Berthold Auerbach Auf der Höhe Zweiter Band Drittes Buch Erstes Kapitel. Hansei schaute in der niedern Stube zum Fenster hinaus, hielt seine Pfeife mit beiden Händen und schmauchte in den Morgen hinein; nicht weit von ihm spaltete ein Taglöhner eine Fuhre Holz. Hansei schaute ruhig zu, nickte, wenn der Holzspalter gut traf, und lächelte als echter Kenner über den ungeschickten Menschen, wenn er ein Stück mit einem widerspenstigen Ast um und um wenden und vergebens einhacken mußte. Die Großmutter begann das kleingehackte Holz nach der Giebelseite unter das Vordach zu tragen und dort aufzuschichten. Jedesmal, wenn sie ab- und zuging, schaute sie nach Hansei, der aber rührte sich nicht: endlich sagte sie, mit einem Armvoll Holz vor ihm stehen bleibend: »He! Jo!« »Freilich!« erwiderte er und paffte weiter. Die Großmutter hatte mit dem kurzen Anrufen sagen wollen: was ist denn das? bist du nur zum Zusehen da? kannst du nicht wenigstens das gespaltene Holz aufschichten? Der Angeredete hatte verstanden, was in dem Anrufe »He jo« lag, und hatte ganz richtig darauf geantwortet: »Freilich thu' ich nichts, das ist just so mein Wille.« Die Großmutter war eben dran, einen Armvoll Holz vor seinem Angesicht niederzuwerfen; aber sie besann sich – der Taglöhner draußen braucht das nicht zu sehen. Sie trug das Holz an seine Stelle, dann kam sie in die Stube und sagte: »Hansei, guck ein, ich will dir was sagen.« »Ich hör' schon,« erwiderte dieser zum Fenster hinaus. »Ich weiß nicht, was du vorhast? was bildest dir denn ein?« Hansei hielt es nicht für nötig, eine Antwort zu geben! er rauchte bequemlich weiter, und die Großmutter fuhr fort: »Es ist schon Schand genug, daß du dir das Holz vor das Haus führen lassest, und nicht selbst in den Wald gehst und aufladest; bist doch selber Holzhauer. Und jetzt läßt du gar noch einen Holzspälter da herkommen! Das ist nicht geschehen, so lang das Haus dasteht, daß einem fremden Mann die Axt in der Hand warm geworden ist. Schämst du dich denn nicht?« »Hab's nicht nötig,« erwiderte Hansei, sich ein wenig nach der Stube umwendend. »Gut, wirst schon wissen, was du nötig hast!« rief die Alte zornig. »Aber ich will nicht zanken, bleib nur so; laß dich verkommen und alles, du wirst allein ausessen müssen, was du einbrockst. O, wenn das meine Walpurga wüßte! die ist in der Fremde für uns, und derweil bist du ...« »Jetzt hab' ich's genug,« wendete sich Hansei nach der Stube und schloß das Fenster. »Schwiegermutter, ich lege Euch nichts in den Weg, ich lasse Euch wirtschaften, wie Ihr wollt, und so lass' ich mir auch nichts dreinreden.« »Ich will dir auch nichts dreinreden, du bist Vater und Ehemann.« »Schöner Ehemann das, dem die Frau auf ein Jahr davongeht.« »Es kommt ihr vielleicht schwerer an als dir.« »Kann sein. Aber sie hat Lustbarkeit und Unterhaltung, und was hab' ich? Ich lauf' in der Welt herum wie verloren, und drum sag' ich's gerad', ich schäm' mich nicht – das beste ist, daß es noch Wirtshäuser gibt; da hat man doch noch eine Heimat, wenn man daheim keine mehr hat, und ich hab's einmal nicht mehr nötig, daß ich Holz führe und spalte, ich will auch etwas davon haben, daß meine Frau –« Hansei konnte nicht weiter reden, die Thür ging auf und Zenza trat herein. »Was thust du da? Wer hat dich gerufen?« fuhr die Großmutter die Eintretende an. Diese aber erwiderte: »Schönen guten Morgen. Ich komme nicht zu dir, ich hab' da mit dem Mann zu reden: bist du hier Meister oder der Mann vom Haus?« »Red nur, was gibt's?« sagte Hansei und winkte seiner Schwiegermutter. »Ich soll dir einen schönen Gruß ausrichten, und deine Flinte ist oben beim Schmied, sie ist gut im Stand, du sollst sie holen.« »Also ein Jägdler willst du jetzt auch werden?« fragte die Großmutter, »du willst auf die Jagd gehen?« »Wenn Ihr mich nicht traget, muß ich wohl gehen,« erwiderte Hansei und lachte laut über seinen Witz. Die Großmutter ging hinaus und schlug die Thür zu, daß es schallte. Zenza sprang schnell wie eine Katze auf Hansei zu und sagte: »In der Dämmerung ist sie oben und wartet auf dich.« Laut rief sie dann: »Behüt' dich Gott, Hansei!« und verließ das Haus. Die Großmutter ging hinaus zu dem Holzhacker und sagte, er solle ja nicht glauben, daß man so verdorbene Menschen wie die Zenza ins Haus ließe, aber sie sei aufdringlich und komme, so oft man sie auch fortwiese, immer wieder, weil sie sich dankbar erzeigen wolle, daß die Walpurga den Thomas bei dem König freigebeten habe; es sei freilich ein dummer Streich gewesen, der rote Thomas sei am besten hinter Schloß und Riegel, aber die Walpurga habe es eben doch gut gemeint. Der Holzhacker war zufrieden. Er wußte, daß das ein Ehrenhaus war, und ganz zufällig sagte er: »Wundert mich, daß die Zenza ihre schwarze Esther nicht bei sich hat; sie gehen sonst gern miteinander, so lang es Tag ist.« In den alten Augen der Großmutter flimmerte es, als sie dies hörte; sie bückte sich aber schnell, lud Holz auf und trug es ans Haus. Als sie nach der Giebelseite kam, war Hansei da, schichtete das Holz auf und pfiff lustig dabei. Die Großmutter trug immer mehr Holz zu und Hansei schichtete es auf und beide sprachen kein Wort miteinander. So kam der Mittag heran, Hansei lohnte den Holzhacker ab und sagte: »Das andre mach' ich selber klein, brauchst morgen nicht wieder zu kommen.« Er ist ein braver Mensch, dachte die Großmutter in sich hinein; er kann mit Worten nicht nachgeben, aber nachher thut er doch, was man ihm sagt, er findet das Rechte bald wieder. Nach dem Essen brachte sie ihm das Kind und sagte: »Da schau einmal, greif nur, es will schon ein Zahn durch, das ist früh; aber so ist's bei deiner Frau auch gewesen. Schau, wie es seine Händchen schon in den Mund steckt. Gottlob, daß unser Kind so gedeiht! Seitdem du Heu fütterst und es von der neuen Kuh trinkt, wird das Kind zusehends voller. Wenn unsre Walpurga das Kind nur auch eine Stunde sehen könnte! Nimm das Kind, ich will dir's gut auf den Arm geben. Schau, es lacht dich an, es kennt dich! Ach, lieber Gott, seine Mutter kennt es noch nicht.« »Ich kann das Kind nicht auf den Arm nehmen, ich fürcht', ich thu' ihm was,« erwiderte Hansei. »Wenn du dich verderben lässest, dann thust du dem Kind was –« wollte die Großmutter sagen, aber sie hielt es zurück. Man muß, wenn ein Mensch wieder auf dem rechten Weg ist, nicht in ihn hineinpredigen, man muß ihn ruhig allein gehen lassen, sonst verliert er die Lust an der Umkehr – so dachte die Großmutter – sie hatte den Mund schon geöffnet, aber sie schluckte die Worte wieder hinunter. Hansei blickte unstet um sich und sagte: »Schwiegermutter, Ihr habt noch was sagen wollen?« »Ist nicht nötig, daß man alles sagt. Oder doch: du gibst dich herab, wenn du dir von der Zenza Botschaft sagen läßt. Ich hab's dem Holzhacker angesehen, wie er das Maul verzogen hat, weil die Zenza in unserm Haus Zutritt hat. Geh auch nicht da hinauf auf die Windenreuthe, das ist ein verrufenes Nest, da holt man sich keine Ehre. Wenn du doch einmal jagen willst und hast dir eine Flinte angeschafft, kannst sie ja von einem Buben für einen Groschen holen lassen.« »Ja, ja,« sagte Hansei und lächelte, »die Großmutter hat recht: man braucht nicht alles zu sagen, was man denkt.« »Jetzt will ich in den Wald,« sagte er. »Ich will dabei sein, wenn mein Holz geladen wird.« Er nahm Hut und Bergstock, hing sich an den Tragbändern den Weidsack um und steckte noch ein Stück Brot in die Tasche. Die Großmutter gab ihm mit dem Kind auf dem Arm das Geleit bis zum Kirschbaum, von dem jetzt schon einzelne welke Blätter abfielen. Hansei ging in den Wald. Droben aber, wo er nicht mehr gesehen werden konnte, machte er Kehrtum und schlug den Weg nach Windenreuthe ein. Es war ihm wunderlich zu Mute auf dem Weg; er hatte gar nicht gewußt, daß er so schwer atmet und so schreckhaft ist. Der Nußhäher, der vom Baume aufflog, die schäkernde Elster, der kreischende Habicht über dem Felsenkamm und die brüllende Kuh auf der Wiese – alles erschreckt ihn. »Ich soll nicht gehen und ich geh' auch nicht!« rief er und stieß mit der spitzen Zwinge seines Stockes auf den steinigen Weg, daß es Funken gab; dennoch ging er vorwärts. Glücklicherweise zog jetzt ein Nebel die Höhe herauf; er ging in der Wolke, die ihn verbarg, weiter und weiter. Windenreuthe besteht aus mehreren ärmlichen, zerstreut liegenden Häusern. Am ersten Hause stand Hansei plötzlich wie gefesselt, er erschrak ins Herz hinein, als hatte ihn ein Schuß getroffen, und es war doch eigentlich nichts, was ihn so erschreckte; er hörte nur in dem Hause, vor dem er stand, ein kleines Kind schreien. So schreit auch dein Kind, sprach die Stimme in ihm. Wie wirst du es wiedersehen und hören? wie wirst du es küssen? und wie wirst du sein, wenn du auf dem Rückweg wieder an dem Hause da vorbeikommst? ... Wie wird es sein, wenn im Frühjahr deine Frau heimkommt und du gehst mit ihr, und die schwarze Esther begegnet euch? Und bei jeder Lustbarkeit daheim oder im Wirtshaus kann die schwarze Esther kommen und kann sagen: Platz da! da gehör' ich auch her! In Hansei wirbelte es; er sah in die künftigen Tage hinein, in alles; er lebte in dem einen Augenblick Tage und Jahre, die erst kommen sollen und wie sie werden können. Und doch ging er weiter; ja er schnalzte plötzlich mit den Fingern und sagte sich: »Du bist ein dummer Kerl, ganz einfältig bist du, dir fehlt der Mut; es sind ja andre auch lustig und leben froh und kümmern sich den Teufel drum und ... was für lustige Geschichten hat der Gemswirt erzählt von dem und jenem, und was für Streiche haben die Jäger berichtet, die sie ausführen... Genießen, was man kann, und liederlich sein, das gilt ja eher für eine Ehre bei denen, die keine Nahrungssorgen haben auf der Welt....« Er lüftete den Hut, der Kopf brannte ihm; er drückte den Hut wieder gewaltsam auf den Kopf und schritt weiter hinein in das zerstreute Dorf. Es war Nacht geworden. Die alte Zenza wohnte abseits im Wald in einer sogenannten Wurzhütte; hier hatte ihr verstorbener Mann aus Waldkräutern, besonders aus Enzian, Branntwein bereitet und sein Meisterwurz war noch berühmt. Aus der offenen Hausthür der Wurzhütte leuchtete eine hohe Flamme, und jetzt trat eine Gestalt unter die Thür und lehnte sich an den Pfosten. Die Gestalt war schön, wild und mächtig anzuschauen; hinter ihr loderte hell das Feuer. Von dem Schreck in jener Nacht, da er an das Märchen von den Wildweibern geglaubt hatte, spürte Hansei nichts mehr. Jetzt legte die Gestalt die Hand an die Wange und that einen schrillen Juchzer, es war wie eine Tonrakete, die in die Luft emporschnellte und oben auseinanderprasselte in allerlei Jodlern. Hansei zitterte. Jetzt hörte er die Zenza sagen: »Brauchst nicht so zu juchzen, schrei nicht in die Welt hinein, daß du daheim bist. Wart' bis der Gaul im Stall ...« »Holla!« dachte Hansei und stand zitternd still, »holla – die hält dich gefangen; die zieht dir jeden Kreuzer aus der Tasche, wenn du dich gemein machst und schlecht wirst – die macht dich zum Bettelmann und zum verachteten Mann noch dazu! Nein, ich lasse mir mein Geld nicht von dir rauben, ich geb' mich nicht in deine Hände. Ich will nicht! du sollst nicht vor meine Frau hinstehen und sie ansehen und anreden können, und ich muß dir noch danken, wenn du's nicht thust. Nein, und siebentausendmal nein, ich will nicht schlecht sein, eher soll mich ...« Mit mächtigen Sätzen, als ob ein Feind hinter ihm dreinjage, floh Hansei zurück und die junge ungeschälte Eiche, die er mit beiden Händen hielt, diente ihm als Stütze, daß er fliegen konnte. So hatte er sich lange nicht geschwungen, so mächtig und unablässig. Er kam wieder an dem Hause vorbei, wo er vorhin das Kind hatte schreien hören: es schrie noch, aber der Hörer war ein andrer als vorhin. Immer weiter, wie gejagt, floh Hansei davon, der Schweiß lief die Wangen herab und tropfte ihm bei neuem Einsatz auf die Hände, die den Stock faßten, aber er hielt nicht still – die Zenza und die schwarze Esther und der rote Thomas sind hinter ihm drein, sie jagen, sie fassen ihn, sie reißen ihm die Kleider vom Leib. Erst tief im Walde wagte er es, sich auf einen Baumstumpf zu setzen. Er war so müd, als ob er zehn Stunden gelaufen wäre; er legte die Hände auf seine nackten Kniee, es war ihm, als fasse er einen fremden Körper. Er berührte die Strümpfe, die Walpurga gestrickt hat, und sein erstes Wort war: »Walpurga, es soll einmal gewesen sein, daß ich einen solchen Weg gegangen bin und nimmermehr! Da schwör' ich's, da leg' ich deinen Brief – er hatte den letzten bei sich – da leg' ich deinen Brief in meinen Schuh und diese Füße sollen keinen schlechten Weg mehr gehen. Gottlob, daß ich nur in Gedanken schlecht gewesen bin!« Er zog den Schuh aus und legte den Brief hinein, und eben als er sich wieder aufrichtete, hörte er nochmals den hellen Juchzer vom Hause der Zenza. »Schrei nur, so viel du magst!« sagte er vor sich hin und schritt waldeinwärts. Er wollte seine Pfeife anzünden, aber er schlug sich immer mit dem Stahl auf die Finger und der Zunder war naß. »Du brauchst kein Feuer, du schlechter Kerl,« sagte er endlich, die Pfeife im Zorn einsteckend, »du brauchst gar kein Feuer, da droben brennt eines und das wär' deine Hölle geworden. Sei froh, daß du heraus bist, du verdienst's nicht.« Wenn Hansei jetzt den Hansei von früher vor sich gehabt hätte, er hatte ihn in Zorn und Rache erwürgt. Der Nebel war immer dichter geworden, es war fast wie feiner Regen; der Wald wurde immer größer und nirgends ein Weg. »Geschieht dir recht, daß du verirrt bist,« höhnte sich Hansei, »du gehörst gar nicht mehr unter Menschen, du verdorbener Gesell du! Nur schade, daß deine Frau und das Kind unschuldig darunter leiden müssen ...« Es gingen zwei Menschen im Nebel in der Irre und doch hatten sie nur einen Schritt. Hansei fluchte und schimpfte sich, aber bald erschrak er wieder davor, und alle Sagen von Irrgeistern, die den einsamen Wanderer bergauf und bergab führen, die ganze Nacht im Kreise herum, stiegen in ihm auf. Er wollte wieder umkehren – den Weg nach Windenreuthe findet er eher. »Wart', du verfluchter Teufel!« sagte er aber zu dem unsichtbaren Kameraden, der ihm das anriet. »Du willst mich nur wieder dort haben? Nein, du kriegst mich nicht.« Er versuchte nochmals Feuer zu schlagen, und jetzt brannte es, und als er die ersten Züge that, da hörte er die Glocke. Er griff sich an die Stirne, die Töne trafen ihn, als ob ihm der Schwengel unmittelbar an dem Kopf schlage. »Das ist das Abendläuten von der Kirche am See. Es klingt so nahe – bist du denn auf dieser Seite? Nein, das ist vom Nebel, da klingt's so ...« Alle weiteren Gedanken abwehrend, zog er den Hut ab, umklammerte mit beiden Händen heftig den Stock, der sich tief in die Erde eingrub, und betete still. O Gott, denkt etwas in ihm neben dem Gebetworte, o Gott, das kannst du doch wieder und konntest dich so vergessen und verirren? – Es liegt ein unerschöpflicher Segen darin, daß es ewige Worte, Wegweiser gibt, die vor Jahrtausenden von einem erhabenen Geiste aus der Tiefe des Menschenherzens und seinen ewigen Kämpfen geschöpft wurden, und diese Worte führen den einsamen Wanderer durch nächtigen Nebel des Waldes und lenken seinen Schritt aus der Irre. Die Glocke ruft, sie spricht keine Worte, aber sie ruft die Worte in der Seele an, und die Worte werden zum Stabe in der Hand des Müden und zum Wegweiser vor den Augen des Verirrten. Es läutete noch, als Hansei sein Gebet vollendet hatte, und der Glockenton war, als ob ihm sein ganzes Dorf, alle Seelen darin riefen und vor allem sein Weib und sein Kind. Nun fand er den Weg. Im ausgetrockneten steinigen Bett eines Waldbachs ging er zu Thal. Er war aber doch seltsam irre gegangen, denn er kam hinter dem Gemswirtshaus den Berg herab. Auf schlechte Begier, auf Schreck und Furcht, auf Andacht und Verirrung fühlte jetzt Hansei mächtigen Hunger und Durst. »Ah, grüß' Gott, Hansei!« rief ihm der Gemswirt entgegen. »Grüß' Gott, behüt's Gott!« stammelte Hansei verwirrt. »Was ist dir? Du siehst ja totenbleich aus. Was ist dir geschehen? Woher kommst du?« fragte der Gemswirt in schneller Redseligkeit. »Nachher will ich dir alles erzählen,« erwiderte Hansei, sich fassend. »Jetzt gib mir zuerst einen Schoppen Wein.« Der Wein kam und Hansei schaute verwundert um. Er kam wie aus einer andern Welt. Erst als er Salz und Brot gegessen hatte, erzählte er, es sei ihm heute wunderlich ergangen; er habe hinaus in den Wald gewollt zum Holzaufladen, und da sei er verirrt und bis gegen Windenreuthe gekommen – er sagte das absichtlich, er wollte vorbeugen, wenn ihn vielleicht doch jemand da oben gesehen. Man sprach vom Glauben an Gespenster, der Gemswirt spottete über die Ammenmärchen. Hansei that keine Einrede. Sehr klug setzte der Gemswirt hinzu: »Du bist jetzt eben oftmals nicht bei dir, weil du deine Walpurga nicht bei dir hast; da denkst du eben viel an sie und siehst den Weg nicht.« »Ja, kann schon sein. Es ist so.« »Weißt du, wie sie dich jetzt heißen im Dorf?« »Wie denn?« »Den Ammerich. Weil deine Frau die Amme des Kronprinzen ist, bist du der Ammerich.« Hansei lachte aus vollem Halse. »Jetzt sag, was kriegt deine Frau Lohn?« fragte der Spinner-Wastl. »Das sag' ich nicht,« erwiderte Hansei und that sehr geheimnisvoll. »Hast schon lang keinen Brief von deiner Frau?« fragte der Gemswirt. »Nein, ich erwarte jede Stunde einen.« Noch hatte er das nicht ausgesprochen, als der Briefbote eintrat und sagte: »So? da bist, Hansei? Ich bin heut mittag zweimal in deinem Haus gewesen, ich hab' einen Geldbrief an dich.« »Gib her,« sagte Hansei und erbrach mit zitternden Händen die fünf Siegel. »Du gehst schön mit dem Geld um,« sagte der Gemswirt und hob einen Hundertguldenschein vom Boden auf, »das ist mir lieb, ich brauch' einen, ich geb' dir hartes Geld dafür.« »Ist recht,« sagte Hansei, und überließ dem Gemswirt das Papiergeld, dann las er: »Lieber Hansei, diesmal schreib' ich dir ganz allein. Da sind hundert Gulden, die hat mir die Königin zum besonderen Geschenk gemacht, weil du nicht zu mir gekommen bist. Ich muß dir aber erzählen, daß du's recht verstehst. Die Königin, du glaubst gar nicht, was das für eine gute Seele ist, schließe sie nur recht in dein Gebet ein, wir sitzen oft stundenlang bei einander, und sie kann alles gar schön auf Papier abnehmen, die Bäume und alles, und da reden wir, als ob wir miteinander in die Schule gegangen wären, sie ist aber lutherisch und ist gar brav und fromm und hat zu allem so gar herzgetreue Gedanken, die könnte gar kein unschönes Wort auf die Zunge nehmen. Wenn sie nicht lutherisch wäre, so könnte sie eine Heilige werden, aber in den Himmel kommt sie doch. Das glaub' ich und glaub du's nur auch; brauchst's aber niemand zu sagen. Ja, also die Königin hat mir eine Freude machen wollen, die möchte gern die ganze Welt glücklich machen. So müssen in alten Zeiten die Heiligen gewesen sein. Die Königin hat mir also eine Freude machen wollen, weil ihr Mann wieder gesund heimkommen ist, und die haben einander so lieb und sie hat mir dich kommen lassen wollen und unser Kind und die Großmutter auf ein oder zwei Tage, denn die merkt alles, die sieht einem tief ins Herz hinein, und ich hab' oft Heimweh nach euch und ja, wie die Königin euch will kommen lassen, da sag' ich: das wäre schon recht schön, aber das kostet so viel Geld, und da habe ich mir das Geld schenken lassen dafür, und wir können's schon besser brauchen. Und ihr hättet ja auch nicht die Kleider dazu, und die Menschen sind hier gar spöttisch. Jetzt wär' ich aber nicht zu dem Geld gekommen, denn das ist ihr nichts, gar nichts, an so was denkt sie gar nicht, die hat noch nie in ihrem Leben Geld gezählt, und ich glaub' gar nicht, daß sie rechnen kann; das thut alles der Hofzahlmeister. Hier ist für jede Sach' ein besonderer Bedienter; da gibt's Tafeldecker und Silberschließer und alles. Jetzt ist aber meine gute Gräfin wiederkommen, die ist bei ihrem Vater gewesen, das soll aber so eine Art Einsiedel sein, der von der ganzen Welt nichts wissen will, und meiner Gräfin danke ich's, daß ich doch zu dem Geld kommen bin, denn die weiß alles zu machen. Und so schicke ich dir hier das Geld, leg's gut an, nimm aber auch etwas davon und mach dir und unserm Kind und der Großmutter einen guten Tag. Ach, guter Hansei, es sind aber nicht lauter Heilige und lauter getreue Menschen so in einem Schloß, wie ich früher gemeint hab'. Da wird gestohlen und Hinterlist getrieben. Der Vater von meiner Mamsell Kramer ist ein ehrbarer alter Mann, er ist hier Kastellan, der hat mir viel erzählt. Aber auch brav sein kann man überall, im Schloß oder in der Gstadelhütte am See. Jetzt bitt' ich dich nur, lieber Hansei, ich sag' immer lieber Hansei, so oft ich an dich denk', ich denk' oft an dich, und in der letzten Nacht hab' ich von dir geträumt, aber ich will dir's nicht erzählen, man muß nicht an Träume glauben. Jetzt schreib mir aber recht bald, wie dir's geht, aber recht deutlich einen recht langen Brief, und laß dir die Zeit nicht lang werden, bis wir wieder beisammen sind, und denk auch immer so gut an mich, ich denk' auch immer so gut an dich. Bis in den Tod deine getreue Walpurga.« Hansei sagte trotz alles Bedrängens niemand ein Wort aus dem Briefe. Er ging still heim und küßte sein schlafendes Kind. Es war ihm gar wohl zu Mute, daß er wieder so daheim sein dürfe und das Haus ihn nicht hinaus werfe. Der Angstschweiß überlief ihn, wenn er wieder dachte, daß er in diesem Bette schliefe und er wäre anders geworden. Er griff hinüber nach dem Bette, wo sonst seine Frau schlief, und in stiller heimlicher Nacht küßte er ihr Kopfkissen. »Jetzt bin ich erst ein rechter Mann!« sagte er. Er stand wieder auf und machte Licht. Er nahm den Brief, den er heute hineingelegt, aus dem Schuh, schnitt aus dem letzten die Stelle mit den Worten: »Bis in den Tod deine getreue Walpurga«, löste die innere Sohle ab, schob den Zettel darunter und verklebte die Sohle wieder. Erst jetzt schlief er ruhig ein. Zweites Kapitel. »Majestät,« sagte eines Tages Gräfin Irma zum König, als sie mit ihm in der Veranda auf und ab ging – im Musiksaal übte die Königin mit ihrer Kammervirtuosin ein klassisches Stück – »Majestät, es ist doch rätselhaft, manche Menschen sind uns um so bedeutender und liebenswerter, wenn wir fern von ihnen nur ein Erinnerungsbild in der Seele haben; andre dagegen erscheinen uns um so tiefer und anmutender im persönlichen, alltäglichen Umgänge, und wenn wir von ihnen entfernt sind, haben wir kaum eine rechte Vorstellung von ihnen, können denen, die ihre persönliche Bekanntschaft nicht haben, kein Bild ihres Wesens geben, ja nicht einmal der Erscheinung. Worin liegt das?« »Ich meine,« erwiderte der König, – »aber ich muß gestehen, ich habe noch nie darüber nachgedacht – ich meine, daß die einen mehr Detailnaturen sind mit lauter kleinen Zügen, die andern dagegen haben eine gesamte ganze Physiognomie. Oder auch: diejenigen sind uns in der Ferne bedeutsamer, in deren Wesen noch ein Problem für uns ist und uns dadurch mehr zu denken gibt. Meinen Sie nicht auch?« »Allerdings. Aber ich möchte doch auch sagen: Die einen sind imponierende und dadurch schon in der Gegenwart ferngerückte historische Menschen; sie können sterben und bleiben. – Wenn jemand fern von uns ist, ist er schon wie ein Stück gestorben – ; die andern dagegen leben nur, solange sie atmen, und leben für uns nur, solange wir in einer Atmosphäre mit ihnen atmen.« »Konnten Sie mir Beispiele zu diesen imponierend historischen und zu den Momentfiguren nennen?« »Ich wüßte im Augenblick nur die eine Art, die historische, zu nennen.« Ein leises Rot fuhr über die Stirn des Königs. »Nun?« fragte er, da Irma zögerte, »ich bitte –« »Zu der ersten Gattung rechne ich vor allen meinen Vater. Ich kann Euer Majestät nicht sagen, wie mir sein großes Wesen stets vor Augen steht.« »Ja, ich höre allgemein, er soll ein höchst bedeutender Mann sein. Es ist für ihn und noch mehr für uns zu beklagen, daß er unsre ganze Staatsbildung negiert. Und wohin würden Sie mich rechnen? Ich traue Ihnen Wahrhaftigkeit genug zu, daß Sie mir das geradezu sagen, und Sie sind meiner ... meiner ... Verehrung so sicher, daß Sie alles unumwunden aussprechen können.« »Majestät sind ein Anwesender,« erwiderte Irma, »und doch zugleich auch ein Abwesender, denn die Höhe Ihrer Stellung hebt Sie immer über uns andre hinweg.« »Aber die Freundschaft wohnt nicht auf dem Thron, sie ist hier, wo wir auf gleichem Boden stehen, liebe Gräfin.« »Die Freundschaft urteilt aber auch nicht,« erwiderte die Gräfin, »sie hat kein Richteramt. Nichts finde ich empörender, als wenn Menschen, die einander etwas sein wollen, immer miteinander abrechnen: so viel bist du und so viel bin ich wert, das ist dein und das ist mein –« »Ach, diese Staatsgeschäfte!« unterbrach der König, da ein Lakai die Ankunft des Ministers meldete. »Wir setzen das Thema fort,« fügte er hinzu, verabschiedete sich bei Irma, grüßte unterwegs höflich die begegnenden Herren und Damen und reichte dem Ministerpräsidenten die Hand; er ging mit ihm in das Innere des Schlosses. Seit der Rückkehr Irmas hatte ihre freundliche Beziehung zum König neue Frische gewonnen. Ihre tägliche Begrüßung war die Freude des Wiedersehens und Willkomm nach langer Trennung. Wenn der König: guten Morgen, Gräfin! sagte und Irma antwortete: ich danke Majestät! so lag in diesen einfachen alltäglichen Worten eine unausgesprochene Gedankenreihe. – Der König war voll Laune und milden, schönen Geistes, wie noch nie. Und Irma? Man sagte mit Recht, sie bringe den Atem des Hochgebirges mit. Die Königin vor allen war's, die bald zu einer Hofdame, bald zu einem Kavalier ihre Freude über diese waldfrische Natur ausdrückte, die doch von dem höchsten Geiste belebt war. Wie in tiefer Seele vernommene Melodien, die erst nach und nach wiederkehren und harmonisch sich fügen, so gingen jetzt Irma die Worte und Gedanken ihres Vaters auf. Sie war wochenlang in einer strengen Denkerschule gewesen, wo kein müßiges Plaudern und Tändeln galt, alles mußte fest und klar sein. Vordem hatte man Irma wie ein Naturkind betrachtet, das eben heraussprudelt, was ihm in den Sinn kommt; jetzt erkannte man einen Geist, der aus einem Hintergrund umfassender Weltbetrachtung entsprang und dabei den einfachen Naturmut behielt. Sie war voll teilnehmender Güte, fragte aber nichts nach dem modisch Geltenden, sie sprach aus, was ihr anmutend und was ihr zuwider war, und man mußte anerkennen, daß hier nicht bloß eine Originalität, ein naiver Springinsfeld war, sondern auch ein starkes geistiges Selbstbewußtsein. Irma veränderte oftmals ihre Frisur. Das schalt man natürlich Koketterie, sie wolle die Blicke auf sich ziehen; es war aber bei ihr einfach die Lust, alle Tage neu auf die Welt zu kommen und sei es auch in einer ganz untergeordneten Sache. Jetzt kam es Irma sehr zu gute, daß sie sich so eng an Walpurga angeschlossen, denn die Königin ließ Walpurga in den sonnigen Mittagsstunden fast nie von sich, und da saß auch Irma dabei und las der Königin bisweilen vor, oder sang mit Walpurga schöne Lieder aus dem Gebirge. In freudigem Glanze leuchteten die Augen des Königs, wenn er zu solcher Stunde kam und Irma mit seiner Gattin sah. »Du siehst betrübt aus,« sagte die Königin, als der König eben jetzt aus dem Ministerrate zu ihr und Irma in den Park trat. »Ich bin es auch.« »Darf ich wissen?« Irma wollte sich entfernen, aber der König sagte: »Bleiben Sie nur, Gräfin; es handelt sich um eine Angelegenheit, die durch Ihre Freundin Emmy jetzt zur Entscheidung gebracht wird. Hat dir,« wendete er sich zur Königin, »unsre Gräfin von dem gräßlichen Geschick ihrer Freundin erzählt?« »Allerdings, und wenn ich daran denke, habe ich das Gefühl, als stünde ich vor einem Abgrund.« Der König hatte seltsamerweise noch nichts von der Sache mit Irma gesprochen und auch ihres Briefes keine Erwähnung gethan. Irma hatte in den Zerstreuungen seit ihrer Rückkehr auch kaum mehr daran gedacht. »Unsre Freundin,« begann der König wieder, »hat auch mir die Sache mitgeteilt, und ich danke ihrem Zartgefühl, daß sie jedes weitere Drängen zurückhielt; denn in Staatsgeschäften dürfen uns keinerlei persönliche Sympathien leiten. Die Freude, sich in seiner Ehre von Befreundeten gewahrt zu sehen, bleibt aber eine der schönsten.« Irma schaute vor sich nieder, Er fuhr fort: »Ein Fürst muß es seinen Freunden danken, wenn sie ihn von den Thatsachen des Lebens benachrichtigen, aber in der Entschließung darf kein Einfluß, auch der beste nicht, sich geltend machen.« Irma wagte noch immer nicht, den Blick aufzuheben. »Die Sache liegt so,« fuhr der König fort: »Wir haben die Befugnis zur Aufnahme neuer Nonnen vorläufig suspendiert. Die Minister verlangen nun von mir, daß ich meine Genehmigung zu einer Gesetzesvorlage an die nächstens zusammentretenden Stände gebe, wodurch vor allen das Kloster Frauenwörth endgültig auf den Aussterbe-Etat gesetzt werde. Die Minister glauben nur damit, natürlich neben manchem andern, gegen die immer stärker werdende Opposition standhalten zu können.« Der König schaute bei diesen Worten auf Irma und diese fragte: »Und Majestät haben dem Gesetzentwurf Ihre Zustimmung gegeben?« »Noch nicht. Ich habe keine besondere Neigung für Erhaltung der Klöster, aber ich kann doch nicht so leicht die Art an einen Raum legen, der durch Jahrtausende erwachsen ist. Es ist die besondere Aufgabe des Königtums, Dinge zu pflanzen und zu erhalten, die über die Zeitdauer eines Geschlechts und eines Jahrhunderts hinausgehen. Und ein Frauenkloster – wie denkst du darüber, Mathilde?« »Ich meine, daß es einem Frauenherzen, das alles verloren hat, nicht verwehrt sein sollte, sich der Einsamkeit und Andacht zu widmen. Doch darf ich mir vielleicht nicht erlauben, darüber zu urteilen. Vom Klosterleben habe ich Jugendeindrücke oder vielmehr Jugendlehren erhalten, die nicht immer gerecht sein mochten. Ueber das Bestehen eines Frauenklosters sollten wohl nur Frauen bestimmen dürfen. Wie meinen Sie, Gräfin Irma? Sie sind ja in einem Kloster erzogen, und Emmy ist Ihre Freundin.« »Ja,« nahm Irma auf, »ich war bei meiner Freundin in Frauenwörth, wo sie leben oder vielmehr sterben will, denn das Leben dort ist tägliches Warten auf den Tod. Es erschreckte mich auch, daß man eine vielleicht nur vorübergehende Stimmung zum unabänderlichen Lebensgesetze, ja zur Lebensbestimmung machen soll, aus der es keine Rettung mehr gibt; und doch sind viele andre heilige Institute dasselbe. Ich sehe nun, welch ein hoher, schwerer Beruf es ist, König zu sein. Sollte ich jetzt bestimmen, ein Gesetz geben, ich gestehe, ich wüßte mich nicht zu entscheiden. Wenn je, so sehe ich nun, daß wir Frauen nicht zum Herrschen geboren sind.« Die sonst so klare und feste Stimme Irmas war verschleiert und zitternd. Sie war auf einen Gipfel gestellt, wo sie nicht festen Fuß fassen konnte. Sie schaute zum König auf, wie zu einem höheren Wesen. Seine Haltung war so fest, sein Auge so klar. Sie wäre gern vor ihm niedergekniet. »Kommen Sie näher, Graf Wildenort,« rief der König jetzt. Irma erschrak. Ist ihr Vater da? In dieser Erregung schien ihr alles möglich. Sie hatte in dem Augenblick ganz vergessen, daß ihr Bruder Bruno Flügeladjutant des Königs sei. Er hatte in einiger Entfernung gestanden und trat jetzt näher, um sich bei der Königin zu verabschieden, da er auf einige Zeit verreiste. Der König ging mit der Königin davon, Irma mit ihrem Bruder. – Das Benehmen des Königs war rätselhaft, aber er selbst hatte dafür seine Erklärungsgründe; der erste und mächtigste war ein unzerstörbares Mißtrauen. »Allen und jedem mißtrauen« – das war die große Lehre, die ihm von Jugend auf eingeflößt worden. – »Man kann nie wissen, welche egoistische Absichten die Menschen bei allem edlen Anschein haben.« Diese Lehre entsprach einem Charakterzug im Wesen des Königs; er wollte selbst sein, sich von niemand in seinen Entschlüssen bestimmen lassen. Das ist der Kernpunkt der heroischen Natur. Darum ist ihm auch bei aller Freiheitsliebe der Konstitutionalismus zuwider; er hebt die große, in sich machtbegabte Persönlichkeit auf, man soll nur Träger des Zeitgeistes oder, noch tiefer, Vollstrecker der öffentlichen Meinung sein. Das widersprach seinem starken persönlichen Bewußtsein. Wenn nun irgend jemand ihn zu einer Meinung und Entschließung drängen wollte, war er mißtrauisch, er war es selbst gegen Irma. Sie weiß es gewiß selbst nicht, daß sie Werkzeug einer Partei ist, aber sie ist es, wahrscheinlich, ja gewiß; man hat ausgekundschaftet, daß sie viel bei ihm gilt und nun den Klostereintritt Emmys benützt, um ihn zur Entscheidung zu drängen. Das will er nicht dulden, selbst Irma sollte fühlen, daß er sich zu nichts von einem fremden Menschen bestimmen lasse, auch von der schönen Freundin nicht. Alte Zeiten können nicht wiederkehren; sie finden einen neuen Menschen in ihm, der keinen Fraueneinfluß auf die Staatsgeschäfte duldet. Aus diesen ineinander laufenden Erwägungen von Mißtrauen und Selbstherrlichkeit hatte der König bis jetzt von dem an ihn gerichteten Briefe Irmas geschwiegen, und nun endlich in der eben vernommenen Weise gesprochen. Auf dem Wege mit seiner Gattin genoß der König noch den Triumph, den er über die Frauen errungen, selbst über die, die er so starken Geistes glaubte. Er sprach wiederholt von den Bitten Irmas wegen ihrer Freundin und wie er sich dadurch nicht bestimmen lasse; es schimmerte eine Mißlaune gegen Irma durch. Die Königin pries die Freundin mit innigen Worten. Der König lächelte. Drittes Kapitel. »So gib mir doch endlich Antwort,« sagte Bruno zu seiner Schwester. »Bist du bereit?« »Ach, bitte, ich war zerstreut. Was sagtest du?« Bruno sah seine Schwester groß an: Irma hatte in der That nicht gehört; sie rätselte über das Benehmen des Königs. Er hatte ihr offenbar in der gehaltensten Weise zu verstehen gegeben, doch er in Regierungshandlungen sich von niemand beeinflussen lasse. Irma fiel es jetzt ein, daß der Ton ihres Briefes aus dem Kloster doch sehr ungehörig war; sie dankte im Innersten dem edlen großen Manne, der ihr etwas zu vergeben hatte und so schön vergab. Sie dankte ihm doppelt, daß er sich durch ihr kindisch heißes Drängen nicht bestimmen ließ; sie selbst war zweifelhaft, was zu thun sei, und ihr erstes Denken, daß der Staat wohl verpflichtet sei, ein bindendes Gelübde zu verhindern, erschien ihr jetzt wieder als das gerechte. »Bitte,« wiederholte sie gegen ihren Bruder, »wünschest du etwas von mir?« »Du mußt mich morgen begleiten,« sagte Bruno. »Wir verreisen; ich habe bereits Urlaub und die Königin wird dir auch solchen geben.« »Mit dir verreisen? Wohin?« »Zu meiner Verlobung.« »Doch nicht –« »Allerdings, mit der Schwester des Königs, nenne es Halbschwester, oder Viertelschwester! Baronesse Arabella von Steigeneck freut sich, dich kennen zu lernen.« Irma schaute nieder. Das war ja die älteste Tochter der vom hochseligen König in den Adelstand erhobenen Tänzerin. Sie sprach vom Eindruck, den diese Verbindung beim Vater machen mußte; aber Bruno scherzte wohlgelaunt: er und seine Schwester hätten sich ja vom Vater getrennt, der die Marotte hegt, ein gemeiner Bürgerlicher sein zu wollen. Bruno fühlte, daß dieser Ton Irma verstimmte, und ging in einen andern über, indem er darlegte, wie unfrei und hart es sei, eine so liebenswürdige Dame, wie Baronesse Arabella, die aus königlichem Blut stammt, einiger Unzuträglichkeiten wegen gering zu achten. Er traf eine anklingende Saite, indem er es, abgesehen von persönlichem Wunsche, als Pflicht Irmas darstellte, Arabella vorurteilsfrei und mit Freundlichkeit entgegen zu kommen. Er schloß mit der Wendung: »Du bist so liebevoll gegen die einfältige Bäuerin, die Amme des Kronprinzen. Es ist wohlfeil, Humanität zu üben gegen Menschen aus dem Volke; zeige sie auch hier! Hier findet sie schönere und bedeutungsvollere Anwendung.« »Es freut mich, dich auf solchen Gedanken zu finden,« erwiderte Irma und sah ihren Bruder mit erheitertem Blicke an. Bruno frohlockte. Er hatte den richtigen Köder gefunden. Er fand aber auch in der That einen flüchtigen Genuß im Gespräche über Erhebungen des Menschengeistes zu wahrem Edelsinn. Irma war willig zu der Reise, und als sie sich bei der Königin beurlaubte, und auch diese in leisester Andeutung ein Befremden über die Heirat Brunos kundgab, zeigte sich Irma als so eifriger Anwalt der Humanität, daß die Königin nicht umhin konnte, ihr zu sagen: »Sie sind und bleiben ein tiefedles Herz.« Irma küßte mit Inbrunst die dargereichte Hand. Man reiste ab. Neben Brunos beiden Privatdienern und dem Jockey Fritz, dem Sohne Baums, reiste auch Vater Baum mit, er ist eben immer und bei allem dabei. Auf dem Wege war Bruno voll sprudelnder Laune. Wie ein Feinschmecker liebte er auch gemütliche Scenen; er spielte vortrefflich Klavier, und auch bisweilen ein sentimentales Adagio; sentimental erschien ihm Irma. Bald aber hatte er genug des schmelzenden Tones und in seine keck scherzende Weise übergehend, rief er: »Ich bin besser als die ganze Kavalierswelt um uns her. Du lächelst? Du denkst, was muß das für eine Kavalierschaft sein, wo du der bessere bist? – Ja, Schwesterchen Krimhilde, und doch ist es so. Ich gestehe mir ganz ehrlich, daß ich diese Dame nur heirate, um möglichst flott zu leben. Bin ich nun nicht besser als alle, die in diesem Verhältnis etwas heucheln würden?« »Wenn du das besser nennst, allerdings; aber ich glaube doch, du schämst dich nur deiner Liebe, du möchtest nicht für sentimental gelten.« »Danke, du bist eine tiefe Menschenkennerin.« Es war Bruno erwünscht, daß seine Schwester an seine wirkliche Liebe glaubte; das gibt seinem und ihrem Benehmen viel mehr natürlichen Halt. Er lächelte sehr verschämt und errötete. Die Baronin Steigeneck wohnte in einem kleinen Städtchen in dem Schlosse, das ehemals der Ruhesitz einer Schwester des letztverstorbenen Königs gewesen. Man kam auf dem Schlosse an. Auf der großen Mauer, von der es umgeben war, stand ein schöner Pfau, der die Luft weit umher mit seinem Geschrei erfüllte. Die Zimmer für Irma und ihren Bruder waren bereit. Man kleidete sich um. Bruno erschien in Paradeuniform mit seinen Orden. Man wurde nach dem Salon der Baronin Steigeneck geführt. Zwei Diener öffneten die Flügelthüren. Die Baronin in ausgesucht einfacher Kleidung ging dem Geschwisterpaar bis an die Thür entgegen und verbeugte sich sehr zierlich. Bruno küßte sie und umarmte dann seine Braut, eine schöne volle Gestalt. Er stellte sie seiner Schwester vor, Irma umarmte und küßte sie. Das Schloß war mit Pracht, freilich mit etwas bunter und greller, ausgestattet; es war mehr Schaustellung als Wohnlichkeit darin. Das lebensgroße Bild des hochseligen Königs paradierte im großen Saal. Irma war anfangs erschreckt, als sie die alte Baronin sah. Im Boudoir der Baronin hingen noch die Bilder, die sie als jugendlich üppige Tänzerin zeigten; sie war eine reizend schöne Erscheinung gewesen, und als Psyche, als Eros, als Geisterkönigin abgebildet, in kühnen Attitüden – und jetzt diese schwerfällige Gestalt mit den gewaltsam gespannten Mienen. Ihre Hauptbeschäftigung war Kartenspiel: Irma sah hier zum erstenmal im Freien unter Bäumen und beim Gesang der Vögel stundenlang Karten spielen. Was wären viele Menschen, wie unausfüllbar ihr Leben, wenn es keine Spielkarten gäbe. – Singen und Musizieren, denn auch die Baronesse Arabella sang schön, fröhliches Tafeln und Ausfahrten in die Umgebung füllten die Stunden heiter aus, Irma konnte nicht umhin, sich immer die Diener anzusehen und sich in deren Gedanken zu versetzen, wie es solchen Menschen zu Mute sein muß, was sie eigentlich denken, daß sie einer solchen Herrin dienen; aber sie sah hier die gleiche Ehrerbietung wie am Hofe, und im Städtchen stand bei den Ausfahrten alles still und zog den Hut ab, denn die Baronin brachte Leben und Geld in das Städtchen. Alles in der Welt, auch Ehrerbietung ist zu kaufen. Drei Tage vergingen rasch. Die Baronin Steigeneck hielt einen kleinen Hof, dem Anschein nach sehr bescheiden; ein alter, aber äußerst beweglicher französischer Legitimist war die besondere Zierde dieses Hofes und es wurde ausschließlich französisch gesprochen. Die förmliche Verlobung wurde bald durch den Notar festgesetzt, den Bruno aus der Residenz mitgebracht; er hatte seine gemessenen Instruktionen und die alte Baronin hatte einen schweren Stand. Es waren da so verteufelt festgenietete Paragraphen über Todesfall und Trennung. Bruno hatte sich gesichert. Die Baronin sprach schäkernd über Liebe und wie sie solchen Enthusiasmus in der Gegenwart gar nicht mehr vermutet hätte; Bruno stimmte ein, und beide wußten doch, daß alles sich nur ums Geld handle. Arabella war eine wohlerzogene Dame, und dabei von jener Bildung, die sich von Lehrern kaufen läßt, Arabella sang, zeichnete, sprach drei fremde Sprachen, die sie auf Geheiß der Mutter paradieren lassen mußte – aber in allem merkte man das Angelernte. Auch gelesen hatte Arabella mancherlei, wenn man indes von diesem und jenem Buche sprach, wollte sie es nicht kennen, denn da und dort kamen Verhältnisse vor, die auf sie, auf ihre Mutter Anwendung haben konnten. Irma war überaus freundlich gegen ihre Schwägerin, und Bruno dankte ihr mit aufrichtiger Herzlichkeit. Dennoch war's Irma innerlich bang. In diesem Hause herrschte ein eigener Zauberbann, es ist wie im Märchenlande, die Menschen gehen herum und lachen und scherzen, singen und spielen, aber ein einziges Wort dürfen sie nicht nennen; wird das genannt, so versinkt das Schloß mit all seinen prunkenden Herrlichkeiten, und das Wort heißt: »Vater.« Irma aber mußte gerade hier am meisten an ihren Vater denken. In der Stille begann sie einen Brief an ihn zu schreiben; sie schaute sich um, als sie auf ihrem Zimmer sitzend die Worte schrieb: »Lieber Vater!« Sie hielt es für ihre Pflicht, sie konnte es füglicher als Bruno, dem Vater diese Verlobung anzuzeigen, und seine Humanität für die mit Glücksgütern ausgestattete Unglückliche anzurufen. Noch nie hatte sie so viele Briefanfänge zerrissen und ins Feuer geworfen; sie brachte den Brief nicht zu stande und faßte schließlich den Vorsatz, erst von der Sommerburg aus an den Vater zu schreiben. Aber ein Verlangen, von Eltern zu sprechen, konnte sie nicht los werden, und als Baum jetzt einen Auftrag an sie brachte, hielt sie ihn auf mit der Frage: »Baum, haben Sie Ihre Eltern noch?« »Nein.« »Haben Sie dieselben lange gekannt?« Baum antwortete hustend mit vorgehaltener Hand: »Meinen Vater gar nicht und meine Mutter ... meine Mutter ... wurde mir schon lange entrissen.« Unter der vorgehaltenen Hand biß sich Baum auf die Lippen und wagte endlich äußerst behutsam die Worte auszusprechen: »Darf ich fragen, gnädige Gräfin, warum Sie mich das fragen?« »Ich habe ein Verlangen, die Lebensschicksale derer zu kennen, die ich persönlich kenne.« Baum nahm die Hand vom Munde weg und sein Gesicht war wieder glatt, ausdruckslos. In den Tagen, welche man auf dem Schlosse der Baronesse Steigeneck blieb, war alles stets in maßvollster Haltung. Nur ein einziges Mal fühlte sich Irma verletzt, denn die alte Dame – man nannte sie gnädige Frau – erklärte den Bräutigamszustand für die albernste aller Konvenienzen; das Natürlichste und Angemessenste wäre, sofort in der Stunde der Verlobung zu heiraten. Eine eigentümliche Veränderung ging dabei in den Mienen der alten Dame vor; Irma erschrak vor dem Ausdrucke dieses Gesichtes, und dieser Schreck blieb, so daß Irma innerlich schauderte, als die Baronin sie beim Abschied umarmte und küßte. Irma saß schon lange im Wagen, als Bruno endlich kam und nochmals seiner Braut, die am Fenster stand, Kußhände zuwarf. Als man davon fuhr und Irma wieder mit ihrem Bruder allein im Wagen saß, sagte sie laut und mit wunderbarem Ausdrucke: »O Vater, Vater!« Sie atmete tief auf, als ob ein Zauberbann von ihr genommen wäre. »Was hast du?« fragte Bruno. Irma wollte ihm nicht sagen, was sie empfand, sie entgegnete nur: »Sobald wir wieder im Schlosse angekommen sind, müssen wir dem Vater schreiben, oder es wäre besser, du reisest zu ihm. Laß dich, wenn's sein muß, von ihm schelten; er bleibt doch der Vater und er wird dir wieder gut sein und alles Geschehene anerkennen.« »Es ist besser, wir schreiben,« meinte Bruno. »Nein!« rief Irma und faßte seine beiden Hände, »du mußt es Arabella zulieb thun.« »Ihr zu lieb.« »Ja, ich wünsche ihr das beste Glück; ich möchte, daß sie im Leben auch einmal Vater sagen könnte.« Bruno zuckte zurück. Nach einer Weile sagte er: »Laß uns leise sprechen. Ich glaube, du weißt, wie du mich ins Tiefste getroffen. Arabella konnte nicht Vater sagen, sie wird es auch jetzt nicht können. Du bist stark genug, Irma, der vollen Wahrheit ins Antlitz zu schauen. Was knüpft das unauflösliche Band zwischen Vater und Kind? Nicht die Natur allein, auch die Geschichte. Unser Vater hat durch Ablegung unsres Standes Vater und Mutter und die große Reihe unsrer Ahnen verleugnet. Er hat die feste strahlende Kette zerrissen, die uns durch ihn an unser Geschlecht schloß. Wir haben den unterbrochenen Zusammenhang wieder aufgenommen, aber der Vater ist dadurch von uns getrennt, er hat sich selbst von uns geschieden. In dem Sinne wie du es meinst, können auch wir nicht Vater sagen.« Irma wurde blaß. So hatte sie sich's noch nie gedacht und sie hatte nie geahnt, daß Bruno sich auf einen Gedanken stützen könnte; sie glaubte, sein Leben stände nur auf Leichtfertigkeit, Jetzt erst sah sie die tiefe Kluft. Sie wollte erwidern, daß der Vater ja allem Edlen getreu sei, das die Besten der Vorfahren ihm überliefert, und wie er nur die äußerliche Bevorzugung des Standes abgelegt. Aber zum erstenmal fühlte sie, daß sie dem Bruder nicht stand halten könnte. Sie selbst hatte sich ja auch vom Vater getrennt. Sie schwieg. Stundenlang fuhr man lautlos dahin. Die beiden kamen auf der Sommerburg an. Irma dankte jedem, der ihr zur Verlobung ihres Bruders Glück wünschte, äußerst verbindlich. Sie hatte eine eigene Befangenheit vor dem Hofjuwelier, der mit zahlreichen Schmuckkästchen auf das Schloß entboten war. Sie sollte in Gemeinschaft mit Bruno einen reichen Schmuck für die Braut auswählen; sie that es, aber sie willfahrte nicht, den Schmuck sich anprobieren zu lassen; ihr Kammermädchen mußte sich nacheinander mit vielen Schmuckstücken behängen lassen, und schließlich wurde ein reicher Diamantenschmuck gewählt und sofort an die Braut geschickt. Viertes Kapitel. Irma gewann ihre Heiterkeit wieder und war der übermütige Kobold des ganzen Hofes, neckisch gegen alle, nur gegen Oberst Bronnen nicht; diesem allein zeigte sie sich stets ernst und gehalten. Sie ritt viel aus und begleitete oft den König auf die Jagd; auch andre Hofdamen meldeten sich gern dazu. Der beginnende Herbst machte die Tage frisch, und an reicher Mannigfaltigkeit fehlte es nie. Die Königin mußte zu Hause bleiben. Sie hatte Walpurga mit dem Kinde viel um sich und war überaus glücklich mit jeder neuen Regung der Kindesseele. Der Knabe kannte die Mutter bereits und wußte schon Zeichen des Verständnisses zu geben; sie bedauerte nur den unruhigen Geist ihres Mannes, dessen Natur immer neue Bewegung und gewaltsame Aufregung erheischte; er versäumte so viel schöne Seelenblicke des Kindes. Es wurde jetzt oft im Walde und auf den Bergen gespeist, wohin die Speisen und Gerätschaften mittelst Maulesel schnell gebracht und ebenso wieder weggeschafft wurden. Es war dies eine Erfindung des Baron Schöning, auf die er sich nicht wenig einbildete, und es war in der That fast zauberisch überraschend, wenn plötzlich mitten im Walde oder auf einer Anhöhe mit schöner Fernsicht eine königliche Tafel gedeckt dastand, und ebenso plötzlich alles verschwunden war. Seit seiner Rückkehr vom See benahm sich Baron Schöning gegen Irma mit besonderer Zartheit. Es war so viel Schonung und Rücksicht in seinem Benehmen, als hätte er Irma einen Korb gegeben, und nicht sie ihm, und in der That war es ihm jetzt, als wäre er der entschieden Verneinende gewesen; es kam ihm wie Wahnsinn vor, daß er je an den Heiratsantrag gedacht. Dabei machte jetzt der Baron den Versuch, sich etwas Würde beizulegen, natürlich mit großer Behutsamkeit, denn man darf sein eigenes früheres Benehmen doch nicht geradezu widerrufen. Damals, als er zu Irma sagte, der Hof glaube mit ihm zu spielen, während er mit dem Hofe spiele, war die kühne Wandlung noch nicht wahr, denn damals ging sie ihm erst auf. Schöning, war eine seltsame Figur am Hofe. Er hatte sich anfänglich der Diplomatie widmen wollen, ging aber bald davon ab und wurde Landschaftsmaler, brachte jedoch auch hier nichts Rechtes zuwege, und es wurde nicht schwer, ihm eine Hofstellung zu verschaffen. Er ward Mitglied der königlichen Gartendirektion und Kanzleichef beim Hofmarschallamte, daneben natürlich auch Kammerherr. In vertrauten Stunden und zu vertrauten Freunden – dies waren aber alle Männer und Frauen am Hofe – sprach er gern von seinem eigentlichen Berufe zur Kunst, den er nur um des Königs willen, den er über alles liebe, aufgegeben; das sei der Adel dem Monarchen schuldig, behauptete er. Eine Landschaft von ihm mit dem Heimatsee der Walpurga hing im Sommerschloß; das Bild war schön, böse Zungen aber behaupteten, einer seiner Freunde auf der Akademie habe die Landschaft, ein andrer die Staffage gemalt. Auf den Gebirgsfahrten bewies nun Schöning besondere Aufmerksamkeit gegen Irma, und diese konnte ihren ganzen Mutwillen an ihm üben, denn das war am Hofe ausgemacht: ein Liebesverhältnis mit Schöning konnte man nicht haben, er war nur zum Spaß für alle da, und er verstand Spaß, sowohl ihn zu üben, als an sich üben zu lassen. Oft hätte sich Schöning gern von den Ausfahrten zurückgezogen, er fühlte, daß es ihm nicht gelinge, die Würde zu erlangen, die er erstrebte. Aber er konnte nicht zurückbleiben, selbst vorgeschütztes Unwohlsein half nicht; wenn Schöning nicht bei den Ausfahrten war, fehlte ein Zielpunkt der Heiterkeit. Was wollte er thun? Er machte lieber gute Miene zum bösen Spiel und ging scheinbar freiwillig mit. Schöning und Baum, so verschieden auch ihre Stellungen, waren unentbehrlich. Baum galt für den beliebtesten Diener am Hofe; er hatte das Glück, überall und zu allem verwendet zu werden; wenn es eine Landpartie gab, wenn man im Walde speiste, bei einer Wasserfahrt, immer war Baum dabei, und wie Schauspieler sich kränken, wenn sie nicht genugsam beschäftigt werden und sich nicht in großen Rollen zeigen können, so sind auch die Lakaien eifersüchtig darauf, recht oft verwendet zu werden. Es verstand sich daher von selbst, daß Baum seine Günstlinge hatte, die er bei Gelegenheit dem Hofmarschall anpries, und diese folgten ihm wie einem natürlichen Oberen. Den Shawl der Königin, oder den Paletot des Königs wußte niemand so zu tragen, wie Baum; die Kleidungsstücke auf seinem Arme sagten fast: Ach, wie warm sind wir, wie weich und lind, befehlen die Herrschaften nur und wir sind bereit, Sie zu schützen und zu wärmen. Die Abende waren heiter. Nach dem Thee ging man in der Regel in den innern Schloßhof, wo die Tiere, die man geschossen, auf den Boden gestreckt lagen, und betrachtete sie nochmals bei Fackelschein. Die Königin ging stets nur ungern mit, das geschossene Wild anzusehen, aber sie ging, um nicht sentimental zu erscheinen. Der König war wohlgemut durch das Jagdglück. Dann kehrte man wieder in die offenen Säle zurück, es wurde musiziert und gesungen, auch bisweilen vorgelesen und Karten gespielt, Irma war auch eine der besten Billardspielerinnen, die dem König manche Partie abgewann. Es war eine schmiegsame und biegsame Anmut, eine knospenhafte Gedrungenheit in allen ihren Bewegungen; wie sie sich über das Billard beugte, wie sie sich wendete, wieder umherging, die Queues in der Hand wie ein Wurfgeschoß – jede Stellung und Haltung war würdig von Künstlerhand festgehalten zu werden. »Wie schön sie ist!« sagte oft die Königin zu ihrem Gatten. Er nickte und es gab viel Scherz in dem großen Billardsaal. Bevor man sich am Abend trennte, versammelte sich die engere Hofgesellschaft regelmäßig, nochmals wie zu gemeinsamem Ausruhen und zu gemeinsamer Erinnerung, denn an jedem Abend wurde die Chronik des vergangenen Tages vorgelesen. Baron Schöning führte diese Chronik schon seit Jahren, und zwar in Versen und, was noch besser mundete, im hochländischen Dialekt. Gräfin Irma kam darin sehr viel vor, sie hatte den Namen »Felsenjungfrau«; alle kleinen Ereignisse wurden da anmutig zugestutzt und mit einem milden Scherze versetzt, der bei der Kenntnis der Persönlichkeiten stets Heiterkeit erregte. Der König hieß in der Regel Nimrod oder auch Artus; auch der Hunde ward nicht vergessen und eine stehende Redensart hieß: »Die Nährmutter Walpurga hat viel gegessen und Romulus viel getrunken, die Tante Charpie, so hieß Mamsell Kramer, hat den Anfang ihrer Stammesgeschichte erzählt, das Ende aber noch nicht.« Wenn die höchsten Herrschaften sich zurückgezogen hatten, blieb der Hofstaat noch in beliebigen Gruppen beisammen; Irma wandelte oft lange mit dem Leibarzt auf eine nahe Anhöhe oder in das offene Thal, Gunther lehrte sie Sternbilder kennen, und hier in stiller Nacht schloß er ihr die großen Gesetze alles Lebens auf, wie sich jeder Weltkörper in der Unendlichkeit bewegt, angezogen und abgestoßen, wodurch keiner den vollen Kreis beschreibt. Sie kamen dabei oft auf Irmas Vater zu sprechen, und der Leibarzt behauptete, Eberhard könne seinen Kreis streng vollenden, weil er sich vereinsamt habe; er selbst dagegen habe im Leben stehen müssen und könne nur eine elliptische Bahn ziehen, er sei Arzt, müsse auf andre wirken und könne sich der Wirkung andrer nicht entziehen. In die Geheimnisse der Unendlichkeit vertieften sich da der Mann und die Jungfrau, und sie vergaßen sich selbst, bis die Müdigkeit des Körpers sie gemahnte, heimzukehren und Ruhe zu suchen. Irma sprach auch viel davon, wie sie im Winter oft bei der Familie Gunthers sein wolle; die junge Witwe mit ihrem Kinde wohnte wieder ganz beim Vater. Irma ging fast nie zu Bette, bevor sie bei Walpurga gewesen. So leise sie auch eintrat, Walpurga fühlte jedesmal ihre Nähe und erwachte, wenn sie schon eingeschlafen war; meist aber wartete sie wachend. Dann saßen sie noch eine Weile bei einander und Walpurga hatte stets viel von ihrem klugen Prinzen zu erzählen, noch mehr aber von der guten Königin. Die Tage wurden kürzer, die Abende länger: die Gärtner hatten viel zu thun, die abfallenden Blätter aus den Wegen zu harken, bevor jemand vom Hofe erwachte. Es hieß, daß man bald das Sommerschloß verlasse, um nach der Hauptstadt überzusiedeln. Der König zog schon voraus dorthin. Er eröffnete in Person, umgeben von einem neuen Ministerium, dessen Präsident Schnabelsdorf geworden, den Landtag. Der Leibarzt sprach gegen Irma sein Bedauern aus, daß der König einen folgenschweren Schritt gethan, indem er ein reaktionäres und streng kirchliches Ministerium berufen; er eiferte in gemessenen Ausdrücken, aber um so entschiedener gegen die Klosterromantik. Irma hatte nicht den Mut, zu bekennen, wie viel sie daran schuld sei, und sie tröstete sich, daß der König ja ausdrücklich und noch dazu im Beisein der Königin jede Beeinflussung abgewehrt hatte. Zum erstenmal aber stieg in ihrer Seele ein innerer Widerspruch gegen den Leibarzt auf, er galt ihr für unfrei, er hatte den Fanatismus des Unglaubens; der schöne Schmuck des Lebens, der Gemütsschwung, war ihm fremd und er verdammte sie gern mit den verketzernden Worten Romantik und Sentimentalität. Nur noch höher erschien ihr der König, wie er selbständig und fest gegen den Strom der Tagesmeinung steuert; das was sie einst im Briefe an Emmy ausgesprochen, wurde ihr immer klarer: nur ein König und solch ein Mann hat den umfassenden großen Blick und läßt sich von keinem Schulsystem einfangen; auch die Logik ist nur ein Teil des Menschengeistes, den ganzen Geist hat nur ein ganzer Mensch. Selbst ein Freund und Mann wie der Leibarzt mußte zurücktreten und erschien klein gegen den einen. Walpurga war wegen des abermaligen Umzuges voll Unruhe. Sie klagte Irma, daß dies doch ein schreckliches Leben sei: »Das ist ja ein immerwährendes Leben in der Kutsche und man wird nirgends recht fest und getreu; ich mein', es ist ungetreu, so zu kommen und zu gehen. Freilich, man treibt auch das Vieh von der Alm, wenn abgegrast ist, aber das liebe Vieh ist doch was andres als die Menschen, und mein Prinz dauert mich, daß er aus seiner Jugend nichts mitnehmen kann, wenn er älter wird; der kann nicht sagen: hier bin ich ganz daheim gewesen und da sind Bäume, die haben geblüht und Früchte getragen und dann ist Schnee darauf gefallen und dann ist's wieder Frühling worden. Und wenn das arme Kind das nicht hat, bei was ist es dann daheim?« Beim Frühstück erzählte Irma die Klage der Walpurga und sie fand dieses Sich-einleben in die Natur, die Treue gegen leblose Gegenstände tief ergreifend und poetisch; aber die Herren und Damen im Frühstücksaal begriffen gar nicht, was darin denn Poetisches sei, das sei ja nichts als Beschränktheit. Baron Schöning trat vermittelnd ein und erklärte, daß dies Kleben an der Scholle ein Glück für das Volk, denn nur hierdurch sei es möglich, daß einsame Höhen und Thäler bewohnt wären; die Macht der Angewohnheit sei nötig für das gemeine Volk; der freie Mensch aber müsse sich das abgewöhnen, dadurch werde er frei, und das nur sei poetisch, was wie Pegasus auf dem Boden des Lebens stehe, aber auch freie Schwingen habe, um aufzufliegen in die höhere Region des Aethers. Schöning schaute um sich und wollte Beifall ernten für seine tiefe Bemerkung, aber was er mit so vielem Nachdruck vorgebracht, wurde kaum beachtet. Er hatte sich beständig zum Spaß für den Hof hergegeben, er jodelte etwas vor; nun hatte der Ernst, den er bringen wollte, keine Geltung mehr; es war fast, als wenn ein bekannter Komiker oder ein Naturbursch eine tragische Rolle spielen will. Schöning glaubte bei Irma besonderes Verständnis zu finden, aber auch sie war ihm heute nicht zustimmend; nur der Leibarzt knüpfte ein weiteres daran, indem er sagte, daß die ewige Reisestimmung der jetzigen Menschheit ein neues Moment in der Geschichte sei, das in diesem Maße kein früheres Geschlecht gekannt habe; das Geschlecht, das schon in der Wiege die Lokomotive pfeifen hört, würde ein andres sein, aber die wirkliche Poesie sterbe nie aus und jede Mutter lerne immer neu ihrem Kinde singen und die ewige Mutter Zeit werde die Kinder eines neuen Zeitalters auch neue Lieder singen lehren, anders lautend als die der Vergangenheit, aber nicht minder voll Tiefe und Innigkeit. Die Königin nickte dem Leibarzt zu, und ihr ganzes Antlitz errötete, als sie sagte, sie stimme mit Walpurga überein, sie bliebe auch lieber an einem Ort und lebte sich da fest. Sämtliche Herren und Damen sprachen mit lauter Bewunderung von der Königin, die so schön und innig rede; innerlich aber dachten viele: »Du bist ebenso einfältig wie die Walpurga.« Als man von der Tafel aufgestanden, sagte die Königin zu Irma: »Liebe Gräfin Irma, Sie müssen dergleichen nicht der ganzen Gesellschaft bei Tafel erzählen. Glauben Sie mir, es paßt nicht dahin: Die Gedanken der Walpurga sind wie frische Waldblumen; bricht man sie ab und bindet sie zu einem Strauß, so welken sie schnell; nur unsre künstlich gezogenen Blumen eignen sich zu Sträußen für den Salon, und am besten die aus Tüll und Gaze gefertigten. Erzählen Sie derartiges künftig nur mir allein,« bat sie schließlich. Irma war glücklich über dies Einverständnis. Walpurga aber war zornig auf Irma, als ihr die Königin am Mittag berichtete, was sie von ihr gehört habe. Das geht nicht, man muß nicht alles wiedererzählen. Sie schämte sich jetzt, daß sie so einfältig sei und war scheu und zurückgezogen vor Irma, und als sie mit ihrem Prinzen allein war, sprach sie in die Kissen hinein: »Dir allein, du Wanderbursch, will ich künftig alles sagen. Du bist der Gescheiteste im ganzen Haus und der einzig Verschwiegene. Gelt, du sagst niemand etwas?« Walpurga war voll Unruhe, der Umzug lag ihr immer im Sinn; erst Baum verstand es, sie einigermaßen zu beruhigen, er sagte: »Sei doch gescheit! Was gehen dich die Möbel und die Bäume und alles hier an? Das bleibt für sich da. Du setzest dich in den Wagen und fährst in die Stadt, und dann bist du da und alles, was du brauchst, es gibt schon Hände und Füße genug, die das alles laufen machen.« Walpurga ward ruhiger. Man wartete nur den ersten sonnigen Tag ab, und die Königin und der Prinz und Walpurga und das Gefolge fuhren nach der Residenz. Die Sommerburg war einsam und öde, die Blätter fielen auf die Wege im Park und wurden nicht mehr weggekehrt, die großen bunten Lampen auf der Veranda wurden in sicheres Gewahrsam gebracht, vor die großen Fenster wurden Strohdecken geheftet. Das Sommerschloß schlief dem Winter entgegen und derweil ging neues Leben im Residenzschloß auf. Fünftes Kapitel. Das königliche Residenzschloß stand mitten in der Stadt, nicht von Wall, nicht von Graben umschlossen; die Fenster blickten auf das bewegte Leben der Straßen hinab, und doch war's, als wenn das Schloß auf einem befestigten Berge stände, und weit hinaus sich Vorwerke breiteten zu Schutz und Trutz. Von dem, was die Tausende in der Stadt bewegte, drang nur selten und verworren ein Ton da herauf. Hunderte von Menschen, vom untersten Küchendiener bis hinauf zum Hausminister, bildeten Wall und Graben, um nur dasjenige, dem man Einlaß gewähren wollte, zur allerhöchsten Person Seiner Majestät dringen zu lassen. Der König war voll glänzender Laune, aber es war etwas Gewaltsames in seiner Fröhlichkeit, eine Unruhe, die ihn an keiner einzelnen Sache haften ließ. Immer Wechsel, buntes Treiben, vom Morgen bis zum Abend. Wenn man den König auf Gewissen gefragt hätte, er würde mit aufrichtigem Herzen beteuert haben: Ich liebe die Verfassung, ich bin ihr treu. Und doch war im tiefsten Grunde seiner Seele ein unbezwinglicher Widerstand gegen dieselbe – sie beschränkte die volle Individualität. In gleicher Weise liebte er seine Frau und huldigte er der Freundin mit starker Herzensneigung, aber wie durch kein Gesetz, so wollte er auch durch keine Neigung beschränkt sein – das behindert die freie Entfaltung und volle Blüte der Individualität. Jeder Anspruch eines Gegenüberstehenden, sei es die Staatsverfassung, sei es ein befreundetes Gemüt, empörte ihn wie eine Unterjochung. Er wollte vollkommen frei sein und doch Gesetz und Liebe dabei nicht missen. Er konnte der Zustimmung nicht entbehren, aber er mochte ihr nicht das Recht des Widerspruchs zugestehen. Er wollte die altgewohnte Liebe des englischen Volkes zu seinen Herrschern auch in seinem Lande, aber er wollte dabei nach persönlichem Ermessen handeln. Er studierte die Verfassungsgesetze, aber er neigte zu Interpretationen, die sie illusorisch machten. Er liebte die Verfassung wie er seine Gattin liebte, er schätzte ihre Tugenden, er wollte ihr treu sein und doch der freien Neigung nicht entsagen. Die Zeitungen gelangten nur in der Form eines in der litterarischen Hofküche bereiteten Auszuges vor die Augen des Königs. Er ließ sich die stenographischen Berichte der Kammerverhandlungen in sein Kabinett bringen, aber sie lagen größtenteils ungelesen dort. Es gab zuviel zu thun, zu vielerlei zeremoniellen Empfang, Paraden und Exercitien. Das neue Zeughaus war unter Dach gebracht, es war ein geschmackvoller Bau geworden, und jetzt ging es an die Verzierung desselben. Der König selbst hatte einige Zeichnungen dazu entworfen. Die großen Herbstmanöver wurden in der Nähe der Residenz abgehalten, und es wurde viel von einer Neuerung gesprochen, welche die Soldaten begeisterte. Die Königin erschien zu Pferde in der Uniform des Regiments, das ihren Namen trug, und neben ihr ritt Irma, gleichfalls in der Regimentsuniform; die Königin sah wie die Schutzpatronin, Irma mit ihren frohlockenden Mienen wie die wirkliche Anführerin der Bewaffneten aus. Der Jubel der Soldaten ging weit über das Kommando hinaus und wollte gar nicht enden. Der Oberst Bronnen war voll enthusiastischer Herzlichkeit gegen Irma. Es hieß allgemein, daß er bald nach dem Manöver um ihre Hand werben werde, ja manche behaupteten, die Verlobung habe schon heimlich stattgefunden; der Vater Irmas, der alte Menschenfeind, wolle nur seine Einwilligung noch nicht geben, aber im nächsten Monate würde die schöne Gräfin majorenn. Eine schönere Frau Oberst konnte sich kein Regiment wünschen. Irma lebte im vollen Taumel des Glückes. Sie wußte nichts davon, daß die Welt sie verlobte. Wenn sie dem Leibarzt begegnete, sagte sie ihm: »Ach, täglich will ich zu Ihrer lieben Familie, aber ich werde immer abgehalten. Morgen oder übermorgen aber komme ich gewiß. Es vergingen Wochen, ehe sie den Besuch abstattete, und als sie vorfuhr, meldete der Diener, daß die Familie ausgegangen sei. Irma nahm sich vor wiederzukommen, aber bald erschien es ihr ungehörig, daß sie nicht wieder besucht wurde; sie wartete und ließ endlich die Beziehung ganz fallen. Es ist doch besser, man bleibt in einer und derselben Sphäre; dazu war Trauer im Hause des Geheimrats, und Irma war nicht zur Trauer gestimmt. Der Leibarzt selbst erschien ihr jetzt unfrei, denn er hatte ihr gesagt: Die meisten Menschen, auch die Erwachsenen und sogar die Bewußten, leben ihre Freuden aus wie die Kinder; das tollt, das scherzt, neckt und springt, bis die Lustbarkeit, gesättigt, in das Gegenteil von Freude umschlägt und zuletzt ein Ende mit Weinen nimmt.« Irma vermied jede fernere Erörterung mit dem Leibarzt. Es waren Regentage eingetreten, man konnte die Stuben nicht verlassen, und Walpurga ging wie gefangen umher, sie jammerte immer nach dem Sommerschlosse, obgleich man auch dort jetzt das Haus nicht hätte verlassen können. »Der Ohm hat recht,« sagte sie scherzend zu Mamsell Kramer, »der hat damals bei der Taufe gesagt, ich sei eine Kuh, und ich kann mir jetzt denken, wie es einer Kuh zu Mute ist, die von der Alm wieder zu Thal in den Stall kommt. Der Grubersepp daheim hat eine Alm, und da schreien seine Kühe allemal, wenn sie eingetrieben sind, drei Tage lang und wollen nicht fressen. Wenn ich nur wüßt', wie's daheim ist, wenn ich nur wüßt', daß sie mein Kind gut im Hause halten. Aber ich will jetzt gleich schreiben.« Walpurga schrieb einen kläglichen Brief nach Hause, voll Sorge und Kummer, und sie ward erst wieder ruhig, als gute Nachricht kam. In den Gemächern des Kronprinzen war's bei trübstem Wetter, als ob der helle Tag erschiene, wenn Irma eintrat. Es verging selten ein Tag, an dem sie nicht kam, doch waren ihre Besuche jetzt kürzer; sie sagte, daß sie viele Vorbereitungen zu treffen habe zur Hochzeit ihres Bruders. »Ich freue mich, da Ihren Vater zu sehen,« sagte Walpurga einmal, »das muß ein prächtiger Mann sein, der so schöne und brave Kinder hat.« Irma griff ans Herz, es zuckte darin. »Wenn mein Vater kommt, bringe ich ihn dir,« sagte sie beschwichtigend; der Anruf der einfachen Frau hatte ihr all die glänzenden Festlichkeiten wie mit Asche bestreut. Sie war öfters in der Stadt, machte allein oder mit ihrem Bruder die Einkäufe für eine volle üppig ausgestattete Häuslichkeit. Was für die Kinder Blumenpflücken im Walde, das ist für die Frauen in den großen Städten das Einkaufen in den Gewölben. Von Kaufladen zu Kaufladen wandern, vergleichen, wählen, sich aneignen – es ist auch wie Blumenpflücken. Irma war Kind und Weltdame genug, um daran ihre Freude zu finden, und sie befriedigte zugleich eine gewisse Schaffenslust, indem sie ein Haus mit kahlen Wänden ganz neu und selbständig nach eigenem Geschmack, nicht bloß mit fertigem und gekauftem herstellte. Die Handwerker und Kaufleute übertrieben nicht, wenn sie sagten, daß ihnen solch feines Verständnis und solch überraschende Anordnungen noch nicht vorgekommen. Irma war nicht, wie man es so nennt, liebenswürdig und huldvoll gegen die Menschen, sie war einfach leutselig; sie entschuldigte bei Kaufleuten und Handwerkern nicht die Mühe, die sie ihnen machte, das ist ja ihr Beruf, aber sie sprach achtungsvoll mit ihnen, lobte aufrichtig, wo sie feinen Sinn fand, und dankte für Belehrung, wo sie falsche und übertriebene Anforderungen gestellt hatte. Hätte Irma hören können, wie in Werkstätten und Kaufläden, von Näherinnen, Handwerkern und Kaufleuten ihr Lob in den verschiedensten Ausdrucksweisen, laut wurde, sie hätte ihre herzliche Freude daran gehabt. Nur war es ihr höchst auffällig, daß alle Leute sich so oft versprachen und die Hauseinrichtung ihre eigene, nicht die ihres Bruders nannten. Die Hochzeit wurde gefeiert, Irma hatte nicht Gelegenheit, ihren Vater der Walpurga zu bringen; er war nicht gekommen. In diesen Tagen allein versäumte sie den Besuch in den Gemächern des Kronprinzen, und als sie wiederkam – sie hatte sich vor den Fragen der Walpurga gefürchtet – sprach diese weder von der Hochzeit, noch vom Vater. Irma ahnte, daß Mamsell Kramer der Amme das Sachverhältnis berichtet hatte. Sie hätte ihr gern die rechte Anschauung gegeben, aber es ist nicht thunlich; Menschen aus dem Volke, die nur einfache Verhältnisse verstehen, können ein verschlungenes nicht begreifen. Irma that sich Zwang an, in der alten Weise mit Walpurga zu sein; diese fühlte es, aber sie sagte nichts darüber; auch in ihr war eine eigentümliche Zurückhaltung. Der Winter kam mit Macht heran. Walpurga hatte die Freude, wenn man auch nicht ins Freie konnte, doch einen weiten Weg mit dem Kronprinzen im Schloß zu machen. Eine ganze Reihe von Sälen war zu diesem Behufe geöffnet und wohl durchwärmt. »Du darfst singen, wie du willst,« hatte ihr der Leibarzt gesagt. Aber Walpurga konnte in den großen Sälen, wo die vielen Bilder hingen und Männer in Eisenpanzern und Frauen, die dort mit steifen Krausen und hier mit entblößtem Nacken auf sie herabsahen, keinen Ton aus der Kehle bringen. Sie fürchtete sich immer vor den Bildern. »Es ist gewiß dumm, was ich sage, und Sie müssen mir versprechen, daß Sie es nicht weiter sagen,« vertraute sie einst Irma, die sie begleitete. »Sag's nur, mir kannst du alles sagen.« »Es ist gewiß dumm, aber ich meine: die Männer und Frauen da können drüben die ewige Ruhe nicht finden, sie müssen ja immer da sein und allem zuschauen.« »Das ist gar nicht so dumm, was du sagst,« lächelte Irma. »Aber gib acht, Walpurga, was ich dir sage. Wenn man so da geht und steht und Vater und Urgroßvater und weiter hinaus schauen auf einen herab, siehst du, das ist es, was man Adel heißt – da ist man immer mit seinen Vorfahren.« »Ich verstehe, was Sie meinen. Das ist wie wenn man im Herzen immer eine Seelenmesse für sie liest.« »Ja, so ist's!« Irma dachte daran, dieses Gespräch der Königin wiederzuerzählen. Nein, ihm, dem König wird sie's erzählen, er versteht und faßt jegliches dichterisch und groß. Irma hatte sich daran gewöhnt, alles was sie erlebte, dachte, las, nicht für sich zu erleben, zu denken und zu lesen, sondern stets mit dem Vorsatze und der Freude, es dem Könige zu erzählen. Er war so dankbar, so verständnisreich und glücklich darüber, und er hat so schwere Regierungssorgen, daß es Pflicht ist, ihn mit andrem zu erheitern. Draußen auf dem Sommerschlosse standen die entlaubten Bäume voll Schneelagen und die Fenster waren mit Strohdecken behangen, im Schlosse in der Stadt aber war blühendes Leben. Das duftete, das glänzte, das schimmerte, und im Hause Brunos reihte sich Fest an Fest. Der Hof selbst hatte das erste Einweihungsfest besucht, und man sprach in der ganzen Stadt von der großen Milde der Königin, die diese Art Schwägerin besuchte und freundlich und leutselig bei ihr auf dem Sofa gesessen hatte. Die alte Baronin hatte auch zum ersten Fest ihrer Kinder kommen wollen, aber es wurde ihr mitgeteilt, daß dann die Königin nicht komme; sie blieb daher auf ihrem Ruhesitze in dem kleinen Städtchen. Arabella hatte dem Vater Brunos geschrieben. Ihr Gatte hatte es ihr nicht verwehrt, aber er hatte ihr vorausgesagt, daß sie keine Antwort erhalten werde, und das konnte er mit Fug und Recht, denn er hatte den Brief gar nicht abgeschickt. Irma tröstete sie darüber, und es war ihr tief peinlich, die Eigenart des Vaters derart zu schildern, daß sich sein Verstummen erklärte! es war ihr wie Verrat, aber sie mußte es, warum sollte das arme Kind leiden? Bald aber war wieder alles vergessen, der Vater, die weiland Tänzerin, ja alles eigene Denken, denn Fest reihte sich an Fest. Während das Abgeordnetenhaus, nicht weit vom Marstall, sich in sogenannten Entscheidungskämpfen erhitzte, wurde in der königlichen Reitbahn Probe geritten zu einem Karussel in mittelalterlicher Rittertracht. Fürst Arnold, der, wie es hieß, um Prinzessin Angelique freite, war Anführer der Herren, Irma Anführerin der Damen. Man legte es in der Stadt als bissige Ironie aus, es war aber in der That nur Zufall, daß am Abend desselben Tages, an dem die Kammer aufgelöst wurde, die glänzende Aufführung des Karussels stattfand. Allen voran strahlte Irma. Als sie in die königliche Loge trat, spendete ihr der König lautes Lob wegen ihrer Schönheit und Kunstfertigkeit. Die Königin stimmte bei und sagte: »Gräfin Irma, Sie müssen glücklich sein, daß Ihre Erscheinung und Ihr Wesen uns allen so viel Glück bereitet!« Irma beugte sich nieder und küßte ihre Hand. Man hatte kaum Zeit gehabt, sich von einem Feste auszuschlafen, so ging's wieder zum andern. Besonders belebt, die ganze Stadt aufregend, war eine großartige Schlittenfahrt. Der König saß mit der Königin im offenen Schlitten, und so sehr man auch über die gegenwärtige Politik empört war, freute man sich doch, das königliche Ehepaar so glücklich zu sehen. Unmittelbar hinter dem Schlitten der Prinzen des Hauses fuhr Bruno mit seiner schönen Frau, aber so reich auch das Geschirr und so schön auch das Paar war, die Blicke wendeten sich schnell ab zum nächsten Schlitten, da saß Irma an der Seite des Baron Schöning. Diesen hatte sie sich gerade als den passendsten Strohmann ausgesucht, Ueberraschung und spöttisches Lachen verschmolzen sich auf dem Angesicht der Zuschauer. »Wenn nur mein Mann das sehen könnte, so etwas gönnt' ich ihm auch, man glaubt gar nicht, daß es wahr ist,« sagte Walpurga, die aus ihrem Fenster die Fahrt mitansah. Niemand bemerkte sie als Irma, die ihr zuwinkte. Wie strahlte sie! So schön war sie noch nie, die frische Winterkälte hatte ihr Gesicht wunderbar belebt. Sie saß in einem Schwan von zwei weißen Rossen gezogen, und Walpurga sagte an die Scheibe hin: »O du gute Seele, du siehst ja aus, wie wenn du in den Himmel hinauffahren müßtest. Aber den Fastnachtshansel da neben dir wirst du doch nicht heiraten?« Die letzten Worte hatte sie ganz laut gesagt. »Die heiratet gar nicht!« rief hinter ihr eine Stimme. Walpurga schaute erschreckt um; Baum stand hinter ihr. »Du bist aber auch ein ewiger Horcher,« sagte sie; die ganze Freude war ihr vergällt. Das dauerte aber nicht lange, denn bald kam Irma und sagte: »Walpurga, bei dir allein kann ich mich erwärmen; es ist doch grimmig kalt und du bist selber wie ein geheizter guter Ofen, und dick und breit wie ein Kachelofen wirst du auch.« Walpurga war glücklich mit ihrer Freundin. Die kommt doch immer zu ihr und bringt ihr von allen Freuden etwas. Wie erschrak aber Walpurga, als plötzlich der König eintrat. Er sagte zu Irma, sich freundlich verbeugend: »Es wurde eben ein Brief an Sie abgegeben, ich wollte ihn selbst bringen.« Irma schlug die Augen nieder und empfing den Brief. »Oeffnen Sie doch!« sagte der König und winkte Walpurga, ihm in das Zimmer des Prinzen zu folgen. Als er wieder herauskam, fragte der König: »War's eine freudige Nachricht, die Sie bekommen haben?« Irma schaute ihn groß an und sagte endlich: »Er ist von meinem liebsten Freunde.« Der König nickte, da der von ihm selbst geschriebene Brief so beantwortet wurde. Er setzte in leichtem Tone hinzu: »Liebe Gräfin, Sie werden sich gewiß schwer von Walpurga trennen können und ihre Stelle geht ja doch mit der Zeit ein. Besinnen Sie sich auf eine andre Stelle, daß Sie sie in Ihrer Nähe behalten.« Walpurga atmete hoch auf, das Wort lag ihr auf den Lippen: »Geben Sie mir die Meierei!« aber sie konnte es nicht herausbringen, es war als ob ihr die Zunge angeheftet wäre und der König verabschiedete sich bald; er kam und ging so schnell. »Nein, du sollst nicht hier bleiben; es ist besser, glaube mir, tausendmal besser für dich, du gehst wieder heim. Im nächsten Sommer besuche ich dich einmal, ich vergesse dich nie, da hast du meine Hand drauf,« sagte Irma, als sie mit Walpurga allein war. Walpurga hatte jetzt den Mut, ihren Wunsch nach der Meierei auszusprechen; aber Irma beharrte bei ihrer Weigerung; »du verstehst das nicht, glaub' mir, es ist besser für dich, du gehst wieder heim!« Sechstes Kapitel. »Wie lebt ihr denn im Winter auf dem Lande?« fragte die Königin, als sie nachdenklich bei der Wiege des Kindes, das nun schon lange aufrecht saß, weilte. »Ganz gut,« erwiderte Walpurga, »aber das Holz wird leider auch schon bei uns teuer und man ist doppelt froh, wenn's wieder Frühjahr wird; freilich zur Winterszeit hat mein Hansei guten Verdienst, da kann man das Holz auf der Schneebahn zu Thal bringen. Meine Mutter sagt immer: Unser Herrgott ist doch der oberste Straßenmeister, der kann Wege machen und das Holz bringbar, wo sonst kein Mensch hin kann,« »Du hast eine brave Mutter, grüße sie von mir, und wenn ich wieder einmal ins Gebirge komme, besuche ich sie.« »O Gott, wenn das wäre!« »Nun sage mir,« nahm die Königin wieder auf, »womit vertreibt ihr euch im Winter die Zeit?« »Wenn die Hausarbeit gethan ist, dann spinnt das Weibervolk, und die Männer gehen am Tag in den Wald und schlagen Holz und am Abend sind sie müde, selten einmal, daß einer Lichtspäne macht.« »Und da singt ihr auch?« »Ja gewiß, warum nicht?« »Und lest ihr euch nie etwas vor?« »Nein, nie. Erzählen thun wir gern und einander recht fürchten machen.« »Und tanzt ihr auch manchmal?« »Ja, zu Fastnacht, aber es ist nicht mehr viel; zu alten Zeiten soll's besser gewesen sein.« »Und habt ihr nie Langeweile?« »Nein, gar nicht, wir haben keine Zeit dazu.« Die Königin schaute lächelnd in die Astrallampe, die auf dem Tische stand. Wie viel Mittel braucht die vornehme Welt, um die Stunden los zu werden. Als ob sie einen langen Satz vorher angeführt hätte, sagte sie endlich: »Und du weißt gewiß, daß dein Mann dir immer getreu ist? Es kommt dir nie ein andrer Gedanke?« »Meine Mutter sagt oft, alle Männer seien nichts nutz, aber meinen Hansei nimmt sie aus. Er thäte sich ins Herz hinein schämen, einer andern ein schön Wort zu sagen; das thät ihm nachlaufen Tag und Nacht und er könnte keinem mehr frei ins Auge schauen. Er ist keiner von den Gewitzigten, im Gegenteil, aber brav, grundbrav, ein bißchen karg und genau im Geld, und immer in Sorgen, wir könnten einmal in Not kommen; aber daran hat er sich ja gewöhnen müssen, wenn man sein Lebenlang so die Kreuzer zusammensparen muß. Aber gottlob, das ist ja jetzt vorbei.« Wenn Walpurga einmal zu erzählen angefangen hatte und man sie nicht unterbrach, so sprudelte es, wie ein Röhrbrunnen aus der Bergwand immer fort. Sie erzählte nun tausenderlei kleine Geschichten, wie sie sich zum erstenmal drei Gänse angeschafft habe, zwei weiße und eine graue, wie viel Federn sie davon gewonnen, die sie nachher so gut verkauft habe; aber Enten, die halte sie sich jetzt acht Stück, die seien viel nützlicher, die kosten fast gar kein Futter, und ihre Ziege die sei gar gescheit. Einmal hätten sie auch einen Hammel gehabt, aber das sei nichts, die gehören in die Herde und gedeihen nicht allein. Zuletzt kam Walpurga wieder darauf, daß sie's noch gar nicht glauben könne, da sie zwei eigene Kühe im Stalle hätte, ihr Lebenlang hätte sie nicht geglaubt, daß man sich so viel wünschen könne; und dann erzählte sie vom Gemswirt, dem sei eigentlich nicht zu trauen, aber man müsse sich doch mit ihm halten, denn wenn man mit dem verfeindet wäre, sei man im Dorf wie ausgestoßen und das Haupthaus sei einem verschlossen. Der Gemswirt wende einem auch einmal einen Vorteil zu, wenn er keinen Schaden dabei habe, er habe ihre Enten ganz gut bezahlt, auch die Fische bezahle er gut, und wenn man einmal in Verlegenheit sei, wüßte man doch, wo man ein paar Kreuzer geborgt kriege; sie wolle ihm auch eigentlich nichts Böses nachsagen, er sei ihr einmal keck gekommen, und da habe sie ihm den Weg gewiesen, daß er sein Lebenlang daran denkt. Die Königin solle ihm ja nichts thun, er sei im ganzen genommen auch gut, er sei eben ein Wirt. Aber gar so viele gute Menschen seien da, freilich schenken thut einem niemand etwas, und sie möchte auch nichts geschenkt – aber wenn man weiß, daß da überall an den Halden Menschen wohnen, die einen gern haben, da ist einem die ganze Gegend wie eine geheizte Stube. Die Königin lachte. Walpurga sprach immer weiter und weiter, und je mehr sie sprach, desto mehr plauderte das Kind und schlägelte mit den Händen und jauchzte, die Stimme der Walpurga that ihm gar wohl, und Walpurga sagte: »Sehen Sie, er ist grad wie ein Kanarienvogel; wenn recht viel in der Stube durcheinandergesprochen wird, da singt er auch lustig mit. Gelt, du Kanarienvogel,« rief sie, den Kopf gegen das Kind schüttelnd, und das Kind jauchzte noch lauter. Die Königin fuhr sich mehrmals mit der Hand übers Gesicht. Die Berichte der Walpurga versetzten sie in eine ganz andre Welt, So also leben Menschen unter dir, neben dir, fern von dir; sie verbringen ihre Lebenstage in Arbeit und Sorge, und sind doch glücklich. »Warum schauen Sie so traurig drein?« fragte Walpurga, Die Königin erwachte. Niemand sonst hatte so in ihr Antlitz gesehen, niemand konnte und wollte sie so fragen, Die Königin antwortete nicht und Walpurga fuhr fort: »O, liebe Frau Königin, ich kann mir's denken, Sie haben's schwer. Wenn ein Mensch sein Lebtag alles hat in Hülle und Fülle, das hat auch sein Böses. Man hat den Himmel schon auf der Welt. Sind Sie sich denn auch einmal recht einsam und verlassen vorgekommen? Wenn man da in Trauer aufwacht und man hat noch seine gesunden Glieder, und kann schaffen und die Sonne ist noch da und gute Menschen – da erst ist man recht daheim auf der Welt. O gute Frau Königin, fassen Sie nur ihr Glück recht ins Herz und seien Sie nicht traurig.« »Heute wird Wilhelm Tel! gegeben,« sagte die Königin nach einer langen Pause, es mußte sie etwas in Walpurga daran erinnert haben. »Ich möchte, daß du auch einmal ins Theater gingest,« setzte sie hinzu. »Ich möcht' auch schon, die gute Mamsell Krämer hat mir viel davon erzählt, das muß ja prächtig sein; aber ich kann ja mein Kind nicht mitnehmen, und so lang kann ich es nicht allein lassen. Sehen Sie, was er gleich für ein bitteres Gesicht macht und aufhorcht? Der versteht alles, was wir hier reden. Ich wette meinen Kopf, er versteht jedes Wort.« Der Knabe weinte plötzlich, Walpurga nahm ihn auf den Arm, hätschelte ihn und sang in Schnaderhüpferlweise: »Ich will kein Theater, Ich will nirgends hin, 's ist besser und g'rader, Wenn ich bei dir bin.« Der Prinz wurde ruhig und schlief ein. »Ja, du hast recht,« sagte nach einer Weile die Königin, »bleib wie du bist, und wenn du einmal wieder heimkehrst, denk nur nicht zurück; denk nur, du hast's am besten auf der Welt!« Die Königin ging und Walpurga wollte der Mamsell Kramer sagen, daß sie die Königin so schwergemut finde: was denn vorgehe im Schlosse? Aber ein innerer Takt hielt sie zurück. Die Königin war so traulich und schwesterlich mit ihr, sie darf mit niemand andrem über sie sprechen und vielleicht will die Königin andre Leute gar nicht wissen lassen, daß sie traurig ist. Viele Tage war eine Wallfahrt der Hofdamen und Hofkavaliere zu Walpurga, denn man konnte etwas sehen, was man gar nicht mehr kannte. Walpurga hatte vom Leibarzt die Erlaubnis bekommen, daß sie sich eine Kunkel anschaffen und spinnen durfte. Mit der Spindel spinnen, das war ja wie ein Märchen, das hatten von den Herren und Damen noch wenige gesehen, und sie kamen und sahen Walpurga mit verwunderten Augen: diese aber lachte immer glücklich, wenn sie wieder einen frischen Faden auf die Spindel rollte. Alle Leute vom Hofe betrachteten die Spindel, und der Salontiroler erklärte, wie dies das Werkzeug sei, mit dem Dornröschen sich verletzt hatte. Wieder war Irma die Beneidete, denn auch sie verstand zu spinnen und kam bisweilen wie eine Nachbarin auf dem Dorfe und heftete Walpurga an; die beiden saßen an einer Kunkel und spannen von einem Rocken und sangen gemeinsam helle Lieder dazu. »Was soll denn aus dem werden, was wir da spinnen?« fragte Irma. Walpurga war ärgerlich, daß durch dies Berufen der Zauber gestört war. Sie sagte: »Hemdchen für meinen Prinzen! Aber das darf nur von meinem eigenen Gespinst sein.« – Sie legte fortan die vollen Spindeln Irmas besonders. Nur die Faden, die sie aus ihrem Munde genetzt, sollten einst den Prinzen bekleiden. Irma konnte nicht umhin, das Vorhaben der Walpurga dem Baron Schöning zu erzählen, und dieser machte schnell ein passendes Gedicht darauf, wobei er auf den Sagenkreis anspielte, wie eine Fee oder eine verwunschene Prinzessin Linnen spann für ihren Liebling. Die Königin freute sich des Gedichts und zum erstenmal lobte sie mit voller Aufrichtigkeit die Verskunst des Salontirolers. Walpurga saß am Spinnrocken. Sie erzählte dem Prinzen in der Wiege die Geschichte vom Karpfenkönig im See, der drunten auf dem Grunde schwimmt; er ist schon 7000 Jahre alt, und hat eine Krone auf dem Kopf und einen mächtig langen Bart, und über ihm schwimmen Millionen Fischchen und spielen Fangens miteinander, und wenn eins davon bös ist und neidisch und zänkisch und unfolgsam, da kommt der böse Hecht und frißt ihn, und dann kommt der Fischer und fängt den Hecht, und dann kommt die Köchin und schneidet den Hecht auf, und dann springen dir kleinen Fische heraus und wieder in den See, und werden wieder lebendig und erzählen was sie erlebt haben, und wie es so finster ist in dem Bauch von dem Hecht und nicht so hell wie im See, und der Hecht wird in Stücke geschnitten und wird aufgegessen, und wenn man da nicht aufpaßt, so kriegt man eine Gräte in den Mund und muß husten, und Walpurga hustete mit vieler Kunstfertigkeit. Plötzlich ging die Thür auf und zum Schrecken der Walpurga trat ein schöner junger Offizier herein, ging gerade auf sie zu, grüßte militärisch, zwirbelte seinen Schnurrbart und fragte: »Habe ich die Ehre, die Zauberspinnerin, genannt Walpurga Andermatten, von der Gstadlhütte am See vor mir zu sehen?« »Ja, lieber Gott, ja, was ist denn?« »Ich bin gesandt vom Geist Kußschmatzky, und er befiehlt der Walpurga, daß sie mich dreimal küsse, um mich zu erlösen.« Walpurga zitterte am ganzen Leibe, sie hat's verschuldet, warum hat sie dem Kind so viele Märchen erzählt? Jetzt wird's wahr, da ist's ja. Plötzlich fiel ihr der Offizier um den Hals und küßte sie mit aller Macht, und dann lachte der Offizier, daß er sich nicht mehr halten konnte, und setzte sich auf einen Stuhl und rief: »Also du kennst mich wirklich nicht? Das ist ja prächtig! Kennst deine Freundin Irma nicht mehr?« »Du Schelm, du nichtsnutziger Schelm, du!« platzte Walpurga heraus. »Verzeihen Sie, gnädige Gräfin, aber wer kann auch so was denken? Und Sie haben mir auch so Angst gemacht. Ja, was ist denn jetzt das? Ist denn hier schon Fastnacht?« »Walpurga, wenn du französisch verstündest, könntest du mich heut abend in einem französischen Lustspiel sehen. Der König spielt auch mit. Es ist wirklich schade, du wärst mir das liebste Publikum. Aber ich habe jetzt schon genug Beifall. Du hast mich nicht erkannt. Das freut mich.« »Und mir thut es von Herzen leid,« sagte Walpurga, ernst werdend mit ganz verändertem Angesicht, »O, liebe Gräfin, wissen Sie denn auch, was Sie da thun? Das ist ja die größte Sünde, Mannskleider anziehen, da ist ja der Teufel Herr über einen. Ja, lachen Sie nicht, ich bin nicht so einfältig, wie Sie meinen. Das ist gewiß und wahr. Beim Großvater vom Grubersepp, da war eine Tochter und die hat einen Schatz gehabt, der war im Krieg, und da ist eine Magd hingegangen und hat sich als Soldat verkleidet, und ist zu der Tochter von dem Grubenbauer in die Stub', wie sie auch so spinnt, wie ich jetzt, und hat da gethan, wie wenn sie ihr Schatz wär', und die Grubenbauerntochter ist in Ohnmacht gefallen, ist aber wieder aufgewacht, und die Verkleidete ist fort, und wie sie hinauskommt vor das Haus, da sind auf einmal Hunderte von Männern mit Peitschen und Roßköpfen, und die haben sie gejagt, und da ist sie fort und da hat sie der Teufel mitten voneinander gerissen und in den See geworfen. Ja, das ist eine wahre Geschichte, das können Sie mir glauben; es gibt noch Leute genug, welche die Magd gekannt haben.« »Du könntest einen ganz schwermütig machen,« sagte Irma. »Es kann sein, daß so etwas nur bei uns geschieht,« tröstete Walpurga wieder. »Da draußen stehen Soldaten mit Ober- und Untergewehr, die lassen den Teufel nicht herein. Aber liebe, gute, herzige Gräfin, schämen Sie sich denn nicht, so in den Kleidern vor allen Menschen?« »Du bist aus einer andern Welt als wir, du hast recht und wir auch,« sagte Irma, mit schnellen Schritten sporenklirrend im Zimmer auf und ab gehend. »Nein, Walpurga, fürchte nichts für mich und laß dir den Schreck nicht zu nahe gehen.« Sie war wieder ganz das übermütige und dabei so treuherzige Geschöpf, und Walpurga konnte nicht umhin, zu sagen: »Aber wunderschön, wirklich wie ein Prinz sehen Sie aus.« Als Irma weggegangen war, sah Walpurga noch lange nach der Thür. Es war ihr, als ob alles nur ein Traum gewesen. Es vergingen viele Tage, Irma war heiter und wohlgemut bei Walpurga. Sie spannen und sangen miteinander, und der König und die Königin kamen einmal gemeinsam – noch nie waren sie miteinander gekommen – und sie saßen an der Wiege des Kindes und schauten und hörten den beiden zu. Walpurga war anfangs verzagt, dann aber sang sie lustig. Ein lebendiges Wunder that sich vor Walpurga auf. Der Weihnachtsabend kam. Die Königin hatte die Sitte des Weihnachtsabends von ihrer Heimat hierher verpflanzt. Walpurga wurde mit dem Kinde in den großen Saal geführt, wo der Weihnachtsbaum in hellen Lichtern prangte, und ringsum reiche Geschenke. Es war, als stände man im Zauberberge, so flimmerte und glänzte alles, und so reich und mannigfaltig waren die Geschenke. Das Kind jauchzte und wollte immer mit den Händchen nach den Lichtern greifen. Walpurga erhielt überreiche Geschenke. Aber mehr als das blinkende Gold und die reiche Granatenschnur mit der goldenen Agraffe freute sie ein wohlgeordneter Tisch mit Kleidern. Da war ein vollständiger Winteranzug für die Mutter der Walpurga, und ein Winteranzug mit einem schönen grünen Hut für Hansei, und viele Kleider und Weißzeug für die kleine Burgel. »Ist das alles recht?« fragte die Königin. »Ich habe das Maß kommen lassen aus deinem Dorfe.« »O, wie recht,« sagte Walpurga, »so viel Fäden sind nicht in den Kleidern, so viel sage ich Ihnen Dank!« Plötzlich fiel ihr etwas ein, sie schickte Baum in ihr Zimmer, er sollte das Garn holen, das sie dort aufgehängt. Baum brachte es schnell, sie übergab es, der König stand dabei und sie sagte: »So vielmal ich aus meinem Munde da jeden Faden genetzt, so vielmal danke ich euch; und ich will für euch beten, so lang ich meine Zunge rühren kann, und es wird euch allen gewiß gut gehen.« Der König reichte ihr die Hand und sagte: »Du bist brav, aber rege dich nicht auf.« Sie drückte ihm tapfer die Hand. ... Walpurga saß in ihrer Stube, da kam die Königin spät in der Nacht noch einmal. »Es ist gut, daß Sie kommen,« sagte Walpurga leise. »Warum? ist dem Kinde etwas?« »Nein, gottlob, es ist ganz ruhig. Sehen Sie, wie er mit geballten Fäusten schläft? Aber heut ist die Nacht, wo so ein Sonntagskind alles sieht um zwölf Uhr hört er, was die Engel im Himmel und die Tiere im Wald sprechen. Da muß man bei ihm sein und immer Vaterunser beten, dann schadet es ihm nichts.« »Ja, ich will bei dir bleiben, das schadet gewiß nichts. Aber du mußt dich nicht so mit dem Glauben plagen.« Walpurga sah die Königin mit einem fremden Blicke an. »Ja, die kann nicht,« dachte sie, »die ist doch nicht in unsrem Glauben geboren,« und die Königin sagte: »Ich bin froh, daß ich so viele Menschen, wie dich heute, glücklich machen kann.« »Und müssen selber auch glücklich sein für sich!« sagte Walpurga. »Glauben Sie mir, ich lege meine Hand dafür ins Feuer, es ist nichts mit der Irma, sie ist brav und der König ist auch brav.« Die Königin zuckte zusammen. Also schon dahin ist es gedrungen? Schon da tröstet man sie? Sie saß lange starr. Die Glocke schlug zwölf und von allen Türmen der Stadt begann es zu läuten. Es war ein wundersames Wogen und Klingen in den Lüften. Da begann das Kind in der Wiege im Schlaf zu lallen. Walpurga winkte der Königin und sprach das Vaterunser fort und fort mit starker Stimme. Die Königin bewegte die Lippen und betete leise mit. Als das Gebet zum drittenmal wiederholt wurde, sprach die Königin laut: »Und vergib uns unsre Schuld, wie wir vergeben unfern Schuldigern,« dann kniete sie an der Wiege des Kindes nieder und hüllte ihr Gesicht in die Kissen. Walpurga stand in Ehrfurcht vor der Mutter, die stumm an der Wiege des Kindes lag. Sie betete mit gedämpfter Stimme weiter. Die Königin stand auf, nickte Walpurga zu, grüßte mit beiden Händen; ihre Erscheinung war geisterhaft, sie sprach kein Wort mehr und verließ das Zimmer. Die Glocken verklangen und das Kind schlief ruhig. Siebentes Kapitel. In den Tagen und Nächten von Weihnachten bis Neujahr geschehen noch immer Wunder. Die nüchternen Menschen behaupten, daß das Feenreich verschwunden sei. Es ist noch da. In einem weitläufigen Hintergebäude der Königsstraße stehen stumme Gesellen und legen geheimnisvolle Keile zusammen und die Keile werden einem ruhenden Ungeheuer übergeben, das sich plötzlich bewegt, knarrt, ächzt und keucht und da drin werden Hunderte von Menschen neu geschaffen – mit einem Wort! in der Hofbuchdruckerei wird das Regierungsblatt gedruckt, das Beförderung und Dekorierung von hundert und aber hundert Menschen zu Neujahr verkündet. Was ist für die meisten Sterblichen der Neujahrstag? Erinnerung, Vorsätze, Nachdenken über Vergänglichkeit des Daseins, Freude über das, was noch geblieben, aber aus allem heraus doch wieder nur gleichmäßige Fortsetzung des Lebens von gestern. Wie ganz anders für diejenigen, deren Bedeutung vornehmlich in ihrer Anstellung besteht, die zu etwas andrem, als was sie heute sind, gemacht werden können. Das Regierungsblatt mit seinen Neujahrsbescherungen erschien. Auch der Königin war eine Freude zu teil. Ihr Englischlehrer, den sie als Kabinettssekretär aus der Heimat mitgebracht, ein würdiger und edelgesinnter Mann bei Jahren, erhielt den Titel Hofrat und ward dadurch in die entsprechende gesellschaftliche Stellung der Hoffähigkeit gesetzt. Von allen Beförderungen erregte aber keine so viel Aufsehen am Hofe und in der Residenz, wie die Ernennung des sogenannten Salontirolers zum Generalintendanten der königlichen Schauspiele. Und er selber war am meisten überrascht. Er hatte zwar damals, als er mit Irma in der französischen Komödie spielte, großen Beifall geerntet, aber solchen Erfolg konnte er doch nicht erwarten. Er rieb sich die Augen, als er die Ernennung las. Ist das ein gnädiger Scherz? Er gibt sich gern zu allem her, aber doch nur im kleinen Kreise, nicht so vor aller Welt. Es war kein Scherz, sondern volle Wahrheit; denn da standen ja daneben Beförderungen und Ernennungen von so viel ausgezeichneten Männern in ernsten Stellungen. Es ist Wahrheit, schöne Wirklichkeit. In der Stadt hieß es allgemein, und man lächelte verständnisreich dazu, der Salontiroler sei zu dieser hohen Stellung ernannt worden, um der Gräfin Irma, die er heiraten werde, einen entsprechenden Rang zu geben; noch Boshaftere dagegen wollten behaupten, daß man gern dem wackeren Hofnarren diese Stellung gebe, da das ganze Theaterwesen bei Hofe als eine Art herkömmlicher Narretei und bloß äußerlicher Unterhaltung angesehen werde. Der Baron Schöning oder – wie er jetzt doch genannt werden muß – der Intendant, empfing die Besuche seiner Unterbeamten mit vieler Würde, dann fuhr er nach dem Schlosse. Sein Weg ging hier an den Gemächern der Gräfin Irma vorüber. Er ließ sich melden. Irma empfing ihn freundlich und beglückwünschte ihn herzlich. Er gab zu verstehen, wie er wohl wisse, daß er einen wesentlichen Teil seiner Erhöhung der Gräfin verdanke. Sie that, als ob sie ihn nicht verstehe, da er mit vieler Emphase darauf hinwies, daß eine Frau von gutem Geschmack und echtem Kunstsinn ihn am meisten in seinem neuen Beruf fördern und lenken könne. Irma ging auch hierauf nur mit leichter Ablenkung ein. Sie war heute sehr zerstreut; sie schaute oft aus den Parterrefenstern ihres Salons hinaus in den Park, wo jetzt – der Schnee war fast geschmolzen – die marmornen Statuen der Götter und Göttinnen ihre Winterhüllen abgeworfen und wieder frei standen: ihrem Fenster zunächst, im Profil sichtbar, stand die Venus von Milo. »Verzeihen Sie,« sagte sie endlich, sich aus ihrer Zerstreuung erhebend, »ich freue mich auf Ihre Kunsterneuerung und werde gern mit Ihnen darüber sprechen. Vor allem bitte ich, führen Sie die Musik beim Schauspiel wieder ein, wenn auch nicht immer Zwischenaktsmusik, doch jedenfalls etwas Musik vor dem Anfang.« »Die Musiker sind dagegen –« »Ich weiß, jede Kunst will jetzt isoliert und selbständig sein und nicht der gesamten dienen. Ein Schauspiel ohne Musik ist ein Mahl ohne Wein. Wenn die Menschen ein großes Drama sehen, ohne vorher durch die weihenden Tonwellen der Musik gegangen zu sein, kommen sie mir so unheilig, so ungereinigt vor; die Musik wäscht ihnen den Alltagsstaub von der Seele und sagt jedem: du bist wo anders als in deiner Kanzlei, in deiner Kaserne, in deiner Werkstatt. Wenn es sich befehlen ließe, ich würde den Theaterbesuchern ein Kostüm vorschreiben und sie sollen auch geistig unbedeckten Hauptes, ehrerbietig erscheinen. Aber freilich, ich ließe auch nur höchstens jede Woche einmal Theater spielen.« »Mit der Musik haben Sie vollkommen recht,« warf der Intendant auf die hastig hervorsprudelnden Worte Irmas ein. »Wenn Sie sonst noch praktische Wünsche, gnädige Gräfin« ... »Später. Jetzt weiß ich nichts. Jetzt liegt mir der kostümierte Ball, der nächste Woche stattfinden soll, am meisten im Sinn.« Dieser Ball sollte im Schlosse und dem angrenzenden Wintergarten gegeben werden. Der Intendant war glücklich, daß Irma mit seinem Plan übereinstimmte. Er wollte am Ende des Wintergartens einen großen Brunnen mit antiken Gruppen aufstellen, vor dem Brunnen Bäume, Sträucher und Felsen anbringen, so daß man nicht nahe hinzutreten könnte, und im Hintergrund eine im großen Stil gemalte griechische Landschaft, Irma versprach, sein Geheimnis zu bewahren; plötzlich aber brach sie in die Worte aus! »Wir sind doch allesamt Lakaien und Küchenmädchen. Wir brodeln und braten, schmoren und kochen wochenlang, um ein Gericht herzustellen, das den Herrschaften gut schmeckt.« Der Intendant schwieg auf diese Bemerkung. »Sie erinnern sich,« fuhr Irma fort, »daß wir einmal am See davon sprachen, wie der Vorzug des Menschen darin besteht, daß er sich immer anders kleiden und dadurch immer anders erscheinen kann. Schon als Kind war es meine größte Lust, mich zu maskieren. Die kaum flügge Seele beginnt schon die Seelenwanderung. Solch ein kostümierter Ball ist in der That eine der höchsten Kulturblüten, und das Kokettierende, das in jedem steckt, zeigt sich da einmal ehrlich.« Der Intendant empfahl sich, und im Weggehen beschäftigten ihn wieder seine alten Gedanken über Irma. Nein, sagte er sich, das ist eine anstrengende Frau, die will, daß man vom Morgen bis zum Abend immer geistreich und aufgeräumt sei. Nein, das ist eine anstrengende, wiederholte er fast laut. Niemand wußte, in welcher Gestalt Irma erscheinen werde. Man vermutete, als Viktoria; es war ja bekannt, daß sie zu der für das Zeughaus bestimmten Figur Modell gewesen. Man rätselte nur noch darüber, wie sie es machen könne, die Viktoria mit Bewahrung der notwendigen Gesellschaftsform darzustellen. Irma war viel in der Werkstatt und arbeitete fleißig. Eine Unruhe, wie sie solche nicht einmal vor Jahren, als sie den ersten Ball besuchte, gekannt hatte, verließ sie nicht. Sie konnte sich gar nicht dreinfinden, daß man ein Fest so lange vorbereite: gleich in der nächsten Stunde müsse es abgespielt werden, damit man sofort wieder andres beginne. Nur nicht dies lange Warten und Harren. Sie beneidete fast die Menschen, denen das Zubereiten einer Lustbarkeit die eigentlich beste Freude ist. Nur die Arbeit verscheuchte ihre Unruhe, sie hatte etwas zu thun: der Gedanke an das Fest war dadurch nicht die Beschäftigung der Tage, sondern ein fröhlicher Feierabend, ein Freudenlohn. In der Werkstatt stand die in Stein vollendete Statue der Viktoria. Hohe Doppelleitern waren daneben aufgestellt; der Künstler meißelte noch an der Figur, kam bald rasch die Leiter herab, um die Gesamtwirkung zu überschauen und eilte wieder hinauf, um einen einzelnen Zug schärfer herauszuarbeiten. Irma wagte kaum aufzuschauen, wie sie dastand im griechischen Gewande, verwandelt und doch sie selbst. Ein banger Freudenschauer durchrieselte sie, ihre eigene Erscheinung so übersetzt und in der reinsten Kunstform vor Augen zu sehen. Es war an einem Wintermittag. Irma arbeitete an einer Kopie der Theseusbüste mit besonderem Eifer, denn der frühe Abend mußte bald hereinbrechen. Nicht weit von ihr stand die vom Meister vollendete Marmorbüste des Leibarztes. Es war still in der Werkstatt, nur manchmal hörte man leises Picken und Kratzen des Meißels. Jetzt kam der Meister von der Leiter herab und sagte tief aufatmend: »Nun genug, fertig wird man doch nie, nun keinen Meißelstoß mehr an der Figur! Ich fürchte, durch Nachmeißeln nur noch verderben zu können. Fertig soll's sein.« Es war eine Mischung von Kampf und Friede in Wort und Miene des Meisters. Er legte den Meißel weg. Irma sah ihn mit einem großen Blick an und sagte: »Sie sind ein glücklicher Mann, aber ich kann mir's wohl denken, daß Sie auch jetzt noch nicht befriedigt sind. Ich glaube, daß selbst Raphael und Michel Angelo nie von einem vollendeten Werke vollkommen befriedigt waren. Der Rest der Unbefriedigung, den jeder Künstler bei Vollendung eines Werkes empfindet, bildet den Keim für ein neues Werk.« Beruhigt nickte der Meister. Sein Auge strahlte. Er drehte den Hahn an der Wasserleitung und wusch sich die Hände. Dann stand er bei Irma und schaute ihr zu, indem er davon sprach, wie sich mit jeder Arbeit ein Stück Leben von der Seele des Künstlers ablöst; wie die Figur jetzt hier gesehen wird, so wird sie nie mehr betrachtet: in der Ferne und in der dekorativen Bestimmung verschwindet die Sorgfalt der Einzelarbeit; aber das Beste macht der Künstler für sich selbst, zu eigenem Genügen, und doch kann niemand bestimmen, wie die ehrliche Ausführung des Details auf die Gesamterscheinung wirkt. Während der Meister noch sprach, wurde der König gemeldet. Irma breitete schnell das nasse Tuch über ihre Thonfigur. Der König trat ein. Er war allein und bat, daß sich Irma in ihrer Arbeit nicht stören lassen möge. Ohne umzuschauen arbeitete sie weiter. Der König lobte das Werk des Meisters mit innigem Tone: »Es ist eine Großheit in dieser Gestalt, die aller Zukunft zeigen wird, was wir in unsern Tagen gesehen. Ich bin stolz, solche Zeitgenossen zu haben.« Irma fühlte, wie diese Worte auch ihr galten; ihr Herz pochte. Der Gipskopf des Theseus, der vor ihr stand, sah sie auf einmal so wunderlich an. »Ich möchte doch jetzt das vollendete Werk mit den verschiedenen früheren Modellen vergleichen,« sagte der König zum Künstler. »Die Versuchsmodelle sind leider in meinem kleinen Atelier. Befehlen Majestät, daß ich sie herbeischaffe?« »Wollen Sie die Güte haben.« Der Meister ging. Der König war mit Irma allein. Rasch stieg er die Treppe hinan und rief mit bebendem Ton: »Ich steige in den Himmel hinan. Ich steige zu dir hinan. Irma, ich küsse dich, ich küsse dein Ebenbild. Dieser Kuß soll in Ewigkeit auf deinen Lippen ruhen, über aller Welt unter dem ewigen Himmel. Ich küsse dich mit dem Kuß der Ewigkeit!« Er stand oben und küßte die steinerne Viktoria auf den Mund. Irma konnte nicht anders, sie sah auf und jetzt eben fiel ein breiter, schräger Sonnenstrahl auf den König und auf das Antlitz der Steinfigur, und diese schien zu leben, sie schaute ernst drein. Irma stand unten und ihr war's als stände sie mitten in einer Flammenwolke, die sie hinwegtrage in die Unendlichkeit hinein. Der König kam herab, er stand neben ihr, sein Atem ging schnell, sie schaute nicht auf, sie stand still, regungslos, wie die Statue dort. Da umfaßte sie der König, sie lag in seinen Armen und die lebendigen Lippen küßten einander. Als der Künstler zurückkam, war der König allein. Irma ging über die Straße nach dem Schlosse wie im Traum; sie war wie auf Flügeln getragen, wie Semele erschien sie sich, die Zeus in Flammen zur Unsterblichkeit geküßt. – Ich habe das höchste Glück empfunden, sprach es in ihr. Nun kann ich entsagen. Ich entsage. Ich trage den Kuß der Ewigkeit auf den Lippen. ... Sie sah die Menschen, die Häuser, als wären das Erscheinungen aus dem Schattenreich, tief unten; sie schwebte darüber. Sie kam in ihre Gemächer. Erst das bestellte Gewand erinnerte sie daran, daß heute der kostümierte Ball stattfinden sollte. Sie lächelte immer, während sie sich ankleiden ließ, mit dem weiten, wolkigen weißen Gewand und darüber die Schilfblätter mit Diamanten besetzt. »Gnädige Gräfin haben der Amme des Kronprinzen versprochen,« sagte die Kammerfrau, »daß sie in Ihrem Kostüm Sie sehen darf. Soll ich sie jetzt rufen lassen?« Irma nickte. Sie hörte alles wie im Traum, sah alles wie durch eine Wolke. Sie fühlte es als eine Pein, daß sie so vielen Menschen sich zeigen sollte, ihm allein wollte sie erscheinen, er allein ist auf der Welt, er allein und sie allein. ... Walpurga kam und stand wie gebannt. Das ist eine Jungfrau, so schön, so liebreich, so glänzend und wunderbar, um und um mit Schilf bekränzt, und auf dem Schilfe und auf roten Korallenzweigen hafteten Diamantentropfen, der Gürtel war eine grüne Schlange und die Schlange hatte so große glänzende Diamantaugen, daß es weh that, wenn man hinsah; das Haar fiel lang und aufgelöst über den Nacken herab, nur oben war es von einem Kranze mit Tautropfen besetzter Seerosen zusammengehalten, darüber auf der Stirn ein Stern, der flimmerte und glitzerte, aber fast noch mehr leuchtete und strahlte das Antlitz der schönen Jungfrau. So schön war Irma noch nie gewesen und aus jedem Zuge sprach eine Hoheit, ein Entrücktsein aus der Welt, ein Lächeln wie aus Wolken zu den Menschen nieder. »Um Gottes willen, Sie sind ja die Seejungfrau!« rief Walpurga. »So? Du erkennst mich also?« sagte Irma, ihr die Hand reichend, ihre Stimme klang wunderbar. Walpurga drückte die Hand aufs Herz. Daß Irma diese Erscheinung annahm, that ihr weh; das heißt ja Gott versuchen, das geht zu Bösem aus. Aber Walpurga sagte nichts, sie legte nur die Hände zusammen und ihre Lippen bewegten sich: sie betete für Irma. »O Gott!« rief sie dann und fuhr sich mit der Hand über die Augen. »O Gott, was können die Menschen alles aus sich machen, O lieber Gott, wo nehmen Sie denn das alles nur her? Wie ist denn das nur möglich?« Sie ging in weitem Umkreis um Irma herum, »Sie werden mir's daheim nicht glauben, daß ich so etwas gesehen habe. Solch ein Unterkleid von Wellenschaum, und so das aufgelöste Haargelock, das hat die Seejungfrau auch. Wenn nur meine Mutter und mein Hansei auch da wären!« Irma sprach kein Wort, Sie ging im Zimmer auf und ab, wo die Lichter an den großen Spiegeln brannten, sie sah ihre eigene Gestalt wie eine fremde Erscheinung und staunte über das Rauschen des Schilfes. So möchte ich in den See springen und die heißen Flammen kühlen – sprach es in ihr. Walpurga kehrte, wie vom Zauber geblendet, wieder in ihr Zimmer zurück. Ich kann mir denken, murmelte sie vor sich hin, daß die Menschen hier die Welt nicht verstehen, und daß meine Königin selber sie auch nicht versteht: da machen sie ja alle Tage eine neue Welt und verkehren und verstellen und vermaskieren alles – wie soll man denn da zur Ruhe kommen und seinen gesunden Verstand behalten? Die Königin hat recht, es ist besser, ich gehe wieder heim, hier werde ich noch närrisch. In ihrem Zimmer traf Walpurga einen Brief von daheim. Seit Wochen hatte sie sich auf diesen Brief gefreut. Sie dachte sich immer aus, wie die Mutter und Hansei sich über die schönen Kleider und Geschenke freuen und alle Leute aus dem Dorfe kommen, bewundern und bestaunen, und jedes Kleidungsstück befühlen sie und meinen, da müsse noch was Besonderes drinstecken. Sie hatte in die Brusttasche von Hanseis Joppe einen fröhlichen Brief gesteckt und jetzt kam die Antwort. Das Gespiel hatte ihn geschrieben, die Mutter hatte jedes Wort diktiert, und drin stand: »O Kind, Du hast's gewiß gut gemeint, ich seh' das wohl, aber es ist bös geworden. Ich und der Hansei wir sind in den schönen Kleidern am Neujahrstag in die Kirche gegangen, ich hab's nicht gewollt, ich hab's geahnt, daß was Böses auskommt: aber der Hansei hat gesagt, wir müssen's, der König nimmt's übel, wenn wir seine Kleider nicht anziehen. Da bin ich in Gottesnamen mit ihm in die Kirche, aber alle Menschen haben uns immer angesehen, so unheimlich, und haben kein Wort gesagt. Und nach der Kirche da haben wir's gehört, haufenweis sind sie zusammengestanden und haben mit Fingern auf uns gezeigt und gesagt: ja, das ist schön, solche Sachen kann man in der Hauptstadt bekommen, aber man weiß schon für was: auf ehrlichem Wege nicht, und die alte Närrin und der Tolpatsch da sind noch stolz darauf und wollen in den Kleidern prunken. Und die alte Zenza hat am meisten geschimpft, und die Menschen, die sonst gar nicht auf sie hinhorchen, haben ihr jetzt gern zugehört und sie noch aufgereizt. »O liebes Kind, Du weißt nicht, wie gar so viel schlecht die Menschen sind, und ich weiß doch, Du bist brav. Aber die Menschen sind bös und gönnen einem nichts, und wenn sie es einem nicht nehmen können, da beschmutzen sie's. Du hast's gewiß gut gemeint, aber ich wag' mich jetzt in meinen alten Kleidern nicht mehr aus dem Haus, die Menschen sind so neidisch und hinterlistig und anhängerisch. Solange man arm ist, weiß man das gar nicht so; aber jetzt seh' ich's. Und, liebes Kind, das ist noch nicht das ärgste; das ärgste ist, daß sie Mißtrauen ins Herz thun wollen. Aber ich habe keines gegen Dich, ich weiß, Du bist brav; bleib's nur und denke immer: wenn man in einem goldenen Bett schläft und auf seidenen Kissen und hat kein ruhiges Herz, so nützt alles nichts, und da ist's besser, man liegt auf Dornen, und noch besser sechs Schuh tief unter dem Boden. Und der Gemswirt ist gekommen und hat uns die Kleider abkaufen wollen für sich und seine Frau, aber ich geb' sie doch nicht her. Und, liebes Kind, bleib' brav und nimm keinen Faden und keinen Heller, an dem was Böses hängt. Ich weiß, Du thust das von selber nicht, aber ich muß Dir's doch noch sagen, und laß Dir's nicht zu sehr zu Herzen gehen, daß die Menschen so schlecht sind, ich laß mir's auch nicht.« Walpurga schrie laut auf und weinte, als sie diesen Brief las. Die schlechtesten Menschen sind doch die Bauersleute! Es gibt hier unter den Vornehmen gewiß auch schlechte, aber so sind sie doch nicht. Soll nur wieder einmal eines kommen und um eine Gnade anhalten, sie will sie schon heimschicken; im Gegenteil, sie möchte den König bitten, daß er das ganze Dorf durchpeitschen lasse, eines nach dem andern; sie wünschte sich nur auf eine Stunde die Macht des Königs, um den albernen schändlichen Menschen den Meister zu zeigen. Achtes Kapitel. Walpurga saß vor Zorn weinend in ihrem Zimmer, dann ballte sie wieder die Fauste und sagte den Leuten daheim die Meinung, daß ihnen das Herz im Leibe zitterte. Aber sie faßte sich bald wieder und bezwang alles, um dem Kinde nicht zu schaden; die schlechten Menschen daheim sollten nicht auch dem Kinde hier noch Schlimmes anthun. Unterdes war fernab in den hellerleuchteten Prachtgemächern des Schlosses und im Wintergarten rauschende Musik. Tausende von Lichtern leuchteten, Sammet und Seide, Perlen und Diamanten, Blumen und Kranze und fröhlich lächelnde Menschengesichter strahlten. Aber alles überstrahlte der König. Der König wußte, daß er schön war; er freute sich dessen mit einer gewissen Kindlichkeit. Er war immer guter Laune, wenn er eine kleidsame Uniform trug. Bei den Hoffesten, die zu den Gedenktagen dieses und jenes Regiments gegeben wurden, trug er stets die Uniform des gefeierten Regiments; in der Husarenuniform war er immer besonders wohlgelaunt, sie zeigte die ganze Fülle seiner schönen Mannesgestalt. Heute nun erschien er in der phantastischen Tracht des mythischen Königs Artus in goldenem Schuppenpanzer und wallendem Purpurmantel. Neben ihm die Königin, fein und zart, in leichtfließenden, faltigen weißen Schleiern, wie eine Lilie anzuschauen. Der König sah die Freudenblicke aller, die ihn betrachteten. Er war glücklich, er wußte, daß die Bewunderung heute nicht Schmeichelei war. Als Irma ihn zuerst sah und sich tief verbeugte, mußte sie alle Kraft anwenden, um sich wieder zu erheben und nicht ganz vor ihm auf die Kniee niederzusinken; dann schaute sie zu ihm auf, glückselig und bittend zugleich. Sie hatte Worte voll Bewunderung und Anbetung auf den Lippen. Aber sie sagte ganz andres, denn die Königin sprach mit innigem Tone: »Irma, ich bedaure, daß Sie sich nicht selbst sehen können; Sie lehren an Wunder glauben.« Der König sprach nichts, aber Irma fühlte, wie sein Blick auf ihr ruhte, und es war ihr unfaßlich, wie sie nicht vor den Worten der Königin und dem Blick des Königs in nichts zerfließe. Sie mußte Haltung gewinnen und sagte: »Ach, Majestät, dies Geisterkostüm drückt mich. Ein Geist soll nicht länger als eine Minute erscheinen, er muß früh sterben, schnell, in Flammen aufgehen und verschwinden.« »Es gibt auch eine Minute Ewigkeit,« sagte der König. Wohl hatte Irma sich gefreut, schön zu erscheinen, jetzt aber durchrieselte sie eine höhere Freude: er ist schön und groß, eine ritterliche mannhafte Erscheinung, wie keine Phantasie sie vollendeter auszudenken vermag ... er kann den Kuß der Ewigkeit geben, denn das ewig Königliche ist in ihm erschienen. So stand Irma und sah und hörte kaum, was um sie vorging. Der Umzug des Königspaares ging weiter und Irma erschien sich auf einmal bettelarm in ihrer Pracht. Der König ist nicht mehr nahe, dort geht er, dort strahlt er wie eine Göttererscheinung. Die Umgebung Irmas lobte ihr sinnreiches und dichterisch schönes Kostüm – sie hörte es nicht. Sie wurde zur Königin entboten. Der König hatte den Ball mit der Königin eröffnen wollen und die Königin hatte gedankt; es war nur Zeremoniell, der König forderte sie jedesmal auf, aber die Königin tanzte nie. Sie bat nun Irma, an ihrer Stelle mit dem König den Ball zu eröffnen. Irma verneigte sich dankend; in ihr aber erhob sich etwas und stand stolz und hoch über der Königin: Nicht du gibst mir. Ich gebe. Ich entsage. Mein ist er! Dir hat ihn der Priester gegeben, mir die ewige Natur! Du bist eine zarte feine Blume, wir aber, wir sind ein Adlerpaar, das in den Lüften schwebt!« Sie faßte es nicht, wie sie das alles in sich tragen konnte: alles Blut in ihren Adern war zu Feuer geworden. Die Quadrille begann. Irma fühlte den heißen Atem des Königs. Er faßte ihre Hand, er sprach leichte Scherze, wie es so anmutig sei, einmal selbst phantastisch eine phantastische Welt um sich her zu zaubern. Irma fühlte, wie so ganz andres sie zu sprechen, ja wie sie nur still zu sein hätten miteinander; aber sie mußten Gleichgültiges sprechen und durften auch nicht schweigen. So oft der König ihre Hand berührte, war es ihr, als müßte sie plötzlich mit ihm davonschweben, und wenn er die Hand wieder ließ, als ob sie versinken müsse. Es war nahe daran, daß die Quadrille in Unordnung kam. Die Königin verließ bald den Ball. Der König geleitete sie, kehrte aber schnell wieder zurück. Irma ging umher und der ganze bunte Lärm erschien ihr wie ein Traum. Sie lächelte, als sie endlich ihren Bruder traf, der mit seiner Frau in reichem mittelalterlichem Kostüm erschienen war. Sie hatte immer die Worte auf den Lippen: lebe ich noch? Sag mir, wo ich bin! – wer ich bin! Sie war aus dem Aether hergekommen und schwebte in einer andern Welt, und nur zwei Menschen sind auf dieser Welt – er und ich ... das einzige, das erste Menschenpaar ... die Götter leben wieder und sein Kuß ist Ewigkeit ... Sie saß mit dem Bruder und der Schwägerin in einem Boskett unter einer Pinie. Da kam der König heran. Ihre Seele eilte ihm entgegen und umfaßte ihn und rief: Wir wollen sterben miteinander! Du bist mein und ich bin dein! Wir sind allein auf der Welt! ... Aber sie stand nur auf und verbeugte sich zitternd. Der König setzte sich zu ihr; sie fühlte, wie sein Blick auf ihr ruhte. Als sähe er sie heute zum erstenmal, weidete sich sein Auge an der schönen Form des Kopfes, dessen Locken den Hals bis zu den Schultern mit dem Grübchen auf dem Nacken umspielten; sie erschien heute noch größer als sonst, und alle Formen so satt und voll Ebenmaß; das zarte Oval des Gesichtes, die breite Stirn, wie von zu schwerem Gedankenreichtum vornüber gewölbt, die feingeschweiften Brauen, das braune Auge in feuchtem Glanze und die Lippen so schwellend. »Du bist schön und ich liebe dich!« sagte der König leise. »Und du bist schön und groß und ich liebe dich grenzenlos!« erwiderte sie, aber ihre Lippen sprachen es nicht; in ihrem Heizen jubelte es tausendstimmig. Sie schloß die Augen und ließ den Blick des Königs auf sich ruhen, »Irma,« sagte der König, »Irma,« wiederholte er. Er setzte kein Wort hinzu, seine Stimme stockte. Stumm saßen die beiden eine geraume Weile nebeneinander, dann begann tief aufatmend der König wieder: »O Irma, es gibt einen Augenblick, der ist unermeßliches Leben ... da trennt nichts ... drunten in der Welt zählen die Menschen nach Stunden, nach Minuten. Hoch oben im Himmel ist die Welt versunken.« Irma schaute auf – Bruno und seine Gattin waren nicht mehr da. Sie war mit dem König allein. Sie wollte vor ihm auf die Kniee sinken, ihn umschlingen mit der ganzen Glut ihrer Seele. Mit gewaltsamer Anstrengung zwang sie sich zum Erkennen der Umgebung: die Musik, die Lichter, die bunten Gestalten, alles wirrte sich ihr zusammen. Sie öffnete die Lippen, sie brachte kein Wort hervor. Rasch stand sie auf und verließ mit bebendem Schritt den Saal. Bald darauf hatte auch der König den Ball verlassen. Ueber den Gemächern Irmas stand noch spät in der Nacht Walpurga am Fenster und schaute traurig hinaus. Flüchtige Wolken zogen am Himmel hin und bedeckten bald den Mond, bald ließen sie ihn in seinem ganzen Glanz erscheinen. Jetzt fiel das volle Licht auf die Gestalt der Venus von Milo, sie schien das Antlitz zu wenden. Walpurga prallte erschreckt vom Fenster zurück und stand wie sinnverwirrt dreinstarrend, sie wagte nicht mehr, ans Fenster zu treten. Auf der Viktoria in der Werkstatt des Bildhauers, auf den Lippen, die der König geküßt, zitterte derselbe Mondesglanz, der hier im Park die Venus von Milo überleuchtete ... Die Götter waren lebendig in der Vollmondsnacht ... Neuntes Kapitel. Es war beim Thee im kleinen Kreise. Die Erlesenen aus den Auserwählten waren hier versammelt. Der Intendant sprach seinen Vorsatz aus, die Gedenktage der großen Geister, die für das Theater gewirkt, zu ständigen Festen zu machen; mit Lessings Geburtstag, der bald herannahte, wollte er beginnen. »Welches Stück werden Sie zu seinem Geburtstag aufführen?« fragte die Königin. »Es wäre mir eine hohe Gnade, wenn Eure Majestät bestimmen wollten.« »Ich?« fragte die Königin und wendete den Blick nach dem gegenübersitzenden König, der eine vor ihm liegende illustrierte Zeitung betrachtete. Er mußte den Blick der Königin gespürt haben, denn er sah auf und sagte: »Ja, sprich deinen Wunsch aus.« »So wünsche ich Emilia Galotti.« Alles schaute auf. Dieses Stück, wie Schillers »Kabale und Liebe«, hatte unter der vorigen Regierung auf der Liste der Verfemten gestanden. Es trat eine Pause ein. Der König allein hat das Wort. Was wird er sagen? Er schwieg. Nach einer Sekunde zeigte er dem nicht weit von ihm sitzenden Schnabelsdorf das Porträt eines vor kurzem verstorbenen ausländischen Gelehrten mit der Frage, ob es ähnlich sei, Schnabelsdorf bejahte. Die Königin erschrak ins Herz hinein, als sie die Stimme ihres Gatten hörte, es war eine fremde Stimme. In demselben Augenblick präsentierte Baum eine Tasse. Die Königin wendete sich rasch, wie wenn eine tückische Katze ihr auf die Schulter gesprungen wäre, so erschreckt sah sie aus; sie stieß an die dargereichte Tasse, die nun zur Erde fiel. Eine Bombe, die plötzlich im Zimmer geplatzt wäre, hätte nicht erschreckender wirken können. Baum hob die Scherben auf, er hätte sich gern auf das Antlitz niedergeworfen, er ist unsagbar unglücklich; aber er darf nicht sprechen, auch nicht um Verzeihung bitten, das wäre ein noch größerer Verstoß gegen alle Disziplin. Die Königin wendete sich zu ihm und sagte: »Sie sind nicht schuld, ich bin schuld.« Dann bat sie die Damen, die aufgestanden waren, um das geschehene Unheil zu besichtigen und zu berichtigen, sich doch wieder ruhig zu setzen. Der Oberhofmarschall winkte Baum und sagte ihm leise, er möge sich entfernen und das weitere der andern Dienerschaft überlassen. Die Königin bedurfte des ganzen Aufgebotes von Haltung, um nicht aus dem gesellschaftsmäßigen Geleise zu kommen. Ihr schwindelte, und doch saß sie aufrecht und lächelte, und sah dem davongehenden Diener nach, wie wenn er mit den Scherben noch etwas andres davontrüge, das auf immer zerschmettert war. Baum ging hinaus und stand betäubt am Treppengeländer, Er hätte sich gern da hinabgestürzt vor Scham – so etwas war ihm noch nie geschehen, es blieb eine Schande für sein ganzes Leben und es nützte nichts, daß die Königin die Schuld auf sich genommen, er wußte, er muß doch dafür büßen. Er betrachtete die Scherben und wünschte sich nur, daß er selber in Scherben zerschmettert sei. Nach der kurzen Störung saß man in dem kleinen Salon wieder in bester Wahlordnung. Der große Nothelfer Schnabelsdorf, der in dem neugebildeten Ministerium das Departement des Auswärtigen und vorläufig auch des Kultus übernommen hatte, verstand indes, die Verstimmung des Abends durch ein anziehendes Gespräch wieder ins Geleise zu bringen. Er sprach davon, an »Emilia Galotti« anknüpfend, welche interessante Forschungen oder eigentlich Hypothesen sich über die Namengebungen der Dichter machen ließen. So glaube er, daß Lessing eine leise Andeutung an Macchiavelli geben wollte, den man im vorigen Jahrhundert noch falsch beurteilte, indem er seinen Intriganten Marinelli nannte. Es sind dieselben Vokale. Und Orsina! In dem Namen läge etwas, wie Griff und Klinge eines eben ans der Scheide zückenden Dolches; auf das volle O das spitze I. Er ging weiter und wußte viel Anziehendes über die Klangwirkung der Namen dichterischer Gestalten zu geben. Lessing hätte sehr weise gehandelt, indem er den Namen Melchisedek – wie der Jude bei Boccaccio heißt – in Nathan verwandelte. Nathan! Das spricht ein weitfaltiges Kleid aus. Gretchen, Klärchen, Dorothea, Natalie – wie zutreffend diese Namengebung Goethes für seine Frauengestalten. Selbst Schiller habe darin manches Zutreffende gehabt: Franz Moor – Posa – wie schön dies O – A. Schnabelsdorf sprach heute gut und gefällig. Es ist doch vortrefflich, wenn ein Mensch solchen Reichtum in sich hat, wie ein Buch; das steht fest, kann zu jeder Zeit sich kundgeben und fragt nichts nach Stimmung, nach zerbrochenen Tassen und mißgelaunten Bilderbesehern. Niemand schien Schnabelsdorf zu Hilfe kommen zu wollen, er mußte immer allein sprechen. Endlich erbarmte sich Irma seiner und warf die Bemerkung hin, wie seltsam es sei, daß wir in unsrer Zeit keine Eigennamen mehr erfinden; wir könnten nur immer borgen, zusammensetzen und verkürzen. Auf diese Anregung hin machte man den Versuch, neue Namen zu erfinden: das gab viel Heiterkeit, denn es gelang nicht einer. Der Intendant erzählte, er kenne im Gebirge einen Bauer, der sieben Töchter habe, die erste heiße Prima, die zweite Sekunda, die dritte Tertia u. s. w. Der König schaute an diesem Abend kaum auf von den illustrierten Blättern, die Königin aber nickte jedem Sprechenden freundlich zu, sie war jedem dankbar, daß er sprach, denn es war ihr etwas geschehen, was sie eigentlich nicht gewollt hatte. So wenig sie die Tasse hatte zerschmettern wollen, so wenig hatte sie im Augenblick bedacht, welche Mißdeutung es haben könne, daß sie »Emilia Galotti« zur Aufführung verlangte. Im König mußte etwas vorgehen, denn er strich sich mit der linken Hand die Augenbrauen oftmals glatt! das that er immer nur, wenn er etwas in sich zu bewältigen hatte. In der That dachte der König zuerst: weiß sie denn nichts davon, daß dieses Stück seit Jahren hier nicht gegeben werden durfte? Möglich! Denn diese Menschen, die immer ihr Empfindungsleben ausbauen, haben keinen Sinn für historische Data. Aber schnell – der König fühlte einen Blitz durchs Hirn zucken, und er strich unwillkürlich die Brauen zur Bewältigung seiner Empfindung – schnell kam ihm der Gedanke: das ist eine Intrigue; sie ist deren fähig, sie will à la Hamlet die Mausefalle vor uns aufführen lassen, um zu sehen, wie das Spiel auf der Bühne auf uns wirkt. Doch nein! sprach es wieder in ihm, dann müßte sie uns überraschen und – es ist doch ihre Art nicht. Aber Bitterkeit und Heftigkeit und tiefe Gewissensunruhe kämpften im Herzen des Königs. Der Einblick in die illustrierten Zeitungen war wie ein Zurückziehen in eine absondernde Loge mitten in der Gesellschaft. Noch nie hatte der König im kleinen Kreise anhaltend gelesen, er hatte sonst nur bald dies, bald jenes Bild betrachtet und den Nachbarn zur Kenntnisnahme oder Vergleichung gegeben. Heute las er und wußte doch nicht, was er las. Er hätte gern den Blick Irmas gesucht und war glücklich, als er sie so frei sprechen hörte. Er bewunderte sie, er hätte gern nach ihr umgeschaut, aber er wagte es nicht, ihren Bemerkungen Beifall zuzulächeln. Er hat die Bemerkungen Schnabelsdorfs unerwidert gelassen, er muß auch diese zu überhören scheinen. Die Königin erhob sich, alles stand wie befreit auf, denn jedes hatte die elektrische Spannung in der Atmosphäre gefühlt, und der Abend war nun doch noch ein heiterer geworden. Die Königin machte Schnabelsdorf glücklich, indem sie ihm beim Abschiede sagte, wie dankbar man ihm sein müsse, daß er immer so reizvolle Themas aufbringen könne. Zum Intendanten sagte sie dann laut, lauter als sonst ihre Art war: »Wenn Ihnen das Einstudieren von Emilia Galotti Mühe macht –« »O nein, Majestät –« »Ich meine, wenn die Zeit zu kurz ist –« »Sie reicht vollkommen aus,« entgegnete der Intendant. Er hatte in Gedanken schon die Rollen verteilt und wollte den neuen Versuch machen, das Stück im Kostüm des vorigen Jahrhunderts aufführen zu lassen. »Ich meine,« nahm die Königin wieder auf, und ihr Gesicht erhielt einen fremden Ausdruck, »ich meine, wenn Nathan der Weise oder Minna von Barnhelm sich besser darstellen, so geben Sie diese.« »Bleiben Sie nur dabei!« rief der König plötzlich. »Lassen Sie Emilia Galotti aufführen und setzen Sie auf den Zettel: Auf Allerhöchsten Befehl.« Der König reichte seiner Gattin den Arm und verließ mit ihr die Gesellschaft. Die Zurückbleibenden verbeugten sich tief. Man ging, Gleichgültiges plaudernd, die Treppe hinab; die nicht im Schlosse Wohnenden stiegen in ihre Wagen, die im Schlosse Wohnenden gingen in ihre Gemächer. Durch die Stadt hin und in die Schloßgemächer trug aber jedes seine eigenen Gedanken. Irma ließ sich rasch entkleiden und schickte das Kammermädchen fort; dann nahm sie einen Band von Lessings Schriften aus der kleinen Handbibliothek. Es lag Staub darauf. Sie schlug das Buch mehrmals zusammen, daß der Staub abflog; dann las sie in einem Zuge »Emilia Galotti«. Sie schlief erst gegen Morgen ein und als sie erwachte, mußte sie sich besinnen, wo sie war. Das Buch lag noch vor ihr aufgeschlagen, die Lichter waren von selbst ausgebrannt, sie hatte vergessen, sie zu löschen, es war eine schwüle, fast erstickende Luft im Schlafgemach. Um dieselbe Stunde, als Irma erwachte, wurde im Theatergebäude bitter geweint. Der Intendant ließ »Emilia Galotti« mit neuer Besetzung einstudieren und hatte der ersten Liebhaberin, die sich im ewigen Besitze glaubte, die Rolle der Emilia abgenommen und einem jüngeren Talente übergeben: die alte jugendliche Liebhaberin sollte die Rolle der Claudia übernehmen; sie saß nun weinend hinter einer Kulisse und rief immer: »Perlen bedeuten Thränen, aber Thränen nicht Peilen.« Der Intendant, sonst ein so gefälliger, liebreicher Mann, war unbarmherzig. Aber unglücklicher als die alte erste Liebhaberin – sie durfte doch noch mitspielen – war Baum, der wegen des Tassenunfalls gar nicht mehr mitspielen sollte in der nächsten Umgebung der höchsten Herrschaften. Er klagte Walpurga sein Unglück, und diese bat die Königin, daß Baum wieder in Gnaden angenommen würde. Schon am zweiten Abend fragte die Königin, ob der Lakai Baum krank sei. Er war erlöst. Voll Dankes kam er zu Walpurga und sagte: »Das werd' ich dir nie vergessen, du hast mir eine Wohlthat gethan für mein ganzes Leben.« »Freut mich, daß ich dir auch einmal hab' was Gutes thun können.« »Ich will dir's schon vergelten,« sagte Baum, »verlaß dich drauf.« Baum zog sich rasch zurück, denn Irma trat ein. Bald nach ihr kam der König. Er wollte mit Irma französisch sprechen, aber diese bat, das nicht zu thun, und sagte: »Die Naivetät ist sehr verletzlich.« »Und die sogenannte Gemütlichkeit,« erwiderte der König, »oft sehr maliziös und intrigant. Die Schwächlichkeit und Zerflossenheit glaubt auch einmal sehr stark sein zu müssen.« »Wir müssen mild sein,« entgegnete Irma. Die beiden sprachen deutsch vor Walpurga, aber sie verstand doch kein Wort davon. »Ich bewundere die Kraft des Herzensspions; ich muß gestehen, ich beuge mich vor ihr in Demut. Ich hätte nicht geglaubt, daß solche Größe in der wirklichen Welt ist,« sagte der König. Irma nickte leise und erwiderte: »Der Held heißt Hettore Gonzaga, aber die rechte Emilia Galotti liebt ihn mit einer Kraft, die seiner würdig ist.« »Und der rechte Hettore ist kein Dilettant und Schwächling und bedarf keines Marinelli.« Das Verhältnis, das in Scham und Leidenschaft aufgelodert war, erhielt neue Belebung durch den hinterlistigen Gegenkampf der Königin, denn als wohlüberdacht sah man diese Ansetzung des verfemten Schauspiels an. Es war wie ein Windzug, der die Flamme zum Verlöschen hin und her bewegt, aber nur neu anfacht. Tief im Hintergründe der Seele versteckte sich eine neue Freisprechung: die Königin war der reine Engel nicht, für den sie sich gab. »Ich bin der festen Ueberzeugung,« sagte der König, »daß Hippokrates der Nausikaa diese kristallene Giftschale in die Hand gespielt hat.« »Nein, Majestät,« eiferte Irma, »Hippokrates ist ein hochedler Mann, freilich etwas Pedant, aber zu gut und zu klug, um so etwas zu thun.« Der König ging bald wieder davon, und als er weg war, sagte Walpurga: »Jetzt, Gräfin, mir kann man alle Adern aufschneiden, und ich kann nicht sagen, was Ihr da gesprochen habt; ich hab' kein Wort verstanden,« »Ja, Walpurga,« sagte Irma, »der König ist gar ein gelehrter Herr, und gestern ist ein Buch gelesen worden, und davon haben wir gesprochen.« Walpurga war's zufrieden. »Ich hatte geglaubt, die Königin hier zu treffen,« sagte Irma nach einer Weile und fuhr sich dabei mit der ganzen Hand über das Gesicht, als müßte sie ein neues herausarbeiten mit ganz anderem Ausdrucke. »Die Königin kommt heute nicht,« erwiderte Walpurga, »sie hat mir sagen lassen, sie sei nicht recht wohl. Sonst versäumt sie's nie, dabei zu sein, wenn wir das Kind baden, und Schöneres gibt's doch nicht, als so ein Kind im Bade und nach dem Bade; da ist es wie neugeboren und platscht und jauchzt und gurrt. Wollen Sie nicht auch einmal dabei sein? Es ist eine wahre Herzenslust.« Irma verneinte und ging bald davon. Die Königin lag still und allein in ihrem Gemach. Noch bebte der Schreck in ihrem Herzen über das, was sie gethan, nein, was ihr geworden, ohne daß sie es eigentlich gewollt. Wie von einer unsichtbaren Schicksalsmacht ist ihr ein Dolch in die Hand gedrückt; sie kann und will ihn nicht führen. Und doch wühlt der Argwohn tief in ihrer Seele. Argwohn! das Wort steht plötzlich vor ihr, als hätte sie es nie gehört, wie sie bisher nie gekannt, was es ausspricht. Nichts ist mehr rein, nichts mehr harmlos: jedes fröhliche Wort, jede heitere Miene, jedes Lächeln ist zweideutig, jede harmlose Bemerkung hat einen Nebensinn – lieber tot sein als Argwohn hegen! Die beglückende Gabe der Phantasie, die dem Leben des andern treulich nachgeht, in alles Empfinden hinein folgt und sich traut anschmiegt, diese Kraft des Vorstellens und Mitlebens wurde zur verzehrenden Flamme, Traumbilder stellten sich vor das wache Auge und ließen sich nicht verscheuchen. Wäre das Entsetzliche entschieden – gegen ein klares Unrecht kann man Stellung nehmen, gegen den Argwohn gibt es keine; er macht unstät und flüchtig, nichts ist fest, der Boden zittert beständig unter den Füßen. Die Königin war nicht krank. Sie hätte wohl in die Gemächer ihres Sohnes kommen können, aber sie konnte heute nickt in sein Antlitz sehen und ihm zulächeln – sie hatte einen bösen Gedanken gegen den Vater in der Seele. Oft stand sie auf, sie wollte den König rufen lassen, ihm alles sagen, er sollte sie von dem qualvollen Argwohn befreien. Sie glaubt ihm. Er soll ihr ehrlich bekennen, ob er noch treu und eins mit ihr im Herzen. Er ist wahrhaft und offen, sagte sie sich, und aus dem tiefsten Grunde ihrer Seele stieg die Liebe zu ihrem Gatten empor. Doch wenn er abgeirrt wäre von sich, so hätte er ja schon die Unwahrheit begangen. – Wie? wird er sie jetzt bekennen? Kann man einen Menschen auf sein Gewissen fragen, der sein Gewissen bereits verleugnet haben kann? Und wenn er das Entsetzliche bekennt? Sie will es still tragen. Nur nicht diesen Argwohn, er vergiftet ihr Herz; sie fühlt, wie er ihre Seele schädigt. Soll es denn sein, daß das Böse, ja nur der Verdacht des Bösen alles verdirbt, was in seinem Umkreis steht? Sie setzte sich wieder. Sie kann den König nicht fragen. »So sei es denn!« rief sie endlich. »Ich muß diese Versuchung bestehen und der Geist der Wahrheit wird mir Kraft geben.« Sie dachte einen Augenblick daran, sich dem Leibarzt anzuvertrauen. Er ist ihr väterlicher Freund. »Doch nein! Ich bin nicht schwach, ich will mir nicht helfen lassen!« rief sie sich zu. »Soll ich das Entsetzliche erfahren, so will ich es selbst, und ist es Wahnsinn, so will ich es allein in mir besiegt haben.« Bei Tafel und in den Gesellschaften war die Königin doppelt liebreich gegen ihren Gemahl und auch gegen Irma. Wenn sie die Freundin betrachtete, war es ihr, als müßte sie um Verzeihung bitten, daß sie nur einen Augenblick niedrig von ihr denken konnte. Wenn sie aber wieder allein war, fühlte sie ihre Seele fortgerissen, zu ihm, zu ihr! sie wollte wissen, was sie jetzt denken, thun, reden – sie reden von ihr, sie lächeln, sie spotten über sie, und wer weiß, ob sie nicht ihren Tod wünschen .... Sie selbst wünschte, tot zu sein. Zehntes Kapitel. »Heut abend geh' ich auch ins Theater,« sagte Baum am 22. Januar mittags zu Walpurga. »Es soll ein merkwürdiges Stück sein. Schade, daß du nicht auch hingehst.« »Ich hab' Maskeraden genug gesehen,« versetzte Walpurga. »Ich bleib' bei meinem Kind; mein Kind ist noch das einzige vom ganzen Hofe, das sich nicht vermaskieren kann.« Das Hoftheater war schon lange vor Beginn des Stückes bis auf den letzten Platz besetzt und im Publikum war lebhaftes Geplauder, das sich wie Brausen der See anhörte. Man sprach davon, was das bedeute, daß es auf dem Theaterzettel hieß: Zur Geburtsfeier Lessings, auf Allerhöchsten Befehl »Emilia Galotti«. Man sprach in halben Worten zu einander, verstand sich aber ganz. Soll diese Aufführung eine schlagende Antwort auf mancherlei Gerede sein? Wird der Hof kommen? Wer wird im Gefolge sein? Drei dumpfe Schläge ertönten. Sie sind das Zeichen, daß der Hof die Verbindungsgalerie zwischen Schloß und Theater betreten. Alle Augen, alle Operngläser richteten sich nach der königlichen Loge. Die Königin trat ein. Sie strahlte in jugendlicher Schönheit. Der Adel, der den ersten Rang einnahm, erhob sich. Die Königin dankte freundlich. Sie setzte sich und las mit großer Aufmerksamkeit den auf der Brüstung angehefteten Zettel. Der König kam alsbald nach ihr und setzte sich neben sie; auch er grüßte den stehenden Adel und dieser setzte sich mit ihm, als ob er an ihn gebunden wäre. Der König reichte mit der Hand rückwärts und ließ sich sein Augenglas geben. Er betrachtete das Publikum, während das Orchester die Ouvertüre spielte. Der Wunsch Irmas war in Erfüllung gegangen. Seit der neuen Intendanz gab es wieder Musik vor den Schauspielen und in den Zwischenakten. Wer sitzt hinter der Königin? Die Gräfin von Wildenort. Sie trägt eine einzige Rose im braunen Lockenhaar. Sie spricht einige verbindliche Worte mit dem Oberst Bronnen. Sie lächelt und zeigt ihre Perlenzähne. Ein junger Kritiker im Parterre sagte zu seinem Nachbar: »Die Gräfin Wildenort hat wohl nicht ohne Absicht nur eine Rose ins Haar gesteckt, wie Emilia Galotti.« Von Musikfreunden wurde oft Ruhe gezischt, denn die Gespräche im Hause waren so lebendig, daß man die schöne Musik der Ouvertüre kaum hörte. Das Ruhebieten half nichts, erst als der Vorhang aufrollte, trat Stille ein. Der erste Akt bot nur am Schlusse Gelegenheit für einen besonderen Applaus. Die Hast und Eingenommenheit des Prinzen zeigt sich, indem er ein Todesurteil schnell – der Wagen ist vorgefahren – unterschreiben will; der alte Kabinettsrat Rota zieht das Aktenstück zurück. Der Intendant hatte, um die Festlichkeit des Abends zu bezeichnen, zwischen jeden Akt ein Musikstück eines namhaften Komponisten eingelegt. Boshafte Zungen wollten behaupten, daß dies nur geschehen, um die Besprechung des seit Jahrzehnten hier nicht aufgeführten Stückes zu verdecken; wäre dies die Absicht gewesen, so wäre sie vereitelt worden, denn die Gespräche gingen lebhaft, im Publikum wie in der Hofloge. Der König sprach mit dem Intendanten und dieser sagte: »Lessing hat in diesem Rota eine ebenso kleine als beifallsichere Rolle geschrieben. Darin bewährt sich der Meister. Und es hat noch das Gute, daß man die Rolle von einem Veteranen spielen lassen kann.« Die Königin schaute verwundert um. Sind denn das nur Rollen, nicht lebenerschütternde Thatsachen? Das Stück nahm seinen weiteren Verlauf. Die Scene zwischen Appiani und Marinelli wurde stürmisch beklatscht. Die Königin, die sich sonst in den Zwischenakten immer in den Salon neben der Loge zurückzog, verließ heute ihren Platz nicht; auch Irma als erste dienstthuende Hofdame mußte bleiben. Der Oberhofmarschall sagte zwischen dem dritten und vierten Akt im Korridor zu Bronnen: »Wenn nur dies verdammte Demokratenstück schon abgespielt wäre. Der süße Pöbel da unten kann demonstrativ werden.« Es kam der vierte Akt, die Scene zwischen Orsina und Marinelli. Die Königin hielt ihren Fächer krampfhaft in der Hand. Es war eine übermächtige Anstrengung in ihrer Seele. Sie hörte und sah, was auf der Bühne vorging, und lauschte mit angestrengter Aufmerksamkeit auf den Atem Irmas hinter ihr, wie er schneller, wie er lauter ging; sie wollte sich plötzlich umwenden und ihr ins Angesicht schauen, aber sie wagte es nicht; sie sah die Gestalten auf der Bühne und streifte mit dem Blick das Antlitz ihres Gatten. Es war doppeltes Hören und doppeltes Sehen in ihr. Sie mußte sich zwingen, ihren Atem ruhig zu halten. Die Scene ging weiter. Orsina und Odoardo – wenn jetzt Irma hinter ihr in Ohnmacht sinkt ... was dann? Was hat sie gethan, daß sie das Stück aufführen ließ? Die Scene geht weiter, Orsina gibt dem Vater den Dolch, sie steigert sich zuletzt zur Wutphantasie. »Wenn wir einmal alle – wir, das ganze Heer der Verlassenen, wir alle, in Bacchantinnen und Furien verwandelt, wenn wir alle ihn unter uns hätten, ihn unter uns zerrissen, zerfleischten, sein Eingeweide durchwühlten – um das Herz zu finden, das der Verräter einer jeden versprach und keiner gab! Ha! das sollte ein Tanz werden! das sollte!« Wenn jetzt Irma laut aufschreit? ... Die Königin faßte krampfhaft die Brüstung, es ist ihr, als müßte sie Hinausrufen ins Volk. Es blieb alles ruhig. Als die Scene vorüber war, wendete sich der König zu Irma und sagte in leichtem Tone: »Die Müller spielt vortrefflich.« »Ueberraschend, Majestät, im einzelnen aber etwas chargiert. Die Worte: »Ich habe hier nichts zu verzeihen, denn ich habe hier nichts übelzunehmen,« hat sie zu scharf geknirscht: sie hat ihre Stimme zu sehr geschminkt. Die offen Gekränkte müßte mehr wie Dolchzücken sprechen, man müßte den Dolch schon in den Worten sehen, bevor er als scharfes Eisen gezeigt wird.« Irmas Stimme war fest und klar, nichts zitterte in ihr. Die Königin breitete ihren Fächer aus und fächelte sich in schnellen Bewegungen Kühlung ins Antlitz. So könnte niemand sprechen, der sich an die Brust schlagen müßte. Die Stimme wäre zerbrochen und das Antlitz versteinert bei solchem Anblick ... Die Königin wandte sich um und nickte Irma freundlich zu. »Ich bin stärker, als ich wußte,« sagte sich Irma und glättete ihre Handschuhe. Als sie Odoardo hatte sprechen hören, breitete sich's ihr wie Nebel vor die Augen: wenn das ihr Vater wäre – und er konnte es sein .... In ihrem Innern schrie etwas auf, aber der Schrei kam nicht auf die Lippen. Jetzt war sie wieder gefaßt und ruhig. Das Schauspiel ging ohne Zwischenfall zu Ende! nur ließ sich's das Publikum nicht nehmen, den Darsteller des Odoardo Galotti dreimal herauszurufen. Auch der König applaudierte. Der Hof begab sich nach dem Schlosse zurück: man versammelte sich zum Thee bei der Königin. Die Königin war heiter, wie nach einer überstandenen Gefahr. Es war eine Beweglichkeit und Freiheit in ihrem Wesen, die man lange nicht an ihr bemerkt hatte: eine dämonische Last war von ihrer Seele genommen – sie war jetzt frei und gelobte sich, nie mehr niedrig von jemand zu denken, von ihren Nächsten vor allem nicht. Man saß beim Thee und die Königin fragte ihren Gatten: »Du hast das Stück wohl auch zum erstenmal gesehen?« »O nein, ich habe es auf der Reise gesehen, ich weiß nicht mehr wo. Ich finde es sehr angemessen,« wendete er sich zum Intendanten, »daß Sie, lieber Schöning, das Stück im Kostüm des vorigen Jahrhunderts geben ließen: ich habe es früher in moderner Tracht gesehen. Das macht sich höchst unpassend. Trotz der Klassizität liegt auf all dem etwas Puder, den man nicht wegblasen darf, sonst wird die ganze Affaire, alles, was gethan und gesprochen wird, unnatürlich.« Der Intendant war glücklich. »Wie finden Sie das Stück?« fragte der König den Leibarzt. »Majestät, das Stück ist ein klassisches.« »Sie sind doch sonst nicht orthodox.« »Und bin es auch hierin nicht,« entgegnete Günther. »Ich darf sagen, daß ich Lessing von ganzer Seele verehre, ja vielleicht etwas zu ausschließlich: aber in diesem Stück ist Lessing noch nicht zur Ruhe der Freiheit durchgedrungen, es ist ein Produkt der edelsten Melancholie, was man in unsern Tagen auch Zerrissenheit nennt: denn die Rechnung schließt am Ende nicht ab, es bleibt ein tiefer Bruch. Das kommt aber wesentlich davon her, daß ein großer weltgeschichtlicher Stoff aus der Römerzeit in Kabinett und Lustschloß eines kleinen italienischen Fürsten verlegt ist.« »Wie meinen Sie das?« fragte der König. Der Leibarzt setzte auseinander: »In diesem Stück ist ein Pathos der Verzweiflung, das sich bis zur Schlußfrage spitzt: ›Ist es nicht genug, daß Fürsten Menschen sind, müssen sich auch noch Teufel in ihren Freund verstellen?‹ Man könnte annehmen, daß das Gefühl dieser Erkenntnis eine Strafe ist, die der Fürst sein Leben lang nicht mehr los wird. Der Fürst muß ein andrer werden von da an. Aber diese epigrammatisch gefaßte Erkenntnis der eigenen Schwäche und der Schlechtigkeit der Umgebung erscheint mir nicht als volle und faktische Sühne. Eine Frage, und eine solche am Schlusse des Dramas, das uns versöhnt mit dem ewigen Gesetze entlassen soll – ist nur möglich, weil der Grundton des Ganzen sarkastisch ist und in den bittern Worten liegt: ›Wer über gewisse Dinge den Verstand nicht verliert, der hat keinen zu verlieren.‹ Der ganze Mangel des Stückes – es entspricht dem Wahrheitsgesetz Lessings, wenn man sich autoritätslos verhält – der unbeglichene Bruch liegt darin, daß Lessing die That des Virginius vom römischen Forum auf das Parkett, aus der leidenschaftlichen Hand des Bürgers, der eben das Schlachtmesser in der Hand hat, in die des malcontenten Obersten Galotti verlegt hat. Die That des Virginius ist die Wendung einer großen politischen Katastrophe – nach ihr bricht die Revolution herein und sühnt: hier aber ist diese That folgenlos an den Schluß gesetzt und sühnt nichts. Darum entläßt uns dieses Stück mit einer Frage, die eigentlich eine Dissonanz ist.« Man war befriedigt von dieser Auseinandersetzung, trotzdem anfangs sich eine seltsame Schärfe eingemischt hatte. Sie hob die ganze Sache und den doch etwas peinlichen Eindruck in die kühle kritische Atmosphäre. »Mir ist etwas besonderes aufgefallen,« sagte Irma: sie glaubte nicht still bleiben zu dürfen. »Ich habe zwei Ehegeschichten in dem Stücke gefunden.« »Ehegeschichten? Und sogar zwei?« wurde gefragt. »Allerdings. Emilia ist das Kind einer unglücklichen, oder ehrlicher gesagt, einer bösen Ehe. Diese rauhe Tugend Odoardo und diese konziliante Claudia haben eine entsetzliche Ehe geführt und sich endlich anständig getrennt. Er lebt auf dem Gute, sie läßt der Tochter in der Stadt die letzte Politur geben; Emilia muß sehr viel Klavier üben. Papa Odoardo sitzt immer auch moralisch zu Pferde; Madame Claudia ist eine sehr weltlich gesinnte Gesellschaftsdame. Das Kind dieser Ehe ist nun Emilia, und ihre Ehe mit Appiani wäre ganz dieselbe geworden, wie die ihrer Eltern.« »Fein ergründet,« sagte der König, und von seinem Zuruf belebt, fuhr Irma fort: »Die Großmutter Emilias hat vielleicht gesagt: Ich bin nicht glücklich, meine Tochter Claudia soll es werden mit dem braven Odoardo, damals eben erst Hauptmann. Und nun sagte Mutter Claudia: Ich bin nicht glücklich, meine Tochter Emilia soll es werden, und Emilia würde künftig auch gesagt haben: Ich bin nicht glücklich, meine Tochter u.s.w. Das ist eine ewige Kette von Elend und Resignation. Wer ist denn dieser Herr Appiani? Ein hypochondrischer Legationsrat außer Dienst, der seine Frau eigentlich um des biedern Schwiegervaters willen heiratet und ihr geradeso predigen wird, wie weiland Odoardo, und ebensoviel Wirkung haben wird, wie weiland Odoardo. Appiani war den Schuß Pulver wert, oder auch noch einen zweiten, wie Marinelli meint – warum hat er kein Auge für die Toilette seiner Braut! Im nächsten Winter auf dem Lande wäre Emilia Appiani vor Langeweile gestorben, oder hätte sich verwandelt und eine Kleinkinderschule auf ihrem Gute errichtet. Wenn Emilia singen würde, sie müßte ähnliche Melodien haben, wie Mozarts Zerline, und Masetto-Appiani spürt's, daß er dahin nicht paßt, und er hat recht – obgleich er sich's nicht erklären kann – daß er vor der Trauung so schwermütig ist. Appiani dürfte nur eine Witwe mit sieben Kindern heiraten; der Mensch hat von Natur eine Witibseele. Wenn er sich mit seiner Frau gezankt hat, wird er nach dieser Motion auch sagen, wie nach dem Zank mit Marinelli: ›Ah, das hat gut gethan, mein Blut ist in Wallung gekommen, ich fühle mich anders und besser.‹ Emilia liebt den Prinzen, darum fürchtet sie ihn; ihr notariell verschriebener Bräutigam wird nur ihr Mann, war nie ihr Geliebter. – Ich würde Appiani zum Landtags-Abgeordneten, aber nicht zum Gatten wählen. Solch ein Mann darf gar nicht oder nur eine Frau heiraten, die Suppenanstalten gründet, aber keine Emilia, die kokett genug ist, zu wissen, was ihr gut steht.« Die Wangen Irmas glühten, als sie so sprach; sie hatte das Gefühl, als ob sie auf einem wilden Renner durch Wald und Feld reite, und in der That, als sie einmal mit Bitterkeit begonnen, trug ihre Phantasie sie von selbst weiter und kühn über alles hinweg. Sie hatte sich alles Bangen weggesprochen, und mit stolzem Selbstgefühl empfand sie jetzt, wie sie das Leben und alles um sie her beherrschte. Der Abend, der so gewitterschwer gedroht hatte, brachte nur erfrischende Kühlung und reinigte die Atmosphäre. Die Königin atmete leicht auf und fühlte sich glücklich, in den Kreis guter und geistig bedeutender Menschen versetzt zu sein. Baum war nach dem Theater noch zu Walpurga geeilt und erzählte ihr: »Das war heute ein Stück! Mich wundert's, daß man so etwas frei daherspielen darf. Da ist ein Prinz, der will eben eine Prinzessin heiraten und hat eine alte Geliebte – sie ist aber noch schön – die will er abschaffen und sich einstweilen eine neue anschaffen, die ist gar schön, aber an dem Tag ist ihre Hochzeit. Und da hat der Prinz einen Kammerherrn, der ist der Freund vom Prinzen, aber der Prinz geht hart mit ihm um, wenn er ihm nicht gleich herbringt, was er mag! er spricht per Er mit ihm und heißt ihn einen Narren, und nachher fällt er ihm gleich wieder um den Hals. Also der Kammerherr läßt den Bräutigam totschießen und die Braut rauben: aber da kommt die alte Geliebte und trifft den Vater der Emilia Galotti und hetzt ihn auf, und der Vater sticht seine Tochter tot.« »Und was geschieht nachher dem Prinzen und dem Kammerherrn?« fragte Walpurga. »Das weiß ich nicht.« »Sag noch einmal,« fragte Walpurga, »wie hat der Name geheißen von der Braut?« »Da hast du den Zettel, da steht alles drauf.« Walpurga las den Zettel, er zitterte in ihrer Hand. Da stehen Namen, die der König und Irma damals miteinander gesprochen, wo sie nichts davon verstanden hat. »Also die Geschichte habt ihr aufführen lassen? O ihr ... o ihr alle miteinander seid ... ich weiß schon –« Die Warnung der Mamsell Krämer half – Walpurga wagte nicht die Worte hinzuzusetzen, die sie in Gedanken hatte.... Am andern Abend war Hofkonzert. Der große Saal im Mittelbau mit seiner vortrefflichen Akustik war reich gefüllt mit Männern in Uniform und Dekorationen und schön geputzten Frauen. Der engere Hofkreis befand sich im Saal, die Geladenen in den Nebenräumen und auf den Galerien. Diejenigen, die zum kleinen Zirkel der Königin gehörten und erst gestern sich zusammengefunden hatten, begrüßten einander mit einer gewissen familienhaften Vertraulichkeit; man hielt heute nicht zusammen, man hatte die Pflicht, mit den nur seltener Geladenen zu sprechen. Der König war in Husarenuniform und in bester Laune; während der Pausen ging er durch die Säle und sprach bald diesen, bald jenen an und hatte für jeden ein beglückendes Wort. Die Königin sah leidend aus und that sich offenbar Zwang an, ihre Haltung zu bewahren. Irma hatte die Gewohnheit, mit Sängern und Sängerinnen, die auf einem abgeschlossenen erhöhten Sitz ihre Stücke vortrugen, sich heiter zu besprechen. Böse Zungen behaupteten, sie wolle sich dadurch nur vor aller Welt in ihrem Leutseligkeitsschmucke zeigen, aber Irma glaubte einfach, sich den Künstlern und Künstlerinnen menschlich nahestellen zu müssen. Der Leibarzt stand mit dem Direktor der Kunstakademie und dem Generalintendanten Schöning in einem Gespräch. Es handelte sich um Entwürfe zur malerischen Ausschmückung des neuen Parlamentshauses, denn auch ein solches hatte der König bereits gebaut. Der Künstler sprach sein Bedauern aus, daß sich keine feste Gestalt für die Darstellung der Verfassung geben lasse; eine weibliche antike Figur mit einem Blatt Papier und dergleichen bleibe immer unzulänglich und allegorisch kalt. »Sie erwecken in mir einen alten Gedanken,« erwiderte der Intendant, »es fehlt uns die mythenbildende und, erlauben Sie mir den Ausdruck, hier speziell die hofcharge-bildende Kraft. In gleicher Weise, wie es einen Feldmarschall gibt, sollte es eine Hofcharge geben, die – ich meine es im Ernst – als Verfassungsherold oder dergleichen bei wichtigen Aktionen immer den Vortritt hätte und bei Hofe immer die Verfassung repräsentierte. Glauben Sie mir, die Verfassung ist nicht hoffähig, ich meine, sie ist nicht repräsentiert und bleibt deshalb fremd bei Hofe. Stimmen Sie mir nicht auch bei, Herr Geheimrat?« Der Leibarzt antwortete, sich aus einer Zerstreuung gewaltsam fassend: »Es geht nun einmal nicht mehr, dasjenige, was wir mit Maß und Wage oder gar als klaren Gedanken erfaßt, in mythische und symbolische Gestalten zu übersetzen; das käme auf den gleichen mißlungenen Versuch hinaus, eine Göttin der Vernunft darstellen zu wollen.« Er sprach zerstreut, denn er schaute immer hinüber zu Irma. Jetzt ging sie in die Gesellschaft zurück, der Leibarzt trat ihr in den Weg und sie sagte: »Ach! heutigestags ist alles nur Programm. In alten Zeiten hieß der König einen Sänger mit der Harfe zu sich kommen und der Alte mit dem weißen Barte sang seine überraschenden Lieder; heutigestags muß ein ganzes Orchester her und ein Dutzend Sänger und Sängerinnen, und man hat das musikalische Menü in der Hand.« Der Leibarzt schien nicht geneigt, hierauf einzugehen, er erwiderte: »Ich habe viel über Ihre gestrigen Bemerkungen nachgedacht.« »Ich denke nie über eine gestrige Bemerkung nach.« »Aber ich bin Pedant und muß das. Sie haben recht, Emilia wäre mit Appiani nicht glücklich geworden.« »Es freut mich, daß Sie mir recht geben.« »Glauben Sie, daß Emilia mit dem Fürsten glücklich geworden wäre?« »Ja.« »Und wie lange?« »Das weiß ich nicht.« »Sie wäre bald enttäuscht worden, denn dieser Fürst ist ein Genießling, der überall nur herumnascht, in der Kunst, wie im Leben, mit einem Wort: ein Dilettant. So lange der Dilettant jung ist, gibt ihm die Grazie der Jugend, die Schnellkraft seiner Bewegungen das, was man interessantes Air nennt; aber wird der Dilettant älter, dann kopiert er sich selbst, kaut die paar Phrasen wieder, die er von andern gehört oder sich selbst zurechtgestümpert hat; er legt sich das Rot jugendlicher Schwärmerei wie eine Schminke auf die Seele, darunter aber ist alles welk, nichtig, morsch und brüchig. Lessing hat nicht umsonst Hettore jung und schön geschildert, der eben erst eine legitime Heirat abschließen soll, er will ja Appiani zum Gesandten bei seinem Schwiegervater machen – sind Sie nicht auch meiner Meinung?« fragte der Leibarzt endlich, da Irma gar nicht antworten wollte. »Ach, entschuldigen Sie,« versetzte sie, »ich habe mich heute so voll Musik getrunken, daß ich keine Erinnerung mehr habe an die trockene Speise von gestern.« Sie grüßte freundlich und verschwand im Gewühl. Elftes Kapitel. Der Karneval am Hofe war diesmal still; man hatte indes schon im voraus sein gut Teil Festlichkeiten eingeheimst. Die Königin war krank. Die Gemütsbewegungen der letzten Wochen hatten ihre Kraft erschüttert. Man fürchtete für ihr Leben. Irma kam selten zu Walpurga. Sie war meist in den Gemächern der Königin, und wenn sie kam, sah sie bleich und abgehärmt aus. Walpurga spann ruhig weiter und das Kind an ihrer Brust gedieh. »O, wie wahr hat unsre gute Königin gesprochen. Gott Lob und Dank, hat sie einmal zum Prinzen gesagt, Gott Lob und Dank, daß du gesund und los von mir bist, mein Kind; du lebst jetzt für dich allein fort. Ja, sie hat allem ins innerste Herz hineingesehen, und ich meine, sie wäre zu gut für diese Welt. Meine Mutter hat's tausendmal gesagt: Menschen, die gar so arg gut sind und nicht einmal so rechtschaffen zornig und bös werden können und um sich hauen, die holt unser Herrgott bald zu sich. Ach, wenn ich nur meinen Prinzen mit heimnehmen könnte! Jetzt kommt bald das Frühjahr. Du lieber Gott, wenn er da seine Mutter verlieren sollte und mich dazu –« So klagte Walpurga zu Mamsell Kramer, und diese hatte schwere Mühe, sie zu trösten. Baum wußte es einzurichten, daß er immer etwas in den Gemächern des Kronprinzen zu bestellen und herzurichten hatte. Er war nicht mehr zudringlich gegen Walpurga, er zeigte sich ihr nur sehr dankbar und gefällig. Er mußte ihre Teilnahme gewinnen, das ist mehr wert, als alles andre. Als nun Walpurga auch ihm klagte, fragte er: »Mein' ich's gut mit dir?« »Ja, das kann ich nicht anders sagen,« entgegnete Walpurga. »So merk auf, was ich dir sage: Es gibt nichts Langweiligeres, Kargeres und Geizigeres, als so eine einfältige gute Ehe, was man so eine gute Ehe heißt. Was hat man denn davon? Seinen Lohn und einmal ein Trinkgeld von einer fremden Herrschaft und ein paar Flaschen Wein, die man stipitzen kann. Zu Zeiten der Baronin von Steigeneck war's anders, da sind die Kammerdiener und alles, was um sie gewesen, reich geworden und haben Häuser in der Stadt und Hypotheken und Rittergüter. Nun, Gottlob, jetzt wird's auch wieder anders.« »Ich weiß nicht, was du meinst,« sagte Walpurga. »Ich wollte,« entgegnete Baum, »ich wäre nur eine Stunde lang an deiner Stelle; auf dich hält sie ja am meisten, und bei dir haben sie sich ja verständigt, und wenn du willst, kannst du Geld genug und ein Gut mit Wald und Feld und Wiesen haben. Für mich bitte ich dich nur um die Stelle als Kastellan auf der Sommerburg.« »Ich soll das alles können? Bei wem denn und wie denn?« »O du – ,« lachte Baum. »Merkst denn nichts? Hast denn keine Augen im Kopf? Wenn die Königin stirbt, heiratet der König deine Gräfin, sie ist eine reichsfreie Gräfin und kann jeden König heiraten; und wenn die Königin nicht stirbt, ist's auch gut.« »Ich möchte dir die Faust ins Gesicht schlagen, weil du so was sagst, und da gehst du nachher wieder hin und machst einen Katzenbuckel? Wie kannst du so etwas sagen?« »Wenn's aber wahr ist?« »Es ist aber nicht wahr!« »Wenn's aber doch wäre?« »Es kann nicht sein!« »Und ich sag' dir, es ist!« »Und wenn's wäre – o verzeih', gute Gräfin, aber ich denk's ja nicht, der da sagt's nur, und wenn's wäre, ehe thäte ich meinen Mund auf einen Stein aufschlagen, eh' ich um einen Sündenlohn bitten möcht'. Du bist aber schlecht, und wenn du noch einmal so was sagst, geb' ich dich an, verlaß dich drauf!« Baum that, als ob er nur Spaß gemacht, aber Walpurga wollte darin auch keinen Spaß verstehen, und er war froh, als sie ihm endlich versprach, wenigstens still zu sein, und schließlich braucht er keinen Vermittler, er wird schon für sich selbst sorgen ... Die Zimmer der Gräfin Irma waren gerade unter denen des Kronprinzen und Walpurgas, nur durch den Boden getrennt. Hier unten ging während dessen eine Scene ganz andrer Art vor. Bruno saß bei seiner Schwester und sagte: »Das ist ein Malheur, und ich kann dir leider nicht verhehlen, daß du daran schuld bist: Mutter Sylphe ist mir auf den Hals gekommen und geniert mich entsetzlich.« »Wer denn?« »Meine Schwiegermutter ist da und hat mir lachenden Mundes zu verstehen gegeben: Da meine Schwester ... so könnte sie nun auch hier sein.« Irma bedeckte sich das Gesicht mit beiden Händen. »So glaubst auch du?« »Was liegt dir an meinem Glauben? Man spricht davon. Das ist genug.« »Das ist nicht genug. Ich werde die Menschen lehren anders zu sprechen.« »Gut, geh von Haus zu Haus, von Frau zu Frau, von Mann zu Mann und sage ihnen, sie sollen anders denken. Aber es gibt ein Mittel, wie du das kannst – darf ich's nennen?« Irma nickte schweigend. »Der Intendant hat, ich weiß das, im vorigen Sommer offen um deine Hand geworben. Es wird ihm eine Ehre sein, dich seine Frau zu nennen. Entschließe dich!« Ein Diener trat ein und meldete den Intendanten. »Wunderbares Zusammentreffen! Entschließe dich schnell!« Der Intendant erschien. Bruno begrüßte ihn mit besonderer Vertraulichkeit. Auch Irma war freundlich. Nach einer Weile entfernte sich Bruno. Der Intendant überreichte Irma ein Bühnenmanuskript und bat, es zu lesen, um ihr Urteil darüber abzugeben. Sie empfing es dankend und legte es auf einen Tisch. »Ach, wenn der Frühling kommt, will ich gar nichts mehr vom Theater hören. Unser Theater ist eine Winterpflanze.« »Das Stück ist auch für die nächste Wintersaison.« »Ich kann nicht sagen, wie ich mich auf den Sommer freue, wenn alles so kahl und öde ist, glaubt man gar nicht, daß einmal die Sonne schien und die Bäume grünten und der See blinkte. Denken Sie an den sonnenduftigen Tag, als wir uns im vorigen Sommer auf dem See trafen?« »O, wohl denke ich dran.« Es trat eine längere Pause ein. Irma wartete auf eine weitere Rede des Intendanten, aber er schwieg und man hörte nichts, als das Klettern des Papageis im Käfig und wie er, jetzt seinen Schnabel in das goldene Gitter einhackend, in sich hinein knurrte. »Ich sehne mich danach,« begann Irma wieder, »im Sommer meine Freundin Emmy zu besuchen, ich will mich in Einsamkeit baden. Dieser Winter war doch zu lärmend und unruhvoll.« »Ja, und dazu die Krankheit der Königin.« Der Papagei zerrte am goldenen Gitter und Irma lockerte etwas das rote Sammetband an ihrem Morgenkleid. »Werden Sie wieder nach dem See gehen?« stieß Irma bebend heraus. »Nein, teure Gräfin. Ich werde die deutschen Theater besuchen, um einen zweiten Baß, vor allem aber einen jugendlichen Liebhaber zu engagieren. Sie glauben gar nicht, welch ein Mangel an jugendlichen Liebhabern in der deutschen Welt ist.« Irma lachte hell, aber alles Blut stieg ihr zu Kopfe, sie meinte, sie müsse umsinken. Der Diener meldete die Baronin Steigeneck. »Ich bin nicht zu Hause,« erwiderte Irma rasch. »Bleiben Sie noch einen Augenblick,« sagte sie zum Intendanten. Der Intendant blieb noch eine Weile, sprach von dem Manuskript, das auf dem Tische lag, und erklärte, daß die rotangestrichenen Stellen Kürzungen bedeuten. Irma versprach, das Stück zu lesen, sie dankte für die gute Meinung, die er von ihrem Urteile habe, und sprach in der gleichgültigsten Weise, bis er ging. Als aber der Intendant fort war, warf sie sich aufs Sofa und weinte lange und bitterlich. Ihr schöner Leib zuckte auf und nieder im heftigen Weinen. Sie blickte verwirrt umher, wie aus der leeren Luft hatte es zu ihr gesprochen: Du wolltest ... Ist das der notwendige Weg dessen, der von der geraden Straße abging, daß er in den Sumpf der Selbsterniedrigung gerate? ... Plötzlich erhob sie sich, schüttelte kühn das Haupt und strich sich die Locken aus dem Gesicht; ihre Lippen schwellten sich und sie befahl, daß man anspanne. Sie wollte nach der Werkstatt des Bildhauers fahren, um dort zu arbeiten. Der Diener meldete den Oberst v. Bronnen. »Ist willkommen,« nickte Irma. Der Oberst trat ein. Irma entschuldigte, daß sie ihn im Hute empfange; sie wollte eben ausfahren. »So will ich ein andermal kommen, gnädige Gräfin, und heute nur meine Grüße bestellen.« »Grüße?« »Ja, von Ihrem Herrn Vater.« »Von meinem Vater? Wo haben Sie ihn gesprochen.« »Auf Wildenort.« »Sie waren dort?« »Ja. Ich hatte in Ihrer Heimat etwas zu besorgen und da führte ich mich ohne weitere Empfehlung selbst bei Ihrem Herrn Vater ein. Ich durfte sagen, daß ich zu Ihren näheren Freunden gehöre, liebe Gräfin.« »Und wie lebt mein Vater?« »Wie der Vater einer solchen Tochter leben muß.« »Einer solchen Tochter?« – »Bitte, werteste Gräfin, Sie sind in Eile und ich selber – ich bin noch ganz voll von dem hohen Werte dieses Mannes und mochte gern, daß wir beiderseits in Ruhe –« »Ich bin's. Bitte, haben Sie einen Auftrag?« »Nein. Ich glaube erst jetzt, Sie, liebe Gräfin, recht zu verstehen. – O, Gräfin, was für ein Mann ist das, Ihr Herr Vater!« Irma schaute betroffen um – es war ihr, als ob sie plötzlich Appiani von Odoardo sprechen höre. Der Oberst fuhr ruhig fort: »Gnädige Gräfin, ich bin kein schwärmerischer Jüngling, aber in den Stunden, da ich Ihrem Herrn Vater nahe sein durfte, erweckte sein Geisteshauch das erhöhte Dasein wieder, das man einst schaffen zu können hoffte. Es gibt keine schöne Gemeinschaft, wo man nicht sich selbst auch wohlwollend betrachtet weiß. Ich darf sagen, daß mir das Glück geworden, mir die Wohlmeinung Ihres Herrn Vaters zu gewinnen.« »Sie verdienen es vollkommen! Erlauben Sie, daß ich meinen Hut ablege; setzen Sie sich, erzählen Sie mir mehr von meinem Vater!« Sie that den Hut ab, sie sah schön aus, hocherregt. Sie klingelte und ließ den Wagen wieder abbestellen. Der Oberst setzte sich. »Nun erzählen Sie!« sagte Irma, die Locken zurückwerfend; ihr Antlitz war heiter gespannt. »Wenn ich Ihnen sage,« erwiderte Bronnen stockend, »daß ich hohe Stunden gelebt, aber nichts Bestimmtes zu erzählen weiß, so werden Sie, gerade Sie das verstehen. Wenn man beim wonnigen Schweifen durch den Wald sich einen Zweig auf den Hut steckt, was kann der abgebrochene Zweig sagen von Waldesrauschen und freiem Bergesatem? Er gibt nur ein Zeichen uns und den Begegnenden, warum unser ganzes Wesen so froh gespannt ist.« »Ich verstehe,« sagte Irma. Geraume Zeit saßen die beiden einander still gegenüber. »Hat mein Vater auch von meinem Bruder gesprochen?« »Nein. Das Wort Sohn kam nicht über seine Lippen. O, Gräfin! Es ist beseligende Wiedergeburt des Menschen, daß es ihm gegeben sein kann, in freier Liebe Sohn zu werden – –« Der Atem des stattlichen Mannes ging schwer. Irma durchzuckte es, ihr Herz pochte schnell. Da ist ein hoch angesehener edler Mann, er bietet ihr Herz und Hand, ja auch das Herz, und – sie hat ihm keines dafür zu geben. Sie fühlte in stechender Pein, wie es sich in ihr zusammenkrampft. »Ich bin glücklich,« sagte sie, »ich bin glücklich ... für meinen Vater, daß er in seiner Vereinsamung doch wieder gesehen hat, in der bewegten Hofwelt leben würdige, alles Beste in sich darstellende Männer, wie Sie. – Bitte, nehmen Sie meine herzliche Meinung ohne Ablehnung an; ich weiß, das Echte ist immer bescheiden, weil es sich nie selbst genügt.« »Ganz dasselbe hat Ihr Herr Vater gesagt, denselben Gedanken mit denselben Worten.« »Ich glaube, ich habe diese Erkenntnis auch von ihm, wenigstens habe ich sie an ihm gelernt. Ich hätte Sie beide beisammen sehen mögen. Ihre Anwesenheit muß ihm wieder Glauben an die Menschen gegeben haben. Sie sind ein guter Bote, und weil Sie selbst so gut sind, glauben Sie auch das Gute.« »Wo ich einmal geachtet und geliebt habe,« entgegnete Bronnen, »bleibe ich unerschütterlich. Ich möchte Ihrem Herrn Vater bald schreiben. Liebe Gräfin, ich möchte ihm gern das Beste und mit dem besten Worte schreiben, das die Sprache hat – Gräfin Irma, ich möchte ihm sagen ...« »Mein lieber Freund« – fiel Irma ein – »ich bin eine einsame Natur, wie mein Vater. Ich danke Ihnen. Sie wissen nicht, wie wohl mir Ihr Kommen gethan und alles, was Sie mir gesagt haben. Ich danke Ihnen, ich danke Ihnen herzlich! Wir bleiben Freunde. Geben Sie mir Ihre Hand. Wir bleiben Freunde, ganz so, wie wir es waren. Ich danke Ihnen.« – Ihre Stimme stockte vor Thränen. Der Oberst empfahl sich. Irma war allein. Sie lag auf dem Boden knieend am Sofa. Durch ihre Seele zog Unsagbares. Der Geck hat sie verworfen. – Hier kam ein Mann, würdig des besten Weibes, er vertraute ihr, er liebte sie und – sie hat ihn abgelehnt. Dies redliche und gute Herz hat das Recht auf volle unbegrenzte Liebe. Aus Beschämung und Zerrissenheit lebte sie neu auf. Wie kühlender Tau wollte es sich auf ihre Stirn legen im Gedanken, daß sie einfach ehrlich gehandelt. Aber in alles fiel wieder ein bitterer Tropfen: wie weit ist es mit dir gekommen, daß du aus der einfachen Ehrlichkeit dir einen Schmuck machen mußt? Und der Mann, der nun verschmäht allein ist – wo ist ein Mädchen, das, wenn es nicht durch Liebe gebunden, ihn verschmähen darf? Er muß dich und deine Liebe achten ..... Sie wußte nicht, wie lange sie so gelegen; sie lachte und weinte, sie trauerte und jubelte .... Die Kammerfrau trat ein. Es war Zeit, sich zur Tafel anzukleiden. Zwölftes Kapitel. Die Königin war krank. Sie wurde gerettet. Eine Hoffnung ging verloren. Es war ein stürmischer Frühlingsmorgen, da trug der Lakai Baum einen kleinen Sarg mit der Leiche eines totgeborenen Kindes die Hintertreppe des Schlosses hinab. Baum ging so leise, er trat so unhörbar auf, daß er seine eigenen Schritte nicht hörte. Ihm folgte Madame Leoni, die Kammerfrau der Königin, die sich ein weißes Tuch an die Augen hielt. Drunten hielt ein Wagen. Baum mußte dem Kutscher, der keine Hoflivree trug, erst sagen, wohin er zu fahren habe. Fast niemand im Schlosse wußte, was hier vorgeht. Man fuhr zur Stadt hinaus auf den Kirchhof. Was nicht Namen hat, kommt nicht in die Gruft, das wird im öffentlichen freien Kirchhof begraben. Der Totengräber wartete, die kleine Leiche ward in die offene Gruft gesenkt, namenlos, zeichenlos. Um dieselbe Stunde, als Baum und Madame Leoni draußen auf dem Kirchhof waren, schrieb Walpurga nach Hause: .... »Gott sei Lob und Dank, daß das nun vorbei ist. Jetzt seh' ich doch wieder hinaus, wie es einmal anders wird, das waren schreckliche Zeiten. Wenn alles gut geht, ist nur noch siebenmal Sonntag, bis ich wieder bei Euch daheim bin. Ich kann's gar nicht glauben, daß es möglich ist, daß ich wieder von hier fortgehen muß, und doch will ich Gott tausendmal danken, wenn ich wieder bei Euch bin. Ich werde hier noch ganz dumm von dem vielen Denken, und Elend ist überall, und die Menschen freuen sich, wenn eines schlecht ist, und wenn's auch nicht wahr ist, so denken sie sich's doch aus und das schmeckt ihnen gut. Es ist davon die Rede gewesen, daß wir hier eine Anstellung bekommen sollen, wo wir es alle gut haben sollen für unser Leben lang, aber meine Königin hat gesagt, es ist besser, ich gehe wieder heim, und was die sagt, ist gut, sie ist die wahre Königin, so muß eine sein, die hat Gott dazu gemacht. Ich möchte nur wissen, warum sie so viel leiden muß. O! was haben wir ausgestanden! Wir haben jede Minute gemeint, die Königin – so gibt's keine Seel' mehr auf der Welt, und sie hat auch viel auszustehen gehabt, und Menschen sind wir alle. Aber jetzt ist gottlob alles vorbei. Der Leibarzt hat mir gesagt, daß keine Gefahr mehr ist, freilich, was man gehofft hat, auch nicht. Ich kann Euch nicht sagen, wie mir's gewesen ist, daß ich so gesund bin und hab' immer gemeint, ich muß hin zur Königin und muß mir alle Adern schlagen lassen und ihr mein Blut geben, daß sie gesund wird. So oft ich gekonnt hab', bin ich hinunter in die Kirche, wir haben hier die Kirche im Haus, und hab' gebetet für die Königin. Und meine Gräfin hat sich gar nicht bei mir sehen lassen, die soll aussehen wie der Schatten an der Wand. Hier sind alle Hausgänge geheizt, das ganze Haus ist wie eine einzige warme Stube, und alles, was im Schloß einander begegnet ist, hat einander angesehen, als ob man gar nicht da wäre. Und die Königin hat den Abend, wo sie geglaubt hat, daß sie sterben müßte, mich rufen lassen und ihr Kind. Sie hat nicht viel gesprochen, aber die Augen haben alles gesagt. Und jetzt, Hansei, halt Dich bereit, Du mußt mich holen. Wenn ich Dir wieder schreibe, geb' ich Dir gleich den Tag an, wann Du kommen mußt. O, ich mein', ich muß über die Tage wegfliegen. Tief im Herzen weh thut mir's, daß ich meinen Prinzen verlassen muß, er ist gar gut zu mir, aber ich kann nicht, ich hab' mein eigen Kind und meinen eigenen Mann und meine eigene Mutter daheim, und möcht' nicht mehr dienen und draußen sein in der Welt. Ist bei Euch auch so grausamer Sturmwind? Ach, der Wind weht so schnell! Wenn ich nur mit ihm heimfliegen könnte! Vergangene Nacht hat's vor meinem Fenster einen Baum umgerissen, ein schöner mächtiger Baum war's, und hat eine Figur zerschlagen, und alle sagen, die sei sehr schön gewesen; ich hab's nicht glauben können, daß so was schön ist, im Gegenteil, recht unverschämt ist sie dagestanden, daß man sich geschämt hat. Ich hab' den Baum und die Figur von meinem Fenster aus immer gesehen, und jetzt eben sind schon Leute daran, alles sauber zu machen, aus dem Weg und fort, was verdorben ist. Das machen sie hier gar schnell, sei es ein Baum oder eine Steinfigur oder ein totes Menschenkind. Verzeiht, daß ich so untereinander schreibe. Wenn ich wieder komm' und wenn ich hundert Jahr alt werde, ich kann nicht alles erzählen, was ich hier erlebt hab'. Und also, lieber Hansei, wenn Du kommst, zieh nur die Kleider an, die Dir der König geschickt hat, und auch ein feines Hemd von denen, die ich Dir zu Deiner Aussteuer gemacht hab', sie liegen im blauen Schrank oben links mit dem roten Band. Verzeih, daß ich Dir das alles so schreibe, Du hast ja leider Gottes fast ein Jahr lang allein für Dich sorgen müssen, und ich hab' Dir nichts helfen und herausthun können. Jetzt soll wieder alles sein. Ich mein', ich wäre schon wieder daheim und zupfe Dir den Hemdkragen zurecht, wenn wir am Sonntag den See entlang hinaufgehen zur Kirche. Ich mein', daß ich's gar nicht selber erlebt hab', und es wär' ein andrer Mensch gewesen, und ich mein', die Tage wären ein hoher Berg, wo man gar nicht drüber hinüber kommt. Aber es wird schon werden, und dann wollen wir lustig und glücklich sein, und gottlob, wir haben unsre gesunden Glieder und sind gut zu einander, von Herzen gut. Verzeihet mir alle, wenn ich Euch je mit einem Worte beleidigt habe. Wenn ich Dich da bei mir hätt', lieber Hansei, thät' ich Dich jetzt um den Hals nehmen und Dich abküssen, bis genug. Du bist mein Einziges auf der Welt, und mein Kind und meine Mutter. Ich spür's erst jetzt, wie lieb ich Euch hab', ich kann gar nicht begreifen, wie ich so viele Monate hab' von Euch sein können und bin nicht gestorben vor Jammer und Heimweh. Und bring auch eine große Kiste mit, ich hab' gar viel Sachen bekommen. Und bring mir auch etwas mit aus unsrem Garten, oder eine von meinen Nelken, die daheim gewachsen sind, und einen Schuh von meinem Kind. Aber ich schreib' Dir alles noch genauer, wenn ich Dir wieder schreibe. Ich kann mich gar nicht drein finden, wie die vornehmen Leute leben. Ich habe mir sagen lassen, daß sie ihre eigenen Toten gar nicht mehr anrühren und einkleiden; das lassen sie alles von fremden Menschen thun, die dafür bezahlt werden. Ich habe diesen Winter auch Flachs gesponnen zu Hemden für meinen Prinzen, und das hat sie alle sehr gefreut und sie sind zu mir gekommen und haben mir zugesehen und sich gewundert, wie wenn das ein Kunststück wäre. Ich freue mich darauf, wieder im Feld zu schaffen. Man ist doch wohler dabei. Aber es fehlt mir nichts, da seid ohne Sorgen, nur hab' ich jetzt gar arg Heimweh. Und jetzt lebet wohl und gesund, und lebet tausendmal wohl! Eure Walpurga Andermatten.« Unter der Walpurga, die mit schwerer Hand diese Zeilen schrieb, in den Gemächern des Erdgeschosses saß Gräfin Irma an ihrem Schreibtisch und schrieb mit fliegender Feder: »Meine Emmy! Das war eine Nacht – es muß eine Riesenkraft in mir sein, da ich den Tag noch erlebe. Ich war in der Unterwelt. Ich habe den Ungeheuern ins glühende Auge gesehen, die über, unter unserm Alltagsleben hausen und urplötzlich hervorbrechen. Du mußt es hinnehmen, daß ich wieder zu Dir komme und Dir schreibe. Ich weiß nicht, wie lang das nicht geschah. Du bist mir eine Burg, ein Fels, eine schützende Hütte draußen in der Welt, fest, unbewegt, wartend, treu. Ich komme, wenn meine Seele in Not, ich flehe zu Dir, mein Fels, meine Hütte, mein Hort, mein Schutz, meine Zuflucht. Das war eine entsetzliche Nacht. Der Baum steht fest, eine junge Blüte ist geknickt. Ich kam aus dem Gemach der Königin. Beten konnte ich nicht, aber ich stand am Fenster und dachte in die ewige Natur hinaus: Du, die du alles wieder erneuest, aus dem Winter die Erde erweckest, Bäume und Blumen wieder neu werden lässest, und was verwelkt und vermodert vom vergangenen Jahr – laß auch ein Menschenherz sich erneuen, laß Vergangenes vergessen, verschwunden, laß vernichtet, vermodert, verflogen sein, was wir gethan; laß auch ein Menschenkind wieder neu und frisch sein, ganz, auferweckt, erlöst! So stand ich am Fenster und draußen heulte der Wind. Da, es war, als ob die Welt über mir zusammenbrechen wollte, da kracht eine Eiche vor meinem Fenster und knickt zusammen, und zerschlägt im Sturz das Götterbild der Venus unter ihr in Trümmer. Mir war's, als träumte ich im Wahnsinn, und als ich hinsah und alles deutlich erkannte, da war mein einziger Wunsch: hättest du dort gestanden, statt des Steines, und wärest in Trümmer geschlagen worden – es wäre besser mit dir ... Ich weiß nicht, was ich Dir sagen soll. Ich weiß nur, es kann eine Zeit kommen, heute, morgen, in der Nacht, am Tage – und ich bin bei Dir; ich sinke vor Dir nieder, Du hebst mich auf, ich ruhe an Deinem Herzen, Du beschützest mich, Du rettest mich vor den Dämonen. Du fragst mich nicht, Du speisest und tränkest und bettest weich die fremde Seele und fragst nicht, von wannen sie kommt. Emmy, was sind wir? Was ist die Welt? Wir sehen alles, wir wissen alles, und doch, und doch ... Wie kunstreich, wie ausgeklügelt ist alles zur Betäubung, zur Einschläferung, zum Gewissensschlummer ... Wenn nur das Aufwachen nicht wäre! Das Aufwachen ... Am Morgen ... der Morgen ist das schrecklichste! Es ruht ein ewiger Kuß auf einer Bildsäule am Zeughaus, die Sterne schauen darauf, der Mond und die Sonne. Könnte ich hinauf und mich hinunterstürzen, zerschmettern, alles, alles ... Wenn Du stürmisch läuten hörst in Deinem Kloster, so denke, das ist meine Totenglocke. Wenn es leise an Deine Thür klopft, so denke: das ist eine arme Seele, eine arme, die so reich war, sein konnte, ist – – Wer nimmt, wer gibt einem Menschen sich selbst wieder? Wer zieht ihn heraus aus dem See – aus dem See – – – Warum nur immer der See mir vor den Augen schwimmt? Ich seh' mich darin. Ich sinke. Hilf mir! Rette mich, Emmy! Hilf mir! Rette mich! Ich sinke ...« Als Irma dies schrieb, schrie sie plötzlich laut auf, das Kammermädchen kam herein: Irma lag am Boden in Ohnmacht. Als sie erwachte, fragte sie, was geschehen sei. Der Leibarzt saß an ihrem Bette und sagte: »Sie haben geschrieben, hier ist der Brief. Ich habe ihn zu mir genommen, da ich vermutete, daß dieses Schreiben Sie so aufgeregt. Ich habe die ersten sechs Zeilen gelesen. Ich mußte das. Mein Wort darauf: ich habe keinen Buchstaben weiter gelesen. Ich habe den Brief zu mir genommen, damit ihn kein fremdes Auge sehe. Nun halten Sie sich ruhig. Hier ist der Brief.« Irma richtete sich auf und las ihn. Dann warf sie einen großen Blick auf den Arzt. »Ich glaube Ihnen,« sagte sie. »Ich glaube Ihnen,« wiederholte sie. Sie ließ sich Licht bringen und verbrannte den Brief. »Wollen Sie mir ein Versprechen geben?« fragte sie dann. »Welches?« »Daß Sie mir Gift geben, wenn ich wahnsinnig werde.« »Sie spielen mit Extremen,« entgegnete der Arzt. »Das thut man nicht ungestraft.« Es trat eine längere Pause ein; dann fuhr der Arzt fort: »Sie müssen vor allem sich selbst beherrschen, und Ihr eigentliches Selbst sind nicht Ihre wildschweifenden Gedanken. Ich glaubte, daß Sie sich von mir beraten ließen; ich irrte mich. Sie sind selbst Ihr bester, Ihr einziger Arzt. Zwingen Sie sich zur Ruhe, zum Ausdenken stiller begnügter Bilder des Lebens.« Irma stützte das Haupt auf die Hand, aus ihrem Auge leuchtete eine irre Glut, sie schloß das Auge, aber plötzlich erhob sie sich, mit beiden Händen wild ihre aufgelösten Haare fassend. »Ich will mir die Haare kahl abschneiden lassen!« »Das ist noch einer der wildspielenden Gedanken,« beruhigte der Arzt, ihre Hand fassend, »Sie wollen immer alles mit Gewaltsamkeiten erzwingen. Sie müssen Ruhe lernen!« »Ja, das Leben erwächst still und allmählich, und der Tod, auch der Tod bei lebendigem Leibe, ist ein Moment,« sprach Irma in die Luft hinein, ihr Blick war unstet. »Und nun schlafen Sie und Sie werden gesund sein,« schloß Günther. Er wollte gehen; aber Irma hielt ihn noch auf und fragte: »Wie lebt Ihre Frau? Ihre Familie?« »Ich danke. Ruhig und gefaßt.« Irma wollte den Arzt bitten, daß seine Frau zu ihr käme; aber sie brachte das Wort nicht heraus. Der Arzt ging. Er selber hatte gedacht, daß wenn Irma sich ihr erschlösse, der gerade starke Sinn seiner Frau die Verwirrte heilen könnte; aber er wußte, daß seine Frau sich nicht dazu verstehen werde, Irma zu besuchen: sie war bei aller Güte doch erbarmungslos gegen Ueberhebung, und Irma hatte in guten Tagen versäumt, das ihr freundlich geöffnete Haus wieder zu besuchen. Es blieb ihr verschlossen, zumal seit Irma abermals den Vater verlassen und an den Hof zurückgekehrt war; auch galt ja Irma als die Urheberin der Klostererneuerung und der Einsetzung des reaktionär-kirchlichen Ministeriums Schnabelsdorf. Dreizehntes Kapitel. Walpurga dachte heim und war in Gedanken dabei, wie ihr Brief ankam. Aber sie war doch schon zu lange fort, sie konnte es sich nicht mehr ganz vorstellen. Der Brief war in der Dämmerung angekommen, während Hansei hinter dem Hause Holz hackte; er wurde hereingerufen, man zündete schnell Licht an, und das Gespiel las den Brief vor. Die Großmutter weinte, das Kind auf ihrem Schoße hüpfte unruhig, als empfände es, daß die Worte, die es hörte, von seiner Mutter kämen. Zweimal – man hatte sich dessen nicht versehen – riß das Kind der Vorleserin den Brief aus der Hand, bis sie sich weiter wegsetzte, aber das Kind war und blieb voll Unruhe. Die Großmutter trocknete endlich die Thränen und sagte: »Gottlob, daß ich so ein Kind hab'. Ich mein' nicht dich,« sagte sie zur Enkelin, »ich mein' deine Mutter, du kannst froh sein, wenn du auch so brav wirst.« Hansei schaute mit offenem Munde drein und schmunzelte, als die Stelle kam, wo Walpurga ihn umhalste. Als zu Ende gelesen war, sagte das Gespiel: »Ein trauriger Brief ist's doch, aber um so größer wird die Freude sein, wenn sie erst wieder da ist. Es thut mir nur weh, daß ich sie nicht mehr daheim treffe.« Am nächsten Sonntag war die Hochzeit des Gespiels mit einem Forstwart im jenseitigen Gebirge an der Landesgrenze. Hansei ließ sich den Brief wieder geben und wollte davongehen. »Laß den Brief da,« sagte die Mutter leise zu ihm, »das ist kein Brief, den sie beim Gemswirt laut vorlesen dürfen; da sind Dinge drin, die nur Mann und Frau, wenn sie allein sind, voneinander hören dürfen.« »Ja, ja, so ist's,« sagte Hansei, »da habt Ihr den Brief.« Innerlich aber that es ihm doch leid, daß die Leute nicht sehen können, was für einen schönen Brief seine Frau schreiben kann, und wie lieb sie ihn hat und wie gut sie ist, und wie das ganze Dorf nicht wert ist, daß sie noch mit einem drin ein Wort spricht. Denn sein Stolz war seine Frau. »Ja, Großmutter,« sagte er noch unter der Thür, »gottlob, daß die längste Zeit vorüber ist. Ich kann mir jetzt gar nicht denken, wie wir so lang ohne einander ausgehalten haben, und wie es wieder sein kann, daß sie da in der niedern Stube sitzt. Aber es wird schon gehen, und es gibt auch noch andre Häuser.« Die letzten Worte sprach Hansei sehr rasch. Er wollte der Schwiegermutter andeuten, daß er in einem Hauskauf stehe; es gehört sich, daß sie davon weiß, aber er will sich doch nichts dreinreden lassen, sie regiert ihn sonst, da hat der Gemswirt ganz recht. Hansei konnte es nicht erwarten, bis er zu seinem Geheimrat kam, und dieser Geheimrat war natürlich der Gemswirt. Er schaute die Häuser und Bäume mit seltsamem Blicke an, er wollte ihnen sagen: haltet nur still und seid nicht verzagt, sie kommt schon wieder, und sie hat euch alle noch in Gedanken, und alle Menschen, die da drin sind. O, die kann gar viel, die könnt' eher Königin sein, wie manche andre, und regieren könnte sie besser wie der stärkste Mann ... Vor dem Wirtshaus hielt Hansei eine Weile an, er muß sich verschnaufen und ruhig werden: es ist eine schwere Sache, wenn man so eine außerordentliche Frau hat, man kommt leicht ins Hintertreffen und wird geringer angesehen – er ist stolz auf seine Frau, ja wohl, aber er ist doch der Mann. Er ging ruhig ins Wirtshaus, setzte sich zu seinem Schoppen und that, als ob gar nichts vorgefallen wäre. »So muß ein rechter Mann sein,« sagte er in sich hinein und schluckte behaglich. »Man muß der Welt nicht alles preisgeben. Bei sich behalten – das macht den Meister, das können die Weiber doch nicht« ... Hansei that sehr zutraulich mit Dächsel und Mächsel, den beiden Hunden des Gemswirts, die ihn wohl leiden mochten, denn sie kannten die Günstlinge ihres Herrn. »Hast du lang keine Nachricht von deiner Königin?« fragte der Gemswirt gelegentlich. »Ja, erst heut.« »Was schreibt sie?« »Allerlei,« that Hansei sehr zurückhaltend, und setzte mit sehr gleichgültigem Ausdruck hinzu: »Ich habe dich nachher um Rat zu fragen.« Die andern Gäste schauten staunend auf: der Holzknecht Hansei duzt den Gemswirt und dieser laßt sich's ohne Widerrede gefallen. »Wenn du wieder Papiergeld hast, wär' mir's recht,« erwiderte der Gemswirt. »Diesmal hab' ich keins, ich hab' was andres mit dir zu reden.« Der Gemswirt ging in die Kammer, schickte seine Frau in die Stube und rief: »Hansei, komm herein!« Drinnen wurde geheimer Rat gehalten. Hansei erzählte, daß seine Frau von gestern über sieben Wochen wieder heim komme, und sie hätte ihm geschrieben, er solle sie abholen, nun wisse er sich zwar schon in der Welt umzuthun – »Ja, das kannst du,« bestätigte der Gemswirt! »der Oberförster hat's erst gestern noch gesagt, da auf demselben Platz, wo du jetzt sitzest; der Hansei, hat er gesagt, hat einen scharfen Verstand.« Hansei lächelte. »Dank für die gute Nachred', aber ich hätte doch eine Bitt' an dich –« »Heraus damit.« »Schau, du bist doch viel, wie soll ich sagen, viel maulfertiger und manierlicher, und wenn ich nach der Hauptstadt muß und vor den König und die Königin und all die großen Herren und da ... und da ... schau – schon jetzt, wenn ich dran denk', schnürt's mir die Kehle zu, und da mein' ich, du sollst mit mir gehen, mein Fürsprech sein und alles ordentlich sagen. So eine Gelegenheit kommt doch nicht wieder im Leben, da darf man nichts auslassen.« »Das ist ein gescheiter Gedanke von dir,« sagte der Gemswirt. »Du sollst's nicht umsonst thun und keinen Groschen soll dich die Reise kosten.« »Nein, ich kann nicht mit dir gehen. Bei Hof kann man nicht sagen: da ist mein Gevatter, mein Kamerad, und der soll auch hereinkommen und für mich reden. Nur wer eben Audienz hat, darf reden, kein andrer. Wenn du Spaß machen willst und deine Frau damit einverstanden ist, und man sagt zum König, ich wär' der Mann von der Walpurga – das ging.« »Nein,« rief Hansei, »das thu' ich nicht, und das thät' meine Frau nicht, und das geht nicht.« »Ja Bruderherz, da mußt du eben allein für dich stehen und reden.« Hansei war traurig. Er kam sich vor, wie wenn er in die Welt hinausgestoßen wäre, er ist ja nicht dazu auferzogen und geschult, mit dem König und der Königin und all den Hofleuten zu reden, und wenn sie über ihn lachen und ihn ausspotten, da ist er in Angst, was er ihnen anthut, denn das leidet er nicht, man darf ihn vor seiner Frau nicht ausspotten; er ist doch der Mann und sie nur die Frau. »Sei nur nicht so verzagt, ein Mann wie du,« tröstete der Gemswirt, da Hansei sich die Stirn rieb, als müßte er einen andern Kopf herausscheuern, »denk dir einmal, ich wär' der König. Was willst du sagen?« »Red du zuerst!« »Gut!« Der Gemswirt stellte sich in Positur, steckte die Hand in den Brustlatz, wiegte sich auf einem Knie, bog sich etwas zurück und sagte gravitätisch: »Ah, also Er ist der Mann von der – wie heißt sie? von der Walpurga?« »Ja, sie ist meine Frau.« »Ist Er Soldat gewesen?« »Mit Verlaub, nein.« »Mit Verlaub, kannst weglassen, aber Majestät mußt zusetzen, also sag: Nein, Majestät! Nur immer kurzab. Die hohen Herren haben gar nie Zeit, die sind immer in Eile, da ist alles auf die Minute abgespitzt. Aber halt, was wollen wir uns schon heut damit plagen? Jetzt müssen wir die Sache festmachen. Du kaufst mein Haus und meine Aecker, ich geb' dir's gewiß billig, und dann wird dich der König fragen, wie es dir geht, und da wirst du sagen: Majestät, es ging mir schon gut, aber ich hab' noch dreitausend Gulden Schulden auf Haus und Aecker und die machen mir Sorgen. – Wenn du das gesagt hast, wirst sehen, gibt dir der König gleich die dreitausend Gulden. Wenn du es aber nicht schuldig bist, könntest du's nicht sagen; ich kenn' dich ja, du bist ein ehrlicher Kerl und kannst nichts sagen, was nicht so ist. Und weißt du was? Du sagst gleich viertausend oder auch fünftausend; es geht da in einem hin; du hast dann noch Geld übrig und kannst bauen, es ist aber nicht nötig, und kannst dir Wein einlegen, bis genug.« »Ja, ja, hast schon recht; aber ich mein', wir sollten doch nur einen Scheinkauf machen; ich darf's doch nicht thun ohne meine Frau; von ihr kommt doch eigentlich das Geld her, und ich weiß ja noch nicht, ob sie wirten will. Wir machen also einen Scheinkauf, und gibt der König das Geld und ist meine Frau einverstanden, dann ist alles richtig.« Der Gemswirt hatte den Hansei vorhin schmeichlerisch wegen seiner Gescheitheit gelobt, jetzt hätte er ihn in Wahrheit loben sollen, aber er schwieg und sagte nach einer Weile nur: »Solang sich der Gescheite besinnt, besinnt sich der Narr auch. Ich will mir's überlegen.« Sie gingen wieder in die Wirtsstube. Hansei war es heut nicht wohl im Wirtshaus, er kehrte bald heim. Unterwegs grüßte ihn unversehens die alte Zenza; er that, als ob er sie nicht gesehen und gehört, und ging rasch vorüber. Wie froh war er jetzt, daß er nicht schlecht geworden. Wie müßte es ihm jetzt in der Seele sein! Es bliebe ihm nichts übrig, als sich im See zu ertränken, bevor sein Frau heimkam. Als er an seinem Hause stand, sagte er: »Ich kann doch mit gutem Gewissen da eintreten, und kann sie mit gutem Gewissen willkommen heißen, Gott Lob und Dank!« und »Gott Lob und Dank,« sagte er noch lang im Bett, bis er einschlief, und »Guten Morgen, Walpurga!« sagte er, als er erwachte. Er sagte es in die leere Luft hinein, aber er meinte doch, sie müsse es hören, sie ist schon daheim, sie hat so einen guten Boten vorausgeschickt, der Brief ist ein Bote, ein Postillon, der schöne Stücklein bläst. Hansei träumte mit hellen Augen in den Tag hinein. Aber heute ist's ein guter und ein böser Tag. Er hat seinen Kameraden, den Jagdgenossen, versprochen, heute zur Jagd zu kommen. Er spürt auf einmal, daß es nicht mehr sein soll. Er wäre gern davon geblieben, aber er fürchtete die Nachrede des Gemswirts, und wenn's auch weit in den Bergen ist, er hört hier unten ganz deutlich, wie der Gemswirt oben zu den Jagdgenossen sagt: »Hui, die Frau kommt jetzt heim und die ist Meister; da muß er kuschen, der Hansei.« Er ward grimmig, als hörte er in Wirklichkeit das Lachen der Genossen und wie sie weit in den Wald hineinrufen: »Hansei kusch, kusch Hansei!« Der Landgerichtspraktikant, denn so vornehme Kameradschaften hat Hansei jetzt, der dicke Landgerichtspraktikant, der auch mit bei der heutigen Jagd ist, wird am meisten lachen und spotten, und dann wird der Gemswirt, um sich wohl dran zu machen, einen schönen Spaß vom Brief erzählen. Gottlob, daß er ihn nicht selber gelesen hat, das wär arg. Wenn ich nur nicht davon gesprochen hätt', aber ich bin doch zu einfältig, ich kann nichts bei mir behalten. Wenn der Gemswirt nichts von dem Brief wüßte, da könnt' ich umkehren und brauchte mich nicht zu schämen und hätt' keinen Spott zu ertragen. Aber ich thu's doch, ich gehe nicht mehr mit. Ich bin früher für mich allein gewesen und genug – ich brauch' niemand, und so wird's wieder sein, wenn sie wieder da ist; wir brauchen niemand. So wirbelte es heute den Morgen durch die Gedanken Hanseis. Er dachte zurück, wie er die Zeitlang gelebt. Anfangs hatte ihn das Heimweh nach seiner Frau nicht im Haus gelitten; kein Essen hatte ihm geschmeckt, kein Trinken und kein Schlaf, alle Arbeit war ihm zu viel; da ist er eben ins Wirtshaus und da hat man ihm Glück gewünscht, daß seine Frau ihm so Großes einbringt, und das war ihm recht. Haben dann die andern Menschen nicht mehr davon gesprochen, hat er selber angefangen, und dann hat ihn der Gemswirt mitgenommen auf Märkte, Schießstände, Jagden und Lustpartien, es war schön, man muß es sagen, unterhaltsam; immer hat's geheißen: das ist der Hansei, seine Frau ist die Amme vom Kronprinzen und überall hat man ihm besondere Ehre erwiesen, und es ist doch was Schönes, wenn man überall, wo man hinkommt, mit Ehren empfangen wird, und die Wirtin wischt noch einmal extra den Stuhl mit der Schürze ab und macht sich eine Ehre draus. Zuletzt ist dem Hansei ein guter Gedanke gekommen, und das ist und bleibt noch jetzt wahr: er wäre der Mann dazu, ein Wirtshaus zu halten, und die Frau nun gar, die wäre die erste Wirtin landaus und landein, wie wüßte sie mit den Leuten zu reden und überhaupt, Wirten – was gibt's denn Schöneres in der Welt? »Fehlt dir was? bist du krank?« fragte die Großmutter in die Kammer hinein, da Hansei so lange nicht aufstand. »Behüt's Gott, nein, ich komm' gleich,« antwortete Hansei, kam bald und sagte besonders freundlich: »Guten Morgen! Ist das Kind wohlauf?« »Ja, alles gut, gottlob!« sagte die Großmutter; sie blieb sich stets gleich, ob Hansei unwirsch oder wortkarg, oder redselig und zutraulich war. Sie hatte ihn während der Abwesenheit ihrer Tochter in allem gewähren lassen, nur einmal, damals, hatte sie gesagt: du bist der Mann und der Vater und du mußt wissen, was du zu thun und zu lassen hast. Sie erkannte wohl, wenn sie Hansei von seinem Herumlaufen in der Welt und von seinen Kameradschaften abbringen wollte, er dann um so weniger davon lasse, um ja nicht den Schein zu bekommen, daß er sich von der Alten regieren lasse. »Bist du heut mittag daheim, oder gehst du über Feld?« fragte sie beim Frühstück. »Ich bleib' daheim,« erwiderte er, »ich will die Stöcke draußen spalten; wir wollen's doch ums Haus herum ein bißchen sauber halten, bis sie kommt.« Die Großmutter nickte. Hansei hätte gern viel gesprochen, aber meinte immer, ein andres müsse anfangen, und so saß er da und stopfte eine Kartoffel nach der andern in den Mund, wie wenn es lauter Antworten wären, die er bekommen, und bei jeder neuen Kartoffel, der er die Haut abzog, schälte er immer Gescheiteres heraus, daß der König ihm gar nicht entwischen konnte; sechstausend Gulden sind sicher, fünftausend aber ganz gewiß. »Wenn der König uns eine gute Pachtung auf einem Schloßgut gibt, oder sonst eine Anstellung, dann ziehen wir weg von hier,« sagte Hansei endlich laut. Er meinte, die Großmutter müsse wissen, daß er sich eigentlich gern von der Kameradschaft losmachen und anderswo ein ander Leben beginnen möchte. »Ja, ja!« sagte die Großmutter, und weiter nichts. »Ich mein', wir müssen bald Antwort schreiben und ich will ihr auch schreiben, sie ist doch gar so traurig.« »Ja, ja, thu das, ich muß jetzt zum Kind.« Hansei hatte sich Schweres aufgeladen, daß er zu schreiben versprochen hatte. Er hätte seiner Frau gern viel Gutes gesagt, Tröstliches und Herzliches, und hätte sie als Mann auch gern ermahnt; sich jetzt wegen der paar Wochen nicht abzugrämen und nicht vielleicht einen Vorteil entgehen zu lassen, der ihr an die Hand kommt; jetzt muß man frisch sein, jetzt kommt der Zahltag. Das hat er alles ganz gut im Kopf; und sie wird Respekt haben, wie männlich er ist; aber vom Kopf aufs Papier kriegen, das ist eine gar saure Arbeit! Es ist auch nicht nötig, daß ich ihr schreibe, ich seh' sie ja bald selbst, und da kann ich ihr alles viel besser sagen – getröstete er sich schließlich. Als die Großmutter in die Kammer ging zu dem Kinde, blieb Hansei immer noch am Tisch sitzen und aß die ganze Schüssel Kartoffeln aus, und dabei zeigte er dem König, wie er das Forstwesen verstand, bis keine Kartoffel mehr da war. Dann ging er hinaus, nahm Axt, Schlägel und Speidel und zerspellte mit mächtigen Hieben die Baumstümpfe, die vor dem Garten am Wege aufgeschichtet lagen. Er hatte eben den Rock ausgezogen, und es war ihm gar nicht kalt, trotzdem der Frühlingswind scharf blies, da sagte eine Stimme: »So? Bist auch noch da?« Der Gemswirt stand hinter ihm, die Büchse auf dem Rücken und seine beiden Jagdhunde, Dächsel und Mächsel an der Leine. »Hast dich gewiß auch verspätet? Wenn wir jetzt den Thalweg nehmen und hinüber durch den Tobel, da treffen wir unsre Jagdgesellschaft noch. Komm! Hurtig, zieh dich an und hol deine Flinte!« Als ob's ein Befehl wäre, dem er gehorchen müsse, trug Hansei schnell Axt, Schlägel und Speidel ins Haus, zog sich an, nahm die Flinte und sagte zur Großmutter: »Ich geh' doch noch mit!« Er hätte ihr eigentlich gern gesagt: Ich gehe nur heute noch mit, damit es nicht den Anschein hat, daß ich mich wegen des Briefes von meiner Frau jetzt zurückziehe; aber er schwieg auch gegen die Großmutter. Es ist nicht nötig, daß man alles sagt, denn wenn man alles sagt, das redet auch in alles drein und hat ein Recht dazu; sie soll auch Respekt vor mir haben, daß ich alles aus mir selber in die Reihe bringe. Wohlgemut ging Hansei mit zur Jagd und war heute lustiger als je ... Vierzehntes Kapitel. Einst wie war's? Wie soll's einst werden? Liebchen bitte, laß das sein! Jetzt nur sind wir ja auf Erden, Jetzt auch laß uns selig sein. Schlage auf die holden Augen, Blick mir tief ins Herz hinein, Laß uns Blumenhonig saugen. Eh' der Winter schneit herein. So sang Irma mit heller Stimme. Die Welt wird wieder schön, draußen wehen noch Frühlingsstürme und am Tag wird es oft plötzlich finster von vorüberjagenden Schneewolken, aber schon beginnen die Wiesen neu zu grünen und einzelne Frühblumen sprossen aus der Erde. Irma hatte sich schon nach wenigen Tagen erholt, und auch die Bülletins über das Befinden der Königin verschwanden aus den Zeitungen. Gunther, der wochenlang im Schlosse gewohnt hatte, kehrte wieder in sein Haus zurück. Die Königin, die ihre Gemächer wieder verlassen durfte, weilte viel in dem Wintergarten, wo das letzte Fest gefeiert worden. Die Bäume und Blumen standen wieder an ihrem ruhigen Ort; die Springbrunnen plätscherten, die Fische schwammen wohlig in den marmornen Schalen und die Vögel hüpften und zwitscherten in ihren großen Käfigen. Walpurga durfte mit dem Prinzen stundenlang bei der Königin sein. Diese war von der zärtlichsten Aufmerksamkeit umgeben, die nicht bloß befohlene Unterwürfigkeit war. Irma hatte sich der Königin so aufopfernd bewiesen und diese that ihr innerlich Abbitte; sie hatte oft das Wort auf den Lippen, es laut zu thun, aber sie hielt es zurück; schon ein Verdacht verunreinigt, und die Königin wußte, daß sie für weichmütig und schwankend galt. Das wollte sie nicht mehr sein. Sie erkannte es als Hauptzeichen starken Charakters, die Wandelungen und Entwickelungen im Empfinden und Denken nicht laut werden zu lassen, sondern der Welt mit fertigen Ergebnissen zu imponieren. Niemand sollte je erfahren, was ihre Seele so schwer geängstigt hatte. Sie wollte stark sein. Sie hielt Irma viel in ihrer Nähe, und es war stiller Burgfrieden des Geistes in dem grünenden blühenden Wintergarten. Es wurde gelesen und gearbeitet, geplaudert und gesungen, und die Menschen waren so in sich begnügt und still gedeihend, wie die Blumen und Bäume um sie her. Irma verstand mit biegsamer Stimme vorzulesen. Sie las Goethes »Tasso«. Das entsprach der jetzigen Stimmung und Irma sagte einmal: »Majestät gleichen in vielem der Prinzessin Eleonore; Sie haben aber das Glück, in wenigen Wochen zu vollenden, was jener Lebensjahre gekostet.« »Ich verstehe Sie nicht.« »Ich meine, solches in die Stube Gebanntsein, behutsames Hegen und Umgeben durch andre Menschen, erregt leicht in dem Eingeschlossenen eine Feinfühligkeit und ein andern kaum merkbares Ansprechen des Tones; aber es ist gut, aus dieser Warmhausstimmung wieder herauszukommen ins Freie, wo die Bäume wetterhart im Grunde stehen und das frische Wogen des Aethers alles erneut.« Auch der König war oftmals bei der Lektüre und knüpfte Betrachtungen über das Tiefste und Höchste an die Lektüre Tassos. Irma bebte oft, ihr kam jedes Wort, das sie sprach, als Frevel vor, sie darf von nichts Reinem und Heiligem mehr reden; aber der König war so unbefangen und heiter. Sie wurde es auch. »Ihr verwöhnt mich und macht mich ganz stolz,« sagte die Königin. »Ich habe aber wieder einen neuen Wunsch. Es verlangt mich von den Blumen hinweg zu den Werken der Kunst. Ich möchte jetzt oft die Bildergalerie und die Antikensammlung besuchen. Wenn wir atmend und schauend und uns bewegend unter den Bildungen des Künstlergeistes wandeln, fühlen wir doch am tiefsten, daß Menschen, die vor uns lebten, uns das Beste ihres Seins hinterlassen, und Augen, längst gebrochen, ewig offen auf uns niederschauen und bei uns sind in ihren Ewigkeitsblicken.« Der König und Irma schauten bei dem Worte Ewigkeitsblick unwillkürlich einander betroffen an. Das Wort weckte ein andres. Irma faßte sich und entgegnete: »Ja, ich kann nichts als den Wunsch Eurer Majestät auch als den meinen aussprechen. Von den Blumen und Bäumen hinweg zu den Werken der Kunst! Von Bildern und Statuen umgeben, atmet die Seele den Duft der Ideen, es blüht ewiges Leben um uns, wir stehen im Atem des Genius, der, wenn er auch veratmet hat, doch ewig durch die Welt haucht. Als ich zu der Einsicht gekommen war, daß ich persönlich keinerlei wirkliches künstlerisches Talent habe, da beneidete ich die Könige, denen es vergönnt ist, die Talente und Genies zu fördern. Das ist ein hoher Ersatz.« »Wie sie alles so schön deuten kann,« sagte die Königin zu ihrem Gatten gewendet, und es war ein aus Wonne und Schmerz gemischter Blick, mit dem der König die beiden Frauengestalten betrachtete. Was ging in ihm vor? Er bewunderte und liebte Irma, und verehrte und liebte seine Gattin. Er war untreu gegen die eine und gegen die andre. Irma und die Königin gingen durch die Galerie und den Antikensaal und saßen oft stundenlang im Anschauen der Bilder und der Statuen. Zu allen Betrachtungen der Königin hatte Irma eine andre und doch wieder im tiefsten zustimmende Bemerkung. »Wenn ich euch beide so sehe und höre,« sagte der König, »eure Uebereinstimmung und eure Verschiedenheit, ist's mir immer, als sähe ich in euch die Töchter Schillers und Goethes.« »Seltsam,« schaltete die Königin ein, und der König fuhr fort: »Goethe sah die Welt aus braunen und Schiller aus blauen Augen, und so ihr beide, du aus Schillerisch blauen und unsre Freundin aus Goethisch braunen Augen.« »Das wollen wir aber niemand wissen lassen, daß wir einander so schmeicheln,« lächelte die Königin. Irma sah zur Decke auf, wo die gemalten Engel durch die Luft schwebten: es gibt eine Welt des unbegrenzten Raumes, wo kein Verdrängen des einen durch den andern; nur in der gewöhnlichen Welt ist Ausschließlichkeit ... Je mehr die Königin sich erkräftigte, um so mehr ging die Unterhaltung aus der gedämpften Tonart wieder in die helle und heitere über. Der Wunsch Irmas schien sich zu erfüllen. Die Frühlingskraft, die Bäume und Pflanzen erneut, schien sich auch auf das Menschenleben ausdehnen zu wollen; es sollte vergessen sein, begraben und ausgelöscht, alles was geschehen. Am ersten milden Frühlingstage ging man gemeinsam durch den Schloßpark. »Ich kann mir gar nicht denken, daß je eine Zeit war, wo wir uns nicht kannten, liebe Irma,« sagte die Königin. Sie blieb stehen und schaute Irma freudestrahlenden Blickes in die Augen. »Sie haben mir einmal von einem griechischen Philosophen gesagt« – wandte sie sich zu dem Arzte, der mit dem Schloßhauptmann hinterdrein ging, »unsre Seelen sollen schon einmal eine Existenz vor unsrem jetzigen Dasein geführt haben, und das beste, was wir erleben, sei ein Erinnern an etwas, das wir schon erlebt und vorgeträumt haben.« »Auch ohne diese phantastische Erklärung,« erwiderte der Arzt, »kann man vieles Bestimmung nennen. Ich glaube, daß alles, was uns in Wahrheit zu eigen wird, für uns bestimmt war; unser Gemüt, unsre ganze Seelenverfassung ist dazu bestimmt oder gestimmt. Wir sind zu dem bestimmt, wozu wir gestimmt sind. Ich bitte aber, Majestät, es jetzt als Bestimmung anzusehen, daß Sie sich in den Wagen setzen. Wir dürfen den ersten Ausgang nicht so weit ausdehnen.« Die Königin und Irma setzten sich in den Wagen, der in der Nymphenallee ihrer wartete. Der Wagen fuhr im Schritt und die Königin sagte: »Sie können sich gar nicht vorstellen, liebe Irma, wie bang mir war, als ich hierher kam.« Sie erzählte, wie sie in die Augen der vielen Menschen gesehen, die sie umdrängten und wie sie sich gefragt habe: Wer wird dir in Wahrheit zu eigen sein? und wie es sie anmutete, als Irma allein mit ihren warmen braunen Augen zu ihr spräche. »Und ich habe zu Ihnen gesprochen,« erwiderte Irma. »Ich hätte Ihnen gern gesagt: Du holdes Menschenbild, laß dich dünken, wir kennen uns schon jahrelang, und sei in der ersten Stunde mit mir wie mit einer alten Freundin. Ich glaube, wir fanden uns nur so, weil uns beiden so bang zu Mute war. Ich war damals zum erstenmal am Hof und ich meinte, ich müßte dem Hofmarschall seinen Stab aus der Hand nehmen und mich darauf stützen.« »Wunderbar! Ganz denselben Gedanken hatte auch ich,« sagte die Königin, »jetzt erinnere ich mich deutlich und ich weiß noch, wie der Hofmarschall nur immer mich ansah.« Die Herzensneigung der beiden Frauen knüpfte sich an hundert kleine Erinnerungen; der Wagen ging im Schritt, aber die Seelen flogen dahin durch Tage und Monate. Der Wagen hatte gewendet; man war eben an der Stelle, wo die Bildsäule zertrümmert worden war. »Das war eine böse Nacht,« sagte die Königin, »als das hier geschah, und ich finde, Walpurga hat in ihrer Einfalt recht, es paßt nicht für uns, solche freie Menschengestalten offen auszustellen.« »Majestät gestatten mir andrer Meinung zu sein,« erwiderte Irma. »In die freie Natur gehört nur der freie, warum sollen wir's nicht sagen – der nackte, schöne Mensch; jede Bekleidung ist ein Zeitgeschmack, der Mode und Vergänglichkeit unterworfen, der Mensch, wie er aus der Hand der Natur kommt, paßt allein in die ewige Natur und zwischen Bäume.« »Sie sind eine freie Seele, viel freier als ich,« sagte die Königin. Man stieg aus, Irma geleitete die Königin noch in ihre Gemächer, dann kehrte sie in die ihrigen zurück und hier als sie allein war, streckte sie die Hände empor und rief: »Nicht die Hölle, nicht der Verdammungsort, wo andre Schuldige neben uns leiden, ist die höchste Strafe! Nein, verdammt sein und neben einer reinen Glücklichen stehen, die in voller Unschuld empfindet, das ist die Hölle der Hölle!« »Pfüt di Gott, Irma! Pfüt di Gott, Irma!« rief plötzlich der Papagei. Irma schrak zusammen. Fünfzehntes Kapitel. Der Frühling zog ein mit Lerchensang und Finkenschlag und mit neuen Pariser Moden. Die Damen der Residenz waren glücklich, an Hut und Shawl und Gewand der schönen blassen Königin, die sich jetzt öffentlich zeigte, ihr Kleiderideal abnehmen zu können. Die Königin fuhr aus. Neben ihr saß Gräfin Irma, ihr gegenüber Walpurga mit dem Kinde. »Laß dich's nur nicht verdrießen,« sagte die Königin zu Walpurga, »wenn du wieder daheim sein wirst.« Irma sagte lächelnd, sie sprach zum erstenmal in Walpurgas Beisein französisch, daß die Oberhofmeisterin lehren würde: es hieße die Vornehmheit verleugnen, wenn man sich um ein Wesen kümmert und danach fragt, was aus ihm wird, nachdem es seine Dienste geleistet. Mit einer Kühnheit, die selbst ihre beiden Gönnerinnen stutzig machte, sagte Walpurga: »Das Gute hat's wenigstens, wenn ich wieder daheim bin, daß man mich nicht zu einem Taubstummen macht.« »Wie meinst du das?« »Ich mein', daß man daheim in meinem Beisein nichts spricht, was ich nicht verstehe.« Irma suchte sie zu beruhigen, aber es gelang ihr nicht. Walpurga war bereits in jener heimatlosen Umzugsstimmung, die ebenso anspruchsvoll als schwer zu befriedigen ist. Sie fühlte sich nirgends mehr daheim. Sie sah es den Menschen an, wie sie bald leben würden ohne sie und man hatte sie doch so sehr verwöhnt. Der Aerger, den das Französischsprechen Irmas jetzt zum Ausdruck gebracht, hatte einen tiefern Grund: eine Nonne von noch jugendlichem Ansehen aus der französischen Schweiz war in die Hofhaltung des Prinzen eingeführt; sie verstand kein Wort Deutsch, das war Bedingung bei ihrer Annahme: der Prinz sollte zuerst französisch sprechen lernen. Walpurga verkehrte mit der Fremden, wie wenn sie beide stumm wären: sie war nicht wohlgestimmt gegen die große schöne Gestalt mit der französischen Haube, vielmehr im tiefsten Herzen eifersüchtig. Was geht die Welsche das Kind an? Ja sie war manchmal bös auf das Kind selbst. »Du wirst auch bald französisch parlieren, daß ich dich nicht verstehe« – konnte sie zu ihm sagen, wenn sie mit ihm allein war und sah ihn dabei mit bösem Blick an! Gleich aber rief sie wieder: »Verzeih mir! O Gott, es ist doch gut, daß ich jetzt die Tage an den Fingern abzählen kann, bis wann ich heimkomme.« Mamsell Krämer erklärte Walpurga, daß nun für den Kronprinzen auch eine Kammer gebildet werde. »Er hat ja schon Kammern genug,« sagte Walpurga. Immer wieder hatte Mamsell Kramer die schwere Aufgabe, Walpurga die Hofsitten zu erklären und diese ließ sich die Namen mehrmals wiederholen; denn da hieß es: der Kronprinz erhält eine Aja – »Aja? was ist das für ein Wort? Das kenn' ich nicht.« »Es heißt eben Prinzenerzieherin. Und wenn sie vier Jahre alt sind, bekommen die königliche Hoheit wieder neue Beamte und so immer fort, wie sie älter werden, und allemal von höherem Rang.« »Ja, kann mir's schon denken,« meinte Walpurga, »nur immer andre Menschen und immer andre Schlösser! Du armes Kind,« sagte sie zum Prinzen. »Eines ist doch gut: daß dir deine Augen und deine Glieder angewachsen sind; sie thäten dir sonst auch alle paar Jahre andre anschaffen.« Walpurga gab sich indes zufrieden, als sie erfuhr, daß Frau von Gerloff, eine Dame vom dienenden Adel, bisher erste Kammerfrau der Königin, zur Aja ernannt worden sei. Walpurga kannte sie längst und sagte zu ihr: »Wenn man mich gefragt hätte, wem man meinen Prinzen übergeben soll, da haben Sie meine Hand drauf, es wäre mir auch am liebsten gewesen, daß er in Ihre Hände kommt. Jetzt seh' ich wieder, wie gut und gescheit unsre Königin ist; sie gibt ihre liebste Freundin von sich und gibt sie ihrem Sohn.« Walpurga glaubte, Frau von Gerloff noch mancherlei Lehren geben zu müssen, wie der Prinz zu behandeln sei; die gute Dame nahm die Lehren ohne Widerrede an. Auch als die Königin mit ihrer zweiten Kammerfrau, der Madame Leoni, dazu kam, glaubte Walpurga ihre Befriedigung kundgeben zu müssen, wie brav es sei, daß man den Prinzen der Frau von Gerloff übergebe. »Sie wären auch ganz gut gewesen,« sagte sie zu Madame Leoni, »ganz gewiß! Aber unsre gute Königin kann doch nicht ihre beiden Hände weggeben.« Madame Leoni lächelte dankend, obgleich sie sich gekränkt und ihre Zurücksetzung als Bürgerliche fühlte; doch das erste Gebot des Hoflebens heißt: nie verdrossen sein! Der Prinz in seinem Kindesschlummer ahnte nicht, welche Eifersüchteleien sich bereits an seiner Wiege geltend machten. Walpurga legte sich allmählich ihre Sachen zum Einpacken zurecht und zu manchem Stück sagte sie: man sieht dir's nicht an, daß auch Herzblut an dir klebt. Der Leibarzt hatte befohlen, daß Walpurga manchmal den Prinzen verlassen mußte, damit er sich allmählich an ihre Abwesenheit gewöhne. In den ersten Tagen ging Mamsell Kramer mit ihr durch die Straßen, aber dieser Gang wurde der Kastellanin sehr schwer, denn Walpurga wollte vor allen Kaufläden stehen bleiben, und wo sie einen Mann oder eine Frau in einer ihrer Heimatstracht ähnelnden Kleidung sah, wollte sie auf sie zugehen und fragen, woher sie seien und ob sie nicht ihren Mann und ihr Kind und ihre Mutter kennten; Mamsell Kramer war dieses Führeramtes bald müde, sie ließ Walpurga manchmal allein gehen und gab ihr die eigene Uhr mit, damit sie zur bestimmten Zeit zurückkomme. Das Hauptvergnügen Walpurgas war, bei der Wachtparade zu sein und das Ziel ihres Weges war meist vor das Thor; da ging sie die Straße hin, die in ihre Heimat führte! das tröstete sie, und sie dachte oft, wie es war, als sie da herfuhr. Wie Jahrzehnte lag ihr die Zeit dazwischen und sie mußte sich immer zwingen, wieder umzukehren; sie stand oft und horchte, sie meinte, sie höre die Stimme ihres Kindes in den Lüften. Welches Kindes? Ihr Herz war geteilt und sie eilte zurück zu dem Prinzen. Es war doch gut, daß er so ruhig auf dem Arm der Französin saß, aber sie war bös darüber und lachte triumphierend, daß er zu ihr verlangte, sobald er sie gewahrte. »Ja, du bist eine treue Seele,« sagte sie dann. »Wenn die Mannsleute gut sind, sind sie weit besser als die Weibsleute. Dein andrer Vater, mein Hansei, ist auch gar brav, übermorgen kommt er und du gibst ihm eine Hand wenn er kommt. So!« Walpurga merkte wohl, daß die adelige Dienerin außer sich war über ihre Art, mit dem Prinzen umzugehen, und daß Mamsell Kramer viel zu thun hatte, strenge Befehle zurückzuhalten, aber um so toller und übermütiger spielte sie mit dem Prinzen. »Also merk dir's,« fuhr sie fort, »ich hab' dir mich selbst zum Verschmausen gegeben; die andern geben dir doch nur, was aus der Küche kommt; wir zwei sind eins und ... und übermorgen kommt mein Hansei, dann geh' ich heim, und wenn du einmal groß bist, mußt du mich besuchen, und wenn Kirschenzeit ist, brocke ich dir die schönsten Kirschen, und mein Hansei geht mit dir auf die Jagd und trägt dir die Flinte, und da schießest du einen großen, großen Hirsch, und ein Reh und eine Gemse, und die braten wir, und dann stecke ich dir einen Strauß auf den Hut, und dann fahren wir miteinander über den See, und ich geb' dir einen Kuß, und dann sag' ich dir ade!« Das Kind lachte von ganzem Herzen, als ihm Walpurga so in die Augen hineinsprach, und dann legte es sein Köpfchen an ihre Wangen und Walpurga rief: »Mamsell Kramer, Mamsell Kramer, er kann schon küssen, er hat mir einen Kuß gegeben! Ja, du bist ein rechtes Mannsbild und ein Königssohn auch, die fangen beizeiten an.« Alle Liebe, die sie zu dem Kinde hatte, wollte sie ihm in diesen letzten Tagen noch kundgeben und sie that es in Zuneigung und in Haß, denn sie wollte auch der Französin zeigen, wie unendlich lieb sie und das Kind einander haben; zu solcher Liebe wird es die Welsche doch niemals bringen, und dann begann sie wieder zu singen: An dem Weidenbaum Stehst du, weinest kaum, Mit der Welle zieh' ich fort. So lang die Weid' wird grün, So lang die Wellen ziehn, Siehst mich nimmer hier am Ort. Der Knabe plauderte und lachte immer dabei, und Walpurga beteuerte gegen Mamsell Kramer, sie lasse sich darauf köpfen, daß er schon alles verstehe. »Und nicht wahr« – sagte sie dann mit einem zornigen Blicke auf die Französin – »nicht wahr, die Sprache, die kleine Kinder haben, ist doch in allen Ländern gleich; die Franzosen kommen auch nicht mit Welsch auf die Welt?« Und wieder sang und sprang sie und küßte das Kind; es war, als müßte sie all ihre Trauer zusammendrängen und all ihre Lust in einen festgebundenen Strauß geben. »Du schadest dem Kind, du regst es zu sehr auf,« suchte sie Mamsell Kramer zu beruhigen. »Das schadet ihm nichts, der hat gute Säfte im Leib, den kann keine Französin mehr verderben!« Walpurga war in einer widerspruchsvollen Unruhe. Sie hatte doch schon lang gewußt, daß das Verhältnis gelöst wird und die Lösung so oft gewünscht und gehofft! nun aber, da sie eintrat, war alles Peinliche, das sie in diesem Leben empfunden, nicht mehr da, und sie meinte, sie könne nicht mehr allein leben, es würde ihr immer etwas fehlen, auch die Plage und Unruhe, und es ist ja immer alles wieder so gut geworden. Auch daß die andern sie so leicht ziehen lassen, thut ihr weh. Und das Kind, das Kind! Warum hat es nicht den Verstand, daß es plötzlich zu reden anfängt und sagt: Vater und Mutter, ihr dürft das nicht thun, ihr dürft mir meine Walpurga nicht wegnehmen? Jetzt sind andre Meister über das Kind. Was werden sie mit ihm machen? Warum soll sie nicht mehr dreinreden und sagen dürfen: so und so muß es sein? Sie hat es genährt von seinem ersten Lebenstag an, und Tag und Nacht waren sie beisammen – wie soll's nun Tag und Nacht werden und sie sind nicht mehr beisammen? Es lag eine tiefe Bitterkeit in den Worten, als Walpurga, nachdem sie zu nacht gegessen, dem Kinde die leere Schüssel hinhielt und sagte: »Siehst du? ich bin auch so eine ausgegessene Schüssel.« Und dann wollte sie wieder nicht schlafen; sie wollte keine Minute versäumen, wo sie noch bei dem Kinde sein und es ansehen konnte, und wenn sie doch einnickte, wachte sie plötzlich erschreckt auf; sie hatte im Traum Kinder schreien hören, in der Ferne am See und hier neben sich, und sie meinte, sie stände allein mitten drin und müßte sich zerteilen, dort sein und hier sein, und dazwischen hörte sie die Kuh, wie sie schrie und an dem Stricke riß, wie damals, als sie am Gartenzaun angebunden war; Walpurga sah sie ganz deutlich, und die Kuh hatte so große Augen und schnaubte sie an, so heiß ... Wenn sie sich die Augen gerieben, war alles wieder still, und sie besann sich, daß sie nur geträumt hatte. Es war am letzten Tage vor der Abreise. Walpurga bereute es schwer, daß sie Hansei nicht früher hatte kommen lassen; er hätte recht gut einen Tag dableiben können, und sie hatte dann einen Menschen, der ihr die Hand entgegengestreckt hätte zum Willkommen, während sie jetzt die Hand immer nur zum Abschied zu geben hatte. Sie ging durch die Straßen und sah hinauf zum blauen Himmel – der stand auch über ihrer Heimat. Sie kam durch die kleine Gasse, in welcher Doktor Gunther wohnte; sie las das Schild am Hause und ging hinein. Ein Diener führte sie in das Wartezimmer des Leibarztes; hier saßen und standen viele Kranke, Männer, Frauen und Kinder. Walpurga sagte dem Diener, wer sie sei; alle Anwesenden schauten sie staunend an. Sie wurde sofort außer der Reihe hineingerufen; sie sagte, daß sie bloß gekommen sei, um Abschied zu nehmen. Gunther gab ihr den Bescheid, sie solle, bis die Sprechstunde vorüber sei, im Garten auf ihn warten. Sie ging hinab. Frau Gunther saß auf der Gartentreppe, sie rief die Bäuerin zu sich, und als sie hörte, wer sie sei, sagte sie, daß sie hier warten könne. Walpurga setzte sich, Frau Gunther arbeitete weiter und sprach kein Wort. Sie hatte ein entschiedenes Vorurteil gegen die Amme; ihr Mann hatte oft von deren Eigentümlichkeiten erzählt und Frau Gunther sah darin viel volkstümliche Koketterie, die aus der Naivetät einen künstlichen Aufputz macht, und das Aussehen Walpurgas widersprach dem nicht. »Du gehst wieder heim?« fragte endlich Frau Gunther; sie wollte doch nicht unwirsch sein. Walpurga erwiderte, wie glücklich sie sein werde, wieder daheim zu sein. Frau Gunther schaute auf. Sie war eine von jenen Naturen, die es als ein Glück betrachten, von einem Vorurteil erlöst zu werden, und im weiteren Gespräche fand sie nun, daß Walpurga sich allerdings dazu hatte bringen lassen, ihre starke und eigentümliche Art noch gewaltsam zu steigern, daß aber eben dies sie auch davor bewahrt habe, sich in dem neuen Dasein zu verlieren. Nun sprach ihr Frau Gunther zu, sich ja recht im Herzen zu fassen, und wenn sie heimgekommen sei, nicht alles mit dem Leben im Schlosse zu vergleichen und sich dadurch unglücklich zu machen. »Sind Sie denn auch schon einmal in der Fremde gewesen, daß Sie das alles so wissen?« fragte Walpurga. Frau Gunther lächelte. »Ich kann mich in dich hinein denken.« Immer mehr aus dem Herzen Walpurgas heraus sprach sie ihr zu. Sie führte sie in die Stube, und als Gunther herabkam, traf er Walpurga auf der Freitreppe, wie sie das vaterlose Enkelchen auf dem Schoße hielt. »Nun kennst du auch meine Frau,« sagte Gunther. »Ja, aber zu spät.« Auch Gunther redete nun Walpurga zu, sich recht zu fassen in der Heimat, und er als Eingeborner des Gebirges gab ihr im voraus Bilder des Willkommens und wußte sie gar heiter darzustellen. Gunther sagte, daß er sie noch einmal im Schlosse sehe, und seine Frau reichte Walpurga die Hand mit den Worten: »Sei wieder gut daheim.« »Ich will deiner Mutter auch noch was Gutes schicken,« schloß der Arzt. »Sag ihr, sie soll an den jungen Studenten denken, der damals, als sie Braut mit deinem Vater war, auf der Kirchweih beim Freihof mit ihr getanzt. Ich schicke dir heut noch sechs Flaschen Wein, die soll sie zum Andenken an mich trinken, aber nicht zuviel auf einmal.« »Ich sage Dank für meine Mutter und mir ist jetzt schon, wie wenn ich den besten Wein getrunken hätt',« schloß Walpurga; »meine Gräfin Irma hat recht gehabt, die hat immer gesagt: die Frau Gunther, das wär eine Frau für dich. Nun wünsch' ich, daß Sie bis zu Ihrer letzten Stunde so wohl leben mögen, wie Sie mir wohlgethan haben.« Man erwiderte nichts auf die Erwähnung Irmas. Gestärkt und gehoben kehrte Walpurga ins Schloß zurück. Sechzehntes Kapitel. Am Abend kam die Königin zu Walpurga und sagte: »Ich nehme nicht Abschied von dir. Wir wollen nicht vom Weggehen reden. Ich habe dir nur von Herzen danken wollen für die Liebe, die du mir und meinem Kinde bewiesen.« »O Königin, wie können Sie mir danken? Das sag' ich keinem Menschen auf der Welt, daß die Königin sich bei mir bedankt hat,« rief Walpurga. »Aber Sie sind so gut und wollen mir's leicht machen, und das können Sie mir glauben, jeden Blutstropfen gab' ich her, jede Ader ließ' ich mir schlagen für Sie und unser Kind. Ach lieber Gott, unser Kind! Ich darf nicht mehr so sagen, morgen schon nicht mehr, ich muß fort, aber ich krieg' mein eigen Kind daheim.« »Ja, Walpurga, das ist's, was ich dir sagen wollte. Glaube mir: das beste, was man auf der Welt haben kann, ist daheim sein; und so viel wirst du eingesehen haben, daß es eins ist, ob in einem Schloß oder in einer Hütte.« »Da haben Sie recht, mehr als satt essen und satt schlafen kann man sich nirgends. Morgen früh kommt mein Hansei. Darf ich ihn auch zu der Königin bringen, daß er sich bedankt, und auch zum König und den guten Herrschaften allen?« »Laß das, Walpurga, das ist nicht nötig. Der Arzt hat mir eigentlich verboten, von dir Abschied zu nehmen, es kann aber sein, ich sag' dir morgen noch einmal Lebewohl. Du kannst mir's glauben, es ist mir auch leid, daß du fortgehst.« »Wenn's die Königin will, bleib' ich da, und mein Mann und das ganze Nest kommt mit her.« »Nein, geh du wieder heim, das ist besser; und wenn ich einmal in deine Gegend komme, besuche ich dich. Und meinem Sohn will ich auch schon sagen, wie gut du gegen ihn warst; er soll dir's nie vergessen.« Walpurga hatte das Kind in die Wiege gelegt und sie rief: »Sehen Sie, er spricht drein! Wir erwachsenen Menschen verstehen nicht, was Kinder sagen, aber er versteht uns!« Nun erzählte Walpurga mit Jubel, daß ihr der Prinz heute einen Kuß gegeben, und sie redete ihm zu, daß er jetzt auch seiner Mutter einen gäbe. Aber das Kind that's nicht. »Frau Königin,« sagte Walpurga, »ich lasse Ihnen noch was Gutes da: ich hab' was für Sie gefunden.« Ihr Angesicht glühte und die Königin fragte: »Was hast du?« »Frau Königin, ich hab' eine Freundin für Sie, die beste. Die Frau Gunther, die kann auch wie Sie einem so aus dem tiefsten Herzen heraus reden, aber doch wieder anders. Ich meine, die sollten Sie recht oft besuchen und ich meine, es thäte Ihnen auch wohl, wenn Sie manchmal auf eine gute Stunde in ein gutes Nachbarhaus gehen könnten. Sie kämen allemal viel frischer wieder heim.« Walpurga war voll Eifer, der Königin das Glück eines Nachbarbesuches zu erklären. Die Königin lächelte, da Walpurga noch immer keine Vorstellung von den Bedingungen des Hoflebens hatte. Sie erklärte ihr indes, daß sie nur mit denjenigen Verkehr pflegen könne, die ins Schloß kämen. Walpurga war sehr traurig, daß sie nicht noch zu guter letzt die beiden Frauen zusammenbringen konnte. Die Königin zog sich zurück. »Jetzt ist sie fort,« sagte Walpurga, »und ich hab' ihr noch gar nichts gesagt, und ich mein', ich müßt' ihr noch so viel sagen.« Sie hatte das Gefühl, daß sie die Königin nicht verlassen dürfe; sie allein meint es getreu mit ihr und kann ihr beistehen, wenn ihr die Menschen etwas anthun wollen, wer weiß was. Sie dachte zurück an jene Stunde, da die Königin sie geküßt. Wieviel haben sie seitdem miteinander erlebt! Ist's denn möglich, daß es noch nicht ganz ein Jahr ist? Sie setzte sich an die Wiege und saß lange zusammengekauert da; dann begann sie leise zu singen: »Mein Herz trägt eine Ketten, Die du mir angelegt, Und ich wollt' das Leben wetten, Daß keiner schwerer trägt.« Ihre Stimme war heute zitternd. Das Kind schlief. Sie stand auf und sagte zu Mamsell Kramer, daß sie noch bei allen im Schlosse Abschied nehmen wolle. Mamsell Kramer widerriet ihr dies. Nur zu Gräfin Irma ging Walpurga, aber sie traf sie nicht im Schlosse, sie war bei einer großen Gesellschaft im Hause ihres Bruders. Walpurga sagte dem Kammermädchen, daß sie morgen früh abreise, und es thäte ihr wehe, wenn sie der guten Gräfin nicht Lebewohl sagen könnte; einstweilen sagte sie dem Kammermädchen Lebewohl und empfahl ihm, recht acht zu haben auf die gute Gräfin, daß sie immer gesund bleibe. Walpurga reichte dem Kammermädchen die Hand, aber sie mußte sie leer zurückziehen, denn jene hielt beide Hände in den Taschen ihrer seidenen Schürze und machte einen halb spöttischen Knix. »Je vornehmer, je besser sind die Menschen,« sagte Walpurga, als sie wieder in ihrem Zimmer war. »Die Königin ist die Höchste und auch die Beste.« Walpurga wurde zur Oberhofmeisterin gerufen. Sie fand sie auf derselben Stelle, in derselben Haltung wie damals, als sie vor bald einem Jahr hierher gebracht wurde. Tagtäglich fast hatte sie die strenge Dame gesehen; sie war nicht zutraulicher geworden, aber immer gleichmäßig gütig. Es schien, daß es in ihrer Art oder vielleicht auch in ihrem Amte lag, Walpurga nun auch ordnungsmäßig zu entlassen. »Du hast dich brav gehalten,« sagte Gräfin Brinkenstein mit freundlicher Handbewegung. »Die Allerhöchsten Herrschaften sind zufrieden mit dir. Nun lebe wohl und sei auch fernerhin brav.« Sie stand nicht auf, sie reichte Walpurga keine Hand, sie nickte ihr nur zum Abschied, und Walpurga ging. Diese doch gewiß nicht leutselige Entlassungsweise that Walpurga doch innerlich wohl; sie hatte ein Gefühl, wie wenn sie einen ehrenvollen Soldatenabschied bekommen, und soldatisch streng aber auch verläßlich und immer sich gleich war die Oberhofmeisterin geblieben; diese Beständigkeit übte ihren gerechten Einfluß auf das Gemüt Walpurgas. Im Zimmer Walpurgas standen zwei große Kisten vollgepackt und geschlossen. Sie hatte im Laufe des Jahres so viel Sachen bekommen und an Geld eine so große Summe, daß man ein mäßiges Bauerngütchen dafür kaufen kann. Sie setzte sich bald auf die eine, bald auf die andre Kiste, und als sie sich endlich niederlegte, blinzelte sie noch lang hinüber nach ihren Kisten. Wie umwandelnde Geister gingen die Gedanken Walpurgas durch die Gemächer des Schlosses und dann wieder daheim durch ihre Hütte, durch den Garten, über die Berge und plötzlich erwachte sie von einem Schrei des Kindes. Sie mußte sich besinnen, ob das ihr eigen Kind oder ein fremdes; sie beruhigte den Prinzen bald, blieb aber an seiner Wiege sitzen. »Der Schlaf soll uns keine Minute mehr nehmen, die wir noch beisammen sein dürfen,« sagte sie leise. Es tagte. Walpurga hatte das Kind zum letztenmal an der Brust. Eine Thräne fiel auf sein Haupt; es schaute zu ihr auf. Dann schlief es wieder an ihrem Herzen und sie hielt sein linkes Händchen an ihren Mund und sprach leise Worte hinein. Sie legte das Kind wieder in die Wiege, heftete noch einen schweren Blick auf dasselbe, dann ging sie, mit dem Rücken gegen die Wiege gewendet, dreimal um diese herum und endlich sagte sie zu Mamsell Kramer: »Jetzt geh' ich. Jetzt ist's Zeit.« Diener kamen und holten die Kisten. Walpurga war so versöhnlichen Herzens, daß sie selbst der Französin die Hand zum Abschied reichte. Sie schaute nicht mehr um nach der Wiege, ging hinab und ließ die Kisten nach einem Wirtshaus in der Nähe des Schlosses bringen, wohin sie Hansei bestellt hatte; er müßte eigentlich schon da sein, sie hatte ihm genau die Stunde angegeben, wann sie ihn dort treffen wollte. Aber Hansei war nicht da. Hier im Wirtshaus war schon früh ein bewegtes Leben, denn hier kehrten die Hofbedienten ein. Es wurde bereits laut gezecht und einige Livreebediente schalten sehr unehrerbietig auf die Herrschaften, die heute nacht auf der Soiree beim Grafen Wildenort die Bedienten im Vorhause und die Kutscher auf dem Bock fast drei Stunden hatten warten lassen. Es hieß, Graf Wildenort habe die Allerhöchste Erlaubnis bekommen, ein Roulette aufzustellen, und die Herrschaften hätten hochgespielt; der König wäre auch dagewesen, die Königin aber nicht. Walpurga saß bei der Wirtin im Verschlag auf ihrer Hauptkiste. Sie ging vor das Haus, um nach Hansei zu schauen; er kam noch immer nicht. Baum brachte ihr die Botschaft, sie solle noch zur Gräfin Irma kommen, aber erst um neun Uhr. Walpurga ging in der Stadt umher wie verirrt: da rennen die Menschen aneinander vorüber, keiner weiß vom andern und sie haben auch nicht Zeit zum Fragen. Man sieht um diese Zeit keinen runden Hut auf der Straße, die Stadt hat jetzt nur mützentragende Einwohnerschaft; Bäckerjungen und Metzgerburschen tragen pfeifend Brot und Fleisch aus, an den Ecken stehen Mägde und lassen sich Milch zumessen, und die Marktweiber vom Lande eilen mit Körben und Handkarren nach ihren Standorten. »Morgen früh ist das alles wieder so und du bist fort; es geht dich auch heute nichts an,« sagte sich Walpurga, während sie dem Treiben selbstverloren zuschaute. Ein großer Buchladen wird jetzt aufgemacht und da hängt ihr Bild hinter der Scheibe – was nützt es sie? Niemand fragt, wie es ihr im Herzen ist. »Und morgen wird das Bild auch dahängen, und es ist eins, ob du noch da bist oder nicht; es ist überhaupt eins, ob du auf der Welt gewesen bist oder nicht,« so schloß Walpurga, als eben ein Leichenwagen vorbeizog, und niemand fragte, wen sie da begraben. Alles zog seinen Weg. In schweren Gedanken ging Walpurga dahin, und immer wieder zerrte etwas an ihr, nach dem Schlosse zurück, zu dem Kinde. Sie ging vors Thor, wo Hansei hereinkommen mußte. Er kam noch nicht. Wenn er gar nicht kommt, wenn das Kind daheim krank, wenn es gestorben ist, wenn – Walpurga wurde sterbensbang vom Ausdenken dessen, was alles möglich sei. Sie setzte sich auf eine Bank in der Promenade vor dem Thor, Reiter jagten vorbei und ein blinder Invalide spielte einen lustigen Walzer auf seiner Orgel ... Es schlug neun Uhr, Walpurga ging in die Stadt zurück nach dem Schlosse. Am Thor stand Hansei und sein erstes Wort war: »Grüß Gott, Walpurga! Bist endlich da? Wo laufst denn herum? Ich suche dich schon geschlagene zwei Stunden.« »Komm mit da herein,« sagte Walpurga und führte Hansei in einen bedeckten Gang, »man spricht hier nicht so laut.« Nun stellte sich's heraus, daß Walpurga in ihrem letzten Briefe ihn nach dem Schlosse und nicht ins Wirtshaus bestellt hatte; sie bat um Verzeihung, sie sei beim Schreiben verwirrt gewesen: dann aber sagte sie: »Jetzt laß dir einen guten Willkommskuß geben. Gottlob, daß alles gesund ist. Ich brauche jetzt viel Liebe und Gutsein.« Vor dem Zimmer Irmas bat sie ihn, zu warten, und ging hinein. Irma lag noch im Bett, aber sie befahl, daß Walpurga, deren Stimme sie gehört hatte, hereinkomme. Die Gräfin sah schön aus in ihrem weißen Gewande, aber sie war sehr blaß und ihr Haar lag aufgelöst in wilden Strähnen auf den weißen Kissen. »Ich habe dir noch ein Andenken geben wollen,« sagte Irma, sich erhebend, »aber ich glaube, das beste für dich ist Geld. Nimm das dort! Alles, was dort liegt, alles! Ich will nichts davon! Nimm. Hab keine Furcht, es ist wirkliches Gold, im ehrlichen Spiel gewonnen, ich gewinne immer, immer! ... Nimm dein Tuch heraus und wickle es hinein!« So rief Irma, ihre Stimme klang heiser. Es war so dämmerig in dem Zimmer, daß Walpurga sich furchtsam umschaute, als befände sie sich in einem Zaubergemach, und sie kannte doch das Mädchen, sie kannte die Tische, die Stühle, sie hörte den Papagei im Nebenzimmer schreien – sie kannte alles, aber der Gedanke verließ sie nicht, daß das böses Gold sein könne; rasch machte sie das Zeichen des Kreuzes darüber, dann steckte sie es in ihre weite Tasche. »Und nun leb wohl,« sagte Irma. »Sei glücklich, sei tausendmal glücklich! Du bist es mehr als wir alle. Wenn ich einmal nicht mehr weiß, wohin in der Welt, komme ich zu dir. Gelt, du nimmst mich auf und gibst mir ein Plätzchen hinterm Ofen? Jetzt geh, geh! Ich muß noch schlafen. Leb wohl, Walpurga, und vergiß mein nicht! Danke mir nicht! Sprich nichts! Ich komme bald zu dir, dann wollen wir wieder singen, ja singen – leb wohl!« »Ich bitt' dich, laß mich reden, nur ein einzig Wort!« rief Walpurga und faltete die Hände. »Wir können beide nicht wissen, wer von uns stirbt und dann wär's zu spät.« Irma drückte mit der Hand die Augen zu und nickte. Walpurga fuhr fort: »Ich weiß nicht, was mit dir ist; es geht dir nicht gut und es kann dir noch schlechter gehen; du hast so oft kalte Hände und heiße Backen. Damals, am zweiten Tag nach meiner Ankunft, hab' ich dir unrecht gethan, verzeih mir's. Ich will dir mit keinem Gedanken mehr unrecht thun, und es soll dir niemand unrecht thun, es soll dir niemand was Böses nachsagen, aber ich bitt' dich, mach, daß du aus dem Schloß da hinauskommst! Geh auch heim ...« »Genug, genug!« wehrte Irma ab. Sie hielt die Hände vor, als wären die Worte Walpurgas Steine, die auf sie zuflogen. »Genug!« schloß sie. »Leb wohl! Vergiß mein nicht!« Sie streckte ihr die Hand entgegen, die Walpurga küßte; die Hand war fieberisch heiß. Walpurga ging. Draußen im Vorzimmer rief der Papagei noch: »Pfüt di Gott, Irma!« Walpurga erschrak bis ins Herz hinein und eilte wie gejagt davon. Siebzehntes Kapitel. Als Walpurga wieder zu Hansei herauskam, fragte er: »Soll ich auch hinein?« »Nein, wir sind fertig.« »Ich mein' aber, ich sollte noch zum König und zur Königin, ich hab' ihnen viel zu sagen.« »Das geht nicht.« Er hatte sich's immer vorgesagt, wie er mit dem König und der Königin reden wollte; er wird's ihnen schon zu wissen thun, daß er noch was Besonderes verdient hat, weil er seine Frau so lange hergegeben. Es ward Walpurga schwer, ihm klar zu machen, daß sich das nicht zwingen lasse; Hansei wollte nicht davon abstehen und besonders schämte er sich, daß er dem Gemswirt bekennen sollte, er habe den König und die Königin gar nicht gesehen, viel weniger mit ihnen an der Tafel gesessen. Walpurga bedurfte selbst der Aufrichtung und mußte nun doppelte Kraft aufbieten, um den unwirschen Hansei zu beschwichtigen. »Aber deinen Prinzen darf ich doch sehen? Da hast du doch noch Macht, daß du mich hinbringst?« fragte Hansei. »Ja, ja,« erwiderte Walpurga, »das können wir.« Es war ihr selbst lieb, das Kind noch einmal zu sehen, nun hatte sie eine gute Ausrede; und was liegt daran, wenn Mamsell Kramer, Frau von Gerloff und die Französin über Hansei spotten? Uebermorgen gehen dich alle diese Menschen nichts mehr an und du sie nichts! Mit einer Hast, die ihr die Wangen erglühen machte, ging sie mit Hansei nach den Gemächern des Prinzen. Hier begegnete ihr vor der Thüre Mamsell Kramer und als Walpurga ihren Wunsch vorbrachte, hieß es: »Nein, das geht nicht, du darfst nicht mehr hinein. Der Hofarzt ist da, das Kind weint und schreit entsetzlich. Geh du nur in Gottesnamen!« Mamsell Kramer verschwand hinter der Thüre. Walpurga hörte das Kind weinen und durfte nicht hinein, ihm zu helfen: sie war ausgestoßen, ausgeschlossen. Scham vor Hansei und Aerger über die undankbaren harten Menschen kämpften in ihr, und sie sagte endlich: »Komm, Hansei, man muß sich nicht unwert machen.« »Jawohl,« sagte Hansei, »ich seh' schon, so sind sie, wenn sie einen nicht mehr brauchen.« »Und wir brauchen sie auch nicht mehr. Gottlob, daß alles vorbei ist!« endete Walpurga. Sie verließ mit Bitterkeit das Schloß und Hansei knurrte immer vor sich hin, wie wenn er den nächsten besten, der ihm in den Weg käme, tüchtig durchwalken wollte. Sie kehrten miteinander in das Wirtshaus zurück, wo die gepackten Kisten standen. Hier trafen sie auch Baum, und Hansei sagte wieder: »Ich möcht' darauf schwören, das ist niemand anders, als der Jangerl von der Zenza.« »Der ist ja in Amerika,« herrschte Walpurga. »Ich bitt' dich, kümmere dich jetzt um nichts andres und mach, daß wir fortkommen.« »Ich hab' mich darauf eingerichtet, daß wir noch einen Tag hier bleiben. Ich möcht' einmal alles sehen und möcht' auch einmal ins Theater und dann – –« »Ein andermal, jetzt will ich heim zu meinem Kind.« »Bist so lang fortgewesen, wirst du's wohl auch noch einen Tag aushalten.« Walpurga hielt an sich, Hansei mußte ihr dennoch willfahren. »Was siehst mich immer so an?« fragte Hansei. »Gelt, du kennst mich kaum mehr?« »Du hast so getreue blaue Augen; ich hab's gar nicht mehr gewußt.« »So? Also so wenig bin ich dir in Gedanken gewesen, daß du nicht einmal mehr weißt, wie ich aussehe?« »Sei ruhig, ich hab' immerfort an dich gedacht. Was hat denn unser Kind für Augen?« »Helle, gesunde, es hat noch nie etwas daran gehabt.« Walpurga wollte wissen, von welcher Farbe die Augen seien, ob sich wie beim Prinzen die Farbe auch verändert habe. Aber Hansei wußte es nicht und war seiner Frau bös, weil sie ihn etwas fragt, was er nicht wissen kann. Endlich stieg man auf. Der Wagen fuhr nochmals am Schlosse vorüber, und mitten im Rasseln des Wagens auf dem Steinpflaster war es Walpurga, als höre sie oben im Schlosse den Prinzen weinen: »Ich muß mich auch entwöhnen,« sagte Walpurga, und weinte still. Schon draußen vor dem Thor schimpfte Hansei auf den Hof: »Man hätte uns wohl in einer Kutsche heimbringen können, aber so ist's, holen thun sie die Weiber lieber als bringen.« Hansei schaute immer neben hinaus bei allem, was er sagte, als ob ihm seine Zechkameraden dabei zunicken müßten. »Mindestens zwei Pferde hätten sie uns mitgeben müssen, ja, sie hätten sie uns ganz lassen können, sind überzählige genug im Marstall,« fuhr er fort. Walpurga hatte so oft und jedem davon erzählt, wie ihr Mann sie mit einem Wagen abholen würde, so daß keinerlei Anordnungen für ihre Heimbeförderung getroffen wurden. Als nun Hansei fort und fort nach seiner Weise über diese Rücksichtslosigkeit schimpfte, erinnerte sich Walpurga ihres Fehlers, und sie suchte, ohne denselben einzugestehen, Hansei zu beruhigen. »Ich bitt' dich um alles in der Welt,« schloß sie, »sag nur nichts gegen den Hof, sie können ja nichts dafür. Die Königin und auch der König, wenn sie von solchen Sachen wüßten, thäten sie ja alles gern; aber du glaubst gar nicht, was das für Menschen sind, die wissen vom Tausendsten nichts und meinen, die Wagen fahren allein. Du glaubst gar nicht, wie die Königin so gar arg wenig von der Welt weiß; so was Geld kostet und was man kaufen und erwerben und bezahlen muß, davon hat sie dir gar keinen Verstand. Schau, die ist eben wie die Engel, die können auch kein Geld zählen und haben auch nichts mit Geld zu thun, und sie ist so lieb wie ein Engel und nimmt einem die Worte aus dem Herzen und thut einem wieder so gute hinein.« Als sie nun innehielt und Hansei nichts darauf erwiderte, biß sie sich auf die Lippen: wenn sie so was im Schloß gesagt hätte, zur Gräfin Irma oder zur Mamsell Kramer, wie wär sie da gelobt worden! Aber der da, der thut, als wenn's gar nichts wäre, was sie gesagt hat. Es stieg etwas in ihr auf, es wälzte und krümmte sich – aber sie drückte es nieder. Ja, du mußt dich eben jetzt auch entwöhnen, dachte sie wieder, es ist vorbei, daß man dir alles so beruft. Sie saß lange still. Sie fühlte, daß es vorbei ist, sich in lebensgroßen Spiegeln zu betrachten, und man rollt auch noch einen Spiegel auf die andre Seite, daß man sich auch von hinten sehen kann. Das Wort der Königin kam ihr zuletzt in den Sinn: Wenn du heimkommst, sei recht geduldig mit den Deinigen, das gibt den Frieden auf der Welt, wenn man Geduld miteinander hat und eines dem andern gutes thut und nichts dafür will; wenn man nichts dafür will, da kriegt man's siebenmal bezahlt. – Und wie damals die Mutter ihr ein Stück Brot aus der Schublade mitgegeben, daß es ihr das Heimweh töte im Schloß, so hat ihr nun die Königin Worte und Gedanken mitgegeben, die sind so gut wie Brot, da kann man auch dran zehren und lange, und die zehren sich nicht auf. Ein Strahl aus dem sonnenhaften Wesen der Königin lag auf dem Angesicht Walpurgas. Sie wurde stillgefaßt und fromm in sich. Sie ergriff plötzlich die Hand ihres Mannes und sagte: »So gottlob, jetzt halten wir wieder einander fest, und hab du nur rechte Geduld mit mir, ich bin eben in der Fremde gewesen, wirst aber schon sehen, ich bin wieder gut daheim.« »Ja, ja, ist recht,« sagte Hansei. Wo man einkehrte, sagte Hansei überall zu den Wirtsleuten: »Das ist meine Frau, sie ist Amme vom Kronprinzen gewesen und, gottlob, wir können's jetzt schon.« Er war prahlerisch geworden, Walpurga aber war immer still vor den Leuten; erst wenn man wieder auf dem Wagen saß, wurde sie gesprächig. Sie fragte viel und Hansei erzählte viel, aber sie hörte wenig, sie sah immer nur ihr Kind vor sich, das tanzte da oben auf den Bergspitzen immer mit, wie man weiterfuhr, wie der Mond, der am hellen Tag am Himmel stand und auch immer mitgeht. »Und blaue Augen hat es?« fragte sie plötzlich, während Hansei eben genauen Bericht gab, daß die eine Kuh wieder frischmelkig sei. »Was das Kalb für Augen hat, weiß ich nicht,« lachte Hansei. »Ach, nimm mir's nicht übel, ich hab' nicht auf dich gehört. Ich denk' nur an unser Kind. Wenn ich meine Gedanken vorspannen könnte, wir wären daheim in einem halben Hui, wie der Schneider Schneck immer sagt.« Sie hielt lächelnd inne und fuhr nach einer Weile fort: »Ach, wie ist's denn möglich, daß ich so lang von dir weggewesen bin? Es ist nicht wahr, ich bin immer daheim gewesen, und jetzt komm' ich. Ich komm' zu dir, mein Kind! Hast du nicht was schreien hören, Hansei?« unterbrach sie sich umschauend. »Ich höre was schreien, wie ein Kind.« »Sei doch ruhig, du kannst einem ganz bang machen, daß man nicht mehr weiß, hat man seinen Verstand noch oder nicht.« Oft noch schaute Walpurga hinter sich, denn immer wieder war es ihr, als höre sie ein Kind weinen. Dort in der Stadt weint ein Kind, und die Menschen mit ihren Diamanten, ihrem Gold und ihren Soldaten – es nützt alles nichts, das Weinen eines Kindes können sie damit nicht stillen. Hinter sich und vor sich hörte Walpurga ein Kind weinen. »Warum hältst dir die Augen zu?« fragte Hansei. »O,« erwiderte Walpurga, »mir ist's, wie dem Vater vom Spinnerwastl; wie der von seiner Blindheit geheilt worden ist, da hat er erzählt, wie die Bäume auf ihn zugekommen sind, und alles ist so glanzig. Ich mein', ich hätt' auch die ganze Zeit nichts gesehen. Schau, da ist der erste Mann mit dem grünen Hut und er hat den Weidsack auf dem Rücken, und die Bäume sind allein gewachsen, und ich bin fort gewesen. Ich weiß gar nicht, wie ich das alles erleben soll und nicht sterben, und ich möcht' jetzt nicht sterben, nur jetzt nicht; ich will mein Kind spazieren führen unterm freien Himmel – o, guter Hansei, gib ihm keine Stiefmutter.« »Frau, Frau!« beschwichtigte Hansei, »du machst dich und mich närrisch. Glaub mir, das kommt davon, weil du heut noch nichts ordentliches gegessen.« Er that's nicht anders, am nächsten Wirtshaus wurde wieder gehalten, und Walpurga mußte Wein trinken. Sie hatte zwar Wein in der Kiste, die sechs Flaschen mit silbernen Kapseln, die der Leibarzt noch nachgeschickt, aber den wollte sie der Großmutter mitbringen. Walpurga schlief auf dem Wagen ein, obwohl es heller Tag war, und als sie erwachte, faßte sie die Hand ihres Mannes und hielt sie lange still. – Im letzten Städtchen vor dem Dorfe wurde nochmals eingekehrt, so sehr auch Walpurga Einsprache erhob. Hansei behauptete, daß die Mutter sie erst morgen erwarte; man würde daheim nichts zu essen finden. Er ließ tapfer auftragen, als wollte er sich auf mehrere Tage versorgen; auch Walpurga mußte ordentlich zulangen, und zuletzt vergaß man sich fast ganz, denn der Doktor Kumpan kam ins Wirtshaus. Er war sehr freundlich gegen Walpurga und trank tapfer mit Hansei; dann nahm er ihn beiseite und schärfte ihm ein, seine Frau jetzt ja recht sanft zu behandeln. Als man endlich wieder aufstieg, war das halbe Städtchen vor dem Wirtshaus versammelt, um die Amme des Kronprinzen zu sehen. Doktor Kumpan befahl dem Postillon, der ohne Uniform den Wagen führte, ein Posthorn mitzunehmen, und der Postillon, ein schöner brauner, lustiger Mensch, blies durch das Städtchen und auf dem ganzen Weg! es war helles Klingen von den Bergen und durch die Wälder. Walpurga schämte sich fast, so zu fahren, wo die Leute auf den Feldern neben der Straße arbeiteten; Hansei aber hatte kindliche Freude an dem Blasen. Endlich blinkte der See auf; es begann bereits Abend zu werden. »Das sind schon die Schwalben von daheim,« sagte Walpurga. »Von jetzt an ist ja kein Dorf mehr als unsres, ich seh' die Kirche und – horch! ich höre die Glocken, ich höre sie mit dir, mein Kind, und bald hörst du sie auf meinem Arm, und deine Stimme, deine Stimme – Kutscher, fahr schnell! Nein, fahr ruhig! Fahr ganz wie du willst, daß wir nicht umwerfen. Halt da! Da steigen wir ab. So haltet doch!« Sie stieg aus. Aber auf dem Boden stehend rief sie: »Nein, ich steig wieder auf, wir kommen doch schneller heim, wenn wir fahren. Warum kommt mir denn aber die Mutter nicht entgegen mit meinem Kind?« »Sie meint, wir kämen erst morgen,« erwiderte Hansei. »Dann ist sie vielleicht gar nicht daheim und ist mit dem Kinde zu einer Nachbarin gegangen?« »Kann schon sein, aber ich glaub' nicht.« »Siehst du nicht ein Kind dort, das läuft über den Weg ... ist das ... ist das?« »Nein, das ist nicht unser Kind, das kann ja noch nicht laufen; aber rutschen kann es wie ein junger Hund.« »Wer hat die Steinlinde da umgehackt?« fragte Walpurga plötzlich. »Niemand, im Frühjahr hat sie der Sturm umgerissen.« Walpurga fragte, und hörte nicht was sie fragte und nicht, was ihr geantwortet wurde; sie sprach und wußte nichts davon. »Schau, wie der Bach so hell ist und so schnell geht! Ich mein', er wär' nie so schnell gegangen. Und da haben sie ja ein neues Haus gebaut und dort den Wald geschlagen, und schau da die schönen Bachstelzen – so schön und groß sind sie doch nirgends als bei uns.« Ein Knabe kam des Weges auf einer Schimmelstute, die er zur Schwemme ritt. »Das ist des Grubersepps Waldl,« sagte Walpurga. »Das wird ein starker Bub.« »Und das ist ein guter Angang, daß uns zuerst ein Bub begegnet von allen im Dorf,« sagte Hansei. »Waldl!« rief er dem Knaben zu, »komm heut abend zu uns, ich geb' dir Kirschen.« Der Knabe antwortete nichts und ritt weiter. »Die zwei Kühe, die dort grasen, mit dem kleinen Mädchen dabei, das sind unsre Kühe,« sagte Hansei. Alles kommt, alles, nur die Mutter und das Kind nicht. »Die Mutter ist daheim!« rief Walpurga plötzlich. »Die Mutter ist daheim! Ich seh's, aus unsrem Kamin steigt Rauch auf! Und da steht sie am Feuer und hat das Kind auf dem Arm. O Mutter! O Kind! Wie ist's nur möglich, daß ihr nichts merket? Ich komm', ich bin da! Ich bin daheim, ich komm'!« Jetzt hielt der Wagen am Hause. »Mutter! Kind!« schrie Walpurga aus tiefster Seele. Mit dem Kind auf dem Arm kam die Mutter aus dem Haus. Walpurga umhalste ihre Mutter, küßte ihr Kind. Aber das Kind schrie und wollte nicht zu ihr. In der Stube auf der Bank am Ofen saß nun Walpurga und hielt die Hände im Schoß gefaltet und weinte. Sie schaute sich um wie in einer fremden Welt. »Laß sie nur allein ein wenig verschnaufen,« sagte draußen die Großmutter zu Hansei, der indes in Gemeinschaft mit dem Kutscher die Kisten abgestellt hatte. Nur kurze Weile saß Walpurga drin in der Stube von schweren Gedanken gefangen; die Sonne stand über den jenseitigen Bergen und durchleuchtete den Grasgarten, daß jeder Halm golden schimmerte; die Berge gegen Abend glänzten hell und die jenseitigen Höhen warfen bereits dunkle Schatten bis über den halben See. Walpurga war den ganzen Tag aufgeregt und bewegt gewesen. Jetzt war die Erfüllung da, nun geschieht nichts mehr. Sie meinte, sie müßte wieder fort, etwas thun, mit allem etwas machen, und wie das Bewußtsein einer Sünde stieg es in ihr auf, daß sie da allein sitzt und draußen ist ihre Mutter und ihr Kind, und sie läßt einen Augenblick vergehen, ohne sie zu sehen. Sie ging hinaus in die Küche; da stand die Großmutter mit dem Enkelchen auf dem Arm am Herde, wo das Feuer hell brannte. »Ißt mein Kind schon brav Brei?« fragte Walpurga. Das Kind, von der Stimme angezogen, schaute sie groß an, aber sobald Walpurga den Blick auf dasselbe richtete, versteckte es sich wieder am Halse der Großmutter. »Ja freilich, es ißt schon von allem und ist grad wie du, so hast du es auch gemacht; es möcht' schon den Löffel nehmen und selber essen, aber es findet den Mund nicht. – Ich koch' dir eben auch eine Supp', du mußt was Warmes in den Magen kriegen.« Die Mienen Walpurgas wurden wieder heiter. Die Großmutter brachte bald die Suppe in die Stube, Walpurga aß und sagte: »Ach Gott, Mutter, die erste Heimsupp'! So schmeckt doch nichts auf der Welt, so können sie im Schloß doch keine kochen, so eine Heimsupp'.« Die Großmutter lächelte und strich wie segnend Walpurga mit der Hand über den Kopf; sie fühlte es mit, wie Walpurga in alles das wohlige Daheimsein einbrockte. »Die Heimsupp' – ja,« sagte sie endlich und lächelte, und von den Mienen der Großmutter angezogen lachte auch das Kind. Viertes Buch Erstes Kapitel. Ein leiser Morgendämmer schimmerte durch den herzförmigen Ladeneinschnitt in das kleine Gemach. Die Wasseramsel im Röhricht versuchte ihren ersten Ton. Walpurga erwachte und horchte hin, sie hörte den Atem ihres Kindes, den Atem ihres Mannes – dreifacher Atem ist ihr Leben! »Guten Morgen, Tag, ich bin daheim!« sprach sie leise und es war ihr so wohlig im eigenen Bett. Plötzlich faltete sie die Hände: Ich danke dir, lieber Gott! Jetzt weiß ich, wie es sein muß, wenn man in der Ewigkeit erwacht, und ist erst recht daheim und hat alles bei sich und muß niemand verlassen und bleibt ewig beieinander; und jetzt wollen wir noch schön miteinander leben, gut leben und brav leben. Laß mir nur alles gesund und laß alles dahinten sein, was nicht gut und gerad ist ... Sie schloß wieder die Augen und dachte zurück. Gestern in der Nacht hatte ihr die Mutter gewinkt, war mit ihr in den stillen Grasgarten hinter dem Hause gegangen und hatte gesagt: »Schau dort oben die Sterne, sieh hinauf und sag: kannst du deinen Mann und dein Kind mit reinem Munde küssen? Wenn – was Gott verhüte – es nicht wäre – –« »Mutter,« hatte Walpurga gerufen, »Mutter, ich kann. Da heb' ich meine Hand auf; ich bin noch so, wie ich gewesen, als ich von da weggegangen.« »So,« sagte die Mutter, »das thut gut; jetzt sterbe ich gern.« »Nein, Mutter, wir wollen noch gut miteinander leben.« »Ist mir auch recht. Jetzt laß dir was sagen und da folg mir: Schau, du bist fast ein Jahr in der weiten Welt gewesen und bist in Kutschen gefahren und derweil habe ich hier gelebt, in dem Häuschen und in dem Garten, und hab' dein Kind auf dem Schoß gehalten und bin in Gedanken auch in der Welt herumgekommen, weit, weit, und drüber hinaus, wo man nicht vierspännig hinkommt. Jetzt hör mich getreu an und folg mir.« »Ja, Mutter, von Herzen gern.« »Also folg mir: gönn dir Zeit, dich wieder einzugewöhnen; verlange nichts, was unnatürlich ist. Schau, du kannst nicht von deinem Kind verlangen, daß es dich lieb hat, du bist nicht bei ihm gewesen die lange Zeit, es kennt dich nicht, es ist alles auseinander gewachsen; und so nimm's auch an mit allem andern. Will nicht, daß alles so sei, wie wenn du gestern dabei gewesen wärst, und weil du brav bist, so zeig's an andern. Dein Mann hat's schwerer gehabt als du, fast ein Jahr lang allein.« Mutter und Tochter wurden hier unterbrochen. Hansei rief aus dem Stubenfenster, was sie denn noch draußen zu thun hätten in der Nacht. »Und jetzt schlaf!« schloß die Mutter. »Ich hab' dir dein Bett drei Tage lang gesonnt. Schlaf gut! Gute Nacht!« Die Mutter führte die Tochter an der Hand wie ein kleines Kind, und als sie über die Schwelle getreten, fiel sie dem Kinde um den Hals und herzte und küßte es in der Dunkelheit ... So hatte jetzt Walpurga die Augen geschlossen. Was in der vergangenen Nacht geschehen war, stand vor ihr, alles war doppelt, wie in der Nacht die Sterne im See wiedergeschienen und ein doppelter Himmel war, ein Himmel droben und einer unten im See. Beim Gedanken an den See richtete sich Walpurga auf, kleidete sich still an, beugte sich über das Kind und über ihren Mann und ging, leise die Thür öffnend, hinaus aus der Stube, aus dem Haus. Sie ging durch den Garten, der Holunder an der Hecke duftete stark und der Fink schlug hell auf dem Kirschbaum, sie hätte ihm gern zugerufen: Sei still, wecke niemand, bis ich wiederkomme. Sie ging weiter. Aus dem Röhricht am See, wo die Wasseramsel sang und der Rohrsperling plauderte, flog ein Volk wilde Enten auf und zwitscherte im Fluge. Die Sonne ging auf und der ganze See war wie ein wallender, weithin gebreiteter goldener Mantel. Walpurga schaute um und um, dann plötzlich mit einem Ruck war sie entkleidet und sprang in den See. Sie tauchte unter und wieder auf und strich sich die Haare aus dem Gesicht und plätscherte glückselig wie ein Fisch auf dem Grunde. Der Goldmantel des Sees wurde zu Purpur und Walpurga schaute auf zu der purpurnen Sonne und über den rot durchglühten See. »So ist's und so ist's recht, ich bin wieder da und wieder dein und alles ist von mir herunter. Ich bin nie fortgewesen.« Unter den dichten Weiden kleidete sie sich rasch wieder an und sie mußte sich zurückhalten, nicht laut aufzusingen, so wohl und frei war es ihr im Gemüte. Blaugrüne Libellen schwebten über dem Wasser. Jetzt flogen die Schwalben über den See und tauchten ihre Schnäbel in die allmählich verblassende Fläche, und drüben vom Walde rief der Kuckuck. Ein Storch stand im Röhricht und schaute Walpurga zu, wie sie sich wieder ankleidete; sie winkte abwehrend, als sie den Vogel gewahrte, der mit seinem großen Schnabel klapperte. Sie ging rasch zurück nach ihrem Hause. Der Fink schmetterte noch seinen Morgensang vom Kirschbaume, die beiden Kühe im Stalle brummten, sonst aber war alles noch still. Walpurga stand lange vor dem Blumenbrett am Stubenfenster und roch mit Entzücken an Nelken und Rosmarin. Diese Blumen hatte sie in ihrer Kindheit gepflanzt, damals, als sie noch kein eigen Gärtchen besaß: nur so viel Erde als in den Töpfen ist, konnte sie ihr eigen nennen; jetzt kann sie viele Ackerbreiten kaufen, aber wer weiß, ob so viel Freudenduft daraus emporsteigen wird, wie jetzt aus diesen henkellosen rußigen Töpfen. Die Nelken schienen es auch darauf abgesehen zu haben, zur Heimkehr derer, die sie gepflanzt und gepflegt, aufzublühen, es waren fast keine Knospen mehr da und auch diese wenigen streckten schon rote Zünglein heraus. Immer wieder roch Walpurga an ihren Nelken und konnte sie gar nicht satt bekommen. Plötzlich lachte sie in sich hinein, sie gedachte einer alten Geschichte, die ihre Mutter erzählt von der seligen Suse, die immer davon satt wurde, wenn sie an einer Blume roch. Ja, aber die Meinigen werden davon nicht satt, lächelte sie und ging ins Haus. Mutter, Mann und Kind schliefen noch. Eine kleine Weile saß Walpurga bei der Wiege ihres Kindes, dann ging sie hinaus in die Küche und mit reinen Händen entzündete sie das erste Feuer auf ihrem eigenen Herde. Sie schaute still in die aufsteigende Flamme und droben am See läutete die Morgenglocke. Sie hielt beide Hände fest auf das Herz gepreßt, als könnte sie damit die überquellende Glückseligkeit in sich beschützen und behüten. Zweites Kapitel. »So? bist schon fleißig?« sagte Hansei, da er in die Küche trat; er hatte das Kind auf dem Arm, das nur mit dem Hemdchen bekleidet war. »Guten Morgen, guten Morgen miteinander,« rief Walpurga glückselig, und in jedem Ton und jeder Silbe lag ein Ausdruck, als ob sie alles mit Liebe speisen und sättigen könnte. »Guten Morgen, mein Kind!« rief sie. Das Kind streckte ihr die Arme entgegen, aber sobald sie nach ihm griff, wendete es wieder das Gesicht und legte sich an die Schulter des Vaters. »Hab Geduld mit ihm, es kennt dich noch nicht recht,« sagte Hansei. »So ein jung' Kind ist eigentlich nur erst ein Stückle Vieh; das kennt die Mutter nicht, wenn sie nicht bei ihm blieben ist.« Als wollte das Kind die erniedrigende Weisheit des Vaters widerlegen, wendete es sich wieder um, starrte in das Feuer, rundete seinen kleinen Mund und blies, wie wenn man Feuer anbläst. »Die Großmutter hat's das gelehrt,« sagte Hansei. »Es kann noch viele Kunststücke. Die Großmutter hat noch nie so lang geschlafen, wie heute; es ist, wie wenn sie spüren thät, daß sie nicht mehr den ganzen Karren ziehen muß. Es ist ihr zu gönnen. Ja, deine Mutter, braver hat's noch keine Frau auf der weiten Welt gegeben.« »Hat's gegeben? Gibt's denn nicht mehr?« Walpurga erschrak bis ins Herz von diesem Worte. Die Mutter war gestern so glückselig über die ganze Welt hinaus gewesen, wer weiß, ob nicht die Freude sie getötet hat. Das Glück ist so groß, wer weiß, ob nicht was Schlimmes geschehen muß, denn es ist nie etwas ganz auf der Welt. Diese Gedanken überflogen Walpurga rasch und sie zitterte. »Ich will nach der Mutter schauen,« sagte sie, und ging nach der Kammer. Hansei folgte ihr mit dem Kinde. Als die Mutter jetzt erwachte, sagte sie: »So? Also wecken muß man mich? Bin ich denn noch ein junges Mädchen, das, wenn der Holunder blüht, lang schläft und träumt? Ja, jetzt fällt mir ein; was ich geträumt hab': ich bin wieder jung gewesen und Magd auf dem Freihof drüben über den Bergen, und dein Vater ist gekommen und es ist Sonntag gewesen. Wir sind miteinander hinauf zu meinem Bruder in der Pechhütte, unterwegs haben wir gesungen, und wie wir da am Bach sind, wo der Holunder blüht und der Vater mir von drüben die Hand gibt, daß ich gut herüberspringen kann, da habt ihr mich geweckt. Ich spüre seine Hand noch in der meinen.« »Gottlob, daß Ihr aufgewacht seid,« schaltete Walpurga ein. Die Mutter lächelte und fuhr fort: »Jetzt Walpurga, bitt ich dich nur um Eins. Wenn dir's nicht zu viel ist, gib mir ein paar Gulden, ich möcht' noch ein einzigmal heim, wo ich auf die Welt gekommen bin und gedient hab', und wo mein Bruder wohnt, und möcht' ein paar Groschen haben, um sie armen Leuten zu schenken, die noch dort sind.« »Ja, Mutter, das sollt Ihr haben, so viel Ihr begehrt. Wir haben's ja, gottlob.« »Ich möcht' nur wissen,« sagte die Mutter, »warum ich heut nacht von meiner Heimat geträumt hab'?« »Das ist leicht zu wissen,« sagte Hansei, »vor ein paar Tagen ist ja davon die Rede gewesen, der Holzschnitzer aus Eurem Ort hat's erzählt, daß der Freihofbauer sein Anwesen verkaufen möcht'. Ja, wer das kaufen könnte!« »Siehst du?« sagte die Alte, »siehst du, Walpurga, was dein Mann für ein Ketzer und Traumdeuter geworden ist? Das hat er alles vom Gemswirt gelernt. Jetzt machet aber, daß Ihr hinaus kommt und gebt mir mein Kind! Komm, du Gemsenzicklein! Hopsa, tanz einmal!« Sie sang dem Kinde zu, und wie ein Vogel wohlig ins Nest fliegt, so streckte sich das Kind vom Arme des Vaters zu der Großmutter. Die Eheleute gingen hinaus und das Kind lag bei der Großmutter und die beiden waren glückselig mit einander. »Jetzt will ich die Kühe melken,« sagte Hansei draußen. »Du?« »Ja, wer sonst? Die Mutter kann nicht alles.« »Nein, laß jetzt mich das.« Walpurga ging mit ihrem Mann in den Stall. Sie wollte ihm das Geschäft abnehmen, aber es ging nicht, und Hansei sagte: »Ist auch nicht nötig, jetzt wird die Sache anders. Wenn du Wirtin bist, haben wir wenigstens zwei Mägde, und die können melken, und noch sechs Kühe kann man zu den unsern einthun, und noch eben so viel auf die Vogelfang-Alm, dazu haben wir das Recht, und da kannst du buttern und käsen und machen, was du magst.« Hansei sprach diese Erklärung in die Kuh hinein, während er molk. Er wollte vorerst nicht sehen, was seine Frau für ein Gesicht dazu macht, und gehört hat sie nun die Sache; später läßt sich schon weiter davon reden. Walpurga wollte eben etwas darauf sagen, da öffnete sich die Stallthür, ein Mädchen, das einen Kuchen auf einem großen Brette trug, trat ein, that das Tuch ab und sagte: »Einen schönen Gruß von meinem Meister, dem Gemswirt, und da schickt er das als Willkomm für die Frau.« »Einfältiges Ding!« rief Hansei und stand rasch auf, er sah wunderlich aus mit dem angeschnallten Melkkübel. »Einfältiges Ding! den Kuchen trägt man nicht in den Stall, trag ihn in die Stube und sag daheim schön Dank, und der Herr Gevatter soll uns bald die Ehre geben, oder auch wir kommen zu ihm, vielleicht noch vormittags. So, jetzt geh!« Walpurga gedachte der Mahnung ihrer Mutter, die Dinge nicht auf einmal ändern zu wollen. Sie nahm sich vor, zuerst alles ohne Dreinreden an sich kommen zu lassen und davon Einsicht zu nehmen; es wird sich dann zeigen, was man thun will. Hansei molk weiter und Walpurga sprach nichts. Die Welt bleibt nicht so ruhig und allein, wie am Morgen im See, man muß aber auch bei sich selber bleiben, wenn's um einen herum lärmend hergeht. Als Hansei gemolken hatte und die beiden Kübel rechts und links in Händen hielt, sagte er zu seiner Frau: »Was sagst du dazu?« »Das ist viel und schöne Milch.« »Ich meine, was sagst zum Gemswirt?« »Es ist recht anständig, ich erkenn's dankbar; wir wollen sehen, daß wir's wettmachen.« »Ist nicht nötig, den Kuchen müssen wir schon teuer bezahlen. Aber wir sind auch nicht dumm, wirst schon sehen, Walpurga, ich weiß auch, wo Bartel den Most holt.« »Und hast bis jetzt nur kein Gefäß gehabt, um zu schöpfen,« entgegnete Walpurga lachend. »Du bist aber gescheit!« stimmte Hansei in das Lachen. »Nein, was sie gescheit ist!« sagte er zu den Kühen gewendet; er mußte vor Lachen die Milchkübel abstellen; wenn man ihn wie einen Kreisel um und um gedreht, es hätte ihm nicht wirbeliger sein können. Solch ein Sprichwort ist wie ein Stock in der Hand, und ist's nicht wunderlich, wenn der plötzlich Zweige bekommt? Daß Walpurga an das gewohnte Wort etwas Neues anknüpfte, gab ihm eine Ahnung, wie seine Frau in der Fremde eine andre geworden. Endlich sagte er: »So ist's, jetzt hab' ich die Melkkübel. Ja, wenn ich mit dem König hätte reden können, da hättest du bald erfahren, daß der Hansei auch nicht gerad einer von den Dümmsten ist.« »Das weiß ich schon lang, da brauch' ich keinen König dazu.« Beim Frühstück war Walpurga glücklich, als das Kind sich einige Löffel Brei von ihr reichen ließ; auf ihren Schoß aber ging es noch nicht, es schrie und jammerte, wenn sie es nehmen wollte. »Hast du zusammengerechnet, was wir eigentlich alles in allem besitzen? Von dem Geld, was du geschickt hast, ist kein Groschen weggekommen, heißt das, fünfzehn Gulden hab' ich doch davon genommen, ich hab' mir eine Jagdflinte gekauft.« »Ist ganz recht,« sagte Walpurga, und mitten in aller Traulichkeit faßte sie den Gedanken, daß sie das Gold, das sie zuletzt von Irma bekommen, Hansei nicht übergeben wolle. Sie wußte nicht, warum ihr das in den Sinn kam, sie hatte eine gewisse Bangigkeit vor dem Golde, das ihr so wunderlich zugekommen war; sie hatte es selbst noch nicht angesehen. Ueberdies hatte sie das Gefühl, daß sie in trockenen Zeiten vielleicht noch etwas bringen müsse. Es kann gut sein, wenn nicht alles gleich da ist. Sie versprach, noch vor Mittag alles zusammen zu rechnen und jammerte, daß sie keinen Schrank habe, wohin sie all die schönen Sachen packen könnte, die sie in der Kiste mitgebracht. »Ich meine, du packst gar nicht aus,« sagte Hansei, »das thust du erst, wenn wir in unserm Wirtshaus sind; da sind Kisten und Kasten genug.« Walpurga schwieg. Hansei sah sie scharf an, aber Walpurga schwieg beharrlich. »Warum sagst du gar nichts zu der Sache?« fragte er endlich. »Weil du sie mir noch nicht ordentlich gesagt hast. Jetzt gib her, was meinst du eigentlich?« Hansei berichtete, wie alle Menschen sagten, es sei das Gescheiteste, wenn er vom Gemswirt das Wirtshaus kaufe; eine bessere Wirtin könnte es ja auf der Welt nicht geben, und eine Einkehr werde man haben, dergleichen es landaus landein nicht gäbe, und das Schild wolle man umändern, das sei ein kluger Streich, der zieht am meisten, es heißt nicht mehr: »Zum Gemsli«, sondern »zur Königsamme« oder »zur Prinzenamme«; es sei schon ein Maler da, der wolle Walpurga auf das Schild malen, wie sie den Prinzen auf dem Arm hat. Das werde ein Gelaufe geben, man werde nicht Tische und Stühle genug haben, und von allen Seiten werde es Geld regnen. Der Kauf sei billig, der Gemswirt habe einen anständigen Preis gemacht. »Das sagen alle Menschen,« schloß Hansei, »jetzt red auch du, du hast zuerst da mit zu reden.« »Ich frage nichts darnach, was alle Menschen sagen,« begann Walpurga, »sag mir ehrlich: hast du den Kauf schon fest abgeschlossen? Wenn das ist, hab' ich nichts mehr zu reden. In Unehren werd' ich dich nicht hinstellen. Du bist der Mann, dein Wort gilt.« »Das ist brav! Das ist rechtschaffen! Wenn nur das alle Menschen gehört hätten.« »Was liegt dir dran, was die Menschen hören?« »Ja, die dummen Menschen meinen, ich müßte jetzt unterducken, weil das Geld von dir herstammt. Also ehrlich gesagt, der Kauf ist noch nicht abgeschlossen; ich hab' alles drauf ankommen lassen, ob du auch willens bist.« »Und wenn ich Nein sage, wärst du bös? Sag, gib Antwort! Warum redest du jetzt nichts?« »Schau, grausam verdrießen thät's mich doch.« »Ich sag' nicht Nein,« beruhigte die Frau. »Von wem das Geld herstammt, das wollen wir jetzt gleich ausmachen, davon wird nicht mehr geredet, nie und nimmer. Du hast auch dafür leiden müssen, so lang allein, das vergess' ich dir nicht, das sei sicher. Aber wie gesagt, ich sag' nicht Nein. Wir sind Mann und Frau und bereden und beschließen alles miteinander. Schau, wenn das Geld uns Unfrieden bringen sollte, möchte ich lieber alles in den See werfen und mich hinterdrein stürzen.« Walpurga weinte, und Hansei sagte stotternd: »Um Gotteswillen, wein jetzt nicht! Es drückt mir das Herz ab, wenn du weinst. Versündige dich nicht. Zehn Wirtshäuser sind es nicht wert, daß du weinst. O lieber Gott! Am ersten Morgen weinen! Da hast du meine Hand drauf; es geschieht nichts, wo du nicht mit gutem Willen dabei bist.« Walpurga reichte ihm die eine Hand, und mit der andern trocknete sie die Thränen, die ihr das übervolle Herz erleichtert hatten. Man hörte draußen Besuch kommen. Walpurga ging schnell in die Kammer, niemand sollte davon merken, daß sie geweint hatte. Drin in der Kammer that sie das Gold Irmas in einen Kissenüberzug und versteckte es. Ein Goldstück war daneben gefallen, sie hob es vom Boden auf und betrachtete das geprägte Bild des Königs. Solch ein König ist doch mit seinem Kopf überall. Wenn er nur auch mit seinen Gedanken überall sein und alles schlichten könnte! Das kann aber kein Mensch, das kann nur Gott ... Wie leben die jetzt dort im Schlosse? Was wird aus ihnen allen? Ist denn seit gestern nur ein einziger Tag? Lange saß Walpurga traumverloren, bis sie schwer aufseufzend inne wurde, daß niemand auf der Welt dem andern in Gedanken immer nachgeben kann. Sie mußte jetzt auch für sich sorgen. Es kamen nach und nach viele Nachbarn und Freunde, alle wollten Walpurga bewillkommnen. Hansei sagte mit Unruhe, sie käme gleich, sie sei nur in der Kammer. Endlich trat Walpurga ein, strahlend vor Freude und Wohlsein. Jedes bewunderte ihr gutes Aussehen, pries ihren großen Namen und beteuerte, daß man sich mit ihrem Glücke freue, wie wenn es ein eigenes wäre. Walpurga dankte von Herzen. Der große Kuchen des Gemswirts war bald verzehrt, denn sie wartete jedem auf. »Wie geht's denn der alten Zenza?« fragte Walpurga. »Schau einmal, wie gut die ist! Denkt sie an die alte Hudlerin! Ja an der und an ihrem Früchtl hast du deine Gutheit verschwendet,« hieß es hin und her und es wurde berichtet, daß die Zenza mit ihrem Sohne und der schwarzen Esther aus der Gegend weggezogen sei, man wisse nicht recht wohin, die Wurzhütte oben auf der Windenreute stehe leer. Nun kamen auch Bettler aus dem Dorfe und von weit umher. Es mußte sich schnell verbreitet haben, daß Walpurga zurückgekehrt sei und eine ganze Kiste voll Gold mitgebracht habe. Walpurga vernahm staunend, wie zahlreiche Verwandte sie in der Gegend habe. Da waren viele mit ihrem Vater verwandt, nur den Grad konnte man nicht genau angeben, und die Bettler zankten miteinander, denn der eine bestritt dem andern die Verwandtschaft. Walpurga verteilte an alle kleine Gaben. Sie gingen mißmutig davon. Diese Gabe war ja kaum des Weges wert, und auf Straßen und Waldwegen wurde viel geschimpft auf Walpurga, die sei jetzt stolz und geizig; aber bald waren wieder neue Bettlerscharen da, es war, wie wenn man Weizen unter Sperlinge wirft, es kommen immer wieder neue hinzu. »Nimm die Peitsche,« rief plötzlich eine laute Stimme von der Straße her, »nimm die Peitsche und jag das Bettelpack davon!« Der Gemswirt kam, geleitet von seinen beiden Jagdhunden Dächsel und Mächsel, und diese gaben auch ihre Stimme zu dem Ausruf ihres Herrn, bis ein Bettler dem einen Hunde einen Tritt gab, daß er laut aufwinselte. Der Gemswirt fluchte nun noch mehr, aber Walpurga ging hinaus, bat ihn mit ziemlich entschiedenem Tone, die Leute hier bei ihr gewähren zu lassen und verteilte an alle Anwesenden doppelte Gaben. Sie entging auch dadurch der ersten zutraulich gönnerischen Begrüßung des Gemswirts. Sie wußte noch nicht recht, wie sie sich zu ihm stellen solle. Er war offenbar der Verführer Hanseis. War sie sofort böse mit ihm, konnte das zu vielen Widerwärtigkeiten führen und sie verlor jeden Einfluß; sich aber zur Freundlichkeit zwingen, ward ihr ebenfalls schwer. Drin in der Stube fragte der Gemswirt Hansei: »Hast du ihr alles gesagt?« »Ja freilich.« »Und ist sie einverstanden?« »Sie sagt, was ich thue, ist ihr recht.« Walpurga trat in die Stube, und der Gevatter rief, ihr die Hand entgegenstreckend, jetzt nochmals: »Willkommen! und meinen Glückwunsch zur Gemswirtin dazu!« »Für das erste dank' ich, das zweite kann ich noch nicht annehmen; zuerst muß mein Mann Gemswirt sein.« »Hui!« rief der Gevatter, »gescheit! ausstudiert! vornehm! manierlich! Siehst du, Hansei? Hab' ich's nicht immer gesagt: Du hast eine Frau, die könnte Königin sein?« »Wenn mein Mann König wär', warum nicht?« Der Gemswirt schlug auf den Tisch und lachte so laut über den prächtigen Witz, daß die beiden Hunde bellten und sein Lachen mit ihrem Beifall begleiteten. Der Gemswirt zeigte den andern Besuchern, daß man nicht überlästig sein dürfe. Er ging bald davon, die andern mit ihm. Drittes Kapitel. »Und für deine Mutter baue ich nach dem Garten zu ein sonniges Stüble, da soll sie's gut haben: ich hab's schon vordem, aber das Jahr, wo du fort gewesen, doch erst recht gesehen, was wir an ihr haben. Wenn sie nur unser Herrgott uns noch lang läßt. Ja, die beste Stube im Haus gehört deiner Mutter!« So sprach Hansel und sah seine Frau strahlenden Antlitzes an. Walpurga fragte: »Wo willst du denn bauen?« Hansei schaute um, was denn da noch zu fragen sei. Er hat seiner Frau freilich zugestanden, daß nichts ohne ihren Willen geschehe; dabei ist's nun aber auch genug, jetzt macht man die Sache fertig, wie sie im Gang ist. Mit großer Selbstbeherrschung sagte er: »Natürlich, an der alten Baracke da baue ich nicht; droben an unserm Wirtshaus. Ich hab' aber schon gesagt, sie dürfen mir beim Bau dem Nußbaum nichts thun. Du wirst staunen, wie voll der ist, drei Malter Nüsse kriegen wir dies Jahr, und ein Nußjahr ist ein gut Bubenjahr.« Walpurga hielt ihm die Hand vor den Mund und sagte vor sich niederschauend: »Du bist ein herzguter Mensch. Glaub mir, ich kenn' dich besser, als du dich selber. Recht so, daß du jetzt viel schneidiger bist; ich hab' dir's immer gesagt: sei nicht so verzagt, stell' dich nicht immer hinten hin: du hast so viel Verstand, ja noch mehr als die andern. Wenn du nur einmal hinter der Thür gestanden hättest, wie ich der Königin von dir erzählt habe; und das nächste Jahr, wenn die Königin ins Gebirg kommt, besucht sie uns, sie hat mir's in die Hand hinein versprochen.« Hansei schluckte behaglich an den guten Worten, die ihm seine Frau gab, er schmunzelte lang vor sich hin. Die beiden Eheleute lobten und erhoben einander gegenseitig, was sonst nicht der Brauch sein soll, am wenigsten unter Bauersleuten, die sich dessen schämen würden, wenn sie davon wüßten. Aber es war unter ihnen nach der langen Trennung wie neues Freiwerben und neue Hochzeit. Sie wurden sich dieser Verfremdung und gewaltsamen Einigung nicht bewußt, denn zunächst stand der Wirtschaftskauf in Frage, und dabei handelte sich's um ihren ganzen ehelichen Frieden. »Also du bist einverstanden, daß wir wirten droben im Gemsli?« fragte Hansei. »Hab' dir schon gesagt, wir wollen's beraten. Also du meinst, du seist tauglich zum Wirt?« »Freilich nicht so, wie du zu der Wirtin, das sagen alle Leute, und die Wirtin ist immer die Hauptsache. Du wärst die beste Wirtin, du kannst dein Brot mit dem Maul verdienen, wie der Pfarrer. Du kannst so gut reden mit den Leuten und da kann man den Wein schon um ein paar Groschen teurer geben und alles. Schau, du hast die Art, du kannst dich so in alle Leute hineindenken und ihnen alles abnehmen und wieder dafür geben; das ist das beste Zeichen, daß du zur Wirtin wie geformt bist.« Es war Hansei unfaßlich, wie Walpurga noch zögern konnte. Das höchste Ideal eines jungen Gebirgsbewohners ist, Wirt zu sein: die Welt speisen und tränken und davon selber seine Nahrung haben, Lustbarkeiten geben und dabei selber am lustigsten sein, und wo die andern Geld ausgeben, einnehmen und überhaupt in seinem Hause der Sammelpunkt des zerstreuten Lebens, der Helfer, der Berater aller zu sein, mit dem sich jeder gut halten muß, der von allem weiß, von Kauf und Lauf und von jeder Kuh und jedem Acker und jedem Haus, die in andre Hände übergehen, auch seinen Vorteil hat, fast wie ehedem der Gutsherr und was andere Leute essen und trinken, das schmeckt ihm auch und er wird nicht mager davon. Und dann wieder, wie der Pfarrer von Taufen, Hochzeiten und Todesfällen immer eine schöne Abgabe ziehen, und erst gar die Fremden im Sommer, die dem Wirt eine Steuer geben müssen, weil die Berge so hoch und der See so tief, und sie das alles ansehen dürfen. Ja, so eine Wirtschaft ist der große See, da fließen alle die Bächlein von den einzelnen Bergrinnsen zusammen. Walpurga sah ihren Mann mit großen Augen an, da er ihr die ganze Glückseligkeit und den Vorteil eines Wirtshauses so lebhaft und ausführlich schilderte. Es mutete sie fast selbst an, sie sagte sich: Das ist doch wohl das Gescheiteste, denn in das alte kleine Leben findest du dich doch nicht mehr ganz, du bist auch anders geworden und mußt was andres haben. Sie beteuerte daher nochmals und mit aufrichtigem Tone, daß sie nichts gegen die Sache habe, man müsse sie nur bedachtsam in die Hand nehmen. »Und weißt du,« schloß Hansei, »was noch das beste ist? Eine Post bekommen wir hierher, der Landrichter selbst sagt's; und wenn's doch noch fehlen sollte, kannst du das ja leicht machen, und du machst unsern ganzen Ort berühmt und machst eine Stadt daraus und die Häuser werden das Doppelte wert.« Er wollte sofort mit seiner Frau in das Dorf hinaufgehen und das Wirtshaus einsehen, aber Walpurga sagte: »Laß mich erst zur Ruh' kommen in unserm alten Haus, das Wirtshaus läuft uns nicht davon. Ich kann dir gar nicht sagen, wie wohl mir ist in unserm Haus, ich möcht mich immer von einem Stuhl auf den andern setzen. Es ist alles so gut daheim. Ich meine, jeder Stuhl und jeder Tisch hätt' Augen und schaut mich so getreu an und sagt: ja, wir kennen dich noch und haben auf dich gewartet. Jetzt bitt' ich dich, laß mich noch in Ruh' da.« »Ja, ja, bleib nur,« entgegnete Hansei und ging in der Stube auf und ab. Plötzlich, als ob er gerufen worden wäre, ging er hinaus und spaltete noch einige Stöcke, die er beiseite gestellt hatte. Walpurga kam heraus und sah ihm vergnüglich zu. »Ja,« sagte er, »geschafft wird vor wie nach. Ich werde kein faulenzerischer Wirt, da kannst du ruhig sein, und ans Trinken gewöhne ich mich auch nicht. Gehst jetzt mit mir ins Dorf?« fragte er endlich. »Ja, komm nur herein.« Hansei war bald zuweg, und er war nicht wenig stolz, jetzt mit seiner Frau ins Dorf hineinzugehen. Am großen Rohrbrunnen beim Rathause standen Frauen und Mädchen mit ihren Kübeln; sie kamen auf Walpurga zu, begrüßten sie und wünschten ihr Glück. Die Kinder kamen eben aus der Schule. Walpurga rief das eine und andre an, gab ihm die Hand und trug ihm Grüße an die Eltern auf. Sie hörte mit schwerem Herzen vom Tode dieses und jenes. Die andern Kinder standen in Gruppen beiseite und schauten sie staunend an; die Abholung der Walpurga ins Schloß war für die Dorfkinder ein Märchen geworden, und jetzt stand das Märchen am hellen Tag da und sprach wie andre Menschen. Als Walpurga endlich fortging, riefen ihr die Kinder nach: »Walpurga!« Sie wollten beweisen, daß sie sie noch kennen. Im Weitergehen mit ihrem Mann sagte dieser leise, auf das Rathaus deutend: »Schau, da hinauf komm' ich auch bald; es ist so gut wie gewiß, daß sie mich zum Gemeinderat wählen. Ich könnte Bürgermeister werden, aber das nehme ich nicht an; das bringt einem Wirt manche Ungelegenheiten.« Walpurga merkte, daß der Wirtsgedanke schon nach allen Seiten Wurzel geschlagen; sie erwiderte nur: »Ich seh', du hast dich in diesem Jahr viel in der Welt umgesehen. Du hast aber gewiß auch gelernt: Jeder muß zuerst an sich und die Seinen denken, und wenn man nichts hat, oder in ein Unschick fällt, hilft einem kein Mensch.« »Wohl, wohl, aber gottlob, wir brauchen jetzt niemand; im Gegenteil.« Man kam am Hause des Großbauers Grubersepp vorüber. Der Großbauer, der Reichste in der Gemeinde, ein langer, hagerer Mann mit allzeit verdrossenen Mienen, stand auf der Vortreppe seines Hauses. Hansei grüßte ihn zuvorkommend, aber der Grubersepp kehrte sich mit rascher Wendung um nach seinem Stall. Es schickt sich nicht für einen Großbauern, solch ein Taglöhnerkind, wie die Walpurga, zu bewillkommnen; das ganze Dorf mag an ihr zum Narren werden, was ein Großbauer ist und weiß, was er zu bedeuten hat, der thut da nicht mit; das wär' schön, wenn man sich jetzt um ein Geschöpf kümmerte, das früher froh gewesen ist, wenn man ihm ein paar Schoppen Milch auf Borg gegeben hat. Hansei rief laut: »Grüß Gott, Grubersepp, meine Frau ist wieder da.« Grubersepp that, als ob er's nicht gehört hätte, und ging in den Stall. Wie herzensfroh war Walpurga gewesen von den Begrüßungen im Dorfe, aber all das that ihr nicht so wohl, als ihr jetzt diese Geringschätzung wehe that. Freilich ist das nur ein einfältiger verkniffener Bauer in seinem dummen Bauernstolz, der sich so benimmt, und der König hat ja mit dir gesprochen und mit so einem Klotz nicht; aber was hilft das? Der Mann ist der erste im Dorf und seine Mißgunst und Wegwerfung läßt sich nicht so wegblasen. »Für dich, du Gabelstock,« sagte Walpurga gegen das Haus gewendet, »für dich wirte ich nicht; dir schänke ich keinen Schoppen ein und sage gesegne's Gott!« »Was sagst du?« fragte Hansei, da Walpurga diese Worte nur in sich hineinmurmelte. »Wenn wir dem einfältigen Gabelstock da sein Gut abkaufen könnten, das wäre mir lieber als das Wirtshaus,« antwortete sie. »Das wär' freilich noch schöner, aber dazu haben wir das Geld nicht, und wenn wir's auch hätten, der Grubersepp verkauft nicht; im Gegenteil, wo ein Armer zu einer Wiese kommen will, da springt er herzu und nimmt's ihm weg.« Als die beiden beim Wirtshaus ankamen, fanden sie schon viele Leute, die am Freitrunk des Weinkaufs teilnehmen wollten. »Ah! Da kommt die neue Wirtin,« hieß es. »Dank schön,« sagte Walpurga, »mein Mann hat den Kauf noch nicht abgeschlossen.« Auch der Jäger von Zeil war da, und Walpurga übersah raschen Blickes, wie ihr Mann in ein ganzes Nest von Schmeichlern eingefangen war. Sie machte sich bald aus der Stube. Der Wirt und seine Frau begleiteten sie und Hansei durch alle Zimmer und durch den Keller. Walpurga fand alles ganz gut, nur sagte sie immer, daß man bauen und neu herrichten müsse. »Du bist verwöhnt,« wendete der Gemswirt ein. »Bei uns auf dem Land ist es anders, wie in deinem Schloß; das weißt du nur nicht mehr; in dem Haus braucht man in fünfzig Jahren keinen Nagel einzuschlagen.« Walpurga ließ sich auf keine Erörterungen ein, sie sagte auf dem Heimweg nur ihrem Manne, daß man das Haus von einem Bauverständigen untersuchen lassen müsse, denn sie beide verständen nichts rechts davon, und vom Gemswirt etwas erwerben, das heiße doch der Katz den Speck abkaufen. Hansei war eigentlich unwillig, daß die Sache nicht gleich ins reine gebracht wurde: er meinte, er könne keine Stunde mehr im alten Hause bleiben. Walpurga wollte indes die Sache einstweilen nur hinziehen. Daneben hatte sie in der That auch viele gerechte Bedenken, das mußte Hansei doch auch eingestehen und er ward ruhiger. Am Nachmittag stellte Walpurga ihr Besitztum und ihr Erwerbnis sauber auf ein Blatt zusammen, es war eine schöne Summe; das Gemswirtshaus mit dazugehörigem Ackerland, Wiesen und Wald konnte fast ganz bezahlt, und was noch darauf stehen blieb, in einem oder zwei guten Jahren abgetragen werden. Viertes Kapitel. Es war am Abend. Die Großmutter war in der Kammer und sang mit bewegter alter Stimme ihr Enkelchen in Schlaf; auch sie sang das Lied: »Wir beide sein verbunden Und fest geknüpfet ein.« Walpurga und Hansei saßen allein am Tisch und so schnell aß er nicht die Kartoffeln, als Walpurga sie zu schälen verstand, und immer die besten und schönsten legte sie ihm vor. »Schau, Hansei,« sagte sie, und sah gar froh dabei aus, »schau, Mann, der König und die Königin haben die besten Sachen von der Welt auch nicht besser als wir. Da ist zuerst der Schlaf und das Sonnenlicht und das Wasser und Eier und gesottene Kartoffeln und Salz, die sind im Schloß und in der Hütte immer gleich, und das beste ist auch gleich – weißt du, was das ist?« »Ja, ein guter Kuß, der schmeckt von der Königin nicht besser als von dir, und da bin ich auch dem König gleich, besonders wenn mir der Bart gut rasiert ist wie heut,« setzte er hinzu, und führte die Hand seiner Frau über sein glattes Kinn. »Hast recht, aber ich hab's anders sagen wollen; die Liebe ist auch gleich, die können sie da droben auch nicht anders haben als wir.« »Ich weiß gar nicht, wie's mit dir ist,« sagte Hansei, »ich hab's gar nicht gewußt, daß du so eine Hexe bist; gescheit und schneidig wie der Tag. Es ärgert mich, daß die Menschen noch Du zu dir sagen und so thun dürfen, als ob du noch die alte Walpurga wärst.« »Sei froh, daß ich die noch bin, sonst wär' ich ja nicht mehr deine Frau.« Hansei hielt die Kartoffel im Munde und zerkaute sie nicht, er schaute seine Frau starr an; endlich sagte er, die fast unzerkaute Kartoffel schnell hinabwürgend: »Jetzt, der Spaß, der gefällt mir nicht; über so etwas darf man keinen Spaß machen!« Beide schwiegen. Drin sang die Mutter: »Mein Herz trägt eine Ketten, Die du mir angelegt,« und jetzt, da sie schwiegen, traf die beiden das Lied. »Ich muß dir noch was sagen,« begann Hansei wieder, »es ist meine Gewohnheit, ich hab's die ganze Zeit so gehalten, allemal nach dem Nachtessen bin ich noch ein wenig zum Gemswirt hinauf, besonders am Samstag Abend. Manchmal hab' ich noch was getrunken, manchmal auch nicht. Jetzt heut ist Samstag, da sind alle da, und da mein' ich, ich geh noch hinauf, ich thu's dir zulieb.« »Warum mir zulieb?« »Weil die Leut sonst sagen: jetzt muß er unterducken, weil seine gnädige Frau daheim ist.« »Was geht's dich nur immer an, was die Leute sagen? Und im Gegenteil, die Leute werden sagen: was ist das für ein Mann, der am zweiten Abend, wo seine Frau nach einem Jahre wieder daheim ist, ins Wirtshaus lauft?« Hansel sah sie starr an, auf diese Drehung wußte er nichts zu sagen; endlich aber brachte er vor: »Ich mein', ich geh' doch noch. Nicht wahr, du nimmst mir's nicht übel?« »Geh du nur!« erwiderte Walpurga und Hansei ging rasch davon. Walpurga sah ihm nach und Thränen drangen ihr ins Auge. »Also das ist's, wonach du dich gesehnt hast, und jede Minute war dir zu lang und du hättest die Stunden gern gejagt, daß sie schneller laufen?« Die Mutter kam herein, legte leise die Thür an und sagte: »Es schläft prächtig.« In Walpurgas Antlitz glänzte der Widerschein des Abendrots ganz anders als heute der Schein der Morgenfrühe, da diese Sonne aufstieg. Das Kind schrie nochmals in der Kammer, die Großmutter ging zu ihm, und rasch, als ob sie etwas gestohlen hätte, verließ Walpurga die Stube und eilte nach dem See. Es war Nacht, die Wellen schlugen leise an das Gestade, der Rohrsperling plauderte noch gar emsig, die Wasserhühner zwitscherten, auf den Bergen hoch oben bei den Almen brannten helle Feuer, die Almerinnen erwarteten heute zur Samstagnacht ihre Liebsten und jetzt stieg der Mond über der Gamsbühelkuppe herauf und blinkte in den See. Walpurga starrte geraume Zeit wie verloren in den See, dann kehrte sie wieder ins Haus zurück, aber sie ging nicht in die Stube, sondern schlich leise nach dem Keller. Mit übermächtiger Kraft rollte sie die steinerne Krautbütte von ihrem Platze, grub die Erde auf, legte das Gold hinein, das sie von Irma bekommen, und rollte die Krautbütte wieder darauf. Sie stand noch am Brunnen und wusch sich die Hände, als sie sah, wie die Mutter drin in der Stube Licht anzündete. Sie ging zu ihr und starrte in das Licht. »Was siehst du so ins Licht?« fragte die Mutter. »Ja, Mutter, ich bin so ein einzig Licht nicht mehr gewohnt; im Schlosse, da sind immer so viel.« »Aber mehr als zwei Augen haben die Menschen dort auch nicht,« entgegnete die Mutter. »Nein, Kind, das ist's doch nicht, warum du so verstört aussiehst. Sag ehrlich, was ist's?« Walpurga gestand, wie es ihr das Herz abstoße, daß ihr Mann schon am zweiten Abend es nicht daheim aushalte und ins Wirtshaus müsse. »Gib mir die Hand,« sagte die Mutter. »Ja, über deine Hand habe ich nachgedacht, ich hab's schon gemerkt, du waschest dir so oft die Hände, sobald du was angerührt hast; ist schön, aber bei uns geht das nicht. Schau, deine Hand ist fein und weich geworden dies Jahr über, und die meine ist rauh wie Leder und du mußt auch bald wieder eine rauhe Hand kriegen. Mach um Gottes willen deinen Mann nicht kopfscheu und gib ihm ja kein Unwort. Glaub mir, es hat ihn wie mit sechs Rossen hingezogen, zumal heut am Samstag abend. Er hat sich daran gewöhnt und Gewohnheiten sind stark, das kann man nicht nur so wieder umbiegen; und schlecht ist er nicht, das weiß ich. Laß ihm nur jetzt seinen Lauf, wie er's gewohnt ist, er kommt schon von selbst wieder ins alte Geleis.« Walpurga antwortete nichts. Sie schälte auch der Mutter mit großer Behendigkeit Kartoffeln, und diese sagte: »Nicht wahr, was eigentliche Gottesgaben sind, die haben sie im Schloß auch nicht besser?« »Da haben wir eine arme Seele erlöst,« erwiderte Walpurga lächelnd; »ganz das gleiche habe ich vorhin meinem Mann gesagt.« Mutter und Tochter hatten die Kartoffeln zum morgenden Tag gerichtet und die Mutter sagte: »Weißt du was? Wir schließen die Vorderthür und setzen uns hinten im Grasgarten auf das Bänkchen, wo dein Vater auch immer so gern gesessen. Da können wir ruhig mit einander reden, es kommt niemand mehr, wenn sie kein Licht sehen, und wir wollen auch keinen Besuch, wir brauchen keinen fremden Menschen, wir beide sind uns allein genug.« »Ach Gott, wenn's nur auch mit meinem Mann so wäre!« »Laß jetzt deinen Mann ruhig im Wirtshaus. Gottlob, daß wir zwei jetzt allein bei einander sind. Thu nur nicht, als wärst du eine abgesetzte Königin, du thust dir am wehesten damit.« Mutter und Tochter gingen durch das Haus nach der Hinterthür, die auf den kleinen Grasgarten führte. Hier stand vor dem Stallfenster an der Wand eine Bank. Sie setzten sich und ließen die Hinterthür offen, damit man das Kind höre, wenn es etwa schreie; man hörte aber nichts als das ruhige Fressen der beiden Kühe im Stall. Der Mond war voll heraufgekommen und strahlte glitzernd in den See; von fern hörte man manchmal ein Jodeln, das Bellen eines Hundes und einen Ruderschlag von einem Kahn, der noch über den See fuhr. »Wenn nur schon die ersten vierzehn Tage vorüber wären,« klagte Walpurga, »dann wäre ich doch schon eingewöhnter.« »Wünsch dir keine Zeit herum, sie kommt und geht allein.« »Ja, Mutter, befehlet mir immer alles, was ich thun soll, ich will jetzt gar keinen eigenen Willen haben.« »Das geht nicht; sobald man allein laufen gelernt hat, muß man auch allein fallen.« »Ich will mich recht zusammennehmen.« »Gut, erzähl mir auch was. Wie ist's um diese Zeit im Schloß?« »Um diese Zeit? O lieber Gott, ich mein', ich wär' schon zwei Jahr fort. Jetzt sind schon lang in allen Gängen Lichter angezündet und drunten bei den Herrschaften stehen sie jetzt von der Tafel auf, davon wissen wir aber nichts. Die Mamsell Krämer liest in ihrem Buch, sie liest jeden Tag ein ganzes Buch aus, und mein Prinz – o du armes Kind –« fing Walpurga plötzlich an zu weinen. Im selben Augenblick schrie ihr eigenes Kind drin im Hause. Nie beiden Frauen gingen hinein, »Es hat nur geträumt,« sagte die Mutter leise. »Das Kind spürt doch, daß seine rechte Mutter gekommen ist.« Walpurga fühlte aufs neue, welch ein doppeltes Leben sie führte; sie lebte noch dort und war doch hier daheim; alles wirrte sich ihr durcheinander, und als sie wieder bei der Mutter auf der Bank saß, mußte sie sich besinnen, wo sie war. »Ich mein',« sagte die Mutter, »wer so viel Zeitliches hat, wie der König und die Königin und die hohen Herrschaften, der kann gar nicht ans Ewige denken.« Walpurga erzählte, wie fromm sie dort seien, besonders die Königin, und die sei doch lutherisch. Geruhig und still sprachen die beiden mit einander, und Walpurga lag am Herzen ihrer Mutter und schlief endlich ein. Die Mutter wagte kaum zu atmen und hielt sie an ihrem Herzen in ihren Armen. Nach einer Weile weckte sie Walpurga und sagte, sie könne sich erkälten und möchte lieber zu Bette gehen. Walpurga erwachte verwirrt, sie wußte wieder nicht, wo sie war; sich den Schlaf aus den Augen reibend, fragte sie! »Mein Mann ist noch nicht daheim?« »Geh du nur zu Bett, ich helf' dir,« sagte die Mutter und entkleidete Walpurga wie ein kleines Kind, dann saß sie vor ihrem Bette, faßte die Hand der Tochter und begann: »Schau, es ist eine eigene Sache, wenn Menschen, die zusammengehören, einmal lange Zeit von einander gelebt haben. Wer fortgewesen, hat sich gewöhnt, ohne das andre zu sein, und das andre daheim auch. Da muß man eben warten, bis es wieder zusammenwächst. Gib ja recht acht, daß du nicht einmal ein Unwort sagst, laß ja nie den Gedanken in dir aufkommen: wenn ich nur wieder fort wär', und ich kann ja draußen in der Welt sein! Läßt du das zu, so bist du wie ein Baum, dem man die Wurzel abgehauen hat und ihn dann verpflanzen will – er muß verdorren. Merk', was ich dir sage: was du ändern kannst nach deinem Sinn, mach'; was du nicht ändern kannst, laß wie es ist, und denk' es muß so sein und füg' dich drein. Nichts Dümmeres auf der Welt, als wenn die Menschen sich etwas wünschen, was sie nicht machen können. Du kannst bei Wind und Regen oft hören: wenn nur heut schön Wetter wäre! Ja, das Wetter draußen können wir nicht machen, aber in uns können wir gut Wetter machen. Jetzt, das habe ich dir sagen wollen: mach' du in dir gut Wetter, dann ist alles gut.« »Ja, was thu' ich? Was soll ich denn?« »Gleich heut nacht mach' die Probe. Da, gib mir die Hand drauf, daß du deinem Mann, wenn er heimkommt und du bist noch wach, mit fröhlichem Sinn: Grüß Gott, Hansei! zurufst.« »Mutter, das kann ich nicht, das kann ich nicht!« »Ich sag' dir aber, das mußt du können, sonst bist du keine brave Frau und keine brave Mutter, und in jedem Goldstück, das du heimgebracht hast, steckt ein feuriger Teufel. Du hast gesagt, du willst mir folgen, und jetzt gleich beim ersten willst du nicht?« »Ja, Mutter, ich will; ich will mir alle Mühe geben.« »So, jetzt gute Nacht,« sagte die Mutter und ging in ihre Kammer. Walpurga lag still im Bett, aber Zorn und Kummer nagten in ihr. Ihr Kind hat sich ihr entfremdet und ihr Mann hat böse Gewohnheiten, er muß seiner Gesellschaft nachgehen und kann nicht bei ihr aushalten. Für wen hat sie sich denn all das Schwere auferlegt, unter fremden Menschen draußen das alles zu erwerben und so brav zu bleiben? ... Sie weinte bittere Thränen in ihr Kissen. Aber plötzlich sprach es in ihr: auf dein Bravsein bildest du dir auch was ein? Bist du denn für andre brav oder für dich? Und haben die nicht auch zu leiden gehabt, daß sie alles haben allein auf sich nehmen müssen? Mußt du nicht Gott danken, daß sie nicht vor Kummer gestorben sind? ... Ja, das wohl, aber jetzt müßten sie sich von Herzen freuen und dankbar sein. – Vom Kind kann ich's nicht verlangen, das hat keinen Verstand, aber mein Mann, ja er hat doch Verstand, wenn er will. Alles das soll ich erobert haben, um als Wirtin der ganzen Welt zu dienen? Nein, die Errungenschaft ist von mir da und ich hab' das Recht ... Um Gottes willen! Recht, Recht ... da ist das Elend. Wenn eines immer sein Recht haben will gegen das andre, dann ist die Hölle da ... Ich will kein Recht, ich hab' kein Recht, ich will gar nichts, ich will nur eine gehorsame Frau sein und eine gute Mutter ... Lieber Gott, hilf mir, wenn ich's nicht bin – Es näherten sich schwere Schritte. Hansei trat ein und Walpurga rief mit fröhlicher Stimme: »Grüß Gott, Hansei! Es freut mich, daß ich noch wach bin, wenn du heimkommst.« »Gewonnen hab' ich! Gewonnen!« schrie Hansei mit mächtiger Stimme, »draußen am Kammerfenster, da stehen zwei Männer; wir haben gewettet – um sechs Maß Wein haben wir gewettet. Sie haben gesagt, die Probe drauf, wie eine Frau zu einem ist, zeigt sich, wie sie einen anredet, wenn man aus dem Wirtshaus heimkommt oder gar, wenn man sie aus dem Schlaf weckt. Ich hab' gesagt: ich kenne meine Frau: wenn ich heimkomme, ist sie freundlich und gut und da haben sie mir's nicht geglaubt – und da hab' ich gewettet und jetzt hab' ich gewonnen und aller Wein auf der ganzen Welt, wenn aller mein wär', wär' mir nicht so lieb, als daß ich recht hab'.« Hansei öffnete den Fensterladen, der hinaus nach dem Seeufer ging, und rief: »Jetzt habt ihr's gehört, ihr Mannen. Ihr könnt gehen. Der Wein ist mein. Gut Nacht!« Walpurga zog die Bettdecke über den Kopf, draußen hörte man lachen und zwei Männer entfernten sich. Der Mond blickte eine Minute gar fröhlich in die niedere Hütte, dann wurde der Laden wieder geschlossen. Fünftes Kapitel. Als Hansei am Morgen erwachte, waren die Kühe bereits gemolken und im Hause war es so sauber und hell, als ob eine von den ???saligen Jungfrauen, die in den Bergen hausen, hier alles geordnet hätte. Auf dem Tisch in der Stube lag ein weißes Tuch und mitten darauf stand der Nelkenstock voll blühender roter Nelken, und der schwarze Topf, darin sie standen, war um und um mit einem Blätterkranz umwunden. »Du bist fleißig gewesen,« sagte Hansei, und Walpurga erwiderte: »Ja, ich bin in Gedanken heut schon in der ganzen weiten Welt gewesen und wieder heimgekommen. Schau, die vornehmen Menschen haben alles, was man wünschen mag, aber weißt, was sie nicht haben?« »Nein, das weiß ich nicht.« »Sie haben keinen Sonntag, und weißt du, warum nicht?« »Das weiß ich wieder nicht.« »Weil sie keine eigentlichen harten Werktage haben. Wenn man im Schloß aufsteht, da stehen Stiefel und Schuh von selbst gewichst vor der Thür, der Kaffee hat sich selbst gekocht, das Brot hat sich selbst gebacken, die Wege haben sich von selbst gekehrt und das ist alles da, man weiß nicht wie. Aber jetzt alles mit der eigenen Hand machen ... Schau, ich hab' dir heut schon die Händ' unter die Füße gelegt; ich hab' dir deine Schuhe geputzt.« »Das darfst du nicht, das ist nichts für dich. Thu' das nicht mehr.« »Gut, will's nicht mehr thun, aber heut hab' ich alles und es war mir so wohl, ich kann dir's gar nicht sagen, wie ich den ersten Kübel Wasser geholt habe. Es ist mir schwer geworden, ist aber doch gegangen, und jetzt freu' ich mich auf den Imbiß; seitdem ich von da fort gewesen, hab' ich keinen so mächtigen Hunger gehabt, wie jetzt.« Als die Großmutter mit dem Kinde kam, war auch sie überrascht und sagte: »Walpurga, du machst aus unsrer Hütte noch ein Schloß.« Hansei berichtete mit Freude, was Walpurga geschafft habe, und die Mutter sagte: »Recht hat sie, am besten daheim macht, wenn man recht schafft, und grad weil ihr jetzt etwas im Vermögen habt, müßt ihr umsomehr schaffen, denn wo man nicht schafft, hat das Vermögen keine rechte Heimat und will wieder fort; wenn man aber zu dem, was man hat, etwas hinzubringt, so wenig es auch sei, bleibt das Alte gern da.« »Ich mein', wir brauchen heut gar nicht in die Kirch' zu gehen,« sagte Hansei, »die Mutter gibt uns den besten Morgensegen.« »Ja, wir gehen aber doch in die Kirch',« erwiderte Walpurga. »So lang ich fort gewesen bin, hab' ich mich auf diesen ersten Kirchgang gefreut, und es ist ja heut gottlob ein Wetter, ich mein', es wär' früher gar nie so schön gewesen.« Es war ein gedeihliches Beisammensein, nur das Kind blieb noch widerwillig. Walpurga sagte ihrer Mutter, daß sie alles recht gemacht, über eins aber sei sie bös. »Was ist's? Was hab' ich gemacht?« »Daß ihr euch keine Magd angeschafft habt.« Die Alte lächelte: das könnte sie nie, sie wisse gar nicht, wie sie dazu kommen sollte, einer Magd zu befehlen. Nun sagte Hansei, er dulde nicht, daß seine Frau sich so abarbeite, es müsse eine Magd ins Haus. Die Großmutter empfahl eines ihrer Bruderkinder vom jenseitigen Gebirge. Es wurde beschlossen, daß man dem Ohm Peter Bescheid sagen lasse, er solle mit einer seiner Töchter kommen. Der Morgen war frisch, und Hansei, der sein schneeweißes Hemd anhatte, sagte, seine Pfeife ansteckend: »Walpurga, laß deine Mutter auch etwas arbeiten und komm du zu mir in den Garten.« Er saß draußen unter dem Kirschbaum auf der Bank und bald kam auch Walpurga und sagte nach Frauenart, sie bleibe nur kurz, es sei noch mancherlei zu thun und man müsse zeitig zur Kirche. Nun saßen die beiden am hellen Morgen auf der Bank und Hansei sagte: »Red' auch was, du mußt doch viel zu erzählen haben.« »Ich weiß jetzt nichts. Wart' nur, mit der Zeit kommt's schon. Es ist genug, daß wir bei einander sind. Wenn nur alles gesund bleibt. Ich mein', unser Kirschbaum sei gewachsen.« »Und jetzt glaub' ich, du hast dies Jahr noch gar keine Kirschen von ihm gehabt. Ich steig' hinauf und hole dir, und wenn ich vom Baum noch weiter hinaufsteigen und dir das Blau vom Himmel herunterholen könnt', ich thät's.« Er stieg auf den Baum und rief: »Schu! Fort ihr Spatzen! Ihr habt genug gehabt. Jetzt ist meine Alte wieder da, sie ist aber eine Junge und die will auch was haben, und ihr habt das ganze Jahr eure Weiber bei euch gehabt und ich nicht!« Er pflückte hastig die schönsten Kirschen und sang dabei: »Zur Kirschenzeit bist fort von mir, Zur Kirschenzeit bist wieder hier, Die Kirschen die sein schwarz und rot, Ich lieb' mein'n Schatz bis in den Tod!« aber plötzlich rief er: »Walpurga, ich muß herunter, ich kann dir nicht noch mehr holen, mir wird schwindlich.« Er stand schnell wieder auf dem Boden und sagte: »Das ist mir in meinem ganzen Leben nicht passiert und bin doch manchen halben Tag da oben gesessen; aber die Freud' und unser Glück, das macht mich jetzt so schwindlich. Ich steig' mein Lebtag auf keinen Baum mehr, das versprech' ich dir. Es wär' doch grausam, wenn ich stürzte. Wir müssen uns hüten, daß wir gesund und gerad bei einander bleiben. Ich will kein Bein brechen, ich will noch mit dir tanzen. Auf der Hochzeit von unsrer Burgei tanz' ich mit dir. Ich mein', ich hör' schon Musik; horch, hörst du nichts?« »Nein, aber das dauert noch lang, bis die Hochzeitsmusik von unsrer Burgei aufgespielt wird!« »Und einen rechten Mann muß sie kriegen, das thu' ich nicht anders. Was meinst du zu einem Prinzen? Ich will aber still sein, sonst schwätz' ich lauter dummes Zeug. Ich weiß nicht mehr, was ich sag', wo ich bin, und wer ich bin, und – –« »Wir sind daheim und du bist mein Mann; damit ist alles bei einander. Wirst sehen, ich hab' dir noch was gutes.« »Sag' mir nichts und versprich mir nichts mehr, ich hab' genug. Ich kann mir gar nicht denken, daß wir ein Kind haben, ich mein', wir hätten heut erst Hochzeit gehabt.« Mit ganz leiser Stimme, so daß kein Vorübergehender es hören konnte und nur sie allein wußten, daß sie sangen, stimmten sie das Lied an: »Wir beide sein verbunden Und fest geknüpfet ein, Glückselig sein die Stunden, Wann wir beisammen sein.« Sie sangen denselben Vers wieder und immer wieder, wie der Fink auf dem Baum immer dasselbe Lied schmettert; sie haben nichts zu sagen, als die eine glückselige Lust. Oben vom See erscholl jetzt die Kirchenglocke und die Töne wallten und flossen dahin über den breiten Spiegel des Sees und hinan zu den Bergen und Wäldern. Vom Dorfe her kam ein Fuhrwerk und Walpurga sagte: »Wir müssen uns rüsten zur Kirche.« Beide gingen in das Haus. Die Mutter hatte Hansei schon sein königliches Sonntagsgewand zurecht gelegt. Nach kurzer Weile hörten sie Peitschenknallen vom Gartenzaun her und eine Stimme rief: »Kommet bald!« Hansei fragte zum Fenster hinaus: »Was gibt's?« Auch Walpurga sah aus dem niedrigen Kammerfenster und verhüllte sich mit einem Tuche. Von der Straße antwortete der Großknecht des Gemswirtes, der neben dem Fuhrwerk stand: »Mein Meister schickt euch sein Fuhrwerk, ihr sollet damit zur Kirche fahren.« »Walpurga, willst du fahren?« fragte Hansei an der verschlossenen Kammerthür. »Nein, ich geh'. Ich bitt' dich, Hansei, schick' das Fuhrwerk zurück; ich bin genug gefahren.« Hansei ging hinaus. Eben kam der Gemswirt sorgfältig gekleidet, seine Soldaten-Denkmünze blinkend auf der Brust. Hansei sagte dankend, daß seine Frau nicht fahren wolle, aber der Gemswirt ließ sich nicht so schnell abwendig machen; er wartete, bis Walpurga kam. Sie ließ nicht lange auf sich warten beim Anputzen, und das will viel heißen, denn sie zeigte sich ja heute zum erstenmal wieder und wußte, wie aller Augen auf sie gerichtet sein werden. Als sie nun schön geputzt kam, sagte der Gemswirt: »Du mußt mir schon die Ehre anthun, daß ich dich und deinen Mann nach der Kirche fahre.« »Ich bin noch gut zu Fuß und freue mich, einmal wieder tüchtig laufen zu dürfen.« »Das kannst du schon noch, aber nicht an diesem ersten Sonntag. Wir müßten uns schämen vor denen auf den Einöden da drüben und da auf der Windenreute, wenn wir ihnen nicht zeigen, daß wir eine Frau, wie du bist, zu ehren verstehen. Wir sind alle stolz auf dich –« »Danke, nehmt's ja recht nicht übel, aber ich fahre nicht,« Walpurga ließ sich nicht zureden. Der Gemswirt war nahe daran, scharf gegen sie loszufahren, aber er bezwang sich, denn das könnte vielerlei zerstören. Mit lächelnder Miene sagte er: »Hätt' mir's denken sollen; für die Vornehmen ist das Zufußgehen ein besonderer Leckerbissen, ja, ja!« Er lachte über seine Gescheitheit und schickte das Fuhrwerk zurück; er lächelte, bis er sich umwendete, dann aber machte er ein grimmiges Gesicht. Er ging heim, zog seinen Rock mit der Denkmünze aus, hing ihn in den Schrank und wünschte, daß er sich selber heut so in den Schrank hängen könnte; wer weiß, ob die Walpurga ihm nicht den ganzen Spaß und die schöne Einnahme heut verdirbt. Walpurga ging mit ihrem Manne die Straße am See dahin, die Großmutter stand mit dem Kind am Zaun und schaute ihnen nach; sie sagte dem Kinde leise vor: »Mutter,« das Kind rief plötzlich laut: »Mutter!« Nochmals kehrte Walpurga um und wollte das Kind herzen, aber es verbarg sich wieder vor ihr und schrie, als sie es küssen wollte. Hansei stand grimmig dabei und holte mit der Hand aus gegen das Kind, aber Walpurga beruhigte ihn und sagte: »Man muß warten!« Es begann bereits zum zweitenmal zu läuten, man machte sich rasch auf den Weg. Unterwegs schlossen sich Männer, Frauen und Kinder, die aus dem Dorfe und den Einzelhöfen auf die Straße kamen, den beiden an. Hansei hätte sie gerne fortgejagt und sagte einmal leise: »Ich möchte mit dir allein gehen.« »Sei geduldig,« tröstete Walpurga, »gönne es ihnen, daß sie Freude haben an unserm Glück.« Sie war von Grund aus herzlich und zutraulich mit allen. Hansei schaute über den See hin und an den Himmel hinauf, und dann wieder auf seine Frau, als wollte er sagen: Seht, sie ist wieder da! Er lächelte, als er die mitwandelnden Kinder untereinander sagen hörte: »Das ist jetzt die fürnehmste Bäuerin, die kommt gleich nach der Königin.« Das sogenannte Dritte, oder das Zusammenläuten, das eine gute Viertelstunde lang dauert, begann eben, als Hansei und seine Frau an der Kirche anlangten. Auch hier standen viele Gruppen, die sie bewillkommten. Es war noch gute Zeit, hier einstweilen zu plaudern. Walpurga faßte die Hand ihres Mannes und ging mit ihm hinein in die Kirche. Sie waren die ersten. Walpurga setzte sich in die Frauenabteilung auf ihren gewohnten Platz und Hansei in die Männerabteilung. So saßen sie selbander und doch jedes für sich in der Kirche. Ueber ihnen läuteten die Glocken und sie saßen still in sich gekehrt. Nur einmal nickte Hansei seiner Frau zu, sie schüttelte abwehrend den Kopf. Keines von beiden schaute mehr um, nicht rechts nicht links. Die Orgel erklang, und die Kirche füllte sich mit Menschen. Walpurga wußte, daß diese und jene neben ihr, aber sie wollte hier von niemand bewillkommt sein und niemand grüßen. Sie fühlte das Auge des Unsichtbaren auf sich gerichtet. Der Pfarrer predigte von der Heimkehr in die ewige Heimat. Es war, als ob er heute nur für Hansei und Walpurga predigte: er sprach nur zu ihnen. Als nach dem Schlusse der Predigt das Gebet für den König und die Königin und die ganze königliche Familie gesprochen wurde, war ein seltsames Wispern in der Kirche. Walpurga spürte, wie die Blicke aller auf ihr ruhten, sie schaute nicht auf. Die Kirche war zu Ende, die Gemeinde strömte hinaus; Walpurga wurde abermals von den später Gekommenen bewillkommt. Der Küster kam mit der Botschaft, Walpurga und Hansei sollten zum Pfarrer in die Sakristei kommen. Sie traten ein; der Geistliche hieß sie nochmals willkommen, pries ihr Glück und mahnte sie zur Demut. »Ja, ja,« sagte Hansei, »meine Schwiegermutter hat uns fast das gleiche gesagt, wie der Herr Pfarrer.« Der Pfarrer versprach, sie bald zu besuchen, er sei stolz darauf, solch eine Frau unter seinen Pfarrkindern zu haben. Hansei fuhr mit der Hand dazwischen, als könnte er das Wort des Pfarrers mit der Hand ablehnen, er wollte zurückgeben: »Was nützen eure Ermahnungen zur Demut, wenn ihr selbst einem solche Sachen sagt?« Der Pfarrer winkte ihm und fuhr fort: »Ich reise nächste Woche nach der Residenz, und da mußt du so gut sein, Walpurga, mir ein Briefchen an die Gräfin von Wildenort mitgeben.« »Von Herzen gern,« erwiderte Walpurga. Draußen betrachtete Hansei seine Frau von Kopf bis Fuß. Also der Pfarrer bittet um Fürsprache seiner Frau! Ja, eine prächtige Frau ist's, daß sie bei all dem nicht verdorben wird. »O Hansei,« sagte Walpurga plötzlich, »was ist die Welt für ein Narrenspiel! Da thun sie alles, um einen stolz zu machen, und wenn man's nachher wäre, thäten sie nichts als schimpfen.« Hansei hatte ein gutes Wort darauf zu erwidern, wie er das fast auch so gedacht, aber es war nicht Zeit dazu, denn vom Berg herab kam der Schneider Schneck mit seiner großen Baßgeige. Das schmächtige Männchen sah gar wunderlich aus mit dem großen Instrument auf dem Rücken. »Heidi! Da sind ja die Hochzeitsleute!« rief der Schneider Schneck noch am Wiesenweg und rannte schnell auf die Straße, und gab Hansei und Walpurga die Hand. »Was ist das? Was hast du denn?« »Heut spiel' ich euch auf!« »Uns? Wer hat dich denn bestellt?« »Schade, daß das meine Frau nicht mehr erlebt hat. Die thät sich freuen! Wißt ihr denn nichts davon? Mich und noch sechs Musikanten hat der Gemswirt bestellt, heut wird das große Fest gefeiert, weil du heimgekommen bist, Walpurga. Der Förster und der Oberförster und das ganze Landgericht und sechs Stunden weit im Umkreis ist alles eingeladen. Es ist dumm, daß ich nur die Baßgeige habe, sonst thäte ich da gleich auf der Straße eins aufspielen.« »Da hast du's,« sagte Walpurga leise zu ihrem Mann. »Der Gemswirt macht aus allem Geld. Wenn es anginge, er ließe mir Violinsaiten über den Buckel spannen zum Geigen und dir ließ' er die Haut abziehn zum Trommeln!« »Geh voran, wir kommen schon nach,« sagte Hansei zum Schneider Schneck. Auf dem Heimwege duldete er's nicht, daß andre sich ihm anschlossen; er wollte mit seiner Frau allein sein, kein Mensch hat Anteil an ihr, sie gehört ihm ganz allein. »Jetzt wird's bald ein Jahr, daß wir da auf dem Steinhaufen gesessen haben, weißt noch? Da herum muß es gewesen sein,« rief Hansei mit fröhlicher Stimme. Walpurga gab keine rechte Antwort. Sie erklärte Hansei, was für eine dumme Geschichte das sei, daß der Gemswirt aus ihrer Heimkehr ein Fest mache; sie ginge aber mit keinem Schritt ins Wirtshaus zur Musik. Hansei hatte die Lustbarkeit gar nicht so uneben gefunden, im Gegenteil, er freute sich schon, mit seiner Frau so mitten drin zu sitzen und alle scherwenzeln um ihn herum: so etwas kriegt der Grubersepp mit all seinem Geld doch nicht. Es war eine große Ueberwindung, als er zuletzt sagte: »Wie du willst; du mußt am besten wissen, ob sich's für dich schickt.« Bald nach der Mittagskirche begann ein Fahren, Reiten und Laufen durchs Dorf, und vom Wirtshaus herab erscholl Musik, die Baßgeige des Schneider Schneck brummte gewaltig. »Wenn ich mich nur wohin verkriechen könnte,« klagte Walpurga. »Da ist leicht geholfen,« jubelte Hansei. »Recht so, wir beide gehen allein miteinander.« Er ging durch die Hinterthür in den Grasgarten und löste den Kahn vom Pflock. Als die Kette über Bord rasselte, sagte Walpurga, die Hand auf die Brust legend: »Du thust mir die Kette vom Herzen.« Sie stiegen in den Kahn und fuhren hinaus in den See. Wie ein Pfeil schoß der schlanke Kahn dahin über die glatte Wasserfläche. »Der Pfarrer hat ja auch kommen wollen,« sagte Walpurga, als sie schon eine gute Strecke weg waren. »Der kann wiederkommen, der bleibt im Ort,« meinte Hansei. »Jetzt fahren wir wieder ganz allein miteinander, wie damals, wo der Verspruch gehalten worden ist.« Auch Walpurga faßte die Ruder. Sie saß ihrem Manne gegenüber, Aug' im Auge, die vier Ruder hoben und senkten sich, als wär's eine einzige Hand, die sie bewegte. Die beiden sprachen kein Wort; sie stemmten sich vor- und rückwärts im gleichen Takt, und der Ruderschlag war nur einer. Sie hatten sich nichts zu sagen, sie schauten nur fröhlich einander an, und der gleiche Ruderschlag sagte alles. Als sie in die Mitte des Sees gekommen, hörten sie vom Ufer laute Musik und sahen mit der Musikbande eine große Menschenmenge an ihrem Hause. »Gottlob, daß wir davon sind,« sagte Hansei. Sie fuhren weiter und weiter, drüben legten sie an, stiegen aus und gingen Hand in Hand den Berg hinan. Sie saßen lange auf einer Anhöhe und redeten kein Wort. Endlich begann Hansei: »Walpurga, ich mein' – sag' mir's ehrlich, ich mein', du wirst nicht gern Gemswirtin? Sag's frei heraus!« »Nein, aber wenn du's durchaus willst –« »Ich will nichts, was dir nicht recht ist.« »Und ich auch.« »Also lassen wir den Gemswirt springen?« »Gern!« »Wir können warten.« »Wir bleiben einstweilen, was wir sind.« »Es wird sich schon ein guter Schick finden.« »Das Geld wird nicht altbacken.« »Und du auch nicht! Ich hab' eine frischbackene Frau! Juchhe! Juchhe!« Fröhlich sangen die beiden, wie wenn ihnen eine Last abgenommen wäre, die sie sich selbst aufgebürdet hatten. »Die Leute können über mich spotten, wie sie wollen, wenn wir nur zusammen sind in Ehren,« begann Hansei wieder. »Es soll gar nichts mehr kommen, es soll nur alles dableiben.« Sie saßen lang auf der Anhöhe im Walde, und Walpurga rief: »O, wie schön ist's doch auf der Welt! Wenn wir nur ewig so bei einander bleiben könnten! Es gibt doch nichts schöneres, als so durch das grüne Laub und die grauen Stämme hinab auf den See zu schauen. Da sind zwei Himmel, und ich mein', der hier unten wäre noch schöner.« »Ja, aber die Freude macht mir Hunger und Durst; ich muß was in den Magen haben.« Sie gingen hinab ins nächste Dorf. Es lag still und öde, nur da und dort saßen Leute vor den Thüren und plauderten und gähnten im heißen Mittag; Walpurga aber sagte: »O Hansei, wie ist alles so schön! Sieh einmal den Schubkarren dort, und das aufgeschichtete Holz und das Haus – ich weiß nicht, mit mir geht alles herum und es ist mir, wie wenn mich alles anlachen möcht.« »Komm, du mußt auch was essen und trinken, du bist ja wie aus der Welt draußen.« In der Wirtsstube trafen sie niemand, als eine Unzahl Fliegen. »Die haben viele Gäste, sie zahlen aber nichts« – sagte Hansei, und so unbedeutend das Wort war, die beiden lachten aus vollem Halse; die Freude lachte eben aus ihnen heraus und hatte nur auf einen Anstoß gewartet. Nach langem Rufen kam endlich die Wirtin und brachte etwas sauren Wein und altes Brot; aber es schmeckte den beiden gut. Sie gingen wieder davon, und als es Abend wurde, ruderten sie noch lange auf dem See herum. Der Abendtau senkte sich nieder und Hansei sagte, auf eine entfernte Waldblöße deutend: »Das ist unsre Wiese.« Walpurga schien in ganz andren Gedanken, denn sie hielt die Ruder an und rief: »Dort das kleine Häuschen, da sind wir daheim, und da ist unser Kind – ich weiß gar nicht, wie das so ist –« Sie konnte nicht weiter ausdrücken, wie ihr zu Mute war, als ob sie immer über den See und über die Berge mit allem, was sie hat, fliegen und schweben müsse: sie schaute nur Hansei groß an, bis dieser sagte: »Freilich ist das unser Häuschen, und drin sind unsre Kühe und Tische und Stühle und Betten. Walpurga, du bist ein närrisch Ding geworden, dir ist alles so fremd.« »Hast recht, Hansei; hab' nur Geduld mit mir, ich komm' eben zu allem erst wieder heim.« Es hatte sie bei den ersten Worten Hanseis fast kränken wollen, daß er so trocken und kalt war und gar nicht verstand, wie hoch hinaus sie getragen war; aber schnell faßte sie sich wieder und erkannte, wie sie in der That seltsam geworden, und das nicht hierher gehört. Sie kehrten heim und schlichen durch die Hinterthür in ihr eigenes Haus; sie fanden alles wohlgeordnet und in guter Ruh. Sie wollten nichts von der Freude und den Menschen draußen, sie hatten genug an sich. Sechstes Kapitel. Sind denn das nicht dieselben Menschen im Dorfe, die zu Weihnachten, als die Kleider für Hansei und die Mutter aus der Residenz ankamen, so schmähliches Gerede verführten? Sind das auf einmal lauter gute, liebreiche Seelen geworden? Anfangs schien es in der That, daß sie sich zum Edelsten, was es gibt, zur reinen Mitfreude, erhoben hätten. Nun aber – wenn es eine Wetterfahne gäbe für die Stimmung der Menschen, sie hätte sich schnell gedreht. Der Vorgang war natürlich. Es gibt wenig Lustbarkeiten mehr im Dorfe, die hohe Kirchen- und Staatspolizei hat da arg gewirtschaftet. Es war daher nichts Geringes, daß das hohe Landgericht zu Ehren der Prinzenamme Musik und Tanz mitten im Sommer erlaubte; denn zu allem, auch zur Musik, muß obrigkeitliche Bewilligung eingeholt werden. Nun war alles voll Fröhlichkeit, natürlich der Grubersepp ausgenommen; er machte ein saures Gesicht zu dem lärmenden Getreibe und ging, nachdem er sich am Mittag gut ausgeschlafen hatte, auf seine Felder. Die Kleinbauern und Holzhauer, die Schiffer und Fischer, für solche paßt ein Gejohle und Gethue um nichts und wieder nichts, einen ernsten schweren Bauern ficht das nicht an. Als aber Walpurga mit Hansei davongegangen und der Hauptspaß verdorben war, als sogar der Herr Landrichter sagte, das sei unverschämt – da trat eine Umwälzung in den Gemütern ein, und viele, die zur Einholung der Geehrten an der Gstadelhütte beim See waren, überlegten jetzt miteinander, was für einen Possen man dem Hansei und seiner hoffärtigen Frau spielen könne. Es ließ sich mancherlei ausdenken: man konnte den Kühen die Schwänze abschneiden, die Thüren zunageln, die Fenster einwerfen; die Menschen waren überaus erfinderisch in allerlei schnöden Possen, aber die Anwesenheit des Herrn Landrichters war dabei doch unheimlich. Der Trupp ging daher zurück ins Wirtshaus und erlustigte sich daran, tapfer gegen den Garnichts, gegen den Ammerich und seine einfältige Frau loszuziehen. Allmählich trat indes wieder eine andre Wendung ein. Schadenfreude ist auch eine Freude. Man gönnte es dem Gemswirt, daß ihm die Lustbarkeit und die gute Zeche verdorben war, denn die Herrenleute fuhren bald davon und ließen ihm Braten und Kuchen auf dem Hals, daß er acht Tage lang davon knappern konnte. In der Küche weinte die Gemswirtin vor Zorn und Aerger, den sie am liebsten gegen ihren Mann losgelassen hätte. Nun ging's hin und her, und es war eine rechte Lustbarkeit, den Gemswirt aufzuziehen und ihn zu ermahnen, den Verlust des heutigen Tages noch auf den Hauskauf zu schlagen. »Ich verkauf' gar nicht mehr,« sagte der Gemswirt, »solche Leute dürfen mir nicht mehr in mein Haus.« Als Walpurga am Montag früh erwachte, war Hansei nicht da. Die Arbeitswoche beginnt; er war schon vor Tag mit der Sense auf seiner Bergwiese und mähte das tauduftige Gras nieder. Die Arbeit ging mit solcher Freude, Lust und Ruhe, als wenn ihm eine unsichtbare Kraft helfend die Hand führte. Als die Morgensuppe bereit war und Walpurga überall nach ihrem Manne gesucht, hinter dem Hause und über den See hinausgejodelt hatte, um ihn heimzurufen, sie glaubte, er sei zum Fischen hinausgefahren, da ging sie nochmals in den Vorgarten und schaute auf den Kirschbaum, vielleicht ist er da oben, obgleich das immerwährende Kirschenbrocken zu viel und nicht recht wäre. In demselben Augenblick kam Hansei mit seiner Sense, die in der Morgensonne glänzte, den Berg herab. Walpurga winkte ihm, er kam schneller und berichtete, was er bereits vollbracht. »Ah,« sagte er, sich am Frühstückstisch ausstreckend, »das thut gut; schon was geschafft zu haben und dann heimkommen, und da ist Frau und Kind und Mutter, und die haben was Warmes bereit, – ah, das schmeckt! Der Sonntag ist schön, aber noch schöner ist der Werktag. Ich möchte nicht eine von deinen Herrschaften sein, die das ganze Jahr Sonntag haben. Wenn ich nur recht viele Aecker hätt' und Wiesen und Wald, daß ich immer im Eigenen schaffen könnte!« »Will's Gott, kriegen wir die,« erwiderte Walpurga. Man saß wohlgemut beisammen und alle waren ins Herz hinein froh und das Kind jauchzte. Da kam eine Magd des Gemswirts und brachte Hansei sein eigenes Bierseidel, worin sein Name auf den zinnernen Deckel eingegraben war, mit dem Bedeuten, der Gemswirt ließe sich für künftighin seinen Besuch verbitten. Hansei ließ dem Gemswirt zurücksagen, er möge ihm auch die zweihundert Gulden schicken, die er ihm noch schuldig sei. Er that's eigentlich nicht gern, daß er diese Botschaft durch die Magd gab, aber er mußte doch auch einen Trumpf draufsetzen. »Und sag' ihm noch,« rief er der Magd nach, »man hat ihn schon lang gewarnt, er kommt einmal an den Unrechten. Sag' ihm nur, ich sei der Unrechte, an den er gekommen ist.« Hansei konnte doch nicht umhin, das leere Bierseidel mit Wehmut zu betrachten. Das bleibt nun leer, wer weiß, wie lang, vielleicht auf ewig, und es ist keine Kleinigkeit, im Dorfe vom Wirtshaus ausgeschlossen zu sein, es ist fast so hart, wie in einer kleinen Residenz, wo der Fürst Gastereien gibt, nicht hoffähig zu sein. Es ist frisch angestochen! wird's heißen: Es ist ein Weinkauf! Es sind unterhaltsame Fremde da ... Vom Besten, was nun im Dorfe vorgeht, hat er nichts mehr. Betrübt schaute Hansei auf sein Deckelglas und spürte schon jetzt all den Durst, den er ins künftige nicht wird löschen können. Es dauerte nicht lange, da kamen Holzschläger, bevor sie in den Wald gingen, zu Hansei und erzählten ihm voll Mitleid, was alles gestern über ihn und seine Frau gesprochen worden. Sie schimpften weidlich auf die Leute, die dem Gemswirt zu Gefallen einen braven Mann, dem man doch nichts nachsagen kann, so verunehrten. »Schadet nichts,« erwiderte Hansei, »im Gegenteil, man wird gescheiter, wenn man sieht, was die Menschen heraussprudeln, wenn man ihnen die Zunge hebt.« »Und die Jägdler, deine Kameraden haben gesagt, sie hätten dich immer nur zum Narren mitlaufen lassen.« »Meinetwegen. Ich will ihnen schon zeigen, daß ich bei ihnen gescheit worden bin.« »Hat denn gar niemand gut von uns gesprochen?« fragte Walpurga. »Doch, doch,« erwiderte der Spinnerwastl, der es mit Hansei gut meinte, aber es auch mit dem Gastwirt nicht zu verderben wagte, »der Doktor, das ist ein Herzfreund von euch, der hat gesagt, rechtschaffen recht hat die Walpurga gethan, das ist noch ihr gescheitester Streich. – Und er hat gesagt, er kommt bald mit seiner Frau expreß, um dich zu begrüßen.« Nun ermahnten die Holzhauer Hansei noch und erzählten, wie auch andre mit einstimmten: es sei schon lang nichts mehr mit der alten Wirtschaft, er solle doch selber um die Wirtsgerechtigkeit einkommen: es könne ihm ja gar nicht fehlen, daß sie ihm gewährt würde, und dann könne er den Gemswirt trockenlegen, daß seinen Fässern die Reifen abspringen. Hansei nickte fröhlich. »Wart du, dich wollen wir!« knirschte er vor sich hin, ballte die Fäuste, streckte die Arme und hob sich in den Schultern, als wollte er jetzt gleich den Gemswirt mit einem Schlag zu Boden werfen, daß er das Aufstehen vergesse. Aber Walpurga sagte: »Wir thun niemand was, lassen uns aber auch nichts anthun.« »Hast du nichts zum Trinken?« fragten die Holzhauer. Sie wollten doch auch einen Lohn für ihre Nachrichten. »Nein, ich hab' nichts,« schloß Hansel, »und ich muß auf meine Wiese, Heu wenden.« Die Männer gingen davon und bis weit in die Berge hinein schimpften sie nun auf Hansei: »So ist's, wenn der Bettelmann auf den Gaul kommt; nicht einmal einen Trunk gibt er, wenn man ihm Nachrichten bringt.« Der Spinnerwastl hatte nicht den Mut zu widersprechen, er wußte, daß Hansei ihm wohl gern etwas gegeben hätte, aber nicht den andern. Hansei starrte noch lange auf sein verwaistes Deckelglas. Endlich sagte er: »Meinetwegen. Ich hab' allein mit dir auf der Welt sein wollen, Walpurga. Jetzt sind wir's. Ich brauch' gar nichts von der Welt.« »Der Gemswirt ist noch nicht die Welt,« tröstete Walpurga. Hansei schüttelte den Kopf, als wollte er sagen, eine Frau kann nicht verstehen, was es heißt, vom Wirtshaus ausgeschlossen zu sein, wie ein Trunksüchtiger, dem es von Gerichtswegen verboten ist. »Er kann mir's eigentlich gar nicht verbieten,« polterte er, »ich weiß auch, was Rechtens ist; ein Wirt muß jedem Gast einschänken, der kommt; aber ich thu' ihm die Ehre nicht an, ich geh' gar nicht mehr zu ihm.« Walpurga ging mit ihren Gedanken den Holzhauern nach, sie ahnte, wie sie bös reden. »Wir hätten den Holzhauern doch was geben sollen, sie schimpfen jetzt gewiß auf uns.« »Man kann nicht allen Leuten die Mäuler stopfen,« erwiderte Hansei. »Laß sie schimpfen. Und fang' jetzt nur nicht mit Reumütigsein an. Jetzt müssen wir fest hinstehen. Was gemäht ist, ist gemäht.« Mit verändertem Tone fuhr er fort: »Wenn wir uns tapfer dazu halten und fleißig wenden, an dem Berg brennt die Sonne so gut, da können wir noch heute abend Heu einführen. Es ist heute ein Wetter, das Gras wird einem unter der Sense zu Heu. Aber es braut etwas im See, wir können im Handumdrehen ander Wetter kriegen und ich möcht' mein Heu gern trocken unter Dach bringen. Willst du mit hinaus?« Walpurga war mit Freuden bereit. Aber auch die Mutter wollte mit, und nun wurde zu essen mitgenommen für den Mittag, und die ganze Familie wanderte nach der Bergwiese. Hansei trug das Kind, Walpurga führte den Schubkarren und die Großmutter trug das Essen im Handkorb. So wanderten sie dahin. Der Hund, der ungeheißen auch mitgegangen war, ging von einem zum andern. Der Tau war bereits aufgesogen von Feld und Wiese, sie gingen durch den schattigen Wald. »Daß ich den Schubkarren führe, ist mir lieber, als wenn ich in der Kutsche fahre,« sagte Walpurga einmal. Als es bergan ging, wechselte man, die Großmutter nahm das Kind, Walpurga das Essen und Hansei führte den Schubkarren. Erst als das Kind schlief, konnte es Walpurga auf den Arm nehmen, und sie war glückselig, ihr Kind durch den grünen Wald zu tragen. Einmal schlug es die Augen auf und sah sie an, aber es schloß die Augen schnell wieder und schlief weiter. Auf der Wiese wurde das Kind an einem schattigen Platze, wo man es immer im Auge hatte, niedergelegt, der Hund wachte bei ihm. Hansei und die beiden Frauen arbeiteten nun emsig. Hansei rief Walpurga zu, sie solle nicht so schnell wenden, sie werde sonst auch bald müde, sie sei es ja nicht mehr gewohnt. Sie arbeitete nun gemächlicher. »Die Wiese ist von deinem Geld,« sagte er einmal. »Sag' das nicht, versprich mir, daß du das nie mehr sagst. Gelt, du sagst so was nie mehr?« »Nein, ich versprech' dir's.« Es wurde heiß bei der Arbeit und Walpurga sagte einmal, als sie Hansei wieder nahe kam: »Die Sonne, die das Gras trocknet, treibt uns die Schweißtropfen aus. Auf der Sommerburg wird auch jede Woche Gras gemäht, sie lassen es da nie hoch werden und halten darauf, daß im Gras gar keine Blumen sind: es soll aber kein gutes Futter sein.« »Du hast viele Gedanken,« erwiderte Hansei, »bist du noch nicht müde?« »O nein, ich bin lang ausgeruht, und weißt du, was mich am meisten freut? Schau, das!« Sie zeigte eine sich bildende Schwiele in der Hand. Vom Thale herauf läutete es elf Uhr, das war das Zeichen, sich ans Mittagessen zu machen. Hansei holte schnell Holz aus dem Walde zusammen, es wurde ein lustiges Feuer angezündet, so daß das Kind immer jauchzte und die Großmutter es nur mit aller Kraft auf ihrem Schoß halten konnte; man wärmte die Suppe, und Hansei rauchte derweil seine Pfeife. Die drei aßen auf dem Boden sitzend gemeinsam aus einer Schüssel, und endlich streckte sich Hansei aus und sagte: »Ich will eine Viertelstunde schlafen.« Auch Walpurga legte ihr Haupt auf den Boden, nur die Mutter wachte mit dem Kinde. Hansei schlief nicht lang. Er machte ein fröhliches Gesicht, als er seine Frau neben sich auf dem Boden schlafen sah; er winkte der Mutter, sie sollte Walpurga nicht wecken. Das Kind wurde wieder in seinen Korb gesetzt neben die Mutter, die ruhig weiterschlief, Hansei und die Großmutter arbeiteten nun unten an der Berghalde. Die Sonne warf schon schräge Strahlen, als Walpurga erwachte. Es rührte sie etwas an, das sie wunderbar durchzuckte; sie schlug die Augen auf und in ihre Augen leuchteten die ihres Kindes und seine Händchen spielten auf ihrer Wange. Das Kind war aus seinem Korbe herausgekrochen und zur Mutter hingerutscht. Walpurga hielt sich still, sie wagte kaum zu atmen und schloß die Augen wieder, um das Kind nicht zu verscheuchen. »Mutter!« rief jetzt das Kind; sie hielt noch immer an sich, sie glaubte, das Herz müsse ihr zerspringen. »Mutter! Mutter!« rief das Kind heftiger, und jetzt erhob sie sich und herzte das Kind, es ließ sie gewähren. Vor Freude sank sie in die Kniee und hielt das Kind hoch, es lachte. Sie sprang wieder auf, hielt das Kind empor mit beiden Händen, eilte zu den Ihrigen und rief: »Hansei! Mutter! das Kind ist mein!« Und das Kind hielt sie mit den Armen fest umschlungen. »Jetzt thu' gemach in deiner Freude,« ermahnte die Mutter, »du kannst das Kind verwöhnen, wenn du ihm zeigst, daß dir so viel an seiner Liebe liegt. So, Burgei, jetzt ist's genug,« sagte sie zu der Kleinen. »Setz' sie ab, Walpurga und schaff' weiter mit uns.« Walpurga that wie ihre Mutter befahl, aber sie schaute immer hinüber nach dem Kinde; es wendete sich nicht nach ihr, es spielte mit dem Hunde, der sich zu ihm gesellt hatte. Jetzt kollerte es von dem Heuhaufen herab. Walpurga schrie laut auf, aber die Mutter rief: »Laß es in Ruh'!« Das Kind hob lachend das Köpfchen, rutschte vergnüglich weiter bis zur Großmutter, dann schaute es hinüber zur Mutter. Das Heu war dürr, Hansei eilte nach Hause, um die Kühe anzuspannen und die Fuhre heimzubringen. Man mußte, um zum Wagen zu gelangen, der nur auf der Straße halten konnte, das Heu weit hinabtragen auf einen großen Haufen. Walpurga sagte, daß sie lang genug geschlafen und auch lang genug nichts gearbeitet habe; sie ließ die Großmutter nur wenig bei dieser Arbeit helfen. Hansei kam, es wurde aufgeladen, Großmutter, Mutter und Kind saßen auf dem hohen Heuwagen, auch Hansei setzte sich zuletzt hinauf. Es war schon Abend, der See begann bereits sich dunkler zu färben, und nur manchmal sah man weißblaue Lichter auf ihm spielen. »Jetzt können die Menschen reden was sie wollen,« sagte Walpurga, »wir sitzen da oben, hoch über allen!« Die Mutter und Hansei sahen einander an und dieser Blick sagte: »Es ist doch wunderlich, wie die Walpurga aus allem so besondere Gedanken hat.« Bald war es still in dem kleinen Häuschen am See. Alles schlief arbeitsmüde und glücklich, und das ganze Haus war durchduftet vom frischen Heu. Siebentes Kapitel. Die Leute in der Gstadelhütte merkten nichts davon, daß in der Nacht der Staub auf der Straße aufwirbelte, Wolken den Himmel überzogen und endlich ein mächtiges Gewitter losbrach, das bald von einem starken Regen abgelöst wurde. Es regnete noch, als Hansei am Morgen den Kopf zum Fenster hinausstreckte, und dann zu Walpurga gewendet sagte: »Siehst du, daß ich recht gehabt gestern? Das Wetter ist umgeschlagen, gottlob, daß unser Heu trocken herein ist.« »Ja,« entgegnete Walpurga, »das war gestern ein Tag; o was für ein Tag, nichts als Tag!« Es hörte vom Morgen bis zum Abend nicht auf zu regnen und dazu wehte ein scharfer Wind, die Wellen des Sees gingen hoch und rauschten und brachen sich klatschend am Ufer. »Wie gut ist's doch, ein Haus zu haben mit einem Dach drüber,« sagte Walpurga. Hansei schaute sie wieder verwundert an: Walpurga entdeckte alles auf der Welt noch einmal. Aber jetzt war sie glückselig mit ihrem Kind, das fest an ihr hing; es nannte sie Mutter und die Großmutter »Mamme«. Walpurga stand mit dem Kind unter der Stallthür und warf den Finken, die heute keine Nahrung fanden, Brotkrumen zu; die Finken nahmen die Brotkrumen auf und flogen damit hinweg zu ihren Jungen. »Die haben auch Kinder daheim,« sagte sie zu ihrer Burgei, und plötzlich unterbrach sie sich: »Burgei, wir sind miteinander in der Sonne gewesen, jetzt wollen wir auch miteinander im Regen sein.« Sie sprang mit dem Kinde hinaus in den warmen Regen, dann wieder herein in den Stall. Sie trocknete sich und das Kind und sagte: »Gelt, das ist schön gewesen? und jetzt regnet's auch draußen auf unsre Wiese, und da wächst wieder neues Gras, und mein Kind muß auch wachsen, und wenn wir das Grummet einthun, kannst du schon laufen.« Walpurga wußte vor Freude gar nicht, was sie anfangen sollte, da ihr das Kind gegeben war: auch das Kind war glückselig, wie noch nie. Diese junge Mutter spielte doch noch heiterer als die Mamme, und ihr Lachen war so hell und sie zählte seine Finger ab und freute sich mit jedem Gelenke und erneute alle jene wundersamen Kinderspiele, die die übersprudelnde Mutterliebe erfunden. Den ganzen Tag genoß Walpurga keine Speise, sie schmeckte nur so viel davon, als sie von dem Brei hatte, den sie löffelweise im Munde probierte, bevor sie ihn dem Kinde gab. Es regnete unaufhörlich. Hansei spaltete Holz im Schuppen, plötzlich kam er in die Stube und sagte: »Wir sind doch gestern leichtsinnige Menschen gewesen. Die Leute wissen, daß du so viel Geld heimgebracht hast, und wir haben das Haus allein gelassen. Hast du nachgesehen, ob alles noch da ist?« Walpurga erschrak ins Herz hinein. Sie schaute schnell nach, es war alles noch da. »In den nächsten Tagen muß das an einen sichern Ort, wenigstens muß jetzt immer eins von uns daheim bleiben,« sagte Hansei und ging wieder an seine Arbeit. Die Menschen haben an Regentagen Langeweile. Was gibt es da besseres, als zusammenzusitzen und über irgend einen Abwesenden loszuziehen? Am Mittag sagte Hansei: »Heute ist's beim Gemswirt den ganzen Tag gesteckt voll.« Es wurmte ihm doch sehr, daß er nicht auch dabei sein konnte; und wie lustig könnte er heute sein! Da könnte man die sechs Maß Wein austrinken, und jetzt muß er sie den Schelmen schenken. Walpurga setzte hinzu: »Ja und so viel ich die Menschen kenne, schimpfen sie über uns, weil es uns gottlob gut geht. Ich mein', ich hab' die Menschen bisher nur auswendig gekannt, jetzt kenne ich sie inwendig.« »Du hast ja gesagt, wir wollen nichts danach fragen, was die Leute denken?« erwiderte Hansei. Walpurga hatte ein wunderbares Geschick, mit ihren Gedanken in alle Häuser, an den Rathausbrunnen und ins Wirtshaus zu wandern und genau auszusinnen, was da die Menschen alle vorbringen und über sie losziehen. Sie brauchte nicht lang auf Bestätigung zu warten. Es kamen wieder Leute, Männer und Frauen, und berichteten alles. Der Schreiner, der damals am Abschiedstage Haus und Aecker angeboten hatte, kam jetzt, um von Hansei Geld zu borgen, da ihm eine Hypothek gekündigt war. Zur Einleitung glaubte er nichts besseres thun zu können, als Hansei zu versichern, er sei sein einziger Freund, sonst habe er keinen Menschen im Dorf, der ihm wohlwolle. Hansei sagte rundweg, daß er kein Geld ausleihe, dadurch werden aus guten Freunden Feinde. Der wohlwollende Zuträger machte sich bald davon. Es war nun in der That ein böses Leben im Dorfe. Die Verschließung des Wirtshauses war nur eine Probe davon. Kein Mensch bot mehr freiwillig die Zeit und man dankte kaum einem Gruß. Walpurga hatte sich doch sehr daran gewöhnt, von den Menschen gelobt und besonders angesehen zu werden; sie war jetzt oft tief traurig. Vor allem kränkte sie, daß man jene Nacht mit der gewonnenen Wette so verunstaltet in der Leute Mäulern herumtrug, daß sich's gar nicht erzählen läßt; ihr aber wurde es doch erzählt, und es war ihr, als ob man die Verschwiegenheit des Ehegemachs vor aller Welt aufgerissen und auf den Markt gestellt hätte; sie fühlte sich in ihrem eigenen Hause nicht mehr sicher und erschrak über jedes Geräusch, wenn der Holunderbaum hinter dem Haus am Dache kratzte, wenn der Hund an der Kette bellte; jede Nacht vor Schlafengehen probierte sie noch einmal die Fensterladen, ob sie auch fest geschlossen seien. »Ich glaub' nicht,« klagte sie, »daß die vornehmen Menschen so schlecht sind, wie die Leute im Dorf.« »So?« sagte die Mutter, »ich kenne sie freilich nicht, aber so viel ich mir hab' sagen lassen, sind die vornehmen Menschen gerad so schlecht und gerad so gut wie die gemeinen; auf die Kleider kommt's nicht an.« »Du bist gerad wie die Oberhofmeisterin, du wärst auch so, wenn du dein Lebenlang im Schlosse festgesessen hättest,« sprach es aus den Mienen Walpurgas zu ihrer Mutter. Eine seltsame Bewegung ging im Gemüte der Heimgekehrten vor, sie hatte zwei Welten auszugleichen, und sie verpflanzte in Gedanken oft Figuren aus dem Dorfe an den Hof und umgekehrt. Sie schaute oft wie verwirrt drein und wußte nicht mehr, was sie bloß gedacht und was sie erlebt hatte. Wenn Hansei zuhörte, wie die Frau und die Großmutter über die Menschen hin und her redeten, lächelte er in sich hinein: »Die Weiber sind doch nur halbe Menschen, bald denken sie so und bald so; es ist nichts Festes an ihnen.« Hansei war, nachdem er zwei, drei Abende den Gang ins Gemswirtshaus verwunden hatte, lustiger als je. »Ich freue mich,« sagte er, »daß ich mir doch auch etwas abgewöhnen kann, wenn's sein muß. Ich glaube, daß ich mir auch das Rauchen abgewöhnen könnte.« In diesen trüben Tagen zeigte sich der ganze Charakterunterschied zwischen Walpurga und Hansei. Wer sie so obenhin betrachtete und das Frohgemute und Aufgeweckte der Walpurga sah und dagegen das Verdrossene und Ungelenke Hanseis, der konnte kaum anders glauben, als daß Walpurga obenan stehe. In Walpurgas Gemüt war es, wie in den Bergen: wenn es trüb und regnerisch ist, liegt alles in ödem Dunkel; kaum blickt die Sonne wieder, so ist alles durchleuchtet, das Wiesengrün so schimmernd, der See so dunkelblau, jede Höhe und jede Waldbucht so klar und rein. Walpurga ward immer besser, immer strahlender, wenn es gut ging; bei hellem Sonnenschein ging sie auf und glänzte wie eine Blume. Hansei blieb stark und wurde immer fester bei schlechtem Wetter. Wenn der Sturm raste und mächtig an Zweig und Stamm riß, hin und her, auf und ab, da wehrte er sich und hielt stand; er hatte etwas von der rauhrindigen wetterharten Eiche; die grünt nicht so schnell beim ersten Frühlingssonnenschein, sie steht lange dürr, während alles um sie her schon mit Laub geschmückt ist, dann aber übertrifft sie auch an Kraft und Pracht alles um sich her. Ja, Hansei hatte sich in diesem Jahre noch mehr verändert, als Walpurga. Wenn man einen Baum, der in dünner Erdkrume dürftig Nahrung saugend auf einem Felsen wurzelte, wo Wind und Wetter mit ihm rauften, in saftiges Erdreich verpflanzt, scheint er anfangs zu verkümmern, dann aber sprießt er mächtig auf. So auch war es Hansei ergangen. Plötzlich aus Sorge und Mühseligkeit in ein neues Dasein versetzt, war er dem Verkommen nahe; dann aber gedieh er mächtig und jetzt zeigte sich sein besonderer Halt und die Kraft, die in ihm ruhte, da er genötigt war, sich zusammenzunehmen, um nicht von der wenn auch gutmütigen doch stark selbstbewußten Natur Walpurgas unterdrückt zu werden. Anfangs war Walpurga ihrem Manne fast bös über seine Unempfindlichkeit; sie ging immer im Zorn umher, schärfte die Lippen und ballte die Fäuste; sie wollte den Menschen etwas anthun, um sie zu züchtigen, Hansei aber blieb ruhig, es war seine Art nicht, sich mit vielem Denken den Kopf heiß machen zu lassen. Allmählich sah Walpurga ein, daß Hansei doch viel mehr war als sie: sie wäre trotz ihres häuslichen Glückes abgestorben und verblaßt unter den abgewendeten Blicken der Menschen, wie eine Pflanze, der man den Sonnenblick verbaut hat. Sie war so eingehegt in ihre Zornesgedanken, daß sie nur das sah, hörte und empfand, was ihrem Zorn Nahrung gab und ihn noch mehr reizte. Hansei dagegen lebte ruhig weiter und suchte sie zu begütigen, und jetzt zum erstenmal sah Walpurga in voller Klarheit die Kraft ihres Mannes. Der ließ sich nicht aus seiner Gangart bringen; er war wie ein Pferd, das seinen Trab fortgeht, unbekümmert um den Hund, der neben ihm bellt, und sobald der Weg sich bergan zieht, geht es ruhig im Schritt und läßt sich nicht ins Traben bringen. Walpurga beugte sich in wahrer Demut vor ihrem Mann: er könnte behender, witziger und aufgeweckter sein, aber braver und fester nicht. Achtes Kapitel. Es war Gemeindeversammlung. Hansei wurde auf das Rathaus entboten. Der Gemeindediener sagte ihm, daß es sich um neue Einschätzung handle; er solle nun, da er zu Vermögen gekommen sei, mit einem höheren Steuersatz belastet werden. »Just alles auf den Kreuzer anzugeben brauchst du nicht,« schloß er. »Ich geb' alles an. Gottlob, daß ich steuern kann,« entgegnete Hansei. Walpurga nahm das mit einer gewissen Gier auf. Jetzt war der Zeitpunkt da, wo das, was schon seit vielen Tagen in ihr kochte, überfließen konnte. Sie wollte mit ihm aufs Rathaus gehen, da sind alle beisammen, sie will ihnen die Meinung sagen. Hansei beschwichtigte, daß das nicht gehe, und nun war der Gemeindediener für sie der richtige Mann; er sollte der ganzen Gemeinde berichten, was er von ihr gehört hat, und ein Ueberschwall von Zornesworten sprudelte aus ihr heraus. Sie drohte mit dem König, mit allen Zuchthäusern, als stünden ihr alle zu Gebote, und ganz neue Strafen wußte sie zu erfinden. »Komm mit,« sagte Hansei zum Gemeindediener. Unterwegs gab er ihm ein gutes Trinkgeld und erklärte, daß seine Frau noch nicht ganz auf ebenem Boden sei und es ihr natürlich noch von vielem im Kopfe stürme. Der Gemeindediener beruhigte Hansei, sein Amt bringe es mit sich, vieles zu hören und zu sehen, was man nachher nicht gehört und gesehen haben müsse, und das Weibervolk hätte seine besondere Art; einmal so recht ausladen, das sei den Weibern eine Hauptlust; sie seien nachher wieder ganz wohl. Hansei wurde auf dem Rathause lang aufgehalten. Der Gemswirt, der hier als Gemeinderat am Tische saß, machte sich ein besonderes Vergnügen daraus, ihn in die Klemme zu nehmen; hier war er in Amt und Würden und wie mit einem Schilde gedeckt; er legte es darauf an, daß Hansei ihn beleidige, dann konnte man ihn einsperren und dem hoffärtigen Bettelvolk auf einmal seine ganze Ehre abwischen. Hansei merkte, wohin das abzielte, und alle staunten, wie er so manierlich sprach; den Gemswirt nannte er nicht anders als Herr Gemeinderat. »Das hat ihm gewiß seine Frau eingegeben, die im Schloß ausstudiert hat,« flüsterten die Gemeinderäte einander zu. Es regnete ausgiebig während der ganzen Dauer der Gemeindeversammlung, und um das Rathaus schlich Walpurga und lauschte. Wenn es da oben was gibt, wollte sie hinauf und ihnen alles sagen, was sie sind. Sie spürte nichts von dem Regen, der durch ihre Kleider drang, denn ihr ganzes Wesen glühte. Endlich hörte sie poltern auf der Treppe. Viele kamen herab, sie eilte heimwärts. Voll Selbstgefühl kehrte Hansei heim, er hatte sich selbst bezwungen und hatte mehr gesiegt, als wenn er mit Knitteln um sich geschlagen; aber im Hause fand er große Zerstörung. Walpurga war im Regen umhergegangen, dann plötzlich wie gejagt heimgekommen und vor den Augen der Mutter in der Stube ohnmächtig auf den Boden gesunken. Jetzt war sie wieder lebendig, aber sie fieberte, daß ihr die Zähne klapperten; sie öffnete einmal die Augen, schloß sie aber schnell wieder. Hansei wollte sogleich fort zum Doktor; die Mutter bat, einen Boten zu schicken und bei ihr zu bleiben. Ehe der Arzt kam, saß Walpurga wieder aufrecht im Bett und konnte erzählen, wie es ihr ergangen. Hansei berichtete, wie er den Gemswirt mit lauter Höflichkeit erwürgt habe. Da blitzte es über das Antlitz Walpurgas und sie reichte ihm die Hand. »Du bist – du bist ein ganzer Mann,« sagte sie, und jetzt weinte sie, daß die Thränen stromweise über ihre Wangen flossen. »Das ist gut,« nickte die Großmutter Hansei zu, »das erleichtert ihr den Kopf; ich hab' gefürchtet, es sei ihr zu Kopf gestiegen; jetzt ist alles gut, jetzt geh' du!« Hansei ging hinaus. Er stand am Fenster und starrte hinaus in den Regen. Wenn deine Frau stirbt, oder wenn sie lebt und ärger ist als tot, wenn sie ... er wagte nicht das Wort zu denken, er fuhr sich mit der Hand durch die Haare, die ihm zu Berge standen. Die Mutter kam heraus und berichtete: »Gottlob, sie schläft: wenn das gut vorüber ist, dann sind wir aus allem heraus. Das ist nichts Geringes, wie sie jetzt aus dem Schlosse dahergesetzt ist, aus lauter Ehren und Verhätschelung in die grobe Bosheit hinein, und da hat sich Zorn und Hässigkeit in ihr zusammengerollt, das hat einmal heraus müssen! gottlob, daß es jetzt heraus ist. Daß die Menschen sich so gemein gezeigt haben, das ist unser Glück. Glaub' mir, so gut sie auch sonst ist, sie hätt' sich im Haus an alles gestoßen und nichts wär' ihr recht gewesen, wenn das nicht gekommen wär'.« So tröstete die Mutter, und Hansei nickte. Walpurga schlief und ihre Wangen glühten hochrot. Hansei trug das Kind auf dem Arme und stand lange vor dem Bett seiner Frau, sie betrachtend. Erst am Morgen kam der Doktor. Er fand Walpurga schon munter, aber unsäglich matt. Er verordnete strenge Mittel, und schon nach zwei Tagen war Walpurga wieder ganz wohlauf. Sie sah nun erst recht, an welchem Abgrunde sie gestanden und wie glücklich sie hinübergekommen war. Jetzt erst war sie ganz daheim und frohgemut in allem Thun. Die Großmutter und Walpurga wuschen am See. »Ja, das ist unser Geschäft: sauber halten,« sagte Walpurga. »Wenn ich zu den Bergen aufschaue, da sind die Felsen und die Wälder, da machen doch nur die Männer Häuser draus und meißeln und hauen; was eben mächtig und stark ist, ist Mannesgeschäft; wir Weiber sind doch die Minderen, wenn man uns auch einredet und wir uns selber einbilden, wunder was wir seien.« Die Mutter lächelte und sagte: »O Kind, du holst deinen Verstand weit her, aber das Rechte hast du.« »Mein Hansei ist ein echter bestandener Mann,« fuhr Walpurga fort. »Wohl, wohl,« versetzte die Mutter mit glücklicher Miene. »Er meint nicht so viel in der Welt und denkt nicht das und jenes, aber wenn's drauf ankommt, weiß er, was er zu thun hat und wie er sich hinzustellen hat. Und so ist dein Vater selig auch gewesen. Du hast's gut, du bist gleich nach deinem ersten Kind zu der Einsicht gekommen, ich erst nach meinem dritten, oder eigentlich erst recht, bis mir alle Kinder gestorben sind, bis auf dich allein.« »Guten Tag beisammen!« sagte plötzlich ein kleines dürftig aussehendes Männchen. »Mein Peter!« schrie die Großmutter, »das ist gut, daß du schon da bist. Und das ist deine Tochter? Wie heißt sie denn?« »Gundel.« »Grüß euch Gott!« rief die Großmutter wieder und machte lange Vorbereitungen, denn sie wischte sich immer die nasse Hand ab und steckte sie zuletzt doch wieder ins Wasser, bevor sie sie dem Bruder reichte. Das kleine Männchen machte ein verwundertes Gesicht; so hatte sich schon lange niemand mehr mit ihm gefreut, aber freilich, hier kommt er in ein Haus, das von lauter Freude überströmt. Die Großmutter führte ihren Bruder an der Hand nach dem Hause; ihre Mienen wurden traurig, das arme Männchen sah gar so erbärmlich aus. Drinnen gab sie dem Bruder und der Nichte schnell etwas zu essen. Nachdem man gegessen, führte sie die Gundel zum Waschzuber am See. »Da schaff bis Mittag, dann weißt du gleich, wo du daheim bist.« Sie kehrte zu ihrem Bruder zurück und hieß ihn nochmals willkommen. Das Männchen klagte, daß es ihm gar hart gehe; die Großmutter nahm Walpurga in die Kammer und fragte: »Wie viel Geld hast du mir zur Reise in meine Heimat geben wollen?« »So viel Ihr braucht.« »Nein, sag mir wie viel.« »Wären zehn Gulden genug?« »Haufengenug. Gib sie mir gleich.« Walpurga gab ihr ein Zehnguldenstück, dann aber sagte sie: »Mutter, ich hab' Euch ja noch keine Mitbring gegeben.« Sie nahm noch mehrere Guldenstücke, reichte sie der Mutter und sagte: »Da nehmt das und verschenkt es. Ich weiß, das ist Euch doch das Liebste, daß Ihr schenken könnt.« »O Kind, du kennst mich. O Gott, ich kann schenken! Das ist doch das beste auf der Welt. Schau, ich hab' noch nie was Gutes thun können an armen Menschen.« »Mutter, saget das nicht. Wie oft habt Ihr Tag und Nacht bei Kranken gewacht.« »Das ist doch nichts, das ist kein Geld.« »Das ist mehr als Geld.« »Mag sein, vor Gott; aber bei den Menschen – schau, Geld und Geldeswert schenken können, du machst mich ganz glückselig. Ich hab' auch schon geschenkt bekommen. Du weißt nicht, wie das ist, wenn zwei Hände einander berühren, wo die eine gibt und die andre empfängt, und es gibt Geschenke, die sind wie heißes Brot im Magen; es sättigt freilich, aber es liegt da drin wie heißes Blei; es gibt aber auch gute Menschen, von denen ein Geschenk gut thut. Der Vater vom Grubersepp ist zu mir gekommen und hat mir geschenkt, und auch der Graf Eberhard Wildenort von drüben über dem Gamsbühel.« »Das ist ja der Vater von meiner Gräfin!« unterbrach Walpurga. »Gottlob, da erlebt er Gutes dafür an seinen Kindern. Ich vergesse keinen Namen. Ja, also von diesen beiden hab' ich Geschenke und jetzt geben die wieder Geschenke weiter durch mich. Kind, das vergesse ich dir nie. Schenken können, das ist der Himmel auf der Welt. Aber da stehen wir und schwätzen und drin wartet mein Bruder wie eine arme Seele vor der Himmelsthür. Komm, komm mit!« Sie gingen in die Stube. Die Mutter gab ihrem Bruder ein Zehnguldenstück in die Hand und sagte: »Da, nimm. Ich brauch nicht mehr in meine Heimat, meine Heimat ist zu mir gekommen. Und wenn ich mein Lebtag nicht mehr hinkomme – es ist mir genug, daß ich meinen Bruder wieder einmal gesehen hab'. Da, Peter, das sollte mein Reisegeld sein.« »Tsch, sz, sz, sz, szt!« ließ sich das Pechmännlein vernehmen, wie wenn ein Topf zischte. »Was soll das bedeuten?« fragten Mutter und Walpurga zugleich. »Tsch, sz, sz, sz, szt!« antwortete Peter. »Sag, was hast du? Bist du närrisch?« fragte die Mutter, deren Gesicht erst so strahlend gewesen und nun plötzlich verwandelt wurde. »Tsch, sz, sz, sz, szt!« antwortete das Pechmännlein wieder; auch Walpurga wurde ärgerlich und fragte, was die Possen bedeuten sollten. »O, du Schloßweisheit,« sprach endlich das Pechmännlein. »Weißt du denn nicht mehr, wie es zischt, wenn ein Tropfen auf einen heißen Stein fällt? Siehst du, das ist bei mir mit dem Geld da grad so.« Die Mutter hielt ihm vor, wie undankbar er sei und auch wie die fremden Menschen glaube, daß Walpurga jetzt alle Leute reich machen könne; er solle doch froh sein, so viel Geld habe er noch nie bei einander gehabt. Das Pechmännlein aber, ohne weitere Antwort zu geben, ahmte nur immer das Zischen des Tropfens nach. Walpurga ging in die Kammer und brachte dieselbe Summe noch einmal, und das Pechmännlein sagte: »So, jetzt ist gelöscht. Jetzt kann ich meine Schulden bezahlen und mir noch eine Geis kaufen.« Und die beiden Zehnguldenstücke aufeinanderschlagend, sang er: »Was ist das Besteste? Was ist das Besteste? Wenn man ist von Schulden frei Und hat noch ein Stückle Geld dabei, Das ist das Besteste, juchhe! Das ist das Besteste.« Die Mutter war nun auch wieder ganz froh. Sie nahm sich vor, mit ihren Schenkungsgeldern recht haushälterisch und bedachtsam zu sein; in Gedanken schwebten schon die Menschen an ihr vorbei, deren Dürftigkeit sie nun lindern oder ganz auslöschen kann, und die Blicke der froh Beschenkten strahlen schon jetzt aus ihrem glückseligen Antlitz auf. »O, ihr Weiberleut,« predigte das Pechmännlein und schaute mit flimmernden Augen auf seine beiden Goldstücke, »ihr Weiberleut könnt gar nicht wissen, was Geld ist. Einen Gulden klein Geld thu' ich in meinen Sack und behalt' es immer bei mir! Heidi! Das wird ein Leben! Was wisset ihr, wie das ist? Man geht am Sonntag am Wirtshaus vorbei und langt in die Tasche, und da drin hat der Kaiser sein Recht verloren; aber jetzt, ja, das ist was; ich geh' ein und gönn mir's, und wo ein Wirtshaus ist, kann ich daheim sein, und Wein und Bier warten auf mich, und der Wirt und die Wirtin und die Tochter und die Magd thun schön und fragen, wie mir's geht und woher und wohin, und wenn ich fortgeh', geben sie mir das Geleit und sagen, ich soll wiederkommen, und alles das warum? Weil ich halt Geld im Sack hab'.« Das alte Männlein jauchzte hell auf. Die Großmutter warnte den Bruder, doch jetzt nicht ein unordentlicher Mensch zu werden; da lachte Peter, daß sein Gesicht aus lauter Falten bestand, und erklärte, daß er sich das nur so ausgedacht und jetzt um so weniger ins Wirtshaus gehe; wenn man Geld im Sack habe, sei es eine Lust, sich am Brunnen beim Wirtshaus seinen Durst zu löschen. »Meine Gräfin hat mir erzählt,« sagte Walpurga, sich behaglich zum Ohm setzend, »daß Ihr ihren Vater kennt.« »Was ist denn das für eine Gräfin?« »Wildenort.« »Ja wohl, den kenn' ich. Ja, das ist ein Mann, o das ist ein Mann, ein alter Deutscher, ein Herr, ein rechter Herr, der sollte König sein, ja der –« Es näherten sich starke Männertritte. Hansei kam. Das Pechmännlein steckte schnell sein Geld ein und flüsterte: »Ich will dem Hansei nichts davon sagen.« »Ihr braucht's ihm nicht zu sagen, wir sagen's ihm schon selbst,« entgegnete Walpurga. Neuntes Kapitel. Hansei machte nicht viel Umstände mit dem Ohm. Er kannte ihn schon lange; sie waren oft zusammengekommen oben in den Bergen, wo Hansei als Holzknecht arbeitete und der Ohm Pech kratzte; aber da wird nicht viel Aufhebens gemacht von Freundschaft; manchmal eine Pfeife Tabak, das ist alles, was man einander Gutes erweist. Jetzt hatte Hansei Wichtigeres zu erzählen: »Ich flick' da am Gartenzaun; die mit der Musikbande am Sonntag haben ihn fast zusammengerissen. Wie ich nun so da am Zaun flicke, da hör' ich eine Stimme: Bist fleißig, Hansei? Wie ich aufschau', wer ist's, der bei mir steht? Ihr erratet's nicht.« »Doch nicht der Gemswirt?« »Ihr erratet's nicht. Der Grubersepp ist's, und er sagt: Wie ich hör', gehst du nicht mehr zum Gemswirt. – Das geht niemand was an, sag' ich –« »Warum hast ihn so grob angefahren?« unterbrach Walpurga. »Weil ich ihn kenne. Wenn man dem nicht die Faust zeigt, hält er einen für gar nichts. – Schau, sagt er, zu Michaeli werden's sechs Jahr, so alt, wie der Waldl ist; seitdem bin ich nicht mehr zum Gemswirt gekommen und leb' doch noch; wirst sehen, es thut dir auch gut. Ich hab' eigen Bier einliegen; wenn du einmal einen Schoppen willst, schick zu mir oder komm selbst, und vielleicht brauchst du einen Rat, was du mit deinem Gelde anfangen sollst. Das aber sag' ich dir: leih' keinem Menschen was. – Jetzt saget nur, Mutter, jetzt sag nur, Frau, wer hätt' das geglaubt? Wer hätte das je hinter dem Grubersepp gesucht? Der ist doch sonst so geizig mit jedem Wort. Da hast du's, Walpurga, die Menschen sind nicht alle schlecht, sie sind gut und bös untereinander gemischt, im Schloß und im Dorf. Wirst sehen, jetzt kommen sie alle wie die Bienen auf eine teige Birne, wenn sie merken, daß der Grubersepp Kameradschaft mit mir hat.« Das war allerdings ein großes Ereignis. Begnadigter kann ein Residenzbewohner nicht sein, wenn ihn der König auf offener Straße anspricht, als jetzt Hansei und sein ganzes Haus war. Walpurga wollte sogleich hinauf zum Grubersepp und ihm bekennen, daß sie ihm in Gedanken unrecht gethan habe, Hansei aber sagte: »Ist nicht nötig, daß man gleich so hitzig thut. Ich warte, bis der Grubersepp wiederkommt: ich gehe ihm keinen Schritt entgegen.« »Recht so,« erwiderte Walpurga, »du bist ein ganzer Mann.« »Ausgewachsen bin ich. Nicht wahr, Ohm, ich wachse nicht mehr?« »Ja,« erwiderte der Ohm, »du hast das Maß. Aber weißt du, was du sein solltest? Bauer auf einem großen Gut. Du wärst der Mann und sie wäre die Frau dazu. Ja, jetzt fällt mir was ein. Hast wohl schon gehört: der Freihofbauer bei uns will verkaufen, man sagt sogar, er muß. Da solltest du hin, da wärest du besser dran, als der König. Wenn du Bargeld hast, kriegst du den Hof um den halben Preis.« Nun lobte der Ohm den Hof und die Aecker und die Wiesen, das sei ein Boden, den man fast essen könne, so fett und so geschlacht, und erst der Wald, da wisse kein Mensch, was drin stecke, es sei nur bös, daß man nicht überall dazu könne. Der Ohm war Pechbrenner und kannte den Wald genau. Walpurga war ganz glücklich und sagte: »Die Sache darf man nicht auslassen.« Hansei that sehr gleichgültig. Walpurga nahm ihn an der Hand und flüsterte: »Ich hab' dir noch was.« »Ich brauch nichts. Jetzt bitt' ich dich um eines: Laß mich mit dem Gutskauf allein machen und thu' nicht so happig mit dem Ohm. Ich glaub', der ist vom Freihofbauer geschickt. Da muß man zäh sein und gleichgültig thun. Daneben werd' ich nichts versäumen, verlaß dich drauf, und was Wald ist, das versteh' ich auch; ich bin lang genug Holzknecht gewesen.« Hansei ließ den Ohm allein abreisen und sagte nur leichthin, er werde einmal gelegentlich den Freihof ansehen. Am Abend kam richtig der Grubersepp, und ihm folgte eine Magd mit einem großen Steinkrug voll Bier. Das war unerhört, so lange das Dorf steht, daß ein Großbauer in die Gstadelhütte kam und da den Abend sein Bier trank. Sein ganzes Benehmen sprach beständig aus: mir weiden sechzig Kühe auf der Alm. Noch nie hatte jemand ein Lob aus seinem Munde gehört, er sah zu allem sauer drein und war trocken von Wort, er war, was man so sagt, ein Rackerbauer; immer nur arbeiten, weiter nichts, am wenigsten sich um einen andern Menschen bekümmern. Walpurga ließ sich nicht sehen. Sie fürchtete, sie werde zu unterthänig thun und das werde Hansei nicht gefallen. Dieser benahm sich, als ob der Grubersepp von je da aus und ein gegangen wäre. Der Grubersepp fragte nach Walpurga. Hansei rief sie, sie kam, und der Grubersepp reichte ihr die Hand zum Willkommen. Nun ging's, als Walpurga sich wieder entfernt hatte, an ein Beraten über die beste Anlegung des Geldes. Sepp war ein besonderer Feind der Staatspapiere. »Ja,« sagte endlich Hansei, »mir ist der Freihof angetragen, drüben über dem See, sechs Stunden landeinwärts, meine Schwiegermutter ist aus der Gegend.« »Ich kenn' den Freihof, bin einmal dagewesen, ich hätt' einmal eine Tochter vom Hof heiraten sollen, es ist aber nichts daraus geworden. Ich hab' mir sagen lassen, daß das Gut jetzt abgemagert und schlecht gefüttert ist. Wenn man von einem Gut nehmen will, muß man ihm auch geben, das verlangt der Boden; merk' dir das, wenn was aus dem Kauf wird. Und von den Wiesen sollen auch viele verkauft sein, und mein Vater hat immer gesagt: Die Wiesen von einem Gut sind wie das Euter von einer Kuh.« Hansei staunte über die Erbweisheit des Grubersepp. Und das trägt der so still mit sich herum! Der Grubersepp schloß: »Daneben ist die Sache wohl zu überlegen, und es thät' mich freuen, wenn einer aus unserm Ort zu so einem schönen Gut käme.« »Aber dazu geben thätet Ihr mir nichts?« »Nein, bin dir auch nichts schuldig; wenn du mich aber sonst brauchen kannst.« »Ja, wie denn? Wollt Ihr Bürgschaft für mich leisten?« »Das auch nicht. Aber ich versteh' das doch besser wie du. Ich schenk' dir einen Tag und fahr' mit dir hinüber und schätze dir das ganze Anwesen ab. Es freut mich, daß du nicht wirten willst. Bis morgen mittag bin ich mit meinem Heu herein, es hellt sich auf. Wenn du mich einen Tag willst, ich bin dabei und fahre mit dir hinüber. Du weißt, wenn ich was sag', da gilt's; ich bin der Grubersepp.« »Ich nehm's an,« sagte Hansei. Freudestrahlend stand andern Tages Walpurga am Gartenzaun und schaute dem Fuhrwerk nach, worauf Hansei und der Grubersepp saßen; sie freute sich, daß gerade viele Leute vom Feld heimkehrten, als die beiden miteinander dahin fuhren. »Nun sollen sie an ihrer Bosheit würgen. Der erste im Dorf ist der Kamerad von meinem Hansei.« Es war vom Grubersepp keine Kleinigkeit, daß er einen Tag aus seinem Leben hergab, zumal mitten im Sommer; es war wohl Güte dabei, aber hauptsächlich wollte er zeigen, daß die ganze Sippschaft vom Gemswirt keinen zum Mann machen kann, der Grubersepp aber kann das. Es ist ihm zwar sehr gleichgültig, was die Menschen über ihn denken, aber es thut doch gut, ihnen manchmal den Meister zu zeigen, wenn's nichts kostet. Wenn's nichts kostet – das stand bei allem, was der Grubersepp that, obenan. Der nächste Weg war wohl über den See und drüben gleich den Berg hinauf; aber der Grubersepp hatte einen besondern Widerwillen gegen das Wasser. Man fuhr rings um den See herum und erst dann bergan. Am andern Abend spät kamen Hansei und Sepp zurück. Hansei berichtete, daß alles ganz stattlich und der Kauf ganz anständig sei, wenn auch nicht gar so billig, wie der Ohm geprahlt habe; das Gut sei greulich verwahrlost, doch wäre das kein Hindernis, er könne es schon wieder herrichten; aber er möge nicht kaufen, denn er müsse zu viel auf Hypothek stehen lassen, er wolle lieber ein kleines Gut ohne Schulden. Da sagte Walpurga: »Komm, ich hab' dir's ja schon lang sagen wollen und du hast mir's nicht abgenommen. Ich hab' dir noch was!« Sie führte Hansei hinab in den Keller, dort rückte sie mit großer Kraft die steinerne Krautbütte weg, grub mit den Händen die Erde auf und reichte dem verwundert drein schauenden Hansei in einem Kopfkissenüberzug das Gold dar. »Was ist das?« »Lauter Gold!« »Lieber Gott, du bist ja eine Hexe! Das ist ... das ist Zaubergold?« schrie Hansei. Er erschrak so heftig, daß er die Oellampe umstieß, die Walpurga auf einen umgestürzten Kübel gestellt hatte. Die beiden standen schaudernd im dunkeln Keller. »Bist du noch da?« rief Hansei zitternd. »Ja wohl bin ich noch da! Sei doch nicht ... sei doch nicht ... so ... so abergläubisch! Mach Licht! Hast du keine Zündhölzchen?« »Ja freilich!« Er that sie heraus, sie fielen ihm aber alle zu Boden. Walpurga las sie auf, mehrere fingen Feuer, gingen aber gleich wieder aus und es war schauerlich in dem kurzen, blauen Licht. Endlich gelang es, die Lampe wieder anzuzünden. Sie stiegen hinauf in die Stube. Dort zündete Walpurga noch ein Licht an, damit man nicht wieder von der Dunkelheit erschreckt werden könne. Hansei öffnete hastig den Kissenüberzug und das Gold blinkte ihm entgegen. »Jetzt sag mir aber,« rief er, sich mit der ganzen Hand über das Gesicht fahrend, »jetzt sag mir: hast du noch mehr? – Thu mir das nicht noch einmal an!« Walpurga beteuerte, daß sie nun nichts mehr habe. Hansei breitete das Gold auf den Tisch aus, legte es in Häufchen zusammen und zählte mit den Fingern ab. Er hatte immer ein Stück Kreide in der Tasche, das nahm er nun heraus und rechnete zusammen. Als er damit fertig war, wendete er sich um und sagte: »Komm her, komm, Walpurga! Da hast du den ersten Kuß, Freihofbäuerin!« Hansei that das Gold wieder in den Kissenüberzug, und als er zu Bett ging, steckte er den Sack unter sein Kopfkissen und sagte: »Ah! Das ist ein gutes Kopfkissen! Da schläft sich's gut drauf!« Zehntes Kapitel. Als Walpurga am andern Morgen erwachte, fand sie den Sack voll Gold neben sich im Bette. Hansei war verschwunden. Wo ist er? Was ist mit ihm? Sie kleidete sich rasch an, suchte und rief im ganzen Hause, er war nicht da. Sie eilte ins Haus des Grubersepp, man hatte hier nichts von ihm gesehen. Sie ging wieder heim, Hansei war noch immer nicht da. Was ist denn das? Wenn sich der Hansei ein Leid angethan hat? Wenn's ihm im Kopf was gethan hat? das viele Geld, das schreckliche Geld! Es hat doch in der Erde gelegen, und es ist ja nichts Unrechtes dabei; und was einmal in der Erde gelegen hat, ist wieder gereinigt. Sie ging hinaus an den See. Der See war noch immer unruhig und trieb starke Wellen, der ganze Himmel war von grauen Wolken umzogen. Wenn sich Hansei was am Leben gethan hat? Wenn er vielleicht da drin schwimmt? »Hansei!« schrie sie über den See hin. Sie erhielt keine Antwort. Sie kehrte ins Haus zurück und klagte der Mutter ihr Leid, sie sprach ganz verwirrt; aber die Mutter tröstete sie: »Sei nur ruhig. Der Hansei hat seine Axt mitgenommen, die immer draußen hängt, er wird oben im Wald noch was zu thun haben; er schenkt sich keine Arbeit. Wenn er heimkommt, sag ihm nicht, daß du so närrisch gewesen bist. Ich seh' doch, das Leben im Schloß sitzt dir noch in allen Gliedern; du machst dir gleich so viel Gedanken und über alles hinaus. Glaub doch, die Welt ist in Ruhe, wenn wir selber in Ruhe und Ordnung sind. Still, ich hör' ihn kommen, er pfeift.« Hansei kam pfeifend daher, die Axt auf der Schulter. Walpurga konnte ihm nicht entgegen gehen, sie mußte sitzen bleiben, so müd war's ihr in den Knieen. »Guten Morgen, Freihofbäuerin!« sagte Hansei von weitem. »Guten Morgen, Freihofbauer!« erwiderte Walpurga, »Wo bist du gewesen?« »Draußen im Wald. Ich hab' eine Tanne umgehauen, eine mächtige, die hat's gespürt. Das hat gut gethan. Jetzt gib mir aber zuerst was zu essen, ich bin hungrig.« Gottlob, daß er noch essen kann, dachte Walpurga und holte schnell die Morgensuppe. Sie setzte sich zu ihm und freute sich bei jedem Löffel, den er nahm, und nickte ihm zu, sie hatte viel zu fragen und zu sagen, aber sie wollte ihn nicht im Essen stören. Sie hielt die halbleere Schüssel in die Höhe, damit er den Löffel immer recht voll nehmen könne. »Jetzt sag,« fragte sie, als die Schüssel leer war, »jetzt sag, warum bist du so früh fort und so heimlich davongeschlichen?« »Ja, ich will dir was sagen. Wie ich da aufgewacht bin und hab' geglaubt, es wär' alles nur ein Traum gewesen und hab' nachher doch das Gold gefunden, das viele Gold, da hab' ich gemeint, ich werde närrisch. Der Hansei, der arm' Kerl, der monatelang gespart und sich darauf gefreut hat, daß er sich ein Hemd und ein Paar Schuhe anschaffen kann, der Hansei hat auf einmal so viel? Da ist mir's gewesen, wie wenn mich eins um und um dreht und närrisch macht. Da hab' ich dich wecken wollen, mit dir überlegen, was ich mit mir anfangen soll, aber du hast so gut geschlafen, und da hab' ich gedacht: was da! Die Frau soll dir helfen? Aus dem Schlaf heraus! Wart Hansei, ich will dich! Und da bin ich hinaus und hab' meine Axt genommen und bin den Berg hinauf. Ich hab' immer gemeint, es lauft ein ganzer Trupp Menschen hinter mir drein und bin doch allein, und es hat kaum zu tagen angefangen. Da bin ich weiter, zu der Tanne hin, sie ist schon lang ausgezeichnet zum Schlagen, hab' meine Joppe hingeworfen und angefangen, in den Baum zu hauen, und wie die Späne davongeflogen sind, ist mir's wohler geworden. Nachher ist der Spinnerwastl gekommen, der hat mir geholfen, aber er hat immer gesagt: Hansei, so hast du dein Lebtag nicht geschafft, wie heut. Es ist auch wahr. Wir haben den Baum umgerissen und das hat gekracht und das hat mir wohl gethan, und ist mir immer wohler geworden; wir haben die Aeste abgehauen und so viel geschafft, dreimal so viel wie sonst in so einer Zeit. Und da sind mir nach und nach alle die Narrenspossen und das Taumeln aus dem Kopf gegangen. Jetzt bin ich da und bin wohl und bin bei dir, Walpurga, alter Schatz. Ich bin noch einmal ein rechter Holzknecht gewesen, und jetzt soll ich Bauer werden – wird schon, wird alles gut!« Und so war's. Die Mutter hatte eine wunderbare Gabe, zu verschwinden, wenn sie wußte, daß die beiden Eheleute etwas unter sich allein auszumachen hatten; man hätte glauben können, das Häuschen habe geheime Thüren und unterirdische Gänge, so urplötzlich war die Großmutter oft nicht mehr zu sehen, bis sie auf einmal wieder da war, und man wußte nicht, wo sie gewesen und wieder hergekommen. Auch jetzt war sie verschwunden, und als Walpurga und Hansei sie im ganzen Hause riefen, fanden sie sie nirgends; als sie aber in die Stube zurückkamen, war sie da. »Mutter, wir haben Euch etwas Gutes zu sagen,« begann Walpurga. »Ich sehe schon das beste,« versetzte sie, »daß ihr so herzeinig miteinander seid! weiter brauch' ich nicht zu wissen.« »Nein, Mutter, das müsset Ihr wissen. Habt Ihr Euch nie ausgedacht, daß Ihr einmal Freihofbäuerin sein könntet, wie Ihr dort Magd gewesen seid?« »Nein, nie!« »Aber jetzt wird's.« Walpurga und Hansei erzählten wechselsweise, wie man so viel Geld habe, daß man den Freihof bar und blank bezahlen könne, und der Kauf sei so gut wie fertig, denn Hansei habe sich auf acht Tage das Zuschlagsrecht aufbehalten. Mutter Beate saß starr da nach dieser Mitteilung, sie faltete die Hände und ihre Mienen waren tief schmerzlich. »Mutter, freut Ihr Euch denn gar nicht?« fragte Walpurga. »Ich mich nicht freuen? Wirst schon sehen. Aber, Kind, ich bin alt und kann nicht mehr so springen, wie du. Schau die Berge da draußen, so lang die stehen, hat noch kein Mensch eine größere Freude gehabt, als ich jetzt. Ich weiß nicht, was unser Herrgott mit mir vorhat, daß er mir so viel Freuden auf der Welt gibt. Er muß wissen, was er thut, ich nehm's still und geduldig an. Ich hab' gemeint, es könnt' gar nichts mehr kommen, wie du wieder daheim gewesen bist; aber ich seh' schon, es kommt noch mehr. Gut, laß kommen, was will; ich komme wieder heim.« Die Mutter konnte nicht weiterreden. Hansei aber sagte: »Ja, Mutter, Ihr sollet noch was sehen, was Ihr Euer Lebtag noch nicht gesehen habt.« Er ging in die Kammer, holte den Sack mit dem Golde und öffnete ihn. »Da schaut einmal hinein, wie das glitzert und glänzt. Man kann's in zwei Hände nehmen und dafür kann man ein Gut kaufen mit Haus und Feld und Wald, und Vieh und Geschirr und alles!« »Das ist viel Geld,« sagte die Mutter. Sie legte die Hand auf das Gold und ihre Lippen bewegten sich still. »Greifet nur einmal hinein,« drängte Hansel, »So mit den Händen im Gold herumwühlen – o, wie wohl thut das!« Die Großmutter willfahrte ihm nicht, sie murmelte nur vor sich hin. Das Kind in der Kammer schrie und Hansei rief: »Die Freihofbauerntochter ist erwacht. Guten Morgen, Freihofbauerntochter!« sagte er hinter den beiden Frauen, die zu dem Kinde gingen: er hob den Geldsack auf, klimperte und rief: »Horch einmal, solche Musik hast du noch nicht gehört!« Die Großmutter nahm das Kind aus dem Bett und sagte: »Hansei, folg jetzt mir und leg das Gold in das warme Bettchen von dem unschuldigen Kind. Das bringt Segen und mag das Gold in Händen gewesen sein, wie's wolle, damit ist's geweiht und bringt Segen.« »Ja, Mutter, das können wir schon thun.« Zu Walpurga gewendet, fuhr er fort: »Die Mutter hat immer gar schöne Sachen. Jetzt dem Gold wird's wohl thun in dem warmen Nest. Ja!« rief er dem kleinen Kinde zu, »in deine Wiege hat man viel Gold gelegt. Halt! Ein Stück davon thun wir heraus und lassen ein Loch durchbohren: das kriegst du, wenn du gefirmt wirst. Halt dich nur brav!« »Jetzt muß ich aber zum Grubersepp!« rief er endlich. Walpurga mußte nun berichten, daß sie ihn heute schon dort gesucht habe. Sie sah jetzt selber, wie schnell sie übertriebene Vorstellungen hatte und nahm sich vor, das ferner zu vermeiden. Die Großmutter, Walpurga und das Kind waren gut bei einander in der Stube und die Mutter erzählte, daß sie damals, als Walpurga drei Monat später geboren wurde, zum letztenmal auf dem Freihof gewesen sei; sie sei damals auf ihres Bruders Hochzeit gewesen. »Man kann mich schon da oben begraben,« schloß sie. »Ich kann ja leider nicht neben deinem Vater ruhen, der See hat ihn ja nicht mehr hergegeben. O, wenn er das noch erlebt hätte!« Die höchste Freude und das höchste Leid klingen immer ineinander. Der Grubersepp kam mit Hansei. Er war der erste, der Walpurga und der Großmutter Glück wünschte. Er empfahl indes, ehe die Sache gerichtlich fest sei, niemand etwas davon zu sagen. Elftes Kapitel. Am Sonntag gingen Hansei, Walpurga und die Mutter miteinander in die Kirche. Das Kind blieb daheim bei der Gundel. Still wandelte man am See entlang. Jedes dachte, wie oft man den Weg gegangen in Freud und Leid, und wie es nun sein werde, wenn man einen andern Weg in eine andre Kirche geht. Die Leute, die auch zur Kirche gingen, grüßten die drei nur flau und die Großmutter sagte: »Wir wollen keine bösen Gedanken über die Menschen mit in die Kirche nehmen, die müssen draußen bleiben.« »Wenn man aber wieder herauskommt, ist's wieder da, wie die Hunde, die an der Kirchthür warten,« entgegnete Walpurga scharf. Die Mutter schaute sie kopfschüttelnd an und begütigte: »Glaub mir, die Leute sind gar nicht so bös, wie sie sich stellen; sie bilden sich nur was drauf ein und meinen, sie machen sich wichtig damit und gelten etwas, weil sie zornig und bös sein können. Sei's aber, wie es sei! Die andern können wir nicht zwingen, daß sie gut sind, aber uns können wir zwingen.« »Gebt mir das Regendach, Mutter, ich kann's besser tragen, wie Ihr,« sagte Hansei; das war so seine Art, wie er seine Beistimmung ausdrückte. Der Gemswirt fuhr vorüber. Hansei grüßte, aber als Antwort vernahm er ein Knallen mit der Peitsche. »So ist's,« sagte Hansei, »wenn der jetzt auch nicht gut ist, deswegen brauch' ich nicht bös zu sein.« Die Mutter nickte Hansei zu. Man war ruhig in der Kirche und ging wie gesättigt und getränkt wieder heim. Das that aber keinen Eintrag, daß Hansei am Mittag seinen mächtigen Hunger hatte und er sagte: »Ich mein', der Freihofbauer kann mehr essen; aber er soll auch tüchtig schaffen, das will ich ihm schon auflegen.« Hansel war gar lustig, aber auf den Kirschbaum stieg er nicht mehr. Am Mittag kam der Doktor mit seiner Frau auf Besuch. Walpurga zeigte der Frau Hedwig all die schönen Sachen, die sie bekommen hatte, und Frau Hedwig war voll Bewunderung. »Das schöne Kleid da,« sagte Walpurga, »das leg' ich zurück für das Kind zur Hochzeit; man kann nicht früh genug damit anfangen, an die Aussteuer zu denken.« Der Doktor hatte ein gutes Flaschenfutter mitgebracht; er stellte die Flaschen auf den Tisch und sagte: »Hansei, wie ich höre, bist du in den trockenen Bann gethan. Ich bin ein Ketzer, ich darf dir einschenken.« Das that er nun auch weidlich. Walpurga kam mit der Frau Doktorin in die Stube zurück und brachte eine Flasche von dem Wein des Leibarztes mit den Silberkapseln. Doktor Kumpan verstand ihn zu entsiegeln; er lobte den Wein, noch mehr aber den Leibarzt. »Ich meine,« sagte Walpurga, »ich mein', wir sollten unsern Ehrengästen sagen, was mit uns vorgeht; das sind Ehrenleute, die berichten's vorderhand nicht weiter.« »Hast recht,« meinte Hansel und erzählte die Sache mit dem Freihof. Der Doktor und seine Frau glückwünschten und bedauerten nur, so gute Leute aus der Gegend zu verlieren. Von der Weinlaune ermutigt, frug Hansei: »Herr Doktor, ist's erlaubt? Sehen Sie, Sie sind ja eigentlich an unserm Glück schuld', ist's erlaubt, daß Sie auch ein Geschenk von uns annehmen?« »Laß einmal hören. Wie viel tausend Gulden willst du dran wenden?« Hansei war sehr erschrocken, so weit hinaus wollte er doch nicht. »Sie sind ein lustiger und spaßiger Herr,« sagte er, sich fassend. »Jetzt, ich hab' gemeint ... ich hab' noch drei Klafter Holz oben im Wald, das letzte hab' ich noch vorige Woche gespalten, jetzt das möcht' ich Ihnen vors Haus führen.« »Ich thu' dir den Gefallen und nehm's an. Ich sehe, du wirst schon ein rechter Bauer, du hast einen steifen Daumen, das Geld klebt dir dran. Bleib nur so.« Die Ehre des Sonntags steigerte sich noch, denn nach der Mittagskirche kam auch der Herr Pfarrer. Er berichtete, daß er morgen nach der Hauptstadt reisen wolle, Walpurga möge ihm den versprochenen Brief an die Gräfin Wildenort mitgeben. Doktor Kumpan rief mächtig lachend: »So? Die Allerhöchste Gräfin Wildenort ist deine Freundin und an die will der Herr Pfarrer –« »Herr Doktor, ich möcht' ein Wort allein mit Ihnen reden,« unterbrach ihn Walpurga, »kommen Sie schnell.« So viel hatte sie doch bei Hofe gelernt, daß man mit einer gewissen höflichen Entschiedenheit manches Unliebsame im Zügel halten und ablenken kann. Es lag eine gewisse Hoheit in der Art, wie sie nun dem Doktor sagte, sie dulde in ihrem Hause keine böse Nachrede über die Gräfin Irma; sie würde es ebenso nicht dulden, wenn jemand in ihrem Hause etwas Schlimmes über den Doktor sage, und das sei gewiß ebenso erlogen, wie über die Gräfin; sie sei eben gespaßig und übermütig, wie der Doktor, sie könnte sein Kamerad sein, aber grundbrav sei sie auch, gerade so wie er, und er solle ihr das nicht zuleide thun, bös von ihr zu reden. Der Doktor sah Walpurga staunend an. Als er in die Stube zurückkam, sagte er zu Hansei: »Du hast eine Staatsfrau, auf die darf jeder stolz sein, der mit ihr gut Freund ist.« Walpurga ging nach der Kammer und schrieb: »Meine herzgeliebte Gräfin! Ich ergreife diese Gelegenheit, um Ihnen zu schreiben. Unser Pfarrer reist nach der Stadt und will so gut sein und einen Brief an Sie mitnehmen und an Sie überbringen. Ich weiß nicht, was er sonst will. Und darauf können Sie sich verlassen, was er will, ist gut; er ist gar gut gegen mich, besonders seit ich aus der Fremde heim bin. Nun möcht' ich Ihnen gern schreiben, wie es mir geht. Ich kann mir's von Gott nicht besser wünschen. Wenn man seinen Mann und seine Mutter und sein Kind hat und seine Arbeit, wir haben schon geheuet, aber nicht so bloß zum Spaß, wie dort bei uns auf der Wiese am Sommerschloß, wissen Sie noch? Ach Gott! ich sag' bei uns, und wer weiß, ob noch jemand im Schloß an mich denkt. Ja Sie, meine gute Gräfin, gewiß, und mein Kind auch, ich meine den Prinzen, und die Königin und die Mamsell Kramer und der ihr Vater auch. Ich bitte, grüßen Sie alle von mir, auch den Leibarzt und den Baron Schöning und die Oberhofmeisterin, sie ist doch auch gut. Und wenn Sie zur Frau Gunther kommen, die auch. O, was ist das für eine Frau! Ich hab' sie leider Gottes erst am vorletzten Tag kennen gelernt; zu der sollten Sie jeden Tag gehen, so muß Ihre Mutter selig eine Frau gewesen sein. Und thun Sie mir den Gefallen und schreiben mir auch einmal, wie's meinem Prinzen geht; er hat Sie auch ja so gern. Und wenn Sie heiraten, zeigen Sie mir's an. Und wenn Gelegenheit ist, soll die Mamsell Kramer mir die schöne Kunkel schicken: es wäre doch schade, wenn sie droben auf dem Boden liegen bleibt. Meinem Mann hat's gar leid gethan, daß er Sie an jenem Morgen nicht gesehen hat, und mir auch. Ich muß mir's ganz aus dem Sinn schlagen, wie Sie damals ausgesehen haben; in Gedanken muß ich immer da drüber hinüber, wenn ich mir meine schöne Gräfin und gute Freundin vor Augen stellen will. Und meine Mutter läßt Sie auch vielmal grüßen, sie hat Ihre Mutter auch noch gekannt und sagt: Wenn man der ins Gesicht gesehen hat, ist's gewesen, wie wenn man in die Sonne sieht. Mein Kind hat sich im Anfang bocksteif gegen mich gemacht: Sie haben's ja am Prinzen gesehen, wie sich Kinder bocksteif machen können, wenn sie jemand nicht lieb haben wollen. Aber jetzt bin ich mit meinem Kind ganz gut Freund, und das beste ist doch auf der Welt, daß man ein Kind hat und seine Arbeit und sein bißchen Vermögen. Ach, wenn man so mit seinem Kinde geht, da geht ein lebendiger Brunnen mit einem spazieren, aus dem man jede Minute lauter Seligkeit trinken kann. Es ist mir oft wie ein Traum, daß ich fortgewesen bin, aber es ist gut, daß es gewesen ist; ich könnt's nicht noch einmal, das spür' ich, und so wünsch' ich nur wohl zu leben. Ich küsse das Papier, das Sie in die Hand nehmen werden. Ihre gute Freundin Walpurga Andermatten. Nachschrift. Und neue Lieder singen sie jetzt hier auch, aber sie sind nicht schön. Ich hab' hier am Tag keine Zeit zum Singen, und wenn ich nicht abends mein Kind einsingen könnte, käme ich gar nicht dazu. Verzeihen Sie, daß ich so schlecht schreibe, aber ich habe schon harte Hände bekommen, und das Papier und die Tinte sind auch schlecht. Ja, so sagen alle schlechten Schreiber. Nochmals lebet wohl. Ich schreibe in Eile und der Herr Pfarrer wartet drin in der Stube, und der Doktor und seine Frau sind auch da; das sind gar gute Leute, und wenn's auch viele böse und schlechte Menschen gibt und neidische, sie thun sich selber den größten Schaden damit. Meine gute Gräfin! Sie können gar nicht wissen, was Sie uns Gutes gethan haben: es muß Ihnen noch gut dafür gehen, und Ihren Kindern und Kindeskindern. Es ist soviel als gewiß, daß wir nicht hier bleiben, aber es ist ja ein Himmel über der ganzen Welt. Und wenn Sie zu Ihrem Vater kommen, grüßen Sie ihn auch von meiner Mutter, die hat ihm seine Wohlthat nicht vergessen, und Sie sind seine Tochter und haben das gute Herz von ihm und Ihrer Mutter. Ich wünsch' Ihnen nur, daß Sie auch so eine Mutter hätten wie ich, ab« meine Mutter hat recht: man soll sich nichts wünschen, was man nicht machen kann. Und ich meine, ich müßt' Ihnen noch recht viel schreiben, aber ich weiß jetzt nichts mehr und drin in der Stube rufen sie. Leben Sie wohl und tausendmal wohl und glücklich, und ich wünsch' Ihnen von Herzen alles Gute. O, wenn ich nur mit dem Brief bei Ihnen sein könnte. Aber ich bin gern daheim und will mein Leben lang nicht mehr fort. Lebet wohl, all ihr guten Menschen da draußen in der Welt.« Walpurga übergab den Brief und der Pfarrer ging bald davon. Er war nicht gern beim Doktor, der ein schlimmer Ketzer war. Als es Abend wurde, reiste auch der Doktor mit seiner Frau davon, und Walpurga hatte nicht wenig Stolz und Freude; daß alle Leute im Dorfe gesehen hatten, welchen Ehrenbesuch sie gehabt; dessen kann sich doch keiner sonst rühmen. Die Woche ging still vorüber. Hansei war mehrere Tage verreist. Er schloß den Kauf ab. Das Pechmännlein hatte sich's als besondere Gunst ausgebeten, dabei sein zu dürfen, wenn das Geld für den Freihof ausgezahlt wird. Sein Gesicht flimmerte, als er das viele Gold sah, und als der Grubersepp fragte: gefällt dir das? da sagte er wie aus einem Traum erwachend: »Ja, es ist wahr, ich hab's gar nicht geglaubt, in alten Geschichten hab' ich oft davon gehört, daß so viel Gold auf einem Haufen liegen kann. Der ganze Plunder ist doch nur ein paar Pfund schwer und dafür kriegt man jetzt den ganzen Freihof. Ja, ja, daran werd' ich noch in meinem Alter denken!« Grubersepp lachte aus vollem Halse; das Männlein mit den grauen Haaren mußte sich noch gar jung vorkommen, da es von seinem zukünftigen Alter sprach. Am Freitag kam der Pfarrer wieder. Er hatte die Gräfin Irma nicht getroffen, sie war mit dem Hofe in ein Bad gereist. Den Brief hatte er im Schloß gelassen; er sollte ihr nachgeschickt werden. Zwölftes Kapitel. Der Wetterhahn dreht sich wieder und steht auf gut Wetter, kaum leise, zerstreute Wölkchen sind am Himmel. Und so ist es auch wieder in den Gemütern der Menschen. Der Hansei, hieß es im Dorf, hat den Freihof drüben über dem See gekauft und blank ausbezahlt. Wer das kann, wie kann man dem noch bös sein? Nein, schändlich ist's vom Gemswirt, daß er so einen Mann und so eine Frau wie die Walpurga aus dem Ort treibt: die waren ja eine Ehre für alle, davon gar nicht zu reden, was man für Nutzen davon hat, wenn so reiche und gute Menschen im Orte sind, und gar solche, die selber arm gewesen sind und wissen, wie es den Armen zu Mute ist. Nun wurden Hansei und Walpurga überall freundlich begrüßt, und jedes sagte, daß mit ihrem Weggange ein Stück von ihrem Herzen mitgenommen würde. Der Haupträdelsführer vom Musiksonntage, der Hansei hatte einen Possen spielen wollen, kam jetzt und wollte sich bei ihm als Knecht verdingen. Hansei erwiderte, daß er vorerst die Knechte behalte, die auf dem Hofe seien, er brauche zum Anfang Leute, die mit der Gegend drüben und den Aeckern bekannt seien; er habe aber guten Trost für die Zukunft. Hansei mußte oft hin und her fahren. Es gab viel gerichtlich zu ordnen, und außerdem übernahm er auch noch einen alten Auszügler, der ein Leibgeding auf dem Hofe hatte und sich nicht mit Geld abfinden und aus dem Haus entfernen lassen wollte. »Und wißt ihr,« sagte Hansei einmal, »wer mir viel geholfen hat? Das haben wir ja ganz vergessen gehabt: da droben an der Grenze, drei Stunden vom Freihof, wohnt ja die Stasi, und ihr Mann ist Unterförster; der hat mir den Wald gezeigt, und recht hat er, da lassen sich Wege hineinschlagen und Langholz herunterbringen. Willst du nicht auch einmal mit und unsre neue Heimat anschauen?« fragte er seine Frau. »Ich warte, bis wir dort bleiben. Wo du mich hinbringst, ist mir's recht, wir sind ja bei einander und von dem Glück meiner Mutter kannst du dir gar keine Vorstellung machen.« Die Großmutter, die sonst gar nicht ans Sterben dachte, klagte jetzt oft, sie werde es nicht erleben, daß sie mit hinüberziehen könnte auf den Freihof als Mutter der Bäuerin, wo sie Magd gewesen. Tagelang erzählte sie Walpurga von den schönen Apfelbäumen, die in dem großen Garten sind, und von dem Bach, der ein Wasser hat, daß man gar keine Seife braucht und die Wäsche wird schneeweiß, und wie gut da die Menschen sind; und dann ermahnte sie die Walpurga jetzt schon, ja die Gaben recht zu geben, die sich für die Freihofbäuerin schicken; sie sagte ihr alles genau, damit es geordnet sei, wenn sie doch vorher sterben müßte. Den alten Auszügler kannte sie auch, er war sogar etwas verwandt mit ihr, aber sehr weitläufig, den müsse man ja recht gut halten, das bringe Segen ins Haus. Tage und Wochen vergingen, die Zeit der Abreise rückte immer näher. Schon lange hatte Walpurga mancherlei Geschirr und Kleider eingepackt, sie mußte sie aber wieder holen, da man sie noch brauchte. Je näher die Zeit der Abreise kam, um so freundlicher wurden die Menschen, und Walpurga klagte der Mutter: »Es geht mir jetzt bei der Abreise von hier wie damals vom Schloß; ich hab' doch immer das Verlangen gehabt, fortzukommen, und wie die Zeit dagewesen, war mir's doch wieder bang.« »Ja, Kind,« tröstete die Mutter, »so wird es auch gehen, wenn du einmal aus der Welt fort mußt. Wie oft möchte man fort, aber wenn's darauf ankommt, da geht man doch nicht gern. O Kind, ich mein', die ganze Welt redet zu mir und ich versteh' alles. Wenn man Abschied nehmen muß, da ist alles am besten, und die Menschen besonders, und so wird's auch sein, wenn man vom Leben Abschied nimmt und man versteht erst recht, wie schön es doch gewesen ist und wie viele gute Herzen zurückbleiben.« Die beiden Frauen allein konnten sich miteinander ausreden. Hanseis wurde man keine ruhige Stunde mehr habhaft. Er saß viel beim Grubersepp, ging mit ihm über Feld und ließ sich in allem unterrichten. Eines Abends wurde Hansei abgerufen, er solle zum Grubersepp kommen, aber schnell. Er eilte fort und kam lange nicht heim. Walpurga und die Mutter blieben wach – sie waren begierig, zu wissen, was vorging. Endlich, es war fast Mitternacht kam er an, und Walpurga fragte: »Was ist denn?« »Der Grubersepp hat ein Hengstfüllen kriegt!« Walpurga und die Mutter lachten und konnten gar nicht wieder aufhören, »Was ist da zu lachen?« fragte Hansei fast ärgerlich, »und noch dazu ist das Zeichen da, daß es ein Schimmel wird.« Das Gelächter erneute sich und Hansei schaute sonderbar drein. Er erzählte mit Ernst, daß ihn der Grubersepp hätte holen lassen, damit er das lerne und er wollte seine neueste Erfahrung berichten, daß nie ein Füllen weiß geboren wird; aber er besann sich noch zur Zeit: man muß den Weibern nicht alles erzählen, sie verfallen in ein so dummes Gelächter, und ein großer Bauer muß auch stolz gegen die Weiber sein. Das will er sich merken. Der Grubersepp ist auch stolz gegen das Weibervolk. Es kamen Anträge, Hansei sein Häuschen abzukaufen, und er wurde immer bös, wenn man die Gstadelhütte eine baufällige alte Baracke schimpfte. Er schaute immer darauf, wie wenn er sagen wollte: »Nimm's nicht übel, du braves Haus, die Leute schimpfen nur, damit sie dich billig kriegen.« Hansei war zäh, er wollte sein Heim nicht um einen Groschen billiger hergeben, als es wert ist, und dazu hatte er seine Fischgerechtigkeit, die auch was wert war. Der Grubersepp übernahm endlich das Haus für einen Knecht, der zum Herbst heiraten und den er darauf setzen wollte. Alles war gut, alles war freundlich im Dorf, ja doppelt, weil man jetzt davonging, und Hansei sagte: »Es thut mir weh, daß ich einen Feind hinterlassen muß; ich möcht' mich gern mit dem Gemswirt aussöhnen.« Walpurga stimmte zu und sagte, sie gehe auch mit, sie sei ja eigentlich schuld, und wenn der Gemswirt schimpfen wolle, solle er auch sie ausschimpfen. Hansei wollte seine Frau nicht mitgehen lassen, aber sie bestand darauf. Es war am letzten Abend zu Ende August, da gingen sie miteinander das Dorf hinauf. Das Herz pochte ihnen, als sie gegen das Wirtshaus kamen. Es war kein Licht in der Stube; sie tappten im Vorplatz hin und her, kein Mensch ließ sich sehen und hören, nur Dächsel und Mächsel machten einen Heidenlärm. Hansei rief: »Ist niemand daheim?« »Nein, es ist niemand daheim,« sagte eine Stimme aus der dunkeln Stube. »So saget dem Gemswirt, wenn er heimkommt, der Hansei und seine Frau seien dagewesen, und sie hätten ihn bitten wollen, er solle ihnen verzeihen, wenn sie ihm was zu leid gethan, und sie verzeihen ihm auch und wünschen ihm alles Gute.« »Ist recht, will's ausrichten,« sagte die Stimme und schlug die Thür wieder zu, und Dächsel und Mächsel bellten wieder. Hansei und Walpurga gingen heimwärts. »Weißt, wer das gewesen ist?« fragte Hansei. »Ja freilich, der Gemswirt selber.« »Gut, so ist's geschehen, weiter können wir nicht.« Schwer wurde der Abschied von allem im Dorfe. Jetzt läutete es zur Nacht mit der schönen Glocke, die sie gehört hatten von ihrer Kindheit an zu jeder Stunde; sie redeten kein Wort von der Trauer des Abschiedes, nur Hansei sagte endlich: »Unser Heimatsort liegt nicht außer der Welt, wir können noch oft hierher kommen.« Als sie nach ihrem Hause kamen, war fast das ganze Dorf versammelt, um ihnen Lebewohl zu sagen, aber jedes setzte noch hinzu: »Ich sehe dich morgen früh noch.« Auch der Grubersepp kam noch einmal. Er war gewiß schon stolz genug, jetzt aber war er's doppelt, denn er hatte einen andern zum rechten Mann gemacht, ihm wenigstens dabei geholfen. Er war nun weder zärtlich noch empfindsam; er faßte vielmehr seine ganze Lebensweisheit in ein paar Sätze zusammen, die er sehr unvermittelt vorbrachte. »Ich hab' dir nur noch sagen wollen,« begann er, »du wirst jetzt viele Knechte bekommen; glaube mir, die besten sind nichts nutz, aber es läßt sich was draus machen; wer Knechte haben will, die gut mähen, muß selber gut vormähen. Und vergeßt nicht: Ihr seid so schnell zum Reichtum gekommen, und was schnell gekommen ist, kann auch schnell wieder gehen; haltet fest, sonst wird's bös!« Er spendete noch manche praktische Lehre, und Hansei gab ihm das Geleite bis an sein Haus. Mit einem stillen Händedruck verabschiedeten sie sich. Im Hause war es so leer, denn ein großer Teil Kisten und Kasten war schon vorausgeschickt auf einem Kahn über den See. Drüben warteten morgen zwei Gespanne vom Freihof. »So legen wir uns heut also zum letztenmal hier schlafen,« sagte die Mutter, aber keines wollte zu Bett gehen, obgleich sie so müde waren von der Arbeit und Herzensrührung. Endlich mußte es doch sein. Aber sie schliefen alle nur wenig. Am morgen war man früh bei der Hand. Man zog die besten Kleider an, und sofort wurden die Betten zusammengerafft und in den Kahn getragen. Die Mutter machte das letzte Feuer auf dem Herd, die Kühe wurden herausgeführt und in den Kahn gebracht, auch die Hühner wurden in einer Steige mitgenommen und der Hund lief bei allem hin und her. Die Zeit zum Aufbrechen war da. Die Mutter sprach ein Gebet, dann rief sie alle in die Küche. Sie schöpfte mit dem Schapf Wasser aus dem Kübel und schüttete es in das Feuer mit den Worten: »Alles Böse und Ueble soll verschüttet und ausgelöscht sein, und wer nach uns da Feuer anzündet, soll lauter Gesundheit drin finden.« Auch Hansei, Walpurga und Gundel mußten jedes ein Schapf voll Wasser ins Feuer schütten, und selbst dem Kinde führte die Großmutter die Hand dazu. Nachdem alle, ohne ein Wort zu sprechen, diese Weihehandlung vollzogen hatten, betete die Großmutter: »So nimm du, unser Herrgott, von uns alles Herzweh und alles Heimweh und alle Gebresten, und gib uns Gesundheit und eine glückliche Urständ da, wo wir wieder Feuer anzünden.« Sie ging mit dem Kinde voraus über die Schwelle; sie hielt dem Kinde die Augen zu und rief den andern laut zu: »Schaut euch nicht mehr um, wenn ihr herausgeht!« »Halt noch ein wenig still,« sagte Hansei zu Walpurga, die allein bei ihm war. »Schau, Walpurga, ehe wir zum letztenmal da über die Schwelle gehen, muß ich dir noch was sagen. Das muß heraus. Ich möcht' ein rechter Mann sein und nichts mehr dahinter. Ich muß dir das sagen. So ist's. Walpurga, wie du fortgewesen bist und die schwarze Esther war droben, da bin ich einmal drauf und dran gewesen, ein schlechter, ungetreuer Mensch zu werden ... Ich bin's gottlob nicht geworden, aber es plagt mich, daß ich's doch einmal hab' werden wollen. Jetzt, Walpurga, verzeih mir, und Gott wird mir auch verzeihen. So, jetzt hab' ich dir's gesagt und jetzt hab' ich nichts mehr, und wenn ich den Augenblick vor Gott hintrete, ich weiß nichts mehr.« Walpurga umarmte ihn schluchzend und sagte: »Du bist mein guter Mann.« Dann schritten sie zum letztenmal über die Schwelle. Im Garten blieb Hansei stehen, schaute zu dem Kirschbaum auf und sagte: »Du bleibst also da? Willst nicht mit? Wir sind doch allzeit gute Freunde gewesen und manche Stunde bei einander. Aber wart', ich nehm dich doch mit,« rief er freudig, »in meiner neuen Heimat pflanz' ich dich ein!« Er grub einen Schößling, der als Wurzelbrut ganz unten am Stamm hervorsproßte, vorsichtig aus, steckte den Schößling unter die Hutschnur und ging hinab zu seiner Frau an den Kahn. Von der Anlande am Seeufer her erscholl helle Musik von Geigen, Klarinetten und Trompeten. Dreizehntes Kapitel. Hansei eilte nach der Anlande. Da stand das ganze Dorf und dabei die vollzählige Musikbande. Der Sohn des Schneider Schneck, der bei der Taufe des Kronprinzen unter den Kürassieren gestanden, befehligte und ordnete die Abschiedsfeier. Der Schneider Schneck, der seine Baßgeige strich, sah Hansei zuerst herankommen, und rief mitten in die Musik hinein: »Der Freihofbauer Hansei und seine Herzallerliebste sollen leben – hoch und dreimal hoch!« Alles rief hoch! und hoch! in den erwachenden Tag hin. Die Musik blies einen Tusch und Böllerschüsse wurden gelöst, die dröhnend von den Bergen wiedertönten. Der große Kahn, in dem sich schon der Hausrat, die beiden Kühe und die Hühner befanden, war mit Kränzen aus Tannen- und Eichenzweigen geschmückt; mitten im Kahn stand Walpurga und hielt mit beiden Händen ihr Kind hoch über sich und ließ es hineinschauen in die Freundeszahl und in den morgenglühenden See. »Einen schönen Gruß von meinem Meister,« sagte ein Knecht des Grubersepp, der ein schneeweißes Füllen am Halfter führte, »und das schickt er Euch zum Angedenken.« Der Grubersepp war nicht unter den Versammelten, er liebte den Lärm nicht, er blieb eine einsame, in sich lebende Natur; aber er schickte doch etwas, das nicht nur an Geldeswert von Belang war, sondern auch das ehrenvollste Erinnerungszeichen, denn ein Füllen schenkt der Großbauer seinem davonziehenden jüngeren Bruder. Hansei erschien jetzt vor der ganzen Welt, das heißt vor dem ganzen Dorfe, als der jüngere Bruder des Grubersepp. Die kleine Burgei im Schiff jauchzte hellauf, als sie das schneeweiße Füllen sah, das in den Kahn gebracht wurde; das Kind und das Füllen sahen einander groß an. Der sechsjährige Gruberwaldl stand neben dem Schimmelfüllen und streichelte es immer und sagte ihm leise Worte, die niemand hörte, und das Füllen wieherte in den jungen Tag hinein. »Willst mit auf den Freihof und mein Knecht sein?« fragte Hansei den Gruberwaldl. »Ja, wenn Ihr mich mitnehmt, rechtschaffen gern.« »Schau, was das für ein Bub ist,« sagte Hansei zu seiner Frau. »Ja, ein Bub.« Walpurga antwortete nicht und machte sich mit dem Kinde zu schaffen. Hansei reichte allen die Hand zum Lebewohl, seine Hand zitterte; er vergaß aber doch nicht, in die Tasche zu greifen und der Musikbande zwei Kronenthaler zu geben. Endlich stieg er ein und rief: »Ich dank' euch, ihr Gefreundeten alle! Vergesset unsrer nicht, wie wir eurer nicht vergessen. Lebet wohl und gesund! Behüt euch Gott miteinander!« Walpurga und die Mutter weinten. »Nun voran in Gottesnamen!« hieß es; die Ketten wurden gelöst, der Kahn stieß ab. Nochmals erscholl helle Musik, Jauchzen, Jodeln und Böllerknallen vom Ufer her, dann glitt der Kahn still über den See. – Die Sonne brach in voller Pracht hervor. Die Großmutter saß da und faltete die Hände, alle waren still. So fuhr man lange dahin. Nur das Schimmelfüllen wieherte nochmals der Heimat zu. Walpurga war es, die zuerst das Schweigen unterbrach. »Du guter Gott, wenn nur die Menschen einander im Leben halb so viel Liebe erzeigten, wie sie einem anthun, wenn man gestorben ist oder auswandert,« sagte sie. Die Mutter, die noch mitten in einem Gebet war, schüttelte den Kopf; sie endete aber schnell ihr Gebet, dann fiel sie ein: »Das kann man gar nicht verlangen. So im Alltag will sich's nicht geben, das Herz in die Hand zu nehmen; aber ich hab' dir's immer gesagt, halte das fest: die Menschen sind doch gut, wenn auch manche schlechte darunter sind.« Hansei schaute auf seine Frau, die so vielerlei Gedanken auf alles hat; das kommt doch davon, weil sie in der Fremde gewesen. Aber auch ihm war das Herz voll, freilich ganz anders; er sagte: »Ich kann mir gar nicht denken,« er atmete tief auf und steckte die Pfeife wieder ein, die er eben hatte anzünden wollen – »ich kann mir gar nicht denken, wo all die Jahre hin sind, die ich da verlebt habe und was ich alles durchgemacht habe. Schau, Walpurga, da trüben geht der Weg nach meinem Heim. Ich kenne jede Höhe und jede Senke. Dort liegt meine Mutter begraben. Und schau, da drüben der Berg, da stehen die Kiefern, der Berg war ganz kahl, die Bergschinder haben ihn abgeholzt zu Franzosenzeiten, und wie stämmig sind jetzt die Bäume, die meisten davon hab' ich gepflanzt. Ich war ein kleiner Bub von elf, zwölf Jahren, da hat mich der Forster gedingt; er hat überall Boden hinbringen lassen und Moos an die Schrofen, und da hab' ich im Frühjahr von morgens sechs bis abends sieben Uhr die Pflänzlinge eingesetzt; meine linke Hand ist mir fast erfroren, in einem Kübel hab' ich immer nassen Lehm haben müssen, um den an die Wurzeln zu thun: gering an Kleidern bin ich auch gewesen, und nichts als ein Stück Brot den ganzen Tag, und so am Morgen bis ins Mark hinein gefroren, am Mittag fast verbraten von der Sonnenhitze an den Felsen – das war hart. Ja, ich hab' eine harte Jugend gehabt, es hat mir gottlob nichts geschadet; aber vergessen will ich's nicht, und rechtschaffen arbeiten wollen wir und den Armen geben, was wir können. Ich hätt's nie geglaubt, daß ich einmal einen einzigen Baum und eine Handbreit Erde mein eigen nennen könnt', und jetzt hat mir Gott so viel gegeben. Wir wollen's verdienen.« Hansei blinzelte mit den Augen, es stach ihn etwas drin, er drückte den Hut tiefer in die Stirn; jetzt, wo er sich auswurzelte, ging es ihm durch den Sinn, wie vielfach eingewachsen in der Gegend er war durch seiner Hände Arbeit und durch Gewohnheit; er hatte wohl manchen Baum umgehauen, aber er wußte auch, wie schwer er ausgestockt wird. Das Füllen ward unbändig. Der Gruberwaldl, der mitgefahren war, um es zu halten, war nicht stark genug; ein Schiffer mußte ihm beispringen, um zu helfen. »Bleib bei dem Füllen,« rief Hansei, »ich nehme das Ruder.« »Und ich auch,« rief Walpurga, »wer weiß, wann ich wieder dazu komme. O, wie oft bin ich da über den See gefahren, allein, mit dir und meinem Vater selig. Hansei und Walpurga saßen nebeneinander und führten die Ruder in gleichem Takt; es war beiden wohl, daß sie etwas zu thun hatten, um die innere Herzbewegung auszuarbeiten. »Es wird mir bang sein nach dem Wasser,« sagte Walpurga. »Ohne den See kommt mir das Leben so trocken vor. Ich hab's in der Stadt gespürt.« Hansei antwortete nicht. »Auf der Sommerburg ist auch ein Teich, und da schwimmen Schwäne darauf herum,« sagte sie wieder, und erhielt noch immer keine Antwort. Sie schaute um, es stieg ein Arges in ihrer Seele auf: Dort im Schlosse, wenn sie etwas sagte, wurde es stets beachtet. In wehmütigem Tone klagte sie: »Es wäre doch besser gewesen, wenn wir im Frühjahr aufgezogen wären, da wächst man bester ein.« »Mag sein,« erwiderte Hansei endlich, »aber ich muß jetzt im Winter Holz schlagen. Walpurga, wir wollen einander das Lehen leicht machen und nicht schwer. Ich krieg' meine Last und kann nicht noch dich dazu tragen, mit deinen Schloßgedanken.« Walpurga fuhr auf: »Ich will den Ring da, den mir die Königin geschenkt hat, in den See werfen, zum Zeichen, daß ich gar nicht mehr ans Schloß denke,« »Das ist nicht nötig, der Ring ist ein schönes Geld wert und ist auch ein ehrsames Andenken. Du mußt das auch so können.« »Ja, bleib du nur so getreu und stark.« Die Mutter stand plötzlich aufrecht ihnen gegenüber, in ihr Antlitz trat ein seltsamer Glanz und sie sagte: »Kinder, haltet das Glück fest, daß ihr so seid. Ihr seid miteinander durch Feuer und Wasser gegangen, denn Feuer ist gewesen, wie ihr in lauter Freude und Liebe waret und die Menschen mit euch so gut und freundlich; und durchs Wasser seid ihr gegangen, wie es euch am Herzen genagt, daß die Menschen so bös; da ist euch das Wasser bis an den Hals gegangen und ihr seid nicht ertrunken. Jetzt seid ihr über alles hinaus und wenn ich einmal sterbe, so weinet nicht; was ein Mutterherz von Glück bekommen kann auf der Welt, ich hab's gehabt durch euch.« Sie kniete nieder und schöpfte mit der Hand Wasser aus dem See und spritzte davon Hansei und Walpurga ins Gesicht. Hansei und Walpurga ruderten still weiter und sprachen kein Wort mehr. Die Mutter aber legte ihr Haupt auf ein zusammengebundenes Bett und schloß die Augen. Ein wunderbarer Ausdruck lag auf ihrem Gesicht. Nach einer Weile öffnete sie die Augen wieder, schaute strahlenden Blickes auf die beiden und sagte: »Singet! seid lustig! Singet das Lied, das der Vater und ich so oft miteinander gesungen. Den einen Vers, den guten.« Hansei und Walpurga führten die Ruder und sangen dabei: »Wir beide sein verbunden Und fest geknüpfet ein, Glückselig sein die Stunden, Wann wir beisammen sein.« Sie wiederholten den Vers oft und oft, und zwischendrein jauchzte das Kind und wieherte das schneeweiße Füllen. Gesang und Jauchzen wurden plötzlich unterbrochen, denn ein junger Schiffer schrie: »Da schwimmt etwas! Es ist ein Mensch! Jetzt ist der Kopf oben, jetzt, seht ihr's dort? Da sind die langen kohlschwarzen Haare, die auf dem Wasser schwimmen: da hat sich jemand ertränkt oder ist verunglückt!« Alle im Schiff sahen auf den Punkt hin, es wogte auf und nieder, es schien ein Menschenantlitz zu sein, das manchmal emportauchte und wieder untersank. Alle waren starr und Hansei rieb sich die Augen: war's Einbildung, war's Wirklichkeit? Er glaubte das Gesicht der schwarzen Esther erkannt zu haben, wie es sich einmal emporhob und wieder untertauchte im Wasser. – Es schwamm weiter und weiter, und jetzt sank es unter, und man sah nichts mehr. »Es ist nichts,« meinte Walpurga, »es ist nichts; wir wollen unsre Freude nicht verderben lassen, unser Glück nicht.« »Du bist ein einfältiger Bursch,« schalt der alte Schiffer den Gefährten. »Es ist nichts als ein toter Rabe oder ein andrer Vogel gewesen, der auf dem Wasser geschwommen ist. Wer wird denn gleich so etwas sagen?« setzte er leise hinzu. »Wenn wir jetzt ein schlechtes Trinkgeld kriegen, bist du schuld. In der hellen Glückseligkeit, in der die da sind, hätten wir wenigstens einen harten Thaler gekriegt. Siehst du, wie jetzt der Hansei in seinem Geldbeutel wühlt? Er sucht nach kleiner Münze; daran bist du schuld!« Hansei hatte in der That, ohne daß er wußte warum, seinen Geldbeutel herausgezogen und suchte darin. Er war so verwirrt von dem, was er gesehen hatte ... es ist doch Wahrheit gewesen ... aber es kann doch nicht recht sein ... gerade jetzt, heut, wo alles vergeben ist und vorbei, und ich hab' doch nicht gesündigt. – Um seine Besinnung wieder zu finden, zählte er mehrere Geldstücke zusammen. Das brachte ihn wieder zurecht; er kann zählen, jetzt ist er wieder bei Besinnung. Er hatte das Ruder wieder abgegeben, und machte sogar mit Kreide eine Rechnung auf der Sitzbank, die er aber schnell wieder verlöschte. »Da ist das andre Ufer!« rief er aufschauend und that seinen Hut ab. »Jetzt sind wir bald drüben! Ich sehe schon die Wagen und die Rosse und den Ohm Peter; ich sehe schon unsern blauen Schrank.« »Himmel!« rief Walpurga und das Ruder in ihrer Hand blieb unbewegt. »Himmel, wer ist denn das dort ... die Gestalt? Ich kann darauf schwören, daß ich in dem Augenblick während dem Singen daran gedacht hab', wenn nur meine gute Gräfin Irma uns so auf dem Kahn bei einander sehen könnte! Die wäre glücklich, wenn sie das sähe. Und jetzt ist's mir gewesen, wie wenn – –« »Ich bin froh,« unterbrach sie Hansei, »daß wir an Land kommen; »wir werden sonst noch alle ganz wirbelsinnig.« Weit am entfernten Ufer rannte eine Gestalt umher, auf und ab. Die Gestalt in wallendes Gewand gehüllt, zuckte plötzlich zusammen, als ein Windstoß einen vollen Musikklang hinübertrug; sie sank nieder und kauerte am Ufer. Jetzt, da das Lied erschollen, richtete sich die Gestalt wieder auf, floh, und duckte unter im Röhricht. »Hast du nichts gesehen?« fragte Walpurga nochmals. »Ja freilich – wenn's nicht Tag wäre und wenn's nicht Aberglaube wäre, möcht' ich denken, es sei die Seejungfrau.« Der Kahn landete. Walpurga sprang zuerst heraus; sie eilte nach dem Röhricht, fort von den Ihrigen, und dort hinter den Weiden sank ihr die Gestalt um den Hals und brach zusammen.