Kenelm Chillingly. Zweiter Band Roman von Edward Bulwer.   Aus dem Englischen von Emil Lehmann.     Leipzig, Ernst Julius Günther. 1873.     Zweiter Band Fünftes Kapitel. Cecilia warf Kenelm, als sie beide aus dem Farrenkrautgebüsch auf den offenen Rasen hinaustraten, einen verstohlenen Blick zu. Sein Gesicht gefiel ihr. Sie meinte unter dem kalten und traurigen Ernst seines Ausdrucks verborgen eine große Milde zu entdecken und wollte, indem sie sein beharrliches Schweigen dem peinlichen Gefühl der unangenehmen Situation zuschrieb, in welche ihn die plötzliche Vernichtung seines Incognito gebracht hatte, mit weiblichem Takt ihn von seiner vermeintlichen Verlegenheit befreien. »Sie haben sich eine höchst angenehme Art, das Land bei diesem köstlichen Wetter kennen zu lernen, gewählt, Herr Chillingly. Solche Fußtouren sind etwas sehr Gewöhnliches bei den Studenten während der langen Sommerferien, nicht wahr?« 2 »Jawohl, etwas sehr Gewöhnliches, aber gewöhnlich marschiren sie in Haufen wie wilde Hunde oder australische Dingos. Nur gezähmte Hunde marschiren allein auf der Landstraße und dann werden sie, wenn sie sich nicht sehr ruhig benehmen, zehn gegen eins als tolle Hunde gesteinigt.« »Ich fürchte aber, nach dem, was ich höre, daß Sie sich auf Ihrer Wanderung nicht sehr ruhig verhalten haben.« »Sie haben ganz Recht, Fräulein Travers, und ich bin auch, wenn nicht ein toller, doch ein trübseliger Hund. Aber verzeihen Sie, wir nähern uns dem Zelt; die Musik fängt eben wieder an und ich bin leider kein tanzender Hund.« Er ließ Cecilia's Arm los und verneigte sich. »Dann lassen Sie uns ein wenig hier sitzen«, sagte sie, indem sie auf eine Gartenbank deutete. »Ich bin für den nächsten Tanz nicht engagirt, und da ich ein wenig ermüdet bin, wird mir eine kleine Rast gut sein.« Kenelm seufzte und setzte sich mit der Miene eines Märtyrers, der sich auf die Folterbank spannen läßt, neben das hübscheste Mädchen in der Grafschaft. »Sie waren mit Herrn Belvoir auf der Universität zusammen?« »Jawohl.« 3 »Galt er dort für gescheidt?« »Ich zweifle nicht daran.« »Sie wissen, er bewirbt sich um einen Parlamentssitz in unserer Grafschaft bei der nächsten Wahl. Mein Vater interessirt sich lebhaft für seinen Erfolg und glaubt, er werde ein nützliches Mitglied des Parlaments werden.« »Davon bin ich überzeugt. Während der ersten fünf Jahre wird man von ihm sagen, er sei bemüht, sich zu poussiren, sei eingebildet und mache viel Lärm; Leute seines Alters werden ihn verhöhnen und bei großen Gelegenheiten überhusten; während der folgenden fünf Jahre wird er für ein verständiges Mitglied von Ausschüssen und einen nothwendigen Theilnehmer an Debatten gelten; am Schluß dieser Jahre wird er ein Unterstaatssecretär und noch fünf Jahre später wird er Minister und Repräsentant einflußreicher Ansichten sein; sein Privatcharakter wird untadelig sein und seine Frau wird in allen großen Gesellschaften die Familiendiamanten tragen. Sie wird sich für Politik und Theologie interessiren, und wenn sie vor ihm stirbt, wird ihr Gatte seinen Sinn für eheliches Glück dadurch bekunden, daß er sich eine zweite Frau nimmt, die ebenso geeignet ist, die Familiendiamanten zu tragen und die Familienwürde aufrecht zu erhalten.« 4 Trotz ihres Lachens fühlte sich Cecilia von einer gewissen Scheu vor der Stimme und dem Wesen ergriffen, mit welchem Kenelm diese Orakelsprüche vernehmen ließ, und die ganze Prophezeiung stimmte merkwürdig mit ihren eigenen Eindrücken von dem Manne überein, dessen Zukunft Kenelm so skizzirt hatte. »Sind Sie ein Wahrsager, Herr Chillingly?« fragte sie etwas stotternd nach einer Pause. »Ein so guter als irgend einer, dessen Hand Sie mit einem Schilling bestechen könnten.« »Wollen Sie mir wahrsagen?« »Nein, Damen sage ich niemals wahr, weil Ihr Geschlecht leichtgläubig ist und eine Dame das, was ich ihr sage, für wahr halten möchte. Und wenn wir glauben, daß unser Schicksal so oder so voraus bestimmt sei, so sind wir nur zu geneigt, unser Leben so zu gestalten, daß unser Glaube gerechtfertigt erscheine. Wenn Lady Macbeth den Hexen nicht geglaubt hätte, so würde sie ihren Herrn und Ehegemahl nie dahin gebracht haben, Duncan zu ermorden.« »Wie! Können Sie mir kein heitereres Loos wahrsagen als das, mit welchem Ihr tragisches Beispiel mich zu bedrohen scheint?« »Die Zukunft ist niemals heiter für die, welche die ernste Seite des Lebens ins Auge fassen. Grey ist 5 ein zu großer Dichter, um von der heutigen Generation gelesen zu werden, sonst würde ich Sie auf seine Zeilen in der Ode auf Eton-College verweisen.« Sieh' nur, wie Alles um uns her Der Diener harrt des Menschenlooses Und schwarzes Unglücks Jammerzugs. Inzwischen ist es doch schon etwas, sich der Gegenwart zu erfreuen. Wir sind jung, wir hören der Musik zu, keine Wolke trübt den gestirnten Himmel, unser Gewissen ist rein, unsere Herzen sind unbekümmert; warum an die Zukunft denken und nach einem gesicherten Glück verlangen? Werden wir je glücklicher sein, als wir es in diesem Augenblick sind?« Bei diesen Worten trat Herr Travers heran. »In einigen Minuten werden wir zu Abend essen«, sagte er, »und bevor wir uns aus dem Gesicht verlieren, Herr Chillingly, möchte ich Sie gern noch mit der Wahrheit des Satzes durchdringen, daß eine Freundschaft der anderen werth ist. Ich habe mich Ihrem Wunsche gefügt und jetzt müssen Sie sich auch dem meinigen fügen. Kommen Sie auf einige Tage zum Besuch zu uns und seien Sie Zeuge der Ausführung Ihrer wohlwollenden Absichten.« Kenelm schwieg einen Augenblick. Warum sollte er jetzt, wo er entdeckt war, nicht einige Tage bei 6 seinen Standesgenossen zubringen? Wirkliches Leben und Scheinwesen konnten ja bei Grundeigenthümern so gut wie bei Pachtern studirt werden; überdies hatte er an Travers Gefallen gefunden. Dieser anmuthige ci-devant- Wildair mit der schlanken Gestalt und dem zarten Gesicht war sehr verschieden von dem gewöhnlichen Schlage ländlicher Grundherren. Nach einer kurzen Pause sagte Kenelm offen: »Ich nehme Ihre Einladung an. Würde es Ihnen Mitte nächster Woche passen?« »Je eher je lieber. Warum nicht morgen?« »Für morgen bin ich bereits zu einer Excursion mit Herrn Bowles engagirt, die mich vielleicht zwei oder drei Tage in Anspruch nehmen wird, und inzwischen muß ich mir andere Kleider als diese, in denen ich ein Scheinwesen bin, von Hause kommen lassen.« »Sie sind jeden Tag willkommen.« »Einverstanden.« »Einverstanden! Und horch! Da läutet es auch schon zum Abendessen!« »Abendessen!« sagte Kenelm, indem er Cecilia seinen Arm reichte. »Abendessen ist ein wahrhaft interessantes, wahrhaft poetisches Wort. Es erinnert uns an die Feste der Alten, an das augusteische Zeitalter, an Horaz und Mäcenas; an die einzige elegante, aber 7 nur zu rasch dahingeschwundene Periode der modernen Geschichte; an die adligen und witzigen Köpfe von Paris, als Paris noch witzige und adlige Köpfe hatte; an Molière und den warmherzigen Herzog, der das Urbild des Molière'schen Misanthropen gewesen sein soll; an Madame de Sévigné und den Racine, welchem diese unnachahmliche Briefschreiberin die Eigenschaften eines Dichters bestritt; an Swift und Bolingbroke, an Johnson, Goldsmith und Garrick. Epochen charakterisiren sich durch ihre Mahlzeiten. Ich ehre den, der das goldene Zeitalter der Abendessen wiederherstellt!« Bei diesen Worten klärte sich sein Gesicht auf. 8 Sechstes Kapitel. Kenelm Chillingly an Sir Peter Chillingly. »Lieber Vater! Ich bin noch am Leben und unverheirathet. Die Vorsehung hat in diesen beiden Beziehungen über mir gewacht, aber ich bin einige Male nur mit genauer Noth davongekommen. Bisher habe ich mir noch nicht viel Weltweisheit auf meinen Reisen erworben. Ich habe mir zwar als Tagelöhner auf dem Lande zwei Schillinge verdient und hätte gewiß noch auf sechs Schillinge mehr Anspruch gehabt, wenn ich mir nicht großmüthigerweise gegen diesen ferneren Anspruch Kost und Logis hätte in Anrechnung bringen lassen. Andererseits habe ich von den fünfzig Pfund, welche die Kosten meiner ersten Erfahrungen decken sollten, 9 fünfundvierzig ausgegeben. Aber ich hoffe, Du sollst durch diese Belegung gewinnen. Mache eine Bestellung bei William Somers, Korbmacher in Graveleigh, auf Pack- und Wildkörbe, wie Du sie gebrauchst, und ich stehe Dir dafür, daß Du unter Hinzurechnung aller Frachtkosten noch zwanzig Procent an diesem Artikel sparen und das Bewußtsein einer guten Handlung mit in den Kauf bekommen wirst. Du weißt aus langer Gewohnheit besser als ich, was eine gute Handlung werth ist. Es wird Dir vermuthlich mehr Vergnügen machen, zu hören, als mir, die Thatsache mitzutheilen, daß ich mich wieder in die Gesellschaft von Herren und Damen habe verlocken lassen und eine Einladung angenommen habe, einige Tage bei Herrn Travers in Neesdale-Park zuzubringen, der Dich seinen alten Freund nennt – ein Ausdruck, der, wie ich als ausgemacht annehme, zu jener Gattung poetischer Uebertreibungen gehört, in welche auch die ›Theurer‹ und ›mein Engel‹ der Ehegatten eingereiht werden müssen. Da ich keine für diesen Besuch passenden Kleider in meinem Ränzel habe, so sei so gut, Jenkes zu sagen, er möge mir unter der Adresse Neesdale-Park bei Beaverston einen Koffer voll solcher Kleider, wie ich sie als Kenelm Chillingly zu tragen pflegte, nachschicken. 10 Ich gehe morgen von hier fort in Begleitung eines Freundes mit Namen Bowles, keines Verwandten des ehrwürdigen Herrn dieses Namens, der die Doctrin vertrat, daß ein Poet uns lieber mit den abgeschmackten Einzelnheiten eines Gegenstandes der Natur peinigen solle, als mit jenem Studium des unbedeutenden, Mensch genannten Geschöpfes in seinem Verhältniß zu seiner Gattung, auf welches Pope das Gebiet seiner untergeordneten Muse beschränkt wissen wollte, und welcher seinen Worten gemäß handelnd einige sehr hübsche Verse schrieb, welchen eine jüngere dichterische Schule sehr viel verdankt. Mein Freund Bowles hat seine Fähigkeiten der Einwirkung auf Menschen erprobt und hat eine gewaltige natürliche Begabung nach dieser Richtung hin, welche nur der geistigen Pflege bedarf, um ihn Jedem gewachsen zu machen. Seine männliche Natur ist diesen Augenblick sehr getrübt durch jene vorüberziehende Wolke, welche man in der conventionellen Sprache eine hoffnungslose Neigung nennt. Aber ich hege die feste Zuversicht, daß im Lauf unserer Excursion, welche wir zu Fuß machen wollen, dieser Dunst durch Bewegung eine feste Gestalt annehmen werde, wie einige altmodische Astronomen behaupteten, daß der Nebelfleck sich zu einem Weltkörper verdichte. Ist es nicht Rochefoucauld, der sagt, 11 daß ein Mensch nie mehr geneigt sei, eine hoffnungsvolle Neigung für jemand zu fassen, als wenn sein Herz durch eine hoffnungslose Neigung zu einem Andern mild gestimmt sei? Möge es noch lange dauern, lieber Vater, bis Du mir zu dem Ersteren zu condoliren oder zu dem Letzteren zu gratuliren hast. Dein Dich zärtlich liebender Sohn Kenelm. Schreibe mir unter der Adresse von Herrn Travers. Herzlichste Grüße für Mama.« Ich rücke die Antwort auf diesen Brief hier als an der passendsten Stelle sofort ein, wiewohl dieselbe natürlich erst einige Tage nach dem Datum meines nächsten Kapitels in Kenelm's Hände gelangte. Sir Peter Chillingly an Kenelm Chillingly. »Mein lieber Sohn! Gleichzeitig mit diesem Brief expedire ich den Koffer, den Du wünschest, an die von Dir aufgegebene Adresse. Ich erinnere mich Leopold Travers' noch sehr wohl von der Zeit her, wo er bei den Garden stand und ein sehr hübscher und ausgelassener junger Mensch war. Aber er war viel verständiger, als ihm die Leute zutrauten, und frequentirte gebildete Gesellschaften, 12 wenigstens traf ich ihn sehr oft bei meinem Freunde Campion, dessen Haus damals der beliebte Sammelplatz ausgezeichneter Persönlichkeiten war. Er hatte sehr gewinnende Manieren und man mußte sich für ihn interessiren. Es freute mich sehr, als ich später erfuhr, daß er geheirathet habe und ein anderer Mensch geworden sei. Hier will ich die Bemerkung einschalten, daß Männer, die an schlechter Gesellschaft Geschmack gefunden haben, zwar oft heirathen, aber selten infolge dessen andere Menschen werden. Alles in Allem würde es mich sehr freuen zu hören, daß die Erfahrung, welche Dich fünfundvierzig Pfund gekostet hat, Dich überzeugt hat, daß Du etwas Besseres thun könnest, als zwei oder selbst sechs Schillinge als Tagelöhner zu verdienen. Deine Grüße an Deine Mutter habe ich nicht ausgerichtet. Du hast mich wahrhaftig in eine sehr falsche Stellung zu der zweiten Urheberin Deines excentrischen Daseins gebracht. Ich konnte Dich vor polizeilichen Nachforschungen und öffentlichen Bekanntmachungen mit Beschreibungen Deiner Person nur dadurch retten, daß ich Deine Mutter zu dem Glauben veranlaßte, Du seiest mit dem Herzog von Clairville und seiner Familie ins Ausland gereist. Es ist leicht zu flunkern, aber sehr schwer, die Flunkerei wieder 13 zurückzunehmen. Indessen würde ich Dir sehr dankbar sein, wenn Du mich, sobald Du Dich entschlossen hast, Deine normale Stellung in der Gesellschaft wieder einzunehmen, davon in Kenntniß setzen wolltest. Ich möchte mein Gewissen nicht gern einen Tag länger mit einer Flunkerei belastet wissen, als es unerläßlich ist, um der Nothwendigkeit einer andern Flunkerei vorzubeugen. Aus dem, was Du über Herrn Bowles' Studium des Menschen und sein angeborenes Talent für diese wissenschaftliche Untersuchung sagst, schließe ich, daß er Metaphysiker von Profession ist, und ich würde gern seine Ansicht über die primäre Basis der Sittlichkeit, einen Gegenstand, über welchen ich in Veranlassung eines Artikels einer wissenschaftlichen Zeitung drei Jahre lang nachgedacht habe, kennen lernen. Aber nachdem ich kürzlich eine von zwei bedeutenden Philosophen darüber geführte Controverse gelesen habe, bei welcher jeder den andern beschuldigt, ihn nicht verstanden zu haben, habe ich für jetzt beschlossen, die Basis auf sich beruhen zu lassen. Deine Mittheilung, daß Du mit genauer Noth einer Heirath entgangen seiest, hat mich etwas beunruhigt. Solltest Du, um die Erfahrungen, zu deren Erwerb Du Dich auf den Weg gemacht hast, zu 14 erweitern, Dich entschließen, die Wirkung einer Frau Chillingly auf Dein Nervensystem zu erproben, so würde es gut sein, wenn Du mich etwas vorher davon benachrichtigen wolltest, sodaß ich das Gemüth Deiner Mutter rechtzeitig auf dieses Ereigniß vorbereiten könnte. Solche Haushaltungskleinigkeiten gehören in ihr specielles Bereich und sie würde es sehr übel vermerken, wenn eine Frau Chillingly ihr eines schönen Tages unversehens in den Weg käme. Indessen ist dieser Gegenstand zu ernst, um eine scherzhafte Behandlung selbst von zwei Leuten zu vertragen, die sich so gut wie wir beide auf die geheime Chiffre verstehen, nach welcher die scherzhafte Ausdrucksweise beider ernsthaft in die Ironie übertragen werden muß, welche das Gegentheil von dem meint, was sie sagt. Mein lieber Junge, Du bist sehr jung, Du wanderst in sehr eigenthümlicher Weise umher und wirst ohne Zweifel manchem hübschen Gesicht begegnen, bei dem Du Dir leicht einbilden wirst, Du seiest in dasselbe verliebt. Du wirst mich nicht für einen barbarischen Tyrannen halten, wenn ich Dich bitte, mir auf Deine Ehre zu versprechen, daß Du keiner jungen Dame einen Heirathsantrag machen willst, bevor Du erst zu mir gekommen sein und den Fall meiner Prüfung und Genehmigung unterbreitet haben wirst. Du 15 kennst mich zu gut, um glauben zu können, daß ich Dir unverständigerweise meine Genehmigung vorenthalten könnte, wenn ich mich überzeugt hätte, daß Dein Glück auf dem Spiele stehe. Aber während das, was ein junger Mensch vielleicht für Liebe hält, oft nur einen unbedeutenden Zwischenfall in seinem Leben bildet, ist die Ehe das größte Ereigniß in diesem Leben; wenn sie einerseits sein Glück verbürgen kann, so kann sie andererseits eine Quelle des Elends für ihn werden. Theuerster, bester und sonderbarster aller Söhne, gib mir das Versprechen, um das ich Dich bitte, und Du wirst meine Brust von einem furchtbar beängstigenden Gedanken befreien, welcher jetzt wie ein Alp auf derselben lastet. Deine Empfehlung eines Korbmachers kommt grade zu rechter Zeit. Alle dergleichen Dinge gehen durch die Hände meines Schulzen, und erst neulich beklagte sich Green über die hohen Preise des Mannes, den er für die Anfertigung von Pack- und Wildkörben benutzt. Green soll an Deinen Schützling schreiben. Halte mich au fait Deiner Bewegungen, soviel Dein anomaler Charakter es irgend zuläßt, sodaß nichts meine Zuversicht vermindern möge, daß der Mann, der die Ehre gehabt hat, auf den Namen 16 Kenelm getauft zu werden, seinen Namen nicht beschimpfen, sondern sich in einer einem Peter versagten Weise auszeichnen werde. Dein Dich zärtlich liebender Vater.«         17 Siebentes Kapitel. Landleute stehen an Sonntagen später auf als an Wochentagen, und noch kein Laden war geöffnet, als Kenelm Chillingly und Tom Bowles miteinander an einem stillen, milden Sonntagmorgen durch das Dorf zogen. Miteinander gingen sie weiter über das zum Pfarrhaus gehörige Land, wo die Kühe noch schläfrig unter dem Laubdach der Kastanienblätter lagen, und lenkten dann in einen schmalen Hohlweg ein, der sich zwischen stattlichen Hügeln hinzog, die ganz mit Convulvulus, wilden Rosen und Geißblatt überwachsen waren. Schweigend gingen sie ihres Weges, denn Kenelm hatte nach einigen vergeblichen Versuchen, eine Unterhaltung mit seinem Begleiter anzuknüpfen, den Takt, 18 herauszufinden, daß derselbe nicht in der Stimmung sei, sich zu unterhalten. Und da er selbst zu jenen Menschen gehörte, deren Geist sich leicht der Träumerei überläßt, war es ihm gar nicht unlieb, ungestört seinen Gedanken nachhängen und die stille Lust des Sommermorgens mit seinem frischfunkelnden Thau, dem munteren Gesang seiner ersten Vögel und der heiteren Ruhe seiner klaren frischen Luft ruhig einschlürfen zu können. Nur wo es galt, von mehreren Wegen den nach dem Orte ihrer Bestimmung führenden zu wählen, ging Tom Bowles seinem Begleiter voran und bezeichnete den richtigen Weg durch einen einsilbigen Ausruf oder eine Geste. So wanderten sie stundenlang, bis die Sonne hoch am Himmel stand und ein kleines, am Wege stehendes Wirthshaus in der Nähe eines Dorfes Kenelm den lockenden Gedanken an Ruhe und Erfrischung eingab. »Tom«, rief er da, indem er sich aus seiner Träumerei aufraffte, »was meinen Sie, wenn wir frühstückten?« »Ich bin nicht hungrig«, erwiderte Tom mürrisch, »aber wie Sie wollen.« »Gut, dann wollen wir hier ein wenig rasten. Es wird mir schwer zu glauben, daß Sie nicht hungrig sind, denn Sie sind sehr kräftig und große 19 physische Stärke ist gewöhnlich von zwei Dingen begleitet; das eine ist ein scharfer Appetit und das andere, was Sie vielleicht nicht vermuthen und was nicht so allgemein bekannt ist, ist ein melancholisches Temperament.« »Wie? Ein was?« »Eine Neigung zur Melancholie. Sie haben natürlich von Hercules gehört, Sie kennen die Redensart: so stark wie Hercules?« »Ja, natürlich.« »Nun, was mich zuerst auf den Zusammenhang zwischen Stärke, Appetit und Melancholie aufmerksam machte, war die Bemerkung eines alten Autors Namens Plutarch, daß Hercules zu den bemerkenswerthesten Beispielen eines melancholischen Temperaments gehöre, welches der Verfasser anzuführen im Stande sei. Das muß also die herkömmliche Vorstellung von Hercules' Constitution gewesen sein, und was den Appetit betrifft, so war Hercules Appetit ein stehender Gegenstand des Scherzes für die komischen Schriftsteller des Alterthums. Als ich diese Bemerkung las, gab sie mir zu denken, da ich selbst melancholisch bin und mich eines außerordentlich guten Appetits erfreue. Und als ich mich nach weiteren Belegen umsah, fand ich, daß die stärksten Männer, die ich kennen lernte, 20 Preisfechter und irische Drescher mit eingeschlossen, das Leben mehr von der traurigen als von der heiteren Seite anzusehen geneigt, kurz melancholisch waren. Aber die Güte der Vorsehung entschädigte sie dadurch, daß sie einen besonderen Genuß an ihren Mahlzeiten fanden, wie Sie und ich es zu thun im Begriff stehen.« Beim Aussprechen dieser wunderlichen Grille hatte Kenelm Halt gemacht, aber jetzt trat er raschen Schritts in das kleine Wirthshaus und beorderte, nachdem er einen Blick in die Speisekammer geworfen hatte, daß der gesammte Inhalt derselben hinausgebracht und in eine Geißblattlaube gesetzt werde, die er an der Ecke eines Rasenplatzes an der Rückseite des Hauses erspäht hatte. Zu den gewöhnlichen Bestandtheilen eines Frühstücks, Brod und Butter, Eiern, Milch und Thee, gesellten sich noch in Gestalt von Taubenpastete, kaltem Ochsen- und Hammelbraten die Ueberreste eines Festmahls, welches die Mitglieder eines monatlich zusammenkommenden ländlichen Clubs den Tag zuvor gehalten hatten. Tom aß anfänglich wenig, aber Beispiele wirken ansteckend und allmälig wetteiferte er mit seinem Begleiter in der Vertilgung der vor ihnen aufgetischten soliden Speisen. Dann verlangte er Branntwein. 21 »Nein«, sagte Kenelm. »Nein, Tom, Sie haben mir Ihre Freundschaft versprochen und die verträgt sich nicht mit Branntwein. Branntwein ist der schlimmste Feind, den ein Mann wie Sie haben kann, und würde Sie selbst mit mir in Streit gerathen lassen. Wenn Sie eines Anregemittels bedürfen, so erlaube ich Ihnen eine Pfeife. Ich selbst rauche gewöhnlich nicht, aber es hat Momente in meinem Leben gegeben, wo ich eines Besänftigungsmittels bedurfte, und dann fand ich, daß ein Zug aus einer Pfeife Tabak uns beruhigt und beschwichtigt, wie der Kuß eines kleinen Kindes. – Bringen Sie dem Herrn eine Pfeife.« Tom stöhnte, aber er ließ sich die Pfeife freundlich gefallen und nach wenigen Minuten, während welcher Kenelm ihn in Ruhe ließ, glättete sich eine mürrische Falte zwischen seinen Augenbrauen. Allmälig empfand er die besänftigenden Einflüsse des Tages und des Ortes, der heiteren Sonnenstrahlen, die durch die Blätter der Laube spielten, des munteren Gesanges der Vögel, bevor sie in die schweigende Ruhe eines Sommermittags versanken. Mit einem schmerzlichen Seufzer stand er endlich auf, als Kenelm sagte: »Wir haben noch weit zu gehen, wir müssen aufbrechen.« 22 Bereits hatte die Wirthin ihm einen Wink gegeben, daß sie und ihre Familie zur Kirche zu gehen und während ihrer Abwesenheit das Haus zu schließen wünschten. Kenelm zog die Börse, aber Tom, bei dem sich wieder eine Wolke auf der Stirn zusammenzog, that dasselbe und Kenelm sah, daß er sich tödtlich beleidigt fühlen würde, wenn er sich als ein Geringerer behandelt sähe. So bezahlte jeder seine Zeche und die beiden Männer setzten ihre Wanderung fort. Diesmal schlugen sie einen Feldweg ein, der ein kürzerer Richtweg nach der nach Luscombe führenden Straße war, als der Weg, auf dem sie bisher gegangen. Sie marschirten langsam, bis sie an eine ländliche Brücke für Fußgänger gelangten, welche über einen dunklen, nicht lärmenden, sondern leise und sanft dahinfließenden Forellenbach führte, unzweifelhaft denselben Bach, an dessen Ufer Kenelm in einer Entfernung von vielen Meilen sich mit dem Troubadour unterhalten hatte. Grade als sie an die Brücke gelangten, drang aus der Ferne der Klang der Dorfkirchenglocke an ihr Ohr. »Lassen Sie uns hier eine Weile sitzen und zuhören«, sagte Kenelm, indem er sich auf das Geländer der Brücke setzte. »Ich sehe, Sie haben Ihre Pfeife aus dem Wirthshaus mitgebracht und sich mit Tabak 23 versehen; stopfen Sie Ihre Pfeife wieder und hören Sie zu.« Tom gehorchte halb lächelnd. »O Freund«, sagte Kenelm ernst und nach einer langen Pause des Nachdenkens, »fühlen Sie nicht, welch ein Segen es in diesem sterblichen Leben ist, bisweilen daran erinnert zu werden, daß wir eine Seele haben?« Tom schien betroffen, nahm die Pfeife aus dem Munde und murmelte: »Wie?« Kenelm fuhr fort: »Sie und ich, Tom, sind nicht so gut, wie wir sein sollten, das ist unzweifelhaft, und gute Menschen würden mit Recht sagen, daß wir lieber in jener Kirche selbst sein, als dem Geläute ihrer Glocken zuhören sollten. Das werden Sie unbedingt zugeben, mein Freund, aber doch ist es schon etwas, diese Glocken zu hören und inmitten der Gedanken, welche schon in unserer Kindheit in uns erwachten, als wir zu den Knieen einer Mutter unser Gebet sprachen, zu fühlen, daß wir uns über diese sichtbare Natur, über diese Felder und Wälder und Gewässer erheben, in welchen bei aller ihrer Schönheit Sie und ich etwas vermissen, was bewirkt, daß wir uns darin nicht so glücklich fühlen wie die Kühe auf den Feldern, die Vögel auf 24 den Zweigen und die Fische im Wasser. daß wir uns über diese schöne Natur durch das Bewußtsein einer Fähigkeit erheben, die Ihnen und mir, nicht aber den Kühen, den Vögeln und den Fischen gewährt ist, die Fähigkeit zu begreifen, daß über der Natur ein Gott waltet und daß der Mensch ein Leben nach dem Tode zu erwarten hat. Das sagt der Klang der Glocke Ihnen und mir. Das könnte die Glocke, und wenn sie auch noch tausendmal schöner klänge, den Kühen, Vögeln und Fischen nicht sagen. Verstehen Sie mich, Tom?« Tom schwieg einen Augenblick und erwiderte dann: »Ich habe früher nie darüber nachgedacht, aber so, wie Sie es sagen, verstehe ich es.« »Die Natur verleiht keinem lebenden Geschöpf jemals Fähigkeiten, die nicht zu seinem Besten bestimmt wären. Wenn die Natur uns die Fähigkeit verleiht, zu glauben, daß wir einen Schöpfer haben, obgleich wir ihn nie gesehen und für sein Dasein keinen directen Beweis haben, der freundlicher und gütiger und zärtlicher ist als Alles, was wir von Freundlichkeit, Güte und Zärtlichkeit auf Erden kennen, so muß die Fähigkeit, ein solches Wesen zu begreifen, uns zu unserem Besten verliehen sein; es könnte nicht zu unserem Besten sein, wenn es eine Lüge wäre. Und 25 ebenso, wenn die Natur uns die Fähigkeit verliehen hat, die Idee in uns aufzunehmen, daß wir ein zweites Leben nach diesem Leben haben werden, so beweist, gleichviel, ob einige von uns sich weigern, das zu glauben, und dagegen argumentiren, eben die Fähigkeit, die Idee in uns aufzunehmen – denn wenn wir sie nicht in uns aufnähmen, könnten wir nicht gegen sie argumentiren – daß sie uns zu unserm Besten verliehen ist. Und wenn es kein solches Leben nach dem Tode gäbe, so würden wir gelenkt und beeinflußt werden, unser Leben einrichten und unsere Civilisation zur Reife bringen im Dienste einer Lüge, deren Urheber die Natur selbst durch die Verleihung der Fähigkeit, sie zu glauben, wäre. Haben Sie mich verstanden?« »Ja; es wird mir ein bischen schwer, denn sehen Sie, ich bin kein Kirchenmann, aber ich verstehe.« »Dann mein Freund, seien Sie eifrig beflissen, denn es bedarf fortwährender eifriger Beflissenheit, seien Sie eifrig beflissen, das, was Sie verstehen, auf Ihren eigenen Fall anzuwenden. Sie sind etwas mehr als Tom Bowles der Schmidt und Pferdedoctor, etwas mehr als das prachtvolle Thier, das von einem rasenden Verlangen nach einer Genossin getrieben wird und das jeden Nebenbuhler zu Boden schlägt. Das thut auch der Stier. Sie sind eine Seele, die mit 26 der Fähigkeit begabt ist, die Idee eines Schöpfers in sich aufzunehmen, der so göttlich, weise, groß und gut ist, daß, wenn er auch bei seinen Handlungen die Richtschnur allgemeiner Gesetze befolgt, er sie doch allen individuellen Fällen anpassen kann, sodaß, wenn Sie an das Leben nach dem Tode denken, an welches zu glauben er Ihnen die Fähigkeit verleiht, Sie überzeugt sein müssen, daß Alles, was Sie jetzt quält, von Ihnen in diesem oder jenem Leben als weise, groß und gut erkannt werden wird. Durchdringen Sie sich mit dieser Wahrheit, Freund, jetzt, ehe die Glocke zu erschallen aufhört, rufen Sie sich es ins Gedächtniß, so oft Sie die Kirchenglocke wieder erklingen hören. Und, Tom, Sie sind eine so edle Natur!« »Ich – ich? Sie müssen mich nicht necken, nein, das dürfen Sie nicht.« »Eine so edle Natur, denn Sie können so leidenschaftlich lieben, Sie können so wüthend kämpfen und können doch, sobald Sie überzeugt sind, daß Ihre Liebe den Gegenstand derselben unglücklich machen würde, darauf verzichten, und können doch, wenn in Ihrem Kampfe geschlagen, Ihrem Besieger so völlig verzeihen, daß Sie Freundschaft mit ihm schließen und einsam mit ihm wandern, obgleich Sie wissen, daß Sie nur einen Schritt hinter ihm zurückzubleiben brauchen, um 27 ihm in einem unbewachten Augenblick das Leben zu nehmen, aber lieber, als ihm das Leben nehmen, würden Sie es gegen eine Armee vertheidigen. Halten Sie mich für so stumpfsinnig, daß ich nicht das Alles klar sähe, und ist das nicht ein Beweis einer edlen Natur?« Tom Bowles verbarg sein Gesicht in den Händen und seine breite Brust wogte gewaltig. »Nun denn, dieser edlen Natur vertraue ich jetzt. Ich selbst habe noch wenig Gutes in meinem Leben gethan. Vielleicht werde ich nie viel Gutes thun, aber lassen Sie mich glauben, daß ich nicht vergebens für Sie und für die, auf welche Sie in gutem oder schlechtem Sinne wirken können, Ihr Leben durchkreuzt habe. Seien Sie ebenso sanft, wie Sie stark sind; wie Sie eine lieben können, so seien Sie gütig gegen alle; wie Sie so Vieles haben, was Sie groß macht als Mensch, der das größte Werk Gottes auf Erden ist, so lassen Sie alle Ihre Handlungen, Ihre Mannhaftigkeit an die Idee Gottes knüpfen, dem die Stimme der Glocke entgegentönt. O, da schweigt die Glocke, aber nicht Ihr Herz, Tom, das spricht noch.« Tom weinte wie ein Kind. 28 Achtes Kapitel. Als nun unsere beiden Reisenden ihre Wanderung wieder fortsetzten, war in ihrem Verhältniß zu einander eine Veränderung eingetreten, ja, man hätte behaupten mögen, auch ihre Charaktere seien verändert. Denn Tom schüttete jetzt sein sturmbewegtes Herz gegen Kenelm aus und machte diesen philosophischen Verspotter der Liebe zum Vertrauten all der leidenschaftlichen Gefühle der Liebe: ihrer Hoffnungen, ihrer Aengste, ihrer Eifersucht und ihrer Wuth, alles dessen, was zugleich mit dem Gedanken an die sanfteste aller Empfindungen die Vorstellung von Schrecken und tragischem Ausgang in uns wach werden läßt. Und Kenelm, der mit zärtlichem, sanftem Ausdruck zuhörte, äußerte nicht ein einziges cynisches Wort, ja, machte keinen noch so leichten Scherz. Er fühlte, daß der Ernst 29 alles dessen, was er hörte, zu feierlich für jede Spötterei und zu tief selbst für tröstlichen Zuspruch sei. Wahre Liebe dieser Art war etwas, das er nie gekannt hatte, nie kennen zu lernen wünschte und, wie er meinte, nie kennen lernen könne, mit dem er aber nichtsdestoweniger sympathisirte. Sonderbar, wie sehr wir zum Beispiel auf der Bühne oder in einem Buch mit Leidenschaften sympathisiren, die uns nie aufgeregt haben. Hätte Kenelm gescherzt oder raisonnirt oder gepredigt, so würde Tom sofort wieder in ein trübseliges Schweigen verfallen sein; aber Kenelm sagte nichts, sondern murmelte nur bisweilen, während er seinen Arm brüderlich um die Schultern des fremden Mannes schlang, vor sich hin: »Armer Junge!« So fühlte sich Tom, als er mit seinen Bekenntnissen zu Ende war, wunderbar erleichtert und getröstet. Er hatte seine Brust von dem gefährlichen Stoff gereinigt, der auf seinem Gemüth lastete. War dieses gute Resultat durch Kenelm's diplomatische Kunst bewirkt oder durch jenen Einblick in menschliche Leidenschaften, der, wie in plötzlicher Erleuchtung, ihm selbst unbewußt, diesem sonderbaren Menschen vergönnt war, welcher die Zwecke und Bestrebungen seiner Mitmenschen mit dem sehnsüchtigen Verlangen, sie zu theilen, beobachtete, sich aber sagen 30 mußte: Ich kann nicht, ich stehe nicht in dieser Welt, wie ein Geist husche ich an ihr vorüber und schaue zu? So setzten die beiden Männer ihren Weg langsam fort, durch liebliche Wiesen und gelblich schimmernde Kornfelder, bis sie endlich in die staubige Landstraße einlenken mußten. Auf dieser veränderte sich der Ton ihres Gesprächs unmerklich; es wurde alltäglicher und Kenelm gestattete sich wieder die Freiheit jener Grillen, durch welche er auch dem Alltäglichsten eine komisch scherzhafte Seite abzugewinnen wußte, sodaß Tom bisweilen in ein heiteres Gelächter ausbrechen mußte. Dieser stämmige Bursche hatte eine angenehme Eigenschaft, deren sich, glaube ich, nur Leute von echtem Wesen und menschenfreundlicher Gesinnung erfreuen, ein unbefangenes und angenehmes, männliches und offenes, aber nicht, wie man hätte denken sollen, geräuschvolles Lachen. Aber diese Art von Lachen war seit jenem Tage, wo seine Liebe für Jessie ihn mit sich selbst und der Welt in Unfrieden gebracht hatte, nicht über seine Lippen gekommen. Die Sonne ging unter, als sie von dem Gipfel eines Hügels die Thürme von Luscombe vor sich erblickten, das zwischen den ebenen Wiesen, die sich unten hinstreckten, an demselben Strome lag, der sich längs ihres ländlichen Fußwegs hingeschlängelt hatte, 31 der aber sich hier zu stattlicher Weite ausdehnte und eine mächtige, dem civilisirten Verkehr entsprechende Brücke nöthigte, ihn zu überspannen. Die Stadt schien nahe, es bedurfte aber noch eines halbstündigen Marsches auf der Landstraße, um sie zu erreichen. »Jenseits jenes Zauntrittes führt ein kurzer Richtweg durch die Felder direct nach dem Hause meines Onkels«, sagte Tom, »und ich glaube, Sie werden froh sein, der schmuzigen Vorstadt zu entgehen, durch welche die Landstraße führt, ehe sie uns in die Stadt bringt.« »Das ist ein guter Gedanke, Tom. Es ist sehr sonderbar, daß schöne Städte immer von schmuzigen Vorstädten umgeben sind, vielleicht eine verdeckte symbolische Satire auf den Weg, der in schönen Städten zum Erfolge führt. Habsucht oder Ehrgeiz haben sehr schmuzige, kleine Straßen zu passiren, bevor sie an den Platz gelangen, den zu erreichen sie sich durch die Menge drängen, im Stadthause oder an der Börse. Glücklich der Mann, der wie Sie, Tom, findet, daß es einen kürzeren, reineren und angenehmeren Weg zum Ziele oder zum Ruheplatz gibt, als den durch die schmuzigen Vorstädte.« Sie begegneten nur wenigen Wanderern auf ihrem Wege durch die Felder; einem respectablen, ruhigen, 32 ältlichen Paar, das aussah wie ein Dissenterprediger mit seiner Frau, einem vierzehnjährigen Mädchen, das einen kleinen Knaben an der Hand führte, einem Paar, das offenbar für Tom Bowles' Augen ein Liebespaar war, denn als er sie, die seiner nicht achteten, vorübergehen sah, zuckte er zusammen und sein Gesicht veränderte sich. Selbst nachdem das Paar vorbei war, sah Kenelm Tom's Gesicht noch schmerzlich verzogen; die Lippen waren zusammengepreßt und die Mundwinkel melancholisch herabgezogen. In diesem Augenblick kam ein Hund mit kurzem, raschem Gebell auf sie zugesprungen, ein Spitz mit spitzer Nase und gespitzten Ohren. Der Hund hörte aber zu bellen auf, als er sich Kenelm näherte, er beschnüffelte dessen Beinkleider und wedelte mit dem Schwanz. »Bei den heiligen Neun«, rief Kenelm, »Du bist der Hund mit dem zinnernen Teller! Wo ist Dein Herr?« Der Hund schien die Frage zu verstehen, denn er wandte seinen Kopf bedeutungsvoll um und Kenelm sah in ziemlicher Entfernung von dem Wege, unter einer Linde sitzend, einen Mann mit einem Buch in der Hand, offenbar mit Zeichnen beschäftigt. »Kommen Sie mit mir«, sagte er zu Tom, »ich 33 erkenne da einen Bekannten; er wird Ihnen gewiß gefallen.« Tom trug kein Verlangen, in diesem Augenblick eine neue Bekanntschaft zu machen, aber er folgte Kenelm gehorsam. 34 Neuntes Kapitel. »Sie sehen, es ist uns bestimmt, uns wieder zu treffen«, sagte Kenelm, indem er sich neben dem wandernden Troubadour bequem hinstreckte und Tom bedeutete, dasselbe zu thun. »Aber Sie scheinen mit dem Talent des Versemachens auch das des Zeichnens zu verbinden! Skizziren Sie nach dem, was Sie Natur nennen?« »Nach dem, was ich Natur nenne? Ja! Bisweilen.« »Und finden Sie nicht im Zeichnen wie im Versemachen die Wahrheit, die ich Ihnen schon früher in Ihre widerstrebenden Ohren zu schreien hatte, nämlich daß die Natur keine andere Stimme hat als die, welche der Mensch ihr aus seinem Geiste einhaucht? Ich möchte wetten, daß die Skizze, mit welcher Sie eben jetzt beschäftigt sind, eher ein Versuch ist, sie einen Ihrer 35 Gedanken verkörpern zu lassen, als ihre Umrisse so darzustellen, wie sie jedem andern Beobachter erscheinen. Erlauben Sie mir, selbst zu urtheilen.« Und er beugte sich über das Skizzenbuch. Es ist oft schwer für einen, der nicht Künstler oder Kenner ist, zu beurtheilen, ob eine mit Bleistift hingeworfene Skizze von der Hand eines Künstlers von Beruf oder eines reinen Liebhabers ist. Kenelm war weder Künstler noch Kenner; aber die bloße Bleistiftzeichnung erschien ihm als etwas, was jeder Mensch mit einem guten Auge, der eine Anzahl von Lectionen bei einem guten Zeichnenlehrer genommen habe, müsse machen können. Indessen genügte es ihm, daß die Zeichnung eine Illustration seiner eigenen Theorie lieferte. »Ich hatte Recht«, rief er triumphirend. »Von dieser Anhöhe aus bietet sich meinem Auge eine schöne Aussicht der Stadt, ihrer Wiesen und ihres Flusses, die durch den Sonnenuntergang zu einem harmonischen Ganzen verschmolzen werden; denn der Sonnenuntergang verbindet wie Vergoldung widerstreitende Farben und mildert sie in dieser Verbindung. Aber von dieser Aussicht finde ich nichts in Ihrer Skizze. Was ich sehe, ist für mich geheimnißvoll.« »Die Aussicht, von der Sie reden«, sagte der Troubadour, »ist ohne Zweifel sehr schön; aber sie 36 wiederzugeben wäre die Sache eines Turner oder Claude Lorrain. Meine Kräfte reichen für eine solche Landschaft nicht aus.« »Ich sehe auf Ihrer Skizze nur eine Gestalt, ein Kind.« »Still. Da steht sie. Still, während ich hier die letzten Striche mache.« Kenelm strengte seine Augen an und sah in weiter Entfernung ein einsames kleines Mädchen, welches einen Gegenstand – Kenelm konnte nicht unterscheiden, was es war – in die Luft warf und ihn beim Herabfallen wieder auffing. Sie schien am äußersten Rande des vor ihm liegenden Hügellandes, vor einem Hintergrunde von rosigen Wolken, die sich um die untergehende Sonne gesammelt hatten, zu stehen; darunter in wirren Umrissen die große Stadt. Auf der Skizze erschienen diese Umrisse noch unendlich verwirrter, da sie nur durch einige kühne Striche angedeutet waren; aber die Gestalt, das Gesicht des Kindes waren deutlich und lieblich. Seine Einsamkeit war mit einer unaussprechlich tiefen Empfindung ausgedrückt; in seinem fröhlichen Spiel und seinen aufgeschlagenen Augen lag eine Fülle ruhiger Heiterkeit. »Aber wie können Sie«, fragte Kenelm, als der Troubadour seinen letzten Strich gemacht, seine 37 Zeichnung noch einmal betrachtet, dann sein Skizzenbuch schweigend geschlossen und sich mit heiterem Lächeln umgewandt hatte, »wie können Sie in dieser Entfernung das Gesicht des Mädchens unterscheiden? Wie können Sie unterscheiden, daß der dunkle Gegenstand, den sie eben in die Höhe geworfen und wieder aufgefangen hat, ein aus Blumen bestehender Ball ist? Kennen Sie das Kind?« »Ich habe es früher noch nie gesehen, aber während ich hier saß, schweifte es hier allein um mich herum und flocht Kränze aus wild wachsenden Blumen, die es an den Hecken drüben neben der Landstraße gepflückt hatte, und sang dabei hübsche Kinderlieder. Sie können sich leicht vorstellen, daß mich das Kind, als ich es so singen hörte, interessirte; als es mir nahe kam, redete ich es an und wir wurden bald gute Freunde. Sie erzählte mir, sie sei eine Waise und werde von einem sehr alten, entfernten Verwandten erzogen, der früher ein kleines Geschäft gehabt habe und jetzt in einem dichtbewohnten Gäßchen im Herzen der Stadt wohne. Er sei sehr gut gegen sie, und da er selbst durch Alter oder Krankheit genöthigt sei, das Haus zu hüten, so schicke er sie an Sommertagen in die Felder hinaus, um zu spielen. Sie habe keine Gespielen ihres Alters. Sie sagte, sie möge die anderen 38 kleinen Mädchen in ihrem Gäßchen nicht leiden, und das einzige kleine Mädchen in der Schule, das ihr gefalle, sei vornehmer als sie und dürfe nicht mit ihr spielen; so spiele sie allein. Und so lange die Sonne scheine und die Blumen blühten, sagte sie, brauche sie nie andere Gesellschaft.« »Tom, hören Sie das? Da Sie in Luscombe wohnen werden, so müssen Sie um meinetwillen das Mädchen herausfinden und gut gegen dasselbe sein.« Tom legte, ohne eine andere Antwort zu geben, seine große Hand auf die Kenelm's, sah aber den Troubadour scharf an, fühlte sich durch den natürlichen Reiz seiner Stimme und seines Gesichts angezogen und glitt näher an ihn heran. Der Troubadour fuhr fort: »Während das Kind mit mir sprach, nahm ich ihr die Blumenkränze mechanisch aus der Hand und drückte sie, ohne daran zu denken, was ich that, zu einem Ball zusammen. Plötzlich sah sie, was ich gethan hatte; aber anstatt mich dafür zu schelten, daß ich ihre hübschen Kränze verdorben habe, was ich reichlich verdient hatte, war sie entzückt zu finden, daß ich ihr durch das Zusammenballen ein neues Spielzeug verschafft habe. Sie lief mit dem Ball davon und warf ihn fortwährend empor, bis sie von ihrer Freude aufgeregt auf den Gipfel 39 des Hügels gelangte, wo ich dann meine Skizze zu machen anfing.« »Sieht das reizende Gesicht, das Sie da gezeichnet haben, ihr ähnlich?« »Nein, nur theilweise. Ich dachte beim Zeichnen an ein anderes Gesicht; aber auch dem sieht es nicht ganz ähnlich; es ist in Wahrheit eins jener Flickwerke, die wir Phantasieköpfe nennen, und ich beabsichtigte damit eine andere Darstellung eines Gedankens, den ich eben in Reime gebracht hatte, als mir das Kind in den Weg kam.« »Dürfen wir die Reime hören?« »Ich fürchte, es würde, wenn nicht Sie, doch Ihren Freund langweilen.« »Ich bin vom Gegentheil überzeugt. Tom, singen Sie?« »Nun, ich habe früher gesungen«, sagte Tom, indem er den Kopf blöde hängen ließ. »Und ich möchte den Herrn gern singen hören.« »Aber ich kann diese eben von mir gemachten Verse nicht gut genug auswendig, um sie zu singen; es ist schon viel, wenn ich mich ihrer gut genug erinnere, um sie zu recitiren.« Hier machte der Troubadour eine kurze Pause, wie um sich zu besinnen, und sprach dann die folgenden Verse in dem anmuthig klaren Ton und 40 mit der seltenen Reinheit der Aussprache, welche seinen Vortrag sowohl beim Sprechen wie beim Singen charakterisirten, und verlieh ihnen einen rührenden und mannichfachen Ausdruck, den Niemand beim bloßen Lesen darin gefunden haben würde. Das Blumenmädchen am Kreuzwege. An dem schmuzigen Kreuzweg auf den vollen Gassen Steht das kleine Mädchen, Sträuß' im Korbe, voll von Moose, Bietet allen ihre Blumen an gelassen, Reseda den Alten, Jungen nur die Rose. Doch verschmäht's das Alter, Jugend auch die Rose, Drängend eilt die Menge, Weg von Blum' und Moose. Einer ist zu ernst, zu lustig ist ein Andrer, Dieser hat 'nen Garten, jener keinen Pfennig; Mai ist's, Blumen findet am Wege jeder Wandrer, Und was leicht zu haben, reizt die Menschen wenig. Schlecht verkauft in London Blumen man auf Moosen, Alter nicht und Jugend Wollen Sträuß' und Rosen. 41 Als der Troubadour mit seiner Declamation zu Ende war, hielt er nicht inne, wie um Beifall einzusammeln, und sah nicht bescheiden zu Boden, wie die meisten Leute, die ihre eigenen Verse recitiren, sondern fuhr, da er viel höher von seiner Kunst als von seinen Zuhörern dachte, in einem etwas trostlosen Ton ohne Ziererei, zu Kenelm gewandt, rasch fort: »Ich sehe mit großem Bedauern, daß meine Skizze mehr werth ist als meine Reime. Können Sie auch nur verstehen, was ich mit den Versen meine?« Kenelm wandte sich an Tom und fragte diesen: »Verstehen Sie es?« und fuhr, als dieser flüsternd erwiderte: »Nein«, fort: »Ich vermuthe, daß unser Freund unter seinem Blumenmädchen nicht nur Poesie im Allgemeinen, sondern eine Poesie wie die seinige, die heutzutage durchaus nicht Mode ist, verstanden wissen will. Ich aber gebe seinem Gedicht noch einen weiteren Sinn und verstehe unter seinem Blumenmädchen jedes Abbild natürlicher Wahrheit oder Schönheit, für welches, wenn wir das künstliche Leben großer Städte lieben, auch nur einen Heller zu geben wir viel zu beschäftigt sind.« »Fassen Sie es auf, wie Sie wollen«, sagte der Troubadour lächelnd mit einem Seufzer, »aber ich habe das, was ich meinte, nicht halb so gut in 42 Worten ausgedrückt, wie ich es in meiner Skizze gethan habe.« »So? Und wie das?« fragte Kenelm. »Das Abbild meines Gedankens auf meiner Skizze, sei es nun Poesie oder wie Sie es sonst nennen wollen, steht nicht verloren im Gedränge der Straße. Das Kind steht auf dem Gipfel des grünen Hügels, die Stadt im wirren Durcheinander zu seinen Füßen, und spielt, ohne an die Vorübergehenden und ihre Pfennige zu denken, mit den von ihm gepflückten Blumen, die es aber spielend himmelwärts wirft und denen es mit himmelwärts gerichteten Blicken folgt.« »Gut«, murmelte Kenelm, »gut«, und fügte dann nach einer langen Pause in noch leiserem Gemurmel hinzu: »Verzeihen Sie mir meine Bemerkung von neulich über die Besingung eines Beefsteaks. Aber gestehen Sie, daß ich darin Recht habe: was Sie eine Skizze nach der Natur nennen, ist nur eine Skizze Ihres eigenen Gedankens.« 43 Zehntes Kapitel. Das Kind mit dem Blumenball war von dem Gipfel des Hügels verschwunden, die Rosenwolken am Horizont waren verblichen und die Nacht brach ein, als die drei Männer die Stadt betraten. Tom drang in Kenelm, ihn in das Haus seines Onkels zu begleiten, wo er ihm einen herzlichen Empfang und eine gute Aufnahme versprach, aber Kenelm lehnte es ab. Er war der festen Ueberzeugung, daß es für die von ihm erstrebte Wirkung auf Tom's Gemüth besser sei, ihn diesen Abend mit seinen Verwandten allein zu lassen, proponirte aber, sie wollten den nächsten Tag zusammen zubringen, und verabredete mit Tom, ihn am nächsten Morgen bei seinem Onkel abzuholen. Als Tom sich an der Hausthür seines Onkels von 44 ihnen verabschiedet hatte, sagte Kenelm zum Troubadour: »Sie gehen vermuthlich in ein Hotel – darf ich mich Ihnen anschließen? Wir können zusammen zu Abend essen und ich möchte gern hören, was Sie noch weiter über Poesie und Natur zu sagen haben.« »Ihr Anerbieten ist mir sehr schmeichelhaft, aber ich habe Freunde in der Stadt, bei denen ich wohne und die mich erwarten. Haben Sie nicht bemerkt, daß ich meinen Anzug verändert habe? Ich bin hier nicht als der wandernde Troubadour bekannt.« Kenelm warf einen Blick auf die Garderobe des Mannes und bemerkte jetzt erst die Veränderung. Sein Costüm war in seiner Art noch malerisch, aber von der Art, wie es die vornehmsten Herren auf dem Lande tragen; es war ein Knickerbocker-Costüm, sehr sauber, sehr neu und complet bis herab zu den eckigen Schuhen mit ihren Riemen und Schnallen. »Ich fürchte«, sagte Kenelm ernst, »daß die Veränderung Ihrer Toilette ein Zeichen der Nähe jener hübschen Mädchen ist, von denen Sie bei einer früheren Gelegenheit gesprochen haben. Nach der Darwin'schen Zuchtwahl-Doctrin werden schöngefiederte Vögel von hübschen Weibchen entschieden vorgezogen, nur wissen wir, daß schöngefiederte Vögel sehr selten auch ebenso gute Sänger sind. Es scheint mir unbillig gegen 45 Ihre Nebenbuhler, wenn Sie beide anziehende Eigenschaften in sich vereinigen.« Der Troubadour lachte. »Im Hause meines Freundes ist nur ein Mädchen, seine Nichte, und diese ist sehr häßlich und erst dreizehn Jahre alt. Aber für mich ist die Gesellschaft von Frauen, gleichviel ob sie häßlich oder hübsch sind, unentbehrlich. Und ich habe mich so lange ohne diese Gesellschaft behelfen müssen und kann Ihnen kaum sagen, wie meine Gedanken den Staub der Reise von sich zu schütteln scheinen, wenn ich mich wieder berührt fühle von der Nähe des –« »Weiberrocksinteresses«, unterbrach ihn Kenelm. »Nehmen Sie sich in Acht. Mein armer Freund, mit dem Sie mich gefunden haben, ist eine ernste Warnung vor dem Weiberrocksinteresse, von welcher ich zu profitiren hoffe. Er hat einen schweren Kummer durchzumachen, und es hätte zu etwas Schlimmerem als zu Kummer kommen können. Mein Freund wird in dieser Stadt bleiben. Wenn Sie auch hier bleiben, so lassen Sie ihn, bitte, etwas Ihre Gesellschaft genießen. Es würde ihm unaussprechlich gut thun, wenn Sie ihn aus diesem realen Leben in die Gärten des Dichterlandes locken könnten; aber Sie dürfen ihm von Liebe weder singen noch reden.« »Ich ehre alle Liebenden«, sagte der Troubadour 46 in einem wahrhaft zärtlichen Ton, »und würde gern dazu behülflich sein, Ihren Freund aufzumuntern oder zu trösten, wenn ich könnte; aber mich rufen Verpflichtungen anderswohin und ich muß Luscombe, das ich nur in Geschäften – in Geldgeschäften – besuche, schon übermorgen wieder verlassen.« »Das muß ich auch. So schenken Sie uns beiden wenigstens morgen einige Stunden.« »Herzlich gern. Von Mittag bis Sonnenuntergang werde ich als reiner Müßiggänger umherschweifen. Wenn Sie mich beide begleiten wollen, so wird mir das großes Vergnügen machen. Abgemacht! Gut, dann werde ich morgen um zwölf Uhr in Ihrem Hotel bei Ihnen vorsprechen und ich empfehle Ihnen das Hotel da vor uns, das goldene Lamm. Ich habe es wegen seiner höflichen Bedienung und seiner guten Verpflegung rühmen hören.« Kenelm fühlte, daß er damit seinen Abschied erhielt, und begriff vollkommen, daß der Troubadour ihm die Adresse der Familie, deren Gast er war, nicht nannte, weil er das Geheimniß seines Namens zu bewahren wünschte. »Noch ein Wort«, sagte Kenelm. »Ihr Wirth oder Ihre Wirthin werden sich, wenn Sie hier wohnen, ohne Zweifel nach Ihrer Schilderung des kleinen 47 Mädchens und ihres Protectors, des alten Mannes, die Adresse des Kindes verschaffen können. Wenn das der Fall ist, so würde ich es gern sehen, wenn sich mein Begleiter mit ihr befreundete. Hier wird das Weiberrocksinteresse wenigstens unschuldiger Natur und ungefährlich sein. Und ich kenne nichts, was ein großes leidenschaftliches Herz, wie das Tom's, das jetzt unter einer furchtbaren Leere leidet, so sicher zu beschäftigen, zu beschwichtigen und auf reine und sanfte Wege zu leiten geeignet wäre, wie ein zärtliches Interesse an einem kleinen Kinde.« Der Troubadour wechselte die Farbe und fuhr zusammen. »Herr, sind Sie ein Zauberer, daß Sie mir das sagen?« »Ich bin kein Zauberer, aber ich schließe aus Ihrer Frage, daß Sie selbst ein kleines Kind haben. Desto besser für Sie, das Kind kann Sie vor vielem Unheil bewahren. Erinnern Sie sich des kleinen Mädchens. Guten Abend!« Kenelm trat in das goldene Lamm, ließ sich ein Zimmer geben, säuberte sich und beorderte und verzehrte mit seinem gewöhnlichen Eifer sein Abendbrod. Dann verfiel er in jene melancholische Stimmung, die er in so sonderbarer Weise als mit herculischen Constitutionen 48 verbunden betrachtete, raffte sich aber bald wieder auf und schlenderte, um sich von seinen Gedanken abzuziehen, durch die gasbeleuchteten Straßen. Es war eine große, schöne Stadt, schöner als Tor-Hadham, wegen ihrer Lage in einem von waldigen Hügeln umgebenen und von dem schönen Fluß, den wir früher als Bach kennen gelernt haben, bewässerten Thal, schöner auch, weil sie sich einer herrlichen Kathedrale rühmen konnte, deren Schönheit durch den Reiz der Lage noch erhöht wurde und die von ehrwürdigen alten Häusern, den Wohnungen der Geistlichkeit oder ruheliebender adliger Familien mit mittelalterlichen Neigungen, umgeben war. Die Hauptstraße war gedrängt voll von Vorübergehenden, theils ruhig vom Abendgottesdienst nach Hause zurückkehrenden, theils jüngeren Leuten, die behaglich mit ihrem Schatz oder ihrer Familie lustwandelten oder Arm in Arm miteinander gingen, wie Junggesellen oder ledige Mädchen es zu thun pflegen. Durch diese Straße wanderte Kenelm mit zerstreuten Blicken. Eine Querstraße zur Rechten brachte ihn nach der Kathedrale und ihren Umgebungen. Hier war Alles einsam. Das behagte ihm und er verweilte lange bei der Betrachtung der herrlichen Kirche, die ihre Thürme und Thürmchen zu dem tiefblauen, sternhellen Himmel aufsteigen ließ. 49 Dann schlenderte er nachdenklich weiter, durch ein Labyrinth enger und finsterer Gäßchen, in welchen, obgleich die Läden geschlossen waren, manche Thüren offen standen, in denen Männer der arbeitenden Klasse, ihre Pfeife rauchend, lehnten, während die Frauen schwatzend auf den Treppenstufen saßen und lärmende Kinder in der Gosse spielten oder sich zankten. Das Ganze gewährte nicht gerade ein rosiges und angenehmes Bild englischer Sabbathsruhe. Mit etwas beschleunigten Schritten trat Kenelm in eine breitere Straße, in die ihn unwillkürlich ein helles Licht im Mittelpunkt derselben lockte. Als er sich dem Licht näherte, fand er, daß es von einem Branntweinpalaste ausstrahlte, dessen Mahagonithüren sich bei dem Ein- und Austritt der Gäste fortwährend öffneten und schlossen. Es war nächst der Kathedrale das schönste Gebäude, welches Kenelm auf seinem Wege bisher gesehen hatte. »Die neue Civilisation gegen die alte«, murmelte Kenelm. Während er diese Worte vor sich hinsprach, legte sich eine Hand mit einer Art von schüchterner Unverschämtheit auf seinen Arm. Er blickte herab und sah ein junges Gesicht vor sich, das aber nicht mehr jung aussah; die Züge waren verlebt und hart und das scheinbar frische Roth war kein natürliches. 50 »Bist Du mir gut?« sagte eine heisere Stimme. »Dir gut?« fragte Kenelm in einem tieftraurigen Ton mit sanftem Blick. »Dir gut! Ach meine arme sterbliche Schwester! Wenn Mitleid Güte ist, wer kann Dich sehen und Dir nicht gut sein?« Das Mädchen ließ seinen Arm los und er ging weiter. Sie stand einige Augenblicke still und sah ihm nach, bis er ihr aus dem Gesicht gekommen war, dann fuhr sie sich mit der Hand plötzlich über die Augen und fand sich, als sie weiter ging und an dem Branntweinpalast vorüberkam, von einer Hand, die rauher als die ihrige war, festgehalten. Sie schlug die Hand mit leidenschaftlichem Hohn zurück und ging geradeswegs nach Hause. Nach Hause! Ist das das richtige Wort? Arme sterbliche Schwester! 51 Elftes Kapitel. Und jetzt war Kenelm an der äußersten Grenze der Stadt und an dem Ufer des Flusses angelangt. Kleine schmuzige Häuser lagen noch eine Strecke weit am Ufer, bis sie in der Nähe der Brücke plötzlich aufhörten und Kenelm über einen breiten Platz wieder in die Hauptstraße einlenkte. An der andern Seite der Straße lag eine Reihe villaartiger Häuser mit Gärten, die sich bis an den Fluß hinzogen. Rund umher war Alles still und öde. Die Spaziergänger waren nach Hause zurückgekehrt. Die Nachtblumen in den Gärten der Villen dufteten erquickend durch die sternhelle Nacht. Kenelm stand still, um den Duft einzuathmen, und sah, als er seine Blicke, die bisher, wie sie es bei nachdenklich 52 gestimmten Menschen zu sein pflegen, gesenkt waren, aufschlug, auf dem Balkon der nächstgelegenen Villa eine Gruppe wohlgekleideter Personen. Der Balkon war ungewöhnlich groß und geräumig. In der Mitte desselben befand sich ein kleiner runder Tisch, auf welchem Wein und Früchte standen. Drei Damen saßen um den Tisch auf drahtgeflochtenen Stühlen, und an der Kenelm nächsten Seite saß ein Mann. In diesem Mann erkannte Kenelm, als derselbe jetzt den Kopf leicht umwandte, wie um nach dem Fluß hinüber zu schauen, den Troubadour. Er trug noch sein malerisches Knickerbocker-Costüm, und seine scharf geschnittenen Züge, sein reichgelocktes Haar, sowie sein in Gestalt und Farbe an Rubens erinnernder Bart erschienen in dem milden Lichte des eben aufgegangenen Mondes noch schöner als gewöhnlich. Die Damen waren in eleganter Abendtoilette; aber Kenelm konnte ihre durch die Gestalt des Troubadours verdeckten Gesichter nicht erkennen. Er schritt sachte quer über die Straße und stellte sich hinter einen Vorsprung der niedrigen Gartenmauer, von wo aus er, ohne selbst gesehen zu werden, den Balkon ganz übersah. Zu dieser Beobachtung trieb ihn nichts als ein unbestimmtes Gefallen an dem Anblick, der sich ihm hier darbot. Die ganze Gruppe machte den Eindruck einer Art 53 romantischer Scene, und Kenelm blieb davor stehen wie vor einem Gemälde. Dann sah er, daß von den drei Damen eine alt und die zweite ein kleines Mädchen im Alter von zwölf oder dreizehn Jahren war; die dritte schien etwa sieben- oder achtundzwanzig Jahre alt zu sein. Sie war eleganter gekleidet als die beiden andern. An ihrem Hals, der nur theilweise durch einen dünnen Shawl verhüllt war, trug sie glänzende Juwelen, und als sie jetzt ihr Gesicht voll dem Monde zukehrte, sah Kenelm, daß sie sehr schön war, von einer frappanten Art von Schönheit, die einen Dichter oder Künstler zu bezaubern vermag, ähnlich der Rafael'schen Fornarina, dunkel, von gesättigt warmen Tinten. In diesem Augenblicke erschien an der offenen Glasthür ein wohlbeleibter Herr von mittleren Jahren, dem man es in seiner ganzen Erscheinung ansah, daß er ein schlauer und behäbiger Geldmann sei. Er war kahl, hatte eine gesunde Farbe und einen hellen Backenbart. »Hallo«, rief er mit einem etwas fremden Accent und mit einer lauten klaren Stimme, welche Kenelm deutlich hörte, »ist es nicht Zeit für Euch, hereinzukommen?« »Sei nicht so langweilig, Fritz«, sagte die schöne 54 Dame halb ungeduldig, halb scherzend, in der Weise, wie Damen ihre langweiligen Gatten, welche sie beherrschen, anreden. »Dein Freund ist den ganzen Abend verdrießlich gewesen und fängt eben erst beim Aufgang des Mondes an liebenswürdig zu werden.« »Der Mond übt, glaube ich, eine gute Wirkung auf Dichter und andere verrückte Menschen,« erwiderte der kahlköpfige Mann mit gutmüthigem Lachen. »Aber meine kleine Nichte soll mir jetzt, wo sie eben in der Besserung ist, nicht wieder krank werden. Annie, komm herein.« Das Mädchen gehorchte mit Widerstreben, auch die alte Dame stand auf. »Ah, Mutter, Du bist verständig«, sagte der Kahlköpfige, »und eine Partie Euchre ist gesünder, als in der Nachtluft schwärmen.« Er schlang seinen Arm um die alte Dame mit zärtlicher Sorgfalt, denn sie bewegte sich mit einiger Schwierigkeit, wie wenn sie gelähmt wäre. »Euch beiden sentimentalen Mondguckern gebe ich noch zehn Minuten Frist, nicht mehr, merkt Euch »Tyrann!« sagte der Troubadour. Jetzt waren nur noch zwei Gestalten auf dem Balkon, der Troubadour und die schöne Dame. Die 55 Glasthür wurde geschlossen und theilweise durch Mullvorhänge verhüllt; aber Kenelm konnte doch Einzelnes im Innern des Zimmers erkennen. Er konnte sehen, daß das durch eine Lampe aus dem in der Mitte stehenden Tisch und durch anderwärts angebrachte Lichter erhellte Zimmer reich und in einem nicht englischen Geschmack decorirt und ausgestattet war. Er konnte zum Beispiel sehen, daß die Decke gemalt war und die Wände nicht tapezirt, sondern gleichfalls in Feldern zwischen arabeskenartigen Pilastern gemalt waren. »Es sind Fremde«, dachte Kenelm, »obgleich der Mann so gut englisch spricht. Das erklärt es, daß sie am Sonntag Abend Euchre spielen, als ob es ganz harmlos wäre. Euchre ist ein amerikanisches Spiel. Der Mann heißt Fritz. O, ich merke: Deutsche, die lange in Amerika gelebt haben, und der Versemacher sagte, er sei in Geldgeschäften in Luscombe. Offenbar ist sein Wirth ein Kaufmann und er selbst in einem kaufmännischen Geschäft. Das erklärt es, warum er seinen Namen verbirgt und fürchtet, es möchte bekannt werden, daß er sich während seiner Ferien Neigungen hingegeben hat, die so ganz im Widerspruch mit seinem Berufe stehen.« Während er so dachte, hatte die Dame ihren 56 Stuhl nahe an den des Troubadours gerückt und sprach mit ihm in einer offenbar eindringlichen Weise, aber in zu leisem Ton, als daß Kenelm sie hätte verstehen können. Aber nach ihrem ganzen Gehaben und dem Blick des Mannes schien es ihm, daß sie ihm Vorwürfe machte, die er von sich abzuwehren suchte. Darauf sprach auch er leise flüsternd, und sie wandte sich einen Augenblick von ihm ab; dann aber reichte sie ihm ihre Hand und der Troubadour küßte sie. Die beiden konnten so gesehen wohl als Liebende erscheinen, und die milde Nacht, der Duft der Blumen, die Stille und Einsamkeit, die Sterne und das Mondlicht, Alles umwob sie mit einer Atmosphäre von Liebe. Im nächsten Augenblick stand der Mann auf und lehnte sich, das Kinn auf die Hand gestützt und nach dem Fluß hinblickend, über den Balkon. Auch die Dame stand auf und lehnte sich gleichfalls über das Geländer hin, sodaß ihre dunkeln Haare die braunen Locken ihres Begleiters fast berührten. Kenelm seufzte. Geschah es aus Langerweile, aus Mitleid, aus Furcht? Ich weiß es nicht, aber er seufzte. Nach einer Pause sagte die Dame immer noch in leisem Ton, aber diesmal doch nicht so leise, daß ihre Worte Kenelm's feinem Ohr hätten entgehen können: »Sage mir diese Verse noch einmal. Ich muß 57 mich jedes Wortes derselben erinnern können, wenn Du fort bist.« Der Mann schüttelte sanft den Kopf und antwortete, aber unhörbar. »Thue das«, sagte die Dame, »setze sie später in Musik, und das nächste Mal, wenn Du kommst, will ich sie singen. Ich habe auch an einen Titel für die Verse gedacht.« »Und wie heißt er?« fragte der Troubadour. »Der Streit der Liebenden.« Der Troubadour wandte sich um und ihre Augen begegneten sich und sahen einander mit verlangenden Blicken an. Dann wandte er sich wieder ab und sang mit abgewandtem Gesicht, nach dem Flusse blickend, mit seiner herrlichen Stimme die folgenden Verse: Der Streit der Liebenden.         Stehend an dem Flusse, blickend in den Fluß, Siehst ihn sterneglitzernd, vor dir sieh den Himmel. Jetzt die Welle trübt sich und das Schilf erzittert; Sterne sind geschwunden; Trug nur war ihr Glimmer. Kommt ein kleines Wölkchen, trennt uns von dem Himmel, Und vom ganzen Flusse weicht die Silberspur; Schling' den Arm um mich nun, flüstre leis: »Vergeben!« Wieder schau' im Flusse Sterne und Azur. 58 Als er mit noch abgewandtem Gesicht geendet hatte, flüsterte zwar die Dame weder: »Vergeben!«, noch schlang sie ihre Arme um ihn, legte aber, wie von einem unwiderstehlichen Impulse getrieben, ihre Hand leicht auf seine Schulter. Der Troubadour fuhr zusammen. Plötzlich drangen, er wußte nicht woher und von wem, die Worte an sein Ohr: »Unheil, Unheil! Denk' an das kleine Kind!« »St!« sagte er, indem er umherstarrte. »Hast Du nicht eine Stimme gehört?« »Nur Deine«, sagte die Dame. »Es war die Stimme unseres Schutzengels, Amalie. Sie kam zur rechten Zeit. Laß uns hineingehen.« 59 Zwölftes Kapitel. Am nächsten Morgen früh besuchte Kenelm Tom im Hause seines Onkels. Das Innere des Hauses trug das Gepräge der Behaglichkeit und Respectabilität, wie das Haus eines wohlhabenden Besitzers. Der Thierarzt selbst war ein intelligenter und offenbar über die Anforderungen seines Berufes hinaus gebildeter Mann; er war ein kinderloser Wittwer zwischen sechzig und siebzig Jahren, der mit einer unverheiratheten alten Schwester lebte. Sie hielten offenbar viel auf Tom und waren entzückt von der Aussicht, ihn bei sich zu behalten. Tom selbst sah etwas traurig, aber nicht verdrossen aus und sein Gesicht klärte sich bei Kenelm's Anblick wunderbar auf. Dieser Sonderling gab sich in der Unterhaltung mit dem alten Wittwer und der alten Jungfer so angenehm und anderen 60 Menschen so ähnlich wie möglich und verabredete mit Tom beim Abschiede, daß derselbe ihn um ein halb ein Uhr in seinem Hotel abholen und den Tag mit ihm und dem Troubadour zubringen solle. Dann kehrte er nach dem goldenen Lamm zurück und erwartete hier zunächst den Troubadour. Der Jünger der Musen traf pünktlich um zwölf Uhr ein. Sein Gesicht sah weniger heiter und sonnig aus als gewöhnlich. Kenelm machte keine Anspielung auf die Scene, deren Zeuge er gewesen war, und der Troubadour schien nicht zu argwöhnen, daß Kenelm bei derselben zugegen gewesen, oder gar, daß er es gewesen sei, der die warnenden Worte gesprochen habe. »Ich habe meinen Freund Tom Bowles gebeten, etwas später zu kommen«, sagte Kenelm, »weil ich wünschte, daß Sie ihm nützlich wären, und um Sie in den Stand zu setzen, das zu sein, möchte ich Ihnen vorschlagen, in welcher Weise das geschehen könnte.« »Bitte, thun Sie das«, erwiderte der Troubadour. »Sie wissen«, fuhr Kenelm fort, »daß ich kein Dichter bin, und ich hege auch für das Versemachen als reine Geschicklichkeit keine große Verehrung.« »Ich auch nicht«, bemerkte der Troubadour. »Aber«, fuhr Kenelm fort, »ich hege eine große Verehrung für die Poesie als ein Priesterthum. Ich 61 empfand diese Verehrung für Sie, als Sie gestern Abend zeichneten und priesterlich sprachen und meinem Herzen, ich hoffe für immer, solange es schlägt, das Bild des Kindes einprägten, wie es auf dem sonnenhellen Hügel stand, hoch über den Wohnungen der Menschen, und seinen Ball mit himmelwärts blickenden Augen himmelwärts warf.« Die Wangen des Sängers überflog eine tiefe Röthe und seine Lippen bebten; er war empfänglich für Lob, wie es die meisten Sänger sind. Kenelm hob wieder an: »Ich bin in der Schule des Realismus erzogen und bin unzufrieden mit dem Realismus, weil derselbe als Schule keine Wahrheit enthält. Er enthält nur ein Körnchen Wahrheit und zwar das kälteste und härteste Körnchen der Wahrheit, und der, welcher ein Körnchen von Wahrheit ausspricht und die übrige Wahrheit verschweigt, spricht die Unwahrheit.« Mit schlauem Lächeln bemerkte der Troubadour: »Spricht vielleicht auch der Kritiker, der zu mir sagt: Besingen Sie das Beefsteak, weil der Appetit auf Nahrung das wirkliche Bedürfniß des täglichen Lebens ist., und singen Sie nicht von Kunst und Ruhm und Liebe, weil der Mensch im täglichen Leben ohne solche Ideen auskommen kann, spricht vielleicht auch dieser Kritiker Unwahrheit?« 62 »Ich danke Ihnen für diesen Verweis, den ich mir schon gefallen lassen muß«, erwiderte Kenelm. »Gewiß hätte ich die Unwahrheit gesprochen, wenn ich es mit meiner Empfehlung wirklich ernst gemeint hätte; und wenn ich es damit nicht ernst gemeint habe, nun –« »So belogen Sie sich selbst«, unterbrach ihn der Troubadour. »Sehr wahrscheinlich«, entgegnete Kenelm. »Ich trat meine Reise an, um allem Scheinwesen zu entfliehen, und jetzt fange ich an zu entdecken, daß ich selbst ein Scheinwesen par excellence bin. Aber ich stoße auf Sie, wie ein von seiner Syntax und seinen Zahlen gelangweilter Junge plötzlich auf ein hübsches Gedicht oder ein Bilderbuch stößt und seinen Geist erfrischt fühlt. Ich verdanke Ihnen viel, Sie haben mir unendlich wohl gethan.« »Wie so denn das?« fragte der Troubadour. »Sie haben mir gezeigt, wie der Realismus der Natur selbst Farbe und Leben und Seele gewinnt, wenn er von seiner idealen oder poetischen Seite angesehen wird. Es sind nicht gerade die von Ihnen recitirten oder gesungenen Worte, die mir gut thun, aber sie erwecken in mir neue Gedankenreihen, die ich zu verfolgen suche. Der beste Lehrer ist der, welcher mehr errathen läßt, als Lehrsätze aufstellt, und seinen Hörer 63 mit dem Wunsch erfüllt, sich selbst zu belehren. Deshalb freut es mich, welches auch immer der Werth Ihrer Gesänge in kritischen Augen sein möge, mich Ihrer Versicherung zu erinnern, daß Sie gern immer singend die Welt durchwandern würden.« »Verzeihen Sie, Sie vergessen, daß ich hinzufügte, wenn das Leben immer jung und wenn es immer Sommer wäre.« »Das vergesse ich nicht. Aber wenn Jugend und Sommer für Sie schwinden, so lassen Sie doch, während Sie Ihres Weges gehen, Jugend und Sommer hinter sich, hinter sich in Herzen, welche reiner Realismus immer alt machen und dahin bringen würde, ihre trägen Schläge unter einem grauen Himmel ohne Sonne und Sterne zu zählen; und darum bitte ich Sie zu erwägen, eine wie herrliche Mission die der Sänger ist, die, ihr Leben mit ihrem Gesang in Einklang zu bringen und ihre Blumen, wie es Ihr Kind thut, mit himmelwärts schaueuden Blicken himmelwärts zu werfen. Denken Sie nur daran, wenn Sie mit meinem bekümmerten Freunde reden, und Sie werden ihm wohl thun, wie Sie mir wohl gethan haben, ohne daß Sie im Stande wären, zu begreifen, wie ein auf der Spur nach der Schönheit Wandelnder, gleich Ihnen, uns auf seinem Wege mit sich führt, sodaß auch wir uns 64 nach der Schönheit umsehen und sie in den wilden Blumen erkennen, für die wir vordem blind waren.« In diesem Augenblick trat Tom in das kleine sandbestreute Gastzimmer, wo diese Unterhaltung stattgefunden hatte, und die drei Männer brachen auf und schlugen den kürzesten Richtweg von der Stadt in die Felder und Waldungen ein. 65 Dreizehntes Kapitel. War er durch Kenelm's Lob und Begeisterung oder durch sonst etwas in eine gehobene Stimmung versetzt, gewiß ist, daß die Reden des Troubadours an jenem Tage einen solchen Reiz übten, daß Tom wie von einem Zauber gebannt war und daß Kenelm sich seinerseits mit kurzen Bemerkungen begnügte, welche nur den Zweck hatten, den Hauptacteur zu animiren. Die Unterhaltung drehte sich um äußere, der Natur entnommene Gegenstände, wie sie Kinder und Männer interessiren, die wie Tom Bowles sich gewöhnt haben, die sie umgebenden Dinge mehr mit den Augen des Herzens als mit denen des Geistes zu betrachten. Dieser das Land durchstreifende Wanderer wußte viel von den Gewohnheiten der Vögel, der vierfüßigen Thiere und der Insekten und erzählte Anekdoten von ihnen 66 mit einer Mischung von Humor und Pathos, welche Tom's Aufmerksamkeit wie mit einem Zauber fesselte, ihn herzlich lachen machte und bisweilen seinen großen blauen Augen Thränen entlockte. Sie aßen in einem Gasthofe an der Landstraße zu Mittag und das Mittagsessen war heiter; dann schlugen sie langsam den Rückweg ein. Als der Tag zu Ende ging, wurde ihr Gespräch etwas ernster und Kenelm nahm größeren Antheil daran. Tom hörte noch immer bezaubert stumm zu. Als endlich die Stadt in Sicht kam, machten sie eine Weile Halt an einem lauschigen, von Gebüsch überschatteten, moosweichen und von wildem Thymian duftenden Plätzchen. Als sie hier behaglich ausgestreckt lagen, während die Vögel in den Zweigen ihren Abendgesang ertönen ließen oder sich geräusch- und furchtlos auf den Rasen herabließen, um ihr Abendbrod einzusammeln, sagte der Wanderer zu Kenelm: »Sie sagen, Sie seien kein Dichter, und doch haben Sie sicherlich eine dichterische Auffassung; Sie müssen selbst gedichtet haben?« »Nein; wie ich Ihnen bereits gesagt habe, nur Schulverse in todten Sprachen. Aber diesen Morgen fand ich in meinem Ränzel eine Abschrift einiger, von einem Universitätsfreunde gedichteter Verse, die ich mit 67 der Absicht in die Tasche gesteckt habe, sie Ihnen beiden vorzulesen. Es sind nicht Verse wie die Ihrigen, die offenbar Ihrer unmittelbaren Eingebung entströmen und keine Nachahmung irgend eines andern Dichters sind. Diese Verse rühren von einem Schotten her und tragen das Gepräge der Nachahmung des alten Balladenstils. Die Verse an und für sich sind nicht sehr schön, aber die zu Grunde liegende Idee frappirte mich als originell und machte mir so viel Eindruck, daß ich mir eine Abschrift behielt. Diese Abschrift ist, ich weiß selbst nicht wie, in eins der beiden Bücher gerathen, die ich von Hause mitgebracht habe.« »Was für Bücher sind das? Ich wette, sie enthalten beide Poesie.« »Sie irren sich; beide sind metaphysischen Inhalts und so trocken wie ein Knochen. Tom, stecken Sie Ihre Pfeife an, und Sie, mein Herr, stützen Sie sich noch bequemer auf Ihren Ellbogen; ich muß Sie darauf vorbereiten, daß die Ballade lang ist. Also Geduld!« »Aufgepaßt!« sagte der Troubadour. »Feuer!« fügte Tom hinzu. Kenelm fing an zu lesen und er las gut. 68 Lord Ronald's junge Gattin. I.         »Was drängt das Volk, eh' der Sterne Licht Vom Himmel noch kaum verschwand?« «Zu dem festlichen Schauspiel, zum Hochgericht. Denn heut' wird die Hexe verbrannt.« »Was that sie, daß zum Tod man sie führt? Hat zerstört sie der Saaten Stand? Hat sie Gräber der Menschen nach Zauber durchspürt Oder Kinder zum Orkus gesandt?« »Nicht des Pacts mit dem Bösen sie konnte man zeihn! Lehrte Sünder, was heilig und werth, Sie speiste die Hungrigen, linderte Pein Und ward jüngst noch als Heil'ge verehrt. Doch ein heil'ger Mann, der in Rom verweilt, Hat entdeckt im gelehrten Buch, Daß durch unsaubre Künst' sie Kranke geheilt, Durch des höllischen Fürsten Betrug. Es hätte der Papst – denn die Dame war reich Und ihr Gatte der Lord von Clyde – Der heiligen Hexe verziehen sogleich, Wär' zum Widerruf nur sie bereit. Doch still! Es nahet mit Fackeln der Zug Von Richtern; es ist jetzt Zeit. 69 Stumm steht beim Priester mit Glock' und Buch Die Hexe im weißen Kleid.« So ward die Hexe verbrannt auf dem Scheit, Der Priester gedieh in Pracht, Und der Hexe Sohn ererbte zur Zeit Das Schloß und des Vaters Macht. Und der Knabe wuchs kräftig, tapfer und gut. Doch zum Jüngling war kaum er gereift, Als die Anker er lichtet mit freudigem Muth, Nach den Küsten gen Osten er schweift. II. Lord Ronald kehrt heim und mit ihm die Braut Aus unbekanntem Geschlecht. Gegen den, der das Weib zu küssen sich traut, War selbst Wallace ein feiger Knecht. Wie der Berkkatz' Auge ihr Auge blitzt, Wenn sie stürzt auf des Jägers Spieß; Wenn die Frau starren Blicks an der Tafel sitzt, Der Hunger die Gäste verließ. Wie der Bluthund heult, wenn er Beute schaut, So der Ton ihrer Stimme war; Kein Sturm war so schwarz wie der Blick der Braut Unter winterlich grauem Haar. 70 »Lord Ronald! Man freiet um Lieb' oder Erz. Dein Weib, o wie reich muß sie sein!« »Es geht wohl am Clyde manches Männerherz Wie auch Frauenhand solchen Kauf ein. Mein Weib ist fürwahr die Reichste für mich, Hat sie gleich keinen Heller Geld; Denn ihr Antlitz, sähst Du es nur so wie ich, Ist das schönste der ganzen Welt!« Sprach der Bischof zum Könige, unserm Hort: »Satan herrschet am Clyde immerdar, Die Flecken vom Hexenblut pflanzten sich fort Auf das Kind, das einst sie gebar. Lord Ronald kam heim von dem Paynim-Land, Ein schreckliches Weib mit ihm, Wie die Alte hat Male sie auf der Hand, Wird nachts gar ein Ungethüm. Es ist klar, daß ein Schotte, der blindlings liebt Ein Scheusal von östlichem Land Und ein Scheusal, das nicht einen Heller ihm gibt, Ist ein Schotte ganz ohne Verstand. Drum vernichtet den Baum aus dem Höllenpfuhl, Der getragen so schlechte Frucht, Gib das Land, wo er steht, meinem heiligen Stuhl Und verbrenne die Wurzel verrucht.« 71 »Heil'ger Mann!« sprach der Herr und er lachte: »Sehr wohl Seh' ich, was Dir eingibt Dein Witz, Doch der König ist arm und der Kirchschatz ist voll, Und der Clyde ist ein schöner Besitz. Doch dem Ritter, der sich einer Hexe vertraut, Braucht's wenig, zu lösen den Spruch, Wir berufen zu uns drum Bräut'gam und Braut – Sei zugegen mit Glocke und Buch.« III. Lord Ronald erschien vor des Königs Thron, Zur Seit' ihm sein schrecklich Gemahl; Die Ritter, die anfangs voll Spott und Hohn, Erbebten vor Furcht allzumal. Und der Bischof, bewehrt mit Glocke und Buch, Wurde bleich, wie verwandelt in Stein, Nur der König allein den Blick ertrug, Doch es zittert die Stimme sein. »Lord Ronald, den Rittern von unserm Schlag Ziemt ein Eh'weib von gleichem Stand: Sag' an, welcher Herkunft sich rühmen mag Dein Weib aus dem fernen Land. Was war denn die Mitgift an Gold oder Land, Oder was war der Zauber, traun, 72 Daß ein Ritter so schön wie Du um die Hand Der Dame warb, die wir schaun?« Und es lachten die Herren laut spottend all', Hätt' ihr Blick nicht gehemmt die Schaar. »Kecker König, Du kniest vor mir als Vasall, Wenn Du weißt, wer mein Vater war. Bracht' ich gleich dem Lord Ronald nicht Gold noch Land Noch blühende Wang' und Gestalt, Wär' ich Wittib, bewürb' um meine Hand Und Mitgift Jung sich und Alt. Und was er den Heiligen selbst nicht gesteht, Was zumeist er hienieden begehrt, Was er nicht zu erflehen wagt im Gebet, Ist die Mitgift, die ich verehrt. Laß ins Herz sich blicken jeglicher Mann, Welcher Wunsch ihm erfülle die Brust, Er hefte auf mich seinen Blick und alsdann Wird er schaun seine sündige Lust.« Und jedermann, König, Bischof und Lord, Dacht' des heimlichen Wunschs in der Brust, Und heftend sein Aug' auf die Grausige dort, Schaut die eigene sündige Lust. Nicht länger ein Scheusal er nun erschaut, Es berauschet wie duftige Myrrhen; 73 Die Stimme, bei der ihm so arg gegraut, Gleicht der Taube lieblichem Girren. Ein Jeder entbrannt wünscht der Dame Hand, Kost' es selbst ihres Gatten Leib; Laute Rufe erschall'n und die Wände hall'n: »Dein Wittib soll sein mein Weib.« Dann dunkel wird's in der Hall', im Palast, Immer dunkler und dunkler es wird, Und Entsetzen vor allen den Bischof faßt, Von Geschrei und Getos umschwirrt. Als das Licht von neuem durchs Gitter brach, War es grau wie zur Dämmerungszeit, Und der Bischof verblutend am Boden lag, Einen Fleck in dem faltigen Kleid. Lord Ronald stand bei dem Todten dicht, Nicht bereut er den grausigen Mord, Und das Antlitz so bleich wie der Tod, er spricht: »Ha, mein Weib hat gehalten ihr Wort. Nun möge sie Anderen schwellen die Brust, Nicht mehr schön erscheint mir die Fee; Schaut' ins Antlitz ich meiner sündigen Lust, Nur ein Todtengesicht ich säh'. Und die Mitgift sie bracht', gab zurück ich hier, Denn der Wunsch meines Herzens schwand, 74 Ist gestillt in des Pfaffen Blute, der mir Ach! die heilige Mutter verbrannt.« Lord Ronald durchschreitet den Marmorsaal, Ihn zu halten nicht einer wagt, Lord Ronald verschwand aus der weiten Hall', Wohin, hat noch Keiner gesagt. Und die Dame, die Wittib, ward viel umfreit Vor den Mädchen im ganzen Land, Leib und Seele zu wagen sind alle bereit Für der Dame Mitgift und Hand. Helf' Gott, daß der Wunsch, den nie zu erflehn Ich gewagt, nicht erfüllt mir die Brust, Daß stets nur mit Abscheu ich möge sehn Ins Gesicht meiner sündigen Lust. Als Kenelm geendet hatte, fiel sein Blick auf Tom, der mit offenem Munde, bleichen Wangen und jenem starren Blick des Entsetzens, den ehrfurchtsvolle Scheu hervorbringt, zu ihm aufschaute. Als Tom Kenelm's Blick begegnete, versuchte er zu sprechen und wollte gezwungen lächeln, aber Beides wollte ihm nicht gelingen. Er stand plötzlich auf und ging fort, schlich unter den Schatten einer großen Buche und blieb hier an den Stamm gelehnt stehen. 75 »Was sagen Sie zu der Ballade?« fragte Kenelm den Sänger. »Sie ist nicht ohne Wirkung«, erwiderte dieser. »Ja, von einer besonderen Art.« Der Troubadour sah Kenelm scharf ins Gesicht und ließ dann mit hochgerötheten Wangen den Blick sinken. »Die Schotten sind ein gedankenreiches Volk. Der Schotte, der das Gedicht geschrieben hat, mag dabei wohl an einen Tag in seinem Leben gedacht haben, als ihm eine sündige Lust schön erschien; aber wenn dem so war, so ist es doch offenbar, daß sein Auge seitdem von dieser Sinnestäuschung geheilt wurde. Sollen wir weiter gehen? Kommen Sie, Tom.« Der Troubadour verabschiedete sich, als sie wieder in die Stadt kamen, mit den Worten: »Ich bedaure Sie beide nicht wiedersehen zu können, da ich Luscombe mit Tagesanbruch verlasse. Da fällt mir noch ein, hier ist auch die von Ihnen gewünschte Adresse.« »Des kleinen Mädchens?« ergänzte Kenelm. »Es freut mich, daß Sie an sie gedacht haben.« Der Troubadour sah Kenelm wieder scharf ins Gesicht, diesmal, ohne den Blick zu senken, denn Kenelm's Gesichtsausdruck trug das Gepräge einer so vollkommenen Ruhe, daß man ihn fast leer hätte nennen können. 76 Kenelm und Tom setzten ihren Weg nach dem Hause des Thierarztes einige Minuten lang schweigend fort, dann sagte Tom flüsternd: »Meinten Sie nicht, daß die Reime mich hier, hier« – und dabei schlug er sich auf die Brust – »getroffen haben müßten?« »Die Reime waren längst gedichtet, als ich Sie zuerst sah, Tom; aber es kann uns allen nur gut thun, wenn wir von ihrer Bedeutung betroffen werden. Für Sie, mein Freund, fürchte ich jetzt nichts mehr. Sind Sie nicht schon ein ganz anderer Mensch geworden?« »Mir ist zu Muthe, als ginge eine Umwandlung mit mir vor«, erwiderte Tom langsam in einem traurigen Ton. »Als ich Sie und den Herrn soviel von Dingen reden hörte, an die ich nie gedacht hatte, fühlte ich in mir etwas – Sie werden lachen, wenn ich es Ihnen sage – etwas von einem Vogel.« »Von einem Vogel? Nun ja, ein Vogel hat Flügel.« »Das ist es grade.« »Und es war Ihnen, als ob Sie mit Flügeln, deren Sie sich bis dahin nicht bewußt gewesen waren, umherflatterten und wie gegen das Drahtgitter eines Käfigs anschlügen. Dieses Gefühl, mein Freund, entsprach der uns eingeborenen Sehnsucht nach Freiheit 77 und nach einem höheren Dasein. Muth! Die Thür des Käfigs wird sich bald öffnen. Und nun, um praktisch zu reden, lassen Sie mich Ihnen beim Abschied einen Rath geben. Sie haben einen lebhaften und feinen Geist, den Sie aber durch Ihren starken Körper gefangen nehmen und unterdrücken ließen. Lassen Sie diesen Geist frei gewähren. Widmen Sie sich mit Eifer Ihren Berufsgeschäften; das Verlangen nach regelmäßiger Arbeit ist der gesunde Appetit des Geistes; aber in Ihren Mußestunden pflegen Sie die neuen Ideen, welche durch die Unterhaltung mit Männern, die gewöhnt sind, den Geist mehr als den Körper zu pflegen, in Ihnen geweckt sind. Treten Sie in einen Leseclub ein und interessiren Sie sich für Bücher. Ein Weiser hat gesagt: Bücher erweitern die Gegenwart, indem sie ihr die Vergangenheit und die Zukunft hinzufügen. Suchen Sie die Gesellschaft gebildeter Männer und auch gebildeter Frauen auf, und wenn Sie einmal wieder gegen Jemand etwas auf dem Herzen haben, so disputiren Sie mit ihm, schlagen ihn aber nicht zu Boden, und lassen Sie sich selbst nicht von einem Feinde, der viel stärker ist als Sie, von dem Branntwein zu Boden werfen. Thun Sie das Alles, und wenn ich Sie wiedersehe, werden Sie –« »Halt, Herr, werde ich Sie wiedersehen?« 78 »Ja, wenn wir beide leben, verspreche ich es Ihnen.« »Wann?« »Sie sehen, Tom, wir müssen beide daran arbeiten, etwas von unserem alten Menschen abzustreifen. Sie müssen dieses Etwas durch Ruhe und ich muß es womöglich im Umherschweifen abstreifen. Deshalb wandere ich durchs Land. Möge es uns beiden, wenn wir einander wieder die Hände schütteln, gelungen sein, uns zu neuen Menschen zu machen, die besser sind, als die alten waren. Versuchen Sie Ihrerseits Ihr Bestes, lieber Tom, und der Himmel stehe Ihnen bei.« »Und der Himmel segne Sie«, rief Tom feurig, während ihm die Thränen, die er nicht zurückzuhalten suchte, aus den kühnen blauen Augen über die Wangen rannen. 79 Vierzehntes Kapitel. Obgleich Kenelm Luscombe bereits am Dienstag Morgen verließ, erschien er doch in Neesdale-Parke erst am Mittwoch, kurz bevor die Glocke die Gäste aufforderte, sich zu Tische anzukleiden. Was er in der Zwischenzeit erlebte, ist keiner Erwähnung werth. Er hatte gehofft, er werde vielleicht dem Troubadour wieder begegnen, aber das geschah nicht. Sein Koffer war angekommen und er seufzte schwer, als er sich in Abendtoilette warf. »Ach! ich muß mich nur zu bald wieder in meine eigene Haut stecken.« Es waren noch einige andere Gäste im Hause, aber keine große Gesellschaft. Sie waren mit Rücksicht auf die bevorstehende Wahl eingeladen und bestanden 80 aus Grundbesitzern und Geistlichen aus entfernteren Theilen der Grafschaft. Der Vornehmste unter den Gästen an Rang und Bedeutung und durch eben diese bevorstehende Wahl zum Mittelpunkt des Interesses geworden, war George Belvoir. Kenelm spielte seine Rolle in der Gesellschaft mit einer Resignation, der die Reue nicht fremd war. Am ersten Tage sprach er sehr wenig und erschien der Dame, die er zu Tische führte, als ein sehr langweiliger junger Mann. Travers versuchte es vergebens, ihn mittheilsamer zu machen. Er hatte sich viel Vergnügen von den Excentricitäten seines Gastes versprochen, der im Farrenkrautgebüsch so fließend geredet hatte, und fand sich nun bitter enttäuscht. »Mir ist zu Muthe«, flüsterte er Frau Campion zu, »wie dem armen Lord Pomfret, der, entzückt von Polichinell's lebhafter Unterhaltung, ihn kaufte und sehr unangenehm überrascht war, daß Polichinell, nachdem er ihn mit nach Hause genommen hatte, nicht reden wollte.« »Aber Ihr Polichinell hört zu«, sagte Frau Campion, »und er beobachtet.« George Belvoir dagegen ward einstimmig für sehr liebenswürdig erklärt. Obgleich von Natur nicht lustig, zwang er sich doch so zu erscheinen, lachte laut 81 mit den Squires und sprach mit ihren Frauen und Töchtern von Grafschaftsbällen und Gartenfesten mit obligatem Cricketspiel, und als er nach Tische, einem Cato gleich, »seine Tugenden mit Wein erwärmt« hatte, erging sich seine Tugend nach Herzenslust in dem Lobe von guten Männern, das heißt von Männern seiner Partei, und in Verwünschungen gegen schlechte Männer, das heißt Männer der andern Partei. Dann und wann appellirte er an Kenelm und Kenelm gab immer dieselbe Antwort: »Was Sie sagen, hat viel für sich.« Der erste Abend schloß in der auf dem Lande gewöhnlichen Weise. Zuerst wurde bei Mondschein auf der Terrasse vor dem Hause auf und ab geschlendert; dann wurde von jungen Damen etwas gesungen und von den älteren Whist gespielt; dann wurde Wein und Wasser gereicht und dann von den Rauchern das Rauchzimmer und von den Nichtrauchern das Bett aufgesucht. Im Laufe des Abends hatte Cecilia theils in Erfüllung ihrer Pflichten als Wirthin, theils aus jenem Mitleid mit Schüchternheit, welches gütige und wohlerzogene Personen empfinden, ein Uebriges gethan, Kenelm aus der Einsamkeit, in die er sich 82 eingesponnen hatte, herauszulocken; aber es gelang ihr damit nicht besser als ihrem Vater. Kenelm antwortete ihr mit einer ruhigen Selbstgewißheit, welche sie hätte überzeugen müssen, daß kein Mensch auf der Welt weniger Anspruch auf Nachsicht für die Schwäche der Schüchternheit habe und daß kein Mensch weniger der guten Dienste der Wirthin zur Vermehrung seines Behagens oder vielmehr zur Verminderung seines Unbehagens bedürfe. Seine Antworten waren höchst einsilbig und wurden mit der Miene eines Menschen ausgesprochen, der in seinem innersten Herzen denkt: Wenn die Person mich doch in Ruhe lassen wollte! Zum ersten Mal in ihrem Leben fühlte sich Cecilia pikirt und fing sonderbarer Weise an, ein lebhafteres Interesse an diesem gleichgültigen Fremden zu nehmen, als an dem beliebten, lebhaften, angenehmen George Belvoir, der, wie ihr weiblicher Instinkt ihr sagte, so verliebt in sie war, wie er es nur sein konnte. Als Cecilia sich an jenem Abend zur Ruhe begab, sagte sie ihrer Kammerjungfer lächelnd, sie sei zu müde, um sich das Haar noch für die Nacht machen zu lassen; als aber das Mädchen fortgegangen war, betrachtete sie sich im Spiegel mit 83 ernsterer und unzufriedenerer Miene, als sie es je zuvor gethan hatte, und obgleich sie müde war, stand sie noch eine gute Stunde, nachdem ihre Jungfer sie verlassen hatte, am Fenster und blickte in die mondhelle Nacht hinaus. 84 Fünfzehntes Kapitel. Kenelm Chillingly war nun seit mehreren Tagen zum Besuch in Neesdale-Park. Allmälig hatte er seine Sprache wiedergefunden; die anderen Gäste, George Belvoir mit einbegriffen, waren fort. Leopold Travers hatte großen Geschmack an Kenelm gefunden. Travers war einer jener in England vielleicht nicht seltenen Männer, welche bei großer geistiger Begabung wenig aus Büchern geschöpftes Wissen besitzen und welche, wenn sie mit einem Gelehrten, der kein Pedant ist, in Berührung kommen, eine angenehme Anregung in seiner Gesellschaft, ein lebhaftes Interesse in dem Austausch ihrer Gedanken und eine Quelle von Ueberraschungen in der Entdeckung finden, auf wie ehrwürdige Autoritäten sich die Schlüsse, welche ihr Mutterwitz sie aus den Erfahrungen ihres Lebens hat ziehen 85 lassen, stützen können, oder mit wie zwingenden, aus Büchern geschöpften Argumenten diese Schlüsse bekämpft oder umgestoßen werden. Leopold Travers hatte auch den Sinn für das Humoristische, der gewöhnlich mit einem starken praktischen Verstande verbunden ist – so sind zum Beispiel die Schotten mit ebenso viel praktischem Verstande wie feinem Sinn für Humor begabt – und ergötzte sich nicht nur an Kenelm's sonderbarer Ausdrucksweise, sondern nahm auch sehr oft Kenelm's ironische Aeußerungen für ernsthaft gemeinte Ansichten. Seit Travers sich vor langen Jahren von dem hauptstädtischen Leben zurückgezogen und sich der Landwirthschaft gewidmet hatte, kam er so selten mit Männern in Berührung, durch deren Unterhaltung sein Geist auf andere als mit seinen alltäglichen Berufsgeschäften in Verbindung stehende Gegenstände gelenkt wurde, daß er in Kenelm's Ansichten von Menschen und Dingen eine Quelle neuer Erheiterung und einen anregenden Appell an seine eigenen metaphysischen Ueberzeugungen fand, wie sie sich ihm selbst unbewußt in ihm gebildet und lange ungeprüft in der Tiefe eines klugen und starken, aber mehr an Befehlen als an Argumentiren gewöhnten Geistes geruht hatten. Kenelm seinerseits fand an seinem Wirthe Vieles, was ihm gefiel und 86 was seine Bewunderung erregte; in einer Umkehr ihres Verhältnisses zu einander in Bezug auf ihre Jahre unterhielt er sich mit Travers, als ob dieser der Jüngere wäre. Es war nämlich eine seiner grillenhaften Theorien, daß jede Generation geistig wesentlich älter sei als die ihr vorhergegangene, namentlich in Allem, was auf Wissenschaft Bezug habe, und das Studium des Lebens betrachtete er als eine Wissenschaft, nicht als eine Kunst. Welchen Eindruck aber machte Cecilia auf den jungen Gast? War er empfänglich für die Reize ihrer seltenen Schönheit und für die Grazie ihres Geistes, der, reich genug, um mit denen zu verkehren, die an der Thätigkeit des Geistes und der Phantasie Freude hatten, doch auch weiblich genug und heiterem Scherze hinreichend zugeneigt war, um die komische Seite des wirklichen Lebens zu erfassen und den Kleinigkeiten, aus denen das menschliche Leben sich zusammensetzt, ihren gebührenden Platz einzuräumen? Sie machte allerdings einen Eindruck auf ihn, und zwar einen ihm neuen und angenehmen Eindruck. Ja, er verfiel bisweilen in ihrer Gegenwart und bisweilen, wenn er allein war, in eigenthümliche Selbstbetrachtungen und sagte zu sich: »Kenelm Chillingly, glaubst Du nicht, daß Du jetzt, wo Du in Deine eigene Haut 87 zurückgekehrt bist, besser thätest, darin zu bleiben? Könntest Du Dich nicht mit Deinem Loose als irrender Abkömmling Adam's begnügen, wenn Du eine so tadellose Abkömmlingin Eva's, wie sie Dich jetzt umflattert, zur Genossin gewännest? »Aber er konnte sich selbst keine befriedigende Antwort auf diese Fragen entlocken. Als er einmal wieder mit Travers umhergeschweift war und sie bei ihrer Rückkehr im Vorübergehen der zarten Gestalt Cecilia's, wie sie über die Blumenbeete gebeugt auf dem Rasen stand, ansichtig wurden, fragte er diesen plötzlich: »Sind Sie ein Bewunderer Virgils?« »Offen gestanden habe ich Virgil seit meinen Knabenjahren nicht gelesen und damals kam er mir, unter uns gesagt, ziemlich monoton vor.« »Vielleicht weil seine Verse in ihrer Schönheit so glatt dahinfließen?« »Wahrscheinlich. In der Jugend hat man einen fehlerhaften Geschmack; und wenn wir einen Dichter lesen, der nicht fehlerhaft ist, sind wir geneigt zu glauben, es fehle ihm an Lebhaftigkeit und Feuer.« »Ich danke Ihnen für Ihre lichtvolle Erklärung«, antwortete Kenelm, indem er bei sich dachte: »Ich fürchte, ich würde sehr oft gähnen, wenn ich mit einem Fräulein Virgil verheirathet wäre.« 88 Sechzehntes Kapitel. Das Haus des Herrn Travers enthielt eine beträchtliche Sammlung von Familienportraits. Wenige darunter waren gut gemalt, aber der Besitzer war offenbar stolz auf diese Beweise des hohen Alters seines Geschlechts. Sie nahmen nicht nur einen bedeutenden Raum in den Empfangszimmern ein, sondern füllten auch die Hauptschlafzimmer und sahen lächelnd oder stirnrunzelnd von den Wänden dunkler Vorplätze und entfernter Vorsäle auf den Beschauer herab. Eines Morgens fand Cecilia auf ihrem Wege nach der Geschirrkammer Kenelm in die Betrachtung eines weiblichen Portraits versunken, das in einen dieser dunkeln Räume verbannt war, welche er, wenn er von der Halle nach seinem Zimmer wollte, nach Ersteigung einer Hintertreppe nothwendig passiren mußte. 89 »Ich maße mir nicht an, etwas von Malerei zu verstehen«, sagte Kenelm, als Cecilia neben ihm stehen blieb, »aber es frappirt mich, daß dieses Bild sehr viel besser ist als die meisten von denen, welchen Ehrenplätze in Ihrer Sammlung eingeräumt sind. Und das Gesicht selbst ist so lieblich, daß es eine Bereicherung der schönsten fürstlichen Gallerien bilden würde.« »Ja«, sagte Cecilia mit einem leisen Seufzer, »das Gesicht ist lieblich und das Portrait gilt für eins von Lely's größten Meisterwerken. Es pflegte über dem Kamin im Salon zu hängen, aber mein Vater hat es schon seit vielen Jahren hierher hängen lassen.« »Vielleicht weil er entdeckte, daß es kein Familienportrait sei?« »Im Gegentheil, weil es ihm Kummer macht, denken zu müssen, daß es ein Familienportrait ist. St! Ich höre seinen Schritt; reden Sie nicht mit ihm davon. Lassen Sie ihn nicht merken, daß Sie das Bild betrachten. Die Sache ist ihm sehr peinlich.« Mit diesen Worten verschwand Cecilia in die Geschirrkammer und Kenelm begab sich auf sein Zimmer. Welche Sünde, die das Original dieses Bildes zur Zeit Karl's II. begangen hatte, die aber erst zur Zeit der Regierung Victoria's entdeckt worden war, 90 konnte es gerechtfertigt erscheinen lassen, daß Leopold Travers das reizendste Bild in seinem Hause von dem Ehrenplatze, den es bis dahin eingenommen, entfernt und in einen so dunkeln Winkel verbannt hatte? Kenelm sprach nicht weiter über die Sache und dachte auch eine Stunde später nicht mehr daran. Am nächsten Tage ritt er mit Travers und Cecilia aus. Sie ritten ohne irgend ein bestimmtes Ziel durch ruhige, schattige Heckenwege, als sich plötzlich an einer Stelle, wo drei dieser Heckenwege zusammenstießen, ein einsamer grauer Thurm inmitten einer weiten Grasfläche mit zerstreuten riesigen Stämmen von gekappten Eichen, die aussah, als wäre sie einst ein Park gewesen, vor ihnen erhob. »Cissy!« rief Travers, indem er ärgerlich die Zügel seines Pferdes anzog und sich in einer politischen Discussion, zu der er Kenelm gezwungen hatte, plötzlich unterbrach, »Cissy, wie kommt das? Wir sind den falschen Weg geritten! Aber einerlei«, fuhr er nach rechts deutend fort, »da sehe ich die Schornsteine auf dem Hause des alten Mondell. Er hat George Belvoir seine Stimme noch nicht versprochen; ich will zu ihm gehen und mich mit ihm unterhalten. Reite Du mit Herrn Chillingly zurück und warte bei Terner's Wiese, bis ich komme. Ich brauche mich nicht 91 bei Ihnen zu entschuldigen, Chillingly. Sie wissen, wie viel auf eine Stimme ankommt.« Mit diesen Worten wandte Travers sein Pferd, das ein altes Jagdpferd war, setzte, da sich kein Zaunthor zeigen wollte, über einen hohen Zaun und verschwand in der Richtung der Schornsteine des alten Mondell. Kenelm, der die Ordres, welche Travers seiner Tochter ertheilt, und die Worte, mit denen er sich bei ihm entschuldigt, kaum gehört hatte, blieb in Betrachtung des alten grauen Thurmes, der sich so plötzlich seinen Blicken darbot, versunken. Obgleich er kein gelehrter Archäolog wie sein Vater war, übten doch alle Ueberreste der Vergangenheit einen eigenthümlichen Zauber auf ihn aus, und alte graue Thürme, die nicht eben Kirchthürme sind, finden sich in England sehr selten. Alles um den Thurm her redete mit unaussprechlicher Trauer von einer zerstörten Vorzeit. An hier und da zerstreuten, von mächtigen Strebepfeilern gestützten Mauerfragmenten erkannte man die Ueberreste eines ehemals zu dem Thurm gehörigen gothischen Gebäudes; ein trockener Graben zwischen hohen Böschungen war ersichtlich einst der Schloßgraben gewesen. Ja, man konnte noch den Richthügel sehen, auf welchem der Herr dieses Sitzes vor alters Recht gesprochen hatte. Selbst die 92 scharfsinnigsten Archäologen finden doch nur selten solche Ueberreste aus der normannischen Zeit auf Gütern, die sich im Besitze der ältesten anglo-normannischen Familien befinden. Dazu die wilde Natur der ganzen Umgebung, die weite Grasfläche mit jenen alten, riesigen Eichenstämmen, die innen hohl und oben gekappt waren, Alles sprach im Verein mit dem grauen Thurm von einer Vergangenheit, die von den Tagen Victoria's so weit ablag wie die Pyramiden von der Regierungszeit des Vicekönigs von Aegypten. »Lassen Sie uns umkehren«, sagte Cecilia, »mein Vater würde es nicht gern sehen, daß ich mich hier aufhalte.« »Verzeihen Sie einen Augenblick. Ich wollte, mein Vater wäre hier; er würde bis Sonnenuntergang verweilen. Aber was ist denn die Geschichte dieses alten Thurms? Denn eine Geschichte muß er doch haben.« »Jedes Haus, selbst ein Bauernhaus hat seine Geschichte«, erwiderte Cecilia. »Aber verzeihen Sie mir, wenn ich Sie bitte, sich dem Wunsche meines Vaters zu fügen. Ich wenigstens muß umkehren.« Nach diesem Befehl wandte Kenelm widerstrebend seine Blicke von der Ruine ab und eilte Cecilia, die bereits eine kleine Strecke vorausgeritten war, nach. »Ich bin von Natur nichts weniger als 93 neugierig, soweit die Interessen der Lebenden in Betracht kommen«, sagte Kenelm, »aber ich würde kein Buch lesen mögen, wenn mich nicht die Vergangenheit interessirte. Bitte, befriedigen Sie meine Neugierde, etwas über diesen alten Thurm zu erfahren. Er könnte nicht einsamer und melancholischer aussehen, wenn ich ihn gebaut hätte.« »Es knüpfen sich an ihn sehr traurige Erinnerungen an eine sehr junge Vergangenheit«, antwortete Cecilia. »In alter Zeit bildete der Thurm das Burgverließ eines Schlosses, welches der ältesten und einst mächtigsten Familie dieser Gegend gehörte. Die Eigenthümer waren Barone, die thätigen Antheil an den Kriegen der weißen und rothen Rose nahmen. Der letzte von ihnen stand auf der Seite Richard's III. und nach der Schlacht von Bosworth wurde der Titel cassirt und der größere Theil der Ländereien confiscirt; Treue gegen einen Plantagenet war natürlich Verrath gegen einen Tudor. Aber die Rehabilitirung der Familie wurde durch ihre directen Nachkommen bewirkt, die aus dem allgemeinen Schiffbruch ihres Vermögens noch so viel gerettet hatten, wie zu einem stattlichen adligen Landsitz erforderlich war, einem Landsitz von etwa demselben Ertrage, wie der meines Vaters, aber von bedeutend größerem Umfange. In der 94 Grafschaft standen diese Herren aber in größerem Ansehen als die reichsten Pairs. Sie waren noch immer bei weitem die älteste Familie in der Grafschaft und konnten auf ihrem Stammbaum die Spuren ihrer Verwandtschaft mit den erlauchtesten Häusern Englands verfolgen. Viele Generationen hindurch bewährten sie sich auch, abgesehen von ihrer großen Vergangenheit, als ein muthiges, gastfreies, volksfreundliches Geschlecht, lebten ohne Gepränge von ihrem Einkommen und begnügten sich mit ihrem Rang als Squires. Ihr durch die Zeit und durch Belagerungen zerstörtes Schloß versuchten sie nicht wiederherzustellen. Sie wohnten in einem in der Nähe des Schlosses zur Zeit Elisabeth's erbauten Hause, das Sie nicht sehen konnten, weil es in einer Vertiefung hinter dem Thurme liegt; es ist ein Haus von mäßiger Größe, malerisch gelegen und würde sich zur Wohnung eines Landedelmanns eignen. Unsere Familie verband sich mit ihnen durch Heirathen. Das Portrait, welches Sie gesehen haben, war das einer Tochter aus ihrem Hause und jeder Squire in der Grafschaft würde stolz darauf gewesen sein, durch eine Heirath mit den Fletwodes in verwandtschaftliche Beziehungen zu treten.« »Fletwode – war das der Name? Ich erinnere mich dunkel von diesem Namen gehört zu haben, in 95 Verbindung mit einer unglücklichen – aber es kann unmöglich dieselbe Familie sein; bitte, fahren Sie fort.« »Ich fürchte, es ist dieselbe Familie. Aber ich will Ihnen die Geschichte, wie ich sie gehört habe, zu Ende erzählen. Der Grundbesitz gelangte zuletzt an einen Bertram Fletwode, der sich unglücklicherweise den Ruf eines sehr geschickten Geschäftsmanns erwarb. Es gab eine Bergwerksgesellschaft, bei der er sich nebst andern Herren in der Grafschaft stark betheiligte, an die Spitze der Direction trat –« »Ah, ich verstehe – und natürlich ruinirt wurde.« »Nein, viel schlimmer als das. Er wurde sehr reich und trug unglücklicherweise Verlangen danach, noch reicher zu werden. Wie man mir erzählte, herrschte grade in jener Zeit eine entsetzliche Speculationswuth. Er ließ sich auf solche Speculationen ein und hatte Glück dabei, bis er sich endlich verleiten ließ, einen großen Theil seines so erworbenen Vermögens auf die Theilhaberschaft an einer Bank zu verwenden, die sich eines sehr guten Rufes erfreute. Bis zu diesem Zeitpunkte hatte er sich die Achtung der Grafschaft und seine Beliebtheit bewahrt, aber die Squires, die sich an dem Risico der Bergwerkscompagnie betheiligt hatten und wenig von anderen Speculationen wußten, bei welchen sein Name nicht genannt war, bekannten, daß ihnen die 96 Idee eines Fletwode, der sich offenkundig mit einem Jones von Clapham als Besitzer einer Londoner Bank associirt habe, anstößig sei.« »Schwerfällige Menschen, diese Landedelleute, die nicht mit der Zeit fortschreiten können! Nun?« »Man erzählt, daß Bertram Fletwode selbst sehr ungern diesen Schritt gethan habe, aber von seinem Sohn dazu überredet worden sei. Von diesem Sohne, Alfred, behauptet man, daß er eine noch größere Begabung für Geschäfte gehabt habe als sein Vater und von diesem bei allen bisherigen Speculationen, die glücklich ausgefallen waren, nicht nur betheiligt, sondern auch zu Rathe gezogen worden sei. Frau Campion hat Alfred Fletwode sehr gut gekannt. Sie schildert ihn als sehr hübsch, mit lebhaften, scharfblickenden Augen, als wortreich und anspruchsvoll in der Unterhaltung, als ungeheuer ehrgeizig, mehr ehrgeizig als habsüchtig und weniger um des Geldes als um dessentwillen, wozu es ihm verhelfen konnte, Rang und Macht, darauf bedacht, Geld zu erwerben.« »Unter allen Umständen ein trauriger Ehrgeiz. Ich würde den Ehrgeiz eines Dichters in einer Dachstube vorziehen. Aber ich verstehe davon nichts. Ich habe Gott sei Dank keinen Ehrgeiz. Und doch muß jeder Ehrgeiz, jeder Wunsch höher zu steigen, dem 97 interessant sein, der kümmerlicher Weise zufrieden ist, wenn er nicht fällt. So ging es also nach dem Willen des Sohnes und Fletwode associirte sich mit Jones, um zu Reichthum und Pairschaft zu gelangen? Verheirathete sich denn nun der Sohn? Natürlich mit der Tochter eines Herzogs oder eines Millionärs! Jagd nach Adel und Geld auf die Gefahr hin, sich zu erniedrigen und ins Armenhaus zu kommen. O über den Fortschritt der Zeit!« »Nein«, erwiderte Cecilia mit einem traurigen Lächeln, »Fletwode heirathete weder die Tochter eines Herzogs, noch die Tochter eines Millionärs; aber doch gehörte seine Frau einer adligen, sehr armen, aber sehr stolzen Familie an. Vielleicht heirathete er aus ehrgeizigen, wenn auch nicht gewinnsüchtigen Motiven. Ihr Vater hatte einen großen politischen Einfluß und konnte ihm möglicherweise zur Erlangung einer Baronie behülflich sein. Die Mutter war eine Weltdame von hoher gesellschaftlicher Stellung und nahe verwandt mit einer Verwandten von uns, Lady Glenalvon.« »Sie sind verwandt mit Lady Glenalvon, meiner theuersten Freundin?« »Ja, Lord Glenalvon war der Onkel meiner Mutter. Aber ich möchte Ihnen meine Geschichte zu Ende erzählen, bevor wir wieder mit meinem Vater 98 zusammentreffen. Alfred Fletwode heirathete erst, lange nachdem sein Vater Associé der Bank geworden war. Nach Jones' Tode hatte derselbe auf den Wunsch des Sohnes das ganze Geschäft gekauft. Die Bank wurde unter der Firma: Fletwode und Sohn weitergeführt. Aber der Vater war nur noch nomineller oder, was man, glaube ich, stiller Compagnon nennt. Er wohnte schon lange nicht mehr in der Grafschaft. Das alte Haus war ihm nicht großartig genug. Er hatte sich einen prachtvollen Landsitz in einer der Grafschaften in der Nähe der Hauptstadt gekauft, lebte dort in großem Glanz, war ein freigebiger Beschützer der Wissenschaften und der Künste und scheint, trotz seiner Neigung zu geschäftlichen Speculationen, ein selten gebildeter und sehr wohlerzogener Mann gewesen zu sein. Einige Jahre vor der Verheirathung seines Sohnes war Herr Fletwode von einer partiellen Lähmung befallen worden und sein Arzt hatte ihm vollständige Enthaltung von jeder geschäftlichen Thätigkeit verordnet. Seit jener Zeit mischte er sich nie mehr in die Geschäftsleitung seines Sohnes bei der Bank. Er hatte eine einzige Tochter, die viel jünger war als Alfred. Ein Bruder meiner Mutter, Lord Eagleton, verlobte sich mit ihr. Schon war der Hochzeitstag festgesetzt, da wurde die Welt durch die Nachricht erschreckt, daß 99 die große Firma Fletwode und Sohn ihre Zahlungen eingestellt habe. Heißt es nicht so?« »Ich glaube, ja.« »Viele Leute wurden durch diesen Bankrott ruinirt. Der Fall erregte allgemeine Entrüstung. Natürlich fiel der gesammte Fletwode'sche Grundbesitz in die Hände der Gläubiger. Der alte Fletwode wurde gerichtlich von jeder weiteren Schuld als der eines zu großen Vertrauens in seinen Sohn freigesprochen. Alfred dagegen wurde des Betrugs und der Fälschung überführt. Die Einzelnheiten weiß ich natürlich nicht; sie sind sehr verwickelt. Er wurde zu langer Strafarbeit verurtheilt, starb aber an dem Tage seiner Verurtheilung, anscheinend an Gift, das er schon lange im geheimen bei sich getragen hatte. Jetzt können Sie begreifen, warum mein Vater, der immer äußerst reizbar im Punkt der Ehre ist, das Portrait Arabella Fletwode's, seiner eigenen Ahnin, aber auch der Ahnin eines verurtheilten Verbrechers, in einen dunklen Winkel verbannt hat; Sie können begreifen, warum ihm die ganze Sache so peinlich ist. Der Bruder seiner Frau hatte die Schwester des Verbrechers heirathen sollen, und obgleich die Partie natürlich infolge des schrecklichen Schimpfes, von welchem die Fletwodes betroffen wurden, stillschweigend zurückging, so überwand mein 100 armer Onkel doch glaube ich nie die Vernichtung seiner schönsten Hoffnungen. Er ging auf Reisen und starb in Madeira an der Auszehrung.« »Und starb die Schwester des Verbrechers auch?« »Nicht daß ich wüßte. Frau Campion sagt, sie habe in einer Zeitung die Anzeige von dem Tode des alten Herrn Fletwode und eine Notiz des Inhaltes gelesen, daß Fräulein Fletwode sich nach diesem Ereigniß in Liverpool nach New-York eingeschifft habe.« »Alfred Fletwode's Frau kehrte natürlich zu ihrer Familie zurück?« »Ach nein! Die Arme war erst wenige Monate verheirathet, als die Bank sich insolvent erklärte, und ihr elender Mann scheint mit Hülfe seiner Freunde die Namen der Verwalter des für sie bei der Heirath festgesetzten Vermögens gefälscht und die Summen, welche ihr sonst zum Lebensunterhalte gedient haben würden, verbraucht zu haben. Auch ihr Vater litt sehr durch den Bankrott, denn er hatte auf den Rath seines Schwiegersohns einen beträchtlichen Theil seines bescheidenen Vermögens Alfred zur Belegung anvertraut und dieser ganze Betrag ging bei dem allgemeinen Schiffbruch mit zu Grunde. Ich fürchte, er war ein sehr hartherziger Mann. Gewiß ist, daß seine arme Tochter nie wieder zu ihm zurückkehrte. Sie starb, 101 glaube ich, noch vor Bertram Fletwode. Die ganze Geschichte ist sehr traurig.« »Gewiß traurig, aber reich an heilsamen Warnungen für solche, die in einem Zeitalter des Fortschritts leben. Da sehen Sie eine vermögende Familie, die in angenehmen, geselligen Verhältnissen lebt, beliebt und geehrt ist und bei ihren Nachbarn in höherem Ansehen steht, als die reichsten Adligen – keine Familie gibt es, die nicht stolz wäre, mit ihr in ein verwandtschaftliches Verhältniß zu treten. Plötzlich erscheint in der Geschichte dieser glücklichen Familie jener Liebling des Zeitalters, jener Held des Fortschritts – ein geschickter Geschäftsmann. Er sollte sich damit begnügen, zu leben wie seine Väter! Er sollte sich mit solchen Kleinigkeiten wie genügendes Auskommen, Achtung und Liebe begnügen! Dazu ist er viel zu geschickt Wir leben in dem Zeitalter des Geldmachens! O über das Zeitalter! Er folgt dem Geiste des Zeitalters. Nur als Gentleman geboren, erhebt er sich zum Range eines Geschäftsmannes. Aber wenigstens war er, wie es scheint, wenn auch habsüchtig, doch nicht unehrenhaft. Er war als Gentleman, aber sein Sohn war als Geschäftsmann geboren. Der Sohn ist ein noch geschickterer Geschäftsmann, er wird zu Rathe gezogen und mit dem Vertrauen der Leute beehrt. Er folgt 102 natürlich auch dem Geiste des Zeitalters; zur Habsucht gesellt sich bei ihm der Ehrgeiz. Der Sohn des Geschäftsmannes wünscht sich wieder den Rang – welchen Rang? Etwa den eines Gentleman? Gentleman! Unsinn! Jedermann ist heutzutage ein Gentleman. Nein, er will wieder Lord werden. Und wie endigt Alles? Hätte ich nur zwölf Stunden in dem innersten Herzen dieses Alfred Fletwode sitzen und sehen können, wie der unredliche Sohn von seiner Kindheit an Schritt für Schritt von seinem redlichen Vater aus habsüchtigen Motiven dazu angeleitet wurde, die alten Fußtapfen der Fletwodes von Fletwode zu verlassen und das Genug geringzuschätzen, um dem Mehr nachzujagen, und das Mehr zu gewinnen, um zu seufzen, daß es noch immer nicht genug sei. Ich könnte, glaube ich, zeigen, daß das Zeitalter in einem Glashause lebt und um seiner selbst willen besser thäte, nicht mit Steinen nach dem Verbrecher zu werfen!« »Aber, Herr Chillingly, dieser Fall bildet doch gewiß eine sehr seltene Ausnahme in dem allgemeinen –« »Selten!« unterbrach sie Kenelm, der sich zu einer Wärme der Leidenschaft aufgeregt hatte, die seinen vertrautesten Freund erschreckt haben würde, wenn er je einen vertrauten Freund gehabt hätte. »Selten! O nein! 103 Höchst gewöhnlich, wenn auch nicht bis zu dem Grade der Fälschung und des Betrugs, doch bis zu dem der Erniedrigung und des Ruins ist die Gier nach ein wenig mehr bei denen, die genug haben, ist die Unzufriedenheit mit genügendem Auskommen, mit Achtung und Liebe, sobald die, welche sich dieser unschätzbaren Güter erfreuen, eines Haufens Goldes ansichtig werden. Wie manche Grafschaftsfamilie von guter Herkunft, die von dem Fluch eines Erben zu leiden hatte, der ein gescheidter Geschäftsmann hieß, ist von ihrem heimischen Boden verschwunden! Eine Gesellschaft bildet sich, der geschickte Mann tritt derselben bei – eines schönen Tages –krach! fliegen das alte Gut, der alte Name auf. Steigen Sie höher hinauf! Nehmen Sie Adlige, deren alte Titel englischen Ohren wie Trompetenklang ertönen und die Trägsten zur Verachtung der Geldsäcke und zur Leidenschaft des Ruhms erwecken müßten. Siehe! In jenem spottenden Todtentanz, welcher der Fortschritt der Zeit heißt, jagt einer, der sich an dem Einkommen eines Königs nicht genügen lassen wollte, auf der Rennbahn nach dem Rath von Gaunern nach ein wenig mehr! Und siehe! Ein Anderer, der über größere Ländereien gebietet, als seine Vorfahren je besessen, muß doch an der Erlangung von etwas mehr arbeiten, muß Acker zu Acker fügen und Schuld 104 auf Schuld häufen! Und siehe hier! Ein Dritter, dessen Name, als er von seinen Vorfahren getragen wurde, einst der Schrecken der Feinde Englands war, ist jetzt der Wirth eines Hotels! Ein Vierter – aber warum sollen wir die Liste noch weiter durchgehen? Da folgt noch einer und noch einer, jeder auf dem Wege des Zeitalters! O Fräulein Travers, in alten Zeiten ging man durch den Tempel der Ehre zu dem Tempel des Vermögens ein, in unserm weisen Zeitalter ist die Sache umgekehrt. Aber da kommt Ihr Vater!« »Ich bitte tausendmal um Verzeihung«, sagte Leopold Travers. »Der Esel Mondell hat mich mit seinen altmodischen Torybedenken, ob liberale Politiker für die Aussichten des Ackerbaus förderlich seien, so lange aufgehalten. Aber da er einem whiggistischen Advocaten eine hübsche Summe schuldig ist, mußte ich mit seiner Frau, einer verständigen Person, sprechen und sie überzeugen, daß sein landwirthschaftliches Interesse am besten durch die Whigs gefördert werde, und nachdem ich sein Baby geküßt und ihm die Hand geschüttelt hatte, konnte ich seine Stimme, eine Doppelstimme für George Belvoir eintragen.« »Ich glaube«, dachte Kenelm bei sich, mit der Aufrichtigkeit, die er immer in seinen Selbstgesprächen 105 beobachtete, »daß Travers den Weg eingeschlagen hat, der nicht zur Ehre, aber in allen alten und neuen Ländern, welche das System der Volksabstimmung adoptirten, zu dem Tempel der Ehren führt.« 106 Siebzehntes Kapitel. Am nächsten Tage saßen Frau Campion und Cecilia unter der Veranda. Beide waren äußerlich mit zwei verschiedenen Stickereien, von denen die eine ein Ofenschirm, die andere ein Rückenkissen zu werden bestimmt war, beschäftigt. Aber keine von beiden war mit ihren Gedanken bei der Arbeit. Frau Campion eröffnete das Gespräch mit der Frage: »Hat Herr Chillingly schon gesagt, wann er uns zu verlassen gedenkt?« »Nicht zu mir«, antwortete Cecilia. »Wie sich Papa an seiner Unterhaltung erfreut!« »In der Jugendzeit Deines Vaters«, bemerkte Frau Campion, »waren Cynismus und Spottsucht bei jungen Leuten nicht so in der Mode, wie sie es 107 jetzt zu sein scheinen, und Deinem Vater sind sie etwas Neues. Für mich sind sie nichts Neues, weil ich in London mehr mit älteren als mit jungen Leuten lebte; und Cynismus und Spottsucht sind Leuten, die im Begriff stehen, die Welt zu verlassen, natürlicher als solchen, die erst in die Welt eintreten.« »Liebe Frau Campion«, rief Cecilia, »wie bitter und wie ungerecht sind Sie! Sie nehmen die scherzhafte Art, wie Herr Chillingly sich ausdrückt, viel zu sehr à la lettre . Man kann doch nicht von Cynismus bei jemand reden, der sich keine Mühe verdrießen läßt, Andere glücklich zu machen.« »Du meinst«, entgegnete Frau Campion, »weil er die Grille hat, eine unpassende Ehe zwischen einer hübschen Dorfkokette und einem kränklichen Krüppel zu stiften, und weil er ein Bauernpaar in einem Geschäft etablirt, das völlig ungeeignet für dasselbe ist.« »Jessie Wiles ist keine Kokette und ich bin überzeugt, daß sie eine sehr gute Frau für Will Somers sein und in dem Laden sehr gut fortkommen wird.« »Wir werden ja sehen. Aber wenn Herr Chillingly wirklich so anders spricht, als er handelt, so ist er vielleicht ein guter, ganz gewiß aber ein manierirter Mensch.« 108 »Habe ich Sie nicht sagen hören«, fragte Cecilia, »daß es Menschen gibt, die so natürlich sind, daß sie anderen, die sie nicht verstehen, manierirt erscheinen?« Frau Campion blickte zu Cecilia auf, senkte die Augen dann wieder auf ihre Arbeit und sagte in einem ernsten, tiefen Ton: »Nimm Dich in Acht!« »In Acht nehmen? Wovor?« »Mein theuerstes Kind, verzeihe mir, aber die Wärme, mit der Du Herrn Chillingly vertheidigst, gefällt mir nicht.« »Glauben Sie nicht, daß mein Vater ihn noch wärmer vertheidigt haben würde, wenn er Sie gehört hätte?« »Männer beurtheilen Männer nach ihren Beziehungen zu Männern. Ich bin eine Frau und beurtheile Männer nach ihren Beziehungen zu Frauen. Ich würde für das Glück jedes Mädchens zittern, das ihr Schicksal an das Kenelm Chillingly's fesseln wollte.« »Liebe Freundin, ich verstehe Sie heute nicht.« »Liebes Kind, so ernst war es nicht gemeint. Am Ende kann es uns ja ganz gleichgültig sein, wen Herr Chillingly heirathet oder nicht heirathet. Er ist nur ein flüchtiger Gast, und wenn er einmal fort 109 ist, werden wir ihn wahrscheinlich in Jahren nicht wiedersehen.« Bei diesen Worten erhob Frau Campion ihre Augen wieder von ihrer Arbeit und warf Cecilia von der Seite einen verstohlenen Blick zu und ihr mütterliches Herz wurde schwer, als sie bemerkte, wie bleich das Mädchen plötzlich geworden war und wie ihre Lippen zitterten. Frau Campion kannte das Leben zu gut, um nicht selbst zu fühlen, daß sie einen schlimmen Fehler begangen habe. Wenn ein Mädchen in seiner frühesten Periode jungfräulicher Neigung, wo sie sich nur erst eines gewissen unbestimmten Interesses für einen Mann bewußt ist, der sich in ihren Gedanken von anderen unterscheidet, diesen Mann ungerechter Weise herabsetzen hört, wenn sie indirect vor ihm gewarnt, wenn ihr die Wahrscheinlichkeit, daß er nie mehr für sie sein werde, als eine flüchtige Bekanntschaft, gewaltsam aufgedrängt wird, da nimmt das rege Interesse, das sonst vielleicht mit vielen anderen mädchenhaften Einfällen wieder verflogen wäre, plötzlich einen ernsteren Charakter an und vertieft sich; das rasche Klopfen ihres Herzens, das sie dabei empfindet, läßt sie unwillkürlich und zum ersten Mal sich selbst fragen: Liebe ich? 110 Aber wenn ein Mädchen von so zarter Natur wie Cecilia Travers sich die Frage stellen kann: Liebe ich? so macht ihre Bescheidenheit, ihr Zurückschrecken vor der Möglichkeit, daß ein Mann im Guten oder im Bösen anders Gewalt über ihre Gedanken gewinnen könne als durch die Heiligung dieser Liebe, die nur dadurch in ihren Augen eine gottgeweihte wird, daß sie ernst und rein und selbstverleugnend ist, sie vorzeitig geneigt, ihre eigene Frage mit ja zu beantworten. Und wenn ein Mädchen von solcher Natur in ihrem Herzen eine solche Frage mit ja beantwortet, so fängt sie, selbst wenn sie sich im Augenblick täuschen sollte, an, diese Täuschung zärtlich zu hegen, bis ihr Glaube an ihre Liebe fest wird. Sie hat eine – gleichviel, ob falsche oder wahre – religiöse Ueberzeugung gewonnen und sie würde sich selbst verachten, wenn sie leicht wieder zu einem anderen Glauben zu bekehren wäre. Frau Campion hatte es dahin gebracht, daß Cecilia sich diese Frage vorlegen mußte, und sie fürchtete jetzt, als sie den veränderten Ausdruck des Mädchens bemerkte, daß ihr Herz mit ja geantwortet habe. 111 Achtzehntes Kapitel. Während die eben berichtete Unterhaltung stattfand, hatte Kenelm sich aufgemacht, Will Somers einen Besuch abzustatten. Alle Hindernisse, die der Heirath Will's bisher im Wege gestanden hatten, waren jetzt beseitigt: die Uebertragung des Miethcontracts für den Laden war unterzeichnet und das erste Aufgebot sollte am nächsten Sonntage stattfinden. Wir brauchen wohl nicht zu sagen, daß Will sehr glücklich war. Darauf machte Kenelm Frau Bowles einen Besuch und blieb eine Stunde bei ihr. Als er wieder in den Park trat, sah er Travers mit gesenkten Blicken, die Hände auf dem Rücken, wie er zu thun pflegte, wenn er nachdenklich war, langsam daherschreiten. Travers bemerkte Kenelm erst, als derselbe sich ihm bis auf wenige Schritte genähert 112 hatte, und begrüßte dann seinen Gast nicht in seiner gewöhnlichen heiteren Weise, sondern in einem verdrossenen Ton. »Ich komme von dem Mann, den Sie so glücklich gemacht haben«, sagte Kenelm. »Und der wäre?« »Will Somers. Machen Sie so viele Menschen glücklich, daß Sie sich der einzelnen nicht erinnern können?« Travers lächelte schwach und schüttelte den Kopf. Kenelm fuhr fort: »Ich bin auch bei Frau Bowles gewesen, und es wird Sie freuen zu hören, daß Tom mit seiner Uebersiedelung zufrieden ist; Sie brauchen nicht zu fürchten, daß er nach Graveleigh zurückkehrt. Frau Bowles nahm ferner meinen Vorschlag, Ihnen das kleine Grundstück, das Sie zu erwerben wünschen, zu verkaufen, sehr freundlich auf und würde in diesem Falle auch nach Luscombe ziehen, um ihrem Sohne näher zu sein.« »Ich bin Ihnen sehr dankbar dafür, daß Sie an mich gedacht haben«, sagte Travers, »und ich werde die Angelegenheit gleich in die Hand nehmen, obgleich mir an dem Kaufe jetzt nichts mehr gelegen ist. Ich hätte Ihnen das schon vor drei Tagen erzählen sollen; aber 113 ich habe nicht daran gedacht, daß ein benachbarter Gutsbesitzer, ein junger Bursche, der eben mündig geworden ist, mir angeboten hat, einen vorzüglichen Pachthof, der meinem Gute viel näher liegt, gegen die mir in Graveleigh gehörigen Ländereien, Saunderson's Pachthof und die Bauerhäuschen mit eingerechnet, auszutauschen. Diese Ländereien liegen an der äußersten Grenze meines Gutes, aber innerhalb des seinigen und der Tausch wird für uns beide vortheilhaft sein. Indeß freut es mich doch, daß die Gegend hier von einer wilden Bestie, wie dieser Tom Bowles ist, befreit werden soll.« »Sie würden ihn nicht eine wilde Bestie nennen, wenn Sie ihn kennten; aber es thut mir leid zu hören, daß Will Somers einen neuen Gutsherrn bekommt.« »Das kann ihm einerlei sein, da sein Miethcontract noch vierzehn Jahre läuft.« »Was für eine Art Mann ist denn dieser neue Gutsherr?« »Ich weiß nicht viel von ihm. Er war in der Armee, bis sein Vater starb, und wohnt erst ganz kurze Zeit hier in der Grafschaft. Er steht aber bereits in dem Ruf, ein zu großer Verehrer des 114 anderen Geschlechts zu sein, und es ist daher gut, daß die hübsche Jessie sicher unter die Haube kommt.« Dann verfiel Travers in ein verdrossenes Schweigen, aus welchem ihn herauszureißen Kenelm schwer wurde. Endlich sagte er freundlich: »Mein lieber Herr Travers, halten Sie mich nicht für zudringlich, wenn ich die Vermuthung auszusprechen wage, daß diesen Morgen etwas vorgefallen ist, was Sie bekümmert oder Ihnen Verdruß macht. Wenn dem so ist, so gewährt es Ihnen, wie es oft bei solchen Gelegenheiten der Fall ist, vielleicht eine Erleichterung, jemand, der so wenig wie ich zu rathen oder zu trösten im Stande ist, zum Vertrauten des Vorgefallenen zu machen.« »Sie sind ein guter Mensch, Chillingly, und ich wüßte wenigstens in dieser Gegend niemand, gegen den ich mich lieber rückhaltslos aussprechen möchte. Ich gestehe, ich bin verstimmt, durch die Nichterfüllung eines Lieblingswunsches unverständigerweise bitter enttäuscht, und«, fügte er mit einem leichten Lachen hinzu, »es verdrießt mich immer, wenn mir etwas nicht nach Wunsch gelingt.« »Das geht mir ebenso.« »Halten Sie nicht George Belvoir für einen sehr hübschen jungen Mann?« 115 »Gewiß.« »Ich nenne ihn schön; überdies ist er solider und weiß mit seinem Gelde besser umzugehen als die meisten Männer seines Alters, und dabei fehlt es ihm auch nicht an Geist oder Weltkenntniß. Mit allen den Vortheilen, die Rang und Vermögen gewähren, verbindet er den Fleiß und den Ehrgeiz, welche zu einer ausgezeichneten Stellung im öffentlichen Leben führen.« »Vollkommen wahr. Will er sich denn nun doch schließlich von der Wahl zurückziehen?« »Gott bewahre, das nicht!« »Inwiefern tritt er dann Ihren Wünschen in den Weg?« »Nicht er thut das«, sagte Travers verdrießlich, »Cecilia ist es. Können Sie nicht begreifen, daß George grade der Mann ist, den ich mir zum Gatten für sie wünsche? Diesen Morgen kam nun ein sehr gut geschriebener männlicher Brief von ihm, in welchem er mich um Erlaubniß bittet, sich um die Hand meiner Tochter zu bewerben.« »Das entspricht ja aber ganz Ihren Wünschen!« »Allerdings; aber nun kommt der Querstrich. Natürlich mußte ich mich an Cecilia wenden, und sie 116 lehnt positiv ab, ohne Gründe angeben zu können; sie leugnet nicht, daß George ein hübscher, verständiger, daß er ein Mann ist, auf dessen Neigung jedes Mädchen stolz sein würde; aber es beliebt ihr zu sagen, daß sie ihn nicht lieben könne, und hat, wenn ich sie frage, warum sie ihn nicht lieben könne, keine andere Antwort. als daß sie das nicht sagen könne. Das ist doch zu ärgerlich.« »In der That verdrießlich«, sagte Kenelm, »aber Liebe ist die eigensinnigste aller Leidenschaften; sie ist niemals für Gründe zugänglich. Sie hat keinen Begriff von den ersten Elementen der Logik. Liebe kennt kein Warum, sagt einer jener römischen Dichter, welche sogenannte Liebeselegien geschrieben haben, ein Name, den wir Neueren nur auf Trauergesänge anwenden. Ich für meinen Theil kann nicht begreifen, wie man von irgend jemand erwarten kann, er werde sich freiwillig dazu entschließen, seiner Vernunft zu entsagen. Und wenn Ihr Fräulein Tochter ihrer Vernunft nicht entsagen kann, weil George Belvoir es thut, so würden Sie sie durch keine Argumente bewegen können, das zu thun, und wenn Sie bis zum jüngsten Tage sprächen.« Travers mußte unwillkürlich lächeln, antwortete aber ernsthaft: »Gewiß möchte ich nicht, daß Cissy einen Mann 117 heirathete, der ihr zuwider wäre; aber George ist ihr nicht zuwider, kann keinem Mädchen zuwider sein; und wo das der Fall ist, wird ein so verständiges, so zärtliches und so wohlerzogenes Mädchen einen durchaus guten und achtungswerthen Mann sicherlich nach der Heirath lieben, besonders wenn sie nicht schon vorher eine Neigung gehabt hat, wovon natürlich bei Cissy keine Rede sein kann. Ich bin auch, obgleich ich meine Tochter zu nichts zwingen möchte, noch keineswegs geneigt, die Sache aufzugeben. Verstehen Sie?« »Vollkommen.« »Ich würde eine in jeder Beziehung so wünschenswerthe Heirath um so lieber sehen, als sich, wenn Cissy, was bisher noch nicht der Fall gewesen ist, in London zuerst in die Welt eintritt, sicherlich um ihr Gesicht und ihre muthmaßliche Erbschaft alle schönen Partienjäger und adligen Taugenichtse schaaren werden: und wenn es in der Liebe kein Warum gibt, welche Gewißheit habe ich dann, daß sie sich nicht in einen Taugenichts verliebt?« »Darüber können Sie sich, glaube ich, beruhigen«, sagte Kenelm, »dazu hat Ihr Fräulein Tochter zu viel Geist.« »Ja, augenblicklich; aber sagten Sie nicht, daß in der Liebe die Menschen ihrer Vernunft entsagen?« 118 »Das ist wahr. Das hatte ich vergessen.« »Ich bin daher nicht geneigt, die Proposition des armen George entschieden abzulehnen, und doch würde es unrecht sein, ihn zu ermuthigen und dadurch irre zu leiten.« »Sie glauben, George Belvoir sei Ihrer Tochter nicht zuwider und sie würde ihn, wenn sie ihn näher kennen lernte, lieber gewinnen und es wäre ebenso wohl für sie wie für ihn gut, diese Möglichkeit nicht abzuschneiden?« »Vollkommen richtig.« »Warum schreiben Sie ihm dann nicht: ›Mein lieber George, Ihr Antrag begegnet meinen besten Wünschen; aber meine Tochter scheint nicht geneigt, sich jetzt schon zu verheirathen. Lassen Sie mich annehmen, Ihr Brief wäre nicht geschrieben, und lassen Sie uns auf demselben freundschaftlichen Fuß wie vorher bleiben.‹ Vielleicht würden Sie, da George Virgil kennt, Ihre eigenen Erinnerungen aus der Schulzeit hier nützlich verwenden und hinzufügen können: › Varium et mutabile semper femina. ‹ Eine sehr verbrauchte, aber wahre Redensart.« »Mein lieber Chillingly, Ihr Vorschlag ist vortrefflich. Wie zum Henker haben Sie es fertig gebracht, in Ihrem Alter schon die Welt so gut zu kennen?« 119 Kenelm antwortete in dem seiner Stimme so natürlichen pathetischen Ton: »Dadurch, daß ich leider bisher in der Welt nur einen Zuschauer abgegeben habe!« Travers fühlte sich sehr erleichtert, nachdem er seine Antwort an George geschrieben hatte. Er war nicht ganz so aufrichtig in seiner Mittheilung gegen Chillingly gewesen, wie es dem Leser geschienen haben mag. Wie alle stolzen und zärtlichen Väter kannte er die Reize seiner Tochter sehr wohl und war nicht ganz ohne Besorgniß, daß Kenelm selbst Absichten hegen möchte, die denen George's in den Weg treten würden; wenn dem so wäre, so hielt er es für richtig, solchen Absichten bei Zeiten ein Ende zu machen, theils weil seine Fürsprache bereits für George verpfändet, theils weil George an Rang und Vermögen die bessere Partie war, theils weil George derselben politischen Partei angehörte wie er selbst, während Sir Peter und daher wahrscheinlich auch Sir Peter's Erbe auf der entgegengesetzten Seite stand, theils endlich weil Travers als ein sehr verständiger und praktischer Weltmann bei all seiner persönlichen Neigung für Kenelm nicht sicher darauf rechnen zu dürfen glaubte, daß der Sohn eines Baronets, der in der Kleidung eines kleinen Pachters zu Fuß das Land durchwanderte und seinen 120 Faustkampfneigungen in martialischen Zusammenstößen mit handfesten Schmieden fröhnte, ein guter Ehemann und ein angenehmer Schwiegersohn sein werde. Kenelm's Worte und noch mehr sein Benehmen bei der George betreffenden Mittheilung überzeugten Travers, daß alle Besorgnisse vor einer Nebenbuhlerschaft Kenelm's, die er bis dahin gehegt hatte, völlig grundlos seien. 121 Neunzehntes Kapitel. An demselben Abend nach Tische – während dieses lieblichen Sommermonats wurde in Neesdale-Park zu einer unfashionabel frühen Stunde zu Mittag gegessen – bestieg Kenelm in Begleitung von Travers und Cecilia eine sanfte, hinter dem Garten liegende Anhöhe, auf welcher sich einige malerische epheubewachsene Ruinen einer alten Abtei befanden und von der aus man die schönste Aussicht auf einen herrlichen Sonnenuntergang und die unten liegende, von einem Bach durchschlängelte Thal- und Waldlandschaft mit fernen Hügeln hatte. »Ist der Naturgenuß wirklich, wie einige Philosophen behaupten, eine erworbene Gabe?« fragte Kenelm. »Ist es wahr, daß kleine Kinder und rohe Wilde keinen Sinn dafür haben, daß das Auge erzogen sein 122 muß, um die Reize der Natur zu verstehen, und daß das Auge nur durch den Geist erzogen werden kann?« »Ich glaube, Ihre Philosophen haben Recht«, sagte Travers. »In meiner Schulzeit fand ich keine Landschaft so schön wie einen flachen Cricketrasen; als ich in Melton zu jagen pflegte, schien mir diese unmalerische Gegend schöner als Devonshire. Erst seit wenigen Jahren finde ich ein bewußtes, von angelernten Vorstellungen unabhängiges Vergnügen an Landschaften um ihrer selbst willen, ohne Rücksicht auf den Nutzen, den sie uns verschaffen.« »Und was sagen Sie, Fräulein Travers?« »Ich weiß kaum, was ich sagen soll«, antwortete Cecilia nachdenklich. »Ich kann mich keiner Zeit erinnern, wo ich nicht mit Entzücken betrachtete, was mir landschaftlich schön schien, aber ich fürchte, ich hatte eine sehr schwache Vorstellung von dem Unterschiede einer Art von Schönheit von einer andern. Eine gewöhnliche Wiese mit Gänseblümchen und Butterblumen erschien mir damals schön und ich zweifle, ob ich Sinn für die größere Schönheit einer weiten Landschaft hätte.« »Es ist wahr«, sagte Kenelm, »in früher Jugend richten wir den Blick nicht auf das entfernter Liegende. Wie der Geist, so das Auge. In früher Kindheit tummelt sich der Geist vergnüglich in der Gegenwart und 123 das Auge erfreut sich der nächstliegenden Dinge am meisten. Ich glaube nicht, daß wir in der Kindheit Den Sonnenuntergang mit Sehnen uns beschaun.« »O welch eine Welt von Gedanken liegt in dem Worte Sehnen!« murmelte Cecilia vor sich hin, während ihr Blick sich auf den westlichen Himmel heftete, nach welchem Kenelm, als er sprach, hingedeutet hatte und wo die halbe Scheibe der im Untergehen größer erscheinenden Sonne am Rande des Horizonts zu ruhen schien. Sie hatte sich auf ein Stück der Ruine vor einen zertrümmerten Bogen gesetzt. Die letzten Strahlen der Sonne spielten noch einen Augenblick auf ihrem jugendlichen Gesicht und verloren sich dann in dem Dunkel der hinter ihr liegenden Bogenöffnung. Während die Sonne versank, herrschte ein minutenlanges Schweigen. Rosige Wolken umfluteten in dünnen Flocken noch einen Augenblick verbleichend den Horizont und der Abendstern drängte sich hervor, hell und einsam, nein, nicht einsam, diese Himmelswache hatte eine ganze Schaar geweckt. Plötzlich ließ sich eine Stimme vernehmen. »Noch keine Spur von Regen, Herr! Was soll aus den Rüben werden?« »Da haben wir wieder das reale Leben. Wer 124 kann ihm entgehen?« murmelte Kenelm, als sein Blick der wohlbeleibten Gestalt des Verwalters begegnete. »Heda, North!« rief Travers. »Was bringt Sie her? Hoffentlich keine schlimme Nachricht?« »Ja doch, Herr. Der Durhamer Stier –« »Der Durhamer Stier! Was ist mit dem? Sie erschrecken mich.« »Er hat einen schlimmen Anfall von Kolik!« »Entschuldigen Sie mich, Chillingly«, rief Travers, »ich muß fort. Ein höchst werthvolles Thier, dessen ärztliche Behandlung ich Niemand anders anvertrauen darf als mir selbst.« »Das ist gewiß wahr!« sagte der Verwalter im Ton bewundernder Anerkennung. »Es gibt keinen Thierarzt in der Grafschaft, der es mit dem Squire aufnehmen könnte.« Travers war schon fort und der Verwalter hatte Mühe, ihm keuchend nachzukommen. Kenelm setzte sich neben Cecilia auf das Fragment der Ruine. »Wie ich Ihren Vater beneide«, sagte er. »Warum muß Papa grade jetzt fort? Weil er den Stier zu kuriren versteht?« fragte Cecilia mit einem anmuthigen leisen Lachen. »Nun, das ist es eben, was ich beneide. Es ist 125 ein Vergnügen, ein Geschöpf Gottes, und wäre es auch nur ein Durhamer Stier, von Schmerzen befreien zu können.« »Das ist wahr. Und ich habe Ihren Verweis verdient.« »Im Gegentheil, Sie haben Lob verdient. Ihre Frage gab mir statt des egoistischen Gefühls, das mich beherrschte, ein liebenswürdiges Gefühl an die Hand. Ich beneidete Ihren Vater, weil er sich selbst so viele Gegenstände des Interesses schafft und, während er den rein sinnlichen Genuß einer Landschaft und eines Sonnenuntergangs zu schätzen weiß, zugleich eine geistige Erregung in der Beschäftigung mit Rübenernten und Stieren findet. Glücklich, mein Fräulein, ist der praktische Mann!« »Ich bin überzeugt, daß mein lieber Vater, als er so jung wie Sie war, Herr Chillingly, nicht mehr Interesse an Rüben und Stieren nahm, als Sie es thun. Ich zweifle nicht, daß Sie eines Tages in dieser Beziehung ebenso praktisch sein werden wie er.« »Glauben Sie das aufrichtig?« Cecilia antwortete nicht. Kenelm wiederholte seine Frage. »Gewiß, aufrichtig. Ich weiß nicht, ob Sie genau an denselben Dingen, die meinen Vater interessiren, 126 Interesse nehmen werden. Aber es gibt außer Rüben und Vieh noch andere Dinge, welche zu dem, was Sie das praktische Leben nennen, gehören, und an diesen werden Sie Interesse nehmen, wie Sie es an dem Geschick von Will Somers und Jessie Wiles genommen haben.« »Das war kein praktisches Interesse. Es hat mir nichts eingebracht. Aber selbst wenn es ein praktisches Interesse gewesen, ich meine, wenn es productiv gewesen wäre, wie Vieh und Rüben, so ist doch nicht auf eine Aufeinanderfolge von Menschen wie Will Somers und Jessie Wiles zu rechnen. Die Geschichte wiederholt sich nie.« »Darf ich Ihnen in aller Demuth antworten?« »Fräulein Travers, der weiseste Mann, der je gelebt hat, war doch nicht weise genug, um die Frauen zu kennen; aber ich glaube, die meisten Männer von durchschnittlicher Weisheit werden darin übereinstimmen, daß Frauen keineswegs demüthige Geschöpfe sind und daß sie, wenn sie sagen, sie wollen in aller Demuth antworten, nicht meinen, was sie sagen. Erlauben Sie mir, Sie zu bitten, mir sehr hochmüthig zu antworten.« Cecilia lachte und erröthete. Ihr Lachen klang wie Musik. Ihr Erröthen war – was war es? Ich 127 möchte den Mann sehen, der, wenn er bei sternenhellem Dämmerlicht neben einem Mädchen wie Cecilia sitzt, für ein solches Erröthen die rechte Bezeichnung fände. Ich verzichte darauf, das richtige Epitheton zu finden. Sie antwortete mit anmuthiger, aber fester Stimme: »Gibt es nicht sehr praktische Dinge, welche das Glück nicht eines einzelnen oder weniger Individuen, sondern vieler Tausender berühren, an welchen ein Mann wie Sie unfehlbar Interesse nehmen muß, auch wenn er noch lange nicht das Alter meines Vaters erreicht hat?« »Verzeihen Sie mir. Sie antworten nicht, Sie fragen. Ich folge Ihrem Beispiel und frage: Was sind denn das für Dinge, für die ein Mann wie ich sich interessiren muß?« Cecilia nahm sich zusammen, wie von dem Wunsche getrieben, in wenigen Worten viel zu sagen, und erwiderte dann: »Die Literatur als Ausdruck des Gedankens, die Politik als Eingreifen in das handelnde Leben.« Kenelm Chillingly starrte Cecilia wie sprachlos an. Der größte Enthusiast für Frauenrechte hätte, glaube ich, nicht höher von der Begabung der Frauen denken können, als Kenelm es that. Der Lakonismus aber gehörte zu den Dingen, von denen er immer geglaubt hatte, daß sie den Frauen unerreichbar seien. 128 Keine Frau, pflegte er zu sagen, hat jemals ein Axiom oder ein Sprichwort erfunden. »Fräulein Travers«, sagte er endlich, »bevor wir unsere Unterhaltung fortsetzen, haben Sie die Gewogenheit, mir zu sagen, ob Ihre sehr präcise Antwort ihren Ursprung einer augenblicklichen Eingebung verdankt, oder ob Sie dieselbe etwa einem Buche entlehnt haben, das ich zufällig keine Gelegenheit gehabt habe zu lesen?« Cecilia dachte rechtschaffen nach und sagte dann: »Ich glaube nicht, daß ich es irgendwo gelesen habe; aber ich verdanke so viele meiner Gedanken Frau Campion und sie hat so viel in der Gesellschaft gescheidter Männer gelebt, daß –« »Ich begreife vollkommen. Und ich acceptire Ihre Begriffsbestimmung, gleichviel auf wen ihr Ursprung zurückzuführen ist. Sie glauben, ich könnte ein Schriftsteller oder Politiker werden. Haben Sie je einen die treibende Kraft betitelten Essay gelesen?« »Nein.« »Der Zweck dieses Essays ist, nachzuweisen, daß ohne treibende Kraft ein noch so gebildeter und begabter Mann nichts Praktisches auszurichten vermag. Die Haupttriebfedern der treibenden Kraft aber sind: Mangel und Ehrgeiz. Und diese Triebfedern fehlen in 129 meinem Mechanismus. Infolge meiner zufälligen Geburt brauche ich nicht auf die Erlangung von Brod und Käse bedacht zu sein und infolge meines Temperaments und meiner philosophischen Bildung mache ich mir nichts aus Lob oder Tadel. Glauben Sie nun aber aufrichtig, daß ein Mann ohne das Bedürfniß von Brod und Käse und mit der verstocktesten Gleichgültigkeit gegen Lob oder Tadel irgend etwas Praktisches in der Literatur oder in der Politik leisten könnte? Fragen Sie Frau Campion.« »Ich werde sie nicht fragen. Rechnen Sie das Pflichtgefühl für nichts?« »Ach, unter Pflicht verstehen wir so verschiedene Dinge! An der Erfüllung dessen, was wir gewöhnlich unter Pflicht verstehen, werde ich es, glaube ich, so wenig wie andere Männer fehlen lassen. Was aber die gehörige Entwickelung alles Guten, was in uns liegt, anlangt, glauben Sie, daß wir da verpflichtet wären, einen Weg einzuschlagen, gegen den sich unser innerstes Herz empört? Können Sie zum Schreiber sagen: Sei ein Dichter! und können Sie zum Dichter sagen: Sei ein Schreiber? Es kann ebenso wenig zum Glück eines Menschen führen, ihn zu zwingen, eine Laufbahn zu verfolgen, wenn sein ganzes Herz an der Verfolgung einer andern hängt, wie es zu 130 seinem Glücke führen kann, ihn zu zwingen, ein Mädchen zu heirathen, wenn sein Herz sich einem andern Mädchen zugewandt hat.« Diese Worte berührten Cecilia peinlich und sie blickte weg. Kenelm hatte mehr Takt, das heißt ein feineres Gefühl dafür, wenn ein Gegenstand besser unberührt blieb, als die meisten Männer in seinem Alter; daneben aber hatte er die unglückliche Gewohnheit, die Person, mit der er sich grade unterhielt, zu vergessen und mit sich selbst zu reden. Er hatte George Belvoir in diesem Augenblick völlig vergessen und sprach mit sich selbst. Ohne die Wirkung zu bemerken, die sein zur Unzeit aufgestelltes Dogma auf Cecilia hervorgebracht hatte, fuhr er fort: »Glück ist ein Wort, das von uns allen leicht ausgesprochen wird. Es kann wenig und es kann viel bedeuten. Ich würde unter dem Worte Glück nicht die augenblickliche Freude eines Kindes, dem man ein Spielzeug schenkt, sondern die dauernde Harmonie zwischen unsern Neigungen und unsern Zwecken verstehen. Und ohne diese Harmonie sind wir im Zwiespalt mit uns selbst, sind wir incomplete, verfehlte Existenzen. Und doch gibt es eine Menge Leute, die uns sagen: Es ist Pflicht, mit sich selbst im Zwiespalt zu leben. Ich aber leugne das.« Bei diesen Worten stand Cecilia auf und sagte 131 mit leiser Stimme. »Es wird spät, wir müssen nach Hause gehen.« Sie stiegen die grüne Anhöhe anfänglich schweigend und langsam hinab. Die Fledermäuse, die aus den epheunmrankten Ruinen aufflogen, schwirrten um sie her und jagten die Insekten. Ein Nachtfalter, der seinem Verfolger entkommen war, flog Cecilia, wie um sich zu flüchten, auf die Brust. »Die Fledermäuse sind praktisch«, sagte Kenelm. »Sie sind hungrig und ihre treibende Kraft ist heute Abend sehr stark. Ihr Interesse ist ganz auf die Insekten, die sie jagen, concentrirt. Sie haben kein Interesse an den Sternen, aber die Sterne locken den Nachtfalter.« Cecilia zog ihren leichten Shawl über dem Nachtfalter zusammen, damit er nicht wegfliegen und eine Beute der Fledermäuse werden könne. »Und doch« sagte sie, »ist auch der Nachtfalter praktisch.« »Ja, eben jetzt, da er ein Asyl vor der Gefahr gefunden hat, die ihn in seinem Fluge zu den Sternen bedrohte.« Cecilia fühlte ihr Herz, auf welchem der Schmetterling verborgen lag, klopfen. Glaubte sie, es liege in diesen Worten eine tiefere und zärtlichere Bedeutung, als sie äußerlich ausdrückten? Wenn sie das that, so 132 irrte sie. Sie näherten sich jetzt der Gartenpforte und Kenelm hielt inne, während er dieselbe öffnete. »Sehen Sie«, sagte er, »der Mond ist eben über jenen dunkeln Tannen aufgegangen und macht die stille Nacht noch stiller. Ist es nicht sonderbar, daß uns Sterblichen, die wir in beständiger Aufregung, in Tumult und Kampf wie in unserem natürlichen Elemente leben, daß uns bei den dem wirklichen Leben ganz entgegengesetzten Bildern, ich meine bei Bildern der Ruhe, ein Gefühl der Heiligkeit überkommt? Ich habe in diesem Augenblick, wo Himmel und Erde plötzlich noch ruhiger geworden sind, die Empfindung, als ob ich plötzlich besser geworden wäre. Ich bin mir jetzt einer reineren und ansprechenderen moralischen Anschauung bewußt, als sowohl ich wie Sie dem von Ihnen geschützten Nachtfalter abzugewinnen wußten. Ich muß mich der Worte eines Dichters bedienen, um meinem Gedanken Ausdruck zu geben: Das Verlangen des Falters zum Stern, Das der Nacht zu dem Morgen, Ist Hingabe an etwas, das fern, Aus der Sphäre der Sorgen. O dieses Etwas, das fern, das nie auf dieser Erde erreicht werden kann, nie, nie!« Es lag ein solches Weh in diesem Aufschrei, der 133 sich Kenelm's Brust entrang, daß Cecilia dem Antriebe eines göttlichen Mitleids nicht widerstehen konnte. Sie legte ihre Hand auf die seinige und blickte zu seinem milden, dunkeln, aufwärts gerichteten Antlitz mit Augen auf, die vom Himmel zu einem reichen Trost für bekümmerte Menschen bestimmt zu sein schienen. Bei der leichten Berührung dieser Hand fuhr Kenelm zusammen, blickte nieder und begegnete ihren besänftigenden Blicken. »Ich habe meinen Durham glücklich gerettet«, rief plötzlich Herr Travers von der andern Seite des Gitters her. 134 Zwanzigstes Kapitel. Als Kenelm sich an jenem Abend auf sein Zimmer zurückzog, stand er auf dem Vorplatz dem Portrait gegenüber still, welches Travers in dieses trostlose Exil verbannt hatte. Diese Tochter eines in seinem Aussterben beschimpften Geschlechtes hätte der Ruhm des Hauses werden können, in das sie als junge Frau eingetreten war. Das Gesicht war von einer eigenthümlichen, im eminenten Sinne patricischen Schönheit; in seinem Ausdruck lag eine Milde und Bescheidenheit, wie man sie in den weiblichen Portraits Sir Peter Lely's nicht oft findet, und in den Augen und dem Lächeln sprach sich ein wunderbar unschuldiges Glück aus. »Welche stumme und doch so eindringliche Predigt«, sagte Kenelm zu dem Bilde gewandt, »gegen den Ehrgeiz, den deine schöne Nachkommin in mir 135 erwecken möchte, bist du, liebliches Bild! Generationen hindurch lebte deine Schönheit auf dieser Leinwand, ein Gegenstand der Freude, der Stolz des Geschlechtes, dem er zur Zierde gereichte. Ein Eigenthümer nach dem andern sagte zu bewundernden Gästen: Ja, ein schönes Portrait von Lely; sie war meine Vorfahrin, eine Fletwode von Fletwode! Jetzt aber bist du, damit Gäste sich nicht erinnern, daß ein Fletwode eine Travers heirathete, ihren Blicken entrückt; selbst Lely's Kunst kann dir keinen Werth verleihen, kann dein unschuldiges Selbst nicht von Schande befreien. Und der letzte der Fletwodes, unstreitig der ehrgeizigste von allen, der am eifrigsten bestrebt war, den alten, hochadligen Namen wiederherzustellen und zu vergolden, stirbt als Verbrecher; die Infamie eines einzigen lebenden Mannes ist so groß, daß sie die Ehre der Todten auslöschen kann.« Er wandte seine Augen von dem Lächeln des Bildes ab, trat in sein Zimmer, setzte sich an den Schreibtisch, nahm Schreibmappe und Briefpapier zur Hand, ergriff die Feder und verfiel, anstatt zu schreiben, in eine tiefe Träumerei. Auf seiner Stirn, die sonst selten gefurcht war, zeigte sich eine leichte Falte. Er war sehr unzufrieden mit sich. »Kenelm«, sagte er, indem er in gewohnter Weise mit seinem Ich eine Zwiesprache hielt, »es steht dir 136 fürwahr gut an, über die Ehre von Geschlechtern zu moralisiren, die nicht mit dir verwandt sind. Du Sohn Sir Peter Chillingly's, sieh dich in deinem eigenen Hause um. Bist du ganz sicher, daß du nicht durch Wort, Handlung oder Blick etwas gethan hast, das an dem Herde, an welchem Du gastliche Aufnahme gefunden hast, Bekümmerniß hervorrufen könnte? Was hattest du für ein Recht, deinen egoistischen Gefühlen stöhnend Ausdruck zu geben, ohne zu bedenken, daß deine Worte von theilnehmenden Ohren vernommen wurden, und daß solche Worte, wenn sie bei Mondschein von einem Mädchen gehört werden, in dessen Herzen sie mitleidige Rührung erwecken, gefährlich für ihren Seelenfrieden werden können? Schande über dich, Kenelm! Schande! Schande! Der du überdies die Wünsche ihres Vaters kanntest und der du wußtest, daß dir die Entschuldigung des Wunsches, dieses schöne Geschöpf für dich zu gewinnen, nicht zur Seite steht. Was hast du darauf zu sagen, Kenelm? Du schweigst. Sprich dich aus. O, ich habe nichts weiter zu sagen, als daß ich ein eitler Geck war, mir einzubilden, sie könnte eine Neigung zu mir fassen. Nun, vielleicht bin ich ein eitler Geck; ich hoffe es allen Ernstes; und auf alle Fälle war keine Zeit und soll auch ferner keine Zeit sein, großes Unheil anzurichten. Morgen geht's 137 fort, Kenelm, rühre Dich und packe Deinen Koffer, schreibe Deine Briefe und dann lösche das Licht aus, lösche das Licht aus!« Aber er machte sich nicht sogleich ans Werk, wie er es zu thun mit seinem andern Ich übereingekommen war. Er stand auf, ging ruhelos im Zimmer hin und her und stand nur dann und wann still, um die Bilder an den Wänden zu betrachten. Mehrere der am schlechtesten gemalten Familienportraits waren in dieses von Kenelm bewohnte Zimmer verwiesen, welches, obgleich das größte und älteste Schlafzimmer im Hause, stets einem Junggesellen unter den Gästen zugetheilt wurde, theils weil es ohne Ankleidezimmer, entlegen und nur über die schmale Hintertreppe nach dem Vorplatz, auf welchen Arabella in Ungnade verbannt war, zu erreichen war, theils weil es in dem Rufe stand, Gespenster zu beherbergen; und Damen sind einem solchen Aberglauben mehr unterworfen, als man von Männern wenigstens annimmt. Die Portraits, bei deren Anblick Kenelm jetzt verweilte, rührten aus verschiedenen Zeiten her, von der Regierung Elisabeth's bis zu der Georg's III.; keins derselben war von einem berühmten Künstler gemalt und keins das Bild eines Vorfahren, der einen Namen in der Geschichte hinterlassen hatte, kurz, es waren Portraits, wie man sie oft 138 in den Häusern von Landedelleuten von guter Familie findet. Die meisten dieser Portraits zeigten einen durchgehenden Familientypus in Zügen oder Ausdruck. Diese Züge waren scharf geschnitten und kühn, der Ausdruck offen und ehrlich. Und obgleich keiner dieser verstorbenen Männer berühmt geworden war, hatte doch jeder von ihnen in seiner einfachen Weise sein bescheidenes Theil zu der Entwickelung seiner Zeit beigetragen. Jener Brave, in Halskrause und Brustharnisch, hatte auf eigene Kosten ein Schiff gegen die Armada bemannt; seine Kosten wurden ihm von dem sparsamen Burleigh nie zurückerstattet, was ihn in Verlegenheit brachte und sein Vermögen erheblich verminderte; und er wurde nicht einmal zum Ritter geschlagen. Jener Ehrenmann mit kurzgeschnittenem, aufrechtstehendem Haar, das ihm früher über die Stirn gehangen hatte, der sich mit der einen Hand auf sein Schwert stützte und in der andern ein offenes Buch hielt, hatte als Vertreter seiner Grafschaftsstadt im langen Parlament gesessen, hatte unter Cromwell bei Marston-Moor gefochten und befand sich, als er sich dem Protector bei der Entfernung des »Bauble« widersetzt hatte, unter den Patrioten, die in »Hellhole« eingekerkert wurden. Auch er hatte durch die Ausrüstung zweier Reiter mit ihren Pferden sein Vermögen 139 vermindert, und Hellhole war Alles, was er dafür erhielt. Ein Dritter mit einem schlaueren Gesichtsausdruck und einer großen Perrücke hatte in den ruhigen Zeiten Karl's II. gelebt und war nur ein Friedensrichter gewesen, aber sein lebhafter Blick zeigte, daß er in seinem Berufe sehr thätig gewesen war. Er hatte sein von seinen Vorfahren ererbtes Vermögen weder vermehrt, noch vermindert. Ein Vierter, im Costüm der Zeit Wilhelm's III., hatte sein väterliches Vermögen dadurch etwas vergrößert, daß er ein Advocat geworden war. Er muß guten Erfolg gehabt haben, denn er war als Serjeant at law bezeichnet. Ein Fünfter, ein Lieutenant in der Armee, wurde bei Blenheim getödtet; sein ein Jahr vor seinem Tode gemaltes Portrait war das eines sehr jungen und schönen Mannes. Das Portrait seiner Frau hing im Salon, weil es von Kneller gemalt war. Auch sie war schön und heirathete in zweiter Ehe einen Edelmann, dessen Portrait sich natürlich nicht in der Familiengalerie befand. Hier war eine Lücke in der chronologischen Anordnung, da der Erbe des Lieutenants als Säugling gestorben war; aber aus der Zeit Georg's II. erschien wieder ein Travers als Gouverneur einer westindischen Colonie. Sein Sohn huldigte einer von dem Beruf seines Vaters sehr weit abliegenden Richtung der Zeit. Er erschien auf 140 dem Bilde alt, ehrwürdig und mit weißem Haar, und unter dem Bilde standen die Worte: Anhänger Wesley's. Sein Nachfolger beschloß die Reihenfolge. Er war dargestellt in der Uniform eines Seeoffiziers, das Portrait war in ganzer Figur und mit einem hölzernen Bein. Er war Kapitän in der königlichen Marine und unter dem Bilde stand: Focht unter Nelson bei Trafalgar. Diesem Portrait würde ein würdigerer Platz in einem der Empfangszimmer eingeräumt worden sein, wenn das Gesicht nicht abschreckend häßlich und das Bild selbst eine abscheuliche Schmiererei gewesen wäre. »Jetzt sehe ich«, sagte Kenelm, plötzlich still stehend, »wie Cecilia Travers dazu gekommen ist, von der Pflicht als einem praktischen Lebensinteresse zu sprechen. Diese Männer einer früheren Zeit scheinen gelebt zu haben, um eine Pflicht zu erfüllen und nicht um dem Fortschritt der Zeit in der Jagd nach Geld zu huldigen, mit Ausnahme vielleicht eines einzigen, der dann sicherlich ein Advocat war. Kenelm, raffe Dich auf und höre auf mich! Was wir auch sein mögen, thätig oder müßig, ist nicht meine Lieblingsmaxime, daß ein guter Mensch durch sein Leben Gutes bewirkt, richtig und wahr? Um aber das zu thun, muß sein Wesen harmonisch und nicht zwiespältig sein. Kenelm, 141 Du träger Hund, Du mußt Deine Sachen zusammenpacken.« Darauf packte Kenelm seinen Koffer, adressirte denselben nach Exmundham und schrieb die folgenden drei Briefe. Erster Brief. An die Marquise von Glenalvon. »Meine theure Freundin und Ermahnerin, ich habe Ihren letzten Brief einen ganzen Monat lang unbeantwortet gelassen. Ich konnte auf Ihre Glückwünsche zu dem Ereigniß meiner Mündigkeitserklärung nichts erwidern. Dieses Ereigniß ist eine conventionelle Lüge und Sie wissen, wie ich Lügen und Conventionen verabscheue. Die Wahrheit ist, daß ich entweder viel jünger oder viel älter als einundzwanzig Jahre bin. Was alle die Anschläge auf meinen Seelenfrieden in der Gestalt von mir zugemutheten Bewerbungen für die nächste Grafschaftswahl anlangt, so habe ich sie zu beseitigen gesucht und es ist mir gelungen. Und jetzt habe ich mich auf die Reise begeben. Ich war mit der Absicht aufgebrochen, diese Reise auf mein Vaterland zu beschränken. Aber Absichten sind veränderlich. Ich gehe ins Ausland. Sie sollen von meinen Bewegungen hören. Ich schreibe diese Zeilen aus dem 142 Hause von Leopold Travers, der, wie ich von seiner schönen Tochter höre, Ihr Verwandter ist, ein höchst schätzenswerther und liebenswürdiger Mann. Nein, trotz aller Ihrer schmeichelhaften Voraussagungen werde ich in diesem Leben nie etwas Ausgezeichneteres werden, als was ich jetzt bin. Gestatten Sie mir, hochverehrte gnädige Frau, mich zu unterzeichnen als Ihren dankbaren Freund. K. C.« Zweiter Brief. »Lieber Vetter Mivers! Ich reise ins Ausland. Ich werde vielleicht des Geldes bedürfen; denn ich beabsichtige, mich, um treibende Kraft in mir zu wecken, in die Lage zu bringen, des Geldes zu bedürfen. Als ich sechzehn Jahre alt war, boten Sie mir Geld, wenn ich literarische Veteranen in dem »Londoner« angreifen wollte. Wollen Sie mir jetzt für eine ähnliche Entfaltung der großen Idee unserer Generation, nämlich daß, je weniger jemand von einem Gegenstande weiß, er ihn um so besser versteht, Geld geben? Ich stehe im Begriff, nach Ländern, die ich noch nie gesehen habe, und unter Völker zu reisen, die mir bis jetzt noch ganz unbekannt gewesen sind. Mein souveränes Urtheil über beide wird für den »Londoner« unschätzbar sein, als Beitrag eines Specialcorrespondenten, der Ihre Achtung vor der Anonymität theilt und dessen Name nie 143 veröffenzlicht werden wird. Adressiren Sie Ihre umgehende Antwort poste restante Calais. Ihr aufrichtig ergebener K. C.« Dritter Brief. »Lieber Vater! Ich fand Deinen Brief hier, von wo ich morgen wieder abreise. Entschuldige mein eiliges Schreiben. Ich reise ins Ausland und werde Dir von Calais aus schreiben. Ich bin ein großer Verehrer von Leopold Travers geworden. Was für ein schönes Gleichgewicht der Kräfte findet sich doch in einem echten englischen Gentleman. Man kann ihn herumschütteln, wie man will, er stellt sich doch immer wieder auf seine Füße und bleibt ein Gentleman. Er hat ein einziges Kind, eine Tochter mit Namen Cecilia, schön genug, um jeden Sterblichen, den Decimus Roach nicht überzeugt hat, daß das Cölibat der rechte Weg zur Annäherung an die Engel ist, in die Ehe zu locken. Ueberdies ist sie ein Mädchen, mit dem man sich unterhalten kann. Selbst Du würdest Dich mit ihr unterhalten können. Travers wünscht sie mit einem sehr respectabeln, hübschen, vielversprechenden jungen Manne, der, wie die Leute sagen, eine durchaus passende Partie ist, zu verheirathen. Und wenn sie ihn heirathet, wird sie mit jenem vollendeten 144 Muster edler Weiblichkeit, mit Lady Glenalvon rivalisiren können. – Ich schicke Dir meinen Koffer zurück. Ich habe mein Lehrgeld so ziemlich erschöpft, habe aber das mir monatlich von Dir Ausgesetzte noch nicht angegriffen. Ich denke auch jetzt noch damit auszukommen und werde die Summe, wenn es nöthig sein sollte, im Schweiße meines Angesichts oder meines Gehirns zu vergrößern suchen. Doch wenn sich ein Fall ereignen sollte, der Extrafonds erfordert, vorausgesetzt natürlich, daß diese Extrafonds so viel wirklich Gutes stiften würden, daß ich überzeugt sein könnte, Du würdest dieses Gute thun, nun, in einem solchen Falle muß ich auf Deine Banquiers ziehen. Aber wohlgemerkt, das ist dann Deine und nicht meine Ausgabe und Du hast Anspruch auf den Lohn im Himmel. Lieber Vater, wie sehr liebe und verehre ich Dich täglich mehr! Ich soll Dir versprechen, keinem jungen Mädchen einen Antrag zu machen, bevor ich erst Deine Zustimmung eingeholt habe – o, lieber Vater, wie konntest Du daran zweifeln? Wie konntest Du zweifeln, daß ich mit keiner Frau würde glücklich sein können, die Du nicht als Tochter lieben könntest? Betrachte dieses Versprechen als ein mir heiliges. Aber ich wollte, Du hättest etwas von mir verlangt, was zu thun mir nicht viel zu leicht würde, als daß es eine 145 Probe meines kindlichen Gehorsams sein könnte. Ich hätte Dir nicht freudiger gehorchen können, wenn Du mich gebeten hättest, Dir zu versprechen, überhaupt nie einem jungen Mädchen einen Antrag zu machen. Hättest Du mich gebeten, Dir zu versprechen, daß ich der Würde der Vernunft für den Wahnsinn der Liebe oder der Freiheit des Mannes für die Knechtschaft des Ehemanns entsagen wolle, dann würde ich versucht haben, das Unmögliche zu unternehmen. Aber ich würde unfehlbar an diesem Versuch gestorben sein und Du würdest die Gewissensbisse kennen gelernt haben, welche das Lager des Tyrannen heimsuchen. Dein Dich zärtlich liebender Sohn K. C.« 146 Einundzwanzigstes Kapitel. Am nächsten Morgen erschien Kenelm beim Frühstück zur Ueberraschung der übrigen Gesellschaft in den groben Kleidern, in welchen er zuerst die Bekanntschaft seines Wirthes gemacht hatte. Er vermied es, Cecilia anzusehen, als er seine bevorstehende Abreise anzeigte. Aber als er sein Auge auf Frau Campion ruhen ließ, bemerkte er, daß ihr Gesicht plötzlich einen heiteren Ausdruck annahm, und hörte sie leise seufzen. Ein trübes Lächeln umspielte seine Lippen. Travers gab sich die größte Mühe, ihn zu bewegen, noch etwas länger zu weilen, aber Kenelm blieb fest. »Der Sommer vergeht«, sagte er, »und ich habe noch einen weiten Weg zurückzulegen, ehe die Blumen welken und der erste Schnee fällt. In drei Tagen werde ich auf fremdem Boden schlafen.« 147 »Sie reisen also ins Ausland?« fragte Frau Campion. »Ja.« »Das ist ja ein sehr plötzlicher Entschluß, Herr Chillingly. Neulich sprachen Sie noch von Ihrer Absicht, die schottischen Seen zu besuchen.« »Das ist wahr, aber bei näherem Nachdenken ist mir eingefallen, daß es an den Seen von Ferientouristen wimmeln wird, von denen ich wahrscheinlich viele kennen werde. Im Auslande werde ich frei sein, denn mich wird niemand kennen.« »Sie werden aber doch zur Jagdzeit wieder zurück sein?« sagte Travers. »Ich glaube nicht; ich jage keine Füchse.« »Auf alle Fälle werden wir uns wahrscheinlich in London treffen«, sagte Travers wieder. »Ich denke, nach einem so langen Landleben wird der Aufenthalt während einiger Saisons in dem Getümmel der Hauptstadt eine heilsame Veränderung für Körper und Geist sein, und es ist Zeit, daß Cecilia bei Hofe vorgestellt und ihre Hoftoilette in den Spalten der Morning Post speciell erwähnt wird.« Cecilia war anscheinend hinter der Theemaschine zu sehr beschäftigt, um von dieser Erwähnung ihres Debüts Notiz zu nehmen. 148 »Ich werde Sie entsetzlich entbehren« rief Travers einige Augenblicke später und mit herzlicher Emphase. »Ich versichere Ihnen, Sie haben mich ganz aus meinem Schlendrian aufgerüttelt. Ihre wunderlichen Anschauungen und Aussprüche werden mir noch lange, nachdem Sie fort sind, in den Ohren klingen.« In diesem Augenblick hörte man hinter der Theemaschine das Rauschen eines Kleides, wie wenn ein weibliches Wesen sich plötzlich bewege. »Cissy«, sagte Frau Campion, »bekommen wir heute noch Thee?« »Ich bitte um Verzeihung«, antwortete eine Stimme hinter der Theemaschine. »Ich höre Pompey auf dem Rasen winseln. Er kann nicht herein; ich komme gleich wieder.« Cecilia stand auf und ging hinaus. Frau Campion nahm ihren Platz hinter der Theemaschine ein. »Es ist wirklich albern von Cecilia, in diesen häßlichen Hund so verliebt zu sein«, sagte Travers ungeduldig. »Seine Häßlichkeit ist seine Schönheit«, erwiderte Frau Campion lachend. »Herr Belvoir hat ihn für sie in Schottland ausgesucht, weil er den längsten Rücken und die kürzesten Beine hat, die nur an einem Hunde aufzutreiben waren.« 149 »Ah, George hat ihn ihr geschenkt, das hatte ich vergessen«, sagte Travers wohlgefällig lächelnd. Nach einigen Minuten kehrte Cecilia mit dem Terrier zurück und schien durch die Wiedererlangung dieser Zierde der Gesellschaft ihre gute Laune wiedergewonnen zu haben. Sie sprach sehr rasch und munter und mit gerötheten Wangen, wie ein durch seine eigene überströmende Lustigkeit aufgeregtes Mädchen. Als aber eine halbe Stunde später Kenelm von ihr und Frau Campion unter dem Portal des Hauses Abschied nahm, war die Röthe von ihren Wangen geschwunden, ihre Lippen waren dicht zusammengepreßt und ihre Abschiedsworte waren kaum vernehmbar. Als dann seine Gestalt neben der ihres Vaters, der seinen Gast bis an das Pförtnerhäuschen begleitete, rasch über den Rasen dahinschritt und unter den jenseits desselben liegenden Bäumen verschwand, schlang Frau Campion mütterlich ihren Arm um sie und küßte sie. Cecilia schauerte fröstelnd zusammen und blickte ihre Freundin lächelnd an, aber mit einem Lächeln, hinter dem sich ein Strom von Thränen verbarg. »Ich danke Ihnen, liebe Freundin«, sagte sie ergeben, entschlüpfte dann nach dem Blumengarten und 150 verweilte eine Zeit lang an dem Gitter, welches Kenelm am vorigen Abend für sie geöffnet hatte. Dann stieg sie mit matten Schritten die grüne Anhöhe hinauf, auf der die Ruine stand. 151 Viertes Buch. Erstes Kapitel. Es sind mehr als anderthalb Jahre vergangen, seit Kenelm England verließ, und der Schauplatz unserer Erzählung ist in diesem Augenblick London, während jener frühen und geselligern Jahreszeit, welche den Osterfeiertagen vorangeht, einer Jahreszeit, in welcher der Reiz geistigen Verkehrs noch nicht in der Treibhausatmosphäre überfüllter Räume erstickt ist, einer Jahreszeit, in welcher die Gesellschaften klein sind und die Unterhaltung sich nicht auf den Austausch von Gemeinplätzen mit dem nächsten Tischnachbar beschränkt, und in welcher man eine Chance hat, seine wärmsten Freunde noch nicht durch die höheren Ansprüche ihrer oberflächlichen Bekannten absorbirt zu sehen. Es fand eine sogenannte conversazione in dem 152 Hause eines jener whigistischen Edelleute statt, welche noch die anmuthige Kunst besaßen, angenehme Leute zusammenzubringen und um sich die wahre Aristokratie zu versammeln, die neben den Inhabern erblichen Ranges und distinguirter Lebensstellung die Vertreter der Literatur, der Wissenschaft und der Künste in sich schließt – jene Kunst, welche in der vorigen Generation das glückliche Geheimniß der Lansdownes und Hollands war. Lord Beaumanoir war selbst ein heiterer, wohlunterrichteter Mann, ein Kunstkenner und ein angenehmer Causeur. Er hatte eine reizende, ihn und seine Kinder zärtlich liebende Gattin, die aber an dem allgemeinen Beifall so viel Geschmack fand und sich in der fashionablen Welt so beliebt zu machen wußte, als suche sie in den Zerstreuungen derselben eine Zuflucht vor der Langenweile des häuslichen Lebens. Unter den Gästen der Beaumanoirs befanden sich diesen Abend zwei Männer, die von der übrigen Gesellschaft getrennt in einem kleinen Zimmer saßen und sich vertraulich miteinander unterhielten. Der eine mochte ungefähr vierundfünfzig Jahre alt sein; er war hoch gewachsen, kräftig gebaut, aber nicht corpulent, etwas kahl, mit schwarzen Augenbrauen, dunklen, scharfblickenden Augen und beweglichen Lippen, um welche ein schlaues und bisweilen sarkastisches Lächeln spielte. 153 Herr Gerard Danvers war ein sehr einflußreiches Mitglied des Parlaments. Er hatte in einem für das öffentliche Leben Englands noch jugendlichen Alter bereits hohe Aemter verwaltet, hatte es aber seitdem, theils aus entschiedener Abneigung gegen die Plackereien der Verwaltung, theils aus einem gewissen angeborenen Stolz, der ihn für die Subordination, welche ein Kabinet seinem Chef schuldet, ungeeignet machte, theils endlich aus einer nicht ungewöhnlichen Art epikureischer Philosophie, die, zugleich genußsüchtig und cynisch, die Genüsse des Lebens suchte und von den Ehren desselben sehr gering dachte, beharrlich abgelehnt, wieder ins Amt zu treten, und ließ sich nur bei seltenen Gelegenheiten im Parlamente vernehmen. Bei solchen Gelegenheiten übte er großen Einfluß und wußte durch den gedrungenen Ausdruck seiner Ansichten mehr Stimmen für sich zu gewinnen, als mancher Redner von unendlich viel größerer Beredtsamkeit. Trotz seines Mangels an Ehrgeiz liebte er es, auf seine Art Einfluß zu üben, Einfluß auf die Männer, welche die Macht in Händen hatten, und fand in seiner Neigung zu politischen Intriguen eine Unterhaltung für seinen feinen und thätigen Geist. In diesem Augenblick war er eifrig beschäftigt mit der Herbeiführung einer neuen Combination unter den Führern verschiedener 154 Schattirungen derselben Partei, durch welche einige Veteranen bestimmt werden sollten, sich zurückzuziehen, und einige jüngere Männer in die Administration eintreten sollten. Es war ein liebenswürdiger Zug in seinem Charakter, daß er eine Vorliebe für jüngere Leute hatte und einigen einer späteren Generation als seiner eigenen angehörenden jungen Männern behülflich gewesen war, theils ins Parlament zu gelangen, theils in die Verwaltung einzutreten. Er gab ihnen verständigen Rath, freute sich, wenn sie guten Erfolg hatten, und ermuthigte sie, wenn sie in ihren Bestrebungen scheiterten, immer vorausgesetzt, daß sie das Zeug dazu hatten, ihren Mißerfolg wieder gut zu machen. War das nicht der Fall, so gab er das vertraute Verhältniß mit ihnen ohne Eclat auf, blieb aber auf hinreichend freundschaftlichem Fuß mit ihnen, um ziemlich sicher sein zu können, seinen Einfluß auf ihre Abstimmungen, wenn es ihm wünschenswerth erscheinen sollte, auch ferner geltend zu machen. Der Herr, mit welchem er sich jetzt unterhielt, war etwa fünfundzwanzig Jahre alt, ein junger Mann, welcher noch nicht im Parlamente saß, aber den lebhaften Wunsch hatte, in dasselbe gewählt zu werden, und der sich einer jener Reputationen erfreute, wie sie ein junger Mensch von der Schule und der Universität 155 mitbringt, die nicht nur auf akademischen Ehren beruhen, sondern sich auf den Eindruck gründen, welchen Talent und Geisteskraft auf die Altersgenossen hervorbringen und welchen ältere Männer als berechtigt anerkennen. Auf der Universität hatte er über das zur Erlangung eines guten Grades Erforderliche hinaus wenig gethan, aber im Universitäts-Debattirclub hatte er sich den Ruf eines außerordentlich schlagfertigen und geschickten Redners erworben. Nach Absolvirung seiner Studien hatte er ein paar politische Artikel in einer Vierteljahrsschrift geschrieben, welche Aufsehen gemacht hatten, und obgleich er keinen eigentlichen Beruf hatte und von einem nur kleinen, wenn auch unabhängigen Einkommen lebte, war er doch in der Gesellschaft als ein Mann, von dem man voraussah, er werde eines Tages eine Stellung erlangen, in welcher er seinen Feinden schaden und seinen Freunden würde nützen können, sehr gut aufgenommen. In dem Gesichte und der Haltung dieses jungen Mannes lag etwas, was das Vertrauen auf sein Talent und seine Zukunft zu rechtfertigen schien. Sein Gesicht war nicht schön, seine Haltung nicht elegant, aber in dem Gesichte sprachen sich Kraft, Energie und Kühnheit aus: eine breite, niedrige Stirn mit sehr markirter Ausbildung jener Organe über den Augenbrauen, welche auf 156 scharfe Auffassung und Urtheil, diese für das tägliche Leben unschätzbaren Eigenschaften, hindeuten; echt englische klare blaue, kleine, etwas tiefliegende, wachsame, scharfsichtige, durchdringende Augen; eine lange, grade, für zweckbewußte Entschlossenheit charakteristische Oberlippe; ein Mund, in welchem ein Kenner von Physiognomien einen gefährlichen Zauber entdeckt haben würde. Sein Lächeln war bezaubernd, aber es hatte etwas Künstliches und brachte Grübchen und weiße, kleine, starke, gesondert stehende Zähne zum Vorschein. Dieses Lächeln würde allen offen und ehrlich erschienen sein, denen es entgangen wäre, daß es mit der brütenden Stirn und den stählernen Augen nicht im Einklang stand, daß es, außer Zusammenhang mit dem übrigen Gesichte, wie ein Zug, der eine einstudirte Rolle spielt, erschien. Der Hinterkopf zeigte jene auf Kampf und Zerstörung deutende Entwickelung, wie sie sich bei Männern zeigt, die ihren Weg im Leben machen. Sie zeigt sich bei allen Gladiatoren und auch bei großen Rednern und Reformatoren, das heißt bei Reformatoren, welche zerstören, aber darum noch nicht wieder aufbauen können. So lag auch in der Haltung des Mannes ein kühnes Selbstvertrauen, das sich aber viel zu einfach und ungeziert kund gab, als daß sein schlimmster Feind es hätte Selbstüberhebung nennen können. 157 Es war die Haltung eines Menschen, der seine persönliche Würde zu behaupten weiß, ohne daß es den Anschein hätte, als sei er besonders darauf bedacht. Niemals war diese Haltung servil gegen Höherstehende, niemals anmaßend gegen Geringe und so wenig von gesuchter Ueberfeinheit, daß sie niemals gemein wurde. Mit einem Wort, es war eine echt populäre Haltung. Das Zimmer, in welchem diese Herren saßen, war von der Suite von Appartements durch ein kleines Vorzimmer getrennt und diente Lady Beaumanoir zum Boudoir. Es war sehr hübsch, aber einfach mit buntem Kattun drapirt und möblirt. Die Wände zierten Aquarelle und kostbare Porzellangefäße auf phantastischen Consols von parischem Marmor. In einer Ecke neben einer nach Süden gelegenen Glasthür, die auf einen geräumigen, mit einem Glasdach versehenen und mit Blumen gefüllten Balkon hinausging, stand einer jener aus hohem Gitterwerk bestehenden, wenn ich nicht irre, in Wien erfundenen Schirme, an welchen Epheu so gezogen ist, daß sie eine Laube bilden. Diese so gebildete Nische, die man von dem übrigen Zimmer aus nicht sehen konnte, war der Lieblings-Schreibwinkel der Wirthin. Die beiden von mir geschilderten Herren saßen in der Nähe dieses Schirmes 158 und hatten sicherlich keinen Verdacht, daß sich jemand hinter demselben aufhalten könne. »Ja«, sagte Herr Danvers, auf einer Ottomane sitzend, die in einer andern Nische des Zimmers stand, »ich glaube, es wird bald ein anderer Parlamentssitz in Saxboro' vacant werden. Milroy will Gouverneur einer Colonie werden, und wenn wir das Kabinet nach meinem Vorschlage zusammensetzen können, wird er die Stelle bekommen. Und so würde Saxboro' eine neue Wahl vorzunehmen haben. Aber, mein lieber Freund, Saxboro' ist ein Platz, um den man mit Liebe werben muß und den man nur durch Geld gewinnen kann. Er verlangt Liberalismus von einem Candidaten, zwei Arten von Liberalismus, die sich selten bei einem Individuum vereinigt finden; den Liberalismus der Ansichten, der bei einem sehr armen Mann nur natürlich ist, und den Liberalismus im Geldausgeben, den man kaum von einem andern als einem sehr reichen Mann verlangen kann. Sie können die Kosten der Wahl in Saxboro' getrost auf dreitausend Pfund für die Erlangung des Sitzes und ferner auf etwa zweitausend Pfund für die Vertheidigung Ihres Sitzes gegen eine Petition wie sie der unterliegende Candidat fast immer an das Parlament richtet, berechnen. Fünftausend Pfund sind eine große Summe und das 159 Schlimmste bei der Sache ist, daß die extremen Ansichten, zu denen ein Mitglied in Saxboro' sich verpflichten muß, ein Hinderniß für eine amtliche Carrière sind. Leidenschaftliche Politiker sind nicht das beste Material, um glückliche Stellensucher daraus zu machen.« »An die Ansichten würde ich mich nicht allzu sehr stoßen, wohl aber an die Ausgaben. Ich kann keine fünftausend, selbst nicht dreitausend Pfund für diesen Zweck verwenden.« »Würde Ihnen nicht Sir Peter helfen? Er hat, wie Sie sagen, nur einen einzigen Sohn, und wenn diesem Sohne etwas zustieße, so wären Sie der nächste Erbe.« »Mein Vater hatte einen Streit mit Sir Peter und erbitterte ihn durch einen unklugen und widerwärtigen Prozeß. Ich glaube kaum, daß ich mich an ihn mit der Bitte um Geld zu dem Zweck wenden könnte, einen durch das Bekennen demokratischer Grundsätze zu erlangenden Sitz im Parlament zu erhalten; denn obgleich ich wenig von seinen politischen Ansichten weiß, nehme ich doch als ausgemacht an, daß ein Landedelmann von alter Familie und einem jährlichen Einkommen von zehntausend Pfund nicht wohl ein Demokrat sein kann.« »Dann darf ich wohl annehmen, daß, wenn der 160 Tod Ihres Vetters Sie zum Erben der Chillinglys machen sollte, Sie auch kein Demokrat sein würden.« »Ich weiß nicht, was ich in diesem Fall sein würde. Es gibt Zeiten, wo ein Demokrat von alter Familie und großem Grundbesitz einen sehr hohen Platz in der Aristokratie einnehmen könnte.« »Hm! Mein lieber Gordon, vous irez loin .« »Das hoffe ich. Wenn ich meine Kräfte an denen der anderen Männer unserer Zeit messe, so sehe ich nicht viele, die mich aus dem Felde schlagen könnten.« »Was für eine Art Mensch ist Ihr Vetter Kenelm? Ich habe ihn nur ein- oder zweimal getroffen, als er noch sehr jung war und bei Welby in London studirte. Die Leute sagten damals von ihm, er sei sehr begabt, auf mich machte er den Eindruck großer Sonderbarkeit.« »Ich habe ihn nie gesehen, aber nach Allem, was ich höre, wird er, gleichviel ob er begabt oder sonderbar ist, schwerlich etwas leisten; er ist ein Träumer.« »Schreibt er etwa Gedichte?« »Das wäre er, glaube ich, im Stande.« Grade in diesem Augenblick traten mehrere andere Gäste ins Zimmer, unter ihnen eine Dame, deren Erscheinung etwas ungemein Distinguirtes und zugleich Gewinnendes hatte. Sie war von etwas mehr als 161 mittlerer Größe und hatte in ihrem Ausdruck und ihrer Erscheinung eine gewisse undefinirbare Noblesse. Lady Glenalvon war eine der Königinnen der Londoner Welt, und nie war eine Königin dieser Welt königlicher und weniger weltlich. Zugleich mit der Dame trat Herr Chillingly Mivers ein. Gordon und Mivers begrüßten sich mit freundlichem Kopfnicken, worauf der erstere fortschlenderte und sich bald in einer dichten Gruppe von anderen jungen Leuten verlor, bei denen er, da er sich über Dinge, welche sie interessirten, gut und leicht unterhalten konnte, recht beliebt war, obgleich er nicht zu ihren intimen Genossen gehörte. Herr Danvers zog sich in eine Ecke des anstoßenden Vorplatzes zurück, wo er dem französischen Gesandten seine Ansichten über den Zustand Europas und die Reconstruction von Kabinetten im Allgemeinen zum Besten gab. »Aber«, sagte Lady Glenalvon zu Chillingly Mivers, »sind Sie ganz sicher, daß mein alter junger Freund Kenelm hier ist? Seit Sie mir das gesagt, habe ich mich überall vergebens nach ihm umgesehen. Ich würde ihn so gern wiedersehen.« »Ich habe ihn sicher vor einer halben Stunde gesehen; bevor ich mich aber von einem Geologen losgemacht hatte, der mich mit einer Abhandlung über 162 das silurische System ennuyirte, war Kenelm verschwunden.« »Vielleicht war es sein Geist!« »Nun, gewiß ist, daß wir in dem leichtgläubigsten und abergläubischsten Zeitalter leben, und so Viele erzählen mir, daß sie sich mit den unter dem Tisch sitzenden Geistern Verstorbener unterhalten, daß es anmaßend von mir wäre zu sagen, ich glaube nicht an Geister.« »Erzählen Sie mir noch eine von den unbegreiflichen Tischrückgeschichten«, sagte Lady Glenalvon. »Hier hinter dem Schirm ist eine reizende, lauschige Nische.« Aber kaum hatte sie die Nische betreten, als sie mit einem Ausruf des Erstaunens zurückfuhr. Vor dem Tisch in der Nische, das Kinn auf die Hand gestützt und die Blicke in tiefer Träumerei zu Boden gesenkt, saß ein junger Mann. So ruhig saß er da, so still und traurig war der Ausdruck seines Gesichts, so fremd schien er dem buntscheckigen, aber glänzenden Gewimmel, das seine selbstgeschaffene Einsamkeit umdrängte, daß man ihn wohl für einen jener Geister aus einer andern Welt hätte halten können, deren Geheimniß der Eindringling ergründen möchte. Die Gegenwart dieses Eindringlings war er offenbar nicht gewahr geworden. Sobald Lady Glenalvon sich von 163 ihrer Ueberraschung erholt hatte, schlich sie an ihn heran, legte ihm die Hand auf die Schulter und sprach seinen Namen mit leiser, sanfter Stimme aus. Bei diesem Ton blickte Kenelm Chillingly auf. »Erinnern Sie sich meiner nicht?« fragte Lady Glenalvon. Noch ehe er antworten konnte, redete ihn Mivers, welcher der Marquise in die Nische gefolgt war, mit folgenden Worten an: »Lieber Kenelm, wie geht es Ihnen? Seit wann sind Sie in London? Warum haben Sie mich nicht besucht und warum in aller Welt verstecken Sie sich hier?« Kenelm hatte bald die Selbstbeherrschung, die er in Gegenwart Anderer selten für längere Zeit verlor, wiedergewonnen. Er erwiderte die Begrüßung seines Verwandten herzlich und küßte mit der ihm eigenen chevaleresken Grazie die schöne Hand, welche Lady Glenalvon von seiner Schulter zurückzog und ihm zum Händedruck reichte. »Ich sollte mich Ihrer nicht erinnern!« sagte er zu Lady Glenalvon mit dem freundlichsten Ausdruck seiner sanften dunkeln Augen. »Ich bin dem Mittag des Lebens noch nicht so nahe, daß ich den Sonnenschein vergessen könnte, der seinen Morgen erhellte. – Ihre Fragen, lieber Mivers, kann ich leicht beantworten. Ich bin vor vierzehn Tagen 164 wieder in England angekommen, habe mich bis diesen Morgen in Exmundham aufgehalten, habe heute bei Lord Thetford, dessen Bekanntschaft ich im Auslande gemacht, gegessen und habe mich von ihm überreden lassen, mit hierher zu gehen und mich seinen Eltern, Lord und Lady Beaumanoir vorstellen zu lassen. Nachdem ich diese Ceremonie durchgemacht hatte, machte mich der Anblick so vieler fremder Gesichter scheu und befangen. Als ich dieses Zimmer in einem Augenblick, wo es ganz leer war, betrat, beschloß ich, mich hinter dem Schirm als Eremit zu etabliren.« »Wie! Haben Sie denn beim Eintritt in das Zimmer nicht Ihren Vetter Gordon gesehen?« »Sie vergessen, lieber Mivers, daß ich ihn nicht einmal von Ansehen kenne. Es war aber wie gesagt, als ich ins Zimmer trat, niemand darin; etwas später müssen einige andere Personen hineingekommen sein, denn ich hörte ein schwaches Gesumme, wie wenn Leute sich flüsternd unterhalten. Indessen habe ich nicht die Rolle eines Lauschers gespielt, wie sie auf der Bühne einer hinter einem Schirme versteckten Person zukommt.« Das war die reine Wahrheit. Selbst wenn Gordon und Danvers sich lauter unterhalten hätten, würde doch Kenelm zu sehr in seine eigenen Gedanken 165 vertieft gewesen sein, um ein Wort von ihrer Unterhaltung zu hören. »Sie sollten den jungen Gordon kennen lernen, er ist ein sehr begabter Mensch und hat den Ehrgeiz, ins Parlament zu kommen. Ich hoffe, Sie werden trotz des alten Familienstreites zwischen seinem Bären von Vater und Ihrem guten Papa nichts dagegen haben, ihn zu treffen.« »Mein Vater ist der nachsichtigste Mensch, er würde es mir aber kaum verzeihen, wenn ich mich weigern wollte, einen Vetter zu treffen, der ihm nie etwas zu Leide gethan hat.« »Wohl gesprochen! Kommen Sie morgen früh um zehn Uhr mit Gordon, bei mir zu frühstücken. Ich wohne noch in meinem alten Logis.« Während sich die beiden Verwandten so mit einander unterhielten, hatte sich Lady Glenalvon auf das Kanapee neben Kenelm gesetzt und beobachtete ruhig sein Gesicht. Dann sagte sie: »Mein lieber Herr Mivers, Sie werden noch Gelegenheiten genug haben, Kenelm zu sprechen, gönnen Sie mir jetzt fünf Minuten zu einer Unterhaltung mit ihm.« »Gnädigste Frau, ich lasse Sie in dieser Einsiedelei allein. Wie werden alle Männer in dieser Gesellschaft den Einsiedler beneiden!« 166 Zweites Kapitel. »Ich freue mich, Sie in dieser Welt noch einmal zu sehen«, sagte Lady Glenalvon, »und ich hoffe zuversichtlich, daß Sie sich jetzt darauf vorbereitet haben, die Rolle in derselben zu spielen, die keine gemeine sein kann, wenn Sie Ihren Talenten und Ihrer Natur Gerechtigkeit widerfahren lassen wollen.« »Wenn Sie ins Theater gehen«, erwiderte Kenelm, »und eines jener Stücke sehen, die jetzt Mode zu sein scheinen, was möchten Sie da lieber sein, ein Schauspieler oder ein Zuschauer?« »Mein lieber junger Freund«, entgegnete Lady Glenalvon, »Ihre Frage macht mich traurig. Wenn ich mich auch«, fuhr sie nach einer Pause fort, »eines von der Bühne hergenommenen Bildes bediente, als ich die Hoffnung aussprach, daß Sie keine gemeine 167 Rolle in der Welt spielen würden, so ist doch die Welt in Wahrheit keine Bühne. Das Leben hat keinen Raum für Zuschauer. Seien Sie offen gegen mich, wie ich es von Ihnen gewohnt war. Ihr Gesicht hat noch immer seinen alten melancholischen Ausdruck. Sind Sie nicht glücklich?« »Glücklich, soweit sterbliche Menschen es sein können, darf ich mich wohl nennen; ich glaube nicht, daß ich unglücklich bin. Wenn mein Temperament melancholisch ist, so hat doch die Melancholie ihren eigenen Reiz. Milton zeigt uns, daß das Leben von seiner Penserososeite ebenso viele Reize bietet wie von seiner Allegroseite.« »Kenelm«, sagte Lady Glenalvon, »Sie haben meinem armen Sohne das Leben gerettet, und als er mir später genommen wurde, war mir, als habe er Sie meiner Obhut empfohlen. Und als Sie dann im Alter von sechzehn Jahren, also fast noch ein Knabe, dem aber schon ein männliches Herz im Busen schlug, nach London kamen, habe ich es da nicht versucht, Ihnen fast eine Mutter zu sein? Und haben Sie mir da nicht oft gesagt, daß Sie mir die Geheimnisse Ihres Herzens besser anvertrauen könnten als irgend jemand anders?« »Sie waren mir«, sagte Kenelm gerührt, »jener 168 unschätzbare schützende Genius, den ein junger Mensch an der Schwelle des Lebens bisweilen findet: eine sanfte, kluge Frau, die ihm freundliche Zuneigung entgegenbringt, die ihn durch den Anblick ihrer Reinheit vor allen gröberen Irrthümern bewahrt, die ihn durch die unaussprechliche Hoheit der Seele, wie sie sich nur bei den edelsten Frauen findet, über niedrige Neigungen und Ziele erhebt. Ich will auch jetzt wieder mein Herz vor Ihnen ausschütten. Ich fürchte, es sieht darin wunderlicher aus als je. Es fühlt sich noch immer den für mein Alter und meine Stellung natürlichen Genossenschaften und Lebensaufgaben fremd. Ich bin jedoch bemüht gewesen, meine Natur für die praktischen Zwecke des Lebens durch Reisen und Abenteuer, namentlich unter roheren Menschen, als wir sie in Salons treffen, zu stählen und abzuhärten. Jetzt kehre ich gehorsam gegen die Wünsche meines lieben Vaters in diese Kreise zurück, in welche ich als Knabe unter Ihren Auspicien eintrat und die mir schon damals so leer und künstlich vorkamen. Sie möchten, daß ich in diesen Kreisen eine Rolle spiele. Meine Antwort ist kurz. Ich habe Alles aufgeboten, eine treibende Kraft in mir in Bewegung zu setzen, es hat mir aber nicht gelingen wollen. Ich sehe nichts, das zu erstreben oder zu gewinnen mir der Mühe werth 169 scheint. Die Zeit, in der wir leben, erscheint mir wie Hamlet ›aus den Fugen‹ und ich bin nicht wie Hamlet geboren, sie einzurichten‹. Ach! wenn ich doch die Gesellschaft durch die Brillengläser betrachten könnte, durch welche der arme Hidalgo in ›Gil Blas‹ seinen mageren Tisch betrachtete, Brillengläser, durch welche Kirschen so groß wie Pfirsiche und Meisen so groß wie Truthähne erscheinen! Die Einbildungskraft, die zum Ehrgeiz unerläßlich ist, ist ein gewaltiges Vergrößerungsglas.« »Ich habe mehr als einen jetzt sehr bedeutenden und sehr thätigen Mann gekannt, der sich in Ihrem Alter den praktischen Bestrebungen Anderer ebenso fremd fühlte.« »Und was söhnte diese Männer mit diesen Bestrebungen aus?« »Jene Einschränkung des Sinnes für die eigene Persönlichkeit, jene Verschmelzung des eigenen Ichs mit anderen Existenzen, welche Häuslichkeit und Ehe mit sich bringt.« »Ich habe nichts gegen Häuslichkeit, aber viel gegen die Ehe.« »Verlassen Sie sich darauf, es gibt für einen Mann ohne Frau keine Häuslichkeit.« 170 »Das klingt sehr hübsch, aber wenn es wahr ist, verzichte ich auf die Häuslichkeit.« »Wollen Sie ernsthaft behaupten, nimmer ein Mädchen zu sehen, welches Sie zärtlich genug lieben könnten, um es zu Ihrer Frau zu machen, und nimmer ein Haus zu betreten, welches Sie mit einer Regung des Neides angesichts des darin waltenden ehelichen Glücks verlassen würden?« »Ich versichere Ihnen ganz ernsthaft, daß ich nie ein solches Mädchen sehe und nie ein solches Haus betrete.« »Dann haben Sie nur Geduld; auch Ihre Zeit wird kommen, und ich hoffe, sie ist nahe. Hören Sie mir zu. Erst gestern empfand ich ein unaussprechliches Verlangen, Sie wiederzusehen, mir Ihre Adresse zu verschaffen, um Ihnen schreiben zu können. Denn es war gestern, daß eine gewisse junge Dame nach achttägigem Besuch mein Haus verließ und ich mir sagte, dieses Mädchen würde eine vortreffliche Frau sein und vor allem genau die Frau, wie sie für Kenelm Chillingly passen würde.« »Kenelm Chillingly freut sich sehr zu hören, daß diese junge Dame Ihr Haus verlassen hat.« »Aber sie hat London noch nicht verlassen, sie ist heute Abend hier. Sie war nur so lang bei mir 171 zum Besuch, bis Ihr Vater nach London kam und das Haus, welches er für die Saison gemiethet hat, frei wurde. Und das war gestern.« »Zu meinem Glück. Denn nun kann ich Sie doch ohne Gefahr besuchen.« »Sind Sie nicht einmal neugierig genug, um wenigstens wissen zu wollen, wer das junge Mädchen ist, das mir so passend für Sie scheint?« »Es regt sich gar keine Neugierde in mir, wohl aber ein unbestimmtes Gefühl der Besorgniß.« »Nun, ich kann mich nicht behaglich mit Ihnen unterhalten, solange Sie in dieser gereizten Stimmung sind, und es ist Zeit, diese Einsiedelei zu verlassen. Kommen Sie! Unter den vielen Leuten hier sind manche, mit denen Sie alte Bekanntschaften erneuern sollten, und manche, mit denen ich Sie bekannt machen möchte.« »Gnädige Frau, ich bin bereit, Ihnen überallhin zu folgen, wohin Sie mich zu geleiten geruhen wollen, außer an Hymen's Altar!« 172 Drittes Kapitel. Die Gesellschaftsräume waren jetzt nicht überfüllt, aber voll, und selbst in diesem Hause fanden sich selten so viele ausgezeichnete Persönlichkeiten versammelt wie heute. Ein junger Mann, den eine so große Dame wie Lady Glenalvon so auszeichnete, konnte bei allen, denen sie ihn vorstellte, der herzlichsten Aufnahme gewiß sein, bei Ministern und parlamentarischen Parteiführern, bei Leuten, die große Bälle gaben, und bei den Schönheiten des Tages, ja auch bei Schriftstellern und Künstlern, und in Kenelm Chillingly's Erscheinung, in seinem bedeutenden Gesichte und seiner Gestalt, in jenem ruhigen Behagen des Benehmens, das seiner Gleichgültigkeit gegen allen Effect entsprach, lag etwas, was die ihm von der glänzenden Fürstin der Mode 173 bewiesene Gunst zu rechtfertigen schien und ihn zu einem Gegenstande der allgemeinen Aufmerksamkeit machte. Dieser erste Abend seines Wiedereintritts in die große Welt bezeichnete für ihn einen Erfolg, wie ihn wenige junge Männer seines Alters erreichen. Er machte Aufsehen. Als die Räume sich eben zu lichten anfingen, flüsterte Lady Glenalvon Kenelm zu: »Kommen Sie mit mir, da ist eine Person, der ich Sie von neuem vorstellen muß, danken können Sie mir nachher dafür.« Kenelm folgte der Marquise und stand bald Cecilia Travers gegenüber. Sie lehnte sich auf den Arm ihres Vaters, sah sehr schön aus, und ihre Schönheit wurde noch durch das Erröthen erhöht, welches ihre Wangen überflog, als sich Kenelm Chillingly ihr näherte. Travers begrüßte ihn mit großer Herzlichkeit, und als Lady Glenalvon ihn bat, sie in das Erfrischungszimmer zu begleiten, hatte Kenelm keine andere Wahl, als Cecilia seinen Arm zu reichen. Kenelm fühlte sich etwas verlegen. »Sind Sie schon lange in London, Fräulein Travers?« 174 »Seit etwas länger als einer Woche; aber erst gestern haben wir unser Haus bezogen.« »So? Sind Sie denn die junge Dame, welche –« Er hielt plötzlich inne und der Ausdruck seines Gesichts wurde sanfter und ernster. »Die junge Dame, welche – was?« fragte Cecilia lächelnd. »Welche bei Lady Glenalvon zum Besuche war?« »Ja. Hat sie Ihnen das erzählt?« »Sie nannte Ihren Namen nicht, ertheilte aber der jungen Dame ein so verdientes Lob, daß ich es hätte errathen müssen.« Cecilia gab eine nicht recht vernehmbare Antwort, und als sie jetzt das Erfrischungszimmer betraten, schaarten sich andere junge Männer um sie und Lady Glenalvon und Kenelm standen inmitten eines allgemeinen Geplauders schweigend da. Als Travers, nachdem er Kenelm seine Adresse gegeben und ihn dringend aufgefordert hatte, ihn zu besuchen, mit Cecilia fortgegangen war, sagte Kenelm zu Lady Glenalvon nachdenklich: »Das ist also die junge Dame, in der ich meine Zukunft sehen sollte; wußten Sie, daß wir uns schon früher begegnet waren?« »Jawohl, sie hatte mir erzählt, wo und wann Sie sich getroffen. Ueberdies ist es ja noch nicht zwei Jahre 175 her, daß Sie mir aus dem Hause ihres Vaters schrieben. Haben Sie das schon vergessen?« »O!« sagte Kenelm in einem so zerstreuten Ton, als ob er träume, »kein Mensch stürzt sich mit offenen Augen in sein Verhängniß; wenn er das thut, ist er blind. Die Liebe ist blind. Man sagt, die Blinden seien sehr glücklich; aber ich habe noch nie einen Blinden getroffen, der nicht, wenn es möglich gewesen wäre, gern seine Sehkraft wiedererlangt hätte.« 176 Viertes Kapitel. Herr Chillingly Mivers gab nie bei sich zu Hause Diners. Wenn er einmal ein Diner gab, so war es in Greenwich oder Richmond. Aber zum Frühstück lud er öfter Gäste ein und diese Frühstücke galten für sehr angenehm. Er bewohnte ein schönes, elegant möblirtes, von dem Geiste der saubersten Ordnung durchwehtes Junggesellenlogis in Grosvenor Street. Ein mit Werken zum Nachschlagen reich ausgestattetes und mit sehr schön gebundenen von den Verfassern geschenkten Exemplaren von Werken der Tagesliteratur geschmücktes Bibliothekzimmer hatte, obgleich es einem Literaten zum Studirzimmer diente, doch nichts von der genialen Unordnung, welche meistens die Studirzimmer von Leuten, deren Beruf sie nöthigt, beständig Bücher und Papiere zur Hand zu haben, charakterisirt. Selbst 177 Schreibgeräth kam nur zum Vorschein, wenn es verlangt wurde. Es lag verborgen in einem großen Cylinderbureau von französischer Arbeit und französischer Politur. In diesem Bureau befanden sich zahlreiche Fächer und geheime Schubladen und ein tiefer Behälter mit einem besondern Patentschloß. In diesem Behälter wurden Artikel, welche zur Veröffentlichung im »Londoner« bestimmt waren, Druckbogen u. s. w. aufbewahrt, in den Fächern steckte die gewöhnliche Correspondenz; in den geheimen Schubfächern lagen vertrauliche Briefe und Skizzen von Biographien bedeutender. in diesem Augenblick noch lebender Männer, welche nur des Todestags dieser Männer harrten, um vervollständigt und veröffentlicht zu werden. Es gab niemand, der diese Nekrologe mit einer so lebendigen Feder schrieb wie Chillingly Mivers, und ein großer, sehr mannichfaltiger Kreis von Bekannten, mit welchen er auf dem Besuchsfuß stand, machte es ihm möglich, sich bald durch glaubwürdige Berichte, bald durch eigene Beobachtungen über die Symptome eines nahen Todes bei den ausgezeichneten Freunden, deren Diners er sich gefallen ließ und deren matten Puls er instinctiv fühlte, wenn er ihren Händedruck erwiderte, zu unterrichten, sodaß er öfter im Stande war, Tage, Wochen, ja Monate, bevor die 178 Welt durch ihren Tod überrascht wurde, die letzte Hand an ihre Nekrologe zu legen. Die Einrichtung dieses Cylinderbureaus stimmte ganz zu dem Geheimniß, in welches dieser merkwürdige Mann die Erzeugnisse seines Geistes hüllte. In seinem literarischen Leben besaß Mivers kein Ich, hier war er immer das unerforschliche, geheimnißvolle Wir. Er war Ich, wenn man ihm in der Welt begegnete und ihn Mivers nannte. An die Bibliothek stieß auf der einen Seite ein kleines Eß- oder vielmehr Frühstückszimmer, an dessen Wänden werthvolle Gemälde, Geschenke lebender Maler, hingen. Viele dieser Maler waren von Mivers in seiner Eigenschaft als Wir auch außerhalb des »Londoner« arg mitgenommen worden. Seine beißendsten Kritiken lieferte er für andere geistreiche, von Mitgliedern derselben literarischen Clique geleitete Blätter. Die Maler wußten, wenn sie Herrn Mivers trafen, nicht, wie geringschätzig Wir sie behandelt hatte. Sein Ich war so verbindlich gegen sie, daß sie sich gedrungen fühlten, ihm ihre Dankbarkeit durch Uebersendung einer ihrer Arbeiten zu erkennen zu geben. An der andern Seite der Bibliothek lag sein Salon, den gleichfalls reiche Geschenke, namentlich von schönen Händen, gestickte Kissen und Tischdecken, kleine Vasen und andere Gegenstände von Sèvres und 179 altem Chelsea und elegante Nippes aller Art schmückten. Beliebte Schriftstellerinnen machten Herrn Mivers stark die Cour, und im Lauf seines Junggesellenlebens hatte er außer beliebten Schriftstellerinnen noch andere weibliche Verehrer gefunden. Herr Mivers war bereits von seinem frühen Gesundheitsspaziergange zurückgekehrt und saß jetzt an seinem Cylinderbureau mit einem hübschen Mann, der einer der unbarmherzigsten Mitarbeiter des »Londoner« und ein nicht unwichtiges Mitglied jener oligarchischen Clique war, welche unter dem Namen der Geistreichen bekannt war. »Ach«, sagte Mivers in mattem Ton, »ich kann das Buch nicht einmal durchlesen, es ist so langweilig wie ein Novembertag auf dem Lande. Aber, wie Sie richtig bemerken, der Verfasser gehört zu den Geistreichen und eine Clique würde den Namen der Geistreichen nicht verdienen, wenn sie ihren Mitgliedern nicht die Stange halten wollte. Sehen Sie das Buch selbst durch und, wohl gemerkt, erblicken Sie in der Langenweile desselben grade den Beweis seines Verdienstes. Sagen Sie: Dem gewöhnlichen Schlage von Lesern wird dieses ausgezeichnete Werk vielleicht weniger glänzend erscheinen als die glatte Zierlichkeit eines Autors wie – und dann nennen Sie 180 irgend einen beliebigen Autor – aber gebildete und einsichtige Leser werden finden, daß jede Zeile strotzt von u. s. w. Beiläufig, wenn wir mit der Zeit dazu kommen, die Ausstellung in Burlington zu besprechen, so hat da ein Maler ausgestellt, den wir unter jeder Bedingung todt zu machen suchen müssen. Ich selbst habe seine Bilder nicht gesehen, aber er tritt zum ersten Mal auf und unser Freund, der die Bilder gesehen hat, ist entsetzlich eifersüchtig auf ihn und sagt, daß, wenn nicht die guten Kritiker ihm von vornherein den Garaus machen, der elende Geschmack des Publikums ihn zu einem Genie aufpuffen wird. Ueberdies soll der Patron, wie ich höre, von niedriger Herkunft sein. Hier haben Sie seinen Namen und die Gegenstände seiner Bilder. Denken Sie daran, wenn es soweit ist. Inzwischen versäumen Sie nicht, die Abschlachtung der Bilder durch gelegentliche schnöde Bemerkungen über den Maler vorzubereiten.« Bei diesen Worten nahm Herr Mivers aus seinem Cylinder ein vertrauliches Billet des eifersüchtigen Nebenbuhlers und reichte es seinem mildblickenden Collegen. »Ich fürchte, wir müssen das Geschäft für morgen lassen, ich erwarte zwei junge Vettern zum Frühstück.« Sobald der mildblickende Mann fortgegangen war, schlenderte Herr Mivers an das Fenster seines Salons 181 und reichte einem Kanarienvogel, den er tags zuvor zum Geschenk erhalten hatte, mit freundlicher Miene ein Stück Zucker. Der Vogel aber in seinem vergoldeten Käfig, der einen Theil des Geschenks bildete, maß ihn argwöhnisch mit den Blicken und lehnte den Zucker ab. Die Zeit war bis jetzt sehr mild mit Chillingly Mivers verfahren. Er sah kaum einen Tag älter aus, als da er bei Gelegenheit der Geburt seines Verwandten Kenelm dem Leser zum ersten Mal vorgestellt wurde. Er erntete die Früchte seiner weisen Maximen. Ohne Backenbart und unter der sichern Hülle seiner Perrücke zeigte er keine Spur von Grau und erweckte keinen Argwohn, daß er sein Haar färbe. Seine Leidenschaftslosigkeit, sein sorgenfreies Gemüth, sein Geschmack an Vergnügungen und sein sorgfältiges Vermeiden aller Excesse hatten sein Gesicht vor Krähenfüßen bewahrt, ihm die Elasticität seines Körpers und die ungetrübte Klarheit seines eleganten Teints erhalten. Die Thür öffnete sich und ein wohlgekleideter Kammerdiener, der lange genug mit Mivers gelebt hatte, um ihm sehr ähnlich geworden zu sein, meldete Herrn Chillingly Gordon. »Guten Morgen!« sagte Mivers. »Ich habe mich 182 sehr gefreut, Sie gestern Abend so lang und so vertraulich mit Danvers sprechen zu sehen. Das ist natürlich nicht unbemerkt geblieben und hat Sie auf Ihrer Laufbahn einen Schritt weiter befördert. Es kann Ihnen nur sehr nützlich sein, wenn man Sie in einem Salon sich vertraulich mit jemand unterhalten sieht, der etwas zu bedeuten hat. Aber darf ich fragen, ob die Unterhaltung an und für sich befriedigend war?« »Durchaus nicht. Danvers hat meinen Gedanken an Saxboro' mit kaltem Wasser übergossen und hat nicht einmal angedeutet, daß seine Partei mir bei der Bewerbung um irgend einen andern vacanten Parlamentssitz behülflich sein würde.« »Parteien haben heutzutage über wenige vacante Sitze für junge Männer zu verfügen. Seit die Volksbildung so mächtig fortgeschritten, ist die Schule für Staatsmänner wie die Schule für Schauspieler über Bord geworfen. Das ist ein Unglück und ein Unglück von viel größerer Tragweite für die Zukunft der Nation, als irgend ein Gutes, das man von dem System, welches diese fortschreitende Bildung mit sich gebracht hat, erwarten kann. Doch es nützt nichts, sich über Siege, die man nicht ändern kann, lustig zu machen. Wenn ich an Ihrer Stelle wäre, würde ich jeden 183 ehrgeizigen Gedanken an einen Sitz im Parlament verschieben und zunächst Jura studiren.« »Der Rath ist gut, aber zu unschmackhaft, als daß ich ihn befolgen möchte. Ich bin entschlossen, mir einen Parlamentssitz zu verschaffen, und was man energisch will, das kann man auch.« »Sind Sie dessen so ganz gewiß?« »Vollkommen.« »Nach dem zu urtheilen, was mir Ihre Universitätszeitgenossen von Ihren Reden im Debattirclub erzählen, waren Sie damals kein Ultraradicaler. Aber in Saxboro' hat nur ein Ultraradikaler Chancen.« »Ich bin in der Politik kein Fanatiker. Es läßt sich für alle Gesichtspunkte viel sagen – caeteris paribus ziehe ich die gewinnende Seite der verlierenden vor. Nichts ist so erfolgreich wie der Erfolg.« »Ja, aber in der Politik tritt immer eine Reaction ein. Die heute gewinnende Seite kann bald die verlierende werden. Die verlierende Seite repräsentirt eine Minorität, und eine Minorität begreift sicher mehr Intelligenz in sich als eine Majorität; auf die Länge wird sich die Intelligenz immer Bahn brechen, die Majorität für sich gewinnen und sie dann wieder verlieren, weil sie mit der Majorität dumm werden wird.« 184 »Vetter Mivers, zeigt Ihnen nicht die Weltgeschichte, daß ein einzelnes Individuum alle Theorien in Betreff der vergleichsweisen Intelligenz der Wenigen oder der Vielen über den Haufen werfen kann? Nehmen Sie die weisesten Wenigen, die Sie finden können, und ein Genie, das nicht ein Zehntheil der Weisheit dieser Wenigen besitzt, zermalmt sie zu Staub. Und dieses Genie muß sich doch der Vielen, so sehr es sie auch verachtet, zu seinen Zwecken bedienen. Wenn er das gethan hat, beherrscht er sie. Sehen Sie nicht, wie sich in freien Ländern politische Geschicke in individuelle Personificationen auflösen? Bei einer großen Wahl schaaren sich die Wähler um einen Namen. Der Candidat mag sich, soviel er will, in Erörterung politischer Principien ergehen, all sein Reden wird ihm nicht Stimmen genug zu einem Erfolg verschaffen, wenn er nicht erklärt: Ich gehe mit dem Minister Herrn A. oder mit dem Haupt der Opposition, Herrn Z. Es waren nicht die Tories, welche die Whigs schlugen, als Pitt das Parlament auflöste. Es war Pitt, der Fox schlug, mit welchem er in Betreff politischer Principienfragen, wie des Sklavenhandels, der Katholikenemancipation und der Parlamentsreform, sicherlich viel mehr übereinstimmte als mit irgend einem Mitgliede seines Kabinets.« 185 »Nehmen Sie sich in Acht, mein lieber Vetter«, rief Mivers in einem ängstlich besorgten Ton, »werfen Sie sich nicht zu einem Genie auf. Genie ist das Schlimmste, was ein Politiker heutzutage besitzen kann; kein Mensch achtet es und jedermann ist eifersüchtig darauf.« »Verzeihen Sie, Sie mißverstehen mich. Meine Bemerkung war ganz objectiv und sollte nur eine Erwiderung auf Ihre Argumente sein. Ich ziehe es vor, für jetzt mit den Vielen zu gehen, weil sie die gewinnende Seite bilden. Wenn wir dann eines Genies bedürfen, um die Majorität als die gewinnende Seite dadurch zu behaupten, daß das Genie ihre Anhänger seinem Willen unterwirft, so wird es sicherlich erscheinen. Die Wenigen werden das Genie in unsere Arme treiben, denn die Wenigen sind immer die Feinde des Genies. Die Wenigen sind mißtrauisch und eifersüchtig, nicht die Vielen. Sie haben sich Ihr sonst so klares Urtheil durch Ihre Erfahrungen als Kritiker etwas trüben lassen. Die Kritiker sind die Wenigen. Sie sind unendlich viel gebildeter als die Vielen. Wenn aber ein wahres Genie erscheint und sich geltend macht, beurtheilen es die Kritiker selten so richtig wie die Vielen. Wenn es nicht zu ihrer oligarchischen Clique gehört, so mißhandeln sie es oder machen es schlecht, 186 oder affectiren, keine Notiz von ihm zu nehmen, bis endlich die Zeit kommt, wo auch die Kritiker das Genie, nachdem es die Vielen für sich gewonnen hat, anerkennen. Aber der Unterschied zwischen dem Mann der That und dem Schriftsteller ist der, daß der Schriftsteller selten vor seinem Tode Anerkennung findet, während der Mann der That diese Anerkennung nothwendig noch bei seinen Lebzeiten erzwingen muß. Doch genug von diesen speculativen Betrachtungen; Sie haben mich aufgefordert, Kenelm bei Ihnen zu treffen – kommt er nicht?« »Ja, aber ich habe ihn erst für zehn Uhr eingeladen. Sie habe ich gebeten, schon um halb zehn Uhr zu kommen, weil ich gern etwas über Danvers und Saxboro' hören und Sie auch ein wenig auf die Bekanntschaft mit Ihrem Vetter vorbereiten wollte. In Betreff seiner muß ich mich jetzt kurz fassen, denn es ist in fünf Minuten zehn und er ist ein Mensch, bei dem man große Pünktlichkeit erwarten kann. Kenelm ist in jeder Weise Ihr Gegenspiel. Ich weiß nicht, ob er begabter oder weniger begabt als Sie ist; es gibt keinen Maßstab, mit dem man Sie beide messen könnte; aber es fehlt ihm an jedem Ehrgeiz und er könnte möglicherweise dem Ihrigen förderlich sein. Er kann mit Sir Peter machen, was er will, 187 und wenn man bedenkt; wie Ihr armer Vater, ein würdiger, aber zanksüchtiger Mann, Sir Peter geplagt und verfolgt hat, weil Kenelm durch seine Geburt Ihren Erbansprüchen auf das Gut in den Weg trat, so muß man es für wahrscheinlich halten, daß Sir Peter einen Groll gegen Sie hegt, obgleich Kenelm ihn solcher Gefühle für unfähig hält, und es wäre gut, wenn Sie diesen Groll des Vaters dadurch neutralisiren könnten, daß sie die Gunst des Sohnes gewännen.« »Das würde ich gern thun, aber was ist Kenelm's schwache Seite? Die Rennbahn? Die Jagd? Weiber? Poesie? Man kann einen Menschen nur gewinnen, wenn man ihn an seiner schwachen Seite zu fassen versteht.« »St! Ich sehe ihn kommen. Kenelm's schwache Seite war, als ich ihn vor einigen Jahren öfter sah, und ist, wie ich mir denke, noch heute –« »Nun, eilen Sie sich, ich höre ihn schon klingeln!« »Ein leidenschaftliches Verlangen, in dem realen Leben ideale Wahrheiten zu finden.« »Aha«, sagte Gordon, »wie ich es mir gedacht hatte, ein reiner Träumer.« 188 Fünftes Kapitel. Kenelm trat ein. Die jungen Vettern wurden einander vorgestellt, reichten sich die Hände, traten einen Schritt zurück und betrachteten einander. Man kann sich kaum einen größeren Contrast vorstellen, als ihn die beiden Chillinglys, diese Vertreter der aufstrebenden Generation, in ihrer äußeren Erscheinung bildeten. Jeder von ihnen empfand schweigend diesen Contrast. Jeder fühlte, daß dieser Contrast einen Antagonismus in sich schließe und daß, wenn sie sich beide in derselben Arena begegnen sollten, sie das nur als kämpfende Nebenbuhler thun könnten. Und doch empfand jeder mit einer geheimnißvollen Intuition einen gewissen Respekt vor dem anderen, jeder errieth bei dem anderen eine Fähigkeit, der er nicht gerecht zu werden im Stande sei, gegen welche aber seine eigene Fähigkeit 189 sich gedrängt fühlen würde, zu streiten. So würden sich vielleicht ein Vollbluts-Jagdhund und eine Halbbluts-Dogge einander ansehen. Der Zuschauer konnte kaum darüber im Zweifel sein, welcher von beiden das edlere Thier sei; aber er würde vielleicht unschlüssig gewesen sein, wenn es sich darum gehandelt hätte, darauf zu wetten, wer von beiden bei dem tödtlichen Kampfe Sieger bleiben würde. Inzwischen beschnüffelten sich der Vollbluts-Jagdhund und die Halbbluts-Dogge unter höflichen Begrüßungen. Gordon ließ sich zuerst vernehmen. »Ich habe lange gewünscht, Sie persönlich kennen zu lernen«, sagte er, indem er in Stimme und Wesen jenen Ton seiner Ergebenheit anzuschlagen wußte, welche das wohlerzogene jüngere Mitglied einer Familie dem künftigen Haupt seines Hauses schuldig ist. »Ich begreife nicht, daß ich Ihnen gestern Abend nicht bei Lady Beaumanoir begegnet bin, wo Mivers Sie, wie er mir sagt, getroffen hat, aber ich bin früh fortgegangen.« In diesem Augenblick ging Mivers seinen Gästen voran ins Frühstückszimmer, wo sie Platz nahmen. Hier übernahm alsbald der Wirth die Hauptkosten der Unterhaltung, indem er gewandt und lebhaft die Hauptinteressen des Tages, den neuesten Skandal, die neueste literarische Erscheinung, die Reform der Armee, die 190 Reform der Wettrennen, den kritischen Zustand Spaniens und das Debut einer italienischen Sängerin Revue passiren ließ. Er schien ein verkörpertes Journal, Leitartikel, Berichte über Gerichtsverhandlungen, auswärtige Correspondenz, Hofberichte, bis herab zu den Todes-, Geburts- und Heirathsanzeigen mit einbegriffen, zu sein. Gordon unterbrach diesen Erguß von Zeit zu Zeit durch kurze scharfe Bemerkungen, welche von seiner eigenen Kenntniß der behandelten Gegenstände und von der Gewohnheit Zeugniß ablegten, alle mit den Zwecken und Geschäften der Menschen zusammenhängenden Gegenstände aus einem höheren, seinem Wesen gemäßen Gesichtspunkte und durch das Medium jenes blauen Glases zu betrachten, welches Sommerlandschaften einen winterlichen Charakter verleiht. Kenelm sagte wenig, hörte aber aufmerksam zu. Die Unterhaltung verlor ihren discursiven Charakter, um längere Zeit bei einer bedeutenden politischen Persönlichkeit, dem vornehmsten und berühmtesten Mitgliede der Partei zu verweilen, welcher Mivers nicht anzugehören – er gehörte nur seiner eigenen Partei an – aber nahe zu stehen erklärte. Mivers sprach von diesem Führer mit dem Ausdruck des tiefsten Mißtrauens und in einem Geiste allgemeiner Geringschätzung. Gordon stimmte diesem Mißtrauen 191 und dieser Geringschätzung bei, fügte jedoch hinzu: »Aber er ist Herr der Situation und muß für jetzt natürlich durch Dick und Dünn gehalten werden.« »Ja, für jetzt hat man keine andere Wahl«, erwiderte Mivers. »Aber Sie werden im ›Londoner‹ nächstens kurz vor Schluß der Session einige geschickt geschriebene Artikel finden, die ihm dadurch, daß sie ihn in verkehrter Weise loben, großen Schaden thun und die jetzt schon vorhandene, aber noch unterdrückte Besorgniß bedeutender Candidaten für seinen Posten noch steigern werden.« Hier fragte Kenelm in schüchternem Ton, warum Gordon der Ansicht sei, daß ein Minister, den er für so vertrauensunwürdig und gefährlich halte, für jetzt durch Dick und Dünn gehalten werden müsse. »Weil für jetzt die mit der Verpflichtung auf diese Unterstützung gewählten Mitglieder ihren Sitz verlieren würden, wenn sie das nicht thäten. Wenn der Teufel kutschirt, muß man schon folgen, wohin erfährt.« »Wenn der Teufel kutschirt«, erwiderte Kenelm, »würde ich es für richtiger gehalten haben, auf einen Platz auf dem Wagen zu verzichten; vielleicht könnte man sich außerhalb des Wagens nützlich machen und helfen, den Hemmschuh anzulegen.« 192 »Gut bemerkt, Kenelm«, sagte Mivers; »aber von der Metapher abgesehen, hat Gordon Recht; ein junger Politiker muß mit seiner Partei gehen, ein alter Journalist wie ich ist schon unabhängiger. Solange der Journalist jedermann tadelt, wird er immer Leser genug finden.« Kenelm erwiderte nichts und Gordon lenkte das Gespräch von politischen Persönlichkeiten auf politische Maßregeln. Er sprach über einige dem Parlamente vorliegende Bills sehr verständig und entwickelte bei der Aufdeckung ihrer Mängel und dem Nachweis ihrer Gefahren eine große Kenntniß der betreffenden Gegenstände und eine große kritische Schärfe. Kenelm war frappirt von der Klarheit und Schärfe dieses kalten Verstandes und fand selbst, daß das Unterhaus ein geeigneter Platz für die Entwickelung dieses Geistes sein würde. »Aber würden Sie nicht genöthigt sein, diese Bills zu vertheidigen, wenn Sie Mitglied für Saxboro' wären?« fragte Mivers. »Bevor ich Ihre Frage beantworte, antworten Sie mir auf Folgendes: Müssen nicht die Bills trotz ihrer Gefährlichkeit durchgehen? Ist nicht das Publikum entschlossen, sie durchgehen zu sehen?« »Ohne Zweifel.« 193 »Dann kann also das Mitglied für Saxboro' unmöglich stark genug sein, um sich dem Willen des Publikums zu widersetzen.« »Der Fortschritt des Zeitalters!« sagte Kenelm nachdenklich vor sich hin. »Glauben Sie, daß die Klasse der Gentlemen noch lange existiren wird?« »Was verstehen Sie unter Gentlemen? Die Geburtsaristokratie? Die Gentilhommes?« »Nein; ich glaube, kein Gesetz kann einem Manne seine Vorfahren nehmen und eine Klasse von Männern guter Abkunft ist nicht auszurotten. Aber eine Klasse, die nur aus Männern von guter Abkunft, ohne Pflichten, ohne Verantwortlichkeit und ohne das Gefühl für das, was Leute von guter Herkunft ihrer persönlichen Ehre und ihrem Lande schuldig sind, besteht, ist für eine Nation kein Segen. Es ist ein Unglück, welches Staatsmänner von demokratischen Ueberzeugungen anerkennen sollten, daß die Klasse der Leute von guter Herkunft nicht vernichtet werden kann, sie muß bestehen bleiben, wie sie in Rom bestehen blieb und wie sie in Frankreich nach allen Versuchen, sie auszurotten, noch heute als die gefährlichste Klasse von Bürgern besteht, die sie immer sein wird, wenn man sie der Attribute beraubt, welche sie zu der nützlichsten Klasse machten. Ich rede nicht von dieser Klasse, ich rede von jenem 194 unclassificirbaren, England eigenthümlichen Stande, welcher sich ohne Zweifel ursprünglich nach dem idealen Maßstab der Ehre und Wahrhaftigkeit bildete, von dem man annahm, daß er von den Gentilhommes oder Leuten von guter Familie aufrecht erhalten werde, welcher jetzt aber weder eines Stammbaums noch eines Grundbesitzes mehr bedarf, um seinen Mitgliedern die Bezeichnung von Gentlemen zu verschaffen; und wenn ich einen Gentleman sagen höre, daß er keine andere Wahl hat, als, gleichviel mit welcher Gefahr für sein Vaterland, anders zu handeln, als zu denken, so glaube ich vorauszusehen, daß im Fortschritt der Zeit die Klasse der Gentlemen bald von einer höheren Entwickelung der Gattung werde beiseite geschoben werden.« Mit diesen Worten stand Kenelm auf und würde sich verabschiedet haben, wenn nicht Gordon seine Hand ergriffen und ihn zurückgehalten hätte. »Mein lieber Vetter, wenn ich Sie so nennen darf«, sagte er in der ihm eigenen offenen Weise, die zu dem kühnen Ausdruck seines Gesichts und dem klaren Ton seiner Stimme gut paßte, »ich gehöre zu denen, welche infolge eines zu weit getriebenen Widerwillens gegen Sentimentalität und Salbaderei oft bei solchen, welche sie nicht genau kennen, eine schlechtere 195 Meinung von sich hervorrufen, als sie verdienen. Es kann gewiß geschehen, daß einem Manne, der mit seiner Partei geht, die Maßregeln, die er zu unterstützen sich verpflichtet fühlt, mißfallen und daß er das unter Freunden und Verwandten offen ausspricht; darum braucht aber der Mann noch nicht aller Loyalität und Ehre bar zu sein, und ich hoffe zuversichtlich, daß Sie, wenn Sie mich besser kennen, es nicht für wahrscheinlich halten würden, daß ich mich der Klasse von Gentlemen, der wir beide angehören, unwürdig zeigen könnte.« »Verzeihen Sie mir, wenn ich Ihnen unartig erschienen bin«, antwortete Kenelm, »schreiben Sie das meiner Unkenntniß der Bedingungen des öffentlichen Lebens zu. Ich mußte glauben, daß, wenn ein Politiker eine Sache für schlecht hält, er sie nicht als eine gute unterstützen dürfe. Aber ich habe mich darin vermuthlich geirrt.« »Vollständig geirrt und zwar aus folgendem Grunde«, sagte Mivers. »Früher gab es in der Politik eine directe Wahl zwischen gut und schlecht. Davon kann jetzt selten mehr die Rede sein. Hochgebildete Männer, welche zwischen der Annahme oder der Verwerfung einer von sehr ungebildeten constituirenden Körperschaften ihrer Wahl aufgedrängten Maßregel 196 zu wählen haben, sind genöthigt, ein Uebel gegen das andere, das Uebel der Annahme gegen das Uebel der Verwerfung abzuwägen; und wenn sie sich zu der ersteren entschließen, so thun sie das, weil sie dieselbe für das geringere Uebel halten.« »Ihre Erklärung ist vortrefflich«, sagte Gordon, »und ich begnüge mich damit, meine Entschuldigung für das, was mein Vetter als Unaufrichtigkeit betrachtet, auf Ihre Erklärung zu gründen.« »Das gehört vermuthlich auch zum realen Leben«, sagte Kenelm mit seinem schwermüthigen Lächeln. »Gewiß thut es das«, erwiderte Mivers. »Jeder Tag meines Lebens«, seufzte Kenelm, »bestärkt mich mehr in der Ueberzeugung, daß das reale Leben nichts ist als eine Phantasmagorie. Wie absurd ist es von den Philosophen, die Existenz von Erscheinungen zu leugnen! Als was für Erscheinungen müssen wir Lebenden den Geistern vorkommen! ›Die Geister der Weisen sitzen in den Wolken und spotten unser.‹« 197 Sechstes Kapitel. Chillingly Gordon verfehlte nicht, seine Bekanntschaft mit Kenelm zu cultiviren. Er sprach sehr oft morgens bei ihm vor, begleitete ihn bisweilen auf seinen Nachmittagsritten und machte ihn mit Männern seiner Gesellschaft bekannt, die der Mehrzahl nach vielbeschäftigte Mitglieder des Parlaments, junge strebsame Advocaten und politische Journalisten waren, unter denen aber auch reiche Müßiggänger, Clubmitglieder, Sportsmen und andere fashionable Leute von Rang und Vermögen nicht fehlten. Er that das nicht ohne Absicht; denn diese Leute sprachen gut von ihm, nicht nur von seinen Talenten, sondern auch von seinem ehrenwerthen Charakter. Sein Spitzname bei ihnen war: der rechtschaffene Gordon. Kenelm meinte 198 zuerst, dieser Spitzname müsse ironisch gemeint sein, aber nichts weniger. Er war ihm wegen der Aufrichtigkeit und Kühnheit beigelegt, mit welchen er bei der Kundgebung seiner Ansichten einen von jedem Humbug freien Cynismus zur Schau trug. Er war sicherlich kein Heuchler, er brüstete sich nicht mit Ueberzeugungen, die er nicht wirklich hatte, und hatte überhaupt sehr wenige Ueberzeugungen außer der einen, daß die erste Hälfte des Sprichwortes: Jeder für sich und Gott für uns alle, die Richtschnur seines Lebens sein müsse. Wie stark aber auch immer Chillingly Gordon's Unglaube in Betreff der Dinge sein mochte, welche die gangbaren Glaubensartikel der Tugendhaften ausmachen, so war doch in seinem Benehmen nichts, woraus man auf lasterhafte Neigungen hätte schließen können, er war in allen seinen Handlungen durchaus rechtlich und wurde von seinen Altersgenossen bei delicaten Ehrensachen vorzugsweise gern zum Schiedsrichter gewählt. Obgleich er so wenig Hehl aus seinem Ehrgeiz machte, konnte ihn doch niemand beschuldigen, auf den Schultern von Patronen emporklimmen zu wollen. In seiner Natur lag nichts Serviles, und obgleich er ganz bereit war, erforderlichen Falls Wähler zu bestechen, so hätte er selbst sich doch nimmermehr mit 199 Geld erkaufen lassen. Die eine ihn ganz beherrschende Leidenschaft war der Wunsch, Macht zu erlangen. Er spottete über Patriotismus als ein abgenutztes Vorurtheil und nannte Philanthropie eine sentimentale Spiegelfechterei. Er trug kein Verlangen, seinem Lande zu dienen, wohl aber es zu regieren, kein Verlangen, die Menschheit zu erheben, wohl aber selbst emporzusteigen. Er war deshalb gewissenlos und ohne Principien, wie es die für sich selbst nach Macht Dürstenden nur zu oft sind. Aber doch würden ihn, wenn er in den Besitz dieser Macht gelangt wäre, die Klarheit und Stärke seines Geistes wahrscheinlich vermocht haben, einen guten Gebrauch von derselben zu machen. Welchen Eindruck er auf Kenelm machte, mag man aus folgendem Briefe ersehen: »Lieber Vater! Du und meine liebe Mutter werden es gern hören, daß ich in London fortwährend sehr gut aufgenommen werde. Diese » arida nutrix leonum « reiht mich unter die Lieblingslöwen ein, welche die fashionablen Damen in die Gesellschaft ihrer Schooßhunde zulassen. Es ist ungefähr sechs Jahre her, seit es mir gestattet war, in diesen Guckkasten durch die mir von Herrn Welby in seiner Zurückgezogenheit eröffneten Gucklöcher zu blicken. Es scheint mir, vielleicht 200 mit Unrecht, daß sich schon während dieses kurzen Zeitraums der Ton der Gesellschaft merklich verändert hat. Zu behaupten, daß diese Veränderung eine zum Besseren sei, überlasse ich denen, die zur Partei der Progressisten gehören. Ich glaube, daß vor sechs Jahren bei weitem nicht so viele junge Damen ihre Augenlider malten und ihr Haar färbten. Damals gab es vielleicht einige wenige, welche bemüht waren, den von Schuljungen erfundenen und von kleinen Romanschreibern in Umlauf gesetzten Jargon nachzuahmen, und Ausdrücke wie pyramidal, kolossale Frechheit, riesig, amüsant u. s. w. gebrauchten. Aber jetzt begegne ich sehr vielen, die es zu mehr als einem sprachlichen Jargon, zu einem Jargon des Geistes, des Gefühls, kurz so weit gebracht haben, daß von der echten Weiblichkeit und dem Wesen einer wahrhaft vornehmen Dame sehr wenig übrig geblieben ist. Feuilletonisten behaupten, daß die Schuld daran die jungen Leute unserer Zeit treffe, welche Geschmack an jenem Unwesen finden, und daß die schönen Anglerinnen nach Ehemännern beim Fischen einen Köder zur Anwendung bringen, auf dessen bunte Farben die Gründlinge sicher anbeißen werden. Ob diese Erklärung begründet ist, das zu entscheiden maße ich mir nicht an; aber es frappirt mich, daß die Männer meines 201 Alters, welche die Prätension haben, ein fashionables Leben zu führen, ein mattherzigeres Geschlecht sind als die zehn bis zwanzig Jahre älteren Männer, die jenen als Philister gelten. Die Gewohnheit, schon am Morgen Branntwein zu trinken, gehört auch zu jenen neuen Ideen, die jetzt an der Tagesordnung sind. Adonis verlangt nach einem Schnaps, um sich für die Beantwortung eines billet doux von Venus zu stärken. Adonis hat nicht die Kraft, sich ordentlich zu betrinken, aber seine zarte Constitution verlangt Reizmittel und er trinkt fortwährend. Die Männer von hoher Geburt oder die durch ihre gesellschaftlichen Erfolge berühmten Männer, die Deiner Zeit, lieber Vater, angehören, unterscheiden sich noch immer durch das Gepräge einer guten Erziehung und die Art ihrer mehr oder weniger eleganten und von literarischer Bildung zeugenden Unterhaltung vortheilhaft von Männern desselben Ranges aus meiner Generation, die sich etwas darauf zu gute zu thun scheinen, daß sie niemand achten und nichts, nicht einmal Grammatik wissen. Und doch versichert man uns, daß die Welt beständig im Fortschreiten begriffen sei. Diese neue Idee erfreut sich der höchsten Geltung. Die Gesellschaft ist gegenwärtig von einem merkwürdigen Dünkel auf ihren Fortschritt und ihre 202 Vorzüglichkeit erfüllt, und die Individuen, welche diese Gesellschaft bilden, hegen dieselbe selbstgefällige Meinung von sich. Es gibt natürlich, selbst nach meiner kurzen und unvollkommenen Erfahrung, viele Ausnahmen von dem, was mir als vorherrschend charakteristisch für die aufstrebende Generation in der sogenannten guten Gesellschaft erscheint. Ich muß mich damit begnügen, von diesen Ausnahmen die bemerkenswerthesten hervorzuheben. Place aux dames! Ich nenne zuerst Cecilia Travers. Sie und ihr Vater sind jetzt in London und ich sehe sie oft. Ich kann mir keine civilisirte Aera in der Welt denken, welcher ein Weib wie Cecilia Travers nicht zur Zierde gereichen würde, weil sie recht eigentlich der Typus eines Weibes ist, wie der Mann sich das Weib vorzustellen liebt, wenn er sich die schönere Seite des weiblichen Charakters vergegenwärtigt. Und ich sage absichtlich Weib und nicht Mädchen, weil Cecilia Travers nicht unter die Mädchen unserer Zeit gezählt werden kann; man kann sie Jungfrau, Fräulein, Demoiselle, aber man kann sie so wenig Mädchen nennen, wie man eine französische Demoiselle von guter Familie fille nennen kann. Sie ist schön genug, den Augen jedes noch so wählerischen Mannes zu gefallen, aber nicht von jener Art von Schönheit, welche alle Männer zu sehr blendet, um 203 einen Mann zu bezaubern; denn, ich sage das Gott sei Dank als reiner Theoretiker, ich fürchte, daß von der Liebe für ein Weib ein starkes Eigenthumsgefühl unzertrennlich ist, daß man in der Liebe seinen Besitz als einem ganz allein gehörig zu individualisiren verlangt und nicht wünscht, daß dieser Besitz von dem ganzen Publikum als ein legitimer Gegenstand seiner Bewunderung betrachtet werde. Ich kann sehr gut begreifen, wie ein reicher Mann, der einen als Sehenswürdigkeit geltenden Landsitz hat, welcher mit seinen prächtigen Gemächern und schönen Gärten für alle Beschauer offen steht, sodaß er auf seinem eigenen Besitz kein Plätzchen für sich hat, sich in ein hübsches Landhäuschen flüchtet, das er für sich allein hat und von dem er sagen kann: Dies ist mein Haus, dies gehört mir allein. Und so gibt es gewisse Schönheiten, die man im eminenten Sinne Sehenswürdigkeiten nennen kann und von denen das Publikum meint, es habe dasselbe Recht, sie zu bewundern, wie der Eigenthümer, und auch diese Sehenswürdigkeiten selbst würden öde werden und verfallen, wenn man dem Publikum ihren Anblick untersagen könnte. Die Schönheit von Cecilia Travers ist nicht die einer solchen Sehenswürdigkeit. Man fühlt sich sicher bei 204 ihr. Wenn Desdemona ihr geglichen hätte, würde Othello nicht eifersüchtig auf sie gewesen sein. Cecilia würde aber auch ihren Vater nicht betrogen und schwerlich einem Schwarzen gesagt haben, sie wünsche, der Himmel hätte sie zu einem solchen Mann gemacht. Ihr Geist steht im Einklang mit ihrer Erscheinung; es ist ein Geist, mit dem es sich gut verkehren läßt. Ihre Talente sind nicht glänzend, aber sie bilden doch ein anmuthiges Ganzes; sie hat ein gutes Verständniß für die Angelegenheiten des praktischen Lebens und besitzt so viel von jener undefinirbaren weiblichen Gabe, die man Takt nennt, um so launenhafte Naturen wie die meinige zu bändigen, und doch Sinn genug für den Humor des Lebens, um nicht Alles, was ein launenhafter Mensch wie ich sagt, allzu buchstäblich zu nehmen. Was das Temperament anlangt, so kann man darüber bei einem Weibe nie urtheilen, bis man es außer Fassung gebracht hat. Aber ich denke mir das ihrige in seinem normalen Zustande als heiter und zur Munterkeit geneigt. Nun würdest Du, lieber Vater, wenn Du nicht einer der gescheidtesten Männer wärest, unfehlbar aus dieser lobpreisenden Erwähnung von Cecilia Travers schließen, ich sei in sie verliebt. Aber Dir wird es ohne Zweifel nicht entgangen sein, daß ein Mann, der in ein Mädchen 205 verliebt ist, nicht im Stande ist, dessen Verdienste mit so fester Hand zu wägen, wie es die ist, welche diese Feder führt. Ich bin nicht in Cecilia Travers verliebt; ich wollte, ich wäre es. Wenn Lady Glenalvon, die fortwährend von der liebenswürdigsten Güte für mich ist, Tag für Tag zu mir sagt, Cecilia Travers würde eine vortreffliche Frau für mich sein, so weiß ich ihr nicht zu antworten, ich fühle mich aber nicht im mindesten geneigt, Cecilia Travers zu fragen, ob sie ihre Vollkommenheit an jemand verschwenden möchte, der dieselbe so kalt zugesteht. Ich erfahre, daß sie beharrlich bei ihrer Weigerung, den Mann der Wahl ihres Vaters zu heirathen, geblieben ist und daß jener sich durch die Heirath mit einer Andern getröstet hat. Ohne Zweifel werden sich bald ebenso würdige Bewerber präsentiren. O Du theuerster aller meiner Freunde, Du einziger Freund, den ich als einen Vertrauten betrachte, sage mir, werde ich jemals verliebt sein? Und wenn nicht, warum nicht? Bisweilen geht es mir mit der Liebe wie mit dem Ehrgeiz: mir ist, als müßte ich, weil mir in beiden Beziehungen ein unerreichbares Ideal vorschwebt, für immer gegen die Art von Liebe und die Art von Ehrgeiz, die mir erreichbar sind, gleichgültig bleiben. Ich stelle mir vor, daß, wenn ich 206 einmal liebte, ich so heiß lieben würde wie Romeo, und dieser Gedanke flößt mir in Voraussicht der Zukunft ein banges Entsetzen ein. Ebenso würde ich, wenn ich einen Gegenstand fände, der meinen Ehrgeiz reizen könnte, in der Verfolgung desselben grade so energisch sein wie – wen soll ich nennen? Cäsar oder Cato? Cato's Ehrgeiz gefällt mir noch besser als der Cäsar's. Aber heutzutage nennen die Leute Ehrgeiz eine unpraktische Grille, sobald derselbe sich einer verlierenden Sache zuwendet. Cato würde Rom vom Pöbel und vom Dictator gerettet haben; aber Rom konnte nicht gerettet werden und Cato stürzte sich in sein eigenes Schwert. Hätten wir jetzt einen Cato, so würde das Verdict bei der Todtenschau auf Selbstmord, verübt in einem Zustande der Geistesstörung, lauten und dieses Verdict würde sich auf seinen unvernünftigen Widerstand gegen einen Pöbel und einen Dictator gründen! Die Erwähnung des Ehrgeizes führt mich auf die zweite Ausnahme von der Regel des Tages; ich habe eine Demoiselle genannt, ich will jetzt einen Damoiseau nennen. Stelle Dir einen Mann von etwa fünfundzwanzig Jahren vor, der moralisch etwa fünfzig Jahre älter ist als ein gesunder Mann von sechzig Jahren! Stelle Dir ihn vor mit dem Gehirn des Alters und in der Blüte der Jugend, mit einem 207 Herzen, das ganz in dem Gehirn aufgeht und das eisigkalten Gedanken warmes Blut verleiht, stelle ihn Dir vor als einen Mann, der über Alles höhnt, was ich erhaben nenne, aber doch nichts thun würde, was er für niedrig hält, dem Laster und Tugend so gleichgültig sind, wie sie es für die ästhetische Anschauung Goethe's waren, der als praktischer Denker niemals durch unvorsichtige Tugend seine Carrière gefährden und niemals seinen Ruf durch niedrige Laster aufs Spiel gesetzt haben würde. Stelle Dir diesen Mann mit einem lebhaften, starken, raschen, durch keine Scrupel gehemmten, furchtlosen Geist vor, ganz Verstand und ohne Genie, stelle Dir diesen Mann vor und dann erstaune nicht, wenn ich Dir sage, daß er ein Chillingly ist. Das Geschlecht der Chillinglys culminirt in ihm, er ist ein gesteigerter Chillingly. Mir scheint, wir leben in einer Zeit, die ganz für die Chillingly'schen Idiosynkrasien paßt. Während der zehn oder mehr Jahrhunderte, seit unser Geschlecht einen festen Wohnsitz und seinen Namen behauptet, hat es so viel bedeutet wie ein luftiges Nichts. Seine Vertreter lebten in heißblütigen Zeiten und waren genöthigt, sich mit ihren Wappen-Weißfischen in stillen Wassern verborgen zu halten. Aber jetzt, lieber Vater, ist die Zeit 208 so kaltblütig, daß man nicht kaltblütig genug sein kann, wenn man gedeihen will. Was hätte wohl Chillingly Mivers in einem Zeitalter sein können, wo die Leute Werth auf ihren religiösen Glauben legten und wo die politischen Parteien ihre Sache für geheiligt und ihre Führer für Helden hielten! Chillingly Mivers würde nicht fünf Subscribenten für seinen »Londoner« gefunden haben. Aber jetzt ist der »Londoner« das Lieblingsblatt des gebildeten Publikums; es spottet alle Grundlagen unseres gesellschaftlichen Systems hinweg, ohne auch nur den Versuch zu machen, dasselbe wieder aufzubauen, und jedes neu auftauchende Blatt nimmt, wenn es sich über Wasser halten kann, den »Londoner« zum Muster. Chillingly Mivers ist ein großer Mann und der mächtigste Journalist unserer Zeit, obgleich niemand weiß, was er geschrieben hat. Chillingly Gordon ist ein noch merkwürdigeres Beispiel des steigenden Werthes der Chillinglys, auf dem modernen Markt. In den maßgebenden Kreisen herrscht allgemein die Meinung, daß Chillingly Gordon einen hohen Platz in der Gesellschaft der künftigen Generation einnehmen wird. Sein Selbstvertrauen ist so gewaltig, daß es sich allen, die mit ihm in Berührung kommen, mich selbst mit einbegriffen, mittheilt. 209 Neulich sagte er zu mir mit einem des eisigsten Chillingly würdigen sangfroid : »Ich denke Premierminister von England zu werden; es handelt sich dabei für mich nur um Zeit.« Wenn aber Chillingly Gordon wirklich bestimmt wäre, Premierminister zu werden, so würde das nur die Folge davon sein, daß die zunehmende Kälte unserer moralischen und socialen Atmosphäre grade die der Entwickelung seines Talents förderlichste ist. Er ist recht eigentlich der Mann, die Lobpreiser altmodischer Empfindungen: Liebe zum Vaterlande, Sorge für den Rang desselben unter den Nationen, Eifer für seine Ehre und Stolz auf seinen Ruhm, zum Schweigen zu bringen. O, wenn Du hören könntest, wie er den Begriff des Préstige mit philosophischen und logischen Argumenten verhöhnt! Solche Begriffe werden nächstens unter die Dinge classificirt werden, die man als dummes Zeug über Bord wirft, und wenn diese Classification erst einmal complet sein wird, wenn England keine Colonien mehr zu vertheidigen, keine Flotte mehr zu bezahlen, kein Interesse mehr an den Angelegenheiten anderer Nationen zu nehmen und die glückliche Lage Hollands erreicht haben wird, dann wird Chillingly Gordon sein Premierminister sein. Während ich mir aber bewußt bin, daß, wenn 210 ich mich jemals zu politischem Handeln angeregt fühlen sollte, diese Anregung in einer Verleugnung der Chillingly'schen Eigenschaften und in einer wenn auch noch so hoffnungslosen Opposition gegen Chillingly Gordon liegen würde, muß ich mir doch sagen, daß dieser Mann nicht unterdrückt werden kann und daß man ihm freie Bahn schaffen sollte; sein Ehrgeiz wird unendlich viel gefährlicher werden, wenn er durch Schwierigkeiten gehemmt wird. Ich möchte Dir, liebster Vater, vorschlagen, Dir die Ehre nicht entgehen zu lassen, Dir diesen begabten Verwandten zu verpflichten und ihn in den Stand zu setzen, einen Parlamentssitz zu erlangen. Bei unserer letzten Unterhaltung in Exmundham erzähltest Du mir von dem unverhohlenen Verdruß von Gordon père , in jenem Moment, als mein Zurweltkommen seinen Erbansprüchen auf Exmundham ein Ende machte. Du theiltest mir vertraulich mit, daß Du damals die Absicht gehabt habest, jährlich eine Summe zurückzulegen, welche schließlich als Versorgung für Gordon fils und als eine Art von Entschädigung für den Verlust seiner Hoffnungen durch die Erfüllung der Deinigen dienen könnte. Du theiltest mir ferner mit, wie die Ausführung Deiner großmüthigen Absicht durch Deine sehr natürliche Entrüstung über das Benehmen des älteren Gordon bei der Anstellung seines 211 widerwärtigen und kostspieligen Prozesses und durch die Vergrößerung des Gutes vereitelt worden sei, die Du Dich versucht gefühlt habest, durch einen Kauf zu bewirken, der zwar den Umfang des Gutes vermehrte, aber so kostspielig war, daß Deine Einnahme dadurch vermindert und die Möglichkeit fernerer Ersparnisse ausgeschlossen wurde. Zufällig habe ich nun kürzlich bei einer Begegnung mit Deinem Advocaten, Herrn Vining, von diesem erfahren, daß Du lange den Wunsch gehegt und Dich nur durch Deine Delicatesse hast abhalten lassen, denselben gegen mich auszusprechen, daß ich, auf den das Gut als freies übergehen wird, Dich autorisiren möchte, schon jetzt Dein beschränktes Verfügungsrecht über dasselbe aufzuheben. Er machte mir klar, ein wie großer Vortheil das für das Gut sein würde, weil es Dich zu vielen Verbesserungen, in Betreff deren ich die Fortschritte unserer Zeit freudig anerkenne, in den Stand setzen würde, zu welchen Du als nur lebenslänglicher Besitzer das Geld nicht anders als zu ruinösen Bedingungen würdest beschaffen können, Verbesserungen, wie neue Arbeiterwohnungen, neue Pachthäuser, die Consolidirung einiger alten Hypotheken und anderer Lasten. Auch möchte ich das Leibgedinge meiner lieben Mutter gern bedeutend vermehren. Vining sagt mir ferner, daß ein Theil 212 unserer entfernter liegenden Ländereien, welcher nahe bei einer Stadt liegt, mit bedeutendem Vortheil würde verlauft werden können, wenn das Gut ganz frei wäre. Laß uns möglichst rasch die nothwendigen Actenstücke beschaffen, um so die zwanzigtausend Pfund zu erlangen, welche zur Verwirklichung Deines edlen und, ich füge hinzu, gerechten Wunsches, etwas für Chillingly Gordon zu thun, erforderlich sind. In den betreffenden Documenten könnten wir uns das Recht sichern, das Gut nach unserm Belieben zu vererben, und ich bin entschieden dagegen, es Chillingly Gordon zu hinterlassen. Es ist vielleicht eine Grille von mir, aber eine Grille, die Du gewiß theilst, daß der Eigenthümer englischen Grund und Bodens kindliche Liebe für sein Geburtsland hegen sollte, und eine solche Liebe wird Gordon niemals haben. Ich glaube ferner, daß es das Beste für seine Carrière und für die Herstellung einer offenen Verständigung zwischen uns und ihm sein wird, wenn man ihm unumwunden erklärt, daß er für den Fall unseres Todes nichts zu erwarten habe. Zwanzigtausend Pfund, die er jetzt erhielte, würden von größerem Werthe für ihn sein als die zehnfache Summe, wenn er sie erst zwanzig Jahre später erhielte. Mit einer solchen Summe zu seiner Verfügung kann 213 er sich einen Parlamentssitz verschaffen und wird er, wenn man das, was er schon jetzt besitzt, hinzurechnet, ein wenn auch bescheidenes, doch hinreichend großes Einkommen haben, um von der Patronage eines Ministers unabhängig zu sein. Bitte, lieber Vater, willfahre dem Vorschlage, den ich Dir zu machen wage. Dein Dich liebender Sohn Kenelm.« Sir Peter Chillingly an Kenelm Chillingly. »Mein lieber Junge, Du bist nicht werth, ein Chillingly zu heißen. Du hast entschieden warmes Blut; nie wurde einem Menschen mit sanfterer Hand eine Last vom Herzen genommen. Ja, ich hatte den Wunsch, die Beschränkungen meines Verfügungsrechtes über das Gut aufzuheben; da die Sache aber überwiegend zu meinem Vortheil war, so nahm ich Anstand, Dich um Deine Zustimmung zu bitten, wiewohl es eventuell Dir ebensosehr zum Vortheil gereicht haben würde. Ich gestehe, daß ich durch den Kauf der Faircleuch-Ländereien, den ich nur mit Geldern bewerkstelligen konnte, die ich zu hohen Zinsen auf meine persönliche Sicherheit hin borgen und in jährlichen Raten, die mein Einkommen bedeutend verminderten, abzahlen mußte, durch die alten Hypotheken und Anderes mehr in den letzten Jahren sehr genirt war. Aber was mich am meisten 214 freut, das ist die Möglichkeit, für unsere braven Arbeiter bequemere und, worauf es mir vor allem ankommt, ihren Arbeitsplätzen näher gelegene Wohnungen herzustellen, denn die alten Häuschen sind an und für sich nicht schlecht; das Unglück ist, daß die albernen Menschen, wenn man ihnen ein Extrazimmer für die Kinder baut, dasselbe an einen Einlogirer vermiethen. Mein lieber Junge, ich bin von Deinem Wunsch, den Wittwengehalt Deiner Mutter zu vermehren, sehr gerührt. Dieser Wunsch ist übrigens, abgesehen von Deiner kindlichen Gesinnung, sehr begründet; denn Deine Mutter brachte dem Gute ein sehr hübsches Vermögen zu, welches ich mit Zustimmung der Verwalter dieses Vermögens in Land anlegte, und obgleich dieses Land die Abrundung unseres Gutes vervollständigte, bringt es doch nicht zwei Procent ein und mein beschränktes Verfügungsrecht über das Gut ließ das Wittwengehalt unter dem, worauf eine verwittwete Lady einen berechtigten Anspruch hat. Mir liegen die Vorkehrungen in Betreff dieser Punkte mehr am Herzen als die Interessen des Sohnes des alten Chillingly Gordon. Ich hatte mich sehr liberal gegen den Vater benehmen wollen, aber wenn man für ein liberales Benehmen durch einen Prozeß beim Kanzleigericht belohnt wird – auch der Wurm 215 krümmt sich! Nichtsdestoweniger stimme ich Dir darin bei, daß ein Sohn nicht für die Fehler seines Vaters bestraft werden sollte, und wenn das Opfer von zwanzigtausend Pfund Dir und mir das Bewußtsein verschaffen kann, daß wir bessere Christen und echtere Gentlemen sind, so werden wir dieses Bewußtsein um einen sehr billigen Preis erlangt haben.« Sir Peter ging darauf halb scherzend, halb ernsthaft dazu über, Kenelm's Erklärung, daß er nicht in Cecilia Travers verliebt sei, zu bekämpfen, und bemerkte, indem er die Vortheile einer Ehe mit einem Mädchen hervorhob, von welchem Kenelm zugestehe, daß es eine vortreffliche Frau abgeben würde, schlauer Weise, daß es ihm, falls Kenelm nicht einen eigenen Sohn habe, nicht gerecht erscheine, dem nächsten Verwandten das Gut auf keinen bessern Grund hin zu entziehen, als den, daß es ihm an Liebe zu seinem Geburtslande fehle. »Er würde sein Vaterland rasch genug lieben, wenn er nur zehntausend Acker Landes in demselben besäße.« Kenelm schüttelte den Kopf, als er an diesen Satz kam. »Ist denn Vaterlandsliebe am Ende doch nur Liebe zum eigenen Herd?« sagte er zu sich und verschob die Beendigung der Lectüre des Briefes auf später. 216 Siebentes Kapitel. Kenelm Chillingly hatte bei der Schilderung seiner gesellschaftlichen Stellung nicht übertrieben, als er sich einen Löwen der fashionablen Welt nannte. Es wäre unmöglich, die Zahl der dreieckigen Billets, mit welchen er von seiten der schönen, für jede Berühmtheit schwärmenden Damen überschüttet wurde, oder der sorgfältig versiegelten Briefe schöner, anonymer Damen, welche ihn fragten, ob er ein Herz habe und sich um die und die Stunde und an der und der Stelle im Park einstellen wolle, aufzuzählen. Es würde schwer sein zu sagen, was in Kenelm Chillingly's Wesen ihn namentlich bei dem schönen Geschlechte so beliebt machte, wenn es nicht war, daß er in dem Ruf stand, einmal anders als alle anderen Leute und ferner vollkommen 217 gleichgültig gegen jeden Ruf überhaupt zu sein. Er härte, wenn es ihm darum zu thun gewesen wäre, leicht den Beweis liefern können, daß der allgemein verbreitete, wenn auch nicht näher begründete Glaube an seine Talente nicht ganz ungerechtfertigt sei. Denn die Artikel, welche er während seiner Reise ins Ausland an den »Londoner« geschickt hatte und welche ihm seine Reisekosten bestritten hatten, trugen in Ton und Behandlung jene Art von Originalität, welche selten verfehlt, die Neugierde der Leser in Betreff der Person des Verfassers zu erregen, und allgemeineren Beifall erntet, als sie vielleicht verdient. Aber Mivers war seiner übernommenen Verpflichtung, das Incognito des Autors streng zu wahren, treu geblieben und Kenelm hegte eine gleich tiefe Verachtung für seine Artikel und für die Leser, welche dieselben lobten. Grade wie die Misanthropie bei einigen Menschen aus getäuschtem Wohlwollen hervorgeht, so gibt es gewisse Naturen, und Kenelm Chillingly gehörte vielleicht zu ihnen, bei welchen der Indifferentismus die Frucht eines getäuschten Ernstes der Lebensauffassung ist. Er hatte sich viel Vergnügen von der Erneuerung der Bekanntschaft mit seinem alten Lehrer, Herrn 218 Welby, und von der Auffrischung seines Geschmacks für Metaphysik, Casuistik und Kritik versprochen. Aber dieser vollendete Bekenner des Realismus hatte der Philosophie ganz und gar den Rücken gekehrt und genoß jetzt lebenslängliche Ferien in der Bekleidung eines öffentlichen Amtes. Ein Minister, zu Gunsten dessen, als derselbe auf der Seite der Opposition stand, Herr Welby den Einfall gehabt hatte, einige sehr geschickte Artikel in einem bedeutenden Blatt zu schreiben, hatte, als er ans Ruder kam, dem Realisten eins jener wenigen guten Dinge verehrt, welche der ministeriellen Patronage noch verblieben sind, eine etwa zwölfhundert Pfund jährlich einbringende Stelle. Während Welby's Vormittage so durch Routinearbeiten ausgefüllt waren, brachte er seine Abende im Genuß angenehmer Geselligkeit zu. » Inveni portum «, sagte er zu Kenelm; »ich quäle mich jetzt nicht mehr mit der Ergründung dunkler Materien. Aber essen Sie morgen tête-à-tête mit mir. Meine Frau ist mit unserm jüngsten Kinde in St. Leonards, um die Seeluft zu genießen.« Kenelm nahm die Einladung an. Das Diner würde einen Brillat Savarin befriedigt haben; es war tadellos, und der Rothwein war jener köstliche Nektar, Lafitte von 1848. 219 »Ich theile diesen Genuß nie mit mehr als einem Freunde zur Zeit«, sagte Welby. Kenelm bemühte sich, seinen Wirth zu einer Discussion über gewisse neue, nach rein realistischen Principien geschriebene Werke zu veranlassen. »Je realistischer diese Werke zu sein den Anspruch machen, desto weniger real sind sie«, sagte Kenelm. »Ich bin halb geneigt zu glauben, daß die ganze Schule, welche Sie so systematisch zu gründen bemüht gewesen sind, auf einer falschen Auffassung beruht und daß Realismus in der Kunst etwas Unmögliches ist.« »Ich glaube, Sie haben Recht. Mein Uebergang zu dieser Schule war ernst gemeint, weil ich gegen Anhänger der idealistischen Schule leidenschaftlich erbittert war, und wenn man es mit einer Sache ernst nimmt, geht man in der Regel von einer falschen Auffassung aus, besonders wenn man leidenschaftlich erregt ist. Ich meinte es weder im Ernst, noch war ich leidenschaftlich erregt, als ich jene Artikel schrieb, denen ich meine jetzige Stelle verdanke.« Bei diesen Worten streckte Herr Welby seine Beine behaglich von sich, führte das Glas an seinen Mund und athmete das Bouquet des Weines wollüstig ein. »Sie betrüben mich«, erwiderte Kenelm. »Es ist melancholisch, zu finden, daß ein Lehrer, der in unserer 220 Jugend auf die Bildung unseres Geistes Einfluß geübt hat, sich über seine eigenen Lehren lustig macht.« Welby zuckte die Achseln. »Das Leben besteht aus einem Prozeß abwechselnden Lernens und Verlernens; aber es ist oft weiser, zu verlernen, als zu lernen. Uebrigens kümmere ich mich, nachdem ich aufgehört habe ein Kritiker zu sein, wenig darum, ob ich Recht oder Unrecht hatte, als ich jene Rolle spielte; jetzt, wo ich Beamter bin, glaube ich Recht zu haben. Laß die Welt ihren Gang gehen, wenn sie uns nur auf sich leben läßt. Ich trinke meinen Wein bis auf die Neige und beschränke meine Hoffnungen auf die kurze Spanne des Lebens. Verwerfen Sie den Realismus in der Kunst, wenn es Ihnen beliebt, und lassen Sie ihn für das Verhalten im Leben gelten. Zum ersten Mal in meinem Leben fühle ich mich behaglich; nachdem mein Geist seine Schuhe ausgetreten hat, genießt er jetzt den Luxus der Pantoffeln. Wer kann den Realismus des Comforts leugnen?« Als Kenelm wieder in seinen Brougham stieg, fragte er sich: »Hat ein Mann das Recht, einen seltenen Geist und eine seltene Gelehrsamkeit dazu zu verwenden, die junge Generation aus den sicheren alten Bahnen zu scheuchen, die sie sich selbst überlassen wandeln würde, aus den alten, von romantischen Flüssen 221 und schattigen Bäumen begrenzten Wegen, und sie in neue, auf weiten Sandflächen liegende Wege zu leiten um ihr dann, wenn sie sich die Füße wund gelaufen hat und erschöpft ist, zu sagen, daß er sich den Teufel darum schere, ob sie sich ihre Schuhe auf dem rechten oder unrechten Wege ausgetreten haben, denn er habe das summum bonum der Philosophie in dem Behagen bequemer Pantoffeln erreicht?« Noch ehe er sich diese Frage beantworten konnte, hielt sein Brougham vor der Thür des Ministers, welchen Welby mitgeholfen hatte ans Ruder zu bringen. An jenem Abend drängte sich in den Salons des hochgestellten Mannes die fashionable Welt. Es war grade ein sehr kritischer Moment für den Minister. Das Schicksal seines Kabinets hing von dem Ergebniß eines Antrags ab, der in der nächsten Woche im Unterhause gestellt werden sollte. Der große Mann stand am Eingange seiner Salons, um seine Gäste zu empfangen, und unter diesen Gästen befanden sich die Urheber des feindlichen Antrags und die Führer der Opposition. Er empfing sie mit demselben anmuthigen Lächeln wie seine theuersten Freunde und zuverlässigsten Anhänger. »Ich vermuthe, daß das Realismus ist«, dachte Kenelm bei sich; »aber es ist weder Wahrheit noch 222 Comfort.« In der Nähe der Thür an die Wand gelehnt, betrachtete er mit ernstem Interesse die frappante Physiognomie seines ausgezeichneten Wirthes. Hinter jenem höflichen Lächeln und jenen höflichen Manieren entdeckte er die Spuren der Sorge. Der Ausdruck des Auges war abwesend, die Wangen hatten etwas Gekniffenes, die Stirn war gefurcht. Dann wandte Kenelm seine Blicke von dem Gesicht des Ministers ab und ließ sie über die lebhaften Physiognomien der auf den gewöhnlichen Wegen des Lebens einherwandelnden Müßiggänger schweifen. Der Ausdruck ihrer Augen hatte nichts Abwesendes, ihre Stirn war nicht gefurcht; ihre Geister schienen sich in dem Austausch von Nichtigkeiten völlig behaglich zu fühlen. Viele von ihnen hatten wohl ein Interesse an dem bevorstehenden Kampf, aber es war ein Interesse, wie es Leute, die kleine Summen gewettet, am Derby-Tag nehmen, groß genug, um dem Wettrennen einen gewissen Reiz zu verleihen, aber nicht groß genug, um den Gewinn zu einer großen Freude oder den Verlust zu einer schweren Pein zu machen. »Unser Wirth sieht krank aus«, sagte Mivers zu Kenelm. »Ich entdecke bei ihm Spuren einer unterdrückten Gicht. Sie kennen meinen Aphorismus: Es gibt nichts, was der Gicht so förderlich 223 wäre wie der Ehrgeiz, namentlich parlamentarischer Ehrgeiz.« »Sie gehören nicht zu jenen Freunden, die mich auf meinem Lebenswege an dieser Quelle der Krankheit zu schöpfen zwingen möchten; erlauben Sie mir, Ihnen dafür zu danken.« »Ihr Dank kommt an den unrechten Mann. Ich rathe Ihnen sehr entschieden, eine politische Carrière zu ergreifen.« »Trotz der Gicht?« »Trotz der Gicht. Wenn Sie die Welt nehmen könnten, wie ich es thue, so würde mein Rath vielleicht anders lauten. Aber Ihr Geist laborirt an einer Ueberfülle von Zweifeln und phantastischen Grillen, und es bleibt Ihnen nichts zu thun übrig, als diesen Zweifeln und Grillen im thätigen Leben Luft zu machen.« »Sie haben mit dazu beigetragen, daß ich das geworden bin, was ich bin, ein Müßiggänger, und sind mit verantwortlich für meine Zweifel und phantastischen Grillen. Auf Ihre Empfehlung wurde ich Herrn Welby zur Erziehung übergeben und zwar in jenem kritischen Alter, in welchem die Biegung des Schößlings über die künftige Gestalt des Baumes entscheidet.« »Und ich bin stolz auf diesen Rath. Ich will 224 Ihnen die Gründe, aus denen ich denselben seinerzeit gab, wiederholen. Es ist ein unberechenbarer Vortheil für einen jungen Mann, beim Eintritt ins Leben in die neuen Ideen, welche mehr oder weniger Einfluß auf seine Generation üben werden, völlig eingeweiht zu sein. Welby war der fähigste Repräsentant dieser Ideen. Man muß es als eine ganz besonders glückliche Chance betrachten, wenn der Verbreiter neuer Ideen etwas mehr als ein reiner Buchgelehrter, wenn er durch und durch ein Weltmann und das ist, was wir mit besonderem Nachdruck praktisch nennen. Ja, Sie schulden mir Dank dafür, daß ich Ihnen einen solchen Lehrer verschaffte und Sie vor sentimentalem Geschwätz, vor der Poesie Wordsworth's und dem muskulösen Christenthum des Vetters John bewahrte.« »Das, wovor Sie mich bewahrt zu haben glaubten, hat mir vielleicht besser gethan, als Alles, wozu Sie mich bestimmten. Ich fürchte, daß, wenn es der Erziehung gelingt, einen alten Kopf auf junge Schultern zu setzen, diese Combination der Gesundheit nicht zuträglich ist; sie macht das Blut stocken und verlangsamt den Puls. Indessen darf ich nicht undankbar sein, Sie meinten es gut. Ja, Welby scheint mir allerdings praktisch zu sein; er hat keine 225 Ueberzeugungen und hat eine Anstellung bekommen. Aber unser Wirth scheint mir doch auch praktisch zu sein; er hat eine viel höhere Stelle als Welby und ist doch sicherlich nicht ohne Ueberzeugungen. Wie?« »Er ist zu einer Zeit geboren, wo die neuen Ideen sich noch nicht praktisch geltend zu machen angefangen hatten; aber in dem Maße, wie sie das gethan haben, hat er seine Ueberzeugungen natürlich fahren lassen. Ich glaube nicht, daß er jetzt noch an Vieles glaubt, ausgenommen an die beiden Sätze: daß, wenn er sich zu den neuen Ideen bekennt, er Macht besitzen und behaupten wird und, wenn er sich nicht zu ihnen bekennt, von Macht keine Rede sein kann; und ferner, daß, wenn die neuen Ideen sich zu behaupten bestimmt sind, er der beste Mann ist, dieselben sicher zu leiten – Glauben genug für einen Minister. Kein weiser Minister sollte mehr davon haben!« »Glaubt er nicht, daß der Antrag, den er nächste Woche zu bekämpfen haben wird, schlecht ist?« »Schlecht? Natürlich, in seinen Folgen, denn wenn derselbe durchgeht, so wird er ihn stürzen; an und für sich hält er den Antrag sicherlich für gut, denn er würde ihn selbst stellen, wenn er noch in der Opposition wäre.« »Ich sehe, daß Pope's Definition noch immer 226 wahr ist: Die Parteien sind der Wahnsinn der Vielen zum Vortheil der Wenigen.« »Nein, sie ist nicht wahr. Wahnsinn ist in seiner Anwendung auf die Vielen ein falscher Ausdruck. Die Vielen sind bei ganz gutem Verstande; sie kennen ihre Zwecke und sie bedienen sich der Intelligenz der Wenigen, um ihre Zwecke zu erreichen. In jeder Partei sind es die Vielen, welche die Wenigen, die nominell ihre Führer sind, controliren. Ein Mann wird Premierminister, weil er den Vielen seiner Partei am geeignetsten scheint, ihre Ansichten zur Geltung zu bringen. Wenn er sich herausnimmt, von diesen Ansichten abzuweichen, so stellen sie ihn an einen moralischen Pranger und bewerfen ihn mit ihren schmuzigsten Steinen und ihren verfaultesten Eiern.« »Die Definition mußte also umgekehrt lauten? Parteien wären vielmehr der Wahnsinn der Wenigen zum Vortheil der Vielen?« »Das ist unzweifelhaft die correctere von beiden Definitionen.« »Lassen Sie mich also mir meinen gesunden Verstand bewahren und es ablehnen, einer der Wenigen zu sein.« Kenelm verließ seinen Vetter, trat in eins der weniger vollen Zimmer und sah hier Cecilia Travers 227 in einer Nische mit Lady Glenalvon sitzen. Er trat an sie heran und ließ sich, als Lady Glenalvon nach einem kurzen Austausch gewöhnlicher Höflichkeitsphrasen aufstand, um die Frau eines Gesandten anzureden, auf dem von ihr verlassenen Stuhl nieder. Es war ihm eine Erquickung für Auge und Ohr, Cecilia's reine Stirn zu betrachten und ihre sanfte Stimme zu hören, in deren Ton nichts Künstliches war und die keinem cynischen Witzworte zum Ausdruck verhalf. »Finden Sie es nicht sonderbar«, sagte Kenelm, »daß wir Engländer alle unsere Gewohnheiten so gestalten, daß dadurch selbst das, was wir Vergnügen nennen, so wenig vergnüglich wie möglich wird? Wir stehen jetzt im Beginn des Juni, dem Anfange der schönen Jahreszeit, wo jeder Tag auf dem Lande ein Genuß für Auge und Ohr ist, und da sagen wir: Jetzt beginnt die Saison für die heißen Räume. Wir allein von allen civilisirten Nationen bringen unsern Sommer in einer Hauptstadt zu und sitzen fest auf dem Lande, wenn die Bäume ihres Blätterschmucks entkleidet und die Teiche gefroren sind.« »Das ist gewiß verkehrt; aber ich liebe den Aufenthalt auf dem Lande in allen Jahreszeiten, selbst im Winter.« 228 »Vorausgesetzt, daß sich in dem Landhause eine Menge von Londonern zusammengefunden hat?« »Nein, das halte ich vielmehr für eine Schattenseite. Ich brauche nie Gesellschaft, wenn ich auf dem Lande bin.« »Es ist ja wahr. Ich hätte daran denken sollen, daß Sie anders sind als die jungen Mädchen im Allgemeinen und daß Sie sich in der Gesellschaft von Büchern wohl fühlen. Bücher sind auf dem Lande immer mittheilsamer als in der Stadt, oder vielmehr, wir hören ihnen auf dem Lande mit weniger zerstreuter Aufmerksamkeit zu. Sieh da! Ist das da drüben nicht der schöne Backenbart von George Belvoir? Wer ist die Dame, die sich auf seinen Arm stützt?« »Wissen Sie nicht? Lady Emily Belvoir, seine Frau.« »O ja! Man hat mir erzählt, daß er geheirathet hat. Sie ist eine schöne Frau. Sie wird den Familiendiamanten gut stehen. Liest sie Blaubücher?« »Ich will sie fragen, wenn Sie es wünschen!« »Nein, es ist kaum der Mühe werth. Während meiner Reise im Auslande habe ich nur selten englische Zeitungen gesehen. Ich erfuhr jedoch, daß George bei der Parlamentswahl gesiegt habe. Hat er schon einmal im Parlament gesprochen?« 229 »Ja; er hat in dieser Session die Antwort auf die Adresse beantragt, und der Ton und Geschmack seiner Rede wurden sehr gelobt. Einige Wochen später hat er wieder gesprochen, aber, wie es scheint, leider mit weniger gutem Erfolge.« »Hat man ihn ausgehustet?« »Etwas der Art.« »Wird ihm gut thun; er wird sich von dem Aushusten erholen und wird meine Prophezeiung seines Erfolgs wahr machen.« »Sind Sie jetzt mit George Belvoir fertig? Dann möchte ich Sie fragen, ob Sie Will Somers und Jessie Wiles ganz vergessen haben?« »Die sollte ich vergessen haben! Nein.« »Aber Sie haben sich nie wieder nach ihnen erkundigt.« »Ich habe es als ausgemacht angenommen, daß sie so glücklich wie möglich sind. Bitte, bestätigen Sie mir, daß dem so ist.« »Ich hoffe, sie sind es jetzt; aber es hat ihnen nicht an Kummer gefehlt und sie haben Graveleigh verlassen.« »Kummer? Sie haben Graveleigh verlassen? Sie machen mich unruhig. Bitte, erklären Sie sich näher!« »Es war noch nicht drei Monate nach ihrer 230 Verheirathung und ihrer Installirung in dem Häuschen, das sie Ihnen verdanken, verflossen, als der arme Will von einem rheumatischen Fieber befallen wurde. Wochenlang mußte er das Bett hüten und war, als er endlich wieder aufstehen durfte, so schwach, daß er noch unfähig war, irgend etwas zu arbeiten. Während seiner Krankheit stand Jessie nicht der Sinn danach und sie hatte auch wenig Zeit, sich um den Laden zu bekümmern. Natürlich gab ich oder vielmehr mein guter Vater ihnen alle nöthige Unterstützung; aber –« »Ich verstehe; sie waren zu Almosenempfängern geworden. Pfui über mich, daß ich nicht an die Pflichten gedacht habe, die ich gegen das von mir zusammengebrachte Paar hatte. Aber bitte, fahren Sie fort.« »Sie wissen, daß, kurz ehe Sie uns verließen, meinem Vater die Proposition gemacht wurde, seinen Landbesitz in Graveleigh gegen andere ihm wünschenswerthere Ländereien zu vertauschen?« »Ich erinnere mich. Er acceptirte die Proposition.« »Ja; Hauptmann Stavers, der neue Grundherr von Graveleigh, scheint ein sehr übler Mensch zu sein, und wiewohl er die Somers nicht aus ihrem 231 Häuschen vertreiben konnte, solange sie ihre Miethe bezahlten – und wir sorgten dafür, daß sie das thaten – etablirte er doch aus einem nichtswürdigen Groll einen Concurrenzladen in einem seiner andern Häuschen im Dorfe und so wurde es für das arme junge Paar unmöglich, sich in Graveleigh seinen Unterhalt zu verdienen.« »Welche Entschuldigung für seinen Groll gegen ein so harmloses junges Paar hatte denn Kapitän Stavers oder erfand er?« Cecilia senkte die Blicke und erröthete. »Sein Motiv war der Wunsch, sich an Jessie zu rächen.« »Ah, ich verstehe.« »Aber sie haben jetzt das Dorf verlassen und sind glücklich anderswo etablirt. Will hat seine Gesundheit wiedererlangt und es geht ihnen gut, viel besser, als es ihnen je in Graveleigh hätte gehen können.« »Waren Sie bei ihrem Umzuge ihre Wohlthäterin, Fräulein Travers?« fragte Kenelm in einem zärtlicheren Ton und mit sanfterem Blick, als er je zuvor der Erbin gezeigt hatte. »Nein, nicht mir haben sie zu danken, nicht mich zu segnen.« »Wem denn? Ihrem Vater?« 232 »Nein, fragen Sie mich nicht weiter. Ich darf es nicht sagen. Sie wissen es selbst nicht, glauben vielmehr, Sie seien es, dem sie zu danken haben.« »Mir? Soll ich denn ewig mir selbst zum Trotz ein Scheinwesen sein? Mein verehrtes Fräulein Travers, es ist von der größten Wichtigkeit für meine Ehre, dieses leichtgläubige Paar zu enttäuschen; wo kann ich dasselbe finden?« »Ich darf es nicht sagen, aber ich will ihren geheimen Wohlthäter um Erlaubniß bitten und Ihnen ihre Adresse schicken.« In diesem Augenblick fühlte sich Kenelm an seinem Arm berührt und eine Stimme flüsterte ihm zu: »Darf ich Sie bitten, mich Fräulein Travers vorzustellen?« »Fräulein Travers«, sagte Kenelm, »ich bitte Sie, meinen Vetter, Herrn Chillingly Gordon, in die Liste Ihrer Bekannten einzureihen.« Während Gordon an Cecilia die conventionellen Phrasen richtete, mit welchen Bekanntschaften in Londoner Salons zu beginnen pflegen, stand Kenelm auf ein Zeichen von Lady Glenalvon, die eben wieder ins Zimmer getreten war, von seinem Stuhl auf und ging zu der Marquise. »Ist der junge Mann, den Sie da in der 233 Unterhaltung mit Fräulein Travers verlassen haben, nicht Ihr talentvoller Vetter Gordon?« »Jawohl.« »Sie hört ihm mit großer Aufmerksamkeit zu. Wie sich seine Züge beleben, wenn er spricht! Er ist dann wirklich schön.« »Ja, ich könnte ihn mir als einen gefährlichen Bewerber vorstellen. Er hat Witz, Lebhaftigkeit und Kühnheit. Er könnte sich in ein großes Vermögen stark verlieben und zu der Besitzerin mit einem für einen Chillingly ganz ungewöhnlichen Feuer reden. Indessen geht mich das ja nichts an.« »Es sollte Sie aber etwas angehen.« »Wehe, wehe! über das ›es sollte aber‹! Welch' ein tief kummervoller Sinn liegt in diesen Worten! Wie glücklich würde unser Leben, wie groß würden unsere Handlungen, wie rein unsere Seelen sein, wenn Alles bei uns so stände, wie es stehen sollte!« 234 Achtes Kapitel. Es trifft sich oft, daß wir in einem kleinen, auf dem Lande zusammenlebenden Kreise oder an einem ruhigen Badeorte oder in einer kleinen Stadt des Continents vertraute Freundschaften schließen, welche in dem gewaltigen Strudel des Londoner Lebens zu entfernten Bekanntschaften werden, ohne daß einen von beiden Theilen die Schuld dieser Entfremdung träfe. So war es mit Leopold Travers und Kenelm Chillingly. Travers hatte, wie wir gesehen haben, ungemein viel Geschmack an der Unterhaltung des jungen Fremden gefunden, die einen so gewaltigen Contrast zu dem alltäglichen ländlichen Verkehr bildete, auf welchen sein reger Geist sich seit Jahren beschränkt gesehen hatte. Aber als er, ein Jahr bevor er wieder mit Kenelm zusammentraf, zum ersten Mal wieder nach 235 London gekommen war, hatte er alte Freundschaften mit früheren Berufsgenossen erneuert, mit Offizieren des Regiments, dem er einst zur Zierde gereicht hatte, von denen einige noch unverheirathet, einige wenige gleich ihm Wittwer, andere endlich, ehedem seine Rivalen in der Mode, noch immer elegante Müßiggänger waren. In einer großen Hauptstadt kommt es selten vor, daß wir mit Männern einer andern Generation auf vertrautem Fuße stehen, außer wenn das Interesse für Kunst und Wissenschaft oder gemeinschaftliche Sympathien im politischen Parteikampfe das verknüpfende Band bilden. So kam es, daß Travers und Kenelm, seit sie sich zuerst bei den Beaumanoirs getroffen, sehr wenig vertrauten Verkehr mit einander gepflogen hatten. Dann und wann trafen sie sich auf einer Londoner rout und begrüßten sich kopfnickend. Aber ihre Lebensgewohnheiten waren verschieden. Weder verkehrten sie vertraulich in denselben Häusern, noch frequentirten sie dieselben Clubs. Kenelm's hauptsächlichste Körperbewegung bestand noch immer in langen frühen Wanderungen durch ländliche Vorstädte, die Leopold's in einem späten Ritt im Hyde-Park. Leopold war bei weitem mehr als Kenelm dem Vergnügen ergeben. Nachdem er sich erst einmal wieder an das hauptstädtische Leben gewöhnt hatte, fand er mit seinem von Haus aus 236 lebhaften, feurigen und geselligen Temperament auch bald wieder, wie in früheren Tagen, Geschmack an den leichteren Amusements, welche dieses Leben ihm bot. Wäre der Verkehr zwischen den beiden Männern noch so offen vertraulich gewesen wie in Neesdale-Park, so würde Kenelm Cecilia viel öfter in ihrem eigenen Hause gesehen haben, und aus der Bewunderung und Achtung, welche sie ihm bereits einflößte, würden sich vielleicht viel wärmere Gefühle entwickelt haben, wenn er so zu einem klareren Verständniß ihres sanften und echt weiblichen Herzens und ihrer zärtlichen Voreingenommenheit für ihn gelangt wäre. Er hatte in seinem Brief an Sir Peter etwas unbestimmt gesagt, daß es ihm bisweilen vorkomme, als ob seine Gleichgültigkeit gegen Liebe und Ehrgeiz daher rühre, daß ihm in beiden Beziehungen ein unerreichbares Ideal vorschwebe. Wenn er diese Voraussetzung auf die Probe stellte, so mußte er sich ehrlicher Weise bekennen, daß er kein Ideal eines Weibes in sich trage, mit welchem sich die reale Cecilia Travers im Widerspruch befunden hätte. Im Gegentheil, je mehr er über die charakteristischen Eigenschaften Cecilia's nachdachte, desto mehr schien sie jedem Ideal, das ihm in dem Dämmerlicht träumerischen Sinnens vorgeschwebt hatte, zu entsprechen, und doch wußte er, daß er nicht in sie verliebt 237 sei, daß sein Herz mit seiner Vernunft nicht im Einklang stehe. Und mit tiefer Trauer resignirte er in der Ueberzeugung, daß nirgends auf diesem Planeten, dessen Bewohnern mit ihrem Treiben er sich so fremd fühlte, seiner die lächelnde Gespielin, die ernste Genossin harre. In dem Maße, wie sich diese Ueberzeugung in ihm befestigte, steigerte sich in ihm der Ueberdruß an dem künstlichen Leben der Hauptstadt und aller seiner Zwecke und Vergnügungen und erwachte in ihm wieder eine tiefe Sehnsucht nach der Zigeunerfreiheit und den gesunden Aufregungen seiner Fußwanderungen. Oft gedachte er mit Neid des wandernden Troubadours und fragte sich, ob er, wenn er wieder dieselbe Gegend durchstreifte, auch diesem umherschweifenden Sänger wieder begegnen würde. 238 Neuntes Kapitel. Etwa eine Woche nachdem Kenelm Cecilia wieder getroffen hatte, saß er um jene dritte Nachmittagsstunde, deren Verwendung städtischen Müßiggängern immer am schwierigsten wird, in seinem Zimmer mit Lord Thetford. Unter den jungen Männern seines Alters und Standes, mit welchen Kenelm in der fashionablen Welt verkehrte, war dieser junge Erbe der Beaumanoirs vielleicht derjenige, auf den er am meisten hielt, den er am meisten sah. Und obgleich Lord Thetford mit dem directen Verlaufe meiner Erzählung nichts zu thun hat, lohnt es sich doch der Mühe, einige Augenblicke bei der Skizzirung eines der Besten zu verweilen, welche die letzte Generation hervorgebracht hat und die berufen sind, eine Rolle zu übernehmen, 239 welche junge Männer wie Lord Thetford, Dank gewissen Zufälligkeiten der Geburt und des Vermögens, auf jener Bühne spielen müssen, deren Vorhang noch nicht aufgezogen ist. Bestimmt, das Haupt einer Familie zu werden, welche mit fürstlichem Reichthume und einem historischen Namen einen feurigen, wiewohl durchaus ehrenwerthen politischen Ehrgeiz verband, hatte Lord Thetford eine sorgfältige Erziehung genossen, die ihn insbesondere auch in die neuen Ideen seiner Zeit einweihte. Sein Vater hatte, wiewohl ein Mann von nicht gewöhnlichen Talenten, doch niemals einen Antheil am öffentlichen Leben genommen; er wünschte aber, daß sein ältester Sohn das thun möge. Die Beaumanoirs waren Whigs seit der Zeit Wilhelm's III. Sie hatten seit jener Zeit die guten und die bösen Tage einer Partei getheilt, von welcher kein Politiker, gleichviel ob er ihr angehört oder nicht, wenn er die Extreme in der Regierung eines Staates fürchtet, der von so überwiegend künstlichem Gefüge ist, daß das Vorherrschen eines Extrems in einer der beiden Schalen für das Gleichgewicht verhängnißvoll werden würde, wünschen kann, daß sie aufhöre oder schwach werde, solange eine constitutionelle Monarchie in England existirt. Von dem Regierungsantritt Georg's I. 240 an bis zum Tode Georg's IV. waren die Beaumanoirs im Aufsteigen begriffen. Wenn man ihre Galerie von Familienportraits besucht, muß man die Bedeutung eines Hauses bewundern, welches während eines Zeitraums von weniger als einem Jahrhundert so viele Männer für den Staatsdienst oder für den Schmuck des Hofes, so viele Minister, Gesandte, Generale, Oberkammerherren und Stallmeister lieferte. Als der jüngere Pitt die großen Whigfamilien schlug, sanken die Beaumanoirs zu verhältnißmäßiger Unbedeutendheit herab; mit dem Regierungsantritt Wilhelm's IV. tauchten sie wieder auf und brachten abermals Bollwerke des Staats und Zierden der Krone hervor. Der jetzige Lord Beaumanoir hatte, wiewohl er sich wenig mit Politik befaßte, doch wenigstens hohe Hofämter inne gehabt und war selbstverständlich Lord-Lieutenant seiner Grafschaft und Ritter des Hosenbandordens. Er war ein Mann, den die Führer seiner Partei bei kritischen Fragen zu Rathe zu ziehen sich gewöhnt hatten. Er pflegte seine Ansichten vertraulich und bescheiden mitzutheilen und nahm es nie übel, wenn sie verworfen wurden. Er lebte der Ueberzeugung, daß eine Zeit kommen werde, wo das Haupt der Beaumanoirs auf dem Kampfplatze in die Schranken hinabsteigen und Mann gegen Mann mit jedem 241 Hodge oder Hobson für die Sache seines Landes und zum Besten der Whigs werde kämpfen müssen. Zu träge oder zu alt, um das selbst zu thun, sagte er zu seinem Sohn: Du mußt das thun; ohne Anstrengung meinerseits kann die Sache wohl noch, solange ich lebe, so fortgehen. Du mußt Dich anstrengen, daß es auch noch für Deine Lebenszeit dauere. Lord Thetford befolgte freudig die väterliche Mahnung. Er bezwang seine natürlichen Neigungen, welche seinem künstlerischem Geschmack und männlichen Uebungen huldigten. Er war ein großer Freund der Musik und Malerei, ein feiner Dilettant, der für einen Kenner in beiden Künsten galt; er war ein leidenschaftlicher Verehrer körperlicher Uebungen, namentlich der Jagd. Er ließ sich aber durch diese Neigungen nicht von der ernstesten Aufmerksamkeit auf die Geschäfte des Unterhauses abziehen. Er war Mitglied von Ausschüssen, führte den Vorsitz bei öffentlichen Versammlungen über Gesundheitsfragen oder Pläne zu socialen Verbesserungen und entledigte sich seiner Obliegenheiten bei solchen Gelegenheiten sehr gut. Er hatte sich noch an keiner Debatte im Parlament betheiligt, denn er saß erst zwei Jahre darin und befolgte den weisen Rath seines Vaters, erst im dritten Jahre zu reden. Aber er war nicht ohne Einfluß auf die guten 242 Familien entstammenden jüngeren Mitglieder der Partei und war aus jenem Stoff gemacht, aus welchem, wenn er gereift ist, die Säulen eines Kabinets geformt werden. In seinem Herzen war er überzeugt, daß seine Partei zu weit und zu rasch gehe, aber er ging getrosten Muthes mit dieser Partei und würde sich nicht von ihr getrennt haben, auch wenn sie direct auf den Erebus losgesteuert wäre. Aber er würde es vorgezogen haben, sie eine andere Richtung einschlagen zu sehen. Im Uebrigen war er ein angenehmer, frisch blickender junger Bursche von lebhaftem Naturell, der in Momenten der Muße von öffentlichen Geschäften langweilige Jagdpartien wie Sonnenschein belebte und heiße Ballsäle wie ein kühler Wind erfrischte. »Mein lieber Freund«, sagte Lord Thetford, als er seine Cigarre beiseite warf, »ich begreife vollkommen, daß Sie sich langweilen, Sie haben nichts zu thun!« »Was kann ich thun?« »Arbeiten.« »Arbeiten?« »Ja. Sie sind begabt genug, um sich bewußt zu sein, daß Sie einen Geist haben, und der Geist ist der ruhelose Bewohner des Körpers; er verlangt nach 243 irgend welcher Beschäftigung und zwar nach einer regelmäßigen; er bedarf zur Erhaltung seiner Gesundheit täglicher Uebung. Gewähren Sie die Ihrem Geiste?« »Das weiß ich wahrhaftig nicht; aber mein Geist macht sich immer mit einem oder dem andern Gegenstande zu thun.« »In einer fortwährend abspringenden Weise – ohne festen Zweck.« »Das ist wahr.« »Schreiben Sie ein Buch; dabei wird Ihr Geist die erforderliche regelmäßige Uebung bekommen.« »Nun, mein Geist schreibt fortwährend ein Buch, wenn er auch vielleicht keins veröffentlichen wird, notirt sich fortwährend Eindrücke oder erfindet Vorfälle oder erforscht Charaktere, und unter uns, ich glaube, ich langweile mich nicht mehr so sehr wie früher. Andere Leute langweilen mich jetzt noch mehr als früher.« »Weil Sie sich nicht entschließen können, im Verein mit Anderen auf einen bestimmten Zweck hinzuarbeiten. Treten Sie ins Parlament, schließen Sie sich einer Partei an und Sie haben einen solchen Zweck.« »Können Sie ernsthaft behaupten, daß Sie im Unterhause nicht gelangweilt werden?« 244 »Von den Rednern sehr oft, aber von dem Kampf zwischen den Rednern nicht. Das Leben im Unterhause hat etwas eigenthümlich Aufregendes, von dem man sich außerhalb desselben kaum einen Begriff macht; Sie können sich aber den Reiz desselben vorstellen, wenn Sie beobachten, wie Männer, die früher in dem dichtesten Gewühl der parlamentarischen Kämpfe gestanden haben, sich verlassen und vergessen fühlen, wenn sie ihren Sitz verlieren, und es schmerzlich empfinden, wenn der Zufall der Geburt sie in die reinere Atmosphäre des Oberhauses versetzt. Versuchen Sie es einmal mit diesem Leben, Chillingly.« »Ich würde es vielleicht thun, wenn ich ein Ultraradicaler, ein Republikaner, ein Communist oder ein Socialist wäre und alles Bestehende umstürzen möchte, denn dann würde es sich wenigstens um einen sehr ernsten Kampf handeln!« »Könnten Sie es aber nicht ebenso ernst mit dem Kampf gegen jene revolutionären Herren im Parlament nehmen?« »Nehmen Sie und Ihre Führer es mit dem Kampf gegen jene Herren ernst? Es kommt mir nicht so vor.« Thetford schwieg einen Augenblick und sagte dann: »Nun, wenn Sie an dem Ernst der Principien meiner 245 Partei zweifeln, so gehen Sie mit der andern Partei. Ich meinestheils und viele von unserer Partei würden es mit Vergnügen sehen, wenn die Conservativen stärker wären.« »Das bezweifle ich nicht. Kein verständiger Mensch läßt sich gern von einer hinter ihm her drängenden Menge willenlos forttreiben, und die Menge wird weniger ungestüm, wenn sie eine starke Macht sich gegenüber sieht. Aber es scheint mir, daß der Conservatismus für jetzt nur sein kann, was er eben ist: eine Partei, die sich zum Widerstande, aber nicht zu neuen schöpferischen Constructionen vereinigen kann. Wir leben in einem Zeitalter, wo der Prozeß der Auflösung blindlings vor sich geht, wie wenn er von einer blinden Nemesis ins Werk gesetzt wäre. Neue Ideen stürzen sich in tosendem Wogendrange gegen die Ideen heran, welche frühere Denker als feste Dämme und Wellenbrecher betrachtet hatten, und die neuen Ideen sind so wandelbar und so schwankend wie die Ideen, welche vor zehn Jahren für neu galten und heute veraltet sind. Und mit einer Art von Fatalismus sehen wir Staatsmänner sich diesen aufeinanderfolgenden Experimenten, die ein Hohn auf alle Erfahrung sind, fügen und achselzuckend zu einander sagen: Bismillah, es muß so sein! Das Land will es 246 so, und wenn es auch dabei zu Grunde gehen sollte. Ich bin nicht sicher, daß das Land nicht um so rascher zu Grunde gehen wird, wenn Sie nur das conservative Element stark genug machen können, um es mit der Gewißheit, es wieder niederwerfen zu können, ans Ruder zu bringen. Ach, ich bin leider ein zu leidenschaftsloser Zuschauer, um mich zu einem Parteigänger zu eignen; ich wollte, ich wäre es nicht. Wenden Sie sich an meinen Vetter Gordon.« »Ja, Chillingly Gordon ist ein Mann der Zukunft und besitzt den ganzen Ernst, den Sie bei den Parteien und bei sich selbst vermissen.« »Sie nennen ihn ernst?« »Gewiß! Höchst ernst in der Verfolgung eines Zweckes, der Beförderung Chillingly Gordon's. Wenn er ins Unterhaus kommt und dort Succeß hat, so hoffe ich nie unter seiner Führung zu stehen, denn wenn er das Christenthum seiner Beförderung hinderlich fände, würde er einen Antrag auf Abschaffung desselben stellen.« »Würde er in einem solchen Falle noch Ihr Führer bleiben können?« »Mein lieber Kenelm, Sie wissen nicht, was es mit dem Parteigeist auf sich hat und wie leicht 247 derselbe Entschuldigung für Alles findet, was der Führer der Partei thut. Natürlich würde Gordon, wenn er einen Antrag auf Abschaffung des Christenthums einbrächte, das auf den Grund hin thun, daß diese Abschaffung gut für die Christen sei, und seine Anhänger würden diese erleuchtete Auffassung mit Jubel begrüßen.« »Ach«, sagte Kenelm mit einem Seufzer, »ich gestehe, daß ich der stumpfsinnigste Dummkopf bin; denn anstatt mir das Feld der Parteipolitik verlockend erscheinen zu lassen, versetzt mich Ihre Darstellung in ein albernes Erstaunen darüber, daß Sie sich nicht so rasch wie möglich davonmachen, da doch die Ehre nur durch die Flucht gerettet werden kann.« »Bah, mein lieber Chillingly, wir können der Zeit, in der wir leben, nicht entfliehen; wir müssen ihre Bedingungen acceptiren und das Beste daraus zu machen suchen, und wenn das Unterhaus nichts Anderes ist, so ist es doch eine famose Debattirgesellschaft und ein ausgezeichneter Club. Denken Sie darüber nach; ich muß Sie jetzt verlassen. Ich will nach der Ausstellung, mir ein Bild anzusehen, das im ›Londoner‹ höchst grausam kritisirt worden, das aber, wie man mir von competenter Seite versichert, eine sehr tüchtige Arbeit ist. Ich kann es nicht leiden, wenn 248 ein Mann von ganz gewiß eifersüchtigen Rivalen, welche die Journale beherrschen, schnöde heruntergemacht wird, und so will ich mir selbst ein Urtheil über das Gemälde bilden. Wenn es wirklich so gut ist, wie man mir sagt, so werde ich mit allen Leuten, die mir begegnen, darüber reden und in Kunstangelegenheiten gilt mein Wort, glaube ich, etwas. Beschäftigen Sie sich ernst mit der Kunst, mein lieber Kenelm. Die Erziehung eines Gentleman kann nicht für vollständig gelten, wenn er nicht ein gutes Bild von einem schlechten zu unterscheiden weiß. Nach der Ausstellung werde ich vor der Hauptdebatte dieser Session, die heute Abend beginnt, noch eben Zeit zu einem Ritt um den Park haben.« Leichten Schrittes verließ der junge Mann das Zimmer und summte, als er die Treppe hinabstieg, eine Arie aus »Figaro«. Vom Fenster aus beobachtete ihn Kenelm, wie er sich mit leichter Grazie in den Sattel schwang und rasch die Straße hinunterritt, in Gestalt, Gesicht und Haltung ein wahres Muster junger, hochgeborener, wohlerzogener Männlichkeit. »Die Venetianer«, murmelte Kenelm vor sich hin, »ließen Marino Faliero köpfen, weil er gegen seinen eigenen Stand, die Adligen, conspirirt hatte. Die Venetianer liebten ihre Institutionen und glaubten an dieselben. 249 Existirt eine solche Liebe und ein solcher Glaube in England?« Während er so mit sich selbst sprach, hörte er ein schrilles Quieken und sah, wie ein herumziehender Mann vor seinem Fenster die Bühne aufstellte, auf welcher Punch sich über die Gesetze und die sittlichen Grundsätze der Welt lustig macht, »den Büttel tödtet und dem Teufel Trotz bietet«. 250 Zehntes Kapitel. Kenelm wurde von dem Anblick Punch's durch einen eintretenden Diener abgelenkt, der ihm meldete, jemand vom Lande, der seinen Namen nicht nennen wolle, wünsche ihn zu sprechen. In der Meinung, es könne ein Bote seines Vaters sein, hieß Kenelm den Fremden hereinführen, und im nächsten Augenblick trat ein junger Mann mit schönem Gesicht und gewaltigem Körperbau ein, in welchem Kenelm, nachdem er ihn einen Augenblick überrascht angestarrt hatte, Tom Bowles erkannte. Für einen weniger scharfen Beobachter wäre dieses Wiedererkennen in der That schwierig gewesen; keine Spur war mehr von dem verdrossenen Kampfhahn oder dem Dorfschmied vorhanden; der Gesichtsausdruck war sanft und 251 intelligent, mehr schüchtern als verwegen; die Gestalt hatte das Gepräge roher Kraft verloren, die einfache Kleidung war die eines Gentleman und, um mich eines charakteristischen Ausdrucks zu bedienen, der ganze Mann war herabgestimmt. »Ich hoffe, Herr Chillingly, Sie entschuldigen, daß ich mir die Freiheit nehme«, sagte Tom etwas ängstlich, indem er seinen Hut mit den Fingern herumdrehte. »Ich würde ein größerer Freund der Freiheit sein, als ich es bin, wenn man sich ihrer immer in dieser Weise bedienen wollte«, sagte Kenelm in einem Anflug seiner schwermüthigen Laune, überließ sich aber dann sofort seinen wärmeren Empfindungen, ergriff die Hand seines alten Gegners und rief: »Mein lieber Tom, seien Sie mir herzlich willkommen, wie freue ich mich, Sie zu sehen! Setzen Sie sich, Freund, setzen Sie sich; machen Sie sich's bequem.« »Ich hatte keine Ahnung davon, daß Sie nach England zurückgekehrt seien, erst in den letzten acht Tagen erfuhr ich es, Herr Chillingly; denn«, fuhr er in einem Ton des Vorwurfs fort, »Sie hatten mir gesagt, daß, sobald Sie zurückkämen, ich etwas von Ihnen sehen oder hören solle.« »Ich bin zu tadeln, verzeihen Sie mir«, sagte 252 Kenelm, dem sein Gewissen schlug. »Aber wie haben Sie mich gefunden? Sie wußten ja damals, glaube ich, nicht einmal meinen Namen? Den konnten Sie freilich leicht genug erfahren; aber wer hat Ihnen meine Adresse gegeben?« »Nun, Herr Chillingly, Fräulein Travers, die mich zu Ihnen gehen hieß. Sonst würde ich, da Sie nicht nach mir schickten, mich schwerlich für berechtigt gehalten haben, Sie unaufgefordert zu besuchen.« »Aber, lieber Tom, ich hatte keine Ahnung davon, daß Sie in London seien. Man kann doch einen Mann, den man mehr als hundert Meilen entfernt glaubt, nicht bitten, einem einen Nachmittagsbesuch zu machen. Sie sind vermuthlich noch bei Ihrem Onkel und ich brauche Sie nicht zu fragen, ob es Ihnen gut geht. Sie sehen vom Kopf bis zum Fuß aus wie ein wohlsituirter Mann.« »Ja«, erwiderte Tom; »danke Ihnen herzlich; geschäftlich geht es mir gut und mein Onkel will mir zu Neujahr das ganze Geschäft übergeben.« Während Tom so sprach, hatte Kenelm seinen Diener gerufen und ihm befohlen, Erfrischungen zu bringen, wie sie sich eben in der Speisekammer eines Junggesellen ohne eigene Menage finden. »Und was bringt Sie nach London, Tom?« 253 »Fräulein Travers schrieb mir in Betreff einer kleinen geschäftlichen Angelegenheit, die sie für mich zu besorgen die Güte gehabt hat, und theilte mir mit, daß Sie darüber etwas zu erfahren wünschten, und so entschloß ich mich, nachdem ich mir ein paar Tage die Sache überlegt hatte, nach London zu gehen; mich verlangte danach«, fügte Tom herzlich hinzu, »Ihr Gesicht wiederzusehen.« »Aber Sie reden in Räthseln. Von welchem Geschäft, das Sie angeht, kann Fräulein Travers glauben, daß ich etwas darüber zu wissen wünsche?« Tom erröthete und sah sehr verlegen aus. Glücklicherweise ließ ihm der eben mit den Erfrischungen eintretende Diener Zeit, sich zu erholen. Kenelm servirte ihm eine tüchtige Portion kalten Taubenpays, nöthigte ihn Wein zu trinken und berührte den Gegenstand nicht eher wieder, als bis er glauben durfte, die Zunge seines Gastes werde jetzt besser gelöst sein; dann sagte er, die Hand freundlich auf Tom's Schulter legend: »Es ist mir jetzt eingefallen, was Fräulein Travers und ich miteinander gesprochen haben. Ich bat sie um die neue Adresse von Will Somers; sie versprach mir, an seinen Wohlthäter zu schreiben und denselben um die Erlaubniß zu bitten, mir die Adresse zu schicken. Sind Sie dieser Wohlthäter?« 254 »Sagen Sie nicht Wohlthäter, Herr Chillingly; ich will Ihnen, wenn Sie wollen, erzählen, wie die Sache gekommen ist. Sehen Sie, ich verkaufte mein kleines Grundstück in Graveleigh an den neuen Squire, und als meine Mutter, um in meiner Nähe zu sein, nach Luscombe zog, erzählte sie mir, wie die arme Jessie vom Hauptmann Stavers gequält worden sei, der zu glauben scheint, sein Kauf schließe die auf dem Grundstück befindlichen Frauenzimmer mit ein, wie die darauf stehenden Bäume. Und ich fürchtete halb, sie möchte ihn zu seiner Verfolgung in gewisser Weise ermuntert haben; denn Sie wissen, sie hat einen Blick in ihren sanften Augen, der einen verständigen Mann außer sich bringen und zum Narren machen kann.« »Aber ich hoffe, sie hat diese Blicke seit ihrer Verheirathung verlernt.« »Nun, ich glaube das auch, ich weiß jetzt sogar gewiß, daß sie Hauptmann Stavers nicht ermuthigt hat; denn ich ging selbst heimlich hinüber nach Graveleigh und wohnte versteckt bei einem der Dorfbewohner, der mir verpflichtet war, und eines Tages, als ich auf der Lauer stand, sah ich den Hauptmann über den Zauntritt blicken, der Holmwood von den Pfarräckern trennt. Erinnern Sie sich Holmwoods?« »Nein.« 255 »Der Fußsteig vom Dorfe nach dem Gute des Squire Travers geht durch den Wald, der wenige hundert Schritte hinter Will Somer's Obstgarten liegt. Plötzlich zog sich der Hauptmann von dem Zauntritt zurück und verschwand hinter den Bäumen und dann sah ich Jessie mit einem Korbe von dem Obstgarten herkommen und auf den Wald zugehen. Da sank mir das Herz, Herr Chillingly. Ich war überzeugt, sie komme, um den Hauptmann zu treffen. Indessen schlich ich versteckt längs der Hecke hin und gelangte fast gleichzeitig mit Jessie in den Wald. Unter dem Schutz des Gebüsches schlich ich mich weiter, bis ich den Hauptmann aus dem Gebüsch auf der andern Seite des Weges hervortreten und sich grade vor Jessie aufpflanzen sah. Da erkannte ich alsbald, daß ich ihr Unrecht gethan hatte. Sie war nicht darauf gefaßt gewesen, ihn zu sehen; denn sie drehte sich rasch um und wollte wieder nach Hause laufen; aber er vertrat ihr den Weg und ergriff sie am Arm. Ich konnte nicht hören, was er sagte, hörte aber ihre von Angst und Zorn erregte Stimme. Und dann umschlang er plötzlich ihren Leib und sie schrie – und ich sprang rasch aus dem Gebüsch hervor.« »Und walkten den Hauptmann durch?« »Nein, das that ich nicht«, erwiderte Tom; »ich 256 hatte mir selbst gelobt, nie wieder gewaltsam zu Werke zu gehen, wenn ich irgend umhin konnte. So packte ich ihn mit der einen Hand am Genick, mit der andern am Leibgurt und warf ihn in einen Brombeerbusch – ganz sanft. Er rappelte sich rasch wieder auf, denn er ist ein gewandter kleiner Kerl, und fing an zu raisonniren und zu schimpfen. Aber ich behielt meinen Gleichmuth und sagte höflich: ›Kleiner Herr, schimpfen thut nicht weh; wenn Sie aber Frau Somers je wieder molestiren, so bringe ich Sie in ihren Obstgarten, stecke Sie dort in den Ententeich und rufe alle Dorfbewohner zusammen, damit sie sehen, wie Sie da wieder herauskommen, und das thue ich gleich, wenn Sie jetzt nicht machen, daß Sie fortkommen. Ich denke, Sie haben wohl von mir gehört, ich bin Tom Bowles.‹ Darauf wurde sein bisher hochrothes Gesicht sehr bleich, und etwas vor sich hinmurmelnd, was ich nicht verstand, ging er seines Weges. Jessie, ich meine Frau Somers, schien zuerst über meinen Anblick ebenso erschrocken, wie sie es über den des Hauptmanns gewesen war; und obgleich ich ihr anbot, mit ihr zu Fräulein Travers zu gehen, der sie einen von der jungen Dame bestellten Korb bringen wollte, lehnte sie es ab und ging wieder nach Hause. Ich fühlte mich verletzt und kehrte noch denselben Abend nach dem Hause meines Onkels 257 zurück; erst Monate nachher hörte ich, daß der Hauptmann aus Rache einen neuen Concurrenzladen etablirt habe, daß der arme Will krank und seine Frau in den Wochen sei, und es hieß, sie seien in sehr schlechten Umständen und würden vielleicht Alles verkaufen müssen. Als ich das hörte, dachte ich, am Ende sei es doch meine grobe Zunge, welche den Hauptmann so erzürnt und die Ursache seines Grolls gewesen sei, und daß es daher meine Pflicht sei, die Sache bei dem armen Will und seiner Frau wieder gut zu machen. Ich wußte nicht, wie ich es anfangen sollte, die Verhältnisse der armen Menschen zu verbessern, aber ich dachte, ich wollte zu Fräulein Travers gehen und mit der reden, und wenn es je ein gutes Herz in einer Mädchenbrust gegeben hat, so ist es ihres.« »Darin haben Sie gewiß Recht. Nun, was sagte Fräulein Travers?« »Ich weiß kaum mehr, was sie sagte, aber sie brachte mich zum Nachdenken, und es leuchtete mir ein, daß Jessie, Frau Somers meine ich, besser thäte, aus dem Bereich des Hauptmanns zu ziehen, und daß Will an einem weniger abgelegenem Orte besser fortkommen würde. Und dann las ich glücklicherweise in der Zeitung, daß eine Papier- und Galanteriewaarenhandlung mit einer Leihbibliothek in Woleswick, jenseits 258 Londons, zu einem billigen Preise zu verkaufen sei. Ich fuhr sofort mit der Eisenbahn nach Woleswick und fand, daß der Laden grade für die jungen Leute passe und keinem von beiden zu viel Arbeit aufbürden würde; darauf ging ich zu Fräulein Travers – und ich hatte aus dem Verkauf der alten Schmiede und des Hauses eine Menge Geld, mit dem ich nichts anzufangen wußte, und um der langen Geschichte ein Ende zu machen, ich kaufte das Geschäft, und Will und seine Frau sind in Woleswick etablirt und sind hoffentlich glücklich und es geht ihnen gut.« Bei diesen letzten Worten zitterte Tom's Stimme, er wandte sich rasch ab und fuhr sich mit der Hand über die Augen. Kenelm war sehr bewegt. »Und sie wissen nicht, was Sie für sie gethan haben?« »Gewiß nicht. Ich glaube nicht, daß Will es ertragen hätte, sich mir verpflichtet zu wissen. O, der Bursche ist stolz und Jessie, Frau Somers meine ich, würde sich gekränkt und gedemüthigt gefühlt haben, wenn sie erfahren hätte, daß ich nur an so etwas denke. Fräulein Travers besorgt Alles. Sie nehmen das Geld als ein Darlehn, welches in Terminen zurückbezahlt werden muß. Sie haben Fräulein Travers 259 schon mehr als einen Termin Zahlung geleistet und daher weiß ich, daß es ihnen gut geht.« »Halten sie es für ein Darlehn von Fräulein Travers?« »Nein; Fräulein Travers wünschte einen Antheil daran zu haben, aber ich bat sie, das nicht zu thun. Es machte mich glücklich, das, was ich that, ganz allein zu thun, und Fräulein Travers fühlte mit mir und drang nicht weiter in mich. Sie glaubten vielleicht, es sei Squire Travers, der sich aber nicht dazu bekennen wolle, aus Furcht, sich dadurch Bittsteller aufzuladen, oder ein anderer Herr, der ein Interesse an ihnen nehme.« »Ich habe immer gesagt, Sie seien ein prächtiger Bursche, Tom, aber eine solche Noblesse hätte ich Ihnen doch nicht zugetraut.« »Wenn irgend etwas Gutes an mir ist, danke ich es Ihnen, Herr Chillingly. Erinnern Sie sich nur, was für eine betrunkene wilde Bestie ich war, als ich Ihnen zuerst begegnete. Jene Wanderungen mit Ihnen und, ich kann wohl sagen, die Unterhaltung mit jenem andern Herrn und dann der lange freundliche, nicht mit Ihrem Namen unterzeichnete Brief, den ich vom Auslande her von Ihnen bekam, das Alles verwandelte mich, wie die Muttermilch das Kind verwandelt.« 260 »Sie haben gewiß viel gelesen, seit wir uns zu letzt sahen.« »Ja, ich gehöre zu dem Leseverein unserer jungen Leute, und wenn ich abends ein Buch, besonders ein hübsches Geschichtenbuch in die Hand bekomme, so frage ich nichts nach anderer Gesellschaft.« »Haben Sie nie ein anderes Mädchen gesehen, für das Sie sich interessirt und das Sie zu heirathen gewünscht hätten?« »O Herr Chillingly«, antwortete Tom, »ein Mann verliebt sich nicht wie ich in Jessie Wiles und bringt dann, wenn Alles vorbei und er wieder zu sich gekommen ist, sein Herz so leicht wieder in die Fugen wie ein gebrochenes Bein. Ich will nicht sagen, daß ich nicht noch einmal ein anderes Weib lieben und heirathen könnte, ich wünsche das vielmehr. Aber ich weiß, daß ich Jessie bis an meinen Tod lieben werde; aber nicht sündig, Herr Chillingly, nicht sündig; ich möchte ihr auch nicht einmal in Gedanken Unrecht thun.« Es entstand eine lange Pause. Endlich sagte Kenelm: »Sie hatten mir versprochen, gut gegen jenes kleine Mädchen mit dem Blumenball zu sein; was ist aus ihm geworden?« »Ich danke Ihnen, Herr Chillingly, es geht ihr 261 ganz gut. Meine Tante und meine Mutter haben sie sehr lieb gewonnen. Sie kommt oft abends zu ihnen und bringt ihre Handarbeit mit. Sie ist ein lebhaftes, intelligentes kleines Ding und voll hübscher Einfälle. Sonntags, wenn das Wetter schön ist, schweifen wir miteinander durch die Felder.« »Sie ist ein Trost für Sie gewesen, Tom.« »O ja.« »Und liebt Sie?« »Das glaube ich sicher; sie ist ein zärtliches, dankbares Kind.« »Sie wird bald erwachsen sein, Tom, und wird Sie dann vielleicht wie ein Weib lieben.« In Tom's Gesicht malte sich Entrüstung und etwas wie Hohn über diese Vermuthung und er beeilte sich, zu dem seinem Herzen näher liegenden Gegenstande zurückzukehren. »Fräulein Travers sagte mir, Sie würden gern Will Somers und seine Frau besuchen; wollen Sie? Woleswick ist nicht weit von London, wissen Sie.« »Gewiß will ich sie besuchen.« »Ich hoffe, Sie werden sie glücklich finden, und wenn das der Fall ist, werden Sie es mich gütigst wissen lassen, und – und – ich möchte wohl wissen, ob Jessie's Kind ihr gleicht. Es ist ein Junge; ich 262 hätte, ich weiß selbst nicht recht warum, lieber gehabt, es wäre ein Mädchen gewesen.« »Ich will Ihnen über Alles ganz ausführlich schreiben. Aber warum wollen Sie nicht mit mir kommen?« »Nein, ich glaube nicht, daß ich das grade jetzt könnte. Es hat mich jämmerlich aus der Fassung gebracht, als ich in Graveleigh ihr hübsches Gesicht wiedersah und sie sich auch noch vor mir fürchtete, das war bitter.« »Sie müßte wissen, was Sie für sie gethan haben, und sie soll es wissen.« »Auf keinen Fall, Herr Chillingly, versprechen Sie mir das, ich müßte mich ja vor mir selbst schämen, wenn ich sie in dieser Weise demüthigen wollte.« »Ich verstehe; aber ein positives Versprechen kann ich Ihnen doch nicht geben. Inzwischen wohnen Sie doch, wenn Sie noch länger in London bleiben, bei mir, meine Wirthin wird schon ein Zimmer für Sie schaffen können.« »Ich danke Ihnen, Herr Chillingly, aber ich muß mit dem Abendzuge wieder nach Hause und, potztausend, wie spät ist es schon! Ich muß Ihnen Adieu sagen. Ich habe einige Aufträge für meine Tante auszurichten und muß eine neue Puppe für Susey kaufen.« 263 »Ist Susey der Name des kleinen Mädchens mit dem Blumenball?« »Ja. Ich muß rasch fort; es hat mir wahrhaft wohlgethan, Sie wiederzusehen und zu finden, daß Sie mich noch so freundlich aufnehmen, als ständen wir einander gleich.« »O Tom, ich wollte, ich stände Ihnen gleich, ja, wäre nur halb so edel, wie der Himmel Sie gemacht hat.« Tom lachte ungläubig und ging von dannen. »Am Ende hat doch, scheint es, diese nichtswürdige Leidenschaft der Liebe auch ihre guten Seiten. Wenn sie früher aus diesem braven Burschen fast ein wildes Thier, nein, noch etwas Schlimmeres, einen dem Galgen verfallenen Mörder gemacht hatte, was hat sie doch auch andererseits für eine feine, zarte, ritterliche Natur aus den stürmischen Elementen seines frühern Wahnsinns geschaffen! Ja, ich will mir dieses junge Paar ansehen. Ich denke mir, sie speien einander schon an wie Katze und Hund. Nach Moleswick ist es ja nur ein Spaziergang.« 264 Fünftes Buch. Erstes Kapitel. Zwei Tage nach der im letzten Kapitel des vorigen Buches geschilderten Zusammenkunft zwischen Kenelm und Tom Bowles erfuhr Travers, der zufällig bei Kenelm in dessen Wohnung vorsprach, von seinem Diener, daß Herr Chillingly London allein verlassen und keine Ordre hinterlassen habe, wohin ihm Briefe nachzuschicken seien. Der Diener wußte weder, wohin er gegangen sei, noch wann er zurückkehren werde. Travers erzählte das beiläufig Cecilia, und sie fühlte sich etwas verletzt, daß er ihr nicht ein Wort über Tom's Besuch geschrieben habe. Sie vermuthete jedoch, daß er gegangen sei, die Somers zu besuchen, und in ein paar Tagen zurückkehren würde. Aber Wochen verflossen, die Saison näherte sich ihrem Ende, 265 ohne daß sie von Kenelm Chillingly etwas gesehen oder gehört hätte. Er war ganz aus der Londoner Welt verschwunden. Er hatte nur seinem Diener eine Zeile geschrieben, worin er ihm befahl, nach Exmundham zu gehen und ihn dort zu erwarten, und hatte eine Anweisung eingelegt, um damit verschiedene Rechnungen zu bezahlen. Wir müssen jetzt unserem Helden auf seinen sonderbaren Abwegen folgen. Er hatte seine Wohnung bei Tagesanbruch, lange ehe sein Diener aufgestanden war, mit seinem Ränzel und seinem kleinen Koffer verlassen. In diesen hatte er außer einigen Kleidungsstücken, von denen er glaubte, daß er ihrer möglicherweise bedürfen würde und für die in seinem Ränzel kein Platz war, einige Lieblingsbücher gelegt. Mit diesem Gepäck fuhr er in einem Miethwagen nach der Vauxhall Station, gab seinen Koffer zur Beförderung nach Moleswick auf und ging mit seinem Ränzel auf dem Rücken langsam durch die schläfrigen Vorstädte, die sich weit in die Landschaft hinauserstreckten, ehe er unter dem Eindruck einiger Spuren ländlicher Cultur auf beiden Seiten der Landstraße freier aufathmen konnte. Außerhalb des Bereichs der hauptstädtischen Einflüsse fühlte er sich aber erst, als er die Dächer und Bäume des anmuthigen Richmond schon weiter 266 hinter sich gelassen hatte. Als er in einem kleinen Wirthshause, wo er eingekehrt war, um zu frühstücken, fand, daß es einen Weg längs der Felder mit dem Blick auf den Fluß gebe, auf welchem er seinen Bestimmungsort erreichen könne, verließ er die Landstraße, durchwanderte einen der lieblichsten Districte in einer unserer lieblichsten Grafschaften und gelangte gegen Mittag nach Moleswick. 267 Zweites Kapitel. Gleich beim Eintritt in die Hauptstraße der hübschen Stadt leuchtete einem der Name Somers, wie er in großen goldenen Lettern über der Thür eines sehr stattlichen Ladens prangte, entgegen. In den beiden mit Spiegelscheiben versehenen Schaufenstern waren in dem einen verschiedene Artikel: feine Schreibmaterialien, Stickmuster und so weiter geschmackvoll ausgelegt; vor dem andern lagen in nicht weniger geschmackvoller Anordnung verschiedene Exemplare feiner Korbflechterei. Kenelm überschritt die Schwelle und erkannte hinter dem Ladentisch, schön wie immer, aber mit einem ruhigeren Gesichtsausdruck und mit einer volleren und matronenhafteren Gestalt, seine alte Freundin Jessie. Vor ihr standen zwei oder drei Kunden, die sie abwechselnd bediente. Während eine schöne junge Dame, 268 welche saß, mit lauter, aber munterer und angenehmer Stimme sagte: »Kümmern Sie sich nicht um mich, Frau Somers, ich kann warten«, warf Jessie einen raschen Blick nach dem Fremden hinüber, aber zu rasch, um sein Gesicht zu erkennen, das er auch abwandte, indem er sich sofort an eine Besichtigung der Körbe machte. Nach Verlauf weniger Minuten waren die übrigen Kunden bedient und hatten den Laden verlassen. Da ließ sich die Stimme der Dame wieder vernehmen: »Nun, Frau Somers, möchte ich Ihre Bilderbücher und Spielsachen sehen. Ich gebe heute Nachmittag eine Kindergesellschaft und möchte die Kleinen gern so glücklich wie möglich machen.« »Irgendwo auf diesem Planeten, oder bevor meine Monade auf denselben herabgewirbelt wurde, muß ich diese Stimme gehört haben«, murmelte Kenelm vor sich hin. Während Jessie ihre Spielsachen und Bilderbücher herbeiholte, sagte sie zu ihm: »Es thut mir leid, Sie warten lassen zu müssen, mein Herr; aber wenn Sie der Körbe wegen kommen, so kann ich meinen Mann rufen.« »Thun Sie das«, sagte Kenelm. »William, William«, rief Frau Somers, und nach wenigen Augenblicken, während deren er sich seine Jacke 269 hatte anziehen können, trat William Somers aus dem hinter dem Laden liegenden Wohnzimmer hervor. Aus seinem Gesicht waren die alten Spuren des Leidens verschwunden, aber es war noch immer etwas bleich und hatte denselben feinen, geistigen Ausdruck. »Wie sehr haben Sie sich in Ihrer Kunst vervollkommnet«, sagte Kenelm herzlich. William fuhr zusammen und erkannte Kenelm sofort. Er stürzte auf ihn zu, ergriff seine ausgestreckte Hand mit seinen beiden Händen und rief mit einer halb lachenden, halb weinenden Stimme: »Jessie, Jessie, er ist es, er, für den wir jeden Abend beten. Gott segne Sie! Gott segne Sie und mache Sie so glücklich, wie er Ihnen gestattete, mich zu machen!« Noch bevor er diese Anrede zu Ende gestammelt hatte, stand Jessie neben ihrem Mann und fügte in leiserem, aber zitterndem Ton mit dem Ausdruck tiefer Empfindung hinzu: »Und mich auch!« »Mit Ihrer Erlaubniß, Will«, sagte Kenelm und drückte dabei auf Jessie's weiße Stirn einen Kuß, der nicht freundlicher oder kälter hätte sein können, wenn es der Kuß ihres Großvaters gewesen wäre. Inzwischen war die Dame geräuschlos und unbemerkt aufgestanden, hatte sich an Kenelm herangeschlichen und blickte ihm jetzt voll ins Gesicht. 270 »Sie haben noch eine Freundin hier, mein Herr, die auch Ursache hat, Ihnen zu danken.« »Mir kam Ihre Stimme bekannt vor«, sagte Kenelm, den die Sache interessirte. »Aber verzeihen Sie mir, ich kann mich Ihrer Züge nicht mehr erinnern. Wo haben wir uns schon getroffen?« »Reichen Sie mir Ihren Arm, wenn wir fortgehen, und ich will mich Ihnen wieder in Erinnerung bringen. Aber nein, ich darf Sie jetzt nicht von hier forttreiben, ich will in einer halben Stunde wieder vorsprechen. Frau Somers, legen Sie bis dahin die Sachen zusammen, die ich ausgesucht habe. Ich will sie mit nach Hause nehmen, wenn ich aus dem Pfarrhause zurückkomme, wo ich meinen Ponywagen gelassen habe.« Darauf ging sie, zum Abschied nickend und mit einem Lächeln gegen Kenelm, der nicht wußte, was er aus der Sache machen sollte, fort. »Wer ist denn die Dame, Will?« »Eine Frau Braefield, die erst seit kurzem hergezogen ist.« »Das ist wohl natürlich, Will«, sagte Jessie lächelnd, »denn sie ist erst seit sechs Monaten verheirathet.« »Und wie hieß sie, ehe sie sich verheirathete?« »Das weiß ich wahrhaftig nicht, Herr Chillingly. 271 Wir sind erst vor drei Monaten hierher gekommen und sie ist eine vortreffliche Kundin. Jedermann hat sie gern. Herr Braefield ist ein sehr reicher Londoner Kaufmann und sie bewohnen das schönste Haus hier und sehen sehr viel Gesellschaft.« »Nun, jetzt bin ich noch nicht klüger als vorher«, sagte Kenelm. »Das geht Leuten, die sich aufs Fragen legen, meistens so.« »Und wie haben Sie uns aufgefunden, Herr Chillingly?« fragte Jessie. »O ich kann es mir denken«, fügte sie lächelnd mit einem verschmitzten Blicke hinzu. »Sie haben natürlich Fräulein Travers gesehen und sie hat es Ihnen gesagt.« »So ist's. Von ihr erfuhr ich Ihren Wohnungswechsel, und da nahm ich mir vor, Sie zu besuchen und mich dem Baby vorstellen zu lassen, einem Jungen, wie ich höre? Sieht er Ihnen ähnlich, Will?« »Nein, Herr Chillingly, er ist das getreue Ebenbild Jessie's.« »Unsinn, Will, er ist ganz Du selbst bis auf die kleinen Hände.« »Und wie haben Sie Ihre gute Mutter verlassen, Will?« »O, Herr Chillingly«, rief Jessie in einem vorwurfsvollen Ton, »denken Sie, wir hätten es übers 272 Herz bringen können, die Mutter in ihrer Einsamkeit und mit ihrem Rheumatismus zu verlassen? Sie wartet jetzt das Baby; das thut sie immer, wenn ich im Laden beschäftigt bin.« Nun folgte Kenelm dem jungen Paar ins Wohnzimmer, wo sie die alte Frau Somers am Fenster sitzen, in der Bibel lesend und das Baby, das ruhig in seiner Wiege schlief, schaukelnd fanden. »Will«, sagte Kenelm, indem er sein dunkles Gesicht über das Kind hinbeugte, »ich will Ihnen ein hübsches Wort eines deutschen Dichters sagen: Glücklicher Säugling! Dir ist ein unendlicher Raum noch die Wiege, Werde Mann und dir wird eng die unendliche Welt.« »Das halte ich nicht für richtig, Herr Chillingly«, sagte Will, »denn ein glückliches Daheim ist eine Welt, die für jeden Menschen weit genug ist.« Thränen traten in Jessie's Augen; sie neigte sich vornüber und küßte, nicht das Baby, sondern die Wiege. »Will hat sie gemacht«, fügte sie erröthend hinzu. Die Zeit verfloß Kenelm rasch im Gespräch mit Will und der alten Mutter, denn Jessie wurde bald wieder nach dem Laden abgerufen, und Kenelm erschrak, als die ihm bewilligte halbe Stunde vorüber war und 273 Jessie ihren Kopf durch die Thür steckte und sagte: »Frau Braefield wartet auf Sie.« »Adieu, Will, ich werde bald wieder zu Ihnen kommen; ich habe einen Auftrag von meiner Mutter, ich weiß nicht wie viele Proben Ihrer Geschicklichkeit von Ihnen zu kaufen.« 274 Drittes Kapitel. Ein schmucker Ponywagen mit einem ebenso schmucken Kutscher in Livree hielt vor dem Laden. »Jetzt, Herr Chillingly«, sagte Frau Braefield, »ist die Reihe an mir, mit Ihnen davonzulaufen; steigen Sie ein.« »Wie!« murmelte Kenelm, indem er sie mit großen Augen ansah. »Ist es möglich?« »Vollkommen möglich. Steigen Sie ein! – Nach Hause, Kutscher! – Ja, Herr Chillingly, da sind Sie wieder mit dem albernen Geschöpf zusammengetroffen, das Sie einmal mit Schlägen bedrohten; es würde ihr recht geschehen sein. Ich müßte mich eigentlich schämen, mich wieder bei Ihnen in Erinnerung zu bringen, und doch schäme ich mich gar nicht. Ich bin 275 stolz, Ihnen zeigen zu können, daß ich eine solide, respectable Person und, wie mein Mann sagt, eine gute Frau geworden bin.« »Sie sind erst seit sechs Monaten verheirathet, wie ich höre«, sagte Kenelm trocken. »Ich hoffe, Ihr Mann wird auch nach sechs Jahren dasselbe von Ihnen sagen.« »Er wird dasselbe auch noch nach sechzig Jahren sagen, wenn wir so lange leben!« »Wie alt ist er jetzt?« »Achtunddreißig Jahre.« »Wenn einem Mann nur noch zwei Jahre an hundert fehlen, so wird er vermuthlich gelernt haben zu wissen, wie es mit ihm steht; aber freilich wird ihm in den meisten Fällen nur noch wenig Kraft übrig geblieben sein, überhaupt noch etwas zu wissen.« »Spotten Sie nicht, Herr Chillingly, und reden Sie nicht, als machten Sie sich über die Ehe lustig, nachdem Sie eben ein so glückliches junges Paar verlassen haben, wie die Sonne je eins beschienen hat und das – denn Frau Somers hat mir Alles von ihrer Heirath erzählt – sein Glück Ihnen verdankt.« »Ihr Glück mir! Nicht im mindesten. Ich habe ihnen zu ihrer Verheirathung verholfen und trotz ihrer Verheirathung haben sie einander dazu verholfen, glücklich zu sein.« 276 »Sie selbst sind also noch unverheirathet?« »Ja, dem Himmel sei Dank!« »Und sind Sie glücklich?« »Nein, ich kann mein Ich nicht glücklich machen, mein Ich ist eine unzufriedene Bestie.« »Warum sagen Sie denn, dem Himmel sei Dank?« »Weil es doch wenigstens ein Trost ist, denken zu dürfen, daß ich nicht auch noch jemand anders unglücklich mache.« »Glauben Sie, daß, wenn Sie ein Mädchen liebten, das Sie wieder liebte, Sie sie unglücklich machen würden?« »Das weiß ich wahrhaftig nicht; aber ich habe noch kein Mädchen gesehen, das ich als mein Weib hätte lieben können. Wir brauchen der Sache daher nicht weiter nachzuforschen. Was ist aus jenem mißhandelten Grauschimmel geworden?« »Danke, er befand sich, als ich zuletzt von ihm hörte, ganz wohl.« »Und der Onkel, der Sie mit mir gestraft haben würde, wenn Sie sich nicht so tapfer gewehrt hätten?« »Er wohnt noch immer, wo er damals wohnte, und hat seine Haushälterin geheirathet. Er hegte delicate Bedenken, diesen Schritt zu thun, bis ich verheirathet und so aus dem Wege sein würde.« 277 Bei diesen Worten fing Frau Braefield an sehr rasch zu reden, wie Frauen es oft thun, wenn sie eine innere Bewegung zu verbergen suchen, und erzählte Kenelm, wie sie sich Wochen lang unglücklich gefühlt, nachdem sie eine Zuflucht bei ihrer Tante gefunden, wie ihr Gewissen ihr geschlagen und wie sie sich bei dem Gedanken an ihre Thorheit und bei der widerwärtigen Erinnerung an Herrn Compton gedemüthigt gefühlt, wie sie sich selbst gelobt habe, sich jetzt überhaupt nicht mehr zu verheirathen! Wie dann Herr Braefield bei einem zufälligen Besuche in der Nachbarschaft sie in der Kirche gesehen habe, wie er darauf bedacht gewesen sei, ihre Bekanntschaft zu machen, und wie sie ihn zuerst nicht habe leiden mögen; wie er aber so gut und freundlich gewesen sei und wie er, als er ihr endlich einen förmlichen Antrag gemacht und sie ihm offen Alles in Betreff ihrer kindischen Flucht und Liebe erzählt, ihr so großmüthig für ihre Aufrichtigkeit gedankt habe, um derentwillen er sie ebenso achten müsse, wie er sie schon vorher geliebt habe. »Und von dem Augenblick an«, rief Frau Braefield leidenschaftlich aus, »flog mein ganzes Herz ihm entgegen. Und jetzt wissen Sie Alles und da sind wir auch schon vor unserm Garten.« Der Ponywagen fuhr sehr rasch über einen breiten 278 Kiesweg hin, dessen beide Seiten seltenes Immergrün schmückte, und hielt vor einem schönen Hause mit einer Säulenhalle an der Vorderseite und einem langen Treibhaus an der Gartenseite, einem jener Häuser, welche Herren aus der City gehören und oft mit mehr Comfort und Luxus ausgestattet sind als mancher altadlige Landsitz. Frau Braefield empfand offenbar einigen Stolz, als sie Kenelm durch die schöne, mit Ziegelmosaik ausgelegte und auf Stuccosäulen ruhende Vorhalle in einen sehr geschmackvoll möblirten und auf einen geräumigen Blumengarten gehenden Salon führte. »Aber wo ist denn Herr Braefield?« fragte Kenelm. »Der ist mit der Eisenbahn nach seinem Comptoir gefahren; aber er wird lange vor dem Mittagessen wieder hier sein, und natürlich essen Sie mit uns.« »Sie sind sehr freundlich. Aber –« »Kein Aber; ich nehme keine Entschuldigungen an. Fürchten Sie nicht, daß Sie nur Hammelcotelettes und Reispudding bekommen, und überdies gebe ich um zwei Uhr eine Kindergesellschaft, wo wir allerlei Spaß haben werden. Sie sind gewiß ein Kinderfreund?« »Ich glaube nicht. Aber ich habe mir selbst nie über meine Neigungen in dieser Beziehung ganz klar werden können.« 279 »Nun, so sollen Sie heute die reichlichste Gelegenheit dazu haben. Ich verspreche Ihnen den Anblick des lieblichsten Gesichtes, das Sie sich nur vorstellen können, wenn Sie an Ihre künftige Frau denken.« »Meine künftige Frau ist hoffentlich noch nicht geboren«, sagte Kenelm matt, indem er mit großer Anstrengung ein Gähnen unterdrückte. »Aber auf alle Fälle will ich bis nach zwei Uhr bleiben; denn zwei Uhr bedeutet doch vermuthlich Frühstück.« Frau Braefield lachte. »Sie haben sich also Ihren guten Appetit bewahrt.« »Junggesellen erfreuen sich meist eines guten Appetits, wenn sie nicht verliebt sind.« Frau Braefield verschmähte es, über diese Bemerkung zu lachen, wandte sich von Kenelm weg, legte Hut und Handschuhe ab und fuhr sich mit der Hand leicht über die Stirn, um eine verirrte Locke zurückzustreichen. Sie war nicht halb so hübsch in Frauenkleidern, wie sie in Knabenkleidern gewesen war, auch erschien sie nicht mehr ganz so jung. In allen andern Beziehungen hatte sie merkwürdig gewonnen. In ihren offenen klaren Augen malte sich ein heiterer, sicherer Geist, um ihre halbgeöffneten Lippen spielte ein milderer Ausdruck. Kenelm sah sie mit 280 wohlgefälliger Bewunderung an. Und als sie sich jetzt wieder von dem Spiegel abwandte und seinem Blick begegnete, überflog ihre zarten Wangen ein tieferes Roth und ihre offenen Augen wurden feucht. Sie trat auf ihn zu, ergriff seine Hand mit ihren beiden Händen, drückte sie warm und sagte mit zitternder Stimme: »O Herr Chillingly, blicken Sie umher in diesem glücklichen, friedlichen Hause! Mein Leben ist so sorgenfrei, ich liebe und ehre meinen Gatten so innig; ich genieße alle die Segnungen, die ich vielleicht so gedankenlos für immer verscherzt hätte; wenn ich Sie nicht getroffen hätte, Herr Chillingly, wäre ich gestraft worden, wie ich es verdiene. Wie oft habe ich an Ihre Worte gedacht, daß Sie stolz auf meine Freundschaft sein würden, wenn wir uns je wieder begegnen sollten. Welche Kraft verliehen mir diese Worte in den Stunden, wo ich mich demüthig selbst anklagte.« Bei diesen Worten versagte ihr die Stimme, wie wenn sie ein Schluchzen unterdrücken wollte. Sie ließ seine Hand los und schlüpfte, bevor er antworten konnte, durch die offene Glasthür in den Garten. 281 Viertes Kapitel. Die Kinder waren gekommen, einige dreißig an der Zahl, hübsche, frische Kinder, glücklich in dem heitern Sonnenschein auf dem blumigen Rasen und des Festes froh, welches unter einem an Kastanienbäumen befestigten Zeltdache vor sich ging, das sich über einem Rasenteppiche ausbreitete. Auch Kenelm that dem Bankett alle Ehre an und war mit Erfolg bemüht, die allgemeine Heiterkeit noch zu erhöhen; denn so oft er sprach, hörten die Kinder eifrig zu, und wenn er fertig war, lachten sie aus vollem Halse. »Das schöne Gesicht, das ich Ihnen versprochen habe«, flüsterte Frau Braefield, »ist noch nicht hier. Ich habe ein kleines Billet von der jungen Dame, in 282 welchem sie mir schreibt, daß Frau Cameron sich diesen Morgen nicht ganz wohl befunden, aber sich hinreichend wieder zu erholen hoffe, um später am Nachmittage zu kommen.« »Bitte, wer ist Frau Cameron?« »Ah, ich vergaß, daß Sie hier fremd sind. Frau Cameron ist die Tante, bei welcher Lily wohnt.« Die Kinder hatten jetzt ihr Festmahl beendet und machten sich daran, in einem zum Croquetspiel geebneten Baumgang bei dem Klange einer von dem alten Großvater eines der Kinder gespielten Violine zu tanzen. Während Frau Braefield damit beschäftigt war, den Tanz zu ordnen, ergriff Kenelm die Gelegenheit, einer jungen Nymphe im Alter von zwölf Jahren, die bei dem Bankett neben ihm gesessen und eine so lebhafte Neigung zu ihm gefaßt hatte, daß er zu fürchten begann, sie möchte geloben, ihn nie wieder aus den Augen zu lassen, zu entfliehen und sich unbemerkt zu empfehlen. Es gibt Zeiten, wo uns die Heiterkeit Anderer nur traurig macht, namentlich die Heiterkeit lebhafter Kinder, die einen peinlichen Gegensatz zu unserer eigenen ernsten Stimmung bildet. Durch ein dichtes Gebüsch schlüpfend, in welchem zwar die Syringen verblüht waren, der Goldregen aber noch hier und da in der Pracht seiner Blüten prangte, gelangte 283 Kenelm zu einer Blumennische, welche seinen Schritten Halt gebot und ihn zur Ruhe einlud. Die Nische wurde durch ein leichtes kreisförmiges Gitterwerk gebildet, an welchem sich mit Blüten übergossene Rosenbüsche in dichtem Laubwerk emporrankten. In der Mitte der Nische erklang das silberhelle Gemurmel einer kleinen Fontaine, im Hintergrunde erhoben sich, Alles überragend, die Wipfel stattlicher Bäume, auf welchen das Sonnenlicht spielte, welche aber den Horizont ringsum verdeckten, grade wie im Leben die großen beherrschenden Leidenschaften: Liebe, Ehrgeiz, Verlangen nach Macht, nach Gold, nach Ruhm oder Wissen, den stolzen Hintergrund für die kurzlebigen Blumen unserer Jugend bilden, unsere Augen von dem Lächeln ihrer Blütenpracht ablenken, den Glanz herrlicher Sonnenstrahlen aufsaugen und doch unsern Blick von der Sphäre ausschließen, die sich hinter und über ihnen ausbreitet. Kenelm warf sich auf den Rasen neben der Fontaine. Aus der Ferne drang das Rufen und Lachen der Kinder bei ihren Spielen und ihrem Tanze an sein Ohr. In der Entfernung machte ihn ihre Freude nicht traurig, er fragte sich verwundert warum und versuchte es, in sinnender Träumerei sich dieses Warum zu erklären. 284 »Der Dichter«, das waren seine träumerischen Gedanken, »sagt uns, daß die Ferne der Aussicht einen Zauber verleiht, und vergleicht mit dem Zauber der Ferne die Illusion der Hoffnung. Aber der Dichter faßt sein eigenes Bild zu eng. Die Ferne verleiht nicht nur dem, was unser Auge, sondern auch dem, was unser Ohr berührt, einen Zauber, und nicht diesen Sinnen allein; die Erinnerung nicht weniger als die Hoffnung verdankt ihren Reiz der Ferne. Ich kann mich selbst nicht wieder in meine Kindheit versetzen, wenn ich dort mitten unter jenen lärmenden Kindern bin. Aber wenn ihr Lärm hier gedämpft zu mir dringt und ich sicher bin, daß die kleinen Kobolde mich, dem Himmel sei Dank, nicht erreichen können, da träume ich mich leicht in meine Kindheit und in die Sehnsucht nach den verlorenen Spielplätzen der Schule zurück. So muß es auch sicherlich mit dem Kummer sein. Welcher Unterschied zwischen dem furchtbaren Schmerz um einen eben dahingegangenen Geliebten und der sanften Wehmuth, mit der wir eines vor Jahren gestorbenen Freundes gedenken! So ist es auch mit der Poesie. Wie nothwendig muß sie, wenn sie die großen Erregungen der Tragödie hervorbringen will, in dem Maße, wie diese Erregungen uns erheben und die Vorgänge der 285 Tragödie uns rühren sollen, die Schauspieler in eine weite Ferne von uns rücken! Man stelle sich unser Entsetzen vor, wenn ein Dichter sich einfallen lassen wollte, einen gescheidten Herrn, mit dem wir noch gestern zu Mittag aßen und von dem man entdeckt hätte, daß er seinen Vater getödtet und seine Mutter geheirathet habe, auf die Bühne zu bringen! Aber wenn Oedipus in verhängnißvollem Irrthum diese Thaten verübt, ist niemand entsetzt. Und«, fuhr Kenelm in seinem Selbstgespräch fort, indem er sich noch tiefer in die Irrgänge metaphysischer Kritik verlor, »selbst wo der Dichter mit Personen und Dingen zu thun hat, die uns täglich vor Augen sind, selbst da muß er sie, wenn er ihnen poetischen Reiz verleihen will, in eine gewisse moralische oder psychologische Ferne rücken; je näher sie uns in ihren äußeren Verhältnissen stehen, desto ferner müssen sie uns durch gewisse innere Besonderheiten treten. Werther und Clarissa Harlowe werden als Zeitgenossen ihres dichterischen Schöpfers und mit der minutiösen Genauigkeit eines scheinbaren Realismus geschildert. Und doch sind sie durch ihre Eigenthümlichkeiten und ihre Schicksale zugleich unserm täglichen Leben entrückt. Wir wissen, daß, während Werther und Clarissa uns so nahe stehen, daß wir mit ihnen 286 wie mit Freunden und Verwandten vertraulich verkehren, sie uns doch durch die poetische und ideale Seite ihrer Natur so fern stehen, als gehörten sie dem Zeitalter des Homer an, und das ist es, was grade dem Schmerze, welchen ihr Schicksal uns bereitet, einen besondern Reiz verleiht. Und so, denke ich mir, muß es auch in der Liebe sein. Wenn unsere Liebe eine verklärte sein soll, so muß sie einem Wesen gelten, das unserm gewohnten Selbst moralisch fern steht, das in Eigenschaften von uns abweicht, welche wir, wie nahe wir auch sonst diesem Wesen stehen mögen, niemals erreichen, niemals mit unsern eigenen Eigenschaften verschmelzen können, kurz, in dem Geliebten muß immer etwas sein, was für uns ein Ideal, ein Mysterium, ein sonnenbeglänzter, in die Wolken ragender Gipfel bleibt.« Jetzt versank unser sinnender Freund allmälig in eine reine Träumerei. Schläfrig schloß er die Augen, nicht schlafend, aber auch nicht mehr ganz wachend, wie wir bisweilen an schönen Sommertagen, wenn wir auf dem Grase liegen, unsere Augen schließen und doch unbestimmt ein goldenes Licht erkennen, das unsere schläfrigen Augenlider badet, und in diesem Licht Bilder gehen und kommen wie Träume, obgleich wir wissen, daß wir nicht träumen. 287 Fünftes Kapitel. Aus diesem halb träumenden, halb wachen Zustande wurde Kenelm widerstrebend langsam aufgerüttelt. Es wurde ihm sanft auf die Wange geklopft, dann wieder etwas weniger sanft; er öffnete seine Augen und sein Blick fiel zuerst auf zwei kleine Rosenknöspchen, welche, nachdem sie sein Gesicht berührt hatten, auf seine Brust gefallen waren, und als er dann aufschaute, sah er vor sich, in einer Oeffnung des durch das Spalier gebildeten Kreises, das lachende Gesicht eines kleinen Mädchens. In ihrer erhobenen Hand hielt sie noch eine Rosenknospe, aber hinter dem Kinde stand, ihm über die Schulter blickend und seinen drohenden Arm zurückhaltend, mit einem ebenso unschuldigen, aber noch viel lieblicheren Gesicht ein ganz junges Mädchen, umrahmt von den Knospen, welche 288 das Gitterwerk umkränzten. Wie gut das Gesicht den Blumen stand! Es schien ihr Feengeist zu sein. Kenelm fuhr zusammen und sprang auf. Das Kind, ebendasselbe, vor dem er sich so ungalanter Weise geflüchtet hatte, kam durch ein Pförtchen im Gitter auf ihn zugelaufen. Seine Begleiterin verschwand. »Bist Du es«, fragte Kenelm, »die mich so grausam beworfen hat? Du undankbares Geschöpf! Habe ich Dir nicht die besten Erdbeeren und alle meine Sahne dazu gegeben?« »Aber warum sind Sie fortgelaufen und haben sich versteckt, während Sie mit mir tanzen sollten?« erwiderte das kleine Fräulein, indem es mit dem Instinkt seines Geschlechtes jeder Antwort auf den verdienten Vorwurf aus dem Wege ging. »Ich bin nicht fortgelaufen und es ist klar, daß ich mich nicht versteckt habe, da Du mich so leicht aufgefunden hast. Aber wer war die junge Dame? Ich habe sie im Verdacht, mich auch beworfen zu haben, denn sie scheint fortgelaufen zu sein, um sich zu verstecken.« »Nein. Sie hat Sie nicht beworfen, sie wollte mich zurückhalten, und Sie hätten noch eine Rose ins Gesicht bekommen, eine noch viel größere, wenn sie 289 nicht meinen Arm festgehalten hätte. Kennen Sie sie nicht? Kennen Sie Lily nicht?« »Nein. Das ist also Lily; Du sollst mich ihr vorstellen.« Jetzt waren sie durch das kleine, dem Fußsteig, durch welchen Kenelm hereingekommen war, gegenüber liegende Pförtchen, welches direct auf den Rasen führte, aus der Blumennische herausgetreten. In einiger Entfernung davon waren die Kinder gruppirt, einige lagen im Grase, andere gingen in den Tanzpausen auf und ab. Auf dem zwischen den Kindergruppen und dem Gitterwerk liegenden Rasen ging Lily raschen Schrittes allein einher. Das Kind lief von Kenelm fort und eilte seiner Freundin nach, die es bald eingeholt hatte, aber nicht zum Stillstehen zu bringen vermochte. Lily stand nicht eher still, als bis sie den Rasentanzplatz erreicht hatte, wo alle Kinder sich um sie schaarten und ihre zarte Gestalt vor Kenelm's Augen verbargen. Noch ehe er den Platz erreicht hatte, begegnete ihm Frau Braefield. »Lily ist da!« »Ich weiß es – ich habe sie gesehen.« »Ist sie nicht schön?« 290 »Ich muß sie mehr sehen, bevor ich Ihre Frage kritisch beantworten kann; aber darf ich, ehe Sie mich vorstellen, fragen, wer Lily ist?« Frau Braefield hielt einen Augenblick inne, bevor sie antwortete, und doch war die Antwort kurz genug, um keiner langen Erwägung zu bedürfen. »Sie ist ein Fräulein Mordannt, eine Waise, und wohnt, wie ich Ihnen schon früher sagte, bei ihrer Tante Frau Cameron, einer Wittwe. Sie haben die hübscheste Villa, die man sehen kann am Ufer des Flusses oder vielmehr Flüßchens, etwa eine Meile von hier. Frau Cameron ist eine sehr gute, einfache Frau. Was Lily betrifft, so kann ich ihre Schönheit noch mit gutem Gewissen preisen; denn bis jetzt ist sie ein reines Kind und ihr Geist völlig unentwickelt.« »Sind Sie schon je einem Manne, geschweige einem Weibe begegnet, dessen Geist entwickelt war?« murmelte Kenelm. »So viel weiß ich gewiß, daß der meinige nicht entwickelt ist und es auf Erden niemals werden wird.« Frau Braefield hörte diese leise hingeworfene Bemerkung nicht. Sie sah sich nach Lily um, und da sie ihrer endlich ansichtig wurde, als die Kinder, die sie umgaben, sich wieder zerstreuten, um den Tanz von neuem zu beginnen, nahm sie Kenelm's Arm, führte 291 ihn zu der jungen Dame und stellte beide einander förmlich vor, so förmlich, wie es auf jenem sonnenbeschienenen Rasen inmitten des sommerlichen Jubels und des Gelächters der Kinder möglich war. Auf einem solchen Schauplatz und unter solchen Umständen kann sich Förmlichkeit nicht lange behaupten. Ich weiß nicht, wie es geschah, aber nach Verlauf weniger Minuten hatten Kenelm und Lily aufgehört für einander Fremde zu sein. Sie setzten sich fernab von den übrigen Festgenossen auf eine von Lindenbäumen überschattete Bank; er hörte ihr mit gesenktem Haupte, sie ihm mit rasch wechselnden, bald auf den Boden gehefteten, bald zum Himmel gerichteten Blicken zu. Sie sprach offen, heiter, gleich dem Gemurmel eines munter rauschenden Baches mit seiner lieblichen Silberstimme und dem Lächeln seiner kräuselnden Wellen. Den Förmlichkeiten eines feinen geselligen Verkehrs gemäß hätte der Mann reden und das Mädchen zuhören müssen; aber ich gebe die Thatsachen ehrlich, wie sie waren. Lily wußte von den Förmlichkeiten des Salonlebens nicht mehr, als eine eben ihrem Neste entflogene Lerche von dem Singlehrer und dem Käfig weiß. Sie war noch ganz Kind. Frau Braefield hatte Recht, ihr Geist war noch völlig unentwickelt. 292 Worüber sie in ihrer ersten Unterhaltung sprach und was den meditirenden Kenelm so stumm und mit so gespannter Aufmerksamkeit aufhorchen machen konnte, das weiß ich nicht, könnte es wenigstens nicht zu Papier bringen. Ich fürchte, es war sehr egoistisches Geplauder, wie Kinder gewöhnlich reden; von sich und ihrer Tante, von ihrem Hause und ihren Freundinnen. Alle ihre Freundinnen schienen Kinder wie sie selbst, nur noch jünger, und Clemmy von allen die beste Freundin. Clemmy war eben die, welche eine Neigung zu Kenelm gefaßt hatte. Aber mitten in diesem unbefangenen Geplauder kamen Blitze eines raschen Verständnisses, Proben einer lebhaften Phantasie, ja selbst einer Poesie des Ausdrucks und der Empfindung zum Vorschein. Es war das Geplauder eines Kindes, aber gewiß keines albernen Kindes. Sobald der Tanz vorüber war, schaarten sich die Kleinen wieder um Lily. Offenbar war sie der auserkorene Liebling aller, und da ihre Freundin jetzt nicht mehr tanzen mochte, wurden neue Spiele vorgeschlagen und Lily wurde zum Wettlaufen mit fortgeschleppt. »Es freut mich sehr, Ihre Bekanntschaft zu machen, Herr Chillingly«, sagte jetzt eine offene, angenehme 293 Stimme und ein wohlgekleideter hübscher Mann streckte Kenelm seine Hand entgegen. »Mein Mann«, sagte Frau Braefield mit einem gewissen Stolz. Mit Herzlichkeit erwiderte Kenelm die Höflichkeiten des Herrn vom Hause, der eben von seinem Comptoir zurückgekehrt war und dort alle Sorgen zurückgelassen hatte. Man brauchte ihn nur anzusehen, um gewiß zu sein, daß es ihm gut gehe und daß er es verdiene. In seinem Gesichte sprach sich scharfer Verstand, Gutmüthigkeit und vor allem ein energisches Temperament aus. Er hatte eine breite, faltenlose Stirn, lebhafte braune Augen, einen entschlossenen Zug um den Mund; eine glückliche Zufriedenheit mit sich, seinem Hause und der Welt im Allgemeinen strahlte aus seinem herzlichen Lächeln und klang aus seiner metallenen Stimme heraus. »Sie bleiben doch natürlich und essen mit uns«, sagte Frau Braefield; »und wenn Sie nicht dringende Veranlassung haben, heute Abend wieder nach London zu gehen, so übernachten Sie hier.« Kenelm zauderte. »Bleiben Sie doch wenigstens bis morgen«, sagte Frau Braefield. Kenelm zauderte noch immer und während des Zauderns ruhte sein Auge auf Lily, die 294 sich eben, auf den Arm einer Dame von mittleren Jahren gestützt, der Wirthin näherte, offenbar, um Abschied zu nehmen. »Ich kann einer so verführerischen Einladung nicht widerstehen«, sagte Kenelm und trat dabei ein wenig beiseite, um Lily und ihrer Begleiterin Platz zu machen. »Vielen Dank für den angenehmen Tag«, sagte Frau Cameron zu der Wirthin, »Lily hat sich köstlich amüsirt; ich bedaure nur, daß wir nicht früher haben kommen können.« »Wenn Sie nach Hause gehen«, sagte Herr Braefield, »so lassen Sie mich Sie begleiten. Ich möchte Ihren Gärtner gern wegen seiner Stiefmütterchen sprechen, sie sind viel schöner als meine.« »Darf ich dann vielleicht auch mitgehen?« fragte Kenelm Lily. »Von allen Blumen liebe ich keine so sehr wie Stiefmütterchen.« Kurz nachher ging Kenelm an Lily's Seite längs des Ufers eines kleinen Nebenflusses der Themse hin. Frau Cameron und Herr Braefield gingen voran, denn auf dem schmalen Wege konnten nur zwei Personen nebeneinander gehen. Plötzlich sprang Lily davon, gelockt von einem seltenen Schmetterling – ich glaube, er heißt der Kaiser von Marokko – der seine gelben Flügel auf wilden 295 Schilfhalmen wiegte. Es gelang ihr, diesen Wanderer in ihrem Strohhut zu fangen, indem sie ihren Schleier darüber breitete. Nach diesem Fang kehrte sie mit ernster Miene an Kenelm's Seite zurück. »Sammeln Sie Insekten?« fragte unser Philosoph so überrascht, wie er es seiner Natur nach überhaupt sein konnte. »Nur Schmetterlinge«, antwortete Lily; »das sind aber keine Insekten, wissen Sie, das sind Seelen.« »Embleme von Seelen, meinen Sie, wenigstens stellten die Griechen sie in ihrer anmuthigen Weise so dar.« »Nein, wirkliche Seelen, die Seelen kleiner Kinder, welche ungetauft in ihrer Wiege sterben; und wenn man sich ihrer annimmt und sie nicht von Vögeln aufgefressen werden und ein Jahr leben, verwandeln sie sich in Feen.« »Es ist eine sehr poetische Idee, Fräulein Mordannt, die sich auf einen ebenso rationellen Beweis gründet wie andere Behauptungen von der Metamorphose eines Geschöpfes in das andere. Vielleicht vermögen Sie, was die Philosophen nicht vermögen, mir zu sagen, wie Sie gelernt haben, daß eine neue Idee eine unbestreitbare Thatsache sei?« »Ich weiß nicht«, erwiderte Lily sehr betroffen, 296 »vielleicht habe ich es aus einem Buche gelernt oder vielleicht hat es mir geträumt.« »Sie hätten mir keine weisere Antwort geben können, wenn Sie ein Philosoph wären. Aber Sie sagten, daß Sie sich der Schmetterlinge annehmen – wie machen Sie das? Pfählen Sie sie auf Nadeln, die Sie in einen Glaskasten stecken?« »Sie pfählen! Wie können Sie so grausam reden! Sie verdienen von den Feen gekniffen zu werden.« »Ich fürchte«, dachte Kenelm mitleidig, »daß meine Begleiterin keinen bildsamen Geist hat, daß sie das ist, was man euphemistisch ein unschuldiges Kind nennt.« Er schüttelte den Kopf und schwieg. Lily nahm wieder auf: »Ich will Ihnen meine Schmetterlinge zeigen, wenn wir nach unserm Hause kommen; sie scheinen so glücklich. Ich bin überzeugt, daß einige von ihnen mich kennen; sie fressen mir aus der Hand. Seit ich sie vorigen Sommer zu sammeln angefangen habe, ist mir erst einer gestorben.« »Dann haben Sie sie also ein Jahr gehabt – da müßten sie ja zu Feen werden.« »Ich glaube auch, daß viele von ihnen das geworden sind. Ich lasse natürlich alle die, welche zwölf Monate bei mir gewesen sind, frei, im Käfig werden 297 sie nicht zu Feen, wissen Sie. Jetzt habe ich nur noch die, welche ich in diesem Jahre oder im vorigen Herbste gefangen habe; die hübschesten findet man erst im Herbst.« Dabei beugte das Mädchen ihren unbedeckten Kopf über den Strohhut, den ihre Flechten beschatteten, und flüsterte dem Gefangenen zärtliche Worte zu. Dann wieder blickte sie auf, sah umher, stand plötzlich still und rief: »Wie können Leute in der Stadt leben? Wie können Leute sagen, daß sie sich auf dem Lande je langweilen? Sehen Sie«, fuhr sie feierlich und ernst fort, »sehen Sie jene hohe Fichte mit ihren langen, das Wasser streifenden Zweigen; sehen Sie, wie sie, wenn der Wind in ihre Zweige fährt, ihren Schatten verändert und wie der Schatten das Spiel des Sonnenlichts auf dem Teich verschieden gestaltet. Wiegt, Fichten, eure Wipfel, Wie jede Pflanze sich in Ehrfurcht wiegt. Welcher Austausch von Harmonien muß zwischen der Natur und einem Dichter stattfinden!« Kenelm war betroffen. Das wäre ein unschuldiges Kind? Das wäre ein Mädchen, das keinen bildsamen Geist hat? In ihrer Gegenwart konnte er nicht cynisch sein, konnte er nicht von der Natur wie von einem 298 Mechanismus, einem Humbug reden, wie er es dem Troubadour gegenüber gethan hatte. Ernsthaft antwortete er: »Der Schöpfer hat das ganze Universum mit einer Sprache ausgestattet, aber es gibt wenige Herzen, welche diese Sprache zu verdolmetschen im Stande sind. Glücklich die, welchen sie keine fremde, mühsam und unvollkommen erlernte Zunge, sondern eine angeborene Sprache ist, die sie unbewußt von der großen Mutter erlernt haben. Für sie mag der Schmetterlingsflügel wohl eine Feenseele in den Himmel emportragen.« Als er das sagte, wandte sich Lily um und sah ihm zum ersten Mal in seine dunklen sanften Augen, dann legte sie instinctiv ihre leichte Hand auf seinen Arm und sagte mit leiser Stimme: »Reden Sie weiter, reden Sie noch mehr so; ich höre Ihnen gern zu.« Aber Kenelm redete nicht weiter. Sie waren eben an dem Gitter des Gartens von Frau Cameron's Landhaus angelangt und die Vorangegangenen standen an der Pforte still und gingen mit ihnen zusammen dem Hause zu. Es war ein langes, niedriges, unregelmäßig gebautes Landhaus, ohne Anspruch auf architektonische Schönheit, aber außerordentlich malerisch. Der im 299 Verhältniß zu dem Hause große Blumengarten mit Beeten, auf welchen die Blumen mit dem feinsten Geschmack zusammengestellt waren, erstreckte sich in sanfter Neigung bis zu dem Rasenufer des Flüßchens, das sich hier zu einem seeartigen Bassin ausbreitete, welches an beiden Seiten durch Wehre eingeengt war, über welche sich das Wasser mit sanftem Rauschen ergoß. Am Ufer stand eine aus Baumästen gezimmerte Bank, welche die herabhängenden Zweige einer großen Trauerweide halb überschatteten. Das Innere des Hauses stimmte zu dem Aeußern. Alles war landhausartig, aber von einer nicht zu verkennenden Feinheit des Geschmacks, selbst die kleine, mit Pompejanischen Frescomalereien geschmückte Eingangshalle. »Kommen Sie, sich meinen Schmetterlingskäfig anzusehen«, flüsterte Lily Kenelm zu. Kenelm folgte ihr durch die in den Garten führende Glasthür und hier befand sich an dem einen Ende eines kleinen Treib- oder vielmehr Kalthauses die Wohnung dieser sonderbaren Lieblinge. Sie war von der Größe eines kleinen Zimmers; drei Seiten desselben wurden von feinem Drahtwerk gebildet, das hier und da von Draperien aus Mull oder andern leichten Stoffen überhangen und in Zwischenräumen 300 bald von innen, bald von außen mit seinen Schlingpflanzen bewachsen war; in der Mitte befand sich eine ganz kleine Cisterne, aus der ein sprühender Wasserstrahl aufsprang. Vorsichtig hob Lily eine in dem Gitterwerk angebrachte Thür in die Höhe und schlüpfte hinein, indem sie die Thür rasch wieder hinter sich herabfallen ließ. Ihr Erscheinen brachte eine Menge leichter Flügel in Bewegung, einige umflatterten sie, andere kühnere ließen sich auf ihrem Haar oder ihrem Kleide nieder. Es schien Kenelm, daß es keine leere Prahlerei gewesen sei, als sie behauptete, daß einige dieser Geschöpfe sie kennten. Sie befreite den Kaiser von Marokko aus ihrem Hut; er umkreiste sie furchtlos und verschwand dann unter den Blättern der Schlingpflanzen. Lily öffnete die Thür wieder und kam heraus. »Ich habe einmal von einem Philosophen gehört, der eine Wespe gezähmt hatte«, sagte Kenelm, »aber noch nie von einer Dame, die Schmetterlinge gezähmt hätte.« »Nein«, sagte Lily stolz, »ich glaube, ich bin die erste, die das versucht hat. Ich glaube, ich würde es gar nicht versucht haben, wenn ich gewußt hätte, daß es schon anderen vor mir gelungen sei. Auch mir ist es noch nicht völlig gelungen. Aber gleichviel, wenn sie mich auch nicht lieben, so liebe ich sie doch.« 301 Sie gingen wieder in den Salon und Frau Cameron fragte Kenelm: »Kennen Sie diese Gegend gut, Herr Chillingly?« »Die Gegend ist mir ganz neu und erscheint mir ländlicher als viele von London entferntere Districte.« »Das ist das Schöne in den meisten unserer in der Nähe der Hauptstadt gelegenen Grafschaften«, sagte Herr Braefield; »man entgeht in ihnen dem Rauch und der Stickluft der Fabrikstädte und der wissenschaftliche Betrieb des Ackerbaus hat ihre belaubten Hecken noch nicht zerstört. Unsere Heckenwege sind noch immer mit Winden und Geißblatt geschmückt, wie zu der Zeit, wo Isaak Walton durch sie hinschlenderte, um in jenem Flüßchen zu angeln!« »Sagt die Ueberlieferung daß er in jenem Flüßchen angelte? Ich hatte geglaubt, daß er mehr nach der andern Seite von London hin zu wandern pflegte.« »Das ist möglich; ich weiß nicht viel von Walton oder seiner Kunst, aber jenseits jenes Wehres steht ein alter Pavillon, auf welchem sich der Name Isaak Walton eingeschnitten findet, ob von seiner eigenen oder einer fremden Hand, wer kann das wissen? – Ist Herr Melville kürzlich hier gewesen, Frau Cameron?« 302 »Nein, seit mehreren Monaten nicht.« »Er hat einen glänzenden Succeß in diesem Jahre gehabt. Wir dürfen hoffen, daß sein Genie endlich von der Welt anerkannt wird. Ich wollte sein Bild kaufen, aber ich kam zu spät; ein Herr aus Manchester war mir zuvorgekommen.« »Wer ist Herr Melville? Ein Verwandter von Ihnen?« flüsterte Kenelm Lily zu. »Verwandter? Das weiß ich kaum. Aber ich glaube es, weil er mein Vormund ist. Aber wenn er mein nächster Verwandter wäre, könnte ich ihn nicht mehr lieben, als ich es thue«, sagte Lily feurig, mit gerötheten Wangen und Thränen in den Augen. »Und er ist ein Künstler, ein Maler?« fragte Kenelm. »O ja; niemand malt so schöne Bilder, niemand ist so klug und so gut.« Kenelm suchte sich zu erinnern, ob er je den Namen Melville als den eines Malers gehört habe, aber vergebens. Indessen wußte Kenelm wenig von Malern, sie kamen ihm nicht leicht vor und er mußte sich zu seiner Schande gestehen, daß es vielleicht manchen lebenden Maler von großem Ruf gebe, dessen Name und Werke ihm unbekannt seien. Er sah sich an den Wänden um. Lily glaubte 303 seinen Blick zu verstehen. »Hier sind keine Bilder von ihm«, sagte sie, »aber ich habe eins in meinem Zimmer, das ich Ihnen zeigen will, wenn Sie wieder zu uns kommen.« »Und nun«, sagte Herr Braefield aufstehend, »habe ich noch ein Wort mit Ihrem Gärtner zu reden und muß dann nach Hause. Wir essen hier früher zu Mittag als in London, Herr Chillingly.« Als die beiden Herren, nachdem sie sich verabschiedet hatten, wieder in die Vorhalle traten, folgte ihnen Lily und sagte zu Kenelm: »Wann wollen Sie morgen kommen, das Bild zu sehen?« Kenelm wandte den Kopf ab und antwortete dann nicht mit seiner gewohnten Höflichkeit, sondern kurz und brüsk: »Ich fürchte, ich kann morgen nicht kommen. Ich werde schon mit Sonnenaufgang aufbrechen müssen.« Lily erwiderte nichts, sondern kehrte in das Zimmer zurück. Herr Braefield fand den Gärtner beim Begießen eines Blumenbeetes, conferirte mit ihm über die Stiefmütterchen und folgte dann Kenelm, der einige Schritte vor dem Gartengitter auf ihn gewartet hatte. »Ein hübsches kleines Landhaus«, sagte Herr 304 Braefield mit einer Art von vornehmem Mitleid, wie es dem Eigenthümer von Braefieldville wohl anstand; »ein wunderlicher Bau.« »Ja, wunderlich«, wiederholte Kenelm zerstreut. »Das ist immer so bei den Häusern, die sich allmälig vergrößert haben. Ich erinnere mich von meiner verstorbenen Mutter gehört zu haben, daß, als Melville oder Frau Cameron es zuerst kaufte, es nicht viel mehr als ein bloßes Arbeiterhäuschen mit einem dazu gehörigen Felde war; zwei oder drei Jahre später wurden ein paar Zimmer hinzugebaut und ein Stückchen von dem Felde zum Garten genommen, und dann entstand im Lauf der Jahre allmälig der ganze jetzt von der Familie bewohnte Theil, während das ursprüngliche Häuschen nur noch als Spülkammer und Waschhaus benutzt wurde; das ganze Feld aber wurde zum Garten gemacht, wie Sie ihn jetzt sehen. Ob das nun mit dem Gelde Melville's oder mit dem der Tante geschehen ist, das weiß ich nicht. Wahrscheinlich mit dem der Tante. Ich sehe nicht ein, was Melville für ein Interesse an dem Hause haben kann. Ich glaube nicht, daß er oft hingeht, es ist nicht seine regelmäßige Wohnung.« »Herr Melville ist, wie ich höre, ein Maler und, wie es scheint, ein sehr beliebter.« 305 »Ich glaube, er hatte bis zu diesem Jahre wenig Succeß. Aber Sie haben doch gewiß seine Bilder auf der Ausstellung gesehen?« »Ich muß zu meiner Schande gestehen, daß ich gar nicht auf der Ausstellung gewesen bin.« »Das überrascht mich. Melville hatte drei Bilder dort, die alle drei sehr gut waren; aber das eine, das ich zu kaufen wünschte, machte viel mehr Aufsehen als die übrigen und hat ihn plötzlich aus einem obscuren zu einem berühmten Künstler gemacht.« »Er scheint ein Verwandter von Fräulein Mordannt zu sein, aber ein so entfernter, daß sie mir nicht einmal sagen konnte, in welchem Grade er mit ihr verwandt sei.« »Das weiß ich auch nicht; ich weiß nur, daß er ihr Vormund ist. Die Verwandtschaft, wenn überhaupt eine solche besteht, muß, wie Sie sagen, eine sehr entfernte sein; denn Melville ist von niedriger Herkunft, während jedermann sehen kann, daß Frau Cameron eine durch und durch feine Dame ist, und Lily Mordannt ist ihr Schwesterkind. Ich habe meine Mutter sagen hören, daß es Melville war, der noch als sehr junger Mann das Landhaus, vielleicht mit Frau Cameron's Geld, unter der Angabe kaufte, daß es für eine verwittwete Dame sei, deren Mann sie in sehr 306 bescheidenen Verhältnissen zurückgelassen habe. Und als Frau Cameron nun mit Lily, die damals noch ein ganz kleines Kind war, eintraf, war sie in tiefer Trauer und selbst noch eine sehr junge und hübsche Frau. Wenn Melville sie damals häufig besucht hätte, so würde natürlich darüber geschwatzt worden sein; aber er kam nur sehr selten, und wenn er kam, so wohnte er in einem Cromwell-Lodge genannten Landhäuschen an der andern Seite des Baches. Dann und wann brachte er noch einen Mitbewohner von Cromwell-Lodge, ich glaube, auch einen jungen Künstler, zum Angeln mit. So war durchaus keine Veranlassung zu Gerede und es kann nichts Tadelloseres geben als das Leben der armen Frau Cameron. Meine Mutter, die damals in Braefildville wohnte, gewann beide, Lily und ihre Tante sehr lieb, und als das Häuschen allmälig zu einer Art von gentilem Landsitz wurde, folgten die wenigen guten Familien der Gegend dem Beispiele meiner Mutter und waren sehr freundlich gegen Frau Cameron, sodaß sie jetzt ganz zu der guten Gesellschaft hier gehört und sehr beliebt ist.« »Und Herr Melville, kommt er auch jetzt noch sehr selten her?« »Soviel ich weiß, ist er, seit ich Braefieldville bezogen habe, noch gar nicht hier gewesen. Braefieldville 307 war meiner Mutter für ihre Lebenszeit überlassen und ich war, solange sie es bewohnte, nicht viel dort. Ich war damals ein jüngerer Associé unserer Firma und leitete das Zweiggeschäft in New-York, sodaß ich nur etwa einmal im Jahr zu meiner Erholung nach England herüberkam. Als meine Mutter starb, gab es viel zu ordnen, bevor ich mich definitiv in England niederlassen konnte, und Braefieldville bezog ich erst nach meiner Verheirathung. Ich sah Melville zum ersten Male vor einigen Jahren, als ich Frau Cameron besuchte, aber unter uns, er ist kein Mann, dessen intime Bekanntschaft man suchen würde. Meine Mutter sagte mir, er sei ein träger, ausschweifender Mensch und ich habe ihn auch von Andern als sehr unsolid bezeichnen hören. Herr . . ., der große Maler, sagte mir, er sei ein loser Vogel, und ich glaube, seine Lebensgewohnheiten standen seinem Fortkommen im Wege, bis er in diesem Jahr ein Bild gemalt hat, das ihn, vielleicht durch einen glücklichen Zufall, mit einem Male auf einen grünen Zweig gebracht hat. Aber ist nicht Fräulein Lily ein reizendes Mädchen? Nur schade, daß ihre Erziehung so vernachlässigt ist.« »Ist sie das?« »Haben Sie das noch nicht gemerkt? Sie hat nicht einmal Musikunterricht gehabt, obgleich sie, wie meine 308 Frau sagt, ein gutes Gehör hat und ganz niedlich singt. Was ihre Lectüre betrifft, so glaube ich nicht, daß sie irgend etwas Anderes gelesen hat als Märchen und Poesie und dergleichen albernes Zeug. Indessen ist sie noch sehr jung, und jetzt, wo ihr Vormund seine Bilder verkaufen kann, ist zu hoffen, daß er sich auch mehr um sein Mündel bekümmern wird. Maler und Schauspieler sind in ihrem Privatleben nicht so regelmäßig wie wir gewöhnlichen Menschen, und man muß in seinem Urtheil über sie sehr nachsichtig sein; aber doch muß Jeder seine Pflicht thun. Darin stimmen Sie mir gewiß bei?« »Gewiß«, sagte Kenelm mit einem Nachdruck, der den Kaufmann betroffen machte. »Sie sprechen da einen vortrefflichen Grundsatz aus; es scheint ein Gemeinplatz und doch, wie oft frappirt er uns, wenn er uns lebhaft vor die Seele geführt wird, als neu. Eine Pflicht kann ein sehr schweres, sehr unangenehmes Ding sein und ist uns sonderbarer Weise oft ein unsichtbares Ding. Sie ist gegenwärtig, dicht vor uns und doch sehen wir sie nicht; plötzlich ruft uns jemand das Wort Pflicht ins Ohr und da steht sie vor uns wie ein grimmiger Riese. Verzeihen Sie mir, wenn ich Sie verlasse; ich kann nicht zu Tische bleiben, die Pflicht ruft mich 309 anderswohin. Entschuldigen Sie mich bei Ihrer Frau Gemahlin.« Noch ehe Herr Braefield sich von seinem Erstaunen erholen konnte, war Kenelm über einen Zauntritt gesprungen und davongegangen. 310 Sechstes Kapitel Kenelm ging in den Laden des Somers'schen Ehepaares und fand Jessie noch hinter dem Ladentisch. »Geben Sie mir mein Ränzel wieder«, sagte er und fügte sofort, indem er sich dasselbe über die Schulter warf, hinzu: »Ich danke Ihnen! Und nun thun Sie mir noch einen Gefallen. Es wird ein Koffer von mir auf der Station sein. Lassen Sie ihn holen und bewahren Sie ihn mir auf, bis ich weiter darüber verfüge. Ich denke auf einen oder zwei Tage nach Oxford zu gehen. Und nun noch ein Wort mit Ihnen, Frau Somers. Denken Sie nach und antworten Sie mir offen: sind Sie wirklich, wie Sie diesen Morgen erklärten, durchaus glücklich, obgleich Sie den Mann, den Sie liebten, geheirathet haben?« 311 »O so glücklich!« »Und es bleibt Ihnen nichts zu wünschen übrig? Sie wünschen nicht, Will möchte anders sein, als er ist?« »Da sei Gott vor! Sie machen mir bange, Herr Chillingly.« »Ich mache Ihnen bange. Recht so. Jeder Glückliche sollte bange sein, daß sein Glück entfliehe. Thun Sie Ihr Bestes, es zu fesseln, und es wird Ihnen gelingen; denn Sie finden Ihr Glück in Ihrer Pflicht und«, murmelte Kenelm, als er den Laden wieder verließ, »die Pflicht ist bisweilen kein rosenfarbiges Band, sondern ein schwerer eisenfarbiger Klotz.« Er schlenderte weiter durch die Straße bis an den Wegweiser, auf dem die Worte »Nach Oxford« zu lesen waren. War es, daß er buchstäblich von dem Ränzel oder bildlich von der Pflicht sprach, er murmelte, während er weiter schlenderte: »Ein Krämerpack, der den Träger niederbeugt.« 312 Siebentes Kapitel. Kenelm hätte Oxford noch denselben Abend erreichen können, denn er war ein rascher und unermüdlicher Fußgänger; aber er machte bald, nachdem der Mond aufgegangen war, Halt und legte sich unter einen frisch gemähten Heuschober nicht weit von der Landstraße zur Ruhe nieder. Er schlief nicht. Den Kopf nachdenklich auf die Hand gestützt, dachte er bei sich: »Schon lange wundere ich mich über nichts mehr. Jetzt aber frage ich mich verwundert: Kann dies Liebe sein, wirklich Liebe, nicht mißzudeutende Liebe? Bah, es ist unmöglich, das ist gewiß die letzte Person auf der Welt, in die ich mich verlieben könnte. Laß uns die Sache einmal erörtern, du, mein Ich, und ich. Zuerst das Gesicht! Was ist ein Gesicht? In wenigen 313 Jahren kann das schönste Gesicht sehr häßlich sein. Man nehme zum Beispiel die Mediceische Venus; man belebe sie und sehe sie nach zehn Jahren wieder. Was wird man finden? Einen Chignon, schwarze oder künstlich weiße Vorderzähne, einen unreinen Teint und ein Doppelkinn; solche angenehme Fülle artet immer zu einem Doppelkinn aus. Mit dem Gesicht wäre es also nichts. Welcher Mann von Verstand, welcher Schüler Welby's des Realisten kann sich in ein Gesicht verlieben? Und selbst wenn ich einfältig genug sein wollte, das zu thun, so sind ja hübsche Gesichter so gewöhnlich wie Gänseblümchen. Cecilia Travers hat regelmäßigere Züge, Jessie Wiles ein schöneres Colorit und ich habe mich in beide nicht im mindesten verliebt. Dagegen kannst du nichts einwenden, mein Ich! Nun denn also der Geist! Wahrhaftig, ein schöner Geist. Ein Geschöpf, dessen Lieblingsgesellschaft Schmetterlinge bilden und das mir erzählt, Schmetterlinge seien die Seelen ungetaufter Kinder – welch ein Stoff zu einem Artikel für den ›Londoner‹ über die Bildung junger Mädchen! Welch ein Mädchen für Fräulein Garrett und Fräulein Emily Faithful! Lassen wir also den Geist, wie wir es mit dem Gesicht gethan haben, beiseite. Was bleibt da noch übrig? Das französische Ideal einer glücklichen Ehe. Harmonie der Herkunft, 314 des Vermögens, des Geschmacks, der Lebensgewohnheiten? Noch schlimmer. Antworte aufrichtig, mein Ich, fühlst du dich nicht niedergeschmettert?« Darauf erwiderte das Ich: O du Narr! Warum fühltest du dich in ihrer Gegenwart so unaussprechlich glücklich? Warum erscheint dir beim Verlassen dieser Gegenwart die Pflicht so bitter? Warum richtest du an mich diese albernen, pedantischen Fragen bei dem Lichte jenes Mondes, der plötzlich aufgehört hat für deine Gedanken ein astronomischer Körper zu sein und in deinen Herzensträumen für immer mit Romantik und Poesie und erster Liebe unzertrennlich verknüpft ist? Warum lenkst du nicht, anstatt diese kalte Scheibe anzustarren, deine Schritte rasch zu einem gemüthlichen Wirthshause, zu einem guten Abendessen in Oxford? Kenelm, mein Freund, du bist ins Netz gegangen; da hilft kein Verhüllen der Thatsache, du bist verliebt!« »Ich will mich hängen lassen, wenn ich verliebt bin«, erwiderte das andere Ich, und damit legte Kenelm sich sein Ränzel als Kopfkissen zurecht, kehrte seine Augen von dem Monde weg und – konnte doch nicht schlafen. Lily's Gesicht drängte sich noch immer vor sein inneres Auge, Lily's Stimme klang ihm noch immer in den Ohren. O lieber Leser, verlangst Du etwa von mir, 315 daß ich Dir sage, wie Lily aussah? War sie dunkel, war sie blond, war sie hochgewachsen, war sie klein? Niemals sollst Du diese Geheimnisse von mir erfahren. Stelle Dir das Wesen vor, zu welchem sich Dein ganzes Selbst, Körper und Geist und Seele unwiderstehlich hingezogen fühlten wie die Magnetnadel zu dem Nordpol. Laß sie hochgewachsen oder klein, dunkel oder blond sein, sie ist die, welche plötzlich von allen Weibern das eine Weib für Dich geworden ist. War es möglich, daß der grausame Götterknabe, der seine Pfeile auf dem Schleifstein des menschlichen Herzens schärft, den Augenblick gefunden hatte, sich für die Vernachlässigung seiner Altäre und die Verhöhnung seiner Macht zu rächen? Muß der gefürchtete fahrende Ritter, der Held dieser Erzählung, trotz der drei Fische in seinem gefeiten Wappenschilde, doch endlich sein Wappen verschleiern, seine Kniee beugen und sich selbst gestehen: Auch meine Königin ist gekommen? 316 Achtes Kapitel. Am nächsten Morgen traf Kenelm in Oxford ein – » verum secretumque Mouscion «. Wenn es auf diesem geschäftigen Eilande einen Platz gibt, der geeignet scheint, die Jugend von der Liebe abzuziehen und der Gelehrsamkeit, dem Ritualismus mittelalterlicher Vorstellungen und jener Art von poetischer Empfindung und poetischem Fanatismus in die Arme zu führen, welche ein Mivers und ein Welby, welche jeder Advocat der realistischen Schule verachten würde, so ist dieser Platz sicherlich Oxford, aus welchem gleichwohl große Denker und große Männer der That hervorgegangen sind. Die Ferien hatten noch nicht begonnen, standen aber nahe bevor. Kenelm glaubte die bedeutendsten 317 Männer der Universität an ihrem langsameren Gang und zerstreuteren Gesichtsausdruck erkennen zu können. Unter den Professoren befand sich der ausgezeichnete Verfasser jenes Buches, welches auf Kenelm in seiner ersten Jünglingszeit einen so bezaubernden Eindruck gemacht hatte, und welcher selbst den Zauber eines noch stärkeren Geistes auf sich hatte wirken lassen. Der ehrwürdige Decimus Roach war von jeher ein ehrfurchtsvoller Bewunderer von John Henry Newman gewesen, ich meine, ein Bewunderer des reinen und erhabenen Charakters des Mannes, ganz abgesehen von der Sympathie für seine Doctrinen. Aber obgleich Roach ein unbekehrter Protestant des orthodoxen und zwar hochkirchlichen Glaubens blieb, gab es doch einen Glaubensartikel, an dem er mit dem Autor der »Apologie« festhielt. Er zählte den Cölibat zu den dem Himmel theuersten Tugenden. In jener beredten Abhandlung »Die Annäherung an die Engel« hatte er behauptet, daß der Zustand des ehelosen Glückes nicht nur eine strenge Verpflichtung für jedes Mitglied einer christlichen Priesterschaft sei, sondern auch der Annahme jedes gewissenhaften Laien empfohlen werden müsse. Es war der Wunsch, mit diesem ausgezeichneten Theologen zu conferiren, was Kenelm veranlaßt hatte, seine Schritte nach Oxford zu lenken. 318 Herr Roach war ein Freund Welby's, in dessen Hause Kenelm als Zögling ihn ein- oder zweimal getroffen hatte und noch mehr von seiner Unterhaltung als von seiner Abhandlung entzückt gewesen war. Kenelm besuchte Herrn Roach, der ihn sehr freundlich empfing und, da er weder Lehrer an einem College noch Examinator war, seine Zeit Kenelm zur Verfügung stellte, ihn durch die verschiedenen Colleges und durch die Bodleianische Bibliothek führte, ihn einlud, an dem Mittagsessen der Lehrer und Schüler in seinem College Theil zu nehmen, und ihn nach Tische in seine Wohnung mitnahm und ihm eine vortreffliche Flasche Chateau Margaux vorsetzte. Herr Roach war ein stattlicher Fünfziger und ein hübscher Mann, auch hielt er sich offenbar dafür, denn er trug sein Haar hinten lang herabhängend und in der Mitte gescheitelt, was Männer, die von ihrer persönlichen Erscheinung bescheiden denken, nicht zu thun pflegen. Kenelm brauchte seinen Wirth nicht lange über den Gegenstand auszuholen, über welchen dieser tiefe Denker soviel nachgedacht hatte. »Sie können sich kaum einen Begriff von der außerordentlichen Bewunderung machen«, sagte Kenelm, »mit welcher ich Ihr schönes Werk: Annäherung an die 319 Engel, studirt habe. Es hat in den Jahren zwischen der Knaben- und Jünglingszeit einen großen Eindruck auf mich gemacht. Aber seit kurzem haben meinen Geist einige Zweifel über die allgemeine Anwendbarkeit Ihrer Doctrinen beschlichen.« »Wirklich?« sagte Herr Roach mit dem Ausdruck des Interesses. »Und ich komme zu Ihnen, um mir die Lösung dieser Zweifel von Ihnen zu erbitten.« Herr Roach wandte sich ab und schob Kenelm die Flasche zu. »Ich bin ganz bereit zuzugeben«, nahm der Erbe der Chillinglys wieder auf, »daß eine Priesterschaft von allen Sorgen einer Familie unberührt und von allen fleischlichen Neigungen rein bleiben sollte« »Hm, hm«, knurrte Herr Roach, indem er das eine Bein über das andere schlug und es streichelte. »Ich gehe noch weiter«, fuhr Kenelm fort, »ich nehme mit Ihnen an, daß der Beichtstuhl sowohl in seinen ermahnenden wie in seinen aufheiternden Wirkungen die ganze Wichtigkeit hat, welche die Katholiken ihm beilegen, daß derselbe von der protestantischen Kirche nicht minder in Ehren gehalten werden sollte, und finde, daß der Beichtvater keine bessere Hälfte 320 haben sollte, gegen die er in den Verdacht gerathen könnte, wenn auch nur in einem unbewachten Augenblick, sich eine Andeutung über die Schwächen einer ihrer Bekannten zu erlauben.« »Ich habe dieses Argument etwas zu sehr auf die Spitze getrieben«, murmelte Roach. »Durchaus nicht. Der Cölibat des Beichtvaters steht oder fällt mit dem Beichtstuhl. Ihr daraus entnommenes Argument ist unanfechtbar. Aber wenn es sich um den Laien handelt, glaube ich einen Unterschied zu entdecken.« Herr Roach schüttelte den Kopf und erwiderte derb: »Nein, wenn der Cölibat eine Verpflichtung für die einen ist, so ist er es auch für die andern – ich sage: wenn –« »Erlauben Sie mir dieser Behauptung zu widersprechen. Fürchten Sie nicht, daß ich Ihren Verstand durch die Plattheit des landläufigen Einwandes beleidigen werde, daß, wenn der Cölibat allgemein wäre, das menschliche Geschlecht in wenigen Jahren aussterben würde. Wie Sie zur Widerlegung dieses Trugschlusses richtig bemerkt haben, ist es die Pflicht jeder menschlichen Seele, die höchste Vollkommenheit des geistlichen Zustandes für sich selbst anzustreben und die Sorge für das menschliche Geschlecht dem Schöpfer 321 zu überlassen. Wenn der Cölibat nothwendig zur geistigen Vollkommenheit ist, wie können wir wissen, ob es nicht der Zweck und Beschluß des Allweisen ist, daß das menschliche Geschlecht, wenn es diese Vollkommenheit erreicht hat, von der Erde verschwinde? Der allgemeine Cölibat würde auf diese Weise die Euthanasie der Menschheit sein. Wenn andererseits der Schöpfer beschlossen haben sollte, daß das menschliche Geschlecht, nachdem es diese höchste, aber unfruchtbare Blüte der Vollkommenheit erreicht hat, nichtsdestoweniger fortfahren solle zu wachsen und sich auf Erden zu vermehren – haben Sie diese Möglichkeit nicht siegreich in dem Ausruf ausgesprochen: Anmaßender Sterblicher! Wie kannst Du es wagen, die Hülfsquellen des Allmächtigen zu beschränken? Würde es nicht leicht für ihn sein, in einer andern dem Kummer, der Sünde und der Leidenschaft nicht ausgesetzten Weise die Generationen fortzupflanzen, wie es bei der Fortpflanzung der vegetabilischen Welt geschieht? Darf man annehmen, daß die Engel, die unsterblichen Genossen des Himmels, sich nicht stündlich an Zahl vermehren und in alle Ewigkeit ihre Schaaren ausbreiten? Und doch gibt es im Himmel keine Ehe. Allem diesem, wie Sie es in Worte gekleidet haben, welche mein Gedächtniß mir nur 322 unvollkommen wiederzugeben gestattet, allem diesem stimme ich ohne Zögern bei.« Herr Roach stand auf, holte eine andere Flasche Chateau Margaux aus seinem Flaschenkeller herbei, füllte Kenelm's Glas, setzte sich wieder, schlug das andere Bein über und streichelte es. »Aber«, nahm Kenelm wieder auf, »mein Bedenken ist folgendes.« »Nun«, rief Herr Roach, »lassen Sie Ihre Bedenken hören.« »Erstens: Ist der Cölibat wesentlich für den Zustand hoher geistlicher Vollendung? Und zweitens, wenn er das wäre, sind Sterbliche nach ihrer jetzigen Beschaffenheit dieser hohen Vollendung fähig?« »Sehr gut eingewandt«, sagte Herr Roach, und erhob sein Glas mit heitrerer Miene, als er bisher gezeigt hatte. »Sie sehen«, sagte Kenelm, »wir sind hier wie bei andern philosophischen Fragen genöthigt, unsere Zuflucht zu der inductiven Methode zu nehmen und unsere Theorien den uns bekannten Thatsachen zu entlehnen. Wenn wir nun um uns blicken, finden wir da, daß alte Jungfern und alte Junggesellen geistlich so viel entwickelter sind als verheirathete Leute? Bringen sie wie ein indischer Derwisch Ihre Zeit mit reiner 323 Betrachtung der göttlichen Vollkommenheit und Seligkeit zu? Sind sie nicht ganz ebenso weltlich in ihrer Art wie Leute, die zu wiederholten Malen verheirathet waren, und sind sie nicht im Allgemeinen noch selbstsüchtiger, frivoler und bösartiger? Ich will mich gewiß nicht unwohlwollend über alte Jungfern und Junggesellen aussprechen. Ich habe drei Tanten, welche alte Jungfern und schöne Exemplare der Gattung sind; aber ich bin überzeugt, sie würden alle drei angenehmere Gesellschafterinnen und ganz ebenso geistlich begabt geworden sein, wenn sie sich glücklich verheirathet hätten und ihre Kinder statt ihrer Schooßhunde liebkosten. So habe ich auch einen alten unverheiratheten Vetter, Chillingly Mivers, den Sie kennen und der ein so gescheidter Mann ist, wie es nur einen geben kann. Aber, du lieber Himmel! was sein Versenktsein in geistliche Betrachtungen anlangt, so könnte er den irdischen Dingen nicht mehr ergeben sein, wenn er so viele Weiber wie Salomo und so viele Kinder wie Priamus hätte. Endlich, ist nicht die Hälfte aller Mißverständnisse in der Welt aus einer Scheidung der geistlichen und der moralischen Natur der Menschen entstanden? Nähert sich nicht doch am Ende der Mensch am sichersten durch sein Verkehren mit seinen Nebenmenschen den Engeln? Und ist nicht das 324 moralische System ein sehr musculöses? Erfordert es nicht zur Erlangung gesunder Kraft viele und anhaltende Uebung, und findet es nicht diese Uebung auf dem natürlichsten Wege, durch die Familienbeziehungen, mit allen den durch dieselben gegebenen Kämpfen mit dem Leben, welche die Sorge für die Familie nothwendig macht? Ich richte diese Fragen an Sie mit dem demüthigsten Mißtrauen in ihre Berechtigung. Ich bin auf Antworten von Ihnen gefaßt, welche meine Bedenken gründlich widerlegen werden, und es wird mich unendlich freuen, wenn dem so ist; denn was der ganzen Controverse zu Grunde liegt, das ist die Leidenschaft der Liebe. Und die Liebe muß eine sehr beunruhigende und störende Erregung sein und hat viele Helden und Weise zu merkwürdigen Schwächen und Thorheiten verleitet.« »Sachte, sachte, Herr Chillingly, übertreiben Sie nicht. Liebe ist ohne Zweifel – ahem! – eine beunruhigende Leidenschaft. Aber jede Erregung, welche das Leben aus einem stagnirenden Teich in einen frischen, munter dahinfließenden Strom verwandelt, ist für den Teich beunruhigend. Nicht nur die Liebe und die ihr verwandten Leidenschaften, wie zum Beispiel der Ehrgeiz, sondern auch die Uebung unserer Denkkraft, 325 welche beständig unsere Ideen verändert, wirkt sehr beunruhigend. Die Liebe hat ihre guten Seiten so gut wie ihre schlechten, Herr Chillingly. Reichen Sie mir die Flasche.« Kenelm schob die Flasche hin und sagte: »Ja, ja, Sie haben ganz Recht, das Argument des Gegners stark hervor zu heben, bevor Sie es vernichten, das thun alle guten Rhetoren. Verzeihen Sie mir, wenn ich diesen Kunstgriff Ihrer Argumentation durchschaue. Nehmen Sie an, daß ich Alles weiß, was zu Gunsten der euphemistisch Liebe genannten Verleugnung des gesunden Menschenverstandes gesagt werden kann, und gehen Sie sofort zur Vernichtung des Arguments über.« Zögernd erwiderte der ehrwürdige Decimus Roach: »Die Vernichtung des Arguments? Hm! Die Leidenschaften sind der menschlichen Natur als ein untrennbarer Theil derselben eingepflanzt und sind nicht so leicht zu zerstören, wie Sie anzunehmen scheinen. Von einem Manne von guter Erziehung und gesunden Prinzipien rationell und moralisch aufgefaßt, ist die Liebe – ist sie –« »Ist sie was?« fragte Kenelm. »Ist sie ein –« stotterte der ehrwürdige Decimus, »ein – nicht zu verachtendes Ding. Wie die Sonne 326 ist sie der große Colorist des Lebens, Herr Chillingly. Und Sie haben vollkommen Recht, das moralische System erfordert tägliche Uebung. Was aber kann diese Uebung einem einsamen Manne gewähren, wenn er das praktische Alter erreicht hat, in welchem er nicht mehr sechs Stunden hintereinander dasitzen und über das göttliche Wesen nachdenken kann und Rheumatismus oder andere Leiden ihm das Reisen in die Wüsten von Afrika als Missionär verbieten? In diesem Alter macht die Natur, welche ihre Stimme vernehmlich zu erheben weiß, ihre Rechte geltend, Herr Chillingly. Eine mit uns sympathisirende weibliche Genossin an unserer Seite, unschuldige kleine Kinder, die uns auf die Kniee klettern, das ist ein liebliches, bezauberndes Bild. Wer könnte Barbar genug sein, dieses Bild auszutilgen, wer fanatisch genug, dasselbe mit dem Bilde eines St.-Simon zu übermalen, der einsam auf einer Säule sitzt! Trinken Sie noch ein Glas Wein! Sie trinken nicht genug, Herr Chillingly.« »Ich habe genug getrunken, um mir einzubilden, ich sähe doppelt«, erwiderte Kenelm mit verdrossenem Ton. »Ich hatte mir eingebildet, vor mir säße der strenge Gegner des Wahnsinns der Liebe und des Elends der Ehe. Und jetzt ist es mir, als hörte ich 327 einem sentimentalen Winseler zu, der die Plattheiten vorbringt, welche der andere Decimus Roach bereits widerlegt hatte. Sicherlich sehe ich entweder doppelt oder Sie machen sich über meinen Appell an Ihre Weisheit lustig.« »Nicht so, Herr Chillingly, aber die Sache ist, daß ich, als ich jenes Buch, von dem Sie reden, schrieb, jung war, und die Jugend ist enthusiastisch und einseitig. Jetzt aber erkenne ich, bei übrigens gleicher Verachtung gegen die Excesse, zu welchen die Liebe schwache Geister treiben kann, ihre wohlthätigen Wirkungen an, wenn sie, wie ich schon vorhin bemerkte, rationell aufgefaßt wird, rationell aufgefaßt, mein junger Freund. In jener Periode des Lebens, wo das Urtheil gereift ist, kann die besänftigende Gesellschaft eines liebenswürdigen Weibes nur erheiternd auf das Gemüth wirken und vor jenem Rauhfrost schützen, welcher die Einsamkeit erkältend bedroht und sich um so empfindlicher fühlbar macht, je älter man wird. Kurz, Herr Chillingly, nachdem ich mich überzeugt habe, daß die Ansicht, die ich einst allzuvoreilig ausgesprochen habe, irrig war, bin ich es der Wahrheit, bin ich es der Menschheit schuldig, meine Bekehrung der Welt zu verkünden. Und ich stehe im Begriff, im nächsten Monat in eine 328 eheliche Verbindung mit einer jungen Dame zu treten, welche –« »Nicht weiter, nicht weiter, Herr Roach, der Gegenstand muß peinlich für Sie sein. Lassen wir ihn fallen.« »Der Gegenstand ist mir durchaus nicht peinlich«, erwiderte Herr Roach mit Wärme. »Ich sehe der Erfüllung meiner Pflicht mit einem Vergnügen entgegen, welches ein gut geschulter Geist immer bei der Zurücknahme einer trügerischen Doctrin empfinden sollte. Aber Sie werden mir die Gerechtigkeit widerfahren lassen zu glauben, daß ich diesen von mir beabsichtigten Schritt nicht zu meiner persönlichen Genugthuung unternehme. Nein, Herr Chillingly, der Werth meines Beispiels für Andere verleiht meinen Motiven ihre Reinheit und erhebt meine Seele.« Nach diesem edlen Schlußsatz wurde der Gang der Unterhaltung matter. Wirth und Gast fühlten beide, daß sie von einander genug gehabt hatten. Kenelm erhob sich bald, um fortzugehen. Als Herr Roach an der Thür von ihm Abschied nahm, sagte er noch mit Nachdruck: »Nicht zu meiner persönlichen Genugthuung – vergessen Sie das nicht. Wo Sie immer in der Welt meine Bekehrung werden erörtern hören, sagen 329 Sie, daß Sie aus meinem eigenen Munde die Worte gehört haben: Nicht zu meiner persönlichen Genugthuung. Nein! Meine freundliche Empfehlung an Welby; als verheiratheter Mann und Vater wird er mich verstehen.« 330 Neuntes Kapitel. Nachdem Kenelm Oxford verlassen hatte, durchwanderte er mehrere Tage lang das Land, ohne ein bestimmtes Ziel im Auge zu haben und ohne ein bemerkenswerthes Abenteuer zu erleben. Endlich ertappte er sich darauf, unwillkürlich wieder den Rückweg eingeschlagen zu haben. Ein unwiderstehlicher magnetischer Zug brachte ihn wieder nach den grasreichen Wiesen und dem schäumenden Flüßchen von Moleswick zurück. »Es muß«, dachte er bei sich, »eine geistige wie eine optische Täuschung geben. Bei dieser letzteren bilden wir uns ein, ein Gespenst gesehen zu haben. Wenn wir es nicht wagen, der Erscheinung scharf ins Gesicht zu sehen, nicht wagen, sie zu berühren, wenn wir abergläubisch vor ihr davonlaufen – was geschieht? Wir werden bis zu unserer Todesstunde 331 glauben, daß es keine Sinnestäuschung, sondern ein Gespenst war, und so werden wir vielleicht unser Leben lang an einer fixen Idee laboriren. Aber wenn wir dem Phantom männlich entgegentreten, unsere Hand ausstrecken, um es zu packen, siehe da, so verflüchtigt es sich zu einem Luftgebilde, unsere Augentäuschung hat ein Ende und wir werden nie wieder von Geistern heimgesucht werden. Ebenso muß es mit meiner Geistestäuschung sein. Ich sehe ein mir ganz neues Bild; es scheint mir auf den ersten Blick mit einem übernatürlichen Reiz ausgestattet. Wie ein unvernünftiger Feigling laufe ich davor weg. Es fährt fort mich zu verfolgen; ich kann seine Erscheinung nicht los werden; es verfolgt mich bei Tage gleichermaßen in den Wohnungen der Menschen und in der Einsamkeit der Natur; es sucht mich nachts in meinen Träumen heim. Ich fange an mir zu sagen, dies muß ein wirklicher Gast aus einer andern Welt, es muß Liebe sein, die Liebe, von der ich in den Dichtern lese, wie ich in ihnen von Zauberei und Geistern lese. Offenbar muß ich dieser Erscheinung nahe treten, wie der Naturforscher Sir David Brewster der schwarzen Katze nahe trat, von der er uns erzählt, daß eine Dame seiner Bekanntschaft sie unablässig auf dem Kaminteppich sitzen sah, bis sie in eine andere Welt kam, in welcher, 332 soviel man weiß, schwarze Katzen keinen Zutritt finden. Je mehr ich darüber nachdenke, desto weniger erscheint es mir möglich, daß ich mich wirklich in ein wildes, halberzogenes, anormales Geschöpf verliebt haben sollte, nur weil ihr Bild mich verfolgt. Ich kann mich daher diesem Geschöpf mit vollkommener Sicherheit nähern; in dem Maße, wie ich sie mehr sehen werde, wird die Illusion schwinden. Ich will männlich nach Moleswick zurückkehren.« So sprach Kenelm zu seinem Ich und sein Ich antwortete: »Geh, denn du kannst nicht anders. Glaubst du, daß Daces einem Netze entgehen kann, das einen Roach gefangen hat? Nein. Kommen muß der vorbestimmte Tag, wo die Natur Dich überwinden wird, deren Stimme niemand ungestraft überhört. Besser, du fügst dich jetzt und mit gutem Humor, als daß du widerstehst, bis du dein fünfzigstes Jahr erreicht hast und dann eine vernünftige Wahl, nicht zu deiner persönlichen Genugthuung, triffst.« Darauf antwortete Kenelm seinem Ich wieder entrüstet: »Bah, du Plappermaul, du weißt nicht, wovon du sprichst, mein alter ego . Es handelt sich hier nicht um eine Frage der Natur, sondern um eine 333 Frage des Uebernatürlichen, um eine Illusion, ein Phantom.« So fuhren Kenelm und sein Ich fort sich zu streiten, und je mehr sie sich stritten, desto näher kamen sie der Stelle, wo die verhängnißvolle Erscheinung der ersten Liebe Kenelm entgegengetreten war und wo er sie geflohen hatte. 334 Zehntes Kapitel. Sir Peter hatte von Kenelm nichts gehört, seit dieser ihn in einem Briefe benachrichtigt hatte, daß er London verlassen habe, um einen wahrscheinlich kurzen Ausflug zu unternehmen, der aber doch einige Wochen dauern könne. Der gute Baronet beschloß daher jetzt selbst nach London zu gehen, um vielleicht Kenelm nach seiner Rückkehr zu treffen oder, falls derselbe noch abwesend sein sollte, wenigstens von Mivers und Anderen zu erfahren, wie weit es dieser sehr excentrische Planet möglich gemacht habe, inmitten der Fixsterne des hauptstädtischen Systems eine unregelmäßige Bahn zu verfolgen. Er hatte noch andere Gründe, nach London zu gehen. Er wünschte die Bekanntschaft Gordon 335 Chillingly's zu machen, bevor er ihm die zwanzigtausend Pfund einhändigte, welche Kenelm durch jene neue Festsetzung in Betreff der Güter, die vor seiner Abreise nach Moleswick von ihm unterzeichnet worden war, freigemacht hatte. Noch mehr wünschte Sir Peter Cecilia Travers zu sehen, für welche Kenelm's Berichte ein sehr lebhaftes Interesse bei ihm erweckt hatten. Den Tag nach seiner Ankunft in London frühstückte Sir Peter bei Mivers. »Sie sind wahrhaftig sehr behaglich eingerichtet«, sagte Sir Peter mit einem Blick auf den wohlbesetzten Tisch und die hübschen Möbel. »Das ist sehr natürlich, ich habe niemand, der mich in meiner Behaglichkeit stört. Ich bin nicht verheirathet. Nehmen Sie doch etwas von diesem Omelette.« »Einige Männer versichern nie Behaglichkeit gekannt zu haben, bis sie verheirathet waren, Vetter Mivers.« » Einige Männer sind reflectirende Körper und begnügen sich mit dem blassen Abglanz der Behaglichkeit, die ihre Frau um ihre eigene Person zu verbreiten weiß. Bei meinem bescheidenen gesicherten Vermögen würde mich eine Frau meiner jetzigen Behaglichkeit in hohem Grade berauben und sich dieselbe aneignen! 336 Statt in diesen hübschen Zimmern würde ich in einem bei Tage von keinem Sonnenstrahl beschienenen, bei Nacht von Katzenmusik erfüllten Loch mit der Aussicht auf einen Hof wohnen müssen, während meine Frau sich in zwei nach Süden gelegenen Salons und vielleicht einem Boudoir mit üppigem Behagen ausbreiten würde. Mein Brougham würde für mich unbenutzbar werden und von dem in seine Crinoline versenkten ›Engel meines häuslichen Herdes‹ und seinem Chignon ganz in Anspruch genommen werden. Nein, wenn ich je heirathe, und ich hüte mich wohl, mich der Höflichkeiten und der Handarbeiten, mit denen mich unverheirathete Damen überschütten, durch die Erklärung, daß ich nie heirathen werde, zu berauben, so wird es erst dann geschehen, wenn die Frauen sich in den vollen Besitz ihrer Rechte gesetzt haben werden; denn erst dann werden die Männer eine Chance haben, auch ihre Rechte geltend zu machen. Dann werde ich, wenn zwei Salons im Hause sind, einen davon für mich nehmen, und wenn nur einer da ist, werden wir losen, wer die Hinterstube haben soll; wenn wir einen Brougham halten, wird er drei Tage in der Woche ausschließlich zu meiner Verfügung stehen; wenn meine Frau zweihundert Pfund jährlich für ihre Toilette beansprucht, muß sie sich mit hundert Pfund begnügen, 337 die andere Hälfte werde ich für meine Garderobe verwenden; wenn ich von Correcturbogen und Druckerjungen bedrängt bin, so fällt die Hälfte dieser Bedrängniß auf sie, während ich meine freie Zeit beim Croquetspiel in Wimbledon zubringe. Ja, wenn die jetzige Zurücksetzung der Frauen erst einmal einer Gleichstellung derselben mit den Männern Platz gemacht haben wird, dann will ich mich gern verheirathen. Und um es meinerseits nicht an Großmuth fehlen zu lassen, werde ich mich nicht widersetzen, wenn meine Frau bei Wahlen zu geistlichen Aemtern oder zum Parlament mitstimmen will. Ich werde ihr auch meine Stimme mit Vergnügen überlassen.« »Ich fürchte, mein lieber Vetter, Sie haben Kenelm mit ihren egoistischen Ideen über den Ehestand angesteckt. Er scheint nicht geneigt, sich zu verheirathen, wie?« »Nicht daß ich wüßte.« »Was für eine Art Mädchen ist Cecilia Travers?« »Eins jener bedeutenden Mädchen, von denen man nicht zu fürchten braucht, daß sie sich zur Höhe jener schrecklichen Riesenweiber, die man bedeutende Frauen nennt, emporschwingen werden. Eine schöne, wohlerzogene, verständige junge Dame, die dadurch, daß sie eine Erbin ist, nicht verdorben ist, kurz, so 338 recht ein Mädchen, das man sich zur Schwiegertochter ausersehen möchte.« »Und Sie glauben nicht, daß Kenelm eine Neigung für sie hat?« »Aufrichtig gesagt, ich glaube es nicht.« »Hat er denn irgend eine andere Neigung? Es gibt Dinge, in Betreff deren Söhne ihre Väter nicht zu Vertrauten machen. Haben Sie nie gehört, ob Kenelm ein bischen wild gewesen ist?« »Wild ist er, wie der edle Wilde, der die Wälder durchstreift«, erwiderte Vetter Mivers. »Sie erschrecken mich.« »Ehe der edle Wilde den Squaws in den Weg lief und weise genug war, vor ihnen wegzulaufen. Kenelm ist eben jetzt irgendwohin davongelaufen.« »Ja, er hat mir nicht gesagt wohin, und in seiner Wohnung wissen sie es auch nicht. Auf seinem Schreibtisch liegt eine Masse von Billetts, aber niemand weiß, wohin sie geschickt werden sollen. Im Ganzen hat er sich aber eine Stellung in der Londoner Gesellschaft verschafft, wie?« »Gewiß! Er ist mehr umworben und mehr besprochen worden als die meisten jungen Männer. Das ist bei Sonderlingen gewöhnlich der Fall!« »Finden Sie nicht, daß er mehr als gewöhnliche 339 Talente hat? Glauben Sie nicht, daß er eine Rolle in der Welt spielen und jene Schuld an die Literatur oder die politischen Interessen seines Landes abtragen wird, welche ich und meine Vorgänger, die anderen Sir Peters, leider nicht bezahlt haben und um derentwillen ich seine Geburt freudig begrüßte und ihm den Namen Kenelm gab?« »Darüber habe ich wahrhaftig keine Vermuthung«, antwortete Mivers, der jetzt mit seinem Frühstück fertig war, sich auf einen Lehnstuhl gesetzt und eine seiner famosen Trabucos angezündet hatte. »Wenn ihn ein großer Vermögensverlust beträfe und er für sein tägliches Brod arbeiten müßte, oder wenn sonst ein schreckliches Unglück sein Nervensystem plötzlich erschütterte, dann würde ich es für sehr möglich halten, daß er die trägen Wasser des Lebensstromes, der die Menschen von der Wiege bis zum Grabe trägt, gewaltsam aufspritzen machte. Aber Sie sehen, er bedarf, wie er selbst sehr richtig sagt, der beiden Antriebe zu entschiedenem Handeln, der Armuth und der Eitelkeit.« »Es hat aber doch sicherlich große Männer gegeben, die weder arm noch eitel waren?« »Das bezweifle ich; aber die Eitelkeit, die ich für ein beherrschendes Motiv erkläre, tritt unter den verschiedensten Gestalten auf; nennen Sie es Ehrgeiz, 340 nennen Sie es Ruhmsucht, das Wesen bleibt immer dasselbe: der Wunsch nach Beifall, der sich in einem unruhig aufgeregten Handeln bethätigt.« »Das Streben nach abstracter Wahrheit kann aber ohne den Wunsch nach Beifall bestehen.« »Sicherlich. Ein Naturforscher auf einer wüsten Insel kann sich damit unterhalten, über den Unterschied von Licht und Wärme nachzudenken. Aber wenn er nach seiner Rückkehr in die Welt das Ergebniß seines Nachdenkens veröffentlicht, so kommt die Eitelkeit ins Spiel und er verlangt nach Beifall.« »Unsinn, Vetter Mivers; er kann vielmehr wünschen, der Menschheit zu nützen und wohlzuthun. Sie werden doch nicht leugnen wollen, daß es etwas wie Menschenliebe gibt?« »Ich leugne nicht, daß es etwas wie Humbug gibt. Und so oft mir ein Mensch vorkommt, der die Stirn hat, mir zu sagen, er gebe sich für einen philanthropischen Zweck ohne die geringste Aussicht auf Anerkennung oder Geldgewinn große Mühe und mache sich viele Umstände, so weiß ich, daß ich einen Humbug vor mir habe und zwar einen gefährlichen Humbug, einen Schwindler, einen Patron, der die Taschen voll von spitzbübischen Prospecten und Ausrufen an Subscribenten hat.« 341 »Bah, bah, verschonen Sie mich doch mit Ihrem affectirten Egoismus! Sie sind kein hartherziger Mensch! Sie müssen die Menschheit lieben, Sie müssen sich für die Wohlfahrt der Nachwelt interessiren.« »Die Menschheit lieben, mich für die Nachwelt interessiren? Gott stehe mir bei, Vetter Peter, Sie haben doch hoffentlich keine Prospecte in der Tasche, keine Pläne zum Austrocknen der pontinischen Sümpfe aus reiner Liebe zur Menschheit, keine Vorschläge, die Einkommensteuer zu verdoppeln, um einen Reservefonds für die Nachwelt, im Fall unsere Kohlengruben in dreitausend Jahren erschöpft sein sollten, zu bilden? Liebe zur Menschheit! Unsinn! Das kommt davon, wenn man auf dem Lande lebt.« »Aber Sie lieben doch die Menschheit, Sie denken doch an die kommenden Generationen.« »Ich? Durchaus nicht. Im Gegentheil, ich hasse vielmehr die Menschheit in ihrer Gesammtheit, die australischen Buschmänner mit einbegriffen, und ich glaube keinem Menschen, der mir sagt, daß es ihm nicht viel unangenehmer wäre, wenn seine Schlachterrechnung erhöht würde, als wenn zehn Millionen Menschen in beträchtlicher Entfernung, sagen wir in Abissynien, von einem Erdbeben verschlungen würden. Und was die Nachwelt betrifft, wer möchte sich wohl 342 einen Gichtanfall oder einen tic douloureux auf einen Monat gefallen lassen, damit die Nachwelt im Jahre des Heils 4000 sich eines vollkommenen Canalisationssystems erfreue?« Sir Peter, der erst kürzlich an einem sehr heftigen Anfall von Neuralgie gelitten hatte, schüttelte den Kopf, war aber zu gewissenhaft, um nicht zu schweigen. »Um auf etwas Anderes zu kommen«, sagte Mivers, indem er seine Cigarre, die er während der Kundgebung seiner liebenswürdigen Ansichten beiseite gelegt hatte, wieder anzündete, »ich glaube, Sie würden gut thun, während Ihres Aufenthalts in London Ihren alten Freund Travers aufzusuchen und sich Cecilia vorstellen zu lassen. Wenn Sie eine ebenso vortheilhafte Meinung von ihr gewinnen wie ich, so könnten Sie ja Vater und Tochter einladen, Sie in Exmundham zu besuchen. Mädchen beschäftigen sich in Gedanken mehr mit einem Mann, wenn sie die Stätte kennen lernen, die er ihnen als Heim bieten kann, und Exmundham ist ein für Mädchen anziehender Platz, malerisch und romantisch.« »Das ist ein vortrefflicher Gedanke«, rief Sir Peter freudig aus. »Ich möchte aber auch die Bekanntschaft Chillingly-Gordon's machen. Geben Sie mir seine Adresse.« 343 »Seine Karte liegt da auf dem Kaminsims, nehmen Sie sie. Sie finden ihn täglich bis zwei Uhr zu Hause. Er ist zu verständig, um seine Nachmittage damit zu vergeuden, daß er mit jungen Damen im Hyde-Park spazieren reitet.« »Sagen Sie mir Ihre aufrichtige Meinung über diesen jungen Verwandten. Kenelm sagt mir, er sei begabt und ehrgeizig.« »Kenelm hat Recht. Er ist kein Mensch, der sich damit abgibt, dummes Zeug über Liebe zur Menschheit und Nachwelt zu reden. Er ist ein Kind unserer Tage, mit großen, scharfen, weitgeöffneten Augen, die nur auf solche Theile der Menschheit blicken, welche ihm nützlich sein können, und sich ihre Sehkraft nicht damit verderben, durch Ferngläser zu gucken, um vielleicht einen Blick in die Zukunft zu thun. In Gordon steckt ein künftiger Schatzkanzler, vielleicht ein Premierminister.« »Und der Sohn des alten Gordon ist ein fähigerer Mensch als mein Sohn, als der Namensvetter Kenelm Digby's?« sagte Sir Peter seufzend. »Das habe ich nicht gesagt. Ich bin gescheidter als Chillingly Gordon und der Beweis ist, daß ich zu gescheidt bin, um zu wünschen, Premierminister zu sein – ein sehr unangenehmes Amt, das schwere Arbeit, 344 unregelmäßige Eßstunden, viel schlechte Behandlung und permanente Unverdaulichkeit mit sich bringt.« Sir Peter ging etwas niedergeschlagen fort. Er fand Chillingly Gordon in seinem Logis in Jermyn-Street zu Hause. Obgleich durch Alles, was er über ihn gehört hatte, gegen ihn eingenommen, fand sich Sir Peter doch bald günstig für ihn gestimmt. Gordon zeigte ihm gegenüber ein offenes, weltmännisches Wesen und war viel zu taktvoll, um Gesinnungen Ausdruck zu geben, die bei einem Landedelmann vom alten Stil und einem Verwandten, der ihm in seiner Carrière möglicherweise von Nutzen sein konnte, leicht hätten Anstoß erregen können. Er berührte den unglücklichen, von seinem Vater begonnenen Streit kurz und mit dem Ausdruck wahren Bedauerns, sprach mit herzlicher Anerkennung von Kenelm und mit feiner Gutmüthigkeit von Mivers, als einem Mann, der, um das Epigramm auf Karl II. zu parodiren, »niemals etwas Freundliches sagt und nie etwas Hartes thut«. Dann lenkte er das Gespräch auf ländliche Interessen und die Aussichten der Landwirthschaft, ließ sich von Sir Peter erzählen, daß einer seiner Zwecke bei seinem Besuche in London der Wunsch sei, eine patentirte Wasserschnecke zu besichtigen, die ihm sehr nützlich für seinen schlecht mit Wasser versorgten 345 Pachthof sein könnte, setzte den Baronet durch die Entfaltung einiger Kenntnisse in der praktischen Mechanik in Erstaunen, bestand darauf, ihn bei der Besichtigung der Wasserschnecke in die City zu begleiten, und erklärte sich mit einem Kaufe einverstanden, zeigte ihm dann eine neue amerikanische Mähmaschine und ging nicht von Sir Peter, bis er ihm versprochen hatte, mit ihm im Garrick-Club zu Mittag zu essen, eine Einladung, die Sir Peter besonders angenehm war, da er sehr neugierig war, einige der neuerdings berühmt gewordenen Mitglieder dieses geselligen Clubs zu sehen. Nachdem Sir Peter von dem jungen Gordon Abschied genommen, ging er zu Leopold Travers und beschäftigte sich auf dem Wege in Gedanken in wohlwollender Weise mit seinem jungen Verwandten. »Mivers und Kenelm«, dachte er bei sich »hatten mich ungünstig gegen diesen jungen Menschen gestimmt; sie schilderten ihn als weltlich, selbstsüchtig und so weiter. Aber Mivers hat so cynische Ansichten über Charaktere und Kenelm ist zu excentrisch, um einen verständigen Weltmann billig zu beurtheilen. Auf keinen Fall sieht es einem Egoisten ähnlich, sich so viele Umstände zu machen und so höflich gegen einen alten Kerl wie mich zu sein. Ein junger lebenslustiger Mensch muß seinen Tag angenehmer zu verbringen 346 wissen, als mit der Besichtigung von Wasserschnecken und Mähmaschinen. Sie geben zu, daß er gescheidt ist, ja, das ist er entschieden und nicht unangenehm gescheidt, praktisch.« Sir Peter fand Travers im Eßzimmer mit seiner Tochter, Frau Campion und Lady Glenalvon. Travers war einer jener wenigen Männer im besten Mannesalter, die öfter in ihrem Salon als in ihrem Arbeitszimmer anzutreffen sind; er liebte weibliche Gesellschaft, und vielleicht war es diese Vorliebe, welche dazu beitrug, ihm die Anmuth der Wohlerzogenheit und gewinnender Manieren zu erhalten. Die beiden Männer hatten sich seit vielen Jahren nicht gesehen, nicht seitdem Travers als Löwe des Tages den Höhepunkt seiner Laufbahn erreicht hatte und Sir Peter einer jener angenehmen humoristischen Causeurs gewesen war, welche an jeder Tafel zu den beliebten und vielumworbenen Gästen gehören. Sir Peter war ursprünglich ein gemäßigter Whig gewesen, weil sein Vater vor ihm derselben Richtung angehört hatte, war aber dieser Partei mit dem Herzog von Richmond, Stanley, dem späteren Lord Derby, und Andern untreu geworden, als es ihm schien, daß diese Partei aufgehört habe, gemäßigt zu sein. Leopold Travers war als junger Offizier bei den 347 Garden ein Hoch-Tory gewesen, trat aber bei der Aufhebung der Korngesetze auf Sir Robert Peel's Seite, blieb Peelit, nachdem die Masse der Tories sich der Leitung ihres früheren Chefs entzogen hatte, und ging jetzt mit den Peeliten, wohin immer der Fortschritt der Zeit ihre Schritte, den Whigs voran und den Tories zum Trotz, lenken mochte. Indessen handelt es sich in diesem Augenblick nicht um die politische Richtung der beiden Männer. Wie gesagt, sie hatten sich seit vielen Jahren nicht gesehen. Travers hatte sich sehr wenig verändert. Sir Peter erkannte ihn sofort wieder. Sir Peter aber hatte sich sehr verändert und es dauerte eine Weile, bis Travers, als er seinen Namen hörte, sich überzeugte, daß es der richtige Sir Peter sei, und mit ausgestreckter Hand auf ihn zuging. Travers' Haarfarbe war noch unverändert wie die eleganten Formen seiner Gestalt und er war noch mit derselben peinlichen Sorgfalt gekleidet wie in seinen Dandytagen. Sir Peter, der früher sehr mager gewesen war, blonde Locken und träumerische, blaue Augen gehabt, hatte sich jetzt ein Bäuchlein zugelegt, war sehr grau geworden und trug seit langer Zeit eine Brille; auch sein Anzug war sehr altmodisch und von einem Schneider auf dem Lande gemacht. Er machte ebenso sehr den 348 Eindruck eines Gentlemans wie Travers, sah, wenn man den Unterschied der Jahre berücksichtigte, vielleicht ebenso gesund aus und versprach ein ebenso hohes Alter zu erreichen. Aber der Unterschied zwischen beiden bestand darin, daß der eine ein nervöses, der andere ein lymphatisches Temperament hatte. Travers hatte weniger Gehirn als Sir Peter, hatte aber sein Gehirn unausgesetzt in Thätigkeit erhalten. Sir Peter hatte sein Gehirn durch die Liebhaberei an alten Büchern und das Vergnügen an müßiger Träumerei verwöhnt. Deshalb sah Travers noch jung, frisch, den Forderungen seiner Zeit und Allem gewachsen aus, während Sir Peter beim Eintritt in den Salon wie eine Art Rip van Winkle, der eine ganze Generation verschlafen hat und seine Umgebung mit noch schläfrigen Augen betrachtet, erschien. Aber doch würde man bei Sir Peter in jenen seltenen Augenblicken, wo er ganz aufgeweckt war, eine Glut des Herzens, ja selbst eine Kraft des Gedankens gefunden haben, die den Eigenschaften, welche wir bei der Jugend am meisten lieben und bewundern, viel näher kamen, als die Frische des Wesens, die charakteristisch für Leopold Travers war. »Mein lieber Sir Peter, sind Sie es? Wie freue ich mich, Sie wiederzusehen!« sagte Travers. »Wie ewig lange haben wir uns nicht gesehen, und wie gütig 349 waren Sie damals gegen mich albernen Geck! Aber lassen wir das Vergangene vergangen sein und beschäftigen wir uns mit der Gegenwart. Erlauben Sie mir zunächst, Ihnen meine geschätzte Freundin, Frau Campion, deren ausgezeichneten Gatten Sie gekannt haben, vorzustellen. Ach, wie angenehme Stunden haben wir in seinem Hause zugebracht! Und hier die junge Dame, bei der sie Mutterstelle vertritt, ist meine Tochter Cecilia. Lady Glenalvon, die Freundin Ihrer Frau, brauche ich Ihnen nicht vorzustellen; über sie hat die Zeit keine Gewalt.« Sir Peter nahm seine Brille ab, deren er sich eigentlich nur zum Lesen kleiner Schrift bediente, und betrachtete sich aufmerksam die drei Damen, vor deren jeder er sich verneigte. Aber während seine Augen noch auf Cecilia ruhten, trat Lady Glenalvon, wie es ihr vermöge ihres Ranges und ihrer alten Bekanntschaft zustand, zuerst von den dreien auf ihn zu und begrüßte ihn. »Ach mein lieber Sir Peter, die Zeit verschont keinen von uns, aber was schadet das, wenn sie nur angenehme Erinnerungen zurückläßt. Bei Ihrem Anblick kehrt mir meine Jugend wieder, meine Jugendfreundin, Karoline Brotherton, jetzt Lady Chillingly, unsere Spaziergänge als Mädchen, auf welchen wir 350 uns von Balltoiletten unterhielten und von künftigen Ehemännern träumten. Kommen Sie, setzen Sie sich zu mir, erzählen Sie mir von Karolinen.« Obgleich Sir Peter wenig von Karolinen zu berichten hatte, was irgend jemand außer ihm selbst interressiren konnte, setzte er sich gleichwohl zu Lady Glenalvon und erstattete pflichtmäßig den schmeichelhaftesten Bericht über seine bessere Hälfte, den ihm Erfahrung oder Erfindung eingaben. Während der ganzen Zeit jedoch waren seine Gedanken bei Kenelm und seine Augen auf Cecilia gerichtet. Cecilia nahm eine Handarbeit wieder auf, deren Bestimmung geheimnißvoll war; vielleicht war es eine Stickerei für einen Klavierstuhl, vielleicht waren es ein Paar Pantoffeln für ihren Vater, der sie aber, da er sehr eitel auf seine Füße war und wußte, daß sie am besten in einfachem Maroquin aussahen, gewiß nie tragen würde. Sie schien durch ihre Beschäftigung absorbirt, aber ihre Augen und ihre Gedanken waren – warum, werden meine schönen Leserinnen schon errathen – liebevoll auf Sir Peter gerichtet. Sie fand, er habe ein höchst liebenswürdiges, intelligentes, wohlwollendes Gesicht. Sie bewunderte selbst seinen altmodischen Ueberrock, sein hohes Halstuch und seine Beinkleider mit Strippen. Sie verehrte seine grauen, ungefärbten 351 Haare. Sie bemühte sich, eine große Aehnlichkeit zwischen diesem blauäugigen, wohlbeleibten, ältlichen Herrn von heller Complexion und dem magern, schwarzäugigen, schwermüthigen, vornehm aussehenden Kenelm herauszufinden, und es gelang ihr, was keinem Andern gelungen sein würde. Sie fing an Sir Peter zu lieben, obgleich er noch kein Wort mit ihr gesprochen hatte. Ah, darüber ein Wort an Euch, meine jungen Leser! Du, mein junger Freund, der Du ein Mädchen zu heirathen wünschest, das Dich zärtlich und für immer lieben und eine vortreffliche, tüchtige Frau für Dich werden soll, beachte wohl, wie sie sich gegen Deine Eltern benimmt, wie sie mit unaussprechlicher Zärtlichkeit, mit selbstloser Verehrung an ihnen hängt; und solltest Du diese Zärtlichkeit, diese Verehrung nur schwach erkennen, so beachte, wie sie bei einer kleinen Differenz zwischen Dir und Deinen Eltern Dich mit zauberischer Gewalt wieder dahin bringen wird, Deinen Vater und Deine Mutter zu ehren, selbst wenn sie ihr nicht besonders sympathisch sind. Nun, wenn Du ein solches Mädchen zum Weibe bekommst, so denke, daß Du einen Schatz gewonnen, dem der Himmel die beiden schönsten Eigenschaften verliehen hat: tiefes Liebesbedürfniß und starkes Pflichtgefühl. Was ich aber, meine schöne Leserin, von dem 352 einen Geschlechte sage, das gilt auch von dem andern, wenn auch in geringerem Grade, weil ein Mädchen, das sich verheirathet, ein Mitglied der Familie ihres Mannes, der Mann aber kein Mitglied der Familie seiner Frau wird. Aber doch mißtraue ich der Innigkeit der Liebe eines Mannes für ein Mädchen, wenn er nicht einen hohen Grad von Zärtlichkeit und im Falle entstehender Differenzen von Nachsicht für ihre Eltern hat. Aber die Frau muß dieselben nicht so in den Vordergrund treten lassen, daß der Mann glauben könnte, er werde zurückgesetzt. Verzeihe diese unerträglich lange Abschweifung, lieber Leser, die aber nicht ganz Abschweifung ist, denn es ist wesentlich für meine Erzählung, daß Du die Gattung von Mädchen, deren Personification Cecilia Travers ist, genau kennst. »Was ist aus Kenelm geworden?« fragte Lady Glenalvon. »Ich wollte, ich könnte es Ihnen sagen«, erwiderte Sir Peter. »Er schrieb mir, daß er sich zu Streifereien im frischen Wald und Wiesengrün, vielleicht für einige Wochen, aufmache. Seitdem habe ich nichts wieder von ihm gehört.« »Sie machen mich ängstlich«, sagte Lady Glenalvon; »ich hoffe, es ist ihm nichts zugestoßen; er wird doch nicht krank geworden sein?« 353 Ceilia hielt in ihrer Arbeit inne und blickte ernst auf. »Beruhigen Sie sich«, sagte Travers lachend; »ich weiß ein Geheimniß. Er hat den Champion Englands gefordert und ist aufs Land gegangen, sich trainiren zu lassen.« »Sehr wahrscheinlich«, sagte Sir Peter ruhig; »das würde mich nicht im mindesten überraschen; würden Sie sich darüber wundern, Fräulein Travers?« »Ich halte es für wahrscheinlicher, daß Herr Chillingly Andern etwas Gutes erweist, was er verborgen zu halten wünscht.« Sir Peter war von dieser Antwort angenehm berührt und rückte seinen Stuhl näher an Cecilia heran. Lady Glenalvon, die mit großem Vergnügen die beiden sich nähern sah, stand bald auf und verabschiedete sich. Sir Peter blieb fast eine Stunde, während welcher er sich hauptsächlich mit Cecilia unterhielt, die sich außerordentlich leicht den Weg zu seinem Herzen bahnte; und er verließ das Haus nicht, ohne ihrem Vater, Frau Campion und ihr selbst das Versprechen abgenommen zu haben, ihn gegen Ende der Londoner Saison, welche nahe bevorstand, auf eine Woche in Exmundham zu besuchen. 354 Nachdem Sir Peter dieses Versprechen erhalten hatte, ging er fort und zehn Minuten später trat Herr Chillingly Gordon in den Salon. Er stand bereits bei Travers auf dem Besuchsfuß, Travers hatte Geschmack an ihm gefunden. Frau Campion fand, er sei ein außerordentlich wohlunterrichteter, ungezierter junger Mann und den meisten jungen Leuten weit überlegen. Cecilia war von einer herzlichen Höflichkeit gegen Kenelm's Vetter. Es war ein sehr glücklicher Tag für Sir Peter. Er amüsirte sich gut bei dem Diner im Garrick-Club, wo er einige alte Bekannte traf und einigen neuen Berühmtheiten vorgestellt wurde. Er bemerkte, daß Gordon gut mit diesen Notabilitäten stand. Obgleich er selbst sich noch nicht ausgezeichnet hatte, behandelten sie ihn doch mit einem gewissen Respekt und mit offenbarer Zuneigung. Der bedeutendste dieser Männer, der wenigstens, welcher sich des am festesten begründeten Rufs erfreute, sagte Sir Peter ins Ohr: »Sie können auf Ihren Neffen Gordon stolz sein.« »Er ist nicht mein Neffe, nur der Sohn eines sehr entfernten Vetters.« »Das thut mir leid. Aber er wird über seine ganze Familie, auch über die entferntesten Verwandten Glanz verbreiten. Ein gescheidter Mensch, der sich 355 dabei beliebt zu machen weiß, von seltener Combinationsgabe. Der wird es sicherlich weit bringen.« Sir Peter fühlte, wie sich ihm die Kehle zusammenschnürte. »O wenn ein so bedeutender Mann so von Kenelm gesprochen hätte!« Aber er war zu edel gesinnt, als daß er diesem halb neidischen Gefühle länger als einen Augenblick Raum gegeben hätte. Warum sollte er nicht stolz sein auf irgend ein Mitglied der Familie, welches der herkömmlichen Obscurität des Chillingly'schen Geschlechts ein Ende machen könnte? Und wie aufmerksam war der junge Mann gegen ihn! Am nächsten Tage besichtigte er mit ihm die neuesten Erwerbungen des britischen Museums und verschiedene andere Ausstellungen und ging abends mit ihm in das Prince-of-Wales-Theater, wo Sir Peter von einer vortrefflichen kleinen Komödie von Robertson, in der Marie Wilton vortrefflich spielte, ganz entzückt war. Als Gordon ihn am darauffolgenden Tage in seinem Hotel besuchte, erleichterte er sein Herz und machte ihm sofort die Mittheilung, mit der er bisher gezögert hatte. »Gordon, mein Junge, ich habe eine Schuld gegen Dich und bin jetzt, Dank Kenelm, in den Stand gesetzt, sie abzutragen.« 356 Gordon war überrascht, fuhr ein wenig zusammen, sagte aber nichts. »Ich habe Deinem Vater kurz nach Kenelm's Geburt gesagt, daß ich mein Londoner Haus aufgeben und jährlich tausend Pfund sparen und für Dich beiseite legen wolle, um Dich für die Dir entgangene Chance, im Fall ich kinderlos gestorben wäre, Exmundham zu erben, zu entschädigen. Nun, Dein Vater schien nicht viel auf dieses Versprechen zu geben und prozessirte mit mir über gewisse, mir ganz unbestreitbar zustehende Rechte. Wie ein so gescheidter Mann einen solchen Mißgriff begehen konnte, würde mir unbegreiflich sein, wenn ich mich nicht seines streitsüchtigen Temperaments erinnerte. Das Temperament ist ein Ding, das oft den Sieg über die Gescheidtheit davonträgt, ein uncontrolirbares Ding, das man nachsichtig beurtheilen muß. Da ich selbst durchaus nicht streitsüchtiger Natur bin – die Chillinglys sind ein friedfertiges Geschlecht – so hatte ich nicht die gehörige Nachsicht für die so verschiedene und für einen Chillingly so abnorme Natur Deines Vaters. Die Sprache und der Ton seines Briefes in dieser Angelegenheit verdrossen mich. Ich sah nicht ein, warum ich einer solchen Behandlung gegenüber mir die Gêne einer jährlichen Ersparniß von tausend Pfund auferlegen sollte. 357 Es bot sich die Gelegenheit, ein für den Besitzer von Exmundham höchst wünschenswerthes Stück Land zu kaufen. Ich kaufte es mit geliehenem Gelde, und obgleich ich mein Haus in London aufgab, konnte ich doch die tausend Pfund nicht zurücklegen.« »Mein lieber Sir Peter, ich habe es immer bedauert, daß mein armer Vater sich, vielleicht aus einer zu zärtlichen Sorge für mein vermeintliches Interesse, zu diesem unglücklichen und erfolglosen Prozeß hatte verleiten lassen, nach dessen Anstellung niemand glauben konnte, daß Sie noch an die Ausführung einer etwa gehegten großmüthigen Absicht denken würden. Ich war dankbar überrascht, als ich von Kenelm und Ihnen so freundlich und herzlich in die Familie aufgenommen wurde. Lassen Sie, bitte, jeden Gedanken an diese Geldangelegenheit fahren; die Idee der Entschädigung eines sehr entfernten Verwandten für den Verlust von Aussichten, zu denen er gar nicht berechtigt war, ist wenigstens in meinen Augen zu absurd, als daß ich ihr je hätte Raum geben sollen.« »Aber ich bin absurd genug, ihr Raum zu geben, obgleich Du Dich in einer sehr uneigennützigen Weise darüber aussprichst. Um zur Sache zu kommen. Kenelm ist mündig und wir haben die Beschränkungen eines freien Verfügungsrechtes aufgehoben. Das Gut 358 bleibt natürlich nach wie vor zu Kenelm's absolut freier Verfügung, und wir müssen es als ausgemacht betrachten, daß er sich verheirathen wird. Was aber auch Kenelm später mit seinem Eigenthum thun möge, für Dich ist es gleichgültig und kann nicht in Betracht kommen. Selbst der Titel stirbt mit Kenelm aus, wenn er keinen Sohn hat. Inzwischen sind durch die Aufhebung der Beschränkungen meines Verfügungsrechtes über das Gut Summen frei geworden, welche mich, wie gesagt, in den Stand setzen, eine Schuld abzutragen, die wir, wie Kenelm freudig anerkennt, gegen Dich haben. Zwanzigtausend Pfund stehen augenblicklich bei meinem Banquier mit der Bestimmung, an den Deinigen abgeschrieben zu werden; wenn Du inzwischen bei meinem Solicitor Herrn Vining in Lincolnsinn vorsprechen willst, so kannst Du bei ihm die neue Acte einsehen und ihm Deine Quittung über die zwanzigtausend Pfund geben, für welche er meine Anweisung in Händen hat. Nichts da, nichts da! Ich will kein Wort hören, keinen Dank; er gebührt mir nicht.« Gordon aber, der während dieser kleinen Rede verschiedene Ausrufe gethan, welche Sir Peter nicht beachtet hatte, ergriff jetzt dessen Hand und preßte sie trotz alles Widerstrebens Sir Peter's an seine Lippen. »Ich muß Ihnen danken, ich muß meinen Gefühlen 359 Luft machen«, rief Gordon. »Diese schon an und für sich große Summe bedeutet für mich viel mehr, als Sie sich vorstellen können, sie eröffnet mir eine Carrière, sie sichert mir meine Zukunft.« »Das höre ich von Kenelm; er sagte mir, diese Summe würde Dir jetzt nützlicher sein als der zehnfache Betrag in zwanzig Jahren.« »Das wird sie, das wird sie. Und Kenelm ist mit diesem Opfer einverstanden?« »Einverstanden? Er dringt darauf!« Gordon wandte sich ab und Sir Peter fuhr fort: »Du willst ins Parlament – ein sehr natürlicher Ehrgeiz für einen begabten jungen Menschen. Ich maße mir nicht an, Dir Deine politische Richtung vorzuschreiben. Ich höre, Du bist ein sogenannter Liberaler; ich denke, ein Mann kann liberal sein, ohne zu den Jakobinern zu gehören.« »Das will ich hoffen. Ich meinerseits bin nichts weniger als ein zu gewaltthätigen Maßregeln geneigter Mensch.« »Gewaltthätig, nein! Wer hat je von einem gewaltthätigen Chillingly gehört! Aber ich habe heute in der Zeitung eine vor einer großen Volksversammlung gehaltene Rede gelesen, in welcher sich der Redner ganz ruhig und gelassen und unter Protest gegen jede 360 Gewaltthätigkeit für die Vertheilung alles Grundbesitzes und alles Kapitals anderer Leute unter die arbeitenden Klassen ausspricht, in der vermuthlich sehr richtigen Voraussicht aber, daß die zu Beraubenden sich das nicht ruhig gefallen lassen, sondern sich zur Wehr setzen würden, Wehe! über sie ruft und erklärt, in einem solchen Falle seien sie es, die sich der Gewaltthätigkeit schuldig machten, und sie hätten sich selbst die Folgen zuzuschreiben, wenn sie sich seinen und seiner Freunde bescheidenen Vorschlägen widersetzten. Das gehört vermuthlich auch zu den neuen Ideen, mit welchen Kenelm vertrauter ist als ich. Gehörst Du auch zu den Anhängern dieser neuen Ideen?« »Gewiß nicht, ich verachte diese Narren.« »Und Du wirst nicht auf revolutionäre Maßregeln dringen, wenn Du ins Parlament kommst?« »Mein lieber Sir Peter, ich fürchte, Sie sind sehr schlecht über meine Ansichten berichtet, wenn Sie eine solche Frage thun. Hören Sie!« Und damit ging Gordon zu sehr geschickten und sehr subtilen Erörterungen über, durch die er sich zu nichts verpflichtete, was über die Weisheit einer richtigen Leitung der öffentlichen Meinung hinausging; worin diese richtige Leitung zu bestehen habe, darauf ging er nicht näher ein, das überließ er Sir Peter zu errathen. Sir Peter 361 errieth, wie Gordon es beabsichtigt hatte, daß die richtige Leitung eben die sei, die er, Sir Peter, für die richtige halte, und damit war er befriedigt. Nachdem dieses Thema erschöpft war, sagte Gordon mit dem Ausdruck tiefer Empfindung: »Darf ich Sie bitten, das Maß der Güte, mit der Sie mich überschüttet haben, voll zu machen? Ich habe Exmundham nie gesehen und die Heimstätte des Geschlechts, dem ich entsprungen bin, ist vom höchsten Interesse für mich. Wollen Sie mir erlauben, einige Tage bei Ihnen zuzubringen und mich unter dem Schatten Ihrer Bäume von einem Mann in der Politik unterweisen zu lassen, der offenbar tief über dieselbe nachgedacht hat?« »Tief? Nein! Ein wenig, ein wenig, als reiner Zuschauer«, sagte Sir Peter bescheiden, aber sehr geschmeichelt. »Mit dem größten Vergnügen, mein lieber Junge, Du sollst herzlich willkommen sein. Beiläufig, Travers und seine Tochter haben mir ihren Besuch in etwa vierzehn Tagen zugesagt, da solltest Du auch kommen.« Das Gesicht des jungen Mannes überflog eine plötzliche Röthe. »O wie gern!« rief er. »Ich kenne Herrn Travers nur oberflächlich, aber ich habe ihn so gern und Frau Campion ist eine so wohlunterrichtete Dame.« 362 »Und was sagen Sie von dem Mädchen?« »Das Mädchen, Fräulein Travers? O, sie ist in ihrer Art charmant. Aber ich spreche mit jungen Damen nicht mehr, als ich grade muß.« »Darin bist Du also wie Dein Vetter Kenelm?« »Ich wünschte, ich gliche ihm in anderen Dingen.« »O nein, ein solcher Sonderling in einer Familie ist grade genug. Aber wenn ich Dich auch nicht in einen Kenelm verwandelt sehen möchte, so möchte ich doch auch das vollendetste Muster eines Sohnes, das die Welt aufzuweisen hat, nicht gegen einen andern Sohn vertauschen.« Nach diesem Ausbruch väterlicher Liebe drückte Sir Peter Gordon die Hand und ging zu Mivers, der ihn zum Luncheon erwartete und ihn dann an die Station begleiten wollte. Sir Peter wollte mit dem Nachmittagszuge nach Exmundham zurückkehren. Als Gordon allein war, überließ er sich einem jener wonnigen Ausblicke in die Zukunft, welche zu den glücklichsten Augenblicken so ehrgeiziger junger Menschen, wie er einer war, gehören. Die Summe, welche Sir Peter zu seiner Verfügung stellte, würde ihm den Eintritt ins Parlament sichern. Er rechnete zuversichtlich auf baldige parlamentarische Erfolge und gründete darauf noch andere Hoffnungen. Nach solchen 363 Erfolgen durfte er sicher auf eine glänzende Heirath rechnen, welche sein Vermögen vermehren und seine Stellung befestigen würde. Er hatte schon früher seine Blicke auf Cecilia Travers gerichtet, nicht, wie ich anerkennen will, aus rein gewinnsüchtigen Absichten, aber gewiß nicht in dem ungestümen Drange jugendlicher Liebe. Sie schien ihm in ihrer Erscheinung, ihrer Erziehung, ihrem würdevollen und doch freundlichen Wesen ganz zur Frau eines hervorragenden Staatsmannes zu passen. Er schätzte sie, er hatte sie gern und ihr Vermögen würde seiner Stellung die wünschenswerthe Solidität verleihen. Er hatte eben nur jene Art von verständiger Neigung für Cecilia, welche weise Männer wie Lord Bacon und Montaigne anderen weisen Männern, die sich eine Frau suchen, empfehlen. Welche Gelegenheit, in ihr eine ähnliche, vielleicht wärmere Neigung zu erwecken, würde ihm nicht der Besuch in Exmundham bieten! Er hatte bei seinem letzten Besuch im Travers'schen Hause erfahren, daß Travers und seine Tochter dorthin gehen würden, und daher sein Ausbruch von Familiengefühl, der ihm seine Einladung verschafft hatte. Aber er begriff, daß er vorsichtig sein müsse, daß er nicht vorzeitig Travers' Argwohn erregen dürfe. Er war bis jetzt noch keine Partie, die dem Squire 364 für seine Erbtochter conveniren konnte. Und obgleich er nichts von Sir Peter's Absichten auf diese junge Dame wußte, war er doch viel zu vorsichtig, um seine eigenen Absichten einem Verwandten anzuvertrauen, an dessen Discretion er stark zweifelte. Es genügte ihm für jetzt, daß ihm eine Bahn für die Entfaltung seiner energischen Entschlossenheit eröffnet war. Mit gesenktem Kopf ging er bald rascher, bald langsamer ruhelos im Zimmer auf und ab und erwog sinnend, aber heiter die Hindernisse auf seiner Bahn und vergegenwärtigte sich das Ziel derselben. Inzwischen fand Sir Peter bei Mivers ein sehr gutes Frühstück für sich bereit, das er ganz allein verzehren mußte, denn sein Wirth hatte das Princip, sich niemals durch die Zwischenmahlzeit sein Diner zu verderben und sein erstes Frühstück zu insultiren. Mivers saß an seinem Schreibtisch und schrieb kurze Billets geschäftlichen oder geselligen Inhalts, während Sir Peter dem Lammbraten, den Cotelettes und dem gerösteten Hühnerfleisch alle Ehre anthat. Als aber Sir Peter nach einem flüchtigen Bericht über seinen Besuch bei Travers, seine Bewunderung für Cecilia und die Geschicklichkeit, mit welcher er, des Winkes seines alten Vetters eingedenk, die Familie zu einem mehrtägigen Besuch nach Exmundham eingeladen 365 habe, hinzufügte: »Und beiläufig, ich habe auch den jungen Gordon für dieselbe Zeit eingeladen«, blickte Mivers plötzlich mit in die Höhe gezogenen Augenbrauen von seiner Beschäftigung auf und fragte erstaunt: »Für dieselbe Zeit, wo Travers und seine Tochter kommen, haben Sie ihn eingeladen? Ich meinte, Sie wünschten, Kenelm möchte Cecilia heirathen? Ich habe mich also geirrt, Sie meinten Gordon!« »Gordon?« rief Sir Peter, indem er Messer und Gabel hinlegte. »Unsinn! Sie glauben doch nicht, daß Fräulein Travers ihn Kenelm vorzieht, oder daß er die Anmaßung hat, sich einzubilden; daß ihr Vater seine Bewerbung gutheißen würde?« »Ich erlaube mir keine derartige Vermuthung. Ich begnüge mich damit, zu denken, daß Gordon gescheidt, anschmiegend und jung ist, und Sie haben ihm da eine sehr gute Chance, seine Verhältnisse zu verbessern, entgegengebracht. Indessen ist das nicht meine Sache, und obgleich ich im Ganzen Kenelm lieber habe als Gordon, habe ich doch Gordon sehr gern und verfolge seine Carrière mit einem Interesse, welches ich daran, was wohl Kenelm's Carrière sein wird – wahrscheinlich gar keine Carrière – zu nehmen nicht behaupten kann.« »Mivers, Sie machen sich ein Vergnügen daraus, 366 mich zu reizen. Sie sagen mir so unangenehme Dinge. Aber erstens sprach Gordon eher geringschätzig von Fräulein Travers –« »So? Das ist ein schlechtes Zeichen«, murmelte Mivers. Sir Peter hörte es nicht und fuhr fort: »Und überdies weiß ich ziemlich gewiß, daß das liebe Kind bereits eine Neigung für Kenelm gefaßt hat, die keinen Nebenbuhler aufkommen läßt. Indessen werde ich mir Ihren Wink gesagt sein lassen und scharf aufpassen, und wenn ich merken sollte, daß der junge Mann Cecilia zu stark die Cour macht, werde ich seinem Besuch kurz ein Ende machen.« »Mischen Sie sich nicht in die Sache, das thut nicht gut. Ehen werden im Himmel geschlossen. Und der Wille des Himmels wird geschehen. Wenn ich mich hier losmachen kann, komme ich auf ein paar Tage zu Ihnen. Vielleicht könnten Sie dann auch Lady Glenalvon einladen. Ich habe sie sehr gern und sie hat Kenelm gern. Sind Sie fertig? Ich sehe, der Wagen steht vor der Thür und wir müssen noch Ihren Reisesack aus Ihrem Hotel abholen.« Während Mivers das sagte, siegelte er ruhig seine Billets, klingelte dann seinem Diener, gab demselben die für die Besorgung der Billets nöthigen Ordres und ging mit Sir Peter fort. Er sagte kein Wort mehr 367 von Gordon und Sir Peter scheute sich, ihm etwas von den zwanzigtausend Pfund zu erzählen. Chillingly Mivers war vielleicht der letzte Mensch, gegen den Sir Peter sich versucht gefühlt hätte, sich eines Actes der Großmuth zu rühmen. Mivers that vielleicht nicht selten eine großmüthige Handlung, wenn es nur nicht bekannt wurde; aber die Großmuth Anderer verhöhnte er immer. Ende des zweiten Bandes.