zurecht ... Maxime ... Julien ... für den Augenblick die beiden Pole in ihrem Leben. Bisher hatte sie Julien im Joch seiner bald aufgeregten, bald befriedigten Sinne gehalten; sie ließ ihm nie die Zeit zum Nachdenken oder zum Aufruhr. Jetzt mußte sie die Taktik ändern. Wenn sie sich zum Stelldichein mit Suberceaux begeben hatte, überkam sie immer ein ängstliches, ahnendes Gefühl, als ob feindliche Augen ihr auflauerten ... »Es ist auch wirklich zu tollkühn von mir, daß ich ihn besucht habe, und wenn es auch nur ein einziges Mal gewesen ist, während Maxime in Paris war ... Wenn ihm nun jemand etwas davon gesagt hätte! ...« Zuweilen war er während ihres Beisammenseins finster und nervös, zerstreut und kühl gewesen; war plötzlich bei irgend einer Bemerkung, die ihn wahrscheinlich an etwas erinnerte, das er früher gehört hatte, schweigsam geworden ... »Er hat natürlich anonyme Briefe bekommen ... Ich habe so viele Feinde! Ich habe nur Feinde! ... Die ekelhafte Ucelli, und Aaron, der wütend ist, weil meine Ehe ihm die letzte Hoffnung nimmt, sie spionieren jeden Schritt aus, den ich mache. Sie sind sogar im stande, meine Dienstboten zu bestechen und Betty weiß alles?« Zum erstenmal schauderte sie zusammen bei dem Gedanken an die Zukunft, vor der Möglichkeit einer Katastrophe. »Geht es schief dieses Mal, dann ist alles vorbei ... dann ist mein Leben verloren ...« Und eine schmerzliche Vorahnung ergriff sie. Wenn diese Ehe mißglückte, was wartete ihrer dann? Ein Leben ins Ungewisse hin ... ein erbärmliches Leben in verschämter Armut. »Nein, nein... das könnte ich nicht aushalten!« Und das demütige und hartnäckige Gesicht von Aaron zeigte sich vor ihrem Geist. Sie wußte, was sein Ziel war: eines Tages hatte er, während einer Mittagsgesellschaft, wo er neben ihr saß, und sie ihn weder zum Schweigen zwingen konnte, noch sich weigern, ihn anzuhören, es gewagt, seine gemeinen Eroberungspläne ihr ins Ohr zu flüstern, und während sie ihm leise mit den verächtlichsten und beleidigendsten Worten antwortete, hörte sie ihn immer und immer wiederholen: »Ja, ja, ich bin und bleibe Ihr Freund... man weiß nie, was die Zukunft bringen kann... aber ich bin und bleibe Ihr Freund... zu mir können Sie immer ruhig kommen... und Sie wissen, daß ich meistens erreiche, was ich erreichen will!« Der Schurke... Seine cynische Erklärung hatte den Eindruck auf sie gemacht, als hätte sie plötzlich ein widerliches, schleimiges Tier berührt... Und doch, wenn die Ehe mißlang, bot ihr die Zukunft nur die Wahl zwischen der Armut und ihm... »Wir stehen am Rande des Abgrunds,« dachte sie. Und die Geldsorgen, die in der letzten Zeit anfingen sie zu quälen, was sie auch that, um sie zu verscheuchen, kamen ihr wieder in den Sinn... »Noch läßt man uns in Frieden, weil meine Ehe offiziell angekündigt ist. Aber geht das schief, werden sie sich alle auf uns stürzen!« Doch als sie kurze Zeit darauf, halb angekleidet, vor dem hohen, in einem blaugestreiften Rahmen gefaßten Siegel stand, gewann sie ihre Sicherheit zurück. Sowohl Julien als Maxime hatte sie so stark ins Joch gespannt, daß sie sich nun nicht mehr befreien konnten. Sie kannte sie: lieber rissen sie sich die Augen aus, als von ihr zu lassen. »Andere haben sich trotzdem frei gemacht und haben mich vergessen ...« Sie erinnerte sich, wie an eine nie vergessene Schmach, an die früher mißglückten Heiratspläne ... Aber sie suchte sich zu trösten: »Damals war es meine eigene Schuld. Ich gab mir keine Mühe, ihre Liebe festzuhalten.« Betty befestigte die letzten Haken des grauen, faltenreichen Kaschmirkleides, und, an dem halbgeöffneten Fenster stehend, sah Maud hinaus über die blühenden Bäume, deren Kuppeln sich vor dem Schlosse wölbten ... Obgleich es so früh im Jahre war, wehte doch schon Sommerduft und Sommerluft über Armidens voll aufgeblühtem, laubreichem Park, aus dem hie und da zwischen den grünen Baumgruppen eine weiße Marmorstatue hervorschimmerte. Welche junge Seele widerstände wohl der mächtigen Verkündigung von Glück, die ein solcher sommerwarmer Frühlingsmorgen ausströmt? In ruhigem Selbstvertrauen auf die Zukunft bauend, stand Maud jetzt am Fenster und sog die entzückende Morgenfrische ein. »Was sehe ich,« sagte sie vor sich hin ... »Hector ist schon hier!« Er kam die Verandatreppe herunter; Jacqueline folgte ihm mit aufgespanntem Sonnenschirm. Ihre Schatten, die im funkelnden Sonnenlicht blau wurden, waren kaum sichtbar gegen die weißen Stufen. Einen Augenblick darauf zeigte Paul sich mit Étiennette, deren Nacken im vollen Sonnenschein mit goldenem Glanze leuchtete. Die beiden Paare gingen eine Strecke Weges zusammen dahin ... dann, während Jacqueline und Hector weiter in den Park hinauswanderten, nahmen Paul und Étiennette Platz auf einer der runden Steinbänke, die um das Bassin angebracht waren. »Gehen Sie hinunter,« sagte Maud zu Betty, »und sehen Sie, ob Chantels gekommen sind. Ich brauche Sie nicht mehr.« Étiennette und Paul Le Tessier – die vielleicht auf derselben Bank saßen, wo in früheren Tagen die schöne Tänzerin Héro und ihr Bankier sich zärtlich schnäbelten – plauderten zusammen wie zwei gute Freunde, während Paul die Hand des jungen Mädchens in seinen Athletenhänden hielt. Er erzählte ihr, was er am vorhergehenden Tage für sie in Paris ausgerichtet hatte. »Alles, was die Lebensversicherung betrifft, wäre also jetzt in Ordnung ... Es ist so gemacht, daß ich, wenn Sie mündig werden, und das Geld fällig ist, die zwanzigtausend Franken hebe, die Sie behaupten mir schuldig zu sein als Abzahlung der Vorschüsse, die ich Ihnen gegeben. Übrigens hoffe ich, daß Sie mir erlauben werden, sie Ihnen als Hochzeitsgabe zu überreichen, denn sie gehören Ihnen ja doch ... Die Hauptschwierigkeiten beim Ordnen der Hinterlassenschaft sind auch weggeräumt: da Ihre Schwester beim Tode der Mutter kein Lebenszeichen gegeben hat, haben wir ja allen Grund, zu vermuten, daß sie auf ihr Erbteil keinen Anspruch machen wird.« Étiennette wollte ihn unterbrechen, ihm den Brief von Suzanne eingestehen. Sie wagte es aber schließlich doch nicht, und da sie jetzt schwieg, wurde ein künftiges Zugeständnis auch unmöglich. »Die Wohnung wird für Ihre Rechnung stehen bleiben, bis der Mietskontrakt in anderthalb Jahren abläuft. Aber vor der Zeit denke ich, sind wir schon längst verheiratet, und Sie können dann selbst Ihre Bestimmungen treffen, was Sie weiter machen wollen. Was mich selber betrifft, so ist auch alles in Ordnung: ich bin beim Doktor Krauß gewesen, er stellt mir einen Krankheitsattest aus, so daß ich drei Monate Urlaub bekomme. Wenn wir die Ferien hinzurechnen, haben wir ein halbes Jahr vor uns. Wir verheiraten uns in London, gehen darauf nach Vézéris zum Besuch bei dem jungen Paare de Chantel, und« fügte er lächelnd hinzu, »kehren dann zurück, nach Paris, duftend von der vielen aristokratischen Vornehmheit, die wir uns im Umgange mit dem hohen Poitevinschen Adel geholt haben.« Unter dem scherzhaften Ton, in dem er sprach, versteckte er einen Plan, den er schon seit langem mit kluger Überlegung ausgeheckt hatte. Er wollte Étiennette unter dem Schutze der de Chantels und de Rouvres heiraten, deren angesehene Namen die Herkunft und Familienverhältnisse des Fräulein Duroy in den Schatten stellen würden. »Es gibt so viele Duroys in der Welt ... Und wenn eine Frau erst verheiratet ist, wer fragt dann nach ihrem Mädchennamen?« »Wie gut Sie gegen mich sind!« flüsterte das junge Mädchen, und sah ihn mit ihren süßen, dankbaren Augen an. Hingerissen von dem starken Zärtlichkeitsdrange, der das Herz eines vierzigjährigen Liebenden erfüllt, eine Zärtlichkeit, die zugleich unsicher und naiv ist, bereit an allem zu zweifeln, wie alles zu erhoffen, antwortete er mit einer Stimme, die vor Bewegung zitterte: »Ich habe Sie ja so unendlich lieb. Werden Sie mich auch ein klein wenig wieder lieben?« »Sie wissen ja, daß ich Sie liebe!« »Ja, sie liebt mich,« dachte er, indem er den sanften Frohsinn ihrer hellblauen Augen und den sonnigen Hauch von Jugendfrische, der über ihrem Wesen lag, einsog. »Sie liebt mich, aber wie liebt sie mich, und vor allem, wie wird sie mich künftig lieben. Noch ist ihr eine töchterliche Zärtlichkeit genug ... Aber wenn ich erst ihr Mann werde? Wird sie mich dann mit ihrem ganzen Wesen lieben, wie man einen Geliebten liebt?« Je näher der Tag heranrückte, an dem er sie besitzen sollte, je grausamer folterte ihn der Wunsch, der an allen Herzen nagt, die jünger sind als ihre Jahre. Gern hatte er etwas von der seelischen Innerlichkeit, die ihre Liebe auszeichnete, geopfert. Was er begehrte, war, ihren jungen Körper unter seinen Liebkosungen zittern zu fühlen. Und haben nicht alle verliebten Männer ganz denselben Wunsch? Hector kam mit Jacqueline aus dem Park zurück. Als Paul ihn sah, beneidete er ihn um seine schlanke, geschmeidige Gestalt, seine dichten, braunen Haare, sein jugendliches Gesicht, seine dreißig Jahre. »Der Dummkopf,« sagte er ein wenig ärgerlich zu sich, »er hat seine Jugend noch und statt zu lieben, benutzt er sie zu diesem dummen Vergnügen, das sie »Flirt« nennen.« In diesem Augenblick stimmten ihn seine fünfundvierzig Jahre so traurig, daß er für einen Augenblick die innigen Gefühle, die er für seinen Bruder hegte, vergaß; er sagte zu der schweigsamen und etwas eingeschüchterten Étiennette: »Wollen wir lieber hinaufgehen?« * Hector und Jacqueline hatten sich auch während ihres Spazierganges von Liebe unterhalten, aber freilich in anderem Tone. Als sie nun ebenfalls auf einer der Marmorbänke Platz genommen, sagte Jacqueline, als Fortsetzung des angefangenen Gesprächs: »Wenn alle jungen Mädchen dächten wie ich, mein lieber Le Tessier, würden wir bald unser kleines 1789 haben und mit Waffen in der Hand unsere Freiheit erkämpfen.« »Welche Freiheit?« »Zu allererst die Freiheit, allein auszugehen und allein zu reisen. Ferner, die Freiheit nach Hause zu kommen, wann es uns beliebt, zum Beispiel erst spät gegen Morgen. Sie machen sich gar keinen Begriff davon, welchen Spaß mir alle Nachtschwärmerei machen würde. Und ferner, die Freiheit unser Geld zu gebrauchen, zu was wir wollen, die Freiheit Liebhaber zu haben ... Ja, bitte, gerade Liebhaber ... Ebensogut, wie Sie Ihre Maitressen haben.« »Es würde schwer halten, nach dem 89 der Frauen, für die jungen revolutionären Mädchen Ehemänner zu finden.« »Weshalb? Die Herren verheiraten sich ja auch ohne Schwierigkeiten, und das nachdem sie zehn Jahre mit Kokotten gelebt haben! Es wäre nur ein neuer Gebrauch, eine neue Sitte, die als solche eingeführt werden müßte. Dann würde es einfach heißen: Fräulein Soundso hat eine etwas stürmische Jugend gehabt, aber gerade derartige junge Mädchen geben die besten Ehefrauen ab. Lieber sich vor der Ehe amüsieren, als nachher etc. ... Sie wissen ja, alles das, was man von Ihnen sagt.« »Es ist ja möglich, daß wir mal so weit kommen,« antwortete Hector. »Ich für mein Teil hatte nichts dagegen.« »Ach Sie! Bis dahin sind Sie schon viel zu alt geworden, mein Lieber. Sie hätten keinen Vorteil mehr davon. Es würde Ihnen gehen wie den Leuten des tiers-état , die zu Anfang der Revolution starben, ehe sie das Vergnügen gekostet hatten, die Adligen guillotiniert zu sehen. Mir würde es übrigens nicht besser gehen. Und aus dem Grunde bin ich auch das vollkommen artige junge Mädchen, das Sie kennen. Ich werde mich wohl hüten, auch nur den geringsten Ehe-Vorschuß auszuzahlen.« Hector hörte lächelnd zu. Er sah Jacqueline an; er fand sie außerordentlich begehrenswert, und dachte in dem Augenblick an Lestrange mit jener bösen, sonderbaren Männer-Eifersucht: ohne persönliches Verlangen, beneidete er den andern wegen des Vergnügens, das ihm zu teil werden sollte. Er fragte: »Es ist also abgemacht, Sie heiraten den blonden Mann?« »Können Sie schweigen?« »Zu sehr für die Wißbegierde meiner Mitmenschen.« »Schön; ja die Sache ist abgemacht, wenigstens so gut wie abgemacht. Ich erzähle es Ihnen, weil ich weiß, daß es Sie vom wissenschaftlichen Standpunkt aus interessieren wird. Vorgestern abend ging die Sache vor sich. Ich hatte erreicht, daß er ganz allein hier draußen eingeladen wurde, der blonde Mann, wie Sie sagen. Ich sagte zu Mama: »Ich bitte mir aus, daß mein Anbeter auch von Zeit zu Zeit herauskommt, die andern hier im Hause haben jede ihren Liebhaber.« Ich hatte ein ganz wenig ausgeschnittenes Kleid angezogen ... Ich will Ihnen nämlich anvertrauen, ich habe die merkwürdigsten Erfahrungen gemacht, welche Wirkung ein solches, nur wenig ausgeschnittenes Kleid, mitunter haben kann ... Und richtig, während des Mittagessens schon fing Lestrange Feuer, aber so, daß er weder essen noch trinken konnte. Wissen Sie wohl, was der Grund ist, daß ich ihn gern habe, obgleich er ja gar nicht hübsch ist? Sehen Sie ... ich fühle, wie ich ihn aufrege! Sie werden mir antworten: das thun alle Frauen. Nein. Ich mehr als alle anderen. Nach dem Essen waren wir im Wintergarten. Ihr Wintergarten, lieber Le Tessier, ist ganz fabelhaft geeignet für den Flirt, besonders dahinten, unter den Palmen. Meine Schwester spielte Berlioz; Mama legte Patience. Luc und ich waren ganz für uns, gerade wie in einem Separatkabinet. Wir saßen und plauderten. Ich habe ihn ein wenig angetrieben, indem ich ihm erzählte, daß ich es müde wäre, ein junges Mädchen zu sein; daß ich anfinge, mich nach etwas anderem zu sehnen. Ich erzählte ihm, daß ich unruhige Träume gehabt ...« »Haben Sie wirklich?« unterbrach sie Hector. »Natürlich habe ich. Das ist ja gerade das Drollige an der Geschichte. Aber wahrhaftig! ich glaube gar, es erregt Sie ebenfalls, mein weiser Freund, daß ich Ihnen das erzähle? Lestrange nämlich wurde ganz wild. Er ergriff meine Hände und stammelte: »Jacqueline! Jacqueline!« ganz wie ein fünfzehnjähriger, verliebter Jüngling ... Und dann habe ich ihm noch weiter gestanden, daß er es war, von dem ich träumte.« »War das auch wahr?« »Ebenfalls. Sie können ruhig sein, mein Lieber ... Jetzt war mein Romeo aber ganz kaputt. Er leistete keinen Widerstand mehr, und es entfuhr ihm: »Jacqueline, Sie müssen die Meine werden! Sie wissen, daß ich einen wahren Schrecken vor der Ehe habe: aber trotzdem will ich Sie heiraten! Nur muß ich Ihnen im voraus sagen: ich fürchte leider ein schlechter Ehemann zu werden. Ich habe das Bedürfnis, viel mit Frauen zusammen zu sein, und ich bin nicht sicher, daß dies Bedürfnis aufhören würde, selbst wenn ich mich mit einer Frau verheiratete, die ich leidenschaftlich liebte. Ich habe eine wahre Abscheu davor, mich gebunden, in meiner Freiheit behindert zu fühlen. Werden Sie nicht eifersüchtig werden?« Ich lachte ihm ins Gesicht. »Ich eifersüchtig? Hören Sie, Luc, jetzt will ich auch mal aufrichtig sein. Ich habe ebenfalls keine übertriebene Bewunderung für die Ehe; ich habe sie nicht erfunden und würde sie nicht erfinden; aber, da ein junges Mädchen sich nun einmal aus der guten Gesellschaft hinausbegibt, wenn sie sich nicht verheiratet, so verheirate ich mich. Welche Achtung ich vor der Institution als solcher hege, ersehen Sie vermutlich daraus, nicht wahr? Sie gefallen mir, Luc, und ich gefalle Ihnen. Schön, so verheiraten wir uns; ich glaube, wir werden es ganz gemütlich zusammen haben, abgesehen von den ganz speziell angenehmen, kurzen Momenten, die – ich weiß es – nicht von Dauer sein können. Wir vereinigen uns, nicht allein der angenehmen kleinen Momente wegen, sondern auch wegen der ernsteren Interessen des Lebens, für die wir alle beide Verständnis haben, Sie, trotz Ihrer Leichtfertigkeit, und ich, trotz meines scheinbaren Leichtsinns. Im übrigen: volle gegenseitige Freiheit. Ich bin nicht so thöricht zu glauben, daß ein Weiberjäger wie Sie, der keinen Rock sehen kann, ohne Herzklopfen zu bekommen, plötzlich ein tugendsamer und treuer Ehemann werden sollte. Sie werden auch ferner noch nach schönem Wild auf die Jagd gehen, aber Sie werden dabei nicht aufhören an mich zu denken, denn Sie gehören zu denen, die zusammenlegen und aufhäufen, Luc. Was mich betrifft, nun, so möchte ich nichts lieber, als eine wahre Perle von Treue sein. Aber meine Erfahrung, so gering sie auch sein mag, hat mich daran zweifeln lassen, ob es im wirklichen Leben solche Perlen gibt. Ja, lieber Freund, was nützt es, daß ich Ihnen verspreche, Versuchungen standhaft zu widerstehen, die ich gar nicht kenne? Ich kann Ihnen nur eines , aber das auch hoch und heilig versprechen: nie zu vergessen, was ich Ihnen schuldig bin, und Sie nie lächerlich zu machen! Bis auf das, will ich meine Freiheit haben. Und jetzt muß ich die Frage an Sie richten, die Sie mir vorhin vorlegten: Werden Sie eifersüchtig sein?« »Und was antwortete er?« »Er antwortete, nachdem er sich einen kleinen – aber nur ganz kleinen – Augenblick besonnen. »Sie haben recht. Nur wenn wir unsere Ehe einrichten, wie Sie eben gesagt haben, wird es möglich sein, daß wir sie ohne Scheidung zu Ende leben ... Sie sind ein wunderbares Mädchen, und ich bin Ihnen dankbar, mich davon überzeugt zu haben, daß ich Sie heiraten muß ...« Daraus reichte ich ihm meine Lippen, und wenn man bedenkt, daß es das erste Mal war, daß ein Mann sie berührte (weshalb lächeln Sie so spöttisch? ich schwöre es Ihnen, es war das erste Mal), glaube ich mich nicht allzu ungeschickt dabei benommen zu haben ... Aber jetzt laufe ich Ihnen davon! Da kommen Chantels, und ich wünsche nicht, daß die schöne Jeanne mir die Augen aus dem Kopfe reißt ... denn sie ist eifersüchtig, lieber Freund, und wird es bleiben, das kann ich Sie versichern.« Ohne eine Antwort abzuwarten, erhob sie sich und ging schnell auf das Schloß zu. Sein Blick folgte ihrer anmutigen und pikanten Gestalt, die ihr eigentümlich wiegender Gang noch pikanter machte. Zu gleicher Zeit wurde oben auf der Landstraße, am Rande des Eichenwaldes, dessen Bäume noch halbkahl waren, ein kleiner viersitziger Wagen sichtbar. Es war die Familie de Chantel. Auf dem Vordersitze sah Hector Jeannes unbewegliche Silhouette. Er fühlte, wie ihre großen schwarzen Augen, feucht wie der Onyx, jetzt immer mit scheuem, zärtlichem Ausdruck auf ihn gerichtet waren. Daß sie ihn liebte, wußte er und sah voraus, daß es diesmal mit einer Ehe enden würde. Und ihm war etwas traurig zu Mute, sowohl über die leichte Eroberung wie über den Verlust seiner Freiheit. Er stand auf, um den Wagen zu empfangen. Er dachte: »Diese beiden Kinder, Jacqueline und Jeanne, repräsentieren alles in allem genommen die beiden einzigen Möglichkeiten für eine Ehe heutzutage. Wünscht man die christlichen Attribute zu bewahren, die sie ehemals adelten, die Unauflöslichkeit, die Treue, die Fruchtbarkeit, muß man ein weißes Gänschen wie Jeanne aufsuchen ... Hegt man dagegen das Streben, eine modernere Ehe einzurichten, eine korrekte Façade mit allerlei Ungeniertheiten dahinter, thut man am besten, wie Lestrange und Jacqueline zum Beispiel, sich vorher gründlich auszusprechen, um zu einem gegenseitigen Verständnis zu kommen. Die Tugend hat nichts dabei zu verlieren, und die Aufrichtigkeit kann nur gewinnen.« Aber als sein Blick Jeannes unschuldigem und frohem Lächeln begegnete, stieg ein wonnevolles Glücksgefühl in seinem Herzen auf. »Das liebe kleine Ding,« sagte er zu sich ... Ja, lieb ist sie mir geworden, trotz alledem!« Der Wagen fuhr mit einer flotten Schwenkung vor die Freitreppe des Armida-Schlosses. Hector reichte Jeanne die Hand; sie berührte sie kaum und hüpfte errötend herunter. M me. de Chantel, die in allen Gliedern steif war, mußte fast vom Wagen auf die Treppe getragen werden. Die drei Monate, die sie in Paris damit verbracht hatte, Besorgungen bei Kaufleuten, Modistinnen, Juwelieren zu machen, ins Bois de Boulogne zu fahren und mit der albernen M me. de Rouvre zu plaudern, hatten sie durchaus nicht verändert. Es war dasselbe aristokratische, leere Gesicht, dieselbe ungeschickte, leidende Gestalt in der unabänderlichen Provinzial-Trauer. Eher hatte sie M me. de Rouvre beeinflußt, die jetzt, aus Sympathie für ihre vornehme Freundin, angefangen hatte, für schwarze Kleider zu schwärmen, freilich mit Ausputz von Spitzen und Bändern ... Maxime hatte Hectors Rat zufolge seine ernste, militärische Einfachheit im Anzuge beibehalten, aber seine Kleider trugen jetzt wenigstens den guten Schnitt eines tüchtigen Pariser Schneiders. Jeanne dagegen war durch den Aufenthalt in Paris völlig verändert worden. Sie hatte mit Maud die vielen feinen Läden besucht, und ihr Wunsch, einem gewissen Herrn zu gefallen, hatte ihr schnell den Blick dafür geöffnet, was ihr fehlte, um den Kampf mit den Pariserinnen aufzunehmen. Wie sie heute aussah, in ihrem schwarz- und weißgestreiften seidenen Kleide, mit dem modernen Glockenrock und der drapierten Taille, den großen schwarzen Hut, hätte man sie gegen früher kaum wieder erkannt. Aber selbst in der modernen Pariser Toilette war und blieb sie das kleine frische Edelfräulein aus der Vendée, gab ihr die schlanke und doch so kräftig entwickelte Gestalt, die ganze Natürlichkeit ihres Wesens, ein eigenartiges Gepräge. »Allerliebst,« sagte Hector, indem er die Wellenlinien ihrer Gestalt in die Luft zeichnete. »Ach, Sie machen sich wieder einmal über mich lustig!« sagte Jeanne etwas zweifelnd. »Das ist nicht nett von Ihnen.« »Aber ich versichere Sie, Fräulein Jeanne,« sagte der junge Mann, »Ihre Toilette ist vom allerbesten Pariser Geschmack.« »Ist das wirklich Ihr Ernst? Ach, das freut mich ... Ich fürchtete schon, daß es Ihnen nicht gefallen würde ... Siehst Du, Maxime, Herr Le Tessier findet mein Kleid hübsch.« Maxime lächelte zerstreut. Sie traten in den Wintergarten, wo der Tisch gedeckt war. Jacqueline, Ètiennette und M me. de Rouvre erwarteten sie dort mit Paul Le Tessier. Aber Maud war noch nicht erschienen, und sie war es, die seine Augen suchten. Er benutzte die Gelegenheit, während man sich gegenseitig begrüßte, Hector abseits zu ziehen. »Ist Maud im Park?« »Nein. Ich habe sie vorhin am Fenster ihres Zimmers gesehen.« »Ich muß sie vor dem Frühstück sprechen.« »Wieder eifersüchtig? Sie sind unverbesserlich,« schalt Hector ihn sanft. Wie oft während des letzten Monats war Maxime, gequält durch die anonymen Anschuldigungen, die Maud ahnte, mit seinen Bekümmernissen zu ihm gekommen! »Im Gegenteil,« antwortete Maxime, »ich habe Fräulein de Rouvre schwer beleidigt, und ich möchte sie um Entschuldigung bitten.« »Sie sind in Wahrheit der überraschendste Bräutigam, den ich je gekannt habe, lieber Maxime. Aber schön, wir wollen in die Vorhalle gehen und sie dort erwarten ... Da können wir sie nicht verfehlen; wenn sie die Treppe hinunterkommt, muß sie uns sehen.« Sie begegneten ihr in der Thür, wie sie eben im Begriff stand, eine orchideenähnliche, sonderbar geformte und sonderbar gefärbte, gefüllte Betunia in ihren Gürtel zu stecken. Hector, der sich, was den Ausgang des bevorstehenden Gesprächs betraf, nicht ganz ruhig fühlte, schlug einen scherzhaften Ton an: »Hier bringe ich Ihnen, liebe Miß Maud, einen Herrn, der, wie es in der Sprache der Journalisten heißt, »ein Gespräch mit Ihnen wünscht« ... Im kleinen Salon ist augenblicklich niemand; er wird sich gewiß vorzüglich zu einem Interview eignen.« Er öffnete ihnen mit feierlicher und ehrerbietiger Miene die Thür und zog sich darauf zurück. Maud, die auch nicht ganz ruhig war, versuchte ebenfalls heiter zu scheinen: »Sie haben mir etwas zu sagen, lieber Freund?« Mit Anspannung ihrer ganzen Willenskraft sah sie ihn unbefangen an, um ihre Ängstlichkeit nicht zu verraten. Ihr erster Gedanke war indessen sofort »Julien« gewesen. Inzwischen hatte Maxime ihre Hände ergriffen und sich über dieselben gebeugt: »Ich bitte Sie um Verzeihung!« sagte er leise, wie überwältigt von Gemütsbewegung ... »Ich habe mich schlecht gegen Sie betragen. Ich bin Ihrer nicht mehr würdig.« Maud begriff nicht, was er damit sagen wollte. »Was haben Sie denn gethan? Haben Sie wieder an mir gezweifelt?« »Ach, wenn Sie ahnten, wie es mich gefoltert hat, Zweifel zu haben. Aber Sie müssen wissen, jeden Tag während Ihres Aufenthaltes auf Chamblais habe ich Briefe bekommen, die Sie betrafen, ... Briefe, die eine solche Mischung von genauen Aufklärungen enthielten ... Aufklärungen, deren Richtigkeit ich kontrollieren konnte: welche Kleider Sie angehabt haben, welche Läden Sie besucht haben ... eine solche Mischung von Wahrheit und Verleumdung ...« »Daß Sie die Verleumdung glaubten, nicht wahr?« antwortete Maud und zog ihre Hände zurück. »Maud,« sagte Maxime. »Ich brauchte Ihnen nichts davon zu sagen. Verurteilen Sie mich nicht, weil ich mich Ihnen anvertraue. Hören Sie, was ich gethan habe. Ich hatte schon vier Mal einen mit der Schreibmaschine geschriebenen Brief erhalten, in dem immer dasselbe stand: Heute nachmittag, um halb sechs Uhr, werden Sie Fräulein de R... in die Rue de la Baume gehen sehen, die zweite Pforte rechts, wenn man von der Avenue kommt, um ...« Nein ich wage Ihnen nicht zu sagen, welcher Schändlichkeit der Brief Sie anschuldigte.« »Um ihren Liebhaber zu besuchen,« vollendete Maud den Satz. »Weshalb die Schändlichkeit nicht beim Namen nennen, wenn Sie doch daran geglaubt haben?« »Ich habe nicht daran geglaubt. Die ersten vier Briefe habe ich zerrissen. Ich habe sie Ihnen gegenüber mit keinem Wort erwähnt ... Aber gestern ... ich war wahnsinnig ... ich ...« »Sie haben mich verfolgen lassen?« »Nein. Ich bin selbst in die Rue de la Baume gegangen. Etwas vor sechs hielt eine Droschke vor der Thür und eine Dame, deren Gestalt der Ihrigen ähnlich sah ... jedenfalls schien es mir so ... stieg aus ... Ich stürzte auf sie los, aber die kleine Thür war schon wieder zu ... Ach Maud, wenn ich gegen Sie gesündigt habe ... so hat diese Stunde – mehr als eine Stunde – die ich damit verbrachte auf dem Pflaster vor dem Hause hin und her zu wandern, mich bitter dafür büßen lassen ...« Maud folgte mit Spannung seinem Bericht. Sie fühlte sich wieder sicher, aber zugleich war sie sehr erstaunt. Und eine geheime Eifersucht fing an sie zu beunruhigen. »Also Julien tröstet sich; er empfängt Besuche von anderen Damen ...« »Fahren Sie fort,« sagte Maud. »Um welche Zeit verließ ich ihn ?« »Etwas nach sieben. Als ich die Pforte aufgehen sah, verlor ich jede Besinnung, ich sprang auf die Dame los ... Ich packte sie am Arm und zwang sie, mir ihr Gesicht im Schein der Wagenlaterne zu zeigen.« »Und es war?« fragte Maud, deren bebende Stimme die Aufmerksamkeit eines kundigeren Beobachters erregt hätte. Maxime besann sich: »Ich habe nicht das Recht, ihren Namen zu nennen.« »Ich befehle es Ihnen! Ich habe das Recht, den Schurken, die mich verläumden, die Masken vom Gesicht zu reißen.« »Es war ein junges Mädchen, das ich auf Ihrem Ball kennen gelernt hatte ... Sie erregte allgemeines Aufsehen durch die Art und Weise, wie sie Julien de Suberceaux den Hof machte.« »Juliette Avrezac?« fragte Maud. »Ja.« Sie antwortete nicht. Und Maxime, der sie ängstlich betrachtete, faßte den Zorn, der auf ihrer Stirn, in ihren Augen flammte und sich in den zusammengebissenen Lippen verriet, als gegen sich gerichtet auf. »Ach! vergib mir!« ... bat er und sank auf die Knie vor ihr, indem er seinen Kopf in die Falten ihres Kleides verbarg. Sie kam wieder zu sich. »Stehen Sie auf,« sagte sie beinahe hart. »Es ist mir unangenehm, Männer knieen zu sehen. Ich vergebe Ihnen. Es soll vergessen sein. Wenn Sie das hat heilen können, um so besser ... Denn ich leugne nicht, die Zukunft macht mir Sorge, wenn ich sehe, wie mißtrauisch Sie sind.« Sein Mund suchte ihre Stirn, die einzige Stelle ihres Körpers, die sie ihm während ihrer Verlobungszeit zu küssen erlaubt hatte. Jetzt reichte sie ihm ihren Hals hin, und während seine brennenden Lippen ihn berührten, stieg in ihr ein dunkles Bedürfnis auf, sich zu rächen, ein Wunsch, Verrat mit Verrat zu vergelten. Nie hatte Maxime so viel erreicht: nie hatte Maximes Kuß ihre Nerven so schmerzlich in Aufruhr gebracht. II. Seitdem durch Mathilde Duroys Tod und die Abreise der Familie de Rouvre nach Chamblais, jede Möglichkeit eines Stelldicheins mit Maud ausgeschlossen war, hielt Julien de Suberceaux sich beständig im Klub auf. Er lehnte jede Einladung ab und vermied die Theater und alle sonstigen Vergnügungen, wo gemeinsame Bekannte ihm von Maud oder Maxime sprechen konnten. Er spielte viel. Gerade zu der Zeit wurde sehr hoch gespielt, denn der Klub wurde von zwei reichen Ausländern besucht, zwei Brüdern, die jeden Abend ein polnisches Dorf dran wagten. Um fünf Uhr fing das Spiel an und wurde ohne Unterbrechung fortgesetzt, bis der Wirt meldete, daß serviert sei. Gegen Mitternacht fing man wieder an. Suberceaux war der erste, der erschien und wiederum der letzte, der aufbrach: er spielte unaufhörlich mit einem fast teuflischen Glück – einem solchen Glück, daß es selbst den glücklichen Spieler erschreckt, wenn er, die Taschen voller Geldscheine, schlaff und stumpfsinnig nachts zurückkehrt. Im Verlauf von sechs Tagen hatte er ungefähr dreimal hunderttausend Franken gewonnen. In der fieberhaften Aufregung, die die unaufhörlich wechselnden Chancen der schicksalsschweren Karten bei jeder noch so starken Natur hervorrufen, fand er die einzige Zerstreuung für die dumpfe Verzweiflung, an der seine Seele litt, seitdem Maud ihm in den gewohnten, nur für die beiden verständlichen Ausdrücken, die sie wie eine Art von Ziffernschrift für ihre geheime Korrespondenz benutzten, mitgeteilt hatte, daß es unumgänglich notwendig sei, ihre Zusammenkünfte zu unterbrechen bis die Hochzeit stattgefunden. In dieser Weise verging die Nacht und die wenigen Stunden des Tages, die auf den schweren Schlaf folgten, in den er, wenn er gegen sechs Uhr morgens heimkehrte, verfiel. Die schlimmste Zeit für ihn war, wenn um neun Uhr nach dem Essen die Cigarre geraucht war, und die Freunde alle in irgend ein Theater gingen, oder – denn die Abende waren schon ganz sommerlich – sich in einer Equipage des Klubs nach dem Bois fahren ließen. Er wollte weder ins Theater, ins Varieté oder ins Bois hinaus, er wollte nirgends sein, wo er riskieren konnte, Leute zu treffen, die ihm von Maud und Chantel erzählten. Und die Zeit verrann langsam, Minute auf Minute; in der drückenden Stille des menschenleeren Klubs, in den von kaltem Tabaksrauch erfüllten Räumen. Er dachte dann: »Was thut sie jetzt wohl? Ist er bei ihr? Womit unterhalten sie sich? ...« Und die Einsamkeit wurde ihm doppelt qualvoll, sie folterte ihn. Als er an einem solchen Abend – es mochte wohl halbzehn sein – Hector Le Tessier durch die öden Räume nach dem Lesezimmer gehen sah, konnte er der Versuchung nicht widerstehen ihn anzureden. Hector drückte vergnügt seine Hand: er fühlte sich mit geheimer Sympathie zu Julien hingezogen, der ihm, den dilettierenden Psychologen, wie ein prachtvolles Raubtier in Menschengestalt erschien, und er fand es durchaus berechtigt, daß solche Wesen wie er und Maud, sich über die gewöhnlichen bürgerlichen Rücksichten hinwegsetzten. »Wollen Sie hinein und schreiben?« fragte Julien. »Ja ... einen Rohrpostbrief. In zwei Minuten bin ich fertig. Wollen Sie so lange warten?« Während er schrieb, setzte er mit einigen Zwischenpausen das Gespräch fort. »Aber was in aller Welt machen Sie um diese Stunde in der Wüste hier.« »Ich warte darauf, daß das Spiel anfangen soll!« »Fahren Sie doch lieber ins Bois. Es ist ja wundervolles Wetter.« »Das Bois langweilt mich.« »Dann gehen Sie doch und hören Yvette.« »Yvette langweilt mich.« Hector, im Begriff seinen Brief zu schließen, wandte sich halb um: »Na, wenn alles andere auch seinen Reiz verliert, so bleiben doch immer noch ... die Damen,« sagte er lächelnd. »Ich danke, nein! Die sind mir erst recht unangenehm! Wäre ich sicher, keiner von ihnen zu begegnen, würde ich vielleicht doch noch ausgehen.« »Himmel!« rief Hector, »welcher Pessimismus!« Er ging, sein Telegramm in den Postkasten des Klubs zu werfen, setzte sich darauf rittlings auf einen Stuhl, zündete eine Cigarrette an und sagte: »Es mag nun alles sein, wie es will, ich für mein Teil finde wenigstens, daß die Weiber unstreitig eine der angenehmsten Zerstreuungen sind, die wir überhaupt hier in diesem Jammerthal haben.« »Und ich,« antwortete Julien dumpf, mit müdem und traurig gesenktem Kopfe, und legte die Handflächen gegen das gepolsterte Sofa, »ich finde sie widerlich bis zum übel werden ...« Sein Gesicht verzog sich, als sei ihm in der That übel geworden. Aber er sprach weiter. Es klang als dächte er laut, als glaubte er sich allein hier in den großen stillen Sälen mit den weitgeöffneten Fenstern, wo die Ruhe noch tiefer wurde durch die abendliche Stille, die nach dem Mittagessen auf den sonst so lauten Straßen herrschte. Dennoch war er froh, daß jemand neben ihm saß, vor dessen Ohren er all seine Erbitterung ausschütten konnte. Er fuhr fort: »Ja ... widerlich sind sie mir! Die stärksten Worte, die je über ihre gemeine, tierähnliche Sinnlichkeit niedergeschrieben wurden, sind viel zu schwach, um das auszudrücken, was ich von ihnen denke. Ich wollte, ich könnte die Tage und Nächte, die ich ihnen gewidmet habe, aus meinem Leben streichen. Es kommt mir vor, als hätten sie alles, was in mir gut war, verdorben: meine Arbeitslust, meinen Ehrgeiz, ja selbst meine Freude am Leben und meine Hoffnung auf die Zukunft.« Hector nahm sich wohl in acht, ihn zu unterbrechen. Nach einer Pause fuhr Julien fort: »Wenn man bedenkt, daß man von dem Augenblick an, wo man aufhört ganz Kind zu sein, von dem Augenblick an, wo man zu ahnen anfängt, was die Liebe, was die Frauen sind, nur davon träumt sie zu besitzen und von ihnen begehrt zu werden! In der Schule dachte ich an nichts anderes. Während ich bei den Priestern und noch sehr religiös war, wissen Sie, was mich da im voraus schon quälte? Ich trauerte darüber, daß es mir nie erlaubt sein würde, alle Frauen zu besitzen ... Alle! Mir schien, ich müßte sie alle haben, um das Leben lebenswert zu finden. Und doch war ich damals noch ganz unberührt.« »Es ist eigentümlich,« sagte Hector sinnend vor sich hin, »wie die erotischen Neigungen der verschiedenen Menschen sich schon in den Kinderjahren deutlich formen ... Sie sind ein geborener Erotiker. Ich meinerseits hatte bereits während ich in die Schule ging, eine Geliebte, ein gutmütiges Mädchen aus Paris, mit der ich jeden Donnerstag Abend zusammen verbrachte, und der ich gewissenhaft die Hälfte meines Taschengeldes gab. Aber ich habe dabei keinerlei Anfechtungen gehabt. Ich wurde auch später im Leben kein wirklicher Erotiker. Aber freilich bin ich ja auch nicht unwiderstehlich.« »Machen Sie doch keine Scherze! Sie werden ebensoviel Frauen besessen haben wie ich ... vielleicht mehr ... denn aufrichtig gestanden – und Ihnen gegenüber mache ich mich nicht wichtig, verstehen Sie – es sind Frauen da, die Angst vor mir haben. Ich würde mich lächerlich machen, wenn ich das allem und jedem erzählte; aber mehr als eine Frau hat mir geantwortet: »Nein ... Sie sind viel zu schön ...« Schön zu sein, ist nur eine mittelmäßige Anziehungskraft Frauen gegenüber ... Die Schönheit ist nämlich ihre eigene Waffe, eine Waffe, in deren Gebrauch sie uns immer überlegen sein werden ... Übrigens ist mir das alles ganz egal! ... Man hat immer zu viel Frauen ... Sie sind sich ja alle so gleich. Alle solche lüsterne kleine Tiere ... Ich will mich verpflichten, in einer Nacht, selbst die anständigste unter ihnen, umzuwandeln. Ihre Keuschheit, ihre Anständigkeit hat immer nur ihre Wurzel in der Furcht vor dem Urteil der Welt, in Eitelkeit oder in Gewohnheit ... Ihre Seele ist ein Lappen, der die Farbe erhält, welche der Mann ihr gibt. Nur ihre Körper sind verschieden ... Und aufrichtig gestanden, die Lebensaufgabe zu haben, die größtmögliche Anzahl von Körpern zu liebkosen ... das kommt einem zuletzt ganz ekelhaft und dumm vor.« Ein Diener trat herein, ordnete die Schreibmaterialien und sammelte die auf den grünen Tischen umhergestreuten Zeitungen. Sobald Julien die gestickte Livree und die dicken weißen Waden im Saal erblickte, schwieg er. Aber noch hatte er sein Herz nicht zur Genüge ausgeschüttet; und als er wieder mit Hector allein war, fing er sofort wieder an. »Jetzt habe ich Punktum gemacht ... Ich glaube, ich bin geheilt ... Keine Frau wird mich künftig mehr reizen; im tiefsten Schlamm habe ich meine Reinheit wiedergewonnen ... Wissen Sie, heute zum Beispiel kam eine junge Dame zu mir ins Haus, eine Anfängerin – was ja doch allgemein für sehr verlockend angesehen wird – ein junges Mädchen, die für hübsch gilt, und die behauptete, unschuldig zu sein. Sie kam also zu mir, sie blieb eine Stunde bei mir, während ihre Gesellschafterin draußen im Wagen auf sie wartete ... Der Himmel mag wissen, weshalb ich sie eigentlich empfing! ... wohl nur um die Zeit zu vertreiben und allerlei Verdrießlichkeiten zu vergessen. Über eine Stunde blieb sie bei mir, sie war so entgegenkommend, wie eine Kokotte einem Bankier gegenüber ... und während der ganzen Zeit hatte ich nur den einen Gedanken: »Wenn Du wüßtest, wie widerlich Du mir bist ... und wie Du mich langweilst! – – Na,« schloß er, indem er aufstand und sich Hector näherte, »sprechen wir nicht mehr davon. Es regt mich auf und Ihnen macht es keinen Spaß. Wo wollen Sie heute abend hin? Wenn Sie nichts dagegen haben, begleite ich Sie ein Stück – bringe ich Sie auf den Weg ... die Zeit wird mir dann nicht so lang, bis das Spiel anfängt.« Hector stand auf: »Ich muß auf eine Stunde in die Oper, wo ich augenblicklich eine kleine Freundin habe. Wollen wir gehen. Entschuldigen Sie, wenn mir der Kopf ein bißchen verwirrt ist von allem, was Sie mir eben erzählt haben. So etwas hört man ja nicht alle Tage. Denn – Sie werden mich doch wohl nicht zum besten gehabt haben?« »Aber lieber Freund, ich schwöre Ihnen ...« »Trotzdem, wissen Sie, mein schöner Herr Julien,« fuhr Hector fort, der fest darauf versessen war, ihn in die Enge zu treiben ... »ich habe oft Gelegenheit gehabt, Sie zu beobachten, ich kenne Sie so ziemlich. Und Sie werden mir nicht weismachen, daß alle Frauen, alle ohne Ausnahme , Ihnen gleichgültig wären ...« Suberceaux richtete sich steif auf. »Wen meinen Sie?« sagte er, und seine Stimme, sein Blick wurden plötzlich eiskalt. Hector antwortete nicht; er sah ihn ohne Verlegenheit freundlich an, und Juliens Mißstimmung wich vor der Offenheit seines Blickes. »Übrigens,« sagte er, »haben Sie recht. Wie alle anderen, wie Sie selber wahrscheinlich auch, mache ich eine Ausnahme mit Fräulein de Rouvre. Aber,« fügte er hinzu, mit einem Versuch ironisch zu sein, »sie entzieht sich ja augenblicklich unserer Bewunderung. Ist es schon festgesetzt, wann die Hochzeit sein soll?« Er suchte sich zu beherrschen, aber die Unruhe seiner Stimme verriet ihn. »Am 18. ... in neun Tagen also.« »So ...« kam es langsam von Juliens Lippen. Er sprach nicht mehr, sondern stand schweigend da, vertieft in die Betrachtung seiner Lackschuhe. Plötzlich reichte er Hector die Hand: »Ich sage Ihnen doch Lebewohl, lieber Freund; ... ich vergaß, ich habe heute abend eine wichtigen Gang vor. Leben Sie wohl!« Er gab sich keine Mühe, eine bessere Entschuldigung zu finden; er eilte hinaus. Hector hörte die schweren Thüren in der Vorhalle hinter ihm zuschlagen, und durch's Fenster sah er Julien mit schnellen Schritten die Straße hinabstürmen, dann allmählich langsam mit gesenktem Kopfe weitergehen, wie niedergebeugt von schweren Sorgen. »Er sieht aus wie einer, der nicht mehr aus noch ein weiß, und sich die Schluß-Katastrophe des Dramas überlegt. Was kann ich dabei thun?« Die Rolle der Vorsehung widerstand seinem nachsichtigen Skepticismus. »Die Vorsehung zu spielen, das heißt Partei zu nehmen für das Glück des einen wider den anderen ... Wer hat das Recht dazu?« Als er sich aber die Sache näher überlegte, schien ihm doch Mauds Ehe mit Maxime die beste Lösung zu sein, die »verhältnismäßig am wenigsten unglückliche.« »Außerdem habe ich Maud meinen Beistand zugesagt.« Er faßte schnell seinen Entschluß, schrieb und warf folgendes Billett in den Postkasten, das Maud den nächsten Morgen draußen auf Chamblais erhalten sollte: »Seien Sie vorsichtig, liebe Freundin ... eben bin ich hier im Klub einem unserer Freunde begegnet, dem schönsten unserer Freunde, in sehr aufgeregter Gemütsverfassung.« Dann ging er, um seinen Abend in der Oper zu beenden, sehr zufrieden mit diesem Tage, der ihm den seltenen Genuß verschafft hatte, auf den Grund eines leidenschaftlich erregten Menschenherzens zu sehen. * Inzwischen hatte Julien, bedrückt und niedergeschlagen, wie Hector ihn vom Fenster gesehen, langsam, ohne zu wissen wie, seine Wohnung in der Rue de la Baume erreicht. Plötzlich stand er vor seinem Hause; als er aber die Pforte öffnen wollte, kam er zu sich ... dort hinaufzugehen, um überall, in der Luft, in den Decken und Vorhängen, in den geheimnisvollen Tiefen der Spiegel, den Leichenstaub und Dunst seines früheren Ichs einzuatmen, der ihn an den umsonst gelebten, verlorenen Tagen überall dort oben entgegenschlug – nein, lieber versuchen diesem allen zu entfliehen, sich selbst und alles andere zu vergessen suchen. Und er eilte hinweg, als fürchtete er, sein eigenes Gespenst aus der kleinen grauen Pforte hinaustreten zu sehen. Auf der anderen Seite des Boulevards erstreckte sich eine lange, gerade, menschenleere Straße, deren Perspektive von zwei Reihen gelber, in der Ferne verschwimmender Sterne erleuchtet wurde. Die suchte er auf, und während er sie hinabschritt, wunderte er sich über den Laut seiner eigenen Schritte auf dem trocknen Asphalt, über seinen eigenen Schatten bei jeder Gaslaterne, an der er vorbeiging, und darüber, sich lebend zu fühlen. Denn das große Rätsel des Lebens, das Rätsel der Persönlichkeit, das im Schlendrian der ereignislosen Tage vergessen wird, drangt sich den Menschen in den ernsten, entscheidenden Stunden mit gebieterischer Macht auf. Er, der in diesem Augenblick ohne Ziel umherschweifte, wie eine Maschine, deren Räder in Unordnung gebracht sind und ohne Nutzen weiter schnurren, er sah ein anderes Wesen leben, denken, leiden, und dieses Wesen war er selber. Und jedesmal, wenn er konstatierte, daß er es auch wirklich war, empfand er es wie einen schweren, unerwarteten Sturz in die Tiefe. »In neun Tagen! In neun Tagen ist sie verheiratet ...« Er fuhr fort, diese Worte leise zu wiederholen und jedesmal schien es ihm, als sagte er etwas, das im Widerstreit mit seinem eigenen Leben, mit der ganzen Wirklichkeit stand, die ihn umgab. Es kam ihm ebenso unvernünftig vor, als ob er gesagt hatte: »Ich bin tot, oder: »Die Häuser hier, die Straße, der Laut meiner Schritte – das alles ist nur Traum und Einbildung ...« Jedesmal, wenn der Gedanke: »Maud verheiratet sich ... es ist vorbei ... es ist abgemacht« ... ihn an die Kehle packte, schnappte er in krampfhaftem Kampf ums Leben nach Luft, wie einer, der dem Ersticken nahe ist. Schnell wie in einem Traum, wo in wenigen Sekunden die Erlebnisse vieler Jahre zusammengedrängt sind, kamen und schwanden vor seiner Erinnerung die Begebenheiten, Daten und Worte, das ganze Gewebe der Vergangenheit, das, so schien es ihm, die Jetztzeit umspinnen mußte, sie zwingen mußte, nicht Trennung, nicht das Ende zu werden. Der zuversichtliche Eroberer-Wille, der seinen Geist erfüllte, als er vor sechs Jahren nach Paris kam, hochmütig, ehrgeizig, gierig – dieser Wille lebte noch in ihm, er wollte leben, er empörte sich gegen die Niederlage: »Es ist nicht möglich. Es soll nicht geschehen. Ich will es nicht ...« Sein verwirrter Gedanke ergriff aufs Geratewohl Einzelheiten aus den kindisch-skeptischen Beweisführungen, womit er seine Gewissenszweifel zu beseitigen pflegte: »Der Besitz einer Frau muß dem Manne in moralischer Beziehung ebensowenig bedeuten wie ein Glas wohlschmeckenden Liqueurs ... Moral und Gefühl in diesen Akt hineinlegen zu wollen, sind Mönchs- und Dichterphantastereien. Der starke und gesund denkende Mann benutzt die Frauen wie jedes andere irdische Gut zu seinem Vergnügen und seinem Vorteil.« Ja, die Beweisführungen waren noch immer da in seinem dienstunfähigen Gehirn. Aber weshalb trieb ihn ein unwiderstehlicher Impuls, stark und mächtig wie eine Naturkraft, in dieser schmerzlichen Stunde, wo er sich von einer Frau hingeopfert fühlte, in die Arme der entgegengesetzten Überzeugungen, in die Arme seines alten keuschen, frommen Kinderglaubens? »Es waltet ein moralisches Gesetz über der Liebe der Menschen. Die flüchtige Lust der Umarmung, flüchtig wie der Genuß eines Glases Liqueur, birgt in sich den Keim zu den schmerzlichsten und tiefsten Leiden ... Du siehst ja, daß der Schmerz, den du jetzt fühlst, aus anderem und größerem herstammt als aus dem Kummer über den Verlust eines Vergnügens ...« Ja, sein Schmerz stammte aus anderem und größerem. Das, was ihn folterte, war nicht jene theoretische Eifersucht, die die Psychologen docieren, der aufflammende Zorn, den das Bild der Geliebten in den Armen eines anderen, hervorruft. Im Gegenteil, er fühlte Ekel vor der körperlichen Wollust, wie es die wirklich Wollüstigen in jeder starken Gefühlskrisis immer thun. Das, was ihn quälte und mit Haß erfüllte, war, daß Maud sich nicht mehr nach ihm sehnte, daß sie sich hatte frei machen können von ihm, daß er ihr nicht länger notwendig war – während er sich von ihr nicht frei machen konnte. Heute hatte er es gefühlt, als er zu vergessen suchte in den Armen einer anderen Frau, die er aus Trotz zu sich gerufen. Seine Nerven, sein ganzer Körper hatte sich geweigert. Die treulose, die abwesende Geliebte behielt ihre Herrschaft über ihn; und nur dadurch, daß er ihr aus der Ferne die Treue bewahrte, daß er an sie allein dachte, hatte er die Liebkosungen hervorgezwungen. »Aber sie wird auch sicher leiden!« Es war die Hoffnung seiner Eifersucht, daß auch sie ihren Golgathaweg wanderte. »Sie kann nicht aufhören mich zu lieben, so ganz plötzlich, durch einen Vernunftbeschluß. Sie leidet ... es sei denn, daß ...!« Der Zweifel tauchte auf, und mit ihm jene alltägliche Eifersucht, die Erbitterung bei dem Gedanken, daß die Geliebte von den Lippen eines anderen geküßt wird, der wahnsinnige Haß, der zum Morde führt. Und diese alltägliche Eifersucht erweckte wieder seine Begierden. Eine deutlich geschaute Erinnerung – Maud, mit entblößten Armen in Suzanne Duroys ehemaligem Zimmer stehend, damit beschäftigt ihr Haar zu ordnen – brachte ihn plötzlich zur Besinnung und rief ihn in die nüchterne Wirklichkeit zurück. Er sah sich um: »Wo bin ich?« Er stand an der Rue de Saint Petersbourg. Wie ein verwundetes Tier, das instinktiv seine Höhle aufsucht, war er, ohne es zu wissen, seinen gewöhnlichen Weg gewandert, der ihn dorthin führte, wo er mit Maud die unvergeßlichen Stunden verlebt hatte. Und auch jetzt, wo er zu vollem Bewußtsein erwacht war, trieb ihn eine innere Macht unwillkürlich weiter – zur Rue de Berne. Schon schwärmten öffentliche Dirnen um die kleinen Weinstuben der Straße, vor denen rote Laternen leuchteten. Der Abend war milde, angenehm und still. Als er zu Mathildens Haus kam, blieb er unschlüssig stehen. Die Thür war wie immer abends geschlossen. »Was soll ich der Pförtnersfrau sagen? Sie wird mir nicht erlauben, in die Wohnung der Verstorbenen hinaufzugehen.« Aber er wußte, daß man ihm immer gehorchte, wenn er einen gewissen Willen in seine Stimme hineinlegte. Und er trat in das Pförtnerstübchen. Die Frau war allein zu Hause, sie stand und wusch auf. Sie hielt einen Augenblick zögernd mit der Arbeit inne, als Julien mit gebieterischer Stimme, die alle Einwände abschnitt, den Schlüssel zur Wohnung der verstorbenen M me. Duroy verlangte. Einfache Leute in Paris hegen große Ehrfurcht vor dem Tode, wohl die einzige Ehrfurcht, die sie kennen. »Ich wollte eine Reisetasche abholen, die ich oben habe stehen lassen,« sagte Suberceaux, um die einfältige Seele zu beruhigen. Die Frau gab ihm den Schlüssel. Julien lief die drei Treppen hinauf, schnell wie damals, als er zum Stelldichein erwartet wurde. Es war also doch noch etwas da, was er begehrte. In der Verwirrung seines Herzens war er glücklich, daß er diese unvernünftige Freude empfand, hier in der öden, ausgestorbenen Wohnung zu sein, und Mauds leeres, verlassenes Zimmer wiedersehen zu können. * Der Tod hatte übrigens nichts in der kleinen Wohnung geändert; das sah er, als er ein Licht angezündet hatte, welches wie früher auf einem niedrigen Schrank im Korridor stand. Auch alles andere stand an seinem gewohnten Platz; ebenso in der Eßstube, die er durchschritt; nur war die Luft fade, wie in allen unbewohnten Räumen, doch vermischt mit dem feinen Duft, der immer an den Zimmern haftet, wo Frauen sich aufgehalten haben. Aber besonders ihr Zimmer, »Suzons Zimmer«, machte den Eindruck, als sei es vor ganz kurzem erst verlassen. Das Bett war frisch gemacht, auf dem Toilettentisch standen Flacons mit Resten von Parfüms und lagen eine Menge kleiner Sachen, die Maud nicht Zeit gehabt hatte zu holen, oder die sie absichtlich dort gelassen. Mit vor Aufregung bebendem Herzen trat Julien ein, zündete die Kandelaber auf dem Kamin an und brachte, wie früher so oft und so gern, ihr kleines Liebesnest in Ordnung. Die gespenstischen Erinnerungen aus der Vergangenheit, vor denen er kürzlich geflohen, als er draußen vor seiner eigenen Wohnung stand, die gerade suchte er hier auf; er suchte sie mit qualvollem Verlangen zurückzurufen. Aber die Hallucinationen blieben aus. In einem Stuhl am Fenster sitzend, dem Geräusch der vereinzelt vorbeifahrenden Wagen horchend, schloß er die Augen – vergebens. Obgleich die Umgebung unverändert war, es wollte sich das Gestern mit dem Heute nicht verschmelzen. Keine Sekunde wurde ihm die Illusion, um die er so flehentlich bat. Er litt nur noch mehr, eine thränenlose, herzquälende Verzweiflung. Nach einer Weile erhob er sich, stöhnend, instinktiv nach einer Waffe, einem Gegenstände suchend, um sich damit zu töten. »Mir ist so elend zu Mute!« Ein Entsetzen vor dem Leben ergriff ihn. Er warf sich auf das Bett, riß die Decken ab, biß in die frischen, weißen Laken, an denen keine Erinnerung an die Abwesende mehr haftete. Ein rasender Drang, die Vergangenheit zu zerstören, zu vernichten, bemächtigte sich seiner. Er zerrte und riß am Bette, warf die Kissen durcheinander wie ein Kind, das ein Stück Möbel schlägt, an dem es sich gestoßen hat. Und plötzlich bekam er zwischen den aufgewühlten Betten ein Stück Batist in die Hände; eines von Mauds Hemden, ein langes, keusches, sehr feines, aber nicht durchsichtiges Madchenhemd. Ein Duft von Ambra und Farnkräutern, vermischt mit dem Duft von Mauds Körper, schlug ihm daraus entgegen. Er atmete ihn lange ein, und sein Schmerz löste sich. Die Thränen stürzten ihm aus den Augen, Thränen der Liebe, jener wahren Liebe, wie sie die anderen Menschen auch fühlen, gegen die er gesündigt hatte, die er verleugnet hatte ... »Maud, meine liebe, liebe Maud!« Schluchzend bohrte er sein Gesicht in das leblose Stück Zeug hinein. Leblos und doch lebend: denn Maud hatte es ja getragen, und es war das einzige, was ihm noch von ihr blieb. In seiner großen Verzweiflung fühlte er während eines kurzen Augenblicks seinen Kinderglauben wieder aufblühen: er lebte also trotz alledem noch unter dem ungesunden Staub, der ihn so lange bedeckt hatte? Er fing an zu beten. Er mischte unter die heiligen Namen, die er in alten Zeiten angerufen, den Namen der Geliebten, deren Körper er entheiligt hatte. Mit verwilderter aber aufrichtiger Frömmigkeit stieß er jetzt alle Vernunftgründe von sich, und rief in einem Glaubensschrei den Himmel um Gnadenbezeugungen an, welche allem Glauben, aller Moral widerstritten. Wie früher, wenn er in seinen Kinderjahren irgend etwas wünschte, ein Vergnügen oder Geschenk, legte er der heiligen Jungfrau und den himmlischen Schutzheiligen feierliche Gelöbnisse ab – gelobte Buße und Besserung für die Zukunft: »Ich will mich verheiraten ... Ich will arbeiten ... Ich will heilig mit ihr leben. Aber gib sie mir wieder!« Als er wieder hinunterkam, war es elf Uhr vorbei. Die Pförtnersfrau stand in der Thür und sah ihn mißtrauisch an; er beruhigte sie dadurch, daß er ihr gleichzeitig mit dem Schlüssel einen Louisdor in die Hand drückte ... Und er ging die Straße hinunter in gerader Haltung und mit festen Schritten. Es schien ihm, als wäre die Hoffnung trotz alledem nicht ganz erloschen. Gesunde Thränen hatten seinen Kummer erleichtert, und mit den Resten seiner moralischen und seiner Glaubensüberzeugungen war auch das Gefühl der Hoffnung, das in der verzweifeltsten Seele noch immer unzerstörbar schlummert, an die Oberfläche seines Bewußtseins getreten. »Es soll nicht geschehen! Sie wird Chantel nicht heiraten!« Eine feste Überzeugung, die keines Beweises bedurfte, sagte ihm das. Wie sollte es verhindert werden, mit oder ohne sein Eingreifen? Er wußte es nicht. Er fühlte nur, daß er das Recht hatte einzugreifen. Aber wie er es anfangen sollte, und ob er überhaupt von seinem Rechte Gebrauch machen wollte – auch das wußte er nicht. Er litt noch immer, aber sein Schmerz war wie in schlaffer Gleichgültigkeit erstarrt; er überlegte nicht, dachte nicht. Und von jetzt an nahm er sein gewöhnliches Leben wieder auf, scheinbar ganz ruhig, äußerlich wenigstens. Er ging nach Haus und kleidete sich mit der gewohnten peinlichen Sorgfalt um. Wer ihn etwas nach Mitternacht gesehen hätte, wie er im Frack und offenem Frühlingsüberzieher, eine Blume im Knopfloch, die Cigarre im Munde, langsam durch die Rue Saint-Honoré zum Klub hinschlenderte und am Spieltische Platz nahm – hätte sicher nicht geahnt, daß dieser Mann während vierzehn Tage in einem unausgesetzten Fieberzustande gelebt hatte, und während der letzten sechs Tage beinahe gemütskrank gewesen, daß er vor nur zwei Stunden in aufstöhnendem Schmerz mit der Verzweiflung gerungen, als er das feine Hemd an die Lippen preßte, das er jetzt in seiner Rocktasche trug, wo es, sorgfältig zusammengelegt, kaum mehr Platz einnahm als ein Taschentuch. Im Klub hatte das Spiel schon begonnen. Er setzte eine Zeitlang auf die Karten; als die Bank frei wurde, übernahm er sie selbst. Er hielt sie die ganze Nacht und verlor beständig, nicht viel, aber unaufhörlich. Um fünf Uhr wurde das Spiel mit der naiven und unverschämten Heiterkeit, die das Unglück des Bankhalters immer bei den Spielenden hervorruft, aufgehoben. Alle hatten von Suberceaux gewonnen. Er verlor dreihunderttausend Franken, den Gewinn der ganzen Woche. Obgleich er schon längst den Ruf eines kaltblütigen Spielers genossen hatte, erregte er doch an diesem Abend bei seinen schlimmsten Feinden Aufsehen und Bewunderung. Mit der vollkommensten Unbekümmertheit hatte er ein Vermögen zwischen seinen Fingern verschwinden sehen. Und auf dem Heimwege vom Klub atmete er die frische Frühlingsmorgenluft mit vollen, frohen Lungen ein. Die Sache war die: er hatte die ganze Zeit, während er verlor, eine geheime Freude darüber empfunden. Mit abergläubischem Fanatismus hatte er sich, ohne sich darüber klar zu werden, folgenden günstigen Ausgang ersonnen. »Verliere ich heute nacht, wird nichts aus der Hochzeit ...« Er hatte so viel verloren, wie er verlieren konnte; er ging heim, ohne viel mehr zu besitzen als seine Kleider, aber dafür mit dem instinktiven Glauben: es wird nichts aus der Ehe. – Er gab sich nicht die Mühe zu untersuchen, wie diese Hoffnung erfüllt werden konnte. Er war völlig sorglos. Im Chaos seiner Gedanken fühlte er Pläne keimen, die sich am nächsten Tage entfalten würden, die jetzt aber noch ebenso undeutlich waren wie die Blume in jenen Zwiebeln, die sich in einer Nacht vom Keim zur Blüte entwickeln. Er legte sich ruhig zu Bett und schlief friedlich ein, das Gesicht in Mauds duftendes Hemd hineingedrückt. Wahrlich, er war ein Spieler am Tische des Lebens, zugleich verwegen und kindlich, abergläubisch und tollkühn. Er hatte die Eigenschaften, die Frauen und Spieler haben, und aus denen, wenn das Schicksal es will, die großen Eroberer entstehen. III. Mitten in dem lärmenden Straßengewimmel, welches das linke Seineufer beinahe unkenntlich macht, hat das Viertel um die alte Kirche Saint-Sulpice herum sein eigentümliches, priesterliches Aussehen bewahrt. Im Schatten der alten Türme, die Victor Hugo so treffend mit ungeheuren Klarinetten verglich, im Schatten der großen Priesterschule, wo die Fliesen im Sprechzimmer noch dieselben sind wie zur Zeit, als Manons Thränen sie benetzten, sammeln sich all jene weltlichen Erwerbszweige, die von Priestern und Gläubigen leben, in ruhigen bescheidenen Läden. Diese liegen nach engen, fast dunkeln Straßen hinaus: Kaufläden, in denen Heiligenbilder, Wachskerzen, Meßröcke verkauft werden, und Buchhandlungen, die mit Meßbüchern, Brevieren, horae diurnae handeln. Selbst die Namen der Straßen klingen altertümlich und geistlich: Rue Saint-Placide, Rue Princesse, Rue Cassette, Rue du Vieux-Colombier. Zugleich befinden sich in diesem Viertel die besonders eingerichteten, christlichen Hotels und Herbergen, die von zureisenden Priestern und Nonnen besucht werden, nebst von Familien aus der Provinz, denen der Bischof ihres Kirchspiels die Adresse gegeben hat. In diesen Hotels haben die Zimmer alle ein gewisses Hospitals-Gepräge. Die Balkendecken sind weiß getüncht, die Feldbetten werden mit baumwollenen Vorhängen drapiert, der Kamin und die Wände sind mit frommen Bildern geschmückt. Die Reinlichkeit ist geradezu beängstigend, und man wundert sich das Dienstmädchen eintreten zu sehen ohne Nonnenhaube und Brustlatz, ohne den langen Rosenkranz mit dem unten daran baumelnden Kruzifix. Der Speisesaal ist ein wahres Refektorium mit plumpen Tellern und Schüsseln, großen groben Karaffen und grobem Tischzeug, das vor Sauberkeit strahlt, aber voll von sorgfältig ausgebesserten Löchern ist. An den Fasttagen muß der Gast morgens schon besonderen Auftrag geben, um zum Frühstück ein Beefsteak zu erhalten, und der Kellner serviert es ihm dann nicht ohne mißtrauische Blicke. Auf dem Tische des Lesezimmers liegen nur katholische Blätter: la Croix, mit dem bluttriefenden Christus in Strahlenglorie, l'Univers und Revue du Monde catholique ... Abgesehen von dem besonderen Reiz, den die altväterische, verblaßte, priesterliche Einrichtung ihnen verleiht, würden diese Hotels mit ihren reinlichen Betten und ihrer soliden Küche sicher die besten in Paris sein, wenn ihnen nicht eine gewisse saure und trübselige Stimmung anhinge, die immer bei Leuten zu finden ist, die, ohne selber zu den Priestern zu gehören, dem priesterlichen Kielwasser folgen. Zu diesen Hotels gehörte das Missionshotel, in dem M me. de Chantel, nebst Tochter und Sohn, während ihres Aufenthaltes in Paris eingekehrt waren. Sie bewohnten eine Wohnung im zweiten Stock, deren Zimmer teils nach der Rue Notre Dame des Champs hinauslagen, teils nach üppigen Klostergärten mit blühenden Gebüschen, großen, schattigen Bäumen, kleinen Teichen und christlichen Statuen, die rings auf den Rasenflächen angebracht waren. M me. de Chantel und Jeanne hatten die beiden Zimmer nach der Straße hinaus, die miteinander in Verbindung standen. Maximes Zimmer war kleiner und hatte Aussicht nach den Klostergärten und dahinter nach dem großen Gebäude der Priesterschule. Ein Zimmer, das so recht für einen jungen Priester gepaßt hätte, der nach Paris gekommen war, um das Seminar zu besuchen. Das enge Bett mit den weißen Gardinen lud zu friedlichem Schlummer ein, mit guten, frommen Träumen, ohne häßliche Anfechtungen. Das Mobiliar, das aus poliertem Nußbaumholz war, bestand außer dem erwähnten Bette aus einem kleinen Nachttisch, einer Kommode mit Marmorplatte, einigen Stühlen, von denen der eine so niedrig war, daß er als Betschemel dienen konnte, ferner aus einem Tisch und einem hängenden Bücherregal. Es war kein anderer Spiegel im Zimmer als der über dem Kamin; dieser war mit zwei großen Muscheln verziert. An der Wand hing ein Holzschnitt nach Rembrandts Kreuz-Abnahme, ein Beiblatt zum Magasin pittoresque . Das kleine geistliche Zimmer hatte schwerlich jemals einen Gast beherbergt, dessen Seele so von widerstrebenden Leidenschaften durchwühlt war, wie Maximes. Den einen Tag konnte es ihn außer sich vor Glück sehen, stundenlang ein Porträt von Maud anstarrend und in der Erinnerung die herrlichen Augenblicke, die er mit ihr verlebt hatte, wiedererlebend – den nächsten Tag fand es ihn in schmerzliche, angstvolle Grübeleien versunken, daran denkend, wie er am besten alles verlassen und nach Vézéris zurückfliehen konnte. Denn jedesmal, wenn die Angst und der Schmerz ihn von neuem überfielen, stieg vor seinen Gedanken die heimatliche Erde auf, als der einzig sichere, der rettende Zufluchtsort. Die wahre Leidenschaft erkennt man an der tiefen Einsamkeit, die sie um die Seele des Menschen verbreitet. Wenn ein Lebemann von jener mystischen Macht ergriffen wird, kann er scheinbar sein vielbewegtes, geselliges Leben fortführen: er fühlt sich nichtsdestoweniger einsam, und so lange die Leidenschaft andauert, wandert er durch den Trubel des Gesellschaftslebens, als gehörte er nicht hinein. Wie viel größer muß da die Wirkung werden, wenn die Macht der Leidenschaft eine im voraus verschlossene Seele in Besitz nimmt, einen Mann, der von Natur und durch Erziehung schon Einsiedler ist. Mit Ausnahme der zwei Jahre in der Offiziersschule zu Saint-Cyr und der dreißig Monate Garnisondienst, hatte Maxime sein Leben auf Vézéris im Schoß der Familie zugebracht, nur Bauern und einen alten geistlichen Hauslehrer als einzigen, täglichen Umgang. In die Jahre, wo seine militärische Laufbahn ihn hinaus in die Welt führte, fiel jene Sinnlichkeits-Krise, von der ein Arzt ihm vorher gesagt hatte, daß sie auf seine keusche, enthaltsame Jugend folgen würde; doch ehe er nach Vézéris zurückkehrte, war diese Krise längst überstanden. Es kam ein Augenblick, wo er Ekel empfand vor sich und vor den Frauen, die sich dafür bezahlen lassen, die Sinne des Mannes zu befriedigen. Er hatte sich die Hörner abgelaufen. Immerhin blieb Maxime der empfindsame Mensch, mit dem gewaltsamen und leidenschaftlichen Temperament. Sein Gefühl der Frau gegenüber, die er liebte, wurde deshalb sofort akut, monoman. Er litt, wenn er bei ihr war, und er litt, wenn er von ihr entfernt war; er war außer sich darüber, daß er sie nicht beständig um sich haben konnte, und jedesmal, wenn sie zusammen waren war er wieder außer sich darüber, daß sein linkisches Wesen ihn hinderte und ihm den Mut nahm, Maud auch nur um die geringste Liebkosung zu bitten. Auf der anderen Seite litt er darunter, seine Energie vernichtet, seinen Willen geschwächt zu fühlen. Es war nicht das Richtige – sein gerader Sinn, seine feste Überzeugung sagte es ihm – daß ein Mann in die Ehe ging, im voraus schon unterjocht von der Frau. Wie oft hatte er sich nicht in der ländlichen Einsamkeit die Ehe ausgemalt, wie er sie sich dachte, als eine Verbindung zwischen einem männlich herrschenden Willen, einer überlegenen Intelligenz, und einer hingebenden, sich aufopfernden Weiblichkeit, wie seine Schwester Jeanne sie besaß, die durch seine Hände geformt, durch seinen Geist beseelt war. Und jetzt hatte er sich – das fühlte er – mit einer Frau verlobt, die einer feineren, überlegeneren Rasse angehörte, und die ihn ins Joch spannen würde. Ihm war zu Mute, ungefähr wie jenen Barbaren-Häuptlingen, die Rom einnahmen, und denen die vornehmen Römerinnen ihre Gunst schenkten: mißtrauische Sklaven, die zugleich ihre Knechtschaft verachteten und anbeteten. Gepeinigt von der Einsprache, die das Bewußtsein seiner männlichen Würde immerfort gegen diese Liebe erhob, hatte er diesem Gefühl Schweigen geboten. »Ich will so sein ... Ich will gehorchen ...« Wie die Katholiken, die einen Genuß darin finden, ihre Neigungen zu opfern, ihr Herz zu demütigen, opferte er seinen Stolz auf dem Altar der Geliebten. Aber was er nicht zum Schweigen bringen konnte, was er immer wieder hören mußte, das war die warnende Stimme, die an jenem Tage, als er von Saint-Amand flüchtete, zum erstenmal zu ihm gesprochen hatte; die Stimme, die an jenem Abend, als er mit Hector Le Tessier in den Opernsaal trat, und ferner an dem Nachmittage draußen auf Chamblais von neuem laut wurde, und die seitdem unaufhörlich in seiner Seele diese Worte wiederholte: »Sie ist keine Frau für dich. Es ist Wahnsinn von dir, deine künftige Gattin in der verräterischen und gekünstelten Welt zu suchen, zu der du nicht gehörst ... An dem Tage, da du sie zu lieben anfingst, nahm der Irrtum Platz in deinem Herzen, gingst du deinem eigenen Untergange entgegen ...« Diese hartnäckig warnende Stimme zerstörte ihm die besten und heitersten Augenblicke, brachte einen Mißklang in das fröhliche Glockengeläute, das in seinem Herzen ertönte, wenn er nach seinem Hotel zurückkehrte, nachdem er einen langen, entzückenden Nachmittag mit Maud verbracht hatte ... Ja, und selbst wenn er bei der Geliebten war, verfolgte die Stimme ihn, so daß Maud öfters, verwundert und erschrocken über seine finstere Miene, ihn gefragt hatte: »Aber lieber Freund, woran denken Sie?« Doch gleichviel! Er wollte sich ohne Widerstand in sein Schicksal ergeben, wie wenig es auch mit seinen Neigungen und Plänen übereinstimmte. Er ließ sich nach den Pariser Damenschneidern, Modistinnen und Tapezierern herumschleppen, die Seele erfüllt von unendlicher, herzbeklemmender Traurigkeit, gehorsam, mit der Tapferkeit eines Soldaten, der an einem Schlachttage den Befehl erhält, am Wege Steine zu klopfen, bereit, sich in alles zu finden, nur um desto länger den Duft von Mauds Nähe einzuatmen, sie zu sehen und zu sprechen. Selbst wenn er nach einem der schlimmen Tage, wo die Angst ihn schweigsamer als sonst gemacht hatte, von ihr ging, und der Gedanke ihm kam: »Jetzt sehe ich sie vor morgen nicht wieder!« – fühlte er sich so entsetzlich verlassen, so verzweifelt über die Minuten seines Lebens, an denen sie nicht teilnahm, daß er demütig Abbitte that, wie ein Büßender sein Herz züchtigte, sich anklagte, sie nicht genug zu lieben, alle ihre Launen anbetete und nur um eines flehte: daß sie immer bei ihm bleiben möchte, ob sie ihn peinige oder liebe, einerlei, aber nur bei ihm bleiben ... In dieser Verwirrung seines Herzens, in diesem Fieber seiner Sinne kamen jetzt, da der Hochzeitstag endlich festgesetzt war, Schlag auf Schlag die Briefe, die als seien auch sie warnende Stimmen, von den Vorsehung geschickt, Maud anklagten. Er hatte Maud geschworen, daß er ihr vertrauen, daß er nicht an ihr zweifeln wollte ; aber welche Qualen bereiteten ihm diese Briefe, die scheinbar so wohl unterrichtet waren, die ihre Toiletten, bis in die geringsten Kleinigkeiten, beschrieben, die angaben, wann sie ausging, und wann sie heimkehrte und jede Stelle kannten, wo sie im Verlauf des Tages gewesen war. Er litt, er kämpfte mit sich selber, er suchte Hilfe gegen den Zweifel, indem er sich an Hectors Worte erinnerte: »Es existiert in der leichtfertigen Pariser Gesellschaft kein junges Mädchen, dem man nicht häßliche Freunde vorwürfe ... Und Fräulein de Rouvre ist viel zu schön, als daß sie nicht den Neid erregt hätte. Waffnen Sie sich mit Geduld und stählen Sie ihr Herz ...« Trotz allem, trotz der vielen Vernunftgründe, trotz des überzeugenden Beweises, den Mauds untadelhaftes Benehmen ihm lieferte, trotz der Verachtung, die er, wie jeder ehrenhafte Mann für anonyme Anschuldigungen hatte, saß dennoch der Zweifel – ohne daß er es je gewagt hätte, sich offen einzugestehen: »Ich zweifle« – in grausamer Weise in seinem Herzen fest. * Alles, was je über die Thorheit und Gemeinheit anonymer Briefe gesagt und geschrieben ist, wird nicht verhindern, daß selbst der weiseste Mann von einem Gefühl der Unsicherheit ergriffen wird beim Empfange eines solchen Briefes, der die geliebte Frau des Verrats beschuldigt. Möge er eine noch so festbegründete Achtung vor ihr hegen, durch den Brief wird doch der Zweifel in seiner Seele erweckt, wenigstens die beunruhigende Frage ins Leben gerufen: »Was verbirgt sich hinter der weißen Stirn meiner Geliebten? Was weiß ich von ihren Gedanken?« Ach, sie mag in ihrer Hingebung noch so innig erscheinen, der verständige Mann weiß sehr wohl, daß er nie alles erfährt! Zweifel und Mißtrauen sind ja eben Beweise von Klugheit, denn die eine Seele ist und bleibt ein Mysterium für die andere; Vertrauen haben heißt alles aufgeben, es ist die gutwillige Verblendung. Das sind die Gedanken, die selbst beim gläubigsten Liebhaber erweckt werden durch einen schändlichen Lappen Papier, auf dem, ohne Unterschrift, geschrieben steht: »Diese Frau belügt Sie!« Und Maxime hatte sich nur durch einen Willensakt zum Vertrauen emporgeschwungen, etwa wie ein Prediger, der mit Macht den entfliehenden Glauben und mit ihm den Frieden seines Herzens festzuhalten sucht. Mit einem Schlage lag das ganze Gebäude in Trümmern: sie sind so hinfällig, die Gebäude, die unser überlegter Wille mühsam errichtet! Die einzigen soliden sind die, welche sich in uns von selber aufbauen, ohne jegliche Überlegung. Maxime kannte die furchtbare Arbeit, welche die geschäftigen Gedanken während einsamer Tage und schlafloser Nächte in den Seelen der Menschen vollziehen, wie stark auch dagegen angekämpft wird, die Arbeit, die darin besteht, Ähre für Ähre zu sammeln, sie zu einer riesenhaften Garbe zusammenzubinden und so aufzustellen, daß man in Zukunft nicht mehr vermeiden kann sie überall zu erblicken. Sein Gedächtnis arbeitete wie eine unermüdliche Ährensammlerin, beharrlich und mit Ausdauer, das mußte man ihr lassen! Saint-Amand ... wo sie sich zum ersten Male sahen ... »Die Mutter hat ein sehr unfeines Wesen ... die kleine Schwester auch ... Sie ist schön und ihre Haltung untadelhaft, aber sie sieht nicht aus wie ein junges Mädchen ...« Und schon damals, er erinnerte sich jetzt deutlich, seit dem ersten Tage ihrer Begegnung hatte er das Bedürfnis gefühlt, beruhigt zu werden, an Maud glauben zu dürfen; er wurde ganz glücklich, als M me. de Chantel zu ihm sagte: »Es sind sehr liebenswürdige und sehr feine Leute ...« Jeanne hatte nichts geäußert: er verstand indessen augenblicklich, daß sie die Gesellschaft der beiden Fräulein de Rouvre nicht liebte; aber Jeanne war so schüchtern! .. Es vergehen lange Monate, einsame Monate, in denen sein ganzes Wesen von verzehrender Sehnsucht nach der Abwesenden erfüllt ist, doch der Zweifel bleibt; er weicht nicht mehr von ihm. Dann kommt das Wiedersehen in Paris. Er trifft Maud in ihrem Heim, in der Avenue Kléber, so königlich schön, scheinbar ohne Verständnis für die unpassenden und widerlichen Reden der übrigen Gesellschaft ... »Wäre sie wirklich rein geblieben in diesen unreinen Umgebungen? Sollte es möglich sein? ...« Der Zweifel steigert sich; er ringt mit der immer stärker werdenden Liebe. Er folgt ihr Schritt für Schritt er wächst mit ihr ... Dann taucht das Bild aus der Vorhalle der großen Oper auf: Suberceaux mit verzerrtem Gesicht zwingt Maud den Arm Maximes loszulassen, und sie wechseln leise Worte. Allerdings gibt Maud Maxime eine Erklärung, die ihn damals befriedigte, weil er bei ihr war, weil der Zauber ihres Wesens ihn gefangen hielt; aber wie kindlich erscheint sie ihm jetzt! Daß Maud ihn belogen hat, ist offenbar; er kennt jetzt den »Kreis« und weiß sehr wohl, daß Julien de Suberceaux nicht in Marthe de Reversier verliebt ist ... Und ein zweiter Anhaltspunkt bietet sich seiner Erinnerung dar: der Mittag auf Chamblais, mit der darauf folgenden unvergeßlichen, romantischen Ruderfahrt auf dem zauberhaften See, an jenem Abend, wo in träumerischem Mondschein und Nebeldunst Winter und Lenz sich begegneten, um in der wundersamen, lauen Nacht mit einander zu verschmelzen – der erste Kuß, den er zu rauben wagt und dem sie sich entzieht. Weshalb? Aus Unschuld, aus Schüchternheit? Damals glaubte er es. Aber die geschäftige Reflektion antwortet ihm ironisch; »Wo denkst du hin! Ein junges Mädchen, die einer Gesellschaft von kleinen Koketten und professionellen Libertinern angehört, sollte sich von einem Kuß auf die Stirn erschrecken lassen!« Aber weshalb denn sonst? Und nun bohrte sich das Schwert tiefer in sein Herz hinein. »Sie liebt den anderen ... Meine Liebkosungen sind ihr peinlich. Könnte ich wohl daran denken, eine andere Frau auch nur zu berühren? ...« So unerfahren er auch darin war, in welcher Weise die Liebe eines jungen Mädchens sich äußert, so liebte er doch selbst mit einem viel zu wachsamen Feingefühl, als daß er nicht unter dem unüberwindlichen Schrecken gelitten hätte, womit Maud sich von seinen Versuchen sie zu liebkosen, zurückzog ... Als aber die Logik seiner Reflektion ihn dazu genötigt hatte, dies zu konstatieren, wollte er dennoch nicht daran glauben, empörte er sich dagegen mit aller Kraft seiner ringenden Liebe: es wäre auch zu schmerzlich gewesen, zu schrecklich sich zu denken, daß diejenige, die er anbetete, Abscheu vor ihm hege; das war noch furchtbarer als der Gedanke verraten zu werden. Er zwang sich wiederum sich selber von neuem zu beruhigen; »Wie lieb, wie sanft sie gegen mich ist, wie augenscheinlich sie sich Mühe gibt, mir nicht zu mißfallen! Hat sie nicht während meiner Abwesenheit auf Vézéris jeder Geselligkeit entsagt? Lebt sie nicht jetzt fern von den Leuten, mit denen sie früher verkehrte? Hat sie mir nicht ehrlich und aufrichtig ihre Meinung über sie gesagt?« Er durchlebte von neuem in der Erinnerung die entzückenden Tage, an denen die unruhige Geschäftigkeit für die Aussteuer und Einrichtung des neuen Heims an den Nagel gehängt wurde. Dann kam er schon zum Frühstück nach Chamblais hinaus, verbrachte den ganzen Vormittag draußen, blieb den Mittag über und reiste mit einem Abendzug nach Paris zurück. War das Wetter schön und trocken (und in diesem wunderbaren Frühling war es fast immer der Fall), pflegte er zu Fuß von der Station nach Armidens Schloß zu gehen, und dabei einen Richtweg durch den Wald einzuschlagen, der ihn bedeutend schneller an sein Ziel brachte. Maud wußte, zu welcher Zeit er kam; sie war auf die Idee gekommen, ihm entgegen zu gehen, und ihn bei der kleinen Lattenthür, die vom Park in den Wald führte zu erwarten ... Ach, wenn er dann schon aus weiter Ferne im grünen Waldesgeflimmer die Umrisse ihrer schlanken Gestalt erblickte, und wenn er kurz darauf ihr anmutiges, für ihn immer neues Gesicht, unterschied! und wenn er dann ihre schmale, feine Hand in der seinen fühlte! ... wenn sie dann schließlich zusammen durch den Park wandelten nach Armidens Schloß hinauf ... das war die beste Zeit am ganzen Tage, ja und dann noch die wenigen Augenblicke, die sie nachmittags allein zusammen im Wintergarten verbrachten. Wenn andere anwesend waren, und wären es auch nur M me. de Rouvre, Jeanne oder Jacqueline, wurde Maxime sofort gereizt und verstimmt darüber, daß er ihr nicht länger frei heraus sagen konnte, wie sehr er sie anbete. Ihre königliche Sicherheit wich allerdings niemals von ihr, aber auf der anderen Seite schienen die Tête-à-tête'n mit Maxime ihr nicht zu mißfallen, und mehrere Male bereits hatte sie ihm eine entschiedene, sicherlich nicht erheuchelte Achtung bezeigt, vor seinem Charakter und Verstande. Nach einem solchen glücklichen Tage pflegte Maxime abends gegen elf Uhr zu seinem kleinen priesterlichen Hotelzimmer zurückzukehren in berauschter, halb verrückter Stimmung: der Schlaf lockte ihn nicht, im Gegenteil, er wünschte, ihm zu entfliehen; er wollte den Tag in seinen Gedanken von neuem durchleben. Dann zweifelte er nicht, er war ihrer sicher und seiner selbst sicher, bis eine neue anonyme Warnung, oder auch nur ein neuer Anfall böser Gedanken ihn wiederum in das Wirrsal der Eifersucht und des Zweifels stürzte. Was ihm sein Seelenleiden doppelt qualvoll machte, war, daß er einsam litt. Welche moralische Stütze hätte er bei seiner Mutter oder seiner Schwester finden können, deren Verstand dem seinen unterlegen war, deren Herzen nicht weniger leidenschaftlich und leicht verwirrt waren als das seine? Sie merkten wohl die inneren Kämpfe, die in ihm vorgingen, über sie wagten nicht, ihr Teil davon zu verlangen, wagten es nicht, ihn um sein Vertrauen zu bitten, denn sie hegten vor Maxime den angeborenen Respekt, den adlige Familien stets vor dem Oberhaupte der Familie hegen, der den Namen der Familie trägt und ihre Ehre verteidigt. Doch machte sie ihre Liebe bis zu einem gewissen Grade scharfblickend, und da sie sahen, daß er, ihr geliebtes und bewundertes Oberhaupt, litt, so litten sie auch, fühlten in ihrer Weise auch Angst und Sorge. Maximes schwarze Melancholie war der beständige Gegenstand ihrer Gespräche an den Tagen, wo sein leidvolles Gesicht und seine Geistesabwesenheit (obwohl er sich Mühe gab, sich nichts merken zu lassen und nichts eingestand) seine furchtbaren inneren Kämpfe verrieten. M me. de Chantel war mit ihrem gleichmäßigen, braven und reinen Gemüt ganz außer stande, das Rätsel seiner zusammengesetzteren und unruhigeren Seele zu durchdringen: sie, die selbst von ganzem Herzen geliebt hatte, hatte zwar die Erfahrung gemacht, daß die Liebe nicht ohne Anfälle von Schwermut und Angst verläuft, und sie sagte deshalb zu sich: »Er liebt seine Braut zu sehr; er ist ungeduldig« ... Es verursachte ihr kein Erstaunen. So rein ihr Herz war, so hatte sie sich doch mit höchster Leidenschaft hingegeben, aber nur einem einzigen Manne, demjenigen, welcher ihr Gatte geworden: ein herzensguter, warmblütiger, etwas unbeständiger Gatte, dem sie diente und wie eine verliebte Sklavin anbetete, und den sie heutigen Tages noch ebenso innig beweinte als damals, wie sie ihn vor sieben Jahren verlor ... Jeanne besaß nicht einmal diese Erfahrung, um sich die seelische Zerrissenheit ihres Bruders zu erklären. Sie sah nur die eine Thatsache: daß er litt, und sein Leiden hatte mit dem Tage begonnen, als er Maud kennen lernte; also war es ihre Schuld, wenn er litt. Da sie ihre ganze Jugend hindurch keinen anderen Freund gekannt hatte als diesen Bruder, der ihr eigentlicher Erzieher gewesen – und welch ein zärtlicher und begeisterter Erzieher! – so müßte sie nicht Weib gewesen sein, wenn in ihrem Herzen nicht eine gewisse Eifersucht emporgekeimt wäre gegen das junge Mädchen, das ihr den Bruder raubte. Sie bekämpfte dies Gefühl mit christlicher Demut und verurteilte es als ungesund und sündhaft ... aber ihr Entschluß, Maud zu lieben, hielt nicht Stand dem Kummer des Bruders gegenüber, für den sie sie verantwortlich machte. Maud gefiel ihr instinktmäßig nicht – instinktmäßig, in derselben eigentümlichen Art und Weise, wie gewisse Tierrassen einander feindlich gesonnen sind. Allmählich stieg ihre Abneigung bis zum Abscheu vor ihr. Und doch wollte sie selber in diesem Augenblick nur eines: glücklich sein, in dem wonnevollen Gefühl, das langsam in ihrem Herzen hervorblühte. Sie begann zu lieben, wie nur ein ganz unschuldiges junges Mädchen lieben kann, mit der naiven Freude in sich eine ungeahnte Kraft und Glut zu entdecken. Es war ihr zu Mute wie einem Blinden, welcher spürt, wie der Nebel, der das Tageslicht vor seinen Augen verbirgt, sich allmählich lichtet und verschwindet. Sie wagte noch nicht, es ihrer Mutter zu sagen; es schien ihr, als ob sie es niemals wagen würde; und doch wußte sie, daß sie diese Liebe eingestehen mußte, denn sie liebte, wie ihre Mutter einst geliebt, wie ihr Bruder Maxime liebte, mit dem gebieterischen, heißen Drange der Notwendigkeit, die da spricht: »Es muß sein – oder mein Leben ist dahin.« Maximes Mutter und Schwester besaßen, außer ihren gegenseitigen Herzensergießungen, eine große Hilfe im Gebet. Wie manchen Morgen wanderten sie die Hügel der Rue Lepic oder der Rue Caulaincourt hinauf zu dem bereits ehrwürdig gewordenen Tempel, der mit seinen weißen Säulen und weißen Bogengängen, an denen die Gerüste noch hängen, über der Stadt emporragt! Wie manchen Nachmittag wieder verbrachten sie im stillen Dunkel von Notre Dame des Victoires, das von tausend Lichtsternen, tausend brennenden Wachskerzen durchflimmert wird! Sie sendeten glühende Gebete empor für Maximes Glück, daß er die Gattin fände, die treu seiner Ehre hütete ... Und Jeanne wagte es, in das selbstlose Gebet für den Bruder ein weniger selbstloses einzumischen: sie bat darum, daß auch ihr das Glück zu teil würde, geliebt zu werden. Es kam ihr als etwas so Fernes, so Unmögliches vor, und doch flüsterte ihr zwanzigjähriger, unschuldiger Kinderglaube ihr zu: »Es soll geschehen.« Maxime hingegen betete nicht. Während Julien de Suberceaux in seiner bitteren Not die frommen Worte seiner Kindheit wiederfand und mit ihnen die Herzenswärme, die noch nicht ganz unter der Asche seiner Ausschweifungen erstickt worden, konnte Maxime, dessen Leben so regelrecht, so rein gewesen und der in einem gottesfürchtigen Hause erzogen worden, keinen Trost im Gebet finden; denn er glaubte nicht mehr. Er war kaum zum Jüngling ausgereift, da hatte er seinen Glauben verloren, in derselben Weise etwa wie einige Menschen ihre Haare verlieren, ohne ersichtlichen Grund, und ohne Schmerz. Welch unerforschliches Mysterium ist doch jene Gabe des Glaubens, die den einen begnadigt und den anderen im Stich läßt, die sich weder um Erziehung noch um Erblichkeit kümmert, die ohne Unterschied ausgeteilt wird von einer unberechenbaren, unentrinnbaren Laune. Maxime war ungläubig mit einer solchen Aufrichtigkeit, daß es ihm gar nicht einfiel, zu beten: ein untrügliches Zeichen von wirklichem Atheismus. Wie er so dastand, ohne jegliche moralische Stütze, geschah, was geschehen mußte: es kam der Brief, der alle seine Entschlüsse zunichte machte. Der mit einer Maschine geschriebene Brief lautete: »Sie wollen also nichts sehen! Sie wollen sich mit einer verächtlichen Frau verheiraten! Dieser Brief ist der letzte, der an Sie geschrieben wird von der unbekannten Person, die sich für Sie interessiert. Nehmen Sie sich in acht! Wenn Sie nicht ein Kind oder ein Verrückter sind, so stellen Sie sich heute, Donnerstag, zwischen fünf und sechs Uhr in der Rue de la Baume ein, vor einer kleinen, eisernen Pforte, der zweiten Pforte von der Avenue Percier. Welchen Unannehmlichkeiten könnten Sie sich wohl aussetzen, indem Sie hingehen und sehen? Wenn das, was wir Ihnen in diesem Briefe andeuten, nicht wahr ist, braucht niemand zu wissen, was Sie gethan haben, und jedenfalls werden Sie völlige Sicherheit erhalten ...« Der geheimnisvolle Briefschreiber, Herr oder Dame, der sich Prudentia unterschrieb, war augenscheinlich ein sehr schlauer Psychologe. Die beiden Schlußargumente trafen den Nagel auf den Kopf. Das eine wendete sich an Gefühle, die weniger edel als gerade praktisch waren: »Niemand braucht es zu wissen.« Aber was ist auch unser Gewissen wohl überhaupt wert, wenn es vom universellen Gewissen getrennt wird? Das zweite Argument eröffnete die Aussicht auf Befreiung von allen Leiden: es war die Morphiumflasche, die dem gequälten Patienten vor die Augen gehalten wird: »Nur ein kleiner Stich und alle Schmerzen verschwinden.« Um fünf Uhr war Maxime in der Rue de la Baume. Er sah die Dame, die er für Maud hielt, durch die eiserne Pforte eintreten: fünf Viertelstunden wartete er draußen. Fünf Viertelstunden, in denen er die völlige Sicherheit hatte, daß Maud dort oben war, in den Armen Suberceaux's ... Fünf Jahrhunderte? Ach nein. Es dauerte weder kurz noch lange, in Wirklichkeit war ihm jegliche Zeitempfindung, jegliche Zeitbestimmung abhanden gekommen: jede Sekunde enthielt sein ganzes Märtyrertum ... Daher war es auch für ihn wie eine Auferstehung von Höllenqualen, als er sich mit eigenen Augen davon überzeugte, daß die Dame, die Suberceaux besucht hatte, nicht Maud war. Nicht allein, daß es ihn für dieses Mal beruhigte, nein, mit einem Schlage wurde alles klar: man hielt eine andere Dame für Maud. Der anonyme Brief hatte nicht gelogen. Maxime hätte keine vollkommnere Sicherheit erlangen können. Und dieser Vorfall, der romantisch erscheinen mag, war nicht einmal das, was wir in unserer Unkenntnis von der Verkettung der Ursachen, gewöhnlich einen Zufall nennen. Wie alle professionellen Wollüstlinge hatte Suberceaux, der wußte, wie unzuverlässig und selten Mauds Besuche waren, Reserve-Freundinnen, gehorsame Seelen, die auf seinen leisesten Wink zu ihm kamen, ihm die einsamen leeren Stunden, die ihm unerträglich wurden, auszufüllen. Als Maud ihn davon benachrichtigt hatte, daß sie ihn vorläufig nicht mehr aufsuchen würde, hatte er an Juliette Avrezac telegraphiert, oder besser gesagt an M me. Duclerc, die die Rolle der dienstwilligen Vermittlerin übernommen, und das junge Mädchen hatte sich fügsam eingestellt, glücklich darüber, daß Julien, der sie so lange vernachlässigt hatte, sie wieder zu sich rief. * Als Maxime an jenem Abend ins Missionshotel zurückkehrte, war er in der fieberhaften, überströmend frohen Gemütsverfassung, die in ihrer Exaltation fast den Anschein der Verrücktheit annimmt. Seine Mutter und Schwester erwarteten ihn zu Mittag. Sie aßen an einem kleinen Separat-Tische im gemeinsamen Speisesaal des Hotels, der im Erdgeschoß gelegen war und im übrigen mit den gewöhnlichen Gästen des Hotels, alten weißhaarigen Damen, Nonnen und Priestern, angefüllt war. Maxime küßte seine Mutter und Jeanne mit einer Herzlichkeit und Lebhaftigkeit, die sie gleichzeitig in Erstaunen versetzte und erfreute, und sie nun auch ihrerseits mit einer fieberhaften Heiterkeit erfüllte: es war der verloren geglaubte Sohn und Bruder, den sie endlich wiederfanden. Die alten weißhaarigen Damen, die frommen Schwestern und die vielen Priester waren sicher nahe davor, ein Ärgernis zu nehmen an der lustigen Fröhlichkeit, die am kleinen Tische der drei Gäste herrschte. Sonst blickten sie ja immer so trübe drein, heute abend aber wagten sie es – man denke sich an einem Sonnabend, an einem halben Bußtage! – eine Flasche mit silbernem Halse aufziehen zu lassen, aus der eine gelbe Flüssigkeit hervorschäumte, und die als Etikette ein frommes Bild mit der überraschenden Aufschrift trug: Echter St. Joseph-Champagner . Durch die Fürsorge eines barmherzigen Schicksals verschwand Maximes Freudenrausch nicht sogleich. Er war von Dauer. Der Zweifel war tot; sein Herz erfüllte sich statt dessen mit einem starken Bedürfnis danach, sich vor Maud zu demütigen, sich ihr zu Füßen zu werfen und ihr die Sünde, die er gegen sie begangen, einzugestehen: um keinen Preis wollte er seinen Fehler und sein Geheimnis verstecken. Als er am folgenden Tage sein Geständnis abgelegt hatte, und der erste etwas bereitwillige Kuß von Maud die Verzeihung besiegelt hatte, beruhigte sich sein Fieber. Und der Tag ging zu Ende unter stiller Glückseligkeit; alles trug dazu bei, ihn schön und festlich zu machen: der lächelnde Himmel, die frohen Gesichter, in denen sich die Hoffnung auf ein gemeinschaftliches Glück spiegelte. Als Maxime gegen elf Uhr in sein kleines Priester-Zimmer trat dachte er nicht daran, sich schlafen zu legen. Er wollte in der tiefen Stille der Nacht, die nur von den Glockenschlägen der naheliegenden Kapellen unterbrochen wurde, die Seligkeit seines endlich gestillten Herzens völlig auskosten. Der heranbrechende Morgen graute schon an seinen Fenstern, als er einschlief. Zur selben Stunde schloß Suberceaux, der arm und ruiniert vom Klub heimkehrte, seine Augen und fiel in einen tiefen Schlaf, in dem nur diese Überzeugung dämmerte: »Aus dieser Ehe wird nichts ...« IV. Als Julien am nächsten Morgen aufwachte, hatte er nur einen klaren Gedanken: »Es wird nichts ans dieser Ehe, es soll nichts daraus werden.« Alles andere war chaotisches Dunkel. Ein derartiger Seelenzustand ist bezeichnend für diejenigen, welche plötzlich von einer monomanen Eingebung ergriffen werden, eines Morgens aufstehen, ausgehen, und aus irgend einem geheimnisvollen Antriebe, ohne jegliche Verantwortung, willenlos zum Selbstmord, Diebstahl oder Totschlag getrieben werden. Die Wissenschaft hat in unseren Tagen dieses Phänomen mit größter Sorgfalt erforscht. Was die Wissenschaft aber nicht genug betont hat, weil sie ihre Wahrnehmungsobjekte hauptsächlich den niederen Schichten der Bevölkerung entnimmt, wo die Monomanie sich unter verhältnismäßig einfachen Formen äußert, das ist, daß fast alle, die ihr Leben in Kampf, in Vergnügungen und in unnatürlichen, gewaltsamen, immer wiederholten Gemütsbewegungen verbringen auf den Schauplätzen des Reichtums, des Ruhmes und der Ausschweifungen in unseren modernen Hauptstädten – daß sie fast alle den Keim zu einer plötzlichen Monomanie in sich tragen. Daher das Erstaunen bei jedem neuen Ausbruch der Krankheit. Man wundert sich, wenn ein Ehemann, der im Ruf der äußersten Gutmütigkeit stand, plötzlich den Geliebten seiner Frau ermordet; wenn ein Lebemann, nachdem er ganz ruhig seinen Thee getrunken, mit seinen Freunden geplaudert und seinen harmlosen Poker im Klub gespielt hat, nach Hause geht und sich eine Kugel durch den Kopf schießt; oder wenn ein angesehener Bürger, der während dreißig Jahre geachtet und geehrt gelebt hat, eines schönen Tages bis über den Hals im Schmutz versinkt. Von seiner fixen Idee besessen, schien es Julien, als handle es sich für ihn nur darum, so schnell wie möglich entweder Maud oder Maxime zu treffen oder auch alle beide, wenn es möglich wäre, um die Katastrophe herbeizuführen. Und sofort erinnerte er sich einiger Worte, die Hector hatte fallen lassen: »Maxime fährt jeden Tag mit einem Morgenzug zum Frühstück nach Chamblais ...« und der Name, der Ort Chamblais wurde nun der Pol, um den sich sein monomaner Gedanke konzentrierte. Er zog sich eilig an: er überlegte nicht mehr, er dachte nicht mehr, und er litt auch nicht mehr. Die qualvolle Neuralgie seiner Seele war, wenn auch nicht beschwichtigt, so doch gleichsam betäubt. Der Diener, der sich darüber wunderte, daß so früh nach ihm geklingelt wurde, sagte: »Mit Erlaubnis zu fragen, will der Herr sich duellieren?« Julien lächelte heiter: »Nein Konstant. Ich gehe nur aufs Land.« Und es war die Wahrheit: sein Gedanke reichte in diesem Augenblick nicht weiter als bis zu der Thatsache, daß er aufs Land mußte. Als er die Uhr in seine Westentasche steckte, sah er nach wie spät es war: einige Minuten über neun. »Ich habe nur drei Stunden geschlafen. Constant hat recht. Es ist noch sehr früh.« Der Mechanismus seines Gedächtnisses arbeitete fleißig im Dienste seiner Eingebung. Er entsann sich, daß die Züge vom » gare du Nord « fünf Minuten nach jeder vollen Stunde, und fünf Minuten nach jeder halben abgingen. »Ich werde reichlich früh da sein. Etwas vor halb elf.« Einerlei. Er wünschte durchaus fortzukommen, um sich so früh wie möglich zwischen Maud und Maxime zu stellen. »Ja ... Chantel treffen.« Der instinktmäßige Wunsch seines Herzens formulierte die Worte: Chantel treffen. Weshalb? Um ihn zu töten? Um ihn anzuflehen, ihn davon zu überzeugen, daß er sich zurückziehen müßte? Das wußte er alles noch nicht. »Ich muß ihn treffen.« Dieser Gedanke nur stand fest; ebenso unumstößlich fest wie vorhin der Gedanke »Maud darf sich nicht verheiraten.« Er erreichte den Nordbahnhof einige Minuten vor Abgang des halbzehn Uhr Zuges. Noch waren wenige Passagiere da; er blieb in seinem Coupé allein. Als der Zug sich in Bewegung setzte, fing Julien an, sich die Situation zu überlegen. Unmerklich gewöhnte sich sein Verstand an die fixe Idee, die ihn anfangs durch ihr scharfes Licht geblendet hatte. Er stellte sich den wahrscheinlichen Verlauf der Sache vor. Er begann mit der Sicherheit und Klarheit des Instinkts zu sehen , was er zu thun hatte. In einer kleinen halben Stunde würde er die Station Chamblais erreichen. Er entsann sich wohl, Wie es dort aussah: der kleine Bahnhof aus roten Ziegelsteinen lag in einer Ebene, umgeben von waldigen Hügeln ... Er erinnerte sich ebenfalls des Richtweges, den Hector erwähnt hatte, des Waldpfades, der zu einer Lattenthür führte. Den Weg pflegte Maxime zu gehen. Sollte er ihn dort, wie ein Wegelagerer erwarten? Seine verfeinerte, korrekte Weltmanns-Natur bäumte sich dagegen auf. »Nein ... das ist unmöglich ... Aber ich kann ihn am Bahnhof erwarten. Dort muß er an mir vorüberkommen.« Plötzlich fiel es ihm ein, daß Maxime möglicherweise zu Wagen hinausführe ... Aber sein sicherer Instinkt beruhigte ihn. »Nein ... er fährt mit dem Zuge ... ich werde ihn treffen ...« Und ohne sich zu besinnen, wußte er, was er thun wollte: er wollte den Zug abwarten, sich unter die aussteigenden Passagiere mischen und ganz ungezwungen zu Maxime hingehen ... Sie kannten sich ja gut genug. Aber was würde dann unmittelbar darauf geschehen? Julien wußte es noch nicht. Während er versuchte, das Geheimnis der Zukunft zu durchdringen, hoffte er im stillen auf einen heftigen Ausbruch von seiten Maxime de Chantels, auf irgend etwas, das ihm zum Vorwand für ein Duell dienen könnte. Ah! sich mit ihm zu schlagen! Ihn zu töten! ihn zu töten! ... Mit einem Degenstoß allem ein Ende zu machen, daß es unwiderruflich vorbei wäre! Jetzt änderte sich das Bild in seinem fieberhaften Hirn; er sah ein weißes Vorhemd und zwei Degen, die sich kreuzten, vor sich ... Wer sich je die Begegnung mit einem wahrhaft verhaßten Menschen lebhaft vorgestellt hat, wird sich erinnern, auch in seinem Herzen diese plötzliche, wilde Lust ihn zu morden, diese tierische Gier nach seinem Blute gespürt zu haben. Einige wenige Zoll Stahl in seine Lungen oder in sein Herz hinein und es ist vorbei, das Hindernis fortgeschafft, der Weg frei. Julien ergab sich diesen Phantasien mit leidenschaftlicher, fast wollüstiger Freude. Und er war traurig, wie beim Erwachen aus einem glücklichen Traum, als er in die Wirklichkeit zurückgeführt wurde dadurch, daß der Zug hielt. Er war in Chamblais. Die Zeit bis zur Ankunft des nächsten Zuges, die Minuten, die er damit verbrachte; im Wartesaal der kleinen Station oder auf den Fliesen vor dem Stationsgebäude umherzuirren, verstrich schnell, so beschäftigt war er mit seinen Gedanken. Wieder und wieder malte er sich den Augenblick aus, wo er binnen kurzem Maxime von Angesicht zu Angesicht gegenüber stehen würde. Es geschieht oft im Traum oder in Fieberphantasien, daß das Bild von einer und derselben Handlung unaufhörlich wiederkehrt, die unruhige Seele mit Angst erfüllend; es geschieht auch im wachen Zustande, wenn wir vor einer Begebenheit stehen, von der unsere ganze Zukunft abhängen wird ... Während der letzten Minute der Wartezeit kam es Julien vor, als sei seine Begegnung mit Maxime und die Worte, die zwischen ihnen gewechselt werden sollten, im voraus bestimmt, wie das Auftreten zweier Schauspieler auf dem Theater. Er war fest entschlossen, seine korrekte Haltung unerschütterlich beizubehalten und den ersten heftigen Ausbruch von Mauds Verlobten dazu zu benutzen das Gespräch abzubrechen, sich zurückzuziehen, nach Paris zu fahren, um Sekundanten zu suchen und mit dem Rechte des Beleidigten die Waffen zu wählen. Daß er Maxime im Duell töten würde, davon war er überzeugt und wohl nicht mit Unrecht; nicht aus dem Grunde allein, weil er sehr geschickt im Gebrauch der Waffen war, sondern weil er zu diesem Duell ging mit dem festen Entschluß seinen Gegner zu morden. Welche Überlegenheit besitzt nicht der Duellant, dem der Ausgang gleichgültig ist, welcher, das Ende mag sein wie es will, ob er sterbe oder zum Mörder werde, vor allem die Entscheidung herbeisehnt. Doch die Wirklichkeit gefällt sich mitunter darin, die Phantasien der Menschen Lügen zu strafen. Obwohl Julien sich nun während einer halben Stunde auf die Begegnung mit Maxime vorbereitet hatte und nichts anderes zu thun gehabt, als ihn zu erwarten, geschah es, daß er mitten in seiner Träumerei davon überrascht wurde, plötzlich die Reisenden aus den Wartesälen herausströmen zu sehen. Und ferner geschah es, daß Maxime Julien gewahr wurde, ehe dieser ihn erblickt hatte. Als er aus dem Wartesaal hinaustrat, entdeckte Maxime Julien de Suberceaux sofort, wie er vor dem Stationsgebäude mit geistesabwesenden Blicken und unbeweglicher Miene, hypnotisiert von seinen eigenen Phantasien, wartend dastand. Und der Gedanke fuhr durch seine Seele, daß ihn hier sein feindliches Schicksal erwarte, um ihm den Weg zu Maud und zu seinem Glück zu versperren ... Indessen beruhigte er sich doch schnell wieder ... »Ja, natürlich wartet er auf mich ... aber nicht Mauds wegen ... sondern des Auftritts wegen von vorgestern mit der kleinen Avrezac.« Das junge Mädchen hatte ihn sehr wahrscheinlich wieder erkannt und sich bei ihrem Geliebten über ihn beklagt, der jetzt kam, ihn zur Rechenschaft zu ziehen. Er übersah völlig das Sonderbare an der Sache, daß Julien in diesem Falle so lange gezögert hatte eine Erklärung von ihm zu verlangen, und daß er sich gerade diesen Ort zur Abrechnung ausgesehen. Er zweifelte keinen Augenblick daran, daß er mit seiner Auffassung recht hätte. Man muß bedenken, daß Maxime vollkommen überzeugt war von Mauds Unschuld und, weil er's mit eigenen Augen gesehen, fest glaubte, Julien sei der Geliebte von Juliette Avrezac. Er ging auf Julien zu: »Herr de Suberceaux, wollten Sie mich sprechen?« Seine unerwartete Anrede brachte Julien eine Sekunde außer Fassung ... es war nur eine Sekunde freilich, aber dadurch kam sein vorbedachter Angriffsplan nicht zur Ausführung. Indessen erholte er sich sofort und trug wieder die ironische, gleichgültige Maske zur Schau, die alle diejenigen, welche im Kampfe ums Dasein einen vorgeschobenen Posten einnehmen, sich gewöhnen, ihren Gegnern gegenüber anzunehmen. »Es ist mir angenehm, daß ich Sie treffe, Herr de Chantel,« antwortete er: »Sie wollen, wie ich vermute, nach ...« »Nach Chamblais? ja. Aber es ist noch Zeit ... und wenn es Ihnen recht ist, machen wir die Sache gleich hier ab.« »Ich stehe Ihnen zu Diensten.« Die wenigen Reisenden waren schon verschwunden, als Maxime und Suberceaux dem Walde zu wanderten. Sie sprachen beide nicht, von der großen Leere um sie herum, der weiten, kahlen Ebene bedrückt. Die Menschen fühlen sich unsicher, gleichsam beobachtet auf dem freien Felde der Natur. Sie sprechen am besten und am vertraulichsten in kleinen, geschlossenen Räumen. Als sie den Wald erreicht hatten, und unter Bäumen den schmalen Pfad entlang gingen, der nach Armidens Schloß führte, mäßigten sie ihre Schritte. »Herr de Suberceaux,« sagte Maxime, »ich möchte Ihnen, ehe Sie eine Erklärung von mir verlangen, meine Gefühle klar legen, was diesen Vorfall betrifft. Lassen Sie mich Ihnen sagen, daß ich von ganzem Herzen bedaure, was geschehen ist. Ich handelte unter dem Einfluß einer starken Gemütsbewegung, die nicht überlegt, was sie thut – es war unrecht von mir, aber Sie müssen es verstehen können... Ich bitte ... die betreffende Dame ... aufrichtig um Entschuldigung.« Eine ironische Laune des Schicksals mischt bisweilen solche Mißverständnisse in die tragischsten Situationen, und macht sie dadurch noch tragischer. Julien verstand nicht, was Maxime damit sagen wollte. Es fiel ihm gar nicht ein, daß von einer anderen Frau als Maud die Rede sein könne. Juliette Avrezac, wie alle anderen Frauen mit Ausnahme von Maud, war seinen Gedanken so fern in diesem Augenblick! Er verstand nur, daß der ehemalige Offizier Entschuldigungen und Ausreden suchte. Und da er daran gewöhnt war, unter Männern der Überlegene zu sein, wunderte er sich nicht darüber. »Wenn das wirklich Ihre Gefühle sind, Herr de Chantel,« sagte er steif und vornehm, »begreife ich nicht, was Sie noch von M me. de Rouvre wollen?« In diesem Augenblick erst gingen Maxime die Augen auf über das Mißverständnis. »Wir sprechen augenblicklich nicht von derselben Person,« antwortete er ohne Umschweife in rauhem Ton. »Ich für mein Teil meine das junge Mädchen, das Sie bei sich empfingen, oder die wenigstens aus Ihrer Pforte herauskam vor einigen Tagen, nachmittags um sechs Uhr.« »Juliette Avrezac?« » Sie haben Ihren Namen genannt.« »Gut. Und was geht diese Dame uns jetzt an, wenn ich fragen darf?« »Sie wissen also nicht, was geschehen ist? Es ist nicht meine Sache, Sie hierüber aufzuklären. Es hat aber meinerseits ein Mißverständnis stattgefunden. Wegen dieses Mißverständnisses bitte ich Fräulein Avrezac um Entschuldigung, und da ich sie wahrscheinlich nicht in nächster Zeit treffen werde, bitte ich Sie, ihr meine Entschuldigung zu übermitteln. Das ist alles, was ich Ihnen zu sagen hatte, mein Herr. Aber nun erlauben Sie, daß ich die Frage an Sie richte: wenn es sich nicht um jenes junge Mädchen handelt, was wollen Sie dann von mir, und weshalb lauern Sie mir auf? ...« Suberceaux wartete, ohne zu antworten, auf Maximes wachsende Erbitterung, auf das Wort, die Beleidigung, an die er sich festklammern konnte. Seine Absicht war so deutlich, daß Maxime sie bemerkte. Eine brutale Lust loszuschlagen, hier draußen im Walde den Kampf mit diesem Manne auszukämpfen, wie die Tiere des Waldes es thun, durchzitterte ihn. »Ein Streit zwischen ihm und mir und Maud ist entehrt...« Der Gedanke daran hielt ihn zurück. Er faßte den Entschluß, sich nicht mit Julien zu schlagen, und wie immer war der Entschluß unerschütterlich und endgültig. »Übrigens kann mir das auch ganz gleichgültig sein,« sagte er. »Ich habe Ihnen alles gesagt, was ich Ihnen zu sagen hatte.« »Nein, Sie irren, mein Herr,« fiel Julien lebhaft ein. »Wir sind durchaus nicht fertig miteinander. Was! Sie erlauben sich, mein Haus zu überwachen, in der abscheulichsten Weise eine Dame auszuspionieren...« »Hören Sie auf,« unterbrach ihn Maxime ruhig. »Suchen Sie nicht ein Duell hervorzurufen. Ich will mich mit Ihnen nicht schlagen. Deshalb sparen Sie sich Beleidigungen. Sie haben keine Ursache eine andere Auffassung von meinem persönlichen Mut zu haben, als ich von dem Ihren habe. Keiner von uns fürchtet sich vor einem Degen... Ich werde mich mit Ihnen nicht schlagen, bevor ich mit Fräulein de Rouvre verheiratet bin; das ist deutlich genug, nicht wahr, und Sie werden sicher meine Gründe verstehen... Wenn Fräulein de Rouvre meine Frau ist, stehe ich Ihnen zur Verfügung. Glauben Sie mir, Sie handeln besser daran, die Sache vorläufig ruhen zu lassen.« Er sagte das so klar und bestimmt, daß Julien einsah, wie hoffnungslos es für ihn sei, weiter auf ihn einzudringen. Und er war gezwungen, sich selber das unheimliche Zeugnis auszustellen: »Wenn er es öffentlich ablehnt, sich mit mir zu schlagen, so ist er es nicht, der sich dabei einer Beschimpfung aussetzt!« Die tiefe Verzweiflung des gestrigen Tages, von der sein Entschluß, mit Maxime einen Zusammenstoß hervorzurufen, ihn für eine kurze Weile befreit hatte, legte sich wieder auf ihn, als er den einfachen Ausweg zur Entscheidung durch das Duell versperrt sah. Schweigend schritten die beiden Männer auf dem Waldpfade vorwärts. Trotz allem wünschte Maxime, daß Suberceaux wieder reden würde; er fühlte mit Grauen die alten Zweifel und Bedenken in sich aufsteigen. Plötzlich blieben beide, wie auf Verabredung, stehen und sahen sich fest in die Augen. Nach diesem Blick verstanden sie, daß jetzt die Zeit gekommen, wo sie sich aussprechen mußten, wo sie sich endlich gegenseitig auf den Grund der Seele schauen mußten, und daß eine Erklärung notwendig geworden war. Es lag in der beredten Frage ihrer Augen zugleich ein Versprechen von beiderseitigem Waffenstillstand. Die beiden Gegner schlossen ein stillschweigendes, zeitweiliges Bündnis wider die Frau, die sie beide peinigte. Der Genußmensch ohne jegliche Moral, Julien de Suberceaux, und der weltliche Heilige, Maxime de Chantel, waren für einen Augenblick Verbündete. »Herr de Chantel,« sagte Suberceaux beinahe flüsternd, und die ironische Maske fiel von seinem Gesicht, »gehen Sie nicht nach Chamblais!« Es lag Angst, nicht Zorn, in Maximes einfacher Frage: »Weshalb nicht?« »Zwingen Sie mich nicht zum Sprechen. Wozu nützt es? Sie glauben mir jetzt, das sehe ich. Kehren Sie zurück nach Paris, kehren Sie zurück auf Ihre Güter. Versuchen Sie zu vergessen, was Sie hier gesehen und gethan haben.« Langsam schritt Maxime vorwärts. Suberceaux legte die Hand auf seinen Arm mit einer Bewegung, die weder drohend noch zwingend, nur eindringlich bittend war: »Sie können Fräulein de Rouvre nicht heiraten. Ich sage Ihnen das ohne Zorn. Glauben Sie mir. Es führt Sie ins Unglück. Kehren Sie um. Gehen Sie nicht weiter.« »Mein Gott, mein Gott!« flüsterte Maxime leise. Er litt so grausam, daß er nicht daran dachte sich zu verstellen. »Kehren Sie um,« fuhr Suberceaux fort, »gehen Sie fort von hier. Lassen Sie mich mit Maud allein. Sie haben kein Recht, sie zu heiraten ... ebensowenig wie sie ...« Ein verzweifelter Schrei entrang sich Maximes Lippen: »Nein! ... das ist nicht wahr! Sie lügen ... Sie lügen! Jetzt werde ich mich mit Ihnen schlagen... Ich werde Sie töten ... Elender!« Suberceaux schüttelte den Kopf. »Wozu uns schlagen? Alles ist vorbei , jetzt, wo sie Bescheid wissen. Maud ist meine ...« Mit seinem Arm wehrte er den Schlag ab, den Maxime gegen sein Gesicht führte, und brachte ihn mit einem Ruck plötzlich zum Stillstehen, indem er sagte: »Still! ... da kommt sie ...« Bei der Biegung des Waldweges zeigte sich eine sonnenbeschienene, schwebende Frauengestalt in malvenfarbigem Kleide. Sie schritten weiter, ihr entgegen. Plötzlich entdeckte Maud sie. Sie zitterte. Ohne zu wissen, wie es zugegangen, daß sie sich begegnet waren, verstand sie, daß die so oft gefürchtete Stunde, wo es in ihrer Gegenwart zu einer Erklärung zwischen den beiden Männern kommen würde – daß diese Stunde jetzt gekommen war. Sie faßte all' ihre Energie zusammen, all' die kampfbereite Kaltblütigkeit, die ihr zu Gebote stand, fest entschlossen, sich einen Weg durch alle Hindernisse hindurchzubahnen, es koste was es wolle ... »Vielleicht weiß Maxime von nichts ... In dem Falle ist nichts verloren ... Weiß er Bescheid, ist es vorbei! Gut denn! So mag es vorbei sein! Ich bleibe doch die, die ich bin, trotz allem! ... Und meinen Stolz wird keiner von ihnen beugen!« dachte sie, indem sie die beiden Männer da vor sich beobachtete. Dann schritt sie ihnen stolz entgegen, mit undurchdringlichem, gleichgültigem Gesicht den Kampf abwartend, der vor ihr, um sie, ausgekämpft werden sollte. Suberceaux war jedenfalls von den dreien derjenige, der sich am wenigsten zu fassen vermochte. Mit einem Schlage öffnete sich vor ihm der Abgrund, indem alle seine Hoffnungen auf ewig verschwinden würden: »Das vergibt Maud mir nie!« Maxime dagegen hatte seine Ruhe wiedergewonnen. »Maud,« sagte er, und trotz seiner beherrschten Haltung zitterte die Stimme, »ich traf Herrn de Suberceaux, als ich herauskam; er erwartete mich ...« Leichenblaß vor Bewegung versuchte Suberceaux zu sprechen. Seine Lippen bewegten sich krampfhaft, aber er brachte kein Wort hervor. Maud sah ihn an mit einem Blick, der ihn zurückweichen ließ. »Was hat er Ihnen gesagt,« fragte Maud, indem sie ihre Augen sanft und liebevoll auf Maxime richtete. »Er sagte ... oder besser, er wollte es sagen, denn ich erlaubte ihm nicht, es auszusprechen, daß Sie seine ... (ein trockenes Schluchzen unterbrach seine Stimme) seine ... Maitresse gewesen sind.« Sie trat dicht an Suberceaux heran und fragte: » Das hast Du gesagt?« Er leugnete nicht. Er stammelte nur ihren Namen hervor: »Maud ...« Ohne ein Wort des Vorwurfes sah sie ihn abermals an mit einem langen Blick voll Verachtung und Haß. Dann hob sie ihren Arm empor, und indem sie wie zu einem Peitschenschlag ausholte schlug sie ihn mit ihrem Sonnenschirm, der mitten durchbrach, aber einen langen blutigen Striemen im Gesicht hinterließ. »Geh!« sagte sie und warf den zerbrochenen Schirm auf die Erde. Er zitterte wie ein Kind, das gezüchtigt wird. Doch war der kurze Schmerz des empfundenen Schlages ihm lieb; er meinte in dieser brutalen Züchtigung die Liebkosung zu finden. Aber Mauds Blick, der nicht von ihm wich, beraubte ihn aller Kraft ... Mechanisch hob er seinen Hut auf. »Geh!« wiederholte Maud. Langsam setzte er den eingedrückten, mit Erde beschmutzten Hut auf. Es war ein schmerzlicher, jämmerlicher Anblick, diesen Mann, aller männlichen Würde beraubt, so gänzlich unter der Verachtung eines Weibes zusammensinken zu sehen, und Maximes Herz empörte sich im Zorn dagegen. Aber Suberceaux dachte weder an Maxime noch an den Ort, wo er sich befand; er sah nur Maud, und die ihm zugefügte Demütigung war ihm ganz gleichgültig. Er dachte nur das eine: »Ich habe Maud zornig gemacht ... und die einzige Möglichkeit, ihre Verzeihung zu erlangen, ist, ihr zu gehorchen, ihr augenblicklich zu gehorchen.« »Geh!« Er wagte keine Einwendung; gedemütigt wie ein geprügelter Hund, ging er davon, ohne Eile ... Maud und Maxime sahen ihn mit langsamen Schritten sich entfernen; er drehte sich nicht um, er sah nicht zurück ... Ja, es war ein herzzerreißender, ein furchtbarer Anblick. Maxime litt in seiner Manneswürde um diesen Mann, der von einer Frau gekränkt und geschlagen, feige davonschlich. Diese jämmerliche Selbstaufgabe hinter der scheinbaren Ironie und Unverschämtheit seines Wesens, das war die Folge jener Ausschweifungen in der Liebe, die jeden edlen Manneswillen zu nichte machen. Sie sahen ihn an einer Biegung des Weges verschwinden, mit krummem Rücken, schwankend, kaum wieder zu erkennen. Und sie waren allein. Hätte Maxime auch nur für einen Augenblick gefühlt, daß sein Mut, sein Wille nicht nachzugeben, ihn verließe, würde Suberceaux's abschreckendes Beispiel ihm neue Kräfte gegeben haben. Indem er all seine Energie zusammennahm, richtete er sich in die Höhe und sagte mit einer Stimme, die nur ein klein wenig zitterte: »Jetzt wird wohl die Reihe an mir sein, zu gehen?« Ihre Blick begegneten sich. Beide hatten ein unklares Gefühl davon, daß sie sich noch etwas zu sagen hätten; daß sie so nicht auseinander gehen könnten. Maud halt den unbestimmten Gedanken: »Es steht bei mir, ob ich ihn zurückgewinnen will ... Soll ichs versuchen?« Aber der Anblick von Suberceaux's feiger Flucht hatte auch auf ihre heroische Abenteurerin-Seele, die, obgleich verirrt, doch keineswegs gemein war, eine Rückwirkung gehabt. Sie fühlte einen plötzlichen Ekel davor, lügen zu sollen. »Maxime, hören Sie,« sagte sie. Ich möchte Ihnen nur ein Wort sagen. Ich habe Sie nicht betrogen; er hat gelogen. Ich bin nicht seine Maitresse gewesen. Sie werden meinen Worten glauben, wenn ich hinzufüge, daß er mich geliebt hat, und daß ich ihn wiedergeliebt habe ... daß ich ihn vielleicht noch gestern liebte. Daher muß zwischen uns alles vorbei sein, nicht wahr? Ich werde keinen Versuch machen, Sie zu überreden, keinen Versuch Sie zurückzuhalten.« Wo wäre der wahrhaft liebende Mann, der in diesen Worten nicht einen neuen Hoffnungsschimmer erblickt hatte. »Aber in diesem Falle ...« entfuhr es Maxime. Und seine bittenden, fragenden Augen, in denen noch immer die heiße Leidenschaft für das junge Mädchen glühte, flehten sie an, um eine vollständige, eine beruhigende Erklärung. Zum erstenmal vielleicht verstand Maud, was sie für eine zweideutige Rolle gespielt hatte; wie wenig in Wirklichkeit die persönliche Würde wert war, die sie sich durch alle Lügereien und Kompromisse hindurch zu bewahren glaubte. Es gab keine Möglichkeit, Maxime die Wahrheit zu erklären, so gern sie es auch gewollt hätte. Sie hatte wieder lügen müssen, immer wieder lügen. Und mit einem unwiderstehlichen Drang nach Aufrichtigkeit, einem Drang sich gleichsam mit sich selber auszusöhnen, sagte sie: »Fragen Sie mich nicht, was zwischen ihm und mir vorgefallen ist. Ich kann es Ihnen nicht sagen; es ist besser für Sie, daß Sie nicht hier bleiben, daß Sie nicht mehr an mich denken.« Die Furcht, sie für immer zu verlieren, ließ Maxime erblassen. Noch konnte er nicht, noch wollte er nicht alle und jede Hoffnung aufgeben. Und während sie langsam nebeneinander auf dem Wege zum Schlosse weitergingen, sagte er: »Maud, ich bin ja erst seit kurzem in Ihr Leben eingetreten. Ihre Vorzeit gehört mir nicht; ich habe kein Recht daran. Und wenn Sie mir nun sagen, wie Sie es vorhin thaten, daß er ... gelogen hat, weshalb verbieten Sie mir dann, an Sie zu denken?« Sie blickte ihn unsicher an; einen Augenblick wurde ihr Entschluß wankend ... Es war eine schicksalsschwangere Minute, das zweischneidige Schwert, von dem Sophokles den Wahrsager Teiresias reden läßt. »Wenn ich Sie nun stark genug liebte, um Ihnen zu verzeihen?« Das Wort »verzeihen« brachte sie mit einem Schlage aus allem Zweifel heraus. Maud wußte wieder, was sie zu thun hatte. »Ich wünsche keine Verzeihung,« antwortete sie. »Glauben Sie mir, Maxime, es ist besser, wir gehen auseinander. Aber denken Sie daran, daß ich es war, die Ihnen sagte: »Gehen Sie,« in einem Augenblick, wo ich Sie vielleicht noch hätte festhalten können. Sie dürfen nicht mit Haß an mich denken, Maxime. Versprechen Sie mir das?« »Ich verspreche es Ihnen,« sagte er mit ernster, trauriger Stimme. »Leben Sie wohl!« Und es war geschehen. Er sah, wie sie sich entfernte: das malvenfarbige Kleid schimmerte noch eine kleine Weile durch das lichte Laub des Unterholzes, dann verschwand es. Jetzt erst verstand er, daß sein Traum zu Ende war, daß er Maud verloren hatte. In der Nähe, seitwärts neben der Waldallee, stand eine Marmorstatue, eine Hebe, die einen unsichtbaren Trank in ihre runde Schale schenkte; ihr zu Füßen befand sich eine Bank. Maxime setzte sich auf die Bank und stützte seinen Kopf in die Hände, während er, in dumpfer Verzweiflung verloren, den einen Gedanken wieder und immer wieder dachte: »Maud ist tot ... es gibt keine Maud mehr!« – – Es gab keine Maud mehr: an ihrer Stelle sah er setzt, seit es ihm wie Schuppen von den Augen gefallen, ein Mädchen, ganz wie die anderen Mädchen aus dieser unkeuschen Welt ohne alle Ideale, zu der sie gehörte, aus der er sie früher herausgehoben, weil er sie liebte. Hector Le Tessiers Worte von den » demi-vierges « kamen ihm in den Sinn, und er lächelte bitter. Durch die vielen früheren, in Angst und Zweifel verbrachten Stunden vorbereitet, begriff er jetzt die volle Wahrheit. Auch sie, sein Abgott, seine auserwählte Braut, war eine demi-vierge ! Und ihre entheiligte Seele sollte er lieben, ihren befleckten Körper sollte er begehren? Nein! ... Das war seiner einfachen und gesunden Natur so unmöglich, daß es ihm nicht einmal einfiel, ihr nachzugehen, nach jenem Hause, das doch so nahe lag, um sie dort wieder aufzusuchen, sie wieder an sein Herz zu ziehen. In Wahrheit liebte er sie nicht mehr, begehrte er sie nicht mehr. Sie konnte angehören, wem sie wollte: nie würde er ihretwegen mehr Eifersucht oder Verlangen fühlen ... Er litt ja gerade darunter, daß seine Liebe gestorben war, daß er jemand in unwiederbringlicher Weise verloren hatte, daß ein Mensch, an den er geglaubt, den er angebetet, tot war ... Seine Braut, seine Geliebte war verloren; er beweinte sie wie eine Verstorbene. Und sein ganzes Leben hindurch würde er sie beweinen. * Am Abend desselben Tages kehrte Maud de Rouvre wieder nach Paris zurück. Wie immer hatte sie schnell einen Entschluß gefaßt und ihn mit Festigkeit ausgeführt. Nachdem sie sich von Maxime getrennt, war sie nach Armidens Schloß zurückgekehrt und hatte sich in ihr Zimmer eingeschlossen, wo sie sich ihre Stellung überlegte, ungefähr wie ein Heerführer nach einer Niederlage seine übrig gebliebenen Truppen mustert. Denn weshalb sollte sie versuchen, sich etwas vorzulügen? Es war eine Niederlage. Alle ihre stolzen Hoffnungen lagen zertreten im Staube. Der Gedanke, Maxime zurückzuerobern, kam ihr nicht in den Sinn. Wohl hatte er in ihrer Nähe, und als er fühlte, daß er sie für immer verlieren sollte, einen Augenblick geschwankt. Aber jetzt, da er in Einsamkeit mit sich selber überlegte, war in seiner Seele sicher kein Schatten von Zweifel zu finden: »Er wird mich niemals vergessen, aber er kommt auch niemals zurück!« Niemals! Das Wort erscheint unserem menschlichen Gefühl so furchtbar, daß sich ein aufrichtiger Schmerz in Mauds bitteren Groll mischte. Was sollte sie mit ihrem Leben anfangen, jetzt, da Maxime daraus entschwunden war? Den Kampf um eine Heirat von neuem kämpfen? Es ließe sich überlegen. Nur waren die Aussichten zu einen, glücklichen Resultat durch diese letzte Niederlage bedeutend verringert. »Wie sie triumphieren werden, alle die lieben Freunde, Aaron, die Fürstin und die ganze Sippschaft!« Eine müde Mutlosigkeit ergriff sie bei dem Gedanken, die Jagd nach einer Ehe von vorn anfangen zu sollen, um doch wahrscheinlicherweise schließlich wieder die Hoffnung schwinden zu sehen, gerade in dem Augenblick, wo sie das Ziel erreicht zu haben glaubte. »Ist es mir denn unmöglich, mich jetzt zu verheiraten? Ich müßte wieder ganz von vorn anfangen, aber in welcher Weise?« Wo sollte sie das Geld hernehmen, das sie brauchte, um ihr früheres Leben fortzusetzen? Woher die nötigen 6000 Franken im Monat? Ihr ganzes persönliches Vermögen war schon verbraucht ... Was ihrer bei ihrer Rückkehr nach Paris erwartete, war der offenkundige Bankerott: ein Sturmlauf von Lieferanten, die sie in Frieden gelassen hatten, so lange die Aussicht auf eine reiche Partie existierte, danach Auspfändung und der ganze damit verbundene Skandal etc. »Nein, niemals soll es so weit kommen!« Was war zu thun? An die Möglichkeit, sich mit Suberceaux zu verheiraten, dachte sie auch nicht mit einen: Gedanken. Noch war sie viel zu erbittert, ihr Stolz zu sehr gereizt, als daß in ihrer Seele das sinnliche Verlangen hätte laut werden können. Sie sehnte sich danach, sich an Julien de Suberceaux zu rächen ... ja ... ihm wehe zu thun ... Sie hätte ihm das Herz aus der Brust reißen mögen für seinen Verrat, unter dem sie jetzt so schwer zu leiden hatte. Und – sie dachte gleich daran – die ersehnte Rache war ihr ja zur Hand, eine Rache, die sie zugleich von allen ökonomischen Schwierigkeiten befreite und ihre Zukunft sicherte. »Ich werde Aarons Maitresse! ...« Das war es! Drei Männer hatten um sie gekämpft; sie fiel dem hartnäckigsten, dem unermüdlichsten und tüchtigsten zu, dem, dessen langsame aber sichere Operationen die anderen ans dem Felde geschlagen. »Aarons Maitresse!« Sie sprach die furchtbaren Worte laut vor sich hin, indem sie sich Juliens Verzweiflung vorstellte, wenn er es von ihren Lippen hörte; und die Wonne, die sie dabei empfand, den Mann, dem sie das Scheitern ihrer Pläne schuld gab, peinigen zu können, überwand die Abscheu vor dem Liebhaber, den sie jetzt zu nehmen fest entschlossen war. Aber nun galt es zu handeln. Vor allem mußte sie von Chamblais fort und sich einige Tage in Paris aufhalten, um Jacquelines Ehe mit Lestrange zu ordnen. Dann mußte sie Frankreich verlassen und einige Monate im Auslände leben mit M me. – de Rouvre. Nach Paris wollte sie nicht zurückkehren, bevor ihre Zukunft gesichert und ihr Leben von neuem gefestigt war. »Es werden schlimme Jahre kommen ... aber ich werde es verstehen, den Juden festzuhalten ... Er ist verheiratet, gut, man läßt sich scheiden. Und eines schönen Tages, wer kann es wissen? – Die Leute werden sich hüten, über die Vorzeit einer Bankiers-Frau zu munkeln, die achthunderttausend Franken im Jahr hat. Sie klingelte der Kammerzofe. »Packen Sie die Koffer, Betty. Wir fahren noch heute abend nach Paris.« Und als M me. de Rouvre einen Augenblick später ganz verstört zu Maud hereintrat, voller Fragen und Bedenken, ohne ein Wort von der ganzen Geschichte zu verstehen, antwortete Maud kurz: »Wir reisen, weil wir reisen müssen. Verstehst Du: wir müssen . In Paris werde ich Dir alles erklären. Im Augenblick bin ich nicht dazu aufgelegt. Du kannst Dich aber darauf verlassen, wenn ich Dir sage: wir müssen ! Mach nur schnell, daß Du fertig wirst.« »Aber du lieber Gott! ... heute kommen ja Le Tessiers zu Mittag ...« »Sie werden schon dahinter kommen, daß wir nicht hier sind. Übrigens werde ich an sie telegraphieren.« »Aber M me. de Chantel und Jeanne?« »M me. de Chantel und Jeanne werden nicht kommen.« Die erstaunten und erschrockenen Fragen, die auf sie einströmten, nachdem die Nachricht von ihrem plötzlichen Aufbruch sich allmählich im Hause verbreitet hatte, brachten sie ganz außer sich. Étiennette bemerkte es und fragte nicht. Und Jacqueline sagte nur: »Mir kommt es durchaus nicht überraschend. Ich war darauf vorbereitet! Und meine Koffer sind gepackt ... Was hast Du Dir übrigens gedacht in Paris anzufangen?« fragte sie Maud, und blickte sie dabei etwas spöttisch an. »Ich denke zu thun, was mir gefällt.« »Natürlich. Nur bitte ich Dich zu warten, bis ich mit Luc getraut worden bin ... Nachher – kannst Du machen, was Du willst.« V. Sie, mein Kind, die von einer Mutter erzogen sind, welche für Sie ein Muster der innigsten Frömmigkeit war, Sie, die das Glück genossen haben, in einem stillen, friedlichen Heim aufzuwachsen, ohne andere Gesellschaft als Ihre ältere Schwester – Sie werden jetzt dieses Heim zum erstenmal verlassen, um Arm ihres angetrauten Gatten. Und wahrlich, das weiße Gewand der Braut, ihr keuscher Schleier und duftender Kranz, waren wohl nie Sinnbilder eines reineren Herzens, als es das ist, welches Sie Ihrem Bräutigam entgegenbringen. Oh! Wenn es herrlich ist für mich als Freund, Sie zur Braut zu weihen, auf Grund der Liebe, die ich für Ihre Familie hege, wie viel inniger muß meine Freude sein, als Diener des Herrn eine Verbindung einzusegnen, die durch die Anmut, Jugend und Unschuld der Braut an die Hochzeit einer Rebekka, einer Ruth erinnert, von denen das alte Testament berichtet ...« Zwischen den zahlreichen, eleganten, aber nicht übertrieben andächtigen Zuhörern, welche das Schiff in der Saint-Honoré Kirche anfüllten, war Hector Le Tessier vielleicht der einzige, der vollkommen den schreienden Gegensatz fühlte zwischen der Wirklichkeit und den Worten, die sanft über die Lippen Seiner Hochwürden, des graubärtigen Bischofs Leverdet kamen, eines Freundes des verstorbenen Herrn de Rouvre. Die Braut, Jacqueline de Rouvre, und der Bräutigam, Luc Lestrange, benahmen sich übrigens sehr passend. Dadurch, daß sie eine strenge Unerschütterlichkeit in der Haltung und im Gesichtsausdruck zur Schau trug, hielt sie ihren Backfisch-Übermut im Zaum. Was ihn betraf, so war er wohl ein wenig nervös, ein wenig blasser als gewöhnlich, aber die kirchliche Umgebung hinderte ihn keineswegs daran, glühend, ja fieberhaft, an den baldigen Besitz dieses kleinen lasterhaften und beunruhigenden Wesens zu denken, daß da neben ihm, in Tüll und Atlas eingehüllt, auf einem der roten goldbefransten Sammetstühle saß. Im Brautgefolge, wo die politische Welt von Paris Seite an Seite saß mit der Pariser Welt, die sich amüsieren will, verhinderte weder der Ernst des heiligen Orts, noch der feierliche Charakter der kirchlichen Ceremonie, ja selbst die salbungsvolle Rede des Bischofs, nicht die flüsternde Unterhaltung und lüsterne Neugierde, womit die Leute, welche ihre Zeit nicht besser hinzubringen wissen, jeden Skandal der intimsten Art bis zur geringsten Einzelheit auskosten. Wie auf einem Balle hatten sich die Herren und Damen nach ihren Herzensneigungen gruppiert. Der Romanschriftsteller Espiens hatte sich der hübschen M me. . Duclerc zugesellt, deren Mann wie gewöhnlich durch Abwesenheit glänzte. Kaum war Dora Calvell in die Kirche getreten, von ihrer Gesellschafterin, Fräulein Sophie, begleitet und hatte ihren Platz eingenommen, so verließ Valbelle Hector Le Tessier, eilte zu ihr hin und setzte sich ruhig hinter sie. Und während er sich über den Rücken ihres Betstuhls beugte, und sie mit dem kleinen Gebetbuch vor ihrem niedlichen, tropischen Vogelgesicht sich ihm halb zuwendete, setzten sie öffentlich ihren ungenierten »Flirt« fort, der ihren Freunden zu großer Belustigung diente, und der in einem bedenklichen Grade zugenommen hatte, seitdem Valbelle angefangen Doras Porträt zu malen. Marthe de Reservier hatte ihren neuen Anbeter, einen Grafen von Rothenhaus im Schlepptau. Er war Östreicher und stand in irgend einer unbestimmbaren Verbindung mit der Diplomatie: ein kleiner, kahlköpfiger Herr mit nahe zusammenstehenden Augen, der bei den Damen Glück machte wegen seiner ungewöhnlichen Geschicklichkeit im Tennisspiel. Bleich, unbeweglich, ihre großen hysterischen Augen fest auf den Chor gerichtet, saß Madeleine de Reversier. Sie betete nicht, sie sprach nicht, sie regte sich nicht, sondern starrte wie verloren auf die Erhöhung, wo das Brautpaar saß. Inzwischen fuhr der Bischof fort: »An mancher Stelle der heiligen Schrift hat Gott der Herr es uns geoffenbart, daß er die gegenseitige Liebe unter den Menschen nicht verdammt, daß er sie eher billigt, ja selbst segnet, doch nur insofern er selbst der höchste Zweck dieser Liebe bleibt. Die christliche Braut soll in ihrem Eheherrn den anwesenden Repräsentanten ihres Schöpfers lieben ...« »Ein schöner Repräsentant!« dachte Hector im stillen. Aber in diesem Augenblick bemerkte er Juliette Avrezac dicht neben sich. Er sah sie erröten und ihr Gesicht hinter den behandschuhten Fingern verbergen; und indem er sich nach der Richtung wandte, in der er ihren Blick ertappt hatte, entdeckte er Julien de Suberceaux, der in einer der hintersten, leeren Stuhlreihen aufrecht stand, untadelhaft elegant wie immer. Aber seine Stirn war bleich und gefurcht, das unbewegliche, maskenhafte Gesicht war wie vom Fieber abgemagert und rief ein Entsetzen hervor, wie jene vom Tode gezeichneten Gesichter, die man mitunter flüchtig hinter den Fenstern eines Hospitals sieht. »Was will der eigentlich hier?« dachte Hector. Ohne Maud wegen der Einzelheiten befragt zu haben, wußte Hector im wesentlichen, was geschehen war. Am Abend desselben Tages, als der Bruch stattgefunden, hatte Maxime ihm ganz kurz mitgeteilt, daß er mit seiner Mutter und Schwester nach Vézéris abreise. Er hatte sein Bedauern ausgesprochen, seine Freunde so plötzlich verlassen zu müssen, und hatte Hector das Versprechen abgenommen, ihn im Laufe des Sommers auf Vézéris zu besuchen, Maud war mit keinem Wort erwähnt, ihr Name war nicht einmal zwischen ihnen genannt worden. Diese plötzliche Abreise hatte eine unerwartete Wirkung auf Hector gehabt, Sie hatte ihn darüber aufgeklärt, welche Leere Jeannes Abwesenheit bei ihm hervorrief. Während der ersten Tage hatte er sich hartnäckig dieser Erkenntnis verschlossen. Er hatte sich selber gescholten: »Es ist doch zu thöricht. Ich weiß ganz genau , daß dies kleine Mädchen mir in Wirklichkeit gleichgültig ist; ich werde sie bald vergessen.« Es verstrichen aber acht bis zehn Tage, ohne daß es ihm gelang, das unangenehme Gefühl von Einsamkeit und Leere zu verscheuchen. »Es nützt nichts,« sagte er, »ich muß vergessen.« Eines Abends, als er müde und unzufrieden mit sich selber heimkam, fand er einen Brief vor, in einer Handschrift, die er nicht kannte. Er erriet sofort, daß er von ihr war. Es stand darin: »Ich weiß, daß ich etwas sehr Unpassendes thue, aber ich bin so furchtbar traurig. Ich muß wissen, ob ich ins Kloster gehen soll.« Als Hector den Brief empfing, war er allein. Er ertappte sich dabei, die schüchternen Schriftzüge, die Jeannes Hand geschrieben hatte, mit Küssen zu bedecken. Gleich darauf verhöhnte er sich selber. »Du benimmst Dich ja wie ein dummer Schuljunge. Es ist doch zu idiotisch, in meinem Alter und bei meinen Erfahrungen mit jungen Mädchen!« Aber sein Gewissen protestierte. »Nein! Sie ist nicht wie die anderen; daß weißt Du sehr gut. Du bist wirklich ihr einziger Gedanke. Sie hat nie vorher geliebt! Sie hat ihre Seele und ihren Körper nicht dem Zufall preisgegeben! Wenn sie das Wort Kloster in den Mund nimmt, so ist das keine Phrase. So wird sich ihr Leben wirklich gestalten, wenn Du sie nicht haben willst ...« Er empfand eine innige Zärtlichkeit für sie, und vor allem konnte er den Gedanken nicht aushalten, daß dies kleine liebevolle Mädchen um seinetwillen litt. Das gerade ist ja der Riß im modernen Egoismus, daß selbst die am meisten Verhärteten dennoch eine fast weibische Furcht vor den Leiden anderer haben. Am selben Abend schrieb er an Maxime, um ihm seine baldige Ankunft in Vézéris mitzuteilen. Den entscheidenden Schritt wagte er noch nicht. Aber in Wirklichkeit hatte er seinen Entschluß gefaßt. Er wußte recht gut, daß es mit einer Heirat enden würde; und als er nun heute, als ernster Zeuge bei der Trauung einer von denen, die er » demi-vierges « getauft hatte, anwesend war, wurde er tief betroffen davon, wie groß der Unterschied war zwischen den Prinzipien der christlichen Ehe – an die er, trotz seines Skeptizismus und Dilettantismus doch immer noch glaubte – und den Sitten der genußsüchtigen Pariser Welt, zu der er gehörte. In diesem Augenblick begann Seine Hochwürden, der Bischof, das Lob des Bräutigams anzustimmen: »Sie, mein lieber Bräutigam, gehören einer Elite von jungen Männern an, denen die Leiter des Staats vertrauensvoll einen Teil ihrer Autorität überlassen haben. Und Sie, die also an der Regierung Ihres Volkes teilnehmen, Sie werden wissen, daß der feste Grund des Volkswohles in der Unantastbarkeit des Heims liegt, in der Achtung vor der Heiligkeit der Ehe ...« Diese großen Worte rollten über die Köpfe der vollkommen gleichgültigen Versammlung hin, die schon anfing, die Rede ziemlich lang zu finden. Man unterhielt sich setzt ganz ungeniert; ein lautes Kichern klang von der Ecke her, wo einige Freunde sich um Dora und Balbelle gruppiert hatten. Hector dachte: »Welche Farce! Lestrange ein Leiter des Volkes! Das ist ebenso treffend wie Jacquelines Unberührtheit und die Heiligkeit ihrer Ehe! Weshalb diese offizielle Heuchelei? Weshalb? Wozu dieser verlogene Putz? Wozu diese Blumen, die »körperliche Unberührtheit« bedeuten, um die Stirn dieses verdorbenen kleinen Mädchens? Wozu das öffentliche Versprechen der Treue, zwischen Leuten, die sich völlig darüber klar sind, daß sie sich, wie und wann es nur möglich ist, amüsieren wollen? Wozu den ehrwürdigen Apparat der christlichen Hochzeit zu dieser modernen Verbindung, die nicht ein einziges der eigentümlichen Kennzeichen besitzt, welche die Schönheit der christlichen Kirche bilden? ... Welchen Wert hat eine Gesellschaft, in der Sitten und Institutionen nicht miteinander in Übereinstimmung gebracht werden können, ohne derartigen Hokuspokus? Und wie lange wird die Institution bestehen können, wenn die Sitten nicht reformiert werden? ...« Der Bischof schloß seine Rede mit einigen Worten von der zahlreichen Nachkommenschaft, die er dem jungen Paare wünschte. Wieder die alte Leier! Beide Eheleute, sowohl die kleine weißgekleidete, rothaarige Braut, wie der professionelle Frauenverderber, waren sich darüber einig, daß sie sich im Gegenteil alle erdenkliche Mühe geben würden, ihre Nachkommenschaft so viel wie möglich zu beschränken. Ebenso waren sie sich in rührender Weise darüber einig, daß sie gegenseitig so viel Vergnügen wie möglich von einander haben wollten, um sich später, wenn das Plaisir aus war, durch die bequeme Pforte der Scheidung wieder zu trennen. Fruchtbarkeit, Treue, Unauflöslichkeit – alles, was ehemals die Ehe so edel und erhaben machte, was war davon geblieben in dieser Verbindung zwischen zwei so ausgeprägten Egoisten, einem weltklugen, jungen Mädchen mit einer angefaulten Seele und erregten Sinnen, und einem Bräutigam, der sich zur Verachtung der Frau und der Familie erzogen hatte. Zum Schluß sprach der Bischof den Segen über das junge Paar. Und nun folgte die ganze Entfaltung der symbolischen Liturgie, die bei der zerstreuten Versammlung doch eine gewisse andächtige Stimmung hervorrief. Man folgte dem Austausche der Ringe mit Aufmerksamkeit, man horchte gespannt auf das »Ja« der Brautleute ... Und als das »Ja« gesprochen war und der Bischof sein: » Ego autem marito vos in Spiritu sancto « gesagt hatte, ging durch die skeptische und ganz ungläubige Versammlung trotz alledem ein Gefühl, als ob etwas Neues, eine mystische Seelenverbindung in diesem Augenblick verwirklicht Ware, daß Lestrange und Jacqueline verheiratet waren – der dunkle Glaube an die Bedeutung des Sakraments, den ein zwanzig jahrhundertaltes Christentum in den Seelen der Menschen befestigt hat. Die Gleichgültigkeit, das unpassende Geplauder, das Gelächter und der Lärm nahmen wieder überhand, als die Messe begann, und hörten erst wieder auf mit ihr. Das Almosen-Einsammeln gab Anlaß zu Bemerkungen und Lachen, wie beim Auftreten beliebter Schauspieler auf der Bühne. Die beiden Brautführer waren Kollegen und Freunde von Lestrange; die Brautjungfern waren Marthe de Reversiers und Maud. Während diese letztere, Hand in Hand mit ihrem Begleiter, von Stuhlreihe zu Stuhlreihe schritt, richteten sich selbstverständlich aller Blicke auf sie. Seitdem sie nach Paris zurückgekehrt war, hatte sie mit niemandem darüber gesprochen, daß die Heirat sich zerschlagen hatte, und niemand wagte es, sie danach zu fragen. »Eine großartige Schauspielerin!« dachte Hector, indem seine Augen ihr folgten. »Wenn man es nicht wüßte, würde man es nie glauben, daß diese Frau dort ruiniert, verlassen und auf die schlimmsten Auswege angewiesen ist ...« Sie ging vorüber mit einer solchen königlichen Würde, so wunderschön, daß sie sich die Bewunderung ihrer Feinde erzwang, so berückend, daß den Männern das Blut zu Kopfe stieg, wenn sie ihre Opfergabe in den dargereichten Beutel legten ... Hector beobachtete sie ... Sie trat an Julien de Suberceaux heran; die Gabe fiel klingend in den Beutel; nicht der geringste Zug ihres Gesichts verriet eine Bewegung, während er einen Augenblick darauf überwältigt zusammensank und auf den Betstuhl niederkniete: Eine Stimme hinter Hector sagte: »Ich habe in der ganzen Kirche herumgesucht; Étiennette ist nicht da. Hast Du sie irgendwo gesehen?« Es war Paul Le Tessier. Er war eben gekommen und nahm neben seinem Bruder Platz. »Nein,« antwortete Hector. »Ich habe sie nicht gesehen. Wir können ja Maud fragen.« »Ja. Wir wollen aber warten, bis wir in die Sakristei kommen. Dieses Familienfest muß doch endlich mal ein Ende nehmen?« »In fünf Minuten ... aber die Vorstellung in der Sakristei wird lange dauern.« Der Aufzug der Glückwünschenden schien in der That nicht enden zu wollen. Ein langer, finsterer Gang führte in den kleinen Raum hinein – eine wahre Dorfkirchen-Sakristei, wo die Neuvermählten, von ihrer Familie umgeben, Begrüßungen und Umarmungen mit dem Gefolge austauschten. Man ließ sich im Dunkel des Ganges völlig Zeit und wartete geduldig. Die Freunde fanden sich schnell, man löste sich paarweise aus dem Gedränge und drückte sich in die Ecken hinein, wo man sich in jenem vertraulichen Flüsterton mit einander unterhielt, der die Sprache des »Flirt« ist. Einige vergaßen sich ganz, benahmen sich in der Kirche wie im Nebenzimmer eines Ballsaales und amüsierten sich damit, sich aneinander zu pressen, wozu ihnen das Gedränge einen guten Vorwand bot. Rothenhaus erzählte Marthe de Reversier, M me. Duclerc und Juliette Avrezac von einem Bohême-Ball, einem fin de siècle -Ball, den er in der vorhergehenden Nacht mitgemacht hatte, wo unter anderem ein nacktes junges Mädchen auf einem Schild im Saal herumgetragen war; später hatte dieselbe den indischen »Magentanz« ausgeführt... »Alle Morgenblätter sind voll davon,« sagte er, während seine Augen von der Gier leuchteten, welche die Ausländer in Paris zu befallen Pflegt. »Man sagt, daß die Polizei sich einmischen wird ... Ich bin froh, daß ich gestern nacht dabei war ... Es war kolossal! « In seiner Nähe stand Hector ein wenig abseits und unterhielt sich leise mit Suberceaux. Valbelle, der sich in der Gesellschaft von Paul Le Tessier, M me. Avrezac und Dr. Krauß befand, konnte es nicht lassen, Dora zu necken und wollte durchaus ihre Meinung über die Ehe wissen. »Ach,« antwortete die kleine Dame und lachte, daß man ihre wundervollen, perlmutterschimmernden Zähne sah, »ich versichere Sie, ich habe durchaus keine Eile. Es ist viel angenehmer, allein im Bett zu schlafen.« »Oh ja, da mögen Sie recht haben!« scherzte Balbelle. »Das läßt sich aber auch sehr wohl in der Ehe einrichten. Haben Sie vielleicht die Physiologie von Balzac gelesen, Fräulein Dora?« »Balzac? Nein! Was für einer ist denn das? Ich bin überzeugt, es wird wieder so ein Buch sein mit Illustrationen drin, wie Sie mir neulich im Atelier zeigten. Sie wissen, so etwas will ich nicht wieder sehen!« Doras erstaunliche Unwissenheit war eine unversiegbare Quelle der Belustigung für ihre Freunde. Balbelle hielt eine kleine Vorlesung über das Kapitel in der Physiologie der Ehe, auf welches er hingedeutet hatte. Dr. Krauß lächelte in seinen grauen Bart hinein und schlug modernere Erfindungen vor. »Es existiert ein ganz neues System, ein Bett nämlich, das nach Belieben auseinandergenommen und wieder zusammengesetzt werden kann. Kennen Sie es nicht. In Amerika ist es sehr gebräuchlich.« »Pah!« sagte Dora, »das behalten Sie nur drüben. Das wird natürlich viel zu quäkerhaft, viel zu sehr »Heilsarmee« sein. Ungefähr so wie die Nachthemden ...« Sie hielt plötzlich inne und wurde diesmal ganz rot im Gesicht. Die anderen sahen sich an und lächelten. »Vorwärts!« sagte der Maler und zog Doras runden Arm in den seinen, während sie ihm, etwas verwirrt, Vorwürfe machte: »Sie müssen sich auch immer über mich lustig machen ... Es macht Ihnen Spaß, wenn Sie mich so weit haben, daß ich im Beisein anderer Dummheiten sage; schließlich werde ich Ihnen ernstlich böse deshalb. Kann ich dafür, daß ich dumm bin?« »Aufrichtig gestanden,« antwortete Balbelle, »habe ich Sie nie lieber, als wenn Sie Dummheiten sagen ...« »Ist das wirklich wahr?« Und über ihre schwarzen Augen legte sich ein Schleier von verliebter, schäkernder Zärtlichkeit. »Ja, ja! Gerade so, wie Sie in diesem Augenblick sind, liebe ich Sie.« Und als sie durch die dunkle Wölbung in die Sakristei hineingingen, drückte er einen Kuß, der sie sanft erschauern ließ, auf den Nacken der kleinen Kreolin. * Maud, die sich über das lächerlich Spießbürgerliche in diesem Aufzug ärgerte, hatte schnell ihre Mutter, hier, Schwester, Lestrange und die übrige Familie verlassen, und sich in eine leere Kapelle nebenan zurückgezogen. Aaron kam ihr augenblicklich nach. Sie empfing ihn mit höflicher Kälte. Er versuchte in seiner gewöhnlichen, unterthänigen und demütigen Weise sich Freiheiten herauszunehmen, die Maud mit Verachtung zurückwies. Mit seiner dicken schmunzelnden Stimme stotterte er: »Hoch erfreut ... über diese Feier ... die mich hoffen laßt, daß meine Zeit bald kommen wird ...« Und als Mauds Gesicht finster wurde, verriet er seine Unruhe: »Sie haben sich doch nicht anders besonnen?« Seine Augen funkelten vor widerwärtigster Lüsternheit. Maud antwortete: »Ich habe Ihnen ja gesagt, daß ich auf den Handel einginge.« Bei den höhnischen Worten senkte er den Kopf. Darauf fügte er gedämpft und mit erstaunlicher Zungenfertigkeit: »Die letzten Wechsel sind heute morgen bezahlt. Den Kaufkontrakt wegen des Hotels in der Rue Alphonse de Neuville habe ich unterschrieben. Sie können einziehen, sobald Sie heimkommen.« »Gut,« sagte Maud. »Es ist also abgemacht. Morgen abend reisen meine Mutter und ich nach Spa; in acht Tagen können Sie zu uns stoßen. Jetzt gehen Sie.« Er gehorchte und entfernte sich; als er Maud aus den Augen war, nahm er wieder seine frühere arrogante und anmaßende Haltung an. Und er hörte die Drohung nicht, die sie mit der ganzen Kraft des Widerwillens und der Wut hinter ihm her schleuderte. »Ja warte, Du Schurke! Du sollst ihn mir bezahlen, den Bankerott meines Lebens! Und teuer bezahlen!« Doch faßte sie sich gleich wieder, als sie Paul Le Tessier in die Kapelle treten sah. Er hatte sie gesucht. »Sie sind gekommen, mich nach Étiennette zu fragen, nicht wahr?« sagte sie. »Ja! ... Ich sehe sie nirgends ... ich bin unruhig ihretwegen. Sie ist doch Wohl nicht krank?« »Nein. Aber sie bekam heute morgen, gerade als wir fahren wollten, einen Brief, der sie dringend irgendwo hin berief.« »Von wem mag der Brief gewesen sein?« »Ich kann es Ihnen nicht sagen, denn ich weiß es nicht. Aber eifersüchtig brauchen Sie nicht zu sein. Er war von einer Dame. Beruhigt küßte Le Tessier sie auf die Hand. Maud hatte nur die halbe Wahrheit gesprochen. Étiennette hatte allerdings frühmorgens einen sehr dringenden Brief erhaltender Brief war von Suzanne, die sich in Paris aufhielt, ohne daß die Schwester es ahnte. Allmählich leerte sich die Sakristei; M me. de Rouvre, Jacqueline und Lestrange traten zu Maud herein. »Himmel!« sagte die Braut ... »Wäre es mit ebenso vielen Weitläufigkeiten verbunden, seinen Mann zu betrügen, so gäbe es sicher nicht so viele untreue Frauen.« Hector Le Tessier trat still und unbemerkt zu Maud hin und flüsterte ihr ins Ohr: »Er möchte Sie sprechen.« Sie erblaßte; aber nicht aus Furcht, sondern vor Zorn: »Welcher er! Julien?« »Ja ... Er wird Sie verfolgen bis nach Haus, wenn Sie ihm nicht ein kurzes Gespräch bewilligen. Ich erlaube mir, Ihnen den Rat zu erteilen, ihn hier zu empfangen ... es ist fast niemand mehr hier ... hingegen beim Frühstück ... Er erwartet Sie am Eingang.« »Gut. Ich werde kommen!« Sie traf ihn am Eingang des halbdunkeln Korridors. »Maud ... ich will Sie wieder sehen ... ich will es, ich muß es. Ach, ich habe so furchtbar gelitten! ... Ich liebe Sie so sehr!« Er sprach mit gebrochener Stimme; seine Zähne schlugen aufeinander vor Aufregung. »Höre mich an!« antwortete Maud und sah ihm dabei gerade ins Gesicht. »Ich werde nie mehr die Deine sein, weil Du Dein Wort gebrochen hast, und weil Du Dich erbärmlich benommen hast. Das ist das erste, was ich Dir zu sagen habe. Und dann: in acht Tagen werde ich Aarons Maitresse. Hast Du verstanden? Und nun: Geh!« Flehend und bettelnd sagte er: »Maud ... ich töte mich ... Ich schwöre es Dir, wenn Du mich fortschickst, so nehme ich mir das Leben.« Sie sah ihm fest in die Augen, und mit derselben leise vibrierenden, leidenschaftlichen Stimme, womit sie ihm ehemals gesagt: »Ich liebe Dich!« antwortete sie, indem sie die Thür der Sakristei vor ihm zuschlug: »Gut! Töte Dich!« * Eine Stunde darauf war großes Frühstück in der mit Laub geschmückten Halle der Avenue Kléber. Ein zwischen grünen Pflanzen aufgestelltes Orchester von spanischen Guitarrespielern, trug stürmische Tanzweisen vor; die Paare tanzten im Visitenanzug. Man hatte Paul Le Tessier nicht überreden können zu bleiben, er war sofort in die Rue de Berne geeilt, um Étiennette aufzusuchen. Aber Hector war da. Er stand einsam in einer Fensternische und betrachtete im hellen Tageslicht, das voll durch die großen Fenster hineinströmte, das Gebahren der Schauspieler jener intimen Intriguendramen, die er so oft vordem beobachtet hatte. Und schweigend, ohne sich in die Gruppen zu mischen, Verfiel er in Grübeleien, die bitteren Wermut in den honigsüßen Becher seiner Hoffnungen mischten. »Und diese Menschen habe ich lieben können, an den Geistreichigkeiten dieser Männer habe ich mich erfreut, diese Frauen habe ich begehrt ...« Ach damals! Als er zwanzig Jahre alt war! Damals hatte er Fieber gehabt, wenn er auf einen Ball sollte; die Pariserinnen hatten ihn berauscht und berückt; in welcher naiven und verlegenen Weise hatte er nicht die erklärten Schönheiten und die berühmten Männer bewundert. Als dann allmählich die Jahre schwanden, und die Bälle, die Gesellschaften und Premieren ihm nichts Neues mehr boten, waren die Enttäuschungen gekommen. »Und jetzt sehe ich, wie leer das alles ist, sowohl die Geistreichigkeit der Männer als die Schönheit der Frauen, und die Zeit, die man in ihrer Gesellschaft verbringt, ist verloren.« Wie die jungen Männer, die dort herumtanzten, hatte auch er Erregung für seine Sinne in den Blicken der verheirateten Frauen gesucht, in den hellen Augen der jungen Mädchen. »Und wie habe ich sie jetzt alle satt! ... Es ist unter ihnen keine, um die ich einen Schritt thun würde!« Selbst das Beobachten dieser strahlenden und verderbten Welt machte ihm keinen Spaß mehr. Daß Dora den Nachmittag bei einem Maler zubrachte, daß Juliette Avrezac zu Suberceaux lief, daß die kleinen Fräulein de Reverstier und andere mit ihnen in der Gesellschaft der Herren eine unfruchtbare Nervenerregung suchten und fanden, war ihm so tödlich langweilig geworden! Wenn das Ereignis, daß ein junges Mädchen sich in aufrichtiger Leidenschaft einem Manne hingibt, ein wahrhaft ergreifendes Seelendrama sein kann, so erhob sich das leichtfertige Getändel dieser genußsüchtigen kleinen Damen nicht weit über das Vaudeville. »Die wirklich Seelenvolle unter ihnen, Maud, unsere schöne Sphinx, gibt ihr Rätsel auf, und die Prostitution ergreift sie, wie alle die anderen !« Ja, die Prostitution! Das war es, was die demi-vierges unter verschiedenen Verkleidungen und an irgend einem Punkt ihres Lebens lauernd erwartete. Vor oder nach der Ehe, als letzter und schlimmster Ausweg für die Verlassenen, und für die schlecht Verheirateten als Ersatz ... aber fast ohne Ausnahme immer. Die Logik der Dinge zeigte sich Hector in einem einfachen und unvermeidlichen Zusammenhange. »Denn, wenn die Entsagung, die die Kirche befiehlt, und die von Natur in der wahren Zärtlichkeit der Frau schon enthalten ist, nicht die Regel für die Vereinigung der Geschlechter ist, so wird diese mit dem Streit zwischen der Hingebung und den Interessen zwischen der Liebe und dem Gelde enden, und diesen Streit wird nur die Prostitution schlichten können.« Bei diesen Gedanken stieg ein Gefühl von Ekel und Bitterkeit in ihm auf ... Es nutzte nichts, daß das Orchester die sprudelnde Fröhlichkeit der peneteras über den Saal hinrauschen ließ, daß die Frauen lächelten, und die Männer sie in den wirbelnden Tanz hineinzogen: unter aller Lustigkeit, unter dem Grün, den Blumen und allem Putz schimmerte deutlich vor seinem inneren Blick der Stein hervor auf dem großen Grabe, in das diese verfaulte Gesellschaft langsam und unaufhaltsam hinabgleiten mußte, weil sie die Quelle zur menschlichen Liebe: die Unschuld der jungen Mädchen, hatte versiegen lassen, weil sie die Ehe getötet hatte, dadurch, daß sie den Begriff das junge Mädchen vernichtete. »Ja, diese Gesellschaft ist verfault, der Gestank der Prostitution steigt schon daraus hervor: jam fætet .« Und plötzlich überfiel Hector eine heiße Lust, davon zu laufen, den Staub seines alten Verkehrkreises von den Füßen zu schütteln, ihn zu verlassen, um nie wieder zurückzukehren. Und gleichzeitig erblickte er seine Rettung, sein Chaldäa: ein verborgener, stiller Winkel in der Provinz, wo ein wirkliches junges Mädchen, keusch an Seele und Leib, von ihm träumte und seiner wartete, seiner, der – so schien es ihm jetzt, ihrer so ganz unwürdig war. Ohne von jemandem Abschied zu nehmen, als flüchte er aus einem Theater, das von den Flammen bedroht wird, eilte er hinaus. Er stieg die Treppe in der Avenue Kléber hinunter, die er, der lustige und skeptische Freund der Frauen, so oft betreten, und er dachte: »Zum letztenmal!« Nachdem Hector sich entfernt hatte, wurde das Fest noch eine Weile fortgesetzt. Allmählich leerte sich der Saal, und es waren nur noch einige unermüdliche Paare zurückgeblieben, als Maud, die sich mit dem Schriftsteller Henri Espiens unterhielt, abgerufen wurde. »Fräulein Étiennette möchte das Fräulein sprechen.« Nach ihrer Rückkehr von Chamblais war Étiennette zu de Rouvres gezogen, wo sie ein Zimmer bewohnte das neben Mauds lag. Hier traf diese sie. Étiennette warf sich sofort an die Brust der Freundin. »Wie traurig ich bin! ... Ach Liebe, Liebe ...« Maud nahm sie auf den Schoß, küßte und liebkoste sie. Sie hatte Étiennette aufrichtig lieb, so, Wohl wegen ihrer Anmut und Schönheit, als wegen ihrer klaren, gesunden Seele, obgleich es Stunden gab, wo sie sie um diese Gesundheit, diese absolute körperliche Unberührtheit, die das junge Mädchen sich zu bewahren gewußt hatte, mit einer gewissen bitteren Sehnsucht beneidete. »Was hast Du denn, liebe Kleine? Ist Suzanne vielleicht krank?« »Ach nein, nein! ... Es ist viel schlimmer! ... Weinend erzählte sie ihr die zugleich traurige und groteske Geschichte von der Ball-Orgie, die in der vorhergehenden Nacht stattgefunden hatte, von dem betrunkenen Mädchen, das sich nackend vor fünfhundert verrückten Männern gezeigt hatte, von der Polizei, die eingeschritten, von der Verhaftung und von den Boulevardblättern, die bereits das Referat des Skandals in ihren Spalten brachten. »Da lies selbst,« sagte sie und reichte ihr eine Zeitung. »Es steht alles da ... von meiner Schwester, meiner Mutter ... ja selbst von meinem Vater.« Ein unternehmender Reporter hatte sich wirklich Anekdoten aus Suzannes Vorzeit verschafft, nannte den Namen von Mathilde Duroy und machte durch leicht zu durchschauende Anfangsbuchstaben Andeutungen auf den verstorbenen Deputierten Asquin. »Aber Dein Name wird ja gar nicht genannt,« sagte Maud mit aufrichtiger Teilnahme. »Was will das sagen? Ich, verstehst Du wohl, interessiere niemanden. Aber mein lieber Traum ist doch vernichtet. Armer Paul!« Sie heuchelte nicht. Ihr tiefster Kummer war wirklich der Gedanke an den Schmerz und Ärger, den dieser Vorfall dem Manne, den sie liebte, bereiten würde. Maud suchte sie zu trösten: »Paul liebt Dich zu sehr, als daß eine Begebenheit, für die Du nicht verantwortlich bist, irgendwelchen Einfluß auf ihn haben sollte.« »Er? Armer Freund! Ja, ich weiß, daß er mich aus dem Grunde nicht weniger lieb haben wird. Aber wir können uns jetzt unmöglich verheiraten. Wenn Paul es auch wollte, so thäte ich es nicht. Denke nur, was seine politischen Widersacher aus dieser Geschichte machen können! Und Paul schaden! Nie im Leben!« Maud konnte ihr nichts entgegnen. Sie sagte nur: »Was willst Du thun?« »Ich will in die Rue de Berne ziehen, ganz still leben und arbeiten. Was bliebe mir sonst wohl übrig zu thun?« »Freilich,« sagte Maud und zuckte die Achseln, »ist das alles sehr unangenehm für Dich, Étiennette, aber, erlaube mir, es Dir zu sagen, durchaus kein Grund für Dich, Paul nicht mehr sehen zu wollen, Ihr liebt Euch ja und habt alles gethan, was in Eurer Macht stand, um Euch heiraten zu können. Wenn Euch jetzt Umstände daran verhindern, an denen Ihr vollkommen unschuldig seid, so wäre es doch, aufrichtig gestanden, zu dumm von Euch, wenn Ihr Euch nicht darüber hinwegsetztet. Kommt Zeit, kommt Rat! – Alles wird vergessen! ... Der Tag wird kommen, da Paul sein öffentliches Amt niederlegt, wo er die Bank und den Senat aufgibt, das hat er schon so oft zu mir gesagt. Dann könnt Ihr Euch verheiraten. Aber bis dahin liebt Euch und seid glücklich.« Étiennette schüttelte hartnackig den Kopf. »Nein, was Du da sagst, ist sehr vernünftig; es ist auch die einzige Hoffnung, die mir noch bleibt. Ich glaube wohl, daß Paul mich heiraten wird, wenn er sich aus dem öffentlichen Leben zurückgezogen hat, und dann willige ich auch ein. Aber bis dahin will ich auf keinen Fall, unter keinen Umständen, seine Geliebte werden ... Mag es dumm sein, mag es verrückt sein, wie Du willst. Aber ich will nicht, ich kann nicht; ich fühle, daß ich ihn von dem Augenblick an nicht mehr lieben würde, ich würde unglücklich werden.« Eine Weile saßen sie stumm nebeneinander da ... Wer von ihnen hatte recht? Sie wußten es nicht; ihr Gewissen war irregeleitet, sie folgten beide nur den Eingebungen ihres Temperaments. »Und wovon willst Du leben, Du arme Kleine?« fragte Maud. Étiennette lächelte durch ihre Thränen: »Ich will in Gesellschaften die Guitarre spielen, und singen ... Weißt Du noch, wie ich im Februar zu Dir kam und Dich um Deine Hilfe bat? Es sind nur vier Monate her. Aber wie vieles hat sich inzwischen geändert, was haben wir nicht alles in der Zeit erlebt!« Bei der Erinnerung an jenen Tag, wo sie ihre Kloster-Freundschaft erneuert hatten, fielen die jungen Mädchen sich in die Arme. Und Maud weinte zum erstenmal, als ihre kleine zärtliche und gute Freundin sie mit der aufrichtigen Liebe umarmte, die das einzige war, was ihr am Vorabend ihres künftigen freudlosen Lebens aus der Vergangenheit blieb. 28. Mai, 4 Uhr. »Maud, ich gehorche Dir. Ich töte mich. Mein Entschluß war gefaßt von dem Tage an, da Du mich in Chamblais so unbarmherzig fortschicktest. Wenn ich mit der Ausführung zögerte, so war es nicht, weil ich den Tod fürchtete; auch nicht, weil ich Dich umzustimmen hoffte. Aber ich wollte Dich noch einmal sehen, Maud ... und als ich begriff, daß Du mich nicht mehr empfangen wolltest, habe ich die Trauung von Jacqueline abgewartet, um doch eine Gelegenheit zu finden, Dich wieder zu sehen, Dich wieder zu sprechen. »Hege keinen Groll gegen mich, wegen meiner Handlungsweise, wegen des Bösen, das ich Dir zugefügt habe. Während eines ganzen Monats habe ich so furchtbar gelitten, so furchtbar Deinetwegen gelitten ... und dennoch grolle ich Dir nicht. Noch in dem Augenblick, wo ich den kalten Stahl des Revolvers an meiner Schläfe fühle, bin ich Dein, wie ich Dein gewesen vom ersten Augenblick an, als wir uns begegneten. Siehe, jetzt, da ich dem Tode ins Angesicht sehe, offenbart sich mir die Wahrheit, die sich mir verbarg, als ich mitten im Leben drin stand. Ich war nicht zu den Kämpfen geschaffen, in die Du mich hineinziehen wolltest. Alles, was ich überwunden und von mir gejagt zu haben glaubte, kehrt jetzt zurück und ergreift mich mit neuer Kraft. Ich war geschaffen, Dich von ganzem Herzen, treu und für immer, zu lieben. »Du willst nichts mehr von mir wissen; ich bin in Deinem Leben ein Hindernis geworden! »Maud, verzeihe mir! ich lasse Deinen Weg frei. »Ich bitte Dich nicht darum, mich zu beweinen, mich zu bedauern; denke nur zuweilen mit Freundlichkeit an den, der Deinen letzten Befehl mit bereitwilligem Gehorsam ausführte. Ich bitte Dich nicht darum, mich im Tode zu lieben: ich weiß, daß Du mich nicht mehr liebst. Ich flehe Dich nur an, nie aus Deiner Erinnerung auszulöschen, daß Du mich geliebt hast. Darum flehe ich Dich an: erinnere Dich meiner zuweilen ohne Groll ... Sieh, ich gehe ja, und ich habe so viel gelitten! »Für mich war die Zeit, da Du mich liebtest, bis zu dem Grade der Inhalt meines Lebens, sie füllte mein Herz so vollkommen aus, daß ich der Vorsehung nicht zürne. Trotz allem, was ich jetzt leide, weiß ich, daß ich das schönste, das beneidenswerteste Leben gehabt habe. Liebe, liebe Maud ... nichts vermag das je auszulöschen: Du hast Dich mir hingegeben in wenigen, seltenen Augenblicken, und Du hast die Liebe durch mich kennen gelernt. Nichts vermag es auszulöschen! Ich wiederhole es mir immer wieder, und jedesmal kommt es mir so wunderbar, so selig vor, daß ich zu leiden vergesse. »Aber wenn ich daran denke, daß Du morgen einem anderen angehören sollst, daß es ihm erlaubt sein soll, Dich anzusehen und anzurühren, dann scheint mir eine Kugel durch die Schläfe das einzig Wünschenswerte. Siehe, deshalb will ich sterben! Ich gehe mit glühendem Herzen dem Tode entgegen, trotz des Grauens vor dem Unbekannten, trotz des Grauens vor dem Jenseits. Denn ich glaube an ein Jenseits, Maud! Der Glaube daran ist mir mit so manchem anderen Glauben wiedergekommen, während der letzten, großen Krise meines Lebens. Und es gibt mir den Mut, Dir zu sagen: Wir haben uns geirrt; wir haben unrecht gethan – wir haben uns gegen unser Gewissen versündigt. Wir haben verdient, gestraft zu werden. Ich wünsche nur, daß die Strafe mich allem treffen möge. »Lebewohl, meine geliebte, meine grausame und gnadenreiche Sphynx; sterbend bin ich Dein, Dein allein ... Wenn ich mich jetzt, in einem Augenblick, töte, will ich an Deine Lippen denken, an Deine Augen, an den Duft Deiner Haare und Deiner Arme, und ich werde mit Dir, bei Dir, in Dir sterben. Ich liebe Dich, ich liebe Dich, ich liebe Dich!« Julien . VI. Der Herbst hatte sich schon gemeldet, als sich Paul Le Tessier im selben Jahre 1893 nach Vézéris begab, um für seinen Bruder um die Hand Jeanne de Chantels anzuhalten. Hector selbst befand sich auf Vézéris: es war sein zweiter Besuch dort, seit den Begebenheiten im Frühling. Paul kam am Morgen eines klaren Septembertages an. Die Weinernte näherte sich ihrem Ende; auf allen Wegen begegnete man vollbeladenen Wagen, die von Ochsen gezogen wurden. Die großen Ländereien, die zur Domäne Vézéris gehören, erstrecken sich zwischen dem gleichnamigen Dorfe, dem Flusse Vienne, und den Höhenzügen längs eines kleinen Nebenflusses der Vienne, der sich durch den Park des Herrenhauses schlängelt. Das zweistöckige Gebäude, im Stile Ludwigs XIII., umschließt einen großen Hof, in den man durch ein noch älteres Thor kommt, das schwer wie ein Brückenbogen ist. Das Hauptgebäude liegt gerade davor und nimmt sich nicht übel aus mit seinem breit vorspringendem Schieferdache, seiner großen Steintreppe, und den Fensterbogen der Façade. Rechts und links liegen die Gebäude für das Gesinde, und die Ställe. Der Senator wurde von M me. de Chantel in der großen Wohnstube des unteren Geschosses empfangen. Unter den hohen, grau und weißen Plafonds, zwischen den vielen verblaßten Ahnenbildern der Familie, zeigte sie sich erst recht in dem Rahmen, welcher für sie paßte, mit der ihr eigentümlichen Grazie und Sicherheit, die nur bei Leuten von altem Adel zu finden ist. Im Augenblick war in der Familie kein Todesfall, um den sie hatte trauern müssen, und beide Damen, sowohl sie als Jeanne, hatten ihre Toiletten mit hellen Spitzen und Bandschleifen belebt. Von Paris hatte Jeanne einen moderneren Geschmack mit heimgebracht, den sie später unter Hectors Leitung weiter entwickelte, doch ohne dabei das ihr eigentümliche Gepräge zu verwischen, das Hector lächelnd »ihren Vendéeischen Typus« nannte. Was Maxime betrifft, so hatte er sich nur wenig verändert. Sein Haar war an den Schläfen leicht ergraut; aber es wäre schwierig zu sagen, was es eigentlich war, das ihn gleichsam um zehn Jahre älter machte. Vielleicht war es der Ausdruck in den Augen, oder der Zug um den Mund, vielleicht war es auch diese oder jene tiefe Furche im Gesicht, welche verriet, daß der Kummer sie gezogen. Als das Frühstück zu Ende war, ging man hinaus, um das Besitztum zu besehen. M me. de Chantel blieb zu Hause, aber Jeanne begleitete die drei Herren. In einem braunen Tuchkleide, das ihrer schlanken Figur wie angegossen saß und einem kleinen englischen Strohhut auf dem Kopfe, wie sie in diesem Jahre modern waren, ging sie voran mit Maxime. Paul sagte zu seinem Bruder: »Sie hat sich bedeutend verschönert. Hast Du sie auch moralisch umgeschaffen?« »Nein,« antwortete Hector lächelnd. »Ich werde mich schon hüten. Sie ist noch immer dieselbe kleine weiße Gans, die mein Herz gewann ... nur ein klein wenig geschickter ist sie darin geworden, ihre Federn zu Putzen, und etwas mehr Leidenschaft hat sie bekommen. Das ist das Ganze! – Aber wie geht es denn mit Deiner Liebe, mein armer Freund.« Paul schüttelte traurig den Kopf. »Alles unverändert ... das Kind ist noch immer ebenso störrisch. Nichts vermag ihren Widerstand zu brechen. Darauf bestehen, meinst Du? Ich wage es nicht recht, das Ende davon könnte sein, daß sie mich überhaupt nicht mehr empfangen würde. Ja, lieber Freund, ich alter Kerl verbringe jeden Tag zwei Stunden bei einem entzückenden jungen Mädchen, das ich liebe, und das mich wieder liebt, dem ich aber nur Stirn und Wangen zu küssen wage.« »Die Geschichte mit Suzanne ist doch abgethan; man spricht nicht mehr davon.« »Nein – und sie selber ist ebenfalls aus der Welt. das arme Mädchen ist kürzlich im Hospital gestorben.« Hector nahm seinen Arm und drückte ihn liebevoll: »Hab' Vertrauen auf die Zukunft. Alles geht vorüber, alles wird vergessen. Eines Tages wirst Du Deiner kleinen Étiennette dankbar dafür sein, daß sie standhaft gewesen, damit Du eine unberührte Braut bekämest und Deine Ehe einen Sinn hätte, zu einem Ereignis von Bedeutung in Deinem Leben würde. Du weißt ja sehr gut, daß ich so wenig wie Du, von einer konventionellen Ehrfurcht vor socialen Institutionen, welche die Zeit ändern und aufheben kann, angesteckt bin. Aber während der Übergangsjahre müssen die Klugen in der offiziellen Moral Schutz suchen. Nur die Dummen ziehen aus, ohne zu wissen, wohin sie ziehen wollen.« Jeanne und Maxime standen auf einem waldbewachsenen Hügel und warteten auf ihre Gäste. Als diese sie erreicht hatten, sagte Jeanne zu Hector: »Nun zeige Deinem Bruder Paul alles, damit er meinen Geburtsort lieben lernt.« Aber ihre Augen, die von der schönen Flamme unschuldiger Liebe leuchteten, sagten zu Hector: »Auf Dein Urteil nur lege ich Wert; von Dir, mein Herr und Meister, will ich, daß das Land meiner Kindheit geliebt werde.« Vom Hügel, wo sie standen, hatte man eine weite Aussicht über eine Landschaft mit flachen Ebenen und waldigen Hügelketten, eine echte Landschaft von Poitou, deren friedliche Schönheit man erst recht genießt, wenn man sich an sie gewöhnt hat. Maxime erklärte Paul, was man von da oben sah. »Der Fluß, den Sie hier unten vorbeifließen sehen, und der rechts oben das kleine freundliche Dorf zwischen den Bäumen passiert, ist ein bescheidener Nebenfluß der Vienne; er durchschneidet den südlichen Teil unseres Besitztums, und das kleine Dorf ist ein historischer Ort; ein Mal über das andere ist es wahrend der Religionskriege in Asche gelegt, und von den Engländern belagert worden. Und doch ist sein Name nur wenig bekannt. Es heißt Azay-la-Bataille . Wenn Sie wollen, können wir ihm einen Besuch abstatten.« »Sind dort noch Ruinen von den alten Festungswerken? fragte Paul. »Sie werden sehen ... es liegen noch große Steine dort, die auf allerlei schließen lassen.« Er sprach mit Ruhe und Gelassenheit, ohne Freude, ohne Heiterkeit. So war er immer; niemals wurde in der Familie die Vergangenheit erwähnt; er trauerte, aber er sprach kein Wort über seine Trauer. Jeanne, die mit Paul Le Tessier vorausging, erzählte ihm das ganz offen: weder sie noch ihre Mutter hatten es gewagt, Maxime auszufragen, ja ihm nicht einmal angedeutet, daß sie die Ursache seines großen Kummers errieten. »Wir verließen Paris damals in verzweifelter Stimmung. Maxime wollte uns keine Erklärung geben. Aber er ist ja das Oberhaupt der Familie; er befahl uns, nach Vézéris zurückzukehren, und wir gehorchten. Ach, glauben Sie mir, wir haben traurige Stunden durchgemacht ... Wie konnte die Frau es übers Herz bringen, einen Mann, wie Maxime, so furchtbar leiden zu lassen! Er, der sie so unendlich lieb hatte!« Nach einer Pause fragte sie: »Ist sie verheiratet?« »Nein!« antwortete Le Tessier ... »Vielleicht wird sie sich eines Tages verheiraten. Aber im Augenblick ist sie abwesend von Paris und gehört nicht mehr zur guten Gesellschaft. Man spricht nicht gern mehr von ihr.« »So,« sagte Jeanne, ohne zu erröten, denn sie hatte nicht ganz verstanden. Doch fügte sie kurz darauf hinzu, nachdem sie ein Weilchen nachgedacht: »Das arme, arme Mädchen!« Sie erreichten das Dorf Azah. Die Winzer hielten gerade Mittag. In heiteren Scharen zogen sie dahin, mit dem roten Blut der Traube auf den Lippen und in der übermütig lustigen Stimmung, in die die Weinernte die Bauern versetzt. Traurig und still erzählte Maxime die Geschichte des Orts: »Diese großen Steine sind alles, was von der Burg übrig geblieben ist. Die Sage erzählt, daß mit dem Turm tausend Menschen im Feuer umkamen ... Und heutzutage, sehen Sie, wächst schönes Gemüse um die Ruinen herum. Die Erde ist besonders fruchtbar hier, vielleicht von den vielen Leichen, die sie gedüngt haben.« Ein alter Bauer kam vorbei, mit krummem Rücken von der Arbeit hinterm Pfluge und einem von der Sonne braungebrannten Gesicht. »Nicht wahr, Vater Laurent, die Erde ist gut hier um das alte Schloß herum?« »Gewiß, Herr Graf, vorzüglich. Es mag wohl von der großen Schlacht sein, die einstmals geschlagen wurde vor der Revolution .« Mit neidischen Blicken betrachtete er die fette, reiche Erde, die von Blut gedüngt und gesättigt worden. Das große Feld, das den Schauplatz für die Blutbäder abgegeben, von denen die Sage berichtet, lag jetzt friedlich da; auf den mächtigen Befehl der Natur war sie den regelmäßigen Verrichtungen des Jahres, der Aussaat und der Ernte, zurückgegeben worden, erzeugte goldenes Korn und purpurfarbenen Wein; – und das kleine Dorf, einst von Kriegsgreueln verheert, verlor allmählich seinen historischen Ruf und lebte nun unbekannt sein unberühmtes, stilles Leben weiter. Jeanne schaute lächelnd hinaus auf die üppige Erde und die sonnige Natur; sie schaute auch lächelnd in die Zukunft hinein, indem sie im Egoismus ihres eigenen Glücks sowohl das Unglück vergaß, das vor kurzem einen der ihrigen getroffen, wie die tragische Vergangenheit ihres Geburtsortes. Aber Paul und Hector beobachteten Maxime, der schweigend dastand, in Träume versunken; sie errieten, wovon er träumte, und für einen Augenblick schlugen ihre Bruderherzen im gleichen Takt mit dem seinen ... Weshalb läßt das reiche Leben nicht ebenfalls, durch ein unabänderliches Gesetz, in der verheerten Menschenseele neue Hoffnung und Liebe, wie eine neue Ernte, emporkeimen?   La Roche, 1893–1894.