Edmond About Die Spielhölle in Baden-Baden (Trente et Quarante.) Vorbemerkung des Übersetzers Die nachfolgende hübsch abgerundete und mit feinen humoristischen Zügen ausgestattete Erzählung ist ein Zeitbild aus dem Jahre 1858. Das zweite Kaiserreich ließ bei den Franzosen die Erinnerungen an das erste wieder aufleben. Noch waren die letzten Reste der »großen Armee« nicht ganz weggestorben; ein Veteran derselben bildet hier den Mittelpunkt, ein Mann, der wie so viele im damaligen und noch im heutigen Frankreich von der Pike auf gedient hat. Ein italienischer Flüchtling, der 1848 und 1849 in Rom als Republikaner gegen den Papst und die Franzosen kämpfte, erscheint hier als Liebhaber auf der Bühne; sein Grafentitel ist, wie auch sonst jetzt zuweilen in Italien, nur ein angenehmer Schmuck. Die Scene der Novelle ist anfänglich und zum Schluß in Paris, zwischendurch in der Schweiz und der Hauptakt spielt auf deutschem Boden: in Baden-Baden, dem einzigen deutschen Orte, wohin der elegante und üppige Pariser sich damals mit Vorliebe wandte, um in dem halb von Franzosen bevölkerten Städtchen Sommervergnügungen in einer internationalen Halbwelt zu genießen und vornehmlich dem in Frankreich verbotenen Hasardspiel zu frönen, das hier erst 1872 durch Aufhebung der Spielbank sein Ende fand. Zum besseren Verständnis des verbotenen Trente et Quarante lassen wir für deutsche Leser eine kurze Erklärung folgen. »Dieses Glücksspiel wird mit sechs vollständigen Whistspielen, also 312 Karten, gespielt, wobei eine unbeschränkte Anzahl von Pointeuren gegen einen Bankhalter setzt. Der Spieltisch ist in zwei Felder geteilt, ein rotes und ein schwarzes, auf welche die Pointeure setzen. Nachdem die Karten gehörig gemischt sind, nimmt der Bankier so viele, als er bequem in der Hand halten kann, und legt dann einzeln so viel Karten offen auf den Tisch, bis die Summe der Augen der Karten 30 überschritten und 40 noch nicht erreicht hat. Dabei gelten die Figuren 10, die andern so viel als sie Augen haben, das As 1. Die so gelegte Reihe gilt für das rote Feld, hierauf legt der Bankier in derselben Weise eine Reihe für die andere Partei. Die Reihe, in welcher die wenigsten Augen sind, gewinnt. Der Bankier zieht die Einsätze der verlierenden Partei ein und zahlt die der gewinnenden aus. Sind beide Reihen gleichwertig, so ist das Spiel unentschieden, und jeder Pointeur kann von neuem setzen; weisen beide Kartenreihen 31 Points auf, so gewinnt der Bankier die Hälfte aller Einsätze.« I. Hauptmann Bitterlin Als ihm die neueste Rang- und Quartierliste der Armee vorgelegt wurde, schrieb er eigenhändig mit kleinen eckigen Schriftzügen, die steil waren wie ein Kirchendach: »Johann Peter Bitterlin aus Lüneville; 60 Jahr alt, 35 Jahre gedient, elf Feldzüge, zweimal verwundet; Hauptmann 1834, Ritter der Ehrenlegion 1836, pensioniert 1847; Inhaber der Denkmünze von St. Helena.« Seine kurze, gedrungene Gestalt erschien mehr noch durch die Gewohnheit des Kommandierens als durch die Jahre steif und aufgerichtet. Er war nie gewesen, was die Nähmädchen einen schönen Mann nennen; aber im Jahre 1858 fehlten ihm sogar ein bis zwei Millimeter an dem gesetzlichen Soldatenmaß. Mir ist sehr glaublich, daß sein Körper sich allmählich gesackt hatte auf den großen Märschen, wo man die Beine fortwährend ausreckt. Seine Füße waren kurz, seine Hände breit. Sein gleichmäßig gerötetes Gesicht war wie ein Brusthemd von kleinen Falten durchzogen und hatte den Ausdruck eines festen Charakters bewahrt. Seine verteufelt große Nase, die das Gesicht grade so in zwei Hälften teilte, wie die Apenninen Italien, hatte ums Jahr 1820 gewiß manches Mädchen unglücklich gemacht. Der feine Schnurrbart war nicht mehr geschmeidig wie sonst; er wurde nicht mehr mit ungarischer Pomade gebändigt, sondern glich einer auf der Oberlippe entsprossenen Zahnbürste. Er war immer kohlschwarz von Sonntag Morgen bis Mittwoch Abend, und wenn er in den letzten Wochentagen ein wenig grau wurde, so lag das an dem nicht ganz vollkommenen Färbmittel. Bei den Haaren verhielt es sich anders; sie waren von Natur schwarz und sind es bis zum Ende geblieben; der Perückenmacher hatte sie garantiert. Das Alter des Hauptmanns versteckte sich hinter einer ewig jungen Eitelkeit und verriet sich nur durch einige Büschel weißer Haare in seinen Ohren und durch die Falten seines Antlitzes, das krausere Wellen zeigte, als ein See im ersten Morgenschauer. Sein Anzug stellte einen Mann von dreißig Jahren vor nach der Mode von 1828: Hut mit schmalem Rande, schwarze Halsbinde hoch bis an die Ohren, Überrock bis unterm Kinn zugeknöpft, weites großfaltiges Beinkleid. Bei seinen Handschuhen bevorzugte er die von weißem schottischen Zwirn; das rote Bändchen in seinem Knopfloche blühte üppig wie eine Sommernelke. Seine Stimme war kurz, befehlerisch und hatte außerdem einen mürrischen Ton. Er zog die Sätze in der Mitte in die Länge und brach am Ende kurz ab, wie wenn er beim Exerzieren kommandierte. Er sagte: Wie geht es ... Ihnen? mit demselben Tonfall wie: Präsentierts ... Gewehr! Sein Charakter war höchst offen, ehrenhaft und zartfühlend, aber zugleich sehr bitter, sehr eifersüchtig und höchst boshaft. Die Stimmung eines Sechzigjährigen ist fast immer der Wiederschein seiner glücklichen oder traurigen Lebenserfahrung. Junge Leute sind, wie die Natur sie gemacht hat; die Greise sind durch die oft ungeschickte Hand der Umgebung bearbeitet. Johann Peter Bitterlin war der hübscheste Tambour und der lustigste französische Junge gewesen in der Schlacht bei Leipzig. Das Glück verhätschelte ihn; er wurde Korporal mit sechzehn Jahren und Sergeant mit siebzehn. Schon als er die ersten Litzen bekam, träumte er, wie so viele, von besternten Epauletten, dem Marschallstabe und vielleicht noch mehr. Das Wort »unmöglich« gab es nicht im Soldatenlexikon; ein tapfrer Bursch ohne Geburt und Orthographie konnte alles erhoffen, wenn die gute Gelegenheit ihn unterstützte. Bitterlin hatte sich von Anfang an durch seine Haltung ausgezeichnet, durch Festigkeit, durch Mut und alle sonstigen Eigenschaften, die der französische Soldat als notwendiges Zubehör mit sich führt. Er hätte seine erste Epaulette schon bei Waterloo verdient, aber er erhielt sie erst neun Jahre später in Spanien. In der Zwischenzeit kam er sehr oft in Versuchung, den Dienst aufzugeben und in Lüneville seinen Kohl zu bauen; aber er hatte sich niemals in Verschwörungen eingelassen, trotz seiner Unzufriedenheit mit der niederen Stellung. Maschinenmäßig und unlustig trieb er das Handwerk weiter, das er einst enthusiastisch ergriffen hatte. Der Dienst, das Kaffeehaus, die Lektüre des »Constitutionnel« und die schönen Augen einer Putzmacherin in Toulouse teilten sich in die Stunden des entmutigten Kriegers. Er las immer wieder im Militärhandbuch und zählte die Kameraden, die ihn übersprungen hatten, und diese Lektüre verbitterte ihn. Indessen fesselte ihn ein gewisses Gefühl an das Regiment und er folgte seiner Fahne, wie die Hunde ihrem Herrn. In dieser murrenden Entsagung liegt etwas Erhabenes, das ein Civilist nicht zu würdigen weiß. Bitterlin wünschte den Bourbonen alles mögliche Üble; aber niemand diente ihnen treuer, als er. Wenig fehlte, daß er für sie 1830 in der Julirevolution gestorben wäre; man trug ihn auf den Verbandplatz in der Markthalle mit einer Kugel im Bein. Als er nach vierzehntägigem Fieberdelirium wieder zur Besinnung kam, freute er sich zu hören, daß die Regierung sich ein wenig verändert hatte. Das Verlangen, seine Familie, will sagen sein Regiment wiederzusehen, bewirkte seine raschere Genesung. Er hoffte ja, die Zeit der großen Kriege würde wiederkehren, und er träumte von einem allgemeinen Brande in ganz Europa, wie alle echten Soldaten. Aber es gab nur Kaminbrände und Bitterlin erhielt nicht einmal den Auftrag, diese zu löschen. Er wurde dann Hauptmann nach der Altersfolge, »nach der Herdenordnung,« wie er im Ärger zu sagen pflegte. Sein Oberst, der ihn von Zeit zu Zeit aufmunterte, bewies ihm, daß es gar nicht so schlimm mit ihm stände. Als sechsunddreißigjähriger Hauptmann hatte er Afrika in Aussicht. Er fuhr über das Mittelmeer und begann den Feldzug, aber er erwischte die Ruhr, ehe er den Feind zu sehen bekam. Man sandte ihn zur Erholung nach Briançon in den Hochalpen; da gab es sieben Monate Winter und die Bäche flossen mitten in den Straßen! Aus Langerweile heiratete er dort die Tochter eines Kaffeewirtes. Kaum vermählt, erhielt er Befehl, mit dem Depot nach Straßburg zu gehen; die Frau folgte ihm mit dem Gepäck. Im Jahre 1839 wurde er Vater einer Tochter, die auf dem Marsche von Straßburg nach Paris geboren wurde, zwischen dem 310. und 311. Kilometerstein. Das Kind gedieh und der Hauptmann glaubte eine Zeitlang, die Freuden des Familienlebens würden ihn über alle fehlgeschlagenen Hoffnungen trösten. Aber zum Unglück war seine Frau schön und kokett; sie ließ sich den Hof machen, ohne an Arges zu denken, und Bitterlin lernte eine Art von Eifersucht kennen, die er beim Lesen der Rangliste nie verspürt hatte. Er zog sich zurück, schloß seine Thür ab und zeigte den Leuten die Zähne; man konnte ihn nur in Dienstangelegenheiten sprechen. Er befleißigte sich einer raffinierten Höflichkeit, wie alle Männer, die im Gebrauch der Waffen eine anerkannte Überlegenheit besitzen, aber er verstand durchaus keinen Spaß. Die jüngeren Hauptleute neckten ihn trotzdem; er spann den Geduldsfaden lang aus, aber dieser riß endlich, als ein Kamerad zu weit gegangen war, und er hatte das Unglück ihn zu töten. Niemand machte ihm Vorwürfe; die Sache war ganz korrekt verlaufen. Indessen nahm er mit neunundvierzig Jahren seinen Abschied. Seine Pension, sein Erbteil und die kleine Mitgift seiner Frau gewährte im ganzen eine Einnahme von ungefähr fünftausend Franken, womit er in Paris ausruhen wollte. Er ließ sich nieder im Sumpfviertel, wenige Schritte vom Königsplatze, Le Marais erstreckt sich in Paris nördlich der Seineinsel St. Louis, von der Rue St. Antoine bis zum Boulevard du Temple. Die Place Royale war in früheren Jahrhunderten ein Mittelpunkt der eleganten Welt; jetzt ein Arbeiterquartier. Anmerk. des Übers. schickte die Tochter in die Pension nach Saint-Denis und schloß sich mit seiner Frau ins Stübchen ein. Diese Vereinsamung brachte Frau Bitterlin in vier Jahren den Tod; die Engel selbst wären müde geworden, den Hauptmann in seiner Wüste zu ernähren. Als er wieder in seine Wohnung trat, bis obenhin bespritzt von dem zähen Schmutz des Kirchhofes, stellte er einige Stunden lang Betrachtungen an über Zufall und Vorsehung, über das Geschick und die Zukunft der zweibeinigen ungefiederten Geschöpfe; er stellte sich einige jener anmutigen Probleme, die man ganz sicher nur mittels eines Pistolenschusses löst; aber er schoß sich nicht tot; er lebte schon so lange, daß er es am Ende gewohnt geworden war. Die Magd meldete ihm, das Frühstück wäre bereit, und er setzte sich zu Tisch und schluckte ganz leidlich einige Bissen hinunter. »Essen Sie nur, lieber Herr, essen Sie,« sagte die dicke Agathe, während ihre Thränen auf das Hammelragout träufelten; »Sie müssen Mut fassen und sich stärken, da nur noch wir beide auf der Welt sind, nebst Fräulein in Saint-Denis.« Die dicke Agathe ist ein Gebirgskind aus Oisens, krüpplich und hinkend; der Kaffeewirt von Briançon hatte sie seiner Tochter als Neujahrsgeschenk verehrt und sie war ein wahrer Schatz für den Haushalt. Dieses tapfere und beschränkte Geschöpf steht im Sommer mit der Sonne auf, im Winter bei Licht, genießt zum Frühstück eine stille Messe und ein Stück trocknes Brot, kauft in der Halle ein und rauft sich fast beim Feilschen mit den Marktweibern; sie holt das Wasser zur Stunde, wo die öffentlichen Brunnen fließen, wäscht und plättet das Leinenzeug selber, poliert die roten Zimmerfliesen und reibt die Möbel spiegelblank und in ihren Mußestunden unterhält sie sich damit, die Kochtöpfe zu verzinnen. Alle ihre Gedanken sind beim Haushalt, und in den paar Stunden, die sie dem Schlafe gönnt, träumt sie davon, daß die Wäsche zu stark geblaut ist oder daß die Ameisen in langen Zügen die Speisekammer durchwandern. Aber Agathens Talente so gut wie ihre Tugenden waren für Herrn Bitterlin ein verschlossenes Buch. Er nahm ihre Dienste mit menschenfeindlicher Verachtung hin; im Grunde hielt er sich noch für sehr großmütig, daß er ein so nichtiges und widerwärtiges Geschöpf nicht vor die Thür setzte. Bei jeder Gelegenheit zuckte er die Achseln, wischte mißtrauisch sein glänzend reines Glas aus und berührte das Essen nur so obenhin. Er zankte nicht über die großen Ausgaben, aber so oft er die Rechnung nachsah, äußerte er etwas bitter: »Ich glaube wohl, armes Mädchen, daß du mich nicht bestiehlst, aber als ich Leutnant war, kam ich monatlich mit fünfzig Franken aus und ich lebte besser.« Agathe schwamm in Thränen, dankte ihrem Herrn für das geschenkte Vertrauen und versprach für die Zukunft es besser einzurichten. Seitdem aber der unliebenswürdige Herr keine Frau mehr zu bewachen hatte, hielt er sich selten in der Wohnung auf. Wenn er sich angekleidet und seufzend den Moniteur der Armee gelesen hatte, frühstückte er an einem Tischende, nahm Hut und Handschuhe und trat das Pflaster von Paris bis sechs Uhr abends. Er hielt sich oft bei den Kugelspielern in den Elysäischen Feldern auf, und wenn er Gelegenheit gefunden hatte einen Ungeschickten zu verspotten, ging er befriedigt weiter. Zuweilen trat er in einen Fechtsaal in der Nähe seiner Wohnung, bei einem alten Fechtmeister seines Regiments, der ihn höchst achtungsvoll begrüßte. Er ließ sich nie herab ein Florett zu berühren, aber er bewies Schülern wie Liebhabern, daß sie reine Stümper wären. Am eifrigsten besuchte er das Marsfeld; der Anblick der Uniformen war für ihn eine schmerzliche, aber nie ermüdende Erholung. Gut ausgeführte Exercitien machten ihm Vergnügen, noch mehr aber die Fehlgriffe dabei. So oft ein Offizier ein Versehen machte, rieb er sich grinsend vor Lust die Hände und zog die Zunge über den Schnurrbart, wie die Ziege ein Dorngebüsch ableckt. Alle Abende nach dem Essen ging er und las Zeitungen im Kaffeehause »Zum müden Saumtier« am Boulevard Beaumarchais. Die Kellner bedienten ihn hier mit dem besten Kaffee und dem ältesten Cognac, weil er der unangenehmste und anmaßendste Gast war. Beim Billard, beim Damenspiel und Pikettspiel erteilte er gern seinen Rat, sparte auch nicht die boshaften Komplimente; aber darüber ärgerte sich niemand, weil man seit lange seinen Charakter kannte. Lud man ihn selbst zu einer Spielpartie ein, so antwortete er trocken, es liege nicht in seiner Gewohnheit zu spielen. Seltsam, daß seine Kaffeehausbekannten, die einzigen, die er in Paris hatte, mit so viel höherer Achtung zu ihm sprachen, je mehr er sie von oben herab behandelte. Die Masse der Menschen nimmt Ansehen und Würde, die wir uns selber zu geben wissen, als bare Münze hin und bezeugt die tiefste Ergebenheit dem, der ihnen die geringste Achtung erweist. Die griesgrämige Laune des Hauptmanns ward förmlich gallicht infolge einer übeln Erdreistung seiner vormaligen Kameraden: sie nahmen Sebastopol ein ohne ihn! Bei den ersten Nachrichten vom Krimkriege hatte er sich über die Lage Frankreichs rundweg gegen die dicke Agathe erklärt. »Gutes Kind,« sagte er, »du verstehst nichts von diesen Dingen, und ich weiß eigentlich nicht, warum ich mit dir davon rede; aber es giebt Augenblicke, wo man mit seinem Stiefelzieher schwatzen möchte, auf Ehre! Frankreich will sich eben mit Rußland raufen; das ist unsere Idee, ich könnte sagen: meine Idee. Schon 1811 als Dreizehnjähriger pflegte ich zu sagen: ›wir müssen Rußland fassen.‹ Rußland kennt mich, Agathe; ich bin von einem Ende zum andern durchmarschiert, ich habe mich an der Moskwa mit ihm gemessen. Ich konnte russisch sprechen und kann noch ein wenig: Njet! Da! Karatscho! Wenn die Russen mich in der Krim landen sähen, möchte wohl mehr als einer sagen: ›Sieh da! der kleine Bitterlin! Obacht da unten.‹ Was wird nun dabei der Kriegsminister thun? Glaubst du wohl, daß er mich wird holen lassen? Ei, wie so denn auch?« Kein Mensch in ganz Frankreich interessierte sich leidenschaftlicher als er für die Erfolge und die Schlappen der verbündeten Streitkräfte. Sein altes Regiment war auch in den orientalischen Krieg gezogen, nachdem es bei der Belagerung Roms rühmlich mitgewirkt hatte. Bitterlin verfolgte mit tiefem Gefühl des Neides fortwährend die herrlichen Erfolge dieses schönen 104. Regiments. Ganze Tage brachte er damit hin, auf der Karte der Krim die Märsche zu berechnen oder mit Bleistiftstrichen die Befestigungen von Sebastopol niederzuwerfen. Morgens und abends schalt er die Leiter der Expedition in der Person der dicken Agathe aus. Erschien ihm ein General allzu zaghaft im Vorgehen, so schob er ihn ohne weiteres in die Reserve, schwang sich aufs Roß an seiner Stelle, hieb alles nieder und legte sich als Marschall schlafen. So oft die Nachrichten schlecht lauteten, lief er achselzuckend in den Straßen herum. Einige seiner Intimen vom Café zum Saumtier glaubten fest, der Krieg würde kein Ende nehmen, weil die wahren Kenner dabei fehlten. An dem Tage, wo man in Paris erfuhr, daß der Malakoffturm genommen war, wurde im Herzen des Hauptmanns eine zweite Schlacht geschlagen. Auf der einen Seite stand der Ruhm seiner teuren Fahne, die Ehre Frankreichs, das Wonnegefühl eines alten Soldaten, den der ferne Siegesjubel berauscht; auf der andern Seite das Gefühl nicht dabei zu sein und nichts gethan zu haben, wenn die Ehrenkreuze und Beförderungen und Titel auf die Sieger herabregnen; diese widersprechenden Gefühle drangen zugleich und so plötzlich auf ihn ein, daß er durch die Erschütterung in Thränen ausbrach, ohne sich bewußt zu werden, ob es vor Freude oder aus Ärger war. Die dicke Agathe, die von Politik nichts verstand, fragte ihn unbefangen, ob man denn ihm den Malakoffturm genommen habe und ob man vielleicht nun zur Ersparnis den zweiten Gang beim Frühstück aufgeben müßte. Von Zeit zu Zeit erinnerte sich der Hauptmann, daß er auch Vater war, und dieser an sich tröstliche Gedanke steigerte den unvermeidlichen Ärger noch bedeutend. Denn die Vaterschaft erinnerte ihn zum Unglück an seine Ehe, und diese Ehe war nicht erfreulicher für ihn gewesen als für manchen andern. Dieser beschränkte und zum Extrem geneigte Kopf, in dem sich die verkehrtesten und übertriebensten Vorstellungen von Ehre zusammendrängten, vermeinte noch sich selber eine Aufklärung darüber schuldig zu sein, ob seine verstorbene Frau ihm treu gewesen wäre; ein lächerlicher Zweifel, der ihn aber zuweilen mitten in der Nacht aus dem Schlafe weckte. Seine Eifersucht hatte er nicht mit der Frau begraben; sie kehrte immer wieder in Anfällen, wie ein Wechselfieber. Der unglückliche Mann konnte dann eine Viertelstunde lang vor dem Spiegel sein eignes Gesicht betrachten, um zu prüfen, ob er wohl wie ein betrogener Ehemann aussähe. Unaufhörlich erwog er in seinem kranken Gehirn die Umstände, die seinen Verdacht erregt hatten; er führte täglich aufs neue mit albernem Ernst darüber eine nie endende Gerichtsverhandlung. So oft die Unschuld seiner Frau ihm erwiesen schien, begab er sich in Person auf den Kirchhof und bat das arme Geschöpf um Verzeihung für all das Leid, das er ihr angethan hatte. Aber wenn gleichzeitig der leiseste Zweifel ihm durch den Kopf ging, dann drohte er dem Grabe mit der Faust und wünschte seine Frau wieder zu erwecken, um ihr den Hals umzudrehen. Dem Steinmetzen hatte er verboten, die gebräuchliche Formel »eine gute Ehegattin« darauf einzumeißeln; dieser Platz auf dem Steine sollte frei bleiben bis nach gründlicher Untersuchung, Diese peinliche Ungewißheit erlaubte ihm auch nicht, mit ungetrübter Freude seine Tochter in die Arme zu schließen. Obgleich er keinen vernünftigen Grund zu der Annahme hatte, daß er den Namen für das Werk eines andern hergegeben habe, so bemerkte er doch mit zunehmendem Mißvergnügen, daß Emma ihm niemals ähnlich sehen würde. Wenn er sich einmal entschloß, sie in Saint-Denis zu besuchen, so fand er sie in ihrer vorschriftsmäßigen Klosterkleidung höchst widerwärtig aussehend. Er küßte sie leichthin auf die Stirn, aber er überhäufte sie nie mit der herzlichen Zärtlichkeit eines echten Vaters. Und ihrerseits trat das Mädchen in das Sprechzimmer wie in die Schulklasse. Bitterlin stellte sich zu ihr wie ein Lehrer; er korrigierte sie wie ein Schülerheft. Die Ferienzeit verbrachte man in der Familie in Anteuil. Vater und Tochter nebst Agathe stiegen mit ihrem Gepäck in einen gelben Omnibus und landeten vor einer Art von Kaserne oder Bienenkorb oder bürgerlicher Republik, bestehend aus 250 Zimmern nebst ebensoviel Gärtchen. Familie Bitterlin bezog ein Zimmer im dritten Stock mit Aussicht auf das Land. Ihr Garten war hinreichend groß, um zwölf Schritte nach jeder Richtung zu gestatten. Der Hauptmann fand diese Sommerfrische albern, aber er behielt sie mehrere Jahre, nur um tüchtig darauf schimpfen zu können. Wenn er auf seiner Rasenbank saß und seine Fünfpfennigcigarre rauchte und halb zerkaute, sah er Emma in einer Allee spielen, die allen diesen Wirtsgärtchen als gemeinsamer Korridor diente. Dann legte er sich die Frage vor, was eigentlich er, Bitterlin, verunglückter Marschall von Frankreich, mit diesem kleinen mageren rotäugigen Mädchen zu thun habe, das beim Laufen die Arme und Beine so schlenkerte. Das unvorteilhafte Alter dauerte bei Emma Bitterlin weit über die gewöhnliche Zeit hinaus. Mit vollen fünfzehn Jahren war sie, wo nicht häßlich, doch mindestens vollkommen unbedeutend, und der Hauptmann genierte sich nicht, in ihrer Gegenwart zu sagen, daß die Männer um ihrer schönen Augen willen nie eine Thorheit begehen würden. Aber als sie nach Vollendung ihrer Erziehung für immer ins väterliche Haus zurückkehrte (es war, wenn ich nicht irre, in den Ferien 1856), als sie dort die strenge Uniform der Ehrenlegion mit einem hübschen Sommerkleide vertauschte, war ihr Vater erstaunt und erschrocken über die Verwandlung, die mit ihr vorgegangen war. Er schwur, sie wäre ganz unanständig schön, und machte sich für seine alten Tage auf eine neue Reihe von Quälereien gefaßt. II. Emma Der Schrecken des Hauptmanns, mochte er auch etwas übertrieben sein, erscheint dennoch nicht so ganz lächerlich; das begreifen alle diejenigen, denen die Natur das undankbare Amt eines Drachens der Hesperiden zugewiesen hat. Wenn man die goldenen Äpfel hütet und selber nicht verzehrt, so bedauert man aufrichtig, daß sie so schön und so appetitlich sind. Der Fall des Ehemannes ist ganz verschiedener Art; denn erstlich sind die goldnen Äpfel für ihn da; ferner hat er die Möglichkeit, sie alle selber zu essen, wofern er einen guten Magen besitzt, und den Dieben höchstens die Schale übrig zu lassen. Die nämliche Aufgabe also, welche einen Vater oder älteren Bruder mit banger Sorge erfüllt, erscheint allen jungen Ehemännern als ein reizendes Spiel. Vater Bitterlin, der sich für fähig gehalten hatte Sebastopol einzunehmen, wußte nicht recht, ob er imstande sein würde, Emma mit Erfolg zu verteidigen. Nicht als ob das arme Kind Miene machte sich leicht fangen zu lassen, allein sie besaß jenes unwiderstehlich liebreizende Wesen, das alle Begierden des erobernden Geschlechts in Bewegung setzt. Die Vorsteher von Museen, Bibliotheken und sonstiger öffentlicher oder privater Kunstsammlungen werden bezeugen, daß es in jeder Galerie ein Gemälde, ein Buch, eine Bronzefigur giebt, deren Bestimmung vor allen andern zu sein scheint, einmal gestohlen zu werden. Hier ist's ein zierlicher Elzevir oder ein Büchlein von Aldus, so niedlich gebunden, daß es wie eine Nuß in der Hand verschwindet. Dort ist's ein antikes Figürchen, dessen sträfliche Schönheit die Hand des Diebes mit magischer Gewalt anzieht. Ein andermal wieder lockt ein Miniaturgemälde so schimmernd, daß es nicht bloß gewerbsmäßige Gauner verführt, sondern den Tugendbold selber reizt, es unter seinem Mantel verschwinden zu lassen. Der Präsident de Biosses war mehr als ein ehrlicher Mann, da er ja dem höchsten Gerichte vorstand, dennoch wäre er beinahe ein Pflichtvergessener geworden vor einem kleinen Correggio, der ihn in einer Galerie in Rom gar so süß anlächelte. Emma schien nun wirklich prädestiniert wie der kleine Elzevir, die kleine Bronze oder der kleine Correggio; ja, dieser Correggio konnte nicht frischer, nicht samtweicher, nicht appetitlicher sein, als sie! Ihr Antlitz war überstäubt mit dem allerfeinsten Flaum, den die Natur auf die Wange der Pfirsiche und auf die Flügel der Schmetterlinge streut; ein Hauch der Jugend und Unschuld, den die erste Liebe abstreift und den die verblühten Schönheiten vergebens durch duftenden Puder zu ersetzen suchen. Sie war ein echt weibliches Weib, denn sie war blond; und unter dem Schleier ihrer langen braunen Wimpern blickten zwei große blaue Augen hervor, strahlend wie ein Sommerhimmel. Der sanfte Schnitt ihres Mundes, die Frische ihrer roten Lippen, die Weiße ihrer kleinen Zähne, die ein wenig auseinander standen wie bei den Kindern, das durchsichtig schimmernde, leise bewegte Näschen, die feinen Umrisse ihrer zierlichen Ohren, die sich im goldigen Schatten ihrer Haare versteckten, diese ganze vollkommene Harmonie ihres Antlitzes trug aber keineswegs ein engelhaftes Gepräge, sondern zeigte eher eine herausfordernde Jungfräulichkeit. Sie war nicht eine Madonna, wie Sasso Ferrato und Carlo Dolci sie träumten; nein, eine Eva, wie alle Maler sie zu malen wünschten, und alle Männer ihr begegnen möchten. Vater Bitterlin hatte also richtig, wenngleich in derber Weise, die Schönheit seiner Tochter charakterisiert. Denn die Frauenschönheit ist ebenso verschieden in der Art, wie in dem Eindruck, den sie auf uns hervorbringt. Es giebt heldenhafte Schönheiten, die uns ritterliche Gefühle einflößen; melancholische Schönheiten, die uns zu Träumereien verlocken; seraphische Schönheiten, die uns in Mysticismus versenken und uns auf den steilsten Wegen zum Himmel emporführen; ferner giftige Schönheiten, die zum Verbrechen anreizen; hausbackene Schönheiten, die uns Drang und Verlangen einflößen, Familienväter und Stadträte zu werden; derbe ländliche Kirmesschönheiten, die uns Bierdurst einflößen; und wiederum zarte Schäfermädchen, mit denen wir nur Milch schlürfen möchten. Mit den Frauen, wie Ostade sie malt, könnten wir Tuchhändler werden; bei denen von Teniers würde man sich herausnehmen Pfeifen zu rauchen; mit Rubens Frauen würde man es nicht verschmähen, sich einen Kranz pausbäckiger Kinder zuzulegen; bei den Frauen Van Dycks möchte man am liebsten den König spielen; endlich bei denen von Watteau könnte man am besten Schaumtörtchen aus zierlichen Schalen genießen. Aber wenn man Emma Bitterlin sah, so vergaß man alles andere, wie vor gewissen Gemälden Raffaels und Tizians; man dachte nicht mehr an seine Pflichten und Bestrebungen im Himmel und auf Erden, sondern nur noch an die Liebe. Wie war doch nur dieser Backfisch, der in der Mietskaserne in Auteuil wie eine langbeinige Spinne umherlief, so urplötzlich das begehrenswerteste Mädchen in ganz Paris geworden? Das Geheimnis solcher Verwandlungen pflegt die Natur mit eifersüchtiger Sorge zu hüten. Ein Mädchen hat eben eines schönen Morgens seine Entwicklung vollendet und steigt wie Venus aus der Muschel. Alle die vielen Ecken und Kanten an der kleinen Emma rundeten und glätteten sich in wenigen Monaten. Ihre Arme wurden voller, ihre Taille und ihre Büste formte sich, als wenn sie nach dem Gipsmodell einer schönen Statue abgegossen wäre; das Gesicht bildete sich aus. Wenn die Hände erst noch rot blieben, so war es einzig, um das Prinzip zu retten und die Farbe der Tugend zu bewahren; sie verlangten auch möglichst rasch weiß und damit die schönsten Hände von der Welt zu werden. Die ganze Veränderung trat so rasch ein, daß auch Emmas Gefährtinnen sie gewahr wurden, die sie doch alle Tage um sich sahen. Die jungen Mädchen waren ebenso erstaunt, wie der Wandrer, der nachts in eine unbekannte Gegend angekommen ist, wenn ihm die aufgehende Sonne Wälder, Felsen, Flüsse und eine reizende Landschaft zeigt, die er gar nicht geahnt hatte. Das Mädchen merkte nun auch, daß sie schön war; es wäre doch auch wunderbar, wenn ein Mädchen nicht sofort darauf käme! Kein Spiegel war so klein, worin sie sich nicht hätte in ganzer Figur betrachten können. Im stillen verglich sie sich mit Aschenbrödel und gab die Hoffnung nicht auf, daß sie sich eines schönen Morgens in die große goldne Kutsche mit den vier mausgrauen Pferden setzen würde. Warum denn nicht? Sie lächelte ihrem kleinen Fuße zu, wenn sie an das schöne Märchen dachte. Ihre erste Bestimmung war für das Lehrfach gewesen, dieses traurige Los der Mädchen ohne Schönheit und Vermögen. Sie hatte schon geträumt, ihr Leben in Saint-Denis zu beschließen, ihre ganze Lebensreise auf die vier Mauern beschränken zu müssen. Jetzt hatte man nicht nötig, ihr Entsagung gegen die weltlichen Lüste zu predigen; sie konnte sich nun selber beweisen, daß für das Amt einer gestrengen Erzieherin ihr Gesicht viel zu weltlich war. Der erste Empfang ihres Vaters überraschte sie ein wenig; sie hatte auf einen Jubelwillkomm im Hause gerechnet. Agathe ganz allein bewunderte sie unverhohlen und sagte, sie würde einen Prinzen heiraten. Leider war es nicht eben wahrscheinlich, daß die Prinzen sie in der Vogesenstraße aufsuchen würden, und Vater Bitterlin schien wenig geneigt, sie in die Gesellschaft einzuführen. Der einzige Ort, wo er sie hätte vorstellen können, war das Kaffeehaus »Zum müden Saumtier.« Der egoistische stirnrunzelnde Alte hatte so schon sein Leben mit einer chinesischen Mauer umzäunt; als er erst diesen Schatz zu bewachen bekam, dachte er nur noch an Verstärkung der Festungswerke. Er fürchtete, dieses kleine verführerische Wesen, das so zierlich und leicht zu entführen war, möchte ihm durch einen Ehrenräuber gestohlen werden; denn der Gedanke, sie irgend einem Ehrenmanne zu schenken war ihm nie in den Kopf gekommen. Mit souveräner Verachtung sah er herab auf die Politik der Engländer und aller Familienväter, sich für die Produkte ihrer Häuser Absatzgebiete zu schaffen. Ebenso geizig mit seinem Fleisch und Blut wie mit seinem Gelde, fand er es ganz natürlich, die Thaler und die Tochter für seine alten Tage aufzusparen. Seine erste Maßregel war die Kündigung der Sommerwohnung in Auteuil; er fürchtete die jungen Leute in dieser Massenpension und die Ungebundenheit des Landlebens. Er deutete der Tochter an, daß er sie niemals außer Augen lassen würde; sie durfte sich sogar ohne ihn nicht ans Fenster setzen! Emma nahm diese Drohung wie alle strengen Befehle ihres Vaters von der guten Seite auf; junge Vögel befinden sich wohl im Käfig bis zu dem Tage, wo ihnen die Flügel gewachsen sind, man fühlt erst das Bedürfnis der Freiheit, wenn man Gebrauch davon machen will. Sie nahm ohne Murren alle Gesetze an, die Vater Bitterlin in seinem Hause zu verkündigen für gut fand. Sie ließ sich einschließen, sie willigte ein, keine Besuche zu empfangen, sie spielte die Rolle der in dem Turm eingesperrten Prinzessin, ohne zu argwöhnen, daß sie bei diesem Spiel notwendig zur alten Jungfer werden mußte. Nur eins verursachte ihr einigen Verdruß: die strenge Miene ihres Vaters; sie empfand es schwer, ein so mürrisches Wesen stets um sich zu sehen, und setzte ihre Ehre darein, ihn allmählich zu zähmen. Der Wunsch zu gefallen, der allen Frauen innewohnt, war bei ihr so sehr vorherrschend, daß, wenn sie ein Unbekannter angesehen hätte ohne zu lächeln, sie dies wie eine Niederlage empfunden haben würde. Sie war schon bei den Grazien in die Lehre gegangen, als ihr Gesicht noch um Entschuldigung bitten mußte; nach ihrer Verwandlung aber fand sie es frech, daß man sie unfreundlich anblickte, wenn man nicht blind und taub war, und noch dazu ihr eigner Vater! Sie begann daher diesen Vater in ein Netz von kleinen Aufmerksamkeiten und Schmeicheleien einzuspinnen, wodurch jeder andere als der Hauptmann sich hätte fangen lassen. Sie machte ihm beständig den Hof, sie schmeichelte ihm geflissentlich, sie überschüttete ihn mit all der Liebe, die ein junges Ding von siebzehn Jahren spenden kann, mit Liebkosungen wie ein Kätzchen und ein schnäbelndes Vögelchen. Indessen je sanfter sie den alten Kerl wiegte, desto lauter grunzte er. Die kleinen Koketterien der Tochter erinnerten Bitterlin an andere ebenso trügerische Liebkosungen, deren Aufrichtigkeit ihm nicht bewiesen war. Emma glich ihrer Mutter sogar in ihren Küssen, obgleich die arme Frau ihr darin keinen Unterricht gegeben hatte. Jede anmutige Bewegung, jedes gute Wort des Kindes erweckte die nachträgliche Eifersucht des Gatten und die verdrießliche Vorsicht des Vaters. Der Hauptmann wurde in der That schmerzlich berührt, so oft er in einer Bewegung Emmas die herausfordernde Artigkeit wiederfand, die er bei seiner Frau so tief beklagt hatte; ja, der dicken Agathe, die das gar nicht begriff, gestand er seine Besorgnis, noch einmal entehrt zu werden. In solchen Anfällen von Menschenhaß machte er dem Kinde oft seine freundlich lächelnde Miene und die offene Herzlichkeit zum Vorwurf. Eines Abends, als sie beim Essen etwas nachdenklich war, rief er ihr zu: »Aufgepaßt! was liebäugelst du da mit der Flasche!« Ein andermal, als sie ihn küssen wollte und seinen Kopf in beide Hände nahm, stieß er sie heftig zurück und vergaß sich so weit, ihr zu sagen: »Du bist ja eine Lorette! wirst ein übles Ende nehmen!« Ohne den buchstäblichen Sinn dieser Beleidigung zu erfassen, wurde Emma in ihrem Zartgefühl empfindlich getroffen und zum erstenmal antwortete sie etwas empört: »Wie mein Ende sein wird, weiß ich nicht; aber der Anfang ist nicht sehr erfreulich.« Die Länge der Tage war entsetzlich bei diesem engen Zusammenleben ohne Vertraulichkeit. Man stand gewohnheitsmäßig früh auf, ohne zu bedenken, daß so einige Stunden mehr auszufüllen waren. Emma zog sich gleich für den Tag an, ganz einfach, aber mit peinlicher Sauberkeit, worüber der Hauptmann murrte. Die Schwämme zum Waschen konnte er nicht leiden; er sagte ganz ernst, bei den Frauen sei die Sauberkeit die Mutter aller Laster. Nach dem Frühstück rauchte der Vater, spazierte umher, schalt, machte die Fenster auf und wieder zu, sah nach der Setzuhr und klopfte an das Barometer. Emma stickte sich einen Kragen oder sang an dem Tafelklavier, das sie von der Mutter ererbt hatte; zuweilen las sie auch. Darin sah nun Bitterlin nichts Unrechtes, sondern erlaubte ihr den Gebrauch seiner Bibliothek, die folgende Bücher enthielt: Das ländliche Haus, Dorat, Die 37 Gesetzbücher, Siege und Eroberungen, Voltaire (in der Ausgabe von Touquet); Abbé Raynal, Theorie des Felddienstes, Populäre Medizin, Geschichte Napoleons von Norvins; Die Ruinen von Volney; Die Nachfolge Christi , in schwarzem Einbande mit dem Namenszuge von Frau Bitterlin. Emma war weder dumm noch so gelehrt wie Georges Sand, aber ein frisches weibliches Gemüt, offen und fröhlich, dabei vernünftig und nach dem besten Lehrprogramm gebildet in dem vorzüglichsten Erziehungshause, das wir in Frankreich besitzen; darum waren die Bücher des Vaters für sie tödlich langweilig; denn sie fand darin nicht zehn Zeilen für ihren Geschmack. Um vier Uhr nachmittags, mit militärischer Pünktlichkeit, führte Bitterlin sie spazieren, wie ein Stallknecht seine Pferde. Er führte sie auf den Königsplatz oder in den Botanischen Garten, selten auf den Boulevard Beaumarchais. Sonntags wurde ihr ein Ausflug gespendet nach Vincennes oder nach Bievres oder sonst einem ruhigen Örtchen, wo ein hübsches Mädchen nicht allzuviel von Spaziergängern begafft wird. Vater und Tochter waren stets genau um sechs Uhr wieder zu Hause und speisten allein miteinander, wie sie gefrühstückt hatten. Nach Tische traten Unthätigkeit und Langeweile wieder ihre Herrschaft an, bis die Schlafenszeit folgte. In einer dieser tödlich langweiligen Stunden erkühnte sich Emma eines Abends den Vater zu fragen, ob er sie nicht ein Gesellschaftsspiel lehren oder sie nicht einmal ins Theater führen möchte. Diese unschuldige Frage erboste den Haustyrannen, wie ein Ruf auf die Barrikaden. Er schimpfte und polterte gegen die Spielwut, sagte, das sei der Fluch der Offizierskreise; alle Schulden und alle Sünden kämen vom Spiele; ein Musteroffizier, wie er sich rühme stets gewesen zu sein, spiele nie; auch habe er in 35 Jahren nie einen Pfennig Schulden gehabt und nicht die geringste Strafe bekommen. An dem Theater fände er für seine Person kein Vergnügen und sähe darin für seine Tochter nur eine Gefahr. Emma könnte dort irgend einen jungen Burschen treffen, der so wenig Lebensart hätte, sich in sie zu vernarren und ihr den Hof zu machen; »in solchem Falle,« fügte er bei, »werde ich nicht lange fackeln, sondern den jungen Menschen nach allen Regeln einer Ehrenforderung niederhauen.« Mittels Auslassungen in diesem Stile pflegte Bitterlin Geist und Herz seiner Tochter zu bilden, besonders abends nach Tische. Darum sah das arme Ding auch immer mit Schrecken den Augenblick nahen, wo der Tisch abgedeckt wurde, und sie zog das Dessert in die Länge, so oft es Walnüsse oder Haselnüsse zu knacken gab. Als eines Abends die dicke Agathe der Herrschaft gute Nacht wünschte, um sich ins Bett zu begeben, flüsterte ihr Emma ins Ohr: »Ich wage nicht zu klagen, aber ich habe zu schreckliche Langeweile; geh' und weine für mich in deiner Kammer.« Gegen Mitte Dezember bekam der Hauptmann einen Brief in die Hände, der an seine Tochter adressiert war. Ohne Umstände brach er ihn auf und las wie folgt: »Liebe kleine Gefallsüchtige! »Da bin ich nun endlich vom Lande zurück; Henriette auch, Julie und Karoline auch. Die ernste Madeleine hat mir kundgegeben, sie würde morgen ankommen. Mit dir, ohne die doch nichts recht zusammengeht, wird das Sextett vollzählig sein. Mama hat bestimmt, die erste Gesellschaft der Unzertrennlichen sollte bei uns stattfinden. Das wird ein herrlicher Tag sein! Ich springe eben auf vor Freude; das ist auch die einzige Ursache des Kleckses, der da eben mitten auf diesen Brief gefallen ist. Also Montag Morgen! Bitte deinen Papa Brummbär, dich in die Straße Saint-Arnaud Nr. 4 zu schicken, ganz früh morgens; nach Tische wirst du in deine Höhle zurückbefördert. Vielleicht wollen wir tanzen, aber sicher werden wir viel schwatzen und lachen wie närrisch, und das ist die Hauptsache dabei. Wir müssen unsere Wintervergnügungen einrichten ›auf großen Maßstab‹, wie unser ehrwürdiger Litteraturprofessor zu sagen pflegte. Ich hoffe doch, daß wir uns alle Tage sehen werden bis zur Verheiratung, und auch nachher noch. Es gilt also einen Feldzugsplan aufzustellen; mein Bruder, der Offizier, der eben in die Ferien kommt, soll uns dabei helfen. Er will nicht glauben, daß du hundertmal hübscher bist als ich; diese Artillerieleutnants sind doch lächerlich ungläubig. Also auf Montag, auf Montag! Noch ein Klecks! Die Kleckserin umschließt dich mit beiden Armen. Luise von Marannes.«       Vater Bitterlin, der doch einst Mann und auch jung und sogar liebenswürdig gewesen war, antwortete Emmas Freundin, wie ein Bullenbeißer einem Buchfinken: »Mein Fräulein! Ich habe den Brief erhalten, den Sie so gütig waren an meine Tochter zu adressieren, und obwohl ich mich durch die darin enthaltene Einladung sehr geehrt fühle, glaube ich weder meine Rechte zu überschreiten noch meiner Pflicht zu ermangeln, wenn ich Ihnen sage, daß Emma nur die Häuser besucht, wohin ihr Vater geht, der übrigens zu Hause sich wohler fühlt als sonst irgendwo. Sie ißt und lacht zu Hause gerade so viel, wie für ihre Gesundheit erforderlich ist, und hegt durchaus keine Heiratsgedanken, die einem jungen Mädchen gar so fern liegen müssen, wenn sie nur ein wenig auf ihren Ruf hält. Schließlich ist die Tochter des Hauptmann Bitterlin nicht dazu da, um sich von Leutnants mustern zu lassen, sollten sie auch den Vorzug genießen, einer Specialwaffe anzugehören. Ich habe die Ehre, mein Fräulein, mich Ihren sehr ergebenen und ganz gehorsamsten Diener zu nennen.« Einige Tage später sagte Emma beiläufig zu ihrem Vater: »Es wundert mich, daß Luise gar nicht schreibt; sie muß doch vom Lande schon zurück sein.« Der Hauptmann erwiderte, die Stirne runzelnd: »Sie hat dir geschrieben.« »Ei, was denn?« »Dummheiten. Ich habe ihr gebührend geantwortet und verspreche dir, daß du nichts mehr von ihr hören wirst.« In der That, damit war es vorbei; und drei oder vier andere derartige Schnurren des Hauptmanns isolierten seine Tochter so vollständig, als wenn sie nie in einer Mädchenpension gewesen wäre. Anderthalb Jahre verbrachte sie in dieser erdrückenden Leere, stets nur in Gesellschaft dieses grilligsten aller Männer. Trotzdem litt ihre Gesundheit nicht; sogar ihre gute Laune wurde nicht merklich verändert. Wie glücklich ist doch die Jugend! sie stößt sich ohne Schaden an allen rauhen Ecken des Lebens, wie die Kinder mit dem Kopf an jeder Tischkante, ohne Narben davon zu behalten. Die einzige Freundin, die ihr blieb, war die dicke Agathe, deren Geist außerhalb der Küche wenig ergiebig war. Dieses schnurrige Geschöpf hegte eine andächtige Bewunderung für die Schönheit seiner Gebieterin; sie fand bei ihr Ähnlichkeiten mit all den kolorierten Heiligenbildern, die sie zwischen den Blättern ihres Gebetbuches aufhob. Wenn man ihr erlaubte, allein mit Emma auszugehen, etwa Sonntags zum Hochamt, hob sie ihr Haupt einige Zoll höher; so stolz war sie darauf. Eines Tages sagte sie auf dem Heimwege von der Kirche: »Ich weiß nicht, wie wir's einrichten werden, wenn du erst heiratest. Der Herr wird nicht wünschen, daß ich ihn verlasse, und ich werde nie ohne dich leben können. Könnte man sich doch in zwei Teile zerschneiden!« »Glaubst du denn, daß Papa mich zu verheiraten denkt?« fragte die Kleine. »Ei! das kommt doch ganz von selbst. Die Mädchen sind zu nichts anderm da, ausgenommen wenn man ein solches Marktbudenwunder ist wie ich.« »Luise ist vielleicht jetzt bereits verheiratet.« »Wohl möglich. Heute die eine, morgen die andere. Noch erst gestern, Samstags, waren mehr als sieben Trauungen in der Paulskirche.« »Aber Papa kennt ja niemand in Paris.« »Das scheint allerdings so; aber ich bin überzeugt, er hat seinen Plan. Frage ihn, wenn du neugierig bist; er wird dich nicht fressen.« »Das wage ich nie, Agathe. Übrigens hat es keine Eile damit. Die Männer sind so bärbeißig!« »O, nicht alle.« Selbigen Tages, beim Tischabdecken, redete Agathe ihren Herrn frischweg ganz plötzlich darauf an: »Nicht wahr, Herr, Sie denken manchmal daran, unser Fräulein zu verheiraten?« Die Antwort Bitterlins war derart, daß ich nicht wage, sie hinzuschreiben. Wenn er das arme Geschöpf nicht schlug, so geschah es nur, weil er im Sprachschatz der französischen Sprache eine Flut von Verwünschungen fand, die wie ebensoviel Hiebe trafen. Seine Schlußrede war, alle Frauenzimmer seien schamloses Volk, alle Mägde Kupplerinnen, alle fremden Männer ehrlose Schurken, und er hätte seine Tochter nicht erzogen, um einem dieser Wölfe damit ein Futter zu bieten. Dieses Glaubensbekenntnis wurde so laut und tobend abgelegt, daß alle Hausbewohner mit Einschluß des Portiers in der sichern Überzeugung zu Bette gingen, Fräulein Bitterlin müßte als alte Jungfer sterben. Seit diesem Tage aber bemühte sich die Trösterin Agathe, ihrer Herrin den Segen des Cölibats zu beweisen: »Hatte sie denn nicht alles, was man auf der Welt wünschen kann? einen lieben Vater, eine ergebene Magd, ein niedliches Zimmer mit blauen Vorhängen, alle Abende ein gut ausgestattetes Bett; alle Morgen den besten Milchkaffee in ganz Paris, und die Erlaubnis, den ganzen Tag zum Klavier zu singen? Das war das Paradies auf Erden, und ein Mann mehr im Hause wäre nur ein überflüssiges Möbel gewesen. Die Männer wären wahrhaftig leichte Vögel! Agathe war doch rechts und links herumgekommen ihre vierzig Jahre lang, ohne sich auf den Arm eines Mannes zu stützen, und sie befand sich viel besser dabei!« Auf solche Gründe hatte das Kind nichts zu antworten; denn sie liebte noch nicht. III. Meo Das Sumpfviertel ist eine stille Gegend und würde noch stiller sein, wenn es dort weniger Pensionate gäbe. Ängstliche Leute, die eine ruhige Wohnung in der Nähe der Straße Saint-Antoine suchen, sind in Gefahr, viermal täglich auf jene großen schwatzenden Karawanen zu stoßen, die zum Lyceum Charlemagne geführt werden. Diese brave Jugend ist die Hoffnung des Vaterlandes, aber der Schrecken der Nachbarschaft. Den Eltern darf man das nicht sagen; denn die Mütter und Schwestern werden ja nie glauben, daß ein sanfter und in der Familie höflicher Junge in Reih und Glied mit seinen Kameraden unverschämt und grob wird. Indessen alle Bürgersleute, die zu Spott und Gelächter Anlaß geben könnten, Leute mit irgend welcher äußeren Besonderheit, und alle Frauen ohne Ausnahme suchen viertelstündige Umwege auf, um den Neckereien dieser Schuljugend zu entgehen. Agathe hatte eines Morgens, als sie mit Emma ausgegangen war, diese wichtige Vorsichtsmaßregel außer Augen gelassen. Sie waren im »Paradies der Damen« gewesen, in der Straße Saint-Antoine, um ein Sommerkleid auszusuchen. Bei der Rückkehr nach der Vogesenstraße bemerkte sie einen Schülerhaufen, der im Geschwindschritt sich dem Thore des Lyceums zuwandte. Um eine Begegnung zu vermeiden, stürzte sie unbedachterweise in die Sankt Katharinen-Gartenstraße und sah sich gefangen zwischen zwei unendlich langen Schülerreihen, wie zwischen zwei Gartenmauern. Die armen Mädchen durcheilten etwa die Hälfte ihres Weges ohne besonderen Unfall; höchstens daß die kleinen Knaben, welche vorangingen, eine Bemerkung über Emmas »Schätzchen« losließen; aber in der Gegend von Nummer 4, vor der Kaserne der Feuerwehr, drängten die Schüler der Prima und Sekunda, verstärkt durch eine mathematische Abteilung, sich im Kreise um sie und bombardierten sie mit ihren Späßen: »Mein Fräulein, habe ich nicht die Ehre gehabt, mit Ihnen in der Closerie des Lilas zu tanzen?« »Mein Fräulein, wenn ich nicht fürchtete Ihnen Anstoß zu geben, würde ich Ihnen für einen Groschen Bonbons anbieten.« »Mein Fräulein, haben Sie die Gewogenheit, meinen Arm bis zu Ihrer Pension anzunehmen!« »Mein Fräulein, bitten Sie doch unsern Spieß um meine Hand; er wird sie Ihnen nicht abschlagen.« »Mein Fräulein, besuchen Sie mich doch Donnerstag im Sprechzimmer; ich heiße Süßholz.« »Das ist nicht wahr, Fräulein, er heißt Schuhwichs.« Wo die Aufsichtslehrer ihren Kopf hatten, weiß ich nicht; der eine schaute nach den ersten Schwalben aus, der andere lugte nach dem Zinnschenktisch einer Schnapsbude; während Emma, kirschrot im Gesicht, mit beiden Ellbogen arbeitete, um den Feind zu durchbrechen, und die dicke Agathe Faustschläge in die Masse schleuderte. »Ich kenne dich, schöne Maske,« sagte ein belesener Jüngling zu der Magd; »du bist der als Frau verkleidete Vulkan und willst Venus nach Paris begleiten.« Ein anderer deklamierte einige kräftige Scherze, die der gute Panurg für die Damen seiner Zeit erfunden hatte. Plötzlich sauste wie vom Himmel herab ein Hagelwetter von Ohrfeigen, trieb die Belagerer auseinander und setzte die Gefangenen in Freiheit. Emma, vor Mattigkeit und Schreck zusammenbrechend und mehr tot als lebendig, fühlte sich wie entführt von einem großen jungen Manne mit schwarzem Barte. Sie hörte noch undeutlich ein schreckliches Durcheinander von ärgerlichen Schreiern: »Ah! o! uh! Elender Feigling! ist das gemein!« Sie sah einige Bücher ringsum auf das Straßenpflaster fliegen; dann schlossen sich ihre Augen und sie sah nichts mehr. Als sie wieder zu sich kam, war sie in einem unbekannten Zimmer. Agathe hielt ihr ein Riechfläschchen vor; ein Mann schön wie der Tag, oder eher wie der Abend, kniete vor ihr und streichelte leise ihre Hände. Mechanisch ließ sie ihre Augen über die vier Wände hingleiten und sah sich umgeben von großen Herren und großen Damen in prächtigen Umrahmungen. »Wo bin ich?« fragte sie. Ihr Befreier antwortete mit ernster und sanfter Stimme in einem fremden Accent: »Bei mir, mein Fräulein; entschuldigen Sie die Freiheit, die ich mir nahm, und die Armut meiner Behausung.« Sie bemerkte jetzt, daß ihre Kleidung in Unordnung geraten war, und erhob sich rasch, um in ein Nebenzimmer zu gehen und sich in Muße herzurichten. Der junge Mann erriet ihre Absicht. »Ich habe nur dieses Zimmer,« sagte er, »und überlasse es Ihnen; ich bin sehr glücklich, wenn Sie es einen Augenblick für das Ihrige ansehen wollen. Wir sind im Erdgeschoß; ich kann ganz gut im Hofe so lange warten.« Als er hinaus war, fiel Emma der dicken Agathe um den Hals. »Was für ein Abenteuer!« rief sie; »wenn nur mein Vater nichts davon erfährt!« Sie suchte nach einem Spiegel, um ihr Haar zu ordnen, fand aber nur einen ganz kleinen Handspiegel. »Unser Freund ist nicht kokett,« sagte sie. »Denke eher, er ist nicht reich,« entgegnete Agathe und wies mit dem Finger auf die Strohstühle, den weißen Holztisch und das Mietwohnungsbett. »Das ist nicht für zweihundert Franken Mobiliar, mit Ausnahme der Bilder, die sehr viel gekostet haben. Aber nun bist du ja fertig; wir können den Herrn hereinrufen.« Sie öffnete die Thür und rief: »Kommen Sie her, junger Mann! Wir sind in Ordnung.« Der Unbekannte war das Bild eines Italieners in voller Schönheit und voller Kraft. Er war nicht mehr ein Jüngling, sondern ein Mann von reichlich dreißig Jahren, groß, braun, breitschultrig, kräftig gefärbt und strahlend von Gesundheit. Seine Augen und Zähne, seine gutgepflegten Fingernägel und einige Schmucksachen, die er an sich trug, bildeten Glanzpunkte, von denen ein Mädchen wie Emma geblendet werden mußte. Aber sein gewählter Anzug ebenso wie die Schönheit der Gemälde schien unverträglich mit der Bescheidenheit des Mobiliars. Seine elegante Haltung und die gewählte Ausdrucksweise stand ebenfalls in schreiendem Widerspruch mit diesem Zimmer für dreihundert Franken jährlich, das im Erdgeschoß lag, nach der Straße hinaus, wie eine Portierswohnung. Er fragte seine Schützlinge, ob sie nichts nötig hätten. »Sie werden entschuldigen,« antwortete die dicke Agathe; »wir haben nötig, sofort abzuschieben, damit unser Herr die Geschichte nicht erfährt. Emma, bedanke dich bei dem jungen Manne; wir sind ihm eine dicke Weihkerze schuldig.« »Ich fühle mich reichlich belohnt,« erwiderte er lächelnd; »reden wir nicht weiter von einem Dienste, den ich mich fast schämen muß, Ihnen erwiesen zu haben. Wollte Gott doch, ich hätte jemand getötet, um dem Fräulein einen Gefallen zu thun!« »Das würde mir sehr leid thun,« entgegnete Emma auf der Thürschwelle, »während ich jetzt sehr glücklich über die Begegnung mit Ihnen fortgehe.« Er geleitete sie bis auf die Straße mit vielen nicht ungeschickten Verbeugungen, und als im Augenblick der Verabschiedung das junge Mädchen ihm ihre Danksagung zum letztenmal wiederholte, schaute er sie traurig an und sprach: »All das ist vielleicht ein großes Unglück für mich; denn ich besitze nichts mehr, was dazu gehört um Ihre Hand zu werben, und ich fühle es doch, daß ich Sie mein Lebenlang lieben werde.« Bei diesem plötzlichen, wie aus der Pistole geschossenen Geständnis erzitterte Emma sehr heftig. »Nehmen Sie sich in acht,« erwiderte sie davonstürzend; »Sie wären ein Kind des Todes!« Der Italiener folgte ihr mit den Augen bis ans Ende der Straße, ohne daß es ihm einfiel ihr nachzueilen. Er blieb eine Weile träumend und barhaupt in der Thür stehen, als ein Mensch, den es wenig kümmert, was die Leute dazu sagen. Bald erinnerte er sich, daß er ja weder Emmas Namen noch Wohnung kannte, und fing an zu laufen, aber zu spät. Nach einer Viertelstunde kam er zurück, fand sein Zimmer noch weit offen stehen und machte sich sofort daran drei Briefe zu schreiben, die ich hier wiedergeben will, weil sie seinen Gemütszustand getreu schildern. Man erlaube mir, in der Übersetzung die italienische Unbefangenheit beizubehalten. »An den hochedlen Herrn Grafen Marsoni, in seinem Palaste zu Bologna. Sehr geschätzter Freund! Seit deinem letzten sehr liebenswürdigen Briefe habe ich dir noch keine Zeile geschrieben, weil ich dir nichts zu melden hatte. Ich vegetierte eher als daß ich lebte, und die Geschichte einer Pflanze schreibt man nicht. Bin ich denn erst von heute an ein Mann, weil ich heute erst angefangen habe zu lieben? Ja, ich liebe! Das große Wort ist heraus, du kannst es allen Freunden mitteilen, ja, der ganzen Welt; ich wollte, daß die Kunde davon bis in den Himmel gelangte. Dein Meo, der unempfindlicher war, wenngleich nicht so tugendhaft als Hippolyt, dein Meo, den ihr immer schaltet, er habe das eiskalte Herz eines Engländers, er brennt lichterloh vor Liebe. Er hat die gewaltsame Erschütterung erlebt, welche die festgewurzelten Grundsätze und die ernstesten Entschlüsse umstürzt. Soll ich dir das Bild meiner Angebeteten zeichnen? Nein. Schau die Sonne an, wie sie zum erstenmal aus dem blonden Morgengewölk emporsteigt, und sei überzeugt, sie glänzt matter, als sie! Frage mich nicht, ob sie reich und adlig ist; ich glaube, sie gehört dem Mittelstande an, der hierzulande die intelligenteste, anständigste und in Wahrheit die erste Klasse bildet. Aber sollte sie auch die Tochter eines geringen Mannes sein, du weißt, daß ein Liebender an solchen Hindernissen keinen Anstoß nimmt. Aber es werden voraussichtlich andere um sie sein, auf die sie mich selber hingewiesen hat. ›Todesgefahr‹ sagte sie mir; vielleicht also ein Nebenbuhler! ... Nun, er mag kommen! ich werde ihm zeigen, was meine Freunde und ebensogut meine Feinde wissen, daß Feuer und Schwert Spielzeug sind für die Söhne des Hauses Miranda. Dieser Name, den ich nicht mehr das Recht habe zu führen, bringt mich auf die Geschäfte ... (ich sage nicht: ernste Geschäfte, denn Ernsteres als die Liebe giebt es nicht), aber auf die langweiligen Geschäfte. Sende mir doch die tausend Thaler zurück, die ich dir nach und nach in den letzten fünf Jahren geschickt habe, um im Verein mit meinen künftigen Ersparnissen, den Grundbesitz und den Titel der Miranda zurückzukaufen. Dieses Geld wird mir hier wahrscheinlich nötig sein, denn du begreifst wohl, daß der verliebte Meo sich nicht mehr mit Arbeiten schinden will. Lege dazu auch von dem deinigen, worüber du gegenwärtig eben verfügen kannst, aber vergiß nicht, daß ich vielleicht nie imstande sein werde, es zurückzuzahlen. Kurz also, hilf mir, daß ich glücklich werde; dies ist die einzige Seligkeit, wonach von jetzt an strebt dein treuer und ergebener Freund Bartolomeo Narni, der leider noch weit entfernt ist, wieder zu werden Graf von Miranda.« Der zweite Brief war adressiert an Herrn Silivergo, Direktor der französisch-italienischen Buchdruckerei in Paris. »Sehr geehrter Herr! Ich wäre der undankbarste und geringste Mensch, wenn ich je den edlen Eifer vergessen könnte, womit Sie mir Existenzmittel gewährt haben, als ich, der unbemittelte Verbannte, zum erstenmal an Ihre Thüre klopfte. Indem Sie mir trotz meiner eingestandenen Unerfahrenheit, den ehrenvollen und einträglichen Beruf eines Korrektors gaben, haben Sie mich buchstäblich vor dem Hungertode bewahrt. Glauben Sie also, verehrter Herr, wenn ich Sie ohne vorgängige Kündigung heute verlasse, wo meine Dienste Ihnen einigen Nutzen bringen, es geschieht nicht, um in schnöder Weise sich einer Schuld der Dankbarkeit zu entledigen, sondern nur, weil ich nicht mehr Herr meiner selbst bin, und weil eine meinen Willen lähmende Übermacht tyrannisch über mein Leben gebietet. Diese unwiderstehliche Macht, brauche ich sie Ihnen noch zu nennen? Man erreicht das ehrwürdige Alter nicht, in dem Sie stehen, teurer und vortrefflicher Herr, ohne wenigstens einmal die Übergewalt der Liebe zu empfinden. Ach, könnte ich Ihnen nur die göttliche kleine Hand zeigen, die ich so eben noch in der meinen halten durfte, Sie würden zu allererst mich zur Fahnenflucht auffordern und meinen Entschluß billigen, nunmehr ganz meiner Liebe zu leben. Ich weiß zwar, daß ich die Druckerei in große Verlegenheit setze und daß mein Austritt Ihnen einigen Geldverlust bringen wird in einem Augenblicke, wo Sie mit Arbeit überhäuft sind und alle Ihre Leute nötig haben; aber darf man denn das Geld in die Wagschale werfen, wo es sich um ein Lebensglück handelt? Übrigens würde auch das Geschäft von mir notwendig nachlässig betrieben werden, Ihnen also mehr Nachteil als Nutzen bringen. Setzen Sie sich an die Stelle eines Menschen, der nie geliebt hat und jetzt zum erstenmal Liebe empfindet; wie könnte der sich wohl mit etwas anderem ernsthaft befassen, als mit seiner Liebe? Genehmigen Sie also, lieber Herr, meine Entlassung aus dem Amte, das Sie mir so gütig angeboten hatten, und seien Sie versichert der ewigen Erkenntlichkeit Ihres sehr ergebenen B. Narni.«         Diese beiden Briefe schrieb er ohne Zögern und ohne Verlegenheit um das richtige Wort, indem er seine Feder dem freien Laufe seiner Gefühle folgen ließ. Ebensowenig aber zögerte er, die folgende moralische Seltsamkeit vom Stapel zu lassen. »An die hochberühmte Signora Aurelia, Chorführerin in der Kaiserlich Italienischen Oper in Paris. Meine allerliebste Aurelia, erinnerst du dich, daß du mir oft vorgeworfen hast, ich sei so kalt wie Schnee und kenne nicht den wahren Enthusiasmus der Liebe? Und doch glaubte ich dich zu lieben und litt unter deiner Ungläubigkeit so sehr, daß ich, um dich zu überzeugen, die leidenschaftlichsten Ausdrücke brauchte, deren die Dichter sich zur Schilderung der Liebe bedient haben. Heute aber fühle ich endlich, daß du recht hattest dich zu beklagen, denn ich habe etwas ganz Neues und Unbekanntes empfunden, was ich in meinem ganzen jungen Leben nicht einmal geahnt hatte! Ich glühe und ich friere, mein Herz pocht ganz rasend und steht plötzlich still; ich fühle mich zugleich kühn wie ein Löwe und schüchtern wie ein Lamm; kurz, ich bin ein völlig anderer Mensch geworden. Du würdest diesen Irrsinn begreifen, wenn du nur die Anstifterin gesehen hättest. O, wie ist sie schön! wie klar sind ihre Augen! wie sanft ist ihre Stimme! Ihr ganzes Wesen ist durchdrungen von Unschuld und Kindlichkeit; sie ist ein Engel. Von jetzt an ist mein Leben in ihre Hand gegeben; denn falls es mir nicht gelingt, sie zur Frau zu bekommen, werde ich eher in den Tod gehen, als sie mit einem andern verbunden sehen. Da bin ich also der beglückteste und der unglücklichste Mensch zugleich! Ich werde dir meine Freuden und Leiden erzählen; denn können wir nicht gute Freunde bleiben? Liebst du mich wahrhaft, wie du mir gesagt hast und ich es dir glaube, so wird dir eine Sache nicht gleichgültig sein, die jetzt das einzige Ziel meiner Gedanken ausmacht. Ich will dir von ihr erzählen und du sollst mich in meinem Kummer trösten, in Gefahren mich beraten, und wo es nötig ist, mir beistehen; diese Rolle ist würdig deines Herzens. Und zum Entgelt kannst du rechnen auf die ehrliche Freundschaft und unerschütterliche Ergebenheit deines herzlich teilnehmenden Meo.«         Der Mann, der hier mit dem naiven Egoismus und der mitleidlosen Aufrichtigkeit eines Kindes sein Inneres enthüllte, ist einer der edelsten und mutigsten Männer des jungen Italiens. Bartolomeo, oder im vertrauten Umgange Meo Narni, Bürger der berühmten Stadt Bologna, ist der letzte Sproß einer Familie, uralt wie die Caetani und die Pepoli. Im Festsaale ihres alten Palastes hat Annibale Caracci die heiligen drei Könige gemalt, knieend vor dem Wappen der Miranda (einem goldnen Sterne im blauen Felde) mit der stolzen Inschrift: Miranda regibus. Die Inschrift ist mehrdeutig, mit Absicht. »Bewundernswert für Könige« ist der Stern, der die Magier leitet; aber auch die Familie Miranda, welche diesen Stern im Wappen führt. Anmerk. des Übers. Die reinen Einkünfte dieses vornehmen Hauses beliefen sich noch vor zehn Jahren auf sieben- oder achttausend römische Thaler (Scudi = 4 Mark 50 Pfennige) und Meo, ein stattlicher und auf den besten Schulen in Piemont erzogener Jüngling, war angesehen und beliebt bei seinen Mitbürgern. Der Glanz seines Namens, sein edelmütiger Sinn, die Redefülle, womit er den Ideen der Neuzeit Ausdruck gab, das alles warb für ihn trotz seiner großen Jugend die Stimmen der Bologneser und man wählte ihn zum Vertreter in jene erste Versammlung, die Rossi zu seinem Unglück berufen hatte. Er war noch Deputierter unter der römischen Republik, und die Ehre der Volksvertretung kostete ihm all sein Gut. Übrigens gab er dasselbe mit allen Ehren hin, wie die alten Römer, indem er den Armen Brot und Kleider austeilte. Denn das Elend war groß, da die Fremden, die den kleinen Leuten in Rom zu verdienen geben, Italien wie die Pest flohen; das bare Geld war so knapp, daß die Regierung Achtsoustücke im wahren Werte von zwei Centimen ausprägte. Des armen Meo 40 000 Franken Rente war da nur ein Tropfen auf den heißen Stein; sein großmütiger Streich aber machte ihn verhaßt bei den Konservativen, verdächtig beim Triumvirat, in den Augen der Mehrzahl lächerlich, und nur bei einigen armen Teufeln beliebt. Indessen er war seiner Neigung gefolgt, was bei einem Italiener viel heißen will. Als die Franzosen gegen Rom anrückten, bewies er auf der Rednerbühne mit großer Beredsamkeit, daß ein Widerstand unmöglich sei; aber nachdem sein Antrag verworfen war, schlug er sich wie ein Mann, der nichts zu verlieren hat. Nach Einnahme der Stadt wurde er dem französischen General als Plünderer der Paläste und Kirchen bezeichnet und daraufhin vor ein Kriegsgericht gestellt. Auf der Bank der Angeklagten aber dachte er nicht an seine Verteidigung, sondern hielt eine herrliche Rede über die Zukunft Italiens. Er hatte ganz vergessen, sich Entlastungszeugen zu schaffen. »Ich habe sie nicht nötig,« sagte er; »die Belastungszeugen genügen mir schon.« Unsere Offiziere sprachen mit Glanz den Enthusiasten frei, der einen solchen Duft von Ritterlichkeit ausströmte. Indessen, da nicht alle Welt ihm seine Streiche verziehen hatte, so liquidierte er und ging in die Verbannung. Die Abwicklung der Geschäfte nahm nicht lange Zeit in Anspruch. Seine sämtlichen Gläubiger teilten sich einfach in seine Habe. Ein Kornwucherer, Namens Giacomo Filippo, ließ sich um den Preis von 80 000 Franken das Stammgut der Miranda und den Grafentitel zuschlagen. Nur bei diesem letzten Posten vergaß der unbesonnene Jüngling nicht, sich das Recht des Rückkaufes vorzubehalten; nicht weil das Gut zweimal so viel wert war, sondern weil daran der Titel hing. Nach Rechnungsabschluß fand er sich fast so nackt und bloß wie der heilige Johannes. Mit diesem einzigen Unterpfande in der Tasche, schiffte er sich nach Frankreich ein, wo er niemand kannte, und verbrachte seine schönen Jugendjahre damit, auf dem Pflaster von Paris sauer sein Brot zu erwerben. Im Jahre 1852 verschaffte ihm ein ehrlicher Buchdrucker einen Lebensunterhalt, als die Bilder seiner Ahnen seinen letzten Besitz ausmachten. Dank dem vortrefflichen Papa Silivergo wurden vierundzwanzig Generationen der Miranda vor dem Trödler bewahrt auf ebenso wunderbare Weise, wie Moses aus dem Nil gerettet ward. Das weitere wissen wir ja schon. Erstaunlich ist aber, daß ein junger Mann, der kaum dreitausend Franken jährlich verdiente, davon in fünf Jahren mehr als fünftausend Franken übersparen konnte. Freilich üben die Italiener, groß und klein, wenn es sein muß, eine heroische Genügsamkeit. Diese Maccaroniesser und Salatliebhaber besitzen von Natur eine Enthaltsamkeit in der Ernährung, die ihnen Reichtum und Unabhängigkeit verbürgt. Wehe dem Menschen, der viele Bedürfnisse hat! Der vornehme Meo, der auch üppig gelebt hatte wie andere, gewöhnte sich rasch, bescheiden Haus zu halten. Er nahm seine Mahlzeiten in einem weltverlornen Winkel ein; aber er war beständig gekleidet wie ein vornehmer Herr, er trank von Zeit zu Zeit eine Tasse Kaffee bei Tortoni und hatte immer einige Scheidemünzen für die Armen, die er nicht anders mochte von sich gehen lassen. IV. Träume der Unschuld Wenn ein Mann im liebefähigen Alter, will sagen vom fünfzehnten bis zum fünfundsiebzigsten Jahre, im Theater oder beim Tanze eine Frau getroffen hat, die ihm gefällt, so trägt er im innersten Herzen einen kleinen Vorrat von Glück davon, der nicht in einem einzigen Tage aufgebraucht wird. Eine ganze Woche hindurch und oftmals länger empfindet man einen gewissen Nachgeschmack der Wonne; man sieht die Welt mit wohlwollenderem Auge an, man findet zu den gleichgültigsten Dingen eine unbestimmte zärtliche Hinneigung. Dieser Zustand behaglicher Zufriedenheit dauert länger, besonders bei träumerischen Naturen, und am längsten kosten dieses Glück die verschlossenen und schmachtenden Herzen, welche einen Monat brauchen, um den Duft einer Rose auszukosten. Diese lassen sich mühelos von einer süßen und melancholischen Hoffnung wiegen, im Zauberspiegel ihres Gedächtnisses betrachten sie das ihnen zulächelnde Bild; sie lullen sich ein und verschließen die Augen vor der grellen Wirklichkeit, um bequemer von dem Gegenstande ihrer Liebe zu träumen. Aber das Bild, das wir so zärtlich in die Tiefe unseres Herzens eingeschlossen hatten, dieses so klare und so fest gezeichnete Bild verändert sich nach wenig Tagen. Es umsäumt sich mit verschwimmenden Farben, und die Umrisse verschieben sich, die Phantasie trägt launenhafte Züge hinein. Bald ist es so unbestimmt und in Nebel gehüllt, wie der Schatten eines Fischers, den man am frühen Morgen fern im Nebel der Wiesen sitzen sieht. Ein geheimer Instinkt sagt uns, daß es ganz zergehen wird, und vergebens suchen wir es mit den Händen festzuhalten, sowie Odysseus in der Unterwelt den unfaßbaren Körper seiner alten Freunde zu umarmen strebte. Endlich erlischt es ganz, wofern nicht eine glückliche Begegnung uns das Original des schwindenden Bildnisses wieder vor die Augen führt. Auf solche Weise hätte Meo beinahe das Bild der schönen Emma gänzlich eingebüßt. Einen vollen Monat lang gab er sich gemächlich dem alles ausfüllenden Glückstraum der Liebe hin. Er zweifelte nicht, daß Emma ziemlich in seiner Nähe wohne, und wartete auf eine Gelegenheit sie wieder zu sehen, ohne indessen danach umher zu laufen; man konnte sagen, er scheute sich, den Zufall erzwingen zu wollen. So oft er bei geschlossenen Augen den hübschen blonden Kopf des Mädchens wieder vor sich sah, fühlte er die Halsadern schwellen, genau als ob Amor ihn an der Kehle gepackt hätte; er erzählte von seiner Leidenschaft aller Welt und schüttete sein übervolles Herz aus vor Gleichgültigen und Unbekannten; aber er empfand kein Bedürfnis, vor Emma selber seine Erklärung zu wiederholen. Wenn ihm jemand gesagt hätte: Du wirst sie nie wiedersehen! so hätte ihn das wohl tödlich geschmerzt, indessen wünsche er nicht, ihr sofort wieder zu begegnen. Seine Liebe war mehr ein passives Gefühl, sowie man sich warm oder kalt fühlt. Seine Willensstärke erwachte erst, wenn er sich an die Gefahren erinnerte, auf die ihn Emma hingewiesen hatte. Er glaubte einen Nebenbuhler zu haben, und in dieser Meinung fühlte er einen scharfen Dolch bei sich. Er war sicher ein hochcivilisierter Mensch, aber über das Wegräumen solcher Hindernisse dachte er ganz italienisch. Hätte man ihm seinen Rivalen auf der Straße gezeigt, so hätte er es ganz natürlich gefunden, ihn sofort nieder zu stoßen, nicht aus Eifersucht oder aus beleidigter Eitelkeit, sondern um den Rivalen los zu werden. Mitten in diesen Ideen befangen, bemerkte er eines Tages, daß das Bild der schönen Unbekannten nicht mehr so deutlich in seinem Gedächtnis war. Diese Wandlung machte ihn stutzig. Er schloß die Augen, um innerlich besser zu sehen; aber die Züge des reizenden Gesichts fingen an so unsicher zu schwanken, wie der Wiederschein einer Burg in der raschen Strömung des Rheins. Die Farben waren zwar noch ebenso lebhaft, aber die Zeichnung glitt hin und her. All seine Anstrengung, das Bild festzuhalten, diente nur, es immer mehr auszulöschen, er kam sich vor wie ein Ungeschickter, der ein Pastellbild, um es deutlicher zu sehen, säuberlich mit dem Ärmel abwischt. Nun ergriff ihn eine wahre Verzweiflung, er beweinte sein Phantasiebild so bitterlich, als ob es schon tot wäre, weil es ja krank und blaß ward. Aber zu gleicher Zeit spannte er alle Federn seiner Willenskraft an und fing an die Straßen zu durchstreifen, wie ein Gehölz, um Emma zu entdecken. Fräulein Bitterlin dagegen hatte im Grunde des Herzens nur ein kleines Andenken mitgenommen, schwächlich und winzig, wie ein unterm Thorweg aufgerafftes Findelkind, das sie heimlich nährte. Zu Hause angelangt nach dem großen Abenteuer ihres jungen Lebens, war ihr einziges Gefühl die Furcht. Sie hatte Angst, die Augen des Hauptmanns möchten in ihrer Seele lesen, und thatsächlich war ihr offnes Gesicht durchsichtig wie Krystall. Der Tag schien ihr gar kein Ende zu nehmen, weil sie ihn in hunderterlei kleine Geschäfte zerpflückte. Sie bewegte sich mehr hin und her als gewöhnlich, blieb nicht an einem Platze sitzen, sondern war wie ein Vogel, der von Ast zu Ast hüpft. Sie sang nicht mit ihrer natürlichen Stimme; der sanfte und markige Ton bekam eine gewisse Heftigkeit und einen Metallklang. Sie wagte weder ihrem Vater noch ihrer Mitschuldigen, Agathe, in die Augen zu sehen; sie hütete sich sogar, in des Vaters Gegenwart über den Vorfall des Morgens nachzudenken, so sehr fürchtete sie die hergebrachte Frage des Hauptmanns: »Woran denkst du?« Ihr Herz glich einem Versteck, worin man einen gestohlenen Schatz geborgen hat; man wagt selber nicht hinzublicken, aus Furcht, man möge die Augen der Obrigkeit dahin lenken. Ihr Vater führte sie in den Botanischen Garten. Sie war lange nicht dort gewesen und unterdessen war der Frühling eingezogen. Die Luft war lau und die frühen Blüten der Bäume dufteten lieblich. Bitterlin ärgerte sich über den Schmutz, über die Buben, die ihre Reifen ihm zwischen die Beine trieben, über den faden Fliedergeruch, der ihm Kopfweh machte. Die Tochter atmete mit Wonne diese feinen Dünste, die das junge Jahr durchduften, sie schritt auf dem weichen Boden dahin, wie auf einem wolligen Teppich; sie betrachtete mit Vergnügen die Kinder, die Konfekt mit vollen Backen schmausten. Der Eisbär wiegte seinen Kopf am Rande des schmutzigen und stinkenden Gewässers; aber sie ward angezogen von der Melancholie dieses Verbannten und fand seinen Gesichtsausdruck sympathisch. Allein die kleine Schwätzerin, die sonst ganz laut dachte, vergaß diesmal ihre Gedanken Papa mitzuteilen. Noch tags zuvor schleuderte sie alles was sie dachte hin, wie die Verschwender, die mit aller Welt teilen und nichts für sich behalten. Aber wenn man nur erst ein wenig beiseite gelegt hat, schlägt man den Weg der Sparsamkeit ein. Endlich ward es Abend! Nach der schweigsamen Mahlzeit und einem noch mehr als gewöhnlich langweiligen Abend konnte Emma, allein im verschlossenen Zimmer, sich auskleiden; fröstelnd schlüpfte sie in ihr blaues Bettchen, blies das Licht aus und sagte beinahe ganz laut: »Nun bin ich daheim!« Und dann stieg sie vorsichtig tastend in die innerste Tiefe ihres Herzens hinab und verscheuchte neugierig die leichten Wölkchen, die die Heiterkeit ihres Bewußtseins trübten. Nun erschienen alle Gedanken, die sie seit dem Morgen zurückgedrängt hatte, auf einmal wieder, und sie wußte bei dem stürmischen Andrang nicht, wem sie Gehör geben sollte. Die großen Herrn und Damen, Agathens bestürztes Gesicht, der schöne junge Mann, die bösen Gymnasiasten, Vater Bitterlin und der weiße Bär; alle auf einmal! Sie hatte nie mit so vielen Leuten zugleich zu thun gehabt. Allmählich traten die Nebenpersonen zurück und der Mann aus der Katharinenstraße erschien allein, in voller Beleuchtung, wie mit einem Heiligenschein umgeben, der das ganze Gemälde überstrahlt. Emma war sich noch nicht ganz klar darüber, ob er schön wäre und ob eine Frau stolz sein konnte, an seinem Arm auf der Straße zu schreiten. Sie hatte ihn aber glänzend gefunden und war noch halbwegs davon geblendet, aber mehr wußte sie nicht. Das gute Mädchen war keine Weltdame; sie hatte noch nicht den Blick jener erfahrenen Jungfrauen, die einen Mann ausmessen und im einzelnen taxieren, seine Stärke und seine Schwäche notieren und imstande wären, sein Signalement zu schreiben, ohne einen Blick auf ihn zu werfen oder auch nur die Augen von ihrer Stickerei abzuwenden. Dieses Talent erfordert, ebenso wie beim Sportsmann, der mit Sicherheit wettet, eine Reihe vergleichender Studien; man erwirbt es nicht, ohne einige Jahre sich auf dem Rennplatz bei der Wage umhergetrieben zu haben. Aber Emma hatte keinen einzigen Ball mitgemacht; sie hatte diese Ballpferde nicht rennen sehen, die bei Callarius trainiert werden und die erst heiraten, wenn sie überreif sind. Sie hätte also nicht sagen können, ob er einen schlanken Wuchs hatte, einen schönen Haaransatz, schön geschnittene Augen und wohlgewachsene Beine. Sie war so wenig erzogen, daß sie nicht einmal ahnte, was wir unter einem hübschen Manne verstehen. Sie wußte überhaupt von dem Männergeschlecht nur so viel, daß man ihm auf der Straße ausweichen muß. Aber ihr fiel ein, daß der Unbekannte jung und arm war, brav und achtbar, gutmütig und traurig. Sie war ihm dankbar, daß er sie beschützt hatte und ihr nicht nachgegangen war. Aber vor allem erinnerte sie sich an sein Wort, das so urplötzlich ihr Herz ergriffen hatte: »Ich werde Sie mein Leben lang lieb haben!« Diese Wendung klang von selbst in Emmas Ohren wieder und tönte beharrlich fort, immer stürmischer und süßer, wie sehr sie sich auch Mühe gab, sie zu verscheuchen. Ein unsichtbares Orchester spielte unendliche Variationen über dieses monotone und doch reizende Thema. Er ist närrisch, dachte sie; man verliebt sich doch nicht so beim ersten Anblick. Sicher hat er nur einen Scherz machen wollen. Freilich sah der arme Junge eher aus, als ob er weinen müßte. Aber es wäre ja ein Unglück für ihn, wenn er sich wirklich in mich verliebte! Papa würde es ihm nie vergeben... Überdies bin ich ja nicht verliebt. Allerdings hasse ich ihn auch nicht; ich darf ja nicht undankbar sein. Glücklicherweise weiß er nicht, wer ich bin, wo ich wohne; er kann mir also nicht den Hof machen und Papa wird ihm nicht den Kopf abschneiden. Papa ist doch ein seltsames Wesen! Er ist gar nicht so wie andere Männer, das sieht man doch!... Nun, immerhin ist es hübsch zu wissen, daß es in Paris einen Mann giebt, der mich sein Leben lang lieb haben wird!« – Sie drückte selig ihr Köpfchen ins Kissen und sprach vor sich hin: sein Leben lang! Und mit geschlossenen Augen liebkoste sie ihr süßes Hirngespinst, wie die kleinen Mädchen oft mit der Puppe im Arm einschlafen. Andern Tags und an den folgenden Tagen saß sie am Fenster nicht ohne einige Unruhe; jedesmal, wenn sie am Arme des Vaters ausging, wandte sie von Zeit zu Zeit den Kopf; sie fürchtete, der arme Narr von der Katharinenstraße möchte sich selber dem Zorne Vater Bitterlins aussetzen. Als niemand sich zeigte, beruhigte sie sich allmählich, aber nicht ohne einiges Erstaunen. Alle Männer glichen von ferne gesehen dem schönen Unbekannten. Eines Tages ging sie mit ihrem Vater vor seinem Hause vorbei. Das Fenster stand offen, sie blickte hinein und sah nur die Bilder. »Dies ist doch das Haus,« dachte sie; »womit ist er denn beschäftigt? Ich wette hundert gegen eins, daß er gar nicht an mich denkt. Nun, auch gut!« Wir meinen doch, daß sie sich in die Lippen biß bei dem: auch gut! Hätte sie nun mitten in den Zerstreuungen ihres Alters gelebt, kein Zweifel, sie hätte in acht Tagen einen Fremdling vergessen, der ohne Bedeutung für sie war. Aber die Vereinsamung und Abschließung ist für ein junges Mädchen gefährlich, besonders wenn eine Erinnerung in ihr lebt. Eines Tages sagte ihr Vater, als sie so träumerisch aussah: »Was fehlt dir denn?« »Nichts; warum?« »Du lachst nicht mehr; langweilst du dich?« »Nein, Papa; ich unterhalte mich innerlich.« Sie öffnete ihr Herz niemand, auch nicht der dicken Agathe. Ihr Phantasiespiel kam ihr zu lächerlich vor, als daß sie es hätte erzählen mögen. Sie vermied selbst, mit dem guten Mädchen zu schwatzen; als ob Agathe nicht längst die Geschichte von der Katharinenstraße vergessen hätte! Eines Morgens, als der Hauptmann sie verlassen hatte, sprach Agathe: »Fräulein!« »Schweig!« antwortete sie und hielt ihr den Mund zu. »Ich verbiete dir, davon zu reden.« »Ja, wovon denn?« »Von dem, was du sagen wolltest.« »Ich soll nicht davon reden, daß der Rost in meinem Backofen durchgebrannt ist? Ich muß doch einen neuen haben; damit werden wir Kohlen sparen.« Emma blieb trotzdem überzeugt, daß die Magd hätte ein vertrautes Gespräch einleiten wollen, und wunderte sich, daß sie selbst ihr Geheimnis gehütet hatte. Einen Monat später brach sie aber freiwillig das tiefe Schweigen. Sie ging zur Kirche in Begleitung Agathens; denn Vater Bitterlin ging sonst überall mit, nur dahin nicht. Der gute Mann schmollte mit dem Himmel ebenso wie mit der Erde. Emma blieb plötzlich stehen, blickte der Magd scharf in die Augen und sprach: »Du hast also kein Vertrauen mehr zu mir? Warum redest du nicht von unserm Liebhaber?« »Welchem Liebhaber?« sagte Agathe. »Nun, unserm Beschützer mit dem schwarzen Bart, der gelobt hat, mich sein Leben lang zu lieben.« »Daran denkst du noch?« »O nein, so wenig wie er an mich denkt! Aber sag' doch, Agathe, warum haben die Männer ihre Lust daran, uns Dinge zu versprechen, die sie gleich darauf wieder vergessen? Was haben sie denn davon? Wen hoffen sie damit zu betrügen?« »Ich weiß nicht,« antwortete Agathe; »mir hat man nie so etwas vorgesprochen. Aber ich begreife wohl, daß sich ein Mann in dich sterblich verliebt; da weiß er wohl, warum!« »O, die Erlaubnis gebe ich ihnen allen, wenn sie nicht aufdringlicher sind als der erste!« »Also wirklich, denkst du noch an ihn?« »Ich würde ihn nicht auf der Straße erkennen, wenn er mir begegnete.« Kaum hatte sie diese Worte gesagt, als alles Herzblut ihr Gesicht mit Purpur übergoß, wie um sie Lügen zu strafen; eben hatte sie Meo auf den Stufen des Eingangs der Paulskirche bemerkt. »Endlich!« dachte sie bei sich. Augenscheinlich suchte er sie, aber er sah sie noch nicht. Frauen haben einen durchdringenderen Blick als wir Männer, und so oft unsere Blicke sich kreuzen, wird der Mann immer zuerst getroffen. Emma benutzte ihren Vorteil, um das schöne Gesicht, das in ihrem Gedächtnis schon zu zerfließen begann, aufmerksam zu studieren, Sie fand es weniger rosig, aber interessanter als am ersten Tage. Doch plötzlich belebte es sich mit Farben, die Augen glänzten auf; man hatte sich gegenseitig erkannt. Der Unbekannte grüßte lebhaft und mit so strahlender Freude, daß Emma fürchtete, er möchte durch die Menge auf sie zueilen. Sie riß die dicke Agathe mit sich fort und stürzte in die Kirche wie ans rettende Ufer, während Meo, zu erregt, um einen Schritt zu thun, wie angenagelt auf seinem Platze blieb. Die beiden Mädchen sanken nieder auf ihren Stühlen; die hinkende war ganz außer Atem. »Was fiel dir denn plötzlich ein?« sagte sie zu ihrem Fräulein. »Du hast ihn nicht gesehen? Er stand an der Kirchenthür. Er verfolgt uns.« »Wer?« »Er, sage ich doch. Es giebt doch keine zwei. Wie schwerfällig bist du!« »Ah, ich verstehe,« antwortete Agathe, die absolut nichts verstanden hatte. Emma las ihre Messe mit ungewöhnlicher Inbrunst, Sie war keine Betschwester, sondern hatte nur dasjenige Maß von Frömmigkeit, welches man in guten Pensionaten erwirbt; aber schwache Seelen flüchten beim geringsten Anschein von Gefahr in das Gebet. Wenn meine Leser gesehen hätten, wie sie die Lippen bewegte, die Augen schloß und ihren Kopf in einer Art halber Verzückung zurückwarf, sie würden sicherlich davon erbaut gewesen sein. Während sie halblaut einen Satz des lateinischen Teiles murmelte, glänzten zwei Thränen der Rührung an ihren langen Wimpern. Köstliche Thränen, die aber die Engel nicht aufschöpften, sondern zur Erde rollen ließen, offenbar, weil sie nicht für den Himmel geflossen waren. Alles ging gut, bis die Evangelien gelesen wurden. Da, beim ersten Verse, wurde das Mädchen von einem unbekannten Unbehagen ergriffen, das doch zugleich wohlthuend war. Das Lesen wurde ihr so schwer, als wenn ein Sonnenstrahl auf den Blättern ihres Gebetbuches herumgetanzt hätte. Sie fühlte sich geneckt von allerlei Kobolden der Liebe. Da ist einer, der in die geschlossenen Augenlider das Bild einer abwesenden Person hineinschiebt, ein andrer springt an unsern Ohren umher und flüstert immer denselben Namen; dieser da zwingt uns den Kopf nach einem umzuwenden, den wir nicht mehr sehen wollen; jener läßt den Verliebten in dem Park sich verirren und führt ihn wider Willen an die Thür zurück, die er abgeschworen hat; noch ein anderer kitzelt unsere Nase mit einer unsichtbaren Flaumfeder, die den Duft angebeteter Haarlocken ausströmt; und der schlimmste von allen schreibt mit unserer Hand die Eidschwüre auf, vor denen die Vorsicht uns warnte. Emma wurde von allen Seiten von dieser schwärmenden Menge bestürmt, und wußte nicht aus noch ein. Wie sehr sie sich auch Mühe gab, sich innerlich zu sammeln, eine geheime Erregung trieb sie in die Wirklichkeit zurück. Manchmal kam es ihr vor, als ob ein Schwarm geflügelter Kobolde sich in ihr Gehirn einschliche, wie in ein Zimmer, um alles Hausgerät aus dem Fenster zu werfen. Um keinen Preis hätte sie den Kopf umgewendet; so sehr fürchtete sie, den Fremden plötzlich sich gegenüber zu sehen. Aber sie hob ihre Augen auf und da bemerkte sie, wie Meo, hinter einem Pfeiler versteckt, sie ganz hingegeben anstaunte. In einigen Darstellungen der Himmelfahrt Mariä aus der spanischen Schule sieht man eine Gruppe von Apostelschülern, die auf den Knieen liegend dem Wunder beiwohnen. Die himmlische Verzückung dieser gläubigen Seelen hat niemand besser als Murillo wiedergegeben. Die Glaubensinnigkeit spricht aus ihren Augen; ihre gebräunten Gesichter scheinen innerlich verzehrt durch das mystische Feuer der göttlichen Liebe. So stand Meo Narni vor der Tochter des Hauptmanns da: er war in Anbetung versunken. Ein Mädchen hätte müssen sehr wenig Geist besitzen, wenn sie sich durch diese Andacht verletzt gefühlt hätte. Fräulein Bitterlin betrachtete mehrmals sehr wohlwollend den Mann, der ihr eine so zarte Huldigung darbrachte. Beim Austritt aus der Kirche sah sie ihn nochmals und erwiderte unbedenklich seinen Gruß, den er ihr mit dem Hute von fern zusandte. Jeden Sonntag fand sie ihn nun am selben Platze wieder. Zuweilen bemerkte sie ihn auch vor ihren Fenstern an der Ecke der Königstraße; er ging wie ein Mann in Geschäften vorüber, und Bitterlin sogar hätte nicht erraten, welches wichtige Geschäft ihn herbeiführte. Die erste Frucht dieser Begegnungen war, daß die jungen Leute sich während der ganzen Woche miteinander beschäftigten; und da alle beide geliebt zu werden verdienten, so dauerte es nicht lange, bis sie sich zusammengefunden hatten. Die Wachsamkeit des Hauptmanns und ihre eigene Schüchternheit hielten sie in weiser Entfernung voneinander; aber wenn ihre Blicke sich begegneten, war es, als ob sie sich küßten. O, diese Herzensunschuld! ... Ich hörte einst eine geistreiche Frau aus der Dauphinée sagen, die Liebe nähre sich wie die Seidenwürmer. Ein kleines recht zartes Blatt vom Maulbeerbaum genügt völlig ihrem Appetit, so lange sie jung sind; aber sobald sie größer werden, verschlingen sie sogar die Balken auf dem Futterspeicher. Emma fragte eines Tages ihren Vater, als er beinahe gutgelaunt war: »Liebes Papachen, werden wir nun immer so fort leben?« Der Alte schnitt ein Gesicht und antwortete in süßsaurem Tone: »Mein liebes Töchterchen, wir werden nicht immer leben, da wir bekanntlich nicht ewig sind. Nur Geduld, mein Kind! Eines schönen Morgens wird der Totenbeschauer dir deinen Papa, den alten Scherben, schon abholen.« Emma weinte sieben Tage und sieben Nächte, wie Jephthas Tochter, und ihr Vater gab sich nicht einmal die Mühe, darauf zu achten. – Aber er schalt die dicke Agathe und erklärte ihr, er würde sie vor die Thüre setzen, wenn sie fortführe, dem Fräulein Ideen in den Kopf zu setzen. »Jesus mein Gott, ist das möglich!« schrie das arme Geschöpf. »Ideen! Ich weiß ja nicht einmal, was das ist!« V. Die Plakate Meo hatte keinen Freund und keinen Pfennig Geld, und dennoch war er der allerglücklichste Mensch. Sein alter Brotherr Silivergo hatte ihm kurzweg geantwortet: »Sie sind ein undankbarer Mensch; Undankbarkeit ist das schlimmste Laster; in der guten alten Zeit bestraften es die Ägypter mit dem Tode. Ich hoffe, daß Sie eines Tages mich brauchen werden, und freue mich schon darauf, Ihnen dann die Thüre vor der Nase zuzuschlagen. Sollten Sie jemals das Bedürfnis oder die Lust empfinden wieder zu arbeiten, dann suchen Sie wo anders als an meiner Thür. Bei dieser Gelegenheit habe ich das Gelübde gethan, nie wieder jemanden Wohlthaten zu erweisen. Ich werde keinem Unglücklichen mehr helfen, so sehr er es auch zu verdienen scheint; und daran sind Sie allein schuld.« Selbigen Tages war die stolze Aurelia, eine Römerin von Geburt, in einer Droschke in der Katharinenstraße angefahren. Wie eine Lawine stürzte sie sich auf Nummer 4, aber ihr früherer Freund war nicht zu Hause und sie hatte nicht den Trost, ihm die Augen auszukratzen. Nun schoß sie in das Pförtnerzimmer und erzählte ihren Kummer dem Portier und seiner Frau, die sie zum erstenmal sah; die guten Leute mußten ihr Mittagessen unterbrechen, um ihre Beschwerden anzuhören. Sie warf sich in einen Stuhl mit ganz italienischer Vertraulichkeit, nannte den Portier: »lieber Freund« und seine Frau: »meine Liebe;« hin und wieder duzte sie sie auch. Sie zeigte ihnen ihr zerrissenes Herz, ihr verödetes Leben, ihre vernichtete Hoffnung, ihre erloschene Sonne. Und während sie so jammerte, suchte sie in der Salatschüssel die schönsten Cichorienblätter und nahm sie mit den Fingern heraus, ohne ihre Pagodenärmel aufzuheben. Beim Anblick eines so tiefen Schmerzes und eines so unfranzösischen Benehmens mußten die beiden Alten zugleich lachen und weinen. Aurelia nahm keinen Anstand, sie als Gesandte bei Meo zu bevollmächtigen; sie trug ihnen auf, ihm zu sagen, jetzt wäre nun alles vorbei, auch die Freundschaft; sie habe kein Verlangen, seine Vertraute zu spielen, und sollte er wagen, sich vor ihr blicken zu lassen, so würde sie ihm die Augen auskratzen. Sie wies ihnen sogar ein großes Küchenmesser, das sie für diesen Zweck gekauft hatte; denn sie nahm ihre Worte buchstäblich und wußte nichts von den Feinheiten der französischen Sprache. Drei Wochen später schrieb der Pylades unseres Meo aus Bologna folgenden Brief: »Mein teurer und sehr geehrter Freund! Es ist gewiß wahr, daß die Liebe uns über alles andere tröstet; diese süße Erfahrung mache ich täglich. Vergebens bemüht sich das grausame Schicksal mich zu verfolgen; die Zuneigung meiner kleinen Marquise versüßt mir das Leben mehr, als daß leidige Geschäfte es mir verbittern könnten. Die beiden letzten Ernten waren so schlecht, daß meine Pächter Geld von mir leihen wollen, anstatt mir etwas zu bringen. Mein Familienprozeß schleppt sich noch immer in der dritten Instanz hin. Ich habe elf günstige Bescheide erhalten und unsere Gegner haben nur zehn dagegen. Wenn ihre Appellation nicht schließlich von der Rota Dem obersten Gerichtshofe im päpstlichen Rom. angenommen wird, so habe ich gewonnen, vorausgesetzt, daß die päpstliche Geheimkanzlei das Urteil nicht umstürzt. Die einundzwanzig Bescheide der Rota, die teils für, teils gegen uns ausfielen, haben mich jede tausend Scudi gekostet; der Prozeß wird mich also auf 112 850 Franken zu stehen kommen, wenn ich gewinne; verliere ich ihn aber, so sind wir ruiniert. Doch was macht Reichtum oder Armut aus für ein wahrhaft glückliches Herz? Seit fünfzehn Jahren hat kein Wölkchen den heiteren Himmel unseres Liebesglücks getrübt. Die Eifersucht des Marquis sucht vergebens täglich unsere Pläne zu durchkreuzen; wir finden die Mittel uns alle Tage öffentlich und oft auch insgeheim zu sehen. Dieser Mann würde die arme Hersilia an seinen Krankenstuhl schmieden, wenn er es könnte; du weißt, er hat ihr nie die Zügel locker gelassen. Seine Krüppelhaftigkeit dient ihm als Vorwand, sie im Hause festzuhalten; das traurigste ist, daß man das Ende der Krankheit nicht absieht; wir können alle vor ihm begraben werden. Hersilia pflegt ihn mit heroischer Hingebung! Wie viele Frauen würden an ihrer Stelle eher mithelfen, ein Ende zu machen! Ich habe immer Zutritt zu dem Hause, obgleich der Hausherr im stillen auf mich erbost ist. Es kommt oft vor, daß in seinem Beisein, dicht neben seinem Lehnsessel Hersilia durch einen Blick, einen Händedruck mich mit Glück sättigt für den ganzen Tag. In dem heimlichen Kriegszustande, in dem ich mich auf seinem Gebiete befinde, habe ich auf meiner Seite Hersilia, seine Leute und die ganze Stadt; während sein einziger Verbündeter sein großer Lümmel von Sohn ist, dessen wir uns, will's Gott, durch eine passende Heirat bald entledigen werden. Also trotz allem Verdruß, allem Ungemach, aller Eifersucht bin ich wie im Himmel; denn es vergeht mir keine Minute ohne das Gefühl, daß ich liebe und geliebt werde. Liebster Meo! Du warst ja früher unser Vertrauter, in der ersten Zeit unseres Glückes. Warum kann ich dich nicht hier haben, um mit dir meine Leiden und Freuden zu teilen! Hersilia wird mir von Tag zu Tage lieber. Weißt du noch, wie reizend sie war auf dem Balle bei Marchetti 1842? Heute, wo die Zeit ihre Schönheit voll ausgereift hat, ist sie wahrhaft göttlich. Welche süße Harmonie vereint unsere Seelen! Wir verstehen uns ohne jedes Wort, als ob die Natur jedem die Hälfte desselben Herzens zugeteilt hätte. Ich frage nochmals: warum bist du nicht hier? Ich möchte dir so gern von ihr erzählen, dir mündlich das ganze Glück schildern, wozu die Feder zu schwach ist! Aber freilich, der Mensch kann dem Schicksal nicht gebieten. Indessen vergiß nicht, daß ich, wie fern ich auch sei, dein zweites Ich bin, und verfüge unbeschrankt über deinen Freund und sein ganzes disponibles Vermögen. Ch. Marsoni.«       »Nachschrift. Ich vergaß, dir von deinem bißchen Gelde Nachricht zu geben. Ich habe es zu sechs Prozent angelegt, auf erste Hypothek, wie du wünschtest. Du wirst es erheben können, nebst den kapitalisierten Zinsen, am 1. Januar 1862.« Nach diesem Schreiben brauchte Meo keinen weiteren Antrieb, um zum Verkaufe seiner Ahnenbilder zu schreiten. Seine kleinen Ersparnisse waren erschöpft; sein Mobiliar, längst auf das Allernotwendigste beschränkt, hätte kaum einen Monat lang für seinen Unterhalt gereicht; von seinen Schmucksachen aber konnte er sich nicht trennen, sie bildeten einen Teil seiner Person. Meo ohne diese Zierden wäre eben nicht mehr Meo gewesen; lassen wir ihm also dieses kindliche Vergnügen! So blieb denn nur die Sammlung von Familienbildern, die er heimlich aus dem Lande geschafft und mit nach Paris gebracht hatte. Er wußte nicht genau, was sie etwa wert sein konnten, aber er wußte, daß sich darunter die Namen von den größten Meistern der Bologneser Schule befanden, von Oderigi an, dem Zeitgenossen Dantes, bis auf Lorenzo Pasinelli, den letzten Sproß dieser langen Dynastie. Man sah dort unter andern Seltenheiten einen Francia (das Louvre besitzt keinen) und ein Frauenbild von Albani gemalt um 1600, als der Künstler schon große Kirchenbilder malte. Die drei Caracci, Domenichine und Guercino, der Schwarzsudler, lebten dort friedlich zusammen mit Guido, dem Rosenfingrigen. Ich sehe ab von zwanzig oder dreißig mittelmäßigen, schlechten oder albernen Stücken, wie man sie in allen Porträtsammlungen findet. Meo hielt nun eine fröhliche Musterung über die heilige Schar seiner Ahnen, so wie ein Hirt aus seiner Herde die Tiere ausmustert, die er verkaufen will. Die ältesten und die neuesten Bildnisse behielt er zurück; jene, weil sie das hohe Alter seiner Familie darthaten, diese weil sie ihn an bekannte und geliebte Verwandte erinnerten. Fünf oder sechs andere zog er zurück, weil sie die berühmtesten Persönlichkeiten aus dem Hause Miranda darstellten, oder solche, die ihm am meisten zusagten. So wurden der General Augusto Narni, der 1525 bei Pavia gefallen war, und die schöne Olympia, die lieber Gift nehmen als einen Bentivoglio heiraten wollte, von dem Verkaufe ausgeschlossen. Alles übrige wanderte direkt nach Batignolles in den Dachraum eines Mailänder Trödlers, der alte Gemälde verkaufte und auch anfertigte. Meo kannte ihn ein wenig, und jener kannte die Galerie Miranda sehr genau. Als der junge Mann ihm seinen Entschluß mitteilte, sprach der alte Fälscher: »Sie können mit Ihren Gemälden fünfzigtausend Franken machen oder nur fünfhundert, jenachdem! Sollen wir die ganze Sammlung ins Auktionshaus bringen, ohne etwas davon auszunehmen, auch nicht das Bildnis des Grafen, Ihres Herrn Vaters? Dann machen wir ein Plakat auf rotem Papier: Verkauf der Galerie Miranda, die ganze Familie enthaltend. Ihre Sammlung ist hinreichend bekannt; die Liebhaber werden sich einstellen und es giebt Geld zu verdienen. Aber was Sie mir da bringen, ist weder vollständig noch beglaubigt. Die Handzeichen von Malern beweisen außerhalb einer berühmten Galerie gar nichts; ich zeichne alle acht Tage ein Gemälde mit Meisternamen.« »Aber meine Gemälde sind doch schön!« entgegnete Meo. »Ich will das nicht bestreiten, aber Sie werden nichts dafür bekommen, wenn Sie mir nicht folgen. Für Liebhaber, welche kaufen, giebt es keine schönen Gemälde; es giebt für sie nur berühmte Galerien. Ihr Francia, der in der Sammlung zehntausend Franken wert ist, gilt in der Auslage nicht mehr als hundertundfünfzig.« Meo war zu stolz, um die Familie Miranda an den Straßenecken auszubieten, und der Händler wußte das recht gut. Das Zartgefühl des armen Burschen und seine Unerfahrenheit in Geschäften lieferte ihn dem Mailänder ganz in die Hände. Er erzählte ihm unklugerweise, er sei verliebt, unfähig zu arbeiten und von allen Mitteln entblößt; für den Augenblick genügte ihm ein Stück Brot; die Zukunft stellte er dem Zufall anheim, ohne recht zu wissen, aus welcher Wolke das Glück auf ihn herabsteigen würde; trotzdem wollte er um keinen Preis seine Familie in öffentlicher Auktion ausbieten. Er feilschte schüchterner, als ein Silberdieb in der Bude eines Hehlers und bekam zweitausend Franken für einen Schatz, der zwanzigmal mehr wert war. Ein gewisser Trieb der Selbsterhaltung gab ihm den Gedanken ein, sich das Recht des Rückkaufs vorzubehalten, wie er auch bei Abtretung seines Namens gethan hatte; der Trödler gab sich willig dazu her, da er wohl wußte, daß er es mit einem Manne ohne Aussichten zu thun hatte. Es wurde also bestimmt und schriftlich aufgesetzt, daß Herr Bartolomeo Narni, vormals Graf von Miranda, seine Ahnen binnen einer Frist von zwei Jahren gegen Auszahlung von fünftausend Scudi zurückfordern könne. Wie es nun auch kommen mochte, der Käufer hatte sein Geld sicherlich gut angelegt. Für einen jungen Thoren, der ganz in den Tag hineinlebte, waren zweitausend Franken bares Geld ein Vermögen, da es ihm ja gestattete ein Jahr lang zu leben ohne einen andern Gedanken, als an seine Liebe. Wir wissen schon, wie er die erste Mußezeit verwandte, die ihm der Verkauf seiner Familie geschaffen hatte. Seiner Emma auf der Straße oder in der Kirche zu begegnen, sie am Fenster sitzen zu sehen, ihr von Zeit zu Zeit einen feurigen Blick zuzuwerfen und dafür einen zärtlichen Liebesblick wieder zu empfangen, das waren die Bestandteile der beschaulichen Seligkeit, womit er sich einstweilen begnügte. Daß er aber eines schönen Morgens von der Schwärmerei zur That überging, daran war allein Hauptmann Bitterlin schuld. An dem Morgen nach jenem Tage, wo der Hauptmann gedroht hatte Agathe fortzujagen, begegnete Meo den beiden Mädchen auf dem Kirchwege und sah an ihren Augen, daß sie geweint hatten. Seine erste Regung ging dahin, sie ohne weiteres anzureden, und sie schraken natürlicherweise zurück, als hätten sie unversehens den Fuß auf die Schlange des irdischen Paradieses gesetzt. Aber er war zu erregt von ihrem Kummer, um auf ihren Schrecken zu achten, und sagte zu Emma ohne Einleitung und wie in Fortführung des stummen Gesprächs, das er seit einem Monat mit ihr führte: »Mein Engel, mein Abgott, wer ist's denn, der dir Thränen ausgepreßt hat? Soll ich ihn durchbohren? Ich laufe Augenblicks hin!« Das junge Mädchen, durch die Begegnung und diese plötzliche Anrede bestürzt, in Angst, ihr Vater möchte ihr nachgegangen sein, und von Überraschung und Furcht ganz verwirrt, antwortete, indem sie fast besinnungslos vorwärtsstürzte: »Aber, Herr, Sie sind närrisch! Meinen Vater durchbohren! Denn er ist's ja allein; er wird nie in unsere Heirat willigen. Er verwünscht alle Welt, Sie und mich und Agathe; er droht sie fortzujagen. Sähe er uns zusammen, wir wären alle verloren. In Himmels Namen, Herr, lassen Sie uns gehen!« Sie verdoppelte ihre Schritte und eilte außer Atem bis zur Kirche, ohne zu merken, daß sie sich unversehens an Meos Arm geklammert hatte. Ihre Verwunderung stieg aufs höchste, als sie sich plötzlich in einer Seitenkapelle zwischen Agathe und dem schönen Fremden sitzen sah. Die Messe aber, die sie an jenem Tage hörten, wurde im Hauptbuche des Paradieses nicht bei ihrem Guthaben eingeschrieben. Meo als Italiener fand es ganz in der Ordnung, Herzensangelegenheiten in einem Gotteshause zu verhandeln. Emma war eine weit bessere Christin und gab erst widerstrebend nach. Bald warf sie sich die unziemliche Leichtfertigkeit ihrer Aufführung vor und versenkte sich ins Gebetbuch und betete mit so fieberhafter Andacht, daß sie nur noch das Gemurmel ihrer Lippen hörte; bald gab sie sich dem Vergnügen hin, die poetische, erregte und fast wahnsinnige Sprache Meos anzuhören. Eine reifere und gesetztere Frau hätte vielleicht gelacht über diese Flut unzusammenhängender und übertriebener Wendungen, welche der fremde Accent und die willkürliche Grammatik seltsam pikant machten; allein der Liebeswahnsinn, die ansteckendste Krankheit von der Welt, ergriff allmählich ihr stark disponiertes junges Herz. Meo war kein hochbegabter Mensch, wie seine Jugendgeschichte deutlich beweist; er verstand nicht einmal jene silberne Schelle zu läuten, die die Franzosen »Geist« nennen; aber mehr als aller Geist und alle Klugheit der Welt gilt bei neunzehnjährigen Mädchen das Gefühl dieses Liebeswahnsinns. Die bedächtigste und die boshafteste macht sich mehr aus einer dummen Thräne, die einem gutherzigen Manne über die Wange rollt, als aus einer glänzenden, einstudierten Liebeserklärung. Einem kaltblütigen Zuhörer wären Meos Reden nicht bloß albern, sondern auch strafbar erschienen. Wenn ein Mensch ohne Stellung und ohne Zukunft sich an ein Mädchen macht, das ihr Vater zur Ehelosigkeit verdammt hat, wenn er ihr die Ohren voll sprüht von dem Überschwang seiner Gefühle, ihr schwört, daß er sie wahnsinnig liebe und sterben müsse, wenn sie nicht die seinige werde; dann tadelt ihn die Vernunft, weil er sich leichtsinnig in eine Sackgasse verrennt, und die Moral macht ihm Vorwürfe, weil er ein schwaches Wesen verlockt. Zur Verteidigung unseres guten Thoren kann man nur sagen, daß er bei seinem Vorgehen weder einen festen Plan noch die Absicht der Verführung hatte, weder Berechnung noch Vorbedacht, weder Ziel noch Plan. Er stürmte blind vorwärts mit der ganzen Heftigkeit einer unbezähmbaren Natur. Die Krähen, welche die Nüsse mit ihren Schnäbeln aufhacken wollen, die Maikäfer, welche mit dem Kopfe gegen die Fensterscheiben stoßen, sind eher denkende und verantwortliche Wesen, als er damals. Die Heftigkeit seines ersten Antriebes hätte ihn zum Verbrechen hinreißen können, ohne daß der Gerichtshof der sieben Weisen sich berechtigt gefühlt hätte ihn zu verurteilen. Wenn er Emma in die Arme genommen hätte, um sie auf den Gipfel eines Berges oder in das sechste Stock eines Hauses zu tragen, so würde der strengste Richter nur das Verdikt einer Entführung aus Unvorsichtigkeit haben fällen können. Das junge Mädchen hörte diesen Liebesausbruch an, wie jemand, der am Fenster sitzend in der Ferne die Lava eines Vulkans fließen sieht. Sie war erstaunt über einen solchen Strom wahrer Leidenschaft, und obgleich die Frauen den Trieb der Selbstverteidigung besitzen, so fühlte sie sich gar nicht bedroht; durch den ganzen Sturm der Gefühle erglänzte Meos Ehrenhaftigkeit wie ein Leuchtturm. Agathe hätte mißtrauisch sein müssen, weil sie beschränkt war; aber sie gab sich ebenso blindlings hin wie ihre Herrin. »Ruhig, Töchterchen,« sagte sie Emma ins Ohr, »es ist keine Sünde, freundliche Worte anzuhören; es ist nicht alle Tage Festtag. Ich werde unterdessen für uns beide beten, und der liebe Gott wird dabei nichts verlieren.« Meo begleitete dann die beiden zurück bis an die Ecke der Vogesenstraße und man dachte nicht mehr an Bitterlins Donnerwetter. Und von nun an verflogen die Wochen, die so lang erschienen waren, in Erwartung des Sonntags ganz rasch. Meo erfand noch ein Mittel sie abzukürzen, indem er eine Art Korrespondenz einrichtete. Es giebt Theaterplakate unter dem Bogengang, der die Verbindung zwischen der Vogesenstraße und dem Königsplatze herstellt. Dahin kam der Italiener alle Morgen zwischen elf und zwölf Uhr, zog einen Bleistift aus der Tasche und unterstrich eine gewisse Zahl gedruckter Buchstaben, die zusammengesetzt Wörter und Sätze ergaben und ein Billet an Emma bildeten. Das ist ein ziemlich schwieriges Geduldsspiel; aber er hatte sich darin geübt in seinen Unglückstagen, indem er mit seinen Freunden in Bologna vermittelst eines alten Zeitungsblattes korrespondierte. Emma ging nun mit ihrem Vater aus und blieb, wie Mädchen thun, vor dem Theateranzeiger stehen; warum hätte der Hauptmann ihr eine so unschuldige Zerstreuung versagen sollen? Die eine Anzeige begann so: Theater am Thore St. Martin. Mittwoch den 24. Mai 1858. Abendvorstellung: Die berühmte Frau. Und Emma las zusammen: Emma, meine Liebe und so weiter buchstabierend bis zu Ende! Vater Bitterlin sah diesen Stillstand an der Straßenecke nicht ungern. Er warf ebenfalls einen Blick auf die Plakate, seinen Adlerblick, und jedesmal verstand er aus der Lektüre eine Nutzanwendung für die Erziehung seiner Emma zu ziehen. Er zeigte ihr, was die Verfasser für abgeschmackte Titel erfinden müssen, um das Publikum ins Theater zu locken; er flößte ihr Abscheu vor dem Schauspiel ein und bewies ihr, daß das französische Volk nichts mehr davon wissen will. »Du bist sehr glücklich,« sagte er, »daß du diese Dummheiten nur vom Plakat kennst. Wie sieht denn das Zeug aus? Der natürliche Sohn! Abscheulich. Die verbotene Frucht! Unmoralisch. Freudiges Erschrecken! Dummheit. Die arme Löwin! Was kann denn dahinter stecken? Lauter Sachen ohne Hand und Fuß und wahrscheinlich Unanständigkeiten. Die armen Schlucker, die so etwas schreiben, müssen dabei Hunger leiden und ihnen geschieht recht. Gehn wir?« Emma hatte ihre Lektüre beendigt und drückte mit der Spitze ihres Sonnenschirms einen Punkt ans Ende des letzten Plakats, und dieses feine Siegel berichtete Meo, daß sein Billet entziffert war. Der Hauptmann würde aus der Haut gefahren sein, wenn er hätte ahnen können, daß ein so wohl bewachtes Mädchen unter seinen Augen mit ihrem Liebhaber korrespondierte! Gegen Ende des Monats Juni hatte sich Emma so tief in ihre Liebe verstrickt, daß sie nur noch für Meo lebte. Alle ihre Gedanken gingen auf dieses eine Ziel, jeder Herzschlag galt nur ihm allein, der stattliche Italiener war für sie eine Art Abgott geworden. Sie wußte nichts von seiner Geburt, seinem Stande, seinem Vermögen; aber man verehrt ja erst recht das Unbekannte. Wenn Meo zu den richtigen Mädchenjägern gehört hätte, die alles für gute Beute ansehen, so hätte sie ihm ebensowenig Widerstand geleistet, wie die Frauen der Mythologie dem Jupiter. Aber der ehrenhafte Mann dachte ebensowenig daran, sie in seine Arme zu pressen, als man sich einfallen läßt, eine schöne Rose zu zerdrücken oder eine ambraduftende Magnolie zwischen den Fingern zu zerreiben. Und so war diese heimliche und verbotene Liebschaft von idealer Reinheit. Zufall und Sympathie hatten zwei Herzen vermählt; aber es war wie eine jener fürstlichen Verlobungen, welche ehemals die Diplomatie zwischen zwei gekrönten Kindern schloß. Indessen pflegte die dicke Agathe mit ihrem guten Bauernverstande ihnen wohl zu sagen: »Das alles ist ja gut und schön; aber wo will's denn hinaus? Am Ende müßt ihr doch heiraten, und dazu wird der Herr nie die Einwilligung geben.« »Warum nicht?« entgegnete Meo, »Er kennt mich nur nicht. Ich hätte Lust mit euch heimzugehen und um seine Einwilligung zu bitten. Es sollte mich doch sehr wundern, wenn er mich abwiese.« Emma aber schrie laut auf und damit unterblieb die Sache. Eines Morgens sagte Meo den beiden: »Ich habe einen Vorschlag. Wir gehen zusammen in die Kirche und sprechen einen Priester an; ich sage ihm: dies ist meine Frau! und du fügst bei: und dies ist mein Gatte! Dann wird er wohl oder übel uns seinen Segen geben; so macht man das in Italien.« Emma sagte nicht nein; aber Agathe versicherte, daß solche Ehe in Frankreich nicht gültig sein würde. Ein andermal bewies Agathe den beiden Liebenden, sie wären reiche Leute. Sie hatte Herrn Bitterlins Einkünfte berechnet. Seine Pension belief sich auf achtzehnhundert Franken; seine Erbschaft trug jährlich zweitausend Franken Zinsen; Emmas Mutter hatte als Mitgift zwölfhundert Franken Rente gehabt, ohne die es dem Hauptmann nicht erlaubt ist zu heiraten; endlich hatte man seit 1848 jährlich zweitausend Franken gespart. »Was thut das?« sagte Meo. »Geld habe ich nicht nötig.« »Also haben Sie welches?« entgegnete die Magd. »Nein; aber ich bedarf keins.« »Ja, ganz recht,« fiel Emma ein. »Wozu denn auch Geld? Ich habe niemals welches gehabt und doch nie Mangel gelitten.« Meo machte sich daran, die Gesetze zu studieren; er, der selbst in seinem Lande Gesetze gemacht hatte. Er durchblätterte die 37 Abschnitte des Bürgerlichen Gesetzbuches in einem Lesekabinett. Daraus erfuhr er, daß Emma sich ohne Zustimmung von Vater Bitterlin vermählen könnte, aber erst im Alter von 21 Jahren, nach dreimaliger ehrerbietiger Anfrage. Die Frist kam ihm sehr lang vor, Emma wollte dieselbe Frage studieren und wälzte mit ihren kleinen Händen ihres Vaters Gesetzbuch. Sie fand heraus, daß noch für zwei und ein halbes Jahr ihr Glück vom Vaterwillen abhängig war. Diese Aussicht gab ihr einen heroischen Entschluß ein. Ohne jemand um Rat zu fragen, bat sie den Herrn ihres Geschickes ernsthaft um Audienz und sprach ganz resolut mit ihrem kleinen Stimmchen: »Lieber Vater, ich habe mich verliebt ...« »Das ist ja kurios!« brüllte der Hauptmann. »Wer hat dir denn erlaubt ...?« »Ich habe mich in einen jungen Mann verliebt, den Sie beim ersten Anblick gern haben werden und den ich Ihnen zeigen will, wenn Sie mir versprechen, ihm nichts zuleide zu thun. Seit April begegnen wir uns immer und korrespondieren zusammen. Wir haben uns einander das Wort gegeben; es fehlt nur noch Ihre Einwilligung. Wäre ich nicht eine unterwürfige und ehrerbietige Tochter, so würde ich meine Volljährigkeit erwarten, um ihn auch wider Ihren Willen zu heiraten, ohne andere Mitgift, als die vierundzwanzigtausend Franken meiner Mutter ...« »Dir hat wohl ein Gerichtsschreiber Unterricht gegeben!« »Nein, liebes Papachen; ich habe das alles in Ihrem Gesetzbuche gelesen. Aber ich möchte Sie ja nicht kränken und flehe Sie deshalb an, bei Ihrer Güte für mich und bei meiner Zärtlichkeit für Sie, mich recht bald mit meinem Geliebten zu vermählen.« Der Hauptmann hatte den Grundsatz, daß man Kinder bei der sanften Seite fassen muß, und er tadelte streng die Gewohnheit thätlicher Zurechtweisungen; aber diesmal war sein Zorn stärker als die Theorie. Das arme Mädchen erhielt ein Paar Ohrfeigen, die den Backen eines Packträgers nicht schlecht gestanden hätten. Kurz darauf flog Agathe die Treppe hinunter, ohne die Stufen zu berühren. Bitterlin vermeinte, ihn sollte der Schlag rühren, und vielleicht hätte er den Weg in die andre Welt angetreten, wenn er nicht fürchtete, damit ein Paar glücklich zu machen. Agathe trat bei Meo in Dienst, um die ihm gebliebenen Gemälde abzustauben und ihm Nachrichten von Emma zu verschaffen. Ihre Flucht war so überstürzt gewesen, daß sie in ihrem Bündel Halskrägen, Manschetten und allerlei Kleinigkeiten vorfand, die ihrer jungen Herrin gehörten. Diese wollte sie hintragen auf die Gefahr hin, Schläge zu bekommen, aber der Italiener belegte sie mit Beschlag, wie die frömmsten Leute Reliquien stehlen. Er eignete sich sogar einen Schlüssel zu Bitterlins Wohnung an, der so groß wie zu einem Gefängnis war, und trug ihn nebst dem übrigen auf seinem Herzen. Nicht ohne Grund vergleichen die Pariser das Sumpfviertel einer kleinen Stadt für sich. Das ganze Viertel wiederhallte von Bitterlins Zornesausbruch. Die guten Seelen erzählten, der Hauptmann hätte seine Tochter halbtot geschlagen und die Magd zum Fenster hinausgeworfen. Man bestand darauf, die arme Agathe hätte auf dem Pflaster ein Bein gebrochen, und die Leute, die sie hatten hinkend abziehen sehen, waren bereit, das vor Gericht auszusagen. Jedermann ohne Unterschied hatte Mitleid mit Emmas Schicksal, weil sie so hübsch war. Dagegen hatte das Gesicht des Hauptmanns bei den Nachbarn immer wenig Sympathie geweckt, und mehr als eine Mutter sagte zu ihren Kindern: »wenn ihr nicht artig seid, hole ich den Hauptmann Bitterlin.« Keine Haushälterin und keine Magd wollte an Agathens Stelle treten und sich demselben Schicksal aussetzen; die Portiersleute sogar verweigerten beinahe den Dienst und besorgten ihm die Betten nur widerstrebend. Ein kleiner Gastwirt auf dem Königsplatze entschloß sich, die Produkte seiner Küche in diese übel berüchtigte Höhle zu senden, aber der Bursche, der das Essen in einem verdeckten Korbe brachte, betrachtete den Hauptmann, wie das Volk den Scharfrichter ansieht. Vierzehn Tage verstrichen, ohne daß jemand dem Vater Bitterlin mit seiner Tochter begegnete. Alle Morgen und alle Abende öffneten sich die Fenster des Zimmers, aber man sah nur das hochmütige Gesicht des Hauptmanns. Es ging das Gerücht, das hübsche Mädchen in der Vogesenstraße sei eingesperrt in ein schwarzes Loch und sie würde nur als Leiche wieder herausgetragen werden. Man kann leicht erraten, daß das Gerede des Volkes Emmas Leiden stark übertrieb. Indessen muß man doch sagen, daß sie weder frei noch glücklich war. Von ihrer einzigen Freundin gewaltsam getrennt und des Anblicks ihres Geliebten beraubt, war sie zwischen vier Wänden einer strengen Buße unterworfen. Ihr Vater konnte ihr nicht verzeihen, daß sie ihn genarrt und genasführt hatte. Dieser von Dünkel geschwollene Mann schlug sich mit der Faust vor den Kopf, wenn er bedachte, daß ein naseweises Jungferchen und eine dumme Bauerndirne alle Vorkehrungen seines Mißtrauens hatten umgehen können. Er wurde rasend, daß ein Mann ein so sorgsam bewachtes Mädchen in sich hatte verliebt machen können, und schloß hieraus, daß seine verstorbene Frau, die hundertmal weniger überwacht war, ihn hatte hundertmal betrügen können. Vielleicht würde er Nachsicht geübt haben, wenn das Kind ein eingehendes Geständnis seiner Sünden abgelegt hätte; aber Emma hatte sich in undurchdringliches Schweigen gehüllt, sobald sie gesehen, wie man ihre Aufrichtigkeit belohnte. Der Hauptmann schwor ihr, sie würde im Arrest verbleiben und die Nase nicht aus dem Fenster stecken, so lange sie nicht ihre Vergehen gebeichtet und ihren Verführer genannt habe. Und sie hinwiederum schwor mit selbstbewußtem Eigensinn, so lange sie eine Gefangene wäre, würde sie auch stumm bleiben. Siebzehn Tage standen sich die beiden Gegner einander gegenüber und keiner von beiden wich einen Fuß breit zurück. Man wird es kaum glauben, daß ein so zartes und so liebevolles Geschöpf siebzehn Tage und siebzehn Nächte habe hinbringen können, ohne ein Wort zu reden, und zwar im Angesicht des Vaters; aber Emma war eben Bitterlins echte Tochter. Sie wurde leidend, mager, blaß; sie nährte tief im Herzen die liebe und schmerzhafte Flamme, welche sie allmählich aufzehrte; dennoch aber brach sie nicht ein einziges Mal ihr hartnäckiges Schweigen. Am 15. Juli schloß der Hauptmann seine Tochter doppelt ein und ging in das erste Stockwerk hinab, um seine Miete zu bezahlen. Diese Pflicht erfüllte er alle Vierteljahre, ein Viertel vor 12 Uhr mittags, mit militärischer Pünktlichkeit. Der Hausbesitzer war ein sanfter und schüchterner Bürger, der im Jahre 1848 mehr Trikoloren als Fünffrankenstücke eingepackt hatte. Der vortreffliche Mann achtete in Bitterlin seinen pünktlichsten, aber auch dreistesten Mieter. So oft der Hauptmann sich über die Kammer beklagte oder an den Zimmerdecken etwas auszusetzen hatte, antwortete er ihm mit unwandelbarem Lächeln: »Das soll zu Ihrer Zufriedenheit hergerichtet werden. Daß dich das Mäuschen beißt! Einem so kitzlichen Manne wie Sie schlägt man keine Reparatur ab!« Dieses Mal aber hatte das Lächeln einem sehr ernsten Gesichtszuge den Platz geräumt. Der gute Mann betrachtete seinen Mieter mit zusammengezogenen Brauen und sprach fast mit strengem Tone: »Erlauben Sie mir wohl die Frage, wie sich Fräulein Tochter befindet?« Der Hauptmann antwortete in einem Tone, der keine Erwiderung gestattete: »Sie befindet sich, wie es mir gefällt.« Dann nahm er seinen Hut und machte sich still aus dem Staube. Aber der Eigentümer folgte ihm und murmelte einige allgemeine Worte über Mißbrauch der väterlichen Gewalt; über das Ärgernis übertriebener Strenge; über die öffentliche Meinung, die böse Stimmung der anständigen Leute, das mögliche Einschreiten der Behörde, und die ganz kürzlich gefällten Strafurteile gegen zwei Stiefmütter, die Kinder erster Ehe auf die Seite gebracht hatten. Der Hauptmann stellte sich taub, aber er kehrte ganz nachdenklich in seine Wohnung zurück. Der Pförtner lief ihm auf der Treppe nach und übergab ihm einen anonymen Brief, der im Namen aller Einwohner des Viertels geschrieben war. Der unbekannte Schreiber nannte ihn Vater Blaubart und drang in ihn, seine Tochter am Fenster zu zeigen, wenn er sie nicht erwürgt hätte. Wütend zerriß er das Papier und nahm sich vor, am nächsten Ziele auszuziehen. Sein Erstaunen war noch nicht zu Ende. Um vier Uhr nachmittags erhielt er den Besuch eines in seinem Viertel bekannten und geschätzten Arztes, der Emma früher einigemal bei leichtem Unwohlsein behandelt und auch Frau Bitterlin in ihrer letzten Krankheit gepflegt hatte. »Nun,« sagte der Doktor und stellte seinen Stock in die Ecke, »es scheint, meine niedliche Patientin hat mich einmal wieder nötig? Hoffentlich ist ja die Sache nicht so schlimm.« »Welche Sache?« stotterte Bitterlin, der rot wurde wie ein Paradiesapfel. »Man hat Sie also hergeschickt?« »Haben Sie denn nicht Ihre Magd gesandt?« »Ich? Nein! Oder vielmehr doch; aber es ist gar nichts. Ich danke Ihnen, Herr Doktor.« »Ah, die Kranke ist gesund geworden, ohne ärztliche Erlaubnis! Ja, ja; so machen es die jungen Leute. Und sie ist vielleicht ausgegangen?« »Ja; das heißt: Nein! Wollen Sie sie sehen? Ich erkläre Ihnen, sie ist nicht eingeschlossen. O, ich bin ja kein Mensch, der ihr verbietet, anständige Leute zu sehen. Wahrhaftig, Sie werden eine große Kur machen, wenn Sie ihr die Zunge lösen.« »Wollen sehen, Herr Hauptmann. Aber was fehlt denn Ihnen selber? Sie hatten doch früher ein besseres Aussehen. Wenn Sie sich raten lassen, so nehmen Sie dieser Tage einen Aderlaß vor. Es eilt damit gar nicht, keineswegs; aber es ist eine nützliche Vorsicht, wenn man einen etwas kurzen Hals hat.« Der Hauptmann wollte vor Zorn ersticken. Er hätte den unschuldigen Doktor gern vor die Thür gesetzt, wenn nicht die beiden Winke am Morgen ihm zur Vorsicht und Selbstbeherrschung geraten hätten. Er öffnete also die Thüre zu Emmas Zimmer und sagte ziemlich sanft: »Hier ist das Fräulein, Sie sehen, daß sie nicht gestorben ist.« Der Arzt war ebensowenig von den Opfern dieses Femgerichts ins Vertrauen gezogen, wie er ein Mitschuldiger des Henkers war. Er kam ganz unbefangen zu Emma, weil die dicke Agathe ihm gemeldet hatte, daß man ihn so schnell als möglich zu sprechen wünsche. Aber alsbald witterte er hier eines jener bürgerlichen Dramen, die sich ohne Zuschauer in Paris in vielen Häusern abspielen. Emma kam ihm seltsam verändert vor, ohne daß der Puls oder die Zunge eine eigentliche Krankheit angezeigt hätte. Er bemerkte, daß Vater und Tochter es vermieden miteinander zu sprechen und sich nur an ihn wendeten. Eine innerliche Gereiztheit trat bei jedem ihrer Worte hervor, und ihre Augen glänzten von ungewöhnlichem Feuer. Die Blicke des Mädchens drückten zu gleicher Zeit Schmerz, Empörung und das Verlangen nach irgend welcher fremden Hilfe aus. Der Arzt hatte eine hohe Auffassung von den Pflichten seines Standes; er meinte, die Ärzte wären nicht bloß zur Bereicherung der Apotheken da. Ohne in die Geheimnisse der Familie Bitterlin eindringen zu wollen, sah er sich in Gedanken um nach den Bestandteilen einer Medizin, welche die moralische Gesundheit des Vaters und der Tochter ausbessern könnte. Emma ward gerührt von seiner Teilnahme und vielleicht hätte sie seine Hilfe angerufen, wenn sie nicht damit zugleich das Geheimnis ihres Herzens hätte preisgeben müssen. »Fühlen Sie sich schon länger unwohl, liebes Kind?« fragte der Doktor in väterlichem Tone. »Aber, Herr Doktor, ich versichere Ihnen, sie ist nicht unwohl,« antwortete rasch der Hauptmann. »Er spricht die Wahrheit, Doktor; ich bin nicht krank. Etwas verstimmt, nichts weiter.« »Sie fängt Grillen,« fügte Bitterlin bei. »Man macht mir das Leben nicht immer angenehm.« »Man ist manchmal nicht sehr artig.« »Man hütet mich mißtrauisch und hält mich zu Haus.« »Man hat seine Freiheit mißbraucht.« »Wenn man einen nicht lieb hat, so kann man ihn immer schuldig finden.« »Wenn man Liebe verdienen will, muß man sich gut betragen.« »Es giebt viel ungerechte Leute in der Welt.« »Es giebt sehr verdorbene Naturen.« In diesem Tone ging die Besprechung einige Minuten fort. Der Doktor machte dann ein Ende und entließ die Kranke. »Ja, ja,« sagte er, »das ist lauter Nervosität. Beruhigen Sie sich nur, Fräulein. Sie haben gut gethan, mich zu rufen, Herr Hauptmann. Gehen wir in Ihr Zimmer, da will ich Ihnen eine Medizin diktieren, die das ganze Haus kurieren soll!« Sobald er mit Bitterlin allein war, sagte er: »Ihrer Tochter fehlt nichts.« »Ah, sehen Sie? das sagte ich ja.« »Sachte! ihr fehlt nichts, aber sie kann daran sterben.« »Ei! keine Späße!« »Ja, so ist's. Können Sie die Krankheit nennen, woran ihre Mutter gestorben ist? Nein! Gut, ich auch nicht. Frauen sind nicht wie Soldaten, die man totschlagen muß; sie erlöschen manchmal unter unsern Händen, und wir wären in Verlegenheit, wenn wir sagen sollten, woran es liegt. Ihre Tochter ist zart, wie ihre selige Mutter. Ihre Gesundheit erfordert ungemeine Vorsicht.« »Ei, Doktor, ich schone sie immerfort. Seit vierzehn Tagen haben wir den Fuß nicht aus dem Hause gesetzt.« »Um so schlimmer. Die Luft ist ein notwendigeres Nahrungsmittel als alles andere. Junge Leute haben sie sehr nötig und Bewegung dazu. Außerdem gehört sich eine gute Portion Erholung, Vergnügen, Heiterkeit. Die Alten glaubten, das Lachen sei notwendig für die Milz; auf jeden Fall kann es nur wohlthätig wirken. Ich kenne Ihre Absichten nicht genügend, um Ihnen ein gewisses heroisches Mittel anzuraten, welches viele meiner Kollegen unverzüglich hier verordnen würden. Sie könnten mir vielleicht antworten, daß jeder Herr in seinem Hause ist. Ich habe auch den Grundsatz, in die Angelegenheiten meiner Kranken nur mit großer Vorsicht mich einzumischen. Wenn das Kind Ja sagt und der Vater Nein, da schweige ich und empfehle mich; das ist nicht mein Geschäft. Aber die Frage der Lebensweise und der Gesundheit gehören in das Gebiet unsrer Kunst. Wir müssen den Familienvätern sagen, daß ein Mädchen von neunzehn Jahren ohne Genuß frischer Luft, ohne Bewegung, Gesellschaft und Fröhlichkeit in Gefahr steht, eines schönen Morgens zu erlöschen wie eine Lampe unter der Glasglocke der Luftpumpe.« Der Hauptmann rieb sich in sichtlicher Verlegenheit hinter den Ohren. »Herr Doktor,« entgegnete er, »Sie kennen mich seit langer Zeit, Sie wissen, daß ich kein schlechter Kerl bin. Was habe ich zu thun?« »Eine Kleinigkeit. Nur begreifen, daß ein so zartes Kind nicht mit dem Stocke regiert werden kann, wie ein preußisches Regiment. Sie besitzen die Mittel, ihr Unterhaltung zu gewähren. Führen Sie sie ins Theater, auf Bälle ...« »Niemals! niemals!« »Sie sind also Puritaner; gut. Führen Sie sie bei anständigen Familien ein.« »Ja, giebt es wirklich solche?« »Sie sind Menschenfeind, abgemacht. Dann wenigstens führen Sie sie spazieren in der Stadt. Zeigen Sie ihr in Paris die großen Gebäude und Promenaden, die Elysäischen Felder, das Boulogner Gehölz, andre Ausflugsörter!« »Halt, Doktor! Ich habe Gründe, Sie verstehen schon, schwerwiegende Gründe, diesen Spaziergängen zu mißtrauen; das unglückliche Mädchen ist schon zu viel herumspaziert! Ach, diese Pariser!« »Sie fürchten sich vor den Parisern? Führen Sie sie also doch in die Provinz, in die Fremde, nach China!« »Ja, das wäre! eine hübsche Reise, recht weit von hier weg ... Halt; wenn ich reich wäre, ich reiste noch heute Abend.« »Man ist immer reich genug zu einer Reise, seit wir Eisenbahnen haben. Sie mögen darüber weiter nachdenken. Auf baldiges Wiedersehen, Hauptmann! Seien Sie liebenswürdig, nehmen Sie Aderlaß, führen Sie die Tochter hinaus und bedenken Sie, daß die teuerste Reise von allen die auf den Kirchhof ist.« Während dieser Verhandlung lief Meo in den Straßen umher, ohne Ruhe finden zu können. Es giebt Leute, die die Ereignisse sozusagen belauern und immer dabei sein wollen, als wenn ihre Gegenwart einen Druck auf den Gang der Welt ausüben könnte; man sieht sie im Schlafzimmer ihrer Frau dabei stehen, während diese ihnen einen Erben schenkt, hinter den Coulissen stehen bei der ersten Vorstellung ihres großen Werkes, in der Deputiertenkammer stehen, während man eine für sie wichtige Abstimmung vornimmt. Andre dagegen giebt es, die bei solchen Gelegenheit wie besessen davonlaufen und nicht wagen ihr Haus zu betreten, um ihr Schicksal zu erfahren. Meo gehörte zu dieser letzteren Kategorie. Er selber hatte den Doktor holen lassen und nun hatte er Angst, den Erfolg des Besuches zu erfahren. Noch abends um sechs Uhr ging er nicht etwa nach Hause, um Agathe zu fragen, sondern durchmaß die Nachbarstraßen mit großen Schritten. Die Jungen, die ihn so aufgeregt laufen sahen, wie er stets ausschaute, hätten ihn fragen mögen, ob er den Omnibus von Charenton suche. Seine Gewohnheit führte ihn an den Bogengang des Königsplatzes, wo er so viel niedliche Sachen für Emma an den Theateranzeiger geschrieben hatte. Er war nicht wenig erstaunt zu sehen, daß ihm da ein kleiner Mann zuvor gekommen war, der ganz aussah wie Bitterlin. Ja, das mußte er sein, oder sein Geist. Der Geist war an der Mauer festgebannt und schrieb eine Anzeige ab in sein Notizbuch. Meo fragte sich vergebens, wie so plötzlich dieser Mann sich für die dramatische Litteratur interessiere. Er blieb als Beobachter in der Ferne stehen, und erst als jener das Feld geräumt hatte, lief er herzu. Da wurde er sofort ein großes gelbes Plakat gewahr, das ziemlich weit von den Theateranzeigen sich befand. Er stellte fest, daß der Feind gerade hier seinen Stand gehabt hatte. Ein Cigarrenstummel, der dem Hauptmann entfallen war, wie er gesehen hatte, lag noch brennend auf dem Pflaster und bezeugte seine Anwesenheit. Und nun las er mit einer Erregung, die ihm kein Roman und kein Gedicht je verursacht hatte, folgende Ankündigung der Ostbahn: Vergnügungs-Reise in die Schweiz und das Großherzogtum Baden u. s. w. u. s. w. Nachdem er das gelesen, fürchtete er sich nicht mehr heim zu gehen; er galoppierte sogar in einem Zuge bis an seine Thür. Dort erwartete ihn Agathe. »Herr,« sagte sie, »ich habe dem Doktor beim Weggehen aufgelauert und so gethan, als ob ich mit meinem Korbe vom Markte zurückkäme. Ich fragte ihn, was dem Fräulein fehle, und er antwortete mir: ›Eine Kleinigkeit, und wenn sie eine kleine Luftveränderung vornimmt, wird alles wieder gut sein.‹ Möchte wissen, ob der Vater sie wird reisen lassen. Er hält sie knapp, der Hauptmann!« »Aber ich,« sagte Meo, »ich weiß schon, daß er gedenkt, sie in die Schweiz zu führen. Sie müssen den Tag ihrer Abreise herausbringen und den Weg, den sie nehmen werden. Werden sie erster Klasse fahren? Das muß ich wissen, ehe ich mein Billet nehme.« »Sie werden also auch reisen, lieber Herr? Und was wollen Sie dabei?« »Vor allem, sie sehen; dann auch mit dem Hauptmann zusammentreffen, mich liebenswürdig erweisen und die Hand seiner Tochter gewinnen. Glauben Sie nicht, daß ich sie ohne weiteres erhalten werde?« »Mein Gott, Herr, wenn Sie sie nicht bekämen, das würde mich sehr von Ihnen wundern; aber wenn er jemals einwilligt, das würde mich von ihm noch viel mehr wundern!« VI. Der achte Mitreisende Am 20. Juli abends halb acht Uhr fuhren Bitterlin und Tochter in einem Fiaker zum Ostbahnhof. Während der Wagen am Boulevard Sebastopol hinrollte, sprach der Hauptmann, anscheinend sehr milde gestimmt, zu seinem Kinde: »Du wirst nun eine schöne Reise machen, aber bemühe dich auch um gute Aufführung. Ich bin dir gut, ich werde dir die Schweiz zeigen, das Großherzogtum Baden und Straßburg, wo ich in Garnison stand, als du noch nicht geboren warst. Wir wollen uns einige Wochen in Lüneville aufhalten, du sollst das Schloß und die Gartenanlagen sehen, auch das bescheidene Häuschen, worin dein Vater das Licht der Welt erblickt hat. Auf der Rückreise nach Paris spendiere ich dir möglicherweise einen Abstecher nach dem Lager bei Chalons, vorausgesetzt daß du dich dessen würdig gezeigt hast. Sei darauf bedacht, meine Güte durch exemplarische Artigkeit zu verdienen. Ich werde gern all das Geld, was du mich kostest, hergeben, wenn du still vor dich hingehst, ohne die Laffen rechts und links zu beachten. Zu allererst aber darfst du den Kopf nicht zum Wagenfenster hinausstecken, wenn dein Vater dich mit einer Ansprache beehrt.« Emma fühlte sich bei der Abreise in die Schweiz wie hasenfüßige Soldaten, wenn sie ins Feuer sollen; bei jedem Schritt warf sie einen Blick rückwärts. Seit drei Wochen war sie ohne Nachricht von Meo, und sie setzte voraus, daß Meo auch von ihr nichts wußte. Daher die große Zerrissenheit des Gemütes, die sich steigerte, je weiter sie von der Wohnung sich entfernten. Aus Mattigkeit gab sie dem Willen ihres Vaters nach, denn die stärksten Entschlüsse der Weiber werden stets beim zweiten Stoße erschüttert; aber während der Fahrt rief sie in Verzweiflung alle Mächte des Himmels und der Erde um Hilfe an. Indessen die Erde that sich nicht auf unter den Rädern des Fiakers, und der Himmel ließ keinen Meteorstein auf den lackierten Hut des Kutschers herabfallen. Die Natur ist so gleichgültig bei Betrachtung unseres Elends, daß der Hauptmann ohne Unfall mit der Tochter und dem Gepäck an den Stufen des Bahnhofes anlangte. Emma überschaute mit einem Blick alle Winkel des Wartesaals; aber sie sah darin nichts Hervorstechendes, als das Zahngebiß einer alten Engländerin. Bis zum letzten Augenblick erwartete sie die Vorsehung im kastanienbraunen Paletot oder einen deus ex machina in einen Plaid gehüllt auftreten zu sehen; aber die Hoffnung war auch alles. Es wurde geläutet, die Thüren thaten sich auf, der Hauptmann nahm die Regenschirme, der Abmarsch begann. Hauptmann Bitterlin als vielgereister Mann drängte sich mit kräftigen Ellbogenstößen durch das Gewühl und warf sich, die Tochter immer hinterdrein, in ein Abteil erster Klasse. Sobald er dort Posto gefaßt, verschanzte er sich aufs beste, indem er die Thüre schloß und die Vorhänge herunterließ; so wie man es macht, wenn man allein zu bleiben wünscht. Aber ein sehr flinkes Ehepaar erkletterte das Trittbrett und bemächtigte sich der beiden leeren Eckplätze. Gleich darauf stürzten zwei rotblonde Männer, ein magerer langer und ein kleiner dicker, hintereinander herein; der lange, der im Vorsprung war, setzte sich auf Emmas Kleid und trat Bitterlin auf die Hühneraugen; der andere drückte heftig gegen eine kleine behäbige Deutsche, die ihrem Gatten gegenüber saß. Der Hauptmann mußte einen ganzen Vorrat von Geduld gesammelt haben, denn er begnügte sich zwischen den Zähnen zu murmeln. Aber da kam noch zuletzt ein hübscher und wohlgekleideter junger Mann, der sich an seiner Seite niederwarf auf den rechten Rockschoß seines Überziehers, während er aus dem Troubadour vor sich hin summte: Gerettet! erlöst! und nimmer zurück! Dank euch, ihr himmlischen Geister! Und ich atme unendliches Glück! »Herr,« schrie der Hauptmann, seinen Schnurrbart emporstreichend, »ich habe alles geduldig ertragen, aber dies übersteigt das Maß!« »Welches Maß, darf ich bitten?« antwortete der Ankömmling. »Nun, Herr, konnten Sie nicht in ein anderes Abteil gehen? Sie sehen doch, daß wir hier ersticken.« »Sehr angenehm, Herr; die Nächte sind kühl.« Im selben Augenblick riß ein Schaffner die Thüre auf mit den Worten: »Fünf, sechs, sieben; ein Platz! Hier herein, meine Herren, bitte sehr!« Der Hauptmann sprang auf und rief: »Aber, Herr, daß ist unerhört! Ich habe erste Klasse genommen, um mit meiner Tochter allein zu sein, und Sie pökeln uns wie die Heringe zusammen!« »Erlauben Sie, Herr; da sind acht Plätze.« »Aber, wenn wir acht sind, wie sollen wir da unsere Beine ausstrecken?« »Mein Herr, wir haben sehr viele Passagiere nach Mülhausen und wir müssen alle Reisenden unterbringen,« »Nun, in solchem Falle hängt man einen Wagen an.« »Herr, wenn man jedermann befriedigen wollte, müßten wir jedem einen Wagen allein geben.« »Ei, Teufel! ich bin nicht jedermann! Vielleicht ist mein Name noch nicht bis zu Ihnen hinabgedrungen, aber ich bin der Hauptmann Bitterlin.« »Und wenn Sie der Marschall Gerard wären, könnte ich Ihnen nicht ein Abteil für Sie allein geben.« Er wiederholte mit erhobener Stimme: »Hier herein, meine Herren, ein Platz!« Ein achter Reisender streckte seinen Kopf in den Wagen und Fräulein Bitterlin stieß einen Schrei aus. »Fürchte dich nicht, mein Kind,« sprach der Vater, »ich habe mir vorgenommen alles auszuhalten. Ich bin still.« Emma hatte sich nicht gefürchtet; ganz im Gegenteil. Sie hatte den achten Mann erkannt. Die Maschine pfiff, der Zug ging ab. Nun begannen Emmas und Meos Augen ein Zwiegespräch, das bis Basel anhielt. Die beiden Rotköpfe zogen aus ihren Taschen zwei Zeitungen, so groß wie Betttücher. Der eine entfaltete die Times, der andere den New York Herald, und beide hantierten mit den enormen Blättern so, daß ihre Nachbarn im Dunkeln saßen. Das flinke junge Paar, das Seitenstück zum Hauptmann und der Tochter, flüsterte, drückte sich die Hände, schaute einander tief in die Augen und tauschte alle fünf Minuten ein verliebtes Lächeln aus, naiv und echt germanisch. Der Hauptmann und sein Nachbar fielen in tiefen Schlaf. Der Nachbar war ein dicker lustiger Junge, wie sie so als Nichtsthuer in Paris leben. Er ging nach Baden, um sein Geld zu verspielen, und hatte den längsten Weg gewählt, indem er das für Gewinn hielt. Vor Abgang des Zuges hatte er gut diniert und genoß den kräftigen Schlaf, der die Belohnung eines guten Magens ist. Bitterlin hatte sich trotz des oben gemeldeten Empfanges so gut an seine Nähe gewöhnt, daß er ihn mit seinem ganzen Leibe deckte und ganz harmlos auf seiner Schulter schnarchte. Durch diese Musik ermutigt, beugten Emma und Meo sich gegeneinander und ihre Köpfe neigten sich allmählich bis in die Mitte des Wagens, wo der Pariser und der New Yorker ihre Beine kreuzten. Als sie sich, ohne gehört zu werden, verständigen konnten, erzählten sie sich alles ins Ohr, was sie seit Ende Juni nach ihrer Trennung gelitten hatten. Emma betonte die Leiden ihrer Gefangenschaft nicht sonderlich; sie fand das gegenwärtige Glück um diesen Preis nicht zu teuer erkauft. Auch Meo ging rasch über seine Kreuz- und Quergänge hinweg: alle Plagen des Feldzuges sind vergessen, wenn die Schlachthörner ertönen. Er war ganz voll von der Hoffnung, sich mit Herrn Bitterlin zu messen, dessen Übelwollen zu besiegen, seine Vorurteile mit klingendem Spiel über den Haufen zu werfen, und in Form eines Ehekontrakts den Frieden zu schließen. Dies Gespräch unterbrach der Hauptmann, indem er bei dreimaligem Niesen aufwachte. Er suchte nach der Ursache des Nasenkitzels und fand sie in dem Stoffe, womit sein Nachbar bekleidet war. Es war ein seidenartiges Gewebe aus sehr langhaariger Wolle, so warm wie ein Pelz, aber viel leichter, überhaupt ausgezeichnet für die Reise. Aber Bitterlin hatte eine Wollflocke eingesogen, und der brennende Kitzel entzündete seine Schleimhäute in der Nase. Er schüttelte sein lebendiges Kopfkissen und sagte ihm beim Erwachen ohne Umstände: »Mein Herr, ist es unbescheiden, Sie nach dem Namen Ihres Schneiders zu fragen?« »Nein, mein Herr; es ist Alfred.« »Ah, Sie duzen ihn? Ich lasse mich von meinem Pförtner kleiden; aber glauben Sie mir, ich würde ihm meine Kundschaft entziehen, wenn er mir einen so unbequemen Überzieher machte, wie Ihrer da.« »Aber, Herr, ich versichere, mein Paletot ist sehr bequem und man schläft recht gut darin. Gute Nacht, Herr.« »Man schläft recht gut! Dadrin, mag sein; aber darauf, das leugne ich. Wenn man auf der Eisenbahn fährt, sollte man Kleider anziehen, die den Mitreisenden nicht unbequem werden oder lästig fallen.« »Bitte also gütigst zu entschuldigen. Gute Nacht, Herr.« »Herr, in diesem Falle könnte eine Entschuldigung wie Ironie aussehen. Sie brauchen sich gar nicht zu entschuldigen. Es war ein Fehler, mich rechtshin anzulehnen, während ich mich linkshin wenden konnte. Jetzt drücke ich mich in meinen Winkel, in mein Heim, mein Herr!« »Gute Nacht, Herr.« Der Pariser schlief in fünf Minuten wieder ein, aber der Hauptmann brauchte längere Zeit. Drei Viertelstunden lang drehte er sich nach allen Richtungen herum, Emma hielt klugerweise ihre Augen geschlossen und wartete unter ihrem Halbschleier auf das erste Schnarchen ihres Tyrannen. Meo saß ganz wach in Träumen. Er beneidete das Los seines Nachbars, der so glücklich gewesen war, des Hauptmanns Kopf zu stützen. Er nahm sich vor den Platz mit ihm zu tauschen, sobald es anginge, ohne Aufsehen zu erregen. Er sah sich schon als den ständigen Begleiter, den geduldigen und gelehrigen Zögling Bitterlins. Er wollte ihm immer recht geben, allen seinen Theorien beipflichten, über alle seine Scherze lachen. Allmählich würde dann in diesem wilden Herzen eine zarte Sympathie erwachen; der alte Wolf würde endlich zahm werden. Ja, wer weiß? Auf Reisen giebt es hunderterlei Zufälle. Bitterlin konnte einmal am Rande eines Abgrundes ausgleiten. Wie erwünscht! Auf ihn zuspringen, ihn am Arme ergreifen, einem sichern Tode entreißen, ihn heil und ganz zurückbringen, seine Danksagung mit zarter Ehrerbietung annehmen, alles das sollte für Meo das Werk eines Augenblicks sein. Andern Tages dann etwas anderes. Herr Bitterlin speiste an der Wirtstafel, seine Tochter zur Rechten und sein Retter zur Linken. Beim Nachtisch erhebt sich ein Wortgefecht; der gute Mann, immer etwas lebhaft, zieht sich eine Schmährede zu. Meo spricht kein Wort bis zur Aufhebung der Tafel, aber nach dem Kaffee ruft er den frechen Menschen auf die Seite, der es gegen seinen alten Freund an Respekt hat fehlen lassen. Es giebt ein Duell, Meo verwundet seinen Gegner, oder noch besser, er wird verwundet. Er kommt zurück mit dem Arm in der Binde, und Herr Bitterlin sagt zu ihm: Ich weiß schon alles. Zum zweitenmal haben Sie Ihr Leben für mich eingesetzt; wie kann ich für so viel Hingebung mich erkenntlich zeigen? Mein ganzer Besitz gehört Ihnen! – Herr, erwidert Meo, von allen Ihren Gütern bitte ich nur um eines. Und weist mit zaghaftem Blick auf Emma, die ganz verdutzt und vor Freude rot übergossen dasteht. Der Hauptmann bietet ihm die Hand und ruft mit soldatischer Derbheit: Schlagen Sie ein, mein Schwiegersohn, und seien Sie ihr ein guter Gatte, Potz Element! Unterdessen schliefen alle im Wagen und Bitterlin hatte sich wieder an den Pariser gelehnt, wie die Hasen immer zum gewohnten Lager zurückkehren. Emma und Meo nahmen das unterbrochene Gespräch auf und setzten noch ein Stockwerk auf ihr Luftschloß. Kurz nach Mitternacht hielt der Zug für eine Viertelstunde in Troyes an. Der Pariser stieg aus, um ein Glas Zuckerwasser zu trinken, und Meo folgte ihm. »Mein Herr,« redete er ihn auf dem Trittbrett des Wagens an, »Sie haben einen unbequemen Nachbar.« »Ja, aber er ist ein guter Kerl. Er geniert mich, aber er amüsiert mich auch.« »Wenn das ist, so wage ich nicht mehr meinen Wunsch auszusprechen; es wäre vielleicht unbescheiden.« »O, sprechen Sie nur, Herr.« »Ich möchte Sie um die Erlaubnis bitten, mit Ihnen den Platz zu tauschen, aber wenn Sie auf Herrn Bitterlins Nachbarschaft Wert legen ...« »O nein, ich gebe nicht soviel darum. Sie kennen ihn also?« »Jawohl, Herr, und ich gäbe sehr viel darum, wenn er sein Haupt auf meine Schulter lehnen wollte, sowie eben auf die Ihrige.« »Eigener Geschmack! ... Soll geschehen, Herr; abgemacht!« »Ich danke Ihnen aus vollem Herzen!« »Gar keine Ursache, auf Ehre.« »Gar keine Ursache? Sie wissen wohl nicht, daß ich seine Tochter liebe? Daß ich ... nein, sie ... nein, er ... ach, Herr! Das ist eine lange Geschichte! ein Roman! förmlich ein Gedicht! Ich muß es Ihnen erzählen; Sie sind mein Freund; für Sie habe ich keine Geheimnisse.« Der gute Junge hatte für niemand Geheimnisse. Er kramte seine Erlebnisse mit soviel Feuer aus, daß sein improvisierter Freund ihn interessant fand. Er selbst war ein Lebemann und ziemlich gleichgültig gegen fremde Angelegenheiten; aber er fand, daß Meo nicht nach der gewöhnlichen Schablone der heutigen Franzosen gemodelt war; er fühlte sich zu ihm hingezogen, weil er kein Alltagsmensch war. »Von jetzt an also,« fuhr Meo fort, »sind wir beide auf Leben und Tod verbunden. Ihre Freunde sind die meinigen, ich stehe Ihnen bei Ihre Feinde zu vernichten; mein Herz, mein Kopf, mein Arm ist stets zu Ihren Diensten!« »Sie sind wahrhaftig allzu liebenswürdig. Ich lebe in einer Welt, wo man weder Freunde noch Feinde hat; wir haben nur gute Bekannte und gegen gewisse Leute Abneigung. Indessen danke ich Ihnen.« »Und Sie Ihrerseits müssen mir helfen, die Hindernisse zu überwinden, Sie dürfen mich nicht verlassen? Sie sind meine Stütze, mein Führer; Sie sollen mein Brautführer sein!« »Aber, mein Gott, mein lieber Herr, das ist grade nicht meine besondere Neigung; wenn ich indessen Ihnen nützlich sein kann, wird es mir unendliche Freude machen; um so mehr als ich nach Baden gehe, und nach der Meinung von ... Lassagne oder Grassot, schöne Handlungen Glück bringen. Aber da läutet es, wir müssen einsteigen. Bitte, gehen Sie voran.« Meo ließ sich nicht lange bitten. Er stieg ein und bat jedermann um Entschuldigung und setzte sich mit möglichster Vorsicht neben seinem künftigen Schwiegervater nieder. Bitterlin sah ihn an, strich mit der Hand über seinen Paletot und knurrte zwischen den Zähnen: »Diese Eisenbahnen sind unerträglich. Zehnmal täglich ein anderer Nachbar.« »Mein Herr,« sagte Meo mit einschmeichelnder Stimme, »entschuldigen Sie, daß ich mir die Freiheit genommen habe. Nach Ihren Äußerungen dachte ich, der Wechsel würde Ihnen angenehm sein.« »Ei, weshalb denn, Herr, erlauben Sie? Der andere hatte einen albernen und störenden Paletot, aber ich hatte mich schon gewöhnt.« Der arme Junge war baff und kroch möglichst zusammen. Dieses erste Scharmützel war nicht glänzend ausgefallen. Nach einer Viertelstunde fing Bitterlin, der nicht wieder einschlief, an mit allerlei Grimassen zu schnauben, wie ein Pferd, das die Wölfe wittert. »Sonderbar,« sagte er ganz laut. »Emma, du hast doch keinen Parfüm an dir?« »Nein, Papa.« »Sie auch nicht, Herr?« sagte er zu dem Amerikaner. Der lange Rotkopf nahm sich nicht die Mühe zu antworten. »Aber ich täusche mich nicht, Herr!« fuhr der Hauptmann fort und griff Meo beim Arm, »Sie sind es! Sie riechen nach der Apotheke! oder nach Veilchenduft! Ja, ja, so ist's: Veilchen!« »In der That, Herr,« stotterte Meo. »Zuweilen nur, ohne böse Absicht, glauben Sie mir, gieße ich einen Tropfen Veilchenessenz in mein Taschentuch.« »Dafür bin ich Ihnen gar nicht dankbar, Herr.« »Mein Herr, hätte ich gewußt ...« »Nun ja, kurz, Sie hatten vielleicht gute Gründe! Jeder für sich, in dieser Welt hienieden.« »Mein Herr, wenn der Geruch Ihnen unangenehm ist, so kann ich auf meinen früheren Platz zurückkehren.« »Wofür halten Sie mich denn, mein Herr? Glauben Sie, daß ich davon sterben werde, wie ein altes Weib? Ich habe schon schlimmere Dinge gerochen auf den Schlachtfeldern. Erlauben Sie mir nur, einen Luftzug herzustellen.« Bitterlin schlief diese Nacht nicht mehr, Emma war zum Schweigen verurteilt, und Meo bekam starken Katarrh. Dies war der ganze Gewinn, den er zwischen Paris und Basel davontrug. VII. Die Schweizerreise Meo tröstete sich ein wenig mit dem Gedanken, daß ihm noch vierzehn Tage blieben, um alles wieder gut zu machen. Emma hatte ihm Bitterlins Reiseplan mitgeteilt. Er wußte jetzt, in welchen Gasthöfen sie absteigen würden, wann sie auf dem Gipfel des Rigi übernachten und um wie viel Uhr sie im Angesichte des Rheinfalls speisen wollten. In diese süße Sicherheit eingewiegt ließ er den Hauptmann mit seiner Tochter in den Omnibus des Gasthofes zu den drei Königen einsteigen und nahm selber eine Droschke gemeinsam mit seinem neuen Freunde. »Nicht wahr,« sagte er alle Augenblicke zu diesem, »sie ist das reizendste Geschöpf auf Erden?« »Ja, ohne Zweifel,« antwortete der Vertraute, »Sie sieht sogar der kleinen Rosalie vom Ballettcorps ähnlich; aber noch niedlicher!« »Sie haben versprochen mir beizustehen; Ihre Gegenwart wird meinen Mut erhöhen. Im Namen Ihrer Geliebten, verlassen Sie mich nicht!« »Ach, lieber Herr, Sie haben nicht nötig, so viele Leute zu beschwören. Ich gehe in ein Land, wo man immer noch zu früh ankommt; also je länger wir unterwegs sind, um so besser ist's für mich,« Sie durchzogen zusammen die Stadt des Erasmus und Holbeins, ohne darauf zu achten, ob sie schöne oder häßliche Gebäude hatte. Der eine dachte an seine Geliebte, der andere dachte an gar nichts. Der Gasthof zu den drei Königen ist die größte Karawanserai in der Schweiz. Die Reisenden ziehen zu Hunderten in den gewaltigen Speisesaal ein, der über den Rhein hinausgebaut ist, Meo und sein Gefährte fanden daselbst nicht bloß die Gesuchten, sondern alle ihre Mitreisenden von der Nacht. Bei Schweizerreisen ist es eine sehr große Annehmlichkeit, zuweilen aber auch eine große Plage, daß man den ganzen Weg entlang stets dieselben Leute wieder antrifft. Man möchte sagen, daß die Touristen jedes Landes gewissermaßen durch eine Strömung immer in derselben Richtung getrieben werden. Der Engländer und der Amerikaner speisten jeder für sich und kehrten einander den Rücken. Das junge deutsche Paar war eben von seinem Zimmer herabgekommen, Auge in Auge, Hand in Hand. Sie setzten sich nebeneinander und die blonde und niedliche junge Frau setzte ihren etwas großen Fuß leise auf den Stiefel ihres Gatten. Beim Essen hielten sie sich umschlungen, nur als man die Forellen auftrug, mußten sie die Umarmung lösen, weil man da beinahe vier Hände braucht, um die Gräten zu beseitigen. Bitterlin hatte noch nicht auftragen lassen. Er spazierte aus dem Saale auf die Terrasse, ohne einen Platz zu wählen oder sein Essen zu bestellen. Der Kellner, der Oberkellner und der Hoteldirektor bemühten sich um ihn, ohne ihn zufrieden stellen zu können. »Verstehen Sie mich recht,« sagte er ihnen, »ich will speisen, nicht wie ein Schlemmer, dessen Bauch sein Gott ist, oder wie dieser Herr da hinten, der wie ein Ochs an der Krippe aussieht. Natürlich muß ich mich stärken, da ich die Nacht im Wagen zugebracht habe und heute noch weiter zu reisen gedenke. Auf das Geld kommt es mir nicht an; ich wandere nicht umher um zu knausern; wenn man seine Groschen aufsparen will, ist's das beste, man bleibt zu Haus. Ich würde mich schämen, so zu frühstücken wie dieser große Lümmel von Student, der ein Butterbrot in seinen Milchkaffee eintaucht.« »Mein Herr,« sagte der Hoteldirektor, »wir haben Lachs, Forellen, Krebse, auch ...« »Ist denn Euer Fisch wenigstens frisch? Nämlich Ihr habt die Gewohnheit den Reisenden Karpfen aus der Arche Noah vorzusetzen. Außerdem, beim Fisch ist die Hauptsache die Sauce, und Ihr da versteht gar nie eine Sauce zu bereiten! Das ist eine Kunst der Franzosen; die Tölpel Eurer Art begreifen das nicht und kurzum, Euren Fisch könnt Ihr für Euch behalten!« Der Oberkellner fiel ein: »Von Wild haben wir Rehe, Gemsen, Hasen, Rebhühner; die Jagd ist heute Morgen eröffnet.« »Nun dann, danke für Euer Wild. Heute Morgen geschossen! Das könnte mir passen! Warum bietet Ihr mir nicht lieber gleich Eure Stiefelsohlen an?« »An geschlachtetem Fleisch,« fuhr der Oberkellner fort, »gedünsteten Hammel, gebratenen Hammel, Rindsfilet, Kalbsnieren, Naturschnitzel, Koteletten mit Kräutern, Hammelrücken ...« »Ja, und ich wette, daß alles mit Zwiebeln gestopft ist; das ist Eure Leidenschaft hier zu Lande! Ihr seid all die Gleichen! Kein Gericht ohne Zwiebeln!« Er trat an einen harmlosen Reisenden heran, der mit gutem Appetit Entenbraten mit Zwiebeln verzehrte. »Mein Herr,« sprach er, »mit diesem Zeuge da wollen Sie sich nähren?« »Aber, Herr ...« »Vielleicht sagen Sie noch, daß das ein köstliches Gericht ist?« »Herr! ...« »Ich verbiete Ihnen nicht, das zu sagen; Ansichten sind frei; um so mehr als das Volk in diesen Kantonen sich den Luxus einer Republik gestattet hat. Aber Sie werden mir erlauben, meinerseits öffentlich zu erklären, daß man einen sehr verdorbenen Geschmack haben muß, ja ich sage einen plebejischen Geschmack, um solches Gemengsel hinunter zu schlingen und gut zu finden!« Er wandte sich dann an den Oberkellner, der ihn mit aufgerissenen Augen anstaunte, und sprach: »Nach richtiger Überlegung, setzen Sie uns vor, was Sie wollen und wo Sie wollen! Im Kriege geht's nur nach Kriegsgebrauch!« Man lud ihn nun ein, an einem Tische Platz zu nehmen. Seine Tochter, von dem Skandal etwas niedergeschlagen, setzte sich vor ihn hin und warf Meo einen melancholischen Blick zu. Der Kellner näherte sich und fragte, was für Wein sie verlangten. Er antwortete: »Können Sie mir den geben, den ich zu Hause in der Vogesenstraße trinke? nein. Also, ich mag nur solchen. Wir wollen hier Wasser trinken.« Die guten Leute vom Hotel setzten ihm ein reichliches Mahl vor, große Stücke und sehr fett, wie man sie nur in diesem Schlaraffenlande bekommt. Er klagte, die Butter sei nicht frisch; hier – in der Schweiz! Ein Teller schien ihm von zweifelhafter Reinlichkeit, er warf ihn dem Kellner an den Kopf und fügte zur Erläuterung bei: »Ich bin sonst nicht delikat; ich habe Pferdebouillon aus einem Kürassierhelm getrunken. Aber hier stelle ich die große französische Armee vor; und wer es mir an Respekt fehlen läßt, beleidigt diese. Du siehst da unten den Fluß an eurer Bude; der hat mir gehört; ich habe ihn mit meinen Kameraden erobert. Darum thu' mir den Gefallen und schiebe sogleich ab, Faulenzer!« Meo erspähte eine Gelegenheit, für seinen Schwiegervater einzutreten; aber er urteilte mit richtigem Bedacht, daß der Augenblick nicht günstig wäre. Alles was er ziemlicherweise thun konnte, war, ihm ein Trosteswort zuzusprechen beim Nachtisch. Er ging wie zufällig an ihm vorbei, grüßte mit seinem süßesten Lächeln und sprach: »Ich fürchte sehr, mein Herr, Sie haben in dieser Kneipe schlecht gespeist.« Bitterlin erhob das Haupt und antwortete mit hochmütiger Miene: »Kneipe, Herr! Selbst Kneipe! Wäre das eine Kneipe, so hätte ich hier nichts gegessen.« »In der That,« erwiderte Meo, »ich bin selber überrascht gewesen. Ich hätte nie geglaubt, eine so erträgliche Küche bei den Tölpeln in diesem Lande zu finden.« »Herr,« entgegnete der Hauptmann und trat dabei vor ihn hin, »die Tölpel sind nicht alle Schweizer. Habe die Ehre glückliche Reise zu wünschen.« Meo verwirrte sich in Danksagungen für die bezeugte Teilnahme. Der Hauptmann wandte ihm den Rücken. Eine Stunde später fand sich unsere ganze Reisegesellschaft ohne Verabredung im Baseler Museum wieder zusammen. Jeder spazierte für sich und that dabei, als ob er die andern nicht kenne; so ist es ja Gebrauch bei wohlerzogenen Reisenden. Dem deutschen Paare gelang es vor einer schönen Landschaft von Calame sich ganz verstohlen einen Kuß zu geben. Dem dicken Engländer gefiel besonders eine niedliche kleine mittelalterliche Statue, und zum Angedenken brach er ihr einen Finger ab. Dann kam der Amerikaner dazu und entführte die verstümmelte Hand nebst einem Stück des Vorderarms. Der Pariser Jüngling hielt sich vor den Meisterwerken Holbeins auf und war der Meinung, dieser göttliche Meister habe etwas von Courbet, stehe aber noch höher. Meo sah nichts als den Kopf eines jungen Mädchens, eingerahmt in Emmas Strohhut. Endlich Herr Bitterlin hatte sein Vergnügen daran, seiner hübschen Begleiterin zu beweisen, daß in den Galerien keine rechte Ordnung herrsche und in den Katalogen keine Übersichtlichkeit. Schließlich waren sie alle sehr befriedigt. Als der Aufseher im Museum die Ausgangthür öffnete, glaubte Meo sich gefällig zu zeigen, wenn er für die ganze Gesellschaft bezahle; aber der Hauptmann, dem seine Weise allmählich auf die Nerven gefallen war, fragte ihn trocken, ob er die Absicht hätte, jemand zu beleidigen. Noch nicht vierundzwanzig Stunden kannte der liebe Hauptmann Meos Gesicht, und seine Abneigung gegen ihn hatte sich schon sehr ausgewachsen. Dagegen fühlte er sich hingezogen zu dem Pariser, der ihn sehr von oben herab behandelte. Mißratene Naturen sind mit solchen Sonderbarkeiten behaftet. Die Schweiz ist in der Kultur sehr vorangeschritten; die jäh aufsteigenden Berge sind keine Grenzpfähle, die den Fortschritt abwehren. Auf den Seen Wilhelm Tells sieht man buntbewimpelte Dampfschiffe hin und her fahren. Den Telegraphendraht trifft man in den wildesten Gebirgsschluchten! auf den Holzhäuschen sind Blitzableiter und der Pfiff der Lokomotiven mischt sich fast überall mit den gewaltigen Stimmen der Natur. Meo bediente sich des Telegraphen, um für sich und für die Familie Bitterlin Zimmer zu bestellen; das kostete ihm fünfundzwanzig Worte und zwanzig Sous; und dafür war er sicher, in Emmas Nähe zu speisen und zu schlafen. Der Hauptmann aber sah in dieser Bedienung Zauberei und fluchte gegen die unbekannte Vorsehung, die ihn des Vergnügens beraubte zu kommandieren. Die fortwährende Nachbarschaft des Italieners wurde ihm von Tag zu Tag unleidlicher. Er fand ihn in allen Eisenbahnwagen und in allen Gasthöfen schon vor, wie sehr er sich auch Mühe gab ihm auszuweichen. Oft ließ er ihn in einen Wagen einsteigen und lief mit seiner Tochter an das andere Ende des Zuges. Gänzlich vergebens! zehn Minuten nachher setzte sich Meo an seine Seite und pries ihm die Schönheiten der Gegend. Der Bau der schweizer Wagen begünstigt dieses Manöver; sie sind nämlich durch eine Art von Gang miteinander verbunden, so daß die Reisenden ungefährdet von einem Ende des Zuges zum andern gehen können. Am Samstag Abend logierte unsere ganze Gesellschaft in Olten, dem Centralpunkte der schweizer Bahnen. Als der Wirt das Fremdenbuch brachte, schrieben sich die uns bekannten acht Personen folgendermaßen ein: »Bitterlin, Hauptmann erster Klasse, Ritter der Ehrenlegion u. s. w.; Paris. Nebst Tochter. »Bartolomeo Narni, Flüchtling; Paris. Ist sehr glücklich, in guter Gesellschaft zu reisen. »Arthur Le Roy, Hausbesitzer; Paris. Amor, du hast Troja zerstört! »Friedrich Möhring, Partikulier; Berlin. Reist zusammen mit seinem teuersten Besitz: O Berge, blauer See, o Blümlein auf den Wiesen, O Nachtigallensang; und ich bin bei Luisen! »Thomas Plum; London. »Georges Wreck, Esq.; New York.« Hernach kam nun jeder, der sich eingeschrieben hatte, einzeln und ganz heimlich zurück, um Namen und Stand seiner Reisegefährten zu erfahren. Als dabei der dicke Mister Plum sah, daß der Amerikaner sich den Titel Esquire beigelegt hatte, bezeugte er eine unbändige Heiterkeit und brach in ein so krampfhaftes Gelächter aus, daß ihm ein Westenknopf absprang. Man begab sich zur Ruhe, ohne die Umgegend anzuschauen. Der Himmel war trübe und es regnete im Thale, während es auf den Berggipfeln schneite, Bitterlin hatte sich Baumwolle in die Ohren gestopft; dennoch hörte er vor dem Einschlafen eine schöne Baritonstimme mit ausgeprägter Betonung singen: Du fliehst mich vergebens; Hab', Teure, Geduld! Denn das Ziel meines Lebens Ist nur deine Huld! Folgenden Tages speiste man im Schweizerhofe zu Luzern, am Ufer des Vierwaldstätter Sees. Das Wetter hatte sich gebessert; auf klarem Himmel zeichnete sich die Silhouette der mittelalterlichen Stadt ab; über den blauen See flogen die Dampfschiffe hin. Wohlgenährte Kuhherden weideten an den Ufern das feuchte Grummet ab; am Horizont stiegen die schneebedeckten Berge auf. Die wohlhabenden Schweizer mit ihren langen Füßen stolzierten im Sonntagsstaat vor dem Hotel, und einige hübsche Engländerinnen stiegen die Treppe hinauf, wobei sie ihre roten Unterröcke bewundern ließen. Herr Arthur Le Roy fand, das Land gliche dem Boulogner Wäldchen, nähme sich fast noch besser aus. Der Hauptmann knurrte über die Forellen, die ihn bei jeder Mahlzeit verfolgten; Emma und Meo verschlangen sich mit den Augen und führten keine Klage über das Essen. Herr Möhring und seine Frau waren durch eine Flasche Rheinwein angeheitert und jagten sich auf den Treppen mit der den Deutschen ganz eigentümlichen lärmenden Fröhlichkeit. Als ihre Zimmerthür längst geschlossen war, hörte man sie immer noch. Mister Plum besuchte ein Magazin von schweizer Waren im Erdgeschoß des Gasthofes. Er kaufte einen langen, eisenbeschlagenen Stock, am oberen Ende mit einem Gemshorn geziert, und ließ dann die Namen aller schweizer Berge darauf einbrennen. Mister Wreck beeilte sich das nachzuthun und fügte auf seinem Stock noch die Namen des Vesuv, des Himalaya und des Cotopaxi hinzu. Diese hölzernen Denkmäler, lügenhaft wie die Obelisken, sollten der bescheidenen Besteigung des Rigi dienen. Gegen zwei Uhr schiffte man sich ein und stieg am Fuß des Berges in Weggis aus. Dank dem schönen Wetter hatte sich der kleine Trupp um etwa zwanzig Reisende vermehrt und im Hafen Weggis gab es einen schönen Wirrwarr. Die Führer, welche die Einwohnerschaft des Dorfes ausmachen, waren mit allen Tragstühlen und allen Pferden, die sie auftreiben konnten, herbeigeeilt, aber man sah beim ersten Blick, daß das lange nicht ausreichen würde. Man zankte in allen Sprachen von Europa, einige Stöcke wurden auf einigen Hüten abgeschlagen, und Meo hoffte einen Augenblick, er würde Gelegenheit haben, Herrn Bitterlin zu verteidigen. Aber der Hauptmann gehörte zu denen, die Schläge austeilen; er wurde auch vor allen andern bedient. Er bestieg ein Pferd und jagte über das Schlachtfeld, wobei er seinen Regenschirm schwang, wie das Schwert Karls des Großen. Er versuchte sogar einigemal das arme Tier sich bäumen zu lassen, in Erinnerung an ein berühmtes Gemälde von Gerald. Seine Tochter wurde durch die Bemühung Meos und des Herrn Le Roy auf einen Tragstuhl gesetzt. Die beiden Kavaliere verloren sich dann in der Menge, aber bald sah man sie auf englischem Sattel hoch über der Masse der Kämpfer thronen. Herr Möhring und seine geliebte Luise hatten sich still beiseite gehalten und genossen vor einem Wirtshause sitzend das Schauspiel der erregten Menge; die Tauben mischen sich nicht in die Kämpfe der Geier. Leider fehlten ihnen die Flügel, um sich auf den Berg zu schwingen; sie mußten zu Fuße gehen. Der Engländer und der Amerikaner schienen demselben Lose verfallen zu sein und Mister Plum schwitzte schon bei dem Gedanken. Er maß mit melancholischem Blicke die langen Beine seines Rivalen und dachte mit Schmerz, Alt-England würde von den Wilden der Neuen Welt überholt werden. Aber vier Leipziger Studenten, die gute Gründe hatten zu Fuße zu reisen, gewahrten plötzlich einen ihrer Kameraden auf dem schönsten Pferde von Weggis, und das mißfiel ihnen sehr. Sie hängten sich an die Beine des Aristokraten und zogen ihn kräftig vom Sattel herab. Diese Volksbewegung beobachtete Mister Plum, sprang wie ein Gummiball hinzu und nahm den Platz des jungen Fremden ein. So haben die Engländer stets die Umwälzungen des Festlandes zu ihrem Vorteil ausgebeutet. Der Amerikaner zuckte mit den Achseln und setzte sich mit raschen Schritten in Bewegung; er brauchte kein Pferd, um vor einem dicken Engländer auf dem Gipfel des Berges anzukommen. Die Reiter, die Fußgänger und die Tragstühle setzten sich nun in malerischer Unordnung in Bewegung auf einem bequemen und sicheren Wege. Der Rigi ist jedem Franzosen bekannt, der lesen gelernt hat: Alexander Dumas hat eine der reizendsten Scenen seines Meisterwerkes dorthin verlegt. Aber der liebenswürdige Verfasser der »Reiseeindrücke« hat die Gefahren der Besteigung und die Majestät des Ortes vielleicht übertrieben, Genau gesprochen, ist der Berg nur ein Hügel von zweitausend Meter Höhe, der mitten in einem Amphitheater von Bergen steht; eine Loge im ersten Rang für die Betrachtung des Sonnenaufgangs, die man aber mittels einer guten Treppe ersteigt. Herr Bitterlin ritt an der Spitze der Gesellschaft, das ist die Pflicht des braven Hauptmanns. Meo folgte ihm Schritt für Schritt und war Zeuge seiner Übungen in der hohen Schule. Er rechnete darauf, daß die Bewunderung, diese Kupplerin schöner Seelen, ihm endlich den Eingang zu dem unlenksamen Alten bahnen würde. Er gab es auch noch nicht auf, ihn am Rande eines Abgrundes aufzufangen. Aber die gefährliche Stelle ließ auf sich warten, und Bitterlin war nicht in der Laune zur Bewunderung. Jedesmal, wenn der Führer die Karawane an einem berühmten Aussichtspunkte halten ließ, murmelte der Hauptmann: »Närrisches Land! ich habe doch noch ganz was anderes gesehen!« Meo war aufrichtig begeistert. Das große Naturschauspiel fand bei ihm eine wohlvorbereitete Seele, denn die Verliebten sind die nachsichtigsten Kritiker, sie empfinden Wohlwollen für die ganze Natur. Aber jedesmal wenn er seinen Gefühlen Ausdruck zu geben versuchte, pfiff der Hauptmann oder grinste und spornte sein Pferd wütend an. Emma bildete mit fünf oder sechs andern Damen die Nachhut. Das arme Kind sah in der ganzen Landschaft nur den Rücken des Vaters, der dem Gesichte ihres Geliebten zugekehrt war. Nach vierstündigem Marsche sah man in der Ferne Rigi-Kulm, das heißt den Gipfelpunkt des Rigi. Diesen Gipfel nehmen zwei Kasernen ein; die eine ist die, wo A. Dumas schlecht gespeist hat in Gesellschaft des berühmten Aleide Jolivet; die andere ist ein Ergänzungsbau, zweimal so groß als der erste. Zur Not finden dort dreihundert Reisende Bett und Verpflegung, und man ist nicht mehr gezwungen einen Pair von England zu töten, um Leichen zu speisen; das ist der Fortschritt des Jahrhunderts! Die einzige Plage, der man noch auf diesen schroffen Höhen unterworfen ist, ist die Kälte. Herrn Bitterlins große Nase färbte sich blau in der Nähe der Herberge. Sein Pferd glitt zuweilen aus auf dem vom Schnee durchnäßten Boden. Mehr als einmal hüllte auch eine düstere und eisige Wolke ihn von Kopf bis zu Fuße ein; dann nieste er gleich den Trompeten des Jüngsten Gerichts. Meo vermeinte in seiner Weisheit, der Augenblick wäre gut gewählt, um diesen lebenden Felsen zu erweichen. »Ehrwürdiger Greis,« sagte er, »ich bin sehr froh, mit Ihnen diese erhabenen Höhen zu bereisen. Glücklich, wer hier leben könnte, fern von der Welt, bei einem mit Erfahrung gesegneten Vater und neben einer angebeteten Gattin! Mein Ehrgeiz hat nie nach etwas anderem verlangt; Gold und Ehre sind meine geringsten Sorgen, und eine solche Glückseligkeit würde mir fürs ganze Leben genügen; das beteure ich bei Ihrem Silberhaar!« »Zum Kuckuck, Herr,« antwortete der Hauptmann lebhaft, »ich bin noch keine Mumie; Sie thäten besser, Ihre Komplimente für sich zu behalten. Sie schwatzen da verrückten Kohl, junger Freund!« »Aber, lieber Herr ...« »Ei was! ein für allemal, thun Sie mir den Gefallen: was sollen diese Manieren? Lieber Herr! lieber Herr! Das ist bald gesagt! Habe ich Sie denn um Ihre Freundschaft gebeten? Sind wir etwa Kriegskameraden gewesen? Haben Sie in der vierten Compagnie des zweiten Bataillons des 104. Regiments gedient? Ich kenne Sie ja gar nicht; begegne Ihnen jetzt zum erstenmal; wir sind nicht einmal Landsleute! Und dann ...« »Ach Herr,« stotterte Meo, »die Zuneigung läßt sich nicht kommandieren. Das Gefühl, die Freundschaft, die Liebe ... ich will sagen die Dankbarkeit ...« »Dankbarkeit wofür? Ich könnte Ihre Manieren noch verstehen, wenn Sie etwa Absichten auf ... O, ich weiß schon. Wirklich, das ist möglich, obgleich Sie nur mir den Hof machen. Sollten Sie sich in den Kopf gesetzt haben ...? Wäre das der Fall, so müßten Sie es gleich sagen.« »Mein Herr ...« »Ja, Sie müßten es sagen; denn ich würde Sie unverzüglich da in den Abgrund hinunterwerfen!« Meo beteuerte, daß er diese Sprache gar nicht verstände, und fügte mit einschmeichelndstem Tone hinzu: »Herr, ich begreife Ihren Verdruß und habe Mitgefühl für alles, was Sie gelitten haben. Ohne Zweifel hat das Unglück Sie verbittert. Gleich zuerst, als ich die Ehre hatte Sie zu treffen, habe ich in Ihnen einen vielgequälten Mann geahnt, in dem die Schmerzen unauslöschliche Narben der geschlagenen Wunden zurückgelassen haben, Ihre Verdienste hat man wohl verkannt, Ihre Tapferkeit vergessen, Ihr Vertrauen mit Verrat belohnt!« Bei dem letzten Worte richtete der Hauptmann sich hoch im Sattel auf und betrachtete Meo mit durchbohrendem Blicke. »Junger Mensch,« schrie er, »ich befehle Ihnen, sich näher zu erklären! Was wissen Sie? Was haben Sie gehört? Wer versucht es, mich lächerlich zu machen? Wenn ich glauben müßte ... Aber nein! er ist ganz stumpfsinnig; er weiß selbst nicht, was er sagt. Immerhin doch! Herr, sind Sie jemals nach Briançon gekommen?« »Nein, Herr.« »Nach Straßburg?« »Nein, Herr, niemals.« »Seit wann wohnen Sie in Paris?« »Ich bin 1850 dahin gekommen.« »Haben Sie die selige Frau Bitterlin gekannt?« »Ich schwöre Ihnen, nein.« »Warum schwören Sie? Die Bekanntschaft mit ihr war also verdächtig?« »Herr, ich weiß nicht, ich ... »Wie? Sie wissen nicht! Sie zweifeln auch! Ich sehe wohl aus, wie ein genarrter Ehemann?« Der arme Bursche erschöpfte sich in Beteuerungen seiner Hochachtung, zog den Hut ab, griff sich in die Haare und weinte sogar; aber er kam im Gasthofe an, ohne in Bitterlins Freundschaft Fortschritte gemacht zu haben. Auf dem Rigi waren zweihundert Personen versammelt, um die Sonne anzubeten. Der Gott mit dem Silberbogen, der Gott des Zoroaster und des Chryses hat in ganz Europa keinen stärker besuchten Tempel als hier. Die Reisenden kommen aus allen Weltgegenden zusammen und der Wirt kassiert ihre Opfergaben mit frommer Miene ein. Die Glut der Andacht dieser Gläubigen ist so mächtig, daß mehr als Einer acht Tage lang im Schnee und Regen umherpatscht, um nur einen Blick seines Gottes zu erhaschen. Unsere Karawane brauchte nicht so lange zu warten. Die Sonne, die sich vier Tage lang nicht gezeigt hatte, geruhte vor aller Augen sich zu Bett zu legen. Bitterlin war von diesem Schauspiel, dem erhabensten, welches die Natur für eine dichterische Beschreibung darbietet, nur sehr mäßig erbaut. Er dachte an seine Selige und brütete in seinem Gehirn schwarze Gedanken aus. Emma und Meo sahen auf der olympischen Stirn des Hauptmanns die Wolken hinziehen. Mister Wreck spazierte mit großen Schritten hin und her, um Mister Plum zu beweisen, daß er noch nicht müde wäre, und Mister Plum lächelte, als ob er sagen wollte: »Das ist mir gleich; Amerika hat doch zu Fuße laufen müssen!« Herr Arthur Le Roy betrachtete nachdenklich den Küchenschornstein und in der feierlichen Stille der Bergeshöhe war sein Ohr gespannt auf die Tischglocke. Der junge Deutsche und seine Frau hatten sich zusammen in denselben Plaid gehüllt und führten ein metaphysisches Gespräch über die Ästhetik des Erdballs. »Freund,« sagte die Neuvermählte, »wie kommt es, daß diese Unendlichkeit mich erdrückt? Als wir in Ostende das Meer sahen, habe ich es klein gefunden. Und doch ist es auch unendlich.« »Wer weiß?« antwortete Möhring. »Vielleicht, weil das Unendliche nach oben uns dem großen All näher bringt; während das Horizontale, so weit es sich auch ausdehnt, von der Oberfläche der Erde sich nicht entfernen kann. Die Erde findet sich wieder an den Grenzen des Oceans; über den Bergen aber ist der Himmel.« »Sollte es nicht eher daher kommen, weil das Meer sich unter das Joch des Menschen gebeugt hat und die Schiffe, die man in der Ferne darauf sieht, gleichsam das Wappen eines Herrn sind?« »Vielleicht, meine Teure. Vielleicht auch ist das Unendliche rein subjektiv, und dann würde sich alles leicht erklären.« »Warum nicht gar, mein Lieber? Wäre es subjektiv, so würde es in den Grenzen des Ich eingeschlossen sein; also würde es nicht mehr unendlich sein.« Die andern Reisenden spazierten munter in dem geschmolzenen Schnee umher und kreischten vor Verwunderung, um sich die Füße warm zu halten. Man läutete zu Tische und zweihundert Gäste eilten in den Speisesaal. Der einzige Vorfall an diesem Abend war ein Streit, den Bitterlin mit einem Kellner hatte. »Wollt Ihr mich hier verhöhnen?« schrie der Hauptmann. »Da habt Ihr mir gestern in Basel Forellen vorgesetzt; die habe ich gegessen. Gestern Abend in Olten wieder Forellen; ich habe nichts gesagt. Heute Mittag in Luzern, zum drittenmal Forellen; ich konstatiere das; und da kommt Ihr auch noch heute Abend damit! Ihr habt Euch also verschworen, mich in eine Forelle zu verwandeln? So wenig wird hier auf meine Bemerkungen gegeben?« Der arme Diener hielt mit stumpfsinnigem Gesicht seine Schüssel hin und ließ dabei die Sauce tropfenweise auf den Rockkragen eines schwedischen Generals herabträufeln; er verstand kein Wort Französisch. Meo, der es verstand, hielt den Moment nicht für günstig, Bitterlins Partei zu ergreifen. Herr Möhring und Frau tranken zusammen eine Flasche »Liebfrauenmilch.« Das ist ein sehr geschätzter Rheinwein; aber Herr Le Roy hielt nicht viel davon. Er sagte Meo ins Ohr: »Kann doch nur ein Deutscher den Wein mit einem so ungereimten Namen taufen! Mir scheint, die Natur des Deutschen ist recht natürlich abgemalt in dieser Mischung von Wein, Liebe und Milch. ›Liebfraumilch!‹« Mister Wreck saß gegenüber Mister Plum. Der Engländer ließ sich eine Flasche Bordeaux kommen; der Amerikaner forderte dieselbe Sorte. Mister Plum glaubte es dann seiner Ehre schuldig zu sein, eine Flasche Chambertin zu bestellen, Mister Wreck fackelte nicht lange, sondern trank dasselbe. Mister Plum entgegnete darauf mit einer Flasche Cliquot, Mister Wreck bot ihm wieder die Stirn, ohne zu zucken. Als man vom Tische aufstand, leerte jeder der beiden Rivalen noch eine Flasche Tokayer. Im Fremdenbuche hatte sich Mister Plum tituliert: »Sir Thomas Plum.« Mister Wreck schrieb: »Graf George Wreck.« Man ging frühzeitig zu Bett; aber Mister Plum schlief unter dem Tische und Mister Wreck, zur Befriedigung seines Nationalstolzes, legte sich über ihn. Die zweihundert Gäste des Rigi fingen an, einträchtig in ihren Zellen zu schnarchen, als eine lauthallende Stimme das ganze Haus erschütterte. Herr Bitterlin mit einem dreifarbigen Shawl um den Kopf, sagte einem deutschen Zimmermädchen: »Gut, Sie verstehen also kein Französisch. Sagen Sie doch einem Diener, der Französisch versteht, er soll sogleich kommen und mein Bett anders herrichten.« VIII. Baden-Baden So ging die Reise vierzehn Tage lang fort, durch Seen und Berge, unter Leitung Herrn Bitterlins. Die kleine Karawane, die durch einige unbedeutende Eindringlinge sich verstärkt hatte, bewunderte abwechselnd die schönen Matten und die alten Wälder, den Sonnenaufgang und die Regengüsse, die Wasserfälle und die Gletscher. Man pflückte einige Sträuße Alpenrosen; Meo erkühnte sich sogar, einen dem Hauptmann anzubieten, der ihn mit trockenem Danke in die Tasche steckte. Gemsen traf man nicht an; auch Bärenbraten wurde nicht gegessen; der Montblanc wurde nicht bestiegen, um das Vergnügen zu haben, die obere Seite der Wolken anzuschauen, die der unteren merkwürdig ähnlich sieht. Man kehrte täglich zweimal in höchst sauberen Gasthäusern ein; man aß vortrefflich auf weißen Tischtüchern von duftendem Linnen, und man schlief in ausgezeichneten Betten. Wer das Reisen so recht genießen will, das heißt, gut leben, sich behaglich bewegen und den Abend ausruhen ohne sich über Tages ermüdet zu haben, der muß vorzugsweise in die Schweiz gehen. Das gestand sogar der Hauptmann zu, wenn er zufällig nicht in schlechter Stimmung war. Die Städte, durch welche man dabei kam, sehen sich alle so ziemlich gleich; es giebt große und kleine; einige hängen hoch über dem Rhein, andere liegen am Ufer eines blauen Sees. Man sieht darin viele neue Häuser und einige alte Kirchen, herausgeputzte Gebäude und andere von zweifelhaftem Geschmack, mannigfaltige Landschaften und rauschende Gewässer. So oft man vor einer hübschen, mit Gärten umschlossenen Villa vorbeikam, wandte Meo den Kopf und begegnete Emmas Blick. Frau Möhring verstand es noch besser; sie veranlaßte ihren Gatten, den Kopf aus dem Wagenfenster zu stecken und küßte ihn draußen. Armer Meo! er hatte nicht einmal den Trost, sich an Herrn Bitterlins Schnurrbart zu reiben. Eines Tages jedoch streifte er sehr nahe an das geträumte Glück; es war in Schaffhausen, angesichts des Rheinfalles. Der Hauptmann, in seiner Verachtung der betretenen Wege, wagte sich zu nahe an den Rand und glitt aus. »Endlich!« dachte Meo, und sprang seinem Schwiegervater zu Hilfe, aber der Eifer trug ihn über das Ziel hinaus, über den Zweig, an dem Bitterlin sich gehalten hatte. Der Retter erlebte die Beschämung, von demjenigen gerettet zu werden, dem er hatte helfen wollen; und als er versuchte seine Erkenntlichkeit zu bezeigen, ward ihm die Antwort, er hätte verdient, ganz hinunter zu purzeln. Als er sich nun trübselig in eine Ecke verzog und abstäubte, kam Herr Le Roy, sein treuer Bundesgenoß, heran und sagte: »Mein armer Junge, Sie sind ganz verzweifelt ungeschickt. Zwei gute Gelegenheiten zu versäumen!« »Zwei?« »Ja, zwei; eine gute und eine mäßige. Nummer eins: den Herrn beim Arm packen und ihn der Welt wieder schenken. Diese Gelegenheit finde ich nur mäßig, sintemal Vater Bitterlin stets nur ein unmöglicher Schwiegervater sein wird. Nummer zwei: ihn bei den Haaren packen; das war die gute Gelegenheit. Ihnen blieb die Perücke in der Hand und der Hauptmann ging kopfüber Forellen fischen, und Sie heirateten seine Tochter, die Ihnen diesen Dank sicher schuldig wäre.« Meo antwortete tief aufseufzend: »Sie machen doch über alles Ihre Witze!« »Ich? ich behandle die Situation mit dem vollsten Ernst. Und sehen Sie! um zu beweisen, daß ich Ihnen wohl will, nehme ich Sie noch heute mit mir fort von hier.« »Also verlassen Sie uns?« »Jawohl; ich lasse die große Armee laufen. Die Bank da hinten hat Pech, wie es scheint; man spricht von einem Österreicher, der sie zweimal an einem Tage gesprengt hat.« »Nun also?« »Ei nun; ich werde einen Abstecher in die Salons dieser Schönen machen und ihr sagen: laß dich sprengen für Le Roy. Das ist ein Wortspiel.« »Ja, was soll denn aus mir werden ohne Sie?« »Aber, ich nehme Sie doch mit! Hören Sie mal, ich bin kein Schuljunge mehr, ich kenne das Leben und habe keine Brille nötig, um zu sehen, was an einem Menschen ist. Ihr Bitterlin ist ein Griesgram von der bösesten Sorte, die sich nie zähmen läßt. Seit vierzehn Tagen streicheln Sie ihn fortwährend und rufen: Put, put! Und was haben Sie erreicht?« »Aber er ist ja vertraulich mit mir, er scherzt und wird grob; das ist schon etwas.« » Alläh! kusch, kusch! sagt auch Bajazzo zu den Hunden und Stallknechten. Nach dem, wie Sie es jetzt treiben, kommen Sie in hundert Jahren nicht zum Ziele.« »Gleichviel; ich kann aber nicht von ihr lassen; ich werde ihr bis ans Ende der Welt folgen. Und, wer weiß? am Ende wird Bitterlin sich von meiner Beharrlichkeit rühren lassen. Wenn er mich etwa nur prüfen wollte?« »Das ist, als wenn Sie sagen, die Kanonenkugeln fliegen durch die Reihen, um die Soldaten zu prüfen. Nein; dieser Mensch ist ein Tier; wenn das Wort Ihnen anstößig ist, wollen wir nur sagen, er ist verroht. Er liebt Sie nicht, liebt seine Tochter nicht, liebt nichts auf der Welt, nicht einmal die Forellen; und wenn Sie ja etwas bei ihm erreichen wollen, so dürfen Sie ihn nicht auf der Gefühlsseite angreifen. Das ist mein letztes Wort.« »Aber ums Himmels willen, wie würden denn Sie ihn angreifen?« »Was zum Teufel soll ich Ihnen sagen? Ich verstehe mich nicht auf die Behandlung von Stachelschweinen. Ach! unsere Erziehung in der Pension Labadins hat viele Lücken gelassen!« Solches waren die letzten Trostworte, die Meo von seinem Freunde zu hören bekam. Gegen Ende der Mahlzeit kündigte Herr Le Roy seine Abreise nach Baden an. Der Hauptmann antwortete freundlich: »Glückliche Reise, meine Herren!« »Aber,« stotterte Meo, »wir reisen nicht ... Entschuldigen Sie ... Der Herr geht allein fort ... wenn Sie nämlich erlauben wollen ...« »Was geht das uns an?« antwortete der Hauptmann. »Auf der Reise ist jeder für sich da. Der Herr hat Geschäfte, er treibt also sein Geschäft. Andere treiben gar nichts; nun, mögen sie spazieren gehen!« »O, was mich betrifft,« sagte der Pariser, »meine Geschäfte sind nicht verwickelt. Ich werde zehntausend Franken einem braven Manne auszahlen, der mir keinen Schuldschein giebt. So ist es in Paris Mode. Seit man Kalifornien und Australien entdeckt hat, strömt uns das Gold so massenhaft zu, daß wir es nicht mehr bergen können. Es geniert uns und langweilt uns, es macht uns die Taschen schwer und juckt uns in den Händen; wir mögen es gar nicht mehr festhalten, auf Ehre! Also was thun? man geht ins Bad nach Baden und kommt geheilt zurück.« Bitterlin wurde ganz deutlich kirschbraun im Gesichte. »Sie sind also ein Spieler?« sagte er. »Das hätte ich eher von vielen andern Leuten geglaubt, Herr, als von Ihnen. Was mich betrifft, so habe ich jedesmal, wenn man mich zum Spiel aufforderte, geantwortet: ›Ich bin nicht so arm, daß ich Ihr Geld nötig hätte, und nicht reich genug, um Ihnen das meinige zu schenken.‹« »Ich aber, mein Herr, besitze reiche Onkel und Tanten genug, so daß ich mir gestatten darf, mit Gleichmut zu gewinnen und zu verlieren. Das Spiel habe ich in Paris begonnen, unter den jungen Leuten der Lebewelt. Es ist da hergebracht, wenn man unter Freunden gespeist hat, bunte Karten zu biegen, um sich den Kopf zu kühlen. Dieses Sodawasser ist mir freilich teurer zu stehen gekommen, als das vom Apotheker. Ich habe abwechselnd verloren und gewonnen; aber da immer auch Damen von der Partie waren, so kam ich gewöhnlich ohne einen Pfennig nach Haus, dazu nach einer wüsten Nacht ermüdet, mit schmutzigen Fingernägeln, schwerem Kopf und blassem Gesicht. Ich schlief dann bis fünf Uhr abends und sah auf meinem Pfühl die Kartenbilder umhertanzen. Nachdem ich es so zwei bis drei Jahre getrieben hatte und dabei in sehr schlimmen Geruch gekommen war, faßte ich einen heroischen Entschluß. Mein liederlicher Hang sollte in ordnungsmäßige Wege geleitet werden. Das Spiel kostete mich im Jahre durchschnittlich fünfhundert Louisdors, ungerechnet die Gesundheit, den Ruf, die gute Laune und alle die Freunde, die sich nicht mehr sehen lassen, weil man ihnen Geld geliehen hat. Da will ich lieber zehntausend Franken auf einmal in Baden verlieren; das ist weniger anstößig, weniger aufreibend, gesünder und rascher zu Ende. Da bin ich sicher, daß die Bank keine präparierten Spielkarten aus den Rockärmeln schüttet. Ich weiß auch, daß sie mich nicht um fünfundzwanzig Louisdor anpumpt, um frühmorgens den Wagen nach Hause zu bezahlen. Gewinne ich, was rein unmöglich ist, so kann ich ohne Scheu den Großmogul spielen und brauche mir nicht vorzuwerfen, daß ich in meiner Tasche das Brot für eine ganze Familie davontrage. Die Bank ist ein unpersönliches Wesen, man kann ihr im Trente et quarante fünfzigtausend Franken abnehmen, ohne befürchten zu müssen, daß sie sich eine Kugel vor den Kopf schießt. Und wenn umgekehrt sie mir mein Geld wegholt, so wird sie damit nicht auf den Straßen in Paris prahlen und meinen Kredit schädigen, indem sie sagt, ich gehe dem Abgrund entgegen. Da haben Sie meine Gründe.« »Wie? Herr,« entgegnete der Hauptmann, »Sie sind ein gescheiter und wohlerzogener junger Mann, ja besser erzogen, als zum Beispiel der Herr da, und Sie können doch keinen bessern Gebrauch von Ihrer Zeit und Ihrem Vermögen machen? Man wählt doch eine Laufbahn, zum Teufel! Jawohl, man ergreift eine Laufbahn!« »Ach leider! mein Herr, habe ich keine Studien gemacht, daß ich Ingenieur werden könnte, oder auch Strumpfwirker oder Universitätsprofessor. Ich hätte mich können um eine Stelle in der Verwaltung bewerben, wie so viele andere, die an der Pforte der Ministerien auf der Lauer liegen; aber dieses Spiel ist noch unsicherer als die Roulette: ich danke dafür! Ich hätte auch können auf die Börse gehen; ich dachte einmal daran. Aber die Spielregeln sind dort zu schwierig. Außerdem kann man da mehr verlieren, als man besitzt, und es wäre mir nicht schmeichelhaft gewesen, meine Ehre auf diesem Teppich sitzen zu lassen. Endlich hatte ich noch das Mittel einer reichen Heirat vor mir, Fi! abscheuliche Lotterie, worin man das gewünschte Los fast nie gewinnt, oftmals dagegen ein sehr unerwünschtes zieht! Darum also, Hauptmann, lade ich Sie ein, ein Gläschen Chartreuse mit mir zu trinken auf die gute Stadt Baden und Herrn Benazet, ihren Propheten,« »Sie werden mich entschuldigen,« sagte Bitterlin. »Meine Überzeugung ist unerschütterlich, und ich schließe mich kräftig dem edlen Gedanken des Gesetzgebers an, der die Aufhebung der Spielhöllen in Paris verfügt hat,« »Ei, ohne Zweifel hat er wohl gethan! Wer sagt denn das Gegenteil? In Paris finden sich ganze Scharen von jungen Bediensteten, die für ihre Prinzipale, Kaufleute oder Notare, schwere Geldsäcke umhertragen. Wenn wir nun Spielsäle hätten, so würden diese oft mit leeren Händen heim kommen und Frankreich hätte nicht Galeeren genug, um sie bequem unterzubringen. Aber Baden ist 150 Meilen von Paris, es kostet Geld dahin zu reisen, wieder Geld, um zu logieren und täglich zweimal zu speisen; und wenn jemand die Mittel besitzt, diese Kosten zu tragen, so thut der grüne Teppich niemand unrecht, indem er ihm sein Geld abnimmt.« Der Hauptmann schneuzte sich mit einiger Feierlichkeit und erwiderte: »Sie sprechen so leicht hin, mein Herr. Sie und Ihr Freund sind Vertreter einer Gesellschaft, die früher oder später an ihrer Verkehrtheit scheitern wird. Aber ein Offizier wird nicht so alt wie ich bin, um seine Lebensgrundsätze zu verleugnen. Das Spiel ist unmoralisch, so wie alle andern Mittel, ohne ehrliche Arbeit reich zu werden. Ich habe es meinen Unteroffizieren und Soldaten verboten, ich habe es mir selbst verboten und ich will meinen Namen Bitterlin auf immer verlieren, wenn ich je von dem Wege abweiche, den mir die Ehre vorgezeichnet hat. Nennen Sie mich Pedanten, so viel Sie wollen! Mit Pedanten meiner Art hat der Spartaner Lykurg einst die Welt erobert.« »Hat der die Welt erobert?« »Gewiß, mein Herr. Ich werde nicht den Vorzug haben, Sie in Baden wieder zu sehen. Dieser Ort war auf meinen Reiseplan eingezeichnet, aber nachdem Sie mich eben belehrt haben, was man dort für ein Leben führt, wird Baden sich drein schicken müssen, ohne mich auszukommen!« Die kleine Frau Möhring, die nicht oft mit jemand sonst sprach, als mit ihrem Manne, erhob Einsprache gegen diesen Entschluß. »Mein Gott, wie schlecht sind Sie berichtet,« sagte sie. »Ich habe einen ganzen Sommer in Baden zugebracht, ehe ich meinen lieben Fritz kennen lernte, und habe gar nichts davon gehört, daß man dort spielt. Es ist eine köstliche Gegend, frischgrün und schattig, poetisch wie eine Geßnersche Idylle. Sie finden dort die beste deutsche Gesellschaft, Hofräte, adelige Stiftsfräulein, Ritter des roten Adlerordens mit Bändern um den Hals, und sogar regierende Hoheiten, Die eine Hälfte des Lebens besteht in Spaziergängen im Schwarzwalde, Frühstücken auf dem alten Schloß, im Bären oder im Jagdhorn; die andere aus Konzerten, Pferderennen, Bällen und Schauspielen. Wir hatten französische Bühnenkünstler und Stücke, welche von den ersten dramatischen Autoren von Paris eigens für uns verfaßt waren. Ich war drei Monate dort und habe nie spielen sehen, außer in der Oper und in der Komödie.« Als sie ihre Rede schloß, wurde sie ganz rot und küßte ihrem Gatten die Hand, um sich wieder Haltung zu geben. »Die Dame spricht die volle Wahrheit,« erklärte Herr Le Roy. »Neun Zehntel aller Reisenden, die in Baden ihr Geld verlieren, werden durch jene Lockmittel angezogen. Die Landschaften des Schwarzwaldes – reines Lockmittel! Die deutschen Prinzen, nur Lockmittel! Die Rennen, Jagden, Schauspiele und Konzerte, lauter Köder und Lockspeisen! Ich habe bemerkt, daß alle Rasenflächen des Parks sanft hinableiten zu dem grünen Teppich des Konversationshauses. Ich bin den Hoheiten auf der Promenade nachgegangen und sie haben mich ganz unvermerkt ans Roulette hingeführt. Ich habe in roter Jacke eine Steeplechase mitgeritten, habe sogar einen Preis von zweitausend Franken gewonnen, aber ich habe mich beeilt, das Dreifache im Trente et quarante zu verlieren; so schnell wie ich den Rock gewechselt hatte, war auch mein Geld weg! Unsere Bühnenkünstler gehen dahin, um das Publikum anzulocken, aber man bittet sie falsch zu singen, um die Leute wieder an den Spieltisch zu jagen. Unsere berühmten Dramatiker schreiben Komödien für Baden, aber sie werden angewiesen, sie recht langweilig zu machen, damit das Publikum durch den Namen angezogen wird, aber vor dem Stücke wegläuft. Von Zeit zu Zeit jagt man einen Hirsch im Schwarzwalde, aber die Beute fällt immer zum Vorteil der Verwaltung aus; das Tier ist kaum niedergesunken, so haben die Jäger das Nachsehen. Für meine Person ist mir das gleichgültig; denn ich weiß genau, was ich in Baden will. Was mich dahin lockt, ist nicht der Köder, sondern der Angelhaken selber.« »Ja,« fügte auch Herr Möhring fein und ruhig lächelnd bei. »Groß ist der Unterschied zwischen dem Lande, wo wir jetzt sind, und dem andern, wohin wir gehen. Sie wollen mir verzeihen, wenn ich mich schlecht ausdrücke, da ich ein Fremdling in Ihrer Sprache bin. Mir scheint, die Mama Schweiz ist eine dicke Amme, die uns zu essen und zu trinken giebt in einem prächtigen Wirtshause, wo in den Zimmern auf allen Tapeten Berge und Schweizerhäuschen gemalt sind. Sie nennt sich die Witwe eines berühmten Mannes, den niemand gesehen hat und dessen Existenz sogar bestritten wird; trotzdem stellt sie sein Bild überall in den Zimmern aus, mit einem Apfel in der einen Hand und der Armbrust in der andern. Man ist nicht gezwungen für wahr zu halten, was sie von dem Seligen erzählt, aber da sie eine brave Frau ist und uns gut behandelt hat, küssen wir sie beim Abschiede herzhaft ab und versprechen wieder zu kommen. Dagegen Fräulein Baden ist eine junge glänzende Erscheinung und gut gekleidet; sie reitet und jagt, tanzt und singt, und spielt ausgezeichnet die modernste Komödie; aber sie hat die Gewohnheit, ihren Freunden das Geld abzunehmen und sie mit leeren Händen heim zu schicken. Doch darum ist sie nicht minder hübsch.« Die Unterhaltung wurde allgemein, wie es so geht an Wirtstafeln, wenn einer der Gäste angefangen hat laut zu sprechen. Unter zweiundzwanzig Personen, die dort beim Rheinfall zusammen zu Mittag aßen, waren vierzehn, die Baden kannten, weil sie dort ihre Thaler gelassen hatten. Das einstimmige Urteil der kompetenten Richter war, es sei sehr leicht, nicht nach Baden zu gehen, aber sei man einmal dort, so müßte auch der Weiseste unvermeidlich seine Taschen leeren. »Ja, ja, Herr,« sagte Möhring zu dem Hauptmann, »Sie thun recht daran, Ihren Reiseplan zu ändern. So fest Sie auch in Ihrer Absicht sind, Sie werden sich biegen, wie eine Eisenstange im Schmiedefeuer. Ich will Ihnen nicht mein eigenes Beispiel vorführen, denn jedesmal, wo ich Baden berühren mußte, habe ich im voraus meinen Anteil für die Roulette beiseite gelegt. Aber hören Sie eine Geschichte, die Ihnen vielleicht zu denken giebt. Ein Pastor aus meiner Gegend, der ehrwürdige Leuckel, ging 1854 nach Baden, um Stoff zu sammeln für eine große Predigt gegen das Spiel; er hatte seine Frau und zwei Töchter auf der Reise bei sich. Ich habe sie am dritten Tage nach ihrer Ankunft alle vier gesehen, wie sie eine Karte und eine Nadel in den Händen um einen Tisch bei Trente et quarante herumsaßen. Die kleine Familie hatte schon fünfzehnhundert Gulden verloren!« »Und die Predigt?« fragte Le Roy. »Ich habe sie im folgenden Winter gehört. Großartig! Herr; er rührte die ganze Zuhörerschaft zu Thränen, besonders aber seine Frau.« »Ja, was beweist denn das?« fiel der Hauptmann heftig ein; »daß Ihr Pastor kein Mann von Grundsätzen war.« Dann dämpfte er bescheiden seine Stimme, setzte hinzu: »Ich bin ein Mann von Grundsätzen ...« »Der Gerechte vergißt sich siebenmal täglich.« »Im Regiment niemals, Herr. Wie sollte ich Autorität über meine Leute gewonnen haben, hätte ich nicht ein lebendiges Beispiel gegeben? Es giebt keinen besseren Prediger, als einen tadellosen Offizier, wie ich mich rühme es gewesen zu sein. Ich kenne alle Spiele und bin sogar sehr gewandt darin. Im Pikett, in der Bezigue, im Domino und im Billard bin ich der Mann, den Schlauköpfen eine Lektion zu erteilen; aber niemand kann sich rühmen gesehen zu haben, wie ich dabei etwas gewann oder verlor, und wäre es nur ein Absinth oder Kaffee mit Cognac!« »Gut also,« sagte Le Roy; »Sie thun wohl daran, Baden zu verabscheuen. Das beste Mittel die Sünde zu meiden, ist, die Versuchung zu fliehen.« »Welche Versuchung? Ich würde auch nicht einmal in Versuchung kommen!« Von allen Seiten wurde dagegen Einspruch erhoben. »Nein,« wiederholte er, »ich würde nicht in Versuchung kommen, und ich will Ihnen den Beweis liefern. Ich werde meine Reise fortsetzen, als wenn nichts geschehen wäre; ich gehe nach Baden, ich halte mich einen Tag lang im Spielsaale auf mit Geld in der Tasche, und Sie sollen sehen, ob ich auch nur einen Franken daran setze!« »Wollen Sie um etwas wetten?« »Nein, Herr. Erstlich, weil ich Ihnen Ihr Geld stehlen würde; dann auch, weil ich ein Mann von Grundsätzen bin und wetten ja auch spielen ist.« Der Hauptmann sprach dies so laut und so sicher, daß ein Umschwung in der allgemeinen Meinung eintrat. Sicherlich hatte Herr Le Roy die eigene Schwachheit ein wenig zu freigebig auf andere übertragen. Einem Manne ins Gesicht sagen, daß er anfangen wird zu spielen, nachdem er sich sechzig Jahre des Spiels enthalten hat, das streift an Verwegenheit. Mister Plum wettete zwanzig Pfund, daß der Hauptmann nicht spielen werde. Herr Le Roy ging die Wette ein und nahm von der Gesellschaft Abschied. Diese Abreise beraubte Meo seines Verbündeten und lieferte ihn Herrn Bitterlin widerstandslos in die Hände. Der mürrische Alte sprach allerdings gern und vertraulich mit ihm; aber darum war er durchaus nicht zahmer geworden. Wenn der Hauptmann schon im normalen Zustande, in Paris und bei ruhigem Leben als ein giftiges Tier gelten konnte, so hatte die Reise ihn noch schlimmer gemacht. Die Bewegung und die frische Luft, die Nahrung und die ganze Lebensweise auf der Reise erzeugen im Menschen einen Überschuß von Lebenskraft, der nicht dazu angethan ist, Wölfe in Lämmer zu verwandeln. Es entsteht eine gewisse Vollblütigkeit und Spannung, dann eine zornähnliche Entfesselung der Kräfte. Die Bosheit war bei dem Hauptmann nie heftiger herausgeplatzt; die empfindlichen Saiten seines Gemüts brachen beim geringsten Anstoß in grelle, disharmonische Töne aus. Mit seiner Tochter mäßigte er sich, weil sie ihm die Spitze geboten hatte, weil er hoffte sie herum zu kriegen, und weil er die Zeugen fürchtete; Haustyrannen pflegen sich in der Öffentlichkeit etwas zu beherrschen. Aber ein unglücklicher Unbekannter, der sich herandrängte, sich ihm hingab, der seine Ohrfeigen mit Dank quittierte, der sollte die volle Wucht seiner schlechten Laune ertragen. War doch auch Meo alsbald seine Zielscheibe, sein Prügelknabe und sein ausersehenes Opfer geworden; er mißbrauchte die Sanftmut des Italieners in häßlicher Weise. Er behandelte ihn um so übler, weil Meo schön war, er aber häßlich, weil Meo groß und er selbst klein war; die kleinen Leute sind unversöhnlich, wenn man sie gewähren läßt. Die Gelassenheit des Ausländers, die Löwen und Tiger entwaffnet hätte, reizte ihn eher und er stürzte sich mit grimmiger Lust auf dieses jagdbare und blutende Wild. Meo aber dachte niemals daran, diese Bestie zu erwürgen, was für seine gesunden Arme ein Spiel gewesen wäre; er wandelte seinen Dornenweg mit der Ergebung eines Märtyrers. Nicht nur unter vier Augen ließ er sich alles gefallen, nein, auch ganz öffentlich, vor einem Dutzend Zeugen schluckte er alle Bosheiten ruhig hinunter. Mehr als einmal ertappte er in den Augen seiner Reisegefährten mitleidsvolle Blicke, die ihm das Blut hoch auf ins Gehirn trieben; aber die Kraft seiner Liebe war so mächtig, daß ein Wink von Emma ihn über alles tröstete. Die Franzosen besitzen nicht solche Stärke, weil bei ihnen sogar in der Liebesleidenschaft die Eitelkeit sehr überwiegt. IX. Aurelia Die Abreise des Herrn Le Roy war das Signal zur Auflösung der ganzen Gesellschaft; die Karawane zerstreute sich in wenig Tagen, der eine rechts, der andere links hin; aber alle wollten in Baden sich wieder treffen; denn dort pflegen die Schweizerreisen erst zu endigen. Sogar Meo war genötigt sich abzusondern, sobald er mit dem Hauptmann und seiner Tochter allein blieb; eine allzu eifrige Beharrlichkeit hätte ihn am Ende in Verdacht gebracht. So ging er denn fort, den Tod im Herzen und fast mit leeren Taschen. Im ersten Hotel in Freiburg im Breisgau nahm er Abschied von dem unnahbaren Schwiegervater. Seiner Emma hatte er schon am Morgen während der Bahnfahrt Abschiedsworte ins Ohr flüstern können; denn der Hauptmann, der ihn bloß lächerlich und keineswegs gefährlich fand, war dicht neben ihm eingeschlafen. Da hatte er Muße, seinen Schmerz und seine Verzweiflung zu schildern, alle seine Leiden ihr vorzuführen und die Nutzlosigkeit seiner Anstrengungen sowie das Hinschwinden seiner Mittel ihr darzulegen. Er bewies der Geliebten, daß ihr Vater sich nie auf etwas einlassen würde; wozu es übrigens kaum eines Beweises bedurfte. Er schilderte ihr seine Niedergeschlagenheit, wie er durch den vergeblichen Kampf ermattet und zu einem neuen Angriff unfähig sei. Sogar seine Geduld sei zu Ende, und er fühle nicht Kraft genug den Zeitpunkt zu erwarten, wo Emma dem Gesetze gemäß sich ihm selber geben dürfe; die zwei Jahre schienen ihm endloser als die Welt; er würde die Zeit nicht erleben. Und selbst im Falle, daß er bis dahin nicht durch den Kummer aufgerieben sein sollte, würde ihn seine Mittellosigkeit sicher verderben. Der traurige Zustand seines Geldbeutels gab dem Gemälde seines Elends den letzten Schlagschatten; er erzählte von der Erschöpfung seiner bescheidenen Mittel, von dem Rücktritt aus seinem bisherigen Broterwerb, und von seiner Unfähigkeit zum Arbeiten, seit er verliebt wäre. Dieses naive Geständnis, das ein Mädchen von ruhigerer Art abgekühlt haben würde, erhöhte bei Emma die Teilnahme und die Zärtlichkeit. Noch vor einem halben Jahre hätte sie vielleicht einen Mann ohne Beruf und ohne Vermögen verächtlich zurückgewiesen; aber wenn die Liebe einer Frau bis zu einem gewissen Grade gediehen ist, so flammt sie auf und verstärkt sich an allem, was sie löschen sollte. Sie wird gleich einer mächtigen Feuersbrunst, die sogar durch sein Löschwasser neue Nahrung findet. Das vortreffliche Mädchen versprach alles was nur möglich war; sie wollte mit Meo sterben, wenn sie nicht für ihn leben konnte. Von allen Schwüren, welche die Leidenschaft jungen Leuten eingiebt, ist dieser am leichtesten zu halten; sind ja doch die Annalen der Liebe voll von Doppelselbstmorden. Meo ergriff ohne Zögerung dieses heroische Heilmittel, das niemals jemand geheilt hat; er fand es ganz natürlich, daß Emma mit ihm sterben wollte, und dachte gar nicht daran, ein solches Opfer zu verschmähen. Die Unschuld der beiden großen Kinder geht schon daraus hervor, daß sie auf dieses Endziel direkt losstürmten, ohne selbst nur im Geist, an gewissen Zwischenstationen Halt zu machen, wo sie hätten Rast und Befriedigung finden können. Sie prüften gar nicht, ob es für das Problem ihres Geschickes eine Lösung gäbe, die nicht so anständig wie die Ehe und nicht so unangenehm wie der Tod wäre. Sobald es ihnen erwiesen schien, daß das Schicksal ihre Verehelichung nie zulassen werde, dachten sie nur noch darauf, unter den verschiedenen Wegen, die aus dem Leben führen, einen auszuwählen. Glücklicherweise erwachte Herr Bitterlin, ehe sie ihre Wahl zu treffen hatten, und die Beratung wurde bis auf das nächste Wiedersehen vertagt. Nachdem Meo abgefahren war und der Hauptmann mit seiner Tochter allein blieb, verlief die erste Viertelstunde dieses Alleinseins nicht ohne Verlegenheit. Zwar Emma fühlte sich nicht beängstigt; ihre Rolle stand so fest, ihr Entschluß war so unerschütterlich, daß sie sich schon nicht mehr wie eine Bewohnerin der Erde vorkam. Sie sah sich die andere Welt durch das Schlüsselloch an und wartete, bis ihr Liebster ihr die Thüre öffnen würde. Aber der Hauptmann, der noch nicht so weit war, empfand eine seltsame Unbehaglichkeit und peinliche Langeweile. Seit dem Kriege, den seine Tochter mit ihm zu führen gewagt, und dem nachfolgenden Waffenstillstand im Moment der Abreise, hatte er mit der schönen Rebellin nicht zehn Minuten fortlaufendes Gespräch gehabt. Wenn er sich irgend mal mit ihr allein befand, so war es am Abend, zu einer Zeit, wo Reisende nur noch ans Schlafen denken. In solchen Fällen ersetzte ein kurzer Kuß jedes Gespräch; jeder trat in sein Zimmer und die Verbindungsthür wurde angelehnt, nicht abgeschlossen. Aber heute, wo die beiden Gegner sich zum erstenmal nach dem Essen ohne Zeugen Stirn an Stirn sahen, in einem großen Saale, auf dessen Wänden die Abenteuer der Psyche gemalt waren, hüllte Emma sich in ein nachlässiges Schweigen und taktierte mit der Messerspitze auf ihrem Teller eine Melodie, während der Hauptmann mühsam die Einleitung zu einem Gesprächsstoff suchte. Und er fand nichts Besseres, als die Schaustellung der Fehler und Sonderbarkeiten des Reisegefährten, der sich ihnen eben empfohlen hatte. Das war von seinem Takt nicht anders zu erwarten; er richtete Meo ganz köstlich her; er verbiß sich in ihn und zerzauste ihn mit grausamer Lust. Der gute Mann hatte etwas hakige Zähne, wie schlecht dressierte Hunde, die ein Rebhuhn nicht herbeiholen können, ohne es zu zerbeißen. Emma hörte gelassen zu, ohne auch nur mit den Achseln zu zucken; aber ihre Augen drückten die tiefe und unsühnbare Verachtung einer Andächtigen aus, die ihren Gott lästern hört. Der Redner verfehlte nicht, vom Besonderen auf das Allgemeine überzuspringen; das Urteil, das er über Meo fällte, dehnte er auf alle jungen Leute unseres Zeitalters aus und bewies, daß ein Mädchen sich anständigerweise nie in eins dieser Affengesichter vergaffen dürfe. Emma behauptete nicht das Gegenteil. Durch dieses zustimmende Schweigen ermutigt, ging er daran, seine Tochter sanft auszuschelten wegen dessen, was er ihre Nücken nannte. Er warf ihr vor, sie habe nicht genug Vertrauen zu ihm; er war erfreut über die günstige Wirkung der Reise und hoffte das alte Familienverhältnis wieder hergestellt zu sehen. Er ging noch weiter; denn Zartgefühl war nicht gerade seine hervorragende Eigenschaft; er wagte diesem Kinde zu sagen, ihre verstorbene Mutter sei, wenn nicht untreu, doch wenigstens leichtfertig gewesen; sie hätte ihn unglücklich gemacht; daher hätte er ein Anrecht auf Ersatz und hoffte, diesen in der guten Aufführung und der Treue seiner Tochter zu finden. »Was verlange ich also?« sagte er. »Daß du meine Stütze bleibst, bis ich sterbe, und du mich in meinen Gewohnheiten belässest. Für Brot auf meine alten Tage ist gesorgt, meine Gesundheit ist auch nicht schlecht, mein Kopf gehört zu den festesten, die seit Napoleon geschaffen sind; ich brauche nur Ruhe. Hättest du dich ernstlich in deine Dummheiten verbissen, so hättest du einen Vatermord begangen, ja ganz genau das! Du störtest meine Lebensweise und würdest zu allererst mich auf die Straße hinaussetzen. Und dann weiter? Wolltest du mich ganz allein lassen, wie einen alten Hund, um mit deinem Manne nachts zu vagabundieren? Oder wolltest du mir einen Menschen ins Haus bringen, den ich nicht kenne, der nicht in meinen Ideen lebt, der den Herrn spielen und mir gegenüber Recht behalten will? Dazu hast du doch ein zu gutes Herz. Wärest du einer solchen Gottlosigkeit fähig, so könntest du nicht aus meinem Blute stammen und deine Mutter hätte auf ihrem Totenbette gelogen, als sie mir das zugeschworen hat!« Emma antwortete nichts, sie weinte nicht und äußerte weder Kummer noch Zorn; sie verschanzte sich in den Egoismus ihrer Liebe gegen den Egoismus des Vaters. Unterdessen kam Meo in Baden an und begab sich in das Viktoriahotel, wo Herr Le Roy ihn hinbestellt hatte. Diesen fand er im Hausrocke, um fünf Uhr nachmittags, mitten unter ganz sonderbarem Hausgerät. Die Kommode, der Spieltisch, der Nachttisch und sogar der Fußboden war völlig bedeckt mit blauen, grünen oder roten Krystallvasen; eine Masse kleines Spielzeugs aus weißem Holz, Schweizerhäuschen, Kästchen, Papiermesser, Schwarzwälder Uhren vervollständigten diese seltsame Auswahl von Kleinodien. Der Besitzer aller der Wunder aber wandelte unter seiner Habe mit trübseligerem Gesichte umher, als Marius auf den Trümmern von Karthago. Als er den Reisegefährten kommen sah, wäre er ihm beinahe um den Hals gefallen. »Wahrhaftig, Sie kommen wie vom Himmel gesandt!« sprach er. »Sie haben Geld?« »Elf Louisdor, zu Ihrem Dienst.« »Ei, ein Krösus!« »Finden Sie? Es ist mein ganzes gegenwärtiges und zukünftiges Vermögen.« »Er hat elf Louisdor, in Baden, und er klagt noch! Mein Lieber, zuvörderst müssen Sie mich zum Mittagessen einladen.« »Von ganzem Herzen.« »Nun warten Sie! Ich werde Ihnen dazu den Herzog von S... und den Prinzen D... holen, zwei Freunde von mir, die auch noch nicht gefrühstückt haben. Seien Sie freundlich mit ihnen; es sind zwei Millionäre.« Meo machte große Augen. »Sie verstehen das nicht?« fuhr der Pariser fort. »Ich bin nämlich ausgebeutelt, mein Guter, und diese Herren ebenfalls, und noch viele andere, die ich Ihnen nicht vorstellen werde, um Ihre Güte nicht zu mißbrauchen. Die Bank ist seit zwei Tagen ganz wild. Und dazu nehmen Sie: wenn ich vorgestern Abend abgeschoben wäre, nahm ich sechzigtausend Franken ganz reinen Gewinnes mit! Anfänglich spielte ich fortwährend mit Gewinn in allen Farben; eine Reihe Rot, dann eine Reihe Schwarz. Ich hielt tüchtig auf Schwarz, als ich plötzlich, wie durch Eingebung, da Pech wittere; ich ziehe meinen halben Satz zurück, dann kurz entschlossen alles. Knacks! Da macht die Bank eine Schwenkung und rafft alle Einsätze weg. Hatte ich eine gute Nase?! Ich gehe über zum Rot und habe wieder Schwein. Zehnmal hintereinander Rot! Da ich kühn vorging, machte ich Geschäfte und die andern nicht minder; denn alle spielten mir nach; auf Schwarz keine zwei Louisdor. Da schlägt es leider zwölf Uhr, wir brauchten nur noch eine halbe Stunde und die Bank war gesprengt!« »Ich muß aber bemerken,« unterbrach ihn Meo, »daß ich dieses Spiel gar nicht kenne.« »Sie werden es alsbald kennen lernen, armer Freund; es ist schrecklich einfach. Ich bin also in mein Zimmer zurückgekehrt, in dies verfluchte Zimmer hier, mit siebzigtausend Franken in Banknoten, Napoleons, Friedrichsdors; es war sogar ein Gulden dabei! Als ich andern Morgens die Augen aufthat, gelobte ich mir, dieses Jahr nicht mehr zu spielen. Ich lief die Verkaufsbuden ab, um mich bei gleichgültigen Einkäufen zu amüsieren. Ich gab den Bettlern Fünffrankenstücke; ich lieh ganze Hände voll den Dämchen, die nichts mehr hatten – eine Geldanlage für nächsten Winter! Ich machte eine Spazierfahrt und die Landschaft erschien mir so wonnig; es kam mir vor, als wenn alle Baumblätter von dem Direktor der Bank Frankreichs gestempelt wären! Ach, warum kehrte ich da nicht nach Frankreich zurück? Ja, warum doch? Sehen Sie, daran sind Sie schuld! Ich hatte Sie ja hierher bestellt! Sie haben mich also ruiniert! Dieser Mann hier kostet mich siebzigtausend Franken! Zehntausend davon bedaure ich nicht; die hatte ich mitgebracht, um sie zu verlieren. Aber die andern sechzigtausend waren mir nicht zugefallen, um verloren zu werden, und warum? ich hatte sie ja eben erst gewonnen! Doch am Ende, wenn Sie mir zu essen geben, stopfen Sie mir den Mund. Ich erwarte auch Geld mit der Post; wir sind hier eine ganze Menge, die nach ihrer Ankunft ausschauen! Aber diese Post versteht ihre Sache nicht; es ist die reine Schneckenpost! Einen Augenblick dachte ich daran, aus dieser gebrechlichen Ware da Geld zu schlagen; aber die Verkäufer wollen sie nur mit fünfundachtzig Prozent Verlust zurücknehmen! Sie bewiesen mir auch, daß all das Zeug häßlich und geschmacklos wäre, und ich gebe ihnen allmählich recht. Wollen Sie ein Schweizerhäuschen haben, mein armer Narni? Wollen Sie eine Kuckucksuhr? Ein Tintenfaß aus blauem Krystall? Sieh, da ist es zerbrochen! Krimskrams! man stößt mit dem Fuße daran und es fällt in Scherben! Nehmen Sie sich in acht, in das Glas zu treten, mein Guter! Spazieren Sie lieber auf die Schweizerhäuschen, das ist ländlicher! Ach, da fällt mir ja Ihre Liebe ein; was macht die niedliche Blonde? Haben Sie den alten Mohikaner zahm gemacht? Ich wette, nein. Sind sie mitgekommen? Ich habe ja fünfundzwanzig Louisdor auf den Kopf des Tigers gesetzt; es wäre sehr liebenswürdig von ihm, wenn er sie mich gleich gewinnen ließe. Ach, ich vergaß! wir haben auch eine Landsmännin von Ihnen im Hotel Royal; sie kennt Sie, ich glaube sogar sehr intim; übrigens redet sie von Ihnen nur Gutes. Ein stolzes Weib! eine leibhaftige Juno! auf dem Turf heißt sie nur die forsche Aurelia. Sie hat in meiner Glückszeit eintausend Thaler gewonnen und ist vernünftig gewesen, sie fest zu halten. Ich habe ihr Ihren Besuch angesagt; gehen Sie nur hin, mein Lieber; so etwas gewährt immer Trost. Die Jäger haben einen Ausdruck für solche Geschichten: in Ermangelung von Drosseln nimmt man mit Elefanten vorlieb. Herrgott! was macht der Mann für ein überirdisches Gesicht! Sollten Sie etwa die Absicht haben, sich in die Luft zu sprengen?« »Ja,« antwortete Meo. »Ich erwarte nur die Ankunft von Fräulein Bitterlin; sie will freiwillig mit mir sterben.« »Auf Ehre, der Kerl ist närrisch! Aber was thäten Sie Unglücklicher erst, wenn Sie siebzigtausend Franken verloren hätten?« »Ich habe zehnmal mehr verloren und das hat mich nicht sonderlich betrübt. Heute ist das ein ander Ding. Mein ganzes Leben ist verfehlt; ich habe auf Erden kein Glück mehr zu hoffen und ich verschwinde.« »Aber nicht eher, als Sie uns das Mittagessen vorgesetzt haben! Ich will nur meinen Rock anziehen; wir holen die Herren auf dem Wege ab und das weitere findet sich in der Restauration.« Eine Stunde später hatte Meo die Freunde des Herrn Le Roy in alles eingeweiht. Der junge Herzog und der kleine Prinz trösteten ihn aufs beste, wobei sie die kräftigsten Gerichte der Speisekarte einschlangen. Diese Opfer der Spielwut ergötzten sich höchlich über ihre zeitweilige Armut; nichts ist so spaßig für einen reichen jungen Herrn, als auf ein paar Tage zur Bettelarmut verurteilt zu sein; sie erstickten beinahe vor Lachen und hatten Mühe, das junge Gemüse hinunter zu schlucken. Meos Kummer schien ihnen etwas wichtiger als ihre eigene Not, aber nicht allzuviel. Mittel gegen Liebesverzweiflung kannten sie übergenug, und alle waren unfehlbar. Jeder rühmte die Art der Behandlung, welche er selbst als die sicherste erprobt hatte; aber einstimmig waren alle drei Gäste darin, daß die Bäder in Baden zur Heilung von Herzaffektionen, von der besten Wirkung in der ganzen Welt wären. Meo ließ sie reden und wurde sogar ein wenig angeheitert, als er mit ihnen auf seine eigene Gesundheit trinken mußte; dennoch hätte er bei Aufhebung der Tafel Gift genommen, wäre Emma dagewesen und hätte es mit ihm geteilt. Man bewegte sich dann in den Sälen des Konversationshauses, das heißt in den Spielsälen. Dort sah er eine Masse hübscher Frauen aus allen Ländern und von allen Arten; aber ihm erschien das Leben mit jeder andern Frau weniger anziehend als der Tod mit Emma. Herr Le Roy zeigte ihm das Trente et quarante von ferne und die Roulette in der Nähe. »Dies ist,« sagte er, »ein unbedeutendes Spiel, belanglos und nur für Kinder, die Zerstreuung nötig haben. Man kann hier den geringsten Satz wagen, so etwa zwei Franken. Man nennt das ein Guldenspiel in der Sprache der Badenser. Erwachsene gehen nur zum Trente et quarante , Wer das Spiel nicht kennt, lese die Vorbemerkung des Übersetzers. weil die Bank dem Spieler darin mehr Chancen bietet und besonders, weil das Talent des Spielers sich dabei geltend machen kann. Indessen wenn Sie das hier einmal versuchen wollen, so setzen Sie einen Louisdor auf die sechs letzten Nummern, dorthin, halt! quer über die beiden Linien. Gut! die 33 kommt heraus. Sie gewinnen Ihren Satz sechsmal; ich hatte es Ihnen ja gesagt! Nehmen Sie hin! die sechs Louisdor gehören Ihnen. Was meinen Sie von der Roulette? Finden Sie nicht, daß es eine wundervolle Einrichtung ist, wenn man mittels einiger Groschen ein paar Minuten lang allen Kummer vergessen kann? Von dem Augenblick, wo Sie Ihr Geld auf den Tisch gelegt haben, bis zu dem Augenblick, wo der Herr gesagt hat: trente-trois, rouge, impair, passe , haben Sie nicht an Fräulein Bitterlin gedacht, auch nicht an das unaussprechliche Vergnügen, an ihrer Seite in Krämpfen zu sterben. Und diese Zerstreuung, die machtvollste auf der Welt, hat Sie nichts gekostet, hat Ihnen sogar hundertundzwanzig Franken eingebracht! Wundervoll, nicht wahr? Was werden Sie erst sagen, wenn Sie das Trente et quarante geschmeckt haben?« Meo machte nun unter Anleitung seines Mentor mit dem Trente et quarante Bekanntschaft. Bei diesem allerleichtesten Kartenspiel wunderte er sich nur über die Einfachheit. Er konnte nicht genug staunen, daß man siebzigtausend Franken in einigen Schlägen gewinnen oder verlieren konnte, weil der Bankier 37 Punkte für Rot und 38 für Schwarz aufgelegt hatte. Er spielte, wie man ihn leitete, er gewann, verlor, gewann wieder und blieb so gleichgültig bei Gewinn und Verlust, als wenn Kieselsteinchen auf dem Tische gelegen hätten. Als Mitternacht vorüber war, kam er betrübt in seinen Gasthof zurück, obgleich er einige hundert Franken in der Tasche hatte und seine neuen Freunde ebenfalls. Wozu konnte ihm das Geld dienlich sein? Hatte er nicht sicher genug für die kurze Zeit, die ihm noch zum Leben übrig blieb? Fräulein Aurelia hatte er wieder vergessen, aber er begegnete ihr am andern Morgen in der Lichtenthaler Allee. Die arme Person stieß einen hellen Schrei aus, einen echten Theaterschrei. Sie lief auf ihn zu und küßte ihn auf beide Backen, ohne Rücksicht auf eine Familie von Engländern, die eben vorbeiging. »Lieber großer Junge,« sagte sie, »wo kommst du her? wo gehst du hin? bist du nicht vergnügt?« Er antwortete ihr in sichtlicher Verlegenheit, er wäre gestern Abend angekommen und hätte von ihrer Anwesenheit in Baden erfahren, und sich vorgenommen, ihr eine Visite zu machen. »Eine Visite!« entgegnete sie. »Du wolltest kommen und mir eine Visite machen, du, der du mein alles gewesen bist! Du bist sehr unartig oder sehr unglücklich geworden! Bist du immer noch unter derselben Flagge gesegelt? Erzählst du mir noch von dem blauäugigen Mädchen? Bei dir hat das Gewitter ja wohl sehr kräftig eingeschlagen, mein armer Bengel?« »Ja,« sagte er. »Warum mich noch fragen, was ich Ihnen schon vor langer Zeit verkündigt habe? Ich liebe jetzt zum erstenmal in meinem Leben.« »Danke für die Erklärung. Sie ist also viel netter als wir, natürlich?« »Ich vergleiche sie mit niemand. Sie ist mehr als hübsch, mehr als schön, mehr als reizend. Sie ist die Anmut und die Schönheit selber, das süße Licht meines Lebens, die ...« »O, ich schenke Ihnen den Rest. Ich glaubte, Sie hätten so viel Geschmack, ihr Lob vor andern Leuten zu singen, als vor mir. Nun denn! Seien Sie glücklich! ich rede ohne Zorn. Ich kann nicht anders als Ihnen die Kränkung vergeben, die Sie mir angethan haben. Ich bin gar zu schwach gegen Ihr böses Herz. Ich wünsche Ihnen alles Glück!« »Ich bin aber nicht glücklich, Aurelia, und ich werde es nie sein. Es ist unmöglich, daß ich zu meinem Ziele gelange; es sind unüberwindliche Hindernisse vorhanden.« »Wahrhaftig? Also übernimmt es eine andere, mich zu rächen? Und an Sie kommt die Reihe des Leidens? Das macht mir keine Freude, Meo, aber ich bewundere wider Willen die himmlische Gerechtigkeit.« Er antwortete mit kindlicher Einfalt: »O, ich werde nicht lange mehr leiden. In drei oder vier Tagen soll ich in den Tod gehen. Also ...« Sie fiel ihm empört ins Wort und zeigte eine keineswegs geheuchelte Erregung, Mit blitzschneller Bewegung riß sie Meo eine Strecke seitwärts von der Promenade fort, ließ ihn unter einem Baum niedersitzen und sprach: »Ich will alles wissen. Rede mit mir wie mit deiner Schwester oder Mutter. Fürchte nicht bei mir anzustoßen; ich habe ein starkes Herz. Armer Junge! Welches Weib hat so undankbar sein können, dich in solche Verzweiflung zu stürzen? Ich bin für dich zu allem bereit, ich, die Ungeliebte. Soll ich sie aufsuchen? Deine Fürsprecherin sein? Ach, ich wollte ihr sagen, wie thöricht sie ist, das göttlichste Glück von sich zu stoßen, das ein Wesen unseres Geschlechtes je auf dieser Welt gekostet hat!« Meo ward gerührt von diesem weiblichen Heroismus, dessen nur eine Italienerin fähig ist. Während er anfangs sich nur auf Verteidigung gerüstet hatte, wurde sein Herz vor Rührung ganz weich. Zwei dicke Thränen rollten aus seinen Augen; schluchzend erzählte er die Geschichte seiner Liebe und den Grund seiner Verzweiflung. Seine alte Freundin hörte ihn an und fragte ihn mit leidenschaftlicher Aufmerksamkeit aus. Zuweilen trieb sie ein egoistisches Gefühl, Bitterlins Strenge Beifall zu zollen; aber rasch umgestimmt, empfand sie wieder Mitleid mit Meos Schmerz. Mehrmals nahm sie seinen Kopf in ihre beiden Hände, um ihm die Thränen von den Augen zu trinken und die Bitterkeit seines Herzeleids zu schmecken. »Um mich hast du nie geweint!« sagte sie. Aber sofort weinte sie mit ihm. Nachdem sie die ganze Geschichte gehört und aus den verschiedenen Vorfällen sich den Charakter des Hauptmanns klar gemacht hatte, dachte sie eine Weile nach und sagte dann: »Lieber Freund, ich bin zwar nur eine Frau und sogar eine ziemlich gewöhnliche Frau, da ich die Neigung, die ich für Sie hege, Ihnen einzuflößen nicht imstande war. Indessen haben wir Frauen Einsichten in das menschliche Herz, die euch Männern fehlen. Ich glaube richtig zu ahnen, daß Ihr Hauptmann von der Art ist, wie der alte Florentiner, der in meiner Kindheit in unserm Hause wohnte. Er gefiel sich darin, nichts zu thun, was seinen Verwandten, Nachbarn oder Freunden angenehm sein konnte. Je mehr man darauf sann ihm gefällig zu sein, desto mehr ereiferte er sich gegen die Leute, und das einzige Mittel, etwas von ihm zu erlangen, war, ihn als Feind zu behandeln. Er hatte drei Neffen, die ihm seit zehn Jahren um den Bart gingen, um sein Vermögen zu erben; er aber machte sein Testament zu Gunsten eines Richters, der ihn in allen seinen Prozessen verurteilt hatte. Seine Nichte liebte einen jungen Bürger; er verheiratete sie trotz Widerstrebens an einen Witwer, den sie nicht ausstehen konnte. Ihr Hauptmann ist aus demselben Holz geschnitten, wenn ich nicht irre; vielleicht würde er Ihnen seine Tochter geben, wenn er sicher wüßte, damit Sie beide unglücklich zu machen. Wie dem auch sein möge, Sie thaten unrecht, ihn während der Reise zu hätscheln; grade dies war das Mittel, ihn gegen Sie aufsässig zu machen. Wenn Sie jemals noch seine Einwilligung erhalten, so geschieht es nur im Falle, daß Sie sie ihm gewaltsam zu entreißen verstehen. Treten Sie ihm kühn entgegen, bieten Sie ihm die Stirn und zeigen sich schroffer als er selbst; vielleicht ist er durch harten Widerstand zu erschüttern. Zeigen Sie ihm nur Mut und volle Energie; dann bekommt er Furcht. Mein Gott! wie hätte ich mich vor Ihnen gefürchtet, wenn ich ein Mann gewesen wäre!« Meo führte sie nach ihrem Gasthofe zurück. Ohne recht zu wissen, warum, fühlte er sich ein wenig aufgemuntert; die Zukunft erschien ihm nicht mehr so düster und der Hauptmann nicht mehr so schrecklich. Er nahm sich vor, gegen das Geschick zu ringen, und sich nicht ohne Kampf besiegt zu geben. Ihr, die ihm so viel Hingebung bewiesen, und ihm so viel Mut eingeflößt hatte, spendete er heißen Dank. »Der Himmel selber hat Sie nach Baden geführt,« sagte er beim Abschiede. Sie antwortete mit italienischer Offenherzigkeit: »Nein, es ist ein alter Buchdrucker, der mich in seinen Schutz genommen hat, Herr Silivergo.« X. Das Spiel Es war Dienstag am 14. September, als Meo Fräulein Aurelia wiedergefunden hatte. An diesem und den beiden folgenden Tagen sah sich das Freundespaar so ziemlich überall, nur nicht zu Hause. Herr Silivergo, der seinen Schützling in achtungsvoller Entfernung überwachte, war von allen diesen Begegnungen mißgestimmt, aber es gefiel ihm nicht, sich seinem früheren Korrektor erkennen zu geben. Und Meo hielt es seinerseits nicht für angemessen, diesem grämlichen Patron in die Arme zu laufen. Er war jetzt unzertrennlich von Herrn Le Roy und der lustigen Bande der Ausgeplünderten. Diese Herren erhielten Geld geschickt, dann verloren sie es, dann besserten sie durch einige glückliche Schläge ihre Finanzen wieder auf und hielten Fortuna drei Tage lang in Schach. Meo wiegte sich mit ihnen auf dieser Schaukel, er gewann und verlor und lachte über beides. Man fand ihn zu seinem Vorteil verändert und schrieb die Metamorphose Fräulein Aurelia gut. Dagegen wehrte er sich freilich mit kurzem Stocke; er beschwor seine Treue und drohte, Herr Bitterlin sollte es mit ihm zu thun kriegen. Die Geschichte von seiner großen Leidenschaft machte Aufsehen; so gern erzählte er sie. Alle diese jungen Pariser wußten, daß Herr Bitterlin im Anzuge war, und die Legende malte ihn schon wie ein Fabeltier aus. Niemand speiste in der Restauration, ohne auf die Erlegung des wilden Bitterlin anzustoßen. Emma galt als ein mittelalterliches Ritterfräulein, und Meo wurde unter dem Beinamen Eginhard gefeiert. Die Frauen interessierten sich für sein Liebesglück und mehr als eine Krinoline umkreiste ihn mit wohlwollenden Blicken. Der brave Junge erblickte darin nur Begeisterung; er seufzte ganz öffentlich für seine Schöne, wies dem Scheusal von Schwiegervater die Faust und spielte in Erwartung des Feindes Trente et quarante . Er war schon so weit, daß er die Louisdors im Verkehr des Spieles wie sehr bequeme Rechenpfennige betrachtete und ihnen keine andere Bedeutung und keinen andern Wert beimaß. Fortuna, die ja die Leichtsinnigen nicht verachtet, behandelte ihn gut. Aber der Freitag kündigte sich als ein Unglückstag an. Schon am Morgen traf Trente et quarante Fürsorge, sein Publikum zu rupfen. Ein verteufelter Zufall vereitelte alle wohldurchdachten Pläne und die unfehlbarsten Züge. Rot und Schwarz verloren abwechselnd, ohne alle Ordnung und Regel. Keine Reihenfolge in den Karten, keine mögliche Berechnung in den Plänen der Spieler. Alles ging so gut oder so schlecht, daß die Bank, die fünfzigtausend Franken aufgelegt hatte, sechzigtausend Thaler um sieben Uhr abends vor sich sah. Mister Plum und Mister Wreck, die gerade an dem Morgen angekommen waren, verbissen sich der eine auf Rot, der andere auf Schwarz, und jeder von beiden verlor zehntausend Franken. Meos neue Freunde mußten ihren Erfolg vom vorigen Tage schwer büßen; er selbst gab mit Zinsen zurück, was er in drei Tagen gewonnen hatte. Die neckische Undankbarkeit des Spieles reizte ihn so auf, daß diesen Verliebten, diesen Philosophen, diesen Gleichgültigen ebenso wie alle andern eine Art übler Laune anwandelte. Da stand er an der rechten Seite des Bankiers und warf jedesmal einen Louisdor auf Rot oder Schwarz und dann zuckte er die Achseln, wenn er den Rechen sein Geld wegziehen sah. Eben hatte man neue Karten gemischt; er hatte eigenhändig abgenommen und ließ seinen letzten Einsatz auf Schwarz fallen, als ein wohlbekanntes Husten ihn veranlaßte den Kopf zu wenden; da stieß er gegen die Nase des Herrn Bitterlin. Sicher hatte er Zeit gehabt, diese Begegnung vorauszusehen und sich darauf zu rüsten. Noch vor einer Stunde hatte er zu Le Roy gesagt: »Ich werde den Hauptmann zahm machen!« Er hatte sich vorgenommen, seinem Schwiegervater die Stirn zu bieten, wo er ihm auch begegnen möge. Die Gelegenheit war sogar ausgezeichnet und die Herausforderung ungesucht, da ja Bitterlin sich stets gegen das Spiel ausgesprochen hatte. Aber als diese große Nase sich so plötzlich mitten in sein Vergnügen hineinschob, wurde er vollständig aus der Fassung gebracht. Man vergißt nicht augenblicklich den respektvollen Schrecken und den kindlichen Gehorsam von ganzen vierzehn Tagen. Die Reden des Hauptmanns über die Unsittlichkeit des Spieles kamen ihm wieder ins Gedächtnis. Die Gewohnheit des Nachgebens war stärker als alle Entschlüsse der letzten Tage und erschüttert, ja entmutigt schlich er verstohlen davon, wie ein Schüler, den der Lehrer ertappt hat. Bitterlin war mit dem Sechsuhrzuge angekommen, ganz stramm und geschwollen von Moral. Seit Ablegung seines Glaubensbekenntnisses in Schaffhausen betrachtete er sich beinahe als einen Reformator, der mit einer freiwilligen Mission betraut ist. Er baute schon auf dem Fundament seiner Tugendhaftigkeit ein ganzes Luftschloß auf. Wie Herkules, der Bändiger der Ungeheuer, wollte er die Hydra des Spieles zerschmettern, unter dem Jubel der ehrenwerten Familien. Sein Wort und sein Beispiel sollte die Glücksspieler zu Hunderten bekehren, und die Spielpächter sogar sollten kommen und den Kultus der Million in seine Hände abschwören. Kaum, daß er sich die Zeit zum Umkleiden nahm und seine Tochter ins Zimmer einschloß. Er ließ sich den Weg zum Konversationshause zeigen und trat hinein, ebenso entschlossen, wie bei Corneille Polyeukt und Nearch in den Jupitertempel. Der erste Heide, den er auf seinem Gange antraf, war Herr Le Roy im Kreise seiner Freunde. Der junge Mann rief ihn beim Namen und sagte: »Beeilen Sie sich mit Ihrem Spiele, damit ich meine fünfundzwanzig Louisdor gewinne!« Er antwortete, indem er sich in seiner schwarzen Halsbinde aufblähte: »Sie sollen mehr als fünfhundert Franken gewinnen, indem ich Sie lehre Ihre Leidenschaft zu bezwingen und dem Kartenspiel zu entsagen.« Er schritt weiter und hielt nur an, um vor Herrn und Frau Möhring, die Roulette spielten, mitleidig die Achseln zu zucken. Die Nachricht von seiner Ankunft hatte sich durch die Freunde von Le Roy rasch in den Sälen verbreitet. Aller Augen richteten sich auf ihn; zweihundert Personen wiesen auf ihn mit Fingern, folgten ihm nach und prüften sein Aussehen; man ging ihm entgegen, um ihn besser in der Nähe zu betrachten. Er aber ging einher im Prozessionsschritt, wandte den Kopf nach rechts und links und murmelte in den Bart: »Mir scheint, sie sind nicht gewohnt, Männer von Grundsätzen zu sehen.« Da erkannte er Meo und stellte sich hinter ihm auf, um ihm ein böses Kompliment zu machen, sobald er sich umdrehen würde. Bei der schimpflichen Flucht des armen Burschen brach er in eine Lache aus: »Faules Obst!« sagte er; »das hat nicht einmal den Mut, sein Laster zu bekennen! Sieh da! er hat seine zwanzig Franken vergessen. Zwanzig Franken auf einen Wurf! Wären zweihundert Pfund Kommißbrot!« Er kam in Versuchung, den Louisdor aufzuheben, um ihn Meo zurück zu geben, aber ein kleines Bedenken hielt ihn davon ab. Er besaß jenes plumpe Zartgefühl, das die Achtung vor fremdem Gute bis ins Lächerliche übertreibt. Übrigens nahm er sich vor zu lachen, wenn der Rechen des Croupiers das Geld einscharren und den Spieler damit strafen würde. Diese Freude hatte er aber nicht beim ersten Schlage: Schwarz gewann und Meos Louisdor bekam einen Gefährten von derselben Sorte. »Na nun? und dann?« dachte der Hauptmann. »Mein großer Schlingel wird erst beim zweiten Wurfe verlieren!« In dieser Hoffnung stützte er sich mit den Ellbogen auf den grünen Teppich. Aber der zweite Schlag war gerade wie der erste günstig für Schwarz. Der Hauptmann sah jetzt achtzig Franken vor sich. Mit Verachtung betrachtete er dieses durch das Spiel geschändete Gold. Es waren ganz neugeprägte Stücke; das Lampenlicht spiegelte sich darin. Bei ihrem Glanze erinnerte sich der Hauptmann unwillkürlich an die vier ersten Louisdors, die er einst im Besitze gehabt hatte. Es waren vier Zwanzigfrankenstücke gewesen, goldgelb, recht alt, recht abgegriffen und sogar am Rande etwas beschnitten. Seine Mutter hatte sie aus einem Strumpfe gezogen und ihm in die Hand gedrückt an dem Tage, wo er in den Krieg zog. »Was für ein Unterschied,« dachte er, »zwischen den Rechenpfennigen der Unsittlichkeit hier und jenen ehrwürdigen Medaillen, die meine Mutter durch Arbeit und Sparsamkeit geweiht hatte!« Bei dieser Betrachtung unterbrach ihn der Goldrechen, der vier neue Louisdors heranschob. Schwarz hatte zum drittenmal gewonnen. »Potztausend!« sagte er bei sich; »ist das ein gerechtes Schicksal? Als ich Hauptmann zweiter Klasse war, plagte ich mich einen vollen Monat, um so viel zu verdienen, wie dieser dumme Junge mit drei Kartenschlägen zusammenkratzt. Ach, die Welt ist eine nette Bude! Nun, zum Glück zählt Schwarz 39. Ja! aber sieh da 40 für Rot! Das ist ja doppelt so viel wie mein Gold, in die Tasche des Herrn Narni!« Er stemmte jetzt beide Arme auf den Tisch, fest entschlossen da zu bleiben, bis Schwarz verloren hätte. Aber auch der fünfte und der sechste Schlag verdoppelte wieder und wieder Meos Vermögen. Der strahlende Goldhaufen vor dem Hauptmann erhob sich zu majestätischem Umfange; es waren wohlgezählte zwölfhundertachtzig Franken. Bei einer so erheblichen Summe konnte Bitterlin doch nicht umhin zu bedauern, daß Meo nicht da war, um eine Entscheidung zu treffen. Er wußte nicht, wie weit seine Zurückhaltung ihm das Recht gäbe, zwölfhundertachtzig Franken in den Schlund der Bank zurückrollen zu lassen. Nicht etwa, daß er dem jungen Fremden Anteil geschenkt hätte; es that ihm nur leid um das Geld. »Das kann ja nicht so fortgehen,« sprach er bei sich; »der Bankier wird nicht den ganzen Abend hindurch den Haufen vor mir immerfort verdoppeln; da würde er nicht auf seine Kosten kommen.« In solchen Gedanken suchte er nach Meo umher, ohne indessen die Karten aus den Augen zu verlieren, die ihn doch halbwegs zu interessieren anfingen. Zum siebentenmal kam Schwarz heraus, und ein Bankbillet im Geleite von vierzehn Louisdor vermehrte die Reichtümer des Italieners. Das Spiel wurde ganz sonderbar; es war die erste Reihenfolge in derselben Farbe seit dem Morgen. Der unverhoffte Erfolg von Schwarz wurde in allen Sälen besprochen und man lief herbei um zu sehen, wie weit das Glück gehen würde. Bitterlins Ruf, seine seltsamen Züge, vor allem der ansehnliche Einsatz, den er auf dem grünen Tuch vor sich hatte, zogen die Blicke auf sich. Schon waren drei oder vier niedliche Dämchen gekommen um fünf Louisdor von ihm zu leihen, aber er hatte sie empfangen, wie der wilde Eber die Hunde. Schwarz kam zum achtenmal heraus und ließ vor ihm eine Summe von fünftausendeinhundertzwanzig Franken. Seit frühester Kindheit hatte er nie einem solchen Wunder zugeschaut. Diese Vervielfältigung des Geldes ärgerte ihn sicherlich, aber sein Erstaunen war noch viel größer. Fünftausend Franken! Sein ganzes Jahreseinkommen in wenig Minuten durch eine Laune des Zufalls gewonnen! Mit einer gewissen Befriedigung schob er einige Goldstücke zurecht, die sich nach rechts oder links verlaufen wollten. Gewiß war er stolz, der unbeteiligte Zuschauer bei dieser Verlegenheitspartie zu sein; er beklagte im tiefsten Herzen die Unglücklichen, die um ihn her atemlos den Urteilsspruch des Schicksals verfolgten. Aber im ganzen genommen war er nicht böse, die Sache einmal in der Nähe angesehen und den Rückschlag so gewaltsamer Erregungen mitgefühlt zu haben. Er dachte sogar einen Augenblick, wenn der Spielerwahnsinn jemals entschuldbar wäre, so müßte es bei den großen Schlägen sein, die ein ganzes Vermögen einbringen oder rauben. Schon sah er in der Ferne eine Moral des Reichtums aufdämmern, ganz verschieden von der Moral der Armut, die er sechzig Jahre lang geübt hatte. Das vor seinen Augen ausgebreitete Kapital brachte sein Gehirn in unbekannte Wallungen, und seine Gedanken nahmen eine neue Färbung an. Ein Saaldiener brachte ihm einen Stuhl; er wies ihn zurück und sagte, er spiele nicht. Indessen, da der Stuhl ihm ganz leise die Waden kitzelte und er vor Erregung über die Scene in die Kniee zu sinken drohte, so setzte er sich. Der Bankier begann aufs neue die Karten auf den Tisch zu werfen und bekam bei Schwarz 31 Augen, nicht mehr. Bitterlin bemerkte die verdrießliche Miene des Angestellten, der ohne Zweifel an dem Gewinne der Bank ein Interesse hatte. Es fiel ihm ein, daß es vielleicht ein edles und ritterliches Vergnügen wäre, diese unmoralischen Unternehmungen auszuplündern und sie gerade damit zu strafen, womit sie täglich sündigten. Und als er nun zehntausendzweihundertvierzig Franken vor sich hatte, betrachtete er sich als einen Vorkämpfer der Tugend, der über den Spielteufel den Sieg errungen habe. Diese Ereignisse, die im Leben des Hauptmanns ganz neu waren, hatten sich in weniger als einer Viertelstunde abgespielt; mehr Zeit braucht eine gut gehaltene Bank nicht, um einen Menschen zu ruinieren oder reich zu machen. Meo, obgleich von Furcht gejagt, war nicht etwa meilenweit geflohen. Die Erinnerung an Emma, seine neuerlichen großen Entschlüsse und die Notwendigkeit zu siegen oder zu sterben, führte ihn bald auf das Schlachtfeld zurück. Er war in dem Roulettesaale und strengte sich vergeblich an, Mut zu gewinnen, als ein Spieler seiner Bekanntschaft im Vorbeigehen zu ihm sagte: »Nun? so gut benutzen Sie Ihr Glück? Die Karte, welche Sie abgenommen haben, ist schon neunmal herausgekommen!« Jetzt erinnerte er sich der zwanzig Franken, die er auf dem Tische hatte liegen lassen. Obgleich er nicht entfernt ahnte, welches Glück er gehabt hatte, schlich er doch verstohlen in die Menge, die das Trente et quarante umstand, und suchte seinen Schwiegervater. Da sah er ihn gebückt wie eine brütende Henne über dem Goldhaufen und kam gerade recht, um zu hören, wie der Bankier dem Hauptmann fragte: »Wie viel zum Einsatz, mein Herr, ich bitte?« »Ich ... weiß nicht,« antwortete der Hauptmann und wurde so rot, wie eine Schüssel voll Krebse. »Ich ... spiele nicht. Meine ... Grundsätze ...« »Sie wissen, mein Herr,« sagte der nächste Croupier, »daß der höchste Satz sechstausend Franken beträgt.« Alle Blicke trafen zugleich den kühnen Spieler, der über den höchsten Satz hinausgehen wollte, und Herr Bitterlin fühlte, daß er unter dem Drucke der Neugier des Publikums zusammenbrach. Er fuhr mit den Augen im Saale wild umher und hoffte Meos Gesicht zu begegnen, aber da er ihn nicht fand und sah, daß man seinen Bescheid erwartete, um die Karten zu ziehen, antwortete er mit halberstickter Stimme: »Sechstausend Franken, mein Herr. Ich ... glaube wenigstens. Ich bin es nicht ...« Seine Hand zitterte. Er zählte sechs Bankscheine ab, setzte sie auf Schwarz und zog das übrige an sich. Bei der Berührung dieses Schatzes fühlte er einen Schwindel; ein Schwarm goldener Schmetterlinge fing an in seinem Kopfe umher zu wirbeln; er mußte sich mit beiden Händen an den Tisch anklammern und die Augen schließen. Ein Gesumse der anwesenden Menge zwang ihn bald sie wieder zu öffnen; Schwarz war zum zehntenmal herausgekommen! »Am Ende,« dachte der Hauptmann, »werde ich meinen Grundsätzen gar nicht abtrünnig, da ich ja nicht für mich spiele. Ich spiele auch nicht für den jungen Mann, denn ich habe gar keine Verabredung mit ihm getroffen. Ich lasse nur sein Geld da, wo er es gesetzt hat, und nehme fort, was über die vorschriftsmäßige Summe hinausgebt. Thäte ich das nicht, so würden es die Croupiers schon besorgen.« Unterdessen ging das Spiel weiter, ohne ihm Muße zu lassen, sich mit seinem Gewissen abzufinden. Schwarz kam vierzehnmal hintereinander heraus und er hatte nur eben Zeit bei jedem Schlage sechstausend Franken einzuziehen. Meo hielt sich hinter Mister Wreck verborgen und fühlte heftiges Herzklopfen. In Staunen und Glückseligkeit versunken, betrachtete er seine Schätze in den Händen des Hauptmanns; aber in seiner Verwirrung wußte er nicht mehr, ob er wünschen sollte zu gewinnen oder zu verlieren. Die Summe konnte so hoch anwachsen, daß das Haus Miranda wieder erstand; dann fragte es sich nur noch, ob Bitterlin seine Tochter einem Grafen geben würde. War es nicht besser, daß er den ganzen Gewinn des Abends wieder verlöre und den glücklichen Meo in Armut zurücksinken ließe? Dann durfte er ihn ja nicht länger abweisen, nachdem er ihn vor aller Augen ruiniert hätte! Aber wie es auch immer kommen mochte, Bitterlin war ja nun Meos Geschäftsteilhaber gewesen, sein Strohmann, sein Geschäftsführer, sein Gevatter und nach gewissen Theorien sein Mitschuldiger: wie herrlich! So starke Bande sind unzerreißbar; dem Mitschuldigen kann man nichts abschlagen. Beim fünfzehnten Wurfe war Rot der Gewinner. »Gut,« dachte Meo; »jetzt fängt der Krach an. O, vielgeliebter Hauptmann, ruiniere mich ganz und gar und richte es so ein, daß nicht ein Pfennig übrig bleibt!« Aber der Hauptmann hatte nicht entfernt diesen Gedanken. Sein erster Eindruck war Überraschung und Niedergeschlagenheit gewesen. Der Abgang dieses Geldes, das nicht ihm gehörte und das er kein Recht hatte zu verlieren, machte ihn ganz starr; in seinem Gewissen erhoben sich berghohe Bedenken. Er fragte sich, ob er nicht rechtlich verantwortlich für diesen Unglücksfall wäre, ob der Fremde nicht mit gutem Grunde von ihm sechstausend Franken beanspruchen könne. Schon öffnete er den Mund; um den Bankier zu bitten, das Geld wieder hin zu legen, unter Hinweis auf die Abwesenheit des rechtmäßigen Besitzers. Man bedenke ferner, daß eine große Aufregung bei dem Triumph von Rot entstanden war; das Geräusch von hundert Personen, die alle zugleich sprachen, war nicht dazu angethan, seine Gedanken zu klären. Er hörte die Leute in der Nähe sagen, das sei nur eine scheinbare Wendung zum Unglück, eine List der Fortuna, um die Spieler irre zu machen; Schwarz wäre noch für zehn Schläge gut; es wäre thöricht, um einer solchen Lumperei willen abzufallen. Der Gedanke, für Herrn Narni die verlorene Summe wieder zu gewinnen, drängte sich damit in die Windungen seines Gehirns, Er zählte mechanisch die Bankbillette, die er noch in der Hand hielt, wie ein General in der Schlacht seine Reserve mustert. »Wie?« sagte er bei sich selbst, »ich habe über dreißigtausend Franken mit einem Louisdor gewonnen, und sollte nicht versuchen mit dem was mir jetzt bleibt sechstausend zu gewinnen? Sechstausend Franken! eine Lumperei! Schwarz hält sich noch gut; das sagen alle. Was würde Herr Narni an meiner Stelle thun? Nun, spielen; er würde wieder gewinnen, was wir eben verloren haben, und würde nachher immer weiter vorrücken! Ich bin vernünftig und werde nur einen Schlag wagen, um die sechstausend Franken, die uns abgehen, wieder zu holen, und alsdann Gute Nacht, meine Herren!« Vielleicht hätte er diesen vernünftigen Entschluß befolgt, wenn er seine sechstausend Franken mit dem ersten Schlage wieder erlangt hätte. Aber der Bankier brachte ein unentschiedenes Spiel und nahm die Hälfte der Einsätze. So führte Bitterlin frische Truppen ins Feld und der erste Zusammenstoß war für ihn günstig. Bei erneuertem Angriff verlor er, gewann dann wieder, vergaß seine Vorsichtsmaßregeln und stürzte sich blindlings in das dichteste Kampfgewühl. Schon lange saß er nicht mehr auf dem Platze, und sein Stuhl, von einer energischen Bewegung zurückgetrieben, stand weit hinter ihm. Aufrecht stehend, die Hände voller Gold und Kassenscheinen, setzte er auf Rot, auf Schwarz, je nach der Eingebung des Augenblicks. Sein Gesicht war bleich geworden; der Schweiß bedeckte in kleinen Perlen seine ganze Stirn. So oft der Bankier die Karten auflegte, zählte er halblaut die Punkte mit, ohne sich um die Späße der Umstehenden zu bekümmern. Er dachte ganz laut und fluchte manchmal zwischen den Zähnen. Ich bin überzeugt, daß er kaum noch an den Italiener dachte und daß er lange aufgehört hatte, ihn mit den Augen zu suchen. Wenn Meo so unbescheiden gewesen wäre, ihm Rat zu erteilen, würde er ihn mit der Spitze des Bajonettes empfangen haben. Seine Haltung, seine Stimme und seine Bewegung, alles an ihm atmete die Leidenschaft eines Besessenen; man möchte ihn einen verzweifelten Liebenden nennen, der dem Geschicke Gewalt anthun will. Er gewann oft und große Summen; die Tausendfrankenscheine flogen ihm in Menge zu. Er zerknitterte sie in den Händen, stopfte sie in die Taschen, legte sie haufenweis auf die Tischdecke, alles ruckweise und ohne Abmessung seiner Bewegungen, Man sah den Augenblick kommen, wo die Bank ihre letzten Hilfsquellen erschöpfte; zwei- oder dreimal in einer Stunde konnte das Publikum denken, sie würde gesprengt sein. Lieber Leser, hast du jemals eine Gazelle gejagt? Sie ist das sanfteste, harmloseste und liebenswürdigste Tier auf Gottes Erde. Ihr sanftes Fell reizt zu Liebkosungen und wenn man ihren hübschen sinnigen Kopf und ihre schönen Augen ansieht, so scheint es als müßte man sie küssen. Es giebt wohl im ganzen Menschengeschlecht kein so entartetes Wesen, das diesem reizenden Geschöpfe übel wollte. Und dennoch, wenn die Hunde auf die Gazelle losgelassen sind, wenn die Pferde auf ihrer Spur quer durch den brennenden Wüstensand jagen, dann spornt der keuchende Jäger sein Roß, läßt seine Peitsche sausen und betet zu allen Winden, ihm ihre Flügel zu leihen. Nichts hält ihn dann auf, weder Gebüsch noch Felsen, weder Gießbäche noch Schluchten, noch der Tod, der in den Abgründen gähnt. Er stürmt hinter dem Feinde her, er ermüdet ihn, holt ihn ein, kommt ihm näher und näher und jubelt vor Siegesfreude; er packt ihn mit den Armen, stößt ihm das Messer in die Kehle und mordet mit unsäglicher Lust ein unschuldiges Tier, das er in einem Garten liebkosen würde. So jagte und sprengte Herr Bitterlin die Bank, trotz aller der Vernunftgründe, aus denen er das Spiel verabscheute. XI. Herr Silivergo Ungeheures Beifallgeklatsch begrüßte die Niederlage der Bank und den Triumph des Hauptmanns. Aus allen Sälen strömte die Menge herbei und umdrängte ihn lärmend. Er selbst erglänzte auch eine kleine Weile in dem Strahlenkranze, der auf einer Siegerstirn prangte, aber es war nur ein vorübergehendes Aufleuchten, das rasch erlosch. Das Fieber, das ihn bis zum Ende der Partie aufrecht gehalten hatte, sank rasch auf den Nullpunkt. Die Freude am Gewinnen schwand hin wie ein Traum, und die schwarzen Gedanken zogen in sein Hirn ein gleich einem Leichengefolge. Er erinnerte sich, daß er seinen Grundsätzen untreu geworden war, vor den Augen von tausend Zeugen aus ganz Europa; daß er vier Stunden lang die Reden und Thaten seines ganzen Lebens verleugnet hatte; und daß er zwar noch der Bitterlin ohne Furcht, aber nicht mehr der Bitterlin ohne Tadel war. Sein Gewissen sagte ihm ganz unumwunden, daß all das gewonnene Geld seine verlorene Ehre kaum aufzuwiegen imstande wäre. Er geriet sogar in heftige Versuchung, die Bankbillette zu zerreißen und das Gold in alle Winde zu verstreuen, um seinem Exceß den Anstrich eines moralischen Exempels zu geben. Aber da kamen ihm die Ansprüche des Herrn Narni, deren er lange nicht mehr gedacht hatte, wieder ins Gedächtnis, und er ward mit gesteigerter Betrübnis inne, daß er seinen Ruf für die Bequemlichkeit eines Fremden geopfert habe. Darum nahm er einen Stuhl und setzte sich, düstrer im Gemüt als ein erloschenes Feuerwerk. Er packte aus, was er in den Taschen hatte und zählte auf dem Tische sorgsam die gewonnenen Summen, damit er Meo Rechenschaft ablegen könne. Nach der Berechnung zog er eine etwas vergilbte lederne Brieftasche heraus und auf dieselbe Seite, wo er vor einem Monate geschrieben hatte: Vergnügungsreise, Schweiz und Baden, erster Klasse, hunderteinundvierzig und einhalb Franken, schrieb er jetzt die ansehnliche Summe von hunderteinundzwanzigtausendzweihundertvierzig Franken! Ein alter Berichterstatter, der eben diesen Abend von Paris angekommen war, las die Summe über seine Schulter hin und beeilte sich sie zu notieren. Im selbigen Augenblick kam Herr Le Roy und begrüßte den trauernden Triumphator mit den Worten: »Nun, sind die Schafe gezählt?« Er antwortete errötend: »Ja, 121 000 und etwas darüber.« »Beiläufig, lieber Herr Bitterlin, wie werden Sie sich von jetzt ab nennen? Sie wissen, Sie haben Ihren Namen verloren!« Der Zeitungsreporter schrieb schleunigst auf: Bitterlin . »Ich mache Ihnen keinen Vorwurf,« fuhr Le Roy fort. »Sie sind schuld, daß ich meine Wette gewonnen habe; Alt-England hat sehr anständige Buße geleistet. Aber was sind Sie auch für ein Kerl! wie sicher und stolz Sie Ihr Haupt tragen! Ich sah Sie Ponte stechen, wie König Mithridates von Pontus.« Das Wortspiel ist deutsch nicht wieder zu geben. Ponte (spanisch) ist das Stichblatt (Carreau As) im L'hombre; das Verbum davon bedeutet das Pointieren des Spielers. Der Hauptmann seufzte tief auf. »Ich schwöre Ihnen,« sagte er, »daß ich eben zum erstenmal in meinem Leben gespielt habe; und auch zum letztenmal. Diese 120 000 Franken sind mit einem einzigen Louisdor gewonnen, der nicht mir gehörte. Es spielt in diesem Geschäft des Schicksals Tücke. All das Geld gehört Herrn Narni: ich bringe es ihm noch heute Abend, militärisch pünktlich.« Während Herr Le Roy und die Umstehenden O! und Ah! riefen, schrieb der beharrliche Reporter in sein Notizbuch: Ein Louisdor, eingespielt, Narni. Und darunter: Mithridates, König von Pontus. Pointieren. Mit Anstrengung hatte Bitterlin die obige unklare Erklärung hervorgestoßen. Ihm war schlecht zu Mute; da er sich fortwährend den Kopf kratzte, verschob sich seine Perücke, und jedesmal, wenn er sich mit dem Taschentuche abwischte, ließ sein schweißtriefender Schnurrbart einen bläulichen Fleck darauf zurück. Während man ihn wie ein merkwürdiges Tier beschaute, irrten seine Augen im ganzen Saale umher, als ob sie dort jemand suchten. Zwischen den Zähnen murmelte er allerlei Schimpfwörter, die sich an einen Abwesenden richteten. Seine nächsten Nachbarn, aber auch Fernerstehende hörten hie und da Wörter wie: »Lump! Viehkerl! Großer Hansnarr! Dummkopf! Will dich schon bezahlen, aber du sollst auch zahlen!« Er hob dann die Sitzung auf, aber ein unvorhergesehenes Hindernis hielt ihn noch etwas länger am Platze, als er wünschte. Die Sprengung der Bank hatte man sogar in jenem kleinen aristokratischen Cirkel vernommen, der sozusagen die Vorstadt Saint-Germain in Baden bildet. Tief hinten in einem entlegenen Zimmer, jenseits der Restaurationssäle, gaben sich sieben oder acht Witwen von großem Namen und großer Tugend dem Vergnügen hin, das Männergeschlecht durchzuhecheln, als ein Gesandtschaftsattaché ihnen die Neuigkeit zutrug. Da fuhr plötzlich der Geist der Mildthätigkeit in diese Damen; sie empfanden allzumal einen gewissen Kitzel, den Gewinner zum Nutzen der städtischen Hospitäler zu brandschatzen. Mit diesem guten Gedanken erhoben sie sich in Masse und ihre ehrwürdige Schar bewegte sich in Prozession zu Herrn Bitterlin hin. Der Hauptmann machte Augen, so groß wie Koffernägel, als er vernahm, wie eine dieser Halbhundertjährigen ihn anredete. Sie schnitt ihm ein etwas verächtliches Kompliment über sein großes Glück; sie meinte, wenn die Religion das Spiel dulde, so geschähe es unter der Bedingung, daß der Spieler seinen Gewinn mit den Armen teile; zuletzt hielt sie ihm einen Strickbeutel hin und lud ihn ein, die Brosamen von seinem Überflusse da hinein fallen zu lassen. Der arme Hauptmann war dem Ersticken nahe. »Meine Damen,« antwortete er, »meine Damen ... ich bin nicht gewohnt öffentlich zu reden ... auch nicht zu spielen, das glauben Sie mir. Ich bin ein ehrlicher Soldat und ein ... untadeliger Familienvater. Grundsätze ... habe ich so viele, wie irgend einer, von ... welchem Geschlecht und von welcher Religion er immer sein mag. Aber das Geld gehört nicht mir; ich schwöre es bei diesem Ehrenkreuz, das ... Einerlei! Hier sind fünf Franken aus meiner Tasche; die gebe ich für mich, um nicht schimpflich dazustehen, Herr Narni wird übrigens thun, was er Lust hat ... wenn es ihm überhaupt paßt. Ich habe aufrichtig die Ehre mich Ihnen zu empfehlen!« Er gab der Sammlerin fünf Franken, stürzte sich ohne aufzublicken in die Menge, durcheilte den Saal, mit beiden Ellbogen rudernd, und schoß wie ein Rasender hinaus auf die Suche nach Meo. Dasselbe Publikum, das ihm vor wenig Minuten Beifall geklatscht, verfolgte ihn mit ziemlich lautem Murren, aber er achtete nicht darauf. Er wandte dem Spielpalast den Rücken und schwur, man solle ihn dort nicht wieder treffen; er durchlief in einem Atem die Budenreihe gegenüber der Restauration, überschritt den Bach und warf sich in die Straßen der Stadt, ohne genau zu wissen, wohin er wollte. Nach einer Viertelstunde angestrengten Laufens bemerkte er, daß er verfolgt wurde. Ein regelmäßiges Geräusch, anscheinend das Echo seiner Schritte, begleitete ihn von hintenher. Zuweilen, wenn er bei einer Laterne vorbeikam, sah er einen Schatten ohne Ende sich bei dem seinigen auf dem Pflaster abzeichnen. Der Feind mußte die rechte Gestalt für das Laufen haben, denn bei jedem Sprung kam er ihm näher. Am Ende fühlte ihn Bitterlin sich auf den Fersen und wie ein von der Meute gejagtes Wild machte er Front. Da erkannte er einen Reisegefährten, Mister Wreck. Der Bürger von New York streckte ihm die Hand hin und that lächelnd seinen großen Mund auf. »Guten Abend,« sagte er, »lieber Herr Bitterlin. Sie laufen wie Toby Flag von Baltimore, von dem ich zweitausend Dollars in Cincinnati gewonnen habe. Aber wohin wollen Sie? Alle Hotels der Stadt sind auf der andern Seite; alle Hotels.« »Ah,« antwortete der Hauptmann verblüfft; »um mir das zu sagen, haben Sie mich herumgejagt? Danke trotzdem.« »O! ich wollte Ihnen auch mein kleines Kompliment machen. Sie spielen sehr gut; ja, wie ein Künstler gut. Ich spiele auch; viel; sehr stark.« »Ich mache Ihnen kein Kompliment dafür, mein Herr.« »Sie haben recht; heute habe ich verloren; aber das dicke Vieh von Engländer hat noch mehr verloren als ich. Herr Bitterlin?« »Mein Herr?« »Ich bewundere sehr Ihre Art zu spielen.« »Ich spiele niemals, Herr! ... oder wenigstens ...« »Ja, ich habe gehört, Ihre Rede ist sehr komisch gewesen, in Wahrheit. Wollen Sie mit mir nach Homburg kommen?« »Wozu, mein Herr?« »Um zu spielen. Ich setze hunderttausend Franken und Sie hunderttausend; wir werden die Bank sprengen. Hip!« »Hip! Sie selber. Herr, ich wiederhole Ihnen, daß Sie sich in mir irren. Sie kennen mich nicht.« »Ich kenne, daß Sie sehr gut spielen. Gewinnen Sie viel in einem Jahre?« »Zum Kuckuck, Herr! ich gewinne nie, weil ich nie spiele, und ich spiele nie, weil ich ein Mann von Grundsätzen bin, mit andern Worten, ein anständiger Mensch.« »O! in meinem Lande, Herr Bitterlin, ist der anständigste Mensch, der am meisten Geld gewinnt.« »Dann rate ich Ihnen, sich Ihres Landes zu rühmen. Gute Nacht, Herr Wreck. Ach ja! wissen Sie etwa, wo Herr Narni logiert, der lange Geselle, der mit uns gereist ist?« »Der junge Mensch? o, ja. Er spielt nicht so gut wie Sie, Herr Bitterlin. Er hat den ganzen Tag über verloren.« »So, so! bedauern Sie ihn nur! Sie wissen nicht, wo er abgestiegen ist?« »O doch! Er ist in Viktoria, wie ich.« »Das hätten Sie mir eher sagen können; seit einer Stunde frage ich Sie danach.« »Und ich, ich habe Sie gefragt, ob Sie mit mir die Bank in Homburg sprengen wollten. Ich möchte sie sehr gern sprengen.« »Ei was! Herr, wissen Sie nicht besser Ihre Zeit und Ihr Vermögen anzuwenden? Das Spiel, diese Geißel der Offiziere, die Verzweiflung für die Familien ...« »O, ich weiß; Sie haben das schon in Schaffhausen gesagt. Sehr komisch! o, sehr komisch! Das dicke Tier von Engländer hat Ihnen geglaubt und er hat fünfundzwanzig Pfund Sterling gewettet. Das war sehr gut; hip! Hier ist Hotel Viktoria.« »Sehr verbunden. Gute Nacht wünsche ich Ihnen.« »O! mich verlangt nicht zu schlafen. Wollen Sie eine Partie mit mir auf meinem Zimmer machen?« »Hol' dich der Teufel!« murmelte der Hauptmann und drehte ihm den Rücken. Er ging aber gleich hinter ihm her und versicherte sich, daß Meo noch nicht zu Hause gekommen war; sein Zimmerschlüssel war noch beim Portier. So zündete Bitterlin denn eine Cigarre an und erwartete, auf der Straße spazierend, seinen Gläubiger. Ein feiner durchdringender Regen kam gerade recht, um diesen Spaziergang zu würzen; von Zeit zu Zeit blies er in seine nassen Hände. Er vergaß auch nicht ungefähr alle zehn Minuten das Zifferblatt seiner Uhr zu betrachten. Es war zu vermuten, daß Meo ruhig in der Restauration zu Abend aß; aber der Hauptmann wollte ihn lieber an seiner Thür erwarten, als ihn so weithin aufsuchen; er fürchtete sich auf dem Wege zu verirren und besonders, einer Witwe zu begegnen. Während er so auf der Lauer lag und das ganze Repertoire seiner Flüche erschöpfte, stiftete sein zukünftiger Schwiegersohn in der Wohnung von Fräulein Aurelia einen Aufruhr an. Meo hatte von der berühmten Partie sich nicht das geringste entgehen lassen. Hinter den Schultern von Mister Wreck versteckt sah er den Schwall seines Gewinstes immer höher steigen, bis der Fluß über seine Ufer trat. Er hat nachher mit seiner bekannten Aufrichtigkeit gestanden, daß während der sieben oder acht letzten Schläge das Andenken an Emma ihm nicht mehr so gegenwärtig gewesen wäre. Junge Mädchen von fünfzehn Jahren werden ihm diese viertelstündige Zerstreuung vielleicht nicht vergeben; aber ich schwöre Ihnen, verehrte Damen, daß er ebensowenig an sein Geld als an seine Geliebte dachte. Obwohl er eine ziemlich runde Summe in den Händen seines Geschäftsführers sah, beschäftigte ihn nicht der Rückkauf seines Namens, seiner Grundstücke und seiner Ahnenbilder; sein einziges Verlangen, der heißeste Wunsch seines Herzens war, den letzten Thaler der Bank springen zu sehen. Er war darin wie der Jäger; es giebt Momente, wo man sein bestes Pferd und sich selber zu Schanden reiten würde, um beim Verenden des Fuchses zugegen zu sein, nicht etwa in der Hoffnung, davon zu speisen. Sobald das Wild am Boden lag, gönnte er sich das Schauspiel des Jagdjubels; indessen zeigte er sich dabei nicht. Er war zu zartfühlend, um dem Hauptmann auf die Schulter zu klopfen und zu sagen; »Rechnen wir jetzt!« Wozu denn einem Vermögen nachlaufen, das unfehlbar ihm selber nachlaufen wird? Er hielt Bitterlin für einen ebenso rechtschaffenen wie schwer umgänglichen Mann, und er hielt ihn für unfähig einer unanständigen Handlung so gut wie eines anmutigen Benehmens. Aber während er seines Geldes sicher war, stiegen ihm Zweifel in seiner Hauptangelegenheit auf. Die kleinen Ausrufe, die dem Munde des Hauptmanns wie Vögel von schlimmer Vorbedeutung entschlüpften, gaben ihm gerade keine Siegesgewißheit; er bezog sie auf sich, obwohl sie nicht direkt an ihn gerichtet waren. Er wagte nicht mehr anzunehmen, daß Emmas Vater bei der Ablieferung des Tagesgewinnes ihm seine Tochter noch obendrein als Geschenk geben würde, Bitterlin war eher in der Laune, ihm die 120 000 Franken an den Kopf zu werfen mit den Worten: »Dieses Kapital gehört Ihnen; Sie kostet es einen Louisdor; mich kostet es meine Ehre. Und jetzt gute Nacht!« Eine solche Abrechnung aber hätte Meos Angelegenheiten gar nicht in Ordnung gebracht. Was sollte er also in dem Falle thun? Was antworten? welche Belohnung anbieten? welchen Vergleich? welche Teilung? Der arme Junge sah sich schon mit seinem wilden Wohlthäter in den Haaren liegen. Er zitterte davor, daß er eine Ungeschicklichkeit begehen könne; er dachte, daß beim ersten unpassenden Worte Bitterlin ihn ebenso fortsprengen würde wie die Bank. Von seinen thatkräftigen Entschlüssen war er schon meilenweit entfernt; es hätte eines Blickes von Emma bedurft, um ihm wieder Mut einzuflößen. Aber er wußte ja nicht einmal, wo sie abgestiegen war; er wußte nur, daß er noch vor Ende der Nacht mit dem Hauptmann sich würde auseinander setzen müssen. In dieser bedrängten Lage erinnerte er sich der guten dicken Fee, die seinen Mut schon einmal wieder aufgerichtet hatte. Wie kam es, daß ihm nicht schon früher eingefallen war, Aurelia zu Rate zu ziehen? Gerade traten die alten Damen vor Herrn Bitterlin hin; Meo benutzte diesen Zwischenfall, um seinen Rückzug zu verdecken, und ging hinaus. Alle Betrachtungen, die er unterwegs anstellte, bestärkten sein Zutrauen in den Rat, den er einholen wollte. »Ja,« sagte er, während er sich die Hände rieb und seine Schritte beschleunigte, »ja, dieses Abenteuer, dieser Gewinn muß zu unserm Heil ausschlagen und unsere Heirat sicher stellen. Da giebt es etwas zu thun, aber was? ich weiß es nicht und Emma auch nicht. Wir sind zu sehr verliebt; wenn man liebt, so hat man keine Gedanken, Aurelia allein ist imstande, uns herauszuhelfen; sie hat Geist und sie will unser Glück. Teure Aurelia! vortreffliche Aurelia! Danke! Es lebe die gute Anrelia!« Jeder Schritt und jedes Wort belebte ihn mehr, und so sehr, daß er laufend und jubelnd an der Thür des Gasthofes ankam. »Fräulein Aurelia?« fragte er den Portier. »Sind oben.« »Die Nummer, geschwind!« »Ja, Herr,« antwortete der Deutsche, »Nummer 8, erster Stock.« Schleunig trommelte Meo mit den Fäusten an der Thüre von Nummer 8. Keine Antwort. Stärkeres Trommeln. Im Zimmer ließ sich ein Geräusch vom Möbelrücken hören. Meo schlug mit Händen und Füßen und schrie wie ein Tauber: »Macht auf, ich bin's!« Eine etwas entkräftete Baßstimme antwortete auf italienisch: » Chi è? « »Ah!« sagte Meo und ward sich plötzlich der Wirklichkeit wieder bewußt. In gemessenerem Tone und in seiner Muttersprache fuhr er fort: »Lieber Herr Silivergo, ich bin sehr froh Sie anzutreffen. Machen Sie auf! ich bin es, Bartolomeo Narni. Sie kennen mich wohl.« »Ich kenne Sie nicht mehr,« entgegnete die grobe Stimme. »Machen Sie trotzdem auf; es muß sein!« »Was wollen Sie?« »Die Signora Aurelia sehen.« »Es ist keine Besuchszeit.« »Welche Zeit ist es denn?« »Mitternacht.« »Öffnen Sie doch nur; ich muß Fräulein Aurelia sprechen.« »Sie liegt zu Bett.« »Das ist mir gleich.« »Aber Herr! ...« »Haben Sie Mitleid mit einem armen Verliebten!« »Mein Herr! ...« »Bitterlin ist angekommen; wir haben die Bank gesprengt; er ist wütend auf mich; ich weiß nicht, was werden soll, und wenn Sie nicht öffnen, so werde ich die Thür einstoßen.« Er schrie so kräftig, daß das ganze Haus von dem Lärmen erwacht war. Acht oder neun Reisende standen in ihren Zimmerthüren, halb ausgezogen und den Leuchter in der Hand. Die Dienerschaft des Gasthofes lief zusammen; einer davon bemerkte auf deutsch, die Stunde sei unpassend und alle ordentlichen Leute schon zu Bette. Er kehrte sich nicht an diese Zurechtweisung und um so weniger, als er nicht ein Wort davon verstand. Der Deutsche versuchte sich durch Handbewegungen verständlich zu machen. Meo sprang wie ein Tiger auf ihn zu mit den Worten: »Ha, du Tölpel! erhebst die Hand gegen einen Miranda! ich will dich lehren, was das kostet!« Gesagt, gethan; er schleuderte den armen Teufel zehn Schritte weit über den Teppich hin. Im selben Augenblicke wurde Aurelias Thür geöffnet; und doch hatte er gar nicht mehr an die Thüre geklopft. »Herr,« sagte Silivergo, »ich empfange Sie hier nur, um Ihrem Skandal ein Ende zu machen und weil das Fräulein mich darum gebeten hat.« Meo konnte sich nicht enthalten, einen bewundernden Blick auf den Buchdrucker im Nachtkostüm zu werfen. Herr Silivergo der kurze, gekrümmte, dickbäuchige Mann in weißer Kleidung war bei seiner groben Stimme mit einem Jagdhorn aus massivem Silber zu vergleichen. »Treten Sie ein,« sagte der Alte zu seinem früheren Korrektor; »ich sehe, daß ich mich nicht getäuscht habe, als ich Ihnen voraussagte, es würde ein schlimmes Ende nehmen,« »Kommen Sie doch herein, armes Kind!« fügte Fräulein Aurelia hinzu, die sich einigermaßen in ein Nachtkleid gehüllt hatte. »Sie haben recht gethan mich aufzuwecken, wenn ich Ihnen zu etwas dienlich sein kann ... Herr Silivergo versteht davon nichts, lassen Sie ihn nur reden, Erzählen Sie mir von Ihrer Liebe! Ist sie angekommen? was sonst Neues? Ich höre zu. Edler Herr Geronimo, zünden Sie alle Lichter im Zimmer an; wir können nicht genug Licht haben.« »Aber, meine Liebe! ...« entgegnete der Alte. »Es giebt kein Aber!« erwiderte sie. »Nein, kein Aber!« fiel Meo ein. Er erzählte nun lebhaft seiner alten Freundin die große Neuigkeit des Abends. Als sie erfuhr, daß die Bank zu seinen Gunsten gesprengt war, erfaßte sie ein solcher Freudentaumel, daß sie ihn auf beide Backen küßte. Der alte Buchdrucker wagte eine Bemerkung. »Schweigen Sie,« sagte sie; »Sie sind nur ein Egoist!« »Ja, sicher,« sagte Meo, »ein Egoist! Alter, du hast niemals geliebt!« Nach diesem Ausspruch kam er auf seine Sache zurück und erwartete Aureliens Rat. Diese dachte ein Weilchen nach und senkte ihren Kopf in ihre beiden Hände, um sich besser von der Außenwelt abzuschließen. Als sie ihr Antlitz wieder erhob, waren ihre Augen in Thränen gebadet, »Ja, mein Kind,« sagte sie, »dein Glück ist gesichert. Der Himmel muß dich lieb haben, da er solche Wunder für dich gethan hat. Aber wer sollte auch dich nicht lieben?« »Wie? was?« sagte Herr Silivergo. »Schweigen Sie!« antwortete sie. Meo begnügte sich mit den Achseln zu zucken. Sie zeichnete ihm in wenig Worten einen Verhaltungsplan vor, den er mit Begeisterung aufnahm. »Keine Schwäche mehr,« sagte sie ihm zum Abschluß. »Deine Zukunft liegt in deiner Hand; dir allein kommt es zu, sie zu erkämpfen. Sei unbeugsam wie eine Eisenstange.« »Gegen wen?« fragte Herr Silivergo. »Das geht Sie nichts an,« erwiderte sie. »Und jetzt, lieber Meo, hast du keine Zeit zu verlieren; du mußt schleunig abreisen. Giebt es einen Nachtzug?« »Das wird uns Herr Silivergo sagen,« antwortete Meo, »Lieber Freund, sehen Sie doch im Eisenbahn-Kursbuche nach.« Der Alte gehorchte. Der nächste Zug ging halb zwei Uhr früh ab. »Schnell,« sagte sie, »du hast eben noch Zeit zur Bahn zu laufen; morgen kommst du in Paris an. Dein Zimmer mußt du verbarrikadieren und ihn festen Fußes erwarten.« »Ich habe mein Gepäck noch im Hotel,« sagte Meo. »Laß es zurück; Herr Silivergo schickt es dir morgen nach.« »Und meine Rechnung ist noch nicht bezahlt!« »Herr Silivergo wird sie bezahlen.« »Ich?« sagte der Buchdrucker. »Ganz gewiß! Ja so! hat er denn auch Geld?« »Nein, aber mein Billet bis Paris ist bezahlt.« »Macht nichts; du kannst nicht ohne Geld ankommen. Herr Silivergo, leihen Sie ihm fünfhundert Franken.« »Ich sollte ihm leihen?« »Gott!« rief Meo, »was haben Sie für einen schwerfälligen Kopf! Fürchten Sie, daß ich Ihnen bankerott werde? Ich habe doch erst heute 120 000 Franken im Spiel gewonnen!« »Nun, und dann haben Sie meine fünfhundert Franken nötig?« »Haben Sie denn nichts gehört?« »Doch!« »Also haben Sie es nicht begriffen?« »Nein!« »Nun denn, sie wird es Ihnen auseinandersetzen, wenn ich fort bin. Geben Sie mir zunächst fünfhundert Franken; denn wir haben keine Zeit zu verlieren, der Zug wartet nicht!« Meo nahm das Geld, küßte Fräulein Aurelia, küßte Herrn Silivergo, küßte den Hausknecht, den er im Hausgange mißhandelt hatte, und lief in einem Zuge, bis er atemlos am Bahnhofe ankam. XII. Das Kaffeehaus zum müden Saumtier Um zwei Uhr nachts war der feine Sprühregen stärker geworden und peitschte noch immer das Gesicht des Hauptmanns. Seine letzte Cigarre war erloschen; sein Vorrat an Flüchen, der vollständigste in der ganzen Stadt, neigte sich zum Ende. Aber er wollte entschieden auf Posten bleiben, bis der Italiener ihn abzulösen käme. Endlich bemerkte er am Ende der Straße eine menschliche Gestalt, der ein Lichtpunkt vorantanzte. Er zweifelte nicht, daß dieser verspätete Straßengänger der von ihm Gesuchte sei, wer sonst sollte so närrisch sein, in solchem Wetter und zu solcher Stunde in den Straßen zu laufen? So ging er denn entschlossen auf ihn los, um ihn beim Kragen zu fassen. Das Gespenst brach in lautes Gelächter aus und rief mit schnarrender Stimme: »Sie sind es, Hauptmann von der Trente et quarante -Garde? Auf wen, zum Teufel, haben Sie es abgesehen, alter Gauner? Plündern Sie bescheidene Bürger auf offener Straße? Ich meinte, Sie arbeiteten nur im großen. Solche kleine Industrie überlassen Sie den armen Abgebrannten, wie ich einer bin. Gleichviel, ich werde erzählen können, daß mich in der Nacht ein Räuber angehalten hat, der eben 120 000 Franken gewonnen hatte.« »Lieber Herr Le Roy,« antwortete der Hauptmann etwas verstört, »sind Sie nicht Herrn Narni begegnet? Hat er nicht mit Ihnen zu Nacht gegessen?« »Nein, verehrter Herr; da gab es nur den Prinzen, den Herzog und zwei verteufelt harte Rebhühner, die man in starkem Rotwein erweichen mußte. Narni muß im Hotel sein; das ist sonderbar; der schläft!« »Er ist nicht heimgekehrt; sein Schlüssel ist noch da.« »Ah, nicht heimgekehrt! da wird er unterwegs hängen geblieben sein. Sehen Sie, Hauptmann meiner Seele, wenn ein Bursche wie wir vergißt nach Hause zu kommen, da sehen seine Eltern nicht gleich im Leichenhause nach, ob er etwa ertrunken ist.« »Nämlich ich möchte mich nicht gern zu Bett legen, bevor ich ihm sein Geld wiedergegeben habe.« »Was für Geld? Ist sie denn wirklich wahr, diese unwahrscheinliche Geschichte?« »Ich lüge nie, Herr! Die ganze Summe gehört Herrn Narni.« »Welche Ungerechtigkeit des Schicksals! Warum nicht mir? Er hat nicht gespielt und ich auch nicht. Ein andermal, Hauptmann, sollen Sie für mich gewinnen; ich werde Ihnen das Material dazu schaffen. Regnet es nicht ein wenig? Kommen Sie zu mir herauf, dort läßt sich besser warten.« »Danke; ich werde lieber morgen wieder herkommen.« »Nun dann gute Nacht. Ja so, Herr Bitterlin! Jetzt haben Sie nicht nötig, Ihrer Tochter Mitgift zu geben.« »Wie verstehen Sie das, erlauben Sie?« »Henker! die Bank bezahlt ja! Freut mich sehr für den braven Narni.« »Ich begreife Sie nicht.« »Ja, der Regen trübt Ihnen die Augen. Sie wissen recht gut, daß der junge Mensch närrisch verliebt ist.« »Und in wen?« »Nicht in Sie, ganz sicher. Suchen Sie dicht daneben, mein Guter, Denke mir, er drängte sich doch genug an die göttliche Emma.« »Mein Herr!« »O, ich sage nicht, daß er sie thatsächlich kompromittiert hat; indessen am Ende ...!« »Legen Sie sich zu Bett, Herr Le Roy. Ich hoffe, daß Sie recht gut schlafen; Sie träumen schon.« »Denken Sie an meine Worte!« »Denken Sie zuerst an Ihre Worte!« Damit ging er nachsinnend und ganz durchnäßt fort. Als er die Gänge in seinem Hotel durchschritt, hörte er sonderbares Lärmen in einem Zimmer. Ein paar Ausgebeutelte zankten sich da drinnen, und die Ohrfeigen klatschten wie Hagelschauer. Das Überraschendste bei der Geschichte war, daß die Stimmen der Kämpfenden ganz denen vom Ehepaar Möhring glichen. »Recht so!« sagte der Hauptmann; »wenn es im Taubenhause kein Futter mehr giebt, so schlagen sich die Tauben; das ist der Gewinn von dem Spielerhandwerk, Diese beiden Dummköpfe haben verloren, und nun liegen sie sich in den Haaren. Ich, der ich gewonnen habe, hätte Lust mich selber zu prügeln!« Seine Tochter erwartete ihn in tödlicher Unruhe; das will sagen, sie waltete ungeduldig auf Nachricht von Meo. Der Vater schalt sie, daß sie sich nicht niedergelegt hatte, und erteilte Befehl, unverzüglich zu Bett zu gehen. Die arme Kleine versuchte ihn durch große Freundlichkeit zu entwaffnen; sie reichte ihm Schlafrock und Pantoffeln, und riß ihm den Überrock ab, der ihm am Rücken festklebte. Als er trocken angezogen war, wollte sie zu seinen Füßen niederkauern und ihm wie ein Kätzchen schmeicheln, indem sie ihm gewaltsam die Hände küßte. Da sie wußte, in welcher Absicht er nach dem Essen ausgegangen war, hielt sie es für gut, seinem Wahne ein wenig zu schmeicheln, um ihn zum Plaudern zu bringen. »Liebes Väterchen,« sagte sie, »erzähle mir doch, was du gesehen hast! Ist es schön, das Konversationshaus? Sind die Säle so goldstrahlend, wie man sagt? Gab es schöne Toiletten da? Und diese abscheulichen Spieler, was schneiden sie für Gesichter, wenn man ihnen ihr Geld abnimmt? Du hast wohl sehr lachen müssen!« »Ja, ja,« sagte der Hauptmann, an den Nägeln kauend, »ich habe gelacht ... bedeutend viel.« »Hat man dich bemerkt? Dir Aufmerksamkeit bewiesen? Hast du ihnen recht das Gesicht eines untadelhaften Mannes gezeigt?« »Hm! So so!« »Waren unsere Reisegefährten da? Sind sie angekommen? Herr Le Roy hat wohl stark gespielt? Hat er die Bank gesprengt?« »Nein, das eben nicht .... Ich habe nichts bemerkt.« »Er war doch da?« »Jawohl, jawohl.« »Er war da und spielte nicht! Weil du ihn bekehrt hast!« »Nun vorwärts, liebe Tochter, lege dich schlafen; es ist halb Drei.« »Laß uns noch plaudern; ich bin nicht mehr müde. Hast du das junge deutsche Paar gesehen? Die haben doch ganz sicher nicht gespielt.« »Nein,« antwortete Bitterlin. Welches Recht hätte er wohl gehabt sie anzuklagen, wenn er sich selber nicht anklagte? »Aber dann spielte ja niemand. Ich hoffe doch, daß Herr Narni ...? Der ist doch von deiner Schule; du hast ihn bekehrt.« »Ein schöner Vogel, den ich da ausgebrütet habe!« »Hat er etwa gespielt?« »Das sage ich gerade nicht.« »Wie dumm bin ich doch! er ist vielleicht nicht mehr hier in Baden?« »Doch!« »Du hast ihn gesehen?« »Ja.« »Du hast mit ihm gesprochen?« »Nein.« »So hat er dich nicht erkannt?« »Leg dich zu Bett! Morgen können wir so viel reden, wie du willst.« »Morgen ist schon heute. Wenn du willst, wollen wir bis acht Uhr schlafen; dann giebst du mir deinen Arm und wir machen einen langen Spaziergang in die Stadt und Umgegend.« »Es regnet in Strömen.« »Glücklicherweise regnet es im Konversationshause nicht; dort wollen wir den Tag zubringen. Wie herrlich! Gestehe, Papa, daß die Reise mir gut gethan hat! Ich bin hundertmal lustiger als vorher! Agathe würde mich nicht wiederkennen.« »Ich habe dir verboten, von diesem Geschöpf mit mir zu sprechen. Nun geh endlich einmal schlafen; ich will es!« Er schob die Tochter in das Nebenzimmer, küßte sie auf die Stirn und schloß die Thür doppelt ab. Niemals war dergleichen vorgekommen seit dem Beginn der Reise. Der Hauptmann pflegte sonst die Thür nur anzulehnen, damit Emma unter dem Schutze ihres Vaters schliefe. Dieser Umsturz alter Gewohnheit blieb indessen nicht unbemerkt. Das junge Mädchen war durch die Liebe und die Sorge zu aufgeweckt geworden, um sich etwas entgehen zu lassen. Sie legte sich ins Bett und nahm in ihrem Gedächtnisse alle die einsilbigen Antworten durch, die sie ihrem Vater entrissen hatte, und legte sie sorgsamer aus, als wenn es ein delphisches Orakel wäre. Ihr Licht war schon seit einer Stunde ausgeblasen, aber ihr Geist arbeitete noch. Sie merkte auch, daß Bitterlin ebensowenig schlief wie sie. Die Zwischenwand der Zimmer war dünn, und man hörte den Hauptmann sich auf seinem Bette hin und her werfen, wie einen durch die Ebbe aufs Trockene gesetzten Delphin. Ein Streichholz fuhr an der Wand hin und ein schmaler Lichtstreif drang durch eine Thürspalte in Emmas Zimmer. Gleich hernach wurde ihr gespanntes Ohr von einem metallischen Ton getroffen. Sie horchte mit zusammengekniffenen Händen; das Geräusch hörte auf, kam wieder und setzte nochmals aus; dann war es wie Knittern mit Papier, darauf fing das Metallgeklingel wieder kräftiger an. Emma war nicht neugieriger als alle Evatöchter; sie stand also auf und schlich auf den nackten Füßen bis zur Thür. Zwar steckte der Schlüssel so darin, daß er das Schlüsselloch verdeckte, aber der Spalt, durch den das Licht eindrang, war breit genug, um einen Durchblick zu gestatten. Da sah Emma ihren Vater, der vor sich einen gewaltigen Haufen Geld hatte; die Masse Goldes und Banknoten ließ sie unwillkürlich erschauern. Von solchem Reichtum hatte sie keine Idee gehabt; sie begriff nicht, wie ihr Vater zu dem Besitze kam und warum er das auf der Reise mit sich schleppte, und warum er nie davon gesprochen hatte, und wie ihr diese Entdeckung so lange hatte entgehen können. Und im selben Augenblicke gedachte sie der Mittellosigkeit des armen Meo, Da schien ihr dieser Berg Gold ein neues Hindernis zwischen ihm und ihr. Eine Bewegung des Hauptmanns jagte sie in die Flucht; sie warf sich mehr tot als lebendig in ihre Betttücher. Das Licht im andern Zimmer erlosch; der Hauptmann schnarchte; die Uhren schlugen Vier, ein mattes Licht bleichte die Vorhänge; aber Emma schlief noch nicht. Alle Hähne des Städtchens hatten schon gekräht, als sie in einen unruhigen und angstvollen Schlaf sank. Plötzlich wurde sie aufgeweckt durch einen Musiklärm, von dem die Fensterscheiben des Hotels erzitterten. Im ersten Augenblick blieb ihr von Müdigkeit erschlaffter Geist in der Schwebe zwischen Traum und Wirklichkeit. Es kommt oft vor, daß der Schläfer, anstatt frisch die Augen zu öffnen, stecken bleibt und noch auf der Schwelle des Landes der Träume steht, wobei er das Ereignis, das seinen Schlaf gestört hat, in eine improvisierte Fabel einrahmt. Emma stellte sich vor, sie wäre in Saint-Denis, in einer Schulklasse mit ihrem Vater als Lehrer. Jede Schülerin hatte vor sich Banknoten, wie in einem Bücherbande; der Regen peitschte die Fensterscheiben und rann an dem Glase als große Goldstücke herunter. Dabei ertönten Blasinstrumente und die ganze Klasse lief nun an die Fenster. Emma sah ein Regiment vorbeimarschieren, mit der Musik an der Spitze. Der Oberst wandte sich, um ihr eine Kußhand zuzuwerfen, und sie erkannte Meos Gesicht. Danach erwachte sie völlig und hörte nun deutlich, daß das Orchester im Hofe des Hotels war. Sie sprang aus dem Bette, um Meo an der Spitze des Regiments vorbeireiten zu sehen, aber sie erblickte nur einen Haufen Musiker, die im Abzuge waren, und ihren Vater, der sie fortschickte und ihnen Geld gab. Für den Augenblick glaubte sie noch zu träumen und kniff sich, um zu erfahren, ob sie nicht mehr schliefe. Nie seit ihrer Kindheit hatte sie ihren Vater so ärgerlich über Musik gesehen, und nie hatte sie ihn so freigebig gekannt, wie jetzt eben. Sie nahm sich vor, ihn um die Lösung dieses Rätsels zu bitten, sobald er wieder heraufkäme. Aber er ging hinter den Musikern fort und erschien vor Mittag nicht wieder. Emmas beide Thüren blieben immer verschlossen. Der Hauptmann kam in sein Zimmer zurück; er hatte ein so wildes Aussehen, daß seine Tochter ihm nichts zu sagen wagte. Ein Kellner folgte ihm auf dem Fuße, mit dem ganzen Frühstück auf einem Brette. Noch tags zuvor hatten sie an der Wirtstafel gespeist. Emma machte beim Nachtisch die Bemerkung, das Wetter wäre schön und man könnte die Stadt besehen; aber Bitterlin antwortete trocken, das sei nicht möglich. »Wir wollen einpacken,« sagte er, »und nach Paris zurückfahren.« Auf diesen unwiderruflichen Entscheid hatte das Mädchen nichts zu antworten. Sie zweifelte nun nicht mehr, daß ihr Geheimnis verraten wäre. Sie machte ihre Pakete und empfahl sich Gottes Gnade, als sie mit dem Vater die Treppe hinabstieg. Unten am Thore bemerkte sie, daß die Dienerschaft des Hotels sich in einer Reihe aufgestellt hatte, um sie vorbeigehen zu sehen. Im Omnibus richteten die Reisenden ihre Blicke auf sie mit peinigender Zudringlichkeit. Auf dem Bahnhofe entfuhr dem Beamten bei der Paßrevision ein Ausruf, als er den Namen Bitterlin las. Die deutschen Eisenbahnwagen brachten sie so leidlich bis zur Kehler Rheinbrücke. Der Hauptmann hatte sich während der Fahrt nicht aufgeheitert. Emma erinnerte ihn schüchtern, er habe versprochen, ihr das Straßburger Münster zu zeigen; er antwortete in einem Tone, der keine Widerrede duldete: »Daran wird jetzt gebaut.« »Nun denn,« dachte das arme Mädchen, »er bringt mich nach Hause, um mich zu morden, ganz sicher.« Sie versuchte in Lüneville Zeit zu gewinnen; der Hauptmann hatte ja angekündigt, sie würden sich dort aufhalten. Aber er erklärte, die Gegend sei ungesund, es herrschten dort die Masern und um keinen Preis werde er sich dort aufhalten. An der Abzweigung nach Chalons sagte er, das Lager biete keine besondere Merkwürdigkeit mehr und die großen Manöver wären schon zu Ende. Emma ergab sich drein, wie Iphigenie, und sagte dem süßen Licht der Sonne Lebewohl! Sie betrat das Haus in der Vogesenstraße wie ein Grab, das sie zu verschlingen bestimmt war. Wie groß war aber ihre Überraschung, als sie ihres Vaters Zimmer vollgeladen von frischen Blumen sah! Der Kamin, die Tische, die Betten lagen voll von großen Bouquetts. Dieser erfreuliche Luxus des Sommers gab ihren Gedanken plötzlich eine andere Richtung. Sie spottete über ihre bisherige Furcht, sie schämte sich und flog dem Vater an den Hals, um zu danken und um Verzeihung zu bitten. Aber Agamemnon wandte finster das Haupt ab, und das Opferlamm begriff, daß nur der Altar zur Opferung geschmückt war. Indessen vergingen acht Tage, ohne daß sie die Schneide eines Messers sah. Ihr Vater behandelte sie gut, wenn er ihr auch kaum zulächelte. Er frühstückte mit ihr zu Hause und führte sie zu Mittag ins Restaurant. Vielleicht wollte er kein mageres Opfertier abschlachten. Einen großen Teil des Tages schloß er sie ganz allein ein, während er seinen Geschäften nachging; und seit seiner Rückkehr war er der meistbeschäftigte Mann in ganz Paris. Der arme Hauptmann! Das Vergnügen, die Bank gesprengt zu haben, mußte er teuer büßen. Das Morgenständchen der badischen Musiker und die Blumensträuße der Marktweiber waren noch sein geringster Gram. Meos Geld drückte ihn abscheulich; er konnte es nicht erwarten, es dem Eigentümer zurückzustellen, und der Eigentümer war nicht zu finden. Die Leute im Hotel Viktoria hatten zuerst gesagt, Meo wäre nicht heimgekommen und dann, er wäre abgereist, ohne seine Adresse zurück zu lassen. Herr Le Roy kannte die Wohnung seines neuen Freundes nicht; alle Schritte Bitterlins in Baden hatten nur zur Folge gehabt, daß man mit den Fingern auf ihn wies; auch hatte er sich wohl gehütet, Emma in einem so albernen Orte umher zu führen. Seit seiner Rückkehr hatte er in Paris das Pflaster abgelaufen, ohne die gesuchte Adresse zu finden. Warum fragte er doch seine Tochter nicht? Aber man denkt ja nicht an alles. Er war auf den Spaziergängen, vor den Theatern, an allen öffentlichen Orten umhergewandert, in der Hoffnung seinen Mann zu treffen. Er hatte dabei sogar das Boulogner Hölzchen entdeckt, so wie Christoph Kolumbus Amerika entdeckte, als er den Seeweg nach Indien suchte. Er hatte bei der Verfolgung dieses Verliebten eine größere Thätigkeit entwickelt, als je ein Verliebter auf der Suche nach seiner Geliebten aufgeboten hat. Das Adreßbuch für die Geschäftsleute wies ihm drei Narni nach, alle drei waren Ofensetzer und Kaminkehrer; aber keiner der drei war der Narni, den er brauchte. Während er sich so in vergeblichen Gängen abmühte, ward seine Thür belagert von jenen hungrigen Bittstellern, die dem Gelde nachspüren, wie die Hornissen dem Honig. Briefe und Gesuche gab es bei ihm allmorgendlich im Überfluß, und was für Briefe, guter Gott! was für Anliegen! Der Gründer einer Aktiengesellschaft bot ihm eine Stelle mit 200 000 Franken an gegen eine Kaution von 60 000 Franken. Ein Komthur von unbekannten Orden wollte ihm einen Großcordon verschaffen, der ganz ähnlich dem der Ehrenlegion wäre. Ein Dutzend Erfinder mit zerrissenen Schuhen machten sich anheischig sein Kapital in vierzehn Tagen zu verdreifachen. Es kam nur noch auf ihn an, die Herstellung von Kaffee aus Kürbis und von Zucker aus roten Bohnen zu genehmigen; ferner Pfeifen herzustellen, die auch als Regenschirme dienen, ein Piano, das zur Toilette umgewandelt wird, und den Tschako, der als Kochtopf dient, ein Gerät ebenso wertvoll für das Haus im Frieden, wie brauchbar zum Schutz in den Schlachten. Vergebens sann er nach, durch welches Wunder oder welchen Beirat ganz Paris auf einmal von seinem großen Vermögen vernommen hatte; bald sollte er es erfahren. Acht Tage nach seiner Ankunft ging er zufällig in das »Kaffeehaus zum müden Saumtier,« wo er sich zuweilen mit der Einnahme von Sewastopol angenehm beschäftigt hatte. Es war abends gegen zehn Uhr, um die Zeit, wo alle Stammgäste der Kneipen auf ihren Posten sind. Die Billards waren in Arbeit und die Tische vollbesetzt. Das Bier schäumte in den Schoppen und der Qualm der Pfeifen stieg zur Decke auf. Als das Profil des Hauptmanns in dem stinkenden Nebel sich abzeichnete, ertönte sein Name von zwanzig Stimmen zugleich, Löffel, Messer und Pfeifen schlugen im Takte auf die Porzellantassen und die Glasflaschen; es erhob sich ein schauerlicher Lobgesang. Die vornehmsten Stammgäste erhoben sich und brachten ihm in feierlicher Weise ihre Glückwünsche dar. Der Wirt mit einer Flasche in der Linken und einem Glase in bei Rechten, bat um die Ehre, ihm etwas anbieten zu dürfen! die Büffettdame betrachtete ihn mit gnädigen Blicken. »Zum Henker!« schrie er und trat drei Schritte zurück, »wollt ihr mir endlich sagen, was das bedeutet?« Die ganze Gesellschaft antwortete zu gleicher Zeit, die Bescheidenheit stände ihm sehr wohl, aber seine tapfere Aufführung, seine Uneigennützigkeit und seine Großmut würden auch wider seinen Willen in aller Welt bekannt werden auf den schwarz und weißen Flügeln der Zeitungen. Und der Wirt ging hin und holte aus seiner Schublade ein großes, etwas zerfetztes und mit Flecken bedecktes Blatt hervor. »Da lesen Sie!« sagte er. »Ich habe die Nummer in meinem Hausarchiv bewahrt. Die Herren wollten schon eine Poule spielen, um sie von dem Gelde einrahmen zu lassen; denn es ist ein Ruhm für das Kaffeehaus, einen solchen Gast zu besitzen, wie Sie.« »Es lebe Herr Bitterlin!« schrieen drei Burschen beim Billardspiel. Der Hauptmann warf sich auf einen Stuhl und las achselzuckend einen langen Artikel, überschrieben: Chronik aus Baden. Der Bericht begann mit einer langen Einleitung im Zeitungsstil über das Sommerleben in Paris. Er erzählte, daß alle Pariser auf dem Lande wären, um Stockrosen, Gänseblümchen und Flieder zu pflücken; er hätte die Boulevards von der Madeleine bis zur Bastille abgesucht, ohne jemand anders zu treffen, als russische Fürsten und Lakritzenwasserhändler. »Darum,« fuhr er fort, »bin ich nach Baden gegangen, um meinen Pariser Artikel zu schreiben, während ein Redakteur der ›Nordischen Biene‹ nach Paris kam, um seinen Artikel über Petersburg anzufertigen.« Bitterlin durchflog dann eine merkwürdig neue Auslassung über die Eisenbahnen als Ersatz für die Stellwagen und daß kraft des Gesetzes der Umdrehung der Erde, der Omnibus einst wieder an Stelle jener treten würde. Er übersprang ein halbes Hundert Zeilen dieser Philosophie, um rascher auf das ihn selbst Betreffende zu kommen: »Baden ist eine Stadt von Pappendeckeln, die Herr Benazet vor einigen Jahren durch Theaterdekorateure der großen Oper hat herstellen lassen; er läßt sie auch in jedem Frühjahr neu anstreichen, um die Illusion zu erhalten. Die Hofseite ist großartig und zugleich patriarchalisch; die Gartenseite zeichnet sich durch angenehme Frische aus. Rings um das Konversationshaus befinden sich wirkliche Wiesen, wo ich immer erwarte Herrn Petitpas hervortreten zu sehen, wie er Madame Ferraris auf den Händen trägt. Am Tage meiner Ankunft ließ das Wetter zu wünschen übrig; beim Aussteigen glaubte ich einen großen Ölfleck zu bemerken, der durch eine umgestoßene Lampe verursacht wäre; aber am Abend, als ich ins Hotel ging, sah ich, daß ich mich geirrt hatte; es war nur Regen. »Die Konversationssäle sind sehr belebt. Eine Auswahl der besten Gesellschaft von ganz Europa hat sich dort für den ganzen Sommer zusammen gefunden. Unter dem vergoldeten Getäfel im Rokokostil hatte ich das Vergnügen den Herzog N. zu begrüßen, dem Prinzen A. die Hand zu reichen, den berühmten Baron P. zu sehen und die fein behandschuhten Finger der göttlichen Marquise X. zu küssen. »Meine schöne Leserin würde sehr enttäuscht sein, wenn ich nichts von den Spielsälen erzählte. Sie möge sich beruhigen; ich bin gerade recht gekommen, um dem merkwürdigsten Ereignis beizuwohnen, welches die meteorologische Geschichte von Baden seit zwanzig Jahren verzeichnet hat. Vor meinen Augen ist die Bank gesprengt worden. Bitte, erschrecken Sie nicht über dies Wort. Alle Welt befindet sich ganz wohl seit dieser Katastrophe, sogar die Bank. »Aber dieses Wunder hat sich unter so ausnahmsweisen Bedingungen vollzogen, und ich darf wohl sagen, in so hochmoralischer Weise, daß ich die Pflicht fühle, hier darüber zu berichten. Also leihen Sie mir gütigst Ihr kleines rosiges Ohr; Sie werden sehen, daß das Spiel, das man so oft mißkennt, zuweilen seine hochmoralische Seite hat. »Das Haus N..i, eins der achtbarsten in Paris, stand auf dem Punkte, seine Zahlungen einzustellen, mangels einer Summe von 100 000 Franken, die es am 1. September zahlen mußte. »Der Buchführer der Herrn Na..i, ein früherer Offizier, ging zu seinen Chefs und sagte: ›Vielleicht giebt es ein Mittel Sie zu retten.‹ ›Wäre es möglich?‹ ›Ich glaube.‹ ›So reden Sie!‹ ›Nun denn: bezahlen Sie mir eine Reise nach Baden!‹ ›Nach Baden?!‹ ›Ja, gerade dahin. Außerdem geben Sie mir einen Louisdor aus Ihrer Kasse.‹ ›Wozu?‹ ›Um damit im Trente et quarante zu spielen.‹ ›Einen Louisdor!‹ ›Nicht mehr. Mir sagt eine Ahnung, daß ich 100 000 Franken gewinnen werde.‹ »Die Herren meinten, er wäre verrückt geworden. »Seine Anhänglichkeit an das Geschäft rechtfertigte diese Vermutung. »Aber er fügte im Tone der Überzeugung hinzu: ›Ich habe nie gespielt; ich muß also eine glückliche Hand haben. Überdies kann der Himmel nicht zugeben, daß das Haus N..ni mangels 100 000 Franken zu Fall komme.‹ »Sein festes Vertrauen machte auf den Geist der Herren N..i großen Eindruck. »Man gab ihm das Reisegeld. »Man legte einen Louisdor, den man der Kasse entnahm, dazu. »Er reiste ab. »Freitag den 17. kam er in Baden an und ohne im Hotel abzusteigen, eilte er ins Konversationshaus. »Eine Stunde später war die Bank gesprengt, indem in ununterbrochener Folge Schwarz herauskam. »Eine Stunde später begab sich der glückliche und getreue Buchführer wieder auf den Weg nach Paris, ohne gegessen und getrunken zu haben, aber mit 121 240 Franken in der Tasche. »Man versichert, daß die Herren N..i inzwischen bedeutende Einnahmen gehabt hatten und daß sie Bitterlin gezwungen haben, die Summe zu behalten, um sich dafür Handschuhe zu kaufen. »Der große Unbekannte heißt Bitterlin. »Ich habe ihn am Tisch beim Trente et quarante gesehen. Er pointierte königlich, wie Mithridates, König von Pontus. »Es ist ein alter Herr von 65 bis 70 Jahren, klein, häßlich und von gewöhnlichem Aussehen. »Aber der Stern der Ehrenlegion glänzt auf seiner Brust. »Er ist dessen würdig.« XIII. Meo schlägt Emmas Hand aus Von diesem Abend an schlief Herr Bitterlin nicht mehr. Seinen reinen, unbefleckten Namen, der einen Marschall von Frankreich hätte zieren können, und der in Ermangelung von etwas Besserem der Name eines Mannes von Grundsätzen gewesen war, diesen Namen sah er durch die Zeitungen der öffentlichen Neugier preisgegeben. Mit Schrecken bedachte er, daß die ganze Welt von ihm als einem Kartenbieger reden würde. Nach den albernen Einzelheiten, mit denen man sein Abenteuer ausgeschmückt hatte, mußte er ja eines Tages in einer Galerie berühmter Spieler erscheinen. Kaum daß er die Auslage der Bilderläden anzusehen wagte, aus Furcht, dort seinem Porträt zu begegnen. Und was würde seine Tochter sagen, wenn sie von seiner Aufführung etwas erführe? Wie würde sie noch die Achtung vor seiner väterlichen Autorität bewahren? Und der Gipfel des Mißgeschicks war, daß Herr Narni nicht aufgefunden ward, und die Bankthaler immer noch auf ihren rechtmäßigen Herrn warteten. Der Hauptmann fühlte, daß eine Centnerlast von seinem Herzen fallen würde an dem Tage, wo er seine Hände von diesem Gelde rein gewaschen hätte. In seiner Pein fiel ihm ein, den Beistand der Polizei anzurufen. Er hatte Zeiten gekannt, wo die Beamten der öffentlichen Sicherheit sich gern in Privatangelegenheiten einmischten, und er setzte nicht voraus, daß sich seit dem Ministerium von Fouché in der Welt etwas geändert habe. Eines schönen Morgens also begab er sich in das Labyrinth der Präfektur und gegen Ende des Tages war er nach einer ansehnlichen Irrfahrt im Bureau für verlorene Sachen wie ein Wrack gestrandet. Der Beamte, der ihn empfing, konnte sich nicht enthalten zu lächeln, als er sein Verlangen vernommen hatte. »Mein Herr,« antwortete er ihm, »der Dienst, um den Sie nachsuchen, gehört nicht zu unserer Kompetenz; niemand hier wird ihn leisten, einen wie hohen Preis Sie auch immer bieten mögen. Wo kämen wir denn hin, große Götter, wenn wir ein solches Geschäft betreiben wollten. Sie wissen nicht, daß die eine Hälfte von Paris ihr Leben damit zubringt, die andere zu suchen. Die Stadt ist voll von Gläubigern, die ihre Schuldner suchen, von Liebenden, die ihre Geliebten suchen, von Eifersüchtigen, die ihre Frauen suchen, von Industriellen, die stille Teilnehmer suchen, von Spitzbuben, die Tröpfe suchen, von Beleidigern, die ihre Beleidiger suchen, um ihnen hinterrücks einen Tritt zu versetzen. Sicher wäre es uns sehr angenehm, die anständigen Leute zu bedienen, die einander suchen, indem wir ihnen Gelegenheit zum Zusammentreffen verschaffen; aber wir können nicht in den Herzen lesen und würden bei dem besten Willen von der Welt oft üble Erfolge herbeiführen. Sie fragen mich nach der Adresse eines Narni; ich will glauben, daß es nicht geschieht, um ihn zu benachteiligen. Aber wenn ein anderer Narni morgen käme und sich nach Ihrer Wohnung erkundigte, um Liebesbriefe an Ihre Frau Gemahlin zu schreiben?« »Glücklicherweise, Herr, ist meine Frau tot, übrigens ...« »Entschuldigen Sie, ich sprach im allgemeinen. Sagen wir also, zum Beispiel, irgend ein Narni habe die Absicht sich bei Ihnen einzufinden, um Sie Ihres Geldes zu entledigen.« »Gäbe das doch der Himmel! Hören Sie, mein Herr, und urteilen Sie, ob meine Absichten ehrenwert sind. Ich suche Herrn Narni, um ihm die Summe von 120 000 Franken einzuhändigen.« »Nun, dann haben Sie uns ja nicht nötig. Setzen Sie ein Inserat in die Tageblätter, und Herr Narni wird, oder ich müßte mich sehr täuschen, nicht lange auf sich warten lassen. Es werden sogar mehr als einer kommen, und ich schätze Sie sehr glücklich, wenn Sie nicht einige Dutzend anrücken sehen.« »Ei! die Sache ist nur allzu öffentlich, und die Zeitungen haben schon mehr davon geredet, als nötig wäre! Adieu, Herr, ich bemerke, daß ich für den König von Preußen hier herumgelaufen bin. Aber es freut mich sehr, gesehen zu haben, daß es in Ihrer Präfektur wie auch anderswo noch manches zu verbessern giebt.« Als er nach Hause kam, fand er ein anonymes Billet mit folgendem Wortlaut: »Der Mann, den Sie suchen, wohnt vor Ihrer Thüre. Gehen Sie morgen früh in die Katharinenstraße Nummer 4 und Sie werden ihn im Bette antreffen.« Meo selber zeigte sich so an, um den Gang der Ereignisse zu beschleunigen. Andern morgens um neun Uhr lud der Hauptmann die 120 000 Franken in seine Taschen und spazierte ganz erleichtert in seinem Zimmer umher. Seit Jahren hatte ihn seine Tochter nicht so vergnügt gesehen. Er rieb sich die Hände und blieb zuweilen stehen, um die knotigen Knöchel seiner Finger einzeln knacken zu lassen. Ich glaube sogar, Gott verzeih' mir's, daß er halblaut ein Lied summte. Emma konnte diese ausgelassene Heiterkeit nicht fassen; ihr Erstaunen stieg aber aufs höchste, als er ihr unters Kinn griff und sagte: »Hast du etwas auszurichten an Herrn Narni? ich werde ihn heute Morgen besuchen.« Was sie antwortete, das wußte sie später selbst nicht mehr; ihr wurde es dunkel vor den Augen und sie bekam Sausen auf beiden Ohren. Aber der Hauptmann gab auf ihre Verlegenheit gar nicht acht; er setzte seinen Hut schief auf, schloß die Thüren mit lustigem Krach und ließ beim Herabsteigen der Treppe seinen Schlüssel bis unten am Geländer hinklappern. Fünf Minuten darauf trat er in Meos Zimmer ohne anzuklopfen ein. Der Italiener erwartete ihn festen Fußes, obgleich lang ausgestreckt zwischen seinen schäbigen Betttüchern liegend. Seit vierzehn Tagen war er aus Baden zurück und hatte den von Aurelia vorgezeichneten Feldzugsplan vervollständigen können. Er hatte sich mit allen Mitteln für eine Entscheidungsschlacht gerüstet; sein Arsenal von Mut und List war ganz vollständig. »Zum Henker!« schrie der Hauptmann und schwang sich rittlings auf einen Stuhl, »Sie können sich rühmen, mich in Trab gesetzt zu haben!« »Ei? was giebt's? wer ist da?« antwortete er, seine Arme dehnend und sich die Augen reibend. Er setzte sich aufrecht ins Bett und sagte mit anscheinend unbefangener Freude: »Sie sind es, Herr Bitterlin? Welch angenehme Überraschung! Ich bin wirklich gerührt, daß Sie sich meiner erinnern!« »Mein junger Freund, ...« begann der Hauptmann »Danke für das gütige Wort!« unterbrach ihn der Italiener. »Ah! Sie haben mir ja auch Ihre Freundschaft nicht im ersten Augenblick geschenkt! Erlauben Sie mir, Ihnen die Hand zu drücken.« »Schon gut, schon gut!« »Sie haben sich immer wohl befunden seit unserm letzten Abschiede? Fräulein Bitterlin ist bei guter Gesundheit?« »Ja. Ich bin gekommen, um von Geschäften zu reden.« »Von Geschäften? mit mir? Da verwechseln Sie mich sicher mit jemand anders.« »Ta, ta, ta! Dieses Mundwerk! Reden wir wenig, aber vernünftig.« »Mein verehrter Freund, ich bin ganz Ohr.« »Erinnern Sie sich, mich in Baden am grünen Tisch getroffen zu haben?« Meo steckte seinen Kopf unter die Decke, wie ein auf Verbotenem ertapptes Kind. »Hören Sie mich an,« sagte er, »mein lieber Hauptmann. Ich bin kein Spieler, und wäre ich es gewesen, so hätten Ihre schönen Worte, die mir immer im Gedächtnis geblieben sind, mich gründlich von dem Fehler geheilt. Aber ich bin schwach und leicht zu verleiten. Man kann aus mir alles machen was man will; Sie wissen es ja. Hätte ich unter des Kaisers oder unter Ihrem Kommando gedient, so wäre ich vielleicht ein Held geworden; wäre ich in die Richtung von Cartouche oder Passatore geraten, so hätte ich allem Anschein nach ein übles Ende genommen. In Baden habe ich mit einer Gesellschaft von Spielern Umgang gehabt; meine Freunde waren beim Spiel vom Morgen bis zum Abend. Was geschah? ich habe mich durch das Beispiel verführen lassen. Aber Sie werden mir wenigstens die Gerechtigkeit widerfahren lassen zu bestätigen, daß ich, als ich Sie in den Saal treten sah, über meine Aufführung schamrot geworden bin. Ich erinnerte mich an unser Gespräch in Schaffhausen und fürchtete eine solche väterliche Zurechtweisung, womit Ihre erwachende Freundschaft gegen mich nicht kargte. Was soll ich weiter sagen? Ich habe mich vor Ihnen verkrochen, wie die Schwäche vor der Stärke, die Thorheit vor der Vernunft, das Laster vor der Tugend!« »Hm!« sagte der Hauptmann und kratzte sich hinter den Ohren. Dann fing er schüchtern wieder an: »Sie haben zwanzig Franken auf dem grünen Tisch vergessen.« »Zwanzig Franken? Freilich, das ist wohl möglich. Ich war ziemlich verwirrt.« »Ich bringe Ihnen Ihre zwanzig Franken wieder.« »Sie, Herr Hauptmann! Das ist zu viel Güte, auf mein Wort! Aber die Strafe ist trefflich ausgedacht; ich danke Ihnen von ganzem Herzen.« »Ich bringe Ihnen auch das Geld, das Sie damit gewonnen haben.« »Ei, Sie scherzen allerliebst! Meine zwanzig Franken haben etwas gewonnen!« »Sie haben 121 140 Franken gewonnen; hier sind sie!« Er machte sich eifrig daran, seine Taschen auf einen kleinen Tisch aus weißem Holze zu entleeren. Meo betrachtete diese Hantierung mit gut gespieltem Erstaunen. »Jetzt, mein junger Freund,« fuhr der Hauptmann fort, »wünsche ich Ihnen guten Abend.« Meo ergriff ihn an seinem Rockschoße. »Einen Augenblick,« sagte er. »Haben Sie die Gewogenheit, sich näher zu erklären! Sie platzen hier, während ich schlafe, herein! Dieses Geld ...! Erzählen Sie doch, wie die Sache verlaufen ist, und beweisen Sie mir, daß ich nicht träume!« »Nun, das ist doch sehr einfach. Ihre zwanzig Franken lagen da um zu gewinnen, nicht wahr? Sie haben großes Schwein gehabt und haben gewonnen. Habe die Ehre ...« »Ei wie doch? so ganz von selbst? ohne sich vom Platze zu rühren? hat mein armer Louisdor eine Summe von ...! Hauptmann, Sie machen Spaß mit mir.« »Sie sehen doch, daß ich das nicht thue.« »Ich sehe gar nichts. War es mit Rot oder Schwarz?« »Mit ... Schwarz, wenn ich nicht irre.« »Mein Gott! Hauptmann, um Vergebung, daß ich Sie so lange bei Dingen festhalte, die Ihnen widerwärtig sind; aber wie oft ist denn Schwarz herausgekommen?« »Ach, da fragen Sie mich zu viel. Ich weiß es nicht mehr.« »Die Berechnung ist in der That leicht. Wollen Sie mir einen Bleistift und ein Blatt Papier geben? Sie haben das dort auf dem Tische. Da, da ist es schon. Danke sehr.« »Warten Sie! ich glaube mich zu erinnern, daß Schwarz vierzehnmal herausgekommen ist.« »Sehr gut! aber wenn es vierzehnmal herausgekommen ist, so stimmt meine Rechnung nicht. Ein Louisdor, vierzehnmal hintereinander verdoppelt, giebt 327 680 Franken.« »Halten Sie mich etwa für einen Dieb?« »O, Herr Hauptmann! Aber da fällt mir ein; es giebt einen höchsten Satz, den die Spieler nie überschreiten dürfen. Sehen Sie, nun kommt alles in Ordnung. Wie viel ist das doch, dieser höchste Satz? ich glaube, sechstausend Franken.« »Kann schon sein,« antwortete der Hauptmann und wischte sich die Stirne ab. »Da! ich bin mit der Rechnung fertig. Beim neunten Schlage hatte der Louisdor ganz allein 10 240 Franken gewonnen und den Höchstsatz überschritten. Nun mußte man ihm helfen, das übrige zu gewinnen, man entlastete ihn um 4240 Franken. Welcher Ehrenmann hat das nun gethan?« »Ja, ich. Ich war gerade da und ...« »Sie haben ihm sehr hübsch hilfreiche Hand geleistet. Darauf also haben Sie in derselben Weise fortgefahren und bei jedem Schlage sechstausend Franken weggenommen?« »Ich war da und meinte gut zu handeln ...« »Sie sind der beste Mann von der Welt. Aber wissen Sie, bei sechstausend Franken Einsatz muß man achtzehn und ein drittelmal gewinnen, um auf 110 000 Franken zu kommen. Achtzehn und neun machen siebenundzwanzig; Schwarz ist also siebenundzwanzig und ein drittelmal ohne Unterbrechung herausgekommen?« »Ich will nicht sagen ...« »Ah, zuletzt hat Rot gewonnen?« »Kuckuck, ja,« »Und dann habe ich verloren?« »Nun, gewiß.« »Ich will gern glauben, daß sich jemand bemüht hat für mich zu zahlen?« »Ich war gerade da und ...« »Danke. Aber es ist unmöglich, daß ich mich hartnäckig auf Schwarz versteift habe. Sollte ich niemals auf Rot gesetzt haben?« »Vielleicht doch.« »Mein Geld ist auch nicht von selbst hingegangen; man hat es geschoben. Wer?« »Ich war gerade da ...« »Aber wenn Sie da waren, Hauptmann, wenn Sie setzten, absetzten, einzogen, das Geld anrührten, so haben doch Sie am Ende gespielt, Sie haben gewonnen, also gehört die Summe Ihnen ; geben Sie mir also meine zwanzig Franken und nehmen Sie das übrige wieder mit.« »Herr, Sie kennen meine Grundsätze. Ich verachte das Spiel, also spiele ich nicht, also gewinne ich auch nicht, also nehme ich den Gewinn nicht an, der mir Schande einbrächte. Ich habe mich allenfalls einen Augenblick vergessen und mich möglicherweise am Zuschauen bei einer Partie unterhalten und, wenn Sie es durchaus so wollen, den Zufall, der Sie bereicherte, unterstützt. Aber diese unschuldige, weil uneigennützige Unbesonnenheit würde ein schmähliches Vergehen werden, wenn ich daraus einen Vorteil zöge.« »Herr, ich verstehe Ihre Beweggründe, das Geld zurückzuweisen, aber ich finde es mindestens überraschend, daß Sie es auf mich abzuladen suchen. Ich habe zwanzig Franken auf einem Spieltische liegen lassen, gut; aber ich habe Sie nicht gebeten, für mich zu spielen. Ich war nicht Ihr Teilhaber, ich hatte nicht einmal die Ehre, mich zu Ihren Freunden rechnen zu dürfen; was hatten wir beide denn gemein? Hätte mein Louisdor, nachdem er Ihnen einige Tausendfrankenscheine eingebracht hatte, Sie hingerissen, Ihre Hosen zu versetzen, würden Sie so liebenswürdig sein, mich der meinigen zu berauben?« Bitterlin dachte eine Weile nach. Auf einen solchen Empfang war er nicht gefaßt gewesen. In seiner Hast, die Last, die ihn drückte, abzuwerfen, hatte er nicht vorausgesehen, daß ein armer junger Mensch eine rein gefundene Geldsumme ausschlagen würde; daß ein gefälliger und unterwürfiger Bursche ihm die Spitze bieten könnte; daß ein gewöhnlicher Geist schärfer und gründlicher überlegen würde als er selbst. Als er nun von seinem Gegner in die Enge getrieben war, griff er zu ganz persönlichen Beweismitteln von kläglicher Schwäche. »Mein junger Freund,« sagte er, »bedenken Sie, daß ich doppelt so alt bin wie Sie, daß ich in meinem ganzen Leben das Spiel gehaßt habe, und daß ich nicht mehr wagen würde mich im Spiegel anzusehen, wenn ich dort das Gesicht eines Menschen erblicken sollte, der durch die Karten reich geworden ist.« »Mein lieber Herr,« antwortete Meo, »wenn Sie glauben, daß Spielgelder zu behalten so unangenehm ist, warum wollen Sie mir damit ein so häßliches Geschenk machen?« »Weil sie Ihnen gehören! Werden Sie glauben, wenn ich Ihnen schwöre, daß ich auf Ehre und Gewissen nur für Sie gespielt habe?« »Werden Sie mich Lügen strafen, wenn ich Sie erinnere, daß ich Ihnen dazu keine Vollmacht erteilt habe?« »Ich würde mich dem Gewinnen nicht ausgesetzt haben, wenn ich geglaubt hätte, daß ein Pfennig davon mir zufließen sollte.« »Wenn ich Ihnen eines Tages sagen wollte: ich habe einen Reisenden auf der Straße nach Saint-Denis totgeschlagen, mit einem Messer, das Ihnen gehörte; ich habe ihm alles geraubt. Auf Ehre und Gewissen, ich arbeitete nur für Sie; nehmen Sie also diese Uhr und diese Börse, sie gehören Ihnen. Meine Grundsätze verwerfen den Meuchelmord, und ich hätte niemals eine so tadelnswerte Handlung begangen, wenn ich hätte ahnen können, daß sie mir einen Pfennig einbringen würde. Da würden Sie doch wohl antworten: Schafskopf, spüle dich im Flusse ab, aber wische deine Hände nicht an meinem Rocke rein!« »Jeder Vergleich hinkt, Herr Narni; Ihre feinen Unterscheidungen können mich in Verlegenheit bringen, aber niemals überzeugen. Das Geld hier gehört Ihnen, machen Sie damit, was Sie wollen; ich meinerseits habe meine Pflicht erfüllt und schneide Ihnen mein Kompliment.« Mit diesen Worten sprang er an die Thüre und lief wie ein Dieb davon. Meo war nicht genügend bekleidet, um ihn zu verfolgen. Beim Überschreiten der Schwelle hätte der Hauptmann beinahe seine alte Köchin überrannt, die eben für den Haushalt eingeholt hatte; aber es blieb ihm keine Zeit sie wieder zu erkennen. Er kehrte nach Hause zurück und frühstückte für vier Mann, ohne indessen seiner Tochter die Ursache seiner Behaglichkeit anzuvertrauen. Der ganze Tag wurde dem Vergnügen gewidmet; er stieg mit Emma in einen Wagen und zeigte ihr die Verschönerungen des Vincenner Wäldchens, wobei er ihr die Geschichte des Schlosses erzählte. Man aß zu Mittag vor der Thüre eines ländlichen Restaurants unter bestaubten Bäumen, die stark nach Kaninchen rochen. Dieser kleine Exceß verlängerte sich so tief in den Abend hinein, daß Vater und Tochter nicht vor zehn Uhr zu Hause ankamen. Emma hatte sich schon in ihren Winkel zurückgezogen und zerbrach sich den Kopf, um die Vorgänge des Tages sich zu erklären, als ein fürchterlicher Fluch das Zimmer des Hauptmanns erbeben machte. Sie lief hin; der Vater schlug ihr die Thür vor der Nase zu und schrie: »Hier nicht herein!« Und das Klingeln des Goldes und das Geknitter der Banknoten drang zum zweitenmal an ihr Ohr. Bitterlin hatte 121 220 Franken am Fußende seines Bettes gefunden. Er steckte den Schatz wieder in seine Taschen, ließ die Tochter sich hinlegen, schloß die Thür doppelt ab, forschte den Portier aus, der aber niemand gesehen hatte, und sprang im Nu nach Meos Wohnung. Dieses Mal schlief der Italiener wirklich; man brauchte eine Viertelstunde nächtlichen Lärms, um ihn auf die Beine zu bringen. »Mir scheint,« sagte der Hauptmann, »Sie erwarteten mich heute nicht?« »Ich fühle mich trotzdem sehr geschmeichelt durch Ihren Besuch. Sie haben gesehen, daß ich meine zwanzig Franken zurückgenommen habe; genaue Rechnung macht gute Freundschaft.« »Nehmen Sie sich in acht, Herr! Die Sache wird unangenehm! Wollen Sie mir erklären, auf welchem Wege dieses Geld in meine Wohnung zurückgelangt ist?« »Ich gebe meine Kriegslisten nicht preis. Sie waren ohne Erlaubnis von mir weggegangen; ich bin ohne die Ihrige bei Ihnen eingedrungen!« »Aber, Herr, das ist ein Spitzbubenstreich!« »Ich gebrauche List gegen Gewalt. Gegen einen Wohlthäter, der einem das Messer an die Kehle setzt, verteidigt man sich, wie es eben geht.« »Nun, Herr! ich werde mich in die Grenzen des Gesetzes verschanzen. Die Gerichte werden Sie zwingen, Ihr Eigentum zu behalten.« »Die Gerichte haben mit unserer Angelegenheit nichts zu thun, insofern das Gesetz die Spielschulden gar nicht anerkennt. Wenn ich Sie auf Ersatz von 120 000 Franken verklagte, würden alle Gerichte mich abweisen; wie sollten sie mich also zwingen, das Geld anzunehmen?« »Teufel! dann werden wir ja nie zu Ende kommen; denn ich werde nicht nachgeben!« »Und ich auch nicht, Hauptmann; ich habe von Ihnen gelernt! Sie bestehen darauf, ich soll dies Geld annehmen; ich bestehe darauf, daß Sie es behalten; wir werden alle beide nicht zurückweichen. Sind Sie geneigt, die Hälfte der streitigen Summe auf sich zu nehmen?« »Nein, Herr!« »Ich auch nicht; das trifft sich wunderbar gut. Was sollen wir thun? Unter allen Vergleichen giebt es nur einen, der möglich wäre, aber davon will ich nichts wissen.« »Welcher wäre das?« »Ist gleichgültig für Sie, weil ich ihn nicht will.« »Aber nochmals!« »Es giebt viele Leute, die den Vergleich mit größtem Vergnügen annehmen würden; aber ich bin so frei, Ihnen zu erklären, daß ich ihn zurückweise.« »Sie können nur immerhin sagen, worum es sich handelt.« »Ich will ihn aber nicht, will ihn nicht! Eine Heirat zwischen Ihrer Tochter und mir würde dem Streit ein Ende machen und die Summe ungeteilt erhalten. Das ist ein leichtes Einvernehmen, ein ehrenvoller und sogar angenehmer Vergleich, aber ich will es nicht.« »Donnerwetter! Herr, Sie schlagen die Hand meiner Tochter aus! Aber ich habe sie Ihnen ja gar nicht angetragen!« »Daran haben Sie wohl gethan; denn ich schlage sie rundweg aus!« »Und warum, darf ich bitten?« »Darüber habe ich Ihnen keine Erläuterungen zu geben.« »Ich verlange aber, daß Sie sich erklären. Mir scheint doch, meine Tochter ist nicht häßlich oder abstoßend, zum Teufel!« »In der That, Herr, man kann gegen die Schönheit von Fräulein Bitterlin nichts einwenden.« »Also wäre etwas über ihre Aufführung zu sagen?« »Nicht daß ich wüßte, Herr, und wenn ich die Hand Ihrer Fräulein Tochter ausschlage, so geschieht es nicht, weil ich an ihr persönlich etwas zu tadeln fände.« »Was wollen Sie damit sagen?« »Nichts.« »Sie haben gesagt: persönlich.« »Ja, das ist möglich.« »Was soll das heißen: persönlich?« »Ja nun! persönlich!« »Persönlich! persönlich! Also die Familie, Herr, hat kein Recht auf Ihre Achtung? Beabsichtigen Sie damit zu sagen, der Hauptmann Bitterlin verdiene nicht Ihr Schwiegervater zu sein?« »Gott bewahre, Hauptmann! ich halte Sie für den ehrenwertesten Mann unserer Zeit.« »Aber dann, Herr, wenn Tochter und Vater untadelhaft sind, gegen wen haben Sie was? Vielleicht gegen die Mutter?« »Ich habe nie die Ehre gehabt, Frau Bitterlin zu sehen.« »Schwören Sie mir, daß Sie nie von ihr haben sprechen hören.« »Ich weiß nicht, ob der Eid notwendig ist. Ich habe von Frau Bitterlin als einer sehr schönen und eleganten Dame reden hören.« »Elegant! warum nicht Modedame? Wer hat Ihnen das gesagt? wer?« »Sie selber, Herr, wenn ich mich recht erinnere.« »Es steht da oben geschrieben, daß ich nichts erfahren soll! Also, mein Herr, Sie schlagen die Hand meiner Tochter aus, weil Sie fürchten, daß der Apfel nicht weit vom Stamme fällt! So ist es doch, nicht wahr?« »Ich? Aber, Herr, ich schwöre Ihnen, daß ein solcher Gedanke mir nie in den Sinn gekommen ist.« »Nun denn, warum sonst schlagen Sie die Hand meiner Tochter aus?« »Darum!« »Das ist kein Grund! Sind Sie verheiratet?« »Nein.« »Haben Sie Abneigung gegen die Ehe?« »Nicht im entferntesten.« »Dann, Herr, finde ich es unverschämt, daß Sie die Hand meiner Tochter ausschlagen!« »Bitte sehr! Wenn ich Sie um ihre Hand gebeten hätte, würden Sie sie mir gegeben haben?« »Ich? niemals!« »Sie hätten sie mir also abgeschlagen?« »Zum Kuckuck, ja!« »Also worüber ärgern Sie sich nun?« »Ich ärgere mich über Ihre Unverschämtheit und verlange, daß Sie Ihre Worte zurücknehmen.« »Ich habe gesagt, daß ich Fräulein Bitterlin aufrichtig hochachte, ebenso ihren Vater und ihre Mutter; was soll ich zurücknehmen? ich bin bereit dazu.« »Und ich, Herr, bin bereit, Ihnen die Züchtigung zu geben, die Sie verdienen.« »Topp! Schlagen Sie ein, Hauptmann! Ich glaube, Sie haben recht. Ein Säbelhieb beweist niemals etwas, aber zuweilen bringt er alles in Ordnung. Wenn Sie mich kalt machen, nehme ich Ihr Geld und Ihre Tochter an; die 120 000 Franken sind für mein Begräbnis und auf dem Totenbette lasse ich mir Fräulein Bitterlin antrauen!« »Keine Scherze, mein Herr! Bestehen Sie darauf, die Annahme der Summe zu verweigern, die Ihnen gehört?« »Durchaus. Und überdies habe ich die Ehre, die Hand Ihrer Fräulein Tochter auszuschlagen.« »Nun denn, mein Herr, Sie werden von mir Nachricht erhalten!« »Mein Herr, ich werde sie mit Vergnügen entgegennehmen.« XIV. Die Schlacht Das 104. Linienregiment hatte seine Garnison in Paris. Hauptmann Bitterlin eilte nach der Kriegserklärung an seinen Schwiegersohn morgens frühzeitig in das Militärkaffeehaus der Straße Saint-Antoine und verlangte das Militärhandbuch von 1858. Meo hatte ganz ruhig geschlafen, ging in sein Lesekabinett und suchte im Militärhandbuche die Liste der Offiziere vom 104. Regiment. Beide Feinde hatten gewichtige Gründe, ihre Zeugen gerade aus diesem Regiment zu wählen. Der Hauptmann hatte dort mehrere Kameraden, und Meo einige Freunde. Beide hatten dort ein Andenken hinterlassen, ja noch mehr: eine Tradition, eine Legende. Die Masse der jungen Offiziere erheiterte sich noch zuweilen an einigen historischen Karikaturen, die auf Hauptmann Bitterlin gingen, und alle Offiziere, welche die Belagerung Roms mitgemacht hatten, erinnerten sich an die schöne Haltung des Deputierten Miranda vor dem Kriegsgericht. Emmas Vater richtete sein Augenmerk auf zwei von der Pike auf gediente Offiziere, die in seiner Compagnie Sergeanten gewesen waren, den Leutnant Boucart und den Hauptmann Roblot; zwei brave Dickhäuter, kühn im Feuer, wohlbeschlagen in der Theorie, und die kein Wasser in ihren Absinth gossen. Er fand sie in der Gegend der Kaserne von Reuilly, an der Thür einer Schenke, wo sie sich vor dem Mittagessen den Appetit schärften. Die Herren standen auf, als er herankam, und begrüßten in ihm ein vollendetes Muster aller soldatischen Tugenden. Sie schüttelten sich mehrmals kräftig die Hände, und nachdem die Finger geknackt hatten, nahmen sie einen Imbiß. Dann kam der Kaffee nebst der gewohnten Würze, Cigarren zu drei Sous und kleine Gläser Branntwein. Als die drei Horazier dampfend dasaßen, erfrischten sie sich mit einigen Flaschen Bier. Aber bald mußte man eine Punschbowle anzünden, um den Magen zu stärken, den das Bier erkältet hatte. Das Frühstück hatte Bitterlin bezahlt; seine tapfern Kameraden wollten nicht hinter ihm zurückstehen und so wetteiferten die drei Ritter in Höflichkeit bis um fünf Uhr abends. Dann erst setzte der alte Hauptmann ihnen den Anlaß seines Besuches auseinander. Er legte die Cigarre auf den Tischrand, faßte die beiden Freunde bei der Hand, blickte ihnen tief in die Augen und sagte halblaut: »Kinder, es ist noch nicht vorbei; ich habe euch um einen Dienst zu bitten.« »Zu Befehl!« rief Roblot. »Hauptmann,« fügte der andere bei, »auf Leben und Tod!« »Danke. Pik ist Trumpf.« »Bravo! Ah, er geht immer fest drauf, der Hauptmann Bitterlin.« »He, he! Sie haben im Regiment ein famoses Andenken hinterlassen.« »Nun hört die Sache. Es ist ein Gelbschnabel, der sich an mir verfehlt hat.« »Und Sie werden ihn nicht verfehlen! Vorwärts marsch!« »Ich will euch erzählen.« Während er nun seine Anklage gegen den Italiener zusammenfassen wollte, packte ihn eine seltsame Verlegenheit. Nicht, daß er das Bewußtsein seines guten Rechtes verloren hätte; aber er wußte nicht, womit er beginnen sollte. Der Zorn, der Punsch und die Selbstachtung arbeiteten so gewaltig in ihm durcheinander, daß er bei Beginn seiner Erzählung mit offenem Munde stecken blieb. Erzählen, daß ein frecher Kerl die Hand seiner Tochter ausgeschlagen hätte, ohne daß sie ihm angeboten war – das hätte ihn ganz überflüssigerweise bloß gestellt. Das Regiment hatte von Frau Bitterlin vielerlei gesprochen; wozu sollte er noch Emmas Ruf bösen Zungen preisgeben? Ganz erfüllt von diesem Gedanken warf er sich auf die 120 000 Franken, welche Meo sich versteifte ihm zuzuschieben. Diese Frage des Zartgefühls rechtfertigte ausreichend seine kriegerischen Gedanken; und man braucht nicht mehr, besonders im Regiment, um die Klingen zu ziehen. Aber als er den Mund aufthat, um zu erzählen, was er in Baden gethan hatte, begegnete sein Blick der Nummer 104, die in Relief auf die Knöpfe des Leutnants gepreßt war. Man muß Soldat gewesen sein, um die stumme Sprache zu verstehen, welche die Ziffer auf den Knöpfen eines Rockes redet. Für den Mann, der mit Ehren gedient hat, umfaßt die Regimentsnummer den Corpsgeist, den Ruhm der Fahne, die errungenen Siege, die erfüllten Pflichten, die hergebrachten Tugenden, welche die Soldaten mit ihren abgenutzten Uniformen sich vererben. Bitterlin erinnerte sich an die guten Lehren und das schöne Beispiel, das er so lange Jahre dem 104. Regiment gegeben hatte, und er wagte nicht, zweien Offizieren dieses Regiments zu sagen, daß er ein Vermögen beim Spiel erworben habe. Mit der verzogenen Miene eines Kindes, das eine Pille verschlucken muß, sagte er: »Meine Freunde, Sie sind Ehrenmänner, ich bin Ehrenmann, mein Gegner ist auch ein Ehrenmann, obgleich er nicht die Ehre besitzt, ein Franzose zu sein, und die Angelegenheit ist der Art, daß sie sich nicht anders in Ordnung bringen läßt. Verstehen Sie?« »Vollkommen,« antwortete Boucart. »Einen Augenblick,« warf Hauptmann Roblot ein. »Sind wir der Beleidigte?« »Ja.« »Dann haben wir die Wahl der Waffen.« »Das versteht sich von selbst. Ich wähle den Ordonnanzsäbel. Wenn man indessen auf dem Degen bestände, so könnten Sie darin nachgeben.« »Abgemacht; und wann geht der Tanz vor sich?« »Am besten möglichst bald.« »Vorwärts! Auf Ihre Gesundheit, Hauptmann Bitterlin!« »Auf die Ihrige, Hauptmann Roblot! Leutnant Boucart, auf die Ihrige!« »Auf die Alten von der alten Garde!« »Auf das 104.!« »Es lebe der Kaiser!« Man machte Rest mit der Punschbowle und die drei Helden blieben überzeugt, daß Bartolomeo Narni einen Säbelhieb über den Kopf erhalten mußte, zur Ehre des Hauptmanns Bitterlin, des 104. Regiments und des schönen Landes Frankreich. Condillac hätte das ganze Arsenal seiner Logik erschöpfen können, ohne sie vom Gegenteil zu überzeugen. Unterdessen hatte Meo die Hände nicht in den Schoß gelegt. Er hatte einen Besuch bei Herrn Georg Medine gemacht, früher Hauptmann und Referent im Kriegsgericht, jetzt Oberstleutnant im 104. Herr Medine ist ein Offizier, wie man deren glücklicherweise viele in unserem Heere findet; ein Kriegsmann, in dem zugleich ein Weltmann steckt, der die Theorie mit der Praxis vereinigt, kalt in Angelegenheiten des Dienstes, liebenswürdig in gesellschaftlichen Beziehungen, in den kräftigen Studien des Soldaten erzogen, in der Litteratur bewandert und verfeinert durch den Umgang mit Frauen. Er hat in früher Jugend den Tornister getragen, wie Bitterlin, Roblot und Boucart; was ihn von diesen Herren unterscheidet, ist, daß er seine Mußestunden besser angewendet hat. Er erkannte Meo auf den ersten Blick; denn man vergißt niemals das Gesicht eines Menschen, dem man einmal seinen Kopf abgefordert hat. »Seien Sie willkommen,« sagte er und reichte ihm herzlich die Hand. »Sie machen mich um zehn Jahre jünger. Sind Sie denn Einwohner von Paris? oder welcher günstige Wind führt Sie her?« Der Ankläger und der Angeklagte von ehemals unterhielten sich lang und breit über Rom und Italien; das Thema ist unerschöpflich. Indessen vergaß Meo nicht seine Hauptsache. Er erzählte ganz im einzelnen seine Beziehungen zu Herrn Bitterlin, seine Liebe und seine Reise, seine Anschläge und seine Hoffnungen, und dann den Streit von gestern, der alles gut machen konnte, wenn man ihn richtig ausnutzte. Herr Medine hörte ihm bis zu Ende mit lächelnder Aufmerksamkeit zu. »Mein lieber Feind,« sagte er endlich, »Ihre Sache gehört zu denjenigen, die nur auf dem Felde der Ehre zu schlichten sind. Ich werde Ihr Zeuge überall sein; haben Sie einen zweiten?« »Nein, ich wollte niemand besuchen, ehe ich Sie zu Rate gezogen hätte.« »Um so besser! wir werden meinen Neffen nehmen, der eben aus der Militärschule von Saint-Cyr kommt. Ihren Bitterlin kenne ich seit lange. Er hat einen der besten Offiziere des 104. Regiments erstochen, wegen einer Albernheit; man hätte darum keine Katze peitschen mögen. Er ist ein fratzenhafter Tugendbold und giftiger Geselle. Sie haben wohlgethan, ihn gegen den Strich anzufassen; wir werden mittels einiger Gewalt mit ihm fertig werden; ich sehe schon den Haken. Gehen Sie wieder nach Hause, erwarten Sie ruhig seine Zeugen und bringen Sie mir ihre Adresse um sieben Uhr abends; ich nehme alles auf mich.« Meo empfing diese Herren erst um sechs Uhr; sie betrugen sich vollständig passend, nur daß sie ein wenig laut sprachen. »Meine Herren,« antwortete er ihnen, »Sie kennen die Beleidigung, wofür Sie Genugthuung verlangen?« »Wir wissen,« entgegnete Hauptmann Roblot, »daß die Sache nicht beigelegt werden kann.« »Haben Sie also die Güte, bei einem von Ihnen den Besuch meiner Freunde zu erwarten; sie werden die Ehre haben, um acht Uhr zu Ihnen zu kommen.« Der Hauptmann Roblot gab seine Adresse, denn er hatte ein Zimmer zu fünfundfünfzig Franken monatlich. Die beiden Gäste Bitterlins waren nicht wenig erstaunt, als sie genau um acht Uhr den Oberstleutnant Medine und hinter ihm seinen Neffen hereintreten sahen. »Herr Oberst!« stotterte Boucart, »wir wußten nicht ... wir dachten nicht ... Gewiß, hätten wir gewußt ...« »Meine Herren,« fiel Herr Medine ein, »ich bitte, vergessen wir hier unsere Rangunterschiede.« Er fügte in einem Tone hinzu, worin die Autorität des Kommandeurs durchklang: »Es giebt hier nur vier Offiziere vom 104. Regiment, die versammelt sind, nur eine Ehrensache zu erledigen. Der Hauptmann Bitterlin, einer unserer tapfern Kameraden, ist beleidigt von Herrn Narni, Grafen von Miranda, meinem Freunde.« Boucart und Roblot machten eine steife Verbeugung. Herr Medine fuhr fort: »Sie haben wohl gethan, für einen alten Offizier des Regiments Partei zu nehmen. Kennen Sie den Ursprung des Streites?« »Wahrhaftig, nein!« antwortete Roblot. »Ich kann Ihnen mit zwei Worten die Sache angeben. Herr von Miranda hat die Tochter des Hauptmanns kompromittiert und weigert sich sie zu heiraten. Der Hauptmann hat Sie gebeten, Genugthuung zu verlangen; Herr von Miranda bevollmächtigt uns, Tag, Stunde und Waffen ganz nach Ihrer Wahl anzunehmen. Sie sehen, eine ganz einfache Sache; der Zusammenstoß ist unvermeidlich,« »Jedoch nur,« warf Boucart ein, »wofern sich Herr von Miranda nicht entschließt, Fräulein Bitterlin zu ehelichen.« »Ich gestehe, daß in diesem Abkommen die beste Genugthuung läge; aber da keine Aussicht ist, daß mein Freund darauf eingehen wird, können wir darüber weggehen und die Bedingungen des Zweikampfes festsetzen.« Die Zusammenkunft ward verabredet für den nächsten Tag auf sieben Uhr morgens am Eingange des Gehölzes von Vincennes. Die Herren Medine nahmen den Ordonnanzsäbel an; sie wußten recht gut, daß man nicht blank ziehen würde. Als Bitterlin das Ergebnis dieser ersten Besprechung erfuhr, war sein erster Eindruck Überraschung und Unzufriedenheit. Er sah seine Tochter in den Augen des Regiments kompromittiert; er hörte schon die Offiziersfrauen höchst munter über Emmas Abenteuer schwatzen und er sah, ohne zu wissen wie, im Geiste die schlimmsten Tage seiner Ehe vor sich aufsteigen. Er hatte Zornesaufwallungen, als er nach Hause ging; mehrmals schien es ihm, als ob die Erde sich geschwinder umdrehe als gewöhnlich. Ein kleiner Trost für seine große Seele war nur die Hoffnung, Meos schönen Kopf bis auf den Grund zu spalten. »Hund von einem Fremden!« dachte er, indem er sich die Hände heftig rieb, »wenn du den Vater entehrt und die Tochter kompromittiert hast, so soll dir das doch nicht geschenkt sein!« Meo dagegen wollte vor Vergnügen sich totlachen. Er trat aus Herrn Medines Wohnung in einem unbeschreiblichen Taumel; indessen hatte er vergessen zu Mittag zu speisen. Sein Glück schien ihm jetzt ganz sicher; er zweifelte nicht, daß der morgende Tag ihn in Emmas Besitz setzen würde. Er beging denn auch, als er die Straße Saint-Antoine entlang wanderte, allerlei Albernheiten. Wenn er einem mit Schmutz bespritzten Paare begegnete, wie sie abends auf die Tanzsäle an der Barriere gehen, rief er mit komischem Pathos aus: »Ihr glücklichen Gatten! ihr geht, wohin die Liebe euch ruft. Ich bin nicht eifersüchtig; meine Zeit wird auch kommen!« Eine Frau, die ein Kind trug, hielt er auf, hielt sich den Kleinen vors Gesicht und fragte, wie alt er wäre. »Ein dreiviertel Jahr,« antwortete die Arbeiterin, einigermaßen bestürzt. »Liebes Würmchen!« rief er, »küsse mich! In zwei Jahren werde ich deinesgleichen haben! Was sage ich? Deinesgleichen? Nein, du bist abscheulich, bist schmutzig! Mein Sohn wird schön sein, wie ein junger Gott!« Ein kleiner verlaufener Hund mit erhobenem Schweife lief ihm zwischen die Beine; da warf er ihm einen Sou hin, um sich Brot dafür zu kaufen. Drei Soldaten in Weinlaune sperrten ihm den Weg; er ging höchst freundlich auf den Scherz ein und lud sie zu seiner Hochzeit; als er aber einem harmlosen Bürger begegnete, der den Mond angaffte, regalierte er ihn mit Stockprügeln. Den Rest der Nacht brachte er damit zu, auf seinen Möbeln umherzuturnen, während Bitterlin, in sein Zimmer eingeschlossen, vor einem Spiegel den Säbel schwang und mit dem Fuße aufstampfte, daß das ganze Haus davon erbebte. Um sechs Uhr früh kam Agathe ihren jungen Herrn zu wecken, was aber gar nicht nötig war. »Komm hierher,« sagte er, »vortreffliches Mädchen, du tröstender Engel, treue Gefährtin der schlimmen Tage, die ich durchgemacht habe. Jetzt sind wir am Ende unseres Elendes. Du wirst in unserem Dienste bleiben; das versteht sich, Lohn gebe ich dir nicht; du sollst in Emmas und meine Börse frei hineingreifen!« »Aber, Herr,« rief das arme Mädchen, »was ist denn geschehen?« »Du fragst noch, größter aller Kindsköpfe? Aber ich heirate ja Emma! Laufe zu ihr hin; da ist ihr Zimmerschlüssel. Melde ihr die große Neuigkeit. Sage ihr, daß ich sie liebe, daß unser Glück sicher steht und daß ich heute früh mich mit ihrem Vater auf Säbel schlage!« Damit entlief er aus dem Hause wie ein Narr, der er war, sprang in eine Droschke und ließ sich nach dem Gehölz von Vincennes fahren. Die Magd glaubte ganz im Ernste, er hätte den Kopf verloren. Sie versuchte ihm nachzulaufen, aber er war schon weit weg. Da sie von Natur nicht angelegt war, eine Droschke einzuholen, so stand sie davon ab und machte sich ganz atemlos und weinend auf den Weg nach dem Hause in der Vogesenstraße. Emma stand ans Fenster gelehnt und bemerkte sie von weitem und gab ihr Zeichen, sie möge heraufkommen. Beide Freundinnen hielten sich umschlungen unter Schluchzen und Thränen. Eine gute Viertelstunde lang sprachen alle beide zugleich, fragten einander nur und dachten nicht daran zu antworten. Emma lebte seit ihrer Rückkehr aus Baden in einer verzauberten Welt. Die sonderbarsten Geräusche unterbrachen ihre Nachtruhe; gestern war es ein Goldstrom, der auf dem Bette ihres Vaters raschelte; heute eine Reihe dumpfer Schläge, hier und da mit dem Klirren eiserner Geräte untermischt. Die ganze Zeit war sie aufgeregt durch die unerklärlichen Launen Bitterlins: bald war er fröhlich, bald finster, bald sprach er mit Wohlwollen von dem armen Narni, bald versank er in ein Schweigen von übler Vorbedeutung. Und Meo ließ gar nichts mehr von sich hören! Und das unglückliche Mädchen wagte nicht ihren Vater danach zu fragen; so sehr fürchtete sie alles zu verderben, wenn sie ihr Geheimnis verriete! Aber all diese unbestimmte Unruhe, dieser Verdacht und dieser Zweifel erlosch auf einmal wie Fackellicht bei einem großen Brande, als die Magd das Wort Zweikampf aussprach. Mit einem Satze sprang Emma zu der Waffensammlung ihres Vaters hin; sofort sah sie, daß dort ein Säbel fehlte. Als Ximene, die Braut des Cid, erfährt, daß ihr Vater und ihr Geliebter ihren Streit ausfechten, wendet sie der Infantin den Rücken und eilt hin, die Kämpfer zu trennen. Emma war dieser Rettungsweg verschlossen; sie wußte ja nicht, an welchem Orte der Hauptmann und Meo zusammentreffen sollten. Nur so viel begriff das arme Geschöpf, daß sie die Ursache all des Unglücks wäre, das nun kommen mußte. Ein Säbelhieb würde sie zur Witwe oder zur Waise machen, und wie auch der Ausgang sein mochte, für sie war alles aus. Der Mörder Meos könnte nicht mehr ihr Vater sein; der Mörder ihres Vaters könnte niemals ihr Gatte werden. Sie wehrte sich wie eine Verzweifelte gegen die Gewißheit ihres Unglücks und sah keinerlei Ausweg. Agathe versuchte sie zu beruhigen, konnte aber selbst nicht ruhig werden. »Plagen Sie sich nur nicht mit unnützen Quälereien; vielleicht wird es ja gar nicht schlimm; man muß hoffen, daß die Gendarmen ihnen Einhalt thun. Eine Klinge kann springen, der Vater ist ja so ein Haudegen, wissen Sie! Ach, liebes Kind, ich weiß ja nicht mehr, was ich Ihnen sage. Niemals, ja niemals im Leben habe ich wie heute bedauert, so dumm zu sein!« Bald sprach sie davon, die Wache holen zu wollen, bald wollte sie zur Kirche laufen und dem heiligen Martin, dem Patron der Soldaten, eine Kerze weihen. Diese Scene der Verwirrung und des Schreckens dauerte schon zwei Stunden lang, als plötzlich die Thüre aufging. Herr Bitterlin erschien auf der Schwelle. Sein rotes Gesicht war fast violett. Er warf seinen Säbel auf das offene Klavier, und die elfenbeinernen Tasten stießen einen schrecklichen Seufzer aus. Beide Mädchen empfanden in diesen Mißtönen den Todesschrei einer verendenden Heeresmacht. Agathe fiel auf die Kniee und murmelte ein Stoßgebet. Emma sprang hoch auf und flog in die äußerste Ecke des Zimmers, von Schrecken und Schauder gejagt. Sie meinte Meos Blut an den Händen und Kleidern ihres Vaters zu sehen. »Guten Tag, Agathe,« sagte der Hauptmann. »Es ist lange her, daß wir dich nicht gesehen haben, Mädchen. Fürchtet euch nur nicht, ich will euch nicht fressen. Es hat viel Geschichten gegeben. Emma, komm, setze dich auf meinen Schoß.« Zitternd trat das Opferlamm näher. Ihr Vater ergriff sie bei der Hand und zog sie an sich: »Hör' einmal,« sagte er, »und keine Widerrede! Heute über vierzehn Tage verheiratest du dich mit Herrn Narni.« XV. Mit klingendem Spiel Folgende Komödie hatte sich im Gehölz von Vincennes abgespielt. Genau um sieben Uhr trafen sich die Kämpfer und ihre Zeugen auf dem Platze des Waffenganges mit militärischer Pünktlichkeit. Die vier Offiziere waren in Civilkleidung, um die Verschiedenheit ihrer Grade nicht zum Ausdruck zu bringen; Herr Medine hatte es so gewünscht. Sie begrüßten sich gegenseitig mit großer Feierlichkeit, wie es Gebrauch ist. Die Zeugen maßen die Waffen; der Hauptmann und Meo legten den Rock ab und behielten nur Beinkleid und Hemd an. Aber in dem Augenblick, wo sie sich anschickten die Säbel zu kreuzen, trat Medine, das Stöckchen in der Hand, auf seinen Kämpfer zu und sagte: »Herr Graf, da Sie der Angreifer sind, glaube ich, es ist Pflicht der Zeugen, Ihnen eine letzte Bemerkung vorzulegen, bevor wir weiter gehen. Man hat immer noch Zeit sich den Hals abzuschneiden, und eine Viertelstunde später würde unser Rat möglicherweise zu spät kommen. Diese Herren sind sicherlich meiner Meinung?« »Ei, wie denn nicht? Oberst, fahren Sie fort,« sagte Boucart. »Ich meine doch auch,« fügte Roblot hinzu. Herr Medine fuhr fort: »Ich würde mir ein Gewissen daraus machen, Sie mit meinen Einwürfen zu stören, wenn ich nicht zwei Männer von erprobtem Mute vor mir hätte: Herr Hauptmann Bitterlin hat seine Beweise im Regiment gegeben. Und Ihnen, mein Herr, bin ich auf einem Felde begegnet, wo es heiß herging, und ich kann bezeugen, daß Sie Ihr Leben nicht geschont haben.« Der Schwiegervater und der Schwiegersohn machten dem Redner eine leichte Verbeugung und stützten sich auf ihre Säbel, um das Ende seiner Rede zu vernehmen. Er wandte sich wieder an Meo. »Ich weiß nicht, Herr Graf, welches Ihre Gründe sind, um die Hand einer ehrenwerten jungen Dame auszuschlagen, die Sie ohne ihre Schuld kompromittiert haben. Ich achte Ihr Geheimnis, von welcher Art es auch sei.« »Und ich, mein Herr, habe gar kein Geheimnis zu bewahren. Was auch aus diesem Zweikampf entstehen möge, dessen Ausgang ja noch ungewiß ist, es liegt mir daran, in aller Form zu erklären, vor den Ehrenmännern, die hier versammelt sind, daß die Ehre des Fräulein Bitterlin über alle Angriffe erhaben ist, ebenso wie die Ehrenhaftigkeit ihres Vaters und das Andenken ihrer Mutter. Wenn ich dem gerechten Verlangen ihr Gatte zu werden, mich widersetzt habe, so liegt der einzige Grund meiner Weigerung in der herrischen Laune und dem befehlerischen Charakter des hier gegenwärtigen Herrn Hauptmanns. Ich fühlte, daß ich meinen freien Willen würde aufgeben müssen, wenn ich in die Familie eines so ganz in sich geschlossenen Mannes einträte.« Ein plötzliches Zucken heimlicher Befriedigung leuchtete auf in den kleinen Augen des Hauptmanns. »Übrigens,« setzte Meo lebhaft hinzu, »der Herr hat mir niemals seine Tochter angetragen, und ich leugne, daß sie durch meine Schuld irgendwie bloßgestellt ist.« »Erlauben Sie, Herr,« sagte der Hauptmann im bittersten Tone, »wir sind nicht hier um zu streiten, aber Ihr Freund Herr Le Roy hat mir selbst gestanden, daß Sie meine Tochter kompromittieren.« Meo hielt ein wenig ein, als ob er auf eine Erwiderung sänne. Diese Pause benutzte Herr Medine und sprach: »Es kommt uns nicht zu auf Vergangenes zurückzugreifen, und ich will gern glauben, Herr Graf, daß Sie freiwillig nichts gethan haben, um dem Rufe eines tugendhaften Mädchens zu schaden. Aber zwei Dinge darf ich nicht unbemerkt vorübergehen lassen; erstlich, daß nach der Verhandlung mit Waffen, der wir heute beiwohnen, Fräulein Bitterlin so sehr kompromittiert bleibt, daß sie nur Sie noch heiraten kann; und zweitens, daß nach einem Duell, wofern Sie es unglücklicherweise dazu kommen lassen würden, das arme Mädchen nicht einmal mehr den Ausweg hätte, Ihre Frau zu werden, und sie also zu dauernder Ehelosigkeit verurteilt wäre.« »Das ist sonnenklar,« rief Roblot. »Donnerwetter, ja!« fügte Boucart hinzu. »Ei nun,« fiel der Hauptmann ein, »daran wird sie nicht sterben! Es sind schon viele andere Jungfern geblieben. Aber was Sie betrifft, Herr ...«, »Ich, Herr, werde mein Gewissen nicht mit einem solchen Vorwurf belasten. In Gegenwart dieser Herren nehme ich die Hand Ihrer Fräulein Tochter an.« Auf diesen Theatercoup war Bitterlin nicht gefaßt, und vielleicht hätte er die Einwilligung des Italieners recht übel aufgenommen, aber die vier Offiziere fielen zugleich über ihn her und gratulierten ihm so warm, daß er davon betäubt wurde. Und am lärmendsten, am eifrigsten, am jubelndsten thaten dabei Boucart und Roblot, die man gar nicht ins Geheimnis eingeweiht hatte. Damit der Feind keine Zeit gewönne, sich wieder zu sammeln, erhob Meo einen Einwand. Er schützte Hindernisse vor und bat um einen dreimonatlichen Aufschub. Boucart und Roblot erhoben dagegen Einsprache; die Herren Medine hielten sich für verpflichtet, ihm Vernunft zu predigen; und Bitterlin, durch die allgemeine Bewegung fortgerissen, sagte zu ihm: »Die Ehrenschulden werden nicht mit langem Wechsel bezahlt. Ich verlange, daß Ihr Vergehen in den nächsten vierundzwanzig Stunden gesühnt werde.« Von neuem mußte nun alle Beredsamkeit aufgewandt werden, um dem Hauptmann klar zu machen, daß eine Hochzeit nicht so rasch zustande kommt, wie ein Sieg in der Schlacht. Nach einer viertelstündigen Unterredung, wobei Meo sich sehr bitten ließ, verschob man das Fest auf über vierzehn Tage. »Aber verstehen wir uns wohl,« sagte der Schwiegervater. »Die Herren hier werden uns die Ehre geben der Vermählung beizuwohnen. Und wenn bis über vierzehn Tage Ihre Papiere nicht angekommen sind oder Ihr Hochzeitskleid nicht fertig ist, so müssen wir losschlagen, Donnerwetter!« Meo verneigte sich wie ein Rohr im Sturmwinde. »Von jetzt ab,« fuhr der Hauptmann fort, »verlange ich auch, daß Sie alle Tage kommen und meiner Tochter den Hof machen, um sie auf die Feier vorzubereiten.« »Alle Tage?« fragte Meo. »Alle Tage. Und wenn Sie es einmal versäumen, so mache ich mich auf, Sie aus Ihrer Wohnung aufzustöbern. Hier meine Hand darauf, schlagen Sie ein! Gut; abgemacht. Jetzt kommen Sie ein paar Schritte beiseite, daß ich Ihnen ein Wort ins Ohr sage! Ich habe Ihr Geld in der Tasche meines Überrockes, Sie thun mir den Gefallen es mit zu nehmen.« Nur auf diesem Punkte war Meo unerschütterlich. Er erklärte, er würde die 120 000 Franken erst nehmen, wenn man vom Standesamt käme. Man trennte sich ohne Frühstück. Herr Roblot und der junge Herr Medine hatten Dienst. Ein Restaurateur in der Nähe, der schon zwei Hühnern den Hals umgedreht hatte, bekam das Nachsehen für seine Mordlust. Vierzehn Tage lang blieb Bitterlin wie ein gespannter Bogen; er erzitterte bei jeder Berührung. Die Freude des Sieges und die Glückwünsche der Zeugen betäubten ihn auf dem Wege bis in die Stadt hinein. Als er die Herren an ihrer Thür abgesetzt hatte, fühlte er aber eine Leere in seinem Gehirn. Tausend widerstreitende Gedanken zogen wie auf der Parade an ihm vorüber, ohne daß er einen derselben genau ins Auge fassen und überlegen konnte. »Nun,« dachte er, »da wäre ja meine Tochter vermählt. Der Teufel soll mich holen, wenn ich weiß, wie das zugegangen ist. Auf alle Fälle habe ich mich gut benommen; es ist ein denkwürdiger Tag. Sie werden im Regiment gemerkt haben, daß ich kein dummer Junge bin. Emma freilich wird laut aufschreien; nun, darüber lache ich. Wenn ihre alte Liebe ihr noch im Kopfe spukt, so muß sie sie hinauswerfen. Der junge Mann ist adlig; das hatte er mir nicht gesagt. Das verfluchte Geld werde ich nun los; sie werden reiche Leute und ich brauche meine Zinsen nicht anzugreifen. Das ist noch besser, als ein Säbelhieb in den Kopf eines Laffen. Frau Gräfin Narni, geborene Bitterlin. Besser wäre noch Gräfin Bitterlin von Narni; das ist ehrenvoller für die Familie. Was hat mir denn gefehlt, um Graf des Kaiserreiches zu werden? Nur die Gelegenheit. Aus dem Burschen werde ich machen was ich will; das weiß er wohl. Habe ich ihn doch auf der Reise gehänselt! Ich bin ein Übermensch! Aber wenn er vor der Hochzeit nach Italien durchbrennen sollte! Ich werde ein Auge darauf haben müssen; denn eigentlich verliebt ist er in meine Tochter nicht. Potz Wetter! ich fände ihn im Grunde der Hölle auf. Ei, mein alter Säbel! Wir haben heute Morgen nichts ausgeführt. Ich hatte gestern Abend einen feinen Hieb ausgedacht: eins, zwei! Du kannst dich rühmen, einem grimmen Fuchs anzugehören. Also wollen wir frühstücken gehen. An der Hauptmannstafel wird heute von mir die Rede sein. Es giebt keine Gesellen von meiner Schneid mehr im 104. U. s. w. U. s. w.« Die Anwesenheit von Agathe in seinem Hause verursachte ihm weder Überraschung noch Neugier; er hatte genug andere Sorgen. In wenig Worten bedeutete er seiner Tochter alle Vorzüge der Verbindung, die er für sie veranstaltet habe. Emma wurde abwechselnd bleich und rot; sie fürchtete eine Falle und öffnete den Mund nur, um in gewöhnlichen Redensarten ihre Unterwürfigkeit auszudrücken. Er verließ sie alsbald wieder, um Herrn Narni her zu holen, den er nach Art eines Gendarmen mit Gewalt herbeibrachte. »Hier ist Ihre Braut,« sagte er, indem er ihn ins Zimmer schob. »Sie kennen sie und sie kennt Sie. Jetzt, wenn Sie ein Ehrenmann sind, werden Sie ihr gefälligst den Hof machen, und zwar munter.« Der erste Blick der beiden Liebenden war ein ganzes Gedicht in kürzester Form; und man würde Bände brauchen, um den vollen Inhalt zu erschöpfen. Aber der schöne Liebhaber, durch Erfahrung gewitzigt, hütete sich wohl, vor Bitterlin seine Freude auszulassen. Er wartete einen günstigen Augenblick ab, um der Geliebten das Geheimnis des so unvermuteten Glückes zu erklären. Die kleine Schlaue begriff die Dinge schon durch Andeutungen und begann ebenfalls Komödie zu spielen. Wie bei Lafontaine der Esel an dem Bache machte der Hauptmann immer einen Schritt vorwärts, so oft man ihn zurückzog. Emma und Meo manövrierten so geschickt, daß am Ende der ersten Begegnung Herr Bitterlin sie zwang sich zu küssen. »Mir kann nichts widerstehen!« sagte er und rieb sich vor Vergnügen die Hände. Wenn Meo seinem Hange nachgegeben hätte, so würde er im Salon der Vogesenstraße den ganzen Tag zugebracht haben. Aber er beherrschte sich so gut, daß der Hauptmann die kurze Dauer seiner Besuche tadelte. »Das heißt nicht Ihr Versprechen halten,« sagte der unlenksame Schwiegervater mehrmals. »Sie verspäten sich bei der Ankunft und Sie laufen weg, als ob das Haus brennte. So beträgt man sich nicht, zum Kuckuck; wollen Sie sich über mich lustig machen?« Er schalt auch über die kühle Haltung seiner Tochter. »Jungfer Zimpferlich,« sagte er, »Sie werden den Mann nehmen, den ich Ihnen gebe, oder werden sagen, warum nicht. Ich weiß recht gut, was Sie ärgert. Da steckt so eine Erinnerung noch im Kopfe. Sollten Sie sich je einfallen lassen, an die erste Liebe zurückzudenken, so wird es Schläge setzen nicht von Ihrem langen Herrn Gemahl, sondern vom Papa!« Das junge Paar trieb sein Spiel so gut, daß Bitterlin vor Ungeduld großartig wurde. Den ganzen Tag trabte er vom Standesamt zur Kirche, und vom Schneider zur Näherin, um die Vorbereitungen zu beschleunigen und die Hindernisse zu beseitigen. Nachts sprang er plötzlich vom Bette auf und lief zur Katharinenstraße, um zu sehen, ob sein Schwiegersohn nicht ausgerückt wäre. Niemals hatte er so viel Eifer bei seiner eigenen Heirat entwickelt. Er that mehr als ein Verlobter, auch mehr als ein Vater; man konnte sagen, er war ein General am Tage vor der Entscheidungsschlacht. Endlich brach der große Morgen an. Vielleicht hatte weder Emma noch Meo ihn so glühend erwartet, wie er. Nur Wenigen wurde das Glück zu teil, den Hauptmann im Siegeskranze zu bewundern; die vier Zeugen beim Duell, der Hausarzt, Herr Arthur Le Roy und Herr Silivergo machten den ganzen Hochzeitszug aus. Noch dazu war Herr Silivergo nur durch Zufall eingeladen; Meo hatte ihn auf der Straße getroffen und ihm sein Glück mitgeteilt. Der Buchdrucker hatte sich selbst zur Hochzeit geladen mit den Worten: »Ich will den schönen Tag mit Ihnen feiern als Ihr früherer Brotherr und zukünftiger Schwager. Ich heirate in einigen Wochen Ihre Verwandte, Fräulein Aurelia.« Herr Bitterlin packte die Gäste selber in die Wagen ein; an der Treppe des Rathauses ließ er sie auch an sich vorüberziehen. In den großen Saal zog er ein, wie Alexander der Große in Babylon. Als der Standesbeamte an Herrn Narni die übliche Frage richtete: »Sind Sie gewillt, Johanna Franziska Emma Bitterlin zur Gattin zu nehmen?« so hörte man den Hauptmann halblaut murmeln: »Ich möchte es wohl sehen, ob er nicht gewillt wäre! Da bekäme er es mit mir zu thun.« Die Feder, mit der man im Zivilstandsregister unterzeichnete, war eine schöne große Gänsefeder, die noch ihren ganzen Bart hatte und als Säbelklinge gestaltet war. Bitterlin reichte sie stolz seinem Schwiegersohn mit einem befehlenden Gestus, der einer Fechterfinte glich: »Eins, zwei, drei!« Meo lächelte, unterschrieb und fiel halb ohnmächtig auf den nächsten Sessel. Jetzt war er glücklich! Die Eingeladenen beglückwünschten den Hauptmann vor dem Kirchgange; denn für Männer ist die Civiltrauung die Hauptsache. Die ergreifende Einfachheit dieses entscheidenden Aktes preßt einem Graubart oft Thränen aus, während die Rührung der Frauen erst vor dem Altar ausbricht, beim Klang der Orgel. Bitterlin antwortete auf den Glückwunsch des Herrn Le Roy: »Mein lieber Herr, die Welt wird nie erfahren, wie viel Not mir diese Sache gemacht hat. Ich habe ganze Berge auf meinen Schultern getragen! Aber die Ehre verlangte es; ich habe gewollt und habe gesiegt. Dies ist mein Austerlitz. Indessen, erlauben Sie, wir sind noch nicht zu Ende; ich muß meine Nachzügler noch etwas antreiben!« Mit diesen Gefühlen führte er seine Leute in die Kirche. Er hörte die kurze Ansprache des Geistlichen mit gewissenhafter, ich möchte fast sagen gewaltsamer Aufmerksamkeit an. Alle Wendungen über die Pflichten der Ehegatten bekräftigte er mit energischer Handbewegung gegen seinen Schwiegersohn. Beim Austritt aus der Kirche nahm er Narni beiseite und sagte ihm ins Ohr: »Jetzt, Herr, wenn Sie so ehrlos wären meine Tochter zu betrügen, würde ich Sie totschlagen, aber nicht mehr im ehrlichen Zweikampf, wie einen Mann, sondern einerlei wo und wie, als einen Hund!« »Da hätten Sie ja so sehr recht!« antwortete der Schwiegersohn. Eine reichliche, von Agathe bereitete Mahlzeit wurde in den Gemächern in der Vogesenstraße aufgetragen. Es war, was die Bürgersleute ein Déjeuner dinatoire nennen; denn die Gäste setzten sich gegen Mittag zu Tisch und standen nicht vor elf Uhr abends wieder auf. Meo genoß zum erstenmal ohne Zwang das Glück Emma zu betrachten. An seinem Glücke hätte nichts gefehlt, hätte er nicht 121 220 Franken in seiner Rocktasche mitgeschleppt. Diese Last, mit der ihn Bitterlin nach der Messe beschwert hatte, machte ihm einigermaßen zu schaffen. Die Herren Boucart und Roblot hieben heldenmäßig bei der Mahlzeit ein; Rolands Schwerthiebe konnten kaum wunderbarer sein. Beim Nachtisch bat Herr Silivergo, der Verschwägerte Narnis von weiblicher Seite, um die Erlaubnis, ein Sonett eigener Mache vortragen zu dürfen. Dieses schöne Stückchen italienischer Poesie wurde um so leidenschaftlicher beklatscht, als kein Mensch ein Wort davon verstanden hatte. So hat die französische Eitelkeit den fremden Litteraturen stets große Erfolge bereitet. Herr Arthur Le Roy, der mit dem Departement der Getränke betraut war, brachte folgende Trinksprüche aus: »Auf den Soldaten Bitterlin!« »Auf den Korporal Bitterlin!« »Auf den Sergeanten Bitterlin!« »Auf den Leutnant Bitterlin!« »Auf den Hauptmann Bitterlin, Ritter der Ehrenlegion!« Der Hauptmann, der bei jedem Toast gewissenhaft sein Glas geleert hatte, wurde ganz gerührt. Aber Le Roy, der ihn unter den Tisch trinken wollte, schwur, der größte Hauptmann unserer Zeit dürfe nicht auf halbem Wege stehen bleiben. Er rief ihn wieder unter die Fahne und trank nach und nach auf den Bataillonskommandeur, auf den Oberst, auf den General und sogar auf den Marschall Herzog von Bitterlin! Der arme Mann wehrte sich gegen so viel Ruhm, während er dabei wie ein Tambour trank. Die Freunde Boucart und Roblot stießen auch mit ihm an und beglückwünschten ihn zu seiner Beförderung, an der sie nicht mehr zweifelten. Man hätte ihn in Wein ersäuft, wie Clarence, wenn der Arzt nicht Halt geboten hätte. Der treffliche Doktor erschrak, als er dieses wilde Temperament in solchen Exceß fortgerissen sah. Er fragte den Hauptmann vertraulich, ob er wohl an einen Aderlaß gedacht habe; der alte Held antwortete in einem unnachahmlichen Tone: »Niemals, Herr; ich vergieße mein Blut nur vor dem Feinde.« Er war trunken, und dennoch bewunderte Herr Medine, ein kaltblütiger Zuschauer, seine feste Konstitution. Er neigte sich gegen seinen Neffen und flüsterte diesem ins Ohr: »Schau mir einmal diesen alten Haudegen an; er ist einer der letzten Schaustücke der großen Armee; er stellt eine Rasse dar, die zwischen Moskau und Waterloo untergegangen ist. Die Frauen bringen dergleichen nicht mehr zur Welt; man könnte sagen, die Form dafür sei vernichtet. Er ist sechzig Jahre alt und hat getrunken für ein Dutzend Männer. Wie sicher sitzt er da auf seinem Stuhle! welche Festigkeit in der Kommandostimme! man würde sie eine halbe Stunde weit auf dem Schlachtfelde hören. Und nun bedenke, er gehört nur zu den verfehlten Existenzen seiner Zeit, und danach stelle dir vor, wie die andern gewesen sein müssen! Ich bin überzeugt, daß jetzt, während sein Hirn umnebelt ist, sich darin eine feste, unbewegliche Idee erhebt; sie durchdringt alle seine Bewegungen und bricht aus allen Blicken hervor, die er auf seinen Schwiegersohn wirft. Dieser Invalide hat das Gefühl eines Selbstherrschers; er freut sich daran, daß er aller Welt eine Heirat aufgezwungen habe, die doch unser Werk ist. Erführe er, daß der Graf, seine Tochter und die übrigen alle ihn genarrt haben, so würde er wie eine Bombe platzen.« »Still!« sagte der Leutnant, »er redet Sie an.« »Oberst,« schrie Bitterlin, »Sie sollen dem 104. Regiment sagen, daß ich immer fest auf dem Posten bin, und wenn ich mir etwas in den Kopf gesetzt habe, so muß das gerade durch gehen. Ich will leben, alle Henker! und auf Ihre Gesundheit.« Der Qualm und die Hitze wurde unerträglich, ungeachtet zwei offener Fenster. Außerdem begannen die Vermählten sich mit schmachtenden Blicken anzusehen. Wie ein altes verrostetes Räderwerk, das aber noch kräftig ist, erhob sich der Hauptmann, um seine Gäste zu verabschieden. Auf der Schwelle umarmte er sie alle und drückte ihnen die Hände, saß sie aufschrieen. Als er dann mit Tochter und Schwiegersohn allein war, schrie er mit kräftigster Stimme: »Wechsel der Garnison! vorwärts marsch! Wartet, daß ich mein Degengehenk umnehme; die Compagnie zieht nicht ab ohne ihren Hauptmann!« Er führte sie selbst zu Fuße bis zur Katharinenstraße. Dort hatte die dicke Agathe ihnen ihr Nest bereitet, bis Meo ein anderes fände. Der Hauptmann segnete sie militärisch unter der Hausthüre und sagte zu seinem Schwiegersohn in Form eines Tagesbefehls: »Du würdest ein arger Feigling sein, wenn du sie nicht glücklich machtest.« Das ließ sich Meo nicht zweimal sagen. XVI. Nachschrift an Herrn Jules Gireaud Erlauben Sie mir, verehrter Herr, Ihnen diese Erzählung zu widmen. Gerade in der Zeit, wo ich sie schrieb, habe ich die liebenswürdigen und ehrenwerten Eigenschaften, die Sie zieren, schätzen gelernt. Wie glücklich wären wir, wenn wir in unserm der Arbeit geweihten Leben mit jedem neuen Werke auch den Namen eines neuen Freundes verknüpfen könnten! Aber ich muß das kaum vollendete Büchlein noch einmal aufmachen, um Ihnen eine Trauerbotschaft mitzuteilen. So eben wird sie mir gemeldet; sie kommt mir ganz unerwartet, und ich bin, wie Sie sehen, hart von ihr betroffen. Wie erbärmlich wenig ist doch der Mensch! Die kräftigste Gesundheit, der festeste Körper, der geschlossenste und regsamste Geist – kann denn das in so kurzer Zeit vernichtet werden, und durch eine so geringfügige Ursache? Armer Hauptmann! Mit seinen sechzig Jahren war er jünger als wir, die wir halb so alt sind. Alle die ihn kannten, mit Ausnahme vielleicht seines Arztes, würden ihm geraten haben, Leibrenten zu kaufen. Er war so angelegt, daß er hundert Jahre alt werden konnte, und er schmeichelte sich mit der süßen Hoffnung, noch seine Tochter und seinen Schwiegersohn zu begraben. Alle Mächte Europas hatten mit Kanonen auf ihn gefeuert, ohne ihn zu treffen, und er war glücklich und stolz darauf, am Leben geblieben zu sein. Er selber hatte dagegen auf den Schlachtfeldern manchen Feind getötet, auch einige Freunde im Duell und seine Frau in ihrer Häuslichkeit. Zuweilen war er verwundet worden, aber nie war er krank gewesen. Nichts kam der frischen und herzlichen Munterkeit gleich, womit er im Militärhandbuche die Namen der Einfältigen ausstrich, die sich vom Tode hatten holen lassen. Sicherlich hatte er einige Fehler und zwar recht unangenehme; aber sein plötzlicher Tod ist um so ärgerlicher, als man ihm hätte Zeit lassen müssen, sich zu bessern. Ich berechnete, daß er noch lange genug leben könnte, um ein vortrefflicher Mensch zu werden. Ich nahm mir vor, ihn in seiner Eigenschaft als Großvater zu bewundern, wenn er einen Enkel hätte, den er bis aufs Blut peitschen könnte. Armer Hauptmann! Jetzt kann er niemand mehr tot ärgern; die Thränen, die seine Kinder über seinen Tod vergossen haben, waren die letzten, die auf Erden seinetwegen geflossen sind! Möge denn der Himmel wenigstens gestatten, daß seine Gattin mit ihm im selben Raume dort oben wohne! Ich würde mich trösten über deinen Verlust, du erzmürrischer und widerspenstiger Geist, wenn du da oben noch ein Opfer deiner Verfolgungswut fändest! Seine Tochter war eben vierzehn Tage verheiratet. Emma und Meo waren ganz närrisch vor Glück, aber sie hüteten sich wohl, es ihn merken zu lassen, denn sie wußten aus Erfahrung, wie sehr die Lust anderer ihn ärgerte. Mit dem Spielgelde war schon vielerlei zurück gekauft: der Titel, der Grundbesitz und die Ahnenbilder der Miranda. Das schöne Grundstück des Grafen wurde den Krallen eines Strohmannes entrissen und an ehrliche Leute verpachtet; so gab es eine sichere Rente von zehn- bis zwölftausend Franken. Der treue Marsoni hatte die Sache besorgt und sich als echter Freund bewiesen; er bot Meo sogar Geld an, seitdem dieser es nicht mehr nötig hatte. Die junge Gräfin wurde alle Tage schöner in den Strahlen des Honigmondes. Die Frauenschönheit ist ja eine zarte Frucht; sie blüht so ziemlich überall, aber sie reift nur am Spalier; sie rankt sich empor am Gatten. Meo nahm die sichere und vernünftige Haltung eines Familienvaters an; das Glück, das die Philosophen zuweilen ausarten läßt, bringt die Thoren auch einmal zur Vernunft. Dieser Verschwender lernte rechnen; er entzog sich selber die notwendigsten goldenen Ketten und die unumgänglichsten Busennadeln, um seiner Frau einen Kaschmirshawl umzuhängen. Seine einzige außereheliche Ausgabe war der Ankauf eines schweren und prächtigen Armbandes, worauf er in Brillantenstaub das Wort: Andenken eingraben ließ. Dies war sein Hochzeitsgeschenk für Fräulein Aurelia. Herr Silivergo fand das Geschenk sehr geschmackvoll; Emma hörte nie etwas davon. Kurzum: Alle waren sehr zufrieden. Agathe, dieses unermüdliche Wesen, teilte sich zwischen dem Hause des Hauptmanns und dem Nest des jungen Paares. Ihre Wiederkehr in die Vogesenstraße ward aber für Bitterlin ein großes Unglück. Sie war nicht böse, wie Sie ja gehört haben, aber entsetzlich beschränkt; und damit mordete sie ihren Herrn, ohne an Arges zu denken. Agathe, schon lange ahnte ich, daß deine Dummheit der Familie einen schlimmen Streich spielen würde. Agathe, wo hattest du den Kopf? was hast du gethan, Agathe! Eines Morgens, als sie aus Leibeskräften im Zimmer abstäubte, sagte der Hauptmann, der sich allein dort langweilte, während er an der Cigarre kaute: »Ich muß gestehen, für eine Fromme hast du doch ein närrisches Handwerk getrieben.« »Ich, Herr?« antwortete sie und nahm ihren Federbesen unter den Arm. »Kuckuck! Du hast wohl nicht die Liebschaft meiner Tochter mit ihrem ersten Liebhaber begünstigt? Habe ich dich denn nicht dafür an die Luft gesetzt?« »Mit welchem ersten Liebhaber?« »Mit dem, dessen Namen ich niemals erfahren konnte.« »Nun, jetzt wissen Sie ihn genau; das war ja Herr Narni.« »Narni!« »Sie glauben doch nicht, daß das Fräulein zwei Männer geliebt hat? Nein doch, Herr; das war immer nur einer. Aber der arme Herr hat hübsch Komödie gespielt, damit Sie die Pille hinunterschlucken sollten!« Der Hauptmann sann in dieser einen Minute tiefer nach, als er in seinem ganzen Leben gethan hatte; aber ihm wurde schlecht dabei zu Mute. Mit dem Gedanken stieg ihm das Blut ins Hirn. Er sagte sich, daß, wenn der Liebhaber Emmas wirklich Narni war, dieser Bursche ihn ganz gehörig bemogelt habe; die Schweizerreise, wo er sich so obenauf glaubte, wäre eine fortgesetzte Täuschung gewesen; am Trente et quarante hätte er also nur zur Belustigung seines Schwiegersohnes, vielleicht sogar unter seinen Augen gespielt; vierzehn Tage lang hatte er ihn gesucht wie ein neckisches Wild, das in seinem Loche versteckt lag; sein Geld hätte er nur anzunehmen verweigert, um die Tochter zu bekommen, und die Tochter hätte er verschmäht, um ihn zu zwingen sie anzubieten; der Ehrenhandel, wobei er gemeint hätte eine Heldenrolle zu spielen, hätte für ihn keinen ehrenvollen Ausgang genommen; Narni, seine Zeugen, vielleicht auch Roblot und Boucart hätten sich im Gehölz von Vincennes auf seine Kosten belustigt; der Hochzeitstag hätte seiner Schande den Gipfel aufgesetzt und zweifelsohne wäre er jetzt das Gespött des 104. Regiments, vom Obersten herab bis zum Tambour. Diese Überlegung schoß ihm mit Blitzesgeschwindigkeit durchs Hirn und er ward davon förmlich niedergeschmettert. Er sprang plötzlich kerzengerade in die Höhe und schrie mit erstickter Stimme: »Also die ganze Welt hat mich be ...« Ohne Zweifel wollte er sagen, sein Schwiegersohn, seine Tochter, seine Magd, die Offiziere und sogar seine Zeugen hätten ihn beschwindelt. Aber er vollendete das Wort und den Satz nicht mehr, denn ihn traf ein Schlagfluß und er starb, ohne wieder zur Besinnung gekommen zu sein. Vielleicht wäre dies Unglück ihm nicht zugestoßen, wenn er den Rat seines Arztes befolgt hätte, der ihm seit langer Zeit einen Aderlaß verordnete. Das war wenigstens die Meinung des braven Doktors. Als er bei dem Kranken oder vielmehr Toten eintraf, konnte er sich nicht enthalten, einen kleinen Freudenschrei zu thun. »Sehr gut,« sagte er. »Es ist ein großes Unglück für die Familie, aber wie sehr hatte ich recht!« Emma und Meo trauern tief und weinen vom Morgen bis zum Abend. Diese engelgleichen Herzen werden sich vielleicht nie über ein Ereignis trösten, das ihr Glück erst ganz gesichert hat. Ende.