Karl Bleibtreu Bismarck – Band 1 Ein Weltroman in vier Bänden Vorwort Seit diese Darstellung der Einheitskämpfe zuerst erschien, ist Bismarcks Werk scheinbar zertrümmert worden, doch daß dies nur Schein bedeutet, dafür vergleiche man Deutschlands Zustand vor 50 Jahren. Damals gab es ein Dutzend Vaterländer, heute nur eins! Umsonst versuchten dunkle Machenschaften beim Zusammenbruch separatistisch-partikularistischen Abfall, die Einheitsidee blieb gefestigter als je. Und das allein ist Bismarcks wahres Lebenswerk, alles Übrige nur Anhängsel von Zeit- und Milieunotwendigkeit. Seine Gestalt als Sinnbild deutschen Einheitsreiches überlebte jeden äußeren Zusammenbruch des Reichs, der ohnehin nur ein vorübergehender Zwischenakt der natürlichen Entwicklung sein wird. Unser Nationalstaat, ein Großdeutschland, kann durch keine Umtriebe politischer Ränke in seiner Vollendung aufgehalten werden, nicht zufallmäßig hat Bismarck seine glühendsten Verehrer unter den deutschen Brüdern in Österreich. Der Weltkrieg hat das seelische Band aller Deutschen auf Erden fester geschmiedet als je zuvor, vielleicht nennen unsere Enkel ihn keine Niederlage, sondern den Sieg des wahren Deutschtums, wie es nach Zerbröckelung überlebter Formen sich ausbildet. Deshalb scheint angemessen, die »Feuerprobe« des Weltkrieges als Vollendung des Bismarckwerkes vorzuführen. – Wir beschränken uns auf diese schlichten Worte, denn die Darstellung soll für sich selber reden. Der Verfasser. Bismarcks Werden »Dominus Otto v. Bismarck!« Der Universitätsrichter putzte sorgfältig seine Brille und setzte sie feierlich wieder auf, um den Übeltäter mit besonderer Strenge ins Auge zu fassen. »Das sind ja schöne Geschichten, die ich höre. Erst 17 Jahre alt, wie ich aus der Liste ersehe, so jung und schon verdorben! Oder, um ein nicht so hartes Wort zu brauchen, so jung und schon so...« »Kindisch!« ergänzte der hochaufgeschossene Jüngling fröhlich, schlank und spitz wie eine Nadel. Seine blauen Augen blitzten dabei unter buschigen blonden Brauen und seine rosige Gesichtsfarbe verriet eine Urgesundheit von des Gedankens Blässe und der Gymnasialluft wenig angekränkelt. »Silentium! So unbescheiden, wollte ich sagen. Kaum sind Sie in Göttingen angelangt, erst 24 Stunden, da machen Sie schon Skandal, erregen öffentliches Ärgernis. Was ist das für ein Aufzug, in dem Sie daherkommen! Ist das vielleicht die neueste Berliner Mode?« Der Anzug des Studiosus v. Bismarck vereinte freilich in glücklicher Weise den Zylinderhut eines Dandy mit der Jacke eines Zirkusreiters und den Kanonenstiefeln eines Kürassierleutnants. Der junge Mensch sah so phantastisch aus, als wolle er, von der dumpfen Haft des Gymnasiums befreit, sozusagen aus der Haut fahren. Aber zugleich lag etwas so Urwüchsig-Humorvolles in seiner Haltung, daß der Universitätsrichter leise schmunzelte, als er in die neckisch blinzelnden blauen Gucker dieses kaum dem Knabenalter entwachsenen Burschikosus schaute. Der spitzte unwillkürlich den Mund, als wollte er irgendeinen hauptstädtischen Gassenhauer anstimmen. Er begnügte sich aber, würdevoll zu versichern: »Jeder zieht sich an, w« er kann. Jeder nach seinem Geschmack!« »Hören Sie, junger Mann, solch« dreisten Antworten müssen Sie sich abgewöhnen. Das riecht nach vorlautem Berlinertum, in der Alma mater Göttingen ist man nicht auf solcher Höhe. Menschen und Hunde sind Ihnen nachgelaufen und dabei haben Sie noch allerlei Faxen gemacht, um Ihr provokantes Auftreten zu verschlimmern. Aus Ihrer Wohnung warfen Sie eine Flasche aus dem Fenster, so daß drunten in der Straße die Scherben herumflogen.« »Das ging so zu: als ich hier ankam, traf ich einen oberflächlich Bekannten von Berlin her, einen Herrn v. Dronthahn, der hat mich verschleppt unter lauter Mecklenburger. Denen gab ich ein Frühstück, und da ist die Flasche man so rausgekollert.« »Ach Gott, ist Ihnen wohl aus der Hand gerutscht? Machen Sie mir das vor? Den Tatbestand!« Der Angeklagte setzte sich in Positur und zeigte sich bereit, des Richters Wißbegier zu befriedigen, indem er ein Lineal ergriff. »Halt, halt! Wollen Sie wohl liegen lassen! Warum nicht gar das Tintenfaß! Bitte, nur die Muskelbewegung!« Dies veranschaulichte der Berliner mit entsprechendem Schwung. » Bene, Optime ! Also freier Wille zum Wurf vorhanden.« Die wissenschaftliche Gründlichkeit der Untersuchung vertiefte sich. »Vorhin, junger Mann, hetzten Sie mir einen Riesenköter auf den Leib. Ich hätte das Biest passieren müssen, als ich aufstand.« »Rief ihn doch gleich an der Schwelle zurück, das gute Tier«, verteidigte der gesegnete Besitzer sein Kleinod. »Über die Güte läßt sich streiten, über die Bissigkeit kaum, der Maulkorb fehlt. Solche Ungesetzlichkeit pöne ich mit fünf Talern Ordnungsstrafe. Überhaupt – Sie wollen wohl Aufsehen erregen? Schmeckt nach revolutionärer Gesinnung. Das sollte ein Adliger, wie Sie, vermeiden. Die heutige Jugend verdient scharfe Überwachung. Unser allergnädigster König lieben nicht solche renitenten Schwarmgeister in allerhöchst ihren Staaten. Se. Majestät blicken ungnädig auf fremde Studenten dieser Art.« »Und dito auf Professoren«, bemerkte der junge Bismarck halblaut mit Anspielung auf bekannte Vorgänge und Äußerungen des Welfenkönigs und seines ihm später nachfolgenden Bruders, der Professoren und bezahlte Dirnen auf gleiche Stufe stellte. Der Universitätsrichter runzelte die Stirn: »Da haben wir's. Unterlassen Sie solche altklugen Scherze! Ich wittere in Ihnen eine Infektion umstürzlerischer Elemente. Sind wohl Burschenschafter?« »Ich bin noch gar nichts.« Der Jüngling zuckte die Achseln. »Allerdings möchte ich wohl in burschenschaftliche Verbindung eintreten.« »Dachte mir's. Nehmen Sie sich in acht! Die Behörden lassen nicht mit sich spaßen. Unsere Zeit ist wenig dazu angetan, mit Milde jugendliche Tollheit zu schonen.« Er sagte es jedoch in recht väterlichem Tone, und der junge Bismarck lächelte ironisch. Wußte er doch gut genug, daß die Professoren der deutschen Universitäten geradeso wie die Lehrer der Gymnasien mit demokratischen Öle gesalbt und daß sie mit schwarz-rot-goldenen Bestrebungen der akademischen Jugend heimlich oder öffentlich sympathisierten. »Diesmal bleibt es bei einer Verwarnung, da Sie ja im Grunde noch nicht die Grenzen akademischer Freiheit übersprangen. Wollte Ihnen nur mal auf den Zahn fühlen, wie meine Pflicht jedem Neuimmatrikulierten gegenüber. Aber lassen Sie sich gesagt sein, daß der Karzer auf jeden wartet, der sich einer Ungebühr schuldig macht. Nun, vielleicht täusche ich mich auch in Ihren Gesinnungen. Die jungen Herren vom Adel sind schon so, erlauben sich viel aus adliger Ungebundenheit.« Er schielte mißtrauisch auf den sonderbaren Jüngling. War das am Ende nur ein uckermärkischer Grande, der seinen Junkerhochmut und Verachtung des Bürgerpacks zum Ausdruck brachte? Doch dieser altpreußische Jungherr wurde sofort unangenehm, richtete sich in voller Höhe auf und versetzte mit fester Bestimmtheit: »Von so 'nem Unsinn weiß ich nichts. Ich bin nicht aus Hinterpommern. Dachte mir nur: frei sei der Bursch – und die Philister können mir den Buckel lang rutschen.« »Hehe, was das für Worte sind!« Der alte Herr räusperte sich, sah ihn aber freundlich an. »Jaja, schon gut. Jugend kennt keine Tugend. Das schleift sich ab. Ich sehe zwar mit Bedauern voraus, daß wir noch weiter im Lauf der Semester miteinander Bekanntschaft machen werden. Das kennen wir. Sie scheinen mir zu manchem jugendlichen Unfug prädestiniert, und der Pedell wird Sie bald auswendig kennen. Hüten Sie sich vor blutigen Mensuren, darin verstehe ich keinen Spaß. Im übrigen – Gott befohlen, Studiosus v. Bismarck, und knallen Sie nicht wieder auf offener Straße mit dieser Fuhrmannspeitsche, die Sie wenigstens aus Respekt vor der Obrigkeit bei Ihrem werten Besuch abgelegt haben!« Der so wohlwollend Entlassene verneigte sich mit Salongrazie und grüßte militärisch mit der Reitgerte, die er in Ermangelung seiner Reitpeitsche freundlichst mitgebracht hatte. Der Richter lächelte in sich hinein und dachte: der schwingt eine Narrenpeitsche, doch er ist nicht so dumm, wie er – nicht aussieht. Wenn sich der Most noch so absurd gebärdet –! Da im Januar des Jahres unter Beteiligung von Privatdozenten viele Studenten einen revolutionären Krawall veranstaltet und eine Nationalgarde nach Pariser Muster errichtet hatten, so galt dem sonst besonnenen und wohlmeinenden König von Hannover seine berühmte Universität als Brutnest umstürzlerischer Bestrebungen, was sich bei seinem Nachfolger Ernst August zu wildem Hasse steigerte und ihn zu Rechts- und Verfassungsbruch aufstachelte. Denn tatsächlich besaßen schon eine Reihe kleinerer Staaten eine Verfassungsform liberalen Gepräges, was in Preußen fehlte, während dort umgekehrt ein Liberalismus breitester Schichten bestand wie in keinem anderen deutschen Gau. Göttingens damalige Bedeutung für die studentische Jugend wurzelte in Berufung erstrangiger Kräfte wie der Brüder Grimm, Gervinus, Dahlmann, die viele Hörer anzogen, auch solche aus angelsächsischen Gebieten, wozu natürlich Hannovers Verbindung mit England beitrug. Der stud. jur. v. Bismarck hatte sich vorgenommen, historische Vorlesungen zu belegen und die englische Sprache zu pflegen. Als er aus dem Rektoratszimmer hinausschlenderte, begrüßte ihn wedelnd seine Bulldogge, die er unverfroren mit hineinnehmen wollte, die aber ein Schreckensruf des Pedells an der Schwelle festbannte. Als er wieder auf den Freiplatz vor der Universität hinauskam, grüßten ihn verschiedene Vertreter von Verbindungen, die nach üblicher Sitte dem krassen Fuchs auflauerten, um ihn zu »keilen«. Ein hannoverscher Graf, der Chargierte des vornehmsten Korps, das die Blüte des Adels umfaßte und dessen sonstige Vorzüge er herausstrich, hielt für selbstverständlich: »Herr Kommilitone v. Bismarck werden gewiß in unser Korps eintreten«. Dagegen versicherte ein Vertreter der Burschenschaft, daß jeder, der nach höherer Gesittung strebe und mit der Aufklärung des Zeitgeistes wandle, notwendig sich den schwarzrotgoldenen Farben der Burschenschaft anschließen müsse. Der jugendliche Preuße dankte verbindlichst in gewandten Formen, versetzte aber: »Ich möchte mich noch nicht entscheiden und werde mir gestatten, bei den verschiedenen Verbindungen vorerst zu hospitieren.« Der Korpssenior schien enttäuscht und betroffen, trat mit höflichem Lüften des Käppis beiseite, der Bursch aber nahm den neuen Ankömmling herzhaft unter den Arm und schleppte ihn in die Verbindungskneipe, wo eine solenne Einweihung in die löblichsten Trinkunsitten von statten ging. Auf Ottos Frage nach der Bedeutung verschiedener schwarzrotgoldener Embleme erhielt er die hochtönende Antwort: »Für deutsche Einheit und Freiheit.« »Ja, das ist schön. Und deshalb kam ich zu euch. Bei uns in Berlin schwärmt jedermann für die Einheit. Als ich bei Plamans war – das ist die Vorschule nach Grundsätzen vom Turnvater Jahn, versteht ihr –, hieß es immer, wir müßten später Burschenschafter werden. Und auf dem Gymnasium war es auch so. Doch was versteht ihr unter Freiheit?« »Ja siehst du, Bismarck,« man hatte eiligst Schmollis getrunken, »das läßt sich nicht so leicht feststellen. Und es wird so viel gespitzelt. Da müßten wir dir doch erst auf den Zahn fühlen.« »Was!« Ottos Augen blitzten zornig. »Ich will hoffen, daß ihr nicht glaubt – – Was ihr sagt, ist im Vertrauen. Sonst will ich lieber gleich gehen.« »Nur nicht so stürmisch, Herr Bruder«!« Man drückte ihn freundschaftlich auf den Stuhl nieder. »Über das, was Freiheit ist, denkt jeder verschieden. Soviel Köpfe, soviel Meinungen. Wie denkst du z. B. über Tyrannenmord?« Das scholl schauerlich-feierlich wie eine hochnotpeinliche Inquisitionsfrage. »Ich denke, daß Brutus oder Tell oder wie sonst all die Herren heißen mögen, Rebellen und Mörder sind«, versetzte der Jüngling mit einem gewissen kindlichen Pathos. »Auch sind alle deutschen Fürsten, die sich je gegen den Kaiser auflehnten, in meinen Augen Hochverräter. Autorität muß sein.« »Reaktionär! Schwarzblau!« murrte es um ihn her. »Nichts für uns!« »Aber,« fuhr Otto fort, »die Republik scheint mir am Ende doch das vernünftigste, denn wie kommen Millionen Menschen dazu, sich einem einzelnen zu unterwerfen? Leute, die es wissen mußten, habe ich sehr abfällig über die Höfe urteilen hören. Fürstendiener möchte ich nicht sein.« »Bravo, Marquis Posa!« »Aus dem kann was werden!« »Laß dich nur nicht von den Korps umgarnen!« – »Steht ihr mit denen auf Kriegsfuß? Gibt es viele Mensuren?« – »Silentium, krasser Fuchs! Wir Burschenschafter lassen uns nicht auf Raufhändel ein. Das gehört zum Mittelalter.« – »Wie, ihr gebt nicht Satisfaktion?« rief der Junkersohn betroffen. »Ja, wir weigern uns, feudalen Bräuchen zu fröhnen. Die Burschenschaft hat höhere Ziele, wir schulden unser Blut nur dem Vaterlande. Übrigens ist doch die blutige Mensur wie der Duellunfug bloß widersinnig, wenn die Korpsiers dabei von frommer Zucht und Gottesfurcht schwatzen. Denn das Gesetz verbietet das alles und die Kirche auch. Wie stehst du übrigens religiös?« »Ich bin Pantheist«, bekannte der Jüngling und sprach ein großes Wort gelassen aus. »Wißt ihr, bei uns in Berlin ist man riesig aufgeklärt. Mich hat der berühmte Schleiermacher konfirmiert ... den kennt ihr doch?« – »Und ob! Menschliches Christentum gegen die orthodoxen Ochsen. Na, das ist ja sehr erfreulich. Die Kirche hast du also überwunden?« – »Gründlich. Wenn ich eine Religion habe – ich meine damit etwas, was festhält und wonach man sich im Leben richtet –, dann ist es eigentlich sozusagen das Vaterland. Natürlich zuerst als Preuße –« »Kennt ihr meine Farben?« stimmte einer spöttisch an. »Du, laß das! Das sind gute Farben, schwarz auf weiß kann man getrost nach Hause tragen, sagt Goethe.« »Goethe, der Fürstenknecht!« ließ sich eine Baßstimme aus dem Hintergrund vernehmen. »Bei uns freien Burschen geht man über diesen alten Geheimderat zur Tagesordnung über. Veraltete Schönrednerei im Wolkenkuckucksheim. Dagegen der göttliche Schiller, dieser allein ist unser Mann. Nieder mit allen tintenklecksenden Romantikern! Nieder mit allen Philistern! Wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern.« »Na, erlaubt mal«, lachte der junge Märker mit humorvollem Zwinkern der Augen. »Wenn ihr erst die andere Hälfte der Brüder niedergemacht, bleibt nicht viel übrig. Aber Schiller hat auch gesagt: Nichtswürdig ist die Nation, die nicht ihr Alles setzt an ihre Ehre. Darin sind wir sicher alle einig, Adelige und Bürger. Übrigens, auf den Adel pfeife ich, das ›von‹ könnt ihr euch immer schenken, ich unterschreibe mich Otto Bismarck. Selbst ist der Mann und braucht keine faulen Titel. Das ist für Philister, nicht für akademische Jungens.« »Otto, du bist ein kolossal famoser Kerl!« Es steigt der Kantus ›Was ist des Deutschen Vaterlands?‹ – Als der junge Mensch im Mondschein am Ufer der Leine entlang nach Hause ging, dachte er: Lauter liebe prächtige Menschen, nur die Formen nicht eben die besten. Das lernt man nicht im Bürgerstand und in Kleinstädten, woher sie alle stammen. Und daß sie sich nicht schlagen, betrübt mich sehr. Wozu ist man denn Student! Na, dazu brauch' ich sie nicht, auf dem Fechtboden werd' ich schon andere treffen. Aber daß sie so stramm für das ganze Deutschland sind, das ist ganz mein Fall. Die Korps werd' ich mir ja auch besehen, ob sich mit denen leben läßt. Prüfet alles und behaltet das Beste! sagte der alte Gymnasialprofessor. – Und siehe da, es bot sich gleich die beste Gelegenheit. Denn auf dem Heimwege begegneten ihm vier bezechte Mitglieder eines Korps mit roten Couleurbändern. Sie brachen in fröhliches Lachen aus, gereizt durch sein wunderbares Kostüm, in dem eine bunte Jacke das Hauptstück abgab. Beim hochnotpeinlichen Verhör hatte der Richter große Augen gemacht, sich nur aus Würdegefühl die Heiterkeit verbissen. Verstimmt fuhr Otto aus nachdenklichem Schlendern auf und frage den Vordersten: »Lacht Ihr über mich?« »Natur, das könnt Ihr doch sehen.« Man stierte ihn herablassend an. »Sie sind wohl nicht von hier?« Damit wollten die Arm in Arm Daherwankenden Otto mit sanftem Drängeln zur Freigabe der engen Gasse nötigen. Dieser, ohne Kenntnis des Komments, zitterte davor, sich bloßzustellen, da Rauferei wohl nicht als sittig galt. Da kam ihm ein rettender Gedanke. Indem er den Puff erwiderte, sprach er gelassen das große erlösende Wort: »Sie sind ein dummer Junge.« Dabei lüftete er den Zylinder und bezog mit liebevoller Unparteilichkeit alle vier in seine anmutige Begrüßung ein. »Mein Name ist Otto Bismarck, noch nicht aktiv.« »Halt, Tusch!« Die Gerempelten zogen höflich die Kappe, »Hier Rote Hannoveria!« Auf der Stelle war die Angelegenheit geregelt. »Krasser Fuchs ohne Verbindung hat aufgebrummt. Auf Schläger losgehen morgen abend. Sie können Waffen bei einem andern Korps belegen.« Der eine erbot sich: »Werd' Sie bei den Friesen empfehlen, wo ich früher aktiv war. Mein Name stud. jur. Scharlach.« Otto dankte hoch herab: »Ich belege bei Brunswigia.« Dies war das feudalste Korps, dessen Chargierter ihn vorher keilen wollte. Die Belegung geschah, doch am andern Mittag stellte sich plötzlich ein Vermittler ein. Ein Verwandter, v. Dewitz-Masow dem Kreise Daber-Dewitz in Pommern war bei der Hannoveria eingesprungen und wohnte zufällig im Hause, wo Otto abstieg. Spornstreichs eilte er zu seinem Vetter hinauf. »Na, du machst ja schöne Geschichten. Sind deine Urgroßmutter und Großmutter dazu v. Dewitz gewesen, daß ich mit dir in Couleurfeindschaft komme? Reitet dich der Satan, gerade mit uns anzubinden?« »Das wußt' ich nicht, du! Dann wär' ich natürlich zu dir gegangen.« »Sehr schön, darauf können wir den Ausgleich bauen. Du schlägst doch nicht nach deinem Großpapa Karl, den sentimentalen Poeten, der so elegantes Französisch schrieb?« »Nee, nach dem Urgroßvater.« Otto zeigte lachend die blitzblanken Zähne. Dewitz griff an die Kappe: »Gefallen als Oberst der Dragoner Ansbach-Bayreuth. Hochachtung! Siehst, du bist aus dem rechten Holz für uns forsche Rote. Wozu also die Paukerei, dieweil du doch zu uns gehörst! Ich werde die Chose schon befummeln, alter Junge.« Gesagt, getan. Unter gegenseitigem Revozieren, daß man zu »voll« gewesen sei, um die schätzbaren Eigenschaften zu würdigen, vollzog sich die feierliche Aufnahme des Neulings. Doch das verpfuschte Duell vollendete sich auf andere Weise. Der Konsenior der Brunswigia stellte den Fuchs: »Sie belegten Waffen bei uns und springen hernach bei Hannover ein?« Für dies unkommentmäßige Betragen fordere er. – »Bist du denn schon mal losgegangen?« erkundigte sich Dewitz besorgt. »Nu nee! Eh' ich herkam (ich wollte nach Heidelberg, doch ein Onkel meiner Mama, ein Geheimer Finanzkerl, war für Göttingen) hatt' ich als Mulus mal ein Renkontre mit einem mosaischen Rechtsbeflissenen, Wolf war sein werter Name, doch er biß nicht, der Makkabäer gehörte zur Sekte der Parther, die fliehend fechten. Ich hieb ihm die Brille ab und er stach mich ins Bein; das war sein parthischer Pfeil!« »Rauhbeinige Holzerei!« brummte Dewitz. »Du, der Braunschweiger führt eine gute Klinge. Nimm dich zusammen, daß du uns keine Schande machst!« Das gelobte Otto hoch und teuer. Die Mensur stieg also, und anfangs bekam er einige Flächlinge, die weh taten. Der überlegene Fechter schien nur mit ihm zu spielen. Da bekam der Märker eine rechte Wut und ein »Blutiger« quer durchs Gesicht führte unversehens den Konsenior ab. Das gab ein großes Hallo, im Triumph ward der Sieger heimgeführt. Da der Ehre genug geschehen, bahnte sich ein leidliches Verhältnis zu den übrigen Korps an, die einen so vielversprechenden Anfänger grüßten. Immerhin brannte verschwiegene Rache der Braunschweiger darauf, ihm später einen Denkzettel zu geben. Seine Couleurbrüder geleiteten ihn sofort in das Allerheiligste ihrer Intimität, indem sie unter besoffenem Gebrüll ihre Spitznamen mit ihm austauschten. »Der da, Georg Haccius, ist der Bulle, wohl zu unterscheiden vom Stadtbullen, vulgo Zimmermann.« »Dies geschniegelte Kerlchen ist ›das Bild‹ ... is nich alles wie jemalt? Und du, ›Chasseur‹, gib dich zu erkennen! Der schwindelt immer Jägerlatein.« »Mein Name ist Iwan der Schreckliche«, stellte sich Hermann v. Stietenkron vor. »Ich bin nämlich bezaubernd liebenswürdig. Dagegen hier ›der Jude‹ (weil er immer Wechselchen bei Juden hat) ist schrecklich feudal und trieft vom Hochmut der Ritterschaft von Calbe, als trüge er schon den blauroten Frack.« Daß er dieser Körperschaft einst anzugehören hoffe, bekannte der Jüngling mit seufzender Sehnsucht, und Otto tröstete ihn teilnehmend: »Ein edler Ehrgeiz! Von den Calbeschen hab' ich gehört. Dem Verdienste seine Hörner! Ihr Ahnherr war der Ochs an der Krippe von Bethlehem. Solch braves Rindvieh ist als Stammbaum nicht zu verachten.« Der »Jude« sah ihn dumm an und wollte in stößige Unsanftheit geraten, doch der ältere Freiherr v. Uslar-Gleichen, der schon ins Examen steigen wollte, und das inaktive Ehrenmitglied Louis Echte legten sich ins Mittel und drückten ihn auf seinen Sitz nieder. Letzterer, ein Knirps, hieß »der kleine Echte«, und Otto nahm ihn alsbald unter seinen besonderen Paukschutz nach dem Gesetz des Gegensatzes. Im Korps überwogen weitaus die Bürgerlichen, neun Zehntel davon waren Juristen. Als stud. med. meldeten sich nur ein paar, wie Roscher, Klopp, Flügge, man hatte auch einen Forststudenten und einen Theologen, den Kurländer Lauenstein. »Russe, aber guter Deutscher!« schnarrte er treuherzig mit schönstem baltischen Akzent. Otto zweifelte gedehnten Tones: »Paßt das wirklich zusammen?« Doch Studiosus Scharlach schob einen anderen vor: »Hier haben wir das leibhaftige Ausland, homo sapiens hinterwäldlerus! « Er meinte den Mediziner King, Amerikaner aus Charleston, dessen sichere Haltung dem Berliner wohlgefiel und der sogleich versprach, ihn mit seinen Landsleuten, Motley und Coffin bekannt zu machen, die bei den Friesen hospitierten. Zu den Burschenschaften, die sich anfangs gekränkt fühlten, bewahrte Otto übrigens herzliche Beziehungen. In den Korps als »patenter Kerl« sehr verbindlich empfangen, fand er dort seine Manieren, gute Erziehung, ritterliche Mensuren, Satisfaktionszwang, aber streng royalistische Gesinnung de rigeur , Christenkirchlichkeit guter Ton, vor allem Anhänglichkeit an die verschiedensten Vaterländer, besonders das hannoversche, wobei man den Preußen mit mißtrauischen Augen betrachtete. Diese Krähwinkelei mißfiel dem Berliner doppelt, einmal als einem Angehörigen der von den Kleinstaaten gehaßten Großmacht, zum anderen Male als einem jungdeutschen Schwärmer für das alte Deutsche Reich, dem jeder Blick auf die Landkarte einen Stich ins Herz gab, wenn er Straßburg unter der Trikolore sah. Im Hannoverschen verletzte ihn auch der englische Anstrich, die Anlehnung an eine ausländische Macht, was seinem kindlich geraden Rechtssinn unerträglich dünkte. Durch leise Sticheleien auf Preußen zeichnete sich vornehmlich ein Korpsier aus, der eine scharfe Zunge führte und trotz seiner zwerghaften Statur ein gewisses Ansehen bei den Korpsbrüdern genoß. »Kommilitone v. Bismarck, ich komme Ihnen die Blume!« näselte er eines Abends. »Ihr Adlerblick zieht mich immer an. Das gemahnt uns minder Großmächtige an das gewaltige Wappentier der Borussen.« »Ich komme nach«, versetzte der Preuße gelassen. »Ich schmeichle mir allerdings, daß wir Schnäbel und Klauen haben.« »Gut gegeben, das saß! Habeat sibi! « lärmten die Beisitzer der Kneipe. »Na, Windthorst, sei gemütlich und schraube nicht!« »Das möcht' ich ihm auch nicht geraten haben!« murrte Bismarck in sich hinein. Denn schon wuchs er auf dem Fechtboden an Wohlgefallen vor Gott und den Menschen, den Fechtmeister hier als den studentischen Herrgott verstanden. »Dieser krasse Fuchs schlägt pikfeine Terzen!« trug er das Lob des Frischlings auf dem Fechtboden herum. Dem winzigen Studiosus Ludwig Windthorst bangte doch etwas vor einer Kontrahage, obschon er das Frotzeln nicht lassen konnte. Sein spöttisches, kluges Fuchsgesicht zog sich manchmal in häßliche Falten, wenn er von der Seite den langen Laban ansah, dessen Körperkraft und strotzende Lebensfülle er beneidete. Wenn ich den je im Leben wiedertreffe, dachte er instinktiv, dann sind wir geschworene Feinde. Vivat academia! Damals mehr denn je vorher und nachher schien der deutschen Jugend ihr Universitätsleben die immergrüne Oase in der grauen Wüste nach geistestötender Schulroutine und vor Eintritt in die staatliche Knechtschaft. Die Saturnalien der alten römischen Sklaven sahen nicht wildere Ausgelassenheit. Obschon vom Staate mißgünstig überwacht seit der Demagogenhetze, bewahrten die Hochschulen eine bestimmte, in sich abgegrenzte Freiheit, wo ein freies Wort nicht gleich polizeiliche Willkür nach sich zog. Diese akademische Ungebundenheit artete freilich in einen Müßiggang aus, den die strebsame Jugend späterer Zeiten nicht in solcher Vollendung kannte. Wenn jeder sehnlich nach dem Examen drängt, um einen Beruf mit entsprechender Löhnung zu erringen, und das Brotstudium jede andere ideale Regung zurückdrängt, kann man nicht mehr so viele bemooste Häupter großziehen wie das damalige studentische Leben, alte Kämpen, die aus Saufen und öffentlichem Unfug einen Beruf und die einzig menschenwürdige Beschäftigung machten. Darin gaben die Burschenschafter den Korpsiers nichts nach, beide vertilgten unzählige Ladungen von Tabak in langen Pfeifen und unzählige Tonnen Bier, deren Rundung sie selber zu gleichen strebten mit aufgedunsenen Wangen und dicken Wänsten. Betrunken zu Bett und betrunken heraus, so bestellt der deutsche Student sein Haus. Und unter Schimpfworten wie Fuhrknechte sich zu prügeln, wäre unfein, aber sich die werte Visage mit Schmissen zu zerhacken, das unterscheidet den philosophischen Jüngling vom elenden Philister. In diesen Jungbrunnen genialer Bierromantik, in dem unendliche Geschlechter angehender Philister herumplätschern, tauchte Jungherr Otto mit einem Sprunge unter. Von allen Lärmschlägern im still-ehrwürdigen Göttingen war er der lauteste. Seine blaue, verschnürte Samtjacke, seine Kanonenstiefel und sein kokettes Käppi bildeten den Mittelpunkt ungeheurer Heiterkeit mit wenig Witz und viel Behagen. Seine nächtlichen Ruhestörungen nahmen einen beängstigenden Umfang an, und die Zahl seiner Karzerstrafen stand feierlich mit Kreide auf dem Tische seiner Bude vermerkt. Seine wütige Bulldogge erwarb sich den wohlverdienten Abscheu aller ruhigen Bürger, da sein Herr die Anlegung eines Maulkorbes für eine Beschränkung der edelsten Viecherrechte hielt. Die Menschenrechte vertrat er mit der Klinge, indem er seine Handschrift sehr leserlich auf feiste Backen einschrieb. Der Mensch ist frei geboren, ist frei! jodelte er mit Schiller und Rousseau durch die Gassen und verqualmte jede Kneipe schon ganz allein mit seiner ellenlangen Pfeife. Groß war er im Vertilgen von Bierjungen, größer beim Einpauken als Sekundant, am größten als eigener Paukant. Mit dem Corpus Juris unterhielt er nicht mal eine Bekanntschaft auf Grüßfuß, der Historia nickte er nur selten von ferne flüchtig zu, ein berühmter Professor Hugo erkundigte sich öffentlich mit ironischer Neugier nach einem Studiosus v. Bismarck, der bei ihm Vorlesungen belegte, von dem er aber nie auch nur die Nasenspitze sah. Wenn er mal gnädigst ins Kolleg spazierte, so erzeugte solch Naturwunder einen Menschenauflauf. Bei Tage lag er auf den Fechtböden, bei Nacht in der Kneipe. Seine Kontrahagen mehrten sich rühmlich, sein Scharfblick für gutsitzende Terzen und Quarten erwarb ihm einen Ruhm, der bei allen Nahtflickern zum Himmel schrie. Er handhabte die heiligen Losungsworte: »Sie sind ein dummer Junge!« mit einer Geläufigkeit, die das »Tusch« der Korona zu einem Seufzer der Bewunderung gestaltete. Ein so gesegnetes Wirken blieb höheren Orts nicht unbemerkt: der rector magnificus hatte ihn obenan auf seiner schwarzen Liste zu wahrscheinlicher Relegierung. Seine Magnifizenz verzeichneten den nie studierenden Unstudiosus als besonders räudiges Schaf. Der böse Geselle brachte wohl Katzenmusiken aus, wobei er schauderhaft miaute, aber bei ihm selber war noch nie ein richtiger Kater auf Besuch. »Der verträgt unglaubliche Quantitäten«, meldete der Pedell nicht ohne einen Anflug von Ehrerbietung. »Ein hochbegabter junger Herr!« Die Schenkmamsells warfen ihm feurige Blicke zu, ohne Gegenliebe zu erwecken. Auf diesem Punkte blieb er ein Eiszapfen, um so kränkender für weibliche Reize, als er sich der ritterlichsten Artigkeiten befleißigte. Wenn ein Bezechter eine »Philisterin« ärgerte, verulkte oder verquatschte, so konnte er einer Anrempelung durch den Mensurentiger Otto gewärtig sein, und wenn andere von ihren Eroberungen sprachen, so gähnte er. Trug man ihm bedeutungsvoll zu seiner Belehrung die Mär vom keuschen Joseph und Frau Potiphar vor, so lachte er zwar gemütlich, verbat sich aber weiteres Aufziehen mit einer so höflichen Tonart, daß jedem, den nicht nach Abfuhr einer sausenden Prim gelüstete, die Zunge festfror. »Du gibst dem Paukarzt bald zu viel zu tun«, lachte der Vandale Graf Brockdorf, ein stämmiger Holsteiner, der mit ihm dumme Streiche machte. In solcher Weisheit und Herrlichkeit lebte der berühmte Kollegienschwänzer dahin, nur seine intimsten Busenfreunde wußten es anders. Denen blieb nicht unbekannt, daß er zwischen Mensuren und Saufgelagen noch Zeit gewann für massenhafte wahllose Leserei, wild durcheinander auf allen Gebieten schöner Literatur und Geschichtsschreibung. Er bevorzugte dabei Englisches und zitiert mit Vorliebe aus Shakespeare. Dies geschah im Umgang mit seinen amerikanischen Freunden, seinen Unzertrennlichen. Letztere fühlten sich zu ihm gleich anfangs hingezogen durch seine vorzügliche Kenntnis ihrer Muttersprache, und um diese noch mehr zu vervollkommnen, dachte er von ihrem Verkehr zu profitieren. Bald aber wurde daraus eine Freundschaft auf Grund tieferer seelischer Gründe. Das freie Republikanertum schien ihm ein Ziel, aufs innigste zu wünschen, jedes tüchtigen Mannes würdig. Begeistert lauschte er den Schilderungen von der Weite in Zeit und Raum, der Riesenhaftigkeit des transatlantischen Freistaates. Und mit dem einen, einem nachdenklichen, ruhigen Jüngling namens John Lothrop Motley, verband ihn der Sinn für Geschichtliches, so lückenhaft und unregelmäßig sein eigenes Wissen nach dieser Richtung war. Mitchell G. King und Anthony Coffin, welche der Ruf Göttingens gleichfalls übers Weltmeer herbeilockte, nahmen wie Motley nur oberflächlich an dem studentischen Treiben teil, und wenn ihr Freund Otto darin unterzusinken drohte, holten sie ihn eiligst zu einem Bummel in die Umgebung ab. wobei auf einmal ganz andere Seiten des Sauf- und Raufboldes sich offenbarten. In freier Natur ging ihm das Herz auf, und er gedachte schwärmerisch des Landlebens, in dem er auf heimatlichen Gütern seine Kinderzeit und seine Ferien verbrachte. Eigentlich Märker, fühlte er sich halb als Pommer, weil die Gutsbesitze Kniephof, Külz, Jarchelin im pommerschen Kreis Naugard lagen. Der Hauptstammsitz lag aber in der Altmark. »Wo stammst du eigentlich her? Wo liegt Schönhausen?« forschte Motley. »Zwischen Stendal und Tangermünde, Kreis Jerichow, Provinz Sachsen. Da saßen wir seit 500 Jahren als Ritter, vorher in Stendal als Bürger. Merschtendeels haben wir das Schwert geführt, fast immer gegen die Herren Franzosen.« »Seit wann denn und in welchen Kriegen?« »Seit den Hugenotten, wenn du's wissen willst. Wir waren eifrige Protestanten. Im Dreißigjährigen Krieg war einer, der hieß August, unter Bernhard von Weimar, und da hat er leider mithelfen müssen, das Elsaß für Frankreich zu erobern. Der arme Teufel konnte nichts dafür, doch mir ist's wie ein Makel auf unserm Schilde. Ich wollt', ich könnte einen guten deutschen Hieb tun, um Elsaß zurückzugewinnen. Doch dazu kommt's ja nie. Ein anderer focht als Soldoffizier für die Hugenotten gegen den Franzosenkönig. Sein Porträt hängt in Schönhausen, er war groß im Beutemachen und Rheinweinsuff. Zwei meiner Ahnen fochten gegen Louis Quatorze und mein Großvater bei Roßbach. Mein Urgroßvater hatte nicht dies Glück, er fiel bei Chotusitz als Dragoneroberst. Das war ein gewaltiger Nimrod vor dem Herrn und ein Trinker sondergleichen, und wenn er Toaste ausbrachte, ließ er an der Festtafel Trompeten blasen und Karabiner abfeuern. Ein toller Hecht!« »Na weißt du, Otto, solche Streiche traut man dir auch zu!« King klopfte ihm herzhaft auf die Schulter. »Möglich. Und ich muß euch sagen, daß ich ihm verdammt ähnlich sehe. Sein Porträt ist wie ein Spiegel: guck' ich drauf, so seh' ich mich selbst.« »Lasset uns prophezeien! Du wirst jagen, saufen, reiten und als Reiteroberst fallen.« Coffin stimmte an: »Kein schönrer Tod ist in der Welt, als wer vorm Feind erschlagen.« »Wollen's hoffen, so weit reicht's wohl noch mit mir, mehr kann ein märkischer Junker nicht verlangen. Mein Großvater Karl fiel aus der Art, mimte den Pariser Schöngeist und fabrizierte französische Verse, bis all unsere Leute sich im Grabe umdrehten. Er nahm als Rittmeister seinen Abschied, und mein Vater hat unsere Güter seit 1797. Der focht als Rittmeister gegen die Schelmfranzosen der Revolution und kriegte die Sache dick, als Preußen den schlechten Frieden von Basel schloß. Er zog sich nach Schönhausen zurück, hat aber in Berlin viel gekneipt in Umgebung des Prinzen Louis Ferdinand. Meine Mutter heiratete er ausgerechnet 1806, das war ein Honigmond mit besonderem Polterabend, denn Soults Halunken polterten in unser verlassenes Gut hinein und hausten wie Vandalen. Sogar unseren Stammbaum rissen sie von der Wand und zerfetzten ihn. Ihr könnt euch denken, daß ich von daher einen Groll gegen die ganze Bande hege, der nicht von schlechten Eltern ist. Alles, was französisch, kann ich nicht riechen. Mein Lehrer auf dem Gymnasium, Professor Prevost und Doktor Bonnel, waren würdige Männer, aber weil Refugiés, waren sie mir unangenehm. Ich bin nun mal so.« »Die Söhne schlagen aber nach der Mutter.« Motley wiegte nachdenklich den Kopf. »Mir scheint, vieles in dir stimmt nicht zu deiner Vaterseite.« »Nun ja! Meine Mutter, das ist eine außerordentliche Dame, ist eine Bürgerliche, Tochter von Kabinettsrat Mencken. Man sagt zwar, wir seien mit dem alten Derfflinger verwandt, dem Schneidergesellen, der den Schweden mit eiserner Elle das Maß nahm, aber was Gewisses weiß man nicht, meine mütterlichen Vorfahren waren meist Leipziger Professoren.« * »Hoch, hoch, hoch!« tönte es in der burschenschaftlichen Kneipe. »Was feiert ihr denn, Kinder?« fragte der soeben eintretende Bismarck. »Die Hambacher Feier! Gut Heil! Hast du denn nichts gehört?« »Hm, nicht viel Gutes. Da mach' ich nicht mit.« Am 27. Mai 1832 war in Hambach nahe der rhein-bayerisch-französischen Grenze eine riesige Menschenmenge zusammengeströmt, um einen »deutschen Mai« festlich zu begehen, in Erinnerung an die studentisch-turnerische Wartburgfeier vor 15 Jahren, die so kläglich zur Demagogenhetze überleitete. Damals herrschte noch eine fromm-altdeutsche, rein vaterländische Stimmung, diesmal aber eine exaltiert-radikale, Nachklang der Pariser Julirevolution, die vor zwei Jahren überall trügerische Hoffnungen des alldeutschen Liberalismus aufreizte. Unter Vorantragung schwarzrotgoldener Fahnen erging man sich in kernigen Flüchen auf Fürsten und Fürstenknechte, rief sogar nach Waffen, bis man am andern Morgen den Rausch ausschlief. »Aha, der preußische Junker!« »Da haben wir's, das dacht' ich mir!« murrten viele Stimmen. »Der hat kein Herz für die deutsche Sache!« Der junge Märker sah sich trotzig im Kreise um. »Ich bitte um Ruhe und Höflichkeit. Die Leute da unten haben gebrüllt: ›Vivat die vereinigten Freistaaten Deutschlands!‹ und gar noch schlimmer: haben ›das konföderierte republikanische Europa‹ leben lassen. So steht's in den Zeitungen. Und da soll ein deutscher Jüngling sich freuen? Polen und Franzosen sind unter der Menge gewesen und haben geschürt. Wißt ihr, wie ich das alles nenne? Landesverrat!« »Du bist verrückt, Bruder Bismarck!« meldete sich eine versoffene Stimme. »Polen und Franzosen sind Freiheitshelden und unsere Brüder. Nur mit ihrer Hilfe werden wir Deutschland einigen in Schwarzrotgold. Davon versteht natürlich so'n Stockpreuße nichts, dem wahres Nationalgefühl abgeht.« Der lange Preuße reckte sich hoch empor. »Da ihr keine Satisfaktion gebt, so könnt ihr mich nicht beschimpfen. Ihr Kindsköpfe! Polen und Franzosen als Paten deutscher Einheit! Das fehlt uns noch! Und wenn ich Republikaner wäre, so riefe ich doch Pfui über solche Affenschande, das Ausland um Hilfe anzugehen. Den Bock zum Gärtner machen!« »Herzbruder von und zu Bismarck ist nämlich praeceptor Germaniae !« lallte die Stimme eines bemoosten Seniors, der schon halb »hinüber« war und schon den Bierschlucker hatte. »Der hat den rechten Hofton aus hochfeinen Assembleen im jöttlichen Spreeathen. Da parliert zwar jeder französisch, aber schimpft auf die Franzosen, weil sie nicht solche Esel und Schlappschwänze sind wie der deutsche Michel mit dem beschränkten Untertanenverstand. Das ist die königlich preußische Milch der frommen Denkungsart. Die Prinzen marschieren mit ihren Mätressen auf, knickebeinige Hofleute lecken ihren Speichel auf und die Damen wischen mit ihren Krinolinen den Staub von den allergnädigsten Stiebeln. Da lernt man teutschen Patriotismus.« Durch das wiehernde Gelächter schnitt Ottos helle Stimme: »Halt's Maul! Ihr alle schwatzt über Dinge und Kreise, die ihr nicht kennt. Die Extravaganz eurer Utopien ersetzt doch nicht ganz die Formen der guten Gesellschaft. Das hätt' ich euch nie vorgehalten, doch eure alberne Überhebung zwingt mich dazu. Ihr alle seid älter, doch ich habe weit mehr von der Welt gesehen als ihr. Euer Gewäsch über die höheren Stände entstammt einer Kinderfibel für die reifere oder unreifere Jugend der Demokrateriche.« »Raus, raus!« scholl der Chorus, »wir tun dich in Verschiß!« Der Jungherr drehte der Burschenschaft den Rücken und ging davon. – Die Hambacher Feier fiel schon in Ottos erstes Semester. Seinen Ärger darüber spülte er mit sehr viel Milchpunsch hinunter, den seine amerikanischen Freunde zu ihrem Nationalfest, der sogenannten Unabhängigkeitsfeier, am 4. Juli gut zubereiteten. Der Märker, ein seltsames Gemisch von kindlicher Jugendlichkeit und männlicher Frühreife, weit über seine Jahre hinaus, trank von ganzer Seele auf das Wohl von Washington und Franklin. »Wär' ich nicht Preuße, so möcht' ich Amerikaner sein. Hoch die letzten Mohikaner und Lederstrumpf dazu! Das war'n urgesunder Boden, Urwald und Prärie, da läßt sich's frei sein.« »Ja, hier in Europa drängen sich die Menschen zu dicht, wie Hammelherden«, meinte King geringschätzig. »Und der Boden ist verbraucht, da wächst nichts Rechtes mehr.« Motley wies ihn zurecht. »So was sollte unsereins nicht sagen, denn große Männer sind bei uns etwas Rares, in Europa gab es davon eher zu viel.« »Ach was! Gelehrte, Dichter, Künstler, Soldaten – aber wenig rechte Staatsmänner, die züchtet man bei uns viel besser.« »Was nennst du einen rechten Staatsmann?« fragte Otto aufmerksam. »Solche, die keine Phantasten sind wie Napoleon und – verzeih – euer Friedrich der Große. Die sogenannten Eroberer bauen auf Sand.« »Unser märkischer Sand war doch fest genug, wie du siehst.« »Nichts sehe ich. Hier Jena, dort Waterloo. Daß Preußen weiterlebt, verdankt es doch nur der Volkserhebung aus eigener Kraft, und die paar Staatsmänner dabei, Stein und Hardenberg, waren nicht geborene Preußen.« »Darin hat King recht«, fiel Coffin ein. »Überhaupt scheint viel dauerhafter, was die Masse vollbringt, als was der einzelne wagt. Die großen Genies sind meist ein großes Unglück.« »Ja freilich«, ergänzte Motley. »Ich habe den Plan, mal eine Geschichte der Holländer Republik zu schreiben, weil für uns Amerikaner die bloß monarchischen Staaten kein Interesse haben. Da gab es wohl einzelne Talente, doch den unglaublichen Aufschwung des kleinen Volkes führte allein die Masse herbei.« »Hm!« Otto strich sich langsam mit der Hand über die Stirn. »Ist das nicht einseitig? Wir wollen einen Kompromiß schließen und sagen: der Einzelne und die Masse. Denn etwas wirklich Großes wird die Masse nur vollbringen, wenn ein großer einzelner sie lenkt, und der einzelne ist ohnmächtig ohne die Masse. Ein Staatsmann scheint mir also nur jener, der am klarsten die Ziele der Masse erkennt und sich ihr anpaßt.« »Das wird selten vorkommen«, meinte Motley bedächtig, »oder spät. Denn der Geniale gerät stets in Konflikt mit seinen lieben Nebenmenschen, der Masse. Weil er klarer sieht, ist er weit voraus, und weil man ihn also nicht auf ausgetretenem Gleise in der Nähe sieht, hält man ihn oft gar für rückständig. Beispiel: Julian Apostata.« »Ein übles Beispiel.« Otto hob sein Glas. » Ergo bibamus! und freuen wir uns, daß wir keine Genies sind.« Und er stimmte mit nicht ganz taktfester Stimme, deren Lage zwischen Tenor und Bariton schwankte, das herrliche Kommerslied an: »Auf dem Schlosse zu Gradezko«. Erhebend drang die Kunde durchs offene Tal, wo die vier lustigen jungen Leute in einer Gastwirtschaft ihren Gefühlen keinen Zwang antaten: »Slibowitz soff Fürst Bibesco, bis er schwer besoffen war.« Aber Otto Bismarck war niemals besoffen. – – Das zweite Semester verlief wie das erste in dulci jubilo und feuchter Fidelitas. Mit der juristischen Wissenschaft, um deren Minne er werben sollte, unterhielt Otto eine so entfernte Bekanntschaft, daß sein Verhältnis zu ihr ein gespanntes wurde. Diese alte Jungfer mit spitzer Nase und Brille hatte es ihm nicht angetan, ebensowenig freilich ein anderes Frauenzimmer. Seine blutadeligen Instinkte bewogen ihn gerade erst recht, in ein minder vornehmes Korps einzutreten, dessen Farben er mit Gladiatorenstolz trug, wenn er dem Gegner einer anderen Couleur eine blutzapfende Abfuhr verabreichte. Die Reihe dieser liebenswürdigen Darbietungen schwoll unheimlich an. Gäste aus Jena, die das studentische Handwerk grüßen kamen, summierten ihre sachkundige Anerkennung: »Besonders wie er die Terz nachzieht, ist ein tadelloser Genuß.« Seine Parade an sich sei mäßig, doch wie er durch die Parade des Gegners breche und immer auf Attacke aus sei, habe den schönsten Stil. Daneben lernte er boxen nach der erprobtesten Methode von seinen amerikanischen Freunden und vernachlässigte nicht die Ausübung dieser schönen Künste denjenigen jugendlichen Philistern gegenüber, die seine Großspurigkeit krumm nahmen. »Du wirst auch im Leben ein tüchtiger Boxer sein«, urteilte der keimende Historiker Motley, indem er ihn sinnend betrachtete. »Was willst du eigentlich werden?« »Weiß ich's! Am liebsten Trapper in Kanada. Ich bin der geborene Hinterwäldler. Auf dem Penal spielten wir immer Pflanzer und Indianer im Tiergarten, und ich war Apachenhäuptling und ließ mich foltern am Marterpfahl. Das war eine Gaudi. Meine Frau Mutter hat dolle Rosinen im Kopp, ich soll Diplomat werden. Haha, daß ich nicht lache! Seh' ich wie so 'n Stänker aus, der immer lügt und schwindelt und die Dümmeren hineinlegen will, wobei er meist selbst der Dumme ist? Ich Diplomat! So 'ne Idee!« Motley lächelte fein. »Man kann nie wissen. Es fällt mir ein, daß Bonaparte immer jammerte, man habe ihn zum Soldatenberuf gepreßt, zu dem er am wenigsten tauge. Lügen ist nicht obligatorisch, nur fakultativ. Talleyrand log sehr gut, das ist die niedere Elementarschule, aber die beiden Pitt, Vater und Sohn, waren Choleriker, denen die Sprache gegeben war, ihre Gedanken nicht zu verbergen. Und die haben's viel weiter gebracht. Das war die hohe Schule.« Otto lachte laut. »Nach Begriffen der guten alten Zeit hab' ich die beste Vorschule hinter mir und mein Examen cum laude bestanden.« »Wie das? Von deinem Studium wissen die Götter nichts, studiert als edle Wissenschaft hast eigentlich nur das Saufen.« »Das ist's ja eben!« Der lange Märker schüttelte sich vor Vergnügen. »Früher tranken die Herren Diplomaten sich feierlich untern Tisch, und wer unten lag, von dem erpreßte man seine werten Geheimnisse und sogar Unterschriften, von denen er nach verflossenem Brummschädel nichts mehr wußte. Die Technik brächte ich auf eine hohe Stufe. Außerdem konnte man seine diplomatischen Gegner fordern und so außer Gefecht setzen. So 'ne Kavalier-Diplomatik wär nach seinem Gusto. Aber heut in unsern zahmen Zeiten – fauler Zauber!« – Die erschütternde Kunde lief um, daß der gewaltige Pauker aus der Altmark zum ersten Male einen Schmiß erhielt. Ein Chargierter aus Bonn hatte einem Göttinger Korps, mit dem das seine auf Kartell stand, eine solenne Visite abgestattet und bei der Anstandskneipe von einer Reise nach Paris geprahlt. Dort allein herrsche der feinste Ton, worauf Otto mit krähender Stimme persiflierte: »'s gibt nur a Kaiserstadt, 's gibt nur a Wien.« »Was soll das Herr Bruder?« schnarrte der Bonner hochherab. »Wollen Sie provozieren? Sie fixieren mich schon lange.« »Ich mag so'n Quatsch nicht hören, die Pariser sind lauter Lausejungen.« »Und Sie sind ein Kalb.« Darauf die schönste Kontrahage. Weil er aber aus Geringschätzung des feinen Herrchens im ersten Gang fertig werden wollte, mißriet ihm ein Ausfall und er bekam eins auf die linke Backe durch ein abspringendes Stück Klinge. Der Seniorenkonvent erklärt übrigens den »Blutigen« für ungültig nach strengem Paukkomment. – »Ich habe nun mal die Antipathie!« Der Zugenähte lachte vergnügt. Die Narbe stand ihm gut und er zechte fidel auf seiner Bude. »Glaube wohl, es liegt bei mir so im Blut. Wißt ihr, bin nämlich 1815 geboren, wo es mit dem Napolium und der ganzen Franzosenwirtschaft ein Ende nahm. Das muß wohl auf mich abgefärbt haben, denn ich habe nicht für einen Silbergroschen Respekt vor der eingebildeten Bande. Das sind lauter zierliche Spazierstöcke und Galanteriedegen, die man umknicken kann wie Binsen und Rohr. Da lob ich mir einen derben deutschen Knotenstock und Husarensäbel, das ist Kernholz und echtes Metall.« »Ja, wenn du mit deinen sechs Fuß Länge kommst!« zuckte Coffin die Achseln. »Daß Kerls wie du die Französischen in Grund und Boden boxen, traut man euch Preußen schon zu. Aber – –« »Das meint' ich nicht!« rief Otto eifrig. »Ich bin nicht so 'n Hinterwäldrischer Rüpel. Ich sprach figürlich, im allgemeinen, gerade vom Geistigen erst recht ... Auf die gespriesene französische Kultur pfeif' ich was. Die können uns nicht die Schuhriemen lösen. Wo sind denn ihre Dichter, Historiker, Philosophen, Künstler, die sich mit unsern messen könnten? Alles nur äußerer Aufputz, Fassade, nichts dahinter. Feldherrn und Staatsmänner hatten sie nie, dazu mußte der Korse kommen.« »Du übertreibst«, lächelte Motley. »Ei, unser hitziger Teutone ist heut recht im Zuge. Übrigens nenne ich dir Richelieu.« »Puh!« Bismarck stieß eine lange Rauchwolke aus. »Ein katholischer Pfaffe!« »Warum nicht? Die römische Kirche war immer die beste Schule der Politik, Erbin des alten Rom. Ich fürchte, old boy , das ist auch so eines deiner Vorurteile.« »Nun ja! Vor Teufel und Papismus erlöse uns der liebe Gott! Wir Märker sind sattelfeste Protestanten, eingefleischte Hasser der Römlinge ... Überhaupt ... wer einen Fremdling im Süden anbetet, ist eine Art Hochverräter am eigenen Staat und hat hier nichts im Norden zu suchen. Mir ist all der wälsche Plunder ein Greuel. Prosit!« Der junge Herr nahm einen gewaltigen Schluck. »Spül's runter!« lachte King ihm zu. »Das kenn' ich, du kriegst immer einen Heidendurst, wenn du Franzosen und Pfaffen als erstes Frühstück zu dir nimmst. Wenn du mit dem Bierseidel räsonierst, kommst du mir immer wie der alte Hammergott vor, der mit dem unermeßlichen Methorn ... wie hieß er doch, Motley?« »Tor. – Ja, ja, Otto hat so was von einem Berserker, wenn er in Rage ist. Aber höre, Richelieu war gar kein Pfaffe in solchem Sinne trotz seiner Kardinalskutte. Ihn kümmerte wenig der Papst zu Rom, er war vor allem ein guter Franzose.« »Darin tat er recht.« Jener blies nachdenklich ein paar blaue Ringel in die Luft. » Right or wrong, my country! Ich weiß zwar so ungefähr, was mit dem alten Herrn los war, aber halt' uns mal einen Vortrag, Herr Historiker, worin du sein Besonderes siehst.« Motley räusperte sich. » Well , deine gemütliche Bude ist doch keine Aula.« »Nur zu!« rief Coffin. »Dein Spezielles! Wenn gute Reden sie begleiten, dann fließt die Arbeit munter fort.« Er stieß an, und alle folgten seinem Beispiel, die Seidel leerend. »Stoff genug ist da bis morgen früh ... also halte deinen Speech als professor historiae !« »Ziere dich man nich!« munterte der Gastgeber auf. »Meinst du, ich wäre bloß für Kneipen und Mensuren? Da irrst du dich riesig, old fellow . Also was ist's mit Richelieu?« »Na, wenn Ihr mich so tretet –! Also dieser wahre Staatsmann kannte keine bornierte Intoleranz. Er zwang zwar La Rochelle nieder, doch vertrug er sich nachher viel besser mit den Hugenotten, als später Louis Quatorze. Religiösen Zwiespalt wertete er nur als politischen und duldete nur nicht republikanische Neigungen bei den Hugenotten. Doch so wenig wie Demokraten ließ er frondierende Junker gelten und hielt den Adel eisern im Zaum. Die königliche Autorität –« »Stabilieren wie einen rocher de bronce !« brummte der Junker Bismarck zwischen den Zähnen. »Der alte Friedrich Wilhelm und sein Krückstock ließen auch nicht mit sich spaßen. Unsere Hohenzollern haben allzeit mit ihren Quitzows gerauft, sie gleichsam zugeritten als königlich preußische Kavalleriepferde. War aber doch Richelieu selber kein Monarch, nur Minister, und was hatte er davon, sich für einen andern abzuplagen! Persönliche Liebe für seinen Herrn bewog ihn wohl kaum dazu.« »Gewiß nicht. Ludwig XIII. war ein schwacher und schlechter Mensch, lasterhaft, mißtrauisch, falsch, nur aus Furcht vor Richelieus Persönlichkeit sich seinem Willen beugend.« »Brr! Mit solch 'nem König wirtschaften, das muß ein Hundeleben sein. Der arme allmächtige Minister! Na, soviel weiß ich, ich könnt' nie Fürstendiener sein.« »Hört den Republikaner!« Die Amerikaner klatschten Bravo. »Ich wette, der wandert noch zu uns aus!« rief Coffin begeistert. »In Amerika unterm Sternenbanner ... Heil dir, Than von Cawdor, der du einst American Citizen sein wirst!« »Da schneide dich man nich!« Jung Bismarck goß einen Ganzen hinter die Binde. »Ich bin ein Preuße, kennt ihr meine Farben. Ausgewandert wird nich, bloß bis in die Hinterwälder von Hinterpommern. Dort werd' ich ehrsam meinen Kohl pflanzen wie der selige Diokletian, obschon ich kein amtsmüder Kaiser bin. Mehrer des Reichs – o je! Ich werde meine Hammelherden zu vermehren trachten ... das schwebt mir als wonnige Zukunft vor. Um aber auf besagten Hammel zurückzukommen ... wofür arbeitete der Richelieu denn eigentlich?« »Für Frankreich«, antwortete Motley ernst. »Ich glaube wirklich nicht, daß ihm sein Los viel Vergnügen machte. Ehrgeiz hatte er natürlich, und anfangs mag ihn seine Allmacht gekitzelt haben, als Hausmeier der wahre König zu sein, aber er trug bald unendliche Mühsale, von tausend Feinden umgeben, vom König heimlich und von der Königin offen gehaßt, von allen gefürchtet, beneidet, von wenigen verstanden.« »Ich sage ja, ein Jammerleben!« Studiosus Bismarck reckte sich unwirsch. »Welch ein Blödsinn, sich so zu kasteien! Setze deine Zuversicht nicht auf Fürsten! sagt schon irgendein alter Salomo. Und gar fürstliche Frauenzimmer ... da schlag' das Wetter drein! Et pourquoi? Tant de bruit pour une omelette! « »So faßte dieser Mann die Eier nicht auf, die er zerschlug und zusammenbackte!« Motley schüttelte mißbilligend den Kopf. »Weißt du, Otto, du denkst etwas frivol über solche Dinge. Wenn der große Kardinal sich Tag und Nacht für die Monarchie abplagte, geschah es wahrlich nicht aus Liebedienerei und höfischer Untertänigkeit, sondern für sein großes Lebensziel.« »Was war denn das?« Ein durchdringender Blick schoß unter den seltsamen buschigen Brauen des langen Junkers hervor. »Die Einheit Frankreichs. Das war damals genau so zerspalten in lauter kleine Souveränitäten nominellen Vasallentums, wie das frühere Deutsche Reich und heut noch der Deutsche Bund. Ohne Richelieu kein Roi Soleil, der nur als lustiger Erbe einheimste, was der gewaltige Staatsmann ihm hinterließ.« »Nun gut! Gesprochen wie ein Buch!« Otto trank seinen Krug leer, gähnte und streckte sich. »Die Könige haben ja mehrschtendeels den Effekt davon, was ihre Diener schaffen. Übrigens, ohne dich belehren zu wollen, o Leuchte der Historia, der Roi Soleil war nicht bloß ein reicher Erbe, sondern ein verflucht gescheiter Herr. Er hatte das beste Talent für sein Metier, überall die rechten Leute zu entdecken. Colbert, Vauban, Louvois, Tourville, Catinat usw. Mehr braucht ein König nicht, um groß zu sein.« »Da hast du recht.« Motley konnte sein Erstaunen nicht verbergen. »Woher weißt du das alles? Ich dachte nicht, daß du so genau Bescheid wüßtest.« » Mon dieu , man liest so 'n bißchen ... in den Mußestunden nach strenger Arbeit«, gähnte Otto, sich erhebend. »Schluß für heute!« * In der Roten Hannoveria kam ihm ein aus Stadt Hannover gebürtiger Studiosus Gustav Scharlach, schon höherer Semester, mit besonderer Herzlichkeit entgegen. »Ich bin vier Jahr älter als du, Fuchs, doch du hast mehr von der Welt gesehen in Berlin, so gleicht sich's aus. Wir werden uns fein vertragen.« »Mein' ich auch. Komme gleich heut auf meine Bude! Ich zieh die Spendierhosen an und schmeiße 'ne Flasche Scharlachberger, weil du grad Scharlach heißt.« Solcher gemütlicher Abende folgten viele bei Pellkartoffeln und Göttinger Leberwurst. »Das is ja 'n dicker Schmollisfiduz mit Gieseke!« schmollte Vetter Dewitz. »Faultier und Jungblut werden eifersüchtig.« Gieseke war Scharlachs Studentenname, wie ja die meisten Couleurbrüder sich bezeichnender Titulaturen erfreuten. In der Korona, die sich oft um den beliebten Berliner sammelte, wenn er nicht seinen Amerikanern den Vorzug gab, vertraten Haccius, Löhring, Bierbaum, Flügge und ein nur als »Peter« bekannter eifriger Lerner die nach des Philistertums Fleischtöpfen schmachtende Solidität. Dagegen schwammen »Schweinchen«, »der kleine Echte«, »der Cerevisianer«, »der Türke«, »der dicke Herr«, »der geliebte Iwan« und andere große Geister in uferlosem Leichtsinn. Andere Kommilitonen, wie Fischer und Oldekop, mit denen Otto sich anfreundete, Hasso Froßhort, Hoppenstedt, Zimmermann, Wehner rechneten darauf, durch ein glückliches Ungefähr ihr Staatsexamen zu machen. Der lange Graf Kayserlingk aus Kurland biß vor dem märkischen Junker den erlauchten Standesgenossen heraus, doch machten Adelig und Bürgerlich im Korpsverkehr keinen Unterschied. Bei allgemeiner brüderlicher Fidelitas vergoß man nicht immer Bier, begabtere junge Leute schwangen sich bis zu Madeira auf. Kam aber die Rede auf die sogenannte Zukunft, lief den meisten eine Gänsehaut über den Rücken. »Ich bring's nur zu fauler Advokatur«, jammerte der Rechtskandidat Dammers. »Da vegetiert man so hin wie 'n Laubfrosch.« »Er hat wie üblich den ersten Schwips!« erläuterte der »Türke« jovial. »Von irgendwas muß doch der Mensch in seinem Harem leben. Prost, Kollege! Bin ich erst Advokat, laß man gut sein, da leb' ich in lauter Pläsier und Freuden.« »Ja, du! Wenn du den ersten Taler verdienst, dünkst du dich Gott in Frankreich. Das liegt bei dir im Temp'rament. Ach, wir armen bekümmerten Sterblichen!« Dammers zerdrückte eine Träne der Rührung. »Und ich,« hob Couleurbruder Söllow düster an, »werde als Stadtgerichtsrat ins ewige Philisterium eingehen.« »Ich schlage vor, Söllow auf den Namen ›der betrübte Lohgerber‹ taufen zu lassen«, lachte Scharlach. »Seid doch nicht so miesepetrig, Kerls! Alldieweil fidöll, ergo bibamus ! Trübsal blasen kommt früh genug, wenn uns das Zipperlein beißt.« »Serr warr!« schnarrte Kayserlingk, der bolzengrad am Tische saß. Seinen baltischen Akzent als verfolgter Stammesbruder warf er in den Chorus wie ein Echo die Frage, was ist des Deutschen Vaterland. »Die Errde ist ein Jammertal und muß mit Sprit begossen werden.« Der Bulle gröhlte: »Der Spiritus im Keller brennt«, der Jude prahlte: »Mein Name ist Götz v. Berlichingen.« » Man, being reasonable, must get drunk, the best of life is but intoxication «, raunte ein Engländer namens Wright dem sprachkundigen Otto ins Ohr, dem dies bittere Byron-Zitat gut mundete. Dieser edle Brite ließ sich herab, ein Semester auf der Georgia Augusta zu verbummeln, statt in Oxford Milchpunsch und Brandy mit seinem Beifall zu beglücken. Solche Leute würdigten die deutschen Michel ehrfurchtsvoll und baten um ein Rezept für echten vornehmen Spleen. »Hängt! Hier wird keine fremde Wildsprache durch die Zähne gekaut!« brummte ihm Scharlach einen Ganzen auf, welcher Herausforderung der Insulaner ehrenfest nachkam. Die Überlebenden schafften sich gegenseitig in die Klappe, »Ade, mein Land Tirol!«, Lauenstein segnete pastoral: » Pax vobiscum !« – »Schriebst du deinen Alten schon«, fragte Scharlach, der allein zurückblieb, seinen Busenfreund, »von wegen Eselskinnbacken der Philister, o lockiger Simson, und der aufgelaufenen Kreide, in der du sitzest?« »Nee! Trinke lieber zwei Flaschen Rheinwein als einen Brief zu klieren. Beim Anblick einer Feder krieg' ich Krämpfe. So was läßt man ankreiden bis zum Jüngsten Gericht. Von meiner Rechtschaffenen heut 'ne erbauliche Epistel, weil ich gesagt hätte, in der Bibel sei das meiste bildlich gemeint. Soll sofort zum Seelsorger, um mich aufzukratzen für standesgemäße Bibeltreue. Und dabei glaubt sie selber nischt, will nur als strenge Mama fuchteln. Ja, meine Zukunft is ooch'n sogenannter Jenuß. Weißt du, Gustav, ich werde der größte Lump oder ...« Er hielt inne und starrte ins Glas. »Oder? Na was denn? Schieß los!« »Ach, mir ist so sonderbar, ich hab' 'nen Rappel im Kopp.« »Sprich dich aus! Du wirst nicht der größte Lump, sag' ich dir. Doch was »oder?« »Lach' mir nur aus! Oder der erste Mann in Preußen.« Er murmelte es zögernd. Dazu konnte Scharlach nur gutmütig lächeln: »Schlaf dich aus!« – Am 4. Juli 1833 feierten die transatlantischen Freunde noch mal das amerikanische Nationalfest unter sich. Es war wie eine Abschiedsfeier, denn Otto zog nach Vollendung seines dritten Semesters jetzt nach Berlin, nach der alten Sitte, die Universität zu wechseln. »Ich will mich verändern, sagte das Dienstmädchen. Vielleicht bringt mir Savigny die nötigen Flötentöne bei. In Göttingen ist mein Ruf doch unheilbar, kein Mensch traut mir ein Kollegienheft zu.« »Stimmt«, erläuterte Coffin trocken. »Seit Menschengedenken sahst du vom Innern der Alma Mater , deren Busen in dir eine Schlange säugte, nur ein Lokal: den so beliebten Karzer. In diesen heiligen Hallen kennt man die Unschuld nicht ...« »Du singst schon wieder falsch. Euch Angelsachsen kann kein Gott Musik beibringen. Ach, die Zauberflöte des Pedell hat mich um Ehre und Deputation gebracht, gerade als mein Ruhm zu den Wolken stieg.« Alle lachten. Ein feierlicher Kommers seines Korps hatte die Ziffer »28« gefeiert, nachdem der Korpsbruder Bismarck diesen Rekord in blutigen Mensuren schlug. »In 28 Stürmen hab' ich ihn geseh'n« parodierte der Festredner aus dem Nibelungenlied und verglich Otto mit dem grimmen Hagen: »Der Held war wohlgewachsen, von Beinen war er lang und schrecklich von Gesichte, er hatte herrlichen Gang.« Schrecklich von Gesichte war er nun gerade nicht, sondern sah aus wie ein guter lustiger Junge. Aber sein Ruhm reichte bis zum Himmel, wie des klugen Odysseus, bis zum Studentenhimmel von Jena, wo ein Seniorenkonvent sich die Ehre ausbat, den berühmten Fechter in dortiger Mitte zu begrüßen, um sich mit dem besten Schläger von Jena zu messen. Einer so liebevollen Herausforderung mußte unverzüglich Folge geleistet werden, und der Chargierte Bismarck, der Stolz seines Korps, begleitet von würdevollen Sekundanten, machte sich auf zum grünen Saalestrande. »Jena is zwar 'n fataler Name für jeden Preußen, aber die Schlacht von Jena wollen wir liefern, und ob der olle Napolium sich vor Freude im Grabe umdreht über den Bruderkrieg wie zur schönsten Rheinbundszeit.« Ach, die lieblichsten Träume gehen nicht in Erfüllung, die deutschen Brüder sollten nicht die Klinge kreuzen. Denn das Rektorat von Göttingen, das schon lange einen Zahn auf den Unheilstifter hatte, entsandte spornstreichs den Ober-Pedell hinterher. Unter dem düsteren Kantus »Die Scharwach hält das Schwert gezückt« geleiteten fromme Häscher den edeln Kämpen zurück in sein fideles Gefängnis. »Scheiden tut weh, Kinder. Ich werd' Göttingen mein Lebtag nicht vergessen. Bin hier freilich von mancher Eselei kuriert. Mit den Burschenschaftern hab' ich's gründlich verdorben. Nach dem faulen Frankfurter Putsch können mir all die Einheitsapostel gewogen bleiben.« »Nun ja, eine Kinderei, ein Aprilscherz«, stimmte Motley bei. »Aber Kinderkrankheiten muß jeder durchmachen, auch eine Nation. Laß das doch deine liberale Gesinnung nicht anfechten!« »Tut's aber. Staatsordnung muß sein, darauf werden wir Preußen geschult. Aus solchen Tumulten wird nie 'was Solides. Wenn täppische Hände in das Räderwerk eingreifen, steht es wohl einen Augenblick still, aber wird nicht besser renoviert, weil man Ruß und Schweiß an die Speichen klext.« Bei solchen gelegentlichen Äußerungen sah der junge Mensch merkwürdig reif und männlich aus. »Nun macht der auch noch Sprüche und red't wie ein Buch!« brummte Coffin unbehaglich. »Aber in flüssiger bildlicher Sprache!« Motley sah ihm nachdenklich ins Auge. »Hör' mal, Bismarck, ich glaube an dich, daß du etwas leisten könntest.« »Aber was? That is the question. « Otto paffte gewaltig aus seiner Porzellanpfeife und mischte sich einen echtschottischen Toddy. »Ich tauge zu gar nichts für dies praktische moderne Leben, wo das Sitzfleisch im Allerwertesten als Allerweltswappen der Staatshämorrhoidariusse prangt. Bah, gaudeamus igitur , solange wir noch behaupten können juvenes dum sumus . Bald wird's heißen: Silentium! Exercitium salamandris ex est! Dann stauben die Schläger im Winkel, kein Aktiver steigt mehr in die Kanne. In Berlin sind Rappiere aus der Mode, dafür hat man seidene Regenschirme. So kommen die alten Tage heran, und man kriegt das Zipperlein.« »Eher das Fettherz und den Schmerbauch«, flocht King ein, »wenn du weiter beim Bier bleibst. Die Gicht ist aristokratischer, kommt von Rheinwein und Port.« »Hm, die beiden Pitt, Vater und Sohn, hatten auch die Gicht.« Motley sah tiefsinnig in sein Glas. »Das hat sie nicht gehindert, andern auf die Zehen zu treten.« »Die Pitts?« Bismarck fuhr auf. »Na, die hatten ja das gleiche Pläsier wie dein Richelieu, einen verrückten, bornierten Monarchen in ihrem Sinn zu gängeln. Ihr Amerikaner wißt davon ein Lied zu singen. Was übrigens dies England immer für ein Schwein gehabt hat! Natürlich, allein auf ihrer Insel – von da die Fangarme über den Globus strecken – die haben's leicht, große Politik zu machen! Überhaupt, alles Glück und Zufall äußerer Verhältnisse. Ist das eine Kunst? Auch dein Richelieu kannte keine Schwierigkeiten, wie wir in unserm armen Deutschland. Die großen Vasallen waren schon gezähmt genug, bei uns gibt's lauter souveräne Krähwinkel.« »Da sagst du ein weises Wort.« Coffin lehnte sich im Stuhl zurück. »Wir haben viel Deutsche in Amerika, und da erfährt man manches, aber seit ich die Dinge in der Nähe sah, verwett' ich meinen Kopf, daß es mit der sogenannten deutschen Einheit noch gute Wege hat. Darüber lacht man sich eins, wie euer neuer Musengott Heine.« »Heine ist ein gehässiger Judenjunge«, fuhr Otto auf. »Hier in Göttingen kennt man seine schnöde Visage. Der Turnvater Maaßmann hat ihn auf den Fuß getreten, und er hat gekniffen.« »Knille von Hannover denkt aber anders, er sei ein famoser Hecht gewesen. Und scheußlich geistreich ist er«, trug King sein Scherflein bei. »Du hast vermutlich gar nichts von ihm gelesen. Aber die Verse sind süß, und die Harzreise ist himmlisch. Du immer mit deinen Korpsbegriffen! Denn ich selber bin ein solcher Ritter von dem freien Geist, singt der Mann mit Recht, und wär' er zehnmal ein Jude, was mich nicht anficht.« »Nu, mich auch nicht«, beeilte sich Otto festzustellen. »Wir stammen alle von Adam her, und ich mache keinem einen Vorwurf aus seinen Eltern. Nihil humanum alienum usw., bitte gehorsamst um Verzeihung. Humanitas ist ein lateinisches Wort, das ich behalten habe, und ob der Heine bei einem Rekontre, wie wir uns in unserm geliebten Deutsch ausdrücken, in Verschiß kam, geht mich nichts an bei seinen Werken. Aber dieser »Alte Herr« der Studentenschaft Göttingen ist wirklich kein Deutscher, er entblößt wie die Fräulein Loth, die Kallen im ollen Testament, die Scham des Papa. Wer so sein eigenes Nest beschmutzt und uns Deutsche hänselt und allem Franzosenkram hofiert, ist mir ein Greuel.« »Du übertreibst wieder«, berichtete Motley. »Der Mann ist voll echt-deutscher Poesie, seine Verse sind verdammt gutes Deutsch, auch in den Gefühlen. Also ist er ein guter Deutscher bis in die Fingerspitzen.« »Ja, leider! Sein sentimentales weinerliches Liebesgesäusel und seine verrückte Ausländerei sind deutsch genug.« Otto sah finster vor sich nieder. »›Ich weiß nicht, was soll es bedeuten‹ ... das ist ja gerade das graue Elend. Wissen sollt ihr, verdammte Bengels, was es bedeuten soll. ›Daß ich so traurig bin‹ ... meinethalben, seid traurig über all die Erbärmlichkeit, aber dann gebt euch einen Ruck und steigt auf die Mensur! ›Ich lache ob den abgeschmackten Laffen‹ ... das tu' ich auch, aber dann renn' ich nicht mit Bauchgrimmen herum und ächze: ›Ich wollt', er schösse mich tot.‹ Schieß lieber die anderen tot. ›Was will die einsame Träne?‹ Ja, was will sie denn? Das Flennen hilft zu nichts. ›Die Sonne hebt sich noch einmal leuchtend vom Boden empor und zeigt mir jene Stelle, wo ich das Liebste verlor.‹ Bei Gott, das ist ein Dichter, und die Nordseebilder sind groß. Aber wie kann ein rechter Kerl ein dummes Frauenzimmer – es soll die Kalle, seine Kusine sein – sein Liebstes nennen. Pfui Teufel, da gibt es ganz andere Heiligtümer, die ein deutscher Jüngling im Herzen trägt. Und so was verliert man nicht, dafür kämpft man bis zum letzten Atemzug. Und in den ›Bädern von Lucca‹, Moorbad von Prahlerei und Stinkerei, da sagt er, er sei ein ehrlicher Soldat im Befreiungskriege der Menschheit ... was geht ihn die Menschheit an, und was ist das für ein Befreiungskrieg mit dem Tambour Le Grand und Napoleon und der Marseillaise. Sein deutsches Vaterland soll man befreien, und die sonstige Menschheit kann mir den –! Ich weiß schon auch, wo mich der Schuh drückt. Das sind ganz andere Schmerzen als die des Herrn Heinrich Heine.« Und plötzlich und unvermittelt schlug er die Hände vors Gesicht, und ein Krampf schien ihn zu schütteln. Die anderen sahen sich an. »Na höre mal, wenn wir nicht alle wüßten, was du vertragen kannst, alter Junge, dann würd' ich denken, du hast den nassen Jammer«, sagte Coffin gedehnt. »Das sind ja wundersame Ergießungen.« »Was sind denn deine löblichen Herzensschmerzen?« erkundigte sich King. »Bisher hat dir das Essen sehr gut geschmeckt.« Aber Motley sagte mit prüfendem Blick: »Das Komische ist, daß du den Heine viel gründlicher gelesen hast, als wir. Wo nahmst du die Zeit her?« »Nu mach' keine faulen Geschichten, Bismarck!« hob Coffin wieder an. »Mein Name ist ja unheilverkündend, bedeutet Sarg. Aber tragisch sein ist zum Lachen. Du kannst doch nichts dafür, daß du nicht als American Citizen oder British Subject geboren bist. Die deutsche Einheit, wenn dir solche Chimäre das Herz bedrückt –« »Kreuzmillionendonnerwetter!« Otto schlug die Hände von den nassen Augen und klopfte mit beiden Fäusten auf den Tisch. »Nun ist's genug. Deinen Kopf wolltest du verwetten, jetzt proponier' ich eine Wette: Von heut ab in 20 Jahren ist Deutschland geeint, ich halte 25 Flaschen Champagner, und wer verliert, muß zum Gewinner übers Weltmeer kommen mit dem Champagner.« » Done! Es gilt! Topp!« Die Hände wurden kreuzweis übereinandergelegt. »Die anderen sind Zeugen.« – Als Motley nach Hause ging, dieser Jüngling, ernst wie ein Alter, der geborene Historiker, blieb er plötzlich auf der Straße stehen und murmelte hörbar: » That is the temper of genius! « * Das wüste Leben hatte den Jüngling so angegriffen, daß er, auf der Reise nach Hause unterwegs in Braunschweig und Magdeburg lange bettlägerig mit bedenklichen Fiebererscheinungen, krank und mager in Schönhausen ankam, wo er sich auf dem väterlichen Gute noch wochenlang erholen mußte. Als es zur Aussprache über seine Schuldenlast kam, zog er den kürzeren. »Du bist ein Bruder Lüdrian!« tobte sein sonst so freundlicher Vater. »Bernhard bei den Gardedragonern kostet mir kein Fünftel von dir. Nee, Söhneken, so haben wir nich gewettet, dich reitet der Satan, aber auf mir reitest du nicht herum. Ich sperre dir den Kredit und werd' dich knapp halten.« Auch die gestrenge Mutter ließ ihn in ihrer kalten Art fühlen, daß seine Erscheinung ihr mißfiel: »Dein Samtrock ist lächerlich, dein Ton riecht nach Bierstube und anderen schlechten Häusern. Keine Vorschule zum Diplomaten!« »Will's gar nicht werden!« trumpfte er verdrießlich auf. »Schweig! Du weißt nicht, was du willst, doch ich weiß es. Wasch' dich von rohen Sitten rein, dafür ist eine Dosis Berlin gut.« Leider auch für anderes. Erneut wirtschaftete Otto so böse, daß Kayserlingk, der jetzt in Berlin studierte und mit ihm in gemeinsame Wohnung zog, grämlich nörgelte: »Du bist ein liederliches Tuch.« Das bezog sich nicht auf Erotica, für die Otto keine Anwandlung zeigte, sondern auf seine alte Liebste, die Flasche. Im übrigen bildete sich der Korpsier zum Dandy um, der sich mit schwungvollen Krawattenbinden die Zeit vertrieb, als wäre er der Stutzer Brummel der Londoner Byronzeit. Er machte Visiten, prunkte mit fließendem Französisch und teils geziertem, teils ungezogenem Kavaliersanstand, wovon er im ersten Rang des Opernhauses gedeihliche Proben gab und sich mit herausfordernder Grazie auf seinem Fauteuil lümmelte. Der Göttinger Peter, gleichfalls nach Berlin verpflanzt, um unersättlichen Wissensdurst zu stillen, verfolgte ihn mit liebevoller Anhänglichkeit, zäh wie eine Klette, unabschüttelbar wie ein Schatten. »O Petrus, der Übel größtes ist nicht die Schuld – ach, hätte Schiller dich gekannt! Die Furien sind zarte Jungfern gegen dich, sie bleiben einem nicht so feste auf den Hacken!« »Immer der treue alte Otto!« quittierte dankend der große Sprachforscher, der kein Deutsch verstand. »Wie herrlich schimpfst du erst auf Coleurbruder ›Freiheitsbaum‹!« »Auch dieser Knabe fängt an fürchterlich zu werden!« stöhnte Otto mißmutig. »Der schlanke Freiheitsbaum der Aristokratie steht hier im passendsten Treibhaustopf: Ihm fehlt zum Menschen alles, zum Kammerherrn nichts als ein Schloß vors Maul. Dreißig Vettern hat er hier, sie essen viel, sie säen nicht, der himmlische Vater nähret sie alle. Was leben sie? Sie zählen ihre Ahnen. O polizeiwidrige Ansammlung standesgemäßer Dummheit!« »So? Dewitz sagte schon, du wärst ein roter Demokrat«, schnüffelte Peter. »Bah! Ich bin gewiß aus einem edlen Haus, ich sehe blaß und unzufrieden aus.« »Leider!« bekräftigte Peter, der das Faustzitat nicht verstand. »Mein brüderliches Zureden, die treue Sorge um deine kränkliche Gesundheit –« »Ich bin unheilbar wie deine Gelahrtheit. Ne, mein guter Oller will mich Weihnachten visitieren. Er wird glauben, ich hungere mich tot aus Mangel an Subsistenzmitteln, ich werd' ihm kräftig einen anreißen, und er wird berappen.« So geschah es. Der herzensgute Bismarck der Ältere konnte sein weiches Herz dem Augenschein nicht verschließen. Weitere Freude erlebte Otto, als plötzlich Motley auftauchte, der auch Berliner Wissenschaft genießen wollte. »Kayserlingk verzieht nach Hannover, da kommst du zu mir, Kronenstraße 44. Wie geht's King?« Motleys Gesicht verdüsterte sich. »Mit dem bin ich verfeindet. Ist drüben in England. Mit jedem Paketboot kreuzen sich unsere Wünsche, daß der andere zum Teufel gehe. Er fordert mich auf Doppelbüchse.« »Herrje, auf einmal? Hast du ihm einen dummen Jungen aufgebrummt?« »Er will englischer Offizier werden. Ein freier Amerikaner, pfui Teufel! Und Coffin ist übers große Wasser. Deine Wette steht.« »Ach die! Und Wright auch weg?« »Scharlach weiß von ihm. Will eine Weltreise machen.« »Der Glückliche! Und wir schmoren hier im Teekessel, kneipen Familie. Will dich übrigens bei meinen Verwandten einführen.« Diese bestanden aus seiner Tante, verwitweten Generalin v. Kessel, Schwester seiner Mutter, die mit lauter Töchtern gesegnet war, und den gräflichen Bismarck-Bohlens von der anderen Linie. Graf Theodor auf Karlshorst und seine kluge schöne Gemahlin nebst der noch schöneren Tochter hatten für Otto ein allzeit offnes Haus. »Und mein alter Gieseke sitzt als Amtsauditor in Reinhausen, Landdrostei Göttingen, und spielt Boston mit der Amtmännin. Ungeheure Zwerchfellerschütterung schriftlich zu entladen, ward uns reichbegabten Menschen vom Schöpfer nicht vergönnt. Kinder, wie wir versimpeln! Neulich schickt er 'ne tückische Strafpredigt über Schreibfaulheit und ließ mich ein Halbjahr auf den ersten Brief warten. Göttingen hat mich ganz vergessen. Sogar mein Universitätszeugnis mußt' ich mir sauer erpressen, die hiesigen Behörden wollten schon nichts von mir wissen, nur Konnexionen rissen mich raus. Nicht mal meine Säbelklinge bekam ich nachgeschickt, ein Unsriger behielt sie wohl zu gesegnetem Andenken. Sic transit gloria mundi, finis Poloniae! Dem ›dicken Herrn‹ geb' ich nächstens mal schriftlichen Rippenstoß, wenn ich halbbesoffen bin, nie ohne dieses. Dem ›Kaziken‹ werd' ich die Entdeckung Amerikas melden, damit er endlich aus seinem Kater erwacht. Keiner gönnt mir ein Sterbenswörtchen, und ich sitze hier verlassen auf meiner märkischen Sandbank.« »Sei froh!« brummte Motley. »Was hätt'st du beiläufig angefangen, wenn die Universität dich nicht haben wollte?« »Na, ich hätte das Portefeuille des Auswärtigen ausgeschlagen und wär' Rekrutenfuchteler geworden. Sodann hätt' ich mir's angelegen sein lassen, durch Kartoffelschnapsbrennen das Wohlsein meiner Bauern zu untergraben. Scharlach und andere Scheusäler würd' ich zur Hetzjagd einladen, damit sie den Hals brechen. Ich selbst würde vor Mastfett platzen und fluchen, daß die Welt und alle umliegenden böhmischen Dörfer zittern. Ja, Donner und Doria, ich gehe in die böhmischen Wälder, und den großen Carlo Moor nehm' ich mir als Muster vor, wenn ich Treiber und Jagdhunde prügele. Denn mein Lebtag will ich mich nicht mit Kleinigkeiten abgeben. Wenn eine sittige Gattin mir die hirschledernen Buchsen ausklopft und mir eine Nase dreht, werd' ich alle Hörner der Christenheit für Jagdtrophäen halten. Uf Ähre, suberber Gaul! streich' ich mir den Bart im ländlichen Kreise meiner Schweine, hochbefriedigt, wenn die Wollhändler mich Herr Baron nennen. Darauf leg' ich Wert, dann verkoof ich 2 Dhaler wohlfeiler, verstandez-vous ?« Motley ergötzte sich nicht wenig an diesem Erguß satirischer Laune. »Immer der Alte! Car tel est ton plaisir. Doch wie steht's mit dem Jus?« »Ich kam schon bis zum Obligationenrecht, mit Respekt zu melden«, versicherte Otto feierlich. »Danke der gütigen Nachfrage! Meine Alten verkennen mich und möchten jetzt selber den verlorenen Sohn zum Offizier degradieren. Doch j'y suis, j'y reste . Auch mein Bruder Bernhard sattelte um, der vier Jahre bei den Dragonern war, der büffelt jetzt kolossal und wird bald hin werden. Zwei Referendare in einer Familie ist eine Heimsuchung des grundgütigen Himmels, doch mit Hilfe der heiligen Jungfrau nur Mut, die Sache wird schon schief gehen. Betrachte mich heut abend in charmantem Familienzirkel! Ein Gesichte schneid' ich, sag' ich dir, Salomo is nischt dagegen.« In der Tat nahm er frommen ästhetischen Tee bei Tante Kessel ein. Kusine Helene, ein begabtes Mädchen, die sich mit Malerei beschäftigte, zog ihn auf; dafür zog Kusine Lienchen Bohlen ihn an, mehr als einem Vetterherzen zuträglich. Seine Munterkeit schwand so sichtlich, daß Motley sich erkundigte: »Was ist mit dir los? Seit Monaten bist du nie auch nur halbheiter gewesen. Selbst Peters unverwüstliche Dulderfähigkeit machte sich schon lange rar vor deiner galligen Bosheit.« »Freß' ich beißende Ratte mich durchs ranzige Speck seiner Geduld? Ich arbeite nicht auf Selbstmord hin, nimm also ein Schachspiel unter den Arm und ich stecke ein Pack Karten in die Tasche, auf daß wir seiner Unterhaltung entrinnen. Aber laß uns den armen Kerl in seiner Höhle aufsuchen, das ist eine hochherzige Mannestat!« »Na, gutmütig bleibst du wie immer«, lobte Motley beifällig. Doch mit dem Donnerworte ward ihnen aufgetan: Der, den ihr suchet, ist mit Kollegienheit in Professor Luchs' ästhetischer Vorlesung. »Ästhetisch ooch noch!« seufzte Otto elegisch. »Das Maß ist voll. Ich begehe im Leben keine gute Handlung mehr. Immer fällt man rein, haste nich gesehn, man sucht einen Ochsen und findet die Boa constrictor , die ihn schon verdaut. O mein prophetisches Gemüt, mein Peter! Daß einer lächeln kann und wieder lächeln und doch ästhetisch sein! Freund meiner Seele, fliehen wir die Lasterhöhle, in der ein Unhold wohnt. Und nimmermehr betret' ich diese Schwelle. Ästhetisch! Mir schwante ein Verbrechen. Wir haben mit dem Grauen zur Nacht gespeist ... und hier ist Lutter \& Wagener, wo es einen guten Tropfen gibt. Hol' die Pest alle feigen Memmen! Und Falstaff war ein ehrenwerter Mann.« »Das sind wir alle, alle ehrenwert!« parodierte Motley. »Taugenichtse und kein Ende. Doch dein bizarrer Humor sprudelt umsonst über, verlorene Liebesmüh, ich kenne dich, Spiegelberg. Du selber bist ästhetisch bis in die Fingerspitzen und spielst den Prinz Heinz nur dir selber vor.« »Weh mir, ich bin durchschaut«, brach Otto trocken ab. »Mich verkuppeln an die dürre Vettel Ästhektik? Laß einen schlichten Christenmenschen in Frieden sterben! Ich komme dir die Blume und einen Ganzen. Probst!« Der Kusine Helene klagte er: »Meine Finger krümmen sich unter meiner allzu beweglichen Feder. Als Protokollführer die Untaten der Berliner ans Licht zu ziehen, winkt später als zweifelhaftes Vergnügen.« »Doch frönst du ungewohntem Fleiß und zeigst Ehrgeiz, dich vorwärtszubringen.« Sie musterte ihn mit wohlwollendem Spott. »Du hast so was Verinnerlichtes, bist du vielleicht verliebt?« »Gegen wen denn?« Er errötete wie ein Backfisch. »Du siehst mir gewiß nichts an, was so schnöden Verdacht rechtfertigt.« Sie verzog den Mund und dachte: man hat nicht umsonst eine bildhübsche Kusine, sitzt da der wunde Punkt? »Dazu schneidest du ein Gesicht, als hättest du Bauchgrimmen. Baldriantropfen gefällig?« »Das kommt davon,« Otto atmete erleichtert auf, so abzulenken, »daß mein Alter, der zum Wettrennen hier ist, mich zu drei Stunden Diner zwang. Das verträgt meine zarte Konstitution nicht.« »Habe dich man nich! O meine Nerven!« »Ach, Helene, mein klägliches Dasein! Der längste Titel und breiteste Orden entschädigen nicht, wenn die Brust einschrumpft geistig und körperlich. Wie gern vertauscht' ich Feder und Aktenmappe mit Pflug und Jagdtasche!« »Du kannst nicht ewig ein Bruder Studio bleiben. Was treibt denn dein fröhlicher Scharlach, von dem du so oft erzählst?« »Hat sich verlobt mit seiner Kusine Helene, erklärt sich von allem burschikosen Rest befreit. Ich unheiliger armer Teufel geb' ihm meinen väterlichen Segen. O die glückliche Dame, die ich einst wähle! Die beneid' ich unter allen Sterblichen.« »Die Affektiertheit steht dir patzig gut. Frauenhasser und jede Woche in eine andere verliebt. Kam ich auch schon an die Reihe?« »Dazu verehre ich dich zu sehr«, sagte er ernsthaft. »Bei mir traurigem Geschöpf ist keine Neigung von Dauer.« »Ei, ei, und bist berüchtigt wegen philosophischer Ruhe. Alle Bekannten beiderlei Geschlechts nennen dich den kaltblütigsten Verächter weiblicher Reize. Nur ich sehe auf deiner Denkerstirn was anderes geschrieben, doch ich verrate dich nicht.« »Hätt' ich doch so beneidenswert nichtssagende Züge wie der Herr v. Malortie aus Hannover!« »Der mit Kusine Lienchen kokettiert? Das läßt tief blicken! O du Zwiespalt der Natur, edler Herr v. Örindur.« »Dein unzarter Wink, fluchbeladene Seherin, schießt vorbei. Frauenzimmer wittern überall Herzfehler, auch bei den gesündesten Herzklappen.« Doch eines Winterabends erschien er bei Kessels in langer Wollenweste und mit großkarrierten, blaugrauen Beinkleidern, ähnlich den satirischen Zeichnungen zu Dickens' Romanen, dabei aber das üppige Haar herabgekämmt, mit düster leidender Miene wie ein Titelkupfer zu Byrons sämtlichen Werken. »Frisur à la Melancholie ? Hinreißend!« Helene klatschte in die Hände, der Gesellschaftskreis sparte nicht mit Witzen, die er still und gottergeben hinnahm. »So muß ich dich festhalten für die Ewigkeit. Sitz' ruhig, ich konterfeie dich ab.« Helenes Stift entwarf von ihm eine niedliche Karikatur. Als am anderen Tage die Verlobungskarte von Komtesse Bohlen einlief, die sich dem eleganten Herrn v. Malortie versprach, ging ihr ein Licht auf. Sie lächelte schmerzlich: So 'n bißchen unglückliche Liebe is doch gar zu schön! Die schöne Lina aber lachte den gratulierenden Vetter unbefangen an: »Siehst, Otto, auf andere Leute mach' ich einigen Eindruck, das merke dir, alter Grobian.« Laß fahren dahin! Doch wer selbst die Angebetete täuschen kann, bringt's noch weit in Verstellungskunst! dachte er bitter. Noch ist nicht Hopfen und Malz verloren zum Diplomaten. – Der Studiosus Bismarck stand in seinem sechsten Semester. Er hatte das vierte und fünfte auch verbummelt und dem großen Rechtslehrer Savigny keinen Anlaß gegeben, auf ihn mit günstigem Auge zu schauen. Jetzt auf einmal begann er zu büffeln mit einem Eifer und einer Schnelligkeit, die eine wunderbare Fähigkeit zur Konzentration verriet. Er verkehrte oberflächlich mit Kommilitonen oder jungen Offizieren und führte das übliche Lotterleben eines Jünglings von guter Familie, wobei er es zu bedeutender Virtuosität im Gähnen brachte. Einen etwas merkwürdigen Verkehr pflegte er mit einem Studenten hoher Semester, der soeben sein Examen machte. Rudolf Schramm fühlte in sich Seelenverwandtschaft mit St. Just, dem blondlockigen Johannes des bleichen Messias Robespierre, und das dringende Bedürfnis, die Menschheit zu beglücken, womöglich auf gütlichem Wege der Guillotine. Begreiflicherweise nicht offen aus sich herausgehend, ließ er doch Otto gegenüber sich los beim Glase Wein um Mitternacht bei Lutter \& Wagener, wo sich damals noch alle Schauspieltragöden und verbummelten Genies herumtrieben und sich die Stammtische von Callot-Hoffmann, später Grabbe und Heine zeigten. Schramm schwelgte in düsteren Winken über eine künftige deutsche Revolution, bis Otto ihn unterbrach: »Liebster, Sie strotzen bis zum Rande von französischen Tiraden, wie ein gewisses wenig wohlriechendes Gefäß von Sevresporzellan. Doch rate ich Ihnen, behutsamer zu sein, Sie können nicht viel Schoppen vertragen. In vino veritas! « »Vor Spitzeln werde ich mich schon hüten!« brauste jener auf mit giftigem Blick. »Hoffentlich ist das keine Anzüglichkeit, sonst müßte ich Sie ohrfeigen«, versetzte Otto bedächtig. »Bei mir fällt alles in einen tiefen Brunnen. Aber es gibt Neugierige in öffentlichen Lokalen, die gern zuhorchen.« »Bah, wegen privater Äußerungen akademischer Natur, politischer Theorien verfolgt man niemand. Die Zeit der Demagogenhetze ist vorbei.« »Sehr wahr, und das beweist, daß unser verrufener Polizeistaat noch lange nicht mit Spionen des hochseligen Dionys von Syrakus oder gar des seligen Robespierre konkurriert. Sonst ständen Sie längst im schwarzen Buch und ich auch wegen Umgangs mit übel berüchtigten Individuen. Sie machen Ihr Staatsexamen und lernen dabei alle Konventsreden auswendig, aber das würde Ihnen bei unserer erzliberalen Bureaukratie nichts schaden, eher nützen, weil man Sie für einen vielversprechenden Anhänger halten würde, der eine Verfassung wünscht.« »Sie etwa nicht?« forschte Schramm mit lauerndem Blick. »O doch! Nur find' ich komisch, wenn man Geschehenes und obendrein bei einem fremden Volke mit ganz anderem Temperament als Rezept für alle Fälle ansieht.« »Es gibt nur ein Allheilmittel: Blut und Eisen!« deklamierte Schramm mit dumpfer Stimme. »Zugestanden. Doch wer mit dem Schwert sündigt, wird durchs Schwert umkommen. Fragt sich nur, wer die Eisenpillen schlucken muß. Wie endete denn Ihre berühmte Revolution? Mit der Säbelherrschaft.« »Wir haben gelernt und werden uns solche Musjös Bonaparte vom Leibe halten.« »Wie wollen Sie das anfangen, wenn er die Feldherrnuniform am Leibe hat? Bei uns muß alles gesetzmäßig gehen, wir würden sicher beim ersten Stadium stehenbleiben, aus unserer Nationalversammlung erwüchse doch nie ein Konvent.« »Falsch! Die Reaktion wird dann Gewalt brauchen, Blut wird fließen und dann – –« »Und dann kommt alles anders. Wir sind keine Franzosen. Na, nichts für ungut! Ihr Wohl! Wie war's gestern in der Oper?« – – »Herrje, Otto!« faßten ihn zwei junge Männer ab, als er am Kastanienwäldchen vor der alten Universität herumspazierte und ein juristisches Pensum memorierte. »Bist du's, Fritz, alter Schlangentöter?« Den Spitznamen trug sein Vetter, Graf Bismarck-Bohlen, weil er mal eine Kreuzotter zur Strecke brachte. »Und du, Ulrich? Wie lange nicht gesehn!« Dies war ein Herr v. Damitz-Milzow aus Mecklenburg, ein Schulfreund aus den Kinderjahren. »Wo kommst du her?« »Zu Besuch bei Thaddens, die du wohl kennst? Nicht? Intim mit Puttkamers-Reinfeld, die dir sicher von euren pommerschen Gütern her bekannt? Auch nicht? Sehr herzliche Herrschaften, tief gemütlich, wie du es liebst, alter Kerl.« »Ich? O ich habe mich sehr verändert. Gemütlichkeit ist eine Zier, doch weiter kommt man ohne ihr.« »Ja, ich habe von Fritz hier gehört, du bist in Göttingen ein schreckliches Licht gewesen. Einen Schmiß hast du auch.« »Dabei geht's ganz gemütlich her, das mein' ich nicht. Aber ich bin schon wieder verberlinert und elend blasiert.« »Ach laß dir nichts vorreden! Wenigstens in puncto amoris immer noch –« Fritz, der Graf, sagte Damitz etwas ins Ohr und lachte. »Nich mal ein ordentliches Verhältnis hat er, kein Küchendragoner und kein Konditorfräulein kann sich rühmen: er geht mit mir; keiner jungen Dame macht er mit unanständigen Absichten den Hof, von anständigen ganz zu schweigen.« »Laß mich zufrieden mit der Fopperei!« brauste Otto ärgerlich auf. »Ich habe keine Zeit für schmierige Chosen, muß ins Examen steigen.« »Weidmannsheil nebst Hals- und Beinbruch! Gratuliere voraus zum Durchfall!« Bohlen klopfte ironisch mit der Reitgerte seine eleganten Stiefel ab. »Den Aktenstaub, den du ansammelst, möcht' ich auch sehen. Du heißt ja der große Schwänzer. Dunklem Gerücht zur Folge sollst du mal einem Kolleg beigewohnt haben. Deine übrigen Kollegstunden hältst du im Treptower Park ab oder in den Rüdersdorfer Kalkbergen oder am Müggelsee ... rudern, reiten, jagen, boxen, fechten sind deine adeligen Passionen. Auch stehst du im Verdacht, Verse zu machen.« »Das ist schlimmer als ein Verbrechen, das ist ein Fehler, sagte der selige Talleyrand«, versetzte Otto kühl. »Oder hier: schlimmer als eine Verleumdung, eine falsche Gloriole. Ich wollt', ich könnte es. Doch ich bin ganz schuldlos.« »Nanu! Moritz Blanckenburg hat dich doch auf der Potsdamer Pfaueninsel ertappt, wie du im Boot aus einem Buch Verse deklamiert hast.« »Lenaus ›Schilflieder‹. Nichts für dich, mein Söhnchen. Was wäre übrigens dabei? Prinz Wilhelm hat auch Verse gemacht an seine Jugendflamme, die Radziwill.« »Potztausend! Ein so strammer Soldat, von dem die Leute sagen, daß er in Uniform zu Bette geht.« »Die medisanten Berliner quasseln viel. Denen ist nichts heilig ... nicht mal meine unbefleckte Jungfräulichkeit im Musendienst, nicht mal mein guter Ruf als nüchterner Rechtsbeflissener.« »Na abwarten! Ich lach' mich tot, wenn du je Referendar wirst. Übrigens verbreitet Moritz auch mit tiefer Trauer, daß du in deinem Kämmerlein unbändig schmökerst ... unsittliche Belletristik.« »Bei Moritz ist alles unsittlich, was nicht in der Bibel steht.« »Ja, du bist ein ungläubiger Heide. Schmökern ist ja soweit ganz nett, z. B. Romane von Graf Sternberg und Gräfin Ida Hahn-Hahn ... die sind freilich sehr überspannt.« »Ach, das ist die!« mischte der ehrliche Damitz sich ein. »Belle warst de, triste bist de, Belletriste.« »Mit solch faulen Witzen bringen die Berliner jeden um. Aber für sentimentalen Weiberschund hab' ich keine Zeit. Da les' ich noch eher das Zeug von einem gewissen Gutzkow.« »Herrgott, der ist ja geächtet vom Deutschen Bundestag!« schrie Damitz auf. »Ein ganz rabiater Kerl.« »Ach wirklich?« Otto machte ein unschuldiges Gesicht. »Bei aller schuldigen Ehrfurcht vor dem hochmögenden Deutschen Bund, allzuviel verbieten ist ungesund. Laßt doch die Leute schreiben! Bellende Hunde beißen nicht. Übrigens, wer die Feinde will verstehn, soll in Feindes Lande gehn. Wie soll ich denn die Demokraten begreifen, wenn ich nicht ihre Bücher lese? Tröste dich aber, ich lese fast nur Englisch und Französisch.« »Auf der Schule hast du schon immer geschwärmt für den göttlichen Shakespeare«, erinnerte sich der gute Damitz, der durchaus nicht das Pulver erfunden hatte. »Da gehst du wohl viel ins Theater?« »Gott sei bei uns! Da stolzieren die Könige auf Stelzen, die Staatsmänner sind lauter feierliche Poloniusse und die Helden wie Bramarbasse. Ich will mir doch den Dichter nicht verhunzen lassen, das spiel' ich mir selber in meiner Stube vor.« Bohlen schüttelte den Kopf. »Du wirst täglich verrückter. Sei doch nicht so schrecklich exzentrisch! (Neues Wort in den Salons, merk' dir das.) Der jöttliche Devrient –« »Gut gebrüllt, Löwe! Theater und Konzerte sind hier der Menschheit große Gegenstände. Na adjes, ich muß nach Hause.« »Wie befinden sich deine verehrten Eltern?« erkundigte sich Damitz. »Da drüben am Opernplatz habt ihr gewohnt, dicht neben der katholischen Kirche. Dort war es immer so nett. Und was macht Walwine?« »Danke der Nachfrage. Eine junge Dame mit Gardemaß. Wird dir allergnädigst auf den Kopf herabblicken. Besucht uns doch beide, man wird sich freuen.« – Berlin war damals noch nicht durch die Ära Schinkel unter dem nachfolgenden kunstsinnigen Monarchen verschönert. Nur die ehrwürdige schlichte Vornehmheit der Schlüterschen Bauten, das Brandenburger Tor, die Gebilde Rauchs belebten das eintönige und ziemlich ärmliche Stadtbild, dessen sparsame Spießbürgerlichkeit so recht zum Wesen des regierenden dritten Friedrich Wilhelm paßte. Auf der Charlottenburger Chaussee rasselten wenig Equipagen, Kremser fuhren bis Spandau, Omnibusse bis Schöneberg und Köpenik, der feine Westen endete »am Karlsbad«, weiter draußen weideten allzu ländlich Ziegen und Schafe zwischen Kohlfeldern. Auf der Wilmersdorfer Heide stand kein einziges Haus, und es hätten sich dort Räuberbanden ansiedeln können, wie auf der Schwarzen Heide ( black heath ) bei London. Charlottenburg lag weit jenseits des Berliner Weichbildes, und in Moabit sagten die Hunde ohne Maulkorb sich gute Nacht. Im weitgedehnten und von wenig Reitwegen durchzogenen Tiergarten galten Apolloplatz, Goldfischteich und Umgebung der Rousseauinsel als romantisch verschwiegene Tummelplätze für verliebte Stelldicheins. Unter den Zelten lustwandelten Paare und löffelten saure Milch. Kahnfahrten nach Pichelswerder, wo man Aal grün mit Gurkensalat servierte, und andere »Landpartien« standen hoch im Kurs als verfeinerter Lebensgenuß. Bei Kranzler aß die schöne Welt ihr Eis in eleganter Biedermeiertracht, die Uniformen konnten an Häßlichkeit nicht übertroffen werden, die Damentoiletten würden wohl auch nicht einen Schönheitspreis bei internationaler Konkurrenz errungen haben. Die Armut kam hier entschieden von der Pauvreté, schmucklose Lustschlößchen adelten sich durch echtdeutsche Namen wie Bellevue und Monbijou. Aber die Herrensitze in der Wilhelmstraße sahen würdig aus, die Feldherrnstatuen auf dem Wilhelmsplatz mit den Rasenspalieren verkörperten kräftig das altpreußische Kriegertum; das Mobiliar in den Häusern hatte eine gediegene Vornehmheit, die Umgangsformen waren gebildet, höflich, von guten Sitten, die ästhetischen Tees mit Butterbrot verzichteten auf rohe Abfütterung und lieferten dafür gratis den reinsten Zucker geistreicher Konversation. Von den großen Männern der Befreiungskriege ging ein Teil dahin, doch über Preußens Heer gossen immer noch lebende Namen eines Clausewitz, Boyen, Grolman, Müffling einen Schimmer des Ruhms, hohe wissenschaftliche Bildung lebte im Generalstab fort. Hegel, Humboldt, Schleiermacher wirkten in diesem alten Berlin, etwas von Fichtes Geist war noch zu spüren, Naturwissenschafter wie Ehrenberg und Mitscherlich begannen hier den Ausbau ihrer Forschungen. Selbst in der Militärjustiz wehte ein humaner Hauch durch das Wirken des hochverdienten Generalauditeurs Friccius, des Erstürmers des Grimmaischen Tores. So konnte kein Vernünftiger es den Berlinern verargen, daß sie von der Bedeutung ihrer Stadt eine hohe Meinung hatten, wenngleich in Kunstdingen das Isarathen des eigenartigen Bayernkönigs Ludwig eifersüchtig dem Spreeathen den Rang ablief. Von dem geistigen Leben Berlins spürte freilich Otto Bismarck nicht viel, für ihn gab es keine Salons der Humboldt und Varnhagen, so wie ihm später ähnliche Mittelpunkte zur Zeit von Stahr und Fanny Lehwaldt verschlossen blieben. Seine Geburt und Familie beschränkten ihn wesentlich auf Kreise des niederen Adels, wo zwar ein gewisses Maß von ästhetischer Bildung damals noch zum guten Ton gehörte, aber sehr mit Maß. Allerdings darf man an jene vornehme Zeit, wo man wenig Geld, aber viel Geist, wenig Geschmeidigkeit, aber viel Charakter hatte, nicht die heutige Krämerelle anlegen. Der Schwager des Königs, Prinz Karl von Mecklenburg, seines politischen Zeichens starrer Reaktionär, las bei Hofe Goethes »Iphigenie« vor, das sagt alles. In den Kreisen des jungen Bismarck aber drehte sich der Lebensinhalt wesentlich um Beamten- und Militärhierarchie, gewürzt durch höfische Intrigen. Diese Kümmerlichkeit trat jedoch in seinem Elternhause nicht so grell hervor, da Vater und Mutter, beide in ihrer Art, keine Herdenmenschen waren. – – »Wirf dich nur rasch in Wichs! 's ist nicht mehr viel Zeit bis zum Diner«, trat ihm auf der Schwelle des Korridors ein hochaufgeschossenes Mädchen entgegen. Er küßte ihr kluges energisches Gesicht. Das war seine Schwester Malwine, an der allein er mit aufrichtiger Liebe hing. Heut war der 24. Februar, der Geburtstag seiner Mutter. Noch lange mußte es dauern, bis die entlaubten Kastanienbäume ihre weißen rotpunktierten Blüten streuten, noch duftete es nicht Unter den Linden. Die frostige graue Luft drückte wohl beklemmend auf sein Gemüt, alles kam ihm so verdrossen und abgestanden vor. Ekel, schal und unersprießlich! dachte er mit der üblichen Hamlet- und Wertherstimmung jedes jugendlichen Idealisten, der sich ein wenig die Hörner ablief und schon das Wiederkäuen satt hat. Das blickt so melancholisch wie der Dänenprinz, obschon man keinen Vater zu rächen und sich nicht für den faulen Staat Dänemark zu sorgen braucht. Eben das wünschte man sich, und daß man so unbedeutend als fünftes Rad am Wagen nebenher rollt, das ist der wahre Sitz des Übels. Der Ichschmerz nennt sich Weltschmerz und findet etwas faul im Staate Dänemark, wenn man selber faul ist. Als er seiner Mutter vor dem Diner die Hand küßte, seufzte die noch immer schöne Frau: »Das liebste Geburtstagsgeschenk wäre, wenn du nicht durchs Examen fällst, wie leider zu erwarten. Du machst uns schwere Sorgen.« »Uns? Bleibe bei dir, Minchen!« Der joviale Papa klopfte dem Sohn auf die Schulter. »Darüber laß dir man keine grauen Haare wachsen. Du kannst die langen Beene noch lange unter Vaters Tisch strecken.« »So verziehst du ihn immer«, schmollte Frau v. Bismarck und tadelte mit spitzem Ton: »Unsere Finanzen stehen nicht mehr so glänzend infolge deines liebenswürdigen Mangels an Sparsamkeit.« »Na, rede man nich!« Ehe ein ehelicher Zwist am Festtage entbrannte, begann glücklicherweise schon die Gratulationscour. Lauter Beamte und Offiziere. Beim Diner dachte Otto an seine Kindheit zurück. Zu solchen Familienfesttagen holte ihn aus der Schülerpension der Jäger ab. Bismarcks gaben's nobel und steckten ihren einen Bedienten in Jägerlivree mit Federhut. Dann gab es ein Festessen mit ziemlich den gleichen Personen wie heut, sozusagen erbangesessenen Hausfreunden. Einige der alten Herren mit dem Ordensstern hatte schon jene Jakobinerversammlung von Würmern verzehrt, die Hamlet dem Polonius in Aussicht stellt. Die Überlebenden schlemmten noch heut in Kaviar, Hummer, Gänseleberpastete, Champagner, allen Leckerbissen der üppigen Bismarckschen Tafel. Die Offiziere, damals junge Leutnants und Rittmeister, meist von des alten Bismarcks früherem Regiment, den Karabiniers, waren jetzt im Laufe der zehn Jahre nur selten zu Majoren aufgerückt. Als solche würden sie wohl verschimmeln, und brachte es einer zum Obersten, so konnte er reichlich Großvater sein. Otto musterte mit mitleidig verächtlichem Lächeln diese illustre Versammlung von Nullen. Von Göttingen trug er die studentische Geringschätzung des Philisters mit, und verdienten etwa nur ehrsame Bürger diesen Titel und nicht auch hochbetitelte Staatsdiener? Am schnurrigsten kamen ihm die greisen Würdenträger vor, die ihre uralten Bonmots und Historien vorbrachten. »Da hätten gnädigste Frau sehen sollen, wie Prinzeß Luise indigniert den charmanten Kopf tournierte und den Roturier lorgnettierte. Ihre Kgl. Hoheit hatten dabei ein Air, wie die hochselige Prinzeß Amalie, des großen Königs gnädige Schwester, höchstdero Fasson hatte une charme, une grace – tout à fait distinguée . Ich war damals junger Kavalier beim corps diplomatique – hélas, les jours de fête sont passés .« Dieser Zug erinnert mich an meine früheste Jugend, spöttelte Otto in sich hinein. Wie der alte Knabe noch schlingt und kaut! Damals zog mich nach dem Diner, wenn man mich als gesättigt fortschickte, die Kammerjungfer beiseite, die mich bemutterte, und stopfte mich mit Baisertorte voll. Wie stehlen doch all diese Domestiken, die Lakaien halbleere Weinflaschen, die Zofen Kuchen und Dessert! Das frißt an jeder hochadeligen Wirtschaft. Ach, mein guter Vater ist ein Verschwender, ich auch, das liegt im Blute. Damals hab' ich mir meinen kindlichen Magen verdorben, diese großen Kinder tun's noch heute. Das ist nun das Leben. Nachdem die Gesellschaft sich verabschiedete, saß Frau v. Bismarck in ihrem Boudoir, wo prächtige Kleider und schön gebundene Bücher als Geschenke des Tages unter allerlei Nippsachen bric-à-brac umherlagen. Das Zimmer duftete nach Maiblumen, weil die Dame diese Blume besonders liebte, die so früh im Jahre nur durch künstliche Treibhauszucht mit schwerem Geld erworben werden konnte. Für Bismarcks war nichts zu teuer. Der alte Rittmeister und Gutsherr besaß nur die natürliche Gleichgültigkeit eines Grandseigneurs für den Mammon, ohne daß er im geringsten den äußern Schein liebte. Offene Hand und offene Tafel, leutselige Wohltätigkeit und Gastlichkeit, und wenn seine bäuerlichen Untertanen und Pächter nicht pünktlich ihren Tribut entrichteten, stundete er eben, solange sie wollten. Freunden pumpte er bis zum Jüngsten Gericht, und Standesdünkel haßte er mit der ganzen Schlichtheit eines echten Blutadels uralter Herkunft. Die Bürgerliche hingegen, die geborene Mencken, protzte gern mit Prachtaufwand, spielte die große Dame der Gesellschaft und führte ein strenges Regiment. »Wilhelmine ist klug, sehr klug,« urteilten ihre Freundinnen bei jedem Kaffeeklatsch, »aber Gemüt hat sie nich für einen Silbergroschen. Und helle ist sie, die richtige Berlinerin, aber mittemang janz verschroben, glaubt an Geisterseher und solchen Schmuß.« – Als sie jetzt ihre Familie um sich versammelte, trat der harte kalte Zug in ihrem Gesicht auffallend hervor. »Ich will nur hoffen,« begann ihre Gardinenpredigt dem versammelten Kriegsvolk die Leviten zu lesen, »daß unser Haus nicht noch einen Knacks bekommt durch deine allzu philanthropische Gutmütigkeit, lieber Mann, und deine Extravaganzen, Otto.« Der ältere Bruder Bernhard, ein guter Junge, bedeutete nichts, und von der Tochter Malwine, bei der sich der klare lebhafte Mutterwitz durch väterliches Gemütserbteil erwärmte, war ja am Ende nichts zu erwarten, als daß sie einen standesgemäßen Freier erkiesen werde, so begütert wie möglich, aber sicher kein großes Kirchenlicht, mit dem man Staat machen konnte. Dazu standen die Bismarcks nicht hoch genug, um auf eine besonders glänzende Partie für die Tochter des Hauses hoffen zu dürfen. Eine Ballschönheit erblühte in Malwine auch gerade nicht, die etwa einem höheren Standesherrn den Kopf verdrehen könnte. Da blieb nur Otto, auf den diese ehrgeizige Mutter Hoffnungen setzte, die für sie bei Lebzeiten sehr unbefriedigt blieben. »Ach, Karlineken, na warum denn nich!« summte der leichtherzige Papa. »Otto schlägt nicht aus der Art, wir Bismarcks waren immer forsche Kerle, die sich wenig drum scherten, was die Basen und Muhmen über sie zeterten. Mir ist einer lieber, der auf Nebenwegen über Stock und Stein trottet, als die stieseligen Bengels von heute, wo jeder in gleichem Schritt und Tritt ängstlich auf der Landstraße marschiert. Alle Wege führen nach Rom, und was ein richtiger Gaul von gutem Gestüt ist, findet schon immer heim zum Stall. Um Otto ist mir nich bange.« Dabei sah er seinen stattlichen Jüngsten mit liebevoller Zärtlichkeit an. Seine ohnehin gutherzige Natur entfaltete ein Übermaß von Selbstlosigkeit diesem Sprossen gegenüber. Dessen Göttinger Schulden zu bezahlen machte ihm eine Herzensfreude, und er wurde nicht müde, von den achtundzwanzig Duellen erzählen zu hören. Seltsamerweise stieß aber diese »Affenliebe« den Sohn ab, erschien ihm unmännlich. Seine spröde Art, die sich nur selten anschloß und über äußere Kameraderie nicht herauskam, vergalt dem Vater nicht durch Erwiderung einer hingebenden Ergebenheit. Verdrossen und mürrisch, wie sein ernüchterter Seelenzustand sich ausbildete, kehrte er auch dem guten Alten gegenüber nur Stacheln hervor, launische Gleichgültigkeit, ironische Verbissenheit. Gleichwohl hatte er im Grunde seines Herzens ein anhängliches treues Gefühl für seinen Erzeuger, während er seine Mutter nur achtete und fürchtete, zuletzt auch herbe kritisierte. »Sie ist niemandem gut,« beichtete er seiner Vertrauten Malwine, »warum sollte ich ihr gut sein?« »Sie ist doch unsere Mutter«, entsetzte sich die weibliche Empfindung. »Und ich ihr Sohn. Mit mir will sie nur Ehre einlegen, deshalb soll ich so viel lernen, nicht des Lernens wegen, sondern um irgendwas Großes zu werden. Ich will aber nicht groß sein, habe gar nicht das Zeug dazu. Solche Mutterliebe ist nur Selbstsucht, für die ich nicht zu danken brauche.« Mit solcher Gesinnung hörte er ungeduldig den Ermahnungen zu. »Ich war entsetzt über die tudesken Manieren, die du aus Göttingen mitbrachtest. C'est dégoutant. Das haben wir dir ja wieder abgeschliffen. Du ziehst dich wieder anständig an wie ein Sohn aus gutem Hause, und ich bin enchantiert, daß man von Saufen und Raufen nichts mehr vernimmt. Auch die Karten, des Teufels Bibel, scheinst du zu meiden. Aber arbeiten tust du nicht, wenigstens jetzt erst, wo es vermutlich zu spät ist. Du wirst dein Examen nicht bestehen, und dann haben wir die Bescherung. Ich begreife nicht, wie ein Sohn von mir, ein Enkel meines Vaters, ein solcher fainéant ist. Der richtige Landjunker, der bloß den Stammbaum seiner Pferde und seinen eigenen kennt!« Das geht auf Vater! dachte Otto zornig. Sie soll uns Bismarcks in Ruhe lassen. Die Welt wird nicht anders, wenn man auf die Kirchtürme steigt und Mordio schreit. »Otto ist aber kein Faulpelz«, trat Malwine kräftig für ihn ein. »Er liest riesig viel, und wenn er sich bei den Pandekten mopst, wer tut das denn nicht!« »Sage mir, was er liest, und ich sage ihm, wer er ist!« fuhr jedoch die weise Dame, halb Parze, halb Minerva, fort, mit jener glatten Beherrschung der Sprache, die oft einen Mann in Erstaunen setzt. Daß sich mit der Erbweisheit des weiblichen Geschlechts, einer überlegenen Klugheit und Einsicht, die der Mann erst erwerben muß durch bittere Kämpfe, doch andererseits eine ordinäre Konventionalität mischt, errät erst der Frauenkenner eines späten Alters. Auf einen Jüngling wie Otto wirkte die mütterliche Lehrhaftigkeit teils einschüchternd, teils erbitternd, da nur einem erfahrenen Mann die nötige ritterliche Ironie zu Gebote steht. »Malwine hat mir berichtet, du liest besonders Shakespeare und Goethe – exzellent! Überhaupt sage ich nichts gegen schöne Literatur. Die göttliche Poesie« – sie sagte »göttliche«, nicht »jöttliche«, und hatte einen gut Berliner Abscheu gegen Berliner Dialekt, der ihr pöbelhaft dünkte – »veredelt das Gemüt.« Derlei Gemeinplätze glitten ihr glatt von der Zunge mit einer Salbung, als habe sie soeben den Stein der Weisen verschluckt. »Allein der Mensch lebt nicht vom Geist allein.« »Sondern von jeglichem Brot, das aus dem Mund Gottes gehet«, ergänzte Otto boshaft, und zwar mit biederernster Betonung. »O ciel, quelle horreur! Wie oft bin ich aigriert durch deine respektlosen Ausdrücke über die heiligsten Dinge! Soll ich mehr erschrecken oder mehr zürnen über deinen völligen Unglauben? Du lästerst Bibel und Christentum, du mißachtest die Religion deiner Väter.« »Na gestatte mal!« mischte sich der wackere Rittmeister a. D. ein. »Deiner Väter ist gut. Welche Religion meine ehrwürdigen Ahnen hatten, will ich lieber nicht untersuchen. Was aber den Vater betrifft, meine unwürdige Person, so habe ich mit Otto nie über solche Dinge gesprochen. Religion ist Privatsache, mein' ich. Meine Wenigkeit baut auf einen gütigen Gott, und wo der residierte, weiß ich nicht, ist mir auch schnuppe. Aber da er ist – das fühle ich –, so muß er äußerst barmherzig sein, sonst wäre er nicht allweise. Und was ein elender Mensch ›glaubt‹, interessiert ihn sicher so viel, wie mich die Gedanken einer Ameise.« »Ameise! Da haben wir's! Pantheismus! Schon Schleiermacher war nicht frei davon. Und du, Otto, wie ich aus Bemerkungen Malwines entnehmen konnte, bist pur et simple Pantheist.« »Und wenn schon!« Otto stand auf und reckte sich. »In dem Glauben kann man auch selig werden. Ameise – da kommst du mir gerade recht! Wenn die Lehre von der Wiedergeburt stimmt – mir schien sie immer vernünftig und logisch – dann möcht' ich als Ameise wiederkommen.« »Herrgott im Himmel!« Bruder Bernhard war außer sich, Malwine lachte, Frau v. Bismarck hob die Hände gen Himmel: »Und warum als Ameise, wenn ich fragen darf?« »Weil sie alles das hat, was mir fehlt: unermüdliche Arbeitsamkeit, für die Arbeiten das einzige Vergnügen und das wahre Leben ist, und unbedingte Anhänglichkeit an den Staat mit selbstverständlicher Aufopferung.« Eine Pause trat ein. Vater Bismarck sah etwas dumm aus, die Mama aber erstaunlich klug, indem sie ihren ungeratenen Sprößling lange ansah. Ihr untrüglicher weiblicher Instinkt hatte etwas begriffen. »So, so!« machte sie gedehnt. »Das wünschest du dir? Was der Mensch sich wünscht – suchet, so werdet ihr finden – wir wollen das Beste hoffen. Doch Pantheismus, weißt du, ist vieux jeu . In meiner Jugend war es Mode in der guten Gesellschaft. Fichte, Schelling, die Brüder Schlegel zur Zeit ihres Unglaubens – doch das alles ist altmodisch. Heut ist en vogue in den besten Kreisen ein aufgeklärtes Christentum. Und wer da nicht mitmacht, schädigt in hohem Grade seine Karriere.« »Nu aber raus! Faß' dich man an die eigene Neese, Minchen!« prustete der alte Bismarck los, dem die weihevolle Salbaderei zu viel wurde. »Das jeht mir doch übers Bohnenlied und die sogenannte Hutschnur. Du selber jehst ja grundsätzlich nie in die Kirche.« Frau v. Bismarck war teils die duldende Märtyrerin der Arena vor wilden Tieren, teils die erstarrende Medusa. »Sprich doch nicht von solchen Mysterien!« schmachtete sie, wobei aber ihr Auge einen gefährlich metallischen Glanz hatte. »Das geht doch leider über deine Begriffe. Sprach nicht der Heiland, es komme die Zeit, wo man nicht in Tempeln anbetet, sondern im Geist und in der Wahrheit?« »Sehr richtig,« fiel Otto ein, »deshalb begriff ich nie, warum die Pfaffen sich auf Christus berufen. Überhaupt, was da alles in den Evangelien steht, die ich genau gelesen habe –« »Mein Sohn, gib der Kirche, was der Kirche ist, und Gott, was Gottes ist. Die Unerleuchteten bedürfen der Kirche. So auch du. Ich bin mystische Christin. Wenn du reifer wirst und Thomas a Kempis liest, vor allem Zschokkes »Stunden der Andacht –« »Da mußt du mir verzeihen, Mutter. Die hab' ich in deiner Abwesenheit mal von deinem Büchergestell entlehnt und scheußlich studiert. Mir ging ein Mühlrad im Kopf herum, und ich rief mit der seligen Madame Roland: O heilige Logik, wieviel Verbrechen begeht man in deinem Namen! Das ist weder Fisch noch Fleisch, weder Christentum noch Pantheismus, nichts als Verzückungen des Autors, die sich für Paulinische Briefe ausgeben. Da ist mir ehrlicher Atheismus verdaulicher.« Da rief Frau v. Bismarck in höchstem Zorn: »Hebe dich fort von mir! Du störst die Kreise meiner Seele. Ja, daß ihr's nur wißt, ich lege Zeugnis ab: Ich glaube an Swedenborg, an die Seherin von Prevost und Herrn Doktor Justinus Kerner, an Cagliostro und Mesmer. Die Geisterwelt ist nicht verschlossen, wie Goethe so herrlich singt. Dir aber, mein unglücklicher Sohn, empfehle ich reuige Einkehr in deine sündige Seele ... und wenn du so in der Weise über Christum redest, wirst du nie Kabinettsrat werden, das prophezeie ich dir.« Als Vater und Sohn von dannen gingen, legte ersterer bedeutungsvoll den Finger an die Stirn. »Sie haben nu mal lange Haar, die lieben Frauen. Kurzer Verstand – das will ich nicht sagen. Aber die Jeister, die sie sehen, werden sie ihr Lebtag nich los. Ich möchte man bloß, Mutter könnte so 'n bißchen geistersehen, was aus dir werden wird, mein lieber Kronensohn.« Und er umarmte seinen Liebling. Der ging gerührt von dannen und faßte gute Vorsätze, seinem guten Alten Freude zu machen, vor allem aber seiner Mutter zu imponieren. »Nu jrade nich! Durchs Examen rasseln, damit sie wieder ihre Litanei hersagt? Das wollen wir doch erst mal sehen.« – Zu allgemeinem Erstaunen bestand er sein Staatsexamen. * »Na, nu bist du also Kammergerichts-Auskultator!« Der alte Herr v. Bismarck zündete sich eine neue Pfeife an, als ob er das Kalumet der Indianer vor jeder Beratung rauchen wolle. Denn es fand eine Art Familienrat statt, was aus Otto werden solle. Da waren Mutter, Bruder, Schwester. Bruder Bernhard schlug mehr nach dem behäbigen biedern jovialen Papa, die begabte Schwester Malwine nach der klugen ehrgeizigen Mama. »Besondere Konnexionen haben wir nicht, viel Chancen für rasches Avancieren hast du nicht.« »Nun, einige Beziehungen hätte ich doch!« flocht Frau v. Bismarck ein. »Mein Vater hat als Kabinettsrat unter drei Königen gedient, und ich bin am Ende doch in Hofkreisen aufgewachsen.« »Na ja, Majestät geruhen dich ›Minchen‹ zu nennen, weil ihr als Kinder mitsammen spieltet«, lachte der Alte. »Aber mein seliger Schwiegerpapa stand im Geruch von starkem Liberalismus, und da weht doch jetzt ein ganz anderer Wind.« »Ich bin stolz darauf,« versetzte die stattliche Dame, »daß der große Freiherr v. Stein den Vater als rechtschaffenen erzliberalen Beamten bezeichnete. Ich hoffe, meine Kinder werden dem Andenken ihres Großvaters Ehre machen und in gleichen Bahnen wandeln. Nichts ist so vulgär und ungebildet als Junkerei. Das merke dir, Otto, und vergiß nicht: deine Mutter ist bürgerlich.« »Na, verjunkern soll der Junge nich!« rief der Herr v. Bismarck und schlug sich auf die Schenkel. »So was wie Standesvorurteile jibt's nich bei uns. Versteht ihr, Kinder, dann hätt' ich ja auch Muttern nicht geheiratet, als die Verwandtschaft über Mesalliance schrie. Natürlich, Order muß pariert werden, Disziplin muß sein, darin bin ich alter Offizier, nur aber kein fauler Dünkel auf Geburtstitel. Wenn ich schon so was höre! Ach wat, geboren sind wir alle. Aber, um praktisch zu reden, der Adel hat nun mal seine Vorteile für den Staatsdienst.« »Jawohl,« fiel Mama eifrig ein, »und weil Otto so begabt ist, ist mein Ideal, daß er in die Diplomatie eintritt.« »Dazu gehören Moneten«, machte der Alte bedenklich. »Und daran haben wir Bismarcks keinen Überfluß. Otto muß eben die gewöhnliche Laufbahn durchmachen, bis er zu höheren Stellen aufsteigt.« Der junge Bismarck schnitt ein saures Gesicht. »Das dauert sehr lange. Von Mamas Vorfahren her und vom Großvater mag ich wohl Sitzfleisch geerbt haben, doch in deiner Linie, Papa, waren wir alle Landwirte und Soldaten.« »Um Gottes willen, nur nicht Soldat!« Frau v. Bismarck schüttelte unmutig den Kopf. »Das ist die schlechteste Karriere in Friedenszeiten.« »Das stimmt«, seufzte der Vater. »Und wir werden wohl keine Kriege mehr erleben, auch Otto nicht. Heut im Zeitalter der Aufklärung und Liberalität«, betonte er wichtig, »wird alles vernünftig im Frieden geregelt. Und is wohl auch gut so. Übrigens hast du ja schon ein teures Geld verstudiert und willst doch wohl nicht umsatteln. Da bleibt nichts übrig als Eile mit Weile, langsam und fleißig als Jurist oder Beamter zu höheren Staffeln aufklettern.« »Hat man nicht Vorbilder an Leuten wie Pommer-Esche und Delbrück?« mischte der Bruder sich ein. »Solche musterhafte Beamten bringen es immer zu hohen Ehren. Mama dachte auch schon an Arbeit für Otto im Ressort des Deutschen Zollvereins.« »Und Mutter kann Otto doch an Minister Ancillon empfehlen, den sie von Großvater her kennt«, gab die kluge Schwester dem Gespräch eine praktische Richtung. »Das werde ich tun, obschon – Ancillon hat so merkwürdige Ansichten. Neulich hat er den Fürsten Felix Lichnowski als feinsten Typ eines Diplomaten empfohlen, er, der ehemalige evangelische Theologe, und Lichnowski hat katholische Neigungen und etwas freie Sitten. Freilich ist er politisch aufgeklärt und liberal wie alle Gebildeten, und das ist die Hauptsache. Nur nicht reaktionär! Ich hoffe nie zu erleben, daß meine Kinder den veralteten überwundenen Standpunkten zuneigen. Nur nicht gegen den Zeitgeist sich auflehnen!« »Na, der pp. Zeitgeist is ooch jrade nich mein Schwarm!« Der Alte zuckte die Achseln. »Aber wahr is: man muß mit den Wölfen heulen. Verstehst de, Otto, bleibe du man königlich-preußisch bis in die Knochen, aber dabei sei vor allem ein humaner liberaler Kerl, der all seine Nebenmenschen achtet und sich nicht faulen Zauber einbildet wie die Junker von anno dunnemals. Die Bescherung haben wir erlebt bei Jena. Fortschritt muß sein, das Volk muß seine Rechte haben, das verlangt die höhere Bildung; alle höheren Beamten und Militärs sind dafür eingenommen.« »Gewiß«, schloß Frau v. Bismarck feierlich die Unterhaltung. »Der selige Freiherr v. Stein, Fürst Hardenberg, die Feldmarschälle Gneisenau, Boyen und Grolman leuchten noch heut als heilige Vorbilder. Eine gewisse dunkle Strömung am Hofe, die Seine Majestät den König unheilvoll beeinflußte –« »O Gott, Mutter!« flehte Bruder Bernhard ängstlich. »Wenn man dich hörte! Du sprichst wie ein Demagoge, und Otto ist ohnehin schon so furchtbar liberal!« »Maul halten, Junge!« wies ihn der Alte unwirsch zurecht. »Die hochselige Demagogenhetze ist so ziemlich vorüber. Das gute Recht zum Räsonieren darf man keinem deutschen Mann verkürzen, diese Turner und Studenten waren 'n bißchen grün, aber ehrliche Kerls, die nichts Böses im Schilde führten. Und ich sage mit Mutter: Otto, mach' was du willst, nur werde mir kein muffiger Reaktionär! Das führt heut nur auf den Holzweg, wo man den Hals bricht.« * Der Auskultator Otto v. Bismarck machte also dem Minister Ancillon seine Aufwartung, der ihn ziemlich kühl empfing. »Ihre verehrte Frau Mutter empfiehlt Sie mir mit dem Wunsche, Sie in die diplomatische Laufbahn einzuführen. Wie steht es mit den Sprachen?« »Ich spreche ziemlich perfekt Französisch und Englisch.« »Das ist ja gut. Oft gibt Kenntnis des Französischen, besonders in schriftlichem Stil, den Ausschlag. Doch, ehrlich gestanden, unser preußischer Landadel hat seine Schwächen, die für diplomatischen Dienst nicht taugen, besonders der märkische. Eine gewisse Lust am Frondieren muß wohl noch aus den Zeiten der Quitzows stammen. Man kritisiert recht unbefangen, hat aber selbst die empfindlichste Epidermis und sträubt sich als Edelmann, Standesgenossen als gebietende Vorgesetzte über sich zu sehen.« »Gestatten Exzellenz, beim Militär –« »Das ist ganz was anderes. Daran ist man seit Friedrich Wilhelm I. gewöhnt, und da kann man auf der langen Stufenleiter wenigstens die eigenen Untergebenen rüffeln, wenn man von oben her einen Schnauzer erhält. Das fällt in der Diplomatie fort. Außerdem, in der Armee darf man so preußisch-provinziell sein wie möglich, da ist's eher ein Vorzug, doch als Diplomaten braucht man sozusagen Europäer. Und Sie werden mir zugeben, mein junger Freund, daß unsere Junker sich nicht gerade einer internationalen Bildung befleißigen. Offen heraus gesagt, es fehlt an weltmännischem Schliff, an Verständnis für außerpreußische Verhältnisse. Sie wollen etwas sagen?« »Ich wollte mir die Frage erlauben, ob es damit zusammenhängt, daß man so selten in der Rangliste höherer Staatsmänner altpreußischen Namen begegnet?« »Aber ja! Abkömmlinge auswärtiger Diplomaten sind erwünscht, die haben mehr höfische Gewandtheit und, savez-vous , weniger angeborene blöde Untertänigkeit gegenüber dem eigenen Hofe. Das macht unsicher. Ferner läßt sich nicht verkennen, daß standesherrliche Abstammung den Diplomaten ziert. Ein hochtönender Titel wirkt immer. Auch ausländische Namen sind begehrt. Ich erinnere an die Grafen Oriola und Perponcher, an Herrn v. Savigny.« Sein eigener Name hatte ja auch den richtigen Refugié-Anklang. »Sie lächeln, Herr Auskultator?« »O ich meinte nur – vor Jena hatten wir ja auch den Marchese Luchesini. Der hat uns herrlich weit gebracht.« »Hm, nun ja!« Der Minister nahm eine Prise. »Aber er schrieb so gut Französisch, das ist unschätzbar, solange alle Gesandtschaftsberichte ad regem französisch sein müssen. Schon wieder bemerkte ich bei Ihnen ein Lächeln?« »Exzellenz halten zu Gnaden, aber Hotelportiers parlieren mit gleicher Leichtigkeit. Sicherheit im Französischen und hohe Geburt ersetzen doch wohl nicht politische Befähigung. Ich meine unmaßgeblich: wenn ein tüchtiger Staatsmann ein kerniges Deutsch mit der Welt redete, würde man ihn sehr gut verstehen.« »Ach, das sind so jugendliche Illusionen!« rief Ancillon ärgerlich. »Ja ja, ich merke auch bei Ihnen das Besserwissen, wie ich es bei preußischen Edelleuten im Amte perhorresziere. Eh bien , ich will Ihnen was sagen: machen Sie zuerst Ihr Assessorexamen, dann werden wir Sie vielleicht bei den Geschäften des Zollvereins unterbringen, und so könnten Sie wohl allmählich in unsere deutschen Gesandtschaften eintreten, etwa in Hannover, da Sie ja in Göttingen studierten. Mit Aussicht auf größere europäische Posten in Paris, London, Petersburg, Wien kann ich Ihrer jugendlichen Zuversicht nicht schmeicheln. Derlei wird Ihnen wohl ewig verschlossen bleiben, dazu braucht man Grandseigneurs von hohem Rang, großem Vermögen und internationaler Salontournüre. Gott befohlen, Herr Auskultator, und grüßen Sie von mir Ihre verehrte Frau Mutter!« Der Minister winkte mit der Hand, die Audienz war zu Ende. Nachdenklich schritt der Jüngling die Treppe hinunter und pfiff ein Reiterlied durch die Stockzähne. Zum Teufel, ja! Blütenträume reifen selten, Bäume wachsen nicht in den Himmel, der nicht voll Geigen hängt. Man muß schlecht und recht auf hergebrachten Gleisen wandern, und wird einem der Schneckengang zuwider, kann man ja immer noch austreten. * »Herr Rat verzeihen, aber ich kann mit der Sache nicht fertig werden!« Der zwanzigjährige Auskultator hatte nun vier Monate am Kriminalgericht protokolliert, wobei die Untersuchungen des Jahres 1835 sich besonders geeignet zeigten, die Moralität eines so jungen Menschen zu fördern. Homosexualität blühte schon damals bis in sehr hohe Kreise hinauf, und die umfangreichen Akten eines solchen Monstre-Prozesses wurden zuletzt vom Justizministerium eingefordert und nicht zurückgegeben. »Was wollen Sie! Seine Durchlaucht Fürst Wittgenstein sind, wie man sagt, gegen öffentliches Aufdecken dieser traurigen Dinge!« raunte der Rat v. Brauchitsch seinem jungen Auskultator zu, dessen schnelle und leserliche Schreibart zumeist in den Protokollen prangte. Verschleppt und niedergeschlagen, das läßt tief blicken, pfui Teufel! dachte der durchaus keusche und geradezu antierotische Jüngling, dessen gesunde Bärenkraft wohl dem Bacchus, doch gar nicht der Venus huldigte. Und nun, zur Behandlung von Zivilsachen ans Stadtgericht befördert, bekam er ausgerechnet für Ehescheidungen ein Dezernat unter Leitung des ewig schlaftrunkenen Rates Prätorius, den er diesmal wieder aus der Siesta in seinem Amtszimmer weckte. Der alte Herr sah ihn böse an. »Achjottedoch, die Herren vom Adel sollten doch lieber beim Militär bleiben!« Die bürgerlichen Beamten empfanden fast alle einen zeitgemäßen Haß gegen alle Junker, wie er seit den Befreiungskriegen in der gesamten Bürgerschaft herrschte und bei jeder Gelegenheit unangenehm hervorbrach. »Es ist verdrießlich, Herr Referendarius, wenn man sich nicht ein bißchen zu helfen weiß.« Im Terminszimmer lispelte Rat Prätorius das hadernde Ehepaar an, ohne daß dieses Vernunft annahm, und diktierte dann hochtrabend: »Nachdem die dem Gebiete der Moral und Religion entnommenen Gründe erfolglos blieben, wurde weiterverhandelt.« Worauf er den Referendar anschnauzte: »Nun merken Sie sich künftig, wie man das macht.« Solche fehlschlagenden Sühneversuche und Scheidungsklagen mochten freilich die Menschenkenntnis bereichern, nicht aber die lebensfreudige Stimmung. Bei Bagatellprozessen mit Vernehmung von Zeugen beauftragt, vermehrte der junge Herr seine juristische Schulung durch kräftige Entladungen seiner Ungeduld. »Herr, nehmen Sie sich in acht!« donnerte er einen ungebärdigen Zeugen an, »oder ich lasse Sie hinauswerfen!« »Herr Referendar,« berichtigte der Richter hinter seinem hölzernen Gitter, »das Hinauswerfen ist meine Sache!« Worauf jener das Kreuzverhör mit der Drohung fortsetzte: »Ich werde Sie durch Herrn Stadtgerichtsrat hinauswerfen lassen!« Gelächter des Publikums, Stirnrunzeln des Richters, doch das unverfrorene Machtgefühl des jugendlichen Juristen ließ sich nicht bändigen, seine Stentorstimme erfüllte den Raum. – Um die unbefriedigende Langeweile seiner dienstlichen Tätigkeit zu würzen, machte Otto viele Besuche in vornehmen Häusern und ging oft in Gesellschaft, ohne aber Geschmack daran zu gewinnen. »Wie hast du dich amüsiert?« frug seine Schwester, die leidenschaftlich tanzte und auch dem Kokettieren nicht abhold schien, nachdem er beim russischen Gesandten Ribeaupierre seinen ersten Eintritt in die »große Welt« gemacht. »Middling«, antwortete er gähnend. »Die grand monde ist ziemlich klein.« »Tu' doch nicht so blasiert! Sind die russischen Herrschaften nicht lieb?« »Ja. So 'ne Mischung von Juchtenleder und Pariser Parfüm. Ein ganz exotischer Duft, wenigstens was Apartes in unserer zivilisierten Hausbackenheit und bombastischen Politesse. Gute Manieren haben bloß Engländer und Russen.« Seine gesellschaftlichen Sitten hatte er gut abgeschliffen und bewegte sich auf dem Parkett als eleganter Tänzer, doch blieb ihm dabei jede erotische Regung fern, weder Ausschweifung noch sentimentale Jugendeselei verlockten ihn. Seine Leidenschaften gingen nach ganz anderer männlicher Richtung. In den Ferien, schon zu seiner Gymnasialzeit, bildete er sich auf dem Pommerngute Kniephof zum sicheren Schützen und tollkühnen Reiter aus, so daß sein würdiger Vater, der alte Rittmeister, seine helle Freude daran hatte. »Der sitzt im Sattel wie Pluvenal, Stallmeister des vierzehnten Louis, oder wie Hilmar Cura, der Friedrich dem Großen das Reiten lehrte.« Wie ein englischer Squire haßte Junker Otto das Stadtleben. »Ach reden Sie nich, Harry!« fuhr er einen guten Bekannten an, den jungen Grafen Harry Arnim, mit dem er seit Kinderjahren liiert war. »Für Süßholzraspler wie Sie mag dies allens ganz nett sein. Sie scharmuzieren mit die Damens, davon nährt sich Ihre schöne Seele. Unsereins, ein simpler, nüchterner Landmann, will was zu präpeln haben, wenn er bis 3 Uhr nachts tanzen soll. Ist das eine Art, die Gäste verhungern zu lassen!« Es war auf dem Ball eines kleinstaatlichen Gesandten, der es für vornehm hielt, Bälle ohne Speise und Trank zu arrangieren. »Ich lebe nicht von Luft und Liebe, sondern von Butterbrot! So here goes! « Er zog plötzlich eine riesige Butterstulle hervor, drückte mimisch die Leiden eines leeren Magens aus und verzehrte diese Selbstbeköstigung mit feierlichem Nachdruck inmitten des Saales, worauf er auf französisch Abschied nahm. » Fic donc, mon cher «, lispelte der junge Arnim, ein sehr schöner Jüngling von romantischem Äußeren, Ladiesman bis zur Fußzehe. »Man wird Sie nie mehr einladen.« »Wenn schon! Ich bin es satt, satter als von einem Butterbrot, die ewige Medisance mit anzuhören. Lauter böswillige Impotenz, viel scheinbare, doch keine wirklich gute Erziehung, Knixe und Reverenzen, doch keine Politesse du coeur , wie wir sie bei uns auf dem Lande pflegen. Ne, Mahlzeit!« » Il est absolument fou! « murmelte der geschniegelte Graf Harry, indem er sich aufs neue mit unvermindertem Eifer in den ungefütterten Balltrubel stürzte. Auf einem Hofball, zu dem er als Altadeliger Eintritt erhielt, erschien der junge Jurist aber doch. Neben ihm stand ein Kollege, Auskultator v. Schack, ein Mecklenburger von gleicher Körperlänge. Beide standen sechs Fuß in ihren Schuhen. Soeben machte eine ähnlich hohe Gestalt die Runde. Man hatte Maskenkostüme gewünscht, und dieser hohe Herr wählte die Tracht des Kurfürsten Friedrich I., des Gründers der Hohenzollerndynastie. »Prinz Wilhelm!« murmelten die Umstehenden, als der schöne Mann die Reihen durchschritt und etwas Cour abhielt, liebenswürdige und wohlwollende Begrüßungen und Bemerkungen austauschend. Die mittelalterliche Ausstaffierung stand ihm über die Maßen gut, sein offenes männliches Gesicht trug einen freundlich gewinnenden Ausdruck. Da stachen ihm die zwei baumlangen Juristen ins Auge, deren Auskultatoruniform über ihren Stand nicht in Zweifel ließ. Etwas in der Miene Jung-Bismarcks fiel ihm auf. Er grüßte huldvoll auf dessen tiefe Verbeugung. »Ihr Name? – Ah, von den Bismarcks! Eine sehr alte gute Familie. Na, die Justiz scheint ihre Rekruten nach Gardemaß anzuwerben. Warum nicht Soldat?« »Königl. Hoheit verzeihen – das Avancement ist dort zur Zeit sehr ungünstig und schwierig.« »Das ist wahr. Brillant ist die Karriere nicht. Aber bei der Justiz geht's auch langsam. Ich hoffe Sie mal wiederzusehen, Herr v. Bismarck.« Otto sah ihm nach: wär' wohl ein rüder Quitzow gewesen, ein rechtes Rauhbein, doch dem Hohenzoller hätt' ich jede Burg geöffnet. * Nach Aachen versetzt, fuhr er die rheinische Bergstraße hinauf und machte in Wiesbaden Station. Auf der Promenade im Kurgarten hob er einen Fächer auf, der einer vornehm aussehenden Engländerin entfiel, und beantwortete ihr kühlhöfliches » Thank you « mit einem Kompliment in englischer Sprache. Sie stutzte, und seine weltmännische Keckheit gefiel ihr. »Sie sprechen gut englisch, Sir . Das trifft man selten hierzulande. In England glaubt man, alle Deutschen sprächen Englisch, aber ich finde das nur bei Hoteliers und sonstigen Angestellten. In der guten Gesellschaft kennt man nur Französisch.« »Das ist Pflicht, das Englische nur Liebhaberei.« »Ah! Lieben Sie das Englische?« »Wie sollte ich nicht!« verbeugte er sich mit einem vielsagenden Blick. »Sie sind gewiß ein Gentlemann von guter Familie? Aber gewiß, das sieht man.« Sie prüfte seine Erscheinung sehr ungeniert durch ein Lorgnon, worauf er sich in aller Form vorstellte. Sie nickte huldvoll. »Ich bin Miß Russel und dies ist meine Nichte, Isabella Loraine.« Ein schönes Mädchen neben ihr errötete leicht und ergänzte: »Tante und ich sind auf der Durchreise hier, wir gehen nach Italien, wo Lord Russel uns erwartet. Waren Sie schon dort?« »Noch nicht, das sparen wir Deutschen uns für unsere Hochzeitsreise auf«, lachte er, sich tief verbeugend. »Darf ich die Damen eine Strecke begleiten?« Es wurde eine sehr lange Strecke. Die englischen Damen fanden sichtliches Vergnügen an ihm, verabredeten einen Ausflug in den Taunus und beglückten ihren Kavalier mit vieler Liebenswürdigkeit. Isabella Loraine ließ sich auch erweichen, am Piano mit süßer Stimme falsch zu singen. Man wurde gefährlich sentimental bei britischen Volksliedern. »O'r the blue mountain, over the white seafoam Come thou, beloved one, to thy lonely home!« klang die schwermütige Weise, und Otto malte sich aus, wie er so gern über Berg und Meer zu einer so blonden Dame seines Herzens in das einsame Heim einer altenglischen Burg im Tudorstil einziehen möchte, in die Kemenate ihres jungfräulichen Herzens. Doch er fiel aus allen Himmeln, als Miß Russel gnädig bemerkte: »Wie schade, daß Sie kein Brite sind! Es muß doch peinlich sein, nicht einer großen Nation anzugehören!« Er bekam einen roten Kopf. »Erlauben Sie, der Zahl nach dürfte die deutsche Nation wohl die größte sein, die russische ausgenommen.« »O Himmel ja, auch die chinesische ausgenommen!« flötete sie herablassend. »Das mein' ich natürlich nicht. Aber wir Engländer und die Franzosen waren doch immer die ersten in der Welt.« »Immer? Ich bitt' um Verzeihung.« »Oh!« Sie rümpfte die Nase und brach spitz ab: »Ein deutscher Baron wird uns wohl nicht über englische Geschichte belehren. Komm herein, Isabella, die Terrasse wird kühl, und wir wollen den Herrn nicht länger aufhalten.« Miß Loraine sagte nichts und warf ihm flüchtig einen zarten Blick zu. Doch der Flirt ging zu Ende, und sie nahm das wohltuende Bewußtsein mit, im Herzen dieses armen stattlichen Foreigners eine unauslöschliche Flamme entzündet zu haben. Bei Tische ließ sie mal ihre Serviette absichtlich fallen und verlangte sein Taschentuch, und als er es verblüfft der Gebieterin reichen wollte, drückte sie ihm hastig die Hand durchs Taschentuch, in das sie hineingriff unter dem Vorwand, sich die Finger abzuwischen. Als die Damen abreisten, gütig und herablassend beim Abschied, begriff er, was ein englischer oder amerikanischer Flirt »ohne weiteren Zweck« bedeutet und nun gar einem untergeordneten Ausländer gegenüber. Also wir Deutschen sind Menschen zweiter Klasse, während jedes englische Männchen und Weibchen von uns mit Ehrfurcht umworben wird! Um seine Herzenswunde zu verbeißen, becherte und würfelte er mit Offizieren im Kursaal auf Leben und Tod bis zum Morgengrauen. Aber da war er geheilt, sein patriotischer Ärger erstickte die grüne Jugendeselei. * Referendar Bismarck saß am Schloß von Heidelberg und leerte seinen Schoppen edeln Rüdesheimer mit jenem Verständnis für süffigen Rebensaft, der ihm von jeher eigen blieb. Die Linden dufteten, doch ihm war nicht minneselig und lenzduselig zu Sinn, sondern er schnitt ein grimmiges Gesicht und schlug mit der Faust auf den Tisch. »Ich will dir was sagen,« wandte er sich an einen ehemaligen Kommilitonen, den er als bemoostes Haupt in Alt-Heidelberg wiederfand, »vor der alten Schloßruine sollte jeder Deutsche einen Kniefall tun und die Rechte zum Schwur erheben. Diese Mordbrennerhorde von Franzosen! Nicht vestigia leonis , sondern Tigerkrallen! In Speier hat man die nämlichen Reliquien an die Franzosenzeit. Das muß alles heimgezahlt werden mit Gottes Hilfe.« »Ach nee!« gähnte der andere gleichmütig. »Der liebe Gott tut was er will, und deine Hilfe wird er wohl auch nicht brauchen.« »Das hab' ich nicht gesagt, wir kleinen Leute können nur hoffen, daß mal ein Großer kommt. All das Unrecht ist noch ungesühnt, das dieser Erbfeind uns antat jahrhundertelang.« »Und wer war schuld daran als wir selber? Du hast ja historische Kollegien besucht, ich nicht, aber so viel weiß ich doch, daß die Bayern immer zu den Französischen hielten, und gar erst die Rheinbündler nachher unter Napolium.« »Das ist ja eben die deutsche Affenschande. Aber das ist gottlob vorüber. Jetzt stehen die Deutschen besser zueinander. 1836 ist nicht 1806.« »Wer's glaubt! Im Süden schwärmt man immer noch für die Franzosen. Und das ist doch wirklich eine große Nation, uns weit voraus.« »Was?« fuhr der Märker auf. »So 'n bißchen Französ'sch is doch jar zu scheen! Ich sage dir, ich lass' mir nichts vorreden. Wir, wir sind erst recht ein großes Volk und den windigen Welschen weit voran, wenn wir's nur verständen. Paß auf, wir erleben's noch, daß Deutschland in die Höhe kommt. Glaubt' ich das nicht, so möcht' ich lieber gleich zum Teufel fahren!« »Fahr' ab! Es steigt der Kantus: Als der Sandwirt von Passeier Innsbruck hat mit Sturm genommen. Prosit, Andre Hofer!« Und der deutsche Michel sang mit schmetternder Stimme: »Ließ er gleich drei Dutzend Eier und drei Dutzend Schnäpse kommen!« Das ist so wunderlich, wenn dir die deutsche Nation im Magen liegt! Die wartet nicht auf dich. Was geht's dich an! Den Karren zieht kein Engel aus dem Dreck!« »Daß laß man gut sein. Wird schon mal einer aufstehen, der mit dem Deibel abfährt!« »Ach, Herr Bruder sind ein unverbesserlicher Optimist!« lachte der Bemooste. »Die Schwarzrotgoldenen werden den Kohl wohl auch nicht fett machen!« »Nein, die nicht! Doch vielleicht gibt es andere Wege.« Der Märker sah starr in die Ferne, auf seiner Stirn grub sich über der Nasenwurzel eine tiefe Falte ein. »Na adjes, ich muß morgen nach Aachen weiter!« »Aachen? O weh!« Der Bemooste zwinkerte mit den versoffenen Schweinsäuglein. »Die Bäder für gewisse Leiden!« »Laß das dumme Zeug! Ich habe mit so was nichts zu schaffen.« »Immer noch der keusche Josef? Na, nichts für ungut! Handelt sich wohl um Staatsstreberei?« »Habe mich zur rheinischen Regierung versetzen lassen, wo man den Kursus in zwei Jahren absolviert, bei uns in Altpreußen dauert's ein Jahr länger.« »Ach, könnt' man auch so die Semester abkürzen! Willst wohl hoch hinaus?« Der Referendar stand auf. »Weiß ich's? Auch Umwege führen nach Rom!« »Gottes Segen, Sela, Amen! Strebsamer Jüngling, wenn du erst an der Staatskrippe sitzest, da wirst du auch viel Wasser in den Wein schütten und den deutschen Herrgott einen guten Mann sein lassen. Deutschland wird weiter schnarchen, wie der famose Dichter Heine singt, und sein Erwachen erleben wir beide nicht. Prost! Ich komme dir die Blume und werde dir einen Bierjungen anhängen, alter Herr!« »Ein andermal. Adieu!« – – Der Präsident, Graf Arnim-Boitzenburg, empfing seinen neuen Beamten wohlwollend. »Seien Sie willkommen! Mein Neffe Harry, der Sie ja seit Kindesbeinen kennt, hat mir viel Schönes von Ihnen erzählt. Etwas Original, wie? Nun, das gibt sich mit den Jahren. Ihr Übergang zur Verwaltung nach der bloßen Juristerei wird Ihnen wohltun. Sie treten so in den inneren Kreis der Staatsmaschinerie ein, in wahrhaft bedeutende Verhältnisse, etwas eigenartige allerdings, denn hier spukt der weiland französische Präfekturgeist. Wir werden gottlob damit fertig. Im übrigen finden Sie hier ein bewegtes, internationales Leben im Badeort, das einen jungen Mann lebhaft anziehen wird. Sonst bietet freilich Aachen nichts.« »Ich meine doch ... das Grab Karls des Großen.« »Historische Reminiszenzen?« Der Präsident maß diesen sonderbaren Schwärmer mit mißtrauischen Blicken. »Leiden Sie öfters daran, mein junger Freund? Karl der Große selig liegt nun wirklich so lange im Grabe, daß wir ihn als Sage betrachten dürfen wie den hochseligen Barbarossa im Kyffhäuserberg. Um Auferstehung dieser alten Herrschaften kümmert sich ein kgl. preußischer Beamter am besten gar nicht, Träume sind Schäume. Also, Herr v. Bismarck, ich werde Sie beim Abteilungsdirigenten einführen, dessen Ressort ich Sie eingliedere, und begrüße Sie freundlich als Mitglied der hiesigen Regierung.« – Otto Bismarck hatte sich's nicht nehmen lassen, das legendäre Grabmal zu besuchen, sogar mehrmals. Sein Abendspaziergang führte immer an dieser geweihten Stätte vorbei. Der Mondschein spielte auf dem Platz, der von seinen festen Tritten widerhallte. Mancherlei Gedanken gingen ihm durch den Kopf. Kaiser Karl war ein Genie, ohne Zweifel, obschon ein grausamer Gewalthaber und im Privatleben nicht tadelfrei. Seltsam, daß fast alle großen Männer dem Laster zuneigen. Da war z. B. Peter der Große, wirklich groß, doch als Mensch ein großes Schwein. Mir ist so etwas unbegreiflich und gegen die Natur. Der Mann hatte doch ein unerschütterliches Ideal, dem er alles opferte: Die Idee Rußland. Sogar den eigenen Zarewitsch brachte er diesem Götzen zum Opfer. Götzen? Gibt es Göttlicheres als die Hingabe an die eigene Nation und ihre Größe? Nun, der Franke Karl hat deutsche Kraft hoch erhoben, aber sie auch geschwächt. Wozu germanisches Herrenblut zu den Galliern tragen? Dadurch hat er uns einen kriegstüchtigen Nachbarn beschert, der uns so lange den Daumen aufs Auge drückte. Im Grunde hat die französische Revolution uns genützt, indem sie den blonden germanischen Adel meist aufs Schafott schickte. Jetzt blieben nur die schwarzen Rundköpfe zurück. Die Gallier, händel- und neuerungssüchtig, waren allein nie stark genug, den Rhein gegen die Germanen zu halten. Im Elsaß sitzen echte Alemannen, und die Lothringer sind ein Mischvolk. In Metz, der alten Reichsstadt, mußte ein Ratmann deutschen Geblüts sein von vier Ahnen her. Und wodurch haben wir alles verloren? Durch Verrat von deutschen Fürsten gegen das Kaisertum. Lothringen hat Moritz von Sachsen, Elsaß der Sachse Bernhard ausgeliefert. Das werden wir wohl nie zurückbekommen, seit der Wiener Kongreß uns um alle Siegesfrüchte prellte und Straßburg nicht zur deutschen Bundesfestung erhob. Im übrigen hat uns Karl der Große geradeso geschädigt wie später die Ottonen, Salier und Staufen, indem er dem Phantom eines römischen Cäsarenreichs in Italien nachjagte. Solche internationalen Gebilde haben keinen Bestand, das lehrt die Geschichte, lehrt auch noch Napoleons Empire. Den Charlemagne spielen verbietet sich heut von selbst, wo die großen Völker ihre eigene seßhafte, in sich abgeschlossene Kultur pflegen. Die Rassen fügen sich zusammen schon vermöge der Sprache. Um so mehr ist der Zustand in Deutschland und Italien unnatürlich, alles drängt hin zum Nationalstaat. Aber das ist leichter gesagt als getan. Unsere schwarzrotgoldenen Einheitsschwärmer erinnern an den armen Otto III., der hier am Grabe Kaiser Karls in seiner Phantasie sich gütlich tat. Gott behüte uns vor solchen Romantikern auf dem Throne! Unser jetzt regierender Herr, Friedrich Wilhelm III., ist ja von nüchterner Art, und ich verdenke ihm nicht, daß er die dummen Jungen, die allzu grünen Jungen, der schwarzrotgoldenen Turnerei für bloße Demagogen hielt. Die heutigen sind gefährlicher, lauter verkappte Republikaner! Eine deutsche Republik, daß Gott erbarm'! Kein Land ist weniger zur Republik geeignet als das deutsche. So viel verstehe ich auch noch, so jung und unerfahren ich bin. Der monarchische Sinn lebt tief im Volke. Aber die Fürsten selber – ah, das sind ja lauter Egoisten, die kein Herz haben fürs gemeinsame Vaterland. Wie soll da je die Einigung zustande kommen! Meine Wette mit Coffin verliere ich ohnehin, das sehe ich schon voraus. Diese teutschen Allheilbrüder! Französlinge, die geistig nach Pariser Pfeife tanzen! Als ob unsere deutschen Sitten, Bräuche und Gesinnungen sich mit französischen vergleichen ließen! Dieser welsche Import heißt nur dem gesunden deutschen Mark ein Gift einimpfen, eine fremde Blutmischung, die man von selber abstoßen müßte durch natürlichen Prozeß des Organismus. Hier in Aachen ist das auch eine rechte Schweinerei. Die Kollegien strotzen von Präfektur-Sekretären der weiland napoleonischen Verwaltung, und aus Altpreußen schickt man uns nicht im Staatsinteresse die Tauglichsten, sondern solche, die man gerne abschieben möchte. Worin fährt man denn hier besser als bei den Institutionen der Justiz, die mich zu Tode langweilten? Lauter Zopf und Staatsperücke, endloses Protokollgeschreibsel mit Vergeudung kostbarer Zeit. Man denkt immer an Oxenstiernas Wort: wenn die Welt wüßt, mit wie wenig Weisheit sie regiert wird! Ob's bei der hohen Diplomatie anders steht? Nun, ich kann's nicht ändern und muß froh sein, wenn ich langsam die Treppe hinaufkrieche. Herrgott, erst 21 Jahre alt, noch so ein langes Leben vor mir. Ich muß Schluß machen mit meiner jugendlichen Überhebung und mich bescheiden. – Romantische Illusionen verbrauchen sich selber. Das lernte Otto auch auf jener Bühne, die nicht die Welt bedeutet, wo man sich langweilt, auf der luftigen Bretterwelt des Theaters. In einer kleinen Provinzialstadt wie Aachen darf man von schauspielerischen Kräften nicht viel erwarten. Nichtsdestoweniger nahm er sich häufig eine Loge, wie denn sein Wechsel von zu Hause ihm ein standesgemäßes Auftreten erlaubte und für etwaige Schulden sein nachsichtiger Vater aufkam, der ihn verzog. Aus reiner Neugier, da ihm Flirten mit Theaterdämchen fernlag, ließ er sich mal hinter den Kulissen einführen, um das Völkchen zu beobachten, das so geheimnisvoll hinter dem Vorhang die gläubigen Zuschauer und Zuhörer anzieht. Es geschah nach Aufführung des »Carlos«, für welches Stück Otto sehr eingenommen wegen der darin breitgesponnenen Haupt- und Staatsaktionen. Er mußte zwar lächeln über die unmöglichen Formen, in denen Marquis Posa mit dem schrecklichen König Philipp verkehrt, vor dem die höchsten Granden während jeder Audienz niederknien mußten wie vor einem orientalischen Sultan. Auch heute dürfte ein Monarch wohl jeden Posa, der ihm Anzüglichkeiten ins Gesicht wirft, an die freie Luft befördern und lediglich den Eindruck schlechter Erziehung gewinnen, daß jemand sich erdreiste, die schuldige Untertänigkeit zu verletzen. Aber Otto dachte sich, daß es schön sein müsse, einem angestammten Lehnsherrn ritterlich ins Auge zu sehen und innerhalb der gemessenen gehörigen Formen ihm die Wahrheit zu sagen. Er dachte sich überhaupt mancherlei. So ergriff ihn die Szene Wallensteins mit dem schwedischen Unterhändler, die beim Publikum spurlos vorübergeht, obschon nur sie den Schlüssel zu des unheimlichen Feldherrn patriotisch großdeutschem Hochverrat liefert. Hätte Schiller, der in dieser Entdeckung des wahren Wallenstein, obschon er spätere dokumentäre Belege nicht ahnen konnte, seinen Beruf zum Historiker bekundete, nur nicht dem Geschmack der Menge als Theaterdichter huldigen müssen! Obschon ihm selber Gemütswallungen nicht fremd, empfand Otto das Breittreten der Max-Thekla Affäre als peinlich störend, indem es von der hohen Politik ablenkte. Dieser düstere Kondottiere, der ein deutsches Herz im Busen trug, hatte nicht nur aus persönlichem Ehrgeiz, sondern zu großem idealen Zweck mit Blut und Eisen das zerrissene Deutschland einigen wollen. Und das ging nur mit Winkelzügen und verdecktem Spiel. So viel sah Otto ein, obschon seinem vererbten royalistischen Gefühl der Mannentreue der Bruch des Fahneneids und Abfall vom Kaiser stark widerstrebten. Doch hinter den politischen Kulissen sieht wohl manches anders aus als von vorn, gerade wie beim Theater. Denn als er hier hinten um die Bühne wanderte, sah er Prinzessin Eboli. Ihre ohnmächtige Zerknirschung vor der Königin hatte ihm soeben menschliches Beileid eingeflößt. Hier aber stand sie plaudernd und aß eine Schinkenstulle, wobei sie ziemlich unanständige Witze riß. Ja, ja, so wird's wohl immer im Leben gehen: Wird die Kulisse weggeschoben, so gähnt uns statt himmelstürmender Poesie eine Prosa an, matt und schal zum Übelwerden. – »Ich halte diese Verfügung für drückend und ungerecht«, bekannte einmal der Präsident Graf Arnim offen vor seinem Referendar, der ihm über eine Regierungsmaßregel Vortrag zu halten hatte. »Ich fürchte, sie schadet unserem Prestige in diesen neuen Landesteilen.« »Kann denn eine so hochgestellte Persönlichkeit wie Ew. Exzellenz nicht eine untertänigste Vorstellung dagegen einreichen?« erlaubte sich Otto anzudeuten. »Wo denken Sie hin! Das wäre so viel als meine Stelle wert ist. Ich trage kein Verlangen danach, schon jetzt in den pensionierten Ruhestand zu treten. Nein, mein Lieber, wir müssen uns vielmehr mit allem Eifer dafür einsetzen.« »Gegen unsere Überzeugung?« warf Otto halblaut hin. »Ach, die goldene Jugend! Ein preußischer Beamter hat keine Überzeugung, das wäre gegen die Disziplin.« »Exzellenz werden mich vielleicht komisch finden, aber ich frage: wie soll man das vor seinem Gewissen verantworten?« »Nu sagen Se ooch noch Spickaal!« lachte der joviale Herr. »Solche altdeutschen Scherze lassen Sie sich nur vergehen! Ein kgl. preußisches Gewissen befiehlt nur eins: dem allerhöchsten Herrn zu gehorchen.« Er maß ihn neugierig. »Passen Sie so wenig in die moderne Zeit? Verfügen Sie über solche moralischen Habseligkeiten? Was Sie Gewissen nennen, ist vielleicht nur – schnell fertig ist die Jugend mit dem Wort – nur jugendliche – wie soll ich sagen –.« »Vorlautheit«, ergänzte Otto etwas gereizt. »Exzellenz gestatten mir, ein Gewissen zu borgen, wenn Sie mir selbst ein solches nicht zusprechen. Aber wie kann man ohne Gewissen das Bewußtsein haben, dem Wohl seiner Mitmenschen zu dienen? Diese Voraussetzung ist doch conditio sine qua non . Wie kann man Berufsfreude behalten, wenn man nicht wirklich Nutzen stiftet?« »Ach du lieber Gott! Mein junger Freund, wenn ich Ihre Bedenklichkeiten für unausrottbar ansähe, dann würde ich väterlich raten: Satteln Sie um! Ich machte ohnehin Beobachtungen – Sie sind sehr befähigt, aber sehr zur Kritik geneigt. So was mochte sich einst der Freiherr v. Stein als Luxus gestatten, aber Sie sind nicht Stein, und Sie wissen, wie unsanft er deshalb mit dem allerhöchsten Herrn zusammenstieß.« Der v. Stein ein launenhafter widerspenstiger Staatsbürger sein! erinnerte sich Otto des königlichen Ausspruchs. »Schnüren Sie Ihre Philanthropie als Bündel und werfen es in die Ecke, wie den Schulsack auf dem Gymnasium, den Sie doch auch nicht mehr auf der Schulter tragen. Der Ranzen eines wohlbestellten Beamten führt nicht solches Ballastgepäck. Hören Sie, mein Neffe Harry kommt nächstens her. Ein gewitzter junger Weltmann, das muß man sagen. Der rückt Ihnen hoffentlich den Kopf zurecht«, brach der gütige Präsident mit wohlwollender Handbewegung das unliebsame Gespräch ab. – Der junge Graf Harry, der soeben sein erstes Examen bestand, erschien als eleganter Fashionable auf der Kurhauspromenade, Arm in Arm mit seinem Jugendfreund Otto, den er auf eine abgelegene Bank zog. »Onkel erzählte mir, Sie haben Raupen im Kopf. Sie, der forscheste Korpsstudent, von dem die Witwen und Waisen der Erschlagenen in Göttingen Wunderlieder singen!« »Quatsch' nicht so!« unterbrach ihn der ehemalige Mensurenheld unmutig. »Ich werde im Leben nicht Witwen und Waisen machen, selbst die paar Schmisse gereuen mich. Der öffentliche Unfug liegt hinter mir.« »So ernst und düster wie ein Mohrenfürst? Na also, dann sind Sie ja schon ein wundervoller Berufsmensch im besten Fahrwasser. Da können Sie es weit bringen.« »Ich zweifle, ob ich zum besoldeten abhängigen Staatsdiener tauge. Bei uns muh man jeder Individualität sich entäußern, immer ins gleiche Horn tuten, als Glied einer Kaste durch dick und dünn im ausgetretenen Lehm dahintrotten. Das paßt mir nicht. Herkömmliche falsche Meinungen kann ich nicht teilen, Mißbräuche nicht kritiklos mitmachen. Ihr Herr Onkel ist ein ausgezeichneter Mann ... auch Bassewitz in Potsdam soll so sein ... doch umsonst kämpfen sie gegen ein Unwesen an, die Art unserer Verwaltung, das Herkommen der Vorschriften ist mächtiger als sie. Die Untergebenen hängen wie Pech und Schwefel zusammen, die Obern müssen die Dinge gehen lassen. Vorgesetzte oder Kollegen darf man nicht offen tadeln, und täten sie noch so Unrecht. Warum werden die Behörden schwer bezahlt, da die Subalternen oft lauter unnütze Schreibarbeit verrichten und die Zeit totschlagen! Zeit ist Geld, Arbeitskraft ist kostbar. Aber ich frage mich oft: werden Beamte besoldet, um das Notwendige zu besorgen, oder stellt man sie an, um Geschäfte für sie zu erfinden, damit sie doch etwas zu tun haben?« Der junge Graf nahm die Jeremiade sozusagen offenen Mundes entgegen, als könne er seinen Ohren nicht trauen. So ein vorsündflutliches Rindvieh! »Aber, Otto,« begann er mitleidig, »glauben Sie denn wirklich, man wird Beamter aus abstrakter Vaterlandsliebe? Da muß ich Ihnen eine Laterne aufstecken. Die großen Tiere, die als sogenannte große Staatsmänner Furore machen, kennen doch nur eine Triebfeder: die Sucht, berühmt zu werden und zu kommandieren. Die andern, Dii minorum gentium wollen sicheren Broterwerb, weil ihnen das Kapital fehlt, Kommerzielle zu werden oder sonst was Gutes. Egoismus, mon ami , ist das öffentliche Geheimnis von jedermann und Ihre Skrupel, die Sie so rührend vortragen, sollten Sie sich schon an den Kinderschuhen abgetreten haben. Was geht's Sie an, ob der brave Staat das Geld der Steuerzahler für Beamte verplempert, solange Sie selbst Ihr Gehalt pünktlich beziehen? Natürlich,« beeilte er sich geschmeidig zuzufügen, »halte ich Ihren Pessimismus für übertriebene Grillen eines Hypochonders. Unser ehrenfester Beamtenstand ist hoch erhaben über die Anwürfe der Demagogen, die vielleicht,« sein Auge zwinkerte boshaft, »auf Sie nicht ohne Einfluß blieben. Sie sprachen zu einem wahren Freund im Vertrauen, doch empfehle ich Ihnen, teurer Otto, nicht so unbedacht zu plaudern vor minder liebevollen Beurteilern. Die Welt ist schlecht ... o so schlecht! Sie haben keine Ahnung in Ihrem unverdorbenen Gemüt.« »Harry, Sie haben ja so recht.« Keine Muskel in Ottos männlichem Gesicht zuckte. »Kommen Sie, wir wollen die alte Freundschaft begießen, hier in der Nähe gibt's einen feinen Rüdesheimer.« Er kann wenig Wein vertragen, dachte er. Diesen Hecht muß ich mir mal näher ansehen, wie er im Karpfenteiche zappelt. Harry Arnim, dem sein Onkel auftrug, dem trefflichen tüchtigen Referendar die Mucken auszutreiben, war mit Begeisterung dabei. »Ich gebe zu, Ihre überlegene Weltkenntnis hat viel für sich«, bekannte Otto nach dem dritten Glase Wein, nachdem er von Position zu Position wich. »Die Befriedigung der Eitelkeit ist auch nicht zu verachten. Wenn unsere Brauchbarkeit durch schnelles Avancement gleichsam amtlich ihr Siegel erhielt, wenn man ein wichtiger Mann wird, der alle Scheitel minder Wichtiger im Staube vor ihm sich neigen sieht, so muß dies das Herz erheben.« »Ich habe immer gesagt, mon cher ami , in Ihnen steckt ein wahrhaft nobler Kern«, stieß Harry begeistert an. »Es ist so süß, beneidet zu werden. Und dann die Glorie um die ganze werte Familie, besonders die weibliche. Die Damen überhaupt ... wie lieben die einen einflußreichen Mann! Dies Thema ist unerschöpflich.« Er klemmte sein Monokel ins Auge und lächelte gnädig einige Schönheiten an, die an dem Garten der Weinschenke vorbei promenierten und ihm verstohlen schmachtende Blicke zuwarfen. Er war wirklich schön und gewandt im Umgang mit Frauen, ein gefährlicher Ladieskiller. »Das müssen Sie freilich wissen, ich habe darin keine Erfahrung«, beichtete Otto elegisch. »Wo Sie den Hof machen, da wächst kein Gras. Was ein Häkchen werden will, krümmt sich frühe schon. In Neustettin auf dem Gymnasium hatten Sie Ihr Debüt, das weiß ich noch, die holden Grazien einer wandernden Komödiantenschmiere weihten Sie in die Mysterien der Cythere ein. Orchester war nicht, aber dafür war Graf Harry da, der am Klavier seine Virtuosität zeigte. Übrigens, ohne zu schmeicheln, Sie spielen brillant ... wie wär's, wenn Sie mich, Ihren alten Jugendfreund, mit Ihrer Kunst erfreuten?« Er wies auf ein altes Klavier in der Gaststube. »Was tut man nicht für seine Freunde!« Der schöne Harry schlug die Tasten an. »Ein oller Rappelkasten, schlecht gestimmt. C'est dommage, mais il faut vivre , in der Not frißt der Teufel Fliegen.« Und er spielte hinreißend Mozart ohne Noten. Das brachte ihn in so erhabene Stimmung, daß er Otto umarmte: »Wir beide werden im Leben zusammenhalten. Nur keine dummen Skrupel, das verdirbt den Teint und die Karriere. Immer feste uf die Weste! Oder um mich minder bukolisch auszudrücken, allons, enfants de la patrie ! Parbleu , da ist mir ein gefährliches Zitat entschlüpft. Uns belauscht doch niemand?« Er sah ängstlich umher. »Und Sie, mon très cher werden mich genügend kennen, daß ich nur sozusagen ästhetisch die Marseillaise in den Mund nahm.« »Das soll Ihnen bei mir nichts schaden, lieber Harry. Gewiß kenne ich Sie genügend.« Er goß ihm das fünfte Glas voll. »Weiß der Henker, seit Göttingen kann ich nicht mehr viel vertragen. Doch dieser Stoff ist süffig. Ihr Spezielles! Ja, die Karriere –.« Er sah tiefsinnig in den Römer. »Wissen Sie was, vieux garçon ?« beichtete Harry mit lallender Zunge. »In jedem Vordermann sehe ich einen persönlichen Feind. Nur,« er kniff die schönen Augen zusammen, »darf er's natürlich nicht merken.« Otto lachte aus vollem Halse. »Köstlicher Witz! Wir verstehen uns. Ja, wenn ich so eine Flasche Wein getrunken habe, bin ich ganz geblendet von der tröstlichen Aussicht, vielleicht mal Gesandter oder Minister zu werden. Ein Ziel, aufs innigste zu wünschen! Dann kommt freilich die Nüchternheit, und dann sag' ich mir, das sei Eitelkeit der Eitelkeiten. Was ist da eigentlich für ein Unterschied vom Bankier, der auf seinen Geldschrank protzt, oder vom Dandy, der seinen zierlichen Rock und seine gutgeknotete Halsbinde bewundert – die Ihren, Harry, sind allerdings tadellos. Wer unbefangen die Dinge mißt, sucht doch nicht seinen Wert in der immer zweifelhaften Schätzung der Außenwelt. Wer seine Vernunft beisammen hat, gibt nichts auf das Gerede der Mit- und Nachwelt. Man lebt für sich selbst, und wenn man etwas für recht erkennt und es dann verleugnet, dann sündigt man wider sich selbst.« »Falsch!« schrie Graf Harry, dem der Wein längst zu Kopfe stieg. »Die Ambition ist eine Leidenschaft wie jede andere, und der Mensch lebt seinen Leidenschaften. Darin besteht der ganze Lebensprozeß.« »Wenn es aber eine schlechte Leidenschaft ist!« »So was gibt's nicht. Jede befriedigte Leidenschaft gewährt Sättigung, ist also gut. Wenn ich ein Weib besitze –« Sein Kopf sank vornüber. »Dann wirst du ihrer überdrüssig«, ergänzte Otto kaltblütig. »Und wenn ich meine ganze Unabhängigkeit der törichtesten Leidenschaft opfere, nämlich dem Erfolg durch Examen, Konnexionen, Aktenstudium, Anciennität und Liebedienerei vor den Vorgesetzten, so reizt mich das so wenig wie dich, o Bruderherz, ein ehrliches Glas Wein.« Harry hörte schon lange nichts mehr. Otto goß den Rest der Flasche auf einen Zug hinunter. Und nun bring' ich das saubere Früchtchen zu seiner Schlafmama. Den hab' ich weg, Streber in Reinkultur. Ein echter deutscher Mann kann keinen Franzmann leiden, doch seine Weine trinkt er gern, und wer keinen Wein trinken kann, den betrachte ich als Franzosen. Mißtraut dem Weichling, dem jedes Glas zu Kopfe steigt! Wir Deutschen sitzen leider nicht mehr auf beiden Ufern des Rheins, aber wenigstens trinken wir immer noch eins. Dieser Frauenliebling hier wird sich schon durchpoussieren, glatt wie 'n Aal, und Trente et Quarante spielen, nämlich mit den Weibern im gefährlichen Alter von Dreißig bis Vierzig. Ich seh' ihn schon als Schoßkind hoher Patronessen. Der wird Gesandter werden, am besten in Paris, wenn ich dummer Bärenhäuter noch an den Hungerpfoten subalterner Posten kaue oder schon längst hinausgeworfen bin. Also sann Otto, indem er Harry nach Hause brachte, der ihm ewige Freundschaft schwor, wobei eine Träne in seinen schönen Augen blinkte. Als er die kostbare Ware abgeliefert, machte der Regierungsreferendarius einen langen Spaziergang, wobei er mit seinem Stock wiederholt Fechterstreiche in die Luft führte. Wenn diese selbstgefälligen Affen wüßten, wie ich von dem ganzen Zimt denke! Ja, in einem Verfassungsstaat wie in den angelsächsischen Ländern kann jeder freie Mann sich dem Gemeinwohl widmen und für das politische System kämpfen, das er für zweckmäßig erachtet. Für sein Verhalten ist er nur sich selbst verantwortlich, unabhängig wie im Privatleben. Da mag man Erfolg haben oder nicht, das Streben bleibt immer anerkennenswert. Solche Volksmänner wie Peel, O'Connor, Canning, Fox lass' ich mir gefallen und selbst Mirabeau – auf Revolutionen käme es mir nicht an, solange sie sich in gesitteten Bahnen bewegen. Da wär' ich gern Mitspieler und würde vom Licht neuer politischer Wahrheiten angezogen wie jede andere Mücke. Aber die Zeit für große Erschütterungen ist dahin, Europa will lange ausruhen von Napoleon und Robespierre. Soll ich also die Überlegung ausschließen, daß ich besser anderswo am Platze wäre? Muß man nicht ein großes Vermögen haben, wenn man im Staatsdienst vorwärtskommen will? Sonst kann man nicht anständig in der Gesellschaft auftreten, kann auch nicht die Bürde niederlegen, sobald sie keine Freude mehr macht und mit eigenem Pflichtgefühl in dienstlichen Konflikt gerät. Solcher Konflikt würde bei mir nicht ausbleiben, da mein politisches Glaubensbekenntnis sich durchaus nicht mit dem gouvernementalen deckt. Soll ich etwa einem System regieren helfen, das ich verdamme, zu einer Fahne schwören, der zu widerstreben mir die vornehmste Pflicht jedes Patrioten scheint? Die Unnatur unserer äußeren Richtung, im Schlepptau von Rußland und Österreich, ist mir zuwider. Und da ich mich leider darin kenne, daß ich lieber mehr ausgebe als einnehme, was käme dann eigentlich für mich heraus? Im allergünstigsten Falle, der sich kaum annehmen läßt, würd' ich nach dem 40. Lebensjahr etwa Präsident und könnte mir einen Hausstand gründen. Dann werde ich eine Krankenschwester als Gemahlin engagieren, denn mittlerweile wär' ich vom ewigen Sitzen brustkrank geworden oder hätte Hämorrhoiden oder sonst eine liebliche Zugabe, eingetrocknet von Aktenstaub. Ja, dann hätt' ich was! Den Herrn Präsidenten mag es kitzeln, daß er dem Lande mehr kostet als er ihm je nützen konnte, aber es mag ihm auch wohl der Stachel im Herzen haften, daß er oft nachteilig auf seine Landsleute einwirkt. Das hält er dann für seine Schuldigkeit, weil er unbedachtsam genug die Regierungsmaschine zu seinem Moloch machte. Dafür soll ich Jugend und Lebenskraft hergeben? Ach, es gibt Tausende, die mit Begeisterung den Posten besetzen würden, den ich leer ließ. Wozu denn zwei Beamte in einer Familie! Mein Bruder Bernhard findet Geschmack an dem Hokuspokus, wird nie freiwillig aus dem Amte scheiden und sehnt sich in seines Herzens Kämmerlein nach dem Präsidententitel als Ende seiner ersprießlichen Laufbahn. Damit ist der Familienehre Genüge geschehen. Nun, ich will mir's überlegen. Laß sehn, was die nächsten Jahre bringen! Vielleicht seh ich zu schwarz als Jugendgreis und Hypochonder. Will's mal nachher mit Potsdam versuchen. – – Trotz seiner deutschnationalen Bärbeißigkeit schloß sich Referendar Bismarck besonders gern Engländern an, von denen der Kurort wimmelte, zu deren Sitten er sich hingezogen fühlte. Er sprach so gut Englisch und bewegte sich in so englischer Haltung, daß die Kurgäste auf der Promenade ihn für einen Mylord anglais hielten und dementsprechend mit scheuer Ehrfurcht behandelten. Die Aachener Hautevolee fiel aus den Wolken, als man ihn deutsch reden hörte; der Referendar hörte hinter sich die vernehmlichen Worte: »Ah, das ist nur ein Deutscher!« Seine rosige Gesichtsfarbe ging in ein glühendes Schamrot über, und er wollte sich just umdrehen zu heftiger Aussprache, als ihm einfiel, daß Berliner oder Dresdner oder Münchner ja auch nicht anders dächten. »Der ist nicht weit her!« Ein Landsmann gilt nichts, und wenn er gar mit einem auf der Schulbank saß oder mit ihm Hasen jagte, dann wehe ihm, wenn er was Besonderes sein will! Und siehe da, ein waschechter eleganter Mylord, dem ein Brite den Jüngling vorstellte, ließ sich huldvoll zu ihm herab und fand Gefallen an diesem unverkennbaren Sportsmann, der so gut zu Pferde saß. Einer Einladung zum Lunch folgend, erwies der Märker sich bewandert in allen Feinheiten der Tafelbräuche, aß nicht nur nie mit dem Messer, was damals in allen deutschen Gauen landesüblich, sondern sogar den Fisch mit einem Brotstück in der Linken. Auch kannte er alle Wendungen wie »Pass the butter please!« »May I trouble you for the water?« »May I carve for you?« »Well done or underdone?« Let me drink a glass off wine with you!« Kurz, er war ganz Gentleman, und da beim Briten der Mensch mit dem Englischreden anfängt, erkundigte man sich teilnehmend, ob vielleicht seine Frau Mutter englischen Blutes sei. Obschon er sich so vornehmer Herkunft nicht rühmen konnte, versicherten Seine Gnaden der Herzog von Cleveland gnädig: »Sie, Sir , sind ganz Engländer.« Dies höchste Lob, das einem Sterblichen zuteil werden kann, lehnte leider der Referendar kühl ab, errötend offenbar aus schamhafter Bescheidenheit. »Euer Gnaden sind zu gütig. Ich bin jedoch ganz ein Deutscher.« Das klang wahrhaftig so, als ziehe er dies vor, und staunendes Schweigen folgte so sonderbarem Bekenntnis. Doch da man sich gewiß irrte, da doch kein vernünftiger Mensch sich der seltenen Auszeichnung entziehen wird, einem Briten verglichen zu werden, fiel der Herzog höflich ein: »Die Deutschen sind sehr gute Musiker und der Rhein ist sehr schön.« »Sehr schmeichelhaft!« Otto verneigte sich kühl. »Wir können noch einiges andere als musizieren.« »Ach ja«, bemerkte ein Tischgast ironisch. »Mr. Bulwer widmet seinen neuesten Roman dem deutschen Volk der Denker und Dichter – weil die Londoner Kritiker ihn herunterreißen. Denke mir, es werden bei euch wohl auch nicht alles Denker und Dichter sein.« »Gottlob nein!« rief der Märker ärgerlich. »Wir haben auch Soldaten und Staatsmänner.« »Staatsmänner, verstehe ich recht?« Ein anderer Brite hob spöttisch die Hand zur Ohrmuschel. »Wo sind denn aber die Staaten und wo die Männer? Jedes kleine Fürstentümchen redet ja mit in Ihrem Deutschen Bund.« »Keine Politik bei Tische!« brach der Herzog höflich ab und suchte auf ein anderes Thema überzuspringen. »Herrn Bulwer lese ich nicht, ist mir zu exzentrisch, zu ... Verzeihung, Mister von Bismärk ... zu deutsch. Der Herzog von Wellington sagt von ihm: der Autor kennt die gute Gesellschaft ... von der Hintertreppe her.« »Zweifle, daß unser großer Feldherr was von Literatur versteht«, warf jemand pikiert ein. »Übrigens gehört Bulwer-Lytton v. Knebworth Park zu den allerältesten, vornehmsten Familien.« »Das gebe ich zu,« räumte der Herzog ein, »doch seine politische Gesinnung ist um so peinlicher. Diese Whigs des Adels werden uns noch ins Verderben stürzen, ich als Hochtory verabscheue solch Liebäugeln mit dem liberalen Firlefanz des Kontinents. Hat Mr. Bulwer nicht ein Pamphlet losgelassen ›England und die Engländer‹, worin er Altengland unwürdig herabsetzt?« »Wenigstens preist er preußische Institutionen als viel liberaler und macht sich über unser Snobtum lustig.« »Ein Skandal, schon nicht mehr anständig, fast Hochverrat! Ein Brite, der das Ausland als Vorbild empfiehlt, by Jove , das ist kein Brite mehr.« »Das Komische dabei ist aber,« warf der Deutsche bitter hin, »daß unsere eigenen Liberalen die britische Konstitution in allen Tonarten anbeten als unübertreffliches Meisterstück.« »War sie auch!« bekräftigte der Herzog eifrig. »Doch seit der infamen Reformbill von 1831 geht alles drunter und drüber. Demagogie und kein Ende! Man tritt die heiligen Vorrechte der Peers mit Füßen, man beschneidet noch mehr die Befugnis der Krone. Doch lassen wir dies Gespräch vor einem Ausländer! Trotz alledem bleiben wir für immerdar die erste Nation und regieren die Welt. Das bestreitet ja niemand, auch nicht die vorlauten Frenchmen. Die Deutschen – kenne ich nicht, nur Preußen, Bayern, Hannoveraner. Das sind zu viele Vaterländer für eine Nation.« »Einst im heiligen Römischen Reich,« bemerkte ein angehender Diplomat, der wohl in Oxford historische Vorlesungen hörte, da man sonst von jedem Briten die gesundeste, vollkommenste Unkenntnis aller Kontinentalgeschichte erwarten muß, »spielten die Deutschen ja eine gewisse Rolle. Doch England und Frankreich waren ihnen stets so weit voraus in höherer Kultur.« »Bitt' um Verzeihung!« trumpfte der junge Deutsche auf. »Bis zur Reformation sind nur Deutschland und Italien Kulturträger gewesen. In England beginnt die Hochkultur mit Elisabeth, in Frankreich kaum erst mit Franz I.« Die Briten starrten mitleidig den sonderbaren Schwärmer an. »Seit Jahrhunderten –« »Nun ja, der Dreißigjährige Krieg hat uns zurückgeworfen. Doch heut haben wir's nachgeholt und sind sicher geistig jedem Ausland gewachsen. Sehen Sie unsere Universitäten!« »Viel Bier und Schlägerei!« Der Herzog rümpfte vornehm die Nase. »Oxford, Cambridge, Edinburgh sind doch anerkanntermaßen die ersten Universitäten der Welt, genau so wie unsere Flotte und unsere Armee, die allein den Korsen überwand.« »Da muß ich doch sehr bitten!« Der lange Preuße erhob sich vom Tische, bleich vor Ärger. »Preußenschlachten haben natürlich keine Bedeutung, weil nach Gottes unerforschlichem Ratschluß nur britische Waffentaten gelten. Aber bei uns zu Hause lehrt man, daß Lord Wellington bei Waterloo eklige Prügel bekommen hätte, wenn Blücher ihn nicht aus der Patsche riß. Ich habe die Ehre, mich Euer Gnaden zu empfehlen und meinen verbindlichsten Dank zu sagen.« »Sah aus, als wollt' er boxen, dabei doch gute Formen!« Der britische Hocharistokrat sah dem Jüngling anerkennend nach, der hocherhobenen Hauptes davonschritt. »Wenn mehr von der Sorte in Preußen sind –! Doch ich sage ja: ganz Engländer!« Englische Boxerfähigkeit wenigstens betätigte der forsche Otto bald genug bei öffentlicher Gelegenheit. Als eine Prozession seinen Weg kreuzte, hielt er es als treuer Protestant für überflüssig, Kniebeuge der katholischen Bevölkerung mitzumachen, und zog nicht mal den Hut, da ihn seiner Meinung nach ein fremder Ritus nichts anging. »Verdammter Preiß, wirst du wohl deinen Deckel vom Kopf rucken?« rempelte ihn ein fanatischer Kleinbürger an und wollte ihm mit der Faust den Hut vom Kopfe schlagen. Doch im nächsten Augenblick lag er auf allen vieren in der Gosse, und dem beginnenden Volksauflauf drückte der athletische Junker eine so koriolanische Geringschätzung aus, daß niemand sich an diesen Champion heranwagte. Graf Arnim erhob freilich freundschaftliche Vorstellungen, erteilte ihm einen leichten Verweis, daß er die Würde eines Regierungsvertreters verletzt habe, und war vielleicht froh, als der allzu urwüchsige Referendar nach Ablauf seines Kurses den Fuß wieder nach Norden setzte. Ins Regierungskollegium nach Potsdam versetzt, erwarteten ihn auch dort Ernüchterung und Enttäuschung. Zuvor aber eine ganz andere freudige Überraschung. »Lieber Baron Bismarck! Wir trafen kürzlich den Herzog von Cleveland, der Sie in Aachen kennen lernte. Er sprach sehr schön von Ihnen und weiß, daß sich durch Wohlwollen einflußreicher Personen Ihnen günstige Aussichten auf glänzende Laufbahn eröffnen. Führt ein edler Ehrgeiz als Lotse Ihr Steuer, so werden wir gern aus der Ferne Ihr Wimpel beobachten. Sollten Sie aber zu einem Abstecher in ausländische Meere Lust haben, so würde es uns freuen, wenn Sie ein wenig im Kielwasser unserer Fahrt segelten. Sie haben gewiß Urlaub in dieser Ferienzeit. Unserem Verwandten Lord R. begegneten wir nämlich schon in Como, unerwarteterweise auf Rückreise nach England. Seither führen wir ein Wanderleben. Isabellas Onkel, der bei ihr Vaterstelle vertritt, nahm uns unter seine Fittiche. Neuerdings gedenken wir durch Belgien und Frankreich oder durch die Schweiz uns nach Italien zu wenden. Wenn Sie Ihr Urlaub etwa nach Zürich führen könnte, so würden Sie dort finden sowohl Isabella, die Ihnen sehr freundliche Grüße sendet, als Ihre ergebene Adelaide Russel.« Yours truly! Treulich den Koffer packen und von Arnim Urlaub auf unbestimmte Zeit erbitten, war das Werk weniger Stunden. Hoch klopfte ihm das Herz, als ihn der Züricher See seinem Ziel entgegentrug. Ja, er wollte den Kurs ändern, die Prise zum Beilegen zwingen, bis sie die Flagge strich, kein Ehepirat sollte sie ihm abjagen. Offenbar strich Cleveland ihn heraus, entwarf ein irrig übertriebenes Bild von »Expectations« auf einige gütige Worte Arnims hin. Tante Russel verschloß sich also nicht der Möglichkeit, der angenehme Deutsche sei am Ende eine gute Partie. Der junge Skeptiker begriff sehr gut. Doch warum nicht mit dem Feuer spielen! Und das Wiedersehen gestaltete sich feurig genug. Isabella hing die Purpurflagge zum Liebeskriege aus, errötete über und über. Eine zusammengefundene Reisegesellschaft von Briten, Franzosen, Belgiern freute sich, einen liebenswürdigen Jüngling, der ihre Sprachen beherrschte, kostenlos als Dolmetsch und Reisemarschall zu engagieren. Man reiste wahllos hin und her, Isabella ließ sich nach allen Regeln der Kunst von Otto den Hof machen, spielend entwickelte sich schon Vertraulichkeit, die notwendig Wirrnis bringt, wenn sie nicht zu natürlicher Lösung drängt. Auf solche steuerte Otto mit vollen Segeln los, dachte nicht an Schiffbruch. Leicht vorauszusehende, schwer zu überwindende Nachwehen großer Enttäuschung, die keiner Jugend erspart bleiben, ahnt man nie, bis die Stunde kommt. Bis dahin schwimmt das törichte Herz in der bekannten Seligkeit. Der blonde Engel verschmähte es mit dem ganzen Stolze Albions, ein Wort Deutsch zu lernen. »Wenn Sie nun in Deutschland leben müßten!« deutete er zaghaft an. – »O gräßlich!« – »Wenn Isabel einen Ausländer heiratete,« betonte Miß Russel scharf, »so müßte der natürlich Engländer werden. Warum nicht! Ein schönes Los!« Er schwieg betroffen, so stellte er sich das nicht vor. Isabella lächelte befangen über die Deutlichkeit des Winkes und glitt rasch darüber weg: »Kennen Sie Dresden? Dort gibt's eine Englische Kolonie.« »Flüchtig. Eh ich nach Aachen ging, wollt' ich einen Freund in Hannover besuchen, doch der Teufel ritt eine alte Tante von hoher Rasse, ich solle sie über Dresden nach Böhmen geleiten. Ihrer Ungnade zu trotzen, wäre vermessen gewesen.« »Ah, eine Erbtante!« Die Russel horchte interessiert auf. Und von »hoher Rasse«, he is highly – connected, the charming young Baron . Er ließ sie in solchem Glauben. »Ja, vor Tanten und Basen hatt' ich stets einen Heidenrespekt. ›Freunde findet man überall‹, belehrte mich die alte Dame, die es in ihrer leichtsinnigen Jugend wohl so hielt. Ich bin nicht so, ich vergesse schwer.« Sein Auge weilte treu und innig auf Schön-Isabel, die anmutig ablenkte: »Erzählen Sie von Ihrem Schloß an der Elbe! Haben Sie auch ein Hausgespenst wie bei uns jede vornehme Familie?« »In der Burg meiner Väter vereinen sich unbegrenzte Möglichkeiten zu solennem Spleen. Mein Schlafzimmer sieht auf den Kirchhof, eine tröstliche Aussicht. Die Mauern sind vier Fuß dick, Spitzbögen gibt es auch, da drinnen aber ist's fürchterlich, nur wenige Zimmer wohnlich möbliert, in hohlen Kaminen heult der Wind, die Damasttapeten hat das Alter entfärbt und zerfetzt, Ratten knabbern daran.« Good gracious! seufzte Miß Russel. Romantische Bettelei, arm wie Kirchenmäuse! Wie wird mir! »Die Kirche ist altersgrau, die geschnittenen Taxushecken im Park steif von Vornehmheit. Oft war ich in diesem Verfall die einzige lebende Seele, nur ein ausgetrocknet greises Weiblein fütterte mich, früher Spielgefährtin und jetzt Wärterin meines 65 jährigen Vaters.« »Sterben Sie nicht vor Langeweile?« Miß Loraine sah ganz erschrocken aus. »Nicht daß ich wüßte! Ich hörte die Nachtigallen schlagen und schoß nach der Scheibe, was minder musikalisch knallte, aber herzhaft und männlich klingt.« Gottlob, doch etwas englischer Sport! dachte die Russel. Welcher englische Squire hört auf Nachtigallen! »In der Bibliothek fand ich Schweinsledernes wie Voltaire und Spinozas Ethicum und das Theatrum Europäum, ein altes politisches Vademekum, aus dem ich viel lernte, und dazu heulte, wie ein Dichter singt, die Turmuhr Mitternacht.« »Spinoza der greuliche Atheist? Was lernten Sie denn daraus?« forschte Miß Russel mißbilligend. »Kaltblütiges Untersuchen der Ursachen, z. B. der Liebe«, entschlüpfte es ihm unvorsichtig. »Abscheulich!« hauchte Isabel. » How dare you! Wie darf solch eisgrauer Professor sich in Herzensdinge mischen!« Miß Russel fand es very shocking indeed Otto sprang mit gezwungener Lustigkeit auf Gespenstergeschichten über und tröstete unwillkürlich die Damen über die angebliche Ärmlichkeit von Schönhausen, indem er nochmals ein Panorama davon entwarf: »Steigt aus meiner Linken der Zigarrendampf durchs Fenster, so blicke ich nordwärts in einen sehr altertümlichen Garten der Rokokozeit voll Buchsbaum, Taxus und anderen Künsteleien von Lenotres Schere, voll Bassins, hohen Baumgängen, Sandsteingöttern, drüberhin auf dem hohen Elbufer das Städtchen Arneburg. Blick' ich hingegen vom Südgiebel, seh' ich Tangermünde, im Westen den Dom von Stendal. Nach innen zeigt unser Haus gewaltige Grundmauern noch aus dem Dreißigjährigen Krieg, uralte Quadern dicker Seitenwände. Darüber Tapeten von Damast, Leder und Leinwand mit Landschaftsmalereien, am Sims Wandgemälde und reiche Stukkatur, überall Eichenmöbel mit verblichenem Seidenbezug, kurz einen Zuschnitt, der einem glänzenden Vermögen der Vorgänger entspricht, das wir leider nicht voll überkamen.« Ah, ein wirklicher Herrensitz! dachten die Damen befriedigt. Ramponiert, aber riesig vornehm! »In Flurhalle, Gartenzimmer, weiß tapeziertem Speisesaal, grünem Wohnzimmer, Schlafzimmer mit rotem Vorhang vor dem Alkoven, wo Ihr untertäniger Diener das spärliche Licht dieser dunkeln Welt erblickte, in den Gesellschaftsräumen mit japanischer Ausstattung und Gipsabgüssen nach Rauch und Kiß«, fuhr Otto fort, in Erinnerung verloren, »überall Verschwendung von Stuckarbeit an Decken, Friesen, Kaminen, Türeinfassungen, hohen Kachelöfen. Mein Vater, der bei den blauweißen Karabiniers diente und heut noch gut zu Pferde sitzt, liebt Fuchsjagden mit Rossen und Rüden, doch macht er sich's daheim gemütlich und übt viel Gastfreundschaft.« Das fanden die Damen sehr ansprechend, ihnen fiel ein Stein vom Herzen. Fuchsjagden wie in Altengland! Ganz wie ein Squire! Also wahrhaft anständige Sitten, nicht wie sonst bei den elenden Foreigners. »Und nun die Hausgespenster!« ermunterte Isabella. »Das hör' ich für mein Leben gern. Es ist so reizend, wenn man das Grauen hat.« »Bei uns lernt man das Gruseln, so unheimliche Geschichten gehen um. In der Bibliothek spukt es bestimmt. Draußen raschelts auf schweren Eichenholztreppen, eisiger Hauch berührt uns, jemand tappt an der Wand, poltert dumpf am Schreibtisch, die Hunde im Hof schlagen nicht an, sie winseln. Mein Onkel, General Bismarck, sah mal eine verschwimmende weiße Gestalt. Man spricht von unterirdischen Gängen und Schatzgräberei der alten Tempelritter, die hier gehaust haben sollen mit ihrem Rotkreuz auf weißem Mantel.« Isabella strahlte vor Vergnügen. »Scotts Ivanhoe! Sir Brian war immer mein Ideal und Ihnen, Otto, hätte die Templertracht auch prächtig gestanden.« »Wirklich romantisch und vornehm!« anerkannte Miß Russel. Die Templer überwältigten sie als sichere Bürgen für der Bismarcks uralten Adel. Sie entzog sich nicht der Ehrerbietung für ein Haus, in dem es von Templern spukte, und machte fortan kein Hehl daraus, daß sie Freierwerbung des Templererben begünstige oder wenigstens mit erhabener Unparteilichkeit seine Verdienste würdige. »Er ist ja bloß ein Deutscher,« belehrte sie ihre Nichte, »doch von untadeliger Noblesse. Keine Mesalliance! Von Staatskarriere, die ihm Cleveland zusprach, redet aber unser Freund nie.« »Vielleicht Bescheidenheit«, tröstete der Onkel und Vormund bedächtig. »Anfangs hört' ich mit Entsetzen, daß er ein jüngerer Sohn sei. Doch wir erfuhren, daß die Ausländer es nicht so halten wie bei uns, wo nur der Ältere ein Majorat erbt. Er teilt die Güter mit dem älteren Bruder. Viel Wohlstand schaut wohl nicht dabei heraus, doch wenn er hoch im Staatsdienst steigt –! Isabel hat einiges Vermögen, zu klein für England, doch genug für ärmliche Deutsche. Die Partie kann sich machen.« Miß Loraine sagte nichts dazu, erwog aber solche Weltlichkeiten genau im klugen Köpfchen, indes der deutsche Jüngling zwar nicht wie Schillers Ferdinand die stolze Britin verwarf, wohl aber jede schnöde Nebenberechnung. Ob sie Geld hatte, kümmerte ihn nicht. Eines Abends, als sie am Kai von Luzern allein spazieren gingen, schilderte er die lauschigen Plätzchen im heimischen Park. »Unter der oberen Terrasse bilden Lindenzweige eine schattige Laube, bis zur Erde niederhängend. In solch grünem Tafelraum der Natur läßt Vater im Sommer den Tisch für Gäste aufschlagen, dort tafelt sich's so gemütlich. An die Terrassenmauer klammert sich eine liebliche Birke, sie wurzelt im Gestein unter wilden Rosensträuchern und weht über den Felsrand wie ein grünes Banner. Ach, fände doch so in mir hartem Stein eine Liebliche ihre Herberge, ich würde sie tragen als Kleinod und Panier des Herzens!« Sie lächelte holdselig und sagte nichts. »Aus der Orangerie blickt man auf die Torfgasse, wo die Bäuerinnen in Landestracht zur Kirche ziehen in roten, faltigen Röcken und knappen, schwarzen Miedern. Auf dem Ausgang zum Feld an kleiner Holzbrücke über schilfreichem Graben steht ein Herkules, die Statue hält die Hand auf den Rücken. Dort hab' ich als Junge ihm eins auf den Pelz gebrannt mit meinem winzigen Jagdgewehr, damit man doch wisse, was die Stellung bedeutet: der Schuß schmerzt ihn jämmerlich, darum faßt er nach der Lende.« » Naughty boy! « lächelte sie zärtlich. Ein bißchen zu derbnatürlich, fast unanständig – doch das mißfällt Frauen nicht immer. »Ferner gibt's ein künstlich Inselchen, moosüberwachsen, mit düsterem Boskett und einsamem Pavillon. O Geliebte,« brach er los, »könnten wir uns dort verbergen vor aller Welt wie im verwunschenen Paradies!« – Die Verlobung wurde gefeiert. – – O Straßburg, du wunderschöne Stadt! Die Misses schwärmten für das deutsche Münster und die schicken französischen Offiziere, die sporenklirrend über den Kleberplatz stolzierten. Otto war weniger davon erbaut und bewahrte auffallende Schweigsamkeit. Aus dem Gasthof schrieb er an Assessor Scharlach, Harzburg am Harz, er werde auf dessen Einladung zur Jahrhundertfeier der Georgia Augusta nach Göttingen kommen. Im Frühjahr müsse Herzbruder aber nach England wandern als Brautzeuge, um ihn in den heiligen Stand der Ehe springen zu sehen. Dabei kam ihm eine Erinnerung, und er trug Scharlach auf, der Frau v. Malortie in Hannover die Kunde mitzuteilen, falls er sie zufällig sehe. (Er schrieb » par hazard «, » en attendant « nach seiner leidigen deutschen Vorliebe für Fremdwörter.) Schreiben möge er seiner alten Flamme nicht. Verabredetermaßen wollte man nochmals die Schweiz durchqueren. Er sollte seine Verlobte bis Mailand geleiten, dann sich endlich von Aachen abmelden und nach Potsdam abschieben. Seine Eltern wußten nichts vom Verlöbnis, über das er aus guten Gründen schwieg, doch befanden sie sich in Unruhe, entrüstet über sein »Auskneifen vom Amt«, wie Papa schrieb. »Das ist eine Desertion. Graf Arnim schrieb, Du wollest Dich durch Reisen bilden, dagegen ist nichts einzuwenden, doch das dauert nun schon vier Monate. Und nachher wirst Du eine Schuldenrechnung präsentieren, obschon ich Deinen Wechsel verdoppelte. Komm uns nicht vors Gesicht mit so was, sonst werden wir ernstlich böse werden.« Doch Otto nahm es nicht ernst und amüsierte seine Britinnen mit Schilderung der trefflichen Eltern. »Er ist ein schöner stattlicher Herr, seiner Dame ritterlich ergeben, meiner Frau Mutter. Will man ihn grimmig machen, muß man Papa und Mama sagen. Das verbittet er sich als Kauderwelsch französischer Papageien, er sei kein Papchen. Mutter ist eine schöne Frau, sehr klug und gebildet, aber kalt zum Frieren. Unterhaltung mit Gelehrten oder sonstwie geistreichen Leuten ist ihre einzige Leidenschaft, außerdem spielt sie Schach wie ein Meister.« »Und Sie recht mittelmäßig«, meinte die Russel verdrießlich, die auch diesem Sport frönte. »Was kann ich dafür! Ich gehöre nicht zu den großen Geistern, die Schach dem König bieten und Matt ansagen. Nur Schach der Königin ist mein Fall ... in dem bestimmten Falle.« Er küßte Isabella herzhaft. » Gardez la reine! « lispelte Miß Russel mit eigentümlicher Betonung. Otto zeigte ein Medaillonbild der Mutter. »Der Mund so lieblich, das Haar so schön,« urteilte Isabella, »doch sie blickt so ... gebieterisch.« »So ist's«, stimmte Miß Russel bei. »Die Stirn so klar und hoch, die Augen so klar und klug, doch das ganze Gesicht hat etwas Strenges. Nicht wahr, sie herrscht gern, wo sie kann?« »Und sie kann immer«, lachte Bismarck. »Ich erbte nichts davon. Mir ist nur wohl, wenn ich keine Vorgesetzten habe und nicht gehorchen muß, das Kommandieren überlass ich anderen.« »Schlechtes Temperament für den Staatsdienst! Wer weder gehorchen noch herrschen will, was wird aus dem?« »Weiß ich selber nicht, Miß Russel.« Diese wurde sehr nachdenklich, auch Isa hing das Köpfchen. Beim Schlafengehen ermahnte die Tante: »Man muß vorsichtig sein. Cleveland hat übertrieben. Ich fürchte, aus Otto wird nichts als ein Landedelmann wie in unserer kleineren Gentry. Dafür ist eine Loraine zu hochgeboren.« Auch der Onkel runzelte die Stirn: »Der junge Mann hat nette Manieren wie ein Sohn aus gutem Hause, das ist eigentlich alles, was für ihn spricht. Ist man faul und disziplinlos, bringt man's zu nichts mit den schönsten Talenten. Er ist ja kein ›Tartar‹, kein ›Detrimental‹, der Versorgung in reicher Ehe sucht, doch für deutsche Bettler ist Isabels Mitgift ein fetter Bissen. Er ist ja ehrlich verschossen, doch der Gedanke, eine Britin mit Geld zu heiraten, mag ihn doch auch bestimmen. Kurz, ich werde im Auge behalten, daß ich meine Einwilligung als Vormund möglichenfalls zurückziehe. Isabel darf keine Dummheiten machen.« Von solcher britischen Weltweisheit ahnte der deutsche Idealist nichts, harmlos erzählte er, wie die Berliner ihn für verrückt hielten, die Bauern aber mitleidig den Stab brechen: »Use arme junger Herr, watt mak em wull sin!« Weil er nämlich im rotangestrichenen Bibliothekzimmer nächtlicherweise alle Folianten verschlang, zum Entsetzen der greisen Wirtschafterin Bellin. Seine Verlobte hörte aufmerksam zu und sagte kein Wort. Er kam dann auf Korrespondieren zu sprechen, wenn man sich in Mailand trenne. »Ich habe die leidige Gewohnheit, wie ein Affe immer viel von mir zu reden, du tust, hoff' ich, das Gleiche, das sind die einzigen Themata, die mich interessieren.« »Ich liebe Briefschreiben nicht sehr«, versetzte die Schöne trocken. Er phantasierte weiter, wie er in die Arme seiner Eltern, die er zwei Jahre nicht sah, und seines alten »Gieseke« zurückeilen wolle. Einsames Gutsbesitzern halte er nicht aus, doch verknöcherter Formelkram des Staatslebens mache ihn seekrank. »Ach, das Leben wirft so krause Wellen, man treibt willenlos dahin ohne Steuer als die Erregung des Augenblicks. Wo die Flut uns ans Land wirft, ist gleichgültig.« »Nicht doch, Sir, Sie irren«, rügte der Brite ernst. »Gleichgültig ist nur, was aus jungen Menschen wird, die sich so ziellos treiben lassen«. Nachher nahm er Miß Russel beiseite: »Ein ganz zerfahrener Mensch!« Otto aber, als sie später per Post über den Gotthard fuhren und frische Freiheit des Hochgebirges einatmeten, verbreitete sich noch ungezwungener über seine Unabhängigkeit, die keinen Zwang dulde, über angeborenen Widerspruchsgeist wider alles Bureaukratische, über Staatsposten, die jede Selbständigkeit ausschließen, über den Haß, den er gegen jede Beschränkung persönlichen Sichauslebens einsog. Er merkte nicht, wie die Gesichter länger und länger wurden, wie höfliche Einsilbigkeit seine zutrauliche Offenheit belohnte. »Er sagt, Berlin sei infam teuer,« vertraute Isabel ihre Schmerzen der Tante an, »und seine Eltern unduldsam bei pekuniären Unannehmlichkeiten. Wovon sollen wir denn leben, wenn er sich mit jedermann überwirft? Auf dem Lande zu versauern, fällt mir nicht ein.« – Am Lago Maggiore wandelte das Schicksal heran. Ein älterer Brite, dessen gute Haltung den Offizier verriet, begrüßte als Londoner Bekannter die Gesellschaft und bemühte sich bald auffallend um Miß Loraine. »Der Herr dürfte wohl fünfzig Jahre zählen«, warf Otto hin. »Man sieht's ihm nicht an«, lehnte Miß Russel kühl ab. »Übrigens gefallen uns Frauen gesetzte Männer reiferen Alters besser als grüne Schwärmer, die sich in Illusionen wiegen. Der Oberst ist noch ein schöner Mann.« »Geschmackssache. Invalide mit einem Arm!« »Der andere wurde ihm bei Waterloo weggeschossen«, betonte der Onkel gewichtig. »Das macht ihn jedem Briten teuer.« Isabel versicherte, daß sie besonders für Helden schwärme. Auch trat zutage, daß der Kolonel – » of a very good family, highly-connected « – 3000 Pfund Revenüen, 4 Vollblut in Marstall und einen herrlichen Landbesitz habe. Dieser Enthüllung reihte sich die andere an, daß er in Miß Loraine das Ideal seines ritterlichen, obschon etwas ältlichen Herzens erkenne. Eines Mittags, nachdem er eine einsame Gondelfahrt nach Isola Bella unternahm, fand sich Otto allein, mit einem lakonischen Abschiedsbrief des blonden Engels, dem Stil nach von Miß Russel in die Feder gegeben, der eine Absage und ein Ausschlagen fernerer intimer Beziehungen enthielt. Man bestätigte dem aus allem Himmeln Gestürzten, daß die edeln Briten, umgürtet mit dem ganzen Stolze des perfiden Albion, den Staub des Kontinents von ihren Sohlen schüttelten. Während er in der Barke die »Verlobten« Manzonis las, trat seine Verlobte über den Simplon die Heimreise an. Der Verratene überlegte einige Stunden, ob er sich in den See stürzen solle, besann sich aber eines Besseren und fuhr spornstreichs über die Alpen. Aachen berührte er nicht. Seine Kasse erlitt solche Havarie, daß er sich in Frankfurt von einer schwerfälligen fremden Gallione ins Schlepptau nehmen ließ. Ein älterer Herr suchte einen Reisebegleiter, wozu Otto sich dienstbeflissen anbot. So tief heruntergekommen, nicht mehr Herr seiner Bewegungen, passierte er Göttingen, ohne seinen treuen Scharlach sehen zu können, da sein Gebieter schon am Mittag in Hannover sein wollte. In Einbeck, wo man übernachtete, konnte Scharlach sich nicht einstellen. So genoß Otto nicht mal den Trost, seiner Gereiztheit gegen Gott und Menschen vor seinem ältesten Vertrauten Luft zu machen. Sein aufgeregtes Gemüt empfand die ihm zugefügte Beleidigung bis ins innerste Mark wie ein zehrendes Gift, doch hielt er es seiner Würde nicht angemessen, je anderen sein Erlebnis zu beichten. »Arm am Beutel, krank am Herzen, schlepp' ich meine müden Tage, und die Geister, die ich rief, lassen mich dummen Zauberlehrling nicht mehr los. Gegen unglückliche Liebe gibt's Universalheilmittel: Spielen, Saufen, Schulden, Reisen. Doch bei mir sind Liebe und Haß gleich unglücklich, beide ins Herz getroffen. Vertrauen verraten, Stolz bis aufs Blut gekränkt, wahrste Empfindung leichtfertig mißhandelt, ohnmächtiger Zorn nicht mal der Rache fähig ... solche Erinnerung soll ich mein Lebtag wiederkäuen. Und dies kaltschnäuzige, hochnäsige Britenpack belächelt meinen Haß wie der Mond den bellenden Köter. Wir deutschen Michel sind gerade gut genug, daß die Fremden auf uns herumtrampeln. Geht's Deutschland besser als mir? Ich unwürdiger Deutscher greine über mein kleines Los. Auch Patroklus ist gestorben und war mehr als du! Bah, leeres Strohdreschen der Amtsstreberei wird mir zuträglich sein wie mechanisches Holzhacken.« – Doch die Anmaßung der Vorgesetzten, die sogar in Gesellschaften einen dienstlichen Ton anschlug, die protzige Krähwinkelei des Beamtentums dünkten dem Vielgereisten noch fataler als früher. * »Der Oberpräsident v. Bassewitz gilt doch als ein so würdiger Mann«, seufzte Frau v. Bismarck auf die Klagen ihres Sohnes. »Ist er auch, doch der Zopf, der hängt ihm hinten. In Aachen war die Geschäftslast das beschmierte Papier nicht wert. Die Bureaukratie ist oft eine Sinekure für halbgeschäftigen Müßiggang. In Potsdam ist das Arbeitspensum größer, die Beamten sind fleißig und gewissenhaft, aber regieren vom grünen Tisch weltfremd die Landkreise. Die kleinliche Pedanterie bringt mich um.« »Du hast doch wichtige Geschäfte bearbeitet«, unterbrach ihn Bruder Bernhard. »Den Dammbau bei Wusterhausen –« »Ja, die Beiträge dazu von den Kommunen einzutreiben! Und so schöne Mahlsteuerprozesse! Das nennst du wichtig? Mir ist alles zum Halse raus.« »Und doch bist du zum Staatsbeamten bestimmt!« betonte Bernhard eifrig. »Zum Diplomaten!« bekräftigte die ehrgeizige Mutter. »Es wäre jammerschade –« Der alte Herr v. Bismarck hatte kein Wort gesagt, jetzt klopfte er seine Pfeife aus und sagte bedächtig: »Des Menschen Wille ist sein Himmelreich und der feinste Diplomat ist der liebe Gott. Der wird schon wissen, was für Otto gut ist. Wenn er die Beamtenhucke nicht mehr auf den geraden Rücken nehmen mag, so weiß ich Rat, was er anfangen soll. Unsere pommerschen Güter – daß ihr's nur wißt! – liegen sehr danieder, ich verstand nie, den Groschen in der Hand umzudrehen.« Er räusperte sich verlegen, seine Familie kannte ja seine geringe Begabung zur Sparsamkeit. »Es fehlt an der nötigen Aufsicht. Ich will mich ganz nach Schönhausen zurückziehen, ihr Söhne sollt in Pommern etwas herauswirtschaften, damit wir den verfahrenen Karren aus dem Dreck ziehen. Übrigens kann Otto zwischendurch sein Freiwilligenjahr abdienen.« »Herzlich einverstanden, Vater!« Der von Beamtenbürde Erlöste atmete tief auf. »So werde ich doch endlich wieder reine Luft schlucken nach all dem Aktenstaub.« – – – Unter den Linden 5 und später Bellevuestraße 22, wo der »Rittmeister und Ritter pp. v. Bismarck, Hochwohlgeboren« in Berlin wohnte, regnete es Beileidsbriefe von Verwandten und Bekannten. Besonders die Damen zürnten dem Ungeratenen, der nicht an der Staatskrippe sich atzen und das sanfte Beamtenjoch ertragen wollte. Die Gräfin Bismarck-Bohlen auf Karlsburg und ihre Tochter Linchen, jetzt Frau v. Malortie, setzten dem Kusin Otto persönlich mit Vermahnungsepisteln zu. Dieser antwortete der »gnädigen Kusine« mit einem langen Schreiben, dessen hohe Männlichkeit den Frauen ans Herz griff und das eine Reife des Urteils, eine Klarheit der Weltbeobachtung und eine Beherrschung der sprachlichen Ausdrucksweise vereinte, weit über seine Jahre hinaus, bei einem Jüngling mehr als erstaunlich. »Das traurigste ist«, bemerkte die Gräfin zu ihrer Tochter, »daß ich danach mehr denn je von Ottos Talenten überzeugt bin. Hat Wilhelmine denn gar keinen Einfluß auf ihn? Sie ist doch sonst nicht auf den Mund gefallen. Doch sie sagt, mit Otto werde sie nicht fertig.« Frau v. Bismarck verfocht umsonst ihren abweichenden Standpunkt gegen den Sohn, dem sein Vater treulich sekundierte. »Du wirst doch nicht im Ernste behaupten, daß du notwendig Bauer oder sagen wir höflich Landbebauer werden mußt. Hast du nicht Pflichten gegen dein Vaterland?« »Die erfülle ich geradeso, wenn ich Korn baue, ohne das der gelehrteste Staatsbürger verhungern müßte. Das Vaterland hat meines Wissens noch nie den Wunsch geäußert, daß ich Administrativbeamter sein soll. Es weiß von meiner Existenz überhaupt nichts und hilft sich schon, wenn ich heut noch krepiere. Das Wohlergehen der guten Preußen ändert sich nicht nagelsgroß, ob ich oder ein anderer irgendwo der Regierungsmaschinerie angehöre.« »Als ob du dann nicht für deine Mitbürger ganz anders wirken könntest, als du je als Privatier es vermagst! Deine Fähigkeiten –« »Und wenn ich noch so unbescheiden darüber dächte, und wenn ich wirklich so edel wäre, fremde Interessen meinen eigenen voranzustellen, so leugne ich, daß ein einzelner Beamter irgendwelche Bedeutung hat. Man schiebt da nur nach unten, wie man von oben geschoben wird.« »Dann sorge dafür, daß du selbst an eine obere Stelle trittst!« »Welche? Premierminister? Darüber wird man eisgrau, man kommt dazu als Mummelgreis, wenn die Zähne ausfallen. In der Jugend hat man nichts zu beißen und im Alter keine Zähne. Und was wäre das Großes? Selbst wer im Orchester die erste Violine spielt, tut doch nur, was der Kapellmeister ihm vorschreibt. Er spielt die Noten vom Blatt wie die andern Spieler auch, und ob er das ganze Musikstück für schlecht oder gut hält, darf ihn nich kümmern, bei Verlust seiner Gage. Bei uns regiert der König allein, niemand darf ihm dreinreden und raten. Nun, ich bin solch ein drolliger Kauz, daß ich selber Musik machen möchte, gute Musik nach meinem Geschmack oder gar keine. Da will ich lieber stille sitzen und schweigen.« Der alte Bismarck grunzte förmlich vor Vergnügen und stieß ein vernehmliches Bravo aus. »Du sprichst wie ein heimlicher Demokrat, der du ja leider bist, wie ich schon lange argwöhne. Und wenn du nur an dein eigenes Behagen denkst, hast du denn gar keine noble Ambition? Als Minister hat man doch immerhin eine gebietende Stellung, ein hohes Ansehen.« »Ich höre immer Minister, als ob jeder, der in der Lotterie setzt, das große Los im Sack hätte. Aber diese Höhe reizt mich gar nicht, ich halte für ersprießlicher, Schafe zu züchten als am grünen Tisch Verfügungen zu Papier zu bringen, die oft die Tinte nicht wert sind.« »Das ist deine beschränkte demagogische Auffassung.« Die gnädig Frau v. Bismarck, geborene Mencken, rauschte zornig in ihrem Seidenkleide. Dies traf sie, die Tochter des Kabinettsrats, am wundesten Punkte. Otto zuckte gleichmütig die Achseln. »Indessen, es ist so. Kurz und gut, ich bin so geartet, daß mir vor allem am Herzen liegt, nicht zu gehorchen. Das Befehlen überlasse ich anderen, wenn sie nur mir nichts zu befehlen haben.« »Das soll wohl heißen, Söhnchen: lieber der Erste in einem Dorfe, als der Zweite in Rom?« lachte der Alte. »Nee, ich bin nicht Cäsar, habe gar keinen Bedarf für so was. Der Erste sein, wäre mir überhaupt schnuppe, ich will bloß für mich der Eine sein, der allein für sich selber lebt.« » Ni dieu ni maître! Also der ausgesprochenste Egoist?« Die Mutter sah ihn mit ihren kalten Augen prüfend an, die einen stählernen Glanz hatten. Das Ewigweibliche sah wieder einmal tiefer, intuitiv, aber sah nicht alles, das Ewigmännliche, das an einer bestimmten Gemütsstelle dem weiblichen Verständnis entschlüpft, nach dem Refrain: was schert mich Weib, was schert mich Kind, ich trage weit besseres Verlangen. »Rede mir nichts vor! Ich traue dir diabolischen Ehrgeiz zu, einen richtigen Machthunger, wenn du nur allein und ungestört deinen Willen durchsetzen könntest. Nun, ich sehe, mit dir ist nichts anzufangen, vorläufig. Keine schmeichelhafte Vorhaltung, daß du besonders für Staatsmannschaft ausgerüstet seist, wird dich bekehren, sondern nur die Probe, daß Leute von Geist nicht zum Landwirt taugen.« »Erlaube mal,« mischte der Alte sich pikiert ein, »Klugheit ist gut für jedes honette Geschäft, und eine große Landwirtschaft leiten ist keine Sinekure, wie so mancher Beamtenposten. Jeder Esel kann Geheimrat werden, aber ein Esel, der Disteln frißt, schnuppert umsonst am Getreideboden. Dazu gehört mehr Grips, als in muffigen Akten herumzuschnüffeln.« »Sehr richtig, Vater«, bekräftigte Otto. »Besonders Kniephof fordert einen gescheiten Gutsherrn voll Arbeitskraft, wenn ein so großer Komplex den richtigen Ertrag geben soll. Bernhard eignet sich ja trefflich zum Landrat, schickt sich in alle Launen seines Vorgesetzten, vertritt entschieden die Grundsätze der Regierung, die mir mißfallen, aber für Bewirtschaftung seiner Güter nimmt ihm das schon zu viel Zeit weg. Sollte ich nun auch noch durch Amtstätigkeit nicht abkömmlich sein, so werden unsere großen Güter vor den Hund gehen und unser Vermögen sehr ernstlich beeinträchtigt werden. Das Vermögen aber ist unerläßlich für jede Lebensführung, und ich stehe mich auch materiell viel besser, wenn ich ein wohlhabender Gutsbesitzer bin statt eines hungrigen Regierungsrats mit 1000 Taler Gehalt, der auf großem Fuße mit Weib und Kind in der Stadt leben muß. Der bezahlt bar Wohnung, Kost, Heizung, Licht und diensttuende Geister, was wir alles auf dem Lande umsonst haben.« »Gesprochen wie ein Salomo!« Der alte Rittmeister klopfte sich auf die Schenkel und sah seine Frau stillschweigend und schadenfroh an. »Ist das ein toller Schwärmer, he? Das ist der gesunde Menschenverstand eines märkischen Edelmanns. Mach' nur so fort, Otto! Um dich ist mir keine Bange! Wir ordnen die Sache so, daß ich mich nach Schönhausen aufs Altenteil setze, du Kniephof bekommst und an Bernhard Külz und Jelichau abtrittst. Den Kontrakt darüber können wir später bei Bohlens auf Karlsburg aufsetzen, zu denen ich im Herbst reisen muß. Verwahre dich nur gegen Bernhards Irrtum, man könne zugleich Landökonom und Stadtbeamter sein, wobei man sich nur zwischen zwei Stühle setzt! Also man druf! Hast du dein Militärjahr abgedient, geht der Rummel los, und du wirst schon zeigen, was eine Harke is. Du bist der richtige Landmann, kein Stadtkind.« »Und wenn Bernhard erst Landrat ist, dann will ich ihm als Kreisdeputierter über den Hals kommen, damit er die Vertretung bequem und billig hat, wenn er mal Urlaub nimmt. Das wird dich doch trösten, Mutter«, suchte er die Haustyrannin zu beschwichtigen. »Macht, was ihr wollt!« hauchte diese mit leidender Miene. »Ihr Männer hört ja doch nicht auf Frauenrat. Ich aber werde sterben in dem Glauben, daß Otto doch noch dem Staate dient.« – – * Der einjährige Gardejäger Bismarck, Ende März 1838 eingetreten, schritt als Schildwache im Mondschein die Terrasse von Sanssouci ab. Zwei Walnußbäume warfen einen breiten Schatten über den Kies, auf das vergoldete Kupferdach der Orangerie trommelte ein schwacher Regen. Der Geist Friedrichs des Großen und seiner Tafelrunde scheint hier im Garten umzugehen, poetische Einbildungskraft kann sich leicht in jenes Licht zurückversetzen, das die blauen Diamantenaugen des großen Königs ausstrahlten. Doch dieser königlich preußische Gardejäger hatte nicht soviel Poesie, sondern ganz andere Dinge im Leibe, und als er mit geschultertem Gewehr die Runde machte, bewegten ihn nicht romantische, sondern nüchtern historische Gedanken. Daß des Korsen Weltreich sofort zusammenbrach und Friedrichs Schöpfung für immerdar bestehen bleibe, hält man uns auf Gymnasium, Universität, in Büchern, Zeitungen vor. Doch heißt das richtig messen, haben wir Grund zu prahlender Überhebung? Der Vergleich hinkt zu sehr. Napoleon wollte an der Spitze eines Staates, der schon seit 100 Jahren die erste Geige spielte, ganz Europa unter sein Joch zwingen. Das hieß den Bogen überspannen, und doch wäre sein Unternehmen nicht eigentlich gescheitert, wenn seine Ungeduld nicht den Angriff gegen Rußland verfrüht hätte und besonderes Unglück ihn dabei heimsuchte. Denn Rußland seinerseits konnte nie einen Angriffskrieg gegen Napoleon wagen, der so als Herr Europas gestorben wäre. Jedenfalls hinterließ er Frankreich so mächtig, daß es auch heut noch erheblich mitredet. Friedrich hingegen wollte nur einen Kleinstaat zu einer Großmacht erheben, und wenn ihm dies bei Lebzeiten glückte, so sank doch nach 20 Jahren Preußen tiefer als je zuvor. Das neue Preußen der Befreiungskriege hat mit Friedrich nichts mehr zu schaffen oder nur wenig, und sind wir etwa heut eine Großmacht geblieben? Nur auf dem Papier. Die wirklichen Großstaaten lächeln darüber, und ein Blick auf die Landkarte zeigt uns Preußens schmalen Leib wie in einem Prokustesbett vom Rhein bis Memel ausgereckt, Westfalen und Rheinland ohne unmittelbare Verbindung mit Altpreußen, Hessen und Hannover dazwischen. Wir sind nichts als ein Hauptbestandteil des Deutschen Bundes, und auch hier nimmt Österreich die oberste Stelle ein. Im Grunde ist der König von Preußen heut wie in alter Zeit nur eine Art Lehensträger des Habsburger Kaisers, obendrein abhängig von der Gnade des Zaren. Unsere Politik wird in Petersburg gemacht und von Wien aus vorgeschrieben. Sind das erfreuliche Eindrücke für ein preußisches Herz? Und gar ein deutsches? Doch den Unsinn geb' ich jetzt auf, die deutschen Brüder wollen ja nicht Brüder sein, also lassen wir sie schießen, sie wollen sich ja nicht von uns lieben lassen. Wir spotten über die Krähwinkelei der Kleinstaaten, doch bei uns zulande krähwinkeln wir auch ohne Augenmaß für wahre Machtverhältnisse. Immer noch schlafen wir auf Lorbeeren des Alten Fritz, und solch abgestandenes, aufgewärmtes Lorbeergemüse schafft uns Magenbeklemmung. Was gewannen wir durch die Befreiungskriege? Blutwenig. Deutschland ist immer noch ein geographischer Begriff und Preußen ein Kleinstaat. Was soll das werden! Ich traue dem faulen Frieden nicht, wir gehen irgendeiner Katastrophe entgegen, das fühlt man in der Luft. Das einzige, was wir haben, ist die Armee. Aber ich glaube, da fehlt noch manches. Das Landwehrsystem ist nur soso. Und kommt es zu inneren Zwistigkeiten –! Nun, Seine Majestät wird ja nicht lange mehr leben, und sein Nachfolger gibt die Verfassung. Da läßt sich manches für und wider sagen, doch der Absolutismus ist sicher überlebt. Ja, hier, wo man an den Alten Fritz denkt – der aufgeklärte Despotismus ist die beste aller Staatsformen, aber dazu braucht man erstens ein Genie, zweitens die lauterste Charakterstärke. Und wo sind denn solche Kräfte! Ein Ancien-Regime mit männlichen und weiblichen Günstlingen ist ein rechtes Elend. Nein nein, davon müssen wir loskommen. Mama hat ganz recht, ich bin auch liberal in diesem Sinne. Nur an den historisch gewordenen Gliederungen der Stände darf man nicht rütteln, wie die Schwarzrotgoldenen möchten. Zum Teufel, ich bin nicht verjunkert, habe ich mich je mit »von« unterschrieben? Aber daß die Bürger uns jedes Lebensrecht absprechen, ist eine lächerliche Anmaßung, denn so gut wie sie sind wir noch lange, und ich habe bei ihnen noch wenig Adeliges bemerkt. Der preußische Junker als Offizier ist ein Musterkerl, so was züchtet man nirgends als bei uns. Und ich glaube, ich werde doch noch übertreten in die Armee. Freilich, sich von dummen Vorgesetzten schurigeln lassen, ist kein Pläsier. Und wenn man hinter die Kulissen schaut, zweifelt man, ob auch hier nicht, geradeso wie in der Bureaukratie, die behäbige Mittelmäßigkeit alle Chancen hat. La prudente mediocrité , sagte l'Autre, der ein höllisch gescheiter Kerl war. Mir freilich unsympathisch mit seiner gallischen Charlatanerie und seinen korsischen Phrasenpomp. Wir Germanen träumen uns andere Helden. Aber welche? Das weiß ich selber nicht, denn der Alte Fritz ist mir auch noch zu sentimental, pathetisch und eitel, der olle Blücher zu rüde und sittenlos. Bei Gott, der alte Freiherr vom Stein wäre so mein Fall. Ein etwas ungemütlicher Herr für seine Untergebenen, auch zu feudal für meinen Geschmack, Reichsfreiherr bis in die Knochen trotz seines Liberalismus, aber ein sittenstrenger, durch und durch ehrlicher, weitblickender und großartiger Mensch, kein Preuße, das war ihm zu wenig, aber ein Deutscher, der ein deutsches Vaterland wollte. Bah, was ist des Deutschen Vaterland! Nirgendwo! Ich, der ich nicht ein Ausländer bin wie Stein, sondern ein erbangesessener Altpreuße, will ein Patriot bleiben in meiner bescheidenen Sphäre. Ich lebe und sterbe als strammer Landjunker und fülle meinen geringen Posten und damit holla! – – Landwirt Bismarck ließ sich nach Greifswald versetzen, um dort während seiner Dienstzeit Vorlesungen über Agrikultur zu hören. Denn sein Dichten und Trachten ging jetzt einzig auf praktische Landwirtschaft. Pünktlichkeit und Gehorsam, die er beim Militär lernte, wollte er seinen Dienstleuten gehörig einbläuen. Ihm hatte sein Hauptmann v. Röder auch genug die Hölle heiß gemacht und ihm beigebracht, daß man als Soldat ohne Ansehen der Person Order zu parieren habe und Muttersöhnchen nicht immer Urlaub bekämen, um ihre kranke Mutter zu besuchen. Frau v. Bismarck kränkelte plötzlich sehr, und Otto hatte vier Wochen länger in Berlin bleiben vollen, doch man setzte ihn eiligst in Marsch, da er sich schon verspätet habe. Sein Kompagniechef in Greifswald, Portatius, behandelte ihn jedoch sehr artig und stellte ihm aus freien Stücken anheim, ob er wieder nach Berlin auf einige Zeit zurückreisen wolle. So erfuhr er, daß auch beim Militär öfter mit zweierlei Maß gemessen wird und ein Freiwilliger nicht umsonst Ritter v. Bismarck heißt. Da es ihm zu kostspielig schien, gleich wieder die Hin- und Herreise anzutreten, versprach er der Mutter, zu Weihnachten zu kommen und richtete sich in der kleinen pommerschen Universität häuslich ein, indem er den erhaltenen Urlaub zum Studium benutzte. Die Jäger rückten nach Stargard aus, und er hatte Muße, sich mit Chemie vertraut zu machen, wobei ein Medizinstudent ihm Nachhilfestunden gab. Praktische Ackerwirtschaft konnte er sich in der Umgebung ansehen. Auch aß er absichtlich im »Deutschen Hause«, wo sich täglich Landwirte einfanden, die in der Stadt ihren Roggen verkauften. Er saß zwischen diesen Rotbäckigen und Wohlbeleibten, deren unverwüstlichen Appetit er beneidete, deren dicke wulstige Hände und heftiges Schreien und Gestikulieren ihm aber den eigenen Appetit verdarben. Dabei verstand er nichts von ihren heftigen Gesprächen über Kornhandel und andere begeisternde Gegenstände, da sie alle Platt sprachen. Nur ab und zu schlugen menschliche Töne an sein Ohr: Raps, Hafer, Dreschen, Sämaschine, auch vernahm er vom »Berliner Schlägel« und »Stoppelroggen«. Dazu nickte er teilnehmend als gelehriger und verständiger Schüler und träumte nachts von ganzen Wagenladungen Mist. Das sind ja schreckliche Ochsen, meine neuen Kollegen! dachte er. Diese Veredelung durch Gottes freie Natur kann sich für Geld sehen lassen. Als er nach der Wirtschaftsakademie Eldena hinausfuhr, hieß es: »Herr Direktor Schulz ist verreist, auch die Lehrer und die meisten Schüler.« So konnte er vom Unterricht in den Hörsälen vorerst nichts profitieren. Doch machte er sich über das »Hören« und Kollegienhefte seine eigenen Gedanken. Das ganze deutsche Lehr- oder richtiger Hörsystem mißfiel ihm. Eingepaukte Examina, wo die Examinatoren ihr sorgliches Augenmerk darauf richten, ob ihre eigenen Kollege fleißig von den Zöglingen der Wissenschaft besucht würden! Der zufällig Verschüchterte fällt durch, der Kecke und Schlaue, der sich auf ein besonderes Steckenpferd des Examinators zuritt, besteht mit Glanz. Lauter chinesische Zustände, gerade wie beim Beamtentum, nicht für die plebs contribuens der Regierten, d. h. hier der Schüler, sondern für die Professorenkaste eingerichtet, damit ihre Gelehrsamkeit nicht verhungere und sie eine Staatsanstellung haben. »Aus guten Büchern«, schrieb er seinem Vater, »lerne man ebensoviel« – oder richtiger: besser. Fast alles Große in der Welt stammt von Autodidakten. So ging diesem Originalmenschen, der alle Dinge in ihrer wahren Natur, nicht in konventionellem Schleier sah, auch die Vorstellung durch den Kopf, daß die verrostete Staatsmaschine erst durch einen in Schwung kommen könne, der aus sich selbst heraus, ohne alle Kleister- und Kleberoutine, die Staatsmechanik erlerne. Bei einem Besuch in Karlsburg erfreute ihn seine Kusine Linchen mit der Post: »Deine Mutter befindet sich sehr in der Besserung. Der Doktor macht Hoffnung auf dauerndes Wohlbefinden.« »Gott sei Dank!« atmete er auf. »Ich möchte nach so langer Zeit wieder mal einige Zeilen an mich von Mutters eigener Hand sehen.« »Ich dachte gar nicht, daß du so viel Gemüt hast«, versetzte die Kusine schnippisch. Die Frauen mochten ihn alle gut leiden, schmollten aber, weil er sich so wenig um sie kümmerte, und fürchteten sich vor ihm mit einem unbestimmten, weiblichen Instinkt, als ob hinter ihm in wesenlosem Scheine das, was alles bändigt, der erotische Zauber, liege. Ein dortiger Bekannter lud ihn zum Inselfürsten Putbus ein, der ihm seine neue Zuckerfabrik zeigen werde. Der Abstecher lohnte sich. Fürst Putbus erkundigte sich, ob der alte Herr v. Bismarck noch immer in Kartoffelbrennerei stark sei. »Der Adel muß sich eben auch auf die Industrie werfen, das einzige Mittel, um den Grundbesitz im Gange zu erhalten. Die Zeiten sind schlecht.« Diese landesübliche Phrase hörte Otto nun schon seit Kindesbeinen, und man wird sie hören bis zum Jüngsten Gericht, wenn der letzte behäbige Agrarier seinen notleidenden Stoßseufzer ausstößt. »In England klagt man auch, weil die Demagogen die Abschaffung der Kornzölle durchsetzen, wodurch Nobility und Gentry auf keinen grünen Zweig kommen.« »Die Brotteuerung ruinierte aber das Volk«, wandte Otto ein. »Ach Unsinn! Man merkt es gar nicht. Was kommt auch darauf an, ob der Arbeiter etwas besser oder schlechter lebt! Der Adel allein ist das Rückgrat des Staates. Das weiß man in England gründlicher als bei uns. Es geht einem das Herz auf, wenn man diese herrliche Gesellschaft sieht, wo alles auf Herrschaft und Vorrechte der Aristokratie zugeschnitten. Ich war ja neulich drüben.« »Als außerordentlicher Gesandter, ich weiß,« verbeugte sich der Gast, »beim Regierungsantritt der Königin Viktoria.« »Ja, es ist zum Totlachen, wenn unsere Demokratriche vom freien Albion schwatzen. Ich sage Ihnen, lieber Bismarck, das ist eine scharfe Zucht wie nirgends. Das Volk, die schweinische Menge, wie vornehme Engländer es nennen, wird ganz niedergehalten. Auch die Justiz ist ganz im Fahrwasser der oberen Klasse. Etwas zu hart sogar, muß ich sagen. Und das Königtum hat einen Nimbus, oh! Die Königin gilt sozusagen als heilige Person, wie ein japanischer Mikado.« »Und das Parlament hat nichts zu sagen?« »Wenig, eine Farce, um das dumme Volk zu täuschen. Bei uns ohne solche Schwatzmaschine haben's die unteren Stände viel besser. Sollten Gott auf den Knien danken, daß bei uns Regierung und Beamte so human denken, viel zu liberal.« – Otto machte hier auch Bekanntschaft mit einem fetten, hellblonden Badegast nebst sehr hübscher Gemahlin, die mit dem stattlichen Jüngling etwas zu kokettieren anfing. »Von Stockhausen aus Hannover. Sind soeben nach Berlin übergesiedelt.« »Gefällt's Ihnen da?« »O gewiß, in Hannover ist's zu steif, zu englisch. Herr v. Bismarck studierten in Göttingen, nicht? Ein Vetter hat mir von Ihrem Renommee erzählt, als einen Teufelskerl, pardon!« Otto ging nicht darauf ein und lenkte rasch ab: »In Hannover sind wohl jetzt ziemlich unsichere Zustände, politisch unhaltbar?« »Wieso denn? Interessiert Sie das? Unser Allergnädigster brüllt als Welfenlöwe und die Göttinger Professoren kriechen zu Kreuze oder werden aus Lehrstühlen und Kanzeln verjagt. Voilà tous. Die Universitäten sind doch überall Brutstätten des Jakobinismus. Deutsche Einheit, ich bitt' Sie! Wo bleiben denn da die angestammten Souveräne?« Auf Rückfahrt zum Festland bekam Otto die Seekrankheit, was ihm aber nur als gesunde Purgierung diente und ihn nachher zu mächtigem Gabelfrühstück anregte. Bei dieser unverwüstlichen Vitalität konnte auch der Alkoholgenuß, dem er frönte, die Lebensgeister nicht schwächen, animal spirits nennen es die Engländer. Dies war Ende September. Als er nach Kniephof fuhr, stand der frische Klee »wie eine Bürste«, auf den Feldern haushohe Mieten, das Vieh graste noch. »Wir werden in Winterfrüchten ein gutes Korn ernten«, berichtete der Inspektor. Otto überlegte, wie es mit Ziegelei, Brennerei, Brauerei werden solle. Er lächelte über die alte Fabel von der deutschen Armut, durch Magdeburger Börde und Pyritzer Weizenkammer genügend wiederlegt. In Frankreich gibt es die Beauce (Touraine) und die Pikardie, daneben die lausige Champagne und arge Striche im Süden, wo gar nichts wächst. In Großbritannien hat nur Südengland guten Boden. Er warf sich ungestüm in die neue Arbeit und schien es darauf anzulegen, sich einen guten Namen unter den Gutsbesitzern zu machen. In Wahrheit fragte er gar nichts nach der guten Meinung seiner Nachbarn, die er zwischendurch auch durch andere Dinge in Erstaunen setzte. Seine Jagden und Trinkgelage hatten einen Stil der Unbändigkeit. Um die Außenwelt bekümmerte er sich wenig. Nur mit seiner Schwester, die er zärtlich liebte, blieb er in stetem Briefwechsel und vertraute ihr seine Sorgen an. »Nachtfröste, kranke Kühe, schlechte Landwege, tote Lämmer, halbverhungerte Schafe, Mangel an Stroh und Futter, an Geld und Kartoffeln.« Seinen ganzen Horizont begrenzte die Ausdehnung seiner Länderei. Bitter empfand er den Tod seiner Mutter. Die Kunde traf ihn plötzlich. Er reiste zum Begräbnis und bat ihr im Herzen alles ab. Mutterliebe ist eine Riesin, gemessen an Kindesliebe, die im Grunde nur auf dem Herkommen, nicht auf der innersten Natur beruht. Die Kinder leben für sich dahin und betrachten ihre Eltern im Grunde nur als milchende Kuh und Portemonnaie, als Versorger und nebenbei als unerwünschte Überwacher. Mutter ist Mutter, sie hat an mich geglaubt, ein törichter Glaube, doch immerhin! Ach, die gute Mama hat mir immer alles Mögliche prophezeit, so sind die lieben Frauen, immer transfigurieren sie ihre Männer und Söhne. Ich bin vielleicht kein ganz gewöhnlicher Mensch, aber das mag auch nur jugendliche Einbildung sein. So wie ich gibt's viele. Zu guter Letzt kommt es darauf an, ob das Glück oder die Vorsehung – wer weiß was! – uns begünstigt oder, richtiger, zu ihren Zwecken verbraucht. Das ist bei mir so gut wie ausgeschlossen, und ich trage auch gar kein Verlangen nach öffentlicher Heldenrolle. Meine Schäferhunde heulen viel besser als die pp. Politiker. Jetzt, 1839, bin ich erst 24 Jahre alt, aber ich sehe nicht ein, was ich anders treiben sollte, als meine Schafe zu zählen. Ich habe einen Appetit wie ein Auerochse und schlafe wie ein Dachs, das ist die Hauptsache. Aber in seiner kleinen Kreiszeitung fand er plötzlich die Kunde, daß »am 7. Juni 1840 Seine Majestät König Friedrich Wilhelm III. das Zeitliche segnete« und Friedrich Wilhelm IV. den Thron bestieg. »Aha, jetzt gibt's die Verfassung!« Nicht doch, nur eine Amnestie. Zur »Huldigung« im Oktober beorderte Rittmeister v. Bismarck-Schönhausen seine beiden Söhne, und alle drei hatten den zweifelhaften Genuß, die neue Majestät auf einer Plattform vor dem Schlosse unter einem Baldachin erhabene Sprüche tönen zu hören. Nicht gerade aus der Weisheit güldener Wolke. Ja, er wolle regieren in Gottesfurcht und Menschenliebe. Er frage sein Volk, ob es mit Herz und Seele, Wort und Tat, in heiliger deutscher Treue und der noch heiligeren christlichen Liebe ihm beistehen wolle, Preußen zu erhalten, »wie es war und wie es allezeit bleiben muß, wenn es nicht untergehen wolle«. Die Menge, mehr schauend als hörend, antwortete mit begeistertem Ja, ein ebenso gedankenloser als sentimentaler Vertrag, dem bald ein peinliches Erwachen folgte. Preußen wie es war, d. h. ohne Verfassung? Der alte Herr v. Bismarck fragte seine Söhne, ob sie Seine Majestät verstanden hätten. Doch Otto erwiderte kein Wort. * Holliho! O'er the hills and far away! ! Der Junker v. Bismarck jagte über die Heide, recht wie ein englischer Squire. Dabei kamen ihm seltsame Gedanken. Da er viel und unordentlich durcheinander las, um seinen innerlich unruhigen und hungrigen Geist zu nähren, fiel ihm ein Aufsatz in einem englischen Magazin in die Hände über Cromwell von Thomas Carlyle. Die derbgenialische Schreibart behagte ihm und der düstere Fanatismus für »Realitäten«. Dieser alte Oliver war also ein Farmer wie ich und hatte nichts anderes im Sinn als Wolle seiner Schafzucht und Bierbrauen. Er ging aus wie Saul, eine Eselin zu suchen, und fand ein Königreich. Da war er schon ein älterer Herr, er war 45 Jahre alt, als er sich in den Sattel schwang, und 50, als er zur Herrschaft kam. Hm, Cäsar hatte das gleiche Alter, als er sich der Welt offenbarte. Er sich? oder vielmehr das Schicksal, wie die Heiden es nannten? Denn ohne sicheren Willen der unerforschlichen Mächte gedeiht nichts. Die wählen ihr Rüstzeug. Dieser Cromwell, der Königsmörder, war also eigentlich meines Standes, ein Landjunker. Also nach Geblüt und Erziehung ein Konservativer. Und doch so revolutionär bis zum Extrem. Einem König von Gottes Gnaden den Kopf abschlagen, dagegen empört sich das Gefühl. Hm, Karl Stuart war freilich ein fragwürdiger Heiliger, als Politiker ein ziemlich räudiges Schaf. Und wenn auch, ein König ist ein König, und kein Untertan hat das Recht, ihn auf Leib und Leben zu verurteilen. Außerdem benahm er sich königlich genug, tapfer. War nun dieser Cromwell nur ein Ehrgeiziger, ein »blutgieriger Heuchler«, wie die offizielle Geschichtschreibung dekretiert? Darüber habe ich meine Zweifel selbst bei Robespierre, der mir ein ziemlich bedeutender und verhältnismäßig ehrlicher Mensch gewesen zu sein scheint. Die Hochachtung Napoleons (ein höllisch gescheiter Kerl, obschon mir verhaßt) spricht dafür. Cromwell tat, real genommen, nichts anderes, als einen unfähigen Steuermann mit einem Fußtritt ins Meer werfen und selbst das Steuer übernehmen. Seine Rechtfertigung ist also sehr einfach: durch ihn begann England seine Weltherrschaft. Auch war er der erste wirkliche Einiger Britanniens. Ich erinnere mich an das Gespräch über Richelieu mit Motley, der hatte auf einen jämmerlichen Souverän Rücksicht zu nehmen, was seine Kraft zur Hälfte aufrieb. Cromwell war sein eigener Herr, was eben nur möglich auf dem Wege der Revolution. Ohne die Revolution wäre auch Napoleon nie ans Ruder gekommen. Wäre solch ein Weg in Deutschland denkbar, ganz abgesehen von den ethischen Bedenken? Nein, in unseren Zeiten wenigstens nicht. Und gebärt die Revolution überall Cromwells und Napoleons? Das ist sehr zweifelhaft. Auf die kleine Chance hin darf man keine Revolution wagen und mit dem Feuer spielen. Denn Ordnung muß sein, auch in der Republik. Und wer soll da Ordnung schaffen als ein Militärdiktator mit Blut und Eisen, aus Revolutionskampf aufgestiegen! Das ist nichts für uns, wo jeder Professor die Weltordnung dekretiert und jeder Advokat ein Staatsplaidoyer hält, die Winkeladvokaten obenan. Die Deutschen werden nie ein Genie an ihrer Spitze anerkennen, es sei denn durch ererbte amtliche Titel beglaubigt. So viel ich von uns halte, gegen unsere Schwächen bin ich doch nicht blind. Ja, es frißt mir am Herzen, daß eine so große, so hochbegabte Nation wie unsere als Stiefkind in der Ecke steht, aber ich weiß in meines Herzens Kämmerlein, daß wir ein gut Teil Schuld an unserem eigenen Elend tragen. Wir schieben alles auf den Dreißigjährigen Krieg, aber dessen Wesen war schon lange in uns vorbereitet seit Niedergang der Kaisermacht, die wir selber unterhöhlten, und der endlose Glaubenskrieg selber war nur eine Maske für die wahren Motive. Der Protestant Moritz verriet Metz, Toul und Verdun an das katholische Frankreich, und letzteres focht, mit den Schweden vereint, gegen die katholischen Habsburger. Der brave Gustav Adolf, den wir dummen Deutschen als Protestantenbefreier feiern, war unser ärgster politischer Feind, und der katholische Wallenstein scheint ein besserer Deutscher gewesen zu sein, als all seine protestantischen Gegner. Es ging um ganz was anderes dabei, nämlich um die Souveränität der Herren Fürsten von Sachsen, Hessen, Brandenburg, Hannover. Sich vom Kaiser unabhängig machen, war die Losung, ob der Katholik oder Protestant war. Karl V. als Spanier hatte mehr Herz fürs Reich als diese Fürsten, ihm brach das Herz über dem Verlust von Metz. Ich guter Protestant schätze ihn als guter Deutscher höher als den Landesverräter Moritz. Ja, die deutschen Fürsten waren schlimm, und ist von ihnen heut mehr Patriotismus zu erwarten? Schwerlich. Aber ihre Untertanen sind nicht besser, geradeso Partikularisten und neidische Zänker, wo keiner dem anderen den Vortritt gönnt. Das Wahl-Königtum des alten deutschen Reiches war zwar sehr deutsch, unserer zentrifugalen Eigenart angepaßt, aber gerade deshalb ein Krebsschaden. Und wenn wir heut je wieder ein Wahl-Kaisertum kriegten, dann ginge der alte Schwindel los. Die Welt ist aus den Fugen, doch ich bin nicht gekommen, sie einzurenken. So was mag sich ein Kronprinz Hamlet einbilden. Für mich ist der Rest nur Schweigen. Leute in meiner niederen Sphäre haben den Mund zu halten. Das will ich redlich tun. Nur Gedanken sind zollfrei, und die mag ich hier in alle Winde austoben, und sollt ich meinen Gaul zuschanden reiten. Der Junker v. Bismarck ritt Galopp über die Heide. * Die Politik sah er aus weiter Ferne, soviel der neue Monarch von sich reden machte. Dieser König war 45 Jahre alt, als er den Thron bestieg, also reif genug, aber er behielt stets etwas allzu Jünglinghaftes. Sein Idealismus nährte sich zwar mit allen großen Ideen von Kunst und Wissenschaft, und seine Empfindsamkeit löste in ihm eine seltene Wärme hochfliegender Begeisterung aus. Aber bei vielseitiger Begabung und reichlicher Bildung blieb er stets in Selbstwiderspruch befangen. Schon das widersprach sich, daß dieser pathetische Mystiker gleichzeitig als Meister Berliner Witzes galt, daß dieser Mund, der so wohlgerundete tönende Tiraden formte, in schnoddriger Ironie schwelgte. Bei seinem Regierungsantritt zogen die Ultras die Stirn in Falten: »Feldmarschall Boyen Kriegsminister, der Genosse von Scharnhorst und Gneisenau!« Der dann auch in der Tat das Landwehrsystem besonders hochhielt. »Ernst Moritz Arndt in die Bonner Professur wiedereingesetzt, Jahn aus seiner Polizeiaufsicht entlassen! Begünstigung der demagogischen Einheitsschreier!« Aber gleich darauf wußten die Liberalen genug, daß der König nicht zu den Ihren zählte. Die Adresse der ostpreußischen Stände, an deren Spitze der berühmte Oberpräsident v. Schön prangte und an die Einlösung früherer königlicher Versprechen mahnte, lehnte er ab. Friedrich Wilhelm berauschte sich an Improvisationen seines leicht erregbaren Gemütes, worin er sein wahres Denken ausströmte: Suprema lex regis volumas. « So erschienen schon 1841 Flugschriften, die scharf genug das Recht des Volkes betonten. »Otto, hast du schon das Empörende gelesen?«, stürmte eines Tages sein Jugendfreund Moritz v. Blanckenburg beim Kniephofer herein. »Die wahren Säulen des Staates wanken. Ein so hochverdienter Wann wie Oberpräsident v. Schön spielt den Jakobiner.« »Vielleicht den Staatsmann«, versetzte sein Freund gelassen. »Die patriarchalische Zeit, wo man die Völker wie Unmündige am Gängelband führe, sei vorbei ... da hat er wohl recht.« »So? Und der hartgesottene Bösewicht in Königsberg ... Johann Jacoby heißt der Kerl, Jude natürlich ... mit seinen »Vier Fragen« hat wohl auch deine Billigung?« »Bitte, nicht gereizt, Moritz! Ich bin kein Parteimann und stehe den politischen Vorgängen fern. Aber räumte nicht Seine Majestät selber ein, man müsse an die ›historisch gegebene Grundlage‹ der Provinzialstände anknüpfen? Das wird ja auch wohl geschehen.« »Gott sei's geklagt! Die alte heilige Ordnung von Fürst und Edelmann über Bürger und Volk wird gestört. Jeder König ist absolut von Gottes Gnaden. Der alte Gott lebt noch und wird nicht zulassen, daß sein Preußen in den Sumpf frevler Neuerungen gerät.« »Weißt du, Moritz, daß dies eigentlich blasphemisch klingt? Der Herrgott von Dennewitz ist doch kein Jehova bloß für die Preußen, und anderswo auf Erden hat er die Verfassung gesegnet. Wenigstens behaupten so die Pfarrer in England. Und in Frankreich lebt das Bürgerkönigtum verfassungsmäßig, die Franzmänner werden fett und reich dabei.« »Sprich nicht vom Land des Unglaubens und der Revolution! Und die Insulaner in England – nächstens zitierst du noch die sogenannte freie Schweiz – das sind wüste, barbarische Völker wie die in Amerika, die sich gegen die gottgewollte Obrigkeit auflehnten.« »Nach deiner Meinung mußten also die Yankees sich von Georg dem Verrückten tyrannisieren lassen?« »Sprich nicht so unehrerbietig von einem gesalbten Haupt! Er war ihr Herr und Fürst, dessen väterlichem Willen sie sich beugen sollten. Und daß der allmächtige Gott mit besonderer Gnade auf Preußen blickt, hat er sichtbarlich geoffenbart. So nur alles beim alten bleibt, werden wir Gottes Güte genießen.« Otto schwieg. Er gab es auf, mit solcher pommerschen Dickköpfigkeit zu streiten. Was ging's ihn auch an, hier draußen in der Wildnis! * »Meine Herren, es läßt sich nicht leugnen, daß man in den Armenhäusern zu viel Talg verbraucht.« Über diesen hochwichtigen Gegenstand hielt der Gutsherr vom Kniephof seine erste öffentliche Rede in der Kreisdeputation. Er sprach schlecht, beendete seine Sätze nicht und erntete wenig Beifall. Doch genoß er anfangs bei seinen Standesgenossen ein gewisses Ansehen als eifriger Wirtschafter. Er verkaufte Wolle, leitete Holzfällung, handelte auf Kirchweihmärkten und trieb Pachtrenten ein. In Abwesenheit des Bruders Bernhard, der die Landratwürde bekleidete, fungierte er zeitweilig als Stellvertreter. Seiner Schwester, die einen Herrn v. Arnim-Kröchlenberg heiratete, schüttete er sein Herz aus, wie langweilig und anstrengend das sei. Mal nahm er am Wollmarkt teil, mal hielt er Gerichtstag bei schrecklicher Sommerhitze und fuhr durch die sandigen Fichtenstriche so unermüdlich hin und her, daß er und seine Pferde mehr als genug davon hatten. Und dann mußte er wieder als Reserveoffizier dienen, zu den Stargarder Landwehrulanen eingezogen. Das verband er mit einem Aufenthalt in Schönhausen, wo sein Alter noch immer kräftig aß und trank und sogar Fuchsjagden einführte. »Ich bin zu sehr mit Geschäften überhäuft«, gähnte Otto auf den Vorwurf, er mache den Pastoren der Umgebung keine Besuche. »Zweimal am Tage besichtige ich das Treibhaus, einmal die Schafhürden, jede Stunde die vier Thermometer im Wohnzimmer. So hab' ich wirklich keine Zeit ... übrigens haben die Pfarrer auch keine Stimme bei den Kreiswahlen.« »Sieh einer den Politikus und Diplomatiker!« lachte sein Vater. »Praktisch muß der Mensch sein. Du bist der erste Bismarck, der auf Wollmärkten Bescheid weiß. Ein gediegenes Früchtchen wirst du werden und noch an Fett und Wohlbehagen krepieren, wenn du so fortmachst.« Den wahren Grund, warum er Pfarrer mied, verschwieg Otto. Seine religiöse Gesinnung erfreute sich einer zunehmenden Laxheit. Wenn er von des Landmanns Cromwell Prayer-Meetings und Kummunion mit den puritanischen Heiligen las, schüttelte er sich. Brr! Der Kerl ist mir im Grunde doch antipathisch. Wo da der Glaube aufhört und die Heuchelei anfängt! Ein gesunder Mann ist doch keine Betschwester. Imponieren tut mir nur die derbe Junkerfaust, mit der er nachher das Plapperment, das sogenannte Parlament, traktierte. Nee, sympathisch sind diese großen historischen Herrschaften alle nicht. Napoleon kommt mir wie ein Falstaff vor, Friedrich der Große war manchmal ein eitler Windbeutel, datierte seine französischen Oden auf geschichtliche Momente und brüstete sich: Nicht üble Verse vor einem Schlachtabend! Solche ungeschäftsmäßigen Romantizismen sind immer Pose, mir ekelhaft. Und Richelieu, der schlechte Verse schrieb, und Corneille aus Dichterlingsranküne ein Bein stellte, ist der beste Bruder auch nicht. Es scheint, mit solchen Menschlichkeiten muß man bei den großen Herren der Geschichte fürlieb nehmen. Hm, Cromwell fällt aber doch in mein Gusto, weil ihm zuerst die Einigung der britischen Inseln gelang. Durch die Einheit zur Groß- und Weltmacht! Erst durch ihn ist England groß geworden. Das ist gewiß ein Fingerzeig, aber das rasche Ende seines Commonwealth auch. Was helfen solch überstürzte Gebilde von Republiken, als lebten wir im Altertum! Denn die italienischen Republiken, die es zu etwas brachten, wie Venedig, waren bloß Adelsoligarchie, und ein krasses Junkerregiment scheint mir auch nichts Ersprießliches. Ob der amerikanische Freistaat sich erhält, weiß auch niemand. Die Sklavenbarone im Süden sind doch die reinen Feudalen. Nee, mit Revolution und Republik ist in Europa nichts anzufangen. Aber gibt's am Ende nicht auch eine Revolution von oben? Hieß nicht der Alte Fritz mit Recht der Revolutionär auf dem Throne? Damit läßt sich noch heut was machen. Unser jetziger Herr ist ja schrecklich geistreich, soweit ein kleiner Outsider wie ich aus der Ferne beurteilen kann, man begreift nur nicht, was er will. Vielleicht wälzt er große Pläne im Busen und kommt nur nicht recht damit heraus. Fromm ist er freilich auch, das tut nicht immer gut, Karl I. war auch fromm, und doch ließ er für sich seinen getreuen Minister Strafford das Schafott besteigen, ließ ihn feige im Stich, bloß um selber später aufs gleiche Schafott zu wandern. Nee, soviel weiß ich: für so einen König ließ ich mich nicht köpfen, da wär' mir mein steifer Nacken zu lieb. Nur treue Herren haben treue Diener ... Ach, wozu solch müßige Spekulationen! Was schert mich die hohe Politik! Ich bin der geborene Schafzüchter und wäre ein rechtes Schaf, wollt' ich politische Wolle zu Markte tragen. Damit bringt man's oft nur zum Wollespinnen im Zuchthaus, was ich manchem Demagogen wünsche, der heut im Jahre des Heils 1842 – 200 Jahre seit Ausbruch des Puritanerkriegs – so ungebärdig lärmt. * »Hilfe, ich ertrinke!« Der Bursche des Landwehrleutnants Bismarck fiel bei Pferdeschwemme in tiefes Wasser. Ohne Besinnen sprang da sein Herr hinein und rettete ihn mit großer persönlicher Gefahr, unter dem lauten Hurra der Kameraden. »Na, lieber Hildebrand, künftig vorsichtiger! Wasser tut's freilich nicht, aber wer die Taufe der Todesfurcht riskiert, muß ordentlich schwimmen können! Den Ort hier, Lippehne, wirst du im Gedächtnis behalten, dem Tod ins Auge sehen ist eine Feuertaufe wie die Schlacht für den Rekruten. Ich bin mal wie toll geritten, und der Gaul scheute und warf mich ab: drei Rippen gebrochen, ich glaubte zuerst mein letztes Stündlein nahe. Der Doktor meinte nachher mit sittlicher Entrüstung, es sei ein Skandal gegen jede wissenschaftliche Methode, daß ich nicht den Hals brach. Na, da hat man sonderbare Gedanken. Man soll sich merken, man schuldet sein Leben nur seinem Vaterlande. Da darf man's weggießen wie Wasser. Aber sonst ist Vorsicht der bessere Teil der Tapferkeit. Verstanden?« »Zu Befehl, Herr Leutnant.« Der Mann hielt aber nicht Wort, wanderte nach Amerika aus, nachdem er seiner Dienstpflicht genügte. Als er's tat, war kaum zu hoffen, daß Preußen seiner Söhne bedürfen werde auf glorreichen Schlachtfeldern. »Die Rettungsmedaille?« Der Junker Bismarck reckte sich stolz, als er die Auszeichnung empfing. »Zum Donnerwetter, die soll man mir dann doch auf meinem Sarge nachtragen, wo wohl jeder andere Orden durch Abwesenheit glänzt. Ich habe einen deutschen Landsmann dem Staate erhalten, darauf bilde ich mir was ein. Nicht auf die Tat, bei Gott nicht, das ist verfluchte Pflicht und Schuldigkeit. Aber es ist so gewissermaßen ein religiöses Gefühl, sein Menschentum erfüllt zu haben. Denn wie der alte Blücher sagt: den Hundsfott hat jeder im Leib, doch nur ein Hundsfott läßt ihn herauskommen.« * Die Standesgenossen und Nachbarn des Kniephofer Junkers schnitten allmählich bedenkliche Gesichter. Man bot ihm zwar anfangs einen Landratposten an, da er interimistisch während der Vakanz seines Bruders dies Amt zur Zufriedenheit ausfüllte. Aber Herr Otto lehnte ab, da er amtliche Pflichten nicht auf sich nehmen wolle, und bald genug ließ man jeden Vorschlag solcher Art fallen, weil sein Lebenswandel alle Gevatter und Basen in Aufregung brachte. Nicht der sonst üblichen erotischen Ausschweifung kraftvoller Jugend frönte er, seine höfliche Gleichgültigkeit für das weibliche Geschlecht änderte sich nicht, und wenn er mal ein Bauernmädel jovial um die Hüfte faßte, so geschah es mehr, um nicht gegen landesüblichen standesgemäßen Brauch zu verstoßen, als aus Wohlgefallen. Aber der altgermanische Saufteufel schien ihn ganz in den Krallen zu haben. Selbst sein wenig leidenschaftliches Tanzen lief nie auf Plänkeleien mit den Grazien und Handgemenge mit der Venus hinaus, sondern auf nachfolgende Trinkgelage vermittels Erzeugung von unbändigem Durst. Sein Weinkeller war sein Allerheiligstes, im Tempel des Bacchus brachte er täglich Trankopfer von seltenem Umfang. Seinem wilden Wesen entsprach auch sein wildes Reiten, das zum Gespräch des Landkreises wurde. »Heut tollt er wieder wie ein Verrückter!« brummte ein Nachbar, als er in der Ferne den Junker Otto wie einen vom Dämon Besessenen vorüberjagen sah. Die Damen konnten ihren Unmut nicht verbergen, daß ein so stattlicher junger Herr so gar nicht auf Freiersfüßen ging und nicht mal das Courmachen bei Ehefrauen betrieb, verbunden mit roher Geringschätzung aller ästhetischen Bildung. Kamen die lautersten Reize der Dichtkunst aufs Tapet, wie die süße Undine des seligen Baron Fouquet oder Schulzes Verzauberte Rose oder Tiedges Urania, die in Pommern noch viele adelige Stiftsdamen beseligte, so fing er schauerlich zu lachen an. Die sogenannten Klassiker Schiller und Goethe genoß man nur mit besonderer Auswahl, etwa »Braut von Messina«, »Iphigenie«, »Tasso«, weil man sich dort in fürstlicher Hofgesellschaft befand und standesgemäßen Umgang mit vornehmen Idealen bekam. Dagegen widerrieten die Pastoren schon die Lektüre von »Maria Stuart«, weil der Dichter, dieser lockere Zeisig, über dessen Kredo man im Unklaren blieb, dort dem verruchten Papismus Weihrauch streute. Aus Naugard und Stolpe lud er sich diejenigen Offiziere zur Jagd ein, die in ihren Garnisonen als Teufelskerle galten. Seine ländliche Einsamkeit durften nur auserlesene Genossen teilen, die selbst einen biedern Drei-Flaschen-Mann der guten alten Zeit unter den Tisch getrunken hätten. Die Palme und den Preis trug aber stets der freundliche Gastgeber davon. Mit Begeisterung erzählte ein junger dämlicher Dragonerleutnant bei Puttkamers auf Reinfeld bei Zuckers: »Mein Freund Bismarck hat ein neues Getränk erfunden, englischen Porter mit Champagner gemischt. Pyramidal, freilich nur für Kenner! Für Anfänger unmöglich! Und neulich nahm er ein altertümliches Trinkhorn von der Wand, hat's von oben bis unten mit Champagner gefüllt und – was wollen Sie sagen! – goß es auf einen Hieb hinter die Binde. Kolossale Leistung! Dazu schlug er eine tolle Lache auf: ›Ich fordere meine Pässe für die Diplomatie!‹ Witz mir nicht ganz verständlich.« Erst das betretene Schweigen bei Puttkamers belehrte den Unglücklichen, in welche Fußangel er hineingeriet, und er stotterte Entschuldigung vor den Damen. »O ich Dämelack bei den Pietisten!« jammerte er in Naugard. »Die kleine schwarze Kröte Johanna hat Augen gemacht – zum Totschießen!« Der Gutsherr vom Kniephof bereitete aber seinen Gastfreunden noch eine andere freundliche Überraschung, wenn sie zur Nacht bei ihm Unterschlupf fanden. Pünktlich bei Sonnenaufgang knallte er Pistolenschüsse vor ihren Schlafzimmern ab und belehrte die unsanft Geweckten mit mock-heroischem Pathos: »Morgenstunde hat Gold im Munde. So führt man arme Sünder auf den sogenannten Pfad der Tugend.« hervorragend niederträchtig benahm er sich gegen einige entfernte Kusinen, die ihn mit zartem, weiblichem Mitleid heimsuchten, um ihn von so ödem und rauhem Junggesellentum zu bekehren. Er empfing sie ritterlich, nahm Tassen verhaßten Tees aus ihren weißen Händen demütig entgegen. Da öffnete sich die Saaltür, und zwei gezähmte Füchse, die er auf dem Gutshof unterhielt, stürmten ungebeten herein mit gierigem Zähnefletschen. Aufkreischen, Ohnmachten, Anspannen und Abfahren trotz aller Versicherung, daß dies angenehme, behagliche Haustiere seien. Der rohe Junker verbeugte sich bis zur Erde, seine Füchse und Wolfshunde neben sich, als die Damen unter einem wüsten Geheul des Tierchorus das Weite suchten, und knallte dazu mit der Peitsche. »Damen in so hohen Semestern sollten sich nicht in meine Wildnis wagen. Mein Name ist Lederstrumpf und nicht Hase.« Und damit ritt er fröhlich auf die Hasenjagd, seine Hühnerhunde Chincacok und Unkas, die letzten Mohikaner, sprangen neben ihm um die Wette. Da er tagelang in der Sonnenglut umherwanderte; bräunte sich seine Gesichtsfarbe, und er kam als wilder Asiate, mit einem Turban auf dem Kopf, auf den Tanzboden bei Plathe. Keilerei und Tanzvergnügen, wie er als Student auf der Berliner Hasenheide es manchmal genoß, suchte er aber vergebens, wenn er einem Dorfrüpel seine Liebste zum Tanz entführte, sintemal die ganze Umgebung seine derben Fäuste kannte und sich nicht herangetraute. Bäche von Champagner, Marke Montebello, schwemmten ihm jeden Abend den Staub des Tagewerks weg, und nach der gehörigen Bettschwere erwachte er ohne Kopfschmerzen, um Geschäftsbriefe zu schreiben. In einem Wahlkampf zeigten sich die Früchte seines Ringens um den Beifall seiner lieben Nachbarn. Vier Wahlmänner schworen sich ihm zu auf Leben und Tod, zwei waren lauwarm, der ganze Rest eine geschlossene Phalanx gegen ihn, so daß er aussichtslos zurücktrat und sich diebisch über den Spaß freute. Der Mond sah freilich manchmal ein anderes Bild, wenn der heimkehrende Gutsherr angekleidet auf seinem Bettrand saß und in die Nacht hinausstarrte. Da gingen ihm tausend Gedanken durch den breiten Schädel, bis er in einem Anfall verzweifelter Schwermut sein Gesicht in den Händen vergrub: »Verfehltes Leben!« Und die Post brachte nicht immer »Kisten von Spirituosen«, sondern auch dicke Bücherpakete. Das sogenannte Bibliothekzimmer, das auf deutschen Herrensitzen seit Urvätertagen seinem Namen Unehre macht – locus a non lucendo –, füllte sich bei ihm ansehnlich. Er brütete oft bis tief in die Nacht hinein bei einsamer Studierlampe über einem Folianten wie Magister Faust, und kein Geringerer als Spinoza bot ihm die schwere Kost für seinen hungernden, einsamen Geist. Aber er fand nur den alten Spruch, daß wir nichts wissen können, und sein Faustischer Drang tat ihm schier das Herz verbrennen. Sein Schulfreund Moritz v. Blanckenburg, ein kirchlich Bigotter, völlig beschränkt in religiösen und politischen Dingen, aber ehrenwert, treu und reinen Herzens, drohte ihm, seine Besuche einzustellen. »Otto, mit dir geht es immer mehr bergab. Du mißachtest Gottes Gebot, alle Herren Pastoren wehklagen über dich. In die Kirche gehst du selten und nur anstandshalber, neulich hast du in deinem Betstuhl laut gegähnt und der Gemeinde ein Ärgernis gegeben. Es ist furchtbar, was man alles hört. Du bist das Gespräch und Gespött aller Gutgesinnten zehn Meilen in die Runde. Raffe dich auf aus deiner sündigen Verkehrtheit und lebe wie ein Christenmensch!« »Lieber Moritz«, lehnte der Kniephofer ruhig ab, »Du weißt, ich hab' dich gern, drum hör' ich deine Predigt zu Ende. Aber laß ab, mich ändern zu wollen. Viele sind berufen, wenige auserlesen. Ich jedenfalls nicht, kann nicht aus meiner Haut fahren.« »Du sollst aber auserlesen sein, denn du bist berufen durch deine großen Gaben.« »Für was? Wenn du das wüßtest, wär' ich dir dankbar. Das Leben hat wenig Zweck, die meisten Menschen vegetieren nur wie Pflanzen oder Unkraut. Laß mich wenigstens die allgemeine Dürre mit Trinkbarem begießen! Denn sauf' ich nicht, so bin ich dumm und gallig dazu.« »Selbst deine Riesennatur wirst du untergraben, einen Knacks fürs Leben bekommen.« »Davor keine Bange! Der Kadaver hier hält's schon aus.« »Doch deine Seele? Wachet und betet, auf daß ihr nicht in Anfechtung fallet. Ich gebe die Hoffnung nicht auf und schließe dich täglich in mein Gebet.« Das wird viel nützen! dachte der Skeptiker. Doch Spinoza nützt mir auch nichts. – So braun seine Wange, so bleich war sein Herz, von des Gedankens Blässe angekränkelt. Um den Winter seines Mißvergnügens durch etwas Sonne zu erhellen, machte er schon früher wiederholt kleine Spritztouren in die so nahen pommerschen Seebäder. Er watete durch den weißen Dünensand von Swinemünde, ließ sich am Strand von Kolberg in der Sommerhitze braten und sprang an Rügens weißen Klippen in die Salzflut. Ein furchtloser Schwimmer, lernte er auch das Tauchen und griff einmal einen Hering in den Tiefen der Ostsee mit eigenen Händen auf. »Armer Kerl!« lachte er. »Nirgends ist man sicher vor dem Menschen, dem ärgsten Raubtier. Eins frißt das andere in dieser seltsamen Schöpfung, doch nur den Menschen blieb der Trieb, sich sogar untereinander zu zerfleischen. Keine Tierrasse kennt dies Vertilgen unter sich, keine Bestie ist grausam wie der Mensch, man beleidigt die armen Tiger, wenn man einen Menschentiger eine Bestie nennt. Was sind die Eroberer anders als Menschenfresser! Was für ein zähes Gewissen muß solch ein Bursche haben, wenn er Kriege anzettelt zum Verderben von vielen Tausenden!« »Sie scheinen ein Philosoph, mein Herr«, erwiderte ein alter Kapitän, an den er diese Bemerkungen richtete und der den blondbärtigen Athleten neugierig musterte. »Doch ich meine, die großen Herren gehen ihrem Mordhandwerk, das sie Ruhm nennen, geradeso gleichgültig und behaglich nach, wie jeder beliebige Bürger. Hai und Schwertfisch halten sich für ebenso anständig wie der friedfertige Wal. So wird's wohl beim Löwen sein im Vergleich zum Elefanten.« »Und doch ist der friedliche, weise Elefant stärker als jedes Raubtier. Das ist doch das schönste: seine Stärke nicht mißbrauchen und nur zum Schutz der Schwachen zu dienen, wie der Elefant bei Tigerjagden.« »Das sagen Sie so! Kalkuliere aber, ist ein seltener Fall. Der Starke, der Maß hält im Erfolg, soll noch geboren werden ... unter uns Menschen. Napoleon war gewiß ein smart fellow doch ging zugrunde, schätz' ich, weil er nie ordentlich Anker warf und immer alle Segel beisetzte, dem Wind in die Zähne.« – Im Herbst 1844 fuhr er nach Norderney, um sich die Poren mit Seeozon auszulüften. An der Table d'hôte fand er nur wenige Gäste, doch von verschiedenen Nationalitäten. Da war ein russischer Offizier, dessen ungeschlachte Figur an einen Stiefelknecht erinnerte. Da war eine rachitische, dänische Dame, die ihn mit Trauer und Heimweh erfüllte. Da war ein alter preußischer Ministerialbeamter, der wie ein Alpdruck wirkte, ein fetter Frosch ohne Beine, der seinen Mund weit aufriß wie eine Reisetasche für jeden Bissen, nach dem er schnappte. Man muß sich an der Tafel festhalten, sonst schwindelt einem! klagte der satirische Otto mit grotesker Übertreibung. Von diesen Bekanntschaften erholte er sich beim Meer, mit dem er innige Freundschaft schloß, wie mit dem Fischer Tomke Hans. Gar manchen Abend fuhr er bei Sonnenuntergang weit in die See hinaus, bis die goldene Scheibe tief über dem Wasser lag und zu einem Glühpünktchen einschrumpfte und dann erlosch. In seiner melancholisch-philosophischen Hamletstimmung wälzte er dabei Totengräbergedanken: So geht's mit dem Tagesruhm, ein Lichtstümpfchen, und dann ist Nacht. Aus, kleine Kerze! Wozu die Mühe des Leuchtens! Das ist doch nur ein Selbstverbrennen. Im Fischerboot so zu Hause wie im Sattel seines Pferdes, bestand er mit seinem getreuen Tomke einen plötzlichen Orkan, der sie bei Wangeroog auf hoher See überraschte. Vierundzwanzig Stunden lang trieben sie dahin, durchnäßt bis auf die Haut, keinen trockenen Fleck am Leibe, aber mit Schinken und Portwein ausgerüstet. Zwanzig Segelschiffe strandeten derweil bei Borkum und den anderen friesischen Inseln, doch die beiden kühnen Bootsleute, sich wechselseitig am Steuer ablösend, kehrten wohlbehalten heim. Geredet hatten sie dabei so gut wie nichts, hätten sich auch nicht verstehen können beim Donner der See und Heulen des Sturmes. Als die Wogen um ihn her zischten und über Bord spritzten, fiel ihm Uhlands Vers ein: »Der Kaiser Karl am Steuer saß, der hat kein Wort gesprochen, er lenkt das Schiff mit festem Maß, bis sich der Sturm gebrochen.« So sollte einer sich halten, der ein Staatsschiff zu lenken hat unterm Brüllen feindlicher Elemente. Jeden Tag segelte er stundenlang hinaus, um zu fischen oder Seehunde zu schießen. Nur eine der vorsichtigen Robben kam ihm vor den Schuß, und als er auf das sanfte Hundegesicht mit der borstigen Schnauze und den schönen braunen Augen blickte, tat ihm sein Töten von Herzen leid. Ach, dachte er, ich gehöre nicht zu den Männern von Blut und Eisen, die kein menschliches Rühren kennen. Am Ende ist's gut, daß ich nicht Soldat wurde, Krieg führen könnt' ich nicht, habe zu viel Mitleid mit der Kreatur. Ist das nun weichlich-weiblich in mir? Dünke mich doch sonst männlich genug. Er gedachte, wie Lord Byron, mit dessen Poesie er sich in Mondscheinnächten seiner pommerschen Wildnis durchtränkte, einen Adler im Ambracischen Golf hoch aus der Luft herabholte und sich dann vor dem brechenden Auge des sterbenden Vogelkönigs zuschwor, nie wieder seine nie fehlende Kugel auf Lebewesen zu entsenden. Nein, so weit würde er nicht gehen, solche sentimental-poetischen Anwandlungen mochten für einen Byron und den doch sonst nicht so weichmütigen Jagdverächter und Menschenjäger passen, den man Friedrich den Großen nannte. Aus so zartem Metall war er, der unbedeutende Privatmann Otto Bismarck, denn doch nicht gegossen, als robuster Landjunker würde er auch ferner auf den Anstand gehen und das Wild beschleichen. Aber man muß nicht hinsehen, wenn das Reh stirbt. – Die Wellen, die ihn am flachen Strande herumkugelten, machten ihm viel Spaß, leider auch Hin- und Herwogen des Glücksspiels im Bade-Roulette. »Am 4. August 1844« in Hannover geschah die denkwürdige Tat, daß er endlich wieder an seinen Getreuen Scharlach schrieb, er wolle ihn auf Rückkehr von Norderney wiedersehen. Doch aus Besuch in Hildesheim wurde wieder nichts. Der Spielpächter Hartog nahm Ottos Finanzen in so umfassende Obhut, daß er eiligst einpacken und zu den heimischen Penaten flüchten mußte. Vormals erreichte er Norderney, mit einem Rudel Damen zusammengepfercht im Postwagen, als lustiger Schwerenöter. Jetzt fuhr er düster über Hamburg heim, den wohlfeilsten Weg. So freigebig unterstützte er besagten Hartog mit blanken Talern preußisch Kurant, daß er mit Müh und Not und 25 Groschen in der Tasche Vaters Hof erreichte. »Erlkönig hat mir ein Leids getan«, summte er mit Galgenhumor. »Dem Vater grauset's, ich reite geschwind.« Doch freute ihn baß, daß seine kavaliermäßige Erscheinung den Zollbehörden an der Grenze unverdächtig schien und sie ihn ohne Paß passieren ließen, dessen Lösen seine Vagabundenkasse nicht gestattet hätte. Die Paßscherereien zwischen deutschen Einzelstaaten führten ihm immer wieder Deutschlands Zustand ins Gedächtnis zurück. Er vergaß es ganz in seiner pommerschen Wildnis. Unkundig wie ein schriftgelehrtes Stadtkind, übernahm er vor fünf Jahren die verschuldeten Güter, die mehr fraßen als einbrachten, und jetzt rettete er schon den besten Teil des Erbvermögens. »Das war der Zweck der Übung,« gestand er dem Schwager Arnim, »aber nun Schluß. Geistig bin ich so eingerostet, daß meine unempfängliche Verdrießlichkeit sich nicht viel zum Ärger aufschwingt, wenn meine Untergebenen mich betrügen. Das ist der Dank, weil ich das Leben, das sie mir vergällen, ihnen behaglich mache. Nur nach Tisch bei der Flasche bin ich milden Gefühlen zugänglich, sonst grenzt meine Gelangweiltheit an grauesten Lebensüberdruß.« »Hast du keinen anregenden Umgang?« »Doch, Hunde und Pferde. Bei den Junkern steh' ich in Verruf wegen Hexerei, ihr Signalement heißt: ›wegen alten Adels schreibensunkundig‹. Außerdem kleide ich mich wie ein Mensch. Doch anerkennt man meine guten Seiten, denn ich zerwirke ein Stück Wild wie ein berufsmäßiger Metzger, galoppiere wie ein Jockei, schmauche die schwersten Zigarren und trinke alle unter den Tisch mit freundlicher Kaltblütigkeit. Die schönen Tage von Aranjuez, wo ich als braver Mann einen Rausch gehabt, sind nun vorüber, ich Unseliger kann nie mehr betrunken werden. Wozu auch! Früher suchte ich Betäubung, heut hab' ich nichts zu vergessen, in mir ist alles tot. Keine Wünsche, Hoffnungen, Befürchtungen! Bin also eine sehr harmonische Natur, die sich akkurat abrollt wie ein Uhrwerk.« Man sprach jetzt von gescheiterter Verlobung Ottos. »Wir hören aber,« fiel Malwine eifrig ein, »daß du deine ehemalige Flamme wiedersahst. Ihre Mama hat nichts mehr gegen die Verbindung. Wir sind beauftragt, neue Annäherung einzuleiten. Auch die Karlsburgerin ist sehr dahinter her, die dich doch immer treulich bemuttert. Gehst du darauf ein oder ist jede Neigung in dir erstorben?« Otto gähnte. »Mein bester Wille vermag nichts wider meine Schwerfälligkeit, die mir verbietet, eine Beleidigung in Lethe zu tunken. In mir ist so viel Bitterkeit gegen dein zartes Geschlecht angesammelt, daß ich's nicht hinreichend unterdrücken kann, um euch eine glückliche Zukunft an meiner Seite zu sichern.« »Du wirst schon aus anderer Tonart reden.« »Und ich,« schlug Oskar vor, »sorge dafür, daß du durch besondere Vergünstigung als Volontär wieder im Staatsdienst unterkommst.« Da gähnte Otto ganz fürchterlich. »Wenn du meinst! Ich bin so schlaff, so teilnahmlos, daß einförmige Tätigkeit mich vielleicht aufkratzt. Ein großes Vielleicht, wie der sterbende Rabelais sagte, und das Leben nach dem Tode ist nicht unsicherer und rätselhafter als das, was wir hier Leben nennen. Meinethalben! Ich verhalte mich dazu leidend.« Tief im Unbewußten wurmte ihn die Erkenntnis, daß dem Genialen nichts Gesundung bringt als eben Spielraum für seine Genialität, daß der Große sich nur mit Großem beschäftigen soll. Das peinvolle Los unterdrückter Größe, wer weiß, wie mancher unerkannt es trägt! Ein Glück, daß Genie unbewußt handelt, nicht altklug seiner selbst bewußt. Und so schützten Otto vor dumpfer Verzweiflung das geringe Ansehen, in dem er bei sich selber stand, die resignierte Gleichgültigkeit gegen den eigenen nur unklar gefühlten Wert. »Mein Freund Scharlach, einst hochfliegender Idealist voll edler Lebenslust, hockt heut stillvergnügt als Familienvater. Mitchell King schrieb neulich aus seiner Farm, er besitze eine Frau, fünf Kinder und 150 Schwarze, hänge die Medizin an den Nagel und baue Tabak. So 'n Kerl! Früher wollt' er englischer Söldner in Spanien werden, Wright machte uns die Finte vor, King sei von Karlisten niedergemetzelt. Ach, solch rühmliches Ende wird uns Philistern nicht beschert. Motley, seit er nach Neuyork heimging, schreibt beliebte Romänchen. Mich wird er konterfeiern als Leibfuchs, der aus der juckenden Philisterhaut fahren will. Faule Romantik! Da seht mich an, als Vater Biedermann in meinen vier Pfählen verbauert! So finden sich alle mit ihren Jugendträumen ab.« Ja, das tun sie, alle Gewöhnlichen, nur der Ungewöhnliche schließt tief im Innern keinen Kompromiß, er geht daran zugrunde oder setzt sich dennoch durch. »Coffin läßt nichts von sich hören. Ach Gott, die alte Wette! Lang, lang ist's her. Sieht man Menschen wieder, die man vor Jahren kannte, muß man sich erst einander wieder vorstellen. Alle sieben Jahre bauen die Körperzellen sich um, ewiges Vergehen und Entstehen! Miserables Geschäft, das die Kosten nicht deckt! So nennt's ein Pessimystiker, Schopenhauer, den ich mir neulich in stiller Klause zu Gemüte führte. Es hat was. Doch der Mann heult wie ein Schloßhund über seine Verkennung durch die nämliche Menschheit, die er begeifert. So inkonsequent und albern eitel sind alle, ach wir Armen!« »Was du nicht durcheinander verschlingst!« staunte Malwine. »Wenn man verhungert! In der Not frißt der Teufel Fliegen und unverdauliche Philosophie. Du überhaupt«, brach er heiter ab, »trägst Schuld an meinem Sündenfall. Mädel, die unverheiratete Brüder haben, dürften sich nicht mir nichts dir nichts einen fremden Mann nehmen. Seid ihr bloß in der Welt, um euer fabelhaften Eva-Bestimmung zu folgen? Oskar ist ein Bandit, raubte dich mir. Unnatur und Selbstsucht! Davon ist das männliche Geschlecht frei.« »Besonders du!« scherzte Malwine, indes Oskar und seine Schwester Adele aus vollem Halse lachten. »Als du deiner scheußlichen Britin nachliefst, bekam man alle Jubeljahre von dir einen Wisch. Bin ich da, willst du mich in Seide und nachher in Watte wickeln, deine Leute prahlen, du wärst mit mir wie mit einer Braut, aber bin ich nicht da, denkst du keine Minute an mich, Herr Philosoph am Ofen. Alles nimmst du kalt und kritisch. Über deine Ehemalige fälltest du den Spruch, sie werde bald den Rosenteint verlieren und rot glühen wie eine Klatschrose. Dann wundere dich noch, daß sie dich aufgab.« »Beide salvierten sich rechtzeitig.« Otto gähnte wieder mit unsäglicher Gleichgültigkeit. »Eine Drahtpuppe anzubeten, dafür bin ich zu lange aus den Kinderschuhen. Gebt Euch keine Mühe, ich liebe nichts mehr als meinen Hund.« – Ein Jahr zuvor hatte er wichtigere Reisen versucht. Da er an Überlegenheit der westlichen Kultur nicht glaubte, wollte er sich mal durch den Augenschein überzeugen. Denn was die Leute reden und die Schriftsteller schmieren, braucht noch lange nicht wahr zu sein. So packte er eines Tages seine sieben Sachen in den Reisekoffer und dampfte über den Rhein, dessen vaterländische Majestät er mit einer Art stiller Andacht betrachtete, zu den schnöden Welschen. Als junger Mann ohne Amt und Würde, seit der Mutter Tod ohne jede Beziehung zu tonangebenden Kreisen, brachte er keine Empfehlungen mit, und die preußische Gesandtschaft kümmerte sich nicht um ihn. Dagegen erlaubte ihm seine Redefertigkeit in elegantem Französisch mit ausgezeichneter Aussprache, in Hotel, Restaurant, Café gelegentlich mit Einheimischen zu parlieren. Diese machten ihm höfliche Komplimente über seinen hohen Bildungsstand, der nach ihrer Meinung natürlich allein in Kenntnis ihrer erhabenen Weltsprache lag, höchlich verwundert, daß ein nordischer Barbar sich zu solcher Höhe aufschwingen könne. Doch sein Bekenntnis, daß er bloß ein Preuße sei, verwandelte ihre Höflichkeit zu gnädiger Herablassung. Es war ihnen ja wohlbekannt, daß Preußen eine einzige Baracke voll bunter Bleisoldaten vorstelle, wo man in Mußestunden nach täglichem Drill die Gänse hütete und sich schlecht und recht von Blutwurst mit Sauerkraut nährte. Ob übrigens Königsberg nicht in Sibirien oder am Nordpol lag, bekanntlich die Hauptstadt von Pommern, wo zumeist Polen wohnen, schien nicht hinreichend geklärt. Geographie schwach. Um so genauer kannten sie ihre eigne Weltgeschichte. Als auf den Kölner Dom die Rede kam, von dessen endlicher Vollendung man damals viel hörte; ein ziemlich gotisches, also barbarisches Bauwerk, das sich natürlich mit Notredame nicht messen konnte, belehrte ihn ein liebenswürdiger Flaneur: »Den Grundstein legte Charlemagne, der erste französische König, der Deutschland uns unterwarf. Er war nicht der letzte. Pardon, Monsieur, doch wie Alfred de Musset so schön singt: Wir haben ihn gehabt, euren deutschen Rhein.« »Parfaitement!« verbeugte sich der preußische Reisende verbindlich. »Und Ludwig XlV. hat das Straßburger Münster gebaut.« Dies war den Parisern neu, doch eine hochwillkommene Kunde, die der höfliche Verehrer de Mussets sofort in einem Salon verbreitete. Er habe es aus bester Quelle von einem deutschen Baron, einem riesigen Bären norischer Urwälder, der dem Herzog Rudolf in Sue's »Mysterien von Paris« gleiche wie ein Ei dem andern. Infames Gesindel! grollte der nordische Bär in sich hinein. Und das blüfft die weite Welt mit dem Märchen französischer ritterlicher Höflichkeit. Kein Deutscher wäre je fähig, mit so plumper, protziger Prahlerei einen Fremden zu beleidigen. Und die naiven Affen merken nicht mal ihren Verstoß gegen die guten Sitten. Ach, politesse du coeur kennt man nur bei uns zu Hause, nicht in diesem Vaterland aller Friseure, Köche, Konditors und Kokotten. Hol' die Pest die ganze Blase, dies aufgeblasene, windige Pack! Das äußere Leben sieht sich hier gut an, Paris ist schön, aber schmutzig, innen und außen unreinliche Sauerei. Reich ist diese Bourgeoisie, die hier allein regiert, doch was kann man von einem Volk erwarten, dem sein bekanntester Staatsmann Guizot die Losung gibt: Bereichert euch! Wohlleben, Luxus, Liederlichkeit ... was bei uns nur einzelne Kreise vergiftet, dringt hier durch den ganzen Körper der Nation. Stark sind sie nur durch ihre vereinte Zahl. Wären die Deutschen geeint, sollte es wohl für immer mit dem Krähen des gallischen Hahnes ein Ende haben. Leider hat das noch gute Wege. Aber wenn man die Zentralisierung sieht, wo die Provinzen nur dazu dienen, der »Lichtstadt« (übrigens sehr schlecht beleuchtet) Blut zuzuführen, so denkt man an Kongestionen nach dem Kopfe und Schlaganfall. Deshalb gedeiht hier wohl jeder Schwindel, weil dem Pariser vor seiner Gottähnlichkeit schwindlig wird. Die deutsche Dezentralisierung hat auch ihr Gutes für die Eigenkultur. Wäre nur nicht die verdammte politische Schwäche! Nur hierin brauchen wir Stärkung, nicht aber ein Aufsaugen des Ganzen durch Zentralgewalt. Im Strudel des Pariser Lebens, als einfacher Tourist wie ein unbeachtetes Bläschen untertauchend, gewann er den nachhaltigsten Eindruck im Dom der Invaliden. Vor Napoleons Sarkophag, den nur die goldenen Schlachtennamen umkränzen, vergegenwärtigte er sich die letzte Stunde, als ein Orkan die Weiden von St. Helena knickte und er sein großes Leben sah im letzten Fieberwahn. Was aber war sein letztes Wort? Stört es nicht der Nachwelt sein großes Sterben? Der Prometheus am Fels im Weltmeer, kannte er nur dies Wort, mit dem er verröchelte: »An der Spitze der Armee!«? Er, der die Welt im Schädel trug, war nur ein Tamerlan, der Schädelpyramiden baute und Schlachtenrosen pflanzte und auf goldenem Sessel sich von Knechtgewürm umschranzen ließ? Diese prahlenden Namen auf seinem Steinsarg: Austerlitz, Jena e tutti quanti , wie schal ist dieser Nachruhm! Darum verlohnte sich's, den Erdball zu erschüttern? Doch freilich, die Menschlein beißen auf Stein, wenn sie an ihm die Zähne wetzen, sein Richter bleibt einzig das Weltgesetz der unerforschlichen Mächte. Vielleicht lallte er tieferen Sinn mit seinem letzten Odem, ein Feldherr an der Spitze, die Menschheit die Armee. Doch wozu gerecht sein wollen wie Gott! Wir Deutschen und wir Preußen sollen ihn hassen übers Grab hinaus und Krieg führen mit seiner Erbschaft und dem Geiste von Louis Quatorze, den diese Demütiger Deutschlands dem eitlen Gloirevolk vererbten. Als man den Leichnam von der Insel abholte, wo er unversehrt wie im Leben in der Steingrotte schlief, rief hier der Premierminister in der Kammer: »Ja, er war unser legitimster Kaiser und König.« Das war er, das legitimste Sinnbild gallischer Überhebung, der korsische Parvenü. Den sogenannten Prinzen Louis Napoleon haben sie geächtet, aber wer weiß, ob das Erbteil seines Namens nicht noch reiche Zinsen trägt! Diese Nation kann nicht Ruhe halten, sich nicht bescheiden. Dieser Bürgerkönig Louis Philipp mit seinem legendären Regenschirm ist nichts für die Gloiresucht. Schon holt sich die Armee in Algier billige Lorbeeren. Aufgepaßt, sie kommen wieder, die munteren Französchen, und zupfen den Vater Rhein am Bart. Ich traue diesem 30 jährigen Frieden nicht. Wir werden noch was erleben. Ich mag dann als simpler Landwehrrittmeister die Plempe ziehen, und die Reise nach Amerika bleibt mir kaum erspart, denn die Wette mit Coffin verliere ich. Schon zwölf Jahre sind verflossen, nur acht noch ausständig, bis dahin ändert sich nichts. – – Als er in Hull ans Land stieg, fühlte er gleichsam ein germanisches Verwandtschaftsgefühl auf englischem Boden. Fröhlich schlenderte er, die Hände in den Hosentaschen, vom Hafen herein und pfiff einen Berliner Gassenhauer. Allsogleich erscholl eine feierliche Stimme, ein ältlicher Gentleman trat ihm in den Weg: »Sir, Sie sind Ausländer, das entschuldigt Sie. Heut ist Sonntag, der Tag des Herrn, der Sabbat wird in diesem Land geheiligt.« »Wie? Ich verstehe nicht. Man wird doch pfeifen dürfen.« »Keineswegs. Das ist weltlich sündige Frolic. Nur heilige Musik ist gestattet. Ich bitte Sie, solches Geräusch zu unterlassen. Sonst müßte ich Sie dem Konstabler anzeigen, der schon aufmerksam wird.« Mit einem derben Fluch wandte sich Otto ab. Da hört denn doch verschiedenes auf! Diese wahrhaft scheußliche Tyrannei ist wohl britische Freiheit? Haha, ich rate unseren Demokraten, dies gelobte Land kennen zu lernen. – Überall in der Stadt fand er gähnende Öde und bleierne Langeweile. Alle öffentlichen Lokale geschlossen, nur Trupps von geputzten Kirchgängern umhertrottend. Und dabei wett' ich, dachte der Ankömmling mit seinem realistischen Scharfsinn, daß diese biederen Pharisäer hinter ihren Mauern ohne Zeugen sich geistliche Stärkung durch geistige Getränke verschaffen und so in den Montag hinüberschnarchen. Wieviel netter und sauberer sieht es bei uns in der Umgebung Berlins aus, wenn die Leute in ihren Sonntagskleidern im Freien wandern und sich heiter amüsieren! Die englischen Krämer sind sicher nicht bessere Christen als wir, dies scheinheilige Gebaren ist bloße Gewohnheit, durch die Puritaner erzwungen. Damals hatte solche Strenge einen bestimmten Sinn, das liederliche »lustige Altengland« sollte nicht ohne Grund gemaßregelt werden, später aber und gar erst in unseren Tagen hat die unbehagliche Sonntagsheiligung nur Heuchelei zur Folge. Bah, ich habe schon genug. Steifleinene Baumwollseelen, die Bibel in der einen und das Kontorkontobuch in der anderen Hand, a nation of shopkeepers . Was soll man denn davon lernen? Fromme Grimassen und stillen Suff. Diese Seeräuber haben bloß Glück gehabt, zu Shakespeares Zeit kamen sie materiell und literarisch plötzlich um eine Pferdelänge voraus, weil unsere verfluchten Religionskriege uns kulturell zurückwarfen. Nachher hatten sie Überfluß an Kohle und Eisen für die Industrie, da steckt das ganze Geheimnis ihres Vorsprungs. Nun, ich will mir London sparen, im romantischen Schottland wird man solche Pharisäersitten nicht kennen. Und er drehte sich auf den Hacken um und löste ein Schiffsbillett nach Edinburgh, was eine rührende Unkenntnis schottischer Frömmelei verriet. Der arme Reisende machte ein langes Gesicht, als er dortige Bräuche noch freiheitswidriger fand als in England. So viel Betrunkene sah er nie, wie Sonnabend nachts an den Straßenecken, doch die Betrunkenen schnarchten dann pflichtschuldigst in der Kirche. Die Romantik von Walter Scott, die seinen Feudalinstinkt angenehm kitzelte, schwand ja auch schon lange, zum zerfallenen Holyrood führte eine schnurgerade Straße, die schönste und regelmäßigste Britanniens, Princesstreet. Doch blieben genug alte Burgen und Klöster, umrahmt von reizenden Landschaftsbildern, daß sie sein halbkünstlerisches Empfinden befriedigten. Nichtsdestoweniger machte er bei der Heimkehr seiner Enttäuschung humoristisch Luft, als ob sich bei ihm alles um Leibeskost und Speiseatzung seines umfangreichen Korpus drehe: »Ich bringe von diesen berühmten Inseln nur eine große Erinnerung mit, Welsh Rabbits, gerösteten Käse auf geröstetem Brot. Das ist eine Errungenschaft, Entdeckung von Neuland. Sonst alle Fressalien eintönig und salzlos wie die Bewohner, Beaf und Mutton, Mutton und Beaf. Boiled Beaf ist fein, doch in Mecklenburg pökelt man besser. Gemüse in Wasser, schauderhaft! Die Puddings ein fetter Kleister, Plumpudding nur kalt vorzüglich, was man bei uns nicht weiß. Pommersche Gänsebrust und Flundern sind viel gediegener als ihre Salmonsteaks. Und einen Stoff trinken sie drüben mit Sodawasser, heißt Hock, soll heißen Hochheimer – eine schnöde Verleumdung! Gänsewein von Jüterbogk ist nichts dagegen und Moselkutscher ein Idealgebilde. Sherry ist lauter Sprit, Port wegen der Seereise gut, Ale und Porter sind Magenbitter, meist verpanscht, denn alle Brauer werden Millionäre.« Ein Seufzer der Sehnsucht ging durch die andächtig lauschende Versammlung der Standesherren in Naugard. »Gegen französische Küche will ich nichts sagen. Champignons in Öl, Bouillebaisse-Fischsuppe, Artischocken, Sauerampfersalat sind Spezialitäten, aber im ganzen doch mehr Ragout als saftiger Braten. Ich lobe mir norddeutsche Kost, und die lobenswerten Weine Bordeaux und Burgunder nippen sie mit Wasser. Keiner wagt einen ehrlichen ungemischten Schluck. Pfui Teufel, was kann man von solchen Schwachmatikussen erwarten!« Zur Erbauung von Männlein und Fräulein schloß er: »Mit denen können wir uns noch messen. Das sind nur die Fremdwörter, die uns blenden. Die Grampians sind nicht schöner als der Harz, der Rhein ist viel schöner als Themse und Seine. Der dumme Michel schwatzt von des Deutschen Reiches Erzstreusandbüchse, aber Potsdam und die Havelseen sind viel reizvoller als Richmond oder St. Germain. Versailles, nun ja, aber ich lobe mir mein Sanssouci, und wenn Paris viel großartiger als Berlin, die Pariser sind Laffen, ihren berühmten Esprit stecken wir noch lange in die Tasche. Die Deutschen sollten endlich lernen: Wozu in die Ferne schweifen, sieh, das Gute liegt so nah! Laßt euch nur nicht verblüffen von den Ausländern, die koofen den Alten Fritz noch lange nich.« Das freilich verschwieg er, daß er seinen alten Liebeskummer, dessen Wunde wieder aufbrach, von England zurück nach Frankreich und von da bis über die Alpen trug auf der Fährte verflossener Glückserinnerung. In London feierte er bei kurzem Aufenthalt ein peinliches Wiedersehen. Als er im Hydepark am Marble Arch den Reitweg Rotten Row entlang schritt, wo die schöne Welt zu Pferd und Wagen sich tummelte, stand ihm das Herz still. Er sah Isabella plaudernd vorüberreiten, sie übersah ihn in der Menge oder würdigte ihn keines Blickes. Über Triest nach dem Orient! war sein erlösender Wunsch. Das europamüde Childe-Harold-Fieber der Byronzeit erlosch noch nicht. In Indien kann man sich die schlimmen Afghanen besehen und ehrlichen Kriegertod finden. Doch als er sich ausrüstete, erhielt er den tränenfeuchten Brief des Vaters. »Ich bin jetzt 73 Jahre alt, ein armer, tauber Witwer, muß Dich vor meinem letzten Stündlein wiedersehen und befehle es Dir an.« Da blieb keine Wahl. Der Alte starb aber nicht, Otto mußte ihm sein Siechtum erleichtern, mit dem er sich 14 Monate quälte. Meist saß er auf einem kleinen Sofa, wo vor ihm die Laubkronen der Parkwipfel im Winde schwankten, und schaute zu einem Grab hinüber an der äußersten Ecke. »Der ging mir voraus!« Ein Vetter, Hauptmann Bismarck, angelte dort stets zur Sommerszeit am Ufer des Parkgrabens, wo jenseits Felder von Mais und Runkelrüben sich freundlich dehnten. Nun lag er begraben auf seinem Lieblingsplatz, den ein Kreuz aus Gußeisen bezeichnete. »Ihm ist wohl«, sann Otto manchmal, an das Kreuz gelehnt. »Ewiger Schlaf oder die Sprache einer anderen Welt.« Die Schönhauser Bauern tuschelten bedenklich: »Unser Junker liest Tag und Nacht in sechs Zoll dicken Büchern, er will Zauberer werden.« Als er beim Lesen einmal einnickte, fuhr er plötzlich empor, vernahm leise Schritte, und sein Gast v. Dewitz rief aus dem Nebenzimmer laut und ängstlich: »Wer da?« Die Uhr schlug Mitternacht und niemand war da. Otto starrte auf die drei Risse in der Bibliothektür, die von französischen Bajonetten herrührten. Hier brachen einst freche Voltigeurs ein, um Ottos Mutter zu erhaschen, die sich in den Wald flüchtete. Dachte er daran, stieg ihm immer Zornröte ins Gesicht. Suchte ihn heut ein Ahne heim, ihn zu erinnern, daß aller Schimpf des Auslandes wider Frau Germanias Ehre noch ungesühnt? Was wollte ein Geist der Vorzeit von ihm, dem nichtssagenden Nachfahren! Weh dir, daß du ein Enkel bist! Draußen im Dorf der Gasthof hieß »Zum Deutschen Hause«, doch wann ersteht ein Haus für alle Deutschen, wetterfest gezimmert! Fern aus der öden Stille hörte er den greisen Vater husten. Seine Kindheit zog an ihm vorüber. Im Sommer blieben die Eltern auf dem Lande, die Kinder allein in der Berliner Wohnung, Behrenstrahe 32 und 39, später Dönhoffsplatz, wo die Leipziger Straße mündet. Ihr leibliches Wohl überwachte die treue Trine Neumann, verschiedene Erzieher erteilten den Zöglingen Bernhard und Otto des Friedrich-Wilhelmgymnasiums Nachhilfestunden. Der Kammergerichtsreferendar Hagens glich im Gesichtsschnitt Napoleon, man munkelte, seine Mutter sei eine Marquise aus dem Elsaß gewesen. Der Genfer Gollot brachte Otto gutes Französisch bei. Der Philologe Winckelmann aus der Familie des Archäologen, dessen Standbild in Stendal an altmärkische Abkunft gemahnte, flößte ihm eine Vorliebe für die Antike ein, bis dies Verlöbnis des Goetheschen Faust mit der schönen Helena jählings abbrach, weil der Philologe das Land der Griechen mit der Seele suchte und mit der Wirtschaftskasse durchbrannte. Dann kam Otto in Pension nach der Königstraße zu Professor Prévost und bezog das Graue Kloster. Seine Konfirmation in der Dreifaltigkeitskirche ließ ihn kalt, die Entfernung vom Elternhause machte ihn teils selbständig, teils unsicher. Man verzog ihn sonst, die mütterliche Strenge hinderte nicht, daß der Vater und die Kammerzofe Lotte Schmeling ihn mit übertriebener Zärtlichkeit überhäuften. Wartete er am Nebentisch auf sein Süppchen, so rief der Alte seiner Frau vor den Gästen zu: »Schau, Minchen, wie der Junge mit de Beenekens strampelt!« als vollführe der Stammhalter damit eine Großtat. Kleine Züge aus der Kindheit fielen dem Sinnenden ein. Maßlose Abhärtungsmethode der Plamanschen Pension, wo man sich im Hungern und Frieren übte, machte ihn zeitlebens auch der Turnerei abgeneigt. Der gepredigte Franzosenhaß und Deutschenstolz paarten sich mit grober demokratischer Verachtung des Adels, den man seit »Jena« für alles Übel verantwortlich machte. Lehrer und Schüler betrachteten den kleinen Junker mit mißgünstigen Augen, als habe er »Ruhe ist die erste Bürgerpflicht« mitverschuldet. Und doch waren Bismarcks immer Volksfreunde gewesen. Oberst August, bei Czaslau als Held gefallen, zog in seiner Garnison Gollnow mit Offizieren und Musik zur Ihnabrücke, wo der Holzesel stand, ein Strafinstrument für die Gemeinen, und ließ ihn ins Wasser stürzen. »Allen Sündern soll vergeben und der Esel nicht mehr sein!« Dieser Nimrod, der im Jahre hundert Stück Rotwild erlegte, dieser joviale Kneipbruder, der seine Banketts durch Karabinersalven verschönte, lag den Bismarcks noch heute im Blute. Auf dem Gymnasium setzte sich das Hänseln der »Junker« fort. Der gute Direktor Bonnel, zu welchem Otto in Pension kam und im Erkerstübchen Königsgraben 18 fleißig über Geschichtsbüchern saß, konnte kaum den Groll besänftigen, den zwei Lehrer, Bellermann und Fischer, gegen den armen Jungen faßten, weil er sich »von« nannte. Der Lehrer im Französischen blieb unhold gestimmt, weil das Kind die ihm bei Plamans eingetrichterte Franzosenfresserei festhielt. Wie nichtig scheinen im späteren Leben Vorfälle der Schulzeit! Und doch legen sie Grundlagen der Welt- und Menschenkenntnis; genau ähnliche Erfahrungen macht man im Mannesalter. Gleichsam eine Skizze, die nachher ein Bild breiterer Linien ausfüllt. Auch daß der ungeduldige Jüngling auf der Chaussee nach Friedrichsfelde an der Neuen Wache mit dem Gaul stürzte und ein Bein brach, daß er dies unheimliche Stilliegen während der Cholerazeit in Berlin mit Humor ertrug, wiederholte sich nachher, wo seine Furchtlosigkeit bei Choleraausbruch auf den pommerschen Gütern sich zur Beschämung der Landleute bewährte. Die Schulfreunde, wo blieben sie! Wilhelm Schenk saß auf Schloß Mansfeld, Hans Dewitz in Mecklenburg, Moritz Blanckenburg in Pommern, Oskar Arnim als Landrat in Angermünde. Die Couleurbrüder gingen ihrer Wege. Oldekopp reiste neulich durch Berlin als hannoverscher Kriegsrat. Moritz Lauenstein hatte eine Dorfpfarre. Im Grunde brachten sie's alle weiter als Otto. Er blieb der ewig Unbehauste, der Unmensch ohne Rast und Ruh, und vom Übermenschen, wie der Erdgeist Faust anredet, keine Spur. Faust ist nicht die Menschheit, wie die Deutschen es auslegen, Franzosen und Briten schütteln über ihn den Kopf, er ist die Deutschheit. Mit Gretchen ist's freilich so eine Sache, man kann sich viel höhere Entwicklung von Venus Vulgivaga zur Venus Urania vorstellen, und der Reichskanzler Faust braucht nicht zu den Müttern hinabzusteigen, um einen Kaiser zu beschwindeln. Doch einen Deichdamm bauen für ein freies Volk ... Bah, er selbst war nur gut für Schnaps brennen und Wolle in der Schäferei probieren. Die Altmärker haben ein Bauernsprichwort: Über und über! sagt Schulenburg, Meinetwegen! sagt Alvensleben, Noch lange nicht genug! sagt Bismarck. Was bedeutet's? Bei Alvenslebens die Milde, bei Schulenburgs die Strenge, bei Bismarcks den Tätigkeitstrieb, der sie und andere anfeuert. Er aber verrostete wie ein Schwert in der Scheide ... Der Morgen graute, die Bibliothektür knarrte, durch halboffenen Spalt schlich die dänische Dogge herein, der stolze Odin, der sich als große Persönlichkeit fühlte. Er sagte Guten Morgen, indem er die Schnauze an der Herrenhand rieb. Otto stand langsam auf, nicht mehr bleich und hager, sondern von mächtigem Knochenbau der hohen Gestalt, das Gesicht von starkem Vollbart umrahmt. Nicht mehr trugen die Augen eine helle, strahlende Freundlichkeit jugendlichen Freimuts, etwas vorstehend und wasserblau, hatten sie eigentümliche Blankheit, als schimmere eine Degenscheide hindurch. Langsam sprach er vor sich hin: »Noch lange nicht genug!« Zwar erkannten die pommerschen adeligen Herren, daß der Kniephofer doch ein rassiger Bursche sei, die Damen kamen jedoch überein, daß es ihm an feinerer ästhetischer Bildung fehle, daß eine zartbesaitete Seele einen Menschen verpönen müsse, der nur materielles Essen und Trinken im Sinne habe und deshalb auch weiblichen Reizen verschlossen blieb. Als er sich plötzlich von jedem Umgang fernhielt in stiller Klause, frönte er offenbar heimlicher Völlerei und brütete über gottloser Gemeinheit, irgendein Attentat auf die guten Sitten mit Füchsen, Wölfen und Bären. Nicht ohne gottselige Enttäuschung entdeckte Blanckenburg, der eines Abends mit Jesaiaseifer eindrang, die ziemlich unverfängliche Ursache. Otto studierte nämlich einen gewissen Shakespeare an der Hand der neuen Shakespearestudien des Göttinger Professors Gervinus. »Na, ich fürchtete Schlimmeres, gegen den vielgerühmten Dichter – ich verstehe nichts davon – sage ich ja nichts, doch war er nicht ein ungelehrter, liederlicher Kulissenreißer? Ein Komödiant –« »Könnt' einen Pfarrer lehren«, murmelte Otto. »Ist das so gewiß? Ich verstehe einiges von Soldaterei und Nautik, sehr viel von Jagd, der Autor war Soldat, kannte die See, war Weidmann von Fach mit Leib und Seele, ich denke ihn mir als Oberförster im Sherwoodwald. Außerdem muß er Jus studiert haben, ich merke das als Jurist. Das Theater kannte er, nun ja, deshalb braucht er noch kein Histrione gewesen zu sein. Goethe und Schiller kannten auch das Theater. Vor allem aber, sag' ich dir, der Mann kannte Staatsgeschäfte genau, wußte, wie es dabei zugeht, das merk' ich, das kribbelt mir in den Fingern.« Blanckenburg sah ihn dumm an. »Was soll nun das? Soll der Name des Autors gefälscht sein?« »Wie man's nimmt. Shake-Speare heißt Speerschütteler, das klingt doch verteufelt nach Pseudonym. Es mag sich ein hoher Herr hinter einem Strohmann versteckt haben. Nimmermehr glaub' ich, ein beliebiger Schmierenschauspieler habe solche Werke vollbracht. Das ist unmöglich und die Begriffsstutzigkeit der gelehrten Kommentatoren erstaunlich, die an solchen Aberwitz glauben.« Blanckenburg schüttelte den Kopf. »Schon wieder eine neue Schrulle! Entschuldige! Aber es ist doch sicher unmöglich, daß ein Mensch von Genie im Verborgenen bleibt und sich nicht nennt.« »Meinst du?« Ein eigentümlicher Blitz schoß unter den buschigen Augenbrauen hervor. »Eins kann sich jeder vorstellen, daß nämlich ein Genialer gar nicht an die Oberfläche kommt, weil das Schicksal nicht will. Von da ab aber ist nur ein Schritt zu der Möglichkeit, daß er persönlich nicht gekannt sein will , daß er nur seinen geheimen Werken lebt und den Ruhm verachtet. Die Welt ist gar nicht wert, daß ein Speerschütteler sich ihr preisgibt.« »Das ist mir zu hoch. Doch um von ernsteren Dingen zu reden, von deinem Seelenheil: bist du glücklich bei deinem Träumen und Vagabundieren?« »Das könnt' ich nicht sagen. Über Gott und Jenseits sagen mir alle Denker und Dichter nichts Gewisses, und ich habe manchmal das Bedürfnis, mich daran aufzurichten, daß dies sündige Leben doch einen Sinn habe.« »Siehst du wohl!« Auf der Stelle stürzte sich der fromme Junker in einen theologischen Diskurs. Otto hörte geduldig zu und schwieg. – Auf seinem treuen Caleb, einem muntern Klepper, ritt er meilenweit durch die Rieselfelder, wo saftiges Wiesengrün und Wasserflächen unter schattenden Eichen in der Sonne blitzten. Im Park des sogenannten Dombergs kamen dukatengroße Blätter von Flieder und Faulbaum heraus, die Stachelbeeren zeigten eine frische, giftgrüne Farbe, weiße und blaue und gelbe Primeln konnte sich der Junker zum Strauße winden. Das waren ja die Couleurs seines eigenen Wappenschildes. Doch für wen winden? Es kam über ihn jene weiche Schwermut träumerischer Versonnenheit, die ein Dichter in die Worte goß: Ich liebe eine Blume, doch weiß ich nicht welche... ich such' ein Herz so schön wie das meine, so schön bewegt. Diese Heiden und Büsche, Seen und Ackerfelder, die Kätnerhäuser und Tagelöhner kannte er von Kind auf, er hatte hier unter manchen Baumes Wipfel gespielt und geschlafen, den er einst selber gepflanzt. Ein feiner Regen rieselte auf die von leichtem Wind bewegten Grashalme nieder und verfing sich plätschernd im Gebüsch, durch dessen Lichtung ein mattes Abendrot hereinlugte. Und dem seltsamen Menschen wurden die Augen naß. Wie der Regen sickerte, schienen salzige Herzenswasser ihm bis zum Munde zu steigen. Jugend, Begabung, Vermögen, Gesundheit, wieviel davon hatte er schon vergeudet, verpraßt, über Bord geschleudert! Er kam sich merkwürdig alt vor. Und wozu führte all das jugendliche Überschäumen? Zu einem Wrack ohne Hafen, zur Reue eines entweihten Herzens über dumme, plumpe Genußsucht ohne wahres Genießen. Was liebte er? Nichts. Wer liebte ihn? Niemand. Doch was darf man weiter verlangen von einem mittelmäßigen Leben, wenn man selber nur mittelmäßig! Er dachte an den Jüngling Carlos »und nichts für die Unsterblichkeit getan«, und lachte bitter. Als ob man so leicht was für die Unsterblichkeit tun könnte! Ein pommerscher Landjunker baut seinen Weizen und Hafer und damit holla, das Abendrot soll ihn ungeschoren lassen, denn weder Poesie noch Ruhm bescheinen seinen gediegenen Viehstall. – Das klirrende Waffenhandwerk wäre wohl noch die einzige Rettung für ein so unbefriedigtes Dasein. Unter dem Vorwand, die angenehme Gesellschaft einiger Kameraden länger zu genießen, machte er sich gründlich mit dem Reiterdienst bekannt. Diese Waffengattung gefiel ihm am besten, und er führte theoretische Diskurse darüber, ob ihre Rolle als Königin der Schlachten schon ausgespielt sei, wie die von der Infanterie behaupteten. Als er aber seinem alten Herrn mit der Absicht herausrückte, aktiv einzutreten, riet ihm der sorgliche Vater dringend ab. Das sei Fahnenflucht, die Güter im Stich zu lassen, kaum daß wieder etwas Schwung in die Bewirtschaftung kam. Auch erinnerte er ihn daran, beim Andenken der seligen Mutter, daß man von ihm immer noch Ausnutzung seiner Geisteskräfte erwarte, die im Soldatenlager weggeworfen seien. »Versuch's doch noch einmal mit dem Staatsdienst, wenn du denn schon die Landwirtschaft satt hast. Mach' dein Assessorexamen, dann wird's schon gehen wie geschmiert!« Den Rittersitz Kniephof umgaben Wiesen, Gehölze, Karpfenteiche, das Flüßchen Zampol floß unfern vorbei. Der schmucklos einfache Fachwerkbau prunkte nicht mit malerischen Reizen, den reichen Wildstand hatte zu eifriges Weidwerk gelichtet. Pistolenschüsse in den Schlafzimmern abgerechnet, vor denen der Kalk bröckelnd auf die Langschläfer fiel, wußte Otto es seinen Gästen behaglich zu machen. Doch später verbreiteten manche lustigen Gesellen, daß im Kneiphof – so taufte der Volkswitz den Ort – die Welt einziehe, wo man sich langweilt. Der Wirt zettele plötzlich ernste politische Gespräche an nebst den Rädelsführern Dewitz-Maserow und Bülow-Hoffelde. »Scheußlich liberal is er auch, hat die bekannte Premierleutnants-Melancholie. Hol' mich dieser und jener, man mopst sich sträflich«, gestand Gutsnachbar von Knobelsdorf. Als ihm in Schönhausen Korn verhagelte und Bäume abstarben, verleugnete Otto sogar den Bacchus, hustete und unterschrieb sich an Malwine »Dein schwindsüchtiger Bruder!« Nichtsdestoweniger blieb er aufs Reiten so versessen, daß er mal zu einer Abendgesellschaft in Polzien sieben Meilen zu Pferd durchmaß und Reisen im Wagen für größere Strecken verschmähte. Deshalb machte er freiwillig Dienstübungen der 4. Pommerschen Ulanen mit, geriet aber mit dem Regimentskommandeur v. Plehwe in Zwist. Dieser schurigelte den vertrackten Landwehrleutnant eklig und beschied ihn häufig zum Wirtshaus »Goldener Mops«, einen Rendezvousplatz zwischen Treptow und Greiffenberg, den Garnisonstädten der Ulanen, um ihm den Kopf zu waschen. Der Freiwillige trieb es freilich arg in den Freistunden. »Der Bürgermeister von Treptow, ein so umgänglicher Mann, klagt mir sein Leid über Ihre Unsitte. Sie setzten sich auf die Bank vor dessen Haus und rauchen wie ein Schlot.« »Herr Oberst gestatten die gehorsamste Motivierung, daß der Herr, weil er den Tabak haßt, uns Offizieren das Rauchen auf der Straße verbieten will. Nun gut, dann lassen wir uns gehorsam auf seine Hofbank nieder, dem Wanderer zur kühlen Rast bereitet.« »Ich verbitte mir Poesie im königlichen Dienst, Wilhelm Tell steht nicht bei den Ulanen. Der Herr bedeutete Sie, sein Haus sei kein Gasthof. Sie haben einem hohen Magistrat Gehorsam verweigert.« »Zivilisten habe ich nicht zu gehorchen.« »Dann mir! Die Tabaksblockade ist aufgehoben und, wer zuwiderhandelt, mit Arrest bestraft.« Sofort meldete sich Herr v. Bismarck in Zivil ab, warf dem Oberst einige liebenswürdige Grobheiten ins Gesicht und schritt spornklirrend von dannen, der militärischen Machtsphäre entrückt. Noch lange zitierte ihn General v. Plehwe als Beispiel eines übermütigen stockpommerschen Erzjunkers, gleich verdorben für die Armee wie für jedes Zivilamt. Frau Marie v. Blanckenburg, geb. Thadden-Trieglaff, vereinte reine Frömmigkeit mit feiner Bildung und fraulichem Verstand. Sie erfaßte den berüchtigten Kniephofer richtiger als andere Damen und hielt ihm die Stange, bemühte sich die Jugendfreundschaft ihres Moritz mit Otto zu vertiefen. So lebhaft ihn die Güte der edlen Hausfrau ansprach, wollte aber ein näheres Verhältnis zu Blanckenburgs gottesfürchtigem Bibelchristentum nicht in Fluß kommen. Am zweiten Weihnachtstag 1844 fand er zu Cardemin im roten Zimmer unter der roten Ampel einen strammen Herrn in Uniform sitzen, dessen bärbeißiges Gesicht mit buschigem Schnurrbart, massivem Kinn und scharfen Falkenaugen ihm gefiel. »Hauptmann v. Roon!« Das war ein sehr gelehrter Offizier, Schüler des Geographen Ritter, daher später Ehrendoktor der Universität Halle. Dieser ausgezeichnete Generalstäbler sprach klar und bedächtig über die Schäden der Zeit. Der Armee tue eine Reform an Haupt und Gliedern not. Sein kluger Blick musterte den langen Junker, von dem er schon viel hörte, mit durchdringendem Verständnis. Beide dachten unwillkürlich: dem möcht' ich nähertreten. – Seit Jahren laborierte Otto an neuem Herzensübel, das sich nach Schönhausen hinüberspielte. Er fand in der Altmark jene Schöne von gutem Range, deren Ballreize ihn etwas aufregten und an die man ihn standesgemäß verheiraten wollte. Anfangs sträubte er sich, gleichwohl kam ein halbes Verlöbnis zustande. Sinnlicher Anreiz herrschte vor. Schon nach wenigen Wochen erwarb er sich aber die Ungnade der künftigen Schwiegermutter, die ihn allzu unverfroren über sein Vermögen ausholte. Eines Sonntags ritt er mit seiner Huldin und einer Kavalkade von Standesherren durch die grüne Landschaft von Jerichow, über der die Sonne lag und die Glocken läuteten. Das metallene Christusbild an der Redeliner romanischen Kirche blitzte, um das uralte graue Steinwerk säuselten hohe Pappeln. »Wie die Glocken mir wohltun!« Er atmete hoch auf. »So fromm, Otto?« fragte sie halb spöttisch. »Das nicht, doch es tönt so viel Poesie heraus.« »Nanu? Die Leute sagen doch, du seist ein Heide. Ich natürlich bin gute Christin, Mama hält darauf. Ist dies da Alvenslebens Herrenhaus? Zu pauvre für meinen Gout. Die Felder sind wohlbestanden, Jagd scheint gut. Schau, Damwild!« Am Laubwaldstreifen ums Nadelholz der märkischen Heide äugte ein scheues Reh, witterte neugierig und galoppierte davon, um tiefer im Innern zu äsen. Er hielt den Zügel an und sog den Duft ein, der von Blüten alter Linden und den Rosengärten von Jerichow aufstieg, geschwängert mit Heugeruch der Landmark. »Die Natur in ihrer holden Einsamkeit stören ist eigentlich ruppig.« Sie zuckte die vollen Schultern und verzog den Wund. »Sentimental? Wozu ist Wild da, als um geschossen zu werden? Jagd ist gottvoll. O, hier ist Fischbeck. Euer Grund und Boden, nicht?« »Macht sich«, erwiderte er zerstreut. Sein Blick schweifte über die Fähre und den Elbspiegel nach Tangermündes Türmen, wo Karls IV. alte Kaiserburg ragte. »Dort drüben stand die Gerichtslinde, wo ein Kaiser Hof hielt. Ein deutscher Kaiser in unsrer Mark statt im goldenen Mainz oder anderen Pfalzen am Rhein und Harz! Wird nimmer wieder vorkommen, daß ein Markgraf von Brandenburg den Kaisertitel trägt. Eigentlich war's ein Ausländer, ein halbdeutscher Böhmake, aber –« »Was du nur immer in muffigen Scharteken wühlst!« unterbrach sie ihn schnippisch. »Das ist so lange her, daß es gar nicht mehr wahr ist.« Er sah sie von der Seite an und schwieg. Nun fuhr man nach Schönhausen hinüber. Die Begleiter stritten über das Wappen der Kattes, deren Besitztümer zwischen Havel und Elbe verstreut liegen. »Blauer Schild mit weißer Katze, die eine Maus im Maul hält! Riecht nach Raubritterei!« meinte ein junger Gardeoffizier, Graf Wartensleben. »Deshalb ist's bei uns über der Tür in Stein gehauen«, lachte Otto gleichmütig. »Wir Märkischen waren schlimme Brüder. Unsre Ahnfrau war eine Katte. Wir sind hier meist verschwägert, so Kattes mit Euch Wartenslebens.« »Ganz recht. Euer eigenes Wappen gefällt mir besser: goldenes Kleeblatt im blauen Feld, mit silbernen Eichblättern in drei Winkeln.« »Ich hätte nichts dawider, wenn wir ein Schwert oder sonst Gewalttätiges im Schilde führten.« »Glaub's wohl«, schnitt eine scharfe Stimme dazwischen, die der künftigen Schwiegermama. »Sie haben ein Stück Tyrann im Leibe, gelt?« Sie blickte auf den schwefelgelben Kragen und Mützenstreifen der Landwehrreiter, deren Uniform der letzthin zu einer Übung eingezogene Otto trug, als sei dies die Livree des Höllenfürsten. Fritz Bismarck-Bohlen fiel rasch ein: »Warum nicht gar! Wir Bismärcker waren stets gute Kerls und sanfte Gutsherren. Das weiß der Bauer. Da bin ich stolz drauf.« Bohlens und Wartenslebens, »liberal« angehaucht, suchten das Edelmännische in friedlich freundlicher Gesittung. Ottos Schöne aber schmollte und stichelte: »Bohlens haben einen roten Greifen im zweiten Silberfeld und Büffelhörner über dem Helm. Das sieht viel imposanter aus.« »Besagte Büffel führen wir auch«, berichtigte Otto ruhig. »Das bedeutet Büffelmark. Hörner lassen wir uns freilich nicht aufsetzen, und die diversen Greifen der Bohlens zeigen an, daß wir feste zugreifen.« »Den Sparren nicht zu vergessen«, flocht die unartige Schwiegermama spitz ein. »Der Sparren aus roten Stufen und der Baumstamm im Helm,« erläuterte Fritz gemessen, »bedeuten vermutlich, daß wir gerne mit dem Zaunpfahl winken, wenn jemand uns ans Tor poltert, und einen tüchtigen Sparren im Kopfe haben, wenn jemand uns am Helme zaust.« Otto warf ihm einen dankbaren Blick zu. Die liebenswürdige Xanthippe nickte jedoch tiefinnig zu solcher Auslegung und seufzte schwer. Ihre holde Tochter hauchte: »Ach, Ihre schwarzweißen Straußenfedern mit der Silberraute und die güldne Grafenkrone überm Helm! Euer Wappen, Otto, ist doch zu einfach.« Ihm schwoll eine Zornesader. » Take or leave it ! Mit Bohlens Krönlein können wir nicht aufwarten, Komteß. Grafen machte jeder Fürst, Ritter machte Gott. Unterschied der Titel hebt die Adelsgleichheit nicht auf.« »Selbstredend!« beeilte sich Graf Wartensleben zu bejahen, und Vetter Fritz bekräftigte: »Kleeblatt bedeutet Treue, und das ist der wahre Adel.« Die schnippische Schöne und die unmögliche Schwiegermutter hatten am Innern von Schönhausen viel auszusetzen. Bei der Inspektorsgattin Bellin, die einst Otto und seine Geschwister auf den Knien gewiegt, einer derben, tüchtigen Märkerin mit hellen Augen, stolz auf ihre Riesenküche mit dem berühmten Salzkastenpfeiler, erwarben sich die anspruchsvollen Damen kein Wohlwollen. »Die Olle klappert mit de Oogen!« entdeckte sie das veraltete Bedürfnis der intriganten Witwe, auch noch Gegenstand zärtlicher Blicke zu sein, was ihr künftiger Eidam freilich vernachlässigt hatte. »Eins mißfällt mir hier«, bekannte dieser. »Ich habe eine Stunde zu reiten, ehe ich ins Holz komme, und der schwere Weizenboden ist klumpig. Als Reiter ziehe ich deshalb Kniephof vor.« Die Linden am unteren Ende der großen Allee und die besonders schöne erste Kastanie zunächst am Schlosse, wo ein breiter, gepflasterter Weg sich der Einfahrt mit gemauerten Pfeilern näherte und im Schloßhof eine mächtige Linde vor einer Sandsteinvase aufragte, warfen stillen, grünen Schatten umher. Das hohe Dach des schweren Gebäudevierecks umspielten goldige Sonnenlichter. Doch von der prächtigen Dorfkirche mit der schöngeschnitzten Kanzel kam ein heiserer Klang. Die Glocke, geborsten und noch nicht umgegossen, schien mit Mißton Unheil zu prophezeien. Dies blieb nicht aus. Nachdem die halboffizielle Verlobung sich längere Zeit hinschleppte, zeigte Otto dem Vetter Fritz eine erbauliche Zuschrift der Schönen, die unter ziemlich beleidigendem Vorwand das Band löste. »Ich bin ein unerträglicher Charakter? Das edle Mutterherz hat den Schmarren diktiert. Um ihr Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, sie ist die böseste Hexe zwischen Elbe und Havel. Ich könnte unangenehm werden, die Herren Brüder meiner treulosen Flamme zu Schießerei einladen, doch Manöverfechten gegen Staub und markierte Feinde verdarb mir den Geschmack. Gewinst in der Ehelotterie ist mir nicht beschieden, doch dadrum keine Feindschaft nich! Ich will den Kopf schon über Wasser halten.« Um dem guten Alten zu Willen zu sein und seine trübe Einsamkeit loszuwerden, verpflanzte sich Otto wirklich nach Potsdam zurück an die Stätte seiner früheren Tätigkeit als Referendar. Schon bei den Antrittsvisiten spürte er, daß die Räte, seine einstigen Vorgesetzten, ihn als einen Abtrünnigen, einen sozusagen der Schule Entlaufenen betrachteten, der nun nonchalant seine unregelmäßige Beamtenlaufbahn wieder aufnehmen wolle. Die Kühle des Empfangs trug nicht dazu bei, seine guten Vorsätze zu verstärken. Außerdem fühlte er heraus, daß die alte Abneigung der höheren Beamten gegen das konservative Junkertum eher noch zunahm. »Haben lauter liberale Mucken im Kopf!« klagte er seinem Vetter Fritz, der ihn besuchte. »Unsereins von unserer Klasse, die Rittergutsbesitzer, sollen alle nach ihrer Pfeife tanzen.« » Qu'importe ! Hoffentlich wird diesmal etwas daraus, daß du in die Karriere kommst. Deine Kusine in Karlsburg und Linchen sind noch heut untröstlich über den Refüs, den du damals gabst, als sie dich im Amte festhalten wollten.« »Meine gnädige Kusine und Karoline urteilen eben nach dem Schein, wie Frauenzimmer tun«, rief Otto ärgerlich. »Von der Folter, die ein regsamer Geist am grünen Tisch der Staatsmandarinen aussteht, haben sie keine Ahnung. Lauter chinesische Zöpfe! Damals war ich 23 Jahre alt, das Alter der Illusionen, heut bin ich volle 30, um so viel Illusionen ärmer. Damals hatte noch die praktische Nationalökonomie des Landwirtberufs, wenn ich mich so ausdrücken darf, den blauen Dunst ferner Berge. Heut weiß meine Erfahrung das arkadische Glück doppelter Buchhaltung und chemischer Düngerstudien richtiger einzuschätzen. Also will ich mal wieder hier mein Glück versuchen, weil das eine so gut Essig ist wie das andere. Ein Referendar von 30 Jahren, der erst jetzt vor dem letzten Staatsexamen steht, ist freilich keine erfreuliche Erscheinung.« »Da hast du's!« Der liebenswürdige Graf Bismarck-Bohlen, der seinen Vetter gern hatte und sich ehrlich um dessen Fortkommen sorgte, seufzte. »Wie mancher deiner Alters- und Standesgenossen ist schon rasch avanciert! Das hättest du auch haben können. Kränkt dich das nicht?« »Vielleicht ein bißchen. Ich war nicht ohne Ehrgeiz, doch mein einsames Leben hat mir das ausgetrieben. Glück ist nicht außer uns, nur in uns, und wer nicht glücklich im Innern ist, dem kann's gleich sein, wie er draußen im Leben steht.« »Hat dir's denn niemals leid getan, daß du damals den Abschied nahmst?« »Vielleicht später, als das Landleben mich anödete. Doch meine Meinung über die Misere der Staatsdienerei ändere ich nicht, trotz dieses erneuten Anlaufs auf eine Ministerstelle, die man mit Gottes Hilfe als Greis erklimmt. Es ist nur – ich spüre gewisse Fähigkeiten, und die wollen doch etwas zu tun haben, wie ein Pferd im Stall krank wird, wenn man es nicht zum Traben ausführt.« »Dann bist du also jetzt im besten Zuge.« »Ich glaube kaum. Täglich beklag' ich, daß ich nicht eine Kunst treiben kann. Schriftstellern, das ist noch die einzige Freiheit, die ein moderner Mensch hat. Da kann er sich ausleben. Doch was sollt' ich schreiben! Für schöne Literatur fehlt's mir an Talent, und politische Flugschriften sind langweilig und gefährlich.« »Um Gottes willen nicht! Warum legst du so hohe Maßstäbe an die Beamten an? Denk' doch an den Spruch: Alles verstehen heißt alles verzeihen.« »Die diese Phrase im Munde führen, sind meist Leute, die nicht verstehen, was über ihren Horizont geht, und nicht verzeihen, was sie nicht verstehen. Dieser humane Schmuß ist eitel Humbug. Man verzeiht das Gemeine und Schlechte, wittert aber in allem Ungemeinen und Hohen eine feierliche Pose. Die Mittelmäßigen machen immer Front gegen jeden, der aus ihrer Art schlägt, ihre eigene kindische Eitelkeit fühlt sich tödlich gekränkt vom Selbstgefühl des Größeren, Genie taufen sie Größenwahn, und daß sich einer nicht unterdrücken lassen will, nennen sie geistesgestörte Überhebung. Was aber wäre wohl lächerlicherer Wahnsinn als die Unverschämtheit der Gewöhnlichen, einen Ungewöhnlichen beurteilen zu wollen! Davon sollte doch jeder Vernünftige die Finger lassen. Verzeih den Exkurs! Doch ich mag das nicht hören: Tout comprende c'est tout pardonner! Wer versteht denn und wer verzeiht?« Der Vetter ging betrübt weg: mit Otto ist's manchmal nicht ganz richtig. – Die so verschiedene Weltanschauung der Beamten und ihres Referendar-Mitarbeiters spitzte sich immer mehr zu. Es kam zum Klappen, als er einen Rapport über Kompensationen aufsetzen mußte, wodurch Landeigentümer wegen zwangsweiser Abtretung von Ländereien für Staatszwecke entschädigt werden sollten. Dieser unglaubliche Referendar erlaubte sich, das Recht des Staates gewissermaßen in Frage zu stellen. Sein dreistester Satz lautete: »Man kann mich nicht in Geld bezahlen, wenn man den Blumengarten meines Vaters in einen Karpfenteich und das Grab meiner verstorbenen Tante in einen Aalsumpf verwandelt.« Entschieden, der Rebell machte ein Fiasko. Sein höchster Vorgesetzter ließ ihn vor sich bescheiden und bedeutete ihm unter vier Augen: »Ihre Ausdrucksweise scheint mir geradezu ungehörig.« Sämtliche Brillenträger betrachteten diesen unregelmäßigen Outsider als einen Eindringling in das Reich des heiligen Bürokratius. Als er daher um Urlaub einkam, weil Verhältnisse seiner Güter seine Anwesenheit heischten, ließ ihn sein Chef lange im Vorzimmer warten, obschon die Tür seines Amtszimmers offenstand. Otto setzte sich ans Fenster und trommelte mit den Fingern auf den Scheiben den Dessauer-Marsch. Je länger das Warten währte, desto lauter wurde das Geräusch, mit dem er sich die Zeit vertrieb, und schwoll aus Adagio zu einem wahren Crescendo an, das endlich den mit Petschaft und Siegellack Arbeitenden von seinem Bureau vertrieb. »Was wünschen Sie?« frug der Vorgesetzte barsch. »Und was soll dieser unziemliche Lärm?« Otto erhob sich in seiner ganzen Länge, überkochend von Ärger. »Das war das Paternoster des preußischen Patrioten.« Und mit der unschuldigsten Miene setzte er hinzu: »Ich wollte um Urlaub nachsuchen, doch Herr Geheimrat gaben mir so lange Zeit zum Überlegen, daß ich nun lieber gleich um meinen Abschied nachsuche.« Der Vorgesetzte stierte ihn an, wie Polonius den Hamlet, und stotterte wutschnaubend hervor, daß dieser lobenswürdigen Absicht nichts im Wege stände. – So stand der Junker vom Kniephof also wieder draußen. Aus und zu Ende mit dem Staatsdienst! Als er heimfuhr, dachte er: Wenn ich nicht Reiterschwadronen drillen darf wie Cromwell, so kann ich doch, wie der mal wollte, nach Amerika auswandern. Ich will an Motley und Coffin schreiben, ob sie dort einen Ranch, eine Farm, einen jungfräulichen Boden für mich wissen. Ich bin ein Farmer, weiter kann ich nichts. Mit der Armee in Friedenszeiten würd' ich vom Regen in die Traufe kommen. In einer kleinen Garnison versauern, wäre Selbstmord. Na also, pflanzen wir weiter unsern Kohl! Die Sonne scheine auf Gerechte und Ungerechte, wenn sie nur auf meinen Weizen scheint! Das Weltverbessern überlasse ich anderen, ich will mein eigenes Los verbessern und als Landmann meine Ochsen mästen. * Den Klagen der Verwandtschaft verschloß er sein Ohr und vergrub sich wieder in Kniephofs bukolischem Idyll. Doch der Tod seines Vaters, der bei dessen Rüstigkeit früher erfolgte als anzunehmen, riß ihn aus seiner mühsam gewonnenen Ruhe. Nun steh' ich ganz allein! dachte er. Malwine hat ihren Mann und ihre Kinder, Bernhard steht mir geistig zu fern. Sonderbar, diese Verschiedenheit in der gleichen Familie! Mehr noch als bei uns kleinen Leuten findet man das bei den Großen. Das hat man ja auch bei Napoleon und Friedrich dem Großen, den paar großen Männern, die überhaupt Geschwister hatten. Wie schneit solch ein Genie mitten unter Durchschnittsmenschen hinein, alle vom selben Blut, aus demselben Schoß geboren? An der Astrologie muß doch was Wahres sein, Aspekt der Gestirne oder sonst ein kosmisch-transzendentaler Eingriff erklärt allein dies Rätsel. Bei Teilung des Erbes mit seinem Bruder behielt er Kniephof und erhielt Schönhausen dazu, wohin er jetzt seinen Wohnsitz verlegte, jedoch oft genug auf sein pommersches Gut zurückkehrte. Der Kreis seiner Standesgenossen in der Altmark stand an Geist und Bildung erheblich höher als in Pommern. Seine Vereinsamung milderte sich daher wenigstens äußerlich. Da er hier nicht wie in Kniephof den wilden Mann spielte, sondern sich umgänglich zeigte, bot man ihm an, ihn zum Deichhauptmann zu wählen. Dies unbezahlte Ehrenamt nahm er um so bereitwilliger an, als dessen Ausübung im Elbedistrikt seinen eignen Besitzstand sicherte, der an das Elbufer grenzte. Er unterzog sich der Aufgabe mit Feuereifer und bestrebte sich, sie treu zu erfüllen, zumal er seinen Vorgänger wegen Pflichtversäumnis anzeigen mußte. Hierdurch kam er mehr mit den Landleuten und verschiedenen Schichten der bürgerlichen und bäuerlichen Bevölkerung zusammen, als dies in Pommern früher geschah. Die soziale Frage dämmerte ihm in besonderen Umrissen, und so schrieb er seiner Schwester, er werde ihren Mann mit Gewalt nach Potsdam entführen, wo »die Gesellschaft für Besserung des Loses der arbeitenden Klassen« am 7. März 1846 einen Verbandstag abhielt. Schon zur Zeit, als sein Vater starb, begannen sich endlich in ihm erotische Triebe zu regen. Auf einem Ball in Ünglingen, dem Gut der Bohlens, traf er eine reizende Jungfrau, in die er sich zu verlieben glaubte. Doch eine Unterhaltung offenbarte ihm, daß ein verlockendes Äußere keineswegs ein schönes Innere verbürge. Nach 24 Stunden war der Rausch verflogen. Was soll mir das! urteilte er, kühl bis ans Herz hinan. Bedarf ich einer Puppe zum Spielen wie kleine Kinder? Das mindeste, was man verlangen kann, ist eine gute Hausfrau. Und seinem Freund Moritz, der ihn wieder heimsuchte, erwiderte er auf dessen Drängen »du mußt heiraten!« mit bedächtiger Ruhe: »Wozu eigentlich? Meine Freiheit fesseln an irgendeine Unbekannte, von deren Seele ich vor der Ehe ja doch nichts erfahre? Ich spiele nie in der Lotterie und sollte hier dem Zufall vertrauen?« Doch die Natur läßt ihrer nicht spotten, und ein vollsaftiger Mann in noch jungem Alter widerstrebt umsonst dem Zwange des Blutes. Bald merkte er, daß er wohl auf Freiersfüßen gehen müsse und zum Hagestolz verdorben sei. Er fühlte sich einsam und verlassen, das kalte, feuchte Wetter stimmte ihn liebessehnsüchtig. »Ja ja, ich sehe es ein,« gab er kleinlaut zu, als Blanckenburg ihm in Kniephof eine bestimmte Partie vorschlug, »mein Zappeln hilft nichts, ich werde wohl heiraten müssen. Deine Donna macht keinen Eindruck auf mich, doch das nämliche gilt von allen andern Frauenzimmern meiner Bekanntschaft. Ach, mir ist unbegreiflich, wie man immer nur für eine Person besondere Vorliebe und Treue bewahren soll. Glücklich die fürwahr, die ihre Neigung nicht so oft wechseln wie ihre weiße Wäsche – so selten auch letzteres Ereignis bei ihnen vorkommen mag.« »Schon wieder diese frivole Auffassung vom Stand der heiligen Ehe, diesem Sakrament!« predigte der fromme Blanckenburg. »Wie darf man etwas anderes erwarten, wo hier bei dir auf dem Tische die Gotteslästerungen eines Strauß, Feuerbach, Bruno Bauer herumliegen! O wenn's nach mir ginge, würde ich ein schönes Feuerchen schüren und den ganzen Mist verbrennen wie der teure Gottesmann Luther die Bannbulle!« »Und die Autoren wohl mit dazu dem Autodafé überantworten?« Otto lächelte spöttisch. »Kennst du denn diese Schriften?« »Da sei Gott vor! Soll ich meine reinliche Christenseele beflecken? Doch ich weiß von befreundeten Pastoren –« »Du kennst sie nicht, aber mißbilligst sie. Das ist die wahre christliche Liebe. Nun, laß dir gesagt sein, das sind wirklich zweifelhafte Arzneien, mit Vorsicht zu genießen, und in manchen Fällen gleichen sie Pullen, auf denen ein Kreuz steht mit der Etikette: Achtung, Gift! Diese zersetzenden Kritiker überzeugen auch nur den, der überzeugt sein will, auch sie verlangen eine Art Glauben. Den besitze ich nicht, vor aller Welt bekenne ich meine Schwäche.« »Er bekennt!« rief Moritz entzückt. »Er legt das Bekenntnis ab, daß ihn der Antichrist nicht verführte. Das ist die erste Stufe zur Läuterung. O laß uns im Gebete ringen!« »Du übereilst deine Freude«, versetzte Otto gutmütig, gerührt von so viel Freundschaftseifer. »Ich glaube nämlich gar nichts, nicht das eine, nicht das andere. Wenn ich an Christum nicht glaube, warum sollt' ich an Feuerbach glauben? Sein ›Geist des Christentums‹ ist nur des Herren eigener Geist.« Moritz verstand zwar nicht diese goetheisierende Anspielung, aber ließ sich nicht beirren: »Ich sehe das Samenkorn der Erleuchtung in dir keimen. Bekenne aufrichtig, warst du je glücklich bei deinem Heidentum?« »Das nicht.« Otto strich sich nachdenklich mit der Hand über die Stirn. »Im Gegenteil, was schlimmer, entdeck' ich in mir viel Unsicherheit und Unklarheit.« »Herrlich! Die Klarheit ist Gottes Wort. Wer nicht auf die ewige Seligkeit baut, der hat fürwahr auf Sand gebaut. Sprich dich aus ohne Umschweife!« »Nun ja, warum nicht? Schaden kann es nichts.« Otto lehnte sich zurück und sah sinnend zur Zimmerdecke. »Siehst du, in meiner Knabenzeit bis zur Matura war ich bei Plamann und im Gymnasium stets in Pension, dem Elternhause fern und fremd. Kam ich nach den Schulferien aus Pommern heim und sah in der Ferne die Kirchtürme von Berlin, wo doch meine Mutter wohnte, wurde mir weinerlich zumute und ich wäre am liebsten aus dem Postwagen gesprungen und zurückgelaufen, und wär' es barfuß. Ein Familienleben kannt' ich eigentlich nie, das kann dem Gemütsleben nicht förderlich sein. In religiösem Gefühl waren beide Eltern nicht heimisch. Sie waren sozusagen nackte Deisten, dachten friderizianisch, jeder müsse nach seiner Fasson selig werden, hielten derlei für etwas Untergeordnetes ohne Belang, dagegen für einzig wichtig das Reifen des Verstandes durch positive Kenntnisse. Solche Einseitigkeit verstärkte sich noch während der Studenten- und Referendarzeit. Einfluß christlicher Lehre näherte sich nie meinen Ausschreitungen jugendlicher Tollheit. Mein guter Vater war die Nachsicht selber, und meiner Mutter mißbehagte nur, daß ich meine Berufsstudien nicht emsig betrieb. Sie ließ wohl einfließen, daß mein Fortkommen in Hand einer höheren Führung liege, doch griff sie in Fortbildung meines Charakters nicht ein.« »Wie stand es um das Gebet? Das hat man dich doch in einem christlichen Hause als Kind gelehrt?« »Das gab ich schon als Konfirmand auf. Zu beten, widerspricht der Allmacht und Allwissenheit der Gottheit. Der Allgegenwärtige produziert ja alles selbst als Inbegriff des Seins, also auch mein Gebet, es hätte keinen Sinn, wenn er durch einen Menschen zu sich selber betet. Das ist der pantheistische Standpunkt. Der deistische aber ist: mein Bitten für mich ist eine vermessene Dreistigkeit, denn ich bekunde so einen Willen außerhalb des göttlichen, unabhängig von seinem unabänderlichen Ratschluß, dessen vollkommene Weisheit ich also bezweifle. Wenn alles vorbestimmt nach Gottes Willen, ist das Gebet nur Auflehnung wider Gott.« »Dieses ist die verderbliche Prädestinationslehre der alten Kalvinisten,« dozierte Blanckenburg wichtig, »längst von der gereinigten Kirche verworfen. Irrtümliche Auffassung des Gebets! Du sollst nicht bitten um Geld und Gut, um Ochsen und Rinder, um alles, was dein ist, sondern um die Gnade Gottes, auf daß das Himmelreich auf dich herniederkomme. Denn siehe –« »Verschone mich, lieber Moritz!« unterbrach Otto ruhig. »Ich weiß das alles. Das wahre Gebet, wie ich es heut verstehe, verwerfe ich keineswegs, nur ich selber kann es mir nicht abringen. Vielleicht hätte ich das Bedürfnis, doch sicher nicht die Fähigkeit.« »Das Beten will erlernt sein«, stimmte Moritz bei. »Doch du verkündigst mir große Freude durch das Bekenntnis, daß du ein Bedürfnis spürst.« »Vielleicht, sagte ich. Ich machte nie ein Hehl daraus, daß ich schon lange und seit früher Zeit an innerer Leere und allgemeinem Überdruß leide.« »Unvermeidlich bei solchem Dichten und Trachten!« flocht Blanckenburg ein. »Das sagst du. Doch die große Mehrzahl der Menschen fühlt sich ganz kannibalisch wohl, gleichwie 500 Säue. Und viele Moderne geben sich gern zufrieden mit dem Verzicht auf transzendentale Möglichkeiten.« »Brauch' nicht so gelehrte Ausdrücke!« maulte der Fromme verdrießlich. »Ich bin ein schlichter Mann und nicht gewöhnt an Spitzfindigkeiten heidnischer Schriftgelehrten. Nahmst du nie die Bibel vor, deine Irrwege zu beleuchten?« »Nie. Wohl aber Plotinus, Lucrez, Plato, Demokrit, überhaupt die Philosophen des Altertums. Da fand ich Atheismus und Materialismus oder richtiger Mechanismus, bei Plato freilich entgegengesetzten Idealismus, für mich zu subtil und zwischen den Fingern zerflatternd. Die ewigen Ideen – ja ja, das mag schon recht sein, doch man fröstelt dabei und das verlangende Gemüt gewinnt nichts. Dann kam Hegel an die Reihe, den wir in Berlin als unser Eigen schätzen, sozusagen den königlich preußischen Modephilosophen. Ganz verstanden hab' ich ihn nicht, das fällt wohl seinen glühendsten Anhängern schwer, und ob er seine Phänomenologie selber ganz verstand, ist sein Geheimnis. Es liegt ein tiefer Sinn in diesem nicht kindischen Spiele und Stile, sofern ein Unbedeutender wie ich da mitreden darf. Denn daß alles Vorhandene und Geschehende an und für sich natürlich und kausal, daher vernünftig sei, daß die Realität eine göttliche Offenbarung sei, dem pflichte ich bei. Es ist logisch, daß man daraus Rechtfertigung des historisch Gewordenen herleitet, also Hegel zum konservativen Hofphilosophen ernannte. Die Sache hat nur einen Haken. Dann sind eben auch alle Hexen- und Ketzerverbrennungen löblich, natürlich, vortrefflich, erst recht die Greuel der französischen Revolution. Hegel verehrte ja Napoleon als sichtbarstes Phänomen, als Offenbarung des Weltgeistes.« »Infame Blasphemie!« murrte der Fromme. »Und solche Ungeheuerlichkeiten preisen die Liberalen am Hofe! Da muß Wandel geschafft werden. Mein Freund, der Generalsuperintendent –« »Der Korse«, fuhr Bismarck tiefsinnend fort, ohne auf das Geschwätz zu achten, »war insofern Hegels Eideshelfer, als er stets von seiner Mission sprach und sich den Mann des Schicksals nannte, auch von seinem Stern fabelte wie Wallenstein. Das war wohl etwas Pose des Selbstgefühls, doch zutiefst ehrliches Empfinden, und was ein so Großer fühlt und glaubt, darf unsereins nicht von der Hand weisen. Nun wohl, sein Schicksal ließ doch zu, daß er schmählich unterlag, obschon viel von seinem Streben vernünftig und berechtigt gewesen sein mag. Wo blieb nun der Weltgeist, der ihm die Mission gab?« »Was, jetzt glorifizierst du gar den verruchten Bonaparte?« Moritz sprang empört auf. »Diese eingefleischte Revolution, diesen Parvenü, der ehrwürdige Dynastien von Gottes Gnaden in den Staub warf!« »Das hat ihm Gott offenbar verziehen«, bemerkte Otto boshaft, »denn solange er bloß mit den Fürsten zu tun hatte, ging alles gut und erst schief, als er die Völker gegen sich aufbrachte. Die waren eben auch verdammt real, also vernünftig. Und da sie siegten, müssen sie wohl vernünftiger gewesen sein als er. Woraus zu folgern: Erstens, daß selbst der Größte seine Mission nur leihweise und auf Kündigung erhält und verworfen wird, sobald er sie erfüllte. Zweitens, daß Nationalität von Rasse und Sprache die stärkste Realität ist und das Natürlichste, Vernünftigste gegenüber der kosmopolitischen Duselei. Die Deutschen dürfen also nicht eher ruhen, bis sie ihre Nationalität fest und einig begründet haben.« Er sah ins Leere mit dem seltsamen Blick seiner wasserblauen Augen unter weißblonden buschigen Brauen, der seinem derben straffen Gesicht manchmal etwas Mystisch-Unheimliches gab. »Was sollen hier historische Diskurse!« Moritz setzte sich wieder mit ärgerlichem Stirnrunzeln. »Also Hegels Sophismen hatten dich gefangen?« »Warum nicht gar!« Otto schaute um sich, als ob er aus einem Traum erwache, er war in ganz andern Welten von Ahnungen gewesen. »Diese Pragmatik ist auch nur Mechanik und sagt mir nichts über mein persönliches Verhältnis zur Ewigkeit. Ich bin nicht Napoleon, sondern ein kleiner Mann. Diese Philosophen wandeln wie Könige immer auf der Menschheit Höhen und verlieren jeden Kontakt mit der wahren menschlichen Bedürftigkeit. Also Napoleon hat das Recht, als irdischer Vizekönig der Gottheit Millionen Menschlein wie mich abzuschlachten? Ich danke ergebenst. Kausal mag das sein, vernünftig find' ich es nicht. Jedes Tierchen hat sein Pläsierchen, und jeder Sterbliche, den seine Mutter mit Schmerzen gebar, hat das gleiche Lebensrecht wie der Sohn der Bäuerin Lätitia. Genie hin, Genie her! Es gibt sittliche Verbindlichkeiten, bei der Geburt uns eingeschrieben. Soll ich denn meines Bruders Hüter sein? fragte Kain. Doch der Engel des Herrn sollte ihm antworten: Du weißt, daß du es sollst, du Brudermörder. Deshalb sagt Kant sehr treffend, es gebe zwei Beweise für die Existenz Gottes: der Sternenhimmel über mir und das Sittengesetz in mir.« »Und das Blut unseres Herrn Jesu Christi! Nun, Kant war sicher ein edler, obschon von der Heilswahrheit entfremdeter Geist. Deshalb schuf er auch den kategorischen Imperativ, jedem Preußen so teuer. Selbst der scheußliche Pantheist Fichte hatte ja lichte Augenblicke, wo er patriotisch den ›Aufruf an Mein Volk‹ unseres Heldenkönigs unterstützte.« »Du meinst wahrscheinlich die Reben an die deutsche Nation!« Otto lächelte, es war ein unangenehmes Lächeln. »Ja gewiß war Fichte ein großdeutscher Patriot, aber man sollte von Regierungswegen sich nicht auf ihn berufen. Er war, rundheraus gesagt, Republikaner, Fürsten- und Adelshasser, und es lächert mich, wenn ich ihn von Leuten zitieren höre, die ihn nie gelesen haben. Und Kant – ja, er war Preuße, sein Imperativ preußisch, aber nicht in dem Sinne, wie Ahnungslose ihn unnützlich im Munde führen. Mit Friedrich Wilhelm dem Dicken stand er sich schlecht, und die französische Revolution begrüßte er mit Freudentränen.« »Ach, so lassen wir doch diese elenden Heiden und Spötter!« rief Moritz erbost. »Freut mich, daß sie alle nichts taugten und ehrenwerte Staatsmenschen fälschlich Blumen um diese Schlangen winden. Komm zum Thema zurück, zur Erzählung deines traurigen Umgangs mit verkehrten Sophisten!« »Ich kam also zu Spinoza. Der beruhigte mich anfangs durch scheinbare Klarheit, eine Art höherer Mathematik. Lessing, ein tüchtiger Geist, der auch was Preußisches hat, was mich anzieht, und Goethe schworen ja auf ihn. Aber die rechte Beruhigung für alles Unfaßliche fand ich bei ihm nicht. Ebensowenig bei den modernsten Freigeistern. Sackgassen und Verstandeszirkel sind keine Erkenntnis. Und in der pommerschen Wildnis, getrennt von jedem geistigen Verkehr, sagte mir eine innere Stimme wie ein Wüstenprediger der Einsamkeit, daß vieles unrecht sei, was ich für erlaubt hielt. Indessen –« »In unserm Pommern, über das dein geistiger Hochmut sich erhebt, findest du manchen, der dich an sittlicher Reife turmhoch überragt.« Blanckenburg nahm einen hohen Ton an, sein wenig ausdrucksvolles Gesicht belebte sich, die Wärme seiner Überzeugung brachte seinen kreuzbraven Charakter zur Geltung. »Wir alle haben unser Kreuz zu tragen, aber wer es mit Anstand und Würde trägt, der ist der Vornehmste, nicht der selbstgerechte Pharisäer des Eigendünkels.« Otto sah ihn ernst an. »So gefällst du mir. Du bist ein wahrer Freund. Doch du überredest mich nicht, daß der Herr der Welt sich um unser sittliches Verhalten kümmert. Es ist bloß menschliche Überhebung zu wähnen, der Schöpfer tue uns seine Gebote kund. Das Gewissen mag man als Fühler ausstrecken, doch jedes Gewissen ist verschieden je nach der sonstigen Anlage. Es gibt so robuste Gewissen, daß sie alle zehn Gebote übertreten und sich nichts daraus machen. Die Bibel sagt, Eva habe vom Baum der Erkenntnis gegessen, und das sei nicht der Baum des Lebens. Das ist aber Mythe auch im symbolischen Sinne, denn Erkenntnis liegt überhaupt außer jedem Bereich des Menschen.« »Dafür tritt die göttliche Offenbarung der Evangelien ein«, rief der Fromme mit rührender Begeisterung. »An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen; hast du Herzensfrieden bei deiner trostlosen Ansicht? Fand ich dich nicht oft niedergeschlagen und melancholisch? Warum, da dir doch sonst nichts fehlt?« »Nichts als ein zweckloses Dasein«, gestand Otto düster. »Was ist man denn? Ein bißchen aufgewirbelter Staub unter dem Wagen der Schöpfung, der unablässig weiterrollt.« »Ich will jetzt nicht mit dir streiten, denn ich schöpfe gute Hoffnung, weil du deinen eigenen verzweifelten Seelenzustand nicht leugnest. Fährst du das nächste mal von Kniephof in die Nachbarschaft, dann mußt du in andere Kreise kommen als die, wo du bisher verkehrtest. Ich führe dich bei Thadden-Trieglaff ein, bei Puttkamers auf Reinfeld und anderen guten Häusern. Da wirst du Christen finden, die nach Gottes Wort leben, an denen du Stab und Stütze finden sollst.« »Ach, das sind ja Pietisten!« »Warum nicht gar! Bei uns herrschen Fröhlichkeit und Herzlichkeit, Wohlwollen und Menschenliebe.« »Also gut, führe mich hin, und Gott sei mir armem Sünder gnädig!« – * Herr v. Thadden, ein älterer Mann von würdevollem Aussehen, empfing ihn sehr freundlich: »Moritz hat uns so viel Merkwürdiges von Ihnen erzählt, mein werter Herr v. Bismarck. Wir sind alle darauf gespannt, Ihnen näher zu treten.« Er stellte ihn den Damen des Hauses und einigen Bekannten vor mit dem Hinweis: »Herr Deichhauptmann v. Bismarck waltet in der Altmark seines Amtes mit besonderer Pflichttreue. Alle sind seines Lobes voll.« Nachdem das Eis gebrochen, fühlte sich Otto sehr behaglich. Eine wohltuende Wärme ging von den Herren und Damen dieses Kreises aus, auch ein anwesender Pastor benahm sich nichts weniger als muckerhaft. Bei einem zweiten Besuch verstärkte sich noch der angenehme Eindruck. »Das ist ja wirklich eine Freude, lieber Herr Nachbar«, rief Herr v. Thadden. »Wir dürfen dies für ein Zeichen nehmen, daß es Ihnen gut bei uns gefallen hat. Darf ich Sie mit lieben Freunden bekannt machen? Herr v. Puttkamer-Reinfeld und Fräulein Johanna v. Puttkamer.« Bismarck kannte die Herrschaften schon von früher her sehr flüchtig, ohne daß ihm eine besondere Erinnerung haften geblieben wäre. Diesmal aber gefielen ihm der freundliche und joviale ältere Mann und die bei würdevoller Ruhe doch lebhafte Tochter ausnehmend. Daß diese altpommerschen Adelsfamilien noch lebten wie in der guten alten Zeit, sozusagen das Kirchengesangbuch in der Tasche, erschien nichts weniger als lächerlich, da es sich mit so würdiger menschenfreundlicher Haltung und Gesinnung paarte, sondern im Gegenteil als vornehm angesichts der zunehmenden materialistischen Verflachung und Verseuchung. Er schied wieder mit wohltuender Anregung, und dabei blieb es, als ein fernerer Verkehr mit dem ganzen Kreise sich entspann, zu welchen auch besonders Marie v. Blanckenburg auf Cardemin gehörte, nächste Freundin der Puttkamers, die ein schwesterliches Wohlwollen für ihn faßte und zu der er viel Vertrauen gewann. Alle, ohne je den wunden Punkt zu berühren, wo ihre seelischen Wege sich trennten, schienen ihn als ein verirrtes Schäflein zu schonen, das schon durch Gottes Fügung auf den rechten Weg geraten werde. Die Güter Blanckenburgs, Cardemin und Zimmerhausen, und die Puttkamers, Reinfeld und Koglizow, lagen so nahe, daß man sich an diesen verschiedenen Orten mehrmals traf. Frau Marie v. Blanckenburg teilte die Vorliebe ihres Gatten für den wilden Kniephofer und widmete ihm eine reine Zuneigung. Er hing sehr an diesem trefflichen Ehepaar, so verschieden die geistigen Grenzen. Die Nachbarschaft des Gemütes verschiebt diese Grenzen liebevoll. Überall sang man das Lob von Fräulein Johanna v. Puttkamer, die eine erwärmende Herzensgüte besaß. Sie war nichts weniger als eine Schönheit, ihr Mund etwas zu breit, ihre Nase ziemlich unregelmäßig, an der Spitze zu fleischig. Doch das Oval ihres Kopfes mit etwas zu großen Ohren hatte etwas freundlich Weibliches, von reichem schwarzen Haar umrahmt, in ihren dunkeln Augen, die in mehreren Farben schillerten, lag ein äußerst angenehmer, kluger und sinnender Blick, obschon sie manchmal an Augenschwäche litt und dann die matten Pupillen ihren Glanz verloren. Ihre Stirn war breit und an den Schläfen gewölbt, sie verriet eine gewisse geistige Anlage, und das gab dem sonst nicht gerade auffallenden Gesicht etwas Charaktervolles. Übrigens besaß sie trotz ihrer frömmelnden Erziehung und orthodoxen Glaubensschwärmerei oft einen gesunden Humor und harmlose Fröhlichkeit. Ihre Haltung im Umgang hatte eine ungesuchte schlichte Herzlichkeit, wie sie unter vornehmen Leuten von guter Rasse als die wahre gute Manier gilt. Ein gewisser Reiz fraulicher Behaglichkeit ging von ihr aus. Das ist mal kein blondes deutsches Gretchen, sondern ein schwarzes, dachte der blonde Otto, den nach dem üblichen Spiel der Natur mehr die dunklen als die hellen anzogen. Übrigens ist Gretchen kein passender Name für diese sanfte, aber würdevolle Weiblichkeit. Die hat auch Haare auf den Zähnen, ihre schönen schwarzen Haare mit den seiden- oder samtweichen Flechten. Johanna – das erinnert so an die Jungfrau von Orleans, aber damit hat sie gottlob nichts gemein. Nicht als ob ich die Jeanne d'Arc nicht bewunderte, die prächtige Heldin. Das war auch eine Einigerin ihres Vaterlandes, und nach dem, was wir notdürftig wissen, wahrscheinlich ein militärisches und politisches Genie, natürlich ganz anders als der gute Schiller sie schildert. Shakespeare und Voltaire haben die Pucelle zwar ruppig beschimpft, doch niemand nimmt das ernst, dagegen wohl das sentimentale Mannweib Schillers, das noch gar etwas Ideales vorstellen soll. Ich wette, die wahre Jungfrau hat nie mit dem Schwert einen armen Jungen erschlagen und erst recht nicht sich in die Larve eines Lionel verliebt. Sie wird wohl überhaupt kein Mannweib gewesen sein, denn tapfer ist jede Frau, wenn es sich um ihre Kinder handelt, und die Franzosen waren ihre Kinder. Die keusche Jungfrau wird wohl eine mütterliche Seele gewesen sein, und gestorben ist sie viel gewaltiger und schöner, als in Schillers phantastischer unhistorischer Pose. Daß diese Ästheten sich doch immer an Geschichtsgestalten heranwagen, zu denen sie gar keine Beziehung haben! Wie soll denn solch ein braver Stubenhocker wissen, wie einem zumute ist, der mit Blut und Eisen hantiert! In diesen sogenannten Geschichtsdramen geht es unsagbar lächerlich zu. Max, bleibe bei mir, geh nicht von mir, Max! So soll der grimme Friedländer gedacht haben, der die deutsche Einheit im Kopfe hatte! Erträglich ist höchstens Schillers feile Queen Beß, die sogenannte jungfräuliche Königin. Darin steckt was von Kenntnis einer großen Fürstin und kleinen schlechten Frau. Gott beschütze uns vor ehr- und ränkesüchtigen Weibern, die ihre Händchen in die Regierungsräder stecken! Ich preise mein Schicksal, daß ich nie mit solchen Kanaillen zusammenstoße, sintemal ich ja nie mit dem Staat zu tun bekomme. Aber die wahre Jungfrau, die von Orleans, o die versteh' ich sehr gut! Nur möcht' ich sie nicht zur Frau haben. Die wahre Pucelle, die nie ein Schwert trug, nur mit ihrer weißen Fahne in den Feind drang, dreimal auf den Tod verwundet, und die nach jeder Schlacht mütterlich die Verwundeten pflegte, auch die feindlichen, vor der hätte er andächtig das Knie gebeugt. »Meine Stimmen waren von Gott, sie haben mich nicht betrogen«, rief sie auf dem Scheiterhaufen im Sterben. Doch es gibt viele göttliche Stimmen und viele Scheiterhaufen. – Bei zunehmendem Verkehr sah er ein, daß die Mitglieder dieses Kreises, zu welchem auch jüngere Männer wie Hans v. Kleist-Retzow, Alfred v. Below auf Reddenthin und die Versiner Puttkamers gehörten, in Worten und Werken vorbildlich lebten. Er beneidete sie um ihre Zufriedenheit und Zuversicht, um den Seelenfrieden, dessen sie sich erfreuten. Das überraschte ihn eigentlich nicht, denn es schien von Natur gegeben, daß kindliche Frömmigkeit so willkommene Begleiterscheinungen auslöste. Er traf durchaus keine sonstige geistige Armut, wie er gefürchtet hatte, bei diesen geistlich gestimmten Landedelleuten, sondern viel ruhige Klugheit. Was man als Pietismus verschrie, schien eher ein Streben nach vornehmer Reinlichkeit des Lebenswandels, was sie freilich allzu pomphaft Heiligung nannten. Überlegene Geister waren es gewiß nicht, aber gesunde, bei denen ein Müder ausruhen konnte von krankhafter Aufregung modernen Trachtens. Er begrüßte dies neue Milieu einer ihm bisher fremden Gesellschaft, abseits vom Tageslärm, wie ein Ermatteter ein Schlummerkissen. Der Reiz des Neuen spielte dabei mit, ein oft entscheidender Beweggrund bei psychologischen Wandlungen. So wurde ihm allmählich ein Bedürfnis, auf den Gütern der Puttkamers, Retzows, Thaddens vorzusprechen, ein gern gesehener Gast, da nichts der frommen Eitelkeit so schmeichelt, als verlorene Sünder zum Himmel emporzuheben, wenn auch nicht gerade mit feurigen Armen. »Nur nicht so hitzig!« Fräulein Johanna v. Puttkamer zog die reine weiße Stirn etwas in Falten, als eine Freundin, Fräulein Anna v. Blumenthal, sich in schüchterne Lobeserhebung über den stattlichen Kniephofer ergoß. »Seine Vergangenheit soll nicht die beste sein. Mama hat so was gemunkelt. Er ist ein schrecklicher Trinker. Unser Herr Pastor sagte früher – es ist schrecklich, es nur zu denken – Herr v. Bismarck sei ein greulicher Atheist.« »O ist das möglich?« Die junge Dame schlug entsetzt die Hände zusammen. »Gibt's denn solche Unmenschen? Der Ärmste! Doch heut ist er sicher bekehrt, denn neulich vorigen Sonntag ist er zur Kirche gegangen, das weiß ich bestimmt.« »Woher denn?« frug Johanna mißtrauisch. »Hast du ihn so beobachtet?« »Du glaubst wohl, ich interessiere mich für ihn?« gab Anna errötend zurück. » Pas si bête ! An heiraten denkt der ohnehin nicht. Nein, Vetter Bruno hat es selbst gesehen und gestaunt.« »Das wäre ja ein sehr guter Anfang!« Johanna sah sinnend in die Ferne. »Die heilige Schrift sagt, es sei so viel Freude im Himmel über Bekehrung eines Sünders. Ja, dann kann er wohl noch gerettet werden.« Moritz v. Blanckenburg rieb sich vergnügt die Hände über das Gelingen seines Plans, Ottos Gottentfremdung durch Zufluß von Menschenfreundlichkeit zu heilen. Auch die schöne Kusine, die gräfliche Bismarck, die von jeher an seiner Entwicklung Anteil nahm und wiederholt darin einzugreifen suchte, freute sich, jedoch mit andern Absichten. »Das ist der erste Schritt zu vernünftigem gesetzten Leben, und nun die Hauptsache: er muß heiraten!« entschied sie. Um den Boden vorzubereiten, vertraute sie einigen mit Otto gutbekannten Husarenoffizieren der Garnison Schlawe, die bei ihr in Manöver-Einquartierung lagen, unter dem Siegel des Geheimnisses an, daß ihr Vetter sich bestimmt noch dies Jahr mit Komtesse Schulenburg verloben werde. Es war dies jene Ballschönheit, für die ihr bevorzugter Tänzer, der Schönhauser, einen Tag und eine Nacht lang ein menschliches Rühren spürte und Symptome von Verliebtheit zeigte, die aber ebenso rasch verpufften. Ein schöner weiblicher Körper hatte für ihn nur geringe Anziehungskraft, und weiter hatte die Dame nichts zu bieten, auf der Innenseite standen nur die gewöhnlichsten Lettern des Durchschnittsweibchens. Übrigens machte sein alter Skeptizismus nicht immer Halt vor den neuen Bekanntschaften, und er ließ seiner satirischen Laune öfters den Zügel schießen oder urteilte schroff. Die Pastorin unter Puttkamer-Reinfelds Kirchenpatronat fand er unliebenswürdig, obschon sie die Angel gottseliger Liebenswürdigkeit nach ihm auswarf. Einen Musikbeflissenen, der sich um eine Puttkamer-Versin bewarb, bezeichnete er als ein bloßes Klavier mit einem Affen darauf als Porzellannippes. Einen Assessor Lepsius, der schmachtend dem schwarzhaarigen Fräulein Johanna huldigte, konnte er nicht ausstehn. Die Vettern Albert und Bruno schienen ihm frauenzimmerlich geziert. Da diese jungen Männer alle so viel von der oft munteren und herzlichen Johanna hielten, lenkte dies sein Aufmerken auf sie hin, und er unterhielt sich lange mit ihr auf einem Spaziergang durch die Puttkamerschen Vorwerke Reddis und Alt-Koglizow. »Wir sprechen es Kautschlow aus«, belehrte sie ihn. »Warum, weiß ich nicht, denn Platt ist's nicht. Vielleicht heißt es so von alters her, wo die heidnischen Kassuben hier hausten ... ach Gott, wir haben noch viele davon in der Nähe, und mit ihrem Christentum ist's nicht weit her.« »Sind sie denn sonst schlechte Menschen, lügnerisch, diebisch?« »Nicht gerade das. Aber sie haben alle keinen rechten Glauben.« »Wenn aber nun einer nicht glaubt, aber gleichwohl Gottes Geboten folgt, ist er dann schlechter als einer, der stramm glaubt, aber sündigt?« »Das versteh' ich nicht. Wer glaubt, sündigt doch sicher am wenigsten.« »Wer's glaubt! Der alte Streit über Glauben und Werke! Es gibt einen toten Buchstabenglauben, der sicher nicht zum ewigen Leben führt. Auch die Beschaulichkeit nicht, die sich von irdischen Genossen absondert und sich in einer Nische isoliert, wo sie vermeintlich allein mit Gott verkehrt. Man nennt das Quietismus.« »Was heißt das?« »Kommt vom lateinischen Quies , Ruhe. Man nennt es auch Pietismus, dem Frauen so leicht verfallen. Das Wort ist abgeleitet von Pietas , Frömmigkeit. Doch die Spötter nennen es Frömmelei.« »Sie meinen wohl geistlichen Hochmut, der sich heiliger dünkt als andere? Davor soll jeder Christ sich doch hüten, denn unser Heiland hat die Pharisäer verworfen. Ich meine, Frömmigkeit ist nur ein stilles Harren auf den Tag des Herrn voll Hoffnung auf seine Gnade.« Sie sagte es sanft und milde, er sah mit weichem Wohlwollen auf sie nieder, schüttelte aber den Kopf. »Ja, ein Stillsitzen! Da, dünkt mich, fehlt doch die rechte Liebe. Die ist nicht still, sondern eifrig. Wo die ist, will sie sich gewiß nicht isolieren, sondern sich auch an sichtbare Wesen mit irdischen Banden anschließen.« Sie errötete unwillkürlich und antwortete nicht. »Ach, mein gnädiges Fräulein, die Welt ist so voll Lieblosigkeit. Die Frauen leiden darunter am meisten, schon als Mütter. Meine Mutter vermerkte es übel, wie ich mich allmählich von ihrem Herzen löste. Solche Erfahrung machen fast alle, die Kinder haben. Sie kannten jede Regung des Kindes und fast keine des Erwachsenen, der sich vielleicht schämt und eine Blöße verdecken will. Das ist der erste Sündenfall ... vor der Mutter.« Sie sah ernst zu ihm auf. »Sie waren also kein guter Sohn? Reut Sie das nicht?« »Ich habe so viel zu bereuen«, gestand er düster. »Verzeihen gnädiges Fräulein, daß ich Sie so mit Bekenntnissen meiner schönen Seele langweile«, brach er ab. »Ich bin halt ein halber Pommer, vom zweiten bis zum siebenten Jahr in Pommern erzogen, deshalb kein Spaßversteher.« »Mir ist's gar nicht zum Spaßen«, versicherte sie eifrig. »Das ist doch alles so traurig. Wie muß es in Ihnen aussehen! Verzeihen Sie, daß ich so etwas sage! Ich bin ja nur ein schwaches Mädchen, sehr ungelehrt. Aber mir ist, als wäre ich stärker als Sie, der Sie so groß und stark sind; doch was ist das ohne Glauben! Vor dem Herrn sind wir alle nur schwach und klein.« Sie sah ihm mit ihren dunklen Augen voll ins Gesicht mit keuscher Unschuld. »Ich weiß nicht warum, ich fühle so, der Herr wird Ihnen helfen!« Er beugte sich nieder und küßte ihr ritterlich die Hand. »Beten Sie für mich! Wollen Sie?« Sie nickte ernst, befangen errötend. – Dies Mädchen hat etwas an sich ... die möcht' ich wirklich zur Freundin haben. Weiß der Himmel, warum ich mich versucht fühle, mit ihr über ernste Dinge zu plaudern! Sogar von Mutter selig hab' ich gesprochen, was ich noch nie vor jemand tat. Solch ein reines, weibliches Herz übt einen merkwürdigen Zauber. Die kleine Quäkerin! Die wird mich noch mit Bibelsprüchen traktieren. Da muß ich sattelfest sein, sonst blamier' ich mich. Werde das alte Buch mal aus dem Schrank nehmen. Es muß doch was dran sein. Die guten, braven Leute hier nehmen natürlich alles wörtlich, doch es mag ja ein tieferer Sinn drin liegen, den man erst durch reifere Lebenserfahrung würdigen lernt. Wer bloß als Konfirmand und in obligatorischen Religionsstunden des Knabenalters dies sogenannte Buch der Bücher zur Hand nimmt, kann unmöglich davon Gewinn haben. Laß sehen, wie es jetzt auf mich wirkt! Was ist im Grunde für ein geistiger Unterschied zwischen den kindlich Gläubigen, die prüfungslos diese Überlieferungen für Gottes offizielle Botschaft halten, und mir, der ich wie alle Modernen gleichfalls prüfungslos mich davon abwende? Das dürftige Talglicht, das wir als unsere Vernunft anzünden, ist doch wirklich keine Sonne, die in alle dunklen Winkel hineinleuchtet. Die also das sacrificio dell' intelletto bringen, sind eigentlich vernünftiger als die Neunmalweisen, die sich kindlich einbilden, ihr bißchen Gehirn habe keine Mysterien nötig. – Mit der ungeheuren Konzentration, deren er fähig war, warf sich Otto also plötzlich auf Bibelkunde. Sehr bald stutzte er über die Abgrundtiefe vieler Jesu-Parabeln und -Sprüche, über die der Naive achtlos hinliest, ohne die theosophische Gewaltigkeit auch nur zu ahnen. Freilich entging ihm nicht, daß das Neue in gar keinem Zusammenhang mit dem Alten Testament steht und die künstliche Verkoppelung beider nur einer gewaltsamen theologischen Auslegung dient, die das Phänomen des Gottmenschen geradezu lästerlich mit kleinlich menschlichen Prophetien vermenschlicht, förmlich einen Stammbaum des Messias ausklügelt, wie bei einem Fürstenhause. Auch verkannte er nicht, daß vieles in den eigentlichen Evangelien dem sogenannten Bibelchristentum der bestehenden Christenkirchen ins Gesicht schlägt und orthodoxe Dogmen rein aus hierarchischem Bedürfnis herausgelesen wurden, denen ganz klare Worte Christi aufs schneidendste widersprachen. Sein Sinn für historisch Gegebenes ließ ihn aber auch die Notwendigkeit dieser Sinnfälschungen begreifen, um das sonst im Äther schwebende Himmelreich des urchristlichen freien Denkens dem geistigen Pöbel mundgerecht zu machen. Jedenfalls versenkte er sich mit Ungestüm in diese Welt des reinsten Idealismus, der nur das Reich Gottes »in uns inwendig« und die ewige Liebe des Urgrundes ( pater ) in den Himmeln ( uranoi im Plural, d. h. das All) gelten läßt. Bald hatte er auch die ganze Masse der Paulinischen Briefe in sich verarbeitet und als Motto für alles gefunden: »und hätte der Liebe nicht, so wäre ich nichts«. – * Sein Aufenthalt in Kniephof ging nun zu Ende, er mußte nach Schönhausen zurück, um seinen Pflichten als Deichwart zu genügen. So empfahl er sich persönlich den Puttkamers in einem Abschiedsbesuch, wobei er der gnädigen Frau und der Wirtschafterin Fräulein Adelheid Harder besondere Komplimente über ihre Kunstfertigkeit in Wurstbereitung machte. »Auch lernte ich hier Milch mit Salz trinken, eine höchst bekömmliche Neufindung!« begeisterte er sich. »Nie werde ich diese herrliche Zeit vergessen!« Ob er dabei auch an die Milch der Menschenliebe dachte, zu der er selber etwas attisches Salz beisteuerte? Der alte Puttkamer schüttelte ihm kräftig die Hand: »Auf baldiges Wiedersehen! Es war mir eine Freude, mein junger Freund, daß Moritzens warme Freundschaft den schönen Kern in Ihnen erkannte ... in vormals etwas rauher Schale,« setzte er schelmisch hinzu, »verzeihen Sie die Offenheit, doch Sie haben sich so glatt poliert, daß Ihr Schutzengel sicher seine Freude daran hatte.« »In der Gesellschaft edler Frauen«, verbeugte Otto sich mit ritterlicher Grandezza. »Das sind fürwahr die besten Schutzengel. Es fällt mir schwer, zu scheiden, doch fatta sia la tua volunta !« »Was heißt das wieder?« Johanna lächelte anmutig. »Wir armen Deutschen verstehen nicht all Ihre Fremdsprachen. Italienisch, nicht?« »Das Vaterunser. Dein Wille geschehe!« erläuterte er ernst. Alle schwiegen. »Ich muß meinen Diensteid pünktlich auf die Minute halten. Das Schwerste war freilich schon im März vorbei, doch es kann noch Hochwasser nachkommen. Haben die Herrschaften noch nie den Eisgang eines großen Stromes gesehen? Ein gewaltiges Schauspiel!« »Wie ist es denn?« interessierte sich Johanna. »Wie eine Schlacht. Die weißblauschillernden Eisfelder liefern sich Kämpfe auf Leben und Tod. Man glaubt lebendige Riesen zu sehen, die sich in die Haare geraten. Sie lösen sich in Zwietracht voneinander, sie berennen sich mit Sturmböcken, bis sie sich gegenseitig in Trümmer zersplittern. Dann türmen sie sich wie Leichenhaufen über dem Aufruhr der Fluten.« »Wie poetisch Sie das sagen!« seufzte die gute Frau v. Puttkamer. »An ihnen ist ein Schriftsteller verloren. Ein solches Pfund, das uns der Herrgott gab, mit dem sollte man doch wuchern, sagt die heilige Schrift.« Ihr kluges, großes Auge weilte auf ihm. »Zu gütig, meine gnädigste Frau! Jeder hat sein bißchen Poesie für den Hausbedarf. Aber ich muß sehr praktisch sein, sonst würden meine Bauern aus ihrem Herzen keine Mördergrube machen: 'n bisken doll war der gnä' Herr ja immer schonst, aber nu redt er ooch noch in Rimkes!« Alle lachten. »Vielleicht habe ich mal das Glück, Sie in unserer Gegend zu sehen?« »Uns Alten wohl nicht.« Herr v. Puttkamer klopfte bedächtig die Asche seiner Pfeife ab. »Aber Nanne passiert wenigstens Ihre Ufer im Sommer. Eine Gesellschaft von uns macht im Sommer eine Harzreise, und da geht ja die nächste Bahnroute über Magdeburg.« »Aber das trifft sich ja herrlich! Auch ich hatte schon lange die Absicht, mal den 'Brocken zu ersteigen. Meine Freunde Gerlachs in Magdeburg möchten auch hin, ebenso mein Gutsnachbar Graf Wartensleben. Dürften wir uns da anschließen?« »Das wäre famos. Männliche Bedeckung kann Damen niemals schaden. Nannes Freundinnen gehen nämlich auch mit«, rief der Alte erfreut. »Und Marie Blanckenburg wird sie chaperonnieren, wenn auch Moritz zu Hause bleibt. Da können wir ja, wenn's Zeit ist, Ort und Stunde fixieren für den Sammelplatz zur Völkerwanderung.« »Werde nicht verfehlen. Meine gnädige Frau – mein gnädiges Fräulein – die Pferde sind gesattelt, wie der Statist im Theater so schön sagt. Behalten Sie mich in gutem Angedenken! Ich werde als Ihr Ritter und untertäniger Knecht mein Fähnlein schwingen, vom Elbwind zerfetzt. Die Hoffnung auf so fröhlichen Sommer wird mich warmhalten.« – – Die Harzreise verlief programmäßig, eine Art Picknick von pommerschen und altmärkischen Herren und Damen. Das Brockenhaus versteckte sich wie gewöhnlich so im Nebel, daß man es erst sah, als man mit der Nase darauf stieß. In Harzburg fand man die übliche Hitze, im Bodetal und auf der Roßtrappe die gewöhnliche angenehme Kühle. Auch traf man die üblichen flegelhaften Engländer, die damals häufig das romantische deutsche Barbaren- und Bärenland ihrer insularen Kultureinbildung mit ihrer erhabenen Anwesenheit beglückten. Seit Bulwers »Pilgrim des Rheins« wurde es noch mehr wie früher »the rage« , auf der »großen Tour« der vornehmen englischen Jugend die deutschen Bäder Homburg, Ems, Schlangenbad, Aachen zu besuchen und von da die Schritte nach München und in fernere böhmische Dörfer und Urwälder Germaniens zu richten. Die Brockenhexen hatten es manchem Byroniker angetan. Die berühmten Fragen: »Sie sei'n Deutsches? Welche Buch haben Sie geschrieben?« fand der echte Brite zu seinem schmerzlichen Bedauern nicht mehr »the right thing« . Diese Foreigners hatten, man denke, Industrie und Eisenbahnen, aßen auch andere Speisen als Wurst und Sauerkraut, rauchten Zigarren und nicht übelriechenden Knaster aus Pfeifen, wie doch in englischen Illustrationen herkömmlich. Das erfüllte englische Touristen mit berechtigtem Unmut, sie kamen nicht auf ihre Kosten. »Wo sein die Hexen? All humbug! Wir sind gekommen zu sehen Hexen und Gretchens«, gröhlte ein edler Jüngling in einer Talkneipe vor Harzburg und knüpfte daran in heimatlichem Idiom so kritische Bemerkungen über die dreist angegafften deutschen Damen der Bismarckschen Gesellschaft, daß Otto ihn auf Englisch zur Ruhe verwies und ihm anriet, das Maul zu halten. Zwei andere Zierden britischer Jugend wollten darob aufbegehren und machten Boxbewegungen. » Hold your tongue! « brüllte er sie an. Auch den anderen deutschen Herren kochte schon früher das Blut, als sie dies freche Betragen bemerkten, wobei die manierlichen Londoner mit dem ganzen Stolze Albions die Schenkwirtin mit Eierschalen und Löffeln bewarfen. Sie zogen es jedoch vor, ihren Touristenrucksack umzuwerfen und das Weite zu suchen, als sie Ottos finsterem Blick begegneten, der halblaut zwischen den Zähnen knirschte: »Come on!« Sie verbreiteten nachher, daß »a boar of a German, Baron« von ihnen verprügelt worden sei. »Daß wir Deutsche von diesen Bulldoggen auch alles hinnehmen!« murmelte ein pommerscher Herr. »An unsern kleinen Höfen gilt jeder hergelaufene englische Schneider als adelig und hoffähig. Ein Franzose ist vollends ein höheres Wesen.« »Natürlich, seit dem alten Versailler und dem Bonaparteschen Prestige änderte sich nichts«, bemerkte Graf Wartensleben. »Übrigens, wir preisen Waterloo, mir gibt's immer 'nen Stich ins Herz, daß dort Hannoveraner, Hessen, Braunschweiger unter englischem Kommando fochten, ganz wie zur Zeit Marlboroughs. Außerdem,« er dämpfte die Stimme, »ist's ein Skandal, daß der Sohn des Braunschweiger Helden, der dort fiel, heut hier so wirtschaftet.« Er meinte den jungen Diamantenherzog, der seine langmütigen Untertanen geradeso zur Verzweiflung brachte wie der elende Tyrann von Hessen. Otto schwieg mit gerunzelter Stirn. Im Waterloojahr war er geboren, doch weltgeschichtliche Fragen lagen seiner jetzigen Resignation so fern. Ihn kümmerte höchstens das Heil seiner eigenen armen Seele, von religiösem Odem angehaucht. Sie streiften durchs Selketal und kamen auch in die Herrschaftsgegend der mediatisierten, gefürsteten Reichsgrafen Stolberg. »Dort drüben liegt Wernigerode!« Kusine Cäcilia v. Below hauchte: »Es muß doch schrecklich für all die alten souveränen Herren sein, wie die Stolbergs, Isenburgs, Arembergs, daß sie heut bloß Untertanen sind.« »Ade, du alte Burschenzeit, du alte Ritterherrlichkeit!« sang Otto etwas ironisch. »Für die Allgemeinheit kein Schade, meine Damen, große Betriebe funktionieren besser.« Melissa und Julia v. Behr, arme Verwandte von Puttkamers, erzählten viel Schönes von Charlotte Stolberg, die sich in Berlin werktätigem Christentum unter Anleitung des Seelsorgers in Bethanien widmete. »Nur im Adel trifft man solche frommen und tapfern Seelen!« rief der kleine Hans Kleist-Retzow begeistert. »Glaub' ich auch«, bekräftigte Otto und sah Johanna von der Seite an. Die Wälder von Letzlingen, wo der König manchmal Hofjagden abhielt, lagen vor ihnen ausgebreitet, vom Mond beleuchtet. »Geisterhaft wie ein Geheimnis von ewigem Frieden!« flüsterte er Marie Blanckenburg zu. Diese schauerte leise und zog den Schal fester zusammen. In der Gartenstadt Quedlinburg besuchte man die altertümliche Domkirche, die aus sehr frühen Zeiten des sogenannten romanischen Stils stammt. »Warum nennt man das romanisch?« fragte eine Dame v. Mittelstädt, die bald einen Mittelpunkt der Gesellschaft bildete. Nicht ohne Geist, eine hoch aufgeschossene Blondine von erheblicher Lieblichkeit, mit einem unerfreulichen Gatten behaftet, wählte sie den stattlichen Schönhauser zu ihrem besonderen Kavalier und Reisemarschall, der sich dieser Obliegenheit gern unterzog. »Das weiß kein Mensch, denn gerade dieser Stil ist deutsch, und was man gotisch nennt, ist eher romanisch, aus Frankreich und Italien importiert. Es gibt Architekturkenner, die trotz aller Bewunderung für Kölner Dom, Straßburger Münster, Notre-Dame gerade die romanische, d. h. deutsche Bauart für die reinste und vornehmste halten.« »Wie Sie über alles informiert sind!« bewunderte sie mit schmachtendem Augenaufschlag. »Aber ist denn das möglich, daß man etwas Deutsches romanisch nennt und umgekehrt?« »Auf Erden ist alles möglich, denn Dummheit und Lüge sind unbegrenzt, die Welt will betrogen sein. Fast immer sieht die Wahrheit anders aus, als in Geschichtsbüchern zu lesen. Deshalb soll kein Mensch sich von zeitgenössischen Phrasen blenden lassen im Urteil über Menschen und Dinge. Die Nachwelt stößt fast jedes Urteil um. Doch auch sie fälscht oft, was tatsächlich war und ist. Fälschung und Fabel, davon nährt sich jede Überlieferung.« »Nur nicht die der Heiligen Schrift«, tönte eine Stimme dazwischen. Johanna Puttkamer sprach mit großer Bestimmtheit. Frau v. Mittelstädt hob graziös die Schultern hoch und warf Otto einen vielsagenden Blick zu, als wollte sie sagen: das arme Ding, die dumme Person! wir beide bissen es besser, wir Hochgebildeten. Sie fand leider dabei keine Gegenliebe, denn Otto wandte sich respektvoll zu Fräulein v. Puttkamer: »Diese Ausnahme lasse ich gelten. Auch schon der Glaube daran ist eine Wirklichkeit, denn es steht geschrieben: Gehe hin, dein Glaube hat dir geholfen.« Er gehört doch innerlich zu uns! dachte Johanna. Die falsche Katze, die Mittelstädt, wird umsonst miauen. Oder nicht? Die Männer geben ja nur was auf das Äußere. Sie nimmt ihn in Beschlag, und er läßt sich's gerne gefallen. Als ein Trupp Halberstädter Kürassiere vorüberzog, die eine Übung abhielten, grüßte der Schönhauser. »Das ist das Regiment, bei dem ich als Landwehroffizier eintrete, wenn es zum Kriege kommt.« » Fi donc ! Wer wird von solchen gräßlichen Möglichkeiten sprechen! In unsern gebildeten Zeiten wird man so barbarische Bräuche hoffentlich nie wieder einführen. Der schändliche korsische Tyrann brachte Unheil genug für ein ganzes Jahrhundert.« »Wünschen Sie, meine Gnädigste, Abschaffung der Armee?« »Ich? wieso denn?« frug sie naiv erstaunt. »Das wäre ja furchtbar. Die Uniform kleidet die Herren so gut ... ich möchte Sie auch mal in Uniform sehen.« Er verbeugte sich militärisch. »Zu Befehl. Mit andern Worten, die Damen schwärmen für ein Heer von Tanzhusaren und den ewigen Frieden. Möchten Sie mir aber erklären, wozu ein stehendes Heer dann taugt, wenn immer die Schwerter in der Scheide rosten?« »Aber wofür sollte man heut Krieg führen?« sprang sie mit weiblicher Logik ab. »Alles ist doch so schön geordnet, jeder Staat hat, was er braucht. Die unteren Stände haben ihr gutes Auskommen, und die gute Gesellschaft interessiert sich doch nur für höhere Dinge, für die schönen Künste und Oper und Theater.« »Das Ballett nicht zu vergessen«, meckerte halblaut ein altmärkischer Geck. »Ach, Fanny Elsler verdrehte sogar Staatsmännern den Kopf«, schmachtete die Blondine. »Ich für mein Teil bete den großen Schauspieler Devrient an. Wie göttlich ist er als Marquis Posa!« »Sire, geben Sie Gedankenfreiheit!« parodierte Graf Wartensleben. »Eine verfängliche Aufforderung auf einem königlichen Theater! Nu, Gedanken sind zollfrei, unser lieber, guter Zollverein hat sich noch nicht mit dieser Ware beschäftigt.« »Bücher sind's aber nicht«, betonte ein Pommer. »Der hohe Bundestag paßt strenge auf. Das sogenannte Junge Deutschland, diese Bande frecher Federfuchser, weiß davon ein Lied zu singen.« Das Gespräch kam natürlich oft auf Heines »Harzreise«, wofür die gebildeten Altmärker Junker und Damen schwärmten. »Ich bin die Prinzessin Ilse und wohne am Ilsenstein«, sang einer melodisch. Die Damen beklagten den armen Heinrich, daß er verbannt in Paris lebe, die Herren meinten jedoch mit frivolem Augenzwinkern, daß man solch ein Asyl sich gefallen lassen könne. »Ach, sein ›Buch der Lieder‹ ist göttlich!« schmachtete eine Freundin Johannas. »Wie muß der geliebt haben!« »Mit dem Munde!« belehrte sie ein Aufgeklärter. »Ich habe mir sagen lassen, seine ›Neuen Gedichte‹ und sonstigen Pariser Sachen seien – Pardon! – verflucht unanständig.« »Dem Manne ist ganz recht geschehen.« Johanna hielt für nötig, ihren Gott zu bekennen. »Er ist ein Lästerer und Rebell, ein Jude, der alles Heilige verhöhnt. Unser Herr Pastor hat uns Unglaubliches darüber erzählt.« Die Gebildeten wollten sich mokieren, doch Bismarck fiel hastig ein: »Bravo, gnädiges Fräulein! Er wäscht die schmutzige Wäsche des Vaterlandes zum Gaudium des Auslands. Das ist die Sünde, die nimmer vergeben wird, wider den heiligen Geist. Nun hockt er ja bei seinen geliebten Parisern, wohl bekomm's, ein guter Deutscher wird ihn anspeien.« Andere waren anderer Meinung, denn es gehörte zum guten Ton, in Kunstdingen sich liberal zu gebärden. Einer zitierte »Ich hatte einst ein schönes Vaterland«, »Das küßte mich auf deutsch und sprach auf deutsch, man glaubt es kaum, wie süß es klang, das Wort: Ich liebe dich. Es war ein Traum.« Otto horchte auf, ein unhörbarer Seufzer hob seine breite Brust. Gewiß mußte es schön klingen: Ich liebe dich. Doch es war eben ein Traum, und der nämliche Heine sang: Wenn du sprichst: Ich liebe dich, so muß ich weinen bitterlich. Und siehe da, diese Harzreise endete nicht so idyllisch wie die Heines. Wie eine Bombe platzte eine Ehetragödie hinein, die man nicht ahnen konnte. Obschon nicht handelnd beteiligt, erwarb er Kenntnis der geheimnisvollen Ereignisse. Was ihn daran erschütterte, war die Einsicht, daß auch er eine handelnde Person dabei hätte sein können. Wie flach und unwürdig seine bisherige laxe Weltanschauung, drängte sich ihm auf. Welchen Wert hatte dies Tändeln der guten Gesellschaft, das nur künstlich einen Sumpf verdeckte! Mit inniger Rührung sah er bittere Tränen der reinen, keuschen Johanna fließen, die so auch einen unheimlichen Begriff von den Abgründen bekam, deren Drachen im Menschenherzen lebendig werden. Bei Rückkehr nach Magdeburg soupierte man im Garten an der Eisenbahn. Die Pommern mußten ihren Waggon aufsuchen. Otto behielt Johannas Hand länger als schicklich in der seinen und murmelte: »Auf Wiedersehen!« Ihr gingen die Augen über. Er war ja kein gläubiger Christ, aber im Grunde doch wohl ein guter Mensch und entschieden ihr Freund. Es mußte doch etwas an ihr sein, wenn ein solcher Mann –! Ja wieso? War er denn bedeutender als andere? Darauf wußte sie keine Antwort und versteckte sich scheu vor ihren Gedanken. * Ihre Überraschung wuchs, als er sie am nächsten Tage im Berliner Hotel aufsuchte, wo sie und Marie noch einen Tag sich aufhalten wollten, ehe man in die ländliche Stille zurückkehrte. »Ich fand eine Depesche vor, die mich in Hypothekensachen hierher berief, und nahm den nächsten Nachtzug. Da wollt' ich den Damen doch meine Aufwartung machen und Sie zu einem Spaziergang im Tiergarten abholen. Dort kenn' ich alle Schlupfwinkel seit der Kinderzeit, alle Ruhebänke am stillen Wasser, alle Promenadenwege.« Das Wetter war weich und warm, die Luft wie ein laues Bad. Blumenbeete schimmerten rotweißblau. »Die Trikolore!« lachte Marie. »Das ist nicht Ihre Lieblingsfarbe.« »Noch weniger Schwarzrotgold. Am liebsten ist mir hier der Lenz, wenn der Holunder schon lange Blätter hat wie Viergroschenstücke und andere vorwitzige Sträucher schon naseweis niedliche Blättchen vorstrecken wie gute Groschen. Hagebutten und Stachelbeeren sind dann noch sehr hell im Grün, die Weiden aber haben schon Palmen!« »Wie Sie die Natur beobachten!« lobte Marie freundlich. »Man ahnt gar nicht, was für eine poetische Seele Sie eigentlich sind.« »Ich habe nur offene Augen für Gottes Schöpfung«, sagte er bescheiden. »O, im Herbst ist's hier auch wunderbar. Das Sausen der Bäume tut so wohl. Die Blätter tragen die Morgenröte der Herbstfarbe, ein leichter, fahler Schein liegt über dem Grün. Dort der große Ahorn auf der Brücke ist dann schon dunkelrot.« Er wies auf einen Baum am Schwanenteich, wo er sie zu einer Bank geleitete. »Ich werde mir erlauben, Ihnen ein Blatt davon als Souvenir zu schicken.« »Ach die niedlichen jungen Schwäne, die auf dem Inselchen vorgucken!« Johanna klatschte in die Hände. »Was heut im Ei sitzt, wird bald flott herumschwimmen zwischen den garstigen Enten, die sich im Schlamm beschmutzen. Schwäne und Enten gibt's auch unter den Menschen, besonders den Frauen.« Er verbeugte sich galant. »Hoffentlich sind wir keine Enten«, lachte Marie. »Aber die Schwäne tun nur so majestätisch. Eigentlich sind sie dick und grau und haben böse, schwarze Äuglein. Wie blasiert sie sich im Schilf putzen! Die Alten sind noch fauler als ihre Jungen, sie drehen den Hals auf den Rücken und blinzeln schläfrig.« »Es folgte Edith Schwanenhals der Leiche ihrer Liebe«, zitierte Otto ernsthaft. »Ich schwärme für Schwanenjungfrauen. Wollen wir sie nicht füttern? Ich habe eine Semmel dazu eingesteckt, wenn die Damen befehlen.« Die Damen freuten sich über diese Aufmerksamkeit und besichtigten auch den Goldfischteich, der aber in der Sommerhitze fast ausgetrocknet schien und über den Kastanien und Faulbäume weiße, rotpunktierte Dolden und Laub streuten. »Das sind weichliche Wesen, die Linden auch, im Herbst raschelt hier alles von gelbem Laub, und die Kastanienkuppeln prangen in wechselndem Farbenspiel. Das zieht an und stimmt doch trübe. Ganz anders unsere starken Eichen – wir haben uralte hier –, die stehen noch im Winter starr und trotzig wie ein greiser Germanenrecke, der keinen Strohtod sterben will.« Johanna sah zu diesem Recken auf und lächelte schelmisch: »Wenn Sie mal weiße Haare haben, werden Sie nicht mehr so fest auf den Füßen stehen, weil Sie das Zipperlein plagt. Sie pokulieren zu viel, hab' ich gehört.« Otto biß sich auf die Lippen. »Der Stich saß, meine verehrte und holde Freundin. Ich kenne mein Laster. Und was mich am meisten ärgert, ist meine Vorliebe für den welschen Champagner. Ein echter deutscher Mann sollt' nur den Rheinwein leiden ... allenfalls den Mosel, den Seine Hoheit der Prinz von Preußen bevorzugt, ein hoher Herr, den ich als deutsches Vorbild ehre. Ach,« brach er ab, »wie mich der Morgennebel, der über den Bäumen hängt, wenn ich hier im Herbst die Stätten der Kindheit durchwandere, an Kniephof erinnert! Waldschnepfenstrich, Dohlenstrich ... es geht nichts über das Landleben! Und, meine Freundinnen, wo wir heut wandeln, ist alles frisch und grün. Doch wer weiß, wann wir wieder herkommen und fern, sehr fern, den Klang der Abendglocken vernehmen! Andere werden kommen und träumen wie wir. Denn nichts vollendet sich auf Erden, und der Tod ist wie ein Gruß des Morgenlichts, denn wir haben geträumt.« Die Damen sahen ihn an und verstanden ihn nicht. Und dann verstanden sie ihn mit dem Elan des weiblichen Herzens. Am Abend gingen sie in den Konzertsaal Gungl und saßen im Freien und hörten Beethoven. Otto war ganz still, und beim Abschied sagte er trocken: »Grüßen Sie Predigers, den braven Sauer in Koglizow! Und wenn sein Junge, der Säuerling, herkommt, will ich ihm ein Mentor sein!« – – Als er nach Schönhausen zurückkehrte, empfand er in sich eine entnervte Stumpfheit. Er starrte die Zimmertür an, als gähne ihm diese als Sinnbild tödlicher Langweile entgegen, ein Abbild seines eigenen Innern. Kein Laut in den weiten, öden Räumen des Schlosses, Möbel und Geräte stumm wie sein Seelenleben. Fürchterliche Öde des Daseins! Göttlicher Byron, der dafür die Stimme fand! » My woe shall find a voice! « Mechanisch die sogenannte süße Gewohnheit des Daseins verrichten, wo nichts Großes, nichts Bedeutendes mir nahetritt! Am besten treibt man sich den ganzen Tag draußen in der Kneipe herum, kommt nachts zu Hause, um gleich auf Schlummerkissen Vergessenheit zu trinken. O Byron! »Wenn dein Gedächtnis schnell durchmißt der Stunden Frist, die frei von Pein, sprich, was du auch gewesen bist, ist es nicht besser nicht zu sein?« Mit tiefer Bitterkeit prägte er sich Manfreds Wort ein: »Baum der Erkenntnis ist nicht der des Lebens«, und den Schlußsatz: »Zu sterben ist so schwer nicht, alter Mann«. Sein eigener Trotz erhob sich an Manfreds Abwehr des Dämons: »Ich war mein eigener Zerstörer, will's auch fürder sein. Des Todes Hand liegt auf mir, nicht die eure.« Luzifers und Kains Flug durch den unermeßlichen Sternenraum machte er gerne mit und ließ sich berauschen von Ewigkeit. Nur »Don Juan«, die humoristische Weltdichtung stieß ihn ab wegen des erotisch-sinnlichen Einschlags, der nun einmal nicht in seinem Blute lag. Sonst schwärmte er für jede Weltschmerzpoesie, je trüber, desto besser. Das affektierte, parfümierte Dandylied des jugendlichen Pilgers Harold »An Juez« wußte er auswendig. Mit einem schier vorwurfsvollen Blick schaute er zu jenem Ahnenporträt empor, dessen Typ ihm selber so auffallend glich. Damals konnte ein rechter Kerl sich noch ausleben und singen: Ein freies Leben führen wir, ein Leben voller Wonne. Und in jener gewaltigen Zeit, die vor seiner Geburt lag, da dröhnte aus dem Hufschlag der Muratschen Geschwader das Pappenheimerlied: Und setzet ihr nicht das Leben ein, nie wird euch das Leben gewonnen sein. Aber was kam dabei heraus? Warum stammte er von einem Geschlecht soldatischer Raufbolde ab? Seine feinere poetische Ader empörte sich gegen die rohe Lebenslust. Begann nicht das Evangelium Johanni: Im Anfang war das Wort oder, wenn man Logos richtiger überträgt, der Geist? Die Nacht war still, und er lehnte sich zum Fenster hinaus. Die Sterne glitzerten hoch am Firmament. Und Goethes Faustwort fuhr ihm durch den Sinn: Im Anfang war die Tat! In der Ferne scholl Gesang. Ein Trupp Turner, der von einer Turnfahrt heimkehrte und nach Stendal marschierte, stimmte Maßmanns Lied an, das er auf der Flucht aus Preußen, des Landes verwiesen und als Demagoge geächtet, schlicht und ernst gedichtet hatte. »Ich hab mich ergeben mit Herz und mit Hand dir, Land voll Lieb und Leben, mein deutsches Vaterland«. Otto Bismarck lauschte lange. Dann überfiel ihn plötzlich ein nervöser Weinkrampf, wie öfters in Augenblicken tiefster Erschütterung. Wer es an diesem Hünen erlebte, stand starr vor Staunen. Wenn er selber las, daß dem Alten Fritz bei jeder Gelegenheit seelischer Erregung die Tränen hervorstürzten, erschien es ihm unmännlich. Er mußte sich erinnern, daß dem gleichen schmächtigen Helden das grimme Wort entfuhr: »Ihr Racker, wollt ihr denn ewig leben?«, um nicht verächtlich die Lippen zu krümmen. Doch das nervöse Temperament der Genialen läßt seiner nicht spotten. Und ob es sich ausnahmsweise in reckenhaftem Körper verbirgt, sie bleiben alle von gleicher Art, Cromwell weinte wie Friedlich der Große, dem blonden germanischen Herrenmenschen wird am leichtesten das Auge naß. Es hat etwas Furchtbares, wenn starke Männer weinen. Doch wenn die Genialen weinen, dann hat es etwas zu bedeuten, dann fließt eines Tages Blut aus Wunden der Menschheit ... In weiter Ferne verklang das alte Lied. »Ich hab mich ergeben mit Herz und mit Hand dir, Land voll Lieb und Leben, mein deutsches Vaterland.« * Schon als Referendar fühlte er sich alt, durch ein Leben gealtert, das ihm seiner Meinung nach übel mitspielte. Er schwelgte in einem Selbstbedauern, das von Unwahrhaftigkeit nicht frei war, um so mehr er auch »die Leute«, d. h. seine Mitmenschen verantwortlich machte, als ob diese ihn unsanft angefaßt hätten. Im Gegenteil hatte man ihn stets wie ein rohes Ei behandelt, ihn in Watte gewickelt, ihm vieles durch die Finger gesehen. Er kam sich unendlich blasiert vor und meinte, daß ihm nur schale Neigen im Lebenskelche blieben, daß er Bitternis bis zur Hefe trinken müsse. Darüber wuchs in ihm ein Eigensinn, der sich schon in seiner Schrift ausprägte. Früher weicher, nahm jetzt ihr steiler scharfer Duktus den Stempel großzügiger Härte an. Seiner Art nach eher Verschwender, begann er genau und mitunter knauserig zu werden, und gedachte mit Ärger an verbrauchte Freunde, die seine Gutmütigkeit im Pumpen ausnutzten. Nirgends zeigt sich die Hinfälligkeit und inkarnierte Selbstsucht der Menschennatur lächerlicher und krasser als beim Niedergang jeder sogenannten Freundschaft durch Geldborgen. Selbst wo es wie unter jungen Herren auf Gegenseitigkeit beruht, treten die leidigen Formen auf, daß man am liebsten nicht zurückbezahlt. Liegt der Fall einseitig, steht es noch schlimmer. Der Empfänger dankt nie wirklich für die Gefälligkeit des Darleihers, oft ein hochherziges Opfer, sondern entrüstet sich, wenn der andere es mal notgedrungen zurückfordert und wird dann dessen heimlicher oder offener Widersacher. Otto war nie in der ungünstigen Lage gewesen, in diesen tiefsten Seelenschmutz zu sinken. Doch teilte er als Student nicht die übliche geniale Empörung über die kleinlichen Philister, die als Schuster und Schneider endlich auf Bezahlung ihrer Rechnungen drangen? Daß sie Kredit gewährten, galt für nichts, obschon er ihnen doch dafür schöne Worte gab. Wodurch erhob er sich denn über seine verachteten Mitmenschen, da er doch all ihre Fehler an sich selber wiederfand? Selbst in der Schmutzerei, die man Liebe nennt, war er im Grunde nicht besser als andere. Gewiß hatte er nie eine Unschuld verführt oder eine Ehe gebrochen, aber gelegentlich seit seiner Referendarzeit die üblichen Straßenblumen aufgelesen und sie dann achtlos weggeworfen. Sie waren ja danach, andere mochten nach ihnen langen von Hand zu Hand, nicht mal ein »Verhältnis«, sei es noch so kurz, hatte er gehabt. Aber gab ihm dies einen sittlichen Vorzug? Die Wahrheit war einfach die, daß ihm erotische Anlage fehlte, sonst hätte er's geradeso getrieben wie viele andere, wäre darin geradeso unbändig gewesen wie im Saufen. Worüber hatte er sich also vor Gott zu beklagen? Nur sich selbst anzuklagen, seine Unverschämtheit, ein Leben zu verachten, das er nicht adeln konnte, und die Menschen zu verachten, die er nie zu bessern strebte, für die er sich nie ernstlich bemühte, die er im Gegenteil oft durch sein schlechtes Beispiel zu Bacchanalen und Tollheiten verführte. O, er war ein Sünder, ein großer Sünder! Jetzt auf einmal begriff er Cromwells plötzliche Illuminatio, den aus wüstem Treiben die »Gnade« erlöste, die puritanische Wunderkur, der von sich aussagte, er sei aus Finsternis zu heiliger Trübsal und von da zum Licht erwacht. »Ich weiß, daß ich einst in der Gnade war«, bekannte der große Herrscher auf seinem Totenbette. Einmal sah er den Horebstrauch, ein Moses, ein David, ein Rüstzeug des Herrn. Düster brütete Otto über solcher Gnadenwahl. Ja, wer solch Rüstzeug wäre! Wer erwählt würde, ein Gefäß großen Schicksals zu sein! Unheimlich dämmerte ihm unbestimmte Ahnung, daß seine kalte Verzweiflung vielleicht aus tieferem Abgrund keimte. War er wirklich nicht anders als die andern alle, mit gleichen niedern Trieben behaftet, warum geben sich jene mit dem nichtigen Dasein zufrieden und er allein wälzte sich innerlich in krankhaftem Weltschmerz, dem nur Byrons dröhnendes Löwengebrüll Genüge tat? Seine poetische Ader erklärte das nicht, ihr hielt ja eine robuste Weltlichkeit das Gleichgewicht, eine derbe Sinnlichkeit, wenn auch nicht im erotischen Sinne. Der zartnervige Ekel des Ästheten vor rauher Wirklichkeit war nicht sein Teil, seine Lebensqual stammte aus tieferer vulkanischer Schicht. Glich sie nicht dem halben Ersticken eines Geknebelten? Fühlte er nicht ein Etwas in sich, das nicht am rechten Platze war, eine Schaffensmöglichkeit, die blind wie Polyphem in der Höhle nach einem »Niemand« suchte, den sie nicht fassen konnte? Wie das Elbwasser unter der Eisschicht, brodelte und gurgelte und murrte und schäumte ein Etwas, das zum Oberlicht wollte und nicht dazu gelangte. Schaffen! Aber was? Er war kein Dichter, kein Künstler, kein Feldherr. Und doch mußte er kommandieren, Feldzüge führen, Völker zum Siege leiten, wenn ihn je innere Befreiung von seinem starren Bann erlösen sollte. Ja, er verachtete die feile Menge, die heute Hosianna und morgen Kreuzige ruft oder auch in umgekehrter Folge. Denn wie viele Große sind erst am Ende ihres Lebens und noch mehr erst lange nach dem Tode gewürdigt worden! »Seh'n Sie, wie das Volk Sie liebt!« schmeichelte man dem Lord-Protektor der Inselreiche, doch der grimme Oliver lehnte kühl ab: »Bei meiner Hinrichtung würden noch viel mehr sich drängen.« Nicht auf der Menschen Urteil berufen sich solche Titanen, auch beurteilen Menschen sie immer falsch. Gott rufen sie an und die eigene heroische Seele. Doch die Masse braucht man, um große Taten zu vollbringen. Und wer vollbringt sie? Das Genie? Torheit! Die ewige Vorsehung! Rüstzeug sein, in Bereitschaft sein ist alles. Cäsar und Cromwell waren in reifem Alter, als sie die wahre historische Bühne betraten, der eine galt als liederlicher Geck, der andere als gewöhnlicher Farmer, halbverdreht durch unverdaute Schwärmerei. Man soll nie verzagen, spät oder früh kommt der nach oben, der »in der Gnade« ist. Nun wohl, gibt es Rüstzeuge – und die Weltgeschichte auf jeder Seite predigt es – dann gibt es einen unerforschlichen Gott, der über uns wacht, gibt es eine persönliche Vorsehung, eine ewige Vorbestimmung. Also ist meine ganze bisherige Weltanschauung ein Wahn, jeder Bibelspruch weiser, als die Kraftstoffelei der Büchner und Konsorten. Langsam hob Otto Bismarck sein schweres Haupt und murmelte: »Ich will es mit Gott versuchen!« * Im Herbst einer Einladung nach Ünglingen, dem altmärkischen Gut der Bismarck-Bohlens, folgend, fand er Kusine Karoline, deren unregelmäßige Schönheit von Weltklugheit und Weltliebe neben fraulicher Güte strahlte, in Wehr und Waffen für ihren alten Feldzugsplan. Sie setzte ihm kräftig mit der üppigen Schulenburg zu und schmiedete weibliche Ränke, ihn zu fangen. Er wich aus und bewies ihr deutlich, wie unfruchtbar und steinig der Boden sei, in dem sie ihre Anregung säte. »Glatt wie 'n Aal!« rauschte sie einmal ärgerlich hinaus, als er ihr unzweideutig zu verstehen gab, daß es nichts damit sei. »Sie werden als sauertöpfischer Junggeselle leben und sterben.« Er lächelte in sich hinein. Seine tiefe sittliche Einkehr und die letzten Erfahrungen steigerten seine Gleichgültigkeit gegen erotisch Sinnliches bis zum Widerwillen. Nur eins erkannte er an: die Schönheit des Herzens. Und da stieg langsam, aber sicher und unverrückbar immer das gleiche Bild vor ihm auf. Im Spätherbst kam die Zeit, wo er jährlich seinen Wohnsitz wechselte und sich nach Kniephof verpflanzte. Voll heimlicher froher Erwartung fuhr er dorthin und eilte schon nach wenigen Tagen nach Koglizow. Er fand die Familie am Teetisch versammelt, Herrn v. Below-Reddenthin dabei. Man empfing ihn herzlich und unbefangen. »In Bütow gibt's Konzert«, berichtige Below. Otto lachte. Auf diesem Landsitz bei Stolp erstickte man ja in Fett und Baumwolle! »Die Idee Bütow als Ding-an-sich ist aller Musik feind.« Frau v. Puttkamer flocht ein, dort gehe es patriarchalisch zu, dies Gut habe die ältesten Dienstboten. »Damit kann ich auch aufwarten, meine Gnädige«, betonte Otto mit eifrigem Nachdruck. »Bei uns in Schönhausen gehören Herrschaft und Dienerschaft zusammen wie eine Familie. Ob die Leibeigenschaft aufhörte, änderte nichts an Erblichkeit des Dienstes. Mein Inspektor ist ein Bauernsohn aus dem Dorf, seine Frau die Tochter des vorigen Schäfers. Ihr Bruder, der jetzige Schäfer, und der alte Ziegelmeister überkamen ihre Stelle schon von ihren Vätern. Unser greiser Gärtner starb soeben leider kinderlos, auch er erbte sein Amt vom eigenen früheren Geschlecht. Der Kuhhirt ist auch ein uralter Knabe, der unter meinem Vater diente, als der noch Fähnrich war. Den Vorwerksmeister mußte ich wegen Altersschwäche pensionieren, ebenso den Jäger, beide hatten volle fünfzig Jahre Dienst hinter sich. Der Jäger waltet aber noch heut seines Amtes, sucht mir Hasen für die Küche zu schießen, der arme Teufel mit seinen matten Augen. Die Mägde sind ja Zugvögel, doch auch bei denen gibt es manche, die schon zehn Jahre bei uns dienen.« Der alte Puttkamer hörte gespannt zu. »Potztausend, das nenn' ich eine gesunde Wirtschaft. Gefällt mir außerordentlich, lieber Bismarck. So sollte es auf allen Adelshöfen sein und spricht das sehr für Ihre gute Zucht und Sitte.« »Ihr Lob freut mich unendlich, verehrter Herr v. Puttkamer. Der Teufel ist nie so schwarz wie man ihn malt, selbst ich habe gute Seiten.« »Na na! Daß Sie so freundlich mit uns fürlieb nehmen, scheint mir ein Zeichen für Ihre Gemütlichkeit und Ihr im Grunde gesundes Gemüt.« » Les extremes se touchent! « bemerkte Herr v. Below leicht ironisch mit einem Blick auf Johanna. » Mais ils se brisent! « ergänzte diese halblaut, indem sie halb den Blick erhob, ihn aber gleich sinken ließ, als Otto dem ihren begegnete. »Das ist so eine verwünschte französische Redensart!« fuhr dieser beinahe heftig auf. »So eine Binsenwahrheit, die keine ist. Nach dem Buchstaben sieht's ganz plausibel aus und soll oft dazu herhalten, eine Naturnotwendigkeit zur Deckung eigener Lebenskonflikte zu erfinden, wo doch nur zufällige persönliche Schuld den Bruch erklärt. Ja, die Gegensätze berühren sich, z. B. die schwarze Tinte das weiße Papier, das harte rote Siegellack das gelbe weiche Wachs. Gerade diese Berührung schafft die richtige Einheit, weist jedem sozusagen sein Spezialfach zu. Nein, umgekehrt stößt Gleichartiges sich ab. Sind beide Fächer gleich geformt, was soll da anderes herauskommen, als daß Ecke auf Ecke prallt und jede Lücke drüben die ähnliche Lücke trifft! Zwei harte Mühlsteine mahlen nicht zusammen, und wenn es heißt »Zwei werden auf einer Mühle mahlen«, so müssen die zwei verschieden sein. Ergänzung ist das große Gebot, Hart paßt zu Weich, Verstand zu Gemüt, dann gibt es einen guten Klang, sagt schon Schiller.« »Drum prüfe, wer sich ewig bindet!« zitierte Mama Puttkamer elegisch. »Die Wahl ist kurz, die Reu ist lang.« Eine Pause trat ein. Otto biß sich leicht auf die Lippen und wußte nicht, ob er dies als eine Warnung betrachten solle. Johanna hielt den Schwarzkopf gesenkt. »Wir hatten hier neulich eine herrliche Sonntagspredigt«, schnitt Puttkamer ein neues Thema an. »Über das Reich Gottes. Dies solle der Gläubige stets als sieghaft betrachten, das Reich der Finsternis als das immer mehr schwindende, das sichtlich zusammenbricht.« »Vergleiche 1. Korinther 7, 13, 14«, ergänzte Otto zum Staunen der Anwesenden. Johanna hob den Blick. Herr v. Below räusperte sich. »Das war allerdings der Text, Sie scheinen seither sehr bibelfest geworden zu sein, Herr v. Bismarck.« »Allerdings«, bejahte Otto ruhig. »Ich vertiefte mich aber wenig in Kommentarien gelehrter Theologen. Jeder Forschende sollte die Bibel für sich allein lesen und sie nach Maßgabe seiner Kräfte auf sich wirken lassen.« »Gewiß,« bekräftigte Puttkamer, »doch der Zuspruch gottbegnadeter Seelsorger ist wichtig. Übrigens verdanken wir Protestanten ja erst dem teuren Gottesmann Luther, daß uns Laien das heilige Buch offensteht. Den Katholischen blieb es ganz verschlossen, sie blieben auf Mitteilung und Auslegung ihrer Priester angewiesen, deren vielfacher Irrwahn sie in die Wüste führte.« »Hm, vom Standpunkt der Kirche war dies Verfahren ganz angemessen, und wer weiß, ob nicht auch die reformierte Kirche am liebsten den gleichen Weg einschlüge.« »Wie meinen Sie das?« Frau v. Puttkamer ließ erschrocken ihre Häkelarbeit sinken. »Es steht viel Hohes und Herrliches in den Evangelien, was sich nicht recht mit einigen orthodoxen Dogmen zusammenreimt. Es wird die Zeit kommen, spricht der Herr, wo man nicht in Tempeln anbetet, sondern im Geist und in der Wahrheit. Was ist Wahrheit? meinte der Heide Pilatus. Nun, die Wahrheit ist, aber –« »Das Wort ist Fleisch geworden, und wir sahen seine Herrlichkeit«, ergänzte Puttkamer. »Jawohl, doch nicht jeder liest das Wort gleich, nicht jeder sieht wie die andern. Viele ernste, demütige Gottsucher suchen das Heil in verschiedener Form als wir. Wenn nun jeder die religiöse Erkenntnis für sich pachtet, so lösen wir uns bald in lauter Einzelzellen auf wie in einem Zuchthaus, wo undurchdringliche Scheidewände zwischen allen errichtet sind. Da würden zahllose Konventikel voneinander abgesondert.« »An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen«, erhob Johanna die Stimme. »Die guten Werke entscheiden.« »Ganz meine Meinung,« verbeugte sich Otto, »doch Werkheiligkeit soll man nicht ausschreien. Siehe Epistel Jakobi 2, 14, Römer 2, 6, 13.« »Aber auch Matthäi 16, 16«, rief Johanna eifrig. »Recht so, meine Tochter,« billigte der Alte beifällig, »auch 2. Corinther 5, 10.« »Ich könnte noch mehr Stellen anführen.« Ottos erstaunliches Gedächtnis behielt die von ihm exzerpierten Stellen. »1. Johanni 3, 7, ferner Matthäi 25, Vers 34.« »Das ist ja wunderbar«, rief Below. »Sie sollten mit unserem Pfarrer disputieren.« »Wenn Sie mir eine Bibel darreichen, verlese ich Ihnen noch manches zur Stützung meiner These, daß die Wahrheit nicht bloß einseitig ist.« Johanna holte eine Bibel und nun ging es von verschiedenen Seiten los. Römer 14, 22, 15, 2 und vor allem in der 1. Epistel an die Corinther 4, 5, 8, 2, 9, 20, 12, 4, 13, 2. So warf man sich abgerissene Satzbrocken der Schrift wie einen Fangball zu, spülte mit Überschwemmung von widerspruchsvollen Einzelversen die Streitfragen geistlicher Diskussion hin und her. »Zuletzt ist nur die Auslegung entscheidend, das Wort Glaube ist mancher Deutung fähig«, schloß Otto. Daß es sich dabei um irrige Übertragung Luthers handelt und Pistis nicht Glauben im theologischen Sinne, sondern Vertrauen auf die Lehre bedeutet, wußte er natürlich nicht. Nachdem er gegangen, putzte Herr v. Puttkamer sorgfältig die Brille ab, die er zur Bibellektion aufgesetzt, schob sie ins Futteral und urteilte bedächtig: »Preisen wir den Herrn für seine Gnade, daß uns dies gute Werk beschieden wurde. Wir dürfen uns wohl schmeicheln, daß von unserem Hause der christliche Einfluß ausging, der ein verirrtes Schäflein zur Hürde leitete.« »Aber scheint er dir nicht in manchem noch heterodox?« wandte die Mama ein. »Das wird sich geben. Das Eis ist gebrochen, wie vor seinen Elbdeichen, und das Jordanwasser der heiligen Taufe strömt in sein Herz hinein.« Johanna sagte kein Wort. – Als er das nächstemal kam, zuckte es ihm in allen Gliedern wie von Lenztrieb, obschon nur späte Herbstsonne das Grün der Hoffnung beschien, das in seinem Innern rauschte. Er traf es gut, traf Johanna an der Gartentür. »Ach, welch ein Idyll, meine gnädige Freundin!« begrüßte er sie herzhaft; seinen zärtlichen Handdruck erwiderte sie schwach. »Weite Felder im Sonnenlicht statt unabsehbarer Wassermassen, wie ich sie im Frühling genießen muß. Und dazu unendliche Ströme dienstlicher Tinte, die ich gähnend vergieße. Solche Tinte ist nämlich grauer als jede andere.« Sie lachte. »Ich dachte, Tinte sei schwarz. Schwarz wie die Hölle!« »O verleumden Sie nicht das Schwarze!« rief er bedeutungsvoll. »Das hat etwas Majestätisches und Feierliches wie Mutter Nacht. Ich kann mir eine schwarze Sonne denken.« »Ach Unsinn! Schwarz leuchtet nicht.« »Doch, als poliertes Ebenholz und erstarrte Lava.« »Soll das ein Kompliment für uns Schwarze sein?« lächelte sie mit unbewußter Koketterie. »Bin ich so glatt und hart?« »O nein, sondern weich und warm. Ich wollte, solche schwarze Sonne könnte hell inwendig in mir scheinen.« »Solche Komplimente lieb' ich gar nicht.« Sie preßte streng die Lippen zusammen. Eine peinliche Pause. »Der Herbst hat so viel Poetisches,« lenkte sie ab, »doch stimmt traurig.« »Das tut erst recht der Reif in der Maiennacht. Nichts schmerzlicher, als wenn Maienblust verdirbt, auf den man hoffte.« Johanna zuckte leicht. Täuschte sie sich oder blickte er sie wirklich mit unverhohlener Zärtlichkeit an? Sie gingen im weitläufigen Garten auf und ab. Es windete plötzlich. »Wie der Wind in den Kronen braust!« hauchte sie, um etwas zu sagen. »Ja, bei den hohen alten Föhren und Kiefern. Doch übers Krüppelholz geht er hinweg. Was nicht in die Sturmschicht hineinwuchs, bricht nicht.« »Die Wurzeln der jungen Stämmchen stärken sich aber auch«, erwiderte sie aufmerksam. »Ja. Erst wenn sie genügende Kraft gewinnen, stellt der Sturm sie vor die Wahl: ausharren oder untergehen.« Er sagte es tiefernst. Sie horchte hoch auf. Wo wollte er hinaus? »Wenn Risse klaffen im Fichtenstamm, so weint er Harz, das lindert und heilt. Doch wenn immer nur Tränen quellen, so trocknen sie den Stamm aus und höhlen ihn, nur eigne Festigkeit übersteht die Zerrissenheit. Harz tränen – welcher Doppelsinn!« Sie erbleichte. Er dachte also an den Harz zurück? Ging ihm die Erinnerung so nahe? Und überhaupt, was mußte dieser riesige Mann innerlich gelitten haben! Einer Tanne glich er zwar nicht, doch einer Eiche, in die irgendwo ein Blitzschlag fuhr, wovon ein dürrer, entlaubter Ast noch zeugt. »Sie machen einem ganz trübe, Herr v. Bismarck.« Sie holte tief Atem. »Da lob' ich mir zufriedene Heiterkeit! Ehe Sie kamen, war's hier so hübsch und warm. Finette und ich haschten im Sommer Schmetterlinge um die Wette.« Das Hündchen Finette bellte bei Nennung des Namens lustig zu ihr empor. »Die Blumen dufteten so. Wozu sich das bißchen Sonne vergällen, wenn man Gott und Frieden im Herzen trägt!« »So mögen Sie denken, so rein und unberührt von Staub und Qualm! Ach, Blumen welken so leicht. Daß ich's nur gestehe, ich halte nicht viel von heiterer Lebenslust. Nehmen wir die Kunst, die doch ein Spiegel des Lebens und Gemütes sein soll! Erhebt uns das Idyll und das Lustspiel? Das wird auf die Dauer so fad. Frühlingsliedchen für Kinder, Lämmer und Lerchen! Die Schrift sagt: ›Da ich aber ein Mann ward, tat ich ab, was kindisch war.‹« »Entschuldigen Sie, ich bin aber kein Mann«, lächelte sie leicht errötend. Er sah sie entzückt an. »Gott sei Dank, nein! Aber was ich meinte, gilt auch für Frauen. Sie könnten geradeso gut lesen: ›Da ich aber eine Frau ward –‹« »Entschuldigen Sie wieder, ich bin keine Frau, sondern ein Mädchen«, schmollte sie wieder mit einer unbewußten reizenden Koketterie. »Gottlob, ja!« Das waren doch sehr verfängliche Verneinungen und Bejahungen. Das Herz klopfte ihr unruhig. Sollte –? Aber das war ja nicht möglich. Er fuhr gemessen fort: »Was uns ergreift, ist immer das Tragische, nur ganz oberflächliche Menschen lieben nicht das Trauerspiel. Dort zieht uns das Erhabene zur Höhe gerade durch den Gegensatz unserer eigenen Nichtigkeit.« »Aber ist Gott nicht heiter? Ich denke mir alles Erhabene so, alles Majestätische.« »Wahr, der Held ist heiter, sonst wär' er kein Held. Doch das ist wohl nur Außenseite für die fade Welt. Der Alte Fritz hatte Berliner Humor und machte schnoddrige Witze, aber sonst war er ein Bild der Melancholie. Bei Helden der Tat ist Heiterkeit wohl ein seltener Anblick. Und die anderen – war Goethe heiter? Nach seinen eigenen Bekenntnissen kaum, sicher nicht im gewöhnlichen Sinne. Ruhig war er, nichts weiter.« »Und auch das wohl nicht«, unterbrach sie ihn. »Ein Heide! und wo ist Ruhe als in Gott?« Er lächelte flüchtig, berichtigte dann ernst sein eigenes Lächeln: »Sehr wahr. Nur freilich müssen wir bedenken, daß ein Goethe Gott anders schauet als wir. Sie müssen nicht alles glauben, was die Pfarrer reden. Ein Heide war der nicht, weil ihm die Kanzel nichts zu sagen hatte. Ein Goethe hat seinen eigenen besonderen Gott, den er nie verleugnete, geoffenbart in der weiten Natur.« »Aber das ist ja schrecklich!« rief sie entrüstet. »Ich hoffte schon, Sie seien ganz bekehrt, und nun solche Ketzerei! Offenbart ist alles in der Bibel allein. Die da reinen Herzens sind, werden Gott schauen. Und Goethe ... ich weiß ja wenig davon, man gab uns nur Iphigenie und Gedichte zu lesen, die klingen sehr schön ... ich bin nur ein dummes Mädchen, doch reinen Herzens war der nicht.« Heilige Einfalt! schwebte ihm auf der Lippe, doch er sagte nur tief erregt: »Dann verdammen Sie mich also ganz, meine Gnädige. Denn auch ich war ein großer Sünder.« »Aber Sie sind reuig, bekehrt,« rief sie eifrig, »das ist ganz was anderes. Mich stimmen Sie nicht um«, fuhr sie mit einer gewissen schnippischen Altklugheit fort. »Große Männer müßten heiter und zufrieden sein, weil Gott ihnen so große Gaben verlieh.« »Das möchte so sein. Doch fragen Sie mal an bei dem großen englischen Dichter Byron, der noch in meiner Jugend lebte –« »Das war ja der leibhaftige Satan mit einem Hinkefuß!« »Aber schön wie ein Engel. Die Ästhetiker reden bei Shakespeare von sonnig und olympisch, doch von dessen Leben wissen wir nichts, und in den Werken überwiegt das tragische Leid. Nein, nein, das Genie gleicht immer dem Luzifer, wie Byron ihn malt, dem schönen gefallenen Engel, düster und friedlos in seinem Stolze. ›Gram scheint hier Hälfte der Unsterblichkeit.‹ Denn, wohlgemerkt, Unsterblichkeit der Seele, Fortdauer nach dem Tode, when we have shaken off this mortal flesh , bestritt nie ein großer Mann.« Sie schwieg und wußte nicht, was sie einwenden sollte, brach daher rasch ab mit weiblichem Takt: »Kommen Sie nicht herein zu Papa und Mama? Es ist Teestunde. Beiläufig, Helene Dewitz schrieb mir, die Schwester Ihres Freundes. Die kennen Sie doch gut? Sie wurde als Backfisch – abscheuliches Wort – mit Ihrer Schwester Malwine zusammen im Kniephof erzogen.« »Eine oberflächliche Kokette von durchaus weltlichem Sinn!« Er zuckte gleichgültig die Achseln. »Was will die von Ihnen? Sie haben nichts mit ihr gemein, getrennte Welten. Empfehlen Sie mich den hochverehrten Eltern, dieses Gespräch hat eigentümliche Gedanken in mir aufgewühlt. Ich möchte allein durch die Heide schlendern und beurlaube mich bei Ihnen zu Gnaden.« – Johanna saß abends lange am Fenster in ihrer jungfräulichen Schlafstube und starrte in die Nacht hinaus. Welch ein seltsamer, außerordentlicher Mann! Luzifer! So stark, so hoch, so stolz, herrlicher als alle, und doch so verstimmt im Gemüt! Das macht die Sünde! Doch er bereut ja so. Wie genau er die heiligen Schriften kennt, fast wie ein Pfarrer. Wen der wohl heiraten mag! Wenn er's überhaupt tut. Mich hat er sehr gern, das weiß ich, als Freundin natürlich. – Sie seufzte leicht und blies ihre Lampe aus. * Fräulein v. Below auf Reddenthin war sehr hübsch. Sie hielt sich kerzengerade, wie sie es in der Genfer Pension gelernt, und brillierte mit ihrem Englisch, das sie mit Vorliebe an Otto verschwendete, der es so geläufig sprach. Er lächelte spöttisch, als er sie in Cardemin zu Tisch führte, sein Blick flog zu Johanna hinüber, die tief errötete. Denn er ertappte sie dabei, wie sie das stattliche Paar beobachtete und seine grenzenlose Gleichgültigkeit gegen die reizvolle Kusine mit weiblichem Scharfblick feststellte. » Do you love flowers? « lispelte die Below. » Certainly. « Er neigte verbindlich den Kopf, fuhr aber laut und vernehmlich fort: »Für mich besteht Blumenleidenschaft nur in der Neigung zum köstlichen Duft. Duftlose Schönheiten, wie Kamelien, Georginen, Päonien, Tulpen, verabscheu' ich. Der Mensch schließt töricht von äußeren Reizen auf innere. Nie trifft das zu nach meiner persönlichen Erfahrung. Der korrekten Schönheit fehlt stets der Dufthauch aus innerstem Gemüt – Liebe, Religion, Poesie, es hat verschiedene Namen.« »Name ist Schall und Rauch«, gab ein semmelblonder Junker v. Puttkamer-Pobelow von sich, ein Zitat, das er irgendwo auffischte. » Heavenly! Wie zart Sie das sagen!« hauchte die Below und nippte an ihrem Champagnerglas. (Der alte Puttkamer hatte eine Schwäche für Champagner, die ihn innig zu dem Kniephof-Kenner hinzog.) »Das Zerrbild heißt Sentimentalität,« fuhr Otto unerbittlich fort, »das Wahre hat keinen Namen. Dafür gibt es keine Worte.« Fräulein v. Below glaubte einen Stich zu verspüren und hätte beinahe gelispelt: » You are very rude .« Das verbiß sie aber schicklich und lächelte himmlisch. Johanna lächelte nicht, das Herz schlug ihr bis in den Hals. Als Otto aus reiner Gewohnheit der guten Form seiner Tischnachbarin eine Artigkeit sagte, machte sie so viel daraus als sie konnte, und versicherte ziemlich laut mit süßem Augenaufschlag: »O Sie Heuchler und Schmeichler!« Es gehörte zu ihrer englischen Eigenart, daß sie das deutsche »ch« so weich aussprechen konnte, wie ein Londoner Dandy das rauhe »r«. Otto besaß daher die männliche Roheit, Johanna nachher beim Kaffee zuzuflüstern: »Ohne Heusselei und Schmeisselei gestatten mir gnädiges Fräulein, zu betonen, daß Schwarz oder Blau meine Lieblingsfarbe ist.« Johanna trug Schwarz oder Blau. Sie wurde rot und blaß, aber dann beruhigte sie sich. Ach, das sind so fade Galanterien, bei denen ein Mann sich nichts denkt. Freilich – dieser Mann – das war ein ganz besonderer Mann, den man sich nicht als zudringlichen Pousseur vorstellen kann. Und vorhin die Bemerkung bei Tisch ... so prononziert ... meinte er mich im Gegensatz zur Below? O mein Gott, ich bin ja wie im Fieber. Der böse Mensch! Ich will meine Ruhe haben. Morgen bet' ich im Gotteshaus um Kraft, keine sündige Regung aufkommen zu lassen. – * Die Schulzen Filöhr und Lotke und ein verbummelter polnischer Adliger Dombrowski, der im sogenannten Chausseehaus eine Stelle bekleidete, wuschen und kämmten sich ausnahmsweise zu einem Amtsbesuch auf Kniephof, um mal mit eigenen Augen zu sehen. Sie teilten Predigers die frohe Kunde mit, daß die liederliche Wirtschaft zu Ende sei und der Junker ein gottseliges Leben führe. Hans v. Kleist-Retzow auf Krepplendorf, als Onkel Johannes sehr geschätzt, doch zu sehr in sich gekehrt und in sein eigenes Seelenheil vertieft, um auf anderer Erlösung auszuziehen, gratulierte Moritzens Schwester Hedwig, einer schon ältlichen Jungfer, die in fanatischem Lutheranertum versteinerte: »Loben wir den Herrn! Es ging ein Sämann aus ... so hat Moritz gesät in steinigen Acker, und doch ging der Same auf.« Julia v. Behr, die etwas hitzig auf Herrn v. Massow-Rohr Jagd machte, Frau Charlotte v. Zanthier geb. Puttkamer und Ännchen v. Blumenthal, die beide nicht auf besondere Heiligkeit Anspruch erhoben, tauschten am Flüßchen Kamenz an der Badehütte lehrreiche Betrachtungen aus, daß der Kniephofer am Ende doch mal auf Freiersfüßen gehen werde. Die »Tienchens« auf Reddenthin, Tante Ulrike und Kusine Therese, die etwas freigeistiger dachten, hörten schwärmerische Freudentöne der ernsten, sinnigen Melissa v. Behr über den Fall Bismarck etwas kopfschüttelnd an. »Herrje, man nich so heftig! Das ist ein kurioser Heiliger. Bei dem geht's immer im Galopp. Steckt da nicht was anderes dahinter?« »Heute noch auf hohen Rossen, morgen durch die Brust geschossen«, brummte der Majoratsherr Albert. »Ich hab' schon lange Ahnungen, wo das hinaus will. Ein schlauer Hecht und frecher Dachs.« Beide Damen bestürmten ihn mit Fragen. »Ne, das verrat' ich nicht. Die Pietisterei hier ist mein Tollpunkt, da mach' ich nicht mit. Hans Retzow seine Predigten – bah! Sollte mal über den Text predigen: Der Fuchs im Schafspelz!« – »Nach so sparsamen Begegnungen in Cardemin und hier ist er uns doch ein verhältnismäßig Fremder«, bemerkte die in ihrer Weise sehr verständige Frau v. Puttkamer weislich, als beim Nachhausefahren von Reddenthin ihr Gatte sich äußerst freundlich über Otto aussprach. »Mir eigentlich nicht. Moritz und wir sind gewissermaßen seine Paten für sein neues Leben, und das bringt ihn mir nahe.« Der alte Herr genoß die liebenswürdige Eitelkeit des Proselytenmachers, der seinen Belehrten väterlich schätzt und in ihm den eigenen Erfolg bewundert. Die alte Dame erwiderte nichts und warf verstohlen einen Seitenblick auf Johanna. Ihr Mutterinstinkt warnte sie, daß hier manches nicht geheuer sei. Doch Johanna riß sich aus ihrer Schweigsamkeit und plauderte lustig mit dem gewöhnlichen Vorsatz des weiblichen Herzens, seine Tiefe mit Blumen zu verstecken. »Wie süß war wieder Marie!« lobte sie die gute Frau v. Blanckenburg, und dann verstieg sie sich zu übertriebenen Freundlichkeiten für Vetter Below und andere Herren, die ihr ein wenig den Hof machten. »Hat die Kleine da irgendwo Feuer gefangen?« erkundigte sich nachher der Alte besorgt bei seiner Frau. »Unter uns, Albert ist doch nur ein Windikus, und die anderen sind auch nicht gerade meine Passion.« Frau v. Puttkamer warf hin, das sei wohl nicht so gefährlich, seufzte und lächelte in sich hinein. Wie dumm doch die Männer bleiben in allem, was Frauen betrifft! Wenn ein Mädchen offen versichert, X sei ein schneidiger, forscher, patenter Kerl, dann hat es keine Gefahr. Aber wenn sie vermeidet, von jemand zu sprechen, dann wird die Sache bedenklich. Die kluge alte Dame saß nach ihrer Gewohnheit kerzengerade im Sofa, die Hand auf die Lehne gelegt, und sah vieles, wovon der Männer Schulweisheit sich nichts träumen läßt. In den ländlichen Frieden schlug wie ein Blitz die Kunde ein, daß die Freundin in Cardemin, von jäher Erkrankung ergriffen, im Sterben liege. Otto eilte dorthin und fand Moritz und Johanna in Tränen aufgelöst, im Gebet ringend. Nicht ohne Rührung, selbst seelisch erschüttert durch den drohenden Verlust einer ihm herzlich gutgesinnten, vortrefflichen Frau, betrachtete er die Gruppe. Verträgt sich Beten um etwas wirklich mit dem Bild eines allgerechten Weltenlenkers, heißt das nicht seine Weisheit und Güte beleidigen? Nein, wenn die Kreatur sich mit ihrem Schöpfer in Verbindung setzt, muß das allemal erheben und stärken und mit besserer Zuversicht erfüllen. Zum erstenmal – Gebete der Kindheit zählen nicht – rang sich von seinem Herzen ein Gebet los, Gott möge dies Leben schonen und es für die erhalten, denen es so teuer sei ... Doch sie starb. Nach dem Begräbnis sagte er mit dumpfer Stimme zu Johanna (Blanckenburg war ganz gebrochen): »Auch ich habe gebetet. Doch Sie sehen, es fruchtet nichts.« Da sah sie ihn stolz und unerschrocken an: »Soll das ein Vorwurf sein für unseren Vater im Himmel? Der Herr hat's gegeben, der Herr, hat's genommen, der Name des Herrn sei gepriesen!« Er faßte ihre Hand. »O, Sie sind stärker als ich. Dieser unerschütterliche Glaube! Doch begreifen Sie nicht? Ist Gott die Liebe – und das muß er sein, wenn er Gott ist –, warum quält er uns so mit tausend Übeln?« »Das ist heilsame Züchtigung für unsere sündigen Herzen.« »Und warum sucht er denn oft die Guten heim und läßt die Bösen unbestraft?« »Auf Erden, das ist ihre größte Strafe, daß sie in Glück und Wohlleben erst recht in ihr gottloses Treiben versinken. Wen der Herr lieb hat, den züchtiget er.« Er ging einige Schritte im Zimmer auf und ab, tief erregt. »O, wie stark der Glaube macht! das ist eine heroische Weltanschauung. Ja, an ihren Früchten sollt ihr sie erkennen. So sollte jeder Tapfere denken, und ich Schwächling muß mich schämen. Geduld und Ergebung im Leid, wo findet man die, als bei Christen! Der große Gott braucht nicht zu hören auf kindische Gebete, er weiß am besten, was uns frommt.« »O, dann sei diese Stunde gesegnet! Sie haben die echte Einkehr, Sie glauben!« Ihr Gesicht verklärte sich, und sie wurde fast schön. Otto sah sie lange an. »Durch Sie«, sagte er leise. »Fräulein Johanna, erinnern Sie sich an vorige Pfingsten? Da stand ich hier in Cardemin mit Ihnen am Fenster.« O, sie erinnerte sich wohl und senkte schüchtern den Blick. Er berichtete ihr damals in einer Aufwallung unbegrenzten Vertrauens, wie öde und farblos ihm das Leben schien. »Wie sah es damals in mir aus? Wüst und leer! Und heut? Heut ist mir das Herz voll einer großen Empfindung – Goethe sagt, daß dies den Dichter mache. Ich bin keiner, aber im Drange eines sehnenden Gemütes stehe ich keinem nach. Und jetzt soll sich mein Los entscheiden.« Sie erbleichte und zitterte. Wo wollte das hinaus? »Wollen wir nicht zu Moritz hineingehen?« suchte sie echt weiblich dem Kampfe auszuweichen. »Nein. Ich habe allein mit Ihnen zu reden, allein als ob wir beide die einzigen Menschen wären auf einer verlassenen Insel. Gott verwarf nicht mein erstes Gebet. Er goß mir Kraft ein, das ist der wahre Zweck und Sinn des Gebets. Ich werde von heute ab fähig sein, mich demütig an ihn zu wenden in jeder Fährnis. Ist diese tiefe Regung auch erst zwei Monate alt, sie wird mir nie verloren gehen.« »O das ist herrlich!« Sie zitterte immer noch, als von einer gleichsam begeisterten Ergriffenheit. Dieser männliche Mann war ein großes Schauspiel in seiner düstern Entschlossenheit, sein altes Leben unter die Füße zu treten. »Aber ich brauche einen Vermittler zu Gott.« Er beugte sich nieder, sein blaues Auge senkte sich unwiderstehlich in ihre dunkeln Augensterne. Sie errötete über und über. »Unser Mittler ist der Heiland Jesus Christus.« »Für die Menschheit, ja. Doch der einzelne Mensch braucht ein besonderes Wesen, zu dem er beten kann: Sei du mir Stab und Stütze! Nie begriff ich sonst das Goethewort: Das Ewigweibliche zieht uns hinan. Johanna, wollen Sie meine Frau werden?« »Das kommt so unerwartet –« hauchte sie, doch als sie scheu den Blick erhob, überrieselte sie geheimnisvolle Ahnung mit dem untrüglichen Intuitiv-Instinkt des Weibes, und gar des liebenden Weibes. Es überkam sie in diesem einen Augenblick die Gewißheit, die sie nie mehr verließ, daß dieser ihr Otto zu etwas Großem bestimmt sei. Im Weinberg des Herrn, deutete sie sich's aus in ihrer engen Sphäre. Und sie zog die Hand nicht zurück, legte sie in die seine und sagte mit gepreßter Stimme vernehmlich: Ja! – Die beiden hatten verabredet, daß das Verlöbnis vorerst verheimlicht bliebe und nicht bindend, bis der Vater sein Jawort gab. Mündlich in Zimmerhausen, wo er zuletzt mit Puttkamers zusammentraf, ging dies nicht an. Im Hotel de Prusse, Stettin, setzte er sich hin zum entscheidenden Brief, worin er den Alten um die Hand Johannas bat und sein ganzes Herz offen legte. Er befand sich in feierlicher Stimmung und empfand das Bedürfnis, Gott anzurufen, er möge ihm Klarheit schaffen, recht sein Inneres zu prüfen, auf daß kein unwahres Wort aus seiner Feder fließe. Daß er sich natürlich bemühte, die religiöse Seite in den Vordergrund zu stellen und sich dem Gedankengang des frommen alten Herrn anpaßte, diese Diplomatie mischte sich wohl ein. Doch wurde es ein ruhiger, schöner Brief, das Bekenntnis einer tiefen und großen Seele. Am 2. Januar erhielt er Puttkamers Antwort. Sie ließ offen, ob er den Antrag annehme, enthielt aber die Genehmigung für Otto, als Freiwerber nach Reinfeld zu kommen. Ob seine neuen Tritte auch feste und gewisse seien auf der Bahn zur Heiligung und zum Frieden gegen jedermann? Otto antwortete: wohl sei er noch ein Lahmer, der straucheln werde, doch den Gott aufrechterhalten wolle. Wenn er den Vater durchaus befriedigen und beruhigen möchte, so müsse er bedacht sein, nie gegen diesen und sich selbst unbewußt unwahr zu werden. Er komme also persönlich, sofern er nicht als Schildwache an seinen Deichposten gebunden sei, und erflehe Frost vom lieben Gott, obschon ihm das Herz dabei sinke, weil die Armen das Gegenteil erbitten. Am 11. Januar brach er auf, nach 40 Reisestunden, dann war er bei ihr. Die Wintersonne schien hell, als er in Reinfeld anlangte. Der alte Puttkamer empfing ihn ernst und würdig mit festem Händedruck: »Gehen Sie hinauf, Johanna erwartet Sie, meine Frau und ich haben uns darin ergeben. Wo das Herz so deutlich spricht, da ist die Stimme des Himmels. Wir wollen die Verlobung feiern.« – Doch die Mutter erhob Einspruch. »Meinen Mann haben Sie rumgekriegt, doch er war wie mit der Axt vor den Kopf geschlagen. Der Wolf frißt immer die frommsten Schafe. Ich glaube nicht, daß Sie unser Kind glücklich machen werden.« Da drückte Otto, ohne ein Wort zu erwidern, Johanna ans Herz, und als die kluge Mutter ihn anschaute, stürzten ihr die heißen Tränen aus den Augen. »Ja ja, ich fühle, daß Sie die rechte Liebe haben. So gebe ich denn auch meinen Segen, mein Sohn.« »Darf ich meiner Schwester telegraphieren?« Das tat er mit dem einzigen Wörtchen: »AIlright!« Ohne Englisch oder Französisch ging es bei diesem echten Deutschen nicht ab. – Sie gingen spazieren zur Pferdekoppel, ihr Hündchen Finette sprang in weiten Sätzen voraus ins Dickicht. Als man ihr pfiff, kam sie nicht wieder und hörte auf laute Rufe nicht. »Das arme Tierchen hat sich verlaufen«, jammerte Johanna. »Wird sich schon heimfinden, wie ich zu dir. Ich war auch so'n verlaufener Köter.« »Gut, daß du das einsiehst!« neckte sie, »Gott ist so barmherzig, und da muß ein Mädchen wohl auch Erbarmen haben. Sonst hält' ich dir den schönsten Korb geflochten und dich mit der sauren Beladung abziehen lassen. Doch unser lieber Vater im Himmel ließ dich durchs Schlüsselloch seiner Gartentür sehen, und man muß reuige Sünder in Gnaden annehmen.« »Du kleiner Bösewicht! Nicht wahr, du hast mitleidig auf mich herabgesehen?« »Das wäre sündhafter Hochmut. Verschimpfe uns nicht als Pharisäer, die sich von Zöllnern und Schachern abschließen!« »Und doch nehmen deshalb viele an euch ein Ärgernis. Dünkt ihr euch wirklich so heilig?« »Otto, du wirst mich noch böse machen.« »Keine Spur! Aber, siehst du, mit mir mußt du breiter ins Leben treten. Ihr wickelt euren Glauben so sorgfältig in Flanell, damit nur ja kein rauher Luftzug ihn berührt, er könnte sich sonst erkälten.« Sie brach plötzlich in Tränen aus. »Ach, ich fühle mich manchmal wie ein welkes Blatt, wie ein ausgewaschenes Kleid.« »Laß sehn, ob ich nicht die grüne Farbe auffrische, indem ich sie hege und pflege. Frische Blätter mußt du treiben, und die alten verkümmerten, für die weiß ich auch einen Platz. Ich will sie zwischen das Buch meiner Seele legen, damit wir sie beim Lesen wiederfinden, als Zeichen lieber Erinnerung.« Er nahm sie herzhaft in die Arme. »Du meine gute, treue Nanne! Du hast, was unter Asche in mir glühte, neu angefacht, die tüchtige Kohle soll dich in belebende Flamme hüllen.« – Über einen längeren Brautstand hatten die Puttkamers geteilte Ansichten. »Die Kinder müssen sich doch einleben«, meinte der alte Herr. »Die Unzuverlässigkeit des menschlichen Herzens ist groß.« »Aber sie lieben sich doch so!« betonte die gute Frau v. Puttkamer. »Diese Ehe scheint wirklich im Himmel geschlossen.« »Ganz gut. Doch die wahre Bürgschaft für das Wohl Johannas liegt nur im Segen des Herrn, in unserem Gebet. Er wolle uns begnaden. Vor Herbst ist an ein Aufgebot nicht zu denken.« »Mißtraust du dem Otto?« »Das eigentlich nicht. Er ist voll Offenheit und Treue, das geb' ich unumwunden zu. Doch er ist ein merkwürdiger Geselle, in dem sich ein schlichter Christenmensch wie ich nicht recht auskennt.« »Manchmal glaub' ich«, flüsterte die Mutter, »er sei zu etwas Besonderem geboren. Und ob dies gerade ein Glück wäre für unser einziges Kind, das stelle ich dem Herrn anheim. Mir scheint, die Frauen bedeutender Männer haben ein besonderes Kreuz.« »Na, weißt du, Alte«, Herr v. Puttkamer lachte behaglich, »haben sie ein besonderes, dann ist's eben ein anderes, als was die Frau Gemahlinnen sonst bei uns gewöhnlichen Männchens zu tragen haben. So gleicht sich die Rechnung aus. Übrigens sind das Redensarten. Ich wüßte nicht, wodurch er je etwas Besonders bewiesen hätte, Aussicht darauf Null. Durchs Staatsexamen is er durchgerasselt oder hat's nich mal versucht, damit ist abgeschnitten, daß er je im Staat was wird. Ist auch nicht nötig. Er ist ein vermöglicher Mann in geordneten Verhältnissen und wird ein Leben führen wie wir alle vom Ritterstand, ein gediegener Gutsherr und damit basta. Nee, davor keine Bange! Aber er is eben 'n bißken Querkopf und hat was Abenteuerliches im Blut.« »Fürchtest du etwa, er wird ihr untreu werden?« erschrak die Mutter. »Gott bewahr! Von der Sorte ist der nicht. Ein guter Christ geworden durch unsere oder vielmehr Gottes gnädige Hilfe. Na, also im Herbst, dabei bleibt's!« – »Wartensleben glaubt nicht an den Sündenfall! Ist das nicht eine Verworfenheit?« begann Johanna auf einem Spaziergang. »Hm, es kommt drauf an, ob man dies wörtlich nimmt.« »Otto!« rief sie erschrocken. »Ein solcher Unglaube an das Wort der Schrift!« »Steht's auch wirklich so da? Und, verzeih, auch ich glaube nicht blindlings alles, was dorten steht.« »Was, das Wort Gottes!« Sie starrte ihn an mit weit aufgerissenen Augen. »Durch Menschen vermittelt. Die Apostel waren Menschen wie wir, also zum Mißverstehen geneigt, auch der Sünde untertan wie alle. Sie konnten Christi Lehre nur erfassen gemäß ihrer eigenen geringen Bildung und beschränkten Geistesart. Lukas erfuhr gar nichts aus Christi eigenem Munde, Paulus bekehrte sich zum Herrn lange nach dessen Hinscheiden.« »Aber die Ausgießung des Heiligen Geistes!« »Schon recht. Mag sein, daß in großen Augenblicken der Geist über uns kommt. Beim Genie nennt man's Intuition. Nun, tröste dich, dies ist ja kein Ende meiner Glaubensfahrt, sondern nur eine Station, wo ich Relaispferde wechsle. So geschwind mit Extrapost fährt sich's nicht zum Himmel.« »Ach, wie soll das werden, wenn wir so verschieden bekennen!« »Das ergänzt sich nur, wenn beide Teile den ernsten Willen haben.« »Aber die Offenbarung – deine Schwäche im Glauben ängstigt mich so.« »Damit richtest du schon, was keinem Christen zusteht. Keiner darf den andern gewaltsam zu seiner Glaubensrichtung hinüberziehen. Ward denn Rom an einem Tage erbaut? Auch nicht alle Häuser in Rom nach gleichem Muster, und doch sind alle Einwohner Römer. Verstehst du? Nur Spötter und Verächter bleiben draußen.« Sie saßen eng aneinandergeschmiegt, und die Nacht draußen war still und hell. »O, wäre ich auch so sternenklar!« seufzte sie. »Nein, sonnen- und sternenklar sollst du nicht sein, nicht so ruhig. Du meine dunkle warme Sommernacht voll Blütenduft und Wetterleuchten! Jeder Blick in diese grau-blau-schwarze Pupille deiner großen Augen ist ein Blick in die Ewigkeit.« Und so schwärmten sie weiter. – Draußen heulte der Wind, drinnen saß sie am Klavier. »O spiele, spiele!« bat er, »deine Töne tragen mich durch die weite Welt. Musik ist überall. Der Tauwind pfeift durch entlaubte Linden, seine hohle Stimme singt in den Zweigen, dann denke ich, du spielst E-Dur. Schneeflocken fegen um den alten Turm von Schönhausen, dann höre ich E-Moll fernher, wo du in die Tasten greifst. Im Frühlingsheim säuselt Adagio, das Heimchen zirpt auf Sommerwiesen ein sanftes Andante. Doch zum Fortissimo schwellen die Stimmen von Herbst und Winter, wenn sie welke Blätter und Schnee als Leichentuch auf den Friedhof decken. Dann hat die liebe Seele Ruh, wir haben ausgetobt, wenn wir dereinst als greises Paar zusammensitzen und auf ein Leben zurückblicken voll Kampf und hoffentlich Sieg.« »Worüber willst du siegen? Gegen was kämpfen? Rede nicht so, mir wird bange. Wir wollen still für uns leben und unseren Leuten Gutes tun.« »Das wollen wir, mein Lieb. Über was siegen? Das wissen die Götter. Zu kämpfen gibt's immer was. Man sagt nur so. Wir sind Land-Gentry, du hast recht, und werden uns hüten, uns in Welthändel zu mengen und unser häuslich Glück aufs Spiel zu setzen. So wie heut wollen wir immer beisammen sitzen, noch als steinalte Mummelgreise.« Sie plauderten Arm in Arm im Plüschsofa des roten Saales. »Träume ich und halte dich wirklich an meiner Brust? O, wie todeselend saß ich früher allein und deklamierte schaurige Verse! Schneegestöber im Herzen, wie es jetzt draußen herunterrieselt, kalt und stumm, vor mir das Nichts.« Der Kater schnurrte. »Hör' das gemütliche Spinnrad des braven Kerlchens! So spielt und schnurrt ein schwarzes Miezekätzchen in meines Herzens Kämmerlein und treibt mein Herz herum, wie einen rollenden Kreisel. Und ich? ich sehe behaglich dem Rollen zu.« Johanna nahm ihre Brautfreuden harmlos und fröhlich hin, wäre sie in heidnischer Allegorie bewandert gewesen, wäre sie sich als Omphale vorgekommen, an deren Rocken Herkules Garn spann. Manchmal erwachte freilich in ihr jene bekannte posthume Eifersucht auf die Vergangenheit des geliebten Wesens. Sie drohte, ihm den kleinen Finger zu brechen, wenn er nicht beichte, wie oft er geliebt habe. Da wurde er ärgerlich. »Schwor ich dir nicht schon tausendmal: Nie, nie, nie?« »Wer's glaubt! Die Männer sind so schlecht und so leicht vergeßlich.« Sie setzte eine feierliche Miene auf, als wolle sie ihm den Katechismus abhören. »Karoline wollte dich doch seit Jahr und Tag an eine gewisse jemand verloben ... das soll eine nette Trine sein, weiß besser in ihrem Ballbüchlein als in den Schubfächern ihrer Leibwäsche Bescheid ... und jemand, der näher wohnt, warf auch ihre Kappe nach dir aus.« »Ich will dir was sagen. Mein Gärtner zieht Kamelien und brachte mir mal zwei, die eine schlank mit zierlicher Krone und zarter Blüte, sehr blaßrosa, wenig Laub, nur zwei Knospen – diese Donna hält sich steif und lispelt englisch.« »Pfui, wie medisant!« »Ich werde dir mein ironisch-satirisch-dämonisches Profil zeichnen. Die andere, minder zierlich, hat Knorren im Stamm, nicht so sorgfältig beschnitten, aus der Krone ragt ein abgestorbener Ast mit geschwächter Sehkraft.« » Me voilà, poor me! Ist das Englisch und Französisch genug für dich?« »Doch reich an Laub«, fuhr er unbeirrt fort, »viel grüner, hat acht Knospen, verspricht also wunderbare Blüte. Farbe tiefrot und weiß, bunt abwechselnd mit unregelmäßiger berückenden Laune. Das bist du. Doch der Vergleich hinkt, ich mag ja keine Kamelien, dich aber lieb ich, vom Duft deiner Seelenblüte verzaubert.« Hiernach gab es nun keine Worte mehr, sondern der schnurrende Hauskater, ein Verwandter des Hidigeigei, sann über verdächtige Töne nach, warum sich die Menschen küssen. Beißen tun sie sich offenbar nicht, denn sich dabei wohlbefinden wäre ein Sadismus, den ein ehrlicher Kater verabscheut. Wahrscheinlich lecken sie sich ab, um ihr Fell in Ordnung zu bringen. »Denkst du noch an den Abend in Zimmerhausen?« erinnerte er. »Ich wundere mich über deinen Mut, daß du mich genommen hast, heitere Stirn, fröhliche Augen, so wirst du ewig vor mir stehen.« »Aber du hast mal mit dem Zaunpfahl gewinkt, ich hätte ein eisiges Herz.« » Nonsense! I most heartily believe that you do care for me. Ich falle und liege meiner schwarzhaarigen Maid zu Füßen und ergreife deine beiden Hände«, die Geste folgte den Worten, »und stammle: ›lo te voglio assai bene‹, ›I love you‹, ›Je t'adore‹ und so weiter in allen Sprachen.« »Ehrliches Deutsch wäre wir lieber.« »Das sollst du haben. Jeannett«, ik liebe dir!« – Er schritt aus über die Felder elastischen Schrittes, die starken Glieder reckend, » These limbs were made ... not in England! « lachte er behaglich, das Shakespearische Zitat verdrehend. Und eine Stimme sprach unhörbar in Lüften vom alten Gott der Deutschen: Dieser Kerl wurde in Deutschland gemacht, ein Kerl, der sich gewaschen hat. * Tante Puttkamer auf Versin trug ihm Grüße auf und Wurstspende dazu für ihren Sohn, der im 2. Garderegiment diente. Das war für Berlin. Für Schönhausen aber gab ihm seine Nanne eine kleine grüne Spirituslampe mit, bei der er sein Teekochen besorgen solle. »Dich aber, geliebteste Geliebte, packe ich selbst mit ein in meinem Herzen, nicht als gelegentlich kochendes Spiritusflämmchen, sondern als wärmendes ewiges Feuer, wie eine ewige Lampe der Kirche.« Wenn sie ihn so reden hörte wie den feurigsten Romeo des Theaters, entzückte dies zwar ihre bräutliche Weiblichkeit, doch empfand sie darin eine gewisse schwärmende Übertreibung, die sie etwas mißtrauisch machte. Obschon die Erbweisheit des Ewigweiblichen von ihrer mütterlichen Macht über den Mann tiefinnerst überzeugt, erstaunt die sanfte Bescheidenheit jeder echten Frau immer wieder über den Madonnenkultus, den der Mann mit ihr treibt und der ihr oft lästig und unbehaglich wird. Denn sie will gar nicht Madonna sein, sondern Weib. Daß dem Mann dies Anbeten der Gemütskräfte im Weibe ein unabweisliches Bedürfnis sei, je männlicher der Mann desto hingebender, daß vollends beim genialen Manne sich damit eine unbewußte Mystik verbindet, lernt ein erfahrenes Weib erst spät verstehen. »Fahr wohl, mein Engel, mögen alle andern Engel dich behüten!« Die mokante Marie Thadden, die jeden aufzog, hatte ihm ins Ohr gelispelt: »Leps und Charles, den Halb-Franzosen, haben Sie ausgestochen, Sie blonder Othello. ›Doch hüte dich vor Eifersucht!‹ sprach Jago. Regierung und Welschland sind besiegt, doch ›betet und wachet!‹ sagen die klugen Jungfrauen.« Ach, die unfruchtbaren Äcker von Neu-Koglizow, kahl und öde wie das Leben! Ihr helles Kleid zwischen dunkeln Büschen, als sie ihm Abschied mit dem Taschentuch wehte, ein weißer Streifen, schimmerte und schwebte ihm vor. Und den Assessor Leps soll der Satan holen! Peter heißt er, der langweilige Peter mit seiner reizbaren Eitelkeit, die ruhelos macht. Johanna ist die Ruhe. Futsch ist das Talgstümpfchen meiner alten Rechtsleuchte, Charles Savigny Sohn, der hier herumstreicht unter dem Vorwand, er sei mit Hänschen Kleist-Retzow intim. Daß sie Nanne anbeten, zeigt soliden Geschmack, aber Wilddiebe werden gewarnt, hier ist mein ewiges Jagdrevier, und ich bin so frisch und munter wie eine Forelle im Reinfelder Flüßchen Kamenz. * Damals gab es noch wenig kleine Lokalbahnen, den Verkehr bis Stettin besorgte nur die Post. In Schlawe, wo die Pferde gewechselt wurden, bekritzelte der glückliche Bräutigam einen Zettel an die Geliebte in fliegender Eile, weil ein heller Haufe angesäuselter oder schon arg bezechter Husarenoffiziere ihn begrüßte mit Fragen überfiel und nicht zu ordentlichem Schreiben kommen ließ. Verlobt? Gegen wen? Verliebt, verlobt, verloren! Unser herzliches Beileid... wollte sagen, wir gratulieren. Kein Mensch entgeht seinem Schicksal ewiger Verdammnis. Wissen sie's schon in Stargard und Naugard? Das wird ein Hallo setzen! Der tolle Herr des Kniephofes als Bräutigam, so was jibt's ja jar nich! – So jagten sich die altertümlichsten Scherze. In der Postkutsche machte er sodann Bekanntschaft mit dem Ellenbogen eines sehr in die Breite gegangenen und obendrein mit einem grünen Pelzmantel begabten Hebräers, der ihm eine Abneigung gegen alle Söhne Abrahams einflößte, die selber wie in Abrahams Schoße sitzen und ihrem Nebenmann den Platz wegnehmen. Als er dann unterwegs auf dem Gute seines Bruders ausstieg, stürzte ihm dieser im Schlafrock entgegen und überschüttete ihn mit einer Flut von Hiobsposten, wie schlecht es im Kniephof stehe. »Deine Inspektoren passen nicht auf, liederliche Viehzucht, die Schafe krepieren in Scharen, die Kartoffeln faulen, deine Knechte sind täglich betrunken, deine Brenner eine Bagage, dein Fohlen, das schöne dreijährige Vollblut, hat sich die Beine gebrochen. Du wunderst dich wohl gar nicht über so viel Unglück mit deiner üblichen gottvergessenen Gleichgültigkeit. Es ist eine Heimsuchung. Übrigens siehst du famos aus und deine Herzenswahl billige ich von Herzen, eine recht gute Partie. Altes Haus, ich sagte immer, du würdest noch sehr solide werden. Na, glückliche Reise!« Dies Wiedersehen dauerte nur fünf Minuten, Otto kannte die Bereitwilligkeit seines guten Bruders, des typischen Agrariers, sich einen lieben Gott zuzulegen, der vornehmlich die armen Gutsbesitzer als Zielscheibe seines Übelwollens erkor und ihnen planmäßig Unannehmlichkeiten bereitete. In übler Laune stieg der Postgast wieder in den Wagen zu dem hebräischen Ellbogen, doch als er in die freie Winterlandschaft hinausfuhr, dachte er: Du Undankbarer, was ficht dich das bißchen Ärger an, nachdem du ein Glück geerntet, das du gar nicht verdienst! In Stettin lief er am Bahnhof mitten in eine Gesellschaft von alten Kameraden hinein, die sich mit Moselwein und Karten die Zeit vertrieben. »Kondo-, Pardon, gratuliere!« empfing man ihn betrübt. »Feine honette Familie! Doch du Armer, wie wird's dir gehen, wenn man dich über Pauli Briefe an die Korinther und so 'ne ausjefallene Sachen examiniert?« »Ich bange nicht«, versetzte Otto gelassen. »Ich kenne mich aus in der Bibel!« »Moses und die Propheten!« Ein junger Offizier in Zivil fiel vor Lachen beinahe vom Stuhl, und Wilhelm v. Ramin klopfte ihm auf die Schulter: »Na, schön, in Reinfeld bei Zuckers würde ich auch so zuckersüß reden, aber daß du deinen ältesten Freunden solchen Bären aufbindest, ist nicht hübsch von dir.« Da Otto keine Händel suchte, verabschiedete er sich artig von den ehemaligen Kumpanen, Abschied fürs Leben. In Berlin traf er Schwester Malwine hochbeglückt. Sie fiel ihm um den Hals und jubelte: »Wie verjüngt du aussiehst! Du bist ein ganz anderer Mensch als in den letzten Jahren, wo du so grämlich und versonnen warst, fast hintersinnig. Wir alle danken deiner Braut für diese Veränderung zum Besseren!« Doch sein Schwager Oskar Arnim schüttelte den Kopf und fragte verlegen: »Bist du denn wirklich fromm geworden? Ich bin voll Sorgen um dich, lieber Otto.« »Keine Ursache, ich bin im Gegenteil aller Sorgen ledig.« »Nun ja, ich begreife, im ersten Taumel ... aber was wird die Zukunft bringen? Ich kenne dich doch genau, und Malle kennt dich seit Kindesbeinen. Nie haben wir an dir eine Anlage zur Muckerei bemerkt. Und nun auf einmal! Ach, mein armer Junge, wenn dir nur nicht die Augen aufgehen, daß du ja gar nicht zum Kirchengänger paßt!« Ihm wurde weich ums Herz, und er betrachtete den Schwager ernst und trübe, manches warnende Wort verschluckend, da er den Unglücklichen wohl kaum mehr retten könne. Otto lachte herzlich: »Du bringst dein Mitleid an die unrechte Schmiede, so sehr ich für deine treue Sorge verbunden bin. Verzeiht, ich muß einen dringlichen Besuch machen, habe Aufträge an einen Vetter meiner Braut.« »Natürlich, die Braut geht vor!« schmollte die Schwester, die er nur so flüchtig sprach. Als er aber Bernhard v. Puttkamer-Versin nicht zu Hause traf, entdeckte er zugleich, daß er sowohl Briefe als Würste der Tante vergessen hatte, zerstreut wie ein richtiger Liebhaber. Am Abend versammelten sich sein schlesischer Freund Schaffgotsch und einige andere schlesische Grafen um ihn im Hotel de Rome und stießen auf das Fräulein Braut an. Der schäumende Champagner machte den langbeinigen Schaffgotsch, einen trainierten Fußgänger und Sportsmann, auf einmal poetisch, und er versicherte: »Kein Rebensaft braust wie junge Liebe, die Traube von Sillery ist nicht so süß wie ein Liebchen. Es lebe die Schönheit, die unsern Freund in Fesseln schlug!« Als freilich Otto eine schwarze Silhouette Johannas, wie man sie damals an Stelle der heutigen Photographien auszuschneiden liebte, am Tisch herumreichte, trat kurze, verlegene Stille ein, die man mit Durcheinanderreden verdeckte. Etwas Besonderes konnte man wirklich am Profil dieser jungen Dame nicht finden, und doch hatte sich jeder vorgestellt, der famose Otto Bismarck müsse etwas Hervorstechendes wählen. Eine Kunstreiterin z. B. oder sonst eine standesgemäße Amazone hätte man passender gefunden. Auch bemerkte ein Graf, der etwas hatte läuten hören, zaghaft: »Hab' ich recht gehört, das gnädige Fräulein und deren Familie beschäftigen sich viel mit der Bibel?« »Das tu' ich auch«, erwiderte Otto ernsthaft, worauf alle lospusten wollten, aber auf halbem Wege steckenblieben, als sie in sein ruhiges Gesicht blickten. Man brach höflich ab und unterhielt sich von alten Tagen, als Otto, Referendar oder freiwilliger Gardejäger, sein Wesen trieb und jeden Samstag abend nach Berlin kneipen ging. Die jungen Lebemänner sahen sich kopfschüttelnd verwundernd an, als der Bräutigam von dannen ging, und meinten: »Sehr kluge Leute bekommen manchmal wunderliche Anwandlungen. Da rappelt's ein bißchen. Die Liebe, ja die Liebe hat ihn so weit gebracht!« sangen sie im Chorus und bestellten eine frische Bouteille. – Nun adjes ooch, Berlin! Jetzt werden wir wieder biederer Ackerbürger. Postmüde und froh, daß bis zur Elbe die Bahn regierte, staffierte der Deichwart sich für sein Amt aus, im langen, grauen Friesrock, die Otterfellmütze in die Stirn gedrückt, zwischen Jerichow und Havelberg die Ronde abzuwickeln. Ich komme nicht mehr in den rechten Ton mit meinem einstigen Umgang! dachte Otto, als er am Freitag morgen nach Jerichow fuhr. Die seichte Jugendheiterkeit hab' ich für immer begraben. Mir ist, als ob nun wirklich ein neuer Abschnitt meines armseligen Lebens beginne. – Zu seinem Verdruß trat das Hochwasser noch gar nicht ein, er ritt über das Elbeis, das ihn noch trug. Natürlich, heut ist Freitag (der 29. Januar), an dem Unglückstag begegnet mir immer Pech. Recht gut hätte ich noch tagelang bei meiner schwarzen Sonne weilen können, an ihrer grünen Seite. Der Schnee fiel dicht auf die weiße Landschaft, während diesseits Brandenburg eine vorzeitige milde Frühlingsluft geweht hatte und die Ackersleute auf dem Felde pflügten. Hier aber fiel ihn drückende Winterstimmung an, ein Echo der einstigen Herzenseinsamkeit. Das Elbeis besaß noch genügende Dicke und Festigkeit, das Wasser kam noch nicht, und bis es dann später verlief, konnte er nicht nach Norden zurückeilen. »Deine Blume der Wildnis«, hatte sein Vetter Theodor ihm das Kompliment gemacht, »muß einen holden Duft haben. Du siehst aus wie Frühlingsanfang.« Doch die Lenzknospen in seines Herzens Frühlingswetter schienen zu erstarren, als er auf die alte öde Eisfläche seiner Vergangenheit schaute. Er patroullierte pflichtgetreu die Gegend ab und brauchte kurzen Aufenthalt in einer unwirtlichen Schenke, um auf einem Zettel groben Papiers, den er mit Mühe auftrieb, einen Gruß zu senden an »Angela mia« . Da er Küsse nicht schreiben konnte, drückte er seine Lippen auf das Papier und unterzeichnete sich: » Sans phrase der Deinige«. Ohne Fremdwörter ging es bei ihm nicht ab, in seltsamen Widerspruch zu seinem selbstbewußten Teutonentum, das alles Schreiben und Drucken in römischen Lettern verpönte und die alten deutschen Gotenbuchstaben heilig hielt. Seine Neigung für Fremdwörter vermehrte sich durch sein Bestreben, die Braut zum Gebrauch des Englischen und Französischen anzuhalten, deren geläufige Übung er für seine künftige Gemahlin nötig hielt; er wußte selbst nicht warum. Der Wortschatz seiner Muttersprache reichte ihm nicht hin, seiner Johanna genügende Kosenamen zu verleihen. So entstand eine reiche Blütenlese von fremdsprachigen Zärtlichkeitsbezeichnungen, auch spickte er seine Briefe mit englischen und französischen Sätzen ohne jeden Anlaß dazu. »Herzlichste Grüße an deine oder j'ose dire unsere Eltern.« Statt in ehrlichem Deutsch schelmisch zu winken: »In sechs Monaten werden wir wissen, hoff' ich, was wir zu tun haben«, mußte er es englisch seiner »ma trés chére, mon adorée Jeanneton« sagen, die er zur Abwechslung auch »beloved one« anredete. Die Gäule seiner Kalesche stampften und scharrten im Schnee, als er wieder einstieg, und bäumten sich wiehernd, als wollten sie ihm ahnungsvoll melden, daß sein Leben jetzt ein rasches Tempo einschlagen werde. Als er sich Schönhausen näherte, drängten sich ihm verstörte Erinnerungen auf, alle schlechten Streiche seines Junkerlebens fielen ihm ein. Nichts Ehrenrühriges, o nein, und keine Weibergeschichten, aber altgermanisches Zechen im Übermaß, angeerbt von soldatischen Ahnen, ein Überschäumen roher, tierischer Kraft, das sein eigenes feineres Empfinden abstieß, ein Vergeuden der Zeit in Bärenhäuterei, auf die er heut mit Ekel zurückblickte. Wollten diese unerquicklichen Bilder sich zwischen ihn und sein neues Leben drängen? Doch er schalt sich verzagt und undankbar. Liebte ihn jetzt nicht ein Engel, dem er sich in Leibeigenschaft hingab? Spürte er nicht bis ins innerste Herz dies Frühlingswehen? Als er in das Dorf Schönhausen hineinkutschierte, flüsterte er unwillkürlich: Heimat! Wie schön das ist, eine Scholle zu haben, wo man durch Geburt und Vermächtnis für immer Boden faßt! Die stattlichen Bauernhöfe blickten ihn hell in der klaren Wintersonne an, als wollten sie selber ihn grüßen wie die Bauern mit den langen Röcken und die Weiber mit den kurzen in ihrer bunten Pracht. Alles sah nach Behäbigkeit aus, und dies Wohlbehagen schien aus jedem freundlichen Gesicht zu strahlen, auf dem ein Glückwunsch für den Gutsherrn lächelte, der sich nun endlich eine gnädige Frau holte. Die aufrichtige Anhänglichkeit an diesen erbangesessenen Junker, die allgemeine Beliebtheit, die er beim schlichten Landvolk genoß, mit dem er kordial und verständnisvoll redete wie mit seinesgleichen, kamen zu erfreulichem Ausdruck, der ihm das Herz bewegte. Sein alter Inspektor Bellin, ein wohlgenährter Graukopf, verzog sein dickes, breites Gesicht zu einem herzlichen Grinsen, und er klopfte dem jungen Herrn väterlich auf den Rücken: »Dat war'n mol eine Freude im Land! Nu wird allens jut un' ik bin zufrieden uf meine alten Tage. Na heul' doch nich so, du Dösekopf!« zog er seine Frau fort, die unaufhaltsam schluchzte und sich die Schürze vor die Augen hielt: »Daß wir das noch erleben bei der gnädigen Herrschaft!« Die gewaltige Dogge Odin aber sprang in tollen Sätzen um den Herrn herum und an ihm hinauf, seine nassen Pfoten auf dessen Rockkragen stemmend. »Donnerwetter, Odin, so gib doch Ruhe! Ich weiß selber, daß Tauwetter ist!« wischte sich Otto feuchte Spuren ab und kraute dem guten Tiere im Fell. Auch seine Stute Miß Breeze – auch hier taufte er englisch – benahm sich ausgelassen, als schöpfe sie neue Lebenslust. Als er im Galopp zur Elbe sauste, um den Deich zu besichtigen, dröhnten ihre Hufe auf dem Boden, als wolle sie ihn mit Verachtung schlagen und mit himmlischer Leichtigkeit dahinfliegen wie eine von Liebe jauchzende Seele. Bist du stolz, mein edles Roß, den Geliebten des besten Mädchens zu tragen? lächelte der Glückliche in sich hinein, indem er die Mähne der flinken Miß streichelte. Das Thermometer stand auf Null, die trübe, gelbe Elbe schlief noch mürrisch und hörte nicht auf die leise Mahnung des nahenden Lenzes, an ihren Eisketten zu rütteln. Der Deichhauptmann setzte sich nachher an den Schreibtisch und kam sich wie ein Zauberer vor, der aus schwarzer Tintenflasche Geister beschwört mit allerlei Formelspuk, denn auf seine Befehle werden nun bald Arbeiter und Karren sich zum Fluß bewegen, die mit Faschinen und Brettern den Damm stopfen. Die schäumende Flut nimmt sich zwar sehr poetisch aus, doch die Prosa hat ein besseres Recht. So mag eine Revolution wohl schwankende Gemüter betören und die Phantasie gefangenhalten, aber die Ordnung muß ihren Deich dawiderstemmen, sonst werden alle Fluren verwüstet. Gottlob, ich habe nichts mit solchen figürlichen Dingen zu tun und bestelle buchstäblich mein Tagewerk als Dammwärter. Am 1. Februar abends brachte man ihm in der traulichen Dämmerstunde die Lampe herein und das Spirituslämpchen, ein Geschenk Johannas, worauf er sein lauwarm Wasser für den Tee siedete. Dabei sann er so stillvergnügt vor sich hin, daß er knapp rechtzeitig das Überkochen hinderte. Da kam auch der Postbote mit einem Brief aus Reinfeld, und hoch schlug dem Liebenden das Herz, als er die teuren Zeilen las voll angstvollen Mitleids, sein Schlaf würde ihm in unruhigen Nächten geraubt werden, wenn die Elbe stieg. Damit hatte es noch gute Weile. Jetzt konnte er noch schriftlich mit der Geliebten in aller Muße plaudern wie daheim; er schrieb an sie: »Mein Schatz, mein Herz, mein Augentrost. Dein treuer Bismarck.« Bald wird die Elbe ihre Tücken ausgespielt haben, dann konnte er wieder heimwärts ziehen in die Heimat seines Herzens. Es klopfte. »Herein!« Schüchtern kam der Konrektor der Volksschule und klagte über unvollständiges Zahlen der Schulgelder. Otto tröstete ihn, er werde danach sehen. Dann fragte der Mann: »Ist Euer Hochgeboren Fräulein Braut groß?« »Ziemlich«. »Ein Bekannter von mir hat Sie im Harz mit mehreren Damen gesehen. Da haben Sie sich vorzugsweise mit der größten unterhalten, das war gewiß Ihr Fräulein Braut.« Die größte war aber Frau v. Mittelstädt. Mit einem Seufzer fügte Otto seinem Briefe ein sehr langes Postskriptum bei, nämlich als Beilage, »in der ich oft meinen innersten Ausdruck fand, now never any more «, Byrons Gedicht an Inez. Daran schloß er die fast ebenso lange Gewitterbeschreibung in Childe Harold, das erste 36 kurze, das zweite 20 lange Verse! Er knüpfte daran byronische Betrachtungen, die seiner Braut weder verständlich noch bekömmlich sein konnten. Die frömmelnde Ausdrucksweise fiel schon ganz von ihm ab. » e t'embrasse mille fois «, wieder ein unnützes Französisch. Seine Braut würde sich wohl ein wenig entsetzt haben, wenn sie ihn gesehen hätte, wie er über Byrons Genfer Gewitterstimmung nachsann. Gewitter bei Nacht, wie berauschend! Da müßte mein Gaul mit mir durchbrennen und ich so die Klippe hinab in den brausenden Rheinfall stürzen. Das wäre Leben! Leider nur einmal im Leben könnte man das Pläsir haben, alles auf eine Karte zu setzen und in den sicheren Tod zu reiten. Ade, Byron! Ich bescheidener königlich preußischer Landmann bescheide mich mit meinem einfachen Lose und überlasse die Genie-Gewitter jenen anderen, die unglücklich sind durch ihre Größe, weil die Gewöhnlichkeit ihnen nichts bietet. Am andern Mittag befand er sich zu Tisch bei Frau v. Brauchitzsch, Gattin des Oberpräsidenten, die ihn einlud, um ihn über die Familie Puttkamer auszufragen. Er ließ sich aber nicht die Würmer aus der Nase ziehen, sondern berichtete nur, was ihm beliebte. So viel Diplomatie besaß er denn doch noch! Bei wildem Schneegestöber grober Flocken und heulendem Eiswind von der Elbe her empfing er den nächsten Brief der Braut. Sie sei traurig, trage Schwarz als Kleid, und im Herzen zu träge, Musik zu machen. Abends schreibe sie nicht, weil er wolle, daß sie ihr Augenlicht schone, nachts träumte sie von ihm. Flugs schrieb er zurück, daß er leider nicht träumen könne wegen schauderhaft prosaischen Schlafes vollkommener Gesundheit. » Et dis-moi donc, pourquoi es tu paresseuse? Pourquoi ne fais-tu pas de musique? « Das mußte er natürlich französisch sagen, wobei er oft bei der Verneinung das »pas« zu viel anwendete, wie man es heut im Pariser Jargon nicht mehr tut. »A propos de paresse.« »Le diner est rvi.« »Qu'est-ce qu'il me chante?« »Why not?« »Think only« so ging es fort, unwillkürlich verfiel er fortwährend in Fremdsprachen und schloß den Brief an »Dearest black one, je t'aime, c'est tout dire« mit einem englischen Gedicht und dem Zusatz »Ich glaube von Moore, perhaps Byron«, woran sich Macbeths Monolog »To-morrow and to-morrow« ohne Angabe des Autors schloß, sonderbare Lektüre für ein junges Mädchen. Leben ist nur ein wandelnder Schatten, ein armer Komödiant, der sein Stündlein herstottert, ein Märchen, erzählt von einem Idioten ... traute er der frommen Johanna zu, dies riesenhafte Weltleid zu begreifen? Vorsorglich setzte er hinzu, es seien alte Abschriften aus seiner Schreibmappe. »Sie schaden mir nichts mehr. Thine eyes have still and will always have a charm for me.« Doch des Pudels Kern enthüllte sich in der Bitte, sie möge wenigstens Französisch pflegen und viel davon lesen. Sie könne vielleicht doch in Fälle kommen, wo Unkenntnis des Französischen für sie kränkend sein werde. Ließen sich solche Fälle wie z. B. bei der Frau eines Gesandten denn wirklich denken? Oder war es nur der Trieb, seine Frau auf gleiche Bildungsstufe zu erheben und sie in allem und jedem an seinem inneren Leben teilnehmen zu lassen? Von pedantischer Erziehungssucht war nichts dabei. »Ich liebe dich wie du bist und wie du zu sein für gut findest.« »Dein Wille geschehe.« Um diese Zeit erhielt er den Brief eines Neuverheirateten, der seine erste Frau kaum begraben, als er sich auch schon mit einer zweiten nach achttägiger Bekanntschaft verlobte und sie nach sechs Wochen frischweg zum Altar führte. Dieser Geckenhafte und Oberflächliche gehörte jetzt zum Reinfelder Kreis und schrieb plötzlich in urchristlichem Tone über Züchtigung und Läuterung, weil er seiner Ersten keine Stütze ihrer Schwäche gewesen sei. Der Reinfelder Klimawechsel hatte ihm wohl diese Neugeburt des alten Adam angehaucht. Obschon Otto darüber mit einem französischen Witzwort spottete: »Ca va bien, pourvu que ca, dure«, freute ihn doch diese allgemeine Wirkung des Reinfelder Christentums. Dagegen versetzte ihn die schon länger zuvor empfangene Anzeige in tiefe Trauer, daß sein Freund Moritz über den Hingang Marias fast in Irrsinn zu fallen drohe. Seine Braut schilderte ihm beweglich das Seelenleid des Verlassenen, sie weine unendlich um ihn. Otto fordere sie auf, lieber mit starkem Gottvertrauen und frischer, liebreicher Zartheit den Freund zu trösten. Doch er selber beschuldigte sich: was für herzlose Selbstsucht tragen wir alle im Herzen! Marias Verlust schmerzte mich wie der einer lieben Gewohnheit, aber meinem besten Freunde, dem ich für ewig dankbar verpflichtet bin, vermochte ich nicht mal den Trost überströmender Teilnahme zu spenden, sondern langweilte ihn mit ausführlicher Beschreibung meines eigenen Glückszustandes, als habe er nur den einen unschätzbaren Beruf vom Himmel erhalten, mein eigener Beichtvater und Tröster zu sein. Wie ungeschickt spielt man Mitgefühlgebärden, wie bleibt jeder Schmerz ein Eremit! Ist meine Brust heut zu voll von einer einzigen Empfindung, als daß sie fremdem Weh Einlaß gewähren könnte? O könnt' ich über Oder, Rega, Persante zu ihr hinfliegen und ihr die ersten Frühlingsboten ans Fenster stellen, Hyazinthen und Krokus. – Der Frost hielt an, das Tauwetter blieb aus, die dickgegefrorene Elbe ließ schweren Eisgang befürchten. Otto wollte vor Ungeduld vergehen, er hätte am liebsten Gläser, Flaschen, Fensterscheiben in Stücke zerschlagen, um seiner nervösen Unruhe Herr zu werden. Am 20. Februar sollte »Konvent« der Magdeburger Ritterschaft sein, ein Provinzial-Landtag in Merseburg würde nicht stattfinden, dagegen Leutnant a. D. v. Brauchitzsch als Deputierter nach Berlin reisen. Dann erst kam der Schönhauser von seinen Amtspflichten los und werde dann, Ober- und Unterhaus in einer Person, vor seiner Königin erscheinen, »Oiovanna mia« . Er hatte es jetzt mit dem Italienischen und schrieb einen italienischen Satz, daß er bei Nacht schlaflos die Stundenglockenschläge zähle. Seine finanziellen Verhältnisse konnten ihm keine Sorgen machen, denn Kniephof allein hatte einen Wert von 80 000 Talern. »Gottes Segen genug«, schrieb er der Braut, so daß wir vielen Leuten Gutes tun können. Er redete ihr zu, daß sie vor allem reiten müsse, das sei sie ihrer Gesundheit schuldig, auch ihr schwaches Augenlicht werde dadurch gestärkt werden. Sie hatte ihm geschrieben, daß sie traurig an seine Vergangenheit denke. Da seien ihr allerlei Zweifel gekommen, sie deutete an, daß sie seiner Beständigkeit mißtraue. Sie sei eben zu Mißtrauen geneigt, eine schwache argwöhnische Person. Sie habe irgendwo gelesen, Treue sei das Feuer, das den Kern der Existenz ewig belebt und erhält. Das sei, antwortete er ihr, eine neblige Schwabbelei, die nichts Bestimmtes ausdrücke. Für Mädchen, die nur durch die Brille der Dichtersleute das Leben kennen, werde solche Poesie gefährlich am wehenden Prüfstein der Wirklichkeit. Mit überlegener Gelassenheit setzte er ihr auseinander, daß die Zeit ihr Mißtrauen heilen werde, angesichts seiner vollkommenen Ehrlichkeit. Er selbst traue fast keinem ohne Beweis des Gegenteils, zu ihr aber habe er ein unerschöpfliches Vertrauen, durch nichts zu erschüttern. Er wolle sie aber weder belehren noch bessern wie ein Schulmeister. Sie schrieb ferner, daß ihre damals heitere Stimmung in die nämliche Schwermut umschlug, an der er früher litt. Todeselende Gedichte wie die von Lenau sprächen sie fast am meisten an, vielleicht habe die Gesundheit ihrer Seele Schaden gelitten. Das bekümmere ihn gar nicht, antwortete er, das sei ein Fortschritt im empfänglichen Aufnehmen der Poesie, deren Verständnis man nicht aus unschuldigen Frühlingsahnungen, sondern durch Blitzgewitter gewinne. »Tief in der menschlichen Natur, an der unbewußten Erkenntnis irdischen Elends und Jammers«, liege die Neigung zum Trauerspiel in Bühne und Wirklichkeit. Er verbreitete sich geistvoll über dies Thema in ebenso gedankenklaren wie formschönen Sätzen, um die der beste Schriftsteller ihn beneiden konnte. Das alles schrieb er spielend und hastig herunter, zwischen Dienstgeschäften, ohne sich im geringsten über die außerordentliche Begabung klar zu werden, die aus jeder Zeile, aus jedem Worte sprach. Mal langweilte ihn der Landrat von Alvensleben einen langen Vormittag, mal marschierte eine Justizkommission bei ihm auf, bestehend aus Stadtrat, Amtmann, Aktuar, zwei juristischen Beisitzern nebst Pfarrer und Schulrektor, da es sich teilweise um Interessen der letzteren handelte. »Mein abtrünnig renitenter Amtsbruder Uhlich wird sich dem Konsistorio in Magdeburg für seine liberale Ketzerei verantworten müssen«, brachte der Pfarrer bei der Mittagstafel eine schwebende Angelegenheit aufs Tapet. »Man spricht davon«, ging Otto darauf ein. »Man will ihm über sein Kredo gewisse bestimmte Fragen vorlegen.« »Und ihn dann suspendieren«, bekräftigte der Seelsorger mit nicht sehr christlicher Schadenfreude. »Ein solcher Schritt kann ernste Folgen haben. Unser öffentliches Leben ist schon so aufgewühlt, daß wir nicht noch religiösen Hader brauchen. Das gießt Öl ins Feuer. Indessen ich billige von Herzen, wenn das Konsistorium mal energisch auftritt und nicht in Halbheit steckenbleibt.« Vor einem Jahre noch hätte der Schönhauser Gutsherr lau genug zu solchen Kirchlichkeiten sich verhalten. Unter dem Einfluß der Reinfelder betrachtete er heut die Orthodoxie mit Wohlwollen, beglückte sie mit seiner Anhängerschaft. – »Ich muß eilig zurück, Otto, deine Schwester sieht ihrer Entbindung entgegen«, verabschiedete sich sein Schwager Arnim von ihm, der ihn in Schönhausen besucht und nach Magdeburg begleitet hatte, wo Otto unter anderen seinen Freund v. Gerlach treffen wollte. Er kam aber nicht dazu, mit Konferenzen und Terminen von Regierungs wegen überhäuft. Da ihn das Schweigen von Moritz Blanckenburg beunruhigte, so benachrichtigte er die Braut, daß er auf der Reise zu ihr sich ein paar Tage absparen müsse, um persönlich den Freund durch seine Gesellschaft aufzurichten. Auch Johannas Schelten könne ihn daran nicht hindern. So siegte sein im letzten Grunde treues gutes Herz über eigene Leidenschaft und zufriedene Selbstsucht. Auch stellte er der Braut vor, daß der Geiz, die Wurzel alles Übels, gegen seine zu frühe Lustfahrt in der Liebsten Arme protestiere. Ihn reuten die dreißig Taler Reisekosten, da wegen des harten Winters großes Elend herrschte. Nicht in seinen eigenen Dörfern, wo er dagegen einspringe, doch im Städtchen Jerichow, wo er sich der Armenpflege befleißige. Doch wenn sie befehle, so werde er sich sophistisch herausreden, daß er nicht zu seinem Vergnügen, sondern aus Pflichtgefühl gegen die Braut so handle, und die Armen sollten gleichwohl nicht zu kurz kommen und den Reisebetrag erhalten. Dies praktische Christentum bäumte sich aber jetzt schon gegen die pommersche Bigotterie auf. Denn indem er nach einer Korrespondentin Johannas frug: »Noch 'ne Kusine? who the devil is Pauline ?« wies er ironisch darauf hin, daß in der Bibel nirgendwo ein Mißbrauch des Teufelsnamens verboten sei. Seinen langen Brief, der ihm nüchtern vorkam wie eine Justizkommission, würzte er am Schlusse wieder mit fremdsprachigen Gedichten, einem blasphemischen französischen und einem pathetischen englischen des unseligen Wunderknaben Chatterton, beides ein Zeichen ungeheurer Belesenheit und aufmerksamster Genußfähigkeit für Poesie jeder Art. Nachdem er auch ein » By Jove !« einflocht, schloß er mit einem italienischen Vaterunser sehr melodisch. Draußen sickerte eintönig und trübe der graue Regen, und die innere Liebessonne wollte nicht recht zum Durchbruch kommen unter grämlichen Betrachtungen und Bedenken. Verkaufe, was du hast, gib all dein Gut den Armen und folge mir nach? Konnte man den Willen des Heilandes wirklich befolgen? Was hülfe das? Wer kann all die Armen speisen? Alle Schätze Indiens reichen nicht dazu hin. Im Grunde hat Gott mir mein irdisch Gut nur geliehen, damit ich es verwalte, das Anvertraute darf ich nicht zu meinem Vergnügen verwenden. Ach Gott, überall Kompetenzstreitigkeiten der Pflichten! Je ernster man das Leben nimmt, desto verhängnisvoller! Nur bei Kindern ist heiteres In-den-Tag-hineinleben heimisch. So ihr nicht werdet wie die Kinder ... Die Tiefe dieses Spruches darf man nicht wörtlich nehmen. Denn man muß erst ins Wachsen kommen, um sich dem Sturm des Schicksals zu stellen, und wer sich von dem nicht bis ins Mark erschüttern ließ, weiß nichts vom Willen Gottes. * Hui, Hoiho! Das Eis kam ins Gleiten, von zehn Grad unter Null stieg das Thermometer auf Wärmegrade, und die Schmelze begann. Bei nächtlichem Regensturm hielt der Deichhauptmann am Rande des Stromes, sein Mantel flatterte im Wind, sein brauner Gaul spitzte erschreckt die Ohren und wieherte angstvoll, wenn das Donnern gelockerter und sich verschiedener Eismassen aus der Tiefe empordrang. Aus Dresden kam eine Stafette, daß das Eis sich dort unten in Bewegung setze, das Wasser stieg, einen Zoll jede Stunde. »Herr Hauptmann, wir werden noch 12 Fuß Höhenwasser über Meeresspiegel bekommen«, meldete ein Beamter. »Und wenn Eisstopfung –« »Na wenn schon! Wozu sind wir da, als um die Rebellen zu bändigen? Wir werden schon Meister gehen.« Der Herr v. Bismarck schaute lachenden Mundes über die Achsel auf die Scharen berittener Bauern, die seinen Heerbann gegen die Revolution der Elbe ausmachten. Bei Gott, da unten schmettert es wie Pappenheimer Marsch, und diese Bauernklötze sollten mit mir anstimmen: Frischauf, Kameraden, aufs Pferd, aufs Pferd! Das lange, lange Warten ist vorbei, der Streit hebt an, frisch weht der Hauch eins neuen Kämpferlebens den in Muße Verrosteten an. Er zog den breiten Schlapphut tief in die Stirn, doch sein großes blaues Auge leuchtete über die Eisfläche. So dachten sich die alten Germanen den Wotan, wenn er mit flatterndem Frühlingsmantel voranzieht. ... Seine Braut schickte wieder trübsinnigen Bericht über Krankheit der Mutter und eigenes Übelbefinden. Sie klagte ihren Kleinmut, ihre Unarten und ihre Unverständigkeit an. Er antwortete mit zärtlicher Duldung, daß er selbst noch tausendmal mehr Fehler habe und sie nur immer ihr Herz bei ihm ausschütten solle wie er seines bei ihr, als gegenseitige Beichtväter. – Die Eisschollen machten ihm viel zu schaffen, die aus Böhmen her unter der großen Dresdener Brücke sich nordwärts schoben. Wenn sie sich stauten, konnten sie selber einen Deich türmen, gegen den menschliche Deiche ein Spielzeug. Der Deichwart mußte den ganzen Tag zu Fuß, zu Wagen und zu Pferd zwischen Damm und Strom aufpassen. Es fror wieder auf zwei Grad, der Nordwind schnitt durch die klare Luft, die Eisfelder krachten wie Kanonenschüsse. In prächtiger Mondnacht bäumten sich die marmorweißen Blöcke haushoch und formten Querwände im Strom, gegen die er antobte. Endlich gewann er die Oberhand und zerbrach die Eisschranken. Ein Klirren wie von zerbrochenen Ketten ging vom schäumenden Gewässer aus, das mächtige Schollenquadrate zum Meer hinabschwemmte. Bald rauschte auch noch Hochwasser ins breite Bett der Elbe. Das Eis ergibt sich mürrisch seinem Schicksal, der entfesselte Strom jauchzt, doch die Uferbewohner bangen. Der Herr Deichhauptmann muß auf seinem Posten stehen und nimmer wanken, wenn die Wälle der Eisriesen erdröhnen. »Macht Ihnen das eigentlich Spaß, lieber Bismarck? Die Einkünfte sind recht klein, die Mühen groß, und wenn der Titel hier auch sehr gesucht ist –« fragte ihn der Oberpräsident von Brauchitzsch schon früher einmal. »Wenn die Herren hierherum ohne Gemeinsinn sind, und jeder geschäftsuntauglich oder mattherzig ist,« versetzte der Schönhauser grob, »so muß ich natürlich eintreten. Exzellenz mögen von meiner angeborenen Bescheidenheit einen schlechten Begriff bekommen, doch mein' ich nur, daß ich die bewußten Fehler etwas weniger habe, und das bedeutet nicht viel.« Das tat es aber doch. Recht wenige im weiten Lande hätten es auf sich genommen, in windigen Nächten zu Pferd Rapporte abzuhören und zu senden, wo jede halbe Meile den ganzen Fluß entlang ein Reiterpikett ihm flinke Boten zur Verfügung hielt. Oberhalb nach Sachsen zu trat gerade eine Stauung ein, so daß das Wasser nicht herunterfliehen mochte. »Verfluchte Liederlichkeit! Warum kein genauer Rapport seit Mitternacht?« wetterte der gestrenge Deichhauptmann. »Will die Elbe ein Tänzchen wagen, ich spiel' ihr auf und werde der unbändigen Nixe den Kopf zurechtsetzen. Übrigens geh' ich lieber zu Fuß, als daß ich träge Pferde reite. Wäre die Elbe langweilig, sanftmütig, möcht' ich ihre Flut nicht kommandieren. Also man druff!« Gegen Morgen fiel leise und senkrecht der Schnee, kein Lüftchen rührte sich im Flußtal. Die Eisschollen klirrten, im Wasser gleitend, die Deichwärter standen still wie verschneite Pfähle, Deich und Pferde und Menschen schienen schläfrig einzunicken. Kein Wunder, da sie von Mitternacht bis morgens sechs Uhr ihres Wächteramtes walteten, alle sechs Stunden abgelöst, doch den Deichhauptmann löste niemand ab. Aus dem Nebel tönten gelle Schreie eintönig, ohne den Klang zu wechseln. »Wildgänse, gnädiger Herr«, machte ein junger Bauer sich wichtig. »Gibt Tauwetter.« »Weiß ich selber, Sie schlauer Fritze. Ich habe schon wilde Gänse hier geschossen, als Sie in der Gemeindeschule Abc lernten«, wies ihn der Gutsherr ungnädig zurecht, »und noch viel früher, als ich in Schulferien hier draußen war.« »Det stimmt, gnä' Herr«, brummte ein Alter. »Fix waren Se immer mit die Büchse, und manchen Samstag hatten Se de Jagdtasche voll.« »Na, schon gut!« Otto lauschte lange auf das seltsame Kreischen der Wandervögel, hier willkommene Boten lauer Witterung, sonst geheimnisvolle Musik aus fernen Landen, wohin ihr Ruf die Gedanken entführt. Jenseits der See... jenseits des Todes... fern im Äther... Um die bösen Launen zu vertreiben, unterhielt er sich zwischendurch mit Johanna in einem Tagebuchbrief über drei Tage. Sie schrieb ihm mit einer gewissen jungfräulichen Zurückhaltung, was er als Selbstbeherrschung lobte. Doch dürfe man sich nicht Zwang antun, seine Empfindung zu verbergen, sonst ersticke sie in sich selbst. Unkraut müsse man ausraufen, nicht aber es unter Weizenstroh verstecken, was das Korn ansteckt und das Unkraut nicht tilgt. Die kleinen Disteln seiner Nanne sollten ihn nur ruhig in die Finger stechen, und selbst an Brennesseln könne er sich nicht so wehe tun, wie an den großen Dornen seiner eigenen Seele. An denen müßten sie beide reißen, um sie zu beseitigen, und daran könnten wohl die Hände bluten. Bei Dornen aber blühen manchmal Rosen, und die würden sie wohl stehen lassen. Übrigens habe er das sündige Unkraut ihres Herzens noch gar nicht aufgefunden, und sie müsse ihm wenigstens eine Probe davon bieten. Ihren Acker würden sie beide schon so bestellen, daß das Unkraut nicht in Samen schieße. So ungefähr plauderte er anmutig hin, erhoben durch einen Brief des hochgestellten Beamten von Senft-Pilsach. »Ihnen ist ein kluges, braves, frommes Mädchen zuteil geworden, und das ist viel.« »Viel, daß ein Mädchen, so ist oder daß mir armem Sünder so Unverdientes beschert wurde?« Als ein altes krankes Weib beim Gutsherrn bettelte, und er ihr barsch vorhielt, ihre Tochter habe 100 Taler gestohlen und sitze, leugne aber unverschämt, zitierte der alte Bellin einen alten Vers: »Aus Falsch, List, Trug und Eitelkeit spann die Natur mit äußerst zarten Fädchen ein Flatterding, man nennt es Mädchen.« »So is die Bande, gnädiger Herr. Un' dann nennt sich so wat det Paradestück der Schöpfung.« »Bellin, laßt mich das nicht wieder hören! Das ist lügenhafte Verleumdung. Die Frauen sind im Durchschnitt sicher besser als die Mannsbilder, jedenfalls aber geradeso verschieden. Die alten Jungfern sagen auch immer ›die Männer‹ oder ›der Mann‹, als ob alle gleich wären. Und wir wissen doch selber, daß dem nicht so ist. Man sagt auch ›der Hund‹ als Allgemeinbegriff, und wie verschieden sind doch die Hunde! Vergleiche mal Odin mit einem Affenpintscher oder einen Bernhardiner mit einem Dorfköter! Daß meine Nanne besser ist als die meisten anderen Frauen, glaub' ich allerdings.« Der Alte kratzte sich hinter den Ohren und dachte schlau: So sagt jeder von seiner! Sein Herr aber meinte mit plötzlicher Weichheit: »Gegen die Alte vorhin war ich hart und unbarmherzig. Wir wollen uns doch näher erkundigen.« »Ach, gnädiger Herr sind schon oft geplündert und betrogen worden von heuchlerischem Bettelvolk!« »Nur Gottes Amt ist zu vergelten, wir sehr Ungöttlichen sollten immer uns vor Augen halten: Richtet nicht, auf das ihr nicht gerichtet werdet!« Er versank in Träumerei über einen Brief von Moritz, der trotz aller eigenen Niedergeschlagenheit ihn hoch hinaufwies ins Reich der großen Liebe. Die ist doch eine große Gefahr, und nur uns dann nicht tödlich, wenn man auf ewiges Wiedersehen hofft. Glaubt man aber nicht an Auferstehung oder an die Höllenverdammnis des anderen Teils, wie z.B. bigotte Katholiken von geliebten Protestanten glauben, was dann? Ohne das geliebte Wesen, was wäre der Himmel? Das mag den Bibelchristen Lästerung dünken, aber die wahre und höchste Liebe wäre doch, für den anderen Teil auf die eigene Seligkeit zu verzichten, sich zu opfern, um die andere geliebte Seele zu retten? Ach, warum so ins Äußerste grübeln! Das Tagesbudget ist: bei Riesa, wo die Dresdener Bahn die Elbe überschreitet, ein Dammbruch! Wenn der geschmolzene Schnee vom Erzgebirge und den böhmischen Pässen herunterkommt, kann das nett werden. – Die alte englische Pendeluhr aus Großvaterszeiten, seit 70 Jahren am gleichen Fleck, immer in bester Ordnung, tickte unverdrossen, als eine Wurstkiste aus Reinfeld eintraf und darin ein durchräuchertes Brieflein Johannas. Als er ihn erbrach, blieb die Uhr plötzlich stehen, der Pendel stockte, drei Minuten vor sechs Uhr. Er sah nach, sie war nicht abgelaufen, er stieß sie an und sie ging wieder. Er wurde leichenblaß. Bedeutete dies Omen etwas Übles? Seine Nerven hatten schon einen Stoß erlitten. In voriger Nacht träumte er häßlich, Moritz habe Johanna eingeredet, das ginge nicht so weiter, sie seien beide verdammt, weil Ottos Glaube nicht der rechte sei. Dieser befand sich im Schiffbruch auf rollender See, die Braut aber stieß ihn von der rettenden Planke, die nicht zwei zusammen tragen könne. Verzweifelt fühlte er sich um Liebe und Freundschaft betrogen. Alpdrücken, natürlich! Doch es stimmt so traurig. Und kurz zuvor wollte er einen Ehrenmann ausschelten, weil er am Deich nicht auf dem Posten war, als dieser ruhig berichtigte: »Mein einziger Sohn starb soeben.« Und Mutter Puttkamer klagte in kurzem Begleitbrief, Johanna werde so blaß und mager. Auch das Briefchen der Braut stimmte ihn trübe. Sie warf ihm vor, er wähne, sie mißtraue ihm. Das tue sie gewiß nicht, obschon er ihr einen Pack englischer Verse gesandt habe, über die man sich Gedanken machen könne, warum er sie auswählte. Sie sprächen von einer vergangenen, aber unauslöschlichen Liebe. Trocken erwiderte er: Er habe sie wirklich nicht gemacht, sondern Byron. Wäre er der große Dichter und hätte diese Wahrheit gebeichtet, dann freilich hätte er ein und für allemal geliebt. – Mein Gott, jetzt soll ich auch noch für Byron verantwortlich sein! Soyez Jeanne la sage! Drunten spielte im Garten sein Feldjäger die Flöte nach der Melodie: »Dein ist mein Herz.« Ja für immer, mein guter Engel, nur stirb mir nicht. Die sternenklare Nacht hauchte einen Frost von drei Grad aus, die Elbe stieg drei Fuß und wurde zum See. Ehe sie nicht wieder in ihr Flußlager zurückkroch, durfte er seinen Posten nicht verlassen. Er muß sich mit anderen Brautpaaren trösten, »severed for years« , wie in Byrons wunderbarem Lied »When we two parted« , das er der Braut gesandt, ahnungslos, daß sie Gespenster der Vergangenheit bei ihm vermute. Und einen schwarzen Samtrock sollte er tragen, wie die Herrin ihrem Knecht befahl? Diese reizende Schneiderlaune würde wohl im Winter Bedenken erregen, sein Berliner Leibschneider, Jourez, würde wohl remonstrieren, einen Kunden von ihm in solcher Sommertracht herumlaufen zu lassen. Ritter tragen die Farbe ihrer Dame, doch ließen sie sich nicht den Stoff vorschreiben, nicht mal in Romanen. Mittlerweile fiel das Elbwasser, überragte aber immer noch hoch die Umgegend, durch schmale Dämme aufgehalten, die nur bei Windstille nicht durch den Wellenschlag litten. Er hatte einen langen Brief Johannas in der Tasche, worin sie seiner bösen Vergangenheit viel zartfühlende Aufmerksamkeit schenkte und ihm ankündigte, sie möchte sich totweinen und »I care for nobody« , nur für den süßen Heiland. Ein verschlossenes Herz sei wohl etwas recht Schlechtes? Auch habe sie trübste Ahnungen, sie werde Otto nicht wiedersehen. Auch vergehe sie mit Moritz vor Weh über Marias Abscheiden, untröstlich. – Solche Weinerlichkeit ging ihm doch zu weit, und er führte ihr zu Gemüte, daß sie nur heule, weil sie kein Unglück habe. Das müsse die Phantasie sich schaffen, weil man einen Konsum von Kummer für die seelische Gesundheit brauche, doch allzuviel ist ungesund. Wo bleibe ihre Frische, womit sie Moritz erheben solle? Beide zögen sich gegenseitig hinab in ein Tränenmeer. Moritz würde er noch an den Schultern nehmen und herzhaft schütteln. Dieser unstillbare Schmerz sei einfach Zweifel am Jenseits, an Gottes Liebe. Mit wahrem Glauben sei nur tapfere Fassung und Ergebung in Gottes Willen vereinbar. Es dünkte ihr wohl recht romantisch, to care for nobody ? Erstens sei das nicht wahr, zweitens langweilig zum Sterben, drittens Auflehnung wider Christum, der lehre: »Liebet euch untereinander«. Ein verschlossenes Herz sei gar nicht so übel, man solle es jedenfalls nicht auf der Zunge tragen für jedermann. Doch Verschlossenheit führt leicht zur Falschheit, wovon natürlich die übrigen Vorstellungen der Höflichkeitssitten auszunehmen, die keineswegs zu tadeln sind. Seinen Nächsten gegenüber verschlossen sein ist aber töricht und lieblos. – Dies alles sagte er in ziemlich pedantischen Sätzen und gab zu: »Ich habe den Kopf zu voll von Geschäften, um dir harmlos schreiben zu können. Weine nicht so viel, sei es innerlich oder äußerlich, tust du es aber doch, so laß es mich wenigstens sehen. B.« – Er fühlte sich ganz ungesellig werden. Früher war ihm jeder Besucher recht, der sich gebildet zu unterhalten wußte. Es ging freilich manchmal zu wie in einem Taubenschlag. Hoffart muß Pein leiden, ein Deichhauptmann wird als öffentliche Persönlichkeit überlaufen. Zwanzigmal »Herein!« rufen für gleichgültige Menschen, dabei steigert sich die Temperatur der Brummigkeit. »O Tod, ich kenn's, das ist mein Gutsnachbar.« Unangemeldet klopft er und zerstört zwei kostbare Stunden mit Rederei über Gartenkultur und Eisenbahn. Ein Studierter, hilf Himmel! Zwar gerade kein trockener Schleicher, und eine Fülle der Gesichte stört er nicht, aber solche steifleinene Gesellen konnten den Bräutigam um jeden Humor bringen. »Hildebrand!« »Zu Befehl!« marschierte der Kammerdiener auf, ein Bruder jenes Hildebrand, den er vom Ertrinken gerettet. »Vom Essen bis Sonnenuntergang bin ich für niemand zu Hause, besonders nicht für Herren, zu denen ich ›Sie‹ sagen muß. Verstanden? Marsch!« Auf der Schwelle rief er ihn zurück: »Was macht die Braut, das junge Ding aus Lauenburg? Macht nur bald Hochzeit! Langer Brautstand ist ein saurer Apfel, in den kein Adam gerne beißt.« Ihm standen noch drei Termine mit störrigen Bauern und eine Konferenz mit dem Justizminister in Berlin bevor, wegen einer von ihm vorgeschlagenen Reform des provinzialen Gerichtswesens. Am ersten Mai war offizielle Deichschau, und er hätte dann mit den Hexen, die in dieser Walpurgisnacht durchreisen, auf den Brocken fliehen können, um dort bärenmäßig allein in der Höhle sich zu verstecken, fern von jeder Menschenstauung, sobald er von Reinfeld zurückkam. »Was ist los, Odin?« Der unvernünftige Hund fletschte blutgierig die Zähne, weil ein feiner Herr den Hof betrat, dem man eine indogermanische Abkunft nicht gerade zutrauen konnte. Ach so! Legt das Vieh an die Kette! Ich werde dich noch abschaffen müssen, Gott Odin, mit deinem zu feinen Geruch für Rasseneigentümlichkeiten.« Sobald ein getaufter oder ungetaufter Semit sich innerhalb des Hofgebietes und Schlosses befand, geriet Odin aus Rand und Band, kein Abkömmling von Moses und den Propheten war vor seinen Zähnen sicher. Sein Herr teilte solche Vorurteile nicht, machte sich aber als Hundeliebhaber seine Gedanken über die Idiosynkrasie des klugen Köters. Er fühlte sich jetzt behaglicher, wenn er allein am Gartenfenster auf der Giebelseite stand, über das freundliche Elbtal wegblickte und Reinfelder Wurst schmauste. Der alte Bellin ging ab und zu, wobei dem Gutsherrn einfiel, daß der Inspektor vor 40 Jahren als Reitknecht hier anfing und dessen Frau im Schönhauser Dienst geboren wurde. Und so stand es durchwegs beim Gesinde, als ob die gute Luft konservierend auf diese konservative Gefolgschaft wirke. Otto ließ noch immer bei Briefunterschriften das »von« weg, getreu seinen früheren liberalen Tendenzen, doch ergriff ihn plötzlich ein Feudalstolz, der eine angeborene Beimischung adligen Blutes schien. Bon sangue ne peut mentir , oder, wie die Briten sagen: What's bred in the bone Gehörte er doch nicht zum Briefadel wie die Wartensleben, Renard und viele andere, sondern zum alten echten Blutadel. Die Bismarcks standen in Schloß und Kirche als Bilder: Ritter in Eisentracht, Kavaliere mit Spitzenkragen, langen Locken und Zwickelbart, gravitätische Herren mit Allongeperücken des Rokoko und roten Stöckelschuhen, Fridrizianische Zopfspartaner. Mißbilligend blickten sie wohl auf den Letzten ihres Geschlechts, der zwar als Jüngling die scharfe Klinge und Zechmeisterschaft der Ahnen erbte, doch später so verweichlicht verlotterte, daß er nächtelang muffige Bücher las, mit Bürgern und Bauern wie mit seinesgleichen verkehrte und einer schwarzhaarigen Demoiselle aus gutem Hause wie ein girrender Seladon zu Füßen lag. – – Der Schönhauser stand als Bezirkskommandeur, den Säbel umgeschnallt, auf dem Kirchhofe zu Wust und hielt eine Kontrollversammlung über 400 Landwehrleute ab, wobei es kalt und naß herging. Dann mußte er sein neues Leibroß Mousquetaire in flotte Gangart setzen, um vier Meilen bis Arneburg zu reiten. Dort ging nämlich ein Schiff in der Elbe unter, und bei den Rettungsanstalten entbrannte ein grimmer Bürgerkrieg mit den Eingeborenen, die ihren Deich für beschädigt erklärten. Der brave Hengst Mousquetaire, die Stute Breeze ersetzend, die als Mutterstute zu Dewitz' Gestüt nach Mecklenburg abging, trug seinen Herrn leicht über jeden Graben. Denn er stammte von den englischen Rennpferden Demetrius und Redrover und hielt sich bei der Parforcejagd in Ivenack stets vorn hinter dem Kopfhunde. Dieser englische Jüngling schnob verachtungsvoll über kontinentale Hecken hin, und sein Herr kam sich vor wie einer der drei Musketiere von Alexander Dumas, mit dessen verwunschenen Prinzen Montechristo er freilich wenig romantische Ähnlichkeit spürte. Wenn das Kaminfeuer vor ihm knisterte und Odin mit zusammengelegten Pfoten neben ihm lag, beneidete er keine exotische Herrlichkeit. »Kreuzlahm und brokendown «, fand er zu Hause eine weinerliche Epistel Johannas, die von geplagter Sehnsucht zeugte. Man spürte ordentlich, wie gerade die herzigen Briefe ihres wundersamen Liebhabers ihr keusches Herz erobert hatten, bis es nichts mehr kannte als ihn. Das echte Gefühl jedes Liebenden, das des eigenen Unwertes, gemessen an einem so erhabenen Gegenstand, wie dem geliebten Wesen! Sie fürchte, sie habe ihm mit irgendwas im letzten Briefchen weh getan. Auch ihre Mutter meine, Otto habe ihr etwas übelgenommen und sie wegen ihrer Kopfhängerei gescholten. Sie prüfe »mit rabulistischer Sorgfalt« die Zeilen, ob sie nicht Nahrung für ihren Schmerzenshunger enthielten. Ihr Otto sei auch gewiß krank, das ahne sie schon, Übermut komme stets zu Fall. Sie sende ihm dafür ein schönes englisches Gedicht: O do not look so bright and blessed! Was sie selbst betreffe, so protestiere sie gegen seine Verhimmelung oder die peinliche von sogenannten Verehrern wie Herr Assessor Lepsius. Sie sei doch nur ein schlichtes Landmädchen, ein Gänseblümchen! Übrigens wären ihre Vettern Albert und Bruno, auf die er eifersüchtig scheine, weil sie als Jugendgespielen mit ihr verkehrten, die Unschuld selber. Beiläufig rieche sein letzter Brief nach Moschustinktur, offenbar Medizin. Was fehle ihm? – Gar nichts, foi de gentilhomme ! Der Moschus sei Patschouli, das infamste aller Parfüms, mit dem alle Briefe von Freund Dewitz, dem Mecklenburger, geschwängert seien und von dessen Papieren er offenbar ein Blatt abriß als Briefenveloppe. Alles andere Grillen ihrerseits, der kalte, schwarze Tintenfaden leite so viel Mißdeutung herbei, weil Schreiben nur Notbehelf. Er plaudere ganz harmlos und sein Feldzug gegen ihre Melancholie sei nur eine Manöverübung, wo nicht scharf geschossen wird gegen einen markierten Feind. Ihre Schmerzensliebhaberei sei ihm selber nicht fremd, oft lagerten Wolken über seinem Innern. Das englische Gedicht habe ihm gefallen, doch dürfe man Poesie nicht aufs eigene Leben übertragen. Wenn Mister Grief sich nähere, so müsse man ihn, den Herrn Gram, mit höflicher Ergebenheit erwarten. Daß »die schönsten Dinge am schnellsten sterben«, wie der Brite singe, diese Fälschung der Wahrheit entstehe nur durch unseren ungenügsamen Undank. Wir lamentieren, daß wir das Gute nicht mehr haben, aber daß wir es hatten, was viele andere nie besaßen, das vergessen wir. Und wäre jener Satz wahr, dann müsse man um so mehr die selbstquälende Furcht abschwören, das Gute könne uns je entrissen werden. Gewiß, einmal müssen wir alle scheiden vom Leben und Liebe, also setze dem trägen Gaul des Alltags die Sporen ein und jage über Stock und Stein, auf die Gefahr hin, den Hals zu brechen. Das sei auch ein rechter Unsinn im Gedicht: es wäre besser, to live and die in vestal silence , als »a moment cherished and then cast away« . Solch altjüngferliche Abgeschlossenheit verdorre nur als unfruchtbare Wüstenblume. Und gibt es nicht Eigenschaften, die niemals welken? So wird die Geliebte im Herzen ewig blühen. Mit etwas freilich kränke sie ihn, nämlich mit dem Staunen, daß Leute wie Leps sie anbeten. Das sei deren verdammte Schuldigkeit, sonst wäre er selbst ja ein Geschmackloser, der über deutsche Rosenbeete nach einer Butterblume greife. Im Gegenteil müsse sie jeden verachten, der noch nicht um sie anhielt, denn Monsieur de Bismarck liebt mich, also ist jedes männliche Individuum, das mich nicht anbetet, ein versoffener Trottel. (Das letztere faßte er wieder in französische Worte.) Auf vertraute Jugendgespielen sei er nicht eifersüchtig in deren Eigenschaft als Männer, sondern weil sie gewissermaßen Freundinnen wären in ihrer weichen Zutunlichkeit. Nach solcher beleidigenden Bescheidenheit möge sie vernehmen, daß er über 14 Tage am Samstag unter dem Schutzheiligen St. Rupert die 40-Meilenreise beginnen und am Dienstag Ebernhardus an ihrem Herzen ausruhen werde. – – In Magdeburg tobte ein Krieg der Hausfrauen wegen einer Verfügung in Sachen der Dienstmägde, wobei sich hundert Damen beim Regierungsvertreter Gischel ungestüm zur Audienz drängten. Für so vorlautes Ewigweibliches hatte der schwärmerische künftige Ehemann nur ein brummiges Mulier taceat in ecclesia . Auch eine Audienz bei ihm selber brachte die Reize einer weiblichen Zunge peinlich zu seiner Kenntnis. Eine elegante Dame stellte sich vor als Frau des Postbeamten in Fischbeck. »Wir sind aus Danzig und hier fremd. Mein Mann bindet also, ohne daß jemand etwas merkt, seit Monaten eine Frauensperson den Leuten als seine Schwester auf, die bei ihm wohne. Sie heißt ganz anders, und der gnädige Herr als Polizeibehörde muß es untersuchen, wenn ich bitten darf.« »Sie leben mit Ihrem Herrn Gemahl in Unfrieden?« »Jawohl. Und das Mensch ist meine Rivalin.« »Ist sie hübsch?« schmunzelte er, denn er sah die Antwort voraus. »Die! Keine Spur! Ein Scheusal! Aber so sind die Männer!« »Danke sehr! Also ist sie hübsch! Ich werde die Dame bitten, mir ihre Papiere zur Legitimation vorzulegen.« »Die Dame! der gnädige Herr beliebt zu spaßen.« Mit einem halb giftigen, halb koketten Blick rauschte sie davon. Er wiegte nachdenklich den Kopf. Wie ekelhaft solche Eheverirrung, wo die Leute ihre schmutzige Wäsche auf offenem Markte waschen! Diese fraglichen Weiber taugen natürlich alle beide nichts, und in den höheren Ständen sind nur die Formen anders, das Menschliche nicht. Vor solchem Gekeife behüte uns der Himmel! Ich werde mein Haus rein halten, das schwör' ich, Johanna, und ich werde der Klatschsucht nie die winzigste Nahrung geben. – Sieh' da, die Sonne ist unter, noch neunmal wird sie aufgehen, bis ich auf die Brautfahrt ziehe. Des Märzen Idus sind bald da. – Doch der Mensch weiß nie, was ihm in des Märzen Idus blüht. Und ein Prophet wäre verlacht worden, der ihm und allen Preußen geweissagt hätte: genau über ein Jahr wird ein März ins Land ziehen, den man nie vergessen wird, wo ein mächtigerer Strom als die Elbe alle Deiche überschwemmt, figürlich gesprochen. Johanna hatte ihn brieflich ausgelacht über seinen Aberglauben mit der Uhr und der Traumdeuterei, als tappe er im Nebel, so daß die verständige Braut ihn leiten müsse. Nun ja, wir sind meist problematische Naturen, ein Knäuel von Widersprüchen. Der britische Philosoph des Materialismus, Hobbes, litt an Gespensterfurcht, er leugnete Gott und glaubte an Geister. Gegenüber dem Übersinnlichen muß man sich an Hamlets Worte halten: es gibt mehr Dinge im Himmel und auf Erden, als eure Philosophie sich träumen läßt. So viele mittelmäßige Plattfüße haben diese Weisheit plattgetreten, daß das Geniale zum Trivialen wurde. Und dann schwatzt man von Wundern als von etwas Unnatürlichem, obschon wir täglich Wunder der Natur als etwas Natürliches hinnehmen. Gewohnheit stumpft die Erkenntnis ab, daß wir das Beobachtete schon für etwas Erklärtes nicht halten dürfen. So wenig wie der Menschenseele schaut man einem Naturvorgang auf den Grund, wie altkluge Physiker sich einbilden. Sehr entzückte ihn ihre Versicherung, daß sie ihn immer lieben wolle, auch wenn ihre Herzen in Glaubenssachen verschiedene Wege gingen. Er schrieb gleich eine Antwort darauf nieder, doch kam ihm alles schwerfällig vor, da das Geschriebene meist zu viel sagt und Mißdeutungen nahelegt. Dies um so mehr, als Posthalter Böge in Zuckers offenbar alle Briefschaften aus Schönhausen mit lebhaftem Interesse las, weshalb sie stets zu spät in Johannas Hände gelangten. Otto behielt sich eine Verwahrung dagegen an den Oberpostmeister v. Schaper vor. * Er saß mal wieder allein in der warmen Stube. Sein Verwalter, der Graukopf Bellin, verließ ihn nach gehaltenem Vortrag, nur die Uhr tickte, und das braune Hundevieh Odin gähnte und leckte sich die Pfoten. Als er damals das Gedicht des armen Chatterton, der Hungers starb, für die Braut abschrieb, spiegelte seine aufgeregte Einbildungskraft ihm vor, daß er nebenan in der offenstehenden Schlafstube ein Kritzeln und Umblättern von Buchseiten vernahm. So seltsam verflochten sich in diesem wunderbaren Menschen die zarteste Sensibilität, wie bei einem Medium für alle Geisterstimmen des Alls, und realistische Derbheit, nur daß auch sein kühler Commonsense den Stempel des Ungewöhnlichen trug. Seine unermüdliche Arbeitslust und sein stets nach Beschäftigung und Nahrung suchender Geist ließen ihn heute, wo seine gefestigten Nerven sich vor keiner Spukstunde bei mitternächtiger Lampe fürchteten, sogar nach polnischen und russischen Grammatiken und Diktionären greifen. Daraus schöpfte er neue polnische Liebesbeschwörungen der Anrede und rief »Pilna Panna« (fleißiges Fräulein), als er einen Brief der Braut an dem gewöhnlichen rosaroten Siegel und dem verschnörkelten »Hochwohlgeboren« erkannte. Sie klagte, daß sie blasser und blasser werde, sich aber nicht vor Scharlachfieber fürchte, das in der Umgegend herrsche. Er, der sich vor nichts fürchte, werde sie dafür loben. Das tat er denn auch, man müsse sans peur sein und sans repoche wenigstens danach streben. Furchtlosigkeit halte die Ansteckung ab, doch habe er allen Respekt vor solchen Krankheiten, und sie möge sich nicht einbilden, daß er sich niemals fürchte, mindestens fürchte er für sie. Sie müsse vor allem reiten, und sollte es auf ihm selber sein. Wenn sie die launenhafte Luna nicht lenken könne, dann ein anderes Pferd, das er womöglich selber auswählen wolle. Die Werke von Thomas Moore, für dessen Verse sie nach den Proben schwärme, könne er ihr mitbringen, das werde sie aber enttäuschen, denn nur selten breche bei ihm die süße Schwermut durch, die sie so liebe. Leider habe Moore meist leichtfertiges und sogar unschickliches Zeug geschmiert. Doch sende er ihr ein reizendes Lied »Weinen« als galante Huldigung. Solange ihre Augen gesund seien, möge sie immerhin mit »verträumtem Weh« spielen, es stehe ihr so gut. Er fügte tiefsinnige Wahrheiten bei anläßlich seines eigenen kleinen Wirkungskreises, wie wenig selbst ein König für das Wohl seiner Mitmenschen vermöge, und empfahl ihr Lenau I. Teil, S. 226 das Gedicht »Der Indifferentist« nachzulesen. – Düster erinnerte er sich dabei einsamer Streifereien, den Lenau in der Tasche, wo er am Kniephofer Teich in unergründliche Schwermut versank und auch das Bild von Isabella Loraine aus dem Wasser aufstieg. Und ich mein', ich höre wehen leise deiner Stimme Klang ... Heut hörte er nichts mehr. Wie lange lag das hinter ihm, long long ago ! – – »Werden Sie bald zu Ihrer Braut reisen?« fragte ihn sein Freund, der Jurist v. Gerlach in Magdeburg, wohin er in Geschäften hinüberreiste. »Ich zähle die Stunden, wohl noch 280. Doch l'homme propose; dieu dispose . Das Wetter ist ja toll veränderlich. Als ich im offenen Wagen abfuhr, konnte ich mit Uhland singen: Die linden Lüfte sind erwacht. Eine halbe Stunde später sandte die Elbe eine Windsbraut auf meinem Filzhut, daß mir scharfkörniger Hagel das Gesicht peitschte!« »Eine Braut, die sich schon als Xanthippe gebärdet, behütet vor Enttäuschung!« lachte Gerlach behaglich. »Unsere Altvordern müssen ja ausbündige Erfahrungen mit unseren schönen Urahninnen gemacht haben, als sie das ominöse Wort Windsbraut erfanden.« Geistreich und weltkundig, dabei tadellos als praktischer Jurist stand dieser Freund Bismarcks bei ihm in hohem Ansehen. Gerlach fesselte seinen Geist, wie Blanckenburg sein Gemüt. »Ja, die ganze Gegend wird wieder weiß, heute früh hatten wir sechs Grad Kälte. Die Elbe kann nochmals zufrieren und der ganze Deichkram Ihnen wieder auf den Hals kommen.« »Diesmal hält mich nichts ab, ich verlange Urlaub von der Regierung. Am 27. März gebe ich mich auf die Post nach Pommern, am 20. habe ich leider noch Termine.« »Und die Politik?« sondierte Gerlach vorsichtig. »Beiläufig klagt Brauchitzsch über Unwohlsein. Würde es Sie gar nicht reizen, an seiner Stelle nach Berlin zu gehen? Sie wären dafür der rechte Mann.« »Wie kamen Sie nur auf solchen Einfall! Der majestätische König – will sagen des Königs Majestät – vermißt gern in mir einen seiner trefflichsten Vertreter, er merkt es gar nicht, kennt den Namen nicht mal!« lachte Otto heiter. »Na, die Liebe geht immer vor und jetzt soll jede Scheidewand fallen, die mich von meiner Liebsten fernhielt.« Gerlach schwieg eine Weile und trommelte mit den Fingern auf den Tisch. »Hm! Sprachen Sie mit Wartensleben und anderen Gutsnachbarn über die Landtagsberufung?« »Sehr wenig. Was geht's mich an! Ich glaube nicht an politische Reformen, nämlich, daß sie etwas Wesentliches am menschlichen Dasein ändern. Was versteht denn solch ein Präsident oder Minister! Er rührt Aktenstaub auf, immer nur mit Papier und Tinte in Berührung.« Gerlach rückte unruhig auf seinem Stuhl, er fühlte sich getroffen: »Wer ehrlich seine Akten durcharbeitet, wird doch wohl verständig verfügen.« »Mitnichten! Der tote Buchstabe, den man unter die Menschen ausschickt, tötet das Lebendige mit der kalten Unbiegsamkeit seiner papiernen Floskel. Das Gute, was eine Regierung sich ausdenkt, wird un- und mißverstanden, weil es fast immer mit der schnöden Wirklichkeit und der lieben Gewohnheit kollidiert.« »Ein großer König oder Staatsmann mildert doch sicher das Elend der Untertanen.« »Materiell durch amtliches Wirken? Nie, höchstens ideell, indem er irgendein seelisches Streben seiner Nation erfüllt oder durch sein Vorbild die Zeitgenossen erhebt. Das ist vorübergehend. Erziehen kann man die Menschen nicht zum Idealismus, das Materielle hat sein ewiges Recht, und nur ein selbstbetrügender Narr kann wähnen, er habe eine wirkliche Lebensnot beseitigt, und um eine wirkliche Freude das Volk bereichert.« »Dann müßte jeder in Verzweiflung die Augen schließen, der seinen Mitmenschen nützen will, Sie unverbesserlicher Pessimist!« »Für andere, für das Allgemeine vermögen wir nichts. Übrigens ist schnuppe, ob wir anderen ein irdisches Paradies bereiten würden, denn im Verhältnis zu endlosen Jahrtausenden der Ewigkeit ist das alles eitler Plunder, Staub und Moder. Was hilft den Toten, ob sie im Diesseits Leid oder Freud hatten!« »Ich verstehe ganz wohl.« Gerlach dämpfte die Stimme. »Sie stehen also auf ganz positiv christlichem Standpunkte, der die Erde als Jammertal verwirft.« »Das tue ich auch, doch bedurfte es dazu nicht meiner Bekehrung, denn über den Unwert des Menschenlebens dachte ich immer so.« »Man kann aber anderen in höherem Sinne helfen, seelisch.« »Nein, da muß sich jeder selber helfen. ›Selbst ist der Herr von Selbst.‹ Nur für uns selber hat das Erdenleben einen Sinn, bittere Erfahrung bleibt uns unverloren und wird folgenreich. Man erstrebt die eigene Heiligung oder büßt sie ein. Und später –« Er senkt tiefsinnend das Haupt. »Früher glaubte ich an die Wiedergeburt der Inder, was man bei uns irrtümlich Seelenwanderung nennt. Auch ein kluger Kopf wie Lessing glaubte daran, obschon er die Lehre nur verfälscht von den Ägyptern überkam. Heut als Christ – nun, da hab' ich keine klare Vorstellung vom Jenseits, doch verlasse ich mich auf Gottes Weisheit, die schon das Förderliche kennen wird. Übermorgen«, brach er ab, »habe ich eine sonderliche Schweinerei. 41 Bauern zanken, jeder haßt die anderen 40, jeder opfert gern 30 Taler, wenn nur der andere 10 verliert. Mein biederer Vorgänger verschleppt die Chose vier Jahre mit Terminen ohne Ende, wobei er von jeder Partei Geschenke bekam, die Gerichtstage aber zu Wirtshausprügeleien ausarteten.« »Dies zweifelhafte Vergnügen wird wohl ein Danaidenfaß werden, ein unausschöpfbares. Verbissene Bauern bringt kein Mensch auseinander.« »Na, wollen mal sehen, ob ich's nicht zustande bringe. Die selige Mutter schimpfte mich immer Diplomat. Diplomatie der Grobheit ist mein Stil, und ich werde mit den Kerls Plattdütsch reden, so gediegen, hanebüchen, saftig, daß sie die Mäuler aufsperren.« – Bravo, Junker v. Bismarck! Schmeichelnd, liebenswürdig und klotzig grob, selber oft als Jubiter tonans brüllend und zornig, brachte er alle unter einen Hut. Vier Stunden dauerte dies Behämmern widerborstiger Bauernschädel, doch endlich hatte er sie zusammen. Als er mit sämtlichen Unterschriften in den Wagen stieg, empfand er ein Hochgefühl. Ja wahrlich, wer vierzig störrige Bauern vereinigt, der könnte auch vierzig giftige Kleinstaaten einen. So vermessenen Vergleich zu ziehen lag ihm fern, doch sagte er sich, daß nur persönliche Suggestion in einem Kreise, den man kennt und übersieht, zum Ziele führt. Zankende Bauern sind kein Gegenstand, wohl aber die Gewißheit, daß das Volk nur Frieden hält, wo der Regierende unmittelbar mit den Regierten verkehrt. Da hat man noch Freude an einem Amt, und es ist ein Fluch der Könige und der meisten Minister, daß sie von der wahren Realität nichts wissen. – Der König fuhr in seinen Widersprüchen fort, ermutigt durch seinen Vertrauten, den Gesandten v. Bunsen, der überall tiefsinnig beteuerte: »Der König weiß, was er will.« Erst berief er die Ausschüsse aller Provinziallandtage nach Berlin, behandelte aber den konstitutionellen Standpunkt als eiteln Wind von Tageslehren. Erst lüftete er der Presse den Zensurknebel, verbot aber dann selbst den Verkauf auswärtiger liberaler Zeitungen. Er ließ den badischen Abgeordneten Hecker als Unheilstifter ohne weiteres von der Grenze weisen, weil dieser unter Vorwand einer Vergnügungsreise ins Preußische nur böses Blut machen wollte. Da war der König in seinem guten Recht, nur hätte er dann nicht vorher großartig ein freies Wort gestatten sollen. Und so ging es im Zickzackkurs hin und her, weder die Konservativen noch die Liberalen zufriedenstellend, bis plötzlich am 3. Februar 1847 die Bombe platzte und ein »Patent« wirklich eine Art Reichstag berief. Doch was er mit dieser Hand gab, zog er mit der anderen zurück, denn er stellte es als bloßen Akt der Gnade dar, wodurch er natürlich jeden Rechtsbegriff für Verfassungslehre unterband. Bei mehreren elbischen Standesgenossen fand der Schönhauser Deichhauptmann Verständnis für seine halbliberalen Anwandlungen. Man besprach die Broschüre eines jüdischen Justizrats Simon, welche einfach riet, ein solches bloßes Gnadengeschenk abzulehnen. »Zweifellos steht das im Widerspruch zu den allerhöchsten Verordnungen vom 22. Mai 1815 und 17. Januar 1820«, bemerkte Herr v. Schierstädt. »Alles, was recht ist.« »Bah, Macht geht vor Recht«, lachte der Deichhauptmann geringschätzig. »Wenn die Doktrinärs ihren Rechtsboden haben, so hat der König Kanonen genug, ihn zu durchlöchern. Auf so was laß ich mich nicht ein. Wahr aber ist eines: Nicht weil der König es will, soll Recht recht sein, sondern weil es recht ist, will es der König. So denkt sich der loyale Staatsbürger das wahre Königtum.« Der andere räusperte sich. »Man denkt sich viel. Majestät sind sich gewiß der reinsten Absichten bewußt, doch sollen allerhöchst sie noch vor zwei Jahren zu Herrn v. Bunsen und Lord Aberdeen geäußert haben – ich habe es aus bester Quelle –: Im Laufe der Jahrhunderte möge sich wohl aus unserer städtischen Ordnung eine Verfassung entwickeln. Glauben Sie, unsere hitzige schnellebige Zeit, die schon per Eisenbahn fährt, werde so lange warten?« Der Schönhauser zuckte mißmutig die Achseln. »Die Welt wird schöner mit jedem Tag, man weiß nicht, was noch werden mag.« »Das ist von Uhland, nicht? Der hat auch gesungen: Wenn heut ein Geist hernierstiege, zugleich ein Sänger und ein Held ... na, von Sängern haben wir schon übergenug, aber Helden sind rar. Überall in Deutschland drängt sich das Revolutionäre vor, in Baden, Bayern, Hannover, Sachsen ... alles ein großer Augiasstall und nirgends ein Herkules mit dem Kehrbesen oder der Mistgabel. Hehe, lieber Bismarck, wenn's die Gliedmaßen täten, dann wären Sie selber zum Herkules bestellt ... aber auf den Zollstock kommt's dabei leider nicht an, man müßte auch einen herkulischen Schädel haben mit Genie drin. Und wo im ganzen deutschen Vaterland würde solch Genie ausgebrütet!« »Ich lasse bisher meine Hennen brüten«, brummte der Schönhauser unwirsch. »Die gackern auch über jedes gelegte Ei, wie unsere Berufspolitiker, bis man sie selber mit faulen Eiern wirft. Tant de bruit pour une omelette! « »Sie zählt man eigentlich schon zu den Liberalen,« lächelte Graf Wartensleben-Karow, ein liebenswürdiger und begüterter Edelmann, »denn gegen die Bureaukratie schimpfen Sie doch ohne Rückhalt, wozu ich Beifall klatsche.« »Bah die Beamten sind aber gerade die eigentlichen Liberalen ... rein politisch betrachtet«, lehnte Bismarck ab. »Die wollen alle mit Haut und Haar eine demokratische Reform. Es steckt ihnen eben die Erbschaft von Stein und Hardenberg in den Kaldaunen!« »Ich fürchte, selbst im hohen Adel gibt es räudige Schafe, die zu sehr nach links ausbrechen«, fiel Herr v. Schierstädt-Dahlen ein. »Ich hörte da allerlei über Äußerungen des Fürsten Lichnowski. Übrigens, Bismarck, können Sie kaum leugnen, daß Sie wirklich ein Stück Liberaler sind. Denn gegen eine Verfassung wenden Sie nicht viel ein.« »Das kommt drauf an. Ja, ich bin ständisch-liberal. Im übrigen muß man zugeben, daß der hochselige König einst eine Verfassung versprach, dafür gab er uns im Edikt von 1823 die Provinziallandtage. Daß das Volk damit nicht zufrieden ist, versteht man. Doch die aufsässige Art, womit jetzt vom neuen Monarchen alles Mögliche und Unmögliche verlangt wird, widerstrebt meiner monarchischen Gesinnung. Immerhin, es muß etwas geschehen.« »Se. Majestät erklärten ja gleich nach dem Regierungsantritt, eine Verfassung passe nicht für preußische Bedürfnisse«, bemerkte Graf Wartensleben und strich sich nachdenklich den Bart. »Mag sein, dann hätten Majestät aber nicht häufig sich in Begeisterung hineinreden müssen, er wolle Preußen Freiheit und Deutschland Einheit schenken. Majestät sind ein großer Theologe und meditieren viel über das göttliche Recht der Könige. Aber daneben ist der hohe Herr sozusagen belletristisch angelegt und schwärmt für Kunst und Wissenschaft, weniger fürs Militär, wie unsere anderen Hohenzollern. Das scheint mir bedenklich.« »Der König redet, unter uns gesagt, ein bißchen viel«, setzte Schierstädt fort. »Er redet ja großartig, nur etwas zu pompös, aber oft versteht man nicht, was er eigentlich sagt. Er hat so was wie ein griechischer Lehrer der Rhetorik.« »Hoffentlich meinen Sie nicht die Sophisten«, lächelte Wartensleben fein. »Ich werde manchmal nicht klug daraus, wohin der neue Kurs geht. Heut heißt es so, morgen so. Der abscheuliche Strauß in Süddeutschland soll ja ein Pamphlet losgelassen haben: ›Julian Apostata oder der Romantiker auf dem Throne‹ von deutlicher Anspielung.« »Das ist unverschämt und voreilig«, brauste Bismarck auf. »Man soll dem König doch Zeit lassen. Ein bloßer Kunstprofessor ist er gewiß nicht, kein Pedant und Philister. Daß er seine ultraliberale Bureaukratie nicht leiden kann, fühle ich ihm nach. Nur schmerzt mich, daß die Armee, wie man vielfach hört, sich über Gleichgültigkeit des Monarchen für militärische Interessen beklagt. Das darf doch nicht sein. Wenn die Offiziere zu murren anfangen, dann wehe Preußen! Wenn man historische Vergleiche ziehen will angesichts so revolutionärer Neuerungen, dann möcht' ich lieber Karl I. als Jakob I. von England haben.« »O weh, was für tragische Vergleiche!« Schierstädt schüttelte sich in komischem Grausen. »Nur nicht den Teufel an die Wand malen! Bis zu den Stuarts ist's noch weit. Doch freilich, wenn Majestät immer nur für Vollendung des Kölner Doms schwärmt, dann wird man auch bald über Papismus schreien. Wie ich höre, sind auch die Frau Prinzessin von Preußen sehr katholikenfreundlich. Das macht in Altpreußen nur übles Blut. Unser Adel ist protestantisch bis in die Knochen.« »Nun der König will ja auch ein protestantisches Bischofstum in Jerusalem errichten, und vom Besuch in England brachte er Neigung für die anglikanische Kirch« mit. Vielleicht will er Katholizismus und Protestantismus ein wenig annähern und verschmelzen.« Bismarck hatte ein müdes ironisches Lächeln dabei. »Die Reform der Kirche kann offenbar nicht warten, die politische hat noch gute Weile.« »Gott ja, die Kirchenangelegenheiten sind so schrecklich zeitgemäß!« Schierstädt lachte laut. »Kommen wir zur Sache! Die Vereinigung der acht Provinziallandtage als vereinigter Landtag wird dem Volke kaum genügen, solange nur Eisenbahn- und Steuerfragen dort behandelt werden sollen. Die Zweite Kammer sticht auch sehr ab gegen die Erste, das Herrenhaus. Immerhin ist's ein guter Anfang, und ich beglückwünsche Sie nicht, Bismarck, daß Sie bei der Eröffnung nicht anwesend sind. Dieser 11. April 1847 wird sicher von Bedeutung sein, und das wäre was für Sie unruhigen Geist.« – – Otto Bismarck war ganz einfach ein verliebter Bräutigam. Wenn seine Braut mal nicht zur rechten Zeit einen Liebesbrief schickte, lief er umher wie ein brüllender Löwe, »Jeanne la méchante!« »Tigresse!« »La chatte la plus noire!« Das Einstreuen französischer und englischer Brocken konnte er nicht lassen. Sogar Byrons Gedichte an die Schwester Augusta schrieb er seitenlang ab, um seine Gefühle auszudrücken, als sei er ein von aller Welt verlassener Verfemter, dem nur ein treues Frauenherz gehört. Zuletzt mußte er selber lachen und setzte darüber: » All nonsense! « Worauf er als echter Diplomat eiligst dem Gefühlskreis Johannas sich anpaßte und einen Bibelspruch hinsetzte: »Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, haltet an am Gebet. Alle Engel wollen Dich behüten, mein geliebtes Herz.« So geschehen am 14. März. Die politischen Ereignisse, die sich vorbereiteten, ließen ihn völlig kalt. Bruder Bernhard in Naugard, Schwester Malwine von einer Tochter entbunden, Termin wegen Kreissparkassen, andere Polizeigeschäfte als Gemeindevorsteher – das alles kümmerte ihn weit mehr. Die Langeweile war sonst sehr groß. Ein Sonntag auf dem Lande hat's in sich. In seiner Unruhe über Ausbleiben des gehofften Liebesbriefes lief er zwei Stunden im Regen auf der Chaussee herum, ohne sogar die geliebte Zigarre anzuzünden, und summte nach erfundener Melodie vor sich hin: »Qu'est que cela veut dire? And why don't you write?« Am Abend kam sein Herr Nachbar, ein Stadtrat Gärtner. Verfluchter Kerl! Bleibt noch zum Abendessen, den Sonntagabend darf man auf dem Lande nichts anderes vorhaben, als sich besuchen lassen. »Wissen Herr v. Bismarck schon, daß es in Berlin nun wirklich losgeht mit dem Vereinigten Landtag? Die Magdeburger Stände senden alle Herrn v. Brauchitzsch. Leider ist der etwas leidend, wird sich hoffentlich geben. Man wird aber für alle Fälle unter den sechs Stellvertretern Sie an die erste Stelle setzen.« »Mich? Mein Gott, ich bin ja noch fremd in der Provinz, so lange in Pommern.« »Aber doch hier erbeingesessen. Wir halten alle große Stücke auf Sie, mein verehrtester Herr. Mit Ihrem offenen Kopf und freimütigem Wesen werden Sie uns sicher im Landtag Ehre machen.« »Das Vertrauen freut mich. Aber fürs erste ist Brauchitzsch an der Reihe, und ich habe viel Wichtigeres zu tun, nämlich mich bald zu verheiraten!« »O, gratuliere. Ich sehe wohl, wir dürfen nicht so plötzlich aus dem Hinterhalt ein Attentat auf Sie verüben, hehe! Ihre gnädige Frau Schwester hat ein glückliches Ereignis hinter sich, wie aus der Zeitung ersehe? Hoffentlich alles gut gegangen?« »Danke, beide Damen befinden sich wohl, Mutter und neues Töchterlein. Wissen Sie, werter Herr Nachbar, die Familie ist doch das einzig wahre, das ist das einzige warme Nest, was man hat fürs Gemüt. Die Politik mag für sich selber sorgen, die läuft von selber ihren Gang. Alles kommt doch so, wie es kommen muß.« »Ha, die patriotische Staatsbürgerpflicht, die doch Herr Deichhauptmann so pflichtgetreu in Ihrem Ehrenamt erfüllen –« »Das ist was anderes. Noblesse oblige man muß natürlich sein tägliches Pensum abarbeiten für das Gemeinwohl. Aber was darüber ist, das ist vom Übel. Seine Majestät haben nur Bedarf für einen Staatsmann, sich selber, den unumschränkten Herrn von Gottes Gnaden, der die Verantwortung trägt, und er allein. Was hat man sich da viel hineinzumischen!« »Nun ja, aber man hat doch seine Grundsätze, politische, meine ich.« »Grundsätze sind nur dazu da, um auf die Probe gestellt zu werden. Dann schmeißt man sie nämlich weg, wie der Bur seine Pantinen, und läuft barfuß durch den Dreck. Unsere Beine sind alle von Natur gleich gewachsen, jeder marschiert seine eigene und doch die gleiche Route, sie heißt ungesunder Eigennutz, lieber Herr Stadtrat!« Dieser Herr wollte sich krümmen vor Lachen und schwor sich zu, solche faulen Witze des tollen Bismarck recht weit zu kolportieren. Der Alleingebliebene sah trübe in die Nacht hinaus. Abends befiel ihn stets eine Aufregung, wenn er einsam für sich blieb, als drängen von allen Seiten erdrückende Gedankenmassen auf ihn ein, seltsame, düstere Ahnungen ungewisser Zukunft. Eine ungeheure Einsamkeit schien sein Inneres zu umlauern, als ob ihn niemand verstehen könne und er sich selber nicht. Wenn seine Johanna nun von den Sumpffiebern ihrer Gegend erkrankt wäre, wenn der Tod sie ihm nähme, dann wäre er so einsam wie noch nie in seinem einsamen Leben. Willig dem Weltschmerz untertan, der damals noch seit Byrons Tode in ganz Europa umging, hatte er in seinem wüsten Wandel der Kniephofer Zeit oft Byrons Vers gemurmelt: The heart, the heart is lonely still. Er hatte niemand, dem er sich anvertrauen konnte, seine glücklich verheiratete Schwester schied aus seinem näheren Dasein. Er blickte zu dem verblaßten Ahnenbild jenes burschikosen Vorfahren auf, dem er leiblich so glich, und lächelte bitter. Mit dem Degen in der Rechten und dem Humpen in der Linken durchs Leben trotten, das taugte für jenes robustere Geschlecht. Doch der Burschikosus Otto in Göttingen und der wilde Junker vom Kniephof wußten beide, daß Fechten und Saufen nicht ein menschenwürdiges Dasein ausfüllen. Und das Tagewert der Landwirtschaft, dem er sich gewidmet, um einen Lebenszweck zu haben, konnte unmöglich für immer befriedigen. Das mochte gut für all die anderen Standesherren sein, die gelegentlich auch für Weib, Wein, weniger Gesang, schwärmten und dabei doch Narren blieben ihr Leben lang. Den alten Luther in Ehren, aber das Schwärmen für Weiber macht doch erst recht zum Narren. Davon wußte der stürmische Schönhauser Riese ein Lied. Mais que faire! Lang und öde dehnte sich die Zukunft vor ihm aus, man wurde recht alt in seiner Familie, sollte das stets so weitergehen? Den Staatsdienst hatte er sich abgeschnitten, jetzt war's zu spät, als älterer Mann nochmals dort anzuklopfen, und alles, was Examina hieß, brachte ihm das Frieseln auf die Haut. Sein Leben lang hier verbauern? Vierzig Meilen in der Runde kein sterblicher Mensch, mit dem man versucht wäre sich auszuplaudern. Man schwatzt so hin über Tagesgeschäfte, was gerade die Höflichkeit verlangt, sonst jede Seele so wolkenfern, als hätte man sie nie gekannt. In diesen öden, kahlen Räumen ist nicht schön hausen, nur Johannas liebendes und geliebtes Herz kann sie erwärmen. Wenn nur sie mir bleibt! Politics, all nonsense, love is every thing. Aber wenn das Geliebte stirbt, ist der Überlebende der ewige Sterbende. Ich bin eine alte Eiche, Nanne ist zart. So lebt man in Schmerz und Furcht dahin, es gibt keine ärgeren Egoisten als Schmerz und Furcht, die sich immer nur in sich selber einbohren. – Na, Gott sei Dank! Der geliebte Brief kam nun. Chére et bonne , geliebteste Geliebte! Und die Eifersucht auf Freundinnen, Hunde, Bücher, Blumen, Vögel, die meine Süße von ihrem Otto ablenken könnten, ist auch nur krankhafte Empfindlichkeit. Der liebe Schwiegerpapa ist auch geneigt, die Heirat zu beschleunigen, »als Trauung ohne alles Aufsehen«, weil Frau v. Puttkamer immer noch leidend. Jetzt geht's wieder an die Deicharbeit, Inspektionsreise. Um Mitternacht in Genthin schlug die erste Nachtigall, und der gestrenge Herr Deichhauptmann hätte beinahe Verse gemacht, wovor er sich aber trotz seiner Leidenschaft für Poesie geschmackvoll hütete. Sonst hätte er ein Gedicht verzapft »Auf Johanna und Brunette«, ihr Reitpferd, das sich störrig zeigte und ihm angst machte, das er aber, weil die Stute auch weiblichen Geschlechts, ritterlich entschuldigte, es sei nicht bös gemeint gewesen. Lieblich und traulich, offen Herz zu Herz, in der Sofaecke mit Nanne plauschen, davon sang die Nachtigall. Und außen stand er wieder in Wind und Wetter auf dem Deich mit Schulzen und Baubeamten. Nur Geduld, es dauert nicht lange mehr. Juanita better half of myself! Aber alle Welt dachte nicht an Herzenssachen und redete von noch Stürmischerem als Deichen der Elbe, bei deren brausenden Frühlingslaunen der stramme Wachtposten Bismarck doch singen konnte: Steh' ich in finstrer Mitternacht, so denk' ich an mein fernes Lieb! Nein, nur der neue Landtag stand auf der Tagesordnung, weil er auf jede Tagesordnung neue Anklagen der starken Opposition setzte und sich von Tag zu Tag verbitterter zeigte. * »Die Woche fing ja gut an, sagte der Räuber, als er am Montag gehängt wurde«, lachte der Herr v. Schierstädt, der sich sonst fernhielt und nur als Kirchenpatron später in die allgemeine Bewegung verwickelt wurde. »Die Eröffnungsrede im Weißen Saal hat nicht gerade Anklang gefunden und Seiner Majestät die getreuen Stände schon ein wenig entfremdet.« »Ich habe die Rede gelesen«, brach der Deichhauptmann kurz ab. »Na, was sagen Sie dazu? Wes das Herz voll ist, dessen geht der Mund über. Aber hier floß ein Mund von Metaphern über, ohne daß man spürt, wovon das Herz voll – doch pardon, ich verletze die schuldige Ehrerbietung.« »Wir wollen uns keine Kritik erlauben,« fiel Wartensleben ein, »aber das verstehe ein anderer! Majestät erklären sich feierlich als unversöhnlicher Feind des Absolutismus, deshalb würden allerhöchst sie ihre Krongewalt ungeschwächt erhalten! Nie dürfe ein Blatt Papier zwischen ihn, den Herrgott im Himmel und seine Untertanen treten. Geschriebene Paragraphen sollten nicht die alte heilige Treue ersetzen, das natürliche Verhältnis von Fürst und Volk nicht ein konventionelles sein. Dann erhob sich der hohe Herr vom Thronsessel und bekannte: ›Ich und mein Haus wollen dem Herrn dienen.‹ Nur kein Gelüst nach Selbständigkeit bei echten Preußen! Also aus der Fülle seines Herzens Willkommen, Versprechen, Drohungen, Warnungen, Beteuerungen! Auf solche Weise wird ein Gebildeter, der mit der öffentlichen Meinung marschiert, doch wirklich ins Lager von Seiner Majestät allergetreuester Opposition hinübergedrängt.« »Mir ist aber der Satz aus der Seele gesprochen,« trumpfte der so viel jüngere Schönhauser ab, »Preußen sei auf Zentralismus der Regierung durch seine geographische Lage angewiesen, wie eine belagerte Festung dem Kommandanten untersteht.« »Es kann doch aber nicht immer Belagerungszustand sein und absolutes Kriegsrecht walten«, fiel Herr v. Schierstädt ein. »Sehen Sie, ich mag ja auch nicht gutheißen, welche dreiste Lippe der liberale ostpreußische Adel riskiert. Alfred Auerswald und der v. Saucken bekennen sich ja als richtige Demokraten, wenigstens nach unseren Begriffen. Aber das mußte die Versammlung doch gleich in Mißmut versetzen, daß Seine Majestät ohne weiteres ihr vorhielten, er würde sie nie berufen haben, falls er geargwohnt hätte, die Abgeordneten würden sich mißverständlich für sogenannte Volksvertreter halten. Das Kurze und Lange war: man würde sie nach Hause schicken, falls sie sich nicht anständig benähmen. Seine königliche Großmut mache dem Zeitgeist unverdiente Zugeständnisse.« » De jure ist das auch so«, erinnerte Bismarck trocken. »Der König von Preußen ist absoluter Herrscher von Gottes Gnaden, und es ist ein in der Geschichte seltenes Ereignis, wenn er sich freiwillig einiger Rechte entäußert.« »Freiwillig wohl nicht so ganz«, Wartensleben zuckte die Achseln. »Der Druck der öffentlichen Meinung ist am Ende auch ein Zwang.« »Bah, Zeitungspapier. Im übrigen stimmen wir ja überein, daß eine gewisse Kontrolle den Absolutismus beschränken müßte. Sonst gewinnen allerlei unberufene Günstlinge die Oberhand, vor allem Weiber und Pfaffen.« In diesem Augenblick suchte ihn ein Expreßbote mit einem Eilbrief aus Berlin. »Sie entschuldigen, daß ich packen muß. Die Herren v. Bülow-Kammerow und Dewitz-Wilzow sowie ein Stadtrat aus Magdeburg laden mich ein, unverzüglich nach Berlin zu kommen wegen hochwichtiger Konferenz. Was mag das sein? Wohl wegen Patrimonialgericht!« – – »Sie dürfen sich dem ehrenvollen Antrag nicht entziehen«, beteuerten die ständischen Herren, mit denen er in Berlin zusammentraf. »Brauchitzsch will, obschon von seiner Erkrankung halb genesen, nur dann austreten, wenn Sie sein Mandat übernehmen. Wir haben eben alle ein besonderes Vertrauen zu Ihnen, daß Sie den Kreis am besten vertreten werden.« »Von Herzen Dank! Aber, meine Herren, ich stehe vor meiner Verheiratung, die ich dann verschieben müßte. Das ist viel verlangt.« »Das Vaterland ruft und ist in Gefahr. Der Landtag wird täglich toller, alle Besonnenen müssen ihn am Wickel nehmen. Nicht etwa als ob – mißverstehen Sie nicht, wir alle sind auch für gewisse Reformen, aber dies Tempo Fortissimo kann ein loyaler Preuße nicht mit ansehen.« »Ist's denn so arg? Man wird doch nicht den schuldigen Respekt vor der Krone verletzen?« »Und ob! Kommen Sie mal 'rin in die gute Stube!« rief Herr v. Bülow, »da werden Sie Ihr blaues Wunder erleben. Die Ostpreußen sind die Tollsten, aber die annektierten Rheinländer sind auch nicht übel. Da sind v. Heydt und Hansemann und Ludolf Camphausen aus Köln, da ist Beckerath. Ja, und Herrn Georg v. Vincke müssen Sie hören! Das ist ja die reine Konventrednerei! Ein Liber Baro aus Westfalen!« »Hm!« Bismarck überlegte. Den Kopf konnte es ja nicht kosten, lange dauerte die Session nicht, dann die Hochzeit ... Die Magdeburger Stände beleidigen hieß jede Hoffnung auf ständische Lebensunterstützung aufgeben. »In Gottes Namen, ihr habt mich!« – * Es folgten aber zweitägige Konferenzen über ständische Patrimonialfragen so angreifender Art, daß der schwächere Herr v. Bülow einen Ohnmachtsanfall bekam und der riesige Otto sich Kopfschmerzen holte. »Ich sterbe Hungers, Papa«, rief er dem alten Puttkamer zu, der ihn mit seinem Freunde v. Thadden und dem jüngeren Herrn Alexander v. Below-Hohendorf im Café Royal erwartete, alle wegen Landtag in Berlin, »und habe Migräne vor Aufregung. Am Vormittag bin ich mit allerlei Landmarschällen und Präsidenten – Name unter Diskretion – in diesem gottlosen Berlin herumgerannt, und nachher die Konferenz – brr!« »Na, Ottochen, du Kleiner, wie dich Nanne nennt,« schmunzelte der Alte, »dafür ist Auerhahn gut, hab' ich mir sagen lassen. Der famose Vogel, den Mama dir geschickt hat – du hast ja 'nen Zahn auf solche Chosen –, liegt seit vorgestern in der Beize und hier haben wir ihn gut braten lassen. Das wird deinen zarten Korpus wohl restaurieren.« Das Diner verlief flott und angeregt. »Um Gottes willen, schon wieder Champagner, den ich dir streng verbot!« jammerte von Thadden, als der alte Puttkamer kräftig der Pulle zusprach. »Und noch Zigarren!« »Was kann das schlechte Leben helfen! Unser Herr ärgert sich, wenn wir seine schönen Gottesgaben unbenutzt lassen!« lachte der heitere alte Herr. »In Gegenwart von Otto nicht trinken und rauchen ist überhaupt eine Majestätsbeleidigung für seine allerriesigste Person!« »Prost, Papa!« Der Riese stürzte sein Glas hinunter. »Nun erzählt aber mal, wie ihr die Dinge hier anseht!« Jeremiaden, gedämpft durch Verlegenheit. Der Landtag hatte damals dem König, der in rednerischen Künsten schwelgte, geduldig zugehört. Er hatte ja ein geistvolles Gesicht mit gewölbter Stirn, doch »stand ihm die Uniform nicht gut, mit Respekt zu melden«, murmelte Herr v. Below halblaut. Den endlosen Schwulst nahm die Versammlung zu sich, aber leider ohne ihn zu verdauen, und ging unwillig auseinander. Halblauten Äußerungen der Enttäuschung folgten laute Ausbrüche der Entrüstung bei den radikal Gesinnten. »Ein Skandal, sag' ich dir!« trauerte der alte Puttkamer. »Seid untertan der Obrigkeit, die Gewalt über euch hat, sagt die Heilige Schrift. Diese Heiden wollen die göttliche Weltordnung nicht gelten lassen, das ist ihr großes Verbrechen. Je nu ja! Auch ein König von Gottes Gnaden is ja am Ende ein sündiger Mensch, und Se. Majestät kann ja wohl möglichenfalls auch irren. Aber er ist doch von Gottes Gnaden erleuchtet, sozusagen vom Heiligen Geist.« »Das wollen wir nich' so beschreien!« brummte v. Thadden launig und fügte halblaut hinzu: »Der Heilige Geist kann keine Dummheiten machen, und ein König – du sagst ja selbst, ist ein fehlbarer Herr. Womit ich natürlich nichts gesagt haben will. Doch die Stimmung unter den hohen Beamten, mit denen ich verkehre, ist ungünstig.« »Von der Bevölkerung hier ganz zu schweigen«, fiel Herr v. Below ein, der verdrießlich und gleichsam pantomimisch an einer Knackmandel des Desserts kaute. »Ich bin natürlich pflichtschuldigst außer mir über diese Tonart, aber – aber! Die öffentliche Meinung – die allgemeine Bildung –« »Lieber Freund,« unterbrach ihn Bismarck stirnrunzelnd, »Sie sind gewiß ein wohlerzogener junger Mann und ungeheuer gebüldet. Pardon, wir sind ja en petit comité und etwas angeheitert. Aber mit der allgemeinen Bildung lassen Sie mich zufrieden, das ist auch so eine öffentliche Schablone, von der ich nichts halte. Na Prost! Ich werde mir morgen die Budike besehen! 9. Mai 1847!« Das tat er denn. Die Rheinländer mit ihren überkommenen Phrasen aus der Franzosenzeit fielen ihm auf die Nerven und rührseliges Pathos des Herrn Beckerath mißfiel ihm. Dabei gewann die Opposition nicht nur täglich an Boden, gestützt auf allgemeinen Beifall der Städte, der Zeitungen und der besseren Berliner Gesellschaft, sondern sie spitzte sich mit zunehmender Schärfe auch gegen den grundbesitzenden Adel zu, die verhaßte Klasse der »Junker«. Viele der letzteren, ursprünglich ziemlich indifferent, fühlten sich daher in ihren Standesvorrechten und materiellen Interessen bedroht. Ihrer Aufstachelung bedurfte es aber nicht, um die stark ausgebildete Agrarierselbstsucht des jungen Gutsbesitzers zu wecken, der plötzlich sich ganz auf die äußerste Rechte schlug, früher bekundeten Ansichten zuwider. »Na na. Sie sind plus royaliste que le roi «, beschwichtigte ein älterer Edelmann. »Man nich so hitzig!« »Sie werden sehen, wie bald uns das Feuer auf den Nägeln brennt, und da wird Ihnen wohl heiß werden«, fuhr der grollende Schönhauser auf. »Diese Leute wollen langsam Stein für Stein die alte Ständeordnung niederreißen. Und wo bleiben dann wir? Mein Freund Moritz Blanckenburg schrieb mir sehr aufgeregt, die Teilnahmlosigkeit der Berliner Freunde bezüglich der drohenden politischen Spannung habe ihn sehr angegriffen. Ja, viele unter uns merken nicht, daß wir auf Moorboden wandeln, der leicht plötzlich einsinken kann.« »Na, so schlimm wird's wohl nicht sein!« lenkte ein anderer, Herr v. Gadow, ein. »Darf ich mich nach dem Befinden Ihrer Damen erkundigen? Ihr Fräulein Braut –« »Danke recht sehr, befindet sich wohl und klagt über zu kurze Briefe, weil ich von Politik voll zum Überfließen. Meine Schwester Arnim ängstigt sich in Angermünde, in Abwesenheit meines Schwagers blieb ich dort, doch der erwartete Aufstand machte sich nur in Zetergeschrei alter Weiber Luft. Aber in Köslin, wo ich neulich auf dem Wege nach meinem Kniephof durchfuhr, gab es wirklich so was, wie Aufruhr, alle Straßen von Menschenmassen gesperrt, so daß wir nur mit Mühe durchpassierten, von Landwehrmannschaften gedeckt. Wir, d. h. drei Offiziere und ein schnippisches Berliner Bürgerfräulein, die unhöflich gegen uns wurde. Überall der gleiche Geist. In Köslin sind Bäcker- und Schlächterläden geplündert, drei Kornhändlerhäuser ruiniert, auch der Brotaufstand in Stettin war garstig, man hat scharf geschossen. Das Einberufen der Landwehr halte ich übrigens für verfehlt, meine Herren, die ist von üblem Geist erfüllt und würde gern mit allen Lärmschlagern gemeinsame Sache machen.« »O, Sie sehen immer zu schwarz. Übrigens handelt sich's dabei doch nicht um Politisches, das ist die reine Magenfrage«, warf Prinz Solms hin. »Das ist die schlimmste; politische Revolution ist oft nur ein Vorwand für die ... ja, ich weiß nicht, wie man das nennen soll, sagen wir mal: die soziale Frage. Die hat sicher mehr Berechtigung, als das Geheul nach Verfassung und ähnlichen Papierfetzen, die niemand satt machen. Das Volk will essen, Not kennt kein Gebot.« Er schwieg düster und beklommen. Neulich hatte er Kniephof zum letzten Male besucht, da er es verpachtet hatte, um mehr Geld herauszuschlagen. Da warfen die Tagelöhner ihm weinend vor, wie lange sie schon seinem Vater gedient und wie sie jetzt ohne seinen Schutz, der ein guter Herr war, vom habsüchtigen Pächter ausgebeutet wurden. Unvorsichtige, verschwenderische Nachlässigkeit ... o, wir Junker taugen ja auch nichts, aber sind die bürgerlichen Krämer etwa besser? Bei Gott, ich werd' mich von jetzt ab wieder getreulich »von« schreiben, bloß um das Pack zu ärgern mit seinen ewigen Sticheleien auf die Herren von und zu. Wir wollen auch leben, und wer mir meine adligen Rechte stehlen will, den faß ich an der Gurgel. – Widerwille vor liberalem Philistertum förderte in ihm eine Mauserung, als habe er von Grund aus die Haut gewechselt. Alles Tiefe und Hohe seines Wesens schien untergegangen in zäher, hartknochiger, märkischer Prosa. * Der Skandal im Landtag ging weiter. Der Abgeordnete Bismarck, auffallend durch blondhaarige, blondbärtige Reckengestalt und furchtlose blaue Augen, stand finster beiseite und sagte kein Wort. Auch wenn er mit Loyalgesinnten, d. h. den wenigen, die in jeder ordentlichen Verfassung den Gottseibeiuns sahen, zum zweiten Frühstück ging oder einen Vesperschoppen riskierte, öffnete er selten den Mund. Die Falte über der Nasenwurzel grub sich immer tiefer. Doch ging, je weiter die Verhandlungen vorrückten, mit ihm eine Veränderung vor, er rückte immer weiter nach rechts ab, und zwar widerten ihn am meisten die Reden seiner ostpreußischen Standesgenossen an. Auch Vinckes maßlose Heftigkeit empörte ihn. Die »Trés-chére Jeanneton«, »Jeanne la sage« mußte warten. Wie hätte das ihr Anbeter sich noch vor Wochen träumen lassen! Er hätte ja den Landtag beruhen lassen können, wenn er durchaus die Liebe über – ja, was denn? den Ehrgeiz? kein Grund dazu – über die Pflicht stellte. Doch er verstand ganz gut, daß er sich in der Gewalt hatte. Herr v. Below und ein Schwestersohn der Schwiegermama, Karl Woedke, hatten aus Augenschein berichtet, daß das Verhältnis zwischen Johanna und der Stute Brunette behaglicher geworden sei. Leider kamen dann wieder Nachrichten aus Reinfeld, daß sie kränkele, was wohl bräutlichem Schmachten in Hangen und Bangen entsprang. Otto geriet darüber außer sich und hörte kein Wort von den Sitzungen, mit seinen ritterlichen Gedanken nur bei seiner Dame, vor deren Tür er liegen wolle, sie zu hüten, schrieb er in rührenden Briefen. Doch über die Landtagsverhandlungen bekannte er: »Die Sache ergreift mich viel mehr als ich dachte.« Er befand sich in fortwährender nervöser Aufregung, aß und schlief schlecht, obendrein durch Geldgeschäfte mit seinem Pächter verdrießlich gestimmt. »Wie ist's mit einer Schachpartie?« lud ihn der alte Puttkamer ein. »Entschuldige mich, Papa, Herr v. Goldow wird ja gern dein Partner sein. Aber wenn man täglich auf dem politischen Schachbrett Schach dem König ansagt, vergeht mir die Lust am Spiel.« »Und ich werde, wenn ihr erlaubt, hier auf dem Sofa schlafen«, seufzte der alte Thadden. »Des Nachts hat man vor lauter Politik nicht Ruhe. Jotte doch, dies ewige Breittreten von Kleinigkeiten ist doch das reine Zeittotschlagen, die Kammer züchtet geschäftigen Müßiggang. Und dabei die Selbstgefälligkeit der Herren Redner, wo jeder seinen Jungfernspeech für ein Ereignis hält.« »Das ist's ja eben«, fuhr Bismarck auf. »Das wird eine neue Industrie, von der man bislang in unserem alten Preußen nichts wußte, vom Ausland importiert: Parlamentarierfabrik von Parteigeist, Schwatzsucht und edler Dreistigkeit im Auftreten. Ursprünglich kam ich noch nicht so gallig her, aber nun weiß ich, daß bei diesen Leuten niemals das Heil liegt, daß jeder Wohlgesinnte den Staat gegen diese Majorität von Phrasendreschern und Selbstlingen verteidigen muß.« Sein Bruder Bernhard trat ein, sehr geknickt. »Mein Schwiegervater Fanninger schreibt mir, mein Ältester sei hoffnungslos erkrankt. Soll ich reisen oder bleiben, jetzt, wo es oft auf eine Stimme ankommt, ob die nächsten unheilvollen Anträge im Landtage durchgehen oder nicht?« »Du wirst wohl nach Hause reisen müssen,« entschied Otto, »aber ich, Papa, so schwer es mir fällt, mag zu Pfingsten nicht nach Reinfeld. Ich muß auf dem Posten beharren.« »Aber Junge, laissez faire! Nimm's nicht so wichtig!« beschwichtigte der heitere alte Herr. »Man wird dich auf ein paar Sitzungen entbehren können.« »Eben nicht, du weißt, ich habe einigen Einfluß bei der sogenannten Hofpartei und ziehe dort ein bißchen die Zügel an, um unsere Ultras bei Seitensprüngen in der Kandare zu halten.« – Doch er selber machte einen rednerischen Seitensprung in ein Wespennest hinein. Bisher hielt er sich ganz zurück, wissend, daß er kein Redner sei. Da rief ihn eine Rede des Herrn von Saucken-Tarputschen in die Schranken, der mit leidenschaftlicher Tonart den Gegensatz schilderte, wie gleichgültig sich das Volk beim Jena-Zusammenbruch benahm und wie heroisch nachher, weil inzwischen durch das Emanzipationsedikt befreit: »Es hob den Thron auf seine Schultern, trug ihn von Sieg zu Sieg durch Ströme von Blut zu ungeahnter Ruhmeshöhe!« Da sprang der lange Schönhauser auf, zu solchem Speech konnte er nicht schweigen, sein Nationalsinn fühlte sich verletzt. Nicht ohne Beredsamkeit heftiger Erregung protestierte er gegen die Legende, der Befreiungskrieg sei nur um eine Verfassung entbrannt, als ob das Franzosenjoch nicht völlig genügte, das Volk aufstehen zu lassen zur Abschüttelung schimpflicher Fremdherrschaft. Man tue der Nationalehre einen üblen Dienst, zu unterstellen, Mißhandlung und Demütigung durch fremde Herren hätten nicht schon genug das Blut kochen lassen und nicht jeden anderen Wunsch dem allgemeinen Franzosenhaß unterworfen. Daß die Preußen in ihrem eigensten Interesse sich selbst befreiten dafür ihrem König eine Verfassungsrechnung vorzuhalten, sei unwürdige Erpressung. Darob erhob sich ein wilder Sturm, zumal der durchdringende, verächtliche Blick des Redners seine Worte noch unterstrich. Murren und Zischen unterbrach ihn und hinderte sein Weiterreden. Übrigens hatte er sich nicht ganz deutlich ausgedrückt und nicht der eigenen Parteilegende Rechnung getragen, wonach die Preußen sich eben nicht selbst befreiten, sondern auf Ruf des Königs und unter Führung der Junker. Denn daß jemand, der von einem anderen so lange geprügelt wird, bis er sich wehrt, sich daraus kein Verdienst gegen einen Dritten – den König – machen könne, dieser Satz klang sehr verfänglich, als ob der gute König nur ein dritter Unbeteiligter gewesen sei. Unter allgemeinem Hallo der Opposition runzelten also auch Konservative mißfällig die Stirn. Doch der mutige Redner, dem man in lauten Zurufen auch jugendliche Unreife vorwarf, blieb gelassen auf der Tribüne, zog ein Zeitungsblatt hervor und las es mit der gemütlichsten Gleichgültigkeit durch, bis der Lärm sich legte und die Glocke des Präsidenten Rochow durchdrang. – »Von deinen oratorischen Triumphen ist ja die Welt voll«, neckte ihn die Schwester, Frau v. Arnim, zu der er am zweiten Pfingstfeiertag nach Angermünde fuhr. Doch sie fragte besorgt: »Aber wie siehst du denn aus? Ganz gallsüchtig.« »Ich ärgere mich vom Morgen bis zum Abend. Der gute Thadden träumt jede Nacht vom Landtag – vermutlich, daß die Decke zusammenstürze – und läßt bei Tage sein Essen im Stich. So geht's mir auch.« »Nun, mon cher , Sie sagen der Crapule doch wenigstens Ihre Meinung und behalten Ihre Galle nicht bei sich«, tröstete ein Herr v. Derenthal. »Glauben Sie? Prost Mahlzeit! Die Tribüne ist wie eine Ballschönheit immer voraus engagiert, und uns gönnt man keine Extratour. Sechs Stunden windet man sich in Krämpfen über all den Schwatz, den man anhören muß, und wenn man sich zum Worte meldet, sind schon zwanzig andere an der Reihe. Und ihr Wischiwaschi ermüdet die Versammlung so, daß man eiligst Schluß und Abstimmung verlangt. Dann stimmt natürlich die Opposition geschlossen, wie voraus berechnet, auf die gediegendsten Gegengründe geht sie gar nicht ein. Sie hat ja die Majorität. Das nennt sich Parlamentarismus.« »Übertreibst du nicht ein wenig?« fragte die Schwester. »Nicht die Spur, alle sind sie unredlich, böswillig, eigensinnig, dazu noch lügnerisch und verleumderisch, die richtigen rheinischen Weinreisenden, die den Kunden beschwatzen und eine gefälschte Marke teuer an den Mann bringen. Presse und Publikum schlucken das mit banalen Etiketten aufgeputzte Gesöff hinunter und schmatzen vor Vergnügen.« »Die Menge war ja immer gedankenlos und oberflächlich«, meinte Malwine, die auch nicht gerade an Gedankenüberfluß litt. »Was sagt denn dein künftiger Schwiegerpapa?« »Der nimmt alles leicht und lächelt über mich Jugendgreis. Ich habe Nanne geschrieben, sie dürfe nicht dulden, daß er nur einen Tag länger in Reinfeld bleibt, er muß sofort zurück auf seinen Posten. Wir brauchen in Berlin alle Mann auf Deck. Ich schlug ihm übrigens vor, mit ihm nach Reinfeld zu kommen, damit wir uns kurzerhand dort aufbieten und trauen lassen könnten, worauf Nanne mit mir in Berlin Quartier beziehen solle. Das schien ihm unziemlich.« »Mir auch. Wolle doch nicht immer mit dem Schädel durch die Wand! Deine Sehnsucht wird sich Wohl noch gedulden können.« »Das sagst du so. Könnt' ich doch mit ihr in ein Jägerhaus ziehen im höchsten, grünen Bergwald, und kein Menschengesicht mehr sehen als ihres!« »Danke schön!« Die Schwester lachte. »So ein verliebter Schäfer! Wer hätte das gedacht. Du überschätzest deine Beschaulichkeit, bloße Naturschwärmerei würde dich bald zu Tode langweilen.« »Möglich, aber dies endlose Phrasengerassel sprengt uns das Trommelfell, bei dieser politischen Maschine kommt man auch unter die Räder, wenn nicht gebremst wird. Hätt' ich doch Bernhards Gottvertrauen! Dem armen Kerl stirbt sein Ältester, und daraus schließt er, er müsse Gottes Gebote noch genauer befolgen. Das sei eine heilsame Schickung. Na, wenn ich vor Ärger in Berlin krepiere, so trage du auch diese Prüfung, Malwinchen, mit christlicher Fassung!« – Seine Braut schrieb ihm grämliche Briefe niedergeschlagener Stimmung, nichts freue sie mehr, sie sei voll Trübsal und lebensüberdrüssig und in Gottes Willen ergeben, worauf er sie derb zurechtwies: »Das schmeckt mehr nach Byron als nach Christentum«, und ihr verhieß: »Morgen sende ich dir einen neuen Hut«, was er nach gewohnter Unsitte wieder englisch schrieb. Übrigens seien die Saaten in Schönhausen wohlgeraten und die Schafe wohlgenährt. Er schickte auch noch ein Paar reichgestickte, rote Pantöffelchen, die er aber in seinem eignen Interesse, um später beim Ehestand nicht zu hart unter den Pantoffel zu kommen, recht leicht ausgesucht habe. Er hole seinen Gaul Mousquetaire nach Berlin hinüber, um durch flotten Galopp die Grillen aus dem Gemüt zu schlagen. –» Der berüchtigte lange Junker Bismarck war schon eine ziemlich stadtbekannte Person. Wenn er die staubigen Tiergartenpromenaden entlang wanderte, folgten am Hofjäger, wo die elegante Welt spazierenfuhr, seiner hohen Gestalt freundliche Blicke aus Frauenaugen. Das ließ ihn völlig kalt, in seinem Schädel tanzte nur die Jungfer Politik, eine spröde, launische Schöne, die eher einer zänkischen, alten Jungfer glich. »Du, ich hole dich zum Wasserkorso nach Potsdam ab«, mahnte ihn ein Freund, der Schlesier v. Schaffgotsch. Da gab es viel zu sehen. Auf dem weiten, bläulichen Wasserbecken der Havel und von der Pfaueninsel bis Babelsberg schwammen Hunderte von Booten, alle mit Festschmuck verziert. König und Hof, die ganze Beaumonde von Berlin und Potsdam knäuelten sich hier in einem Regattatrubel durcheinander und bewarfen einander mit Blumensträußen, nicht nur trocknen, sondern im Wasser genäßten, wodurch sich manch lustiges Aufkreischen ergab. Man fuhr aneinander vorbei, man legte sich Bord an Bord zu diesem bunten Bombardement, und niemand fragte, ob diese geputzten Herren und Damen Royalisten oder Liberale seien. Inmitten des Havelsees ankerten drei Dampfer, deren Musikchöre fröhliche Weisen erschallen ließen. »Du, wir wollen zum Bahnhof zurücklaufen per pedes apostolorum !« schlug Schaffgotsch vor, worauf Ottos lange Beine sich zu schneidiger Gangart in Bewegung setzten. Dreiviertel Meilen in halbem Trab war kein Kinderspiel, und nach kurzem Souper stieg Otto gleich in die Klappe, endlich mal schlafend wie ein Block. Diese Potsdamer Heiterkeit verbesserte seine umdüsterte Stimmung, alles schien wieder sonnig, und keine Wetterwolken waren am Horizont. Moritz Blanckenburg schrieb über gute Schafschur, worauf Otto sich den Kinnbart scheren, nur den dicken Schnurrbart über der Oberlippe stehen ließ und vier Stunden lang kreuz und quer im Tiergarten herumgaloppierte, daß der Staub hinter ihm aufflog. Er bekam einen übermütigen Krakehlerelan, glänzte auf einem Ministerdiner durch schlechte Witze, kritzelte in einem Nebenzimmer des Landtagssaales im Berliner Schloß Liebesbriefe nach Reinfeld auf Seiner Majestät Papier, gegeben im Schloß zu Berlin, und hielt Dienstag, den 1. Juni, eine grimmige Rede gegen v. Vincke. All diese Gänsefederargumente der Zeitungsschreiber und die öffentliche Meinung der Bierkneipen seien ihm schnuppe. Die wahre öffentliche Meinung höre man doch nie. Ein Königswort sei mehr wert als alle Wortklauberei. Der Vergleich mit England, wo man Jakob II. vertrieb und die neue Konstitution von Wilhelm dem Oranier abhandelte, sei sinnlos. Damals hatte das Volk nach einem Jahrhundert von Revolution und Bürgerkrieg die Macht, während die Hohenzollern nicht durch Volksgunst, sondern durch die Gnade Gottes regierten. Die Rede fand bei den Parteigenossen Beifall und Freude. »Sie sind ja der richtige Vinckenfänger«, betitelte ihn ein Herr v. Kameke von Bruder Bernhards Verwandtschaft. Einige, die früher von dem »wilden Junker« scheu abrückten, drückten ihm jetzt die Hand. »Kinder, hier hab' ich ein Zeitungsblatt aus Freiburg im Breisgau, voll Zuvorkommenheit für mich. Das hätt' ich mir von der Schweizer Grenze nicht erwartet.« Otto hatte seinen gewöhnlichen Abendritt zum Café Gungl gemacht, wo es Musik gab. Er traf dort zwei Verwandte der Puttkamers, Frau Lasius mit schönen Augen und Karl Woedke mit dem schönen Französisch, worauf der frühere Diplomatiekandidat viel Wert legte. Die Dame versicherte ihn, daß er schon eine Art Zelebrität sei von wegen seiner Bissigkeit gegen die allmächtige Opposition. Er lehnte bescheiden ab: »Ach, meine Gnädige, so pomphaft wir uns alle anstellen, es wird im Grunde nur leeres Stroh gedroschen. Anfangs mußte ich das Kanonenfieber überwinden, die Scheu vor öffentlichen Reden, und jetzt, wo ich sattelfest bin, fühle ich gar keinen Trieb, mein Licht über den Scheffel zu stellen.« Auf nachfolgender Parteiversammlung im Hotel de Rome, wohin er die Linden entlang spazierte, als schon der Mondschein über den Bäumen hing, verhielt er sich schweigsam und dachte nur an den Tag, wo Pfarrer Sauer unterm Holzdach der Koglizower Kirche ein gewisses Brautpaar zusammengeben werde, dachte auch an die Pflanzungen, weißen Brücken und Bänke im Kniephof, alles sein Werk, die nun verwuchern, verwachsen, zerfallen würden, dachte an die Hochzeitsreise nach Salzburg und Tirol, die Alpen, zu denen es ihn majestätisch hinzog. So lagen eine unzerstörbare Romantik und eine gewisse Sentimentalität bei ihm stets im Streit mit dem Sinn für Realitäten. Auch ein mittelalterlicher Feudal-Royalismus mit unbedingter Anhänglichkeit an den Träger der Krone ging bei ihm aus romantischer Ritterlichkeit hervor. Bitter wurmte ihn, daß seine Standesgenossen sich gegen ihren König auflehnten, ihn gegen die Demokratie im Stiche ließen. Ein Graf Schwerin, ein Nachfahre des bei Prag gefallenen Helden, befürwortete zuerst die aufrührerische Adresse an den König, und der erste Landtagsmarschall Fürst Solms stellte diesem Unterfangen nichts in den Weg. Wie schmählich nahm Minister v. Bodelschwingh, der erste Rat der Krone, diese Anmaßung auf! Der Westfale Freiherr v. Vincke tobte förmlich gegen die vernünftigsten Regierungsvorlagen, nämlich die Landrentenbank und die Anleihe für die Ostbahn, und brachte beide zu Falle. Als »Onkel Glasenapp«, Bruder der künftigen Schwiegermama, Otto von dem Sitzungssaale zum Gabelfrühstück abholte, begegnete ihm auf der Treppe ein Abgeordneter, der eine schwarzrotgoldene Krawatte trug und leicht an den Hut griff. Otto streckte zögernd die Hand aus. »Wie geht's sonst, Herr Assessor?« Schramm, der alte Genosse der Berliner Studienzeit, verzog den Mund zu ironischem Grinsen. »Wie Sie sehen, gut. Ça marche. Erinnere mich manchmal unserer Gespräche von anno Tobak. Wer behält recht?« »Das weiß ich nicht. Guten Morgen!« Der alte Onkel räusperte sich. »Das ist ja wohl der berüchtigte Schramm? Du scheinst ja seine Bekanntschaft zu haben.« »Bah, jedes Tierchen hat sein Pläsierchen. Der leidet an der Verneinungssucht, 'ne Abart der Gelbsucht. Ich bin die Kraft, die stets verneint, sagt Goethes Mephisto.« »Goethe, der alte Heide? Den sollte ein rechtschaffener Christenmensch gar nicht in den Mund nehmen.« Otto seufzte leicht. Ja, er hatte auch nette Bekanntschaften gemacht in letzter Zeit, diese braven Kongoneger aus Hinterpommern. Aber darin stimmte er ganz überein, als der Onkel in Töpfers Hotel, wo andere Edelleute sie erwarteten, über die Auerswald und Saucken loszog, deren Verstocktheit sogar das Eisenbahngeschenk aus den Händen der Regierung verschmähte. Die Ostpreußen brachten einstimmig das materielle Interesse ihrer Provinz ihrem konstitutionellen Rechtsgefühl zum Opfer, verweigerten jede Bewilligung eines Darlehns zugunsten »dieses Staates«. »Solche doktrinäre Veranntheit! Da sieht man's ja, daß mit solchen Mondsüchtigen nicht zu regieren ist!« Der Abgeordnete Bismarck schlug sich mit der flachen Hand vor die Stirn, biß sich aber auf die Lippen, als Herr v. Kamecke spöttisch erinnerte: »Sie gaben ja selbst Ihr Veto gegen die Landrentenbanken.« »Weil man dabei aus der Haut von uns Gutsbesitzern Riemen schneiden möchte. Wenn der Landtag nun mal ständische Interessen vertreten soll, eh bien , so tue ich das für meinen Stand auch gegen die Krone.« Aber er schwieg verdrießlich, denn es fiel ihm auf, wie kitzlich bei ihm immer der Geldpunkt bleibe, stets gewohnt, mehr auszugeben als einzunehmen. – Als der Kampf anging, nickten Gesinnungsgenossen wie Bruder Bernhard, Landrat und später Kammerherr, oder Vetter Bismarck-Briest und Herr v. Wedel verständnisinnig, als der gut unterrichtete und eigenartige Thadden bekannte: »Wir alle sind schlechte oder gar keine Redner.« Der Vertreter Jerichower Ritterschaft machte anfangs eine magere Rhetorikerfigur gegenüber den fetten Gärtnern liberaler Phrasenblüte. Selbst er entzog sich nicht der Berauschung, die von solchem Aufwand blendenden Sprachpomps ausging, doch er spürte den ungesunden Hauch des betäubend schwülen Schirokko, schwanger vom Leichengift totgeborener Phantome. Die wortreiche Begeisterung der Dreiständekurie belächelte das erste Auftreten des langen Altmärkers mit dem jetzt kurzgeschorenen Blondhaar und dem langen Vollbart, dessen Antlitz die Röte bäuerlicher Gesundheit trug. Nachdem er schlicht, ohne jedes Pathos, manchmal stockend sprach, meinte nur der verständige Vincke: »Der hat einen schneidenden Klang, nicht angenehm. Dieser Mensch ist nicht ungefährlich. Er erinnert mich an Mirabeaus Wort über Robespierre: Der wird uns zu schaffen machen, denn er glaubt, was er spricht. Als er vor Sauckens ›edlem Enthusiasmus‹ ironisch salutierte, lief es mir etwas kalt über den Rücken. Sollten die Verstockten etwa ein Sprachrohr gefunden haben?« Doch man lachte Vincke aus und ergoß eine Flut sittlicher Empörung über den bequem am Rednerpult lehnenden Neuling. Der Fant schwatzt über den Befreiungskrieg, wo er noch gar nicht lebte! Die damals mitgezogenen alten Herren belehrten den Dreisten, dies sei nicht gegen Napoleon, sondern für die verheißene Verfassung geschehen. Aber als ihm der Landtagsmarschall endlich das Wort zur Replik verschaffte, redete Otto plötzlich fließend mit kalter Schärfe: »nun bedauere er nicht mehr so, damals nicht mitgekämpft zu haben, da es also nicht gegen das Ausland, sondern das Inland ging, nicht gegen Knechtschaft unter die Fremden, sondern gegen den eigenen Staat«. Er vergaß hinzuzufügen: denselben Staat, der damals Steins und Scharnhorsts demokratische Grundsätze durchführte. Von jetzt ab zog ihn die Presse täglich durch die Zähne. Kein Schild der Verachtung deckte gegen plumpen Spott. Da ging der Verfemte zum Angriff über. Sein Hohn verletzte doppelt, weil er stets höflich in Formen guter Gesellschaft blieb. Nichts war ihm heilig, nicht hehre Volksversammlungen auf den Böttchershöfen, nicht Federkiele der Zeitungsenten, nicht weises Deuteln der Gesetze. Wenn ein Abgeordneter aus Preußisch-Neustadt gegen jedes Vertrauen zur Regierung donnerte, so kennzeichnete der böse Junker dies Verfahren: indem man die Blumen als Unkraut ausreiße, enthülle man die ganze kahle Nacktheit des sogenannten Rechtsbodens. Statt sich dem allmächtigen Vertreter der Grafschaft Mark lautlos zu beugen, unterstützte er einen anderen Westfalen, den unbekannten v. Lilian. Solche Erschütterung der wahren, nämlich parlamentarischen Autorität mußte gerochen werden. Jede Ironie über finsteres Mittelalter und mit der Muttermilch eingesogene Vorurteile legte ihm Herr Krause, Bürgermeister von Elbing, als blutigen Ernst in den Mund. Otto belustigte sich über den armseligen Kniff: »Der sprengt ins Turnier auf einem Fabelroß, vorn Mittelalter, hinten Muttermilch.« Doch unter ätzenden Witzen, die er in furchtloser Laune hervorstieß, verbarg sich kühle Entschlossenheit. Ja, dies Korn einer falschen Freiheit stand schon hoch genug für Schwächlinge, um die Flinte hineinzuwerfen, doch seine Hand war jetzt am Pfluge für immer, wie eine Vorahnung ihn beschlich. Die Stunde naht, wo niemand mehr spricht, sondern jeder deklamiert, wo fadendünne Spinnweben zu Seilen werden, den Staatsbegriff zu knebeln, zu erdrosseln oder ihm die Arme zu binden, wie den Merlin der Sage an der Weißdornhecke ein Blendwerk von Sommerfäden in Bann schlägt. Laß sehen, wer derbere Fäuste hat, den Spuk zu zerreißen, der Staat oder die Revolution! * Merkwürdigerweise lud man ihn zu einem ständischen Zweckessen ein, wo außer den Berliner Stadthonorationen alle liberalen Deputierten aufmarschierten. Wie kam Saul unter die Propheten?! Offenbar wollte man ihn ärgern, isoliert unter dieser Gesellschaft, die den Krefelder Fabrikanten Beckerath hoch leben ließ. Als er aber tags darauf bei dem Schwager seines Bruders, Fanninger, dinierte und drei liberale Abgeordnete traf, benahm er sich so liebenswürdig, daß die Herren ihm begeistert die Hände drückten, überzeugt, daß sie alle miteinander gleicher Meinung und einträchtige Ehrenmänner seien. Auch einige dicke Kommerzdamen fanden, der Teufel sei ganz charmant und gar nicht so bös, wie die Zeitungen ihn malten. Der Junker Otto befand sich in kreuzfidelem Wohlbehagen und frönte auch seiner Liebhaberei für kräftige Bewegung und freie Natur. So ritt er nach Treptow, fuhr Kahn nach Stralau, erfreute sich des roten Sonnenunterganges auf grauem Gewässer und der roten Krebse zu braunem Kulmbacher. Die laue Luft umsäuselte ihn: Herz, was verlangst du noch mehr! Stark und gesund, wohlhabend, glücklich verliebt und die werte Eitelkeit auch ziemlich gestreichelt durch das Aufsehen, das er im Landtag machte. »Morgen haben wir den 15. Juni, da werd' ich wohl endlich über die Judenemanzipation zu Worte kommen, nachdem dreißig ungewaschene Phraseure sich totgeredet. Nachher darf ich nicht durch die Königsstraße gehen, die hebräischen Mitmenschen lynchen mich sicher.« Und der Junker besah vergnügt seine Fäuste. Die Rede stieg, beginnend mit höflichem Spott in ernsten Formen. Er gehöre jener Richtung an, welche der geehrte Abgeordnete für Krefeld gestern als finster und mittelalterlich bezeichnete, und dem unintelligenten großen Haufen, dem der geehrte Abgeordnete aus Posen so viele schöne Epitheta anhängte. Der geehrte Abgeordnete der Grafschaft Mark, hier verbeugte er sich vor Georg v. Vincke, habe das Evangelium und das allgemeine Landrecht verglichen, und er gebe zu, daß der Staat nicht gerade die christlichen Heilswahrheiten realisiere. Aber die christliche Grundlage sei wenigstens vorhanden und danach müsse verfahren werden. Ein geehrter Redner der schlesischen Ritterschaft – Graf Renard – habe ganz eifrig erklärt, er wolle die Juden emanzipieren, wenn sie selbst die trennenden Schranken niederrissen. Er merke von Unterdrückung der Juden nichts weiter, als daß sie nicht in den Hafen der Bureaukratie einlaufen oder Generäle, Kriegs- und Kultusminister werden können. Dazu beglückwünsche er Preußen. Die äußerst klare und formell vortreffliche Rede schloß: »Ich möchte den Herren, die so gern ihre Ideale jenseits der Vogesen suchen, eins zur Richtschnur empfehlen, was den Engländer und Franzosen auszeichnet. Das ist das stolze Gefühl der Nationalehre, das sich nicht so leicht dazu hergibt, nachahmenswerte Vorbilder im Ausland zu suchen.« Nach lebhaftem Bravo der einen, Unterbrechungen und Ungeduld der anderen Hörer sah sich der konservative Dunkelmann von liberaler Seite gekennzeichnet, daß man in ihm »den engherzigen Mittelaltergeist gleichsam in Fleisch und Blut verkörpert vor sich habe«. Das tat dem blutigen Judenverfolger so wohl, daß er sich gleich unter der Säulenhalle des Weißen Saales hinsetzte, und zwar nicht mit Blut, aber mit roter Tinte an seine Braut allerhand Allotria schrieb. Sein Blick schweifte über den Lustgarten, Museum und Zeughaus hin, und das Klingeln des Landtagmarschalls, die Tiraden des Herrn v. Auerswald und die wütenden Ausfälle des Stolper Abgeordneten Gottberg, dessen bodenlosen Jakobinismus er schon früher nach Pommern meldete, auf alle Junker und Junkergenossen störten ihn nicht in einem Mittagschläfchen. Seiner Braut schrieb er in halbironischem Tone, er werde bei Hofe von den hohen Herrschaften verzogen, eine Notlüge, um nicht das Frauengemüt zu ängstigen. Im Gegenteil mied der König bei den Festlichkeiten, zu denen die Deputierten geladen, den Ultra in einer für jedermann sichtbaren Weise. Beim Empfang sprach er kein Wort mit ihm, im Cerkel richtete er an jeden höfliche Worte, brach aber ab, sobald er Bismarck bemerkte, kehrte sich um und schwenkte quer durch den Saal ab, als entweiche er aus der Nähe eines Aussätzigen. »Demonstrativ und ostentativ!« murmelten die Parteifreunde, und Bismarck selbst glaubte nicht anders, als daß seine den Gegner provozierende Haltung die königliche Billigung nicht gefunden habe. So wenig kannte er noch den Monarchen, dem es an einer gewissen listigen Verstecktheit nicht fehlte, was er für machiavellistisch feine Diplomatie hielt. Wenn aber die männlich vornehme, ernste Erscheinung des Prinzen von Preußen sich dem Junker Heißsporn freundlich näherte, wobei beide zusammenstehend um Haupteslänge die meisten Beiwohnenden überragten, so geschah auch dies nur flüchtig und mit einer gewissen Verlegenheit. Denn seine Gemahlin, die Weimaranerin, in voller Blüte ihrer edlen und hoheitsvollen Schönheit, hatte kein Wort der Huld für diesen ihr von Anfang an unheimlichen Recken, den sie trotz seiner guten Manieren als einen plumpen deutschen Bären verachtete. Wie konnte man von einem solchen höhere Bildung und englischen Liberalismus erwarten, den sie und somit auch ihr Gemahl zu vertreten sich beflissen! Nicht nur äußerlich nach der üblichen dynastischen Taktik, wonach der Thronfolger die dem Regierenden entgegengesetzte Partei streichelt, damit so das monarchische Interesse in beiden Lagern herrsche. Sondern Prinz Wilhelm war auch innerlich weit mehr als der König einem modernen Verfassungsleben zugeneigt, wofür er in England das Muster zu sehen glaubte. Seine hohe Gemahlin aber schwärmte für alles Weststaatliche mit besonderer Abneigung gegen Rußland, obschon sie selber eine russische Großfürstin zur Mutter hatte. Böswillige, die an keine Objektivität beim Weibe glauben, schoben dies auf häusliche Nebenbuhlerschaft von Mutter und Tochter. Hierin tat man jedoch der geistig sehr beweglichen Fürstin unrecht, die allein den Maßstab ihrer vorzüglichen ästhetischen Bildung anlegte und sich vom arroganten Barbarentum des Zaren Nikolaus naturgemäß abgestoßen fühlte. Leider verband sich damit verkehrte übertriebene Vorliebe für die Westmächte, was auch ihre politischen Absichten beherrschte. Wohl tat sie sich etwas darauf zugute, daß sie als Kind zwischen Goethes Knien gespielt habe, und hielt die Weimarer Klassikertradition hoch. Doch englisches und französisches Wesen schien ihr, besonders in dem für Frauen so bestechenden äußeren Schliff, dem deutschen weit überlegen, sozusagen von vornehmerem Geblüt. Den pp. Bismarck würdigte die hohe Frau keines Blickes der Gnade, sie hielt ihn für einen verkappten Bärenhäuter, obschon er einen guten Schneider und eine gute Kinderstube hinter sich zu haben schien. Sie säuselte an ihm nichtachtend vorüber, es wäre ja kompromittierend gewesen, einen Menschen zu grüßen, der weder liberal noch populär war, welche beiden Eigenschaften für die Auffassung der Prinzessin Augusta in eins zusammenfielen. Gleichwohl dachte das prinzliche Paar, obschon es die Mode des Verfassungsstrebens voll Überzeugung mitmachte, le dernier cri, très-chic , nicht im entferntesten daran, die königliche Macht ernstlich schmälern zu lassen. Vielmehr ruhten die Blicke des Prinzen, der in der sogenannten Herrenkurie des Vereinigten Landtages sah, wohlgefällig auf der stattlichen Erscheinung des kühnen royalistischen Kämpen. Bei vereinigten Sitzungen beider Kammern zeichnete er diesen sogar durch vertrauliche Anreden aus, etwa so: »Bravo, mein lieber Bismarck! Mir ganz aus der Seele gesprochen!« »Die Haltung, welche Sie hier annehmen, macht Ihrem Herzen wie Ihrem Verstande Ehre!« »Recht wie ein alter Edelmann von echtem Schrot und Korn!« Bei Hofe aber verhielt er sich zurückhaltend und ließ sich keineswegs darauf ein, durch äußere Zeichen seine Billigung des Ultraroyalismus zu bekunden. Otto der Starke ließ sich darüber keine grauen Haare wachsen, sondern haspelte noch rasch eine Menge ständischer Geschäfte ab, wozu er unter anderem mit seinem Freunde Gerlach zum Minister Alvensleben auf dessen Gut Erxleben fuhr, wo man sich die Köpfe rot redete und trank. Von den Türmen dieses altertümlichen Schlosses sah man weit nach dem Harz hinüber, wo der Brocken blaute und sogar das Brockenhaus ohne Nebel sich zeigte. Die Giebel, Erker, Wendeltreppen, riesigen Himmelbetten machten ganz den Eindruck, als ob es hier spuke. Der nüchterne Märker schlief aber ungestört und gähnte morgens Gerlach zu, als er schon wieder im Bahnkupee saß: »Meine Braut will mit mir Jean Paul lesen am blauen Alpensee, und dazu soll ich mir einen schwarzen Samtrock beschaffen wie ein Künstler, das stände mir gut. Na, ich hab' manchmal auch solche romantischen Ideen, aber in meinem Hirn sieht es so staubig aus, wie auf einer ausgefahrenen Chaussee, so tintig und papieren wie ein Landtagsbeschluß, und die Alpen würde ich nicht ansehen, wenn die Preußische Allgemeine Zeitung danebenläge. Hol's der Henker, ich werde die märkische Prosa nicht los.« »Sie bleiben immer der alte Kindskopf!« unterbrach ihn Gerlach und stürzte sich mit gewohnter Aufregung in allerlei politische Paradoxe, die er zäh verteidigte und nicht locker ließ. Doch, nachdem er sich lange ereiferte, hatte er den Schmerz, seinen schweigenden Zuhörer plötzlich fragen zu hören: »Sie, in welchem Kostüm holt man die Braut heim als Ritter nach langer Irrfahrt? In grünem Reitrock mit rotbraunen Handschuhen oder als Kavalier mit wallenden Straußenfedern und melodiöser Gitarre?« »Ach, mit Ihnen ist nicht zu reden!« fuhr Gerlach ärgerlich auf. »Heirate endlich, daß wir den Schaden los werden! Übrigens fahr' ich im August mit Thadden und Blanckenburg nach München, um berühmte Leute zu sehen, die dort wild wachsen, ein hierzulande unbekanntes Kraut. Das wär' was für die Hochzeitsreise!« »Berühmte Leute und andere große Geister betrachtet man am liebsten aus der Ferne wie Bergspitzen, da wirken sie am größten, in der Nähe langweilig. Unsereins wird doch nie berühmt, und wozu soll man sich künstlich noch neidischer machen! Bei Neid und Schadenfreude fällt mir unsere neue Zeitung ein, die Neue Preußische, die wir morgen endgültig gründen wollen. Die muß beißen, daß die liberale Presse alle Viere von sich streckt.« * Nun saß er wirklich mit seiner Hanna auf der Bank vor der Gartenstube in Schönhausen, den Arm um ihren Leib gelegt. Die Bäume standen still und hoch, in den Lüften schwamm ein Duft von Lindenblüten, hinten über Arneburg lag ein blaßroter Streifen von letztem Sonnenschimmer. Ein Inselchen in einem Gartenwässerlein, im Herbst verwachsen und naß, jetzt noch ein lauschiger Schmollwinkel mit Moossitz, lud sie zu noch verschwiegenerer Ruhestätte. »Wie himmlisch ist die Luft«, hauchte sie an ihn geschmiegt. »Doch die Fledermäuse fliegen so.« »Laß sie, die wollen auch leben. Das Leben ist voll solchen grauen Herumschwirrern und weniger harmlosen. Doch höre, wie im Busch die Wachtel schlägt! Auf den Feldern locken Rebhühner. Das Leben ist doch schön, und die Liebe erst recht.« Nach einer Pause fügte er hinzu: »Morgen fahren wir in die Heide. Da ist es so sonnig und der Himmel so klar, daß man Gott im Himmel sieht. Ich nehme die Büchse mit, vielleicht erfreue ich deine Küche mit einem Spießer. Aber wenn ich nur Hinden und Rehkälber treffe, dann gibt's nischt. Mutter und Babis trenn' ich nicht.« Sie verbarg errötend ihr dunkles Haupt an seiner breiten Brust. Die alte Uhr räusperte sich, um 8 Uhr zu schlagen. »Weißt, woran ich denke? An unser Berliner Schulgärtchen bei Plaman. Damals lag mir noch die bunte Erde mit blauen Bergen und Ritterburgen jenseits des kleinen Bretterzaunes. Dort lief ich durch die Kresse, jeder Obstbaum war ein alter Freund, und die Hühner gackerten mir ein Heimwehlied nach dem Stettiner Postwagen, der mich nach Kniephof entführen sollte. Ach, das Gärtchen war nur ein kleiner Fleck, und die Hasenheide, wo wir Sonntags spielten, ein schäbig kleiner Kiefernbusch, und hinter den Zäunen und Hecken war auch nichts besonderes los, so altklug bin ich heute, und von all den Erlebnissen, die meiner warteten, wie arm klein Jüngchen träumte, ist gar nichts wirklich geworden. Graue Welt, nüchternes Leben, darin nur eine Sonne und Poesie: du!« – – In Wien war's schön, sie wohnten im Grünen Lamm, im Kaffeehaus davor sah man in die Jägerzeil hinein, promenierten dann am Prater vorbei, wo die elegante Welt flanierte, die hohen Wälle entlang um die innere Stadt, stiegen auf das Roteturmtor und sahen die Sonne hinterm Leopolds- und Meinhartsberg freundlich untergehen. In einer Kolonnade, wo man Läden besichtigte, stieß eine geschminkte Huldin eine andere an. »Du, der is fesch!« Darüber maulte Johanna, und es entspann sich ein verfängliches Gespräch darüber, daß sie wohl keine Kinder haben würden. Doch endete der Liebeszwist damit, daß sie nach Schönbrunn hinausfuhren, wo sie schon im Mondschein die himmelhohen Taxushecken und die weißen Statuen im grünen Schloßpark bewunderten und in ein abgelegenes Gärtchen gerieten. Verstohlen und unvorsichtig eindringend, entwischten sie mit Not, als eine Schildwache steirischer Jäger mit Hahnenfeder am grauen Hut sie anrief. »Da bekämen wir ja noch ein rechtes Mondscheinabenteuer als Wegzehrung auf die Reise!« lachte Otto seelenvergnügt, als sie anderen Mittags im Dampfboot nach Linz fuhren, wo die Wachau und Kloster Melk ihnen noch katholischer vorkamen als der Stefansdom. In Salzburg, wo sie den Schaf- und Kapuzinerberg erkletterten, strahlte Johanna vor Heiterkeit und Gesundheit und bewarf ihn mit Pflaumen- und Pfirsichkernen. Plötzlich schoß ihm eine fatale Erinnerung durch den Sinn, er dachte an die englische Flamme in Wiesbaden. Recht gut konnte er sich vorstellen, wie Isabella bei der Abfahrt geseufzt haben mochte: » Poor fellow! He will always remember Auld Lang Syne «, worauf wahrscheinlich Miß Russel ihr das Wort abschnitt: »The moonshine of a German baron!« – – »Aha, der Canal Grande!« Das junge Ehepaar, seinen Honigmond von Meran über den himmelblauen Gardasee in die grünlichen Lagunen hineintragend, gondelte durch die träge Flut. »Die schwarze Gondel kommt mir wie ein Sarg vor«, flüsterte Johanna. »Es ist so still wie in einem Kirchhof.« »Ja, diese alten Paläste sind wie steinerne Leichen.« Langsam glitten sie den Marmorwald entlang, wo die Bauten wie weiße Wasserlilien auf den Lagunen schwimmen und weißer Meerschaum, aus dem Venezia aufgestiegen, zu Marmorgiebeln erstarrte. Abendrot flimmerte vom Rialto zur Seufzerbrücke hinüber, weiche rosige Tinten lagen über der Riva degli Schiavoni und flossen über das dunkle Arsenal und Isola della Salute zum Lido hinaus, die Glocke hallte vom Kampanile, der Flügelleu runzelte die Stirn, und die Tauben von San Marco schnäbelten auf der Piazza, indes die farbigen Arabesken des Domes und die schimmernde Kuppel ein ewiges Wappen der Meereskönigin schienen, die aus Gold, Brokat und Atlas das samtweiche Glühen ihrer Prachtgemälde schuf. » Sic transit gloria mundi! « murmelte Bismarck, als er vom Hotelbalkon über diese schöne Leiche einstiger Größe hinschaute, vom faden Geruch der Lagunen wie von Verwesungshauch umspült. »Siehst du, Liebchen, jedes Jahr hat sich der Doge mit dem Meer vermählt auf dem Brautschiff Bucentaur, und wo ist heute der Doge? Nur das Meer bleibt ewig.« »Das ist eine Warnung Gottes«, meinte die junge Frau. »So kann es jedem Reiche ergehen, das zu hoch hinaus will. Am Ende auch Preußen.« »Das wollen wir nicht hoffen, und eine Stimme sagt mir: was auf Sand gebaut, auf märkischen Sand, steht länger, als was auf flüssigem Elemente stand.« »Ach, hier wird man ganz poetisch. Hier hat Lord Byron gelebt, den wir so oft zusammen lasen.« »Wenigstens einiges von ihm.« Es zuckte spöttisch um Bismarcks Mund, da er Johanna nicht die Illusion rauben wollte; vor Byrons Don Juan würde sie ja in Ohnmacht des Entsetzens fallen. »Ist mir heut doch unerquicklich, zu tragisch affektiert. Die Prosa der Wirklichkeit hat auch ihr Recht. Nun, bist du bereit? Wir gehen ins Theater.« »Ist's denn wahr, daß unser König hier weilt?« »Es steht so in der Zeitung. Seine Majestät wollen sich endlich mal Erholung von den Regierungsmühen gönnen und Italiens Kunststätten besuchen.« »Wenn er dich sähe und anredete!« »Bei Gott, dazu sind wir nicht hier. Ich hab' dir ja gebeichtet, daß er mich bei jeder Cour geschnitten hat. Na, da ich nicht mal einen Frack in unserem leichten Reisegepäck habe, wird wohl niemand glauben, ich sei nach Venedig gekommen für Audienzen!« Doch Seine Majestät der Hazard, wie Friedrich der Große es nannte, hat seltsame Launen. Kaum saß das junge Paar im Theater Fenice, als sich ein Gewisper erhob: » Il re della Prussia! « und der König in einer Loge erschien. Als sein Blick durchs Parkett streifte, blieb er sofort auf Bismarck haften. Die Fürsten haben bekanntlich einen sechsten Sinn für einmal gesehene Physiognomien, die sie nach endlosen Jahren wieder erkennen. Hier also war es wahrlich kein Wunder, daß im Zwischenakt ein Adjutant erschien und höflich fragte: »Der Herr Abgeordnete v. Bismarck, nicht wahr? Seine Majestät befehlen Euer Hochwohlgeboren morgen zur Tafel.« Ohne eine Erwiderung abzuwarten, die Bismarck hervorstottern wollte, verbeugte er sich mit vorschriftsmäßigem Zusammenschlagen der Hacken. »Da haben wir die Bredouille!« Die Vorliebe für Fremdwörter ward dieser urwüchsige Teutone sein Lebtag nicht los. »Ich kann unmöglich in korrektem Anzug erscheinen.« »Vielleicht wird ein Schneider –« »O Italianissima, ich beneide deinen Optimismus. Für meine Statur binnen so wenigen Stunden einen Hoffrack zurechtzaubern, ist ein Ding der Unmöglichkeit.« – Als der zur Tafel Befohlene eine Entschuldigung begann, wobei er in bester Haltung weder stammelte noch stotterte, unterbrach ihn der König: »Ah, bah, wir sind hier auch nur à la fortune du pot . Um so gemütlicher! Mir liegt daran, mit Ihnen vertraulich zu plaudern. Ich hatte stets ein Auge auf Sie und werde es mir angelegen sein lassen, Sie gleichsam als meinen Schüler heranzuziehen.« »Ich hatte nicht gewagt, zu hoffen –« »Sollten Sie wirklich nicht erkannt haben, daß ich gute Miene zum bösen Spiel machen muß? Das heischt die Politik, wie Sie eines Tages noch erfahren werden, wenn Sie Meister der Politik studierten.« Damit meinte der König sich selber. »Nun erzählen Sie mir mal, was Sie von unseren Verhältnissen denken. Apropos, hörten Sie von der Schrift des Herrn v. Radowitz, die er vorbereiten soll?« »Zu Befehl. Mit sehr großem Interesse.« »Begreiflich. Ich las die Debatten des Landtags recht sorgsam und Ihre Haltung erweckte bei mir eine gewisse Neugier, wenn vielleicht nicht immer meine Billigung. Natürlich nicht betreffs der Grundsätze, im Gegenteil, ich spreche Ihnen meine höchste Anerkennung aus für die ritterliche Rauflust, wenn ich so sagen darf, mit der Sie die Rechte meiner Krone vertreten. Sie sind gleichsam ein umgekehrter Quitzow, doch es ist derselbe Geist. Mit der gleichen adligen Gesinnung, mit der einst die Junker sich unserer Dynastie widersetzten, bilden sie heut eine Phalanx um den Thron. Das ist herrlich poetisch, eine Auferstehung der Ritterzeit, wo noch wahres Christentum sich in vornehmen Formen ausprägte. Geschwätzige Toren nennen dies Feudalismus. Es war viel mehr, gegründet auf tiefem Bedürfnis der Menschennatur. Kennen Sie ›Die Kronenwächter‹ von Achim Arnim? Nicht? Ein wunderbarer Roman, die romantische Schule empfand tief das innerste Wesen des Deutschtums. Sollten Sie lesen, die Arnims sind ja auch Verwandte von Ihnen, weiß schon, habe mich um Ihre Personalien bekümmert. Sie stammen aus alter Ritterfamilie, haben vererbte gesunde Instinkte. Was denken Sie nun eigentlich über Konstitutionalismus?« »Gar nichts denke ich davon, halten zu Gnaden, Majestät. Der alte Napoleon hat gesagt: Bin ich ein konstitutionelles Mastschwein? Ich lebte selber früher in Irrtümern. Nachdem aber der selige Landtag von seinen Sünden erlöst ist, d. h. Eure Majestät ihn aufgelöst haben, werde ich kein Blatt vor den Mund nehmen. Diese sogenannten Parlamentarier sind lauter Dilettanten. Gibt man ihnen das Steuer in die Hand –« »Was Gott verhüte!« fiel der König ein. »Und ich bin auch noch da!« »Dann geht der Staat in Scherben. Lauter Ideologen – das Wort verdankt man auch dem verflossenen Bonaparte – ohne jedes Verständnis für historische Entwickelung. Die wollen im Mai Birnen schütteln. So geht das nicht. Eure Majestät haben allergnädigst viele Konzessionen gemacht, aber nicht nur die Kirche, wie Goethe sagt, hat einen guten Magen, sondern auch die Demokratie. Reicht man ihnen den Finger, wollen sie die Hand und hernach renken sie den Arm aus den Gelenken. Nicht weiter! Fest den Fuß vorgesetzt!« »Na, Sie leben gewiß auf einem großen Fuß, nach Ihrer Statur zu schließen.« Der geistreiche König konnte nie unterlassen, einen Witz zu reißen. »Das is ja allens janz scheene. Aber Sie sind noch jung und in Ihrer Weise ein Idealist, was ich begrüße. Ein König von Gottes Gnaden, der nur Gott verantwortlich ist, aber ihm auch voll und ganz, darf nicht so sans gêne agieren. Lernen Sie, hohe Politik zu machen, vielleicht werde ich Ihr Lehrer sein.« Bismarck verneigte sich tief, ergriffen von so viel Herablassung eines geistig Überlegenen. »Dies Gespräch könnte zu Mißverständnissen führen. Kommen wir daher zu Herrn v. Radowitz, meinem Militärbevollmächtigten am Deutschen Bundestag. Seine Denkschrift, von der ich insgeheim Kenntnis erhielt, wird erscheinen. Er wird darin über die Untätigkeit des Deutschen Bundes klagen, was sowohl materiellen als noch größeren ideellen Schaden verursache. Allgemein herrsche das sehnende Streben nach einer deutschen Gemeinschaft, und dieser populären Stimmung, die sich aller Geister bemächtigte, müsse man Rechnung tragen. Dieser Drang stimmte überein mit Preußens Lebensbedürfnis. Was sagen Sie dazu?« brach der König rasch ab. »Daß General v. Radowitz die Wahrheit sagt. Preußens Machtmittel sind unzulänglich, unser Leib zu schmal für unsere Rüstung, die wir unaufhörlich anschnallen müssen, um uns zu erhalten. Fester Verein mit dem übrigen Deutschland tut uns not, zum mindesten mit Norddeutschland.« »Ganz gut«, unterbrach der König. »Aber meine Herren Vetter in Kassel und Braunschweig sind nicht gerade dazu angetan, die Sympathien der deutschen Nation zu gewinnen.« »Dann muß man sie tunlichst eliminieren«, versetzte Bismarck kühl. »Ich möchte nicht sagen: beseitigen, was meinem monarchischen Empfinden zuwiderläuft, indessen quand même –« Er sah den König an und der lächelte. »Preußen muß sich mit dem besseren Geiste Deutschlands verbinden, d. h. die Führung übernehmen zu neuer Einigung im Geist des Jahrhunderts. Auf volkswirtschaftlichem Boden geschah es schon, wie der Zollverband lehrt.« »Da sind wir völlig d'accord . Mein Freund Bunsen ist gleicher Meinung. Jawohl, Preußen muß in Deutschlands Wiedergeburt sich selbst erst recht finden.« Der König sprach dies mit feierlicher Salbung. Große romantische Visionen schwebten vor seinen Seheraugen. Eine unendliche Gedankenflucht unklarer Vorstellungen gaukelte an ihm vorüber. »Mein lieber Bismarck, Sie haben offenbar meine Intentionen begriffen, und ich danke Ihnen für Ihre Auseinandersetzungen.« Worauf Seine Majestät noch eine halbe Stunde zu deklamieren geruhten. Die Unterredung hinterließ gleichwohl einen tiefen Eindruck auf den ergebenen Vasallen, der seiner Frau versicherte: »Der König ist dennoch ein bedeutender Mann. Überhaupt ... nichts drolliger als die demokratischen Einbildungen, die Fürsten seien geistige Nullen und im Volk schlummere die wahre Kraft. Zu guter Letzt waren auch Bonaparte und Robespierre aus den gebildeten höheren Ständen, Mirabeau erst recht, für den ich immer eine Schwäche hatte. Louis XVI. war kein normales Exemplar eines Monarchen, Karl I. hatte nur das Pech, einem Cromwell gegenüberzustehen, sonst war er gar nicht so übel. Man medisiert allerlei über die Fürsten, doch im großen ganzen stehen sie nach Geist und Charakter weit über ihrem Untertanendurchschnitt. Das kann auch gar nicht anders sein. Von Jugend an werden sie hart in die Fuchtel genommen – mit Respekt zu melden –, die Würde ihrer Stellung macht sie früh reif, sie eignen sich eine Unmenge Beobachtungen an, wie sie ein anderer nicht zu eigen bekommt. Unser Friedrich Wilhelm IV. ist sicher ein Kolossus, gemessen an Georg Vincke und Alfred Auerswald, von den bürgerlichen Schaumschlägern ganz zu schweigen. Mir wird übel, wenn ich an die Herren Roturiers der Phrase denke. Der praktische Camphausen aus Köln ist auch nur so a Kölner Junge, der weiß, wo für ihn Barthel den Most holt. Nein, ich habe volles Vertrauen zu Seiner Majestät, daß sein großer Geist die Dinge richtig lenkt. Allerhöchstderselbe hat mir befohlen, mich im Laufe des Winters bei ihm zu melden.« – »Nun geht's heim!« In dämmernder Frühe beschauten sie den roten Dom der Bundesfestung Mainz. »Hier haben viele Kaiser gethront in ihrer Pfalz, der Reichstag Barbarossas sah hier den höchsten Glanz der deutschen Macht. Alles vorbei! Wir werden keinen Reichstag mehr sehen, und Barbarossa sitzt im Kyffhäuser fest. Bekämen wir Deutsche wieder einen Kaiser, dann müßt' es anstandshalber kein Rotbart sein, sondern ein Weißbart, ein Jüngling mit Greisenhaar, etwa wie der alte Blücher. Denn wir sind so alt geworden in vielhundertjährigem Warten. Vielleicht erleben's unsere Enkel.« Als sie über die Schiffsbrücke den Dampfer bestieg, hob ein Windstoß den leichten Sommermantel, den sie in Genf gekauft. Die Wogen des Rheines rauschten eintönig, grau und träge. Eine Färbung grämlicher Verdrossenheit lag über den sonst so fröhlichen Ufern, graue Regenstimmung schlang die Landschaft ein. Als sie an Biebrich vorüberfuhren, lehnte ein Herr mit Fernrohr in einer Fensternische des Schlosses. »Der Herzog von Nassau!« Der Kapitän grüßte ehrerbietig nach dem Schloß hinauf. »Auch so'n kleiner Potentat, der nicht weiß, wo er hingehört und zu welcher Partei er sich schlagen soll«, raunte Otto ihr ins Ohr. »Und dabei bilden die Oranien-Nassau sich Gott weiß was ein. Gute Soldaten hier, unter Napoleon und Wellington sehr brav. Das müßten preußische Regimenter sein, wie die in Mainz.« »Du möchtest alles in einen preußischen Sack stecken!« lachte sie belustigt. »Vergiß doch nicht, das sind auch Fürsten von Gottes Gnaden.« Otto murmelte etwas Undeutliches. Untersuchte man ihn richtig, gab es für ihn nur einen von Gottes Gnaden: Seine Majestät von Preußen. Stolzenfels, Ehrenbreitstein, hoch durch den Regenflor aufragend mit steinernen Armen gen Himmel der Kölner Dom. »Hier beginnt der Kirchenstaat«, murrte er unwirsch. »Hier hat der Kaiser sein Recht verloren, hier regiert ein Fremder innerhalb unseres Staates. Überhaupt Vater Rhein, ein langweiliger Geselle! Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, die Lorelei trägt ein Kartoffelfeld statt goldenem Haar.« Sie dachte an andere Etappen ihrer Reise. Nachdem sie durch Salzkammergut und Brenner zur Brenta gelangten, bogen sie auf der Rückfahrt nach der Schweiz aus und sahen den Sonnenuntergang auf dem Rigi. »Wie groß sind die Werke Gottes!« rief Johanna begeistert, und er erweiterte den Gemeinplatz: »So leuchtet die Vorsehung auf Gerechte und Ungerechte, und eine Sonne von Austerlitz scheint auch im Dezembernebel. Wie dies Licht hier vom Gipfel her alle Täler durchdringt, so mag wohl ein großer Gedanke, ein Genius, plötzlich alles bestrahlen, was vorher in Nacht und Eis begraben lag.« Sie sahen den Montblanc im Genfer See sich spiegeln. »Hier hat Byron die Haroldstrophen gedichtet, die ich dir damals schickte. Freilich auch das ›Fahrewohl und wenn für immer‹ an seine geschiedene Frau. Beide sahen sich niemals wieder. Möge Gott in Gnaden jeden vor solchem Unheil behüten! Und führe uns nicht in Versuchung, denn dein ist das Reich. Amen.« Und er drückte sie innig an sich. In Chillon ließ er sich den Namenszug Byrons an der Mauer zeigen, der hier in zwei Tagen bei Regensturm den »Gefangenen« schuf. »Es ist doch ein eigentümliches Gefühl, das ein solches einfaches Merkzeichen hinterläßt: Hier stand ein großer Mann, seine Hand hat hier den Stein beschrieben. Wir gewöhnlichen Sterblichen können nur nachfühlen, was es bedeuten muß, ein großer Mann zu sein, dessen Name nie vergessen wird. Von des Lebens Gütern allen ist der Ruhm das höchste doch! singt Schiller, der es ja wissen mußte. Aber ist das wahr? Wenn der Leib in Staub zerfallen, was hilft der große Name! Leichen kann man nicht mit Nachrufen füttern. Freilich wissen wir denn, ob die Seelen der Abgeschiedenen nicht noch über uns weilen und so noch ihren späten Ruhm genießen? Ach, Unsinn! Was in das Jenseits eintrat, verachtet alle Eitelkeit der Eitelkeiten.« »Aber Otto, kann man sich das nicht anders denken? Wenn einer etwas Großes für die Menschen tut, dann ist seine Seele glücklich, auf den Segen zu schauen, der weiterwirkt.« »Wie wahr! O Nanne, dein kluges Frauenherz!« Er sah sie warm an. »So wird's wohl sein. Wenn ich mir vorstelle, ein Deutscher hätte für sein Volk – denn Menschheit ist immer ein vager, hohler Begriff – etwas getan, was dankbar nie vergessen wird, solange noch deutsches Blut in den Adern rollt, ja, das wäre wohl eine Seligkeit, im Tode und nach dem Tode zu schauen auf sein Werk. Es kann die Spur von meinen Erdentagen nicht in Äonen untergehn ... ne, Ruhm is nischt, dafür fehlt mir das Verständnis bei meiner allgemeinen Wurschtigkeit, aber so! Übrigens, glaube mir, hat noch nie ein Großer etwas des Ruhmes wegen getan, dann wäre es schon kein Großer, sondern der Sache wegen und um sich auszuleben. Ne, führe uns nicht in Versuchung! Wir kleinen Leute sollten uns nicht damit abgeben, über Größe zu spekulieren. Das ist ungesund. Wir haben bloß zu beten: Unser täglich Brot gib uns heute!« – In Heidelberg langte Johanna leidend und erschöpft an als junge Frau nach der Hochzeitsreise. Doch sie entzückte sich an den duftigen Waldbergen und rief: »Sieh doch den herrlichen Efeu am Schlosse!« Otto zitierte Byron: »Ich bin wie Efeublätter, die um Schloßruinen blühn, verwelkt und grau nach innen, ob außen frisch und grün! Wie oft hab' ich das in den Bart gemurmelt in einer schlimmen Zeit! Doch seit du, sanfter Efeu, mich bröcklige Ruine umschlingst, da grün' ich von innen.« Sie warf sich ihm in die Arme, er küßte sie lange. Dann lachte er: »Dieser Byron! Singt da in Chillon: ›Eternal spirit of the boundless mind, brightest in dungeons, Liberty, thou art!‹ Ob das unsere Demokraten auch denken, wenn sie hinter Schloß und Riegel sitzen? Freiheit, der ewige Geist der Seele? Was heißt denn Freiheit, und was ist frei! Jeder ist nur sein eigener Knecht!« * Nach Berlin zurückgekehrt sah er sich zu kleinen Diners in Sanssouci zugezogen, wobei beide allerhöchsten Herrschaften ihm ihre volle Gnade zu erkennen gaben. Die Königin Elisabeth hatte als bayrische Prinzessin auch gewisse Familienneigungen in der Politik, doch ihre unbegrenzte Ergebenheit an ihren Gemahl machte regelmäßig halt, wo ihre persönlichen Beziehungen von den politischen Interessen des Königs sich trennten. Dieser gab Bismarck jetzt deutlich zu verstehen, daß sein öffentliches »Schneiden« nicht eine abfällige Kritik bedeuten, sondern nur seine Übereinstimmung vorerst verheimlichen wollte. Die Broschüre von Radowitz »Deutschland und Friedrich Wilhelm IV.« war nun am 20. November erschienen und machte Aufsehen. »Aber – da ist ein großes Aber!« vertraute der König seinem neuen Günstling an, den er in einer Fensternische beim Knopfloch nahm. »Die Auseinandersetzung mit Österreich!« »Dazu könnte wohl Rat werden, da leider in diesem Kaiserstaat die zentrifugalen und revolutionären Elemente überhandnehmen. Bei solcher Schwächung –« »Da sei Gott für, daß wir die Notlage der altehrwürdigen deutschen Dynastie ausnutzen sollten!« rief der König entrüstet. »Allerorts sind die Übelgesinnten am Werke, Satan hat große Macht auf Erden, Böses wird aus allen deutschen Bundesstaaten berichtet, doch Preußen wird sich, so Gott will, wiederfinden in Gottesfurcht und Königstreue. Wir sind der rocher de bronce der deutschen Dynastien gegen den Unflat der Revolution.« – So schien es in allen höfischen und junkerlichen Kreisen. Johanna Bismarck in Schönhausen ließ sich von ihrem Gatten alle Witze Seiner Majestät erzählen. Die waren gottvoll. Zum Beispiel, als er bei der Abreise des Herzogs von Cambridge die Schloßparole ausgab: »Oxfort!« oder dem Herzog von Anhalt-Köthen, als dessen Bürger die Hymne »Ich bin ein Preuße« sangen, auf dessen Unmut antwortete: »Die Leute können doch nicht singen, ich bin ein Köter, kennt ihr meine Farben!« oder einer sehr hohen Dame, als diese bei Charademimik schmachtend auf einen Löffel blickte und »Silberblick« meinte, die Lösung gab: »Löffelgans«. Si non è vero, è ben trovato . Die Berliner Bourgeoisie schätzte die Witze Seiner Majestät, blieb aber dabei, treugehorsamst zu opponieren. Und der tolle Frühling von 1848 brauste immer lauter, bis in die Klause des Eremiten von Schönhausen, der sich ganz zurückzog und seinem Familienglück lebte. Der Deichhauptmann wußte aus Erfahrung, was diese Symptome bedeuteten, wenn ein Strom nach entfesseltem Eisgang sich ungebärdig an die Ufer wälzt. »Was hast du denn, Ottochen?« forschte die besorgte Gattin, als er finster ein Zeitungspapier zerknüllte. »In Paris Revolution und Republik. Das kann gut werden mit der Ansteckung.« Und so geschah es, Volksversammlungen, Sturmpetitionen, besonders für Revision der Bundesverfassung. In Mannheim, Karlsruhe, Stuttgart, München, Hannover griff die Bewegung des denkwürdigen März um sich, selbst in Kassel stellte man dem Tyrann ein Ultimatum. Und der Bund gab nach. Das Präsidium in Frankfurt erließ schon am 1. einen Aufruf: »Deutschland muß auf die Stufe erhoben werden, die ihm unter den Nationen Europas gebührt.« Dagegen hatte der Schloßherr von Schönhausen nichts einzuwenden. »Es ist schön, daß die Regierungen die Sache selbst in die Hand nehmen, das ist der rechte Weg«, rief er freudig und schmunzelte: »Am Ende gewinn' ich noch meine Champagnerwette mit dem Yankee.« Aber als gleich darauf Preßfreiheit und Schwarzrotgold, die Farbe der Burschenschaft, als Bundesfarbe proklamiert und die Nationalversammlung nach Frankfurt berufen wurde, furchte sich seine breite und schon zusehends kahlwerdende Stirn: »Zu hitziges Tempo und Nachgiebigkeit gegen die Demagogie! Wird unsern König stutzig machen, und damit ist alles verloren.« »Die Leute lehnen sich ja alle gegen die gottgewollte Obrigkeit auf,« jammerte seine Frau Gemahlin, »darauf kann niemals Gottes Segen ruhen.« Ihr Mann schwieg betreten. Natürlich, es war die reine Erpressung. Aber wenn wirklich auf diesem Wege wider alles Erwarten die deutsche Einheit zustande käme ... ach, Unsinn! Siehe die Schwätzer im Landtag! Und es wurde schlimmer und schlimmer. In allen deutschen Kleinstaaten siegte die Revolution unter dem Namen des Konstitutionalismus. Tatsächlich dankte das alte Regierungssystem überall ab. In Wien – wer hätte das gedacht! – mußte die Metternichtigkeit flüchten und der Kaiser eine schwarzrotgoldene Fahne in die Hand nehmen, indes seine Truppen von der Hofburg abzogen und die Nationalgarde die Führung antrat. Und kaum hatte Frau v. Bismarck die Hände über dem Kopfe zusammengeschlagen und ihr Mann schweigsam diesen Ruin aller außerpreußischen Dynastien verdaut, der zur Stärkung Preußens dienen konnte, als ihn in Carow bei seinem Gutsnachbar Graf Wartensleben, zu dem er behufs politischer Besprechung hinüber ritt, eine Hiobspost aus heiterem Himmel erwartete. »In Berlin herrscht die Revolution!« empfing ihn der Graf, zitternd vor Aufregung. »Damen aus Berlin sind zu mit geflüchtet. Hab' ich Ihnen nicht gesagt, Majestät hätte den Magistrat und die Stadtverordneten der Residenz nicht so schnöde abweisen sollen, er sei beschäftigt, als man ihm die Adresse überreichte? Beschickung der Nationalversammlung in Frankfurt, allgemeine Amnestie, gleiches Bürgerrecht für alle waren doch keine so unmäßigen Forderungen angesichts der politischen Lage. Und nun haben wir den Salat ... und den Essig dazu!« Aus dem Tone des Edelmanns entnahm Bismarck, daß die Dinge sehr schlecht stehen mußten. Er wußte schon, daß große stürmische Volksversammlungen in der Hauptstadt stattfanden, auch schrieb ihm Gerlach, daß allerlei lichtscheues Gesindel der internationalen Revolutionsindustrie, Franzosen und Polen, russische Juden, politische Flüchtlinge, internationale Agitatoren sozialistischer Färbung, in Berlin zusammenströmten. Doch hatte er solche Zuversicht zu der festen Fügung des Preußenstaats, daß er dazu nur lachte und auf die Festigkeit des Königs baute. Er wußte auch von Zusammenstößen des Militärs mit aufgeregten Menschenmassen, die eine Spannung dauernd erhielten, vom Patent des 14. März, das den Landtag erneut berief. Mit gemischten Gefühlen vernahm er durch Eilboten vom Erlaß des 18., der ein konstitutionell-nationales Programm enthielt, das jeder weitgehenden Forderung »für Freiheit und Einheit« entgegenkam. Aber damit endete sein Wissen, weitere Post aus Berlin war ausgeblieben. Und nun hagelten die Nachrichten auf ihn herein von kreischenden hysterischen Damen, von dem Grafen, der ruhiger erzählte. Wie das Volk vors Schloß zog, um dem König zu danken, wie zwei Gewehre der militärischen Bedeckung, deren Zurückziehung das Volk verlangte, als der König auf dem Balkon erschien, sich zufällig entluden, wie darauf Barrikaden aus dem Boden wuchsen unter Kommandoworten französischer und polnischer Revolutionäre, wie ein blutiger Straßenkampf sich entspann von drei Uhr nachmittags bis zum andern Morgen. Sturmläuten, Salven, Feldgeschrei der stürmenden Garden, wildes Aufruhrbrüllen der Volksmassen, grimmige Tapferkeit auf beiden Seiten. »Geschlagen haben sich die schuftigen Berliner wie alte Preußen«, gestand Wartensleben, ein richtiger Edelmann, mit unfreiwilligem Stammesgefühl. »Besonders in der Jägerstraße soll es den Truppen viel Blut gekostet haben, den Widerstand zu brechen. Aber die haben nirgends ihre Pflicht verraten wie das Militär in Paris, Straße um Straße haben sie gesäubert und waren Sieger, als leider –« »Nun, was denn?« fragte Bismarck atemlos. »Se. Majestät haben Befehl erteilt, die Truppen aus Berlin zurückzuziehen und eine Proklamation ›An Meine lieben Berliner‹ erlassen, worin er allzu milde und versöhnlich sich gleichsam unter den Schutz der Aufrührer stellt. Es laufen sogar Gerüchte um, daß der allerhöchsten Person nicht neue Demütigungen erspart blieben.« Der Schönhauser stieß einen dumpfen Fluch aus. »Mit Aufrührern paktieren ist der Anfang vom Ende.« Am meisten empörten ihn die Schauermärchen, von weinend durcheinanderkreischenden Dame kolportiert, daß die Soldaten in den Straßen »ermordet« seien. Daran war kein wahres Wort, falls man nicht den Waffentod in ehrlichem Kampfe bloß deshalb Ermordung nennen will, weil Barrikadenkämpfer ihn herbeiführten. Ebenso übertrieben klangen aber auch die Legenden der andern Partei über viehische Grausamkeit der Truppen, wie damals allgemein geglaubt wurde, ein Glaube, der noch heute nicht ausstarb. Nur an einigen Stellen räumten die durch ihre Verluste aufs äußerste gebrachten Truppen in ihrer Erbitterung rücksichtslos auf, dumme pommersche Bauernlümmel in Uniform ließen ihre Wut an den verhaßten und beneideten Städtern aus, wobei Wehrlose und auch ganz Unbeteiligte umkamen. Im ganzen unterschied sich der Kampf in nichts von ähnlichen Vorfällen in andern Städten. Die Geschichtschreibung wird aber nie die volle Wahrheit schreiben dürfen, weil beide Parteien logen und einander verleumdeten. Die konventionelle Fabel, wie Napoleon die Geschichte nennt, erstieg hier den Gipfel der Fälschung, indem man dem völlig schuldlosen Prinzen von Preußen, der selber den so überaus entgegenkommenden Erlaß mit unterschrieb und am Hofe das liberale Element sehr gegen die innere Absicht des schwankenden Königs vertrat, ein militärisches Attentat andichtete und ihn mit Verwünschungen überhäufte. »Man hat auch geplündert und sich an königlichem Eigentum vergriffen«, behauptete eine der geflüchteten Damen. »Selbstverständlich, das wahre Motiv ist immer Diebesgelüst. Die Großstädte, das Treibhaus niedriger Leidenschaften, sollte man vom Erdboden vertilgen, vor allem Berlin, diesen aufgeblasenen Wasserkopf des Reichs. Solche Übel heilt man nicht durch demokratische Konzessionen und Projektenmacherei für ein einiges Deutschland. In Preußen besteht gar kein Bedürfnis für solche nationale Wiedergeburt vom Schlage der Frankfurter Theorien. Diese ganze demokratische Krankheit ist wie rote Ruhr, für die Rotwein gut ist, alias rotes Blut.« »Gegen Demokraten helfen nur Soldaten«, stimmte Graf Wartensleben an. »Übrigens seh' ich die Dinge nicht so schwarz an«, suchte Bismarck den Mut seiner Standesgenossen aufzurichten, »der König wird schon Rat wissen, wenn man ihn nur aus der Gewalt der Aufrührer befreit.« * Am folgenden Tage meldeten ihm seine Bauern in Schönhausen: »Da sind so 'ne Kerls gekommen aus Tangermünde, die sagen, wir sollen eine Fahne auf dem Turm aufziehen, schwarz-rot-gold, und wenn wir nich gehorchen tun, dann kommen sie mit ville Mannschaft.« »Ei so! Wollt ihr euch wehren, da die Burschen euch gar nichts zu sagen haben?« »Jawohl!« erscholl es von allen Seiten. »Dann jagt die Windbeutel aus dem Dorfe!« Dafür waren besonders die Bäuerinnen eingenommen, für deren praktisches Verständnis die Revolution bloßen Übergriff der Städter zur Ausraubung des Landvolkes vorstellte. »Ist nicht in der Kirche eine Fahne mit schwarzem Kreuz? die pflanzt auf den Turm, damit man sieht: hier sind gute Preußen, schwarz-weiß, nicht schwarz-rot-gold wie bei dreckigen Ausländern. Habt ihr Gewehre und Munition?« »Zu Befehl. Das heißt –« Einige kratzten sich hinter den Ohren. »Ja, ich weiß schon, Jagdgewehre fürs Wildern. Schad't nischt, von mir aus habt ihr Absolution, wenn ihr die Waffen nur für König und Vaterland braucht. Ich selbst habe so an zwanzig Stück zu Haus, darunter zwar manche aus alten Tagen, aber Gewehr ist Gewehr. Und nun schick' ich reitende Boten nach Jerichow und Rathenow von wegen Schießpulver, denn daran hapert's.« Zu Hause befahl er: »Nanne, laß anspannen! Du fährst mit, wir müssen die Dörfer der Umgebung aufwiegeln, damit sie dem König zu Hilfe kommen. Nützt's nichts praktisch, so macht's doch moralischen Eindruck.« Man fand die Leute überall bereit, für die gute Schönhausener Herrschaft durchs Feuer zu gehen. Der greise Dorfschulze von Neuermark tat sich besonders hervor: »Zu Befehl, Herr Deichhauptmann. Habe bei den Rathenower Karabinier-Kürassiers gedient unter dero Herrn Vater, dem seligen Herrn Rittmeister, und war Wachtmeister. Hol' mich dieser und jener, wenn ich nich meinen Fahneneid halte und für meinen König feste druff haue mang die verflixte Demokratenbande.« Da kam der nächste Gutsnachbar an den Schönhauser herangesprengt und warnte: »Sie entzünden eine Brandfackel zum Bürgerkrieg und stürzen die armen Leute ins Verderben.« »Sympathisieren Sie mit der Berliner Bewegung?« »Das tu ich. Se. Majestät selber haben ja erklärt –« »Paperlapapp! Wollen Sie etwa meine Absicht durchkreuzen?« »Ich werde als Patriot die Dörfler aufklären, daß –« »Dann schieße ich Sie nieder.« »Herr v. Bismarck! Das werden Sie nicht.« »Sie kennen mich als ruhigen Staatsbürger, doch auf Ehrenwort – und daß ich das halte, wissen Sie! Unterlassen Sie jede Widerrede!« Er nahm sodann zärtlichen Abschied von Johanna, die ihn weinend umarmte und nicht fortlassen wollte. »Sei getrost, mir passiert nichts. Ich will nur das Terrain rekognoszieren, fahre bloß nach Potsdam, wo das Militär lagert.« Kaum betrat er den dortigen Bahnhof, als eine ordengeschmückte Figur sehr knickebeinig sich an ihm vorüberschleichen wollte. »Ne me parlez pas!« raunte er hastig auf die ehrerbietige Begrüßung, es war der gewesene Minister v. Bodelschwingh, den die neue Ordnung aus Amt und Würden entfernte. Bismarck raunte als Antwort: »Les paysans se lèvent chez nous.« »Pour le peuple?« »Pour le roi!« »O! Dieser Seiltänzer!« entfuhr es dem Erzürnten, den sein Monarch so schnöde fallen ließ, die Augen gingen ihm von Tränen über. Bismarck eilte in die Stadt und traf auf der Plantage vor der Garnisonkirche eine lagernde Gardeabteilung. Er redete die Gemeinen an, die eifrig versicherten: »Wir hatten das Gesindel ganz verdroschen. Warum ließ man uns retirieren?« Ein Freiwilliger trumpfte auf: »Des Königs Majestät ist von Verrätern umgeben, die ihm arglistig Lügen ins Ohr flüstern.« Ein Unteroffizier warf sich in die Brust: »Nur nochmals 'rin in dat gottverdammte Nest! Dat sind ja jar nich Preußen und deutsche Brüder, lauter Polen und Schelmfranzosen. Als ich dat jehört habe, wie solche Musjös mitten uf'm Lustmarkt brüllten: An avang pur la Lieber Tee, da hab' ik 'ne Lust jekriegt, die janze Bande so zu verhauen, daß nich ein Stiebelfetzen übrigbleibt!« Eine Reihe Grenadiere stimmte das pathetische gutgemeinte Lied an, mit dem ein unbekannter Poet, wohl ein freiwilliger Jäger, dem Schmerz und der Entrüstung der Truppen beim Abmarsch aus Berlin Worte lieh. Sehr naiv scholl der Hohnrefrain: »Ihr sollt nicht Preußen mehr, sollt Deutsche sein.« Schwarz-rot-gold sei eine Entweihung der schwarz-weißen Fahne. »Was du hier tatest, Fürst, wird dich gereu'n, so treu wird keiner wie die Preußen sein.« Bismarck dachte an seine studentische Anfangs-Jugend, wo er nicht verschmäht hatte, ein schwarz-rot-goldenes Burschenband zu tragen und wo sein großdeutsches Gefühl aller preußischen Schulung engherziges Preußentum im partitkularistischem Sinne ausschloß. Doch die unerwartete Entwicklung nach links, die wilde Überstürzung der Reichs- und Einheitsschwärmer, warf ihn mit heftigem Stoß so weit nach rechts, daß er vor der Hand von Alldeutschen nichts mehr wissen wollte. So überschäumt die Brandung in einem Orkan eine Klippe, so daß sie lange nicht mehr sichtbar wird. Aber sie bleibt doch da, und wenn der Schaum sich verlief und die Sturmflut zurückebbt, wird sie schon wieder ihr Haupt erheben. – Indessen hatte die revolutionäre Woge auch schon nach dem königlichen Hochsitz Potsdam hinübergespült. Als Bismarck längs des Kanals nach dem Stadtschloß ging, hefteten sich mehrere verdächtige Zivilisten an seine Fersen und hetzten: »Ein Spion der Reaktion! Ein fauler Landjunker! An die Laterne!« Der Altmärker Hüne lockerte den Revolver in der Seitentasche, dessen vier Schüsse er sicher erfolgreich abgefeuert hätte, doch niemand wagte Tätlichkeiten. »Können Sie mich auf eine Nacht beherbergen?« fragte er den Hauptmann v. Roon, der dem jungen Prinzen Friedrich Karl, Neffen des Königs, als Militärgouverneur beigegeben war. »Mit tausend Freuden, lieber Freund. Nun, wie steht's draußen?« »Gut. Ich möchte nur hier sondieren, um mich auszukennen. Wohin soll ich mich wenden?« »Zu Exzellenz v. Möllendorf im ›Deutschen Hause‹. Den haben die Schurken vom Pferd gerissen, als er mit ihnen unterhandelte und ihn so lange gemißhandelt, bis man ihn ihrer Wut entriß.« – Dieser alte General bewegte sich mühsam. »Ich bin noch ganz steif von Wundschmerzen, so haben die Biester mich zugerichtet. Sie wünschen Näheres zu wissen? Hier ist General v. Prittwitz, der in Berlin kommandierte.« Letzterer Herr lehnte das Angebot bewaffneter Bauern rundweg ab. »Die brauchen wir nicht, schicken Sie uns lieber Lebensmittel, auch ein paar Batzen, denn mit Verpflegung und Löhnung der Soldaten wird's wohl hapern.« »Aber ein solcher Zuzug des Landvolks könnte doch nützen?« »Sie irren. Dann erhielte ich spornstreichs aus Berlin des Königs Befehl, die braven Leute abzuwehren.« »So ist also doch der König wie im Gefängnis. Holen Sie ihn heraus!« »Sie sind etwas aufgeregt und sehr viel jünger als ich,« versetzte der General gemessen. »Gewiß, ich könnte Berlin einnehmen, doch nicht ohne blutiges Gefecht. Das würde mir Kopf und Kragen kosten, falls der König in seiner Zwangslage mich desavouiert. Und was kann er anderes tun? Und was kann ich tun, da ich doch auf allerhöchsten Befehl den Besiegten spielen soll? Ohne Befehl darf ich nicht handeln.« »Dann muß der Befehl von anderer autoritärer Seite kommen. Si nequeo Danaos, Acheronta movebo. « Bismarck lief sofort zur Behausung des Prinzen von Preußen. Der hohe Herr sei abwesend, hieß es, die Frau Prinzessin werde den Herrn empfangen. Man führte ihn in ein Dienerzimmer im Erdgeschoß, wo die schöne Frau mit verweinten Augen auf einem einfachen Fichtenstuhl saß. »Was wünschen Sie?« »Den Aufenthalt Sr. Kgl. Hoheit zu erfahren, um ihm eine untertänigste Bitte vorzutragen.« »Diese Auskunft kann ich nicht geben. Wie ich Sie kenne, planen Sie einen Gewaltakt und würden uns vollends ins Verderben stürzen.« »Es ist noch nichts verloren. Wollten Ew. Kgl. Hoheit geruhen, mich anzuhören –« »Nein. Sie und ihresgleichen haben den König in seinem Starrsinn bestärkt. Mein Gemahl, völlig schuldlos daran, muß nun die Folgen tragen. Er wird sich auch nicht halten können. Welch ein Wahnsinn, sich einer Bewegung zu widersetzen, die ganz Deutschland und Österreich durchzittert!« »Mir scheint dies nur eine vorübergehende Mode der Zeit«, erlaubte sich Bismarck einzuwerfen. »Ja, so denken Sie, die hinter der Zeit zurückblieben! Die moderne Menschheit läßt sich nicht mehr kommandieren wie Leibeigene eines pommerschen Gutsherrn. Sie sind ja wohl aus Pommern, nicht wahr?« »Nicht ganz, gnädigste Prinzessin, obschon es dort keine Leibeigene gibt, wie ich mir zu bemerken erlaube. Aber monarchisch find sowohl die Pommern als wir Märker bis in die Knochen, voll angeborener Treue und Ehrfurcht für das erhabene Herrscherhaus, für den Adler Hohenzollerns, dem wir alles verdanken. Dies Spielen mit der Republik in deutschen Landen ist ein Anachronismus ohne jeden Halt, der Deutsche hängt an seinen angestammten Herrschern.« »Das scheint Ihnen so, Sie malen verlockende Bilder, weil in ländlichen Illusionen befangen. Wer die Dinge von höherer Warte sieht, wird Ihren Optimismus nicht teilen.« Die Prinzessin sprach immer sehr geläufig und gewählt. »Es gilt für die Dynastie zu retten, was zu retten ist. Meine Pflicht als Mutter ist allein, die Rechte meines Sohnes zu schützen.« Prinzessin Augusta befand sich in etwas hysterischer Aufregung und drückte wiederholt ihr Tuch an die Augen. »Aber die Minderjährigkeit –« »Dafür muß eben eine Regentschaft eintreten.« »Von wem?« Die Dame blitzte ihn hoheitsvoll an. »Von derjenigen Stelle, die von Natur dazu berufen scheint. Adieu, Herr v. Bismarck, und versuchen Sie nichts Unmögliches!« – Die Regentschaft der Prinzessin? Weiberregiment in so bedrängter Zeit? Das heißt völliges Kapitulieren vor der Revolution, Scheinkönigtum. In seiner Verzweiflung lief Bismarck sogar zu dem blutjungen Prinzen Friedrich Karl. Dieser Prinz machte einen günstigen Eindruck, seinem hübschen Äußern sah man viel Willenskraft und Begabung an. Er wurde blaß und rot bei der Eröffnung, das Königshaus müsse an Stelle des unfreien Königs für dessen Ehre und Recht die Armee anrufen. »Ich danke Ihnen und wäre glücklich, wenn ich dürfte, doch ich bin zu jung. Man spottet über die Studenten, die Politik treiben, ich wäre in gleichem Falle. Ein solches Beispiel wäre ein abschreckendes Exempel von Indisziplin, das mir der König nie verzeihen würde. Aber gehen Sie zu meinem Vater, vielleicht weiß der Rat!« * Prinz Karl genoß keines guten persönlichen Rufes wegen ausschweifender Sitten, ob dies nun begründet oder nicht. Doch war er nicht ohne feinere Bildung, im Umgang liebenswürdig, und zeigte sich hier als entschlossen und hilfsbereit. »Sie wollen nach Berlin, wirklich? Alle Achtung vor so viel Mut und Treue! Nun, da geb' ich Ihnen ein offenes Schreiben mit, unter dem Vorwand, weshalb ich seit 20 Stunden umsonst auf Bescheid warte, ob ich nicht zu meinem allergnädigsten Bruder nach Berlin kommen dürfe. Sie haben ben Auftrag, sich persönlich nach Sr. M. Gesundheit zu erkundigen.« Mit dem Schreiben dieses Inhalts ausgerüstet, machte sich also der vielen vom Ansehen bekannte ehemalige Abgeordnete auf den Weg. Vorsichtshalber trug er außer dem Audienzfrack einen breiten Schlapphut mit schwarz-rot-goldener Kokarde und ließ sich zuvor den meisten Bart abscheren. Als in Berlin auf dem Bahnperron ausstieg, traf er erstens seinen Vetter Bismarck-Bohlen, zweitens eine Blechschüssel, zu Spenden für die edeln Barrikadenkämpfer bestimmt, über welche patriotische Mahnung ein Mann der Bürgerwehr mit Argusaugen wachte nebst einem geschulterten Gewehr. Der Herr Vetter zog zaudernd die Börse, der Schönhauser Recke aber schnarrte laut: »Du wirst doch für die Mörder nichts geben und dich nicht vor dem Kuhfuß da fürchten?« Denn er hatte in dem Posten, der sich zornig umwandte, einen Freund erkannt. »I Jotte doch, Bismarck!« rief Kammergerichtsrat Meier erstaunt. »Wie seh'n Sie denn aus? Nette Schweinerei hier!« Der übelberüchtigte Demokratenfresser und Städtevertilger warf sich in eine Droschke und stieg auf der Schloßfreiheit aus. Die Schloßwache, aus Bürgerwehr bestehend, ein ungewohnter Anblick für ein preußisches Auge, ließ ihn mürrisch nicht durch. Von mißtrauischen Blicken gemustert, ging er nach Meinhards Hotel und schrieb dort dem König, was er auf dem Herzen hatte. Dieser gebiete noch unumschränkt im Lande, wenn er sich nur von Berlin entferne, außer den großen Städten sei alles königstreu. Diesen auf grobem Papier rasch hingekritzelten Brief trug der kühne Royalist zum Prinzen Radziwill in die Wilhelmstraße hinüber, der freien Zutritt im Schlosse hatte, vielleicht wegen seiner polnischen Herkunft, da die Polen bei dem ganzen Berliner Putsch eine treibende Kraft abgaben und sich natürlich mit ihren eigenen Hocharistokraten wie den Radziwills und Lichnowskis, gut halten wollten. Die Radziwills, von denen ein weibliches Familienglied in zarten romantischen Beziehungen zum Prinzen Wilhelm gestanden hatte, bewahrten treuste Anhänglichkeit an die Hohenzollern. Vom Fürsten Lichnowski, den einst Ancillon als Normalprodukt der hohen Diplomatenschule anpries, ließ sich nicht das gleiche sagen. »Ja, mein teurer Bismarck«, erzählte Fürst Bogislaw, »im tiefsten Vertrauen gesprochen, das Benehmen des Fürsten war sonderbar. Droben im Schlosse schüchterte er den König durch Alarmnachrichten ein, die Truppen seien zu schwach und hätten keine Munition, drunten auf dem Platze ging er unter den Bürgern umher, angeblich um ihnen gut zuzureden. Man behauptet aber, er habe dort deutsch und polnisch verschiedenes verbreitet, das Volk solle nur aushalten, der König habe den Mut verloren.« »Und steifte denn kein Minister Seiner Majestät das Rückgrat? Nicht Bodelschwingh?« »Daß ich nicht wüßte! Im Gegenteil gibt es da eine Version ... darüber kann Sie vielleicht Prittwitz aufklären ... Und General Gerlach kann Ihnen sagen, daß Seine Majestät gar nicht den Abmarsch der Truppen befahlen, was ja auch ganz widersinnig wäre.« »Was!« fuhr Bismarck auf. »Welcher Verräter –« »Pst, ein trauriges Mißverständnis. Ich weiß nur, daß die nächste militärische Umgebung sofort den König aufsuchte, der zufällig, einem natürlichen Bedürfnis zu genügen, abwesend war. Als er zurückkam, fragte man, ob Allerhöchstderselbe den Abmarsch befohlen habe. Er verneinte bestürzt und rief, als man ihm vom Fenster aus den ganzen Schloßplatz voll Zivilisten und in der Ferne die abziehenden Truppenkolonnen zeigte: ›Das kann nicht sein!‹ Nun, man wird ja später Näheres erfahren. Ich bringe jetzt Ihren Brief hinüber, warten Sie hier.« Der Fürst kam nach einer Weile wieder, tiefernst. »Seine Majestät wollen Ihnen nicht antworten, sagten auch nichts über den Inhalt Ihres Schreibens, haben aber den Zettel sorgfältig eingesteckt, als wolle er ihn als Andenken bewahren. Dies erste Zeichen aus dem Lande draußen, daß er nicht verlassen sei, tat ihm sicher wohl.« – Durch Zeitungsblätter aus Berlin, nach Potsdam durchgeschmuggelt, durch Augenzeugen, zwischen der Hauptstadt und dem Heerlager hin und her pendelnd, machte Otto sich ein vollständiges Bild der Ereignisse. Jetzt beim Besichtigen der Innenstadt gingen ihm Einzelheiten durch den Kopf. Leutnant Prinz Hohenlohe versicherte, der eigentliche Berliner Bürger habe sich gar nicht beteiligt. Er sei mit verwundeten Kameraden mitten durch eine Barrikadenbesatzung geritten, die vor dem herrischen Zuruf »Platz da!« bereitwillig auseinanderstob. Der Untertänigkeitstrieb wurzele noch tief im Volke. An Stelle von Savigny war ein gewisser Dr. jur. Bornemann zum Justizminister ernannt, Camphausen als Präsident der Handelskammer sollte nach Erlaß vom 20. als Minister eintreten. Die Berliner schwebten aber in Unruhe wegen etwaigem neuen Vorrücken der Truppen auf die Stadt. Dies sei unbegründet, verbürgten sich Graf Schwerin, Flügeladjutant v. Below u. a. durch Maueranschlag. Die Bürgerwehr schickte Patrouillen zum Kreuzberg und gen Schöneberg, stellte Unrichtigkeit des Gerüchts fest. Man verhaftete Alarmisten auf der Friedrichstraße. Gleichwohl bemächtigte sich solche Aufregung der Gemüter, daß eine an der Ecke der Besselstraße errichtete Barrikade viel Nachahmung fand. Die Schutzwache des Anhalter-Tor-Bezirks forderte alle guten Bürger auf, den Behörden jene Aufwiegler zu überliefern, »die das Vertrauen zwischen Regierung und Volk stören wollen«. Wie ehrlich dies Vertrauen, bestätigte die Genugtuung der Haude- und Spenerschen Zeitung über die Besetzung des Prinz-Wilhelm-Palais als Volkseigentum. »Nur dies, wir sagen es offen, konnte Befriedigung und Besänftigung herbeiführen.« Aber wer nun zufrieden zur Ruhe ging oder sich in öffentlichen Lokalen belehrte und belebte, den trieb alsbald ein Lärmruf auf die Straße, Prinz Wilhelm sei im Anzug auf Berlin. Der böse Hannibal vor den Toren! »Das Schönhauser Tor ist erstürmt!« verbreitete sich schon am Halleschen, am Schönhauser wußte man, die Truppen drängen durchs Hallesche ein, der Prinz sei mit Geschütz auf der Frankfurter Chaussee angelangt. »Heraus, zu den Waffen!« Die Patrouille des Handwerkervereins, zuerst auf dem Platze, kreuzte sich mit anderen bewaffneten Abteilungen, binnen einer halben Stunde wuchsen erneut Barrikaden aus dem Boden, an vielen Punkten stärker als in der Schreckensnacht des Kampfes. Zureden und Beschwichtigen half nichts. Durch Stadt und Vorstädte wälzte sich ein brausendes Menschenmeer, hunderttausend Kehlen schrien auf einmal, überall ein Schlagen von Hacken, Picken, Hämmern, Äxten. Doch weder Schüsse noch Trommelwirbel ließen sich hören, Torwachen mit der Kunde, alles sei ruhig, brachten endlich die Haufen auseinander. Am Morgen räumte man die Barrikaden weg. Erst am vorigen Abend zog die reitende und Fußartillerie der Garde trübsinnig ab, bei der ein Hauptmann Reibnitz sich durch Verteidigung von Monbijou besonders ausgezeichnet hatte. Man erbat Schutz von der Bürgerwehr beim Abzug, was Stadtverordnetenvizevorsteher Seidel gnädig zugestand. Noch heute brüteten erhitzte Köpfe Unsinn aus. »Die Russen rücken auf Berlin an.« Pathetisch trösteten Straßenredner: »Von den Sklaven des Moskowiter Barbaren fürchtet nichts ein freies, wehrhaftes Volk, geführt vom freien, echtdeutschen, ritterlichen König.« Den Spott darüber brüllten biedere Bürgersleute nieder, die ihren geliebten Monarchen nicht mit dem grausamen Prinzen Wilhelm verwechseln ließen. Traten nicht gestern Majestät in Begleitung von Prinz Albrecht auf den Schloßplatz, redeten leutseligst Umstehende an, reichte ihnen allergnädigst die Hand, sprach dero volle Zufriedenheit zu den »Erfolgen« aus? Vieltausendstimmiges Hoch antwortete. Welche »Erfolge« er meinte, blieb ungewiß wer mochte darüber nachsinnen! »Solange sich Majestät der Bürgerwehr anvertraut, hat das Volk nichts zu fürchten«, klang zweideutig, man konnte übersetzen: solange wir ihn als Pfand im Gewahrsam halten, kann uns nichts geschehen. Nicht ohne Tücke warf sich die Presse in die Brust, der Bürger treue Gesinnung habe sich gerade in der Alarmnacht bewährt; denn wenn ihr guter Glaube an den König wankend würde, wie leicht hätte man sich dann an ihm vergriffen! Doch ihm sei kein Haar gekrümmt worden! Nun herrschte ungetrübter Frohsinn, alle Häuser und Paläste mußten beleuchten zur Illumination. Über dem Palais Prinz Wilhelms erschien die Transparentinschrift: »Das Eigentum der Nation ist dem Schutze der Bürger anvertraut.« Die Kasernen erklärte man ebenso großartig als Nationaleigentum. Die Gymnasiasten der oberen Klassen zogen in Wehr und Waffen auf die Straße. Wunderschön ... zum Weinen vor Rührung oder zu Lachtränen. Die Leichenwagen der Gefallenen stattete man »zweckmäßig« mit revolutionärem Schmucke aus, alle Stadtbeamten traten an, sich dem Zuge anschließend. Trauerflore um den Hut, schwarze Schleifen um den Arm bezeugten bei Leidtragenden, daß sie angeblich jemand im Kampfe verloren. Gebrüder Oppenheim, Stralauer Straße 14, gaben diese düsteren Merkzeichen sogar gratis ab, diese uneigennützigen Patrioten, statt sie im Ramschausverkauf an den Mann zu bringen mit 50 Prozent Rabatt. Welche Opferwilligkeit! Die »Gemeinnützige Baugesellschaft«, Chausseestraße 74, lud alle Arbeitslosen zu sich, da ihr das gütige Ministerium reiche Baubeschäftigung übertrug. (Und bist du nicht willig, so brauch' ich Gewalt.) Die Arbeiter brummten: »Det is janz scheene, aber man bloß de Frühstücksstulle, wir lassen nich locker, bis wir ooch Eisbein mit Sauerkohl uf unsere alten Tage haben.« Andere meinten, arbeiten sei vorerst eines befreiten und freien Mannes unwürdig, jeder müsse von der Revolution vollständig ernährt werden »für so ville Verdienst um det fette Bürgerpack, denn wir haben die Sache befummelt«. Edel ist der Mensch, hilfreich und gut ... solange die zahlungsfähige Moral nicht Zahlungen leisten muß. Der 21. März ward immer denkwürdiger. Um 9 Uhr vormittags lief eine Proklamation um: »An die deutsche Nation! Eine neue glorreiche Geschichte hebt mit dem heutigen Tage an. Ihr seid fortan eine einige, große Nation, stark, frei, mächtig. Preußens Friedrich Wilhelm stellt sich im Vertrauen auf euren heldenmütigen Beistand und eure geistige Wiedergeburt an die Spitze des Gesamtvaterlandes. Ihr werdet ihn mit den altehrwürdigen Farben deutscher Nation noch heut in eurer Mitte erblicken. Heil und Segen dem konstitutionellen Fürsten, dem König der freien, wiedergeborenen deutschen Nation!« Diesen lieblichen Unsinn, schon vergilbt von Wind und Wetter, las Otto noch an einigen Mauerecken. Er lachte bitter in sich hinein. Geschwindigkeit ist keine Hexerei, über Nacht Deutschland einig, stark und mächtig durch ein Stück Papier! Rosige Auferstehung durch Zugrabetragen Preußens! Stäke nur ein Quentchen Vernunft hinter dem Wortschwall! Da aber weder die guten Preußen noch die deutschen Brüder einen König der Deutschen von Berlins Gnaden wünschen, so stürzen die Dilettanten Preußen und Deutschland gemeinsam ins Verderben. Auch ohne die plumpe Hinabzerrung der Krone durch klobige Fäuste bleibt der politische Wahnsinn unverzeihlich. Mit Narrenspossen befreien von was? Den Satan austreiben mit Beelzebub? Die bestehende Ordnung war verbesserungsbedürftig, doch sie lebte, diese neue Unordnung trägt den Keim frühen Todes auf den hektischen Wangen. Konstitutionell is jut, die wahren Draht- und Kulissenschieber hier wie draußen wollen einfach die Republik. Eine deutsche Republik mit unseren Sitten und Eitelkeiten, welch unschöner Traum! Um uns statt von einem menschlich hochgesinnten und hochbegabten Hohenzollern, wie dieser arme Monarch, von einer Rotte alberner Einfaltspinsel oder boshafter Schufte regieren, d. h. terrorisieren zu lassen. Einheit! Organisationslose Uneinigkeit, schlimmer als je zuvor! Deutschland ist zurzeit nicht zu retten, so laßt uns wenigstens Preußen retten ... durch eine tüchtige Tracht Prügel. Hinter sich hörte er ein »Volkslied« trällern, in 80 000 Exemplaren gedruckt und verteilt in die Provinzen. Die Studenten übten es ein, sie exerzierten täglich im Kastanienwäldchen vor der Universität und versandten jugendlichen Quatsch an die Kommilitonen nach Königsberg, Halle, Greifswald, Breslau, Bonn. Mit den Waffen in der Hand stürmten sie am 21. Schlag 10 Uhr in die große Aula, wo der neue Minister Graf Schwerin eine zündende Ansprache hielt. Elender Volksschmeichler! murrte Otto, der Tropf meint's gut, doch er wird Sturm ernten, wo er Wind sät. Schwerin gewann es über sich, die akademische Jugend zu feiern, »die sich so glanzvoll in den Tagen des Ruhmes bewährte«. ( Le jour de gloire est arrivé , sie haben schon das Lexikon der Marseillaisesinger.) »Der König hält für seine Pflicht (!), euch von den Fortschritten zu unterrichten, die er zu nehmen gedenkt.« (Nicht mal Deutsch radebrecht die Rasselbande.) »Seine Majestät wollen sich an die Spitze des konstitutionellen Deutschlands stellen« (wo wohnt das?). »Höchstsie wollen Freiheit und Konstitution und haben schleunige Bildung eines deutschen Parlaments beschlossen« (wo? das faule Frankfurter ist ja schon »gebildet«) »und werden sich an die Spitze des Fortschritts stellen« (wo schmierige Fäuste ihn hinstellen) »und rechnen auf den Schutz des Volkes.« Ein Preußenkönig mit seiner Armee! Und der Trottel Schwerin fragt noch die eingelernten grünen Papageien: »Ist das nicht auch eure Meinung?« Tausendstimmiges Y–a! »Die Akademiker müssen sich um den deutschen König scharen. Er ist unsere Seele, er und der Fortschritt, die Freiheit sein Gedanke. Die verantwortlichen Minister hoch!« Er läßt sich selbst hoch leben! O läppisch Sammelsurium klingender Phrasen! Der große Volksfreund Graf Mirabeau – pardon, Schwerin – verabschiedet sich hocherhobenen Hauptes, umrahmt von Rektor Müller und Prorektor Hecker, Namensverwandten des süddeutschen Skandalmachers; beide säbelumgürtet und Pistolen aus der Rocktasche baumelnd. Auch ein Professor Dove scheint eine brenzliche Freiheitsleuchte, nach ihm und anderen Lieblingsprofessoren benennen sich die verschiedenen Rotten des Studentenbataillons, damit die weiland Pariser »Sektionen« Marat, Danton und Konsorten hübsch nachgeäfft werden. Am schwarzen Brett sah Otto angeschlagen: »Alle Hörsäle sind zu Versammlungs- und Wachtzimmern der Rotten bestimmt.« Der würdige Rektor ließ den »Herren Kommilitonen« Erfrischungen allerart reichen, um sie bei flotter Revolutionsstimmung zu erhalten. Zum Totlachen oder zum Totschießen! Er stellte sich den lächerlichen Umzug schwarzrotgoldener Herrlichkeit vor. Der König im Schloßhof am Eingang der Wendeltreppe zu Pferde in Uniform des 1. Garderegiments mit dem Helm, die »deutschen« Farben als Binde um den Arm, dito alle anwesenden Prinzen und Minister! Unermeßlicher Jubel! O gewundener Aufruf an mein Volk: »Es ist keine Usurpation, wenn ich mich zur Rettung deutscher Freiheit und Einheit berufen fühle, ich schwöre zu Gott, daß ich keinen Fürsten vom Thron stürzen will, nur Deutschlands Freiheit will ich schützen, sie muß geschirmt werden mit deutscher Treue auf Grundlage aufrichtiger deutscher Verfassung!« Die Worte »deutsch« und »Freiheit« müssen recht oft vorkommen, damit sich Gedankenlose was dabei denken, ohne zu wissen, was man darunter verstehen soll. Einheit ohne Beseitigung der Welfen und des Kurhessischen Wüterichs und bei Verbrüderung mit der Revolution, die ihnen den Tod schwur! Als ob die Fürsten solcher Zukunftsmusik trauen würden, angestimmt von einem gefangenen König, der sein Sprüchlein hersagt, wie seine Wärter es vorleiern. Der Rummel ging los, voraus zwei Generale mit Schwarzrotgold, dahinter die Revolutionsminister, gefolgt von zwei Bürgerschützen zu Fuß neben dem Stadtverordneten Gleich, der ein dreifarbiges Banner schwenkte. (Gleich und gleich gesellt sich gern, passender Name für wüste Gleichmacherei.) Jetzt der König mit Prinzen und Generalen. An der Schloßfreiheit vorbei zur »Königswache«, wo die Bürgerwehr salutierte. Der Monarch hielt sein Roß an und sprach die geflügelten, unglaublichen Worte: »Ich kann nicht genugsam in Worte kleiden, was ich euch danke, glaubt's mir!« (Otto knirschte vor Wut über so viel Torheit oder Heuchelei.) Prompt quittierte ein Bürgergardist: »Es lebe der Kaiser von Deutschland!« Doch bei diesem Punkt blieb der König unerbittlich ängstlich und wahrheitsgetreu, er rief unwillig: »Nicht doch, dies will, dies mag ich nicht!« Hierauf ging's an der Blücherstatue vorbei, der alte Marschall Vorwärts mochte sich nicht wenig wundern. Aus der Behrenstraße in die Linden zurück, am Opernplatz schloß sich der Polizeipräsident an und eröffnete nun den Zug, der vor der Universität wieder hielt. Dort bildeten bewaffnete Studenten Spalier in Reih und Glied, drei Chargierte trugen alsbald das Reichsbanner vor, der König zügelte sein Pferd unfern des Friedensdenkmals und sprach die kleinen Worte gelassen aus: »Mein Herz schlägt hoch, daß es meine Hauptstadt, in der sich so kraftvolle Gesinnung bewährt. Der heutige Tag ist groß, unvergeßlich, entscheidend. In Ihnen, meine Herren Studierenden, steckt eine große Zukunft.« (Recht so, nur immer den Milchbärten nach dem sabbeligen Mund reden!) »Wenn Sie am Ziel Ihres Lebens auf dasselbe zurückblicken, so bleiben Sie des heutigen Tages eingedenk!« (Wollen's hoffen, die einen sind dann loyale Beamte, die anderen wohlbestallte Inhaber von Kanzel oder Katheder, die dritten Rechtsverfertiger mit Klienten, die vierten Ärzte mit Patienten! All die Kulturblüten begießt das sauberste Philisterium, immer wird mit Wasser gekocht, oft mit schmutzigem.) »Die Studierenden machen den größten Eindruck auf das Volk und das Volk auf die Studierenden!« (Na ob! Zwei Begriffe ohne Inhalt ziehen vor einander den Hut.) »Ich trage Farben, die nicht mein sind, doch ich will damit nichts usurpieren, keine Krone, keine Herrschaft, ich will Deutschlands Freiheit und Ordnung, das schwöre ich zu Gott«, wobei er die Rechte gen Himmel hob. (Freiheit und Ordnung in gleichem Atem! Dunkel ist der Rede Sinn.) »Ich tat, was in deutscher Geschichte oft geschah, daß Fürsten, wenn die Ordnung niedergetreten, sich selbst an die Spitze des ganzen Volkes stellten. Ich glaube, daß der Fürsten Herzen mir entgegenschlagen und der Wille des Volkes mich unterstützen werden.« (Fürsten und Volkswille, Hund und Katze, Feuer und Wasser!) »Merken Sie sich's, schreiben Sie's auf, daß ich nichts will als deutsche Freiheit. Sagen Sie es der abwesenden studierenden Jugend, es tut mir unendlich leid, daß nicht alle da sind.« (Was sollen die Bürschchen denn sagen? Daß »unendlich« viel geschwätzt wird? – Zarte Schonung für die Kleinstaaten, als ob jemand, der uns fürchtet und haßt, an Freundschaftsbeteuerung glaubt! Solch widerspruchsvolles Zeug pflegten Cromwell und Bonaparte von sich zu geben, wenn sie ihre Absicht verhüllten und alle Dummriane einseiften. Wär' es doch hier so! Doch der arme Herr weiß selbst kaum, was er deklamiert, und läßt sich von falscher Begeisterung der Umgebung fortreißen, bis er selber an den Firlefanz glaubt. Als ihm anständige Erwählte der Nation die Kaiserkrone boten, ekelte es ihn; wenn heut unanständige Schlingel ihn auf den Schild heben, scheint er minder prüde. So sind die Menschen, Erfolg ist ihr Gott, Macht geht vor Recht.) Und dann schlugen die Studenten stramm die Waffen aneinander, das Volk schwenkte die Hüte mit schwarzrotgoldenen Devisen und brach in Jubel aus, umdrängte den König, dessen Pferd nur mühsam vorwärts kam. Am Schloß umarmte er Prinz Albrecht tiefergriffen, Geschrei und Hüte-in-die-Höhe-werfen »verkündeten die Liebe für Freiheit und Recht, das flammende Gefühl des Dankes für die Führer zu Tagen des Ruhmes«, was natürlich kein Auge tränenleer ließ. So las man's rührend in der Berliner Presse. Der einsame Wanderer hatte gut murmeln: »Und hängt ein Kalbsfell um die schnöden Glieder!« Sein Shakespeare hatte in Jack Cade und römischen Tribunen und Plebejern nicht zu kraß gemalt. An der Bahre der gemeuchelten Monarchie gelang vielleicht auch hier eine Leichenrede des Mark Anton, wenn man nur die rechten Fühler ausstreckte und die geeignete Stunde fand. Doch wann? Gleichviel, bei Philippi sehen wir uns wieder. Freilich erinnerte er sich unwillkürlich, als er zur Blücherstatue hinaufsah, daß jener dämonische Haudegen wirklich »für Freiheit und Vaterland« stritt, Studenten und Turner als Freiwillige Jäger hochhielt, den Linienoffizieren seinen Unwillen über Benachteiligung der Landwehr ausdrückte, den offiziellen Trinkspruch auf Schwarzenberg wagte, daß er »zu siegen verstand, obschon er drei Monarchen im Lager hatte«. Das Preußen der Befreiungskriege schien heut verschollene Sage. Junker Blücher würde heut als Revolutionär gelten wie Scharnhorst, Gneisenau, Stein. Nun ja, jeder rechte Kerl muß in seiner Weise Umstürzler sein, doch man kann es auch als Konter-Revolutionär. In einiger Ferne zog am Standbild des Großen Kurfürsten, der hoch zu Roß sich über das Schloß seines Schöpfers Schlüter zu wundern schien, weil es so trübselig und grau aussehe, ein Freiheitsheld vorüber mit umgürteter Trikolorenschärpe und andächtigem Geleit begeisterter Anhänger. Wahrhaftig, der ehemalige Studiosus Schramm, jetzt wohlbestallter königlicher Assessor und Weltbefreier von eigenen Gnaden. Otto hörte hinter sich zwei biedere Ackerbürger an einem Laternenpfahl plaudern: »Nu seht mal Schramm! Is am 18. nachts nach Dessau ausgekniffen, un als er dort vom Rückzug der Truppen las, hat er gequatscht, dat sei 'ne eklige Polizeifalle. Nu haben se ihn im Triumphmarsch heimgeholt. So'n fauler Zauber, sagt Kalisch. Aber so jeht's in de Welt, der eene hat'n Beutel, der andere hat dat Jeld. Nu dut er dicke, als wär'n die Soldaten vor ihm verduftet.« Otto lächelte fein über diese Enthüllung demokratischen Ruhmes. Ob Schramm ihn wohl aus der Ferne wiedererkannt hatte? Bismarck bummelte jetzt durch die Straßen, um sich die Kampfstätten anzusehen, wo noch viele traurige Spuren sichtbar blieben. Als er in die Jägerstraße abbog, wo ein Hauptgemetzel getobt hatte, flüsterte ihm ein Unbekannter im Vorübergehen zu: »Sie werden verfolgt.« In die Linden zurückgekehrt, hörte er eine Stimme hinter sich: »Kommen Sie mit!« Er drehte sich um und folgte einem Augenwink in die Kleine Mauerstraße. Der Unbekannte, den Hut in die Stirn ziehend, murmelte: »Reisen Sie sofort ab oder Sie werden verhaftet.« »Kennen Sie mich?« »Gewiß, Sie sind Herr v. Bismarck.« Der Unbekannte trollte sich schnell seines Weges. Der lange Recke schlenderte ruhigen Schrittes weiter. Es stimmte ihn nachdenklich, daß er überall die Polizei höchst freundlich mit den Aufständischen verkehren sah. Die Straßen zeigten übrigens eine auffallende Leere, Wagen fuhren nirgends, überall sah man nur kleine Trupps von Blusenmännern mit schwarzrotgoldenen oder roten Fahnen. Wo die Friedrichstraße eng die Linden querschneidet, gab es einen Triumphmarsch mit Musik für einen Barrikadenhelden, dem ein riesiger Lorbeerkranz über den struppigen Kopf hing. Am Brandenburger Tor stieß er mit einem konservativen Parteigenossen zusammen, der trübselig vorüberschlich und nur verstohlen grüßte. Ihn fragte er leise nach der Ursache, warum so wenig Polizei sichtbar sei. »Die fraternisiert mit dem Pöbel«, raunte der andere leise. »Der Polizeipräsident Minutoli ist höchst verdächtig. Er ist hier riesig populär. Das geht nicht mit rechten Dingen zu.« »Wissen Sie Näheres?« »Nur daß Bodelschwingh ihm vor acht Tagen Besorgnisse ausdrückte, es herrsche eine dumpfe Gärung, und Minutoli ihn in eine Volksversammlung vor den ›Zelten‹ führte, die sehr gemäßigt verlief. Damit hat er den Minister eingeseift.« »Gräßlich! Ja, wenn ein Polizeipräsident bei Rebellen in Ansehen steht, so ist das unnatürlich. Adieu! Ich fahre ab.« »Daran tun Sie Wohl. Gott gebe, daß man mich nicht hörte! Drüben paßt ein Spitzel auf. Machen Sie, daß Sie fortkommen!« Aha! dachte Bismarck, die Gefahr und die Warnungen kommen beide von hochlöblicher Geheimpolizei. Offenbar lebt hier alles unter rotem Terror. Hier kann ich doch nichts nützen und nur zwecklos meine Haut zu Markte tragen. Als er über den Leipziger Platz dem Bahnhof zuschritt, juchzte ein Straßenjunge, eine richtige Berliner Range, hinter ihm her: »Kick, dat is ooch en Franzos.« Offenbar erachtete der Bengel den unrasierten langen Kinnbart im sonst geschorenen Gesicht für etwas Französisches. Aber Bismarck dachte sich sein Teil über die ausländische Wühlerei und Beteiligung von Franzosen und Polen an dieser Revolte, die sich planmäßig zu einer Revolution auswuchs. Offenbar glaubten die einheimischen und fremdländischen Jakobiner sich schon mitten in der großen Revolution von Paris zu befinden. Nur die Guillotine fehlte noch, das Auftreten gegen die Person des Königs erinnerte aber lebhaft an den barschen Ton wider Louis Capet, die Sprache in den politischen Klubs an die seligen Montagnards. Wie man erst Leichen auf der Bahre und später alle Särge der gefallenen sogenannten Befreier (manche davon konnten nicht mal deutsch reden) am König vor dem Schloßbalkon vorbeitrug und ihn zwang, den Hut zu ziehen, schien ein Vorspiel blutiger Tragödie, dagegen der famose festliche Umzug, wobei man dem unglücklichen Schellenkönig eine schwarzrotgoldene Fahne in die Hand steckte und eine dreifarbige Binde um den Arm band, eine Satirposse. Bismarck zitterte vor Entrüstung, wenn er sich vergegenwärtigte, wie Prinzen, Minister, Generale mit dem dreifarbigen Abzeichen sich um die sogenannte Nationalfahne scharen mußten, die ein Bürger zu Pferde vorantrug. An den Straßenecken stand noch die schwulstige Proklamation angeschlagen, worin der so tief gedemütigte schwache Monarch sich als »Führer der deutschen Nation für die Tage der Gefahr« empfahl und »die alten ehrwürdigen Farben der Nation« annahm, deren Schwarzrotgold doch eigentlich nur in der Phantasie der verflossenen Romantiker und Turner existierte. »Preußen geht fortan in Deutschland auf.« Oho, das verbitten wir uns! dachte der stramme Altpreuße, indem er zu Rauchs Reiterstandbild Friedrichs des Großen aufblickte, an dessen Postament auch so ein Papierfetzen klebte. Noch war sein Trotz nicht gebrochen. Als er erneut in Potsdam mit den beiden kommandierenden Generalen die Lage besprach, drängte er auf selbständiges Losschlagen. »Wie sollen wir das anfangen?« rief Prittwitz erregt. Da stellte sich der Zivilist an ein geöffnetes Klavier und klimperte die Noten des Signals: »Das Ganze avancieren!« Der alte Möllendorf brach sofort in Tränen aus und fiel ihm um den Hals. »Wenn Sie uns das besorgen könnten!« »Jawoll, dideldum dittera«, parodierte Prittwitz bitter den Sturmmarsch Laufschritt marsch marsch. »Das ist das Rechte. Ich weiß, was Sie meinen, auf Berlin marschieren, es mit Sturm nehmen! Als ob daraus was werden könnte! Der eine rät dies, der andere das, und Herr v. Möllendorf kann nur zur Hälfte auf dem Stuhl sitzen und springt doch auf vor Exstase. Is ja alles Mumpitz, wir dürfen nich!« »Was kann Ihnen denn geschehen, wenn Sie's auf eigene Faust tun? Das Vaterland dankt Ihnen und der Monarch schließlich auch.« Prittwitz sann nach. »Wenn ich gewiß wüßte, ob Wrangel und Hedemann mitgehen! Zerwürfnis in der Armee wäre das schlimmste, wenn wir es denn schon mit der Insubordination wagen wollen.« »Die Gewißheit schaff ich Ihnen, will ermitteln und vermitteln, einen Boten nach Stettin zu Wrangel schicken und selbst in Magdeburg bei Hedemann anfragen.« »Gut, gut. Hätt' ich nur damals auf Bodelschwingh nicht gehört, dann säßen wir nicht jetzt in der Patsche.« »Was meinen Exzellenz?« »Nun, im Vertrauen, es darf nicht herumkommen – nach der Proklamation ›An meine lieben Berliner‹ (der Teufel hole sie!) brach ich gehorsam den Kampf ab, doch blieben Schloßplatz, Zeughaus, Breite Straße, Markgrafenstraße besetzt, alle Zugänge, die aufs Schloß einmünden bis zum Opernplatz. Da kam Bodelschwingh, ob ich nicht den Befehl verstanden hätte: ›Der Schloßplatz muß geräumt werden.‹ ›Was sinnen Sie mir an!‹ rief ich. ›Das hieße den König preisgeben.‹ Aber der Minister blieb dabei: ›Die Proklamation befiehlt, alle öffentlichen Plätze zu räumen. Ist der Schloßplatz dies oder nicht? Noch bin ich Minister und weiß auswendig, was meine Befugnisse sind. Ich ersuche Sie nochmals und fordere, daß Sie vom Schloßplatz abziehen.‹ Ich glaube fast, es war Eifersucht der Zivil- auf die Militärgewalt. Was konnte ich aber anderes machen als gehorchen?« »Das will ich Euer Exzellenz sagen«, versetzte Bismarck finster. »Ich hätte dem nächstbesten Unteroffizier kommandiert: »Nehmen Sie den verdächtigen Zivilisten in Gewahrsam!‹ Das war die rechte Musik für solchen Text.« Möllendorf lachte. »Sie sind noch jünger als Sie aussehen. Sie sind der richtige Unverantwortliche. Wenn man vom Rathaus kommt – Sie kennen das Sprichwort.« Prittwitz zuckte die Achseln. »Sie sind Politiker, ich bin Soldat und einer allerhöchsten schriftlichen Weisung untertan, ausgelegt durch den verantwortlichen Premierminister.« »Ausgelegt nach dessen Belieben! Ich habe Kunde, daß der König gar nicht damit einverstanden war.« »Wie soll ich das wissen! Allerdings schickte man mir einen Offizier vom Schlosse nach, wo die Truppen geblieben seien, und da hab' ich mich zu der respektwidrigen Antwort hinreißen lassen: ›Die gingen mir durch die Lappen, wo alle mitreden!‹ Überhaupt hab' ich nicht leichten Herzens –« Er brach finster ab, und Möllendorf fiel ein: »Die Wahrheit ist – und das haben manche gesehen, denn die Unterredung fand im Freien statt –, daß der arme Prittwitz blaurot vor Wut wurde und den Degen in die Scheide stieß mit der bewußten Aufforderung, die Blücher so sehr liebte.« »Sie meinen wohl Götz v. Berlichingen?« rief der Schönhauser hocherfreut. Dieser Kernmann war seine Lieblingsfigur in der Literatur. »Der von Goethe? Mag schon sein. Ich meine, wie der alte Marschall bei Belle-Alliance hörte, Grouchy greife ihn im Rücken an: ›Da steht er gerade recht, er kann mir –!‹« Alle lachten entzückt. »Das war so'n oller Preuße!« »Das ist die höchste Poesie!« bekräftigte Bismarck. »Und ich danke Euer Exzellenz, daß Sie das rechte Wort fanden.« »Ja, und dann hab' ich mein Pferd links gedreht und bin schweigend abgeritten, im Schritt wie zu einem Trauermarsch.« Alle schwiegen düster. »Wenn wenigstens der Prinz von Preußen –« hub Bismarck wieder an. »Pst!« Möllendorf sah sich vorsichtig um. »Er war auf der Pfaueninsel. Sein Adjutant, Herr v. Boyen, der Sohn des Feldmarschalls, hat alles vorbereitet, der hohe Herr geht nach England.« »Gott schütze ihn! Über seinem Palais steht ›Nationaleigentum‹, es ist zum Herzbrechen«, murmelte der Schönhauser. »Also auf nach Magdeburg, ich empfehle mich zu geneigtem Andenken und hoffentlich auf frohes Wiedersehen!« * Auf dem Bahnhof in Genthin, wo infolge Zugverspätung längerer Aufenthalt, stürmten der Stationsvorstand und andere Augenzeugen auf ihn ein. »Wir müssen zu Ihrer Kenntnis bringen, daß wenige Tage vor der gottverfluchten Revoluzzerei fremdländische Leute, meist Polen, hier vorbeipassierten. Einige trugen offene Gewehre, andere schweres Gepäck, wahrscheinlich voll Munition. Sie sind ungehindert nach Berlin gelangt. Hat denn dort die Polizei nichts bemerkt? Die müßte doch den Aufstand vorausgesehen haben.« »Es scheint nicht«, versetzte Bismarck kühl. »Sie will keinerlei Symptome bemerkt haben.« In späterer Zeit rechtfertigte sich der Polizeipräsident persönlich bei ihm als dem Vertrauensmann der Konservativen, Bodelschwingh habe ihm sogar gedankt, daß er ihn vor einer Torheit bewahrte, da er schon ernste Maßregeln ergreifen wollte. »Die Leute reden ja ganz verständig.« Es blieb vieles verborgen, man darf aber annehmen, daß manche hochgestellte tatsächlich mit dem Sieg der Demokratie rechneten, obschon natürlich nicht auf so bösartigen Ausbruch gefaßt. Der Premierminister selber, anfangs reaktionär genug, verlor völlig den Kopf, gereizt durch die ewig schwankende Haltung des Königs, seinem Auftreten gegen Prittwitz lag sicher keine antikönigliche Absicht zugrunde, aber er wußte selber nicht mehr, wie er den königlichen Willen auffassen solle. In Magdeburg erlebte der Schönhauser die größte Enttäuschung. Der Adjutant des kommandierenden Generals v. Hedemann nahm seine Eröffnungen sympathisch entgegen, kam aber kurz darauf in den Gasthof, wo Bismarck den Bescheid erwartete. »Mein verehrtester Herr, reisen Sie bitte sofort ab!« »Was bedeutet das, Herr Major?« »Sie ersparen meinem Chef eine lächerliche Unannehmlichkeit. Sehen Sie, wir beide sind jung, doch der alte Herr kann sich nicht in Ihre Disziplinlosigkeit hineinfinden, wie er sich ausdrückte. Er will Sie als Hochverräter verhaften lassen.« »Nur zu! Die anderen Behörden –« »Darauf hoffen Sie nicht! Oberpräsident v. Bonin, also unsere höchste Instanz, proklamiert Abwarten, Gewehr bei Fuß. Hier lesen Sie, ich hab' Ihnen das Druckstück mitgebracht: ›Ich werde eine Stellung über den Parteien einnehmen.‹« Bismarck lachte bitter. »Auch eine Säule des Staates, wie so viele andere. Bei Prag fielen die Säulen der preußischen Infanterie und der alte Schwerin, doch unser heutiger Minister Schwerin wäre auch besser bei Prag gefallen! Übrigens fällt mir ein, Exzellenz v. Hedemann gehörte zu der Clique Humboldt, sehr trefflichen Gelehrten und Belletristen, aber medisanten Hofleuten und liberal verseucht bis zum Halse hinaus! – Adieu, Herr Major! Ich begebe mich auf meine Güter, wo ich den treuen Bauern schwerlich beibringe, daß sie bei ihrem bewaffneten Beistand für den König auf keine militärische Deckung hoffen dürfen.« – In der Tat erhob sich Murren bei der Landbevölkerung. Ein Schulze sagte offen: »Kickt mal den! Erst so heiß und nu so lau! Den hat der Berliner Schwindel ooch angesteckt!« Um diesem übeln Leumund zu begegnen, schlug der Schönhauser vor: »Ihr müßt Deputierte wählen und mit mir nach Potsdam reisen. Da werd' ich euch dem General v. Prittwitz vorstellen, damit ihr selber hört, wie die Sachen stehen.« Darauf gingen die Bauern ein, und man machte sich auf die Reise. Den Bahnhof in Potsdam fand man abgesperrt, von einer großen Menschenmenge umlagert. »Se. Majestät treffen soeben ein.« Das neue Ministerium Camphausen-Auerswald-Schwerin hatte es durchgesetzt, daß Berlin den König nach so viel Zeugnissen des Wohlverhaltens und jeder nur möglichen Schädigung seines Ansehens in sein Versailles ziehen ließ, von wo man wie die Pariser Sansculotten ihn jederzeit nach Berlin zurückholen konnte, wie die Demagogie in ihrem Siegesübermut beim schlechten Augenmaß für die Machtverhältnisse der Wirklichkeit steif und fest wähnte. Dem König freilich, der zuvor mit dem Gottesgnadenstolz eines Karl Stuart sich weihevoll umgürtet hatte, imponierte man gründlich. In seiner Haltung lag Gebrochenheit, in seinem unsteten Blick eine Umdüsterung, die immer mehr ein pathologisches Gepräge annehmen sollte. Bismarck trat vor. »Ich werde euch Majestät vorstellen, sprecht frisch von der Leber weg.« Aber die Bauern verkrochen sich ängstlich in die hintersten Reihen, und der König erkannte nicht mal den ehrfurchtsvoll Grüßenden. Sein Gedächtnis fing schon damals an zu leiden. Er fuhr nach dem Palais, wobei die Garnison Spalier bildete und beklommene Hochrufe laut wurden, und Bismarck begab sich ins Palais, um die Ansprache des hohen Herrn an die versammelten Gardeoffiziere im Marmorsaale zu vernehmen. Jene Beredsamkeit, die sich 1842 in Köln bei der Dombaufeier zu dichterischem Schwunge erhob, versickerte schon, ohne völlig zu versiegen. Es blieb die Gewandtheit rednerischer Technik, leider auch die Verworrenheit der widerspruchsvollen Gedankenflucht. Dieser Ansprache, zaghaft und schwächlich trotz pomphafter Würde, entnahm man, wie die Ausschreitungen des Berliner Mob – denn nicht die eigentliche Bürgerschaft beteiligte sich an den wüsten Skandalen vor dem Schlosse – ihn an Leib und Seele geknickt und eingeschüchtert hatten. »Ich war nie freier und sicherer als unter dem Schutze meiner Bürger.« Diese Selbstentehrung mutete er denselben Offizieren zu, die er zu seinem Schutze aufrief und die ihr Blut dafür eingesetzt hatten. Das klang wie eine Ohrfeige ins Gesicht der Wahrheit und der militärischen Ehre, wie eine Desavouierung, als habe das Heer gegen des Königs Willen diese treuen Bürger belästigt. Aber die Antwort blieb nicht aus. Unterdrückte Flüche, Murren, Aufstoßen der Säbelscheiden und Aufstampfen der Füße in gerechtem Zorne, so daß der Monarch sich bleich vor Scham und Unwillen in seine Gemächer zurückzog. »Das wäre also die tiefste Tiefe der Erniedrigung, kein König von Preußen hat das erlebt. Schwören wir, daß keiner es wiedererlebt! Vielleicht kommt doch ein Tag, wo diese Schande vergessen wird. Die Krone muß in höherem Glanze strahlen als je zuvor, um solchen Schimpf zu tilgen«, raunte Bismarck seinem Freunde Gerlach zu. »Adieu, ich verkrieche mich in Schönhausen.« * Aber es ließ ihm doch keine Ruhe. Anfang April stieg er wieder bei Werdeck, Leipziger Platz 18, ab, um im Landtag auf seinem Posten zu sein. Dieser wurde am 2. eröffnet ohne Sang und Klang, ohne König und Lebehoch. »Berlin ist ganz ruhig«, empfingen ihn die Parteifreunde. »Anderswo geht alles drunter und drüber, besonders in Schlesien. Die Bürgerlichen sind übrigens ziemlich zahm geworden, weil das untere Volk sich zu gefährlich regt. Auch wird ja die sonstige äußere Lage immer toller. In Frankfurt am Main will man mit Gewalt ein deutsches Reichsparlament durchsetzen. Jakobinischer Unfug!« Zehntausend Mann Bürgerwehr standen aufmarschiert rings um das Schloß, wo die Sitzung glatt und kühl verlief. Es gelang Bismarck, den liberalen Führer v. Vincke zu überzeugen, daß öffentlicher Dank an die Barrikadenkämpfer unpassend sei. »Da stimme ich mit Ihnen überein. Aber Ihre Fraktion will ja Dank für die Truppen beantragen, und das geht erst recht nicht.« »Das werden wir fallen lassen, dafür lassen Sie mich sorgen.« »Gut. Natürlich wird eine Adresse votiert werden, um dem König unsern Dank auszusprechen für –« »Die Selbstaufopferung des Königtums. Ich werde dagegen protestieren, doch im übrigen das Programm akzeptieren, aber nur, weil ich mir nicht anders zu helfen weiß. Das neue Ministerium Camphausen datiert zwar erst vom 29. März, aber es scheint haltbar, und wir werden es unterstützen.« »Sehr gut. Dann sind wir also im Grunde ein Herz und eine Seele. Freut mich sehr, denn Ihrer Opposition kann ich Achtung nicht versagen. Ich empfinde ja auch manches schmerzlich, die Ereignisse sind uns über den Kopf gewachsen.« »Nun ja, die Vergangenheit ist begraben, die Monarchie warf selber Erde auf ihren Sarg.« »Ich bitte Sie, die Monarchie besteht ja doch fort, kein Mensch denkt daran sie abzuschaffen.« »Das wäre auch noch schöner. Aber sie anzutasten! Und in einer Zeit, wo monarchische Gewalt not tut, um die ganze wankende Gesellschaftsordnung zu stützen. Merken Sie denn nicht, wie die Anarchie überall den Boden unterhöhlt? Das Bürgertum wird sich wundern, wie bald die Jakobinermützen des Pöbels auftauchen.« »Sie waren immer ein Schwarzseher. Ein frischer Hauch geht durch Deutschland. Über Frankfurt am Main steht der Stern von Bethlehem.« »O! Solche geschmackvolle Blasphemie rührt mich nicht. Ich sehe dort höchstens die Ochsen und Esel im Stalle, doch weder Stern noch Jesuskind. Doch abwarten!« Die beiden Männer schieden mit einem Händedruck. Als die Adresse votiert wurde, bestieg Bismarck die Tribüne und sprach in wenigen wohlgesetzten Worten seine Ansicht aus. Er schloß: gelinge es wirklich, auf dem neuen Wege »ein einiges deutsches Vaterland zu erlangen«, dann werde er dem Urheber der neuen Ordnung danken, »jetzt aber ist es mir nicht möglich«. Ein Weinkrampf, der alle Welt in Erstaunen setzte, verhinderte ihn am Weiterreden und er verließ die Tribüne, ohne daß aber feindselige Kundgebungen gegen ihn erschollen. Die Stimmung der gemäßigten Liberalen schlug schon um, man scheute und haßte den Radikalismus, von dem man sich überrumpeln ließ. Das gewerbsmäßige Revolutionieren dunkler Elemente machte sich überall fühlbar. So wuchsen sich die Ereignisse auch in Berlin in ungeahnter Weise aus. Das verschrobenste innerpolitische Verhältnis trat ein. In Deutschland und Österreich siegte überall die Revolution auch gegen die Armee, nur in Preußen erwies letztere sich als überlegen und rief den Übergriffen ein Halt zu. Auch die Landbevölkerung hielt allerorts zur Krone. Doch so gewaltig wirkte der geistige und moralische Druck der Städte, die ausnahmslos zum Liberalismus übertraten, daß die tatsächliche Macht des Königtums ihm vorerst zwischen den Fingern zerrann. Die von der Presse und von Agitatoren verbreiteten Märchen, der Thronerbe, Prinz von Preußen, habe vorbedacht den Berliner Straßenkampf herbeigeführt, nahm zuletzt auch das Landvolk für bare Münze. In dieser Hinsicht wenigstens lag die geschichtliche Wahrheit ganz auf seiten der Royalisten, wenn sie umgekehrt eine heimliche Vorbereitung der Barrikaden durch meist ausländische Emissäre behaupteten. Aber diese unlautere Quelle der Berliner Bewegung das Volk aufzuklären und den Urgrund der Verdächtigungen aufzudecken, lehnte aber General Prittwitz stillschweigend ab, als Bismarck solche Aufforderung im Namen der Altmärker Ritterschaft an ihn richtete. Anderseits machte sich aber beim ganzen Adel und beim Schönhauser selber eine Einschüchterung bemerkbar, die sich beruhigt mit der neuen Ordnung abzufinden suchte. In einer Polemik gegen die Magdeburger Zeitung, die ihn reaktionärer Umtriebe bezichtigte, versicherte er, daß der Adel gern seine unbedeutenden gutsherrlichen Privilegien auf Würdigere übertragen werde. Das sei untergeordnet der Sorge um das politische Fortbestehen Preußens. In einem trefflichen Zeitungsaufsatz, dessen echt staatsmännische Tiefblicke weit über den Augenblick hinausreichten, warnte er die Bauern, sich gegen die Gutsherren aufhetzen zu lassen, da dies alles nur aus fein ausgeklügelten Parteigründen von den Städtern vorgebracht werde, um das Landvolk durch städtische Advokaten vertreten zu lassen, die dann besonders in Steuerfragen nie das Interesse der Bauern berücksichtigen würden. Er ließ durchblicken, die sogenannte Revolution sei wesentlich ein Niederringen der Agrikulturstände durch die Industrie, deren ausschließliches System die Hand nach Oberherrschaft ausstrecke. In Berlin blieb vorerst die Ruhe ungestört. Otto beruhigte Johanna wiederholt, daß gar keine Gefahr für die Landtagsmitglieder der Rechten bestehe. Nach seiner damaligen kurzen Rede hatte Georg v. Vincke ihm die Hand gedrückt. Dagegen stürmte Herr v. Gerlach auf ihn ein, der nach Berlin kam, um mit Thadden von jeder Überspannung des Bogens abzumahnen. »Es rast der See und will sein Opfer haben, vor der Hand läßt sich nichts machen, und Ihre Unvorsichtigkeit, immer noch plus royaliste que le roi , wird uns noch ins Verderben stürzen.« »Der Adel muß sich resignieren, man kann nicht gegen den Strom schwimmen«, seufzte Thadden. »Ich sollte also wie feile schamlose Bureaukraten den Mantel nach dem Winde drehen und um Volksgunst buhlen? Fällt mir nicht ein. Ihr werdet mich nicht aus dem Geleise bringen, und rücktet ihr zehn Mann hoch an als Exekutoren der Heulmeierpolitik. Nichts für ungut! Mein Schwager Arnim in Angermünde tobt mir umgekehrt die Ohren voll, ein Staatsstreich müsse aus Potsdam erfolgen, ich werde ihm noch den Kopf zurechtrücken.« »Das ist's ja eben,« fiel Gerlach ein, »Sie mißverstehen uns. Wir sind ganz Arnims Ansicht, nur wollen wir nicht, daß Sie zu offen Ihr Royalistenherz offenbaren.« »Ich verstehe schon. Für solche reaktionäre Pläne bin ich augenblicklich nicht zu haben«, lehnte Otto kühl ab. »Natürlich, Sie sollen ja mit dem Renegaten Vincke auf intimstem Fuße stehen. Man munkelt, Sie paradierten nur mit Ihrem Opponieren, wollten aber selbst zur Majorität übergehen. Wir, die wir Sie kennen, traten natürlich entrüstet solcher böswilligen Ausstreuung entgegen.« Otto wurde dunkelrot vor Zorn. »Ich breche dies Gespräch ab. Es langweilt, mir im selben Atem die widersprechendsten Dinge vorwerfen zu lassen. Von der Parteien Haß und Gunst verzerrt, schwankt zwar mein Charakterbild nicht in der Geschichte, denn was ich kleiner Mann hier treibe, ist nicht Geschichte machen. Den Schwätzern aber könnt ihr sagen, daß ich zum Diplomaten nicht geboren bin, daß ich gar nichts anderes sein will als ein ehrlicher Kerl. Das Kurze und Lange von der Sache ist: Jedes schroffe Auftreten schadet heut nur unserer Sache, da habt ihr recht. Aber deshalb auf jedes freie Recht der Kritik verzichten und nicht freimütig den monarchischen Standpunkt im Landtag vertreten wäre Feigheit und Dummheit zugleich, denn mit feigem Maulhalten beraubt man sich jeder Achtung des Gegners. Daß ich je zu den Liberalen übertrete, ist ein für allemal ausgeschlossen, foi de gentilhomme . Aber die neue Ordnung ist gesetzlich sanktioniert, und wir haben es würdig zu tragen. Umsturzgelüste sind ganz verfrüht und angesichts der peinlichen Lage im übrigen Deutschland sehr kurzsichtig.« »Hm, mag sein«, gab sich Gerlach halblaut zufrieden. »Doch soll einem das Blut nicht kochen, wenn der Thronerbe durch pure Verleumdungen nach England in die Flucht getrieben wird, und wenn der Pöbel vor sein Palais setzt: Nationaleigentum? O, und das abscheuliche Bonmot des Zaren Nikolaus, der früher unsern König ›mon frère poète‹ nannte, der famose Umzug mit der schwarz-rot-goldenen Fahne sei reine Zirkusreiterei: ›Nun brauch' ich keinen Schulreiter mehr, ich lasse meinen Herrn Schwager kommen.‹ So was muß ein König von Preußen, unser allergnädigster Herr, sich von eigenen hohen Verwandten bieten lassen.« Otto ballte die Faust. »Das geht mir sehr tief. Ohrfeigen vom Ausland sind direkter Ehrenschimpf, während die häusliche Keilerei im eigenen Lande sozusagen in der Familie bleibt. Ich fürchte sehr, der Zar wird sich zu Österreich hinüberziehen lassen, das macht erst recht nötig, daß wir möglichst staatliche Einheit bewahren, um nach außen hin uns zu wehren.« Er blieb vor dem verödeten und abgesperrten Palais des Prinzen Wilhelm stehen und blickte hinauf, in Gedanken verloren. »Wer weiß, ob nicht erst unser nachfolgender Monarch in rechte Bahnen einlenkt! Ich fürchte, mit unserm regierenden Herrn werden wir nie dahin kommen. – Ach verdammt!« brach er ab. »Dies ewige Pflastertreten läuft einem die Sohlen durch, ich wohne bei Werdecks etwas abgelegen. Heut abend geh' ich in die Volksversammlung im Milenz' Saal. Adieu!« Vor tausend Menschen, die den geräumigen Saal füllten, hörte er sehr vernünftige Reden über die polnische Frage, die nachgerade brennend wurde. Während die Polen, deren Wutgeschrei bei keiner europäischen Revolte fehlen durfte, in den Berliner Märztagen gegen das Königtum aufwiegelten, steckten sie sich andererseits hinter den sentimentalen König, der als richtiger Mystagoge jeder unklaren Romantik zuneigte und tiefgerührt den armen Unterdrückten in Posen neue Konzessionen gewährte. Diese armen Unterdrückten vergalten dies in der bei ihnen üblichen Weise durch sofortige allgemeine Deutschenhetze. Die gutmütigen Berliner mit ihrer lächerlichen Vorliebe für alles Fremde hatten das Lied angestimmt: Seid umschlungen, Millionen, und Polen ist noch nicht verloren. Sie erwachten jetzt aus ihrem Verbrüderungstaumel und begriffen, daß polnische »Freiheitsliebe« nur Befreiung Polens und möglichste Niederdrückung des Deutschtums bezweckte. Die polnischen Flaggen und Trikoloren, nach den Märztagen an jeder Straßenecke ein Preußenauge beleidigend, verschwanden wieder. Ein Jude aus dem Posenschen, der sich als stark verprügelter Deutscher vorstellte und von ähnlichen polnischen Exzessen berichtete, brachte die Versammlung in Harnisch. Sehr befriedigt, daß die Regierung Truppen nach Posen schickte, begann Otto im Landtag eine polenfeindliche Rede, doch unterbrach ihn ein betäubender Lärm, denn bei den Doktrinären, die hier das Heft in Händen hielten, hatte die groteske Idee von Wiederherstellung Polens auf Kosten Preußens noch viele Anhänger. »Er protestiert wieder!« schrie man von allen Seiten. »Weiter kann er nichts!« In der Tat protestierte er auch gegen das Vorgehen preußischer Truppen in Schleswig-Holstein auf Drängen der allgemeinen Stimmung in Deutschland, ihm schien dies sehr verfrüht und unzeitgemäß gerade in dieser Ära innerer Kämpfe. Das mißfiel natürlich wieder der königlichen Regierung. »Solcher Phaethon-Flug der äußeren Politik ziemt dem preußischen Adler nicht, wo ihm gerade die Schwingen gestutzt werden«, äußerte er sich zu Parteigenossen, die ihn in seiner entlegenen Wohnung mit ihrer Weisheit überliefen. »Bisher haben wir nur ein Jena des preußischen Adels, auf ein Jena des ganzen Staates dürfen wir es nicht ankommen lassen.« »Auf einmal so kleinmütig!« rief Gerlach ungeduldig. »Sie sahen doch, daß alle deutschen Dynastien eine Anlehnung an Preußen suchten. Wie schade, daß der Fürstenkongreß in Dresden, den man sogar nach Potsdam verlegen wollte, gescheitert ist!« »Begreiflicherweise. Die günstige Gelegenheit wurde verpaßt, wo die von der Revolution bedrohten und überschwemmten Kleinstaaten sich bedingungslos Preußen unterworfen hätten. In der Not wären wohl Opfer erreichbar gewesen, die uns eine gewisse nationale Einheit brachten. Österreich lag ganz darnieder. Aber einen König, der sich gleichsam außerhalb seiner Armee an die Spitze der Demagogen stellte, konnten die deutschen Fürsten nicht brauchen, daran ist nun nichts mehr zu ändern.« »Werden Sie sich in die konstituierende Nationalversammlung wählen lassen? Sie soll am 22. Mai beginnen und im Kgl. Schauspielhaus tagen.« »Fällt mir nicht ein. Um Deputierte für das sogenannte deutsche Parlament in Frankfurt zu wählen? Bei solchen Scherzen mache ich nicht mit. Meine Frau ist guter Hoffnung und als guter Ehemann werde ich zu Hause bleiben.« * »Ew. Hochwohlgeboren bitte ich ganz ergebenst, im Hotel des Princes, Parterre rechts, zu wichtiger Konferenz mit mir zusammenzutreffen und mir die Stunde gütigst zu bestimmen«, überraschte ihn ein Billett des Freiherrn v. Vincke. In diesem Hotel, an dessen Table d'hote Bismarck täglich erschien, erhielt er eine erstaunliche Eröffnung. Vincke begann: »Ich spreche im Namen der Parteigenossen und in höherem Auftrag. Wir betrachten die äußerste Rechte als durch Sie vertreten, nur Sie können den König bewegen, auf unsern Antrag einzugehen. Es ist ja eine kitzliche Sache.« »Ich bin gespannt und ganz Ohr. Darf ich fragen, wer die ›Höheren‹ sind, die Sie zu Ihrer Darlegung ermächtigt haben.« »Das will ich nicht verschweigen.« Er dämpfte die Stimme. »Es ist ihre Kgl. Hoheit die Prinzessin von Preußen.« Oh! dachte Otto, daher bläst der Wind? Der bringt nichts Gutes. »Die hohe Frau kann aber wohl nur im Einverständnis mit ihrem Gemahl etwas beschließen.« »Hm!« Vincke schob mißmutig die wulstige Unterlippe vor. » Les absents ont toujours tort , der Prinz befindet sich fern vom Schutz in England, hors de combat . Ihre Königl. Hoheit befinden sich dagegen hier zur Stelle, und ihre reife politische Einsicht dürfte ja wohl der ihres Gemahls sehr überlegen sein.« Otto räusperte sich. »Doch beruhigen Sie sich! Das Einverständnis des Thronerben liegt vor. Um es kurz zu sagen: die deutsche Nation fühlt, daß Seine Majestät der regierende Herr ihren nationalen Ansprüchen nicht genügen kann, die nach Konsolidierung der Einheit deutschen Staatenwesens streben. Man wünscht daher die Abdankung des Königs.« »Ein revolutionärer Akt, den ich vor meinem Gewissen nicht verantworten könnte, es sei denn, daß ich von der Notwendigkeit überzeugt bin.« Im geheimen dachte er: mir ist dies gar nicht unsympathisch, aber dahinter steckt mehr, Prinz Wilhelm scheint mir nicht der Mann, um in dieser Weise gegen seinen Bruder zu intrigieren. »Wenn Sie Garantien geben, daß Preußen hierdurch die gebührende Leitung der deutschen Angelegenheiten erhält, so ließe sich freilich darüber reden. Der Prinz von Preußen ist jeder Zoll ein Mann und würde das Ruder fest ergreifen, das gebe ich zu.« »Wie? Wo denken Sie hin!« Vincke hob die Augen gen Himmel. »Ein Herr, dessen Porträt die Freimaurerloge in der Dorotheenstraße öffentlich auf die Straße warf! Und das, obschon der Prinz als eifriger Maurer stets es sehr ernst mit seiner Mitgliedschaft nahm! Man darf ohne Übertreibung behaupten, er ist der unpopulärste Mann im ganzen Lande.« »Sie meinen, in den ganzen Städten! Die Armee denkt anders.« »Die Armee ist heut eine quantité négligeable !« Vincke schnippte verächtlich mit den Fingern. »Der Prinz ist unmöglich und sieht dies selber ein. Ohne lange auf den Busch zu klopfen: wir wünschen die Regentschaft der Prinzessin während der Minderjährigkeit ihres Sohnes, der in liberalen Prinzipien groß werden wird.« Otto erhob sich kerzengerade. »Ich habe die Ehre, Sie vorzubereiten, Herr Baron, daß ich auf jeden solchen Antrag nur eine Antwort kennen würde: Anklage auf Hochverrat.« Vincke biß sich betreten auf die Lippe. »Sie nehmen, werter Herr Kollege, den Fall wieder zu tragisch. Eine politisch gebotene und staatsmännisch durchdachte Maßregel! Das Volk nennt den hohen Herrn den ›Kartätschenprinzen‹, was er ja nicht verdient –« »Leider!« ergänzte Otto mit beabsichtigter Schärfe. »Ich werde Ihren Ausruf vergessen, Herr v. Bismarck«, betonte Vincke nicht ohne Bosheit. »Sein Einverständnis liegt übrigens schriftlich vor.« »Pardon, das glaube ich nun und nimmermehr, bis ich es nicht mit Augen sehe. Dafür hat der hohe Herr zu viel Pflichtgefühl.« »Mein Herr v. Bismarck, Sie werden hoffentlich nicht meine Glaubwürdigkeit in Frage stellen«, brauste der westfälische Freiherr auf. »Zu jeder Satisfaktion bereit«, erklärte Otto kühl. »Doch lag mir Kränkung fern. Unter Kavalieren glaubt jeder an das Wort des andern. Aber unter Politikern, pardon, sieht man sich vor. Darf ich also um Auskunft bitten, in welcher Form dies angebliche Einverständnis vorliegt?« »Hm, nun, nicht in so direkter Form«, gab Vincke kleinlaut zu. »Der Prinz stellte schriftlich eine Erklärung aus, er wolle gern auf sein Erbrecht verzichten, wenn dadurch sein König und Bruder vor persönlicher Gefahr geschützt werde.« Dem nervösen Bismarck wurden beinahe die Augen naß. »Der ritterliche Herr! So dacht' ich mir ihn! Nun, Se. Maj. sind nicht in Gefahr, aus dieser gar nicht für den angeregten Fall bindenden Aufwallung des Herzens läßt sich also nichts ableiten. Ich danke für die Aufklärung, möchte aber sofort die Verhandlung abbrechen.« »Wie Sie wollen.« Vincke erhob sich kühl und leicht. »Es war nur so eine Anregung. Ich habe die Ehre.« – Diesmal machte Otto ernst mit dem Zu-Hause-Bleiben. Aus der Ferne verfolgte er mit grimmigem Behagen die Verschlechterung der demokratischen Entwicklung. Die professoralen Dilettanten wollten die deutsche Einheit und Freiheit von heut auf morgen durch das souveräne Volk herstellen. Die Regierungen sollten nur noch dazu da sein, sich demütigen zu lassen. Dabei benahmen sich die republikanischen Freischaren Heckers und Herweghs feige genug. »Wenn sie nur die nötige Theatergarderobe haben, den grauen Kalabreserhut mit Hahnenfeder, hohe Wasserstiebel und Pistolen im Gürtel«, höhnte Herr v. Bismarck. »Wenn erst Dichterlinge die Spartanerflöte blasen wie der selige Tyrtäos, dann gibt's drollige Katzenmusik. Solche eiteln Literaten haben ein gewisses seichtes Formtalent, und der gebildete Pöbel hält ihren Wortprunk für Poesie. Reißt die Kreuze aus der Erden, alle müssen Schwerter werden!« deklamierte er mit falschem Pathos Herweghs Vers. Seine Gattin, die am Aussichtsfenster mit einer Häkelarbeit saß, hielt sich die Ohren zu. »Pfui, welche Blasphemie!« »Wenn's noch einen Sinn hätte! Sind die Grabkreuze aus Eisen? Dichterische Lizenz verwechselt sie wohl mit den Eisernen Kreuzen, die im Knopfloch stecken, nicht in der armen Erde, auf der diese Gaudiebe herumtorkeln. Das Getue in Frankfurt mit dem Kaisersaal im Römer und der Paulskirche, den 600 Notabeln, die eine Nationalverfassung leimen, macht mir Übelkeit. Hoffentlich brauch' ich diese Stadt des Turmbaus zu Babel nie zu schauen, wo jeder verschiedene Zungen redet. Ich werde dieser Unheilstätte in weitem Bogen aus dem Wege gehen.« »Aber es sollen recht wackere Männer darunter sein«, suchte Johanna seinen Groll zu beschwichtigen. »Unser König hat dies Parlament doch anerkannt.« »Was blieb da übrig! Sämtliche schwatzhaften Professoren und Federfuchser dozieren dort auf dem Katheder. Ihr Fach heißt vermutlich Welt geschichte, denn von deutscher Geschichte haben sie so wenig einen Schimmer wie von Imponderabilien und Realitäten des historisch Gewordenen und des praktischen Lebens. In der Berliner sogenannten Nationalversammlung hat wenigstens einer einige Besonnenheit, ein gewisser Waldeck. Doch selbst die Achtungswerten müssen das Kauderwelsch der Beckerath, Vincke, Auerswald nachlallen und dem Plebs nach dem Munde reden. Der möchte aber in Revolution machen, und die Arbeitslosigkeit, da alles Gewerbetreiben stockt, steigert diese Mache. Der Handelsminister mag ein schönes Gesicht geschnitten haben, als er die Tumultuanten am 30. Mai mit zehn Groschen pro Mann ablohnen mußte. Ewig hängt das Damoklesschwert der Anarchie über diesem löblichen Bürgerparlament. Und dahinein hat sich der Prinz von Preußen wählen lassen als Abgeordneter für Wirsitz! Erinnere mich daran, Nanne, daß ich eventuell hinreise, wenn der tapfere Prinz aus England heimkehrt.« »Er wird dich aber nicht kennen wollen, weil du so sehr als Ultra verschrien bist,« lächelte Johanna. »Das ist eigentlich eine Verleumdung. Natürlich hat die tobende Demagogie mein Standesbewußtsein gereizt. Es treibt einem die Galle ins Blut, wenn man den Adel fortwährend als Herde von Trotteln, ungebildeten Knoten und rohen Volksverächtern denunzieren hört. Aber mich einen Erzjunker schimpfen, der ein Adelsregiment aufrichten wolle, verrät nur blinde Unkenntnis. Jawohl, ich denke höher von unseren Leuten, die wahrlich besser sind als ihr Ruf, aber Geburt galt mir nie als Ersatz für Tüchtigkeit. Mag sein, daß von Mutter selig her ein gut Teil Bürgerblut in mir steckt. Wie denken sich die Schreihälse denn unsereinen, der meist mehr gelesen, studiert und vom Leben gesehen hat als sie! Man zeige mir nur Bürgerliche von staatsmännischer Bedeutung, und keiner wird ihnen freudiger das Knie beugen als ich. Aber ich stehe und warte, bis mir die Beine krumm werden. Ludolf Camphausen, unser heutiger Staatslenker, ist auch nur ein Windmacher, und jeder Leutnant, der seine Pflicht tut, ist mir menschlich lieber als diese Professionspolitiker.« – Am 7. Juni stand Otto am Genthiner Bahnhof in den hintersten Reihen, als Prinz Wilhelm einige Minuten auf dem Bahnsteig weilte und Begrüßungen entgegennahm. Aber der feste, scharfe Blick des fürstlichen Soldaten, der rasch die Reihen überflog, erkannte ihn. Er schob die Vornstehenden beiseite und reichte ihm herzlich die Hand. »Mein lieber Bismarck, ich weiß, Sie waren für mich tätig, ich werde Ihnen das nie vergessen.« Otto errötete vor Freude. Beide hatten sich dabei fest angesehen. Was meinte der Prinz? Von jener Unterredung in Potsdam und von der seltsamen Verhandlung mit Vincke hatte Otto sich zugeschworen, zu schweigen. Wahrscheinlich schrieb die Prinzessin ihrem Gatten nur, Bismarck habe ihn für eine Konterrevolution gewinnen wollen. Zwei Vertraute des Prinzen, Major Natzmer und Major Orlich, hätten aus dessen früherem Briefwechsel ziemlich verschiedenes aussagen können. Die Briefe gar, die er und sein Bruder, der damalige Kronprinz, während der Befreiungskriege austauschten, atmeten beiderseits so knabenhafte Unreife und prinzliche Arroganz, daß der Psychologe sie mit dem späteren geistvollen König und dem ernst-nachdenklichen Prinzen Wilhelm kaum in Einklang bringen kann. An Natzmer schrieb er früher: Dazu habe man die Revolution in Napoleon niedergeworfen, damit Preußen heut ein Jakobinerstaat werde? An Orlich aber beichtete er nach einem Besuch in Petersburg seinen Widerwillen vor russischer Autokratie und seine Vorliebe für englische Verfassung. Als eine Deputation von Königsberger Studenten, unter denen sich die späteren Schriftsteller Schweichel und Gottschall befanden, sich gegen den Vorüberfahrenden unehrerbietig benahm, brach er in zornige Verwünschung aus: »So ist dies Volk. Tag und Nacht plagt man sich für das Staatswohl, überhäuft die Bildungsstätten mit Wohltaten, und das ist der Dank.« Doch sein vornehmes, wohlwollendes Gemüt krankte nicht lange an Verbitterung, mit männlicher Festigkeit hielt er an überzeugter Verfassungstreue fest. Schon wenige Tage später erging nach Schönhausen eine Einladung aus Schloß Babelsberg, der anmutigen Residenz des fürstlichen Paares. »Erzählen Sie mir, bitte, was Sie in den traurigen Märztagen erlebten!« Das tat Otto mit vieler Bitterkeit. Er rezitierte sogar jenes fast meuterische Lied, worin der tödlich gekränkte Preußenstolz der Truppen sich Luft machte. Der Prinz bebte am ganzen Leibe vor Erregung und schluchzte plötzlich laut und heftig auf, wie man von ihm so wenig wie von dem hünenhaften Schönhauser hätte erwarten sollen. Wenn starke Männer weinen, so regnet es eines Tages Blut, blutige Tränen sind ein ganz besonderer Saft. * Die Prinzessin bekundete ihm auch bei später nachfolgenden Einladungen eine gnädige Herablassung, indem sie ihm lang und breit ihre liberalen Regierungsabsichten auseinandersetzte. Sie tat dies mit vieler Zungengewandtheit und in flüssiger, gewählter Sprache, wie es ihrer hohen Bildung wohl anstand. Nachdem er nie zu Worte kam, entließ sie ihn huldvoll: »Es freut mich, Ihren Rat gehört zu haben.« Als Otto im abendlichen Dunkel zur Heimfahrt den Wagen bestieg, begrüßte ihn der jugendliche Prinz Friedrich, ein hochaufgeschossener blonder Jüngling von noch knabenhaftem Aussehen, mit besonderer Freundlichkeit und stummem Händedruck. Er gab gewissermaßen pantomimisch zu verstehen, daß Mama es nicht gern sehen würde, wenn er bei Licht seine Übereinstimmung mit dem Hyperroyalisten offenbare. – Aus der Spenerschen Zeitung konnte man bald Einzelheiten über den Aufstand vom 15. Juni erfahren, wo Volkshaufen das Zeughaus stürmten und nach Herzenslust plünderten. Dies brach dem Ministerium Camphausen das Genick. »Ach du lieber Gott!« wehklagte Gerlach, der seinen Freund besuchte. »David Hansemann Premierminister! Ein liberaler Jude mehr oder weniger! Der verrückte Auerswald, der schwache Schwerin und der Schwefeler Rodbertus machen den Kohl auch nicht fett. Warum lachen Sie?« »Als der gute Schwerin mich fragte, was ich gegen ihn hätte, knurrte ich: ›daß Sie nicht bei Prag gefallen sind!‹ Er machte große Augen und nahm mir die historische Anspielung nicht übel.« Aber er wollte nicht mit der Sprache heraus, als ihn Gerlach ausfragte, wie er denn neulich in Potsdam den König gefunden habe. Er befand sich nämlich zufällig dort auf dem Rückweg von Babelsberg, als ein Leibjäger bei ihm im Gasthof erschien. »Seine Majestät haben von Ihrer Ankunft gehört und befehlen Sie zur Audienz.« »Vermelden Sie Seiner Majestät, daß ich untertänigst bedaure, dem Befehl nicht nachzukommen. Ich bin im Begriff abzureisen, meine Frau befindet sich in besonderen Umständen und würde sich zu Tode ängstigen, wenn ich länger fortbliebe als verabredet.« Doch noch ehe er zum Bahnhof eilte, tauchte kein Geringerer auf als der Flügeladjutant Edwin v. Manteuffel. Dieser stand nebst seinem Kollegen, dem Flügeladjutanten Graf Oriola, beim König in Gunst, ebenso beim Thronerben. Er teilte Bismarcks politische Ansichten, soweit sie ihm eben bekannt waren, besaß natürliche Begabung für Diplomatisches und Militärisches, feine Bildung und schlichte, angenehme Umgangsformen. Sein ziemlich unschönes Gesicht belebten ein Paar kluge, blaue Augen. Leutselig und gewinnend im Verkehr mit Untergebenen, verband er mit lebhaftem Ehrgeiz doch eine vornehme Bescheidenheit gegenüber höheren Talenten, und sein Privatcharakter war tadellos. Er neigte zur standesgemäßen protestantischen Bibelfrömmigkeit des pommerschen Landadels und glaubte auch hierin sich dem Schönhauser verwandt. »Mein verehrtester Herr und Freund, Sie entwischen mir nicht. Seine Majestät laden Sie zur Tafel. Da Ihre Frau Gemahlin, der ich meinen ehrerbietigen Handkuß zu übermitteln bitte, der Schonung bedarf, so wird ein königlicher Feldjäger sie über Ihr Verbleiben beruhigen.« »Einer solchen Huld muß man natürlich gehorchen«, versetzte Otto halb ärgerlich. »Sie frondieren?« Manteuffel dämpfte die Stimme. »Begreiflich bei Ihrer guten königstreuen Gesinnung. Doch der König bleibt der König, und seien Sie sicher, der allerhöchste Herr billigt im Grunde Ihre Haltung. Übrigens werden Sie nur die Damen und Herren vom Hofe finden, sowie den Minister Camphausen.« »Gott sei mir gnädig! Der haßt mich wie die Sünde.« – Nach der Tafel nahm der Monarch ihn beim Arm und führte ihn auf die Terrasse von Sanssouci hinaus, da ein vertrauliches Gespräch bei Tische sich nicht einfädeln konnte. »Wie geht's bei Ihnen?« »Schlecht«, erwiderte Otto gereizt und schroff. »Ich denke, die Stimmung ist gut bei Ihnen.« »Sie war es, bis uns königliche Behörden die Revolution einimpften und das königliche Siegel darauf drückten. Uns fehlt Vertrauen zum Beistand des Königs.« Das hieß nach höfischen Begriffen sacksiedegrob sprechen. Es trat denn auch eine vornehme Frauengestalt hinter einem Gebüsch hervor, wo sie sich wohl des Lauschens beflissen hatte; die Königin fragte zornig: »Wie dürfen Sie so zu Ihrem König reden?« Doch der König winkte gutmütig ab. »Laß mich nur, Elise, ich werde schon allein mit ihm fertig. – Was werfen Sie mir denn vor?« »Die Räumung Berlins«, versetzte Otto in straffer Haltung. »Die habe ich nicht gewollt«, versicherte der Monarch hastig, und die Königin fiel ein: »Daran ist der König ganz unschuldig.« Echt weiblich fügte sie hinzu: »Er hatte seit drei Tagen nicht geschlafen.« »Ein König muß schlafen können«, parierte Otto mit ungemilderter Strenge. Der Hohenzoller ließ sich aber von seinem Lehnsmann nicht irre machen. »Was hilft's Ihnen, ob ich wie ein Esel gehandelt hätte? Vorwürfe richten einen Thron nicht auf, der umkippte, tätige Hingebung tut not, nicht kritischer Verdruß. Sie wollen die liberalen Reformen nicht mitmachen, die ich gutheiße? Auch nicht als geschworener Vasall der Krone?« Dies berührte in dem Widerspenstigen die Note feudaler Ritterlichkeit, und die gütige Nachsicht des Monarchen stimmte ihn weich. Er beugte halb das Knie, sein Ausdruck veränderte sich, er wechselte die Farbe und sagte fest: »Ich unterwerfe mich dem Willen meines Herrn. Ich bin des Königs Mann im Leben und im Tod.« Bewegt reichte ihm dieser die Hand. »Ich wußte, daß ich auf Sie zählen konnte. Sehen Sie, ich muß den Boden des formalen Rechts haben, sonst stehe ich auf schwachen Füßen.« »Das Tagelöhnerparlament, wie unsere Kreise es nennen, verwischte den Rechtsbegriff, hier gilt nur die Machtfrage. Und Macht geht vor Recht.« »Oh! oh! Das sind gefährliche Grundsätze, die ich mißbillige. Damit wäre auch jede Revolution gerechtfertigt. Wir müssen auch an französische Einmischung denken, die deutschen Jakobiner würden mit ihr gemeinsame Sache machen. Und ferner – Radowitz meint, jetzt sei die Hauptsache –, doch davon sprechen wir mal später, denn ich hoffe Sie noch oft zu sehen.« Der entwaffnete Frondeur dachte: der schwarzrotgoldene Radowitz redet ihm vor, man dürfe die Nationalstimmung und das Frankfurter Parlament nicht vor den Kopf stoßen und Preußen zuerst die leitende Oberherrschaft in Deutschland sichern. Dann werde sich alles übrige von selber finden. Als ob auf solche Schnurrpfeiferei Verlaß wäre. – – »Sind Ihre Züge schärfer und spitzer geworden?« Präsident Gerlach maß den jüngeren Freund mit prüfendem Blick. »Sogar Ihre Zähne treten stärker hervor. Ihre sonst so leichte, ungezwungene Haltung hat etwas Starres, und Sie sind bleich.« »Wie sollte mir nicht beklommen zumute sein! Ich weiß wohl, ich spreche in der Kammer stockender als je, weil ich bei jedem Wort mit meinen Gedanken ringe. Was soll werden! Neulich wies ich in der Zeitung lächerliche Verdrehungen zurück, die ein Schlächtermeister Jänsch, Abgeordneter des Kreises Belgard und Volksbeglücker von Profession, uns pommerschen Gutsbesitzern anhängte. Als ob unsere Tagelöhner verhungerten, während sie sich beim jetzigen Naturaliensystem viel besser stehen als bei der empfohlenen Lohnerhöhung.« »Ist das der Jänsch, der den Kartoffelkrawall im März inszenierte?« »Kein anderer. Der Bursche gibt vor, eine Klasse zu vertreten, die er gar nicht kennt. Doch die Städter halten für Evangelium, was er in der Sitzung vom 16. August vorbrachte. Nicht mein monarchisches und Standesbewußtsein empört sich so gegen dumme Majestätsbeleidigung und Adelsverfemung, sondern mein objektiv deutsches Gerechtigkeitsgefühl. Solche ungebildeten Knoten traktieren unsereinen wie einen rückständigen Barbaren, bewitzeln den König und den Thronfolger wie hohle Kleiderständer prunkender Uniformen, als wären die Ersten im Staate immer die Unbedeutendsten. Und doch hat der König mehr Geist und Wissen als alle redseligen Professoren der Kammer, der Thronfolger mehr sittlichen Ernst, pflichttreue Gesinnung, klaren Verstand als alle liberalen Bureaukraten. Ist die Demagogenlegende nicht widerlicher als jeder Byzantinismus von Hofschranzen? Und byzantinern die faden Gesellen nicht noch katzbuckelnder vor dem tyrannischsten Popanz, dem Pöbel, der nur Schmeichelei und nie Belehrung schluckt? Wenn sie das Wort Patriot unnütz im Munde führen, – speien sie nur neue Narretei. Sammlungen für eine deutsche Reichsflotte! Und wo ist das Reich? Neulich in Stolpe genoß ich so'n Flottenkonzert bei unmenschlicher Hitze, und sagte den Herren vom Komitee auf den Kopf zu: ›Sie möchten es uns noch heißer machen.‹ Außer mir trug niemand schwarzweiße Kokarde am Hut, lauter Schwarzrotgold. Die getreuen Hinterpommern!« »Lassen Sie den Mut nicht sinken!« mahnte Gerlach. »Mein Bruder vertraut mir an, der König habe Ihre Zuschrift von damals via Radziwill den ganzen Sommer durch auf seinem Schreibtisch liegen, um sich an diesem Zeichen aufzurichten. In hoc signo vinces . Die ›Preußenvereine‹, ›patriotischen Gesellschaften‹, unser Verband ›Mit Gott für König und Vaterland‹, die ›Neue Preußische Zeitung‹, das ›neue preußische Sonntagsblatt‹ – mit den neuen Waffen bekämpfen wir Satan. Beiläufig setzt ja der Liberale Adolf Schmidt in Umlauf, Ende des 17. Jahrhunderts habe Bibliothekar Croze das verruchte papistische Machwerk, die sogenannte Lehninsche Prophezeiung vom Untergang der Hohenzollern bei einem Herrn v. Schönhausen gesehen?!« »Ein feiner Stich! Sieht den Fortschrittlern ähnlich, daß sie sich aufs dunkelste Mittelalter berufen, um dem modernen Staat am Zeuge zu flicken. Die katholische, d. h. römische Kirche fabriziert gern solchen Kohl gegen protestantische Fürsten, wir werden ihre österreichischen Umtriebe noch in der deutschen Frage merken. Kein Bismarck blieb katholisch, ein Herr v. Schönhausen als Eideszeuge ist also apokryph. Wenn mein Geschlecht hier den Lügnern herhalten soll, so prophezeie ich auch, nämlich, daß die Könige von Preußen und der Stamm derer v. Bismarck noch bestehen werden, wenn vorlaute Revolutionschefs verschollen sind bis auf Namen, im Winkel der Geschichtschreibung mit Schimpf und Schande notiert.« »Das Geschlecht der Örindur, unseres Thrones feste Säule«, zitierte Gerlach lachend, »wird bestehen, ob die Natur auch damit zu Ende eile! Doch sie eilt ja gar nicht, es geht nicht zu Ende mit Ihnen, Graf Örindur, der kein Zwiespalt der Natur, sondern 'ne Urnatur, ein Mann, unser Mann, die Partei zählt auf Sie.« Doch was so hell und trutzig aus Ottos Auge blitzte, schwächte schwermütiges Lächeln ab. Die Partei! Hieße es doch lieber: die Nation! * Als am 26. Februar 1849 der neue Landtag sich eröffnete, fand der in Brandenburg Gewählte sich frühzeitig ein, schicklich für die Feierlichkeit gekleidet mit Zylinder und weißer Binde. »Meine Herrschaften,« begrüßte sein ehemaliger Chef, Graf Arnim-Boitzenburg, eine um Otto versammelte Gruppe, »wir sind nicht unter uns. Sehen Sie doch bloß die Pfauen und Diogenesse der Demagogeneitelkeit! Die zwei Abgeordneten dort wollen sich kindisch bemerkbar machen, der eine im grünen Flauschrock, der andere im grauen Kalabreser, mit dem er seiner erhitzten Denkerstirn Kühlung zuweht!« Otto blickte hin mit kalter Verachtung. »Am liebsten kämen sie als Ohnehosen. Das ist die Sorte des Herrn Milde, der in der Nationalversammlung so wenig milde über uns den Stab brach. Unter den sanskulottischen Zynikern in der Diogenestonne ihrer Straßenherrschaft möcht' ich mit der Diogeneslaterne nach einem Menschen suchen, ich sehe nur ausgestopfte Phrasen auf Rollschuhen.« »Geschehen noch Zeichen und Wunder?« staunte Arnim. »Dort kommen Vincke und Grabow gerade auf Sie zu mit ausgestreckter Hand. Wer hätte das gedacht!« In der Tat grüßte Vincke mit krampfhafter Herzlichkeit und erzählte mit gezwungenem Lachen: »Ja, mein hochverehrter, der Janhagel zischte mich drunten aus, als ich aus dem Wagen stieg. Dagegen für Temme und d'Ester Lebehochs und kein Ende. Man ist nicht mehr populär, wie schade!« Doch Otto fand es nicht humoristisch, er blieb ernst. Die Gemäßigten drehten also rechts aus Angst vor dem roten Gespenst. Wohl frohlockten seine Freunde über den Ausfall der Wahlen, denn das Zentrum, die um Auerswald, brachten die reindemokratische Majorität ins Wanken. Doch in Prinzipienfragen hielt das liberale Dogma noch alle zusammen als einig Volk von Brüdern. Als daher der Abgeordnete für Köslin jubelte: »Wir haben gesiegt«, lehnte Otto kühl ab: »Nicht das, doch wir griffen an, das ist der halbe Sieg. Der ganze soll erst kommen.« Als er's sagte, hörte man ein klirrendes Geräusch. Einem Wachthabenden vom Gardedukorps fiel sein Degen aus der Scheide, lag quer vor dem Thronsessel. »Ein Omen!« murmelten viele, jeder legte es nach seiner Weise aus. Die Kammer verlegte sich in die Singakademie oder in den Konzertsaal des Schauspielhauses. Sie erfüllte musikgeweihte Stätten mit mißtönigem Lärm, der sich auf der Straße fortsetzte. Begab sich der Abgeordnete Bismarck aus seiner Wohnung, Wilhelmstraße 71, zur Redaktion der Kreuzzeitung, Dessauer Straße 5, um Neuigkeiten zu erfahren oder selbst, Hut und Handschuh in der Linken, am Schreibpult einige Zeilen für Zeitungsdruck hinzuwerfen, so lauerten unheimliche Gesellen. Damals floß noch in jenem Stadtteil viel Schmutz in den Rinnsteinen; ihn vom Bürgersteig da hineinstoßen, wäre ein Labsal gewesen. Doch der kalte Blick im festen, krausbärtigen Antlitz, die straffe Haltung schüchterten jeden Rowdy ein. Sein jetzt selten freundlich leuchtendes Auge schoß gleichsam Speere ab. Mit Recht betonte er in der Kammer, die bewegenden Kräfte der Revolution seien nicht mehr nationaler, sondern sozialer Art. Man versprach Bürgern und Arbeitern goldene Berge, weckte die Begehrlichkeit der Besitzlosen, stachelte den Neid in allen Formen. Trocken legte der Gutsherr sich selber zurecht: Aneignung fremden Besitzes fördert nicht soziale Gleichheit, Besitzwechsel aus feinerer und reinerer in gröbere und schmutzigere Hand ist nichts als verkappter Straßenraub. Die hochtrabenden Ideale des Jakobinismus verstecken nur den Sklavenaufstand zur Zerstörung der Gesellschaft, das souveräne Volk will sich auf Kosten der Besseren und Würdigeren bereichern, um dann selber hilflos auf den Trümmern des Eigentums zu verhungern, weil dieser blödsinnige Souverän sich nicht selber regieren kann. Von seinem jetzigen christlichen Standpunkte aus machte er auch jene von den oberen Schichten genährte Freigeisterei verantwortlich, welche im menschlichen Herzen die Widerstandsfähigkeit gegen schäumende Leidenschaft untergräbt. Seine Rede floß jetzt glatt und klar, nur zu Beginn stieß er die Sätze unsicher hervor. – Minister wollte schon lange niemand mehr werden, die Ministerien kamen und gingen. »Sondieren Sie doch mal den Vincke!« beauftragte der König den Schönhauser bei einer Audienz. »Und wenn's nicht anders geht, auch den anderen Hannefatzke – Sie wissen, wen ich meine. Als Handelsminister faßte ich den ehrlichen Harkort ins Auge. Der war vordem ein braver Landwehroberst unter Blücher, den müssen wir haben.« – Aber Vincke antwortete ausweichend: »Wissen Sie, verehrter Kollege, ich bin ein Sohn der roten Erde, knorrig wie wir Westfälinger nun mal sind. Mich drängt's zum Opponieren, aber nicht zum Ministersessel. Dank für Ihren guten Willen!« Der pomphafte Beckerath machte andere Schwierigkeiten. »Ich will ein Ministerium bilden, wenn die äußerste Rechte, die ja Herr v. Bismarck repräsentieren, sich unbedingt zur Gefolgschaft verpflichtet und mir den König sicher macht.« »Das kann ich unmöglich in solcher Form versprechen.« »Dann hat Verhandeln keinen Zweck. Später, wenn völlig geordnete Verhältnisse eintreten, dann erst wird die Stunde gekommen sein, wo die Linke regierungsfähig wird.« Natürlich, dachte Otto, konstitutioneller Majoritätsminister! Dann kann man im Amte bleiben, jetzt verdirbt man sich nur die Chancen. Der alte Harkort, westfälischer Industrieller, lehnte ruhig ab: »Ich weiß die Ehre zu schätzen, doch erst muß ein Fachministerium von Beamten und Militärs den verfassungsmäßigen Zustand gründen. Dann erst können Verfassungstreue an die Arbeit gehen.« »Aber wo soll man die Fachminister hernehmen, ältere Herren, denen nicht immer persönlicher Mut zur Verfügung steht? Jeder muß persönliche Gefahr befürchten, da Sie Ihren hauptstädtischen Pöbel nicht im Zaum halten. Konservative Deputierte sind auf offener Straße verprügelt worden. Sollte Seine Majestät die Geduld verlieren und nicht länger sacht einlenken, so darf man auf grobe Exzesse gefaßt sein.« »Ich bedaure das im Interesse der guten Sache. Aber ich kann nichts daran ändern.« – Im Juli brachen in Berlin neue Arbeiterunruhen aus, die sich fortsetzten, auch als die Garnison zurückkehrte, was zu fast täglichen Hänseleien und Reibungen führte. Die Nationalversammlung nahm den Antrag an, jeden Offizier auf die Verfassung zu vereidigen und jede reaktionäre Bestrebung als Hochverrat zu brandmarken. Besonderen Spaß machte dem Schönhauser Beobachter der neue Reichsverweser in Frankfurt, Erzherzog Johann. »Da haben also die Demokraten einen kaiserlichen Prinzen an der Spitze!« verwunderte sich Johanna, die in Vorbereitung ihrer schweren Stunde an Weißzeug stickte. »Und den Fürsten Leiningen haben sie, Stiefbruder der Königin von England. Auch ein sehr vornehmer Herr.« »Ja, ja, diese sehr vornehmen Herren sind von der Couleur des Prinzgemahls in England, des –« Er verschluckte etwas Verfängliches und ergänzte zögernd: »des Koburgers. Das ist natürlich ein geborener Liberaler. Die alle kokettieren mit der Demokratie wie mit einer Modetoilette. Der gute alte Johann hat viel Ärger mit seinen Brüdern gehabt, die Schwägerinnen nicht zu vergessen, steht sich auch mit seinem Neffen nicht gut, dem jetzt regierenden Herrn, und haschte allezeit nach Popularität. Innerlich ist er ein stocksteifer Österreicher, tut aber, als läge ihm Deutschland innig am Herzen, und versteht halt gut Weanerisch treuherzig den schlichten Bürger zu mimen. Damit fängt man den großen Haufen immer, der ja im Grunde nur knechtisch denkt, selbst wenn er als souveräner Herr spektakelt, und sich vor Entzücken nicht zu lassen weiß, wenn ein Fürst zu ihm herabsteigt. Wie jeden Demagogen durch Orden und Ministerposten, kann man jeden Volkshaufen durch volkstümliche Manieren einer Fürstlichkeit kirren. Das kostet nichts, und sogar der selige Kaiser Franz, ein arger Autokrat, hieß der guate Koaser Franzl, weil er das goldene Weaner Herz in breitestem Dialekt hervorkehrte. Ach, ich habe eine Schadenfreude!« Er ging im Zimmer auf und ab und trällerte: »Gott erhalte Franz den Kaiser!« »Aber Prinz Johann ist doch wirklich sehr liberal ... wegen seiner Ehe mit der Posthalterstochter. Und findest du das nicht schön, Otto, daß ein Fürst alles für Liebe opferte?« »Geopfert hat er nicht viel, höchstens eine konventionelle Ehe mit einer apanagierten Ebenbürtigen. Und ehrlich gestanden, Nanne, mögen Frauen und sentimentale Kleinbürger solche Mesalliancen bewundern, ich nüchterner Norddeutscher bin nicht dafür. Für an Österreicher geht halt nix über die Liab, und wenn er die stärkste menschliche Passion mit allen Mitteln befriedigt, ist das weder Tugend noch Heldentat. Wenn er sie aus Staatsinteresse überwunden hätte, würde ich ihn weit eher achten. Doch die Menschen sind Schwachköpfe, eine romantische Liebesgeschichte schmeckt ihnen süßer als die edelste Pflichterfüllung.« Johanna seufzte leicht. Sie erkannte schon, daß die Tage der Troubadourschaft für ihren Otto vorüber seien, daß er den häuslichen Herd wie eine Vestaflamme hüten werde, doch daß ein anderes vulkanisches Feuer in seinem tiefsten Innern lodere. Und im Grunde wollte sie es auch nicht anders. Die Frau ist stolz auf einen männlichen Mann, und das allmächtige Muttergefühl sagt ihr, daß sie als Beschützer der Familie keinen anderen brauchen könne. »Und merke dir eins, Nanne,« sprang er auf einen anderen Gedankengang über, »daß Leute aus dem unteren und Mittelstande nie wahre Demokraten sein können. Das ist das Komische von der Sache. Schlichte Vornehmheit liegt ihnen so fern, daß Industrieritter immer frech und hochfahrend auftreten, wenn sie als ›Grafen‹ die Bürgerprotzen prellen wollen. Pelze und Juwelenringe gehören zum wichtigsten Handwerkszeug solcher Schwindler, während in unseren Kreisen jede Geckerei peinlich auffällt und wir uns möglichster Einfachheit in der Kleidung befleißigen. Die natürliche Logik sollte den Leuten doch sagen, daß man, je vornehmer man ist, desto weniger Wert auf Äußerliches legt, weil man es nicht nötig hat. Vincke erzählte mir mal gelegentlich, daß bei ihm zu Haus in Westfalen die hochmütigen Freiherrn, die sich altadeliger dünken als die Hohenzollern, oft in Bauernkitteln herumlaufen.« »Papa wäre auch fähig dazu«, lachte Johanna. »Und du hantierst ja in Hemdsärmeln zur Erntezeit herum.« »Das macht, weil wir Landritter innig mit dem wirklichen Volke zusammenhängen. Das Stadtgesindel aber, das sich allein Volk nennt, sowie die ›Arbeiter‹ sich so nennen, als ob alle anderen nicht arbeiteten, das kann sich Fürst und Adel nur als Karikaturen des eigenen Protzentums denken. Der sogenannte Männerstolz vor Fürstenthronen ist nur pomphafte Verlegenheit, Aufgeblasenheit und verkniffener Neid. Alle wahren Republikaner, Revolutionäre, Volksbefreier sind Aristokraten gewesen, die Geschichte ist voll davon: Cäsar und Catilina waren Patrizier aus den ersten Häusern, Holland und Venedig echte Adelsrepubliken, der englische Adel verfocht von Magna Charta bis Deklaration of Rights wahrlich nicht nur die eigene Sache, als er die Königsgewalt beschnitt. Die bezeichnendsten Sinnbilder sind Marino Falieri und ein Graf Monfort, der den Hirtenkittel anzog und sich an die Spitze der Appenzeller Bauern gegen die Fürsten und Raubritter stellte. Wir haben im Bauernkrieg auch so einen anständigen Revoluzzer, Florian Geyer von Geyersberg, den einzigen anständigen Idealisten unter der Bande, und vorher Sickingen und Hutten. Der Markgraf Mirabeau, Vater des Historischen, taufte sich ›Volksfreund‹ und vergeudete sein Riesenvermögen für Agrarreformen. Der beste Teil des französischen Adels focht im Revolutionsheer gegen den äußeren Feind. So wenig ich die Franzosen leiden mag, ihr alter Adel imponiert mir doch, wie er meist den Staat und das Vaterland über das Königtum stellte. Wollte Gott, wir Deutschen könnten französischen Patriotismus nachahmen, statt Pariser Laster und Firlefanz nachzuäffen!« Er wollte und mußte sich aussprechen, dafür ist die Frau ja da als guter Kamerad und teilnehmende Zuhörerin. Doch Johanna unterließ nicht einzuflechten: »Das ist doch eigentlich traurig, daß Edelleute sich so vergessen können, gegen angestammte Herren von Gottes Gnaden zu rebellieren. Du sagst das, verzeih', als ob du es loben wolltest.« »Das nicht, das heißt – es kommt auf die Umstände an. Ich wollte nur ausdrücken,« er warf sich in die Brust und den Kopf zurück, »daß nur ein rechter Edelmann von altem Blutadel – Briefadel zählt nicht – sich von Fürsten nicht blenden läßt. Der steht zu nah' dem Thron, um in ehrfürchtigen Schauern zu zerfließen. Der sanfte Scharnhorst war ein Bauernsohn, doch so grob und ungeniert hat niemand den Fürstlichkeiten die Wahrheit gesagt wie Reichsfreiherr vom Stein und der olle Blücher. Die Demokraten preisen Stein als ›deutscher Freiheit Eckstein‹, und doch war der Mann erzfeudal, wollte den reichsunmittelbaren Adel wiederherstellen, um den Absolutismus zu brechen. Nie aber hat das Bürgertum so demokratische Förderer gehabt als ihn und Hardenberg. Übrigens steht es beim Cäsarismus der großen Fürsten nicht anders als bei dem der obersten Edelleute. Von Cäsar bis Friedrich dem Großen läuft hier der demokratische Zug. Das Volk kann sich nicht selbst befreien, dafür ist es zu eitel, egoistisch und kurzsichtig. Deutsche Einheit durch Volkssouveränität – daß ich nicht lache! Ich stelle es demütig dem Himmel anheim, aber so geht's nicht.« »Da bist du wieder im richtigen Fahrwasser.« Johanna schaute auf. »Die Hohenzollern haben sicher dem Volke wohlgetan, indem sie den Adel zähmten. Friedrich Wilhelm I. war ein schlimmer Tyrann, aber er hat die Staatsautorität als rocher de bronce stabiliert zugunsten des Allgemeinwohls. Ich lasse mir meine Hoffnung auf Suum cuique nicht rauben, den Wahlspruch der Hohenzollern.« – Am 21. August abends schrieb er dem Schwiegervater, Johanna sei soeben von einer kräftigen Tochter entbunden. Bloß wenn es auch eine Katze wäre, hätte er doch Gott kniefällig gedankt, daß die Mutter davon befreit wäre. »Es ist doch eine verzweifelte Sache.« Eine andere anscheinend verzweifelte Sache heischte jetzt von ihm Tinte und Gehirnschweiß. Seit Jahr und Tag bemühte er sich, eine konservative Zeitung als Sammelpunkt zu gründen, und dieses Organ begann seinen Anlauf mit der Devise: »Mit Gott für König und Vaterland« und richtete das alte Landwehrkreuz als Wappen auf. Die »Neue Preußische (Kreuz-)Zeitung« gewann einen geschickten Leiter in einem Publizisten namens Wagener, hinter dem man Bismarck als spiritus rector vermutete. Davon traf zu, daß der Schönhauser in seiner Muße viel Beiträge für das Blatt ansammelte und dessen fast taglicher Mitarbeiter längere Zeit blieb. Den König sprach er noch mehrmals in Sanssouci und suchte ihn aufzumuntern. »Euer Majestät sind Herr im Hause, haben die Macht.« »Ich zweifle, die Nationalversammlung macht freilich Übergriffe, die ich schwer dulden kann. Doch die Massen glauben nicht an mein gutes Recht, und die Demagogen müssen sich erst selbst ins Unrecht setzen. Dann wird einleuchten, wie verderblich ihre Tendenz wirkt.« »Euer Majestät werden aber sehen und haben es schon bei einigen Gelegenheiten bemerkt, daß der militärische Gehorsam völlig unberührt blieb. Mit der Armee läßt sich alles anfangen.« »Aber die Landwehr! Und die Bürgerwehr in Berlin würde starken Widerstand leisten, wollt' ich die Versammlung auflösen. Das würde erneut alte Wunden aufreißen, was ich im christlichen Sinne des Friedens und der Schonung vermieden wissen will. Und dann – da sind eben noch andere, größere, politische Erwägungen, die Sie, mein lieber Bismarck, in Ihrer beschränkten Sphäre nicht würdigen können.« Aha, er fürchtet, sich bei den Frankfurter Hanswursten zu kompromittieren. Immer noch das Phantom eines jetzigen Großdeutschland, mit Österreich darin, und auf demokratischer Basis. »Euer Majestät neuliche Zusammenkunft mit dem Herrn Reichsverweser in Köln«, begann er vorsichtig, »erweckte sicher freudigen Widerhall in deutschen Landen ... ob in Preußen, läßt sich wohl nicht durchweg behaupten, wie ich untertänigst einzuwenden mir erlaube.« »Ich weiß wohl, daß meine getreuen Ultras auch dies ein Paktieren mit der Revolution nennen.« Der König schmollte unmutig: »Welche Enge des Gefühlskreises! Es ging mir ja auch gegen den Strich, doch die Lage gebot es. Der Parlamentspräsident v. Gagern ist ja ein würdiger Mann, und ich habe mir nichts vergeben.« »Euer Majestät ließen das Wort fallen, man werde hoffentlich nicht vergessen, daß es in Deutschland Fürsten gebe und daß Allerhöchst Sie dazu gehörten. Ein feiner Hieb, der sicher saß!« »Und sind Sie mit meinem Trinkspruch zufrieden? Natürlich zu demokratisch für den Geschmack Ihrer Partei.« »Nach meinem persönlichen Dafürhalten war er sehr angemessen: ›Er gebe uns einige und freie Völker, er gebe uns einige und freie Fürsten!‹ Nun wird er nichts geben, der Erzherzog. Als Bauherr am Dom der deutschen Einheit, wie Euer Majestät zu sagen geruhten, scheint er nur wenig architektonisch veranlagt.« Der König lachte vergnügt. »Nu sagen Sie bloß noch Spickaal! sagt der Lateiner. Man muß doch höflich sind! sagt der Berliner. Der Erzherzog und ich sind zwei Auguren und lächeln einigermaßen. Nichtsdestoweniger wäre doch möglich – was gibt's denn, Gerlach?« Leopold v. Gerlach, Bruder des mittlerweile zum Oberpräsidenten aufgestiegenen Ludwig v. Gerlach, durch diesen also mit Bismarck freundlich vertraut, trat heran und murmelte einige Worte. Der König verfärbte sich leicht und entließ Otto mit gnädiger Handbewegung. »Wichtige Staatsgeschäfte berauben mich Ihrer angenehmen Gesellschaft.« – Worum es sich handelte, wurde bald genug klar. Nachdem Preußen das Exekutoramt gegen Dänemark übernommen und Wrangel verschiedene Erfolge errungen hatte, erhob der Zar seine gefürchtete Stimme gegen die »Rebellion« der deutschen Herzogtümer wider ihren rechtmäßigen dänischen Zwingherrn. Hier zeigt sich so recht, wie das sogenannte legitimistische System, seit den Kongressen in Verona, Karlsbad und Teplitz immer wieder zwischen den absolutistischen Zentralmonarchien festgelegt, sich nicht nur gegen freies Ausleben der Volkskräfte, sondern erst recht gegen das Nationalitätsprinzip richtete. Rußlands polnischer und Österreichs italienischer Besitz gaben dabei den Ausschlag. Unendlich bezeichnend floß die tragikomische Ironie ein, daß Englands Palmerston, der mit vieler Emphase die Meereskönigin als Beschützerin aller freiheitlichen Bestrebungen ausgelogen hatte, auf einmal giftig für Dänemarks heilige Tyrannenrechte eintrat. Diesem Druck vermochte der König in seinem Wirrsal nicht die Stirn zu zeigen, seit den Märztagen innerlich zu sehr gebrochen, um entschiedenen Zumutungen trotzen zu können. So ward Ende August ein siebenmonatlicher Waffenstillstand mit dem kleinen »Raubstaat an der See« geschlossen, und Preußen kroch zu Kreuze, obschon der Danebrog überall vom Festland verjagt. Der Schönhauser sann düster vor sich hin. Unter jetzigen Zeitläuften wahrscheinlich ein Fehler. Die Wut in Deutschland wird grenzenlos sein. Damit verliert der König auf einen Schlag jede Sympathie, auf die er sein sonstiges Spiel baute. Schleswig-Holstein meerumschlungen! singen alle deutschen Truppen begeistert, der Krieg war volkstümlich im ganzen Reich, auch bei uns, außer den verbohrten Junkern, zu denen man mich zählt. Daß ich freundlichen Auges auf die holsteinische Milizerhebung sah, kann ich nicht behaupten. Das roch wieder nach Demagogie. Aber der Untergang der Kieler Turner und Studenten griff mir ans Herz. Wieder ein Affront Deutschlands durch übermütiges Ausland. Eine Schande, daß unsere Ideologie sich immer selber ans Messer liefert. Das wird nie anders, bis nicht ein strammer Kerl ans Ruder kommt, der zu rechnen weiß und nicht heute tun will, was erst in zehn oder zwanzig Jahren erreichbar. Denn auch hier, was war zu tun? Rußland und England sind übermächtig, ein Erstarken der deutschen Nation paßt ihnen nicht, und daß man Bettelpfennige für eine deutsche Flotte zustande brachte, erregte wohl Englands Eifersucht. »Du mußt wissen,« belehrte er seine Frau, »daß wir durch die Hansa die größte Seemacht neben Venedig waren, daß Lübeck allein den skandinavischen Königreichen gewachsen war. England zählte noch nicht. Das nahm alles ein Ende durch den gottverfluchten Dreißigjährigen Krieg, wo die Fremden sich unsere Gaue als Schlachtfeld aussuchten, wo Deutsche gegen Deutsche fochten, Deutsche in schwedischem und französischem Sold gegen den deutschen Kaiser!« »Den Papisten!« rief die Gattin eifrig, »das war für die heilige Religion.« »Ach, Quatsch! (Bitt' um Verzeihung!) Das war für den Egoismus der Kleinstaaten. O Gott, daß doch nie ein Bruderkrieg wieder wüte! Sind wir denn von Gott geschaffen, uns pour les beaux yeux des verflixten Auslandes die Hälse zu brechen? Die Dänen, ein so kleines Volk, haben eine Flotte und hielten sich jetzt an unseren Küsten schadlos wie richtige Wikinger. Was war zu ändern? Der arme König hat immer Pech, er wird die Kosten tragen.« So war es. Der sogenannte Verrat an Deutschland erregte ungeheuere Entrüstung. Die Demokratie predigte: Da habe man mit Händen zu greifen, was man vom nationalen Ehrgefühl der Fürsten zu erwarten habe. Der Reichsverweser machte große Worte, sein Ratgeber Professor Dahlmann stolperte über die Wirklichkeit, das Frankfurter Parlament kapitulierte und unterschrieb Deutschlands Demütigung. Nun ging ein neuer Rummel los. Eine Volksversammlung auf der Frankfurter Pfingstweide proklamierte ziemlich unverblümt die Republik, am 18. September entbrannte ein wilder Straßenkampf, wobei die beiden Abgeordneten Fürst Lichnowski und General v. Auerswald der Volkswut zum Opfer fielen. Die preußischen Truppen, aus Mainz herbeigerufen, säuberten die Stadt; auch andere Putsche in Baden und Württemberg mißlangen. Doch die Versöhnlichkeit zwischen Regierungen und Völkern, der man zustrebte, war unheilbar geschädigt. Die breiten Massen verharrten in ihrer Erbitterung, während alle besitzenden Klassen offen oder heimlich von der Demokratie abfielen und sich nach den Fleischtöpfen Ägyptens selbst in reaktionärer Küche sehnten. Es folgten die furchtbaren Ereignisse in Wien und Ungarn, wo es zum Massenkampf zwischen Heer und Volksaufgebot kam. In Berlin nahm das Tumultuantentum überhand. Am letzten Oktobertag sah sich die Nationalversammlung in ihrem Sitzungslokal am Gendarmenmarkt, nämlich dem Schauspielhaus, von wüsten Volkshaufen belagert. »Den 31. Oktober wird man auch im Andenken behalten«, brummte Otto, seiner Frau aus der Zeitung vorlesend. »Sie nennen's die vernagelte Sitzung. Der Berliner muß immer Witze machen, auch wenn er selber vernagelt im Kopfe.« »Hat der Plebs sich wieder geregt?« »Ja, die auf dem Gendarmenmarkt lärmenden Massen haben eine Ausgangstür mit einer Querleiste vernagelt. Konservative Abgeordnete sind kaum mehr ihres Lebens sicher, werden auf offener Straße mißhandelt. Und drinnen geschehen oratorische Greulszenen. Die Demagogen Waldeck und Räuber fordern das Volk auf, den Madjaren Kossuths zu Hilfe zu ziehen. Also eine Internationale der Revolution!« Aber das schlug dem Faß den Boden aus. Das schlaffe Ministerium Pfuel ablösend, schlug das Ministerium Brandenburg eine kräftige Sprache an. * »Ne, Bismarckchen, Bangemachen gilt nich, jetzt wird de Jeschichte sengerich, und wir sind mang in de Brühe.« Der so sprach, war der alte General v. Rauch, früher von der Gardekavallerie, mit Gerlach zusammen der Einflußreichste in des Königs nächster Umgebung. Die offizielle Stellung beider Herren war nicht genau umschrieben, sie standen sozusagen gemeinsam dem Zivil- und Militärkabinett vor. Rauch hatte ein etwas verschmitztes Soldatengesicht, kreuzbrav, doch mit Neigung zur Spottsucht gegenüber unpraktischen Theoretikern, zu denen er den König und Gerlach rechnete. Schulbildung hielt er für überflüssig, sprach oft ein schauderhaftes Deutsch. »Ja, Brandenburg geht los«, bekräftigte Leopold v. Gerlach, dessen Erscheinung zum sehnigen Rauch einen unerfreulichen Gegensatz bot, schwerfällig und beleibt, ungeschickt im Benehmen und von übertriebener Bescheidenheit. Doch dieser phlegmatische Herr, der hilflos wie ein Kind aussah, hatte hohen Schwung der Gedanken und geistvollen Überblick in allgemeinen Fragen. Nicht nur hierin glich er dem König, sondern auch in der Unfähigkeit, zu bestimmenden Augenblicksgeschehnissen entschlossen Stellung zu nehmen. Seine edle Gesinnung schützte ihn vor dem Hetzeifer seines Bruders Ludwig, der am liebsten durch Blut waten wollte, um jede liberale Selbständigkeit auszumerzen. Vollkommen selbstlos hing er dem König mit Mannestreue an, selbst wo dieser ihm zu irren schien. Hochkirchlich orthodox, veranstaltete er täglich Andachten mit seinem Haushalt. »Wenn die Burschen des v. Unruh nicht zu Kreuze kriechen, wird man ihnen Mores lehren. Jetzt setzt's Keile.« Rauch legte die Hand an den Mund, wie eine Trompete. »Rauch bläst zur Attacke, als hätt' er die Posaunen von Jericho«, lächelte Gerlach. »Nun, Sie, lieber Freund, sind ja aus dem Kreise Jerichow und verstehen sich auf Mauern. Werden die Demokraten umfallen?« »Ich bin kein Prophet. Ihr Bruder tobt über unser lahmes Zögern –« »Mein Bruder, der Präsident, ist ein Fanatiker. Ich riet Seiner Majestät jetzt auch zu energischem Vorgehen im Verein mit meinem Kollegen Rauch.« »Sie werfen det Schwergewicht Ihrer umfangreichen Person in die Wagschale,« spöttelte Rauch, »aber Sie wissen, Gerlach, das Handeln überlassen Sie anderen. Ihr neunmal weiser Herr Bruder is ooch recht unpraktisch.« »Meinen Sie das auch?« fragte der gute Mann, zu vornehm für verletzte Eitelkeit. Bismarck verbeugte sich. »Darf ich ein Gleichnis brauchen? Gesetzt, da draußen vor dem Fenster fiele etwas vor, ein Anfall oder desgleichen, so würde mein Freund Ludwig, der Herr Präsident, eine tiefsinnige Betrachtung anstellen, wie mangelhaft unsere Einrichtungen und wie gering unser Gottvertrauen. Sie, Exzellenz, würden sofort das Rechte einsehen, wie man helfen müsse, aber in Ihrem Stuhle sitzenbleiben.« »Und Sie wären der einzige, der hinunterspränge und Leute zu Hilfe riefe«, ergänzte der General mit mattem Lächeln. »Das weiß ich sehr wohl, darum habe ich Sie auch dem König –« er hielt inne und schüttelte wehmütig den Kopf. Rauch, der im Grunde seinen Nebenbuhler in der königlichen Gunst sehr gerne hatte, tröstete gutmütig: »Nehmen Sie's nicht zu Herzen, alter Sohn. Wir kennen ja Majestät, der Dienst ist nicht immer leicht, allerhöchste Launen machen ungerecht. Lassen Sie heut bei Abendandacht das schöne alte Kirchenlied singen: ›Verlasse dir auf Fürsten nich!‹ Gerlach hat Sie nämlich mit uf die Ministerliste vornotiert und empfohlen, Majestät geruhten aber die Marginalbemerkung: ›Roter Reaktionär, riecht nach Blut, später zu brauchen.‹ Oder so ungefähr.« »Nicht so!« berichtigte Gerlach. »Es hieß: »Nur zu gebrauchen, wo das Bajonett schrankenlos waltet.« Wie doch ein falscher Ruf entsteht! dachte Otto. Weil ich festes Durchgreifen wünsche, soll ich ein brutaler Pascha sein wie Haynau und Windischgrätz. »Ich danke für Ihr gütiges Wohlwollen, doch ich fühle keinen Beruf zum Minister. Ist denn die Liste komplett?« »Sonst wohl, doch Brandenburg, auf den Rauch schon solche Häuser baut oder ihn vielmehr alle Berliner Häuser einreißen läßt, ist selbst nicht taktfest. Er stellt eine conditio sine qua non . Lassen Sie sich doch von ihm selbst die Lage erläutern, vielleicht richten Sie jüngerer Mann etwas aus!« – Graf Brandenburg, ein stattlicher, alter Offizier mit offenem, freimütigen Ausdruck, verhehlte nicht sein Bedenken. »Ich ziehe auf Posten, weil mein König und Kriegsherr befiehlt. Befürchtungen für meine geringe Person kenne ich nicht, ich trage einfach meinen Kopf zu Markte nach Soldatenpflicht. Aber ich tappe im Dunkeln, Staatsgeschäfte liegen mir fern, ich lese kaum die Zeitungen. Ich bin wie ein Elefant, der einen Treiber braucht, einen, dem er traut und der ihm den Stachel gibt.« »Kennen Erlaucht denn keinen solchen Kornak?« »Nur Otto Manteuffel. Auf den verlaß ich mich, und der ist vorgebildet. Aber er will nicht. Mein Gott, die Herren vom Zivil – der grüne Tisch ist kein Schlachtfeld – Sie verstehen. Beharrt er bei seiner Weigerung, so bin ich aufgeschmissen, man wähle dann einen anderen.« »Aber wenn er will, gehen Erlaucht sofort nach Berlin?« »Sofort. Erweisen Sie mir die Gefälligkeit und fahren selbst hinüber, Manteuffel zu bewegen.« – Otto v. Manteuffel, Direktor im Ministerium des Innern, hatte einen weltmännischen Typ und entbehrte nicht dessen, was man im modernen Französisch » ariviste « nennt. Der andere Otto hatte ein unbestimmtes Vorgefühl, dies sei ein kommender Mann auf der politischen Schaubühne, und er werde noch viel mit ihm zu tun haben. Bis zu einem gewissen Grade gefielen sich die beiden Herren. Es war schon 9 Uhr abends, und es schlug Mitternacht, als Manteuffel sich endlich ergab. »Meine Frau in Potsdam schwebt immer in tausend Ängsten –« wandte er noch ein. »Ich werde die Dame selbst beruhigen. Für die Sicherheit der Ministersessel ist ausreichend gesorgt. Im Schauspielhaus fügt man der starken Polizei noch dreißig auserlesene Gardejäger hinzu, die auf Signal sogleich von der Galerie ihre Schüsse in den Saal richten sollen, sobald man zu Tätlichkeiten schreitet.« »Und unsere Deckung beim Rückzug?« »An den Fenstern des Theaters und in umliegenden Gebäuden sind gleichfalls Schützen postiert, die den ganzen Gendarmenmarkt bestreichen können.« »Wie steht es mit dem Theatereingang? Die Charlottenstraße ist doch sehr eng, und das Volt könnte dort –« Von schwächlichem, kleinen Wuchs, bebte er vor jeder Gewalttätigkeit. »Gut, daß Sie mich aufmerksam machen. Ich werde –« Otto dachte einen Augenblick nach. »Gegenüber liegt die Hannoversche Gesandtschaft. Die muß man militärisch besetzen.« »Ob dies angängig ist? Gesandtschaftsboden, exterritorial! Doch sprechen Sie mit Oberst Griesheim im Kriegsministerium, der hat ja wohl das Ganze unter sich.« – Der Oberst äußerte den gleichen Zweifel. »Übrigens ist Graf Kniephausen auf Urlaub, die Geschäfte führt Graf Platen unter den Linden.« »Ah! Vetter von Malortie, dem Mann meiner Kusine Lienchen! Den wollen wir schon kriegen!« Der Unermüdliche eilte zu Platen. Dieser sagt verbindlich: »Ich werde dem Wunsche willfahren. Offiziös betrachtet befindet sich augenblicklich die Gesandtschaft bei mir, es steht also nichts im Wege, die Privatwohnung meines abwesenden Freundes Kniephausen zu benutzen. Ich ermächtige Sie gern, dies im Kriegsministerium zu melden.« Todmüde spät zu Bett gekommen sah sich Otto morgens 7 Uhr von einem Boten geweckt. »Sie möchten gleich zu Graf Platen kommen.« Aus Mißverständnis marschierte nämlich eine Halbkompagnie gerade im Hof der Platenschen Wohnung auf. Da sich der Irrtum aufklärte, setzte sich die Truppe auf der Charlottenstraße in Marsch. Da dies schon bei Tageslicht geschah, erregte es Aufsehen. Einige Blusenmänner wisperten sich zu, und als später die Minister eintrafen, hatte sich der Gendarmenmarkt ganz geleert. Dem neuen Kriegsminister v. Strotha hatte Otto noch einen Zivilanzug aus naher Kleiderhandlung just vor Toresschluß verschaffen müssen. Trotz solcher Überstürzung bestand das improvisierte Ministerium am 9. November die Kraftprobe und kündigte die bevorstehende Auflösung der Versammlung an, ohne daß es außer ungeheurem Lärm zu Gewalttaten kam. Mit einer Protestdeputation der Majorität ließ sich der König nachher auf keine Erörterungen ein. »Die Entscheidung schwebt auf des Schwertes Schneide, Wrangel muß mit allen Truppen einrücken«, drangen verschiedene Royalisten in den Ministerpräsidenten, mit dem Rauch soeben konferierte. »Wenn Sie meinen! Dann bitt' ich um sofortigen Befehl Seiner Majestät, mich mit Wrangel in Verbindung zu setzen. Was meinen Sie, Manteuffel?« »Erlaucht müssen um Schutz durch die Armee ersuchen, weil die Behörden bedroht sind. Das ist die Handhabe.« »Kommt es zum Kampfe, um so besser!« betonte Bismarck. »Die Furcht vor all dem, was man Barrikade nennt, ist leere Einbildung. Man weicht vor der Drohung mit etwas Ungeheurem und Unfaßbarem, was in Wirklichkeit gar keine Macht hat. Das ist heut allgemein so in Deutschland. Die Dynastien unterschätzen sich und überschätzen die Machtmittel der Revolution. Sind Majestät wieder in die deutschen Angelegenheiten vertieft?« »Janz jehörig!« Rauch zog den Mund schief. »Det Hemd is mich aber näher als der Rock. Det janze deutsche Reich kann mich in Rauch ufjehen, wenn nur Preußen uf seinem Posten stehenbleibt.« »Mein Programm ist auch der schlichte soldatische Gehorsam«, erklärte Brandenburg, dessen Erziehung im Waffenrock ihm ruhige Zuversicht einflößte. Der illegitime Hohenzoller macht ja schon den Befreiungskrieg mit. »Ich bin zu allem bereit, was dem königlichen Willen genehm. Also jetzt bitt' ich um eine Portion Wrangel-Eis, um die hiesige Hitze abzukühlen.« – Dem König fiel es wie gewöhnlich schwer, raschen Entschluß zu fassen. Bismarck, der Rauch begleitet hatte und ehrerbietig im Hintergrund stand, hörte ihn ächzen. »Ich werde dies Parlament doch nur vertagen und nach Brandenburg verlegen, außerhalb des Druckes der schlechten öffentlichen Meinung meiner guten Berliner.« »Ach, die Rolle dieser lichtscheuen Versammlung ist doch ausgespielt!« verlautbarte sich Gerlach. »Noch nicht. Wir sprechen noch darüber. Ich brauche sie noch als Hebel für die deutschen Sachen. Der deutsche Beruf Preußens steht doch wieder im Vordergrund.« »Bei mir nicht,« räusperte sich Rauch vernehmlich, »halten zu Gnaden, mir pressiert's mit der Order an Wrangel. Es ist nicht viel Zeit zu verlieren, wenn wir blanke Bahn machen wollen.« »Ach Sie oller General!« Der König nahm seinem Günstling solche dreisten Einreden nicht übel. »Kümmern Sie sich um Ihr militärisches Ressort! Ich als Großpolitiker habe andere Stimmen zu hören. Ist die Armee auch ganz zuverlässig?« »Unbedingt.« Bismarck trat vor. »Dafür verbürge ich mich. Ich habe die Truppen im März genau beobachtet.« »Sie, Herr Ultra, setzen natürlich Ihren werten Kopf zum Pfande für alles, was Ihnen in den Kram paßt«, rief der König ärgerlich. »Was man hofft, glaubt man. Doch mag's so sein.« »Die Truppen brennen darauf, die Scharte auszuwetzen, die – Majestät gestatten die untertänigste Einwendung, daß manche den Rückzug vor Dänemark bitter empfinden.« »Duell einer Dogge mit einem Schwertfisch! Da konnte man doch nicht zupacken. Sei dem wie ihm wolle, ich stimme ja bei, Wrangel mag kommen, doch wir setzen so viel aufs Spiel, die teuer erkaufte Popularität in Deutschland. Wir müssen moralische Eroberungen machen. Ein Gewaltstreich kann alles verderben. Wir sind so schön im Zuge. In Frankfurt bereitet sich Großes vor, überall wirkt man in nationalem Sinne. Da ist z. B. in Sachsen Herr v. Carlowitz, ein sehr beredter Mann.« »Am beredtesten sind meist die Gewehre«, warf Gerlach hin. »Alle hohen Pläne Eurer Majestät sind undurchführbar, wenn man in Berlin nicht reinen Tisch macht. Die Majorität der Kammer wird sich nicht gutwillig fügen.« »Da haben Sie recht.« Der König versank in Nachdenken. Da riß Rauch plötzlich die Uhr aus der Tasche und zeigte auf das Zifferblatt. »In 20 Minuten geht mein letzter Zug nach Berlin. Da werden also Euer Majestät schon die Gnade haben, mich zu befehlen, ob ich dem Jrafen Ja sagen soll oder Nee oder ob ich melden soll, dat Euer Majestät weder Ja noch Nee sagen.« Friedrich Wilhelm stand verdutzt vor dieser disziplinarisch nur halbgedämpften Gereiztheit. Selbst ermüdet durch das fruchtlose Hin- und Herreden, platzte er los: »Na, dann meinetwegen, ja!« Blitzschnell machte Rauch seine militärische Verbeugung und rannte mit langen Beinen davon. Die Anwesenden gerieten in freudige Bewegung. Der König schwieg eine Weile, wie betroffen von seiner eigenen Entschlossenheit, die man dem Überrumpelten abzwang. »Da hat er nun seinen Willen! Sturmschritt, tambour battant ! Dieser Rauch! Spricht nicht richtig deutsch und spricht doch Fraktur in unserer geliebten Muttersprache. Hat mehr gesunden Menschenverstand wie wir alle, mein bester Bismarck – klüger wie Sie war er schon immer«, warf er dem armen Gerlach seine Ungnädigkeit ins Gesicht und verließ rasch das Zimmer. Gerlach zuckte betrübt die Achseln, doch focht die Ungerechtigkeit seine fromme Ergebenheit nicht an, den König von Gottes Gnaden umwob ihm ein Heiligenschein. »Sie werden sehen, Wrangel wird friedlich verhandeln und die Bürgerwehr zu freiwilligem Abzug bringen. Er ist schlau, trotz seiner soldatischen Derbheit, und kennt die Scheu Seiner Majestät vor jeder Brutalität«, raunte er Otto zu. »Ich halte das für einen politischen Fehler. Wird Berlin mit Sturm genommen, so stärkt dies die Monarchie. Fällt es bloß durch Kapitulation, so haben wir die alten legalen Scherereien. Die Rechtsfrage ist ja theoretisch zweifelhaft, denn an einem Königswort darf man nicht drehen und deuteln, und ein Staatsstreich bleibt es ja. Entweder oder! Mein Universitätsfreund Schramm, der jetzt in Berlin das große Wort beim Janhagel führt, sprach mal was von Blut und Eisen. Staatsstreiche brauchen Blut, das ist ein ganz besonderer Saft. Doch als Christen müssen wir uns freudig drein ergeben, wenn es nicht dazu kommt.« – Die Nationalversammlung konnte kein Blut sehen! Ihr Präsident v. Unruh leitete zwar eine platonische Gegenwehr ein, sich der befohlenen Auflösung wiedersetzend und das Volk zur Steuerverweigerung auffordernd. Aber als General Wrangels Truppen von allen Seiten einrückten, erlosch jeder bewaffnete Widerstand. Die Deputierten trieb man aus dem Konzertsaal, eine Versammlung im Schützenhause sprengten Gewehrkolben auseinander, die Bürgerwehr lieferte freilich erst sehr allmählich und zwangsweise die Waffen ab. Wrangel proklamierte das Standrecht und nahm Verhaftungen vor. Die Bauern aus Belzig, Teltow, Havelland drohten den bösen Großstädtern. Der König rief und alle, alle kamen, die bisher nicht den Mund aufgetan. Die Sozialisten arbeiteten später bis auf heutige Tage, wo bei jeder Feier für die Märzgefallenen die Verleumdung sich wiederholt, mit der Legende: Die lauen zweideutigen Bürger hätten die »Freiheit« verraten, weil ihnen das Geschäft über alles ging und das rote Gespenst umherschlich. Für die Hochfinanz vom Schlage der geadelten Frankfurter Bankierfamilie Bethmann-Hollweg und außer den Plutokraten für weite Kreise der besitzenden Bourgeoisie traf dies zu. Doch der eigentliche Kern der Bürgerschaft wäre zum Kampfe entschlossen gewesen, wenn nicht gerade die Arbeiter sich nach der alten Ordnung zurücksehnten, weil beim Stocken des Erwerbslebens die tägliche Löhnung wegfiel und bürgerliche Almosengelder nicht ausreichten, da man den Schwindel der Pariser »Nationalwerkstätten« noch nicht erfand. Die von Otto erwarteten Gewaltszenen, wenn es bei den Haussuchungen an die Maschinenbauer und einige Teile der Königsstadt kam, blieben daher aus. Vielmehr schrieb er, wohl mit viel Übertreibung, an Nanne: »Die Arbeiter lassen König und Militär hochleben und wollen, daß der König wieder allein zu befehlen habe.« In Potsdam ging es hoch her. Vom Himmel schneite es, doch er hing voller Geigen. Man mußte tausend bewaffnete Bauern nach Hause schicken, die »ihrem guten König gegen die verfluchten Berliner, das hochnäsige Pack«, helfen wollten. Früher hatte sich keine Hand gerührt. Majestät unterhielt sich mit Bauerndeputationen, bewirtete sie mit Malaga und riß leutselige Witze. Der Prinz von Preußen grüßte sehr heiter seinen Kumpan, den Schönhauser, mit der Hand, um den sich eine dichte Gruppe jauchzender Edelleute versammelte. »Gestern hat Wrangel einen Demokratenklub aufgehoben und 50 Kerle vors Kriegsgericht gestellt. Der versteht's mit seinem Belagerungszustand.« Man erzählte lachend, wie der alte Knabe, weil man ihm Repressalien gegen seine Frau androhte, auf dem Kreuzberg beim Einrücken knurrte: »Soll mich doch wundern, ob sie ihr gehängt haben.« Ein Uckermärker Grande schnarrte: »Das Standrecht ist proklamiert. Die feige Bande feuert ja aber keinen Schuß ab und so gibt's leider kein Blutvergießen.« Otto nickte ihm geringschätzig zu: »Ob Sie dafür schwärmen würden, wenn Sie mitten drin säßen, ist eine andere Frage. Wir beiden wählten ja das bessere Teil der Tapferkeit und flanieren hier fern vom Schuß. Wozu unnütz seine Haut zu Markte tragen! Na ja, meinen alten Bekannten Schramm hat Wrangel auch schon am Wickel. Ob er jetzt noch so forsch tut? Der sogenannte ›passive‹ Widerstand der Herren Berliner scheint mir nur zeitgemäße Umschreibung für das einsilbige Wörtchen Angst. Da zeigten freilich die Wiener andere Courage.« »Das Scheusal Robert Blum hat der Windischgrätz auch forsch erschießen lassen. Kerl soll sozusagen tapfer gestorben sein«, bemerkte der gleiche Grande, der vorhin hatte auffahren wollen: »Wie meinen Sie das?«, aber bei beschwichtigendem Zuraunen »das ist Bismarck-Schönhausen«, betreten den Kopf hängen ließ. »Schade. Ein anständiger Mensch, verrückter Idealist. Übrigens war Blum als Abgesandter des Frankfurter Parlaments eigentlich immun, und Fürst Windischgrätz hat nicht ganz korrekt gehandelt.« Otto drehte sich auf den Hacken um und ging höflich grüßend davon. Diese Leichenbeschauung und das triumphierende Halali von Leuten, die selber nie mitgejagt hatten und bisher hübsch zu Hause saßen, fiel ihm ziemlich auf die Nerven. Er hatte schon Anfang November sich nach Berlin gewagt und seine Adresse, »Goltz, Leipziger Platz 14«, offen angegeben, als der König noch nicht zum Äußersten schreiten wollte und Berlin ein richtiges Rebellenlager schien. An Mut hatte es ihm also nicht gefehlt. Der arme Premier, Graf Brandenburg, ein illegitimer Sprößling Friedrich Wilhelms II., ein ritterlicher Herr, der sich schon zur Zeit Yorks verdient machte, versicherte ihm damals, der König werde nicht nachgeben. Er hatte nicht recht daran geglaubt, um so größer die freudige Überraschung. »Haben Sie eine Ahnung von solcher Unverschämtheit?« unterrichtete ihn nachher Brandenburg. »Als Majestät, nach Überweisung der Adresse mit dem Mißtrauensvotum, den Rücken wandte, rief ihm der Jude Jacoby nach: ›Das ist das Unglück der Fürsten, daß sie die Wahrheit nicht hören wollen.‹ Jede Ehrerbietung ist geschwunden.« Bismarck lachte bitter. »Die Wahrheit nicht hören wollen, ist eine allgemeine menschliche Schwäche. Ich habe mir sagen lassen, das kommt besonders häufig bei sogenannten Volksvertretern vor in der Hitze des Gefechts. Die Wahrheit nicht hören können, mag ja bei Hofe passieren, wenn Schmeichler und in Watte gewickelte Günstlinge das Ohr des Herrschers belegen. Aber Volksschmeichler sind noch schwerhöriger. Denn daß sie die Wahrheit gut hören können, wenn Kugelwechsel bevorsteht, zeigen uns die National-Verunruhten, die sofort ohne Sang und Klang mit Sack und Pack das Weite suchten.« »National-Verunruhten, hohoho, köstlicher Witz!« amüsierte sich der halbe Hohenzoller. »Der v. Unruh soll sich zum Teufel scheren. Die Stadtverordneten unserer Haupt- und Residenzstadt haben sich auch gnädigst unterworfen, dank's ihnen der Henker. Nun ist's perfekt, der Bruch mit der Revolution.« »Ganz vorüber ist die Sache nicht, die andern Städte machen Schwierigkeiten. Gerlach schreibt mir, daß in Magdeburg die Hölle los sei, in Danzig machen sie auch Dummheiten. Der König ist außer sich, wie mir Manteuffel sagt.« Er aß zu Abend beim alten Savigny und fuhr dann heim, des vagabundierenden Trubels satt, voll Sehnsucht nach Hannas Kamin, um behaglich zu plaudern. »Mein süßer Engel«, war die ständige Anrede seiner Briefe an die geliebte Frau, und sein Fräulein Tochter ließ er immer zärtlich grüßen. Auf seiner Heimfahrt dachte er an seine letzte Unterredung mit dem König, der ihn zur Tafel zog. Die Königin zeichnete ihn aus und ließ ihn von ihrem Nähtisch einen Erikazweig pflücken, den er an Johanna schickte, die auf eine Hofdame Frl. v. Marwitz spaßhafte Eifersucht markierte. Der König hielt nach gewohnter Weise eine stundenlange Standrede an seine lieben Getreuen. »Versichern Sie alle Gutgesinnten, daß ich zwar gegebene Verfassungsversprechen unverbrüchlich halte, doch die Rechte der Krone von jetzt ab konsequent verteidige. Jedes Schwanken würde mich und das Land vollends in den Abgrund der Anarchie stürzen.« – Ob die Festigkeit anhält? Wie schwer ist doch das Herrschen und wie töricht die Anmaßung, womit jeder gebildete Straßenjunge mit Kot nach Fürsten wirft, als wären sie minderwertige Menschen zweiter Klasse. Dieser König steht an Geist und Bildung, auch an Herzensgüte und edlem Wollen himmelhoch über demokratischen Dauerrednern, die ihre hohlen Psalmen herunterleiern und sich in Ermangelung von Verdienst in der Selbstverliebtheit ihrer Zeitungsreklame sonnen. Und doch wird wohl leider die Geschichtschreibung über ihn herfallen und ihn lächerlich machen, weil er nie gewußt habe, was er wolle. Aber schwierigere Verhältnisse hatte noch kein Fürst zu bearbeiten. Das hamletisch-wallensteinische Schwanken, »Ich will es lieber doch nicht tun«, entspringt am Ende keiner besonderen Weichlichkeit, sondern dem Mangel an Rücksichtslosigkeit oder gar Bosheit, ohne die man nun mal die Menschen nicht regieren kann. Wie traurig ist das alles! Und es wird nicht besser, bis nicht ein strammer Kerl mit Grütze im hellen Kopf diese deutsche Ochsenschwanzsuppe mit eisernem Löffel umrührt, ohne sich das Maul zu verbrennen. Aber wo den finden! * Eines Abends schleppte er in eine Bierstube, wohin ihn der Durst trieb, den unterwegs getroffenen Thadden, der aus Ungarn zurückkehrte, wohin er zum Studium der revolutionären Ereignisse einen Ausflug machte. Der würdige Edelmann, ein denkender Kopf voll selbständiger Eigentümlichkeit, verbindlich und taktvoll in besten Formen, sah sich in der Presse aufgehängt in effigie als Vogelscheuche dummer Feudalität. Otto selbst stand am Pranger als wiederauferstandener Wegelagerer aus der Quitzowzeit, Schreckgespenst für alle politischen Kinder. An tiefer Bildung und Belesenheit turmhoch die Zeitungsschreier überragend, fühlten die beiden Aristokraten sich als Geächtete inmitten einer Sintflut geistiger Analphabeten. Der grause Narr Bismarck begann leichthin, nachdem beide sich am Biertisch niederließen: »Faulheit ist eigentlich bei uns obligatorisch, sozusagen Nationalcharakter. Nur der Zwang des bunten Rocks und der festen Bureaustunden packt uns beim Zipfel. Im Namen des Königs haben wir Pflichtgefühl. So züchten wir lauter Subalternoffiziere und keinen selbständigen Generalstab.« »Ihr Esprit schießt immer zwei Pferdelängen übers Ziel hinaus.« »Durch Übertreibung malt man die Wahrheit deutlich, daß jeder sie packen kann. Was war die Revolution? Ein bureaukratisches Mißverständnis durch Mißbrauch des königlichen Namens. Keine 10 000 Menschen außer den Polacken waren damit einverstanden, doch die Millionen blieben faul im Bette liegen. Faultiere kleben wenigstens auf Bäumen, doch wir Schwarzweißen faulenzen im Bau wie Hamster.« »Dann sind Sie kein Schwarzweißer, sondern ein Schwarzrotgoldener!« lachte Thadden. »Sie sind rührig wie ein Wiesel und brummig wie ein Bär.« »Danke! Bin nicht frei von der Faulheitsepidemie, denn ich leide an krankhafter Furcht vor meinem Tintenfaß. Nur wenn's austrocknet, erleichtert mich seine Nähe. Übrigens mißverstehen Sie mich nicht! Ich wittere hier eine große Moral. Wir höhnen uns Michel mit der Zipfelmütze, das tun wir, um uns noch mehr aufzustacheln. Tatsächlich sind wir die turbulentesten Individualisten, die leidenschaftlichsten Freiheitsgierer Europas. Was bei den Französchen nur Maske für ihr eingeborenes Sklaventum, das jedem Leithammel folgt, ist bei uns Naturtrieb. Drei Deutsche, drei verschiedene Meinungen! Seid Untertan der eigenen Eselei und beileibe nicht der Obrigkeit, heißt unsere Parole. Wer wußte das besser als ich! So dachte meine Jugend mit Byron: ›Ich bin geboren zum Opponieren‹. Aber wissen Sie, wofür ich das halte?« »Für germanische Kraft.« Thadden sah ihm fest ins Auge. »Bravo! Da sehen Sie, wie die Natur sich selbst korrigiert. Realpolitik ist nur natürliche Entwicklung. Dies Volk von Individualisten würde in alle Winde zerflattern, wenn es nicht sich selbst ein Sicherheitsventil öffnete: die monarchisch-staatliche Zucht und Standesgliederung. Nie wird das Ausland begreifen, daß freiester Mut im allgemein geistigen Denken und stärkste Charakterunabhängigkeit sich mit gehorsamer Unterordnung unter die angestammten Herrscher paaren, die man mit vollen Backen kritisiert, aber dabei anhänglich ehrt. Der Deutsche weiß, warum er monarchisch fühlt, warum er die verhaßten Behörden trotzdem mit mystischem Nimbus respektiert. Ordnung muß er haben und Organisation für seine schrankenlose geistige Freiheit. Nur so kann er sich real behaupten. Preußen als Erzieher! Und wer dem Deutschen das Band monarchischen Fühlens raubt, ist ein wahrhaft nationaler Hochverräter. Er nimmt uns den realen Halt gegen die verlogene Demokratie des Auslands, die nur praktische Nationalinteressen vertritt und sich auf Deutschland als willkommene Beute ihrer Willkür stürzen würde. Nicht als Junker hasse ich die Revolution, sondern als Deutscher.« An einem Nebentisch krähte soeben eine durchdringende Stimme: »Jene ruchlose Kamarilla in Potsdam vergiftet unser glorreiches Verfassungsleben. Doch passen Sie auf, erleuchtete französische Emissäre –« Das Folgende verklang undeutlich. Eine Kohorte taktfester und taktvoller Demokraten lagerte offenbar in Nähe der beiden wohlbekannten Junker, um die mittelalterlich verpestete Luft mit dem stählenden Odem moderner Freiheit zu erfüllen. »Werden den Schlamm aufwühlen,« ergänzte Otto vernehmlich, »bis manches Galgenfutter, das jetzt den werten Mund aufreißt, den Platz findet, wo es hingehört. Versprecht den Arbeitern und Bauern goldene Berge! Bald sehnt man sich aus Eldorado von Wolkenkuckucksheim in vormärzliche Ruhe zurück. Und solange die Armee gesund bleibt, ist materielle Macht noch da, man muß nur dem Spuk ins Gesicht leuchten.« »So ist's. Die Revolution war nur ein Spielzeug der Beamten und der angeblich gebildeten Stände. Wir können den Brand ausschneiden, wenn nicht Gottes Wille, daß unser Vaterland untergeht.« »Hilf dir selbst, so hilft dir Gott«, murmelte Otto. »Las gestern nacht das Buch der Makkabäer, hohe Poesie. ›Das Blut wird von der Kelter gehen bis an die Zäume der Pferde.‹ Mir schwebt so 'ne Vision vor, ein Rotes Meer, durch das wir waten zum Gelobten Land.« Thadden lachte leise. »Wodurch habe ich den Vorzug, Ihre Heiterkeit zu erregen?« »Ich dachte, wie sich Ihr Bild in den Köpfen der Menge spiegelt. Wie der biedere Sächser von Napoleon sagte: ›Er war Sie ä gutes, aber ä dummes Luder‹, oder der preußische General: ›Uf Ehre, ein guter Kerl, aber dumm, dumm!‹ Die Schwätzer nehmen Sie nicht ernst, Sie!« Wieder scholl am Nebentisch vernehmliches Orakel: »Die Weisheit unserer Kammer lähmen reaktionäre Hohlköpfe wie der berüchtigte Thadden und der verrückte Bismarck.« Ha, der Hieb saß! Man kicherte. Otto sah sich nicht mal um und setzte in gleichmäßigem Ton die Unterhaltung mit Thadden fort. »Hört Cato reden! 350 Quatschköpfe beschließen, von denen 300 überhaupt nicht wissen, was sie tun, 30 Komödianten sich von ihrer eigenen Eitelkeit aushöhlen lassen und 20 gewissenlosen Ehrgeiz vorwärtspeitschen. Je unsinniger, desto unverschämter, von keiner Sachkenntnis getrübt, und je lauter, desto beliebter beim lauten Herrn Omnes.« »Immerhin,« meinte Thadden leise, sich umsehend, ob kein Lauscher ihn höre, »scheint bedenklich, daß ein Parlament und eine Presse allein eine Revolution machen. Denn an realer Macht steht gar nichts hinter ihnen, die paar Barrikadenmärzler waren nur eine Handvoll gegen die Masse der Bevölkerung.« »Die blieb dann eben nicht loyal«, sann Otto finster. »Schreit die Hauptstadt, sind die Provinzen das Echo. Siehe Paris, London, jüngst Wien, den Münchener Krawall. Quand Auguste buvait, la Pologne était ivre , wenn Berlin sich befuselt, trinkt Preußen Schnaps. Ja, liebster Thadden, Sie bringen mir eine böse Gedankenreihe. Revolution und Furcht vor ihr sind Einbildungen, doch der Mensch lebt eben nicht von Brot allein, sondern von jeglicher Schimäre. Karl I. hatte die absolute Gewalt im Lande, doch sobald sein Parlament die Steuern verweigerte und die Londoner Gevatter Schneider und Handschuhmacher als Miliz ausrückten, teilte sich die Loyalität. Mit dem Zauberwort Verfassungsbruch richtet man viel aus, die Beamten fallen um, die Armee neutralisiert sich, weil der bestimmte Befehl ausbleibt. So terrorisiert eine Bande Jakobiner das ganze Land. Nachher kommen Cromwell und Bonaparte, die Herren von Blut und Eisen.« In diesem Augenblick drang durch den tabakgeschwängerten Raum eine saftige Verbalinjurie: »Der Prinz von Preußen ist ein –.« Otto stand a tempo kerzengerade auf, knöpfte sich den Rock zu und wandte sich an den Sprecher mit klarer Stimme: »Sie da! Wenn Sie nicht das Lokal verlassen, ehe ich dies Glas austrink, schlage ich's Ihnen auf den Deez zusammen.« Der Mensch sprang empor, brüllend: »Hinaus, Sie gottverdammter Junker! Eins, zwei, drei von der Bank vorbei, verschwinde wie die Wurst im Spinde!« Unter tumultuarischem Toben und Johlen trank der Hüne gelassen sein Glas leer und schlug es dann mit raschem Auftakt dem Majestätsbeleidiger buchstäblich auf dem Schädel entzwei. Glassplitter flogen umher, der Mann fiel blutend und schreiend auf die Diele. »Kellner, was kostet das zerschlagene Glas?« brach Ottos ruhige Stimme die atemlose Stille. Er legte ein Geldstück hin und ging gelassen davon, gefolgt vom Beifall wackerer Spießbürger. »So muß es kommen, dem ist recht geschehen.« Denn der Mensch huldigt immer der Stärke. Gleichmütig erzählte Otto auf dem Heimweg dem verdutzten Thadden eine Anekdote vom französischen Diplomaten Persigny, der soeben den weiblichen Reizen des Berliner Hofes allzu deutlich sein Interesse ausdrückte. »Handgreiflichkeit ist aber heut zeitgemäß.« – Einer Wiederwahl in den neuen Landtag, der in Brandenburg tagen sollte, konnte er sich nicht entziehen. Trotz der Bajonette »Papa Wrangels«, die dieser alte Nußknacker in den Berliner Straßen bei Zapfenstreich und Fahnenwacht hochtrabend spazieren führte, besaß die Demokratie im Lande noch beträchtliche Macht, auch in allen Kleinstädten der Mark. Otto hatte zwar keine Aussicht, in seinem eigenen Kreis gewählt zu werden. Er schob einen Verwandten seiner Frau, den Strafanstaltsdirektor Barschall aus Brandenburg, vor, vermählt mit Franziska von Puttkamer-Wersin. »Vor unserem Stadtrat Gärtner darfst du aber reinen Mund halten, der würde vor Schreck ohnmächtig«, schärfte er Johanna ein. »Ich selbst gehe zu Fränzchen ins Quartier nach Brandenburg, wo ich zur Wahl kommen soll. Gegen mich steht der bekannte Ziegler. Meine Chancen sind nicht schlecht.« Der Wahlkampf regte ihn auf, doch mußte er anerkennen, daß die Gegenpartei sich anständig benahm. »Sie sind durch!« frohlockte ein Genthiner Pastor, der kräftig agitiert hatte. »Wie wird Herr v. Briest sich freuen!« »Mir wäre lieber, daß meine Wähler sich freuen. Hochwürden erinnern mich an den Chefredakteur Wagener von der Kreuzzeitung, der auch immer optimistisch denkt.« – »Hören Sie doch nur, wie die Leute singen ›Heil dir im Siegerkranz!‹« »Ja, sie haben schon viel in der Krone und machen mir Kopfweh«, wehrte er gleichgültig ab, indem er bei einer blakenden Lampe den Brief Johannas las und von kochendem Teewasser und netten Eiern träumte. »Wenn aus dem schrecklichen Gewühle ein süß bekannter Ton mich zog«, zitierte er leise Goethe. – Die Thronrede bei der Landtagseröffnung enthielt die übliche Unklarheit. Bezüglich der deutschen Reichsverfassung blieb Beistimmung aller deutschen Potentaten vorbehalten. »Dann bleibt natürlich alles beim alten,« grinste Präsident Gerlach befriedigt, »denn Österreich und seine Klienten lassen sich auf die Frankfurterei nicht ein.« Otto schwieg dazu und wollte mit der Sprache nicht heraus. »Bei Ihnen wird man auch nie klug, woran man ist.« »Das Preußenvolk fühlt jedenfalls keine Nötigung zu nationaler Wiedergeburt nach dem Kaliber der Frankfurter Theorien, darin sind wir einig. Das Heranziehen der englischen und französischen Revolution ist ganz verkehrt. Erstere strebte nach Freiheit, letztere nach Gleichheit. Jeder englische Proletarier hat männliche Unabhängigkeit, anerkennt aber die höhere soziale Stellung eines Gentleman. Der französische Arbeiter wird grundsätzlich unhöflich gegen jeden, der einen besseren Rock trägt. Der englische freie Mann ist stolz genug auf den eigenen Wert, um sich sozialen Standesunterschied gefallen zu lassen. Französische Gleichheit aber ist die Tochter von Neid und Habgier. Seit 60 Jahren voll Blut und Aberwitz jagt dies begabte Volk einem Phantom nach, das sich nie erhaschen läßt, denn die Menschen sind nicht gleich. Die deutsche Demokratie aber nimmt sich nicht die stammverwandten Briten zum Wuster, sondern will Französisches uns einimpfen, als hätten wir die Pocken und brauchten ein Gegengift. Die Frankfurter Verfassung will die Abschaffung aller Titel aushecken, da kann man sich nicht wundern, daß der König sich vor solchen ekligen Dünsten die Nase zuhält.« »Bravo, so lob ich Sie. Und die ›Kreuzzeitung‹ macht prächtige Fortschritte, die sagt mal gründlich die Wahrheit.« So gründlich, daß Expräsident v. Unruh den Schönhauser eines Tages beiseite nahm. »Ein Wort, wenn ich bitten darf. Sie stehen diesem Organ sehr nahe. Wie können Sie mit Ihrem Ehrgefühl verantworten, daß dessen Spalten von Lügen und Verleumdungen überfließen, nicht mal anständige Damen verschonend. Sie wissen, was ich meine.« Otto verfärbte sich leicht. »Mir ist das auch zuwider, doch man sagte mir, bei solchem Ringen auf Leben und Tod könne es nicht anders hergehen.« »Wer solche Waffen braucht, besudelt sich selbst. Sie zucken die Achseln? Muß ich daraus schließen, daß Sie wenig skrupulös sind, nach dem Satz: Der Zweck heiligt die Mittel?« »Schließen Sie, was Sie wollen, Herr v. Unruh. Ein Jesuit bin ich nicht, aber auch nicht mehr voll Milch frommer Denkensart. Á la guerre comme á la guerre! « In der Tat machte sich eine ihm früher fremde Verbissenheit geltend. Ganz Parteimann geworden, ließ sich der Abgeordnete von West-Havelland von blinder Subjektivität anstecken, womit damals politische Gegner sich aufrichtig als dumm oder schlecht oder beides zusammen haßten. Er versprach, »die gelösten Bande des Vertrauens zwischen Krone und Volk neu zu knüpfen«, aber bewies selbst so wenig Vertrauen, daß er gegen Aufhebung des Belagerungszustandes sprach. Wenn die Liberalen über »Junkerparlamente« und »General Brennus«, der sein Schwert in die Wagschale werfe, zu toben anfingen, hielt er ihnen vor, Volk sei ein schlüpfriger Begriff, »meist eine Masse beliebiger Individuen, die man zur eigenen Meinung bekehrte«. Von Amnestie für politische Vergehen wollte er auch nichts wissen, der König habe bloß Rebellen begnadigt. »Rebellen!« schrie die Linke der Kammer auf. »Ja, meine Herren, Rebellen!« wiederholte er mit grimmiger Stimme und Geste, so daß er drohende Fäuste und wütende Ausrufe erntete. Mit Zornschärfe fuhr er fort: Keine parlamentarischen Majoritäten könnten so getrennte Weltanschauungen vertreten, wonach den einen ein Agitator als edler Wahrheitsbürge, den andern als Verbrecher gelte. Der Gott der Schlachten werde die eisernen Würfel werfen, und die Sentimentalität, die in jedem besoldeten Barrikadenkämpfer einen Märtyrer verehrt, wird zuletzt mehr Blutbäder verschulden, als eine strenge Justiz. »Er schnarrt wie ein Kriegsgericht!« heulten die Feinde, und Otto unterstrich dies noch, indem er laut und offen äußerte: »Man muß sechs Trommler auf die Ministerbank setzen und jede Interpellation mit Trommelwirbel betäuben.« Zu Gerlach, der ihn aufhetzte, sprach er von Auflösung der Kammer, bis sie vernünftig werde. »Die läßt sich leichter mobilisieren als eine Armee.« Der blutdürstige Ton, der sich beiderseitig einbürgerte, verführte einen Abgeordneten der Linken zu dem freundlichen Vorschlag: »Wir werden das Leben des Abgeordneten von Westhavelland schonen, dessen höfliche Formen wir alle anerkennen; wenn er seinerseits den unter uns nennen will, den er schonen würde, bekäme er die Oberhand.« Otto erwiderte schlagfertig, das Anerbieten sei ungleich, denn die Linke werde nie regieren, und käme es dazu, dann wäre das Leben so unerträglich, daß er nicht geschont sein wolle. »Nein, nein, höflich bis zur letzten Sprosse der Leiter, aber gehängt wird doch.« Dieser blutige Humor löste die Spannung in allgemeinem Gelächter. Am Jahrestag des 18. März besuchte er Berlin, wo sich Veteranen der Befreiungskriege, Berliner Landwehroffiziere und die in die Kammer gewählten Offiziere zu einem Bankett vereinten. Viel Toaste, Gesang, Hurras, dann lud ihn Bernhard v. Puttkamer, den er bei seiner Schwester traf, zu einem Liebesmahl in die Kaserne ein. »Beps, ich tu's ungern, der viele Wein steigt mir zu Kopf. Nun, Malle, was hast du für Schmerzen? Arnim sieht aus wie Regenwetter.« »Wir haben ein Abkommen auf drei Partien Whist jeden Nachmittag, aber er ist so ungefällig –« »Nicht sechs zu spielen als gehorsamer Ehemann. Walle ist immer übler Laune.« So geht das Alltagsleben ungestört seinen Gang, und die Politiker bilden sich ein, die ganze Welt stehe in Flammen! Berlin sieht aus wie alle Tage. So geht's mit den Haupt- und Staatsaktionen! Auf der Rückfahrt begegnete ihm sein Widersacher Unruh in Genthin und erkundigte sich teilnehmend: »Ich habe gehört, daß es Ihrem Kindchen schlecht geht und hoffe recht sehr, daß Ihnen ein solcher Verlust erspart bleibt.« »Die Gefahr ist schon vorüber, doch sage ich Ihnen meinen herzlichen Dank für Ihre Liebenswürdigkeit.« Ja, ja, so ist's, die Privat- und Familiensachen regieren im Leben unter ordentlichen Leuten. Ist das eine Mahnung Gottes, von meiner öffentlichen Heftigkeit abzulassen? Möge er mich nicht auf diesem Wege für meine Sünden strafen und die arme Johanna es mit entgelten lassen! Wie gleichgültig ist mir daneben, daß die in Frankfurt unseren König zum Oberhaupt ernannten, mit der Befugnis, den Kaisertitel zu tragen! Denn der König wird ablehnen, wie ich ihn kenne, eine Doppelkrone durch die Revolution zu erhalten. Darin irrte er nicht. Freudestrahlend fuhr Gerlach nach Schönhausen zu einer Aussprache über das wichtige Ereignis. »Majestät empfingen zwar den sogenannten Präsidenten Simson im Rittersaal mit feierlichem Gepränge, haben aber sofort abgewunken. Dieser Ruf der deutschen Nation gebe ihm ein Anrecht, daß er zu schätzen wisse, das ihm aber schwerste Opfer auferlege. Ohne Einverständnis aller gekrönten Häupter sei ihre Annahme unmöglich. Diese hätten zu prüfen, ob die ihm zugedachten Rechte dem Einzelnen wie dem Ganzen frommen. Ein glatter Refus!« »Ha, nicht so glatt. Eine verklausulierte Ablehnung, die Möglichkeiten offen läßt. Wie sagt die Schrift? Eure Rede sei ja, ja, nein, nein. Was darüber ist, das ist hier wirklich vom Übel, indem es die Unklarheit erhöht.« »Sie kritisieren ja die Weisheit des Königs recht schneidend«, versetzte Gerlach betroffen. »Mir wäre freilich auch lieber gewesen, Majestät hätte schroff seine innerste Meinung bekannt, er wolle mit dem Frankfurter Gesindel nichts zu tun haben.« »Mir scheint, in unseren Kreisen bringt man den dort vereinten wissenschaftlichen und parlamentarischen Kapazitäten nicht die Achtung entgegen, die sie verdienen«, unterbrach Otto in einem bedächtigeren Tone, als er ihn seit Monaten anschlug. »Der Hauptmacher Dahlmann, den ich seit Göttingen kenne, ist ein Charakter, ein deutscher Patriot, der es ehrlich meint, ein echter Konstitutioneller, kein republikanischer Radikaler.« »Solche Unterscheidungen machen Sie jetzt?« forschte Gerlach mißtrauisch. »Daß ich das bei Ihnen erlebe! Mir ist die ganze Demokratensauce nur eine einzige Höllenbrühe. Wir Konservativen, zu denen Sie doch wahrlich zählen, haben sozusagen nicht die physische Konstitution, um eine politische Konstitution zu verdauen.« »Nun, Österreich hat sich ja auch als unteilbare, konstitutionelle Monarchie erklärt – freilich wohl, um Deutschland zu ärgern, der Nachdruck liegt auf ›unteilbar‹, es will seine Deutschen von vornherein vom deutschen Reich ausschließen.« »Wissen Sie was? Das ganze Deutschland kann mir gestohlen werden. Wir eingefleischten Borussen fallen auf solchen Demokratenschwindel nicht herein. Und diese unerhört freche Verfassung, die man unserem König oktroyieren möchte! Der Adel als Stand wird abgeschafft! Keinen Pakt mit solchen Schuften!« »Praktisch stehen wir hier auf gleichem Boden. Und doch weiß Majestät sehr wohl, daß die Einheit auf friedlichem Wege nur so zu erlangen wäre, wie man ihm vorschlägt. Denn daß die Fürsten selber, womöglich Österreich mit, ihm die Kaiserkrone auf dem Präsentierteller darreichen, darauf kann er warten bis zum Jüngsten Gericht. Er ist aber nicht nur Borusse, merken Sie sich das, sondern deutschnational gestimmt. Ich fasse daher den Bescheid anders auf, es ist bloß die alte Geschichte: Er will und er will nicht. Wir werden noch andere Phasen erleben. Vermutlich hat General Radowitz wieder seine Hand im Spiel.« »Wie, was ist denn das?« horchte Gerlach hoch auf. »Davon mal später gelegentlich. Vorerst frage ich nur, wie lange die Kammer in Brandenburg tagt. Ich habe mich aus Familienrücksichten beurlaubt.« Leerer Wortschwall, nicht gehauen und nicht gestochen! dachte er unmutig nach, seine Frau neben sich, sein Kind auf den Knien. Nie konsequentes Handeln, geistreichelndes Spiel mit allerlei Ideen! Der König spricht fast immer von der Revolution wie von einem Fabelungeheuer der Apokalypse. Aber was er am meisten an ihr haßt, ist ihre Ungeduld, die von ihm königliche Taten fordert. Und die kann er nicht geben. Worte, Worte, Worte! sagt Hamlet. Gottlob, daß ich aus der Tretmühle heraus bin, bei Weib und Kind! * In dieser häuslichen Heimatsstimmung verharrte er bis zum Hochsommer, mit dem genesenen Töchterchen zu den Schwiegereltern nach Reinfeld reisend, und die Politik wie Staub von den Stiefeln streifend. Vorher hatte er aber doch sich aufgerafft, am 21. April in die große Kammerdebatte einzugreifen, in welcher der vom Nationalökonom Rodbertus gestellte Antrag auf Rechtsbestand der Frankfurter Reichsverfassung mit Stimmenmehrheit durchging. Seine Voraussicht hatte recht behalten, der König balancierte wieder auf dem Seil seines Ja und Nein, auf die Gefahr hin, sich politisch den Hals zu brechen. Erst lenkte er überraschend ein, Zirkulardepesche an alle preußischen Gesandten verhieß seine Bereitwilligkeit nach gütlicher Vereinbarung mit den Regierungen. Und siehe da, 28 von den fürstlichen »Obrigkeiten« boten die Hand. Daß Österreich, Bayern, Württemberg, Sachsen, Hannover nicht mitmachen wollten, lag auf der Hand. Doch das deutsche Volk übte einen starken Druck in den ehemaligen Rheinbundstaaten, und Österreich hatte selber alle Hände voll zu tun, um sich in Ungarn und Italien über Wasser zu halten. Der Abgeordnete v. Vincke als Berichterstatter der Dringlichkeitskommission erhob sich. »Ich fordere den Herrn Ministerpräsidenten auf, durch unumwundene Erklärung über die Ansicht der Regierung der Unsicherheit ein Ende zu machen.« Brandenburg verlas unter atemloser Spannung eine Kundgebung: Das Ministerium könne dem König die Annahme der Frankfurter Verfassung nicht raten, da bei der zweiten Lesung die Einwände der Regierung unberücksichtigt blieben und sogar schädliche neue Änderungen dem Entwurf zugefügt seien. Unter heftigem Murren der Majorität begründete nun der Abgeordnete Bismarck-Schönhausen seinen Antrag, zur Tagesordnung überzugehen. Schon anfangs erregten seine Ausdrücke »Oktroyierungsgelüste«, »Untertanen« stürmische Unterbrechungen, Heiterkeit und Glockenaufschläge des Präsidenten Schwerin. Mit beißender Ironie stellte er fest: »Mag in Anhalt-Dessau oder da, wo der morgenrötliche Glanz der mecklenburgischen Freiheit strahlt, konstitutionell sein, was da will, hier ist nur das, was auf der preußischen Verfassung beruht.« Seine im einzelnen sehr begründete Kritik einer Reichsverfassung, die ganz sonderbare Bestimmungen über Wahlmodus und Vertretung der Kleinstaaten zuungunsten Preußens enthielt, gipfelte in der heiteren Enthüllung: »Liechtenstein, was so viel Einwohner hat wie Schöneberg, würde denselben Einfluß ausüben, als preußische Regierungsbezirke mit 400 000 Einwohnern.« Dem Kaiser von Gnaden der Frankfurter Verfassung werde zugemutet, etwa Österreich oder Bayern als Rebellen zu behandeln, wenn sie nicht jeden Paragraphen durchführen wollen. »Das ist es wohl, wohin uns die Herren von der Umsturzpartei haben wollen.« Die Demagogen würden vor den Kaiser mit dem Reichswappen hintreten: Glaubst du, dieser Adler sei dir geschenkt? Zwei Herren Gebrüder Simon hätten in der Zeitung entschieden beansprucht, daß sie nur das ganze Deutschland wollen. Er verbreitete sich über diese noble Großartigkeit der Simone, die für ihn etwas Beunruhigendes hatte. Aus taktischen Gründen zog er auch den Krieg gegen Dänemark herbei, wo man aus Unterwürfigkeit gegen die Frankfurter Doktrinäre die Revolution verteidigt habe, zum Ruin der preußischen Küsten, damit die Frankfurter »gemütlich in der Zeitung lasen, wie weit hinten in Dänemark die Völker aufeinander schlagen«. Die mit witzigen Erörterungen gespickte Rede enthielt den Grundsatz: »Die deutsche Einheit will jeder, sofern er nur deutsch spricht, mit dieser Verfassung will ich sie nicht «, und schloß: »Das Gold dieser Kaiserkrone soll erst durch Einschmelzen der preußischen Krone gewonnen werden, und ich habe kein Vertrauen, daß der Umguß in diese Form gelingen wird.« Diese gesunde staatsmännische Vernunft wirkte leider wie Gift auf den unglücklichen Monarchen, der stets aus Verzagtheit in maßloses Machtgefühl, aus schlaffem Zögern in übereilte Hitze verfiel. Er löste die Kammer auf und drohte in einer diplomatischen Note dem Frankfurter Parlament, jetzt würden die Regierungen selbst eine neue Verfassung den deutschen Völkern aufzwingen. Bismarck entsetzte sich über solche Torheit und vergrub sich in Reinfeld, um allem Wust zu entrinnen. Etwas Erzdümmeres als die Einbildung, 35 »Obrigkeiten« unter einen Hut bringen zu können, wobei sie sich freiwillig zugunsten des verhaßten Preußen vereinen sollten, ließ sich nicht denken. Das war gerade das Verfängliche, daß Preußen überhaupt keinen anderen Einheitsfreund hatte, als eben die Demokratie selber, das deutsche Volk. Durch diese brutale Zurückstoßung drängte man aber gewaltsam die Nation in das Wirrsal an den Rand des Abgrundes zurück. Kaum überstand man die Angst vor der Revolution, als man sie, die noch hübsch bei Kräften war, durch solchen Fußtritt aus ihrem halben Zähmungsschlummer erweckte. Ja, man verlieh ihr einen Rechtsboden, Legitimität, wenn sie eine neue Schilderhebung versuchte. Die Frankfurter Reichsverfassung, so schnöde mißhandelt, konnte jetzt dem republikanischen Radikalismus den Vorwand liefern: da sehe man, daß alle Fürsten Verräter an der deutschen Sache seien. Die Folgen blieben denn auch nicht aus. Es hagelte Hiobsposten von allen Seiten. In Rheinland und Westfalen, insonderheit in Köln, Düsseldorf, Elberfeld, Krefeld, Hagen, Iserlohn gab es Aufstände und Gehorsamsverweigerung der Landwehr. Das Militär hier den kürzeren ziehend, suchte sich in Sachsen schadlos zu halten, wo die sächsischen Truppen den furchtbaren Dresdner Aufstand nicht niederhalten konnten, und die preußischen sich ihre Revanche holten. Daß außer anderen politischen Industriellen sich auch der russische Flüchtling Bakunin unter den dort Gefangenen befand, begriff man noch nicht in seiner Bedeutung. In Hessen, Bayern, Württemberg kam es zu stürmischen Auftritten, in der bayrischen Pfalz und in Baden riefen provisorische Regierungen die Republik aus, das badische Heer ging zu den Insurgenten über. Das deutsche Parlament, aus Frankfurt nach Stuttgart geflüchtet, bestand nach Ausscheiden der Kaiserlichen nur noch aus Radikalen, wie dem Naturwissenschafter Karl Vogt und dem Breslauer Juristen H. Simon. Der Vorsitzende Löwe-Calbe und der zweite Obmann Ludwig Uhland, der hier eine bei Dichtern seltene Tapferkeit bewies, zählten im Hotel Marquard die Häupter ihrer Lieben, und es fehlte manch teures Haupt. Mit den sogenannten Reichstruppen des preußischen Generals Peuker wären die Aufständischen längst fertig geworden, doch einer großen Übermacht preußischer Truppen unter dem kommandierenden Kriegschef Prinz von Preußen erlagen sie nach sehr tapferer, längerer Gegenwehr. Der alte polnische Unheilstifter Mierolawski und andere Zivilisten verrieten dabei kriegerische Begabung. Ein Beweis, daß bei breiterer Organisierung und weiterem Ausgreifen die Revolution in Süd- und Westdeutschland gesiegt haben könnte. Auch ein Teil des bayrischen Heeres stand auf dem Punkte, zu meutern und die Waffen für die Empörung zu erheben. Otto traf bei einem Abstecher nach Berlin den bayrischen Gesandten Graf Lerchenfeld und sagte ihm auf den Kopf zu: »Gott gebe, daß Ihre unsicheren Elemente abfallen, dann wird der Kampf entscheidend und heilt das Geschwür, das aber fortwuchern wird, wenn Sie mit den Meuterern Frieden machen.« »Ach Sie!« Lerchenfeld verhehlte nicht seine Bestürzung. »Ihre Feinde, Herr v. Bismarck, nennen Sie leichtsinnig, und mir scheint, Sie spielen gern mit dem Feuer.« »O ja, mit Feuer und Schwert, wenn's sein muß. Seien Sie unbesorgt, wir Preußen reißen Ihre Sache durch, je toller, desto besser.« »Ich glaube Ihnen nicht. Allein, Ihre Zuversicht hat etwas Ermutigendes.« Seine helle Freude hatte Otto am Auftreten des Prinzen von Preußen, an dem Nachdruck, mit dem er den Krieg führte, an dem Stolz, womit er absichtlich verspätete Beihilfe österreichischer Truppen zurückwies. Der sonst überaus humane und gewissenhafte Prinz entfaltete bei den Kriegsgerichten unerbittliche Strenge. Vor allem ließ er keine Gnade walten gegen geborene Preußen in den Reihen der Aufrührer. Der beste unter diesen, der Offizier Friedrich Freiherr v. Beust, rettete sich nach der Schweiz, wo er jeden Titel ablegte und als Leiter einer Musterschule hochbetagt starb, nachdem seine schöne und geistig hochstehende Braut ihm auf romantische Weise dorthin als Gemahlin folgte. Auch die Maulhelden Hecker und Struwe entkamen. Bis in Bismarcks Kreise drang nachher das Lied: »Wenn sie werden fragen, lebt der Hecker noch? denen sollt ihr sagen, Hecker hänget hoch! Nicht an einem Baume, nicht an einem Strick, sondern an dem Traume deutscher Republik!« Ein wieherndes Gelächter begrüßte diese Versprobe, die Junker wußten sich nicht zu lassen vor Vergnügen. »Träume sind Schäume!« lachte Herr v. Kleist-Retzow. »Doch zu dem Strick kann dem Burschen noch geholfen werden, wenn er sich je wieder mausig macht. Ich wollte nur, man könnte unsere eigenen Heckers hängen, die mit dem Kammermandat.« Er erinnerte Otto an eine deutsche Marseillaise, die einige Deputierte bei der Gedenkfeier für den 18. März sangen: »Wir färben recht, wir färben gut, wir färben mit Tyrannenblut.« Otto hatte dies in der Kammer zitiert und die Gewissensfrage gestellt, mit wessen Blut sie ihr Banner färben wollten? unter heftigem Murren und Zischen. In die neue Kammer, die am 7. August eröffnet werden sollte, mußte er sich wieder wählen lassen und schied Mitte Juli von Reinfeld. Als er abfuhr, stand die Gattin auf einem Hügel zwischen Kieferbüschen und winkte mit dem Taschentuch, und ihm liefen die hellen Tränen herunter. In Schlawe trank er räucherige Bouillon und dachte an seine Brautfahrt, wo hier bezechte Offiziere mit ihm anstießen. »Gestatten Sie, mein Name ist v. Löper«, stellte sich ihm ein gesprächiger Herr vor, der ihn bis Cöslin langweilte, wo er dem Kultusminister Schwerin in die Arme lief, einem geschworenen Gegner, der ihm aber die Ehre antat, bis Naugard zu schnarchen und dann bis Stettin seine Weisheit auszukramen, ein guter Mensch, aber unverbesserlich. In Stettin bekam er schlimmes Reisegepäck in zwei Damen aus Posen, die über polnische Räubereien wehklagten und ihn in Berlin graziös Gepäckträger und Droschke bezahlen ließen, ehe er sie in Meinhards Hotel absetzte. Sein Schwager Arnim war auch kein erfreuliches Anhängsel, als Otto ihn spät abends aus dem Schlaf weckte und er ihm wieder zwischen den Händen entschlief. Die Schwester, wieder von einem dicken Bengel entbunden, blühte wie eine Rosenknospe. Es schlug elf auf der Turmuhr, als er in Schönhausen ankam. Hildebrand lief mit freudigem Grinsen ihm entgegen und spannte die Pferde aus, der Gutsherr steckte an traniger Lampe seinen Wachsstock an, fand kalte Taube vorrätig und schlief wie ein Ratz. Am anderen Morgen war Wahlgang in der Kirche. Der Vorsitzende Münch zeigte ihm vier sonderbare Gestalten. »Das sind hier außen Demokraten, Gastwirt Robenow, zwei Schäfer und ein Blödsinniger.« Mit Stadtrat Gärtner überwarf sich der Schönhauser beinahe, weil dieser um Gottes willen die Demokraten nicht reizen wollte, die am Ende die Gegend aufwiegeln könnten. Er schlug dessen Mittagstafel aus und labte sich lieber als richtiger Landmann an einer riesigen Schüssel Kohlrabi mit dem alten Verwalter Bellin. Abends auf der Bank vor der Gartenstube, wo er zwei Stunden lang balsamische Lüfte einsog, dachte er an alte Tage vor zwei Jahren und pries sein Schicksal ruhigen Glückes in stiller Häuslichkeit. Deshalb müsse Johanna, schrieb er ihr, den bösen Geistern entgegenwirken, die sie mit krankhaften Angstgebilden plagen wollten. Gottes starke Hand sei über ihnen. * Er saß wieder in Brandenburg, und das Zuchthaus tat ihm auf den Mutterschoß, d. h. er wohnte in der Strafanstalt bei Barschall. Base Franziska, die er »Ziß« taufte, schenkte ihm gerade Kaffee ein, als ihm Barschall betrübt meldete, an Wiederwahl sei wohl nicht zu denken. »In Genthin sagen sie auch, sie wollen gern, aber sie bringen Sie nicht durch. Die Roten schüttelt man ab, aber nun haben die Wahlmänner sich auch den Rücken gedeckt, um gegen alles Front zu machen, was – was –« »Frei heraus, was nach Reaktion riecht, he! Ich rieche den Braten. Im Hintergrund reiben die Roten sich die Hände. Vetter Pobenow hat da so eine saftige Redensart, die ich mir in Anwesenheit von Damen verkneife. Na, wenn mich Vetter Gustav nicht in Stolpe durchbringt, hoffe ich, noch in Ruh' und Frieden mit Hanna am Ostseestrand zu spazieren. Frische Flundern sind auch nicht ohne, und die ganze Wahl ist mir Wurscht.« Beim folgenden Wahlkampf mußte er oft herzlich lachen über die Räubergeschichten, die man den Bauern über ihn beibrachte. Aus dem Schönhauserkreise munkelte ihm einer geheimnisvoll zu: »Hört man Ihren Namen bei uns, so lernt man das Gruseln. Man kriegt eine Gänsehaut vor altpreußischen Hieben, die ein Junker uns überzieht. Es ist doch nicht wahr, daß Sie die Fuchtel wieder einführen wollen?« In einer Versammlung schrie ein gelehrter Demokrat, der Grillparzers Ahnfrau gelesen hatte: »Den Schönhauser wollt ihr wählen, der in des Landmanns Nachtgebet dicht neben an dem Teufel steht?« Er war immer die Sanftmut selber gegen die gemeinen Leute gewesen. Mit bitterem Lächeln dachte er an Byrons Spott: Ich, der mildeste, sanfteste der Menschen, der nie etwas besonders Ungütiges tat, ich gelte natürlich als Menschenhasser. »Weil ihr mich haßt, ich nicht euch.« Das paßte freilich nicht ganz, denn in vorigem Jahre hatte Otto genug Haß aufgespeichert, der schon verschimmelt und abgelagert war. Besser paßte ihm Hamlets Selbstbezeichnung: »Wenn ich auch mild und schonend von Natur, so ist doch was Gefährliches in mir, das ich zu scheuen bitte.« Und der Streitbare wurde doch gewählt, nachdem er über die jämmerlichsten persönlichen Eitelkeiten zeterte und »Tag und Nacht dich, mein Engel, und deine Sorge und das kleine Wesen«, das Keuchhusten hatte, im Herzen trug. Der liebe Gott steckte die Zuchtrute wieder hinter den Spiegel. Otto dampfte erneut nach Reinfeld ab, von wo er erst wieder nach Eröffnung der Kammer abfuhr. In Berlin beschäftigte er sich drei Tage mit einer häuslichen Angelegenheit, die Amme Friedrike betreffend. Hans v. Kleist-Retzow wohnte mit ihm im selben Gasthof und wurde sehr zutunlich. »Früher machten Sie mich immer kopfscheu, lieber Otto, Sie haben manchmal so was Sonderbares. Aber jetzt weiß ich, daß Sie ein gemütlicher Christenmensch sind.« Um ihm seine Anerkennung durch die Tat zu beweisen, weckte er Otto jeden Morgen aus dem besten Schlaf, und las ihm aus Geßners Schatzkästlein vor, nebst gesund-nahrhafter Morgenandacht. Retzow war klein und von schon ältlichem Aussehen, alles an ihm grau, Haare und Rock. Bei aller Frömmigkeit fehlte es ihm nicht an streberhaftem Ehrgeiz, weshalb er sich in die nun in Berlin sitzende neue Deputiertenkammer wählen ließ und von Ottos politischem Einfluß auch einige Brosamen für sich selber erwartete. Der kleine Mann tyrannisierte den Hünen, der sich dies mit der Gutmütigkeit eines Neufundländer Hundes gegen ein Miezekätzchen gefallen ließ. Sie zogen zusammen in eine Wohnung, Friedrichstraße 70, Ecke Taubenstraße, wo aber Otto sich selten aufhielt, weil er wie ein gehetztes Wild umherlaufen mußte, von allen Seiten in Beschlag genommen. Stöhnend las er sich solch ein Tagesbudget vor: »Um 9 Uhr Ludwig Gerlach bei mir, um 10 Uhr ich zu Wagner auf die Redaktion, um 11 Uhr Kommissionsausschuß, um 1 Uhr Kammersitzung, um 2 Uhr Rendezvous mit Leopold Gerlach, um 3 Uhr Diener bei Voß, um \½5 Uhr bei Manteuffel, um 6 Uhr Fraktionskonferenz im Rheinischen Hof, um 7 Uhr Abfahrt nach Potsdam zum Tee bei Prinzeß Augusta. Uff! Wie soll das enden?« Die Schwiegermutter, die überall Nebenbuhlerinnen Johannas argwöhnte, las auch in der Kreuzzeitung mit Unruhe von einer vornehmen Gesellschaft, wo er mit einer »auffallend schönen Engländerin« zusammentraf. Es war dies Lady Jersey (ein Name byronischen Angedenkens), und sein gutes Englisch machte ihn freilich der Dame angenehm. Sie interessierte sich wie alle Ladies der regierenden Klasse für Politik und fragte ihn aus: »Unser Prinzgemahl schrieb doch an die deutschen Könige, sie möchten in Frankfurt persönlich mit dem Parlament dort verhandeln. Warum wollten sie das nicht?« »Weil das Parlament nicht legal ist wie ein englisches, Fremde können unsere Innenverhältnisse nicht beurteilen.« »O, Sie sind Hochtory, höre ich. Doch der Prinzgemahl ist liberal wie unsere Regierung und kein Fremder, selber ein Deutscher.« »Und doch sieht er alles mit englischen Augen. Sein Vertrauter, Baron Stockmar, ist auch ganz in den Klauen unserer gelehrten Liberalen und möchte alles nach englischem Muster zuschneiden. Erst aber soll er uns schenken, was wir hier nicht haben: Englische Religiosität, Gesetzesachtung, Wohlstand, Commonsense. Dann mag man meinethalben regieren wie dort, sonst nicht. Wir haben keine so begüterte mächtige Aristokratie, die das Gleichgewicht in der Verfassung hält. Das Volk wuchs in England erst sehr allmählich in die Parlamentswirtschaft hinein, und ein wahres parlamentarisches Leben, wie wir auf dem Kontinent es auffassen, begann erst nach der Reformbill vor nicht mal 20 Jahren.« »Oh! Sie sagen, England hat kein richtiges Parlament früher gehabt?« wunderte sich die schöne Lady. Was diese Foreigners doch für sonderbare Schrullen haben! »Sicherlich, früher gab es nur mehr oder weniger ein Adelsparlament, wo im Unterhaus die Städte lächerlich gering vertreten waren. Die Rotten Boroughs –« Sie seufzte: »Ja, das war auch eine bessere Zeit. Wir haben viel verloren.« Wenn die Leute bei uns nur eine Ahnung hätten, wie es früher in England aussah! dachte Otto. Nicht mal die Habeas-Corpus-Akte hat Castleragh respektiert. John Bull ist trotz aller Stiernackigkeit der langmütigste Philister. Bei uns soll alles holterdiepolter gehen. Na, die Dame ist wirklich eine Rarität, wie aus einem Keepsake mit Goldschnitt in den Salon herabgestiegen. Man würde einen Reichstaler preußisch Kurant bezahlen, wenn sie für Geld gezeigt würde. Ein Bild ohne Gnade, das man besichtigt wie ein Porträt von Gainsborough. Wie gleichgültig mir doch alle diese Venusse sind! Könnte ich nur wieder mit meinem Liebling, dem süßen Engel, hinter dem roten Vorhang schlafen, und morgens zusammen Tee trinken! – Die Schwester hatte wieder mal Taufe. Der glückliche Papa befand sich jedoch in Prenzlau, wo er sein Gut Mittenwalde an einen Pächter übergab. Otto erinnerte sich der Kniephofer Zeit, wo er noch ganz in solch kleinlichen Privatgeschäften aufging. Das war nun anders geworden, er war ein einflußreicher Mann, aber doch sozusagen platonisch ohne Staatsstellung, die er auch gar nicht wünschte. Im Grunde blieb der Rittergutsbesitzer in ihm das Maßgebende. Wenn er einen lieben Brief von Nanne erhielt, berauschte er sich beinahe in allzuviel Champagner. Sonst saß er abends auf rotem Plüschsofa und braute sich einen von Malwine geschenkten Tee in einem messingenen Sonntagskessel, den ihm die Wirtin eigenhändig blank putzte. Diese friedfertige Junggesellenehe mit Hans Kleist-Retzow war aber nicht ganz nach seinem Geschmack. Im Tiergarten kannten seine Pferde schon jeden Stein und jede Vertiefung im Boden, weil er stets die gleichen Wege ritt und fuhr. Im Landtag langweilte er sich gräßlich, machte aber einen Ausfall gegen die Zentrumspartei Auerswald und rühmte sich schon, ihr ein paar Dutzende Anhänger abspenstig gemacht zu haben, die sogenannten Zentrümer, die Gemäßigten, bei denen viele Wohlmeinende hängenblieben und wie arglose Fische im Netz der Phrase sich verfingen. Diese braven Leute und schlechten Musikanten wußten wirklich nicht, was sie wollten, stimmten aber unentwegt weiter für jedes radikale Amendement, sobald es »verfassungstreu« klang. Hänschen Retzow kam sich unendlich wichtig vor, da er viele Besuche empfing. Ein langer Landjunker, v. Pannwitz, saß den ganzen Morgen da, ohne den Mund aufzutun. Ein Herr v. Höfel aus Studaitz und fünf Dorfschulzen und Bürgermeister vertrieben Otto aus dem gemeinsamen Wohnzimmer, so daß er in sein Schlafstübchen ging und den hohen Himmel betrachtete. Drinnen wurde lebhaft politisiert, er hörte jedes Wort. »Hoho, unsere Frankfurtianer sehen aus wie trauernde Lohgerber, denen die Felle wegschwimmen. Die Ungarn sind futsch. Auerswald jammert, Görgey sei bestochen. Der große Zar! Welch ein Mann, welche Großmut! Wie er ohne jeden Eigennutz dem jungen Kaiser Franz Josef seine Monarchie zurückgibt! Alles für die gute Sache gegen den gemeinsamen Feind, die höllische Revolution!« Ach Gott, was kümmern wohl den süßen Himmel dort oben alle höllischen Quacksalbereien! Lauter kleine Wolkenschäfchen färben sich abendrot über den Wipfeln vom Park Prinz Karls, über der langen Friedrichstraße eine lange blaue Strecke goldighell und unbewölkt. So sahen wir's, Nanne und ich, in Venedig. Der Himmel ist über uns allen, sagt Cassio, und ich will beten gehen. »Venedig ist gefallen!« jauchzte Hans drinnen, da ein Extrablatt der Vossischen Zeitung soeben die Nachricht ausrief: »Ergab sich auf Gnade und Ungnade!« Ooch 'n Genuß! Jedenfalls können wir wieder ungestört hinreisen und die große Pauke und die Holztrommeln der Musikkapelle auf der Piazza hören und die langen Weißröcke vom Grenadierkorps auf Posten ziehen sehen. Wie naiv übrigens Hans ist! Wahrscheinlich freut sich auch der König über Österreichs Wiederherstellung und Intimität mit Rußland! Als ob der Zar nun nicht väterlich den jungen Kaiserpflegling begönnern und uns die kalte Schulter zeigen wird! Unsere Koalition mit Liberalität war ihm ohnehin ein Greuel und ein Erstarken Preußens oder gar eines einigen Deutschland behagt ihn gewiß nicht. Hätte man das Interregnum benutzt, im vorigen Herbst und jetzt gar im Frühjahr, wo der Donaustaat nicht den kleinen Finger mehr ausstrecken konnte, um in der deutschen Pastete zu rühren, dann wäre Preußen alleinherrschend bis zum Bodensee geworden, und ohne daß man mit der Revolution verhandeln mußte. So aber beginnt der alte Tanz von neuem, Österreich wird nie die preußische Suprematie anerkennen, wir stehen jetzt einsam da, verhaßt den Völkern draußen, und von den Fürsten beargwohnt. Na, mir soll's recht sein, solange wir wenigstens im Innern unser Haus wieder in Ordnung bringen. Je m'en moque über das Kammer-Strohdreschen. »Onkel Ludwig« Gerlach hielt jetzt als Abgeordneter viele rechtskräftige Tribunalsreden. Bethmann-Hollweg, eine neue parlamentarische Größe, lavierte zwischen Konservativen und Gemäßigten nach dem Wind. Ein jüdischer Gelehrter Stahl tauchte als Kirchenlicht der Kreuzzeitung auf und verherrlichte das mystische Gottesgnadenrecht Friedrich Wilhelms mit talmudischer Spitzfindigkeit. Die Liberalen vom Schlage des gewesenen Ministers Camphausen behielten aber doch Oberwasser. »Die alte Frankfurtei wie unter dem Königsberger Juden Simson!« jammerte Kleist-Retzow. »Was soll aus dem Salat werden!« »Bah, er wird kalt serviert mit Öl und Essig von Ideologie, dazwischen gehackt Beckerathscher Blumenkohl! Diese professoralen Klopffechter sind doch nur Jünglinge mit Kinderkrankheiten, die sentimental in die Mondscheinnacht hinein romantische Luftschlösser bauen und auf ihr Schicksal warten, das ihnen irgendeine Austerlitzsonne bescheren wird.« Hans wieherte vor Vergnügen und erkundigte sich ehrfurchtsvoll, wie Otto gestern bei Prinz Albrecht speiste. Dieser hatte die quängliche, eigensinnige Bevormundung des grauen Männchens satt und brachte ihm scherzend bei: »Wir leben zusammen als Staatenbund, nicht als Bundesstaat, was 'ne faule Sache is!« »Aber wir werden jetzt daran glauben müssen, seit Majestät den Dreikönigsbund mit Sachsen und Hannover schloß.« »Ach, das ist so'n geschriebener Traktat, ein Stück Papier. Daraus wird nichts Lebendiges.« Bei Schwager Oskar Arnim traf er die Karlsburger Kusine Gräfin Karoline, die in Hannover zu Besuch gewesen war, und erkundigte sich bei der klugen Frau, ob sie dort in Hofkreisen etwas von »nationaler« Schwärmerei für Preußen entdeckt habe. Sie verneinte kleinlaut. Einen besonderen Zahn hatte Otto auf den sowohl liberalisierenden als katholisierenden General von Radowitz, den geheimen Ratgeber des Königs, er packte ihn häufig in der Kreuzzeitung an, in Anonymität gehüllt. Mit Verdruß bemerkte er übrigens, daß die starr konservative Gesinnung, die er seit den Märztagen wie einen Harnisch anschnallte, in der eigenen Familie auf Widerspruch stieß. Die Schwiegermama hatte bei aller Frömmigkeit in ihrer Jugend die humanitären Grundsätze der Befreiungskriege eingesogen, er ertappte sie sogar bei einiger Zuneigung für Rousseaus Utopien. Die Reddenthiner dachten konstitutionell, und sein Schwager hatte zwar junkerliche Anwandlungen und saß stramm zu Pferde, litt aber an einer Blasiertheit und religiösen Gleichgültigkeit, die eine wirkliche Übereinstimmung mit Ottos Lebensernst nicht aufkommen ließ. »Du wirst dich noch zu Tode langweilen«, warnte er, als er in der Dragonerkaserne mit ihm und Vetter Fritz Bismarck-Bohlen, jetzt Rittmeister, und dem Flügeladjutanten Graf Oriola allzuviel Champagner trank. »Und du, mach' mir doch keine Wippchen vor! Meine Herren, der mopst sich entsetzlich und will hier Bilder rausstecken! Gestern warst du beiläufig recht lau und flau in deiner Fehde mit Beckerath. Die Vossische und Spenersche übergießen dich mit Druckerschwärze. Das ist keine Schokolade.« »Ich hatte Stockschnupfen und vergaß wie vernagelt meine besten Points. Gott mochte es nicht wollen.« Oriola lächelte überlegen, und Arnim rief: »Wichtigkeit! Der liebe Gott wird sich schön hüten, dir deine Reden zu inspirieren. So is er nu!« »Glauben Sie denn ernsthaft an eine persönliche Vorsehung?« fragte Oriola neugierig. »Der große Gott, der Welten dreht, kann auch mich mit seinen Flügeln decken«, erwiderte Otto einfach und ruhig. »Ich weiß, lieber Graf, daß sie unchristlich denken, wie viele am Hof und in höheren Beamtenkreisen, im Gegensatz zu unserem Herrscherhause. Doch ich sehe an Oskar, wohin das führt, und habe es selber durchgemacht. Der Glaube versetzt Berge, ohne ihn liegt es bergschwer auf der Brust.« »Ich bestreite aber, daß es dazu des Christentums bedarf«, trumpfte Oriola auf. Seine einst portugiesisch-jüdische Herkunft mochte dabei im Blute mitreden. »Der Glaube an die Menschheit, ihre Vervollkommnung und glückliche Zukunft beseligt mich. Ich für mein Teil bin Philanthrop und finde darin Befriedigung meines Gemütes.« Otto lächelte bitter. »Zu solcher Höhe selbstloser Menschenliebe vermag ich mich nicht aufzuschwingen. Ich brauche einen Gott und sein Sittengesetz, um meine bestialisch-kannibalische Natur zu zähmen. Ich bin leidlich tugendhaft, sagt Hamlet, und doch habe ich mehr Sünden als Haare auf dem Kopfe, wenigstens sündige Triebe und Anfälle. Die muß mir ein Höherer verzeihen. Von Menschen erwarte ich keine Verzeihung, und ihre Verdammung ist mir so schnuppe wie ihr Lob.« »Ein bedeutendes Selbstgefühl!« warf Oriola spitz hin. »Keineswegs. Nur ein bedeutendes Scham- oder Nichtsgefühl. Denn daß meine werten Nebenmenschen kein Jota besser sind als ich, steht mir fest. Und an diese kompakte Masse von Idioten und Übeltätern soll ich glauben? unter dem Kollektivbegriff ›Menschheit‹, der ebenso vag und verschwommen klingt wie ›Volk‹? Nichts da! Auf Vervollkommnung hoffen, gerade in unseren Tagen, scheint mir unfaßbar. Die Revolution faselt ja von Menschenglück und hat mehr Blut, Vernichtung, Tränen gekostet als jeder Absolutismus.« »Da sind wir wieder bei unserem Steckenpferd!« rief Vetter Fritz fröhlich, um das peinliche Gespräch abzubrechen. »Besser als ein liberales Schaukelpferd. Wie war's gestern bei Schwarz in der ›konservativen Bierstube‹? Königsberger Klops soll dort gut sein.« – * »Seit gestern sind Sie also Seiner Majestät allergetreueste Opposition!« begrüßte ihn Minister Otto v. Manteuffel, der zum Geburtstag seiner Frau ein Fest gab. Bei nicht immer statthafter Einstimmigkeit im Ministerium, bei dem Streben, sich möglichst mit Kammerbeschlüssen in Einklang zu setzen, mußte das Ministerium Brandenburg auch mal Wege wandeln, die ein Mann der Rechten als krumm auffaßte. Der Minister kniff blinzend ein Auge zu, als wollte er andeuten: Wir zwei beide verstehen uns sehr gut. Seine Gemahlin erkundigte sich warm nach Frau v. Arnim. »Ich war neulich mit ihr in der Kirche bei Superintendent Büchsel. Predigt sehr gut, nur etwas extemporiert, doch meinen gnädigste Frau nicht auch, daß das Mitsingen der Gemeinde und bloßer Knabenchor ohne Orgel nicht so recht würdig wirken? Eine katholische Messe mit Weihrauch, Kerzen, weißgekleideten Priestern macht einen stärkeren Eindruck.« »Ei, ei! Ich hielt Sie für einen strammen Protestanten.« »Bin ich auch, doch habe leider einen – wie soll ich sagen – künstlerischen Tick.« Beim Rundgang durch die Salons stieß er auf General Gerlach, der ihn rasch in einen Winkel zog. »Man sieht Sie ja jetzt so äußerst selten bei Hofe.« »Ich dränge mich nicht auf. Auch möchte ich nicht mit Radowitzerei in Kollision geraten.« »Gut, daß Sie dem einheizen. Weiß doch keiner, an wen der glaubt! Wo steuert er hin?« »Unter uns gesagt, mir kam der Verdacht, daß er als Katholik im Sinne Österreichs arbeitet, um Preußen an Wahrnehmung reeller Interessen zu hindern, bis die katholische Vormacht wieder in deutschen Dingen mitreden kann.« »Nicht unmöglich. Der höchste Herr schwelgt ja in mittelalterlichem Kostümgeschmack, und da dient er als sachverständiger Garderobier. Sie stellen miteinander historische Reichsforschungen an, z. B. welche Sitze im künftigen Reichstage den Regierenden oder den Mediatisierten anzuweisen wären. Bei der Kategorie der Reichsunmittelbaren ist z. B. der Freie Standesherr v. Grote eine wichtige Spezialität, über die Radowitz sich sehr gelehrt verbreitet.« Beide lachten sich an. »Worauf beruht sonst die Vorliebe Seiner Majestät für diesen glatten Höfling?« »Ja sehen Sie, Liebster, der König hält seine Minister und mich für Rindvieh, weil wir ihm mit Praktischem lästig fallen. Er traut sich nicht zu, uns folgsam zu machen, glaubt auch, keine Tauglicheren finden zu können, und verläßt sich daher auf einen Privatratgeber, der auf alle seine Ideen eingeht. Seit Radowitz die berühmte Broschüre schrieb, hält er ihn für den großen Restaurateur der deutschen Garküche. Dazu kommt ferner dessen präzise Redweise, die immer das Schild mathematischer Logik heraushängt. Das imponiert Seiner Majestät so sehr verschiedener Denk- und Redeform. Gerade weil Radowitz keine Gedanken hat, glückt es ihm, jedem Widerspruch mit dem König auszuweichen und sich so anzustellen, als habe er haarscharf und nüchtern das nämliche gesagt, was der hohe Herr meinte. Deshalb –« »Ich verstehe, deshalb hält er es für die Probe aufs Exempel, daß der ihm entgegengesetzt Veranlagte zum gleichen Ergebnis kommt. Solche Streiflichter hinter den Kulissen beleuchten manches Dunkel. Vermutlich nährt auch Radowitz die angeerbte Loyalität des Königs für den einstigen Lehensherrn, die Habsburger Dynastie.« »Sehr wahr. Das sind mittelalterlich feudale Rücksichten, die einem preußischen Kavalier das Herz im Leibe zusammenpressen«, murrte Gerlach. »Österreich wird sich gerade genieren, uns solche Treue so zu vergelten – man kennt ja das Sprichwort: Dank vom Hause Österreich!« »Hoffentlich spürt auch der Zar etwas davon«, murmelte Bismarck. »Denn sonst ist unsere Lage so schief wie möglich. Rußland will uns nicht mehr wohl, überträgt seine Sympathie auf Franz Josef, und mit Österreich sind wir heimlich brouilliert, weil es die deutschen Kaiserangebote nie verzeihen wird. So geht es Zartfühlenden, die niemand verletzen wollen, sie sitzen zwischen zwei Stühlen. Meinen Sie überhaupt, daß wenigstens Sachsen und Hannover es ehrlich mit uns meinen?« »Keine Spur. Zwar schlossen sich ja noch 21 Kleinstaaten dem Dreikönigsbündnis an, doch der König will selbst den Schein einer Pression auf die Süddeutschen vermeiden, und wir wissen via London von perfiden Offenheiten Hannoverscher Diplomaten, daß sie und Herr v. Beust in Sachsen dem Volke nur den Glauben beibringen wollen, man wünsche ernstlich die deutsche Einheit.« Der geistreiche General stöhnte tief: »Wieder ein Schlag ins Wasser!« Otto sann einen Augenblick nach. »Das übrige Deutschland gleicht eigentlich einem Phäakenlande, wohin nur ganz zufällig ein Odysseus sich verirren könnte. Im vorigen Jahr waren die Dynastien schon vorher geschlagen durch abergläubische Angst vor dem Revolutionsgespenst. Heute wurden sie mit Preußens Hilfe wieder keck und überheben sich. Die Hoffnung, sich mit ihnen gut zu stellen und so etwas für Preußen zu erreichen, fällt auf unfruchtbaren Boden. Mit der Frankfurterei ging es nicht, die Revolution wollte uns nur benutzen, die Kleinstaaten aufzufressen, bis das dumme Preußen, alleinstehend, erst recht verspeist werden sollte. Aber mit den Fürsten geht es auch nicht, wenigstens nicht jetzt. Ja, eines ginge wohl, doch der Gedanke ist so groß, daß er wie Träumerei aussieht.« »Und das wäre?« fragte der geistreiche General gespannt. »Gegen die Revolution und gegen die Fürsten. Allein durch eigene Kraft.« »Aber, Mann Gottes, wo steckt diese Kraft?« »Und das fragen Sie noch? In der preußischen Armee . Unsere Militärmacht in den Vordergrund stellen ist überhaupt die richtige Realpolitik. Fast alle, auch den König, betäubt der Lärm der sogenannten öffentlichen Meinung in Parlament und Zeitungen, als sei dies der Barometer der allgemeinen Stimmung. Die realen Kräfte sind meist unartikuliert und stumm, doch sie entscheiden. Als Historiker wie Raumer und Dichter wie der alte Arndt mit poetischem Schwunge die Kaiserkrone vor den König hinlegten, erschien ihm dies geradeso bedeutend, wie den höheren Zehntausend der Gebildeten. In Wahrheit ist es nichts. Von Millionen Bauern und Arbeitern, aus denen unsere Bataillone sich rekrutieren, hört nicht einer auch nur den Namen dieser Berühmtheiten. Wozu also nach Popularität bei Tagespresse und Parlamentsrednern haschen und sich fürchten, die Historiker würden uns eine schlechte Note in ihren Geschichtsbüchern geben! In der Geschichte wie im praktischen Leben entscheidet nur der äußere Erfolg.« »Sie vergessen noch den Einfluß von englischer Seite und sonstwoher von verwandten Fürstenhäusern«, raunte Gerlach leise. »Daß nur um Gottes willen man nicht über unsere Reaktion die Nase rümpfe! Und dann die ewigen Finanzschwierigkeiten, da liberal angehauchte Minister natürlich Geld für jede Reform übrig haben, nur nicht für Militärreform. Ganz im Vertrauen herrscht auch bei höheren Beamten und an gewissen liberalen Stellen bei Hofe – Sie fühlen, wohin ich ziele – die Befürchtung, Seine Majestät würden bei sorgenfreier Benutzung ihrer Macht sogleich wieder in absolutische Bahn einlenken. Das mag schon damals Bodelschwinghs sonderbares Betragen bestimmt haben. Ich glaube, selbst Kabinettsrat Niebuhr ist nicht frei davon. Deshalb schürt man künstlich des Herrn Gewissensskrupel und Bedenklichkeiten.« – Ja, es ist ein Elend mit dem König! dachte Otto, als er nach Hause ging. Launen von heute auf morgen, ewige Widersprüche, Order, Konterorder, Desorder. Doch le vin est tiré, il faut le boire . Es ist nun mal so, ein großer Aufwand ist schmählich vertan, alles wird im Sande verlaufen, alles bleibt beim alten, und von deutscher Einheit werden wir lange kein Sterbenswörtchen mehr hören. Doch, wie Gott will! Wäre denn der König überhaupt der Mann danach, das Faustrecht militärischer Gewalt zu proklamieren? Mitnichten. Und wir müßten neue Kriege gegen das Ausland führen, wollte er gewaltsam die übernommene Kaiserkrone schützen. Und das ohne jede Begeisterung der Nation, denn die ist gründlich erloschen, seitdem weder Revolution noch Regierungen sich auf der Höhe zeigten. Also besser, daß nichts daraus wird. Die Dinge sind noch nicht reif. * »Ich armes Rüstzeug der Reaktion!« äußerte er sich in Sanssouci zu General Gerlach. »Unser reaktionäres Ministerium verhängt über mich allerlei Plünderungen in Gestalt von Grundsteuern, Ablösung des Bodeneigentums, Rentenbanken und ähnlichen Marterwerkzeugen. Doch ich sammle feurige Kohlen auf Manteuffelchens Haupt, er bleibt doch unser Zurechnungsfähigster. Nur fehlt jede Initiative, man muß ihn ewig bereden und antreiben.« »Dafür sind Sie da, wir verlassen uns auf Sie.« »Da sind Sie schief gewickelt. Seit Ruhe im Lande, schielt er nach den Liberalen. Seine Hauptmacht ist eine gewisse Zähigkeit, doch jedes fait accompli wirft ihn um. Uns muß es noch sehr schlecht gehen, ehe es besser geht. Das Kind ist noch nicht gebrannt genug, das Feuer zu scheuen. Bei vielen geht das schlechte Herz mit dem guten Verstande durch, der Hof selbst ist nicht stubenrein von Demagogie. Auch in Hannover – mein alter Duzbruder Amtmann Scharlach in Hildesheim schrieb mir darüber – gibt der König immer nach gegen den Streitbold und Unhold Struve.« »Und doch zeigte sich bei der Berliner Konferenz übers Dreikönigsbündnis Struve konservativer als dieser Radowitz. Daß von dem unser Geschick abhängt, weil Majestät an ihm hängt!« »Der König hat Hohenzollerntreue für persönliche Freunde. Keine Vertrauenstäuschung kann sie erschüttern, nicht mal bewiesene Untreue.« »Hm, beurteilen wir Radowitz nicht zu strenge? Als Privatmann ist er anständig und tadelfrei, nur seine riesige Eitelkeit chokiert. Ich kenn' ihn seit einem Menschenalter, darf ziemlich sicher sein, ihn richtig zu schätzen. Seine düstere südslawische Physiognomie kam ihm zugute, dahinter sucht man was Geheimnisvolles, das verstärkt er noch durch eigene Drapierung.« Otto lachte bitter. »Der neunmal Kluge! Fallen Sie auch rein auf seine überlegene Geisteskraft und seelischen Hilfsquellen?« »Kaum, doch er gilt als dämonische Natur, die im geheimen tiefe Pläne wälzt.« »Wallenstein Redivivus! Alles Fremdartige bezaubert den Michel. Er ist kein Deutscher, wie kann er Deutsches verstehen! Großartig ist nichts an ihm als sein trainiertes Gedächtnis, womit er Brocken von Wissen aus allen Fächern hinwirft, die ihm sonst unbekannte Weltteile sind. Seine Reden lernt er für die Galerie auswendig und affektiert Gründlichkeit, er, die Oberflächlichkeit zu Roß! Aber eins hat er gründlich studiert: die Schwächen unseres Allergnädigsten.« »Jawohl, er schmeichelt sich durch große Worte und erhabene Mienen ein, spekuliert auf des Herrn romantischen Edelmut, den er für sich ausbeutet. Immerhin verfolgt er doch wohl eine Idee –« »Eben nicht! Er lebt von kleinlichen Handgriffen für den Tag, hascht nach populärem Beifall, dreht sich wie ein Kreisel vor der angeblichen öffentlichen Meinung. Ich bin gespannt, wie er's anstellt, die königliche Schwärmerei und die eigene Eitelkeit so zu betrügen, daß beide aus romantischem Zauberwald sich wieder in rauhe Wirklichkeit verirren. Er hielt mir mal vor, das selige Frankfurter Plapperment habe Gefahren von Preußen abgewehrt. Da hab ich ihm gleich gedient: das stockpreußische 38. Regiment hat die Revolution abgewehrt, die man uns in Frankfurt selber bescherte. Da haben Sie den ganzen Kerl! Das Regiment der Phrase ist ihm Tatsache, ein Regiment Soldaten nichts.« In diesem Augenblick trat Generaladjutant Rauch ins Zimmer, der an Gerlach etwas bestellen sollte. Als er hörte, wovon die Rede, grunzte er vergnügt. » Dem slawonischen Fremdling hab' ich eins versetzt. Faselt er gestern in seiner geschwollenen Art Majestäten vor: ›Jehen Sie wie Cäsar über'n Rubikon!‹ Nämlich vonwegen Uflösung in det sojenannte Deutschland. Da hab' ich aufgemuckt: ›Kenne Kerl Cäsar nich und den Kerl Rubikon ooch nich, doch det is keen richtiger Preuße nich, wer Ew. Majestät so 'ne Raupen in den Kopp setzen will.‹ Na, det Jesicht! Sie kennen ja Majestäten, Er hat sich eklig amüsiert.« Alle schmunzelten, des vornehmen Radowitz gekränkte Würde sich vergegenwärtigend. Otto empfahl sich. »Ich mache eine Erholungsreise nach Stolpmünde, meine Gebieterin will es so, beladen mit brüllenden Säuglingen, Wiegen, Ammen, Windeln. Milchflaschen nicht zu vergessen! Wenn mein Ehegespons schon in den Armen des Leutnants Morpheus ruht, hör' ich meinen Bengel immer noch in Dur musizieren, das Mädel in Moll. So verreise ich den Rest eines einst nicht glänzenden Vermögens, mit Anwartschaft aufs Irrenhaus oder, was aufs gleiche hinauskommt, lebenslängliche Zweite Kammer. Wenn man wenigstens Diäten für solchen Ferienspaß bekäme!« Die Generale bestätigten mit herzlichem Gelächter: »Gottlob, Ihr Humor ist noch kerngesund. Von uns kriegen Sie kein Krankheitsattest, Sie kreuzfideler Nervenschwacher!« Der geprüfte Hausvater stieß unterwegs im überfüllten Bahnabteil auf einen ihm bekannten grauhaarigen pensionierten Oberst v. Wolden. Bei ihnen nistete sich aber ein Handlungsreisender ein, der mit allen Fahrgästen ein angeregtes Gespräch über hohe Politik begann, wie es zum guten Ton des souveränen Volkes gehörte. Solange er vorlaut das Wort an sich riß und unter beglückendem Beifall gutliberaler Bürger schwadronierte, ließ Otto es hingehen. Als aber der Bursche den greisen Militär mit spöttischen Anreden belästigte und ihm den Reaktionär an der Nase ansah, besah er sich das klägliche Gewächse unheilverkündend von der Seite. Kaum hielt der Zug in Berlin, trat er am Perron mit mächtig dröhnendem Schritt auf den Gesellen zu. Erschrocken zurückweichend, ließ sich dieser bis an die Wand treiben. »Wie heißen Sie?« »Stengel ist mein Name«, kam der stammelnde Bescheid. »Dann nimm dich in acht, du Stengel, sonst werde ich dich pflücken.« Sprach's und schritt am geknickten Stengel vorbei. Sein langer gelbgrauer Überrock, ein Unikum in Berlin, machte ihn kenntlich, und der jetzt wie ein Rohrspatz hinterherschimpfende Handelsgehilfe empfing von allen Seiten Kondolenzen: »Machen Sie sich nichts draus! Das ist der rohe Bismarck, ein ganz ungebildeter Henkersknecht!« In Schwarz' Bierstube, Ecke Leipziger und Friedrichstraße, wo die Konservativen ihr Hauptquartier aufschlugen und selbst der Hausspitz jeden Demokraten bellend am Geruch erkannte, unterhielt man sich über neue Redeturniere der Kammer, die jetzt im Hardenbergschen Palais am Dönhofsplatz tagte. »Dort genügten damals bei der Auflösung eine blinde Gewehrsalve und ein bißchen ›Gewehr zur Attacke rechts‹ nebst Fanfare einer Husarenattacke auf der Leipziger Straße«, bemerkte der alte Baron v. Hartefeld, Erbjägermeister von Kleve. »Wenn Majestät nur immer so fest bliebe! Warum so einsilbig und verschlossen?« wandte er sich an Otto. Dieser trank bedächtig sein Grünthaler Bier. »Meine Herren, mir kam eine Erinnerung. Die Wälder von Letzlingen, wo der König oft jagt, gehörten meinen Ahnen, die als ergebene Vasallen das Weidrevier dem Lehnsherrn überließen. Ich hab' also ererbte Anhänglichkeit an den Wald und kenne ihn genau. Eines Tages sah ich dort ein seltsam Bild. Majestät hatte sich wohl gelangweilt, stellte die Büchse an die nächste Buche und zog einen Band Shakespeare aus der Tasche, in den er sich vertiefte. Ein neugieriger Hirsch aber trippelte unbemerkt heran und äugte ihm über die Schulter, als wolle er wissen, was der Jäger lese! Hm, hohe Herren sollten nicht immer lesen z.B. im Revisionsentwurf der Verfassung, sonst entwischt die Beute. Manchmal fragt sich, wer Jäger, wer Edelhirsch. Shakespeare ist weidgerecht, muß selber Jäger gewesen sein, doch allzuviel Lesen ist ungesund, wenn man nicht daraus das Schießen lernt. – Grüß Gott die Herren! Weidmannsheil!« Er schritt in die Nacht hinaus, hinter ihm scholl im Chorus: »Teufelskerl!« Ihm aber lag das Herz schwer wie Stein in der Brust. Was gilt's, der König steckt wie Hamlet das Schwert ein, piekt nur per Zufall Polonius. Der Rest wird nicht Schweigen sein, sondern ein Höllenkonzert von Dissonanzen. Unsereins steht als Horatio dabei und möchte den Giftkelch selber leeren, doch wird aufgefordert, die merkwürdige Geschichte für die Nachwelt aufzuschreiben. Und wo der waffenklirrende Fortinbras, der die Erbschaft antritt? Radowitz als Genie, dieser trostlose Dilettant, ich ein verschriener Krautjunker, der in Politik hineindilettiert – es ist zum Teufelholen! Da sei Gott vor, daß ich mich für etwas Besonderes halte, ich bin nur ein ehrlicher Kerl mit gesundem Menschenverstand. Aber die geniale Radowitzerei kann mir den Buckel raufsteigen und – die Menschen sind doch gar zu dumm! * Von Vetter Fritz dazu eingeladen, wohnte er einem Kavalleriemanöver bei, wo sechs Regimenter gegeneinander ritten. Trompeten schmetterten, Scheiden und Säbel und Zaumzeug rasselten, und ob man auch viel Staub schluckt, es ist was anderes als Aktenstaub. Die schnelle Bewegung der Massen, der Glanz ihrer Rüstungen gaben ein Bild von Kraft, während die Kammer – o je! Das ist wie der alte Papa Bismarck alle Büsche mit Mann und Hund abtreiben ließ und ernsthaft den Fuchs dahinter suchte, von dem er wußte, daß er durch Abwesenheit glänzte. Die Frankfurter Kohlköpfe bauen ihren Kohl nicht mal, sondern wärmen immer wieder den alten Kohl ihrer Redereien auf. Ihre deutschen Treibhausblumen wird über kurz oder lang der Meltau fressen, während eine königlich preußische Parade das Herz erwärmt. Die Armee! Das ist der Stein der Weisen für alle unsere Nöte. Ottos ererbtes Soldatenherz schwamm in Entzücken, und noch mehr, als ein huldvoller Blick aus Frauenaugen ihn traf. Die Königin – »meine alte Flamme«, schmunzelte er – erkannte ihn, lehnte sich rückwärts über die Wagenlehne und winkte dreimal herzlich. »Die Frau weiß ein preußisches Herz zu würdigen!« schrieb er stolz an Hanna. Diese drei Grüße waren ihm lieber als die Ehrung des Königs, »dem dreimal man die Kaiserkrone bot, die dreimal er geweigert«. Wäre es doch bloß Verschlagenheit gewesen, wie bei Shakespeares Cäsar! Übrigens mußte er auch beim König in Gnaden stehen, da die treffliche Königin doch stets nur ein rührendes Echo ihres vergötterten Gemahls abgab. Dessen Gunst bezog sich aber nur auf Menschliches, nicht auf Staatliches, denn für Staatsstellungen schien ihm Herr v. Bismarck viel zu jung und unreif. »Nur Geduld, mein Lieber,« tröstete er ihn gleichsam, ohne daß man diesen Trost begehrte, als er ihn mal bei einer Soiree der Prinzeß Augusta traf, »ich arbeite an Ihnen, ich werde Sie zu meinem Schüler erziehen.« Ob ich da nicht ein unfleißiger Schüler würde? fragte sich Otto und schwor sich zu, jeden Vertrauensposten in der Nähe dieses Monarchen auszuschlagen, selbst wenn er ihm geboten würde. Ein innerer Ärger, der an ihm fraß, machte sich in verbissenem Schimpfen auf die Proletarier der Kammer Luft, und er schrieb seinem »geliebten Engel«, Johanna möge für ihn beten, weil er so weltlich und zornig würde. Um seine Verbitterung zu nähren, besuchte er mit seiner Schwester den Friedrichshain, wo er an den Gräbern der Märzgefallenen eine höchst unchristliche Wut austobte, als er die Kränzemassen sah und die Kreuzinschriften »Für Freiheit und Recht« las. »Diese Verbrecher! Nicht mal den Toten kann ich vergeben, wenn ich sehe, was sie aus meinem Vaterlande gemacht haben, und den Götzendienst, den man mit ihnen treibt.« Hinter einem Grabstein brummte eine derbe Stimme: »Habe dir man nich so! man nich so hitzig! Dem tat ooch ne Brauselimonade jut oder ne kühle Blonde.« Und ein paar Bengel drehten ihm eine Nase und wiesen mit Fingern auf ihn. »Kiekt den! Dat is ooch so'n jemeiner Junker!« Der Herbstwind pfiff durch den Kirchhof wie kichernder Hohn und spielte mit den roten Schleifen der Kränze. Das aus sentimentaler Feudalromantik und gröbster hinterpommerscher Standesselbstsucht gemischte Gift, von dem sein Herz schwoll, sog doppelte Kraft aus verletzter Eitelkeit und persönlichem Ärger. Denn wenn die Märzgefallenen bis in hohe Beamtenkreise hinein als brave Jungen galten, die für ein gutes Ideal in den Tod gingen, dann mußten mittelbar die Feinde der Märztage unwürdige adelige Bauern von vernachlässigter Bildung sein, an denen nichts adelig ist als ihr »von«. Insbesondere den Schönhauser schilderte man als ordinären, brutalen Bramarbas, nur mit einigem Mutterwitz und scharfer Zunge ausgerüstet, nebenbei als Stellenjäger, der nach einem Posten schmachte. Otto lachte verächtlich darüber, aber es wurmte ihn doch. Und diese langweilige Kammer zwang ihn obendrein, sich so unverheiratet wie möglich in Berlin zu gedulden, indes sein »niedliches Liebchen« in Reinfeld sich härmte und einer neuen Entbindung entgegensah. Die solle aber in Berlin stattfinden, darauf bestand er. Zuerst suchte er eine Wohnung in der Lennéstraße (damals Schulgartenstraße) dicht am Tiergarten, dann mietete er ein Quartier in der Behrenstraße. Leopold Gerlach vertraute ihm: »Sie wissen, daß ich mit dem Allergnädigsten in Teplitz war. Ein russischer Bevollmächtigter war auch dabei. Alles natürlich Frieden und Freundschaft. Der Allergnädigste ist selig über Österreichs Huld, uns nichts mehr wegen der deutschen Schwierigkeiten nachzutragen.« »Das sind Flausen. Prokesch-Osten und Vitzthum-Eckstädt haben genug miteinander getuschelt. Die hiesigen österreichischen und sächsischen Gesandten standen sich auffallend gut, was für die sogenannte engere ›Union‹ mit Ausschluß Österreichs nichts Gutes bedeutet.« Gerlach legte die Hand an den Mund und flüsterte ihm ins Ohr: »Wir sind gehörig eingeseift. Die deutsche Frage ist ein zäher Lehm, der an den Fingern kleben bleibt. Wir machen uns nur schmutzig und kommen doch nicht los. Der König wird Sie zur Domfeier in Arnstädt einladen und zur Hofjagd am Falkenstein, da werden Sie wohl Witterung bekommen.« Er tätschelte ihm wohlwollend auf den Arm. »Na, wohl bekomm's! Sie sind ja jetzt wieder der Bestgehaßte im lieben Berlin.« Otto schüttelte sich, als streife er Spinnweben ab. »Diese Amphibien, die kein warmes Preußenblut im Leibe haben! Ob die mich verstehen oder nicht!« Er ging nach Gungls Konzert, diesmal im Saal mit Tabaksqualm, um die Erinnerung wachzurufen, wie er dort mit Johanna und Marie im Freien saß. Da bereiteten ihm alle im Auditorium anwesenden Offiziere, alt und jung, nebst ihren Damen eine stürmische Ovation. Die Soldatennaturen waren stolz auf ihn, und das war auch kein Wunder nach seinem neulichen Päan in der Kammer über das preußische Offizierkorps. Der Staat werde darum beneidet von allen kriegerischen Völkern, und hier allein liege die Basis einer kühnen und ruhmvollen Politik für Preußen. Unser Offiziermaterial, vom Leutnant aufwärts mit einer Vollkommenheit gezüchtet, die kein anderer Staat nachmachen könne, an der Spitze eines neu gebildeten, stark vermehrten Heeres: dafür votiere er jede Summe, nicht für soziale Spielereien, für die man das Geld aus dem Fenster werfe. Das Finanzbudget sei ja durch Sparsamkeit in Flor, doch auf Kosten der Wehrmacht, Preußens Lebensnerv. Solche Wahrheiten, heut selbstverständliche Gemeinplätze, Truisms , wie die Briten es nennen, erregten damals nur Heiterkeit. Der Liberalismus setzte die Achtung vor dem Heere mit allen Mitteln herunter, und der später so lasch und schlaff geführte Krieg mit Dänemark, den man anstandshalber wieder aufnahm, schien nicht geeignet, der Welt eine hohe Meinung beizubringen. Otto wies als erster auf die Tüchtigkeit des Hammers hin, den er allein zur Beschmiedung des deutschen Ambosses bestimmt glaubte. Vaterländisch bis in die Knochen, rief er der Kammer zu: »Ich schämte mich nie, ein Preuße zu sein, und besonders, wenn ich vom Auslande zurückkehrte.« Er verbitte sich das Experimentieren mit französischer Charlatanerie. In Europa hält man uns für ein Volk von Denkern, doch unsere Volksrepräsentanten berauben uns dieses guten Rufes, bloße Übersetzer französischer Packpapier-Theorien. Bleiben wir bei christlicher Tradition unserer Ahnen. Wenn alberne Schwärmer ihren Apostel Robert Blum mit dem gekreuzigten Heiland vergleichen, so hoffe er dies Narrenschiff der Zeit am Fels des Christentums scheitern zu sehen. Im Volke gelte Gottes Bibelwort mehr als irgendein Paragraph der Verfassung. Jetzt hielt er eine große Rede gegen die Anmaßung der Kammer, sich in Steuersachen zu mischen mit Berufung auf das englische Unterhaus. Dort sei das Königtum nur eine ornamentale Kuppel des Staatsgebäudes, in Preußen der innerste Pfeiler. Das Nessushemd französischer Revolutionsregierung werde kein Gesunder sich umwerfen. Und wer schwimmen lernen wolle, stürze sich doch nicht ins Wasser, wo es am tiefsten ist. Die Majorität bei den Wahlen sei ein Lotteriespiel, und statt der zwei festumgrenzten Parteien in England habe man bei uns sechs, eine verwickelte Diagonale der Kräfte, die notwendig negativ ausfalle. Die preußische Erziehungsmethode von Professorenweisheit und Geheimratsallmacht zerstöre in jedem einzelnen, an dem man herumdoktere, das Vertrauen zu jeder Autorität und verleite ihn so zum Glauben an die eigene Unfehlbarkeit. Daher der Wirrwarr allgemeiner Nörgelei, daher Überwiegen professioneller Politiker und Gelehrter im Landtag, die gar nicht richtig die verschiedenen Standesinteressen abspiegeln. Das ist nicht mal die Genauigkeit einer hastigen Bleistiftskizze, geschweige denn einer Photographie. Die Quadratur des Zirkels sei nicht hoffnungsloser, als eine wirkliche Volksvertretung zu finden. Die Wahlbüchse sei nur ein Würfelbecher. So bemerkte er bei anderer Gelegenheit, indem er für erbliche Pairs im Herrenhause eintrat, wie im englischen Oberhaus. Nur so steuere man die Verfassung zwischen der Szylla eines wohlwollenden Säbelregiments und der Charybdis jakobinischer Übergriffe hindurch, als nötiger Ballast, der vom Kiel her den Segelschwung mäßige, aufgeblasen von jedem Wind des Zeitgeistes. So verliehen seine geistreichen Gleichnisse den von scharfem staatsmännischen Verstand getragenen Ausführungen reizvolle Anschaulichkeit. Doch außerhalb seiner eigenen Partei, die ebensogern die Reden von Stahl und Gerlach hörte, und die ohnehin mit allem fürlieb nahm, was der Parteigeist ihrer Clique eingeben konnte, machten seine Reden wenig Eindruck. Um so mehr, als er oratorische Künste verschmähte und kein »Redner« im gewöhnlichen Sinne war, kein komödiantischer Kulissenreißer politischer Theater. Aus der Harzpartie nach Arnstädt wurde nichts, obschon er dort gern wehmütige Erinnerung aufgefrischt hätte an die nahen Wälder. Dagegen erschien er zur Domfeier in Brandenburg, wo neunhundert Jahre früher das Kreuz gegen die Wenden errichtet wurde. Als Abgeordneter der Stadt ging er in der Kirche keck voran neben den Prinzessinnen, unter denen man die hohe Dame von Babelsberg vermißte. »Ist in Weimar«, raunte Hofmarschall Voß ihm zu, und Gerlach erläuterte: »Wohl wieder etwas Fronde.« Der König sprach ihn bei der Tafel freundlich an: »Sie vertreten würdig meine alte Kurstadt«, über die er sich mit üblicher salbungsvoller Beredsamkeit verbreitete. Dagegen fuhr er den Oberpräsidenten Patow an, den er bisher keines Wortes würdigte: »Herr, stehn Sie links, so stimmen Sie in drei Teufelsnamen links, von meinen Dienern aber verlange ich, daß sie zu mir stehen, verstanden?« Bei atemlosen Schweigen konnte man die Betrachtung anstellen, daß der König noch immer ganz den Absolutisten spielte, denn der Oberpräsident hatte natürlich nichts Pflichtwidriges getan, sondern nur gewisse liberale Stimmungen gezeigt. Anderseits wurde dann doch wieder offenbar, daß die höheren Beamtenkreise innerlich auf Seite des gemäßigten Liberalismus standen, dem ja auch die Gattin des Thronfolgers huldigte. Otto hatte gewagt, der Königin mehrere Schulzen seines Wahlkreises als Königstreue vorzustellen, an welche sie mit ihrer liebenswürdigen Herzensgüte einige warme Worte richtete. Die ehrlichen Bauern umarmten in ihrer schluchzenden Rührung herzhaft ihren Abgeordneten, was bei Hofleuten Befremden erregte, die von des Schönhausers Hochmut gehört hatten. »Ik liebe dir, mein Sohn«, versicherte Papa Wrangel, diese widerliche Karikatur Blüchers, und gab dann einer Hofdame einen väterlichen Schmatz. Ob Otto sich gerade von dieser Verkörperung altpreußischen Kriegertums viel versprach, blieb sein Geheimnis. Ein General mit Ordenssternen trat an ihn heran: »v. Rochow, Gesandter in Petersburg. Freut mich ungemein, Ihre Bekanntschaft zu machen, verehrtester Herr v. Bismarck. Ihr Ruf drang bis zu uns. Ihre Majestäten der Zar und die Zarewna, unseres Monarchen hohe Schwester, trugen mir allergnädigst auf, Ihnen viel Schönes zu sagen. Patow vorhin ... der sich duckte wie eine Ente bei Gewitter ... da freut man sich, Ihre aufrechte Gestalt zu sehen.« Otto drückte seine Erkenntlichkeit für die Gnade der russischen Herrschaften aus und fragte vorsichtig, ob man in Petersburg mit dem Gang der Dinge zufrieden sei. »Nicht immer. Unter uns, es weht an der Newa manchmal ein eisiger Wind. Der allergnädigste Zar beurteilen unsere Lage etwas ... russisch. Er ist tief indigniert, bei den Deutschen, die er für bescheidene geduldige Untertanen hielt, so viel Jakobinerei zu finden. Eine gewisse Hinneigung zu Österreich ist unverkennbar, ich sage dies im tiefsten Vertrauen.« Wundert mich, daß er dies sah, dachte Otto. Sonst merken doch unsere Diplomaten nicht die offenkundigsten Tatsachen. Die Herrscher aller Russen und aller Kroaten passen eigentlich zueinander, Österreich wird immer mehr slawisch, mit seiner deutschen Bestimmung ist's nicht weit her. Er fuhr, weil in der Nähe, nach Schönhausen hinüber und dachte wehmütig an Hanna, als er über vergraste Steige dahinwandelte. Mit ihr ruhig zu Hause sitzen, was ist daneben alle Gunst der Potentaten! Jetzt ließ er nicht locker, dies Hundeleben ohne Hausfrau nahm ein Ende, sie kam nun endlich in seine Arme in die Behrenstraße. Daß die Kammer schon wieder Schwerin und Simson als Präsidenten wählte, und die äußerste Rechte mit siebenundfünfzig Mann wenig bedeutete, daß der Dichterling Kinkel nach Naugard aufs Zuchthaus kommen sollte, nachher von Karl Schurz befreit, kümmerte ihn sehr wenig. Rauchfleisch der guten Schwiegermama schmeckte beim Frühstück. »Es ist zu gut für diese Welt, wir wollen es nicht lange leiden lassen«, aß er es eilig mit Hanna auf. »Doch zum Dank muß ich Muttchen etwas schwarzweiß anstreichen, sie und Tante Ulrike in Reddenthin jammern über Hahnaus Blutgerichte und reaktionäre Missetaten, womit auch meine böse Gesinnung getroffen werden soll, die sie durch den papierenen Festungswall meiner Kammergeschäfte wittern.« Von jetzt ab verlief das Leben glatt und eben, Weihnachten, Neujahr, Frühjahr. Ende Februar 1850 atmete er erlöst auf: »Hanna, freue dich! Die Kammer geht auch nach Hause.« Doch er freute sich zu früh, denn nun tauchte der Spuk der Erfurter Reichsversammlung auf. Mit unverantwortlicher Schwäche trieben dieses Königs in allen Farben schillernde Politik die verräterischen Absichten Sachsens und Hannovers, die offenkundigen Feindseligkeiten der Südstaaten, deren Undank gegen das für ihre Throne vergossene preußische Blut zum Himmel schrie, einfach in Österreichs lauernde Arme. Dessen neuer Premierminister Fürst Schwarzenberg, ein hochfahrender und unfein protziger Magnat, und seine mit allen Salben geschmierten diplomatischen Helfershelfer schlossen ein »Interim« ab, das wahrlich wie das alte zur Reformationszeit den Schalk hinter ihm hatte. Die Einsetzung zweier preußischer und zweier österreichischer Kommissäre in Frankfurt als Zentralgewalt bedeutete einfach den Übergang zur Erneuerung des alten Bundestages. »Für das Innere schicken wir Oberpräsident Bötticher«, teilte Gerlach vertraulich mit, »für das Äußere natürlich den unvermeidlichen Radowitz. Am Hofe betrachten die einen die ›engere Union‹ auch nur als Revolutionsprodukt, die anderen wollen dies Projekt bis aufs äußerste festhalten. Wie denken Sie darüber?« »Ich denke gar nichts. Die Union stirbt ja schon eines Todes, den man je nach Belieben gewaltsam oder natürlich nennen kann. Die lieben Bundesbrüder werden ihren Verrat offen deklarieren und die Österreicher uns ins Schlepptau nehmen.« »Aber was sonst beginnen? Die Frankfurter Verfassung war ja Quatsch. So 'ne Art Kopie der englischen Magna Charta oder vielmehr eine Durchpausung ihres Pergaments auf kontinentales Löschpapier. Doch irgendeine Reichsverfassung muß sein.« » Il faut vivre? Je ne vois pas la necessité. Die Träumer, die seit dem Contrat social nichts gelernt und viel vergessen haben, mögen sich wieder Schlafrock und Pantoffeln anziehen. Ich verstehe darunter auch die erbkaiserlichen Gemäßigten des Herrn v. Gagern, die als Sezession der Frankfurter in Gotha als Rumpfparlament ihr Zelt aufschlugen. Wir werden nicht mal einen neuen Reichstag bekommen, denn wenn unser König einen ruft, wird fast niemand ihn beschicken. Enfin seuls! Preußen und die Gagernschen, angeblich Vertreter Deutschlands ohne jedes staatliche Mandat, werden unter sich bleiben.« »Sie werden also das Ministerium in der Unionssache nicht stützen?« »O doch, ich stimme dafür, weil es nichts schaden kann, daß die Utopie sich selber enthüllt wie eine platzende Seifenblase. Seit Brandenburg unseren Demokraten sein hysterisches »Nie, nie, nie!« bezüglich der Kaiserkrone entgegenschleuderte, stehe ich stets fest zu ihm. Aber ich hoffe, es ist das letztemal, daß kostbares Preußenblut ein vampirisches Gespenst füttert, unter dessen Löwenfell nur ein laut brüllendes, sonst sehr ungefährliches Tierchen ohne Zähne und Klauen steckt.« »Sie meinen damit den revolutionären Zeitgeist?« »Nicht nur ihn, sondern auch die belfernde Arroganz der Kleinstaaten. Diese Fürsten und die Demokraten fürchten sich gegenseitig vor ihrem Schatten, weil beide ohnmächtig sind. Nur Preußen«, Otto richtete sich auf und seine Augen blitzten, »ist ein wirklicher Löwe, ob er sich auch benimmt wie ein bellender Köter, der den Schwanz einzieht und winselt. Soll ich Ihnen was sagen? Der sicherste Weg zu deutscher Einheit wäre rücksichtslos egoistische Borussenpolitik.« Ein verflucht genialer Gedanke! sann der alte Polte Gerlach nach, als er nach Potsdam zurückfuhr. So ein Paradoxon, wie der Schönhauser es gern vom Stapel läßt. Der wackere Kerl vergißt, daß für solche Politik nur eine Kleinigkeit nötig wäre, nämlich ein großer Staatsmann. Und einen solchen wird uns der gute Bismarck wohl nirgends auftreiben. – In der Kammer spottete der streitbare Schönhauser in aufsehenerregender Rede über die Ideologen, die für alle Opfer Preußens als Kompensation nur sein gutes Gewissen anböten. Großherzigkeit und Selbstlosigkeit seien eine Politik, die der jetzt häufig von der Linken zitierte Friedrich der Große nie gekannt hätte. Er würde sich zur Lösung des gordischen Knotens auf das eigentliche Wesen der preußischen Nationalität gestützt haben, das Schwert. (Seine Ausführungen gewannen hier eine bittere Ironie, die »oben« sicher übel empfunden ward, denn Friedrich Wilhelm hatte kürzlich sich entschuldigt, er sei nicht Friedrich der Große.) Die preußische Armee und das wahre preußische Volk betrachteten das berühmte Schwarzrotgold als Feindesbanner. Der Preuße kenne den Hohenfriedberger und Dessauer Marsch, doch kein Soldat singe: »Was ist des Deutschen Vaterland?« Wohl möge unser Adler seinen beschirmenden Fittich von Memel bis zum Donnersberg strecken, aber nicht gefesselt durch ein Stück Papier, das wie ein welkes Blatt im Wind verwehen werde.« Nach heftigem Murren und Zischen wehklagte der edle Beckerath: »Wo viel Licht, ist viel Schatten, das deutsche Vaterland muß auch einen verlorenen Sohn haben.« Worauf der schlagfertige Gegner: »Mein Vaterhaus ist Preußen, und der heimatlose Wanderer ist vielmehr der ehrenwerte Abgeordnete, dessen Heimathaus erst noch gebaut werden soll.« Mit der gleichen eisernen Festigkeit parierte er eine ironische Äußerung des »jüdischen Präsidenten« Simson, daß der Name Junker unstreitig eine Beleidigung in sich schließe. Das sei so wenig der Fall, als ein Offizier sich beleidigt fühle, wenn ein Radikaler ihn einen Söldner nenne. Whig und Tory sei ursprünglich auch ein schmähendes Beiwort gewesen, und so werden wir den Namen Junker noch zu Ehren bringen. Höhnisches Spotten antwortete. Heiter fragte Beckerath den Professor Droysen: »Wessen Namen will dieser Krautjunker wohl zu Ehren bringen? Den eigenen doch nicht?« Doch durch das Lachen, an dem man den Narren erkennt, dröhnte es wie ferner, dumpfer, unterdrückter Donner zum Wetterleuchten der blauen Augen. * Seinen Wählern sprach Otto offen aus, daß Preußens Macht zugunsten der Kleinstaaten vermindert werden solle. So geschah es: Sachsen und Hannover fielen zu Bayern und Württemberg ab, Österreich spiegelte Beitritt mit allen seinen Staaten, d. h. sämtlichen Slawen und Madjaren, zum einigen Deutschland vor, eine höhnische Perfidie, über die der deutsche Michel gerührt quittierte. Es war ein froher Augenblick für Radowitz, als er den glänzenden Erfurter Reichstag mit einer unionistischen Rede am 20. März eröffnete. Aber Otto, der wohl oder übel ein Mandat übernehmen mußte und am 9. April in Erfurt eintraf, sofort vom Bahnhof in die Fraktion geschleppt, hatte einen recht peinlichen Augenblick, da ihm als jüngstem Mitglied das protokollierende Sekretariat zufiel. »Meine Herren,« begann er zu Ludwig Gerlach und Professor Stahl, »Ihnen überlasse ich die Ehre des Kampfes. Sie sind weit beredter als ich und werden daher –« »Was!« unterbrach ihn »Onkel Ludwig« entrüstet. Otto nannte alle älteren Freunde herablassend Onkel, so hieß Kleist-Retzow »der kleine, graue Onkel«, wie er denn auch vertrauliche Benennungen anwendete, wie »Stadträtchen« für seinen Gutsnachbar Gärtner. Dabei war er aber so frei von jedem Standesdünkel, daß er und Hanna von Redakteur Wageners Frau als »Rose« sprachen und Wagener mit ihm auf kordialstem Fuße verkehrte. Stahl putzte seine Brille und unterstützte Gerlach in Ausrufen der Entrüstung, daß der Schönhauser Recke eine Fahnenflucht antreten wolle. »Vor Gott und den Menschen haben Sie eine Pflicht übernommen.« Seufzend ergab er sich in sein Schicksal. * Die Ferienpause in Schönhausen, nachdem Johanna Ende Dezember von einem Söhnchen Herbert entbunden, verlief nicht ganz sturmlos. Denn Mutter Puttkamer hielt manche Vorlesung über männlichen Egoismus, und er kehrte Ecken hervor, die sie als ungebührlich bezeichnete. Jetzt, zum Geburtstag Hannas (11. April) bat er brieflich an sie um Entschuldigung und dankte ihr für alle Sanftmut und Geduld, Liebe und Treue. Er ging einen Waldberg hinauf, den »Steiger«, und trank eine Steinkruke voll Felsenkellerbier leer. Später trösteten ihn kulinarische Gaben Hannas, Marzipan, Spickgans, Kibitzeier und dicke Würste. Dazu allerliebste Aussicht auf den Thüringer Wald, wenn er auf der Höhe unter alten Eichen lustwandelte. Leider hing sich ihm dabei ein Abgeordneter und Hofmann v. Röder an, ein braver, unbedeutender Mann, der bei Sonnenuntergang regelmäßig den nassen Jammer bekam, Volkslieder und Heine zitierte und sich nach einer »lieben, guten, frommen Frau« sehnte. »Sie, Verehrtester, besitzen solch ein Kleinod. Beneidenswerter! Doch Politiker wie Sie haben eben andere Ideale.« Otto erwiderte nichts und vertiefte sich in Betrachtung der niedlichen grünen Blätter von Haselnußstauden, Hagebuchen, Dorn- und Weißbuchen. In der Ferne rief ein Kuckuck, und er machte sich den Scherz, dies Orakel zu befragen, wie lange es wohl noch mit der deutschen Einheit dauern werde. Doch der spöttische Vogel rief so lange und so unregelmäßig, daß man nicht daraus klug werden konnte, ob er wirklich zehn oder zwanzig Jahre meine. Wenn er vor dem dreifachen Lärm der Vormittagssitzungen in der Augustinerkirche, der mittäglichen klappernden Table d'hote und des abendlichen Gezänks vom Scheusal Fraktion müde in das unscheinbare Häuschen flüchtete, wo er wohnte, ging ihm der Gedanke an Luther durch den Kopf. Der hatte hier in der Universitätsbibliothek zuerst die Bibel entdeckt, in der Augustinerkirche die erste Messe gelesen. Wer hätte dem kleinen, hageren Mönchlein damals prophezeit, er werde deutschen Geist vom römischen Joch befreien! Wunderbar verschlungen sind Gottes Wege, niemand weiß, was aus einem Menschen werden kann. Er erinnerte sich spöttisch, wie der eitle Heine irgendwo sich in der Hoffnung wiegte, zum Haus in der Düsseldorfer Bolkerstraße, wo er geboren, würden englische Touristinnen wallfahrten. Gottlob, daß die Ruhe des Privatlebens, wo man nur gelegentlich in die Arena hinabsteigt, durch solche Eitelkeiten nicht getrübt wird. Gottlob, daß niemand in Luthers Erfurt eine Tafel über diese Haustür hängen wird, weil ein obskurer Abgeordneter dort ein- und ausging. Diese Erfurter Langeweile muß noch überstanden werden, dann aber Schluß! »Hätten Sie Lust, mit mir Auerhähne zu schießen?« lud ihn Oberforstmeister Wedell ein, der an dem baumlangen Recken einen weidmännischen Gefallen fand. Geheimrat Oppermann, ein großer Nimrod vor dem Herrn, regte die Partie an. »Beim berühmten Oberförster Klingner, dem erprobten Hahnenjäger, kriegen wir Auerhahnbalz wie noch nie«, frohlockte er in Arnstädt, wo er mit Bismarck ein üppiges Frühstück von schmackhaften Schmerlenfischen und vierzigjährigem alten Wein aus Bocksbeuteln einnahm. »Der Nektar stammt aus dem Kometenjahr 1811. Das hatte es in sich, Vorbedeutung von Napoleons Untergang und Deutschlands Befreiung. Heut erleben wir so was nie wieder.« Da aber Otto vorm Schlafengehen in Schleusingen diesmal Forellen in Bier tauchte, befand er sich bald in traurig eruptivem Zustand, da sein verwöhnter Magen die ungewohnte Kost nicht vertrug. »Nu grade nich!« Statt Pfefferminztee zu trinken und im Bett zu bleiben, ging er trotzdem mitternachts als Jäger los, wie einst nach durchkneipter Nacht zur Mensur. »Grog am Abend wird mich kurieren«, lehnte er ab, und Oppermann dachte: Der halsstarrige Trotz, den seine Gegner ihm zuschreiben, scheint kein leerer Wahn, wir Jäger erkennen das Wild am winzigsten Huftritt und so den Mann an Kleinigkeiten. Also auf nach einem Eisenhammer im Waldgebirge! Im Dunkel sahen die Werkleute dort wie dunkle Dämonen aus, vom Feuerschüren angeglüht. Der Regen fiel in Bächen, der schwarze Mantel behinderte beim Steigen im tiefen Dunkel auf abschüssig steilen Höhen, von denen himmelhoch Tannenwälder herunterstarrten, wüst und spitz wie Koboldmützen. Er mußte sich mit den Händen anklammern oder nach dem Arm des Jägers greifen, den er nicht mal deutlich sah. Rechts im Abgrund ein tosender Wildbach, links ein Teich mit schlüpfrigem Ufer. Einer Ohnmacht nahe legte er sich ins Heidekraut, das von Tau und Regen triefte. Lieber einregnen, als so weitermachen! Doch er raffte sich auf, fern balzte ein Auerhahn, einer kam ihm auch vor den Schuß. Im Dickicht schrie ein Uhu, und es war unheimlich. Da ging der Mond auf, die Luft klärte sich, Drosseln schlugen, Bergtauben gurrten mit eigentümlichem Baß, Buchfinken und Rotkehlchen trillerten im Chor. Als es bergab ging, dämmerte die Sonne, doch blieb sie verhangen im Regenflor, und in Erfurt mußte er vierzehn Stunden ausschlafen, um sich zu erholen, erhob sich aber dann doppelt gestärkt. Was nicht der Mensch aushalten kann! Wer eine gute Natur hat, dem gibt's der Herr im Schlafe. Sollte das auch nicht so sein in geschichtlichen Dingen? Da gibt sich ein Held wohl mal einen besonderen Ruck und strengt sich übermenschlich an, etwa wie Luther in Worms, aber dann muß er gut ausschlafen können, wie Luther in der Wartburg. So ist nun auch dieser höchst ungeschichtliche, unbedeutende Otto Bismarck. Er kann sich furchtbar abplagen und auch unmenschlich faul sein, die Zeit verschlafen wie ein Klotz. Was soll man auch besser mit einer Zeit anfangen, wo kein Mensch uns braucht! Auch beim endlosen Redegeplätscher unter ihm, wo er als Sekretär auf hohem Präsidialthron neben dem ihm verhaßten Simson hockte, nickte er öfter sanft ein. Mal zankte der feierliche Gagern mit dem ungestümen Vincke, mal Bourgeoisliberale mit Proletarierradikalen zum Gaudium der Rechten, mal verdrehte der liberale Beseler dem konservativen Jesaias Stahl die Worte im Munde. Diesen alttestamentarischen Propheten verehrte die Fraktion als Führer und schätzte seine geistreichen Sophismen als Perlen, weil er sie vor demokratische Säue warf. Otto schrieb ihm ins Album: »Unsere Losung ist nicht Bundesstaat um jeden Preis, sondern Unabhängigkeit Preußens um jeden Preis.« Doch unter den Perlen des »geliebten Stahl« ahnte er manche falsche und sah voraus, ihre Pfade würden sich einst noch trennen. Was trennt sich nicht alles mit den Jahren! War er so sicher, daß Hans Kleist-Retzow, der kleine Streber, der hier jeden Abend in weißer Weste und Halsbinde Gesellschaften ablief, nicht auch mal von ihm abfallen könne? Die leidige Politik macht alle Menschen zu Phantomjägern, und doch ist das Privatleben viel ernster und wichtiger. Dem guten, kleinen Massenbach das vierzehnte Kind geboren, dem armen Egloffstein der einzige Sohn gestorben von eigener Hand, junger Kürassierleutnant, aus grundloser Hypochondrie! So häufen sich die Gegensätze, und wir mittelmäßigen Söhne dieser Erde müssen froh sein, wenn unser bescheidenes Dasein still und friedlich verfließt. Nur einige aufmunternde Scherze erfrischten die Dürre dieser akademischen Debatten, worin Gagerns hohles Gemurmel vorherrschte. Als Jurist Simson den Präsidentensitz einnahm, flocht er die geschichtliche Erinnerung ein, vor 1000 Jahren habe ein Reichstag hier getagt. Sein Sekretär aber ergänzte dies mit ernst harmloser Miene, der damalige König der Deutschen habe auf die Tagesordnung gesetzt, Juristen und Winkeladvokaten zu züchtigen, die laut dem Chronisten Spangenberg viel Unheil anrichteten. Unter donnerndem Beifallsgelächter der Rechten über diese boshafte Anspielung fuhr er fort: Wenn der heutige Reichstag diesen Zweck verfolge, ja dann werde er glauben, daß die Raben am Kyffhäuser nicht mehr flattern und der Tag deutscher Einheit nahe sei. Ihm würde übel von der verwickelten Maschine fürstlicher Kollegien, die den fadenscheinigen Rock französischer Konstitution über die ungefügen Schultern Deutschlands werfen sollte. Das alles werde auf Depossedierung des Preußenkönigs in seinem eigenen Lande hinauslaufen. »Wenn ich das Schwarzrotgold auf allen Sesseln und auch dem meinigen sehe, dann sehe ich rot, so steigt mir das Blut zu Kopfe,« bekannte er zu Stahl, »Schwindel wie alles, denn diese Farben sind nie die des deutschen Reiches gewesen. Weit eher der schwarze Adler auf weißem Feld, wie der deutsche Orden, dies Sinnbild des Reiches, ihn vom Kaiser auf die Fahne erhielt und den heut wir Preußen führen, statt des Schwarzrotweiß von Kurbrandenburg. Wir also sind die wahren Erben des deutschen Reiches.« Seine tiefe Kenntnis der deutschen Geschichte überraschte immer wieder den gelehrten Stahl, der sich nachdenklich fragte, wo der bescheidene Gutsherr von Schönhausen, der nicht mal sein Hauptstaatsexamen bestand, das alles aufgelesen habe. Es fiel ihm ein, wie die Minister des ersten Konsuls sich über den Korsen wunderten, der alles wisse und doch nichts studiert haben könne. Daß alle schöpferischen Geister in gewissem Sinne Autodidakten sind und sein müssen, weil sie unüberwindlichen Widerwillen gegen die ausgetretenen Gleise haben, zu solcher Erkenntnis versteigt ein Professor sich freilich nie. Es gehört mit zum ewigen Kapitel menschlicher Blindheit, daß nicht einer in Parlament und Presse über den Schönhauser anders urteilte, als über einen patenten Kerl, der ein schneidiges Maulwerk am rechten Fleck hatte. Sein umfassendes Wissen, seine hohe Bildung, sein von geistreichen Einfällen funkelnder Esprit, seine vornehmen, weltmännischen Umgangsformen, das alles faßte man in den Satz zusammen: »Ein typischer Junker!« Der kleine Kleist-Retzow und andere große Kinder der Fraktion dünkten sich geradeso viel wie er, während sie zu Herrn Professor Stahl mit abergläubischer Ehrfurcht emporschauten. Otto wußte das und scherte sich keinen Deut darum. Seine Gleichgültigkeit gegen alles Äußere machte sich auch in einer gewissen Knauserei bemerkbar, die sich bei ihm plötzlich nach früherer Verschwendungssucht herausbildete. Triumphierend schrieb er an Hanna, daß er mit seinen Diäten hier übergenug habe, nicht nur auskomme, sondern noch Schätze nach Hause bringe. Wenn er seine Galle gegen diesen monarchisch angehauchten Reichstag erleichterte, der ihm noch minder mundete als der weiland Frankfurter, konnte dies dem König nicht angenehm sein. Radowitz schrieb wütende Berichte nach Potsdam, da sich Manteuffel auch mit ihm überwarf. »Der kleine Mann hat diesmal Mut,« lobte Otto den Minister, »er will nicht im Amte bleiben, wenn die Erfurter Mißgeburt nicht krepiert. Er hätte schon offen mit dem Schwefeler R. gebrochen, wenn nicht Brandenburg wäre.« »Hat R. den wirklich umgarnt? Sie sprachen ja neulich mit dem Premier«, forschte Stahl. »Man sah Sie zusammen zwischen Stadt und Steigerwald spazierengehen. Er hat Sie sogar abgeholt, und Sie gingen auf einsamen Wegen.« »Hm, darüber darf ich wohl nichts sagen. Sein Standpunkt ist sonst ein recht gewinnender, doch hat er für die Erfurter Politik mich nicht gewonnen.« In Wahrheit hatte der ritterliche General, der vom mitdurchlebten Milieu der Befreiungskriege zehrte und deshalb deutschnationaler dachte als die neupreußischen Tories, materiellen Machtzuwachs Preußens im Auge. Der König schrieb ihm, der Bismarck habe einigen Einfluß bei der äußersten Rechten, dem müsse man beikommen, und so wandte er sich an Ottos Borussentum: »Welche Gefahr läuft denn Preußen? Man nimmt, was man kriegen kann, verzichtet einstweilen auf das, was sie einem nicht bieten wollen, und sackt die Verstärkung des Staatenbundes ein.« »Mit dem Kauf aller schlechten Verfassungsbestimmungen, die können wir uns nicht gefallen lassen.« »Auf die Dauer wohl nicht. Das wird die Erfahrung lehren. Geht's nicht, so geht's nicht. Dann ziehen wir einfach den Degen und jagen die Kerls zum Teufel.« Otto sah den braven General, dessen nach englischer Sitte geschnittener Backenbart bei rasiertem Kinn ein ehrlich männliches Gesicht umrahmte, überrascht an. Doch im nächsten Augenblick sank ihm der Mut, denn die allerhöchste Person war nicht danach angetan, kühne Entschließungen zu treffen, und ganz anderen Einflüssen zugänglich, als denen eines bescheidenen Generals. Nur der gelehrte Radowitz zeigte sich des allerhöchsten Vertrauens würdig. »Was würde unser Reichskommissar für das Auswärtige dazu sagen?« »Der ist ganz zuversichtlich, auch Österreich gegenüber, wie Sie ja gestern auf der Soiree beim General Pfuel hörten. Das österreichische Heer in Böhmen gibt gewiß Anlaß zu Kriegsgeschrei, und ich täusche mich darüber nicht, daß es ein Gegengewicht bilden soll, eine Art Korrektiv für Erfurt. Man nannte Zahlen bis zu 100 000 Mann. Sie hörten, wie Radowitz lange zuhörte und dann ruhig sagte: »Man hat in Böhmen 28 000 Mann und 7000 Pferde.« »Pardon Exzellenz, er setzte auch noch die Hunderte dazu, etwa 28 254 und 7132. Ein fabelhaftes Gedächtnis!« Brandenburg verstand nicht die beißende Ironie, sondern nickte beifällig. »Gewiß, er ist doch ein bedeutender Mann. Diese unwiderlegliche Gewißheit muß imponieren und jede abweisende Ansicht zum Schweigen bringen. Zu guter Letzt wird er als unser amtlicher Vertreter, der direkt mit Majestät und dem Kriegsministerium verkehrt, es am besten wissen aus kompetentesten Quellen.« Otto schwieg. Dieser Hanswurst oder Verräter! dachte er grimmig. Ich wette meinen Kopf, daß er die genauen Ziffern sich einfach aus den Fingern sog und sie reinweg nach Bedarf in der Minute erfunden hat. Die Österreicher sind wahrscheinlich doppelt und dreifach so stark. Entweder weiß er das und will uns hineinreiten, oder er will wenigstens uns hier düpieren, damit sein Erfurter Werk nicht scheitert. Manteuffels unansehnliche Erscheinung stach auch äußerlich von Radowitz ab, dessen regelmäßige Züge, verbindlich arrogante Manieren und entscheidender Ton durch eine Maske staatsmännischer Ruhe noch eindringlicher hervorgehoben wurden. Den Schönhauser betrachtete er als ein vorsündflutliches Megatherion von hohem Alter, noch im Ancien Régime grauer Vorzeit geboren, dessen fossilen Überrest er mit Verachtung strafte, obschon das tote Ding eklige Beißzähne vorschützte. Da hier eine Verständigung ausgeschlossen, sollte Manteuffel eine solche mit Gagern herbeiführen. Er fügte sich gehorsam dem Willen des Königs, lud den kleinen intriganten Bismarck und den großen Vertrauensmann deutscher Nation zu Tische, ließ sie dann plötzlich bei der Flasche allein. Jede persönliche Vermittelung vermied er geflissentlich, weil er das Zwecklose der Aussprache voraussah. Ohne jede Einleitung begann da Gagern zu deklamieren, wobei er nicht mal geruhte sein Gegenüber eines Blickes zu würdigen und schräg den Himmel ins Auge faßte. Außer Dienst war er eigentlich ein gutmütiges Dickerchen, eine aufgetriebene Fleischmasse, aber im Dienst der deutschen Nation nahm diese Fleischlichkeit eine geistige Aufgeblasenheit an. Da er weder klar noch geschäftsmäßig reden konnte, hielt er an den stupiden märkischen Junker eine Volksrede. Ein paar nüchterne Einwände des unbedeutenden Schönhausers verletzten seine staatsmännische Würde. Er zog die Brauen hoch, rollte die Augen zur Decke empor mit einem so furchtbaren Jupiterblick, daß sie ihm fast aus den Höhlen traten, und schüttelte sein ambrosisches Haar. Üppig langer Haarwuchs gehörte damals zum guten Ton freiheitlichen Strebens, womit der mäßig haarbegabte Otto nicht aufwarten konnte. Es war mit einem Wort eine haarige Sache. Auf eine nochmalige Replik des dreisten Junkers einzugehen, durfte man diesem Posaunenbläser der Frankfurter Ruhmeszeit nicht zumuten. Was er maßgebend als sozusagen Interimspräsident der deutschen Völker dekretierte, hatte des kleinen Mannes unmaßgebliche Meinung demütig hinabzuschlucken. Nachdem er sein rollendes falsches Pathos ausspie, genehmigte er ein düster vornehmes Schweigen, das seiner herablassenden Geringschätzung unnachahmlichen Ausdruck verlieh. So saß man mehrere Minuten schweigend. Roma locuta est , der historische Togazipfel ist entfaltet. Welch ein Idiot, vor allem welch ein Dilettant, zu jeder politischen Arbeit verdorben! Otto begriff mehr denn je Napoleons Haß gegen »Ideologen«, worunter der keineswegs Idealisten verstand, da wahre Idealisten immer irgendwie Könner und Realisten sind. Ein Vertrauensmann der Nation und nicht mal ein Geschäftsmann. So macht man Politik in diesem Volk der Dichter und Denker. Der Mensch ist ja entsetzlich dumm, nichts als eine weitbauchige Gießkanne von Phrasen, ein Wassergott, um papierene Blumenbeete von Theorien zu tränken. Manteuffel kam wieder mit einem kurios listigen Gesicht, Heinrich v. Gagern verabschiedete sich majestätisch, ganz Jupiter, und verabreichte in mitleidiger Barmherzigkeit an den unwillkommenen Tischgast ein gnädiges Kopfnicken. »Was hat er denn gesagt?« fragte Manteuffel neugierig. »Jottedoch, er hielt mich für eine Volksversammlung. Er muß etwas kurzsichtig sein.« Nachdem er sich ausgelacht, bemerkte Manteuffel: »Wie doch das Schicksal spielt! Seinen Bruder, General Friedrich, ermordeten badische Freischärler infam, als er mit dem Unhold Hecker menschenfreundlich parlamentierte. Und den Bruder unseres Stänkers Auerswald ermordeten die Freischärler, weil sie ihn für Radowitz hielten.« »Schade um das Versehen!« brummte der gute Hasser in den Bart. »Dieser preußische General rühmte sich, er sei hundert Meilen geritten, um Bauern bei Wahlen aufzuhetzen. Das hatten sie nun davon! Beides wohlmeinende Patrioten in ihrer Weise, Erzliberale. Das Volk erkennt nicht mal seine eigenen Freunde, wenn sie Uniform tragen.« »Sehr wahr«, nickte Otto finster. »Bei mir zulande bin ich der richtige Volksmann und würde mich mit jedem ehrlichen Hacketauer duzen wie Vater Blücher. Doch das souveräne Volk verlangt ganz einfach einen Souverän, einen Exerziermeister. Die Armee ist das Volk, wie es leibt und lebt. Der kleine Korporal – sinnbildliche Bezeichnung!« »Aber für den korsischen Parvenu!« mahnte Manteuffel gewichtig. »Nu, wenn schon!« rief Otto ungeduldig. »Das macht wenig Unterschied. Empfehle mich, Exzellenz, werde morgen eine Rede schwingen.« Manteuffel sah ihm betroffen nach. Extravaganter Mensch! Der wäre fähig, sich einem Bonaparte mit Haut und Haaren zu verschreiben, wenn der Preußen groß machen könnte, die deutsche Einheit als Markknochen der Suppe dazu. – Otto sprach mit äußerstem Nachdruck gegen das Erfurter Verfassungsprogramm. Bald würde es alle Welt betrachten wie die zwei Doktoren in Lafontaines Fabel den toten Patienten. Der Preußengeist werde ein Buzephalus sein, der seinen gewohnten Herrn mit Freuden trage, doch den Sonntagsreiter abwerfen werde, trotz seiner Schabracke von Schwarzrotgold. Seine Unpopularität wurde noch erhöht, als er in seiner Eigenschaft als Reichstagssekretär den Korrespondenten der mächtigsten deutschen Zeitung, der »Augsburger Allgemeinen«, von der Reportergalerie ausschloß wegen parteiischer Berichterstattung. »Dann werden wir alle nicht mehr berichten«, drohte eine Journalistendeputation. Er lachte: »Diese fürchterliche Drohung führen Sie nur aus. Die moralische Blutvergiftung durch die Presse wird noch allgemeinen Krebs verursachen.« »Und die Kreuzzeitung? Die ist wohl immun?« »Darauf lasse ich mich nicht ein. Weisen Sie mir dort falsche Berichterstattung über die hier gehaltenen Reden nach! Adieu!« Damit nicht genug, trat er noch für äußerste Beschränkung des Versammlungsrechts ein, des Blasebalgs der Demokratie, der Schere, mit der die konstitutionelle Delila dem monarchischen Simson die Locken stutzt, um ihn den radikalen Philistern zu überliefern. Das seien seine letzten Worte in einer Versammlung, die auf einen Schluck eine unsinnige Verfassung hinunterwürgte und nun wie toll schrie: »Stört nicht meine Kreise«, betrunken von theoretischer Obstruktion. Und es kam zu nichts. Radowitz' Gesicht wurde immer länger. Der äußere Sieg war ein Pyrrhussieg. Der Reichstag wurde vertagt, in Wahrheit aufgelöst. Die Fürsten wollten nicht, die Verfassung blieb ein toter Buchstabe, ein verwehtes Kartenhaus. Die Nation verfolgte dies Redeturnier ohnehin mit Gleichgültigkeit oder Mißtrauen. Niemand trauerte ehrlich dem totgeborenen Kinde nach, obschon die Presse wütend die engherzigen Junker anklagte, die ein so hohes Werk zu Falle brachten. Als ob die numerisch so kleine »äußerste Rechte« so etwas fertiggebracht hätte! Die gegen Preußen verräterischen Fürsten, wobei der Württemberger eine schwer beleidigende Thronrede gegen Preußens Ehrgeiz nicht scheute und das »gefährliche Traumbild« eines deutschen Einheitsstaates brandmarkte, und Österreichs drohende Haltung erzwangen die Rückkehr zum alten Bundestag. Schmählich ging der Ende Februar wieder aufgenommene Krieg gegen Dänemark zu Ende, obschon Preußen und Reichstruppen unter Prittwitz genug Erfolge errangen und der vollständige Sieg von zwei Strandbatterien bei Eckernförde über drei dänische Schlachtschiffe um so mehr Jubel erregte, als dort der Herzog Ernst von Koburg, eine Nassauer Batterie und das winzige Kontingent von Reuß-Greiz ihren Anteil hatten, also das verschiedenste »deutsche Vaterland«. Aber drohende Noten von Rußland und Frankreich regneten herein. Der Zar sah das Legitimitätsprinzip durch die »holsteinischen Rebellen« bedroht, und England zeigte im »Londoner Protokoll« aller Großstaaten seine Mißgunst. Im August überlieferte man endgültig die stammverwandten deutschen Lande an den »rechtmäßigen« dänischen Tyrannen, und das Maß deutscher Schande schien voll, als die Kreuzzeitungspartei ohne Ehre und Scham dies als Sieg des monarchischen Prinzips feierte. Doch der Kelch enthielt noch eine letzte bittere Neige. * Seelensfroh, des sogenannten politischen Lebens entledigt zu sein, ergab sich Otto mit Wollust dem geschäftigen Müßiggang eines Gutsbesitzers. Er gefiel sich in der Rolle des Familienvaters, scherzte mit Melisse v. Behr, der Gesellschafterin seiner Frau, las sehr viel, von Zeitungen aber nur die »Kreuzzeitung«, und schwelgte in idyllischer Einsamkeit. Er wälzte sich im Gras, alle viere von sich gestreckt, und huldigte seiner alten Vorliebe für Verspoesie. Daneben hörte er Musik und wartete auf das Reifwerden der Kirschen. »Dies Pastorale wird sicher auf mein ferneres politisches Debüt abfärben, ich gehöre fortan zur Schule Beckerath und werde Sonnenluft aushauchen, geschwängert mit Blütenduft«, lachte er Frl. Melisse an, die ihn in einer romantischen Schäferstunde mit Hanna überraschte. »Doch was Bücher betrifft, von denen ich zu viel verschlinge, so möchte ich wie Kalif Omar alle verbrennen – natürlich außer dem christlichen Koran. Die Buchdruckerkunst ist die Waffe des Antichristen, das Schießpulver ist schon verständiger, nur gleicht es dem Doktor, der Krebs heilte durch Amputierung des Kopfes.« Krebs aber im Staatswesen erschien ihm die Bureaukratie, deren Magen allein gesund sei, deren Exkremente in Gestalt von Gesetzen der natürlichste Dreck seien. Nicht die zu große Bevormundung durch die Beamten sei das schlimme, sondern die zu große Schlechtigkeit der Bureaukraten, Richter und Staatsanwälte inbegriffen. In dieser nonchalanten Weise verachtete der vielgetreue Schönhauser das hohe preußische Beamtentum, von dem man damals nicht mal sagen konnte: Travailler pour Ie roi de Prusse . Servil gegen die Revolution wurde es alsbald neu servil gegen die Monarchen, sobald diese ihr Übergewicht betätigten. Den Anfang machte der hessische Minister Hassenpflug, der für den elenden Tyrannen von Hessen die Verfassung brach und a tempo mit seinem Gebieter selber an die Luft gesetzt wurde. Da nun Preußen laut der Erfurter Reichsverfassung die hessische Verfassung schützen mußte, ließ es Truppen dort einrücken, Österreich aber auch mit Vollmacht des Bundestags, um besagte Verfassung noch in der Wiege umzubringen. Dieser bethlehemitische Kindermord gelang, weil die Preußen auf Befehl mutig zurückwichen. Radowitz löste mittlerweile Brandenburg als Ministerpräsident ab, und sein Rat, den Übergriffen Österreichs mit Waffengewalt entgegenzutreten, bewies entweder, wie wenig er mit Österreich liiert war oder zu sehr. Aber da beschloß plötzlich königliche Laune, ihn abzusägen, weil sein Erfurter Programm ohnehin schon durchlöchert schien. Otto hatte im September Johanna nach Reinfeld begleitet und von dort seinen Bruder in Külz besucht. Herr v. Derenthal, der ihn bis Köslin in ein politisches Gespräch verwickelte, fand ihn schlaftrunken und unendlich gleichgültig. »Bismarck interessiert sich für nichts als seinen türkischen Weizen, der drei Fuß über seine eigene Mannshöhe stehe«, klagte er später. In Külz versank Otto in die platteste Alltäglichkeit. Seine Schwägerin strotzte vor Fett und Gesundheit »wie ein Fäßchen voll Drillinge«, seine Nichten Elise und Jenny, sein Bruder und Moritz Blanckenburg, der sich mit Kreisgeschäften wichtig tat, die Herren v. Marwitz und Lettow unterhielten ihn mit Typhus in Kolberg. »Wilhelm Löper wird kaum wieder aufkommen, seine Frau liegt schwer darnieder, früher ein Goldfischchen mit 300 000 Talern, dem alle Welt den Hof machte. Was hilft das Geld! Wilhelm Ramin ist auf und davon, hinterläßt nichts als 200 000 Taler Schulden.« So ging die Litanei weiter. Such is life! sagt der Londoner Cockney. Er erinnerte sich des geschwätzigen Löper aus jener Postfahrt, Ramin war ein Jugendgespiele. Das Leben rennt den Durchschnittsmenschen wie Wasser durch die Finger, lauter kleine Miseren. Auf der Fahrt nach Berlin verwechselte man seinen Koffer mit dem eines Kösliner Juden. »Die Sorte verfolgt mich.« Geärgert suchte er Frau von Manteuffel auf und hielt ihr eine ironische Kapuzinade, wie er durch des Ministeriums liberale Maßregeln gegen die Gutsbesitzer heruntergekommen sei. Nicht mal anständige Kleider besitze er. Er schraubte die Bestürzte so lange, bis er den Kofferunfall eingestand und die Spannung sich in allgemeine Heiterkeit löste. »Ein Regierungsassessor Wunderlich, den ich auf der Treppe traf, klagte über demokratisch-französische Stimmung in den Rheinlanden«, erzählte er dem Redakteur Wagener, bei dem er speiste. »Ja, ja, die Zeit ist wunderlich!« Eiligst machte er sich wieder nach Schönhausen auf, um Deichgeschäften obzuliegen. Die politische Ära war für ihn hoffentlich so gut wie zu Ende. Leider sollte die Kammer Mitte November einberufen werden, »wenn nicht der große Betrüger, der eigentlich ein edler, etwas beschränkter Mensch ist, unberechenbare Änderungen macht«, schrieb er an Nanne. Der große Betrüger? Wen meinte er damit? Hoffentlich nicht den König, auf den so viel zu schimpfen er ihr untersagt hatte, weil sie ihm doch Treue geschworen hätten. In Berlin hatte er sich schrecklich gelangweilt und bei seinem Vetter Fritz Bohlen in der Ritterstraße nur über Kinderlätzchen und andere Haushaltsachen mit dessen Frau geplaudert, die ihm seine geplatzten Handschuhe nähte und seinen verwilderten Anzug in Ordnung brachte. Kleist-Retzow, Thadden und Wagener bestellten ihn zum Rendezvous nach Magdeburg bei L. Gerlach, wo sich mehrere österreichische adlige Herren auf der Durchreise einfanden. Man hatte den Plan gefaßt, sich nach Österreich zu begeben und dort Fühlung zu suchen. Otto riet davon ab, die Wiener versicherten in munter witziger Art, daß es »ssehr erfreilich, doch wennikg nitzlik ssein werrdeh. Denn schauens, bei uhns ischt ehs füll r'volutionärer als bei eich. Irr seid halt so ahngenehmeh Leit, daß Irr bessär singet: Dös geht uhns goar nix an!« Ein Siebenbürger Baron Josica schwärmte sowohl für die gottselige Metaphysik von Stahl als für den Ungarnschlächter Haynau. »Err ihs auf meiner Ärre aussgezeuchnet.« Der kluge Hans schwärmte seinerseits von einem Polizeirat Stieber, den er entdeckt habe und der hoffentlich bald aus der Versenkung auftauche, um sein ruhmreiches Wirken zu beginnen. »Der macht nicht viel Federlesens, er hat ein Gift auf alles, was liberalisch riecht, er wird den Kerls auf die Spur kommen und sie aus ihrem Schlupfwinkel ausräuchern. Auch wird's erst besser, wenn mein Freund, der Geh. Justizrat Simon, das Portefeuille für Justiz bekommt.« »Ja,« bekräftigte Wagener, »der ist unser Mann, mit dem geht man sicher.« »Noch ein getaufter Jude!« brummte Otto. Der herrliche Hans blickte würdevoll auf. »Wie kannst du nur an solchen Vorurteilen kleben! Mit der heiligen Taufe ist aller Sündenfall ausgelöscht.« »Wasser tut's freilich nicht. Pardon, das ist von Luther.« »Der teure Gottesmann hat es nicht so gemeint, verlaß dich auf mich! Gewiß haben die Juden unseren Herrn und Heiland gekreuzigt, aber solches war vorbestimmt, und sie bleiben doch das auserwählte Volk des Alten Testamentes. Ich weiß mich eins mit den Spitzen unserer hohen Geistlichkeit. Unser großer Stahl und Simons sind wahre Leuchten in Israel, ich meine im evangelischen Volk Gottes.« Otto dachte sich seinen Teil über zunehmenden Pastoreneinfluß. Politiker in langen Kleidern, ob Priester, ob Weiber, o jeh! Gerlach war, wie gewöhnlich, aufgeregt. »Radowitz Premier! Und Schleinitz geht!« »Der war ohnehin eine Drahtpuppe«, zuckte Otto die Achseln. »Ernster nehm' ich's, daß Polte sich vom König trennen will.« »Mein Bruder muß bleiben!« brauste der Präsident auf. »Sonst haben wir keinen von unseren Leuten mehr am Hoflager.« Otto gähnte. »Hol' der Henker die Politik! – Ich habe Scherereien mit der Wirtschaftsmamsell, kündige meinem Gärtner Kahle, habe Ärger mit Viehfutter, und viel Kartoffelkrankheit. Mein Kleinwild haben die verschiedenen Jagdpächter weggeschossen, die Hirsche will mein Gutspächter in der Heide nicht dulden. Man hat sich wirklich totzuärgern.« »Deshalb haben Sie keinen Ärger mehr übrig für die Staatswirtschaft? Wenn auch Manteuffel abgeht –« »Mein Weizen ist all mein Stolz«, fuhr Otto unentwegt fort. »Dichtgeschlossen, höher als ich mit der Hand langen kann. Obst hatten wir viel. Von netten Pflaumen sitzen zwar nur noch ein paar saftigblaue, doch im Treibhaus werden wir hübsche Trauben haben, reif ist heut erst die gemeine grüne Art. Kürbisse haben wir fabelhafte, ihre Ranken hängen auf die Terrasse herab.« Für nichts anderes war er zu haben. * In Schönhausen saß er vor dem leeren Kinderbettchen. Es war so still, daß man draußen die Kastanien in abgemessenen Zwischenräumen fallen hörte. Es verlangte ihn unendlich nach Frau und Kind. Mehlsuppe, Schinken, Eier und Treibhausfeigen aus Langeweile in Masse als Abendmahl verschlingen, erfordert den Trost der Rumflasche. Seine Schwiegereltern schloß er auch sehr ins Herz, »Väterchen« mit dem grauen Bart, den er sich abrasieren lassen wollte, und sein »liebes Mutsch« studierte soeben Macaulays Geschichte Englands, die Verräterin, um ihre Verfassungstreue zu stärken. Da hockt man nun als einsamer, trauriger Strohwitwer in den leeren Stuben, bildet sich zum Kettenraucher aus und muß sich bei Tage mit neugierigen Schafen, sogenannten Regierungsräten, herumquälen, die nicht wissen, was sie mit ihrer leeren Zeit anfangen sollen und sich ihr Gehalt damit verdienen, daß sie ihre Aufsichtsnase in Deichsachen stecken, von denen sie einen Dreck verstehen. Im verglimmenden Kaminfeuer sah er allerlei Gespenster von nahendem Unheil. Um sich zu zerstreuen, fuhr er zum Gutsnachbar Wartensleben. Die Gräfin war eine angenehme Wirtin, ihre Töchter waren auch anwesend, Frau v. Rochow aus Perleberg und Frau v. Bülow aus Braunschweig, sowie die Jüngste, Mathilde, ein Backfisch im Wachstum, mit einem zu starken Kopf. Sie staunte den riesigen Schönhauser an und las dann nachts »Chamissos Frauenliebe«, weil es dort so schön heißt: »Er, der herrlichste von allen.« Die Damen nannten ihn einen Charmeur, weil er liebenswürdig über Nichtiges drauflosplauderte und ihre Klavierstücke mit zweifelhaftem Vergnügen anhörte. Mit dem dritten Sohn, Leutnant der 6. Brandenburger Kürassiere, spielte er Billard, mit dem Grafen rauchte er vor dem Kamin. »Ja, ja, da hab' ich nun fünf Leutnants in der Familie, zwei Kürassiere, einen Ziethenhusaren, zwei der Fußgarde. Der eine ist gerade beim Okkupationskorps in Hessen.« »Dort werden wir uns furchtbar blamieren.« Als er von Carow nach Hause fuhr, regnete es unablässig, so daß er und Kammerdiener Hildebrand, der kutschierte, pudelnaß wurden. Auch windete es so, daß der leichte Korbwagen einmal, auf der Chaussee weggeschoben, stillhalten mußte. Weiß der Teufel! dachte er mürrisch, ich spüre so was von politischem Rheumatismus in den Gliedern, wir werden dies Jahr noch einen heftigen Anfall erleben. Bah, laß fahren dahin! Meine verrückte Mamsell werde ich entlassen, die schwatzt den ganzen Tag von ihrem erhabenen Bruder, Großkaufmann in Berlin, der ein großes Tier in Eisenbahndingen sei. Wohl möglich, diese Bourgeois geben heut den Ton an. Wozu die politischen Etiketten, die man auf die Flaschen klebt! Konservativ lies Agrarier, liberal lies Kapital, Demokrat lies gelehrtes und ungelehrtes Proletariat. – Nichts als Regen und Verdruß. Mit Wasserstiefeln meilenweit in Sümpfen waten, im Kahn an den Deichen herumkriechen, zu Hause sich geschlagene drei Stunden durch das grausame Stadträtchen Gärtner anklöhnen lassen! Schöner Morgentraum von Meerufer mit Fels und Lorbeer, davor eine italienische Stadt, wohl Genua, das ich so gern mit Nanne sehen möchte. – Aufweckung durch Gerichtsdiener, Vorladung als Geschworener nach Magdeburg! Man ist doch ein geplagtes Menschenvieh in diesem modernen Staat, jeder nur ein Hammel mit aufgebrannter Stempelnummer. Der demokratische Kreissekretär des Landrats, der alles in Händen hat, tat mir sicher aus Bosheit den Tort an. Bei der ganzen Couleur bin ich bête noire , soeben bringt die Kölner Zeitung eine alberne Notiz über mich als politischen Giftmischer. Wenn die Kerls doch wüßten, wie mir die ganze Politik zum Halse rauswächst! In hellem Zorn nach Magdeburg gefahren, um den Schwurgerichtsmonat loszuwerden, fand er bei Gerlach nicht die geringste Ermunterung, der ihn an den Gerichtspräsidenten Meier verwies. Dieser, ein getaufter Jude, sah Otto durch die Brille neugierig an und erinnerte sich an Bismarcks Landtagsrede gegen die Judenemanzipation. »Ach, bitte sich an Kriminaldirektor Fritze zu wenden.« Dieser wunderte sich über solche Ausflucht, er habe doch keine Befugnis, die Liste zu ändern. Gerlach aber zeigte sich pikiert. »Sie sperren sich gegen ein so gewichtiges Ehrenamt, zu dem sich jeder gute Staatsbürger drängen sollte. Das bißchen Unbequemlichkeit in Magdeburg –« »Das ist's ja gar nicht, sondern die Sehnsucht nach Weib und Kind.« Gerlach verbeugte sich lächelnd und schaukelte den Oberkörper verbindlich, als quittiere er höflich über eine konventionelle Redensart. Darüber geriet Otto in solchen Grimm, daß er über alberne Einrichtungen tobte. »Dann werden Sie eben vier Wochen Arrest auf Festung ziehen«, versetzte Gerlach kühl. »Übrigens, mäßigen Sie sich, alter Freund! Sind Sie mal im Zorn, so scheint Ihnen gleichgültig, gegen wen. Ich bitte Sie, mich ein wenig zu respektieren.« Auf der Heimfahrt kränkte er dann noch den Landrat v. Alvensleben, wie er sich von seinem Sekretär am Gängelbande führen lasse. Um die Stettiner Bank zu befriedigen, von der er eine Hypothek aufnahm, schloß er einen Holzhandel ab. Das Gerücht verbreitete sich, er werde Schönhausen aufgeben, es meldeten sich schon Käufer für die Orangerie. »Wie ist denn das, Liebster?« erkundigte sich auf einem Fest im Gutshof Scharteuke, dessen kinderloser Besitzer sich in Nippes und Marmorwaren großen Luxus erlaubte, ein Herr v. Britzke, ein kleiner, kahler Kerl mit schwarzen Bartborsten. Die Herren v. Byren, Katt, Ostau klagten im Chor: »Sie wollen uns doch nicht untreu werden?« »Unsinn, dummes Gerede!« Es hat etwas Wohltuendes, daß die Landjunker unter sich wie ein besondere Clan verkehren, schottischer Stil, jeder ein schottischer Vetter zehnten Grades! dachte Otto, der gerade Scotts »Kloster« las. Für all die Kinkerlitzchen hier der Scharteukeschen Herrlichlichkeit gebe ich aber noch nicht den winzigen Zeigefinger meines Töchterchens. Der König lud ihn persönlich als »Schloßgast« nach Letzlingen zur Jagd mit Nachtquartier ein, wollte ihn also sprechen. Doch er schrieb ab. Er besuchte einen Herrn v. Levetzow, der paralytisch war und nur an zwei Kücken stehen und gar nicht mehr gehen konnte, weil dessen allgemeine Unbeliebtheit ihn anzog. Er fand den armen Teufel sehr freundlich, gutmütig und geduldig und erfuhr von seiner ungemein großen Wohltätigkeit. Da haben wir's wieder! Vox populi vox asini , nicht dei . Der Welt Urteil ist fast immer launische Falschheit. Da mag ich mich über meine eigene Unpopularität trösten, über all die Lügen, die man über mich in Umlauf setzt. »Sie lesen ja wohl täglich Ihre Kreuzzeitung«, sagte Levetzow. »Da steht heute das traurige Ende eines Bekannten von mir drin, Leberecht v. Borstel auf Schwarzlosen.« »O, den kannt' ich sehr gut. Was ist's mit ihm?« »Der hat sich einen Korb von einem Fräulein v. Hymmen in Bonn so zu Herzen genommen, daß er gemütskrank wurde und sich erschoß.« »Herr, du mein Gott! Die armen Angehörigen! Seine Tante ist die Katte auf Wilhelmstal. Er stand früher bei den Gardekürassieren und stammt vom alten Borstel der Befreiungskriege. Daß ein kerniger Mann sich so weit vergessen kann!« »Sie haben gut reden, Herr v. Bismarck«, erinnerte Frau v. Levetzow. »Sie sind so glücklich verheiratet und ein exemplarischer Ehemann.« »Die Liebe, ach die Liebe hat ihn so weit gebracht!« summte der arme Gichtbrüchige. »Larifari! Ein Mann hat Pflichten gegen sich selbst und gegen den Staat. Solch unmännliche Hingabe an eine Leidenschaft rührt mich nicht. Gott sei seiner Seele gnädig!« – Die Geschworenenpflicht war er durch Regierungsprotektion losgeworden, doch eine andere sehr unerwartete traf ihn, als er gerade in Pommern anlangte. Die Einberufungsorder der Landwehr! Am gleichen 26. Oktober, wo er von Jerichow abreiste, hatten sich Kaiser Franz Josef und Fürst Schwarzenberg in Warschau eingefunden, um den Schiedsspruch des hochmütigen russischen Despoten zu vernehmen, der in der hessischen Frage frech und roh die Parole ausgab: »Auf den ersten, der schießt, schieße ich.« Also eine intern deutsche Angelegenheit gehörte vor sein Forum, und die beiden deutschen Großstaaten hatten nicht das Ehrgefühl, ihm zu antworten: Und wir beide schießen auf Sie, wenn Sie sich unbefugterweise einmischen! So viel Anstand besaß der Hohenzoller aber doch noch, daß er nicht selber kam, sondern den Grafen Brandenburg schickte, nachdem er vergeblich seinen zarischen Schwager bestürmte, seine Unionspolitik zu billigen. In Reinfeld vernahm Otto durch Wagener das Nähere über die Warschauer Zusammenkunft, von der Brandenburg unverrichteter Sache heimkehrte. Düster erzählte Otto den pommerschen Verwandten: »Brandenburg hat im Ministerrat Bericht erstattet und sich dann aufs Krankenbett gelegt. Sein point d'honneur als Patriot und Offizier ist tödlich verwundet worden. Der Zar unterfing sich, ihn anzuschnauzen: »Ich habe meinen Schwager hierher vor mich beschieden«, worauf Brandenburg wundervoll: »Ich darf solche Worte nicht hören.« Der Zar belegte hierauf unsere Minister mit Schimpfworten, die natürlich unserem König galten. »Die Hessen sind Rebellen, die man zusammenhauen muß wie die Schleswig-Holsteiner.« Wir haben also jetzt einen allergnädigsten Oberherrn in Petersburg, der über alle deutschen Staaten mit der Knute verfügt.« Als aber alle Anwesende ihre Empörung äußerten, setzte er hinzu: »Verdenken kann ich's ihm nicht, das Treiben bei uns mußte ihn rasend machen, hoffentlich bricht sich jetzt Radowitz das Genick.« »Du bist und bleibst eben ein hartgesottener Reaktionär«, tadelte Vetter Albert Below spitz. »Na, diesseits und jenseits des Gallenbergs gibt's ja ein reaktionäres und liberales Pommern. Auf unserer Seite werden wir Radowitz's Gesundheit in Champagner trinken, zum erstenmal ihm dankbar, und ihm gute Reise wünschen.« Der Gallenberg, eine Wasserscheide, konnte freilich erregte Stimmung in Vor- und Hinterpommern erblicken, als die Kunde kam, Radowitz habe im entscheidenden Ministerrat am 2. November den Krieg gegen Österreich empfohlen, der König aber abgelehnt, und Manteuffel sei Premier geworden. »Mir fällt eine Last vom Herzen«, jubelte Otto. »Ich kann nicht glauben, daß der Austriake Radowitz so borussisch sprach, da muß ein Irrtum sein. Jetzt komme Krieg, gegen wen man will, all unsere Preußenschwerter werden hoch in der Sonne blitzen.« So schrieb er auch an Wagener und bedauerte nur, daß Finanzminister Heydt, den er übrigens in Erfurt um eine private Gefälligkeit (Unterstützung eines jungen Malers) ersucht hatte, im neuen Ministerium wieder sauer aufstoße, nachdem man ihn schon verdaut glaubte. Otto litt in dieser Zeit öfters an Sodbrennen, was eine gestörte Verdauung bewies, bei ihm ein ungewöhnlicher Fall. Die am 6. November erfolgende Mobilmachung schien ihm recht zu geben, daß Manteuffel festbleiben werde. Die Sage, Brandenburg habe im Todesfieber nach Helm und Schwert gerufen, um als Ritter die Ehre Preußens zu rächen, ergriff ihn zwar, doch auf dem Wege über Berlin zum Marschquartier seines Regiments erlebte er einen Vorfall, der ihm zu denken gab. Ein pommerscher Schulze stieg zu ihm in den Postwagen. »Wie geht's, Stranzke?« »Dunnerkiel, de gnä'ge Herr von Kniephof! Gut geit's.« »Auch einberufen? Wir machen mobil.« »Wat Sa nich seggen. Wo steht de Franzos?« »Die Franzosen sind nich dran, sondern die Holters, die Österreicher.« »O je, dat tut mir leid. Dat sinn doch deutsche Brüder und de weißen Kolletts waren doch neben Preußischblau in Anno Tobak bei Leipzig. Uf die Hundsfötter von Franzosen, dat lumpige Lausevolk, da geht's besser druf, da holt jeder pommersche Jung sein Schietprügel.« Also so tiefgewurzelt blieb noch der Franzosenhaß im deutschen Volk, daß nur ein Krieg gegen den Erzfeind allgemeine Begeisterung versprach. Und erst wenn man Slowaken und Kroaten im Feld begegnete, konnte sich der Deutsche von dem Wahn befreien, das sei ein Bruderkrieg. * Otto meldete sich in Berlin beim Kriegsminister Stockhausen in miltärischer Haltung ab, da er gleichzeitig als Abgeordneter zur Kammer einberufen sei, die natürlich vorgehe. »Ich brauche wohl nicht zu sagen, wie glücklich ich wäre mit einer Landwehrschwadron auf diese Halunken einzuhauen, die uns keine Ruhe gönnen.« »Stecken Sie Ihre Plempe nur wieder ein, lieber Bismarck!« Der ihm gut befreundete alte General schnitt ein saures Gesicht. »Es gibt keinen Krieg, denn wir müssen für jetzt jeden Bruch vermeiden, weil wir die Österreicher beim Vormarsch auf Berlin nicht aufhalten könnten. Sie haben 150 000 Mann in Böhmen, dazu die Bayern, selbst wenn Sachsen neutral bleibt, und wir keine 70 000 Mann von heut bis in zwei Wochen. Wir müssen außerhalb der Mittelzone in Danzig und Minden mobilisieren oder in Königsberg und Koblenz, jedenfalls in zwei getrennten Lagern.« »Herrgott im Himmel!« fuhr Otto auf. »Solche Zustände bei uns! Wohl alles Folge der Demokratenwirtschaft, die keine Gelder im Budget für Militärzwecke bewilligt.« »Zum Teil ja, doch die Hauptschuld tragen wir selbst. Man hat damals in der Eile zu viel einzelne Kaderstämme nach Baden ausrücken lassen, die in ihrer Friedensformation jetzt im Südwesten verzettelt sind, fern von Ersatzbezirken und Zeughäusern. Das sind allein Kaders von 150 000 Mann, die dort unten stehen und die wir auf wenig gangbaren Wegen zurückholen müssen durch den Weserdistrikt.« »Warum denn? Bei der allgemeinen deutschen Notlage – Hannover und Braunschweig gehören doch nominell noch zur Union –« »Was wollen Sie! Man muß bis aufs äußerte die Empfindlichkeit der einzelnen Landesherren und ihrer Gebietsgrenzen schonen. Ich sage Ihnen, wir können nicht schlagen, wir müssen Zeit gewinnen, bis wir genug Kräfte zwischen Elbe und Oder bereit haben. Sie haben Urlaub von Ihrem Regiment, bleiben Sie bitte hier und wickeln Sie ab, was Sie können. Bis wir die Landwehr beisammen haben, darf man bei den Kammerverhandlungen sich nicht brüsten wie die führenden Preßorgane dies schon belieben. Ich versehe mich davon der schlimmsten Folgen für Beschleunigung des offiziellen Konfliktes. Wenn Sie Einfluß auf Ihre Kollegen haben, bearbeiten Sie sie mit Mahnung zur Mäßigung.« »Steht es so? Das ist ja furchtbar!« rief Otto erschüttert. »Planlosigkeit, Knauserei und Leichtsinn im Bunde! hat der König denn nie eine kriegerische Möglichkeit im Auge gehabt?« »Es scheint nicht, Majestät waren immer nur präokkupiert um die öffentliche Meinung der Zeitungsartikler. Ich bin nicht verantwortlich für alle Unterlassungssünden, obschon ich als Sündenbock der Kleinmütigkeit herhalten werde«, schloß der alte tapfere General bitter. »Ich werde Ihrem Kommandanten in der Lausitz befehlen, daß er Sie hier beläßt, komme was wolle.« – Otto nahm es auf sich, den Justizrat Geppert für die traurige Auffassung zu gewinnen, daß man klein beigeben müsse, trotzdem das gekränkte Nationalgefühl eine Sühne heischte. Geppert, Führer der rechten Seite des Zentrums, ließ sich widerstrebend bewegen, für die Regierung einzutreten, wenn diese zu Kreuze krieche. Die Stimmung in Berlin blieb trotz turbulentem Säbelrasseln mit Papier und Tinte um so gedrückter, als Rußland sich übelwollend verhielt und Frankreich Lust zeigte, am Rhein zu profitieren. »Man spräche davon, sich mit Österreich gütlich abzufinden und die einmal aufgebotenen Massen nach Frankreich zu werfen«, berichtete Wagener in der Redaktion, wo Otto sich informieren ging. »Der Prinz von Preußen soll dafür sein, um jeden Preis einen Krieg zu führen.« »Er ist viel zu klug, um solche Schimäre auszuhecken. Wir sind in keiner Weise gerüstet. Setzen Sie in Nr. 269 der Zeitung morgen auseinander, was die Rechte befürwortet: Einteilung in Interessensphären, so daß Preußen und Österreich allein zusammen die Exekutivgewalt über die Kleinstaaten haben. Nur so ist ein ehrenvoller Ausgleich möglich. Den Sturz Manteuffels müssen wir mit allen Mitteln hindern.« »Die Wogen gehen hoch gegen ihn, auch bei Hofe.« »Ich weiß wohl, Radowitz und seine Hampelmänner Heydt und Ladenberg im Ministerium, die gegen ihren Chef intrigieren. Sie weben immer noch am Kaisermantel, wurmstichigem Hermelin mittelalterlicher Tradition, zugeschnitten nach moderner Revolutionsmode. Mir brennen die Sohlen vom Herumlaufen, um vernünftige Menschen zu entdecken. Ich wäre auch lieber Diogenes in der Tonne, als mit der Laterne auf der Straße. Schreiben Sie recht deutlich. Sie seien durch diplomatische Aufklärungen in den Stand gesetzt usw.« »Manteuffel sieht sehr schlecht aus, als wäre er ein Todeskandidat; er wird noch Nervenfieber bekommen, wenn die Linke ihn weiter der Bestechlichkeit und Feigheit beschuldigt. Übrigens ist der russische Gesandte Meyendorf auf Urlaub, d. h. abberufen. Der Zar soll geäußert haben, er könne seinen besten Diplomaten nicht als Irrenarzt entbehren. Baron Budberg, bisher Geschäftsträger in Frankfurt, vertritt ihn.« »Den kenn ich von früher her, wo er hier Attaché war. Er verkehrte bei uns im ›Kasino‹, das hat auf seine satirischen Rapporte aus Frankfurt abgefärbt, die den Zaren sehr belustigt haben sollen. Wenn aber ein Ausländer hochherab die deutschen politischen Professoren verspottet, habe ich dabei sehr gemischte Gefühle landsmannschaftlicher Solidarität. Es wurmt mich doch, daß der Michel als Hanswurst von hochnäsigen Moskowitern ausgelächelt wird. Mit Meyendorf sprach ich neulich, Budbergs Hohnberichte haben insofern genützt, als der Zar den deutschen Liberalismus nicht mehr ernst nimmt. Er hält Österreich für stärker und zuverlässiger, bedauert aber das altbefreundete Preußen, und wird seine Hand nicht zu unserer Demütigung hergeben, zumal er ein Eingreifen der ihm so tödlich verhaßten französischen Republik fürchtet.« »Das wäre ja ausgezeichnet,« rief Wagener erfreut, »wenn uns Rußland nur einigermaßen den Rücken deckt, werden wir den nötigen Aufschub gewinnen, um gegen Österreich die Rüstung zu vollenden.« »Und Rußland behält das Schiedsrichteramt«, betonte Otto bitter. »Nun gut, Stockhausen braucht sechs Wochen, um schlagen zu können, die müssen wir ihm in Kammer und Presse durch versöhnliche Reden verschaffen. Es ist zum Teufelholen, dieser bankerotte Donaustaat fordert uns zum Kapitulieren auf. Nur um Gotteswillen keine moralischen Eroberungen mehr, keine Oratorien von rührendem Deutschtum, das wir tugendhaften bescheidenen Preußen um einige Belohnung anbetteln!« – Gerlach fand er jedoch umgekehrt allzu friedensbedürftig. »Oesterreich hat den Rechtsstandpunkt für sich, Radowitz hat Kassel ganz gegen Völkerrecht besetzen lassen, in dieser Patsche stecken wir nun. Ein Ministerium Pathow-Camphausen-Vincke im Kriegsfall ist unser Ruin.« »Nun, dann wären die Herren ja so weit, wie ich immer sagte, mit ihrer Losung: Alles muß ruiniert werden, damit auf den Trümmern irgendeine Utopie erblühe. Aber wenn's zum Schlagen kommt, sind solche fromme Wünsche ebenso nichtig wie der Rechtsstandpunkt, der immer ein kitzlich Ding ist bei Völkerzwisten. Wer die Macht hat, hat das Recht.« »Das sind höchst unmoralische Ansichten«, Gerlach bekreuzigte sich sozusagen. »Und wenig konservativ, verzeihen Sie mir.« »Nur zu! Als ob wir immer so penibel wären! Viele, die auf die Verfassung vereidigt sind, würden sich nicht lange besinnen, sie zu durchlöchern. Sollen wir dulden, daß die Herren Kroaten sich zwischen unsern östlichen und westlichen Provinzen in der Lausitz aufstellen, als lebten wir in schönsten Siebenjährigem Krieg? Den Vers, »Ja, eine Grenze hat Tyrannenmacht« kann man paraphrasieren: Ja, eine Grenze hat die Lammsgeduld.« »Man merkt, wie jung Sie noch sind«, fertigte der alte General spitz ab. »Es wäre ein Triumph der Revolution, wenn die zwei monarchischen Armeen sich zerfleischten, Tertium gaudens . Die Schadenfreude der Roten möchte ich sehen! Sie hetzen also für Bruch und Krieg?« »Ich hetze überhaupt nicht und verbitte mir solche Ausdrücke. Ich arbeite mit Händen und Füßen für den Frieden. Doch bei allzu frecher Unverschämtheit des bankerotten Österreich bin ich eben dafür, daß wir uns nichts gefallen lassen, sonst stehen wir blamiert vor Europa da.« »Europa! England hält uns platonische Vorlesungen gegen den Krieg, so schön wie Büchsel neulich über 90. Psalm gepredigt, und läßt uns dann feierlich im Schlamassel sitzen. Frankreich sorgt sich zärtlich um die arme deutsche Nation und sucht deshalb eine Kaiserkrone für seinen neuen Präsidenten im Kölner Dom. Unser einziger Allierter wäre der re traditore , wie Konservative und Revolutionäre ihn beide nennen, in Turin, für den wir Kastanien aus dem Feuer holen würden.« »Ganz recht, und siegen wir mit Hilfe der deutschen Demokratie, wird sie ihre Wunden als Rechnung präsentieren, zahlbar auf Sicht. Das alles weiß ich. Aber Sieg bleibt Sieg, und die unheilbarste Niederlage wäre die ohne Kampf.« »Sie werden sich auch noch die Hörner ablaufen und Wasser in Ihren Wein schütten. Wissen Sie, was Stockhausen einer gewissen sehr hohen Person erwidert hat, die ihm beleidigende Vorwürfe machte? ›Ich kenne keine Ehre, die anfängt, wo der gesunde Verstand aufhört.‹ Morgen fährt Manteuffel zur Konferenz mit Schwarzenberg nach Oderberg und bringt uns den Frieden heim. Die rheinischen Stellenjäger werden uns nicht besoffen machen mit dem Gebräu, das sie preußische Ehre nennen.« »Könnt ich Ihnen doch so beipflichten, wie in Ihrer Verachtung dieser Simulanten! Doch die Kriegshitze der bewußten hohen Person werden Sie wohl nicht im Verdacht haben, daß sie aus unlauteren Motiven hervorgeht. Nun, hoffen wir das Beste von Manteuffels Reise, die mir eigentlich auch nicht recht gefällt, das heißt doch, dem Frieden nachlaufen. Doch, qui vivra verra .« – Die Straßen lagen voll Schnee und aufgeweichtem Schmutz. Die Rinnsteine in der Bernburger Straße liefen über. Die Stadt befand sich in fieberhafter Aufregung. Überall sah man Büsten von Robert Blum, des »Märtyrers der Revolution«, vor denen Landwehrleute in Uniform ihre Andacht verrichteten, nachdem man vorsichtig diese Abbilder eines fanatischen Antipreußentums mit schwarzweißen Schärpen und Kokarden behängte. Die Mobilmachung nahm ihren Fortgang. Schwester Malwina erzählte weinend, auf ihrem Gute Kröchlendorf seien alle Leute ohne Ausnahme bei der Fahne. Der alte Vetter Theodor v. Bohlen stolzierte zur Ritterstraße als Chef einer Pommernbrigade. Ottos Leibschneider Sasselberg weinte vor Schreck, als ihm bedeutet wurde, gewisse lange Schnürgamaschen müßten bis zum Abend fertig werden, und weinte vor Freude, als Otto es wieder abbestellte, es habe keine Eile. »»O Jotte doch, Krieg! Solch Malheur für friedliche Bürger und Gewerbetreibende! Jedes Geschäft geht Pleite, und man war wieder so schön im Zuge.« So denkt der Philister überall, seufzte Otto, und wurde wiederholt grob, weil die Leute ihn auf der Straße und in seiner Wohnung mit Fragen überliefen, als sei er ein Großsiegelbewahrer von Staatsgeheimnissen. Er wußte so wenig wie ein anderer und befaßte sich damit, Rezepte für Nanne und die lieben Bälger aufzuschreiben. Noch glaubte man nach einer ziemlich energischen Thronrede an Krieg. Doch der österreichische Gesandte in Berlin, Herr v. Prokesch-Osten, wußte es besser. Er verlangte kategorisch Räumung von Hessen binnen 48 Stunden oder seine Pässe, und Manteuffel erbat sich in zwei Telegrammen einen Fußtritt von Schwarzenberg, der ihn gar nicht eingeladen hatte. »Das übertrifft jede Befürchtung,« rief Wagener leichenblaß Otto entgegen. »Den 29. November wird man ewig im Gedächtnis behalten. Hier habe ich den Inhalt der Olmützer Punktation.« Union und Militärbündnisse aufgehoben, Hessen und Baden geräumt, Holstein den Dänen überliefert! Ärgeres hatte man noch nie einem Großstaat zugemutet, der ohne Schwertstreich sich selber ausstrich. Otto biß die Zähne zusammen und ging schweigend nach Hause, wo er auf einen Stuhl sank und lange vor sich hinstarrte. Er hatte, von der österreichischen Gesandtschaft, die einen wahren Übermut zur Schau stellte, das Wort Schwarzenbergs durchsickern hören: avilir la prusse, pois la démolir . Den ersten Teil des Programms hatte er erfüllt, jetzt galt es nur, dem zweiten in den Arm zu fallen. Überlistet und gedemütigt, aber noch nicht zerbrochen! Was nun? Den Tölpel Manteuffel fallen lassen, damit die gnädige Frau Ladenberg die Gräfin Brandenburg spielen kann? Seine knirschende Wut offenbaren, wie dies die Liberalen schon tun werden? Das ändert und bessert nichts. Lieber die Ohrfeige einstecken, als wäre nichts geschehen, und die Maske vorbinden, man danke gehorsamst für die heilsame Züchtigung. Aber geschenkt wird das Österreich nicht! – Ein zischender Laut entfuhr seinen krampfhaft aufeinanderschlagenden Zähnen: Rache! Hätte er sein Gesicht im Spiegel gesehen, möchte ihn wohl ein Schauder beschlichen haben. Es war ein furchtbares Gesicht. * Nachdem der Kommissionsreferent v. Bodelschwingh-Hagen den Wortlaut einer Adresse an den König befürwortete, die ihn der Unterstützung seines Volkes bei Vertretung der äußeren Würde Preußens versicherte und gegen jede Neubelebung des selig entschlafenen Bundestags protestierte, suchte Manteuffel lahm und ungeschickt die Unterwerfung Preußens zu verhüllen. Sofort sprang Vincke-Aachen auf und verlangte einen Zusatz zur Adresse, das Land sei empört über ein System, das zu solcher Erniedrigung führe. Es machte Aufsehen, als der geheime Archivrat Riedel diesen Antrag nicht nur unterstützte, sondern sofortige Entlassung Manteuffels forderte, der Preußens Ehre beschimpft habe. Da sprang der Abgeordnete v. Bismarck für seinen bedrohten Gönner ein. Es sei leicht, mit populärem Winde in die Kriegstrompete zu stoßen. Er schilderte die Schrecken des Krieges, und für was? Für die schönen Augen der Hessen? Für die Ehre? Davon redeten heut so laut gerade die Feinde der Armee. Er erinnerte daran, daß das siegreiche Österreich vor den Toren von Turin haltmachte auf französische Drohung hin, daß Rußland auf Auslieferung ungarischer und polnischer Flüchtlinge verzichtete, weil England und Frankreich mit Krieg drohten. Niemand habe darin eine Ehrverletzung gesehen. Preußens Ehre bestehe nicht darin, überall in Deutschland den Don Quixote zu spielen. Die Erfurter Union nenne man sonst überall nur noch mit stiller Heiterkeit. Sie sei nicht lebensfähige Jugendphantasie, und zwar, wie er sich geistvoll ausdrückte, »ein Produkt furchtsamer Herrschaft und zahmer Revolution«. Sie schließe die Süddeutschen aus, könne also nicht deutsche Einheit bedeuten, die freilich auch nicht in dem Recht bestehe, auf einer Tribüne parlamentarische Reden zu halten. In einem Krieg für das Unionsprinzip würde der Mantel des Liberalismus bald in Fetzen gehen und das rote Unterfutter zum Vorschein kommen. Man rufe zu einem Prinzipienkrieg auf im Namen Robert Blums, vor dessen Büste man allen Monarchen Rache schwöre, gegen den Erben einer langen Reihe deutscher Kaiser, und man schließe Österreich mit unbegreiflicher Bescheidenheit aus Deutschland aus, obschon dort das Deutschtum regiere und die anderen Völkerschaften nur dem deutschen Schwerte unterworfen seien. Die Kölnische Zeitung fordere die Deutschen auf, der italienischen Independenta Garibaldis zu Hilfe zu ziehen. Das enthülle so recht die Orgien der Demokratie, die sich als Patriotismus vermummen. Er sehe keinen Grund zum Krieg mit Österreich, wohl aber zum Krieg gegen eine solche Partei. Eine Kammer sei leichter zu mobilisieren als eine Armee – durch Auflösung und Wiederwahl. Die durch häufigen Lärm unterbrochene Rede entfesselte eine zum Teil ehrliche, zum Teil theatralische Entrüstung, machte aber auf alle Gemäßigten ersichtlichen Eindruck und rettete das Ministerium. Natürlich brandmarkte die Linke den verteufelten Erzjunker und Streber, daß er die Schmach von Olmütz verteidigt habe, und Otto blieb sich bewußt, daß dieser Vorwurf in allen nationalgesinnten Kreisen außerhalb der Rechten an ihm haften werde als lebenslängliches Odium. Es war aber ganz unbegründet. Er ging mit keinem Wort auf die Olmützer Abmachung ein, und völlig unbeachtet blieb der bedeutsame Hinweis, daß die soeben stipulierten »freien Konferenzen« in Dresden das Verhältnis von Österreich und Preußen erst klarlegen würden. »Wer den Krieg durchaus will, vertröste sich darauf, daß er in den freien Konferenzen jederzeit zu finden ist. Man dürfe daher nicht eher entwaffnen, als bis nicht dort ein positives Resultat erzielt sei. Dann bleibt es noch immer Zeit, Krieg zu führen, wenn wir ihn mit Ehren nicht vermeiden können oder nicht vermeiden wollen.« Er ging also bis an die äußerste Grenze der Möglichkeit, den wahren Grund seines Handelns zu erklären. Klar durfte er nicht vor dem Lande und dem österreichischen Gesandten, der verständnisvoll in seiner Loge zuhörte, den mangelhaften Zustand der preußischen Rüstung offenbaren. Er hoffte immer noch mit naiven Vertrauen des Nichtfachmanns auf zünftige Autoritäten, daß jede Diplomatie in der Lage sei, einen Krieg je nach Bedarf zu verschieben oder für dessen Austragung einen Vorwand zu finden. Aber er rechnete nicht mit der Duckmäuserei des armen Manteuffel, eines gewöhnlichen Bureaukraten, der als kleiner Landrat anfing und der sich in Dresden mit einigen Kanzleidienern dem pomphaften millionenreichen böhmischen Magnaten mit Livreebedienten, Silbergeschirren und Champagnerkübeln gegenübersah. Die Gesandten der deutschen Kleinstaaten verglichen beide Staaten in ihren Vertretern, und da zog Preußen kläglich den kürzeren. Auf diesem neuen Regensburger Reichstag schwebte wie in der guten alten Zeit wieder Habsburgs Doppeladler in vollem Glanze. ... Weihnachten in Reinfeld feiernd, verbrachte er nachher in Berlin seine Zeit mit lauter Familiensorgen, Kinderkrankheiten, deren Gefährlichkeit er als zärtlicher Vater übertrieb, Gehirnerweichung des Vetters Albert Below und ähnlichen erbaulichen Dingen. In Reinfeld hatte die Kusine Melissa v. Behr, ihm schon früher mit hysterischer Muckerei lästig fallend, die Bethanien-Stiftung mit schmachtenden Blicken verfolgt und sich nach Berlin begeben, um Diakonissin zu werden. Taktvoll schrieb er an Johanne: »Von Melissa werde ich nicht reden.« Als parlamentarischer Revisor der Seehandlung hatte er sehr langweilige Aktengeschäfte, Abhetzung mit Einladungen. Flügeladjutant v. Goltz gab ihm ein Rendezvous, um mit ihm im Auftrag des Prinzen von Preußen einiges zu beraten, wie sich denn Rußland zu den Dresdener Verhandlungen stelle. »Sehr ruhig. Ich dinierte neulich bei Budberg. Dieser junge Diplomat wird mit seiner arroganten Verachtung alles Deutschen sicher beim Zaren Karriere machen, er ist schon so gut wie Gesandter. Der Militärattache Graf Benkendorff tröstete mich freundlich, Rußland fasse die deutsche und polnische Frage nicht mehr militärisch, d. h. gefährlich auf. Ein Generaladjutant Grünewald war auch da, der irgendwie meine pommersche Familie kennt. Er sprach Baltisch-Deutsch mit Moskowiter Akzent, sagte: ›Der Kai-isr wird mir dankbar sie-in, wenn ich ihm werrd erzählen von Ihnen.‹ Man hält mich offenbar als Verfechter von Thron und Altar für einen besonderen Russophilen. Auch bei Herrn v. Prokesch steh' ich in Gunst, er grüßt immer so freundlich, berichtet wohl nach Wien, daß ich ein besonderer Freund Österreichs sei.« Er lachte leise. »Herz, was verlangst du noch mehr! Vor dieser Fülle der Gesichter wird mir noch bange.« »Ich hörte so ähnliches vom Grafen Stolberg und vom Präsidenten Senft v. Pilsach, mit denen Sie ja näher verkehren. Ich darf also dem Prinzen berichten, daß eine versöhnliche Meinung herrscht?« »Jadoch, ja!« versehe er ungeduldig. »Doch was weiß ich, was in Dresden ausgeheckt wird. Ich bin an Manteuffel etwas irre geworden.« »Das wird Seine Königliche Hoheit freuen. Höchstderselbe möchte auch wissen, wie es mit Ihrem Ministerposten in Bernburg steht, den Asseburg Ihnen anbot. Der Herzog ist blödsinnig. Sie wären der Regent des Ländchens. Ballenstädt liegt nahe am Selketal im Harz, den Sie so lieben.« »Ich gehe nur, wenn der König befiehlt. Unser Ministerium widerrät, weil sie mich in der Kammer als Champion haben wollen. Sehr schmeichelhaft! Nach meinem trägen Geschmack wäre solch kleiner Ruheposten auf meine alten Tage!« »Mein Gott, Sie werden ja erst 36.« »Aber schon so verbraucht! Sie haben keine Ahnung, wie meine Nerven gelitten haben. Ich zöge gern dorthin wegen der guten Luft für Frau und Kinder, doch wie Gott will. Die Preußenpflicht geht vor.« »Das wird den Prinzen erst recht erfreuen. Wissen Sie, daß Ihr Freund Kleist-Retzow vielleicht Präsident in Köslin wird?« »Das ist ihm zu wünschen.« Wie sagt doch der Berliner? Mit Geduld und Spucke fängt man manche Mucke. Hänschen wird von hoher Beamtenleiter noch mitleidig auf mich stellenlosen armen Schlucker herabschauen. Als er in kirchenpatronatlicher Treue einen Sohn des Pastor Sauer von Koglizow in die Oper mitnahm, wunderte sich dieser über respektvolle Grüße, die sein kirchenfrommer Patron von sehr demokratisch aussehenden Herren empfing. Tatsächlich fügte es sich so, daß die Roten und Republikaner, Klasse Robert Prutz, ihm geradezu schmeichelten, um ihren gemeinsamen Haß gegen die »Gothaer«, die Halben und Lauen, zu betonen. Otto nahm die Dinge fast gemächlich. Masern und Scharlach seiner Kleinen bekümmerten ihn viel mehr als politische Kinderkrankheiten. Er verfiel in jenen Musikrausch, der bei bedeutenden Gehirnen immer eine Abstumpfung und Ruhepause bedeutet. Sein alter Bekannter v. Keudell in Pommern hatte ihn stets durch Meisterschaft im Klavierspiel angezogen. Jetzt tat es ihm eine Gräfin Görz an, geborene Fürstin Wittgenstein, die immer nur für Beethoven in die Tasten griff. Sogar ein Kosakenhetman, den er bei Baron Budberg traf und der wie Puschkin und Lermontoff vom Kaukasus zu berichten wußte, alles blasiert verachtend außer dem großen Zaren Nikolai, gewann ihn durch Klaviervirtuosität, wobei sein Mongolengesicht sich verklärte. Er sehnte sich nach tiefer Einsamkeit im sommerlichen Bergtal, den Kopf in Hannas Schoß gelegt, dem Bachgemurmel lauschend, durch Zigarrendampf und grüne Wipfel den Himmel anblickend, von der Liebsten angeblickt. Statt dessen wurde er Tag für Tag wie ein Kreisel herumgejagt, so daß er erst nachts in der Kneipe verpustete und bis 3 Uhr früh beim Biere saß. Kam er nach Hause, Jägerstraße 8, so genoß er das hübsche Bild, wie der graue Hans, im grauen Schafspelz auf dem Sofa angewachsen, feierlich bei flackernder Kerze irgendein Promemoria schrieb. Der kleine Mann nahm es wirklich ernst mit seiner Staatsmannschaft! Indessen waren seine geräucherten Moränen sehr ernst zu nehmen, auch die Spickgänse von zu Hause, der einzige Lichtblick in diesem Jammertal Berlin. »Wir sind Ihnen bitterböse«, begrüßten ihn Schloßhauptmann Sigismund Arnim und zwei Herren v. Massow und Kanitz, die ihn in der verlängerten Dorotheen-Armkleinjüngchenstraße stehen sahen. »Man sieht Sie ja nirgends.« – »Weil man mich zu viel anderswo sieht, in öden Kammerkommissionen.« – »Was betrachten Sie denn so das Haus da?« – »Dort ist arm klein Jüngchen geboren,« lachte er humoristisch. »Neulich besah ich mir auch Wilhelmstraße 139, da war früher Plamann, wo arm klein Jüngchen zur Schule ging. Ach, wie ist das Leben doch nur ein flüchtiger Traum! Der kleine Garten dort war einst meine Welt. Stundenlang hätt' ich dort sitzen und an die Kindheit denken mögen! Die Bäume, diese alten Bekannten, und der Bretterzaun waren Geburtsstätten von Luftschlössern, die lange zerfallen sind. Und jetzt, wo ich hätte weinen können, rief mich mein Hans Kleist-Retzow, die verkörperte Prosa, und jetzt weiß ich ja, was für ein kleiner Fleck der Garten ist, und daß mich Geschäfte zu General Gerlach riefen. O weh, die Jugend, die Kindheit, die Romantik, die Poesie! Alles futsch!« Die drei Herren sahen ihn dumm an, und als er ging, räusperten sie sich und einer sagte bedächtig: »Merkwürdig, wie die klügsten Leute manchmal so verschroben sind!« Er hatte mit David Hansemann zu verhandeln und fuhr mit ihm, der ihm ein besonderer Greuel war, in einer Droschke, und der rheinische Bankier sagte nachher: »Ein ganz liebenswürdiger Mensch, der böse Bismarck. Das hätt' ich nie geglaubt. Aber doch ein irrender Ritter, und von Geschäften versteht er nichts. Das heißt – die Geschäfte sieht er ganz klar, bemerkenswert klar, aber man fühlt eben, daß er an feudalen Skrupeln leidet und der liberalen Großzügigkeit entbehrt.« Indessen ging Otto zum Abendmahl, was er den Tisch des Herrn nannte, und betete inbrünstig vor Pastor Knack. Ein Liberaler, der davon hörte, urteilte mit beneidenswerter Sicherheit: »Wußt' ich ja. Entweder total borniert oder ein kompletter Heuchler. Wahrscheinlich das letztere. Diesen Junkern ist nie zu trauen. Er weiß gewiß, daß die Pfaffen ihm eine gute Note geben und der Wind bei Hofe für solche Torheiten günstig ist.« Auf einer Soiree bei Fürst Radziwill traf er den König, der ihm die Hand drückte und ihn persönlich zu einem Hoffest einlud ... Der hellerleuchtete Weiße Saal mit seinen Säulen und Treppen bezauberte ihn, man hatte Springbrunnen, exotische Blumen und Bäume hineingesetzt, und zum Plätschern der Wasser und zum Säuseln der Palmen stimmte seine Seele in musikalischen Akkorden. Er sah behaglich auf weichem Diwan der Galerie und überschaute das farbige Gewühl da unten, bunte Damentoiletten und Uniformen, eine wogende See von schimmernder Eitelkeit. »Eitelkeitsmarkt«, kam ihm der Titel von Thackerays Roman zu Sinn, und er versank in tiefes Nachdenken. Diese tausend Personen da unten nennen sich die große oder die schöne Welt, und doch sind sie gar nichts als ein beliebiger Ausschnitt der Welt. Die Dirnen und Zuhälter in einem öffentlichen Tanzlokal halten sich auch für eine besondere Welt, und wenn man Halbwelt sagt, so heißt das nichts, denn eine ganze Welt findet man nirgends. Als er in den Saal herunterging, engagierte ihn erst die Stolberg zu einem Kontertanz, weil ihr Tänzer sie sitzen ließ. Da konnte er nicht mehr los, eine hohe Dame befahl ihn zum Lancier: die Herzogin Agnes von Dessau. Als er eben absetzte, stand der König vor ihm und sagte gnädig: »Sie Schlimmer! Seit einer halben Stunde liebäugelt die Königin mit Ihnen, und Sie merken es gar nicht.« Verdutzt beeilte sich Otto, der hohen Landesmutter seine Honneurs zu machen, die von Huld strahlte. »Sie wissen, daß ich Sie als meinen Ritter betrachte. Mein Gemahl braucht solche tapferen Vasallen, die fest zum Throne stehen. Was macht Ihre Frau? Sie tanzen, wie ich sehe? Doch Sie sagten schon früher: nur aus Gesundheitsrücksichten.« Sie drohte schelmisch mit dem Fächer. »Das ist die volle Wahrheit, Majestät. Ich muß den ganzen Tag am Schreibtisch sitzen oder in Kammersesseln und komme nicht dazu, mir sonst Bewegung zu machen. Am Tanzen selber liegt mir nichts, ein alter Ehekrüppel wie ich ist über dies Vergnügen hinaus.« »Mit dem Krüppel wird es wohl nicht so weit her sein«, berichtigte die Königin, indem ihr Blick anerkennend seine hohe Gestalt streifte. »Doch begreife ich, was Sie meinen.« Für die Herzogin, die daneben stand und sich etwas verlegen fächerte, enthielt freilich seine Erklärung nicht viel Höflichkeit. Beim Souper traf er einen Bekannten, jenen Verehrer seiner Frau, den jüngeren Savigny, der sich auf seine französische Abkunft etwas zugute tat und sich Charles nannte. Dafür erhielt er von Otto den Spitznamen »Don Carlos« infolge seiner steifen Grandezza. »Meinen gehorsamsten Handkuß der verehrten Frau Gemahlin!« Er erkundigte sich angelegentlich und mit wirklicher Wärme, und eine Tischnachbarin Ottos, Gattin des Diplomaten v. Usedom, eine ziemlich auffallende, englische Dame, versicherte ihm, Savigny spreche auch hinter dem Rücken begeistert von Johanna als »a very clever and sensible woman« . »Sind Sie nicht eifersüchtig?« Er lachte herzlich. Ihn freute es sehr, daß Hanna vielen Leuten gefiel, obschon sie so gar nichts äußerlich Bestechendes an sich hatte. »Very clever?« sann er darüber, doch wohl nicht im üblichen Sinne, aber die Erbweisheit des weiblichen Geschlechts, den sechsten Sinn der Frau hat sie, und das bezaubert jeden Mann. Er fuhr mit Schwester Malwine nach Haus, die er ein wenig auszankte, weil sie zu viel Bälle mitmache und mit zu viel Passion tanze. »Nachher wirst du daniederliegen, körperlich abgespannt und seelisch angegriffen.« »Ach Gott, mit Fastnacht ist ja jetzt die Saison geschlossen. Und zu Hause langweile ich mich so. Wenn ich dich nicht hätte!« Er seufzte. Wie selten ist doch eine harmonische Ehe, und wie ungleich sind Geschwister! Bernhard war ein braver Philister, Malle zwar klug und leidlich gebildet, aber voll Vergnügungssucht und öder Weltlichkeit. Zu Hause erwartete ihn der graue Hans mit dem 118. Psalm, was er nach so viel kaltem Champagner als Herzstärkung zu sich nahm. Doch konnte er nicht umhin, beim Einschlafen zu erwägen: Ob wohl der liebe Gott es für reglementmäßig hält, tagsüber zu schuften, abends zu tanzen und zu schmausen und dann als Sündenablaß einen Psalm zu lesen? Wir sind doch alle ziemlich naiv mit unserer doppelten Buchführung. Der alte Lord Westmoreland, der für alles Berlinische schwärmte, versicherte ihn einmal über das andere, er sei ein fideles Haus, und Olympia Usedom, die ewig taktlose, klopfte ihm mit dem Fächer auf die Schulter, als Strohwitwer sei er am nettesten. Doch er war sich bewußt, daß er weder fidel noch nett, sondern innerlich des ganzen Treibens müde sei. * Die rosige Gräfin Elisabeth Stolberg-Wernigerode, die er Rosa unica taufte, und die von Johanna vergöttert wurde – zum Teil wohl auch, weil sie eine Erlaucht war – klagte ihm, daß sie auf Daguerrotype häßlich wie ein Pavian sei. Dafür führte er den kleinen Pavian Kleist-Retzow bei ihr ein und lobte ihr Ölbild. Ja, natürlich, dachte er, wir bedauern, daß wir uns für große Männer der Vergangenheit auf die Maler verlassen müssen, die doch nicht die absolute Ähnlichkeit herausbringen können. Welcher Irrtum! Den richtigen Ausdruck kann kein starres technisches Typen wiedergeben. Jeder grinst dabei oder schneidet sonst Gesichter, nur der Künstler sieht die Quintessenz eines Gesichts und malt gleichsam die Seele. All diese modernen Fortschritte sind im Grunde Humbug, und die Eisenbahn kommt letzten Endes nur dem Handel zugute. In der Postkutsche fuhr sich's unbequemer, aber poetischer. Man hatte was vom Reisen. Auf dem letzten Hofball beim König tanzte er und schlief danach sehr gut. Doch sein Tanzen trug ihm Verdruß ein. Ein guter Freund klatschte Johanna, daß er mit Leidenschaft tanze, was zwar gelogen war, aber sie mißstimmte. Und der König, der beobachtend auf der Estrade stand, meinte zu Gerlach: »Da sehen Sie Bismarcken! Der wird noch Prinzessinnenvortänzer! Solche frivolen Jünglinge macht man nicht zu hohen Staatsbeamten.« Und der Prinz von Preußen stimmte zu: »Ganz deiner Meinung. Es widerstrebt mir, ernste Männer in Amt und Würde tanzen zu sehen. Das trifft freilich bei Bismarck nicht zu, aber der Mann hat ein gewisses Prestige und spielt eine politische Rolle. Es verträgt sich nicht mit meiner Anschauung, daß Staatsmänner wie ein Leutnant das Tanzbein schwingen.« Das kam Otto zu Ohren, und er dachte ärgerlich: ganz richtig, Bälle sind ein Sammelort für sinnliche Anziehung der Geschlechter, weiter nichts, und es liegt eine unbeschreibliche Roheit darin, daß die Frauen sich dekolletiert bloßstellen und sich von jedem Tänzer um die Hüfte fassen lassen. Das sind unsere europäischen Sitten, die ein Orientale für Bordellwirtschaft halten würde. Dabei ist der Skandal noch gar nicht alt, denn erst vor dreißig Jahren eroberte der Wiener Walzer die Salons, vorher regierte das ehrsame Menuett und später die züchtige Polka. Wieder so ein gepriesener Fortschritt, das Moderne ist immer das Gemeine. Aber wenn man diesen öffentlichen Unfug feierlich sanktionierte und als Probe der guten Gesellschaft einführt, dann ist es wiederum Humbug, den gering zu achten, der den Scherz mitmacht. Alles eine große Heuchelei. O Gott, wie sehne ich mich nach Hanna und den Kindern! Auch ein Vergnügen, mit Vincke, Saucken, Ulrichs und Wenzel, dem Randalmacher, in einer Kommission zu sitzen! Der unglückliche Regierungsvertreter hatte nur an Otto eine Schutzwehr, der forsche Vincke wurde ausfallend bis zum Pöbelhaften und der stramme Ostpreuße v. Saucken rief in seinem singenden Dialekt: »Erbarmen Sie sich! Die Regierung wird immer dümmer.« Die beiden Edelleute ließen sich nicht nehmen, sowenig wie Auerswald und Schwerin, den Bürgerlichen Mut zuzusprechen und beharrten bei ihrem Posten. Ein demokratischer Edelmann hat borstigere Haare auf den Zähnen als langmähnige Professoren. Otto konnte sich heimlicher Anerkennung für diese verruchten Standesgenossen nicht entschlagen. Ob auch in ganz Deutschland die Demokratie am Boden lag, in Preußen behauptete sie immer noch ihre parlamentarische Majoritätsstellung. »Seien Sie künftig vorsichtiger, lieber Freund!« warnte er ärgerlich den beweglichen und leicht erregbaren Kreuzzeitungsmann Hermann Wagener, der sich einen leidigen Prozeß auf den Hals lud. Die ehrliche Borniertheit des Kleist-Retzow, der in sich einen Pedanten, Egoisten, Tyrannen vereinte und darüber eine Salbe frommer Selbstgerechtigkeit schmierte, nahm er geduldig hin. Aber er wußte sich trotz aller Freundestreue dem Eindruck nicht zu verschließen, daß Wageners Kenntnisse oberflächlich, seine Auffassung seicht, nur seine Dreistigkeit tief und gründlich seien, und daß er als parlamentarischer Klopfflechter zwar viel Gewandtheit, aber auch giftige Gehässigkeit zeigte. Das hieß ihm Prinzipientreue, und jeden Widerspruch erstickte er kurzerhand mit einem Phrasenschwall, wonach jeder Andersgläubige einfach als Revolutionär gestäupt werden solle. Ludwig v. Gerlach bewies wenigstens als Appellationsgerichtspräsident strenge Rechtlichkeit und blieb im Privatleben ernst und gewissenhaft. Aber es schien eine geschichtliche Ironie, daß die Junkerfraktion sich ihre zwei eigentlichen Führer aus bürgerlichen Kreisen verschreiben mußte, denn noch mehr als der fingerfertige Literat Wagener gab Professor F.J. Stahl mit seiner etwas schwülstigen, aber geläufigen Beredsamkeit den Ton. Dieser getaufte Jude wollte aus tiefster Überzeugung zum Christentum übergetreten sein. Nur schade, daß er damals erst 17 Jahre zählte, also gewiß keine nötige Reife für Überzeugungen besaß. Nachdem er an verschiedenen Hochschulen hospitierte und dozierte und eine abstruse »Philosophie des Rechts« als eine Art Ausläufer der Romantischen Schule losließ, hatte er vor sieben Jahren in Berlin Fuß gefaßt und seine Sophistik dem unheilbaren König zu Füßen geworfen, der nach jedem Strohhalm griff, um seine königliche Mystik über Wasser zu halten. Stahl brachte es fertig, den blauen Ultras eine gichtbrüchige Metaphysik als Halt unterzuschieben und den Schein einer tieferen Weltanschauung für Legitimismus und Feudalismus herzustellen, wie es früher Josef de Maistre und die hysterische Frau v. Krüdener für die heilige Allianz versuchten. Ein Meister bestechender Rede und stilistischer Schönfärberei, machte er die muffigsten Abgeschmacktheiten mundgerecht und verlieh sich den Nimbus der Kühnheit, indem er zu scharfer Attacke überging, sobald die Liberalen entweder keine Zähne mehr hatten oder schon lange nicht mehr beißen wollten. Sophist vom reinsten Wasser, ließ er das Unvernünftige als das Vernünftige schillern und schien halb Spinoza, halb Moses, wenn er Deutschland als Hort monarchischer Gesinnung pries, was man durch keine Antastung der gottgewollten moralischen Weltordnung von 35 angestammten Dynastien schmälern dürfe. Preußen sei Vormacht und Sinnbild dieser erhabenen Grundsätze im Verein mit dem wahren Protestantismus wie Kultusminister Raumer und seine Pastorenclique ihm offenbarten. »Und dabei ist er nicht mal Preuße, sondern in München geboren!« lächelte Otto in seinen Schnurrbart. – Bei den Grafen Stolberg und Krassow und Schwager Oskar, wo die Carlsburger alten Bohlens ein paar Tage logierten, vernahm er Schauerliches über Vetter Fritz Bohlen, den guten, liebenswürdigen Menschen. Graf Solms klagte mit achtungsvollem Bedauern: »Das kommt von der Unverdaulichkeit. Hat Universitätskollege gehört, ehe er zur Armee eintrat, und jetzt hat ihn der Hofdemokrat Oriola in den Klauen.« Der alte Theodor Bohlen rief: »Seine Kameraden sind kühl gegen ihn, wie nicht anders möglich, andere Gutgesinnte auch. Fritz wird nächstens noch zinnoberrot anlaufen.« Die Mutter schwieg. Ja, freilich, dachte Otto, die hohe Bildung! Umgang mit verdrehten Professoren! Die Frauen sind immer sentimental für die Menschenrechte, mein Muttchen Puttkamer auch. Bei denen überwiegt das Gemüt. Übrigens ist das schön. – Ja, es war schön. Die große Mehrzahl der damaligen Frauen tränte von Liberalismus zum Entsetzen ihrer Männer und Brüder. Nur Mut, die Sache wird schon schief gehen! Es wird eine Zeit kommen, wo die Weiber – nicht »Frauen« – von eklem Byzantinismus triefen und Streberei für das Normalmaß des männlichen Bewerbers halten werden. Alle Männer werden vom Weibe geboren, und wenn die bessere Hälfte, der wahrlich der Menschheit Würde in die Hand gegeben, nichts taugt, da taugen die Männer zehnfach nichts. Und abermals wird eine Zeit kommen, wo die Frauen, von Sklaverei befreit, das Heft in die Hand nehmen und ein neues Geschlecht gebären, das nicht um Windmühlen ficht, »liberal« und »konservativ«, »Republik« und »Monarchie«, sondern um die wahren Realitäten. Otto Bismarck war von seiner Mutter geboren. – Väterchen Puttkamer schrieb ihm über die hochwichtige Frage, ob Gottberg, Schulte, Sprenger oder der Lauenburger Bonin im Kreis Stolpe Landrat werden sollte. Am besten kein sogenannter Junker! Das sind immer die humansten mit tausend Bedenklichkeiten und Gewissenhaftigkeiten! Die Reddenthins würden immer linkser. Kein Wunder, wenn Gott sie mit Erkrankung Albert Belows straft. An »Gehirnerweichung«, die man ihm mit christlicher Liebe andichtete, schien übrigens kein wahres Wort. »Aber Alex Below hat sich gut gemausert«, frohlockten Frau Adolfine v. Rohr, geb. Kessel und Frl. Elise v. Lettow, Freundinnen Malles, auf einem Militärkonzert in Tivoli, wohin Otto die Damen ausführte. »Er ist jetzt ganz tapfer gegen die Demokraten.« Um ihre eigne Bravour zu betätigen, ließ Malvine standhaft das nachfolgende Feuerwerk über sich ergehen, vor dem sie sonst kreischend flüchtete. Und dabei möchte sie durch Demokratenblut waten, lächelte Otto mitleidig vor sich hin. Viele alte Weiber in Männerhosen schreien ja auch nach Blut, nachdem sie vor dem revolutionären Feuerwerk ausrissen. Seine Frau bepackte ihn mit Kommissionen, worüber er gutmütig räsonierte, aber die Bürde als guter Ehemann streng verlangte; außer für Tüll und Gaze, das könne Julia Behr besorgen. »Wenn du mir nicht mit dem nächsten Brief eine Kommission schickst, liebst du mich nicht mehr.« Mitten in seiner Geschäftshetze hatte er immer Muße, für Hanna in Berlin herumzurennen und ihr lange Briefe zu schreiben. Er besorgte ihr eine neue Goethe-Ausgabe und schenkte ihr Eichendorff, den er selber noch nie las. Obschon zugänglich für deutsche Minnigsinnigkeit, und die Natur mit Dichteraugen betrachtend, lag sein geistiges Bedürfnis mehr nach der Alpenrichtung. Shakespeare, Goethe und Byron hatte er ins Herz geschlossen. »Der gute Eichendorff lebt ja noch«, klärte ihn seine Schwester auf. »Lebt hier bei seinem Schwiegersohn, Lehrer am Kadettenkorps, und ist selber Regierungsrat, und zwar ein geheimer.« »Ein Geheimrat, o Jemine! Morgens zur Kanzlei mit Akten, abends auf den Helikon. Ich fand immer, daß die Sinnigen und Überzarten, die Säuseler und Schmachter im Leben die ärgsten Philister sind, ledern wie eine alte Jagdtasche und kalt wie eine Hundeschnauze. Der Mann singt ja recht nett von Dorf und Eichen, doch was durch den deutschen Eichwald bläst, ist nicht eine Hirtenflöte, sondern der Gott, der Eichen wachsen ließ.« Auf einem Diner der englischen Gesandschaft bemerkte ihm Lord Howard vertraulich: »Unsere Regierung und besonders Ihre Majestät die Königin und Seine Hoheit der Prinzgemahl sind einigermaßen betrübt und betreten über die Anzeichen einer allzu heftigen Reaktion. Das muß zu neuen Übelständen führen, von einem Extrem ins andere.« Otto suchte ihm dies auszureden. Die Kammer sei aus den Ferien viel zahmer und vernünftiger zurückgekehrt, der König werde sich ihr annähern. Doch er dachte, wie ihm den ganzen Morgen ein biederer Landrat v. Kröcher mit Lamentationen die Zeit stahl, daß noch immer nicht der richtige scharfe Wind wehe. Besonders die Justiz müsse schneidiger gehandhabt werden. Wie jämmerlich sei 1849 der Prozeß Waldeck in die Brüche gegangen! Damals trat leider gar nichts zutage, als ein Bubenstück von Regierungsorganen, und den Angeklagten hoben alle Unbefangenen auf den Schild fleckenloser Ehre. Seit aber im vorigen Jahr ein Irrsinniger am König ein Attentat verüben wollte, fürchtete dieser Schwächling überall Gewalttaten gegen seine heilige Person. Sein verdüstertes Gehirn umnebelten noch dunkler die Hochverratsmärchen und erfundenen Anschläge, durch deren Fabrikation die Berliner Polizei unter einem gewissen Hinkeldey unseligen Angedenkens sich reif zeigte, der berühmten vierten Abteilung der Petersburger Geheimpolizei nachzueifern. Russisch war überhaupt Trumpf, und der in seinem Rasen für das, was er »Integrität der Krone« nannte, völlig übergeschnappte Präsident Gerlach rief in einem Parteikonklave im Restaurant Schwarz über den Tisch: »Jeder Königstreue soll unseren herrlichen Zaren Nikolaus wie einen Vater ehren.« Otto wandte sich schweigend ab, eine Zornader schwoll ihm, doch es wäre unklug gewesen, durch Widerspruch eine Spaltung herbeizuführen. Auch die rabulistische Sophistik des glänzenden Redners Stahl, die oft selbst Feinde blendete, ließ ihn allmählich kühl bis ans Herz hinan. »Die kleine, aber mächtige Partei« mußte freilich insofern »mit der Revolution paktieren«, wie der König verschiedene Konservative ausschalt, als sie sich der verhaßten Waffen des Liberalismus, Parlament und Presse, selber geschickt bediente. Selbst Vereinsrecht und Wahlagitation mußten für ihre Zwecke herhalten. Auf Ottos ausweichende Antwort, man sei in England wohl schlecht unterrichtet, zuckte Howard die Achseln. »Vielleicht doch nicht. Man nennt Sie hier im eigenen Lande, verzeihen Sie, die Rückschrittspartei. Ich lese Ihr Leibblatt, die Kreuzzeitung, und gestatte mir als Ausländer keine Kritik, doch unseren englischen Begriffen von politischem Anstand entspricht das nicht.« Es ließ sich nicht in Abrede stellen, daß die Kreuzzeitung schon jetzt den Grundstein ihres nachherigen Rufes legte als des nichtswürdigsten Zeitungswisches, der je die öffentliche Meinung verunzierte. Polternde Rüpelei, wie sie im Landtag aus dem Munde eines dummen Junkers nur Gelächter erregte, konnte hier straflos belfern, gewürzt mit schamlosen Denunziationen gegen jeden, der nicht dem rohesten Absolutismus huldigte, nicht etwa nur des Königtums, sondern des Adels, der Offiziere und protestantischen Pfaffen. Ein Hexensabbat von Niedertracht, der bald auch schwerste Rechtsbrüche nicht scheute und Preußen zu einem Polizeistaat im Sinne des guten Koaser Franzl erniedrigte. Otto mußte zu Howards scharfen Rügen schweigen und das Gespräch abbrechen, denn mit England sich verfeinden durfte man nicht wagen. Das gesellschaftliche Leben, schon damals ungeheuer ausgebildet in Berlin (siehe darüber Schopenhauers Brandmarkung der affenhaften »Geselligkeit«), haßte er so bitter, daß er bei Ebernhard Stolberg, mit dem er sich duzte, Tee trank, wenn er auf drei Soireen hätte antreten sollen. »Sie sieht man auch nirgends, uns schneiden Sie ja«, schalt ihn Frau Professor Stahl, deren phantastisches Kostüm ihn anekelte, womit die kluge Dame Aufsehen erregen wollte. Aber als sie mit großem Eifer von seiner vortrefflichen Gattin sprach, verzieh er ihr alles und erklärte sie für eine kreuzbrave Frau. Dagegen berührte ihn peinlich genug der Bruderzwist im Hause Habsburg zwischen Präsident Gerlach und General Leopold, denen er beiden in Freundschaft zugetan. Bei des ersteren Geburtstag, wo Otto und der graue Hans und Stahl ein Stammalbum überreichten, ging Polte am Geburtstagskind mit einer Gebärde, die einem Handgeben glich, kühl vorüber, ohne ein Wort zu sagen. Die Präsidentin mahnte: »Heute ist Ludwigs Geburtstag.« Der General drückte die Stirne an die Fensterscheibe: »Ich gratulierte ihm schon.« Otto aber amüsierte sich nicht über die stumme Bruderszene, sondern dachte wehmütig: Querelle Alemande ! Natürlich politische Differenzen! Brave deutsche Männer! Deutsch sein, heißt sachlich sein. Sachfeinde und Sachfreunde, daneben gilt das Private und Persönliche nichts. Wäre die ganze deutsche Nation so, wie diese geschmähten Adeligen, dann würden wir uns zwar an der Kehle kriegen, aber uns danach auf dem vernünftigen Sachboden einigen. Gegen überzeugte Rote habe ich ja innerlich auch nichts, ich möchte sie umbringen, aber mit Respekt, nur die elenden Poseure, die sich an ihrer eigenen Windbeutelei berauschen, sind jedes Fußtritts würdig. – Vinckes westfälische spitze Zunge sprudelte wieder Wasserfälle, doch sein Ansehen schwand schon so, daß man gegen ihn einen gewissen Winzler losließ, der wie der Mittler in Goethes Wahlverwandtschaften von einem zum andern lief und als Wilder abwechselnd bei beiden Partien hospitierte. Als Otto gerade beim russischen Gesandten Budberg zu Tische saß, stürzte ein Diener herein: »Die Zweite Kammer brennt.« – »Gott sei gelobt!« rief Otto und stürzte seinerseits unverfroren ein Glas eisgekühlten Champagners hinunter. Doch sein leichtsinniger Humor fand die gerechte Strafe, denn die Erste Kammer, das Herrenhaus brannte. Es war ein zauberhaftes Schauspiel, denn die Werdersche Kirche und das Schauspielhaus wurden förmliche Transparente, vom Brande beleuchtet. Otto hörte von den Zuschauern die schnoddrigsten Witze. »Siehste, da brennt Vinckes Rechtsboden.« »Und Bismarckens jugendliche Illusion!« »Det sind doch offenbar die brennenden Fragen!« »Wer sollte jloben, bat det olle Ding so ville Feuer in sich hätte!« »Endlich jeht ihr een Licht uf!« Als Zwischenakt wurden das Herrenhaus ausgepfiffen und die Polizei verprügelt. Na also, die Marterkammer des »Unterhauses« steht noch. – * In der Lästerallee am Hofjäger stieß er eines Nachmittags, als er dort lustwandelte und sich am schon sommergrünen Rasen ergötzte, auf einen hocheleganten Herrn, der mit ausgebreiteten Armen stehenblieb. »Sehe ich Sie endlich wieder, mon vieux ?« »Grüß Gott, Harry, ich dachte, Sie wären in Italien.« »In Mission hier«, winkte Harry Arnim geheimnisvoll ab. »Mein Innenleben geht jetzt auf in dem da!« Er wies mit anmutiger Handgebärde auf seinen säugenden Stammhalter, den eine auffallend in Arnimschen Wappenfarben dekorierte Spreewälder Amme trug. »Ah, gratuliere, wie geht's denn Elise?« Die Gattin Harrys, geb. v. Prittwitz, führte ein unscheinbares Dasein neben ihrem genial-dämonisch-romantischen Gatten. »Danke der Nachfrage, etwas leidend«, versetzte der Graf kühl und ergoß sich dann in Extase über die Geistesgaben des Säuglings, über dessen künftigem Genie er segnend schwebte. »Es ist doch ein erhabenes Gefühl, Vater zu sein. Sie kennen das ja auch, Otto. Doch Sie nahmen die Seelenprobleme ja immer leichter als ich.« Da hörte denn doch Verschiedenes auf! Dies Modekupfer für männliche Schönheit mimt den ernsten Familienvater hier, wo die Spatzen auf den Dächern seine Lebemannsstreiche pfeifen! In der Tat biß Graf Harry, eine blendende Kavaliererscheinung, jetzt eine feierliche Würde heraus, wie sie am Hof dieses allerchristlichsten Monarchen zum guten Ton gehörte. Auch machte er in ästhetischer Bildung mit Schleinitz zusammen in den Teekränzchen der Prinzeß Augusta. »Ihre parlamentarischen Erfolge,« fuhr er gönnerhaft fort, »sind bemerkenswert, ruhen aber wohl jetzt auf ihren Lorbeeren aus, denn die günstige Konjunktur für das laute Kammergeschrei ist vorüber. Wir Diplomaten machen nicht so viel Lärm, wir wirken im stillen.« Ja, verflucht! Sehr im stillen! Die ganze Diplomatie zeichnet sich besonders durch Schwerhörigkeit aus und weiß nie, was die Stunde schlägt. Es liegt im System. Die Gesandten machen sich lieb Kind bei den Höfen, wo sie akkreditiert sind, und so streut man ihnen jeden Sand in die Augen. Der arme Steuerzahler bezahlt die hohen Gehälter und Repräsentationskosten und kriegt nichts für sein liebes Geld. Wir werden zu schlecht bedient, diese Aktenklauber und Siegellackspritzer repräsentieren nichts als die eigene Eitelkeit. Zuletzt kann nur der Säbel gutmachen, was die Feder verdarb. »Ein bedeutender Posten ist jetzt fällig«, warf Arnim hin, der gern fachsimpelte, »Bevollmächtigter zum Bundestag. Wer da wohl Aussichten hat!« Otto zuckte die Achseln, was ging's ihn an! Stundenlang lief er quer durch den Tiergarten bis zum Charlottenburger Salzufer am Charlottenburger Zollhaus auf der Chaussee, froh wie ein Schulknabe, wenn die Klasse aus ist. Des Reitens hatte er sich so entwöhnt, daß ihm nach jedem Galopp die Glieder schmerzten. »Ich schwitze wie ein Pferd«, bekannte er dem Schwager Oskar, der ein reizendes englisches Vollblut ritt, weil er mehr Moneten hatte. Auf einem Rout bei der schwedischen Gesandtin d'Ohlson erfuhr er von Manteuffel, daß eine neue Radowitz-Intrige drohe, und der König ungnädig gestimmt sei. »Am Hofe sind viele mir spinnefeind. Ach, wenn ich dort einen guten Freund hätte wie Sie! Möchten Sie nicht Kammerherr werden?« »Jammerherr? das verbitt ich mir. Wenn ich mich gut aufführe, habe ich begründete Hoffnung zu bleiben, was ich bin, bis ich mal als alter Herr in Schönhausen Landrat werde. Höher versteigt sich mein Ehrgeiz nicht.« Dagegen redete ihm Pastor Knack ins Gewissen, daß er ehrgeizig und weltlich sei, auch sein Tanzen und Theaterlieben sei sündhaft. Dies Zelotentum machte ihm geistiges Sodbrennen. »Nun ja, man ist wie eine lahme Ente am Ufer der großen Wasser, über denen Gottes Geist schwebt«, bemerkte er zum grauen Hans, »nur ein Adler kann da hinüberfliegen. Doch uns mindere Sterbliche so mutlos machen, ist auch kein Christentum. Man wird schon mutlos genug, wenn man das Leben prüft. Da ist dem braven Wagener seine liebe Frau Rose im Kindbett gestorben, und dazu hat er bösen Prozeß mit der Seehandlung, wobei ich als Zeuge geladen bin. Womit hat der tüchtige Mensch das verdient? Und der brave Reibnitz von der Gardeartillerie, der am schändlichen Märztag Schloß Monbijou so wacker gegen die Aufrührer verteidigte, hat sich gestern schuldenhalber erschossen. Der verdiente auch ein besseres Los.« »Die Wege des Herrn sind über unser Verständnis«, predigte der künftige Präsident, der im Bewußtsein seiner hohen Zukunft schon sehr zugeknöpft wurde. »Deine Zweifel an der Allweisheit unseres Vaters im Himmel betrüben mein treues Herz. Ich werde für dich beten.« Essen tat er für zwei bei einem Gastmahl des Lukullus, das Stolberg und Röder, der Bekannte aus Erfurter Zeit, für das Geburtstagskind Otto zusammenstellten, auch der Landrat von Münchhausen des Kreises Jerichow stellte sich ein und versicherte den Schönhauser seiner Protektion. »Eigentlich ein komischer Einfall, am 1. April geboren zu werden«, lachte Schwager Oskar. »Von Rechts wegen müßtest du uns alle in den April schicken .« Die Schwester, eine jetzt vornehm aussehende große Dame, schwieg dazu und sah ihren Bruder bedauernd von der Seite an. Sie traute ihm das Zeug zu den gewagtesten Aprilscherzen zu, aber es schien so wenig Aussicht, daß er je etwas Ordentliches würde, was ihn wirklich über die Niederung erhob. Talent haben kann jeder, Titel haben ist die ewige Seligkeit. Als er am andern Morgen mit ihr ausritt, begleitete sie ein Fräulein v. Veltheim aus der Magdeburger Gegend, die neugierig fragte: »Bei uns spricht man oft von Ihnen, aber stellt Sie sich ganz anders vor, wie einen Papa Isegrimm. Ist's denn wahr, daß Sie alle Staatsämter ausschlugen?« Er lachte laut auf: »Man hat mir noch keines angetragen. Ich werd's mir überlegen.« Am liebsten wanderte er mutterseelenallein durchs Brandenburger Tor ins Regenwetter hinaus, wo ihn kein Mensch störte, und er seine dicken Reitstiefel durch den Matsch patschen ließ. Dann summte er Zigeunerweisen einer ungarischen Musikkapelle vor sich hin, die gerade in Berlin Furore machte. Er nannte dies »Lenau – Lieder ohne Worte« in alter Anhänglichkeit an den Weltschmerzpoeten seiner Jugend, wie man das Leben verschläft, verträumt, vergeigt und es dreimal verachtet. Diese Schluchzer der Zigeunergeigen klingen krank und weh wie Wolfsgeheul auf unwirtlicher Pußta in öder Herbstnacht... ach, Deutschland war Heuer eine herbstliche Pußta voll von welken Blättern vergilbter Hoffnungen, und viele Wölfe heulten darüber hin. Man muß mit den Wölfen heulen? Kann man nicht lieber ein Feuer anzünden, sie zu verscheuchen? * »Glauben die Leute denn, daß wir kein Preußenherz im Leibe haben?« klagte Wagener sich aus. »Wir fühlen Olmütz so bitter wie jeder andere. Doch wir wollen nicht betrunkene Demagogen, sondern verantwortliche Politiker sein. Und Sie, verehrter Freund, würden mich nicht näher an sich ziehen, Sie würden nicht unser Parteigänger bleiben, wenn die Leitenden der Partei nicht mit den Absichten einverstanden wären, die Sie uns in denkwürdiger Nachtstunde beim Biere mal eröffnet haben, im tiefsten Vertrauen natürlich.« »Pst, pst, davon soll man nicht reden!« winkte Otto eilig ab. »Ich gab auch nur so ein paar Fingerzeige... rein vertraulich, zur Anregung... ich hätt' es lieber unterlassen sollen.« »Sie haben mich gewürdigt, mir einen Blick in Ihr geheimes Trachten zu erschließen, und ich darf dies wohl in dem Satz zusammenfassen: Rache muß kalt genossen werden.« »Die Rache ist mein, ich will vergelten«, mahnte Otto sehr ernst. »Menschliche Kräfte wirken da nichts. Aber wo ein Unrecht geschah, wo frevler Übermut sich zu Ungebühr verstieg, da kommt früher oder später Vergeltung durch Gottes gerechte Hand. Seine Mühlen mahlen langsam, aber sicher. Heut bellt es auf allen Gassen: Reaktion! Das Wort bedeutet Gegenstoß. Wer sagt denn aber, daß bloß die Revolution hier zu reagieren einladet! Es kann auch andere Elemente geben, deren unmäßiges Vordringen einen Rückstoß nach sich zieht nach streng ballistischen Gesetzen. Die Politik im Völkerleben ist im Grunde nur ein Naturprozeß, wie jeder andere. Wer das erkennt, ist ein Staatsmann. Das bloße Fortwursteln der staatlichen Geheimräte ist eitle Quacksalberei und heilt keinen Patienten. An die Naturheilmethode muß man sich halten. – Ja, und was ich sagen wollte,« brach er ironisch ab, »die warme Küche beim k. k. österreichischen Gesandten war gestern wieder ganz vortrefflich. Es geht nix über Weaner Möhlspeis. Die darf man auch kalt genießen, z. B. Apfelstrudel.« – In seinem Bestreben, gute Miene zum bösen Spiel zu machen, gewann er es über sich, in der Kammer allgemeinen Lärm herauszufordern, verbunden mit einem Ordnungsruf, den ihm Präsident Schwerin überflüssigerweise erteilte, indem er für den alten Bundestag eine Lanze brach. »Man Zeige mir eine Periode seit den Tagen der Hohenstaufen, wo Deutschland sich größerer Achtung im Ausland erfreute; einen höheren Grad politischer Einheit, größere Autorität in der Diplomatie, als während der Zeit, wo der Bundestag die auswärtigen Geschäfte der Nation führte.« Das hieß den Geist Metternichs beschwören, welcher alte Gauner im vorigen Herbst wieder fröhlich in Wien einzog, um recht deutlich zu veranschaulichen, daß alles beim alten blieb. Dies neubelebte Gespenst der heiligen Allianz, dies erlauchte Vorbild der legitimistischen Kabinettspolitik, die in seidenen Unterröcken der Boudoirs besser Bescheid wußte als in Naturgesetzen der Nationalitäten, sollte wieder auferstehen? Doch so gerechte Flüche, den alten Bundestag früher begruben, und so widerwärtig obiger Lobspruch anmutete, so daß die Liberalen meinten, jemand müsse eine eiserne Stirn haben, um so etwas zu behaupten, durfte sich Otto sagen, daß er seltsamerweise nicht die Wahrheit fälschte. Denn vom inneren Treiben des Bundestages sprach er ja nicht, sondern von der äußeren Fassade. Und da muß man anerkennen, daß neben der völligen Zerrissenheit und Spaltung deutscher Stämme seit Untergang der Staufen bis zum zweiten Pariser Frieden die Einheit Deutschlands und Österreichs im Bundestag in schwarzrotgoldenem Licht erstrahlte. Und vollends heut das Ende der neuen Ära – was hatte sie gebracht als Verschärfung der allgemeinen Zwietracht, nicht nur der Völker und Regierungen, sondern der Regierungen untereinander? Wenn Otto vor dem Phaethonflug neupreußischen Strebens in Schleswig-Holstein früher warnte, jetzt kroch Preußen wirklich am Boden, ein Lahmer mit verrenkten Gliedern, aus Sonnenhöhe abgestürzt. Daneben war der alte Bundestag noch ein Ideal, und der neue konnte sein Gutes haben. Solange Österreich und Preußen in verschiedener Richtung getrennt jagten, konnte Deutschland glauben, sie rennten nach gleichem Ziel. Erst wenn man die zwei noblen Jagdhunde an einer Leine zusammenkoppelte, mußte den Deutschen offenbar werden, daß sie nach entgegengesetzter Richtung auseinanderstrebten. Bei diesem Gedanken warf Otto die Zigarre aus der Hand und sah in die Ferne, als schwebe ihm ein Heureka vor. Ja, Österreich auf den Leim locken, daß es mit uns zusammen etwas Gemeinsames unternimmt – ca ira , so würde es gehen! – – Der kleine Hans tanzte ausgelassen in der Stube herum. »Meine Ernennung zum Präsidenten wird ein Ereignis sein. Das besagt, daß die Krone endgültig der Revolution absagte und sich auf ihre wahren Stützen besinnt, die altpreußischen Königstreuen und Frommen. Die Hydra der Demokratie ist tot.« »Das Gleichnis ist etwas übel gewählt«, bemerkte Otto trocken. »Der Hydra wuchsen bekanntlich immer neue Köpfe nach. Glaube nur nicht, daß wir zum letztenmal von den Fortschritts gehört haben. Die schwören auch: Le roi me reverra! Na, vorerst haben wir der Schlange die Zähne ausgebrochen. – Was hast du denn eigentlich, Hänschen?« Kleist-Retzow fiel ihm um den Hals: »Ich habe mich verlobt.« »Ist's die Möglichkeit! Mit wem denn?« »Mit Komtesse Charlotte Stolberg.« »Ach, die Fromme! die bei Pastor Schulz in Bethanien Diakonissin werden wollte?« »Ja, und nun will sie mich. Ich fahre jetzt nach Wernigerode, und dann wird geheiratet. O, ich möchte alle Welt umarmen! Nun ruhe aller Hader! Ich muß es heut abend allen Freunden im Klub erzählen.« »Ich schnitt' es gern in alle Rinden ein! Na, alter Sauertopf, komm an mein Herz! Seid umschlungen, Millionen!« Nun ist jedermann glücklich, Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen, weil ein Hans seine Grete kriegt. Und solcher Kindskopf bildet sich ein, Gott belohne ihn mit besonderer Gnade von wegen seiner Kirchengängerei. »Es ist ja auch eine gute Partie.« »Gräfin Ebernhard Stolberg, die ältere, ist eine geborene Prinzeß Reuß«, belehrte Hans würdevoll. »Es ist ein Aufstieg in die höheren Sphären. Morgen früh muß ich nach Potsdam zu Gräfin Keller, meiner künftigen Schwägerin, wo meine Braut wohnt. Ach, wir passen so gut zusammen, beide im Dienste des Herrn, Arbeiter im Weinberg!« Ja, ja, die kleinen Nichtigkeiten gehen so weiter, man freit und wird gefreit, und die großen Fragen der Menschheit bleiben unerledigt. Das deutsche Volk geht wieder an die Arbeit ums tägliche Brot, die oberen Zehntausend amüsieren sich wieder, und von all den hochgespannten Idealen, die seit Jahren in der Luft herumflogen, bleibt nicht einmal ein Sonnenfädchen zurück. * Der Mai war gekommen, und im Vossischen Garten schlug der Flieder aus, es schlugen Nachtigallen, und der grüne Frühling atmete um die Kastanien. Polte Gerlach redete auf Otto ein, doch der hörte nicht zu und befand sich in Traumregionen, wo er mit Hanna und dem Kleinen in Reinfeld spazierenging. Dort werden jetzt die Störche einkehren, und alles wird wohl voll weißer Blumen sein. »Lichten Sie den Anker und verlassen den heimischen Hafen, wenn die Losung an Sie ergeht!« hörte er, aus dem Traume erwachend. Wovon redete denn der gute Freund? »Ich bin Gottes Soldat«, erwiderte er ruhig. »Ich meine damit: wo die Vorsehung mich hinstellt, da muß ich stehen. Unser Daheim wird uns zugeschnitzt von oben her, wir selbst schnitzeln uns hier und da ein paar Späne und auch das nicht mal aus eigener Kraft. Goethe meint: jedes hohe Fühlen und Denken müsse man dankbar und demütig bloß als Geschenk von oben empfangen. Das glaub' ich auch.« »Prächtig! Werde das Majestät erzählen. Ich verstehe Sie immer, alter Freund.« Mit warmem Blick und Händedruck schied der alte General, der so geheimnisvoll tat, als habe er für Otto etwas in petto. Dieser schlenderte im Tiergarten umher, wo sich viel Fußgänger und Sonntagsreiter auf schon staubigen Wegen drängten und den Schatten alter Eichen suchten, obschon einzelne erst dünne Blättchen zeigten. Doch dickes Laub kam von den Buchen hervor, die Trauben der Kastanien waren im Aufbrechen, schattiges Dunkel- und hellgrün wob im Dickicht undurchdringliche Netze, dazwischen boten durchsichtige Lichtungen ein Farbenspiel von rotem Dorn, roten und weißen Johannisbeeren, weißem Obstblust über freundlichen Sträuchern. Doch den Mai in Deutschlands Seele fraßen Meltau und Frost, tiefe Nachtschatten lagerten darüber. Die freien Konferenzen in Dresden hatten mit so unfreiem Nachgeben Preußens geendet, daß man dort nur einen Haufen Protokolle als »schätzbares Material« für spätere etwaige Verhandlungen am Nimmermehrstag mitnahm. Der neueröffnete Bundestag stand in vollem Flor, und eine erbärmliche verächtliche Reaktion setzte ein, die sich für die früher ausgestandene Angst an der Demokratie mit tausend Schikanen rächte. Schwarzrotgold wurde überall in den Kot getreten, nachdem es so lange selbst bei den Truppen als spezielle Reichsfarbe galt. Alle Versprechen der Regierungen, alle Anstrengungen der Vaterlandsfreunde, alle Träume der Dichter und Denker, alles Reden, Fechten, Blutvergießen umsonst, » Love's labours lost !« zitierte Otto aus seinem Shakespeare und tat, als freue er sich unbändig, daß die dreijährige Tragödie mit einem Satyrspiel endete. Die Errichtung des neuen Bundestages unter völliger Obermacht Österreichs, ein Ziel, aufs innigste zu wünschen! Da dürfte man wohl Napoleons Schmerzensschrei an der Bahre des sterbenden Marschall Lannes nachstöhnen: So endet also alles! »Was Teufel!« Er ließ die Vossische Zeitung aus der Hand sinken, die Wagener ihm, rotangestrichen, schickte mit dem Vermerk: »Ist meist gut informiert durch liberale Hofkreise.« Da stand schwarz auf weiß: »Sicherem Vernehmen nach wird Herr v. Bismarck-Schönhausen als Gesandter zum Bundestag nach Frankfurt gehen.« Otto stutzte. Er wußte von nichts, wohl nur ein ballon d'essai. Allein, die Dinge nahmen greifbare Gestalt an. Minister v. Manteuffel teilte ihm mit: »Es besteht allerhöchstenorts die Absicht, Sie irgendwie diplomatisch zu verwenden.« »Meine Ankenntnis der aktenmäßig üblichen Formen würde mich der Blamage aussetzen. Danach spüre ich keine Sehnsucht.« »Man findet einen Übergang, damit Sie sich einleben können.« »Eine Stellung, wo ich nicht mit meiner Familie leben kann, paßt mir nicht. Die ewigen Trennungen von meiner Frau habe ich gründlich satt, sie verlieren sich sonst ins Unabsehbare.« Manteuffel lächelte. »Seien Sie unbesorgt! Sie würden sich mit Ihrer Frau Gemahlin einrichten können.« »Und wenn auch! Ich hoffte endlich, still und behaglich für mich zu leben. Es freut mich ja, daß Majestät meine Anstellung im Staatsdienste wünscht, aber –« »Ist denn das nicht ein Erfolg für die gute Sache? Ein Pfand für Ihre Partei?« »Das allerdings. Nun ich stehe in Gottes Hand und dränge mich zu nichts.« »Rund heraus, wollen Sie als Bundesgesandter einspringen?« Eine Kette von Gedanken rollte sich blitzschnell in dem hohen breiten Schädel ab, dann sagte Otto einfach: »Ja!« – Der König empfing ihn freundlich, doch mit einer gewissen Zurückhaltung. »Ich verfolge stets Ihre parlamentarische Laufbahn und gratuliere Ihnen zum neuerlichen Ordnungsruf. Sie zeigen ja viel warmes Interesse für den Bundestag, auch mit der österreichischen Gesandschaft stehen Sie gut, sind dort gerne gesehen. Freut mich. Meine loyale Anhänglichkeit an die alte Kaiserdynastie, die einstigen Lehnsherren, ist geschichtlich begründet. Sie wird das Fundament meiner Staatskunst bleiben.« Nach einer Pause, in der Otto wehmütig dachte: O weh! fuhr der Monarch fort: »Sie haben viel Mut, ohne weiteres eine Ihnen fremde Aufgabe zu übernehmen?« »Der Mut ist eigentlich auf seiten Euer Majestät, mir ein so wichtiges Amt in die Hände zu legen.« »Ja, seh'n Sie, der Präsident Senft v. Pilsach und General Gerlach schlugen Sie früher für ein Ministerportefeuille vor, was ich versagen mußte. Ihre hitzigen Kammergefechte sind auch nicht gerade die rechte Vorschule für Diplomatie, doch man hat mir vorgestellt, daß Ihre Unerfahrenheit sichtlich reifte. Ich brauche in Frankfurt hauptsächlich jemand, auf dessen Treue und Redlichkeit ich mich verlasse, und der gleichzeitig bei meinem hohen Verbündeten persona grata ist. Deshalb fiel meine Wahl auf Sie.« Otto verbeugte sich, erhielt aber gleich einen kalten Wasserstrahl. »Ich habe meinen Gesandten in Petersburg, den Rochow, provisorisch beim Bundestag akkrediert. Er soll Sie einführen und anlernen, ein gewiegter Diplomat, später dann auf seinen Posten beim Zaren zurückkehren. Sie und Herr v. Gruner sind als Legationsräte im Etat eingestellt. Doch, mein lieber Geheimrat, ich gewähre Ihnen die Aussicht, Rochow bald als Gesandter abzulösen.« Otto verbeugte sich tief und verbarg ein Schmunzeln unterm Schnurrbart. Ich Geheimrat, der ich mein Lebtag auf alle Geheimräte schimpfte! Das sind mir Humore. »Eure Majestät sind ja nicht an meine Ernennung gebunden, bewähre ich mich nicht. Gewißheit, ob dies nicht meine Fähigkeit übersteigt, kann ich erst an Ort und Stelle gewinnen.« »Sehr gut, treten Sie nur der Sache näher. Ich werde Sie so lange wie möglich aufrechthalten.« »Untertänigsten Dank! Ich werde selber meine Abberufung beantragen, wenn's nicht geht. Ich gehorche dem Befehl, ich habe den Mut, wenn Eure Majestät den Mut des Vertrauens zu einem Anfänger haben.« »Dann wollen wir es mit Ihnen versuchen.« – Irgendwo im Himmel lächelte der Gott der Deutschen: Ja, wir wollen es mit Otto Bismarck versuchen. In der Deutschen Werkstatt »Soeben eingetroffen, mein verehrtester Herr Geheimrat v. Bismarck? Wir haben heut den 11. Mai, ein denkwürdiger Tag ... für mich, denn ob ich noch einen ferneren Mai im lieben Frankfurt sitze, das wird wohl auch von Ihnen sozusagen abhängen.« Der alte Generalleutnant Rochus v. Rochow, Botschafter in Petersburg, vertrat auf Urlaub den Posten des preußischen Bevollmächtigten zum Bundestag und lieh es sich hier wohlergehen. »Wie meinen, Exzellenz?« »Wir wollen uns doch nichts vormachen, mein Hochverehrtester. Unser Allergnädigster hat Sie zum ersten Legationssekretär ernannt, aber Sie zu meinem Nachfolger ausersehen. Nun, wie Gott will. Aber sind Sie sicher, daß Ihnen der Posten zusagt? Er ist etwas dornig, und Sie sind ja ganz neu in dieser Karriere. Sehen Sie sich mal um in der diplomatischen Gesellschaft: Lauter große Herren mit ellenlangen Ordensbändern.« Sein Blick streifte unwillkürlich die von Orden unbefleckte Brust des neuen Ankömmlings. »Gestatten Exzellenz, daß ich an die Weisung Friedrich des Großen an seine Gesandten erinnere, die sich von der Opulenz anderer Diplomaten bedrückt fühlten: ›Denke Er, daß 100 000 Bajonette hinter Ihm stehen.‹ Womit ich übrigens die ökonomische Frugalität nicht billigen möchte, denn der Gesandte einer Großmacht muß auch äußerlich repräsentieren.« »Hm, der Posten ist nicht so übel besoldet, 21 000 Reichstaler und dazu Douceur für die erste Einrichtung. Natürlich beziehe ich mehr Gehalt in Petersburg, diese Stelle ist ja auch wichtiger, dies hier ist eigentlich ein Ruheposten für verdiente Veteranen.« Der frischgebackene Legationsrat machte unwillkürlich eine leicht ablehnende Bewegung, als sei er nicht damit einverstanden. »Ach, Sie werden bald erkennen, daß hier nicht viel zu machen ist, unter uns gesagt. Sie sind noch ein jüngerer Mann, daher etwas ehrgeizig. Ich wäre wahrlich nicht abgeneigt, meinen Petersburger Posten mit Ihnen zu tauschen. Würde Ihnen das nicht passen?« »Ich kann nur erwidern, daß ich überall hingehe, wo unser König und Herr mich hinstellt«, lautete die ausweichende Antwort. »Doch für so hohe Verantwortung reicht meine Erfahrung nicht hin.« »Da mögen Sie recht haben.« Rochow nickte bedächtig. »Das Hofleben dort strengt an und erst das Klima, oh! Hier am schönen Rhein ist das Leben so angenehm, mit den verschiedenen erlauchten Höfen in Süddeutschland verkehrt sich's leicht.« Einen Orden für jeden Besuch! stand im ironischen Blick, den Otto auf die schwere Ordenslast des Gesandten heftete. »Da hat man zum Beispiel ein reizendes Leben als Gesandter in Darmstadt, zugleich akkreditiert beim Herzogtum Nassau und bei dieser freien und munifizenten Reichsstadt Frankfurt.« Ja, er bemüht sich in Berlin darum, daß man mich auf diesen Nebenposten abschiebt, dachte der so leutselig belehrte Anfänger bitter. »Nun, das wird sich ja alles finden. Ich werde Sie natürlich sofort in die hiesige Gesandtschaft einführen, und Sie tun wohl daran, mein hochverehrter Herr Geheimrat, sofort Ihre Antrittsvisiten zu machen.« »Ich stehe ganz zu Ew. Exzellenz Befehl und werde Ihren Rat befolgen.« – – Als er in sein Quartier im »Englischen Hof« zurückkehrte, wo er abstieg, empfing ihn sein treuer Kammerdiener Hildebrand. »Na, du siehst ja in deiner Livree wie ein Graf aus. Gefällt's dir?« »Ja, ja, gnä' Herr, wenn nur allens so nett wäre. Aber man is doch hier in der Fremde, und sie reden so'n ausländisches Kauderwelsch.« »Schafskopp! Ist Deutschland im Ausland? Das sind auch Deutsche hier, merk' dir das, so gut wie wir Altmärker.« »Mag schon sind, gnä' Herr, aber justament auf uns Preußen haben sie einen höllischen Zahn, so viel bracht' ich schon 'raus. Wir haben ihnen doch nie was zuleide getan.« »Bloß den fetten Bürgern Ruhe in ihren Betten verschafft durch ein königlich preußisches Regiment.« »Ach so! Justament das kreiden sie uns wohl an. Undank ist der Welt Lohn.« Wie wahr! Daß doch der einfache Sinn des Volkes alle hochpolitischen Dinge aufs ewig Menschliche zurückführt! Gerade daß Preußen mit tausend Bedenklichkeiten und Gewissensskrupeln die Rechte anderer nicht antasten möchte, verzeiht man ihm nicht. Denn jeder fühlt instinktiv die geheime Stärke, und daß ein Starker nie seinen Willen durchsetzt, erfüllt mit Argwohn als unnatürlich. So sind wir die Bestgehaßten wegen unserer Friedfertigkeit. Die Engländer laden ihre Bomben mit Humanität, die Franzosen mit Freiheit und Menschenrechten. Noch immer proklamieren sie den Kampf für die Menschheit, wenn sie auf Straßenraub ausgehen. Wir, wenn wir mal endlich zuschlagen, finden nie schöne Worte, nur stramme Hiebe, deswegen sind wir brutale Barbaren. Die Welt will betrogen sein, wußten die klugen Römer. Ach, du mein Gott, wir Deutschen sind das begabteste und klügste Volk der Welt, aber in puncto Diplomatie werden wir immer arme Schächer bleiben. Der Alte Fritz war gewiß schlau und gewandt, und doch mußte er den Krieg erklären und in Sachsen einrücken, um nicht erdrosselt zu werden. Was half ihm sein Manifest, er ziehe das Schwert zur Rettung deutscher Libertät! Ganz Deutschland war gegen ihn zugunsten der Welschen und Kroaten. Es muß etwas radikal Falsches, eine angeborene Schwäche in unserer Politik stecken. Unsere peinliche gefährdete Lage verkenne ich nicht, doch wir ahnen nie, wie stark wir sind. Hätte sonst Wellington sich im Waterloo-Jahr heimlich mit Frankreich und Österreich verbündet, um uns zu überfallen, bis ihm Napoleons Rückkunft einen Strich durch die Rechnung machte? Und wie bezahlte man die Waffenbrüderschaft von Waterloo? Der alte Raumer zeigte mir einen Brief von Gneisenau, wo er Stein und Bein über Englands Undank klagt. Was hilft das Klagen! Jeder nimmt so viel als er kriegen kann, und läßt sich jemand das Fell über die Ohren ziehen, so wird er eben geschunden. Blücher und Gneisenau waren gewiß die herrlichsten Patrioten, aber von den Geschäften verstanden sie nichts. Wäre beim zweiten Pariser Frieden ein richtiger Staatsmann für Preußen dabei gewesen, so hätten wir heut Sachsen. Hm! Wer weiß, wofür das gut ist, jed' Ding hat zwei Seiten, und ich bin gar nicht für leere Annexionen und Aufschluckung deutscher Reservatrechte. Gott besser's! Da sitz ich grüner Anfänger und korrigiere die Schulhefte preußischer Diplomatie. Was ich leisten würde, ist noch sehr die Frage. Aber – –! Den Rochow ›hab' ich weg‹, wie der kleine Bülow von Monsieur Bernadotte sagte. Ein Ruheposten soll hier sein? Nicht in Petersburg und Wien, hier wird Preußens künftige Politik gemacht, hier liegt die deutsche Frage. Das sollte mir passen, hier in abhängiger Stellung mich dem fremden Trubel anzubequemen, statt in Ruhe auf meiner Farm zu sitzen. Darf ich nicht auf meinen zwei eigenen Beinen stehen, so hol' der Teufel die ganze Bescherung. Mit 3000 Talern als Legationssekretär komm' ich hier ohnehin auf keinen grünen Zweig. Ein teures Nest! Ne, so haben wir nicht gewettet. Ich habe das Wort vom König und Manteuffel, und brechen sie's, dann adjes! Da will ich mich lieber als Abgeordneter in der Kammer abplacken, und als einfacher Gutsbesitzer auf meiner Scholle stehe ich mich besser. Wenn ich Preußen nützen soll, muß ich hier freie Hand haben. Ich werde an Manteuffel schreiben, daß Rochow nicht am Platze ist. Ein würdiger alter Militär, doch hat vermutlich von Diplomatie keinen Schimmer. Akten und Formalien. Damit lockt man keinen Hund vom Ofen. Ich will hier reinen Tisch machen mit den Zweideutigkeiten. Festigkeit ist die beste Politik. Mit Drehen und Wenden offenbart man nur seine Schwäche. Natürlich nicht mit der Tür ins Haus fallen. Fuchshaut überziehen, grob und liebenswürdig in holder Abwechslung. Staaten sind genau wie Menschen. Wer Menschen behandeln kann, wird auch mit den abgefeimtesten Staatsvertretern fertig. Da fällt mir ein, der alte Metternich lebt jetzt auf seinem Stammsitz Johannesberg. Den famosen Wein muß ich kosten, als Schüler den greisen Meister anschwärmen, andächtig zu seinen Füßen sitzen. Das wird guten Eindruck in Wien machen. Über Rochow schreib' ich morgen vertraulich an Manteuffel. Man muß das Eisen schmieden, solange es warm ist. Weg muß er. Man soll ihn ja nicht brusquement fortschicken, eher seine Wünsche kajolieren. Zu guter Letzt übernahm er diese Mission, freilich ohne sich bewußt zu sein, wie schwierig sie ist, undankbar wohl nicht, dafür kommt es auf die Behandlung an. Bin ich etwa einer von denen, die mit Kritik leicht bei der Hand sind, aber kneifen, wenn es ans Handeln geht? Ich hoffe zu Gott: nein. Ich trete in diese Bresche und will sie allein verteidigen, aber auch ganz allein, da bin ich am stärksten. Wie sagt der alte Schiller? ›Der Starke ist am mächtigsten allein.‹ Ab und zu hatte der alte Schönredner doch sehr lichte Momente. Das scheint mir ein Schuß ins liberale Schwarze, ein richtiger Tellschuß. Und an das Tellwort will ich mich mein Lebtag erinnern: ›Es kann der Beste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbar nicht gefällt.‹ Ob wir die Besten sind, weiß nur Gott, aber an bösen Nachbarn ist Überfluß. Und wollen sie nicht Frieden halten, so muß geschossen werden. ›Du kennst den Schützen, suche keinen andern.‹ In Berlin werden sie mir ein Bein stellen. Besonders die liebe Presse. ›Wär ich besonnen, hieß' ich nicht der Tell.‹ Auch treffend gesagt, paßt aber schwerlich für mich. Die Kerls sollen noch inne werden, daß ich verdammt besonnen bin. Stottere ich etwa wie Percy Heißsporn? ›Sitz' ich zu Pferd, so will ich schwören, ich liebe dich unendlich.‹ Prachtvoller Shakespeare! Mit einer Zeile den ganzen Kerl. Doch nicht den, der ich bin. Ach Hanne! Als er zu Bett ging, überfiel ihn die Sehnsucht nach Weib und Kind so arg, daß er laut schluchzte. So sind diese wunderlichen Gesellen, die Genialen. Ausschweifende Phantasie, eiskalter Verstand, eiserne Härte und weibliches Gemüt. * »Schauen's, lieber Geheimrat, das ist hübsch, daß Sie mich zu Haus treffen!« Graf Thun empfing ihn mit viel »Empressement«, wie man damals in unserem geliebten Deutsch zu sagen pflegte. Er hatte eine etwas pomphafte Erscheinung, eine gewisse Aufgeblasenheit mit einem Stich ins Leichtlebige eines Wiener Roués. »Die Gräfin wird sich serr freuen, Sie kennen zu lernen.« Diese stattliche Dame rauschte herein und wechselte die üblichen Begrüßungsphrasen. Sie hatte ein leicht verblichenes und verkniffenes, obwohl nicht vergrämtes, Aussehen. Der böse Leumund munkelte von allzu ausgedehnten Galanterien des Botschafters, der mit Vorliebe den hübschen Gattinnen reicher Kaufleute den Hof machte. Doch geschah dies mehr zur prahlerischen Schaustellung seiner Schwerenöterei als zum eigenen Hausgebrauch. Er war so gar a lieber, herziger Kerl und Kavalier, tanzte jede Nacht durch oder spielte Macao bis zur Morgenfrühe um hohe Summen und begoß dies alles unaufhörlich mit Champagner. Das freundlich vornehme Nichtsgeplauder, das sich als Ton der guten Gesellschaft gibt, kam ihm von Herzen oder schien wenigstens aus der Gegend zu kommen, wo anatomisch das Herz zu sitzen pflegt. » Nest-ce-pas, ma Chère ?« berief er sich auf seine Gemahlin, »hier ist es charmant, hier lebt man wie Gott in Frankreich – – wollte sagen, in Frankfurt. Werden's Ihna amüsirrn, soag' ich Ihnen. Warst du heut in der heiligen Messe?« erkundigte er sich besorgt bei der Gräfin und bekreuzte sich dabei. » Oui? Mais c'est très bien, ma mignonne . Aus diesem sündigen Jammertal führen alle Wege nach Rom zu unserer heiligen Kirche.« Obwohl er sich erinnerte, daß der Preuße ein Protestant sei, unterließ er nicht diese kleine fromme Farce, die ihm übrigens nicht als solche erschien. Er erzielte Sündenablaß sowohl bei sich selber als bei seiner bigotten Gräfin, indem er streng alle Gebräuche des Katholizismus befolgte und sich dem Herzen Jesu sogar durch Fastenspeise am Freitag empfahl. Die Forellen aus dem Taunus schmeckten in der Tat sehr gut. Als die Gräfin gegangen war und Bismarck seinen Hut ergriff, drückte ihn der biedere, leutselige Graf freundschaftlich auf den Sessel nieder. »Noch ein Wort zur Begrüßung unter uns Kollegen! Man vernimmt, unser lieber Rochow wird uns verlassen, und Sie treten an seine Stelle. Serr gut! Sie kohmähn frisch von Ihrem berühmten Athen – – wollte sagen Berlin am – – wie sagt man doch – – am grünen Strand der Spree. Waren's schon an der schönen, blauen Donau?« Otto verneigte sich. »Aber wohl nicht in ahmtlicher Eigenschaft?« Die treuherzige Bosheit verstehend, versetzte jener kühl: »In privatester Eigenschaft ... auf der Hochzeitsreise.« »Oh! Hab ich auch mal gemacht!« rief Thun mit echter Begeisterung. »Trauen's mir das nit zu?« O je, sogar ein Dutzend ähnlicher Reisen! dachte Otto belustigt, » La jeunesse dorée ! Nun plauschen's mal offen, wertester Herr Geheimrat – oder soll ich schon sagen Exzellenz? –, wie hat's Ihna g'folln?« »Ausgezeichnet!« beeilte sich der Preuße zu versichern. »Wär' net zu verstähn, woans anders wär. 's gibt nur a Koaserstadt, 's gibt nur a Wean! singet der Fiaker, und wir drahn uns all mit. So a Weaner Walzer ihs zu kreuzfidöll. Ja, liebe Exzellenz, wir Österreicher sind halt gemütliche Leut' und lassen den lieben Gott einen guten Mann sein, wenn ich mich so profan ausdrücken darf.« Er bekreuzigte sich rasch. »Gemütlichkeit ist unser Faible, und da sollten die lieben Preußen halt auch a bissel gemiehtlich sein. Mein einzig Bestreben in unserer hohen Versammlung ist gutes Einvernähmehn mit unserem nordischen Bruderstaat. Österreich und Preußen Hand in Hand für das Recht, für die moralische Weltordnung der legitimen Monarchien!« Der Preuße erhob sich. »An mir soll es nicht fehlen. Es gibt ja auch so viel Berührungspunkte der Interessen. Und wo sie divergieren, wird sich ja wohl ein Ausgleich finden.« »Meinen Sie?« Einen Augenblick riß die Larve der eleganten halbverächtlichen Nachlässigkeit eines Kavaliers am Hazardtisch, der dabei heimlich mit scharfer Profitgier die Chancen der Karten und ihre »Veine« Dusel, Glück berechnet. Otto sah auf einen Blick, daß er es mit einem ungewöhnlich schlauen und gewiegten Ränkeschmied (vulgo Diplomaten) zu tun hatte. »Aber ja! Je suis insouciant, moi, je m'en moque. Wozu so viel Trakasserie um reine Bagatellen! Wir verstehen uns, und das liebe, gute Teutschland schläft sicher in unserer Hut. L'Autriche et la Prusse c'est un mariage libre et l'Allemagne est l'enfant naturel de leur ménage. Verzeihen's, meine liebe Exzellenz, 's läßt sich nur auf Französisch sagen. Oh quelle langue! « – Ganz recht, dachte der Preuße, als er in seinen Wagen stieg, um die Runde seiner Besuche fortzusetzen. Dieser geistreiche Unsinn, den er weiß Gott wo aufschnappte, läßt sich nicht auf Deutsch sagen. Die freie Ehe von Österreich und Preußen ... Deutschland als »natürliche Tochter« frei nach Goethe ... und dabei ist's unsere sehr natürliche Mutter, von der wir beiden höchst legitim abstammen. Ein gefährlicher Geselle! Wähnt er, ich werde ihm trauen? Der legt jeden hinein, wer ihm nicht mit gleicher Münze zahlt. Leute von der Schwarzenberg-Schule erachten niemals Gerechtigkeit und Billigkeit als gute Politik, und mir ist's recht, daß es so ist. Denn mit moralischen Rücksichten auf Mein und Dein bliebe man höchstens beim famosen status quo ante , und der gerade soll beseitigt werden. Jetzt haben sie Oberwasser, aber laß sehen, ob auf die Dauer. Es müßte doch mit dem Teufel zugehen, wenn ich den Kleinstaaten nicht beibrächte, sie hätten Österreich geradeso zu fürchten wie uns. Die Manieren des guten Thun sind mir mißfällig. Er behandelte mich de haut de sa grandeur wie ein leutseliger, großer Herr einen armen Schlucker. Da werden wir ein Stöckchen vorstecken. Preußen klopft man nicht gnädig auf die Schulter. – Er fuhr jetzt beim englischen Gesandten vor, Lord Cowley. Die Dame des Hauses, echte Weltdame, doch mit der wohlerzogenen, vornehmen kindness einer Engländerin high-bred , schien Wohlgefallen an ihm zu finden. Wohlwollend und schlangenklug wie jede wahre Frau, zugleich mütterlich-freundlich und kühl das Maß der Männer nehmend, hatte sie sogleich Verständnis für diesen stattlichen Herrn, der ihr very kind-hearted and yet very firm däuchte. Er merkte das und berechnete sofort, daß sie sich vielleicht mit der armen Hanne auf Freundschaftsfuß stellen werde, die hier wie verraten und verkauft in diese aalglatte Internationale hineinschneien würde. Er warb daher in aller Schnelle um ihre Sympathie für seine Frau, was ihm sogleich einen Stein im Brett bei ihr verschaffte. Der englische Ausdruck »ladies of easy access« (Damen von leichtem Zutritt) für Demimondainen deckt sich in anderem Sinne für die zugleich würdevolle und entgegenkommende Feinheit des Benehmens bei Engländerinnen, die auf den Titel Lady Anspruch erheben, was bei Salongrößen des britischen Adels sich zur Vollkommenheit steigert. Der edle Lord ließ übrigens einfließen, daß er ein Neffe des seligen Herzogs Wellington sei, daher gewissermaßen zu Preußen erbliche waffenbrüderliche Beziehungen habe. »Das wird in Preußen nie vergessen werden«, beteuerte Otto aus vollem Herzen. Er registrierte nämlich heimlich: seinen Undank und seine Perfidie (»seinen« lies erweitert: England) werden wir Kundigen nie vergessen. »Ich bin überzeugt, das bei uns so hochverehrte mächtige England wird dies auch stets in wohlwollender Erinnerung halten. Blut ist dicker als Wasser, und unser verwandtes Blut hat sich Schulter an Schulter vermischt.« Lord Cowley sagte etwas Verbindliches und schmunzelte. Ein deutscher braver Träumer. England wird sich immer an eins erinnern: seine eigenen Interessen. Alles übrige ist für die Galerie des Theaterpöbels, der sich auf der Bühne allerlei Faxen vormachen läßt. Als daher Lady Cowley nachher meinte: »Ein angenehmer Mensch, sogar ziemlich imponierend. Wie Napoleon sagte: Das ist ein Mann!« berichtigte er gnädig: »Sagen wir lieber: Das ist ein Deutscher. Offenbar ein guter Mensch, der das Herz auf der Zunge trägt und in Gefühlspolitik schwelgt. Doch das soll ihm bei uns nichts schaden, im Gegenteil. Den hat auch Gott in seinem Zorn zum Diplomaten erkiest. Übrigens soll er gar kein Professional (Zünftiger) sein. Wir werden seine Bekanntschaft kultivieren, sobald er Gesandter wird. Von dem kann man sicher Informationen erhalten.« – Otto machte sodann einer russischen Frau v. Stallupin mit einem Empfehlungsbrief seinen Besuch, die eine große gesellschaftliche Rolle spielte. Sie saß zwischen unzähligen Nippsachen wie ein Dalai-Lama. »Das ist schön von Ihnen, Herr Baron, wie unser Gesandter in Berlin mir schreibt, daß Sie so gut russisch sind. Ach das heilige Rußland! Man kennt noch nicht in Europa seine Tiefe.« Diese Phrase setzte sie als bloße konventionelle Scheidemünze in Umlauf, die von einer Hand in die andere ging. Durch Puschkin und Gogol besorgte man damals, was später Tolstoi und Dostojewski vollendeten. Europa, und natürlich der deutsche Michel obenan, kniete in Ehrfurcht vor solcher unergründlichen Gemütstiefe bis nach Sibirien hinein. Mit Speck fängt man Mäuse, und der furchtbare Despot Nikolaus war vornehm und klug genug, Herrn v. Puschkin, den »russischen Byron«, unter seinen Schutz zu nehmen, wenn die vierte Abteilung der Petersburger Geheimpolizei ihm zu Leibe wollte. Diese sogenannten Liberalen, die dabei, wie der spätere Muschikheiland Tolstoi, eingefleischte Stockrussen blieben, konnte man ganz gut als literarische Kosaken zur Invasion Westeuropas verwenden. »Kennen Sie die Novellen des Herrn v. Turgeniev? Jüngst erschienen.« Die Dame wies auf einen mit bri a brac übersäten sogenannten Schreibtisch. »Etwas freigeistig, etwas ... negativ, vous savez , aber sonst trèz comme il faut . Ein jüngerer Mann von sehr guter Familie, lebt in Baden-Baden.« »Ich habe nicht das Vergnügen«, bekannte der ungebildete Deutsche. »Wie schade, daß die Deutschen, sonst so gelehrte Leute, die Schätze der Weltliteratur nicht kennen! Ach, der russische Geist! Eine Tiefe, sag' ich Ihnen. Mais je vous n'en dis rien , Sie müssen russisch lernen, Herr Baron, unsere herrliche Sprache. Wir Russen von Bildung lernen ja alle Deutsch, warum sollten die Deutschen nicht für uns das gleiche tun? Das ist die wahre Verbrüderung der Nationen.« Bismarck schwor hoch und heilig, daß er sich im Russischen vervollkommnen werde, denn etwas Russisch verstehe er ja schon. Darüber verfiel die Dame in Verzückung. » C'est magnifique. Ich werde an all meine Kreise in Petersburg schreiben, welch ein erleuchteter Geist Sie sind.« Bei echtrussischen Leuten ist jeder erleuchtet, dem sie ein Talglicht anzünden. »Kennen Sie die Lieder des Herrn v. Lermontoff? Nicht? C'est dommage . Ein gewisser Bodenstedt in Wiesbaden, früher Hauslehrer in einer feinen russischen Familie, hat etwas übersetzt.« Sie zitierte mit Pathos: Als mich die düstere Stunde gebar Und nur der Gram mein Vater war. »Leider so frühe weggerafft, im Duell gefallen, Gardeleutnant von sehr guter Familie im Kaukasus. Un peu Don Jouan, vous comprenez! Himmlisch teuflisch! Der wahre russische Lord Byron!« – Als Otto davonging, lachte er auch ziemlich teuflisch. Der wahre russische Byron, das glaub' ich wohl. Karrikatur blasierter Affen. Mit Byron hab' ich gebrochen, doch es ekelt mich, wenn ich den großen Germanen mit allerlei slawischen und welschen Tröpfen in einen Topf geworfen sehe. In Paris hatten sie einen Monsieur de Musset, nicht ohne Talent nach den Proben, die ich las, in Italien einen buckligen Grafen, den unser hiesiger Frankfurter Schopenhauer als sauberste Weltschmerzblüte pries, dieser Leopardi besang die Wonne des Todes und riß vor jedem Luftzug aus, um nicht seine werte Gesundheit zu gefährden. Alles Hysterie, wahrscheinlich unterdrückte Erotik. Und solche Schmachtlappen will man mit dem trotzigen Berserker und Wiking, dem normannischen Dichterlord vergleichen, der hundertmal dem Tode trotzte und als Held starb und das bitterste Lebensleid bezwang und wirklich den Manfred-Kain-Lucifer-Weltschmerz im Busen trug! Ich hab' am Original genug und brauche keine Kopien, lese überhaupt keine Poesie mehr. Die Literatur langweilt mich. Wozu das alles! Das ist so 'ne Art Gretchen-Episode und Scharmutzieren mit der schönen Helena. Zu den Müttern hinabsteigen wie Faust, ist eine schwierige Sache, wo sind sie, diese Mütter? Aber als Reichskanzler mit Kaisern verkehren ist wohl auch kein Amüsement, das sah Faust ein, und wo fand er endlich Selbstgenügen? Auf freiem Land mit freiem Volk zu stehen. »Frei«, was heißt das? Niemand ist frei. Ich dien'. Aber einen Deichdamm bauen für künftige Geschlechter, das versteh' ich alter Deichhauptmann. O wolle doch Gott, daß Goethe im Faust einen Deutschen vorausschaute, der auch etwas baut für alle Ewigkeit! Ich glaube nicht an die deutsche Hamletschwäche, Goethe hat im Faust nicht den Menschen schlechtweg gebaut, sondern den Deutschen, der sich mit Phantasmen und eigenen Torheiten herumschlägt, bis er die schaffende Arbeit findet. Immer hab' ich das echtdeutsch gefunden, wie Faust am Ende dasteht, er organisiert. Was ist denn Preußen anders als ein Werk der Organisation? Dahin liegt unsere Bahn, die deutsche Kraft organisieren. Also den Russen gelte ich als zarisch-russisch, den Österreichern als gut kaiserlich allezeit, ich habe einen soliden Leumund. Mit den Franzosen hab' ich's natürlich verdorben als strammer Feind ihrer Revolutionsbeglückungspläne, mit denen sie sich so liebevoll unserer annehmen wollten, doch warte nur, balde ruhest du auch, o zeitgemäße Republik an der Seine, über allen Wipfeln ist nicht Ruh', ich spüre einen Hauch von Louis Bonaparte. Dann kann man vielleicht politische Geschäfte machen. Les affaires sont les affaires . Ich würde mich dem Teufel verschreiben, wenn er Preußens Geschäfte fördert. Und wer weiß, wen wir noch gegen Österreich brauchen können. Da ist zum Beispiel Sardinien, das nächstens einen Bevollmächtigten herschickt. Danach muß ich mich umsehen. Aber nur reinen Mund halten, nie seine Karten aufdecken. Ich bin hier als treuer Freund und Bundesgenosse von Österreich, natürlich. Bei einer Schwester des früheren russischen Gesandten in Berlin, des bekannten Meyendorff, einer Frau v. Brintz, deren Bruder Graf Buol in Wien Ministeraussichten hatte, war jeden Abend Jourfix, ein Stelldichein aller Diplomaten, wenn sie gerade nichts Besseres zu ihrem Privatvergnügen zu tun hatten. Freie Zeit hatten sie ja im Überfluß, und waren ja auch nicht hier, um zu arbeiten, sondern in Muße ihre Ordenssterne spazieren zu führen. Verschiedene deutsche Bundestagsvertreter begrüßten den neuen Legationssekretär mit gnädiger Herablassung, der französische Gesandte mit höflicher Verbindlichkeit. Das war ein Herr mit grauem Haar, ein »soignierter« Fünfziger, Marquis de Tallanay. Denn die jetzt schon dreijährige französische Republik ließ es sich nicht nehmen, dem feudalen Deutschland einen Gentilhomme mit Kreuzzugsahnen als Visitenkarte zu überreichen. In einer Ecke machte ein lebhafter junger Kavalier, der aus dem Globus von Ungarn stammte, der Gräfin Thun den Hof. Er trug den historischen Namen Graf Szecheny, hatte aber nichts gemein mit dem »großen Ungarn« dieses Namens. Ein Szecheny als schwarz-gelber Salonbummler vom Wiener Ballplatz, auch ein Zeichen, wie rasch die Hochgefühle sich abnutzen. Ein paar Jahre, und die Tragödie von Ungarn ist vergessen, der madjarische Adel fraternisiert mit dem zisleithanischen, die blaublütige Internationale ist geradeso farbenecht wie die rote und die goldene. Die Gräfin Thun war übrigens, wenn man sie bei Kerzenlicht im Glanz ihrer Toilette besah, eine noch junge, sehr schöne Dame, die über viele platonische Kurmacher gebot. »Elle est ravissante. C'est épatant, n'est-ce-pas, Monsieur le Conseiller Intime?« leitete der Marquis ein Gespräch mit dem jungen Debutanten ein. Sein altes Aristokratenherz hatte sich einigermaßen dafür erwärmt, daß der »Baron« hier mit dem unaussprechlichen Namen ein Demagogenfresser sei, wie ihm Exzellenz v. Rochow berichtete. Die blaue Internationale hält auf diesem Punkt eine geheime Freimaurerverbindung unter sich. Er ließ sich daher, sobald ihm seine Tänzerpflichten eine Pause ließen, denen er mit Begeisterung oblag, in ein Gespräch über die französischen Radikalen ein, denen der Herr Botschafter von Frankreich nicht sehr gewogen sein konnte. Mit geheimnisvoller Verehrung munkelte er von Seiner Exzellenz dem Präsidenten der Republik, dem berüchtigten Abenteurer Louis Bonaparte, und brauchte manchmal, wie aus Vergeßlichkeit, die verbotene Bezeichnung »der Prinz«. Aber natürlich seien sie ja alle treue Republikaner, auf die Verfassung eingeschworen, obschon sich nicht ganz leugnen lasse, daß die republikanische Staatsform nicht ganz ... hm, nicht ganz dem französischen Wesen konform sei. Das möge der Herr Geheimrat nur mal einfließen lassen, wenn er Vortrag bei seinem erhabenen Monarchen halte. Das plauderte der nette, freundliche Franzose unbefangen und ungezwungen hin, betonte dabei auch gelegentlich, wie streng diszipliniert und gut im Stande die französische Armee sei, in den Algier-Kriegen geprüft und kriegsgewohnt geworden. Welche Offiziere! Zum Beispiel ein Freund von ihm, General Canrobert, auch andere, wie Pelissier, St. Arnaud, Mac Mahon, seien große Lichter, denen ein Auftauchen aus der Verborgenheit zu wünschen sei, und zwar mit Eklat. »Avis au lecteur! dachte Otto. Nous l'avons eu, votre Rhien Allemand. Ging doch wieder das Lied in Deutschland um: sie sollen ihn nicht haben, den freien deutschen Rhein. Bei diesen und vielen folgenden leichten Gesprächen, natürlich immer andeutungsweise, wurde nicht ganz klar, ob der Franzose eine verhüllte Drohung oder vielmehr eine Anbiederung bezwecke, die Bündnisfähigkeit in militärischem Sinne betonen wolle. Der Marquis aber dachte, als er sich wieder in den Tanzstrudel stürzte, und behielt auch in späterer Zeit solche Meinung: dieser Geheimrat sieht mir aus, als ob er wohl was Geheimes mit sich herumtragen könnte. Er hat ein forschendes Auge, ein seltsam ernstes Gesicht, wenn er sich unbeobachtet glaubt, auch spricht er auffallend geläufig Französisch, also ein wahrhaft gebildeter Mann. (Ähnlich äußerte sich Lord Cowley über das Englische Ottos, denn bei Franzosen und Briten fängt die hohe Bildung damit an und schließt auch damit, daß man ihre Sprache beherrscht, während sie selbst kaum ein Wörtchen Deutsch radebrechen.) Es könnte einem unheimlich werden, ob er auch so ein deutscher Ochse ist wie seine Kollegen. Aber zu guter Letzt bleibt er doch eben ein Deutscher, und die sind zum Diplomaten verdorben. Wir werden Preußen gegen Österreich benutzen, wenn nötig, im übrigen die liebe alte Rheinbundszeit erneuern und uns die Kleinstaaten warm halten. Der unermüdliche grauhaarige Tänzer stand auch am Spieltisch seinen Mann. Es wurde hoch gespielt. Als Frau v. Brintz ihn zum Partner forderte, lehnte Otto dankend ab. »Ich habe leider in der Jugend diesem Laster so gefrönt, daß ich es langweilig finde.« »Wie kann man! Was wäre die gute Gesellschaft ohne ein flottes Jeu ! Seien Sie doch nicht so ehrbar, Herr Baron!« schalt ihn die Dame mit erhobenem Finger. »Das Zuschauen wird Ihnen wohl kaum Vergnügen machen.« »Doch!« lachte er. »Das Vergnügen, die Verlierenden auszulachen.« Monsieur de Tallenay zog die Augenbrauen hoch und dachte sich sein Teil. Hätte er je Shakespeare gelesen, so würde er zitiert haben: Der Cassius hat einen hohlen Blick, er denkt zu viel, die Leute sind gefährlich. Ein angehender Diplomat, der den Pharotisch meidet, das ist entweder ein Bärenhäuter oder ein kalter Ehrgeiziger, der sich immer im Zaum halten will. Aber als er sah, wie der »Baron« auf allerlei Faxen des lebenslustigen jungen Madjaren einging und auch gehörig dem Champagner zusprach, beruhigte er sich. Einfach schlechte kleinbürgerliche Erziehung! Wahrscheinlich ein armer Teufel, der sein bißchen Moneten nicht riskiert. Und er trinkt viel, da kann man aus ihm sicher was herauspumpen. (Du ahnungsloser Engel du!) Otto setzte sich zu der schönen Gräfin und schöpfte dabei die Gewißheit, daß die Gute ihrem ungetreuen Haustyrann ganz ergeben sei. Graf Szecheny sprach von einer Mesalliance, daß ein österreichischer Magnat eine Tänzerin geheiratet habe. »Aber die Liebe! Aber die Kunst! Das adelt!« »Mit Tanzbeinen? Offen gestanden begreif ich noch eher, daß ein Edelmann ein ehrsames Bürgermädchen heiratet.« Eine Wolke flog über das schöne Gesicht der Gräfin, und Szecheny räusperte sich leicht. Otto merkte, daß er jemand auf den Fuß getreten habe. An den Thuns nagte ein furchtbarer Schmerz, einer von den Ihren, nicht mal ein »jüngerer Sohn«, vergaß sich so weit, eine Pragerin aus unteren Ständen zu heiraten, deren Unbescholtenheit eigentlich die ärgste Untugend war. Bei einer Dirne hätte man es noch eher begriffen. Ein Skandal! »Joa, wissen's, lieber Baron«, belehrte ihn der fidele Madjar, der ihn nach Haus begleitete, weil sie im gleichen Hotel wohnten. »Im Haus des Gehenkten redt man nit vom Strick.« Außerhalb des Salons sprach er fließend Deutsch in Wiener Dialekt, innerhalb diplomatischer Salons aber hätte man sich entehrt erachtet, etwas anderes als Französisch von sich zu geben. »Graf Franzl Thun hatte es halt mit der hohen Kunst und anderen Schrullen, z.B. untersuchte er Schädel. Wie nennt man's gleich mit so 'nem gelehrten Namen? Ein Engländer soll's ausgeheckt haben.« »Wohl die Phrenologie des Dr. Gall.« »Schauen's, was Sie net alles wissen! Ein Engländer von guter Familie, der 'ne Schwester vom Franzl heiratete, machte auch mit. Die untersuchen sämtliche Schädel, ob sie Hohlköpfe sei'n oder Raubmörder oder Genies. A Hetz! Als ob der liebe Gott hinten abdrücken würde, was er vorn auf der Visage schreiben kann. Jedem Menschenkind sieht man's halt an, was ihst ehs.« »Sind Sie dessen so sicher?« lächelte Otto belustigt. »Aber joa! Ohne uhnbescheiden zu sein, bei Ihna weiß man doch gleich, liebster Baron, daß Sie ein offener gerader Kerl sind.« Nicht gerade ein großes Licht, aber auch ganz hell für den Hausbedarf, setzte er in Gedanken hinzu. »Und a Jager sein's auch. Besuchen's mich in Keschkemat auf meine Güter. Da spendier' ich Ihna eine Bärenhatz, superbe . Au revoir a demain, à la bonne cameraderie! « Otto lachte in sich hinein, als er die Bettkerze ausblies. Also ich bin erkannt, eine ehrliche Haut, abzulesen wie vom Blatt. Mutter selig hatte natürlich auch Lavater im Schrank, von dessen Physiognomielehre hab' ich damals genascht. Nun ja, jedes Menschen Geist und Charakter stehen wohl deutlich im Gesicht geschrieben, doch wer vermag es zu lesen und wer hat Zeit dazu! Nun ja, ich gebe zu: Napoleon, Friedrich der Große, Goethe, Byron, das sind die besten Beispiele dafür, daß jemand sein Genie auf der Stirne trägt wie ein Wappen. Aber man mustere doch sonst die Ahnengalerie unserer Menschheitsgrößen! Wie selten decken sich da äußere und innere Erscheinung! Gewiß nur für unsere Blindheit, wohl möglich. Na, etwas gescheiter bin ich schon, als ich aussehe. Man hält mich sozusagen für einen Vater Biedermann und ehrenfesten Landmann, wie ich häufig merke. Ei, mir kann's recht sein, dann band mir die Natur selber einen Schleier vor. Wie wär's, wenn ich ein bißchen die burschikose Note spielte? So ein biederer, knorriger Altpreuße in Hemdsärmeln? Nicht übel, das machen wir. Gott, die arme Hanne! Wie soll sie so rasch Französisch plappern! Und die Sitten werden ihr gottlos erscheinen. Bah, zum Teufel, ich habe einen traulichen Kamin geheiratet, wo ich mich erwärme nach Frost und Wind, nicht einen Spiegel für meine Eitelkeit, eine Salongöttin zum Zeitvertreib der anderen. Ach, mein gutes Weib, könnt' ich dich wieder im Arm haben in der Tafelstube vor der Terrasse, dann fragt' ich wenig nach irdischer Ehre. Wenn ich morgen nach Hause schreibe, muß ich mich hüten, die Frankfurter Post ist einfach k.k. österreichisch, sie öffnet alle Briefe nach Berlin, das weiß ich schon. Ich werde zum Spott einfließen lassen: »Der Herr, der soeben diesen Brief liest ...«, vielleicht ärgert sie das als Schreckschutz oder vielmehr als blinder Böllerlärm, denn sie werden nach wie vor meine Briefe erbrechen. Die arme Hanne! Als Gesandter brauch' ich fünf Diener, drei Mägde, dazu Wagen, Pferde, Silbergeschirr. Jedes Behagen eine verbotene Speise. Wie tot und nackt ist diese große Welt, die sich groß nennt, weil sie so klein ist. Doch ich bin nicht hier, um Trübsal zu blasen und Weltschmerzsonaten vom Blatt zu spielen, sondern meine Pflicht zu tun und vielleicht mein Werk. * Die Gesandten der deutschen Kleinstaaten, denen er sich nun der Reihe nach amtlich vorstellte, verhehlten kaum ihr Mißtrauen. Sie tuschelten untereinander, und jeder beschloß auszuspionieren, ob dieser hergeschneite Fremdling etwa eine besondere Mission habe, und es dann brühwarm an Serenissimus zu rapportieren, ohne aber einem befreundeten Kollegen je einen Wink darüber zu geben. Der Kammerdiener Hildebrand berichtete lachend, daß Unbekannte ihn ausfragten, ob sein Herr viel esse, wann er aufstehe, ob er wirklich ein so starker Raucher sei, da man ihn immer mit der Zigarre sehe, ob die Frau Gemahlin von altem Adel sei, und ähnliche hochwichtige Staats- und gelehrte Angelegenheiten. Der Pommer, dem ein Schalk im Nacken saß, band dann allerlei Bären auf. Schon bald bat Otto den heimischen Kammerabgeordneten ab, daß er über ihre würdevolle Wichtigtuerei so endlos spottete. Denn die Lappalienwirtschaft dieser hochmögenden Kleinigkeitskrämer übertraf jede Vorstellung. Der schlaue Franzose, der kühle Engländer, die feschen, gewandten Österreicher wußten natürlich längst, was sie mit diesen Nachfahren der Regensburger Reichstagsperücken, die sich gegenseitig den Staub und Puder ins Auge bliesen, anfangen sollten. Jedem achtungsvoll ein bedeutsames Wort zuraunen, etwa: »Schön Wetter jetzt in Deutschland« oder »mich däucht, ein kalter Ostwind bläst« oder »im Westen hat man starken Wind«, wohinter tiefsinnige politische Anspielung sich pythisch verbarg. Jeden in die Watte seiner Reservatrechte wickeln und sich anstellen, als sei die Stimme von Reuß-Greiz und Lippe-Detmold von weltbewegendem Nachdruck. Im übrigen die eigenen Wege gehen und rücksichtslos die Interessen der drei Großmächte unter sich abwägen. Seit der frühere russische Bevollmächtigte, Baron Budberg, sich über den Bundestag in satirischen Episteln ergoß, die dem grimmen Zaren Lachtränen entlockten, verschmähte der hochmütige Herrscher aller Reußen, den Posten dauernd zu besetzen. Es hing von seiner Laune ab, ob wieder mal ein Russe sich herabließ, als Gesandter in Frankfurt zu »verhandeln«, d.h. zu tanzen, zu flirten und gute Diners zu essen. Denn im ganzen lief die staatsmännische Arbeit darauf hinaus, es sei denn, daß Cowley und Tallenay das Bedürfnis spürten, mit eigenen Kurieren nach London und Paris kleine scherzhafte »Akten« abzuladen, d.h. sich über den kindlichen Bundestag mit seinen twopenny-concerns lustig zu machen. Um sich von diesen Staatsmännern zu erholen, besuchte Otto den Kommandanten der Bundesfestung Mainz, nach wie vor von preußischen Truppen besetzt, deren Anblick ihm das Herz erfreute. General v. Schack bekannte seufzend: »Die moralischen Eroberungen – – ich höre immer: moralische – –, von denen Majestät so viel halten, lassen auf sich warten. Die kaiserlich königlichen Leute haben uns das Wasser abgegraben, die süddeutschen Bürger wollen nun mal von Preußen nichts wissen. Sind Herr Geheimrat schon beim General Peucker gewesen?« Er meinte den preußischen Militärkommissar in Mainz, der an der Niederwerfung des Badischen Aufstandes teilnahm. »Er war bisher verreist. Ich hatte die Ehre, ihn einmal in meinem Elternhause zu sehen und habe ihm Anhänglichkeit bewahrt. Ein hochverdienter Mann!« »Ein bißchen zu gelehrt für einen Frontoffizier, obschon Exzellenz ja noch unter York den russischen Winterfeldzug mitmachten. Man hört, er soll als Generalinspekteur des Militärerziehungswesens vorgemerkt sein. Dann wird er wohl den letzten Orden bekommen, der noch fehlt.« Der General lachte. »Sie kennen ja wohl den Berliner Witz: es peuckert.« »Hängt er denn wirklich auch hier noch sämtliche Orden heraus?« »Bis über den Nabel«, äußerte sich der Kommandant mit soldatischer Offenheit. »Ob er damit moralische Eroberungen macht? Die Frankfurter machen auch faule Witze darüber, die Gassenbuben drehen ihm lange Nasen hinterm Rücken, das feine Französchen, der Herr Marquis, nannte es öffentlich »schlechten Ton« und Exzellenz Graf Thun, der sich ja nie Zwang auferlegt, soll in einer Weinlaune von ›preußischen Pfingstochsen‹ schwadroniert haben. Müßte mir vor die Klinge, der Hochnasige, wenn er nicht exterritoriale Indemnität hätte. Und Peucker ist solch braves altes Haus. Warum macht er nur solche baufällige Sachen!« – – Als Otto zu früher Stunde am Vormittag Peucker aufsuchte, um ihn bestimmt zu treffen, kam ihm dieser freundlich entgegen: »Ist mir eine Freude, werter Herr Geheimrat. Kannte Sie schon, als Sie noch ein klein Jüngelchen waren, und jetzt sind Sie so ein großer, schöner Mann.« Er selbst war sehr unschön und unansehnlich. Im ersten Augenblick staunte der Besucher, daß es gar nicht peuckerte, doch er sah sofort den Grund. Auf einem Tischchen lagen sämtliche Orden ausgebreitet, Kreuze und Steine, eine wahre Milchstraße. »Ich komme, Exzellenz, um mich zu informieren, wie Sie als Militärkommissar – –« »Ach, ich befinde mich in einem argen Dilemma«, unterbrach ihn hastig der alte Herr. »Se. Hoheit der Großherzog von Weimar haben geruht, mir höchstihren Hausorden vom Weißen Falken zu verleihen, nämlich den Stern dazu. Dieser unterbricht aber die gewohnte Ordnung der Kette. In meinen Augen – – ich weiß nicht, wie Sie darüber denken – –«. Er warf einen halb entsetzten Blick auf die fast jungfräuliche Brust des Besuchers in Zivil – »ist, die sachgemäße Gruppierung von Verdienstzeichen ein Kunstwerk. Beraten Sie mich! Wo soll ich den werten neuen Ankömmling einreihen?« Otto unterdrückte ein Lächeln und ging mit gebührendem Ernst auf Erörterung der großen Frage ein, zur Zufriedenheit Peuckers, den er dann mit Mühe auf ein geschäftliches Thema brachte. »Ja, Preußen und Österreich – – dieser Kaiserstaat hat sehr vornehme Orden. Der Eisernen Krone bin ich teilhaftig geworden, das Maria-Theresien-Kreuz ist ja natürlich nur für heimische Größen wie Radetzky, und das Goldene Vlies – – ich hatte den Vorzug, es bei Sr. Gnaden Fürst Schwarzenberg auf dem Schlachtfeld von Leipzig erschauen zu dürfen, den es herrlich kleidete.« Er seufzte elegisch wie in Sehnsucht nach Unerreichbarem. Plötzlich sagte er kurz und scharf: »Wir müssen vor allem dafür Sorge tragen, daß in Mainz die preußische Besatzung dominiert. Damit veranschaulichen wir dem hohen Bundestag gleichsam das militärische Gewicht Preußens. Es kann nicht oft genug daran erinnert werden.« Ein gescheiter, tüchtiger Kriegsmann, eine Leuchte der Kriegswissenschaft! dachte Otto, als er die Treppe hinabstieg. Und doch solche Schwächen! Vielleicht das Ewigweibliche – – der Häßliche hat eine hübsche Gräfin geheiratet, und die sieht wohl darauf, seine Blöße mit dem Feigenblatt schöner Orden zuzudecken. Aber solche Äußerlichkeiten bestimmen das Urteil der seichten Welt. Damit sind wir Preußen oft geliefert. Entweder haben wir einen barschen, rasselnden Kommandoton oder die schulmeisterliche Salbung eines professoralen Pedanten, oder wir machen uns lächerlich – – und dabei sind wir die humansten, gerechtesten Menschen, fleißiger, pflichttreuer, klüger und auch schöpferisch begabter als die meisten Ausländer, aber es fehlt an Takt, wir behalten etwas Bourgeoises und Parvenühaftes. Hängt wohl mit unserer Geschichte zusammen. Welch ein echtpreußischer Humanitätsdusel, von moralischen Eroberungen zu schwärmen! Die Leute wollen sich ja von uns nicht lieben lassen, überall flößen wir Abneigung und Mißtrauen ein, unsere besten Absichten werden verkannt. Da scheint mir vorzuziehen, daß wir auf die schätzbare Sympathie verzichten und uns lieber an die erzwungene Achtung halten. Wer liebt denn die Engländer! Aber wo man sie haßt, da fürchtet man sie, und aus solcher Achtung, aus Furcht keimt nachher ein Wunsch, sich vor der eigenen Selbstachtung zu rechtfertigen und im Gefürchteten allerlei Großartiges zu ehren. Daher das Getue von der englischen Kulturmission, mit der es gar nicht so weit her ist, denn mit Seife und gestärkten Hemdkragen allein zivilisiert man doch nicht das Erdenrund. Nicht um Liebe betteln, sondern Achtung einbläuen, mächtig werden, dann bekommen wir auf einmal die erhabensten Eigenschaften. * »Gestatte mir, mich bei Ew. Exzellenz anzumelden«, stellte sich ein junger Attaché vor, vorschriftsmäßig die Hacken aneinanderschlagend. Rochow verreiste auf acht Tage nach Warschau in politischen Angelegenheiten, und sein Wirklicher Legationsrat vertrat ihn. Der andere, aus Berlin beigegebene Geheimrat v. Gruner war Liberaler auf Leben und Tod wie die meisten höheren Bureaukraten, konnte den Schönhauser Junker nicht ausstehen und packte übrigens schon seine Koffer, um selber bei Rochows Scheiden mit diesem zu verschwinden. Außerdem befand sich noch hier ein alter Legationsrat, Otto Wentzel, der die Kanzlei unter sich hatte und bleiben sollte. »Dieser Herr Spätaufsteher hat manchmal trotzdem Gold im Munde, er spricht und schreibt fein, doch für unsere zähe Bundesakte ist er zu träge und hat von äußerem Schliff der Gesandtenturnüre noch keinen Schimmer,« urteilte Rochow, der über eine scharfe Zunge verfügte und Ottos spätes Aufstehen wegen zu langer nächtlicher Lektüre als groben Verstoß gegen preußische Pünktlichkeit verpönte. Bei den sachgemäßen Vorträgen über formalen Geschäftsgang, die er auf allerhöchsten Befehl dem Anfänger halten mußte, fiel ihm jedoch dessen blitzschnelles Begriffsvermögen auf, und er bildete sich heimlich eine günstige Meinung. »Pst, ich bin noch nicht Excellenz. Graf Lynar, nicht wahr? Sie sind uns amtlich zugeteilt, um sich in diplomaticis umzutun.« »Unter Ihrer bewährten Leitung – – « »Oho, die ist noch gar nicht bewährt. Für Ihren schönen Zweck kommen Sie hier übrigens an die unrechte Schmiede. Nicht mal als Kocheleven möcht' ich Sie engagieren. Hier lernt man nur Wassersuppe kochen.« »Ich verstehe nicht recht – – « Der junge Graf, intelligent, anständig und wohlerzogen, doch etwas verlegen und unsicher, weil tiefbescheiden, wußte nicht recht, wie er sich diesen burschikosen Hünen auslegen sollte, der in gelbem Schlafrock in seinem Hotelzimmer umherwandelte. »Nu so! Wer weiß nicht, daß überall mit Wasser gekocht wird, sogar mit schmutzigem Wasser! Doch so 'ne nüchterne fett- und salzlose Wassersuppe wie die hiesige superkluge Charlatanerie ist mir noch nie vorgesetzt worden. Ich hab' meiner Frau geschrieben, sie soll mir ein paar Schulzen aus Hinterpommern herschicken, mit der Falstaffgarde will ich hier Staat machen wie mit den sieben Weisen Griechenlands. Sie speisen mit mir an der Table d'hote, wenn ich bitten darf, da werden Sie noch die zwei anständigsten Exemplare treffen, Schele von Hannover und Oertzen von Mecklenburg. Ab« der Rest: Les beaux restes endloser Amtstätigkeit im Nichtstun!« »Aber man glaubt doch, hier werde sozusagen Deutschlands Schicksal verhandelt.« »O, mein lieber Herr Attaché!« Bismarck schlug eine bittere Lache auf. »Sie als preußischer Edelmann leben in dem Wahn, daß männiglich seine Schuldigkeit tun müsse. Aber die Exzellenzen hier bestehlen nur den armen Steuerzahler, sie sind nicht das Papier und die Tinte wert, mit der sie ganze Bogen vollschmieren, sogenannte Gesandtschaftsberichte über nichts und wider nichts. Ich bin auch nicht besser. Ich habe schon mehrere Leitartikel ans hohe Ministerium gesandt, nur zu lang, um in einer Zeitung für Staats- und gelehrte Angelegenheiten zu erscheinen. Wenn der Premier mir nachher sagen kann, was eigentlich drinsteht, dann zahl' ich ihm 10 Taler preußisch Kurant. O, ich mache reißende Fortschritte! Was ist das diplomatische Metier? Eine Art Nebenressort des Journalismus, nämlich die Kunst, mit einem riesigen Wortschwall kein vernünftiges Wort zu sagen und zu verdecken, daß man gar nichts weiß.« Der junge Graf lächelte verlegen. »Man weiß, daß Ew. Exzellenz immer ein besonderer Feind der Presse waren.« »Ich bitte ihr vieles ab, denn wenigstens kann sie schimpfen. Nicht mal das bringen die Leute hier fertig, sie können nicht einen Tag lang wenigstens ehrlich ihr Gift verspritzen. Das wäre noch Wahrheit, aber dafür beziehen sie nicht ihre Gehälter. In fünf Jahren werden sie so wenig zustande bringen wie heut, und doch könnt' ich's an einem Tage machen. Da ist nichts zu wollen, mein Lieber, man muß mit den Wölfen heulen. Ach, wenn sie doch nur einmal laut und ehrlich heulen wollten, denn es plagt sie doch der Heißhunger, irgendwo einen fetten Bissen zu erschnappen, irgendein Seperatvorteilchen. Aber sie verbeißen sich jeden lauten Ton und belauern sich mit unhörbarem Knurren.« Der junge Graf lächelte fein. »Verzeihen Exzellenz, aber wenn Wölfe gar nichts zu fressen bekommen, dann, sagt man, fallen sie sich untereinander an.« » Tiens ! Sehr gut gefolgert!« Bismarck sah den Jüngling wohlgefällig an. »Darin steckt mehr als Sie ahnen. Wissen Sie was, ich werde Sie zu meinem Vertrauten ernennen, zum Großsiegelbewahrer meiner tiefsten Geheimnisse. Ich habe nämlich keine. Doch um Gottes willen verraten Sie das nicht! Es wäre um mich geschehen, ich käme um Ehr' und Reputation. Denn jeder von uns hat seinen diplomatischen Fahneneid geleistet, sowohl er als die anderen verbergen erschütternde Entwürfe. Das gehört zum Metier, verstehen Sie, zum Standesbewußtsein, 's ist so 'ne konventionelle Fiktion.« »Aber es ist doch unmöglich, daß man hier nicht tieferen Einblick –« »Worin? In den Stadtklatsch der beau monde ? Der kleinste Frankfurter Koofmich weiß so viel von hoher Politik wie wir, und Amsel Rothschild weiß es vermutlich besser. Ach, der ungläubigste Thomas unter nörgelnden Demokraten ahnt noch nicht den Umfang unserer Unwissenheit und Ohnmacht. Meine selige Frau Mutter wollte mich immer zum Diplomaten machen. Es ist erreicht, ich salutiere in Gedanken,« er tat es mit der Geste, »und melde gehorsamst: ich habe die Ehre.« Diese eruptive Offenheit betäubte zwar den jungen Lynar, aber bezauberte ihn, er empfand sofort hohe Anhänglichkeit für diesen polternden Nicht-Diplomaten. Das wußte Otto mit seiner rein instinktiven Menschenkenntnis sehr wohl, sonst hätte er sich nicht so aufgeknöpft. An der Table d'hote exzellenzte ihn schon jeder, was er wohlgefällig als Vorschuß und Abschlagszahlung einstrich, obwohl es ihm sonst Spaß machte, unter lauter Exzellenzen die einzig fühlende Brust zu sein. »Sehen Sie,« belehrte er den jungen Lynar nachher bei der Zigarre, »so sind nämlich die Menschen, und deshalb liegt ein tiefer Sinn darin, daß der Staat Titel verleiht. Geschähe es immer an die Würdigen, wär' es geradeso gerecht wie der wirkliche Geburtsadel. Denn glauben Sie mir, Cäsar und Sokrates in eigener Person könnten das Blaue vom Himmel herunterholen, solange sie simpel Herr Cäsar und Herr Sokrates heißen, fragt keine Katz danach. Aber der Feldmarschall Cäsar und der Wirkliche Geheime Hofrat Sokrates reden auf einmal lauter Evangelien. Der Wirkliche Geheimrat Witz, wie der boshafte Bengel Heine es nannte, kichert aber darin, daß der liberale Philister auf Rang und Titel und Hofgunst schimpft und doch dabei nicht ein Jota anders denkt als das kriechendste Hofgesinde. Eine Spielart davon ist auch der Professorenkultus, den wir hier in der Paulskirche unheiligen Angedenkens bewundern durften. Spricht Sokrates, so fragt der Zuhörer: wo ist er Professor? Hat er auch alle Examina gemacht? Was, nirgends? Er lehrt frei aus sich selbst heraus und weiß deshalb mehr als alle staatlich geeichten Rhetoren? So was erzählen Sie andern, ich hochgebüldeter teutscher Philister glaube nur an den Professor Ordinarius. Und der weiß natürlich alles, denn wem Gott ein Amt gibt, dem gibt er auch Verstand. O, ich sehe schon die Zeit kommen, wo die Herren Physiker Vorlesungen über Literatur halten und Bücher über metaphysische Nicht-Metaphysik verzapfen oder wo Mediziner die Staatswissenschaft chirurgisch und therapeutisch behandeln unterm johlenden Beifall der guten Deutschen.« »Exzellenz haben eine sehr schlechte Meinung von den Menschen«, erlaubte sich Lynar zu bemerken. »Man muß die Menschen verbrauchen, wie sie sind«, brach der Eruptive plötzlich kalt und trocken ab. »Wissen Sie was, ich lade Sie zu einem Spaziergang ein, wir wollen uns mal die berühmte Paulskirche besehen.« – Die St. Pauligemeinde ließ in wahrhaft religiöser Ehrfurcht ihr zum Parlament geweihtes Gotteshaus unangetastet, nachdem die Pfingstapostelzungen dort längst verklangen. Die schwarz-rot-goldenen Fahnen nickten noch von den Pfeilern herunter. Statt der seit lange verrosteten Orgel schien wie der Geist Gottes über den Wassern die majestätische Stimme Gagerns oder Wilhelm Jordans noch über den leeren Bänken zu schweben. Die Kustodin trat sofort heran: »Wünschen die Herrschaften das Schreibpult des großen Märtyrers Robert Blum zu sehen? Wünschen Sie eine Reliquie?« Sie bot großmütig ein Messer an. »Manche Herrschaften schneiden sich auch von Trützschler ab, welcher selbige in Mannheim den Märtyrertod erlitt, von preußischen Schergen füsiliert.« Sie plärrte diese eingelernte Lektion eintönig herunter, wie ein Kastellan in fürstlichen Schlössern. »Danke ergebenst, behalten Sie Ihr Messer, liebe Frau.« »Ah, die Herrschaften sind mehr für Auerswald und Lichnowsky! Selbige Herren erlitten den Märtyrertod durch Kugeln von Schelmen, welche die gute Sache schädigen wollten. Selbige Märtyrer waren gemäßigt; Liberale, tiefbetrauert von der Mehrheit der hohen Versammlung, so da tagte in diesen für immer historischen Räumen«, sagte sie belehrend die weitere Lektion her. »Auch dafür haben wir keine Verwendung.« Die Frau sah ihn mit offenem Munde an. Was wollten diese Leutchen denn hier? Die von der Preißchen Reaktion mieden doch die Paulskirche wie eine schwarze Messe des Gottseibeiuns, aber wer weder zu Blum noch zu Auerswald beten wollte, was suchte der hier? Ein honnettes Trinkgeld löste ihr freilich insofern die Zunge, als sie knixend gestand: »Nix für ungut, die Herren! 's isch ja auch nüt mit de Pultdeckel, die sein alleweil nicht mehr echt. Die Leut' haben schon dreimal all das Holz abgeschnitzelt. Aber sehen's, Märtyrer sein Märtyrer, und man will akkurat dieselbigen Deckel han.« Beim Hinausgehen warf Otto einen düstern Blick auf die roten Quadersteine der Kirche. »Mir ist, als schwämme dies alles in Blut, verflossenes und künftiges.« »Wie? Ich dachte doch, das wäre für immer erledigt.« »Das? Was? Das war der Anfang, wir sind noch lange nicht zu Ende.« Sein wasserblaues Auge hatte einen seltsam verglasten visionären Blick, und er schüttelte sich wie in einem Schauer. Aber dann sagte er trocken: »Wir müssen uns in Wichs werfen, mein junger Freund, heut abend ist der große Ball beim englischen Gesandten zum Geburtstag der Königin Viktoria.« – Er hatte seine Wohnung jetzt privat verlegt, Hochstraße 45, wohin er seinen Attaché Lynar mitnahm, der mit ihm zusammenzog. Die Frau des Hausbesitzers, Kaufmann Krug, knixte mit freudigem Stolz: »Det is uns eene besondere Ehre. Ick bin nämlich Berlinerin us die olle Zeit, ick habe noch Frau Dutitren gekannt.« Diese Lokalgröße war jedem Alt-Berliner ans Herz gewachsen, und Otto deklamierte sofort die berühmte Anrede der Dutitre an den Altmeister in Karlsbad: »Jöttlicher Joethe, wer sollte dir nich kennen! Festgemauert in der Erden steht de Form, aus Lehm gebrannt!« Darüber mußte Frau Krug sich krank lachen. »Ne, Herr Baron, ik sage man bloß, über Berlin jeht nischt, un' wenn man 'n Landsmann sieht, det is doch janz wat anders, als die faulen Ausländschen hier.« Nachdenklich folgerte Otto: »Da schwatzen die deutschen Gelehrten von kosmopolitischer Weltverbrüderung und ist doch fauler Zauber. Das Heimat- und Stammgefühl ist vielleicht die stärkste menschliche Leidenschaft, nur schlummert sie latent und muß geweckt werden. Viele Deutsche bilden sich ein, sie seien darüber erhaben und liebten den Fremden brüderlich. Laß sie nur eine Weile im Ausland leben, dann umarmen sie den nächsten deutschen Grenzpfahl.« Die Frau nannte die Frankfurter Ausländer. Nennen Sie das Stammgefühl?« »Nein, verengtes Heimatgefühl. Wird es vernünftig erweitert, gewinnt es erst recht an Stärke. Ich bin gar nicht gegen Partikularismus, wenn das heißt, die Eigenart der engeren Heimat hochhalten. Wie kann der Bayer sich an der Elbe so heimisch fühlen wie an der Isar bei Leberknödel und Kalbshaxen und der Ostpreuße am Neckar, wo er keine grauen Bohnen findet! Aber Sie werden's noch erleben, lieber Graf – ich bin zu alt dazu –, daß der Hesse fühlt, auch ihm gehöre die Weichsel, und der Oldenburger, auch ihm gehöre der Main, daß alle Deutschen inne werden, sie seien eines Stammes.« »Ich höre immer Deutsch«, maulte Lynar krittelnd. »Sie sind doch ganz Preuße.« »Deshalb ganz Deutscher. Das eine schließt das andere nicht aus.« – – Der Cowley-Ball war glänzend. Man spielte um Mitternacht die hehre Nationalhymne God save the Queen , englische Wappen und der Union-Jack erstrahlten transparent vom Sims bis zum Estrich an den Wänden, und die Spiegel warfen das erhebende Bild zurück, wie die Edelsten aller Nationen zum Kotillon antraten. Thun mit seinem Satyrlächeln liebte so sehr das Hüpfen, doch der belgische Gesandte Graf Briey und der steife Lord Cowley selber gaben ihm nichts nach. Allen tat es der französische Marquis zuvor. Der Kotillon dauerte zwei Stunden. »Ah la vieille roche!« hauchte der Gesandte von Hessen-Darmstadt dem interimistischen und bald wirklichen Vertreter Preußens, das er von ganzer Seele haßte, liebevoll zu. »Frankreichs alter Adel! Dies Vorbild feiner Sitte! Und diese echte Frömmigkeit, worin uns ja auch unser edler Präsident voranleuchtet!« Thun richtete soeben innige Blicke auf die unendliche Dekolletierung einer keuschen Britendame aus hohen Kreisen, der zu tun fast nichts mehr übrigblieb. »Doch ich vergaß, Euer Exzellenz sind Protestant.« Er grüßte verbindlich und bat sehr devot die Gräfin Thun um einen künftigen Walzer. Der Tausendsassa! Da gab er mir fein zu verstehen, daß Hessen-Darmstadt unbedingt den katholischen Mächten folgt, nicht ohne Beigeschmack eines Schmachtens nach neuer Rheinbundszeit. Welch ein Meisterstreich! Er wird es seinen Kollegen Reinhard und Holzhausen im Siegel tiefsten Vertrauens ins Ohr flüstern, damit sie es in allen Salons unter dem gleichen Siegel öffentlich verbreiten. Diese antipreußische Clique denkt uns brüskieren zu können. Wir werden ja sehen. »Der prächtige Tallenay!« räusperte sich neben ihm eine Stimme. »Ein Naturwunder! 65 Jahre alt! Wer möchte das glauben!« »Wie beliebt? Ich dachte: 55«, wandte sich Otto zu dem Redenden um. Es war Herr v. Nostitz, der sächsische Gesandte, ein kluger Fuchs. »Ach nein! Ich bin informiert. Entre nous soit dit ,« er dämpfte den Ton, »er färbt seine weißen Haare, natürlich grau, damit es natürlicher aussieht. Natur, o Natur! Nein, da prangt doch unser herrlicher Thun in anderer Jugendfrische. Die Österreicher sind unverwüstlich, an ihnen nagt nie der Zahn der Zeit. Apropos,« er hob sich auf den Zehenspitzen, um Otto ins Ohr zu tuscheln, »muß er sich ewig dazu bequemen, seine Unterschrift zu leisten als Monsieur Marquis Tallenay statt Monsieur le Marquis de Tallanay, um nicht die Egalité zu verletzen? Ah les Republicains sont trop drôles! Au revoir, mon cher confrère, bonne chance! « Wieder ein Meisterstreich, spottete Otto in sich hinein. Wie fein er mir zu verstehen gibt, daß Sachsen nur zu Österreich hält. Die Beziehungen der Großmacht Sachsen zu Frankreich sind entschieden erkaltet. Wir Sachsen fürchten nur Republiken und sonst nichts auf der Welt, am wenigsten Preußen, falls dieses etwa gar mit Republik Frankreich liebäugeln sollte aus liberalen Aufwallungen. Österreich allein ist unser Leibgericht, es ist die politische Hostie für alle deutschen Kleinstaaten, die ihren Beruf verstehen, denn wofür sind sie da? Um Preußen zu isolieren und einzukreisen. Es scheint jetzt die Losung ausgegeben, mit leisen Drohungen zu schikanieren und ausnahmsweise Farbe zu bekennen. Denn Preußens Langmut und Schwäche kennt man ja, unzarte Winke fallen dort immer auf guten Boden. Na wartet, meine Lieben, bis ich erst hier freie Hände habe! Der Ball dauerte bis 5 Uhr morgens. In der gräßlichen Langeweile hatte Otto nur einen Genuß: die Höllenqual des guten Marquis, mit dem sich ein anwesender hoher Gast, die Herzogin von Cambridge, in einer unbekannten Sprache unterhielt. Man konnte nur erkennen: Englisch war es nicht, es hatte eine entfernte Ähnlichkeit mit dem Französischen. Das ganze diplomatische Genie Tallanays erschöpfte sich im Erraten. A merveille! Auch die beiden jugendlichen Töchter der Herzogin handhabten dies Volapük und Esperanto der Zukunft, das berühmte Anglo-Französisch, eine etymologische Entente Cordiale . Kein Zweifel, die Annäherung der Westmächte ist eine vollzogene Tatsache. Thun schickt morgen einen ellenlangen Bericht nach Wien. An den Vertreter Preußens verschwendete die Herzogin nur ein paar flüchtige Worte. »Der Herr Baron spricht Englisch wie ein Engländer«, hatte Lady Cowley ihn vorgestellt. Diese Sprache schien jedoch der Herzogin weniger geläufig, man reist doch nicht auf den Kontinent, um Englisch zu hören. Ha, Preußen war abgeblitzt, beinahe geschnitten! Sämtliche Federn der Gesandtschaftskanzleien werden sich morgen rühren. Ein welterschütterndes Ereignis hoher Politik! Uff, das tut gut. Vom Ball heimgekehrt, setzte er sich in das kleine Gärtchen des Hauses, wo er wohnte, und hörte einem Amselschlag zu. Ob wohl die Meinen jetzt gesund schlafen? Dies Heimweh macht mich wieder zum Menschen, mich auf Pappe geklebte Aktenrolle. Schmerz ist noch das einzig Wesenhafte in dieser leeren Welt. * Der Juni kam, Rochow war wieder da, nicht aber kam Ottos Ernennung. Er vertrieb sich die Zeit mit Staatsbesuchen, in Darmstadt bei einer preußischen Nebenprinzessin, in Bieberich beim Herzog von Nassau, an dessen Schloß er einst mit Nanne vorüberfuhr. Es gab bei Tafel die ersten frischen Heringe, die ersten Erd- und Himbeeren. »Compliments of the season!« meinte der Herzog. »Die Briten haben doch für alles die feinsten Ausdrücke. So anmutig wird Deutsch nie. Heut ist übrigens der Jahrestag, wo meine glorreichen Truppen in Belgien landeten, um unter dem erhebe mein Glas zum Andenken an den unsterblichen Feldgroßen Wellington die Schlacht bei Waterloo zu schlagen. Ich Zeile fehlt im Druck. Re. herrn und meine brave Armee!« Kein Wort von Blücher und Preußen! Jeder kleine Gernegroß unter den Kleinstaaten prahlt heute noch, wie er unter Marlborough oder Napoleon in fremden Diensten zu Englands und Frankreichs Erfolgen beitrug. Der Herzog erkundigte sich dann, ob die Thun noch immer brav sei und sich zweideutige Redensarten vom Halse halte, wie sie in der Frankfurter guten Gesellschaft bevorzugt würden. Otto bejahte mit Wärme, und der Fürst nickte befriedigt, denn deutsche Landesväter halten auf gute Sitten, die Landgrafen von Hessen (»Kabale und Liebe«) waren doch meist Seltenheiten. Sodann fragte er, ob der Herr Geheime Legationsrat zur Denkmalseinweihung für gefallene preußische Husaren und Dragoner (Badischer Aufstand) nach Philippstal fahre. »Ihr junger Prinz Friedrich Karl soll sich da große Meriten erworben haben. Ja, es fehlt dem erlauchten Herrscherhause der Hohenzollern nie an militärischen Köpfen. Auch wir Oranier hatten ja Moritz den Großen.« Da es Otto nicht unbekannt war, daß auch die Weimarer einen Bernhard den Großen für sich hatten, so überraschte ihn nicht diese historische Separaterhöhung. Da ja der eigenartige, bedeutende und wohlmeinende erste Ludwig von Bayern jetzt auch schon bei seinen Untertanen der Große hieß, so hatte Deutschland eine Mustergalerie von »Größen« zur Auswahl. »Kennen Sie den preußischen Geschäftsträger in Karlsruhe, Herrn Charles v. Savigny?« »Zu Befehl, Hoheit. Ein Jugendfreund.« »Sehen Sie mal an! So treffen sich die Söhne aus guten Häusern doch alle im Leben wieder, weil das Talent sich Bahn bricht. Für Militär und Diplomatie darf immer nur der Adel dienen, weil diesem die nötigen Talente innewohnen.« Diese feierlichen Platitüden sprach der hohe Herr mit vieler Selbstverständlichkeit aus, doch Otto dachte unwillkürlich, wo Charles Savigny wäre, wenn sein Vater nicht Minister und Hofmann war. Auch schmunzelte er bei der Erinnerung über das naive Staunen von Freund Savigny, daß ein Referendar a. D. ohne jede Vorbildung es bis zum Gesandten bringen könne. Abderitentum ohne Ende! – Einige Zeit darauf aß er ein üppigeres Diner, woneben die herzogliche Tafel sehr abfiel, beim alten Amsel Rothschild, der ihn innig empfing: »Haben Se mir sagen lassen, Herr Baron, Se würden kommen, wenn Se noch lebten. Ich denk', mich soll treffen der Schlag. Allen Leuten hab' ich's erßählt: Was soll er nich leben, was soll er sterben, der Mann! Is er doch jung und stark. Was sollen da erst fürchten wir alten Leute!« »Ich meine nur, Herr Baron, wir stehen in Gottes Hand. Sie hatten die Güte, mich schon vor zehn Tagen einzuladen. Das ist eine lange Zeit, rasch tritt der Tod den Menschen an.« »Gott, is das scheen gesagt von unserm Goethe! Gott soll mich strafen, wenn ich nicht habe gemacht ein traifes Geschäft schon oft in zehn Tagen oder fünf. Und das Geschäft, Herr Baron, is so ernst wie der Tod.« Unser täglich Brot gib uns heute! Die Tafel strotzte von Silber zentnerschwer, von goldenen Gabeln, von den edelsten Weinen, von Treibhaustrauben und Pfirsichen. Dazu pflog die Hochfinanz wahrhaft bedeutende Gespräche über Lafitte und andere Pariser Bankhäuser, über die neue Anleihe von Peru, über Baring Brothers und die Verzinsung der englischen Nationalschuld. Teilnehmend und väterlich fühlte der Geldkönig den preußischen Finanzen den Puls, dagegen war er fest auf das kaiserlich königliche Budget. »Sie müssen es besser wissen«, holte Otto vorsichtig aus, »doch das Publikum sprach immer von Staatsbankerott.« »Wie heißt! Wird Österreich immer sein ein großer Herr. Nu ja, ein Kavalier macht Schulden, aber mir is ein schlampeter Kavalier immer sicherer als ein bescheidener Schlucker. Ach, was is for a graußer Herr der Fürst Schwarzenberg. Immer kulant und wußte, was er schuldet gediegenen Bankiers. Da will ich Ihnen erzählen eine faine Geschichte, Herr Baron oder soll ich sagen Herr Geheimrat oder richtiger Exzellenz, was is eine große Ehre vor mein Haus, den hohen Herrn Gesandten von der Großmacht Preußen an meinem bescheidenen Tisch zu sehen. Exzellenz kennen gewiß den Baron Haynau, Exzellenz und Feldmarschall?« »Nur per Renommee.« (Die Hyäne von Brescia!) »Ein graußer, aber ä grauser Mann. Der hat unsere Lait in Budapest ßu einer Kontribution verurteilt, die nicht war erschwinglich für die armen Mitbürger mosaischer Konfession. Und als se haben gebetet, hat er gebrüllt, der Tiger (Gott soll ihn verderben!), sie sollten sein froh, daß er nicht alle aufhänge. Da war ein Erleuchteter in Israel, der Großrabbiner. Hat er gesagt: Da müssen wir fahren nach Wien zu Rothschild. Und sind se gekommen ßu meinem Neveu und hat er angehört gnädig, wie er is, und hat er getröstet: Ich wer' mal kommen lassen den Schwarzenberg. Und am andern Tag, als die armen Juden sind gekommen ßu Audienz, da hat er ihnen aufgesteckt eine Leuchte in Israel: Ziehet hin in Frieden mit dem Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, jeder Kreuzer is euch erlassen, nix habt ihr ßu bezahlen. Sehn Se, das is nobel, so geht's zu in Österreich (soll es lange leben!) zwischen Kavaliere in de höchsten Kreise.« Dem Patriarchen bebte die Stimme vor Rührung. Übrigens war er sonst ein gemütlicher und wohltätiger alter Herr, dem man nicht gram sein konnte, obschon die Dynastie Rothschild ihre natürlichen Grenzen mit einer reißenden Schnelligkeit erweiterte, als wäre sie die große Nation, die laut Talleyrand und Napoleon »nur die Grenzen anerkennt, welche die Natur selber gesetzt hat«, eine etwas unnatürliche Ausdehnung. Ja, so geht's in Österreich, so geht's in der Welt, der Schacherjude regiert. Und gerade weil der greise Stammeshäuptling der regierenden Familie nichts sein wollte als Proßentchemacher, darum gefiel er Otto leidlich, und er ehrte die peinliche Sorgfalt, womit der streng Orthodoxe von seinem Diner nichts anrührte und nur Gekoschertes aß. »Wollen uns machen eine Motion, Herr Beraun, 's hilft für de Verdauung, will Ihnen zeigen mein kleines Gärtchen, was is mein Augentrost. Ich bin so für Natur, Herr Beraun Johann, nimm epps Brot vor die Rehjer«, beauftragte er den nachfolgenden Bedienten. Das kleine Gärtchen war natürlich ein großer Park, in dem es von zahmen Rehen wimmelte und die Flora sich endlos entfaltete wie ein Kurszettel Rothschildscher Börsenwerte. »Die Pflanze hier koscht mich 2000 Gülden, uf Kavaliersehr' 2000 bare Gülden, lass' Se Ihne vor 1000 oder wolle Se habe geschenkt, soll er Ihnen bringen ins Haus, der Johann.« »Verbindlichsten Dank, aber ich habe bei mir nicht Platz.« »Gottswunder, ein feiner Herr, der nichts will haben geschenkt. Sonst kommen de Lait und wollen nur haben eppes geschenkt vom alten Rothschild.« Das magere eisgraue Männchen zwinkerte schlau mit den Äuglein. »Meine Herrn Neveus aus Wien und London und Paris machen nur Visite dem alten Mann, wenn se wollen epps geschenkt. Bin sonst ßu unfein vor die Herren Neveus. Habe nich Kind noch Kegel, meine gute Sarah is gegangen lange in Abrahams Schoß, und da sitz' ich in mein' Palais und habe so viel Milliönchen, und alles erben die Herren Neveus, die kein Herz haben für den alten Mann.« Tiefbewegt sah Otto auf den armen Teufel nieder, der inmitten seiner Schätze verhungerte. Denn was ist solch ein Leben als seelischer Hungertod! Er sagte ihm ein paar tröstende Worte, von Herzen kommend. Der Alte sah ihn dankbar an: »Waiß Kott, hab' ich mer nicht getäuscht, der alte Amschel täuscht sich selten, ßu viel Lait hat er gekannt, die Fürnehmsten im Land, die haben bei ihm gebettelt um Almosen – – wollte sagen: Darlehen, wo man wiederkriegt kaum de Zinsen, sechs Prozent. Als ich Se habe gesehen, Herr Beraun, hab ich gesagt zu mir: das is a scheener Mann, aber was de scheenen Männer sonst sind selten, a braver Mann, und was de braven Männer auch sind selten, a bedaitender Mann. Hab gehört, daß Se sind ein Feind von Israel, von de Emanzepation, was is das Gegenteil von dem, was sie haben genannt Ghetto, wo die Juden noch waren fromm nach der Lehre der Väter, und heut sind se Gottesleugner und lassen sich taufen und frisieren sich französisch und kleiden sich englisch, und jeder will heißen Beraun oder Graf oder sonst eppes Heidnisches von de Gojim. Ich sag' Ihne, liebster Exellenzherr, da frag' ich nix nach, ob einer haßt unsere Lait. Denn wenn er schwatzt, er liebt unsere Lait, will er machen a Geschäft oder heiraten eine Kalle vor sein Portemonnai. So einer sind Se nich, und, weiß Kott, ich schätze Se aufrichtig. Ich seh's Ihne an, daß Se sind a gediegener Mann, a treuer Mann und a guter Mann für Weib und Kind. Vorhin haben Se Blättchen gepflückt von de kostbare Pflanze, de koschere Pflanze (koscht mar 2000 bar), für Ihre hochgeborene Frau Gemahlin, die soll schützen Jehova. Da hab ich gelesen in Ihre Augen, die waren da ganz weich. Und sonst sind se fest und kalt, de Augen, wie von 'nem Geschäftsmann erster Güte. Werden Se sein ein graußer Geschäftsmann, nich in Papierche an der Börse, sondern in andere Papierche, die man nennt Staatsakte, und die just geradeso steigen und fallen, wie was gehandelt wird an der Börse. Das sagt Ihnen der alte Amschel, der is jung gewesen und alt geworden und kein Christenmensch und kein Judenmensch hat ihn je hinters Licht geführt. Leben Se wohl, Herr Beraun, und wenn ich noch bin am Leben, besuchen Se mal wieder den alten Mann, und wenn Se ihn mal brauchen in Geldsachen, dann seien Se willkommen. Hielt nie viel von Preußen, nix vor ungut, denk' dabei immer an Herrn v. Habenichts, aber nu wer' ich mer korrigieren. Muß ä faine Gegend sein, wo solche faine Laite herkommen. A scheener Mann und doch ä braver Mann, a braver Mann und doch ä bedaitender Mann, das is was Rares. Schlagen Se Ihre Feinde wie Simson, und gebe Jehova Ihne die Beute von Pfeil und Bogen!« An der Parktür Abschied nehmend, drückte Otto dem ganz gegen seine Gewohnheit redseligen Alten die Hand: »Ich danke Ihnen von Herzen für Ihre hohe Meinung, die ich bei einem Herrn von Ihrer Welterfahrung zu schätzen weiß. Nur eins bitt' ich Sie: Sagen Sie's nicht den andern!« »Versteh' schon, de Konkurrenten!« Amschel lachte meckernd. »So is' recht, immer besonnen, der Herr Beraun. Sind se meine alten Kunden, de Herrn Österreicher, aber Gott soll mich strafen, wenn ich sage ein Sterbenswörtchen, daß Se sind ein gefährlicher Reisender von der Konkurrenz. Gott soll Se segnen auf alle Ihre Wege!« Aber Thun mußte doch ein Haar in der Suppe gefunden haben, das Schwarz-Weiß des Fremdlings schien ihm nicht schwarz-gelb nach Wunsch, denn Österreich wühlte in Berlin gegen seine Ernennung und steckte sich dabei hinter die liberale Presse. Da all seine Briefe im Schwarzen Kabinett des k. k. Postamts verlesen wurden, streute er regelmäßig Sätze in seine Briefe ein: »Dem Schafskopf, der diesen Brief erbricht, werden diese Notizen unverständlich bleiben.« Seine Korrespondenten, wie der Oberpräsident Senft v. Pilsach oder Kleist-Retzow, schrieben Politisches in orakelhaftem Ton und ohne Unterschrift aus zarter Rücksicht auf den Zensor, vulgo Postspion. Die allgemeine Spitzelei dieser schönen Zeit bewog ihn, seine Frau vor jeder auch nur flüsternden Bemerkung über Persönlichkeiten zu warnen. Das werde nachher in Sanssouci mit Sauce serviert. Thun nahm schon bedeutenden Anstoß an einem harmlosen Renkontre, das freilich eigentümliche Schlüsse darüber zuließ, daß der Vertreter Preußens (als solcher galt er trotz Rochows Weiteramten und dem immer noch Ausstehen des Ernennungspatents) sich nichts gefallen lassen wolle. In einer amtlichen Bagatellsache suchte Otto den Bundestagspräsidenten in seinem Amtsbureau auf und fand ihn unter Papieren vergraben und leidenschaftlich drauflospaffend. »Ach bitt' schön, warten's a bissel, liebster Geheimrat.« Thun wies mit der qualmenden Zigarre, die er nur einen Augenblick aus dem Mund nahm, nachlässig auf einen Sessel, arbeitete und schmauchte fort. Die Sorte, die er raucht, ist gut! dachte der Kettenraucher. Und mir bietet er nicht mal eine an. Als nun eine Weile verging und Thun weiterblätterte und -kritzelte, blaue Rauchringel in die Luft stoßend, während Bismarck wie ein Bittsteller auf seinem Stuhl hockte, nahm dieser gelassen eine Zigarre aus dem Etui und forderte mit einer gewissen Schärfe in der Stimme: »Darf ich Sie um Feuer bitten?« Thun machte große Augen, schob aber behend Kerze und Fidibus hin und seine Papiere beiseite: »Womit kann ich Euer Exzellenz dienen?« Otto erledigte die schwebende Frage kurz und höflich und empfahl sich mit ausgesprochener Kühle. Thun sah lange auf die Tür, hinter der die hohe Gestalt verschwand, in Gedanken verloren. Dann schüttelte er den Kopf und murmelte vor sich hin: »Bloß empfindlich oder gefährlich?« Dann ließ er alles stehen und liegen, um einen Geheimrapport nach Wien zu senden. Der neue Gesandte sei angenehm im Umgang, doch könne schroff werden, wenn er sich zurückgesetzt glaube, und da frage sich, ob dieser Unwille nur persönlicher Eitelkeit entspringe oder nicht vielmehr einem Würdegefühl für Preußens Stellung. Und was das besondere Österreichertum dieses sonderbaren Preußen anbelange, so mache er sich darüber schon eigene Gedanken. Es wäre ratsam, in Berlin alle Minen springen zu lassen, um seine Ernennung zu verhindern. Die Gesandten der Kleinstaaten gingen ihm möglichst aus dem Wege. Redete er einen an, so schnitt der ein gravitätisches Gesicht und überlegte jede Antwort, und sei das Thema noch so gleichgültig, ob er nicht zu viel sage oder sich eine Blöße gebe. Jede Äußerung des Ungenierten gab Anlaß zu der Erwägung, ob man nicht darob ein Memorandum an den heimischen Hof zusammenbrauen könne, was höchstenorts als Pflichteifer wohlgefällig vermerkt werden dürfte. »Jetzt haben wir also den bekannten Heißsporn hier! Wie gefällt Ihnen unser neuer Kollege?« fragte der badische Gesandte v. Marschall, der gern zwischen zwei Stühlen saß, den von Hessen-Darmstadt. »Wie man's nimmt. Es empfiehlt ja den Herrn v. Bismarck jedem loyalen Gemüt, daß er so emsig daran arbeitet, uns den lieben alten Statusquo zurückzuführen. Aber, aber!« »Ist er Ihnen zu preußischer Gesinnung verdächtig? Scheint doch nicht. Er ist beim Wiener Hof gut angeschrieben wegen seines Eintretens für die Olmützer Konvention. Hehe,« der liebenswürdige Diplomat dämpfte seine Stimme, »wer das herunterschlucken kann, ist fürwahr ein lieber, guter Mensch und recht ungefährlich.« »Richtig! Aber sieht er Ihnen aus, verehrter Kollege, als ob er nicht einige Haare auf den Zähnen hätte? Sehen Sie, unser neuer hochgeschätzter Kollege ist gewiß konservativ bis in die Knochen. ›Antediluvianisch‹ schimpfen ihn die Demokraten, hehe! Aber er ist noch so jung – was soll man sagen – so grün. Und vor allen Dingen nicht vom Bau. Sozusagen ein Selfmademan, nie Diplomat gewesen.« Herr v. Marschall nahm eine Prise. »Was Sie nicht sagen! Aber das ist ja rührend. Ein Anfänger unter erfahrenen Meistern vom Bau wird doch die natürliche Bescheidenheit bewahren, meinen Sie nicht auch? Das kann unsern Interessen nur lieb sein. Preußen als Herr v. Bismarck ist hier unter uns sozusagen ein etwas unmündiges Kind, das erst gehen lernt.« » C'est cela! Glauben Sie wirklich, dieser lange Preuße wird am Lutschbeutel saugen? Dazu sieht er mir zu klobig aus.« »Nun, wenn er strampelt, dann haben wir eine k. k. Amme. Unser erhabenes Präsidium, Österreich, der natürliche Protektor aller Souveränität der Mittelstaaten, wird dafür sorgen, daß in Notfällen auch eine Rute parat liegt.« »Pst, pst, nicht so deutlich werden! Was ich fürchte, ist nämlich ein gewisser enthousiasme du départ , ein allzu feuriger Anfängereifer. Dieser gute Landjunker v. Bismarck ist ganz einfach ein Amateur und Dilettant in politischen Staatssachen. Solche Leute wollen anfangs immer hoch hinaus. Und dann hat er so was – wie soll ich sagen – so was Burschikoses. Tudesque! Man merkt ja nur zu wohl, daß er am grünen Tisch nicht zu Hause ist. Er möchte sich am liebsten die Hemdärmel aufkrempeln, der brave Landmann, und mit Gabel und Dreschflegeln hantieren. So taxier' ich ihn.« » Fi donc! Nun sagen Sie bloß noch, teuerster Kollege, daß er die Mistgabel brauchen möchte. Wir sind doch kein Augiasstall, und er ist kein Herkules.« »Die Statur hat er danach. Doch mit Muskulatur ist hier nichts getan, wir sind keine Preisboxer. Um Ihnen das Schlimmste zu sagen: ich weiß aus guter Quelle, daß der Geheimrat v. Bismarck nicht nur nie im Amte war, sondern daß er – leihen Sie mir Ihr Ohr, man darf so Trauriges nur im tiefsten Vertrauen weitertragen –« er tuschelte durch die hohle Hand: »daß er durchs Staatsexamen gefallen ist.« »Aber das ist ja schauerlich!« Marschall hob wehevoll die Augen zum Himmel. »Das schreckliche Geheimnis bleibt natürlich unter uns.« Er bringt's allmählich durch die ganze Stadt! dachte der Hesse. »Ja, ich beuge mich Ihrer tieferen Einsicht. Von einem solchen Unglücklichen ist das Unerfreulichste zu befürchten.« »La carrière ouverte aux talents!« dachte der andere. »Seine Majestät der König von Preußen spielen den Napoleon als Talententdecker. Doch wir werden diesem Ikarus die Flügel beschneiden.« Die beiden gewiegten Diplomaten wandelten majestätisch die Zeil hinauf, überall ehrfurchtsvoll begrüßt. Waren sie doch die deutschen Männer, die seligmachen und verdammen konnten. Die siebzehn Delegierten hielten so prächtig das europäische Gleichgewicht in Händen, indem sie das deutsche Gleichgewicht mit schweren Hanteln wie Athleten und mit der Balancierstange wie Seiltänzer in der nötigen Schwebe erhielten. Österreich, Preußen, Bayern, Sachsen, Hannover, Württemberg, Baden, Kurhessen, Großherzogtum Hessen waren in der hier gegebenen Reihenfolge ihrer Wichtigkeit vertreten, aber von da verwirrte sich das Bild, so bunt wie die deutsche Landkarte. Mit unfreiwilliger Komik bedeutete der Vertreter Nummer Zehn: »Dänemark für die Elbherzogtümer«, Nummer Elf: »Die Niederlande für Limburg und Luxemburg.« Und die ferneren Vertreter hatten immer ein Doppelamt. Nummer Vierzehn für beide Mecklenburg mochte noch angehen, aber Nummer Dreizehn »Braunschweig und Nassau«, Fünfzehn »Oldenburg, Anhalt, Schwarzburg-Rudolstadt und Sondershausen«, Sechzehn (die »durchlauchten«) »beide Reuß, Schaumburg-Lippe, Lippe-Detmold, Waldeck, Hessen-Homburg« und – unglaublich zu sagen – Liechtenstein entbehrten nicht allzu gemischter bunter Reihe. Nummer Siebzehn, die hanseatischen Freien Reichsstädte, hätte Vernunft gehabt, wenn nicht die freie Reichs- und Kaiserstadt Frankfurt a. M. darin eingeschlossen wäre. * Anders freilich, als sonst dem profanen Auge sichtbar, dachte darüber ein sonderbarer Herr, der zurzeit im Kurgarten von Wiesbaden saß. »Das ist der königlich preußische Geheime Legationsrat«, vertraute der Direktor seinem Personal an, von dem Schauer ergriffen, der alle echtdeutschen Leute vor einem Titel ergreift. Der einfache Herr in Zivil ohne Orden war sofort geheiligt. Dieser brütete vor sich hin. Diese deutsche Dezentralisation der Stämme, die unsere politische Ohnmacht ausmacht, würde zu ihrer höchsten Stärke führen, sobald das äußere Band der Einheit geschmiedet. Es ehrt nur den Deutschen, daß er die Anhänglichkeit an die besondere Provinzialgeschichte »seines« Herrscherhauses ehrt. Das gibt eine Stärke der Tradition, eine anhängliche Pietät für die eigene ererbte Scholle des ganz besonderen deutschen Staatswesens, welche nachher den Begriff des allgemeinen Vaterlandes im großen Volk der Deutschen nur höher emporheben muß. Die dem deutschen Indogermanen eigene philosophische Anlage wird dann die Vaterlandsliebe als Inbegriff alles deutschen Volkstums mit einer Inbrunst umfassen, wie der eitle Chauvinismus der Briten und Franzosen sie nicht kennt. Die alldeutschen Demokraten ahnen nicht diesen inneren Mechanismus deutschen Denkens. Nicht die Einheit ohne die Fürsten, ohne den Sonderpartikularismus, sondern die Einheit mit den Fürsten, mit dem Sonderbewußtsein der deutschen Stämme, die sich ja schon durch ihren Dialekt unterscheiden, muß erstrebt werden. Jawohl, das möchten uns Briten und Franzosen hindern, wenn sie einen Blick auf die Wahrheit tun könnten. Gesegnet sei ihre Allwissenheit! Womit ich aber den Heilandsspruch: Vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun! durchaus nicht zugunsten dieser hochmütigen Selbstlinge anwenden möchte. Ich bin ein guter Hasser. Ich hasse sie alle und das hochmögende Österreich dazu. Mein Gott! Letzte Nacht träumte ich, ich gäbe meinem Jüngchen die Rute, bis Blut floß. Soll ich ihm abbitten, dem armen Stümper? Ich habe ja nicht ihn gemeint, sondern andere ungezogene Kinder, die ich übers Knie legen möchte. Träume sind Schäume. Aber wenn ich mir vorstelle, daß ein riesiger Germane als Schulmeister den Welschen und Verwelschten die Rute gibt, wie es dereinst vielleicht mal ein noch nicht Geborener tut, dann jauchzt mein deutsch-preußisches Herz. Ach Gott, die menschliche Bedürftigkeit! Da sehne ich mich nach meiner alten Nanne so sehr, daß ich zu Geschäften unbrauchbar sein werde. Und die Kinder! Dies Sorgen durchkreuzt mir jedes »Geschäft«. Absence makes the heart grow fonder , sagen die Engländer. Daß ich die verdammte Gewohnheit nicht los werde, bei jedem Schritt fremdsprachige Worte um mich zu streuen! Ich bin halt ein richtiger Deutscher, was ich von meinem großmächtigen österreichischen Kollegen in Frankfurt nicht sagen möchte, so gern er das gemütliche austriakische »Halt« in seine Ergüsse einstreut. Dieser tschechische Hochadel mit den deutschen Namen hat das Slawentum im Leib und kein Herz für die deutsche Sache. In Frankfurt lebt sich's bequem, doch ich gehöre nicht dahin, ich Stockpreuße lieb' nun mal meine Landsleute, die mit der Schnauze zwar nicht grob wie das Ausland lügen, aber stramm sind, dafür mit dem Herzen gut und warm. Hier im Süden ist alles fein und höflich mit der Lippe, doch das Herz möchte ich nicht untersuchen. Vielleicht tue ich den Frankfurtern unrecht. Die sind erstens reich und deshalb zweitens konservativ – eine Konservativität der Bourgeoisie, auf die ich spucke –, aber sind gutmütig und hätten wohl das Herz auf dem rechten Fleck, wenn man dies Herz nur zu packen wüßte. Leider alle österreichisch, die flotte Lebensart der Weißröcke zieht sie an. Nun, gegen die Tiroler Jäger hab' ich nichts, die in Frankfurt liegen (nach meiner Auffassung doch ausländische Soldaten). Die sind »gar lieb«, so lernt' ich sie schon in Salzburg kennen. Nun gut, das ganze Deutschland soll es sein, Tiroler sind weiß Gott Deutsche. Aber! Der Stoßseufzer wird nie verstanden werden, bis er Erfüllung findet – durch wen? Durch irgendein mäßiges Individuum wie mich? Nein, durch historische Entwicklung, wohl in hundert Jahren. Der gute Röder von Erfurt schreibt mir aus Homburg, daß er mir »sehr wichtige Mitteilungen« machen möchte. O Himmel! Wenn jemand uns so was schreibt, dann sind die Mitteilungen ungeheuer wichtig für ihn , nur nicht für uns. Mir ist überhaupt, als ob die ganze Vergangenheit hinter mir versänke. So hat mich aus allen Sommerträumen Gerissenen das Rad des Schicksals gepackt, vorbei sind Spiel und Tanz des Lebens, ein trockener Aktenjäger muß das Talent haben, alt zu werden, wenn er zu Amt und Würden kommen will. Die arme Nanne! Die nimmt als Gottes Prüfung hin, was anderen ein Ziel, aufs innigste zu wünschen: steif im Seidenkleid auf dem Ehrensofa hocken und Exzellenz geschimpft werden. Ich hab' mich nicht danach gedrängt, eine sogenannte hohe Person vorzustellen, die eigene Persönlichkeit liegt mir besser. Aber man muß seine Schuld an den Staat bezahlen, ohne dem lieben Gott in die Karten gucken zu wollen. Das läßt er nicht zu und tut wohl daran. Wenn ich im Spiegel der Zukunft sähe, ich sollte fortan bis an mein seliges Ende als Verfertiger von Aktentratsch versauern, wer weiß, ob ich nicht gleich den ganzen Kram an die Wand hinge. Aber auch Frankfurt wurde nicht an einem Tage gebaut, wenn's auch nicht Rom ist, und ich spüre so was von einem Baumeister, Stein für Stein. Die arme Nanne fürchtet sich vor der schrecklichen Vornehmigkeit hier für uns bescheidene Leute vom Lande. Bah, der biedere Schwabe forcht sich nit und verläßt sich auf seine Schwabenstreiche. Zur Rechten sah man und zur Linken einen halben Neidling heruntersinken. Preußen wird doch zuletzt der vornehmste bleiben, die Rüstung umgeschnallt und nicht den Geldsäckel. Dann wär' hier Rothschild der vornehmste. Und entkleidet man die diplomatischen Grandseigneurs ihrer Revenuen und Salärs, dann, nackt, wie sie Gott geschaffen, sehen sie so wenig vornehm aus wie ein gerupfter Pfau. Mein weltliches, von allerlei Versuchung zerstücktes Herz soll nicht mein Führer sein zu äußerem Glanz. Wir sind auf Erden, um unsere Pflicht zu tun, und damit holla, alles andere hat keinen Sinn. Ja, da sitz' ich, und die deutsche Einheit ist weiter als je. Ich kann's nicht ändern und nichts dazu tun. Nichts? Hm, was ist denn meine Pflicht? Das wird Gott mir sagen. Wenn ich, wie letzte Tage, still zu Hause sitze und lese und einsam im Wald mich herumtreibe, dann kommt doch nicht eher Stille über mich, als bis ich jeden Abend die Bibel zur Hand nehme, das Evangelium Johanni, und an die Ewigkeit denke. Im Anfang war der Geist, und der Geist war bei Gott, und Gott war der Geist. Und wir? Wie sagt der Psalmist? »Das Leben fährt dahin wie ein Strom, wie ein Schlaf, wir bringen unsere Jahre zu wie ein Geschwätz.« Bin ich schon wie ein Gras, das bald welk wird, wie herbstliches Laub? Das kann nicht sein, denn was mir damals groß schien, ist heut klein, auf was mein Aberwitz herabsah, groß: ein fromm Gemüt wie das von Nanne. Hier hab' ich gesessen mit der Britin. Wo die wohl ihr hohles, schales Herz heut herumtreibt! Der Kelch ist leer, der Champagner war Gift, selbst die schale Neige hat mich damals vergiftet. Unser Vater im Himmel, wie dank' ich dir, daß nicht die winzigste Narbe mich an die Wunde erinnert mit ihrer Blutvergiftung. Die Menschen leben so hin ohne Gott wie ein galizischer Jude, der nie sein schmutziges Hemd wechselt und sich wohlfühlt bei den Läusen im Kaftan. Ich bedarf mehr Reinlichkeit, und wäre mein Leben schmutzig, dann zög' ich es aus. Laß sie intrigieren und spionieren, mich finden sie doch nicht aus. Ich bin allein, aber allein mit Gott ... In der Ferne spielte die Kurkapelle im offenen Konzertsaal die neunte Symphonie, in der Ferne ging die Sonne über dem Taunus unter. Und über der hohen Gestalt des Einsamen, der in die Ferne schaute, wehte ein mystischer Schauer. In den Lüften lag eine Stimme: Der kommt am weitesten, der nicht weiß, wohin er geht. * »Wir betrachten Sie ganz als einen der Unsern!« zeichnete ihn die Großfürstin Olga, auf Durchreise nach Baden-Baden, auf einem Fest der russischen Gesellschaftskolonie huldvoll aus. »Man kennt bei uns Ihre echtrussische Gesinnung und Ihre guten Grundsätze. Der allergnädigste Zar geruhte noch neulich zu äußern: ›Jetzt, wo die Jakobinerbrut in Preußen niedergeschlagen, wird dieser brave Staat wieder ein Bollwerk des göttlichen Rechtes sein.‹ Und dabei fiel Ihr Name.« Den Gesandten der französischen Republik würdigte sie keines Blickes, gegen Thun war sie mokant, diese weibliche Privatpolitik wurde natürlich als hochoffizielles Programm aufgefaßt. »Preußen stützt sich auf Rußland wie zuvor«, wisperten die diplomatischen Geheimnistuer einander zu. »Verstehen Sie die turmhohe Freundschaft der Dynastien!« Thun lächelte ironisch, er wußte recht gut, daß der Zar zwar den armen Preußenkönig wieder zu Gnaden annahm, aber mit väterlichem Wohlwollen den Kaiser Franz Josef als seinen Schützling betrachtete und es nie mit Österreich verderben wollte. Wenn die Russen sich nur nicht schneiden! überschaute Bismarck die Lage. Bei einem neuen Türkenkrieg wird Österreich den Wechsel nicht einlösen, den Rußland auf die Dankbarkeit zieht, und wir haben zurzeit nur Interesse daran, uns äußerlich mit Österreich gutzuhalten. Er hielt für nötig, Thun unter dem Vorwand einer gemeinsamen Landpartie nach der Taunusgegend einen Vortrag aufzudrängen, daß nur durch engsten Zusammenschluß der drei Monarchien ein Wall gegen die westliche Demokratie zu errichten sei, und daß er sich demnächst bei Seiner Durchlaucht dem Fürsten Metternich in Johannesburg über Erneuerung der Heiligen Allianz Rats erholen werde. Er sprach so eindringlich und ernst, daß alle auswärtige Politik einzig der Politik gegen den inneren Feind unterzuordnen sei, bis Thun zur Erkenntnis kam: »Den hab' ich überschätzt. Im Grunde doch nur ein ritterlicher Schwärmer. Uns kann so 'ne heilige Allianz nur passen, um Preußen kaltzustellen und um jede Sympathie des Volkes zu bringen.« Als Otto mit dem jungen Lynar nach Rüdesheim weiterfuhr, um sich auszuspannen, hatte er den Kopf noch voll der Besorgnis, Österreichs stets reger Argwohn werde zu früh geweckt werden, wenn Rußland durch scheinbare Protegierung Preußens einen Keil zwischen eine Verständigung der beiden deutschen Großmächte treibe. Denn die Lage bedingte eine wenigstens äußerliche Aussöhnung und Verträglichkeit, um nicht neue Wirren in Deutschland heraufzubeschwören. Die preußische Demokratie erklomm den höchsten Gipfel ihrer widerspruchsvollen Charakterlosigkeit, indem sie eine platonische Liebe für Österreich heuchelte oder wirklich empfand, denn ihrer Unmündigkeit war auch dies noch zuzutrauen. Der erzkatholische slawisch-tyrannische damalige Donaustaat als Hort deutscher »Freiheit« wider die »preußischen Junker«! Man mußte sich durchaus gütlich mit Österreich verständigen, um die öffentliche Meinung zu beruhigen, und die Kunst eines preußischen Bundesgesandten konnte nur darin bestehen, dies zugleich mit festem Gegendruck gegen täglich deutlichere Anmaßung des Kaiserreichs zu vereinigen. Der preußische Militärbevollmächtigte, Graf Waldersee, hatte ihm auf gemeinsamem Spazierritt keine hoffnungsvollen Aussichten eröffnet. »Der Affront von Olmütz wird sich nicht wiederholen, wir können heut viel rascher mobilisieren, aber der Effektivbestand genügt nicht, und woher Gelder nehmen für Heeresreform?« »Seine Königliche Hoheit der Prinz von Preußen denkt Tag und Nacht an nichts anderes, aber solange wir uns von Gnaden einer liberalen Opposition regieren lassen, werden wir keinen Deut erreichen. Was denken Sie von den österreichischen Elitetruppen, die hier in Garnison sind, und überhaupt von den k. k. Truppen?« »Sie sind gut, aber wir schlagen sie«, versetzte Waldersee lakonisch. »Ich meine die Qualität, doch die Quantität spricht auch ein Wörtchen.« Natürlich Vermehrung der preußischen Heeresmacht bleibt das Alpha und Omega, ohne die wir nie die Gewaltpolitik buchstabieren lernen, wozu es eines Tages kommen muß. In Rüdesheim stürzte sich Otto in den Rhein, um seine schweren Gedanken wegzuspülen. Erprobter Schwimmer, ließ er sich vom Strome treiben. Das Mondlicht flutete über ihn weg, von dessen weißer Umrahmung sich der Bingener Mäuseturm schwarz abhob. War es ein Sinnbild für dunkle Zwingburgen der Gegenwart und Zukunft, die über den Heimatstrom hindräuten, und das segnende, tröstende Schimmern des Himmelslichtes eine prophetische Mahnung, daß auch in tiefer Nacht der Gott der Deutschen über dem Rhein wache? Auf diesen Wogen schwamm einst in grauer Urzeit das Schifflein Siegfrieds des Drachentöters, als er zu den Nibelungen fuhr, den Hort zu erobern. Sieg-Fried, der Siegreiche, der den Frieden bringt und die Welt befriedet. Heut schwamm hier ein gar starker deutscher Mann unter dem klaren Mond, der wie ein unheimlich spukhaftes Götterauge auf den Einsamen herabschaute. Kein Laut in der Runde als das Plätschern, wenn der Schwimmer in leichten Stößen das Wasser zerteilte. Die Waldberge streckten ihre beglänzten Gipfel zum stillen, warmen Nachthimmel wie Arme von knieenden Betern. Der Äther badete sich im lauen Gewässer. Die Burgzinnen umwob gespenstiger Schein wie ein Gruß aus alten Tagen ... Er saß mit Lynar auf dem Balkon und schlürfte goldiges Naß aus grünem Römer. Bei einer zufälligen Bewegung fiel ihm ein kleines, schwarzes Buch aus der Tasche. Als Lynar es aufhob und überreichte, staunte er verdutzt: »Das Neue Testament? Haben Exzellenz das als Ferienlektüre mitgenommen?« »O nein, ich trage es überhaupt immer bei mir«, versetzte Otto gelassen. »Wenn mir die Stunde kommt, nehm' ich ein paar Tropfen Seelenwein täglich zu mir als Herzstärkung. Sehen Sie den Sternenhimmel über uns, jetzt wäre meine Stunde« »Aber ist denn das möglich!« Der Jüngling starrte ihn an wie von abergläubischem Schrecken erfaßt, als sehe er plötzlich ein vorsündflutliches Ungeheuer aus den Fluten steigen. »Sie sehen es. Sie sind religionslos?« »Das möchte ich nicht gerade sagen«, stotterte Lynar verlegen. »Das heißt, in Ihrem Sinne doch wohl. Bibel und Kirche sind mir nichts. Mein Glaube ist das Ideal der Menschheit.« »Hatten Sie ungläubige Eltern?« »Die hab' ich fast gar nicht gekannt«, bekannte der junge Mann finster. »Meine Kindheit war ziemlich verbittert, ich zog mich selbst zurück. Man kann sich doch in unserer aufgeklärten Zeit nicht absperren gegen Vernunft und Wahrheit. Wozu braucht man denn einen persönlichen Gott in dieser endlosen Welt! Die Ideale der Moral, zu denen ich aufschaue, entstanden im Menschentum.« »Ist das so sicher? Glauben Sie wirklich, der gewöhnliche, sündhafte Mensch dürste nach Moral? Den lenkt nur eins, der blinde Egoismus. Wenn also in erleuchteten Köpfen der Funke hoher Gesinnung und selbstloser Liebe glimmt, dann sind sie sozusagen nicht mehr menschlich, sondern treten aus dem Dunstkreis heraus. Kann das aus ihnen selber stammen, da sie doch sündhafte, gebrechliche Menschen sind wie wir? Nein, das ist Eingebung von oben.« »Aber, Exzellenz! Wir Menschen sind gar nicht sündhaft, das predigen bloß die Pfaffen, wir sind von Natur gut, nur die Bosheit oder Torheit der Gesellschaft verdirbt uns ein wenig.« »Ein wenig! Ach, die Tugend Rousseaus! Den verehren Sie wohl auch?« »Ich leugne es nicht«, bekannte der Jüngling. »Mir eine Quelle der Erhebung!« »Und warum ziehen Sie dann nicht die Konsequenz? Dann müßten Sie doch im demokratischen Lager stehen und sind doch ein militärfrommer, preußischer Edelmann, voll Pflichteifer für den bestehenden Staat.« »Das ist etwas anderes«, wandte Lynar verlegen ein. »Ideal und Wirklichkeit decken sich nicht, unsere heutigen Demokraten sind Scheusäler, und die alte Guillotinenrevolution war gewiß nicht nach Rousseaus Herzen. Kennen Exzellenz übrigens dessen Schriften?« Otto lachte. »Keine Kinderkrankheit, die ich nicht hatte. Merken Sie sich, junger Freund, ich habe unheimlich viel gelesen. Nihil humanum alienum a me puto. Kant kennen Sie wohl auch?« »O ja, ich versuchte ihn zu studieren, doch offen gestanden, wird einem da schwindlig.« »Dieser Architekt baut zu schmale Wendeltreppen und Bogenluken, eine über die andere, und sein Strebepfeiler verschwindet darunter, der kategorische Imperativ. Doch er ist da, fest eingegemauert. Das Wort wurde zur konventionellen Phrase mißbraucht, doch es ist tief. Daß es auf Tatsachen wurzelt, dafür haben wir Preußen das klassische Beispiel. Was machte aus dem genußsüchtigen, trägen Flötenbläser im seidenen Schlafrock, dem Ästheten und Belletristen, den eisernen Alten Fritz, der täglich, stündlich, minütlich sein Wohlbehagen opferte für sein Idol, den Staat, oder richtiger die von ihm erfundene nation Prussienne , dieser kategorische Imperativ? Und wo fand er den? Im eigenen Innern, nirgends sonst konnte er ihn lernen. Und seine ›Kerls‹, die ihm nacheiferten, haben's wohl von ihm gelernt? Mitnichten. Ja, großes Vorbild tut viel, dafür erweckte ja Gott die großen Männer, doch wo nichts ist, hat der Kaiser sein Recht verloren, kein Alter Fritz kann den kategorischen Imperativ einpflanzen, wo er nicht schon im Keime steckt. Logik: in jedem Menschen steckt er, und daß er in uns Preußen klarer herausgehämmert durch die harte Not, das gibt meiner festen Hoffnung den Halt, daß wir allen überlegen sind.« »Aber damit geben Sie ja die Vervollkommungsfähigkeit der Menschennatur zu.« »Wen der Herr lieb hat, den züchtigt er. Auch ich bin dessen gewürdigt worden und preise meinen Gott, daß ich elender Sünder viel Leid ertrug. Aus der angeborenen Elendigkeit und Sündhaftigkeit kann uns nichts erretten als die Gnade Gottes, die uns erzieht, sehr streng, aber sehr liebevoll. Wehe dem Unglücklichen, dem kein Leid geschickt wird! Er ist verworfen vor Gott als unwert der göttlichen Gnade.« Der Jüngling starrte ihn verständnislos an. »Exzellenz reden für mich Chaldäisch. Braucht es dazu einen Gott? Der Mensch ist eben ein höheres Wesen, das sich selbst zum Idealismus erzieht.« »Kreuzmillionendonnerwetter! Der Mensch ist eine Kanaille, rund herausgesagt, seine schrankenlose Selbstsucht stellt ihn unter das Tier. Im geheimen freilich, im Innersten«, Bismarck schaute starr in die Ferne, das Wort vom »Unbewußten« konnte ihm damals nicht geläufig sein, »da lebt etwas anderes. Das ist nicht er, das ist Gott selber, der in allen ist. Denn in ihm leben, weben und sind wir, sagt der tiefe Apostel Paulus, ein gottbegnadeter Seher. Wenn es gelingt, die harte Rinde zu schmelzen, die das Ich bedeutet, dann gibt es eine vulkanische Eruption. Dann tritt der Mensch in die Freiheit ein, in das göttliche All. Wohl dem Menschen, wohl dem Volke, das eine solche Entladung erlebt! Dann erschauen wir die Wahrheit, weil wir Gottes Kinder sind.« Er sprach ruhig und bedächtig, doch sein großes Auge glänzte wunderbar. »Solche Prüfung der Gnade wünsche ich dem geliebten Volk der Deutschen. Und da wir von Kant sprechen, so werden Sie sich wohl erinnern, daß dieser große Denker sprach: zwei Beweise gebe es fürs Dasein Gottes, das unbeschriebene Sittengesetz in uns, der Sternenhimmel über uns. Blicken Sie hinauf! Als Bonaparte von Ägypten seinem Weltschicksal entgegenfuhr, dozierten ihm seine famosen Physiker, die er zur Armee mitnahm, den Mechanismus des Universums, daneben natürlich auch das ›öffentliche Geheimnis‹, daß nur Egoismus allein alle menschlichen Handlungen erkläre. Beiläufig stimmt dazu wunderbar, daß die radikalsten Enzyklopädisten, wie Holbach und Diderot, die selbstlosesten, edelsten Menschen gewesen sind. Natürlich auch aus Egoismus, weil ihnen das Wohltun Vergnügen machte, oder wie ihre Lehrer, Friedrich der Große und der alte Voltaire, sich freuten: Unsere Unsterblichkeit ist, den Menschen Wohltaten zu erweisen. Glauben Sie, der allmächtige, große Gott schaut nicht mit mehr Wohlgefallen auf solche sogenannte Atheisten, als auf pharisäische Heuchler vom Schlage unserer kirchentreuen Kollegen in Frankfurt? Doch das sind Abschweifungen.« Bismarck hatte das echtdeutsche Stil- und Redelaster, daß der unendliche Strom seiner Gedanken ihn zu Parenthesen zwang. Die französische clarté ist nichts als die französische Seichtigkeit. »Nun wohl, Bonaparte hörte geduldig zu und sagte kein Wort. Auf einmal hob er die Augen gen Himmel und fragte, die Sterne anschauend, darunter seinen Stern: ›Meine Herren, wer schuf dies alles?‹ Stand auf und verschwand. Warum? Weil der Aberwitz des Mechanismus und Atheismus seinem Genius blitzartig vor Augen lag. Das war eine Austerlitzschlacht. Auf Debatten läßt sich ein solcher Mann nicht ein, er könnte ja donnern ohne Ende und weiß doch mit dem Heiland: Wenn sie meinem Worte nicht glauben, so würden sie auch nicht glauben, wenn Moses und die Propheten von den Toten auferständen. Gewiß, die Herren Moleschott, Büchner, Vogt würden das für optische Täuschung erklären. Und merken Sie sich zum Schlusse eins, junger Mann, jeder glaubt, was ihm genehm ist. Ein allgerechter erhabener Gott in diesem unendlichen Sternenhimmel paßt kleinen Seelen nicht mit ihrem menschlich-kindlichen Größenwahn, den sie für Wissenschaft halten.« Und ohne jeden Übergang setzte er mit veränderter Stimme hinzu nach kurzer Pause: »Bitte, sorgen Sie dafür, daß Assessor Rudloff die Notizen über das Preßbureau handlich sammelt, das ist wichtig.« Lynar sagte Gutenacht, zum Schweigen gebracht. Otto saß noch lange auf dem Balkon. Vor ihm lag Vater Rhein in ganzer Herrlichkeit, fern sang die Lorelei. Die verschimmelte Romantik. Aber die Kaiserpfalz bei Godesberg ist Wirklichkeit: Einst gab es ein Deutsches Reich. Über dem Niederwald stand im Mondlicht ein breiter Schatten von mächtigen Umrissen wie eine verhüllte Bildsäule. War es Mutter Germania? Aus ferner Jugendzeit klang unhörbares Echo vom alten Turnerlied: Ich hab' mich ergeben mit Herz und mit Hand, dir Land voll Lieb' und Leben, mein deutsches Vaterland. Woher die Vaterlandsliebe mit unerbittlichem Zwang? Der kategorische Imperativ. Drunten aber im Rhein schwamm ein singender Nachen vorüber. Ist der Deutsche glücklich, wird er sentimental. Ein fröhliches Liebespaar, das eine Mondnacht durchkosten wollte, versicherte sich in frischem Wechselsang, es wisse nicht, warum es so traurig sei. Ich glaube, die Wellen verschlingen am Ende noch Schiffer und Kahn ... Und der Mann auf dem Balkon war einsam und allein, und der Himmel gab kein Zeichen. * »Über meinen Chef möchte ich mich schriftlich nicht äußern«, schrieb Otto an den Kreuzzeitungs-Wagener. Auch beschwerte er sich in Briefen an Manteuffel, Herr v. Rochow lasse ihn absichtlich im Dunkel über laufende Geschäfte, weihe ihn nicht in die Aktengeheimnisse ein und beraube so seinen diplomatischen Säugling der zukömmlichen Nahrung. Das Verhältnis wurde gespannt, und die Verstimmung wuchs. Er beschuldigte Rochow in geheimen Kurierbriefen nach Berlin des Mangels an Initiative, an der Festigkeit, mit dem passiven Widerstand Österreichs zu ringen, der täglich deutlicher werde. (Und doch handelte es sich bisher nur um Kleinigkeiten). Daß Rochow nicht besonders erbaut schien, als Vorgesetzter einen jüngeren Untergebenen als bestimmten Nachfolger neben sich zu haben, konnte man ihm eigentlich nicht verdenken. Otto sah überall Mißgunst und äußerte zu Lynar: »General v. Rochow erinnert mich an seinen Ahnen, der als Kürassieroberst gegen den Kornett Seydlitz so viel Malice geübt haben soll, weil der nicht Order parierte. Und wurde nachher doch ein ganz brauchbarer Reitergeneral. Nun will ich mich gewiß nicht mit einem Seydlitz vergleichen, aber ich hoffe, der Mißachtung meines Chefs noch zu zeigen, daß aus solchem Holz zwar keine Reitergenerale geschnitzt werden, aber ganz erträgliche Geschäftsträger.« »Ich hoffe, Eure Exzellenz noch als einen diplomatischen Sieger von Zorndorf zu begrüßen,« salutierte Lynar, »aber sollten Sie Herrn v. Rochow nicht am Ende doch unrecht tun? Ich halte ihn für einen Gentleman.« »Ach was! Er molestiert mich.« Die nervöse Reizbarkeit des Geheimrats v. Bismarck hatte nicht viel von geheimrätlicher Würde. Und des Pudels Kern wäre das Bekenntnis gewesen: er steht mir im Wege. Nur mit dem Unterschied, daß der gewöhnliche Amtsstreber, wie er bis in die höchsten Sphären herumläuft, sich nie auf das eine berufen kann, was die Selbstsucht jedes Genialen nicht nur entschuldigt, sondern ihr zu einem heiligen Recht verhilft: »mir« im Wege heißt hier soviel als »meinem Werk« im Wege. Selbstverständlich darf man hier noch Moral heucheln und es empörend finden, wenn der Korse alles, was nicht glatt unter den Händen nachgeben wollte, nämlich Krawatten, Westen, Stiefeln, Königreiche, Völker in Stücke riß, weil es gotteslästerlich seinem Vizekönigtum des Schicksals widerstrebte. Friedrich der Große war nicht minder ungeduldig und unbändig in seinem Zorn, Cromwell brauchte unflätige Schimpfworte, Beethoven wurde sacksiedegrob, wenn man seine Arbeit störte. Das nervöse Temperament der Genialen bleibt sich immer gleich, Michelangelo war auch kein angenehmer Mitbürger. Aber eine andere Lehre hätte Bismarck jetzt ziehen können. Weltkenntnis erwirbt man, selten Menschenkenntnis, denn dazu müßte man Menschen sehr genau und lange beobachten können und wer hat dazu Zeit! Als endlich Anfang Juli die definitive Ernennung des Legationssekretärs zum Gesandten eintraf, während Rochow auf den unliebsamen Posten in Petersburg zurückkehren mußte, schrieb der alte General an den Minister Manteuffel in den ehrendsten Ausdrücken über seinen Nachfolger, den er scharf beobachtet hatte. Gleich darauf bekam er Gelegenheit, fest bei der Stange zu bleiben und seine großmütige Unbefangenheit zu betätigen. »Am 11. reisen Seine Königliche Hoheit der Prinz von Preußen hier durch nach Mainz«, eröffnete er seinem schmollenden Legationsrat oder vielmehr Nachfolger, »Höchstderselbe kehrt von der Großen Industrieausstellung aus London zurück. Indem ich Ihnen herzlich gratuliere, bitte ich mir zugleich die Ehre aus, Sie am Bahnhof zur Begrüßung des hohen Herrn bei ihm einzuführen. Nach Ihrem offiziellen Amtsantritt werden Sie ja auch eine bedeutende Titulatur führen. Wenn Ihr lieber Vater, der als Offizier unter mir diente, das noch erlebt hättet Als Knabe sah ich Sie im Elternhause. Was nicht aus einem Menschen werden kann!« Sogar eine Exzellenz! dachte Otto belustigt. Als der Prinz aus dem Extrazug stieg, begrüßte er zwar Otto: »Lieber Rochow, nach Ihrem Aussehen muß die Gesandtentafel gut bestellt sein. Ei, da ragt ja Herr v. Bismarck über alle hervor!« freundlich, wie bei den früheren Beziehungen nicht anders zu erwarten war, doch etwas flüchtig und sogar reserviert. Der neue Gesandte bemerkte mit Schmerz daß er nicht mehr in besonderer Gunst stand. Er wußte warum. Der ehrenhafte, männliche Fürst verzieh keinem, der die »Schmach von Olmütz« beschönigt hatte. Seine soldatische Ehre fühlte sich geohrfeigt durch die Demütigung Preußens, in seinem Herzen verzieh er es Österreich nie. Mit lebhaftem Unmut hatte er Bismarcks Eintreten für Manteuffels Schwäche, wie er es auffaßte, als unerträglich empfunden. Und wenn er dann wieder sich mit dieser Entgleisung aussöhnte oder vornehm darüber hinwegsah, so hatten andere seiner Umgebung und die von nicht unerklärlicher Abneigung gegen den »Ultra« erfüllte Prinzessin den Stachel tiefer eingegraben. Als er daher mit Rochow ins Hotel fuhr, fragte er mit einer gewissen Schärfe, indem er sich aus dem Schlag des wappengeschmückten Wagens lehnte und nach der vom Perron sich entfernenden Gruppe zurückblickte: »Und wird dieser Landwehrleutnant wirklich unser Bundestagsgesandter?« Mit dieser militärischen Rangbezeichnung wollte er den Abstand erkennbar machen, der einen Generalleutnant wie Rochow an Ansehen und Rang, wie dem Vertreter einer Großmacht angemessen, von solchem Neuling trennte. Daß dieser keine feinere diplomatische Toilette machte, als sich den Landwehrrock anzuziehen, die einsame Rettungsmedaille auf der Brust, vermerkte er zwar beifällig. Doch die rein soldatische Auffassung der Dinge, die man ihm fälschlich zuschrieb, färbte keineswegs bei ihm auf andere Staatsverhältnisse ab, die er alle mit gleicher Gründlichkeit und Pflichttreue sich zu eigen machte. Man begreift, daß er bei Lebzeiten seines Bruders vor dessen schillernder, glänzender Geistesfülle in den Hintergrund trat. Denn es muß immer wieder jedem Verdammungsurteil die Klausel beigefügt werden, daß der unglückliche König in seiner Weise ein ungewöhnlicher und bedeutender Wunsch gewesen ist, auch an ursprünglicher wohlwollender Güte unendlich vielen überlegen, die sich ihm gegenüber als »Charakter« spreizten. Dagegen begreift man nicht oder vielmehr begreift die lächerliche Seichtigkeit der öffentlichen Meinung nicht nur, sondern der Menschenbeurteilung überhaupt, daß niemand im Prinzen Wilhelm die Anlage zur höchsten Herrschertugend entdeckte, niemand in diesem nachdenklichen, ernsten Manne einen denkenden Staatsmann ahnte, ganz und gar nicht bloß in die Uniform eingezwängt, einen hoch über jedem Durchschnitt Außerordentlichen, dem nur die wilde Initiative des Genies fehlte, und dessen ehrenhafter Mut durch übermäßige Gemütsweichheit geschwächt wurde, welche seine Verkenner und Verleumder in ihm am wenigsten witterten. Dieser stramme, straffe, furchtlose Soldat haßte jede Gewalttätigkeit, an einem Kriege sah er zuerst die Opfer, und wenn sein hohes Ehrgefühl ihm die schwächliche Nachgiebigkeit seines Bruders verbot und er frechen Feinden unerschrocken die Stirn bot, so litt sein lauterer, im schönsten Maße vornehmer Sinn doch an Bedenklichkeiten über Recht und Unrecht, vor Gott strengste Verantwortlichkeit auf sich nehmend, bei aller Würde voll großer Demut. Seine fast krankhafte Bescheidenheit erbte er vom Vater (sein Bruder schlug nach der überschätzten ästhetelnden Mutter), dem vielverkannten, der bei einiger Schwäche und Beschränktheit doch einen hervorragenden trockenen Verstand und eine sehr vornehme Gesinnung in sich zur Ausbildung brachte, sich durch verständnisvolles Gewährenlassen von Scharnhorst, Stein, Gneisenau, Blücher Verdienst erwarb. Dieser sein Sohn stand freilich sehr viel höher in Geist und Willensartung und war, um es deutsch zu sagen, in seiner Weise ein großer Mann. Doch wir tappen alle im Nebel. Denn ausschließliche Selbstsucht – das, was uns alle bändigt, das Gemeine – bestimmt nicht nur unsere Handlungen, sondern auch unsere Urteile. Wie kann da ruhige, unbefangene Beobachtung und Würdigung erwartet werden! Als die zwei Schicksalsmänner sich gegenüberstanden, zerriß da ein Blitz vor ihnen den Nebel, und sahen sie sich als Doppelstatuen Hand in Hand für alle Zeiten vor den Augen der Nation? Weit gefehlt! Sie fühlten sich »zueinander hingezogen«, wie die Sprache es mit einem Anflug ins Telepathische ausdrückt, und selbst das nicht mit deutlicher Bezwingung. Otto dachte, der Prinz sei ein braver, tüchtiger Gentleman, und der Prinz spöttelte: »Dieser Landwehrleutnant!« Da erwiderte der General mit fester Stimme: »Jawohl, Königliche Hoheit, und die Wahl ist gut nach meiner unmaßgeblichen Meinung, Herr v. Bismarck ist frisch, stark und wird sicher jedem Anspruch gerecht werden, den ein Patriot an ihn stellen kann.« »So!« Der Prinz sah nachdenklich vor sich hin. »Ich hatte ja stets die beste Meinung von diesem Manne, doch in letzter Zeit – er war immer ein guter Preuße, doch da –. Übrigens, tanzt er so viel, das verträgt sich nach meinen Begriffen nicht mit einem Staatsmann.« »Das kann hier nicht auffallen, Hoheit, denn hier tanzt alles, je älter, desto toller.« Der Prinz lächelte bitter. »Fängt das wieder an? Ich erinnere mich aus meiner Jugend, der Wiener Kongreß – Sie kennen ja wohl das Bonmot des Fürsten de Ligne: ›Der Kongreß marschiert nicht, er tanzt.‹ Sie kennen Wohl auch den französischen Spruch: ›Auf einem Vulkane tanzen.‹ In diesen ernsten Zeiten!« »Hoheit irren sehr, wenn ich mir untertänigst eine Vorstellung gestatten darf, falls Sie Herrn v. Bismarck den nötigen Ernst nicht zutrauen. Entschiedenheit des Willens, Dekorum in der Haltung, jedoch Freundlichkeit im gesellschaftlichen Verkehr, Klugheit beim Reden, eine reife Kenntnis der Menschennatur mit der Gabe, Vertrauen zu erwecken – diese hier für Preußens Rechte nötigen Eigenschaften besitzt der ausgezeichnete Mann, den die Weisheit Seiner Majestät erkor.« Der Prinz dachte vielleicht, der alte Hofmann rede nach dem Munde, um sich beim König beliebt zu machen, denn er zuckte leicht die Achseln: »Sie sind ein warmer Fürsprech, lieber Rochow, man muß das ehren. Aber der Mann ist doch zu jung und ohne jede Erfahrung im Dienst.« »Das schleift sich ab, auch ist die Raschheit, mit der sich der Legationsrat in die Geschäfte einlebte, ganz überraschend. Wenn er graue Haare hätte, würde er vielleicht nicht jene Eigenschaften damit vereinen, die ich mir vorhin hervorzuheben erlaubte.« »Das hat etwas für sich. Unstreitig ist er von ehrenfester Gesinnung.« »Er ist eine Zierde unseres Adels,« rief der alte Kriegerdiplomat mit Wärme, »voll Hingebung für den Glanz der Krone und die Ehre des Vaterlandes.« Der Prinz runzelte die Stirn. »Das hätten Sie nicht sagen sollen, lieber General. Auf den Glanz der Krone fiel ein trüber Schatten, und die Ehre wollen wir aus dem Spiel lassen – Sie wissen, wohin ich ziele. Ich werde erregt, wenn ich nur daran denke. Doch entschuldigen Sie,« fuhr er gütig fort, »Ihr Urteil hat bei mir viel Gewicht. Und mir ist, als ob eine innere Stimme mir sagte, ich hätte mich am Ende doch nicht in diesem Bismarck getäuscht, auf den ich von jeher ein Auge hatte. Er hat viele Feinde, muß ich bekennen. Doch viel Feind, viel Ehr'. Sie machen aber den Mann zu einem Phönix, als ob er noch zu gut für einen immerhin so hohen Posten wäre.« »Jawohl, ich zögere nicht zu behaupten, daß er mir zu schade scheint, hier seine Energie zu vergeuden, in diesem Danaidenfaß, wo man immer ausschöpfen will und doch nie Grund findet. Der wäre an sehr hoher Stellung im Vaterland am Platze.« »Warum nicht gar Premierminister!« Der Fürst sann wieder einen Augenblick nach. »Sie haben mich ganz für Ihre Meinung gewonnen, daß wir hier einen starken Mann brauchen, wie es dieser unstreitig ist. Ich werde unser Gespräch meiner Gemahlin mitteilen, die nicht so günstig denkt wie Sie.« Rochow, viel zu vornehm, seinem Nachfolger auch nur die leiseste Andeutung seines Ritterdienstes zu machen, fühlte sich unangenehm berührt, als der Mann, für den er so brav einsprang, mit unverhohlener Kälte nachher sich von ihm zurückzog. Otto glaubte nicht anders, als daß Rochow den Prinzen gegen ihn eingenommen habe. Sein früherer Vorgesetzter ließ sofort packen und reiste in der nächsten Morgenfrühe ab, ohne sich zu verabschieden und seinem Ersatzmann die Akten feierlich zu übergeben. Denn das hinterlassene grüne Portefeuille mit den »laufenden Sachen« war leer. Aha, er eifersüchtelte bis zum Ende! Und diese Auffassung wurde Otto niemals los, er blieb dabei und flößte diese Ungerechtigkeit anderen ein, bis sie »geschichtlich« wurde. Einige Überlegung konnte ihm sagen, daß es sich nur um ein Versehen bei überhasteter Abreise handeln könne, denn der kluge Rochow würde doch wohl nicht eine so kindische Art oder Unart als parthischen Pfeil seines Mißvergnügens gewählt haben, da die betreffenden Akten ja natürlich sicher und unversehrt an anderer Stelle lagen. Nur daß er einem Wiedersehen und Abschied aus dem Wege gehen wollte, blieb als residuum mortum der ganzen Angelegenheit. Zu guter Letzt erwies sich Rochow schon früher bei jenem Zusammentreffen in Brandenburg freundlich und hatte zudem in freundschaftlichen Beziehungen zum alten Rittmeister, Ottos Vater, gestanden. Für die empfangene Belehrung der täglichen Vorträge schuldete ihm sein Nachfolger auch einige Freundlichkeit. Da schlug jedoch Otto das Gewissen, ob er nicht unfein einem alten Manne gegenüber handle, und er eilte persönlich zum Bahnhof, wo er noch knapp rechtzeitig den General beim Einsteigen abfing und ihm höflichen Dank für bewiesene wohlwollende Unterweisung abstattete. Er bediente sich der gewähltesten Ausdrücke und behauptete später immer, er habe Rochow in Verlegenheit gesetzt und ihm einen peinlichen Augenblick verschafft. Diese kleinliche Rachsucht kann nur dadurch entschuldigt werden, daß er die Wahrheit nie oder unvollständig erfuhr. Vielleicht spielte ihm auch seine Neigung zu sozusagen feuilletonistischer Ausschmückung einen Streich. Sein Wesen war so auf das bildlich Gestaltende gestellt, daß er eine Freude daran hatte, sich anekdotische Arabesken in seinen Lebenslauf hineinzumalen. Rochow empfand wohl die Gewitterschwüle der unverhofften Begegnung, doch verbeugte er sich gemessen: »Ich danke Ihnen für diese Höflichkeit. Hoffentlich werden Sie einst mein Nachfolger auch dort, wohin ich jetzt reisen muß, dem Willen unseres Königs gehorsam.« So sind deutsche Männer und preußische Militärs. Im Grunde konnte er wirklich Bismarck nicht leiden, aber ihn kümmerte nur der »Dienst«, was dem Staate fromme. Und weil seine erfahrene Klugheit die Begabung des Jüngeren erkannte, wurde er ihm ein nobler Sachfreund, so peinlich seine eigenen Wünsche durchkreuzt wurden. Denn, wie ein großer Deutscher es ausdrückte, deutsch sein heißt etwas der Sache wegen tun. Und hätte Preußen, hätte Deutschland nicht reichlich solche Männer, wo wäre heut das Werk dessen, der da kam! * Es verging nur kurze Zeit, daß der Prinz von Preußen wieder durchfuhr. Er kam von Rußland und ging nach Koblenz. Diesmal bewies er Otto aufrichtiges Wohlwollen. »Ihr Freund Kleist-Retzow wird Oberpräsident in Koblenz, das wissen Sie wohl. Ich werde also mit ihm zu tun bekommen.« Er war dem grauen Hans durchaus nicht hold als einem bornierten Reaktionär und versprach sich von dem beleidigend glücklichen Ehemann einer Stolberg – wie der unglückliche Strohwitwer Bismarck seufzend beneidete – nicht Angenehmes. Doch war er viel zu vornehm, um dessen Freund etwas Ungütiges zu sagen. »Ich sprach neulich über Sie mit der Prinzessin, wir schätzen Ihre hervorragende Kraft. Wie steht es denn hier?« »Soso. Österreich wird uns noch viel Knüppel zwischen die Beine werfen.« »Sie wissen, daß ich auf dies Reich nicht gut zu sprechen bin. Unser alter Feind würde uns jederzeit einen siebenjährigen Krieg machen. Mein Aufenthalt in Petersburg hat mich befriedigt und meine Auffassung etwas korrigiert. Der Zarewitsch, mein Neffe, ist ein herrlicher Mensch und hat die humansten Absichten. Man wird eines Tages davon hören, er wird Rußland sozusagen europäisch machen. Was den Zaren betrifft, so ist er natürlich der gleiche, nie kleinlich, sehr vornehm, aber leider –! Wer sich nur auf Bajonette setzen will, verwundet zuletzt sich selbst. Nun, ich weiß, Sie sind dort gut angeschrieben und beliebt. Was machen Sie für ein sonderbares Gesicht?« »Halten zu Gnaden, Königliche Hoheit, als Diplomat – selbst als ein solcher Neuling wie ich – soll man sich zwar nicht geschmeichelt fühlen, aber eine so freundliche Meinung begrüßen – nämlich, wenn man sie nicht verdient. Als Mensch bekomm' ich einen Stich ins Herz, wenn das Ausland mich lobt. Das ist immer ein schlechtes Zeichen. Schimpfen soll man an fremden Höfen auf einen Gesandten oder Minister, das ist ein Testimonium, daß er auf dem rechten Wege ist. Und nennt man ihn gar da draußen einen Schurken und Gewalttäter, dann muß er sich um sein Vaterland wohlverdient gemacht haben.« Der Fürst lachte herzlich. »Wie Sie doch immer die Dinge b«i Namen nennen! Es freut mich, daß Sie so denken. Übrigens lügt die Welt so viel. Mir sagt man auch russische Gesinnung nach, und niemand ist, weiß Gott, freier davon als ich. Wohin meine Neigungen gehen, ist Ihnen bekannt.« »Nach England. Doch schon oft wagte ich untertänigst zu bemerken: Eines schickt sich nicht für alle. Die Verhältnisse sind so verschieden, das englische Verfassungsleben paßt nicht für uns. Außerdem, eine schwache Krone, ein regierender Adel – wir Preußen wollen das Gegenteil.« »Zum Heile des Vaterlands.« Prinz Wilhelm sagte es ernst mit gewichtigem Nachdruck. »Aber es gibt doch ein Mittelding zwischen russischem Juchtenleder und englischer Baumwolle. Die scheußlichen Noten, die Preußen zugrunde richteten und denen wir ›Olmütz‹ verdanken«, sein Gesicht wurde bei dem Unheilsnamen hart und finster, »sind nun niedergeworfen. Doch die gemäßigt Liberalen sind gute, ehrliche Staatsbürger, und Ihre Freunde, die jetzt am Ruder sind, hausen viel zu schroff. Sie mögen sich denken, wie mich das aigriert, daß man gerade mich als Verfassungsfeind ausschreit. Die Gesinnungen der Prinzessin sind doch über jeden Zweifel erhaben, und ich selbst werde die Verfassung, die ich mitbeschwor, wahren bis zum letzten Atemzug. Ihre Kreuzzeitungsclique will ich mir nicht oktroyieren lassen, solches ist mein Raisonnement.« Der Fürst teilte Ottos Vorliebe für Fremdworte, nur daß er sie in Briefen stets mit lateinischen Lettern schrieb, gleichsam um ihren undeutschen Ursprung hervorzuheben. Daß er gegen die neue Demagogenhetze und die reaktionäre Strömung in Berlin frondierte, daß der Polizeirat Stieber, Kleist-Retzows Entdeckung, sogar dem Thronfolger ehrfurchtsvoll Spitzel nachschickte, um seine Äußerungen aufzufangen, war kein Geheimnis. Otto lenkte rasch ab: »Preußens Politik wird gottlob weder von der Kreuzzeitung noch anderen Presseorganen gemacht. Das Ministerium des Innern tritt heut an zweite Stelle, das des Äußeren hat das Wort. Hoheit erwähnten Bajonette, davon kann man nie genug haben, und unsere sind, hoff ich, scharf geschliffen.« »Sehen Sie Verwickelungen voraus?« Der Prinz sah ihn scharf an. »Nicht doch! Ich spreche von einst kommenden Tagen. Die Armee allein kann Preußens Bestimmung erfüllen.« »Bravo! Und da tun Reformen not. Auf Wiedersehn, mein Lieber! Wir sprechen noch mal darüber. Und nicht zu österreichisch, Herr v. Bismarck!« Er drohte leicht mit dem Finger. »Der König, mein Bruder, ist darin anderer Meinung. Nun, ich will mich nicht in Ihre diplomatischen Geheimnisse drängen. Leben Sie Wohl, ich bleibe Ihnen gewogen.« Der so gnädig Entlassene seufzte. Zu österreichisch – zu russisch – jetzt fehlt nur, daß ich zu französisch bin! Ich tröste mich damit, daß man nicht zu deutsch sein kann. – Wenn die Briefe von Nanne zu lange ausblieben, hatte er sich zu Geschäften unbrauchbar gefühlt. Seine Mitarbeiter, die ihn nicht kannten, wunderten sich über so viel Gemütsnervosität bei diesem eisern aussehenden Manne. Der ihm als Mitarbeiter anfangs beigestellte Geheime Legationsrat Grüner war mit Rochow verschwunden, dafür ein Assessor Rudloff eingetroffen, dem später ein Legationsrat Zittelmann folgte. Lauter fremde und unbedeutende Leute, zu denen er sich nicht aussprechen konnte. Zwar hatte er sich ausdrücklich vom König die Erlaubnis geben lassen, daß er eine Art Neben-Akkreditierung bei den süddeutschen Höfen erhalte, damit er diese zu politischen Zwecken kennen lerne. Doch er klagte zu Kleist-Retzow, den er in Koblenz aufsuchte: »Diese langweiligen Fürstlichkeiten zu sondieren, mich über das Terrain orientieren, ist keine angenehme Studienreise.« Der neue Oberpräsident machte dazu große Äugen, für den kleinen Streber war ein Besuch bei hohen Herrschaften ein Staatsakt von unermeßlicher Weihe. Seine Gemahlin Charlotte Stolberg hielt es für Pflicht einer christlichen Frau, ihrem Herrn und Meister in allem gefügig zu sein, alttestamentarisch, und der kleine Patriarch bildete sich zum Haustyrannen aus. Wühlen in den Akten war ihm ein höchstes Behagen, wie ein Maulwurf fraß er sich durch alle Bagatellen durch, natürlich immer bewehrt mit dem Saugrüssel seiner schnüffelnden Reaktionswut. Otto dachte sich im Stillen, daß diese forcierte Beamtenstrenge mal ein übles Ende nehmen könne, gerade im liberalen Rheinland. Auch versprach er sich nichts Gutes davon, daß der Prinz von Preußen und seine hohe Gemahlin oft in Nähe dieses tantigen und grantigen Oberpräsidenten hausen würden, der sich in seiner Allmachtswürde bis an die Zähne bewaffnete wie die drüben herüberdrohende Feste Ehrenbreitstein. Für seinen inneren Frost, der ihn in der Frankfurter Welt erkältete, konnte er sich beim grauen Haus auch keine Wärme holen. Selbst die christliche Bibelfestigkeit nahm hier streberhafte Mienen an. Als Otto klagte, er müsse aus dienstlichen Gründen immer Sonntags reisen, statt in die Kirche zu gehen, so werde er auch nächstens Seiner Majestät entgegenreisen, wenn der König nach Burg Stolzenfels komme, zog Kleist die Stirn in Falten und belehrte ihn: »Man soll dem Herrn dienen, doch auch dem irdischen Herrn, denn solcher ist von Gott. Nützlichkeit und Notwendigkeit des königlichen Dienstes gehen allem vor, darin wird unser gnädiger Vater im Himmel ein Einsehen haben.« Seine Frau verzog zwar ihren ernsten Mund, da sie als Pietistin dies heterodox fand, aber wagte nicht gegen ein Gebot des hohen Patriarchen sich aufzulehnen. Otto schied mit unbehaglichem Gefühl, als ob Onkel Hans auch mal für ihn eine verbrauchte Größe der Vergangenheit sein werde. Seine freundliche Stimmung für den alten Rothschild, welche dieser auf harte Probe stellte, verflog auch. Otto hatte den Prinzen Wilhelm zum Gesandtschaftsdiner eingeladen, doch später am Tage lief Einladung Rothschilds ein, worauf der Prinz lachend erwiderte: »Mit dem Geld muß man sich gut halten, mir ist's gleich, mit wem ich diniere, doch ich muß mit unserem Gesandten konferieren.« Spornstreichs erschien der Geldprinz persönlich bei Bismarck: »Se müssen mer den hohen Herrn abtreten, Herr Beraun, Exzellenz, und Se selber kommen dann mit zu mein bescheidenes Dinerchen.« »Leider muß ich refüsieren.« »Wie heißt! Gibt mer der bedaitende Mann 'nen Refüs vor ein Diner bei Rothschild. Da lecken sich de seinen Herren sonst de Finger danach. Aber wissen Se was, ich will mer bescheiden damit, zu schicken Speis und Trank in Ihr hohes Haus. Gott gerechter, was kann da sein! Das Diner is parat und muß gegessen werden. Ich selber bin dabei nix nutz, weil ich nur esse koschere Ware, also essen Se mein Diner ohne meine werte Person!« Otto konnte sich kaum enthalten, über solche Naivität laut aufzulachen. »Geht auch nicht, bester Herr Baron. Ihr Diner ist sicher viel besser als das meine, aber es verträgt sich doch nicht mit meinem Anstandsbegriff, mich in meinem eigenen Haus von Ihnen bewirten zu lassen und außerdem noch meinen hohen Gast.« »Nu, wie Se wollen. Se sind ein Mann von Eisen, Sie bringt man von nichts ab. Hab' ich getan nach Kräften, zu zeigen meine Pietät für das graußmächtige Preußen. Werd' ich mer kommen lassen 'n Schock Österreicher, die essen gern bei Rothschild.« Die unverfrorene Zudringlichkeit mißfiel Otto um so mehr, als er so Mißlichkeiten in politischen Geldsachen voraussah, da Rothschilds ganz im österreichischen Fahrwasser nach Profit angelten. Graf Thun fing an, seine Präsidentschaft noch unangenehmer zu gestalten. Im persönlichen Verkehr benahm er sich verbindlich genug, doch in den Sitzungen überschätzte er seine Amtswürde, als wäre er souveräner Herr. Er präsidierte in kurzer Sommerjoppe, die er zugeknöpft trug in Ermangelung einer Weste, um sich's bei der Hitze bequem zu machen. Seine Nankinghosen durfte die Versammlung bewundern, indem er die Beine von sich streckte, um den Hals hatte er kaum den Vorwand einer Binde, weil dies bei der hohen Temperatur ihm lästig fiel. Sein Vortrag glich einem Gesprächston mit Untergebenen. Dazu rauchte er wie ein Schlot und bediente sich einer Zigarrenkiste, ohne je einen einzuladen, seinen Genuß zu teilen. »Nächstens kommt er in Hemdsärmeln«, beschwerte sich Otto zu seinem befreundeten Kollegen Schele. »Ich werde mir diese Inkorrektheit nicht lange gefallen lassen. Das ist ja eine wahre Geduldsprobe.« »Das Vorgehen Thuns ist auch geschäftlich unerhört«, stimmte der Hannoveraner bei. »Er studiert nie die ihm ausgehändigten Papiere vorher und macht sich mit dem Inhalt durch eigenes Vorlesen bekannt. Neulich las er 40 Seiten auf einen Hieb vor, lauter Ziffern und Noten über die Flottenfinanz. Seine Lunge ist beneidenswert, doch ich zog es vor zu schlafen, Herr von Nostitz las einen extra mitgebrachten Roman, weil er Thuns Sport schon kannte, und unser Bayer, General Xylander, zeichnete phantastische Kanonen aufs Löschpapier. Remonstrieren hilft nichts, da wird er grob und prätendiert in richtig österreichischer Manier, er begriffe nicht, was man von ihm wolle und wie er die Geschäfte anders führen könne.« »Er ist geradezu flegelhaft.« Otto schwang erbittert seinen Spazierstock in der Luft mit einem kommentmäßigen Fechterhieb. »Auf meinen ersten Besuch im Mai schickte er nur seine Visitenkarte, und seither hat er nie den Fuß in unsere Gesandtschaft gesetzt, selbst meine offiziösen Besuche blieben unerwidert. Wenn ich in Geschäften zu ihm gehe, läßt er mich im Vorzimmer warten. Neulich hatte er die Frechheit, mir nach langem Warten zu versichern, er habe soeben eine sehr lehrreiche Unterhaltung mit einem englischen Zeitungskorrespondenten gehabt. Den alten Rochow hat er geradezu schnöde behandelt, den ließ er mal zwanzig Minuten im Vorzimmer sitzen.« »O, er ist unverbesserlich. Nie erhebt er sich, wenn man bei ihm eintritt, bietet nie einen Stuhl an, während er rauchend sitzenbleibt wie ein Jupiter in Rauchwolken. Man soll wie ein Bittsteller vor ihm stehen. Das geht nicht so weiter.« In der nächsten Sitzung begann Schele einige Redereien Thuns zu kritisieren. Da wurde der so heftig und ausfallend, daß Schele aufsprang: »Sie werden von mir hören«, und Otto als Zeugen für eine Duellforderung wählte. Dieser sann nach: »Diese Lösung wäre pikant, aber zu gewaltsam. Ich werde Thun zur Räson bringen als Vermittler. Es ist doch eigentlich amüsant, wir sollten dies seltene Exemplar eines Diplomaten so ruhig und liebevoll betrachten wie ein Botaniker eine unbekannte Blume. Ich schmeichle mir, zu seiner gesellschaftlichen Politur noch manches Scherflein beizutragen.« Was er mit Thun redete, erfuhr niemand, tatsächlich leistete dieser eine mürrische Abbitte und benahm sich öffentlich bei jedem Zusammentreffen liebenswürdiger und vertraulicher gegen Otto als zuvor, hinter dem Rücken sprach er natürlich anders, das hörte Otto aus manchem heraus. Thuns Maßregeln sollten »den Deutschen die Theorie einprägen, daß wir keine Parität der Autorität zulassen und Preußen gar nichts zu sagen hat«, wie er offen heraus seinen Koteriegenossen predigte. Ebenso offen bekundete aber Bismarck an Schele und Oertzen: »Ich werde ihn nachdenken lehren, mit wem er's zu tun hat. Seine Prätensionen, seine affektiert und studiert verächtlichen Manieren werd' ich ihm austreiben. Preußen willigte in Wiederaufleben des Bundestags nur unter der Bedingung, daß die reformierte Organisation uns volle Gleichheit gewährleistet. Für seinen Kontraktbruch wird Österreich Konventionalstrafe zahlen ... bei der Zollunion.« * Das große Verbrechen war heraus. Der österreichische Gesandte schob einigen seiner Satelliten, die er Kollegen nannte, einen Pack deutscher Zeitungen hin. »Ein sicherer Herr v. Bismarck ihst niemalen etwas Feineres als Auskultator gewesen, schreibt die Poostahmtszeitung, serr ein erleuchtetes Organ. Und da lesen's bloß die Voossische und Spenersche Zeitung! Da nennen's den Herrn Kollega einen ›diplomatischen Säuglihng‹ und da steht's im schönsten Daitsch: ›Der Burscheh wärre unverschämt genug, eine Fregatte oder aihneh chirurgischhe Opperationn zu kommandierehn, wenn man ihn darum bähteh‹ 'S ihst halt a Kreuz mit so jungen Leuten. Übbrigehns ihst err auch gar nit Baron, wie man ihn tituliert, sondehrn ein simpler Edelmann.« Graf Thun wienerte mit slavischem Akzent wie immer, wenn er ärgerliche Stimmung zum Ausdruck brachte. Die liebenswürdige Beihilfe der Berliner Presse, nicht ohne mittelbare Beeinflussung von österreichischer Seite, in solcher Empfehlung ihres Landsmannes beim Bundestag genügte am Ende nicht zum Unterminieren eines so handfesten stämmigen Kerls, der breitbeinig auf seinem Posten stand. Etwas Unglaubliches war geschehen gleich in der ersten Sitzung, an der dieser neue Gesandte teilnahm. Im Kreis der deutschen Mächte rauchte nur Österreich als Präsidium. Der alte Rochow hätte es gern getan, doch wagte es nicht, die Kleinstaaten mußten sich natürlich aus Ehrfurcht das Rauchen verbeißen. Kaum überschaute Otto diese eingebürgerte Rangabstufung, als er eine lange und fette Zigarre hervorzog und Österreich um Feuer bat. Halb gelähmt vor Verblüffung reichte Thun ihm das Gewünschte, worauf Preußen auf Leben und Tod zu paffen anfing, dabei mit ruhiger Stimme, als wäre nichts geschehen, eine Bagatellsache besprechend, wie sie das übliche Tagewerk des hohen Bundestags bestimmte. Still und betreten verlief die Tagung, Österreich und Preußen rauchten sich ins Gesicht und die Kleinstaaten schmachteten nach dem Land, wo der Pfeffer wächst, dieser Tobak war ihnen zu stark. Kaum schloß die Sitzung, als sich die Federn aller Gesandten zu einem pro memoria spitzten, das nach Aberschrift und Leitmotiv immer den gleichen Sinn hatte: Preußens Übergriffe werden bedrohlich, es will uns eine Zigarre anzünden, d. h. ein Licht aufstecken oder auch Rauch und blauen Dunst vormachen, um eine Überhebung zu verschleiern. Werden nicht rechtzeitig Maßregeln ergriffen, so wird Preußen noch mit einer Meerschaumpfeife das ganze Bundespalais vollqualmen. Die submisse Anfrage gehe dahin, ob die Kleinstaaten nicht auch Raucher sein dürften. Tief und ernst waren die Beratungen, die an den Höfen über Preußens Zigarre angestellt wurden. Doch man konnte nicht rasch zu einem Schlusse kommen. Als der Übeltäter bei späterer Gelegenheit den Bayrischen Gesandten Schrenck auf der Straße um ein Streichholz bat, erkannte dieser darin eine diplomatische Anspielung: Der Brandstifter forderte Bayern zur Mittäterschaft auf! Schrenck berichtete umgehend nach Hause, daß Not am Manne sei und daß Bayern auch rauchen müsse, um seine Würde zu wahren. Er werde sich opfern und ein Vorbild geben. Fürs erste rauchten die beiden Großmächte allein. Thun, sehr konsterniert, wurde jedoch zusehends verbindlicher gegen einen Menschen, der sich nichts gefallen ließ und der, wenn man ihn reizte, auch zahme Bundesmitglieder mit anstecken konnte. Denn sein zugleich festes und liebenswürdiges Auftreten machte Eindruck und gewann ihm eine Partei, die zu Preußen neigte, dessen zigarrenrauchende Nichtachtung für Österreichs Majestät eine neuerwachte Stärke und Gefährlichkeit zu verraten schien. » Ciel! Wie ergreifend!« Der erste Attaché der österreichischen Gesandtschaft, Baron Nell v. Nellenburg, führte mit elegischer Grazie sein duftendes Taschentuch zum Auge. Die Tränen kamen ihm wirklich. Man gab einen alten Ladenhüter des göttlichen Kotzebue, wo sich die Tugend erbricht, bis das Laster Appetit bekommt und sich zu Tisch setzt. Der Baron hatte viel Haare gelassen und trug eine Perücke, dafür besaß er ein Übermaß von fünfizgjährigen Gefühlen, besonders wenn er mehr Champagner trank als ihm gut war. Der zweite Attaché, Baron Brenner, zog die Augenbrauen hoch und sah den preußischen Gesandten von der Seite an, der mit ihnen die Theaterloge teilte. Doch der saß kalt und trocken da, wenig gerührt von Menschenhaß und Reue des seligen Herrn v. Kotzebue. »Man sage, wahs man will, er war doch ein großer Autor. Exzellenz interessieren sich wohl nicht für schöne Literatur?« »Mehr für unschöne«, erwiderte der Preuße gelassen. »Geschichte und dergleichen. Eine Tragödie von Kotzebue ist eine ernste Sache, dieser Zug erinnert mich an meine früheste Jugend, ein Lustspiel ist noch ernster.« »Exzellenz sind bei guter Laune.« Brenner lachte fein und äugelte durchs Opernglas nach einer Bürgerdame im Parkett, da ihn sein Geschmack mehr in den Mittelstand weiblicher Reize hinzog, worüber verschiedene reizvolle Mitteilungen kursierten. Das edle Mitleid eines großen schönen Vierzigers für einen gebrechlichen älteren Diplomatenkollegen bewog ihn, ernst zu erklären: »Baron Nellenburg ist selber Dichter und hat schwere häusliche Schicksale gehabt.« »Das bedauere ich sehr«, beeilte sich Bismarck zu versichern. »Wirkliches Leid sticht so würdig ab von den Schminktöpfen der Theaterphrasen.« Nellenburg trocknete seine Augen, putzte sein Opernglas und machte gute Miene zum bösen Spiel, das auf der Bühne weiterging. »Mögen's mich für sentimental halten, Exzellenz, aber Gemüt ist mir alles. Mein verehrter Freund Baron Brenner tut mir zu viel Ehre an, wenn er mich Dichter tauft. Ich huldige nur in Mußestunden den Musen. Mein Ideal ist Baron Nimbsch v. Strehlenau, leider einem traurigen Los verfallen.« »Im Irrenhaus«, versetzte Brenner triftig. »Sah's voraus nach seinen subversiven Tendenzen. Ich machte allerhöchsten Orts Anzeige, als ich sein ruchloses Machwerk, ›Die Albigenser‹, las. Welche gemaihnehn Ausfälle gegen die heilige Kirche! Ich war damals nur ein junger Attaché in Italien, aber mein christliches katholisches Gefühl empörte sich. Nach der heiligen Messe beichtete ich sofort, daß ich meine Seele mit solcher Lektüre befleckte, und empfing gütige Absolution von einem hochwürdigsten Herrn. Meine Anzeige wurde zwar als Tat eines pflichttreuen Beamten huldvoll vermerkt, kam aber gottlob schon zu spät. Der hohe Bundestag hatte das Opus schon verboten.« »Mein verehrter Freund Baron Brenner ist ultramontan, wie man zu sagen pflegt«, erläuterte Nellenburg. »Es ist wahr, daß Baron Strehlenau – – guter ungarischer Adel – – viel gesündigt hat. Doch er hat gar so viel geliebt, und ihm ist vergeben wegen so göttlich trauriger Verse. Doch pardon, Exzellenz, ich weiß nicht, ob Sie – – ich meine natürlich den großen Lenau, wie ja sein nom de plume lautet. Haben Sie von ihm gelesen?« »Nicht, daß ich wüßte!« verneinte Otto mit eiserner Stirn. »Weltschmerz, nicht wahr? Für solche Chosen ist bei uns im Norden kein Boden.« »Schilflieder wachsen nicht in märkischem Sand«, murmelte Nellenburg halblaut. »Der deutsche Byron! Von diesem englischen Lord werden Exzellenz ja wohl vernommen haben, leider auch ein böser Revolutionär.« »Undeutlich ... ja ganz recht, Byron ... von dem muß ich schon mal was gelesen haben. Recht unverdaulich!« Bismarck amüsierte sich köstlich. Die beiden Kavaliere österreichischer ästhetischer Hochkultur blinzelten sich verständnisinnig zu. Ungebildeter märkischer Junker! Was kann aus Preußen Gutes kommen! »War dieser Byron nicht in die Karbonaribewegung verwickelt?« fragte er listig. Auf einen Streich verschwanden angenehme Rührseligkeit und gutmütige Betulichkeit. Brenner fuhr mit einem Ruck herum, während Nellenburg ein mißtrauisches Auge auf den preußischen Gesandten warf. »Ahllerdings. Exzellenz scheinen serr ein gutes Gedächtnis zu haben, wenn auch nicht für Verse.« Obwohl aristokratisch reserviert in seinen Formen, verbreitete sich Brenner, bisher in Italien beschäftigt, nicht ohne hitzige Schärfe über die abscheulichen Bestrebungen des Risorgimento, über Mazzini und Garibaldi. Nellenburg, als annonymer Pamphletist in politicis geschätzt, sekundierte seinem Genossen mit Nibelungentreue. Bismarck hörte gespannt zu und sammelte einige wertvolle Aufschlüsse ein. Doch wie wenn sie sich reuig auf diplomatischer Taktlosigkeit erwischten, brachen beide Herren plötzlich ab und empfahlen sich. O, du mein Österreich! dachte Otto, als er nach Hause fuhr. Die Ästheten der Bleidächer Venedigs, der Zuchthaushöllen von Spielberg und Olmütz! Das sitzt auf den Trümmern von Karthago oder Capua und liest Lenau. »Der deutsche Byron!« Als ob man eine Nachtigall mit einem Adler vergliche. Ich mußte den wilden Mann machen, denn Ästhetik mit koaserlichen Kavalieren, das überleb' ich nicht. Aber wie gut sie über Italien beschlagen waren! Dieser Brenner soll seine Hand im Spiel gehabt haben bei neuen Repressivmaßregeln in Mailand. Unter der Maske zutraulicher Nonchalance lauter schlaue Faiseure. Sie öffnen einem meilenweit das goldene Weaner Herz, so was sehe ich auch sehr gern, aber nicht so dick wattiert. Die italienischen Angelegenheiten verdienen ernste Beachtung, sie nehmen das gleiche Tempo wie bei uns. Einheit vermittels Revolution mißlingt, vermittels monarchischen Staatsgedankens geht's vielleicht. Militärisch ist Österreich zu stark seit Radetzky, doch wer weiß, ob nicht Italien Anschluß an Frankreich findet! Diese Fremdherrschaft ist auf die Dauer undenkbar. Und was ist Österreichs Stellung in Deutschland? Auch Fremdherrschaft. Was ist denn Graf Thun als ein Tscheche? Schande über Schande, daß solcher Mund in deutschen Dingen das große Wort führt. Er stieg aus seiner Equipage aus und wanderte einige Zeit im Mondschein herum. Wie kurze Spanne Zeit verfloß, seit er den ganzen Tag in Plenarsitzungen der Kammer sich abplagte und erst nachts sich Bewegung machen konnte, zwischen Opernhaus und Brandenburger Tor, Unter den Linden lustwandelnd! Hier konnte er sich frei ergehen, soviel er wollte, doch die seelische Freiheit fehlte. Nur in der Heimat wohnt das Glück. Selbst die Feindseligkeit politischer Gegner hat dort ein vertrautes landsmannschaftliches Gepräge, hier ödet mich alles fremd an. Glitzerndes Eis, drinnen Kälte, darunter Tücke, wenn man einbricht. Dies Frankfurt, wo man von deutscher Einheit zuerst gepredigt, ist heute eine gut österreichische Vasallenstadt. * Endlich waren Frau und Kinder da. Er hatte eine reizende Wohnung, Gallusgasse, Bockenheimer Chaussee 40, im Gartenviertel weit draußen gemietet, und Nanne begann sich häuslich einzurichten. »Ach, wie teuer hier alles ist!« klagte sie. »Und sie geben uns nicht genug für die Ausstattung. 3000 Taler haben sie dir auch vom Gehalte abgeknapst. Freilich, 1000 Taler bleibt eine schöne Menge Geld. Müssen wir wirklich repräsentieren? Ich habe solche Angst.« »Keine Bange, du wirst dich schon rausreißen. Ich kenne doch mein tapferes Niedchen. Französisch parlierst du schon wie ein Wasserfall. Halte dich gut mit England, das ist eine gutartige Frau, und an Österreich ist auch die Frau das beste. Sie wird dir nicht sonderlich gefallen, die Gräfin ist eine Weltdame, aber anständig, gutweiblich und fromm.« »Ja, als Katholische. Und wie steht es hier mit den reformierten Kirchen?« Otto vertiefte sich ernsthaft in dies unergründliche Thema. Mit Behagen fühlte er sich bald heimisch in den neuen vier Pfählen. »Respekt vor unserer Villa! Sie hatte erlauchte Bewohner, zuerst Rothschild von Neapel, jüngere Linie der Dynastie, sodann den Reichsverweser Erzherzog Hansl. Ich fühle mich schon ganz reichsverweserlich, nur möcht' ich dies Deutsche Reich nicht haben um alle Rothschildschätze.« »Was für prächtige Blumen! Bis zur Freitreppe hinauf! Ein Kamelienflor sondergleichen. Ich glaube, an 1000 Stück.« »Ach, du weißt, daß ich Kamelien nicht mag, diese protzigen Dinger. Ausländischer Import, großgezogen auf deutschem Boden! Veilchen wären mir lieber. Ne, Kinder, hier ist Freistatt, Villa Libera. Hier soll jeder treiben, was er will, Wirt und Gäste. Die Empfangszimmer auf der Vorderseite, da stören sie uns nicht in der Häuslichkeit. Arme Nanne, wir müssen ein großes Haus machen, da hilft kein Zittern vorm Frost.« Eine so gute Hausfrau verbreitete allgemeine Bequemlichkeit. Ein gelbtapeziertes Zimmer diente ihm als Studio, und nach jeder Mahlzeit versammelte sich die Familie um ein grünes Sofa mit einer Doppellampe. Das war seine Erholungsstunde, im übrigen hatte er es streng mit tausend Kleinigkeiten des Dienstes. »Du scheinst aber schon eine sehr geachtete, sichere Stellung einzunehmen«, schloß Johanna befriedigt aus dem Verlauf ihrer Rundvisiten und dem Ton, mit dem ihr Gatte behandelt wurde. »So, so. Man mußte sich's erkämpfen.« Es war noch nicht lange her, daß der arrogante Freiherr v. Holzhausen, der ein halbdutzend winziger Kleinstaaten vertrat, unverschämt werden wollte. Er äußerte sich zum Württemberger Reinhard: »Diese halbwendischen Junker von jenseits der Elbe müssen geduckt werden. Ich betrachte diesen Adel als apokryph. Unsereins hat anderen Stammbaum.« Von uraltem Frankfurter Patriziergeschlecht, sehr begütert, schwelgte der gute Mann in verblichenen Traditionen des Heiligen Römischen Reiches und fühlte sich als »reichsunmittelbar«. Österreich hatte ihm den Titel eines »Geheimrats« zu verschaffen gewußt und ihn dekoriert, hing aber den Brotkorb hoher Orden etwas höher mit der Aussicht einer weiteren Erhöhung zu österreichischem Grafentitel, wenn er sich besonders willfährig und preußenfeindlich erweise. Was er denn auch tat, und zwar skrupellos auf eigene Faust, ohne Instruktionen der Höfe abzuwarten, für die man ihn akkreditiert hatte. »Aber der Bismarck soll doch so scharf auf Adelsrechte sein, bei unserer eigenen Sache gegen renitente Landstände hat er in Preußen gebremst«, wandte der Vertreter Kurhessens ein, Herr v. Trodt, der äußerlich mehr einen derben Nimrod als einen Diplomaten herausbiß. Er kam so selten als möglich zu Sitzungen, wo er die einfachste Aufgabe hatte: immer für Österreich zu stimmen, das seine »Instruktionen« in Kassel diktierte. »Und persönlich mag ich ihn wohl leiden, ist ein flotter, netter Kerl, der von der Jagd viel versteht.« »Ach, lassen Sie mich mit dieser Flottheit zufrieden! Sind das die Manieren eines Staatsvertreters? Doch wie der Herr, so der Knecht. Das ganze Preußen ist nur revolutinäre Usurpation. Hat man je gehört, daß im glorreichen Heiligen Römischen Reich der Markgraf von Brandenburg eine Hauptperson spielte? Wem als der Gnade unserer erhabenen Habsburger Kaiser verdankt denn Preußen den Königstitel? Zum Dank wofür der böse Fritz den Landfrieden brach und tückisches Faustrecht gegen seine gnädigste Kaiserin Maria Theresia brauchte.« »Nur zu wahr«, stimmte der Württemberger bei. Denn daß die süddeutschen Könige und Großherzöge aus Napoleons Rheinbund stammten, war natürlich eine gesündere Titelherkunft. »Ich wittere in diesem Bismarck den Geist der Usurpation und etwas entschieden Revolutionäres. Ich höre immer ›konservativ‹, doch jede Äußerung des Mannes hat für mich einen geradezu demokratischen Beigeschmack.« »Daß er selbst bei sich zu Hause nichts gilt,« betonte Holzhausen gewichtig, »dafür haben wir den Beweis vor Augen. Ich wollte meinen Augen nicht trauen, als ich ihn in Staatsuniform sah. Keine Orden oder so gut wie keine. Es ist ein Affront, solche verdienstlosen Leute in unsere illustre Versammlung zu schicken.« Er blies sich auf. »Ein hoher Orden gehört zur Anstandstoilette eines Gesandten. Ich käme mir vor, als ob ich nackt in einem Salon spazierte.« Das nächste Mal, als Otto das diplomatische Nuditätenkabinett mit geziemender Ordensbebeckung vor sich hatte, raunte Holzhausen seiner Clique zu: »Jetzt werd' ich die Großmacht koramieren.« Indem er die Rettungsmedaille auf Ottos breiter Brust süffisant anstarrte, fragte er näselnd: »Pardon, was tragen Sie denn da für eine extraordinäre Dekoration? Die hab' ich noch nie gesehen.« »Das glaub' ich gern. Ich habe manchmal die Gewohnheit, einen Menschen zu retten!« erläuterte jener mit liebenswürdigem Lächeln, doch einem so kalten Blitz der Augen, daß Holzhausen zusammenknickte und verstummte. Als er nachher spottete: »Dekoriert wie ein Feuerwehrmann!« fand er wenig Beifall. Im allgemeinen überwog das Urteil, der Preuße sei eine brave, ehrliche Haut, obschon kein großes Licht. – – »Nicht wahr, der hohe Bundestag gleicht unserem Londoner Kanzleigerichtshof?« fragte Lady Cowley mit feinem Lächeln. »Inwiefern? Verstehe ich die liebenswürdige Malice? Sie meinen Aufschub, Verschleppung, Zeitverlust! Die Welt ist schlecht und liebt das Strahlende zu schwärzen.« Bismarck zuckte gleichmütig die Achseln. »Zu guter Letzt haben wir doch Delegierte zur Londoner Konferenz ernannt, um zu zeigen, daß wir existieren.« »Nicht wahr, den Grafen Beust und Baron v. d. Pforten? Aber Lord Cowley sagt,« sie sprach nach englischer Sitte von ihrem Mann in der dritten Person, »die Großstaaten Österreich und Preußen würden allein ihre Wege gehen und auf eigene Faust Verträge schließen, ohne sie dem Bundestag zu unterbreiten. Wird das nicht böses Blut machen?« »Möglich. Karl V. soll von den Deutschen gesagt haben – ein amerikanischer Jugendfreund namens Motley hat mir's zitiert –, sie seien trunksüchtig, träumerisch und unfähig zur Intrige. Mit allem Respekt vor Seiner katholisch-spanischen Majestät möchte ich doch bezweifeln, daß er in die Tiefen unserer Seele blickte. Ich gebe zu, daß wir manchmal träumerisch sind. Bemerken Milady die stille Verzückung, womit Holzhausen die Ordenskette des Herrn v. Tallenay anstaunt. Von Neigung zu edeln Getränken spreche ich uns nicht frei. Aber da wir händelsüchtig sind, so folgen wir edeln deutschen Diplomaten nur unserer Natur, wenn wir uns gegenseitig in die Haare geraten.« Lady Cowley lachte. » Querelle Allemande ! Wir waren hier doch so schläfrig, bis Sie uns hier Ihr Pfeffer streuten. Wir gurrten so traut en famille , bis man Ihnen den Taubenschlag öffnete und ein so fremder Vogel mit sonderbarem Gefieder hereinflatterte.« Er verbeugte sich. »Wiedehopf oder Rabe?« Sie hob leicht ihr Lorgnon. »Ja, wer das wüßte!« Heimlich dachte sie: vielleicht ein Habicht, denn zu einem Adler langt's doch wohl nicht. »Ich kenne mich nicht aus in der Zoologie. Aber wer Sie einen Raben nennt, der bekäme es mit mir zu tun. Den würde ich auf Euer Exzellenz musikalische Stimmung verweisen, die für Nachtigallen schwärmt.« »Vielleicht das Gesetz des Gegensatzes«, warf er trocken hin. »Aber nennen wir mich prosaischer den Hecht im Karpfenteich. Ich trübe ein wenig das Wasser.« »Wollen Sie damit sagen, daß Sie ein Lamm sind, und die reißenden Wölfe sich über Sie beklagen? Ach, die armen Schafe! O, Pardon, was rede ich da! Wir sind hier alle weißgewaschene Lämmer, und Sie das weißeste. Was macht Ihre liebe Frau Gemahlin? Sie ist unpäßlich? Wie bedaure ich das! Empfehlen Sie mich Ihrer Exzellenz aufs herzlichste!« Als Bismarck sich erhob und verabschiedete, dachte er: nur vor Frauen muß man sich in acht nehmen, die hören das Gras wachsen. Doch sonst fühlte er sich sicher in seiner Rolle als närrischer Brutus. Der einzige unter seinen Kollegen, dem eine deutsche Einheit am Herzen lag, Herr v. Eisendecher, Vertreter von Oldenburg, Anhalt und Schwarzburg-Rudolstadt, ein lebhafter, gesprächiger und wohlmeinender Mann, setzte ihm eines Tages auseinander: »Ich möchte mich Ihnen decouvrieren, weil Sie mir Vertrauen einflößen. Sehen Sie, Preußens Streben nach nationaler Verständigung war ein Fiasko, und es konnte nicht anders sein. Die Gründe kennt jeder. Da bleibt nichts übrig, als enger Bund aller Kleinstaaten untereinander. Ich denke mir unsern Bundestag als starke Zentralgewalt, auch so kommt eine gewisse Einheit zustande.« »Und wie denken Sie sich Österreichs Stellungnahme dazu?« Eisendecher zuckte die Achseln. »Das gleiche könnten Sie für Preußen fragen. Die beiden Großmächte müssen eben zusehen, ob sie draußen oder drin bleiben wollen. Da sie wohl kaum gleiche Interessen haben, läge natürlich beiden daran, sich der dritten Macht stets anzubequemen. Denn Bayern, Hannover, Sachsen usw. wären vereinigt auch eine Großmacht.« Also ein ewiges Balancieren von drei Faktoren mit verschiedener Grundlage und meist auseinandergehenden Absichten! Eine niedliche Einheit! Laut aber äußerte Otto: »Das ist tief und schön gedacht. Ich glaube fast, ich könnte mich dafür erwärmen. Und bitte schlagen Sie sich aus dem Sinn, als ob zwischen Österreich und Preußen ein Antagonismus bestände. Mein allergnädigster Herr hat nur ein Ideal: brüderliche Freundschaft mit Österreich. Dafür bin ich hier, seinen Willen zu tun.« Der andere sah ihn zweifelnd an. »Ja, wahrlich! Aber es versteht sich von selbst, daß Österreich nicht unsere eigenen Rechte verletzt und sich anmaßt, uns wie Untergebene zu behandeln. Auf diesem Punkt bin ich fest, sonst der treueste Anhänger des erlauchten Kaiserstaats.« Bei dieser Note blieb er und überzeugte allmählich auch Thun davon, daß es sich nur um Wahrung des äußeren Ansehens handle und der burschikose preußische Junker nichts Böses im Schilde führe. In der symbolischen Zigarrensache, die so viel Rauch aufwirbelte, hatte der Präsident nicht etwa nun zwei Zigarren in jeden Mundwinkel geklemmt, um Österreichs Übergewicht darzutun, sondern vielmehr in einen sauren Apfel gebissen. Denn plötzlich erschien der bayerische Gesandte in einer Sitzung auch mit brennender Zigarre. Der Sachse Nostitz, ein wütender Raucher, fühlte sich zur gleichen Großtat gedrängt, wagte es aber nicht ohne besondere Vollmacht aus Dresden. Indessen verderben böse Beispiele gute Sitten, und bei der folgenden Sitzung schwang sich auch Hannover zu Nikotin auf. Da gab es kein Halten, die Würde Sachsens und auch Württembergs, eines Nichtrauchers, verlangte einen großen Entschluß. Rauchen oder Nichtrauchen war die große Frage. Ob's edler im Gemüt, die Pfeil' und Schleudern des Rauchgeschicks erdulden oder, sich wappnend gegen eine See von Plagen, durch Widerstand sie enden? Nostitz verständigte sich unter vier Augen mit Thun, der gnädig Erlaubnis gewährte, und paffte los, worauf Reinhard ein langes, gelbliches Ding hervorholte und mit Todesverachtung die Hälfte des leichten Krauts in Rauch aufgehen ließ, ein Brandopfer auf dem Altar des Vaterlandes. Da ward die angeborene Farbe der Entschließung von einer Blässe angekränkelt, und Württemberg verließ wankend das Rauchkonzert. Die beiden Hessen sahen als entschlossene Nichtraucher dieser nationalen Katastrophe grimmig zu, ihr Groll gekränkter Würde verdoppelte sich gegen den preußischen Eindringling, der zu solchen Einheitsbestrebungen zwang! – Im Familienkreis und vor Lynar, dessen weißer Pudel den Kindern ein begehrter Spielkamerad war, machte Otto kein Hehl über die Rollenverteilung im Bundestag, und knöpfte sich über die Möglichkeit auf, eine preußische Partei darin zu schaffen. »Die zwei Hessen, Württemberg und der unsagbare Holzhausen sind unbelehrbar. Nostitz hat seine Söhne in der österreichischen Armee, hinc illae irae ! Er hat viel Arbeitskraft und Erfahrung, der gescheite Mann wird uns aus persönlichen Motiven möglichst Sachsen entfremden. Schrenck der Bayer ist ein offener Charakter, gefällig, auch praktisch, aber als Jurist etwas doktrinär. Nur muß man seinen reizbaren Partikularismus schonen, das tue ich natürlich und schwatze von Bayerns großer deutscher Mission und den besonderen Vorzügen der bayerischen ›Nation‹. Der Badenser Marschall wäre nützlich, wenn er nicht einen Horror vor jeder Verantwortlichkeit und Unabhängigkeit hegte. Baden ist sich nicht schlüssig, ob es sich für Österreich oder Preußen entscheiden soll. Minder neutral beträgt sich Freiherr v. Dungern, Vertreter für Nassau und Braunschweig, eine verrückte Zusammenstellung, wohl absichtlich von Österreich ersonnen. Der Mann ist so unbedeutend, daß niemand auf ihn achtet, während der oberflächliche Wirrkopf Reinhard sich dadurch wichtig macht, daß er grundsätzlich zu spät in die Sitzungen kommt und dann noch durch Unaufmerksamkeit uns die Zeit stiehlt. Doch Dungern ist Nassauer, daher österreichisch gesinnt, und das preußisch gesinnte Braunschweig mag zusehen, wo es in seinen Händen bleibt. Dagegen hält Oertzen-Mecklenburg zu mir, und ich möchte das gleiche von Bothner sagen, der später unsern wackeren Schele für Hannover ersetzen wird, ein unabhängiger, einnehmender Charakter, der mich wacker gegen Thun unterstützt. Erfreulich ist auch die Haltung des Herrn v. Bülow, Vertreter der Schmerzenskinder Schleswig-Holstein, ein Begabter, mit dem ich gern im Leben geschäftlich beisammenbleiben möchte. Baron Fritsch für die Thüringer Herzogtümer hat den besten Willen für uns, was sich ja von einem seiner Auftraggeber, Herzog Ernst von Koburg, erwarten ließ, leider zu wenig Macht. Herr v. Scherff hat als niederländischer Gesandter für Luxemburg mehr Gewicht, ein gewissenhafter Arbeiter und unser treuer Alliierter, der nicht bloß passiv wie Eisendecher, sondern aktiv für Preußens Rechte eintritt.« Bei näherer Kenntnis stellte sich also die Beschaffenheit des Bundestages viel günstiger heraus, als Otto anfangs annahm. Nur hatte er von den größeren sieben Kleinstaaten vier gegen sich, zwei waren neutral (Bayern und Baden), die Parteinahme der allermeisten Fürstentümer zweiten Ranges glich dies schwerlich aus. »Kommst du denn wenigstens äußerlich gut mit den Feinden aus?« fragte Johanna. »Gott ja! Wir stehen auf dem schönsten Grußfuß, besonders überhäufen mich die Austriaken mit lärmender Bonhomie, durch die ihre Intrigantenfratze hervorschielt. Die anderen Karikaturen von Perückendiplomaten grauer Vorzeit setzen ein offizielles Gesicht auf, wenn ich behaupte, das Wetter sei schön. Das halten sie für eine politische Anspielung. Fordern sie im Bundespalast vom Portier den Schlüssel zum Waschzimmer oder andern Örtlichkeiten, so studieren sie dabei im Spiegel, ob sie auch die ganze Kunst ihrer Würde bewahren.« * Jemand schien sehr aufmerksam auf ihn geworden. Schon zum drittenmal lud ihn der greise Metternich nach Johannesberg ein, und Otto folgte noch vor Johannas Ankunft dem ehrenvollen Rufe. Der einstige Schiedsrichter Europas empfing ihn mit der Zierlichkeit eines petit maître des Ancien Regime und der Geschwätzigkeit eines Greises, der sich freut, einen verständigen Zuhörer zu erwischen. Er begann mit den ältesten Zeiten vor der Revolution, seine Anekdoten schweiften bis 1788 zurück und sprangen auf 1848 über, zwischendurch verschmähte er als gewiegter Causeur, der Abwechslung liebt, auch nicht Weinbau und Forstkultur. Ottos Zerstreutheit, der schwermütig an Nanne und die mehrfach kranken Kinder dachte, nahm er für hingenommene Stille ehrfurchtsvollen Zuhörens, wie dies ja auch anderen Redseligen zustößt. Er setzte voraus, der junge Politiker müsse begeistert auf Orakel des Meisters lauschen, so wie der große Humboldt viel von Otto hielt, weil dieser ihn endlos reden ließ und dabei wertvolle Aufschlüsse herausholte. »Revolutionen sind wie Erdbeben, sie haben ihre Zeit sich auszurasen, kehren auch sporadisch wieder, zerstören allerlei, doch sind sie vorüber, ist's als wäre es nie gewesen, sie hinterlassen keine Spur. Wie anders das Gottesgnadenrecht der Souveräne! Es wandelt hoch über allen, unantastbar, unwandelbar wie die Planeten in unverrückter Bahn. Selbst die Kometen stören nicht, wir sahen ja einen solchen losgelassen, den heillosen Bonaparte. Verpufft in alle Winde!« »Und Euer Durchlaucht, sein politischer Besieger, thronen noch hier in der Fülle Ihres Ruhmes.« Ottos Stimme ließ nicht den leisesten Anflug von Ironie spüren. Der alte Mephisto verneigte sich dankend und nahm eine Prise aus einer Emailledose. »Sie tun mir zu viel Allein-Ehre an, mein Hochverehrter. Wir Staatsmänner der Koalition arbeiteten Hand in Hand. Da war der Kanzler Nesselrode für Rußland, der treffliche Talleyrand für Frankreich, Lord Castlerough für England und der Herzog v. Wellington, dessen gesunde Einsicht ich auf dem Wiener Kongreß bewundern lernte.« Weil er Preußen den Daumen aufs Auge drückte. Und Stein schweigt er natürlich tot, der gilt ihm nichts in seiner doppelten Eigenschaft als Preuße und Reformer. »Kannten Sie Cobenzl? Ach nein, das war vor Ihrer Zeit. Ein tüchtiger Staatsmann von der besten alten Schule.« »Ich erinnere mich nur,« bemerkte Otto trocken, »daß der General Bonaparte ihm eine Vase vor die Füße warf. Darf ich mir die Frage erlauben, ob die Fama recht hat, der Kaiser Napoleon habe in Dresden Euer Durchlaucht seinen Hut an den Kopf geworfen?« »Wie beliebt? Kaiser? Kenn' ich nicht: Bonaparte war sehr explosiv«, erwiderte Metternich etwas ärgerlich. »Über meine letzte Zusammenkunft mit dem korsischen Parvenü sind allerlei Fabeln in Umlauf gesetzt. Er warf seinen Hut in die Zimmerecke, und ich hob ihn nicht auf, voilà tout . Ich verweigerte ihm einfach die submissen Formen, die man sonst gegen ein gekröntes Haupt beobachtet. Das war ich meinem Charakter schuldig!« Otto unterdrückte ein Lächeln. So sprach ein Mensch, dem der Schlachtendonnerer nicht ohne Grund den Hohn, wenn nicht den Hut, ins Gesicht warf: Was zahlte Ihnen England? Ein Mensch, der zehn Jahre lang als Botschafter in Paris oder Premierminister zu Füßen des Gewaltigen kroch. O Menschheit! Der alte Geck hier hat wirklich Napoleon gegenübergestanden, hätte den historischen Hut mit Händen greifen können, und von dieser weltgeschichtlichen Begebenheit trägt seine Erinnerung eine solche Ausbeute heim! »Bonaparte ist sehr überschätzt worden. Er war im Grunde eine gewöhnliche Wachtstubennatur ohne jede Feinheit. Seine ganze Staatskunst war die Gewalt mit Blut und Eisen, zartere Fäden diplomatischer Kombinationen blieben ihm versagt. Mon dieu , der deutsche Napoleonkultus überspannter Schwärmer! Kannten Sie Gentz? Pardon, auch vor Ihrer Zeit. Dieser echtdeutsche Mann ließ sich nie vom Korsen blenden, er schrieb Dolche.« Die Zeile zu soundso viel Gulden. Napoleon hätte ihn jederzeit kaufen können, wenn er gewollt hätte. »Dagegen der begabte Heine... wer hätte das geahnt, als er so vielversprechend anhob! Sein erster Gedichtband, so liebenswürdig romantisch und weltschmerzdüster, kam nie von meinem Toilettentisch. Leider hab' ich den Band weggeschenkt an einen jungen Briten Noel, Neffen des Lord Byron, der in der hohen Wiener Gesellschaft eingeführt war und an dem ich Gefallen fand. Ich wollte ihm zeigen, daß auch wir Deutschen byronisch sein können. O, auch ich, mein Hochverehrter, bin ein poetisches Gemüt.« »Eure Durchlaucht gehören ja selbst zum Volk der Dichter und Denker«, bestätigte Otto mit unerschütterlichem Ernst. »Ihre Wiege stand näher dem Rhein als der Donau.« » Certainement , ich kam als blutjunger Edelmann nach Österreich, wohin mich mein politisches Sehnen zog.« Gott bewahre, es zog ihn das Bedürfnis des Abenteurers an, einen Korruptionsherd als Tummelplatz seiner Listen und Lüste zu erkiesen. In diesem Augenblick rauschte die Fürstin Metternich herein, eine ganz große Dame, voll Bildungseifer. Nachdem der Preuße ihr mit untadeliger Verbeugung die Hand küßte, rief sie heiter: »Da sehe ich also den merkwürdigen Mann, auf den Clemens so gespannt war! Eure Exzellenz können sich etwas darauf einbilden, Clemens ist sonst so wählerisch und wird so überlaufen, daß er alles abwehrt.« »Ich sitze als Schüler zu den Füßen des Meisters.« »Ein Kompliment tout à fait Parisien ! Kennen Sie Paris? Unsere Schwiegertochter Fürstin Pauline behauptet, nur dort könne man leben. Clemens will freilich davon nichts wissen, er spricht von der steifen Prunksucht des Empire, und Madame Josefine sei weder hübsch noch elegant gewesen, nur ein so rüder Notürier wie der Korse habe sie aus Liebe heiraten können. Nur Caroline Bonaparte, die sogenannte Königin von Neapel, hat vor Clemens' verwöhntem Geschmack Beifall gefunden.« Der alte Bösewicht warf Bismarck einen neckisch verständnisinnigen Blick zu. Der kannte doch sicher auch das weltgeschichtliche Ereignis, daß Botschafter Metternich der Liebhaber dieser hohen Dame gewesen sei und den Seiltänzerkönig Murat zum Hahnreih machte. Dabei fiel ihm etwas Ähnliches ein: »Meine Liebe, wir sprachen soeben von dem berüchtigten Heine und seinem verheißungsvollen Debut. Ich machte Progranda dafür in den Salons und las einmal den ganzen Band meiner geistvollen Freundin, der Herzogin von Sagan, vor.« Seine Gemahlin zog die Stirn in Falten. Im Boudoir der genannten vornehmen Buhldirne hatte Metternich sicher etwas anderes zu tun als Verse vorzulesen. »Dagegen war Frau v. Krüdener nicht sehr von unserer gottlosen Literatur erbaut. Ach, diese schöne Seele hätten Sie kennen sollen, die Pythia der Heiligen Allianz! Der hochselige Zar war wie bezaubert von ihrer Seelenschönheit. Unter uns, ihr eigener Roman, den sie später drucken ließ, ist eigentlich nicht mehr gottselig, immerhin sublimierte Erotik. Ach, das war eine Zeit erhabener Schwärmerei, reinsten Aufschwungs! So etwas blüht nicht mehr in dieser nüchternen Gegenwart, die ich als fremder Zuschauer betrachte.« Die ganze nichtswürdige Ära seiner Metternichtigkeit lebte in seinen Gesprächen wieder auf, wo verschrobene, verlogene Mystik die ärgste Verlotterung und grausamste Unterdrückung mit einem Nonnenschleier umkleidete. Dazwischen erzählte er zum Gegensatz Anekdoten von seiner Schwiegertochter Pauline, so häßlich und so gutherzig mit ihrer Krinoline in alles hineinfegend und trotz ihrer Salonprotektorschaft für alle hilfsbedürftigen verkannten Genies nicht ohne gesunden Menschenverstand, der sich in drolligen naiven Bemerkungen offenbarte. Das erschien ihm wahrscheinlich plebejisch, sofern auf eine Fürstin Metternich ein solches Beiwort angewendet werden konnte. Jedenfalls ergab es einen Gegensatz von einst und jetzt, der augenverdrehenden Heuchelei von dazumal und der heutigen praktischeren Nüchternheit. Otto hörte schweigend zu und zog nur manchmal am Glockenstrang der unerschöpflichen Redelust, um sie im Schwingen zu erhalten. Als sich der Gast empfahl, sprach Fürst Clemens weihevoll: »Ein Staatsmann der Zukunft mit den besten Prinzipien!« Die Fürstin stimmte bei: »Recht angenehm und überaus geistreich.« Er ließ sie nämlich allein reden. In späterer Zeit erkundigte sich Thun: »Welchen Zauber haben Sie um den alten Meister gewoben? Er hat in Sie hineingeschaut wie in einen goldenen Becher und belehrte mich, Sie und ich müßten prächtig miteinander auskommen.« So wurde ein Frieden oder wenigstens ein Waffenstillstand besiegelt. Otto dachte ironisch: Er hat mir segnend die Hände aufgelegt wie ein Prophet des Alten Bundes, doch ich zweifle sehr, ob ich sein Jünger bin. Das ist der unaufgeklärte Despotismus, der einen Kindermord von Bethlehem an allen neugeborenen Gedanken verüben möchte. Die wahre Kunst einer heutigen Konterrevolution soll aber darin bestehen, die aus allen Ufern tretende Flut des Modernen den alten Deichdämmen des historisch Gewordenen anzupassen. Die Vergangenheit gehörte Herrn v. Metternich, den man in Deutschland Mitternacht taufte, die Zukunft muß Preußens Erbschaft sein. Könnte der verbrauchte Routinier in mich hineinschauen, so würde er mich als Ketzer verfluchen, der ein Schisma begründen will. Er wird wohl der letzte dieser Staats-Leibärzte sein, die sich mit schwachen Purganzen für äußerliche Symptome begnügen, statt je die Sonde tiefer zu senken und zum Sitz des wahren Übels vorzudringen. Für seine Heilmittelchen und hippokratischen Formeln von Diagnose und Rezept ist die Zeit dahin, man hat zu viel Licht über das Laboratorium der Regierungen ergossen. Neulich, als zu Ehren des Kaisers von Österreich sich beim Staatsdiner 20 000 Taler in Goldepauletten und Goldlitzen zu Tische setzten, schaute das Volk grimmig zum Fenster herein. * Unter den schwebenden Fragen stand die des Zollvereins im Vordergrund, dessen wirtschaftliche Führerschaft Österreich von Preußen abschwindeln wollte. Ebenso zähe und heimtückisch hintertrieb es Preußens Wünsche auf anderen Gebieten. Äußerlich schienen in Frankfurt die Räder etwas besser mit dem Öl geselliger Höflichkeit geschmiert, seit Otto eine offene persönliche Aussprache mit Thun herbeiführte und ihm freimütig seine Sünden vorhielt. »Sie werfen absichtlich Hindernisse in den Weg unserer diplomatischen Relationen durch Ihre ausgesprochene Unhöflichkeit und Nichtachtung.« Der geschmeidige Österreicher schluckte die bittere Pille dieses Freimuts knirschend herunter, erging sich in Entschuldigungen und Versprechen, und begann auf einmal viele Rücksichten zu nehmen. Wohlgemerkt nur gegenüber diesem gefährlichen Unhold, denn sonst beharrte er bei kavaliermäßiger Be- oder Mißhandlung der Bundesmitglieder. Heimlich kochte er natürlich vor Wut und hetzte das Wiener Kabinett auf. Otto täuschte sich nicht im mindesten über den nur äußeren Waffenstillstand. »Ich kam her ohne jugendliche Illusionen,« äußerte er im Familienkreis, »doch sicher nicht als entschlossener Opponent. Aber ich müßte keinen Tropfen preußischen Bluts im Leibe haben, wenn ich auch nur eine mäßige Vorliebe für dies Österreich bewahrte, wie seine gegenwärtige Regierung es darstellt.« Im November kam die Nachricht, daß Ernst August von Hannover starb, Mitgründer eines Steuervereins, der sich gegen Preußens Zollunion richtete. Den neuen König zu überrumpeln, der als Blinder gewiß keine Übersicht hatte, schien Thun so leicht, daß er Baron Nell hochgemut zurief: »Jetzt haben wir das Spiel gewonnen.« Er wußte nicht, daß der blinde König mit großer Anstrengung sich auf dem laufenden erhielt und in seinem Welfenstolz eine hartnäckige Selbstbehauptung vollführte, die geradeso wenig wie von Preußen von Österreich abhängen wollte. Als daher Thun bei längerer Unterhaltung über die Zollpolitik ironische Andeutungen machte, öffnete ihm Otto ein wenig die Augen. »Sie sind schlecht informiert. Seine Majestät macht den physischen Defekt durch strengen Fleiß wieder gut und vertieft sich in alle Gegenstände. Übrigens käme jede Abänderung zu Ihren Gunsten zu spät, denn es ist kein Geheimnis mehr, daß unsere Regierung schon im September einen Geheimvertrag mit Hannover schloß über Fusion des Separatvereins mit der sonstigen Union.« Thun wurde purpurrot vor Zorn. »In der Tat, so? Und was werden die anderen Mitglieder dazu sagen, daß man über ihren Kopf weg so verfuhr?« Bismarck verneigte sich. »Ein weites Feld für Ihre Aktivität, Exzellenz.« »Und die Ihre. Das ist wieder Ihr Werk, verehrter Kollege, ich erkenne Ihre gediegene Handschrift. Doch ich gestatte mir die freundschaftliche Warnung, daß Österreichs Geduld nicht unerschöpflich ist. Wir sind nun mal der leidende Teil, aber nicht immer.« »Sie leiden gewiß grenzenlos als Opferlamm, das weiß ich aus Erfahrung.« Otto warf ihm einen scharfen Blick zu. »Doch darf ich Eure Exzellenz fragen, wohin diese Warnung zielt?« »Jessus-Maria-Josef, Sie verlangen etwas viel Offenheit. Schauen's, Preußen kommt mir vor wie ein Mann, der einmal das Große Los in der Lotterie gewann und nun seinen Haushalt so einrichtet, als müßte sein Glück sich jährlich wiederholen.« »Leben wir auf so großem Fuß? Ich dachte, das wäre die Eigentümlichkeit anderer Staaten.« Thun zuckte bei der boshaften Mahnung an Österreichs stets latenten und immer wieder geflickten Staatsbankerott. »Welche Lotterie denn?« »Halt die, wo man Kanonen einsetzt. Der Siebenjährige Krieg, der sogenannte Befreiungskrieg, wie die Preußen es nennen.« »Gewannen wir da das große Los? Die Lotteriekollekteure beim Wiener Kongreß verschwiegen uns das, haben sie die große Gewinnummer unterschlagen, auf die wir Anspruch hatten? Nun, wenn Ihre Ideen, mein lieber Graf, von Ihrem Kabinett geteilt werden, so sehe ich ein Hasardspiel mit hohen Einsätzen voraus. Preußen wird dann wohl noch mal die erwähnte Lotterie versuchen müssen, und ob wir dann nur Nieten ziehen, steht bei Gott. Ich empfehle mich, Exzellenz, meinen Handkuß an die Frau Gräfin.« Thun schäumte vor Wut: »Ein überaus gefährlicher Mensch.« Seinen Clique-Kollegen schilderte er den langen Preußen dagegen als »harmlosen Polterer«. Er wußte nur zu gut, daß Österreich allen Grund hatte, es auf ernsten Bruch mit Preußen nicht ankommen zu lassen und nur durch Bluffen ein zweites Olmütz erzwingen wollte. Beim diplomatischen Poker verliert aber nicht, wer seine Karten fest in der Hand hält und sein Gegenüber durch und durch schaut. Dieser unheimliche Anfänger lebte sich auch schon ganz in die »Geschäfte« ein. Seine Feder stand niemals still, unablässig zeichnete er Menschen und Dinge in Depeschen nach Berlin, nicht die kleinste Einzelheit entging ihm, kein Detektiv und Zeitungskorrespondent pürschte je eifriger nach »Indizien« und »Informationen«. Er hatte seine Augen überall, auch auf Dinge, die ihn nichts angingen, wie später den Kirchenstreit in Baden, wobei er sehr antipäpstliche Grundsätze verfocht, oder die Spielhöllen, deren Aufhebung er später durchsetzte. Die radikale Presse der freien Reichsstadt bekam seinen Arm zu fühlen, als ein Blatt das schwarz-rot-goldene Banner auf dem Bundespalais mit einem Jungfernkranz über einem Bordell verglich. Der Vizepräsident Otto v. Bismarck tat dem Senat von Frankfurt kund und zu wissen, daß er solchen Schimpf nicht auf dem Bundestag sitzen lasse, und der sonst sehr steifnackige Magistrat unterdrückte unterwürfig diese Zeitung. Sein eignes »Preußisches Preßbureau« in Frankfurt leistete freilich auch Erkleckliches in Untergrabung des österreichischen Ansehens, während das Österreichische geheime Preßbureau die Lorbeeren des preußischen nicht schlafen ließen und es seine Fäden bis Berlin spann, sich zu Majestätsbeleidigungen verstieg. Im Dezember bekam man als Weihnachtsbescherung einen Donnerschlag aus heiterm Himmel, den Staatsstreich Louis Napoleons. Man lief ihm mit der betäubenden Nachricht die Türe ein. »Dieser Massenmörder ist der größte politische Verbrecher«, entrüstete sich Herr v. Schele. Doch der Mecklenburger Junker Oertzen schüttelte den Kopf: »Mir ist der Mann sympathisch. Der hat mal die Parlamentsschwätzer gründlich geknebelt. Jammerschade, daß wir im Norden die Hände in den Schoß legen, während der Giftpilz wächst und wächst.« »Sie als der enragierteste Stadtvertilger sollten sich eigentlich freuen,« meinte v. Scherff halbironisch, »daß man die Straßen des ewig unruhigen Paris mit Bürgerblut tränkte.« Otto sagte lange kein Wort, dann meinte er bedächtig: »Nun ja, ich schätze den Mut des kühnen Prinzen.« (Auf einmal hieß er Prinz, früher Abenteurer. Hätte er übrigens damals schon geahnt, wie wenig Mut zu diesem Loslassen einer bestochenen Soldateska auf Wehrlose gehörte, würde er sich wohl sein Lob verkniffen haben.) »Doch ich bin nur das Mundstück meines Herrn, des Königs, und darf keine Stellung nehmen, ehe ich nicht dessen Intentionen kenne. Jedenfalls hat das Ereignis weitere Folgen. Wenn der Prinz-Präsident sich zum Staatsoberhaupt auf fünfzehn Jahre ernennen ließ, so wird er dabei nicht stehenbleiben.« »Sie meinen, er will die Traditionen der Dynastie Bonaparte auffrischen?« »So ungefähr. Ich wünschte, wir wären mit Österreich im reinen, so oder so, Freund oder Feind. Diese Politik der Nadelstiche führt zu nichts als zu neuer unheilbarer Spaltung.« »Sechsunddreißig Staaten, groß und klein, lassen sich eben nicht unter einen Hut bringen«, seufzte Schele. »Von denen vierunddreißig fünfzehn Stimmen zusammen haben und Preußen nur eine«, betonte Bismarck bedeutungsvoll. »Ich sage offen, meine Herren, dieser Zustand wird unerträglich. Über die Flottenfrage werden wir alle stolpern. Das gibt Ringkämpfe bis zu völliger Erschöpfung, denn Österreich hat da schon wieder eine Hand im Spiel, wie sie sich mit Fair Play beim Ringen und Boxen nicht verträgt.« »Jaja, es möchte direkte oder indirekte Gewalt über die Nordseeflotte bekommen, ohne daß es die geringsten pekuniären Opfer dafür brächte«, bemerkte Schele. »Aber ist sie der Nation unentbehrlich, diese Säuglingsarmada?« fragte Scherff. »Es sind doch nur«, er zählte an den Fingern der Hand, »drei Dampfer, zwei Segelfregatten, sechs Dampferkorvetten, siebenundzwanzig Kanonenboote, ein Transportschiff, und die Bemannung reicht nicht mal aus, nur neunhundert Mann.« »Gerade genug, um Geld zu fressen. Wer kommt für den Unterhalt auf? Preußen verdanken die Schifflein ihre Existenz, denn hauptsächlich durch Sparpfennige preußischer Bürger sind sie bezahlt. Wir begreifen alle, daß Preußen niemals Österreichs Einmischung zulassen kann.« »Nun gut, meine Herren, ich stelle morgen den Präliminarantrag, daß vorerst alle Rückstände von Quoten beglichen werden, die jeder deutsche Staat für die Instandhaltung der Flotte versprach, wie ja feierlich stipuliert.« »Das wird böses Blut machen«, bemerkte Oertzen. »Doch ich wittere den diplomatischen Schachzug«, lobte Schele. »Zahlt man nicht, dann steht der Bundestag vor der Nation blamiert, zahlt man, so will man natürlich einiges Anrecht behalten und wird die Flotte nicht an Österreich ausliefern. In jedem Fall steht Preußen als Förderer patriotischer Gemeininteressen da.« Ein Berg von Protokollen türmte sich auf. Der schlaue Thun stellte sich manchmal an, als stehe er auf Preußens Seite, dann wechselte er die Front und griff Preußen an der Spitze der Kleinstaaten an. Zuletzt rückte die österreichische Partei im Bundestag mit dem Ansinnen heraus, Aufwand und Rückstände durch Anleihe bei Rothschild zu decken, auf die Sicherheit der Bundesgelder in seiner Bank. Doch Otto erhob nicht nur strenge Verwahrung gegen solchen Ausweg, sondern bedrohte Rothschild: »Wenn Ew. Hochwohlgeboren dem Bundestag Gelder auszahlen, die dort vertragsmäßig für bestimmte Zwecke deponiert sind, so tun Sie dies auf eigene Gefahr und Risiko.« In grimmer Aufregung bezeichnete der Ränkeschmied diesen Protest »als Insulte gegen den ganzen Bundestag und Mißachtung seiner Beschlüsse«. (Denn man hatte auch die nicht österreichisch Gesinnten teilweise zu einem Beschluß herumgekriegt, weil niemand gern neu einzahlen wollte.) »Wir lassen uns auf keinen Kompromiß ein«, erklärte der Preuße bestimmt. »Die Flotte ist eine organische Institution und eine Nationalangelegenheit, dafür bedarf es Einstimmigkeit der Voten. Ihre Majorität gilt überhaupt nicht für Fragen, die Ihre Kompetenz überschreiten. Die Absurdität einer Mehrheit springt hier ins Auge. Österreich, Preußen und die vier Königreiche haben sieben, alle kleineren Staaten zusammen acht Stimmen, sie könnten also jedem Beschluß der sechs Hauptmächte opponieren, selbst wo es sich um Sein oder Nichtsein der Nation handelt. Ich lege mein Veto ein und damit basta.« Er verließ erhobenen Hauptes die Versammlung. »Verstehen Sie,« raunte Nostitz dem Württemberger zu, »der abscheuliche Kollege will die öffentliche Meinung aufreizen, die ganze Basis des Bundestags sei unmöglich. Der zielt auf nichts Geringeres hin, als die Sprengung des Bundes.« Wie hätte ihn erst die Blasphemie entsetzt, mit der Bismarck auf weitem, einsamem Spaziergang, wobei er mit dem Spazierstock mehrere Disteln köpfte, vor sich hinsummte: »O Bund, du Hund, bist nicht gesund.« Er genierte sich auch nicht, zu Hause vor seinem diplomatischen Personal diesen Vers Heines zu wiederholen: »Das wird noch die deutsche Nationalhymne werden.« Trotzdem trat Waffenruhe ein, weil Thun auf Wink aus Wien einlenkte. Plötzlich erschien der russische Geschäftsträger am Stuttgarter Hof mit einer Vollmacht für den Bundestag und scharwenzelte dort längere Zeit herum. Er war ein sehr kleiner, beleibter, rosiger Herr, Fürst Gortschakow, Inhaber einer bestrickenden Freundlichkeit und eines tadellosen Französisch, in dem er gern längere Reden hielt. Dazu ergriff er die Gelegenheit am Schopfe, kaum daß er die Lage übersah, indem er den geschäftigen Mittler zwischen den grollenden Brüdern affektierte und sich hochbeglückt im Salon der Meyendorf die fetten, kleinen Hände rieb: »Meine persönliche Mediation brachte dies Friedenswerk zustande, nicht durch meine eigene schwache Stimme, sondern als schwaches Echo der Stimme des Zaren.« »Jedes Tierchen hat sein Pläsierchen«, brummte Otto in den Bart und widersprach nicht, als er diese Fopperei hörte. »Der wird's weit bringen, ein echtes diplomatisches Talent ... von der älteren Schule. Herrgott, wie diese Schlauberger sich einbilden, mit ihren vorgeschützten Staatskünsten etwas auszurichten! Die Dinge bleiben unverrückt die gleichen, die Kausalität geht ihren Gang, und die Logik der natürlichen Verhältnisse wird durch keine künstliche Einmischung geändert.« Er setzte seine offiziellen Besuche bei den Nachbarhöfen fort und wählte besonders Darmstadt als Feld für Charakterstudien. Die dort regierende Dame empfand dies als aufdringlich und äußerte einmal im vertrauten Zirkel, von wo es Bismarck natürlich erfuhr: »Er ist immer hier und benimmt sich, als wäre er ein so großer Herr wie der Großherzog selber.« Äußerlich ließ sie natürlich nicht blicken, daß er ihr lästig falle, wie der gehaßte Preuße stets dem beargwöhnten und selbst so mißtrauischen alten Rheinbundstaat auf den Leib rückte. »Ihre Frau Gemahlin hat einen so guten Blick«, beehrte ihn die Großherzogin Mathilde von Hessen auf einem Staatsdiner in Darmstadt, Frau Johanna zu loben. Diese saß ganz stattlich in blauweißem Atlaskleid und ließ ihre sonore Stimme ertönen, da der harthörige Erbprinz und der stocktaube Premierminister ein lautes Reden benötigten. Zwischen Hessen und Preußen waren also gute Beziehungen angebahnt. Otto, sehr empfänglich für jedes seiner Frau gespendete Lob, berechnete indessen doch im stillen: Drei Regimenter guter Truppen, berühmt unter Napoleon, Kurhessen, Baden, Württemberg jedes ebensoviel, Nassau zwei macht ungefähr zwei Korps, dazu das bayerische. Stehen Hannover und Thüringen zu uns, könnten wir rasch die Sache deichseln, gestützt auf Mainz, ehe ein k.k. Hilfskorps am Bodensee erscheint. Man kann nie wissen, wie der Hase läuft. Wir müssen die Zollunion durchsetzen, koste es, was es wolle. Da sitzen wir jetzt schon zehn Monate hier, und die Einheit ist nicht um eine Stunde näher gerückt. Das stimmte nicht ganz. Man tat einen ersten, breiten Schritt vorwärts, indem er beim Bundestag den Vorschlag Preußens zur Zollunion mächtig förderte. In dieser Angelegenheit wurde er oft nach Berlin befohlen und saß nur zu oft auf der Bahn, um mit Wehmut bei Bockenheim das stille Licht seines Hauses und die letzte Taunusspitze hinter sich aus dem Gesichtskreis zu verlieren. In Berlin entdeckte er, daß er jetzt ein leidlich großes Tier sei, vom König verzogen, vom Hofe umschmeichelt, von der Presse beschimpft. Mit kühler Gelassenheit bedachte er, daß dies nur ein Schützenfest sei, wo der Schützenkönig mit Talmi-Goldblech stolziert, um morgen in der Versenkung zu verschwinden, daß seine Stellung lediglich von Gunst und Gnade des Königs abhänge. Der Premierminister Manteuffel, der sich, Gott weiß warum, den Spitznamen Fra Diavolo erwarb, hielt sich fest im Sattel, und die Reaktion tobte sich immer noch aus. Im April gab es einen neuen Coup d'Etat , aber nicht vom Präsidenten Louis ausgedacht, der mit Macht auf die Kaiserkrone lossteuerte, sondern vom Weltpräsidenten Tod. Der allmächtige Minister Schwarzenberg starb. Als Otto dem englischen Gesandten die Kunde brachte, drückte sich dieser auf Französisch trocken aus: »Im Grunde ein Glück!« Als das diplomatische Korps sich zu einer Trauermesse für den hohen Verblichenen versammelte, schloß sich Otto kühl aus: »Das ist wirklich zu viel verlangt.« In der dänischen Sache nichts Neues, sie ging den gewohnten Krebsgang. Das sogenannte Londoner Protokoll hatte als eine Art pragmatischer Sanktion die Erbfolge in den Erbherzogtümern geregelt. Doch da Österreich und Preußen selbstherrlich allein den Vertrag schlossen, verwarf ihn der erboste Bundestag, der mit Fug sein Anrecht geschmälert sah, in deutschen Dingen mit am Beratungstisch zu sitzen. So war de jure nichts entschieden, praktisch aber machte Dänemark sich das Abkommen zunutze, um eine Deutschenhetze, besonders in Schleswig, zu inszenieren. Preußen sah ruhig zu, der König betrachtete mit den Augen seines großmächtigen Herrn und Schwagers Nikolaus die deutschen Brüder als Rebellen, und damit erreichte Österreich den Zweck, Preußen erneut in Deutschland verhaßt zu machen, dessen Verrat an Deutschlands Ehre die öffentliche Meinung mit Verachtung strafte. Des Königs ursprünglich gutartige Natur geriet immer mehr auf schiefe Ebene, seit ihn jene Reaktionsclique von Junkern und Pastoren in den Klauen hatte, die ihre Regierungsfähigkeit täglich durch Preußens Unehre erwies, allzeit Mehrer des Reichs der Lüge. Des Königs reicher und durchgebildeter Geist zeigte schon lange Schäden und Risse. In seiner Korrespondenz mit dem vertrauten Bunsen, preußischen Gesandten in London, kam Jahr für Jahr in keinem Briefe das Wort Schleswig-Holstein vor, dafür auf jeder Seite zweimal unterstrichen das grause Wort Revolution. Er schwärmte pathologisch, er werde sich mit dem Zaren auf Tod und Leben gegen diesen Drachen der Unterwelt verbünden, der bei ihm förmlich mystische Umrisse annahm, wie ein Tier der Apokalypse. Er pries Gott für die Gnade, daß er ihn würdige, bei jeder Unpäßlichkeit des geliebten Zaren tiefbetrübt zu sein. Auch um die Habsburger schwebte ihm eine apostolische Weihe. Und da einer der neuen Wiener Minister, Bruck, preußischer Herkunft war, so fehlte es an Verbrüderung nicht. Wegen der selig entschlafenen deutschen Reichsflotte der Revolutionszeit, die armselig in Bremerhaven faulte, konferierte Otto mit Prinz Adalbert, der von Schaffung einer preußischen Flotte träumte. »Mit welchen Häfen? Stettin oder Danzig? Die genügen nicht. Und die Reichsschiffchen in Bremerhafen fressen unnütz Geld, man sollte sie unter den Hammer bringen.« »Der Große Kurfürst wollte auch schon eine Flotte haben.« »Wozu? Kolonien haben wir nicht, unser bißchen Seehandel braucht keinen Schutz. Mit einer großen Seemacht bekommen wir schwerlich Händel, und unsere Zukunft liegt nicht auf dem Wasser.« »Leider! Nur so wird man eine wirkliche Großmacht. Sehen Sie Holland in der Vergangenheit, das war doch unendlich kleiner und schwächer als wir und doch die erste Seemacht der Welt.« »Bis der größere Raubstaat England es auffraß. Erstens war Holland reich, zweitens hatte es günstigere Bedingungen zu Lande. Wir sind Landmacht und Militärstaat. Jeden Taler, den wir für Flottenzwecke wegwerfen, entziehen wir der Armee. Die deutsche Frage wird nicht mit Schiffen gelöst, sondern mit Bataillonen.« »Sie erschrecken mich, Exzellenz. Deuten Sie wirklich darauf hin, daß wir je, was Gott verhüte, in Deutschland selber kriegerisch auftreten müßten?« »Durchaus nicht, nur eine Hypothese. Aber vielleicht gegen das Ausland, das jede noch so platonische Einheit der deutschen Staaten mißgünstig ansieht.« »Ah, Sie zielen auf den Usurpator in Paris hin. Der sucht vielleicht Abenteuer als richtiger Bonaparte«, fiel der Prinz von Preußen ein, der sich verspätet hinzugesellte. »Verzeihen Königliche Hoheit, aber ob der einen Tropfen napoleonischen Blutes in den Adern hat, weiß niemand ... am wenigsten wußte es sein angeblicher Vater Louis, weiland König von Holland. Oder vielmehr er glaubte es nur zu gut zu wissen, denn er erließ eine Warnung an den Papst: Wie ich höre, läuft hier ein junger Mensch herum, der sich Louis Napoleon nennt. Ich hatte das Unglück, mit einer Messaline verheiratet zu sein und desavouiere jede Verwandtschaft mit dem genannten Individuum. Ein edles Vaterherz!« »Pfui Teufel! Seine schmutzige Wäsche an die höchste Stange aufhängen! Aber wer ist denn der Vater?« »Das weiß höchstens die Frau Mama, die legendäre Hortense. Graf Flahaut und Admiral Verhuel streiten sich um die Ehre ... beide aus guten Gründen.« »Wie pikant!« lachte Prinz Adalbert. »Das muß ich bei Hof verbreiten. Von Ihnen hört man doch immer was Nettes.« »Frankfurt ist die Setzmaschine für die Chronique scandaleuse von Europa. Wir medisieren für sämtliche Hauptstädte. Der französische Gesandte ist entzückt, jetzt heißt er endlich wieder Monsieur le Marquis de Tallanay. Die vornehme Welt Frankreichs jubiliert, daß die Republik für immer erdrosselt sei.« Aber Prinz Wilhelm murrte bitter: »Und so was nennt sich Kaiser der Franzosen! Noch nicht, aber allem Anschein nach kommt es dazu, die Berichte unserer Agenten stellen es außer Zweifel. Ich hoffe, daß die Höfe ihn nicht anerkennen werden in geschlossener Gemeinschaft. Wie könnten Zar Nikolaus und der Kaiser von Österreich dies zulassen! Meinen Sie nicht auch?« »Ich erlaube mir zu zweifeln. Den sogenannten Onkel, den Großen, hat man anerkannt auch nach dem Mord an Enghien, und der hatte nicht mal einen weiland Kaiseronkel, auf den sich heut der Neffe, der Kleine, berufen kann. Man wird endlich doch nachgeben müssen, Frankreich ist zu stark.« »Das wäre ein Affront für alle anständigen Dynastien. Ist ja doch nur ein Ableger der Revolution. Was ist denn sein blutiger Staatsstreich, sein grausiger Dezemberputsch? Auch nur Revolution, meineidiger Rechtsbruch, wenngleich vermittels der Armee.« »Gewiß, aber Gewalt geht vor Recht. Ein stehendes Heer, sogar jedes Heer, man denke an Cromwells Puritaner, die ihn zum König machen wollten, ist seinem Wesen nach monarchisch. Übrigens, da sehen Königliche Hoheit, wie schwach jede Demokratie ohne Heer! Das sollte man nun endlich lernen, eingedenk der traurigen Märztage.« »Erinnern Sie mich nicht daran!« unterbrach ihn der Prinz heftig. »Das waren irregeleitete Rebellen, aber nie möchte ich das unschuldig vergossene Blut selbst in solchem Falle auf dem Gewissen haben, womit sich der Prinz-Präsident befleckte. Und diese Armee, die einer Republik den Fahneneid schwur, ist geradeso eidbrüchig vor der militärischen Ehre, als ob sie einem angestammten Herrscher den Eid bricht. Die Art, wie man harmlose Zivilisten, Weiber und Kinder auf den Boulevards geschlachtet hat, ist ewige Schande für die Trikolorenfahne.« » Le brave Canrobert! « spottete Bismarck. »Von diesem Bayard mit langwallendem Lockenhaar hat Tallanay immer geschwärmt. Eh bien wie dieser Ritter ohne Furcht und Tadel den Kriegsgerichten präsidierte und Tausende ohne Recht und Urteil nach Cayenne schickte, erfüllt mich mit demütiger Freude vor Gott, daß ich ... kein Franzose bin.« »Ich begreife nicht recht,« warf Prinz Adalbert ein, »die Franzosen nennen sich doch das Volk der Freiheit.« Otto lachte höhnisch. »Wahrscheinlich weil niemand weniger weiß, was das ist. Napoleon kannte diese Hammelherde. Glanz wollen sie, Befriedigung ihrer unersättlichen Eitelkeit, Phrasen und Gloire, und wer ihnen das bietet, das ist ihr Mann. Der Neffe des Onkels wird sich darauf verstehen.« »Das heißt, Sie fürchten einen europäischen Krieg?« folgerte Prinz Wilhelm mit seiner ruhigen, klaren Verstandeslogik. »Die Zeiten sind doch wohl vorüber, wo Frankreich allein allen Mächten den Fehdehandschuh hinwarf. Dazu gehört ein Genie, wie es der Korse hatte.« »Deshalb wird der neue Gewaltherr Unfrieden zwischen den anderen säen und eine Koalition unmöglich machen. Er wird nur einen auf einmal angreifen, verlassen sich Hoheit darauf, und die andern ... werden zusehen.« »Ich will nicht hoffen, daß Sie vermuten,« der Prinz von Preußen richtete sich hoch auf, »Preußen werde Gewehr bei Fuß solche Überfälle zulassen.« Bismarck verbeugte sich ernst und ruhig. »Ich bin kein Prophet, unser Gott hat mich nicht bei der Vorsehung angestellt. Doch ich hoffe, Preußen wird immer einfach tun, was seine praktischen Interessen gebieten, ohne Rücksicht auf ritterliche Aufwallungen, die nie Dank ernten. Hoheit sollten bedenken, wie die deutschen Dynastien uns unsere selbstlose Beihilfe gegen die Revolution gelohnt haben.« Der Prinz schwieg betroffen und nachdenklich, dann sagte er: »Ich verstehe Ihren Standpunkt. Aber Sie sind ganz und nur Preuße, der König und ich sind, daß ich es nur sage, Deutsche, ja deutsche Fürsten. Wenn Frankreich sich an Deutschland vergreift, an irgendeinem des Deutschen Bundes, wird Preußen sich auf keine Verlockung mit eigener Vergrößerung einlassen.« Otto stand still und ruhig da. »Allerdings bin ich in erster Linie Preuße, und Ew. Königliche Hoheit machen vielleicht einen richtigen Unterschied. Eins kann ich nur sagen: wenn Kaiser Louis sich am eigentlichen Deutschland und an eigentlichen deutschen Interessen gütlich tun will, dann werde ich als Preuße auch ein Deutscher sein.« Den Prinzen fiel das Wort »eigentlich« auf, und sie wollten fragen, ob dies etwas bedeuten solle, doch ihre Zeit war um, und sie verabschiedeten gnädig den Gesandten. In Bismarcks düsteren Auge stand eine unheimliche Flamme. * Der immer noch unversiegt plätschernde Redeschwall in der Kammer erkältete ihn noch mehr als früher. »Dieser Exerzierplatz für die Zunge, dieser Turnplatz für Spitzfindigkeiten, ist die ungesundeste Gymnastik. Zuletzt betrachtet der anständigste Mensch, sobald er Parlamentarier wird, das Rednerpult wie ein erb- und eigentümliches Toilettenstück, ohne das er sich nicht dem Publico und einem hohen Adel vorstellen darf. Nulla dies sine linea! Kein Tag ohne Quatsch!« General Gerlach lachte verlegen. »Ihr gerechter Abscheu reißt Sie oft hin. Gestern mit Vincke – wir sind ja einig über seine Ungeschliffenheit gegen die Regierung und sein Ausfall gegen Sie war ruppig, aber –« »Aber? Er wirft mir von der Tribüne Mangel an diplomatischer Diskretion vor, meine einzige bisherige Leistung sei eine brennende Zigarre. Sie wissen, ich hab' es Ihnen jetzt erzählt, der Vorfall mit Thun. Das hatt' ich ihm auf sein ausdrückliches Drängen nach allerlei spaßhaftem Klatsch unter vier Augen erzählt als etwas höchst Unwichtiges. Mich däucht, meine Antwort war sehr berechtigt: Vincke besitze statt der diplomatischen nicht mal die gewöhnliche Diskretion, wie man sie unter Männern von Ehre und Erziehung erwarte.« »Ja, Sie hatten das Recht dazu,« meinte Gerlach bedenklich, »indessen wird dies doch wohl Folgen haben.« »Nun, ich habe meinen Schwager Oskar Arnim und EBernhard Stolberg beauftragt, als Zeugen etwaige Eröffnungen Vinckes entgegenzunehmen.« »Nun und?« »Er hat mich durch v. Saucken-Julienfelde auf viermaligen Kugelwechsel gefordert. Oskars Vorschlag auf Säbel wurde abgelehnt.« »Menschenskind, das sagen Sie mir erst jetzt! Und die Sache soll steigen?« »Morgen früh. Daß ich mich stellen muß, dafür gibt es keinen Ausweg. Heut' abend halt' ich mit Superintendent Büchsel eine Betstunde ab, der natürlich abmahnte. Doch Sie werden begreifen, es muß sein.« Gerlach stöhnte. »Ich kann Ihnen nicht raten, abzusehen. Doch es ist furchtbar, daß ein Mann, der dem Vaterlande nützlich dient, durch eine tückische Zufallskugel weggerafft werden kann. Das ist ein schweres Verhängnis. Ich werde für Sie beten.« – Im Waldplatz am Tegeler Seeufer sangen die Vöglein ein Morgenlied, daß alles wohlbestellt und ihr Nest gesegnet sei. Gewaltsam unterdrückte Otto das Bild Johannas, um nicht von Angst um seine Lieben entmannt zu werden. Durch sein Unbewußtes ging ein Gebet: Ewiger, gerechter Gott, wenn mein Leben dem Vaterlande nützen kann, dann halte deine Hand über mich. Der »Unparteiische«, ein Herr v. Bodelschwingh, trat auf: »Meine Herren, ehe wir beginnen, habe ich zu diesem Ehrenhandel zu bemerken, daß die Forderung den Umständen nach zu harte Konditionen hat. Ich schlage Ermäßigung vor, einmaligen Kugelwechsel.« Nach kurzer Beratung erklärte der Zeuge v. Saucken: »Wir gehen darauf ein«, und flüsterte mit Graf Stolberg. Dieser nahm Otto beiseite: »Die Gegenpartei läßt Ihnen sagen, man wolle die Affäre beilegen, falls Sie zugeben, Ihre zu schroffe Äußerung tue Ihnen leid.« »Das wäre eine bewußte Unwahrheit, und die begehe ich nicht. Vincke verdiente die Lektion.« Beide Schüsse krachten. Otto fühlte sich unverletzt, und als der Dampf sich verzog, stand auch Vincke aufrecht da. Allgemeine Freude, Bodelschwingh vergoß sogar Tränen der Rührung. »Zwei so hochverdiente Männer! Gottlob, alles ist aus, der Ehre Genüge geschehen.« Alles schüttelte sich die Hände. Einen Augenblick hatte Otto überlegt, ob er auf Vincke schießen solle. Als er aber schoß und fehlte, ärgerte er sich und schob die Schuld auf die Pistolen. »Gott verzeihe mir die Todsünde,« bekannte er nachher seiner Schwester, »ich hätte den Kampf gern fortgesetzt. Doch jetzt bei ruhigem Blut preise ich Gottes Fügung. Zu guter Letzt ist Vincke zwar ein rabiater Parteimann, aber persönlich anständig, wenn nicht sein Jähzorn mit ihm durchgeht.« – Eine neue Dienstreise Anfang Juli verlängerte diesmal die Trennung von Frau und Kindern ins Unbestimmte, da der König ihm einen kleinen Abstecher nach Wien aufnötigte. »Mein bester Bismarck, ich meine es sehr gut mit Ihnen. Sie müssen auf die hohe Schule, um Ihr diplomatisches Reifezeugnis zu erlangen. Mein Botschafter in Wien, Graf Arnim-Warbelow, ist schwer erkrankt, ich beschloß, Sie erst in Vertretung und dann als Nachfolger nach Wien zu senden. Wie? Ich lese auf Ihrem Gesicht gerade keine übergroße Freude.« Otto verneigte sich. »Ich gehe überall hin, wohin mein König mich stellt. Doch ich fürchte, ich bin in Wien nicht gut angeschrieben, Thun hat mich gewiß tüchtig verklatscht, und man hält mich schon lange nicht mehr für einen ergebenen Diener Österreichs.« Der König runzelte die Stirn. »Ich will nicht hoffen – Sie sind mein Diener, soviel ich weiß. Aber Sie hegen doch sicher keine Animosität gegen diesen von mir so hochverehrten Staat?« »Wie sollte ich! Ich wache nur eifersüchtig in meiner geringen Sphäre über Preußens Behandlung im Bundestag, und ist das Österreich nicht lieb, so kann ich's nicht ändern.« »Sie sehen zu schwarz, mein Lieber. Wir werden ja prüfen, wie es sich zum Handelsvertrag stellt. Hier übergebe ich Ihnen ein Einführungsschreiben unterm 5. Juni 1852 an den Kaiser. Lesen Sie es durch!« Das Schreiben, obwohl mit einigen Floskeln des Kurialstils belastet und für Ottos Geschmack zu warm, »das Glück Ihres Beifalls«, »Ihre so wichtige und mächtige Freundschaft« betonend, trug den glatten und eindrucksvollen Stil des Königs, dessen Begabung selbst in solchen höfischen Episteln durchschimmerte. »Die Anwesenheit des teuren herrlichen Kaisers Nikolaus ist mir eine wahre Herzstärkung gewesen.« Der Zar hatte sich jüngst herbeigelassen, in Berlin zu erscheinen und dort seine Gnadensonne leuchten zu lassen. Das mußte einen gewissen Druck auf Österreich üben. Dies und die folgenden Anspielungen auf »unsere dreifache Eintracht« (Dreieinigkeit der heiligen Allianz) wären Otto jedoch willkommener gewesen, wenn der König es mit preußischen Hintergedanken und nicht aus vollem Herzen als Gemütspolitik betrieben hätte. Andererseits scheute der König nicht vor dem scharfen Ausdruck zurück: »was die rheinbundschwangeren Mittelstaaten mit Entzücken die Differenzen Österreichs und Preußens nennen.« Der Zusatz, daß Herr v. Bismarck-Schönhausen, »mein Freund und treuer Diener«, dies Treiben »mit scharfem und richtigem Blick betrachtete«, konnte Otto nur schmeicheln. Der König fuhr fort: »Der Kaiser steht mir nahe seit den fabelhaften Tagen von Tegernsee, wo wir uns kennen lernten. Ich verspreche mir viel von Ihrer Mission. Erläutern Sie mein Betragen wegen der Zollunion und zerstreuen Sie jeden Argwohn. Und wenn Österreich in einen Handelsvertrag mit uns eintreten will, um so besser.« »Verzeihen Majestät, ich zweifle gar nicht daran, daß es Zolleinigkeit mit uns erstrebt. Aber man wird sich anstellen, als ob dies nur besondere Freundlichkeit und herablassendes Entgegenkommen sei. Man wird dafür politische Konzessionen ergattern wollen, und dafür sind wir doch nicht zu haben.« »Nein, nein, da bleiben Sie nur fest. Sie treffen ein seltsames Ministerium, ich nenne es das ›einsilbige‹ mit einem schnöden Doppelsinn.« Der König konnte sich einen Witz nicht verbeißen. Die kurzen Namen Bach, Brück, Buol luden dazu ein, während sich sonst die Einsilbigkeit der pomphaften Herren darauf beschränkte, eine hochmütige Reserve herauszubeißen. Diese Minister waren meist bürgerlicher Herkunft, und spielten gerade deshalb den hochnäsigen Kavalier. »Die Herren sind in der hohen Aristokratie recht unbeliebt. Man erzählt da einen bösen Skandal, wie Graf Hardegg einen dieser regierenden Staatslenker aus seinem Salon hinauswarf mit Injurien, die kein Mann von Ehre sich gefallen ließe. Nun, das erleichtert vielleicht Ihre Aufgabe irgendwie, ich überlasse das Ihnen. Nur vor allem meinen guten Willen hervorkehren, meine innige Anhänglichkeit an das alte, glorreiche Kaiserhaus, das jedem Deutschen teuer bleiben muß.« * Die Reise nach Wien verlief damals nicht viel anders als heut, nur länger. Die gleichen anregenden Landschaftsbilder, besonders bei Prag und Znaym, die gleichen Klagen über unbequeme Waggons, obschon heut nicht mehr Ottos Zornruf zutrifft: »Die erste Klasse kaum besser als unsere dritte.« Am kahlen Nordbahnhof empfing ihn die Schlacht- und Mahlsteuer, sie trat in ehrfurchtsvolle Ferne zurück, als der Diplomatenpaß zum Vorschein kam: »Kiess' die Hand, mach' mein Kompliment.« Als er in die Stadt einfuhr, drängten sich ihm die Erinnerungen auf, wie er mit Nanne hier bummelte, damals ein geschäftsfreier Unbekannter. Diese Bilder ließen ihn während seines ganzen Aufenthalts nicht mehr los. Wie viel älter war er geworden! Heut ein angehender Großer, wie die Welt es nennt – möchte er tauschen mit damals? Weiß doch net. Jede Zeit und jedes Milieu hat besonderen Nachteil und besonderen Vorteil. Im allgemeinen wird der Mann von seinem Ehrgeiz beherrscht, sagen wir zynisch von seiner Eitelkeit, sagen wir ebenso richtig vom Erfolg seiner Arbeit. Vom Erfolg? Das sind eben die ordinären Weltlinge, die Minderwertigen. Für die Höheren ist die Arbeit selbst, ob mit oder ohne Erfolg, das A und O. Vielleicht hat Mutter selig doch recht gehabt, und dies wäre die beste Arbeit für mich. Heut? Gewiß nicht. Dies ist nur geschäftiger Müßiggang, denn mit aller Pflichttreue und Arbeitsamkeit bleib' ich fünftes Rad am Wagen. Ein Gesandter ist nur ein Gepäckträger. Für später den Boden sondieren, als vielgereister Odysseus die Fremde studieren, das hat wohl Wert. Aber ob je das »später« kommt, steht nur in Gottes Hand. Der kranke Graf Arnim lag im Bett, bezeugte aber ein unmutiges Erstaunen, daß er die Akten ausliefern solle. So rasch »substituiert« zu werden, paßt keinem Gesandten. »Ich finde dies Arrangement etwas ungewöhnlich, um so mehr als hier ja gar nichts zu tun ist.« »Das hat des Königs Majestät zu beurteilen«, rügte Otto gemessen. »Der ich mich gern unterwerfe«, versicherte Arnim eilfertig. Der Legationssekretär Baron Werthern bemeisterte nicht seine Verstimmung, daß er nicht interimistisch Geschäftsträger wurde, und bat um Urlaub, was Bismarck trocken bewilligte. Einen unlustigen Mitarbeiter zu haben, schien ihm kein Hochgenuß. Es fiel ihm ein, daß der hannoversche Gesandte Graf Platen, Berliner Angedenkens, ihm ja die offizielle Einführung bei den Ministern und in die diplomatische Gesellschaft, wie es der gute Ton verlangt, verschaffen könne. Gleich in den ersten Tagen merkte er, daß er hier überflüssig sei, so überaus liebenswürdig man ihm entgegenkam. Er kannte das österreichische Wesen noch zu wenig, diese Mischung von hoher Intelligenz, sentimentaler Herzensgüte, Schlamperei, Unzuverlässigkeit, weniger aus berufsmäßiger Falschheit als aus allgemeiner Nachlässigkeit. Der slawische Einschlag macht sich bemerkbar. Dazu kommt dem Preußen gegenüber der eingefressene schwarz-gelbe Dünkel, die Herablassung eines verlumpten, großen Herrn für den angeblichen Parvenü. Infolgedessen merkte er sehr bald, daß der Versöhnungsschritt dieser Sendung, mit der man Österreich ein wirtschaftliches Geschenk machen wollte, so aufgefaßt wurde, als fühle Preußen das Bedürfnis, sich um jeden Preis mit Österreich zu »arrangieren«, was keineswegs, selbst nicht beim König, der Fall war. Daher die flaue Aufnahme der angebotenen Zollunion. Innerlich war Otto davon halb entzückt. Denn das würde in Berlin die Augen öffnen. Doch andererseits waren die Dinge noch nicht reif, und der Rückschlag in Berlin, nachdem die Gelegenheit zur Verständigung abgelehnt, paßte ihm nicht. Bei Thun hatte er den biederen Norddeutschen ohne Falsch gespielt, der auf Österreichs falsches Spiel hereinfiel, sich nur äußerlich jede Ungebühr verbat. In diesem Sinne faßte die österreichische Staatskunst ihn auf. Daß es Preußen im Bundestag gelang, die Zollunion durchzusetzen, schien ein Zufall, nicht Bismarcks Wühlerei verschuldete das. Dem mußte man nur deutlich zu verstehen geben, daß Österreich, dem alle Finger nach Zollunion gierten, kühl bis ans Herz hinan diesem Geschenk gegenüberstehe, dann würde der gut österreichisch gesinnte Mann schon für allerlei Konzessionen zu haben sein. Der Kaiser ließ sich nicht blicken und fuhr nach Keskemet und Budapest, man mußte ihm also nachreisen und antichambrieren. O, wenn man erst wieder auf der Thüringer Bahn säße, die so langsam fährt und so viel Langeweile macht! Dann geht's endlich nach Hause zu Weib und Kind! Unwiederbringliche Zeit geht verloren, und andere Ehegatten, die sich bei Trennung besonders wohlfühlen, läßt man beieinander. Lori, Peppi, Jugerl, Wigerl, lauter schöne Damen bei Frau v. Meyendorff, der Russin, und anderen feineren Gönnerinnen – o, wie schauderhaft, mutterseelenallein zu sein! An Nanne darf ich mein Herz über Politik nicht ausschütten, denn es fällt der Thurn- und Taxis-Gaunerpost in die Hände. »Waren's schon in Wien, hohe Exzellenz? Doch net. Sonst hätt' man's erfahren aus'm Polizeibericht.« Das war so das übliche Gesprächsthema. O ja, er war schon mal hier. »Inkognito? Serr interessant.« Die Kunde machte die Runde durch die Salons, der Herr v. Bismarck sei schon mal inkognito hier gewesen. Da schauen's! Da steckt was dahinter. Die Preißen. Schlau sind's. Daß der Mensch sozusagen auch mal seine Hochzeitsreise machen muß, diese romantische Tatsache hätte ihn freilich den Wienern empfohlen: Er hat G'müet. Natürli, nach Wean macht man immer sein Hochzeitsreisen. Doch eine ihm eigentümliche Keuschheit des Empfindens verbot Otto, ans G'müet der Weaner zu appellieren. Er ging an dem Haus vorbei, wo sein Beethoven gelebt, der so Gewaltiges in ihm aufstörte, und hatte merkwürdige Gedanken. Die Heroica! Ach, für ihn blies ja doch nie der Sturmmarsch. Dann stieg er hinter Nußdorf zu Schiff und genoß den goldigsten Abendduft über Kloster-Neuburg. Ein Schiff von Linz her fuhr vorüber, »Austria«, mit der er einst fuhr, Nanne zur Seite. Et tu, felix Austria, nube! Aber das Völkerschicksal besteht nicht aus Hochzeitsreisen. Im Grunde hatte er eine Vorliebe für dieses sonderbar gemütliche Österreich, ein halbgeniales Bohemientum. Nicht umsonst liegt Bohemia, wie die Engländer (auch Shakespeare) jedes Fabelland taufen, in den schwarz-gelben Grenzpfählen. Wenn Österreich nicht wäre, mußte man es erfinden. Die glühende Innenstadt, temperiert durch schneidende, schwindsüchtige Winde, die am Schottentor sich verfingen, entnervte ihn wie der Glaskasten der zugemachten Fiaker. Doch es war guter Ton, dies alles zu erdulden. Selbst die Wiener Natürlichkeit unterwarf sich dem strengen Gesetz der Mode. So sind die Menschen überall Sklaven. Die Schwestern Fürstin Schönburg und Fürstin Bretzenheim, geborene Schwarzenberg, Schwester des verstorbenen Premierministers, den kein Preuße vergessen soll, zogen ihn auf über seine altmodische, spießbürgerliche Ehesehnsucht. Frau v. Meyendorff spottete: »Es treibt Sie aus den Geschäften, um in Frankfurt soeur grise zu spielen. Enfin , Ihre liebe Frau Gemahlin wird's auch ohne Sie überstehen.« (Johanna war wieder guter Hoffnung). Aber Otto erwiderte ruhig: »Verzeihen Sie, meine gnädigen Freundinnen, doch mir war die Ehe wie ein Regenbogen über der Sintflut. Ach, schon hier, wo ich einsam bin, überkommt mich die liebeleere, trostlose Verwilderung meiner jüngeren Jahre. Doch Gottes Barmherzigkeit wird meine Seele nicht fahren lassen, seit er sie einmal angerührt, des trage ich feste Zuversicht. Das glatte Parkett der großen Welt, auf das er mich stellt, wird mich nicht straucheln machen.« Nachher fragten die Damen unter sich: Was ist das nun? Ein vollkommener Weltmann, die Manieren eines großen Herrn, gar nicht bloß simpler v. Bismarck, und doch so fromm und sentimental! Dabei gestanden sie sich aber seufzend, daß sie die Frau wohl kennen möchten, an der ein solcher Mann mit ganzer Seele hing. Die sei beneidenswert, und es wäre schön, besonders für die Frauen, wenn alle Männer so wären. Obschon durch Frau v. Vrintz in Frankfurt an ihren Bruder Graf Buol empfohlen, fand Otto beim Premierminister einen steigenden Mangel an Kordialität. Wahrscheinlich hatte Thun hier vorgearbeitet. Der Minister des Innern, Bach, empfing ihn mit schlecht verhehlter Abneigung. Sofort zog sich der preußische Emissär steif zurück, jeden Anschein von Dringlichkeit vermeidend. »Exzellenz wollen gestatten,« meldete sich der Kanzleivorstand der Gesandtschaft, »Ihrer Mitteilung an den Herrn Ministerpräsidenten liegt die Instruktion an Sie aus Berlin nicht im Original bei.« Otto staunte ihn an. »Was meinen Sie? Wo auf der Welt ist denn so was gebräuchlich?« »Leider hier, ich bin so lange schon hier eingebürgert, daß ich diese eingerissene Gewohnheit nicht ändern kann.« »Sie werden es aber. Ich erlasse mein formales Verbot. Unerhört! Dann wäre ja die Vermittelung des Gesandten ganz überflüssig. Es geht Graf Buol einen Dreck an, welche Instruktion ich erhalte. Das ist Dienstgeheimnis.« »Nicht hier. Man wird einfach bezweifeln, ob Eure Exzellenz den Text Ihrer Instruktion innehalten und die Intention unsrer Regierung ausdrücken. Ach Gott, Exzellenz, früher war es ja noch schlimmer, als keine Eisenbahnen fuhren. Da nahm ein k. k. Beamter dem preußischen Kurier an der Grenze sein Felleisen ab, öffnete und exzerpierte die Depeschen, ehe sie an uns weiterbefördert wurden. Und da es bei Thurn- und Taxis-Post überhaupt kein Briefgeheimnis gibt, so schrieb man Briefe an die Gesandten zu dem Zweck, daß scharfe Bemerkungen von der Gegenpartei gelesen werden sollten, die man doch im formalen Geschäftsverkehr nicht anwenden wollte.« »Eine entzückende Art von Insinuierung! Ich danke bestens für Ihre Aufklärung. Doch solange ich hier bin, wird Benachteiligung des Dienstes nicht genehmigt. Ich händige Buol meine Instruktionen nicht aus, oder ich stelle die Kabinettsfrage. Das ist ja ein Betragen, als ob wir ein k. k. Paschalik wären. Dazu werde ich meine Hand nie bieten.« – »Die Leute sollen bloß nicht wähnen, wir suchten sie mit Empressement«, äußerte er zu Lynar, der ihn als Sekretär begleitete, und schrieb in gleichem Sinne an Manteuffel. »Dieser Bach wird ohnehin in der hohen Gesellschaft verpönt. Was mir Majestät daheim von einer Szene mit Graf Hardegg andeutete, ist zwar Verwechselung mit einer viel früheren Szene mit einem Märzminister Pillendorf, den Hardegg anschrie: ›Wie kann ein Schuft wie Sie die Stirn haben, in ein Zimmer zu treten, wo ich bin? Nur Achtung vor den Damen hindert mich, Sie anzuspucken, aber raus mit Ihnen!‹ Und der Bursche ging. Aber nur des Kaisers Name und sein hohes Amt schützen Bach vor ähnlichen Auftritten. Die Herrschaften sind hier äußerst vorsichtig in der Konversation, aber wenn auf Bach die Sprache kommt, halten sie mit nichts hinterm Berge. In der großen Welt ladet man ihn nie ein, er muß sich mit offiziellen Staatsdiners begnügen.« Auf einem solchen hatte der preußische Botschafter das Vergnügen, am Schluß mit allen Gästen fünf Minuten zu warten, bis der übermütige Emporkömmling seine Zähne gereinigt und seinen Mund ausgespült hatte. So verstand er das Benehmen eines Kavaliers. »Arroganz und Nonchalance verdecken nicht die schlechte Erziehung. Dieser Mensch ohne Geburt und Herkommen!« empörte sich Frau v. Meyendorff, wo die große Welt verkehrte. »Ich begreife nicht, Mizzi, wie dein seliger Bruder ihn tolerieren konnte!« wandte sie sich an Fürstin Schönburg. »Bach war für den Fürsten, was der Mohr für Fiesko in Schillers Stück. Solche Subjekte braucht man eben«, warf Otto hin. »Es widerspricht zwar diplomatischer Usance, doch ich brauche hier keine Reserve, denn alle Welt deutet mir ja auf diesen Herrn hin als Fahnenträger und Blasebalgbläser antipreußischer Raserei.« »Ach, das ist die Judenclique!« maulten verschiedene Stimmen verächtlich. »Bach, Bruck und ein Stab von Zeitungsschreibern. Besonders kommerziell verabscheuen sie Preußen, sie werden schon wissen warum. Da gibt's immer geheime Proßentche, wenn die ein Geschäft wollen oder nicht wollen.« »Graf Buol scheint mir aber auch ganz in deren Händen. Entre nous soit dit , es hat den Anschein, als hintertreibe er meine Präsentierung vor Seiner Majestät dem Kaiser.« Man schwieg. Es schien ja offenkundig, daß der Monarch auf Betreiben und Anraten seiner Minister möglichst lange dem Preußen aus dem Wege ging. Mußte er auch gerade jetzt in Ungarn jagen! Zuletzt mußte aber ein anderer Einfluß im Spiele sein, auch ging es auf die Dauer nicht an, den Überbringer eines eigenen Handschreibens des Preußenkönigs Wochen um Wochen warten zu lassen. So eröffnete denn Buol eines Morgens: »Mein allergnädigster Herr wird geruhen, Sie in Ofen zu empfangen, wenn Exzellenz sich dorthin bemühen wollen.« Er schien minder zugeknöpft als im Anfang. Seine anglomanische ablehnende Steifheit entsprang mehr verlegener Unsicherheit als üblem Willen. »Ich taxiere ihn so,« urteilte Otto zu Lynar, »daß er mit mauvaise honte seine unergründliche Unwissenheit in deutschen Angelegenheiten verstecken will. Wie bezeichnend, daß er mal Kurhessen mit Hessen-Darmstadt verwechselte! In Galizien weiß er besser Bescheid. Und das nennt sich ein deutscher Bundesstaat!« Er fuhr nun im Dampfer, der ihm zu Ehren eine preußische Flagge aufsteckte, von Gran nach Budapest ans kaiserliche Hoflager. Da er die Donaufahrt Passau-Linz kannte, wo die noch schmale Donau die Kluft zwischen eng zusammengereckten und bis zum Ufer niederwallenden Waldbergen füllt, so hatte er schon Ähnliches genossen. Aber mächtig ergriff ihn das Bild, als die Ofener Burg aus dem Wasserspiegel aufstieg und jenseits über Pest die Pußta braunrötlich vom blaurötlichen Abendhimmel sich abhob. Er saß auf dem Schloß in gewölbter Halle, vom Mondlicht umspielt. Die Lichter der großen Stadt am anderen Ufer blitzten zu ihm herauf, Geigenklänge einer Zigeunerkapelle tönten herüber, auf der langen Kettenbrücke nach Ofen schob sich weithosiges, breithutiges Volk hin und her, auf Holzflößen standen braune Gesellen mit schwarzem Schnurrbart und speckglänzenden, wildflatternden Haaren. Der Globus von Ungarn tat sich auf, wo der Tokayer wächst und jeder Jüngling im Café- oder Freudenhaus sich auf Stuhlrichter oder Obergespan vorbereitet, wo halbnackte Hirten im Schafpelz den Czardas tanzen und die zottigen Rößlein mit dem Lasso einfangen auf öder Pußtaheide, wo von der Theiß bis zum Eisernen Tor von Orsowa und von da bis in die Siebenbürgener Karpathen das romantische Halbasien in freier Sonnenglut gedeiht, wo Paprika gegen das Sumpffieber nutzen soll und in Wahrheit nur die fetten Speisen würzt, die sonst selbst einen ungarischen Magen erdrücken würden. Ein schönes, freies Land, wo sich's herrlich lebt und wo das steifleinene Europa Abschied nimmt. * Er überreichte dem jugendlichen Kaiser sein Kreditiv. Dieser trug preußische Uniform und tat ihm die hohe Ehre an, ihm allein ohne Anwesenheit des Ministers des Äußern eine Unterredung zu gewähren, eine nach Hofbrauch ungewöhnliche Auszeichnung. Er entfaltete die ganze Schlichtheit und Einfachheit eines wahrhaft großen Herrn und zugleich jene würdevolle Offenheit, die Vertrauen erweckt. »Das Handschreiben Ihres Souveräns, meines teuersten Freundes, hat mich überzeugt, daß alle Zwistigkeiten unserer Staaten auf Mißverständnis beruhen. Ich vernahm mit Genugtuung, daß Euer Exzellenz damals, als wir leider in hartem Widerspruch standen und mein Minister Schwarzenberg in der Tat etwas schroff wurde, zur Beilegung der beklagenswerten Spannung beitrugen.« »Ich bin wie jeder Deutsche dem durchlauchtigsten Erzhaus Österreich sehr ergeben. Der Wille meines Herrn des Königs geht dahin, diese Ergebenheit durch Taten zu beweisen.« »Ich zweifle nicht daran. Was an mir ist, soll geschehen, daß volle Harmonie herrscht. Die beiden deutschen Monarchen sind aufeinander angewiesen zum Heil Deutschlands und zum Gedeihen unserer Völker, das uns beiden am Herzen liegt.« Es wurden noch viele Worte über dies unverfängliche Thema gewechselt, das zu nichts verpflichtete, dann vorsichtig die schwebenden Fragen angeschnitten: »Meine Minister sind etwas geteilten Sinnes über die Zweckmäßigkeit der uns gebotenen Vorschlage. Wird's denn nit anders gehn, mehr nach der Richtung, die wir einschlugen?« »Ich fürchte, nein, Majestät. Indessen wird gegenseitiges Entgegenkommen schon einen Ausweg finden und jeder Schärfe der Differenz vorbeugen.« »Da schauen's, ganz meine Meinung. Nur keine Differenzen! Wir müssen zusammenhalten für Deutschlands Ehre, da das Ausland uns bedrohen könnte«, bekräftigt der junge Monarch lebhaft und sprach feurig von Verteidigung alter Zucht und Sitte gegen westliche Neuerung. Als er ihn entließ, hatte Otto den wohltuenden Eindruck, daß Franz Josef eine schnelle Auffassung und dabei ein ruhig abwägendes Urteil besitze. Doch konnte er sich nicht verkneifen, an Nanne zu schreiben, der hohe Herr könne sehr gewinnend sein, wenn er wolle, doch ob er immer wolle, sei eine andere Frage. Der feierlichen Audienz folgte die Hoftafel und dieser ein Ausflug ins Gebirge, wo ein Volksfest bunte Landschaftsstaffage hervorzauberte und brausendes Eljen mit sehr demokratischer Ungeniertheit den König von Ungarn empfing. Das Volk kletterte auf die Bäume und besah sich so die Hofgesellschaft. Waldhörner tuteten, Reigengesang umjubelte den jungen gewinnenden Herrscher. Nach dem Abendrot gab es einen andern Operneffekt: Fackelzug durch den Wald. »Exzellenz gestatten, Fürst Windischgrätz, Adjutant Seiner Majestät«, stellte sich ihm ein junger Offizier vor, bei ihm gleichsam zur Dienstleistung befohlen wie bei einem gekrönten Haupte. »Fürst Liechtenstein«, nannte sich sein Tischnachbar, ein eleganter Reitergeneral. Da hatte er also den höchsten Adel der Habsburger Monarchie beieinander. »Gelt, Exzellenz, hier ist's fesch?« freute sich der junge Windischgrätz. »Sine Hungaria non est vita, et si vita, non est ita .« Hier hat's Leben doppelten Wert. Möchten Ex'llenz mal das Land sehen, die richtigen Haiducken?« »Herr Bruder, du solltest« (in der österreichischen Armee duzt sich alles) »die Exzellenz an deinen Herrn Bruder in Alberti-Irsa rekommandieren«, fiel Liechtenstein ein. »Du nimmst mir das Wort aus dem Munde. Der liegt dort in Quartier mit sei'm Ulanenregiment. 's ihst am Rande der großen Pußta zwischen Donau und Theiß, da ihst's fesch und romantisch. Wissen's, mein Bruder hat in Mariage eine Nichte Ihres gnädigsten Königs, eine Prinzessin von Mecklenburg.« »Ich werde nicht verfehlen, meine Aufwartung zu machen.« »Der wird a Freud hab'n und meine Frau Schwägerin dazu.« Mit unendlicher Liebenswürdigkeit plauderten die beiden Kavaliere weiter drauflos und wickelten den verdammten steifen Preußen (Ketzer alle miteinand und Feinde der allerheiligsten Jungfrau) mit ihrer berückenden Herzlichkeit ein. »Ja, in Preußen da sein's halt hochgelehrt, da kommen wir net mit, aber Natur, sag' ich Ihna, Exzellenz, merveilleuse ! Die Ungrischen sind unsre besten Leut in dr' Armee.« »Plausch net so fad!« berichtigte Liechtenstein. »Unsre Bem sind auch net a Wurzen. Reg'ment Ehrbach mit sei'm Grenadiermarsch von Wagram und all die andern Böhmaken sind brave Ludersch. Ich hab' Brünner Dragoner kommandiert, superbe !« »Auch net schlecht, c'est vrai . Doch die von Ungarn haben einen Elan! Serr ein guter Menschenschlag für Soldaten. Die Regimenter Jordis und Giulay bei Aspern und die bei Neusiedl-Wagram und die Ungarndivision Bianchi bei Leipzig und die Liechtensteinhusaren,« er verbeugte sich vor Liechtenstein, »und die Liechtensteinkürassiere, das waren unsere feinsten Reiterregimenter.« »Heut heißt unser bestes ungrisches aber Preußenhusaren,« verbeugte sich der Reitergeneral verbindlich, »und ihr Kommandeur Baron Edelsheim ist aus dem Reich.« (Merkwürdig, daß die Österreicher immer Deutschland schon in alter Zeit als »das Reich« und die sogenannten deutschen Brüder »aus dem Reich« nannten. Sie gehörten doch angeblich selber mit dazu, doch bezeichneten damit selbst den Unterschied zwischen Österreichern und wirklichen Deutschen). »Mein Vater, der Feldmarschall, hielt viel auf die Madjaren.« Bismarck verbeugte sich seinerseits achtungsvoll: »Euer Durchlaucht in Gott ruhender Herr Vater war ein echter deutscher Mann, der dem Korsen einen gründlichen Korb gab, als er ihm ein Rheinbundsherzogtum anbot. Dieser große Held war eine Zierde Österreichs, Deutsch-Österreichs, wie der wunderbare Erzherzog Karl.« Beide Militärs grüßten, doch lächelte Liechtenstein fein: »Seine Kaiserliche Hoheit der Generalissimus war sogar für manchen guten Österreicher zu ... deutsch und entschieden zu ... liberal. Seinen durchlauchtigsten Bruder Erzherzog Johann hatten Sie ja draußen im Reich. Beide hohen Herrn fielen unter Fürst Metternichs Regime ein wenig in Ungnade. Man nennt sie nicht gern bei Hofe.« Das sollte ein höflicher Wink sein. »Wir sahen ja, wohin das führt«, schnarrte der junge Windischgrätz. »Mein Papa mußte unsere braven Wiener Mores lehren ... und die Ungarn.« Oder sie ihn, dachte Otto, wenigstens anfangs und nachher kam die russische Hilfe, »heut ist das alles vergeben und vergessen. Moriamur pro rege nostro ! heißt es heut in allen treuen Madjarenherzen.« Ob das so stimmt? Wer Haß sät, erntet meist eine Drachensaat. »Nur auf Rußland bleiben sie bitter erbost«, fügte Liechtenstein hinzu. Ganz gut, vielleicht wird das mal ein politischer Faktor. Als Otto nach der Ofener Burg zurückkehrte, sah er einen ungarischen Grenadier mit Bärenmütze, weißem Kollet und blauen Schnürhosen auf der Terrasse über der Donau als Schildwache stehen. Sein langes Bajonett ragte von unten herauf über den Fensterrand, so daß es den Kerzenschein im Schlafzimmer spiegelnd zurückwarf. Den Fußboden aber betüpfelten viel schwarze Flecke im Getäfel, die wie Tintenklexe aussahen: Brandflecken von Granatsplittern, wo sich hier General Henzi im rauchenden Schutt bis zum letzten Mann wehrte. Nicht drei Jahre ist's her, und das war nur der Anfang des ungarischen Befreiungskriegs – pst, der Rebellion – und heut schon alles begraben? Wer's glaubt! Und wer darf Österreich einen deutschen Staat nennen, wo ein halbwildes Volk aus Asiens Steppen den Ton angibt oder wenigstens die erste Geige spielen möchte! Österreich im deutschen Bund ist geradeso Anomalie, als ob Frankreich, weil es den Elsaß, und Rußland, weil es die baltischen Deutschen hat, einen Fuß in Deutschland hätten. Soll man die Niederwerfung Ungarns als einen Germanensieg Deutsch-Österreichs feiern? Das wäre Unsinn, sintemal es slawische Truppen waren, Tschechen und Kroaten, die hier reinen Tisch machten. Nun, man muß praktisch denken. Noch ist Österreich eine große Militärmacht, »teufelmäßig stark«, wie Napoleon sagte. Radetzky hat's in Italien bewiesen. Italien! Da schmort eine Olla Potrida im Topf, schärfer gewürzt als ungarischer Gulasch. Man hat den Pott zugeschüttet, doch neue Dämpfe steigen auf, das Feuer brennt lichterloh und die Speise wird auf den Tisch kommen, serviert von einem französischen Koch. Abwarten! Nichts wird so heiß gegessen, als es gekocht wird. Nur uns nicht von Österreich ins Schlepptau nehmen lassen! Allein sind wir nicht stark genug, mit ihm unseren Span auszufechten. Doch vielleicht bröckelt durch fremde Stöße etwas von der Macht ab, bis wir fertig sind. * In Irsa gab man ihm einen Trupp galizischer Ulanen als Eskorte mit, als Schutz gegen die romantischen Räuberbanden, die Petyaren, meist aus Kleinadel der Pußtadörfer entsprungen. Sie trabten mit gespanntem Karabiner neben dem rumpelnden Leiterwagen, den ein Bauer mit weißen Türkenhosen und gespornten Kanonenstiefeln kutschierte. So ging's nach Keskemet über tellerflache endlose Grasebene. An einem Ziehbrunnen unter kahlen Pappeln brüllte ein Büffelschwarm die Galoppierenden an, Hasen stoben dahin, Wildgänse und Wildenten flogen kreischend auf, Zieselhamster huschten vorbei. Die Hitze schälte die Haut vom krebsroten Gesicht, die Heuschicht im Wagen dünstete davon aus mit betäubend süßem Geruch. In Szolnok liefen Madjaren, Slowaken, Walachen bunt durcheinander, die Weiber in den grellsten Farben. Otto musterte das Bild mit Maleraugen und klagte, daß er nicht zeichnen könne, ein Lessingscher Raffael ohne Arme, und hörte den grellen Dissonanzen von Pußtaliedern mit Musikerohren zu. Dagegen nahm sein deutscher Geschmack Anstoß an den kropfartigen Busen, die sozusagen schon unter dem Kinn beginnen, und an einem Risotto mit Krebsschwänzen, der in gelbem Fett und rotem Spaniolenpfeffer schwamm. Auf Paprika-Hähndl und Stürlfisch folgten rohe Maiskolben als Nachtisch. Tokayer Ausbruch war zwar nicht zu verachten, doch die wahren Leckerbissen blieben ihm versagt. Denn wer in Ungarn nicht Ferkel am Spieß gebraten im Tannenwald und gewisse Teile des Ziegenbocks und dazu Roten aus Bocksbeutel genossen hat, der hat die wahre Räuberromantik nie erlebt, den feisten Schafskäse nicht zu vergessen. Und die gehofften Räuber hielten sich versteckt in des Waldes tiefsten Gründen, obschon sie gestern achtzig Reisende ausplünderten. Die Ulanen waren ihnen unsympathisch. Ach, selbst in Ungarn ist das Heldenzeitalter vorüber. »Hat Schwob sich mal satt gefressen«, meinte ein alter Pächter wohlwollend. »Bei ihm zu Haus' lauter Hungerleider.« Und mehrere spuckten aus: »Nemet!« (deutscher Hund!) Dagegen grüßte ein behäbiger Bauer durchs Fenster hinein: »Grüß Gott! Gott gesegn's!« und stellte sich als Banater Schwabe vor. Auf Ottos Erkundigung, wie es den zahllosen Deutschen im Banat und in den Siebenbürger Sachsengebieten ginge, hieß es: »Danke der Nachfrag'. 's geht uns allen guet, sehr. Aber seit der Revolutschon sind die Ungarn wüscht und woll'n uns unsre Muttersprache aus dem Mund nehmen, wenn sie könnten. Das sagen's nur draußen im Reich, wir sein gute Dütsche.« Ob sich da nicht eine Brücke schlagen ließe zwischen uns und diesem urwüchsigen, starken Madjarenvolk, das einen Kossuth und Görgey, einen Deak und Szecheny hervorbrachte? Ein Nationaldichter, ein gewisser Petöfi, fiel als Honvedmajor auf deutsch-ungarischer Erde bei Schäßburg im Sachsenland gegen die Russen. Es wäre aussichtsreich, mit Ungarn in Wechselverkehr zu treten. Seltsame fernliegende Gedanken flogen ihm durch den Sinn. Die Russen waren seine lieben Freunde und Kossuth ein scheußlicher Revolutionär, aber –! Wer weiß, was noch werden kann! Die Aussicht auf die Ofener Waldgebirge von der Zitadelle war gewiß sehr schön, doch die Aussicht auf baldigste Heimkehr noch schöner. Allerdings hatte man ihn mit Liebenswürdigkeiten überschüttet und ihm auch den Eindruck geben wollen, als ob die höchsten Militärkreise ganz für Preußen eingenommen seien, besonders die nächste Umgebung des Kaisers. Feldmarschall Fürst Windischgrätz überfiel ihn förmlich in einer Gesellschaft mit stürmischen Ausbrüchen seiner prussophilen Begeisterung. Er ließ ihn den ganzen Abend nicht los und redete ununterbrochen auf ihn ein, daß er uneingeschränkte Wertschätzung für alles Preußische als Leitstern wähle. »Ihre Armee ist ein Muster von Königstreue und Disziplin, Ihre Beamten haben nur ein Ideal: travailler pour le roi de Prusse – aber nicht, hehe, im Sinne des französischen Sprichworts. Schauen's, für alle Gutgesinnten gibt's nur eine Richtschnur: Freundschaft, innigste, zwischen uns Zentralmächten. Da ist der Cujon Bonaparte in Paris,« er sah sich stolz um, als wolle er sagen: mir kann keiner was verbieten, kein Spitzel kommt mir nahe, »der spinnt Unheil. Doch das teure Preußen wird uns stärken im heiligen Krieg wider welsche Demokratie und bonapartische Räuberei.« Vertraulich fuhr er fort: »Ich will mich nicht in Ihr Vertrauen drängen, doch die Frag' ist wohl erlaubt: Hatten Sie hier Erfolg? Man weiß halt doch, warum sich's handelt, die Zollunion.« »Könnt's nicht sagen, Durchlaucht, Herr v. Bach besteht wie Shylock auf seinem Schein, d. h. was er dafür hält. Denn tatsächlich liegt keinerlei rechtlicher Anspruch vor, unsere eigene preußische Anschauung der Dinge zu durchkreuzen.« »Der verfluchte Rotüvier mit seiner Judenclique! Die wollen gut kaiserlicher sein als Seine k. k. apostolische Majestät selber und sind natürlich bessere Österreicher als unsereins. Ich bin für Zusammenschluß mit Preußen um jeden Preis. Ist also Ihre Mission gescheitert?« »Ich fürchte so. Doch ist ja nicht aller Tage Abend.« Der Kaiser zog ihn in eine Fensternische und flüsterte ihm zu: »Ich habe mein Ministerium beauftragt, den unziemlichen Angriffen gegen Preußen in unserer Presse ein Ende zu machen. Ich setze voraus, daß Seine Majestät von Preußen das gleichtun werden, denn der Ton Ihrer Presse läßt auch zu wünschen übrig.« »Alleruntertänigsten Dank! Das wird heilsame Folgen haben.« »Auch für die Zollfrage, mein lieber Herr v. Bismarck? Ich gestehe, daß wir wohl bei dem Programm verbleiben werden, das wir früher aufstellten. Gehen's, geben's a bissel nach!« »Darin bedaure ich Euer Majestät nicht dienen zu können. Die besonderen Tarife des Kaiserstaats verlangen besondere Behandlung, nicht konform mit den sonstigen deutschen Verhältnissen.« Die Stirn des Herrschers umwölkte sich ein wenig. Mit fürstlichem Takt lenkte er sogleich auf ein anderes Thema ein und erkundigte sich angelegentlich nach Preußens Heerverfassung. Otto stand Rede, der Kaiser horchte aufmerksam und gespannt. »Es wird Ihnen bekannt sein, daß Ihre Heerreform in den Befreiungskriegen eigentlich von uns ausging, nach dem Vorbild jener Wehrkraft, welche die Weisheit des hochseligen Kaiser Franz schuf.« Das heißt: welche Erzherzog Karl und die Grafen Stadion gegen den Willen des verknöcherten Absolutisten schufen, dem die Landwehr ebenso ein Greuel war wie der Tiroler Aufstand, der ohne rechtmäßige Obrigkeit auf eigene Hand das Volk bewaffnete. »Bei veränderten Zeitläuften müßten natürlich diese etwas demokratischen Grundsätze fallen. Das System der Reservemannschaften und der Landwehr ersetzten wir durch erhöhtes Kontingent der gewöhnlichen Rekrutierung. Reüssiert denn bei Ihnen immer noch die Landwehrgattung? In der greulichen Revolution soll sie sich sehr schlecht benommen haben.« »Zum Teil, ja. Man wird natürlich gut tun,« er wollte unvorsichtig von Reform der Landwehr reden, wie der Prinz von Preußen es vorhatte, verschluckte aber eiligst diese »Information« und fuhr fort: »sich nicht allzusehr darauf zu verlassen.« » C'est ça. Das scheint mir eine Schwäche Ihrer Wehrmacht. Immerhin bleibt Preußen militärisch sehr stark. Wir haben ein Interesse daran, dies zu beachten, weil wir in auswärtigen Fragen doch wohl zusammenstehen müssen.« Der Monarch sah den Vertreter Preußens vielsagend an. Aha! dachte dieser. Komplikationen im Osten am Balkan oder Wirren in Italien. Bis zur Märzrevolution ließ uns Österreich in Deutschland ziemlich freie Hand, wenn wir ihm nur in europäischen Fragen Gefolgschaft leisteten. Seither wollte es uns auch in Deutschland zum Lehensträger degradieren. Das wird jetzt anders, der frühere Zustand tritt ein. Um so mehr wollen wir festbleiben im schwebenden kommerziellen Punkt. Um sich zu decken, telegraphierte er in Chiffre nach Berlin, ob er irgendwelche Konzessionen machen solle bei der letzten entscheidenden Unterredung mit Buol. Knapp rechtzeitig traf die inhaltsschwere Antwort ein: »Nein!« * Mit stiller Ironie betrachtete Otto die Selbstbenennung seines Gasthofs, wo er wieder einkehrte: »Römischer Kaiser«. Das Heilige Römische Reich Deutscher Nation ging von den Staufen auf die Habsburger über, und wenn längst das Wesen schwand und sie die Bürde niederlegten, so bewahren sie in Gedanken den Titel. Sie pflegen auch noch verwandtschaftliche Beziehung zu Spanien, trotz der gewechselten Dynastie, als lebte noch das Reich Karls V., und sind des Papstes liebste Schildgarde. Ein katholischer Islam. Nun ja, auf der Karte nahm sich die Zentralmacht Deutschland-Österreich stattlich aus, einst sogar Holland und Schweiz, bis zur Jahrhundertwende Belgien in Händen, so daß weder Türken noch Franzosen als Eroberer auf die Dauer diesem Block gewachsen waren. Auch die Französische Revolution und Napoleon selber hätten uns nie niedergeworfen, wenn alle Deutschen und besonders Preußen fest zu Österreich standen, das sich erstaunlich anstrengte, und daß wir nachher nur mit russischer Hilfe Meister gingen, schadete unberechenbar. Aber wie konnte man von uns Norddeutschen erwarten, wir sollten uns für dies erzkatholische Erzhaus erwärmen, das uns den Dreißigjährigen und Siebenjährigen Krieg bescherte? Schreit nicht ewig die Zerstörung von Magdeburg zum Himmel, hausten die Panduren nicht in Berlin ärger als die Russen? Was hat denn Österreich je beachtet als seine Hausinteressen? Deutschland war ihm nicht mal ein Stiefkind. Für den richtigen Austriaken hört Deutschland in Dresden und München auf, alles übrige ist ihm Fremdland. Die schwarz-gelbe Herrlichkeit in deutschen Gauen unterscheidet sich wenig von der Fremdherrschaft in Italien. Wir sind unterworfenes Ausland, nichts weiter, und wäre nicht Preußen, hätte Österreich längst wieder alle Deutschen für seine Selbstsucht ausgenützt. O, die Sünden dieses Reiches sind schwer, und alle Schuld rächt sich auf Erden. Wer weiß, ob dieser junge Kaiser, sehr unschuldig daran und gewiß von bestem Willen, nicht ausbaden muß, was eine lange Reihe von Ahnen verfehlt! Anderseits, wenn man dies unnatürliche Zwinggebilde erst auf seine natürlichen Grenzen zurückdämmt, darf man ihm geschichtliches Verdienst nicht absprechen. Zu guter Letzt verbreitete Österreich noch deutsche Kultur bis in den fernen Osten und bleibt so ein Mandatar des gesamten Deutschtums. Es hält mit eisernem Reif, der wohl rostet, doch durch jahrhundertelange Gewohnheit sich den Völkern wie ein unzertrennlicher Teil ihres Körpers anpaßte, Slaven und Madjaren im deutschen Bannkreis, die sonst anderswohin gravitieren möchten. Nein, die Existenz des Donaustaates antasten und ihn zu sehr schwächen, wäre Selbstmord für uns. Und es hat ja auch sonst mancherlei Vorzüge. Nur 'raus muß es aus Deutschland, darüber bin ich mir klar. – Ach Gott, ich träume und zukünftle hier, und noch läßt rein gar nichts Verwirklichung hoffen. Ich werde nicht mehr erleben, das gelobte Land zu schauen, aber Gott nehme meinen guten Willen für die Tat. Einmal kommt es doch, wie ich's voraussehe, nur mahlen Gottes Mühlen zu langsam! – – Die Wiener Presse, von oben her »suggeriert«, wunderte sich, warum Preußen nicht einen älteren erfahreneren Diplomaten schickte, um Aussöhnung mit Österreich herbeizuführen. Auch bohrten ihn die Damen des Meyendorffer Salons mit der so bewährten Wiener Naivität an: »Ei, Exzellenz sollen ja ein arg halsstarriger Herr sein. Die Männer sind manchmal so blöd. Wenn's was Hübsches zustand bringen, dann ihst Ihre Reputation gesihchert. Denken's an Ihre Frau Gemahlin, was die für a Freud' haben wird, wenn's große Karriere machen. Und, wissen's, Dekorationen sein's auch net zu verachtehn. Großkreuz von hohen Orden kommt manchmal wie die gebratenen Tauben im Schlaraffenland.« Doch Otto lächelte nur. Erstens wollte er nicht Botschafter in Wien werden, was dann unausbleiblich der Fall gewesen wäre, zweitens könnten ihn sämtliche Orden der Welt nicht veranlassen, von seiner Pflicht nur nagelgroß abzuweichen. Freilich konnte die Wetterfahne in Berlin sich drehen und er lief Gefahr, eines Tages zu hören: Dieser starre Prinzipienreiter hat jeden Ausgleich verdorben. Na, dann hat er ihn verdorben und zieht sich wie der Römer Fabricius vor Versuchungen und Drohungen des Pyrrhus ins Landleben zurück. Die eigene Scholle kann man mir nicht nehmen. Neulich hatte der hannoversche Gesandte ihn vertraulich gefragt, ob's denn wahr sei, daß er Manteuffels Nachfolger werde. Er klärte Graf Platen auf, dahin gehe nicht sein Ehrgeiz. Wohl vermute er, der König wolle ihn mal später zu seinem Minister erziehen, aber er selbst wünsche noch zehn Jahre lang als Gesandter die Welt zu studieren, und dann allerdings zehn Jahre lang Minister zu spielen, »womöglich mit Ruhm«. Und dann wolle er als Landwirt das alles verdauen und Obstbäume einsetzen. »Wie mein Onkel in Templin bei Potsdam.« Wenig ahnte er, daß Adolf Platen ihn für eine so wichtige Person hielt, dies halb im Scherz geführte Gespräch brühwarm nach Hannover zu berichten. »Wir müssen rekapitulieren«, begann Graf Buol stockend und zögernd, er hatte sich erst letzthin gründlicher informiert. »Anno 1834 hat Preußen 18 deutsche Staaten und später noch manche anderen in einen Zollverein gesammelt. Es war der liebste Wunsch meines berühmten Vorgängers, Fürst Schwarzenberg, diese kommerzielle Union auf den Bundestag zu übertragen.« »Ohne jede rechtliche Basis«, unterbrach Bismarck kühl. »Preußen betrachtet den Bund als eine reine Polizei- und Militärinstitution. Jede Ausdehnung über solche Funktionen hinaus ist widerrechtlich.« »Wir wollen uns um akademische Rechtsfragen nicht streiten. Jedenfalls wünschte Österreich eine andere Zolliga zu veranstalten nach dem Muster des hannoverschen Steuervereins. Dieser schloß Hannover, Braunschweig, Oldenburg, Lippe in sich. Indessen erzielte Preußen im September vorigen Jahres eine Fusion damit, ohne seine sonstigen Zollvereinsmitglieder zu unterrichten. Sie werden gestehen, daß diese heimliche und selbstherrliche Art besonders die süddeutschen Staaten aigrieren mußte.« »Ich gebe gar nichts zu. Preußen als Präsident war in seinem Recht, und wenn sich einige Überempfindliche dabei übergangen fühlten, so erkennen wir Österreich das Recht nicht zu, deshalb einen großen Indianerkriegsrat nach Wien zu berufen, bei dem keineswegs die Friedenspfeife geraucht werden sollte.« »Ich möchte Euer Exzellenz bitten, solche tudesken Vergleiche zu unterlassen. Die sogenannte ›Darmstadt-Koalition‹ hatte gute Gründe, die Vorschläge unseres Kabinetts anzuhören.« »Politisch möglichenfalls, in deren Sinn verstanden. Kommerziell aber nicht, im Gegenteil. Und die öffentliche Meinung des Volkes war überall zugunsten Preußens.« »Wie Euer Exzellenz sie zu bearbeiten beliebten«, flocht Buol giftig ein. »Die entsprechenden Informationen durch Graf Thun liegen uns vor. Sie taten das Menschenmögliche, die süddeutsche Presse zu beeinflussen.« »Ich schmeichle mir«, bekräftigte Otto trocken. Ging er doch so weit, einen Gegenseitigkeitsverband der gelehrten und statistischen Vereine von Berlin mit denen von München, Stuttgart, Karlsruhe durchzusetzen und so »intellektuelle Sympathie« für Preußen zu erwecken. »Nun, das Ende war also, daß die ›Darmstädter‹ einen vollständigen Zollverein wünschen auf Basis eines Präliminarvertrages mit Österreich. Wir sind dazu bereit, Sie lehnen ab.« »Gewiß, wir verlangen völlige Zollunion aller deutschen Länder auf Basis unseres Einverständnisses mit Hannover, bevor wir in einen separaten Handelsvertrag mit Ihnen eintreten. Und wir werden diesen Boden behaupten.« »Wozu dann eigentlich Ihre mission extraordinaire ?« »Um uns separat mit Ihnen auseinanderzusetzen. Wir sind nicht abgeneigt zu einem besonderen Handelsvertrag zwischen Österreich und Preußen, der sich nachher auf ganz Deutschland übertragen kann.« »Jesus-Maria, nicht abgeneigt! Wir können warten.« »Wir auch. Um offen zu sein: es fehlt an den gleichartigen Unterlagen, der Verbrauch ist schon in der deutschen Zollgemeinschaft verschieden und nur gutwillige nationale Einheit verbürgt die kommerzielle. Wo steckt aber diese zusammengehörige Freundlichkeit zwischen Ungarn und Galizien und vollends zwischen diesen und uns? Ich wüßte nicht wo.« »Nun, ich glaube, die staatlichen Interessen – –«, hob Buol hochtrabend an, doch Otto unterbrach ihn: »Pardon, das gilt hier nicht. Bei Geldsachen hört die Staatlichkeit auf, nicht nur die Gemütlichkeit. Österreich lebt von eigenen Produkten, nicht von importierten.« »Das sollte doch gerade zugunsten der Zollgemeinschaft für Preußen sprechen, und die Ziffern sagen so aus.« »Ein Irrtum. Sie würden uns mit Ihrem Überfluß billiger Lebensmittel überschwemmen und so die deutsche Landwirtschaft erdrücken. Dagegen bedarf mindestens Transleithanien so gut wie nicht unsern Export von Industrie und Handwerkswaren. Übrigens kann ich nicht umhin zu bemerken, daß die nichtdeutschen Beamten – – und das sind die meisten Ihrer Douane – – mir kein Vertrauen zu ihrer Redlichkeit einflößen.« Buol sprang auf. »Das ist eine Beleidigung der k. k. Beamtenschaft.« Otto blieb ruhig sitzen. »Nur meine unmaßgebliche Privatmeinung. Es kommt ja auch gar nicht darauf an, wie Sie dies auffassen, sondern was meine Regierung denkt. Zu einem eigenen Handelsvertrag wären wir trotz alledem erbötig gewesen, nicht aber dazu, wider besseres Wissen die Aufnahme Österreichs in den deutschen Zollbund zu genehmigen. Da Euer Exzellenz unser Entgegenkommen falsch verstehen, so hat weitere Diskussion keinen Zweck.« Als Otto aus dem Audienzsaal trat, fand er die Gesandten aller deutschen Kleinstaaten im Vorzimmer versammelt, die ihn mit Fragen umdrängten. »Ich kann Ihre Neugier nicht befriedigen, meine Herren«, fertigte er brüsk ab, woraus man richtig entnahm: er will nicht. Aber aus dem Durcheinanderreden entnahm er, daß ihre Regierungen die Haltung Buols nicht billigen würden. So geschah es, Preußen blieb kommerzieller Sieger. Und Bismarck hatte nichts eiligeres zu tun, als Manteuffel zur Verfolgung des Sieges aufzufordern. »Die Koalitionsminister wie Beust-Sachsen und Dallwigk-Hessen-Darmstadt müssen hinaus,« äußerte er zu Lynar, »um die volle Bedeutung unseres Sieges der öffentlichen Meinung einzuprägen und unseren Einfluß in Deutschland zu verstärken.« Doch der träge und jeder scharfen Initiative abgeneigte Manteuffel unterschlug nicht nur diesen Wunsch, sondern bezeigte ihm bei seiner Rückkehr nach Berlin eine merkliche Erkältung. Entstellungen des Platenschen Rapports, von Hannover verbreitet, gaben dem Minister die falsche Überzeugung, man arbeite gegen ihn und wolle seinen Sturz. »Sie bereden ja wohl Ihre negativ erfolgreiche Mission mit General v. Gerlach, Ihrem besonderen Freunde«, betonte der Premier kalt und bitter. »Da wird Seine Majestät der König gewiß den richtigsten Eindruck empfangen, ohne daß ich mich bemühen muß.« Verdutzt und geärgert erwiderte Otto: »Ich nehme an, daß auch Sie die Dinge richtig darstellen. Graf Arnim ist genesen und eine etwaige höchstenorts bestehende Absicht, mich an seine Stelle zu setzen, damit hinfällig, was ich begrüße.« »Sie wollen sich dort nicht binden, ich verstehe.« »Ich verstehe nur so viel, daß ich persona ingrata in Wien bin und bleiben werde. Man würde dort keine Mittel unversucht lassen, mich durch Hofklatsch in Berlin zu diskreditieren, was von Wien aus leichter wäre als aus Frankfurt.« Manteuffel sah ihn zweifelhaft an, ob er die Wahrheit rede. Aber Otto erkannte so viel, daß er in seinem alten Vertrauten und Vorgesetzten von jetzt ab ein feindliches Element vor sich habe. * In Frankfurt lebte der Flottenkrakehl wieder auf. Bald standen sich die scheinbar beerdigten drei Parteien früherer Jahre gegenüber: das Großdeutschland Österreichs, in dem es die Suprematie begehrte, »die beschränkte Union« im preußischen Sinne, die »Trias« der Mittelstaaten. Als Preußen den Nordweststaaten vorschlug, sie sollten einen Flottenbund mit ihm bilden, zerschlug sich die Sache. Der blinde König von Hannover, zu schwach es allein zu unternehmen, wollte es aus Eifersucht auch nicht unter Preußens Ägide. »Ach, lassen Sie mich zufrieden, verehrter Freund«, lehnte v. Schele ab, der als Minister nach Hannover ausschied und seinen Nachfolger Bothner vorstellte. »Führte Neptun selber den Vorsitz, so wollten wir doch nichts damit zu tun haben.« Zuletzt sank das ohnehin spärliche Nationalgefühl des Bundestages so tief, daß er, um nur ja keine blutige Zwietracht aufkommen zu lassen, die Flotte dem Hammer des Auktionators überlieferte. »Ein Bremer Apotheker hat Marinevorräte mit Beschlag belegt als Äquivalent für neunzig Taler, seine Löhnung für Ausmerzung von Tintenflecken. Tinte überall, selbst auf den deutschen Schiffen, das scheint das nationale schwarze Blut, das einzig vergossen wird«, seufzte Otto düster. Die Reichsflotte endete unter dem Hammer eines gewissen Hannibal Fischer. »'s gefällt mir hier so goar net«, klagte der neue bayrische Gesandte Schrenk. »Mir schwant Malheur von neuem Disput über den neuen Empereur.« Der verschlagene Louis setzte sich richtig die Kaiserkrone auf, und der englische Gesandte setzte den preußischen sofort in Kenntnis: »Die Regierung Ihrer Britannischen Majestät hat das Kaiserreich anerkannt.« »Ohne sich mit dem europäischen Konzert ins Einvernehmen zu setzen?« Lord Cowley zuckte die Achseln. »Die britische Regierung tut, was sie für gut findet, mein lieber Herr v. Bismarck, und tut nichts unüberlegt.« Das geht offenbar gegen Rußland, das den Usurpator niemals anerkennt. Ein Bund der Westmächte kann uns Ungelegenheiten bereiten. Was tun? In unanständiger Hast sich beim neuen Frankreich anbiedern? Scheint Österreich willens dazu? Wir müssen uns diesmal unbedingt mit ihm verständigen. Auf dem Heimweg rief ihn Scherff an: » Quid novi ex Francia? Wissen Sie schon, das Herzogtum Nassau und Frankfurt haben die französische Regierung beglückwünscht.« »Eine Insolenz!« brauste Otto auf. »Der elende Parvenü mit dem gekauften Freiherrntitel, der jetzt Frankfurt vertritt, rächt sich für mein Schneiden seiner werten Person, und Nassau war immer rheinbundschwanger. Nicht mal dem Ausland stellen wir eine vereinte Front entgegen.« Ruhig fügte er hinzu: »Ich setzte mich sofort mit Thun in Verbindung.« Auf die Andeutung, der Zar werde außer sich sein, enthüllte sich wieder mal Österreichs Ranküne gegen den einstigen Retter. Hieß doch das politische Testament Schwarzenbergs: »Wir werden die Welt durch unsern Undank in Erstaunen setzen.« Mit wohlwollendem Lächeln, Macchiavellis würdig, klärte Thun ihn auf: »Ich bin abberufen, liebster Kollege, und bis mein Nachfolger eintrifft, werden Sie die Präsidentschaft führen. Ihnen also liegt ob, in Ihrer staatsmännischen Weisheit die verschiedenen divergierenden Bächlein der Meinungen in den richtigen Kanal zu leiten. Ach, mein Leberleiden zwingt mich schon lange zur Ruhe und Mäßigung, und ich wandere nach Karlsbad, indes Sie, liebe Exzellenz, die Lösung des etwas peinlichen Dilemmas im Namen Deutschlands leiten. Bonne chance! « Eine echt österreichische Hinterlist. Ob die Anerkennung Napoleons oder das Gegenteil den Deutschen mißfiel, in jedem Falle hatte jetzt Preußen die Verantwortung zu tragen, während die Donaumacht außerhalb des Bundestags mit Frankreich verhandelte. Die Gesandtschaftsbeamten Zittelmann, Kelchner, Wenzel – letzterer ein Faktotum aus Rochows Zeit – bekamen strenge Arbeit, denn ihr Oberer ließ sich Tag und Nacht keine Ruhe, um vor allem den Berliner Hof zu überzeugen, daß sich gegen schleunige Anerkennung des Pariser Gewalthabers nichts machen lasse. Otto sah ein, daß Österreich sicher dem Empereur zulächeln werde. Preußen durfte nicht allein draußen bleiben, bloß für die schönen Augen des Zaren. Ein französisches Journal, das in Frankfurt erschien, nannte als angeblichen Eigentümer den Baron Vrintz, Schwager des österreichischen Ministerpräsidenten. Das Reptilblättchen schwelgte sofort in begeisterten Verzückungen für Kaiser Louis. Unverzüglich begab sich Otto zu Vrintz und gratulierte ihm: »Sie haben also direkte Beziehungen zu dem Kaiser in Paris.« »Was denken Sie von mir!« rief der naive Baron mit tugendhafter Entrüstung. »Wie würde ich bestellte Arbeit solcher Art aufnehmen!« »Hm, Sie werden nicht leugnen, daß es den Anschein hat. Ich sende heut nach Berlin ein Exemplar –« »Dann bitte ich Sie, solchen Kommentar zu unterlassen!« rief Vrintz ängstlich. »Um Ihnen den Ungrund Ihres Argwohns darzutun, die Artikel stammen aus Wien.« »Ah, ich danke Ihnen, Sie haben mein Mißtrauen zerstreut.« Nun wußte er, was er wissen wollte, und als bei einer nächsten Sitzung die französische Frage angeschnitten wurde, eilte er spornstreichs nach Hause und erstieg in seinem Garten eine Leiter, von wo er das Haus des französischen Gesandten, sehr in seiner Nähe gelegen, beobachten konnte. Es dauerte nicht lange, daß der Württemberger Reinhard das Haus Tallenays verließ. Bald darauf stieg auf dem Bockenheimer Bahnhof der hessische Minister Dalwigk aus, ein erbitterter Feind Preußens und Welschgänger, begab sich zu Tallenay und fuhr bald wieder mit dem Zug nach Darmstadt ab. Wie ist dieser Versuch zu erklären? fragt der Lehrer in der Physikstunde. Manteuffel erwies sich plötzlich als »Bonapartist«. Er begünstigte die Broschüre eines von ihm entdeckten und besoldeten literarischen Klopffechters, namens Rhino Quehl, worin der Staatsstreich als Sieg über das Revolutionsprinzip angehimmelt wurde. Die Unentwegten der konservativen Partei erschraken darüber und blieben bei der ziemlich richtigen Auffassung, daß »Bonaparte«, wie der brave Gerlach bis an sein seliges Ende den Empereur betitelte, die fleischgewordene Revolution sei wie einst sein sogenannter Onkel. Viele andere Konservative begrüßten aber in ihrer völligen Grundsatzlosigkeit und kindlichen politischen Unreife den furchtbaren Tyrannen als einen famos schneidigen Burschen, der mal dem Bürgerpack Mores lehrte, d. h. sie fielen auf den gleichen Zauber herein, der einst dem großen Napoleon die warme Anerkennung aller Dynastien gewann, weil er »den Abgrund der Revolution geschlossen« habe. Daß dies unter Organisierung aller wahren Revolutionserbschaft geschah, und daß auch heut der gekrönte Abenteurer als Schirmherr des »freiheitlichen Liberalismus« auftreten werde, daß so die seit dem Pariser Frieden so sehr zusammengeschrumpfte Macht Frankreichs auf einmal auferstehen und der gewandte kaiserliche Hochstapler sich auf lange den Beifall seiner ehrgierigen Nation sichern werde, verkannte Otto natürlich nicht. Aber fürs erste galt es, Frankreich als Hebel gegen Österreich zu benutzen. Daß der völlig prinzipienlose, ewig unzuverlässige, uferlos im Strom der Ereignisse schwimmende Manteuffel keineswegs von solcher praktischen Erkenntnis geleitet wurde, dies zu erklären blieb der Zukunft vorbehalten. Otto depeschierte lang und breit nach Berlin und gewann Boden für selbstständigen Schritt beider Großmächte, ihre Gesandten in Paris zu re-akkreditieren, in der milde ausgedrückten Voraussetzung, der neue »Herr Bruder« werde den Frieden und die bestehenden Verträge achten. Auf einem großen Staatsdiner, das Otto den »kaiserlichen« Gesandten gab, merkte man freilich bei den Vertretern der Kleinstaaten eine gewisse Verstimmung, daß die Großmächte, ohne sie irgendwie zu Rate zu ziehen, sich mit Paris verständigten. Otto hatte vorgestellt, daß z. B. der blinde König von Hannover sich in seinem Welfendünkel widersetzen werde, so daß die Verhandlung am Bundestag sich zu lange hinziehen würde. »31 Uniformen hab' ich zu Tisch gehabt, dies Galadiner müßten Sie mir von Rechts wegen ersetzen, verehrtester Freund!« empfing er scherzend den neuen Präsidialgesandten Freiherrn Prokesch v. Osten, der endlich den unleidlichen Thun ablöste. Letzterer trat jedoch letzthin im Privatverkehr Otto gemütlich näher, seine schöne Frau nahm sich Johannas freundlich an, obschon sie, eine geborene Gräfin Lamberg, eine geborene Puttkamer nur zum allerkleinsten Adel rechnete und als große Dame die ländliche Unerfahrenheit einer pommerschen Landpomeranze bemitleidete. »Pommersche Gänsebrust!« hatte der zynische Thun anfangs gewitzelt, doch die schlichte Würde und Ruhe der norddeutschen jungen Frau nahm für sie ein, und da die hohen Thun-Hohensteins sie patronisierten, so eroberte sie sich eine unauffällige, aber angesehene Stellung in der Gesellschaft. Frau v. Eisendecher, ziemlich tonangebend, wollte nur noch »Nelly« von ihr genannt werden. So sahen Bismarcks das gräfliche Paar nicht ohne Trauer scheiden. Den Prokesch kannte Otto schon als früheren Botschafter in Berlin zur Olmützer Zeit, das bedeutete nichts Gutes. Er erwarb sich seine Sporen im Orient und zog sich dort jene Neigung zur Hinterhältigkeit zu, die einst Gneisenau am Seapoygeneral Wellington bemerkte. Diese Entente cordiale über Napoleon den Kleinen zerfiel im folgenden Jahre sehr bald. Die ultrareaktionären Regierungen Süd- und Mitteldeutschlands hatten schon im August vor anderthalb Jahren ein äußerst strenges Programm aufgestellt, wie der Drachen der Demokratie in seine Schlupflöcher zu verfolgen sei. Die Hauptwaffe sollte ein verschärftes Preßgesetz werden. Zu aller Erstaunen widersprach der Pressefeind Bismarck. »Sie vergleichen doch selbst Ihre liberalen Zeitungen daheim mit einem vergifteten Brunnen«, hielt ihm Oertzen etwas pikiert vor. »Solange sie nur Gift hatten, heut haben sie auch Balsam, ihre deutschpatriotische Gesinnung.« Vor seinen vertrauten Untergebenen setzte er auseinander, sich auf dem grünen Sofa an Nanne anlehnend und die Kinder auf dem Schoß: »Nur eine freie Presse kann Österreichs Übergriffe bekämpfen. Wir wollen nicht Sklaven der Demagogie, aber auch nicht fügsame Schüler der Austriaken sein. Bemerken Sie diese neue Perfidie! Preußen soll entweder einen Beschluß des Bundestags ablehnen oder umgekehrt durch dessen Annahme einen neuen Konflikt mit unseren Kammern heraufbeschwören. Unser eigenes Preßgesetz zu ändern, würde die ganze Nation in Harnisch bringen, und sollen wir bei heimischer Gesetzgebung das Volk einfach den Willen der Kleinstaatsouveräne ausliefern? Nichtsda!« Er sprach schon lange vom Volk als einem mitzählenden Faktor, was ihm früher in seiner Parteiwut nie einfiel. »Aber eine diktatorische Presse –« warf der Legationsrat Zittelmann ein. »Ist mir das kleinere Übel neben einem dominierenden Österreich. Ich werde Ihnen nachher eine lange Depesche an Manteuffel diktieren. Wir stehen gottlob anders da, als die kleinen Herrschaften, die keine Konzessionen machen dürfen, weil sie weder Autorität noch Zuneigung bei ihren Untertanen besitzen. Der König von Preußen wäre noch Herr im Lande, selbst wenn das ganze stehende Heer aufgelöst würde. Wir können uns den Luxus eines viel größeren Freiheitszumaßes gestatten, als sonst in Deutschland möglich wäre. Erinnern Sie sich der neulichen Debatten in der sächsischen Kammer?« »Über den Bundestag, die so großes Aufsehen in ganz Deutschland machten?« »Ja, aber viel größer wäre der Eindruck in der preußischen Kammer gewesen. Preußen sollte freie Diskussion gestatten über die deutsche Frage, den Bundestag, dessen Schwierigkeitsmaschinerie und die undeutsche Mache unserer Gegner, dann würden ein paar Parlamentsreden genügen, um unserer schnöden Majorität den Mund zu schließen. Die Entstellungen bezahlter Skribenten können nicht eher zertrümmert werden, ehe nicht die preußische Presse des ganze Material über diesen sogenannten Deutschen Bund bekommt und die äußerste Freiheit, sich ungescheut auszusprechen. Die uns nötige Bundespolitik kann nur gestärkt werden durch breite Publizität. Sonst würde man die ekeln Mysterien dieses »Bundes« nie aus den Schleiern lügnerischer Zeitungsgewebe ans Tageslicht ziehen.« »Die ich rief, die Geister ...« zitierte Lynar halblaut. Doch dieser Zauberlehrling fürchtete sich weder vor Geistern noch Zauberern: »Mir gleich. Später würden wir schon damit aufräumen, doch zurzeit ist jede Waffe recht.« Er setzte wirklich durch, daß der Bundestag sich dem preußischen Preßgesetz anbequemte. Einschreiten gegen verdächtige geheime Gesellschaften nahm er nur deshalb zur Unterlage des Ausgleichs in der Pressesache, weil jedes Carbonari-Treiben ihm dem deutschen Charakter zuwiderlaufend erschien. Garibaldi und Mazzini würden bei uns nur Unheil stiften. Als die unerhörte Sprache der radikalen Braunschweiger Presse einige Jahre später vor den Bundestag kam, empfahl er Unterdrückung mit dem naiven Zusatz: »Braunschweigs Haltung letzthin war nicht der Art, um uns Rücksicht aufzuerlegen.« So völlig war ihm alles jetzt der auswärtigen Staatspolitik untergeordnet, daß ein preußenfreundliches Braunschweig von ihm nie etwas zu fürchten gehabt hätte. Wie sehr der konservative Parteimann in ihm abstarb und wie seine Feinde nicht so ganz fehlgingen, wenn sie ihn der Begünstigung demokratischer Bestrebungen bezichtigten – er begünstigte nicht, aber ließ im nationalen Interesse gewähren –, das zeigte alsbald die Lippesche Frage. »Der Fürst von Lippe hat seinen Landtag aufgelöst und die Verfassung aufgehoben«, teilte ihm Scherff im März zuerst mit. »Auf Österreichs Antrieb. Eine Eselei! Da wird man zu tun bekommen.« Schneller als ihm lieb war, denn sogleich erschien bei ihm ein Assessor Petri aus Lippe, der im Namen des Landtags seinen Schutz erbat. »Wir reichen einen Protest beim Bundestag ein und rechnen auf dero Protektion. Deutschen Patrioten blieb nicht unbekannt, daß Ew. Exzellenz, was immer Ihre früheren Meinungen gewesen sein mögen, für die Sache des Rechts und der liberalen Entwicklung eingenommen sind. Dero Verteidigung der Preßfreiheit fand in allen deutschen Gauen freudigen Anklang.« »Ihr Vertrauen ehrt mich. Ich glaube, Sie können auf mich zählen.« Gleich darauf schrieb ihm der Fürst zu Lippe und bat um seinen Beistand. Er werde seinen Staatsrat Fischer als Dolmetsch seiner Gesinnung senden und sei ja auch des österreichischen Schutzes versichert. (Thun befand sich noch in Frankfurt in angeblich leidendem Urlaubszustand bis Ende des vorigen Jahres. Otto ließ ihm durch Frau Nanne aus Blankenburg am Harz, wo er eine Hofjagd mitmachte und ein eigenhändig vom König geschossenes Wildschwein als Geschenk nach Hause schickte, die freudige Botschaft vermitteln, Thun werde als Botschafter nach Berlin versetzt werden. Er fiel also die Treppe hinauf, sein entschiedener Mißerfolg in Frankfurt wurde ihm nachgesehen wegen seines Feuereifers, Preußen zu schädigen.) Aber Prokesch entpuppte sich in seiner ganzen Pracht. Otto war überrascht von so viel Staatskunst. Dem Bundestag beliebte nämlich gar nicht, dem deutschen Volke ein solches Odium zu geben wie brutalen Verfassungsbruch über Nacht (zu langsamem, schleichendem bereit genug) und zeigte sofort unverkennbare Mißbilligung, am lautesten Österreich. Das sei ja ein Skandal, so was dürfe man nicht dulden. Unstreitig spekulierte Prokesch darauf, daß Bismarck, den er nur als reaktionären Ultra kannte, sich des Fürsten annehmen und dadurch alle Achtung der Liberalen verscherzen werde. Als er dem apoplektisch dicken Staatsrat Fischer die Lage auseinandersetzte, rief dieser: »Unmöglich! Herr v. Prokesch hat uns ja selber diese Richtung gewiesen.« »Jawohl, ein Doppelspiel, ein durchsichtiges. Er hat Sie verlockt, um andere in schiefe Lage zu bringen. Sie waren ihm nur ein Stein im Schachbrett.« Die Enthüllung einer solchen Tücke, deren getäuschtes Opfer er gewesen, versetzte den dicken Fischer in solche Wut, daß er infolge zu heftiger Invektiven und Drohbewegungen apoplektisch zusammenbrach und die Chaiselongue mit ihm, so daß er auf dem Fußboden alle Viere von sich streckte. »Man möchte an der Menschheit verzweifeln«, ächzte er, nachdem er sich erholt. »Was raten nun Ew. Exzellenz?« »Daß Sie sofort liberale Konzessionen machen, ehe noch das Verdikt gegen Sie ergeht, damit Sie im voraus die geliebten Untertanen besänftigen. Begreifen Sie?« »Vollkommen. Ich reise sofort. Der Fürst wird Ihnen das nie vergessen.« – Der unverzagte Prokesch kam bald mit einer neuen Falle. Das Großherzogtum Hessen zeigte sich tiefgekränkt über das englische Asylrecht für politische Flüchtlinge. Es verlangte eine Note an England wegen Mißbrauch des Asyls. Da es sich allermeist um preußische Flüchtlinge handelte, so hoffte Prokesch, Bismarck werde auf den Köder anbeißen. Dieser lachte herzlich im Familienkreise: »Wieder der bekannte Pater Lamormain. Wär' nicht der Einfall usw. Wohl ausgesonnen! sagt Schillers Wallenstein, dem wir ja auch den schönen Spruch verdanken: Dank vom Haus Österreich! Dieser praktisch fühlende Staat würde uns nicht den kleinsten Gegendienst leisten, vielmehr öffentlich behaupten, ihm lägen solche Scherze fern. Ich werde ihm heimleuchten.« Er erklärte daher in der Versammlung: »Preußen hat nichts zu fürchten von der Agitation solcher zweifelhaften Charaktere im Ausland, ein Kleinstaat wie Hessen aber, den dies konkret gar nichts angeht, hat nicht europäische Fragen in seine Hände zu nehmen, ohne vorher die leitenden Mächte zu konsultieren. Ich lehne jede Beteiligung an dieser inopportunen Sache ab.« Damit fiel sie durch zum Ärger der feindlichen Koterie. Otto erinnerte sich lachend der Puritaner, die Bärenkämpfe verboten, nicht um den Bär zu schonen, sondern um das Vergnügen der Zuschauer zu verkürzen. England beleidigen zu Österreichs Wohlgefallen, ein verflucht kitzlicher Spaß! Jetzt warf sich Prokesch auf die Geschäftsordnung des Bundestags als auf ein Mittel, Preußen zu demütigen. Zwischen dem Präsidenten und dem preußischen Vizepräsidenten entspann sich eine unablässige Fehde über die Kompentenzrechte des permanenten Präsidiums. Prokesch wollte den herausfordernden Autokraten spielen, wozu seine jähzornige Reizbarkeit beitrug, doch seine Heftigkeit, die bis zum Schütteln geballter Fäuste ausreifte, zerschellte völlig an der kalten Festigkeit des preußischen Rebellen. »Leute mit so cholerischem Temperament und so unzähmbaren Nerven gehören nicht auf den Präsidentenstuhl«, äußerte er mit beleidigender Ruhe im Kreis der Bundestagsleute. »Das trägt nicht zum freundschaftlichen, versöhnlichen Ton bei, den man bei uns erwartet.« Da fast alle Mitglieder unter Prokeschs Vergewaltigung litten und Otto in Formfragen auch für die Kleinstaaten eine Lanze brach, so drückten deren Vertreter ihm oft die Hand mit schweigender Dankbarkeit. Doch die Furcht vor der k. k. Rache trieb sie immer wieder von seiner Seite weg. – – Während der Bevollmächtigte am Bundestag als einziger preußischer Politiker mit ehrlicher, fieberhafter Arbeit in Ehren und sauer sein Diplomatenbrot erwarb, balgten sich sämtliche übrigen politischen und diplomatischen Müßiggänger um die Machtfrage, wer am lautesten schreien könne. Manteuffel hatte sich die Literatur Quehl und Konstantin Frantz verschrieben, um mit der Feder seine Staatskunst herauszustreichen. Dies schien dem Kreuzzeitungs-Wagener ein unlauterer Wettbewerb, da nur sein Blatt das Recht hatte, Gesetze zu diktieren. Er blieb der Leibjournalist der hochgeborenen Kamarilla um den König, unter der drei so erlauchte Namen wie Graf Stolberg, Graf zu Dohna, Graf v. d. Gröben glänzten. Ihr Haupt blieb der alte General Gerlach, dem der begabte Flügeladjutant Edwin v. Manteuffel sekundierte. Diese Herrschaften zogen zwar mit dem Ministerpräsidenten am selben Seil gegen liberale Koterien um den Thronfolger, lebten aber in häufiger Meinungsverschiedenheit. Als Sündenbock sollte der bewußte Quehl herhalten. Neid und Wut trieben aber Wagener zu maßlosen Ausfällen auf Manteuffel selber. Dieser, durch den gleichfalls gereizten Polizeipräsidenten Hinckeldey unterstützt, mit dessen anrüchigem Gebaren er jetzt sein Wesen trieb, rächte sich durch Verfolgung und Konfiszierung des regierenden Blattes, brachte Wagener beinahe ins Gefängnis, dafür Quehl in eine allgemeine politische Zensorstellung. Er überwies ihm königliche Gelder, mit deren Hilfe und seiner eigenen geschickten Feder er gegen die andern Minister Westfalen und Raumer die ganze Presse bearbeitete. »Nun ist unser guter Rauch ja auch tot«, klagte Gerlach, als ihn Otto in Sanssouci aufsuchte. »Sie sind gottlob noch jung, sonst würde der gesunde Menschenverstand ganz aussterben. Der p. p. Quehl läßt jetzt hochgestellte Beamte auf sein Sofa sitzen, die ihm die Cour schneiden, und prahlt ihnen vor, auch der Thronfolger sei mit ihm ein Herz und eine Seele. Reden Sie mit Seiner Majestät, reden Sie mit Manteuffel!« Letzterer zog sich als zürnender Achilles auf sein Gut Drahnsdorf zurück, weil der König gegen ihn unangenehm wurde und ihn unhöflich bewitzelte, was sonst nicht seine Art war. Denn die wahre königliche Tugend der Höflichkeit vergaß er kaum je im höchsten Unwillen, und nur seine launenhafte Selbstherrlichkeit hinderte ihn, Anhänglichkeit zu erwerben. Der Satz »the King can do no wrong« ist auch so eine englische Heuchelei, denn in den Reibungen der Wirklichkeit geht diese Unantastbarkeit in die Brüche, die Näherstehenden beurteilen den Monarchen wie jeden andern Privatmann. So katzbalgten die Königstreuen sich gegenseitig munter, ohne sich im geringsten um die peinliche Stimmung des Gebieters zu kümmern. Der Fall Quehl stand jedenfalls für alle Berliner Politiker allein auf der Tagesordnung. Wenn Otto aus Frankfurt, wo doch wenigstens wirkliche Politik gemacht wurde, in dies Allerheiligste der Monarchie hinabstieg, bedrückte ihn ein seelischer Armeleutegeruch wie Kellerluft. Eine Heidenangst stand er aus, der König wolle ihn mal wieder als Ministerprätendenten ausspielen, etwas Unangenehmes, wenn nichts daraus wird, aber hier noch unangenehmer, wenn etwas daraus geworden wäre. Um Manteuffel zu stützen, schaffte er ihm Quehl vom Halse, dem er ins Gewissen redete, er solle für sein materielles Fortkommen sorgen und die »hohe« Politik an den Nagel hängen. Das Geneneralkonsulat in Kopenhagen mit starker Gehaltsaufbesserung stopfte für immer diesen beredten Mund, während leider andere Patrioten weiterhungerten, da es doch nicht so viele Konsuln gibt als Patrioten. »Ich würde mir Pourtalés als Minister anschaffen, teuerster Bismarck«, gestand der König, »doch der hat 30 000 Taler Revenüen zu viel, eine ergiebige Quelle des Ungehorsams.« Dieser nicht mal dem eigenen Willen Gehorchende hielt jede nur bedingte Unterwerfung für Felonie. »Ich habe jetzt, mein treuer Freund und Manne, eine große Idee. Mein Freund Bunsen, dieser von Gedanken schwangere klare Geist, teilt die Welt in protestantisch-konstitutionelle und jesuitisch-revolutionär-absolutistische Staaten. Mir scheint da etwas englische Färbung unterzulaufen. Doch urgesund ist Bunsens Drängen auf ein Oberhaus nach englischem Muster.« Diese gräßliche Bunsensche Faselei mußte Otto mit eiserner Miene anhören. »Räudige Schafe der Rechten und stänkrige Böcke der Linken wollen mir opponieren, Sie aber, teuerster Bismarck, müssen die Leute Räson lehren.« »Das wird schwer halten, Majestät, mein Einfluß auf die Fraktion hat keine Basis mehr, die Fraktionsleitung mißbilligt meine Bestrebungen in Frankfurt.« In der Tat stieß er bei den Fraktionsleitern Ludwig v. Gerlach und Professor Stahl, seinen einstmaligen Genossen, auf schlecht verhehlte Unfreundlichkeit. »Sie können nicht verlangen, daß ich als Vortragender Rat über die deutschen Angelegenheiten, die ich genauer kenne als Sie, mich der Gesamtleitung unterordne. Ihre Anschauung über unser Verhältnis zu Österreich läuft der meinen zuwider.« »Dann treten Sie aus der Fraktion aus!« rief Gerlach hochempört. »Wir müssen einheitliche, absolute Gesamtleitung beanspruchen. Sie neigen zum Bonapartismus, wie ich fürchte, und sind eine Pilatusnatur mit dem Spruche: Was ist Wahrheit! Unsere Wege werden sich trennen und wir als Gegner enden.« Stahl sprach nicht so scharf, aber bekümmert. Daß dies von ihnen ausgebrütete Ei klüger sein wolle als so hervorragende Hennen, schien den Herren ein Sakrilegium. Aus dem Parisschub wurde nichts, das Projekt begraben, mehr aus Widerspruchsgeist als Einsicht. Das war Otto nicht unlieb, aber die Fraktionskomiteesitzung machte ihm klar, wie riesig er diesen Leuten über den Kopf wuchs. Höchst ungelegen kam ihm auch die Manie seines Königs, den Schweizer Kanton Neuchâtel als Augapfel seiner Krone anzuschwärmen, obschon es in der Natur der Dinge lag, daß ein so entfernter Besitz innerhalb des helvetischen Staatswesens nicht behauptet werden konnte. Nicht genug damit, verlangte Baden eine Züchtigung der Schweiz wegen ihrer trotzigen Gastfreundschaft für verfemte Achtundvierziger durch militärische Besetzung ihrer Rheinkantone. Otto riet aufs heftigste ab. »Frankreich unter seinem neuen Regiment wäre nur zu froh, einen Streit vom Zaune zu brechen. Kriegsprovokation von seiten Deutschlands wäre ihm willkommen.« * Bald darauf suchte er im Juli, wo er einen grimmigen Strauß mit Hessen-Darmstadt durchfocht und alle Höfe Deutschlands in Aufruhr versetzte – »nie hat ein Mensch in solchem Ton mit mir gesprochen,« jammerte der Großherzog, »seit dieser unglaubliche Bismarck erschien, hält Preußen seinen Kopf viel höher als sonst« –, den durchreisenden König der Belgier in Wiesbaden auf. Er erhielt von diesem klugen, unterrichteten Herrscher die Bestätigung seiner Befürchtung. »Seien Sie auf der Hut vor dem gekrönten Abenteurer! Der sinnt Krieg gegen irgendwen, um seine Flecken mit Glorie wegzuputzen. Von jeher hatte er Absichten auf Belgien. Der Mensch hat allerlei Broschüren geschrieben, als er sich in London als Hochstapler herumtrieb, und seines Herzens Trachten in vielem verraten. Annexion Belgiens ist eine Lieblingsmarotte seiner politischen Ausschweifung.« »Preußen würde unbedingt die Neutralität Belgiens schützen, schon der eigenen Sicherheit unserer Rheingrenze wegen.« »So ist's. Belgien ist die Vorhut Preußens. Überhaupt ist das Band noch nicht zerschnitten, das die Niederlande, sowohl Belgien als Holland, an das alte Deutsche Reich knüpfte. Wir gehören zum mitteleuropäischen Staatenkomplex und werden niemals nach Frankreich und England gravitieren.« »Daran tun Ew. Majestät wohl, von uns hat man nichts zu fürchten, um so mehr von Westen her.« Als er aber im Hochsommer nach Ostende reiste, begegnete er nirgendwo preußenfreundlicher Stimmung. Die Wallonen sprechen schlechtes Französisch, die Flämen kein Deutsch, sondern bewahren hartnäckig ihr niederdeutsches Platt, das sie für eine eigene Sprache halten. Otto wollte hier die Spinnweben der »Geschäfte« abschütteln, Hummer an bewegter See frühstücken und möglichst die Bekannten schneiden. Doch die schönen Zeiten, wo er inkognito die Welt besah, waren dahin. Zunächst hatte er das näselnde »How d'ye do« einer Lady O'Donnel und Miß O'Hara zu überstehen, die er bei Cowleys kennen lernte und die sich nach seiner Frau Gemahlin erkundigten. »Sie ist mit den Kindern in der Schweiz.« »Sie sind wohl hier, um den Prinzen Wilhelm zu treffen? Er kam soeben von London an. Ach, Sie sollten doch auch nach London gehen, das ist die Schule der Großen Welt, und da laufen doch alle Fäden zusammen.« Die gnädigen Lady Patronesses gaben zu verstehen, daß die two penny-conzerns des Kontinents nichts bedeuteten. Otto, der so die Ankunft seines Gönners erfuhr, eilte zum Prinzen, den er ziemlich ernst fand. »Mir sehr lieb, Sie zu sprechen. Wissen Sie was aus Berlin? Ich auch nicht. In London scheint mir etwas vorzugehen. Die Intimität mit Frankreich gefällt mir nicht. Ich fürchte ungünstige Auspizien zum Jahreswechsel. Man kokettiert dort auch mit dem sardinischen Gesandten. Weiß Gott, was dahintersteckt. Wie stehen wir denn jetzt mit Österreich?« »Leidlich, das heißt so schlecht wie immer. Ich habe aber den Eindruck, als wolle man uns mehr freie Hand in Deutschland lassen, weil wieder mal im Osten Wolken aufsteigen. Da hofft man uns wieder für rein österreichische Interessen anzuschirren.« »Das fehlte noch. Nicht wahr, Sie werden Ihren Einfluß benutzen, um dem König auszureden, daß wir irgendwelche Verpflichtung haben?« »Verlassen sich Königliche Hoheit auf mich! Was an mir ist, soll geschehen, daß Preußen in nichts verwickelt wird, was nicht ausschließlich unseren eigenen Interessen frommt.« »Sehr schön. Aber Rußland – Sie wissen, ich habe meine Abneigung gegen dortige Zustände hintangesetzt, weil die verwandtschaftlichen Beziehungen uns doch engeren Anschluß aufnötigen. Mit dem Zarewitsch verbindet mich innigste Freundschaft. Sollte es nun zu europäischem Konflikt kommen, so scheint mir unsere Stellung schwierig.« »Das schon. Doch wir dürfen uns in nichts hineinziehen lassen, und müssen einfach unser Pulver trocken halten. Für uns schaut bei dem allen doch nichts Praktisches heraus.« »Praktisches wohl nicht. Früher, mein lieber Bismarck, sprachen Sie auch von point d'honneur in der Politik, obschon Sie für Olmütz – doch wir wollen nicht alte Wunden aufreißen.« »Der große Brite lehrt: um einen Strohhalm bis an die Mündung der Kanone fechten, wenn Ehre auf dem Spiel. Doch Falstaff fragt: Was ist Ehre! Ich kenne nur als nationale Ehre, was sich mit Vernunft und Staatswohlfahrt deckt. Romantische Ehrenpunkte sind in der hohen Politik ein Irrwisch, und um einen Strohhalm wird nicht fechten, wer das Schicksal seines Volkes aufs Spiel setzt.« »Sehr wahr«, stimmte der Fürst warm bei. »Sie wollen sagen, daß auch russische Interessen nicht die unsern sind. Und die Verwandtschaft der Dynastien gilt da nichts?« »Es scheint nicht. Denken Eure Hoheit an Graf Brandenburg in Warschau! Der erhabene Schwager des Königs ließ da wenig von solcher Rücksicht merken.« Prinz Wilhelm zuckte leicht, seine Hand ballte sich unwillkürlich, seine Stirn furchte sich. »Gut, daß Sie mich erinnern. Wir sind d'accord . Apropos, haben Sie Karl Goltz gesehen? Der ist hier nebst Fritz Eulenburg.« Otto unterdrückte eine Bewegung. So, so! Sind die wieder am Werke? Er wußte, daß eine einflußreiche Clique, zu der Graf v. d. Goltz, ein flotter, eleganter Gardeoffizier und später Adjutant des Prinzen, gehörte, allerlei merkwürdige Sonderbündlerei spann, mit der sie den Thronfolger zu umgarnen hoffte. »Die Schmach von Olmütz« war ihr Leitmotiv für allerlei vage Planmacherei, die nur die Anstrengungen praktischer Politik durchkreuzen wollte. Er stand persönlich mit beiden Goltz – dem Bruder Robert ließ sich ansehnliche Begabung nicht absprechen – auf gutem Fuße und ließ sich daher sein Mißbehagen nicht merken. Die Herren begrüßten sich herzlich am Strande und badeten zusammen im »Paradies«, einer entlegenen Stelle, wo die Männer im reinstem Adamskostüm sich in die Flut warfen, während sonst Herren und Damen bunt durcheinander nach französischer Sitte sich im Wasser tummelten. Ironisch schrieb er an Nanne, nur das ihm höflich innewohnende Bewußtsein tadelfreien Wuchses könne die Dreistigkeit verleihen, sich vor der ganzen Damenwelt zu »produzieren«. Mit Ekel erinnerte er sich an eine Anekdote des alten Metternich, wie die Damen der höchsten Aristokratie vom Fenster aus badende Bekannte beäugelten und eine davon ihr Lorgnon mit himmlischer Naivität zuklappte: »Ich nehme X«, einen jungen Engländer. Alles Frivole stieß ihn gründlich ab, eine reckenhafte Keuschheit beseelte ihn. Dagegen feierte er das Wiedersehen mit einer alten Geliebten, der unergründlichen See. »And I have loved thee, ocean« , zitierte er Byron vor sich hin. Dies Sinnbild der Ewigkeit umwogte ihn zugleich erhebend und beruhigend. Jeder, der viel auf See war, wird seinen Ausruf begreifen: »Ich verstehe nicht, warum man nicht immer am Strande wohnt. Alles andere ist spießbürgerlich klein. Hier hat man den Odem Gottes aus erster Hand.« »Etwas eintönig«, lächelte Graf Goltz blasiert. Ottos Naturschwärmerei schien vielen bei einem so »praktischen« Manne nur eine Scheinmaske, affektiert. Und wirklich riß er sich ja auch bald von seiner Seegeliebten los und begab sich in die geradlinigen heißen Straßen von Brüssel, wo er beim preußischen Gesandten Brockhausen abstieg. Freilich hatte er seine Wohnung in Ostende vor dem preußischen Prinzen Georg räumen müssen, denn selbst ein jüngerer apanagierter Nebenprinz bedeutet ja viel mehr als ein Staatsmann, der sich von ernsten Mühen ausruhen will. Der höfliche, edelgeartete Prinz Georg wollte sich hier auch von der See »Inspirationen« holen, nämlich für seine Verse, er war, mit Respekt zu melden, ein Dichter. Nun, ob man anderswie ein Stümper und Dilettant ist oder dies als sogenannter Diplomat betätigt, kommt aufs gleiche hinaus. In Wahrheit trieb ihn etwas anderes nach Brüssel, abgesehen davon, daß sein Amtspflichtgefühl ihn bei Brockhausen nähere Erkundigungen über Belgien einziehen ließ. Er fand dort auch den von Wien bekannten und nicht holden Botschaftsrat Baron Werthern, und einen vortrefflichen gräflichen Offizier aus Berlin, den langen Lehndorff. »Ja, die Leute sind uns hier nicht besonders grün,« belehrte ihn Brockhausen, »man sollte denken, sie hätten von den Franzosen genug gehabt. Doch das Blut der gemeinsamen Sprache ist offenbar dicker als Wasser, denn eigentlich blutsverwandt sind ja die schwerfälligen Wallonen gar nicht den Franzosen, die sich über deren Sprachfehler mokieren.« »Geradeso wie über die der Welschschweizer«, flocht Werthern ein. »Die sind auch schwerlich Blutsverwandte, obendrein trennt die Religion, und doch erproben wir ja bei der Neuchâteler Frage, daß sie alle nach Frankreich gravitieren.« »Und daß Blücher hier die Belgier befreite, ist ihnen ganz entschwunden, Wellington und kein Ende!« bemerkte Lehndorff unmutig. »Wenn ich nur wüßte, was wir den Leuten getan haben, daß man überall in Holland, Belgien, der Schweiz unsinnigem Mißtrauen begegnet.« »Es ist die Suggestion der französischen Presse«, urteilte Otto gelassen. »Solange alle Welt Französisch liest und nicht Deutsch, wird man jede Verleumdung hinunterschlucken wie der Fisch den Köder.« Und nun tat er, weshalb er nach Brüssel kam. Er wollte auf dem Feld von Waterloo stehen. Also hier, in dem Jahr, wo er selber geboren, stürzte der fränkische Aar mit gebrochener Schwinge. Doch die gestutzten Flügel wuchsen ihm wieder, und dies unruhige Volk der Gallier wird nie sich friedlich niederlassen. Ob Richelieu, Ludwig XIV., Revolution, Napoleon, sie haben immer den gleichen Drang, ihren Nachbarn das Fell über die Ohren zu ziehen und dabei von edelsten Phrasen zu triefen. Bravement se battre et finement parler. Und die Welt geht auf den Leim, daß Brutalität an der Spitze der Zivilisation marschiert, wenn sie dabei nur schöne Reden hält. Es ist zum Weinen, wie sich das Franzosentum in den Köpfen fremder Völker malt, die gar nichts von dieser Rasse wissen, z. B. Madjaren und Rumänen. Und wo man ihre grausame Tatze spürte, in den Niederlanden und Italien, bleibt unausrottbar die Kinderlegende von französischer Ritterlichkeit und Freiheitsidealismus. Daß Gott erbarm! Keine andere Nation würde sich die Tyrannis dieses Louis Napoleon gefallen lassen, für die man schon bis Dionys von Syrakus zurückgreifen muß, um passenden Vergleich zu finden. Und das sogenannte freie England, das sich ja freilich auch bei jedem Seeräuberzug auf Menschlichkeit und Frömmigkeit beruft, die gleiche Taktik in anderer Auflage, paktiert jetzt innig mit diesem Freiheitsmörder. Waterloo! Eine deutsch-britische Allianz werden wir nie wiedersehen, aber Franzosen und Briten drücken sich brüderlich die Hand. Wie soll das enden! Wie soll man das unglückliche Deutschland durch solche Klippen lavieren! Das müßte ein Lotse sein besonderer Art, wie man ihn schwerlich findet. Und ohne günstigen Wind Gottes kann es nie gelingen. – * Er fuhr jetzt nach Amsterdam, um von dort nach Norderney an den wogenden Busen seiner angebeteten Seenymphe zu eilen. Doch verband er damit ein Stelldichein, das sein Freund Schele, jetzt tonangebender Minister Hannovers, sich dringend ausbat für ein gewisses Angebot. Niemand wußte darum. Nur unter bestimmter Bedingung wäre Otto nicht abgeneigt gewesen, darauf einzugehen. Er mußte also prüfen. Holland durchblätterte er wie ein altes Bilderbuch und beschrieb das seltsame nordische Venedig mit dem Stift eines Malers und Poeten in prächtigem Brief an Nanne, die vielleicht jetzt fern auf dem Eigergletscher die Jungfrau bewunderte. Damals bestand freilich noch nicht das heutige Farbenspiel zinnoberroter Backsteinerker-Türmchen-Kaminschornsteine auf violett oder kaffeebraun angestrichenen Häusern, der rostige Schimmer der vom schmierigen Wasser der Grachten angehauchten Kanalalleen. Doch das Labyrinth winkliger Kanäle, der Mastenwälder wirkte wohl gespenstiger und verworrener als heut. Otto dachte an Rip van Winkle, wie ihm einst Motley das Märchen Washington Irvings vorlas. Wenn so ein Heutiger verschwände und nach einem Lebensalter ins deutsche Land heimkehrte, wie würde er das künftige Deutschland finden? In Groningen, Westfriesland, erglühte er platonisch für Milch und Blut liebreizender Bäurinnen mit helmartiger, vergoldeter Haube. Welch ein germanischer Schlag! Aber auf ihre germanischen Brüder sind die Holländer schlecht zu sprechen und behaupten eifersüchtig, ihr Platt sei eine besondere Volkssprache, und haben eine tiefe Zuneigung für die edeln, vornehmen Engländer, die ihnen See- und Finanzmacht raubten und sie für immer von ihrer Höhe herabstürzten! Wenn man die Menschen prügelt, dann liebt man uns. Voilà les hommes! wie der selige Napoleon sagte, der sich auf derlei verstand und in Fontainebleau den entsetzlichen Hohn seinem Volk ins Gesicht spie: »Wenn man dem Kaiser vorwarf, daß er die Menschen verachte, so wird man jetzt wohl zugestehen, daß er einigen Grund dazu hatte.« Die Holländer sind ein großes Volk gewesen, nie hat ein numerisch so kleines Volk eine solche Großmacht aus sich herausgeschält. Die herrschende See- und Finanzmacht, auf Kosten der deutschen Hansa, hatte ihre Flagge auf allen Meeren, an allen Küsten. Das sollte zu denken geben, was germanische Kraft vermag. Aber auch darin sind sie echte Germanen, daß ihre störrige Michelei sich in fixe Ideen verbohrt und sie den Wald vor Bäumen nicht sehen. Jedes gesunde Gefühl müßte sie unversöhnlich gegen England machen, jede vernünftige Überlegung ihnen sagen, daß sie nur im Anschluß an Deutschland ihre alte Bedeutung zurückgewinnen können. Doch weit gefehlt! England ist Trumpf, und der Deutsche ist ein »Muff«. Über seinem Bett hing ein Bild der Himmelfahrt mit der sonderbaren Unterschrift: »Verreißniß van den Heyland«. Ja, wer auch so »verreisen« könnte aus dieser irdischen Misere! Dazu muß man erst gekreuzigt werden, den Kelch zur Neige leeren und gebetet haben, daß dieser Kelch an uns vorübergehe. Und wie Elias im feurigen Wagen des Ruhmes gen Himmel fahren unter Donner, Blitz und Orkan, wie die Natur beim Tode Napoleons, Cromwells, Byrons ein Zeichen gab, das wird so selten Sterblichen zuteil. – Und nun saß er in Norderney und horchte auf Kindergeschrei und Sturmheulen um eine Flaggenstange am Giebel. Doch auch hier fand er außer seiner Seenymphe viele überlästige Bekannte. Serenissimus der Herzog von Nassau und Prinz Friedrich von Hessen waren überglücklich, in ihrer steifen Einsamkeit einen standesgemäßen Bekannten zu treffen, und beehrten Seine Exzellenz mit langem Besuch, wobei auch allerlei leeres Stroh über deutsche Einheit am hohen Bundestag gedroschen wurde. Im übrigen zog sich hier jeder in seine Koje zurück wie der Dachs in seinen Bau. Otto las viel Romane, darunter die brandenburgischen eines gewissen Wilibald Alexis, der wenig Verbreitung im löblichen deutschen Publikum hatte, das immer nach jedem Quark greift und einen wunderbaren Instinkt für »Kitsch« hat. Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als daß der hochgebildete Deutsche seine großen Autoren erkennt, solange sie leben. Denn nach dem Tode – nie ohne dieses! Die Lieblinge der Deutschen sind alle unsterblich – solange sie leben. Sie schauen Kotzebues Geist bei Philippi wieder, und der schlechte, elende Geschmack hoher Herren, die den miserabelsten Kitsch als Leibspeise zu sich nehmen, käut ihnen ihre Modekost vor. In keiner Nation wäre das Schicksal Heinrich v. Kleists möglich gewesen, in keiner wäre ein naiver Kitscher wie der gute Körner zu einem Klassiker erwachsen, in keiner hätte die »gute Gesinnung« eines Freiligrath, dieses Verskommis für Kolonialwaren, einen Heros deutscher Dichtung geschaffen. Den Germanen, der eigentlich und einzig genialen Rasse, fehlt jeder Instinkt für das Geniale, solange es sich leiblich und lebend darstellt. Darin stehen die Romanen höher, nur daß sie ihre Talente für Genies halten. Eine Art Farbenblindheit für alles Bedeutende, solange es nicht durch Presseschwindel oder staatlich durch Titel geeicht, kennzeichnet den deutschen Philister, obschon er im Grunde ein gescheiter Kerl. Nur in Deutschland konnte der Philisterhochgesang entstehen: »Das Genie bricht sich immer Bahn« oder »das wahre Genie ist bescheiden«. Das ist es allerdings, wenn man es nur abseits in Stille schaffen läßt, aber gegen Lumpenhunde war es noch nie bescheiden, und Goethe bekennt: Nur die Lumpen sind bescheiden. Otto erinnerte sich, wie Feldmarschall v. Boyen, ein hochgebildeter Mann und Meister eines kernigen, vornehmen deutschen Stils, in einer Gesellschaft seufzte: »Heut dichtet jeder. Da ist unser lieber guter Polizeirat W. Häring, ein vortrefflicher Beamter. Muß der arme Mann Romane schreiben, und zwar vaterländische! So etwas hätte der Baron Fouquet leisten können oder Achim v. Arnim, aber dem guten Willibald Alexis, wie er sich nennt, fehlt jede poetische Ader.« Und nun las Otto im »Falschen Waldemar«, wie sehr einem der größten Dichter deutscher Zunge die poetische Ader fehlte. Sein Brandenburgertum fühlte sich tief ergriffen von dieser Heimatkunst, die freilich nicht die Taten der Kärrner registrierte, sondern wie Könige bauten. Der falsche Waldemar! Der Mann, der eine falsche Rolle spielen und mystischen Hokuspokus vormachen muß, indes er die eigentliche Wahrheit vertritt und sich für sein Volk opfert. Lange starrte Otto, der im Seegrasbette lag, während Sturm und Regen das Fenster schüttelten, zur Decke empor. Unheimliche Gedanken gingen ihm durch den Sinn. Nanne schrieb aus dem Schweizer Thun – Thun, peinlicher Name! – und riet ihm, »Römer 12« zu lesen. Das tat er. Meinen Feind soll ich speisen, wenn er hungert – mit Vergnügen! Aber ihn segnen – und welche Feinde habe ich denn? Leute wie Thun, nicht persönliche Feinde, die sind mir schnuppe, und sie haben meinen Segen, doch Feinde meiner Nation. Die segne ich nicht, und mag der Heiland es mir dreimal befehlen! Doch Goethes Spruch fiel ihm ein: die Kraft, die stets verneint und stets das Gute schafft! Wer weiß, ob Österreichs Tücken nicht das Gute vorbereiten! An der Table d'hote unterhielten sich diverse Fähnriche und Referendare laut und lärmend über die falsche Nachricht, der famose Bismarck sei angekommen, ein »urfideles Haus«. Die fürstlichen Herrschaften des Badeorts fanden die Sandbüchse der Düne nur passend für Scheibenschießen, und brachten ihre sonstige Zeit beim Spielpächter zu, der immer noch Geschäfte machte. Fast zehn Jahre verstrichen, seit Otto hier seinen »Kies« ließ. Damals hatte er auch mit seinem weiland Göttinger Korpsbruder Scharlach ein Wiedersehen feiern wollen, was mißglückte. Wo mag der wohl sein? Und siehe da, plötzlich fiel ein Amtsrichter Scharlach in die Stube, just als er vom Wasserfall des Wellenbades und Scheibenschießen heimkehrte. Der schon recht ältliche Herr wußte nicht recht, wie er die Exzellenz anreden solle, und stotterte etwas Undeutliches, bis Otto ihm ins Wort fiel: »Gieseke, lieber alter Kerl! Das ist mal schön von dir!« Das Gesicht des kränklichen Beamten strahlte vor Glück, daß sein vornehmer Freund, eine Exzellenz, ihn wiedererkannte. Zur Zeit der Kreuzzeitungskämpfe mit der Revolution hatte Bismarck ihn aufgefordert, hier und da Korrespondenzen über hannoversche Verhältnisse zu senden, dann schlief der kurze Briefwechsel ein. »Und nun bist du doch ein großer Mann geworden, wie ich immer prophezeite!« »Ich? Daß ich nicht wüßte. Ich bin nichts als königlich preußischer Bevollmächtigter zum Bundestag, der jeden Moment abberufen werden kann, um sich in die Stille des Privatlebens zurückzuziehen.« »Aber die Öffentlichkeit ist voll von deinem segensreichen Wirken.« »Dann weiß die Öffentlichkeit entschieden mehr als ich. Doch lassen wir das und sprechen von deinem Privatleben.« Er entwickelte die gemütvollste Herzlichkeit und Scharlachs mußten bei ihm wohnen. Als sie schieden, versicherte die Frau Amtsrichter nachher, noch nie habe sie einen so wahrhaft vornehmen, so sprudelnd geistreichen und dabei so tugendhaft frommen Mann gesehen. Scharlach zehrte sein Leben lang von diesem Wiedersehen und erzählte natürlich bis an seinen Tod allerlei Schönes, das immer begann: »Mein berühmter Jugendfreund« ... Weniger erfreut hätten ihn die Zeilen, mit denen Otto an Nanne über dies Erlebnis berichtete. Auch ihn erfüllte dies Wiederaufleben ferner Vergangenheit mit wehmütiger Rührung, doch nicht ohne peinliche Beimischung. Die Melodie war noch da, doch der Text des Liedes war vergessen. Wo blieb der Studiosus voll heiterer, ungebundener Laune? Untergegangen in einem gedrückten Kleinstädter, der sich wie aus einem Staatsgefängnis entlassen vorkam, wenn er hier Gottes freie Natur brausen und rollen und von Dingen der großen Welt hörte. Dabei schienen ihm aber die Kleinigkeiten seiner Amtssklaverei unendlich wichtig zu sein, und es beruhigte Ottos geringschätziges Mitleid, daß sein einstiger Busenfreund mit seinem Los zufrieden schien. »Du schaffst in der Welt da draußen, wir Beamten schaffen in der Stille«, betonte er mit stolzer Würde, und Otto war zu liebreich nachzuforschen, was er denn schaffe ... Er versank in düsteres Nachdenken. Der Frosch im Weiher plätschert so behaglich wie der Walfisch im Ozean. Der Kleine blinzelt von seinem idyllischen Bächlein schadenfroh auf die Brandung, wo ein wetterfester Wagehals sich abarbeitet. Das ist ausgleichende Gerechtigkeit. Und wenn umgekehrt der Neid der Vielzuvielen sich ärgert: warum bin ich nicht groß und frei wie dieser, ist das nicht ungleiche Verteilung der Lebensgüter? Glücklicherweise richtet sich der Neid fast immer nur auf Äußerliches, auf materiellen Erfolg, die »Größe« der ellenhohen Socken, und kennt nicht die Wahrheit: Du bleibst doch immer, was du bist. Da nun der äußere Erfolg von hundert Zufälligkeiten abhängig und hinter den Höhen der tiefe, donnernde Fall lauert, so gibt's hier nichts zu beneiden. Das Steigen zu den sogenannten Spitzen der Gesellschaft ist eine unsichere Alpenfexerei, wobei man leicht ausgleitet und in den Abgrund stürzt. »Denn die Größe ist gefährlich und der Ruhm ein eitles Spiel.« Wollte aber der Neid sich gegen das wirklich Beneidenswerte wenden und geistige Schöpferkraft als unerlaubte Bevorzugung anklagen, woneben alle Mittelmäßigen sich ungerechter Zurücksetzung bewußt wären; so ahnen sie sogar nur unvollkommen den hohen Selbstgenuß des Schaffenden, ahnen dafür aber erst recht nicht die ungeheure Arbeitslast, die Widerwärtigkeiten, das dumpfe Leid, die mit jedem Schaffen verbunden. Und was schaffe ich denn? Nichts oder so wenig in meiner abhängigen Stellung. Dem König habe ich ja unter vier Augen bekannt, daß ich nie freiwillig, nur auf ausdrücklichen Befehl nach Wien gehen könne, wo man mich hinterrücks überlisten und mein Ansehen untergraben würde. Der König nannte diesen Posten eine Hochschule meiner diplomatischen Laufbahn und verlangte Dank dafür, daß er mich ausbilde. Auch als Minister würde ich nur ein Ei sein, das die Henne brütet, und das widerstrebt meiner Selbstachtung. Verantwortung seiner Selbstherrlichkeit jähen Launenwechsel zu decken, fiele mir um so schwerer, als seine unregelmäßige Sprunghaftigkeit im Arbeiten oder Liegenlassen sich mit solcher Beeinflußbarkeit seiner Stimmung durch jeden geschickten Intriganten paart. Selbst mein edler, ernster Prinz Wilhelm, auf den ich so viel Hoffnungen setze, wenn auch nicht gerade für mich, denn mit seiner Frau Gemahlin und seiner Umgebung habe ich's nun mal verdorben – selbst er ist den Einflüsterungen der Unberufenen zugänglich. Die Hintertreppenschleicherei der Goltz, Bethmann-Hollweg, Pourtalés träufelt Gift auf alle Dielen. Nun, laß sehen, ob es mit Hannover ginge. Da könnte man einen wichtigen Mittelstaat in die richtige deutsche Sache hineinbugsieren und so Preußen fördern. In Hannover empfing ihn der Minister Bacmeister: »Ich trat soeben aus dem Ministerium Schele aus, habe daher ganz freie Hand, Sie – sagen wir einmal – zu sondieren. Sind Sie geneigt, bei uns einzutreten?« »Nur unter einer Bedingung: daß König Georg sich völlig an Preußen anschließt. Mein Preußenrock ist mir auf dem Leibe festgewachsen, und ich kann ihn nicht ausziehen.« »Hm, so. Jedenfalls wünschen Seine Majestät mit Ihnen zu konferieren. Er will aber, daß eine geheime Unterredung nicht bekannt werde. Sie werden ihn im Erdgeschoß des Schlosses treffen. Ich werde Sie hinführen.« Der blinde König saß in einem kleinen Kabinett. Er sah peinlich darauf, daß die Fiktion aufrechterhalten wurde, er sehe ganz gut. Er begann mit hoher, heller Stimme: »Ich verfolge mit Befriedigung Ihre Bestrebungen gegen den gotteslästerlichen Geist der Revolution. Die mir oktroyierte Verfassung bedrückt mich und hemmt den Flug meiner landesväterlichen Fürsorge. Ein Fürst von Gottes Gnaden läßt sich nicht Vorschriften von der Krapüle machen. Ich berief Sie zu mir, um Ihren Rat zu hören, wie man durch Bundestagsbeschluß eine Verfassung revidieren kann.« Otto gab sich dazu her, auf dieses Ansinnen einzugehen, wobei er ausweichend Mäßigung empfahl. »Fixieren Sie das bitte schriftlich, und zwar sogleich.« Die Niederschrift dauerte lange, und der König verriet seine Ungeduld. Plötzlich schlug es 6 Uhr, er sprang erschreckt auf, denn um 5 Uhr hatte er Tafel. Er verschwendete kein Wort an den Gesandten, der sich herbemüht hatte, lief in sein Schlafzimmer und ließ Otto allein, der sich allein in den Schloßgängen zurechtfinden mußte. Als ein Lakai ihm den Weg vertrat, antwortete er mit schneller Geistesgegenwart englisch, und vor dieser Zaubersprache verneigte sich der Lakai bis zur Erde, ein Brite geht ein und aus, wie er will. Der König verlangte aber eine fernere Unterredung in einem größeren Audienzsaal, den Tisch bedeckten alle möglichen Papiere, die jeder Eintretende hätte lesen oder stehlen können, und als ein schwerer Lichtschirm von einem Armleuchter herunterfiel, kam auf das Dröhnen niemand aus dem leeren Vorzimmer. Diese Verlassenheit des armen Blinden, dem man so nichtachtend gar keine Obhut schenkte, wäre menschlich ergreifend gewesen, wenn nicht der wahrhaft blinde Dünkel, mit dem sich der Gottesgnadengläubige umwob, abgestoßen hätte. Diesmal berührte er das Ministerangebot: »Soll ich verstehen, daß Sie als mein Minister sozusagen Preuße bleiben wollen? Ja? Dann ist die Diskussion darüber geschlossen. Hannover, dessen andere Linie den Königsstuhl von Großbritannien innehat, steht zu hoch und groß auf Erden da, um sich fremden Dynastien anzuschmiegen ... von etwas jüngerem Datum. Das Haus Welf, das älteste herrschende Europas, das unter Heinrich dem Großen, genannt der Löwe, ganz Norddeutschland beherrschte, wird auch bei Ungunst der Zeiten als Fels der Legitimität in sich selbst bestehenbleiben. Leben Sie wohl, Herr Minister! Ich habe meinen Hofrat Meding beauftragt, Ihnen eine Dekorierung als Zeichen meiner Erkenntlichkeit zu übersenden.« – Daß es in Hannover österreicherte, erfuhr Otto bald. Er äußerte zu Schele: »Beim preußischen Zollkommissar fand ich einen etwas orientalischen Konsul Spiegelthal. Wovon ist er Konsul als preußischer Beamter?« Schele lachte laut. »Ich für mein Teil kenne nur die stille Wirksamkeit des Herrn, wonach ich ihn für einen österreichischen Agenten hielt.« Dieser freundschaftliche Wink fiel auf fruchtbaren Boden, ein Telegramm forderte Manteuffel auf, diesen Spiegelthal, sobald er nach Berlin reise, an der Grenze zu sistieren und seine Papiere zu untersuchen. Ein Gegentelegramm blieb aber aus. Ehe er zu seiner Familie nach dem Genfer See weiterreiste, machte er Station in Potsdam, wo General Gerlach über die »Wochenblatt«-Partei klagte, die sich als kommendes Ministerium des Prinzen von Preußen geriere. »Das Blättchen finanzieren Albert Pourtalès und Graf Fürstenberg, nicht zu vergessen Bethmann-Hollweg. Sie haben alle das große Portemonnaie, und das vergoldet alle Ränke. Sie schreiben auch gewandt, besonders Robert Goltz, und fraternisieren besonders mit dem Herzog von Koburg, dem liberalen Schützenkönig. Auch englischen oder gar französischen Beistand würden sie nicht verschmähen. Mit den Gothaern haben sie wenig Fühlung, mit der liberalen Volksstimmung gar keine. 's ist halt eine Hofopposition.« »Ich habe sie nie für »deutsch« gehalten, z. B. ist Karl Goltz der bei Prinz Wilhelm ein und aus geht und ihnen dort Eingang verschaffte, ein Stockpreuße, schwarz-weiß in der Wolle gefärbt. Die Herren haben ein rein praktisches Ziel: Ote-toi que je m'y mette! Manteuffels Sturz, voilà tout .« »Und meiner mit. So wenig wir uns vertragen, sind wir beide doch eins im Frontmachen gegen diese ehrgeizigen Wühler. Ich schrieb Ihnen schon früher, daß Goltz sich wenigstens ins Ministerium Manteuffel eindrängen wolle. Er versteifte sich aber auf Säuberung der königlichen Suite, das heißt meine Entlassung, und das ließ Manteuffel nicht zu.« Aha! er hat aber doch Goltz als Karte gegen Gerlach ausspielen wollen. »Goltz verdirbt alles durch Trotz und Galle. Wie durfte freilich Manteuffel diesen begabten Kopf – vor den Kopf stoßen. Goltz ist ohne Vermögen, also ein Stellenjäger. Übrigens ist auch Pourtalès brüskiert worden, und der möchte auch Manteuffel ersetzen.« »Unter uns, der König hat ihn sogar encouragiert. Bei uns stellt jeder dem andern ein Bein. Was Manteuffel hält, ist der österreichische Einfluß. Übrigens ist er manchmal sonderbar. Neulich stellte er die Kabinettsfrage, wenn nicht ein gewisser Konsul Spiegelthal zur königlichen Tafel gezogen werde, was denn auch geschah.« Otto sagte nichts. So behandelte Manteuffel seine Anzeige. Diese fanatische Österreicherei hatte einen verdächtigen Anstrich bis zu Landesverrat. * Nach Frankfurt zurückgekehrt, fand er das übliche Tohuwabohu der widerspruchsvollen Bundesherrn. Österreichs Übergewicht hatte er zwar erschüttert, doch immer wieder kam die Eifersucht der Mittelstaaten zum Vorschein. Prokesch predigte rechts und links: »Preußens geographische Lage lockt es zum Arrondieren seiner Grenzen auf Kosten des Schwächeren. Nur Österreich kann Sie schützen, das gleichfalls seiner geographischen und saturierten Lage nach nie die Unabhängigkeit seiner teuren Verbündeten antasten wird.« An den Höfen schmuggelte das Wiener Kabinett stets Kreaturen ein, die von Österreich viel, von Preußen nichts zu erwarten hatten. Außerdem mißtraute jedermann der unklaren, schwankenden Politik des preußischen Königsromantikers. »Unter uns,« bekannte ein neutrales Bundestagsmitglied naiv, »von Österreich hat man Repressalien zu fürchten, Freund und Feind, während Preußen versöhnlich und wohlwollend um jeden Preis sein will.« »Natürlich,« erwiderte Otto bitter, »die Gegenseitigkeit des Händewaschens beruht auf völliger Skrupellosigkeit, rechtlich und moralisch. Darin ist uns Wien über.« Es wurde ja unter ihm etwas besser, da er unverzagt drohte: »Jede Frage kann entschieden werden durch Appell an das Schwert. Will der Bundestag seine Funktionen zum Zwang und Druck auf Preußen ausnutzen, so werden wir auf dies letzte Band deutscher Einheit ein Gewicht legen, daß es zerreißt.« »Entschieden, unser teurer Bismarck macht jeden Leumund zuschanden«, medisierte Prokesch hämisch in einem Schmollwinkel mit dem hessischen Minister Dalwigk auf einer Soiree des preußischen Gesandten. »In Berlin hielt man ihn für gut kaiserlich allezeit, und hier häutete er sich so schwarz-weiß wie ein Zebra. In Berlin galt er als Ultra-Feudaler, und hier findet die liebe Bürgerschaft in ihm einen scharmant Liberalen. Bei Bismarcks gehen Musiker, Maler, Schriftsteller ein und aus wie in einem Taubenschlag. Dieser Malprofessor Becker mit den schönen Töchtern, die als malerische Staffage seiner Lokalzelebrität dienen, scheint so eine Art Hausfreund. Und heut abend genießen wir den Vorzug, den Musikus Flotow als Löwen des Abends anzustaunen.« »Der berühmte Komponist der ›Martha‹«, räusperte sich Dalwigk, »wird hier persönlich die Einstudierung seiner Oper ›Rübezahl‹ leiten.« » Assurément. Man wäre kein Kavalier, wenn man der Kunst nicht einen gnädigen Blick gönnte. Aber Herr v. Bismarck übertreibt seine Verehrung der schönen Künste. Vorhin beim Diner, wo auch ich die Ehre hatte – zwölf Gedecke –, saß der – eh – Flotow (v. Flothow? wohl ostelbischer Adel, mir unbekannt) – zur rechten des Hausherrn. Der Becker ist natürlich auch dabei und bewegt sich unter uns mit der Gelassenheit eines großen Herrn. Das corps diplomatique sollte doch seinen Fuß vorsetzen, daß solche Verwischung aller Grenzen nicht landesüblich wird.« »Hm!« bemerkte Dalwigk gewichtig. »Die Eisendecher und andere von ihrer Clique halten alles für comme il faut , was Bismarcks anstellen. Thuns haben die Herrschaften auch verzogen. Manchmal glaubt man sich hier in einem Musikkonservatorium. Da ist so'n verbummelter Legationsattaché, Rudolf v. Keudell, ein entfernter Verwandter der gnädigen Frau, der fällt manchmal hier ins Haus und macht einen Höllenlärm mit Beethoven. Kündigt er sich an, so teilt der Gesandte die frohe Botschaft mit für die Andächtigen, so erzählen Reinhards. Er soll ja sehr gut spielen für einen Amateur, aber der Herr faßt seine Dienstreisen auf wie ein konzertreisender Virtuose. Da sollte man unsern gestrengen Herrn Kollegen sehen! Hingegossen in Ekstase, wenn dieser Keudell und Frau Johanna vierhändig spielen.« »Ein Cousin, sagen Sie? Vierhändig?« Prokesch wollte schon eine Glosse machen nach schönster Wiener Art, doch der verwunderte Blick Dalwigks und seine eigene Vernunft belehrten ihn über die Aussichtslosigkeit solcher Albernheit. »Merci!« Er ließ sich von einem Diener Champagner einschenken. »Das prickelt so!«, erhob sich und stieß kordial mit dem Hausherrn an, der soeben vorüberkam: »Auf Ihr besonderes Wohl, teuerster Freund! Ich sprach soeben mit Exzellenz Dalwigk über Ihr entzückendes Fest. Nur bei Ihnen findet man jene ungemischte gute Gesellschaft, die den Musen und Grazien huldigt!« – Prokesch sprudelte mit gewohnter kühler Leichtigkeit sowohl Unwahrheiten als Wahrheitsumgehungen hervor. Er übertraf die kühnsten Erwartungen. Wurde ihm der Boden zu heiß gemacht und die völlige Haltlosigkeit seiner Unterstellungen erwiesen, so ließ er den Gegenstand fallen oder deckte seinen Rückzug mit Ausbrüchen tugendhafter Entrüstung, die sofort einen Frontwechsel verschleierten und meist in persönliche Angriffe ausliefen, so daß man jeden Faden verlor. Seine Präsidialbefugnisse überschritt er regelmäßig und hüllte sich dann in passive Abwehr gegen jeden Vorwurf, so daß der preußische Ankläger oft als überlästiger Zänker und Haarspalter erschien. »Eine gewisse Macht zur Geschäftsführung à la discretion ist dem Präsidenten unerläßlich. Niemand hätte früher über solche Nichtigkeiten Lärm geschlagen. Trägt es zu gutem Einvernehmen bei, wenn jede Handlung des Präsidiums vom Vertreter Preußens gehässiger Kritik begegnet?« Da sich kein Diplomat österreichischer Schule ein Jota um Wahrheit kümmerte, fälschte er sogar die Protokolle. Als ihn Otto bei einer besonders groben Unrichtigkeit ertappte, erhob er seine Stimme: »Wäre das unwahr, so hätte ich gelogen im Namen der k.k. Regierung.« Dabei sah er dem Preußen herausfordernd ins Gesicht. »Ganz richtig«, versetzte dieser ruhig, und erwiderte fest den Blick. Prokesch fuhr zurück und blickte sich um, sah aber nur niedergeschlagene Augen und ernste Mienen. Da drehte er sich auf den Hacken um und ging in den Speisesaal, wo die Mitglieder häufig dinierten. Otto überlegte, ob Prokesch ihn fordern müsse. Statt dessen kam dieser mit einem Champagnerglas auf ihn zu: »Ach was, soyons amis, Cinna !« »Warum nicht? Doch das Protokoll muß geändert werden.« »Sie verlassen Ihren Posten nicht, Sie Unverbesserlicher«, lächelte er entgegenkommend. – Eine wichtige Entdeckung lieferte neue Waffen. Ein Gesandtschaftsbeamter teilte mit, daß Prokesch ein altes Schreibpult verkauft habe, das man vielleicht untersuchen könne. »Da gibt es sicher Geheimfächer, wollen nachsehen.« Es war so, und da fand man einen dicken Haufen Papiere. Briefe von Geheimagenten in Berlin, die dort mit der Presse arbeiteten, und Kladden oder Kopien von wütenden Hetzartikeln gegen Preußen, deren Urheber man im demokratischen Lager gesucht hatte. »Wollen wir nicht den ganzen Stoß in die Presse lanzieren?« Legationsrat Kilchner rieb sich die Hände. »Beileibe nicht! Nur allgemeine Andeutungen, so daß Prokesch sich quälend unsicher fühlt und das Publikum unsere Langmut bewundert.« Dagegen erwies sich seine Langmut weniger dauerhaft in einer Schlappe, die er Hessen-Darmstadt versetzte. Dessen Premier, Dalwigk, ein eingefleischter Preußenhasser, stellte im vorigen Sommer plötzlich die Behauptung auf, der preußische Gesandte v. Canitz, dessen Versetzung dorthin aus Spanien Otto selber befürwortet hatte, habe ihn insultiert und müsse abberufen werden. Nun war Canitz ein sanfter, ruhiger Mann von vollendeter Höflichkeit und unbedingter Wahrhaftigkeit, Dalwigks Vorwand daher eine Lüge. »Ich werde Ihnen eine Depesche nach Berlin diktieren«, berief Otto den Legationsrat Kilchner. »Wir müssen ihm mit dauernder Vakanz der Stelle drohen, da ersprießlicher Verkehr unmöglich sei, solange Dalwigk an der Spitze des Ministeriums bleibt, dieser schnöde Rheinbündler. Aber nicht so, daß wir selbst ausdrücklich die Entlassung verlangen, das würde den Großherzog nur erbittern, sondern wir stellen dem hessischen Geschäftsträger Görtz seine Pässe zu und brechen die diplomatischen Beziehungen ab. Ich bin entzückt, diesem österreichischen Vasallenstaat einen Schlag zu versetzen.« Mit Vollmacht dazu ausgerüstet, begab sich Otto nach Darmstadt und zupfte sogleich den Löwen am Bart. Der Großherzog war sehr ungnädig. »Ich liebe nur Diplomaten um mich, die keine indiskreten Fragen stellen.« »Diplomaten werden expreß dafür bezahlt, stets zu fragen und zu fragen, bis sie keine Antwort mehr bekommen.« »Sprechen Sie mit Dalwigk!« Doch dieser große Mann ließ Otto ersuchen, in zwei Stunden wiederzukommen, und als dieser endlich in seine Höhle eindrang und ihn zu offener Aussprache vor dem Großherzog mitnehmen wollte, lehnte er kühl ab: »Mein Anzug ist zur Stunde nicht passend, um vor der höchsten Person zu erscheinen.« Eine zweite Bestürmung der Festung glückte nicht besser. Dalwigk blieb dabei, Canitz habe ihn insultiert, während letzterer auf Ehrenwort es abschwor, und ging in seiner Heuchelei so weit, daß er vor dem Grohherzog sich in die Brust warf: »Wie würde ich Preußen verletzen, für das ich eine besondere Vorliebe habe!« Otto warf ihm einen seiner durchbohrenden Blicke zu und ging. In der Tasche hatte er ein Billett vom Ministerkollegen Dalwigks, Baron Schäffer-Bernstein: »Ich halte einen geheimen privaten Gedankenaustausch zwischen uns für nötig und bitte Eure Exzellenz, unter dem Vorwand eines Jagdausfluges den Wald zwischen Mainz und Darmstadt mit Ihrer Anwesenheit übermorgen mittag zu beehren, wo ich mich einfinden werde.« Dies geschah. Der Herr wollte nämlich seinen Freund Dalwigk entthronen und sich Preußen als geeignet anbieten. Doch der diplomatische Bürgerkrieg raste fort, und Bismarck trieb das Abbrechen diplomatischer Beziehungen so weit, daß er dem Freiherrn v. Bellinghausen den Darmstädter Hofkalender, der stets zu Neujahr mit dem preußischen ausgetauscht wurde, drevi manu zurücksandte. Diese Stürme im Wasserglase nahmen sich possierlich aus neben dem Kriegsorkan, der im Osten heraufzog. Es wurde bald klar, daß die Westmächte Rußlands neues Attentat auf die Türkei mit Kriegserklärung beantworten würden. Gleichzeitig erhob Österreich seine Stimme gegen die russische Besetzung der Donaufürstentümer. Preußen befand sich in kritischer Lage, ob es seine ererbte Freundschaft für Rußland oder für Österreich betätigen solle. Der König versprengte den geplagten Otto jeden Augenblick nach Potsdam, so daß dieser sozusagen auf ständige Retourbilletts abonniert war und berechnete, daß er pro Jahr 2000 Meilen Bahnfahrt hin und her bewältigen müsse. Sein Herr legte es förmlich darauf an, ihn in den Geruch eines Strebers zu bringen, der mit Gewalt Minister werden wollte, während seinen Wünschen nichts ferner lag als dies und er ehrliche Arbeit nur in Frankfurt verrichten konnte. Die Gegenentwürfe, die er anfertigen mußte, führten zu nichts, als zu dem vom König beabsichtigten Zweck, Manteuffel zu ärgern. Endlich riß Otto die Geduld, und er bat Gerlach, den er im Berliner Schloß tiefsinnig auf die Spree hinunterstarrend fand: »Erwirken Sie mir Rückkehr nach Frankfurt, ich halt's nicht mehr aus.« Er wußte, daß des Königs Kabinett sich nebenan befand, und hörte diesen denn auch zornig rufen, kaum daß Gerlach zu reden begann: »Er soll in Dreiteufelsnahmen warten, bis ich befehle abzureisen.« Gerlach kam verlegen zurück, und Otto lachte: »Ich habe schon meinen Bescheid.« Schon einmal zeigte sich der Monarch sehr ungehalten, als Otto nicht stehenden Fußes einer Ladung folgte, und ließ ihn kleinlichen Ärger fühlen: »Ich mag ihn nicht sehen, er soll aber warten.« So ließ er sich die Hintertür von Ungnade zu Gnade offen, da seine Gutmütigkeit sich leicht besänftigen ließ und er stets von einem Extrem ins andere sprang, heut launisch empfindlich, morgen übermäßig herzlich. Diesmal hinterließ Otto das Konzept eines Handschreibens, das Friedrich Wilhelm an Franz Josef richten sollte, und betonte zu Edwin Manteuffel vor seiner Abreise: »Verfehlen Sie nicht, Majestät darauf hinzuweisen, der Schlußsatz sei das Hauptstück, auf das es ankommt.« Doch bald genug erfuhr er in Frankfurt, daß man gerade den Schluß austrophil verwässerte. Um diese Zeit erschien plötzlich Graf Robert v. d. Goltz in Frankfurt bei Otto, mit dem ihn eine ziemlich oberflächliche Jugendfreundschaft, wie man das zu nennen pflegt, verband. Der bedeutend angelegte und hochgebildete Mann hatte im Gegensatz zu seinem Bruder Karl, dem späteren eleganten Generaladjutanten auf Lebenszeit, eine etwas unbehilfliche beleibte Erscheinung und einen häßlichen Kopf mit aufgeworfener Stulpnase, aber breitgewölbter Stirn. »Hören Sie, Bismarck, ich will gleich mit der Tür ins Haus fallen. Ich lade Sie ein, unserer Fraktion beizutreten. Manteuffel, dieser an Österreich mit Haut und Haar versklavte Liebediener muß weg, oder er wird uns wieder in einen Sumpf hineintreten. Sie stehen so zum König, daß Sie uns wesentlich helfen können.« »Auf diesem Punkt kann ich Ihnen nicht dienen, lieber Freund. Ich halte den Posten hier im Vertrauensverhältnis zum Ministerpräsidenten, und ich wäre ein unanständiger Kerl, wenn ich das zu seinem Sturz benutzte.« »Bah, der hält selber niemand Treue und ist mißtrauisch wie ein Wiesel.« Otto erinnerte sich gewisser Vorfälle, bemerkte aber ruhig: »Müßte ich aus zwingenden Gründen mit ihm brechen, so würde ich ihm das vorher ansagen, mit voller Angabe der Ursachen.« »Um Gotteswillen! Fore warned is fore armed. Sie sind mir ein seltsamer Diplomat!« Otto lächelte kalt: »Ja, ich habe meine eigene Methode. Ich wünsche das Verbleiben der Minister Raumer und Westfalen, die viel Gutes leisteten, mag ich auch mit Manteuffel nicht immer übereinstimmen. Sehen Sie, lieber Robert, die Fraktion Bethmann-Hollweg verläßt sich auf die Kammermajorität, die sie sicher bekommen würde, und auf den Thronfolger, den sie an seinem wunden Punkte ›Olmütz‹ packt. Prinz Wilhelm ist einer der besten Menschen, aber ganz Offizier, und sein hervorragend klarer Verstand geht mit ihm durch, wenn er die militärische Ehre verletzt glaubt. Er wäre zu den abstrusesten politischen Fehlern zu bewegen, wenn man ihm die Dinge unter diesem Gesichtspunkt zeigt.« Freilich auch zu den größten Vernunftentschlüssen, wenn man seinen moralischen Heldenmut in Bewegung setzt! dachte er heimlich, aber er verschwieg es weislich. »Was denkt Ihre Partei denn eigentlich über die Stellungnahme Preußens?« »Das ist schwer zu sagen.« Der beleibte Goltz schnaufte ein wenig. »Der Thronfolger ist gegen Österreich, und Manteuffel wird natürlich den dienstfertigen Leporello spielen, indes der flotte Don Juan Österreich seine Eroberungen macht. Aber von Rußland wollen wir auch nichts wissen. Es gibt Leute unter uns, die an Herstellung Polens unter österreichischem Protektorat denken.« »Und was zahlt Österreich dafür?« »Ja, das ist fraglich. Es läßt uns vielleicht in Deutschland freie Hand.« »Da kennen Sie die Bande schlecht.« Aber nachdem er sich diesen bitteren Ausruf entschlüpfen ließ, verschloß Otto seinen Mund. Er hatte genug. Von diesen Leuten konnte er auch eine völlig unzeitgemäße, übereilte Aggressivität erwarten, die er, der Aggressivste und Verständigste zugleich, für völlig out of place hielt. Napoleon nannte sich den »kühnsten Mann im Kriege, der je gelebt«, aber er berechnete stets seine Rückzugslinie und sprach das tiefe Wort: Man solle nicht heut tun wollen, was erst in zehn Jahren möglich sei. Das Ende der Unterredung bildete Goltz' Schrei aus tiefstem Herzen: »Man wird mir schon einen guten Posten geben, davor ist mir nicht bange.« Natürlich, darauf läuft alles hinaus. Die Völker schwitzen und bluten, misera plebs contribuens , und die Herren am Oberrand des Gipfels balgen sich um die guten Posten. Seine Mahnungen an Manteuffel, die gute Gelegenheit auszunutzen, nutzten nicht das geringste, Ende April schloß Preußen ein Schutz- und Trutzbündnis mit Österreich, wenn auch in beschränktem Umfange, höchst bemerkenswert erschien, daß die Westmächte auch das Königreich Sardinien, das ein Königreich Italien werden wollte, in ihren Konzern aufnahmen. Der Krieg begann, wesentlich beschleunigt durch brutalen Überfall Rußlands auf die türkische Flotte. Im Juni erschien ein anderer Besucher, der gewaltige Parlamentarier Rudolf v. Auerswald. »Sehen Sie, verehrte Exzellenz, wir sind alte Bekannte, obschon Gegner. Sei mir ein ehrliches Wort gestattet! Ich habe mich der Fraktion Goltz oder Bethmann, wie Sie's nun nennen wollen, genähert. Doch ich sehe ein, daß auch hier kein Heil ist. Den unfruchtbaren Oppositionskampf halte ich für verloren und möchte mich sachte eliminieren.« »Was kann ich für Sie tun, um ad rem zu kommen?« »Sie haben das Ohr des Ministers. Man übertrage mir die vakante Gesandtschaft in Brasilien, und ich verspreche feierlich, die Politik an den Nagel zu hängen.« »Ich werde mich für Sie verwenden.« Immer wieder dieselbe Geschichte. Die traurige Erkenntnis Napoleons: Das persönliche Interesse, das ist alles. So endet der unentwegte Liberalismusheld mit einem guten Posten. Manteuffel in seinem kurzsichtigen Mißtrauen (weil er sich selber mißtraute) wollte nicht. Von ihm erhielt Otto kurz zuvor ein pikiertes Schreiben. »Euer Hochwohlgeboren« seien nach Berlin befohlen, wie er von Gerlach vernehme, ohne daß ihm etwas davon bekannt gewesen. Der Schlußsatz drohte: »Mit Rücksicht auf die beim Bundestag schwebenden Verhandlungen dürfte Ihr Aufenthalt hierselbst nicht von langer Dauer sein .« * Er stand vor dem König. »Was sagen Sie nun? Sie haben manchmal ganz gute Eingebungen.« »Meine unmaßgebliche Meinung geht dahin, daß Preußen hier endlich Ellbogenfreiheit gewinnt. Wir müssen statt der sekundären Stellung die führende erobern, die uns sofort allgemeine Sympathie und Leitung des Deutschen Bundes verschaffen wird.« »Was will denn der Bund?« »Er ist diesmal nicht österreichisch genug, um es mit Frankreich verderben zu wollen. Eure Majestät kennen die rheinbündlerischen Tendenzen von Hessen-Darmstadt. Nun, diesmal kann es nichts schaden, denn als Korrektiv bleibt die antifranzösische Stimmung der Nation. Wir müssen dies aber benutzen, um ganz Deutschland klarzumachen, daß Österreich nur seine außerdeutschen Hausinteressen im Auge hat und sich keinen Pfifferling um spezifisch deutsche Interessen kümmert.« »Aber, aber! Sie verleumden das echtdeutsche Herrscherhaus.« »Das aber, wie nicht anders zu erwarten, vornehmlich slawische und vor allem ungarische Wünsche berücksichtigt. Die Frage der Moldau und Walachei geht uns gar nichts an. Wir dürfen uns deshalb nicht mit Rußland brouillieren.« »Sie drücken meine Intentionen sehr treffend aus«, rief der König lebhaft. Er hatte zwar diese Intentionen nur sehr unklar gehabt, aber glaubte jetzt steif und fest an sein geistiges Eigentumsrecht auf diese Idee. »Aber Preußen dürfte doch nicht allein stehen. Der Druck von England wird immer unbehaglicher, und Sie wissen, ich will mit dieser Macht nicht brechen, die übrigens der Thronfolger bevorzugt.« »Das ist auch gar nicht nötig. Man muß die Westmächte hinhalten. Die möchten gern eine völlige Niederlage Rußlands, um allein in Europa zu schalten. Eure Majestät sollten aber schon in der dänischen Angelegenheit erkannt haben, daß England uns durchaus nicht wohlwill. Und Frankreich erst! Das Rheinufer! Wir haben nicht das geringste Interesse daran, diese Verschiebung des Gleichgewichts zu fördern. Österreich möchte uns in die faule Sache hineinziehen, und was wäre das Ende? Daß es von den Westmächten in seinen deutschen Hegemonieplänen begünstigt würde. Natürlich um allerlei Kompensationen! Ich appelliere an Euer Majestät deutsches Gefühl. Österreich würde sich keinen Augenblick besinnen, deutsches Gebiet an Frankreich zu opfern, und sogar beschränkte Rheinbundtendenzen zu dulden, wenn es nur selbst die absolute sonstige Oberhand in Deutschland hat.« »Sie sind ein Pessimist, Bismarck, das weiß ich schon lange. Ich fürchte, Sie studieren das abscheuliche Pamphlet Macchiavellis ›Vom Fürsten‹, das mein erhabener Ahne, der große König, so glänzend widerlegte. Sie trauen dem verbündeten Herrscherhause Absichten zu, die – ich will nichts weiter sagen. Aber was wollen Sie denn?« »Der Vertrag mit Österreich ist vorsichtiger als ich dachte. Er läßt Raum für Zuwarten. Wir sollen gleich 100 000 Mann bei Lissa aufstellen? Nun wohl, sammeln wir sie in Oberschlesien! Da können sie sowohl die österreichische als die russische Grenze überschreiten. Die Österreicher sind in Ostgalizien aufmarschiert, ihnen gegenüber die Russen in bloß auf dem Papier gleicher Stärke. Ihre ganze Kraft ist im Osten gebunden. Das gilt aber auch für die Westmächte, wenn sie ihre Krimexpedition ausführen. General v. Gerlach schrieb mir, daß wir noch freie Hände haben.« Der König runzelte unwillig die Stirn. Der ehrliche Gerlach hatte den Abschluß mit Österreich »eine verlorene Bataille« genannt und befand sich deshalb in Ungnade, denn wenn der König durch einen Minister einen Bock schoß, hielt er an diesem fest, was übrigens in der menschlichen Natur liegt. »Hm, der Kabinettsrat Niebuhr hat Budberg« (den russischen Gesandten) »in Arbeit genommen und seinen Unmut beschwichtigt. Doch wenn ich Sie recht verstehe, würde man uns, wenn wir Ihrer unmaßgeblichen Meinung folgten, des doppelzüngigen Wortbruches zeihen.« Otto lachte verächtlich. »Der Dieb schreit: Haltet den Dieb! Gegen solche Anwürfe muß man dickfellig werden. Der Vertrag war natürlich ein Fehler.« Der König rümpfte die Nase. »Er enttäuschte Deutschland und diskreditierte Preußen, denn nun glaubt man, daß Österreich unser Herr sei.« »Erlauben Sie, mein Bester, das geht zu weit. Hat übrigens Deutschland kein Interesse an den Mündungen der Donau, dieses urdeutschen Stromes?« »Gar keins. Weit mehr am Adriatischen Meer, Triest und den Jonischen Inseln, die England beschlagnehmen möchte.« »Und die Drohungen mit einer polnischen Insurrektion?« »Ein Blech, wie es nur England und Frankreich in ihrer lächerlichen Unwissenheit schmieden können. Kein Bauer in Polen und Galizien würde sich erheben. Auch steht es nicht bei Napoleon, irgendeine Revolution in Deutschland oder Italien zu schüren. Die Völker sind dort vernünftig geworden und denken: Hüte dich vor dem Ausland! Wenn das Ausland mich lobt, dann, Majestät, ist es Zeit, mich abzusetzen.« »Auf die Art, wie Sie denken, könnten wir ganz aus dem europäischen Konzert hinausgedrängt werden«, klagte der König in kindischer Furcht, als ob er seine Großmachtstellung dem Beistand von Paris und London und nicht dem Ansehen des preußischen Heeres verdanke. Unwahr gegen sich selbst, wollte er dafür wahr und klar nach außen sein, gab dabei auch der inneren Gereiztheit gegen den geliebten Zarenschwager nach, dem er so die Warschau-Olmützer Unanständigkeit heimzahlen konnte. »Rußland hat es mit ganz Europa verdorben, es sitzt in der Patsche, und ich sehe nicht ein, warum wir ihm heraushelfen sollen.« »Majestät mißverstehen, das würde ich gewiß nicht wünschen. Aber noch weniger, daß die anderen auf unsere Kosten sich politisch bereichern. Auch ist ein Irrtum in der Rechnung, die Stimmung in Deutschland bei Hof und Volk ist diesmal prorussisch, weil antifranzösisch. Es sind wohl die dynastischen Sympathien, die in Bayern, Württemberg, Hannover, Sachsen das monarchische Prinzip bei Rußland und die Revolution bei Frankreich sehen.« »Die Revolution, ah!« Die lose Schraube kam wieder in Schwingung. »Ich würde mich an die Spitze eines deutschen Fürstenbundes stellen.« »Aber bitte nur dann, wenn Preußen dadurch für sich Vorteil erlangt.« Der König hatte sich ein L'Allemagne, ce'st moi natürlich nur platonisch-romantisch gedacht. »Alle können uns nichts anhaben, wenn wir Forderungen stellen.« »Und wenn sie rundweg ablehnen?« »Dann wird mobilisiert, nicht nur mit 200 000, wie vorgesehen, sondern mit 400 000, die können wir aufbringen, wenn wir wollen.« »Immer ein Phantast, guter Bismarck. Und gegen wen sollten wir denn mobilisieren?« »Natürlich gegen Österreich. Von Rußlands Niederlage hätten wir nichts zu unserem Vorteil zu erwarten, während der Donaustaat uns die Reorganisierung Deutschlands und die Erwerbung von Schleswig-Holstein einräumen müßte.« »Was, was! Schleswig-Holstein?! Und früher waren Sie doch ganz dagegen. Nur aus Parteirücksichten?« »Weil es noch nicht an der Zeit war. Heut sind wir Herren der Situation. Nicht nur die deutsche Nation, auch die Mittelstaaten wären für uns, mit wenigen Ausnahmen. Die wünschen aus dynastischen Gründen keine Niederlage Rußlands.« »Ja, die Revolution!« Die steigende Paranoia des Königs horchte auf dies pathologische Leitmotiv. Die Reste seines so prächtig angelegten Intellekts verkannten aber nicht die Möglichkeiten. Er lächelte sehr freundlich, indes er eine Weile schwieg. Dann klopfte er Otto auf die Schulter und berlinerte: »Liebeken, das is allens sehr scheene, aber is mich zu teuer. So was konnte die Sorte Napoleon machen, aber nich unsereins.« – Und damit war's entschieden, Preußen tat überhaupt nichts, was freilich Bismarck noch wohlgefälliger war, als wenn es etwas zugunsten Österreichs unternommen hätte. Aber auch diese Hoffnung trog, Preußen war auf bestem Wege, in schiefer Bahn hinabzugleiten. Der König reiste im Sommer nach München, doch die hierdurch erzeugte germanomanische Begeisterung verrauchte, weil sie unbenutzt blieb. Die Mittelstaaten traten in Bamberg zu einem Vertrag zusammen, der sich widerwillig dem Präliminarvertrag Preußens mit Österreich anschloß, verfielen von da ab wieder ganz dem österreichischen Einfluß. Der blinde König in Hannover, immer zu falschem Spiel geneigt, wenn es Preußen betraf, zeigte sich unzuverlässig, Bayern fiel halb um, Sachsen lavierte. Thüringen folgte natürlich dem Wink des Koburger Prince Consort , der heftig an den Herzog Ernst etwa in dem Sinne schrieb: »Friedrich Wilhelm ist ein schwankendes Rohr. Er läßt sich durch jedes Kopfnicken des Zaren seinen Willen diktieren.« Das war nun freilich übertrieben, im Gegenteil vergaß sich Preußen so weit, die österreichischen Forderungen in Petersburg zu unterstützen. Otto reiste, um sich Gewißheit zu verschaffen, nach Stuttgart zu König Wilhelm, dem einsichtigsten der Mittelfürsten. Er hatte im Krieg gegen Napoleon I. sich als Kriegsmann einen Namen gemacht und innerlich die Rheinbundneigungen abgestreift. Aber als er mit dem preußischen Gesandten, den er schätzte, vertraulich am Kamin saß, seufzte er schwer: »Die Lage ist zu verfahren und Preußen zu schwach. Gewiß hat es den gleichen Grund wie wir, Österreich am Krieg mit Rußland zu hindern, und wenn es den Mut hätte, hätte es auch die Macht dazu. Doch wir sehen, wie ein windiger, beschränkter Herr wie Graf Buol braufloshandelt, ohne nur seinen Verbündeten, Preußen, zu fragen, das sich mitschleppen läßt als quantité négligeable . Da müssen wir an unsere eigene Sicherheit denken. Wir Mittelstaaten allein, ohne Preußen, können nicht Österreich und Frankreich zugleich vor den Kopf stoßen. Straßburg als Ausfallpforte liegt zu nahe, wir würden okkupiert, ehe Preußen fertig wäre. Ich für meine Person will nicht aus dem preußischen Lager das Jammern meiner überfallenen Untertanen hören, ich müßte dann doch mich Frankreich unterwerfen.« »Aber die allgemeine deutsche Sache würde dies Opfer Württembergs und Badens lohnen, ganz Deutschland würde gegen solche Vergewaltigung zusammenstehen.« »Ich danke bestens. Das Württemberger Hemd ist mir näher als der deutsche Rock. Ich will ganz offen mit Ihnen reden, weil ich weiß, daß Sie ein sehr verständiger Mann von klarem Blick sind. Was wäre die Folge eines preußisch-österreichischen Krieges gegen Rußland, der dies Reich zur Desperation brächte? Sprechen Sie sich ehrlich aus, denn ich kenne gewisse geheime Winke und Versuche, und Sie werden von Ihrem befreundeten Kollegen Graf Montessuy, der sich drohweise wohl ein Wörtlein entschlüpfen ließ, das Nötige wissen. Sie sehen, ich bin gut unterrichtet. Die Bahn wäre geebnet zu etwaiger französisch-russischer –« »Allianz. Der Zar würde sein Dynastengefühl über Bord werfen und sich mit Louis verständigen, der überhaupt den Krieg nur aus Prestige- und Gloiregründen betreibt und sehr wohl weiß, daß er sonst nur für England Kastanien aus dem Feuer holt. Frankreich und Rußland trennen keinerlei wirkliche Reibungsflächen. Ihre Allianz, wie Bonaparte sie schon dem Zaren Paul vorspiegelte, wäre eine natürliche, sowohl gegen England als gegen die deutschen Mächte gerichtet. Deshalb muß das Äußerste geschehen, um diesen bösen Streich zu verhüten, bei dem wir Deutschen am schlimmsten führen.« Der König von Württemberg nickte. »Dann würde zuerst Österreich aus dem Leim gehen, denn Frankreich würde Italien und Rußland die orthodoxen Slawen insurrektionieren. Deshalb würde die Donaumacht eiligst die Segel streichen, und Preußen bliebe dann allein der Rache seiner beiden Nachbarn überlassen. Die Pflicht der Selbsterhaltung gebietet uns Mittelstaaten, zunächst mit Österreich und Frankreich zu marschieren und später, falls letztere auseinandergehen, mit Frankreich, das uns am ehesten schaden kann.« »Eure Majestät malen ein düsteres Bild, vielleicht zu düster.« »Es kann sich nur aufhellen, wenn Preußen starke Schritte tut, Österreich am Krieg zu verhindern, das ohne den Deutschen Bund es nicht wagen wird.« Im August befand sich der König auf Rügen beim Fürsten Puttbus, von wo Kabinettsrat Niebuhr einen ganz verzweifelten Brief an Otto richtete und darin die Wiener Herren als Schlafwandler auffaßte, die sich schon im Krieg mit Rußland zu befinden glaubten. Otto lächelte bitter über solche Verkennung. Schlaftrunkenheit und mondsüchtiges Nachtwandeln, wobei man jeden Augenblick, zu jäh geweckt, den Hals brechen kann, paßte für die Weisen an der Spree, nicht für die schlauen Blagueure und Faiseure an der Donau, die ja gerade durch ihre flotten Tanzbeine Preußen in diese Nachtwandlerei hineinlockten. Dort wurde mit der altbewährten Bluffmethode fortgewurstelt, während das Fortwursteln in Berlin überhaupt kein Steuer kannte und sich nach dem Poloniustakt bewegte: Ist dies auch Wahnsinn, hat es doch Methode! Johanna war auf Ferien mit den Kindern in Reinfeld und erkrankte schwer, so daß er eiligst dorthin nachreiste. Aber als er in Stettin ausstieg, trat ein Postdirektor auf ihn zu und salutierte: »Befehl Seiner Majestät, ich soll auf Exzellenz fahnden und Sie ersuchen, sich stante pede nach Puttbus zu verfügen.« Otto brummte etwas Unverständliches in den Bart. » Voyez , teuerster Bismarck, ich mußte Sie herbemühen, weil Manteuffel wieder zu österreichisch denkt und schreibt. Der Zar hat nachgegeben wegen der Donaufürstentümer, wir müssen aber auf Buols Frohlocken gemessener antworten, nicht so in seinen Jubel einstimmen. Redigieren Sie eine andere unverbindliche Antwort, die soll zu Graf Arnim nach Wien gehen.« Otto gehorchte sehr gern. Gleich darauf erschien der russische Abgesandte Graf Benckendorff, der zuversichtlich äußerte: »Die Verbündeten in der Krim gelandet? Freut mich, dort sind wir am stärksten.« Der König schwenkte wieder mal ins Russische. »Nun hab' ich wohl meine Pflicht getan,« drängte Otto den armen Gerlach, »ich habe schlechte Nachrichten von zu Hause und bitte um Entlassung von hier.« Gerlach kam betreten zurück: »Majestät haben Sie dem allerhöchsten Gefolge zugeteilt, ein Gnadenbeweis ersten Ranges. Aber«, setzte er übellaunig hinzu, »überschätzen Sie das nicht. Sie bilden sich wohl ein, Sie seien geschickter gewesen als wir? Der König schenkt Ihnen diese Depesche an Arnim, wie er einer Hofdame ein Bukett schenken würde, aus gnädiger Laune.« »Jedenfalls bestehe ich darauf, zu meiner sterbenskranken Frau zu eilen, was Sie unserm Herrn mit meinem untertänigsten Dank vorstellen wollen.« Diesmal kam Gerlach sehr ernst zurück, zuckte die Achseln und führte ihn zum König. Dieser rief aufgebracht: »Ha, seine Häuslichkeit ist ihm lieber als das ganze Reich. Mag er also zum Teufel fahren!« Otto ging still davon. Von so ungerechter Selbstsucht war nie etwas Gedeihliches zu erwarten, doch gottlob, die inhaltsreiche Depesche haben wir durchgesetzt! – Prost Mahlzeit! Sie wurde telegraphisch angehalten und wieder in die alte Form abgeändert. Als er das erfuhr, fuhr seine Hand unwillkürlich nach der Halsbinde. Er hatte ein Gefühl, als solle er ersticken. So lohnte man den Unermüdlichen, den einzigen Arbeiter, der seines Lohnes wert war. Bah, das Wasser geht oft bis an den Hals, doch was ein guter Schwimmer ist, duckt darum den Kopf noch nicht unter. – Da mit Johannas Gesundheit bald eine Windung zum Besseren eintrat, packte er bald seine »liebe Familie Irrwisch«, die ihm zwischen den Fingern entschlüpft sei, säuberlich zusammen und fuhr zu den heimischen Penaten. Hallo, Bockenheim! Wer in seinen eigenen vier Pfählen sitzt, erkältet sich nicht mehr vor der Zugluft da draußen. Aber wer läuft denn da draußen herum in Nacht und Wind? Das arme Waisenkind, das Aschenbrödel Deutschland. Bin ich sein Vormund? Wer hat mich dazu ernannt? Seltsam, wie der Aufenthalt im Süden mein Borussenherz erweichte! Die Stockpreußen behagen mir gar nicht mehr. Daraus wuchs ich auch heraus, die alten Kleider werden zu eng. Nun, wie Gott will! Seine Pflicht tun, weiterkämpfen! * Otto suchte Prokesch zu bearbeiten. »Der Kaiser sollte sich nicht von Ihrer Polizei düpieren lassen. Man redet ihm ein, der Zar besolde Kossuth und hetze ihn zu neuer Empörung in Ungarn auf. Heller Blödsinn für jeden, der den Zaren kennt! Er und Kossuth!« »Unsere Weaner Polizei ihst a liabe, guete Polizei«, wienerte Prokesch ausweichend, wie er immer tat, wenn er gemütlich wurde. »Wer im Glashaus sitzt, sollt' nit mit Steine werfe. Ihr Ohm und Hintze haben's ja auch von Attentat geschwihndehlt, von die Refugiés in London, und Ihrem Herrn Könikk Ahngst gemahcht.« Otto biß sich auf die Lippen. An die infame Geheimpolizei Hinckeldeys, den Verbrecher Hintze und Konsorten, wollte er nicht erinnert werden, deren segensreiches Wirken seine politischen Freunde (? hm!) Gerlach und Kleist-Retzow für ein Fundament konservativer Schreckensherrschaft hielten. »Die heilige christkatholische Kirch ihst auch gegen die russische Kehtzerei, so sich orthodox nennt.« Jawohl, als ob der Ultramontanismus etwa das protestantische Preußen minder hasse. »Man spricht von Wiederherstellung Polens unter einem Erzherzog. Glauben Sie, daß Preußen damit gedient ist?« »Ach, Märchen! Wir wünschen keine Eroberungen im Osten.« Prokesch sprach wieder hochdeutsch. »Auch nicht im Westen?« »Wo denken Sie hin! Wir rihchten uns nach den Umständen, und uhnsre Rihchtschnur ihst die Erre.« »Oder die Furcht.« »Mein Herr!« Prokesch nahm Grundstellung. »Wissen Sie, was mir General Gerlach schreibt? Da er aus seinem Herzen keine Mördergrube macht, kann Meyendorff als loyaler Russe dafür eintreten, und ich begehe keine Indiskretion. Meyendorff sagt: ›Mein Schwager Buol ist ein politischer Hundsfott, er fürchtet jeden Krieg. Doch mehr den mit Frankreich.‹ Ja, ja, Italien! Die Furcht ist's, was Ihre Schritte lenkt.« »Ich sage Eurer Exzellenz wohl nichts Neues und Unerwartetes, wenn ich hiernach jede Diskussion abbreche.« Prokesch entschwand mit gekränkter Würde, aber der Schuß saß. Den Bogen bei Preußen zu überspannen, wäre nicht rätlich. Denn man möchte ja Preußen als Pfeil im Köcher behalten gegen die Westmächte. Das war's, was Bismarck erreichen wollte. Denn solange Österreich nur lavierte, ging alles noch gut. Ein entschiedenes Auftreten Preußens von diesem König zu erwarten, hieße auf Sand bauen. Also das ihm so passende Nichtstun fördern, mußte die einzige Hoffnung sein. – Der Krimkrieg ging weiter und brachte allmählich eine recht erwünschte Schwächung Rußlands und Englands durch schwere Verluste, weniger Frankreichs, das wenigstens seinen Gloiredusel befriedigte. Rußland gab zähneknirschend Österreichs Forderungen nach, das deshalb nichts Ernstliches mehr wagte, und Preußen schwelgte in unparteilich wohlwollender Neutralität für beide Parteien, nach drei Seiten (Rußland, Frankreich, Österreich) herumhinkend. Nach dem gesunden Grundsatz, daß man es mit dem im Vorteil Befindlichen halten müsse, freundete sich Otto plötzlich mit dem französischen Gesandten am Bundestag an und trug »bonapartistische« Neigungen zur Schau. Der entsetzte Gerlach mahnte ihn an das Wort der Schrift: »Man darf nicht Böses tun, daß Gutes daraus werde.« Das sei hier auch unweise. Solche »indirekten Finesserien« paßten nicht für einen, »um nicht mehr zu sagen, eigentlich unberechenbaren Herrn« wie Friedrich Wilhelm. (So weit sank schon der angeborene Respekt eines so Königstreuen!) »Sie vergessen, daß die Persönlichkeiten das Entscheidende sind.« Leider oder gottlob, je nachdem! Der neue französische Gesandte, Comte de Montessuy, entfaltete eine Lebendigkeit und Regsamkeit, die ihn bei seinen gravitätischen Kollegen unbeliebt machte. Er überfiel förmlich die Bundestagsleute mit Fragen nach jeder Sitzung, nahm sie ins Kreuzverhör und inquirierte hochnotpeinlich, was denn wieder beschlossen sei. Dabei arbeitete er mit Kleistertopf und Schere wie eine ganze Redaktion, schnitt aus allen Preßorganen die ihm passenden Rosinen heraus, klebte sie zusammen und schickte diesen unverdaulichen Plumpudding nach Paris. Jeder fand für sich was darin. Seine höllische Majestät selber, der Duc de Morny, der Kriegsminister St. Arnaud, der Polizeipräfekt Pietri und all die andern Katilinarier. So sehen nämlich normale Gesandtschaftsberichte aus. Otto amüsierte sich weidlich über den geschäftigen Herrn und nahm ihm nichts übel. Denn seine zudringliche Unverschämtheit wurde durch eine echtfranzösische Angenehmheit gemildert. »Ihr Schwanken sollte Sie an Jena erinnern!« trumpfte er heftig auf, nach fruchtloser Auseinandersetzung über Preußens Zurückhaltung. »Warum nicht an Roßbach?« Die schlagfertige Antwort gefiel dem Französchen so gut, daß er lächelnd seine blankgeputzten Zähne zeigte. Un bon garçon Dagegen seine Gattin – »Ich sage Ihnen, liebste Frau v. Bismarck,« versicherte Frau v. Eisendecher, »zu Montessuys wird kein Mensch mehr gehen.« »Mein Mann steht sich gut mit ihnen«, lehnte Johanna ab. »Er klagt nur über das schlechte Essen und Trinken. Aber das tut ihm gut,« lachte sie, »denn er fürchtet schon eine Karlsbader Kur wegen der endlosen guten Diners.« »Das ist aber unser Stolz. Ja, bei Montessuys ist nichts solid ... außer ihren Diamanten und den Prätensionen von Madame. Für uns Bundesdamen ist sie nicht höflich genug, und das will eine Pariserin sein! Von gesellschaftlichen Unterschieden versteht sie nichts, sie ladet Krethi und Plethi ein, und ihre Einladungen bringen immer Zank. Sie setzt die Gäste an der Tafel pêle-mêle , ohne Ahnung von Rang und Etikette.« Die Pariserin machte sich ihrerseits lustig über die Krähwinkelweiber. So rollte Deutschlands Geschick in männlichen und weiblichen bekrallten Samtpfötchen hin und her. Der neue englische Gesandte, Sir Alexander Malet, war ein redlicher Gentleman nach Ottos Herzen, beide schlossen eine Freundschaft. Ein leidenschaftlicher Jäger und Angler, wie alle Gentlemen seiner Klasse, empfand er eine herzliche Gleichgültigkeit gegen alle deutschen Sachen, hatte aber als ruhiger gemäßigter Mann von rechtlicher Art bald genug gesehen, um weit mehr zu Preußen als zu dem turbulenten und intriganten Österreich hinzuneigen. Ottos weidmännische Fähigkeiten erfüllten ihn mit hoher Achtung, ebenso die Sittenreinheit seines Lebenswandels, und er ließ sich gern von Frau Johanna » home, sweet home « vorspielen. Als ein englischer Hauptmann Yates sich über die Unziemlichkeit der Berliner Polizei bei Malet beschwerte, schrieb der preußische Gesandte einen recht scharfen Brief an Mauteuffel, die Berliner Schutzleute seien die gröbsten und schikanösesten in Europa. Durch solche Ungebühr der preußischen Subalternbeamten wird mehr Ärger und Groll geweckt, als durch wirkliche Tyrannei im großen. Er wollte dabei auch dem Polizeipräsidenten Hinckeldey eins auf die Kappe geben, dessen Schnüffelei und Willkür das preußische Staatswesen lächerlich machte. Dies war die schöne Zeit, wo man Berlin nicht ohne Paß betreten konnte und wo ein »Kalabreser« Filzhut revolutionäre Umtriebe verriet. Der unglückliche Bismarck wußte sehr wohl, daß er an seinen lieben Kollegen keine Stütze hatte: nicht an Baron Werthern und Graf Münster in Petersburg (an Stelle Rochows), Bunsen in London, Usedom in Italien, Hatzfeld in Paris. Letzterer hielt den Neffen der Schlacht von Austerlitz für viel bedeutender als den Onkel, der neben diesem Genie ein Waisenknabe gewesen sei. Graf Alvensleben, Erxlebener Angedenkens, erschien in Frankfurt und erklärte, nie wieder unter diesem Monarchen dienen zu wollen, falls der König ihn etwa als Prätendenten gegen Manteuffel aufstellen wolle, wie er das schon mit Graf Pourtalès aus der Wochenblattspartei versucht habe. »Was rührt denn die wieder ein? Das wird ein hübscher Brei sein mit allerlei Kolonialzucker aus England.« »Sie sagen es. Die sogenannte öffentliche Meinung in England, der Prinzgemahl (unser Schulmeister am Hofe) und Lord Palmerston würden sich hochherzig für Deutschland opfern. Liberale Gesittung! Rußland muß ganz zerschnitten werden, erstens in Groß- und Kleinrussen, zweitens durch Herrschaft des Weißen Adlers der Republik Polen bis Smolensk, drittens durch Abladen der Ostseeprovinzen einschließlich Petersburg und Finnland an Preußen und Schweden. Derlei kindisches Zeug wird bei uns als hohe Weisheit angestaunt und das apokryphe Testament Peters des Großen zitiert, das Moskowitertum strebe als allgemeiner Feind der Menschheit nach der Weltherrschaft.« »Das ist schon möglich«, urteilte Otto kühl. »Der Zarismus und der heilige Synod der orthodoxen Kirche litten immer an Größenwahn mit halbreligiösem Anstrich. Die räumliche Ausdehnung auf der Karte nährt solche Wahnvorstellung, etwa so, als ob die Sahara sich für unendlich erhaben über das kleine Ägypten hielte! Das wird Rußland ebensowenig gelingen, wie einst den Mongolen und später den Türken, die bis Liegnitz und Wien ihren werten Besuch ausdehnten und dann nie wiederkamen wegen zu ungastlicher Aufnahme. Aber ebensowenig können solche furiosen Schwätzer Rußland Gesetze diktieren, dazu gehören andere Zeiten und andere Machtverhältnisse. Diese Unverantwortlichen wollen uns leichten Herzens zugrunde richten, denn daß sich die Westmächte und Österreich nachher über unsern Kopf weg mit Rußland verständigen werden, ist ohnehin sicher.« »Sie müssen mit dem Könige reden«, drang Alvensleben in ihn. »Sonst werden die Goltz und Albert Pourtalès den Thronfolger noch ganz umstricken.« »Der König wird mich in Kürze nach Potsdam befehlen«, nickte Otto mit einer gewissen Traurigkeit. Die frühere Ungnade vergaß der hohe Herr schon lange, wie seine drängende Gedankenflucht Tag für Tag alles vergaß, nur nicht sein allmächtiges Gottesgnadentum. »Ob etwas Gutes dabei herauskommt, ist eine andere Frage.« * Als er der erwarteten Ladung folgte, nahm ihn zuvor der Thronfolger in Beschlag. Der hohe Herr schien erregt, wie selten bei seiner würdevollen Ruhe. »Sie haben keine Ahnung, wie hier gewühlt wird. Kürzlich war der König der Belgier an der Reihe, den natürlich die andern Koburger, d. h. die Engländer aufstacheln. Preußen müsse durch dick und dünn Hand in Hand gehen mit Österreich, selbst um den Preis einiger kleiner Opfer der Eigenliebe. Also so weit kam es, daß wir immer nur Opfer bringen sollen. König Leopold scheute sich nicht anzudeuten, wenn Preußen sich nicht füge, werde Frankreich den Rhein erobern und England, wenig treu seinen älteren Traditionen, dies sogar mit einiger Genugtuung begrüßen. Also schamlose Erpressung!« Die Stimme des Prinzen bebte. »Ich selbst bin antirussisch und westmächtlich gesinnt, ich sage es offen. Aber solche Sprache verwundet doch aufs tiefste mein vaterländisches Ehrgefühl.« »Ich beglückwünsche Euere Kgl. Hoheit zu solchen Gefühlen«, erwiderte Otto warm. »Indessen dürften wir von dieser Seite wohl kaum mehr etwas hören. Seine Majestät ließen mich amtlich wissen, daß man mit dem Gedankengang einer so erprobten Monarchenweisheit konform gehe, doch ich demolierte diese Weisheit mit dem einfachen Satz: »Wäre Seine Majestät von Belgien statt dessen König von Preußen, so würde er das Gegenteil geraten haben«, und ferner mit dem Hinweis: »Frankreich am Rhein wäre auch Herr von Belgien, England und König Leopold sollten das bedenken!« Nun, man scheint es bedacht zu haben, denn Schweigen trat ein. Übrigens äußerte sich der belgische hohe Herr mir gegenüber noch voriges Jahr ganz anders.« Der Prinz lächelte etwas verlegen. »Eigentlich dürfte ich Ihnen nicht danken, denn im System stehe ich ja auf Englands Seite. Doch Sie haben recht, durch Drohungen uns übertölpeln wollen, das muß abgelehnt werden, und die Versprechungen schmecken auch manchmal zu gesalzen. Kennen Sie die Affäre Bunsen?« »Oberflächlich«, bekannte Otto vorsichtig. »Er ist erledigt, nicht wahr? Auf Reisen verschickt, und sein Urlaub dürfte ein dauernder sein.« »So ist's. So sehr der König Bunsen liebt, dies ging ihm doch wider den Strich, daß ein Gesandter, auf die Gnade seines Herrn pochend, selbständige Abmachungen trifft. Die Sache spielt ja lange zurück ins vorige Jahr hinüber, und es wuchs das nötige Gras, doch der Vorschlag könnte sich wiederholen. Man bietet uns die Elbherzogtümer, die wir natürlich erst erobern müßten und wozu die andern wohl auch nicht ohne weiteres Ja und Amen sagen würden.« »Sehr verfrüht!« entschlüpfte es Otto. Der Prinz sah ihn bedenklich an, nicht mit Mißtrauen, sondern mit einem gewissen Ahnungsgefühl: »Verfrüht? Also Sie denken auch daran? Nun, wie dem sei, die Bedingungen, die Bunsens Denkschrift übermittelte, waren unannehmbar, unsinnig. Herstellung Polens, Österreichs Expansion bis in die Krim, endlich – last, not least – Einsetzung der koburgischen Linie ins sächsische Königtum, was doch auch nur mit Waffengewalt und nicht ohne Einspruch des Bundestags geschehen könnte. Wie nennen Sie das?« »Mischung von Unverschämtheit mit Unwissenheit und Phantasterei«, erwiderte Otto kühl. »Und das schönste ist, daß Bunsen nicht mal amtlich von England und erst recht nicht von unserer Regierung ermächtigt war, sich wechselseitig mit diesem Handel einverstanden zu erklären. Die englischen Staatsmänner erklären nachher jede mündliche Abmachung für ein Mißverständnis, sobald der Hase anders läuft, und haben wahrscheinlich den armen Bunsen gründlich hineingelegt. Ich fürchte, in London werden noch andere deutsche Gesandte das nämliche erleben bis ans Ende aller Tage, falls nicht mal England selber einen gründlichen Klaps erhält.« »Sie sind ein Englandhasser.« Der Prinz runzelte die Stirn. »Das ist eben die Differenz, weshalb meine Gemahlin gegen Sie eingenommen ist. Sie kennen meine Freundschaft für den Zarewitsch, aber Sie sind uns eben zu russisch.« »Ich erlaubte mir schon mehrmals zu betonen,« erwiderte Otto mit ehrerbietiger Festigkeit, »daß ich höchstens zu deutsch bin. Früher hieß ich der Wiener, der landesverräterisch paprizierte Backhändl liebt, heut soll ich nach Juchten riechen als Spreekosake. Nächstens wird man verbreiten, daß ich nach dem neuesten Pariser Parfüm der Rue de Rivoli dufte. Ich habe aber nicht das geringste Talent für Thuguts und Cobenzls der alten Schule, die von einer Zehe auf die andere hüpften und sich dabei die Beine brachen. Nur mag ich nicht bloß auf einem Beine stehen wie ein stelzbeiniger Marabustorch, sondern mir freie Bewegung beider Füße vorbehalten. Ich bin kein Englandhasser und Rußlandliebhaber, und eine Buhlschaft mit Frankreich möchte ich auch nicht treiben, falls es nicht notwendig wird.« »Ah, ah!« Der Prinz horchte hoch auf. »Also grundsätzliche Abneigung gegen die Westmächte liegt Ihnen fern? Nun, Sie werden beim König als Schiedsmann fungieren zwischen zwei widerstreitenden Parteien. Ich beschwöre Sie, lassen Sie ein wohlverstandenes Wohlwollen für Rußland den Ausschlag geben.« »Was sollte ich denn tun?« »Rußland Frieden aufnötigen, sonst geht es zugrunde. All seine magnifiquen Truppen würden nicht die Walstatt bedecken, darunter Freunde von uns, wenn wir rechtzeitig durch unsern Beitritt zum übrigen Europa den Zaren zum Beigeben forciert hätten. Wir müssen ihn salvieren auch gegen sa propre volonté . Gott selber weist uns diese schöne Aufgabe zu.« »Ich zweifle, daß unser Herrgott mit günstigem Auge auf Krieg schaut, für die man nicht mal einen Vorwand hat. Welchen Kriegsgrund haben wir? Liebedienerei für Österreich und die Westmächte, gemischt mit Furcht. Wenn wir ohne jede Provozierung unsern alten Freund und Nachbar anfallen, so wird er ewig an Revanche denken, und die falschen Freunde ließen uns dann im Stich. Ferner: wie denkt man die polnische Frage zu lesen ohne Benachteiligung Preußens? Die edeln Polen sollte man doch kennen, die verlangen Posen und womöglich noch Danzig dazu, und das hohe Protektorat im Westen würde uns dann gnädigst mit Landstrichen entschädigen, die wir erst noch mit dem Schwert gewinnen müßten. Sind wir etwa das Yorksche Korps, das gezwungen dem Gewalthaber folgte, oder ein indischer Vasall, der treu-gehorsam Englands Kriege mitmacht?« Dem Thronfolger stieg die Röte ins Gesicht, und er stampfte leicht mit dem Absatz auf: »Von Vasall und Furcht ist keine Rede.« Er bezwang sich aber in würdiger Sammlung und sprach freundlich weiter. Es lag nicht in seiner wahrhaft vornehmen und unerschütterlich charaktervollen Art, gegen Leute loszufahren, die ihm scharf widersprachen, besonders nicht solche, die einmal fest in seinem Vertrauen saßen. – Der König begann sogleich sein Steckenpferd zu reiten: »Ja, Bismarck, die Revolution! Sind wir mit Österreich uneins, so setzen wir alle Throne erneut dem Drachen aus, wie mein weiser Freund Leopold von Belgien mir damals ins Gewissen redete.« »Im Gegenteil würde eine zu enge Einigung mit dem ultramontanen Österreich alle unruhigen Köpfe in Deutschland mit Wut erfüllen, und die franzosenfeindliche Stimmung in den Mittelstaaten würde zu der Behauptung umschlagen: Preußen verrate alle nationalen Interessen, das deutsche Volk müsse sich selber helfen.« »Das hat Hand und Fuß«, sah der König ein. »Übrigens billige ich nicht Österreichs neue Winke auf Abtretung Bessarabiens. Rußland hat ja die Moldau-Walachei geräumt, zeigte also seinen guten Willen.« »Gebietsabtretung würde es nur nach langem, unglücklichem Kriege gewähren und noch fiel nicht mal Sebastopol. So würde die Revolution Zeit und Gelegenheit gewinnen, überall ihr Haupt zu erheben.« »Das leuchtet mir ein. Raten Sie also, Österreich abzuschütteln?« »Nicht doch. Wir müssen seine Balkanpolitik scheinbar unterstützen, solange wir es dadurch abhalten, direkt die Waffen zu ergreifen. Rußland hat uns viel Unrecht getan, und unser Interesse mit dem seinen zu identifizieren wäre närrisch. Auch brauchen wir seine Hilfe nicht, um einen neuen revolutionären Ausbruch niederzuschlagen. Ich würde einen Krieg gegen Rußland gar nicht abraten, wenn dabei ein würdiger Siegespreis in Aussicht stände. Doch schon der Gedanke empört mich, daß wir uns in Gefahr und Not für dies Österreich stürzen sollen, für dessen Sünden gegen uns Euere Majestät so viel Nachsicht entwickeln, wie unser Herrgott sie einst hoffentlich meinen eigenen angedeihen läßt.« Das hieß kühn sprechen, doch dem König schmeichelte gewissermaßen der Vergleich mit dem höchsten Herrn im Himmel, vor dem auch ein allerhöchster Herr einst Revue passieren muß. Gewohnt, sich als Instrument des Himmels zu betrachten, gefiel er sich in der Rolle eines verzeihenden, aber gerechten Sündenrichters. »Da haben Sie meine Intentionen richtig erkannt«, schloß er die Unterredung. »Wir werden von jeder prononcierten Gewaltpolitik abstehen.« Weil natürlich das Zuwarten und Nichthandeln bequemer ist. * Nach Neujahr 1855 kapitulierte Hessen. Auf einem Diner in Frankfurt näherte sich Minister Dalwigk in sehr unterwürfiger Haltung dem grimmen Preußen: »Wie befinden sich Euer Exzellenz? Wie tief beklage ich das Erkalten unserer einst so herzlichen Beziehungen! Mein hoher Herr möchte jeden Stein des Anstoßes aus dem Wege räumen.« »Freut mich. Dann würde wohl ein Handschreiben nach Berlin am Platze sein.« »Soll geschehen. Achtzehn Monate dauert nun der unerfreuliche Zwist.« »Nicht durch unsere Schuld, Herr Minister.« Otto blieb steif und kühl, der Mann mußte erst gründlich die Suppe ausessen. »Mein Gott, ich gestehe, ich war zu schroff, mag ich Herrn v. Canitz, den ich so sehr hochschätze, mißverstanden haben.« Otto schwieg immer noch. »Soll ich denn laut pater peccavi singen? Wenn nichts anderes Sie befriedigt, nun denn, ich war schuld und bitte Sie persönlich um Entschuldigung.« »Ich danke Ihnen. Doch ich hatte hier nur ein Amt und keine Meinung. Persönliches scheidet bei mir dienstlich ganz aus. Mir kann daher nur Satisfaktion geben, daß Ihre politische Richtung sich ändert und Sie Preußen Gerechtigkeit widerfahren lassen.« »O, Sie tun mir unrecht! Ich verehre Preußen,« log Dalwigk, »meine künftige Haltung wird Sie darüber belehren. Übrigens,« er dämpfte vertraulich die Stimme, »würdigt mein erlauchter Gebieter Ihre unsterblichen Verdienste in dieser großen Staatssache und verleiht Ihnen das Großkreuz seines hohen Ordens Philipps des Großmütigen.« (Hier war der berühmte Ahne bloß »großmütig«, nicht »groß« wie bei andern kleinen Fürstengeschlechtern. Warum dieser Gönner Luthers, d.h. des Vorwands, sich von der Kaisergewalt loszureißen, großmütig war, weiß kein Mensch, da er seine brave Frau mißhandelte und sich an Thomas Münzers Folterqual ergötzte.) »Diese Auszeichnung überzeugt wohl von der Notwendigkeit gegenseitiger Freundschaftsbeweise.« Er sah Bismarck schlau an und senkte dann die Augen. Ach so, er will das Komturband des Roten Adlers als Entgelt aus Berlin erhalten. Meinethalben, werd's empfehlen. Früher hatte Otto freilich befürwortet, den Zollunionssieg durch die Forderung sofortiger Entlassung aller Koalitionsminister zu vollenden wie Beust-Sachsen und Dalwigk-Hessen. Dadurch werde die öffentliche Meinung erst den vollen Eindruck des Sieges erhalten und Preußens neues Übergewicht gestärkt werden. Da aber der immer am falschen Ort zu vorsichtige König sich auf so kühne Maßregeln nicht einließ, unterblieb besonders die Ausmerzung Beusts, eines geschäftigen Intriganten, der seinem Vorfahren im Siebenjährigen Krieg alle Ehre machte. Das wäre wichtig gewesen und die Unterlassungssünde rächte sich sehr in der alldeutschen Sache. Heut waren die Verhältnisse wieder so verfahren, daß der hauptsächlich durch Bismarcks unbestechliche Festigkeit errungene Wirtschaftssieg ohne politische Folgen blieb und Preußen wieder ganz zum Satelliten Österreichs herabsank. Andererseits ging es den Westmächten nicht schnell genug mit Preußens Bekehrung. »Diese Politik wird Sie nach Jena führen«, warf der französische Botschafter in Berlin, Marquis de Moustier, dem trotzigen Bundestagsgesandten ins Gesicht, der sich auf dem Parkett des Potsdamer Hofes mit solcher Sicherheit bewegte. Moustier hatte den Grafen Bresson, der sich sogar seine Depeschen stehlen ließ, mit einer kräftigen Tonart ersetzt. »Warum nicht nach Leipzig und Waterloo?!« kam hochherab die stolze Antwort. Der hochmütige Franzose starrte den Frechling an und erbleichte vor Zorn: »Ich werde mich bei Ihrem Herrn dem König über Sie beschweren. In so arrogantem Ton redet man nicht mit dem Vertreter Frankreichs.« »Jede Nation hat Schlachten verloren und gewonnen. Ich wünschte nicht bei Ihnen einen geschichtlichen Kursus zu machen.« Der Franzose antwortete nicht. Bismarck verbeugte sich spöttisch und drehte ihm den Rücken. Doch die Beschwerde fiel durch, denn wo es sich um geistreiche Abfuhren und derlei handelte, war der König sozusagen Fachmann, der sich daran erfreute, und die verletzende Äußerung des Gesandten empörte seinen Preußenstolz. »Wir müssen einen großen Ball geben«, vertraute im Februar Otto seiner Gattin an »Etwa 400 Personen!« »Um Gottes willen! So viel faßt das Haus nicht, man wird auf den Treppen stehen.« »Das tut man in London immer bei jedem Rout.« »Und die Kosten! Muß es denn sein?« »Ja. Überschlage dir's! Eingeladen werden außer unsern Kreisen und der Frankfurter Hautevolée nebst den regierenden Bürgermeistern erstens die Bundesmilitärkommission, zweitens das Offizierkorps der hiesigen Bundestruppen, drittens die Offiziere des 38. Regiments in Mainz, das die Musikkapelle stellt. Es wird ein halbes Kostümfest werden.« »Auch noch! Hat das einen besonderen Zweck?« »Ich denke doch. Ein kriegerischer Karneval soll alle Militärtrachten des vorigen Jahrhunderts entfalten, die Damen dabei in Rokoko-Hoftracht. Es wird da Ost- und Westmächte geben.« »Ich verstehe schon,« sagte sie mit schlauem Blick, »und wer sind die Vortänzer?« »Der Galopptanz endet mit einem Menuett nach dem Dessauer Marsch, erste Kolonne führt ein preußischer Offizier, zweite ein französischer Attaché. Verstandezvous, Madame?« » Je comprends trop bien . Du willst das Oberste zu unterst kehren, nicht nur in unserem armen Hause.« Der Ball war ein riesiger Erfolg. Beim Souper, das um 1 Uhr nachts einsetzte und dem als Abschluß ein Kotillon folgte, näselte Prokesch dem Grafen Montessuy ins Ohr: »Außerordentlich taktvoll, obschon etwas dunkel, diese preußisch-französische Doppelkolonne. Ah, Frankreich lanciert zum Tanz unter den Auspizien des preußischen Avanciermarsches. Bedeutet dies sinnreiche Symbol eigentlich Krieg oder Frieden?« »Es bedeutet einen glänzenden, gesellschaftlichen Triumph unseres verehrten Gastgebers,« gab der Franzose kalt und vornehm zurück, »ein ausgezeichnet komponiertes Kostümfest, wie man es von seinem auserlesenen Geschmack erwarten durfte, und freilich auch ein liebenswürdiges Kompliment an Frankreichs Adresse, über das an meine Regierung zu berichten ich die Ehre haben werde. Auf Ihre Gesundheit, verehrter Herr Kollege!« Das friß du! Prokesch preßte die Lippen zusammen, indes Fräulein Maxe Becker in einer Kunstpause des Balles eine Mendelsohnsche Melodie herausschmetterte, so daß die Zaungäste in Senferfelds Nachbargärtchen, Gallusgasse 19, ihre Freude daran hatten. Kaum schwieg die Sängerin, als er geräuschvoll in die Hände klatschte: »Bravo! Il bel canto! « und seiner Nachbarin zurief: »Ah, quel succeès! Un goût tout-à-fait distingué!« Auf der französischen Gesandtschaft in Frankfurt war ein alter Diplomat auf Besuch, der schon vor dem Julikönigtum wirkte und jetzt am Kaiserhof Anstellung fand wie jeder nicht verstockte Legitimist de vieille roche , aber sich die skeptische Medisance und das kühle kritische Urteil bewahrt«, die bei jedem Franzosen nur äußerlich von geschwollenem Phrasenlärm übertönt werden. Der alte Herr betrachtete den ernsten Germanen mit so untadeligen Formen und so anscheinender Gemütlichkeit forschend durch sein Pincenez. Der möchte mal einen guten Zuhörer haben! folgerte Bismarck. Dem Manne kann geholfen werden, ich höre so gerne zu, wenn Leute plaudern und – – ausplaudern. Am Schluß des Diners bei Montessuy lud er verbindlich den alten Herrn ein, der sehr sachkundig über Weine sprach vom Chablis bis zur Liebfrauenmilch, mit ihm zwei Flaschen alten Johannisberger auszustechen, Geschenk von Metternich. »Ah, wie pikant! Gewächs von Monsieur de Metternic! Das hat historische Weihe. Johannisberger, die Krone der Weine, und Geschenk von Monseigneur le Diable in höchsteigener Person – – wer könnte solcher Lockung widerstehen! Fügen wir als drittes hinzu: Mit Ihnen, Monsieur de Bismarck, diesen Pokal zu leeren gibt dem Ganzen den vollsten Applomb. Führen Sie mich zu diesem ambrosischen Gastmahl der Götter!« Mit Otto in dessen Hause allein plauschte und zechte der alte Causeur anfänglich nur obenhin, als ein hinter den Kulissen stehender Sachverständiger der Pariser Gesellschaft. Als aber der Wein dem Franzosen zu Kopfe stieg – – niemand außer ihm konnte so viel Johannisberger auf einen Hieb vertragen, das wußte Otto – –, und sein liebenswürdiger Wirt immer treuherziger wurde, knöpfte das Diplomatenherz sich auf. Zuletzt platzte er mit dem Bekenntnis heraus: »Der Kaiser braucht Kriege. Aber gegen wen das nächste Mal, das weiß er selber noch nicht. Bei ihm herrscht der Impuls, genau das zu tun, was niemand erwartet. Das ist geradezu krankhaft bei ihm, und die Kaiserin reizt ihn noch dazu. Sie wissen, die Frauen! Aus Liebe hat sie ihn nicht geheiratet, untreu ist er schon jetzt, Kinder haben sie nicht. Da muß sie wenigstens Eklat haben, jeder Kaprice fröhnen. Kaiserin der Mode sein genügt ihr nicht, sie ist zu klug, um sich immer im Spiegel zu bewundern und sich mit Anprobieren neuer Hüte zu amüsieren. Auch als echte Spanierin kann man nicht den ganzen Tag in die Messe laufen. So nimmt sie sich Politik als Spielzeug, einen kleinen Krieg oder sonst was Sensationelles. Bei jedem Dejeuner hat sie solche täglichen Einfälle. Man muß diesem Paar ein Kind machen, sonst werden sie nie vernünftig.« Schmunzelnd erzählte er von hoffnungsloser Leidenschaft eines italienischen Kavaliers, Eugenie sei eine kalte Natur, und als sie neulich ihren Herrn Gemahl auf einer Hofjagd in Fontainebleau für seine Sultanpassionen mit der Reitgerte ausklopfte, geschah es nicht aus sinnlicher Eifersucht, sondern aus gekränktem Stolz. Sie, die Schönste der Schönen, eifersüchtig auf eine fettige alte Schachtel! Regelmäßig wachse ihr Einfluß nach solchen Szenen und sie schmeichle: »Ich bete dich an, wenn du was tust, daß alle Welt staunt.« Der alte Herr strich mit der Hand über die Stirn, er sah nicht mehr gut, und das Zimmer fing an, vor ihm zu schwimmen. »Es geht ein absurdes Gerücht, er wolle den Franzosen ihren bisherigen Mißerfolg in der Krim vergüten, indem er plötzlich Konstantinopel besetzt. Das ist Blague, aber zeigt, was man ihm zutraut, denn Treu und Glauben kennt er nicht und würde über Nacht jeden Bundesgenossen erdolchen. O, dieser Mensch wird uns eines Tages verderben, das zweite Empire wird damit enden, daß er Frankreich in die Luft sprengt.« Er schwieg schlaftrunken, vom Wein übernommen, Otto brachte ihn in seinen Wagen. Recht lehrreiche Aufschlüsse! Die Winke muß man sich zunutze machen. Politische Damen sind ein besonderes Entzücken. Welche Vorlesung beim Frühstück wohl heut Prinzeß Augusta hielt, gewürzt mit liberalen Zeitungsartikeln und Briefchen, wie Schleinitz sie täglich für diese Stunde sammelt! Mit den Damen hab ich kein Glück. Die Königin, mir einst so gewogen, hat mich fallen lassen als Antiösterreicher. Die eine für England, die andere für den schlimmsten Feind! O, simples Gretchen Germania! Unsäglich widerlich berührte den Gründer einer neuen natürlichen Diplomatenschule das Treiben der politischen Geheimpolizei, deren dunkle Ehrenmänner sich besonders auf nächtlichen Einbruchsdiebstahl diplomatischer Dokumente verstanden. Ein gewisser Töchen hatte sich hohen Ruf verschafft, indem er in die französische Gesandtschaft einbrach und dort Papiere kopierte. Einen so tüchtigen Mann konnte Manteuffel nicht unbeschäftigt lassen, der seinerseits sich auf diesem nicht mehr ungewöhnlichen Wege Einblick in eine Korrespondenz General Gerlachs mit dem König verschaffte. »Jetzt ist er bei Moustier bedienstet«, klärte Gerlach seinen Freund auf. »Der Agent Hassenkrug führte ihn dort ein.« »Also Landesverrat? Und das duldet der Polizeipräsident?« »Der zählt sich mit Stolz zum Kundenkreis des bewährten Spitzels. Neulich lief er zu mir mit Kopie eines Briefes von mir, worin sein werter Name vorkam. Hinckeldey habe sich nach Stolzenfels zum König begeben. »Wo der Adler ist, da sammelt sich das Aas.« Gott verzeihe mir, daß ich den Satz der heiligen Schrift vom Aas und den Raben so umkomponierte!« Otto lachte. »Und was antworteten Sie, als er Sie zur Rede stellte?« »Ich fragte, wieviel die Kopie ihn koste. Dreißig Taler? »Welche Verschwendung! Dafür hätt' ich Ihnen zehn solcher Briefe geschrieben!« Der Kerl zog ab wie ein begossener Pudel, von Reparation gekränkter Ehre murmelnd. Und ich gab ihm doch so hübsche Satisfaktion!« – – Die Untreue der Polizeiagenten bedrückte ihn so, daß er sich dem russischen Gesandten Budberg gegenüber ausklagte. »Wir können nicht Mittel anwenden, wie sie in Wien noch unter Kaunitz üblich waren. Der hat mal vier Agenten, weil er nicht herausfand, wer der Schuldige sei, allesamt in der Donau ersäufen lassen. Türkisch! Die Säcke im Bosporus, die seidene Schnur!« Der Russe lachte. »Was ihr Deutschen für Bedenklichkeiten habt! Ist jemand Ihnen ein Ärgernis, schicken Sie ihn auf Mission nach Rußland, dort werde ich dafür sorgen, daß er spurlos verschwindet.« »Was, auch ersäufen?« » Mais non, mon cher. Im Innern Rußlands verschwindet man leicht, und Sie werden ihn dann als anstelligen, geschickten Beamten der vierten Abteilung bei uns wieder auftauchen sehen.« Daher der Name Rußland. Trieb es Napoleons Geheimpolizei anders? Wir Deutschen bleiben Philister. Warum man einen Schuft nicht beseitigen soll, wissen die Götter. Die Deutschen aber wären umgekehrt fähig, einen Warren Hastings, der ihnen die beste Kolonie erwarb, wegen irgendeinem fragwürdigen Vergehen gegen abstrakte Moralgesetze zu ruinieren. Neid, Mißgunst, Parteiwirtschaft schlimmster Art hält der Deutsche für berechtigte Eigentümlichkeiten, seine Presse ist seiner würdig, geschwollene Redensarten und dahinter die niedrigste Gesinnung. Aber die Moral, o, die Moral! Have you got morals? Im Plural wohlbemerkt, als ob es nicht eine einzige und ewige Moral gäbe: Sei gerecht, kränke nicht böswillig deinen Nebenmenschen, diene deinem Vaterlande, also auch allen geistigen Potenzen darin, im übrigen geht deine Auslegung des konventionellen Moralkodex uns nichts an, das ist Privatsache. Die Deutschen halten sich für Idealisten, aber vom wahren Idealismus sind sie noch weit entfernt, und ihre ideale Presse, an der selbst die gewaltigste Welterschütterung nichts bessert, ist ihr Spiegelbild. Mit ihrem Instinkt für jeden Kitsch und jede geniale Begabung fuhr diese Presse fort, jeden läppischen Tagesschreier zu fördern und den Großen zu bespeien, wo sie konnte. Aber Otto kannte die Macht dieser teuflischen Anstalt für Herrschaft der Mittelmäßigkeit und des Schwindels. Sein wütender Haß gegen die sogenannte öffentliche Meinung der Zeitungskritiker, »die Macht der Ohnmächtigen« (Lamartine), machte ihn nicht blind für die bittere Notwendigkeit, mit diesem Gesindel zu paktieren, das sich noch gar »ideale« Beweggründe unterschob. Oberflächlichkeit und Leichtfertigkeit, Ungerechtigkeit und Böswilligkeit regieren in Deutschland geradeso, wie in minder gebildeten Ländern. Der Deutsche trägt getrost nach Hause, was er Schwarz auf Weiß besitzt, für ihn bleibt sein Leibblatt das Delphische Orakel, und dabei windet er mit seiner Presse sich in Krämpfen, wenn die ausländische Presse eine Lügenkampagne gewissenlos durchführt. Daß die deutsche Presse unendliche Verbrechen beging, daß ihr lügenhaftes Schimpfen oder Totschweigen damals einem gewissen Bismarck und einem gewissen Richard Wagner das Leben verbitterte, daß sie endlos Eintagsfliegen unsterblich macht und wahren Unsterblichen das Messer an die Kehle setzte, das wird diese fade Heuchelei immer vergessen. Doch die immanente Gerechtigkeit der Dinge läßt ihrer nicht spotten. Anfang März stürzten die Kreuzritter schreckensbleich in die Kammer, etwas Unerhörtes war geschehen, der Jakobiner Tod hatte vor dem Zaren aller Reußen nicht den geringsten Kotau gemacht und ihn in der Fülle seiner kraftstrotzenden Mannheit wegrasiert. Dieser kalte, jeder musischen Empfindung bare Barbar, der sich verächtlich abwendete, als ihm König Ludwig in München seine berühmten Künstler und Gelehrten als Leibgarde vorstellte, sollte eine Nationaltrauer in Deutschland haben. So verlangte der von reaktionärer Tollwut schon ganz übergeschnappte Ludwig v. Gerlach. »Unser Heiliger, unser Abgott!« Er entblödete sich nicht zu kreischen: »Dieser größte, edelste Herrscher muß von jedem Preußen wie ein leiblicher Vater betrauert werden!« Nämlich der brutale Demütiger Preußens in Warschau, der es in Ölmütz an die noch brutalere Vergewaltigung Österreichs auslieferte! Die Kreuzzeitung weinte laute Tränen, daß alle Rinnsteine des Seelenschmutzes überrannen. Zu solcher Selbstentehrung sank eine Partei herunter, die für Thron und Altar den allein waschechten Patriotismus pachtete und sich mit jeder nur möglichen Niedertracht im Erfinden hochnotpeinlicher Verschwörungsprozesse befleckte. Und das war die Partei, welcher der Bundestagskämpe und Vorkämpfer deutscher Nation auf verlorenem Posten sich eingegliedert hatte! – – »Bismarck repräsentiert wie ein Millionär. Voriges Frühjahr gab er dem Prinzen Karl von Preußen, der sich in Baden-Baden amüsieren wollte und sich auf solche Chosen versteht, ein wahrhaft lukullisches Diner. Er studiert Brillat-Savarin, obschon er selber am liebsten blutige Beefsteaks verschlingt, wie seiner Statur angemessen«, ergoß der liebenswürdige Prokesch seine Klatsch-Registrierung vor seinen Satelliten. »Welch ein Haushalt! Da wird einem alles geboten, was auf Erden je gegessen oder getrunken werden kann. Großvater, Vater, Mutter und Kind essen, trinken, spielen Piano, schießen Pistolen, a tempo und zu jeder Tageszeit im gleichen Salon und Speisezimmer nach hinten hinaus. Wegen der Gartenaussicht natürlich, aber die freie Bewegung ist die Hauptsache, und man hört den Lärm so weniger. Jeder schmaucht ohne Unterlaß die feinsten Havannas, alle Achtung, eine splendide Marke, wohl von seinen republikanischen Freunden in Amerika! Ich hoffe, Frau v. Bismarck wird auch noch das Rauchen lernen.« »Um sich von seinem Haushalt zu erholen, wo jeder tut, was er will, nimmt er ein Rundreisebillet an alle süddeutschen Höfe«, fiel Reinhard giftig ein. »Am 14. Dezember war er bei unserm Allergnädigsten in Stuttgart. Der preußische Gesandte Graf Seckendorf war aus dem Häuschen über den Sukzeß. Mit der Frau Kronprinzessin hat der Gast Whist gespielt, ein halber Kreuzer der Point, und sich wiederholt zur Ordnung rufen lassen müssen, weil er über die Stränge schlug. Doch die hohe Frau als Russin (Großfürstin Olga) fand das himmlisch harmlos. Am 16. Januar war er in München zur Tafel. (Seltene Auszeichnung für Diplomaten, wenn ihre Herren nicht dabei.) Da trank er drei Glas Bier, die Königin zwei. Er versteht's mit den Damen.« – – Der Krieg nahm eine für Rußland ungünstige Wendung, wie es immer der Fall sein wird, wenn gute europäische Truppen mit diesen Halbasiaten zusammenstoßen. Der eifrige Montessuy und Sir Malet ersparten trotz ihrer persönlichen Freundschaft dem preußischen Gesandten nicht derbe Vorwürfe. Preußen sah sich in der frechen englischen und französischen Presse, deren Unwissenheit nur noch von ihrer Lügenhaftigkeit übertroffen wird, mit Schimpfworten bedroht, als handle es sich um einen Vasallenstaat, der Heerespflicht verweigere. »Die Friedensverhandlungen rücken immer näher«, betonte Malet. »Wie wird Preußen dort dastehen?« »Mit einer frischen, gerüsteten Armee«, kam die kalte Antwort. Der Franzose lachte schelmisch. »Das ist immer Ihr letztes Wort. Und was hilft das ohne Bundesgenossen?« »Oh! Und Österreich?« fragte Otto ironisch. Alle drei lächelten. »Um diesen Scherz zu übergehen,« fuhr Malet fort, »das übrige Deutschland wird natürlich auf der Konferenz, die vermutlich in London stattfindet,« der Franzose machte eine pikierte Bewegung, da er Paris für den einzig geeigneten Ort hielt, »nur durch Österreich – – und Preußen,« setzte er zögernd hinzu, »vertreten sein. Die Kleinstaaten werden also vorher ein Mandat erteilen müssen.« »Sehr wahr«, fiel der Franzose eifrig ein. »Die Beschlüsse müssen vorher hier konstruiert werden.« »Fürs erste kaufen Sie das Fell des Bären, ohne ihn zu haben. Sebastopol fiel noch nicht, und es scheint müßig, jetzt schon vom Ende zu reden.« – – Mit Prokesch, der Preußen nicht einen Quadratfuß Gleichberechtigung mehr lassen wollte, wurden die Auseinandersetzungen immer galliger. Er hatte jetzt den bayrischen Ministerpräsidenten v. d. Pforten in der Mache, einen im allgemeinen nicht undeutsch gesinnten Mann, der aber gern auf Sirenenlieder von Schlangenzungen hörte. Die Verschwägerung mit Preußen, dessen Königin ja eine bayrische Prinzessin war, diente nur dazu, daß Bayern bei allen Einflüsterungen Österreichs das Einverständnis Preußens als sicher annahm. Otto hatte Prokesch im tiefsten Unfrieden verlassen. Als sie sich wieder trafen, strahlte der Österreicher von geschmeidiger Heiterkeit. Der kannte ihn nicht, der ihm je Verlegenheit zutraute. Völlig frei von jeder Donquichotterie strenger Ehrbegriffe, überhäufte ihn der Gute, immer versöhnlich und immer perfide, mit herzlichen Fragen nach Verlauf seiner Urlaubsreise. In diesem Augenblick schlug es Mittag, und Otto bemerkte, um etwas zu sagen: »Dies markiert genau die Mitte dieses Jahres 55, wir haben heut den 2. Juli.« Auf der Stelle streckte Prokesch seine Hand aus, die in zart himmelblauen Glacéhandschuhen stak, als wolle er damit seine himmlischfromme Denkart veranschaulichen: »Das ist ein Omen. Vergessen wir alle Sorgen und Zänkereien des alten Jahres, und beginnen wir ein neues!« Überflüssig zu sagen, daß die Auguren dazu nur lachten. Es begann nichts als ein neues Halbjahr, das dem vorigen wie ein Ei dem anderen glich. Um sich zu zerstreuen und die große dortige Industrieausstellung zu besehen, wie er offiziell sagte, in Wahrheit, um die dortige Stimmung zu sondieren, reiste er plötzlich im August nach Paris. Verbindlicher Antrag des preußischen Botschafters Graf Hatzfeld gab den Vorwand. Aha! Der hält mich für Manteuffels seligen Erben und will sich bei mir insinuieren. Gottlob schlug des Königs wohlmeinende Absicht um, zum Minister mag er einen Undankbaren nicht, dem seine todkranke Frau mehr gilt als sein geliebter König und Herr. Die Frankfurter Kollegen nahmen übrigens keinen Anstoß an diesem Ausflug, den man sonst beargwöhnt hätte. Denn wo es Hoffeste und Galadiners gibt, und hielte sie der Satan selber ab, da muß ein Diplomat von echtem Schrot und Korn dabei sein. Er machte es noch plausibler. Eigentlich wollte er die Bäder in Trouville aus den so beliebten Gesundheitsrücksichten genießen, doch da er den ihm bekannten Fürsten Ratibor und den Hofherrn Graf Redern in Paris wußte, konnte er natürlich dem Drange seiner Freundschaft nicht widerstehen. Der preußische Botschafter Hatzfeld lud ihn zuvorkommend ein, bei ihm zu wohnen, um die Feste mit anzusehen, die man zu Ehren der Königin Viktoria gab, die unter Kanonendonner und Glockengeläut mit acht geführten Pferden vor ihrer Kalesche majestätisch im Schritt einzog. Ihr Koburger Prinzgemahl saß neben ihr in schwarzer Uniform, schön wie ein Eiskönig. »Das trifft sich glücklich,« empfing ihn Hatzfeld, »man gibt übermorgen in Versailles einen großen Ball, wo die höchsten Herrschaften huldvollst erscheinen werden. Sie wissen, die englische Herrscherin ist hier. Ihr werde ich Sie vorstellen sowie natürlich dem Kaiserpaar. Ich muß Sie freilich aufmerksam machen, daß neulich ein heftiger Ausfall gegen Sie im offiziellen Moniteur erschien, der Sie als einen Feind Frankreichs denunzierte. Man fängt an, Sie hier zu studieren!« »Wie kann man nur!« entrüstete sich Otto würdevoll. »Ich ein Feind Frankreichs, das ich so innig bewundere, dem ich für mein geistiges Leben so viel verdanke! Das kann unmöglich mit Willen der Regierung geschehen sein, denn sie kennt meine glänzenden Beziehungen zu meinem Freund de Montessuy.« Freilich kam der Alarmschuß von Moustier. Doch Otto, der natürlich den Artikel des Moniteur sehr wohl kannte – – dies war ein Grund seiner »Badereise« – –, traute Louis zu, daß er immer zwei Bogen auf der Sehne habe und nach dem Rezept des sogenannten Onkels gleichzeitig Peitsche und Zuckerbrot anwenden würde. Die Berichte Moustiers und Montessuys widersprachen einander, also wird erst die eine, dann die andere Auffassung eskamottiert. Ein flüchtiger Blick überzeugte Otto, daß die vornehmen Müßiggänger aller Völker hier Musterung passierten, nur keine Russen. So weit gedieh die Entfremdung, obschon sich natürlich unbelästigt Untertanen des Weißen Zaren in Paris befanden. Denn die Maßregel, alle Zivilpersonen einer verfeindeten Nation bis zum Säugling an der Mutterbrust zu »internieren«, blieb einem späteren humaneren Zeitalter vorbehalten, wo man auch mit altmodischen Rücksichten aus Privateigentum gründlich aufräumte. * »Wie geht es unserem Freund, dem Herrn Thronfolger, und seiner herrlichen Gemahlin?« geruhte ihn Ihre großbritannische Majestät auf Deutsch anzureden, eine kleine beleibte Dame mit einem stark geröteten und bei allem gnädigen Lächeln hochmütigen Gesicht, das blaue Band des Hosenbandordens auf der Staatstoilette prangend. Sie sprach übrigens freundlich, während der Prinzgemahl, an dessen Arm sie hing, Otto mit kühler Überlegenheit musterte. »Ich danke untertänigst, das Befinden des hohen Paares ist ausgezeichnet.« »Und Ihr armer König, der so viel gelitten und so schwere Sorgen hat? Ach, ein so guter und so reichbegabter Mann! Daß er doch bessere Ratgeber fände, die ihn auf seine wahren Freunde verweisen!« Die kleine Dame schielte zu dem Hünen hinauf, der ihr feminin wohlgefiel, dessen Blick und buschige Brauen jedoch etwas Unheimliches hatten. »Wie schön Paris ist, nicht wahr?« »Sogar schöner als Petersburg«, das er nie gesehen hatte. Er wußte, sie würde ihn, wie sie wirklich in ihr Tagebuch schrieb, als »ganz russisch und Kreuzzeitung« festnageln. Das paßte ihm, denn er merkte sofort, daß die Preußen in Paris mit besonderer Aufmerksamkeit behandelt wurden, weit besser als die Österreicher. (Begreiflich, Sebastapol wollte noch immer nicht fallen, Preußen blieb eine undurchdringliche Sybille infolge der durch ihn dem König empfohlenen passiven Haltung, und bei der zunehmenden Schwächung der Westmächte durch den mörderischen Krieg konnte man niemals wissen, wenn –! Von der österreichischen Armee hatte man allgemein jene schlechte Meinung, die immer und immer wieder durch Tatsachen widerlegt wird.) Der Prinzgemahl flocht einige Fragen ein, die eine verhaltene Ironie durchzitterte. Übelwollen und eine gewisse Neugier sprachen aus seinem kalthöflichen Ton: Dieser Junker haßte England, um daheim die Russenknute einführen zu dürfen, soviel stand fest. Niedrige Beweggründe, doch wohl auch ein bißchen Übergeschnapptheit. »Nun, es hat mich interessiert, Sie persönlich vor mir zu sehen.« Damit rauschte sie davon, und Otto hatte den Eindruck, daß der Prinzgemahl und Baron Stockmar ihn als einen üblen Genius verbohrter Rückständigkeit in Lebensgröße gemalt hatten, sie aber mit ihrem weiblichen Instinkt ihn mehr für einen wunderlichen Kauz hielt. Doch jetzt vollzog sich eine wichtigere Vorstellung. Der Empereur mit der Imperatrice schritt die Reihen ab. Eugenie Montijo stand in vollster Blüte ihrer zugleich hoheitsvollen und graziösen Schönheit, Augen und Mund bezaubernd, das lange, schmale Gesicht von tadellosem Teint, die Toilette tonangebend für die Mode, obschon etwas zu üppig mit Diamanten überladen. Schönheit konnte man ihrem Herrn Gemahl nicht nachrühmen, seine kurze, dicke Figur mit langem Oberkörper und kurzen Beinen sah besser zu Pferde aus, die Uniform kleidete ihn nicht besonders, und die breiten Goldepauletten erhöhten das Unsymmetrische. Seine Züge hatten etwas Derbes und Sinnliches, wie die des italienischen Monarchen Viktor Emanuel; sein Knebelbart reichte freilich nicht an die martialisch nach oben gedrehte Schnurrbartlänge des Hauses Savoya. Seine Gesichtsfarbe ähnelte derjenigen seines angeblichen Onkels, mit dessen wunderbarem Antlitz er auch nicht die entfernteste Ähnlichkeit aufwies, nur daß bei Louis ein schmutziges Gelb den gelblichen Marmor der korsischen Cäsarenbüste ersetzte. Als er Otto huldvoll anlächelte, schoß dabei unvermutet ein kurzer Blick zwischen seinen verschleierten Lidern hervor, forschend, prüfend und gleichsam stechend, so daß es den Germanen kalt überrieselte, als trete er unversehens auf eine Klapperschlange. Doch die Lider schlossen sich wieder, und der schon mächtigste Mann in Europa lispelte mit sanfter, obschon etwas belegter Stimme: »Seien Sie uns willkommen in Paris, Monsieur de Bismarck. Schon oft hörten wir von Ihnen durch unsere Gesandten. Sie bilden einen bedeutenden Faktor in den Angelegenheiten Ihres so interessanten Staates. Ein Mann von Ihrem Verdienst sollte einen weiteren Spielraum haben.« »Eure Kaiserliche Majestät sind zu gnädig. Doch mir scheint, jeder hat nur einen ihm passenden Raum: den Punkt, wo sein Vaterland ihn hinstellt.« »Gut gesagt! Und welch glänzendes Französisch! Man könnte Sie einen Pariser nennen, gar kein fremder Akzent. Ah, Sie müssen sich tief in französisches Wesen versenkt haben.« »Soweit dies einem Deutschen möglich ist.« Wenn du wüßtest, wie tief, Monseigneur le Diable! »Wie ich höre, beherrschen Sie, Sire, wunderbar die deutsche Sprache. In meiner beschränkten Sphäre ist gutes Französisch de rigeur , für einen großen Monarchen aber die volle Kenntnis einer Fremdsprache ein seltenes Gut von höchster Bedeutung.« »Wieder gut gesagt!« Louis lächelte geschmeichelt, bei ehrlichem Lächeln oder Schwermut bekam sein wenig anziehendes Gesicht, das seine Feinde sonst wohl spitzbubenhaft nannten, einen merkwürdig gutmütigen Ausdruck, der gar nicht zu seiner Art paßte. »Mein Gott, ich bin in Arenenberg erzogen, ein halber Deutschschweizer. Von jeher bewunderte ich die Tiefe des deutschen Geistes. Ein biederes hochbegabtes Volk, nur etwas träumerisch.« »Ach, Sie machen so gute Musik!« flocht die Kaiserin ein, um etwas zu sagen. Ihr holdseliges Lächeln verriet, daß ihr Sultan ihr befahl, äußerst gnädig zu sein. »Wir hatten hier neulich eine Oper von Mozart, dem Berliner Hofkomponisten unter Friedrich dem Großen. Himmlisch! Und welch große Musik, die von Meyerbeer, der hier unter uns lebt! Kennen Sie die Libretti von Monsieur Scribe dazu?« »Gewiß, Majestät. Dieser Herr ist wirklich ein geborener Berliner, und man gibt seine Opern viel bei uns.« »Wie interessant! Die Deutschen sind so unterrichtete Leute. Man sagt, sie wissen alles.« Diese gutmütige Herablassung sollte natürlich bedeuten, sie sind große Kindsköpfe, die nur das Nötige nicht wissen, nämlich, wie man in der Welt fortkommt. »Ihre Frau Königin bezieht sicher ihre Toiletten aus Paris?« »Zu Befehl, Majestät. Welche deutsche Frau täte das nicht!« »Das ist hübsch. Ja. der Pariser Geschmack!« Der Kaiser zupfte sie am Arm, das Gespräch überstieg schon die herkömmliche Dauer. »Darf ich mich nach dem Befinden Seiner Majestät, Ihres erlauchten Souveräns, erkundigen? Er ist oft unpäßlich, nicht?« Wieder ein leichter Schlangenblick. Er hatte offenbar von allerlei Gerüchten gehört. »Übermitteln Sie meinem Herrn Bruder die herzlichsten Wünsche für seine Gesundheit und die ganze königliche Familie! Mein Herr Gesandter, wir hoffen Sie bei uns wiederzusehen, sobald Sie Paris ein andermal mit Ihrer Gegenwart beehren. Ich fühle, Sie werden als Staatsmann uns Franzosen ein teurer Freund werden.« O ich wünschte, euch verdammt teuer zu werden! dachte Otto, indem er sich tief verneigte, da im Französischen und Englischen genau wie im Deutschen der Doppelsinn des Wortes besteht, Hatzfeld strahlte nachher vor Vergnügen: »Das war ein überaus gnädiger Empfang. Welch ein großer genialer Herrscher! Er hat seinesgleichen nicht. Und uns Preußen so wohlgesinnt! Ich werde nach Berlin berichten über dies Zeichen kaiserlicher Freundschaft.« Otto sah ihn mitleidig über die Schulter an. Offenbar glaubte Louis, der lange Preuße sei in irgendeiner besonderen Mission hier. Und solange Sebastopol soviel Geld und Menschen fraß, mußte man Preußen kajolieren. Die wahre französische Liebe würde man wohl später beim Frieden schmecken, eine Liebe zum Auffressen. Bei dem folgenden riesigen Souper ging es merkwürdig zu. Schon unter dem sogenannten Bürgerkönig Louis Philipp bürgerte sich die illegitime Dynastie Orleans durch großherzig demokratischen Verzicht auf seine Manieren ein. Unter den Bourbonen konnte man wirklich für vornehmes Benehmen am Pariser Hof in die Schule gehen. Louis Napoleon, der Lehren seines »Onkels« eingedenk, befleißigte sich zwar, in der eingerissenen Roheit Wandel zu schaffen, aber Madame Sans Gêne ließ sich nicht so leicht vertreiben. Selbst bei den jüngeren Herren des altlegitimistischen Adels, der sich vorerst dem zweiten Empire fernhielt, herrschte ein rüder Ton des Jockeiklubs, der sich wenig mit den bewundernswerten, auf Selbstbeherrschung, Herzensgüte, Rücksichtnahme auf den Nebenmenschen und echtem Ehrgefühl gebauten Formen des fränkischen (germanischen) Geburtsadels vertrug. Was Otto am meisten auffiel, war der Mangel an Organisation bei dieser Abfütterung. Man teilte die Menagerie in drei Klassen (o, so echt demokratisch!), von denen überhaupt nur die erste vermöge einer Karte sich die Stillung ihrer Magenbedürfnisse sicherte. Marschierte diese aber befriedigt ab, so stieß sie auf die zweite Gruppe, die schon im Menü eine ärmliche Bewirtung erhalten sollte (o, wie so echt demokratisch!) und deren Aufmarsch dem Sturmmarsch der Sambre-et-Meuse entsprach. Diese Revolutionsarmee, obschon sie an bebänderten und gestickten Fracks und reich dekolletierten Damen einen Überfluß hatte, vertrat sofort die Magenfrage durch schmackhafte Injurien: »Muffle!« »Vous êtes un misérable!« »Lache!« Auf diese zwei kommentmäßigen Kraftworte folgten tatkräftige Handgreiflichkeiten. Otto war jedoch überzeugt, daß die sonst hieraus unvermeidlichen Folgen des Ehrenkomments ausblieben, da niemand Karten austauschte. Auf den dritten kommentmäßigen Tusch »Vous en avez menti« fiel niemand mehr herein, denn Gott sei Dank ist Lügen keine Schande. Das war vordem paradox, sagt Hamlet, doch nun bestätigt es die Zeit. »Eure Exzellenz sind dem Tisch der Gräfin Walewska zugewiesen«, überreichte ihm der Hofbeamte seine Karte mit tiefer Verbeugung. Zu diesem Ressort gehörte jeder auswärtige Diplomat. Doch mit der seltsamen Beliebtheit, deren sich ein offenkundig unfemininer Mann bei besseren Frauen erfreute (seltsam? gerade deshalb!), drangen ihm zwei Patronessen noch zwei andere Karten auf. Indem er sich zur Tafel der Walewska wandte, hörte er den heftigsten Streit. Ein alter Herr in preußischer Gardeuniform und eine hohe französische Dame sollten nicht passieren, weil sie infolge offenbarer Nachlässigkeit keine Karten hatten. Otto erkannte den berühmten Veteranen dreier Zeitalter, Fürst Pückler-Muskau, der sich auch sofort auf Ottos ihm oberflächlich bekanntes Gesicht berief. »Dies ist die Duchesse de Montebello, mich kennen Sie, diese Unordnung ist unerhört.« Mit der ihm eigenen kühlen Ruhe versicherte Otto: »Der Herr Fürst hier hat mir seine Karte anvertraute, und gab ihm eine seiner drei. Die Karten waren nämlich nach den verschiedenen Vorstandsdamen der langen Tische bezeichnet. »C'est bien, monsieur, mais madame –« »Auch ein Versehen.« Und er gab ihr die zweite Karte. Der Haushofmeister ließ das Paar passieren, bedeutete aber dem unerbetenen Deus ex Machina : »Sie aber werden auch nicht ohne Karte passieren«, als ihm Otto die dritte Karte vors Gesicht hielt. »Pardon, Mon Prince!« So was war ihm noch nicht vorgekommen. – »Ich bin Ihnen zu ewigem Dank verpflichtet«, beteuerte der greise Pückler. Solche Hyperbeln sind in der Hofsprache die kleine Scheidemünze. »Übrigens war das Essen miserabel. So was machen wir in Berlin weit besser. Finden Sie nicht auch?« »Gewiß, und doch besteht die alberne Legende, man esse nur in Paris gut. Nun ja, Brillat-Savarin war ein Franzose. Hier handelt sich's eben um den Mangel an Organisation, in allem bemerkbar.« »Wie wahr! Was machte denn meinen Park in Muskau? Die Organisation!« Der berühmte Gartenkünstler sah diesen fremdartigen Diplomaten von der Seite an. »Eure Exzellenz interessieren mich ungemein, wenn Sie diese etwas indiskrete Bemerkung nicht ungütig aufnehmen wollen. Das war vorhin ein Coup d'état mit den drei Karten, davon hätte der selige Duc de Richelieu (der Enkel natürlich, nicht der Alte) drei Jahre geredet. Ich vermute, Sie haben es schon vergessen.« Vergleich mit dem alten Richelieu wäre freilich schmeichelhafter als mit dem jüngeren Salonlöwen. Doch man muß auch mit solchen Komplimenten fürlieb nehmen. Dies war also der berühmte Reisende Semilasso, dessen farbige Berichte aus vielen Landen in sechs Bänden einst auch Ottos jugendliche Lesewut verschlang. Hier stand ein ziemlich klapperiger alter Herr mit sehr viel Orden und ausgestopften Waden. – Die Visiten in der preußischen Botschaft nahmen nie ein Ende, die Dinereinladungen ebensowenig. Der derzeitige Ministerpräsident, Graf Walewski, bei dem er tafelte, erregte Ottos Neugier durch seine fabelhafte äußere Ähnlichkeit mit seinem wirklichen Vater, dem großen Korsen. Dieser wirkliche Napoleonide mußte sich aber begnügen, dem Hortense-Bankert die Stiefeln zu putzen. Man hatte ihn als Fassade gewählt, dahinter steckte nichts, denn in den klassischen Zügen Walewskis thronte die leere Mittelmäßigkeit. Ein Napoleonkonterfei, nur der heilige Geist fehlte. Übrigens ließ sich Otto erzählen, daß Prinz Jérôme, Sohn des Exkönigs von Westfalen, auch seinem (wirklichen) Onkel wie aus dem Gesicht geschnitten sei und daher als General in der Krim sich in bekannter Pose, die Hand auf der Weste oder beide Hände auf dem Rücken, den Truppen vorstellte. Als aber die Kanonenkugeln flogen, bekundete er die entschiedenste Abneigung dagegen, und damit c'est fini , so was können die Franzosen nicht vertragen. C'est le ridicule que tue. Seltsames Rätsel! Wer sieht einem Menschen an, ob er ein Genie sei? Die gleichen Gesichtszüge, in allem der gleiche Typ, nur Walewski und Plonplon (Jérôme) zwei Köpfe größer, und nichts mehr vom heiligen Geist, verflogen ist der Spiritus. So sann er in der Mondnacht im Garten des Gesandtschaftshotels, hoch über der Seine, über welche die Lichter des Tuileriengartens blinkten. In der Ferne spielte eine Militärkapelle den Chant du Départ, dessen Text jetzt für die im Orient Kämpfenden etwas besser paßte als sonst: Partant pour la Syrie! So war dies prächtige Babylon wieder ganz napoleonisch, die Legionen Cäsars zogen fröhlich übers Marsfeld oder durch den Triumphbogen. Über die Elysäischen Felder (Frankreich muß immer alles mit olympischen Namen verbrämen) ragte die Vendômesäule mit dem kleinen Mann im großen Hut. Geht die Gloire wieder an? Der Tiger hat Blut geleckt, die Regierung Napoleons des Kleinen bedarf geradeso des Glanzes wie einst die Diktatur des Großen. Das wird nicht der letzte Krieg sein, den er anzettelt. Nachdem er jede Spur von Freiheit mit Stumpf und Stiel ausgerottet und nur die leeren Hülsen »Plebiszit« »durch den Willen der Nation« übrigließ, wird er den Galliern so viel spartanische schwarze Suppen mit Bluttinktur einbrocken, daß sie sich überessen und eines Tages vomieren werden. Rußland gedemütigt, kommt dann wohl Österreich an die Reihe, möglichenfalls dann wir, wenn er's der Mühe wert achtet. Ich sehe schon den ewigen Frieden mit Grabesstille in Europa, ehe denn der gallische Hahn dreimal kräht. Und wir werden der betrübte Petrus sein, der feige beiseite schleicht. Mit England wird er nicht anbinden, die beiden Weltschwindelfirmen verstehen sich zu gut, um einander Konkurrenz zu machen. Natürlich fechten sie für die Befreiung vom Zarismus, nächstens für Befreiung Italiens, übernächstens für Befreiung Deutschlands. Wie der andere sagte: »Ich will, daß Sie frei seien, ganz frei in Ihren Beratungen, darum habe ich Ihnen eine Schildwache vors Tor gestellt.« So wird unser lieber Bundestag unter französischen Bajonetten beraten, was Deutschland frommt, nämlich ein neuer Rheinbund. Barmherziger Gott, nimm diese Schande von uns! Es ist ja so schwer, über alle Maßen schwer, das Unheil abzuwenden, das sich riesig heranwälzt. Aber Gott kann helfen und die Verderber mit Blindheit schlagen. Otto stand auf und knöpfte sich den Rock zu, ein frostiger Wind wehte von der Seine her, wahrscheinlich durch einen Blizzard im Kanal hierher verschlagen. Hocherhobenen Hauptes ging er zur Ruhe und betete: Du bist unsere Zuflucht für und für. Ehe denn die Berge worden und die Erde und die Welt geschaffen worden, bist du, Gott, von Ewigkeit zu Ewigkeit. – Bei der ersten flüchtigen Begegnung war es nicht geblieben, er hatte noch mal das Vergnügen, auf einer Hoffestlichkeit vom Oberzeremonienmeister bedeutet zu werden: »Seine Majestät der Kaiser wünschen Sie morgen in Audienz zu sprechen.« Die Unterredung konnte natürlich nur kurz und, da Otto unmöglich ohne Beistimmung seines Hofes offizielle Audienz erbitten durfte, unverbindlich sein. Der Empereur beschränkte sich auf jene allgemeinen Redensarten, wie sie meist im diplomatischen Verkehr üblich, wo man zwischen den Zeilen lesen soll. »Frankreich und Preußen, dessen Institutionen, Rechts- und Schulpflege ich genau studierte, stehen unstreitig an der Spitze der Zivilisation«, begann er mit langsam schleppendem Ton, wie denn überhaupt eine gewisse Schwerfälligkeit und Bedächtigkeit auf seine väterliche Abstammung von einem Mynheer (Admiral Verhuell) schließen ließ. »Im Durchschnitt der Bildung seiner Bevölkerungsschichten steht Preußen groß da.« (Unermeßlich höher als Frankreich, oben Halbbildung, unten gänzliche Unbildung. In England nicht viel anders, nur daß die Bildungsschicht dort tiefer und gründlicher angelegt. Würde das vielleicht Gallier und Briten hindern, uns Barbaren zu schimpfen? Bah, wenn man von deutscher Bildung und Gelehrsamkeit schwärmt, muß der Deutsche sich in acht nehmen. Ich möchte lieber, der gute Freund hier rede von den preußischen Waffen.) »Beide schönen Kulturen sind aufeinander angewiesen. Das sollte uns Richtschnur sein. Ich selbst bin ganz den Künsten des Friedens hingegeben, das Kaiserreich ist der Friede.« O weh, er bläst die Friedensschalmei, das Thermometer zeigt also auf baldiges Unwetter. »Unsere Grenzen berühren sich ja nicht.« Gottlob, Belgien und Luxemburg dazwischen, sonst hätten wir morgen Besuch in Aachen und Düsseldorf. »Unsere Interessen divergieren nirgends.« Ein kurzes mattes Aufleuchten des umschleierten Blicks. »Nicht wahr?« »Im Gegenteil, statt sich zu kreuzen, könnten sie sich vereinen.« »Gut gesagt. Wir hatten ja jüngst eine kleine Mißhelligkeit. Es war mir unlieb, ja schmerzlich, daß gerade Preußen, ein solches Kulturland, nicht im Anschluß an uns die Waffen gegen den ewigen Kulturunterdrücker im Norden erhob.« »Eure Majestät verkennen vielleicht unsere schwierige Lage.« »Keineswegs,« Louis winkte hastig mit der Hand ab. »Beschwerden wünsche ich nicht vorzubringen. Mir scheint, daß von gewisser Seite ein taktloser Druck geübt wird. Mit mir allein, würde Preußen sich viel leichter verständigen.« »Sie sind sehr nachsichtig, Sire, doch fallen unsere Sünden unter das Shakespearewort: More sinned against that sinning .« Er wußte, daß Louis vom langen Londoner Aufenthalt her gut Englisch konnte. Seine Geliebte, Miß Howard, die er nachher schnöde sitzen ließ, gab ihm Stunden genug. Der Kaiser lächelte. »Sehr gut! Ich verstehe Sie.« Er erhob sich schwerfällig vom Tisch. »Wir reden wohl noch öfter im Leben darüber.« Er nickte freundlich und entschwand. Er wußte nun, was er wissen wollte, daß dieser trotzige Herr unter Österreichs Kränkungen litt und wahrscheinlich Rache kochte. Daß er aber dies wissen sollte nach Ottos Wunsch, wußte er nicht. Dagegen wußte Otto, daß man ihm sein eigenmächtiges Anbändeln mit »Bonaparte«, dem er offenbar die Cour machte, in Berlin arg verdenken würde. Als er in Koblenz dem zum Dombaufest reisenden König seine Frau vorstellte, verhielt sich dieser zwar freundlich: »Ich lade Sie und Ihre Gemahlin zur Rheinfahrt nach Köln ein.« Aber die Königin nickte kaum merklich und gab Anzeichen allertiefster Ungnade. Fürstliche Damen haben selten die Selbstbeherrschung ihrer seit früher Jugend auf würdevolle Zucht gedrillten Gatten. Auf der Rheinfahrt und als es in Remagen zur Tafel gehen sollte, züchtigte die geliebte Landesmutter den charakterlosen Streber echtweiblich durch beleidigendes Ignorieren seiner armen Frau, so daß Johanna in den Boden sinken wollte und die Hofschranzen sie ängstlich mieden. Gerlach nahm ihn beiseite: »Verlasse dich auf Fürsten nicht! Doch wie konnten Sie nur! Wer einen Pakt mit dem Satan schließt –« Der Thronfolger trat hinzu: »In Paris gewesen, lieber Bismarck? Wie gefiel es Ihnen dort?« Halblaut befahl er: »Sprechen Sie offen! Will der neue Herr sozusagen die Stiefel seines Onkels anziehen?« »Ich zweifle, Königliche Hoheit. Für riesige Erobererschritte ist er nicht gemacht. Solcher Impuls als Naturinstinkt beherrscht ihn nicht, überhaupt liebt er mehr das Kalkulieren, vielleicht auch das Intrigieren, als das rauhe Zugreifen. Er ist kein Feldherr, und im Krieg würde seine Armee, auf der seine Diktatur beruht, mehr einem siegreichen General als ihm zujubeln. Ich sage durchaus nicht, daß er nicht Kriege plant, doch er wird sich dazu nur entschließen, wenn innerpolitische Motive ihn zwingen.« Prinz Wilhelm hörte aufmerksam zu. »Das klingt vernünftiger als alles, was ich hörte. Ich dachte mir wohl, daß wir von Ihnen ein wohldurchdachtes, reifes Urteil hören würden. So war Ihre Reise nach Paris ein patriotischer Akt. Doch Pardon, man bläst zur Tafel, und Ihre Frau Gemahlin scheint sich hier fremd zu fühlen.« Und der hohe Herr ging eilends zu Johanna, die ganz allein saß, reichte ihr den Arm und führte sie zu Tische. Zum höchsten Verdruß seiner Schwägerin, doch es gab jemand, der das nie vergaß. Ja, jeder Zoll ein König! * In Frankfurt reifte wieder ein Skandal. Sebastopol war gefallen, nicht durch Verdienst der Briten, die sich am Redan grauenvoll blamierten, sondern durch den Elan der Division Mac Mahon am Malakof. Natürlich feierten aber die Briten diesen englischen Sieg, und die Kolonie der Kurgäste in Homburg hörte im Oktober einen Speech von Sir Malet, der eine hochnäsige Rüge gegen Preußens laue Haltung enthielt. Die Berliner Presse dürstete nach Rache und heischte Abberufung dieses Gesandten, der auf deutschem Boden den bekannten schulmeisterlichen Ton anschlug, der England so gut zu Gesichte steht. Otto bat jedoch, amtlich keine Notiz davon zu nehmen, da ein Wechsel der Gesandtenperson nur ungünstiger werden könne, der König willigte ein. Immerhin bewies der Fall wieder, mit welcher souveränen Nichtachtung das Ausland sich Mitreden im eigenen Hause Deutschlands gestattete. »Ich bedaure den Zwischenfall sehr, lieber Freund«, versicherte Malet. »Ich habe die Deutschen gern, und besonders Sie. Aber wo Briten beisammen sind, stecken sie einander an, bis jeder die gleiche Meinung hat. Ich weiß nicht, ob Sie mich verstehen. Meinen Landsleuten, frisch von England her aus der Gesellschaft, konnte ich nicht umhin beizupflichten, und es war schicklich, daß ich ihren Gefühlen Ausdruck gab. Sie hätten sonst erklärt, daß ich nicht schicklich meines Amtes waltete.« Jawohl! Wie die Franzosen, das Freiheitsvolk, jedem Leithammel folgen, so die Briten der konventionellen Schablone. Der Policeman bleibt draußen, mein Haus ist meine Burg, doch drinnen müssen Mobiliar, Mahlzeiten und Gesinnungen genau denen meines Nachbars gleichen. Wehe dem Briten, der eine eigene Meinung hat oder irgendwie gegen etwas konventionell Schickliches verstößt! Der wird sofort gesellschaftsunfähig, verliert Kaste. Und diese zwei innerlich uniformiertesten Völker des Erdballs entrüsten sich über die preußische Uniform als Zeichen der Knechtschaft! Nur der Deutsche hat selbständig unabhängige Persönlichkeit, der Konvention so wenig untertan als der blinden Anbetung von Machthabern. Höchstes Glück der Erdenkinder ist doch die Persönlichkeit! konnte nur ein Deutscher singen. Daß wir dadurch zentrifugal werden, ist unsere Schwäche, aber ohne sie wäre auch die Stärke der Idealität nicht da. Wie stark die ist, wird die Welt erst inne werden, wenn einmal wirklich die bedrohte deutsche Persönlichkeit sich zusammennimmt zum Kampf auf Leben und Tod. – Das neue Jahr brachte Frieden auf Erden, doch kein Wohlgefallen für Preußen. Mit unglaublicher Kopflosigkeit ließ sich auch jetzt Manteuffel durch Österreich an Händen und Füßen binden, damit es mit Zustimmung des Bundestags und voller Vollmacht die Pariser Konferenz allein betrete und Preußen dabei ganz ausschalte. Zwei annehmbare, von Preußen gestellte Vorschläge wies Buol ab, brachte eine eigene Vorlage ein und gab dabei noch eine Vorschrift, wie Preußen seine Abdankung unterzeichnen, d. h. sich wie jeder deutsche Kleinstaat durch das großmächtige Österreich in Paris vertreten lassen solle. Jeden Bundesbeschluß konnte letzteres dann nach Belieben auslegen, wenn Preußen nicht dabei war. »Es gibt nur eine Möglichkeit, dem vorzubeugen«, äußerte Otto in Sanssouci zu Gerlach. »Preußen muß einfach erklären, es werde erst seine Absicht bekunden, wenn die Zeit gekommen sei, und schließe sich etwaigen Beschlüssen nicht an. Dann werden v. d. Pforten und Beust sofort kopfscheu werden, da sie unsere Bestimmung voraussetzten, und die anderen Höfe würden diesmal zu uns stehen. Gerade dann wird man uns aus Paris dringend bitten, an den Verhandlungen teilzunehmen, da wir also doch mündig und nicht unter österreichische Kuratel gestellt sind! Dann könnte man noch Kompensationen holen.« – Bei der Hoftafel erhob der König seine Stimme: »Sie, werter Bismarck, kennen ja Napoleon III. intim, wie man hört. Was denken Sie de sa Majesté ?« Auf die unverkennbare Ironie erwiderte Otto gemessen: »Obschon ich mir nicht anmaßen kann, den Kaiser der Franzosen anders als sehr von fern zu kennen, glaube ich so viel urteilen zu dürfen, daß er ein sehr gescheiter Herr ist, auch anscheinend wohlwollend und liebenswert. Aber sein Prestige, als wäre er ein Genie des Bösen, und er lasse im Stillen Ozean regnen und im Atlantischen donnern, überschätzt seine Fähigkeit. Seine Machinationen als allgemeiner Menschenfeind sind wirklich harmlos oder richtiger ein Hirngespinst.« »Ihre Indifferenz überrascht mich, ich hörte anders. Hat er Ihnen denn nicht imponiert?« »Majestät, ich habe ein sehr unglückliches Auge, das viel eher die Schwächen als die Vorzüge sieht. Bangemachen gilt nich, sagen wir Berliner, wir lassen uns nicht imponieren.« »Nicht?« Das empfand der König wie einen persönlichen Stich, tröstete sich aber gleich wieder mit der Selbstverständlichkeit, daß dieser Nörgler mit seinem allergnädigsten Herrn und Lehrmeister in den politischen Wissenschaften eine Ausnahme mache. »Der Kaiser hat kein sanguinisches, noch weniger ein cholerisches, sondern ein phlegmatisch-melancholisches Temperament.« Das Krokodil hat's nämlich auch, nur heischt sein kaltes Blut recht viel Fraß. »Er steigt ungern zu Pferd, sitzt gern bei Tafel, liebt überhaupt sitzende Lebensweise und behagliche Ruhe, den Genüssen dieser Welt nicht abgeneigt. Von Napoleon I. ist keine Faser in ihm. Man preist seinen Verstand und verkennt sein Gemüt. Denn nach Aussage aller, die ihn kennen, hat er zum Beispiel die seltene Tugend der Dankbarkeit in ausgezeichnetem Grade.« Der König lachte überlaut, was natürlich die ganze Tafelrunde in treugehorsamste Heiterkeit versetzte. Der Ausgelachte lächelte kühl: »Eure Majestät erinnern sich wohl des Generals v. Canitz, der auf der Kriegsakademie das große Wort gelassen sprach: ›Napoleon war ein seelensguter Kerl, aber dumm, dumm.‹ Ich darf wohl vermuten, daß Eure Majestät über mich etwa ebenso denken.« Der König lachte verdrießlich, doch da ihm eine geistreiche Replik immer wohlgefiel, brach er höflich ab: »Sie mögen recht haben, doch den jetzigen Napoleon kenne ich nicht, will Ihnen also nicht bestreiten, daß sein Kopf schlechter ist als sein Herz.« Gerlach flüsterte ihm später zu: »Ihre Majestät die Königin sind ganz besonders indigniert, weil Sie dem Satanskerl Gemüt zusprechen. Machen Sie doch keine Faxen!« Otto zuckt« die Achseln, »'s ist so meine Meinung.« Und er behielt sie auch später. Vielleicht war es gut so, weil es ihm ein Überlegenheitsgefühl und zugleich eine von keiner persönlichen Abneigung getrübte Ruhe diesem Menschen gegenüber verschaffte, vor dem ganz Europa zitterte. Aber das Urteil war falsch nach jeder Richtung, obschon es von oberflächlichen Historikern nachgelallt wurde. Napoleon der Kleine war kein kleiner Mensch, wenn man Begabung dafür zum Maßstab nimmt. Allen Herrschern (Friedrich den Großen natürlich ausgenommen) an Geisteskultur unendlich überlegen, überhaupt voll ungewöhnlicher, umfassender Bildung, besaß er zwar kein Atom schöpferischer Ader, mehr Staatsgelehrter als Künstler, und verhielt sich zu Napoleon dem Großen, wie ein experimentierender Forscher oder Texte prüfender Philologe zum freien Dichterdenkergenie. Zog er als Neffe der Schlacht von Austerlitz zu Felde, so machte er eine traurige Figur, doch die Nerven des schwer an Stein kranken Mannes gaben im Granatschauer nicht nach, niemand hat ihn je feige gesehen, wie er denn schon bei den lächerlichen Abenteuerputschen seiner Anfängerschaft einen kalten Mut bewies, der nichts weniger als lächerlich war. Sein grübelnder Verstand, unfruchtbar für zeugende Gedanken, blieb durchdringend klar und in manchem bedeutend, sein Wille nicht stark genug für große Taten, doch für große Verbrechen. Könnte man bei der unerhörten Gemeinheit und Grausamkeit seines blutrünstigen Staatsstreichs, bei der skrupellosen, meineidigen Hinterlist seines Komplotts noch an der unheilbaren Niedertracht seines Wesens zweifeln, so zerstreute die nachfolgende gesetzliche Abwürgung aller anständigen Leute mit den Massenverschickungen nach Cayenne den letzten Zweifel. Eine so schamlose Tyrannei, ein solches Spitzel- und Delatorentum bis in die Familie hinein, eine so schmutzige, systematische Korrumpierung der öffentlichen und privaten Sitten wie unter diesem Apachenhäuptling hat die Welt noch nie gesehen. Er hat Frankreich moralisch zugrunde gerichtet, ihm jeden Rest von Idealität gestohlen, so wie er eben alles stahl. Er überzuckerte jede Frechheit mit herzloser Heuchelei, baute die breitesten Boulevards und riß die engsten Winkel nieder, wohin noch Tugend und Anstand sich flüchten konnten. Er erzog ein Prätorianerheer, das sich noch gegen die Kommune mit Schande bedeckte, weil sein giftiger Odem in ihm fortlebte. Ein ungeheurer Schmutzfink, besudelte er das ganze Staatswesen. Und diesem Menschen hat man Treue gegen seine »Freunde« nachgerühmt. Er hatte keine, nur Spießgesellen. Vierzigtausend Räuber schauten von der Pyramide seines Empire herab und verlangten freilich vom Räuberhauptmann »Treue«. Wie es damit stand, bewies der Tod St. Arnauds, wo der »brave« Canrobert unterm Kopfkissen des sterbenden Obergenerals Geheimpapiere stehlen mußte. Stehlen war immer die Losung. – Alles vergebens. Der traurige Manteuffel opferte jede Scham, unterschrieb alles, um nur als zudringlicher Bettler, der vor der Tür gewartet, zur Pariser Konferenz zugelassen zu werden, wo Preußen als fünftes Rad am Wagen kläglich herumholperte. »Schamade und Waffenstreckung!« stöhnte Otto auf, als er die letzte Instruktion erhielt, die ihm wenigstens ersparte, persönlich als Unterhändler nach Paris abzugehen. Dafür waren ja in der Tat angesehenere Diplomaten von höherem Range vorhanden. Er bekam ein heftiges Gallenerbrechen, das sich während 24 Stunden wiederholte. Preußen in Deutschlands Augen noch mehr gedemütigt, als Großmacht kaum mehr geduldet, so schloß all sein Mühen und Sorgen am Bundestag, das vierjährige Ringen eines einzelnen für sein Vaterland, dem fortwährend falsche Freunde und Schwächlinge in den Rücken fielen. Danach erhob er sich, wie ein rechter, starker Mann nach einem schweren Schlag, der ihn niederwarf, aber ihm nicht die Knochen brach, und schrieb bei Lampenschein in seinem Studierzimmer das glänzende Meisterstück eines staatsmännischen Pro Memoria an den König, das nie seinesgleichen hatte. Nun gerade nicht! Und nun werd' ich mich mit dem Teufel selbst verbünden. Das Licht fiel auf die hohe, kahle Stirn wie ein Strahl von oben, als sein grimmiger Genius über ihn kam. Mit prophetischer Klarheit sagte er zwei Kriege voraus, die zuerst Österreich aus Italien, dann auch Deutschland vertreiben würden. Sobald Krieg ihm nützlicher erscheine als Frieden, werde Napoleon die italienische Frage als Vorwand zum Zwist aufrollen. Zurzeit ziehe er Frieden vor, und alle Mächte wetteifern im Buhlen um seine Gunst. Da darf Preußen nicht dahinten bleiben. Wir müssen alles tun, ihn zu versöhnen und ihn für uns zu gewinnen. Mit Rußland oder Österreich könnten wir jederzeit marschieren, wie es fällt, doch um Frankreich muß man sich bemühen, und Allianz mit ihm wäre das beste für uns. Man sollte Napoleon den Schwarzen Adlerorden senden oder ihn zu einem großen Manöver einladen, das schmeichelt ihm. (Für einen hochgebildeten Mann wie ihn hat der Staat Friedrichs des Großen immer einen gewissen Nimbus.) Am meisten sei das Natürlichste zu fürchten, Franko-Russische Allianz, doch ständen da gottlob dynastische Gründe dazwischen, und es müßte unser Bestreben sein, solange wie möglich diese Nachbarn in Ost und West auseinanderzuhalten. Keinenfalls aber darf man uns je wieder unter Frankreichs oder Rußlands Gegnern treffen. Denn selbst wenn wir damit auf der Gewinnseite wären, wofür föchten wir? Für Österreichs Übergewicht und das unselige Phantom des Deutschen Bundes, der nur dem Namen nach ein Bund. Oft genug im letzten Jahrtausend focht der deutsche Dualismus – nicht von Norden und Süden – einen unerträglichen Zwist mit dem Schwert aus. Und in unserer Gegenwart ist dies der einzige Weg, wie die Uhr richtiggestellt werden mag. In nicht ferner Zeit müssen wir mit Österreich um unser Dasein ringen, und es steht nicht in unserer Macht, dies zu vermeiden. Deshalb wäre es schon unheilbarer Wahnsinn, durch ewige zahme Selbstverleugnung unsere eigene Wohlfahrt für Österreichs Integrität aufs Spiel zu setzen, in einem obendrein hoffnungslosen Kampf. Wir müssen vielmehr den preußischen Planeten mit der aufgehenden Sonne des Empire verknüpfen, dann wird Österreichs Stern sicher erbleichen. Das alles führte er in großen Zügen aus, meisterlich und klar. Die Feder flog bis zum letzten Punkt. Als sie seiner Hand entsank, ging das Licht aus, nur die Sterne strahlten herein. Nacht muß es sein, wo Friedlands Sterne strahlen. * Am anderen Tage ritt er mit Montessuy und dem neuernannten österreichischen Präsidenten Graf Rechberg (Prokesch sagte Valet) mittags aus. Ein Schmerzensschrei, ein schwerer Fall, Rechberg erhielt vom Pferd des Franzosen einen heftigen Hufschlag. Um Ottos Mund spielte ein grimmiges Lächeln, er begrüßte das Omen. In seiner unersättlichen Herrschsucht hielt sich das Ministerium Buol obendrein noch für überlistet durch Preußens neutrale Haltung, weil diese nicht einen Einfall in Rußland gestattet hatte. Rechberg kam mit Racheplänen, hitzigen Geblüts wie seine Vorgänger und weniger geschmeidig und tartuffisch, aber nicht minder verschlagen. Sein Debut war großartig. Er nahm jeden Gesandten beiseite: »Seine Exzellenz der Minister des Auswärtigen Graf Buol reist soeben nach Paris durch. Er würde Sie besonders gern sehen, seine Zeit ist so beschränkt, kommen Sie doch heut nach der Sitzung dorthin zu einem vertraulichen Plauderstündchen.« Einer solchen Auszeichnung widerstand kein deutsches Kleinstaatherz, jeder erschien mit begeisterter Eile zum Tete-a-tete mit dem großen Mann. Infolgedessen jeder das Vergnügen hatte, den ganzen Bundestag im Vorzimmer des k. k. Gewaltigen vor sich zu sehen. Nur einer fehlte. Laut lachend kam Montessuy zu Otto: »Sie haben etwas versäumt, mein Teurer. Als ich Herrn v. Buol verließ, mit dem ich Instruktionen austauschte, fand ich eine Herde, in Reih und Glied gestellt und überwacht von unserem scharmanten Schäferspitz Rechberg. Sie wartete auf den Hirten Buol.« Otto brach in ein langes Gelächter aus. »Sie meinen wohl auf den Wolf. Schafsbraten schmeckt gut. Als Rechberg mir dies impertinente Ansinnen stellte, maß ich ihn von Kopf zu Fuß und dankte für die hohe Ehre. Buol könne sich ja zu mir bemühen, wenn er mir Wichtiges anvertrauen wolle. Übrigens halte ich den Schwindel für einen Fehler, denn heimlich werden alle sich erbosen, daß man sie so anführte.« »Ein Fehler mag's sein, doch Sie vergessen die Zeitungsnotizen!« Montessuy lachte immer noch aus vollem Halse. »Eine spontane Huldigung und Untertänigkeit, gleichsam Heerschau über liebe Klienten und Vasallen! Das muß Preußen zur Verzweiflung bringen!« »Wie würde Ihr großer Kaiser solche Affenstreiche verachten!« rief Otto mit Feuer. »Dieser nur im großen arbeitende geniale Herrscher! Nun, in Frankreich dürfte man sich ohnehin nicht solches erlauben! A Hetz, a Wurzen und doch alles nur Schlamperei. Wie beneidet man die seine Sitte und ritterliche Vornehmheit der französischen Rasse gegenüber solchen Tölpeln!« Montessuy nahm eine Prise und nickte beifällig. »Sie scheinen sich jetzt zum richtigen System bekehren zu wollen. Ist's Ernst? Unter Privatfreunden, nicht unter Diplomaten?« » Parole d'honneur , mein heiliger Ernst. Ich gebe zu, früher hatte ich Vorurteile, doch gingen diese fast nur gegen England.« »Das braucht man nicht mehr.« Der Franzose schnippte mit den Fingern. »Diese militärische Schwäche! Unsere Armee tat alles allein. Natürlich prahlen sie wieder von ihren Heldentaten.« »Ja, ja, Attacke bei Balaclava. Der Laureate Tennyson dichtete schon eine Ode darauf. Die werden noch Kind und Kindeskind verschlingen als süße Speise ihrer kindischen Überhebung. Die Briten sind männlich, doch nie war Männlichkeit mit solcher Prahlsucht vereint.« »Unsere Chasseurs d'Afrique hätten das nämliche vollbracht.« »Und jede preußische Brigade«, ergänzte Otto trocken. »Hm! Unsere Militärs sagen, nächst der französischen sei die preußische Armee die beste. Es wäre gar nicht übel, wenn die mal gemeinsam auf einem Schlachtfeld kämpften.« »Das wäre ein Triumph hoher Politik! Meine Reise nach Paris war mein Weg nach Damaskus. Des Kaisers Persönlichkeit hat mich überwältigt. Welch ein Mann! Ich glaube nicht nur an die Größe, sondern auch die Lauterkeit seines Willens.« Montessuy nahm erneut eine Prise. Diese Pose der alten Diplomatie hielt er für comme il faut , die neumodische Gepflogenheit des Rauchens für unziemlich. »Sie tun wohl daran. Frankreichs Adler hat breite Flügel, um einen treuen Freund zu beschirmen. Auf England verläßt sich niemand, das war nur so eine Gelegenheitsliaison auf Kündigung. Rußland – der Zar ist hoch und weit, sagt ein russisches Sprichwort, und da werden gewisse Prinzipiengegensätze sich noch lange nicht schlichten. Preußen allein – enfin , ich bin dafür, würden Sie wirklich solche Politik betreiben?« »Mit Leib und Seele. Meine bescheidene Stimme hat natürlich wenig Gewicht –« »Ach, sehr lieber Freund, sie ist weder bescheiden noch ohne Gewicht, sondern kühn und voll Nachdruck. Der Kaiser hält große Stücke auf Sie, wie ich Ihnen verraten will. Love at first sight , gegenseitige Anziehung. Er wird mir Dank wissen, wenn ich ihn unterrichte. Bei Ihrer Majestät der Kaiserin haben Sie auch einen Stein im Brett.« Er lächelte. »Im übrigen brauche ich Ihre Erfahrung wohl kaum zu warnen, daß wir unser etwaiges politisches Einvernehmen hier nicht prononcieren dürfen. Ein Glück, daß wir persönlich uns so gut stehen und Sie als Russophile gelten, sonst würde man bald dahinter kommen.« Die Anspielung auf die Kaiserin verstand er sehr wohl. Auf einem Hatzfeldschen Diner lud man für ihn den alten Diplomaten Rothan ein, der sich zwar zur Ruhe setzte, doch in Beziehung zum Hofe stand. Demgegenüber warf er sich ganz der aufgehenden Sonne zu Füßen. »Ein großer Herrscher, der noch Größeres vollbringen und die Welt in Erstaunen setzen wird! Und mit einer solchen Armee! Ich sah heut früh die Kaiserin-Dragoner der Garde ausrücken neben den Gardezuaven. Welche Kraft in jeder Bewegung! Die Lanciers in ihrer weißen Galakurtka und die herrlichen Kürassiere salutierten mit den Degen vor Ihrer Majestät der Kaiserin. O, welch seltene Frau, nicht nur äußerlich! Die schönste Frau in dem an Schönheiten so reichen Paris!« Er trug diese Schmeicheleien so ungezwungen, doch so laut vor, daß sie unfehlbar aufgefangen und an die richtige Adresse spediert werden würden. Nicht ohne Scham gedachte er daran, wie er in der Versailler Spiegelgalerie stand, die hier toutes les gloires de la France und den Rokoko-Olymp des Roi-Soleil zurückstrahlte. Als er seine Riesengestalt fremdartig in solcher Umgebung gespiegelt sah, mochte ihm wohl einfallen, daß so vielleicht ein alter Germane im Bärenfell in der goldenen Burg römischer Cäsaren sich angaffen ließ, wenngleich oft auch in römischer Tracht wie Ritter Arminius, der nachher Hermann der Befreier hieß. Von der Schlacht im Teutoburger Wald bis zur Schlacht von Leipzig ist's ein weiter Weg, und doch sinken zuletzt immer die pomphaften Adlerfahnen vor den Hammergottsöhnen des Donar. Wenn Arminius antichambrierte, warum sollte er's nicht auch? Neben ihm aber, auf den Ruf des Cäsars untertänig wartend, stand eine Jammergestalt, o böse Ironie, kein anderer als Dalwigk, der richtige Rheinbundssendling. Arminius, nimm dich in acht, daß nicht auch dir fremde Cäsarenhuld zu Kopfe steigt! Mir? Und er schlug eine bittere Lache auf. Ich weiß, Aristan, diese Denkart kenn' ich ... Fragst, wo und wann Germanien gewesen ... Doch jetzo wirst du mich verstehn, das weiß ich: Führt ihn hinweg und schlagt das Haupt ihm nieder! So schlug die Hermannsschlacht Heinrich v. Kleist. – Er mußte endlich auch Muße finden, sich mal nach Kleist-Retzows Herrlichkeit in Koblenz umzusehen. Dieser Gottesmann fiel in die sonnige Rheinprovinz wie ein Schatten aus dunkelstem Hinterpommern. Ein treuer Knecht war Fridolin, und in der Furcht des Herrn tyrannisierte er drauflos wie ein türkischer Pascha, ins Deutsch-Züchtige übersetzt, oder ein russischer Gouverneur, nur, daß er keine Trinkgelder nahm. Mit Schweiß und Mühe brachte er es dahin, der bestgehaßte Mann am Rhein zu sein und sich das besondere Mißfallen des Prinzen von Preußen zu erwerben. Darob pries ihn das Berliner Parteiregiment, dessen Tage nun freilich auch schon gezählt waren und das in seiner Sünden Maienblüte zu Herbste ging. »Wir hatten wieder historische Märztage, es ist eine große Zeit«, begrüßte er Otto, indem er die soeben eingetroffene neueste Nummer der Kreuzzeitung zärtlich flachstrich. Sein in der Fremde irrender Freund sah ihn verdutzt an, er wollte seinen Ohren nicht trauen: »Wovon redest du?« »Wovon soll ich reden als von Hinckeldey-Rochow?« Auf Ottos Stirn trat die strenge Falte hervor, er schwieg. Wo lag hier die immanente Gerechtigkeit? Daß ein Schuft den Verräterlohn von eigenen Spießgesellen erhielt, und daß er durch zufällig unverdientes gewaltsames Ende sich ein Grabgeleit anständiger Leute gewann? Der Polizeipräsident, dies gefügige Werkzeug schamloser Reaktion, beging die Unklugheit, pflichtgemäß eine Spielhölle adeliger Lebemänner aufzuheben. Worauf ihn ein gewisser v. Rochow, ein völlig wertloser Patron, als geübter Kunstschütze forderte und niederknallte. Dem planmäßigen Mord setzte der Vorsitzende des Herrenhauses, Graf zu Stolberg, die Krone auf, indem er beklagte, der Edle v. Rochow sei deshalb verhaftet, während er doch als Edelster der Nation nur seine Ehre rächte. Das Berliner Bürgertum geleitete den schlechten Kerl großartig zu Grabe, weil er zum erstenmal in seinem Leben auf seiten des Rechtes stand und bei dieser ungewohnten Beschäftigung den Märtyrertod erlitt. »Des Königs Gnade hat unsern Rochow schon jetzt aus der Festungshaft begnadigt, alle Gutgesinnten jubilieren, die Kreuzzeitung bringt einen herrlichen Aufsatz eines ungenannten Theologen über das Gottesgericht.« »Hm, das Duell ist natürlich wider Christi Gebot.« Es würgte ihn etwas Heiseres in der Kehle. Völlig vorurteilslos im großen, hatte er aber seine sonderbare Bekehrung zum Feudaljunker zu fest in sich eingelötet, als daß er dies allzu enganschließende Panzerhemd hätte im täglichen Leben abwerfen können. Er blieb in die Maschen verstrickt und scheuerte sich die Haut darin wund, ohne daß er es merkte. Daß ein so reinlicher Mann sich im Unrat solchen Milieus je wohlfühlte, das mochte er anderen weismachen, nur nicht denen, die ihn erkannten. Indessen – er schwieg, mehr oder minder schwieg er dazu sein Leben lang. »Hinckeldey war – doch de mortuis nil nisi bene ! Erzähle mir lieber von deiner Stellung hier!« Da klagte Oberpräsident Hänschen Stein und Bein über die Prinzeß Auguste, die im übrigen Schloß über ihm residierte, indes er das Erdgeschoß als Amtsresidenz wählte. Sie hegte gegen seine unansehnliche linkische Erscheinung ein weibliches Mißfallen, das sie aber mit weiblicher Güte gern gezähmt hätte, wäre nicht seine konservative Beschränktheit ihr ein Greuel gewesen. »Dieser ungebildete Mensch!« klagte sie ihrem Gemahl. »Der las sicher noch keine Zeile von Goethe. Solche Leute beschert uns die Kreuzzeitungspartei. Ist nicht sein Intimus der Herr v. Bismarck?« »Das laß man gut sein«, wehrte der Prinz entschieden ab. »Das ist ein sehr geistreicher Mann, mag er vielleicht auch nicht viel Goethe gelesen haben, ich weiß es nicht. Übrigens ist Kleist-Retzow sein angeheirateter Onkel.« »O weh! Er soll ja eine richtige Landpomeranze geheiratet haben, eine Frau von gar keiner Bildung und ohne Manieren, wie es sich für seine jetzige Stellung gar nicht schickt.« In ihrem Gemüte dachte sie: Den hat auch Gott in seinem Zorn zum Diplomaten gemacht. Gewiß hat er tadellose Haltung und imponierende Erscheinung, doch so denkt man sich doch einen Diplomaten nicht, so – so ungeschmeidig. »Sie soll eine sehr gute Frau und Hausfrau sein,« brach der Prinz trocken ab, »und ich bin Pate des letzten Kindes. Ein Mann von hohem Verdienst um Thron und Vaterland, von dem ich mir große Dinge verspreche.« Die ästhetische Prinzessin, vor der Otto noch nie ein Goethesches Zitat brauchte, rümpfte die schöne Nase. Ihr Minister wurde er jedenfalls nicht. Da war ihr auserwählter Politiker, der braunschweigische Ministersohn v. Schleinitz, ein anderer Mann. Den hatte der abscheuliche Manteuffel, der in dienstlichen Dingen keinen Spaß verstand, arbeitstreu und fleißig trotz aller sonstigen Fehler, wegen allzu großem Hang zur Bequemlichkeit seines Gesandtenpostens in Hannover enthoben. So schlossen also alle Stellen- und Ämterlosen einen Ring um das Thronfolgerpaar, indem sie in ellenlangen Denkschriften die Tiefen ihrer Weisheit und ihres leeren Portemonnaies erschlossen. »Meine Hausandacht mit dem Gesinde, die wir als gottesfürchtige Eheleute jeden Abend abhalten nach Gottes Gebot, ist ihr lästig, sagt sie«, zürnte der graue Hans. »Doch ich weiß wohl, was es ist. Die Frau Prinzessin treibt Abgötterei mit papistischem Irrwahn. Immer pilgert sie zu katholischen Kirchen, ehrbare christgläubige Pastoren mag sie nicht, aber Bischöfen küßt sie den Hirtenring.« »Ach, das sind ästhetische Spielereien! Das Malerische am Katholizismus!« »Ja, so'n Maler in Düsseldorf, ein gewisser Scheuren, genießt höchstihre Protektion, weil er Aquarelle von Kirchen und Madonnen malt.« »Er malt Landschaften«, korrigierte Otto trocken, der immer alles wußte und mit seinen hundert Augen alles sah. In Paris hatte er nur die Gemälde genau betrachtet, die Maschinen der Gewerbeausstellung interessierten ihn nicht, denn seine ganz auf das Geniale gestellte Natur betrachtete alles Technische als nebensächlich, Idealist und Ästhet in jedem Zuge. Aber vor windigen Salonschöngeistern seine Goethereife auszupacken, lag ihm weltenfern. Auch seine näheren Bekannten wußten nur, daß er sich jeden Abend Beethoven von Nanne vorspielen lasse. Ein wahres Labsal gewährte ihm aber das Zusammentreffen mit zwei militärischen Vertrauensmännern des Prinzen, zwei schlanken Gardeobersten Gustav und Konstantin v. Alvensleben. Otto begriff auf den ersten Blick, daß dies kundige, schneidige, entschlossene Kriegsführer seien, von denen man sich in höheren Graden noch viel versprechen könne. Gustav Alvensleben bemühte sich taktvoll um besseres Einvernehmen zwischen dem königlichen und prinzlichen Hofe, bekannte aber unumwunden seine Unzufriedenheit über die laue Schlaffheit, die sich von jedem Aufbegehren Österreichs ins Bockshorn jagen ließ. »Ganz recht, wie Sie so richtig sagen zur Freude jedes Soldatenherzens: die Rivalität kann nur auf dem Schlachtfeld ihre Lösung finden. Solche Knoten löst man nicht sacht auf, man durchhaut sie.« Otto sah den sehnigen, hageren Sprecher fest an: »Wie denken Sie über eine Hauptschlacht zwischen uns und denen?« »Wir laufen sie über, daß sie die Beine gen Himmel strecken.« Der Oberst stand auf und reckte sich. »Das ist Ihre solide, wohlerwogene Meinung als Fachmann?« »Auf Ehre und Gewissen.« Otto streckte ihm die Hand hin: »Sie haben mir sehr wohlgetan. Das Wort werd' ich behalten und, will's Gott, Sie mal daran erinnern.« Die beiden Männer sahen sich an, Hand in Hand. »Das hoff' ich.« Fester Soldatenblick, fester Händedruck. Dieser tapfere Ehrenmann scheute sich auch nicht, seinen Unmut nach gewisser Richtung mit kriegerischer Derbheit und Offenheit in kernigen Schmähungen zu entladen. »Sie haben es wohl schwer in Ihrer Adjutantenstellung?« »Und ob! Die überspannte Säuselei und Flöterei und das Getue mit dem Ausland! Wenn man die Kniebeuge nicht mitmacht – ach zum Donnerwetter, wenn Frauenzimmer Politik schwatzen, da sträuben sich einem Patrioten die Haare zu Berge – die wenigen, die er noch hat vor Ärger.« Alvensleben strich über sein schon spärliches Haupthaar. »Gottlob haben wir dafür Haare auf den Zähnen, und die sind noch gesund.« Er zeigte lachend sein Gebiß. Halblaut setzte er hinzu: »Sie will mich fortgraulen, doch er hält mich und wird nie damit aufhören.« »Verlangt sie aber unbedingt –« »Da kennen Sie ihn schlecht. Auf diesem Punkt wie Erz und Stein, unerschütterlicher Granit. Treuen Mannen ein treuer Herr!« Wie die Recken im Nibelungenlied. Otto sah nachdenklich vor sich hin. * Um diese Zeit gewann Ottos häuslicher Kreis einen angenehmen Zuwachs durch einen Kavallerieleutnant, der als Attaché zur Gesandtschaft abkommandiert war. Als der junge Mann, durch einen Brief der Gräfin Borcke und gemeinsame Bekannte empfohlen, vor dem Gewaltigen stand, äußerte er befangen: »Darf ich das Fürwort Euer Exzellenz erhoffen für amtliche Berufung in dero Nähe?« Da kam ein kalter Wasserstrahl, dessen er nach dem bereiten Wohlwollen des Empfanges sich nicht versah: »Ich freue mich aufrichtig, Sie kennen zu lernen, Sie gefallen mir sehr, und ich werde alles aufbieten, daß Ihr Wunsch nicht in Erfüllung geht.« Kaum wurde der Erschreckte inne, daß dieser Prachtkerl, der sein ganzes Jünglingsherz gewann, seine Anbetung hintertreiben wollte, kam die Fortsetzung: »Das chokiert Sie, denn Sie taten mir nichts zuleide. Nun wohl, warum sollte ich in Ihnen eine Hoffnung nähren, die ich schon einem anderen gewährte? Ich gab jemand das Versprechen, ihn vorzuschlagen. Ein Mann ein Wort. Na also! Lassen Sie all Ihre Minen springen, Ihre Konnexionen sind ja gut, und treten Sie dann wieder an, werde ich mich geschlagen bekennen.« Die Konnexionen erwiesen sich als durchschlagend, und ziemlich bald meldete sich der Jüngling: »Euer Exzellenz sehen mich wieder hier. Ich melde mich meinem hohen Vorgesetzten.« »Weiß schon. Übrigens, Exzellenz? Nein, mein Lieber, hier in Frankfurt steht mir die übliche Hausexzellenz zu, ich lasse mir's gefallen aus dienstlichen Gründen. Aber der König ernannte mich noch nicht zu diesem Titel, und für uns gelten nur preußische Distinktionen. Ich bin für Sie einfach Herr v. Bismarck, Ihr Vorgesetzter, außer dem Dienst sind wir gute Kameraden, im Dienst will ich Sie schon fassen.« Der junge Mann schnitt ein verlegenes Gesicht. »Nur bitte nicht schwer nehmen, 's ist Ihr Herr Rittmeister vor der Front: Bitte eine halbe Pferdelänge mehr nach rechts oder links. Jetzt werde ich Sie mal meiner Frau vorstellen.« Dieser unterwarf sich sofort das echtpreußische ritterliche Offiziersgemüt. Mit einem Blick erkannte der weibliche Instinkt, daß der Jüngling wert sei, ein Vergötterer Ottos des Großen zu werden. Gilt es solchen Einsatz, sind alle weiblichen Frauen unwiderstehlich. Der junge Offizier, von Tag zu Tag mehr von männlicher Verehrung für diese deutsche Frau durchdrungen, schwor Lehnseid auf Leben und Tod dem Hause Bismarck. Der Gewaltige hatte ihn richtig auf den ersten Hieb erkannt als jenen Typus, den nur wenige außer den eigenen Offizierskreisen kennen, den Normal- und Musterjüngling in Waffen, eine der schönsten Erscheinungen der ganzen Menschheit, den gebildeten preußischen Offizier. Bei diesen ausgezeichneten Menschen ist die bescheidene vornehme Zurückhaltung das halbe Leben, und daß sie den Umgang mit anderen Kreisen vermeiden, stammt keineswegs aus niedriger Überhebung, sondern aus tiefen menschlichen Gründen, die jeder Verstehende sehr wohl begreift. Sie tasten niemand an, sie verlangen gar keine äußere Rangstellung, wie der eitle Bourgeois ihnen zuschiebt, sondern nur, in Ruhe gelassen zu werden. Genau so wie das Genie. Ihre Losung heißt: Ich dien'. Obschon oft sehr hochgebildet, machen sie gar keinen Anspruch darauf, für geistige Begabung wollen sie keine Orden, dabei sind sie nicht nur klug, sondern feinhäutig in Empfindung und Beobachtung. Dieser junge Offizier umfing seinen Chef mit einem stillen Bewunderungsverständnis, um das ihn Louis Napoleon hätte beneiden können. Er notierte sich im Gedächtnis jede Wendung, jede geistvolle Geste Ottos und bewahrte sie so treu, daß er sie fünfunddreißig Jahre später der Öffentlichkeit anonym übermitteln konnte. Die sprühende und dennoch ruhige gesellige Laune, die scheinbar heitere Sorglosigkeit inmitten der Herren- und Damenwelt, nichts entging dem heimlichen Aufpasser. »Er sagt immer das Unerwartete«, lobte die gescheite Nelly Eisendecher diese urwüchsige Unerschöpflichkeit. Ab und zu tauchten geschulte Salonlöwen auf wie der sächsische Minister Baron Beust, der im Plaudern nur Arabesken malte und seine zierlichen Stiefeletten zeigte. »Sind die aus Handschuhleder? Wie elegant!« forschte die Komtesse de Montessuy. Auch sie erschauerte, als mal aus Paris der Duc de Morny, Napoleons Halbbruder, anlangte, müde und blasiert von seinen Eroberungen, umwoben vom Heiligenschein seiner illegitimen »napoleonischen« Abkunft, die in keinem Fall napoleonisch war. »Wissen Sie, mein lieber Baron,« äußerte er zu Beust, »dieser Preuße ist unstreitig ein superiorer Mann. Allein, er ist – Pardon – ein Deutscher. Einen großen Stil des Weltmanns wird nur ein Franzose und Engländer haben, allenfalls ein Italiener von sehr alter Familie, in gewissem rohen Sinne sogar ein russischer Fürst oder ein Madjare, ein Deutscher nie. Sie bleiben – nochmals Pardon – bürgerlich. Eine gewisse Freiheit von sogenannten moralischen Vorurteilen, eine vornehme Absonderung von der Canaille werden Sie niemals kennen. Dieser Preuße ist ein Mann von Welt, der französischste Deutsche, den ich je sah, aber dabei ein braver père de famille . Das reimt sich nicht. Er gefällt den Damen, natürlich schon äußerlich,« er streifte neidisch die Hünengestalt, seiner eigenen gebrechlichen Eleganz so unähnlich, »aber das Dämonische à la Byron wird kein Deutscher je besitzen. Die deutschen Damen sind keine Erzieherinnen zu Höherem, nicht kokett genug.« Ins Gesicht versicherte er Otto herablassend: »Sie sollten nach Paris kommen. Ihre Majestäten wollen Ihnen beide wohl, und Sie sprechen so gut französisch. Wir würden uns freuen, Sie als Gesandten bei uns begrüßen zu dürfen.« Das war des Pudels Kern: einen möglichenfalls Gefährlichen kaltzustellen. Als aber Beust giftig den Preußen einen Diplomaten in Holzschuhen nannte, dessen burschikoses Behagen er für schlechtesten Ton hielt, sah ihn Morny mit einem unsagbar blasierten Monokelblick an und dachte: wer in Tanzschuhen auf dem Holzweg hopst, sollte über so gutsitzende Holzschuhe nicht spotten. Und du sollst mein nicht spotten, keine anderen Götter neben mir! sprach aus Otto der preußische Gott, der »Dienst«. Der junge Anfänger lernte dies bald kennen. Soeben saß er in sehr vorgerückter Nachtstunde nach einem anstrengenden Ball bei einem Krug Bier, als der Kanzleidiener hereinstürzte: »Der Herr Gesandte lassen bitten, sich zu ihm zu verfügen wegen dringlichen Diktats.« Schweigend nahm der Jüngling den Hut vom Nagel, während der umsitzende Kreis von Attachés und Offizieren lärmend lachte. »Dritte Wiederholung, unwiderruflich letztes Benefiz! Dies Stückchen kenn' ich auswendig. Dreimal hab' ich's schon erlebt. An der Quelle saß der Knabe, da kam die Parze mit der Spindel. Halb zog es ihn, halb sank er hin und ward nicht mehr gesehn!« »Verflixter Dienst!« »Ich tauscht' ihn mit keinem andern.« Der Abgehende knöpfte sich die Handschuhe zu. »Mein Chef ist nicht nur ein großer Herr, sondern ein großer Mann. Und wenn Sie wüßten, wie das ist, mit ihm allein zu sein und ihn anzuhören, Sie würden mich alle beneiden. Zehnmal hat er mich nun schon aus den Federn geklopft oder mir sonst die Nacht genommen, und wenn er's hundertmal tut, ich bin bereit. Gute Nacht!« »Des Jünglings erste Liebe!« brummte der vorige Spötter. »Der ist in seinen Chef verschossen, sonderbarer Geschmack. Aber 'n famoser Kerl muß er sein, an dem seine Leute so hängen.« »Bei unseren Soldaten ist er riesig populär. Er besucht manchmal die Kaserne und spricht mit den Mannschaften, an die er Zigarren verteilt. Uns alle, Offiziere wie Gemeine, hat er in der Tasche. Auf sein Wohl!« Der oft an Schlaflosigkeit leidende Gigant schritt hastig im gelben Kabinett auf und ab, einen geblümten Schlafrock von grünem Seidendamast umgeschlagen. »Na, da sind Sie, lieber Sohn. Danke verbindlichst! Ließen Sie Ihre Müdigkeit auch hübsch bei den Kotillonschleifen? Jetzt müssen Sie 'ran zu Dauerwalzer mit der Feder! En avant, s'il vous plait. « Er diktierte. »Als der Reformator Knox – was stocken Sie?« »Wie wird der Name geschrieben?« stotterte der Schüler. »Ei, ei, sollte Ihnen das eine oder das andere Blatt in Beckers Weltgeschichte entgangen sein? Zwei Dinge muß der junge Diplomat wissen: Neuere Geschichte (die alte schenk' ich Ihnen, deshalb lernt man sie auf den Schulen, weil sie unnütz ist) und den Gothaischen Almanach und Hofkalender. Was da drin steht, Verwandtschaften usw., hat für die Politik leider große Bedeutung. Aber nu 'ran an die Gewehre!« Und er diktierte hastig mit jäh herausgestoßenen Sätzen, so daß des Schreibenden Hand kaum folgen konnte. Seine ungestüme Ungeduld bei dieser Art zu diktieren ähnelte sehr derjenigen des großen Korsen, nur daß er nicht selber unleserlich kritzelte wie dieser. Dazwischen flocht er aber zur allgemeinen Belehrung des Neophyten so beißende oder humoristische Erläuterungen ein, daß der junge Mann manchmal die Feder niederlegte. »Entschuldigen, Exzellenz, sonst gibt es Tintenflecke, ich muß so lachen.« »Diese Erschütterung Ihrer Lachmuskeln ist hygienische Gymnastik, um Ihre müden Lebensgeister aufzukratzen. Nun fix weiter!« Die Morgensonne schien längst herein. Johanna erschien in der Zimmertür. »Guten Morgen! Der Kaffee kommt gleich. Ach Sie Armer!« »Meine gnädigste Frau, Bedauern ist nicht am Platze. Ich fühle, als ob ich ein Seebad genommen hätte.« Der Gestrenge kramte zerstreut in Papieren, Johanna fragte eilig: »Da ich deiner habhaft werde, so sage rasch, wie das neue Hemd sitzt, das du gerade trägst. Entschuldigen Sie!« »Bah, der trägt ja auch Vatermörder und hat dieselbe Pein. Das Hemd ist bequem, aber der Kragen –« Er griff blitzschnell eine Papierschere auf und schnitt oberhalb der Krawatte hinein. »Das muß um so viel verkürzt werden!« worauf er artig lächelnd mit der Schere salutierte. Das machte Napoleon ja auch so, der jede Krawatte abriß und auf den Boden warf, wenn sie nicht Order parieren wollte. »Ja, und was ich sagen wollte –« wandte er sich plötzlich an den Schüler, »vorgestern führten Sie einen Auftrag, den ich Ihnen disponierte, nicht so genau und pünktlich aus wie wünschenswert. Das wird Ihnen wohl unangenehmer sein als mir. Zweifellos sind Sie mit mir darin einig: hat ein Kavalier etwas übernommen, ist's schon so gut wie getan.« Der Ton war leise und verbindlich, aber so eiskalt, daß es den Verdutzten überlief und er sich zuschwor, nie mehr unachtsam zu sein. »Das wäre alles für heute. Ich danke recht sehr. Übrigens, Sie wissen, Ihr Platz am Familientisch ist jeden Mittag offen, Sie machen sich etwas rar. Nun, die Jugend gibt ihrem Hang zu anderen Schauplätzen nach, wo sie mehr unter sich ist, doch das veredelt nicht immer die Sitten.« »Ich wagte nicht, so unbescheiden zu sein –« stammelte der junge Mann errötend. »Kommen Sie nur heut mittag!« begütigte Johanna wohlwollend. »Unsere Schwester Arnim ist hier, mit der Sie sich ja bei ihrem vorigen Besuch gut standen. Sie werden uns willkommen sein.« »Ich werde nicht verfehlen, gnädigste Frau, Ihrer so Großes gewährenden Einladung zu folgen.« Otto sah ihm mit grimmigem Lächeln nach. »Ein guter Junge, obwohl kein Überflieger. So war ich auch einmal. Die Jugend ist weder dankbar noch klug, das lernt erst der Mann.« – Malwine war wirklich ein anmutiges Frauenbild. Sie galt für schön und ähnelte etwas der Kaiserin Eugenie, für welche Otto vielleicht deshalb eine Vorliebe nährte. (Nicht mal seine politische Schmeichelei für diese hohe Dame konnte also als unaufrichtig gelten, ebensowenig wie seine persönliche Achtung für den Empereur: so seltsam verknüpften sich bei ihm die Dinge, daß ihn nie der ärgste Feind einer wissentlichen Falschheit zeihen konnte.) Frau v. Arnim glich am meisten der verstorbenen Mutter, deren kalte Schönheit nur eigenartiger und spiritueller war. Sie galt auch für geistvoll, doch Frauen, und nun gar schöne Frauen, geraten so leicht in diesen Ruf, ähnlich wie Prinzen. Sagen sie mal ein gescheites Wort oder zeigen sie einige Bildung, flugs sind sie als Aspasien abgestempelt. Nun gibt es gewiß bedeutende, hervorragende Frauen, ausnahmsweise auch in der Salonsphäre, wie Madame de Staël oder die George Sand, dann haben sie aber gänzlich jene Reize abgestreift, die zur üblichen Frauenherrschaft verhelfen. Viel wichtiger und staunenswerter ist die Durchschnittsklugheit der Frauen, und davon hat jede ein vollgerüttelt Maß. Und da Johanna ihren Otto weit richtiger verstand als seine Schwester, die ihn doch von Jugend an kannte, so war sie, die so gar nicht »geistvolle«, sicher die klügere, obschon die Schwester später einen Nimbus um sich zu verbreiten wußte. Sie blieb im ganzen eine vergnügungssüchtige Weltdame, die von ihrem Bruder hauptsächlich begriff, daß er »Karriere machte«. Seine besondere Anhänglichkeit an sie ging wohl auch nicht über das Maß des Wohlgefallens hinaus, eine so hübsche ansehnliche Schwester zu haben und mit ihr Erinnerungen an die Kindheit aufzufrischen. Dies taten sie diesmal beide bei Tisch und neckten sich munter. Bei Aufheben der Mahlzeit bot er ihr den Arm, wie der junge Offizier die Frau des Hauses führte, und legte in dem langen, schmalen Korridor, zwischen Speisezimmer und Wohnräumen seinen Arm um sie zum Tanz. So galoppierten sie walzend den Flur entlang, bis sich Malwine am Türrahmen stieß. Ihr vernehmliches Au! erregte seine ritterlichste Teilnahme, und seine Bemühung um sie fand der junge Offizier als Zuschauer geradeso entzückend wie ihre Grazie, die unnötige Besorgnis abzuwehren. Er grub sich dies allerliebste Bild als unvergeßlichen Augenblick ein. Nun ja, ganz hübsch, aber ein außerordentlicher Mensch hat außerordentlichere Augenblicke als solche. Die besten und klügsten Leute der »höheren« Stände können sich eben nicht den Folgen ihrer nur auf Äußerliches gerichteten Erziehung entziehen, daß sie den Kleinigkeiten des Gesellschaftslebens zu viel Wert beilegen und »Haltung« dabei für das einzige Zeichen vornehmer Bildung ansehen. Doch in jedem bedeutenden Menschen steckt ein Wildling oder Bohemien. (Auch in Louis Napoleon.) Glättet sich durch polierte Selbstzucht diese Rauheit, wo nicht Roheit (Peter der Große), wie bei dem in höfischem Milieu sich frei und sicher bewegenden Weltmann Otto Bismarck, so geschieht es auf Kosten tieferer Kräfte, wie das Abflauen des Dichteringeniums in Geheimrat v. Goethe bewies. Alles, was er dabei an Ansehen für den Bildungsphilister gewinnt, verliert Faustens unsterblich Teil. Daß aber trotz behaglichen Philistertums eines Familien- und Gesellschaftsmenschen in diesem geschniegelten Berserker ein Etwas lebte, was gar nicht zu seinem Milieu paßte, das drückte der boshafte Prokesch im Vertrautenkreis seiner Mitverschwörer so aus: »Ich kann mir nicht helfen, dieser preußischer Junker ist in meinen Augen ein Erzrevolutionär. Er plant Umsturz der bestehenden Ordnung.« Im Juli hatte er ein Wiedersehen gefeiert, das ihn in ferne Zeiten zurückrief. »Motley, dear old fellow! Is it possible!« Hätte es nicht seiner männlichen Art widerstrebt, er würde seinen amerikanischen Jugendfreund mit beiden Armen umhalst haben. »Johanna, dies ist Dr. John Lothrop Motley.« »Von dem ich so viel hörte, Sie sind mir kein Fremder.« Sie behandelte ihn wie einen alten Freund, bei ihrer fraulichen Herzlichkeit und vollkommenen Natürlichkeit fühlte er sich gleich zu Hause und nahm an betitelten »Swells«, die zu Tische kamen, mit der kühlen Sicherheit eines Yankee keinen Anstoß. Aber das brüderliche Du wollte nicht mehr recht von der Lippe, unwillkürlich sprachen die Jugendfreunde englisch miteinander, wo das Du wegfällt. »Sie sind beleibter geworden, Otto, das steht Ihnen gut bei Ihrer Länge. An Ihrer Stimme hätte ich Sie aber auf weite Ferne wiedererkannt, und Ihre Haltung, Ihr Betragen, kurz alles sind so die gleichen geblieben, wie man es selten findet. So jugendlich, daß es mir auffällt, so elastisch, so lebendig. Well , nun sind Sie also Staatsmann geworden, wie ich prophezeite.« »Staatsmann? Bah! Beamter bin ich.« »Diplomat. Wissen Sie noch, wie Sie sich mit Händen und Füßen gegen diese Möglichkeit sträubten? Jetzt haben Sie wohl die scheue Ehrfurcht vor diesen Eleusinischen Mysterien überwunden?« » Mysteries be damned ! Das Ganze ist ein großer Galimathias zur Betölpelung der Einfältigen. Und so was nennt sich ein Beruf, für den man Kameralia studiert!« Motley lachte. »Bei uns in Amerika verfährt man anders, da macht man Schriftsteller und Gelehrte zu Gesandten und fährt gut dabei. Wissen Sie, wer unser Gesandter in Madrid wird, ein Hauptposten für unsere Staatsbeziehungen? Longfellow der Dichter. Ich, wie Sie mich da sehen, bin für Wien in Aussicht genommen. Wir sind also bald Kollegen.« »Mein herzliches Beileid! Das ist ja famos. Und Ihre politischen Anschauungen?« »Sind natürlich die gleichen, demokratisch-republikanisch, das versteht sich bei Amerikanern von selbst. Der Wandel Ihrer Ansichten hat mich natürlich verwundert, doch Sie werden ja Ihre Gründe haben, da Sie so gut in die Karten schauen konnten.« »Ich änderte mich vielleicht weniger als Sie glauben«, meinte Otto bedächtig. »Sie kennen deutsche Verhältnisse doch nicht genügend, um meine Mauserung zu begreifen, warum ich aus einem lauen Liberalen ein eifriger Royalist wurde. Glauben Sie mir, mein Freund es geschah aus Vaterlandsliebe.« »Davon bin ich überzeugt. Ich höre, Sie sind auch zu tiefem religiösen Glauben bekehrt. Dazu gehört Mut in unserer Zeit. Nun, an Mut hatten Sie ja immer Überfluß. Doch mich däucht, Ihre Ehrlichkeit und Ihr hohes Ehrgefühl dürften Ihnen hinderlich sein. Wer seine Wahrhaftigkeit nicht unterdrücken kann, hat viel Gefahren in den Geschäften dieser Welt.« »Das ist mir Wurscht.« Er sagte es deutsch. »Bisher ging's leidlich damit. Hilft das wirklich, wenn keiner dem andern traut, weil jeder lügt und deshalb Lügen bei andern voraussetzt? Ehrlich währt am längsten.« Motley schüttelte leicht den Kopf. Der wird nie Premierminister werden. Er selbst war so nüchtern geworden, daß er die opulente Gastfreundschaft – er wohnte eine Woche bei Otto – nicht genießen konnte. Auf Ottos anglosächsische erste Frage: » What will you take ? Port, Champagner, Burgunder, Bordeaux, Lagerbier?« hatte er lächelnd abgewehrt: »Man wird mich auf die Straße setzen, weil ich ein zu geringer Konsument bin, alles, was ich für Sie tun kann, ist eine Masse Selterwasser trinken.« »So tief gesunken, lieber alter Kerl?« rief Otto erschüttert in trauerndem Mitleid. »Aber meine Havanna wirst du rauchen, es sind die besten im Lande.« Beim Scheiden war er der weitaus Bewegtere, obschon er den fröhlichen Studenten vermißte, der in seinem Gedächtnis lebte. »Wie alt sie alle werden!« klagte er Johanna. »Nur ich bleibe so schauderhaft jung.« »Jawohl, Ottochen, manchmal ein Kindskopf!« strich sie ihm zärtlich über die Stirn. Der Riese war ihr Kind, denn die Frau ist immer Mutter. Wie sagte doch Schopenhauer? Der Geniale bleibt sein Leben lang ein Kind – vielleicht weil er der stärkste Mann ist. Motley schrieb an seine Frau über Ottos »bemerkenswerte Talente«, welches » remarkabe « nachher Sprachunkundige mit »merkwürdig« übersetzten, hätte er doch wenigstens das Merkwürdige erkannt! Er pries auch Ottos Charakter sehr, aber das alles ohne wahre Wärme. Die menschliche Eitelkeit ist so maßlos unanständig, daß die »Freunde« großer Männer fast immer nur ihre Bekritteler sind. * Anno Domini siebenundfünfzig erreichte die politische Influenza des Königs ihre Krise mit hohen Fiebergraden und Deliriumsymptomen. Er, der in allen großen Dingen jämmerlich zu Kreuze kroch, wollte sich jetzt mit Europa schlagen wegen »seinem« Kanton Neuenburg oder richtiger Neuchâtel, da kein Mensch dort deutsch reden will. Vor fünf Jahren hatte das Londoner Protokoll zwar festgelegt, dies Stück Schweizer Erde solle bei Preußen bleiben. Doch die Eidgenossenschaft ließ sich solche Unnatur nicht aufhalsen, sondern bezog den Kanton in sich ein und erwies sich so störrig wie der Stier von Uri gegen alle Proteste und Drohungen, die zugleich das Asylrecht für die Achtundvierziger antasten wollten. Und als die an Preußen hängenden Royalisten Neuchâtels einen mißglückten Putsch versuchten, warf man sie ins Gefängnis und verklagte sie auf Leib und Leben. Hochauf schwoll der königliche Zorn, der preußische Adler schrie durchdringend: »Das ist der alte Geist der Revolution! Die Schweizer Demokratie ist eine Pestilenz, die strenger Kur bedarf. Man muß die Pestbeulen ausbrennen. Ich mobilisiere.« Auf einem pomphaften Diner, das Otto dem neuen russischen Gesandten Fonton geben mußte, war von nichts anderem die Rede, sofern nicht die zwanzig Nummern des Menus und die fremdartigsten Weine das befriedigte europäische Gleichgewicht dieser echten Staatsmänner auf sich zogen. Er beschwichtigte, die Sache werde sich schon beilegen. Daß Rußland dies kostspielige Diner einsteckte wie jede andere Bestechung, ohne sich zu revanchieren, daß die anderen Großmächte sich den Mund wischen und draußen auf den freundlichen Gastgeber Preußen sticheln würden, wußte er sehr gut. Mit komischem Entsetzen besah er sich nachher die leergebrannte Stätte. »Diese Geld- und Stoffverwüstung! Doch ob Christian oder Itzig, das Geschäft bringt's halt so mit sich.« »Du wirst uns noch arm fetieren«, knauserte Johanna. »'s langt schon. Mein Pächter in Schönhausen zahlt jetzt prompter. Preußen darf sich nicht lumpen lassen, die verdammte preußische Sparsamkeit hat uns damals in Dresden genug geschadet. Der große Schwarzenberg in seiner Salomonischen Pracht, und der kleine Manteuffel, der wie ein Kanzleidiener aussah!« »Das tust du freilich nicht, aber du warst immer ein Verschwender«, schmollte sie. »Bin ich auch, halte aber doch mein Gut zusammen. Zieh' ich mich auf mein Altenteil zurück als verbrauchter, abgeschliffener Staatsbeamter a. D., werden die Bengel noch nicht bankrott sein und Mariechen eine anständige Aussteuer bekommen.« »Höher versteigen sich meine Wünsche nicht«, seufzte sie bescheiden. »Doch wir geraten noch in Schulden, wenn kein Wunder geschieht.« »In Schulden stehen wir immer, bei Gott nämlich, der uns täglich Darlehen spendete. Und in Wundern stecken wir mitten drin,« setzte er mit gewaltigem Ernst hinzu, »z. B. daß wir geboren werden und sterben, daß wir Bäume und Gras als grün sehen, was sie gar nicht sind, weil das unsern Augen zuträglich ist, oder daß unser kleines Gehirn die Welt umfaßt. Diese ungeheuren Wunder können wir auch nicht erklären, wir haben uns nur daran gewöhnt, doch wenn ein Phänomen das gewöhnliche Geleise übertritt, ist es ein Wunder, also unwahr, abgetan. Ich aber sage dir: es werden noch Zeichen und Wunder geschehen mit Hilfe des allmächtigen Gottes, und nachher wird man sie natürlich finden, o, so natürlich!« Unsägliche Bitterkeit lag in seiner Stimme. »Ja, und was ich sagen wollte: Der grüne Lampenschirm ist defekt, und der Pfropfenzieher muß repariert werden. Es war auch ein Loch im Ärmel der einen Livree.« Was Otto manchmal für eine Sprache führte! Fromm oder gottlos? – Friedrich Wilhelm hätte zufrieden sein sollen mit den Früchten, die jetzt aus Ottos privater Berührung mit Kaiser Louis reiften. Ein Staat gewinnt allemal, wenn ein fremder Herrscher sich überzeugt, es befinde sich dort wenigstens ein Vernünftiger, mit dem man rechnen und Geschäfte machen könne. Bei Ottos sonderbarer Schätzung von Louis' Ethik sprach wahrscheinlich das geheimnisvolle unabänderliche Gesetz der Gegenseitigkeit mit, denn Louis hatte genau die gleiche Meinung von ihm: das sei ein ganz kluger, aber durchaus nicht so gefährlicher Mann von zuverlässigem, ehrenwertem Charakter. Man hatte ihm versichert, er habe es mit dem künftigen Ministerpräsidenten zu tun, und das erfreute ihn, mit dem wollte er sich gut halten. Louis behandelte also den strampelnden und mordioschreienden König wie ein krankes Kind, sang ihm Eiapopeialieder und bedräute die böse Schweiz mit der Rute. Die ließ sich aber nicht einschüchtern, offen durch England und insgeheim durch Österreich unterstützt. Der Zar verhielt sich gleichgültig, sein monarchisches Prinzip hatte nichts damit gemein, nur Preußen blieb der dumme Don Quichotte, der auf Einhelligkeit der Monarchen in Prinzipienfragen baut, wo doch bei allen nur der besondere staatliche Eigennutz obwaltet. Schon zuvor ging der unglückliche Nebelschieber wieder mit der Eingebung schwanger, Otto doch noch zum Minister zu erziehen. Und zwar sollte er ausgerechnet Finanzminister werden, so bilde er sich am besten zum Ministerium des Auswärtigen vor, das dann Manteuffel mit ihm tauschen könne, immer unter dessen eigener Beibehaltung des Präsidiums. Letzterer unterbreitete Otto ernsthaft diesen Vorschlag, der mit gleichem Ernst antwortete: »In der Tat, die Unterschriften Bodelschwinghs im Finanzressort könnte ich wohl auch liefern, da dessen Tätigkeit im ganzen eine unterschreibende ist. Alles, was ich nicht verstehe, werde ich unbedingt unterschreiben. Und da der Dechant von Westminster über Lord John Russel sagt: Der Mann würde auch eine Steinoperation übernehmen, und die Presse mir dies bei meinem Gesandtendebut unter die Nase rieb, warum sollte man ihr die Gelegenheit rauben, auch jetzt schlechte Witze zu machen?« Bald darauf ermahnte ihn der König: »Also man hat bei Ihnen nichts ausgerichtet, Sie haben uns geradezu ausgelacht? Aber wenn ich Ihnen jetzt befehle, das Portefeuille Manteuffels zu übernehmen?« »Majestät, das kommt mir sehr unerwartetet.« Otto bekam einen tödlichen Schreck. Aber als der König mit der Faust auf den Tisch schlug: »Und wenn Sie sich an der Erde winden, Sie sollen und müssen Minister werden!« so daß alle an der Tür Horchenden es herumtragen konnten, verschwand seine Befürchtung. Denn sowie der König die gepanzerte Faust zeigte und große Worte brauchte, wurde bestimmt nichts daraus, und er wollte bloß seine eigene Ungewißheit animieren in diesem Falle überhaupt nur Mannteuffel einschüchtern, der im Neuenburger Wahnwitz nicht recht Order parierte. »Na, Ihr geschätzter Bonaparte benahm sich ja bisher honett . Seit der Moniteur vom vorigen Dezember unsere Mäßigung und Höflichkeit lobte, hält er zu uns. Aber die geplante Konferenz in Paris schreitet nicht vor.« »Nicht durch übeln Willen des Kaisers. Wieder bindet uns Österreich die Füße.« Der König schob schmollend die Unterlippe vor, davon mochte er nichts hören. »Es ist eben unser Unglück, daß wir bisher nur für Mächte bündnisfähig sind, deren Interessen sich kreuzend den unsern widersprechen. Zynischer als Österreich kann man doch wirklich nicht aller Welt kundgeben, daß man ein gebotenes, natürliches Lebensinteresse darin sieht, Preußen zu ducken und sein Erstarken niederzuhalten.« »Aber das Prinzip! Das heilige, monarchische Prinzip!« rief der arme Hohenzoller, die Augen gen Himmel, als befürchte er dessen Einfallen. »Österreich wird doch gerade in diesem Falle – es beweist in letzter Zeit gerade so löbliche Tendenzen zu antirevolutionärer Straffung der Staatsgewalt.« »Majestät meinen die zentralistische Tendenz? Es dürfte interessieren, daß der Kaiser der Franzosen,« der König verzog bei diesem Titel das Gesicht, »mir gegenüber sein Erstaunen ausdrückte, der Habsburger Staat strenge sich an, in eine Mausefalle zu geraten, aus der herauszukommen sein, des Empereurs, eifrigstes Bestreben sei.« »Wie das?« Friedrich Wilhelm horchte gespannt. Alles was auf Allgemeinbegriffe sich zuspitzte, berührte seine echtdeutsche metaphysische Auffassung. »Zentralisierung sei die Wurzel alles Übels in Frankreich. Zu guter Letzt sei dabei ein Genedarmerie-Sekretär der Drehpunkt.« Diese geistreiche und tiefe Bezeichnung wiederholte Otto mit wahrem Behagen. Der sehr unfranzösische Louis Napoleon mit dem philosophischen Einschlag seiner halbgermanischen, schwerblütigen Abkunft, grundverschieden von der dantesk monumentalen Weltklarheit des korsischen Mahatma, der weder Lateiner noch Germane, sondern ein Urmensch war, rief gerade deshalb eine teilweise Verständnisinnigkeit Ottos hervor. So erklärt sich die Anziehung beider Männer, so auch die lange Täuschung des einen. »Aber Zentralismus ist ... Absolutismus«, murmelte der König halb schamhaft. »Demokratischer Zäsarismus«, behauptete Otto. »Ich weiß aus besten Quelle,« fuhr er rasch fort, »daß Österreich in Karlsruhe und Darmstadt Himmel und Erde in Bewegung setzt, den Durchmarsch unserer Strafexpedition nach der Schweiz zu verhindern. Auch warf ich bei dem Kollegen Ingelheim, dem österreichischen Gesandten in Hannover, einen raschen Blick, waren's auch nur Sekunden, auf eine Zirkulardepesche vom 23. Dezember an alle Mächte, die gegen unsern Einmarsch in die Schweiz Schritte zu tun empfahl.« »Was meinen die Wiener damit?« rief der König zornrot. »Sind sie verrückt geworden? Geht es denn nicht gegen den allgemeinen Feind der Menschheit, die Revolution?« »Man folgt nicht dem Gedankenflug Eurer Majestät«, berichtete Otto trocken. »Man meint, es ginge gegen die Schweizer Integrität. Denn für so ... edel hält man uns nicht, dann nicht Kompensationen in reichem Umfang zu nehmen, z. B. die Kantone Basel, Schaffhausen, vielleicht auch Thurgau zu annektieren.« »Die Elenden! Wie sie die Vornehmheit eines wahrhaft hohen politischen Standpunkts verkennen! Nicht um schnöden Erwerb geht es hier, sondern um die höchsten Güter der Menschheit, Thron und Altar, um die Solidarität des göttlichen Rechts gegen demagogischen Umsturz. Verkünden Sie überall der Welt, daß Preußen nichts will als moralische Eroberungen!« »Halten zu Gnaden, Majestät,« wandte Otto ein, Unwillen und Lachlust zugleich bemeisternd, »auch das beruhigte nicht Österreichs Eifersucht. Es mußte selber früher klein beigeben, als es Mazzinis Auslieferung vom Kanton Tessin forderte. Reüssieren nun wir, so hebt sich unser Prestige gewaltig bei allen deutschen Höfen, und wir knüpfen engere Beziehung zu Süddeutschland, wo Österreich nicht in den Hintergrund treten und die zweite Geige spielen darf.« »Ich sehe mit Genugtuung, daß Sie auch für starkes Auftreten sind, da Sie mir die Vorteile desselben indirekt schildern.« »Ich tue dies, weil es nicht mehr anders geht, sonst verfahren wir wieder den Wagen. Frankreich setzt sich für uns ein, und wenn wir jetzt es bei bloßen Worten beließen, würde es vor unserer Macht, ob als Freund oder Feind, wenig Achtung empfinden.« »Ach so, zarte Rücksicht auf die Gefühle Monsieur Bonapartes!« Der König rümpfte hochmütig die Nase. »Daher weht der Wind. Das könnte mich bewegen, innezuhalten. Ich mache Ihre politischen Nouveautés nicht mit, ich dulde in meinem politischen Warenlager nur die alte bewährte Kleidung. Und wenn ich bedenke, daß die in Bonaparte verkörperte Revolution auf unserer Seite steht, und wir das altehrwürdige Österreich gegen uns haben, dann – Adieu, mein Bester, wir wollen den Fall beschlafen.« Der kopfscheu gemachte und stutzig gewordene König, dem vor allem der auf diesem Punkt pathologisch belastete General Gerlach die bekannten doktrinären Flöhe ins Ohr setzte, beschlief die Sache so lange, bis Österreich richtig eine Konferenz der Großmächte in Paris durchsetzte, die entscheiden sollte, ob preußische Exekution zu gestatten sei oder nicht. * »Sieh doch, wie Bismarck sich kindisch benimmt! Da walzt er mit seiner Schwester Malle wie ein Referendar!« brummte Robert v. d. Goltz seinem Bruder, dem eleganten Frauenjäger, ins Ohr. »Jaja, in Frankfurt verlernt man den Ernst des Lebens und das Arbeiten.« »Na höre, das möchte ich doch nicht beschreien!« lächelte dieser, sein Monokel ins Auge klemmend. »Die Arnim hat übrigens viel Rasse. Vorhin sah ich, wie er mit unserem verehrten Gastgeber tuschelte.« Es war Ball auf der französischen Gesandtschaft. »Er walzt ja gut, aber ich glaube, in Frankfurt tanzt er mit Österreich sehr niedlich Polka Masurka. Herrje, da stellt ihm Pourtalès seine Neuenburger Royalisten vor, die paar nämlich, die man in der Schweiz freigelassen hat, nachdem sie ein paar Monate brummten. Die Rädelsführer haben sie noch feste.« »Pst, nicht so laut! Na, Bismarck ist ja verdammt kühl. Er würdigt nicht das unermeßliche Verdienst dieser verfolgten preußischen Brüder, von denen keiner ein Wort Deutsch spricht oder sprechen will. – Ah, wie geht's?« begrüßte er den Vorüberschreitenden. »Sie scheinen die Ritter ohne Furcht und Tadel recht unsanft abgewimmelt zu haben.« »Grüß Gott, Goltz. Ja, die Leute treten mit einer Prätension auf, auf die ich den Fuß drücke.« »Das muß unangenehm sein, Sie lebten immer auf so großem Fuß, Otto«, näselte eine aristokratische Stimme. Sein Jugendfreund, Harry Arnim, immer noch Gesandter zweiten Ranges, stand vor ihm. »Gratuliere zu Ihrem Sukzeß in Frankfurt, alter Freund. Welcher Eklat!« »Gratuliere zu Ihrer Verlobung, Harry, mit Ihrer Kusine Sophie.« »Ah, meine liebe Selige band mir aufs Herz, recht bald wieder zu heiraten. Das Joch der heiligen Ehe ist sanft. Doch was höre ich! Sie verschmähen die ritterliche Hingebung unserer edlen Neuchâteler? Unser Dank –« »Müßte recht bescheiden sein. Kam da jemand mit brennendem Streichholz für meine Zigarre, steckte der ungeschickte Kerl mir das Haus an, das nenn' ich Diensteifer.« »Aber was wird nun werden!« forschte Goltz. »Vielleicht eine Blamage, weil wir uns nicht schnell genug entschließen.« »Die Waffen zu erheben?« »Ja ... mit Vorbehalt. Schlafen Sie wohl! Hoffentlich auch ich. Aber mir wohnt Meyerbeer und komponiert eine wildgewordene Musik bis spät in die Nacht. Morgen geht's heim zum Main.« Er atmete tief auf. – – – »Daß ich dich wieder habe, mein süßes Lieb, und die Kinder! Das war wieder ein böser Berliner Saisontrubel. Malle läßt grüßen, kommt nächstens mal her. Moritz Blanckenburg ist wieder ganz auf dem Posten mit Gott für König und Vaterland, seine junge Frau Magdalenchen hat den Arm gebrochen, und er selber bricht sich fast die Zunge als Perle unserer konservativen Kammerfraktion, wenn er gegen diese demokratische Regierung donnert, die uns Gutsbesitzern zu viel Steuern abnimmt.« Er lachte, wie weit lag der Kram hinter ihm! »Pfui, wie boshaft, Ottochen! Sei man gut! Und wo sind meine Blaukehlchen?« »O weh, keine Gardinenpredigt! Alle Kommissionen habe ich besorgt, nur die konnt' ich nicht auftreiben. Nun, Fräulein Sauer,« wandte er sich an die Gesellschafterin oder Stütze der Hausfrau, »waren die Bengel hübsch unartig?« »Danke, ich kann nicht klagen. Bill glaubt aber immer, daß jedes Geschenk an die Kinder ihm allein gehört.« »Schlägt nach dem Vater«, hauchte er elegisch. »Ein Egoist wie ich! Doch hoffentlich prügelt er sich viel. Ich hasse zu artige Kinder. Das männliche Geschlecht ist da, sich zu prügeln, das weibliche, ihm die Augen auszukratzen.« – Rechberg biederte den preußischen Kollegen nach dessen Rückkehr an: »Haben's ja recht, aber trauen's denn Ihrem neuen Spezi in Paris? Der will Sie nur aufs Glatteis locken.« Er erfand aus dem Stegreif allerlei Mordsgeschichten, wie der Empereur bis Dessau seine Fäden spinne und einen süddeutschen Sonderbund gegen Preußen gründen wolle. Das hatte er alles, auf Kavalierparole, aus wunderbaren Quellen, wobei er auch von (von Österreich arrangierten) Machinationen Palmerstons dunkel munkelte. Letzterer hatte freilich hohnlachend in London geäußert: »Preußen wird sich umsonst Kosten machen, die Schweiz wird die Gefangenen verurteilen und dann amnestieren, womit die Posse aus und Preußen um seine Kriegsauslagen betrogen ist.« Das erfuhr er aus Hannover. Spornstreichs lief Otto zu Montessuy. »Ein kurzes Wort. Ich weiß, daß alles unwahr ist, was Rechberg mir vorschwatzte. Doch ich muß offizielle Gewißheit haben.« Er erzählte. Montessuy lachte. »Immer der alte Kniff. Sie sollten doch Ihre Wiener Freunde nun kennen. Nicht als Gesandter, sondern als persönlicher Freund schwöre ich Ihnen, daß der Kaiser die allerbesten Absichten hat. Er mag beiläufig Sie persönlich gern und erwartet viel von Ihnen. Der Konferenz konnten wir uns nicht entziehen, zuguterletzt schmeichelt es uns ja auch, immer als Schiedsrichter Europas aufzutreten. Aber die Absicht ist gut. Lesen Sie!« Er zeigte ihm verschiedene Geheimdepeschen, da dies den Plänen Napoleons nicht zuwiderlief. »Unser Gouvernement ist ganz für Preußen.« Otto übernahm daher gern eine geheime Mission nach Paris, wo Hatzfeld offiziell Preußens Ansprüche vertrat. Natürlich nur eine einfache Ferienreise! Johanna konnte befreundeten Gesandtinnen seine Briefe vorlesen, worin von Pferderennen, Kneipen im Palais Royal, Theater, Teuernis seidener Damenroben und allen möglichen Dingen die Rede war. Der neue Mecklenburger Bundestagsgesandte Prillwitz als Reisebegleiter bürgte auch für Friedfertigkeit der Ferienreise, da der bestimmt nicht das Pulver erfunden hatte. Sogar ein Frankfurter Bourgeois namens Christ, der bei Bismarcks verkehrte, befand sich gerade dort und gab Auskunft über einzukaufende Regenschirme. In der steifen preußischen Gesandtschaft wohnte er diesmal wohlweislich nicht, sondern im Hotel de Louvres, Rue de la Paix, ungezwungen als echter Vergnügungsreisender. An Schwester Malle schrieb er auch nur, er sei des Vagabundierens satt, und ihre Information über sein Ministerwerden, womit sie die arme Manne erschreckt habe, sei Schwindel. Er wünsche bloß, ruhig in Frankfurt am Ofen zu sitzen. Paris sei hübsch, doch man friere bei fünf Kaminen. Nur ein Mann in Frankfurt mißtraute dieser Ferienreise und hatte Grund dazu. Denn Otto hatte ihn beauftragt, alle seine Obligationen zu verkaufen. »Was werd'n Se das tun, Herr Beraun, Exzellenz. Sind sehr gute Papierche. Werden Hausse haben.« »Wenn Sie wüßten, was ich weiß, würden Sie anders denken.« »Gott gerechter! Wird sein Krieg oder Revoluschon?« »Weiß nicht. Also es bleibt dabei: verkaufen! Und dies bleibt unter uns, verstehen Sie, sonst ist's mit unserer Freundschaft aus. Adieu, ich habe es eilig.« Wenn Rothschild dies ernste Symptom in Frankfurt herumgeboten hätte, wäre es Otto nicht mal unlieb gewesen, damit Österreich den Ernst der Lage erführe und nicht an Spiegelfechterei glaube. Doch der weise Rothschild nahm es nicht ernst. Werd' ich mer hüten, ssu ersseugen eine Panique, was is wie eine Cholique an de Börse. Gott Abrahams, is der Herr v. Bismarck doch ä so bedaitender Mann und glaubt wärklich an de Meschuggen in Berlin, daß se diesmal werden sein helle. Nix wird werden, nix, wie immer. Nur der kute Herr v. Bismarck, und er hat auch 'ne kute Frau, 'ne fraindliche Frau, wird sein ärmer um scheene Dividendche und wird klagen wie Jeremias: Weihgeschrien, wo sind se hin, meine güldenen Gulden? – Dieser Prophet des alten Bundes kannte sich aus in der Welt, in Moses und den Propheten. – – Otto traf den Kaiser natürlich rein »zufällig«, und zwar bei der alten Großherzogin Stephanie von Baden, Nichte Josefine Beauharnais' und adoptierte kaiserliche Prinzessin, für welche ihr Onkel, der korsische König der Könige, mehr als verwandtschaftliche Zuneigung gehegt haben sollte. Sie hatte als deutsche Fürstin sehr schwere Dinge erlebt, blieb aber wohlauf und munter in ihrer anmutigen Lebhaftigkeit, noch als alte Dame bezaubernd. Otto sang ihr Lob in allen Tönen. Auch seine alte Gönnerin, Lady Cowley, traf er hier als Gesandtin, die sich lebhaft nach seiner guten Frau erkundigte. Übermorgen ist ihr Geburtstag, morgen ist Karfreitag. Da werde ich in die protestantische Kirche pilgern. Sie liegt recht entlegen und heißt hier Tempel statt Kirche, soll wohl was ähnliches wie Synagoge oder Judentempel im Sprachgebrauch bedeuten. Dort will ich herzlich beten, daß er ihr alle Liebe und Treue vergelte. Blaukehlchen, die sie haben möchte, kann ich ihr freilich auch aus Paris nicht mitbringen, hier gibt's nur exotische Schreihälse mit blauen Federn, aber ein Herz voll Dank und Treue.« Das sagte er so ruhig und schlicht, daß die Britin ihm gerührt die Hand drückte. »Diese Deutschen haben ein so tiefes Gemüt«, erzählte sie ihrem Gatten. Cowley brummte mißtrauisch: »Eben deshalb glaub' ich nicht an die Ferienreise. Der bummelt nicht nach Paris, um sich zu amüsieren. Auf dem Pferderennen war er nicht, es sei ihm zu teuer. Ich glaube, der hat hier teurere Sachen vor.« »Das widerspricht sich doch. Der Mann ist ein Engel von einem Hausvater und beschaut sich in diesem scheußlichen Aprilwetter die Bäume am Boulevard, ob die jungen Knospen nicht Schaden leiden. Und dabei soll er ein Macchiavelli sein?!« »Macchiavelli, meine Teure, war ein Italiener, und dieser ist ein Deutscher. Die Deutschen sind als Diplomaten unbrauchbar, doch warum sollten sie nicht mal eine besondere Spielart hervorbringen? Ein merkwürdiger Mann, unser Freund. Ich höre von Malet, er hat's immer noch mit der Biederkeit und Offenheit und erreicht damit mehr als der schlaueste Lügner. Tatsächlich erinnere ich mich nicht, daß er je die Unwahrheit sagte. Das achte Naturwunder! Ein Diplomat, der nicht zu lügen weiß! Man sollte denken, er wäre damit ein unmündiges Kind in den Händen der anderen. Good gracious ! Die anderen können froh sein, wenn sie aus seinen Händen lebendig hervorgehen. Außer den Österreichern und ihrem Troß hat ihn im Grunde jeder gern. Und doch!« »Sagte ich dir nicht immer, er sei »im Grunde« ein höchst gefährlicher Mann?« »Das hast du gesagt, Frances, zu einer Zeit, wo man unmöglich auf so etwas schließen konnte. Das hatte keine Logik.« »Natürlich! Die Männer buchstabieren A bis D hintereinander, und die Frauen springen von A auf F. Das ist ihr Mangel an Logik.« Diesen Vorsprung der weiblichen Intuition haben die Frauen seit Eva gekannt. Wäre Lord Cowley ein Franzose gewesen, so hätte er seiner Dame die Hand geküßt und sie hernach »liebes Kind« genannt. (Das bringt immer die Götter zu olympischem Gelächter, wenn ein Mann die Mutter der Menschheit »liebes Kind« nennt). Sintemalen er aber ein Engländer war, nickte er vertraulich und ließ sich zu der bedeutenden Bemerkung herab: »Die Frauen sind sehr klug, indeed !« Das war auch die alte Stephanie, die sofort Sonnenschein verbreitete, wenn sie einst als Fürstin in ein deutsches Damenpensionat hochgeborener Töchter trat: » Mes demoiselles, me voilà encore !« Sie wollte diesem famosen Kerl sehr wohl, den sie sofort in ihr großes mütterliches Herz schloß, und machte sich diskret unsichtbar, wenn ein leises Klopfen an einer Geheimtür den wahren Zweck der Bismarckschen Besuche ankündigte, dessen aufrichtige Verehrung sie sonst erkannte. Man wählte ihre Wohnung für Stelldicheins des Herrschers mit dem Gesandten. – » Ça ne marche pas, mon cher monsieur !« teilte der Kaiser verdrießlich mit. Er redete grundsätzlich nie Deutsch mit Otto, obschon er es fließend sprach. Deutschreden im Doppelsinn des Wortes war überhaupt nicht nach seinem Geschmack. »Ich nehme keinen Anstand, Ihnen zu verraten, daß außer England, dessen Gesinnungen Sie ja kennen, auch Rußland sich verteufelt lau benimmt. Der neue österreichische Botschafter Hübner –« »Pardon, Sire, ich möchte Sie vor unnötiger Indiskretion bewahren. Die gebundene Marschroute, mit der dieser Herr über preußische Interessen fortstampft, ist mir Etappe für Etappe bekannt.« Der Kaiser lächelte halb schwermütig, halb boshaft. »Vielen Dank für diese Delikatesse! Das Ende vom Lied sehen Sie ja wohl voraus.« Otto besann sich einen Augenblick. »Nicht ganz, Sire. Sie waren in allem die Güte selbst. Gestern unterbreitete ich den Vorschlag, ob Sie, da man uns für Durchzug in Baden Steine zwischen die Beine wirft, ihn durchs Elsaß gestatten.« Louis strich melancholisch seinen Knebelbart, ohne zu lächeln, und hauchte wie ein verliebter Selbstmörder, der seinen letzten Odem ausstößt: »Darf ich mir die einzige Frage erlauben, ob dieser sublime, obwohl etwas phantastische Vorschlag Ihrem Kopfe entsprang?« Otto biß sich auf die Lippen. »Gewiß nicht, Sire.« »Damit ist alles gesagt. Meine Franzosen würden bis an die Decke springen. Doch im übrigen billige ich das Unternehmen, dies Schweizer Demokratennest zu zerstören.« »Und doch deuteten Eure Majestät vorhin an, wenn ich recht verstand –« »Sie haben ganz recht verstanden. Ich wäre zu allem bereit gewesen, wenn Ihre Regierung nicht zu viel Schwäche bewiese. So aber sprach heute eine Note meiner Regierung die Hoffnung aus, daß Preußen an der Pforte des Krieges einhalten werde. Ich mag nicht nachher allein auf dem Plan bleiben, während sie, für die ich mich opfere, plötzlich abfallen und sich jeder Bedingung fügen. Die Schweiz wird die Gefangenen gehen lassen, und damit ist die Affäre erledigt.« Otto saß stumm und starr. Immer die blamierten Mitteleuropäer! Eine neue Ohrfeige! »Wir haben dann keine Wahl und unterwerfen uns der Notwendigkeit.« Doch Louis legte vertraulich seine Hand auf Ottos Arm. » Passons là-dessus ! Lassen Sie uns jetzt von Vernünftigem reden! Natürlich auf Diskretion, Offenheit gegen Offenheit. Wollen Sie?« »Sire, ich bin bereit.« »Sie werden nicht leugnen, daß ich Preußen viel Wohlwollen und Neigung zu intimer Freundschaft bewies. Eine Güte ist der andern wert.« »Es kommt auf das Maß an.« »Ich merke schon, Sie argwöhnen, daß ich nach der linksrheinischen alten Grenze strebe, ich meine«, berichtigte er eilig, »die eigentlich junge Grenze von 1793 bis 1814. Beruhigen Sie sich! Diese drei Millionen Einwohner uns anzugliedern, wäre strategisch unhaltbar, wenn wir nicht gleichzeitig Holland und Belgien unter unsere Botmäßigkeit brächten. Solchen Machtzuwachs würde Europa uns nie gönnen, eine Koalition würde es uns wieder abnehmen. Das konnte Napoleon I. wagen, nicht ich. Eine kleine Grenzberichtigung vielleicht, um unseren Nationalstolz zu sättigen –« »Auf fremde Kosten!« entfuhr es Otto. »Das tut man meist im Leben«, seufzte der gute Kaiser elegisch. »Ich könnte auch ohne solche kleinen Geschenke leben, die zwischen uns die Freundschaft erhielten. Mein nächster Krieg, wenn ich eines solchen bedürfte,« er richtete den verschleierten Blick fest auf Ottos unbewegtes Gesicht, »würde sich nach Süden lenken. Italien ist uns immerhin verwandt, lateinische Rasse, und hat Küsten, Möglichkeiten einer Seemacht. Wir brauchen keine Landsiege, doch wir müssen eine große Seemacht werden. So etwas kitzelt die französische Phantasie, denn es wäre etwas neues, was Napoleon I. nicht bieten konnte. Gerade weil wir keine guten Matrosen sind, wäre uns Seeherrschaft am schmeichelhaftesten. Ich denke mir das Mittelmeer als französische See, nicht ganz, aber doch beinahe. Da Rußland ähnliches planen könnte, ließ ich Zerstörung der Schwarzmeerflotte zu, obschon –« Er brach ab, und Otto ergänzte heimlich: obschon es ihm nachträglich leid tut, dem perfiden Albion diesen Spaß gegönnt zu haben, das er aber sonst in den opferreichen Krimkrieg hineinlockte, nur zu Frankreichs Vorteil. »Ich wünsche Erwerbung einiger Flottenstützpunkte in Italien, das ich in meine Klientel aufnehmen möchte. Was brauche ich dafür? Nur Preußens Einwilligung. England fürchte ich nicht, auch darf es sich mit mir nicht deshalb entzweien, denn Restauration Italiens steht ja auf seinem eigenen Programm. Rußland wird Österreichs Undank nie verzeihen und keine Hand rühren, wenn ich losschlage. Dagegen könnte Preußen mir sehr unbequem sein. Das übrige Deutschland macht mir keine Sorgen, es würde sich nie gegen Preußen auflehnen, sobald Österreich durch mich gefesselt. Es schien mir stets ein politischer Fehler, daß Preußen nicht 1805/06 sich an Frankreich anschloß, wodurch es seinen – damaligen – Untergang herbeiführte.« Louis sprach langsam, jedes Wort betonend, als eine drohende Warnung. »Was half ihm Rußland, das durch Preußen selber vom Hauptteil Deutschlands getrennt ist? Nur Frankreich kann in Deutschlands Geschicke dreinreden.« Nur zu wahr! Jetzt kommt die Lockspeise. »Preußen muß sich arrondieren durch Hannover, wie es ja damals schon mein erhabener Onkel anbot, ich füge Schleswig-Holstein hinzu. Hierdurch erhält es auch Möglichkeit zur Seemacht zweiten Ranges, die mit uns vereint Englands maritimer Übermacht ein Gegengewicht gibt. Was sagen Sie dazu?« »Weitausschauende Pläne, Sire. Im wesentlichen also gegen England gerichtet?« Louis schwieg, er scheute solche plumpen Fragen. »Sie stehen auf vertrautem Fuß mit Ihrem König. Sondieren Sie ihn über Neutralität, wenn nicht mehr, falls ich Österreich angreife.« Eine kurze Pause trat ein, dann holte Otto tief Atem und sprach mit ruhiger Bestimmtheit: »Daß Eure Majestät gerade mir Ihre Intentionen eröffnen, macht mir doppelte Freude. Denn ich sehe darin einen unendlich gütigen Beweis Ihres besonderen Vertrauens, zweitens bin ich wohl der einzige Diplomat, der dazu fähig ist, diese ganze Darlegung ein für allemal zu verschweigen .« »Wie?« Louis öffnete sein schläfriges Auge mit einem unbestimmten Blick. »Allerdings. Ich wäre ebenso töricht wie unehrenhaft, wenn ich, Sire, Ihnen verhehlen wollte, daß mein König niemals anders als ablehnend darauf antworten würde. Über die Gründe muß ich schweigen, doch dem ist so. In solchem Falle scheint mir irgendwelche Indiskretion unvermeidlich. Es liegt nicht in der menschlichen Natur, einem Freunde oder Bundesbruder, wie nun immer der König das Haus Habsburg betrachten mag, nicht vorzuhalten, welch lockende Gaben eines Versuchers man seinetwegen ausschlug. Käme dies aber aus, so würde jedes Einvernehmen zwischen Paris und Berlin gestört oder gar zerstört werden.« »Das wäre ein Verrat.« Louis heftete einen langen Blick auf das ernste, unveränderlich ruhige Gesicht ihm gegenüber. »Sie sind kein Verräter, dafür verbürge ich mich. Ich danke für Ihren Freimut, der meine hohe Meinung von Ihnen erhöht, und weiß, Sie werden schweigen.« ... Otto schritt den breiten, neuen Boulevard Haußman entlang, getauft nach dem feilen Präfekten, einer Kreatur dieser Cloaca Maxima , eines Reiches glänzender Fäulnis. Ein Regensturm peitschte durch die Bäume und entführte ihm beinahe den Hut vom Kopfe. Seiner hohen Gestalt sahen verschiedene Kokotten mit verheißungsvollem Lächeln nach. Führe uns nicht in Versuchung! Hebe dich weg von mir, Satanas, du bist mir ärgerlich. Uns von Frankreich etwas schenken lassen! Eher gehe der Rhein hoch mit Blut oder noch besser die Seine und Marne! Hannover, Schleswig-Holstein, wie genau man unsere Bedürfnisse kennt! Mit dir vielleicht, o Divus Caesar, durch dich niemals. – Der Wind pfiff höhnisch über die Jenabrücke.