Theodor Birt Das Kulturleben der Griechen und Römer in seiner Entwicklung     Verlag Quelle \& Meyer / Leipzig [1928]     Den Männern, die durch Rat und Hilfe mich lebens- und arbeitsfähig erhielten, Herrn Geheimrat Professor Dr. Friedrich Voelcker in Halle und Herrn Professor Dr. Eduard Müller in Marburg in Dankbarkeit zugeeignet     Inhaltsübersicht         Vorwort I. Homer und die Zeit der Atriden Zur Einführung Unkultur Volksleben Primitive Verhältnisse Die Fürsten Häusliches Leben der Vornehmen Die Kunst Die Mahlzeiten Der Glaube Ethisches und Ästhetisches II. Die Zeit der Demokratien Das Primitive Politisches Städtische Zustände Fortschritte der äußeren Kultur Die Frau und der Knecht Der Lebenslauf Das Schöne Die Kunst und ihre Beurteilung Kosmologie und Naturforschung, Übergang zum Ethischen; Historiographie und Drama Die Ethik als Forschung und Wissenschaft Der Sieg des Harmonischen III. Die Anfänge des Weltgriechentums Ausbreitung des Griechentums und die Götter Die Städte Die Könige Athen und die Philosophen Junggesellen und Hetären Die Dichter Die Königskunst Die Naturforschung Philologie und rückschauende Studien Das Ende IV. Die Hochkultur der Römer Vorbereitendes Ankunft in Rom Im Hause Bevölkerung und Berufsleben Zum Rechtsleben Die Bäder Gottesdienst und Glaube Erziehung und geistiges Leben Spiel und öffentlicher Zeitvertreib Die Kunst Die Sittlichkeit     Vorwort Zwanzig Jahre sind bald vergangen, seit ich zuerst meine Skizzen »Zur Kulturgeschichte Roms« vorlegte. Sie werden jetzt endlich zu einer größeren Darstellung erweitert, die nun auch das Wichtigere, das Kulturleben der alten Griechen, mit umfaßt. Erst so wird das Römertum voll und ganz verständlich werden. Die Seelen beider antiken Völker gilt es, die unter sich so verschieden geartet waren, zu erfassen, und es ist gleichsam ihre innere Biographie, die ich darstelle. Die Literatur, in der sie sich auslebten, erstreckt sich über ein Jahrtausend, und sie ist wie ein ständiges Selbstbekenntnis. Man fürchte indessen nicht, daß ich Vollständigkeit in meinen Berichten anstrebe; denn wer den Gegenstand erschöpft, erschöpft auch den Leser. Dienlicher schien mir die übersichtliche Zusammenfassung, und mein Zweck ist nur, die schöne Linie der Aufwärtsentwicklung deutlich zu zeigen und das Menschentum selbst mit seinem Dichten und Trachten in rasch geschobenen Bildern zu veranschaulichen. Auch ist, was ich gebe, nur ein Bild des Aufstiegs, nicht des Verfalls und Niedergangs. Was von Griechen und Römern dereinst an kulturellen Werten geschaffen wurde, haben schließlich Mächte fremden Bluts oder umstürzender Tendenz zerstört oder im Dienst neuer Ideale umgestaltet. Dafür sei auf mein Buch, das ich »Charakterbilder Spätroms« betitelte, verwiesen. Viele sind heute jenen abgelebten Vergangenheiten und dem leidigen Humanismus, der sich auf sie gründet, völlig abgewandt. Sollen wir sie feierlich an das »Erbe der Alten« gemahnen? Es wäre umsonst; denn Dankbarkeit der Völker gibt es nicht. Man halte den Polen und Russen vor, wieviel ihnen die deutsche Kultur gegeben hat; sie werden sich nicht zur Dankbarkeit bekehren; denn der Schuldner haßt seinen Gläubiger. Darum genügt es nicht, daß uns das Altertum sein Schuldkonto mit den Worten hinhält: »Seht, wieviel ich euch vorgestreckt habe.« Es spreche vielmehr so: »Ich bin immer noch jung und verwegen und reich und klug und schön, und das ewig Menschliche ist zeitlos. Man gebe mir eine neue Gegenwart, und man wird nicht aufhören, mich umgänglich und liebenswert zu finden.« Eine neue Gegenwart: wer gibt sie? Viele haben es versucht. Man müßte Zeitalter wie Berge versetzen können, um ihre Schätze recht zu heben. Aber man versteht, weshalb der Titel dieses Buches nicht nur von »Kultur«, sondern von »Kulturleben« spricht. Es ist das Leben selbst, das wir mitzuleben versuchen wollen. Marburg a. L., im Mai 1928 Th. Birt     Homer und die Zeit der Atriden 1. Zur Einführung Das Weltall und das Ich, der Sternenhimmel über uns und das Sittengesetz in uns: an diesen Gegensatz denkt sogleich, wer über Kultur der Menschheit reden will. Aber die Kultur der Menschheit existiert noch gar nicht. Nur von einem Teil der Völker ließe sich bis heute reden, und es bestanden anfangs nur schmale Kulturinseln im Ozean des Primitiven. Greifen wir obenhin rechnend ins älteste Altertum zurück, so gelangen wir nur etwa bis zum Jahr 5000 v. Chr. Hier sind die Zeiten des Diluvialmenschen und der Funde von Altamira noch gar nicht in Rechnung gesetzt. Ihren Gipfel erreichte die antike Kultur in der Zeit Jesu bei den Griechen und Römern. Sie glaubt sich noch einmal auf dem Gipfel in den heutigen Tagen und in unsrer herrlichen Gegenwart: ein Versuchen und Ausgreifen nach Vollendung des Ichs und der Gesellschaft, das durch die Jahrtausende geht, das aber nie zum Ziele führt, heute am wenigsten; ein Vorsichhinleben der Massen, ein Übersichhinausstreben der Einzelnen, bevorzugter Individuen. So war es stets. Unter die Masse der Selbstzufriedenen fährt aufregend der Prophet und Reformer. Die Ideale wechseln wie die Moden. Und so mag es 5000 Jahre weitergehen. Alles hat sich im launischen Wechsel der Zeittendenzen wiederholt und wird sich wiederholen, und die Menschheit geht in Spiralen durch die Flur der Zeiten. Jedes Zeitalter dünkt sich das klügste oder das reifste, und jedes irrt sich. Daran zu denken, lohnt in der Gegenwart; denn es gärt in den Tiefen der weiten Menschheit wie nie. Was steht uns jetzt bevor? Man rechne nur nicht den Maschinenbetrieb der Neuzeit zu den Hochwerten der Kultur. Denn das Fabrikwesen hat vielmehr zerstörend auf das Seelenleben der Masse gewirkt, und der Schrei nach Besserung der Existenz, nach Rückkehr aus diesem asphaltenen Dasein zum Naturgegebenen, nach Rettung des Adels der Menschheit ist 3 heute lauter und angstvoller, als er je gewesen. Es helfe, wer Beruf hat, zu helfen. Es gilt, zu wirken und zu hoffen, als stünden wir wieder einmal am Anfang der Dinge. Mag es so weitergehen und Staat und Volk sich mühen, die Strebenden nicht erlahmen. Was aber sind die Jahrtausende, die wir kurzatmigen Menschen zählen, was sind sie im Auge der Ewigkeit? Die Sterne über uns reden anders; die goldenen Heerscharen der Sonnen, zu Systemen geordnet, wandeln am Himmelszelt im grenzenlos Unermeßlichen, und es gähnt um uns und über uns die Unendlichkeit der Zeit und des Raumes. Eine ewig bewegte Materie erfüllt das All. Was ist der Mensch? Der Erdenball in der Masse der Welten ein winziger Kiesel, der um seine Sonne rollt, und wie die Moosflechte auf dem Schiefer, so keimt auf der Erde die Menschheit, die armselige, von Geschlecht zu Geschlecht, als wäre sie nichts. Uns aber, dem belebten Staube, ist gegeben, zu schauen, wahrzunehmen und zu denken. Unser Auge fängt das All, und wir sind berufen, den ungeheuren Kontrast zu fühlen und nicht zu verzagen. Der Mensch trotzt und versinkt nicht in ohnmächtiges Staunen. Er stellt sich auf seine zwei Füße, um nicht nur Gier, um Geist zu sein. Ihm ist gegeben, auch sich selbst zu denken. Im eigenen Hirn spiegelt sich sein Ich. Das Gedächtnis ist sein, das die Vergangenheiten an die Gegenwart bindet, und aus dem Geschehen wird Geschichte. Das Selbsterinnern schafft sie. Wie am Körper untrennbar sein Schatten hängt, so die Geschichte an uns, die wir durch die Gegenwarten schreiten. Wo sie ist, da ist aber Kultur, und wir vergessen die Winzigkeit alles Irdischen, die Endlichkeit alles Strebens, wenn wir Erinnerungen pflegen und auf die Wurzeln unseres Daseins schauen, das sich hinübersehnt aus dem Vergänglichen ins Unvergängliche. Das ganze All pulsiert; aber sein Pulsschlag geht nach Gesetzen. Die Sterne haben ihre festen Bahnen. Solch feste 4 Bahnen will auch der Mensch. Er will ein Sittengesetz, ein wandelloses. Jede Wolke kann uns die Sonne rauben; das Lied Bürgers vom braven Mann, des Simonides Vers vom Leonidas, der vor dem Feind fiel, wie das Gesetz es befahl, dies und solcher Art sind die Leitsterne der Menschheit, die kein Schatten je verdunkeln kann. Was ist interessanter als eine Geschichte der Erfindungen? Die Kultur aber besteht, wie schon gesagt ist, nicht in technischen Fortschritten, die für sie nur Hilfsmittel. Durch Telegraph, Telephon und Radio sind unsre Ohren nur länger geworden, und wir hören in die fernsten Fernen. Aber was wir hören und hören lassen, ist dadurch nicht besser geworden. Ob man im Auto mit Gummirädern, im Luftschiff fährt oder auf dem Bauernwagen, der kläglich holpert, der Fahrende wird durch das bessere Fahrzeug nicht wertvoller. Die Kultur besteht in der Seelenpflege, im Verständnis für den Nebenmenschen, in der sittlichen Haltung, im Schönheitssinn, der das profan Alltägliche verklärt und die Affekte mäßigt, im Feinsinn für geistige Werte und Menschengröße. Seien wir indes glimpflich und nennen das eine die materielle, das andere die geistige Kultur. Wer zählt all die köstlichen Neuerungen, durch die unser äußeres Wohlleben gesteigert worden ist, weit über die Ansprüche des römischen Kaisertums hinaus? Das Genie überbietet sich immer noch, die Naturgesetze zu belauschen und in seinen Dienst zu zwingen. Die Kolben stampfen, die Räder schwingen sich, die elektrische Welle trägt den Schall. Tausenderlei Maschinen arbeiten jetzt als Selbstbeweger, die nur des ersten Anstoßes bedürfen, und was sie leisten, sind lauter »erstklassige Fabrikate«, wie allemal die Reklame sagt. Die Konkurrenz schafft Wunder über Wunder, und das Wunder von heute ist morgen schon das Alltägliche. Auf all das mag unsre Gegenwart eitel sein; stolz kann sie sein auf ihre ethischen Strebungen, die soziale Fürsorge des 5 modernen Staates, die im größten Stil, der Pflicht gehorchend, die sich bekämpfenden Gesellschaftsklassen endlich auszusöhnen versucht. Wir aber wollen nun das Werden unsrer Kultur verstehen, die in der sogenannten Antike wurzelt, und wenden uns zu ihren Anfängen zurück. Sie entsteht allemal nur in der irgendwie staatlich geordneten Menschheit. Diese nennen wir darum »zivilisiert«; von civis (»Bürger«) ist das Wort gewonnen. Das heißt: erhebliche Gruppen des Volkes sind Städter geworden, die die Pflichten und die Vorteile übernehmen, die solche bürgerliche Vergesellschaftung ihnen zuweist. Schon die homerischen Griechen waren zivilisiert. Es scheiden sich dann aber alsbald in der Gesellschaft die Elemente des arbeitenden Volkes und der Arbeitgeber und Staatslenker. Nur die letzteren sind in der Lage, nach den persönlichen Bedürfnissen die Selbstpflege, d. h. die Kultur zu steigern. Sie sind es, auf die es ankommt. Aber wir können nicht mit ihnen beginnen und reden zunächst vom Primitiven.   2. Unkultur. Zu Anfang war das Feuer, dasselbe Feuer, das heute noch jene Kolben treibt und uns unsre Stuben erwärmt, sei es im Dauerbrenner oder im Dienste der Zentralheizung. Hören wir die Griechen selbst, deren Lebensbetrieb wir vor allem kennenlernen wollen. Äschylus erzählt vom Prometheus, dem Titanen. Wider des höchsten Gottes Willen brachte er der Menschheit voll Mitleid aus der vulkanischen Insel Lemnos die erste Feuerflamme, und der Dichter wagt zu sagen: so wurde das Feuer der Lehrer aller Kunst; zuvor wußten die Menschen nichts von backsteingefügten Häusern, nichts von Zimmerei. Erdeingegraben wohnten sie, ameisengleich, zeitlos, zwecklos, ordnungslos ihr Leben usf. Aeschylus' Prometheus 110 und 411 f. 6 Lassen wir Prometheus beiseite; in jedem Fall sei der Mann gepriesen, der zuerst aus dem Feuerstein den Funken schlug, Der Schiffer macht sich abends Feuer mit dem λίϑος πυρσητόκος : Anthol. Pal. VI 90, 6. In der Odyssee geschieht es 16, 2. der zuerst zwei Hölzer aneinander rieb und quirlte, bis die Flamme hochschlug. Am liebsten nahm man Holz von Lorbeer und Epheu: s. »Alexander der Große«² S. 303, nach Theophrast. Die ganze Antike hat sich sogar mit dieser Art des Feuermachens begnügen müssen; man trug noch keine Zündhölzchen im Schächtelchen herum und hielt daher im Hausstand darauf, daß die Glut auf dem Herd nie ganz erlosch. Aber wie? Hat nicht schon der kulturlose Wilde, die Rothäute im Urwald am Amazonenstrom, der Nigger oder der Malaie, ja schon der Urmensch, der, im Unterstand lebend, in der Höhle von Altamira Tierbilder an die Wand kreidete, das Feuer gekannt? Schon Homer belehrt uns eines Besseren; denn er erzählt uns das Märchen vom Cyklopen, dem Höhlenbewohner, der irgendwo unwirtlich an der Meeresküste haust. Odysseus dringt neugierig in seine Höhle. Siehe da, der Cyklop ist Hirte. Nur Schafe und Ziegen hat er in seinen Hürden. Er lebt nicht von Brot, sondern nur von Milch, Molken und Käse. Der Boden des Raumes ist dreckig vom Schafsmist. Aber auch Fleischkost ist dem Cyklopen willkommen; er frißt des Odysseus Gefährten kannibalisch auf, und zwar roh und ungebraten. Nicht einmal einen Hund hat er, um sein Vieh zu hüten. Trotzdem aber hat er Feuer. Trockenes Holz schleppt er herbei, wirft es krachend zur Erde und macht Feuer. Erst als das geschehen, erkennt er den Odysseus und dessen arme Gefährten, da die Höhle zuvor stockdunkel war. Aber nicht nur Feuer; er hat auch schon Körbe, darin der Käse liegt, sogar Bütten, Kübel und Eimer. Es ist der Apparat, den auch jene wilden Völker kennen, die ich nannte. Körbe zu flechten, Gefäße aus Holz herzustellen, verstehen sie auch. Also trotz des Feuers erschreckende Unkultur. Homer selbst hebt mit klugen Worten hervor, was dem cyklopischen Unhold und seinen Genossen fehlt. Er sagt: ihnen fehlt Gesetz 7 und Ratsversammlung des Volkes; jeder richtet da noch allein nach Willkür seine Weiber und Kinder, und niemand achtet den anderen. Odyssee 9, 112. Treffender läßt sich, worauf es ankommt, nicht sagen. Vorbedingung der Kultur ist das Zusammenwohnen in Dörfern oder Städten, ist die Gemeindebildung, die über das bloße Familiensystem hinausgeht, ist ferner ein Volksrat, öffentliches Gerichtswesen und Gesetz und jene Gesittung, die sich damals am schönsten in der Gastfreundschaft darstellte. Der rohe Patron, den Odysseus da überlistet und blendet, ist sogar noch ganz waffenlos; er tötet nur mit seinen Händen oder schleudert Steine. Aber auch wenn der Hirt zum Jäger wird und sich die Steinaxt und, was der Gipfel seines Könnens ist, sich Pfeil und Bogen herstellt, fehlt ihm zur Kultur immer noch die erste Bedingung. Menschenkultur beruht auf Agrikultur. Der Ackerbau ist hier der Anfang aller Dinge, der Acker »das Euter«, das man melkt. Demeterhymnus 450 und so schon Ilias IX 141 und 283 οὖϑαρ ἀρούρης . Daher feierten die Griechen ihre holde Göttin Demeter, die in der Hand das Bund Ähren trägt; ja, schon von der vorgriechischen, pelasgischen Bevölkerung hatten sie das übernommen. Sie hieß die Mutter des Reichtums, des nimmer satten Säuglings, den sie an ihrem Busen nährt. So wie die Saaten im Saatfeld in Zeilen stehen, so gesellen sich jetzt auch die Bürger in Straßen. Die Ordnung der Masse beginnt, und es entsteht die Stadt und der Staat. Daher heißt Demeter ϑεσμοφόρος . Im angegebenen Sinne lesen wir bei Justin XVII 3, 13: durch Einführung einer Staatsverfassung wird das Leben eines rohen Volkes kultivierter ( vita cultior ), wir würden sagen: es wird dadurch zivilisiert. Daher das mystische eleusinische Fest: Windet zum Kranze die goldenen Ähren. Die Bezwingerin roher Sitten, die die Menschen vergesellschaftet, sie wird von den frommen Griechen ganz anders als Prometheus gefeiert. Der Warenmarkt entsteht; die Städte werden zu Zentren; der Landmann liefert in die Städte. Es kommt zum Austausch, zum Handel. Die Berufe sondern sich, um sich zu ergänzen. Ein organisiertes Volksleben ist entstanden. 8   3. Volksleben Blättern wir also in jenen Jahrhunderten, die der griechischen Geschichtsschreibung voraufliegen; es sind die Zeitstrecken, in denen für das Auge des Heutigen alles sich verkürzt und ein Jahrhundert ein Jahr wird, ein Jahrtausend ein Jahrhundert. Schon für die Griechen zur Zeit des Dichters der Ilias trifft die Schilderung zu, die ich soeben gegeben habe. Homer öffnet sein Panoptikum; er zieht den Vorhang weg und läßt uns schauen. Ein Theaterspiel beginnt in hundert, aberhundert Bildern, und das Griechentum steht zum ersten Mal vor uns in seiner ersten Schlichtheit. In die fortschreitende Handlung des Epos sind die Kulturbilder eingewebt; es gilt sie zu isolieren und richtig aufzufassen. Das Heldenleben, das Homer uns gibt, ist Dichtung und überwirklich; aber die Bühne für die phantastische Handlung, in der Götter und Helden sich mischen, ist trotzdem die alltägliche Wirklichkeit, sind die Lebensbedingungen, nicht wie sie in der Heldenzeit, sondern wie sie in des Dichters Zeit bestanden. Wir stehen damit also im 8. Jahrhundert v. Chr.; denn erst damals, 300 Jahre vor des Perikles Zeit, scheinen die beiden Epen, Ilias und Odyssee, fertiggestellt zu sein. Vgl. Philol. Wochenschrift 1921, S. 263. Sie sind natürlich nicht an einem Tag entstanden, sondern haben selbst in langsamem Wachstum ihre Geschichte gehabt. Tod des Aias Von einem korinthischen Krater aus Caere im Louvre zu Paris (Nr. E 635), gegen 550 v. Chr. Nach Longpérier, Musée Napoléon , Tafel 66. Auch Ackerbau treibende Völker wandern. Man braucht zum Wandern kein Hunne zu sein. Die Völkerwanderung der Germanen, der Goten, der Vandalen, der Burgunder ist dafür das bekannteste Beispiel. So waren nun auch die sogenannten Griechen (sie selbst nannten sich nicht so) in vorhistorischer Zeit in die Balkanhalbinsel vorgedrungen und setzten sich fest. Sie wußten selbst nicht, woher sie gekommen, waren aber, wie ihr Typus zeigt, Abkömmlinge der nordischen Rasse. Die südlicheren Teile der Halbinsel wurden Griechenland, griechisches Mutterland; aber auch zu den Küstenstrichen 9 Kleinasiens drangen sie unter königlicher Führung besitzergreifend früh hinüber. Einerlei, ob die Hethiter ein umfangreiches griechisches Königreich in Kleinasien, das dort weit in das Innere hineinreichte, bezeugen oder nicht. Die Sache wird auch ohnedies allein schon durch den Umstand bewiesen, daß die Könige bei Homer über so viel Gold verfügen. Woher sollten sie es haben? Im eigentlichen Griechenland gab es kein Gold zu graben, es sei denn auf Siphnos und Thasos (s. H. Blümner, Technologie und Terminologie IV, S. 11), in Kleinasien dagegen wurde es am Sipylos und sonst sowie in den Flüssen reichlich gewonnen ( ibid. S. 17). Undenkbar ist, daß so viel Gold, wie es im Epos erwähnt wird, durch Tauschhandel in der Atriden Hände kam; und nicht nur der Atriden. Denn allem Anschein nach sind auch die Trojaner der Ilias selbst Achäer oder Griechen gewesen, und auch die Hethiter konnten sie als solche betrachten. Schon unabhängig von obigen Erwägungen habe ich »Von Homer bis Sokrates«³ S. 83 und 434 ausgeführt, daß eben dies zutreffen muß, und den Kombinationen, die neuerdings von E. Bethe vorgetragen worden sind, kann ich nicht folgen. Das Wichtigste ist, daß bei Homer nur die Verbündeten der Trojaner, nie sie selbst, fremdsprachig heißen (z. B. Ilias IV 438). Zu den a. a. O. gegebenen Belegen kommt noch hinzu, daß die Sintier, weil thrakischen Ursprungs, in der Odyssee ἀγριόφωνοι heißen (8, 294; vgl. E. Buchholz, Homerische Realien I, S. 364). Die Trojaner heißen nirgends ebenso; offenbar galt deren Sprache als die normale, also die griechische, und keinesfalls sind die Trojaner etwa Thraker und mit jenen Sintiern verwandt gewesen. Eben daher bestehen schon vor dem trojanischen Krieg zwischen Troja und Hellas nahe Beziehungen, denn nicht nur Paris besucht Sparta als Gastfreund, sondern auch Hektor kennt die griechischen Ortschaften auffallend genau (Ilias VI 457), wie Diomedes umgekehrt die trojanischen Verhältnisse (V 268). Die Machtsphäre und die kriegerisch-politischen Beziehungen Trojas reichten nun auch tatsächlich bis an das Hethiterreich heran. Bis an den Sangarius in Phrygien drang Priamus vor (III 184 f.), und daher ist derselbe berühmt bei den ξεῖνοι (XXIV 202). Andromache stammt gar vom Volk der Kilikier in Großphrygien (VI 397), und ebendahin dringt dann auch Achill vor (VI 416–423). So hat auch Hektor ferne verwandtschaftliche Beziehungen, hat einen Onkel, den Bruder der Hekabe, der wiederum aus Phrygien, aus dem Gebiet des Sangarius, stammt (XVI 716 f.). Durch alles dies wird das Gesagte weiter empfohlen: ein Griechenreich, das bei Homer als trojanisch erscheint, reichte tief nach Großphrygien hinein und näherte sich Kilikien. Sind bei den Trojanern geringe kulturelle Differenzen nachweisbar (das betrifft den Harem, auch die Haartracht, das σφηκοῦν ), so walten bei ihnen eben orientalische Einflüsse. Einflüsse des Hethitischen auf die griechische Sprache sucht neuerdings H. Grimme (Glotta, XIV, S. 13 ff.) nachzuweisen. Äschylus ist m. W. der erste, der die Trojaner Barbaren nennt (Agamemnon 965 f.). Auch auf den nahen Inseln nisteten sie sich ein. Dabei stand ihr Trieb, ihre geistige Front dauernd nach Osten, war morgenländisch gerichtet und wandte dem Westen den Rücken zu. Mit Italien bestand kein Verkehr; nur der Seesturm warf den Abenteurer gelegentlich an des Westmeers unheimliche Küsten. Sie saßen fest im Land, überwanden rasch die Urbevölkerung, die sie vorgefunden hatten und die, politisch unentwickelt, in primitiveren Zuständen lebte, und haben die so gewonnene Heimat nie wieder preisgegeben. Wir wissen es ja: es ist und war ein Land von abenteuerlicher, strenger Schönheit, für ein bequemes oder gar sybaritisch üppiges Genußleben indes keineswegs gemacht. Aber sie haben, arbeitsfähig und lernfähig, seine Ergiebigkeit mehr und mehr gesteigert, ja, es allmählich, den Ägyptern und Babyloniern zum Trotz, zum Zentrum der Weltkultur erhoben. Das gelang freilich erst, als der kaufmännische Geist erwachte und die Seefahrt gedieh und das Meer ihre zweite Heimat wurde. Es war kein Schlaraffenleben. Arbeit war die Losung vom ersten Tage an. Nichts unbequemer als dies Griechenland: alpine Hochgebirge; eine Schweiz, die im Meer steht; die ganze Halbinsel wie ein Sack voll Steine. Die wilden Gebirgsstränge vom Pindus bis zum Taygetus, eng und unzugänglich, füllen sie aus bis zum Rand, wo die Meereswellen branden. Nur in den Schluchten, in den dürftigen Talsenkungen ließ sich siedeln. Die wenigen ebenen Strecken in Thessalien, Elis und Attika wirken wie Gnadengeschenke der Götter. Aber das Mittelmeerklima war wundervoll; die wonnigen Frühlinge gaben frühe und sichere Ernte; die Rebe wucherte; der Ölbaum senkte melancholisch freundlich seine Zweige, und die Arbeit lohnte. Dieselben Gebirge aber, in deren Nischen man hauste, wirkten wie Barrieren dahin, das Volk von vornherein in 10 hundert Sondergruppen und Kantone zu zertrennen, und jede Gruppe führte ihr Eigenleben. So wurde auch jede Griecheninsel ein Staat für sich, und jede hatte ihre eigene Geschichte. Dieselbe Spaltung im Sprachverkehr. Die Dialekte blühten, und keiner wich dem anderen. Jeder Kanton sorgte für sich, jeder wollte prosperieren, und so war das Leben der Griechen von vornherein auf Konkurrenz gestellt. Daher der ewige Kleinkrieg, Griechen gegen Griechen, das ewige Katzbalgen und vergebliche Ringen nach der Vormacht, das bis zum Unleidlichen die Geschichtsbücher füllt und vom Kampf der »Sieben gegen Theben« weitergeht bis zum Tode des Alkibiades, des Epaminondas, des Demosthenes und weiter bis zum politischen Tode des Griechentums selbst, bis zu der Zeit, wo Hellas still wird und verödet unter dem Druck der Faust Roms. Daher aber auch der beispiellose Reichtum des griechischen Geisteslebens, die Blütenfülle auf den Feldern des Dichtens und Denkens und jedweden Kunstbetriebs. Die Konkurrenz der Stämme und der begabten Individuen, die aus ihnen erstanden, wirkte auch da und steigerte die Triebe und das Können. Rastlosigkeit war alles. In der Zeit nun aber, die Homer uns schildert, spüren wir noch nichts vom Hader der Stämme, sondern es sind nur die sogenannten Könige, die sich befehden. Die Volksmasse politisiert noch nicht, haßt noch nicht. Blicken wir denn zunächst auf das Volk und sein Massenleben und lassen die Atriden und ihresgleichen noch ganz beiseite. Ich sagte schon: es war kein bequemes Leben. Die Hochgebirge um Mykene und Delphi, um Sparta starrten damals noch in dichten Wäldern, und wilde Bestien hausten darin. Die Jagd war Kampf, und einen Eber und Löwen zu töten war der unvergängliche Ruhm eines Theseus und Herakles. Es war mühsam, in dieser Felsenwelt durch den Wald zu pirschen. Der Hirsch wird verwundet; er verkriecht sich; die Schakale kommen über ihn, und der Jäger zieht ohne Beute heim. Vgl. auch Ilias XVI 157. Jagd auf den Steinbock IV 105; Jagdhunde XVII 725. 11 Aber nicht nur der Jäger, auch der Holzhauer ist tätig, und die Schläge der Axt hallen im Forst. Er arbeitet als Tagelöhner, bis er müde wird, setzt sich nieder, nimmt still sein Essen, und die Arbeit beginnt von neuem. Dann geht ein Krachen durch den Wald; die gefällten Fichten werden die Gebirgsschroffen zu Tale hinabgewälzt oder von Maultieren gezogen; denn sie sollen zum Schiffsbau dienen. Ilias XVII 745. Die Fichte wurde von den τέκτοντες schon hoch im Gebirge mit der Axt der Äste beraubt: XIII 391. Aber auch von Waldbränden redet Homer; unheimlich wundervoll der Eindruck aus der Ferne. Vgl. Ilias IX. 490; XIV, 396 (»Von Homer bis Sokrates« S. 70). Wurden sie durch die Nachlässigkeit der Hirten verschuldet? oder entzündete man den Brand, um zu roden und neuen Kulturboden zu gewinnen? Man brauchte damals noch nicht mit Holz zu sparen. Ein Wiederaufforsten gab es nicht. Vgl. meine »Griechischen Erinnerungen«² S. 233. Heute ist Griechenland fast völlig entwaldet, das Grün wie weggefressen an allen Küsten, und nackter Fels, grauer Kalk und brüchiger Schiefer, das kahle Gebirgsskelett, schwer und wuchtig und blank im glühenden Sonnenlicht, starrt dem Reisenden, ob er die Küsten entlangfährt oder ins unwegsame Innere reitet (er kann jetzt auch im Automobil einige moderne Bergstraßen befahren), allüberall erschreckend entgegen, als hätte der Todesblick der Meduse hier alles Wachstum ertötet. Kaum ein Drittel des Bodens ist heute noch bebautes Land. Daher das verkümmert dürftige Leben des heutigen Dorfbewohners in den Bergen des Peloponnes oder Böotiens. Alle Romantik der Ungepflegtheit erlebt da, wer sich heute aufmacht, die Burg Agamemnons zu schauen oder gar Thebens Reste, wo einst Antigone gewandelt. Ein Saatfeld, eine Wiese wirkt da für das Auge wie ein schöner Irrtum. Auch nach der edlen Viehzucht sieht man umsonst sich um. Nur Hammel und Ziegen weiden in der Dürre; das Großvieh fehlt, und die Kuh Myrons, die vielbesungene, ist ausgestorben; man trifft sie wohl nur noch, wo der Fluß Alpheios sich aus Arkadien ergießt und das Land sich ebnet und weitet, und man lacht vor Freude, sie zu sehen, als ob das edle Altertum auferstünde. 12 Denn wie anders war es einst unter der Sonne Homers. Wir werden es sehen. Gedeihlich, sorgenlos und wohlverpflegt lebte das Volk hier zu der Zeit, da man von Achill und Odysseus dichtete, und war unter seinen »Königen« oder Landpflegern gut im Stande. Nichts lehrreicher als der berühmte Augiasstall. Die Stallungen des Königs Augias in Elis waren von Kuhmist so überfüllt, daß ein Herkules daher mußte, sie zu säubern. Wie eine schwarze Gewitterwolke, so wird es uns geschildert, Vgl. Theokrit Idyll 25. zogen des Augias Rinder zu Hunderten über die fetten Wiesen voll honigduftender Kräuter daher, wenn sie abends zum Melken kamen. Da ließ sich leben. Geld gab es nicht. Wollte man eine Dienerin kaufen, so zahlte man 20 Rinder; aus Rindern bestand die Mitgift der Jünglinge, die da heirateten. Ilias I, 430. Ein Gefangener wird mit 200 Rindern freigekauft: Odyssee 21, 79 f. An der Ägis der Athene hängen zehn Quasten, von denen jede 100 Rinder wert, Ilias II 447 usw. Es war schwergehörntes Alpenvieh, wie wir es aus der Schweiz kennen. Greifen wir zum märchenhaften Schild des Achill. Der gibt uns Anschauung, so wie Homer ihn beschrieben hat. Ein kleines Kompendium der Kulturgeschichte! Der Gott Hephäst hat die Waffe mit allerlei Bildern inkrustiert, die eben das geben, was wir suchen. Es sind Idyllen, an denen der Dichter selbst sich freut und wir mit ihm; Achill dagegen, der zornige, der den Schild in die Schlacht vor Troja trägt, würdigt diese reiche Ornamentik keines Blickes. Sein Auge ist trauerumflort und Rache sein Gewerbe. Und da haben wir nun gleich den Erntesegen. Zuerst sind die Pflüger dargestellt, die auf dem Acker mit ihrem Gespann hin- und herziehen. So oft sie wenden, wird ihnen ein Trunk Wein gereicht. Das steigert die Arbeitslust. Man sollte freilich meinen, bei einem achtstündigen Arbeitstag könnte das des Alkohols zuviel werden. Aber da sind schon die Schnitter. Die Saat steht dicht und hoch auf dem Halm. Die Sichel rauscht; die Garben häufen sich; Knaben und Männer schleppen und binden. Der Gutsherr aber, zugleich Landesfürst, führt persönlich die Aufsicht; aber er freut sich stumm und findet nichts zu tadeln; 13 alles ist nach Wunsch. Indes wird im Feld schon das Mahl bereitet. Eine Eiche ist nah; unter ihrem Schatten schlachten die Diener des hohen Herrn das Rind; auch Weiber sind da und bestreuen über dem Feuer das Fleisch mit Mehl. Die Arbeiter wittern schon den Braten. Welch liebliche Frühlingsstimmung! Man erntete schon im Frühling. Man möchte mitrasten unter dem Eichenschatten und hinhorchen, wie die Sicheln rauschen. Es fehlt nur das Dreschen. Das Dreschen geschah so, daß die Rinder auf der Tenne das Korn zertraten. Ilias XX 495 f. Dann kommt das Herbsten, und wir sehen den Rebenacker. Mit Graben und Zaun ist er vor Dieben geschützt. Die schwarzen Trauben hängen schon funkelnd im Laub. Nur ein einziger Pfad geht durch die Pflanzung, und schon sind Jünglinge und Mädchen bei der Lese und tragen jauchzend die traubenvollen Körbe daher. Daneben aber steht ein Knabe; der singt mit hellem Sopran zur Leier das liebliche Linoslied. Dazu beginnt um ihn her der Tanz der Jugend, da die Arbeit ruht. An Gott Bacchus denkt dies Volk noch nicht. Das Linoslied aber hatte schwermütigen Klang: Herbststimmung. Es galt der welkenden Vegetation. Keine Ernte ohne Sterben! aber auch kein Sterben ohne Ernte! Das lehrt die Natur. Der Mensch fühlt es in jedem Jahr neu. Davon sang das Lied. Die fröhliche Jugend aber tanzt dazu. In all diesen Bildern sehen wir: die Arbeit lohnte, und überall spüren wir die Freude am Leben. Und nun gar am Festtag der Reigentanz. Alles kommt in der besten Kleidung; dazu die Mädel in Kränzen; die Burschen tragen den Dolch am Riemen. So fassen sie sich an den Händen, daß ein weiter Kreis entsteht, und zur Musik bewegt der Kreis sich mit Hüpfen und Springen rundum, dann aber auch aufgelöst in zwei Reihen, die gegeneinander tanzen. Ein Volkssänger ist da, der zur Harfe singt. Da ruht der Reigen, und zwei Solotänzer treten in die Mitte und zeigen ihre Künste. Das klingt wie aus einer 14 modernen Reisebeschreibung. Volkssitten bleiben eben immer dieselben. Schlimmer hat es der Rinderhirt. Denn es gibt, wie wir hörten, auch Milchwirtschaft größten Stils. Homer gedenkt sogar der Fliegen, die den Eimer umschwärmen, wenn gemolken wird. Ilias XVI 641 Das Vieh ist, die Hörner wiegend, hinaus auf die Weide gezogen, wo zwischen dem Schilfrohr frisches Wasser sprudelt. Vier Hirten sind nötig; so stark ist die Herde; die Hunde dazu. Da kommen, schon bevor es dunkelt, zwei Löwen (Homer weiß, daß Löwen auch gern gemeinsam jagen); sie schlagen zwei Farren nieder, brüllen laut und schleppen die Beute fort, fressen das Eingeweide und lecken das Blut. Die Hunde heulen, aber kriechen feige zurück und werden umsonst gehetzt. Die Hirten verzagen. Es waren ohne Frage asiatische Löwen, die damals noch bis in die griechischen Gebirge vordrangen. Der Löwe war für den Griechen nicht nur ein Fabeltier; er wurde erlebt. Nur mit Feuerbrand konnte man sich seiner erwehren. So lebte das Volk, das Landvolk. Dem Gutsherrn gehört das Vieh, gehört die Ernte; der Hirt und Arbeiter aber wird immerhin gut gehalten. Die Arbeiter sind Tagelöhner, nicht Sklaven, und von Unzufriedenheit, von Unfrieden hören wir nichts. Dabei spielt sich alles unter freiem Himmel ab; das ist selbstverständlich. Da treffen sich dann auch insgeheim Jüngling und Jungfrau, und ihr Gespräch beginnt: »Dein Herz ist nicht von Eichenholz, ist nicht von Stein.« Ilias XXII 126. Der Sinn der vielfach mißverstandenen Worte ergibt sich aus Anthol. Pal. X 55, 2. Bei Hesiod Theog. 35 bedeuten sie dann so viel wie Geschwätz oder Überflüssiges reden. Homer aber ist diskret und verrät uns nicht, was auf diese zutraulichen Worte folgte.   4. Primitive Verhältnisse Wozu sind die Häuser? Sie sind nur zum Schlafen da (wenn man nicht gar in Höhlen wohnte). Das gilt auch von den Städtern. Denn auch in das städtische Leben erhalten wir Einblick. 15 In Dörfer oder Kleinstädte sammelten sich die Menschen vielfach gut bürgerlich in Anlehnung an den Burgsitz des Fürsten oder Grundherren. Es waren Marktflecken und zunächst wohl nur Ackerbaustädte, wie auch wir sie bei uns noch heute haben, wo das Vieh durch die Gassen läuft. Aber das Handwerk, Schmied, Töpfer, Schuster und Zimmermann, setzten sich da fest, und ein Tauschhandel entstand: Milchmarkt, Gemüsemarkt; das Landvolk bringt seine Ware. Vor allem die Bohnen und Linsen kommen an Markt; sie waren das Volksessen; sie waren die Kartoffel der alten Griechen, ein Massenverbrauch, warm und dampfend. Vgl. Berliner Philol. Wochenschr. 1915, S. 669 ff. über die Φακῆ des Sopatros und den faba mimus . Es war ein Handel ohne alles Geld, aber auch ohne Buchführung. Es war die Zeit, wo das Volk noch nicht schreiben und lesen konnte. Alles geschah mündlich. Auf der Wage wog man Ware gegen Ware. Die Zahlen zählte man an den zehn Fingern ab oder machte sich Striche ins Holz. Es ist bemerkenswert: die Griechen haben sich keine Schrift erfunden, kein Alphabet, keine Zahlenschrift. Das erschwerte, verlangsamte das Zählen größerer Summen gewiß, und so fehlte auch noch jede Zeitrechnung; jede Chronologie war unmöglich. Der Begriff des Jahres ergab sich zwar aus dem Wechsel von Winter und Sommer, der Begriff des Monats aus der Beobachtung des Mondwechsels; Vgl. Odyssee 11, 294: »Die Monate füllen das Jahr«. Der Monat als Zeitmaß 12, 325. Was das Zählen betrifft, so sind die Zehnzahl und Fünfzahl beliebt (vgl. das πεμπάζεσϑαι ). Man zählte eben nach den Fingern. Zehn Kehlen wünscht sich der Sänger. 2, 489, zehn Ratgeber Nestor Ilias II 372. Größere Massen zählt man nach je fünfen: Odyssee 4, 412. Sodann sind Dezimalzahlen beliebt, zwanzig, hundert und tausend, eine Vervielfältigung der Zahl der Finger: vgl. Ilias XI 244, XXIII 164, XVIII 470 u. a. Das sind oft Ramschzahlen. Doch hören wir natürlich gel. auch von elf oder zwölf Tagen (Odyssee 2, 375) usw. Bei der Landmessung werden die μέτρα gezählt, weiter auch die Ruderer im Schiff, die Mannschaften der einzelnen Kontingente, die Länge des Balkens mit der Schnur gemessen (Ilias XV 410), die Ware auf der Wage mit einem Gewicht gewogen (XII 434). Ob man sich hier schon mit Strichen, σήματα half, bleibt ungewiß. Eine genaue Jahreszählung wie Odyssee 2, 106, ist selten; daher das ungenaue προτέρων ἐτέων , Ilias XI 691. Einmal hören wir, daß ein Kind neun Jahre in Pflege war (XVIII, 400), sonst nur von Tieren: ein Pferd oder Rind fünf- oder sechsjährig (II 403; XXIII 266). Das ἐννέωρος gehört schwerlich hierher. Ein Künstler Eubulides stellte den. digitis computans dar ( Plin. nat. Hist. 34, 88). Wie viel die Fingersprache vermag, zeigt derselbe 34, 33, wonach eine gewisse Stellung der Finger die Zahl 365, d. i. der Tage im Jahr, ausdrückte. aber man zählte die Monate noch nicht, benannte sie nicht. Freilich wurden Frühgeburten schon als solche festgestellt: Ilias XX 118. Es gab noch keinen Festkalender, feste Tage, den Göttern geweiht. Man zählte auch die Jahre noch nicht. Von keinem Menschen wird bei Homer das Lebensalter angegeben. Daher die Vorliebe für Dezimalzahlen, für Ramschzahlen. »Hekatomben« haben sicher nicht immer genau 100 Opfertiere bedeutet, und wenn der trojanische Krieg just 10 Jahre, des Odysseus Heimfahrt ebenso lang gedauert haben soll, so bedeutet das volkstümlich nur »lange Zeit«, es sei denn, daß Agamemnon jedes Jahr einen Nagel in die Wand schlug. So findet Odysseus denn seine Penelope ungefähr noch ebenso jugendschön vor, wie er sie verlassen. Vgl. S. 15 Anm. "Vgl. Odyssee 11, 294: »Die Monate füllen das Jahr«..." 16 Beobachten wir noch weiter das städtische Leben. Die Städte waren beschränktesten Umfangs. Trojas Einwohnerzahl wird dahin taxiert, daß auf zehn Leute des griechischen Belagerungsheeres noch nicht ein Trojaner kommt, der ihnen Wein kredenzen könnte. Ilias II 123. Die meisten sind befestigt. Aus dem Stadttor müssen die Mädchen hinaus, um Wasser zu holen; in der Stadt gibt es keinen Brunnen. Odyssee 10, 107. Die Wäschegruben sind in Stein gefaßt: 22, 154. Drinnen sah es wohl nicht immer sehr wohnlich aus, Troja übertraf offenbar andere Städte, wenn an ihm das εὖ ναιόμενον hervorgehoben wird: Ilias II 133. aber es herrschte munteres Leben. Eine Prozession kommt durch die Gassen; denn es ist Neumond, ein bedeutsamer Tag, und an die hundert Rinder werden bis hinaus zum Hain des Gottes Apoll zur Opferung geleitet. Mit einer Volksspeisung soll der Tag gefeiert werden. Odyssee 20, 276. Ein andermal ist es ein Hochzeitszug, der das Städtlein erregt. Alle Weiber treten neugierig vor die Türen, um die junge Braut zu sehen. Es dunkelt schon, und der Zug kommt mit Fackeln daher. Ein Chor singt das Hochzeitslied, den Hymenäus, und mit Schmausen und Tanzen endet auch dieser Tag. Aber es gibt auch Zank und Streit; es wäre sonderbar, wenn der fehlte. Keifende Weiber schildert der Dichter, die auf der Gasse sich anlügen; denn alle ihre Bezichtigungen sind unwahr. Ilias XX, 252. Da strömt alles Volk auf dem kreisrunden Marktplatz zusammen; ein Totschlag ist gemeldet. Die Stadtältesten nehmen unter freiem Himmel auf ihren steinernen Sitzen Platz. Kläger und Verklagter erscheinen und reden (das römische Prozeßverfahren existiert noch nicht). Tumultuarisch, wie es dem Südländer ziemt, drängen ihre Freunde an und unterstützen beide Parteien mit Geschrei. Die Marktbeamten oder Polizisten müssen Ruhe schaffen, bis dann die Richter sich erheben und urteilen. Wer von ihnen den besten Spruch getan hat, bekommt eine Prämie, und zwar in Gold. Das Gold war ungemünztes, nach dem Gewicht zugemessen, Das Gold wird auf der Wage abgewogen: Ilias XXIV 232. in diesem Fall die Gabe des Landesherrn, der also auch über die Richtigkeit des Urteilsspruchs entschied. Der Intelligentere unter den Bürgersleuten konnte sich 17 damals also schon solches Gold, das sonst nur dem Luxus der Fürsten diente, zurücklegen. Er erhob sich schon wirtschaftlich über die Masse; das bessere Individuum erhob sich damit auch gesellschaftlich über die Minderen im Volk, über die Vielheit, die damals, in der Zeit der Domänenwirtschaft der Landesfürsten vielleicht weniger nivelliert war als heute im Zeitalter der Maschine; denn der Dienst an der Maschine tötet die Eigenart mehr als alles andere Tagewerk. Übrigens kennt der Dichter der Ilias in Wirklichkeit das Gold so wenig, daß er glaubt, es sei fester und undurchdringlicher als Erz. Ilias XX 268 und 272. Soweit diese Lebensbilder; sie sind anschaulich genug, bieten aber dem, der die Mittelmeerländer kennt, nichts Besonderes. Auch wer zu den sogenannten wilden Völkern des Südens, z. B. nilaufwärts zu den Sudanesen geht, findet da alles heute ungefähr ebenso: Ackerbau, Viehwirtschaft, Musik und Tanz; auch größere Ansiedlungen und Marktbetrieb. Die primitiven Wohnungsverhältnisse bringt dort das Klima mit sich; aber bei den Griechen waren sie nicht besser. Der Rundbau der Hütten, wie ihn auch die etruskischen Aschenurnen in Hausform gel. zeigen, scheint das Primitivste gewesen zu sein; für Orchomenos bis ins 3. Jahrtausend zurückdatierbar. Auch noch zu des Perikles Zeit stand es im Durchschnitt erbärmlich mit den Wohnhäusern, und der Bedürfnislose nahm sich ein Tonfaß, um darin zu schlafen. Die Wände ungebrannte Lehmziegeln; das Innere oft noch ohne viel Raumteilung. Der Fußboden gestampfte Erde. Auch ein Herd fehlte bisweilen, und man häufte die Holzscheite am Boden, über die man den Kessel hing. Odyssee 21, 362. Ich erlebte dasselbe im Peloponnes (»Griechische Erinnerungen«² S. 150). Während die Edelleute in Betten schlafen, schläft der gemeine Mann auf dem Fußboden, wie dort noch heute, Herr und Knecht nebeneinander. Odyssee 11, 190, Herr und Dienerschaft speisen auch am selben Tisch: 24, 385. Wenn Feuersbrunst entsteht, ist niemand da, der löscht. Ilias XVII 738. Die Wände sind so unsolide: jeder Dieb kann sich ein Loch schlagen, um einzubrechen; er war ein wirklicher »Einbrecher«, aber er fand drinnen nicht viel zu stehlen. An Töpferwaren fehlte es nicht; auch der Stuhl war schon erfunden. Oft führte wohl auch schon eine Stiege, richtiger eine Leiter, in ein oberes Stockwerk, und das Haus zeigte in der Höhe ein paar Fensterlöcher. Der verliebte 18 Bursche konnte da also unter dem Fenster schon ein Ständchen bringen, und ein Mädchenkopf neigte sich heraus. Von solchen Zärtlichkeiten redet freilich Homer noch nicht. Man begreift hiernach, wie rasch sich im Altertum zerstörte Städte wieder aufbauen ließen. Es geschah in ein paar Wochen. Xerxes hat Athen niedergebrannt; als er wieder abzieht, kommen die Athener aus Salamis und richten sich in ihrer Stadt sogleich wieder ein. Man kann also fragen, ob die alten Griechen wesentlich besser wohnten als der Beduine, der in seinem Zelt mit Frau und Kind, Stute, Ziege und Lamm haust? Fehlte doch auch sonst noch so manches, was der moderne Plebejer zur gemeinsten Vorbedingung der Kultur rechnet. Salz hatte man zwar; man gewann es aus dem Meerwasser. Aber man hatte noch keine Eierspeisen; denn zu Homers Zeiten fehlten im Lande noch die Hühner. Ja, auch die Tauben schwärmten noch nicht ums Hausdach. Erst später wurden aus dem Orient Hühner und Haustauben eingebürgert. τρήρωνες sind nur Wildtauben, πέλειαι , vgl. Odyssee 12, 63. Trotzdem wird von Ortschaften oder Städten gesagt, daß sie taubenreich sind: πολυτρήρων : Ilias II 502 und 582. Das Taubenschießen ist Sport: XXIII 853 ( πέλειαι ). Vgl. übrigens »Horaz' Lieder, Studien« S. 58. Aber es fehlte, was schlimm, auch noch die Öllampe und das Kerzenlicht; man hatte nur die qualmende Fackel zur Beleuchtung. Daher fehlt alles Nachtleben; man kroch früh mit der Sonne ins Schlafgemach, und sogar die Götter des hohen Olymp, Gott Zeus und die Seinen, verschliefen darum, wie der Dichter glaubt, die Nächte. Ich könnte noch fortfahren: das Schloß an den Türen galt noch als Wunderwerk Ilias XIV 168, auch einen soliden Knoten zu machen muß der Held erst lernen: Odyssee 8, 447. und fand sich wohl nur in den Palästen der Großherren, die etwas zu verschließen hatten. Auch das Hausbad fehlt; nur die Vornehmen baden. Odyssee 24, 254. Im Meer badet man nur, um sich von Schweiß zu reinigen, und nimmt dann noch ein Wannenbad: Ilias X 572 f. Das Mahlen geschah nur mit der Handmühle, und kein Mühlenrad ging im Tal, keine Windmühle streckte ihre Flügel. Die Damen kannten noch keinen Spiegel, Man sehe die Art, wie Hera in der Ilias Toilette macht. aber auch keine Schminke. Und nun gar die Stiefel, die Beschuhung! Unser Reiterstiefel ist völlig unklassisch; aber auch kein Pantoffel stand den Frauen zur Verfügung. Selbst die Fürsten gehen wie die Neger Afrikas zu Hause barfuß; müssen sie ins Freie, binden sie sich nur die Sandale unter den Fuß. Die Sandale 19 blieb auch später bevorzugt, und die Mehrzahl führte also ein Barfüßerleben. Daher war das Fußbad so dringend nötig. Und nun der Reisende. Er ritt nicht. Das Pferd war noch eine Kostbarkeit, und auch der Reisewagen, Zweispänner und leicht, diente deshalb nur den Vornehmen, die ihre Gäule sogar gelegentlich mit Wein stärkten. Das kennen auch wir. Man vermeidet in der Schlacht Pferde zu verwunden, und sie sind eine erwünschte Beute; vgl. Ilias XVII 488; XXIII 292. Das Pferd dient vorzugsweise als Wagenpferd; ein Lastwagen auf vier Rädern XXIV 324; vgl. die ἅμαξα Ilias VII 426 und Odyssee 9, 241. Männliche Pferdenamen Ilias VIII 184; vielfach aber werden Stuten bevorzugt, ganz anders als auf der römischen Rennbahn; Achills Pferde sind Stuten, auch Nestors Ilias XI 597; vgl. die in XXIII. Wettfahrten sind außer in XXIII auch XI 700 erwähnt. Geritten wird selten wie in der Dolonie X 513; vgl. Odyssee 5, 371. Reiterkunststücke auf vier Pferden in Friedenszeiten Ilias XV 679. Pferde mit Wein getränkt Odyssee 8, 189, welcher Vers, wenn auch nicht ursprünglich, doch als Zeuge für die Sache dienen kann. Sogar Held Herakles mußte zu Fuß durch alle Länder, als rechter Globetrotter, bis nach Spanien und Marokko. Zu Fuß hat er die Äpfel der Hesperiden von dort nach dem Peloponnes getragen. Daß bei der langen Reise die Früchte frisch blieben, gehört zu den Wundern der Sage, die nicht nötig hat, mit der Macht der Zeit zu rechnen.   5. Die Fürsten So weit das Volk: ein bescheidenes Kleinleben, die ewige Alltäglichkeit, die ihre Bedürfnisse nicht steigert. Wir merken nichts von Luxustrieb, von Trieb über sich selbst hinaus. Ist dies das Griechenvolk, das der Welt seine Kunstideale schuf und für alle Zeiten das Gedankenleben der Menschheit vertiefte? Wir spüren davon noch nichts. Alles das schlummert noch ungeboren. Nicht das Volk, vielmehr nur die Fürsten haben damals die hohen Aufgaben gestellt, die das Niveau des Lebens erhöhten. Die Kultur kam von oben, wie das die Weltgeschichte auch sonst gesehen hat (man denke an Mazedonien, Rußland, an Brandenburg und Preußen). Die hochgestellten Herren verlangten nach den wertvollen und importierten Werken der Kunst, die das Auge ergötzen, und zwar für sich, nicht für das Volk; sie sind es auch gewesen, die zum Ruhm ihrer Geschlechter die große Dichtung weckten: Heldengesang. Er erklang damals in der Fürstenhalle, nicht im Volke. Welche Armut! Kein Rathaus, kein Theater gab es noch in den Städten, auch noch nicht die griechische Säule, die 20 sich in Zeilen reiht, auch kein Gotteshaus, und kein Gottesbild stieg auf die Postamente. Diese Dinge habe ich im Anschluß an Reichel und gegen Bethe in der Philol. Wochenschrift 1921 S. 258 ff. ausführlich besprochen. Man war nur fähig, kleine Puppen in Ton zu formen; die Töpferei lieferte Gefäße mit sehr bescheidener Ornamentik. Ja, auch zur Dichtkunst waren die Ansätze im Volk noch künstlerisch ganz unentwickelt. Ein Bub war es ja nur, der bei der Weinernte das Linoslied sang, und Homer hütet sich darum wohl, uns dies Lied und ebenso die Lieder, die der junge Held Achill einsam in seinem Zelt vor sich hin sang, mitzuteilen; es waren gewiß nur Volkslieder, d. h. kurzgefaßt und in schlichtestem Versbau. Die Wehklagen um Hektors Leiche im Buch Ilias XXIV sind nicht etwa Lieder und herkömmliche Trauergesänge, sondern improvisierte Reden, die der Dichter gezwungen ist in Verse zu fassen. Die Vortragenden konnten sie, wie ihr Inhalt zeigt, nicht vorbereitet haben. Etwas Vorstellung davon können uns die Proben geben, die die Griechen in späteren Jahrhunderten gelegentlich aufnotiert haben. Die jungen Weiber suchen Blumen im Feld und singen: »Wo sind mir Rosen, wo mir Veilchen, wo mir das hübsche Selleriekraut?« und dann die Antwort: »Da sind die Rosen, da sind die Veilchen, da ist das hübsche Selleriekraut.« Oder man spielt eine Art Blindekuh, und das Mädchen, dessen Augen zugebunden sind, singt: »Die Fliege (aus Eisen) will ich fangen«; die andern laufen davon und antworten: »Fangen? Du wirst sie nicht erlangen.« Vgl. Pollux IX 123. So gibt man sich auch Rätsel auf oder memoriert einen Spruch in Versen auf die fünf Kobolde, die beim Brotbacken das Brot verderben. Vgl. den homerischen Kaminos. Allerliebst ein munteres Prozessionslied für Kinder, das Spätere auf der Insel Rhodos hörten, und es sei mitgeteilt. Im Frühling war da ein Bittgang der Kinder üblich im Namen der Schwalbe, die heimgekehrt. Da werden auch schon mehr Worte gemacht: Die Schwalbe ist kommen; sie kam beschwingt, Die uns die schönen Zeiten bringt. Sie ist zurück von ihrer Reis', Schwarzblau oben und unten weiß. Wein und Trockenobst gebt uns gleich, Auch Käse im Korb. Euer Haus ist reich. Auch Weizenbrot und Mandelkern, Alles das nimmt die Schwalbe gern. 21 Wollt ihr, wie? oder soll'n wir gehn? Gibst du nichts, wir bleiben doch stehn, Heben dir Tür und Fensterlein aus, Und ist dein Weibelein im Haus, Hockt sie da drinnen, Die führen wir mit uns von hinnen. Sie schleppt sich leicht, ist ja so klein. Drum öffne die Tür fürs Schwälbelein. Wer Gaben gibt, der soll glücklich sein. Gib mehr oder minder. Wir sind ja nicht alte Leut', wir sind nur die Kinder. So etwas ist ewig, d. h. man hört Ähnliches zu allen Zeiten. Auch unser deutsches Volk kennt solchen Frühlingsbittgesang der von Haus zu Haus ziehenden Kinder. Ich denke an das Kinderprozessionslied in des Knaben Wunderhorn: »Havele Hahne« mit dem »Ri ra rum, der Winter ist herum«. Geben wir denn endlich auf die sogenannten »Könige« acht. Sie haben augenscheinlich Großes geleistet. Im Haus des Reichen wird der vornehme Luxustrieb mächtig. Man will in Schönheit leben; man fragt nach Gott und Schicksal und dem Zweck des Lebens, und ein kompliziertes Gedankenleben erwacht. Es gab freilich viel nachzuholen, viel zu lernen. Solches In-die-Lehre-Gehen der Völker dauert oft Jahrhunderte; wir wissen es von den Germanen. Im Euphratland und am Nil, in den üppigen Ländern der großen Ströme, war damals längst das Höchste geleistet, was der Kulturtrieb der Menschheit leisten zu können schien: verschwenderischer Reichtum, Massenbeherrschung, ein jahrtausendlanges Wachsen und Werden. So war die assyrisch-babylonische Kultur und ebenso die Ägyptens um das Jahr 1200 v. Chr. schon abgeschlossen und in sich fertig. Ihre Bauten reden am lautesten; denn man sieht sie noch heute. Nur die Könige bauten; sie bauten mit dem Trieb zum strotzend Kolossalen, im Hochgefühl, Massen zu bezwingen. Ihre Tempel und Paläste stehen im Flachen und wachsen aus der Ebene zu künstlichen Gebirgen auf, die durch harmonische Gliederung die Natur überbieten. Sonnendienst. Die blaue Metallkuppel des 22 Himmels schien so nah; sie ruhte auf den Gebirgen fest. So ist da auch das Bauen ein Sichhochstrecken der Materie himmelwärts. Dabei diente das Kreissymbol der Sonne als Tempelschmuck. Wie ungriechisch! Der Hellene hat die Gestirne als solche nie angebetet. Ihm war das Göttliche, ob licht, ob dunkel, nur Person und die große Mechanik der Gestirne nicht bedeutsamer als der Wechsel der Jahreszeiten und der Winde, die über das Land fegen. Aber auch die Plastik leistete bei diesen stolzen Barbaren in raffiniertester Technik schon ihr Höchstes: minutiöseste Schildereien im Relief, die alle Pylonen, Säulenschäfte und Riesenwände streifenweise bedecken; die Säulen selbst in dichten Geschwadern geordnet, die das wuchtende Dach schwindelhoch heben: die Nachahmung des afrikanischen Waldes. Dazu die Götter- und Königsstatuen; auch sie kolossal und schwer, monolith, Mensch gewordene Felsen. So das Nilland. Nicht minder erstaunlich in Babel die Technik der buntfarbig strahlend glasierten Ziegel, die, zu Figuren großmächtig geordnet, den prunkvollsten Wandschmuck gaben, der im Auferstehen der Ruinen noch heute wirkt, als wäre er gestern entstanden. Soll ich noch vom Schreibwesen, Rechnungswesen, Geldwesen, von der Astrologie und Zeitmessung reden? Es sind allbekannte Dinge. Jene Kunst war aber auch da nur Königskunst, das Schreibwesen und die Wissenschaft zumeist nur in Händen der Priesterkaste oder der höchsten Beamtenschaft. Vgl. »Die Buchrolle in der Kunst« S. 8. Die »Könige« der Griechen haben davon nur das wenigste übernommen. Es ist auffallend, da die Mächtigsten unter ihnen doch nach Asien übergriffen und in den Randgebieten Kleinasiens zeitweilig herrschten, daß sie von den Hethitern, mit denen sie sich dort berührten, Vgl. oben S. 9 Anm. "Einerlei, ob die Hethiter..." und »Von Homer bis Sokrates«³ S. 82. so wenig und nicht einmal das Schriftwesen übernommen haben. Die Felseninschriften dieser Hethiter sind historische Urkunden; sie geben uns Zeitgeschichte; es herrschte bei ihnen schon der Sinn für Geschichtsschreibung, und sie berichten, daß griechische 23 Könige (ob die Atriden, bleibt ungewiß) in dem weiten Umland von Troja längere Zeit ein Reich besessen haben. Die Griechen selbst schrieben nicht, weder auf Stein noch in Büchern, Das Gesagte aufs neue ausführlich zu begründen, erübrigt sich; ich verweise auf meine Besprechung des Buchwesens in der »Kritik und Hermeneutik« S. 247; dazu »Aus dem Leben der Antike« S. 99; »Von Homer bis Sokrates«³ S. 430. Für eine Zeit, die noch keine Inschriften kennt, Buchschrift anzusetzen, gehört zu den Abenteuerlichkeiten unserer Gelehrten, die nicht ausrottbar scheinen; dies gilt leider auch von Diels »Antike Technik«² S. 71 f. Eine minoische Schrift gab es freilich schon; aber das spätere griechische Alphabet ist nicht davon, sondern vom phönizischen Alphabet abgeleitet. Geschrieben wird bei Homer vom Volk nie, von den Vornehmen und Helden nur zweimal; erstlich schreibt, wo man losen soll, Jeder Beteiligte sein σῆμα auf das Los (Ilias VII 189). Das konnte auch jeder Analphabet. Interessanter die Tafel mit geheimer Schrift, die einen den Überbringer selbst betreffenden Mordbefehl enthält (Ilias VI 168 f.), die Tafel, die der König Proitos von Tiryns durch Bellerophon nach Kleinasien zum König von Lykien tragen läßt. Dies ist ein Unikum, das seine besondere Erklärung verlangt. Denn keine der Personen denkt sonst bei Homer an brieflichen Verkehr mit Hilfe der Schreibtafel, während er doch oft so zweckdienlich gewesen wäre. Agamemnon bleibt ohne Kunde über das Verhalten Klytemnestras in Mykene, Telemach muß persönlich zu Nestor und Menelaus fahren, um über seinen Vater Nachricht zu erhalten. Daß nur mündlich durch Boten Nachrichten überbracht werden können, zeigt auch Odyssee 14, 122. Man muß die Stelle Ilias VI 168 f. achtsamer lesen. Die Tafel, die Bellerophontes da nach Lykien trägt, ist zwar gefaltet ( πτυκτόν ), d. h. sie besteht zwar aus zwei zusammengelegten Tafeln, aber sie ist unversiegelt (Homer kennt ja überhaupt das Siegeln noch nicht); auch unverschnürt; von irgendwelchem Verschluß wird da nichts erwähnt, was doch in diesem Falle zum Verständnis so wichtig gewesen wäre. Trotzdem merkt nun aber der Überbringer nicht, daß der Inhalt ihm selbst den Tod bereitet. Also ist vorausgesetzt, daß dieser Bellerophontes nicht lesen kann, die angewandten Schriftzeichen nicht versteht. Es war eine Geheimschrift, in der Schwager und Schwager, Proitos und der lykische König, sich zu verständigen wußten; es waren σήματα λυγρὰ πολλά , ob minoische Schrift, steht dahin, eher hethitische, wenn L. Malten mit seiner Auslegung des Bellerophonmythos, Jahrb. d. arch. Instituts 1925, Bd. 40, recht behält, vielleicht aber auch nur symbolische Zeichen, die auf Ermordung wiesen. Das λυγρά »verderblich« steht hier so wie die ἀγγελίη λυγρή Ilias XVII 642. – Offensichtlich ist nun, daß die erwähnte Schreibtafel zur Ansetzung einer Buchschrift für Homer nicht entfernt berechtigt. Auch die Sänger, die bei ihm auftreten, kennen sie nicht. Sie rezitieren immer nur frei aus dem Gedächtnis. Vgl. noch B. Niese, »Die Entwicklung der homerischen Poesie« S. 8 f.; W. Otto, Kulturgeschichte des Altertums S. 65. wissen infolgedessen auch von jenen Dingen nichts Bestimmtes mehr, und in der Ilias ist davon nur ein völlig entstellendes, dichterisch umgewandeltes Bild erhalten. Also wissen Homer und seine Helden nichts von Amenophis, Ramses und Sesostris, von den Pyramiden und Sonnentempeln, noch nichts von Hamurappi, Sergon und den sogenannten Gärten der Semiramis. Aber Kreta zum wenigsten lag nahe; bis dahin getraute sich ihre sonst noch so schüchterne Schiffahrt. Die Griechen bauen sich ihre Schiffe natürlich selber (vgl. Ilias XIII 391), ihnen fällt auf, daß die Zyklopen es nicht tun (Odyssee 9, 126). Daß die Arkader es nicht konnten (Ilias II 614), verstand sich von selbst. Wie unentwickelt und scheu jedoch die Schiffahrt noch war, wird durch vieles deutlich gemacht. Menelaus reist zu Schiff nur bis Kreta (Ilias III 233), nach Ägypten und Sidon wird er nur wider Willen verschlagen (Odyssee 4, 83 ff.). Nur die in Asien angesessenen Trojaner sind es, die mit Plan und Absicht nach Sidon fahren (Ilias VI 291). In Troja sind die Schiffsbauer darum angesehene Leute, und ein solcher kämpft mit in der Schlacht (Ilias V 62). Die Schiffe der Achäer sind gleichsam nur Fähren oder militärische Transportschiffe, noch nicht Handelsschiffe, jedes führt 120 Mann, nach Ilias II 510, sie haben 20 Ruderer (Odyssee 9, 322). Daher halten Agamemnon und die Seinen während der zehn Kriegsjahre keinen regelmäßigen Schiffsverkehr mit dem Heimatlande aufrecht; sie behalten ihre Schiffe für die Rückfahrt bei sich. Nur bis zum nahen Lemnos senden sie einmal Schiffe, um sich Wein zu beschaffen (Ilias VII 467 f.). Die Phönizier allein sind es, die Handel über See führen; sie bringen Waren aus der Ferne (vgl z. B. Ilias XXIII 745); daneben auch die Tafier (Odyssee 1, 183 f.). Wenn August Köster »Das antike Seewesen« S. 70 sagt, daß der griechische Schiffsbau, wie Homer ihn zeigt, damals höher entwickelt war als andere Zweige des Kulturlebens, so zeigt das Obige doch, wie weit er noch hinter dem der Phönizier zurückstand. – Diese Erwägungen hindern mich, den Ansichten über die geographischen Kenntnisse Homers beizupflichten, die u. a. von F. Cornelius im Rhein. Museum 74 S. 344 f. und R. Hennig ebenda 75 S. 280 f. vorgetragen worden sind, als ob die Griechen schon Fahrten bis England und in die Nordsee gemacht hätten. Homer schildert allerdings vielleicht schon Tartessos; den Namen nennt er nicht. Nur durch die Phönizier aber, die ja an allen Küsten Griechenlands und auch an Ithaka anliefen, brauchen die Griechen damals davon Kunde erhalten zu haben; dies anzusetzen genügt zum Verständnis durchaus. Der Dichter hat sich die dortigen Dinge dann hübsch ausgemalt, denn er schildert gern. Gewiß ist es höchst verfehlt, mit Dörpfeld u. a. jede Bucht, Felsklippe u. a., die in den Epen erwähnt sind, heute genau nachweisen zu wollen. Schildert Homer doch auch mit derselben Genauigkeit den Eingang zum Hades und die Mündungen der Unterweltsströme am fernsten Okeanos, wo das Ufer niedrig und Haine von Pappeln und Weiden sind usf. (Odyssee 10, 509 ff.). Soll auch dies der Dichter oder sein Zuträger damals selbst gesehen haben oder gar die wunderbar schwimmende Insel des Aeolus (10, 3)? So wenig dies möglich, so wenig beruht auch manches andere, wovon wir Schilderungen erhalten, auf Eigenschau. Betreffs Ithaka s. A. Trendelenburg in »Humanist. Gymnasium« 1928, S. 116, der sich gegen Dörpfeld überzeugend in dem Sinne äußert wie ich selbst in den »Griech. Erinnerungen« S. 231. Man vergesse nicht, der Phantasie ihr Recht zu lassen. So gut ein Dichter sich Menschentypen ausdichtet, so auch Landschaften. Oder soll er auch den Bart und die Locken des Zeus und die Körpergröße und das Kreisauge des Zyklopen gesehen haben? Das dreimalige Fluten der Charybdis ist übrigens nach den Wasserverhältnissen des euböischen Meeres erfunden, die als Naturrätsel Anthol. Pal. IX 115 geschildert sind. – Als Problem für sich steht die Frage nach der Gewinnung des Zinns für die Bronze des Altertums; hierüber H. Blümner, Technologie usf. IV S. 81 ff. Daß man es in jener Urzeit durch Weitergeben von Volk zu Volk schon aus England oder gar aus Indien oder Japan bezog, scheint wenig glaublich; wahrscheinlich kam es vom Paropamisus zu den Babyloniern, Ägyptern und so auch zu den Karern und Griechen. Jedenfalls ist κασσίτερος (»Zinn«) nicht griechisch (auch schwerlich indogermanisch), sondern barbarisches Lehnwort. Auf dieser halbwegs schon griechisch kolonisierten Insel war unter ägyptischen und asiatischen Einflüssen eine originell lokale Hochkultur entstanden, die sich uns freilich durch kein Literaturwerk, durch keine Königsinschrift, sondern lediglich durch die grandiosen Palastreste und ihren Wandschmuck offenbart hat, eine Kunst, die man minoisch nennt; das Berühmteste das sogenannte Labyrinth, das auch Homer erwähnt, der kompliziert großartige Renommierpalast des sagenhaften Königs Minos mit Sälen und Kammern und Bädern und Lichthöfen und der majestätisch breiten Treppe, Wasserleitung und Spüleinrichtungen für die Notdurft des Herrn. In den Vorratsräumen die riesigen Tonfässer, in die aus der Ölpresse das Öl unmittelbar ablief. Was haben die griechischen Fürsten von dort gelernt oder lernen können? Sicher nicht das Schreiben. Vgl. oben S. 23 , Anm. "Das Gesagte aufs neue ausführlich zu begründen...". Auch ihre Paläste, die wie unsere Burgen die Bergeshöhe suchten, mußten die Atriden, der Raumenge entsprechend, in kleinem Ausmaß, also im Grundriß ganz anders gestalten. Aber auch die erstaunlich entwickelte kretische Wandmalerei hat ihnen wenig geboten. Die Kunst sehnt sich sonst nach der Darstellung des Menschen, der Persönlichkeit, nach dem Porträt, und die Ägypter leisteten das damals wundervoll. Der Kreter dagegen triumphiert, wenn er Pflanzen, Fische, Quallen und 24 andere Wasserwesen malt; auch Stiere und Löwen gelingen ihm, während seine Menschen noch ganz unpersönlich und nichts als drollige Kostümbilder, Trachtenbilder sind; man wird dabei an unsre Modejournale erinnert: die Männer wahnschaffen dünn geschnürt und wie verwachsen, die Frauenwesen weit dekolletiert, mit Puffen und Falten am Kleide, wobei das Kleid wie ein breiter Kegel nach unten sich weitet. Waren es wirklich Griechen, die so einhergingen, und wirklich Griechen, die das malten? Vgl. »Von Homer bis Sokrates« S. 13. Was hätte Homer gesagt, wenn er Helena oder Nausikaa in dieser Toilette, wenn er sogar den kretischen Helden Idomeneus, den er feiert, in dieser Karikatur gesehen hätte? Suchen wir die Fürsten etwas näher kennenzulernen, die Homer uns vorführt. Mit den Pharaonen, den Sultanen Babylons lassen sie sich nicht entfernt vergleichen. Sie sind nicht Despoten im Stil Nebukadnezars oder des jüdischen Königs David, vor denen das Volk auf die Kniee fiel. Die deutsche Bezeichnung »König« selbst ist hier ganz irreführend. Das betreffende griechische Wort basileus heißt auf deutsch nur der Sprecher oder Wortführer, der Mann, dessen Wort gilt. Über die Wortbedeutung von βασιλεύς und dictator s. Rhein. Mus. 76 S. 198 ff. und Philol. Wochenschr. 1928 S. 185 f.; wie dictator zu dicere gehört, so βασιλεύς zu βάζειν , »sprechen«. Bei Hesiod ist βασιλεύς nur noch »Richter«. Diese Männer waren zumeist nur kleine Landjunker oder Barone, deren Herrschaft zumeist nicht so groß wie unsre Duodezstaaten im Stil des Fürstentums Reuß oder Waldeck. Die beste Analogie sind die sogenannten »Sprecherhäuptlinge« auf der Insel Samoa im fernen Polynesien. Alle über 50 Freier Penelopes, die im Haus des Odysseus zusammenlaufen, heißen ja auch Könige (um die falsche Übersetzung beizubehalten), die sämtlich auf der kleinen Insel Ithaka und in ihrer nächsten Umgegend ihren Landbesitz hatten. Solcher junger Herr versteht sich aufs Seilflechten und tischlerte sich selbst sein Hochzeitsbett, wenn er heiratete; eine Andromache füttert selbst die Pferde. Vgl. Odyssee 10, 166. Ilias VIII 188. So trieb auch noch Pittakus in Mitylene selbst die Handmühle, wie es im Volkslied hieß: καὶ γὰρ Πιττακὸς ἄλει μεγάλας Μυτιλάνας βασιλέυων . Das ist bezeichnend. Daher heißen diese Herren auch ständig, man möchte sagen amtlich, »die Hirten« der Bevölkerung. Der Hirte zählt seine 25 Tiere, er kennt sie alle. So kennt auch solcher Baron ungefähr jeden Mann auf seinem Terrain. Bei der Ernte steht er höchstselbst auf dem Acker und beaufsichtigt die Feldarbeiter. Es war in Friedenszeiten ein enges Zusammenleben, gut landesväterlich. Er ist erblicher Herr seines Gebiets, ihm gehört das Vieh, gehört die Ernte, und er ist als solcher vorn Respekt getragen. Zwischen Volk und König bestehen ὅρκια , die Verfassung wird also, gewiß beim Zeus, beschworen: Odyssee 24, 546. Daher heißt es, daß Zeus dem König seine Stellung schenkt, Ilias II 206, und dieser wird wie ein Gott verehrt (Ilias XIII 218), ganz so wie später in Athen die guten Strategen; s. Eupolis frg. 117, 6. So kann denn Priamus scheltend mit dem Stab die Trojaner aus seiner Vorhalle fortjagen: Ilias XXIV 247; an Auflehnung wird nicht gedacht. Denn das Volk braucht eben einen Sprecher, auf den es hört. Eine feste, durch Schwurleistung gesicherte Staatsverfassung in kleinem Stil ist schon da. Machthaber, beratende Volksversammlung, auch richterliche Beamte; in der Verwaltung aber ist Sprechen und Hören alles, und Hören ist zugleich Gehorchen ( ἀκούειν ). Denn es fehlte noch, wie wir schon sahen, die Schrift, jede schriftliche Verordnung, also auch ein geschriebenes Recht. Für das mündliche Verfahren war ein Mund nötig, auf dessen Wort alles hörte; demselben gehörte auch das Kommando in der Schlacht. Unentbehrlich sind dem Herrn darum auch seine »Herolde« oder Ausrufer; es sind seine Fernsprecher, durch die er seine Entscheidungen weitergibt. Wie vormals die Grafen, die Freigrafen, bei uns in Deutschland, spricht er auf seinem Dominium Recht und läßt sich dafür von der Gemeinde sogar remunerieren; in der Volksversammlung erstattet er Bericht und holt Rat ein. Ist er persönlich Recht zu sprechen verhindert, vertreten ihn die Stadtältesten. Keine Palastwache aber schützt ihn, keine Pagen umstehen ihn. Als Abzeichen hält er, wenn er reden will, den Stab in Händen, der ihm hoch bis zur Schulter reicht, der »Zepter« hieß und gelegentlich mit dem Adler aus Elfenbein geschmückt war; Vgl. Ilias II 101 ff. über das ererbte Zepter Agamemnons, das Hephäst verfertigte. Ein Adler wird als Schmuck am Zepter des Zeus erwähnt. gewiß eine Nachahmung des Hirtenstabs. Von daher stammt das Zepter aller späteren Potentaten Europas, an dem bis ins Rokoko hinein die prahlende Kunst der Goldschmiede sich geübt hat. Ob nun die Hirten immer ihre Pflicht taten? Liederliche Leute gab es wohl auch unter ihnen genug. Mit Ungewitter straft Gott ihre Ungerechtigkeiten Ilias XVI 387 f. Wenn sie schwelgen, 26 heißt es, berauben sie das Volk. Ilias XXIV 262, daher wird Agamemnon auch als δημοβόρος beschimpft. Ja, steinigen soll das Volk den Königssohn, den schönen Paris, der sich schlecht bewährt; aber das Volk ist zu feige dazu. Ilias III 57. Nur wenigen dieser Herren gelang es, ihren Landbereich erheblich zu vergrößern, Schätze, die Krieg und Sieg ermöglichten, anzuhäufen und als politische Größe dazustehen. Dies waren die Atriden in Mykene und Sparta sowie des Priamus Haus in Troja (denn auch die Trojaner waren Griechen); Vgl. oben S. 9 Anm. "Einerlei, ob die Hethiter...". Weil es so reich, kann sich Troja die Bundesgenossen gewinnen: Ilias XVIII 289 f. vor ihnen war es auf Kreta schon König Minos gewesen. Hingegen Leute wie Odysseus gehörten nicht dazu, auch nicht der Vater des Ajax oder des Diomedes. Aber wozu Krieg, den man den »Tanz des Ares« nannte? Ilias VII 240, daher der Ares ὀρχηστής bei Lucian de salt. 21. Aber Ares tanzt nicht selber; Hektor gibt einen Kriegstanz ihm zu Ehren; vgl. dazu Rhein. Mus. 75 S. 117 Anm. Glücklich preist Homer vielmehr den Herrscher, dem es beschieden ist, friedlich im Alter zu sterben, indes sein Volk ringsum blüht und gedeiht. Ilias II 136 f. Gleichwohl ist der Friede immer nur ein Interim. Also doch Krieg; aber der Krieg war stets nur Fehde der Edelherrn. Volkskriege der Art, wie wenn später Athen und Sparta sich messen, gab es noch nicht. Die Herren Barone sind's, die bald Freundschaft halten und gutnachbarlich sich besuchen, Odyssee 4, 188. bald sich verzanken, beleidigen und Rache nehmen. Sie heben dazu ihre Mannschaften aus, die aber unzureichend bewaffnet werden. Den Mannschaften fehlte der Schild; sie waren χαλκοχίτωνες , d. h. ihr leinener Kriegsrock war bis zu einem gewissen Grad mit Metallplatten geschützt; einem Harnisch kam er sicher nicht gleich. Ob der λινοϑώρηξ (Ilias II 529 u. 830) dasselbe ist, steht dahin. Eine Taktik besteht schon; die Mannschaften werden zum Gefecht in Reihen geordnet, rücken vor und zurück, haben eventuell schwere Verluste, aber die Entscheidung bringen sie nie. Eine Schlachtordnung wird gegeben Ilias IV 297 ff. Die Aufstellung geschieht in στίχες (XVII 84). Daß die Mannschaften stark leiden und täglich in großer Anzahl Achäer fallen, liest man XIX 226. Die Entscheidung aber bringen die ἀγχιμαχηταί ; der Einzelkämpfer tritt aus der Menge hervor: XX 178 und 197; Odyssee 11, 514. Dabei wird vorzugsweise mit der Lanze gefochten; vgl. Ilias II 382: Schwertkampf gibt es im Gedränge: XV 711 f., XVI 116; doch vereinzelt auch sonst, z. B. III 18 und 361, XI 146. Poseidon selbst schreitet in dem ἄορ voran: XIV 385. Die Entscheidung bringt allemal die Bravour der Fürsten selbst oder ihrer Söhne. Es herrscht das Rittertum. Von Jugend an wird der Junker auf Speerwurf und Schwerthieb geschult: ein rasender Ehrgeiz. Kraft und Gewandtheit ist alles. So geschieht es vor Troja, so auch in den Kämpfen um Theben, die Festung, die sieben Tore hat; mit sieben Zweikämpfen ist da der Krieg entschieden. Das war übrigens auch echt orientalisch; in den Ländern Asiens herrschte der Vorkampf der Könige, das eigentliche »Duellum«, noch lange. Man denke nur an Goliath und 27 David oder wie noch Alexander der Große im Gefecht de Darius sucht. Die Beispiele ließen sich leicht vermehren. Vgl. »Alexander der Große« S. 102. Dazu Br. Meißner, »Könige Babyloniens und Assyriens« S. 109: um das Jahr 1200 v. Chr. zieht der König Assyriens gegen Babylonien; in der Entscheidungsschlacht fallen beide Könige. Diese Zweikämpfe hat das Epos darum nicht aufgehört zu verherrlichen. Nur die wenigen Helden, die im hölzernen Pferd sich verbergen, sind es schließlich, die Troja wirklich erobern. Auf den Sieg aber folgt Besitzergreifung oder Zerstörung. Auf alle Fälle wird Beute gemacht. Durch Requisitionen im Feindesland ernährt sich der Krieg; die Beute vertritt die Kriegsentschädigung, und auch die Masse hat an der Beute teil. Das Volk, d. h. die Mannschaften sind an der Beute mitbeteiligt, Ilias XI 704. Sie selbst aber ist Zweck des Kriegs. »Möge mein Sohn einst siegreich sein und Beute machen«, sagt Hektor VI 480. Herrlich ist es, wenn solch ein Held wie Diomedes auf dem zweirädrigen Schlachtwagen daherfährt, mit wehendem Helmbusch, in blank funkelnder Rüstung, zwei Lanzen in der Rechten, das Schwert zur Seite. Solch schwere Schutzwaffen, Riesenschild, Helm und Panzer trugen die Ägypter nicht. Auch nicht die Völker Mesopotamiens. Speziell homerisch ist diese Sicherung und steht in jenen Zeiten wohl einzig da. Der Schild kein Rundschild, sondern gestreckt wie eine Wanne, und so groß, daß er fast den ganzen Mann zudeckte: man konnte unter ihm schlafen. Unter solcher Riesenlast ließ sich zu Fuß gar nicht marschieren; wollte man an den Feind, so brauchte man den Wagen, zwei Rosse davor. Sogar auch im Lokalkrieg Nestors gegen die Eleer wird mit dem Rossegespann gekämpft: Ilias XI 718 und 748. Der Zügelführer ist nicht Knecht, sondern ein ebenbürtiger Genosse. Der Panzer wurde übrigens unmittelbar auf der Haut getragen. S. Ilias VIII 385 f. Daher auch die χαλκοχίτωνες . So wie man in Friedenszeiten im Chiton ging (XXIII 739), so wurde auch dieser Kriegschiton unmittelbar auf der Haut getragen. Dasselbe bestätigen die Bilder der mykenischen Kleinkunst. Zum Ganzen aber vgl. meine »Griechischen Erinnerungen« S. 178 f. (nach Reichel). Nun denke man sich den Zweikampf. Beide Gegner sind klirrend vom Wagen gesprungen, schreiten unter der Last voll Leidenschaft, aber mit Anstrengung aufeinander zu und verschnaufen sich erst in Reden. Wie zweibeinige Festungen stehen sie da und können dem Gegner nicht wehren, den Speer bedachtsam wieder aus dem Schild zu ziehen. Während aber die feindliche Waffe heranfliegt, steckt jeder nach Art der Schildkröte den Kopf hinter den Riesenschild; sonst wird er unrettbar am Hals verwundet. Sind beide Speere verschossen, 28 läßt man den Schild fallen und wird endlich handgemein mit dem Schwert. In der Not greift solch ein Held wie Ajax auch zum Feldstein, der wiederum so schwer, daß sonst nur ein Cyklop ihn heben könnte. Dank seiner Schwere müßte der erwähnte Stein eigentlich noch jetzt dort vor Troja liegengeblieben sein. Schliemann berichtet meines Wissens nichts darüber. Um 600 n. Chr. zeigte man ihn noch, und da sagt ein Betrachter: »Er, der Stein, möchte vor Schmach unter die Erde sinken, vor Schmach, daß kein Nachgeborener ihn mehr heben kann.« S. Anthol. Palat. IX 204. Vielleicht sank er also dann wirklich in die Erde, und unsre Trojaforscher können ihn noch heben. Jene Waffen aber waren kostbar und bei Verlust schwer zu ersetzen, Daher trägt der minder Bemittelte nur den λινοϑώρηξ : s. S. 26 Anm. "Den Mannschaften fehlte der Schild..." und S. 27 Anm. "S. Ilias VIII 385 f. Daher auch...". kostbar auch die Pferde. Man suchte daher, die Pferde des Gegners zu erbeuten. Die Sorge um sie ging so weit, daß man sie sogar planvoll zu verwunden vermied. Es hätte sonst so nahegelegen, den Gegner durch Tötung der Tiere bewegungsunfähig zu machen. Keiner der Kämpfer denkt daran. Nur ausnahmsweise und mehr durch Zufall wird ein Pferd verwundet: Ilias VIII 81; XVI 468. Noch bemerkenswerter die Gier, mit der der Sieger allemal die Rüstung des Besiegten zu rauben sucht; oft wird er dadurch in weitere Kämpfe verwickelt; aber er läßt nicht ab. Tatsache ist, daß die Herren durchweg nur eine einzige Rüstung besaßen. Als Achill die seine an Patroklus abgibt, ist er völlig wehrlos, und nur ein Gott, d. h. nur ein Wunder, kann ihm Ersatz schaffen. Nur von Lanzen besitzen die Kämpfer einen Vorrat. Dadurch wird bewiesen, was sich auch sonst bestätigt, daß Griechenland selbst damals noch keine ausreichenden Waffenfabriken besaß. Die Rüstungen wurden aus Karien, einem südlichen Distrikt Kleinasiens, bezogen. Dies ist von Reichel nach Herodot I 171 dargelegt. Auch Homer selbst aber wußte wohl davon, zum wenigsten berichtet er vom Pferdeschmuck seiner Helden, daß karische Frauen ihn verfertigten (Ilias IV 141 f.). Wenn Herodot indes von den karischen Schilden meldet, daß sie mit σημήια geschmückt waren, so trifft das bei Homer nur für Achill und Agamemnon zu. Daß übrigens den Ägyptern die χαλκῷ ὁπλισϑέντες fremd waren, betont Herodot II 152, wo Karer und Ionier nach Ägypten kommen. Die Karer sprachen nicht griechisch (Herodot VIII 135). Auch Reparaturen an Schild und Rüstung werden im Feldlager nie ausgeführt. Kriegsgefangene werden nicht eingebracht, Nur selten werden Gefangene erwähnt: Ilias XXI 78. Weiber erbeutete man, weil sie nützlich als Dienerinnen im Haus, nur die verlockendsten wurden gel. zu Kebsen; für solche hatte z. B. der alte Nestor, der Weiber erbeutet (XI 624 f.), doch keine Verwendung. Weibliche Sklavinnen werden von ihrer Herrin gel. wie ebenbürtig behandelt: Odyssee 18, 321. aus denen im späteren Altertum der Sklavenstand sich rekrutierte. Einen eigentlichen Sklavenstand gab es noch nicht. Nur jugendliche 29 Weiber vornehmen Geblüts erbeutete man gern, die man als Mägde oder auch als Kebsen verbrauchte. Der Gegner im Kampf wird getötet, oder er entkommt. Die Kriegszelte der Fürsten waren geräumige Blockhäuser, aus Tannenholz gezimmert, das flache Dach mit Schilf gedeckt, Vgl. Ilias XXIV 449. mit Speiseraum, Schlafraum, Vorhof, Vorratskammer und Bad. Ein Wannenbad im Feldlager erwähnt: Ilias X 572 f. Achill springt aufs Dach, um drohend ins Feld zu schauen. Das Feldlager selbst wird nur bei höchster Gefahr mit Wall und Graben befestigt; tausend Hände greifen zu, und es ist rasch getan. Aber der Wall wird vom Feind doch leicht überrannt. Uneinnehmbar waren dagegen die Städte, die in Mauern stecken. Die Mauern sind so breit, daß Frauen und Greise darauf stehen und kauern, um angstvoll nach dem Feind zu spähen. Es sind jene massiven Burgmauern mit den cyklopisch aufeinander geschichteten Riesenblöcken, die der Reisende in Tiryns und Mykene noch heute bestaunt. So sicherte man sich dort auch gegen jeden Überfall von Piraten. Solche Steinpanzer ließen sich nicht brechen; alle Rammwerkzeuge wären gescheitert. Achill rennt umsonst um die feindliche Stadt. An Aushungern wird anscheinend nie gedacht. An Zufuhr in Troja fehlt es anscheinend nie; trotzdem muß gel. Waffenstillstand sein, damit Holz aus dem Wald geholt werden kann: Ilias XXIV 661. Troja aber wird deshalb nicht ausgehungert, weil man dem Rat des Polydamas nicht folgte: XVIII 274. Der Angriff richtet sich nur gegen die Tore. Jeder Fürst hat seine Mannschaften fest in der Hand, wie Achill seine Myrmidonen. Wird aber die Lage kritisch, so kommt die Autorität des Herrschers doch ins Wanken, und eine Militärrevolte entsteht. Solch ein Volksmann und Krakehler wie Thersites, der garstige, wagt es alsdann gar, in der Kriegerversammlung pazifistisch zu reden, die Fürsten zu beschimpfen. Es geht ihm dabei übel; aber er wird nicht etwa massakriert, wie es wohl heute geschähe, sondern es genügt, daß der muntere Odysseus ihn verprügelt, und die blöde Masse ist rasch gewonnen. Alles lacht voll Vergnügen. Die Autorität ist gerettet. Um die Helden aus Fürstenstamm, die in der Schlacht fallen, geht die laute Wehklage ihrer Angehörigen; wir hören die beredten Ergüsse ihres bekümmerten Herzens; aber es 30 sind nicht etwa Trauergesänge. S. oben S. 20 Anm. "Die Wehklagen um Hektors Leiche...". Der Sieger aber kehrt mit reicher Beute heim, schatzbeladen, und genießt nun in der Heimat ausruhend die Wonne des Friedens. Er ist reich und hat jetzt Zeit und Mittel für die Schönheit des Lebens. Er will sie mehren. Die Genußsucht wächst, die nicht nur am Trivialen haftet, es wächst das Spielen mit Werten, die nicht alltäglich sind und das Leben vergolden, die strahlende Freude am Idealen, am veredelnden Schmuck des Daseins. So thront in Sparta Menelaus in seinem Palast mit seiner Helena, der göttlich schönen, die er aus Troja zurückgewonnen, und der bescheidene Gast, der da einkehrt, sieht mit Staunen die ungewohnte Pracht, die ihn umgibt. Denn solche Pracht war sonst doch nur bei wenigen dieser Kleinfürsten zu finden, vornehmlich bei den Herren in Mykene, Argos und Sparta. Im übrigen herrscht bei ihnen die größte Einfachheit. Wir sehen das im Herrenhaus des Odysseus, das jedes künstlerischen Bauschmucks entbehrt, auch nur notdürftig befestigt war. Odyssee 17, 267 f.   6. Häusliches Leben der Vornehmen Tun wir zunächst in das Hausleben solcher kleinen Grundherren einen Einblick. Das Herrenhaus ist geräumig, und in ihm waltet, da der Mann viel aushäusig, die Hausfrau mit dem Troß der Mägde und der Schaffnerin. Die griechische Frau, das schöne Geheimnis, nur Homer lehrt sie uns intimer kennen; nicht in der späteren Literatur, nur bei ihm lebt sie sich vor uns aus. Sie ist ganz nur Weib, aber stolz in ihrer Würde und selbständiger Entschlüsse fähig, auch nicht ans Haus gefesselt. Frei bewegt sie sich durch die Gassen der Stadt, und die Bürger blicken auf sie mit Ehrfurcht. Sie hütet den Hausvorrat, sorgt durch Spinnen und am Webstuhl persönlich mit den Mägden für die Bekleidung aller und trägt die Sorgen 31 um das Schicksal des Hauses auf ihrem Herzen; denn sie hat Zeit nachzudenken. Und sie ist stets nur eine. Es wird jung geheiratet, und es herrscht im Stil der europäischen Völker die Monogamie. Einen Harem hält sich nur Priamus, der Fürst Trojas; er ist von den asiatischen Sitten beeinflußt Ilias XXIV 495. Eigentümlich ist den trojanisch-asiatischen Helden auch das εσφήκωντο πλοχμοί XVII 52, sowie die Kopftracht der Andromache, X 468. und hat von den verschiedenen Frauen 50 Söhne, die alle als echte Söhne gelten. Läßt dagegen ein Ajax oder seinesgleichen sich mit der Magd im Hause ein, so ist der Sohn Bastard und nicht erbberechtigt; er wird zum Knecht seines Bruders. Dazu gibt es freilich Ausnahmen, die als solche hervorgehoben werden, wie die Auferziehung des Teukros, des νόϑος , durch seinen Vater Telamon: Ilias VIII 281. Natürlich werden die Frauen leicht eifersüchtig, wie Hera, die Göttin, auf Zeus. Aber zu tragischen Konflikten führt das nie, und es herrscht große Nachsicht in sexuellen Dingen. Denn auch die Frauen sündigen; sie sind nicht alle wie Penelope, die, das Idealbild des Weibes, geduldig und klug zugleich, bis zum letzten auf des fernen Gatten Heimkehr harrend, die zudringlichen Freier täuscht. Am hellen Tag schleicht sich der kecke Liebhaber aus der Nachbarschaft bei seiner Schönen ein und wird dann in ihrem Bett ertappt; Es ist die Geschichte von Ares und Aphrodite. der Gatte zetert nur. Oder nach Sparta kommt ein fremder Prinz zu Besuch; er lockt; das Schiff liegt nahe am Strand; er flieht mit dem Weib seines Gastgebers davon, und der Geprellte hatte das Nachsehen; er hat keinen Schnellsegler, um die Fliehenden einzuholen. Aber er zürnt seinem Weib wiederum nicht; denn sie ist eine Schönheit. Sie bereut; im Krieg wird sie seine Beute, und nun thront sie neben ihm wieder als Herrin im Herrenhaus, von Glanz umgeben, als wäre nichts geschehen. Wozu noch grollen? Das ist die Geschichte der Helena. Nur Klytemnestra schreitet zum Mord. Aus Furcht tötet sie den heimkehrenden Eheherrn Agamemnon im Bade; denn Ägisth lebt als ihr Buhle im Haus. Aber sie tötet nicht selber. Kein Weib faßt ein Schwert an in der Welt Homers. Ägisth muß den Mord vollführen. Äschylus hat dieses in seiner Orestie geändert, um Klytemnestras Schuld zu steigern. Toilettengeschichtlich interessant ist, wie das vornehme Weib es anstellt, will sie mit ihrem säumigen Gatten eine 32 zärtliche Stunde haben. Sie löst oder lüftet nicht etwa ihre Kleidung nach Art unserer Schönen, die, um begehrenswert zu scheinen, sogar auf der Straße heute mit Kleiderstoff sparen. Im Gegenteil macht sie, nachdem sie sich ambrosisch parfümiert hat, große Toilette: das Haar wird neu geflochten, das Gewand mit goldenen Spangen geschlossen, der Gürtel umgetan, die Ohrringe eingehängt, in denen Edelsteine schimmern, der Schleier genommen, sogar die Sandalen angelegt, die man sonst nur beim Ausgang trug. So tritt sie vor ihn hin. Sie muß dazu freilich auch noch von der Göttin Venus den Reiz entlehnen. Die Bezauberung wirkt; das Weitere zu schildern, vermeidet indes der Erzähler. So Hera und Zeus. Man vergleiche dazu die Selinunter Metope. Fragen wir nach den Töchtern des Hauses? Sie sind früh entwickelt, frisch und munter, klug und energisch, und sie helfen im Hausstand, sorgen auch für die gesamte Hauswäsche und kutschieren damit auf die Wiese hinaus. So sehen wir Nausikaa. Aber auch die Göttinnen Artemis und Athene im Palast des Vater Zeus sind, wie Homer sie kreïert und geschildert hat, Idealtypen der griechischen Jungfrau jener Zeiten; Prachtgestalten. Das Herrenhaus ist ein niederer Bau mit nur einem Oberstock, zu dem die schmale Stiege hinaufführt; Schlafräume dort oben; da arbeitet auch Penelope an ihrem Webstuhl. Zu ebener Erde dagegen die Badestube, die nie fehlt; nur das Volk badet nicht. Odyssee 24, 254. Im Meer badet man nur, um sich vom Schweiß zu reinigen, nach dem Kampfe, und nimmt danach noch ein Wannenbad: Ilias X 572  f. Kommt ein Gast weither, wird ihm das Bad alsbald bereitet, und er wird dabei von den Mägden, ja, bisweilen von der Tochter des Hauses selbst bedient. So badet Hebe den Ares, Ilias V 905. Bei den Sudanesen wird, wie ich in Brehms Reiseschilderungen lese, der Fremde heute als Gast von den Sklavinnen gewaschen. Ihre Schamhaftigkeit leidet nicht, und es gilt den Gast zu ehren. Frauenbad Von einer attischen Amphora aus Vulci im Berliner Museum (Nr. 1843), um 530 v. Chr. Nach von Lücken, Griechische Vasenbilder, Tafel 3. Ein freies Leben, und allerlei Abenteuer sind möglich. Das Fräulein geht einsam auf dem Wiesenplan oder steht auf dem Söller des Hauses ungehütet. Das sind die Fälle, wo die Götter kommen; sie überfallen die Schöne, und Göttersöhne werden erzeugt. Es mag auch sonst sich Ähnliches oft genug zugetragen haben. Auch an einem gottesdienstlichen Raum fehlte es in der 33 Herrensiedlung nie. Im eingehegten Vorhof steht der Altar für die Opferhandlungen. Oft aber wurden auch geheimnisvoll geschlossene Räume hergestellt; es sind die leeren Gaststuben für die Götter, die der Stadt oder dem Herrscher zum Segen dort einkehren. Eine Statue fehlt noch; nur ein Thron stand vielleicht für sie da. Zutritt in den Raum hat nur der Priester oder die Priesterin. Dies sind Leute von erlesener Schönheit, die in der Erscheinung die Gottheit selbst darzustellen versuchen; und das Mysterium herrscht. Sie tragen die Weihegabe, die den Gott gnädig stimmen soll, in den Raum und berichten alsdann: Athene war zugegen, und ich habe ihr die Gabe auf die Knie gelegt. Fälschlich wird zum Verständnis der Iliasstelle VI 294 ff. das Vorhandensein einer Athenestatue vorausgesetzt, eine Fehlinterpretation, die schon früh im Altertum geschah. Wäre es der Fall, daß Homer dortselbst an eine Statue dachte, so hätte er, der alles Wichtigere beschreibt, auch bei ihr verweilt und sie uns beschrieben. Genaueres hierüber gibt mein Aufsatz in der Philol. Wochenschrift 1921 S. 258 ff. Für den Kultus gibt es bei Homer neben den Hainen und freistehenden Altären auch νηοί , aber es sind schmucklose und leere Bauten, die auch δόμοι heißen. Athene kommt nach Athen und betritt da ihren δόμος (Odyssee 7, 81); Leto und Artemis halten sich zeitweilig im θηός Apolls in Troja auf und helfen da einem Verwundeten (Ilias V 446). So auch Athene, die, als die Priesterin ihr hilfesuchend im νηός mit einer Weihegabe naht, den Kopf zurückwirft ( ἀνένευε ), d. h. die zu gebende Hilfe ablehnt (Ilias VI 311); sie war kein Holzbild. Auch noch die homerischen Hymnen setzen so das Einkehren der Götter in den leeren Raum und das Fehlen der Kultbilder voraus (s. a. a. O. S. 260; dazu noch ib. 5, 27 vom Zeus: ἧστο πολυλλίστῳ ἐνὶ νηῷ κτλ. ), und auch noch im carm. popul. 5 (Bergk) wird Dionys angerufen, daß er seinen νηόν betreten möge. Daß in diesen νηοί ein leerer Thron stand, ist Reichels Vermutung. Als sodann die geschnitzten Götterbilder aufkamen, hören wir noch den Protest: σὲ δὲ παρόνϑ' ὁρῶμεν, οὐ ξύλινον οὐδὲ λίϑινον, ἀλλ ἀλήϑινον ( carm. popul. 50). Auch noch in des Perikles Zeit sind die Statuen keine Ersatzvertretung der Götter, wie man sich die Darbringung eines Gewandes an sie dachte, zeigt z. B. der Parthenonfries (a. a. O. S. 262). Die zyklischen Epen also, die für Troja das Palladion erwähnten, waren, wie das Gesagte beweist, jünger als die Ilias. Weil Äneas das Palladion rettet, sagt dann Äschylus (Agamemnon 477 ff.), daß in Troja nur Tempel und Altäre zerstört wurden. Vgl. noch H. Herter, Rhein. Mus. 74, S. 164 f. Die frühesten Götterbilder, die Herodot erwähnt, fallen in die Zeit des Kyros; die auswandernden Phokäer führen sie mit sich ( ἀγάλματα , Herodot I 664); es waren unbedingt ξόανα wie bei Äschylus (Sept. 166; 239; 248); gleichzeitig das vergoldete Holzbild des Apoll (Herod. I 69; Bronzeplastik gab es damals noch nicht). Mit Kultbildern, von denen hier die Rede ist, hat dagegen der Arion ( ib. I 24) und Kleobis und Biton ( ib. I 31) nichts zu tun. Übrigens wohnt bei Homer der Priester im Hain seines Gottes: Odyssee 9, 201. So lebendig war der Glaube an ein Erscheinen der Götter. Auch in die Schlacht mischen sie sich, um zum Kampf zu hetzen, ja, nahen in Liebe sterblichen Jungfrauen. Sie waren noch keine Götzen, noch nicht zur Statue erstarrt. Für das häuslich gesellige Leben aber ist die große Diele oder der langgestreckte Saal, den man sogleich vom Vorhof aus betritt, das Zentrum und der einzige Raum; in seiner Mitte der Herd, über dem im Dachausschnitt der Himmel offen steht. Da wird getafelt; da sitzt der Hausherr noch abends beim Fackellicht mit seinen Gästen; im Hintergrund die Fürstin, spinnend, den Gesprächen lauschend, von ihren spinnenden Mägden umgeben (die Gäste sind nur Männer; es sind Bürgersleute, die mit dem Landesherrn treuherzig verkehren), bis die Frau das Zeichen gibt. Das Licht erlischt, und man geht schlafen. Aber auch der zugereiste Fremde wird da empfangen. Nichts Großartigeres als die Gastfreundschaft in jenen Zeiten; es ist dieselbe schöne Gewohnheit, die der Südländer in gewissen Grenzen auch heute noch pflegt, die man auch bei den Beduinen erlebt. Aber sie ist nur zu begreiflich in den Zeiten – oder in den Ländern –, wo es noch keine Hotels gibt, kein »Gasthaus zur Traube« am Wege winkt, wo das Straßenwesen so unentwickelt und keine Wegweiser, keine 34 Anschrift den Namen des Orts, den man betrat, verriet. Daher ist für die Alten das Gastrecht heiliges Recht gewesen, über dem Zeus selbst waltet, der Schützer der Obdachlosen. Nur zu begreiflich ist aber auch die Neugier, mit der man den Fremdling aufnahm. Denn es fehlte auch noch jedes Nachrichtenwesen, die Post oder der Bote von Beruf, der in späterer Zeit alle Tatsachen weitertrug. Man lebte mit seinen Leuten in so kleinstädtischer Enge; mit Gier empfing man also einen Menschen, der aus der Fremde ganz Neues brachte, wahrte dabei jedoch äußerlich eine vornehme Reserve. Ob der Gast auch aus Feindesland kommt, »sei's von des Niedergangs, sei's von den Völkern des Aufgangs«, danach fragt man nicht; der Fremde plaudert schon von selbst, wie es ihm beliebt, wird dabei gebadet, gespeist, im Notfall gekleidet, sogar beschenkt, und erst beim Abschied nach dem Namen und der Herkunft gefragt. Auch bei den Lydiern herrscht übrigens dieselbe Zurückhaltung; s. Herodot I 35 über Krösus und Adrast. Dabei nennt man zugleich stets den Namen des Vaters; ja, es gilt im Gespräch bei der Anrede als unhöflich, den Namen des Vaters nicht mitzunennen, wie »Agamemnon, du Sohn des Atreus, ruhmvoller Völkerfürst«. Der bloße Rufname genügte zur Feststellung der Person nicht, Vgl. z. B. Ilias IX 644 und 651; dazu X 68. und auch Zeus, der Gott, heißt daher ständig der Kronide; denn er ist der Sohn des Kronos. Die Schicksale aber spielen oft wunderbar; Fürstensöhne können auch zu Knechten werden. Auf dem Meer treiben sich die phönizischen Kauffahrer um; sie sind zugleich Piraten. Eumäus ist Fürstensohn, wird aber als Knabe von solchen Piraten geraubt und in Ithaka an Laërtes, den Vater des Odysseus, verkauft. So wird er zum Sauhirten des Odysseus, der sich dann zeitlebens als treuester Diener bewährt. Anders wieder der Lebensgang des Patroklus. Er stammt aus der Landschaft Lokris; als Knabe erschlägt er im Zorn einen Gespielen; um ihn der Rache zu entziehen, verschleppt ihn sein Vater übers Gebirge nach Thessalien. Da wird er der Freund Achills, und diese Freundschaft ist es nun, die die Ilias 35 verherrlicht. Er lebt mit Achill vor Troja im selben Zeltbau, aber in dienender Stellung, kocht und brät, deckt den Tisch, führt Achills Rosse zur Schwemme, und doch ist er der Heißgeliebte. Als Patroklus stirbt, von Hektor erlegt wird, wird der Zorn Achills zur Raserei, und keine Grausamkeit kann ihm genügen. Durch keine Andeutung von Erotik entweiht Homer die Schilderung dieser Freundschaft. Ist die Odyssee die Verherrlichung der ehelichen Treue, so die Ilias die der Männerfreundschaft. Sie blieb das Ideal der Griechen. Das Thema der Ilias ließ sich verschieden formulieren. Helena weissagt VI 358, daß sie und Paris der Mittelpunkt des künftigen Heldengesangs sein werden. Die Ilias selbst beginnt dagegen mit der Themasetzung »singe mir, Göttin, die Menis Achills«; hier heißt μῆνις nun aber nicht etwa der Zorn, die Erzürnung, sondern die Anlage zum Zorn, die Zornmütigkeit, und der zweite Teil des Epos ist da schon mit angezeigt; daher heißt es im Proöm des 1. Buches weiter, daß seit der Entzweiung Achills mit Agamemnon die Menis viele Helden zum Hades forderte; dies tut sie im zweiten Teil der Ilias viel unmittelbarer als im ersten; ja, sie tut es nur im zweiten. Denn im ersten Teil der Ilias geschehen die Tötungen, wie sie z. B. Diomedes vollführt, doch nicht durch Achills Zorn, sondern des Diomedes Motiv ist lediglich Trojas Eroberung zu betreiben und dem Menelaos schließlich zu seinem Weibe zu verhelfen. Erst im zweiten Teil wird der Zorn Achills auf dem Schlachtfeld der tötende Blutvergießer, und nur hierauf treffen die Worte von der μῆνις im Proöm v. 3 zu: μῆνιν ἣ πολλὰς ἰφϑίμους ψυχὰς Ἄιδι προΐαψεν ἡρώων . Von dieser Erkenntnis hat m. E. die ganze Beurteilung der Ilias auszugehen. D. h. der Zorn Achills gegen Hektor ist als der Gipfel des Ganzen schon gleich im Vorwort mit angedeutet, welchem Zorn die Freundschaft des Achill und des Patroklus zugrunde liegt. Alles hängt organisch zusammen: der Zorn Achills auf Agamemnon hatte den Tod des Patroklus, der Tod des Patroklus den Zorn Achills auf Hektor zur Folge, welcher Zorn nun erst mit dem Blutvergießen anhebt. So war denn, wie ich sagte, die Dichtung von vornherein als eine Verherrlichung der Männerfreundschaft gedacht. Freilich nur das Ideal; wir finden nicht, daß sie es oft verwirklicht haben.   7. Die Kunst Wohnung, Ernährung, Spinnen und Weben, Tischlern, Korbflechten, Hausordnung, Familiensinn, nachbarlicher Verkehr, dazu auch Ballspiel der Jugend, die Jagd, der Sport, Scheibenwurf, Ringen und Faustkampf, endlich der Tanz, der Unterricht im Lautenspiel: alles das geht noch nicht wesentlich über die Kulturbedürfnisse der Häuptlinge besserer Negerstämme hinaus, wie die Afrikareisenden sie uns schildern. Auch die Schiffahrt, die in der Atridenzeit nur die Fürsten organisieren, Dies zeigt schon der Schiffskatalog im 2. Buch der Ilias. Da die Arkader als Binnenländer keine Schiffe haben, stellt Agamemnon ihnen solche zur Verfügung (II 614). ist noch so zaghaft und unentwickelt. Wir hören nichts von geregeltem Überseeverkehr von Küste zu Küste, erst recht nicht in die Ferne nach Sidon oder zum Nil. Vgl. S. 23 Anm. "Die Griechen bauen sich ihre Schiffe...". Zehn Jahre lang blieben die Kämpfer vor Troja ohne Nachricht aus ihrer Heimat. Es ist schon viel, wenn die Achäer sich einmal Wein aus Lemnos nachkommen lassen: Ilias VII 467 f. Sonst beziehen sie Wein aus Thrazien: IX 72. Entwickelter war dagegen die Kriegsführung. Strategischer Weitblick: um Troja zu isolieren, wird zuerst alles Umland erobert. Stolz sind die Fürsten auf ihre Bewaffnung; aber die Waffen der Trojaner und ihrer Verbündeten sind die gleichen. Diese Waffen waren, wie wir schon feststellten, nach asiatischem Muster großenteils wohl auch in Asien gefertigt. Die griechische Schmiedekunst war noch nicht imstande, sie 36 ausreichend zu liefern, Nur der erzbeschlagene Lederschild des Ajax stammt von einem Böotier, das wird besonders hervorgehoben: Ilias VII 220. Spätere Zeugen rühmen dann die böotischen Waffen; s. O. Müller, Orchomenos S. 131 und 491; Blümner a. a. O. IV S. 74. und ebenso stand es nun damals anscheinend mit der plastischen Kunst auch sonst. Alle wertvolleren Kunstgegenstände waren Import. Auffällig ist schon, daß die Schilde der Kämpfer, wenn wir von dem Wunderschild Achills absehen, Nicht nur der Schild Achills stammte aus der Schmiede des Gottes Hephäst, sondern auch der des Diomedes: Ilias VIII 195. des Bildschmucks, d. h. der Wappenzeichen noch entbehren. Ausnahme nur die Gorgo auf dem Schild Agamemnons (Ilias XI 36). Erst die Kampfszenen auf den Vasenbildern zeigen regelmäßig solche Wappenzeichen. Erst in der Folgezeit sind diese üblich geworden. Die Waffe war also noch ganz unpersönlich, weil im Kauf erhandelt. Die Eisenschmiede der Griechen stellten zumeist nur Nägel, Spaten, Pflugschare und Lanzenspitzen her. Die Landleute holen sich Eisen für den Pflug aus der Stadt: Ilias XXIII 853. Das tun auch die Wilden. Gelegentlich konnten sie auch als Goldgießer Hilfe leisten; sie vergolden die Hörner des Opfertieres, haben jedoch das Gold dazu nicht selber in Vorrat, sondern der »König« muß es ihnen liefern. Vgl. Odyssee 3, 425–432. Der goldbeschlagene Bogen des Pandarus ist asiatisch: Ilias IV 110. So wird uns nun auch von keinem Kunstgebilde bei Homer je angedeutet, daß es der Heimatkunst entstammt, oft dagegen ausdrücklich das Gegenteil. Das kann nicht Zufall sein. Am schön verzierten silbernen Becher freuen sich die Helden; die Becher stammen aber aus Sidon, und die Sidonier heißen die Kunstbeflissenen ( πολυδαίδαλοι ), nicht die Griechen, Vgl. Ilias XXIII 743. Aus Sidon auch der Krater Odyssee 4, 617. und so fort. Weitere Beispiele. Aus Phrygien stammt der Metalldiskus, der den Kampfspielen der Achäer dient (Ilias XXIII 826), aus Kleinasien auch der schöne Pferdeschmuck IV 141 f.; aus Cypern ein Harnisch, auf dem oben drei bläuliche Schlangen gearbeitet sind (VIII 195); vgl. dazu den aus Cypern geschenkten Harnisch Agamemnons, XI 20. Wie wenig Erfahrung man noch hatte, zeigt die Bemerkung, daß das Gold fester und undurchdringlicher als das Erz sei (XX 268 und 272), sowie die andere, daß auch das Zinn, κασσίτερος , für den erzenen Speer undurchdringlich, XXI 592. Die Herkunft erfahren wir nicht von dem Riemen des Wehrgehenks des Herakles, auf welchem Eber und Löwen und Schlachtenszenen gebildet waren (Odyssee 11, 610 f.), es heißt da nur: wer das gemacht hat, wird nie Besseres schaffen wollen. Das Zepter Agamemnons hat der Gott Hephäst geschnitzt (Ilias II 101); derselbe Gott die metallenen Hunde Odyssee 7, 91. Natürlich geht die Kunstleistung überall, wo der Gott schmiedet und schnitzt, über das Leistungsvermögen des Griechentums selbst hinaus. Ja, daß die Fabrikate des Gottes als auswärtige Kunstwerke zu betrachten sind, kann vielleicht aus Odyssee 4, 617 erschlossen werden, wo ein solches zugleich als Arbeit des Hephäst und als sidonisch bezeichnet wird. Nur in Troja, nicht in Griechenland werden Kleider mit eingewirkten Bildern gewebt, welche Bilder Vorlagen in Malerei voraussetzen. Ilias III 126, XXII 440. Auch das scheint asiatisch. So müssen nun also auch die z. T. so schönen Kunstwerke, wie die Dolchklinge mit der Löwenjagd, die in den Schachtgräbern Mykenes gefunden sind, importiert gewesen sein, oder die Dynasten der Griechen haben sich aus Kreta Techniker, die solche Dinge bei ihnen herstellten, kommen lassen. Angesichts der S. 36 , Anm. "Weitere Beispiele..." zusammengestellten Zeugnisse und der Tatsache, daß Homer wohl den Beruf des Architekten, nicht den des Plastikers kennt, vermag ich den Gelehrten nicht zu folgen, die eine mykenische Metallplastik als einheimische Kunst voraussetzen. Daß die gleichzeitigen Arbeiten in Kalkstein jenes Kunstkreises so viel unbeholfener als jene sind, erklärt sich eben daraus, daß diese von heimischen Arbeitern stammten, die Metallkunstwerke nicht. Die fremden Künstler haben allerdings gewisse Motive, die lokalen Charakter tragen, wie Spiralen, Buckel, Knöpfe, konzentrische Kreise, als Schmuck verwendet; dies geschah jedoch in Nachahmung dessen, was die Einheimischen in schlechterem Material anzubringen gewohnt waren, sie nahmen naturgemäß einheimische Motive auf. Dazu kommt nun aber so vieles, was nach auswärts weist. Kretische Kunstwerke werden von Homer als Vorbild ausdrücklich erwähnt (Ilias XVIII 591). Schon oben sahen wir, daß Menelaus oft nach Kreta reiste (III 233). Außer Kreta kamen aber auch Ägypten und Asien in Betracht. Nichts verräterischer als die in Mykene gefundenen Straußeneier, auch die mykenischen Glasperlen, die Homer nicht kennt. Auch der Schmuck des Löwentors Mykenes muß nach auswärtiger Vorlage gemacht sein; denn der Schaft der Säule zwischen den Löwen ist hier unten dünner als oben; sie ist also eine Nachahmung der Palme, auf die dasselbe zutrifft, sowie auch die Goldbecher von Amyklä Stiere unter Palmen zeigen; die Palme aber wuchs nicht in Griechenland. Endlich stammt auch die Kunst der eingelegten Metallarbeit, die Tauschierkunst, wie Hephäst sie übt und wie die mykenischen Dolchklingen sie zeigen, aus dem Orient; s. Blümner a. a. O. IV S. 270. So auch die schöne, farbige Ornamentik im Saal von Tiryns. Es war so, wie im 17.–18. Jahrhundert die deutschen Duodezfürsten ihre Schlösser von Italienern und Franzosen dekorieren ließen. Es kam nur darauf an, daß man zahlungsfähig war. Das waren aber nur wenige der griechischen Kleinfürsten. Wunderbar schien die Palastfront des Menelaus in Sparta; sie strahlte »wie der Mond und die Sonne«, 37 ebenso auch das Innere des Palastes in Gold, Silber und Elfenbein. Vgl. Odyssee 4, 45 und 72 f. Ebenso wunderbar auch der Palast des Alkinous. Das Gesims oder der Fries aus blauem Glasfluß daselbst (7, 87) entspricht dem Alabasterfries im Palast von Tiryns. Daß das Geschmeide aus Gold und Elektron, von dem wir 18, 296 lesen, durch phönizische Händler in den Besitz der Leute auf Ithaka kam, leidet nach 15, 459 keinen Zweifel. Aber nur das edle Material wirkte da blendend, von bildlichen Darstellungen hören wir nichts. Des Odysseus Verhältnisse auf Ithaka waren dagegen so bescheiden, daß Menelaus sich erbietet, ihn in seinem Lande anzusiedeln, ihm eine Stadt zu schenken. Odyssee 4, 175 f. Sonst hat Homer für Architektonisches wenig Worte übrig. Besonders nett schildert er die herrschaftliche Götterwohnung des Zeus und seiner himmlischen Angehörigen, die den Königsburgen entspricht und die auf dem Gipfel des Olymp, den wohl noch kein Menschenfuß betreten hatte, vom Gott Hephäst erbaut wurde. Die goldenen Stuben, jede für einen Gott, liegen da nach dem Herkommen parataktisch nebeneinander. Man legte sie noch nicht um einen Innenhof. Diese Architektur aber war griechisch, so auch die schon oben erwähnten Baureste, die erhalten sind. Nichts bewundernswürdiger als das Fürstengrab in Mykene, das man fälschlich das Schatzhaus Agamemnons nennt, ein kellerhaft in die Erde getriebener Rundbau und Kuppelbau feinster Raumwirkung. Ähnliches bietet z. B. auch Orchomenos und Menidi in Attika. Homer aber hatte keinen Blick für solche Katakomben, die der Vorzeit angehörten. Nur vier heimische Berufsarten geistiger Art kennt Homer und nennt sie ausdrücklich: den Architekten, den Seher, den Arzt, den Sänger. Der Maler und der Bildschnitzer fehlt. Bei der Kunst des Sehers verweile ich nicht. Sie war halb ehrliche Divination, halb geschickte Täuschung des Publikums, und sie diente den Fürsten. Weit nennenswerter die Ärzte. Der Krieg hat sie groß gemacht, und sie sind daher fast nur Wundärzte, übrigens vornehme Leute, die als Söhne des Äskulap, also als Enkel des Apollo gelten Ilias II 732. und, wenn Krieg ist, auch ritterlich selbst mit zu den Waffen greifen. Ilias XI 832 und sonst. Den Blessierten zu helfen ist ihr Amt, und sie helfen mit Kräutersaft, schneiden aber auch als Chirurgen, Ilias XI 842 f. Über die Ärzte bei Homer vgl. A. M. Esser im »Humanist. Gymnasium« 1928, S. 170 f. Auch Patroklus funktioniert als Wundarzt XI 829; er hat wie Achill die Kunst offenbar von Chiron gelernt. und der Dichter schildert uns nun hundertfach die Verwundungen selber, die allerdings meist tödlich sind, und zwar mit einer 38 anatomischen Kenntnis, die von der antiken Medizin hernach kaum überboten worden ist: Gurgel, Leber, Galle, Zwerchfell, Blase usf. Sonst sind des Dichters naturwissenschaftliche Kenntnisse minimal; den Phänomenen, als da sind Wind und Wetter, Blitz, Sturmflut, Sternenlauf, Vulkanismus, steht er noch ratlos wie ein Kind gegenüber. Tabu, Tabu! Zürnende Götter oder böse Geister machen das alles. Woher nun das anatomische Wissen Homers? Tausendfach wurde eben in der Schlacht gestorben. »Einförmig stellt Natur sich her, doch tausendförmig ist ihr Tod.« Wie der Metzger das Innere des Tieres genau kannte, hat der Wundarzt danach mit großer Sicherheit das Innere des Menschen zu erraten gelernt. Als gefährlich galt vor allem der Stoß in die Weichteile, in die Leber. Ilias XX 469. Von innerer Medizin hören wir dagegen wenig. Ein Familienvater ist krank und wird wieder gesund, aber kein Arzt hat dabei geholfen, Odyssee 5, 394 f. und der Pestseuche im Heer versuchen sie gar nicht entgegenzutreten. Von Heilkräutern weiß man wohl, aber die Frauen sind's, die sich besonders auf sie verstehen – so auch Helena –, Vgl. Ilias XI 740; Odyssee 4, 219 ff., wo Helena von ägyptischen φάρμακα redet, da sie auf der Heimfahrt mit Menelaus nach Ägypten verschlagen wurde. und mit ihrer Hilfe werden diese Frauen wie Medea und Kirke schließlich zu Zauberinnen, die nicht Heil, sondern Unheil bringen. Alles das klingt schön und gut. Aber das griechische Genie verkündet sich darin noch nicht. In den Dichtern hat es sich zuerst entfaltet. Der Dichter ruft seine Muse an, und es wirkt völlig überraschend; das Unerwartetste stellt er vor uns hin. In seinen Gesängen und in ihnen allein offenbart sich die seelische Kultur, die für uns den Anfang der Dinge bedeutet und deren Hochstand trotz aller Rückständigkeit in technischen und gelehrten Dingen schon damals vom Griechenvolk erklommen wurde. Wie mancher, der den Homer heute liest, blickt mit Neid auf jene Zeiten. Ein starker Odem, ein Hauch frischester Jugend weht uns aus seinen Epen an. Der erste großartige Schöpfungsakt ist damit geschehen, eine Spiegelung der Welt; 39 aber es ist ein Schauen im Wort, und erst danach konnten die bildenden Künste folgen. Geschaffen wurde ein Bild des Menschentums jener Zeiten, das realistisch seine belebten Züge der Wirklichkeit entnahm, aber mit Auslese das Gemeine zurückdrängte, den edlen Typus der Gattung »Mensch« dagegen sich in reicher Mannigfaltigkeit der Abtönung vor uns ausleben läßt, im aufpeitschenden Tumult der Leidenschaften, aber auch in allerlei Seelenregungen feinster Art, und auch in der Leidenschaft kann sich noch die Noblesse zeigen. Der Vortrag war Gesang, d. h. ein singendes Rezitieren ohne bestimmte Melodik. Er geschah zum Saitenspiel. Jene Kleinfürsten aber sind es gewesen, die im Verlangen nach edlem Ruhm den Beruf des Kunstsängers schufen, indem sie ihn wirtschaftlich sicherstellten. Der Poet gehörte zum Hofpersonal. Durch die Burgherren ist damals die stammelnde Volkspoesie emporgesteigert worden zur Kunstdichtung, die planvoll arbeitet und sogleich im Aufbau und in der Plastik der Schilderungen Meisterhaftes leistet. Die Themastellung macht alles; das große Thema verlangte und schuf die große Form. Vergessen wir aber nicht: die Beredsamkeit kam der Dichtung zu Hilfe. Römer wie Griechen sind von Natur zur Debatte, sie sind zur Redekunst hervorragend veranlagt gewesen. Schon bevor es in Rom eine Literatur gab, kämpfte man dort in Senat und Comitien mit dem schlagenden Wort, Über die Anapher als rhetorisches Mittel, das sich schon im Umbrischen wie bei Plautus, bei diesem ungleich häufiger als im Griechischen, findet und das sich damit als echt italisch erweist, findet man Nachweise bei H. Donnermann, De anaphorae apud Romanos origine et usurpatione, , Marburg 1918. um so ungebundener, solange man noch nichts niederschrieb; und so zeigen auch die Volkshirten Homers eine Freude am Sprechen und dazu schon eine Kunst der Rhetorik, die uns völlig überrascht, aber sicher ein Abbild der Wirklichkeit gibt. Der Dichter gab Erzählung. Es war nun aber für ihn ausgeschlossen, da er eine Buchschrift und Steinschrift noch nicht gab, in Prosa, die sich nicht memorieren läßt, zu erzählen. Ein Versmaß war also nötig, und der Hexameter 40 wurde, wir wissen nicht, wie früh und aus welchen Anfängen, Die vergleichende Metrik hat uns zum Verständnis des Hexameters wenig Überzeugendes geboten; man wird für die Analyse des Verses von Fr. Schuchardt, De Graecorum versibus quorum membra ambitu increscant , Marburg 1915, ausgehen müssen. geschaffen, ein vielsilbig majestätischer Vers von breitem Fluß, dessen Gestalt zugleich der feinsten Nuancierungen fähig ist und der, so alt er ist, auch noch heute sich in der Hand der besten unserer deutschen Dichter als klang- und charaktervoll bewährt hat. Wie der Herold, ist bei Homer auch der Sänger Vertrauensmann des Fürsten; er ist als solcher hochgeehrt; zumeist höheren Alters. Daher läßt ihn Agamemnon, als er in den Krieg geht, sogar als Hüter der ehelichen Treue bei seiner Frau zurück. Odyssee 3, 267. Einmal tritt aber auch ein blinder Sänger auf; hernach wurde es herkömmlich, daß die Blinden sich dem Dichterberuf widmeten, und so galt Homer, diese mythische Figur, selbst als blind; ja, sein Name selbst bedeutete den Blinden. Die Überlieferung, daß die Blinden ὅμηροι heißen, wird durch die Etymologie gerechtfertigt: ὅμ-ηρος gehört zu ἀπαρίσκω und heißt der Mitangefügte, weil der Blinde nicht ohne Führung auftritt; auf das schlagendste wird dies bestätigt durch Euripides frg. 816 N: τυφλόν προνγητῆρος ἐξηρτημένον . Im selben Sinne hieß auch die mitgeführte Geisel ὅμηρος . So will sich nun auch der Dichter des homerischen Apollohymnus, indem er sich τυφλὸς ἀνήρ nennt, damit als ὅμηρος bezeichnen. Genaueres in der Kritik und Hermeneutik S. 89 f. und 247 f. und »Von Homer bis Sokrates«, 3. Aufl. S. 429 f. Nie aber vor dem Volk auf dem Markt, sondern nur beim Gastgelage der Herren singt solcher Barde, eine Institution, die man auf den Willen der Götter zurückführte. Odyssee 17, 271. Ernsthaftere Beratungen der Männer fanden erst beim abendlichen Weintrunk statt; Odyssee 7, 155 ff., 11, 335 ff. So halten es darum auch die Götter, Ilias IV 4. Vgl. Plutarch, Symposiaca VII 9. Dasselbe galt bei den Persern, den alten Germanen, dasselbe bei den Umbrern: plenasier urnasier (F. Bücheler, Umbrica S. 29). Ergötzung geistiger Art dagegen brauchte man beim Speisen. Da findet der Sänger sich ein, und davon ist auszugehen. Reden wir also zunächst vom ganz Banalen, vom Speisen selbst.   8. Die Mahlzeiten Von der Volksernährung habe ich schon gehandelt. Sie war vorwiegend vegetarisch; nur am Festtag, wenn den Göttern geopfert wird, verspeist man das Opferfleisch zu ihren Ehren. Das Volk auf Ithaka sitzt dabei in 9 Abteilungen zu je 500 Menschen geordnet. Vgl. Odyssee 3, 7. Das Brot war Gersten- und Weizenbrot. Odyssee 20, 108. Transportiert wird das Mehl in Schläuchen. Im Feldlager wird das Brot an die Mannschaften durch die Schaffner verteilt. Diese Schaffner sind keine Soldaten, sondern die rechten 41 Schlachtenbummler; wird das Soldatenvolk zur Versammlung berufen, strömen sie mit herzu und haben da doch nichts zu suchen. Ilias XIX 44. Man speist Mittags und nochmals gegen Abend. Während dazu in Friedenszeiten die Dienerschaft das Kochen und Aufwarten besorgt, müssen sich im Kriege die Herren hübsch selber helfen. Man höre, wie es dabei im Blockhaus des Achill zugeht. Gäste kommen. Da ist es zunächst Patroklus, der den Wein mit Wasser mischt und den Trunk verteilt. Dann wird von ihm die Fleischbank aufgestellt, Rückenfleisch von Hammel, Ziege und Schwein daraufgelegt. Dann kommt Achill und schneidet es, während ein Dritter es hält, in Stücke. Die Stücke brät dann Patroklus an Spießen, nachdem er Salz daraufgestreut hat. Die Spieße drehen sich auf Gabeln. Achill verteilt dann die Stücke, Patroklus Brot an die Gäste, die schon Platz genommen haben. Achill setzt sich zu ihnen, während Patroklus noch den Göttern die üblichen Stücke opfern muß. Dann wird er sich auch mit zu Tisch gesetzt haben. Ilias IX 202 ff. Übrigens wurde auch in großen Kesseln das unzerlegte Schwein gekocht; man macht Feuer durch Reiben; die Holzscheite brennen; im Kessel brodelt das Wasser, und das Fett des Schweines schmilzt. Odyssee 21, 362. . Die Freier im Haus des Odysseus sind so zahlreich, daß sie an Einzeltischen essen müssen. Sonst vereinigte man sich an einem Tisch. Es gab anscheinend auch Ausziehtische. Ilias IX 216 und sonst. Dazu das τανύειν τράπεζαν Odyssee 1, 138 und E. Buchholz, Das Privatleben im heroischen Zeitalter II 2, S. 162. Ein Tischtuch fehlt im ganzen Altertum zumeist; Vgl. H. Blümner, Röm. Privataltertümer S. 389 f. man reinigte die Tischplatte mit Schwämmen. Und man saß damals noch bei Tisch; das Liegen wurde erst später üblich. Ein wie reichhaltiges Menü hätte der Süden nun den vornehmen Herren möglich gemacht: an Fischen und Wild, Obst und Gemüsen! Auch Geflügel mit Absehung von Hühnern wäre leicht zu haben gewesen. Aber sie waren noch keine Lukulle, und jede Abwechselung fehlte. Immer gibt es nur »Fleisch und Brot«, zumeist ohne Nachtisch; zur Auswahl stand Schweine-, Ziegen-, Rind- und Hammelfleisch. Als 42 Nachtisch erscheint einmal Ziegenmagen, mit Fett gestopft. Odyssee 18, 44. Dazu trank man immer nur Wasser mit Weinzusatz. Auch die Frauen waren, wenn sie dursteten, darauf angewiesen; ja, auch schon die kleinen Kinder bekommen Wein, wie die Bayern ihren Säuglingen schon Bier geben. Ilias IX 489. Das ägyptische Bier kam nicht nach Hellas. Wozu also die großen Obstgärten der Vornehmen? Denn in den großen Gärtnereien oder »Paradiesen«, die die Reichsten von ihnen anlegten, wurde nur Obst gezüchtet; Blumenbeete pflanzte man noch nicht. Nicht nur Alkinous, auch Tydeus besaß solche Parks mit Obstpflanzungen: Ilias XIV 123. Gärten und Felder werden auch schon künstlich bewässert: XXI 257 f. Blumenbeete aber fehlen noch. Wenn Mohn im Garten zu finden ist (VIII 306), so ist das Wildwuchs. Vgl. noch Odyssee 5,  72; Ilias XIV 348, auch II 468 und 695. . Wir müssen hoffen, daß die lieben Frauen zum wenigsten mit den Kindern sich an den prangenden Äpfeln und Birnen gütlich taten. Urteilen wir aber nicht vorschnell; denn der Küchenzettel läßt sich doch noch bereichern. Wir hören noch von einem absonderlichen Gericht, das man zum zweiten Frühstück genoß. Rohe Zwiebeln stehen im Metallkorb bereit; dazu gibt es Gerstenmehl in Honig sowie eine Weinsuppe, die wiederum mit Gerstenmehl etwas steif gemacht und in die Ziegenkäse gerieben wird. Ilias XI 623 ff. Wem wird danach die Zunge wässern? In Ermangelung des Löffels trank man die Suppe; sie muß also noch flüssig genug gewesen sein. Erfreulicher ist es, von der Hauptmahlzeit zu reden. Man hat sich zum Mahl versammelt. Ist der Kreis intimer, so setzt sich auch die Frau des Fürsten mit zur Tafel, nicht aber die Tochter. Helena, nicht die Tochter Hermione, speist mit an der Tafel des Menelaus; ebenso trifft Odysseus die Nausikaa nicht bei den geselligen Veranstaltungen ihres Vaters. Vor jedem Sessel steht ein Schemel. Kein Vorgericht; nur Fleisch und Brot wird vom Schaffner verteilt, und man greift mit den Händen zu: »Und sie erhoben die Hände zum lecker bereiteten Mahle.« Wirklich mit den Händen, als wäre man bei den Indianern und Negern. Diese scheinbar barbarische Sitte herrscht durch die ganze sonst so ästhetische Antike von den Zeiten Agamemnons bis zu Kaiser Justinian. Es fehlten Messer, Gabel und Löffel bei Tisch. Ja, das ging noch durch das ganze Mittelalter weiter, und auch an der Tafel Karls V. und der englischen Elisabeth stand es schwerlich besser. Aus dem Leben der Antike S. 42 ff. 43 Man wird das nicht sehr appetitlich finden. Die vorgeschnittenen Stücke waren klein; man griff sie sich, so heiß sie waren, aus der Schüssel; man reichte sie sich von Hand zu Hand. Zum Beispiel Odyssee 16, 443. An den Fingern troff der Saft; man trocknete sie sich mit Brot. Dennoch zweifle ich nicht, daß bei guter Übung die Mißstände gering waren. Vorsichtig mit den Fingerspitzen griff man zu, und dabei ließ sich sogar viel Grazie entwickeln. Wir haben heut die Eßinstrumente; aber wie ungraziös werden sie oft angefaßt! Oder ein Jüngling zieht sich das Messer gar quer durch die Lippen, indes seine schöne Nachbarin das Mündchen weit aufsperrt, um den Löffel gründlich auszulecken. Kein Sophokles und keine Aspasia hat das getan. Es gab noch keine Maschinen. Die Hand war die Maschine des Altertums, und sie war Virtuosin in allen Dingen. Aber das Essen war mühsam; es erforderte die größte Achtsamkeit, und so sprach man während des Essens allermeist kein Wort. Erst wenn abgegessen ist, beginnen, wie wir fast durchweg sehen, die Gespräche. Vgl. Ilias XXIV 627 f.; II 430; VII 323, XI 842 f. u. a. Das war nur zu natürlich. Also man sprach nicht, aber man wollte hören, und dies wurde nun Anlaß zu dem, was uns jetzt beschäftigt. Aus dem Grunde des ganz Banalen erwuchsen in raschem Aufblühen die ersten klassischen Leistungen des griechischen Kunstgenies. Man wollte Unterhaltung; und der Sänger spielte, wenn Solotänzer befohlen waren, Balletmusik auf seiner Harfe, und es gab ein Tanzdivertissement. Odyssee 4, 18 f. Aber das genügte nicht. Bedeutende Männer verlangten das Bedeutende, und das Bedeutende wurde ihnen gegeben. Der Berufssänger wuchs mit seinen Zwecken; er wurde zum Dichter und Epiker, sein Vortrag ein Fabulieren von Schlacht, Zweikampf, Seefahrt und tausend Abenteuern ritterlicher Menschen, männlich alles und heldenhaft und erinnerungsvoll. 44   9. Der Glaube Was uns heut in den homerschen Epen, der Ilias und Odyssee, kunstvoll zusammengefaßt vorliegt, ist anfangs in Einzelstücken, die kaum eine Stunde füllten, bei den Gelagen zum Vortrag gekommen. Homer selbst zeigt uns das. Dabei bezieht er sich auf mündliche Tradition. Ilias XX 204. Aber er gibt uns nur eine Auswahl dessen, was damals gesungen wurde. Etwas eingehender versuchte ich dies auszuführen »Von Homer bis Sokrates«³ S. 430 Anm. 32 u. f. In diesen Poesien aber sind nun die besten Gedanken und schönsten geistigen Werte der Zeit niedergelegt. Nicht etwa die den Gottesdienst verwaltenden Priester, sondern die Sänger rein weltlicher Stellung waren die Denker jenes Zeitalters, sie waren die Lehrer der Menschheit für viele Geschlechter. Versuchen wir uns dies noch in Kürze zu vergegenwärtigen. Unter die Aristokraten, in die körperlich und geistig gepflegten Kreise – auch die Götter gehören dazu – führt uns der Dichter und handelt nicht vom Leben der Masse. Wieviel blöder Aberglaube steckte im Volk! Homer ignoriert es, schiebt es weg; so auch alles Ordinäre, was damals so gut wie heute über die Gasse scholl. Es ist schon viel, wenn er auf die Unzahl der Lügner hinweist, die auf Erden leben, Odyssee 11, 364 f. wenn er uns im Vorbeigehen auf der Gasse die Weiber zeigt, wie sie keifen oder am Backofen sich treffen und unerträglich plappern, Odyssee 18, 27; vgl. oben S. 16 . wenn bei ihm endlich der Ziegenhirt, der Rohling, dem braven Eumäus, der mit dem Bettelmann Odysseus daherkommt, das »Gleich und Gleich gesellt sich gern« an den Kopf wirft. Odyssee 17, 218. Dahin gehört auch der Demokrat und Rabulist Thersites. Der Vornehme, sagt Homer, zeigt schon auf den ersten Blick durch seine Erscheinung, daß er nicht zum Volke gehört; Ilias XXIV 347. und so ist alles gedacht, flott, aber fein; aristokratisch auch die Ethik, auch das Abfinden mit dem Schicksal und dem Tode. Natürlich, daß in der wilden Schlacht der Sieger 45 aufjauchzt, wenn er den Gegner stürzen sieht. Drohung und Hohn ist, wo Gott Mars regiert, am Platze. Ins Kannibalische aber verfällt nur Achill in seinem Rasen; er fällt aus der Norm und ist als Übermensch gezeichnet, stierhaft unversöhnlich bis zum Letzten. Da Hektor den Patroklus erlegt, will er Hektors Fleisch roh verschlingen. Ilias XXII 346, vgl. IV 35; XXIV 212. So schrieb aber auch ein Niebuhr im Jahre 1822 in seiner Wut gegen die Türken: »wenn ich so viel zu leiden gehabt hätte von den Türken, so würde ich nicht nur morden, sondern das Blut von meinem Messer ablecken!« S. Karl Dieterich »Aus Briefen und Tagebüchern zum deutschen Philhellenismus« (1928) S. 35. Ganz anders dagegen, wenn der kluge Nestor, um die Schlaffheit der Seinen im Kampf aufzustacheln, lockend ruft: »wir halten durch, bis wir die Weiber des Feinds beschlafen.« Ilias II 355. Das ist Kasernenstil; naturwüchsig; so lockt man die rohe Masse. Empörend wirkt, wenn einmal ein Wüstling seinem Opfer mit Kastrierung, Nasen- und Ohrenabschneiden droht, Odyssee 18, 87. was uns an die schauerliche Justiz im Perserreich gemahnt. Das sind vereinzelte Exzentrizitäten, die der erregte Augenblick schafft, die drastisch erschütternd wirken, aber das sittliche Niveau des Ganzen so wenig stören wie eine Sturzwelle das Niveau der See. Soll ich die Tugenden der Helden aufzählen? Mannhaftigkeit (Areté) steht obenan; dazu gehören Gerechtigkeit, Frömmigkeit und Besonnenheit, die Grundpfeiler der späteren Tugendlehre; Homer kennt diese abstrakten Wörter noch gar nicht, aber er kennt die Sache. Aus der Art, wie die Menschen bei ihm sich verhalten, kann man einen Sittenkodex entnehmen, und man hat ihn daraus früh entnommen, der der Griechenwelt diente und auch unsrer Jugend noch dienen kann. Da gibt es keine Kontroversen; Väter und Söhne sind sich einig in den Forderungen des Richtigen. So aber auch im Religiösen. Es herrscht ein unzerrissener Geist. Man ist gläubig und steht viel zu aktiv im Treiben des Lebens, um sich mit Zweifeln aufzuhalten. Ein vereinzeltes Beispiel für Mißtrauen gegen die Gottheiten ist Ilias XXIV 63, wo Apoll ἄπιστος heißt, weil er auf der Hochzeit des Peleus und der Thetis musiziert, also ein Hochzeitslied zu Ehren der Thetis begleitet hat und nun doch gegen Achill, der aus dieser Hochzeit hervorging, sich feindselig verhält. Es fehlt jede hohlwangige Dogmatik, des überlebten Gedankens Blässe. Das Leben blüht. Die Darstellung ersetzt die Lehre. Ein sittlicher Instinkt waltet; wir nennen es Takt, und er beherrscht die Gesellschaft. Das Volk glaubte an Hexenspuk und Zauber niedrigster 46 Art. Alle sogenannten Götter waren ihm nur Gespenster; so blieb es noch lange. Unheimlich alle Bewegung in der Natur, die uns umgibt; alles unpersönliche Geschehen ist dem Naiven unverständlich. In den Dingen selbst steckt die Tücke der Geister, für die man, um sie beschwören zu können, einen Namen erfindet: im Gewitter, in den Schlünden der Erde, im Walddickicht, in jedem stürzenden Gestein, im knisternden Ofen, im Blick des Feindes, in Eulen und Schlangen. Homer, das heißt: die Phantasie der höherstehenden Gesellschaft, lüftete wunderbar befreiend den Seelendruck, die Angst des Wahns, und hob die Gottheit in den Himmel; es wirkte wie Verklärung. Über dem Erdendasein der Sterblichen atmen nun in der Höhe Geisterwesen, die selig, aber uns ähnlich sind, wie im christlichen Dom die Gemeinde überwölbt wird von der Glorie der Engel oder Gottesboten und der Dreieinigkeit in excelsis , Geister, die unantastbar und ewig ungefährdet leben und deren Zweck und Beruf ist, lediglich über uns zu wachen und unsre Sorgen zu teilen, allgegenwärtig, hilfreich, aber auch zu strafen bereit. Das war das Neue. Homerische Religion, ein erstes Wunderwerk hellenischer Phantasie. Der Mensch schafft sich Gott nach seinem Bilde. Der Idealgrieche steht in Zeus und den Seinen vor uns. Die Ewigkeit wird diese Phantastik nicht vergessen. Aber Zeus, der gerechte und freundliche, der allmächtige Hüter der Ordnung der Welt, genügt nicht; Hilfsgötter um Zeus sind nötig sowie jene Engel und Erzengel um den Gott Zarathustras und des Christentums. Und der Mensch fühlte sich nun auch diesen Göttern nahe; denn sie haben seine Natur: ein lebendigster Glaube, ein Nahegefühl, das nur, wer selbst im Süden und unter der Sonne Homers lebt, begreift. Sie sind Personen mit feinstem Profil, steigen so in irdischer Gestalt zu uns nieder, beraten den Kämpfer oder den Reisenden mit persönlicher Zusprache, werfen dem Schiffbrüchigen den helfenden Schleier zu und suchen in Liebe das jungfräulich unberührte 47 Erdenweib, um Helden zu zeugen, das ist, um die Menschenrasse zu heben. Der ganze Adel der homerischen Welt hat Götterblut. Der Adel leitet sich gleichsam grundsätzlich von den Göttern her, und zwar zumeist nur in der dritten Generation, wie z. B. Zeus den Deukalion zeugt, Deukalion den Minos, Minos den homerischen Helden Idomeneus (Ilias XIII 450 f.). Wenn W. Otto a. a. O. S. 69 von einer unüberbrückbaren Kluft redet, die den Griechenmenschen von seinen Göttern trennte, so gilt, wie man sieht, für die homerische Welt und für alles, was hernach von ihr beeinflußt blieb, das Gegenteil. Aber sie sind mehr als wir; sie sind nicht nur unberührt von Tod und Schicksal, sie können auch das Wunder, das Naturwidrige, schaffen, und ein poetischer Märchenschimmer umgibt sie, der mit dem düster Spukhaften des Volksglaubens wenig mehr gemein hat. Die Luft trägt sie über der Erde; in Vögel können sie sich wandeln und gleichzeitig hier und dort sein, wenn Gebete sie rufen. Vgl. Ilias XVI 515. So ist denn das ganze Leben des Griechen mit Frömmigkeitsbezeugungen durchsetzt. Kein Mahl, bei dem die Götter nicht Gast sind, keine wichtigere Handlung, ohne daß der Mensch betet. Mit Aufblick betet man zu Zeus, streckt dabei auch die Hände himmelwärts. Ilias XIX 257; III 275. Aber was man will, ist immer nur Hilfe; denn Beten ist Bitten. Man bittet nur, aber man dankt nicht. Das ist ein Zeichen der Kindlichkeit der Antike: Gotteskindschaft. Denn auch das Kind, das andrängend zur Mutter kommt, weiß nur zu bitten, weiß noch nicht zu danken. Wer schuf den Kosmos? wer schuf Himmel und Erde? und woher stammt das Menschengeschlecht? Diese denkenden Menschen fanden noch keinen Anlaß, danach zu fragen. Zeus heißt zwar πατὴρ ἀνδρῶν τε ϑεῶν τε . Aber das heißt nicht »Vater der Menschen und Götter«, und wir dürfen den Artikel τῶν , den Homers Sprache noch nicht kennt, hier nicht ergänzen. Jene Übersetzung wäre falsch; denn Zeus war ja nicht Vater »der« Götter, sondern nur etlicher Götter; Poseidon, Hera, Nereus u. a. hat er nicht gezeugt. Somit ist zu übersetzen: »Vater von Göttern und Männern.« Dabei ist daran gedacht, daß Herakles, Deukalion, Dionysos, Perseus u. a. Helden oder Halbgötter seine Söhne waren. Töchter sterblichen Geblütes fehlen; solche hat Zeus nicht in die Welt gesetzt. Daher heißt er nicht πατὴρ ἀνϑρώπων , sondern nur ἀνδρῶν . Die Frage nach der Herkunft des Menschengeschlechts ist damit also nicht beantwortet. Aber ein anderes »Woher« war dringender: woher stammt das Böse? Denn der Mensch, der in Konflikten lebt, mochte sich das täglich fragen. Aber die Antwort ist anders als die Zarathustras und seiner Nachfolger. In der Religion Homers gibt es kein Prinzip des Bösen, und der gräßliche Teufel fehlt in der Antike. Keine als Person gedachte überirdische Macht will grundsätzlich das Böse. Das war konsequent gedacht. Schrecklich und bösartig schien freilich der Vulkanismus, so auch das Meer im Sturm; dem Meer ist der Vulkanismus benachbart, und so steht neben den Erdengöttern der wild daherfahrende Meeresgott Poseidon, der mit seinem Dreizack 48 die Wogen aufwühlt oder ihn in die Erde stößt, und Inseln und Wohnstätten versinken und Gebirge steigen auf, wo sie nicht waren. Aber das sind Nöte der Physik und nicht der Ethik. Auch lebt der Mensch nicht auf dem Meer; er ist wie Zeus auf dem Festland heimisch; den Göttern des Festlandes gilt vor allem das Vertrauen, und die Lehre geht: »Wer auf die Götter hört, den hören auch die Götter.« Deutlicher: »Werke der Bosheit sind ihnen zuwider; sie ehren den Mann, der sittsam handelt.« Vgl. Ilias I 218 und Odyssee 14, 83. Woher nun in uns die verderbliche Leidenschaft, die tausendfach unser Glück zertrümmert? Eris, die Göttin des Haders, wirft ihren Erisapfel unter die Könige, und der Streit ist da. Das ist wegweisend. Die Götter wirken alles; sie wirken im kritischen Augenblick das Gute, das wir tun, ebenso auch das Schädliche und Schändliche. Unser innerer Impuls ist in Wirklichkeit ein Stoß von außen, göttliche oder dämonische Einflößung. Gleichwohl und dennoch lohnen die Götter das Gute, strafen das Böse, zu dem sie uns trieben. Das bleibt ungelöstes Problem; wir können es nicht rechtfertigen, aber müssen es glauben. Nicht Helena selbst war schuld an ihrer Entführung, sondern die Liebesgöttin, Ilias III 164. kein Gott aber wendet das Unheil ab, das darauf folgt. Ganz ebenso im Guten. Achills großmütige Barmherzigkeit dem Priamus gegenüber am Schluß der Ilias bildet den ethischen Höhepunkt des Ganzen; aber es heißt auch hier wieder: Zeus gab ihm das ein. Ein Gewissen gibt es zwar; aber es wirkt wiederum nur von außen; die Erinyen sind es, die den Muttermörder Orest über die Lande hetzen, bis er durch eine höhere göttliche Instanz entlastet wird. So sind die Götter auch Schuld daran, daß Odysseus einschlief bei den Heliosrindern; trotzdem straft Zeus den Raub der Tiere (Odyssee 12, 372 und 387). Derselbe Gott ist Schuld an des Ajax Ende (11, 559); er ist es, der dem Mann, der verknechtet wird, die Hälfte seiner Tüchtigkeit nimmt (17, 322). Aber auch den Vatermord verhindern gelegentlich die Götter (Ilias IX 459). Der Belege gibt es noch viel mehr, vgl. »Von Homer bis Sokrates«³ S. 39  f. und 443 Anm. 37, 464 Anm. 17. Übrigens gilt der Satz: jede große Natur ist reich begabt zur Sünde wie zum Segen. Für den Achill Homers, aber auch für die Völker trifft er zu, für das griechische Volk sowohl wie für das der Römer, bei jedem von ihnen in anderer Weise. Aus der Gottheit aber, d. h. aus der höheren Notwendigkeit fließt beides, der Segen wie die Sünde; das zu 49 glauben beruhigt das Herz des antiken Menschen, und er folgt unbekümmerter als wir seinen Instinkten, dem Schicksal, das nicht nur über uns, sondern auch in uns wirkt, skrupellos ergeben, und genießt so tatenfroh jede Stunde und die Gaben des flüchtigen Augenblicks, bis etwa doch das Unheil über ihn kommt; denn die Gottheit straft, wie gesagt, die Verfehlung, als hätte sie nicht selbst dazu den Impuls gegeben. Vgl. die Phaedra, das Schicksal des Xerxes u. a. Wohl läßt sie sich durch reuige Bitten erweichen; aber »diese unsre Bitten sind nur allzu träge im Lauf; die Schuld dagegen rennt schnellfüßig durch alle Länder und bringt uns Schaden und Verderben«. Ilias IX 502 ff. Die schwierige und ewig ungelöst gebliebene Frage nach Gott und Schicksal und wie weit die Vorbestimmung über den Willensentscheidungen des höchsten Gottes steht, lasse ich hier unerörtert. Das Epos äußert sich darüber verschieden, je nach dichterischem Bedürfnis. Dies ist am eingehendsten sophistisch ausgesponnen bei Lucian im Ζεῦς ἐλεγχόμενος Das soeben Ausgeführte aber wird davon nicht berührt.   10. Ethisches und Ästhetisches So weit der Glaube. Wo das Wissen versagt – und was wußte der homerische Mensch von der Naturgesetzlichkeit im All? –, da ersetzt der Glaube das Wissen, und der Glaube ist es, der dem Menschen die sittliche Haltung gibt. Aber nicht nur er; wir sehen, wie auch der Unglaube eigenartig richtunggebend mitwirkt. Es ist die Frage: wozu wird man geboren und was ist Ziel und Zweck des Lebens? Der homerische Junker denkt wie der Jude des alten Testaments: es gibt kein Nachleben und Werden nach dem Tod; es gibt nur ein Diesseits für die Lebendigen. All unser Streben ist nichts als ein Blühen und Welken. Des Sterbenden Seele flattert welk durch den Erdspalt in den Orkus hinab, wo es schattenhaft nur Bewußtlosigkeit gibt, die dem Nichtsein gleichkommt. Daher wird in der 50 homerischen Welt die Leichenkonservierung in tiefgelegten Gräbern, die das Volk sonst liebte, vermieden, und keine Spenden werden dem Scheidenden, als könnte er davon noch Genuß haben, mitgegeben. Das Volk fürchtete die Seelen der Abgeschiedenen, als lebten sie und gingen wie Gespenster um, und suchte sie alljährlich durch Opfer zu beschwichtigen. Die Herren, für die Homer dichtet, wissen davon nichts. Der Mann, der geendet, wird mit seiner besten Habe auf dem Holzstoß verbrannt, und kein tiefes Schachtgrab, das dem Versteck gleicht, nimmt seine spärliche Asche auf, sondern ein künstlich aufgeschütteter Hügel, der weithin sichtbar an den, der gewesen, erinnern soll. Diese Freigeister hofften nichts, ein energischer Pessimismus. Der Gewesene kommt dem gleich, der noch nicht geboren ist. Und nun die Folgerung: wie unser Leben sich nur im Diesseits auswirkt, so also auch die Strafe, die dem Schuldigen droht; alle Schuld rächt sich schon auf Erden. Die Götter sorgen dafür, daß noch vor dem Tode der Schädling gefaßt wird, und des Menschen Pflicht ist es somit auch, selbst Vergeltung zu üben, wenn ihm Unrecht geschah. Allemal tut er es im Sinne der Gottheit, im Namen des Schicksals. Orest erschlägt den Sünder Ägisth; Athene die kluge Göttin, billigt es ausdrücklich. Odyssee 1, 300. Odysseus vollführt den Freiermord; dieselbe Göttin leitet ihn dazu an. So auch die großen Kriege dieser Zeit; es sind Vergeltungskriege, Strafvollzug, Die Kriege sind Strafvollzug für Vergehen. Trefflich formuliert Menelaus die Ursache des trojanischen Krieges Ilias XIII 624 f.: Bruch des Gastrechts. Fürstenhaus gegen Fürstenhaus, und die Götter geben acht; sie selbst tragen Waffen, schmieden Waffen. Mag die Entscheidung lange schwanken, sie wenden den Sieg auf die Seite des Rechts. Was aber hat der Tugendhafte von seiner Tugend, da das Jenseits ihn nicht lohnt und kein Himmel sich öffnet? Es ist der gute Name allein. Um ihn geht alles. Er soll nachklingen bis über den Tod hinaus, und das genügt. Der Held geht ins Gefecht, um entweder den eigenen Ruhm zu mehren oder den Ruhm anderer. Ilias XII 328. Modellmenschentum, das war das 51 hochgestellte Ideal, rühmlich zu leben und zu sterben, um Vorbild zu sein auch noch für die Zukünftigen. Das ist Verewigung. Daher der starke Herzschlag dieser Edelleute, das mächtige Ehrgefühl. Aber es kam noch eins hinzu, und es sind vielmehr zwei Motive, die da walten; die Ehre und das Schöne. Auch das Schöne. Dies zeigen uns alle Gesänge Homers. Wir fragen nicht, ob damals wirklich Menschen von der Feinheit und Noblesse, wie der Dichter sie vorführt, anzutreffen waren. Aber ein Ideal hat er damit aufgestellt, und es war das Ideal der Zeit. Kultur beruht nicht auf Wissen, wie heut manche glauben. Denn was war damals das Wissen? Auch der so kenntnisarme Südländer von heute zeigt oft mehr Kultur als der vielwissende Gelehrte bei uns, der sich groß tut und doch ab und an wie ein Prolet beträgt. Ehrenhaft sein und schön sein zugleich: das steht, wie ich hoffe, auch heute noch als das Höchste vor uns. Es ist die Kultur der Seele. Homer weiß wohl auch von Menschen, die gerne Globetrotter wären und im Geiste über Land und Meer ihre Gedanken senden; sie möchten alles kennen; Ilias XV 81 f. aber es geschah eben nur in Gedanken, und keine seiner bedeutenden Personen zeigt uns in Wirklichkeit eine Forschernatur. Von den ethischen Forderungen war schon die Rede. Die Volksfürsorge obliegt den Herren, also soziale Gesinnung, sowie eine gerechte Justiz. Dazu kommt Ritterlichkeit, Furchtlosigkeit, Konsequenz im Handeln und Zuverlässigkeit in jeder Lage. Die eheliche Treue ist freilich nur der Ruhm der Frauen; den Mann verherrlicht vor allem, wenn er dem Freund die Treue hält. Männerfreundschaft blieb bei den Griechen gepriesen zu allen Zeiten; sie wird zur Leidenschaft, und die wildesten Teile der Ilias sind von ihr durchflutet. Aber die Treue greift noch höher; sie wird zur Vaterlandsliebe. Kein schönerer Tod als der für Haus und Herd; denn heilig ist der Heimatboden. Auch das geht durch das ganze 52 Griechentum weiter. Die Vaterlandsliebe ist Religion. Wenn Hektor fällt, trauern selbst die Götter. Alles das klingt schön; anderes berührt uns sonderbar. Dazu gehört das Weinen. Das ist pathologisch; aber die Rührseligkeit galt offenbar als Tugend, wie in den Romanen Jean Pauls, und zwar auch bei den Männern. Schon die alten Römer spotteten über diese weinenden griechischen Helden, und die Beispiele stehen schon bei Homer. Agamemnon wie Herkules haben lose Tränen. Ilias VIII 245; 364; XVII 648. Nichts drolliger als die Szene im Palast des Menelaus, wo während der üppigen Mahlzeit von den Nöten des sehr verehrten Odysseus erzählt wird. Sofort weint Helena, weint Menelaus, weint Telemach, weint auch dessen mit anwesender Freund, und sie können nicht essen, bis endlich dieser letztere verständig bemerkt, bei Tisch passe das Weinen doch übel, und rasch wendet man sich wieder zum Schmaus; aber ein Zaubermittel muß noch erst in den Wein geschüttet werden, damit der Appetit wiederkommt. Odyssee 4, 184 mit herrlicher Anapher κλαῖε  . . ., κλαῖε δέ , die auf Rührung berechnet ist. Männlicher zeigt sich zum Glück Achill, der nur sich die Speise versagt, wenn er Kummer hat. Dann aber die List und das Lügen. Es gehört zu den Virtuositäten, also Tugenden, des Griechen und wird gern bewundert, ist und war übrigens ebenso auch im weiten Orient beliebt. Auch die Götter Homers, oder zum wenigsten die Göttinnen genieren sich nicht. So lügt die Göttin Hera ihrem Zeus auf das Dreisteste ins Gesicht. Ilias XIV 200 f. So aber auch Gott Hermes XXIV 390 ff. Gewiß eine Laxheit der Helden- und Göttermoral. Aber nicht allen haftet sie an. Achill blickt mit Empörung darauf; er haßt alle Verstellung wie die Hölle. Ilias IX 312. Er ist der Große, der auch im Kampf den Hinterhalt nicht kennt; er wäre, um Troja zu nehmen, nie mit in das hölzerne Pferd gestiegen. Und doch war diese Lüge eine Kostbarkeit; denn sie erfordert Phantasie; sie wird zur Kunst. Es entsteht die Dichtkunst, d. h. die Kunst des freien Fabulierens. Der Grieche selbst nannte das Dichten Lügen; Lügnerinnen heißen die Musen. Wir nennen es Täuschen. Der Erzähler erfindet 53 frei, aber glaubhaft, und der Hörer wird angenehm getäuscht. Das Genie setzt ein, und die große Kunst, die erste der großen Kulturtaten der Griechen kann hiermit beginnen. Odysseus, der vielgeliebte Held, ist solcher Dichter; Improvisator. Er lügt, wo er als Bettler maskiert ist, mit Grazie über sein Vorleben ganze Histörlein zusammen; sie lesen sich wie Vorstudien zum Epos, und seine Hörer glauben ihm alles. Hernach, wie er die Maske abwirft, verübelt ihm niemand das Geschehene. Dabei sagt er selbst, daß vor allem ein fester Trunk Lust macht zum Dichten und schwindelhaften Erzählen, Odyssee 14, 463 f. eine Wahrheit, von der wohl noch andere sich überzeugt haben. *     *     * Reden wir denn endlich von der Kunst; reden wir vom Trieb zum Schönen. Thronende Göttin Marmorstatue im Berliner Museum (Nr. 1761), gegen 490 v. Chr. Nach Antike Denkmäler des deutschen archäologischen Instituts Band 3, Tafel 41. Der Mensch selbst will schön sein. Auch bei Männern wird darauf Wert gelegt. So sagt denn auch Homer von allen besseren Personen, die er vorführt, daß sie es sind. Sogar des Odysseus Schenkel heißen schön, als er zum Zweikampf das Kleid abwirft. Odyssee 18, 68. Häßlich sind nur die Spione Ilias X 316. und Thersites, der bucklige und schielende Kläffer. Das heißt: nur an dem Unedlen haftet die Häßlichkeit. Wer edel, muß auch schön sein. Eine Plastik fehlte noch, und der Mensch war noch nicht imstande, Kunstgebilde aus sich heraus zu stellen. So machten die Herren sich selbst zum Kunstwerk. Mit dem hemdartigen Chiton ließ sich kein Staat machen, und der edle Körperbau wirkt durch sich selber, auch ohne Kleidung. Der Fürst aber trägt wie die Frauen mitunter ein Unterkleid, das mit der Schleppe den Boden fegt, Die Frauen in Troja heißen ἑλκεσίπεπλοι , die jonischen Krieger speziell ἑλκεχίτονες . darüber, wo er sich in seiner Würde zeigt, den stoffreichen und purpurnen Mantel. Der Purpur war violett oder porphyrfarben, und er blieb für immer der strahlende Ehrenschmuck der Potentaten. In der Schlacht prunkte man in den kostbaren Waffen, auch wenn 54 sie nicht, wie bei den Asiaten, vergoldet waren. Das Haar bleibt stets ungeschnitten in blonder oder dunkler Fülle mit freiem Scheitel, die Locken wie Hyazinthentrauben, stets ohne Diadem. Auch den leidigen Kranz kennt man noch nicht. Auch der Bart wächst voll und lockig, ein Stolz des Mannes, den auch die Weiber bewundern. Aber auch die Haltung, die Bewegung muß edel sein, und der Leib wird diszipliniert. Zur Beherrschung der Glieder wird man methodisch erzogen; Vor allem im 23. Buch der Ilias. der Sport ist schon entwickelt, von dem der Ägypter und der Orientale nichts wußte, die Leibesübung, die, solange sie nicht übertrieben wurde, eine der schönsten Kulturgaben des Griechentums war. Bei den Sportturnieren werden auch schon Preise verteilt, man wettet sogar schon auf den besttrainierten Kämpfer. Ilias XXIII 485. Begreiflich, daß die Großplastik, wenn sie Männer bilden wollte, hernach vom Sportfeld ihre ersten Anregungen entnahm. Und damit beginnt die Ästhetik. Sie beginnt beim Ich, bei der Selbstdarstellung, bei den gesellschaftlichen Formen, vor allem der Art, zu sprechen. Homer zeigt uns das alles an seinen Junkern. Achten wir vor allem auf die Sprache. Seine Helden sind Redner; Nestor heißt der λιγὺς ἀγορητής Ilias IV 293. sie geben uns in der Weltliteratur die ersten musterhaften Proben künstlerischer Sprachbehandlung, einer ästhetisch durchgebildeten Redekunst, wobei auch schon zwei wirksame Sprecharten ausdrücklich unterschieden werden, das kurzgefaßte Wort oder Diktum und sein Gegenteil, die Überredung, die vieler und wohlgeordneter Worte bedarf. Ilias III 213 ff. Fast alles, was wir hören, ist nicht nur klug durchdacht, sondern auch geschmackvoll. So aber auch die Umgangsformen. Ein junger Fürstensohn tritt in den Raum, wo ein ruppiger Bettler sitzt. Der Bettler will aufstehen, er aber heißt ihn freundlich sitzen bleiben: »ich werde mir schon einen Platz verschaffen, fremder Mann.« Odyssee 16, 44. Wie viele von unsren Gebildeten würden 55 ebenso handeln? Als unpassend gilt, daß ein junger Mensch den alten zuerst anredet; Odyssee 4, 159. auch das können wir uns merken. In den Anreden herrscht, außer in der Schlacht, überall die anmutigste Höflichkeit, familiär und ohne den Pomp des Orientalen; typisch so bei der Entgegnung: »Lieber, es steht auch mir wohl zu, ein Wort zu erwidern.« Nichts feiner als die Gastfreundschaft des Phäakenfürsten, als das sittsame und doch freie Benehmen der jungen Prinzessin Nausikaa dem wundervollen Fremdling gegenüber, der aus dem Dickicht am Inselstrand vor ihr auftaucht. Hören wir noch einiges Weitere. Die Nacht ist kalt; Odysseus ist als Bettelmann unerkannt beim Eumäus eingekehrt; ihn friert; er möchte einen Mantel haben, aber er mag ihn nicht direkt darum bitten, sondern beginnt eine Anekdote zu erzählen von ein paar Kriegern, die in der eisigen Winternacht auf Vorposten liegen; der eine von ihnen hat keinen Mantel und erschwindelt ihn sich von seinem Nebenmann auf das lustigste. Eumäus versteht sogleich, was gemeint ist; er lobt: »schicklich hast du geredet, darum auch nicht erfolglos« und deckt den Gast warm zu. Odyssee 14, 509. Das ist herzgewinnend. Dazu das Verhalten der Männer bei den Wettkämpfen, die zu des Patroklus Ehren geschehen: Achill als leutseliger Veranstalter, der verschwenderisch die Preise setzt und überreichen läßt und auch den, der nichts gewann, liebreich entschädigt und tröstet; und dazu Antilochus, der ganz junge Mensch, wie reizend ist sein Benehmen! Mit einem Trick, der wider die Ordnung, lenkt er bei der Wettfahrt die Rosse so, daß er den Menelaus, der viel bessere Gäule hat, überholt und verlangt auch noch übermütig seinen Ehrenpreis. Der Preis fällt ihm zu; es ist ein Pferd. Menelaus sieht es, zürnt, protestiert und schilt. Sofort aber sieht Antilochus seine Schuld ein und bekennt voll Reue: »es war Übereilung und gedankenlos gehandelt; wir jungen Leute fallen so leicht in Verfehlung; du weißt es selbst. Nimm du den Preis, den ich erhielt, und darf ich dir sonst noch etwas zuliebe tun, ich will dir's geben; nur 56 darf ich dir nicht aus dem Herzen fallen und ich als Frevler dastehen, auch vor den Göttern!« Da durchdringt Wonne das Herz des anderen, so wie der Tau mild auf die junge Saat fällt, und er verzichtet und überläßt dem Jüngling großmütig den Preis. So haben die epischen Sänger damals die Sitten der gesellschaftlich bevorzugten Familien, ihre kultivierte Lebensart anschaulich in Szenen vorgeführt; so hat aber auch ihr Publikum es hören wollen. Alles gibt sich mit einer natürlichen Vornehmheit, d. h. maßvoll, wo nicht außerordentliche Erschütterungen eintreten. Sinnfälligste Sinnlichkeit im Sexuellen ist heute der Triumph unsrer glorreichen Dichtkunst, ob impressionistisch oder expressionistisch. Jene alten Griechen wissen zu verschweigen, obwohl sie gewiß die Freuden des Lebens gründlich kannten und auch das Gemeine nicht weniger auszukosten wußten als wir. Das ist Anstand, das ist Stil, und der Dichter zeigt sich ebenso zurückhaltend wie seine Helden. Man sieht es mit Erstaunen. Liebesseufzer, erotische Ergüsse, zärtliches Getue gibt es nicht. Nur des Paris Liebeserklärung macht dazu eine Ausnahme: Ilias III 441 f. Im ganzen Homer wird nicht geküßt! Päderastisches fehlt erst recht. Von Beilagern wird oft genug ohne Prüderie geredet, einmal sogar eine höchst frivole und schlüpfrige Novelle von der Hänselung eines Ehemanns mit sichtlichem Behagen eingelegt; aber über das, was den Lüsternen eigentlich reizt, wird auch da rasch der Vorhang geworfen, und man hört nur das Lachen derer, die das arge Liebespaar in der mißlichsten Lage ertappen. Ebenso aber auch der Rausch. Wer wird sich bezechen? Kein homerischer Held tut das. Für bacchantische Extravaganzen, Völlerei und Erbrechen, ist in diesen Kreisen kein Raum. Übermäßiges Trinken wird Odyssee 16, 292 ausdrücklich abgelehnt, die Mänade freilich einmal kurz erwähnt (22, 460), Dionys aber nirgends gefeiert. Die Dionyssage ist noch nicht entwickelt, ganz anders die Heraklessage. Man trinkt, wie wir schon bemerkten, immer nur Wasser mit einem Zusatz von Wein; Vgl. z. B. Odyssee 9, 209. und nur von einem Subalternen hören wir einmal, daß er trunken vom Dach fiel; ein Dämon, heißt es da, Der Dämon ist der ungenannte Dionys: Odyssee 10, 555. hatte ihn zum Übermaß verführt, und was ihm geschah, ist Weh, nicht Wonne. 57 In dem allen wirkt ein ästhetischer Trieb mit dem Ethischen zusammen, und das war es, was auch den Männern, die da beim fröhlichen Mahl dem Dichter zuhörten, genehm war. Auch die Zusammenfassung der einzelnen Gesänge zu den großen Epen der Ilias und Odyssee muß also noch in der Zeit der Fürstenherrschaft selbst geschehen sein, Der Dichter der Schlußbücher war zugleich der Zusammenfasser des Ganzen; s. »Von Homer bis Sokrates«³ S. 428. und diese Werke wirkten dann stilgebend auf alle Besten weiter, ob auch die Zeiten sich änderten. *     *     * Homer selbst sagt: man wird alles satt im Leben: den Tanz, das Lieben, den Schlaf, auch den Krieg; Ilias XIII 636. so auch in der Dichtkunst den epischen Vortrag. Mit dem Publikum änderten sich die Interessen; die alte Sängergilde verstummte; die Individuen aus der Masse brachen vor, und die beweglichen neuen Poeten schoben die Helden beiseite, um vielmehr von sich selbst zu reden, und griffen auch ins kleinste und alltäglichste, dem Pulsschlag der Zeit gehorchend. Haß und Liebe kommen jetzt ganz anders zu Wort, und neben das Ungemeine tritt frech und fröhlich auch das Gemeine. Die erste Offenbarung griechischer Kunst jedoch, von der ich gehandelt, hat die Antike an Reichtum und Reinheit nie überboten. Homer selbst weissagt seinem Sang vom Zorn lange Dauer: Ilias XIX 64. Solche Äußerung ist in seinen Epen etwas ganz Seltenes; der Dichter tritt mit seinem Ich sonst ganz zurück. Der Frühling schmückt den Erdball, Den Himmel das Sternenheer. So Hellas die Menschheit, dich aber, O Hellas, schmückt Homer. Ein erster großer Rekord war somit aufgestellt, und die Folgezeiten mochten zufrieden sein, wenn sie hinter ihm nicht zurückblieben. Alles sogenannte Literarische lebte bisher nur in mündlichem Vortrag und war dem Gedächtnis der Berufssängergilde anvertraut. Für die Tragfähigkeit des Gedächtnisses der Rezitatoren bei primitiven Völkern gibt es der Belege genug. Vgl. »Von Homer bis Sokrates«³ S. 76 und 430. Es folgte die Einführung der Schrift. Sie war Rettung für das gefährdete erste Geisteserbe der Hellenen, 58 aber führte auch darüber hinaus zu ungeahnten Veränderungen des ganzen Staats- und Volkslebens. Das historische Gedächtnis begann, es begann die gesicherte Überlieferung, und so hörte in der Dichtkunst die große Erfindung auf. Man ist hinfort zu sehr an die Tatsachen gebunden, und wer noch große Stoffmassen literarisch behandeln will, schreibt in Prosa. Es beginnt die Zeit der Inschriftensteine und des Buches. 59     Die Zeit der Demokratien 1. Das Primitive Das Volksleben tritt nunmehr aus der Sage in die Geschichte. Es glich bisher dem starken Bergwasser in der Wildnis, das, von Wäldern überschattet und zugedeckt, in tiefer Schlucht dahinstrudelt, und ein Regenbogen steht flatternd über ihm im perlenden Wasserdunst. Jetzt tritt der Strom ins offene Feld der Geschichte hinaus, der Weltgeschichte, die bis heute reicht; denn wir setzen heute nur fort, was damals seinen Anfang nahm: geschriebene Geschichte. Die ersten historischen Namen klingen an: Hesiod, Drako, Solon, Periander, die Sprüche der sieben Weisen, die wie ein Motto wirken; so das berühmte medén ágan , »meide das Zuviel«, das Warnwort, das freilich ganz vergeblich gesprochen wurde. Denn ein Treiben regte sich jetzt im Volk, das vor keinem Übertreiben zurückschreckte: wuchernd schöpferisches Leben, und tausend Stimmen werden laut. Eine Entwicklung aus dem Primitiven, von Leidenschaft getragen. Die Leidenschaft aber ist nicht schöpferisch ohne Intelligenz. In der Tat, wir sehen es erst jetzt mit aller Deutlichkeit: dies Volk der höchsten geistigen und künstlerischen Potenzen war zugleich immer noch ein Naturvolk, das blindlings und froh seinen Instinkten folgte, als wäre es erst eben geschaffen. Es war aufs tiefste in der Sinnlichkeit verwurzelt. Sinnengier. Daraus sog es immer wieder seine Kräfte in Unerschöpflichkeit. Mit dem Sexuellen ist zu beginnen. Begattung ist der Urtrieb und heiliger Schöpfungsakt; das Natürliche der Grund aller Dinge, die Scham unter den Männern daher sinnlos, das Feigenblatt eine Albernheit, die Zeugung das große Wunder, das alltägliche, doch göttliche, an dem alles Leben aller Zeiten hängt; und der Mensch selbst vollführt es. Daher der Phallus, das Glied des Mannes, heilig gehaltenes 61 Symbol. In der Prozession wird sein Abbild in starrer Größe einhergetragen und mit Gesang begrüßt, verkleinert als Amulett und Abwehr gegen Behexung an den Ecksteinen am Weg angebracht; schon die Kindlein müssen es tragen. Das Brot wird in dieser Form gebacken. S. H. Blümner, Technologie und Terminologie usf. I² S. 87. So nahmen auch die Lämpchen die phallische Form an; s. »Die Buchrolle in der Kunst« S. 161 Abb. 94. Auch das freche Lustspiel trieb auf der Bühne damit noch obligat sein Spiel. So war es, wennschon man sich gewöhnt hatte, beim Baden den Schamgürtel zu tragen, Der Schamgürtel heißt ὤα . Vgl. auch Theopomp com. frg. 37. und in der Palästra, wo die Männer nackt turnten, die Weiber nicht zuschauen durften. Auch bei jenen Lustspielen, so scheint es, war den Frauen das Theater verschlossen. Uns wird erzählt, wie einmal eine Mutter, um ihres Sohnes Sportleistungen zu sehen, sich als Mann verkleidet ins Publikum drängte. Sie wurde ertappt. Es war ein unerhörtes Ereignis. Pausanias V 6, 5. So nun aber auch die unverblümteste Naturwüchsigkeit in den Gesprächen. Unter Männern wird jedes Ding grotesk bei Namen genannt, und der Witz übt sich in raffinierten Zweideutigkeiten. Des Aristophanes Komödie lebt davon; vgl. z. B. auch das doppeldeutige τίλλειν μέλη bei Kratinos frg. 250. Das Tier im Menschen findet eine Sprache. Ohne Obszönität kein Leben. Nicht anders halten es die Frauen, wenn sie unter sich sind. Wir sehen, wie in der Posse die Göttin Venus selbst auf die Bühne tritt und da siegreich die für uns unanständigsten Reden führt. Plato com. frg. 974. Der Dichter war seines Erfolges sicher. So war denn auch das Bordellwesen derselben Göttin Venus – griechisch Aphrodite – unterstellt. An ihr Heiligtum ist das Bordell angeschlossen. Die zahlreichen Tempelsklavinnen, Hierodulen genannt, stehen für die Nacht bereit, und der Benutzer zahlt dafür in die Tempelkasse. Aber auch sonst gab es allerorts unter staatlicher Aufsicht Freudenhäuser. Kasernierung der Prostitution. Inhaber waren die Kuppler, die schon die Kinder zu dem Zweck aufkauften und großzogen. Es verlohnt, diese Verhältnisse zu kennen; denn sie waren damals allem Anschein nach viel günstiger als in manchen unsrer modernen Großstädte geregelt. Damals suchte man die Dirnen auf; heute kommen sie selbst und überfallen 62 die Passanten frech auf offener Straße, und die ganze Stadt wird zum Bordell. Aber auch das päderastische Treiben ging auffällig nebenher, der perverse Naturtrieb. Begreiflich ist, daß er in den Ländern des Südens, wo die Frauen so früh welken, rücksichtsloser und offener zutage tritt als bei uns. So erhob denn damals sogar die Dichtkunst ihre Stimme, und Liebesdichter wie Anakreon finden für den schönen Knaben die schmelzendsten Töne. Eros, der halbwüchsige Liebesgott, wird der Patron und Schützer dieser Erotik, die in gewissen Städten geradezu konzessioniert war. Man stellte sie in den Dienst des Erziehungswesens. Das betrifft Sparta und Theben; vgl. übrigens »Von Homer bis Sokrates« S. 110. Auf alle Fälle aber gab es hier scharfgezogene Grenzen; der berufsmäßige Buhlknabe war so verrufen wie der gräßliche Cinäde, »Knabenschänder« das vernichtendste Schimpfwort, καταπύγων z. B. Aristoph. Vesp. 84. und selbst in den Komödien und Possen der Bühne, die sonst in den gröbsten Anstößigkeiten arglos ihren Effekt suchten, sind meines Wissens homosexuelle Liebeleien nie vorgeführt worden. Bei Aristophanes werden nur Aves 141 solche Gelüste vorgetragen, aber getadelt. Kein Künstler und Dichter ohne gesunde Sinnlichkeit. Aber auch in ihrem Aberglauben verrät sich uns die schöpferische Phantasie, das sinnfällige Denken der Primitiven. Das Wunder, heißt es, ist des Glaubens liebstes Kind. So ist der Aberglaube das Kind der völligen Unwissenheit in Naturdingen. Kindlich oder kindisch nennen wir ihn; aber unausrottbar und vielgestaltig behauptet er sich in den Volksmassen. So auch bei den Griechen. Man glaubte an die hohen olympischen Götter; neben ihnen aber gab es die mächtige Hexe Hekate, die Glück oder Unglück ins Haus bringt und als dreiköpfige Figur vor jeder Haustür stand; den Hund opferte man ihr; als Hund ging sie auch selber um. Aristophan. frg. 594. Unheimlich das Wirken der Zauberinnen, die bei Nacht den Mond vom Himmel herabziehen und Zaubermittel auf die Schwelle streichen, um den Geliebten zu behexen. Aber auch die blöden Wahrsager fanden Gläubige, die in den Gassen herumlungerten, und machten die besten Geschäfte. Denn das 63 Unheil lauert auf uns, und man muß sich vorsehen. Der böse Blick ist gefürchtet, schon das bloße Niesen ominös. S. Berl. Philol. Wochenschrift 1919 S. 573 ff. Man spuckt sich in den Gewandbusen, wenn man einen Irrsinnigen sieht. Jeder wußte, es gibt Glückstage und Unglückstage, die weißen und die schwarzen, Eupolis frg. 174. In den Busen spucken: Theophrast Charakter 16. und man muß sie beachten. Ins Haus darf man nur treten, wenn man den rechten Fuß voransetzt. Sodann die Toten. Sie sind nicht etwa bewußtlose und kraftlose Schatten, wie Homer es lehrte; vielmehr leben sie gespenstisch weiter, ihrer Grabstätte nahe, geben acht, beneiden die Lebendigen und töten und würgen, wenn man sie nicht sättigt. Auch Totenorakel gibt es, und man kann die Abgeschiedenen leibhaftig zitieren, befragen, und sie geben Antwort. Sogar in Statuen steckt der Dämon. Jemand peitscht die wehrlose Statue seines Feindes, der glücklich gestorben ist; die Statue wirft sich rächend über ihn und erschlägt den Mann. Dio von Prusa 31, 96. Wer Schätze sucht, geht mit der Wünschelrute um; ein Gott steckt darin. Der Wirbelsturm fegt um das Haus, und man erzählt sich am Herd grausige Geschichten wie die vom Zauberlehrling: ein Zauberwort genügt, um den Besen, der das Zimmer fegt, zu spalten, und aus einem Besen werden viele, die da laufen und Wasser holen. Wehe dem, der das andere Zauberwort nicht weiß, das sie wieder zusammentreibt; die Überschwemmung ist da. Oder die Geschichte vom Werwolf, vom Menschen, der sich in den Wolf verwandelt und mörderisch umgeht. Das Haar sträubt sich vor Entsetzen. Petron c. 62. Markellos Sidetes handelte in seinen Ἰατρικά περὶ λυκανϑρώπου (Suidas). Auf gleichem Boden stehen solche Wundergeschichten wie die von Apoll, der Delphi vor Xerxes rettet (Herodot VIII 36 f.). Die alten Großmütter und die Ammen lieben solche Fabeln; sie schrecken schon die kleinen Kinder: »sei artig, oder die böse Mormo, nein, die Empuse kommt bei Nacht und frißt dich.« Das ging bis in die höchsten Kreise. Welche Unkultur! Wozu hatte Homer gedichtet? Waren diese Griechen besser als die Wilden und die Szythen? Homers abgeklärte Welt hat in der Tat kulturerziehend erst eingewirkt, als in den Städten das Schulwesen begann; d. h. Aufgabe der Schule war es, die Sitten zu veredeln, die 64 Sinne zu reinigen, den Aberglauben zu überwinden. Durch Aufklärung mußte es geschehen und Vergeistigung der Frömmigkeit. Homers freie Götterlehre war eigentlich nicht für das Volk. Vielmehr nahm sich der Staat des Religionslebens an und regulierte gewisse Gottesdienste für seine Zwecke. Gleichzeitig aber drang auch aus der Fremde, vom barbarischen Thrazien her, eine neue Lehre zu den Griechen. Es war eine werbende Religion, der Bacchusdienst. Dionys, der jungstarke Gott des Sterbens und Auferstehens, ergriff vielerorts die Geister orgiastisch. Seine Mänadenschwärme tosen wie wilde Tiere über die Berge mit Pauken und Flötenschall. Aber auch wo solche Bacchanalien nicht walten, bringt dieser neue Gott süßen Rausch, bringt er Beseligung, Enthusiasmus und Geistesfülle. Der Musiker, der nur Wasser trinkt, wird z. B. verhöhnt bei Phrynichos com. frg. 69. Das war etwas Großes. Aber noch mehr. Aus demselben Thrazien kam die orphische Lehre, die das Jenseits lichtet und in die Hölle der Schrecken das Elysium fügte. Orpheus ist der sagenhafte Verkünder der ewigen Seligkeit für die Guten. Die Erlesenen nehmen seine heiligen Weihen. Die Mystik durchschauert ahnungsvoll die Seele; das Gefühlsleben ist unendlich bereichert. Ein gesteigertes Griechentum konnte entstehen, das nach neuer Schönheit ringt und neuer Wahrheit. Orpheus von einem attischen Krater aus Gela im Berliner Museum (Nr. 3172), um 460 v. Chr. Nach 50. Berliner Winckelmannsprogramm 1890, Tafel 1.   2. Politisches Auch der Staat also, wie ich sagte, griff ordnend in das Religionsleben ein. Fragen wir denn zunächst nach ihm. Das alte Herrentum der Atriden, das sogenannte »Königtum« ist eingegangen und glattweg verschwunden. Wie das geschehen, erzählt man uns nicht. Augenscheinlich ist es ohne Revolten geschehen. Kein Thersites hat das bewirkt und das Volk gegen die Burgen gehetzt. Die kleineren Grundherren, die sich ebenso wie jene größeren Machthaber » basileis «, d. h. Sprecher, nannten, die aber hier nicht in 65 Betracht kommen, wirkten vielfach als Richter weiter. Die eigentlichen Fürstenfamilien dagegen degenerierten und starben aus; auffallend rasch, durch Laster und Mangel an Geburten ist das geschehen. Natürlich wollten angesehene Familien gern von den alten Helden der Sage abstammen. So fabelten die Könige Mazedoniens, daß Herakles ihr Ahnherr sei. Danach sind die ähnlichen Fälle zu beurteilen; die Pisistratiden leiteten sich von Nestor ab (Herodot V 65), der ältere Miltiades von Aeakus ( ib. VI 35), Alkibiades von Ajax (Plato Alcibiad. p. 121), Andokides von Odysseus (Ps. Plutarch, orator. vitae p. 834 c.) Auch von Nachkommen des Polynikes wird geredet (Herodot IV 147); ebenso des Orest (Strabo I p. 717); Nachkommen des Herakles sollen vor Gyges in Lydien geherrscht haben (Herodot I 7). Daß dagegen die Heroenfamilien ausgestorben waren, bezeugt Hesiod, Erga 160 ff. Auffällig ist zudem, wie wenig Söhne durchgängig die Könige und Helden der Sage haben, Agamemnon nur den Orest, Peleus den Achill, Nestor den Antilochos, Odysseus den Telemach, usf. Daß diese Häuser ausstarben, ist schon hiernach ganz begreiflich. Für das Weiterfunktionieren der kleineren βασιλεῖς oder Grundherrn als Richter ist vor allem Hesiod uns Zeuge; s. Philol. Wochenschr. 1828 S. 185 f. Die vielen Kinder der stolzen Niobe galten als unerhörtes Wunder. So geschieht denn ein anderes Wunder. Das Volk wird selbständig, da der Hirte fehlt. Die Herde muß auf der Weide lernen, sich selbst zu hüten. Der Volksstaat entsteht, die Selbstverwaltung durch das Gesetz. Das Gesetz wird König, da der König aufgehört hat, es zu sein. Über dies Pindarwort ist kürzlich im Philologus gehandelt worden, der Wortsinn des βασιλεύς aber nicht erwogen. Das Wort νόμος fehlt noch bei Homer, aber nicht der Begriff, es sind die ϑέμιστες , die der βασιλεύς verwaltet. Auch Chrysipp kolportierte den Satz: ὁ νόμος πάντων ἐστὶ βασιλεύς , und so gelangte er in die Digesten I 3, 2. Was kein Asiate, kein Ägypter vermochte (diese Völker brauchten den Despoten), geschah in den kleinen Stadtschaften der Hellenen: das republikanische Prinzip der geordneten Freiheit oder des konstituierten Bürgertums, das hernach durch zwei Jahrtausende den ganzen Okzident erobert hat und weiter über den Atlantischen Ozean hinausgriff; denn auch die Kolossalrepubliken Amerikas sind nur die Nachkommen des kleinen Freistaates Attika. Es handelt sich nicht um Freiheit und Gleichheit, sondern um Freiheit und Ungleichheit. Die Masse fühlt sich frei; aber aus ihr erwachsen, kraft der Freiheit, wie der Blütenschaft aus dem Schilf die starken Intelligenzen, die sie führen, Demagogen genannt, die da wechseln, durch Volkswahl oder auch durch Gewalt sich hochbringen, heute bejubelt, morgen abgetan und zertreten. Wehe dem Staat, wo sie fehlen! Wie war der Hergang, und wie kam das Neue zustande? Das Bürgertum in den Städten begann von den Phöniziern zu lernen. Die Phönizier allein trieben in des Odysseus Zeiten den Seehandel; sie beherrschten auch als Piraten räubernd das östliche Mittelmeer. In den Griechenstädten aber gab es jetzt reichgewordene Familien; es waren vor allem jene Richter, die für einen guten Richterspruch zwei Talente Gold bezogen. s. oben S. 16 . Mit dem Reichtum wächst die Tatkraft, die Unternehmungslust. Sie wollten jetzt auch auf See; So hat Perses, der Landwirt, bei Hesiod (Erga 622) Schiffe; wozu anders als zum Export? sie lernten von den Phöniziern die Steigerung des Schiffsbaues, dazu 66 auch das Kampfschiff, das den Handel sichert. Aber sie lernten von den Phöniziern noch ein Zweites, eine brauchbare Schrift. Damit war alles verändert. Das Volk lernte schreiben. Ein ganz neuer Typus entsteht: der Mensch mit dem Schreibzeug. Diese Griechen sind jetzt ein Wasservolk, ein Handelsvolk, und die Schrift ermöglicht die Buchführung, die Kontrolle im Soll und Haben, im Nehmen und Geben. Man hat schon zu lange im kleinen Hellas zwischen den Bergen in der Enge gelebt, wie eingepfercht in Kantone. Übervölkerung herrschte, Menschenüberfluß; die fernen Küsten locken und liegen offen, wo nur Völker niederer Kultur wohnen. Aus Kyme, Milet, Phokäa, Megara, Korinth fahren reiche Herren hinaus; die Priester des delphischen Orakels geben dazu Rat und Richtung; sie sind erstaunlich gut geographisch unterrichtet. Vgl. Herodot IV 151. Sonst war die geographische Unkenntnis noch groß, wie wenn man auf Thera nicht wußte, wo Libyen lag (Herodot ebenda); ganz erstaunlich auch, was wir bei demselben VIII 132 lesen: man wagt sich zu See nicht bis nach Samos, als läge es fern wie die Säulen des Herakles. Ein paar Hundert Bürgersöhne nehmen die Herren mit und gründen auswärtige Faktoreien, Kolonien. Es entstehen befestigte Kolonialstädte planlos, zusammenhanglos und weit verstreut am Schwarzen Meer, in Sizilien, Apulien, Campanien, in der Cyrenaïka; Lichtgirlanden von jungen Griechenstädten illuminieren alle Küsten. Die Phönizier gründen in Konkurrenz Karthago; aber sie sind schon überboten. Es war wie Samen und Blütenstaub, der aus dem hellenischen Garten in alle Winde flog. Bald gab es griechische Gemeinwesen von der Krimm bis nach Marseille und weiter. In den Städten aber genügt nicht mehr das mündliche Verfahren. Recht und Gesetz muß gesichert werden, und man schreibt es jetzt groß und lapidar, wo der Markt ist, an die hohe Mauer (das alte Stadtrecht von Gortyn hat man so wiederaufgefunden, die Mauer aus der Verschüttung gehoben) oder in kleineren Lettern auf drehbare Holzpfosten; so tat es Solon in Athen. Das Alphabet ist noch primitiv und mit allerlei Varianten aus dem phönizischen entwickelt (man schrieb auch anfangs von rechts nach links); erst später wird es reguliert und bereichert. Vgl. A. Mentz, »Geschichte der griechisch-römischen Schrift«, der S. 43 und 68 über die Verwendung der Membrane im Bücherwesen die irrigen Ansichten der Früheren fortsetzt. Er scheint meinen »Abriß des Buchwesens« (»Kritik und Hermeneutik«, bes. S. 344 ff. und 373 f.) und die Arbeit von Max Krämer, Res libraria cadentis antiquitatis , Marburg 1909, nicht zu kennen. Und die Schrift ergreift rasch 67 das ganze Leben. Jeder Gegenstand ist dazu gut, die Topfscherbe, die Holztafel, die Wachsfläche, die Bleirolle, auch die Kuhhaut, die der Opfernde nach der Schlachtung sich aufbewahrt. Die Flurgrenzen werden schriftlich gesichert, indem man in die Baumstämme Buchstaben schneidet. An die Türen schreibt man ein Segenswort, auch Schimpfwörter und Liebesseufzer, schreibt allerlei Schändlichkeiten mit Namennennung an die Felswand am Weg, da, wo jeder Passant es sieht. So auf der Insel Santorin noch heute am Felsen zu lesen; vgl. übrigens »Kritik und Hermeneutik« S. 259 ff. Auch die erste Grabschrift entsteht, und die Weihungen in den Tempeln werden mit Beischrift versehen. Nur das eigentliche Buch fehlt noch. Die Literatur harrt noch auf das Buch, das umfangreiche Texte bequem aufzunehmen imstande ist. So war das Alphabet, beiläufig auch ein Zahlensystem geschaffen. Es ist das Alphabet, das wir in zweckmäßiger Umwandlung auch noch heute benutzen. Der Römer bildete es weiter um, dann wieder der Germane so, wie wir es brauchen, in Druckschrift, in Maschinenschrift, und es dient heute auch noch der Times, dem Newyork Herald und den Zeitungslesern der weiten Welt am La Plata, im Kapland, auf Sumatra oder in Australien. Nur noch eins fehlte, das Geld, das der babylonische Kaufmann, wenn auch nicht in der uns geläufigen Münzform, längst besaß. Sollte man immer noch Ware mit Ware tauschen? wenn man einen Knecht brauchte, ihn mit 20 Rindern bezahlen? Kleinasien, das an Wertmetall so reich war, ging voran; in Griechenland sind zuerst in Ägina Obolen und Drachmenstücke zu stabilem Werte in Bronze und Silber, zunächst mit nur einseitiger Prägung hergestellt worden. Vgl. Herodot VI 127, wo dafür Pheidon, der Tyrann von Argos, genannt wird; seltsam, daß er der Urheber der äginetischen Münze gewesen sein soll. Die ersten Geldprägungen in Münzform aus Gold und Silber geschahen in Lydien, sodann in Kleinasiens Griechenstädten, Kyzikos u. a.; statt des reinen Goldes verwendeten diese letzteren jedoch Weißgold (Elektron), verschlechterten die Münze übrigens bald unter den Nennwert, und der Geldverkehr bot noch viel Unsicherheit. Darius I. regulierte ihn dann in Asien mit dem Golddareikos. Das griechische Festland beschränkte sich auf Silbergeld. Wie unbeliebt die nebenhergehende Kupfermünze war, zeigt Aristophanes Ran. 724 f. Übrigens hören wir, daß Sparta auch äginetisches Geld nahm (Eupolis frg. 141) und daß Kyzikos auch goldene Statere ausgab (Eupolis frg. 233). Es geschah schon bald nach Hesiod, im 7. Jahrhundert. Dem Beispiel folgten Athen unter Solon und andere Plätze, freilich nicht alle in genau gleichen Werten. Das spartanische Geld war aus Eisen. Beim Geldwechseln war also viel Umrechnung nötig wie bei uns zur Zeit der Münzwirren im alten deutschen Reich. Auch der Beruf des Geldwechslers und Bankhalters wurde nötig. Staatsanleihen gab 68 es zunächst noch nicht, und jede der Zwergrepubliken regulierte ihren Etat ohne Hilfe. Die Staatseinnahmen waren Zölle, Hafenabgaben, Marktgebühren Sporteln von Prozessen, Konfiskationen, die Ausbeute der Bergwerke; vgl. Aristoph. Vesp. 654 ff. Athen führte aber auch Marmor aus; vgl. Blümner a. a. O. III S. 28; die Silberbergwerke von Laurion in Attika waren allerdings zu Solons Zeit noch kaum in Betrieb: ebend. IV S. 33. Der Handel aber beschwingte sich naturgemäß sogleich, vor allem der mit den Kolonien. In Athen prägte man mit der Eule. Wer also Eulen nach Athen trug, brachte nichts Neues, sondern nur nach Athen zurück, was von Athen ausgegeben war. Das Bedürfnis nach Importwaren war groß; es galt, gleichwertig zu exportieren, und auch eine intensivere produktive Arbeit mußte neu einsetzen: Wein, Öl, Töpferwaren, Arbeiten in Leder, Webereien, Kunst- und Schmuckwaren; die regsamste Konkurrenz. Auf den Töpfen nannten sich die Firmen schon. Der Zweck schuf die Dinge, die ihm dienten. Ein genial erfinderisches Handwerk entstand, und der Etat wurde nicht nur balanciert; man arbeitete geschmackvoll und schon mit Profit. Schon im 7. Jahrhundert v. Chr. erheben sich zeitgenössische Stimmen, die uns zeigen, wie sich in der Zeit bald nach Homer die Verhältnisse und Anschauungen verändert haben. Ich denke an den ehrwürdigen Hesiod, der noch in der alten homerischen Versform dichtet, übrigens das Geldwesen noch nicht kennt. Er ist Lehrdichter; das ist charakteristisch; die Lehre beginnt, der Unterricht. Hesiod lehrt den rationellen Ackerbau; Bauernregeln gibt er, brav und gut. Wir lesen die Verse mit Ehrfurcht. Aber vom Land aus blickt er zugleich in das städtische Leben hinein und spart nicht mit Tadel. Mit Recht. In den Städten lag die Zukunft. Alles zog sich dorthin: Vergesellschaftung; Zentralisierung des Lebens. So wurde in Attika, angeblich schon durch Theseus, aus den verstreuten Ortschaften die Bevölkerung zusammengezogen, und so erst entstand die Stadt Athen unter dem Herrensitz der Akropolis. Jede Stadt oder »Polis« ist ein Sonderstaat für sich; jede hat ihr besonderes Stadtrecht, und eine Fülle von Staatsformen in Miniatur werden ersonnen. Die Bürger nennen sich Stadtleute, »Politai«, und das zugehörige Wort 69 »Politik« heißt auf deutsch nichts anderes als Betrieb der städtischen Interessen. Wer genau sein wollte, müßte nun also nicht eine Kulturgeschichte, er müßte deren zum mindesten ein ganzes Dutzend schreiben. Denn die Leute in Thessalien lebten anders als die Athener, Böotien anders als Korinth, Syrakus und Milet, Byzanz und Massilia. Das zu geben ist hier unmöglich. Arkadien, das Binnenland, blieb noch lange Zeit ein Land der Gebirgsdörfer. Auch an Sparta, die Stadt der Lakonen, sei hier nur in aller Kürze erinnert. Man weiß: Sparta war reiner Militärstaat, darum einzigartig und angestaunt. Kasernensystem; das Familienleben so gut wie aufgehoben, da der Staat sich aller Söhne bemächtigt, sie drillt und erzieht. Strengste Zucht. Kein Lakone, der nicht Soldat, und jeder ist nur Soldat. An der primitiveren Tracht, dem ungeschorenen Bart, aber auch an den zerschlagenen Ohrlappen ist er zu erkennen. Vgl. Plato, Protagoras p. 342; Dazu Aristoph. Vesp. 476. Heldischer Trotz, aber auch hinterhältige Schlauheit gehört zu seinem Wesen. Seine Schlichtheit im Auftreten wurde zum Ideal der Asketen. So gewann und so behielt Sparta trotz seiner geringen Menschenzahl herrschsüchtig entscheidenden Einfluß in den politischen Kämpfen in Hellas. Seine Staatsform hat in ihrer unerbittlichen Konsequenz stets interessiert. Der Bürger wird absorbiert; er ist nur dazu da, daß der Staat lebe: nirgends ist das so durchgeführt wie hier. Kulturell aber war diese Rasse rückständig, steril, und von einer spartanischen Kunst ließ sich kaum reden, so wenig wie von einer originalrömischen. In den Wissenschaften stand es ebenso. Wer auf Wesen und Charakter Altroms blickt, kann es sehr wohl mit dem spartanischen vergleichen. Was Sparta nicht fertigbrachte, hat hernach Rom vollbracht: es wurde der Herr von Hellas. Man behauptete im Altertum geradezu, das römische Staatswesen sei dem spartanischen nachgebildet (Athenäus p. 273 F). Genaueres über Sparta s. Von Homer bis Sokrates³ S. 97. Auf alle Fälle brauchte jedes Stadtwesen, um zu atmen, um sich auszuleben, Umland, je mehr, je besser. Daher regt sich in den Bevölkerungen sofort der Drang nach Ausdehnung, der Schrei nach Raum, nach Machtzuwachs, ein ewiger Streit 70 der Zwergstaaten. Dereinst warf nach der Sage Eris, die Göttin des Streits, den Zankapfel unter die Helden. Jetzt ist es der Neid, der die Bürgerschaften immer wieder gegeneinander hetzt. Dieser Neid-Teufel, der Phthonos, hat Hellas schließlich zerstört; er war grausamer und unversöhnlicher als der Zorn Achills, des rasenden. So nun auch der Kampf um die Führung in den Städten selber. Die Patrizier in Korinth oder in Athen scheinen kraft ihres Reichtums berufen zu führen; es ist das System der Oligarchie. Aus ihrem Kreise aber ersteht unversehens der Tyrann, der sich mit einer Leibwache umgibt und die anderen Patrizier ins Exil treibt oder gar durch Mord beseitigt. Er wird gehaßt; aber nachdem er abgewirtschaftet hat, blicken die späteren Generationen mit Grauen und Stolz zugleich auf ihn zurück. Man hatte doch etwas Großartiges, in Wirklichkeit eine Tragödie, von der sich reden ließ, erlebt; und diese Tyrannen vernichteten zwar ihre Gegner in der Stadt, aber sie sorgten für das Prosperieren des Staates als solchen rücksichtslos und weit ausgreifend. Ich rede vom Zeitalter des Polykrates. Der war so einer: brutal und leutselig zugleich und fast schwärmerisch bewundert; das Wort Glücksritter ist zu schlecht für ihn. Immer wieder tauchen solche sogenannten Tyrannen auf; so auch Dionys in Syrakus. Ein Beispiel sei die Geschichte Perianders, wie sie sich das Volk erzählte. Periander erbt die Herrschaft in Korinth von seinem Vater Kypselos. Auch Korfu, die ferne Insel, ist ihm untertänig. Aber sein Zorn kommt über Korfu. Dreihundert vornehme Knaben läßt er dort greifen, um sie nach Lydien zu verhandeln; da sollen sie kastriert werden. Als die Knaben beim Transport in Samos landen, werden sie von den Samiern aus Mitleid im Hauptheiligtum der Insel verborgen. Die Soldknechte Perianders belagern das Heiligtum, um die Knaben auszuhungern. Da wird ein nächtliches Götterfest 71 veranstaltet; Chöre von Mädchen und Jünglingen ziehen heran und bringen Gebäck und Honig in den Tempel; davon können die Knaben zehren, und Perianders Leute ziehen schließlich ab. Die Knaben sind gerettet. Woher aber der Zorn Perianders gegen die Korfuaner? Er hatte von seinem Weib Melissa zwei Söhne. Der ältere ist unbegabt; anders der zweite, Lykophron. Periander tötet heimlich Melissa, sein Weib. Lykophron erfährt erst, als er siebzehnjährig, von Melissas Vater Prokles, daß und wie seine Mutter umkam, und blickt nun finster, gönnt dem Vater Periander kein Wort mehr; denn es ist Sünde, mit Mördern zu sprechen. Periander jagt den Sohn aus dem Haus und verbietet allen Korinthiern, ihn aufzunehmen. Lykophron irrt umsonst von Tür zu Tür und verbringt schließlich hungernd, verschmachtend Tag und Nacht in den öffentlichen Hallen. Da faßt den Vater Erbarmen, und er spricht: »Zürnst du mir wegen der Mutter? Ich bin selbst am schwersten getroffen, weil ich der Täter bin. Komm wieder zu mir.« Der Sohn weigert sich und sagt nur kurz: »Du schuldest dem Gott Buße darum, daß du mit mir redest.« Da setzt ihn Periander auf ein Schiff und schafft ihn nach Korfu. Es vergehen Jahre; Periander fühlt, daß er altert und Hilfe braucht, und sendet Botschaft nach dem Sohn; er soll kommen, in Korinth die Herrschaft übernehmen. Der weigert sich. Periander sendet abermals, diesmal seine Tochter; die lockt und spricht zu ihrem Bruder: »Laß ab, dich selbst zu strafen; heile nicht Leid mit Leid!« Der Bruder sagt: »Wenn der Vater tot, dann komme ich.« Da sandte der Vater zum dritten Mal Botschaft mit der Meldung: »Ich komme selbst nach Korfu und will fortan dort bleiben, in Korfu herrschen; herrsche du in Korinth.« Die Leute in Korfu aber erschraken, als sie erfuhren: der Tyrann will kommen! und erschlagen rasch entschlossen den Lykophron. Die Dynastie war damit erledigt. Daher die Rache Perianders, der die dreihundert Knaben greifen ließ. 72 Solche Erzählungen sind sittengeschichtlich bedeutsam. Die Politik erzeugt das Raubtier, den Fuchs und den Tiger. Aber das Raubtier leidet selbst. Hören wir denn, was man sich noch weiter von Periander erzählte. Hier handelt es sich um Spiritismus. Ein Gastfreund hatte ihm einen Schatz anvertraut. Melissa hatte den Schatz versteckt. Denn das Geldwesen ist Sache der Hausfrauen. Periander tötet sie. Aber er will nun doch erfahren, wo das Gold verborgen liegt und schickt einen Boten zu einem Orakel am Fluß Acheron, der im nahen Arkadien fließt. Der Fluß verschwand dort in unterirdischen Schlünden (Katavothren) und galt darum als Fluß des Totenlandes, und ein Totenorakel befand sich ebendort. Dem Boten erscheint dort auf Anruf der Geist Melissas, aber sie will den Versteck nicht verraten. »Ich friere«, spricht sie; »ich bin nackt; die Gewänder, die Periander mir mit ins Grab gelegt, sind mir nichts nütze; denn sie sind nicht mit mir verbrannt worden.« Da läßt Periander in Korinth alle vornehmen Frauen im Heratempel zusammenkommen. Sie kommen in ihrem besten Schmuck. Er läßt sie sämtlich entkleiden, weiht ihre Gewänder, indem er sie in einer Grube verbrennt, der Melissa. Danach erst zeigt das Schattenbild der Melissa wirklich den Ort an, wo sie des Gastfreundes Gut niedergelegt hat. Dieselben Tyrannen waren nun aber auch Gönner der Künste; das ist Sache der Könige. Berühmt war dafür vor allem Polykrates, an dessen Hof Anakreon groß wurde. So war Arion der Hofdichter Perianders. Ein paar wundervolle Verse des Arion lesen wir noch heute. Allbekannt aber ist die Legende, die erzählt, wie Arion eine Sängerfahrt oder Tournée zu den üppigen Griechenstädten in Süditalien macht und dort große Reichtümer sammelt. Auf der Rückfahrt wollen ihn die Schiffsleute massakrieren und berauben. In theatralischem Prachtgewand, das Saitenspiel in den Händen, springt er, um sich zu retten, ins Meer. Die Banditen halten ihn für tot; aber ein Delphin trägt ihn wunderbar nach Korinth 73 zurück. Auch die Schiffsleute kommen dorthin. Periander stellt sie; sie leugnen. Da tritt in seinem Prachtgewand Arion selbst vor sie hin. Sie entsetzen sich, bekennen, und Periander kann sie strafen. Die Tyrannen wirtschafteten ab. In Athen wurden des Pisistratus Söhne beseitigt, und die Demokratie konnte sich entwickeln: das Beamtentum, Rat und Volksversammlung, Volksgericht der Geschworenen. Athen gab dafür das erste Modell; langsam folgten andere Städte nach. Alle Ämter sind Ehrenämter, sind unbesoldet; der Census herrscht; die Reichen allein tragen die schwere Last. Und der Parlamentarismus beginnt. Das ganze Volk, auch vom Landgebiet, strömt herbei, setzt sich unter freiem Himmel auf die mit Holz belegten Steine und will seine Beamten hören; Rede und Gegenrede. Auch der Plebejer im Stil des Thersites kommt jetzt zu Wort. So wird jeder Freigeborene schließlich von der Politik erfaßt. Es geht um Bürgerpflichten, Bürgerrechte, und neue Lebensformen bilden sich aus. Man lebt für den Staat, und der Patriotismus entsteht, eine neue Moral und Unmoral. Man lebt nicht nur für sich; das war immerhin ein köstliches Gut; denn es ergreift die Masse. Freilich war dies nur Lokalpatriotismus. Ein Gesamthellas gab es nicht. Auch ins Religiöse griff das hinüber; denn auch die Götter werden patriotisch; auch die Götter werden verstaatlicht. Bei Homer sind sie noch an keinen Ort, an kein Vaterland gebunden; jetzt werden sie Schutzpatrone der Einzelstaaten, Athene in Athen, Hera in Argos, Artemis in Ephesus u. s. f., so wie der heilige Ambrosius Mailands Patron, der heilige Markus der Patron Venedigs ist. Tempel baute man an Stelle der alten Königspaläste, um die Götter endgültig zu domizilieren, stellte sogar ihre Bilder, anfangs nur Idole aus Holz, hinein, als bannte man sie fest, und der Staat ist es, der ihnen alljährlich mit Weihungen, Reigen und Prozessionen huldigt. Daß die regulären Götterfeste in Griechenland jung, sagt Herodot II 58 ausdrücklich. In der Tat konnten sie nicht älter sein als die Feststellung eines Kalenders und der Monatsnamen. Eine Prozession zu Neumond kennt freilich schon Homer; s. oben S. 16 . Weihte man einen Altar oder auch ein Gottesbild neu ein, so kochte man Hülsenfrüchte als Opferspeise; Aristoph. Pax 923, id. frg. 245. Auch Tempelschätze sammeln sich an; sie 74 geben Sicherung für die Staatsfinanzen. Der Bürger aber kämpft fortan nicht für »Thron und Altar«, sondern für Hausherd und Altar, pro aris et focis . Das klingt gut; aber auch alle bösen Leidenschaften sind jetzt im undisziplinierten Volk entfesselt, und das Freiheitsgefühl droht sogleich alle heiligen Bande zu sprengen. Hören wir endlich Hesiod, den Bauerndichter, den ich nannte, eine Stimme, die aus der Ferne des 7. Jahrhunderts v. Chr. zu uns herübertönt. Was er gibt, ist der erste Versuch einer Ethik. Sein Vater, ein verarmter vornehmer Grieche, wandert aus Kleinasien nach Böotien aus. Am Berg Helikon siedelt er sich an und kommt dort durch Steigerung der Agrikultur zu erneutem Wohlstand. Seinen Sohn Hesiod läßt er als Hirten das Vieh am Bergeshang weiden, wo das Heiligtum der helikonischen Musen ist. Da wird Hesiod zum Dichter, Über Hesiod vgl. Philol. Wochenschr. 1928 S. 185 f. der Dichter vom Landbau, von Aussaat und Ernte; aber er vertieft sein Werk durch Sittenlehre; sie ist das Gold im irdenen Gefäße, und es strahlt bis heute. Zwietracht, lehrt er, ist etwas anderes als Wetteifer. Die Konkurrenz bringt den Fortschritt; sie treibt zur Steigerung der Leistung. »Mit dem Nachbar eifert der Nachbar um den Ertrag; gut ist dem Sterblichen solch Wettstreben.« »Arbeit schändet mit nichten; nur Arbeitslosigkeit schändet.« Daneben aber steht die Warnung vor dem Zuviel: »Meide den übel erworbnen Gewinn; er ist dem Verlust gleich«, und »die Hälfte ist oft mehr als das Ganze«. Sodann das Gutsein; es ist schwer: »Kurz ist der Weg zur Missetat, steil ist der Weg zur Tugend, und vor die Trefflichkeit setzten den Schweiß die unsterblichen Götter«. Und so geht es weiter: Der Beste ist, wer selbst Rat ersinnt, der zweitbeste, wer auf den Rat des anderen hört. »Lade dir wohlbedacht nur Freunde ins Haus und stehe vor allem gut mit deinem Nachbar; ehe er sich gegürtet hat, kommt er gerannt, wenn du in Not bist.« »Liebe den, der dich liebt, und suche den auf, 75 der dich aufsucht.« »Geben ist gut; wer willig es tut, ob reichlich, ob wenig, froh macht solchen die Spende, und Wohlgefühl schafft sie im Herzen.« Eine gute Predigt; aber Hesiod ist dabei grauer Pessimist, und er sieht nichts als Entartung. »Lebte ich doch nicht unter den Heutigen, ruft er, sondern wäre schon bei den Toten oder würde erst später geboren!« »Die Richter sind bestechlich, die Väter werden mißachtet von den Söhnen, die Gastfreundschaft gilt nichts mehr, und die Ehrfurcht und die heilige Scheu, die die Gesellinnen des Menschen waren und den schönen Leib in weißes Gewand wie in Unschuld hüllen, sind von uns hinweg zu den Göttern entflohen.« Gleich zu Anfang aber erzählt der Dichter den Vornehmen des Landes grollend die Fabel vom Habicht und der Nachtigall. Es ist die erste Tierfabel der griechischen Literatur, die wir lesen: Einstmals zur melodischen Nachtigall sagte der Habicht, Als er mit Krallen sie faßte und hoch durch die Wolken hinwegtrug: »Was, Armselige, schreist du? Der Stärkere hat dich bezwungen. Rühme dich deines Gesangs, doch folgen mir mußt du! Gehorche, Ob ich dich fresse nun oder ob nicht. Ich tu's nach Belieben. Sinnlos der Ohnmächt'ge, der ankämpft gegen Gewalttat. Sieglos kämpft der gewiß und erntet noch Hohn zu dem Leide.« Die Fabel ist aus; die Nachtigall findet keine Worte mehr. Ein beredtes Schweigen.   3. Städtische Zustände Die Sittenlehre der Völker ist etwas anderes als ihre Sitte. Auch Moses hat sein Gesetz nur einem sündigenden Volk gegeben. Warum sollen wir die Griechen schönfärben? Hesiod sah schon hinein in das Treiben der Städte. Das Gemeine ist das Alltägliche und war es auch damals. Die 76 Massen lebten und starben in Leidenschaft und Irrung, und nur ihre Ideale sind unsterblich. Wie verschieden waren die Volkstypen! Sie fühlten selbst die Gegensätze in Sympathie und Antipathie. Der Jonier agil, erfinderisch und voll Spieltrieb, der Spartaner martialisch, halb Strolch, halb Held und planvoll rückständig; der Böote, der bäurisch und in Holzschuhen geht, gefräßig und borniert. Vgl. Kratinos frg. 310, der die Böoter σύες nennt. Auch im Athener stellte die jonische Art sich dar, aber günstig abgewandelt. Die nachgiebige Weichlichkeit der ihm verwandten kleinasiatischen Griechen hatte er früh abgestreift. Das zeigte sich schon in der Mode, der Tracht der Vornehmen. Der Jonier ging frauenhaft im langschleifenden Leinenchiton einher, das unbeschnittene flutende Haar kunstvoll frisiert, hochgebunden oder mit Schmucknadeln oder Zikaden hochgesteckt oder gar zum Zopf verknotet. An manchem antiken Bildwerk kann man derartiges noch sehen. In Athen siegt statt dessen der kurze wollene Leibrock, der zugleich das Taghemd vertritt. Dies betrifft die Tracht der Männer; mit den Frauen stand es anders, nach Herodot V 87. Die bürgerliche Gleichheit zeigte sich so zum wenigsten in der Tracht. Das Haar wird unter der Bürste maßvoll kurz gehalten (der Stiftekopf war nur für die Sklaven); der Bart sorglich gepflegt. Das gab die noblen, würdig schlichten Gestalten, wie wir sie auf den athenischen Grabsteinen sehen. Der Sinn für Männerschönheit ging nicht verloren. Fassen wir denn nunmehr Fuß in Athen (denn für Athens Verhältnisse sind die vorliegenden Nachrichten am ergiebigsten) und betrachten von dort aus das Leben. Entwicklung und Werden ist alles, ein Aufstieg aus dem Dürftigen in ständiger Bereicherung. Wie arm das Land war, wußte man selbst nur zu gut. Herodot sagt IV 102, aus der Armut erkläre sich bei den Griechen ihre Tüchtigkeit, und sein ganzes Werk schließt er mit der Lehre: nur arme Länder erzeugen schlagfertige Männer, die sich nicht knechten lassen. Über das Thema von der πενία als Anregerin aller Künste s. meine Schrift »Elpides« (1881) S. 52 ff. Motor ist der Trieb nach Erwerb, zunächst äußerlich und im Materiellen. Man lebt immer noch von Linsen- und Bohnenbrei, der zum täglichen Brot hinzukommt. Besser schon Gerstengraupen in Wein oder Sardellen mit Schnittlauch und Koriander. S. Aristoph. Vesp. 108. Aber auch die Fische sind Volksernährung, die der homerische 77 Held verschmäht hatte; denn Fische geben keine Heldenstärke. Den Polyp ißt man roh von der Fischbank, wie in Neapel noch heute. Aber auch die liebe Haustaube war aus dem Orient jetzt eingeführt, vor allem die Hühnerzucht, und der Hahn wird wichtig und der Liebling des Volkes. Denn es gab noch keine Uhren, und kein Glockenschlag, der uns heute die Zeiten verkündet, hallte über die Dächer der Stadt. Der Hahn ersetzte das. Sein Schrei weckt täglich die ganze Stadt, Herrschaft und Dienerschaft auf das zuverlässigste, und selbst in der Dichtkunst findet er darum oft lobende Erwähnung, während man in Heines oder Schillers Versen umsonst nach ihm sucht. Sodann das Wohnen. Die Häuser sind immer noch so lehmgebacken wie in Urzeiten: Holzfachwerk mit an der Luft getrockneten Ziegeln. Auch Etagenhäuser für mehrere Familien συνοικίαι. wurden alsbald in der Enge nötig; aber sie waren gewiß besonders ungünstig. Die Häuser stehen an der Gasse eng aneinander, so daß im Notfall die Nachbarn zueinander kommen können, wenn sie die Zwischenwand durchstoßen. Ist ein Affe entlaufen, setzt man ihm über die flachen Dächer nach. Die Stuben liegen um den offenen Hof; auf dem Hof speist man; er ist von einem schmalen Säulengang eingefaßt. Die Fußböden gestampfte Erde, keine Holzdielen, und das Schwein lief immer noch in der Stube herum, die Hühner zerrissen das Webegarn, Vgl. Aristophan. Plut. 1106, Lysistr. 896; dazu Vesp. 844. indessen der Esel im Hofe steht. Aristoph. Vesp. 170 f. Nur die Patrizier wohnten besser; sie hatten ihre Villen auf dem Land und wohnten in Athen nur, wenn die Geschäfte riefen. Der Marktplatz, die Stadtgassen ungepflastert; die Häuserfronten unbemalt. Ein Lorbeer, ein als Herme geformter Steinpfosten steht vor der Haustür, welche Haustür immer nach innen schlägt, um draußen die Passage nicht zu verengen. Wer das berühmte Theater Athens suchte, fand nur kahle Holzbänke am Berghang. Auch das Rathaus völlig unscheinbar. Man darf unsre alten deutschen Hansastädte nicht 78 vergleichen. Ein paar Hallen am Markt gaben für den Müßigen Schatten. Für erwähnenswert hielt man, daß der berühmte Feldherr Kimon auf denselben Markt auch noch einige Platanen pflanzen ließ. Auch bei Aristoph. frg. 111 erwähnt. Sonst fehlte im Dienste des Bürgers jeder Schmuckbau. In den Gassen nur Fußgänger, Wagenfahrt vielleicht nur bei Hochzeiten. Natürlich gingen aber auch Lastkarren hindurch und der Lastesel, um dessen Schatten man in den Hundstagen kämpfte. Wie bezaubernd ist es heute, wenn man zu Schiff nach Syra oder Santorin kommt, die schmucken griechischen Städtlein zu sehen! Da strahlen auf der Höhe von oben bis unten alle Häuser grell und fröhlich buntbemalt wie zum Feste. Athen hingegen lag grau und farblos und niedrig zu Füßen seiner Akropolis; keine Kuppel, kein Minaret, keine phantastische Dachform belebte den Aspekt, und für den, der zu See heranfuhr, wurde er erst einigermaßen effektvoll, als auf dem schroffen Burgberg die scharf profilierten Tempel entstanden mit ihren bunt in Blau und Rot bemalten Friesen und Akroterien und Phidias daneben das Riesenerzbild der Pallas Athene mit blinkendem Speer unter freiem Himmel aufgestellt hatte. Die Schönheit ist nur für die Götter. Die Wasserleitung war gut und ging anscheinend in alle Häuser. Schon dem Tyrannen Pisistratus verdankte man die älteste städtische Wasserleitung, außerdem die Enneakrunos genannte Fassung einer Quelle mit neun Ausflußröhren. Trotzdem blieb der Typus Athens zunächst unsren Ackerbaustädten ähnlich, die ja gleichfalls ihr Heiligtum gern auf die Berghöhe stellen, aber das Vieh durch die Gassen treiben, und es gab Mißstände, die die Straßenpolizei nicht beseitigte und von denen man kaum zu reden wagt. Um vom Gemüsemarkt nicht zu reden, wo es energisch nach Zwiebeln und Knoblauch roch: das Abfuhrwesen war miserabel; die Abtritte im Haus zum Glück die Zuflucht der Frauen. Was männlich dagegen, genierte sich nicht und hielt die Gasse für gut genug, sich dort zu erleichtern, am Eckstein oder an der Mauer der Tempelvorhöfe. Wir lesen, daß, wer einen Stein aufheben wollte, sich vorsehen mußte, daß er nicht Exkremente griff. Nach Aristophanes sind κοπρῶνες offene Abtrittsstätten (Thesm.485; Pax 99); man soll sie zudecken mit Plinthen; λαῦραι sind offene Kloaken; man riecht sie von weitem. Menschenkot auf der Straße: Acharn. 1170, Pax 11. Der Mistkäfer im »Frieden« riecht hoch in der Luft alle Abtritte Athens. Das ἀποπατεῖν im Tempelhof erwähnt Aristoph. Plut. 1184, χέζειν παρὰ ταῖς πόρναις Pax 164; an der Säule, Aves 1054. Blepyros vollführt das Geschäft auf der Bühne, Ekkles. 360 f. Nachts geht die Frau auf den κοπρών hinaus, Thesm. 485. λάσανον ist ein transportabler Nachtstuhl; s. Pherekrates frg. 88, Eupolis frg. 224. Dazu der ἰπνός : er wird bei dem Reichen plötzlich elfenbeinern: Plut. 815. Schon bei Hesiod liest man (Erga 727 f. u. 758 f.) Anstandsvorschriften gegen das ὀμιχεῖν und οὐρεῖν auf der ὁδός . Abflußleitungen und Kanalisation sind in Athen durch Ausgrabungen nur ziemlich spärlich festgestellt worden. Die Straßenkehrer oder 79 »Exkrementensammler« Die Exkrementensammler heißen die Koprologen: Aristoph. Pax 9. taten anscheinend ungenügend ihre Pflicht. Ein flacher Stein oder eine Scherbe war andrerseits kaum zu entbehren, um sich damit nach vollzogener Handlung zu reinigen; Abwischen mit Steinen, λίϑοις , Arist. Plut. 817 f.; aber auch mit Knoblauch ( ibid. ); mit einem Schwamm: Ran. 482. denn Papier, das sonst so nützlich gewesen wäre, gab es nicht. Die Papyruscharta zersplitterte zu leicht, war außerdem zu kostbar. Erst bei Catull und nur bei ihm hören wir von der cacata charta ; aber der Dichter sagt da offenbar mehr, als wirklich gebräuchlich war. Wie soll man auch viel Anstand von solchen Rüpeln erwarten, die sich in den Haaren eines anderen schnäuzen? Es gilt als Huldigung, sich dazu herzugeben. S. Aristoph. Equit. 906 f. Aber noch eins. Gebadet wurde zwar viel; denn die körperliche Reinlichkeit war groß. Bilder zeigen uns, wie im öffentlichen Hallenbad die lieben Frauen sich in die Wanne stellen und von oben das Leitungswasser aus Eber- oder Löwenköpfen sich üppig flutend über sie ergießt. Vgl. das Vasenbild bei Baumeister, »Denkmäler« Nr. 221; F. Noack, »Die Baukunst des Altertums« Tfl. 56. Die Seife war unbekannt; sie wurde durch Natron ( νίτρον ) ersetzt. Schlimm aber war es, daß man das Badewasser aus dem Haus auf die Straße laufen ließ. Der Magistrat sah sich deshalb zu Verboten gezwungen, ob mit Erfolg, ist schwer zu sagen. Vgl. Aristoph. frg. 306. Ein Badeofen ebenda 720. Der Ofen steht in der Badestube des Hauses unter dem Kessel ( ἰπνός ), Vesp. 139. In der öffentlichen Badeanstalt steht der arme Mann als der vorderste, κορυφαῖος , um sich zu wärmen (Plut. 953). Man denke sich hiernach den Zustand der Gassen; er dürfte nicht viel sauberer gewesen sein als heute in Konstantinopel oder Peking oder in gewissen Städten Südfrankreichs. Welch Glück, daß man draußen vor der Stadtmauer gleich das frischrieselnde Bächlein Ilissus mit der wundervollen Platane fand, zu der Sokrates flüchtete, als er mit seinem Schüler Phädrus über die Kunst zu lieben philosophieren wollte. Mit bloßen Füßen schreiten sie da wohlig im Rinnsal des Bachs; dann legen sie sich in das weiche Gras. Welch schöner Aufenthalt! Die Platane so hochwipfelig! Breite Umschattung umgibt sie. Das Wasser so rein! Das Gesträuch ringsum voller Blüten! Süß säuselt die Luft, und die Zikaden singen vielstimmig darein. Es ist merkwürdig genug, daß Sokrates in der Antike der erste Mensch ist, der das Genußgefühl, die entzückte Freude an der Natur persönlich äußert. Etwas anderes sind die bloßen Schilderungen der Natur, die sich vereinzelt bei Homer, dann z. B. im Ödipus Coloneus des Sophokles finden. Die Luft war da draußen rein und anders als in den Stadtgassen. 80   4. Fortschreiten der äußeren Kultur Die Lebensverhältnisse, wie wir sie bisher kennengelernt, scheinen uns mehr als bescheiden. Das Ergebnis des großen Perserkrieges aber hat sogleich eine erhebliche Steigerung mit sich gebracht. Das riesige Feldlager des Mardonius wurde nach dem Sieg bei Platää ausgeplündert, und man fand schon da gleich Luxusdinge in Fülle an Gold- und Silbersachen, wie man sie bisher nie geschaut, Purpurgewänder, Weiberschmuck der Odalisken in Massen und die Odalisken selbst dazu. Man riß sich um die Schätze; in alle Häuser kamen die Beutestücke, und ein Luxustrieb wurde nun allerorts in den Griechen wach, der diesem Volk der Arbeit bisher völlig fremd war. Er hatte nur in ihnen geschlafen. Ein Volk der Arbeit; denn nicht so sehr seine Tapferkeit als seine Technik, seine Schmiedekunst hatte Xerxes, den Großsultan des Ostens, besiegt, die Waffenfabriken, die jeden freien Bürger in Eisen kleideten. Auch von der persischen Küche erhielt man köstliche Proben; ihre Reize ergriffen selbst Sparta. Vor allem wuchs jetzt Athen rasch an Reichtum und Macht durch seine Siege. Auch die Bevölkerung Athens steigerte sich durch Zuwanderung Unternehmungslustiger erstaunlich. Der rege Handel bringt allerlei neue Waren, und der Tafelgenuß wird leckerer; man ißt jetzt Krammetsvögel und Hasenbraten und seltene Fischsorten aus dem Schwarzen Meer und verschafft sich Köche von auswärts. Auch exotische Tiere hält man sich, Affen, Fasanen. Sogar der Pfau Persiens taucht auf; das erste Exemplar wird andächtig angestaunt; er wird sogleich der Himmelskönigin, der Göttin Hera heiliger Vogel. Auch die Frauentoilette wird bunter, reich und wertvoll an Ketten und Ringen und persischen Schuhen; die Schminke unentbehrlich. Der metallene Handspiegel bekam jetzt viel mehr zu tun. Schon die Frauen sind Künstlerinnen, wenn sie sich festlich schmücken und das Auge locken. Aber auch die Stadt 81 selbst schmückt sich jetzt. Eine der offenen Hallen am Markt wird durch Gemälde verschönt; Polygnot ist der Maler, der Epoche machte. Die Geschichte der Wandmalerei beginnt. Auf dem Pentelikon aber bricht man den weißgoldigen Marmor in Blöcken, und Athens marmorne Göttertempel entstehen langsam, in den Zeiten des Glanzes begonnen, erst in den schweren Kriegszeiten vollendet. Die Aufgabestellung des monumentalen Prunkbaus im Dienste der Gottheit war freilich nicht neu; denn berühmte Säulentempel dorischen Stils gab es schon vorher in Samos, Ephesus, Pästum und sonst. Die Tempel in Ephesus und Samos als die ersten berühmten erwähnt Herodot II 148, die er mit den ägyptischen doch nicht zu vergleichen wagt. Ägyptens Götterkulte hatten dazu die Anregung gegeben, und die Einflüsse des Auslands sind also auch in diesem Falle unverkennbar. Die weitere Folge aber war, daß man nach demselben ägyptischen Vorbild auch den Gott selbst verkörperte und als Statue überlebensgroß in die bisher leere Tempelstube stellte. Die Priester in Delphi, die das Gewissen des Landes vertraten, billigten diese große und folgenreiche Neuerung ausdrücklich. S. Herodot V 82. In der Lösung der Aufgabe wahrte der geniale Grieche jedoch seine Originalität in beglückender Weise, und er gab völlig anderes. Dabei waren nicht nur Holzschnitzer und Steinmetzen plastisch tätig; seitdem man Geld in Bronze und Silber prägte, erfand man auf Samos auch den Bronzeguß im Dienste der Großplastik. Für das Allerheiligste aber schien auch das noch nicht kostbar genug, und im Parthenon stand Athene als Holzbild, ganz überzogen mit Elfenbeinplatten, die Afrika lieferte, Schild und Helm vergoldet, der schwere Mantel aber massiv aus Gold gegossen. Im Geldverkehr gab es außer dem persischen Geld noch keine Goldmünze; in dieser Form war der Mantel der Göttin die Goldreserve, die die Finanzen des Staates sicherte. So wollte es Perikles. Phidias war der Meister. Wohlgemerkt war für den Griechen solch Tempelbild nicht der Gott selbst, der überall ist, wo man ihn ruft; es war lediglich Symbol für die erflehte dauernde Gegenwart des Gottes. 82 Nicht für den Gebildeten (das zeigt uns die Tragödie), sondern nur für die blöde Masse ist dann allerdings solch Bildwerk, wie man es auch in Miniatur im Busen mit sich herumtrug, zum gemeinen Fetisch geworden wie zuvor ein Stück Schlangenhaut oder ein Eberzahn. Ägypten hatte sich erst spät und widerwillig dem expansiven griechischen Verkehr erschlossen. Es geschah, seitdem es griechische Soldtruppen anwarb, um sich vor der persischen Eroberung zu retten. So aber gewann der Grieche von dort noch eins; es war das Unscheinbarste und doch für die griechische Kultur Unentbehrlichste, das Papier, und damit das Buch. Das Buch, die Biblos, ist seitdem für alle Erinnerungen und alle Weisheit der Träger geworden. Damals war es noch Rolle. Erst nach tausend Jahren sollten die Rollen durch das geheftete Buch abgelöst werden. S. Kritik u. Hermeneutik S. 220 f., 258 und 277. Aus dem Papyrusschilf im Nildelta wurde das »Papier«, damals Charta genannt, in verschiedenen Qualitäten fabrikmäßig hergestellt. Es war leicht in der Hand, von musterhafter Glätte, nahm aus fließender Feder farbige Schrift leicht an und bot unbegrenzte Schreibflächen dar, die sich zusammenrollen, sich beliebig verkleinern ließen; so war es in Säcken oder Kästen leicht aufzubewahren. Bald nach Hesiods Zeiten wurde es eingeführt; ob noch so kostspielig, es schien sofort unentbehrlich, und erst jetzt entstand mit seiner Hilfe die eigentliche »Literatur« des Altertums. Den Gewinn, den das brachte, kann nur ermessen, wer heute durch unsre Bibliotheken geht. Der Homertext war bisher lediglich mündlich, also unzuverlässig tradiert durch Rezitatoren, die man Rhapsoden nannte. Hesiod schrieb schon, mußte sich aber noch mit der unpraktischen Bleirolle behelfen. Erst jetzt wurde ein neues, kühneres Dichten möglich, der altmodische Hexameter entthront, kompliziertere Versgebilde von den Musikern und Dichtern ersonnen und aufs Papier geworfen, die Sprache in tausend neue Formen 83 umgegossen. Vor allem aber war es jetzt möglich, auch in Prosa zu schreiben, umfangreiche Prosawerke zusammenhängend der Nachwelt zu überliefern. Ein Thukydides, ein Plato wurde möglich. Und zugleich trat auch der Kleister in den Dienst des Geisteslebens; denn eine Papierrolle, wie Plato sie brauchte, entstand erst, wenn man für sie etliche oder gar viele Blattfahnen zusammenklebte, und sie wuchs und schwoll so lange an wie die Gedankenwelt des Autors. Im Dienst der Vervielfältigung (denn das Buch suchte Leser) besorgten Schreibbüros Kopien in beliebiger Zahl. Man kaufte sie; ein Buchhandel organisierte sich; der Buchversand ist da, der einem weit verstreuten Lesepublikum dient. Man debattiert schon schriftlich, man fixiert schon die Weltgeschichte; vor allem die Theaterliteratur schwillt geradezu ins Ungeheure an. Oft sind die Theaterdichter zugleich Musiker; sie setzten über jede Silbe oder auch Silbengruppe des Textbuches zwischen den Zeilen das Musikzeichen, das für den Sänger die Tonhöhe angab. Es war keine Notenschrift wie heute, sondern ein Buchstabe wie Alpha bedeutete den betreffenden Ton, etwa den Grundton der Skala. Man konnte mit solchen Buchstaben mehr als 20 Töne unterscheiden. Diese Darlegung hat gezeigt, wieviel Hilfen und Anregungen tatsächlich aus dem Ausland kamen; und der Lerneifer hörte nicht auf. Bald wurden in Athen auch die ersten Sonnenuhren hergestellt; der Schatten ihres Zeigers wandert, und man konnte endlich die Stunden zählen. Oder man maß auch sonst die Länge des Schattens bestimmter Körper und berechnete aus dem Wechsel seiner Länge die Tageszeit. Dagegen blieb die Nacht gleichsam zeitlos, und wenn zu Kriegszeiten im Heerlager die Nachtwachen sich ablösten, konnte das nur mit Hilfe der Wasseruhr rechtzeitig geschehen. Zur Minutenzählung kam es nie. Schwierig war aber überdies auch die Zählung der abgelaufenen Tage; man half sich gelegentlich, indem man im Strick oder Riemen sich Knoten in 84 beliebiger Anzahl machte und jeden Tag einen Knoten auflöste. Vgl. Herodot IV 98, wo die griechischen Strategen dies auf des Darius Angabe ausführen; sie selbst wußten also keinen besseren Rat. Dann verbesserte sich auch das Kalenderwesen. Der alte Bauernkalender, der nur nach dem Mondwechsel die Monate fixierte, genügte nicht; die Astronomie des Orients half; das Mondjahr wurde mit dem Sonnenjahr ausgeglichen durch Schaltung. Solches geschah zu Athen schon im 5. Jahrhundert v. Chr. Und nur zu einem kam es nicht, was uns ganz unentbehrlich scheint, zur Jahreszählung. Denn es gab in der Vergangenheit kein Anno Eins, von dem an man hätte zählen können; man konnte sich darüber nicht einigen. Über die verschiedenen nur lokal gültigen Ären, die im Laufe der Zeit aufkamen, kann hier nicht berichtet werden. Ganz anders die Römer, die späterhin mit der Gründung Roms die Zählung begannen; ebenso setzte in der römischen Kaiserzeit die christliche Chronik das Jahr 1 getrost in die Zeit des Erzvaters Abraham, und Jesus war also im Jahr 2016 nach Abraham geboren. Die Griechen haben erst vom Jahre 776 v. Chr. an die vierjährigen Abstände der Festspiele in Olympia gezählt; es ist die Olympiadenzählung, die jedoch für die Geschichtsschreibung erst spät in Aufnahme gekommen ist. Vielleicht hätte man von Homer an zählen sollen; aber man stritt sich nicht nur darum, in welcher Stadt, sondern auch, in welchem Jahrhundert Homer geboren sei. Der Mensch steht im Strom der Zeit, die lautlos und rastlos an uns vorüberrinnt und nicht enden will. Ein Tor, wer nach ihrem Ursprung fragt; denn sie entspringt in der Ewigkeit, um in die Ewigkeit zu zerfließen, und keiner hat ihre Quelle gesehen. So denkt auch Plato, Phädr. p. 245: der Anfang ist unentstanden; also ist er auch unvergänglich.   5. Die Frau und der Knecht Sehen wir nun endlich genauer zu, wie man in Athen lebte zur Zeit des Perikles oder auch noch zu Xenophons Zeiten. Im Hause ist die Frau das Wichtigste, und sie herrscht; 85 denn sie ist die Haushüterin. Daher das ständige Ächzen der Männer, wenn sie unter sich sind: »die Frau ist das notwendige Übel«. κακὸν γυναῖκες lautet z. B. das einzige Fragment aus den Komödien des Susarion. In Gegenwart der Frau ist man vorsichtiger im Ausdruck, und daß die Männer etwa ungalanter als wir gegen das sogenannte schwächere Geschlecht waren, läßt sich durchaus nicht beweisen. Vielmehr sind dem Euripides seine hämischen Äußerungen allgemein auf das ärgste verübelt worden; sogar Aristophanes vermeidet es, in seinen Lustspielen Frauen seiner Zeit mit Namennennung zu verlästern. Von Aspasia ist abzusehen, sonst wäre vielleicht nur die Rhodia zu nennen (Aristoph. Lysistr. 270, dazu das Scholion); vgl. auch noch Eupolis frg. 215. Dagegen wird uns von ihm die Verliebtheit eines jungen Ehemanns in sein süßes Weibchen, die ja nur zu begreiflich ist, gelegentlich prickelnd ausgemalt; und der Bürger, der im Sommer als Soldat in den Krieg muß, sehnt sich ehrlich nach seiner Hausfrau zurück. Nicht nur den bezaubernden Blick, man rühmt auch die Schönheit der Frauenhände. Aristoph. Plut. 1018 und 1022. Die Laternen bestanden aus durchsichtigen Hornplatten, und da heißt es: »Wie das Licht durch die Laterne, so schimmert durchs Gewand die Schönheit unsrer Weiber«. Aristoph. frg. 8. Nur die Stiefmütter sind verrufen; Vgl. z. B. Herodot IV 154. das galt damals so wie im deutschen Volksmund und sonst, und wird wohl so bleiben, wennschon wir zu wissen glauben: sie sind zumeist besser als ihr Ruf. Der Mann geht in der Regel schon am frühen Morgen seinem Geschäft und Gewerbe nach, um erst spät wieder nach Haus zu kommen. Indes waltet die Frau energisch allein im Haus. Alle Pflichten lasten auf ihr, und sie weiß sie zu bemeistern. Sie weckt die Knechte, bedient den Mann, erzieht die Kinder, säubert das Haus, Aristoph. Lysistr. 16 f. sorgt für die Küche, das Bad, für reine Wäsche, endlich auch für ständige Erneuerung der Kleidung; denn das Spinnen und auch das Weben der Stoffe ist durchaus Hausindustrie; dies der Grund, weshalb es ein Schneidergewerbe kaum gab. Dazu braucht die Fleißige Geld. Nicht der Mann, sondern die Frau kassiert ein; der Mann muß an sie abliefern, was er am Tag verdient hat. Daher das Benehmen der Melissa, von dem ich erzählte. Man trug das 86 Kleingeld im Munde (so sah ich es im Griechenland auch noch heute), und das Töchterchen wird vorgeschickt und nimmt dem Papa die Münze mit einem Kuß aus dem Munde. 1½ Obolen im Munde auch Aristoph. frg. 48. Daher wurde es Sitte, auch dem Toten den Obolus in den Mund zu schieben, den er dem Fährmann der Unterwelt zahlen mußte. Auf dem Markt Einkäufe zu machen, steht der Frau nicht zu; sie schickt die Magd oder den Hausknecht, oder der Ehemann muß höchstselbst das Gemüse holen. Die griechische Frau bewegte sich nicht so königlich frei wie die Römerin, aber doch viel freier als die Orientalinnen, die ihr Gesicht auf der Gasse verhüllen mußten und nahezu eingesperrt lebten. Es ist falsch, nach gewissen Schilderungen oder Vorschriften von Moralpredigern des Altertums sich die griechische Hausfrau als hausbacken, stumpf und geistig minderwertig zu denken. Der Psychologe sollte wissen, daß Männer von höchster geistiger Potenz und Agilität, wie es so viele Hellenen waren, nicht nur immer vom Vater allein ihre Begabung erben. Ohne bedeutende Frauen sind sie nicht zu denken. Nicht gedrückt und borniert also; in Wirklichkeit werden uns genug Szenen geschildert, die uns die Athenerinnen ganz anders zeigen. Und nun gar die Frauenbilder auf den berühmten Grabsteinen Athens; wie charaktervoll, würdevoll, seelisch und geistig sein sind sie da oft gebildet; sie würden in jedem modernen Salon Aufsehen erregen. Auch glaube man nicht, daß diese Frauen so farblos gekleidet oder gar in weißen Tüchern einhergingen, wie der Unbelehrte aus den Bildern schließen könnte. Vielmehr die buntesten Farben, dazu buntgemusterte Randstreifen, auch Troddelbehang waren beliebt. Wie herrlich wäre es, könnten wir diese Farben an den Marmorstatuen noch sehen! Nur die bemalten Terrakotten verraten sie uns, späterhin die Wandmalerei Pompejis. Aber daß die Helleninnen kein Korsett, auch keine Hosen und aufbauschende Unterröcke trugen, das wenigstens lehren uns die Statuen. So fällt ihre Figur steil ab, und die »Linie« ist da, von der man auch heute spricht. 87 Sie ist da, obgleich die Kleider nicht etwa wie heut knapp sackartig zugeschnitten, sondern stoffreich waren, jede Enge verschmähten und den üppigsten Faltenwurf möglich machten. Der Wuchs des Leibes tritt dabei um so schöner heraus, da der Stoff die vollste Freiheit hat, sich umzuwerfen und sich jeder Bewegung anzuschmiegen, beim Schreiten, beim Liegen oder gar beim Tanz. Wir fühlen es den Bildmeistern nach: sie schwelgten in beidem, in den Reizen der Leibesform, aber auch des Gewandwurfs, dem Wellengang des Stoffes. Doch über die Kunst ist später zu reden. Kehren wir zu den Frauen selbst zurück. Die Frau verfährt gewiß oft nur instinktiv; aber in vielen Fällen trifft ihr Instinkt sicherer das Richtige als alle Überlegungen des Mannes. Üppig, stolz und flott gebärdeten sich die Griechinnen im Leben, und die Männer leben in Respekt, wenn nicht in Furcht vor ihnen. Bekommen sie größere Summen in die Hände, treiben sie auf eigenes Risiko Wucher, indem sie eigenmächtig Gelder auf Zinsen ausleihen, und wissen sich für das eingeschlossene Dasein in den Arbeitstagen hinlänglich an den zahlreichen Festtagen, die das Jahr bringt, zu entschädigen. Im schleppenden Safrankleid ziehen sie da einher mit weißen Bänderschuhen, parfümiert, mit Schmuck behangen, frische Blumen im Haar, und werfen Blicke, indem sie gegen den Brand der Sonne den großen Strohhut tragen oder den Sonnenschirm, Lysistr. 44. oder sie lassen sich gar in der Sänfte tragen; die Sänfte hatte man den Frauen des Orients abgelernt. Vgl. W. A. Becker, Charikles² I S. 224. Auch die erwachsenen Töchterchen dürfen an den Panathenäen und anderen Festen, die mit Gottesdienst begannen, schon mit hinaus und finden, wenn sie hübsch sind, ihren Liebhaber. Der Wein steigert den Festrausch. Denn auch die Frauen zechen gern; gießt man ihnen zu viel Wasser zum Wein, so schreien sie: »ich bin doch kein Frosch!« Pherekrates com. frg. 40. Heimliche Stellen in Grotten und Höfen zum abendlichen Stelldichein gibt es genug, und manches Fallkind gibt hernach Zeugnis von zärtlichen Abenteuern; es muß schnell geheiratet werden. 88 Aber nicht nur die Töchter; auch die Mütter sind unverlegen. Wenn Perikles im Philisterton zur Volksmasse sagte, das beste Weib sei, von dem man nicht spricht, so dachte er eben, das Schweigen sei günstiger für sie als das Reden der Männer, die das Schandflecken lieben; er dachte vielleicht auch an seine Aspasia, die genial, aber nur allzu flott war und nachweislich ein Bordell unterhielt. Das Haus hat auch eine Hintertür, und wie oft war überhaupt der Gatte abwesend! Ein Ehebrecher kann immer Eingang finden; denn es scheint unbillig, daß die Männer allein sündigen dürfen. Die Frau fühlt sich immer noch jung genug; sie schminkt sich weiß und legt Rot auf; denn weiß ist zwar ihr Körper sonst, aber im Antlitz der Teint gebräunt, und das scheint reizlos. Sie schminkt sich also, sooft sie den Liebhaber erwartet; sie tut es auch, um dem eigenen Eheherrn zu gefallen, wenn der Buhle fehlt. Auch die Augenlider und -brauen werden mit einem schwarzen Strich bemalt; das steigert wirksam den Blick des Auges. Aristoph. frg. 880. Aber nicht nur das; auch politisch interessiert sind die Athenerinnen, belauschen darum die Gespräche der Männer; Aristoph. Lys. 523. denn ob Krieg, ob Friede, geht auch sie an; sie sind davon schwer betroffen. Ihr Patriotismus äußert sich bis zur Wildheit. Im Perserkrieg hat ein gewisser Lykides Landesverrat geübt; er wird hingerichtet; da ziehen die Weiber vor sein Haus, greifen Steine auf und erschlagen damit auch noch sein Weib und seine Kinder. Ein Haufe von Bürgern ist im Kampf für Athen ehrenvoll gefallen; nur einer rettet sich und kommt in die Stadt. Die Frauen rotten sich zusammen, überfallen ihn, ziehen die Nadeln aus ihren Kleidern und erstechen ihn. Herodot IX 5 und V 67. Nur daß die Frau den Staat führt, wie die großartig gewalttätige Pheretime in Kyrene, ist selten; seltener noch eine Heldin im Seegefecht wie die Artemisia in der Schlacht bei Salamis. Vgl. Von Homer bis Sokrates S. 157 f. So aber verstehen wir nun endlich auch die von Leidenschaft getragenen Frauen der attischen Tragödie. Sie 89 sind nicht bloße Traumbilder der Dichterphantasie, sie sind der Wirklichkeit abgelauscht: die in Liebe sündigende Phädra, die kaltherzig mordende Klytemnestra, eine Iphigenie, die in Feindesland alles wagt, um ihren Bruder zu retten, Antigone in ihrer Seelengröße und Seelenreinheit, die ihres Bräutigams nicht achtet und Liebe und Leben wegwirft, um dem Tyrannen zum Trotz an ihrem gefallenen Bruder die Pflichten der Frömmigkeit zu erfüllen. Dem antiken Menschen stand die Geschwisterliebe höher als der Trieb des Mannes zum Weib, des Weibes zum Manne. Dies bezeugt nicht nur Antigone bei Sophokles v. 905 ff., sondern auch andere Stimmen des Altertums; s. »Kritik und Hermeneutik« S. 108 f., wo ich solche Stimmen gesammelt und gezeigt habe, wie sinnlos es ist, heute noch die erwähnten Sophoklesverse für unecht zu erklären. Falsch ist auch, was man bei Kaibel in seiner Elektra S. 268 über Erotisches zwischen Geschwistern liest. Zur Sache sei noch A. Patin, Ästhet. u. krit. Studien zu Sophokles (1911) S. 33 und Bucherer, Berl. philol. Wochenschr. Bd. 32 S. 1404 f. zitiert; als Belegstellen für intensive Geschwisterliebe füge ich noch Cicero ad fam. 2, 10 und 14, 1; ad Quint. frg. I 3, 3 f. hinzu. So viel von den Frauen. In der Haushaltung brauchen sie nun auch Hilfe, sie brauchen Dienerschaft, was näher auszuführen kaum nötig ist. Vor allem: der Sklave ersetzte der Herrschaft die Tasche. Man denke, daß in der Frauenkleidung, ebenso auch in der Männerkleidung die Tasche fehlte. Das ganze Altertum kennt sie nicht. Das Kleid bestand eben aus einem Stück, und es wurde daran nichts genäht. So waren auch Knopf und Knopfloch, die bei uns den Kleidern Halt geben, unbekannt. Das Beinkleid braucht Knöpfung unbedingt; aber man trug keine Beinkleider. Wollte man nun etwas bei sich tragen, so steckte man es in den Gewandbusen; der Gürtel gab Sicherung, daß der Gegenstand nicht nach unten hindurchglitt. Das Weberschiffchen, die Schreibtafel, das Buch oder den Lieblingsvogel steckte man also in den Busen, den Geldsack auch in den Gürtel selbst. Vgl. z. B. Cupolis frg. 243. Weil der Geldbeutel im Gürtel steckte, gab es Diebe, die unseren Taschendieben entsprechen und βαλαντοτόμοι , sectores zonarii hießen; sie gingen also mit dem Messer vor. Der Mann dagegen, der bei Krösus Gold raffen wollte, sparte sich im Chiton einen extra umfangreichen κόλπος aus (Herodot VI 125). Sonst aber war der Diener nötig oder die Dienerin, die das Paket oder den Korb, auch den Beutel mit Geld, den Pompadour auf der Gasse hinterherzuschleppen hatte (von Aktenmappen hören wir noch nichts). Für einen Mann wie Sokrates, der die Dürftigkeit zur Schau trug, wird alles dies freilich nie erwähnt; anders aber seine Xanthippe; sie hat für Haus und Kinder dienende Hilfe sicher gebraucht. In ältester Zeit, so sagt Herodot, kannte Attika noch kein Sklaventum. Herodot VI 137. Es hat sich ausgebildet im Dienst der Arbeit, der Hausindustrie, mehr noch der Großindustrie, und die Zahl 90 der dienenden unfreien Bevölkerung steigerte sich in den Handelsstädten schließlich ins Ungeheure, unsren Fabrikarbeitermassen entsprechend. Um das Jahr 300 v. Chr. hatte Athen, die Frauen und Kinder nicht mitgerechnet, 21 000 Vollbürger, 10 000 ansiedlungsberechtigte Fremde (Metöken genannt) und 400 000 Sklaven. Athenäus p. 272 C. Auf jeden Freigeborenen kamen also damals 12 Unfreie. Aus einem ähnlichen Zahlenverhältnis muß es sich erklären, daß schon in viel früherer Zeit in Argos, als da im Krieg mit Sparta sämtliche wehrfähigen Bürger gefallen waren, die Sklaven in der Stadt die Herrschaft gewannen; Herodot VI 83. sie führten die Staatsgeschäfte, solange die unmündigen Bürgersöhne dazu nicht imstande waren. In den Waffenfabriken, Gerbereien, im Schreinergewerbe, im Bauwesen und sonst brauchte man eben viele Hände, weit mehr noch in den Bergwerken; Nikias, der Nabob, hatte in den thrakischen Goldbergwerken, an denen er stark beteiligt war, allein an 1000 Arbeiter. Gerade in den Demokratien wuchs das Bedürfnis nach Sklaven, da die Bürger selbst, auch die Kleinbürger, durch die Staatsdinge, Wahlakte, Geschworenengerichte u. a. ständig in Anspruch genommen waren. Man bezog sie durch Kauf (zumeist aus Kleinasien und Thrazien). Auf einem kreisförmigen Gerüst wurden sie zum Verkauf ausgeboten. Daß man sie gut hielt, lag im Interesse des Besitzers. Daher εὔδαλος genannt, Pherekrates com. frg. 212. Wir finden durchweg, daß die Hausdienerschaft im Lesen und Schreiben, auch im Geldgeschäft, höchst gewandte Leute sind; je mehr diese Menschen lernten, je nützlicher waren sie. Auch waren sie selbst am Wohlergehen des Hauses interessiert. Philemon com. frg. 56: »wenn es dem Herrn schlecht geht, leidet auch der Knecht«. Solche, die nicht gut taten und aus dem Dienst liefen, wurden steckbrieflich mit Signalement oder durch öffentlichen Anschlag verfolgt. Die Strafen waren nicht allzu gelinde, aber zumeist nicht quälerisch. Wenn es Prügel regnete, machte der Tunichtgut noch Witze und rief: »Selig die Schildkröte unter ihrem Dache. Wär' ich wie sie!« Aristoph. Vesp. 1292 f. Dem naschhaften Burschen legte die Hausfrau ein rundes Holz in gehöriger Breite als Kragen um den Hals, so daß er 91 nichts heimlich in den Mund stecken konnte. Vgl. Blümner a. a. O. I² S. 33. Schlimm ist's, wenn er im Hause herumhorcht und die Geheimnisse auf die Straße trägt. Aristoph. Ran. 750 f. Meldet er dagegen Gutes, bekränzt sie ihn in heller Freude mit einem Kranz von Kuchenstücken. Aristoph. Plut. 764. Auch der Spießbürger ist in der Lage, sich drei bis vier Sklaven zu halten, kauft für sie Wams, Schafpelz und Kappe und sorgt auch, daß sie im Winter warme Füße haben. Aristoph. Vesp. 444. An Klugheit, aber auch an Bildung übertrafen sie oftmals, wie die erhaltenen Lustspiele uns das zeigen, die jungen Haussöhne, deren intime Ratgeber sie waren. Daher die erstaunliche Redefreiheit, ἰσηγορία . Vgl. Ps. Xenophon, Athen. polit. 1, 12. die man ihnen im Haus gewährte und die den stolzen Römern ganz unziemlich schien. Das gehört zum Kapitel der griechischen Menschenliebe, der Philanthropie.   6. Der Lebenslauf Hiernach sei einmal als Skizze gegeben, wie man damals in Athen lebte und starb. Es handle sich um einen Mann aus wohlhabender und echt attischer Familie. Seine Eltern haben, wie üblich, jung geheiratet. Töchter sind schon da. Die Frau erwartet. Man hofft auf einen Sohn. Der junge Ehemann ist, wie so oft, aushäusig in Geschäften. Da kommt sein alter Hausdiener gelaufen und meldet ihm: »ein Knabe geboren!« Zu Haus findet er dann schon die Schwiegermutter, wohl auch die Tanten; durch sie hindurch dringt er ins Hinterhaus zu ebener Erde, wo sich das Schlafzimmer befindet. Die Hebamme hat ihr Werk schon getan, wäscht jetzt das Kind in der Wanne und betrachtet es kennerhaft. Dasselbe tut jetzt auch der Vater mit kritischem Blick. Die junge Mutter harrt ängstlich auf ein Wort: wird ihm der Kleine gefallen? Ist das Kind schwächlich, nicht recht lebensfähig oder gar für den Hausstand zu viel, Künstlicher Abortus war gesetzlich verboten; vgl. Becker, Charikles² II S. 5. so wird es ohne viel Herzeleid beseitigt. Man tat solch Kind in ein Tongefäß (Chytra) und setzte es irgendwo in den Bergen 92 aus. Gelegentlich fand es dann einen Retter und Liebhaber. Daher ist so oft von Findelkindern die Rede. Aber der Mann hat den Sohn schon auf den Arm genommen und trägt ihn nun feierlich um den Hausherd herum; das ist die erste fromme Handlung. Dann wird der Sohn bei der Behörde angemeldet, mit Eigennamen in die betreffende Bürgerliste eingetragen. Ursprünglich wohl nur an die Geschlechterverbände, die Phratrien. Dies genügte aber seit Kleisthenes zur Sicherung des Bürgerrechtes in Athen nicht mehr. Der Grieche hat immer nur einen Namen, keinen Zunamen; oft erhält er den Namen des Großvaters. Möge er etwa Sophron heißen. Die Hebamme ist schon verschwunden, und die eigentliche Amme tritt, auch wenn die Mutter selbst nährt, als Wärterin an die Stelle. Auch sie ist, wie es scheint, zumeist Unfreie, wird durch Kauf erworben So war des Alkibiades Amme aus Sparta gekauft. Doch boten sich auch junge Bürgerfrauen als Ammen an. und bleibt zeitlebens im Haus. Der Junge hängt sein Herz an sie. Eine Wiege fehlt; sie ist unbekannt. In Windeln liegt das Kind auf seinem Kissen, wird aber fleißig in Bewegung gehalten, in einer Mulde, die an Stricken hängt, geschaukelt und hin und her getragen. Dazu singt die Wärterin ihr »lala« oder auch die Mutter. Auch die Kinderklapper fehlt nicht. Wenn es tüchtig schreit, ist es eine Freude, ebenso das erste Lachen. Es ist alles, wie es sein muß. Ist der Bub von der Brust entwöhnt, ernährt ihn die Amme weiter, indem sie das Essen vorkaut und so dem Kind in den Mund steckt. Das Kind gedeiht; es kann schon laufen und will spielen. Die Schwestern haben dazu ihre Puppen, die immer auf dem Markt zu kaufen sind. Für den Jungen gibt's ein Wägelchen, mit dem er im Hof herumfährt; auf dem Stock wird geritten (der Vater tut mit), mit dem Hund wird gespielt; auch den Ball lernt der Junge schon werfen, den Kreisel schlagen. Wenn er schlafen soll, erzählen ihm die Weiber nette Geschichten, Tierfabeln wie die vom Wolf und Schaf oder »Es war einmal ein König« u. s. f. Denn er hat schon Verstand. Auch die Kräfte wachsen; er wird schon unbändig, und ein Erzieher wird nötig, »Pädagoge« genannt, ein Wort, das nur den Diener bedeutet, der den Jungen täglich auf die Straße 93 führt. Derselbe verabreicht ihm auch die nötigen Schläge auf sein Hinterteil bei hochgezogenem Hemdchen, wenn er gar zu unartig. Diese Schläge verordnet auch der große Plato ausdrücklich. Der kleine Sophron ist begabt, schnitzt sich schon sein Wägelchen selbst aus Lederstücken, kann schon aus Äpfelschalen Frösche schneiden, Aristoph. Nub. 878. läßt den Maikäfer am Faden fliegen. Auf das Sprichwort »gib Kindern kein Messer in die Hand« Griechisch μὴ παιδὶ μάχειραν . Danach dann Eupolis frg. 121: μὴ παιδὶ τὰ κοινά , »kein Unreifer darf an den Staat heran«. wurde also nicht immer achtgegeben. Er ist 7 Jahre alt; da muß er in die Elementarschule; es geschah nicht früher. Auch die simpelsten Leute, auch die auf den Dörfern, Die ἐν κώμῃ : Athenäus p. 354. lernten schreiben. Als Monstrum gilt, wenn ein Wursthändler nicht lesen kann. Aristoph. Equit. 188; vgl. Kratinos frg. 122. Nur in Ägypten gab es viele Analphabeten (s. E. Majer-Leonhard, Ἀγράμματοι , 1913), das trifft auf Hellas und Rom keineswegs zu. Die Töchter bekamen Hausunterricht unter der Mutter Aufsicht; denn Töchterschulen gab es nicht. Gleichwohl waren – ganz wie bei uns – die Mädel den Knaben voraus und stellten an den Papa aufgeweckt die klügsten Fragen. Vgl. die Szene bei Aristophanes Pax 122 ff. Warum wählte der Dichter für dies Gespräch nicht einen Knaben? Der Staat bekümmerte sich als solcher nicht um das Unterrichtswesen, aber er verlangte, daß die Väter ihre Söhne etwas lernen ließen; andernfalls haben die Eltern in ihrem Alter keinen Rechtsanspruch darauf, von den Söhnen unterhalten zu werden. Die Knabenschulen waren also nur Privatschulen verschiedener Güte. Der arme Lehrer lebte vom Schulgeld und darbte, wenn er keinen Zulauf fand. Tag für Tag führt der Pädagog den Knaben dorthin, bleibt mit da und bringt ihn sorgsam wieder nach Hause. Mögen auch die bösen Buben locken: Unfug auf der Gasse wird nicht geduldet. Auf der Schulbank gilt es gerade zu sitzen; beim Versaufsagen wird hübsch aufgestanden. Das Schreiben geschieht auf der Tafel, aber auch auf Papier, und der Schulmeister macht dafür selbst die Tinte zurecht, indem er den Farbstoff in Wasser zerreibt. Das Rechnen lernt man mit Hilfe von Rechensteinen oder indem man Äpfel abzählt; da kann man addieren und subtrahieren. An 60 Abcschützen sind beisammen; einmal hören wir sogar von 120, die in einer 94 Halle unterkommen. Das Gebäude brach ein und alle Kinder kamen um (Herodot VI 27). Eine Knabenschule in Böotien erwähnt Thukydides VII 29. Aber die Stube reicht oft nicht aus, und so geht die Sache auch auf offener Straße vor sich. Man muß dazu früh aufstehen. Schon bevor der Verkehr auf der Gasse sich regt, wird begonnen. Natürlich sind dann da immer Neugierige, die zuhören wollen und mit Geschwätz den Unterricht stören. Fremde Sprachen betrieb man nicht; man hatte schon genug an den vielen griechischen Dialekten zu lernen. Auch Musikstunden sind obligat, aber erst etwa vom 13. Jahr an: auf dem Saitenspiel klimpern, mitunter auch Flöteblasen, man mochte noch so unmusikalisch sein. Für die Turnübungen war die Palästra da. Palästra von einer Marmorbasis aus Athen im Nationalmuseum dortselbst (Nr. 3476), gegen 500 v. Chr. Nach Archäologischer Anzeiger 1922, Beilage 3. Zur höheren Bildung aber gehört Dichterlektüre und Mathematik, d. h. Geometrie. Das ist schon humanistischer Unterricht. Die Eltern halten darauf. Sie haben schon idealere Zwecke. Der Junge selbst aber hat dafür wenig Verständnis. Pythagoräischer Lehrsatz! »Was nützt mir das?« fragt er schon gleich nach der ersten Stunde. Da ruft der Präzeptor seinen Diener heran und sagt: »gib dem Jungen da drei Kreuzer in die Hand; denn er will Nutzen haben«. Vgl. Becker, Charikles² II S. 32, nach den Excerpta Florentina des Joh. Damascenus II 13, 62. Den Äsop scheint man damals zum Unterricht noch nicht verwendet zu haben; s. P. Beudel, Qua ratione Graeci liberos docuerint (München 1911) S. 34. Zeichenunterricht kam erst in des Aristoteles Zeit hinzu. Das Wichtigste und Schwerste aber war natürlich die sittliche Erziehung, das Mores lernen. An Religionsstunden in unserem Sinne war nicht zu denken; indes stand ja allein schon im alten Homer viel Erziehliches, aus dem die Kinder ganze Stücke auswendig lernten. Für das übrige sorgte die Mutter und der Pädagog: Anstand, Maßhalten, keine dreisten Blicke, nicht laut oder gar vorlaut sein im Worte! Nur wer gehorchen lernt, wird einmal befehlen können! So Aristoph. Nub. 964 f. Auch von Solon, von Theognis gab es leicht faßbare Gedichte mit guten Moralsprüchen. Sophron wird Jüngling, Ephebe; das ist das Alter vom 16. bis 18. Lebensjahr. Die Freiheit beginnt; die Aufsicht der Mutter hört auf, und der Vater gönnt ihm gern die Freiheit; denn er selbst hat es ja ebenso gehabt, zahlt für ihn auch gern, wenn er sich sonst gut hält. Mögen andre Burschen 95 gleich ins Handwerk ihres Vaters gehen; so ist's bei den kleinen Leuten, den Banausen. Dieser Junge hat dagegen volle Zeit für den Sport. Da findet er auch gleich Umgang mit Altersgenossen. Man betreibt die Körperübungen in drei Gymnasien oder Sportanstalten, die staatlich sind. Gymnasium heißt ja eigentlich nur »Entkleidungsraum«; denn man tarnte nackt. Heut ist es die höhere Lernschule, in der der Schüler, vielleicht aber auch ab und zu der Lehrer sich »Blößen« gibt. Ertüchtigung des Körpers war erste Lebensregel; elastischer Geist im elastischen Körper die Losung. Aus diesen Spielen gingen die Berufsathleten hervor, die sich für die großen Wettkämpfe durch Training und strenge Diät vorbereiteten. Auf dem Isthmus Korinths, in Delphi, in Olympia gab es die berühmten Wettkämpfe mit Siegespreisen zu Ehren der Ortsgottheit, für die sich bald nach der homerischen Zeit das Herkommen festgesetzt haben muß. »Athlet« heißt eigentlich nur »Wettbewerber«, und der Kraftbegriff steckt nicht in dem Wort. Aber wozu Athlet werden? Auch ohne das ist die Sache herrlich: der Weitwurf mit dem Diskus oder mit dem Speer, der Weitsprung, der Wettlauf. Man lief auch in soldatischer Rüstung. Beim Springen ohne Anlauf hielt man Hanteln in den Händen, um den Schwung zu steigern. Aufregender das Ringen; denn damit beginnt der Zweikampf, das waffenlose Duell. Das erste ist dabei, richtig zuzupacken. Gelang der Griff, so wird der Gegner hochgehoben, dann niedergeworfen, wobei noch allerlei Tricks halfen: ein Bein unterzuschlagen oder den Arm des Gegners plötzlich umzudrehen. Auch auf der Erde wird noch weiter gerungen, bis der Schwächere die Hand hebt; er erklärt sich für besiegt. Aber man denke nicht, daß alle Griechen solche Musterknaben oder Modelljünglinge gewesen sind, wie Myrons Statuen sie uns zeigen. Steife Gesellen, träge Burschen gab es auch damals genug, die lieber auf der Gasse, den Wandelbahnen, auf der heiligen Straße zur Burg herumflanierten, 96 eine Blume in der Hand Klearch bei Athenäus p. 553 E. (denn Knopflöcher gab es nicht, wie wir sahen, um die Rose hineinzustecken). Vgl. z. B. Lysias De inval. 12. Der Spazierstock des Parrhasius war sogar mit vergoldetem Rankenwerk verziert: Athenäus p. 543 F. Auch der Spazierstock wurde geschwenkt; denn ohne ihn ging der Elegantere nicht aus; nur die Damen trugen ihn noch nicht. Die gingen freilich auf hohen Hacken einher, besonders die zweifellos zweifelhaften Personen. Auch vor ihrer Haustür sitzen die Hetären. Man weiß ihre Adresse. Sie sind nicht Dirnen im gemeinsten Sinne, haben mit dem Bordellwesen nichts zu tun und halten selbständig Haus, stammen oft aus guter Familie und werden dann als Repräsentantinnen bester Erziehung, als Trägerinnen der Bildung, geradezu gesellschaftsfähig. Vgl. über Aspasia und die jüngere Laïs »Von Homer bis Sokr.«³ S. 454. Auch des Themistokles Mutter sollte eine Hetäre gewesen sein s. Athenäus p. 576 C. Daher ihr Name »Hetären«, d. i. »Genossinnen«, »Kameradinnen«; man kann das Wort auch mit »Unterhaltungsdamen« übersetzen. Aber es gab auch geringere Qualitäten. So eine hockt da in ihrer Tür und sucht sich vor aller Augen die Läuse aus der losen Frisur. S. Aus dem Leben der Antike 4 S. 89. Sonst benutzte man für solch übles Geschäft zum wenigsten die Zofe. Der Jüngling, in dem sich der Eros regte, hatte reiche Auswahl. Auch Segelregatta im Hafen gab es für die Jünglinge; denn jeder Athener ist Seemann. Unser Jüngling aber will hoch hinaus. Er treibt Pferdesport. Einen Gaul darf er sich halten. Vor allem bei Marathon war gute Reitbahn. Wie schön war es, wenn es Krieg gab, mit der Bürgerwehr als Reiter ins Feld zu ziehen! Die schwerbewaffnete Infanterie bildete das Gros im Kampf; Sparta hatte gar keine Reiterei. In Athen waren es nur etwa 800 Mann zu Pferd; die Elite der Jugend. Aber auch zur Friedenszeit war es ehrenvoll und ein Stolz, bei den heiligen Prozessionen im Reiterzug mitzureiten. Man ritt ohne Steigbügel, ohne Sporen, auch nicht in Hosen. Das nackte Bein preßte die Weichen des Tieres. Um aufzufallen, ließ man sich dazu die Haare lang wachsen, daß die Locken flogen. Aristoph. Nub. 14. Der junge Sophron wird bewundert; die Leute sagen, er ist schön und gewandt wie ein Achill. Da soll er auch 97 tanzen lernen. Beim Götterfest darf er im Theater auf der Orchestra vor dem Volk im Reigen mit tanzen, wie der junge Sophokles es tat. Es war Reigen mit Gesang, »Chor« genannt. Die besten Bürgerfamilien stellten hierfür, aber auch für die Bühnenrollen, wenn es Bühnenspiel gab, das Personal. Soll es beim Sport bleiben? Der Vater, auch der Onkel, blickt mit Sorgen darauf. Vor allem die Pferde: sie fressen Geld wie Heu. Nur nicht Schulden machen! Da tritt im Gymnasium ein berühmter Wanderlehrer auf; man nannte das einen Sophisten. Das war zu des Perikles Zeit etwas ganz Neues: Unterricht der Jugend durch Vortrag. Unser Jüngling ist immer noch im Alter des Primaners. Er wird plötzlich lernbegierig. Es gilt als modern, die Sophisten zu hören. Die Sache ist zwar gewaltig teuer; denn diese Herren forderten massive Honorare. Aber was geboten wird, ist gut; es gibt die höhere Weihe, Maturität. Da lernt der Sophron nun also Ökonomie, d. h. Haushaltslehre, aber auch Staatslehre, Verfassungswesen, auch Redekunst. Welcher Vorteil! Aber auch in historische Vorträge über Städtegeschichte, sogar über Astronomie, horcht er hinein. In den Wandelgängen des Gymnasiums, die den Sportplatz einfassen, wurde doziert, bisweilen auch im Notfall in den kellerhaften Wirtschaftsräumen daneben, die man für den Zweck ausräumte, um für die Bänke Platz zu schaffen. Auf diese Weise aber ist das Gymnasium schon damals zur Lehranstalt geworden. Sokrates wurde da heimisch; die Philosophie, d. h. die betrachtende Welt- und Menschenkunde, siedelte sich dort an. Die Jünglinge aber blieben das Publikum. Freilich ein unstetes Publikum. Wie viele hielten die Weisheit nur ein Semester lang aus! Nur nicht zu gründlich sein! Das wäre pedantisch. Und die Ablenkung ist groß. Die Freunde sagen: komm mit! Es gibt Hahnenkampf draußen auf dem Gutshof. Dein Hahn gegen meinen Hahn! 98 Die Griechen kannten die Schrecklichkeiten der römischen Arena nicht; es ist bei ihnen alles wie Miniatur. Tierquälerei aber liebt die Jugend überall, und die Stadtverwaltung Athens organisierte die Hahnen- und Wachtelkämpfe sogar zum Pläsier des Volkes. Eisendraht wird den Kampfhähnen an den Fuß gebunden; man gibt ihnen Knoblauch zu fressen. Sie sind schon von selbst wütend genug, und die Federn fliegen. Nun aber fließt Blut, und ein Tier bleibt kläglich auf der Strecke. Der fromme Bund der Pythagoräer vertrat damals stirnrunzelnd die Tendenzen unsres Tierschutzvereins; aber das drang noch wenig ins Volk, und man ließ sie reden. Aber auch auf geheimen Wegen wandelten die lebenslustigen jungen Leute. Der Abend lockt. Der Lieblingssklave hilft; er schafft auch Geld. Wir können ihnen nicht überall hin folgen. Üble Lokale gab es, geheime Trinkbuden, wo man sich festtrank, auch Hasard trieb, um Geld würfelte, oft wüst genug. Die Wirtin ist eine energische alte Vettel; die bezechte junge Bande treibt Unfug; da wirft sie sie mit Schimpfen auf die Straße: »Ihr Zechpreller und Raufbolde, hinaus mit euch!« und mit Poltern und Rumoren geht's dann auf den Heimweg. Man schlägt noch mit Fackeln auf die Passanten. Aristoph. Ran. 549 f. Schlimmer war noch der Hergang in der Kneipe, von dem Aeschines in Timarch. 59 erzählt. Diese Fackeln waren übrigens Wachsfackeln Wachsfackeln; lat. funalia ; s. Horaz carm. III 26, 7. und schmutzten nicht allzusehr. Man brauchte sie in Ermangelung jeder Straßenbeleuchtung und dankte dem Mond, wenn er volles Licht gab; denn da brauchte man sich keine Fackeln zu kaufen. Auch dies ist aus den Komikern belegbar. Der Vater gibt acht. Er wundert sich nicht, aber erkennt: es ist Zeit; der Sohn muß ins Geschäft. Er soll zunächst auf Reisen den Handel lernen. Ein auswärtiger Geschäftsfreund – etwa aus Syrakus – ist zufällig da. Mit ihm wird beraten; Sophron wird ihm anvertraut. Der Junge ist gutwillig und macht für den Gast vor der Abreise zunächst noch in Athen den Fremdenführer, indem er ihn durch den Hafen, über 99 Markt und Gassen führt. Wir gehen mit und ergänzen so mit allerlei Wahrnehmungen in Kürze unsre Kenntnisse. *     *     * Schon die Stadtmauern aus weißem Kalkstein mit ihren Türmen und architektonisch fein gegliederten Toren, eine Musterleistung der Maurerkunst, mußten jedem Fremden imponieren. Die Mauern umfaßten viele Kilometer lang auch die Hafenstadt, den Piräus, mit. Der Piräus war damals unbedingt sehenswürdiger als heute, nicht nur wegen seiner Werften und Arsenale, sondern wegen des Stadtbauplans selber; denn er war rationell weiträumig mit Straßenzügen gebaut, die, wie in Turin oder Karlsruhe, schnurgerade sich schachbrettartig rechtwinkelig schnitten. Ein Mathematiker hatte das geschaffen; die Theorie begann das Leben zu gestalten. Ein tosendes Getriebe aber ging hindurch, vulgär und schreiend wie in allen Hafenstädten des Südens. Auch die »gesetzlose Aphrodite« Die ἄτακτος Ἀφροδίτη bei Plato Leges p. 841. hatte hier ihr Hauptquartier. Aber auch die Großkaufleute ( émporoi ) hatten hier ihre Kontore; in ihren Lagerräumen stapelten sie die Fülle der Waren auf, die mit ihren Schiffen kamen. Dahin strömen dann täglich die tausend Kleinhändler ( kápeloi ), um einzukaufen, was sie dann im Detailverkauf in der Hauptstadt ausbieten und verschachern. Sie betrügen gern, fälschen Maß und Gewicht, und die Handelspolizei muß acht geben. Der Weinhändler ist eine typische Figur, der in den Häusern herumläuft und Weinproben zu kosten ausbietet. Mitten im Getriebe stehen die Geldwechsler hinter ihren Tischen an der Straße und prüfen nach dem Gewicht jedes Drachmenstück, das durch ihre Hände geht. Athen selbst will leben, und die Kleinhändler schieben ihre Waren vom Piräus auf den großen Markt der Hauptstadt. Folgen wir ihnen dorthin. Der Markt ist ein echt südländischer Bazar, lauter Buden, 100 die, in der ersten Morgenfrühe aufgebaut, hernach verschwinden; er ist überdies von den Werkstätten der Schuster und Riemenhändler, der Friseure und Parfümeriegeschäfte umgeben, deren niedrige Butiken immer weit offen stehen. Auch die haben viel zu tun, und die Inhaber wissen immer das Neueste. In der bestimmten Friseur- oder Schusterbude treffen sich zufällig oder nach Verabredung die Bekannten. Es ging da wie auf unsrer Börse zu; man entriert Geschäfte mit Angebot und Nachfrage und kolportiert den neuesten Klatsch. Die Horcher oder Sykophanten schleichen herum, um etwas zu erlauschen, falls jemand nicht demokratisch genug redet. Der offene Markt aber zerfällt in zwei sorglich getrennte Abteilungen, für die Händler und für die Händlerinnen. Und da steht nun vor allem als eine Säule der Stadt der Finanzbeamte, bei dem man Gelder niederlegen und erheben kann, der aber auch die Abgaben der Bürger einkassiert. Er steht nach der Art der Geldwechsler hinter seinem Tisch, welcher Tisch ein Bureau vertritt. Die δημοσία τράπεζα . Ein Bänkelsänger geht noch über den Platz und singt. Da ertönt eine Schelle, und der Sänger verstummt; denn die Schelle gab das Zeichen, daß der Markthandel beginnt. Das Fischweib fehlt. Händler sind es, die die Fische verkaufen, ebenso die Fleischwaren und Würste, die jungen Ferkel, den Scheibenhonig, der in der Küche den Zucker ersetzt. Nichts wundervoller im Süden als der Fischmarkt, vom geräucherten Tunfisch bis zur Makrele und dem böotischen fetten Aal. Den Gastfreund aus Syrakus aber läßt das kalt; er sagt: »Dasselbe findest du bei uns zu Hause womöglich noch üppiger, auch in Milet, in Kyrene, wohin du kommst. Es ist überall das gleiche. Biegen wir ab zu den Händlerinnen.« Da sieht man die Hökerinnen sitzen mit ihrem Lauch und Zwiebeln, Gurken und Melonen, die groben Bäckerinnen, die, wenn man an ihren Tisch anstößt, so daß eine Semmel zu Boden fällt, gleich aufkreischen und mit Prozessen drohen. 101 Aber auch allerliebste Weiber fehlen nicht, die da hinter ihren Blumenkörben kichern, rufen und winken. Es sind lauter Unfreie oder Sklavinnen. Athenische Bürgerinnen dürfen hier nicht verkaufen. Aus den Körben duftet es nach Veilchen, Levkoien und Rosen in Überfülle; wohl auch Mohn gibt es, Narzissen, Melisse, Lavendel, auch Myrten- und Selleriekränzchen. Das war alles Freiwuchs; Handelsgärtnereien gab es noch nicht, keine Gartenkunst und Blumenzucht. Und man kauft nun, oder man macht Bestellungen von Sträußen und Girlanden für den Geburtstag oder sonstige Feste; die Kranzgewinde sollen über der Haustür hängen oder auch den Altar schmücken. Dabei gibt es viel Spaß und galantes Getue; aber auch melancholische Eindrücke. Eine Händlerin, die bekümmert aussieht, fällt den Passanten auf, und sie erzählt ihr Schicksal. Sie ist von auswärts zugewandert, eine junge Witwe mit fünf Kindern, und muß sich nun hier mit Kranzflechten ernähren. Aristoph. Thesmoph. 446–458. Sie fühlt, daß sie gesellschaftlich gesunken ist; denn die Blumenhändlerinnen gelten den Dirnen gleich. »Es ist überall dasselbe,« sagte der weltkundige Syrakusier auch jetzt, und das betrifft auch das kaufende Publikum, das sich zwischen den Buden und Ständen drängt: da sind Hausangestellte, die Haussklaven, die da naschen und schwatzen, rennen und schleppen; Matrosen, Soldaten stehen und schlingen den warmen Linsenbrei herunter oder zerkauen einen Polypen; mitten dazwischen auch vornehme Herren, Protzen mit vier Dienern im Gefolge, und die »Neureichen« (griechisch νεόπλουτοι ), die jeder als solche erkennt, die da im Purpur stolzieren und sich Elfenbeinsachen und die vergoldeten Trinkbecher vorlegen lassen. Da steht so einer, der Glatzkopf; er war noch unlängst Schmied. Wer weiß, woher er seinen Reichtum hat? Nun wirbt er um die Tochter eines verarmten vornehmen Herrn und will sich bei ihm einheben mit Geschenken. νεόπλουτοι bei Demosthenes De foed. Alex. 23 und sonst. Zur Sache. Plato Rep. p. 495. »Es ist überall dasselbe,« lautet auch da wieder das eintönige Urteil. Gibt es nichts Neues in Athen? 102 Da wird der Markt plötzlich leer; das Publikum strömt auseinander. Denn es gibt heute Volksversammlung auf der Pnyx. Beamte kommen mit langen Seilen, welche Seile mit Mennig frisch rot gefärbt sind, und treiben die Bürger vom Markt auf die Pnyx, die offenbar in der Nähe lag. Zu dieser Frage vgl. Kritik und Hermeneutik S. 113. Die Seile färben ab, und wer keine Flecke haben will, muß sich eilen. Viele freilich wissen sich zu drücken, und die Beteiligung an den öffentlichen Versammlungen war in dieser demokratischen Stadt, wo das Volk im Plenum abzustimmen hatte, wenn es sich nicht um Beamtenwahlen handelte, oft erschreckend gering. Die Landleute, die gleichfalls bieder zur Volksversammlung von den Dörfern kommen, müssen sich wundern. Heute ist das Programm, daß ein Gesandter, der in Persien beim Großkönig in Susa gewesen, Rechenschaft geben soll; denn er ist auf Staatskosten gereist. Auch Hilfstruppen aus Thrazien sind angeworben, und ein Haufe davon wird dem Volk vorgeführt. Dabei geht es oft arg chaotisch her: der Gesandte redet; höhnische Zurufe aus der Masse stören ihn auf das frechste, und schließlich ist man froh, wenn das Wetter sich trübt; ein Tropfen fällt; es beginnt zu regnen, und die Versammlung wird aufgelöst. Fremde haben indes zur Pnyx nicht Zutritt, auch junge Männer nicht, wenn sie noch keinen Bart haben; Aristoph. Equit. 1374. und der Syrakusier, der sich zu sträuben scheint, Athen zu bewundern, wird vom Sophron, seinem jungen Führer, nunmehr zur Akropolis geführt. Sie kommen durch die Straße der bronzenen Dreifüße; die Dreifüße sind die Siegespreise der Tragödiendichter, die man da aufgestellt hat. Dann zeigt sich das Theater dem Blicke, ein offenes Riesenrondell, das sich weit ausgeschweift in die Wange des Burgberges schmiegt. Aber alles ist still, und es gibt da leider kein Bühnenspiel; denn es ist eben jetzt Sommerszeit; nur in den Winter- und Frühlingsmonaten wird gespielt, und Sophron muß statt dessen erzählen. Ihn haben natürlich besonders die ausgelassenen Possen 103 der letzten Saison entzückt, und er berichtet von Herakles, dem Helden, der da als Rüpel und Fresser auftrat, nach Würsten schrie und um sein Essen geprellt wurde; oder von Bacchus, der auf dem Esel in die Unterwelt reitet und Angst bekommt vor dem Höllenhund. Dabei wurden von den Theaterdienern Nüsse ins Publikum geworfen. Vor allem herrlich die Maskeraden, wenn da Wespen oder Störche im Chor tanzten und der lustige Dichter selbst sich maskierte und sprach: »in mir seht ihr den Tunfisch!« Kratinos frg. 161. »Ganz Athen ist schon auf den nächsten Winter gespannt; denn da gibt es auch Tragödien. Unsre Dichter dichten schon wieder; sie müssen immer Neues bringen, und es ist gut so; denn man sagt, nur im Sommer kann man dichten; im Winter fließen die Verse nicht, es sei denn, daß der arme Poet, da die Stuben nicht heizbar, sich vor die Tür in die Sonne setzt. Aristoph. Thesmoph. 69. Der alte Sophokles lebt noch. Er weilt zumeist im Heiligtum des Äskulap; warum? Es heißt, er ist nicht recht mehr bei Verstande; aber seine Verse und Melodien klingen immer noch so süß. Sein Sohn, der Iophon, chikaniert ihn; aber der Alte wird sich gewiß noch einmal einen Dreifuß ersingen. Auf Euripides aber möchte man die Hunde hetzen. Aristophanes, unser junger Possendichter, der ist der Hund, der dem Euripides in die Beine fährt. Und doch: alles schimpft, aber alles will den Euripides hören.« Die beiden biegen auf der Feststraße zur Akropolis ein. Der Seewind fegt daher und wirbelt den Staub, der weiß wie Asche ist, auf. Aber ein Schuhputzer lauert schon am Weg, kommt heran und reinigt ihnen die Schuhe mit Wasser und Schwamm; Aristoph. Vesp. 600. und jetzt erst sieht der Fremdling aus Sizilien, was keine andere Stadt zeigen kann: durch den marmornen Torbau der Propyläen öffnet sich der Blick auf das weite Hochplateau, den heiligen Bezirk, der, über dem Irdischen hochgehoben, all die Altäre und marmornen Hochbauten und die Fülle der Schaustücke trägt. Hier kann man wochenlang schauen und weilen. 104 Links am Torbau eine Gemäldehalle, Pinakothek genannt; auf der Bastion rechts die Marmorkapelle der Nike, keck hingestellt wie eine göttliche Schildwache. Auf freiem Platz dienen junge Mädchen in lieblichem Festschmuck der keuschen Göttin Artemis. Wer zählt alles auf? Ringsum ein Saatfeld von Statuen, Dreifüßen, Becken und skulpierten Steinen, Weihegaben zu Hunderten, vieles mit Beischrift, und alles redet vom Göttlichen. Die Sterblichen, die da im Porträt auf Postamenten stehen, sind dadurch den Unsterblichen gleichgestellt. Von weither grüßt der seine Zierbau des Erechtheum mit seinen Karyatiden; über allem ragt majestätisch und wundervoll massiv das Jungfrauenhaus der Stadtgöttin, der Parthenon. Dieser Marmor schlägt alles. An den glatten Steilflächen und Kanellierungen weidet sich glitzernd das Sonnenlicht und fließt daran triefend hernieder; die schweren Säulen balancieren das Riesendach wie einen zeltartigen Baldachin in erhabener Ruhe. Es bildete sich schon früh der Beruf des Fremdenführers, des Cicerone aus, der für alles Namen, Zweck und Ursprung hersagte; ja, es wurde ein Studium daraus, wovon wir ein Beispiel noch im Wortlaut erhalten haben. Es wäre zu viel, den Inhalt hier zu wiederholen. Dem Staat aber konnte nicht entgehen, daß die Unzahl der Weihegeschenke aus Edelmetall, die zumeist von Privaten stammten, einen enormen Geldwert von Tausenden von Goldtalenten repräsentierten. Es war totes Kapital. In den Zeiten der großen Finanznöte Athens hat sich der Staat wirklich gelegentlich, nachdem der goldene Mantel der Athene des Phidias längst eingeschmolzen war, zu gleichem Zweck auch dieser Kostbarkeiten bemächtigt. Auch sonst aber hatten sich in den bedeutenderen Gotteshäusern Griechenlands allmählich in bar große Vermögen angesammelt, so daß sie Zentralstellen für den Geldmarkt wurden, Darlehen an Staaten wie an Private gaben (zu etwa 10%) und so als Tempelbanken unsren Staatsbanken entsprachen. Auch da nahm der 105 bedrängte Staat also oft große Summen auf, die er hernach zurückzuzahlen nicht in der Lage war. Vgl. G. Billeter, Geschichte des Zinsfußes S. 10; E. Speck, Handelsgeschichte des Altertums II S. 383. Aber zurück zur Akropolis. Auch der Mann aus Syrakus ist nun doch, nachdem er alles besichtigt, voll Bewunderung und erklärt sich ehrlich für überwunden. Aber er braucht wenig Worte. Was sollte er auch weiter sagen? Für ästhetische Würdigungen fehlten dem Laien damals noch alle Vorkenntnisse. Es galt damals noch das l'art pour l'art . Nur die Künstler wußten um die Gründe für den Effekt, den sie erzielten; aber sie schwiegen; sie riefen ihr »Programm« noch nicht in die Welt hinaus, und kein »Kunstwart« suchte das Publikum zu bearbeiten und ihm sein Urteil zu diktieren. Man schwieg. Genaueres über das Kunsturteil bei den Alten s. unten. Die Bewunderung des fremden Mannes aber steigert sich noch; denn in der Liederhalle, dem Odeon des Perikles, dem ersten Odeon der Welt, bekommt er auch noch ein Konzert von Chor und Solisten zu hören, hört auch noch im offenen Theater einen der berühmten Festredner, der da von der leeren Bühne herab einen Lehrvortrag über Freundschaft oder ein verwandtes Thema in modernster Rhetorik hält. Im Theater ist die Akustik ausgezeichnet; ebenso gewiß auch im Odeon, einem Rundbau aus Holz in Theatergröße, aber nicht offen; ein zeltartiges Dach überdeckte den Raum. Schließlich aber schüttelt der skeptische Syrakuser doch das Haupt und spricht: »Das veilchenbekränzte Athen? Athen die Krone von Hellas? Euer Volk hört solche Lobpreisung gern und ist selig, wenn man so redet. Vgl. Aristoph. Ach. 635 ff. Aber Athen ist doch nur eine Hetäre, mit der man gern verkehrt, die aber niemand zur Frau nehmen möchte.« Dies Endurteil ist historisch; wir haben es aus dem Munde des Isokrates. Isokrates bei Aelian, Var. hist. XII 52. *     *     * Endlich begiebt sich Sophron, von dem wir handeln, auf die Handelsreise und geht zunächst mit dem Gastfreund nach 106 Syrakus. Möge Poseidon, der Meeresgott, ihm sichere Fahrt gewähren. Die Mutter und die Schwestern sind, wie sich gebührt, in Tränen; der Vater gibt dem Sohne Empfehlungsbriefe an weitere Gastfreunde in Tarent und anderen Plätzen mit, so daß er in keinen Gasthäusern zu nächtigen braucht. Das Gasthauswesen stand auf niederer Stufe, und man kam da leicht in üble Gesellschaft. Die Gepäckstücke sind sorglich verschnürt und auch versiegelt. Man siegelte mit Siegelerde Die Siegelerde heißt cretula , ῥύπος . Bei Homer ist das Siegeln noch unbekannt, erst später dem Orient abgelernt. und ging damit verschwenderisch um; der Siegelring mit Gemme war für jeden Menschen unentbehrlich. Schon geht der Anker hoch – das Schiff hat noch einen zweiten Anker in Reserve –; S. Stobäus περὶ ἀρετῆς 104. die Ruder greifen aus; der Schiffskörper dreht sich schon; das weiße Segel geht am Mast schon hoch. Im belebten Hafen muß der Steuermann sich vorsehen, und das Schiff bewegt sich zunächst nur langsam. Der Einmaster, den wir voraussetzen, gehört zu den stärkeren Handelsschiffen jener Zeit, die schon ein vollständiges Verdeck hatten, das gegen Regen und Unwetter Schutz bot. Stühle und Bänke gab es freilich nicht, und der Passagier legte sich bescheiden, um zu ruhen, auf die Planken. Die Tragfähigkeit solches Schiffs betrug nur etwa 260 Tons. Seine Form glich nicht ganz den unsren, da der Bug sowohl hinten wie vorn phantastisch hochgeschwungen war; aber es war stark genug, um auch auf hoher See die Fahrt zu wagen. Viele Schiffe liefen in gleicher Richtung, und man konnte auch ohne Kompaß den Kurs nicht leicht verfehlen. Kommt Sturm, so gießt man Öl auf die Wellen. S. Becker, Charikles² 1 S. 221. Wir aber begleiten den Reisenden nicht auf seiner Fahrt. Warenkenntnis soll er erwerben und Menschenkenntnis und die Tricks des Geschäfts. Den Spediteuren, die sich anbieten, ist nicht zu trauen; es ist am sichersten, wo es sich um Transporte handelt, auf eigenem Schiff und mit eigener Mannschaft zu verfrachten. Vor allem gilt es das Geldwesen zu lernen. 107 Man führt wenig Bargeld mit sich, zahlt auch nicht von Hand zu Hand in bar, sondern gibt schriftlich Zahlungsorder an einen der auswärtigen Bankiers, bei dem man Summen gebucht stehen hat. »Trapezit« heißt der Geldhändler nach dem Tisch (Trapez), hinter dem er steht (wie der Bankier nach der Bank heißt, die bei uns den Sitz des Geldhändlers bedeutet). Die Geschäftsleute legten bei ihm ihre Gelder in Depot und konnten so Auftrag geben, auch an Dritte zu zahlen. Es war Girogeschäft. Auch zu Haus muß also jeder Geschäftsmann im Kleinen und Großen Buch führen. Uns wird geschildert, wie plötzlich Forderungen kommen; es ist noch Nacht, aber der Schlaf ist aus, und der Betroffene entzündet die Kerze, um im Kontobuch gleich nachzusehen, wieviel Geld er auswärts stehen hat. Aristoph. Nub. 19. Der Trapezit aber erhält so die Geldmittel in die Hand, um seinerseits damit zu spekulieren; vor allem gibt er Darlehen zu einem Zins von durchschnittlich 12%. Der Zinsfuß, den er forderte, überstieg den Zins, den er an den Einleger zu zahlen hatte, gewiß oft bei weitem. Nach zwei Jahren ist Sophron glücklich wieder auf der Heimfahrt. Er hat mit dem Vater fleißig korrespondiert, auf verschließbaren Wachstafeln oder auf Papier mit Siegel. Auch Geheimschrift kannte man schon. Er hat u. a. auch Byzanz, den wichtigen Handelsplatz, gesehen, eine dorische Freistadt günstigster handelspolitischer Lage, um deren Besitz so viele Kriege geführt worden sind. Athen erhob in der Zeit seiner Seeherrschaft in den Dardanellen einen Zoll von jedem Transportschiff, das aus dem Schwarzen Meer kam. Auch in Korinth hatte der junge Mann noch Station gemacht, das als besonders gefährlich galt für die Sittenreinheit der Jünglinge. Aber es war interessant, dort den Transitverkehr zu sehen, da Korinth einen Doppelhafen hatte an beiden Seiten der Landenge und so auf das bequemste die Waren aus dem Orient nach Italien und weiter überführen konnte. Wie Sophron im Piräus den Fuß an Land setzt, richtet 108 er laut an den Gott Poseidon sein Dankgebet, und die Eltern sind glücklich; auch weiß er schon, was die Eltern planen. Er soll heiraten, natürlich nicht unter seinem Stande, d. h. ein Mädchen aus ebenbürtig geldkräftigem Hause. Daß er die Braut noch nicht kennt, schadet nichts: die Mutter wird für ihn nichts Unappetitliches wählen; und den Göttern Dank! das Mädchen paßt ihm wirklich. Man sagte, trivial genug: »sie sitzt mir wie ein guter Stiefel.« Plato com.. frg. 129 u. 197. Um einer übereilten Vertraulichkeit vorzubeugen, folgt auf die Verlobung die Heirat gewöhnlich sofort, oft schon am nächsten Tage. Ein Opfermahl gibt's, bei dem man den Segen der Götter erfleht. Die Braut ist noch sehr jung und weiht jetzt ihr Kinderspielzeug, den Ball und die Puppen mit den Puppenkleidern der Göttin Artemis. Dann besteigt sie schön geschmückt mit Dienerinnen den Wagen; ihre Mutter schreitet mit Wachsfackeln hinterher. So geht der Hochzeitszug durch die Gassen zum Haus der Schwiegereltern, das in Blumengirlanden prangt. Auch der Bräutigam hat sich natürlich schön gemacht. Dort bekommt das junge Weibchen noch etwas Sesamkuchen und einen Quittenapfel, womit man die Fruchtbarkeit garantiert glaubte, zu essen, und die Tür des Brautgemachs schloß sich unter dem Gesange der Freundinnen. Die Hochzeitsgeschenke laufen aus dem Bekanntenkreis erst in den folgenden Tagen ein, und dann erst gibt es auch den großen Festschmaus, der leider oft wüst genug endete. Eine arge Schilderung liegt uns vor; die ausgelassenen Gäste, auch die Alten, beginnen um die Eßtische zu tanzen; selbst die allerehrwürdigsten Herren, die sich Philosophen nennen, sind so toll, mit den Metallbechern um sich zu werfen, und die junge Frau bekommt das Weinen, aber sie darf nicht vom Fleck. Ein Glück, daß es noch keine Gläser gab. Die ägyptischen Glasfabrikate fanden noch wenig Absatz. Man nannte das Glas damals λίϑος (Herodot II 69; Aristoph. Nub. 766); daneben schon ὑάλινα bei Aristoph. Ach. 73. An dieser Stelle handelt es sich um den Luxus, den die Perser mit Glasgefäßen trieben. Sonst hätte es unbedingt Scherben gegeben. Und für den Mann, den wir Sophron nennen, beginnt nun in Athen das bürgerliche Leben. Es teilt sich in 109 Privatgeschäft, öffentliche Pflichten und Erholung. Wir setzen an, daß der Vater Reeder ist. Der Sohn wird Teilhaber, um das Geschäft bald allein zu führen. Um weiter auszuholen, arbeitet man auch mit fremdem Kapital, das sich anbietet; denn die Schiffahrt im Fernhandel warf im Glücksfall die höchsten Gewinne ab. Auch das Risiko aber war groß, die Seefahrt ohne Kompaß, ohne Leuchttürme an den Küsten gefährlich. Ein Versicherungswesen gab es nicht. Der Darleiher konnte also in diesem Fall höchste Sicherung bis zu 30% Zinsen auf sein Darlehn fordern, da er auch das Risiko mit tragen mußte. Vgl. G. Billeter, Geschichte des Zinsfußes S. 18 ff., Beloch, Griech. Geschichte II 1, S. 98. Dabei galt es mit der heimischen Industrie in Fühlung zu bleiben, die auf Absatz nach auswärts rechnete. Industrie heißt Gewerbfleiß; sie wird zur Großindustrie, wenn sie über den Heimbedarf hinaus produziert, mögen die Verhältnisse dabei, mit den heutigen verglichen, auch noch so winzig erscheinen. Man arbeitete ja noch ohne unsre Maschinen. Gleichwohl stammt das Wort »Fabrik« aus dem Altertum; es bedeutet die Massenarbeit der Handwerker oder Techniker. Athen lieferte – mit Absehung von einigen Naturalien – vor allem Töpferwaren und sonstige Dinge des Kunsthandwerks. Neben dem Sensenschmied stand der Waffenschmied. Aristoph. Pax 545 f. Die Handwerker sind aufgezählt in Aristoph. Aves 490 f.: Töpfer, Schmiede, Gerber, Mehlhändler, Bademeister, Schuster, Leierfabrikanten. Wieviel Waffen wurden wohl in den immerwährenden Kriegen verbraucht? Trotzdem beschäftigte eine athenische Waffenfabrik, von der wir zufällig erfahren, nur 32 Leute, eine Möbelfabrik desselben Unternehmers nur 20. Gewiß hat die erstere nur für den Heeresbedarf Athens allein gearbeitet. Viel ausgedehnter war die Waffenfabrikation im benachbarten Böotien. Aufträge von auswärts blieben oft aus; im Grenzkrieg boykottierte der Feind überdies sofort die athenischen Waren. Vgl. z. B. Herodot V 88: in Ägina kauft man keine Topfwaren aus Athen. Trotzdem sammelten sich in vielen Händen große Vermögen an, und das freie Kapital wurde dann in Landbesitz angelegt; man kaufte Landgüter an fernen Küsten und importierte von dort Bauholz und andere Rohprodukte. 110 Aber der Staat drückte mit seinen Forderungen die großen Vermögen schwer. Auch unser Sophron wird das erfahren. Der periodische Besuch der Volksversammlungen war das Geringste (damit, daß nur bärtige Leute dort zugelassen wurden, Vgl. Aristoph. Equit. 1374. war dem Frauenstimmrecht endgültig vorgebeugt). Lästig wurde das indes nur, wenn man als Prytane den Vorsitz zu führen oder gar als höherer Beamter vor dem Plenum des Volks Rechenschaft von seiner Amtsführung abzulegen hatte. Zeitraubender die Geschworenengerichte, wo sich die Prozesse täglich abspielten und die Redner pro und contra das Recht zu verdrehen suchten. Nur für den gemeinen Mann war es ein Gaudium, dem zuzuhören, den Stimmstein in der Hand, und die vornehmen Herren energisch zu verurteilen. Gottlob gab es da Wasseruhren, deren Wasser langsam abtropfte, und jede Rede mußte schließen, wenn das Gefäß leer war. Unversehens wird man, wenn man reich ist und Neider hat, in einen Prozeß verwickelt. Staatsanwälte gibt es nicht; eine Missetat kommt nur vor Gericht, wenn ein Privatkläger auftritt. Unser Held wird nun von neidischen Leuten fälschlich verklagt, er habe in seinem Garten vor der Stadt einen Ölbaum umhauen lassen. Darauf stand ungeheuerlicherweise Todesstrafe; denn die Ölbäume, die Bäume der Athene, galten als heilig, da auf der Ölproduktion z. T. der Wohlstand Attikas beruhte. Was tun? Ein Redeschreiber oder Rhetor von Beruf muß helfen; der berühmte Lysias schreibt die Verteidigungsrede »über den Ölbaum«, wo umständlich und in kristallklarer Rede dargelegt wird, wie sinnlos die Anklage. »Ihr Männer von Athen« geht dabei die eindringliche Anrede. Der Angeklagte liest vor den Geschworenen das Manuskript der Rede ab. Er wird freigesprochen und kann die entstandenen Unkosten hoffentlich auf den niederträchtigen Kläger abwälzen; denn Lysias verlangt für sein Elaborat sein Honorar. Des Lysias Rede über den Ölbaum ist uns erhalten. Alles das war noch erträglich; nahezu unerträglich dagegen 111 die Vermögenssteuer. Sie wurde von den Kapitalisten nicht direkt in Geld erhoben; vielmehr mußte, wer über 500 Medimnen Medimnen – Getreidescheffel. Vermögen besaß, sogenannte Liturgien leisten, also für den Staat ein Kriegsschiff mitsamt der Bemannung ausrüsten, mußte für die großen Theaterspiele an den Festtagen des Dionys den Chor stellen, kleiden und einüben lassen und die kostbaren Kostüme der Tragöden beschaffen u. a. m. Das riß, öfters wiederholt, gewaltig ins Geld. Manche Vermögen wurden durch solche dauernden Anforderungen schließlich aufgerieben. Aber man hat Ehrgeiz, man ist Patriot, leistet das alles auf das prächtigste, tritt sogar, wenn es neue Beamtenwahlen gibt, als Kandidat auf und wird je nach Begabung zum Heerführer (es gab deren sieben) oder zum Senator, zum Ratsherrn gewählt; auch der Dichter Sophokles war einmal Stratege. Auch das aber schafft nur Lasten; Amtsferien gibt es nicht, auch keine Beamtengehälter wie bei uns, wo nicht nur die Minister auf Reichskosten wie die nun entthronten Fürsten leben, sondern die Volksvertreter im Parlament sogar sich für ihre Abstimmungen mit Diäten bezahlen lassen; und man ist tausend Schikanen ausgesetzt. Wehe, wenn man einen Fehlgriff tut! Das Volk lauert. Kein Wunder also, daß die Herren, die so vieles leisten, im Geheimen reaktionäre Gesinnungen nähren und das demokratische System hassen. Verstand ist stets bei Wenigen nur gewesen: der Satz gilt nicht nur für den polnischen Reichstag, er ist wie für alle Zeiten geschrieben. *     *     * Aber der Ehrgeiz treibt nun auch dazu, ein Haus zu machen, und in der Geselligkeit vergißt man alle Sorgen. Es wird strebsam getafelt, und immerwährende Gastereien waren Zwang. Wer sich wie der reiche Nikias dem entzog, galt als Kauz und bedenklicher Sonderling. Es war fast ausschließlich Männerverkehr; die Hausfrauen mochten für 112 sich selber sorgen. Dabei finden sich Reich und Arm zusammen. Auch der Mann aus kleinen Verhältnissen wird freundlich mit geladen und als ebenbürtig behandelt, wenn die Person von einigem Werte ist. Beliebt waren die Picknicks – oft im Freien, auch draußen am Meeresstrand –, wo es ungeniert herging, an denen auch Sokrates gern teilnahm und wo jeder seine Zehrung im Korb mitbrachte. Hübsch auch, in das Familienglück hineinzusehen, wie es uns einmal geschildert wird. Es ist Herbst. Mann und Frau sind schon in die Stadtwohnung übergesiedelt; den alten Vater haben sie draußen auf ihrem Landsitz zurückgelassen. Die junge Frau kocht schon die Erbsenschoten, macht schon die Mehlkuchen; auch Feigen soll es geben. Der Diener Manes wird aus dem Rebengarten zum Essen befohlen. Aber auch Braten, Kapaun und Hasen soll es noch geben; die läßt man aus dem Landhaus kommen. »Hoffentlich hat der Marder den Hasen nicht gestohlen!« Endlich wird auch noch ein guter Freund geladen, der aber nicht mit essen, sondern nur hernach mit trinken soll. Aristoph. Pax 1142 ff. Natürlich geht es bei den Galadiners, wie sie ein Sophron geben muß, viel üppiger her. Ich teile die Speisenfolge nicht mit. Über Gastereien habe ich »Aus dem Leben der Antike« S. 20 ff. gehandelt. Wir haben entsetzlich viel Nachrichten darüber; in den Resten der Lustspiele werden all die Fressalien aufgezählt. Die sizilischen Köche sind angesehene Personen; sie sind Künstler und arbeiten nach Rezeptbüchern. Ein Pfuscher ist, wer den Fisch, er mag noch so groß sein, beim Kochen zerschneidet. Der Speiseraum füllt sich. Auch der Parasit schleicht sich ein, der, gerne geduldet, um die Tische geht und um Speiseabfälle bettelt, die er in den Sack tut, und dazu seine dummen Späße macht. Vor allem steht es jedem Gast frei, auch seine Freunde mitzubringen, was oft arg mißbraucht wurde. Das Essen kommt heiß vom Ofen, und mit den Fingern muß man es fassen; es gibt daher zimperliche Leute, die nur mit Handschuhen essen; δακτυλήϑρας ἔχων : Athenäus p. 6 D. man verlacht sie. Denn kein Mensch 113 trug sonst dergleichen, oder man denke sich einen Perikles, eine Aspasia in Strümpfen und in Handschuhen! Derselbe Umstand aber brachte es mit sich, daß man keine Suppen aß. Symposion von Kampanischem Krater aus Cumae im Neapler Museum (Nr. R. C. 144), um 320 v. Chr. Nach Monumenti Antichi dei Lincei Band 22, Tafel 93. Ist abgegessen, werden die Speisetische hinausgetragen; Vgl. Plato com. frg. 69. man bekränzt sich mit Hilfe der Diener, Anthol. Pal. V 136 wird die Hilfe des Dieners erwähnt. und der Trunk, das Symposion, beginnt. »Symposion« wird ungenau mit »Gastmahl« übersetzt; es heißt nur das Trinkgelage nach der Mahlzeit. Mancher Gast kommt erst jetzt. Die Weinsorten werden durchprobiert; man rühmt ihre Blume, Hermippos com. frg. 82. aber fürchtet ihre Stärke. Es sind eben Südweine. Nur zum Morgenbrot trinkt man ihn pur, ein Schälchen voll, und taucht sein Brot hinein; er war da gleichsam Kaffeesurrogat. Sonst ist Mischung nötig. Erst kommt frisches Wasser in den Mischkrug; der Wein ist nur Zusatz in dem Verhältnis: 2 Teile Wein auf 5 Teile Wasser. Gern leckte man zwischen dem Trinken etwas Salz oder knusperte gar Salzstangen mit Kümmel. S. Eupolis frg. 8, Ameipsias frg. 4. Betreffs des Salzgenusses vgl. Becker, Charikles² II S. 264. Dabei geht es nun oft sehr verständig zu. Das Kommersieren mit Rundgesang und sonstigen Scherzen überläßt man der ehelosen Jugend. Einiges Charakteristische über den Hergang bei griechischen Trinkgelagen habe ich in meinem Buch »Horaz' Lieder und römisches Leben« S. 28 f. gegeben. Zu den »sonstigen Scherzen« gehörte vor allem das Kottabosspiel; man schwenkte den Becher und schleuderte den Wein nach einem Ziel, das es zu treffen galt. . Hier gibt es statt dessen die Rundrede; aber ein munterer Geist herrscht stets dabei. Ein Thema wird gestellt, über Erziehungswesen oder über das, was einem das Schönste und Liebste im Leben scheint. Das Profil des Sokrates wird bemängelt; denn Sokrates hat eine aufgestülpte Nase; ein andrer dagegen ist so freundlich, sie schön zu finden; denn das Zweckmäßige sei allemal das Schöne, die erwähnte Nase aber ist zum Riechen gewiß die tauglichste. Inzwischen ist ein Pantomime oder Akrobat mit seinem Personal erschienen. Auch über Akrobaten wäre viel zu sagen. Es führt hier indes zu weit. Unbekannt scheint ein herrlicher bronzener Leuchter zu sein, der sich unter den Bronzen im etruskischen Museum des Vatikan befindet; in Ermangelung des Photographen habe ich mir eine Zeichnung gemacht. Ein Aufbau von 5 Personen; drei Weiber, die auf Kissen stehen, beugen sich weit hintenüber, um mit den Köpfen ein rundes Piedestal zu stützen. auf dem zunächst ein nackter Jüngling steht, der auf seinem Kopf eine zweimannshohe Stange balanciert, die als schlanke Säule geformt ist; auf ihr steht sodann schwindelnd hoch der zweite Jüngling mit Hut, der den l. Arm hochstreckt und eine Schale, in der mutmaßlich eine Lampe stehen sollte, auf der l. Hand hochhebt, während obendrein noch ein Hund an ihm hochspringt. Der untere Jüngling, der die Stange auf dem Kopf trägt, macht anscheinend überdies noch das Kunststück, mit der R. Kottabos zu spielen, während er über der l. Schulter einen leeren Weinschlauch trägt. Es verlohnte, diese seltene und so anschauliche Darstellung weiter bekannt zu machen. . Er führt hübsche Kunststücke vor, zum Schluß eine hinreißende Liebesszene in stummer Mimik, wie Gott Dionys die verlassene Ariadne findet. Da erfaßt alle Gäste die Sehnsucht, und sie eilen nach Haus zu ihren Frauen. So geht das Leben hin. Sophron hat Spekulationsgeist, ist Plusmacher; denn wo Geld ist, dahin geht das Geld. Der Gegensatz zwischen reich und arm steigerte sich arg; die 114 großen Kapitalien sammelten sich in wenigen Händen. – Er ist auch längst Hausvater geworden, und er altert. Aber es ist kein Leben in Frieden; denn die Kriegspsychose herrscht, und Athen liegt nur zu oft mit Sparta, mit Theben im erbitterten Kampf um seine Geltung. Er muß als Stratege hinaus, sein Kampfschiff im Seegefecht selber führen, eine verantwortliche Sache. Fallen im Seegefecht Leute von seiner Mannschaft ins Meer, muß er sie retten; der Tod in der See ist verwünscht, weil die Bestattung unmöglich, und das Volk fordert hernach vom Strategen Rechenschaft. Auf ihn selbst aber lauert der Tod. Leicht verwundet, aber fieberkrank kommt er ans Land zurück. Häusliche Pflege ist ausgeschlossen, und man legt ihn in eins der Krankenhäuser, die am Hafen im Piräus unter ärztlicher Leitung stehen. Seine weiblichen Angehörigen hätten es wohl anders gewünscht. Denn sie sind wundergläubig. In dem Tempel des Äskulap gab es Wunderkuren in Fülle, just so wie heute in Lourdes in Frankreich; berühmt dafür Epidaurus, der Wallfahrtsort der Kranken. Äskulap (griechisch Asklepios)wurde zu ihrem Schutzheiligen. Er wandelte einst als Mensch auf Erden, machte die Kranken genesen, wurde zum Gott erhoben, und man nannte ihn den Heilenden, den Heiland (Sotér). Epidaurus lag freilich fern; aber es hatte eine Filiale in Athen. Die Wunderkuren geschahen mit Hilfe des Tempelschlafes (Inkubation). Ein Lustspiel des Aristophanes hat das Verfahren in köstlicher Satire auf öffentlicher Bühne verhöhnt. Man liegt da im Stockdunkeln in nervöser Spannung, und ein Trancezustand entsteht. Das Okkulte oder fremdartig Geheimnisvolle wirkt magisch; eine selige Verblödung ist das Ziel. Ein Licht flammt auf; der bärtige Gott selbst erscheint (vom Priester gemimt) und wandelt auf weichen Sohlen unhörbar durch den Tempel und redet mit milder Stimme: »werde gesund«, indem er das kranke Glied leise mit der Hand bestreicht, auch Salbe darauf tut. Dann schnalzt er mit den Fingern; die zwei Tempelschlangen gleiten heran 115 (es sind die Schlangen, die sich heute noch in unseren Apotheken um den Äskulapstab winden) und belecken züngelnd die schlimme Stelle, und der Blinde wird sehend, der Lahme geht und wirft die Krücken weg. Inzwischen hat das Tempelpersonal den Kuchen, den der Kranke als Dank im voraus für den Gott auf den Opfertisch gelegt hat, aufgegessen. Zahlreiche inschriftliche Heilungsberichte, die voll Dank die Wunderkuren bezeugen, sind uns durch die Ausgrabungen in Epidaurus aus dem Tempelbezirk erhalten. Nur freilich fehlende Gliedmaßen kann der Gott nicht ersetzen; sie wachsen nicht neu, und in solchem Fall muß die Kunst der geschulten Ärzte helfen. Allerdings war der Betrieb der inneren Medizin, trotzdem Hippokrates sie wissenschaftlich zu begründen begann, immer noch arg im Rückstand. Nur die Sektion wirkt aufklärend; aber man sezierte nicht. Merkwürdig ist deshalb, daß man das Herz des Aristomenes nach einem Tode untersuchte: Herodot III 58. Solches ärztliche Genie wie der Demokedes, dessen Ruhm sich aus Süditalien bis an den Hof des Perserkönigs verbreitete, S. Herodot III 121 f. war ohne Frage eine Seltenheit, und die übelsten Reden gingen um. Der Ruf: »nur der Arzt darf ungestraft töten« tönt uns aus jenen Zeiten grollend entgegen. Plinius nat. hist. 29, 18. Das war die Volksstimme. Gleichwohl suchte man ein rationelles Verfahren methodisch zu begründen, wie schon die Ärzte bei Homer, der von Wunderkuren nichts weiß, und es gab jetzt sogar staatlich konzessionierte Ärzte. Vgl. z. B. das δημοσιεύων bei Aristoph. Ach. 1029. Vorsicht wurde die Parole, und man ließ die Natur des Kranken möglichst sich selber helfen. Die Klinik (Iatreion), deren Inhaber solcher Arzt, ist mit Sorgfalt eingerichtet: die Betten weich und elastisch; das Bad fehlt nicht, Schröpfköpfe, Klystierspritzen, Katheter, Becken und Wannen. Der Chef, der vornehm und wohlgepflegt auftritt, ist von Gehilfen und Schülern, die Assistenz leisten, umgeben. Nur zu oft wurde, wo die Natur sich nicht half, mit Schneiden und Brennen chirurgisch eingegriffen, und der hippokratische Satz galt, den unser Dichter Schiller, als er noch Medizin studierte, als Motto vor seine »Räuber« setzte: 116 Si medicamenta non sanant, ferrum sanat, si ferrum non sanat, ignis sanat. So wird denn auch dem Patienten, von dem ich handle, der eiternde Fuß amputiert. Man hat sogar vor, ihm einen künstlichen Fuß aus Holz anzusetzen; man verstand sich darauf. Solche Prothesen erwähnt schon Herodot IX 37. Man kannte auch schon Anästhesie bei Operationen mittels Alraun oder Mandragoras. Heut nennt man das Prothese. Aber er stirbt zuvor am Wundfieber, und es bleibt nur noch die Bestattung und Totenklage. * Der Leichnam wird mit Parfüms gesalbt oder besprengt und im Vorbau des Wohnhauses auf der Bahre ausgestellt. Die Augen hat man ihm zugedrückt: so liegt er flach ausgestreckt, einen frischen Kranz um das Haupt, offen da; ganz ebenso wird in Athen noch heute die Leiche mit dem Kranz im Haar in der Metropoliskirche offen ausgestellt. Ein Sargdeckel fehlt, Vgl. meine »Griechischen Erinnerungen« S. 130 f. und die Totenklage der Angehörigen, die sich das Haar geschoren haben, erfolgt zur Flöte; ein Berufssänger muß dabei helfen. Auf derselben Bahre trägt man den Toten vor das Stadttor zu einem der Friedhöfe hinaus, deren es viele gab. Solche Grabstätte liegt heute noch offen. S. meine »Griechischen Erinnerungen« S. 117 f. Vollständige Verbrennung oder Einäscherung geschah nur in Ausnahmefällen; zumeist wurde die Leiche in der sargartigen Lade gebettet und beigesetzt, bei den Vornehmen im Erbbegräbnis. Der Grabstein wird entworfen, sinnreich und schön; der Steinhauer liefert ihn in Marmor. An den Grabstein des Vaters hängen die Söhne einen grünen Kranz von Eppich oder Petersilie (Selinon). Daher sagte man ominös von dem, der sterbenskrank ist: »er braucht Petersilie«. σέλινον ; vgl. Plutarch Timol. 26. Aber auch das Wort galt: »Unglücklich der Vater, der seinen Sohn begräbt; wohl den Eltern, die ihr Sohn bestattet!« Herodot I 87. In die Grube aber hat man nach altheidnischem Brauch allerlei schöne Dinge gelegt, die des Gestorbenen Seele im Nachleben erfreuen können: Gewänder, in denen er als Geist 117 umgehen kann, Salbflaschen zur Selbstpflege und sonstige Gefäße, auch hübsche bildliche Figuren, sogar auch ein Buch für den denkenden Geist. Vgl. z. B. Jahrbuch des arch. Instit. XXIII (1908) S. 123 f. Daß es einen Leichenschmaus (mit Opfer) gab, versteht sich; und man begeht so auch hernach getreu den Gedenktag des Todes; dabei werden Speisen auf das Grab gestellt oder eingegraben, τὸ τῶν νεκρῶν ἄριστον , Schol. Aristoph. Lysistr. 612. unter zärtlichen Worten Wein auf die Stätte ausgegossen. Der Tote wacht, und ihm ist der Guß willkommen. Opfernder Römer Marmorstatue aus Griechenland im Vatikanischen Museum zu Rom (Helbig, Führer. 3. Aufl. 323), gegen 100 n. Chr. Nach Brunn-Bruckmann, Denkmäler 169. Daher nun aber die unzähligen Terrakotten und Vasen mit Bildschmuck, die heut unsre Altertumsmuseen füllen: die Terrakottafiguren zierlich, voll Grazie und so lebendig in Farbentönen, die Vasen verschiedenster Formen mit ihrer sprühenden Bilderfülle, an der sich das Auge weidet. In Tausenden von Reproduktionen werden sie heut unsrem Publikum zugänglich gemacht, das da lernen will, wie in der Zeichnung bei einfachsten Hilfsmitteln Wahrheit des Ausdrucks und feinste Formgebung sich verbinden. Das antike Menschentum bildete sich ab in diesen Schildereien. Diese Sachen aber sind aus Gräbern gehoben. Ich wüßte nicht, daß der antike Mensch sich jene Terrakotten in den Stuben aufgestellt, vor allem nicht, daß er jene bemalten Vasen je im wirklichen Leben in Gebrauch genommen hätte. Auch A. Furtwängler bestreitet (Einleitung zu A. Genick, »Griechische Keramik«, 1883, S. 4) die Benutzung dieser Grabgefäße im täglichen Leben, fügt aber doch hinzu: »nur bei festlichen Gelegenheiten scheint man solche Gefäße benutzt zu haben«. Für das letztere fehlt ein Beweis. Der künstlerische Schmuck der Bemalung auf den so zerbrechlichen Tongefäßen war zu kostbar, um sie in wirklichen Gebrauch zu nehmen. So sind denn m. W. solche Vasen in keinen aufgedeckten Häusern des Altertums, weder in Pompeji noch sonstwo gefunden worden. Hinreichend beweisend scheint mir überdies, daß Athenäus in seinem großen Katalog von Trinkgefäßen im Buch XI, der alle ihre Eigenschaften bespricht und dabei Zeugnisse aus den verschiedensten älteren Autoren bringt, von ihnen nichts weiß; nirgends fand er sie erwähnt. Sie waren also gar nicht im Gebrauch. Dagegen wird dort der Bildschmuck des sagenhaften Bechers des Nestor doch auf das ausführlichste besprochen (p. 488 D ff.). Die Pelike war im Gebrauch des Volkes nicht aus Ton, sondern aus Holz (Pollux X 67), ebenso der σκύφος (Athenäus p. 498 E.). Auch keramische Gefäße sind bei Athenäus natürlich wiederholt erwähnt (aber kein Bildschmuck), vor allem aber Gefäße aus Metall. – Für die Formgebung waren da hölzerne gewiß das erste Modell; die κύλικες aus Terebinthenholz konnte man von den keramischen des sog. Therikles kaum unterscheiden (s. Theophrast hist. plant. V 3, 2; Athen. p. 470 F; vgl. die ὑπόξυλα bei Athen. p. 472 C.). Die sog. γραμματικὰ ἐκώματα aber bedeuten nur Becher mit Schrift (vgl. Aristophan. frg. 623; Alexis frg. 397); der Trinker selbst schreibt beim Gelage auf die Gefäße (Athen. p. 460 F), und zwar geschieht dies auch auf Metall ( ib. p. 466 E u. 489 C). Wenn Trinkgefäße bewundert werden, sind sie regelmäßig aus Metall; vgl. z. B. die χαλώκματα bei Aristoph. Vesp. 1214; Metallschalen mit Goldschmuck aus Etrurien bei Pherekrates fr. 85 usf. – Nur von bäurischen Holzgefäßen ( κισσύβιον und σκύφος ) hören wir endlich, daß man sie mit Schmuckwerk von Ranken und Bildszenen wirklich ornamentierte und in Gebrauch nahm (Theokrit I 27 ff. u. I 143). Hiernach sind die zerbrechlichen Tongefäße der Gräberfunde mit ihrem Bildschmuck die Nachahmung gewesen. Die Toten haben leichte Hände und können sich mit dem Zerbrechlichen, wenn es nur schön ist, begnügen. Sie wurden von den bescheidenen Künstlern auf Vorrat hergestellt und für den Totenkultus verhandelt. Die hohe Kunst der Griechen hat sich in ihrem schier unermeßlichen Reichtum im Dienst der Götter und der Toten entwickelt. Das »schmücke dein Heim« war in den Zeiten, von denen ich handle, noch nicht bekannt. So endlich auch die Grabsteine, von denen ich sprach. Man begnügte sich nicht mit der einfachen Rundsäule, auf der gespenstisch ein Weib in Vogelgestalt, die todbringende Sirene, hockt, die die Totenklage symbolisch verewigt. Schöner sind die breitgestalteten Pfeiler, die Raum für ein Relief geben; und da wird nun im Bild der Verstorbene selbst lebend gezeigt. Man will nicht das Sterben sehen, nicht den 118 Höllenhund oder das Totengericht. In Einzelfigur oder, beweglicher noch, umgeben von einigen seiner Nächsten steht er oder sitzt er, den Fuß auf dem Schemel, wie er es einst getan, und nur eine Handreichung drückt hie und da mit stiller Andeutung den Abschied aus, der den Abschied für immer bedeutet. Dabei wird bei den Frauenbildern auf Jugendlichkeit gehalten. Greisinnen sieht man da nie. Oder wir sehen ein Familienessen, ein Gedenkmahl, bei dem der Verstorbene heroïsiert, als lebte er auf, selbst als Gast oder als Wirt erscheint. So steht siegreich das Leben über dem Tode und greift uns ans Herz. Dazu kommen nun noch die Epitaphien, die Grabschriften, oft in dichterischer Form. Wie arm sind dagegen unsre deutschen Friedhöfe! Vgl. Humanist. Gymnasium 1927 S. 141 f. Der Grieche will schauen. Er ist ein optischer Mensch. Ausdrücklich und hymnenhaft wird uns der Wert des Auges gepriesen; Heraklit frg. 101a (Diels); danach Plato und Aristoteles. der des Ohres nicht ebenso. Die Totenklage verhallt und kann nicht trösten; das Bildwerk tröstet, denn es bleibt, wie auch die Inschrift, die das Wort dauernd festhält. Und das gilt wohl überhaupt von der antiken Musik. Ihr Betrieb begleitete ungefähr alle Lebenslagen, und uns wird gesagt: sie wirkte erziehend als Leierspiel oder als Gesang zur Leier; sie wirkte orgiastisch, rauschartig erregend zur asiatischen Flöte. Vor allem waren es dabei die stoßenden Rhythmen, die die Erregung steigerten. Aber diese Musik war ohne alle Polyphonie; für das deutsche Ohr war sie kahl, ob auch hundert Instrumente den Ton verstärkten. Es fehlte die Tiefe, die Meerestiefe unsres polyphonen Satzes, in die die Seele des andächtigen Hörers niederzutauchen und zu versinken glaubt und auf der das eigentlich Melodische nur wie ein farbig wechselnder Glanz sich wiegt. Nicht einmal in der Terz und Sexte wußte man die Unterstimme zu führen, wie es auf dem Dorf doch schon unsere ungeschulten Mädchen und Burschen können. So erklärt sich, daß überhaupt in der Lyrik der Griechen auf den ausgearbeiteten Text, der oft im Wortschmuck strahlt und alle Tiefen der Seele 119 aufrührt, alles ankommt; die Gesangsstimme gab immer nur solche Töne an, in denen der Text sich möglichst deutlich rezitieren ließ. Von Beseligung, Erlösung durch die Musik als solche redet daher meines Wissens die Antike nie. Dabei will ich hier von dem üblen Umstand gar nicht erst handeln, daß im Altertum ungleich viel mehr unmusikalische Leute musizierten als bei uns. Wenn man bedenkt, daß Musikunterricht für alle Buben Zwang war, so kann man schon daraus die nötige Folgerung ziehen. Dazu nehme man, daß in Sparta das Amt des Flötenbläsers in einer bestimmten Familie erblich war, als ob alle Nachkommen ein gutes Gehör hätten haben müssen (Herodot VI 60). Die Grabestrauer der Antike ist Plastik, die unsre der Trost in Tönen, sei es auch nur ein Largo von Händel. An ein unvergängliches Weiterleben der Seele glaubte auch der Grieche, schließlich auch an ein Elysium der Seligen; aber sein Wesen wurzelte ganz nur im Diesseits, und er hätte nie ein »Der Tod ist verschlungen in den Sieg« anstimmen können.   7. Das Schöne Wie ein Grieche zu des Perikles oder zu des Plato Zeiten lebte und starb, haben wir gesehen. Dies ist der triviale Hintergrund, vor dem sich das große geistige Drama abspielt, von dem nunmehr zu reden ist: ein Ineinandergreifen von tausend regen Geistern, das Wunder, das für jeden Denkenden unvergeßlich ist. Der Traum, den einst Winckelmann, Schiller und Humboldt geträumt, ist ausgeträumt, der Traum von dem Idealvolk der Griechen. Wir haben gesehen: das Volk selbst war nicht ideal, aber es war ein Volk der Ideale. Das Volk ist ausgestorben, seine Ideale sind geblieben, und das ist das Erbe der Antike, das wir uns nicht nehmen lassen. Erwirb es, um es zu besitzen. Da ist das Wort Freiheit, dazu das Wort Schönheit und Wahrheit, das Wort Genie. Davon ist zu handeln. Heut leben wir geknebelt im Beamtenstaat, und die Arbeiter, auch die geistigen, tun eingespannt gegen Besoldung ihre Pflicht, ein Tagespensum, im grauen Einerlei bis zur 120 Pensionierung oder bis zum Tode. Auch unsre Literaten und Künstler, die der Staat nicht bezahlt, müssen vielfach für Gelderwerb schaffen, um nicht zu hungern. Die antiken Philosophen, Dichter, Ärzte und Wissenschaftler widmeten sich ihren Zwecken, wie die englischen Lords, die da Wissenschaft treiben, großenteils ohne solche Fesseln; denn sie gingen zumeist aus wohlhabenden Häusern hervor, Kapitalkräftige Leute waren, wie ihre Lebensstellung beweist, Heraklit und Empedokles. Dasselbe ist ohne Zweifel für Thales, Pythagoras, Demokrit, Herodot u. a. m. vorauszusetzen, denn diese Männer sind die weitgereisten; so auch Plato. Auch für die drei griechischen Tragiker ist dasselbe glaubhaft. Dem widerspricht nicht, daß zu Platos Zeit die Tragödiendichter in Athen und auswärts viel Geld verdienten (Plato, Laches p. 183). und die Sorgen fehlten, auch kein Staatsexamen drohte ihnen in der Jugendzeit, und die Liebe zur Sache war alles. In diesem Sinne war ihr Wirken Liebhaberei; sie waren im höchsten Wortsinn Dilettanten. So möchte man sich denn doch wie unser Dichter Schiller, der durch so viel Not sich hindurchkämpfte, in jene Zeiten zurücksehnen. Dieselbe Freiheit, an der Hellas politisch zugrunde gegangen ist, hat die schöpferischen Naturen auf das glücklichste entfesselt, und die begabten Individuen konnten sich allerorts ausleben und aus innerem Trieb ihr Eigenstes geben. Der Individualismus beginnt, aber er beginnt im Rahmen des Staatslebens. Das Vaterland, der Staat, ist noch immer sittlicher Zweck für jeden. Das war kein Widerspruch. In seinem Dienst entfaltet sich das Ich. Auch im Religiösen galt die Freiheit, und man dachte nicht daran, etwa mit Gemeindezwang eine Kirche zu schaffen, den Glauben zu uniformieren. Freischöpferisch waren die Gebete und Andachtsbezeugungen der Dichter; frei und durch keine Vorschrift gebunden schufen die Bildmeister die Götteridole; frei war in der Ethik das Streben nach einem Sittengesetz; denn Moses hat vom Sinai zu den Griechen nicht gesprochen; frei endlich das rastlose Fragen nach dem letzten Grund aller Dinge, mochte selbst der alte Götterglaube darüber zugrunde gehen. Wahrheit, Schönheit, Rechtschaffenheit (Aletheia, Kallos und Dikaiosyne) die drei Krongüter der Menschheit! Was Schönheit und Rechtschaffenheit ist, hat der Grieche uns gesagt, gezeigt; zur Wahrheit hat er nur die Wege gewiesen, 121 die wir auch heute noch mit ihm gehen. Sie ist die ewig Unvollendete. Man lese, was die Griechen damals geschrieben haben, ob im Vers, ob in Prosa, man gehe durch unsre Museen, um ihre Bildwerke, die man mit so viel Fleiß gesammelt hat, zu schauen; es ist erquickend, entzückend zu sehn, wie alles aus erster Hand gegeben ist: Morgenfrische, ein Suchen und Finden ohne Vorbild. Es ist alles Natur. Natur müssen wir heute lernen; der Grieche hatte sie noch. Sie selbst ging ihm zur Hand. Das ist das Geniale, das Zeugungsfähige, das Ursprüngliche. Die Quellen fließen aus der Tiefe, als hätte ein Gott an den Felsen geschlagen. Reden wir vom Schönen. Die Rasse selbst war edler Bildung, unsrer nordischen Rasse zugehörig oder verwandt, Vgl. H. Günther, »Rassenkunde Europas« und »Rassenkunde des deutschen Volkes« S. 40. und durch die Steigerung der materiellen Kultur hatte sie sich gewiß noch weiter veredelt; daher Griechenweiber, griechische Jünglinge eine beliebte Ware für den Harem der Perserkönige und andrer orientalischer Magnaten. S. z. B. Herodot VIII 105. Natürlich brachte die Rasse auch Mißwuchs, auch Garstiges genug hervor, Hexengesichter, Bocksnasen, schielende Augen, abstehende Ohren Abstehende Ohren sieht man z. B. an der Bronzefigur des sitzenden Hermes aus Herkulanum. Die Marmorplastik mußte verzichten, derartiges nachzubilden. usf. Um so mehr glaubte man, daß Schönheit adelt. Die edle Seele im edlen Körper war das Dogma, an das auch heute jeder Ästhet so gern zu glauben geneigt ist. Es war die Aristokratie der »Guten und Schönen«. Bei den Römern war es für Männer anrüchig, der Schöne zu heißen, Vgl. den pulcher bei Lucilius, ed. Marx II S. 13. bei den Griechen ein Ruhm. Das Wort »kalós« (»schön«) selbst spielt überall hinüber ins Ethische. Zur Gestalt kam die Bewegung hinzu, eine angeborene Grazie, die Charis, zu der das Rüpelhafte der Bauern und der Silene im Gegensatz stand. Um von den antiken Schildereien nicht zu reden: untrügliche Reste davon sind unter den Lebenden noch heute vorhanden; daran glaubt, wer heute die Frauen in der Provence, wer den Süditaliener, den Inselgriechen in der Bewegung gesehen. Einige Beobachtungen gab ich in meinem Buch »Aus der Provence« S. 99 ff.; vgl. auch »Griechische Erinnerungen« S. 94 ff. 122 Diese Rasse lebte in einer Landschaft, die wiederum an Schönheit der Bildungen wohl wenig ihresgleichen hat. Ich meine nicht den Wechsel und die Tiefen des Farbenglanzes, sondern die Gebirgsformen, phantastisch und doch maßvoll im Wuchs, die mit reinen Konturen aus dem Meer sich heben und wie geniale Zeichnung gegen den Himmel stehen. Der Grieche empfand die Schönheit dieser Umgebung wohl; wenn er aber von Natur schwärmt, was selten ist, redet er höchstens von den Quellen und Bäumen, die mehr zum Gemüt sprechen. Der Jüngling lustwandelt mit dem Freund im Schatten des Olivengartens, wo auch die Eibe duftet und die Silberpappeln stehen und die Ulme sich zur Platane neigt. Nach Aristoph. Nub. 1006 f. Das Naturschöne war ihm zu selbstverständlich; denn er lebte täglich darin und kannte nichts anderes. So wurde er denn auch kein Landschafter. In der Kunst war der Mensch ihm alles, Reproduktion des Menschentums in tausend Aufnahmen, und dabei herrscht nun ein unvergleichlicher Formsinn, der dem engsten Rahmen die Schilderei anzupassen weiß; es herrscht vor allem das Mathematische in der Berechnung der Proportionen. Man nehme den Tempelbau. Wie verschieden ist er vom ägyptischen! Der Ägypter stellte seine Kolossaltempel schwer massiv und steil in die öde Fläche. Diese Götterbehausungen im Sonnendienst sind himmelstrebig; sie selbst sind Gebirge, ausgehöhlt als Riesengrotte, die von mystischem Dämmer erfüllt ist. Die griechischen Kleinstaaten konnten solche Massen nicht zwingen und waren im Nachteil, wenn sie in der Fläche bauen mußten. Aber sie stellten ihre Tempel, wo es anging, hoch in die Landschaft; das Gebirge selbst das Podium, die Akropole eine Götterburg, und die Ausmaße bleiben bescheiden, sie werden dem Terrain geschickt angepaßt. Schlicht aus der Vertikale und Horizontale aufgebaut mit nur rechtwinkeligen Schneidungen (es gibt hier keine Gewölbebauten; auch kein Winkel wird ausgerundet), so stellt der Tempel, ob dorisch, ob jonisch, in die Kurvaturen und das 123 Linienchaos der Natur siegreich die schnurgerade Linie, die die Natur kaum kennt. Die Idee, der ordnende Gedanke, stellt sich in die ungeordnete Wirklichkeit. Man war stolz und froh, als man als Baumaterial den Marmor entdeckte. In Ephesus soll für die Artemis der Tempel gebaut werden. Da sieht ein Hirte im Gebirge, wie zwei seiner Schafböcke zusammenrennen; sie verfehlen sich; der eine stößt mit dem Gehörn ins Gestein, und der schönste weiße Marmor tritt zutage. Daraus baute man das Heiligtum auf; der Hirte aber, der den Fund der Behörde gemeldet hat, erhält zum Danke den Eigennamen Evangelus, »der gute Bote« S. Vitruv X 7, 15. So steigen nun auf den dreistufigen Stylobat die kanellierten Stämme der Rundsäulen, die aufgereiht wuchtig und sicher das Gebälk und das Tempeldach auf ihren Kapitälen wie auf Polstern tragen und den geschlossenen Innenraum schmückend umstehen. Das Dach ist oft durchbrochen, auf daß das Licht hereinfließe, daß aber auch die Gottheit von oben sich in ihr Haus herniederlasse. So läßt sich Apoll von oben in seinen Tempel nieder, nach Justin 24, 8, 4. Ebenso dringt der Gott von oben auch ins Privathaus; s. Terenz Eunuch 588; auch die Schlangen: Phormio 707; Plautus Amphitr. 1108. In diesem Fall kam es leicht, daß sich Vögel einnisteten, die die Bildwerke verunreinigten, und über dem Haupt der Gottesbilder wurde zum Schutz eine runde Scheibe angebracht. Vgl. Aristophan. Aves 1114 u. a. Aus der Nachahmung dieser Scheibe ging später in der christlichen Kirchenkunst der Heiligenschein hervor. Die Abstände der Säulen und der Wände aber, das Verhältnis der Höhe zur Länge, alles ist sorglich gemessen, die Linie des Stylobats in Front sogar leicht und kaum merklich geschwungen, um das Gefühl der Elastizität zu erzeugen, die Starrheit zu überwinden. Man hat sogar festgestellt, daß auch die Außenseite der Cellawände des Parthenon nicht haarscharf senkrecht steht, sondern unmerklich leicht geneigt ist. Es entzieht sich das der Wahrnehmung dessen, der nicht nachmißt. Das Geheimnis des Reizes ist die Proportion, die Wirkung überaus vornehm, heilige Ruhe, nicht Extase. Wie anders die frommen Marmorprunkbauten der indischen Großkönige oder Maharadschas, jene traumhaften Marmorphantasien in Agra, wo die ganzen Steinflächen nicht mehr behauen, sondern wie geschnitzt in unendlich reiches 124 Zierwerk völlig aufgelöst sind, als sähe man Gebäude aus Brüsseler Spitzen. Bunte Edelsteine schimmern dazwischen in Verschwendung. Die Nacht kommt; der goldene Mondenschein fällt darüber und der Betrachter vergeht im Rausch des orientalischen Märchenzaubers. Das ist wunderbar genug, aber es ist groteske Epigonenkunst. Ähnlich die junge buddhistische Baukunst in Siam, vgl. K. Döring, »Buddhistische Tempelanlagen in Siam« (1920) in 3 Bänden. F. Guggenheim, »Indische Kunst« (1923) S. 60–74 vergleicht die indische Baukunst mit der griechischen zum Nachteil der letzteren, seine Ausführungen aber überzeugen mich vom Gegenteil. Der griechische Tempelbau gibt in Einfalt das Primitive, aber das Erziehende und Normative für alle folgende monumentale Baukunst, und er setzt an die Stelle jener Edelsteine das Bessere, die Schöpfung der plastischen Metopen oder den farbig getönten Bilderstreifen des Frieses, der den Bau rings umwindet und wie eine Tänie In Wirklichkeit ist der ionische Bilderfries eine Nachahmung oder Versteinerung einer ausgespannten Buchrolle mit Bildern wie der gerollte Bilderfries der Trajanssäule u. a. Ägyptische Papyri, wie der zu Berlin im Alten Museum unter dem Zeichen P 3127, zeigen lang ausgespannt, was ich meine: eine Serie farbiger Bilder in langer Folge. So haben auch die zeichnerischen Entwürfe ausgesehen, nach denen jene Friese gemeißelt wurden. Daß auch in antike Textbücher auf Papyrus Bilder eingefügt werden konnten, ist selbstverständlich, s. »Die Buchrolle in der Kunst« S. 269 ff. und 309 f., wo auch über Varro's » Imagines « u. a. m. Viel Irriges finde ich bei H. Gerstinger, »Die griechische Buchmalerei« (1926) und E. Bethe in der Philol. Wochenschr. 1927 S. 1005 ff. Die ästhetischen Gründe, die da angeführt werden, beweisen nichts. Farbige Bilder in Textbüchern zeigen uns die ägyptischen Papyrusrollen in Fülle, in den griechischen ließen sich solche ebenso gut anbringen. um seine Stirn läuft. Es sind Schaubilder aus dem Heldenleben. Wenn man Grieche ist, träumt man nicht nur, man gestaltet seine Träume. Das schräge Dach aber erzeugt in der Front das Giebelfeld im Dreieck; das Dreieck wird zum Rahmen, und belebte Figuren in Vollplastik wie die bekannten Ägineten gruppieren sich auch dort harmonisch und eindrucksvoll. Die Kunst der Gruppierung vieler plastischer Vollfiguren zu einer Einheit ist schwer; der Ägypter kannte sie nicht. So aber entstand zu dekorativem Zweck von selbst jene dreieckige Komposition, die sich als schön und wohltätig für das Auge mutatis mutandis zu allen Zeiten bewährt hat. Auch in der antiken Malerei läßt sie sich öfter nachweisen, vgl. z. B. G. Rodenwaldt, »Die Komposition der pompejanischen Wandgemälde« Abb. 26, 27 u. 38. Diese Wohlordnung ergibt den Rhythmus. Das Wort Rhythmus, eigentlich der Takt in der Bewegung, wird auch auf den Fluß der Linien, wenn sie harmonisch verlaufen, übertragen; ja, auch die Triebe seiner Seele kann der Mensch schließlich so rhythmisieren, also künstlerisch gestalten. Dann wird die Seele schön. Daher nun also auch der Rhythmus in den Statuen. Er beruht auf der durchdachten Anordnung der Glieder, die ungezwungen den reizvollen Umriß ergibt, das Auseinandertreiben der Linien vermeidet und in der Entsprechung, dem Kontrapost, das Schönste gibt. Die ältere Kunst zeigt sich noch unsicher: der hochgestreckte rechte Arm der bronzenen 125 Tänzerin aus Herkulanum (in Neapel) ist widergesetzlich, Die Tänzerin abgebildet bei Rayet, Monuments de l'art antique Tfl. 37. Ebenso steht es mit dem archaischen Harmodius (in Neapel), der zum Hieb ausholt. Besser die Adoranten in den Katakomben, der bekannte »betende Knabe«, die Tänzerinnen aus Pompeji. Daß man den Arm nicht wesentlich über Kopfhöhe erheben dürfe, schärft Quintilian ein: IX 3, 141 u. 84: vgl. auch II 13, 9. Danach ist auch der etrusische Aringhatore zu würdigen, auch die Amazonenstatuen u. ä. Kunstwerke. und das gehobene Bein des Dornausziehers durchschneidet ungeschickt den Linienfluß. Auch hier ist wieder das mathematische Denken von Einfluß. Polyklet formulierte sogar für seine Zeit ausdrücklich die Regel: dem Gesicht der Figur gehört 1 / 10 der ganzen Höhe, der Fuß entspreche einem Sechstel der Höhe usf. Das Gesicht wird überdies in drei Stockwerke zerlegt; Untergesicht, Mittelgesicht und Stirnpartie sollen das gleiche Höhenmaß haben. Setze den Zirkel in den Nabel und beschreibe einen Kreis: alle Extremitäten des Mannes müssen alsdann ausgestreckt just die Peripherie des Kreises treffen. So ergibt sich der Normalmensch, den der Künstler braucht. Vgl. L. v. Sybel, Weltgeschichte der Kunst² S. 217 nach Aug. Kalckmann. Andere verschoben diesen »Kanon«, am genialsten Lysipp zur Zeit Alexanders des Großen, der die Proportionen der Statue allemal danach einrichtete, ob sie hoch oder niedrig aufgestellt werden sollte, Den Ausspruch Lysipps habe ich in »Laienurteil über bildende Kunst« S. 22 erläutert. ein Gesichtspunkt, den unsre Plastiker nur zu oft vergessen. Das Wort »Kanon«, lateinisch regula , heißt eigentlich das Lineal. Aus regula ist unser Wort »Regel« hervorgegangen. Das Lineal »reguliert«. Besser wäre es, man übersetzte Kanon, wo es die Vorschrift bedeutet, mit »Richtschnur«; denn wie das Lineal, so dient auch die Schnur zur Sicherung der Richtung. Nun aber die Töpfer, die im Töpferbezirk, dem Kerameikos Athens, zusammen wohnten. In ihrer Massenfabrikation feiert die Eurhythmie, das Formgefühl, ihre Triumphe. Unsre moderne Fayence- und Porzellanindustrie ist vor allem siegreich durch den Glanz und Wert des Materials. Die Vasen der Antike, die wir bewundern, sind nur irdenes Geschirr, dazu so leicht zerbrechlich; aber sie erreichen, auch wenn wir von ihrem aufgetragenen Bildschmuck, für den sie bestimmt sind, ganz absehen, ihren Effekt schon durch ihre Gestalt, die zudem tausendfach variiert; denn kein Exemplar wiederholt ganz genau das andere, und eine wirkliche 126 Schablone gibt es nicht: Schüsseln und Teller und Becher, große Wasserkrüge (Hydrien), terrinnenförmige Mischgefäße oder Kratere, Kannen und Ölflaschen, die reizenden Lekythen, einhenkelig und schlank gewachsen, endlich die grandiosen Amphoren (d. h. zweihenkelige Traggefäße oder Zuber), die Wein oder Öl in größeren Quanten aufnehmen. Ihre Formgebung ist von der Nachahmung der Frauengestalt ausgegangen, und sie stehen daher stets auf kleinem Fuß, runden sich aufwachsend zum Bauch und haben Schultern, Hals und Arme, alle Gliedmaßen sorglich abgehoben, nun aber in rein mathematische Formen umgewandelt, voll Schwung und Grazie. Das Genialste und Kühnste, die sogenannten Prothesen, ganz schlank gewachsene und 2–3 Meter hohe Amphoren, die man auf dem Grab oder an der Bahre des Toten aufstellte, deren Hals sich schier endlos reckt wie der Hals des Flamingo oder wie der Stiel des Schilfes, der statt des offenen Blumenkelches die runde Gefäßmündung trägt. Endlich von den Bildmeistern weiter zu den Dichtern. Ich denke an die Tragödien Athens. Sie waren nicht nur Wortdichtung, sie waren Bild, Bilderfolgen, die filmartig sich auf der Bühne schoben, die maskierten Schauspieler lebende Statuen, die sich maßvoll bewegten; die Spielakte durch Chorgesang unterbrochen und so das Ganze wie ein Metopenfries am Tempelbau. Die Spielszenen entsprachen den Metopen selbst, die Chorlieder den sie trennenden Triglyphen; und wie das enge Metopenbild nie mehr als zwei oder drei Figuren in Handlung zeigt, so auch das Bühnenbild; es agieren immer nur zwei oder drei Schauspieler. Wie ferner die Triglyphen drei Furchen und Stäbe haben, so zerfallen die Chorlieder regelmäßig in drei Strophen. Dreiteiligkeit gehörte überhaupt zum Wesen der älteren griechischen Vokalmusik, wobei von den drei Strophen immer nur zwei sich gleich sind, ähnlich wie in Händelschen Arien oder in unsren Sonatensätzen. Auffallend auch die Gleichheit der Umfänge 127 in den Szenen des Dramas sowie der verhältnismäßig geringe Umfang der Dramen selber; der Umfang richtete sich nach der Zeit; denn es wurden vier Stücke an einem Vormittag gespielt, darunter immer drei Tragödien, die eine Trilogie bildeten, auf die dann noch zur Entlastung des Gemüts ein ausgelassenes Satyrspiel desselben Dichters folgte. Es ist alles Messung und nichts charakteristischer als alles dies für den Formsinn, den Ordnungssinn, die Eukosmie des klassischen Stils der Griechen. Und das wirkte ins kleinste weiter. Ich rede hier nicht von dem eigentlichen Rhythmus der Musik, dem Reichtum der Taktarten. Es beruhte auch das alles auf der Zahl; wer musiziert, muß eben zählen können. Das Musikstück selbst aber zerfällt wieder, wie wir an den erhaltenen Gesangtexten erkennen, in Perioden, die sich möglichst genau entsprechen, die Perioden wieder in »Glieder« oder Kola von gleicher Länge; und das übertrug der Feinsinn der attischen Redner weiter auch auf die Prosa, die Kunstrede; auch sie zerfällt in sorglich gerundete Perioden, in denen die Symmetrie waltet, mitunter bis zum Abzählen der Silben. Das scheint uns Pedanterie, die nur frostig anmutet. Aber die meisten Künstler waren bei alledem doch klug genug, den Eindruck »holder Zufälligkeit« vorzutäuschen. Die Arbeitsmethode war da, aber sie wurde verheimlicht. Das Gesetz ist latent und so verschwiegen wie die Gesetze, nach denen die Planeten über den Nachthimmel wandeln. Nur der Forscher findet sie. Glühend ist im Griechen die Sinnlichkeit, unerschöpflich das Spiel der Phantasie, gleichstark entwickelt aber auch das abstrakte Denken. Wer wundert sich noch über die Pythagoräer, die Führer der Mathematik, die im All die Zahl für das einzige Wirkliche hielten? In allem Sichtbaren ist die Zahl und das Zahlenverhältnis die Essenz oder das eigentliche Wesen und alles Ephemere, ob Körper, ob Ton, ja, die Menschenseele selbst nur dazu da, es in sich darzustellen. Nur der Rechner allein ist der Wissende. Auch Plato war 128 großer Mathematiker, und in seiner Dogmatik wirkte das mächtig nach.   8. Die Kunst und ihre Beurteilung Aber zur Sache. Es gilt, über die geistige Produktion im nachhomerischen Griechenland einen Überblick zu gewinnen. Fortschritt ist da die unausgesprochene Losung, und er vollzog sich rapid und unaufhaltsam zunächst bis zu des Sokrates Zeit oder, etwas weiter gerechnet, bis zur Mitte des 4. Jahrhunderts v. Chr. Beneidenswert die Zeiten, wo das geistige Wachstum mit der materiellen Kultursteigerung Schritt hält. Auch in der Renaissance Europas, die auf Dante folgte, war es nicht anders. Dürfen wir glauben, daß wir heut nicht das Gegenteil erleben? Hesiod ist der erste Dichter, der über sich selbst Worte macht. So heben die Persönlichkeiten sich aus der Masse, und die Konkurrenz fördert den Fortschritt, eine kräftige Steigerung des Lebensgefühls. Das wenigstens war der Vorteil der Kleinstaaterei; denn jeder will seinem Heimatsorte das Beste geben. Zuerst regen sich in der weiten Diaspora des Griechentums die neuen Kräfte, draußen an der jonischen Küste Kleinasiens, in Sizilien und Süditalien, das man Großgriechenland nannte, sowie auch die ersten großen Tempelbauten in Samos, Ephesus und Pästum entstehen. Die Namen der Philosophen Thales, Anaximander, Pythagoras tauchen auf, Archilochos, Xenophanes, die Dichter. Dabei war das Wandern beliebt. Schon Thales reiste; Pythagoras ging von Samos nach Ägypten, dann nach Kroton usf. Auch die Dichter des Solo- und Chorgesangs wie Arion und Pindar ziehen von Ort zu Ort und bringen ihre Hymnen und Siegeslieder, bis endlich im 5. Jahrhundert Athen alle anderen Plätze überholt, alle besten Geister anzieht; Athen wird die Lehranstalt der Welt. Auch die bildenden Künstler reisten ab und an, wenn man 129 sie rief; schon vor den Perserkriegen zog Krösus, der König Lydiens, der frühe Bewunderer des Griechentums, solche Männer in seine Hauptstadt Sardes. S. Herodot I 51: es handelt sich um den Erzgießer Theodoros von Samos. Zumeist aber war die bildende Kunst Lokalkunst, und die Meister hatten ihr Atelier dauernd in Athen oder Korinth oder Sikyon und bildeten da weiter ihre Schüler. Vom Entwicklungsgang der bildenden Künste rede ich hier nicht weiter. Vor allem ist nicht zu vergessen, daß sie, obschon man die vollendete Kunst Ägyptens und Kretas kannte, doch ohne ausländisches Vorbild aus dem Primitiven heraus betrieben wurden. Jeder heutige Künstler wird jene Alten darum beneiden. Das Nähere wissen heute schon alle unsere Schüler und die Mädchenpensionate, die pflichtgemäß durch das Antikenmuseum geführt werden, von den starren Steinfiguren der braven Anfangszeit mit den festangelegten Gliedmaßen und den einfältig grinsenden Gesichtern weiter über Polyklet und Phidias hinweg bis zu den warm beseelten Gebilden des Skopas und Praxiteles, in denen endlich Wahrheit und Schönheit sich zu vermählen scheinen und die wie wirklich lebende Wesen vor uns stehen, die da atmen, sinnen und träumen, aber noch jeden grelleren Effekt vornehm vermeiden. Bei alledem findet sich, wo man sich nicht am Porträt versuchte, viel Konventionelles, wie im sogenannten griechischen Profil oder in dem stets lockigen Haar der Jünglinge, als ob es nicht auch Männer mit glattem Haar gegeben hätte. Solch glattes Haar wird bei Plato (Euthyphron zu Anfang) für Melitos, den Ankläger des Sokrates, zufällig bezeugt. Reiche Mitteilungen dieser Art findet man hernach in den Physiognomikern (s. ed. Förster II p. 22). Virtuos steigert sich zugleich die reizvolle Behandlung des Gewandes, das, anfangs sorgsam als Toilettenstudie wie aus dem Modejournal gegeben, jetzt ganz anders wirkt und den Körper nicht zudeckt, sondern gleichsam in sich abbildet. Es steigert sich vor allem die Vorliebe für das Nackte, die das Sport eben mit sich brachte. Daher wird in der Großplastik nur der Mann nackt gezeigt; und, da nur die Jugend schön, so verjüngen sich nahezu alle Götter und Helden. Auch den Bart verlieren sie; ich denke an Bacchus und Hermes; Auch Asklepios, s. Jahresberichte des östr. arch. Instituts XXIII S. 1 ff. 130 sie verlieren den Bart mit dem Gewande; denn auch der Bart ist Verkleidung der Form. Den Sieg der Nacktheit in der Kunst hat die weitere Antike durchgefochten; es fragt sich, ob es zu unsrem Vorteil geschehen ist. Ein aufregendes Ereignis war es, als in der Großplastik die nackte Aphrodite, die erste entkleidete Frau, entstand; es war ein Tempelbild. Aber der Künstler suchte diesen Umstand zum wenigsten noch zu motivieren. Die Göttin steht am Strand, um ins Bad zu steigen, und sie ahnt nicht, daß man sie sieht. Zudem ist der Süden so warm und so dazu einladend, das Kleid zu lüften. Für unser kaltes und nasses Klima haben solche entkleidete Wesen dagegen wenig Sinn, so massenhaft sie uns auch jetzt präsentiert werden, man müßte denn die Zentralheizung geltend machen, die vielen Damen heute das Kleid zu ersetzen scheint. Das Publikum sah nun also die Tempelbezirke museumsartig mit neuen Bildwerken sich füllen und machte für den Schmuck seiner Gräber selbst Aufwand genug; aber es verlor darüber wenig Worte; kein Ah oder Oh der Freude oder Bewunderung, ob Nikebalustrade, ob Parthenonfries; aber auch kein Tadel. Die gleichzeitige Literatur schweigt alles tot, als ob es nicht existierte. Von der entzückenden Vasenmalerei mit ihren lebensprühenden Schildereien hätten wir überhaupt keine Ahnung, wären die Tausende von Belegstücken nicht ausgegraben; denn das ganze Altertum tut, als wüßte es nichts von ihr. Wie erklärt sich das? War es nur Verständnislosigkeit oder war man betäubt von der Überproduktion? Zwei Gründe haben hier gewirkt: es fehlte noch eine Ästhetik, wie ich schon sagte, eine für solche Dinge ausgebildete Sprache. Obendrein hatte jene Zeit noch völlig andere Kulturinteressen, und die gemachte Wahrnehmung führt uns dazu, diesen anderen Dingen nachzugehen. Im Auge der Griechen waren alle jene Künstler nur Techniker, und sie wurden zwar keineswegs gesellschaftlich boykottiert, Der Bildhauer Sophroniskos verkehrt z. B. freundschaftlich in den besten Häusern, nach Plato, Laches p. 180. aber in Hinblick auf Menschenwert gering 131 geachtet. S. Plato, Rep. p. 590 u. 495. Daß man von Phidias redete, kam nur daher, daß er durch Perikles zur politischen Figur wurde. Ein Sokrates verließ das Bildhaueratelier seines Vaters; er wußte Besseres zu tun. Für den Bürger, der seinem Staat lebt, ist alle und jede Technik, die mit dem Körperlichen sich abgibt, Handwerk; sie ist Banausentum. Das Wort Banause hat der Grieche hierfür geschaffen. Ob sich jemand Schuhzeug anfertigen läßt oder ein Heraklesbild: er freut sich des Gegenstandes, der Verfertiger aber ist Banause. Es ist genug, daß man ihn bezahlt. Niemand außer den Fachleuten interessiert sich überhaupt für das Technische, z. B. an den Wasserleitungen, den Brückenbauten, an den Schiffsbauten u. s. f., deren Vorteile man genießt. Ein Unikum ist, daß der Römer Julius Cäsar uns einmal im Detail den Bau einer großen Brücke beschreibt; den Bauleiter aber nennt er uns nicht. Sucht man bei den alten Historikern sonst nach eingelegten technischen Mitteilungen? Sie sind, wie gesagt, ganz selten wie über Verwendung von Kalk beim Bau der langen Mauer Athens (Blümner a. a. O. III S. 101). Herodot nennt kurz den Glaukos aus Chios als den Erfinder der Eisenlötung (I 25), den Theodoros von Samos als Gießer von Metallkunstwerken (I 51), berichtet auch einmal von dem Phänomen von unterirdischen Geräuschen im Laufgraben und Klingen des Schildes (IV 200). Kriegsgeschichtlich interessierte, daß der Tyrann Dionys I. die Artillerie erfunden habe (H. Diels, Antike Technik² S. 20 u. 94). Ein Lustspieldichter in Athen war es, der Metons Wasserleitungen erwähnte: Phrynichos com. frg. 21. Eine Maschine wie der Kran war immer gebräuchlich, wird aber nur für die Bühne gel. erwähnt (Blümner III S. 111). Man hatte auch schon Lupen als Vergrößerungsgläser, aber kein Autor bezeugt es (ebenda III S. 300). So erwähnt schon Herodot einmal einen durch das Bergmassiv getriebenen Wassertunnel auf Samos, aber er tut es nur um des kühnen Auftraggebers willen, des Tyrannen Polykrates. Xerxes schuf, als er gegen Hellas vorrückte, um seine Flotte hindurchzuführen, den berühmten Erd-Durchstich beim Berg Athos; die Griechen ließen das Werk hernach schmählich versanden, obschon es gewiß auch ihrer Schiffahrt weiterhin hätte nützen können, und finden keinen Ausdruck des Bedauerns. Im Gegenteil, Herodot findet für Xerxes nur Worte des Hohnes. Der Grund aber, weshalb man den Kanal nicht instand hielt, lag augenscheinlich in der Uneinigkeit der anliegenden griechischen Kleinstaaten. . Was hätten sie wohl zu der Jagd der Sensationsrekorde unsrer heutigen Technik gesagt? oder zu unsren illustrierten Blättern, die uns täglich mit Bildern davon ermüden und in denen Technik und Sport, Sport und Technik alles ist? Sie hätten die Ausnutzung der Elektrizität bewundernd akzeptiert, aber selbst den Namen eines Edison schwerlich genannt. Wir hören, wie sie sich sehnen nach dem Fliegenkönnen, ob im Selbstflug oder mittels eines Trägers; Das Fliegenkönnen war eine Lieblingsvorstellung der Griechen; vgl. gleich Aristophan. Aves 785 ff. Alle Götter schreiten durch die Luft; gewisse Götter sind durch Flügel besonders dazu befähigt. Dann versieht sich Dädalos mit Flügeln, er ist Selbstflieger und gelangt so auch zum Ziel. Unser Fliegen mit dem Apparat wird durch Bellerophon vorweggenommen, der auf dem Flügelpferd Pegasus reitet. Ausführlich wird dann das Hochgehen auf dem Mistkäfer von Aristophanes im »Frieden« dargestellt, auch der Eindruck, den der Unternehmer dabei hat. Dazu noch Aristophan. frg. 188, wo es heißt, daß beim Hochziehen des Flugzeugs die Maschinisten wieder und wieder rufen »Heil dir, Sonne« ( χαῖρε φέγγος ἡλίου ). So dann noch später bei Horaz c. 1 3, 38 das caelum ipsum petimus u. a. m. Vgl. »Von Homer bis Sokrates« S. 462, Anm. 2. Der Trost ist: »durch Worte schwingt der Menschengeist sich auf, erhebt sich, wenn er dichtet« (Aristophan. Aves 1447). die Konstrukteure unsrer Aëroplane aber wären für sie auch nur Banausen, Dienervolk. Alle solchen Leistungen sind nach antiker Auffassung nicht Kultur, sondern nur Versuche, 132 der Kultur zu dienen, welche Kultur selbst etwas ganz anderes ist. Der freie Bürger hält für seiner würdig nur die Künste des gesprochenen und geschriebenen Wortes, nur die Berufe, die in die Ethik und Politik hinübergreifen. Das ist die geistige Aristokratie. Neben den Staatsmännern, Parlamentariern und Rechtskundigen, den Meistern der Redekunst sind auch die Dichter und Musiker Nichtbanausen, da sie die Seelen leiten und gedankenreich das Volk erziehen; dazu die Ärzte, soweit sie Wissenschaftler sind und dem Volkswohl dienen. Erst das Hinaufziehen des Lebens in die ethische Sphäre ist wirklich Kultur, wo man fragt nach Gott und Schicksal und Weltenwesen und Menschenpflicht, wo es sich um Wissenschaft und Recht und Sittlichkeit und Selbstveredelung handelt im Dienst des Nächsten und der Gemeinschaft. So dachte damals der Hellene; diese Aufgaben waren akut; er ruhte nicht, und alle Seiten seiner Literatur sind voll davon. Denn er suchte die Maßstäbe für die höchsten Dinge. Folgen wir ihnen denn endlich darin. Gewiß liegt es uns heut fern, von Banausen zu reden, und wir geben unsren genialen Erfindern, auf welchem Gebiet es auch sei, alle Ehre. Gleichwohl wäre es gut, wir wüßten wie jene Alten eine Grenze zu ziehen. Denn auch wir sind immer noch die Suchenden, so wie es denn auch in dieser Zeit der klotzigen Lastautos und knallenden Motorräder gewiß immer noch Leute genug gibt, die wissen, worauf es ankommt.   9. Kosmologie und Naturforschung Also das Geistesleben. Womit beginnen? Die verschiedensten Stimmen werden laut, die verschiedensten Tendenzen, Strebungen und Ausdrucksformen. Man versuche nicht sie auf eine Formel zu bringen. Es gilt hier nur, das Bedeutsamste herauszuheben. 133 Es handelt sich um Wahrheit und Recht. In mächtigem Auftrieb wird die Begründung einer Physik oder Naturlehre und einer Rechtskunde und Sittenlehre, die ein ideales Zusammenleben oder den besten Staat ermöglichen, zu geben versucht. Endlich, endlich werden also die Fragen laut: wer schuf die Welt? woher das Menschengeschlecht? Fragen, die die Welt Homers noch nicht erregten. Und woher das Böse? und was wird aus der Menschenseele nach dem Tod? Auf die letzten beiden Fragen fand man schon im Homer eine Antwort; aber sie stillte nicht die Seelen der Masse. Sekten bildeten sich, die mystischen Konventikel der Orphiker, deren Wunderbücher von fabelhafter Weltentstehung erzählten und die den Glauben nährten an ewige Beseligung durch Weihungen und Teilnahme an mystischen Handlungen. In der Stimmungslage war damit der Gottesdienst in Eleusis bei Athen verwandt, wo man für die Andacht schon ein Gemeindehaus mit Sitzplätzen erbaute, das das Prinzip der Synagoge und des christlichen Kirchenbaus antizipierte. Vgl. »Griechische Erinnerungen« S. 136 f.; F. Noack, Die Baukunst des Altertums Tfl. 92. Die Pythagoräer, die geradezu einen Orden bildeten, einigte der Glaube an die Seelenwanderung. Unsre Seelen, so lehrte man, sind so alt wie die Welt und wanderten seit Urzeiten aus einem sterblichen Leib in den anderen, ob Tierleib, ob Menschenleib. Daher ist vegetarische Ernährung Pflicht, Tiernahrung Sünde; wir könnten sonst mit dem Tier unsren Vater verzehren. Es ist, als wären diese Leute aus Indien eingewandert. Längst hatte Hesiod den Griechen von der Weltentstehung und den Göttergeschlechtern erzählt; die Verse, die uns noch vorliegen, lesen sich nüchtern wie eine Urkunde: zuerst war das Chaos, dann entsteht die Erde, das Taglicht u. s. f. Ein wissenschaftlicher Ton macht sich da schon fühlbar; denn alles »entsteht« und »wird«, und ein schaffender Gott ist völlig ausgeschaltet. Auch der Liebesgott Eros, den Hesiod flüchtig nennt, tritt gar nicht schöpferisch in Tätigkeit. Dann aber 134 gatten sich Himmel und Erde, das ist Uranos und Ge; sie sind Personen und zeugen die Titanen, die unheimlichen Gewaltmächte der Urwelt, die es zu besiegen gilt. Erst Zeus, der Enkel des »Himmels«, wird endlich dauernd Herr des Alls als Weltordner, der den Bestand der Dinge sichert. Welch kümmerliches Register von Namen! Das Wichtigste, der leitende Gedanke, der sie alle geschaffen hat, bleibt unausgesprochen. Der leere gähnende Rachen des Chaos »Chaos« bedeutet nichts weiter als das Gähnende (zu χάσκω, χαίνω, χάσμα ), das ist also das Leere. speit die Erde und alles Weitere aus. Dabei werden auch viele Abstrakta zu Personen, wie die Finsternis. Schlaf und Tod sind Brüder. Woher aber endlich das Menschengeschlecht? Diese Frage bleibt hier noch ganz ohne Antwort. Erst Spätere dichteten, daß Prometheus die Menschen als Bildhauer aus Ton geschaffen, wie auch in der Bibel Gott den Adam nach seinem Bilde aus Erde schuf. Zuerst vielleicht beim Komiker Philemon; s. Roscher, Mythol. Lex. III S. 3066. Daneben steht die Sage von den Steinen des Deukalion. Sollte der Wissenstrieb sich damit begnügen? Allerlei Konkurrenzdichtungen kamen auf, in einer Zeit, als schon die Naturforschung ihre Stimme laut erhob, und wir hören vom Zeus, der nun wirklich die Welt schafft wie der Jehova der Juden. Auf der schönen Insel Syra saß Pherekydes und dichtete die Schöpfung neu. Er tat es in Prosa; aber was er gibt, mutet uns grandioser an als die Lehre vom blinden Chaos. Zu Anfang, heißt es hier, war Zeus und die Zeit. Die Zeit schuf die Materie, und daraus bildet Zeus, der unerschaffene Gott, der sich in »Liebe« verwandelt, die Welt, und er tut es als Stoffwirker. Zeus wirkte ein Riesengewand; das Gewand ist die Erdenwelt, und hängte sie ausgespannt über die Eiche, den sagenhaften Weltenbaum, der auf Flügeln im Leeren schwebt. Erhaben und schön gedacht. Wer aber zu Scherzen aufgelegt war, konnte noch ganz anderes dichten. Aus der Nacht und dem Chaos wurde zuerst ein Ei geboren, ihm entstieg der Flügelgott Eros, und der heckte mit dem Chaos zuerst das Volk der Vögel aus. So war denn auch die liebe Lerche früher als die Erde da. Als die erste Lerche, der Vater aller Lerchen, 135 starb, fehlte der Tochterlerche die Erde, um ihn darin zu bestatten, und sie begrub ihn in ihrem eigenen Kopf, in den sie ein Loch grub. Woher aber dann die Götter kommen, sagt uns der Spaßvogel nicht. Vgl. Aristophan. Aves 693 ff. u. 471 ff. Dann hören wir wieder, daß Zeus es war, der den Himmel baute; aber er schuf ihn selbstsüchtig als Rauchfang, um den Opferrauch, von dem er lebt, damit aufzufangen. Pherekrates com. frg. 141. Man sieht, was Hesiod und Pherekydes gaben, war bei den Denkenden früh diskreditiert; es verlockte zur Parodie. Der Natur, die man täglich sah, den Naturprozessen – Luftbewegung, Lichtwirkung, Verbrennung, Stoffwechsel in unsrem eigenen organischen Leben – war mit Phantastik nicht beizukommen. Eine Priesterkaste gab es nicht im Lande, die an das Legendarische zu glauben nötigte. Der Hellene war Freidenker wie kein anderes Kulturvolk jener Zeiten. Ja, mit Entrüstung fuhr man alsbald gegen Homer los, der den Göttern, die man verehren sollte, Betrug und Ehebruch und alles, was wir für schändlich halten, andichtete. So setzt denn die sogenannte Philosophie, es setzt die freie Forschung ein. Der Mensch stellt sich als »Philalethes« oder Wahrheitsfreund zum ersten Mal, kirchlich ungebunden, vor das Universum und fragt nach seinem Woher und Wohin. Es ging gleich um die Grundprobleme der Physik, und die Forderung ist: die Natur ist selbstschöpferisch, und aus ihr allein müssen alle Prozesse sich erklären. So erfanden sie den Begriff des Elements, der noch heute lebt. Das war das Wichtigste. Aus diesem Element stellt sich alle anorganische und organische Gestaltung von selber her; auch diese Forderung, daß die Schöpfung sich selber schafft, ist noch das Programm von heute. Kühne Thesen wurden aufgestellt, die mitunter dann auch das Richtige wunderbar getroffen haben. Aber man konnte sie damals nicht beweisen. Woher zu wirklichen Untersuchungen die Mittel nehmen? Woher Teleskop und Mikroskop nehmen, das Spektrum, das Barometer oder gar die Präzisionswage, 136 wie sie heute der Chemiker braucht? Man wußte nichts vom Experiment, von chemischer Untersuchungsmethode. Vielmehr suchten diese Männer vielfach die Einsamkeit, in der uns die Offenbarungen werden – ihr schönes Motto ist: »man muß hoffen, um zu finden« Heraklit frg. 18. Ich zitiere im nachfolgenden die Fragmente der vorsokratischen Philosophen nach der Fragmentsammlung von H. Diels. und »Gute Gedanken kommen bei Nacht« Epicharm frg. 27 f. – und schauten mit den Augen des Kindes in die Natur, um sie zu begreifen. Sie wollten das große Geheimfach aufschließen und suchten nach dem Schlüssel. Ihr Schlüssel war die Hypothese, der nur zu oft zerbrach. Ein Urelement also, ob Wasser, Luft oder Feuer, wird angesetzt; daran hafteten die Namen des Thales, Anaximenes und Heraklit; dies Element soll aber fähig sein, in ein anderes überzugehen, es aus sich zu erzeugen. Damit war die Vorstellung von wechselnden Aggregatzuständen gewonnen, so wie das Wasser verdunstet und zu Luft wird. Dazu kommt die Vorstellung von der Unverbrüchlichkeit der Naturgesetze. »Wollte etwa die Sonne selbst abirren von ihrer Bahn, die strafenden Erinyen würden sie ereilen.« Heraklit frg. 94. Thales schrieb noch nicht. Das erste naturphilosophische Buch ist in Milet im Jahr 547 von Anaximander in erhabener Prosa geschrieben worden. In diesem wertvollen Buch fand sich u. a. auch schon für das tierische Leben divinatorisch eine Art Deszendenztheorie: die Gattungen des Tierreichs folgten aufeinander; die Wassertiere wandelten sich in Landtiere um durch Akkommodation. Das alles aber waren nur Behauptungen. Man behauptete, was man nicht sah. Demonstrationen fehlten, wie gesagt ist, und so ergab sich von vornherein auch die weitere skeptische Folgerung von der Schwäche und Unzuverlässigkeit der menschlichen Sinneswahrnehmung. Der Versuch einer Erkenntnislehre sollte erst später folgen. Die bisher genannten Männer waren »Stoffverlebendiger« (Hylozoïsten); sie waren Philosophen des Werdens und Entstehens; sie gaben eine natürliche Genesis, und man könnte sie auch die Genetiker nennen. Das Wort γενετικός ist im Altertum nicht gebildet worden. Vornehmlich war es Aristoteles, der für diese Naturphilosophen die Bezeichnung »Physiker« festgesetzt hat; und so wurden denn auch die meisten ihrer Schriftwerke im Altertum schablonig περὶ φύσεως betitelt, eine Titelgebung, die sicher nicht von ihnen selbst herstammt (vgl. E. Lohan, De librorum titulis , Marburg 1890). Dabei ist zuzugestehen, daß bei ihnen φύσις allerdings öfter schon die Bedeutung natura rerum hat; so bei Philolaos frg.  6, τῶν ὅλων φύσις Archytas frg.  1; φύσις σελήνης schon Parmenides frg. 10; φύσις ἀνδρῶν Epicharm 10; κατὰ φύσιν Heraklit frg.  1 und 112, Epicharm 2, 9. Sogar die Zahl hat eine φύσις : Philolaos frg.  11. Daneben aber steht noch das Ursprünglichere; φύσις ist die Geburt oder das Werden, wie lat. natura zu nasci gehört, so bei Empedokles frg.  8 unverkennbar. Dies entspricht also dem Gebrauch des Verbum φύειν, φύεσϑαι , wenn wir lesen: γίγονται καὶ φύονται Xenophan. 29; πέφυκε ib. 32; ἔφυ οὐρανός und ἔφυ τάδε Parmenides 10; ϑνῆτ' ἐφύοντο Empedokl. 35, 14; ἡ γῆ φύει πολλά Anaxagor. 4. Auch der Ausdruck σπέρματα weist bei Anaxagoras auf die Vorstellung vom Wachsen und Werden. Daneben wird endlich gelegentlich auch von γένεσις geredet; so Parmenides frg. 8, 2l; ἀγένητος Empedokl. frg.  7. Hiergegen erhoben sich von 137 andrer Seite metaphysische Bedenken, die Parmenides in feierlicher Rede vortrug, und eine Debatte begann über Sein und Werden. Das Werden setzt ein Nichtsein voraus. Diese Gegner predigten nun: das Sein ist ewig, und es gibt nur ein Sein; denn wie kann ein Sein zeitweilig nicht sein? Und somit ist aller Wandel der Dinge, der zum Nichtsein führt, Täuschung, und die Sinne trügen auch da. Ein majestätisches ewiges Ruhen des in sich geschlossenen Weltalls von Ewigkeit zu Ewigkeit: nur das ist göttlich, und daran sollen wir glauben. Das Wertlegen auf den Glauben gehört also nicht nur, wie man zu betonen pflegt, den geoffenbarten Religionen an, sondern auch diesen Offenbarern der Naturlehre; von πίστιος ἰσχύς , »kräftigem Glauben« redet Parmenides 8, 12, auch Empedokles fordert πίστις 71, 1. Schwer ist die πίστις , sagt derselbe 114 und beruft sich bald auf die πιστώματα Μούσης 5, bald auf die Glaubwürdigkeit der Sinne,. πίστις γυίων 4, 13. Ebendahin gehört die Erwähnung der πειϑώ, id. 133. Die ἀπιστία tadelt auch Heraklit 86. Wenn Epicharm 13 umgekehrt das ἀπιστεῖν empfiehlt, so hat das andere Beziehung. Ja, die Materie ist wesenlos, und der Pythagoräer steigert die Abstraktion; nur die Zahlen, die Zahlenverhältnisse, wie wir schon hörten, sind wirklich, und aller Gestaltung liegen sie zugrunde. Die Blume dufte noch so lieblich, der Kuß Aphroditens sei noch so süß: die Form ist alles. Der Sinnenmensch will den Schein, der Wissende das Wesen. Diese Sophismen über Sein und Nichtsein erwiesen sich indes als zu unfruchtbar. Dagegen stemmte sich der große Heraklit, der Feuermensch, auch er ein Verkünder der Ewigkeit dieser Welt, der aber zugleich die ewige Bewegung der Dinge lehrte. Man kann nicht zweimal in denselben Fluß steigen; wie der Fluß, so das Leben. Ein vornehmer Kleinasiat aus der Handelsstadt Ephesus, zog Heraklit sich unwirsch in die Einsamkeit zurück. Die Perser herrschten dort im kleinasiatischen Land. Wo sie sich zeigten, zeigten sie auch ihre Feuerreligion. Das griff Heraklit auf, und das Feuer, die Glut, wurde ihm zu der schöpferischen Wundermacht, die alles bewegt und belebt. Für den Perser stand freilich neben dem Licht, das das Gute ist, die Finsternis als Prinzip des Bösen. Diesen Dualismus wandelte Heraklit zum strengen Monismus um; denn die Naturlehre konnte zwei Prinzipien nicht brauchen; und so entstand die pantheistische Religion des Heraklit und der späteren Stoa. Der Tod ist die Kälte; die Wärme im All und in uns ist das Leben, und diese Glut ist zugleich Intelligenz. Wärme ist 138 das Denken in uns, Wärme das Denken im All. Als denkende Intelligenz, die das All durchströmt, ist die Wärme Gott, und sie läßt alles geschehen, werden und sich wandeln nach Gesetzen. Begreiflich hiernach, daß dieser Mann gegen das Errichten von Götterstatuen in den Tempeln energisch sich erhob: du sollst dir kein Bildnis machen! Heraklit frg. 5 u. 128. Auch gegen die Mysterienkulte eifert er, frg. 14. Auch die persische Religion Zarathustras duldete sie nicht. Es ist der einzige ausdrückliche Protest gegen Götterbildnerei bei den Griechen, von dem ich weiß. Heraklit war von dorther beeinflußt. Wie neu aber seine Weltlehre und wie in sich geschlossen! Die Vergänglichkeit aller Bildungen des Seins ist hiermit anerkannt vom Staub bis zu den Sternen, ein ewiger Wechsel. »Wir leben den Tod und sterben das Leben.« Vom »Fluß aller Dinge« redete der Mann, weshalb man hernach seine Anhänger spottend die Flußmenschen nannte. Daher aber nun weiter der Krieg im All. Den Krieg rühmt Heraklit laut: er ist aller Dinge Vater und König; denn ohne Vergehen kein Werden. Dieser Wechsel aber ist ewig; denn auch die Welt hat nicht Anfang noch Ende. Damit war aber noch mehr gewonnen, ein neuer Gottesbegriff, der heute noch wirkt. Naturleben und Geistesleben waren nun kein Gegensatz mehr; beides floß aus derselben Quelle. Die Ethik verwächst mit der Physik. Dem Göttlichen in der Natur entspricht das Göttliche im Menschen; denn »dein Ethos«, sagt Heraklit zu uns, (d. h. deine sittliche Eigenart) »ist das Göttliche in dir«. Heraklit frg. 169 (vgl. Epicharm frg. 17). »Alles ist eins« ( frg. 50) und Gott ist dies »Eine« ( frg. 32). Gott ist Tag und Nacht, Krieg und Friede usf. ( frg. 67). Daß Gott Tag und Nacht ist, ist im Gegensatz zu Zarathustra gesagt, dagegen kann Heraklits Lehre von Gericht und Auferstehung ( frg. 63) wieder von persischer Dogmatik angeregt worden sein. Der Krieg aber ist Notwendigkeit auch im Menschenleben; er ist die Feuerprobe der Menschen; denn er lehrt, den Sklaven vom Freien zu unterscheiden, weil immer der Bessere siegen wird. Welche Schmach, daß seine Landsleute, die Epheser, sich den Persern unterworfen hatten! Mit Entrüstung verließ Heraklit darum seine Heimatstadt. Die Stadt aber hat ihn gleichwohl verehrt als ihren Propheten. Sein Buch, das Originalmanuskript, wurde, als er starb, im 139 Tempel der Diana von Ephesus aufbewahrt, ihm selbst sein Ehrengrab, als wäre es ein Heiligtum oder Heroon, im Zentrum der Stadt selbst auf dem Marktplatz errichtet. Ein Quantum Hochmut scheint zum Philosophen zu gehören. So blickt Heraklit auf die Dummen: »sie fressen sich voll wie das Vieh, wie die Esel, die die Spreu dem Gold vorziehen«. Heraklit frg. 29 u. 9. Auch lieben es diese Männer, pompös und orakelhaft zu reden. Heraklit hieß »der Dunkle«; seine Gedanken schwelten gleichsam und flackerten wie aus der Asche hervor. Er schrieb in Prosa. Stolzer noch der große Empedokles, der Sizilianer, der als hochbegabter Dichter nun gar in Versen philosophierte. Dasselbe taten übrigens auch Xenophanes und Parmenides, also die Westgriechen. Empedokles war Arzt in Girgenti, Wunderarzt. Einen Toten hat er, wie man erzählte, auferweckt, nahm, wo es ihm paßte, auch politisch im Land die Führung, und Männer und Frauen huldigten ihm – so berühmt er sich –, wenn er im Kranz und mit der Königsbinde einherging. Er dünkte sich selbst ein Gott zu sein. Auch in Olympia schauten alle nach dem Wundermann, wenn er dort bei den Festspielen sich blicken ließ. So wurde denn auch über seinen Tod gefabelt: Nachts erscholl eine Stimme aus der Höhe, die nach ihm rief; da war er verschwunden, und man sah nur noch einen Lichtglanz am Himmel. Oder er sollte gar ruhmsüchtig in den Krater des Ätna gesprungen sein; man fand nur noch eine seiner Schuhsohlen liegen; die habe der Ätna unverbrannt – denn sie war aus Erz oder Eisen – wieder ausgeworfen, und damit schien die Sache als wahr beglaubigt. Eine Mär; eiserne Schuhe trug ja niemand. Man wird an Grimms Märchen erinnert, wo die Stiefmutter in eisernen Pantoffeln sich zu Tode tanzt. Dies ist der Mann, der sich entschloß, eine Mehrheit von Urelementen anzusetzen: Feuer, Wasser, Luft und Erde. Dieser Ansatz ist über Aristoteles hinweg bis in unser 18. Jahrhundert hinein gültig geblieben. Noch um das Jahr 1800 dichtete man in Weimar: »Vier Elemente, innig gesellt, bilden 140 das Leben, bauen die Welt.« Das ist die Lehre des Empedokles, und erst die moderne Chemie mußte kommen, sie gründlich zu beseitigen, die Wasser und Luft endlich spaltete und statt dessen allmählich an 80 wirklich unspaltbare Elemente aufwies, Wasserstoff, Sauerstoff, Bor, Brom u. s. f. Daß das Feuer gar kein Körper, sondern nur ein Zustand gewisser Materien ist, hat kein antiker Physiker geahnt. Erwähnenswert sodann, daß Empedokles eine andre Idee, die heute noch gilt, vorwegnahm. Wir reden von Verbindung der Stoffe und ihrer Zersetzung; Empedokles nannte dies dichterisch Liebe und Haß. Ein sich Suchen und Fliehen: dies sind die Potenzen, die in der Natur die Bewegung bewirken, den Umbau, das Werden und Vergehen aller Gattungen. Es gibt also nicht Geburt und Tod, sondern nur Mischung und Entmischung. Empedokl. frg. 8. So redet auch der Arzt in Platos Symposion p. 186 von den Liebesregungen des Leibes in bezug auf Anfüllung und Ausleerung. Wie soll man sich aber bei der Beschaffenheit des Meerwassers, des Erdreichs u. s. f. die Entstehung der Tiere und Pflanzen genauer vorstellen? Hier hilft des Dichters Phantasie; nach ihm sollen sich z. B. erst Beine, Arme, Köpfe im Erdenschoß gebildet haben, die dann die sogenannte Liebe ergriff, so daß sie sich zum Tierkörper vereinigten. S. Diels, Fragmente der Vorsokratiker³ S. 213; dazu Empedokl. frg. 20 u. 57. So war es denn ein ungeheurer Schritt vorwärts, den Anaxagoras und Demokrit taten. Ich kann hier auf den erheblichen Unterschied der Lehren dieser beiden mit ihren σπέρματα und ἄτομα nicht eingehen. Von Leukipp sehe ich hier ab. Diese Männer schrieben auch nicht mehr in Versen oder dichterisch getragener Prosa, sondern führten in ihre Wissenschaft endlich die nüchterne Prosa ein, wie sie die Ärzte längst handhabten. Mit dem sich Suchen und Finden der Stoffe ist noch nichts erklärt. Es fragt sich, was in dem von Materie erfüllten All die Bewegung überhaupt möglich macht. Da taucht endlich die Atomenlehre auf. Es war die geniale Idee, die Demokrit fand oder doch in die Welt setzte und ohne die auch unsre modernen Forscher der Natur nicht beizukommen wissen. Jede Stoffmasse muß aus Atomen, d. h. aus nicht mehr teilbaren kleinsten Teilen, die als solche kein Auge sieht, 141 bestehen, und nur diesen Atomen kommt die Bewegung zu, sobald sich leere Räume zeigen, die sie mechanisch ausfüllen. Andre weise Leute bestritten mit Entrüstung, daß es einen leeren Raum, d. h. ein Nichtsein gebe; für diese Theorie war der Ansatz hingegen unentbehrlich. So lagern sich also die Atome, sie selbst tausendgestaltig, bauen auf und fallen auseinander in ewigem Wechsel. Mechanische Bewegung ist alles; die bloße Schwere entscheidet. Materialismus. Die Materie selbst ist unerschaffen. Ein Wachsen im herkömmlichen Sinne gibt es nicht, auch keine Schöpfung. Wagt man zu fragen, wer zu der ersten aller mechanischen Bewegungen den Anstoß gab, so antwortet der Weise: da die Welt keinen Anfang hat, gab es auch für die Bewegungen keinen Anfang. So weit die Stofflehre. In welchem Sinn Demokrit damit eine Seelen- und Gotteslehre zu verbinden wußte, muß hier unausgeführt bleiben. Aber es gibt und gab der Probleme mehr. Das größte war für den Astronomen der Aufbau des Weltalls. Bisher stand der Himmel als Halbkugel wie eine Metallglocke über der Erdenplatte; denn die Erde schien flach. Anaximander aber in Milet fragte erstaunt: wie kommt es, daß die im Westen verschwindende Sonne jeden Morgen wieder im Osten steht? Sie muß in jeder Nacht unter der Erde zum Aufgangspunkt zurückkehren; also gibt es Himmel auch unter der Erde; der Himmel ist eine hohle Vollkugel, in deren Mitte die Erde selbst frei hängt. Die Erde selbst sollte folgerichtig auch schon rundlich, aber in Zylinderform wie eine Walze oder wie ein moderner Herrenhut sein. Weiter gingen in Süditalien die Pythagoräer. Für sie ist auch die Erde Vollkugel; nicht nur das. Sie näherten sich schon der Vorstellung vom kopernikanischen Weltsystem. So lehrte Philolaos: die Erde ist gar nicht der Mittelpunkt des Alls; sie gehört zu den Sternen, ist ein Planet oder Wandelstern wie der Mond. Freilich wagte dieser Philolaos noch 142 nicht, die Sonne selbst in die Mitte zu stellen; sondern Sonne, Erde, Mond und Planeten sollten ihren Lauf um ein angebliches Zentralfeuer vollführen, das er als Wärmezentrum oder als »Feuerherd des Alls« frei erfand. Wie bedeutsam wieder, wie befreiend und folgenreich war diese Gedankentat! Leider hat sich Philolaos, seiner Zeit gehorchend, damit nicht begnügt. Er phantasierte auch noch von einer zweiten Erde, einer Gegenerde, die kein Auge je gesehen hat, um die heilige Zehnzahl Eine Zehnzahl ergab sich aus den herkömmlichen 7 Planeten, der Erde und Gegenerde und der sich drehenden Sphäre der Fixsterne. der im Rundtanz wandelnden Planeten voll zu machen, die nun mit Sphärenharmonie um den heiligen Fokus oder Feuerherd des Alls ihren Reigen ausführen. Ist es hiermit genug? Vielmehr ist noch der Ärzte zu gedenken, Alkmäon, der Pythagoräer, und Hippokrates De morbo sacro (Diels a. a. O. S. 432). die damals auch schon das Hirn im Schädel als den Sitz des menschlichen Intellekts erkannt haben; vorher galt dafür allgemein das Herz, und ein beherzter Mann ( cordatus homo ) war also ein kluger Mann. Und so wird also auch der Mensch, sofern er denkt, Problem. Vom Intellekt, dem Nus, unterschied man sorglich die Menschenseele, die als Körper, und zwar als Luftkörper galt und die nur unsren Lebenstrieb bedeutete. Heraklit verglich die Seele hübsch mit der Spinne. Wie die Spinne in der Mitte des Netzes sitzt, aber blitzschnell dahin eilt, wo eine Fliege ihr Netz berührt, so wirft sich auch die Seele aus der Mitte allemal auf die von einem Eindruck betroffene Außenstelle des Körpers, als wäre sie böse, daß man ihr wehgetan. Heraklit frg. 67a. Verwandt war die Seelenlehre der Atomiker, wenn sie die Seele für Feuer oder Lichtstoff hielten; dieser Seelenstoff sollte freilich durch den ganzen Körper gleichmäßig verbreitet sein. So entstehen unsre Sinneswahrnehmungen, das Apperzipieren. Gern liest man auch, wie Empedokles, der Arzt, zugleich Ästhet, sich freut an der Schönheit des Knochenbaus, des tierischen Gerippes. »In den breiten Tiegeln der Erde,« so besagt einer seiner Verse, »wurden die weißen Knochen bereitet; göttlich schön sind sie aneinander gefügt; eine Schöpfung der Harmonie.« Empedokles frg. 96. Alles Zweckmäßige ist schön. Das starre Gerüst, das zweckmäßig den blühenden Körper 143 mit seiner Schönheit trägt, muß es nicht göttlich sein? Es ist eben die Liebe, Aphrodite selbst, die in der Materie, die in den Tiegeln der Erde schaffend wirkt. Aphrodite Marmorkopf der Sammlung des Lord Leconsfield in Petworth House , gegen 330 v. Chr. Nach Burlington Fine Arts Club Exhibition 1904, Tafel 20. Und das Menschengeschlecht, woher stammt es? Die biblische Schöpfungsgeschichte macht aus dem Menschen und seiner Entstehung etwas Besonderes; denn ein Schöpfungstag wird ihr gewidmet. Diese Philosophen sind bescheidener, selbst ein Empedokles, der Mensch, der doch als solcher so stolz einherschritt und sich göttlich dünkte. Mit den vorgetragenen Naturprozessen sind auch unsre Ursprünge gegeben. Aber wir hören noch ausdrücklich: nichts als klumpenartige Erdgebilde waren wir Menschen anfangs, noch unausgebildet, aber doch wasserhaltig und wärmehaltig; darin barg sich das Wichtigste, der Werdetrieb, die Zeugungsfähigkeit, die alles Weitere besorgte. Empedokles frg. 62 f. Das muß uns genügen.   10. Übergang zum Ethischen; Historiographie und Drama Durchdenken des Alls, Nachschaffen der Welt! von den Tiegeln der Erde bis zur Sphärenharmonie des Himmels, vom Stachel der Biene Von den Stacheln des Igels wenigstens redete Empedokles frg. 83. bis zum Blitz, der aus den Wolken fährt! Man ahnte schon, die Sonne sei größer als die Erde. Nicht nur ein bohrender Wahrheitstrieb, eine echte Frömmigkeit spricht aus dem allen, und sie beruht auf Demut. Der Mensch, der vergängliche, was weiter ist er und alle Generationen als ein Schaumspritzen im Meer der Ewigkeit? Er hat den Begriff der Ewigkeit erfaßt, wölbt auch den Himmel höher und höher, als ahnte er auch schon des Raumes Unendlichkeit, aber hebt sich kühn und streckt die Arme seiner Seele, um in ihnen das All zu fassen. Ein Gott ist in ihm, der ihn ruft, das Vergängliche zu überwinden. Wodurch zu überwinden? Nicht nur durch das Denken. Das Wichtigste bleibt noch unausgesprochen. 144 Aber das Volk? Für das Volk war das alles nichts. Die Herren Naturforscher disputierten über seinen Kopf weg. Im ganzen weiten Griechentum waren es vielleicht nur einige hundert Leute, die ihre Bücher überhaupt lasen. Von größeren Schülerscharen, die sie unterrichtet hätten, hören wir so gut wie nichts. Eine Ausnahme bildeten aus besonderen Gründen die Pythagoräer. Was hätten sie auch mit ihnen treiben sollen? Sie untersuchten noch nicht, hatten noch keine Laboratorien und brauchten keine Praktikanten. Es war alles nur Hypothese, Gedanke. Nur ihre Bücher warben allmählich Anhänger, aber auch das nur im engsten Kreise. Auch war solch Büchlein schnell durchgelesen. Und das Volk lachte nur und bespöttelte den Anaxagoras, Ἀναξαγόρου διαμώκησις : Athenäus p. 220 B. der auf die Frage, woher er stamme, als eifriger Astronom erklärte, der Himmel sei sein Vaterland; ja, er wurde als Atheist gehaßt, da er die Sonne für eine Steinmasse erklärte. Der Mann hatte bei Athen den Fall eines Meteorsteins erlebt, Diog. Laert. II 3, 12. der vielleicht, wer konnte es wissen? aus der Sonne selbst gefallen war. Die Komödie mit ihren Possen fiel ingrimmig über die Physiker her, die den Zeus absetzten, um irgendein dummes Element zum Schöpfer und Urgrund der Dinge zu machen. Sie parodierte die Leute, die über die Stacheln des Igels philosophierten, und lehrte dazu als Gegenstück: die Schnake singt durch ihren Hintern, a posteriori . Aristoph. Wolken 162. Anaxagoras machte aus seiner Lehrschrift einen Auszug in kurzen Lehrsätzen, der beim Buchhändler für ein Billiges zu haben war; Vgl. Zentralblatt f. Bibliotheksw. XVIII S. 553; die Buchrolle in der Kunst S. 29. aber er hat damit keine gläubige Gemeinde erworben. Der große Demokrit, der geniale Verkünder der Atomentheorie, lebte fernab in Abdera und ärgerte sich schwer, daß trotz seines großen Lebenswerks die allwissenden Athener von ihm nichts wußten. Selbst Plato ignoriert Demokrit auffallend; Aristoteles machte ihn vollends tot; all seine Schriften gingen zugrunde, und erst die Gegner des Aristoteles Epikur; danach Lukrez. haben des Mannes Grundideen zu uns hinübergerettet. So hatte für jene Zeit die Naturforschung kläglich Schiffbruch gelitten; wir müssen gerechterweise sagen: nicht ohne 145 Grund. Es war schon viel, daß die Interessenten ihre Schriften oder doch Auszüge daraus aufbewahrten. Enttäuscht wandten sich die besten Männer, die an das, was not tat, dachten, von ihr ab. Sokrates wurde der Führer, und die Fragen der Menschenwürde, der Volkserziehung und Staatsräson traten mit energischem Ruck und siegreich für die ganze spätere Antike in den Vordergrund des Menschentums, das nach Verinnerlichung, nach Selbststeigerung strebte. Das »Erkenne dich selbst!« stand am Tempel Apolls; es richtete sich an den Einzelmenschen. Äschylus sagt: »Die Zeit altert, aber sie hört nicht auf zu lernen und zu lehren.« Äschylus Prometheus 978. So war es. Dazu half die Geschichtschreibung. Der Einzelmensch freilich interessierte die Historiker, von denen jetzt zu reden ist, noch kaum. Der Einzelne galt noch zu sehr als Bestandteil der Masse; denn nur der Staat ist Person; die Bürger verschwinden in ihm zumeist wie die Zellen seines Leibes, die zu isolieren man nicht Zeit findet. So wie man noch keine wirklichen Porträts bildete, Die Siegerstatuen der Wettkämpfer in Olympia hatten nur Schablonengesichter ganz so, wie die Statuen der siegreichen Rennpferde daselbst nur Typen gaben. Die Beischrift allein machte die Sieger kenntlich. Damit hat man sich noch lange begnügt; ich erinnere an die Bilder der Gefallenen, die Alexander nach der Schlacht am Granikos von Lysipp fertigen ließ (»Alexander der Große« S. 101 f.). so gab es auch noch keine Biographien. Wohl aber ist die Sprachenfrage, d. h. welche Nationalsprache die älteste oder ursprüngliche sei, früh erhoben worden. S. Herodot II 2. Schon im 6. Jahrhundert v. Chr. setzte die Geschichtschreibung voll ein. Sie war Nationalgeschichte, Volksgeschichte. Also auch diese große geistige Aufgabe hat sich der Grieche früh gestellt; er lieferte die ersten klassischen Muster der Historiographie. Nicht plakatartige Ruhmesinschriften, mit denen die Potentaten im Orient die Felsenwände bedeckten: man wollte bescheidentlich nur Lokalgeschichte, Geschlechtergeschichte der heimatlichen Plätze, dabei aber weit zurück in die Vergangenheiten greifen, um die Gegenwart an die Vergangenheit zu knüpfen. Die Darstellung war zunächst wohl noch recht ungelenk, die Sprache die schlichteste. Im Dienste der Chronologie half man sich mit Beamtenlisten, Namensverzeichnissen der jährlich wechselnden Magistrate, da es noch keine Jahreszählung gab. 146 Das meiste dieser Versuche ist verloren. Vor uns steht Herodot, den man als Vater der Geschichte preist, vor uns Thukydides, der der Lehrmeister historischer Methode geworden und geblieben ist. Herodot, der liebenswürdige: aus mündlicher Überlieferung hat er vielfach noch schöpfen müssen. Daher die vielen anekdotenhaften Einlagen; er gibt uns damit die ersten Proben der historischen Novelle. Was sollte er anders tun als nacherzählen, was das Volk über Krösus oder Periander zu erzählen liebte? Kein Historiker hat hernach die gleiche Freiheit gehabt wie er; er durfte noch plaudern, so wie man sich am Kamin Geschichten erzählt. Dabei wußte er aber den gewaltigen Stoff, der sowohl Persiens Schicksale wie die aller griechischen Kleinstaaten aufrollt und in hundert Episoden auseinanderzufallen scheint, an einer Grundidee wie an einem festen Faden aufzureihen, der Idee des Kampfes Asiens gegen Europa. Aber noch mehr: Herodot ist Weltreisender gewesen und gab seinen Griechen die erste ausführliche Kulturgeschichte des Auslands oder der Barbarenvölker, die Hellas umdrängten, der Ägypter, Perser, Thraker und Szythen; er tat es zumeist aus eigener Kunde. Sorgsame Studien, ein großer Fleiß verrät sich hier. Diese Historiker schrieben daher wie auch die Philosophen zumeist nur ein Werk; es war ihr Lebenswerk. So auch Thukydides. Aber er ist ein ganz anderer Typus. Er verengt seinen geographischen Horizont, er verengt aber auch den zeitlichen; denn er gibt nur Gegenwartsgeschichte, den selbsterlebten peloponnesischen Krieg im Umfang von noch nicht 27 Jahren, und das Werk entsteht großenteils während des Erlebens. Über den Kampf Athens gegen Sparta schreibt er als Athener; aber er steht dabei völlig objektiv über den Parteien. An seiner Leistung selbst ist die Beschaffung der Nachrichten vom weit ausgedehnten Kriegsschauplatz und ihre kritische Benutzung das Größte gewesen. Man denke sich, heute hätte ein Historiker unsren Weltkrieg so knapp, so monumental und so zuverlässig und objektiv mit gerechtem 147 Urteil und durchdringend scharfer Kenntnis der Ortsverhältnisse, der Personen und der politischen Motive darstellen sollen. Ich weiß nicht, ob sich selbst ein Hans Stegemann heut mit Thukydides zu vergleichen wagt. Freilich war in dem großen Krieg, in dem nahezu die ganze Welt sich über Deutschland warf, der Kriegsschauplatz ins Riesenhafte über ganz Europa und die Ozeane ausgedehnt, es war aber auch das Nachrichtenwesen so unendlich erleichtert. Erstaunlich zugleich die Kunst des Griechen, uns Charaktere vorzuführen, ohne sie selbst zu schildern. Es ist die Kunst des indirekten Verfahrens, die der Kunst des Bühnendichters nahe kommt. Nie sagt ein Thukydides vorlaut: der Mensch war so und so begabt oder beschaffen; Eine Ausnahme macht bei Thukydides die Beurteilung des Nikias. er läßt sie nur selbst handeln und reden, und der Charakter steht damit klar vor uns und scharf umrissen. So kennen wir den Perikles und Brasidas, den Kleon und Alkibiades. Diese literarischen Porträts leben noch heute. Aber mehr. Nicht nur Einzelmenschen weiß dieser Autor als solche zu erfassen, sondern auch die Masse. Das Parteitreiben in den Republiken kennt er genau, fühlt der Volksseele den Puls und gibt uns, indem er hier direkt sein Urteil spricht, erschreckende Einblicke in das gemeine Menschentum, wie es ausartet in den Demokratien. Er läßt die Tatsachen sprechen, aber fügt düster hinzu: die Gemeinheit ist unsterblich, und es wird zu allen Zeiten dasselbe sein. Kann unsre Gegenwart ihn widerlegen? Der Mensch ist das eigentliche Studium der Menschheit. So Pope in Essay on a man II 1: the proper study of mankind is man . So wirkte denn auch die Dichtkunst im selben Sinne und in gleichem Triebe. Sie setzte damit nur fort, was Homer begonnen, aber ergänzte und korrigierte Homer. In Pindars Chorgesängen, die man in allen Städten hörte, erschienen die Götter jetzt anders als bei jenem, ohne List, ohne Jähzorn und kleine Leidenschaften; ein Postulat der Sittlichkeit war damit erfüllt; und die beiden großen Tragiker Athens, Äschylus und Sophokles, setzten das fort; aber sie überboten 148 wiederum Pindar; sie boten mehr. Sie zeigten erschütternd den Kampf des von Leidenschaften getragenen Menschen mit dem Schicksal, das unerbittlich waltet und dem er erliegt. Das Aufkommen dieser Dramatik muß damals epochemachend gewirkt haben; denn man sah nun alles vor Augen, und die lästige Breite des Epos war beseitigt. Die Entscheidungen kommen rasch; die Dramen sind kurz, und alles ist kondensiert. Dieses Bühnenspiel aber ist Erziehung des Publikums; es will dies sein. Hochreißen will Äschylus die Gemüter und stark machen für die Konflikte des Lebens. Aber es ist vornehmlich eine religiöse Kunst, Ergebung in den Willen des Göttlichen die Losung. »Kein Mensch ist schuldlos,« heißt es, Kein Mensch ist schuldlos, außer dem Amphiaraus, aber auch er muß untergehen, weil er sich mit Schuldigen verbindet: Äschylus Septem 560. und Zeus richtet im Himmel. Über den richtenden Zeus s. Neue Jahrbücher XIX (1907) S. 704 ff. Das Gräßliche oder der Frevel, ist er einmal geschehen, wirft auch die Nachkommen des Hauses in neue Greuel und Vernichtung. Des Tantalus Geschlecht ist dafür das große Beispiel. Der Fluch wirkt nach, und die Götter hören den Fluch! Das heißt: der Tote im Hades, der die erste Schuld beging, wird noch an seinen Enkeln bestraft; denn er erfährt alles im jenseitigen Leben. Vgl. Leop. Schmidt, Ethik der alten Griechen II S. 110. Aber auch an die Orakelstimmen sollen wir glauben. Umsonst sucht Ödipus dem, was Apollos Spruch verkündete, zu entrinnen; sein Unglaube wird zur Blindheit, sein Haß zur Sünde; denn er haßt den Seher, der ihm das Schicksal deutete. Tätliche Handlungen fehlen auf der Bühne völlig; nur im Redezwist spielt alles sich ab. Der Chor singt dazwischen seine Lieder; es sind nur 12 oder 15 geschulte Stimmen. Auch er ist von den Leidenschaften mit ergriffen und schwankt zwischen Angst und Hoffen. Aber er betet auch. So ist die Handlung über die gemeine Wirklichkeit weit hinausgehoben. Daher auch die ganz ungebräuchlichen Prachtkostüme der Schauspieler, die frauenhaft lang die Füße und den Kothurn zudeckten. Der Chiton der Schauspieler war eben deshalb so lang, βαϑύς χιτών, weil er die Kothurne zudecken sollte. Weil nun auch die Thessalier diese langen Röcke trugen, nannte man das Theaterkleid thessalisch (Strabo XI 14, 12). Unglaubliches liest man hierüber Philol. Wochenschr. 1927 S. 1599. Das Außerordentliche, das zum Erhabenen sich steigert, hebt die Masse der Zuschauer hinaus über die kleine 149 Alltäglichkeit mit ihrem krämerhaften Hader und Gelüsten, und Furcht und Mitleid reinigen die Seelen. Denn der Hörer identifiziert sich mit den Helden instinktiv und erlebt so alles mit. Man erinnere sich, daß es in Athen, und wohl nur in Athen, einen Altar des Mitleids gab, des Eleos. Das Mitleid schien Person, und man hielt sie heilig. Tragischer Schauspieler Elfenbeinstatuette der Sammlung Dutuit in Paris, Petit Palais, römische Arbeit des 2. Jahrhunderts n. Chr. Nach Monumenti dell' Istituto Band 11, Tafel 13. Soll ich nun etwa noch schöne Sätze aus diesen Dramen zitieren? wie wenn Äschylus sagt: »Dem, der sich müht, pflegt auch ein Gott zu helfen,« oder derselbe: »Dir muß die Tugend teurer als das Leben sein« Äschylus frg. 395 N. und Hiketiden 950. (das ist das Schillersche: »Das Leben ist der Güter höchstes nicht; der Übel größtes aber ist die Schuld«). Vielmehr ist Tatsache, daß ein eigentlicher ethischer Lehrvortrag bei diesen Tragikern noch fehlt, und wir sagen: zum Glück. Sie waren als Dichter zu groß, um die Handlung planvoll mit Lehrsätzen zu belasten. Man wußte damals schon, daß das Wichtigste im Drama nicht dies, sondern die Stoffwahl ist, das Nächstwichtige die Zeichnung der Charaktere. Dies lehrt auch Aristoteles hernach in seiner Poetik. Das moralisierende Raisonnement mit Anhäufung von Sentenzen, gut für Spruchsammlungen geeignet, trug erst der dritte große Tragiker, Euripides, hinein, der phantastisch mit romanhaften Effekten arbeitet, zugleich die Personen schärfer individualisiert, ja, oft bis zum Komödienhaften realistisch zeichnet, damit sich zum Verständnis des gemeinen Publikums niederbeugt und nun zu dessen Belehrung eine Fülle kluger Sprüche einwebt, die zum Auswendiglernen trefflich geeignet sind. Aber es springt doch kein geschlossenes Lehrsystem heraus, und die Gedanken widersprechen sich oftmals sonderbar; d. h. sie werden allemal der Situation angepaßt. Vgl. »Von Homer bis Sokrates«³ S. 323. Mit lauter Entrüstung hat sich sogleich Aristophanes gegen diese Trivialisierung der religiösen Dichtung gewandt. Denn auch Aristophanes war Dichtergenie ersten Grades; er wußte, worauf es ankam, und wollte die Reinheit des pathetischen Stils gewahrt wissen. Aristophanes ist für uns der Hauptvertreter jener 150 politischen Komödie, die in flotten und übermütigen Possen die schonungsloseste Kritik der politischen, sozialen und geistigen Zustände der Zeit auf die Bühne zu bringen wagte. Dreist ging er mit Namennennung vor: eine Großtat, die kein Zeitalter wieder gebracht hat. Diese Komödie war das genial verwegene Kind der Freiheit; dramatische Satire. Aber auch alles, was sie gibt, ist erziehend gemeint, Hohn ihr Mittel. Die Zuchtrute des Witzes wird geschwungen. »Lachender Ernst«, so nannte das fein der Grieche. Es ist das σπουδογέλοιον . Vgl. »Zwei politische Satiren des alten Rom« S. 7 f. Es ist wieder das Menschentum, das der Poet in einer Fülle von Figuren, frech und ordinär und doch oft auch liebreizend gibt, ein fabelhaft intelligentes Auffassen des Persönlichen und seiner Triebe und des Instinktes der Masse. Denn alle Karikatur setzt die Kenntnis der Wahrheit, die man karikiert, voraus. Die Entrüstung führt die Feder; die Personen, denen der Angriff gilt, werden zur Fratze; aber ihnen geht es übel, und jauchzende Lustigkeit macht in diesen giftsprühenden Grotesken zumeist siegreich den Schluß.   11. Die Ethik als Forschung und Wissenschaft Dies alles war nur indirekte Erziehung; es war echte Dichtung. Nur Euripides, wie gesagt ist, diese zwiespältige Natur, Romantiker und Sophist zugleich, legt sich philiströs die Bäffchen des Predigers um, wenn ihm Gedanken zufliegen, die aus den Kreisen der Philosophen stammen. Denn die Philosophie hatte nun endlich den Versuch begonnen, die Ethik zur Wissenschaft zu erheben. Bei den Gelagen, beim Kommersieren sang man in der Runde das Sprüchlein: »liebe, die da gut sind«. Aristoph. Vesp. 1239: φίλει τοὺς ἀγαϑούς . Das klingt brav. So gab es denn auch längst Lernbücher in Versen mit Moralvorschriften; ich nenne nur wieder den Hesiod und Solon, dazu Theognis. Es handelt sich da um 151 bürgerliche Brauchbarkeit, Sittsamkeit. Aber ihre Verse waren allmählich altmodisch geworden; altmodisch auch die orakelhaften Sprüche der sogenannten sieben Weisen, die als kanonisch galten und die man in Alexanders des Großen Zeiten zum Katechismus sammelte. Demetrius Phalereus; s. Stobäus ed. Wachsmuth III S. 112 ff. Gern gebe ich einige Proben daraus wie das dringend Nötige »lüge nicht; sei wahr«; Das kategorische »Du sollst nicht lügen oder täuschen« war dringend nötig; tat doch selbst Sophokles frg.  326 N. den Ausspruch, in der Notlage sei das Lügen verzeihlich. oder: »mach dich würdig deiner Eltern«. »Siehst du im Spiegel, daß du schön, so tu auch Schönes, siehst du, daß du häßlich bist, so gleiche durch Schönheit der Gesittung (Kalokagathia) den Mangel aus«. »Strafe den Knecht nicht im Rausch.« Sehr fein: »Streite weder mit deinem Weib noch schwärme sie an vor anderen.« Politisch: »Schätze das Fleisch, wenn es frisch geschlachtet, die Staatsgesetze, wenn sie alt sind.« Sodann aber: »Zu den Gelagen der Freunde geh langsam, rasch zur Nothilfe in ihrem Unglück.« »Ist jemand im Unglück, so lache nicht.« Und auch der Begriff des Nächsten herrscht hier: »Tu dem Nächsten nicht das an, was du ihm selbst verargen würdest«, ein Satz, der in verschiedener Form immer lebendig blieb bis auf heute: »Was du nicht willst, daß man dir tu, das füg auch keinem andren zu.«. Wir hören den Satz auch aus dem Munde des römischen Kaisers Alexander Severus: quod tibi ‹ipsi› fieri non vis, alteri ne feceris ; vgl. »Charakterbilder Spätroms«³ S. 458. Weiter: »Deine Zunge laufe nicht schneller als dein Verstand.« »Sei nicht untätig, auch im Reichtum« u. s. f. Vielsagend vor allem: »Das Maß ist das Beste« ( metron ariston ): Das Maß, das jedes Kunstwerk beherrscht, soll auch die Kunst zu leben beherrschen. Und dazu das köstlich Schlichte: »Folge Gott« ( ἕπου ϑεῷ , deum sequere ), das für alle Völker, Religionen und Zeiten gilt. Der fromme Grieche aber ging weiter als die meisten, wenn er sagte: »Tust du das Gute, schreib es den Göttern, nicht dir selber zu.«. Der Satz lautet: ὅ τι ἂν ἀγαϑὸν πράσσῃς, ϑεούς, μὴ σεαυτὸν αἰτιῶ . Endlich war auch das eine alte Erkenntnis: drei Quellen des Unglücks gibt es unter den Menschen; das sind die Überhebung (Hybris), der Neid (Phthonos) und der Überdruß an dem, was man hat (Koros). Gegen sie gilt es zu kämpfen. Vgl. Leop. Schmidt, Ethik der alten Griechen I S. 254 ff. Auch Sokrates, der junge, bildungshungrige Steinmetzsohn, 152 war in die Wahrheiten dieser Kernsprüche eingelebt und hat schon zu des Perikles Lebzeiten in Athen seine wohl vierzigjährige seelsorgerische Tätigkeit begonnen. Er wich nicht aus der Stadt. Was sollen mir Blumen, Wald und Feld? dachte er; was die Gestirne? Sie reden nicht, antworten mir nicht auf meine Fragen. Ich suche Menschen; der Mensch ist das Problem, er ist die Aufgabe; denn der Mensch steht auf der Grenze zwischen Ewigem und Vergänglichem. Wer zieht ihn ins Ewige hinan? Gleichzeitig waren die Sophisten, die neuen Wanderlehrer, nach Athen gekommen, Berufsprofessoren, darunter bedeutende Philosophen, auch sie auf Erziehung, zugleich auf Aufklärung gerichtet. Sie gaben in ihren Schriften der Lehre Raum von der Relativität aller Urteile. Auch die sittlichen Begriffe kamen damit ins Wanken. Die Kunst des Disputierens (Eristik) wird durch sie zur Übung, Recht in Unrecht, Unrecht in Recht umzudeuten. »Pietät ist Unsinn, Autorität lästige Bevormundung«: das war das Moderne; und »wir beginnen von vorne« (ganz so wie man heute schwatzt). Die Jugend verhöhnt das Alter, der Sohn den Vater, und er darf es. Besonnenheit gilt als Feigheit, Maßhalten als bäuerisch; nur Frechheit ist Männlichkeit. Solche Tiraden wurden überall laut, wo die Sophisten Schülerscharen um sich sammelten, und galten für die Höhe der Bildung. Dies niederzuschlagen war des Sokrates Lebenszweck. Der Sophist sagt: »nichts ist schändlich, wenn man es nicht für schändlich hält«; der Sokratiker dagegen: »es bleibt schändlich, ob man es dafür hält oder nicht«. So Plato gegen Euripides; s. Stobäus περὶ σωφροσύνης 36. Damit ist der Gegensatz gegeben; d. h. Sokrates suchte das Moralgesetz, ohne auf göttliche Offenbarungen sich zu beziehen, als absolut gültig aus der Vernunft abzuleiten; er suchte es über alle wandelbare Wirklichkeit hinaus als das a priori Gegebene zu retten. Und er hat es gerettet. Der Kontakt mit dem Göttlichen wurde gewonnen, deutlich gemacht. Ein lauteres Pflichtleben 153 ist allein der wahre Gottesdienst. Die ganze Antike hat sich weiterhin seit Sokrates in zahllosen Wiederholungen mit dem Ausbau der Ethik befaßt und erschöpft. Es gibt wohl keine Literatur, die so viel moralisiert wie die der Griechen und Römer: Ausbau der Pflichtenlehre. Aus den Anregungen des Sokrates wuchs zunächst die platonische Philosophie hervor. Sie ist im Grunde Theologie, und diese Theologie ist Ethik, vor allem Rechtslehre. Denn der höchste Begriff ist die Gerechtigkeit, d. h. das Wissen von Recht und Unrecht. Sie ist »die Mutter und Amme aller Tugenden«. Diese Definition ist pythagoräisch; s. Stobäus περὶ δικαιοσύνης 5. Da in der vorhandenen Staatsform der Rechtsbruch blüht und wuchert, entsteht alsbald die Forderung nach einem idealen Staat, der sich gliedert nach den ethisch-intellektuellen Veranlagungen der Berufsklassen und in dem die Philosophen allein als Gruppe oder auch monarchisch regieren; denn durch Schulung und Studium sind nur sie befähigt, das Recht zu finden als Richter wie als Gesetzgeber. Der Jurist ist es also, der regiert; er verwaltet zugleich das Staatsrecht, das Zivilrecht und das Kirchenrecht; denn auch die Frömmigkeit ist nichts anderes als den Göttern ihr Recht zu geben. Schwer zu veurteilende Konflikte gab es genug. Folgender Fall wird uns vorgeführt. Ein reicher Athener betreibt mit seinem Sohn Landwirtschaft auf der Insel Naxos. Ein Tagelöhner, den der Sohn angeworben hat, gerät mit einem andren Dienstmann in Streit und wird von ihm erschlagen. Der Vater läßt den Missetäter binden und so gebunden in eine Grube werfen und schickt nach Athen um Rat, was mit dem Sträfling weiter zu tun sei, kümmert sich um ihn nicht weiter, und bevor aus Athen eine Antwort zurückkommt, ist der Mensch vor Frost und Hunger gestorben. Der Sohn verklagt nun seinen Vater vor den Gerichten auf Mord, d. h. fahrlässige Tötung; denn er will die Ehre seines Hauses retten. Handelt er recht? oder verletzt er die Pietät gegen den Vater? S. Plato, Euthyphron zu Anfang. 154 In Beurteilung solcher Fälle übte sich damals das Feingefühl der Griechen. So weit die Gerechtigkeit. Und die Liebe? wo bleibt sie? Die Liebe zum Nächsten, die uns das Evangelium predigt? Es scheint, das Evangelium hatte in Galiläa diese Predigt nötig. Sokrates übte die Menschenliebe; er setzt sie voraus, aber sie schien ihm so selbstverständlich, daß er davon nicht redet. Nur einmal sehe ich, daß er das Wort braucht und sagt: »die Menschenliebe treibt mich zum Lehren.« Plato, Euthyphron p. 3. Übrigens sind ja Philanthrop und Philanthropie uns geläufige Bezeichnungen, die wir dem Wortschatz der damaligen Griechen verdanken. Aber es war eine rücksichtslose Liebe, ein heißes Werben, ein Kampf gegen die Selbsttäuschung, gegen den Mangel an Wahrheitssinn. Ob vornehm oder gering, er stellte die Menschen, um ihr Nachdenken zu wecken, und bewies ihnen das Unzureichende ihrer Erkenntnis dessen, was nottut. Daher seine Feinde in Athen, die ihn zu Tode brachten, daher aber auch sein beispielloser Erfolg; denn alle hochstrebenden Geister aus der Jugend Athens sammelten sich um Sokrates, nicht als Schule, sondern als Gemeinde, und haben sein Gedächtnis in wundervollen Schriften als des ersten und größten Seelsorgers des Griechentums verewigt. Eine Gottesstimme war in ihm; er glaubte es selbst. Aber er war nicht wie Empedokles; er blieb der Bescheidene. Auch in einem zweiten Punkte nähert sich Sokrates dem Evangelium Jesu. Das betrifft die Beleidigungen unter Männern. Merkwürdig ist schon und sei an dieser Stelle den Modernen in Erinnerung gebracht, daß das ganze Altertum das Duell nicht kennt; ich meine das Duell auf Forderung im Privatleben. Zweikampf gab es nur im Krieg und im Schlachtgetümmel. Der übliche Lehrsatz war freilich: »Bist du in deinem Recht gekränkt, so suche Ausgleich; bist du persönlich beleidigt, so suche Vergeltung oder räche dich.« ἀμύνεσϑαι oder τιμωρᾶν : s. Stobäus περὶ ἀρετῆς 92. Diese Rache mochte zur Erwiderung der Beleidigung, sie 155 mochte zur Missetat führen, zum Zweikampf nie. Sokrates aber verbietet das »Auge um Auge, Zahn um Zahn«. »Du sollst dich nicht rächen.« »Es ist besser Unrecht leiden als Unrecht tun«, ist sein berühmtes Wort, In Platos Gorgias. und abermals: »Wem Unrecht geschehen ist bis zur Mißhandlung, darf es nicht erwidern. Dies glauben mir freilich nur wenige, und wenige werde ich überzeugen. Für die aber, die daran glauben und die nicht glauben, gibt es keine Gemeinschaft. Plato, Kriton p. 49. Ich wüßte wohl einen, den Sokrates zu seiner Lehre bekehrt hat; es ist Philemon, der Lustspieldichter, der über das Schimpfen in humoristischer Weise die Verse schrieb: Philemon com. frg. 23. Nichts ist der Anmut und den Musen so gemäß, Als wenn man ruhig den, der schimpft, aushalten kann. Denn wenn der, der beschimpft wird, zeigt, es sei ihm nichts, So ist der andre, der da schimpfte, selbst beschimpft. Das ist der leichte Ton der Bühne. Schön aber ist es endlich auch ein Wort des Sokrates über das Vaterland zu hören, schön und unvergeßlich. Zum Tod durch den Giftbecher verurteilt, sagt er zum jungen Freunde: »Weißt du nicht, wieviel höher als Vater und Mutter das Vaterland steht und wieviel heiliger es ist? und wie man sein Vaterland, auch wenn es zürnt und uns strafen will, noch mehr ehren muß als den eigenen Vater? Ob es uns in den Krieg ruft oder vor Gericht stellt, überall haben wir zu tun, was der Staat gebietet.« Plato, Kriton p. 51. Dieser Satz betrifft jedoch wohlgemerkt nur den Heeresdienst und die Rechtsprechung. Wenn dagegen ein Staat wie unser Deutsches Reich bei jedem Verfassungswechsel die Landesfarben und die Handelsflagge ändert, würde Sokrates mutmaßlich die Achseln gezuckt haben. Er hätte sich lächelnd in sein Nichtwissen gehüllt. Die christliche Lehre aber versagt dem Sokrates hier die Hilfe; denn aus Jesu Munde hören wir zwar einmal das 156 »gib dem römischen Kaiser, was des Kaisers ist«; gleichwohl ist seine Botschaft international gedacht, und wir hören nichts von der Pflicht, Soldat zu werden oder gar Respekt zu haben vor der Rechtsprechung der Juden. Ehrenhalber müssen wir hier endlich neben Sokrates und Plato noch des Demokrit, des Abderiten, gedenken. Auch dieser weise Geist gab seinen Griechen damals gleichzeitig in aphoristischer Form eine Fülle von Lebensregeln feinster Art. Eine Auslese davon liegt uns noch vor. Demokrit war Außenseiter, Weltmann und weitgereist, und so erklärt sich, daß auch schon bei ihm der Staatsgedanke auffällig zurücktritt; seine Mahnungen galten nicht so sehr dem Bürger als dem Menschen an sich. Der Trieb zur Weltlehre, der in der Zeit nach Alexander dem Großen zum Siege kommt, äußerte sich schon in diesem Manne.   12. Der Sieg des Harmonischen Verweilen wir indes noch einmal bei Sokrates, dem Athener. Was waren schließlich die Früchte seines Wirkens? Die Frage ist schwer anschaulich zu beantworten. Nur eines sehen wir deutlich; es liegt dies auf dem Gebiet des Schönen. Eine Ästhetik ist von der Ethik losgelöst nicht denkbar oder nicht brauchbar; umgekehrt muß auch die verfeinerte Ethik auf die Natur des Menschen ästhetisch einwirken, vor allem bei den Griechen, bei denen das Wort kalón ja nicht nur das sinnenhaft Schöne, sondern zugleich das Edle und die Seelenschönheit bedeutete. Die Seelenschönheit offenbart sich im Auftreten und in der Bewegung, sie offenbart sich ebensosehr im gesprochenen Wort. Da wir die Bewegung nicht mehr sehen, da sie in den graphischen und plastischen Bildwerken der Griechen doch nur auf den einen transitorischen Moment beschränkt und gleichsam in ihm festgefroren ist, Anschauung haben wir freilich tausendfach für den Tanz; man denke nur an die pompejanischen Tänzerinnen (abgebildet in meinem Buch »Die Cynthia des Properz«), mehr noch an die Vasenbilder, von denen jetzt z. B. F. Back, »Körper und Rhythmus« Proben gibt. so sind wir auf das Wort angewiesen; 157 denn wir haben die Schriftstellerei der Athener, die sich gleich nach des Sokrates Tode in breiten Strömen ergießt. Die Dichtkunst hatte sich nahezu ausgelebt oder doch ihr Bestes gegeben; jetzt begann in Prosa der Massenbetrieb. Die Literaten werden jetzt Vielschreiber, und sie schreiben schön; die Prosa wird zum Kunstwerk wie das Dichten. Eine Schulung kam für die Prosa auf. Man nennt sie Rhetorik. Eine Grammatik als Laut- und Formenlehre fehlte damals noch. Die Rhetorik hat sich früher eingestellt als sie, und sie baute schon eine Stillehre und dazu eine Satzlehre aus: aber nicht als Wissenschaft, sondern als Kunst. Es kam auf die Wortwahl an, und auf Wohlklang. Im Aufbau der Perioden sollte ein Gleichmaß der Glieder herrschen, die Silben sogar einen wohltätigen Rhythmus zeigen; die Satzschlüsse werden durch einen bestimmten Rhythmus markiert, eigentliche Versbildung aber streng vermieden. Das Ohr war so feinfühlig, daß man eine Anhäufung von langen Silben, von kurzen Silben haßte. Das Publikum zischte und lachte, wenn ein Redner oder Schauspieler schlecht lautierte. Dabei war im Satzbau ein Zerspalten der Gedanken Regel, eine Gabelung in Gegensätzen mit »zwar« und »aber«, »sowohl als auch«, »ob dies, ob jenes«. Das Denken in Antithesen geht durch die ganze antike Literatur; schon in den kürzesten Sätzen stellt es sich ein, wie: »Der Wein macht zwar den Körper stark, aber er schwächt die Seele« oder »Wenn ich dichten will, kann ich es nicht, und will es nicht, wenn ich es kann« Vgl. Stobäus περὶ τοῦ γνῶϑι σαυτόν 10 und 16. und so tausendfach. Das überwuchert allmählich auch die Dichtersprache, ein ständiges Wiegen und Schaukeln zwischen zwei Vorstellungen, zugleich aber ein Merkmal logischen Durchdenkens. Wie anders die Semiten, die Sprache des Alten Testaments! Sie flackert gleichsam, ist wie Funkensprühen im Dunkeln, ist eruptiv vulkanisch und läßt von Satz zu Satz die Gedankenverbindungen gern vermissen. Die griechische Rede ist stetige Entwicklung, ein organisches Wachsen der Gedanken, 158 gleichmäßige Helle. Dabei unterschied sie je nach ihrem Zweck die Ausdrucksmittel des schlichten, des mittleren und des erhabenen Stils. Aus solcher Schulung ging die klassische Beredsamkeit eines Lysias und Demosthenes hervor, so wie sie uns vorliegt. Ihre Reden liegen uns freilich nicht wörtlich so, wie sie gehalten wurden, sondern zur Lektüre redigiert vor. Die Reden wurden für die Lektüre gefeilt und als Kunstprodukte zum Literaturgut und Gegenstand des Studiums in den Schulen bis auf heute. Von welchen deutschen Advokaten läßt sich dasselbe sagen? Wer den Lysias liest, empfindet die ganze Süßigkeit und wasserklare Reinheit der Diktion, wie sie dereinst vor den Assisen von griechischen Lippen kam. Und nun das Gespräch, wie Plato und auch Xenophon es uns auf das lebendigste zeigen: die Grazie im Verkehrsleben der gebildeten Gesellschaft. Da das Bühnendrama ernsten Stils in Athen zur Neige ging, traten an seiner Stelle die Dialoge der Sokratesschüler, die ja auch wie ein philosophisches Drama, dabei aber Buchlektüre sind, in den Vordergrund. Sokrates, der Virtuose der Konversation, gibt da den Ton an, und er bringt in den menschlichen Sprechton zudem etwas ganz Neues; ich meine die Ironie, die Selbstverkleinerung. Der Mann, der geistig überlegen ist, gibt sich planvoll bescheiden, der Jugend Mut zusprechend, den erbitterten Gegner besänftigend, in oft bezaubernder Liebenswürdigkeit. Er schrieb keine Bücher, wie die anderen Philosophen; warum nicht? Er sagte, oder man hat ihm das Wort in den Mund gelegt: »ich sehe ein, daß das ägyptische Papier kostbarer ist als was ich darauf zu schreiben wüßte«. S. Stobäus ed. Wachsmuth III S. 558. Das ist bezeichnend. Das Gespräch wird lebhaft; »du Guter«, redet er den einen an, »du Wunderlicher«, den anderen; oder »du Glücklicher, nimm dich ein wenig zusammen; die Frage ist nicht schwer zu verstehen«. So auch: »es darf nichts zur Erde fallen, was du sagst« oder »es wäre nicht wohlgetan, wollte ich von dir etwas Unfeines denken«; ermutigend: »komm, laß uns nicht müde werden«; beim Widerspruch: 159 »rede nicht dergleichen, lieber Mensch« und so ins Unendliche. Vgl. z. B. Euthyphron p. 14; Symposion p. 194; Protagoras p. 530 und 531 fin . Diese Gespräche, wie Plato sie gibt, zeigen uns in klassischer Weise das, was der Römer »urban« nannte, den Schliff der Verbindlichkeit, der zur Anmut sich steigert, der aber zugleich auf ein gesundes Selbstbewußtsein sich gründet und auch den grollendsten Widersacher entwaffnet. Auch sonst wird uns gesagt: »der Sittsame ist nicht, wer verschüchtert sich gibt, sondern wer bei Freiheit im Auftreten den Anstand wahrt«. Philemon com. frg. 5. Das ist die Seelenschönheit, von der ich sprach, die Ästhetik in Umgang, die aus der Menschenliebe kommt. Schon bei den Helden Homers trifft man sie an; jetzt wird sie gepflegt und Eigentum der bürgerlichen Gesellschaft. Und zur Hilfe kam das »Du«; man duzte sich nur; das brachte alle Menschen einander so nahe. Es war eine Abgeklärtheit des Wesens, die dem Griechen, insbesondere dem jonischen Griechen, doch schwer genug gefallen sein muß. Wir kennen hinreichend sein Temperament, rasend leidenschaftlich, wo man haßt und liebt, in der Ausgelassenheit maßlos bis zum Orgiastischen. Auch die Szenen auf den Vasenbildern zeigen uns die Beweglichkeit in der Gestikulation, das Werfen der Arme, das Händespiel, das die Finger streckt und schnellt, das kochende südländische Blut; die Theatermasken verraten uns die wechselnde Grimasse. Selbst die gräßliche Raserei der Fakire war nicht unbekannt. Neben der so beschaffenen Wirklichkeit stand das Ideal der Griechen. Wir sehen hier noch einmal den Kontrast. »Das Maß ist das Beste,« war die Lehre. Nur die Besonnenheit kann es uns geben, die Sophrosyne. Und so kommen wir zu den Künstlern. Die Künstler haben damals das Ideal in ihre Götterbilder verlegt. Zum Verständnis dient hier der bedeutsame Ausspruch, den man wiederum dem Sokrates zuschrieb: »Unser Leben soll einer Götterstatue gleichkommen, die da schön in jedem Teile ist.«. Stobäus περὶ ἀρετῆς 69. In 160 den Statuen also schien das Ideal, das unerreichte, verwirklicht; in ihnen wurde es verwirklicht. Die von Leidenschaften hin und her getriebenen Götter Homers werden still in Seligkeit wie ein Frühlingsmorgen. Nur im Zusammenhang mit dem hier Vorgetragenen wird der sublime Charakter dieser wundervollen Plastik verständlich. Es ist die Verklärung des Menschen, der selig gewordene Mensch als Gott; seine Marmorhaut blank und weich wie Seide. Der vor das Bild trat, sollte sich sehnsuchtsvoll sagen: »so möchte ich sein«. Die Götter wandeln droben im Licht auf weichem Boden, selige Genien, und ihre Augen blicken in stiller ewiger Klarheit (so hat es unser Hölderlin empfunden). Anders der Mensch: ihm ist gegeben, an keiner Stätte zu ruhen, haltlos ins Ungewisse von Klippe zu Klippe geworfen. Eben darum brauchte der Hellene jener Zeitepoche die Idole, wie sie ein Praxiteles, Skopas, Kephisodot in die Tempel oder Tempelhöfe stellten. Alle Affekte sind beschwichtigt. Das Göttliche ist die innere Harmonie; das Göttliche ist der Friede. Daran, daß die antike Kunst auch die Realistik, ja, einen grellen Realismus kannte, zu erinnern, ist kaum nötig. Aber es gibt in der Kunst nicht nur ein Nachahmen dessen, was man sieht, sondern auch dessen, was man innerlich schaut; das erstere heißt mimesis , das andere ist die phantasia . Wir nennen es heute obenhin zusammenfassend Impressionismus und Expressionismus. Dies Thema habe ich in meinem Buch »Auf Reisen« S. 148 ff. erörtert. Über phantasia in der Kunst vgl. Quintilian XII 10, 6 u. VI 2, 29. Impressiv bloß das Wirkliche möglichst getreu wiederzugeben, hat besonders die antike Kleinkunst sich unaufhörlich bemüht. Praxiteles, der Bildhauer, war dagegen Expressionist, er diente der Phantasie; aber er hat, wenn er wollte, auch derb realistisch in den Marmor gehauen und in Vollbildern die höchst irdischen Affekte der Erdgeborenen, ihren Hohn und ihren Jammer, zur Darstellung gebracht; zwei Weiber stellte er einander gegenüber, eine betrogene Ehefrau und die Hetäre, die sie in das Leid gebracht; die Hetäre lachte schnöde, 161 während man die Matrone kläglich in Tränen sah. S. Plinius nat. hist. 36, 70. Praxiteles konnte auch das. Dies ist derselbe Mann, der jene Götter bildete. Die Aufgabe zwang ihn, und er schuf für sie einen eigenen Stil, den Idealstil, von dem wir reden. Seine Geistesverwandten taten mit. Diese Götter und Halbgötter sind zwar schon völlig als Persönlichkeiten individualisiert, als könnten sie so, wie sie sind, zu uns ins Zimmer treten; aber sie sind nicht unsresgleichen. Athene, die wundervolle, das Idealbild der intelligenten Weiblichkeit: das behelmte Haupt vorgeneigt, schaut sie vom Postament hernieder, fein gedankenvoll, in sich gesammelt, als dächte sie: »o könnte ich euch meine Seele geben, ihr Athenienser!« Vgl. den praxitelischen Athenekopf im Büstenzimmer des Vatikan (Helbig-Amelung, »Führer« Nr. 224). Aphrodite ist bereit, ins Bad zu steigen, jung matronenhaft und unsagbar schön. Sie ist völlig einsam und weiß, daß sie niemand sieht. So ist ihre Nacktheit ein Heiligtum, und ihr herrliches Antlitz schaut frei und sicher, still und groß, weit hinaus, in reinem Wohlgefühl des eignen Daseins. Das Dasein vollkommenen Lebens im Gefäß des Menschenleibes, das ist Wonne. So aber auch im Genrehaften. Apollino lehnt sich weich nachlässig an den Baum. Auch er ist einsam in der Landschaft, sieht, wie am Stamm eine Eidechse hinaufkriecht, und holt aus, sie zu töten. Aber er tut es nicht; er zaudert und bleibt gebannt im Anblick des unschuldigen Geschöpfes. So wird der Liebliche ewig stehen und zaudern. Der junge Gott, fast zart wie ein Mädchen, widersteht der Versuchung. Nur so ist m. E. der fälschlich sogenannte Sauroktonos zu verstehen. Diese Götter töten nicht in zweckloser Grausamkeit, sie fallen nur in Versuchung, aber überwinden sie. So fragt derselbe Apoll bei Pindar Pyth. IX 36 f., der zur Kyrene in Liebe fällt, erst voll Scheu, ob es recht ( ὁσία ) sei, mit der Hand sie zu berühren oder gar im Bett die Blume zu brechen. Er tut es erst, nachdem ihm des Schicksals Ratschluß enthüllt ist. Dieselbe Kunst greift gleichsam auch in die Hölle. Das betrifft schon die Parzen (griechisch Moiren), die durchweg als schöne jugendliche Frauen erscheinen. Vgl. meine Schrift De Senecae apocolocyntosi S. XIII. Wie aber sollte man sich das Schreckgespenst der Meduse denken, deren abgehauener Kopf sonst mit den Zähnen bleckt und geifernd die Zunge zeigt, so daß vor ihr alles Leben zu Stein erstarrt? Das war einst. Jetzt siegt dasselbe Prinzip sogar auch hier, und der 162 halslose Kopf ist zur fesselnd schönen Maske geworden, die durch ihren Reiz anlockt, das Frauengesicht einer Enthaupteten, in der aber noch ein Rest des Lebens atmet: mit weichen Wangen und weichem Kinn; die Lippen schwellend; der Mund lose geöffnet, verhohlenes Begehren in den still festgehaltenen Zügen; die Augen weit offen starrend, und darum selbst Erstarrung wirkend. Dieselbe Starrheit kommt auch in dem genau entsprechenden Bau der beiden Gesichtshälften zum Ausdruck. Ein leises Variieren derselben wäre das natürlich Menschliche gewesen. In den üppigen Locken stehen müde gesenkte Flügel wie ein unterbrochenes Diadem, aber auch Schlangenköpfe wachsen hervor; Schlangenleiber umrahmen, in sich verschlungen, das ganze Angesicht voll Grazie: eine tödliche Anmut. Es ist die Medusa Rondanini. Nicht anders die Satyrn. Man dachte sich diese Faune sonst als viehisch brutale Gestalten. Der Satyr des Praxiteles wird zum eleganten Epheben, ein lieber Junge, und die tierische Sinnlichkeit nur angedeutet durch die gespitzten Ohren und den anmutig frechen Zug in den glitzernden Mienen. Wozu Chargieren? Das ist das Vornehme, das Beruhigende dieser Kunst; die leise Andeutung genügt, und auch das Wilde wird harmlos. Furcht und Abscheu soll es nicht geben. Es ist Beruhigung und Begütigung, gleichsam ein Euphemismus für das Auge, sowie es einen Euphemismus in der Sprache gab; denn die schrecklichen Erinyen rief man ja begütigend als die »Wohlmeinenden«, die Eumeniden, an, und der Name der todbringenden Parzen heißt auf deutsch nichts andres als »die Schonenden«. Das lateinische Parca kann man etymologisch nicht von parcere trennen; es verhält sich zu parcere wie Carpus zu carpere , scriba zu scribere , pronuba zu nubere . Augenscheinlich hat Seneca das Wort wirklich so verstanden (s. De Senecae apocolocyntosi S. XII), aber auch Horaz, wenn er c. III 9, 12 schreibt: Si parcent animae Fata superstiti . Hier ist Fata unbedingt als Bezeichnung der Parzen zu fassen, ganz so wie bei demselben c. IV 13, 23: brevis annos Fata dederunt (vgl. meine Horazstudien S. 98 ff.); Horaz sagt also an jener Stelle: »wenn die Parzen ihrem Namen Ehre machen und die Seele der Geliebten schonen«. Viel erörtert ist sodann der scheinbar befremdliche Umstand, daß das dritte Stück der Orestestrilogie des Äschylus »Die Eumeniden« betitelt ist, während die Göttinnen in dem Drama selbst doch stets nur die Erinyen heißen. Ich halte den Titel gleichwohl für echt und sehe auch darin einen berechtigten Euphemismus des Dichters. Im Drama selbst konnte er die Erinyen nicht Eumeniden nennen, weil sie darin nur die furchtbaren sind und das Recht auf Blutrache wild verfechten. Als Titel aber, den der Käufer auf der Außenseite der Buchrolle sah, stand es ihm frei und schien es ihm ansprechender, die freundlichere Bezeichnung zu verwenden. Der Bildhauer Skopas ließ dann sogar die Schlangen der Eumeniden fort (Pausanias I 28, 6). Das geläufigste Beispiel für Euphemismus ist übrigens der griechische Name für das gefährliche Schwarze Meer: das gastliche Meer, der Pontus Euxinus . So heißt aber auch ein boshafter Schwätzer Εὔφημος (Athenäus p. 220 V). Aber wir sind noch nicht am Ende. Denn wie die Götter, wie die Gespenster, so nun endlich auch die Toten. Derselbe Friede wird auf die Gräber gepflanzt und atmet aus den Bildszenen der Grabsteine. Elegisch klingt aus ihnen der Ruf: Das Leben war doch schön. O wäre das Erdenglück ewig, das so vergänglich ist! Und der Tod selbst? Wie haben jene Athener den Tod gebildet? Schlaf und Tod sind Brüder. Auf Flügeln schweben sie einher, und beide sind freundlich und milde, ernst und schön. In den aufgemalten Bildern der Grabgefäße sehen wir, 163 wie Tod und Schlaf brüderlich sich helfen; beide kommen, um sorgsam und auf das sanfteste den Leichnam zu betten. »Heilig bist du, Gott der Grüfte!« Der Tod selbst scheint zu trauern, und stille Wehmut ist alles. Besonders eindrucksvoll auf den weißgrundigen Lekythen, wo der Thanatos als bärtig vom Hypnos unterschieden wird. Hypnos und Thanatos legen den Leichnam eines gefallenen Kriegers am Grabmal nieder, von einer attischen Lekythos aus Athen im Britischen Museum zu London (Nr. D 58), gegen 440 v. Chr. Nach Murray und Smith, White Athenian Vases , Tafel 11. Die Götter der Griechen sind nicht mehr; aber der Geist, der sie schuf, hat ewige Geltung. 164     Die Anfänge des Weltgriechentums 1. Ausbreitung des Griechentums und die Götter Der Vorhang fiel, aber er hebt sich neu, und ein neuer Akt beginnt. Große Verwandlung. Wir stehen in einer völlig andren Welt. Es ist die Neuzeit. Die Enge hört auf. Das in Zwergstaaten eingekapselte Griechentum wird frei. Die Völkerwelt stürzt durcheinander, und alles wird ins Große, Üppige gezerrt. Fernwirkung, Sturmbewegung, Weltenodem, ozeanischer Wellengang. Alexander der Große, der mazedonische Reiterkönig und Wundermann, zerschlägt durch seine Siege alle Völkerbarrieren, führt griechische Bevölkerungsmassen, griechische Institutionen hinaus zum Nildelta, zum Euphrat und Indus, und wie die Nilüberschwemmungen Ägypten befruchten, so befruchtete die Griechenüberschwemmung nunmehr die Welt oder das, was man damals die Welt nannte. Es ist die Neuzeit der griechischen Monarchien. Das römische Weltkaisertum wirft schon seinen Schatten voraus; Alexander hat es vorbereitet. Vom Bürgertum als solchem hören wir jetzt wenig mehr; es ist entmündigt und versinkt in Stille. Aber Großbetrieb wird alles, und selbst die alten griechischen Götter ergreift der Sturm. Sie verlieren den Frieden, die Seelenstille, und werden, wo sie noch gelten, als Kämpfer gedacht. Aber auch neue Religionen wollen sich einwurzeln, neue Weihen und Mysterien, und man lernt ein neues Beten bis zur Eingottung, zur Liebesvereinigung mit Gott. Vgl. u. a. R. Reitzenstein, Die hellenistischen Mysterienreligionen, 3. Aufl. Und dazu endlich die Könige selbst, die da in der Levante, die am Orontes und am Nil herrschen, auch sie nennen sich Götter; aber es sind Götter, die dem Schicksal und den Launen des nur allzu Irdischen erliegen. Denn über dem allen steht jetzt auch noch das blinde »Glück«, die Tyche oder Fortuna, zu der man ruft, weil sie die Geschicke, als gäbe es keine Götter, lenkt; So denken in dieser Zeit die Historiker wie Polybius. Ganz so Napoleon in seinen »Maximen und Gedanken«: Le hasard est le seul roi légitime dans l'univers . sie ist nichts als die verschleierte Notwendigkeit. 167 Schon in Homers Ilias sehen wir die kleinen Landesherren wie einen Gott verehrt. Ilias XIII 28. Das erneut sich jetzt. Alexander selbst hatte sich nur Gottes Sohn genannt. Das genügte aber nicht. Die Demokraten in den Griechenstädten nannten ihn vielmehr Gott. Denn einen Menschen als Herrn duldet kein Demokrat; sondern nur ein Gott kann es sein, der ihm gebietet. So fand man sich mit dem Verlust der Freiheit ab. Dies griechische Gottkönigtum ist also anders gedacht als das der Pharaonen und Achämeniden. Schon Heraklits Ausspruch eröffnet das Verständnis: »Was sind die Menschen? sterbliche Götter. Die Götter aber? unsterbliche Menschen.« Lucian, Βίων πρᾶσις 14. So erscheinen nun auch auf den Geldstücken, die als Prägung sonst nur ein Götterbild zuließen, die scharfen Profile der Ptolemäer, Seleuciden und Attaliden, der Erben Alexanders, die sich in sein Weltreich teilten. Schon Alexanders Siegeszug durch Asien schleppte Millionen Griechen hinter sich her. Das setzt sich jetzt fort. Man wandert aus, wird heimatlos, entwurzelt, wird Kosmopolit. Unter dem Zwang der Monarchien wird das Leben international. Der griechische Hochmut knickt ein; der Barbar steht dem Griechen jetzt gleich, und was von den Menschen gilt, gilt auch von den Göttern. Auch der Glaube erweitert seinen Horizont. Die altheiligen Größen wie Athene, die Stadtgöttin im Parthenon Athens, werden uninteressant; ebenso das delphische Orakel Apolls, wo einst der sogenannte Nabel der Welt stand. Man pilgert jetzt zu den fernen prunkvolleren Orakelstätten in Afrika und Kleinasien, für die ein neuer Wunderglaube Reklame macht. Das war modern. Der lärmend wilde Gottesdienst der Kybele (der »Großen Mutter« aus Phrygien), auch Adonis, Attis, vor allem der damals neu geschaffene große Gott Serapis im Ägypterland erfassen die Gemüter mit romantischem Zauber. Adonis Auch Adonis – ursprünglich eine syrisch-assyrische Gottheit – gilt für viele nur als Halbgott; vgl. Theokrit 15, 137, wo er als solcher mit Ajax, Patroklus und anderen Griechenhelden zusammengestellt wird. und Attis waren, der Legende nach, zu Gott gewordene junge Menschen, früh gestorben und auferstanden wie der Frühling, der sich alljährlich erneut. Der Auferstehungsglaube suchte nach immer 168 neuen Symbolen, und auf das Gottmenschentum ging das religiöse Verlangen. So steigerte sich jetzt auch auffallend der Kult des Gottes der Genesung, Äskulap, des Retters und Heilands; auch er wurde weithin und für lange Zeiten der Liebling der Frommen; denn auch er war einst als Mensch auf Erden gewandelt. Befremdlich der Ansatz einiger Gelehrter (s. Jahreshefte der Altertumswissenschaft Bd. 157, 1912, S. 215), die Malaria habe damals stark um sich gegriffen und die Steigerung des Asklepioskultes verursacht. Wie manches erinnert uns hier an die alten homerischen Zeiten! Mit dem Königtum erneuert sich auch wieder das Gefühl der Gottesnähe, der feste Glaube an Gottessohnschaft. Götter und Menschen finden sich wieder. Der Gott, der im Menschen steckt, gebärdet sich nur als Mensch; aber er ist fähig, wie man glaubt, Wunder zu tun. Der Kranke, der sein Gewand berührt, wird genesen. Sparta, Athen, das ganze republikanische Leben war also jetzt kaltgestellt; es fristet nur noch ein bedeutungsloses Dasein. Diese politische Annullierung stand auf dem Verlustkonto der damaligen Griechen, die immer noch so strebend waren wie zuvor, und der Verlust wurde nie wieder eingebracht. Ohne ihn aber konnte nicht geschehen, was nun geschah, die Hellenisierung der Welt, erst Asiens, dann Roms, der große, Menschheit umbildende Prozeß, der sich in der Romanisierung Westeuropas nur fortgesetzt hat. In der Kulturgeschichte aber geschieht nichts Plötzliches, und jene Hellenisierung hatte sich schon vor Alexanders Eingriff hinlänglich vorbereitet; denn schon, als Alexander Knabe war, lehrten die cynischen Philosophen in Korinth und Athen: »Mensch ist Mensch. Wozu die Kleinstaaten? Wozu die Völkerunterschiede? Bürger der Welt wollen wir sein.« Längst hatte sich aber auch das Ausland schon dem Einfluß der fleißigen und findigen Griechen hingegeben. War doch schon König Krösus in Kleinasien Griechenschwärmer gewesen. So dichtete bald auch ein Lyder, Olen, Kultlieder für Delos in griechischer Sprache (Stein zu Herodot IV 35). Bald konnten sich auch die Perserkönige im fernen Susa dessen nicht erwehren. Darius I. konnte zwar noch nicht griechisch sprechen; Herodot III 140. aber intelligente Griechen zog man schon früh an den Königshof, und sie hatten dort nicht nötig, persisch zu 169 lernen. So lebt Skythes, der Tyrann von Zankle, aus Italien und Sizilien flüchtig, in Persien in Wohlstand (Herod. VI 24), ebenso ein Sohn des Miltiades ( ib. VI 41), ebenso Demarat ( ib. VII 3 u. 104). Daß Themistokles persisch lernte, wird als etwas Besonderes notiert. Die persischen Satrapen dagegen konnten griechisch, dann auch die Könige und Königinnen. Auffallend früh kannten die Perser auch die Sagengeschichten der Griechen von Helena und Paris und vom Raub der Europa und legten sie diplomatisch in ihrem politischen Interesse aus. Herodot I 1. Bedeutsam war schon der Zustrom erlesener Kunstwaren, viel mehr noch der der griechischen Menschen erster Qualität nach dem Osten, seien es Ärzte oder Athleten, Diplomaten oder Strategen. Schließlich kam es dahin, daß die Perser sowohl wie die Ägypter, wenn es Krieg gab, die griechischen Söldner zu Zehntausenden anwarben und bald nicht mehr entbehren konnten. So überlegen war die Bewaffnung und die taktische Kunst im Heerwesen der kleinen Griechenstaaten geworden. Aber nicht nur im Osten ging es so. Auch die Provence in Südfrankreich und die benachbarte Riviera um Nizza war von Marseille (Massilia) aus früh gräzisiert. In Italien wirkten üppige Griechenstädte wie Cumä und Tarent früh auf die Samniten oder Osker und auf Rom selbst; Rom erhielt von da sein Alphabet. So auch die Etrusker. Und nicht anders sogar die Karthager in Tunis. Daß Hannibal griechisch schrieb, war selbstverständlich. Schon der Karthager Suniatus zur Zeit des jüngeren Dionysius schrieb griechisch; der karthagische Senat verbot das damals (Justin XX 5, 12); das ist bezeichnend. Ja, schon Herodot erwähnt VII 116, daß vornehme Karthager Griechinnen heirateten. Denn auf der Insel Sizilien hatten sich Karthager und Griechen unausgesetzt berührt. Die griechische Sprache siegte auch da; sie hatte früh Anwartschaft darauf, Weltsprache zu werden. Kehren wir zu den Geschlechtern der Könige, der Nachfolger Alexanders des Großen, zurück. Es waren die Familien des Ptolemäus, Seleukus, Antigonus und anderer. Die Dynastie von Pergamum organisierte ihr Reich erst im Jahr 241 v. Chr. Die Genannten waren Alexanders Generäle und Lehrlinge gewesen, Leute des mazedonischen Adels, die sich wie Freibeuter in ihren Ländern festsetzten und mit Bravour den König spielten. Obschon Mazedonier, fühlten sie sich als Vollgriechen; sie hatten als solche aber mit den ihnen untergebenen Völkern nichts gemein. Kraft ihres Militärs, 170 das sie anwarben, herrschten sie als griechische Zwingherren über die ganz andersblütigen Syrer, Ägypter, Araber, Juden und Chaldäer, die sie im Grunde verachteten. Es waren also keine Nationalstaaten, die da entstanden. Die Dynastie mit ihrer griechischen Umgebung war und blieb den Völkern fremd. So sind auch die Grenzen, die ihre Reiche schieden, keine trennenden Grenzen gewesen. Die griechische Kultur, die von den konkurrierenden Residenzen dieser Könige ausging, war und blieb eine Einheit. Das Verkehrs- und Geistesleben blieb international, wie Alexander es gewollt hatte. Das prägte sich auch in den Landkarten aus, die man benutzte; es waren Land- und Seekarten zugleich. Politische Grenzen waren auf ihnen nie verzeichnet; sie gaben nur das physikalische Bild der Küstenformationen, Ströme und Gebirgsläufe und die Fahrstraßen mit den Städten, die an den Straßen lagen oder die an den Küsten Häfen boten. Geben wir zunächst auf diese Städte acht; denn sie sind die produktiven Zentren alles Kulturlebens.   2. Die Städte Das Land ernährt sich selbst; die Stadtbevölkerungen brauchen Zufuhr durch Handel. Auf den Handelsstraßen zu Land, zur See, hatte sich der Verkehr enorm gesteigert, verzweigt und ausgedehnt. Auch die Handelsschiffe selbst sind nunmehr gewachsen und dienen sicherer und tragfähiger dem Transport, S. A. Köster, Das antike Seewesen S. 157 f. Ein Schiff zur Zeit des Alkibiades hatte eine Tragfähigkeit von etwa 260 t, die Steigerung ging so weit, daß das berühmte Schiff des Königs Hieron an 3310 t faßte. Praktisch bewährte es sich freilich nicht. und alles ist belebter, unternehmungslustiger und reicher geworden. Denn aus dem Osten sind unerhörte Geldmengen hereingeströmt; und die Kapitalien auf den Banken zeigen ganz andre Zahlen. Die Hunderttausende von Söldnern schleppten volle Geldsäcke aus Babel mit in die Heimat; die neu gefürsteten Feldherren dotierten verschwenderisch; sie schmissen mit dem Golde, und jede Monstreleistung wurde möglich. Entsprechend hob sich auch der Etat 171 im Staatshaushalt der Städte. Allerorten Arbeit, Handel, Erwerb, aber auch schrankenloser Genuß des Lebens. Der vielgepriesene hellenistische Städtebau begann. Es war vielerorts Neubau aus edlerem Material mit Erneuerung des Stadtplans. Erst jetzt wurden die Städte, wie sie sich prunkvoll aufbauten über den Meeresküsten, zum Schmuck der Landschaft, ein Ziel für die Schaulust der Touristen. Köstlich war es jetzt, Rhodos, Mitylene oder Ephesus zu sehen; es lohnte die Reise. Die Ausgrabungen Pergamums, Milets und Prïenes haben uns davon einige Anschauung gegeben: am Forum edelstilisierte Repräsentationsbauten; das Forum selbst von Säulenhallen umrahmt, hinter denen Kaufläden sich verbargen. Große Straßenzüge, geradlinig geführt, gelegentlich sieben Meter breit und an den geeigneten Stellen mit Schmuckbögen überspannt, Weitblick und reizvolle Perspektiven gewährend. Durch die schmäleren Querstraßen werden rechtwinklige Häuserblocks gebildet. Die Fassaden der Häuser sind schon bemalt. Vgl. H. Blümner, Technol. u. Terminolog. III S. 178. An Säulenarkaden fehlt es auch sonst nicht; sie geben Schatten, und die Schönheit beginnt, wo die Säule sich zeigt. Und alles ist sanitär gedacht. Die Sauberkeit herrscht; die Straßen gut gepflastert; die Wasserleitungen in Tonröhren funktionieren musterhaft; das Latrinenwesen ist endlich geregelt; die Fäkalien werden weggeschwemmt. Man höhnte: es fehlte nur, daß man auch noch die geheimen Örtlichkeiten mit Bildern schmückte! Plutarch, Repugnant. stoic. 21. Mustergebend waren dabei gewiß die glänzenden Residenzstädte wie Antiochien und Seleukia in Syrien, die die Könige neu erbauten und aus dem Nichts schufen; die Bevölkerungen strömten wie in Alexandrien rasch herzu. Vor allem wurden jetzt die steinernen Theater mit ihrer großmächtigen Schmuckwand ein Ruhm der Städte. Athen war damit vorangegangen; die hölzernen Theater verfielen; der Holzmangel im entwaldeten Land zwang endlich zum Steinbau, und aus der Not wurde eine Tugend. Im weiten Halbrund wurden die Sitze jetzt unmittelbar in den 172 ansteigenden Felsen geschlagen. Es ist, als hätte ein Riese den Zirkel eingesetzt und die Linien in den Stein gerissen. Am Bühnengebäude aber konnte sich die Phantasie des Architekten üben; die Fassadenornamentik hat sich vor allem hieran entwickelt, und sie wurde immer reicher. In diesem Theater aber gab es nicht nur dramatische Bühnenspiele zu sehen, sondern auch festlichen Chortanz mit Gesang und sonstige Konzerte; nicht nur das; auch beratende Volksversammlungen und Redeakte, auch Gerichtsverhandlungen fanden dort statt. Das Stadtvolk strömte im Theater zusammen; das vibrierende Leben konzentrierte sich da. Man hatte Genuß, Zerstreuung und wenig Sorgen. Denn politische Konflikte gab es für diese Bürgerschaften nicht mehr. Die Kriege hörten zwar nicht auf, wenn die Dynastien sich bekämpften. Aber sie erledigten sie in der Feldschlacht und Seeschlacht, und Städtezerstörungen gab es nicht mehr. Auch Demetrius, der der Poliorketes hieß, war nur Belagerer, nicht Zerstörer von Städten. Es war unerhörte Barbarei, daß die Römer, die in die griechische Welt hinübergriffen, im Jahre 146 Korinth vollständig einäscherten. Darüber die Wehklage der Nereiden, Anthol. Pal. IX 151. Die Könige, von denen hier zu handeln ist, waren kultivierter, menschlicher; sie waren Griechen.   3. Die Könige Blicken wir denn auf diese Fürsten. Wer von der Kultur zur Zeit der Renaissance in Italien handelt, muß mit den Medici anheben, den Visconti und Gonzagen und der Schilderung des Treibens im päpstlichen Palast zu Rom; denn in den Zeiten der absoluten Monarchien ist der Hebel des Fortschritts in der Hand der Potentaten. Nicht anders im Zeitalter Ludwigs, des Sonnenkönigs, oder Friedrichs des Großen. Wie wäre ohne die Herren in Potsdam, in Dresden, ohne Weimar der plötzliche Hochschwung oder die Vertiefung der Geisteskultur in Deutschland möglich gewesen? Wüßten 173 wir nur auch von jenen Königen, die nach Alexander den Hellenismus mit Energie und Freisinn weitergeführt haben, Genaueres zu berichten! Die literarische Überlieferung gerade der anderthalb Jahrhunderte, die hier in Betracht kommen – ich meine die Jahre von 300 bis 150 v. Chr. – ist vollständig zertrümmert, und es fehlt an allem anschaulichen Detail. Wir hören: ein Königssohn wird krank; er erhält Krankenbesuche, und auch die Königin, seine junge Stiefmutter, erscheint. Der Hofarzt konferiert im anderen Raum mit dem König, der voll Sorgen ist; Vgl. »Alexander d. Große«² S. 333. aber wir tun keinen Einblick in die Räume, sehen den Vorhang nicht, der sich hebt, wenn die Königin eintritt, nicht den Siegelring an des Königs Hand oder den Mosaikfußboden der Halle, die er ruhelos durchschreitet. Wie kleidete sich eine Berenike, wenn sie in ihrem Pavillon empfing? Wie verlief ein Kronrat Antiochos des Großen? Wir hören von königlichen Hochzeiten, von Händeln und Intrigen und politischem Mord, dem selbst Prinzessinnen zum Opfer fielen, sehen aber die Beteiligten, die Täter, die Intriganten nicht und erfahren nur selten die Motive; und kennen wir die Personen, so fehlt das Milieu. Andeutungen müssen also genügen. Der Gewaltherrscher muß gesichert wohnen; er muß zugleich blenden durch Pracht der Haushaltung, wie es die Sultane Persiens machten. Alexander der Große übernahm die orientalische Prunkliebe und trieb sie in seinen Projekten bis zur geschmacklosen Überladung, »Alexander d. Große«² S. 226 f. indem er das babylonisch Kolossale verschwenderisch mit Schmuckwerken der griechischen Kunst verband. Aber er lebte zu kurz, um sich einen Palast zu bauen. Das taten erst die Diadochen in ihren Residenzen. Ohne Frage waren auch diese Paläste Prachtbauten; sie waren zugleich durch ein Truppenlager gesichert, das sich in der Nähe befand. Speerträger bewachen den Palast (Athenäus p. 189 E). Daher auch die königlichen Reiter in der Nähe desselben, die Theokrit 15, 52 erwähnt. Aber keine Baureste sind erhalten; sie sind wie wegrasiert. Darf man sich von ihnen nach den Schmuckwänden der Theater, die den Bühnenhintergrund 174 bilden und eine Palastfront darzustellen scheinen, eine Vorstellung machen? Aber es gibt nicht einmal ein griechisches Wort für Palast; so ungriechisch war die Sache. Man sprach nur einfach vom »Hof« des Königs. So redet auch der Deutsche von Hof, Hofhaltung, Hofbedienten, von Hofbällen; sogar der Spießbürger macht bei uns seiner Geliebten den Hof. Das griechische Wort ist » aula «, Griechisch αὐλή . Vgl. Athenäus p. 189 D. So auch Theokrit 15, 60, Horaz c. IV 6, 16 u. a. und es ist verräterisch. Jene Könige und Königinnen lebten in ihren geschlossenen Räumen wie Privatleute unzugänglich. Vor dem Bau aber oder auch als Zentrum des Baukomplexes befand sich ein weiter von Mauern oder Bauteilen eingeschlossener Innenhof oder Vorhof, der der Repräsentation unter freiem Himmel diente, gewiß aber auch schützende Arkaden enthielt. Das ist die aula regia ; dort fanden die offiziellen Empfänge statt, dort aber an Festtagen auch allerlei Schaustellungen für das große Publikum, dem man Einlaß gewährte. Es ist z. B. Adonisfest; die Königin richtet im »Hof« eine Schaustellung her, köstlicher Art, einen Aufbau mit Statuen und kostbaren Teppichen unter Bäumen, in denen Amoretten flattern; Gold und Elfenbein ist dabei verschwendet. Das Volk schiebt sich herein; keine Polizei ist nötig, Ordnung zu schaffen. Alles drängt sich zwar, und die neugierigen Weiber schimpfen in der Enge und schwatzen überlaut, wie sie im Hof angelangt sind und den Aufbau gewahren; aber eine Stimme aus dem Publikum genügt, sie zur Ruhe zu verweisen. Sonst gibt's keinen Mißton. Die Königin Arsinoë wird vielmehr dankbar gepriesen, die den Schaulustigen die Freude bereitet hat. S. das Theokritgedicht, dessen Übersetzung ich gab, »Alexander d. Gr.«² S. 372 ff. Auch ein Prunkzelt der Könige in Alexandrien wird uns einmal geschildert. Dessen hochgeschwungene Tragsäulen ahmten Palmen nach, und es war mit Gemälden und persischen Bilderteppichen reich verschönt. »Alexander d. Gr.«² S. 268. So ausgeziert müssen wir uns auch die Privaträume der Paläste denken. Oder ein Monstreschiff, unsren Riesensalondampfern entsprechend, wird 175 für die Lustfahrten eines Königs gebaut; es gleicht geradezu einem Königsschloß, und an den Innenwänden sah man einen mosaïzierten Fries, der die ganze Ilias in Bildszenen wiedergab. Athenäus p. 784 C. Die wundervolle Kunst des Mosaiks, das die Farben ewig hält, kam damals in Schwang. Von den Fürstenhäusern strömte das Verlangen, die Innenräume zu schmücken, dann auch in die besseren Bürgerhäuser über. Allein schon Pompeji verrät es uns. Die Stubenwände werden mit seinem Stuck überzogen und entweder tapetenartig bemalt oder mit Bildteppichen zugehängt, Tafelgemälde aufgestellt, die man mit Holzklappen gegen den Staub schützte (Glasverkleidung der Bilder schien untunlich), das Mosaik für den Fußboden verwendet, da man Teppiche nicht legte. Da sah man also das uns erhaltene Taubenmosaik, das Mosaik der Alexanderschlacht und ähnliches mehr, die sicher auf Vorlagen der Zeit, von der ich handle, zurückgehen. Die Könige sind rüstige, oft reckenhafte und hochbegabte Männer. Erst in der dritten Generation beginnen diese Dynastien zu entarten. Sie sind bald kriegerisch, bald Ästheten, die mit weichen Händen lieber nach Gold als zum Eisen greifen, auf alle Fälle musterhaft fleißig, weitsichtig und geschickt im Dienst der Landesverwaltung. Über die Verwaltung Ägyptens durch die Ptolemäer erfahren wir die erstaunlichsten Einzelheiten. Daß die Fürsten in Purpur gingen, konnte nicht befremden; jener Demetrius aber, der sich einen bunt gestickten Talar, auf dem man Sonne, Mond und Sterne sah, anfertigen ließ, machte sich lächerlich. S. Alexander d. Gr. S. 256. Übrigens waren es nur Männer (Phrygionen), die solche Gewänder stickten, und nur die Königinnen waren es, die sie trugen. Auch diese Fürstinnen machten ihrer Rasse Ehre, klug, herrschfähig und ungebunden im Männerverkehr. Die emanzipierte Frau gedeiht in den Palästen. In die großzügig schlichte Frisur legten sie das Diadem; damit ließen sie sich abbilden und schienen so den Göttern gleich. Vgl. »Aus dem Leben der Antike« 4 S. 158 u. 254. Über die Venus von Milo s. unten S. 204 Anm. "Die Gestalt ist m. E. zu individuell charakterisiert...". In der Berenike wandelte die Liebesgöttin auf Erden. Die Könige dagegen 176 mit ihren vornehm charaktervollen, geistig durchgearbeiteten Gesichtern – fesselnd der Ausdruck, bald wuchtig und herrisch, bald strahlend blank, die Augen sprühend (wir haben noch statuarische Wiedergaben in Marmor, in Bronze) –, sie ließen sich, wie einst Alexander der Große, in ihrer Göttlichkeit oftmals auch nackt auf die Postamente stellen, schlank, hochgereckt, und wie in ewiger Jugend. Napoleon, der Imperator, hielt sich für verpflichtet, das nachzuahmen; so steht er in Mailand. Das war Konzession an den Volksglauben und an den Zeitgeschmack. Um so menschlicher zeigten die Könige sich im Verkehr und bei der Arbeit; denn sie brauchten Menschen, und sie wußten sie zu finden. Ich rede nicht von den Eunuchen, die zum Hofdienst gehörten, knechtische, aber gewitzte Kreaturen und zu allerlei Intrigen verwendbar. Für die Staatsgeschäfte wird ein planvoll gegliederter Beamtenstand geschaffen, zum Verkehr sogenannte Königsfreunde oder Genossen herangezogen. Man unterschied solche Genossen ersten und zweiten Ranges. Adlige Familien im heutigen Sinne, die schon durch ihren Namen hoffähig waren, gab es nicht. Aus bürgerlichen Häusern wurden begabte Leute, Militärs, Künstler, Gelehrte, Dichter, dazu herangezogen, und die Majestät verkehrte augenscheinlich gut bürgerlich mit ihnen. Man kann sagen: eine Elite der bedeutendsten Männer jener Epoche hat sich an den Höfen angesammelt, und schon hieraus erhellen die Verdienste jener hellenistischen Könige. Die Herren fühlten sich zur Kulturarbeit im höchsten Sinne berufen. Fortschritt im großen Stil war ihre Losung, und es galt, Athen zu überbieten. So wurden sie im Sinne Alexanders die glänzenden Patrone von Kunst, Wissenschaft und Technik, die auch von uns Heutigen immer noch Hochachtung und Dank verdienen als opulente Auftraggeber, Zielsetzer, Förderer und Gründer im Dienst der Vertiefung und Bereicherung des geistigen Eigentums der Menschheit. Der Techniker erhielt Auftrag, der Gelehrte die Arbeitsmittel. 177 Dabei herrschte die Abundantia. Die Steuern und königlichen Monopole sicherten die Finanz, und es konnte alles geschehen. Auch persönliches, sachliches Interesse der hohen Herren hat da im einzelnen mitgewirkt. So wurde Pergamum ein zweites Athen, Alexandrien mehr als beide. Die herabsetzende Wertung der Künstler und Techniker als Banausen, wie sie zuvor bestand, hörte also jetzt auf oder verlor doch ihre Strenge, vielleicht unter dem Einfluß Plato's, der in einer berühmten Schrift seines hohen Alters Gott, den Weltschöpfer, selbst zum Demiurgen oder Mechaniker gemacht hatte, der das Weltall zu Anfang der Zeiten auf das komplizierteste aus Hohlkugeln herstellte, so daß eine rotierende Hohlkugel oder Sphäre in der anderen steckte, zu innerst die ruhende Erde. Gott selbst war damit unverhohlen zum Techniker geworden. Zu welcher Wertschätzung der Künstler man sich jetzt verstieg, lehrt die Erzählung von Demetrius, dem kriegerischen Fürsten, der die Stadt Rhodos belagerte und seine Geschütze nur deshalb unvorteilhaft aufstellte, um das Atelier eines Kunstmalers, den die Welt bewunderte, nicht zu beschädigen. Daß Monarchen auch Verse machen können, wundert uns nicht. Dies erfahren wir von König Philipp III. von Mazedonien. Wertvoller das vielbenutzte Werk über Kriegsgeschichte, das der erste Ptolemäer schrieb, wertvoll, daß ein andrer Monarch Antigonus Gonatas von Mazedonien. des Eudoxus Darstellung des Sternhimmels, die auf babylonischer Lehre beruhte, durch den Dichter Arat popularisieren ließ, in Versen, die hernach das Lernbuch des ganzen Altertums blieben über Zodiakus und Wandelsterne und Sternbilder mit ihren schönen Namen Orion, Kassiopea, Perseus, Ophiuchos, Hyaden und Plejaden. Für die Antike war der Himmel selbst ein ausgespanntes Buch und Wegweiser, um sich auf Erden zu orientieren. König Attalus I fand Muße, sein neues pergamenisches Reich topographisch aufzunehmen, und wir lesen noch, wie er da eine Pinie schildert; sie stand bei einem Tempel des Äskulap; sie sei besonders schön und an 67 Fuß hoch, ihr 178 Umfang 24 Fuß, und oben sei sie in drei Hauptäste geteilt, die sich zu einem herrlichen Wipfel vereinigten. Strabo p. 603. Es ist, als ob da ein Forstmann spräche. Die Bäume sind im Süden eine Kostbarkeit. Die berühmten Zeittafeln des Apollodor, »Chronik« genannt, wurden dem Nachfolger jenes Attalus gewidmet, d. h. der König mußte für ihren buchhändlerischen Vertrieb sorgen; und auch dies Werk erwies sich als unentbehrlich. Der letzte Pergamener, Attalus III., der, degeneriert und voll Menschenfurcht, nur fünf Jahre regiert hat, begann wie wahnsinnig mit Mordbefehlen, die sein Hofpersonal, seine Verwandten trafen; dann floh er voll Reue die Menschen, ließ Regierung Regierung sein, ließ sich den Bart wachsen, was unerhört schien, wurde Gärtner, wobei er Giftpflanzen bevorzugte, versuchte sich in Erz- und Wachsbildnerei und schrieb ein offenbar ganz nützliches Buch über Landwirtschaft. Dies Buch erwähnen Varro und Columella. Dies ist derselbe Attalus, der sein ganzes Reich testamentarisch den Römern vermachte; und mit dieser Erbschaft zog in Rom das Laster ein; so sagten damals die strengen Moralisten; S. Plutarch, Demetr. 20; Justin 36, 4, 12. die Freude am Luxus war damit gemeint. Das Schöne begann in Rom einzuziehen. Auch die Kunstgärtnerei mit Blumenzucht war also jetzt unter königlichem Schutz neben Baumparks oder »Paradiesen« Mode geworden. Hierbei sei etwas eingehender verweilt. Für die Ptolemäer ist Blumenzucht durch Athenäus p. 196 D f. bezeugt. Dagegen enthielt der Garten im Prachtschiff des Hieron vielleicht nur Blattgewächse (Athen. p. 207 D). Das Wort ἀνϑεών , das den Blumengarten bedeutet, ist erst für das 2. Jhrh. v. Chr. nachgewiesen (Pauly-Wissowa R. E. VII 1 S. 782). Damals mag man auch die Rosen auf des Sophokles Grab gepflanzt haben (Anthol. Pal. VII 22). Wo Mohn erwähnt wird, ist es Wildwuchs, und das gilt auch für die Blumen am Brunnen bei Aristophanes Pax 577. Der Handel mit Rosenöl blieb Spezialität Mazedoniens. Daß man außerhalb Mazedoniens Rosen kultivierte, scheint zuerst Ps. Demosthenenes 53, 15 f. zu bezeugen. Das ῥοδοδάκτυλος Homers als Beiwort der Eos für frühe Verbreitung der Rose geltend zu machen, ist somit unmöglich, dies Wort muß sich ganz anders erklären; das ῥοδο- hängt vielmehr mit lat. radius, radiare zusammen, vgl. das ῥοδανός »schlank«, ῥόδαμος u. ῥάδαμος »Zweig«. Dies Beispiel zeigt auch, daß die Vokale α und ο wechseln konnten, vgl. noch δόσις dare , σοφός σαφής sapere . Eos hat also Strahlenfinger. Erst später haben die Griechen das Wort mißverständlich auf die Rose bezogen. Auch der Inselname Rhodos bestätigt mir diese These; es handelt sich ja um die Insel des Helios; daher heißt sie die Strahleninsel. – Die »Paradiese« des Altertums sind stets nur Baumgärten; aber auch κῆπος wird m. W. nie vom Blumengarten verstanden; auch für die Ἀφροσδίτη ἐν κήποις ist das nicht zu erweisen, womit man endlich die Adonisgärtchen vergleiche, die nicht Blumen, sondern nur Salat, Fenchel und Gras oder Getreide enthielten. Nur in Mazedonien gab es bisher Rosenzucht für den Handel mit Rosenöl, und zwar seit langem. Das mazedonische Rosenöl ist schon der Sappho frg.  68 bekannt; vgl. auch Herodot VIII 138. Ebendasselbe Rosenöl wird nach Homer schon in Troja verwendet (Ilias XXIII 186). Jetzt wuchsen auf gepflegten Beeten Nikander Ther. 576. in Kissenform Hyazinthen, Narzissen, Lilien und Levkojen, und auch der Privatmann pflanzte sich bald Blumen ins Peristyl. Peristyl im »Haus der goldenen Amoren« zu Pompeji, um 50 n. Chr. Nach Photographie Alinari 11996.   4. Athen und die Philosophen In Athen war es inzwischen still geworden; aber sein Ansehen litt nicht darunter. Sein Ruhm wurde jetzt gleichsam unweltlicher Art. Die Volksversammlungen wurden uninteressant; sensationelle Prozesse gab es nicht mehr, an 179 denen die attische Redekunst groß geworden, und Demosthenes, Äschines, Hyperides hatten keine Nachfolger ihresgleichen. Auch um seine Bühnenspiele zu sehen, brauchte niemand mehr nach Athen zu reisen; denn die gab es jetzt überall. Die große Schauspielerinnung, die in Teos an Kleinasiens Küste ihren Zentralsitz hatte, versorgte die Welt bis Rom mit dem Neuesten an griechischer Musik und Schauspiel. Die Athener selbst siedelten, wenn sie konnten, in ihre Hafenstadt, den Piräus, über, wo es bessere Wohngelegenheit und viel mehr zu sehen gab. So senkte sich in Athen jetzt eine Ruhe über Gassen und Markt, als wäre es Feierstunde, Ruhe und Beschaulichkeit. Das aber war für die Philosophen der rechte Boden, und neue große Lehrbetriebe hatten sich dort aufgetan. In einer der offenen Hallen am Markt lehrten die Stoiker oder »Hallenphilosophen« durch Vortrag und Gespräche; denn sie hatten kein eigenes Grundstück. Freilich scheinen die Stoiker sich nicht lange darauf beschränkt zu haben, in der Stoa am Markt vorzutragen. Chrysipp dozierte im Lyzeum unter freien Himmel (Diog. Laert. VII 185). Der Unterricht fand auch in der Weise statt, daß die Schüler auf Bänken ( βάϑρα ) saßen; ebenda VII 22. Ging man aus dem berühmten Doppeltor, dem Dipylon, ins Freie, so kam der Suchende am Garten Epikurs vorbei zur Akademie, wo einst Plato gelehrt hatte. Das Lyzeum, die Arbeitsstätte des Aristoteles, lag weiter ab im Osten. Diese Philosophenschulen waren geschlossene Gesellschaften oder Bünde mit Vorstand und bestimmten Verkehrsregeln, die auch eine mehr oder minder gepflegte Geselligkeit anbetrafen. Die aristotelische Schule, die Systematik und Forschung verband, war auch jetzt noch in regem Betrieb und sandte Schüler erheblichen Namens in die Ferne und an die Königshöfe. Auch die Akademie suchte immer noch Anhänger zu werben, indem sie sich auf Platos Andenken stützte. Wer aber aus dem Dipylon des Weges kam, blieb wohl zumeist schon in Epikurs schattigem Baumgarten hängen; denn die Lehre Epikurs und die Lehre der Stoiker, die sich bekämpften, kamen damals beide gleich sehr dem Zeitbedürfnis entgegen. Die Philosophie fragt nach der Stellung des Menschen zum Weltall und zur Gesellschaft, sie fragt nach Leben und 180 Sterben und sieht dabei von der Volksreligion völlig ab; sie will sie ersetzen. Jetzt werden die verschiedensten Stimmen laut; so der Cyniker, der sich barfuß an die Straße stellt und lehrt: »Kehren wir zur Natur zurück! Der Hund ist treu, der Hund ist wach, der Hund ist zufrieden mit wenigem, der Hund ist international! Seien wir wie er.« Diese Sippe schrieb wenig; sie zehrte vom Schriftennachlaß des Antisthenes. Noch unfruchtbarer der ruhelose Skeptizismus, der da fragt: was ist Wahrheit?, alle Dogmen prüft und anfechtbar findet und selbst, wo er zweifelt, den Zweifel in Zweifel zieht. Erheblicher im Interesse der Kultur die Hedoniker, die Prediger der Freude, die schon zu Platos Zeit mutig das Wort erhoben hatten. In gepflegteren Häusern, besonders bei den Lebemännern, fanden sie viel Anklang. Aristipp, der Weltmann, war ihr vornehmster Wortführer: sei kein Tor, genieße jede Stunde. Jeder Mensch braucht das und jeder will es, wenn er ehrlich ist. Aber genieße mit Maß. Geschmackvoll soll man leben und heiter. Es gibt zweierlei Schönes, das lebendige Schöne, das unsre Begierde weckt, und das bloß Kunstschöne, das bei aller Wirkung außer dir verharrt. Genieße beides. Bildung ist, es mit Klugheit und Kennerschaft zu tun. Bildung ist, mit anderen Worten, ganz ehrlich nur Mensch zu sein. »Anthropismus« ist das Wort. Diog. La. II 8. Das berühmte »Mensch bin ich, und nichts Menschliches sei mir fremd« geht somit dem Sinne nach auf diesen Mann der Eleganz, auf Aristipp zurück, der seinen Sohn als Nichtsnutz verstieß, »so wie man sich schnäuzt, wenn man am Schnupfen leidet«, aber seine feine Tochter zur Philosophie erzog, Aristipp, der den Sokrates um seinen Tod beneidete, aber eine volle Börse nicht entbehren konnte; gutmütig und etwas frivol. Für viele Gleichgestimmte hatte er so das Wort gefunden, den Typus in sich dargestellt. Vgl. dazu F. Ranke, Periplecomenus, Marburg 1900. Hier eine Anmerkung zur Chronologie. Ein Ausspruch Aristipps bei Diog. La. II 8. 72 setzt voraus, daß er schon steinerne Theater kannte; er lautet: ἐρωτηϑεὶς ὑπό τινος, τί αὐτοῦ ὁ υἱὸς ἀμείνων ἔσται παιδευϑείς, καὶ εἰ μηδὲν ἄλλο, εἶπεν, ἐν γοῦν τῷ ϑεάτρῳ οὐ καϑεδεῖται λίϑος ἐπὶ λίϑῳ Ist es sicher, daß Aristipp vor 356 starb (Pauly-Wiss. R. E. II S. 903), so muß der Ausspruch unecht sein, da das erste steinerne Theater doch wohl das athenische war, das Lykurgos erst in den Jahren 338–327 baute. Oder aber Aristipp hat die Zeit des Lykurgos doch noch erlebt. In der Cyrenaika lebte und lehrte seine Familie weiter. Doch war es nicht seine Schuld, daß schließlich sein Schüler Theodoros, blasiert und frech zugleich, die übelsten 181 Konsequenzen zog, der das Vergnügen um jeden Preis und alles für erlaubt erklärte, ob Diebstahl, ob Tempelraub, ob Ehebruch. Einen Gott gibt es nicht. Der bare Atheismus wurde hier laut, der im Altertum sonst etwas ganz Seltenes ist. Dieser Theodoros heißt darum mit Beiwort der Atheist ( ἄϑεος ). Bezeichnend aber für den Freisinn der Ptolemäer in Ägypten ist es, daß sie diesen Mann gleichwohl an ihren Königshof zogen und mit politischen Aufträgen bedachten. Ein Prediger der Freude war nun auch Epikur; aber er meint es anders. Um das zu verstehen, muß man sich der Zustände, die ihn umgaben, erinnern. Reichtum, Wohlleben und Üppigkeit waren zwar in der Welt gewachsen, gleichwohl das Leben noch voller Schrecknisse und Konflikte. Denn die ewigen Kriege zwischen den Potentaten von Mazedonien, Thrazien, Kleinasien, Ägypten und Syrien rissen nicht ab. Intrigen, Grausamkeit und Mord grassierten in diesen höchsten Familien. Aber auch in den Kleinstaaten standen oft unversehens Tyrannen auf, die nur mit Schandtaten sich behaupteten, bis es zur Verschwörung kam und die Rache sie traf. All das wirkte erschütternd, auch auf weitere Kreise unter den Gebildeten. Man hatte geträumt, der Weltfriede sei da, aber man mußte im Drang der Verhältnisse Stellung nehmen in tausend Fällen. Auch der Untertan war, ob tätig oder leidend, oftmals der Mitbetroffene. Was hatte ihm die Philosophie zu bieten? Weltflucht oder Kampf? und wo blieb die Freude? Aristipp hatte in günstigeren Zeiten gelebt, flott, regsam, agil und sorgenlos, und fand die Freude noch in ständig neuen, Lust erweckenden Erlebnissen. Epikur lehrt jetzt die Ruhe. Lebe in der Stille, das gibt Zufriedenheit, zwar nicht einsam, aber mit Gleichdenkenden. Jede Erregung ist der Feind der wahren Freude. Das ist ein pflanzenhaftes Behagen am Leben; Quietismus, mimosenhaft. Der Lärm der Welt braust an uns vorüber; wir hören es nicht. Epikur war ein grundfleißiger Mann, fleißiger als Aristipp; 182 er diktierte unermüdlich und füllte so Serien von Büchern mit Lehrinhalt. Er haßte Aristoteles und suchte gegen ihn den mißachteten Demokrit hochzuheben: ein Haß, der seine Seelenruhe nicht störte. Es handelte sich da also um die Grundfragen der Physik; die Atomenlehre Demokrits galt es endlich durchzusetzen von der Materie, die sich gesetzmäßig bewegt, die sich mechanisch gestaltet; es gibt kein Wunder, das das Gesetz durchbricht. Viel Originelles, aber auch viel Naives las man darüber in Epikurs Schriften angehäuft. Aber das alles war nicht Selbstzweck; denn er war Seelsorger, und die immerhin großartige Lehre von der Natürlichkeit in der Natur sollte nur zur Beruhigung der Menschen dienen, die wie die blöden Weiber an Wunder und Gespenster, Zauberei und widernatürliches Eingreifen höherer Mächte glauben, die vor allem Angst vor dem Tode und dem Schattenleben der Hölle haben. Erst dadurch wurde Epikur eine Weltgröße. Durch persönlichen Zuspruch und reichen Briefwechsel wirkte er weit über seine Ortsgemeinde hinaus im Ton der Güte und des zärtlich liebenden Interesses, nie pathetisch, oft schlicht bis zum Trivialen. Das war es, was viele brauchten, und es bildeten sich sogleich überall Epikur-Gemeinden, das Werk geräuschloser, aber unhemmbarer Propaganda. Man muß sich erinnern, wie Aberglaube und Wundersucht, die als Religion galten, in allen Hirnen steckte, um das zu verstehen. Im Epikureismus ist Epikur selbst alles gewesen; er war der Befreier, er wurde zum Gott für die Seinen. Mochten die Menschen draußen sich bekriegen und überlisten: dies war nun eine Sekte oder Loge der Stillen im Lande, die wie unter einer Glasglocke saßen, mit Staatsdingen nichts zu tun haben wollten, einfach lebten, Freundschaft pflegten, den Logenbrüdern alle Hilfe boten, die Götter mit unnützen Gebeten nicht behelligten und alle bemitleideten, die der Ehrgeiz in den Welttrubel riß. Natürlich konnte sich das nur gestatten, wer einigermaßen auskömmlich zu leben hatte. Der Trieb, sich von der Welt zurückzuziehen, sei es aus 183 Menschenverachtung oder nur Schlaffheit der müde gewordenen Nerven, hatte vereinzelt schon andere ergriffen; auch im Lustspiel wurde damals schon solche Person vorgeführt. Timon von Athen ist das berühmte Beispiel; dazu die Komödie Μονότροπος des Phrynichos ( frg.  18). Jetzt ergriff es viele. Aber der Staat hat sich gerächt. Einer der Seleuciden machte eine Epikureerhetze; er drohte mit dem Tod; sie mußten aus dem Land. Die Wohltaten des mühsam geordneten Staates wollten diese Leute genießen, ohne etwas für ihn zu tun? Das schien Verbrechen. Vgl. »Alexander d. Gr.« S. 407. Schon Lysimachus, König von Thrazien, veranstaltete übrigens eine Philosophenverfolgung (Athenäus p. 610 E). Ganz anders die Stoa. Sie stellte sich trotzig in die neue Welt, eine Lehre des Ringens und der Tapferkeit, kämpfend sich abzufinden mit dem Leben. Daher ihre Wirkung; sie griff kulturell und politisch ungleich weiter und tiefer, da sie bis in die höchsten Kreise griff, ihre anfangs oft allzu krassen Forderungen mehr und mehr der Wirklichkeit akkommodierte und Staatsmänner und Cäsaren noch später Jahrhunderte erzogen hat. Der Stoiker, heißt es, ist ein Mensch der Öffentlichkeit und des Handelns. S. Diog. Laert. VII 123: ἀνὴρ κοινωνικὸς καὶ πρακτικός . Auch diese Schule hielt es für nötig, zum Teil im Anschluß an Aristoteles, ein vollständiges philosophisches System aufzubauen, und ihre Schriften strotzten von Definitionen und Begriffsspaltereien, die den Laien abschrecken mußten. Drei Lehrfächer standen nebeneinander, die Logik oder Erkenntnislehre, die Ethik und die Physik. Die Physik, die bis zum Wesen Gottes hinaufführt, galt als das Höchste; die Ethik war das Wirksamste; die Erkenntnislehre beschäftigte sich u. a. auch mit der menschlichen Sprache, und hier wurde nun für die Grammatik, wie wir sie noch heute betreiben, die Grundlage geschaffen. Es war ein Gewinn für alle Zeiten, daß man jetzt, und erst jetzt, Subjekt und Prädikat im Satz, Adjektiv und Partizip, daß man Aktiv und Passiv, daß man die Fälle des Hauptworts, die Zeiten am Zeitwort, ob Präsens, ob Perfekt usf. endlich unterschied. Von den Stoikern stammen die Benennungen. Nun aber die Ethik und der Gott, auf den sie sich gründet. Der Begründer der Stoa war ein Asiat, und er zog 184 auffallend viel Asiaten als Schüler. Es war Zeno, ein Mensch phönizischen Geblüts aus Zypern. Mit Persien war man seit dem Wirken Alexanders des Großen in nächste Fühlung gekommen; das betraf auch die Religion. Zarathustra, der Baktrer, lehrte (und schon Aristoteles wußte dies), daß der Gott, der gute Weltschöpfer, Licht und Feuer sei. νοῦς κόσμου πύρινος oder νοερὸς ϑεὸς πῦρ τεχνικόν (Stob. Ekl. I 58 u. 64). Man setzte aber auch den leichten Äther, Kleanthes sogar die Sonne dafür ein (Diog. La. VII 139). Das lehrte jetzt auch die Stoa. Ja, schon Heraklit hatte das einst aufgegriffen (oben S. 137 ). Heraklits Lehre erneuerte also jetzt Zeno, und er tat es, wie jener, im pantheistischen Sinne: nicht neben der Welt steht Gott; ein Feuerhauch geht durch das All und alle seine Teile; er ist das schöpferisch wahre Leben, ist die Gottheit in der Materie selbst, er ist zugleich das Weltdenken oder die Urvernunft; die Menschenseelen aber kommen von ihm, ein Hauch aus seinem Hauche. Was soll es, daß ich mich zerquäle? Ein Hauch aus Gott ist meine Seele. Gott atmet aus, Gott atmet ein. Wie sollt' ich je ihm ferne sein? Diese Lichtreligion, vom Parsismus angeregt, eroberte sich in wechselnden Formen jetzt die Welt; denn auch Jesus sollte oder wollte das Licht der Welt sein. Die reine Weltseele verlangt nun auch reine Menschenseelen. Nur die Tugend reinigt, sie also ist das einzig wahre Gut; sie ist zu fordern um unsres Ursprungs, um Gottes willen. Nur im Dienst der Menschheit, nur im Konflikt bewährt sie sich; es gilt also, und ob es das Leben kostet, für das Richtige kämpfend einzutreten. Ob über dir die Welt zusammenbricht Und die Trümmer drohn dich zu erschlagen: Wanke nicht. Furchtlos sollst du den Einsturz tragen. Horaz c. III 3, 5. Dazu kommt die schroffe Lehre: Mitleid soll es nicht geben; denn die Nachsicht schädigt das Gesellschaftsleben. Diog. La. VII 123. Aber die drei ersten Hauptvertreter dieser Lehre zeigten 185 sich nicht als Helden; sie fanden dazu keine Gelegenheit und begnügten sich damit, das große Programm zu schaffen mit sorgsamer Ausarbeitung einer Pflichtenlehre, die von der christlichen Kirche zum Teil dankbar übernommen worden ist, zum Teil auch nicht. Daß der Knecht dem Freien, die Frau dem Mann gleichsteht, riefen damals diese Leute in die Welt. Die Kirche hat den Ruf damals nicht aufgenommen, sondern das »er soll dein Herr sein« bis in unsre Tage weitergegeben. Die griechische Literatur kennt meines Wissens keinen ähnlichen Ausspruch. Man hat die Philosophen, von denen hier die Rede ist, mit Herkules verglichen und nannte ihre Schriften heilig; So im Epigramm des Athenäus bei Diog. La. VII 30: δόγματα ταῖς ἱεραῖς ἐνϑέμενοι σελίσιν . Zum Hohn sprach man dann auch die Kochkunst heilig: Menander frg.  130. sie selbst aber galten nicht als Heilige; war doch ihre eigene Meinung, daß kein Mensch auf Erden vollkommen war und ist und je sein wird. Von Zeno erzählte man, daß er als Jüngling zuerst unter die Zucht eines derben Zynikers geriet. Der dachte, der Junge ist zwar häßlich, aber zu manierlich, und zwang ihn, einen Topf voll Linsenbrei über die Straße zu tragen. Der Zeno gehorchte, aber deckte sich dabei vor Scham das Gesicht mit dem Mantelzipfel zu. Da schwingt der Lehrer den Stock und zerschlägt den Topf, daß sich der Brei über den Rock des armen Sünders ergießt. Zeitlebens aber hat Zeno wie das Evangelium den Wert der Armut gepredigt, so daß es auf der athenischen Bühne von ihm hieß: Ein neu System hat dieser Philosoph erdacht, Er lehrt den Hunger, und die Schüler beißen an. Ein Brot, 'ne Feige und Wasser trinken, das genügt. Philemon bei Diog. La. VII 27. Aber die höchsten Instanzen, die Könige, gaben sogleich acht, so starr und unweltlich paradox auch oft die Lehrsätze lauteten, so schulmeisterlich auch oft die Vortragsweise war. Wie leicht ließ sich schon gleich der Determinismus dieser Leute verhöhnen! Weil Gott allwissend, weiß Gott auch alles Zukünftige voraus. Also ist alles, was wir tun und lassen, vorherbestimmt. Wo bleibt da unser freier Wille, der erst dem 186 sittlichen Handeln den Wert gibt? Es ist die große Vexierfrage, die ein Jahrhundert dem anderen weitergibt. Der Hausdiener stiehlt irgendwas; Zeno schlägt ihn. Der Diener sagt frech: »es war ja doch vorherbestimmt, daß ich stahl«. »Aber auch, daß ich schlug«, versetzte der Weise, der sich zum Glück zu helfen wußte. Aber man muß die Querköpfe nehmen, wie sie sind. Der König von Mazedonien suchte persönlich in Athen Zenos Verkehr, stiftete ihm dort für seine Schriftstellerei ein Schreibbureau mit Personal. Sogar ein Landgut besaß Zeno bald in Mazedonien, Diog. La. VII 36: τὰ χωρία αὐτοῦ . und der Ptolemäer ruft einen Jünger seiner Schule an seinen Hof. Sphairos, genauer ein Schüler des Chrysipp: Athenäus p. 354 E. Die Stoiker prägten das Wort: »nur der Weise ist König«. Der König will jetzt umgekehrt der Weise sein. Wenn Chrysipp Königen keine Bücher widmete, so zeigt sich darin eine Marotte, ein Stolz vor Königsthronen, der ihm eigentümlich war. Sonstige Gönner aber sorgten für die Vervielfältigung seiner Schriften; s. »Alexander der Große«² S. 492, Anm. 34. Vor allem wurde die Residenzstadt Pergamum alsbald ein zweites Athen; denn eine stoische Gelehrtenschule wurde von den Herrschern dort großgezogen, die es nun versuchte, sogar Homer und die uralten Religionsvorstellungen im gereinigten Sinn nutzbar zu machen. Da werden Homers muntere Götter zu blassen Allegorien umgedeutet, und Bacchus ist der Wein, Hera die Luft, Demeter das Mehl usf. In naivster Weise, aber mit bester Absicht verballhornte man so die große Dichtung; denn Homer war als Schulbuch immer noch nicht zu entbehren. Als Zeichen des Dankes schmückten die pergamenischen Könige die Stadt Athen mit Prachtbauten und Statuen, wofür Athen wieder sich dankend verbeugte; es hatte sich gewöhnt, von Königen Geschenke anzunehmen. Man wußte jetzt auch, was ein Fußfall wert ist, den man vor Majestäten tut. »Die Fürsten hören nur mit den Füßen«, hieß es. Dies ist als Ausspruch Aristipps bekannt. Noch eins. Weil nach persisch-stoischer Lehre Gott Feuer und Licht ist, daher entstand in Pergamum nun auch der berühmte große Feueraltar, den der Gigantenkampf im Relief umgürtet. Er stand allein; kein Göttertempel gehörte dazu. Es war dies nach persischer Denkweise nichts anderes als 187 eine offene Feuerstätte, die 250 Meter hoch über der Unterstadt ragte und weithin sichtbar bis zum Meer mit immerwährendem Flammenschein der Welt die Lehre vom Feuer, das Gott ist, verkündete. Die Johannesapokalypse nennt ihn voll Abscheu den Thron des Satans. Der Altar war also als Thron gedacht, auf dem der ewige Feuerhauch sichtbar als Gott thronte. Für den Juden und Judenchristen war es der Satan. So wanderten also, wie dies Beispiel zeigt, auch Philosophen an die Königshöfe ab. Aber auch Gesindel. In Athen höhnte man laut von der Bühne herunter: Ich mein', mit Leuten im Hofdienst läßt sich nicht prunken. Nur Flüchtlinge, Hungerleider sind's und Halunken. Diphilus frg. 572. Hiernach ist aber noch der Geschichtsschreibung zu gedenken, die von jetzt an mehr und mehr unter den Einfluß der ethischen Philosophie und der Sittenprediger gerät. An die Stelle objektiver Tatsachenerzählung tritt in auffallender Weise der moralisierende Ton, der jeden Menschen und jede Tat nach Gut und Böse beurteilen zu müssen glaubt. Wichtig ist, ob jemand verschwenderisch oder geizig, grausam oder milde, ob er Alkoholiker war usf. Das war ein Vorteil; die Geschichte wird zur Handhabe der Erziehung, aber auch ein Nachteil; denn das Wichtigste in den Hergängen bleibt dabei oft ganz unverstanden. Dabei werden aber große Stoffmassen bewältigt. Lokalgeschichte genügt nicht mehr. Da man für die Welt schreibt, muß man Weltgeschichte schreiben; und man schreibt jetzt voll rednerischer Bewegung und sucht den Stoff mit dramatischen Effekten aufzubauen, so daß das Ganze oft geradezu romanhaft wirkt. Das sind in der Tat die Wurzeln des Prosaromans gewesen, ohne den wir heute nicht leben können und für den eben damals die ersten Proben entstanden. Ich erinnere nur an den Alexanderroman. Freilich war schon Xenophon mit seiner Cyropädie vorangegangen, aber diese hatte lehrhaften Zweck. Die Prosa, die man da schreibt, ist beiläufig die sogenannte 188 »Koiné«, ein Gemein- oder Weltgriechisch, durch das die klassische Prosa eines Plato und Demosthenes verdrängt wurde.   5. Junggesellen und Hetären Allerlei Moralisches stand also in den Büchern; gleichwohl blieb die erhoffte Wirkung der ethischen Bestrebungen auf die große Masse zunächst aus. Das kann uns nicht wundern. Anlage und Temperament führt die Leute schlecht oder recht durchs Leben, damals wie heute. Je begabter die Naturen, je freier gibt man sich aus. Dabei sonderten die Berufskreise sich jetzt schärfer; es siegt das Spezialistentum, und die Menschen, die die Totalität des griechischen Wesens in sich darzustellen schienen, verschwinden. Man ist Fachmann, und das Fach formt allemal eigenartig die Charaktere. Starklebige oder närrische Individualitäten treten uns jetzt viel häufiger als bisher entgegen. Es wuchert davon in allen Ecken. So ist dies auch die Zeit der Frauenemanzipation, wie Kleanthes es wollte. Kleanthes schrieb ein Buch περὶ τοῦ ὅτι ἡ αὐτὴ ἀρετὴ καὶ ἀνδρὸς καὶ γυναικός . Das zeigen nicht nur die Fürstinnen, die gewissenlos mit dem Geschick des Staates spielen; besonders das Haus der Seleuciden wußte davon zu erzählen. Auch mit dem altehrwürdigen Sparta war es dahin gekommen, daß die reichen Frauen den kleinen Staat geradezu beherrschten; zwei Fünftel des ganzen Grundbesitzes hatten sie damals dort in Händen. Aber auch gelehrte Damen gibt es jetzt wie die Hestiäa, die sich als Vorgängerin Schliemanns mit der Ortskunde des alten Troja beschäftigte; S. Aug. Meineke, Anal. Alexandrina S. 23. auch Dichterinnen wie Anyte, die in kleinem Stil Meisterhaftes leistet. Andre sind Malerinnen, und zwar wirken diese Personen auch fernab von den Residenzstädten. Ein junges Ding (Hipparchia heißt sie) läuft aus dem Haus ihrer Eltern; sie läßt sich nicht halten; der Zeitgeist hat sie erfaßt: der Mensch muß zur Natur zurückkehren. Sie begeistert sich für den Zyniker 189 Krates und will sein primitiv schlichtes Leben mit ihm teilen, fühlt sich nun als Philosophin und kommt so an den Hof des Königs Lysimachus, trifft da beim Abendtrunk mit dem schon erwähnten Theodoros, dem berüchtigten Atheisten, zusammen, der sich als Schlemmer gibt, und sagt zu ihm voll Verachtung. »Was ist es, was du mit Recht tun kannst und auch ich? Daß du dir Schläge versetzt und ich auch!« Eine naturwüchsige Unterhaltung. Theodoros hat darauf keine andre Antwort, als daß er ihr das Oberkleid hochzieht, so daß ihre Waden frei werden. Vgl. Diog. Laert. VI 97. Heute würde man das vielleicht für einen erwünschten Anblick halten; damals galt es als unanständig. Vgl. »Horaz' Lieder«, 1. Teil S. 102. Viel mehr hören wir indes von den Hetären; sie behaupten geradezu das Feld. Nahezu keine Personalien von Männern erhalten wir, in denen sie nicht irgendeine Rolle spielen; auch die Gemächer der Könige öffnen sich ihnen: ein übles Zeichen der Verwahrlosung. Als die reizenden »Genossinnen« der Geselligkeit werden sie gefeiert. Schönheit und Jugend ist ihre Pflicht, Irritation und Leichtsinn ihr Beruf. Für die Künstler sind sie die berühmten Modelle. Phryne, Laïs und hundert andre schillernde Namen flattern wie Schmetterlinge vor uns auf, und der Klatsch hatte zu tun. Der Geldmann überschüttet sie mit Juwelen; in Goldbronze stellt man ihr Bild sogar in die Vorhallen der Gotteshäuser. Ich denke zunächst an die Pythionike, die Geliebte des Harpalos (»Alexander d. Gr.« S. 216) oder an die Flora, die Geliebte des Pompejus. Die Flötenbläserin Lamia, aus guter athenischer Familie stammend, wurde die Konkubine des Demetrius Poliorketes und als Aphrodite in Athen und Theben verehrt (Athenäus p. 253 A f.). Eine Gemäldehalle in Sikyon wurde von ihr gestiftet ( ib. p. 577 C). Gelegentlich gibt es unter ihnen auch Personen vornehmer Haltung, die heiraten So wie Aspasia die Gattin des Perikles, so wurde auch die Hetäre Laïs Ehefrau (Athenäus p. 589 A). Auch des Bion, des Borystheniten, Mutter war eine Hetäre ( ib. p. 591 F), und Justinian machte das Scortum Theodora gar zur Kaiserin (vgl. »Von Homer bis Sokrates«³ S. 454). Laestheneia aus Arkadien war gar Schülerin Platos (Athen. p. 279 E; 546 D). und sogar gönnerhaft junge Ehen stiften. Vgl. Terenz' Eunuch. Die meisten aber fielen unverkennbar ins Ordinäre. Man schrieb ihre sogenannten Witzworte auf, als wären es Kostbarkeiten; S. Machon bei Athenäus. die aber sind, genau besehen, nur frech, oft albern, und zeigen uns nur, was die Männerwelt sich von ihrem Übermut hat bieten lassen. So macht sich nun gleichzeitig auch das Junggesellentum in unerhörter Weise breit. Der Umsturz der Verhältnisse war durch Alexander den Großen zu plötzlich gekommen; man war jetzt Untertan; das bürgerliche Verantwortungsgefühl 190 fiel von den Leuten, und eine Sturzwelle des Leichtsinns überflutete die Seelen, um nicht wieder zurückzutreten, oder sie ließ den Sumpf zurück. Aristoteles war noch Familienvater gewesen; ebenso die Bildhauer Praxiteles und Lysipp. Jetzt findet sich unter den namhaften Männern, ob Gelehrten, ob Künstlern, ob Dichtern, kaum ein einziger, der sich als Ehemann nachweisen ließe. Wenn wir einmal von Söhnen hören wie bei Lysipp oder von Sotades, dessen Sohn Apollonios hieß, wissen wir nicht, ob sie legitim waren. Ausgeschlossen scheint mir dieser Zweifel allerdings bei Philemon und seinem gleichnamigen Sohn. Kallimachus, der Grammatiker, hatte nur einen Neffen gleichen Namens. Was die Römer anlangt, vgl. »Horaz Lieder« 1. Teil S. 100. Theophrast, der Aristoteliker, schrieb sogar eine eigne Schrift über die Ehe, in der sie arg diskreditiert wurde. Solch eingefleischter munterer alter Junggesell tritt einmal in einem der Lustspiele leibhaftig vor uns hin. Nehmen wir uns die Zeit, zuzuhören, wie er sich gegen eine Heirat sträubt. Eine noble Frau mit reicher Mitgift, sagt er, hätte ich ja leicht haben können; aber ich will kein Gekläff in meinem Hause haben. Ihr meint, kleine Kinder machen Spaß? Ganz recht; zehnmal mehr aber die Freiheit. Ob wirklich gute Frauen existieren, weiß ich nicht. Jedenfalls sind sie schwer aufzufinden. Soll ich nun eine nehmen, die nie zu mir sagt: »Kauf dir Tuch für einen Mantel, lieber Mann, der dir weich und warm sitzt, ebenso Unterkleider aus dickem Stoff, weil doch der Winter kommt?« Nein, sie reden ganz anders, wecken den Mann, schon ehe der Hahn kräht, aus dem süßen Schlaf, und »du mußt Geld geben«, heißt es da; »der erste März (der Tag der Juno) ist da; da muß ich ja Muttern beschenken, muß auch Obst einkochen. Auch unsre Amme hat sich beschwert; ich hab' ihr lange nichts geschenkt, ebenso die Plätterin; und da ist auch noch die Traumdeuterin, die Zauberin, die Wahrsagerin; die müssen alle wieder etwas haben.« Ich frage, wie soll man solche Reden überhaupt aushalten? Wie gut hat's der Junggesell dagegen! Er kann sich verziehen lassen von den lieben Verwandten. Gleich morgens kommen sie und fragen besorgt, ob ich angenehm geruht, beschenken mich, laden mich zu Mittag, zu Abend ein, wenn sie einen guten Braten haben. Die sind es, denen ich 191 denn auch mein Vermögen vermache. Wozu noch Kinderchen, die schließlich nur Sorge machen? Kommt der Sohn z. B. abends nicht rechtzeitig heim, gleich zerquält man sich in Gedanken. Fällt er vom Gaul oder stolpert auch nur im Rausch, denk' ich voll Angst, beide Beine hat er gebrochen und den Hals dazu! »Höchst vernünftig richtest du dein Leben ein«, lautet hiernach die Zustimmung des Hörers. Aus Plautus' Miles gloriosus . Das war damals das Zeitgemäße. Ein Künstler wie Apelles würde seine Ehescheu wohl anders begründet haben. Die Bohème in der Künstlerschaft, die von Überraschungen lebt, bestand schon damals, Genietreiben und Abenteuerlust, von Pflichten unbelastet; die lachende Freude am Ungewissen. Das macht produktiv. Wieder anders liegt die Sache, wenn in den Menschen ein großes Gedankenleben die Sinne übertäubt; auch dafür hat es unter den Geistesheroen und Propheten wohl zu allen Zeiten Beispiele gegeben. Auch Alexander der Große hatte, absorbiert von seinen Zwecken, wenig Trieb zur Weiblichkeit. Wo aber ein solches Verhalten Mode wird und durch Generationen sich festsetzt, verspüren wir den Niedergang der Volksgesundheit, Zerbröckelung der Volkskraft in den höheren Schichten, auf die es ankommt. Dasselbe hat sich bald hernach in Rom wiederholt.   6. Die Dichter Von dem allen ist nun auch die Dichtkunst beeinflußt, denn auch in Versen wird immer noch massenhaft produziert, und das griechische Genie bringt jetzt in erneuten Formen seine letzten Gaben. Aber alles ist jetzt Erotik, und ohne Liebe und Liebeleien geht es nicht mehr, eine Wendung, die in der Weltliteratur bis heute nachwirkt. Das Sexuelle wird Trumpf, und das Erziehende hat die Dichtkunst fast ganz verloren. Dafür gab schon Aristoteles, der Theoretiker, in seiner »Poetik« die Formeln, der sogar als Zweck der 192 Tragödie nur noch die bloße Freude an der »Mimesis«, an der treuen Wiedergabe der Leidenschaften hinstellte. Tanzende Mädchen von einer Marmorbasis auf der Akropolis zu Athen (Akropolismuseum Nr. 1327), um 380 v. Chr. Nach Photographie Alinari 24610. Am frischesten kommt im Lustspiel die Erotik zum Wort. Es handelt sich um das bürgerliche Lustspiel, das Familienstück, das damals in Athen aufkam und seine feste Form erhielt, das aber sogleich auch von Nichtathenern in Betrieb genommen wurde und dessen Anregungen wiederum bis in unsre Gegenwart reichen. Viele hundert solcher Stücke wurden geschrieben; es war Schnelldichtung, und die Erfindung in ihnen war das Geringste. Die Schablone herrscht; die Verfasser bestehlen sich dabei gegenseitig in den Motiven, und wer von solchen Stücken zehn gelesen hat, kennt ungefähr alle: Jünglinge, die in Liebe schmachten; denn die Angebetete ist nicht zu haben; sie ist immer eine hübsche Person, aber auch nichts weiter. Der Vater des Jünglings muß Geld geben; der schlaue Hausdiener hilft dazu, und die Intrige setzt ein; oft sind es aber auch nur drollige Verwechselungen oder sonstiges Spiel des Zufalles, die die nötigen Überraschungen bringen. Dazwischen macht der hungrige Parasit seine Witze; der Koch lockt zum Essen; klotzig dumme Offiziere tun groß, rasseln mit dem Säbel und werden von den Hetären elend betrogen. Auch alte Gecken treten auf und erleben das nämliche. Wenn es hoch kommt, halten Väter einmal verständige Gespräche über Erziehungswesen. Oft versinken die Sachen in widerwärtigen Schmutz, andre kann man dagegen in jeder Töchterschule lesen. Gern wird auf Lehrsätze der damaligen Philosophen angespielt; das war aktuell; Politik dagegen ist verpönt. Das Schönste aber ist allemal die Gesprächsführung selbst, die reizend echt gegebene Konversation. Volle Natürlichkeit ist da erzielt; denn das echte Menschentum, wie es ist, das alltägliche, stellt sich uns dar in seiner Vernunft und Unvernunft, Klugheit und haltlosen Schwäche. Die Freude an der »Mimesis« war hier voll erreicht; das wird uns von den Zeitgenossen selbst oft gesagt; aber wie anspruchslos war man jetzt der Dichtkunst gegenüber geworden! 193 Ganz für sich steht ein ernstgehaltenes Drama, das uns in einer Nachdichtung zum Glück erhalten ist. Es ist in demselben leichten Sprechton durchgeführt, der ohne falsches Pathos das Natürliche natürlich gibt; aber dieser Dichter will erziehen. Wie unmodern! Er sagt selbst am Schluß. »Dies Stück will die Guten noch besser machen«. Plautus Captivi v. 1034. Der Titel ist »Die Gefangenen«, und es handelt sich um den verlorenen Sohn. Im Kleinkrieg zwischen den Ländern Ätolien und Elis sind soeben zwei junge Leute in die Gefangenschaft des Ätolers Hegio gelangt: Philokrates, ein vornehmer Jüngling, mit seinem Sklaven Tyndarus. Dem Hegio wird dies gemeldet, er hat die beiden aber noch nicht gesehen. Er selbst ist kinderlos geworden, da ihm einst sein ältester Sohn als vierjähriges Kind gestohlen wurde; der zweite ist im gegenwärtigen Kriege von den Eleern gefangen. Diesen Sohn, der in Feindeshand ist, will Hegio nun versuchen durch Austausch mit dem erwähnten Philokrates wiederzuerlangen und hat vor, dessen Sklaven Tyndarus zu entlassen, der zunächst in Elis nach dem Vermißten suchen soll. Tyndarus aber will seinen jungen Herrn Philokrates befreien; er und Philokrates tauschen, bevor Hegio sie aufgesucht und gesehen hat, die Namen aus. Tyndarus bleibt unter falschem Namen in der Haft zurück, Philokrates wird frei. Es ist das Opfer, das der Ältere dem Jüngeren, der Freund dem Freunde bringt; denn Herr und Diener sind durch Freundschaft eng verbunden. Schlichte Worte des Edelmuts sind es, die da Tyndarus redet: das Risiko ist groß, das Opfer, das er bringt, selbstverständlich. – Da wird der Betrug entdeckt, und es geht dem Braven ans Leben. In die Steinbrüche soll er (so wütet Hegio) und da gepeinigt werden bis zum Verrecken. Tyndarus nimmt das Opfer freudig hin: »Ich habe dich belügen müssen, Herr, aber es war eine gute Lüge; Philokrates war ohne sie nicht zu retten. So sterb' ich gern, da ich nicht wegen einer Missetat sterbe. Das Sterben ist kurz; was nach dem Tode kommt, schmerzt nicht mehr. Lebe du glücklich; das wünsche ich im 194 Scheiden, obschon du mich der Qual hingibst.« In Ketten wird er weggeschleppt, und die Handlung geht ins Hochtragische. Da greifen andre Personen ein, und die überraschende Lösung kommt: denn dieser Tyndarus ist der Sohn Hegios selbst, der ihm einst vierjährig entführt wurde und in den Sklavenhandel geraten war, und auch seinen zweiten Sohn erhält Hegio durch des Philokrates Fürsorge aus Feindeshand zurück. Er hat Grund, an Jupiter ein frohes Dankgebet zu richten. Endlich wird auch noch der Mensch, der das Kind einst entführte, herbeigeschafft, und auf ihn kann die gerechte Strafe niederfahren. In alledem spürt man den Geist der stoischen Lehre: für Pflichttreue und Standhaftigkeit ist hier ein lebendiges Muster gegeben. Stoisch mutet auch der Satz an, den Hegio spricht, als er die Strafe diktiert: »Mitleid kenne ich nicht; ich selbst habe Mitleid nie erfahren« ( Captivi 761). Dies Drama sowie die erwähnten Lustspiele waren echte Volksstücke und daher in gemeinverständlichem Griechisch abgefaßt. Ganz anders war, was man sonst noch dichtete, beschaffen. Da handelt es sich um Buchpoesie, um Lesepoesie, und es galt das l'art pour l'art ; echt dekadent: Massenwirkung ist unfein; die Literaten schreiben nur für Literaten und Kenner. Alles wird klein und kurzatmig. Wer mag mehr als hundert Verse auf Anhieb lesen? Aber pikfein müssen die hundert Verse sein, ausgefeilt und selten. Dazu dient auch der künstlich verwendete Dialekt: man liefert Studien für Feinschmecker und schreibt in dem Dialekt, den man selbst nicht spricht. Die Schwierigkeit soll Würze sein. Dabei ist der Ton bald derb realistisch, bald weich sentimental bis zum Rührseligen. Aber es sind doch immer noch Griechen am Werk, und es muß ihnen auch jetzt gelingen. Wer die Mühe nicht scheut, sich ihrem Studium hinzugeben, fühlt die Feinheit und Grazie dieser kleinen Sachen, den raffinierten Wohllaut des Versbaus, der auch das verwöhnteste Ohr entzückt. Nur muß man nicht glauben, daß alles, was antik ist, Lob verdient; auch Schmutzfinken gab's, und man darf sie beiseiteschieben. Zunächst also die realistische Kunst voll heiteren Behagens, 195 die damals auch in der Malerei und in der Reliefkunst kleinen Formats beliebt wurde; denn auch die Plastiker und Maler lieferten jetzt Stilleben und verwandte Sachen, die als Kabinettstücke mit den höchsten Preisen bezahlt wurden. Da zeigt uns nun Theokrit, der Dichter, jene Weiber als Zuschauerinnen auf der Gasse, von denen schon die Rede war; diese Szene ist ein unübertroffenes dichterisches Meisterwerk, dessen Handlung sich virtuos in sich überstürzende Gespräche auflöst. Man nennt dies »Mimus«, und auch das Intimste wird im Mimus belauscht. Begreiflich also, daß diese Kunstart auch leicht ins Garstige, das Theokrit vermeidet, ausarten konnte. Da ist ein Dichterling, Herondas heißt er, der für jene Zeit ungefähr das gewesen ist, was für uns Glasbrenner war, der in den 1830er Jahren im schnodderigen Berliner Jargon vom Eckensteher Nante oder von den Spießern handelte, die zum erstenmal ins Theater gehn und da die Jungfrau von Orleans sehen. Aber Glasbrenner ist noch dezent zu nennen im Vergleich mit jenem Herondas. In hinkenden Versen Ich kann die Wahl des hipponakteischen Verses für diese Szenen nicht geschickt finden; er eignet sich nur für epigrammatische Kürze und wirkt wirklich »lahm« und mit seiner Knickung am Versschluß grenzenlos monoton, wenn man ihn in einem Stück annähernd hundertmal in einer Folge lesen soll. Für solches Experiment hat Hipponax schwerlich das Vorbild gegeben. Auch die Skazonten des Kallimachus dienen nicht zur Rechtfertigung, erst recht nicht Babrios. G. A. Gerhard »Phoinix von Kolophon« S. 202 ff. hat hierauf nicht acht gegeben. Die Choliamben der Cyniker wirkten gewiß in ihrer Anhäufung ebenso ermüdend wie die des Herondas, das ist, dichterisch gemessen, das mindere Gut der griechischen Poesie gewesen. und in der Sprache der Gasse und der Waschweiber schildert uns der Mann zunächst ganz amüsant die Frauen, die zum Schuster kommen und für neue Schuh' sich Maß nehmen lassen, ebenso den Schulmeister, der den Schulbuben verprügeln muß; die Mutter selbst befiehlt es ihm; denn der stinkfaule Bengel treibt nichts als Unfug, klettert auf dem Dach herum und zerbricht die Schindeln, zerkratzt das Wachs auf der neu bezogenen Tafel, statt sein ABC zu schreiben. Auf dem Blatt daneben räsonniert aber auch der Bordellwirt, um vor den Geschworenen sein schandbares Treiben ungeniert aufzudecken, oder zwei Weiber, die unbelauscht und mit Gier über die künstliche Befriedigung ihrer sexuellen Triebe auf das unverhüllteste sich bereden. Zum Glück sind diese Sachen kurz, und die Phantasie des Skribenten ist rasch erschöpft. Es sind die Aborte der Literatur, wo das Obszöne Selbstzweck ist. So hat die Antike das Büchlein des Herondas 196 denn auch früh zur Makulatur geworfen; aber ein ägyptischer Grieche machte sich eine Abschrift auf Papyrus; die ist neuerdings aus dem dortigen Sande wieder aufgetaucht, und die Philologie, die nichts verachten darf, jauchzte pflichtgemäß über den Fund. Ivo Bruns, der feine Gräzist, beklagte vielmehr das Auftauchen dieses »gräßlichen« Dichters. Aber die Kontraste herrschen im Leben; der Mensch will nicht nur lachen – bis zum Zynischen –, er will auch weinen. Man ist feminin sentimental, ist bis zur Weichlichkeit weich gestimmt und verlangt nach Schwermut. Und das Dichten wird dabei zum Träumen; auch das war etwas Neues. Im Traum glaubt sich der Poet jetzt auf den Berg Helikon versetzt, um die Muse zu belauschen, oder er dünkt sich gar ein zwitschernder Vogel oder ein Singschwan. Es klingt wohl etwas kümmerlich, wenn das ein Dichter dem andren nachspricht. Aber die Muse hilft, und es blüht nun die rührende Liebesnovelle – in kurzen Elegien trug man sie vor –, wo die Jünglinge und Jungfrauen zu sterben pflegen vor Liebe oder für ihre Liebe. Wer an Hero und Leander denkt, kennt diese Art. Das Leid und die Sehnsucht der Schmachtenden kommt dabei beredt zu Worte. Sogar Homer verliebt sich jetzt in Penelope. Ganze Bücher füllte man damit; es war die Lieblingslektüre der Ästheten; aber auch die Hetären, die Freundinnen der Ästheten, waren das zu lesen verpflichtet. Vgl. Ovid ars amat. 329 f. Leider sind auch diese Bücher fast völlig untergegangen; von den schönen Novellenstoffen selbst aber ist doch vieles unvergessen geblieben; auch der Trieb selbst, der Trieb zum Sentimentalen, starb nicht aus, und die romantische Liebesballade unsrer Zeiten setzte nur fort, was damals geschaffen wurde. Dagegen sind uns die ländlichen Idyllien Theokrits zum Glück unversehrt erhalten; sie sind in ihrer unverwelklichen Schöne ein Kleinod der Weltliteratur geblieben. Keiner seiner Nachahmer ist in der Bukolik dem Theokrit gleichgekommen. 197 Nicht etwa für die Hirten selbst sind diese Hirtenszenen geschrieben; die brauchten sie nicht; sondern für die müden Seelen derer, die nervös abgespannt vom trivialen und eingemauerten Leben der Großstadt nach Feldeinsamkeit, Waldesrauschen und Herdengeläut und dem Klang des Kuhreigens, nach der harmlos schlichten Art des Naturkindes sich hinaussehnen. Die Hirten plaudern und singen davon, wie die Eichen grünen, die Quellen rauschen und um die Honigkörbe süß summend die Bienen ziehn. Der Hund, der Würger des Wolfes, hütet das Vieh. Die Dirne kommt und wirft mit Äpfeln nach dem Geishirten. Da heißt es: Bäumen ist der Sturm verderblich, die Dürre den Bächen, die Schlinge den Vögeln: so uns das Verlangen nach des Mädchens Zärtlichkeit. Aber auch vom Tod des Daphnis, des schönen, singen sie, der an seiner Liebe starb und um den die Bäume und Herden und die Nymphen und Götter selber weinen. Ein Hauch des Friedens und stiller Wonne atmet aus den weich melodisch hingleitenden Versen uns an. Es ist der Gipfel der Hochkultur, die versteht in solchen Schöpfungen sich auszuruhen. Und nun endlich das Bagatell, das Kleinste vom Kleinen, die Epigramme, die das Altertum uns wie eine Handvoll Confetti entgegenstreut. Ganze Bücher füllte man damit an, und es ist in Blütenlesen noch genug davon erhalten. Wir nennen es auch Sinngedichte. Es ist das Zwergobst im Garten der Musen; die Gegenstände unendlich mannigfaltig, bald ein Wort der Weihung, ein Scheidegruß am Grab; bald Liebe, bald Witz, bald Belehrung; nur nicht viel Worte; womöglich eine Pointe am Schluß: ein Seufzerchen, ein Aperçu, ein Erlebnis, ein Scherz. Hier ein paar Proben. Vom Ziegenbock redet Leonidas aus Tarent: Anthol. Pal. IX 99. Der langbärtige Gatte unsrer Ziege Fraß im Rebengarten alle zarten Schößlinge. Da sprach zu ihm der Weinstock Aus dem Erdgrund: »Scher' nur mit dem bösen 198 Maul die Triebe mir, die Trauben bringen. Meine Wurzel lebt; sie wird auf's neue Süßen Saft genug des Nektar treiben, Um mit Wein dich selber zu besprengen, Wenn man, Bock, als Opfertier dich schlachtet.« Der Ziegenbock ist des Bacchus Feind; darum aß man Ziegenfleisch als Festbraten an den Dionysien. Von der Berufswahl der kleinen Leute handelt ein anderes Stück: Antipater, Anthol. Pal. IX 28. Im Sterben sprach mit ernsten Ton Ein Bauersmann zu seinem Sohn: Der Schiffer pflügt die Wellen im Meere Mit dem Ruder, auf daß er sich ernähre. Du aber sollst mir der Bauer bleiben, Erwerb nicht auf dem Wasser treiben. Das Land ist unsre Mutter, versteh'. Stiefmutter der Menschen ist die See. Das ist nüchtern und männlich gesprochen; hochsentimental dagegen das Liebesgedicht des Asklepiades von den Kränzen: Antipater, Anthol. Pal. V 145. Hanget ihr Kränze mir still hier über den Flügeln der Pforte,     Dauert und nicht vorschnell welkt mir entblätternd dahin, Die ich mit Tränen euch netzte! So tauen der Liebenden Augen.     Sondern gewahret ihr sie, naht sie und öffnet die Tür, Da auf ihr Haupt hinträufet den Regen von mir, und die Zähren,     Die ich geweinet um sie, trinke ihr schimmerndes Haar. Die Sehnsucht hat aber auch andere Töne, und wir lesen: Gegeben nach Anthol. Pal. V 88 u. 89 ( adespota ). Die beiden Disticha, die offenbar zusammengehören (vgl. G. Eskuche, Hellenisches Lachen S. 5), dürften verhältnismäßig jung sein, sie sind im Geschmack der Anakreonteen. Ein Lufthauch wär' ich gerne, Die Schultern dir zu kühlen, Wenn du die Straße wandelst In heißer Sonnenglut. Wär' gern die rote Rose. Da pflückte deine Hand mich Und schmückte deine Brüste, Die weiß wie Schnee, mit mir. 199 Es ist ein Verlust, daß unsre deutsche Dichtung, die sonst so gern an Vorbilder anknüpft, sich nicht auch durch Nachbildung diese oft meisterhaften Miniaturen zum Eigentum gemacht hat. Dies gab mir Anlaß zu meinem Aufsatz »Hübsche Kleinigkeiten aus Hellas« (»Das humanistische Gymnasium« 1927 S. 139 f.), der eine größere Anzahl von Proben aus der Anthologie in Übersetzung brachte.   7. Die Königskunst Kehren wir indes aus der bürgerlichen Sphäre zu den Königen zurück. Was wir bisher besprachen, war zumeist nichts weiter als ein Spielen mit der Kunst, wie Kinder mit schillernden Seifenblasen spielen. Auch solch Versgebilde, so nett es sei, erfreut nur in dem Moment, wo man es dichtet oder wo man es liest. Dauerhafter ist da noch die Freude am zierlichen Griff des Spiegels, an der Perle im Ohr der Frau. Die Enge des menschlichen Kleinlebens gleicht dem Käfig. Man verkleidet die Gitterstäbe für kurze Augenblicke mit Blumen und buntem Flitter, als wäre man nicht gefangen. Alle Täuschung ist willkommen, so flüchtig sie ist. Wie anders kann der Staat der Kultur dienen! Der König ist der Staat, und viele jener Herrscher waren sich, wie wir sahen, ihrer Mission bewußt, nicht nur in der Landpflege; es betraf auch technische Probleme, auch Kunst und Wissenschaft. Das Großartige setzt ein; der große Odem aus der Alexanderzeit wirkt nach, Schwung gebend, und treibt das Wollen und Vollbringen mit Macht zu den überraschendsten Leistungen. Wer kann, ohne hiervon Kenntnis zu nehmen, Rom verstehen? Das betraf die Marine, ebenso die Belagerungsmaschinen. Rom hat nur mit Griechenflotten seine Seeschlachten gewonnen, nur mit griechischem Geschützbau Numantia und Karthago genommen. Die römischen Kriegsschiffe waren nach griechischem Modell gebaut; aber auch die Mannschaft vielfach aus Griechenstädten bezogen. Was den Geschützbau betrifft, so sei hier nur die Sambuca erwähnt, die Heraklides in Tarent im Dienst der Römer erfand und die Marcellus gegen Syrakus benutzte (Athenäus p. 634 B). In Mitylene gab es das Bild einer Muse, die die Sambuca hält ( ib. p. 182 F). Die Schrift des Biton περὶ ὀργάνων war an Attalus gerichtet (ebenda). Dazu die Länder verbindenden Königsstraßen Über die Königsstraßen z. B. Philemon com. frg.  58; Digesten XLIII 8, 2, 22. und die Kanäle. Man grub und schaufelte, und der seit langem verschüttete Durchstich vom Nil zum Roten Meer wurde wiederhergestellt, der für den Welthandel erst Arabien und Indien erschloß. Dazu der Leuchtturm, Pharos genannt, 200 der erste seiner Art, an 100 Meter hoch, der in den Hafen Alexandriens die Einfahrt bei Nacht ermöglichte. Ein Vergrößerungsspiegel war auf ihm angebracht, in dem man die entferntesten Schiffe sehen konnte. Athen hatte im Piräus nur kleinere Türme, auf denen offenes Feuer brannte. Genaueres bei Köster, »Seewesen« S. 197 ff. Das Holz mußte für den Brand täglich per Schiff herbei; denn in Ägypten gab es kein Brennholz. Die neuen Könige kannten als Mitkämpfer Alexanders die Monsterbauten Mesopotamiens und Ägyptens. Wie sollten sie nicht versuchen, es diesem Königsstil gleichzutun? Die Macht will Größe. Und es kam dem Volk zugute; denn die Herrscher zahlten prompt und reichlich, und viele Kräfte fanden Arbeit. Bezeichnend ist, daß die Seleuciden am Tigris als Konkurrenz neben Babylon eine Griechenstadt, Seleukia, bauten, die Babylon endgültig totmachte. So hatte schon Alexander in 12 Jahren an 70 neue Städte gebaut. Die Nachahmung der fremdländischen Bauten aber war nicht Kopie. Griechische Harmonie bezwang die abnormen Massen, die jetzt nötig wurden, und der Geschmack blieb rein. Die Bauformen mußten sich steigern und bereichern, aber »die Musik der Verhältnisse« blieb bestehen, und eine neue, modernere Kunst begann. Ein Hochtrieb entsteht. Die Säulenhallen weiten sich, verdoppeln sich; sie werden zweischiffig, ja, steigen in zwei Geschossen aufeinander; wuchtig, und doch nicht lastend steht die zweite Galerie auf der ersten, und oben und unten wandeln die Passanten. Auch der schwere Göttertempel klettert auf ein höheres Podium, wächst machtvoll im Volumen, aber wird wie ein Geheimnis in Wäldern von Säulenumgängen versteckt. Die öffentliche Freitreppe entsteht und führt die Terrassen hinan, legt sich breit vor den Palast oder vor den neuen Bibliotheksbau, der dem Palast gleicht. Leere Wandflächen, die sich lang hinziehen, scheinen jetzt unerträglich; es gilt, sie zu unterbrechen, und Säulen oder Pilaster wachsen in die Wände hinein und gliedern die Fläche, als wäre die Wand selbst zwischen ihnen nur Füllung, nur 201 ein Vorhang zwischen den Zeltstangen, die zur Säule geworden sind. Denn auch phantastische Riesenzelte wurden von den Königen improvisiert, himmelhoch wie die ägyptischen Tempel; die schmalen Stäbe, die den Baldachin trugen, ahmten dabei die Gestalt der Palme nach. Die Zelte wurden erbaut und wieder abgerissen, blieben aber unvergessen, so daß uns zum Glück eine anschauliche Beschreibung erhalten ist. S. »Alexander d. Gr.«² S. 268. Ein Trieb in das Schrankenlose verrät sich darin, der damals auch das Musikleben ergriff; die Musik wurde grell und lärmend, und man klagte über ihre Barbarisierung. Aristoxenos bei Athenäus p. 632 B. Es war die Zukunftsmusik jener Zeiten. Und nun der Baustil. Sollte man dorisch, sollte man jonisch bauen? Die Sonderung schien lächerlich, und man war der alten Vorschriften müde. Warum nicht mischen? Die Buntheit wirkt belebend. Auf jonischen Säulen steht jetzt ein dorisches Kapitell; die Triglyphe zieht da, wo man sie nicht erwartet, ihre drei Furchen in das Steingebälk. Vor allem blüht jetzt hoch oben das reiche korinthische Kapitell, das einer Jardiniere gleicht. Der Säulenstamm scheint neuen Saft zu treiben, und ein Kranz von Schilf sprießt statt eines Kelches auf, aus dem sich der Akanthus mit Blüten üppig nach allen Seiten schwingt, und die schwellenden Eckvoluten wuchern mit Rankengeäst in reichen Kurven daraus weiter bis zur Deckplatte, dem Abakus, hinan. Das Phantastische hat eingesetzt, das eigentliche Phantasie- oder Kompositkapitell konnte entstehen. Neues an allen Enden. Die altmodischen langen Friese hoch an den Tempelwänden, die Figurengruppen oben im Giebelfeld verlieren an Bedeutung. Dagegen wachsen sich die Altäre, die vor dem Heiligtum stehen, ins Große aus, die nun selbst nach plastischem Schmuck verlangen. Und auch in den Arkaden der Tempelhöfe sieht das Publikum die kühn gedachten Werke der hellenistischen Plastik aufgestellt, die erregend Neues bringen. Es sind Weihgeschenke der Frommen, zumeist wohl der Könige selbst. Die heiligen Bezirke 202 werden zu Museen. Unersättlich häuften die Herrscher die Aufträge, und es mußte rasch gearbeitet werden. Wir hören, daß innerhalb eines Jahres von einer neuen Porträtstatue 360 Exemplare fertig wurden; Dies betrifft den Demetrius Phalereus in Athen; s. Plinius nat. hist. 34, 27. kaum aufgestellt, wurden sie dann schon wieder vom Postament gestürzt. Der Bildmeister Lysipp hinterließ 1500 Werke. Aber auch alte Plastiken und Gemälde kauften die Könige an, Vgl. z. B. Athenäus p. 196 E. und es entstanden in ihren Palästen Kunstsammlungen, die schon zum Studium der Entwicklung der griechischen Kunst die Anregung geben mußten. Und nun der neue Stil der Bildnerei. Es war ein Bruch mit der Vergangenheit. Die Kunst ist Königskunst, und die Ruhe, der Seelenfrieden, der unsre Andacht weckte, hört auf. Man will Leidenschaft und Erlebnis; Wahrheit, nicht Schönheit, oder doch Wahrheit auf Kosten der Schönheit. Der Wirklichkeitssinn beherrscht nicht nur die Wissenschaft, sondern auch die Kunst. Leben ist ewige Bewegung, und auf dem Zufälligen beruht der Reiz des Individuellen. Die Bronze, der Stein, soll das wiedergeben. Das Porträt wird wichtig, wie das Biographische in der Literatur. Auf den Geldstücken erscheinen die Gesichter der Könige ganz treu und realistisch gegeben; ihr Vollbild wird auf den öffentlichen Plätzen mitten ins Getriebe hochgestellt, bald in Rüstung, bald idealisch nackt, aber auch als Reiterbild. Gelegentlich stellte man es auf neun Meter hohe Säulen. So Ptolemäus und Arsinoe in Olympia, vgl. L. von Sybel, Weltgeschichte der Kunst² S. 310. Das ist das Prinzip, das hernach die Trajanssäule in Rom befolgt. In den Gesichtszügen aber soll sich jetzt Geist und Seele, der Charakter auf das deutlichste ausprägen. Das Auge sprüht im Bronzekopf; es ist in Flußmasse oder Email eingesetzt, und das Augenweiß blendet: Natur um jeden Preis, ob das Gesicht unnormal, die beiden Gesichtshälften ungleich, ob wirres Haar, verdüsterte Augen, Runzeln und Warzen; einerlei! Aber auch der Nichtvorhandene wird porträtiert. Großartige Dichtung! Der wundervolle Homerkopf entsteht, denkend und seherhaft vergeistigt mit den blinden Augen. Es entsteht Äsop, der garstige Zwerg, aber so wahr, als wäre er 203 auferstanden. Man muß den Gipsabguß dieses Zwerges so stellen, daß man auf ihn herabsieht; denn so stand der kleine Mann unter dem hochgewachsenen Volk, dem er seine Fabeln erzählte. Gelegentlich wird dabei auch schon das obstinate griechische Profil, das als Schema in seiner Einförmigkeit alle Griechen zu Geschwistern macht, beseitigt; die steilgerade Linie wird energisch oder auch nur gelind durchbrochen, und die Nase ist nicht mehr verpflichtet, wie ein Stützpfeiler die glatt in sie eingewachsene Stirn zu tragen. Man verfuhr darin auf das freieste, als man nun gar erst Römer porträtierte. Eine Manier dieser Zeit ist ferner, daß die Köpfe nicht mehr gerade auf den Schultern stehen, sondern sie neigen sich mit Aufblick sehnsuchtsvoll nach rechts; das gilt auch von ruhenden Personen und Idealbildern. Wirklich ruhig ist man jetzt nicht mehr, sondern auch dem Menschen in Ruhe zittert die Seele; ein unbestimmbares Verlangen treibt sie nach außen. Ich denke z. B. an den schönen pergamenischen Frauenkopf in Berlin. Das Drama ergreift jetzt laut oder leise jede Gestalt. So nun auch die Götter, die man zur Anbetung in die Tempel stellt; sie sind nicht mehr wie früher als bloße Symbole der Gottesnähe gedacht, sondern werden als Götterporträts gestaltet. Praxiteles zeigte sie vollendet in ruhender Schönheit; aber schon das hat unbedingt verweltlichend gewirkt. Die scheue Andacht ging unter dem Kunstgenuß verloren, und die Ästhetik siegte über die Frömmigkeit. Man konnte sich in die Bilder verlieben, wie der Künstler Pygmalion in das Frauenbild, das er selbst geschaffen; derartiges wird uns wiederholt erzählt. Nicht nur Lucian redet davon; bei Plutarch steht, Placit. philosoph. 5, 12: πολλάκις γὰρ εἰκόνων καὶ ἀνδριάντων ἠράσϑησαν γυναῖκες καὶ ὅμοια τούτοις ἀπέτεκον . Ähnlich Appian cyneg. I 358 ff. Vgl. »Laienurteil über bildende Kunst bei den Alten« S. 40, wo dafür Alexis und Philemon angeführt sind. Man lese auch noch, was Älian Var. Hist. IX. 39 über des Praxiteles Tyche erzählt, sowie Plinius nat. Hist. VII 127 und XXXVI 23. Jetzt ändern die Götter ihre Natur, aber der Andachtswert wurde dadurch schwerlich gerettet. Auch sie werden jetzt dramatisiert; sie befinden sich in Aktion wie im Epos Homers; das geht bis zum Theatralischen. Es genügt schon, an den Apollo von Belvedere zu denken. Über den Apoll von Belvedere s. »Alexander d. Gr.« S. 346. So steht jetzt auch Poseidon vorgebeugt am Felsenufer, den einen Fuß hoch aufgestellt, und späht über das Meer, ob er kein Opfer seines Zornes findet. Vgl. »Alexander d. Gr.« S. 498. Die sogenannte Venus 204 von Milo gleicht der Porträtstatue einer herrschfähigen Königin; den stolzen Körper mit den freistehenden Brüsten lehnt sie kräftig zurück, biegt das linke Bein ausschreitend vor, als hätte sie nicht Lust, lange so zu stehen, jung matronenhaft und herrlich, aber unnahbar; diese Frau ist zu sehr Realistin und zu welterfahren, um zu tändeln. Die Gestalt ist m. E. zu individuell charakterisiert, um Aphrodite zu sein; das Gesicht ist nicht nur ernst (wie z. B. das der Aphrodite in den Uffizien zu Florenz, Amelung n. 138), sondern ausgesprochen porträthaft und deutet auf eine bestimmte Persönlichkeit; mit Recht ist dies schon von Fr. Goeler v. Ravensburg, »Die Venus von Milo« (1879) S. 130 hervorgehoben worden. Über die Beziehungen zur Venus von Capua, zur Nike von Brescia und zur Aphrodite des Skopas ist von W. Klein »Gesch. der griechischen Kunst« III S. 267 ff. u. II S. 282 f. ausführlich gehandelt worden; ebenso über die Zugehörigkeit der Hand mit dem Apfel u. a. Auf alle Fälle weicht aber auch die Körperhaltung der »Frau von Milo« von den erwähnten Bildwerken ganz eigenartig ab im Zurücklehnen des Oberkörpers, das nicht Hingebung, erst recht nicht Verschämtheit, sondern nur Stolz, Energie und Widerstandsfähigkeit ausdrückt. Die schiefe Stellung des l. Beins bringt Unruhe in das Bild, es scheint nur ein transitorischer Moment gegeben. Leider bleibt unklar, womit die r. Hand beschäftigt war. Auf alle Fälle widerspricht, wie ich meine, nichts der Annahme, daß hier eine Fürstin sich nach dem Schema der Göttin mit den nötigen individualisierenden Abänderungen hat abbilden lassen. Derartiges geschah doch häufig. Sie hielt den Apfel, griechisch » melon « hoch als Wahrzeichen der Insel Melos, als deren Herrin sie sich fühlte. Daß der Kopf verhältnismäßig klein, ist für die Zeit nach Lysipp nicht auffällig. Man ist sich jetzt wohl einig, daß das Werk erst der hellenistischen und nicht einmal der frühhellenistischen Kunst angehört. Ob der Bakchios, dessen Inschrift vorliegt und der auf Melos dem Hermes und Herakles eine Weihung im Gymnasium machte, diese Statue aufstellte, bleibt ganz ungewiß. Hingegen gibt uns die vielbewunderte medizeische Venus den damals modern und gültig gewordenen Typ der Liebesgöttin; Man ist jetzt geneigt, das Vorbild der medizeischen Venus in einem Alterswerk des Praxiteles zu sehen; s. A. Furtwängler, »Meisterwerke« S. 640 f., aber das ist m. W. nur für den Kopf nachweisbar. Immerhin mag sich in dem Meister der Geist der Folgezeit schon vorbereitet haben. sie ist kokett, weiß, daß man sieht, wie sie für das Bad sich entblößt hat, und sucht Schamhaftigkeit auszudrücken, indem sie das Gesicht wegdreht und sich vorneigt, den Leib einzieht und Brüste und Schoß mit der Hand bedeckt, als spräche sie im Ton der Halbwelt: »Mich so zu überraschen, Freund! Nur einen Augenblick! Ich bin gleich wieder in den Kleidern.« Das ist Genre. Auch Ares, der Kriegsgott, setzt sich wie ein eleganter Gardeoffizier nach getanem Dienst hin, legt lässig die Hände um das hochgezogene Knie und wartet, daß die Geliebte kommt. Der Faun wirft sich weinmüde auf den Felsenhang und versinkt berauscht in Schlaf, so naturgetreu: man glaubt ihn schnarchen zu hören. Und gar der junge Triton (im Vatikan): er taucht mit glattem Haar, das noch naß scheint, aus der Meerestiefe, märchenhaft traurig, eine Elegie aus Stein, für die die Worte fehlen; es ist die Melancholie des Verzauberten: das Auge weit offen, Sehnsucht im Blick, der über die schillernde Öde des Meeres geht, die Ohrmuscheln wie Schallfänger tierisch hochgereckt, als hörten sie aus der Ferne den Sang der Sirenen. Die Ewigkeit ein Grauen! Beklagenswert, wer nicht sterben kann. Wir kennen schon Heraklits Wort: Die Götter sind nichts als unsterbliche Menschen. Begreiflich also, daß sie in der Bildnerei dem Genre verfielen. Euhemerus schrieb damals den seicht rationalistischen Götterroman, der erzählte, wie die sogenannten Götter einst wirklich als Menschen auf einer Insel im Roten Meer als Dynastie ein Reich beherrschten, allerlei Siege erfochten und nach dem Ableben die übliche 205 Vergöttlichung fanden. Dazu gehörte Zeus vor allem. Aber die Künstler gingen nicht mit; Zeus, der eine, ist von der genrehaft spielenden Behandlung nahezu unberührt geblieben. Mochten alle anderen Götter schließlich fallen, er blieb, der er war, denn die Vielgötterei jener Zeiten war im Grunde doch nur ein dichterisch verkleideter Monotheismus. Der Olympier bleibt darum in aller Majestät die überirdische Ruhe selbst, und nur das Mienenspiel sehen wir jetzt seiner durchgearbeitet und vergeistigt; sein haarumwalltes Haupt, in dem Licht- und Schattenwellen spielen, blickt unendlich ausdrucksvoll auf uns nieder, die überlegene väterliche Güte und höchste Intelligenz zugleich. Jener Kopf aus Otricoli ist nur wie eine Maske aus Marmor; aber wer kann sich sattsehen an dem Antlitz des Gottes, der Himmel und Erde lenkt und dem Gebetsrufen der Könige wie auch des Geringsten lauscht? Interessant ist es, den prachtvollen Zeuskopf vom Altar des Hieron im Syrakusaner Museum zu vergleichen, mit auffallend niedriger Stirn, stark vorgewölbter Unterstirn; sein Ausdruck ist hohe Würde und Kraft; man könnte ihn auch für einen Poseidon halten wollen. Und nun das Sterben. Die Gallierhorden unter Brennus hatten im Jahre 389 Rom überfallen; ein Jahrhundert verging; eine neue Heimat suchend, zogen weitere Gallierscharen ostwärts, fielen über Mazedonien her und strömten plündernd und mordend weiter nach Kleinasien hinüber. Da war es die Großtat des pergamenischen Königs Attalos I., es war eine Rettung der Kultur, daß er sie im Jahre 278 v. Chr. endgültig besiegte und zur friedlichen Ansiedlung in Galatien zwang. Dort hat sie hernach der Apostel Paulus gefunden. Die Bildhauer aber griffen zu; es geschah im Auftrag des Monarchen. Hier gab es eine ganz neue Aufgabe. Daher »der sterbende Gallier« im kapitolinischen Museum, daher »der Gallier und sein Weib«. Das Weib hängt dem Barbaren schlaff und tot im Arme; er hat sie getötet, um sie vor Schande zu retten, und zückt jetzt das Messer und ersticht sich selber. Es waren aber derartige Plastiken noch viel mehr, die der König aufstellen ließ, um den errungenen Sieg zu verewigen. Das Elend des Feindes zu sehen, schien Triumph. So macht es hernach auch die römische Kunst, aber auch die Dichtkunst; man denke an Äschylus' Perser oder die Horazode IV 4. Drama auch dies, in Einzelfiguren, bis zum höchsten Pathos, aber zugleich historische 206 Denkmäler. Und man übte sich jetzt realistisch an der exakten Wiedergabe fremder Rassentypen. Dieser virtuosen Kunst schien nichts mehr unmöglich. Eine ausdrucksvolle Kunst. Tief ergreifend wirkt noch so manches andere Bildwerk, so vor allem der sog. Alexanderkopf in Florenz. Er ist in Wirklichkeit doch wohl nur der Kopf eines besiegten Giganten; aber ich lese, wie ein moderner Mediziner ihm sein Studium widmet und aus seinem Ausdruck sein Leiden zu bestimmen sucht. Der Leidende scheint sich vor Schmerz zu winden; der Mund öffnet sich stöhnend; das Haar ist wirr, die aufgerissenen Augen wie betränt. Aus diesen Zügen soll sich ergeben, daß es Gehirnfieber, daß es Typhus gewesen ist, woran dieser Mensch, also doch Alexander, zugrunde ging. Nach einem Aufsatz von Dr. W. Hübner in Genf, der davon absieht, daß es sich um den Kopf eines besiegten Giganten handeln könnte. Mag diese Diagnose ganz verfehlt sein; in jedem Fall ist das Bildwerk selbst die Leistung eines Pathologen gewesen. Und darauf folgt dann der schlangenumwundene Laokoon. Da tritt uns endlich statt der Einzelfigur eine Gruppe entgegen, komponiert aus drei Gestalten, die die Kunst des Pathologischen noch steigert, indem sie den Ausdruck der vom Erstickungstod Bedrohten dreifach variiert. Die Könige, die Großen in der Welt, wollten pulsierendes Leben, wollten Sturm sehen. Das hat dann erst recht die Tafelmalerei und die großen Reliefkompositionen ergriffen, die der Malerei gleichkommen und sie noch übertrumpfen. Wir kennen die hellenistischen Gemälde in Proben nur indirekt, aber damit doch ausgiebig genug. Da brodelt und brandet es, ein Hin und Her in den Gruppen, in der bewegten Masse. Man denke an das Speergewirre, an Reiter und Wagenlenker im Kampfgewühl, an das erschreckte Roß, das man von hinten in Verkürzung sieht, in der kostbaren Alexanderschlacht aus Pompeji. Dazu (um vieles andere zu übergehen) der gewaltige, ja, übergewaltige pergamenische Bilderfries mit der Gigantomachie, der in Überlebensgröße gemeißelt ist. Dies grandiose Werk war auf Weitsicht 207 berechnet; denn über 200 Meter hoch stand der Riesenaltar, den es schmückte, über den Wohnhäusern der Stadt; kaum zählbar die kämpfenden Gestalten, die da ineinander wogen, die Götter in der Höhe, die Giganten niedergeworfen am Boden. Das Ganze erfaßte nur, wer den Altarbau rings umschritt. Lauter Zweikämpfe; Himmel und Erde in Aufruhr. Es geht um das Heil der Welt; hier höllische Urkraft, dort Himmelssturm; betäubend für das Auge. Das Göttliche siegt über das gesetzlos Dämonische. Vgl. »Alexander d. Gr.« S. 403. Für die Leistungsfähigkeit der Antike ist dies das Ultra des Möglichen gewesen. Es sei hier noch daran erinnert, daß es nach dem Zeugnis des Claudian auch in Rom, am tarpejischen Felsen, eine Gigantomachie im Relief gab; über ihre Deutung s. meine Schrift »Die Germanen« S. 81. Und dies führt uns weiter zur Wahrnehmung des Kolossalen. Denn in der Plastik kommen jetzt die Kolosse auf; nicht nach Art der Memnonssäule in Ägypten; dies war Barbarenkunst: der rohe Felsen selbst in Menschenform gezwängt. Aber der Steigerung des Baustils mußten gegebenenfalls doch auch die Figuren entsprechen. Reiche Handelsstädte wie Tarent und Rhodos gingen da mit. 40 Ellen hoch stellte Lysipp den Zeus auf den Marktplatz Tarents, und als eins der Weltwunder galt der Koloß von Rhodos, es war der Gott Helios, 70 Ellen hoch, der in Bronze über dem Hafen stand wie heute die Göttin der Freiheit über dem Hudson, dem Hafen New Yorks. Ein Erdbeben aber warf ihn um, und noch jahrhundertelang hat man da die hohlen Riesenglieder der Figur am Boden liegen gesehen; die Finger waren größer als ein Mensch. Solch Riese muß auch der Poseidon gewesen sein, der hoch oben auf dem Leuchtturm Alexandriens stand, ein herrlicher Gedanke. In der Rekonstruktionszeichnung des Leuchtturms, die auf H. Thiersch zurückgeht, scheint mir der Poseidon nicht groß genug gegeben; ein ganz anderes Größenverhältnis der Statue zum Turm zeigt jedenfalls die Münze des Sextus Pompejus (bei Köster a. a. O. Abbild. 55); da ist sie wirklich ein Koloß. Die beste Anschauung aber geben uns die beiden Rosselenker, schwungvoll bewegt und sprühenden Lebens, die heute in Rom auf dem Monte cavallo vor dem Palast del re stehen. So standen dieselben Kolosse gewiß schon einst im Altertum vor irgendeinem der Königsschlösser. Der Fürst will ausreiten; die göttlichen Knechte Kastor und Pollux halten das Pferd dazu am Tor bereit. Die Tiere sind unbändig und steigen hoch. Vgl. v. Sybel a. a. O. S. 349. 208 Neben dem Kolossalen aber steht überraschend endlich das Kind. Der Kontrast ist für jene Zeiten bezeichnend. Das Exzentrische geht ins Kleine wie ins Große. Eine fast fanatische Kinderliebe setzte trotz der Zerrüttung der ehelichen Verhältnisse oder vielmehr in ihrem Anlaß in den höheren Schichten der Gesellschaft ein, besonders bei den Frauen. Man kaufte sie in größerer Zahl zusammen – es gab geradezu einen Kindermarkt – und hielt sie sich zur Zerstreuung oder auch zur Herzerquickung als munteres nacktes Spielzeug in den Palästen. So wurden damals kleine Buben der Lieblingsgegenstand des Malers Pausias. Ja, schon bei der Hochzeit Alexanders des Großen mit Roxane wurden sie im Bild vorgeführt, Kindernachwuchs verheißend, aber so, daß sie, als Amoretten verkleidet, mit Alexanders Waffen ihr kindisches Spiel trieben. Mir scheint nicht richtig, was H. Herter in den Bonner Jahrbb. Heft 132 (1927) S. 255 hierüber bemerkt. Die Amoretten auf dem erwähnten Gemälde waren dieselben wie die, die man als Tanagrafigürchen kennt und die auch nichts weiter als spielende Knäbchen vorstellen (z. B. Rayet Monuments de l'art antique Tfl. 83). Vgl. übrigens meinen Amorettenaufsatz (»Aus dem Leben der Antike« 4 S. 134 ff.), wo auch auf Vorarbeiten verwiesen ist; dazu noch die reizende Szene in Terrakotta, abgebildet als Titelbild zu meiner Schrift »Die Cynthia des Properz«. Diese Verkleidung war auch sonst beliebt; und so beleben sie seit diesen Zeiten in den Bildwerken bald beflügelt, bald ohne diese Zutat und bald einzeln, bald in Schwärmen, wo es irgend zulässig schien, die Szene als allerliebster Zierrat, klettern auf den Rücken des Nilgottes oder sitzen wie ein Täubchen im Vogelkäfig, und der Händler verkauft sie an fürstliche Frauen. Auf dem Geflügelhof läuft solch Bübchen herum und fängt an, heroisch mit einer Gans zu kämpfen, wie Herkules mit dem Löwen ringt. Das gab in Marmor ein entzückend possierliches Bild, als Statuette behandelt. Es war das Werk des Boethos. Das verwandte Bild, das Herondas 4, 30 erwähnt, fällt anscheinend früher. Eine Umwandlung ins päderastisch Obszöne sah ich einst in Rom in der Galerie Boncompagni-Ludovisi Nr. 3; das Bildwerk muß sich jetzt im Thermenmuseum befinden. Nicht mit der Gans, sondern mit dem verliebten Schwan ringt hier der Knabe: eine Umwandlung des Motivs »Leda mit dem Schwan« ins Päderastische.   8. Die Naturforschung Anziehend ist es, von der Kunst, beschwerlicher, von dem Betrieb der Wissenschaften mit Anschaulichkeit zu reden. Es geht auch da um die höchsten Werte; doch darf ich vieles als bekannt voraussetzen. Ausführlicheres über den hier in Kürze behandelten Gegenstand habe ich »Alexander d. Gr.«² S. 296–340 vorgetragen. Die Leistungen, um die es sich handelt, betrafen zum Teil den abschließenden, lehrbuchartigen Vortrag, wie ihn Euklid für die Mathematik in 209 klassischer Weise gab, sie betrafen vor allem die Forschung und das Aufwerfen neuer Probleme. Die Könige aber waren auch hier die Förderer und Patrone, nicht nur in Alexandrien und Pergamum, sondern auch in Syrakus, wo der geniale Archimedes im Dienst seines Landesherrn Hieron experimentierte und forschte. Alexander der Große hatte das Beispiel gegeben, indem er Aristoteles und seine Schule schon mit großen Summen unterstützte. Der Schulbetrieb wurde damit verstaatlicht. Eine Verstaatlichung des Kinderschulwesens gab es nicht, wohl aber jetzt eine der wissenschaftlichen Institute. Denn nicht nur einzelne Forscher erhielten für ihre Unternehmungen gelegentlich Subvention; Die Peripatetiker Theophrast und Dikäarch sind dafür ein Beispiel. epochemachend war, daß die Ptolemäer in ihrer Hauptstadt Alexandrien das für jene Zeiten großartige und vorbildliche Institut, das sich Museum (Museion) nannte, dazu aus Staatsmitteln die erste öffentliche Bibliothek gründeten, diese mit dem Anspruch auf Vollständigkeit. Erst später folgten die Pergamener in rühmlicher Weise diesem Beispiel; die pergamenische Bibliothek erbte Rom. Wir brauchen nicht erst zu sagen, daß dies für die Geisteskultur, für die Geschichte des Gedankenlebens, von unermeßlichem Werte war. Es war eine Rettung; denn das Buch allein ist der Träger der zusammenhängenden Rede derer, die sind und gewesen sind. Prominente Leute wurden berufen; sie gaben ihre Heimat preis und kamen von allen Seiten. Unterrichtsräume wurden geschaffen, Gehälter gezahlt, für Zoologen, Ärzte, Philologen das nötige Beobachtungsmaterial splendide beschafft, die Sektion der Menschenleichen, vor der die ganze Antike sich scheute, endlich freigegeben, seltene Tiere lebendig eingefangen, den Philologen die große Büchersammlung anvertraut. Kunstmaler mußten im Dienst der Botanik und Medizin Pflanzen abbilden, womit man Bücher füllte. Aber man hielt auch darauf, daß die gelehrten Herren sich gut kleideten; sie mußten hoffähig sein. An einem der 210 Bibliothekare – es war sogar der berühmteste Philologe jener Zeiten – wurde leider tadelnd das Gegenteil bemerkt. Es betrifft dies den Aristarch: s. Athenäus p. 21 C. So wuchs nun die Naturforschung über das, was ein Aristoteles mit so großem Fleiß gegeben hatte, bald hinaus. Physik, Mathematik, Mechanik wirkten dabei zusammen; für Metaphysik war dagegen kein Raum, und alle Dogmatik wurde abgelehnt. Man beobachtet Tatsachen, man ordnet sie, und dazu tritt die Hypothese, die den Befund erklären soll, aber auch das Experiment im Dienst der Mechanik. Die experimentierende Mechanik in der Hand eines Ktesibios und Archimedes förderte begreiflicherweise die Naturkunde; sie gründete sich auf die Lehre vom leeren Raum; zugleich aber stand sie im Dienst der Praxis, da sie den Schiffsbau, das Geschützwesen wunderbar steigerte. S. oben S. 106 . Aber auch die Selbstbewegung der Körper, das Lokomobil, ist da in wunderhübschen Proben schon erzielt worden; allerlei Automaten wurden geistreich hergestellt, ohne freilich das Kulturleben wesentlich zu beeinflussen. Sie wurden bewundert, aber nur zum geringsten Teil praktisch verwendet. Über Marionetten und anderes, was dazu eine Ausnahme bildet, s. »Alexander d. Gr.« S. 329. Schon viel, daß der Selbstkocher, der »Samowar«, allgemein in Benutzung kam. Vgl. A. Mau, »Pompeji«² S. 398. Man wußte noch wenig von der Ausnutzung des konzentrierten Dampfes, nichts von der der elektrischen Kräfte oder gar von Benzin und Benzol; sogar die Magnetnadel schlummerte noch in Verborgenheit; sonst hätte die Welt unser gehetztes 20. Jahrhundert vielleicht schon vor Christi Geburt vorweggenommen. Der Süden sonnte sich noch immer im holden Müßiggang nach kurzer Arbeit, und die Forschung war noch Musendienst. Aber man wußte: auch das Weltall ist der große Automat, da es sich vor unsren Augen selbst bewegt. Auf seine Erforschung warf sich darum der Physiker mit gespanntestem Eifer. Zunächst unser Erdball. Man wurde mit ihm immer vertrauter; denn die Enge war endlich gesprengt; man kannte jetzt den Indischen, den Atlantischen Ozean; man kannte von England und der Nordsee bis zu den Grenzen Chinas und 211 zum Ganges die drei Weltteile, die das kleine Mittelmeer umlagern, und dachte schon an die Möglichkeit, das Erdenrund zu umsegeln und über den atlantischen Ozean westwärts fahrend die Ostküste Ostindiens zu erreichen. Man maß ferner die Länge der Landstraßen, mit Hilfe davon aber auch die Größe der Länder, durch die sie führen, und zog daraus rechnerisch die Folgerungen, übertrug die Pole des Himmels und den Himmelsäquator auf die Erdkugel und berechnete schon annähernd richtig die Länge des Erdäquators, erhob den Blick und taxierte danach auch schon die Größe des Mondes, der Sonne. Neue Landkarten wurden entworfen, in die man schon die Erdmeridiane eintrug. Die Erde, auf der man stand, war für die Frommen nur ein Schemel zu Gottes Füßen, für den Forscher gleichsam nur ein Observatorium, das zwischen den Himmelssphären hing. Wie stand nun diese Erde zur Sonne? Archimedes baute sein sich selbst bewegendes Planetarium noch im Glauben an die Lehre von der geozentrischen Welt: die Erde das Zentrum; um sie schwingen sich die Sphären. Auf Grund der Sternkunde, die Eudoxus zu Plato's Zeit den Ägyptern und Babyloniern abgelernt hatte, war das Weltsystem oder der Kosmos in diesem Sinn von Plato und Aristoteles, wie es schien, endgültig aufgebaut worden. Aber das Problem war nicht restlos gelöst, und es blieb zuviel Unerklärliches. Ein Kopernikus war nötig, um an dem Zentrum der Welt zu rütteln, und er fand sich eben zu des Archimedes Lebzeiten; Aristarch ist sein Name. Die runde Welt des Aristoteles brach ein; die Erde wurde jetzt an den Himmel versetzt; sie wurde, wie schon die alten Pythagoräer es wollten, zum Planeten entwertet, zugleich aber die Sonne selbst, anders als die Pythagoräer es gewollt, der ruhende Mittelpunkt des kosmischen Systems, die Sonne die Nabe im Rad, um die alles Planetenhafte sich dreht. So weitet die Welt sich ins Unberechenbare; denn die Fixsterne stehen nunmehr weltenfern, die Sonne als Fixstern mitten unter ihnen. 212 Diese Gedankengroßtat – ein Blitzlicht, durch das All geworfen – gehört noch dem 3. Jahrhundert v. Chr. an. Aber das Licht erlosch, und die Lehre des Aristoteles blieb trotzdem in Herrschaft. Keine Zeile aus der Feder jenes Aristarch ist uns erhalten. Warum? Man kann sich schon die naiven Fragen seiner Gegner denken: sollte die Erde und mit ihr der Erdenmensch zur Nichtigkeit werden? und die Götter selbst disloziert? Von welcher Stelle aus sollte Jupiter den Kosmos hinfort noch hüten? Vorzüglich deshalb aber hat sich die neue Lehre nicht durchsetzen können, weil eben damals aus Babylon die abergläubische Sterndeutung, die Astrologie der Magier eindrang, die den Einfluß der Gestirne und ihrer Konstellationen auf die Erdendinge lehrte, die also die Erde als Mittelpunkt, den Menschen als Zweck des Ganzen unbedingt voraussetzte. Die Stoa, die auch sonst die Vorherbestimmung aller Schicksale predigte (oben S. 185 ), machte sich die Astrologie als höchste aller Wissenschaften sofort zu eigen. Der Einfluß der Stoa ist es gewesen, der das aristotelische Weltbild sicherte, das auch das Weltbild der Bibel ist. So mußte die Sonne noch fernerhin anderthalb Jahrtausende um die Erde laufen, bis endlich die große Wahrheit wieder frei wurde. Was der päpstlichen Kirche zum Trotz Kopernikus und Galilei durchsetzten, ist nur Renaissance, nur die Wiedergeburt dessen gewesen, was einst schon der freisinnige Hellenismus divinatorisch begriffen hatte.   9. Philologie und rückschauende Studien Der Entwicklung der Verhältnisse unter Roms Weltherrschaft, die in so mancher Hinsicht einem schlimmen Rückgang gleichkam, ist es zuzuschreiben, daß so vieles im Hellenismus Erworbene wieder verloren ging; so auch die Anatomie im Dienst der Heilkunde. Unverloren dagegen blieben die 213 Leistungen der Philologie, wenn wir nur auf das Wesentliche acht geben. Es waren vor allem die Bibliotheksverwalter in Alexandrien, die, Schule bildend, durch etliche Generationen rastlos und mit Bienenfleiß das Bedeutsamste leisteten. Für die Bibliothek kauften die Ptolemäer selbst, vornehmlich der zweite, mit Gier alles an, was an Büchern irgend zu erreichen war. Aber erst jene Gelehrten haben die klassische Literatur eigentlich gerettet. Sappho, Pindar, Äschylus, Plato – wer nennt all die Namen? – wurden von ihnen durch Ordnung ihres Nachlasses und vor allem durch Neuausgabe in zeitgemäßer Buchform dem Publikum aufs neue zugänglich gemacht. Man denke sich die Mühsal, die das bereitet hat. Zu Schiff kamen übers Meer von allen Seiten aus Privatbesitz die Epen und Dramen, Hymnen, Reden, Tierfabeln; alles durcheinander. So füllten sich am Hafen Alexandriens die Speicher zunächst mit wüsten Haufen. Name und Titel der Werke standen schwer lesbar auf dem Rücken der dicken Konvolute, die aufgerollt bisweilen 100 Fuß lang waren und oft aus mehreren aneinandergeklebten literarischen Werken bestanden. Dabei gab es viele Dubletten mit oft abweichendem Wortlaut. Vieles war auch zerbröckelt; denn ein benutzter Papyrus hält sich nicht lange. Preisen wir also die damalige junge Philologie für das, was sie geleistet! Übrigens wurden auch fremdsprachige Werke herangezogen; man übersetzte sie ins Griechische. So ist vom Königshaus der Ptolemäer selbst im Interesse der großen Judenkolonie in ihrer Hauptstadt die für uns so wichtige Übersetzung des Alten Testaments, die Septuaginta, veranlaßt worden. Aber auch Fälschungen wurden gemacht; man schob Dichtern, von denen sich kein Nachlaß vorfand, selbstfabrizierte Tragödien unter, so auch dem Religionsstifter Zoroaster allerlei wüste Zauberbücher, ein Zeichen dafür, wie viel damals Zoroasters Name bedeutet hat. Unter Zoroasters Namen ging ein Buch über Edelsteine, d. h. über magische Steine, um (Suidas s. n.); aber gewiß viel mehr. Hermippus, der im 3. Jahrhundert lebte, referierte über die Schriften Zoroasters, deren Bücher 2 Millionen Zeilen enthielten (Plinius nat. hist. XXX 4). Das kann nicht Finte sein. Denn dies ist derselbe Hermippus, der damals auch das zuverlässigste Schriftenverzeichnis für Theophrast lieferte. Er behauptete übrigens, Zoroaster habe 5000 Jahre vor dem trojanischen Krieg gelebt. Solche Ansätze machte man zur Propaganda der persischen Glaubenslehre. Wie ausgedehnt damals die Literatur über persische Magie war, zeigt auch Diogenes Laertius, Proöm. 8 ff. 214 Wie herrlich war es nun, in die schönen Räume der neu erbauten Bibliothek einzutreten, wenn die Literatur endlich in den Schränken und Börtern verteilt lag! Man ordnete sie wie heute nach den Materien. Die Benutzer konnten dort in der großen Wandelhalle selbst studieren. Man las und schrieb nicht an Tischen; man schrieb auf der freien Hand. Das Licht fiel in der zweistöckigen Halle aus hohen Fenstern von oben. Musenbilder schmückten den Raum; der Fußboden wurde grün gehalten, für das Auge die günstigste Farbe. Der Bücherraum selbst hatte gelegentlich eine umlaufende Wandfläche von 45 Metern. Aber nicht nur an den Wänden, auch in der Mitte des Raums gab es Büchergestelle, diese jedoch nicht höher als 6 Fuß. Man brauchte keine Leitern. Diener waren zur Hand; aber der Benutzer durfte auch selbst in den Büchersaal eintreten und fand sich leicht zurecht. Denn Bücherkataloge halfen; auch waren die Schränke numeriert, die Börter in »Nester« geteilt, die wohl gleichfalls Nummern trugen. Der Titel hing auf einem bunten Zettelchen auswärts am Buche. So war der Bestand der Literatur gesichert; neue Abschriften in handlicher Buchform wurden in den Handel gegeben. Aber jene Gelehrten taten mehr; sie schufen rückschauend eine Literaturgeschichte, die sie aufbauten unter Zugrundelegung chronologischer Studien und mit sorglicher Unterscheidung der Literaturgattungen, für die sie die Fachausdrücke feststellten. Zugleich wurden mit großer Gelehrsamkeit die Texte erklärt, Echtes von Unechtem gesondert, und es entstanden Kommentare in Fülle, aus denen uns reiche und unentbehrliche Auszüge erhalten sind. Dabei schien auch das Geringste von Wichtigkeit, und man stellte fest, wie Sapphos Bruder hieß, wie einer der Tänzer hieß, den Äschylus benutzte, Athenäus p. 21 F. wie der Buchschreiber hieß, dem Thukydides sein Geschichtswerk diktierte, Athenäus p. 234 E. welche Parfüms die Königin Stratonike liebte u. a. m. Athenäus p. 689 A. Man sammelte seltene Wörter, und das Lexikon bereitete sich vor, sammelte auch Lehnwörter, 215 die aus dem Persischen stammten, Athenäus p. 122 A. sammelte die Benennungen der Trinkgefäße mit Belegen aus Dichterstellen S. oben S. 117 , Anm. "Auch A. Furtwängler bestreitet...". usf. Philologie und kein Ende? So sei denn auch noch an die eigentliche Grammatik erinnert; denn von diesen Alexandrinern ist endlich auch nach vorbereitenden Debatten über Analogie und Anomalie der Formgebungen die erste Schulgrammatik ausgearbeitet worden, Es ist die τέχνη des Dionysius Thrax, mit den Scholien. ein Lernbuch für den, der nicht griechisch konnte. Aber auch der Grieche lernte seine eigene Sprache aus der Grammatik erst recht verstehen. Dies wurde das bescheidene Musterbuch für alle Schulgrammatiken bis heute. Alles das war Kulturarbeit, aber es war nur retrospektiv, und es erhellt leicht, was das für die Geistesgeschichte bedeutet. Die Welt ist altklug geworden. Man fragt nicht mehr nach Zukunft; es handelt sich nur um das Gewesene. Man zieht die Summe des Geleisteten. Der Jugendquell ist ausgetrocknet. Dies fühlte man, und ein Strich wird gemacht. Die Entwicklung ist abgeschlossen. Denn für alle Literaturgattungen, die denkbar schienen, waren jetzt Musterbeispiele vorhanden. Man bestimmt, welche Redner, welche Tragiker als klassisch gelten sollen; eine Fortsetzung des Epos wird geradezu verpönt. Die Produktion großen Stils war tatsächlich erschöpft, und es schien das beste, die herrlichen Gaben der Vergangenheit genau zu kennen und lebendig zu erhalten. Man hielt darauf, den alten Hesiod, Mimnermus, sogar Empedokles mit Musik vor großem Publikum neu zu Gehör zu bringen. Athenäus p. 620 C ff. Es ging so, wie bei uns. Seit von uns Goethe und Schiller philologisch verarbeitet werden, gibt es nicht ihresgleichen mehr. Das Epigonentum reckt und spreizt sich vergebens. Daher auch die Wut des Zitierens. Sentenzen aus den Klassikern anzuführen wurde damals bei den Schriftstellern zur Manier, oft bis zum Unleidlichen; Vgl. z. B. den Machon, der den Euripides ausschreibt (Athen. p. 578 D). Dies war auch das Laster des Philosophen Chrysipp u. a., und es geht bei den Römern weiter, auch bei Plutarch u. a. man spickte seine kargen Elaborate damit. Je unfähiger man ist, selbst 216 Gedanken treffend zu formulieren, je mehr zitiert man andre und hat außerdem den Glorienschein köstlicher Belesenheit. Was aber nützt der Schein, wenn man nicht selber leuchtet? Ich könnte noch fortfahren. Nicht nur Literaturgeschichte gab's; von berufener Seite wurde auch eine Künstlergeschichte ausgearbeitet; auch eine Geschichte der Hetären. Machon in Trimetern. Für die Künstlergeschichte ergab sich der entwicklungsgeschichtliche Gesichtspunkt von selbst; aber es standen in diesen Büchern auch all die netten Anekdoten wie vom Pferd, das wiehert, wenn es sich gemalt sieht, von den Vögeln, die an den gemalten Trauben pickten, oder vom Maler Apelles, der den Rivalen Protogenes in seinem Atelier auf Rhodos besucht. Er kommt. Der Genannte ist nicht zu Hause. Da zieht Apelles auf einer Tafel mit dem Pinsel nur eine feine Linie und geht fort. An ihr wird Protogenes gleich erkennen, daß kein Geringerer als Apelles gekommen war. Das trifft zu; aber Protogenes zieht mit anderer Farbe eine noch feinere Linie über die vorige, verschwindet und denkt: daran soll Apelles erkennen, wer ich bin. Apelles tritt wieder ein, bewundert, was er sieht, aber zieht noch seiner eine dritte Linie, die die vorigen durchquert; da erklärt sich Protogenes für besiegt; aus den Rivalen werden Freunde; die Tafel aber wurde in memoriam von der Künstlerschaft noch lange Zeiten aufbewahrt. Zu dem allen kam, noch wichtiger, eine Geschichte der Philosophen. Hierfür ist Theophrast Hauptname, aber auch Sotion, der die Diadochie der Philosophenschulen herstellte. Die Kontinuität im Entstehen der philosophischen Systeme sollte sich aus ihr ergeben. Die Hauptlehrsätze der Denker von Thales bis zur Stoa wurden dabei aufnotiert, und wer das las, brauchte nun den alten Empedokles oder Heraklit gar nicht mehr in die Hand zu nehmen, so wie man heut über Hume oder Leibniz hinlänglich Bescheid zu wissen glaubt, ohne ihre Schriften selbst zu lesen. Endlich aber häuften sich jetzt auch die technischen Lehrschriften, nicht nur über Bergbau, über Gartenbau, über Kochkunst, Über Bergbau in Indien schrieb Gorgos; er tat es offenbar im Interesse der Geldwirtschaft der Seleuciden oder der Ptolemäer; denn es handelte sich um die indischen Gold- und Silbergruben. sondern auch die bildenden Künstler ließen sich herab, fachmännisch über ihr Handwerk zu schreiben. Dies taten sowohl Apelles wie Protogenes, beide in drei Büchern; aber auch Xenokrates und Melanthios ( Diog. Laert. IV 18). Wir läsen 217 es gern; aber der Untergang hat nur allzuviel Schriftwerke des hellenistischen Zeitalters betroffen. Vor allem war es Aristoteles, der schon vorher rückschauend eine Theorie der Dichtkunst zu geben versuchte. Es ist die berühmte Poetik, die bei unsren Bühnendichtern lange Zeit als geradezu biblische Autorität gegolten hat. Sie liegt uns nur in verkürztem Zustand vor. Zweifellos steht vieles überaus Kluge und Wertvolle darin, was dauernde Geltung hat und behalten wird. Seine Lehrsätze über das ernste Drama belegte Aristoteles mit Beispielen; aber er benutzte dabei von der vorliegenden dramatischen Literatur nur, was ihm paßte, und sein Regelzwang engte die Freiheit der Dichter ungebührlich ein. Er war eben selbst kein Dramatiker, sondern nur Theoretiker und Laie. Des Aristoteles Poetik eingehender zu behandeln ist mein Plan. Es würde dann, was hier nur kurz angedeutet worden ist, seine Begründung finden. Man denke nur an die Forderung, daß die Handlung jedes Stücks sich an einem Tag abspielen müsse. Welche Not das der französischen tragischen Bühne bereitet hat, weiß jeder heut aus Lessings Dramaturgie. Zum Glück gab es schon im Altertum Poeten, die das fröhlich in den Wind schlugen. So geschehen z. B. in des Plautus Captivi. Zu einer Neubelebung des tragischen Spiels hat des Aristoteles Poetik im Altertum wenig oder nichts beigetragen. Die alexandrinische »Plejade« ging augenscheinlich ihre eigenen Wege und war schwerlich von Aristoteles beeinflußt. Ihre Existenz war ein Zeichen des Absterbens. Die Theorie, wenn kein Fachmann sie gibt, tötet eher, als daß sie befruchtet.   10. Das Ende Künstler, Dichter und Gelehrte in Fülle: wir haben sie an der Arbeit gesehen. Zu gleicher Zeit aber ging die politische Geschichte weiter, und der große Umsturz kam von Westen, aus dem nicht griechischen Europa, er kam von Rom. Der Orient war nicht in einer Hand, also militärisch schwach. Während Handel und Wandel gedieh und die Bevölkerungen bei Tagesarbeit und Festfeiern sich wohlbefanden (von einer Fürsorge für Arbeitslose hören wir für diese Kulturgebiete nichts; sie wurde erst in Rom nötig), fehlte doch der politische 218 Zusammenhalt der Länder, und das weite Morgenland brach in all seiner Herrlichkeit zusammen, als Rom daran zu rütteln begann, Rom, das, nach dem es im Jahre 290 v. Chr. Herrin ganz Italiens geworden, seine Fangarme habsüchtig auch über die Meere streckte. Die Griechen gaben acht; denn die Fühlung fehlte nicht; hatte doch schon Alexander der Große eine Gesandtschaft nach Rom geschickt; »Alexander d. Gr.« S. 458 Anm. 27. Strabo S. 232 bezeugt dasselbe auch noch für Demetrius Poliorketes. erstreckt sich doch Theophrasts Pflanzenkunde auch auf die Vegetation Latiums. Zwischen Rom und dem griechischen Orient war keine Planke aufgebaut, die den Blick der Griechen hemmte, und es gab unter ihnen nicht nur rückschauende Geister. Als Rom im Jahre 272 auch das prachtvolle Tarent, die letzte bedeutende Hochburg des Griechentums in Italien, nahm und plünderte und der so stolze Griechenkönig Pyrrhus von Epirus der römischen Kriegskunst erlag, war die Erschütterung groß. Ein Tor, der nicht acht gab! und eine griechische Dichtung politischen Charakters entstand, in der wir Kassandra, die trojanische Seherin, auftreten sehen, die nach Trojas Untergang weissagend die Stimme erhebt, die ganze Weltgeschichte der Folgezeit enthüllt und zum Schluß jenes Rom, das seinen Ursprung ja von den Trojanern des Äneas herleitete, neidlos zu seiner neuen Großmachtstellung beglückwünscht. Lykophron, der der ersten Hälfte des 3. Jahrhunderts v. Chr. angehört, ist der Verfasser. Über die Ansichten der Gelehrten, die sein Gedicht in eine spätere Zeit hinabzudrücken versucht oder gar eine Interpolation bei Vers 1435 ff. angesetzt haben, hat K. Ziegler in Pauly-Wiss. R. E. XIII S. 2354 ff. trefflich referiert, sich aber leider der ersteren dieser Hypothesen angeschlossen. Ich bin anderer Ansicht und habe dies schon »Alexander d. Gr.«² S. 490 begründet. Hier sei noch einiges hinzugefügt. Es handelt sich vor allem um das ᾧ und das μεϑ' ἔκτην im Vers 1446 des Gedichtes. Ziegler versteht unter γέννα die Generation und sucht neuerdings (Philol. Wochenschr. 1928 S. 94 f.) im Königtum Mazedoniens wirklich 6 Generationen festzustellen, was indes nur bei unglaublich künstlicher Rechnung möglich, also unannehmbar ist. Auch sonst aber ist dieser Weg der Interpretation nicht gangbar. Ziegler bezieht, wenn ich ihn recht verstehe, den Vers 1445 auf Antigonos Gonatas oder gar auf dessen Großvater Antigonos, den er als mazedonischen König mitzählt, und auf denselben dann auch das ᾧ im Vers 1446. Mit diesem Antigonos selbst kann der Römer aber doch nicht »nach der sechsten Generation« gekämpft haben; oder ist es möglich, daß man gegen einen Menschen noch nach der sechsten Generation zu Felde zieht? Der Römer, der mit dem unter ᾧ zu verstehenden Fürsten kämpfte, muß doch vielmehr mit diesem selbst gleichzeitig gelebt haben. Dieser Fürst, auf den das ᾧ zurückweist, gehörte auf alle Fälle der Zeit des Dichters der Alexandra selbst an; also gilt das auch von dem römischen παλαιστής des Vers 1447, der gegen ihn auftrat. Daraus folgt zwingend, daß das vorwiegend nur poetische und darum vieldeutige γέννα hier gar nicht Generation heißt, sondern Jahr, Geburtsjahr, das entspricht durchaus der änigmatischen Orakelsprache, die in diesem Gedicht herrscht. Es ist an die γενέϑλιος ἡμέρα , die γενέϑλια des Fürsten gedacht, nach deren sechsmaliger Wiederholung der hier erwähnte Kampf stattgefunden hat. Die Auslegung des μεϑ' ἕκτην γένναν , die Holzinger S. 383 gegeben hat, muß also gelten, ebenso seine Deutung des Pronomens ᾧ . Daß die Anklänge an die »Alexandra«, die man bei Euphorion findet, auf Nachahmung von seiner Seite beruhen, ist evident, denn diese hochpolitische Dichtung war als solche in der sonst den politischen Dingen so abgekehrten poetischen Produktion jener Zeiten ein nicht zu übersehendes literarisches Monument großen Stils. Daß endlich der Grammatiker Theon die Alexandra einem jüngeren Lykophron von sehr fraglicher Existenz zuschrieb, war offenbar vage Hypothese und beruhte auf Nichtkenntnis der politischen Lage um das Jahr 272 v. Chr., die verzeihlich ist. In vieler Beziehung stimme ich also dem, was Holzinger sowie Corssen (Rhein. Mus. 68 S. 321 ff.) vorgetragen, zu, möchte übrigens auch jetzt noch für Vers 1449 die leise Textänderung πρέσβιστος ἐμφύλοισιν ὑμνηϑήσεται , die ich schon früher vorschlug, empfehlen. Vgl. »Alexander d. Gr.« S. 490. Die Buchschreiber des Altertums haben uns dieses denkwürdige Poem, ein politisches Dokument, das dem weissagenden Buch Daniel gleicht, sorglich erhalten. Aber es kam überwältigender, als der Verfasser es dachte. Schon hundert Jahre danach lag eine siegreiche römische Kriegsflotte vor Ephesus an Kleinasiens Küste, im Kampf mit Syrien. Die römischen Feldherrn traten in den Griechenstädten wie die Fürsten auf, und die Gesandtschaften, die, um glimpfliche Verträge zu schließen, nach Rom eilten, fanden dort »einen Senat von Königen«. Rom fühlte seine Kraft, und die Königsmächte Mazedonien, Syrien, Ägypten brachen klirrend zusammen, wie Glas unter dem Hammerschlag. Zu Cicero's Zeit war alles vollendet und das Weltreich 219 Alexanders durch Rom erneuert, ein Weltstaat, der dehnbar Republiken und Königreiche verschluckte und durch ein halbes Jahrtausend den Sturm der Zeiten bestanden hat. Der Grieche war immer Bewunderer des Erfolges. Was sollten ihm noch die bisherigen Residenzen der Könige? Alles, was strebte im Guten und im Übeln, strömte alsbald in die unschöne Barbarenstadt der sieben Hügel, und die Hochkultur des Hellenismus wurde jetzt Roms wertvollste Beute. Polybius, der Grieche, wurde schon in der Scipionenzeit (um 160 v. Chr.) der vornehmste und beste Geschichtschreiber Roms; seine Psyche atmet schon echten Römergeist. Unter griechischer Anleitung entstand schon im Jahre 240 ein römisches Theater, weiterhin ein Schulwesen, eine Rechtsphilosophie. Als endlich das Kaisertum sich aus Roms Bürgerkriegen erhebt, ist Weltfriede das Ergebnis; der Pazifismus beherrscht einmütig in Ost und West die Seelen; der materielle Reichtum steigert sich noch allerorts; aber der Orient ist fortan nur noch unterjochtes Hinterland. Auch für die nun zweisprachige Weltliteratur ist Rom das Zentrum, es ist das Zentrum des Buchhandels auch für die Griechen geworden. Die griechische Schriftstellerei setzt sich in der Kaiserzeit noch unendlich fort – man denke nur an Dio, den »Goldmund«, Ptolemäus, den Geographen, Galen, den Arzt, an Lucian oder an die Philostrate –; aber was sie bieten, ist ohne Rom nicht so, wie es ist, zu denken. So wird denn Rom für den, der die Kulturgeschichte der Antike behandelt, nunmehr der wichtigste Gegenstand. Das orientalische, auch nicht mehr rassenreine Griechentum liefert fortan dorthin die Seiltänzer und Seelsorger, die Kammerdiener und Ärzte, Dekorateure und Athleten, Tänzerinnen und Bajaderen, ein Zufluß ohne Ende. Alles das waren Handlanger für die Freuden Roms und für sein Wohlbefinden. Immer noch war der Grieche zwar der geistig regere und reichere; aber er war entwürdigt und tief gedemütigt; Verachtung lohnte ihn, und wurde er gut behandelt, so war es Gnade. 220 Warum und woher dieser klägliche Sturz? Es waren der Gründe viele, die wir nicht aufzählen. Doch lohnt es zum Schluß zu hören, was einmal eine Römerstimme uns sagt. Das Volk in Waffen hat den Beruf zu herrschen. Der Verfall der Manneszucht bei den Griechen, das Nachlassen der Männererziehung im Staatsdienst, war Schuld; Schuld war die Entmilitarisierung. Das Söldnerwesen hatte die Bürgerwehr abgelöst, und man trieb in bürgerlichen Kreisen nur noch gymnastischen Sport, wie auch wir Deutschen es tun. Ein Volk, dessen Jugendwehr nur Sport treibt, ist dem Untergang bestimmt. Vgl. Plutarch, Quaest. rom. 40: τοῖς Ἕλλησιν οἴονται (Ῥωμαῖοι) μηδὲν οὕτως αἴτιον δουλείας γεγονέναι καὶ μαλακίας ὡς τὰ γυμνάσια . . . . . ὑφ' ὧν ἔλαϑον ἐκρυέντες τῶν ὅπλων καὶ ἀγαπήσαντες ἀνϑ' ὁπλιτῶν καὶ ἱππέων ἀγαϑῶν εὐτράπελοι καὶ παλαιστρῖται καὶ καλοὶ λέγεσϑαι Wir können hinzufügen: dem Untergang bestimmt ist das Volk, das überdies nur noch Ästhetik treibt und sich verliert in religiöse Sektenbildungen. Auch das traf für jene Griechen zu. Möge es nicht für uns gelten. 221   Die römische Hochkultur 1. Vorbereitendes Wir fahren nur im gleichen Gegenstand fort, wenn wir nunmehr von der Kultur der Römer reden; denn diese war nur die Fortsetzung der hochgetriebenen griechischen, die ich besprach. Eine Kette glänzender Perlen gleitet durch unsre Hand; sie scheinen an Glanz und Volumen noch zu wachsen, je weiter wir schieben; aber es ist immer noch dieselbe Kette. Das Weltgriechentum hatte Italien geistig, aber auch durch Zuwanderung, die immer mehr sich steigerte, zu überströmen begonnen, und der römische Hellenismus, dem wir uns zuwenden, entstand. Das starke römische Blut gab dem Hellenismus, dem es sich unterwarf, ganz neue Kräfte, einen herberen Zug, den Zug ins wuchtig Brutale, aber auch ins überaus Großartige und Majestätische, das aller Nachwelt unvergeßlich blieb. Wir werden es sehen. Denn das Kulturbild, das jetzt vor uns auftaucht, steht auf dem Goldgrund des römischen Kaisertums, und dieser Goldgrund leuchtet märchenhaft durch alle Zeiten. Es ist die Macht, die sich in Schönheit kleidet; aber wir spüren überall ihre derben Hände; denn eine Welt von Untertanen galt es zu bändigen und zum sogenannten Völkerglück gleichmäßig zu erziehen. Wie viele Werte dabei verloren gingen, ist schon gesagt. Eine Regelung des Völkerlebens in festen Ordnungen wurde in der Tat in großartiger Weise und mit hervorragender staatsmännischer Klugheit hergestellt; denn der Weltfriede war da, die Furien des Kriegs lagen endlich in Ketten; ein sorgloses Wohlleben konnte gedeihen, phantastische Prachtliebe sich entfalten; auch der Arbeitslose fand aus den scheinbar unerschöpflichen staatlichen Mitteln Zeitvertreib in Fülle und tägliche Verköstigung. Aber die geistigen Interessen steigerten sich nicht; sie blieben in ihrem Wachstum stecken. Wo der Reichtum herrscht, wird die Arbeit unbequem. Wozu nach allzu schwierigen Problemen 223 greifen? Man lebt, um zu genießen, und zehrt gemächlich von den Früchten, die die Gedankenarbeit einer denkenderen Generation hinterlassen hat. Das große Otium, die Zeit des Feierabends schien gekommen. Auch der weite griechische Orient zeigte sich in den Jahrhunderten, von denen nunmehr zu reden ist, stiller und unproduktiver als sonst; aber er war es, der dem Römertum schließlich doch noch einen überwältigend neuen Inhalt brachte; das war das griechische Christentum, ein neuer geistiger Schatz, mit dem sich wuchern ließ und der sich als unversieglich erweisen sollte. Denn auch der römische Kirchenglaube stammt nicht aus Rom; er war die letzte Gabe des Weltgriechentums, in der die Antike sich vollendet hat. Reden wir gleichwohl nach dem Herkommen von römischer Kultur. Als Waffenhandwerk, als Handel und Münze und Straßenbau, als römisches Recht, als römischer Glaube hat sie sich dereinst über Europa ausgebreitet, und wir zehren noch heute von ihr, denn wir sind Kindeskinder und Erben jener fernen Vergangenheit. Die römische Kultur hat im Mittelalter die modernen Völker erzogen, und sie tut es zum Teil noch jetzt. Ihr Ausgangspunkt aber war die eine Stadt am Tiberfluß, nach der heute Forscher und Neugierige, Andersgläubige und Rechtgläubige wallfahren: Rom, einst nur ein befestigtes Dorf rauflustiger Landbauern, gegenwärtig und schon seit Jahrhunderten das denkwürdige Reiseziel der Menschen. Rom trägt seine eigene Vergangenheit sichtbar in seinem Schoße. In seinen Bauten tritt sie uns entgegen. Bahnhof, Finanzministerium, Rokokokirchen, Berninibrunnen, Sankt Peter – schon das weist aus unserer modernen Zeit unmittelbar vier Jahrhunderte nach rückwärts. Lateran, Santa Maria Maggiore und in Cosmedin, Konstantinsbogen – das ist weiter ein Jahrtausend. Aureliansmauer, Engelsburg, Pantheon, Kastorentempel, Tabularium des Sulla, Cloaca maxima – das gibt wieder ein Jahrtausend. So steht in Rom 224 alles nebeneinander. Welch unermeßliche Entwicklung an ein und demselben Fleck der Welt! Wenn wir hier von römischer Kultur reden wollen, welches Stadium der Entwicklung sollen wir zeichnen? Kultur ( cultura ) ist ein lateinisches Wort; es bedeutet eigentlich nur den Ackerbau. Aber ein Volk, das vom Nomadenleben zum Ackerbau übergeht, wird damit noch nicht sogleich ein Kulturvolk in unserem Sinne. So dachten die alten Römer selbst, die uns sagen: das Leben des Landmanns ist kulturlos, weil er nur mit dem Vieh verkehrt; erst die Städte bringen die cultura (Vegetius). Eine religiöse, eine kaufmännische, eine künstlerische Volkserziehung, vor allem eine Vergesellschaftung, eine Staatenbildung muß hinzukommen. Erst der so erzogene Mensch ist imstande, die Kräfte der Natur sich planvoll dienstbar zu machen; erst er ist Kulturmensch. Am besten und kürzesten sagen wir: ein Kulturvolk ist ein solches, das lesen und schreiben kann. Denn nur wo Schrift ist, ist Tradition. Nur wo Tradition ist, ist Fortschritt. Ist dies richtig, so sind die Römer, bevor sie von den Griechen lernten, ein Kulturvolk gar nicht gewesen, denn ihnen fehlte die Schrift. Von den Griechen entlehnten sie das Alphabet, und zwar im 7. oder 8. Jahrhundert v. Chr. Was es damals rings um Rom an Kulturwerten gab, war direkt oder indirekt griechischer Herkunft, nicht nur die Schrift. Mit dem weiteren Wachsen Roms wuchs daher auch der griechische Geist in Rom. Der Besiegte erzog und bezwang den Sieger, und die Römer wurden die ersten überzeugten Humanisten. Gleichwohl behauptete der Besiegte seine Eigenart; er betrachtete die Machtmittel des Siegers als seine Beute, Die Römer sind omnium utilitatium et virtutum rapacissimi nach Plinius Nat. hist. 25, 4. wandelte die griechischen Bildungsfaktoren im Dienste seines Temperaments und seiner Zwecke um, übersetzte sie in seinen Geist und in seine Sprache, schablonisierte sie, um sie auf alle Verhältnisse und Orte zu übertragen, und es gelang ihm, sie für lange Zeit den großen Verhältnissen eines Weltreichs anzupassen. Silen, Silberrelief aus Miletopolis in Phrygien im Berliner Museum, um 200 v. Chr. Nach Winnefeld, Hellenistische Silberreliefs (78. Berliner Winckelmannsprogramm 1908), Tafel 1. 225 Aber eigentlich erst die Zeit des römischen Kaisertums seit Augustus hat das Kulturwerk vollbracht, indem sie die Welt in Verwaltung nahm und organisierte und mit den eigenen Zwecken und Idealen erfüllte. Daher ist es die römische Kaiserzeit , die große Zeit des Weltfriedens, auf die wir im Nachfolgenden vornehmlich acht geben werden. Es sind gemeint die Jahre 30 v. Chr. bis etwa 200 n. Chr., die Zeiten von Kaiser Augustus bis zu Nero und Trajan und weiter bis Mark Aurel und Septimius Severus. Nur zur angemessenen Einführung sei zuvor auch ein Blick auf das werdende Rom geworfen. Italien liegt als gewaltige Landzunge lang vorgestreckt im Meer. Aber die italienische Nation ist heute trotzdem kein Volk von Seeleuten und war es auch in den ältesten Zeiten nicht. Rom ist nicht am Meer erbaut worden, und daher, weil es, anders als Athen und Karthago, als Landmacht heranwuchs, ist es so nachhaltig siegreich gewesen. Vgl. Ciceros Urteil hierüber: »Römische Charakterköpfe« S. 17. Italien war damals wasserreich, die Gebirge vom Urwuchs der Wälder erfüllt. Schon in prähistorischer Zeit aber wurde gerodet, und die Feldbestellung entwickelte sich. Um das Jahr 1000 v. Chr. kommt die Verwendung des Eisens in Italien auf; eben dies ist die Zeit, wo auch das Gräberwesen beginnt; die ältesten Schachtgräber, die gefunden sind, weisen so weit hinauf. Die Ackerbauer aber sammelten sich in befestigten Dörfern, wo sie auch ihre bewegliche Habe bergen konnten. Wer heute den Apennin entlang fährt, sieht auf allen Höhen kleine Städte schimmern in Unzähligkeit; oft sind es nur Plätze zu 2000 Seelen. So nisteten auch damals schon jene Dörfer überall hoch auf den Bergen, wo man vor Überfällen der Nachbarn sicher war. Handelsstraßen zu Lande fehlten. Die Volksstämme verbündeten oder befehdeten sich und führten ein Stilleben, ohne viel zu fragen, wer jenseits der Grenzen des nächsten Nachbarn die Ackerfurche zog. Die dichten Wälder bildeten die Grenze. Die Natur gab 226 Baumfrucht und Feldfrucht in Verschwendung, die Sonne Italiens schien beglückend wie heute hernieder, und der Mensch ist im Süden so bedürfnislos! Was sollte weiter geschehen? wer sollte dies geschichtslos-idyllische Völkerleben stören? Da kamen zu Schiff die Etrusker ins Land, um das Jahr 800 oder auch früher: ein fremdsprachiges Barbarenvolk aus Kleinasien, An der Ansicht, daß die Etrusker aus Lydien stammten, möchte ich festhalten. Die Gründe, die sich dafür geltend machen lassen, können hier nicht wiederholt werden. das sich in der Gegend von Florenz, Perugia, Orvieto niederließ, wo früher die Umbrer saßen. Bald danach gründeten auch Griechen an den südlichen Küsten Städte wie Cumae, Neapel, Tarent. So ist es ein merkwürdiges Zusammentreffen, daß nach der Überlieferung eben damals, um 750 v. Chr., auch Rom am Tiber gegründet sein soll, und zwar in Latium, dem Lande der Lateiner. Man erkennt in den Römern wie in den Griechen die nordische Rasse. Die Griechen gerieten, da sie aus nördlichen Gegenden in die Balkanhalbinsel zogen, früh in den Bannkreis der hohen morgenländischen Kulturen; die Italiker hingegen blieben davon unberührt und somit viel länger rückständig, und vier Jahrhunderte mußten vergehen, bevor die Bildungsmächte aus Osten auch sie ergriffen. Rom, die Stadt, entstand durch Zusammenschluß zweier Dorfgemeinden, die auf zweien der berühmten sieben Hügel über dem Tiberstrom, auf dem Quirinal und dem Palatin bestanden. Auf dem ersten saßen sabinische Leute, auf dem anderen die Latiner; die Latiner sicherten sich auch noch das benachbarte Capitol. Beide nahe verwandten Stämme, Latiner und Sabiner, waren aus Norditalien vorgedrungen. Den Unterschied beider aber stellt die heutige Gräberforschung noch jetzt an ihrem Bestattungswesen fest. Das spätere forum Romanum war damals noch ein unbewohntes Flußtal zwischen den Hügeln, in dem man die Toten beisetzte. Nicht nur die heutigen Grabungen haben das festgestellt, Vgl. F. von Duhn, Italische Gräberkunde, 1924. Den Latinern eignen die Brandgräber, sabinisch sind Bestattungsgräber. Noch sei erwähnt, daß auf dem Monte Mario über Rom eine prähistorische Siedelung des 11. Jahrhunderts v. Chr. festgestellt worden ist, die starke nordeuropäische Einflüsse verraten soll; es fanden sich dort Skelette, Waffen und in den Tuff gegrabene Hütten in Trichterform. sondern die Römer zur Zeit Cicero's selber wußten das noch; es gab da eine Stelle auf dem Forum, die man »Doliola« nannte; da durfte kein Mensch ausspucken; denn darunter lagen 227 unheimliche prähistorische Scherben; es waren Aschenkrüge der ersten Anwohner Roms. Vgl. Varro De lingua lat. V 167. Ganz gewiß als befestigtes Handelszentrum gewann Rom alsdann und früh Bedeutung; der Tiber ist der größte Fluß Mittelitaliens und war vom Meere bis Rom hinauf für Seeschiffe gut schiffbar. Aus dem Innern brachte der Fluß die Naturalienzufuhr; vom Meer aber kam das Salz, und die Salzstraße, die es dem Inland brachte, wurde von Rom beherrscht. Der Sold des Kriegers bestand in jenen Urzeiten in Salzrationen; Plinius nat. hist. 34, 11. daher das Wort salarium , das heute noch im »Salair« weiterlebt. Gleich jenseits des Flusses aber lag das etruskische Land, und Rom ist keineswegs von Anbeginn die siegreiche Stadt gewesen; für längere Zeit hat es ohne Frage unter der Oberhoheit der weit ausgreifenden Etrusker gestanden. Romulus, Romilius, ja, Rom selbst scheinen etruskische Namen. Zu Roms Namen vgl. »Aus dem Leben der Antike« 4 S. 235 und meine Schrift » De Romae urbis nomine «. Deutlicher noch redet der Name der Tarquinier. Die ganze Königsgeschichte Roms ist legendenhaft. Das Königtum pflegt sonst erblich und in den Händen einer Dynastie zu sein; das ist hier nicht der Fall. In der Nennung der Tarquinier aber steckt doch die Erinnerung an Tatsächliches; es war die etruskische Vorherrschaft. Auch gab es ein nach dem fremden Volk benanntes Häuserquartier, einen vicus Tuscus , hart am Forum und Palatin; da hausten die Techniker und Künstler, die Landsleute der Tarquinier beisammen, die auf Befehl dieser Könige die Gaben einer entwickelteren Kultur in die Stadt brachten. Gleichwohl ist kein einziges Monument etruskischer Schrift im Schoße der stadtrömischen Erde aufgefunden worden, auch keine Etruskergräber. Überall, wo dies Volk herrschte, stellte es nur den Herrenadel; das unterjochte Volk blieb dabei, wie es war. Es ist daher unsere Aufgabe, uns von dem menschlichen Leben in Rom, bevor der etruskische Kultureinfluß einsetzte, eine Vorstellung zu machen. Enge Quartiere von Lehmhütten, das war damals Rom. Jedes Haus mit steilem Strohdach; jedes nur zu einem Wohnraum; das Dach Kornboden. Der Herdrauch zog durch die Türe ab. Von Stallungen war das Haus umgeben, und das Vieh lief durch die Straßen. So wohnte der Urrömer zur Winterszeit auf dem Palatin und Quirinal, um im Sommer 228 zur Feldarbeit aufs Land hinauszuziehen. Auch der Vornehme ging selbst hinter dem Pfluge. Ungepflasterte Wege, auch steiles Treppenwerk führte in der Stadt von Berg zu Berg. Die Niederungen zwischen den Bergen waren versumpft, und man fuhr zu Zeiten auf Kähnen hindurch, bis die Kloakenanlage Entwässerung und Gesundung brachte. Aus den nahen Wäldern verirrten sich oftmals Wölfe in die Stadt. Struppig rauh, in Fellkleid und Fellkappe ging der Römer einher, ein wilder Banditentypus, wie ihn Italien im Bergvolk der Abruzzen bis heute bewahrt hat. Kein Tempel war in Rom, kein Gottesbild. Man opferte in Hainen und unter freiem Himmel. Das Kuhhorn rief zur Ratsversammlung. An jedem 9. Tag war Markt, und die Landleute – vornehmer als die Stadtleute – brachten ihre Produkte, um sich Erzeugnisse der primitiven städtischen Industrie (Eisenwaren, Lederwerk) dagegen einzutauschen. Das Backen, Schustern und Schneidern aber besorgte jeder im eigenen Haus: dazu war das Gesinde da. Geld gab es nicht. Man zahlte durch Tausch. Das Vieh war wie bei den homerischen Griechen das Normalgeld jener Zeiten. Das Wort für Geld, pecunia , hat vom Vieh, pecu , seinen Namen. Die Meßkunst maß nach Fuß und Fingerlänge und Unterarm (Elle), die Feldwirtschaft nach Jochen, das ist nach Strecken, die das Ochsengespann an einem Tage pflügen konnte. War die Arbeit getan, so gab es auch Feste. Feste aber sind nur Götterfeste. Das Leben war durchsetzt von Religion. Am Cerialienfest wurden Füchse gehetzt, brennende Fackeln an den Schwänzen. Für den Erntegott Consus gab es ein Maultierrennen; denn die Zugtiere sollten sich auch einmal auslaufen. An dem Ackergrenzfest vereinigten sich die Ackerleute zu nachbarlichen Schmausereien. Der Grenzstein, Terminus, hatte den Wert eines Gottes. Pales war der Schützer des Viehs, Faunus der Waldgeist; am Palesfest sprang das junge Volk durch brennende Heuhaufen; beim Faunusfest liefen Wolfsmänner nackt um den Palatin und schlugen die Frauen 229 mit Riemen, damit sie gebären sollten. Ein Schnitterversmaß diente für Gebetsformeln. Aber keine Literatur hat sich aus dieser rudimentären Verskunst entwickelt. Es fehlte Phantasie, Gestaltungskraft. Rom wurde ein Volk der Juristen und Redner, nicht der Dichter. Die Götter aber, die man anrief, hatten etwas Gespenstisches und Drohendes, und der sonst so furchtlose Römer lebte vor ihnen in Furcht. Die Religion der Vorzeit war nichts als Angst. Fragen wir die Griechen, was es war, wodurch die Römer die Welt erobert haben, so antworteten sie: ihre Götterfurcht. Ich sage Götterfurcht, nicht Gottesfurcht; denn der Römer glaubte nicht an einen Gott; er setzte möglichst viele an, um keine der unheimlichen Mächte, die nicht von seinem Willen abhingen, übergangen zu haben. Der Ausdruck »Religion« ist eine Erfindung Roms; keine andere Sprache gibt das Wort angemessen wieder: es ist ein moralischer Begriff, der das Bewußtsein der Verpflichtung, die Gewissenhaftigkeit gegen jeden andern, sei es Mensch oder Gott, ausdrückt. Der Naturmensch erliegt dem Animismus; er hat das Gefühl vollständiger Abhängigkeit von dem Übernatürlichen, das hinter der Natur verborgen scheint, und in der Religion lebt dies Gefühl sich aus. Exakte Wissenschaften sind in Rom nicht entstanden, auch keine Astronomie, und so hat der Römer auch nicht daran gedacht, Sonne, Mond und Sterne anzubeten. Ebensowenig aber sah er in den Göttern Gesetzgeber der bürgerlichen Sittlichkeit. Concordia und Pudicitia sind gelegentlich verehrt worden, aber sie treten doch gänzlich zurück. Es handelte sich nur um praktische Dinge. Wer pflügte, rief den Pflügegott, wer die Egge brauchte, den Gott der Egge. Robigus, der Halmschadengott, lauerte und drohte. Janus hütet die Haustür, d. h. die Tür selbst ist vergöttlicht. Deverra war die Göttin des Ausfegens, und dies Ausfegen galt zugleich als Schutzmittel für die Wöchnerinnen, damit kein böser Geist eindringt und sie quält. Sollte das Kind gehen lernen, so rief man dafür zu einem 230 besonderen Gott um Hilfe, ebenso beim ersten Kinderschrei usw. Auch für das Bestattungswesen, auch für das Kloakenwesen ersann man extra göttliche Beschützer, nicht minder für den Ehezwist; denn der Ehezwist ist wie Rost und Halmschaden, der mit Mißernte in der Familie droht. In alledem verrät sich wenig Phantasie, aber um so mehr vorsichtige Klugheit. Diese Götter waren nur Namen ohne Gestalt. Es war genug, daß man sie beim Namen rufen konnte, und man wollte nur wissen, was sie wollen. Daher schien es auch genug, sie numina , d. i. Winke, Willensäußerungen, zu nennen. Dies kam in der erhabenen Dichtersprache auf. Zuerst finden wir numen in diesem Sinn beim Tragiker Accius; man erklärte es mit imperium (Varro, l. lat. VII 85). Die Griechen brauchten das entsprechende νεῦμα nicht in gleichem Sinne. Genaueres s. Philol. Wochenschr. 1918 S. 213 f. Die Litaneien beim Schlachtopfer und Gottesdienst jedoch waren keine Hymnen, und von choralartigem Gemeindegesang wußte man nichts; es waren Gebetsformeln in kurzen Sätzen oder gar nur Register von Götternamen, die korrekt in richtiger Reihenfolge anzurufen waren. Während die griechischen Götter zu den Menschen herabsteigen und Gottessöhne erzeugen und im Gespann über den Himmel oder mit dem Dreizack über das Meer fahren, hat der steifpraktische Römer von solcher schönen, wennschon irdischen Anschaulichkeit und frischen Phantastik keine Ahnung. Götterehen waren für ihn unvorstellbar, und die numina sind vielfach unbestimmt geschlechtslos. So ist Venus, die latinische Gottheit, eigentlich ein Neutrum (wie Genus), und sie bedeutete gar keine Herzenssehnsucht und Liebesschmachten, sondern den Wuchs des Gartengemüses; und Juno war wie Pales ursprünglich eine Maskulinform, Niemand scheint dies bisher beachtet zu haben; alle Nomina auf -o, -onis sind Maskulina, epulo, mango, caupo usf. Also auch luno wie Almo, Maro, Nero (Archiv f. Lexik. XIII S. 225 ff. und erst unter Einfluß der griechisch-etruskischen Religion wurde sie zu einer weiblichen Gestalt und Beiwohnerin Jupiters. Und doch kannte schon der Römer der Urzeit ein frommes Gotteskindschaftsgefühl, das Vaterunsergefühl. Der wundervolle Himmel des Südens stand damals über ihm wie heute. So streckte er seine Hände zum Jupiter. Das Wort Jupiter aber hieß soviel wie himmlischer Vater. Ja, auch Mars, den Kriegsgott, rief die junge Mannschaft als Marspater an, 231 woraus folgt, daß Mars keinesfalls als Jüngling gedacht wurde. Gleichwohl war dieser Jupiter gefürchtet. Denn das Phänomen des Blitzes haftet an ihm; er donnert vom tarpejischen Fels und der Platz, wo am Tage der Blitz einschlug, wurde als unheimliches Blitzgrab eingefriedigt. Ein keilartiger Feuerstein wurde auf dem Kapitol aufbewahrt; der bedeutete den Gott. Jupiter selbst war im Blitz; er war der Blitz. Vor allem aber war Mars ein Name des Schreckens. Er ist die Dürre des Sommers, und man weiht ihm alljährlich die Erstlinge an Frucht und Vieh, um ihn satt zu machen. Nur vor der Stadt hatte er sein Heiligtum. Aber ganze Volksstämme, wie die Marser, haben sich damals nach Mars benannt. Denn bei eintretender Volkskrankheit oder Übervölkerung wurde diesem Schreckensgott ein Teil der jung herangewachsenen Mannschaft des Jahrgangs als »heiliger Lenz« geweiht. Unter des Gottes Namen und unter seinem Geleit zogen diese Marsmänner abenteuernd hinaus in die Ferne. Solcher Auszug bedeutete aber Bedrängung der Nachbarn, Krieg. Sie brauchten Land, sie brauchten Frauen, und so kam es, daß der Naturgott Mars, von dem der Monat März seinen Namen führt, zum Kriegsgott der Römer geworden ist. Vgl. Archiv f. Lexik. XI S. 177 f. u. 161. Glücklich der, der daheim bei seinen Laren blieb! Der Lar ist ein Ortsgeist, der das Feld hütet. Am Dreiweg kommen die Nachbarn zusammen, um ihre Laren gemeinsam zu verehren. Aber auch das Wohnhaus mitsamt dem Gesinde hütet der Lar, und er will am Hausherd gespeist sein; sonst hilft er nicht. Denn alle diese Götter sind hungrig. Sie gehören mit zur Familie und speisen mit. Soviel Grundstücke, so viele Familien, so viele Laren. Sie sind unzählig. Ja, sie rücken wie Mars auch mit ins Feld hinaus und können Tod bringen. Aber niemand hat sie je gesehen. Bilder gab es nicht. Ein Merkmal der Kultur ist der Schmuck der Gräber. 232 Aber in jenem ältesten Rom war er noch sehr unentwickelt. Auch machte man sich von der Unterwelt noch kein deutliches Bild. Der Februar war der Totenmonat, dies war zugleich der Schluß des Jahres, das mit dem März begann. Unheimliche Gruben gab es; da hinein warf man Opfer von Feldfrüchten, auch Münzen. Die Geister der Abgeschiedenen heißen Larven; sie flattern um ihre Gräber, huschen auch um das Familienhaus, und man schüttet nachts schwarze Bohnen vor die Schwelle, um sie abzufinden. *     *     * So lebte der Römer im Sommer in Arbeit und Fehde, im Winter aber träge dahin. Man kann sich denken, daß auch sein Familienleben noch hart, barbarisch und an streng patriarchalische Formen gebunden war. Der Vater ist Eigentümer nicht nur alles Gutes, sondern auch seiner Frau, seiner Kinder und seiner Knechte. Wer heiratet, erwirbt sich durch Kauf aus ebenbürtigem Hause eine Tochter, und sie hat mit ihrer eigenen Sippe hinfort nichts mehr zu tun. Verfällt sie einem Laster, so kann er sie verstoßen, er kann sie töten. Wird dem Gatten und Herrn ein Kind geboren, so hebt er es vom Boden auf, wenn er es anerkennen will; mißfällt es ihm, so kann er es auch liegen lassen und verwerfen. Wo Leibeserben fehlen, sind nur die Verwandten des Mannes erbberechtigt ( patrimonium ). Kein Sohn des Hauses erwirbt Grundeigentum, und auch Viehbesitz gönnt der Vater den Söhnen nur widerruflich. Adoptionen waren Kaufgeschäfte wie die Heirat, und zwar wurden nur erwachsene junge Männer in Adoption erworben; denn ihr Zweck war, das Geschlecht des Kinderlosen fortzusetzen. Hart war auch das Schuldrecht. Der Schuldner, der nicht zahlt, gerät in die Gewalt des Gläubigers, und nach 60tägiger Frist kann ihn der Gläubiger ins Ausland verkaufen, ja auch töten. Anfangs war jeder Kreis von Blutsverwandten ein 233 kleiner monarchischer Staat oder Klan für sich. Sobald aber ein wirklicher Staat entstand, der viele Sippen in sich vereinigte, war damit auch die Herrschergewalt des Hausvaters eingeschränkt. Denn die Haussöhne sind jetzt, solange sie im Heer dienen, nicht in der Gewalt des Vaters, sondern zugleich in der höheren des Heerführers. Dieselben Söhne stimmen jetzt neben dem Vater in den Volksversammlungen. Endlich sind sie befähigt, Staatsämter zu übernehmen und werden damit sogar zeitweilig die Vorgesetzten ihres Vaters. So gibt der Staat höhere und weitere Pflichtenkreise. Es entstehen neue Ideale, neue Gewalten. Niemand, so entscheidet das Zwölftafelgesetz, darf seine Regenrinne am Dach zum Nachteile seines Nachbarn verändern. Das ist bezeichnend: die Rücksichtnahme auf den Mitbürger reguliert den Verkehr. Niemand darf auf seinem städtischen Grundstück einen Toten begraben. Auch das verlangt das Gemeinwohl. So legt endlich der Staat auch Steuern auf, und seine Gerichtsgewalt entscheidet über Geldbußen und Leibesstrafe. Aber auch sonst hat sich früh eine gewisse Milderung der Sitte eingestellt. Von Blutrache, die im griechischen Volk noch heute besteht, hören wir aus Rom nie etwas. Sie ist sehr früh durch Sühne ersetzt. Und im Familienleben werden schon früh und mehr und mehr auch die Verwandten der Frau mit freiwilliger Pietät umfaßt. Wir hören, daß das äußere Zeichen dafür der Kuß bei der Begrüßung war; und zwar konnte man sich solchen Kuß bis zum sechsten Grade der Verwandtschaft ausbitten; das war das »Recht des Kusses« ( ius osculi ). Dies Recht aber schloß die Heirat aus! Denn das Heiraten war unter Verwandten bis zum sechsten Grad verboten. Das Königtum hat in Rom den Staat geschaffen. So war auch jeder Hausherr einst wie ein König gewesen. Das heißt: der Staat ahmte die Familie nach. »Vater des Vaterlandes« war soviel wie Hausherr des Vaterlandes. So hieß der König. Ebendaher hat Rom nun auch seinen eigenen Herd, den Herd 234 der Vesta, und die sechs Vestalinnen hüten in Keuschheit die Flamme dieses Stadtherdes, die sie jährlich einmal zu erneuern haben. Der Staat erwirbt auch Eigentum durch Eroberung aus Feindeshand; er feiert auch seine eigenen Götterfeste, er hat seine eigene Religion. Der Staat ist die erste große Schöpfung der Kultur, und zwar der monarchische. Schon im 6. Jahrhundert hat dann aber nicht nur in Rom, sondern in ganz Italien das primitive Königtum aufgehört. Das hing mit der Annahme der Schrift zusammen. Wo das Schriftwesen sich entwickelt, das schriftliche Verfahren sich ausbreitet, entsteht die Selbstverwaltung. Rom wurde Republik. Rasch und in großartiger Weise hat dann die Staatsidee den engherzigen Familiensinn in Rom unterjocht. Der Römer wurde reich durch den Staat. Ein neuer, politisch-merkantiler Egoismus erwachte, der bald über Land und Meer ausgriff. So begründete sich im Bürger jene gesunde Selbstsucht der Masse, die wir Patriotismus nennen, und der Patriotismus wird zugleich Religion. Das ist der griechische Staatsbegriff, der den Einzelmenschen verschlingt: Rom hat ihn neben Sparta am mächtigsten entwickelt. Dahin gehören all jene Heldennamen, Cincinnatus, Camillus und Regulus usw., und ihre Tugenden, als da sind: strenge Gesetzlichkeit, militärische Subordination, unbeugsame Ausdauer, Zähigkeit im Widerstand, Leidenschaft für alles Soldatische. Nicht Ruhmsucht, Herrschsucht leitete sie und brachte sie vorwärts. Die Ruhmsucht ist orientalisch, die Herrschsucht oder Gewinnsucht römisch. Zu den Römertugenden zählt aber auch die politische Frömmigkeit, und der Staat selbst nahm sie in die Hand. Der Staat hat jetzt seine Staatsgötter, er ordnet den Festkalender, beobachtet den Vogelflug (Auspizien) usw. Vor allem sättigt er Gott Mars, den Würger. Denn diesen Sinn hat es, daß fast in jedem Sommer Krieg geführt wird. Der Sommerkrieg gehört zum römischen Leben; er ist Eroberungskrieg, bringt 235 Beute und Landgewinn: in jedem Frühling Waffenweihe, in jedem Oktober religiöse Reinigung der gebrauchten Waffen. Vor dem Beginn der Feindseligkeit wird über die Grenze eine Lanze geschleudert; das ist die Kriegserklärung. Dann wird auch vor der Schlacht selbst das ganze Heer »lustriert«, geweiht. Im selben Oktober wird dem Kriegsgott das »Oktoberpferd« geschlachtet; es war das Siegerpferd beim Wettreiten auf dem Marsfelde. Um den abgehauenen Kopf des Tiers streitet sich dann die Jugend, um ihn irgendwo hoch an die Haus- oder Tempelwand zu nageln, und der Schwanz blutet noch, den sie ins Heiligtum der Stadtgöttin Vesta schleppen, um mit dem Blut ihren Altarherd zu bespritzen. Die Angst vor den Etruskern, die gleich jenseits des Tiber wohnten, war freilich längst vorüber. Nur eine Holzbrücke führte damals über den Fluß; auf sie stellte sich in jedem Frühling der Bund der römischen Springtänzer, vornehme Leute, und sie sprangen den wilden Kriegstanz, daß das Holzwerk dröhnte, mit Zusammenschlagen der Waffen und heulendem Singsang, um den Feind zu schrecken. Diese Brücke war uralt, älter als die Bronzezeit; auch bei Reparaturen durfte kein erzener oder eiserner Nagel den Holzlattenbau sichern. Die Priester aber hatten hierfür zu sorgen, und so erklärt sich das Seltsame, daß der Priester »der Brückenmacher« heißt, lateinisch pontifex S. Rhein. Museum 75 S. 119 ff. So nennt sich jetzt auch noch der Papst in Rom, der für die Rechtgläubigen die Brücke in den Himmel schlägt. Ein robuster Gottesdienst. Aber auch der Feind hat Götter. Wie soll der fromme Römer, der nichts Göttliches verletzt, gegen die Götter des Feindes kämpfen? Der Römer ist klug, und vor der Mauer der Stadt, die er belagern will, bringt er den Göttern des Feindes Opfer, ruft sie feierlich aus der Stadt und verheißt ihnen, wenn sie der Beschwörung folgen, in Rom gute Aufnahme und Verehrung. Das ist das »Evozieren«. So übernahm dann Rom allmählich in Wirklichkeit von vielen Städten, die es eroberte, die herausgerufenen 236 Götter und stiftete ihnen Heiligtümer und Festtage, ein Verfahren, durch das Rom prädestiniert war, eine Allgötterstadt zu werden. Es ist stets ein Zentrum der Frömmigkeit gewesen. Vor allem aber wurde jetzt der Blitzgott Jupiter für Rom ein politischer Gott des Sieges. Kehrte ein Feldherr siegreich aus der Schlacht, so nahm er die Gewänder Jupiters und zog sie sich an, schminkte sich auch das Gesicht nach dem Vorbild des Jupiterbildes im Tempel und zog so angetan als Triumphator im Viergespann über die heilige Straße. Das heißt: der Gott war Sieger und triumphierte, nicht der Mensch, der nur sein Werkzeug war. Auch andere Städte hatten ihren Jupiter; der Jupiter Roms aber hieß »der beste und größte« ( optimus maximus ), weil er allen anderen seines Namens überlegen war. *     *     * Eine Statue Jupiters, zunächst nur aus Holz geschnitzt oder aus Ton gebacken, ist vor uns aufgetaucht, auch ein Tempel, auch Gewänder des Gottes, dazu ein Triumphzug des Feldherrn! Woher das alles? Das brachten die Etrusker. Für die Zeit von 700–400 v. Chr. ist noch kaum von griechisch-römischer, es ist vielmehr von etruskisch-römischer Kultur zu reden. Die Etrusker aber holten sich damals das kostbare Gut von den Griechen. Damit begann die Zukunft. Etruskische Kunst! Wer hat nicht, wenn er in den etruskischen Museen Italiens war, mit dem Gefühl der Überraschung und voll bewunderndem Staunen vor jenen kostbaren Bronzewerken großen Stils und eigenartig harter Meisterschaft wie der Chimära von Arezzo, dem sogenannten Mars von Todi oder dem bronzenen Redner ( aringatore ) zu Florenz gestanden? Nicht Etrusker haben dies gearbeitet, aber jonische Griechen im Geschmack und Auftrag der Etrusker. In diese Reihe gehört auch die erzene Wölfin auf dem Kapitol, das Stadtsymbol Roms. Schon in Kleinasien, 237 seiner Urheimat, hatte das barbarisch-genußsüchtige Herrenvolk der Etrusker stark unter griechischen Einflüssen gestanden. Jetzt beherrschten sie mit ihrer Flotte das tyrrhenische Westmeer. Im Apennin gruben sie nach Kupfer und Eisen, wurden rasch ein üppiges Handelsvolk und drängten sich dazu, alle Vorteile des städtischen Lebens, die eben damals die genialen Griechen erschlossen, sich anzueignen. Um das Jahr 800 nahmen sie von dort das Alphabet und lernten schreiben. Es folgte die Einführung der steinernen Wohnhäuser mit offenem Lichthof, sowie die der leichten und freien griechischen Kleidung in gewebten Wollstoffen. Auch die Kämpfe der Arena, die Wettfahrten im Vier- oder Zweispänner, auch gewisse Bühnenspiele und das Histrionentum kamen in Aufnahme; Rom übernahm sie später von hier. Im 6. Jahrhundert begann auch der etruskische Tempelbau, der Tempelschmuck, die Götterbildnerei. Die Gräber wurden jetzt zu unterirdischen Sälen, mit vorgekragten Gewölben, in die der Reisende noch heute staunend hinabsteigt. Reich skulpierte Sarkophage und effektvoll gemalte Wandfriese von urwüchsig, ja erschreckend energischer Zeichnung sind in diesen Gräbern gefunden worden. Denselben Nekropolen werden auch die unzähligen attischen Vasenfunde verdankt, auf Grund deren es heute möglich ist, eine Geschichte der griechischen Vasenmalerei jener Zeiten zu geben. Die Etrusker führten sie massenhaft aus Athen ein. So sind die Etrusker aus ihrer Vergessenheit vor uns hell wieder aufgelebt. Denn in jenen Grabmonumenten des 5. bis 3. Jahrhunderts sehen wir auch sie selbst in Person, realistisch porträtiert und sprechend leibhaftig vor uns: meist betagte Leute, wohlgepflegt, derb und nüchtern, aus einer Zeit, wo uns aus dem benachbarten großen Rom noch jedes Porträt fehlt. Denn noch der Sarkophag des Scipio Barbatus begnügt sich ja mit bloßer Namensaufschrift. Aber noch mehr! die Dinge des Kriegs! Waffen aus Eisen, Helm und Stoßlanze, kamen früh bei den Etruskern auf 238 sowie auch der Harnisch der Städte: ich meine den Bau von Festungsmauern (und zwar damals noch ohne Türme). Auch den rechtwinkligen Grundplan für den Städtebau, wie wir ihn aus dem römischen Heerlager kennen, hat der Etrusker aufgebracht; ebenso die Feldmessung oder »Limitation«. Wichtiger noch, daß er in Italien zuerst, und zwar um das Jahr 500, Münzen prägte, Gewichte normierte. Die Geldwirtschaft regte sich langsam. Endlich müssen auch für die Kunst der Entsumpfung der Niederungen, für das Kloakenwesen, die Etrusker die Lehrmeister Roms gewesen sein. Daß alle diese Erwerbungen den Römern eine Fülle von Förderung brachten, ist sicher. Roms Straßen sind erst seit dem Jahr 174 v. Chr. gepflastert worden; bei den Etruskern war das schon früher geschehen. Gleichwohl aber dürfen wir nicht vergessen, daß Rom auch selbständig sein Anlehen bei den Griechen zu machen wußte. Die Stadtmauer Vejis, der nächstgelegenen Feindin Roms, hatte eine Länge von 9 Kilometern im Umfang, die Roms fast 10 Kilometer, d. h. Rom war schon damals die größte Stadt Italiens. Seit langem war durch den Zuzug der Plebejer – so lautet die Überlieferung – die römische Bevölkerung bedeutend angeschwollen. Aber auch weite unbewohnte Strecken befanden sich, ähnlich wie heute, innerhalb des Mauerrings, alte Götterhaine, Raum für das Landvolk, wenn es sich in die Stadt flüchtete. Der Aventin bedeckte sich erst allmählich mit Häusern. Die ältesten Bestandteile der Serviusmauer Roms reichen nun aber doch bis ins 6. Jahrhundert hinauf und sind demnach vielleicht doch noch älter als die etruskischen. S. Graffunder im Archäol. Anzeiger, Jahrbuch XXIII (1908) S. 443. Vor allem hat Rom direkt von den Griechen Süditaliens sein lateinisches Alphabet entlehnt; und während Etrusker und Osker von rechts nach links schreiben, hält es Rom von früh an umgekehrt. Auch darin zeigt sich früh sein selbständiger und praktisch weltkundiger Sinn. Denn auch die maßgebende griechische Literatur schrieb von links nach rechts. Unmittelbar von den Griechen nahm Rom ferner schon im 239 Jahr 451 die Anleitung zur Abfassung seines Zwölftafelgesetzes, das dann bald das erste Schulbuch, die uralte Lesefibel Roms geworden ist. Gleichwohl hätte schließlich doch ganz Italien vielleicht eine etruskische Kultur erhalten – denn der Machtbereich dieses Volkes erstreckte sich zeitweilig fast über die ganze Halbinsel Italien –, wäre nicht ein zufälliger Stoß von außen erfolgt: und auf einmal ändert sich alles, und Roms Macht schnellt jählings empor. Die Gallier unter Brennus kamen von Norden, sie zerbrachen die etruskische Macht, die schon vorher unter den Angriffen des Dionys, des Tyrannen von Syrakus, stark gelitten hatte. Das reiche Rom dagegen kaufte sich von Brennus frei. Bisher war Rom nur die große Handelszentrale Mittelitaliens gewesen mit einem Gebiet von nur etwa 60 Quadratmeilen. Jetzt greift es auf einmal mit beiden Händen zu, immer auf den Vorteil bedacht, wird sogleich Erbe der Etrusker, unterjocht schon ganz Italien, vernichtet schon Karthago, setzt auf Spanien, auf Griechenland seinen Fuß – der Orient sah dem staunend zu – und diktiert dem König Antiochus von Syrien den Frieden. Der italische Bauer aber, so wenig es ihn in die Fremde lockt, füllt die Heerhaufen der Scipionen und durchzieht siegreich die griechische Welt bis nach Magnesia am Sipylus. Das römische Heerwesen erwies sich als unwiderstehlich. Das dankte es dieser urwüchsigen Mannschaft. Vieles aber hatte es dabei doch wieder den Etruskern abgelernt: etruskisch war das Heerlagerwesen, etruskisch auch die Schlachtordnung der römischen Phalanx. Bogenschützen fehlen. Spezifisch römisch ist das Pilum, der Wurfspieß mit Widerhaken, der aber erst im 3. Jahrhundert aufkommt. Bald hat der Römer dann auch vom griechischen Heerwesen gelernt; daher nahm er seine Kriegsmarine, daher nahm er auch die Artillerie, die Ballisten und Katapulten, daher das Belagerungswesen mit den Holztürmen, die auf Rollen laufen, mit Kranen und Fallbrücken. Ein antikes Geschütz, wie der Onager, vermochte 240 ein einpfündiges Geschoß auf 140 Meter zu schleudern. Von den Belagerungsarbeiten der Römer vor Numantia in Spanien sind heute noch die Spuren an Ort und Stelle gefunden worden. *     *     * Was sind nun aber die Kulturwerte, die Rom selbst hierbei entwickelt hat und in die Welt warf? Da gilt es doch auf die Verfassung der Stadt zu achten. Es ist die eines Soldatenvolks: das Heer ein Volksheer. Vom 17. bis zum 47. Jahr ist jeder Mann wehrpflichtig. Alljährlich werden Aushebungen gemacht; denn nicht immer kommen alle Dienstfähigen des Jahrgangs zur Verwendung. Die städtische Verwaltung aber besteht aus drei Faktoren: den Volksversammlungen, dem Senat und den Beamten. In Senat und Volksversammlung erwachte schnell die römische Beredsamkeit, die Macht des gesprochenen Wortes; so auch im öffentlichen Gerichtsverfahren. Denn der Römer war ein geborener Redner. Der Italiener ist es noch heute. Senat und Volksversammlungen ergänzten sich gegenseitig in der Gesetzgebung. Dabei sind die letzteren Urversammlungen sämtlicher Bürger, und die wichtigsten konstituierten sich aus der Kriegsmannschaft selbst; denn der Bürger ist Soldat, der Soldat Bürger. Eben dies Volk wählt überdies jährlich die zwei Konsuln, indem es dazu in militärischem Aufzug sich auf dem Marsfeld versammelt und vom Kapitol die rote Kriegsfahne weht. Die Staatsämter aber werden immer nur für ein Jahr bekleidet. Es sind Ehrenämter ohne jede Geldvergütung. In den beiden Konsuln Roms setzt sich die königliche Exekutivgewalt fort, aber sie ist in ihnen zerspalten, gleichsam als die zwei Hände des Staates, die mächtig handelnd auszugreifen haben, aber sich gegenseitig kontrollieren. Eine muß wissen, was die andere tut. Niemand konnte Beamter, Konsul, Prätor, Ädil werden, der nicht aktiv Soldat gewesen war. Der Senat aber setzte 241 sich zu großen Teilen aus solchen gewesenen Staatsbeamten zusammen, und eine Menge Offiziere und Feldherren saßen also in ihm, lauter im Gefecht und in auswärtigen Händeln erprobte Praktiker. Daher wuchs der Senat Roms stetig mit seinen Zwecken. Seit dem 3. Jahrhundert v. Chr. beginnt er die spießbürgerlichen Volksversammlungen niederzudrücken, unterjocht aber auch die hohen Magistrate, die ja doch immer nur ein Jahr lang in Macht sind, unter seinen methodischen Willen, stolz, geschäftsklug, energisch, furchtlos, kriegerisch und dabei stets in bewunderungswürdiger Einigkeit. Es waren zum mindesten 300 Stimmen. Diese Geschlossenheit war das Größte und ist wohl beispiellos in der Geschichte. Der Senat verteilt die Provinzen an die Beamten, bestimmt den Kriegsschauplatz, bestimmt die auszuhebende Truppenzahl, verfügt über die Staatsgelder, empfängt Gesandtschaften, und vor ihm beugen sich die Könige des Auslands. Durch endlos in sich verkettete Kriege bringt Rom es so zu einer Pazifizierung der Welt. Pflicht zum Herrschen! Wille zum Herrschen! konzentrierter Weltwille! Woher dieser Ausdehnungsdrang? woher die Folgerichtigkeit, mit der sich Konflikt an Konflikt, Eroberung an Eroberung reihte? Es war im Grunde Erwerbstrieb, Handelstrieb. Die größte Handelsstadt der Welt – denn das zu werden war Rom im Begriff – wollte sich ihre Handelsgebiete sichern. Darum mußte gleich Karthago untergehen, aufhören zu existieren. Innerhalb der gesamten, immer wachsenden römischen Machtsphäre dagegen fielen alle politischen Verkehrshemmnisse. Roms Geldleute strömten sogleich in alle unterworfenen Gebiete, und mehr und mehr wurde Rom die Hauptfinanz der Welt, bei der die griechischen Könige borgten: eine Kapitale des Kapitals. Das sind die Interessen, denen der Senat diente. Ob wir dies nun moralische Kraft nennen wollen, die das alles gewirkt hat, oder ob wir die Moral aus dem Spiele lassen, wer wird leugnen, daß der Senat, 242 diese Phalanx von Latifundienherrn, Großkapitalisten und Praktikern, ein Kulturfaktor von breitester Wirkung war? Die ganze griechische Welt hatte den Trieb zur Individualisierung, Vereinzelung, Zersplitterung. Rom hatte den Trieb zur Umfassung, zur Einheit, zur Uniformierung des Vielen, zur Katholizität. In den Entscheidungen des Senats ist dieser Trieb zum Willen, ist er zur Tat geworden. Aber die Verdienste Roms, die auf seiner Geschäftsklugheit und dem Sinn für das Praktische auch im Frieden beruhen, sind nicht minder erheblich. Reiche zu erobern war nichts, wenn man sie nicht zu behaupten wußte. Nun denke man, was es bedeutete, die engen Einrichtungen der stadtrömischen Verfassung zu dem Verwaltungsapparat eines Weltreichs umzugestalten. Dies geschah entweder durch Erweiterung des Amtsauftrags, wie bei den zwei kriegführenden Konsuln, oder aber durch reichere Besetzung des Amts; so hatte die Stadt anfangs für die Rechtsprechung nur einen Prätor, hernach aber gab es 6, 8, 10 bis 18 Prätoren, und sie wurden den eroberten Provinzen durchs Los zugewiesen. Seit Sulla aber wurden auch die älteren Kräfte nutzbar gemacht und solche Mitglieder des Senats, die die Prätur oder das Konsulat schon hinter sich hatten, als Statthalter in die Provinzen hinausgeschickt. Sie taten es gern; denn sie fanden dort ihren Vorteil. Vor allem bewundernswert ist der römische Straßenbau. Es handelt sich dabei um Staatsstraßen im Unterschied zu den Gemeindewegen, um Heerstraßen, Handelsstraßen. Sie erschlossen damals die Welt, wie es im 19. Jahrhundert die Eisenbahnen getan haben. Im Jahre 312 v. Chr. knüpfte die berühmte Via Appia Süditalien an Rom, es folgte im Jahre 220 die Flaminia usf. Energisch gradlinig liefen sie auf ihrem Damm über Gebirge und Flüsse, fest chaussiert oder mit Fliesen belegt, durch Tunnels und über starke Brückenbauten, im Durchschnitt 6–7 Meter breit, im Gebirge schmäler. Ihre Reste stehen noch heute, als wären 243 sie unzerstörbar. Dabei wurde kein Wegegeld erhoben: auch dies ein Muster und Vorbild für alle Zeiten. Und nun begann das Postwesen, die Reiselust, vor allem der Warenaustausch auf dem Landwege: es waren viele Wege, aber sie führten alle nach Rom. Die Meilensteine wurden von Rom aus gezählt, und sie wurden die Grundlage für die Berechnung der geographischen Entfernungen und der Größe des Erdkörpers, wofür der Hellenismus das Vorbild und die Anleitung gab. An den Poststationen aber entstehen Gasthäuser, entstehen neue Ortschaften: zum Nußbaum, zum Schwert, zu den Salinen. Ein allgemeiner wirtschaftlicher Aufschwung auf den abgelegenen Landstrecken war das Ergebnis. Nicht minder planvoll aber war endlich die Behandlung des Städtewesens. Rom war nicht nur bestrebt, den in Italien vorhandenen Landstädten als »Munizipien« den Bestand zu sichern und mehr und mehr Anteil am römischen Bürgerrecht einzuräumen, indem es sie dabei freilich möglichst voneinander isolierte und schwächte. Es hat vor allem – nach dem Vorbild Alexanders des Großen – rücksichtslos Kolonien gegründet und vor keiner Enteignung des Grundbesitzes sich gescheut, um lateinisch sprechende Landbauern in geeigneten Gegenden anzusiedeln, und zwar so, daß immer damit zugleich eine städtische Gründung verbunden war; auch nach Afrika, nach Süd-Gallien gingen solche Siedler, schließlich durch den ganzen Westen. Bis zum Jahr 177 v. Chr. hat Rom in Italien 40 solche Gründungen gemacht; so sind Spoleto, Cremona, Aquileja entstanden; ein Hauptbeispiel aber ist Venusia. Im Jahre 291 wurden den samnitischen Eigentümern gegen 30 deutsche Quadratmeilen Ackerland weggenommen, um darauf 20 000 lateinische Kolonisten anzusiedeln: so entstand Venusia, die Heimat des Horaz. Solche Plätze waren Festungen, Militärstädte, die Bewohner zugleich Landbauer und Legionssoldaten, und das Römertum stützte sich auf sie. Rom hat sich nicht verrechnet. Sie sind die Ausgangspunkte der Latinisierung gewesen. Mit unfehlbarer 244 Sicherheit hat die römische Politik dafür die geeigneten Plätze aufgefunden. Vgl. F. von Schwerin, »Kriegsansiedelung vergangener Zeiten« in der Deutschen Monatsschrift für Politik und Volkstum (Der Panther). *     *     * Der letzte furchtbare Feind, der den Boden Italiens betrat, war Hannibal, der Karthager. Als er niedergeworfen war (im Jahre 201), da war auf einmal in Italien tiefster und scheinbar ewiger Friede. Die Festungsmauern konnten nun verfallen; Italien lag jetzt da wie ein offener Garten voll von Wald und Obsthainen und Weizenfeldern. Kein Land ist so gut kultiviert wie Italien, heißt es noch in Vergils Jugendzeit (Varro re rust. I. 2, 3). Zwar Orange und Zitrone fehlten noch; längst aber war der Feigenbaum, Beiläufig hat der Römer nicht nur die Feige ( ficus ), so scheint es, sondern auch die Ohrfeige von den Griechen entlehnt; denn auch colaphus ist Lehnwort. längst auch aus dem Osten der Weinbau eingeführt. Die Rebe bekränzte die Bergstirnen, und jeder Herbst wurde verschönt durch das frohe Werk der Lese und des Kelterns. Später kam dann auch der Ölbaum nach Italien. Die stillen Olivengärten aber trugen dazu bei, die Viehwirtschaft zurückzudrängen; denn ihr Öl diente der Volksernährung, und man hatte nunmehr Pflanzenfett statt des animalischen. Der Ölbaum der Pallas Athene aber war wieder ein Geschenk der Griechen. Das ist symbolisch. Denn auch geistig war damals Rom und Italien vollkommen griechisch geworden. Die Weltherrschaft griechischer Kultur war damit gesichert. Eine, irdisch gesprochen, glückselige Zeit schien gekommen. Die gespenstischen römischen Götter verkrochen sich nun, und Apoll zog ein und die »Große Mutter« vom Ida. Längst waren ja schon Jupiter mit Zeus, Diana mit Artemis, Venus mit Aphrodite gleichgesetzt. Mit griechischem Ritual und Tempelbildern schmückten sich die Gottesdienste. Schon im Samniterkrieg frug man, um zu siegen, beim Apoll in Delphi an, und dessen Orakel befahl, auf dem Platz der römischen Volksversammlung den tapfersten und den weisesten Griechen im Bilde aufzustellen. Da verschafften sich die Römer Porträtstatuen des Pythagoras und Alkibiades. Plinius nat. hist. 34, 26. So früh kannte man also in Rom schon die Kriegsgeschichte Athens, um sich den Alkibiades auszuwählen. Aber sein Name schien 245 bedeutsam; denn in dem Wort steckte »Kraft« und »Gewalt«, Alke und Bia. Eifrig wurden jetzt auch alle schönen homerischen Heldenfabeln mit übernommen. Nach den Ursprüngen Roms selbst wurde geforscht und die Stadtgeschichte mit reicher griechischer Legendenbildung umrankt: Rom stammt von Troja her; Aeneas ist der Stammheld: dies Dogma kam auffallend früh in Aufnahme. Das Dogma ist vielleicht nach dem Vorbild der etruskischen Zuwanderung entstanden; da die Etrusker, lydischen Ursprungs, aus Kleinasien gekommen waren, sollte Rom ihnen ebenbürtig sein, und es leitete sein Blut ebendaher. Vornehme Römer wie Fabius Pictor schreiben römische Geschichte für griechische Leser in griechischer Sprache. Dazu die Nachbildung des griechischen Theaters! griechische Statuen in Erz und Marmor, die als Kriegsbeute massenhaft eingebracht wurden! Der Sinn für das Schöne, der Reiz des Spieltriebs, wie ihn Hellas geoffenbart hatte, wurde endlich wach in Rom. Eine Literatur entstand! Allein das alles war damals, im 2. Jahrhundert v. Chr., doch mehr Dekoration des Daseins als innerster Erwerb. Die freie Muße, der innere Friede wollte noch immer nicht kommen; die Not der Zeit riß das Volk von Schreck zu Schrecken, und die Kulturblüte, die sich kaum zu erschließen begann, drohte rasch wieder zu verkümmern. Die Bauernsöhne Italiens hatten die Welt erobert, aber die großen Geldleute Roms hatten davon allein den Gewinn. Der Bauernstand wurde ruiniert – das war das Werk des Großkapitals –, und umsonst suchten die Gracchen ihm aufzuhelfen. Die Kriege hatten unermeßliche Reichtümer gebracht; aber sie fielen nur in die Hände der Würdenträger, der senatorischen Männer. Schon früh hatten die großen Häuser begonnen, alles Land zusammenzukaufen; sie brachten auch die Staatsdomänen ( ager publicus ) gegen Zahlung jährlicher Abgaben in ihre Hände. Worin sollten sie das Kapital sonst anlegen? und der kleine Landwirt wurde planmäßig ausgekauft, enteignet, an die Pacht der staatlichen Ländereien nicht herangelassen. Gewaltige Güterkomplexe entstanden, ein Plantagenbetrieb mit vielköpfigen Sklavenscharen. Denn auch zahllose Kriegsgefangene hatte der Krieg auf den Sklavenmarkt geliefert. 246 Damit war die Arbeit selbst, die Möglichkeit zu arbeiten, dem Bauer weggenommen, ein Schaden, der nie wieder eingebracht worden ist. Derselbe Plantagenbetrieb begünstigte an Stelle des Ackerbaus die Viehzucht, den Weinbau. Italien war jetzt nur noch Wald- und Weideland und Obstgarten. Das Korn kam vom Ausland. Nun lief also das hungernde Proletariat vom Lande in Rom zusammen, und der Gegensatz und Abstand von reich und arm wuchs schauerlich rasch ins ungeheure. In der Stadt gab es keine Arbeit für diese Leute, denn auch in der Steuer- und Kommunalverwaltung wurden Sklaven beschäftigt. Und die Vornehmen? die Machthaber? Im Angesicht der ehrwürdig alten griechischen Kultur waren sie doch nur Emporkömmlinge und Protzen, die die Provinzen mit Füßen traten und brutal ausplünderten, um sich von den Asiaten als Götter und Halbgötter anbeten zu lassen. Scham, Stolz und Anstand, alles schien jetzt durch die Geldgier niedergeschlagen. Schrecklicher noch als die Latifundienwirtschaft wirkte in ihren Händen das schwindelhafte Schrauben der Prozente im Geldgeschäft. Dazu die Blutpresse des Steuersystems, die wucherische Erdrosselung durch die Steuerpächter. Es war, als hätte der Taumel der Allmacht auf einmal alle Niedertracht und Schändlichkeit ausgelöst. Aber die Vergeltung kam rasch. Die Herrschsucht hatte den Römer groß gemacht: jetzt richtete sie sich gegen ihn selber. Das Chaos begann. Ein krachender Zusammensturz! die Bürgerkriege! Römer gegen Römer! ein Selbstzerfleischen der antiken Kulturwelt durch volle 70 Jahre. Wie war das möglich? Die Veränderung des römischen Heerwesens trug daran die Schuld, und diese Veränderung ergab sich wiederum aus der wirtschaftlichen Lage der Masse. Seitdem die Landbevölkerung betteln ging, mußte man den Soldaten bezahlen. Man hatte nur noch Legionen von Söldlingen: keine Bürgermiliz, sondern ein für Geld angeworbenes stehendes Heer. Freilich mußte auch jetzt noch jeder Angeworbene das 247 römische Bürgerrecht besitzen, oder er wurde nachträglich zum Bürger gemacht. Nun aber war für den Ehrgeiz das Feld offen. Die Söldner wurden zum blinden Werkzeug der Usurpatoren, die sie bezahlen konnten. So herrschten Sulla, Pompejus, Cäsar und Octavian in der Stadt. Ströme von Blut flossen. Sowohl Cäsar wie Sulla haben sich Rom erobert. Aber auch diese Ehrgeizigen fanden ihr Ideal und Vorbild bei den Griechen. Es war die aufgeklärte Despotie Alexanders des Großen, die Julius Cäsar in Rom fortsetzte. Indem Cäsar dem Volk in Rom schmeichelte, den Senat knebelte, erreichte er endlich das Ziel, die Monarchie . In der Monarchie seines Erben, des Oktavian, der sich Augustus nannte, wurde die Welt endlich zusammengefaßt wie in einem Zwinger. Die Volksversammlungen wurden bald ganz beseitigt, der Wille des Senats gelähmt, gebrochen. Aber die Wohltaten der aufgeklärten Despotie begannen sogleich. Die Provinzen wurden vor Raub geschützt, die Veteranen der kämpfenden Heere angesiedelt, neue Reichsstraßen gezogen, neue Römerstädte gegründet, die Verwaltung trefflich organisiert, und zum erstenmal war der Friede da, ein glänzender, ein endgültiger Friede, das augusteische Zeitalter, das goldene Jahrhundert, wie man es nannte. Willenlos fügte sich der vornehme Römer dem so geschaffenen großartigen Organismus als Werkzeug ein; die Plebs in Rom ließ sich füttern. Die römische Kaiserzeit hatte begonnen, der größte Wendepunkt in der Geschichte der alten Völker. Nun war Rom die »Welt«. Wie befreiend, aber wie nivellierend zugleich mußte das wirken! Das römische Stadtbürgerrecht dehnte sich langsam über den Erdkreis aus. Auch der Apostel Paulus besaß es. Also schwindet jetzt allmählich im Reich der Gegensatz der Nationen, und es gibt für sie keinen Landesfeind mehr, sondern man wird zum Weltbürger oder Reichsbürger erzogen; der Patriotismus wird zwecklos, und die Weisen reden nur noch von Menschenliebe 248 und Menschenhaß. Von dieser Situation sind auch die christlichen Evangelien und ihre Lehre voll beeinflußt. Die Hauptstadt selbst aber blieb zunächst noch der Schauplatz für alles Geschehen. Die reiche griechische Saat ging in Rom nunmehr üppig und herrlich auf. Von der Politik kehrt der Römer sich plötzlich ab, und nicht mehr der Staat ist das Zentrum all seines Denkens und Wollens, sondern das eigene Ich jedes einzelnen. Der Mensch lebt entweder seiner Leidenschaft in frivoler Genußsucht, oder aber er vertieft seine enge Person jetzt durch geistige Güter, durch gesteigerte Selbstkultur. Wertsteigerung des Mikrokosmos! Hellenismus! Es beginnt ein enthusiastischer Kult des Schönen und des Guten, zugleich aber ein Suchen und Sehnen nach den unsichtbaren Küsten des Jenseits: Weltreligion! Das Erste und Wichtigste war indes, daß Rom sich endlich eine eigene Kunst, eine klassische Poesie erwarb. Gleich unter Oktavian geschah dies. Und dabei ist es ein Etrusker gewesen, der half, diese Kunstfreude in Rom durchzusetzen und den Boden für sie zu schaffen, die Stimmung des berauschten, gottvoll sorglosen Schwelgens im Dienst des Schönen. Auch das ist ungemein denkwürdig. Es war Mäcenas, von königlich etruskischem Blut, der in dieser Zeit der Schützer, ja, Wecker der großen Dichtkunst und des Musiklebens in Rom wurde, derselbe Mann, der damals zeitweilig auch die Weltpolitik in Ergänzung des Kaisers leitete. Dies ist der Gipfel dessen, was Roms Kultur dem kunstliebenden und herrschfähigen Etruskervolk zu danken gehabt hat. Wenn ich nun im Nachfolgenden dem menschlichen Treiben in der römischen Kaiserzeit nachzugehen versuche, so beginne ich mit dem Alltäglichen, dem häuslichen Leben und Straßenleben, um mit der Besprechung der Ethik und der sittlichen Ideale aufzuhören. Überall aber werden wir wahrnehmen, daß die Macht Roms ein Amt Roms war: die weltbeherrschende Stadt ist allmählich die Dienerin der Völker geworden. 249   2. Ankunft in Rom Es ist schwer, sich in der Vorzeit zurechtzufinden. Versuchen wir es, einem griechischen Reisenden uns anzuschließen, der etwa im Jahre 30 oder 50 n. Chr. aus Ägypten ausfuhr, um sich einmal Italien und Rom anzusehen. Solcher Reisende konnte, ganz wie heute, in Brindisi (Brundisium) oder Neapel landen, aber auch in Tarent, Puzzuoli (Puteoli), Ostia oder Ravenna. Besonders die letztgenannten drei Häfen erfreuten sich kaiserlicher Fürsorge. Ravenna, das heute ganz versandet und gegen 8 Kilometer vom Strand des Adriatischen Meeres abgerückt liegt, war damals noch, vom Meer bespült, ein üppiger Seehafenplatz, eine Lagunenstadt wie heute Venedig, mit zahllosen Brücken, die Häuser auf Inseln leicht aus Holz gebaut, die Brücken voll Verkaufsbuden (wie der Rialto), der weite Hafen ein Standort für die kaiserliche Kriegsflotte von 250 Schiffen. Hat der Seereisende Eile und hat er Geld, so benutzt er einen schmalen Schnellsegler, auch zum Rudern eingerichtet, eine Jacht in der Form einer Erbsenschote (Phaselus), wie ihn die Sportleute liebten. Auf keinen Fall aber sucht er die hohe See, sondern hält sich stets in Sicht der Küste. Aber Vorsicht war bei zu naher Küstenfahrt geboten; vgl. Horaz Ode II 10. Denn der Kompaß fehlte ja, und der Steuermann mußte Land sehen, um sich die Richtung zu sichern. Die Fahrt ist schön und eindrucksvoll. Frachtschiffe kommen auf und werden überholt, die da fest im Wasser gehen und breit gebaut und mit breitem Segelwerk gegen den Wind kreuzen. Sie bringen Korn aus Ägypten, Gewürze aus Berytos oder Cäsarea, Schinken aus Frankreich. Auf dem Hinterdeck gibt ein kajütenartiges Zelt Schatten; der hohe Gallion ist mit farbigem Bildwerk geschmückt; Wimpel flattern am Masttopp; Musik, Gelächter schallt zu uns herüber. Da tauchen aber auch Kriegsschiffe auf, ein ganzes Geschwader dreideckiger Galeeren: wie buntbemalt! Sie sind so rank, so schmal und flach, daß sie nur bei ebener See sich aus dem 250 Hafen wagen. Um so schneller fliegen sie dahin und gehorchen dem Steuerruder in den raschesten Wendungen. Jede Triere hat 300 bis 400 Ruderer, und ihre zweimal 200 Riemen schlagen wie Schwingen im Takt auf und nieder. Aus dem Schiffsvorderteil springt wie ein spitzer Unterkiefer ein eiserner langer Sporn vor, der das Wasser aufpflügt und bestimmt ist, das Gegnerschiff zu rammen. Lanzen und Schilde blitzen an Deck auf. Aber der Gegner fehlt. Denn es ist tiefster Friede zu See und Land, und es gibt nur ein Scheingefecht, wenn es nicht gilt, auf Seeräuber Jagd zu machen, die an den cilicischen Küsten des Mittelmeeres nicht aussterben. Schon aber nähern wir uns Ostia, dem Hafen Roms. Die Kauffahrteischiffe mehren sich hier, die den römischen Reedern gehören. Wir sehen ganze Flotten. Denn Rom braucht Nahrung; allein aus Ägypten kommen im Jahr 175 Millionen Liter Weizen. Ein Gebrüll tönt herüber: denn auf einem der Lastschiffe befinden sich Löwen im Käfig, die in Afrika in Gruben gefangen sind und mit dem Schweif schlagen, hungrig und wild: sie sollen in den Tierhetzen der Arena Roms demnächst verwendet werden. Auf anderen Schiffen, die tief im Wasser liegen, werden Marmorblöcke, ganze monolithe Säulen, herangeschafft: Marmor aus Paros, Giallo antico aus Numidien, Porphyr aus Ägypten – sie sollen zu den kaiserlichen Bauten dienen, für die Paläste und Bäder der Vornehmen. Durch Riesenbauten ist der Hafen Ostias, der sehr ungünstigen Lage zum Trotz, durch Kaiser Claudius glänzend hergestellt worden. In der Mitte der Einfahrt ragt der Leuchtturm, Pharos, auf einer Insel. Dazu große Molen und ein glänzender Kai mit Treppenwerk. Geschrei der Hafenarbeiter, die löschen, der Flößer, Sackträger, Kornmesser, Zimmerleute, Akzisebeamten! Ein Hämmern von den Werften her! Große Reihen von gewölbten Magazinen und Schuppen! Dazu Statuenschmuck, ein Dioskurentempel, 251 Vulkan- und Isistempel, aber auch Schmutz und Teergeruch; der Typus eines südländischen Seeplatzes. Am Strand bei Ostia aber ziehen sich die uralten Salinen, die Salzwiesen hin. Das Meeressalz wird da in Lagunen durch Verdunstung gewonnen. Ostia und Rom blieben die Zentrale für den Salzhandel. Der Reisende kann sich nun zu Schiff auf dem Tiberfluß von Ostia nach Rom, 16 Miglien landeinwärts, fahren lassen; Ochsen am Strand ziehen die Fahrzeuge hinauf. Aber es ist ratsamer, sich einen Wagen zu nehmen: Fuhrleute, cisiarii , bieten sich an. Zweirädrige Kabrioletts waren in Italien beliebt und sind es noch heute. Und schon sind wir in Rom , und der Lärm des Seehafens wird durch den Lärm der Hauptstadt selbst übertäubt. Auf 1½ Millionen schätzt man Roms Einwohnerzahl. Der Reisende findet bei Gastfreunden Aufnahme, die ihn schon am Stadttor in Empfang nehmen und durch endlose Gassen zu Fuß nach Hause schleppen, a portu domum ire , Livius 35, 39, 14. mutmaßlich in den vierten, fünften Stock eines Mietshauses. Der Grieche findet in Rom zahllose Landsleute und braucht kein Wort Latein zu reden. Derselbe Grieche war ein Bewunderer des Erfolges und hat daher stets mit abgöttischer Verehrung auf die Allmacht Roms geblickt. Aber der Anblick der Stadt selbst enttäuscht ihn. Ja, ihm blutet das Herz. In den Hallen, in den Tempelvorhöfen sieht er wundervolle Statuen. »Gestohlen und geraubt! Es sind ja unsere Werke,« so denkt er. Fulvius Nobilior führte im Triumph des Jahres 187 v. Chr. 285 Bronzestatuen und 230 Marmorbilder durch die Straßen usf. Auch heute noch sind wiederholt römische Lastschiffe aus jenen Zeiten, mit griechischen Kunstschätzen schwer befrachtet, am Grund des Mittelmeers wieder entdeckt worden, die einst im Sturm scheiterten und sanken und ihren Raub nicht ans Ziel brachten. Den Tauchern gelingt es heute sogar, die Kostbarkeiten aus der Tiefe zu heben; und es sind ganze Museen, die da ans Licht treten. Vgl. »Griechische Erinnerungen« S. 144. Auch an der Küste von Tunis auf der Höhe von Mahedia ging solches Schiff unter; es fanden sich darin bearbeitete Säulen, getrennt davon Kapitelle und Säulenfüße; Statuen; Statuenköpfe; Putten; marmorne Mischkrüge; ein bronzener Eros als Leuchter; bronzene Masken als Möbelbeschläge usf. 252 Rom ist die Krähe, die sich mit fremden Federn schmückt. Aber die Federn sind der Krähe festgewachsen für die Ewigkeit. In der Tat strömten alle besten griechischen Bildhauer jetzt in Rom zusammen und steigerten ihr Können im Dienst der alles überbietenden Ansprüche der Weltzentrale. Sie lieferten Kopien, aber auch immer noch Originalwerke auf Verlangen; dabei aber archaisierten sie schon vielfach als echte Epigonen oder verfielen in einen eklektischen Stil. Aber die Straßen! wie häßlich! diese engen Quartiere! diese Winkelgassen! Fahrbar waren nur die Sacra via, die Nova via, die Via lata. Wie schön dagegen Alexandria, Antiochien, Prïene, Magnesia. Ein weites rechtwinkliges Straßennetz, breite schnurgerade Avenüen, die mit Kolonnaden das Häusermeer kühn und endlos durchschneiden – das war die Regel in den hellenistischen Städten. Im Häusergewirre Roms dagegen fehlt jede Linie, scheint jede Orientierung unmöglich (trotz des gewaltigen antiken Stadtplans, der uns in Trümmern erhalten ist), wenn man nicht einen Höhepunkt gewinnt. Vom Tempeldach auf dem Kapitol allerdings, da ließ sich Umschau halten, und man sah von da zu seinen Füßen zunächst genug des überwältigend Herrlichen: die ganze blendende Marmorpracht der erst neuerdings errichteten Tempel und Hallen. Denn Kaiser Augustus war es, der das trübe backsteinerne Rom in ein festlich marmornes Rom verwandelt hatte. Freilich steht alles zu eng. Um für das Cäsar-Forum mit dem Venus-Tempel, für das Augustus-Forum mit dem Marstempel Raum zu schaffen, sind da ganze Quartiere niedergelegt worden. In hohe Brandmauern sind die Fora eingezäunt. Noch überraschender ist der Ausblick, wenn man vom Kapitol nach dem Vatikan und Monte Pincio (den Gärten des Pompejus) hinüberschaut: da hat man das flache »Marsfeld«, eine Vorstadt voll vornehmster Schmuckbauten, zu seinen Füßen. Seit 200 v. Chr. hatte hier außerhalb der Stadtmauer eine Siedlung begonnen mit Anlegung der 253 Flaminischen Straße, die heute der Korso heißt und zum Ponte Molle führt. Pompejus war hier als Bauherr mit dem Großartigsten vorangegangen; ich meine sein Theater, das 40 000 Menschen aufgenommen haben soll. Das augusteische Zeitalter stellte ebendahin das Pantheon mit den Bädern des Agrippa, die Theater des Marcellus und des Balbus; dazu wundervolle Bazare sowie das Mausoleum des Augustus, das von einem Lusthain und Volksgarten umgeben war. Blickt man aber auf die Altstadt zurück, so geht für das Auge alle Ordnung und Planmäßigkeit in dem wüst romantischen Chaos von Dächern und Gängen verloren. Die bergige Lage Roms war daran schuld. Das wirkliche Ideal des altitalischen Städtebaus vergegenwärtigt uns am besten Turin ( Augusta Taurinorum ), eine Kolonie des Augustus; wer heute Turin betritt, muß sich erstaunen über dies Schachbrett von Häuserkarrees mit den breiten Straßen, die vollkommen geradlinig wie endlose Korridore Durchblick durch das ganze Stadtinnere gewähren. Es ist der antike Grundriß, auf dem Turin noch heute steht. Licht und Luft, danach verlangte der praktische Römer so gut wie der hellenistische Grieche. Der Plan ist dem Heerlager nachgebildet, ein weites Rechteck mit cardo und decumanus . Etwa 60 gleichgroße Häuserblöcke zu je 240 Fuß im Quadrat, das war es, was Augustus da in die Ebene stellte: gesund, aber reizlos und nüchtern. Ebenso hat sich der Plan der aufgegrabenen Stadt Thamugadi (Timgad) in Numidien erwiesen. Auch Lambaesis, Carnuntum sind im Anschluß an solche Heerlager entstanden, vor deren Toren sich in Baracken ( canabae ) die Marketender und Kleinhändler ansiedelten. Auf den sieben Hügeln Roms war nun aber solcher Stadtplan nicht durchführbar trotz aller Planierungsversuche. Dasselbe gilt von Pompeji. Wer hat die Baupolizei in Händen? In der Zeit der freien Republik waren es die Censoren, die nicht nur die Einschätzung und das Steuerwesen verwalteten und den 254 Gemeindehaushalt regulierten, sondern auch das gesamte öffentliche Bauwesen beaufsichtigten sowie außerhalb der Stadt die Anlage der Heerstraßen oder Landstraßen in Auftrag gaben, während die Aufsicht über Tempel und Gassen den Aedilen oblag. Späterhin jedoch sind es die Kaiser selbst, die in Rom bauen, und zwar für eigene Rechnung, ohne auch nur den Senat zu fragen, anders als in der Residenz Berlin, wo jede erhebliche bauliche Neuerung zwar auch der Genehmigung des Königs bedurfte, aber doch vom Stadtrat beschlossen wurde. Unter den Kaisern funktionierten dabei Behörden, die sich Wegeaufseher ( curatores viarum ) und Aufseher über die öffentlichen Bauten ( curatores aedium usf.) nannten. Sodann die Warenzufuhr, die Märkte, der Kleinhandel am Ort. Man denke, was dazu gehörte, Rom zu ernähren. Große Lagerspeicher gab es an verschiedenen Stellen, vor allem am Aventin, für Salz, Korn, Wein, auch für Schreibpapier, das nur aus Ägypten kam. Die Schreibverhältnisse im Altertum waren schwierig. Fiel die Papyrusernte in Ägypten schlecht aus, so war der Papiermangel groß, und der Senat selbst sorgte für die Verteilung der vorhandenen Vorräte. Daher wurde so viel auf Wachs geschrieben. Wie sollte es in Rom ferner an Ochsenmarkt und Schweinemarkt, Fischmarkt und Gemüsemarkt fehlen? Für die gleichen Zwecke wurden dann aber auch besondere Markthallen erbaut, sogenannte Macella, wie wir eine in Pompeji hart am Forum kennenlernen: ein hochummauertes Areal, dessen Inneres zum Teil unter offenem Himmel, großenteils aber gedeckt ist; in der Mitte eine Rundhalle mit Gruben zum Schuppen der Fische; ringsum schattige Umgänge, darin sich hübsche Wandgemälde befinden, u. a. ein Fries, der Enten, Gänse, Fische, Kalekutten, gerupftes Geflügel, einen Hahn mit zusammengebundenen Füßen nett naturgetreu darstellt (die antike Malerei kannte schon den Reiz des Stillebens! Eier im Glas! Schweinsköpfe u. a. m.). Das waren die Waren, die man eben hier zu kaufen fand. Aber auch eine Fleischbank 255 fehlte nicht in demselben Komplex, sowie Geldwechslerstuben, damit, wer kleine Münze brauchte oder nur ausländisches Geld bei sich führte, sich sogleich wechseln lassen konnte. Und die Rechnungen, die Additionen und Subtraktionen, haben sich da in Pompeji direkt an die Kontorwände gekritzelt gefunden. Die Aedilen aber waren es wiederum, die die Marktpolizei inne hatten und durch ihr dienendes Personal ausüben ließen. Gewichte und Maße der Händler wurden nachgeprüft, Normalgewichte und Hohlmaße waren in allen Städten öffentlich aufgestellt. Sie sind in Pompeji noch heute zu sehen. Was aber ist eine Stadt ohne Wasser, Wasserzufuhr von außen? Denn sie will trinken, sie will sich reinigen. Auch dafür gab es eine besondere Wasserbehörde. In den langen Regenzeiten des Winters stürzte durch die Gassen das Regenwasser. Es mußte ablaufen. Unter den Stadtmauern her wurde es durch Abzugskanäle aus der Stadt geführt. Sodann die Kloaken, die Latrinen. Es versteht sich, daß in keinem Privathaus ein derartiges Kabinett gefehlt hat; es lag regelmäßig in der Nähe der Küche, d. h. von den besseren Wohnräumen entfernt, befand sich aber, wo nötig, auch im Oberstock, mit Tonröhrenleitung. Bemerkenswerter ist, daß auch für öffentliche Latrinen gesorgt war, freilich noch nicht im Athen des Aristophanes – und der Südländer hatte und hat überhaupt einen großen Hang zur Natürlichkeit –, wohl aber in den Kulturstädten der Kaiserzeit, von denen wir handeln. Am Forum in Pompeji sieht man noch solche Einrichtungen, in Thamugadi gar einen Raum mit 25 Marmorsitzen: unter den Sitzen her war ein Sammelkanal mit fließendem Wasser. Die Sitze sind nicht durch Zwischenwände getrennt. Ja, auch der allerhöchste kaiserliche Geheimort auf dem Palatin hat sich auffinden lassen (wie auf Kreta der des alten Königs Minos); die Sitze standen da und auch sonst im Halbkreis angeordnet, so daß die Beteiligten sich trefflich miteinander unterhalten konnten; denn man war 256 plauderlustig; man hatte ja auch keine Zeitungen und leistete sich selbst hier Gesellschaft. Auch Gedichte las man sich dort vor: s. Martial III. 44, 11. Vgl. übrigens Chr. Hülsen in der Voss. Ztg. 1916, Sonntagsbeilage 5; C. Blümlein, Jahresber. für A. W. Bd. 209 (1926 III) S. 58. Die Kanalisation der Städte aber setzt nun jene Wasserleitungen voraus, die der Ruhm des Römertums sind. Der Römer lechzt nach fließendem Wasser ( salientes ). Und Rom selbst prangt noch heute im Schmuck seiner Springbrunnen. Wer aber kennt nicht die Aquädukte Altroms, Aqua Appia, Marcia, Aqua Virgo usw.? In Augustus' Zeit gab es 7, unter Konstantin 19; herrlich die Claudia, die über 45 Meilen zum Teil auf hohen Bögen das Gebirgswasser aus den Sabinerbergen in die Stadt führte! Die Aqua Claudia läuft 10 Meilen auf dem Aquädukte, 35 unterirdisch. Sie sind noch heut die Zierde der einsamen Campagna um Rom und kriechen wie Raupen über das Blatt der Landschaft, lasttragende steinerne Raupen, die auf 100 000 Füßen wandeln und den viele Meilen langen, mit Fliesenplatten gedeckten Wasserkanal auf ihrem Rücken einhertragen: unzerstörbar wie die Pyramiden Ägyptens, wäre nicht der Mensch gekommen und hätte sie als Steinbruch benutzt. Die Aqua Marcia aus dem Jahre 144 v. Chr. ist im Jahre 1869 wieder hergestellt worden; sie brachte im Altertum über 290 000 Kubikmeter Wasser täglich, heute nur 120 000. Hoch über die Schwibbögen der Stadttore drangen so die Leitungen in das Innere Roms und bildeten auch ihrerseits monumentale Bögen, unter denen der Verkehr hindurch ging, oder sie liefen auch die ganzen Straßen und Kolonnaden entlang. Wasserkastelle ( dividicula ) gab es in den verschiedenen Teilen der Stadt zum Zweck der gleichmäßigen Verteilung, zur Speisung der großen Badeanstalten. Um genügenden Druck zu haben, mußte das Wasser hoch vom Gebirge kommen und wurde so durch ein Geäst von abermillionen Bleiröhren in alle Hochbauten der Stadt getrieben. Diese Bleiröhren, mit Stempeln versehen, erweisen sich weit trefflicher und dauerhafter, als wir sie heute zu fabrizieren pflegen, und das gilt nicht etwa nur von Rom. Alle großen, ja die kleinsten Städte waren mit solchen Leitungen versehen. Viele Inschriften melden davon. Ravenna erhielt sein 257 Trinkwasser in einer solchen von 30 Kilometer Länge. Nîmes war ebenso wasserarm wie Ravenna, und der berühmte Pont du Gard trug ihm die Leitung zu. Selbst Lyon war im Altertum mit Wasser besser versorgt als heute. Aber nicht nur Bäder speiste man so. An jeder Straßenkreuzung standen öffentliche Brunnen als steinerne Wannen, in die aus einem skulpierten Pfeiler Tag und Nacht das Wasser rann; und allen besseren Privathäusern war es ermöglicht, ihre Schmuckhöfe mit plätschernden Brunnenwerken zu schmücken. Es waren dies freilich zumeist nicht hochgetriebene Wasserstrahlen wie bei unseren Fontänen, sondern das Wasser fiel frei mit klatschendem Geräusch und frischen Hauch verbreitend aus geringer Höhe auf ein Marmortreppchen oder aus dem Schlauch eines Satyrn in ein ausgemauertes Becken herunter. Welch wonnige Erlabung in der Hitze des Südens! Sogar in der Stube hatte man das: das Leitungsrohr stieg am Bein des Tisches hinauf, und das Wasser ergoß sich, wenn man den Hahn drehte, über die Tischplatte. Dazu endlich die Sparsionen, die Sprengungen im Theater, die bis zu den höchsten Rängen Diese Sprengungen und das Drucksystem beim Heben des Wassers erörtert Seneca, Nat. quaest. II. 9, 2. hinaufgingen. Das Stadtvolk Roms wurde von den Kaisern verhätschelt; daher brauchte man dort kein Wassergeld zu zahlen; in den übrigen Kommunen hatte, wer sich die Leitung in sein Haus legen ließ, jährlich eine mäßige Abgabe zu entrichten. Der griechische Reisende, der sich in Rom umsah, erkannte indes wiederum in alledem doch nur eine Weiterführung und Steigerung der eigenen griechischen Kultur. Dasselbe gilt von der Einrichtung der Straßen, auf die wir jetzt acht geben. Wir pflanzen heute an den Fahrstraßen vor den Toren Obstbäume, Kugelakazien, Lindenalleen. Das kennen die Alten nicht. Der Chausseebaum ist durchaus unantik. Wohl aber gab es Volksgärten, wie beim Mausoleum des Augustus; da, wo die Straße sich ausweitete, sorgte man für Ruhebänke ( scholae ), oftmals die Stiftungen von Privaten, die Halbzirkelform haben, auch Löwenfüße, und aus Stein hübsch 258 gemeißelt sind. Vor allem aber sorgte die Baubehörde in der Stadt für gedeckte Wandelbahnen. Denn wie der heutige Italiener, so stand auch der Römer gern müßig in den Straßen herum und rieb sich den Rücken an den Säulen stundenlang, um den leeren Nachmittag auszufüllen. Dazu brauchte er die Portiken, Nur um die heiße Mittagsstunde sind die Portiken leer, Tacit. Ann. 11. 21, 2. die nicht nur die öffentlichen Plätze oft zweistöckig einfaßten, sondern in allen vierzehn Regionen Roms, besonders in der 7. und 9., die Häuserfronten unterbrachen. In der Nähe des Korso gab es allein deren 14, welche 14 zusammen auf 14½ Kilometer berechnet werden. Im Winter stürzt der Regen im Süden wochenlang, im Sommer glüht die Hitze von oben: da half nur das flache Dach dieser gedeckten Säulengänge, Promenaden von oft endloser Ausdehnung und glänzender Ausstattung: Statuenschmuck zwischen den Säulen, die Wände mit Fresken erfüllt. Man bedenke dazu, daß der antike Mensch in der Stadt keinen Hut trug (nur auf Reisen war der Hut üblich) und daß auch der Regenschirm fehlte. Man kannte nur den Sonnenschirm ( umbella ). Barhäuptig liefen die Jungen zur Schule, barhäuptig ging Cicero in den Senat. Daß Kaiser Augustus im Hut einherging, wird besonders notiert. Cäsar bedeckte seine Glatze mit Lorbeer, und auch Kaiser Caligula war früh kahl und ärgerte sich, wenn man ihn vom Fenster aus von oben sah. Aber auch die Frauenhüte fehlten ganz; die Frauen verhüllten nur die Haare schleierartig, und die gespreizten Hutphantasien, wandelnde Dächer, jene Orgien der Putzsucht, mit denen unsere Damenwelt vor etlichen Jahren dem Sonnenstich wehrte, würde jede Messalina belächelt haben; mehr noch die tolle Inkonstanz unsrer Mode, die heute auf die Frauenköpfe, deren Locken sie absäbelt, die schmale Hutstange setzt, die im Schema den Fingerhut nachahmt. Frau in Straßentracht Terrakottastatuette aus Griechenland in Sammlung Loeb zu München, um 150 v. Chr. Nach Sieveking, Terrakotten der Sammlung Loeb Band 1, Tafel 56. Wir aber blicken jetzt vor unsere Füße auf das Straßenpflaster. Es besteht aus großen polygonalen Platten ( silex , 259 Basaltlava), wie sie noch jetzt in den italienischen Städten gebräuchlich sind. Der Gehsteig an beiden Seiten ( margo ) ist oft sehr hoch, bis zu 1 Meter, und zwischen den Steigen läuft die Straße wie ein leerer Fluß zwischen steilen Ufern. In der Tat floß das Regenwasser hoch durch die Straßen, wenn Abzugsleitungen fehlten. Für die Pflasterung des Steiges aber haben die Anwohner zu sorgen. Daher wechselt die Beschaffenheit des Pflasters in Pompeji vor den verschiedenen Häusern und ist bald Naturboden, bald Steinplatten, bald ein aus Ziegelbrocken hergestelltes rohes Mosaik. Weil aber der Fahrdamm so tief ist, werden an gewissen Stellen, um den Übergang von Gehsteig zu Gehsteig zu erleichtern, Schrittsteine gelegt, je 3 oder 4, und diese Schrittsteine verraten uns die Breite der antiken Wagen, d. h. die Weite des Abstands ihrer Räder. Sie erweisen sich als sehr schmalspurig. Ein Wagenverkehr war augenscheinlich schwierig, besonders das Begegnen von Fahrzeugen. Die Fuhrleute mußten genau orientiert sein. In eine Menge von Gassen und Gängen drang nie ein Fuhrwerk. Daher war nun der Wagenverkehr in den Städten am hellen Tag überhaupt polizeilich verboten, und dies ergibt einen ganz wesentlichen Unterschied vom heutigen Stadtgetriebe. Nur zu Prozessionszwecken, wenn ein Priester oder die Vestalinnen zum Tempel fuhren, oder bei den Triumphzügen der Feldherren und Kaiser wurde davon eine Ausnahme gemacht. Daraus muß sich erklären, daß im Stadtbereich Pompejis so wenig Pferdegerippe ausgegraben worden sind. Die Wandanschrift wegen eines verlaufenen Pferdes findet sich vor der Stadt, nicht in der Stadt. Für den Menschen, der nicht zu Fuß gehen wollte, hatte das aber eigenartige Folgen. Wer heutzutage per Automobil durchs Land reist (oder rast), darf unbehindert quer durch die Städte hindurch, die er passiert. Der antike Reisende dagegen mußte, wenn die Fahrstraße die Stadt nicht umging, jedesmal vor dem einen Stadttor seinen Wagen verlassen und am anderen Tor sich einen neuen nehmen. An den Toren lagen die Kutscherkneipen mit dem Ausspann. Im Innern der 260 Stadt herrschte dagegen die Sänfte, der Tragstuhl. Die Gassen waren davon erfüllt; aber nur Freigeborene durften solche Sänften benutzen. Vornehme Damen und auch Herren gingen so ihren geselligen Zwecken nach; der Insasse konnte darin schreiben und lesen, das Klappfenster öffnen, Bekannte anreden, einen Freund mit aufnehmen, und auch das müßig elegante Getändel mit den Frauen, ob nur artig oder verliebt, knüpfte sich daran, wie etwa heute an den Wagenkorso auf Monte Pincio. Wo uns Juvenal einmal das Gedränge in den Straßen schildert, da redet er von Wagen gar nicht. Die Gefahr für den Fußgänger bestand darin, daß man von anderen rücksichtslos gestoßen wurde, weil die fürstlichen Vornehmen nie ohne großen Troß ausgingen und Platzmacher, die auf das rücksichtsloseste ihres Amtes walteten, ihnen voranschritten. Dazu dann die Lastträger, die Stangenwerk und Fässer schleppten, so daß man sich den Kopf daran wund stieß; endlich aber die Sänften, die im eiligsten Trott hindurchgingen. Man lief Gefahr, von ihren metallbeschlagenen Tragbalken gehörig gepufft zu werden. In China sind für einen guten Tragstuhl 4 Kulis nötig; der gepflegtere Römer brauchte 6, um das Schaukeln möglichst zu verhindern und auszugleichen. Straßenszene Wandbild aus Pompeji ( Casa dei Dioscuri ) im Neapler Museum (Guida Ruesch Nr. 1366), um 70 n. Chr. Nach Photographie Alinari 34138. Und damit haben wir ein Straßenbild Roms. Wer es sich vervollständigen will, denke sich etwa noch die bunten Trachten der Menschen hinzu, oder besser die geniale Nachlässigkeit der Tracht. Die Hosentracht fehlt damals noch ganz. Sie kam erst im 3. Jahrhundert n. Chr. über die Alpen. Die Gallier brachten damals die Hose nach Italien, die Germanen im 4. Jahrhundert den Pelz! Die farbige Tunika, das lange Hemd, ist die allgemeine Bekleidung der männlichen Bevölkerung, und für viele die einzige. Darüber trägt nur der gepflegtere Bürger noch den stolzen Umwurf der weißen Toga. Der Arbeiter zieht sich nur bei Regen und Kälte den zottigen dunklen Fries über ( paenula ); die Eleganten dagegen und 261 auch der Offizier wirft sich gern die Lacerna um die Schultern, einen leichten Mantel mit Kapuze, grell weiß oder bunt, auch scharlachrot. Dazu mannigfaltiges Schuhzeug von der einfachen Sandale bis zum hohen Militärstiefel, der aber nicht dem unsren glich. In allen Fällen war Prinzip, die Zehen vorn bloß und unbedeckt zu lassen. Dadurch wurden freilich tägliche Fußbäder nötig, jenes Fußwaschen, das bisweilen zur bedeutsamen Handlung wird. Aber das Altertum kannte dafür auch den Leichdorn nicht! Die Toga selbst aber kam ab; sie war zu unbequem. Juvenal sagt, daß zumal in den Landstädten alles nur noch in der Tunika lief, und selbst im Theater unterschied sich der Würdenträger darin nicht vom Volke. Warum auch nicht? Viele legten erst auf dem Totenbett die Toga an. Die in Pompeji aufgefundenen Toten bestätigen das; ich meine die in Gips abgegossenen Verschütteten, deren Hohlformen sich in der Lavamasse gefunden haben: sie zeigen tatsächlich nur sehr geringe Bekleidung. Es war eben die heißeste Sommerzeit, der 24. August 79, und zwar am hohen Mittag, als sie der grausige Tod ereilte. Nun ist aber das, was ich über das Verbot des Fahrens gesagt, doch einzuschränken. Wie sollten Waren, Baumaterial in die Stadt kommen, wenn nicht per Achse? Und es wurde in Rom ständig gebaut. Das war die Manie der Kaiser. Hier galt nun das Gesetz: Lastwagen dürfen in der Stadt fahren, aber nur etwa von 7 Uhr nachmittags an (zur Sommerzeit; im Winter etwas früher). Diese Erlaubnis betraf zugleich das Abfuhrwesen. Also nur abends und nachts! Nun denke man sich eine italienische Nacht in jenen Zeiten. Bei uns beruhigt sich alsdann der rasende Wagenverkehr. Die elektrischen Bahnen fahren nur bis 12 Uhr, und man hört es kaum, wenn vereinzelte Autos noch spät auf ihren Gummirädern über den Asphalt gleiten. Dagegen ging im Altertum erst am späten Nachmittag der ganze Frachtverkehr los und donnerte durch die engen Straßen 262 bis Sonnenaufgang. Auf dem Pflaster dröhnt es gewaltig, und die Karren gingen auf massiven Radscheiben ohne Speichen ( tympana ). Welcher unausgesetzte Lärm und betäubende Unruhe! Deshalb wären abends Theater und Konzert unmöglich gewesen; der Straßenlärm hätte sie übertönt. Man spielte nur am hellen Tage. Und auch in den Wohnhäusern sorgte man dafür, daß die Schlafräume möglichst nach hinten lagen. Nach der Straße zu war das Wohnhaus tot und löste sich gern in Läden auf. Wem geht es nicht zu Herzen, wenn wir den zeitgenössischen Dichter klagen hören! »Die meisten werden in Rom krank und gehen am Nachtwachen zugrunde. In den Mietshäusern, wo man ein Zimmer nach vorn hat, tut man kein Auge zu. Es kostet viel in Rom zu schlafen. Das ist die Hauptursache unserer Kränklichkeit!« Wir würden sagen: man wird in Rom nervös. Die Wagen stauen sich da, wo die Straße sich biegt, sie führen Marmorblöcke oder lange Fichtenstämme. Dachziegel, Topfscherben sausen krachend von oben aufs Pflaster. Und die obersten Fenster in den Häusern zeigen noch Licht um Mitternacht! Ein Zug von Pferden will hindurch und muß stehen, und die Bereiter schimpfen. »Selbst ein Seekalb könnte dabei nicht schlafen.« Nur drei Gattungen von Menschen konnten in Rom wirklich leben: die prachtumgebenen Großherren oder Millionäre und die Plebs, die Leute, die sich nicht genierten, von jenen sich füttern zu lassen, und das Essen warm auf der Platte aus den Palästen nach Hause schleppten; dazu endlich die vielen Streber aus dem Orient, die, um ein Vermögen um jeden Preis zu machen, allen Plagen gewachsen und überall selbst die lautesten waren. Wer aber still und anständig leben will, der hält es nicht aus. Ihn schrecken auch die täglichen gräßlichen Feuersbrünste; das Löschwesen war elend; die Feuerwehr – oft nur Zimmerleute – kam mit Leitern und Matratzen meistens zu spät. Unerträglich endlich auch der Mangel an Luft, wenn man im 3., 4. oder 5. Stock wohnte, 263 zwischen turmhohen Mietshäusern eingepfercht, daß man sich von Fenster zu Fenster die Hand hätte reichen können. Und doch herrscht dabei die größte Fremdheit, und man lernt sein Fenster- vis-à-vis niemals kennen. Inmitten des Chaos von Menschen vergeht man in Einsamkeit. Nur freilich das verkommene Proletariat, das wußte von Einsamkeit nichts; es lebte selbst nachts gesellig: denn es kann in Rom nicht anders als jetzt in Neapel gewesen sein, wo wohl ein Dutzend dunkler Existenzen in einer einzigen jammervollen fensterlosen Schlafstelle, mehr Loch als Kammer, beisammen schlafen. Aber die übrigen? Die Mieten waren natürlich außerordentlich hoch. Zum Vergleich sei eine Notiz über die Hauptstadt des Faijum herangezogen: da besaß ein gewisser Herodes ein Haus, das in Teile zerfiel, in dem zehnten Teile dieses Hauses wohnten allein 20 Familienmitglieder und außerdem noch 7 Mieter. Es wurden Listen über die Hausbewohner geführt, und solche Listen sind uns noch erhalten. Wo sollte man wohnen? wohin sich retten? So beschließt denn der schlichte ehrenhafte Umbricius bei Juvenal, in die Kleinstadt zu ziehen, und packt seinen ganzen Hausstand auf den Wagen. Folgen wir ihm dorthin, um endlich auch das Innere eines behaglichen antiken Hauses, wie es uns Pompeji hundertfach zeigt, kennenzulernen.   3. Im Hause Griechenland war schon im 3. Jahrhundert v. Chr. wie heute fast vollständig entwaldet. In Italien trat dieselbe Entwaldung erst etwa 500 Jahre später ein. Häuserbau, Heizung und Flottenbau verschlangen auch hier den Wald. Vorläufig aber lieferte der Zimmermann noch für das Haus Dachsparren und Treppenwerk. Die Buche und Linde waren damals noch ein häufiger Baum in Italien. Schrecklich aber fraßen die Feuersbrünste in den Städten. Wie viel bedeuten die Brände für die Stadtgeschichte Roms, wie wenig für die Athens! Im übrigen war der Häuserbau in Italien massiver Steinbau, aber so, daß in den Städten die Nachbarhäuser stets gemeinsame Zwischenwände hatten. Neben dem Bruchstein diente als Material der gebrannte Ziegel. Mauerziegel, 264 Dachziegel, Stuckbewurf waren vortrefflich und dem modernen an Güte überlegen. Gleichwohl wurde in der Hauptstadt auf das fahrlässigste gebaut. Häusereinsturz war eine ständige Gefahr, und man fuhr in Todesangst zusammen, wenn die Wände knackten. Wer nach der Kultur eines Volkes fragt, muß vor allem in sein Privathaus eintreten, sei es nun ein Negerzelt oder eine der putzsüchtigen Villen im Berliner Tiergarten. Immer hat es etwas Intimes, wenn sich ein Privathaus uns öffnet; denn es ist die Muschel, die sich schließt, um das Familienleben zu isolieren. Wieviel Schablone herrscht noch in unseren modernen Häusern! Reichtum tut es nicht. Die wahre Kultur ist da, wo Eigenart herrscht, und schon ein Blick durch die Räume zeigt, ob wir es mit einem Protzen oder einem Gebildeten zu tun haben. Zu den Kulturzwecken des Hauses gehört aber auch dies, daß es das Gemüt nicht beenge, sondern erheitere und freimache. Mit Bedauern blicken wir zuerst noch einmal auf die Mietskasernen, die wie in den heutigen Großstädten ganze Quartiere ausfüllten. Durch die Ausgrabungen in Ostia sind sie uns besser bekannt geworden; Vertikalbauten, zumeist ohne Lichthof, mit hohläugigen Fensterreihen in allen Stockwerken, die auf die engen Gassen blickten. Die Treppen steil; Latrinen nur zu ebener Erde; der Schornstein fehlt, und der Herdrauch muß durch die Fenster abziehen. In solcher Kaserne scheint auch der Dichter Horaz gewohnt zu haben; in seiner Stube hatte er nur für vier Gäste Platz; sonst war das Atmen lästig. Vgl. »Horaz' Lieder«, 2. Teil, S. 11. Wegen dieser Wohnungsverhältnisse war die Sterblichkeit auch schon damals in den Großstädten verhältnismäßig stark. Nach Cicero sind 46 Jahre das Durchschnittsalter, das der Mensch erreicht. Wer auf einer Etage wohnte, der bewohnte sie eigentlich gar nicht; er lebte meist außer dem Hause und stand auf den öffentlichen Plätzen herum, wie es noch jetzt überall im Süden geschieht. Solche Riesenhäuser sind wie 265 Columbarien oder Taubenschläge: nur zur Nachtruhe kehren die Flieger heim. Freilich hatten diese Häuser Balkons und bisweilen auch oben auf dem Dach einen Garten, s. Digesten VIII 2, 12. Die Rekonstruktion eines Hauses in Ostia gab Hülsen in der »Woche« 1921, Heft 38, S. 832. Wer dagegen im eigenen Hause wohnt, richtet es so ein, daß er die Hilfe der Straße nicht braucht. So liegt das antike Privathaus zugeknöpft und vornehm an der Straße. Das Ziegeldach fällt vom First gelinde nicht nur nach außen ab, sondern auch nach innen und in den lichtspendenden Hof des Hauses. Nur im Oberstock sind ein paar Fenster nach vorn, sonst nichts als blinde Wandfläche, in schönen Quadern oder in Stuckbewurf, der die Quadern nachahmt; gelegentlich war die leere Front auch mit Gemälden, Landschafts- und Tierbildern von vortrefflicher Ausführung wunderhübsch belebt; sogar Porträtköpfe in Medaillons schauen da von der Wand auf die Gasse herab. Auf alle Fälle aber ist das Privathaus Horizontalbau, nicht Vertikalbau; es ist ferner lediglich Innenbau; der Tempel war Außenbau; d. h. die Bauform des ersteren war nicht darauf berechnet, die Straße zu schmücken. Nach der Vorstellung der Alten, die Vergleiche lieben, hat solches Haus aber gleichwohl ein Gesicht; die Front die Stirn, die Fenster die Augen, das Gesims die Brauen, die Türe der Mund ( ostium ). os aedium liest man bei Plautus Pseud. 951, u. ähnl. m. Wehe, wenn der Mund des Hauses zu plaudern anfängt! Es ist die Tür, die den Skandal verrät. Wohl dem Haus dagegen, wo die Tür schweigsam ist und ihre Schwelle liebt! In welchem Sinne die Tür die Schwelle liebt, zeigt Horaz, carm. I. 25, 4,wie sie schwatzt, Catull c. 67, vgl. Kritik und Hermeneutik S. 250. Und das Gleichnis geht noch weiter; denn wer durch die Tür tritt, kommt zunächst in den »Schlund« des Hauses; Schlund heißt der Gang, der ins Innere führt. Die beiden Hauptstuben des Atriums aber heißen die Achseln des Hauses, Wir rühren den Klopfer (Klingeln sind selten). Die Tür schlägt nach innen; sonst wäre bei offenen Türen der Gehsteig unpassierbar. Der Hausmann kommt aus seinem Kämmerchen und hilft uns gleich das Schuhzeug ablegen, das auf der Straße schmutzig geworden. Abkratzer gibt es nicht. 266 So stehen wir zunächst in einem quadratischen Hof, dem Atrium. Ursprünglich war es einmal eine gedeckte Diele gewesen. Aber das Dach ist nun in der Mitte durchbrochen, und unter der Öffnung – impluvium – liegt ein Regenwasserbecken. Um dies Becken führt vierseitig ein gedeckter Gang mit anliegenden Stuben. Und keine Treppen? fragen wir. Bei uns ist doch das Treppenhaus das Zentrum des Baues; der Lichthof nimmt es auf, und unsere Baumeister mühen sich, es möglichst gefällig zu gestalten. Ein antikes Privathaus war dagegen so gebaut, als wäre es nur Erdgeschoß. Wiederholte sich das Erdgeschoß in einem Oberstock, Neuere Ausgrabungen haben ergeben, daß wohl fast alle Häuser in Pompeji ein zweites Stockwerk hatten mit Balkönchen, Säulengängen und Loggien, ganz ähnlich wie es Italien noch heute liebt. so verkrochen die Stiegen sich in die Winkel, um die schöne Flächenentwicklung der Räume nicht zu stören. Dies Atriumhaus, so eng es ist, muß nun das ältere römische Wohnhaus und zugleich auch das etruskische gewesen sein. Der Herd stand ursprünglich an der Hinterseite der Halle, der Haustür genau gegenüber; in dem Zimmer aber, das noch weiter hinten den Abschluß gibt und Tablinum heißt, stand damals das Ehebett. Und so wie bei uns die Hexen durch den Schornstein fahren, so fuhren im alten Rom die Gespenster durchs Impluvium. S. oben S. 123 , Anm. "So läßt sich Apoll von oben...". Weil aber dies Haus so eng war, deshalb sehen wir in den alten Lustspielen des Plautus (um 190 v. Chr.) im Familienleben die Straße noch die wichtigste Rolle spielen; vor dem Haus auf der Straße wird da gefrühstückt, gekneipt, wird von den hübschen Mädchen Toilette gemacht in der allerunbefangsten Öffentlichkeit. Ähnliches kann man ja auch noch heute in Neapel sehen. Hiergegen aber sträubte sich die entwickeltere Kultur. Darum wurde das Haus an Flächengehalt verdoppelt, nach hinten mehr Raum geschaffen, und das Atrium sank jetzt zum Vestibül, Empfangsraum oder Arbeitsraum, falls ein Handwerk betrieben wurde, herab. Ein zweiter offener Hof öffnete sich, das längliche Rechteck des Peristyls: ein 267 Stückchen Garten, von schönen gedeckten Säulengängen eingefaßt, auf die wieder die Stuben ringsum sich öffneten. Das Peristyl war griechischem Vorbild entlehnt, und hier hatte nun die Familie Raum, sich auszuleben, abgerückt vom Gassenlärm. Schlafräume, vor allem aber die Speiseräume liegen jetzt hier. Dem Üppigeren aber genügte auch das noch nicht. Er dehnte sich noch weiter aus und legte ein doppeltes Atriumhaus vor sein Peristyl oder auch zwei Peristyle hinter das Atrium, so daß nun aus drei Höfen Licht und Luft ins Haus strömte und ein wundervoll weites Raumgefühl entstand. So kann die Wohnung sich schließlich durch einen ganzen Häuserblock ausdehnen. Sie ist zum Palast geworden. Solches Haus war also kein Zentralbau; es zerfiel in mehrere aneinander gelegte selbständige Komplexe. Dabei fehlt meistens ein Keller. Aber die Parterreräume waren kühl genug, um die Vorräte unterzubringen. Wo Villen an Bergabhängen stehen, wie in Antium, finden wir allerdings auch mächtige Kellerwölbungen. Auch auf dem Palatin in Rom sind unter den Kaiserpalästen unterirdische Gänge und Höhlen festgestellt worden, die man als uralte Vorratskeller für Getreide u. a. deutet. Eine geniale Nachlässigkeit aber herrscht in der mangelhaften Ausebnung der Bodenfläche. War der Baugrund uneben, so ließ man einen Teil des Erdgeschosses ruhig um eine oder mehrere Stufen höher liegen als den anderen. Schon der »Schlund«, der schmale Eingangsflur, pflegt in Pompeji anzusteigen. Alle Stuben öffneten sich immer nach dem Lichthofe. Im Sommer nahm man sogar die Türen ganz heraus; und eben für die warme Jahreszeit war dies Wohnen gewiß herrlich. Im Dezember bis Februar jedoch muß der antike Mensch in diesen Häusern entsetzlich gefroren haben. Denn der Himmel stand ja über Atrium und Peristyl weit offen. Heizung gab es meist nicht, nicht einmal Kamine, Seneca de prov. 4, 9: cenationes subditus et parietibus circumfusus calor temperavit gilt von den Häusern der Dollarkönige. Die Kälte hindert eine Senatssitzung ( Cic. ad Quint. fr. II 10). Auf Heizung nimmt Cicero noch ad fam. XVI. 8, 2 und VII. 10, 2 Bezug. höchstens kleine tragbare Herde für Holzkohle oder Pfannen, wie der fröstelnde Italiener sie noch jetzt in der Hand hält. Und der Frost, der in Italien damals nachweislich stärker als heute war, drang, sobald sich eine Türritze öffnete, unwiderstehlich herein. 268 »Bring' Holz, den Frost zu schmelzen, und schicht' es breit Hin über's Feuer, hole mir auch den Wein, Vierjähr'gen reichlich, Thaliarchos, Hol' in sabinischen Henkelkrügen, so singt Horaz, indem er friert und sich in den Herdraum des Hauses zurückzieht. Auch der sabinische Wein hilft dem Dichter, daß er warm wird. Daher kleidet man sich ängstlich in Düffel, auch am Mittagstisch. Kaiser Augustus trug im Winter eine besonders dicke Toga, darunter vier Tuniken übereinander, darunter noch ein wollenes Unterhemd, weiter noch eine wollene Brustbinde und endlich Gamaschen, die hoch über das Schienbein gingen. Blicken wir indes zu guter Jahreszeit vom Peristyl gemächlich durch die Parterreräume, so faßt uns ein helles Entzücken und Wohlgefühl. Es ist ein Gedicht von Linien und Farben, in dem wir stehen. Die Höhe der Räume 6–7 Meter. Der Fußboden Mosaik. Die 18 Säulen des Peristyls wachsen wie Stämme empor, um das Dach des Säulenumganges wie eine Laube zu tragen. Sie sind orange und purpurviolett bemalt. Zwischen ihnen aber liegt das Gärtchen ( viridarium ) wie ein Stück eingefangenes Paradies, feines Strauchwerk darin, und ein paar Blumenfelder; und auch die niedere Brüstung, die das Gärtchen umzäunt, ist oben für Pflanzenerde ausgehöhlt und trägt so einen Saum von Blumen. Dies war das Vorbild für die Klostergärten des Mittelalters, die vom Kreuzgang eingefaßt sind. Ebenda ist auch ein Brunnen oder Fischteich. Marmortische und -becken, leicht farbig getönte schlanke Marmorstatuen schimmern als Zierat zwischen den Säulen – sie fangen im wechselnden Halbschatten die Sonnenstrahlen immer neu und heben sich lichtvoll von den tiefgefärbten Mauern des Peristyls ab, Marmorstuckwänden in karmoisin oder blau oder kohlschwarz, die selbst noch im Schatten dunkel glühen und lichtdurchsättigt sind, sobald nur ein Flimmer von oben darauf fällt. Wie hübsch und befreiend wirken nicht die Durchblicke, die 269 sich von hier nach dem Atrium auftun! Denn die meisten Gemächer sind zwar geschlossen und verbergen sorgsam in ihrem Innern ihren trivialen Hausrat von Betten, Schränken und Wandborten mit Gefäßen und Lampen; einige der Wohnräume erscheinen dagegen halb offen und transparent wie Pavillons; so das Tablinum; denn das Oberteil ihrer Rückwand ist durchbrochen und weggenommen. So aber ist das Auge verlockt, durch solche Stuben wie durch Käfige hindurchzublicken und findet Perspektiven von höchstem Reiz. Und nun die berühmten Wandmalereien selbst. Auf einfarbigen Wandflächen, ob nah, ob fern, tauchen eingelegte Bilder auf oder auch nur einzelne Figuren, die in leicht geschwungenen Architekturen stehen: schöne stille Frauen, rennende Centauren, thronende Götterfiguren, oft ohne allen Hintergrund, ohne Boden, auf dem sie stehen, voll Belebung und doch so diskret und unwirklich. Das Detail dringt nirgends vor; man hat zunächst nur Farbenstimmung, und das Gefühl für die Raumtiefe wächst. Wie begnadet war jene Zeit, die noch die papierne Tapete nicht kannte! wie begnadet war jene Zeit, die noch den Nagel nicht kannte, an dem wir ein gerahmtes Bild unorganisch über die Tapete hängen! Auch noch keine Photographien gab es, keine mechanische Vervielfältigung. Jede Wandmalerei, sie sei noch so gering, war doch eine Originalarbeit, über deren Vorzüge und Fehler sich reden ließ. Gewiß war damals wie heute jeder Hausbesitzer an den herrschenden Geschmack gebunden; dieser Geschmack wechselte; denn man unterscheidet zeitlich vier Arten oder Stile der Zimmerausmalung und Ornamentierung. Gleichwohl aber können wir gelegentlich noch erkennen, wie der Bewohner die Ausschmückung seines Hauses individuell gestaltet hat. Vor allem ließ der Stil jener Zeiten noch wenig Geschmacklosigkeiten zu. Denn er hat nie in dem Grade gewechselt, daß zu widersinnigen Stilmischungen Gelegenheit geboten wäre, 270 wie wenn wir Dresdener Nippes aus Porzellan oder eine japanische Bronze auf ein gotisches Konsol stellen würden. Eine gewisse Monotonie der Bauformen mag man an den antiken Wohnräumen wie am antiken Tempel bemerken: immer nur Vertikale und Horizontale, immer nur rechte Winkel! nirgends ein Rundbogen! Aber schon die Verschnörkelung der Säulenkapitäle gab Abwechslung; dazu die Plafonds der Zimmer und auch des Atriums, die oftmals aufgewölbt waren, so daß doch die Wände mit Bögen abschlossen. Vor allem aber hingen Teppiche im Haus. Kein Haus ohne Vorhänge, farbenreiche » vela «, mit eingewebten Bildern und Arabesken. Weil sie fehlen, deshalb macht das Pompejanum in Aschaffenburg, das König Ludwig I. von Bayern erbauen ließ, einen so falschen Eindruck, wie ein gerupfter Vogel. Die Hakeneinrichtungen zur Anbringung der Portièren sind an den Zimmerwänden Pompejis noch gefunden; und zwar verdeckte man nicht nur leere Wandöffnungen damit, sondern auch bemalte Wandflächen. Die Kälte und Starrheit der geraden Linie wurde durch sie weich und warm, der Reichtum gesteigert. Atrium im »Haus der silbernen Hochzeit« zu Pompeji, um 50 v. Chr. Nach Photographie Alinari 34509. Es wäre lockend, eine Geschichte des Plafonds zu geben. Auch Fenstervorhänge sind bezeugt: Plin. epist. 7, 21. Die Wölbungen in den Stuben wurden wie die Wände farbig belebt; das anzudeuten, muß hier genügen. Der Blick dessen, der auf dem Speiselager lag, fiel leicht nach oben, und da sah er Weinranken und flatternde Vögel oder Rosengirlanden mit bunten Bändern über sich oder in schöner Felderteilung phantastische weiße Stuckreliefs auf himmelblauem Grunde. Die Wölbung des Thronsaals im Kaiserpalast Domitians aber war größer als die des Mittelschiffs des Sankt Peter. Was aber zumeist fehlt, ist ein Spiegel. Der Wandspiegel! Wie beliebt ist er heute bei den Italienern, die das Café nie verlassen, ohne rasch und seelenvoll einen Blick hinein zu werfen. Und doch waren die Narzißnaturen auch schon im Altertum nur zu häufig. Der Handspiegel mußte 271 ihnen genügen, meist aus Metall, wie ihn Kaiser Otho im Krieg mit sich führte. Nur vereinzelt finde ich beim braven Plutarch die Vorschrift, daß, ehe man den Frisierladen verläßt, man sich noch einmal vor den Spiegel stellen soll; das verrät, daß er fest stand. Berühmt aber sind die Spiegel aus Glimmer ( Phengites ), die Kaiser Domitian in den Gängen seines Palastes angebracht hatte. Er hatte Angst vor Mördern und sah in den Wandspiegeln nach, ob niemand hinter ihm herschlich. S. meine »Unterhaltungen in Rom« S. 177 ff. Sodann die Möbel! Man war sparsam damit, wie in Italien noch heute, und ließ sie nicht viel überflüssig herumstehen. Auch in den Pandekten werden in die Wand eingelassene Metallspiegel aus Silber erwähnt. Es war beliebt, gewisse Möbel festzumauern; nicht nur den Marmortisch im Atrium, auch die Speisetische im Saal oder im Garten. Auch die Holzschränke standen auf gemauertem Untersatz in den » Alae «; die Betten waren oft nur Aufmauerungen, auf die man die Matratzen legte, in jedem Schlafgemach eines, aber oft breit genug für zwei Personen. Gemauert war gelegentlich auch der Waschtisch, und auch die Geldkisten standen so vorne im Atrium festgemacht auf dem Fußboden. Da man beim Speisen lag, war auch die Zahl der beweglichen Stühle gewiß nicht groß. Beliebt waren bewegliche Setztische aus Bronze, auf denen das Getränk stand und die man beim Gelage sich neben das Lager stellen ließ. Die schöngeformten Tischuntersätze bewundern wir noch heute; es sind Dreifüße, und sie sind zum Enger- und Weiterstellen eingerichtet. Denn die Tischplatten waren lose, wurden gewechselt und waren von verschiedener Größe. In kostbaren Tischplatten wurde ein ungeheurer Luxus getrieben; eine solche kostete gelegentlich 200 000 Mark. Seneca soll deren 500 besessen haben. – Übrigens blieben sich die Formen der Möbel merkwürdig gleich, und es gab da kein Wechseln der Mode. Etwas Anschauung gibt das Protokoll über einen Kriminalprozeß in Alexandria (auf Papyrus). Die Sache spielt in der römischen Kaiserzeit: »Als gemeldet wurde, daß Sempronius ermordet worden, lagen im Speisezimmer auf einem Sessel eine silberne Trinkschale, Opferschale, Räucherfaß und ein großer Diskus. Jemand sagte: ›Nimm doch diese Sachen fort, damit der Exeget sie nicht mit ins Inventar aufnimmt‹. Man tat sie also in einen Kasten, und ich trug sie in die Kammer der im Haus befindlichen Badestube.« *     *     * Und nun endlich der Mensch! das Familienleben, für das das Haus nur das Gehäuse ist! Es ist bedauerlich, daß wir 272 darin nicht deutlicheren Einblick haben. Denn die Literatur gibt uns davon kein zusammenhängendes Bild. Sie schildert nur die Exzesse der Kultur, nicht ihren normalen Zustand, so wie sie die Luft nicht schildert, in der die Welt atmete. Der Tag gestaltete sich damals etwas anders als bei uns. Es sei nur das wichtigste hervorgehoben, und zwar aus dem Leben des Wohlhabenderen. Der antike Mensch schläft ohne Nachthemd. Steht er auf, so zieht er sich zunächst die Tunika an und wäscht sich erst danach Gesicht und Hände und putzt sich die Zähne. Vgl. Corpus glossariorum lat. III 380 und 70, 3; 120, 53. Der Bauer im Gedicht Moretum wäscht sich freilich gar nicht; er steigt aus dem Bett und knetet gleich mit ungewaschenen Händen seinen Kuchenbrei. Dabei ist er Frühaufsteher. Schon vor Tagesanbruch war Kaiser Vespasian bei der Arbeit, und Plinius besuchte ihn so früh. Horaz liest morgens bei Licht. Mit der Sonne geht die Haustür auf, und das Atrium füllt sich mit Besuchern, an die 40 Personen oder mehr. Es sind die schutzbefohlenen oder begönnerten kleinen Leute, die wirtschaftlich schwachen »Klienten«, die regelmäßig im besten Anzug und mit leerem Magen auch bei dem garstigsten Wetter ihre Aufwartung machen müssen. Der Hausherr empfängt sie thronend auf einem Lehnsessel, dessen Form wir als Bischofsstuhl kennen, tauscht Handschlag und Kuß mit den Männern (der Kuß gehörte zum leidigen Zeremoniell) und lädt, wie es kommt, etliche zu Tisch ein; die übrigen können sich ihre Beköstigung aus der Küche abholen. Daher das Sprichwort: Solange der Topf siedet, ist auch die Freundschaft warm. Dies die Klienten. Die Vornehmen selbst dagegen besuchen sich nicht gegenseitig, sondern treffen sich anderen Orts, zumeist auf dem Forum. Was ist die Uhr? Der Ausrufer verkündet im Haus die Stunden. Denn man besaß nur Sonnenuhren und Wasseruhren. Ob Winter, ob Sommer, der Tag war immer nur in 12 Stunden eingeteilt, ebenso die Nacht, so daß die Stunde an einem Sommertag viel länger war als die im Winter. In der 3. Stunde des Tags, etwa um 9 Uhr, geht der Hausherr seinen Geschäften nach, denen der Vormittag gehört. Den ganzen Nachmittag hatte er für die Ausspannung, für das Otium frei. War aber im Theater etwas los, so ging 273 auch der Vormittag dem Geschäft verloren, wenn die Aufführung schon in der Frühstunde begann. Inzwischen herrscht im Hause die Frau. Die älteren Kinder sind mit ihrem Aufseher in der Schule. Die jüngeren spielen im Garten in den Säulengängen mit den Sklavenkindern zusammen, die mit ihnen erzogen werden, ein ganzer Schwarm. Die Mädchen hängen in der Schaukel, die Buben füttern die Goldfische im Becken. Das Ehebett der Eltern ist vorn mit einem Eselskopf geschmückt, der der Vesta heilig war; das amüsiert die Kleinen immer wieder, und sie spielen lustig darum umher. Die Diener sind auf Besorgungen zum Markt. Hoffentlich kommen sie pünktlich wieder nach Haus; denn es gab nur zu viele, die vorzogen, in den Gassen herumzuschweifen ( errones ). Die Mägde spinnen und weben für den Hausbedarf. Der Gesang der Amme ertönt, die den Jüngsten stillt. Da wird die 7. Stunde ausgerufen, 12 Uhr mittags. Der Hausherr erscheint zum Hauptfrühstück, und es folgt nun das schönste, der Mittagsschlaf, den sich, besonders im Sommer, keiner nehmen ließ. Gespenster erscheinen bei uns nur nachts, bei den Alten auch mittags; so unheimlich still verschlafen und traumversunken war da alles in Haus und Feld. Nur die Eidechse huscht im Laub, und die Hausschlange gleitet geräuschlos über die besonnten Flächen des Peristyls. Dann aber wird es in Küche und Eßsaal rege, und die Dienerschaft rüstet die Hauptmahlzeit für 6 Uhr nachmittags nach unserer Zählung. Der Eßsaal faßt zum mindesten neun Gäste auf 3 Speiselagern. Doch gab es auch Säle für 3 Tische zu 27 Personen und noch größere (das Triclinium im Haus des Pansa ist 8 auf 10 Meter groß). Büfetts, Anrichttische fehlen im Eßsaal; dafür hatte man die vielen Diener; die mochten laufen und alles herzutragen. Die Wandecken im Haus sind deshalb regelmäßig mit Holzbekleidungen geschützt, damit die Diener beim Hindurchrennen den Stuck nicht abstoßen. 274 Während dieser Vorbereitungen widmet sich die Herrschaft der Gymnastik und dem Bade. Denn jeder Gepflegtere hat sein Schwitzbad im Haus. Mitunter freilich ist es nur ein kastenartiges Kämmerchen, das in halber Höhe über der Küche liegt und von der Hitze des Kochherdes unmittelbar mit erwärmt wird. Die Reichen dagegen haben große gewölbte Badehallen mit besonderer Luftheizung. Dann endlich versammelt man sich, leicht und lose gekleidet, im Speisesaal. Selbst bei Frostwetter geht man, wenn man zu Tisch geladen ist, aus, nur nicht bei Schneefall. Für jede Person ist ein Page da. Die Frau des Hauses liegt nicht, sie sitzt. Aber sie ist anwesend. Auch sonst erscheinen Frauen als Gäste. Sie kommen gel. erst nachts a cena heim: Cicero pro Caelio 20. Den verarmten Hausfreunden ist ein besonderer Tisch angewiesen, und das Essen, das für sie aufgesetzt wird, ist minder gut; aber sie werden doch satt gemacht und haben an der allgemeinen Unterhaltung teil. Oft sind sie es, die den Witzemacher stellen. Man verglich die Tischgenossen geistreich mit den Buchstaben im Alphabet: die stummen Gäste sind nur Konsonanten, die gesprächigen dagegen die Vokale! Ein Essen ohne alles Gespräch aber gilt geradezu als »säuisch«. Vgl. Plutarch, Symposiaca I. 1, 3 und VIII. proöm. Überdies sorgt aber der Wirt für Tafelmusik und allerlei Unterhaltung und Überraschungen: Blumenregen, Mimik, Ballett! Das gab große Eßpausen. Schlimm dagegen, wenn die Gäste sich über die Tischunterhaltung vorher in Büchern vorbereiteten. Das Institut der Tischgelehrten, Deipnosophisten, ist, wie ich fürchte, auch heute noch nicht ausgestorben. Noch schlimmer, wenn der Gastgeber bei Tisch aus Büchern vorlesen ließ. Dann waren die Gäste ehrlich genug, davonzulaufen. Und die Speisen? Der kostbare Fisch? Geflügel und Mastschwein? Farcierungen und Austern? Ich muß mir versagen, von ihnen zu reden. Eingehenderes über die Gastmäler s. »Aus dem Leben der Antike« S. 20 ff. Gewiß ist, daß der Durchschnittsmensch damals ebenso frugal, ja vegetarisch von Polenta, Lattich, Kürbiß, Kohl und Rüben und etwa einer Artischocke gelebt hat, wie der heutige Südländer, daß sich dagegen, wo 275 es üppige Schmausereien gab, in der Mannigfaltigkeit und kunstvollen Verarbeitung der Fleischspeisen ein hoher Grad der Kultur verriet, wie ihn höchstens die Neuzeit wieder gebracht hat: ein Triumph des Reichtums und der Intelligenz. Denn der Handel brachte die Fülle der Zutaten von allen Küsten. Ob es auch ein Triumph des Wohlgeschmacks war? Jedenfalls galt der Koch als Virtuose und spielt im antiken Lustspiel, also auch im Leben der Alten eine viel größere Rolle, als etwa die Köchin heute bei uns. Selbst das allgemein Alltägliche, die Ernährung des Leibes, künstlerisch phantastisch zu verklären, gelingt nur einer Gesellschaft, die auch sonst im Besitz höchster Bildung ist. Aber während des Speisens bricht das Dunkel herein. Die Leuchtkörper werden gebracht, und wir bemerken, daß der schöne und trauliche Eindruck des Wohnhauses nur bei Tageslicht wirkt. Denn die Lampen der Alten taugten wenig. Wenn Martial behauptet, daß eine einzige Lampe zu 20 Dochten ein Convivium erhelle, so ersieht man daraus, wie bescheiden damals die Ansprüche waren. Wir können vielmehr sagen: die Alten vermochten es nicht, ganze Räume unter Licht zu setzen. Der Wilde hatte nur den Kienspan oder den brennenden Holzscheit. Daraus entstand die Fackelbeleuchtung, mit der sich Odysseus, aber auch noch Karl der Große in seinem Palast begnügte. So war es denn schon viel, daß die Antike die Kerze und die Öllampe erfand. Man bedenke, daß erst nach Friedrichs des Großen Zeit bei uns der Rundbrenner und der gläserne Lampenzylinder für die Lampe erfunden worden ist. Wundern wir uns also nicht, daß es mit diesen Dingen im Altertum nicht besser stand als im Zeitalter eines Newton oder Galiläi. Daher stand man so früh auf. Man benutzte das Morgenlicht; und eben deshalb wurde auch im Theater morgens gespielt. Der Begriff der Nachtarbeit, das Studieren bei Licht, 276 die Stimmung des Lucubrierens war für die Alten etwas unheimlich Staunenswertes. Die Wachskerze trat zurück. Es herrschte die Öllampe aus Ton oder aus Bronze. Aber ihr Docht war stets offen, und kein Glaszylinder faßte die Flamme ein. Daher die geringe Leuchtkraft, daher aber auch ein häufiges Qualmen nach Art der Grubenlampen unsrer Bergleute, und die Lampen blieben immer nur klein, in der Form einer niedrigen Teetasse. Hinten der Griff, vorne die Schnauze, aus der der Docht ragt. Über der Mitte ein Deckelchen: da wird das Öl eingefüllt, und die Bedienung war immer in Bewegung; denn das Öl mußte am selben Abend oft nachgefüllt werden. Zur Steigerung des Lichts aber wurde nicht etwa die Flamme vergrößert, sondern entweder Lampen zu mehreren Dochten hergestellt oder viele Lampen an einem gemeinsamen Gestell aufgehängt: bisweilen an Kronleuchtern, öfter an Girandolen, die man auf den Tisch stellte, oder an Kandelabern, die, in Wandnischen eingeschoben, vielarmig auf dem Boden standen und eine Höhe von 2–3 Metern erreichten. Im Rathaus von Tarent gab es einen solchen zu 350 Lampen. Eine traumhafte Stimmung mag das erzeugt haben, wir wollen es glauben, aber gewiß noch mehr Ruß und Gestank. Und dazu noch die Mühsal, den Docht immer weiter herauszuziehen, wozu eine kleine Nadel diente, die mit einer Kette an der Lampe befestigt war. Aber der Schönheitssinn der Griechen griff auch hier zu. Tausendfach sind die Verzierungen, mit denen ihre sinnige Kunst die Körper der Lampen und der Lampenträger gestaltet hat. Die Museen sind voll davon. Und riesenhaft war die Fabrikation. Denn auch in den Bädern war es, wenn sie keine großen Fenster hatten, tagsüber zu dunkel, und so sind in den kleinen Thermen Pompejis allein 1000 Lämpchen aufgefunden worden. Welche Bedienung setzt das voraus! Millionenfach aber war der Verbrauch, wenn in Rom wirklich einmal der 277 gewaltige Steinring des Kolosseum nachts unter Licht gesetzt wurde. Ja, auch Stadtbeleuchtungen werden erwähnt. Am Festtag beleuchtete man seine Haustür früh morgens mit Lampen. Cicero hatte die Catilinarier greifen lassen; die ganze Stadt Rom illuminierte ihm zu Ehren; und Claudian beschreibt, wie bei der Hochzeit des Kaisers in Mailand nicht nur Fackeln in Reihen aufgestellt, sondern auch unzählige Lampen aufgehängt wurden. Natürlich sind es Amoretten, Flügelknaben, die das für die Hochzeit zu besorgen haben. Befremdlich ist, daß man nicht darauf verfiel, bei festlichen Anlässen die Säle mit einer Fülle von Wachskerzen zu erhellen, wie wir es taten, bevor Edison das moderne Beleuchtungswesen schuf. Nichts herrlicher und wohltuender als solche Kerzen, die geräuschlos und wie in Frömmigkeit über uns sich selbst verzehren und auf zierlichen Kronleuchtern schwebend mit ihrem zitternden Goldschimmer so feenhaft und so milde wirken. Sie übertrumpfen nicht grell das Tageslicht und lassen der Nacht ihr Recht. Auch das Erdöl kannten die Griechen schon; Vgl. Plutarch, Alexander c. 35, der das Petroleum Asphalt nennt. aber auch darauf verfielen sie nicht, es in den Dienst der Kultur zu stellen. Illuminationen habe ich erwähnt. Straßenbeleuchtung aber gab es nicht, und das ist das Bemerkenswerteste. Die Städte lagen nachts im Dunkel. Die Fuhrleute mußten selbst Licht bei sich führen, und wer vom Gelage spät nach Hause kam, fand seine Haustüre nicht, wenn sein Page die Wachsfackel nicht vor ihm hertrug. Vgl. oben S. 98 . Wenn Ammianus Marcellinus sagt, in Rom ist es Nachts so hell wie am Tage, kann das nur für seine Zeit, für das späte 4. Jahrhundert gelten, und es galt wohl auch nur für Rom. Mutmaßlich wurden damals die zahlreichen Säulengänge (Portikus) in Anbetracht ihres reichen Bilderschmucks beleuchtet, ähnlich wie um das Jahr 400 n. Chr. in Ephesus die beiden Säulengänge der langen »Arkadischen Straße« zusammen mit 50 Lampen ( candelae ) erhellt wurden; s. Jahreshefte V (1902), Beiblatt, S. 53 f. Der Tag geht zur Ruhe. Aber die Frage erhebt sich noch, die wir schon zu lange unterdrückt: wo wohnen die Frauen des Hauses? Eine bestimmte Regel läßt sich dafür schwerlich geben; sicher aber haben die Frauenstuben sich oft im Oberstock befunden. Die Frauen mußten also die Treppen hinauf, vom Atrium aus oder von der Küche. Es waren schmale Hühnerstiegen (bezeichnend ist doch, daß es für Leiter und 278 Treppe im Latein nur ein Wort gibt), und man versteckte sie nach Möglichkeit in die Winkel des Hauses. Schlimm war das vor allem in den Mietskasernen. Da führten die schachtartig engen Treppenkanäle in 100 Stufen direkt vom 5. Stock auf die Straße, lichtlos und unheimlich für den Bewohner; denn für Flüchtlinge und Verbrecher war dies der willkommenste Unterschlupf. Dazu die Feuersgefahren! Schon darum ist im Altertum, wer zur Miete wohnt, ein Gegenstand des Mitleids gewesen. Wir aber erinnern uns zum Abschluß des Properz. Der Dichter Properz läßt uns wiederholt in das Wohnhaus Einblick tun, und immer erscheint dabei seine Geliebte, Cynthia. Das eine Mal kommt er spät mit schleifendem Schritt vom Kreise der Zecher. Der Morgen naht schon. Er will spähen, ob Cynthia allein ist, und findet sie schlafend auf ihrem Bett wie die verlassene Ariadne, den Arm aufgestützt, in statuenhafter Schönheit, aber in unruhigen Träumen. Er kränzt sie mit Blumen, er formt ihr das Haar, das sich aufgelöst hat, aber er wagt nicht, sie zu wecken, bis der Mond, der an der Reihe der Fenster entlang zieht, mit seinen Strahlen ihr das Auge öffnet, und ihre Strafrede beginnt: »Kehrest du endlich . . .?« Wo schläft nun Cynthia? Nur im Oberstock war das möglich. Denn nur da konnte der Mond sie finden. Es sind dieselben Fenster, aus denen Cynthia ein andermal am Seil sich herunterläßt, um dem Wächter zum Trotz den Geliebten zu finden. *     *     * Kehren wir indes zum ehrsamen Familienleben zurück: Geburt, Hochzeit und Tod, Elternliebe, Geschwistertreue, Abschied und Heimkehr! Pompöse Hochzeitsgedichte, ausführliche Beileidsschreiben, auch Reise-Abschiedsgedichte liegen uns zahlreich vor; aber sie sind meist übertrieben im Affekt, südländisch reich an Bildern und geben dabei doch wenig Anschauung vom 279 wirklichen Leben. Vergegenwärtigen wir uns nur dies, daß, wenn junge Leute heirateten, sie oft keinen neuen Hausstand gründeten, sondern zu den Eltern des Mannes zogen und also Großeltern, Kinder und Enkel eine mehr oder minder trauliche Tisch und Hausgemeinde bildeten. Die Enkel sind gesetzlich in der potestas des Großvaters: Digest. I 6, 4. Daher war für die Kindererziehung die Großmutter eine wichtige Person; lebte sie nicht mehr, so übernahmen andere Verwandte, ältere Frauen gern ihre Funktion. Die Tante war auch im Altertum etwas Liebes und ein tüchtiges Mitglied der Gesellschaft; nur galten die guten alten Weiber für allzu schwatzhaft und leichtgläubig Daher die fabulae aniles . , ja gelegentlich auch für trunksüchtig. Der Onkel dagegen war Gegenstand der Angst; wie ein Polizist kommt er ins Haus. »O onkelhaftester aller Onkel!« so lautet eine Schreckensanrede in den Lustspielen des Plautus. Es ist dabei aber stets nur der Bruder des Vaters gemeint. Um so intimer stand man mit seiner Amme, die zeitlebens im Haus und die Vertraute ihrer Zöglinge blieb. Denn auch die jungen Männer bewahrten ihrer Amme Pietät. Das kostbarste Gut des Hauses aber sind die Kinder. »Wenn Gäste von auswärts kommen, dann läßt du dein Haus von oben bis unten reinigen. So halte dein Haus auch sittenrein für deine Kinder!« So spricht Juvenal. Gereist wurde viel: Geschäfts-, Vergnügungs- und Bildungsreisen. Der Abschied vom Hause aber war damals erregender als heute. Wieviel liegt nicht in dem Wort, das uns Varro gibt, enthalten: »Der Weg bis zur Türe ist bei der Abreise der schwerste!« Denn wir sehen darin vor Augen, wie Gattin und Kinder und Diener sich im Haus an den Scheidenden klammern. Erst wenn er draußen, fällt die Schwere von ihm ab, und die Ferne lockt ihn. Über das Reisen s. »Aus dem Leben der Antike« S. 48 ff. Jeder Geburtstag aber war ein Festtag mit großem Empfang, Geburtstagsgeschenken und Gottesdienst. Ähnlich auch der Tag, an dem die Kinder aus der Kindheit ausscheiden, den Göttern ihr Spielzeug darbringen und der Knabe die Männertracht der taga virilis anlegt. Ungefähr gleichzeitig, genauer 280 im 14. Lebensjahr, wurden die Kinder auch rechtsfähig; sie konnten heiraten und testamentarisch über ihr Erbe verfügen. Gleichwohl beaufsichtigte der Vater doch noch regelmäßig die Buchführung seiner Söhne, und ein Rechtsvertreter blieb nötig. Denn erst mit dem 25. Jahre wurde man wirklich zu Rechtsgeschäften befähigt. Besonders oft ging die Haustür, wenn der Hausherr krank war; denn da drängten die Krankenbesuche, Männer und Frauen, sich an sein Bett. Nette Sachen brachten sie ihm mit, etwa ein schönes Kissen oder auch etwas Appetitförderndes zum Essen, und im Stillen hoffte mancher dabei auf ein Legat. Die Erbschleicherei am Krankenbett war in Rom geradezu zum Beruf ausgebildet. »Sie lauern wie Geier auf das Kadaver,« sagt Seneca. Mancher alte Mann wußte sich indes durch Diät auf den Beinen zu erhalten. Geradezu ergötzlich ist es, was wir über den weisen Pedanten Spurinna lesen, der tagtäglich um 8 Uhr morgens seine Stiefel fordert und zunächst, genau abgezählt, 3000 Schritt im Hof auf und ab geht, wobei er für Unterhaltung mit Freunden zugänglich ist. Dann sitzt er eine abgemessene Zeit und liest. Dann besteigt er den Wagen und fährt in seinem Garten herum, und zwar genau 7000 Schritt. Dann sitzt er wieder im Haus und dichtet etwas. Um 3 Uhr nachmittags aber nimmt er bei Sommerzeit nackt ein Luftbad in der offenen Sonne, badet dann und speist, natürlich nur von Silber, aber frugal und mit vielen Eßpausen. Das bekam ihm ganz ausgezeichnet; er ist im 77. Lebensjahr lebenslustig und gelenkig geblieben und hört und sieht noch wie ein Junge. Wie aber verändert sich das Haus, wenn der Wehruf sich erhebt und man einen Toten aufzubahren hat. Die Aufbahrung geschah im Vorhaus des Atriums, dessen Säulen man in dunkle Cypressenzweige kleidete. Gellend rief man den Toten beim Namen, um ihn aufzuwecken oder um doch sicher zu sein, daß kein Scheintod vorlag. Ein Wärter fehlte nicht; der verscheuchte mit einer Klapper die 281 hereinfliegenden Vögel, damit sie die Leiche nicht verunreinigten. Trübe Nänien erschollen aus dem Mund angestellter Klageweiber; Weihrauchwolken zogen ihren dumpfen Schleier durch den Raum; Blumenkränze dufteten schwer, bis die Leichenschau zu Ende und der Tote – und zwar im Laufschritt und schnellen Tempo wie noch heute in Italien – auf die ferne Grabstätte und zum Scheiterhaufen hinausgetragen wird. Und der Hinterbliebene läßt das alles hilflos, willenlos geschehen; denn die Begräbnisgenossenschaft richtet jedes Begräbnis aus, und der Trauernde kann ganz nur seiner Trauer leben. Das Bild des Abgeschiedenen aber verklärt sich sogleich. »Des Fundanus Töchterlein ist gestorben,« so klagt einmal Plinius: »ein so entzückend munteres Mädchen, erst 13 Jahre, und schon so verständig, voll jungfräulicher Süßigkeit und dabei doch schon ganz gesetzt wie eine Dame. Wie war sie reizend, wenn sie ihrem Vater am Halse hing, wie schüchtern und doch lieb zugleich umarmte sie auch uns, ihre väterlichen Freunde! Und auch zu ihrer Amme war sie stets so lieb und zu ihren verschiedenen Lehrmeistern. Denn sie lernte sehr eifrig, blieb darum auch beim ausgelassenen Kinderspiel immer maßvoll und gesittet, und endlich auf dem Krankenbett hat sie ihrem Vater und ihrer Schwester selbst Trost zugesprochen; denn sie fühlte den Tod, aber sie fürchtete ihn nicht. Wie rührend ist dies alles, und um so betrübender, da das Mädchen verlobt war. Ja, der Tag war für die Hochzeit schon bestimmt, ihr Festschmuck schon ausgesucht, Perlen und Gemmen, und wir waren dazu schon geladen.« Die Römerinnen heirateten sehr früh, wie man sieht. Hier gab es indes einen Leichenzug statt des Hochzeitszuges. Und nun endlich der Hochzeitszug selbst? Es ist hübsch, ihn sich zu vergegenwärtigen, und ein sprühend lebendiges Gedicht des Catull hilft uns dazu. Alle Festteilnehmer sind bekränzt. Vinia, die kindlich junge Braut, trägt heute zum erstenmal die Frauenfrisur, die aus 282 Flechten und Bändern besteht. Auf die formelle Eheschließung vor 10 Zeugen und auf das häuslich-gottesdienstliche Opfer folgt endlich beim Schall der Flöten die Heimführung der Braut, bei der der Bräutigam selbst nicht zugegen ist. Der Dichter aber – es ist Catull – geberdet sich als Festordner. Eine Schar von Jungfrauen ist vor dem Haus erschienen: sie läßt er zunächst dem Ehegott Hymen zu Ehren ein Jubellied anstimmen. Denn nur die eheliche Liebe schafft rechtes Glück, und Hymen sichert dem Haus die Erbfolge, dem Vaterland gibt er seine Verteidiger! Wo aber bleibt die Braut? Weinst du? weine nicht, die du schön bist wie die Hyazinthe im farbenreichen Garten. Da erscheint Vinia schon auf dem Platz vor dem Hause im feuerfarbigen Brautschleier. Aber auch der Lieblingssklave und Schlafgenosse des jungen Bräutigams läßt sich vor dem Haus blicken und wird verhöhnt. »Der Bursche ist jetzt alt genug, um sich rasieren zu lassen,« d. h. um selbst Mann zu sein. Als Vinia die goldbeschuhten Füßchen dann über die Schwelle des neuen Hauses setzt, Sie darf die Schwelle selbst dabei nicht berühren, und zumeist wurde die Braut daher über die Schwelle gehoben. da harrt ihrer Torquatus schon, am Tisch auf purpurnem Polster gelagert. Er speist noch. Von der Haustür aus schon kann sie ihn gewahren. Die Verschleierte aber wird von jungen Knaben der Verwandtschaft, die als Brautführer dienen, in das noch leere Schlafgemach, den Thalamus, geführt. Die Knaben entfernen sich. Ältere Frauen betten die Braut, und dann wird Torquatus gerufen: »Komm herbei! Wie roter Mohn und weiße Kamillenblüte, so lieblich anzusehen ist deine Braut, und sie ist schon im Thalamus. Venus helfe euch! Zahllos wie die Sterne der Nacht seien eure Küsse, und zur rechten Zeit soll ein Sohn dem Vater zulächeln und vom Schoß der Mutter die Händchen nach ihm strecken, und dieser Sohn soll gleich sein dem Sohne der keuschesten Frau, Penelope. Jetzt schließt, ihr Jungfrauen, das Brautgemach. Das Lied verklingt. Mit euch aber sei das Glück, ihr Jungvermählten.« Daß man dem jungen Paar einen Stammhalter wünschte, 283 das ließ sich keiner der Gäste so leicht entgehen. Es war so herkömmlich, und es war so natürlich. Der Südländer liebt die Deutlichkeit.   4. Bevölkerung und Berufsleben In der Körperform zeigt sich die Rasse eines Volkes; im Gesichtsausdruck, in der Bewegung zeigt sich seine Bildung, seine Kultur. Wer jene ferne Bevölkerung wieder beleben könnte! Freilich hat uns das Altertum von so vielen seiner Zeitgenossen das Porträt gegeben, Abbilder, die leben! Aber man muß sie sehen, man muß in die Museen Italiens wandern. Wer vermöchte sie zu beschreiben? Unter den alten griesgrämigen Römerköpfen ragt der Bronzekopf des Brutus auf dem Kapitol hervor: bärtig, finster, mißmutig, mit dem Entschluß ringend und doch sympathisch ergreifend. Er vertritt uns das alte Römertum. Dieser Brutus hat auch noch die großen Ohren, die am alten Römer auffallen. Altmodische Biederkeit spricht auch noch aus der berühmten, realistischen Bildnisgruppe eines Ehepaars, die unser Historiker Niebuhr, der Neubegründer der römischen Geschichte, so liebte und die daher auf seinem Grab in Bonn wiederholt worden ist: die Frau in der Gruppe erscheint freilich arg nichtssagend und so, als hätte sie nie über ihre Gesindestube und Kinderstube hinausgesehen, der Mann dagegen, mit den scharfkantigen Zügen und den rissigen Sorgenfalten in der ledernen Haut, durch und durch als ein Charakter, stramm, ehrenhaft, aber unerbittlich nüchtern: ein homo frugi , der, allen Zweifeln fremd, nur mit den alltäglichen, greifbaren Wirklichkeiten des Lebens rechnet. Wie anders schon Sulla, der erste Tyrann Roms, eine Theaterfigur der Weltgeschichte, mit den unheimlich eingezogenen Lippen, wie das Münzbild ihn zeigt, und den tiefliegenden blauen Augen, wie Plutarch ihn schildert, durchdringend erbarmungslos! Den freundlichen Pompejus verglichen seine 284 Verehrer zwar mit Alexander dem Großen; aber außer dem auffallend steilen Haarwirbel über der Stirn wird es mit der Ähnlichkeit nicht weit her gewesen sein. In meinen »Römischen Charakterköpfen« 8. Aufl. S. 128 sind der Kopf Alexanders und der mutmaßliche des Pompejus nebeneinander gestellt. Ein vielgefeierter Herkulestyp mit Geiernase war Mark Anton, der heiße Zecher und Liebhaber Kleopatras; die schöne Büste im Vatikan, die man nach Mark Anton benennt, stellt ihn selbst schwerlich dar, aber auch sie gibt uns Anschauung und zeigt uns den Lebemann großen Stils, gesund, kraftvoll sinnlich und ohne Schranken sorglos, wie ein Gott auf Erden. Derartige prachtvoll durchgearbeitete Römerköpfe stehen im Vatikan noch viele. Vgl. z. B. bei W. Helbig, Führer Nr. 30. Ihre Bilder lehren auf alle Fälle Geschichte, die Geschichte der an starken Naturen so überreichen Zeit des Cicero und des zweiten Triumvirates. Der Bart ist da schon endgültig abgeschafft; um so sprechender wirkt das Untergesicht. Selbst der Bauer rasiert sich jetzt. Der Bart wurde erst wieder Mode, als die Philosophie siegte und mit ihr das Christentum. In der Kaiserzeit aber zeigen sich uns andere Physiognomien, und wir gewahren intimere Züge. Der Schuster Helius auf seinem Grabstein zu Rom mit der Warze am Mundwinkel, so brav und ehrenfest! Ein anderer Grabstein zeigt uns einen älteren Herrn, der Vilius heißt, mit Frau und Sohn; Hekler, Bildnisse, Tafel 134. der Alte sieht da wie ein altgewordener lahmer Professor aus, der zu viel geredet und zeitlebens immer dasselbe vorgetragen hat: bartlos, zahnlos, mit viereckigem Schädel und eckigen Mundwinkeln. Ein anderer Typ ist uns wieder Vergil, der größte Dichter Roms. Er wird uns beschrieben: ein großer schwerer Mensch, von dunklem Teint und bäurisch im Ausdruck, aber dabei stimmschwach, zart, nervös und verlegen. Es fiel ihm schwer, zusammenhängend zu reden, und wenn man auf der Straße auf ihn wies, so versteckte er sich blöde in das erste beste Haus. Vgl. Helbig Nr. 536. Welch seltsame Figur! Das kühne Römertum war geknickt; dieser große Heldendichter mit der Frauenseele, den der Kaiser verhätschelte, brauchte neun Jahre, um ein Gedicht von 80 Seiten Umfang zustande 285 zu bringen. Vergil, der Literat, erinnert uns weiter an das Doppelporträt des pompejanischen Bäckermeisters Paquius Proculus und Frau, die sich, mit Buch und Schreibzeug in den Händen, zusammen haben an die Wand malen lassen; also auch sie literaturbeflissen; im Gesicht aber sind es die reinen Süditaliener von heute, mit tiefschwarzen Haaren, dicken Brauen und blanken großen Augen; dazu hat die Frau Stirnlöckchen in Fransenform, die offenbar mit Brillantine zusammengeklebt sind. Von griechischem Profil aber ist da nichts zu spüren. Es sind Menschen wie aus dem heutigen Leben. Wer dagegen eine Idealfrau der damaligen Gesellschaft sehen will, der sehe die sogenannte Juno Pentini im Braccio nuovo des Vatikans. So etwa mag die Flora, die Geliebte des Pompejus, ausgesehen haben. Gepflegte Schönheiten von so unaussprechlicher Feinheit begegnen nur in den Hochkulturen, und man gedenkt dessen mit Trauer, daß solche Frauen sterblich waren. Holdlieblich erscheint auch die Eumachia in Pompeji. Anders freilich die Kaiserinnen; auch sie oft vornehm und hoheitsvoll, aber dabei realistisch derber; Faustina mit dem Zug offener Sinnenlust; dazu modischer frisiert, in flavischer Zeit mit dem Toupet über der Stirn. Und nun endlich die Kaiser selbst, die Kaiserbüsten des Altertums, die Galerie von Profilen auf den Münzen! In ihren Köpfen haben wir die Quintessenz der Zeit. Denn die Laune der Kaiser machte die Geschichte. Augustus selbst und die Nachfolger aus seinem Hause edel, schön und kühl, mit weiten Stirnen und glatten Haaren, die im Nacken nach außen gekämmt sind. Ein Musterkopf dieser Art ist der Drusus, der Bronzekopf in Paris, Er wird fälschlich für Caligula gehalten. mit dem scharfen napoleonischen Schnitt. Nero dagegen weibisch gedunsen und wollüstig theatralisch; schwächlich und weichlich auch der junge Caligula (in Kopenhagen), dieser katzenhafte Mensch mit dem schwachen Haarwuchs und dem kleinen Mund, der etwas aufgestülpt ist, als wollte er küssen. Dann gar ausländisches Blut: 286 Hadrian, der Spanier, der große Friedenskaiser und Revolutionär, der den Vollbart wieder in Mode brachte; ein Hirn, in dem sich die ganze schönheitssüchtige Bildung der Antike wie in einem Akkumulator sammelte; übrigens weniger ein Kaiser als ein geistreich freisinniger Akademiker! Und dagegen Caracalla, der Sohn eines Afrikaners und einer Syrerin, der Haudegen, den gekniffenen Mund nach unten gezogen, die hämischen Augen tief überschattet, mit kleinen Gesichtszügen, heimtückisch wild, aber dabei ein großer Mann! Denn er gab sich Mühe, den Kopf schräge zu halten, weil auch Alexander der Große dasselbe tat. Am bekanntesten und beliebtesten vielleicht Kaiser Mark Aurel, der beste Mensch auf dem Thron. Ich denke an sein berühmtes Reiterbild voll Sicherheit und Milde, in dem der Typus des echten Landesvaters verewigt ist. Aber ein Zug fehlt darin, die Melancholie und Sorge. Denn in Wirklichkeit war es eine groteske, aber zermalmende Aufgabe, Selbstherrscher zu sein, für den Gewissenhaften ein qualvolles Dasein, eine tragische Existenz; Sklaverei der Arbeit, Fülle der Verantwortung. Alle Bureaux in seinen Palästen. Allen Ressorts stand der Kaiser selbst vor. Die wenigsten Cäsaren sind in ihrem Glanz alt geworden. Der Kaiser als Amt wurde vom Volk vergöttlicht; die Person rieb sich auf und verzehrte sich, selbst ein Trajan. *     *     * Aber wir wollen hier nur ein Durchschnittsbild des antiken Lebens geben und sehen von allem Extremen ab. Ich schildere hier also nicht die Hofhaltung. Vom Palatin kommt der Ausdruck Palast: palatium . Dort lagen die Kaiserpaläste, zum Teil mit der Front nach dem Forum und nach dem Kapitol gerichtet. Jeden Ausgang des Herrschers sah das Volk; er war der Gegenstand grenzenloser Huldigung und grenzenloser Beaufsichtigung. Ich handle auch nicht vom Institut der Höflinge, dem Abschaum der Kultur. Interessant 287 unter ihnen nur die Hofgelehrten, insbesondere die Hoftheologen stoischer Richtung, die als Tröster für Trauerfälle dienten. Ich rede auch nicht ausführlicher von der Gruppierung der vornehmen Gesellschaft oder von den »Ständen«, in die sie sich teilte, den Senatoren und Rittern. Die Bezeichnung Ritter oder Reiter stammte aus dem altrömischen Heeresdienst. Es handelt sich da um Leute, die zum mindesten 400 000 Sesterz, oft aber das Hundertfache besitzen. Es sind dies jene amtlosen Protzen, die mit großem Troß und nicht ohne numidische Vorreiter reisten; durch Schnelläufer bestellen sie sich vorher Quartier, und ein Zug von Maultieren zog, mit Kostbarkeiten beladen, hinterdrein. Die Wohlgepflegtheit ließ sich kaum noch steigern; auch Schlafwagen für die Nachtreise hatte man schon. Viele jener Ritter rückten nun doch als Magistrate in den senatorischen höchsten Stand auf; viele andere aber nahmen sich nicht die Zeit hierzu, da sie als Domänenpächter und als Großfinanz das Geldgeschäft vorzogen. Denn dies Geldgeschäft war einträglich. Man nahm bei Darlehn bis zu 48 Prozent. Auch Filzfabriken, Ziegeleien, Reedereien waren in ihren Händen. Für senatorische Herren dagegen ziemte sich das nicht, und sie beteiligten sich nur verdeckt an den Konsortien, die die Masseneinfuhr nach Rom in Händen hatten. Malaga liefert heute den schönsten Wein, im Altertum die schönste Fischsauce, und eine römische Aktiengesellschaft am Ort hatte die Herstellung dieser unentbehrlichen Delikatesse in Händen, versandte sie in Steinkrügen an die Detailgeschäfte und nahm die höchsten Preise. Dabei schlossen sich diese Kaufleute im Ausland in Vergnügungsklubs zusammen wie heute die Engländer in Kairo oder Bangkok. Dagegen haben die senatorischen und nichtsenatorischen Verwalter der Provinzen unter kaiserlicher Aufsicht eine hohe Kulturleistung vollführt; denn die Provinzen, Frankreich und Afrika voran, prangten damals in Glück und Reichtum, mehr als Italien selbst. Das dankten sie den Statthaltern 288 Roms, und ihrer ist hier rühmend zu gedenken. Die Provinzen wurden erst militärisch, dann wirtschaftlich, dann geistig erobert. Bald genug füllte sich der römische Senat selbst mit Männern gallischen, spanischen, afrikanischen Blutes. Das römische Reichsheer, im ganzen nur etwa 250 000 Mann (dabei fehlten Reserven), stand ausschließlich nur an den fernen Grenzen des Reichs bis nach Schottland verteilt. Die Dienstzeit war lang, und der Berufssoldat wechselte ungern den Standort; so wurde er dort schließlich zum Grenzer, zum nützlichen Ansiedler. Sein Erspartes legte er, solange er aktiv, in der Sparkasse seiner Kohorte nieder. Daher fehlt nun aber Militär in allen Städten Italiens – welcher Verlust für die Frauenherzen! – und das Pflaster erdröhnt unter keinem Soldatenstiefel, außer in Rom selbst, wo auf dem Viminal die übermütigen Prätorianer in Garnison lagen. Um so häufiger sah man dagegen allerorts Priester auf den Straßen, wie in Italien noch jetzt. Denn die Heiligtümer waren unzählig, und die Priester und Priesterinnen, übrigens meist verheiratete Leute, mußten doch ihren Weg über die Gasse nehmen. Kaiser Domitian war als junger Prinz im vitellianischen Straßenkampf gefährdet. Aber als Isispriester vermummt, ging er im weißen Fransenkleid keck durch die vollen Straßen, und das Volk machte umsonst auf ihn Jagd. Fast ebenso zahlreich wie die Priester die Ärzte. Es sind zumeist Griechen. Wir wollen uns durch die Satire des Altertums nicht irre machen lassen, deren ergiebigste Opfer sie sind, von den Militärärzten nicht zu reden, die im Feld oft arg gehaust haben mögen. Das »Arzt, hilf dir selber« war verbreitet. Vgl. Cicero ad fam. IV. 5, 5: (medici) ipsi se curare non possunt . Etwas trostreicher klingt der Satz: medicus nihil aliud est quam animi consolatio (Petron 42). Bei Martial lesen wir: Gestern noch kerngesund mit uns Gesunden War er im Bad, ließ sich die Mahlzeit munden. Heut' hat man Gajus tot im Bett gefunden. Warum starb er? fragst du, was ist geschehen? Seinen Hausarzt hat er im Traum gesehen. 289 Sicher ist indes, daß zu jener Zeit die Heilkunde der Griechen in ihren besten Vertretern auf einer bewunderungswürdigen Höhe stand, die im Mittelalter für lange Zeit verloren ging. Sie beruhte auf Anatomie. Freilich bezogen die meisten ihre anatomischen Kenntnisse nur aus Büchern und Bildern. Der bessere Arzt führte seine Krankenjournale wie heute und hatte seine Privatklinik im Haus. Die Laien deklamierten schon damals gegen Vivisektion: Vgl. Quintilian, declam. maiores Nr. 8. das beweist, daß es Praktiker gab, die anders dachten. Jeder Arzt war auch Apotheker und bereitete seine Medikamente selbst. Auch das Militär-Sanitätswesen war geregelt. Militärlazarette gab es in den Standlagern, in den Krankensälen wurde Kälte und Zugluft geschickt abgewehrt; vgl. Deutsche militärärztliche Zeitschrift 1909, S. 541 ff. Vom 2. Jahrhundert an wurde übrigens eine Anzahl von Ärzten von den Kommunen fest angestellt und besoldet. Aber nicht diese gleichsam ambulanten Berufe beherrschten das Straßenbild, sondern das Gewerbe und die Detailhändler. In den Erdgeschossen der Häuser schloß sich Laden an Laden; diese Ladenräume werden gemietet und sind vom Innern des Hauses her oft unzugänglich, stehen dagegen nach der Straße zu wie Lauben weit offen. Große Holzläden, die in die Schwelle eingelassen werden, bilden zur Nachtzeit den Ladenverschluß. Und da gibt es nun Garküchen und Trinkbuden und Bäcker und Konditoren (man süßte nur mit Honig). Bei den Haarkünstlern fand sich die plauderlustige Welt. Pergula hieß der balkonartig hängende obere Teil des Ladenraums; auch der wurde ausgenutzt; da wird Schulunterricht, ja auch Tranchierunterricht gegeben! Bemerkenswerter die Buch- und Bilderläden. Interessante neue Buchtitel wurden an Säulen angeschlagen: man frug eben auch damals schon nach dem Modernsten. Noch sehenswerter aber die Juweliergeschäfte. Spécialités en coreaux, pierres du Vesuve, musaïques de Florence , so lesen wir heut in Neapel an den Schmuckgeschäften: das alles gab es damals noch nicht. Die schönste Spezialität waren vielmehr – neben dem feinen Filigrangoldschmuck griechischer Arbeit auf Goldgrund oder à jour – die geschnittenen Steine, die auch heute noch 290 das helle Entzücken der Sammler sind; man benutzte dazu Topase, Carneol, Amethyst und Achat. Auch machte man in farbigen Glaspasten nach ihnen billigere Abgüsse. Damit siegelte man, nicht ohne den Stein im Ring geziemend zu befeuchten, und man siegelte gern, unendlich viel häufiger als selbst unser 18. Jahrhundert; denn auch um seine Wertkästchen und Schatullen tat man ein Band mit Siegel. Der Schnitt der Gemme aber zeigte die reizendsten Götter- und Frauenbilder oder Fabeltiere in unbeschreiblicher Feinheit. Der elegante Mäcenas freilich petschierte nur mit einem Frosch, und der Frosch des Mäcen war gefürchtet. – Man trug den Ring am vierten Finger. Daß die Ladengeschäfte sich dem Publikum durch Abzeichen kenntlich machten, lehrt besonders Pompeji. Am Haus eines Milchhändlers erscheint da eine Ziege im Relief, beim Bäcker eine Mühle, an den Schankwirtschaften aber eine Art Schachbrett. Das Damenspiel ersetzt den Kneipgästen das Billard oder den Skat. Sehr ausgebildet war der Selbstschutz des Gewerbes; ich meine das Genossenschafts- und Innungswesen. Die Walker besitzen zusammen überall gemeinsame Werkstätten und Walkergruben, die an fließendem Wasser liegen. Das Kollegium der Zimmerleute diente zugleich als Feuerlöschkorps. Die Bäckerzunft wurde in Rom von der Regierung mit besonderen Privilegien bedacht, da sie für die Gratisernährung der bettelhaften Stadtbevölkerung zu sorgen hatte. Im 4. Jahrhundert n. Chr. hatte Rom 254 Bäckereien. Sogar die Leute, die Fingerringe verfertigten, taten sich als Zunft zusammen. Vgl. A. Henkel, »Die römischen Fingerringe des Rheinlandes«. Sogar von einem collegium sexaginta scurrarum hören wir: Athenäus p. 619 C D, 614 E. Wo es sich um öffentliche Dinge, z. B. um Beamtenwahlen handelte, da traten nun diese Innungen agitatorisch als Personen auf. Das sehen wir wieder aus den Wandanschriften Pompejis; die Häuserfassaden wimmeln davon. Die Bäcker bitten: wählt den X oder Y zum Aedilen; ebenso bitten die Holzhändler; ebenso die Kutscher. Sie haben ihren bestimmten Kandidaten; sie wollen Leute, die nicht 291 zu schneidig sind, im Amt haben. Dabei findet sich dann auch allerlei Spaßhaftes: alle Diebshände wünschen den Vatia. Eine Camorra der Müßiggänger und Banditen! Offenbar sollten die Wahlaussichten dieses Vatia geschädigt, vernichtet werden. *     *     * Aber alle bisher Besprochenen sind freie Bürger. Wo bleiben endlich die eigentlichen Arbeiter? der vierte Stand? der Stand der Unfreien? Das wäre ein falsches Kulturbild, wo sie fehlten. Denn es handelt sich dabei zum mindesten um die ganze Hälfte der antiken Bevölkerung, wenn wir auch nur auf jeden Freien einen Unfreien rechnen. In Wirklichkeit aber rechnet man jetzt in den größeren Städten auf eine»Familie« 15 Sklaven. Seneca sagt, sie haben keine andere Tracht als die Bürger, damit sie nicht selbst jedesmal feststellen können, wieviel zahlreicher sie sind. »Sklaven« nennt man sie heut. Aber das ist ein barbarisches Wort, das das Altertum selbst nicht kennt. Die Römer sprechen nur von Dienern oder Knechten ( famuli, servi, ministri; mancipia ist der altmodische Terminus der Juristensprache). Es sind die unschätzbaren Diener der römischen Kultur. Lauter Ausländer oder doch Söhne von Ausländern; und sie waren entweder öffentliches Eigentum oder im Privatbesitz. Denn auch die Städte als solche haben im Gemeindedienst, zum Wegebau usw. ein großes Hilfspersonal nötig. Dabei genießt ein Gemeindesklave so viel Vertrauen, daß er im Namen der Stadtkasse den Empfang von Summen quittiert. Dementsprechend hat er auch mehr Rechte als der Privatsklave. Eine Arbeiterschaft, die unseren Bergleuten entspricht, gab es nicht. Die Bergwerke waren staatlich oder kommunal; indes verwandte man für den Bergbau die Sträflinge und Verbrecher. Die Verwalter der Provinzen haben darüber die Entscheidung. Digesten I, 18, 6. Auch den Freigelassenen kann die metalli poena treffen: ebenda I, 12, 1. So blieb den Alten das Institut der Strafgefängnisse erspart. Wohl aber halten sich auch die 292 öffentlichen Bäder ihre Badediener, die Tempel ihre Tempeldiener. Solche Gemeindesklaven übernahm dann auch das Christentum. Die » servitus « bestand nach Völkerrecht ( ius gentium ); denn das Material waren anfangs nur Kriegsgefangene. Der Krieg ist der Ursprung der unfreien Bevölkerungen. Seitdem aber die Kriege ruhten, war man auf gewisse Teile des Reichs, besonders den Osten, angewiesen, wo es Sitte blieb, daß die Leute ihre Kinder auf den Markt brachten. Man wollte dort nicht mehr als 2 oder 3 Kinder im Haus behalten. Das ausgesetzte Kind und das Findelkind spielte im Altertum eine ganz andere Rolle als heute. Dies Menschenmaterial wurde besonders aus denjenigen Provinzen, die kein Militär stellten, weil sie kein gutes Soldatenmaterial lieferten, bezogen. Dazu kam der Seeraub. Die Seeräuber raubten Menschen und verkauften sie. So hörte also auch jetzt der Zufluß des asiatischen Bluts in Italien nicht auf. Wer kaufte, fragte immer zuerst nach dem Nationale. Der Syrer galt als gewandt, aber bösartig, der Gallier war gut als Pferdeknecht, der kleinasiatische Grieche für gepflegte Tischbedienung bevorzugt. Man sprach in Rom mit dieser Tischbedienung griechisch. Juvenal XI, 148. Aus Alexandrien bezog die üppige Welt kleine Kinder, Spielkinder, die man, wie wir schon wissen, als Amoretten verkleidete und an deren Geschwätz man sich freute. Auch Eunuchen drangen aus dem Osten ein als Aufseher der Frauengemächer. Das war größter Stil. Eunuchen hielten den Damen im Theater den Sonnenschirm. Das sind nun aber schon Unfreie im Privatbesitz, Privatsklaven. Diese zerfallen aber wieder in zwei Gruppen. Die schlechteren wurden auf die Landgüter hinausgetan, auf die Latifundien, wo sie oft in Ketten arbeiten mußten: denn die Fremdlinge wären ohne das in Scharen entlaufen. Daher das genus ferratile bei Plautus. Aber es ging ihnen sonst nicht übel; die gute Ernährung dieser Landarbeiter wird uns bezeugt, wenn es heißt, daß sie Gemüse 293 verschmähen und in den Garküchen der Vorstädte sich Leckeres bereiten lassen. Juvenal XI, 79 f. Daneben die städtische Arbeiterbevölkerung; und hier scheint sich endlich die sogenannte soziale Frage zu erheben. In den Häusern, in den Fabriken regen sich Millionen fleißiger Hände. Knechtung! Zwangsarbeit! welch entsetzliches Bild. Aber wir wollen uns nicht unnütz erregen. Wer unter diesen Verhältnissen am meisten litt, das war vielmehr die freie Bevölkerung; denn die Freien wurden brotlos, weil den Unfreien die Arbeit zufiel. Der hochmütige, elegante Diener, der den armen Tischgast seines Herrn verhöhnt und sich von ihm »Herr« ( domine ) anreden läßt, das ist der typische Kontrast jener Zeit. Damit wird uns die herbe Wirklichkeit gegeben. Wir können unsere heutigen Verhältnisse nicht vergleichen. Denn unsere Arbeitnehmer sind so gut Deutsche wie unsere Arbeitgeber. Unser Gesichtskreis ist also viel zu eng. Hätten wir z. B. in unseren Fabriken und Hausständen chinesische Kulis, es wäre sehr die Frage, ob wir so human verfahren würden wie die Alten; es wäre die Frage, ob wir diesen Leuten eine Altersversorgung geben würden. Der antike Mensch lernte die ihm fremden und oft antipathischen Rassen, die sich ihm selbst verkauften, kennen, indem er sie in seinen Dienst nahm; er lernte die tüchtigen schätzen und gab ihnen weitherzig Bürgerrecht in seinem Land. Wer kann mehr tun? Wer darunter litt, war, wie gesagt, die einheimisch römische Bevölkerung. Von seiten der letzteren hören wir die lautesten Klagen bis zum Wehschrei; von seiten der Unfreien und Freigelassenen kein Wort der Erbitterung. Wie anders die moderne Zeit! Im Jahre 1816 wurde in Mexiko verfügt: alle Farbigen, die lesen und schreiben können, sind gefährlich und werden erdrosselt, und 600 angesehene Neger wurden daraufhin sogleich massakriert. Heut hat Nordamerika etwa 9 Millionen freie Neger. Die Bildungsmöglichkeit aber wird ihnen trotz der Freilassung 294 tatsächlich noch jetzt nach Möglichkeit abgeschnitten. Man duldet sie in Theater und Konzerten nicht neben sich. Sie müssen in besonderem Tram fahren. Sie werden vom Schulbesuch ausgeschlossen. Arena 1908, Heft 2, S. 162. Um noch irgendein Beispiel anzuführen, wurden in Springfield im Jahre 1908, wie es heißt, auf die geringfügigsten Verschuldungen hin, 96 schwarze Bürger auf einmal aufgehängt. Der Neger Ted Smith wurde lebendig verbrannt, und Hunderte von Frauen sahen sich die Marter an. Der Arme heulte 6 Minuten lang. Berliner Tageblatt 1908, 12. September. Dies geschah in unserer Gegenwart an freien Bürgern und Christen. Man beurteile hiernach die antiken Verhältnisse. Hunderte von Unfreien wurden im römischen Reich von den Fabrikbesitzern für ihre Waffenfabriken, Gerbereien usf. erworben. Aber wir erhalten in diese Betriebe wenig Einblick. Um so deutlicher steht uns die Hausbedienung vor Augen. Diese Hausdiener heißen die Domestiken, die domestici . Der Grieche war milder gegen die Sklaven als der Römer. Die Sklaven gehörten nicht mit zur Nation; darum waren sie gesetzlich in Rom gegen ihre Herrschaft nicht geschützt und wie jene Nigger schmählicher Mißhandlung ausgesetzt. Nichtswürdige Menschen hat es zu allen Zeiten gegeben. Wenn aber jemand z. B. seinen kranken, arbeitsunfähigen Sklaven einfach auf die Straße setzte, so schritt der Staat dagegen ein; denn der Staat hatte für solche Invaliden keine Unterkunft. Der Besitzer mußte sie durchfüttern. Es gibt ein falsches Bild, wenn man nur immer wieder die Fälle von Grausamkeiten hererzählt, die uns die alten Schriftsteller meist selbst voll Entrüstung mitteilen. Oder will man etwa die Zustände in unserem einst so glänzenden deutschen Heerwesen nach den Berichten über Soldatenmißhandlungen beurteilen, von denen wir vor dem Weltkrieg mitunter haben reden hören? Wichtiger ist, was Seneca zum Kaiser Nero sagt: sei milde gegen deine Untertanen; denn auch auf den Hausherrn, der gegen einen Sklaven grausam ist, weist die ganze Stadt Rom voll Abscheu mit Fingern. Seneca, de clem. I, 18, 3. Es fehlt jeder Anlaß, diese 295 Bemerkung Senecas zu bezweifeln. So also war damals das Publikum gesonnen. Und schon früher. »Die Sitte sicherte dem Sklaven in alter Zeit ein weit besseres Los, als es die Gesetzgebung ihm später nur irgend zu geben vermochte.« So R. Ihering, Geist des römischen Rechts II, S. 178 ff. Natürlich war es Sache des Egoismus, daß man seinen Sklaven, diesen kostbaren Besitz, gut hielt. Aus dieser Fürsorge aber entwickelten sich in zahllosen Fällen von selbst erfreulich menschliche Bezüge, sowie Juvenal entrüstet ist über den, der Millionen an der Spielbank verliert und dann seinen Diener nicht einmal anständig kleiden kann. Das Wort »Familie« heißt ja eigentlich und wörtlich Dienerschaft. Der »Famulus« bildet also die »Familie«, und sein Herr nennt sich pater familias , d. h. Vater der Dienerschaft. Das ist vielsagend, und schon Plinius ( ep. 5, 19, 2) hebt dies hervor. Sehen wir nun nach, so finden wir: der Diener hat seinen Arbeitsraum oft im Oberstock, wo besseres Licht ist. Er schläft in seiner besonderen Kammer, und zwar in Betten. Sein Schlafraum ist ebensogut ausgemalt wie der der Herrschaft. Er speist, auf Bänken sitzend, regelmäßig mit am Familientisch (man denke sich das bei uns! welcher »Gebildete« ißt heute mit seiner Köchin?), und ihm wird ermöglicht, durch Nebenarbeit in freien Stunden sich Geld zu verdienen: das war das Wichtigste. Wer sich gut führt, wird der Vertraute des Herrn. Die Worte des Sklavenbesitzers, die wir im Matthäusevangelium 25, 21 lesen: »Ei, du frommer und getreuer Knecht, du bist über wenigem getreu gewesen, ich will dich über viel setzen«, sind im damaligen Leben wohl oft genug gesprochen worden. Solche Vertrauenspersonen sind vor allem der Hausmeister ( atriensis ), der das Gesinde beaufsichtigt, der Rechnungsführer ( dispensator ), sodann der Kammerdiener, der im Alkoven im Zimmer seines Herrn schläft. Noch verantwortlicher der Pförtner des Hauses, der so unentbehrlich ist wie ein Hausschlüssel. War es ein unsicherer Mensch, so legte man ihn an die Kette; denn das Haus war verraten und verkauft, wenn der Pförtner sich entfernte. Weiter hatte der Wohlhabende dann auch seinen Rasierdiener, seinen Schuhanzieher 296 (sagen wir: Stiefelknecht) usf. Durch die große Zahl der Hilfskräfte war eine Überlastung des einzelnen ausgeschlossen. Es sind dieselben Verhältnisse wie jetzt in China, wo ein mittlerer Hausstand sich von 14 Kulis bedienen läßt; jeder Diener hat seinen besonderen Auftrag; keiner übernimmt den des anderen. Daher war der Dienst sehr leicht. Die servitus urbana heißt feriata , die auf dem Land ist durum opus , nach Seneca De ira 3, 19. In der Deutschen Kolonialzeitung 31. Jahrgang (1914) Nr. 9 S. 151 las ich eine Schilderung der damaligen Haussklaverei in Deutsch-Ostafrika. Da sind die Verhältnisse ganz ähnlich wie im Altertum. Ein reich gewordener Sklave kauft sich überdies einen »Vikar«, der für ihn die Arbeit tut. Weibliche Bedienung hatten nur die Frauen. Indem nun diese »Sklaven« sich eigenes Geld verdienen, ist ihnen zur Freiheit ihrer Person der Weg geöffnet. Der Hirt Tityrus bei Vergil weidet sein eigenes Vieh. Den Käseertrag bringt er zu Markte. Sobald er genug verdient hat, sucht er seinen Herrn in Rom auf und kauft sich frei. Das geschah oft schon nach 3 Jahren. Bezeichnend ist, daß man den Diener »Knabe« ( garçon , boy ), daß man ihn puer oder παῖς (wovon unser »Page«) rief. Im Durchschnitt traf der Zustand der Unfreiheit eben meist junge Leute. Und die Herrschaft schützte sie und sorgte vor allem für ihre Ausbildung. Den Hochbegabten wurde gelegentlich die beste Erziehung, die unserem höheren Schulwesen entsprach, zuteil. Unzählige wurden nach Bedarf und Anlage zu Musikern, Gelehrten, Schauspielern herangebildet, die der Besitzer dann gegen Geld vermietete. Lesen und schreiben aber konnten alle. Selbst die Pferdeknechte bei Varro lesen in Büchern. Alles dies taten die Besitzer gewiß meist aus Eigennutz, um den Wert ihrer Menschenware zu steigern; aber auch der junge Sklave hatte den herrlichsten Vorteil davon. Es entstanden Pietäts- und Vertrauensverhältnisse in unzähligen Fällen; und auch nach der Freilassung blieb ein Pflicht- oder Interessenverhältnis, eine Zusammengehörigkeit bestehen. Das familiäre Verhältnis zeigt uns Cicero ad fam. III, 1, 2; auch XIII, 16; 21, 2. Der Patron behält oft einen Anteil am Geschäftsgewinn seines entlassenen Dieners, der seinerseits, wenn der Patron stirbt und andere Hilfe fehlt, die Vormundschaft über dessen Kinder übernimmt, und er gewährt ihm Rechtsschutz bis an sein 297 Ende. Wie oft machte, wer kinderlos, seinen Freigelassenen zum Erben! Als Beispiel diene nur des Plinius Freigelassener Zosimus, der durch die verschiedensten Talente ausgezeichnet ist; aber er ist brustkrank geworden, und Plinius schickt ihn nach Ägypten. Zosimus kommt geheilt zurück, fängt dann aber doch wieder an, Blut zu husten, und Plinius bemüht sich, ihn bei einem Freund an der Riviera unterzubringen, wo er das schönste Klima und auch gute Milchspeisen findet. Natürlich fehlen dann aber auch Mißstände nicht; der Freigelassene mißbraucht seine Stellung; er wird zum Erbschleicher Cicero ad fam. XII, 26. und zeigt sich auch sonst unverschämt. Digesten I, 12, 1. Schimpfereien und Skandalanschriften gibt es unter den Wandkritzeleien Pompejis genug. Irgendein Wutausbruch eines Sklaven, der gemißhandelt worden, ist dort nirgends zu finden. Nirgends auch die Verhöhnung eines Sklaven durch einen Freien. Wir haben den Eindruck tiefsten sozialen Friedens und der vollkommensten Befriedigung, und jener Schimpf und Skandal, von dem ich sprach, betrifft nur die kleinen Laster und Schwächen des Nachbarn und ist wie ein heiteres Geplätscher auf dem stillen, klaren Wasser dieses südländischen Lebens. So schenkt denn Plinius seiner alten Amme ein Landgütchen und sorgt überdies dafür, daß ein benachbarter Großgrundbesitzer acht gibt, daß das Land ihr auch etwas einbringt. Mehrere seiner jungen Sklaven sind ihm schwer erkrankt; Plinius schenkt ihnen darum die Freiheit, und ihn tröstet dabei, daß, wenn sie auch bald sterben sollten, sie es doch wenigstens vorher noch zu etwas gebracht haben. Auch gestattet er ihnen, ein Testament zu machen, was nur dem Freien zustand. Eine römische Dame hat ihrem Sklaven Modestus schriftlich ein Legat unter der Voraussetzung vermacht, daß sie ihm die Freiheit geschenkt habe; diese Freilassung hat sie aber in Wirklichkeit zu vollziehen versäumt. Die Miterben beschließen nun, den Sklaven trotzdem als freigelassen zu betrachten und 298 ihm sein Erbe nicht anzufechten. Ein Arzt hört, daß ein tüchtiger Sklave seines weit über Land wohnenden Freundes schwer erkrankt ist; er rettet den Sklaven, aber er ist Tag und Nacht gereist und erliegt selbst der Überanstrengung. Dies erzählt uns der Redner Aristides nicht etwa als Beispiel für Menschenliebe, sondern für Überanstrengung im Berufe. Daß der Zustand der Sklaverei dem Sklaven verhaßt, weil nämlich aller Zwang verhaßt ist, sagt Seneca benef. 3, 19, 4: die Seele des Sklaven aber ist frei, und jede Guttat des Sklaven ist Wohltat. Derselbe Autor schildert De ira 3, 19, wie ein Kriegsgefangener Diener wird und wie schwer er sich anfangs in die Lage eingewöhnt. Es gab ein Sprichwort: »So viel Diener, so viel Feinde«, das uns bei Macrob tadelnd mitgeteilt wird. Denn natürlich waren auch viele gefährliche Subjekte darunter. Daher sagt Seneca Nat. quaest. 2, 39, 3: Drei Gegenstände der Furcht gibt es im Leben, Feuersbrünste, betrogen werden von seinem Nächsten und Nachstellungen der Dienerschaft. Es war die griechische praktische Philosophie, die da schon seit dem 4. Jahrhundert v. Chr. predigte, daß alle Menschen gleich, auch der Ausländer, auch der Diener. Alle Menschen Brüder! Und diese kosmopolitische Lehre eroberte sich alle gebildeten Kreise der kosmopolitischen Kaiserzeit. Das war ein ewiger und unverlierbarer Gewinn für die Menschheit. Diese Gleichheit jedoch auch gesetzlich herzustellen, dazu fehlte in Rom der Anlaß. Auch das Christentum hat ja nicht daran gedacht, in diesem Sinne zu wirken. Nur gewisse mildernde Bestimmungen haben die Kaiser erlassen. Vgl. Digest. I, 6, 1 und I, 12, 1. Die Sklaven dürfen beim Stadtpräfekten gegen ihren Herrn Beschwerde führen. Eine Dame, Umbricia, wurde von Hadrian für 5 Jahre relegiert, weil sie ihre Mägde grausam behandelt hatte. Und das Sklaventum wäre schließlich vielleicht aus Mangel an käuflicher Bevölkerung eingegangen (in Ägypten bestand es kaum noch), hätten die siegreichen germanischen Stämme im beginnenden Mittelalter, die Franken, die Langobarden ihm nicht von neuem Nahrung gegeben. Denn auch da verkauften wieder die Sieger die Besiegten, ja, die Kläger die Verurteilten, die Eltern ihre Kinder. Vgl. hierfür und für das nächste Georg Grupp, Kulturgeschichte des Mittelalters, 2. Auflage, I, S. 190. Die Grausamkeiten in der Mißhandlung steigerten sich noch, und die Kirche widerstand auch jetzt noch nicht. Der Verkauf der Freien in die Knechtschaft diente damals sogar als Kirchenstrafe. Es gab Kirchensklaven und Klostersklaven. Nur suchte die Kirche zu verhindern, daß christliche Sklaven in jüdische Hände fielen. Sie wirkte damals zwar gelegentlich für Freilassungen, aber nicht gegen die Anschaffung von Sklaven. Aber ich habe noch die Pflicht, ein Wort über den Mädchenhandel und über die Gladiatoren hinzuzufügen. Es handelt sich zunächst um das Dirnenwesen. Vgl. J. Bloch, Die Prostitution, Berlin 1912. Erst das Mittelalter hat eine selbständige Ordnung desselben in besonderen Frauenhäusern gebracht. Im alten Rom und Athen Vgl. oben S. 61 . 299 war dagegen auch dies vielmehr Sache der Privatunternehmer, der Kuppler, die sich junge Mädchen, und zwar wiederum womöglich ausgesetzte Kinder, zusammenkauften und in ihren Häusern zur Prostitution erzogen: spanisches, syrisches, ägyptisches Blut. Die Musikantinnen und Kastagnettentänzerinnen, die man sich zum Gelage holte und deren Frisur Horaz gelegentlich beschreibt, sind solchen Schlages. Das waren Unfreie, Sklavinnen des Kupplers. quaestuaria manicipia , Digesten III, 2, 4. Das lupanar liegt oft als Mietshaus auf Grundstücken anständiger Leute. ib. V, 3, 27. Auch die Inhaber der Wirtschaften an den Landstraßen hielten Dirnen für den, der nachts bei ihnen einkehrte. Der Jüngling aber, der solche Person liebte, konnte sie vom Besitzer freikaufen und, wenn ihn das Herz trieb, zu seiner Gattin erheben. Denn oft stellte sich die gute Herkunft dieser Mädchen heraus. Das Lustspiel des Plautus lebt ja geradezu von solchen Motiven; und die Gesellschaft öffnete sich solchen Geschöpfen ohne Scheu und nahm sie als ebenbürtig auf. Sie wurden legitime Hausfrauen. Von Geschlechtskrankheiten als Folge der Ausschweifungen erfahren wir nichts. Wieviel verworfener und unwürdiger liegen heute diese Dinge! Sodann die Gladiatoren, die Kämpfer der Arena. Wir werden ihnen später wieder begegnen. Auch sie sind Sklaven, vielfach solche, die als schlimme Gesellen sich in ihren Häusern unmöglich gemacht haben und verkauft und abgestoßen wurden. Aber auch Verbrecher und Kriegsgefangene flossen in die Fechterschulen, endlich auch freie Männer, die aus purem Rauftrieb, aus Sporttrieb sich diesem Beruf verkauften. Der Eigentümer ( lanista ) reiste mit seiner Fechterbande von Stadt zu Stadt, kaufte Leute auf und verkaufte sie wieder und vermietete seine Truppe an die Veranstalter von Festspielen. Die Bedingungen solches Handels lauteten: »Ich zahle dir, dem Besitzer, für den Fechter Stichus 20 Denare (gegen 6  Mark), wenn er im Kampf unverletzt bleibt, und liefere ihn danach zurück; ich zahle 1000 Denare (gegen 300 Mark), wenn er verwundet oder getötet wird.« Es gab eine besondere Diät, Gladiatorenmast, die als widerwärtig 300 galt, aber der Steigerung der Muskelkraft diente. Daß die Disziplin die größte Härte erforderte, versteht sich. In einer Zelle der großen Gladiatorenkaserne in Pompeji hat sich ein Schließeisen gefunden, in dem mehrere Gerippe zugleich, an den Füßen gefesselt, sich befanden: offenbar Sträflinge. Erst in Kaiser Hadrian siegte die Menschlichkeit im modernen Sinne, und er verbot sowohl Mädchen an Kuppler als auch Sklaven an diese Fechterschulen zu verkaufen, außer unter Beibringung eines zutreffenden Grundes. So viel von den Unfreien. Und nun das Ergebnis. Es war eines der eigenartigsten gesellschaftlichen Phänomene. Denn aus den freigelassenen Sklaven bildete sich ein besonderer Stand, der Stand der Libertinen . Es waren vielfach die intelligentesten, rührigsten Leute, die an Geldkraft und Macht die alten, vornehmen Familien in Rom rasch überflügelten. Ihr Einkommen wuchs erstaunlich. Möglichst glänzend traten sie auf, Emporkömmlinge, die in Purpur und in ellenlang schleppender Toga über die Straße gingen, so daß alles sich ärgert, alle Finger voll von Ringen und Gemmen, und die dabei ihre schweißigen Hände im Winde spielen lassen, damit jeder den Goldschmuck sieht. In ihren Ohren aber sieht man noch die Ohrlöcher; denn sie sind Asiaten, die einst Ohrringe trugen. Was könnten diese gerissenen Leute nicht, wenn sie hungern? ruft Juvenal: als Schulmeister, Redner, als Feldmesser und Maler, als Masseur, Augur, Seiltänzer, Arzt oder Zauberer treten sie auf. Verlange, daß sie (im Eindecker?) gen Himmel fliegen, sie bringen auch das fertig! Noch nicht dem freigelassenen Sklaven selbst, aber schon seinem Sohn fiel gesetzmäßig das volle römische Bürgerrecht zu. Ein solcher Freigelassenensohn war auch der vielgepriesene Dichter Horaz, der als römischer Offizier im Bürgerkrieg für die Cäsarmörder in die Schlacht zog (er focht freilich nicht, sondern wußte sich rechtzeitig zu drücken). Der Hof des Kaisers Claudius und der Messalina ist von solchen Libertinen vollständig unterdrückt worden, und das römische Reich war 301 zeitweilig geradezu in ihren Händen. In der Tat sind der antiken Kulturarbeit auf diesem Wege, von unten aufrückend, die befähigtsten Köpfe zugeführt worden. Vgl. hierüber Neue Jahrbücher, Bd. 27, S. 597 ff. Aber der Haß, der sie traf, war grenzenlos. Es war der Rassenhaß des altangesessenen Italieners, der sein Blut untergehen sah unter dem unerschöpflichen Zufluß des Orients. Man male sich die fanatische Wut aus, die entstünde, wenn heute in den Vereinigten Staaten Amerikas die Chinesen oder auch die Japaner in San Franzisko den Weißen als Bürger vollständig gleich gestellt und zu den einflußreichsten Stellen im Staat zugelassen würden, und man wird jene unversöhnliche Stimmung des Altertums begreifen, um so mehr aber die grundsätzliche Toleranz der römischen Staatsgesetze bewundern lernen.   5. Zum Rechtsleben Aber wir treten aus dem Privathaus und dem familiären Leben endlich wieder hinaus auf die offene Straße. Heute besichtigt der Reisende in den Großstädten pflichtgemäß die Kirchen, Museen und Schlösser, das Rathaus, das Parlamentsgebäude, die Filmpaläste. In der Antike lockten die Göttertempel das Auge; mächtiger als sie noch die Hallenbauten der Basiliken; kolossaler als diese alle die Bäder, Theater und Amphitheater. Nähern wir uns zuerst der Basilika . Sie ist eine meist am Forum gelegene große Durchgangshalle, die nicht nur als Bazar für allerlei Waren dient, sondern in der zumeist auch Recht gesprochen wird. Es ist Vormittag: Sklaven schleppen Kästen voll Akten herbei. Die Menge der Zeugen, der Verwandten, der Müßigen strömt zusammen; denn jeder will den Angeklagten sehen, jeder die Advokaten hören. Und die Vorstellung vom römischen Recht taucht vor uns auf. Das römische Volk war das klassische Volk der Justiz, der Rechtsprechung und Rechtsfindung, und das war vielleicht sein 302 bleibendster Wert; denn das ganz Erstaunliche ist geschehen, daß das römische Recht bei uns noch in modernen Zeiten gegolten hat, anderthalb Jahrtausende nach seiner Entstehung. Gewiß war der Römer zu dieser Leistung besonders befähigt durch seinen grellen Wirklichkeitssinn, durch seinen starken administrativen Ordnungstrieb, die kühle Berechnung der Konjunktur, den Zahlensinn, die Pünktlichkeit im Geben und im Fordern und endlich durch seine eigene Habsucht, die zur Errichtung des Rechtsschutzes drängte. Daher sagt auch der Römer nicht: wir halten das Gesetz, sondern das Gesetz hält uns: leges nos tenent . So hat er von vornherein das Privatrecht vom Staatsrecht scharf gesondert, um den Privatverkehr von Bürger zu Bürger zu sichern. Gleichwohl war das römische Zwölftafelgesetz, das noch in die Zeit der Vorherrschaft der Etrusker (451–450) fiel und zuerst das uralte Gewohnheitsrecht zu ergänzen versuchte, andern Stadtrechten der Zeit schwerlich überlegen, und es ist auch nicht einmal ohne griechisches Vorbild zustande gekommen. Erst seit der Besiegung Hannibals, als Rom seine politische zentrale Machtstellung für immer gesichert hatte, begann es den großen Ausbau des römischen Privatrechts, die Regulierung des allgemeinen menschlichen Verkehrs. D. h. die unterjochten Völker regten zu dieser Leistung an, und sie gaben auch Hilfe. Die Griechen halfen. Die römischen Juristen waren schon damals, um 100 v. Chr., von griechischer Bildung erfüllt; die stoische Philosophie übte Einfluß mit ihrer Dialektik und mit ihrer sittlichen Anschauung von Menschenrecht. Man unterschied die Bürger betreffendes Recht (Zivilrecht) und Völkerrecht. Zunächst hatte sich in den engen Grenzen des eigentlichen Römertums das Zivilrecht ausgebildet. Darin aber waren schon alle Grundprinzipien gegeben. Es herrscht auch hier im griechisch-demokratischen Sinn und in großartiger Folgerichtigkeit die vollständige Gleichheit jedes Bürgers vor dem Gesetz. Eine vollständige Nivellierung. 303 Jedes Sonderrecht des Adels oder der Kultusbeamten fehlt. Schon damit trug das Recht den Stempel ewigen Wertes. Das Gerichtsverfahren aber ist öffentlich, und nicht nur der Jurist, sondern vor allem der Laie richtet. Grundlegende Unterscheidungen, wie die vom Besitz und Eigentum, grundlegende begriffliche Zusammenfassung wie die der Person als Rechtssubjekt, wurden geschaffen. Der gutgläubige Besitzer wird gegen den Eigentümer geschützt. Neben das Familienrecht (Eherecht, Vormundschaftsrecht) trat das Sachenrecht mit der Kasuistik über Besitz und Eigentum, mit der Sonderung der Servituten und dem Pfandrecht, trat endlich das dauernd vollkommenste, das Obligationenrecht, das den Geschäftsverkehr ordnet und sichert. Denn Obligation ist die geschäftliche Verabredung, die als verpflichtender Kontrakt für Darlehn, Tausch, Kauf und Miete sehr verschiedene Formen annimmt. Sie ist »das eingeräumte Recht auf die Leistung eines anderen«. Alles das war jedoch das Gegenteil eines starren Systems. Gewisse dehnbare Grundbegriffe wie nexum, manus, dolus, metus waren gegeben, und die Kunst bestand darin, den einzelnen Rechtsfall unter einen von ihnen zu subsumieren. Jene Begriffe flossen z. T. aus uralter Symbolik. Symbolisch ist der »Kopf«, caput , womit der Einzelmensch als juristisches Ich bezeichnet ist, an welchem eventuell eine Schuld haftet. Der Mensch, der stirbt, ist zwar ausgetilgt, aber sein »Kopf«, sein juristisches Ich lebt in seinem Erben, der gegebenenfalls seine Schulden bezahlen muß, weiter. Wer dagegen rechtlos ist, hat seinen »Kopf« verloren ( capitis deminutio ). Ebenso symbolisch ist die »Hand«, manus . Sie bedeutet den Besitz. Der Hausherr hat Frau, Kinder und Diener »in der Hand«, in manu , und jeder Besitzwechsel war gleichsam »handgreiflich«, ein Greifen mit der Hand, mancipare . Jene Subsumption der Rechtsstreitfälle geschah nun mit größter Klugheit und praktischem Geschick, und dabei wurden die Begriffe selbst möglichst weit gefaßt. Unter Diebstahl 304 begriff Mucius Scävola schon den Fall, daß jemand ein Gespann eines anderen, das bei ihm untergestellt ist, zur Ausfahrt benutzt. Ließ sich ein Grundsatz nicht durchführen, so wurde unbedenklich eine Ausnahme utilitatis causa , d. h. im Interesse des Publikums angesetzt; oder schien ein Begriff wie »Besitz« zu eng, so half man sich mit einem »gewissermaßen«, quasi . Es gibt eigentlich nur körperlichen Besitz; von Anrechten kann es nur Quasibesitz geben: quasi iuris possessio , keine iuris possessio . Die Hypothek entlehnte man aus dem Recht der Griechen; mit dem alten römischen Pfandrecht ließ sie sich schlecht vereinigen, aber man glich das eben aus, so gut es ging. Wie unsystematisch man noch vorzugehen pflegte, zeigt die ganz unordentliche Anlage des Inhalts der erhaltenen Gesetze, wie der Iulia municipalis , der lex Ursonensis , die nicht besser ist als im alten griechischen Stadtrecht von Gortyn. *     *     * Der Einzelbürger ist frei, hat absolute Freizügigkeit, freieste Wahl des Lebensberufs, und jeder Unbescholtene hat gleiches Recht auf Klage. Diese Freiheit beruht auf dem Privateigentum. Das Privateigentum, d. h. das Haben und Herrschen des einzelnen, das war für den Römer die Grundlage alles Bürgerrechts. Daher steht das suum cuique , »jedem das Seine« im römischen Rechtsbuch voran. Digesten I, 1, 10: iuris praecepta sunt honeste vivere, alterum non laedere, suum cuique tribuere . Bald gab es auch keine Bodensteuer; aller Landbesitz römischer Bürger in Italien wurde steuerfrei. Dies Privateigentum war so stark, daß daneben das anfangs umfangreiche Staatseigentum ( ager publicus ) im Verlauf allmählich auf ein Minimum eingeschränkt wurde. Aber es gab nicht nur keine Verstaatlichung des Eigentums; auch ein gemeinsames Vermögen mehrerer war dem naiven Römer der älteren Zeiten nicht geläufig. Gegebenenfalls wurde dann angesetzt, daß, wenn 10 Landwirte gemeinsam einen Zuchtbullen besitzen, 305 jedem Besitzer ein Teil des Tieres, also etwa 1 bis 1½ Zentner seines Gewichts gehöre. Vgl. die Bestimmung betr. des Gebälkes Digest. VIII, 2, 36. Auffällig gering war dabei trotzdem der Schutz des Grundeigentums. Denn zwischen Grundeigentum und beweglicher Habe wird in den Rechtsbestimmungen nicht wesentlich gesondert, und der Acker kann ebenso unbedenklich verkauft und verpfändet werden wie das Hemd, ganz anders als im mittelalterlich deutschen Recht. Auch die Bevorzugung des Erstgeborenen im Erbrecht fehlt. In diesem geringen Wertlegen auf die Unverkäuflichkeit und Unteilbarkeit der alten Familienlandstellen verrät sich die unerbittlich strenge Logik des römischen Rechts, sie verrät aber zugleich den Sieg der großstädtischen Interessen über die agrarischen. Rom war von früh an ein Handelsstaat. Die Landwirtschaft ist wohl nie so ungeschützt gewesen wie im römischen Altertum. Charakteristisch ist ferner, daß die Arbeit als solche so wenig gewertet war, daß sie dem Kapital nicht gleichgerechnet wurde; denn ein Besitz des Unkörperlichen war dem alten Römer ursprünglich schwer vorstellbar. Der Acker hat seinen Geldwert; der jährliche Ertrag des Ackers hat gleichfalls seinen Geldwert; die Feldarbeit aber tut der unfreie Knecht, und der Knecht hat wieder seinen Geldwert. Damit war also die Berechnung des Wertes der Arbeit als solcher, die der Knecht verrichtet, ausgeschaltet. Von Melioration, von Wertsteigerung durch Arbeit in der Landwirtschaft hören wir deshalb nichts, weil sie tatsächlich nicht bestanden hat. So entstanden nun aber für den Juristen merkwürdige Schwierigkeiten bei Beurteilung künstlerischer Bearbeitungen von Gegenständen. Stritt man um eine Statue, d. h. um einen bearbeiteten Block Marmor, so behaupteten Cassius und Sabinus, die fertige Statue müsse dem Eigentümer des Blocks gehören, sie rechneten also die Arbeit für nichts; nach Proculus wurde sie dagegen Eigentum des Künstlers, wenn auch der Marmor nicht sein war, aber dies geschah um der Gestalt willen, die dem Gegenstand eine neue Form gab 306 ( specificatio ), nicht aber um der aufgewandten Arbeit willen. Das Geschäftsverfahren im altrömischen Zivilrecht war sehr schwerfällig und durch allerlei symbolische Handlungen behindert. So durfte beim Akt des Kaufs und des Darlehns das Symbol von Wage und Erzgewicht nicht fehlen. Wurde ein Acker verkauft, so mußte ursprünglich der Ackerboden mit der Hand berührt werden ( mancipare ); zu dem Behuf wurde nun jedesmal eine Scholle des Ackers in die Stadt gebracht. Drakonisch hart war ferner ursprünglich die Art der Vollziehung, besonders im Schuldrecht; und das römische Sprichwort »der Gipfel des Rechts der Gipfel des Unrechts« ( summum ius summa iniuria ) schaut eben auf das altrömische Zivilrecht zurück. Die Schuldknechtschaft stand als drohendes Gespenst hinter jeder Obligation. Dazu das unbiegsame Formelwesen im Prozeßverfahren. Wehe dem, der sich in den solennen Formeln versah! Nur der Wortlaut selbst galt, nicht die Meinung ( voluntas ): ein Maschinenbetrieb, der den Unerfahrenen zermalmte. In der Folgezeit wuchs dagegen mehr und mehr der Einfluß der Billigkeit. Neue Gesichtspunkte kamen auf. Die Minderjährigen wurden vor Ausnützung geschützt. Die bona fides gelangte zur Anerkennung bei dem Beklagten, der ohne böse Absicht gefehlt hatte. Die Chikane (oder der dolus malus ) und die Erpressung (der metus ) wurden unter Strafe gestellt. Für das Kreditwesen fanden sich brauchbare Formen. Es wuchs endlich der Einfluß des Nichtrömers. Während der persönliche Verkehr der Nichtrömer in der Stadt Rom und der Geschäftsverkehr nach Rom sich ins Grenzenlose steigerte (denn die Untertanen in den Provinzen waren ja noch ohne römisches Bürgerrecht) und das Geschäftsleben selbst in Geldspekulationen und Bankwesen unendlich mannigfaltiger wurde, war es der jährlich wechselnde römische Prätor, der das Recht ergänzte, d. h. durch sein Edikt das überkommene enge Zivilrecht vor allem an die 307 Bedürfnisse dieser »Fremden« mehr und mehr anpaßte. Und aus diesen prätorischen Edikten, die nur, wenn sie sich bewährten, vom Nachfolger beibehalten wurden und die also mit großer Vorsicht und in elastischer Weise die jeweiligen Ansprüche des Verkehrs im Recht ausprägten, ist in den drei letzten Jahrhunderten v. Chr. langsam das »Völkerrecht«, das ius gentium hervorgegangen, neben dem das alte »bürgerliche Recht« selbst allmählich abstarb. Das heißt: alle Prinzipien bleiben die gleichen; aber man hielt jetzt auf Billigkeit und Entgegenkommen, auf glatten Geschäftsgang. Beim Beginn der Kaiserzeit war die Entwicklung vollendet. Diesem für den Verkehr mit den Provinzen, insbesondere mit den griechischen Provinzen ausgebauten Recht, das dem »Naturrecht« der Philosophen nahe kam, unterwarf sich auch der Stadtrömer. Die Nivellierung der Menschheit war vollendet. Aber noch nicht die Entwicklung der Dinge. Denn es folgt nun noch ein außerordentliches, ergänzendes Recht durch Einzelentscheidungen einer neuen höchsten Instanz, und hier begegnet uns zum erstenmal die alles überragende Majestät des Kaisers. In der Tat wurde der allmächtige Monarch in Rom sogleich über den Prätor hinaus Quelle des Rechts. In diesen wie in den gottesdienstlichen Dingen erschien er als unfehlbar: Freilich werden die Entscheidungen verstorbener Kaiser von den Juristen gelegentlich kritisiert: Digest. V, 3, 40. eine Unfehlbarkeit, die hernach auf den römischen Bischof überging. Darum haben sich aus der Fülle der kaiserlichen Entscheidungen – »Dekrete« oder »Reskripte« – späterhin grundlegende Rechtsbücher wie der codex Theodosianus zusammengesetzt. Und durch die Cäsaren kamen nun endlich durch autoritative Gesetzesauslegung auch die eigentlichen Forderungen der Humanität, wie die frommen griechischen Denker und auch Seneca sie predigten, zu praktischer Geltung. Die Widersprüche zwischen Recht und Leben milderten sich jetzt. Der Sklave, der rechtlich bisher nichts als eine Sache war, wurde nunmehr wirklich durch Menschenrechte bis zu einem gewissen Grade 308 geschützt, den Haustöchtern in der Familie endlich der Anspruch auf Mitgift gesichert, jedem Bürger verarmten Verwandten gegenüber die Alimentationspflicht auferlegt, die Fürsorge für Taubstumme, für Geisteskranke, für Verschwender in den Familien unter staatliche Aufsicht gestellt usw. Im Erbrecht erhielt auch der formlos hinterlassene letzte Wunsch des Sterbenden (das Fideikommiß) gleiche Gültigkeit wie das altmodische Testament mit seinen sieben Siegeln. Die Erbschaftssteuer betrug beiläufig 5%. Sodann die schonenden Bestimmungen: vor Gericht soll man den Priester nicht ziehen, wenn er in Funktion ist, auch nicht den Bürger, der eben heiratet oder an einem Begräbnis beteiligt ist, ferner nicht den Landarbeiter zur Zeit der Ernte und Weinlese. Überhaupt aber darf niemand, damit die schuldige Ehrerbietung ( reverentia ) nicht leide, gegen seinen Vater und andre Blutsverwandte als Kläger auftreten. Digesten II, 4, 2 und 12, 1. Die Vermenschlichung des Rechts mit ihren Rechtswohltaten gelangte in schöner Weise durch den Willen einer aufgeklärten und vom philosophischen Zeitgeist getragenen Gewaltherrschaft zum Siege: ein Gewinn für alle Zukunft. * Gesetzgebung und kein Ende! Nun aber der Recht-suchende Mensch selbst, der Rechtsstreit, das Prozessieren. Im römischen Volk lebte eine Prozessierwut wie im athenischen, und auch heute ist es in Italien noch ganz dasselbe: die Gerichtssäle überfüllt, alle Zeitungen überschwemmt von Reden, Reden, Zeugenaussagen; unendliche Sensation. Das liegt am öffentlichen Verfahren . Das öffentliche Verfahren und das Volksgericht verdankt die Neuzeit dem Altertum. Die französische Revolution nahm es von den Römern. Schon bei Sonnenaufgang strömte alles zu Tausenden aufs Forum zusammen. Die drei Fora Roms genügen nicht mehr, sagt Seneca, De ira 2, 9, 4. und er entsetzt sich zugleich über die Massen der Raubtiere in Menschengestalt, die da Händel suchen, auch 309 über die Niedertracht der Ankläger. Je schlimmer die Sache, je schlimmer der Anwalt! Einen unvergleichlichen Vorteil aber hatte der antike Prozeß vor dem modernen: er wurde nie über ein Jahr hinaus verschleppt. War das Jahr um, so erlosch er ( causa exspirat ). In Zivilsachen leitete ihn der Prätor und stellte die Rechtsfrage; in Kriminalsachen richteten konkurrierend bald der Senat, bald der Kaiser selbst; in den Provinzen dagegen die Statthalter, und sie sind es, deren streng sachliches Verfahren wir in den christlichen Märtyrerakten beobachten. Vorschrift ist: der Richter darf nicht zornig werden, aber sich auch nicht zu Tränen rühren lassen: Digest. I, 18, 19. Aber auch in der Ziviljurisdiktion war der Kaiser die höchste Instanz im Instanzenzug. Der Kaiser richtete in Rom in Person, ließ sich dabei jedoch auch oft und gern von dem Gardepräfekten vertreten. So ging z. B. der junge Kaiser Alexander Severus vormittags zum Fischen, während sein Präfekt, der große Jurist Ulpian, die Jurisdiktion für ihn ausübte; und das war gewiß gut. Dies kaiserliche Strafverfahren war geheim, und es hat die öffentlichen Geschworenengerichte allmählich verdrängt. Die Geschworenenlisten aber umfaßten in Rom an 4000 Namen, aus denen vom Vorsitzenden je nach dem Fall bald ein Richter, bald mehrere, bald hundert und mehr berufen wurden. Dies waren somit Laien. Nur sie, nicht der Vorsitzende, fanden das Urteil, das durch kein Appellationsverfahren rückgängig zu machen war. Und hier begegnen wir also zum zweitenmal der Majestät des Kaisers. Von der unfehlbaren Gesetzeskraft seiner Dekrete und Reskripte haben wir geredet. Der Nimbus des Göttlichen umgab sie. Und doch klingt es wie Farce, was die Geschichte z. B. von Kaiser Claudius berichtet. Das Richten wurde bei ihm zur Manie, wie bei Kaiser Nero das Musizieren, und er riß auch die Zivilsachen an sich. Alle Tage saß er auf einer Erhöhung und sprach Recht, bis er einschlief; die Anwälte mußten schreien, damit er acht gab, und das Publikum höhnte laut über seine bornierten Entscheidungen. Er liebte die Advokaten, er haßte die Rechtsgelehrten. Denn die Rechtsgelehrten wollten klüger sein als er. 310 Verdienten die Advokaten diese Gunst? Einst war ihre Blütezeit gewesen, damals, als Ciceros Wort noch ertönte in Rom. Ciceros Beredsamkeit war nicht wie der zündende Blitz, sie war wie eine prasselnde Feuersbrunst. Aber auch »blitzende« Redner hatte die alte Zeit der freien Republik gesehen, wie Gajus Gracchus. Damals führten noch die vornehmsten politischen Größen des Staats nebenher selbst Prozesse vor den Assisen, geradeso, als wenn unsere großen Minister wie Pitt oder Palmerston oder Bismarck nebenher Bankerottiers oder Giftmörder zu verteidigen unternommen hätten. Großzügig, flott und schwungvoll war die Beredsamkeit jener Zeit gewesen – jede Rede ein Tagesereignis –, vor allem freilich groß im politischen Prozeß. Daher Ciceros stolzes Wort: »Wer nicht Saiten spielen kann, wird Flötenspieler, so wird auch Rechtsgelehrter nur der, der nicht reden kann.« Dabei will der Redner seine Sache, sei sie noch so aktuell, nicht nur durchsetzen; er dringt auch auf Schönheit; er will Richter und Publikum auch »ergötzen«. Cicero pro Mur. 29; De or. II, 317. Aber das änderte sich unter der absoluten Monarchie sofort. Die kühne politische Rede verschwand ganz; es sank aber auch die Advokatur; auch das Ansehen, auch der Bildungsstand der Sachwalter ging merklich zurück. Der Mann aus dem Volk bei Petron sagt: »mein kleiner Sohn lernt so gut; er kann auch griechisch. Er soll eine Kunst lernen, z. B. Friseur, oder doch wenigstens Advokat.« Das ist denn doch eine schlimme Zusammenstellung! Natürlich gab es Ausnahmen, und einigen Bevorzugten gelang es, sich als Sachwalter die allerhöchste Gunst des Hofes zu erwerben. Dem Passienus Crispus wurde in der Basilica eine Statue errichtet. Eine Größe war z. B. auch jener abergläubische Regulus, von dem erzählt wird, daß er, um Erfolg zu haben, sich das rechte Auge mit Salbe bestrich, wenn er anklagte, das linke, wenn er verteidigte. Das höchste zulässige Honorar hatte der Kaiser Claudius auf 10 000Sesterz (über 2000 Mark) angesetzt. Die Mehrzahl aber muß hungern. Die Klienten bezahlen nicht. Ein Wagenlenker 311 in der Arena verdient mehr als hundert Anwälte. Denn um sich in Ansehen zu setzen ist es nötig, daß ein solcher Redner stets glänzend auftritt, im Purpurkleid, mit großem Dienerschwarm. Er pumpt sich daher im Notfall, für den einen Tag, einen Ring, um mit dem Sardonyx zu imponieren, der bei seinem Händespiel in aller Augen fällt. Ein klägliches Dasein! Vor den vierzig Geschworenen muß er seine Lunge üben, meist Bauern vom Lande, die seine Redeschnörkel gar nicht zu würdigen wissen. Denn auch seine Sprache ist natürlich elegant gedrechselt und überfeinert modern. Dazu die Körperhaltung! Auch für sie gab es strenge Vorschriften. Denn des Redners Unterkörper wurde durch kein Pult verdeckt. Daher ist ihm nicht nur das häßliche Achselzucken verboten; er darf auch nicht spreizbeinig stehen und muß sogar auch auf den Kontrapost achtgeben; d. h. wenn er den rechten Arm ausstreckt, darf er immer nur den linken, niemals den rechten Fuß vorsetzen. Er wohnt irgendwo im 4. Stock, und sein Klient bezahlt ihn in Naturalien mit einem Korb voll Zwiebeln oder getrocknetem Tunfisch und stellt ihm auch noch ein paar Palmenwedel zum Dank an seine Haustreppe. Das ist alles. Und dazu die Redeübungen jener Zeiten mit ihrem rastlosen Betrieb? Dazu hat Quintilian sein berühmtes Lehrbuch geschrieben, an dem auch noch unsere moderne Prosa gelernt hat, was Beredsamkeit und was Sprachstil ist? Das Redenhalten war eben Mode, war Sport geworden; es galt als wesentlichster Bestandteil der Bildung; alles lief in die Deklamationsschulen. Aber die wenigsten machten zum Glück daraus einen Beruf. Unter »deklamieren« verstand man das Freisprechen einer wörtlich vorbereiteten Übungsrede. Der Vortrag geschah in melodisch singendem Tonfall. Das Übungsstück selbst wurde genau nach Vorschriften gebaut, wie ein Gedicht. Als »Thema« aber dienten frei ersonnene Fälle oft abenteuerlichster Art, von Giftmord und bösen Stiefmüttern, von Piraten, Tyrannen und Tyrannenmord. Es war eine ungefährliche Wollust, vom Tyrannenmord zu deklamieren; denn an die 312 Kaiser selbst wagte sich keiner, und man überließ es zumeist der Soldeteska, die unliebsamsten der Zwingherren Roms zu beseitigen. Das Geschick will, daß uns solche Übungsreden zahlreich erhalten sind; die Reden der Advokaten selbst dagegen sind sämtlich wie Spreu im Winde verflogen; und wir grollen nicht darum. Sie dauerten gelegentlich 7 Stunden, und es galt als etwas Großartiges, wenn jemand sie ganz mit anhörte. Plin. epist. 4. 16. Beim Martial sagt einer: »Der Nachbar hat mir 3 Ziegen gestohlen; du aber, o Advokat Postumus, redest nur von Cannä und von Mithridat, von Carthagischer Untreue, von Sulla und Marius. Komm doch endlich auf die drei Ziegen!« Die Ausdehnung der Reden wurde vom Vorsitzenden genau vorbestimmt, und zur Sicherung diente dabei die früher schon erwähnte Wasseruhr, in der das Wasser ablief, wie der Sand in unseren Sanduhren: war das Wasser zu Ende, mußte die Rede schließen. »Dein Wasser läuft«, hieß also soviel als: du hast zu reden. An Kaiser Mark Aurel wird gerühmt, daß er den Advokaten die größten Wasserquanten gewährte. Dagegen kam es auch vor, daß der Gerichtsdiener die beredten Herren schikanierte und ihnen zu wenig einfüllte. Man sollte dies bei uns in den Parlamenten gelegentlich auch so machen. Wie anders der Stand der Rechtsgelehrten, die der närrische Claudius verachtete und die schon der freche Caligula hatte mundtot machen wollen! Hier war wirkliche Größe. Was damals die Rechtsgelehrten ausarbeiteten, war wohl die größte praktische Kulturarbeit der ganzen römischen Kaiserzeit und ist ihr Ruhmestitel bis heute geblieben. Und es war nicht nur Praxis, es war Wissenschaft. Auf die alte Zeit des Gewohnheitsrechts war in Rom zunächst eine glänzende Zeit der Gesetzgebung, die Zeit der prätorischen Edikte, gefolgt; jetzt folgte endlich eine dritte Periode, die Zeit des Kaiserrechts und der Rechtswissenschaft. Rechtsschulen bildeten sich, die nach den Schulhäuptern sich benannten, und eine ausgedehnte Literatur entstand, aus 313 deren Fülle die »Pandekten« Justinians nur einen dürftigen Abhub geben. Es waren meist Männer vornehmster Geburt und Stellung – in der Person Nervas bestieg ein Mann aus einer Juristenfamilie den Kaiserthron –, und sie hatten als Vertrauensmänner des Herrschers die Ordnung des bürgerlichen Verkehrs der Welt in Händen. Denn die Rezeption des römischen Rechts gelang in allen Reichsprovinzen glatt – gleiches Recht für Alle! – mit Ausnahme etwa des griechischen Ostens, wo sich doch Rom zum Trotz manche lokale Rechtsgewohnheiten noch länger zu erhalten wußten. Gleichwohl ist Gajus und ist selbst Ulpian in Berytus (heute Bairut) im griechischen Osten zum römischen Juristen erzogen worden; und auch Papinian war anscheinend Syrer von Herkunft. Dies waren, um das Jahr 200, die drei Heroen des römischen Rechts: Papinian, Ulpian und Paulus, Männer, die als Präfekten auf dem Gipfel der Macht und dicht am Throne standen und in denen die Genialität, Tatkraft und sittliche Bildung des Altertums noch einmal und zum letztenmal bis zum Eindruck des Erhabenen sich zusammenfand. Das gilt vor allem von Papinian, dem »Asyl des Rechts«, der durch den Kaiser, dem er diente, den Mordbuben Caracalla umkam. Er wurde mit dem Beil erschlagen, weil er die Ermordung Getas nicht gutheißen wollte (Geta war Caracallas Bruder) und das Wort sprach: »ein Brudermord ist leichter getan als entschuldigt.« So wurde er zum Blutzeugen der stoisch-römischen Gerechtigkeit am Hofe nichtswürdigster Despotie. Nur wenige Jahrhunderte später, und Theodorich, der Gotenkönig, herrschte in Ravenna. Die Goten rückten in Italien ein; im Osten aber entstand das byzantinische Reich. Der Schatz des römischen Rechts wurde damals zerlesen, zerfetzt und ausgeplündert. Aber es hat auch noch in entstellter Form vermocht Europa zu erziehen und bis auf den heutigen Tag nicht nur eine historische, sondern auch eine produktive Rechtswissenschaft anzuregen. Und die Basilika? Sie ist eine jener interessanten 314 Gebäudeformen der antiken Architektur, die aus großem Zweck sich groß entwickeln: eine Halle in länglichem Rechteck, zunächst nur ein großer Bazar für Kleinhändler. Eine Händlerin verkauft z. B. Silbersachen in der Basilika; Digest. XXXIV. 2, 32, 4. Die Nichtstuer verbrachten da herumlungernd ihre Tage und, sollte das Gebäude abends geschlossen werden, mußte man das Volk mit Hunden heraushetzen. Aber das Mittelschiff des Gebäudes war überhöht, und in seiner Apsis stand oftmals ein erhöhtes Tribunal. Da oben präsidierte der Magistrat; im Mittelschiff saßen auf Bänken die etwa 45 Geschworenen Gelegentlich auch viel mehr. unter dem Vorsitz der Dezemvirn inmitten des höchst profanen Menschengetriebes, und die Anwälte redeten. Das Publikum mußte stehen. An der Wand der Basilika in Pompeji hat sich die Anschrift gefunden: »Die süße Weintrinkerin ist durstig, ja, ja, sehr durstig.« Also wurde da fürs Publikum auch Wein verschenkt. Aber das versteht sich schon von selber. Meistens war nun der länglich gestreckte Raum so eingeteilt, daß in ihm an allen vier Innenseiten ein Säulengang herumlief, dessen Dachhöhe geringer war als die seiner Mittelhalle. Bisweilen jedoch zog dieser Säulengang sich auch nur an den zwei inneren Längsseiten des Hallenbaus hin, und so entstand die bedeutsame Form der Basilika mit zwei Seitenschiffen und überhöhtem Mittelschiff. Diese Bauform ist nun aber bekanntlich auch die des altchristlichen Kirchenbaus, und so kann es kein Zufall sein, daß die alten Christen ihre große Gemeindekirche Basilika benannt haben. Die Kirche ist vielmehr aus der antiken Gerichtshalle entstanden. Wir werden noch weitere Einflüsse des antiken Profanbaus auf den christlichen Kirchenbau kennenlernen. Wer aber selbst in Rom war, wird hier sogleich der kolossalen Backsteinruine der Konstantinsbasilika am Forum gedenken, der größten Basilika, die Altrom gesehen hat, von 6000 Quadratmetern Grundfläche. Nur das nördliche Seitenschiff steht noch, und alle Marmorbekleidung ist heruntergefallen. Gleichwohl, wie kühn und kraftvoll schön wirken noch heute seine zerbrochenen kassettierten Tonnengewölbe! Von diesem Monument des 315 römischen Rechtslebens aber steht fest, daß es noch in der Renaissancezeit zum Vorbild gedient hat für Bramantes Entwurf zum Sankt Peter. In der Tat war das Mittelschiff des Konstantinbaus nur 3 Meter niedriger als das Mittelschiff des Kölner Doms.   6. Die Bäder Am Vormittag tobten die Rechtshändel. Am Nachmittag strömte das Volk ins Bad. So lassen auch wir auf so ernste Dinge in unserer Besprechung unvermittelt das Trivialste folgen. Das römische Leben will es nicht anders. Da ragt in Rom über der Straße wie ein Ursaurier über Eidechsen das ungeheure Trümmerskelett der Bäder Caracallas. Sie übertrafen an Ausdehnung die Basilika noch bei weitem. In der Tat ist in den Thermen Roms der Gipfel der antiken Baukunst zu erblicken. Und auch sie waren von Einfluß auf den christlichen Kirchenbau. Der antike Tempel war Außenarchitektur, d. h. er zeigte seinen Schmuck nach außen. Die Kirchen waren wie das Privathaus und wie die Thermen Innenarchitektur. Die Gewölbespannungen, vor allem aber den Innenschmuck des Mosaizierens der Gewölbe lernte der Kirchenbau von jenen Bäderhallen. Noch einleuchtender ist aber, daß sich die christliche Taufkapelle aus dem profanen Tauchraum entwickelt hat; denn das Taufen ( bapthestai ) bedeutete ein Untertauchen des ganzen Körpers. Das Baptisterium der Badeanstalt verwandelte sich also in das geistliche Reinigungsbad: es blieb eine kreisrunde Wanne zum Hineinsteigen mit Umbau, konzentrisch angelegt. Die Nutzzeit für das Freibad beginnt am Mittelmeer ziemlich spät. Wir handeln hier jedoch nicht von Fluß- und Seebad, wir handeln von jenem warmen Bad der Römer, das man zur Sommers- und Winterszeit genoß und dessen durchdachten Luxus unsere Gegenwart kaum irgendwo wieder 316 erreicht hat. Er entwickelte sich etwa in der Zeit von Sulla auf Augustus. Wie stark an Tugend war noch die schlichte alte Zeit, ruft Seneca, als man sich nur wusch und als selbst ein Scipio nur einmal in der Woche ein Vollbad nahm! Für waschen und baden hat das Latein nur ein Wort: lavare . Der Baderaum heißt davon Latrina oder Lavacrum . Er lag von alters her im Privathaus bei der Küche und wurde stets von der Hausdienerschaft benutzt. Dagegen dienten die großen öffentlichen Bäder zwar vornehmlich der ärmeren Bevölkerungsklasse, aber sie dienten nur den Freien: ein Sammelort für die Bürgerschaft, wo man sich trefflich unterhielt. Die beliebteste Stunde war etwa 2–4 Uhr nachmittags. Nicht jeder hatte freilich Lust sich mit den Menschen gemein zu machen, und so stellten die Magnaten in ihren Schlössern sich ihre eigenen Privatthermen her, die sie ihren Freunden zur Mitbenutzung öffneten. Das sind die Thermen, wo jener märchenhafte Luxus sich entfaltete, in dessen Schilderung Martial und Statius ihr Dichtertalent üben: über die Wände hin buntschimmernde Marmorinkrustation, wie wir sie heute etwa in Villa Borghese sehen; aus Alabaster (Onyx) die Hohlräume, in die die trockene Hitze geleitet wird; silberne Wasserröhren, so köstlich, daß das Wasser, das übrigens filtriert war ( aqua saccata ), zaudert hindurchzufließen, weil es sich im Silber so wohl fühlt. Das Marmorbad Jerômes in Kassel ist dagegen Kinderspiel. An der Küste baute man die Fundamente der Thermen ins kühle Meer hinaus. Aber es waren meist Freigelassene, die so protzten. * Viel hausbacken-einfacher sind natürlich die Thermen Pompejis, die eben zur Zeit jener Dichter, die ich nannte, verschüttet wurden. Aber sie lassen die Anlagen mit allen Einzelheiten gleichwohl vortrefflich erkennen. 317 Das Bad hieß balneum ; thermae hießen heiße Quellen. Das sind griechische Lehnwörter. Die Sache war also griechisch. Aber erst die Römer haben sie, soviel wir wissen, im höchsten Sinne zweckmäßig, ja, im Dienst übertriebener Genußsucht ausgebildet. Im griechischen balneum ( balaneion ) bekam man gegen Eintrittsgeld sein Bad und weiter nichts. Davon sind die mit Turnräumen verbundenen Bäder der Griechen zu unterscheiden, welche Turnräume Gymnasium hießen. »Gymnasium« bedeutet den Übungsraum, in dem man sich nackt bewegt, und wenn wir heute von Mädchengymnasien reden, so sind wir uns, wie es scheint, nicht genügend bewußt, daß das eigentlich ein Raum für entkleidete Mädchen bedeutet. Anschließende Wandelgänge und Exedren (Sitzgelegenheiten) dienten für gebildete Unterhaltung; daher hat sich die antike Philosophie auf dem griechischen Turnboden entwickelt, wo man wandelnd oder sitzend über die großen Fragen des Lebens disputierte. Vgl. oben S. 97 . Endlich gab es da auch warme und kalte Bäder für Turner, die ihre Haut salbten und pflegten, wenn die anstrengende Körperübung zu Ende war. Die Römer übernahmen von diesem Vorbild sowohl die einfachen Bäder ( balnea ) als auch die Gymnasien mit Bad, die sie in ihre Thermen umwandelten. Für den Unterschied beider Einrichtungen ist schon die Erzählung bezeichnend von dem reichen Mann, der sich in Rom sowohl ein »Bad« aus Holz als auch »Thermen« aus Marmor baut. Aber ihm fehlt es an Holz, um seine Thermen zu heizen, und der Dichter Martial rät ihm: heize die Thermen doch mit deinem Bade! Solche »Bäder« wurden von den Kommunen, aber auch von Privaten gebaut und an Unternehmer verpachtet. Der Literat, der in Rom verhungert, wird in irgendeiner Kleinstadt Badepächter und lebt da vom Eintrittsgeld. Ganz anders die Thermen. Der Römer hatte für Gymnastik, den Turnsport der Hellenen mit Ringkampf und Boxen und Stangenwurf, wenig Sinn. Deshalb verwandelte er die Turnräume des Gymnasiums in Unterhaltungsräume, das 318 Baden aber machte er zur Hauptsache, zu einem täglichen Vergnügen: die schönste Art des Faulenzens, ein Schlemmen in Sauberkeit, das zugleich immer den prächtigsten Hunger und Durst entzündet; denn gleich nach dem Bade wurde gespeist. Römisches Bad! Man unterscheidet räumlich und sachlich laues, heißes und kaltes Bad, tepidarium, caldarium und frigidarium , und auch die Ärzte des Altertums unterlassen nicht, sie in dieser Abstufung therapeutisch zu verwerten. Schon die Benennungen aber zeigen uns, daß das Verfahren ganz eigentlich römisch oder doch von den Römern ausgebildet war. Nähern wir uns, um einen Einblick zu gewinnen, einer der schlichten Anlagen Pompejis. Sie bedeckt ein Areal von 50×60 Metern. Die Außenseiten des einstöckigen Baus sind zum Teil in Kaufläden und Butiken aufgelöst, die nach innen keinen Zugang haben und einen guten Mietszins abwerfen. Schon dieser Kleinhandel gibt buntes Leben; denn wir befinden uns mitten im engen Stadtgetriebe. Aber auch aus dem Thermenhof, der ohne Dach ist, schallt über die Gasse Lärmen, Lachen und Geschrei. Die Tür, die auf ihn führt, ist jedoch so angelegt, daß kein Neugieriger, der vorbeikommt, von der Straße aus ins Innere sehen kann, wo sich die nackten Leute im Spiel tummeln. Zweidrittel des Gesamtgrundstücks dienen solchen Unterhaltungszwecken, nur ein Drittel dem Bade. Da werden Kugeln geschoben, Rappier gefochten, besonders eifrig aber Ball gespielt, und zwar auch von alten und würdigen Herren. Das Ballspiel war die ganz besondere Liebhaberei des Römers. Da gab es kleinere Bälle, mit Haaren und Federn gestopft; die großen waren mit Luft gefüllt; dazu kam noch der Springball trigôn , der nur zwischen drei Spielern hin und her schnellt. Der Ball darf beim Spiel nie zur Erde fallen. Dazu endlich der Fußball, um den zwei Partner sich streiten; auch er fliegt hoch, und der Staub wirbelt. Rings um diesen Spielplatz läuft ein Schattengang. Im Hintergrund ein Wasserbecken von fast 13 Meter Länge, wo 319 man sich kühlen, plätschern und auch schwimmen kann ( natatio ). Doch wir fragen nach den Thermen. Der Gong ertönt schon. Das Signal bedeutet: es eilt! Wer jetzt nicht kommt, findet drinnen keinen Platz mehr. Eintrittsgeld wird gezahlt. Die Sammelbüchse geht herum. In Rom zahlte man nur 2 Pfennige, in Provinzialstädten mehr, die Männer 4, die Frauen gar 8 Pfennige. Korpulente Damen müssen das dreifache geben; denn sie nehmen zu viel Platz weg: so fordert Martial, der immer zu Scherzen aufgelegt ist. Man konnte auch warme Sitzbäder ( solia ) in Einzelkabinen haben. Aber das war sehr ungesellig. Zu meinem Bedauern muß ich feststellen, daß das benutzte Wasser in diesen Sitzbädern gelegentlich stehen blieb für den nächsten Benutzer. Suchen wir uns lieber im geselligen Bad zurechtzufinden. Eine weise Verwaltung spart gern mit Heizung, und das Bad wurde daher zumeist nicht vor 2 Uhr (d. i. nicht vor 14 Uhr) geöffnet und schon bei Sonnenuntergang geschlossen. Zeitweilig brachte Kaiser Alexander Severus das Baden bei Nacht in Aufnahme, und das kam wohl auch sonst vor. Übrigens unterschied man nach Größe und Heizeinrichtung Sommerthermen und Winterthermen. Für das Frauenbad dienten besondere Räume. Nur in kleinen Ortschaften war das nicht der Fall; wir erfahren, daß in einem Bergnest in Spanien die Frauen vormittags, die Männer nachmittags in denselben Räumen baden mußten. Zwischen den Räumen des Frauen- und Männerbades liegt zentral der große Ofen mit 3 Kesseln, die den drei Baderäumen rechts und links entsprechen. Das Frauenbad ist weniger glänzend ausgestattet (die vornehmen Frauen erschienen eben nicht), auch fehlt ihm ein Spielplatz. Davon abgesehen, haben beide Anlagen dieselbe Einteilung, natürlich so, daß das heiße Bad, das Caldarium, hier und dort dem gemeinsamen Heizraum am nächsten liegt. Die Männer, die von ihrem Spielplatz ins Bad eilten, gelangten durch ein paar kleine Warteräume mit Bänken 320 zunächst zu dem Aufseher, capsarius , bei dem man seine Wertsachen, besonders die Ringe ablegen konnte (wer mit Fingerringen badete, machte sich lächerlich). Es folgte ein Auskleideraum; von da trat man ins Tepidarium, um zunächst in lauer Luft sich durchzuwärmen, und erst danach in das heiße Wannenbad des benachbarten Caldariums. Dahin drängte sich alles. Es war der höchste der Genüsse. Nicht das heiße, nur das warme Bad macht schlaff, so wird uns mit Wichtigkeit gepredigt. Dann aber ließ man sich mit lauwarmem Wasser besprudeln, wobei man in einem runden Becken ( labrum ) stand, das sich in der Apsis desselben Saales befindet. Dabei hat anscheinend auch der Schwamm geholfen; für gewisse Glatzköpfe war das aber gefährlich; es gab nämlich alte Gecken, die sich, statt Perücken zu tragen, die Haare mit Farbe auf die Glatze malen ließen; die ganze Herrlichkeit war vorbei, wenn sie ins Nasse kamen, und sie schnitten sich also, wie ein Witzbold sagt, die Haare gleichsam mit dem Schwamm ab. Das kalte Bad aber mußte vorschriftsmäßig den Abschluß bilden. Dafür diente der hübsche Rundbau des Frigidariums, eines hohlen Steinzylinders, dessen Mitte die runde Marmorwanne einnimmt; ringsum vier Nischen. Diese Wanne ist in Pompeji 1,30 Meter tief. Der Raum selbst aber steht mit dem Caldarium unzweckmäßigerweise in keiner direkten Verbindung, und es scheint, daß sich viele, zumal in Sommerzeiten, mit dem Frigidarium allein begnügten; daher ist der Raum auch so schön geformt; er ist hell und wurde im Hellen benutzt, während die vorher genannten Räume oft nur dämmerndes Halblicht hatten. Nach vollendetem Bade genügte es aber nicht etwa, sich von seinem Diener abtrocknen zu lassen, sondern es folgten noch sorgliche Abreibungen, Massage und Ölung der Haut. Dazu diente u. a. auch jenes Schabeisen ( strigilis ), das wir in der Hand der herrlichen Statue des Lysippischen »Schabers« im Vatikan gewahren. Man wird bemerken, daß es seinen 321 besonderen Sinn hatte, wenn Agrippa das Originalwerk des Apoxyomenos des Lysipp gerade vor seinen Thermen aufstellte. Aber wir sind auch jetzt noch nicht am Ende. Denn das eigentlich römische Bad fehlt noch, das Schwitzbad in erhitzter, trockner Luft, wofür es wiederum einen abgesonderten Raum gab, das Laconicum, auch dies hell und daher schön geformt. Das Laconicum hatte wie das Frigidarium stets die Form der Taufkapelle, der Rotunde mit halbkugelförmigem Dach: also ein verkleinertes Pantheon. Sein Dach stand in seinem höchsten Scheitel offen, und in der Öffnung hing eine Metallscheibe, mit deren Hilfe man die Luft temperierte. Das Schwitzbad selbst aber war das angreifendste und taugte besonders für die Schlemmer, die nach schweren Gelagen einer Neubelebung bedurften. Der Weindunst zog aus dem Körper; der aufgeschwemmte Magen beruhigte sich. Wie viele Hilfsmittel der öffentlichen Hygiene – Vakzination, Desinfektion –, deren wir uns heute erfreuen, hat das Altertum entbehren müssen! Aber das Bäderwesen trat an ihre Stelle; es war bestimmt, durch Verbreitung der Sauberkeit die Volksgesundheit in allen Volksschichten zu gewährleisten. Denn es handelte sich hier tatsächlich um Volksbäder für alle. Nur im gesunden Körper ist eine gesunde Seele, war der Wahrspruch jener Zeit. Nebenher aber gingen noch andere Vorteile. Denn den Baumeistern, den Technikern des Altertums hat dieser Luxus ganz neue und gewaltige Aufgaben gestellt. Man denke allein an die Beleuchtung und Heizung. Da entstand im Dienste des badenden Volkes die Idee der Durchbrechung der Wand, des Kolossalfensters, des Fensters mit Aussicht. Wie oft hören wir seit dem 1. Jahrhundert n. Chr. das naive Staunen der Alten, wenn es gelang in diesen großen geschlossenen Räumen völlige Tageshelle herzustellen! Aber die erhitzten Räume brauchten bei möglichster Helligkeit zugleich festen Wandverschluß, und dazu war also Glas nötig, Fensterglas, große Glasscheiben. Die 322 Glasfabrikation war alt; sie war auch in Süditalien zu Hause; ihr war damit eine neue Aufgabe gestellt. Sodann die künstliche Erwärmung selbst, die Leitung der Heizung durch große Räume. Als die Römer Frankreich, das Rheinland und England in Verwaltung nahmen, brachten sie in den kalten Norden zum Glück ihre fertigen Heizeinrichtungen mit, die sie daheim nicht etwa im Privathaus, sondern im Bäderwesen ausgebildet hatten: hohle Fußböden, hohle Wände. Die Erfindung wird auf den Römer C. Sergius Orata, einen Zeitgenossen Ciceros, zurückgeführt. In diese Hohlräume werden die heißen Wasserdämpfe geleitet, und die Dämpfe umgeben also allseitig den zu erwärmenden Raum, ohne doch in ihn einzudringen. Der Hohlraum unter dem Fußboden ( hypocaustum ) ist nur etwa 75 cm hoch. Auf niedrigen Ziegelpfeilern ( suspensurae ) ruht da über ihm zunächst ein Fußboden von Tonplatten; erst auf diesen Platten liegt der Mosaikfußboden des Bades auf. Man wußte, daß die Wärme von unten nach oben steigt, und es galt vor allem, die unteren Luftschichten der benutzten Räume warm zu halten. Das Hypocaustum war also das Wichtigste. Aber auch die Seitenmauern wurden an der Innenseite mit Ziegelplatten bekleidet und gleichsam austapeziert, mit einem leeren Abstand von 7 cm, durch den man die Dämpfe leitete. Die Leitung geschah auch in Tonröhren. Oft zog sie sich endlich auch noch über den Plafond des Raumes. Der Bürger des Altertums hatte viel Muße. Denn die Kleinarbeit lag größtenteils in den Händen der unfreien Bevölkerung, und auch das war nicht viel. Hat doch auch heute der Südländer, zu dem noch keine Kohlenindustrie, kein Fabrikwesen gedrungen ist, so wenig zu tun, und der Müßiggang ist sein köstliches Naturrecht: Freiheit Leibes und der Seele! Nirgends aber ist das Gefühl so siegreich wie im Bade. Es ist, als ob mit dem Kleid die letzte Sorge vom Menschen fiele, und eine urwüchsig losgebundene Fröhlichkeit beginnt. Wie sollte es damals in jenen Thermen anders gewesen sein? 323 Man hockt, man sitzt, man liegt und kauert durcheinander, läßt sich abtrocknen, und alles schiebt sich und kommt und geht, und der Vornehme mischt sich leutselig unter die Gemeinen; auch Kaiser Titus, auch Hadrian legten Wert darauf, so mit dem Volke zu baden. Und jeder spricht mit jedem: ein Necken, Plaudern und Singen. Die Stimmen sind im Bad glockenrein, und in den gewölbten Räumen hallt es herrlich. Man macht neue Bekanntschaften und lädt sich die Badegenossen sogleich auf morgen zum Speisen ein. Martial ist ein so guter Unterhalter, daß sein Gönner Fabian ihn zwingt, mit ihm zu baden; Martial aber verliert dabei die Laune: denn der Weg zum Bad des Fabianus ist ihm viel zu weit. Aber auch der Schmeichler fehlt nicht, der dir, auch wenn er selbst eben frisch aus dem Bad kommt und sich also vor Staub hüten müßte, doch beim Ballspiel gleich jeden Ball aufhebt, der zu Boden fällt. Dein Badetuch bewundert er und findet, daß es weißer als Schnee, auch wenn es schmutziger ist als die Windeln eines Kindes, und wenn du dir deine paar Haare mit den Fingern glatt streichst, sagt er enthusiastisch, du habest des Achill Locken geordnet! Augenscheinlich brachte man mißbräuchlich auch Hunde mit ins Bad, ja, auch andere Tiere, aufwärts bis zum Rhinozeros. So ist bei Juvenal 7, 130 das cum rhinocerote lavari zu verstehen; wäre rhinoceros hier eine Ölflasche, so stände das cum nicht zu Recht. In der Tat badet sich ja auch das Nashorn gern. Juvenal aber liebt es, Ungeheuerliches vorzutragen; es erinnert dies an Heliogabalus, der sich ein Krokodil und ein Rhinozeros hielt (Lamprid. c. 28). Das war im schlimmsten Wortsinn sensationell. Die ärgste Plage waren jedoch die Dichter, die entbrannt sind, ihre neuesten Verse vorzutragen. In den Bädern fanden sie ihr sicherstes Publikum; denn das Publikum war unbekleidet und konnte nicht entrinnen. Daß es dabei auch an krassen Unanständigkeiten nicht fehlte, kann man sich leicht vorstellen, und wir ersparen uns die Nachweise. Aber auch an allerhand Aufregungen fehlte es nicht. Garderobendiebstähle ereigneten sich täglich. Ein besonderer Abschnitt in den Pandekten handelt über die Bäderdiebe, Langfinger von Beruf, die die Griechen Balanoklepten nannten. Auch der Dichter Catull fährt gegen einen solchen Dieb los, und Petron schildert uns die Aufregung im Bade, als der Verlust entdeckt ist. Was lag freilich 324 an einer Tunika? Sie kostete nicht viel. Aber man konnte doch ohne sie nicht nach Hause gehen. Übrigens wurde auch im Bad gezecht, inter nudos . Noch aufregender, und zwar im anderen Sinne, war es, wenn es dazu kam, daß Männer und Frauen zusammen badeten. Doch läßt sich die Prostitution in den Bädern wohl nur für die große Babel Rom und ähnliche antike Großstädte ersten Grades nachweisen. Der freche Martial setzt solche Situationen wirklich gelegentlich voraus: ein Mißbrauch, der in der christlichen Ära sich dann noch steigerte und ja auch noch das Mittelalter überdauerte. In unsrer harmlosen Gegenwart ist der Mißbrauch zum Brauch geworden. Schon die Thermen der Kleinstadt Pompeji betritt der Reisende mit Staunen. Pompeji ist bis heute kaum weiter als zu einem Drittel ausgegraben und hat schon drei solcher Anstalten geliefert. Von Rom erfahren wir nun gar, daß es 952 Bäder hatte. Im Archiv für Volkswohlfahrt, 1908, wurde dagegen nachgewiesen, daß Deutschland mit über 60 Mill. Einwohnern in dem genannten Jahr nur 2847 Warmbadeanstalten besaß, also eine auf 21 000 Personen. Für so viele genügt eine Anstalt wohl schwerlich. Die Diocletiansthermen Roms reichten doch nur für 3000. Agrippa allein legte 170 an. Ebenso ging es durch alle Kleinstädte, durch alle Provinzen. Thermenreste sind in England und Algier, sind in Trier und Badenweiler, in Carnuntum bei Preßburg usf. gefunden. Wir haben nicht Raum, die Orte aufzuzählen. Reiche Privatleute stifteten solche Volksbäder allerorts und sicherten testamentarisch die Badebetriebskosten. Das betraf besonders die Heizung. Ganze Wälder wurden verheizt. Selbst bei den Landleuten wurde das Warmbaden so allgemein, daß die Ärzte, um der Verweichlichung zu wehren, dagegen einschritten, mit der Vorschrift, man solle nur an jedem vierten Tage baden. Und nun gar erst das kaiserliche Rom mit seinem verhätschelten Pöbel! Augustus ließ an einem Festtage das ganze Volk bei freiem Eintritt baden. Sein Schwiegersohn Agrippa dehnte das auf ein ganzes Jahr aus. Und aus eben dieser Fürsorge für die Majestät des Proletariats sind dann jene Monsterbauten hervorgegangen, wie sie in den Kolossalresten der Caracallathermen und Diocletiansthermen vor uns stehen. Eine ganze Stadt könnte auf diesen Arealen Platz finden. Aus 325 einem Bruchteil der Diocletiansthermen hat Michelangelo die Kirche Santa Maria dei Angeli hergestellt. Auch ihre Spielhöfe wurden damals mit Riesengewölbespannungen überdeckt, und diese zum Herumstehen eingerichteten Hallen boten nun dem Publikum etwa dasselbe, was ihm heute in Mailand oder Neapel die gewaltigen gewölbten Glasgalerien und Passagen bieten: Galeria Vittorio Emanuele usf. Denn in den Hundstagen war es darin herrlich kühl, so daß wir auf die Frage: wo bewahrt man im Sommer am besten einen Fisch auf? die Antwort hören: in den Thermen! Aber auch die dekorative Kunst kam hinzu: die weiten Fußböden bilderreiche Mosaiken, bilderreiche Mosaiken auch die farbenstrahlenden Apsiden in der Höhe. Ja, auch Statuen in Erz und Marmor wurden da aufgestellt, wie es uns Dichter schildern. Siehe Anthol. lat. 210 und 214. Und wirklich stammen so die sog. Flora, der farnesische Stier, der farnesische Herkules in Neapel aus denselben Diocletiansthermen, aus den Constantinsthermen die wundervollen Rosse, die heute den Quirinalplatz schmücken. Das sind Primawerke der antiken Kunst. Die Namen der Thermen in Alexandria, Hippos, Hygeia u. a. stammen gleichfalls von Kunstwerken her, die darin aufgestellt waren. Der Leib ergötzt sich am Wasser, der Geist an Schildereien, so rühmt uns ein Badegast. Besonders die Privatbäder der Freigelassenen strotzten von Statuen; Seneca Epist. 86. Schon Agrippa hatte seine Thermen beim Pantheon in dieser vornehmen Weise geschmückt, und wir hören, daß der treffliche Mann zudem eine herrliche Rede gehalten hat über öffentliche Aufstellung der Kunstwerke, die sich im Privatbesitz befinden. Es war eine soziale Mahnrede an die Großen Roms. Besäßen wir diese Rede noch! Sie könnte uns auch heute noch eine ernste Mahnung sein. Wir brauchen die ärmeren Klassen freilich nicht, wie es damals nötig schien, an Müßiggang zu gewöhnen und durch Zerstreuung ungefährlich zu machen. Das Heilmittel für das moderne Volksleben ist die Arbeit. Aber wir sollten Front machen gegen unsere Kunstmuseen, diese trostlosen Bildermagazine, in denen das Viele das Gute totmacht. Die Gans wird auf Gänseleber gemästet, der Mensch auf Kunstsinn; aber weder die Gans wird dessen froh, noch der Mensch. Die 326 antiken Thermen, das waren die richtigen Museen. So sollten auch heute in allen Städten just die besten Originalwerke, die unsere Zeit besitzt, auf die Gefahr hin, daß sie früher zugrunde gehen, als wir wünschen möchten, an öffentlichen Stellen zum täglichen Umgangsgegenstand für das Volk gemacht werden. Denn für das Volk ist gerade nur das Beste gut genug, und nicht durch gewolltes Studium, sondern nur durch den ungewollten täglichen Umgang wird jene tiefgehende ästhetische Verfeinerung, wird jene Kunstnatur erworben, wie sie nur das Altertum besaß. Berlin hat im Jahre 1911 für den Volksverkehr den stolzen Bau des »Admiralpalastes« erhalten, mit offenem Vestibül nach der Friedrichstraße, Luxusbad und Thermen, Eis- und Sportarena, auf einem Grundstück von 4200 Quadratmetern. Die Caracallathermen bedeckten dagegen ein Areal von über 110 000 Quadratmetern; das ist mehr; auch zweifle ich, ob das »Römische Café« und das Lichtspieltheater in der genannten Berliner Gründung den ästhetischen Idealen gerecht geworden sind, die uns Roms großes Beispiel vorhält. Wie schon gesagt ist, hatte Agrippa den »Schaber« des Lysipp öffentlich aufgestellt. Tiberius schaffte das köstliche Werk neidisch in seinen Palast; das römische Gassenvolk aber erhob sich, demonstrierte und zwang den Kaiser, es wieder an den alten Platz zu stellen. Das ist lehrreich für die Kunstliebe der Volksmassen in jenen Zeiten.   7. Gottesdienst und Glaube Aber wo bleibt die Frömmigkeit? Das antike Leben war in Gottesdienst getaucht, Religion das A und O, und wollten wir in unseren Schilderungen ganz getreu sein, wir müßten von ihr anheben, mit ihr enden und dürften nicht aufhören, von ihr zu reden. Wo sind die Millionen Rauchopfer, 327 die Millionen Gebete, die alltäglich das Herz der Götter suchten, oft nur als anerzogene Gewohnheit, die unverlierbar war wie die Treue zu Haus und Hof, Man liebt seine Penaten wie seine Eltern und Kinder, sagt Seneca. oft aber als bangender Schrei der gefolterten Seele, die einen Helfer braucht und ihn herniederzwingt aus den Wolken?! Je weniger verbreitet die Kenntnis der mechanischen Naturgesetze, je allgegenwärtiger war damals das Übernatürliche. Man bezog alles, jedes Kleinste in lebendigstem Gefühl auf Gott, d. h. auf einen jener Götter, die man mit Namen zu nennen wußte. So prangten auch die Tempel wie schimmernde, marmorne Gebete auf allen Stadtbergen. Denn Gott liebt die Höhe. Lag der Tempel im flachen Feld, so wurde er doch von einem hohen Sockel getragen. Die Säulen stehen wie schlanke versteinerte Gottesdiener, um das schützende Dach über dem Gottesbild zu tragen, und eine breite Freitreppe führte zum Allerheiligsten hinan: der Treppenbau großen Stils ist nicht für Profanbauten, Erst spät hören wir von Freitreppen an Palästen: Seneca Epist. 84. Ein Bild davon gibt die Freitreppe der Bibliothek von Ephesus. er ist für die Andacht der Waller erfunden worden, als wären es Himmelsleitern. Auch im Mithrasdienst spielt die mystische Treppe eine Rolle. Soll ich die Götter nun aufzählen? Es wird genügen nochmals daran zu erinnern, daß Jupiter, Diana, Merkur usf. jetzt griechische Götter geworden sind, auf die man die alten römischen Namen übertrug. Jupiter ist Zeus, Diana Artemis; Merkur ist Hermes. Der schöne griechische Olymp war siegreich eingezogen, und der Römer hatte seine eigene alte Religion darüber fast ganz vergessen. Er war leichtgläubig und leicht zu bekehren, nach dem Grundsatz: je mehr man glaubt, je besser. Denn die griechisch-römische Volksreligion war noch immer eine Religion der Furcht. Eben daher die Vielheit der Götterwesen; sie ist nur eine Vielheit von Versuchen, das Walten des übermenschlichen Schicksals zu erklären. Man war zu fromm, d. h. zu ängstlich gewissenhaft, um einen dieser Versuche zu bestreiten, und so ist der Grundzug der antiken Frömmigkeit Toleranz ohne Grenzen. Zeitweilig wurde durch den Kaiserhof die Apolloreligion, zugleich auch die 328 Venusreligion, späterhin die Minervareligion begünstigt und mit neuen Kulten ausgestattet. Ebenso stand jeder Bürger durch Familienüberlieferung bald diesem, bald jenem Gott besonders nahe; aber man leugnete deshalb die Gültigkeit der übrigen nicht, und kein Gott nahm es übel, wenn man auch jedem andern Opfer brachte. Es gab wohl Priester, aber nicht Theologen, d. h. es fehlte an jeder gültigen Dogmatik, die eine für die Gemeinde feste Glaubenslehre aufgestellt hätte. Wäre eine vergleichende Dogmatik zur Geltung gekommen, sie hätte unrettbar zum Monotheismus hingeführt. Für das aufkommende Christentum aber lag es nahe, die vielen Götterkulte durch den Kult der Heiligen abzulösen, die zwar nicht göttliche Verehrung genießen, sondern nur um Fürbitte angegangen werden, aber denen man doch als Schutzpatronen immerhin Kirchen weihen und vor deren Gebeinen man knien konnte. Auch dies war eine starke Dezentralisation der göttlichen Hilfe, durch deren Vergleichung wir die antike Anschauungsweise uns gut verdeutlichen können. Freilich erinnert uns wohl die Dogmatik der Kirche gelegentlich daran, daß man den einen Gott über Maria, Petrus, Damian, Agnes und Constanza nicht vergesse. Die Idee Gottes ist so unendlich erhaben und unergründlich reich, daß sie sich für die lebhafte Phantasie des Südländers in viele Bilder zerspaltet, wie das Prisma den Sonnenstrahl in Farben zerlegt. Die meisten vertragen es eben nicht, in das reine Licht zu sehen; sie brauchen das gebrochene Licht, den Abglanz, die Farbe. Es ist der Trieb nach Greifbarkeit, nach Deutlichkeit. Hierzu vgl. mein Buch »Auf Reisen« S. 39 f. So phantasiereich war eben das Altertum; die griechische Kunst war imstande, jeden Gott als Idealgestalt in Bildern wirklich vorzuführen, und die römischen Eroberer schleppten solche Bilder in Massen von Hellas nach Rom. Das war die Blüte des naiven Glaubenslebens jener Zeiten. Krasser Unglaube, wie ihn Kaiser Caligula zeigte, war anscheinend selbst in der vornehmen, blasierten 329 Männerwelt selten. Kaiser Caligula betrachtete sich selbst allein als Gott, dabei aber verkroch er sich unter das Bett, wenn es donnerte. Um so berechtigter war es, wenn sich der Hohn der Skeptiker und Epikureer gegen allerlei neu auftauchenden gottesdienstlichen Schwindel wendete, wie ihn die hochgespannte Religiosität des 2. Jahrhunderts n. Chr. erzeugte; man lese dafür den »Alexandros« des Lucian, wo es sich im Kapitel 24 sogar um Auferweckung der Toten handelt. Einen Skeptiker des 2. Jahrhunderts habe ich in meinem Roman »Menedem der Ungläubige« zu zeichnen versucht, wozu ich ein Vorbild bei Lucian im Alexandros c. 17 fand. Übrigens sei hier noch einiges von dem mitgeteilt, was uns derselbe Lucian im Philopseudes 11–16 über Wundertäter berichtet; von einem heißt es, daß er Unken, Nattern und Vipern aus ihren Verstecken lockt, und sie verbrennen durch seinen Hauch; ein andrer fliegt durch die Luft und wandelt auf dem Wasser mit Lederschuhen oder erweckt halb verweste Leichen zum Leben, der Geist eines unbestatteten Toten geht gespenstisch um und schreckt die Menschen; dazu endlich ein Wundermann aus Palästina, der zu Lucians Zeiten selbst gegen Geld Tobsüchtige heilte. Für Lucian aber ist das alles Betrug und Schwindel. Viele Freidenker dieser Zeit verfielen dagegen dem von Osten eingeschleppten chaldäischen Sternenglauben, jener fatalistischen Astrologie, nach der alles, was geschieht, vorherbestimmt in den Sternen steht. Dafür ist Kaiser Tiberius ein berühmtes Beispiel; aber dieser Wahn hat Altertum und Mittelalter überdauert, noch in der Renaissance des 15. bis 16. Jahrhunderts, noch im Wallenstein herrscht dieselbe gräßliche Astrologie unter den katholischen Christen: »Zu wollen wähnt' ich. Doch es zerrt mit Lieb' und Haß Uns durch das Leben gängelnd die Notwendigkeit.« Das war Aberglaube, der aus dem Ausland stammte. Anderer Aberglaube dagegen war uralt und steckte tief in den Knochen des Volks. Ich denke an das Wunder. So wie heute die hl. Maria von Lourdes die Gläubigen heilt, so taten es damals die Götter allerorts. Ich denke vor allem an die Inkubation, von der auch schon früher die Rede war. Vgl. oben S. 114 . Der Gott erscheint da dem schlafenden Kranken und verkündet ihm das Heilmittel, und der Schlafende ist genesen, wenn er erwacht. Mit demselben Erfolg erscheinen später auch christliche Heilige, wie die Brüder Cosmas und Damianus, den Kranken im Schlaf. Das Wunder ist das Lieblingskind jeder Religion, aber nur das nützliche Wunder. Schon diese Inkubation brauchte die Nacht als Gehilfin. Die Nacht half aber auch dem furchtbaren Spuk der Zauberei, und auch diese lebte seit Urzeiten im Volk weiter. Die Träger der krassen Superstition sind überall die Frauen. 330 Nicht Zauberer: wir hören viel mehr von Zauberinnen. Medea blieb das Vorbild, Thessalien die Heimat dieser Kunst. Zauberpapyri, rollbare Bleitäfelchen mit Zaubersprüchen sind in großer Anzahl ausgegraben: den Feind soll die Pestilenz treffen; seine Rennpferde sollen lahm werden, damit sie nicht siegen, und das soll der Spruch bewirken. Das steht auf demselben Boden wie der Gebrauch der Amulette und wie das Besprechen der Krankheiten, das uns auch heute noch nicht fremd geworden ist. Auch mit der Wünschelrute ( virgula divina ) ging man um. Wer tot geglaubt ist und doch lebend aus der Fremde heimkommt, darf, wie ein Gespenst, nicht durch die Tür ins Haus, sondern muß übers Dach einsteigen. So machte sich aber nun auch keine Römerin ein Gewissen daraus, sich des Liebeszaubers zu bedienen. Die römische Liebespoesie ist voll davon, und das war nicht immer ganz harmlos. Wie furchtbar ist nicht jene Canidia, die, um einen kräftigen Zaubertrunk zu haben, sich nicht mit Froscheiern, Uhufedern und Zauberwurzeln begnügt, sondern einen halbwüchsigen Knaben halb in die Erde eingräbt und ihn allmählich Hungers sterben läßt, nur um, wenn er tot, seine ausgedörrte Leber in den Trank zu tun! Horaz läßt uns das sehen und das Jammern des Knaben hören, der da im Sterben droht, der Canidia als höllisches Gespenst mit krummen Krallen zu erscheinen, sie zu zerfleischen und in den Tod zu hetzen. Die Dichter tun meistens so, als glaubten sie nicht an die Kraft solchen Zaubers. Aber wir merken doch, wie beklommen ihnen dabei ums Herz ist. * Kehren wir indes zur reineren Religiosität, zum eigentlichen Gottesdienst zurück. So wie die Kunst damals fast nur Göttliches darstellte, so war das Leben von frommen Pflichthandlungen erfüllt. Je regelmäßiger aber solche Handlungen ausgeführt werden, je mechanischer geschehen sie. Bei uns ist 331 das Tischgebet, wenn ich nicht irre, im starken Rückgang, vielleicht auch die täglichen Hausandachten. Bei den Römern blieb dies tägliche Pflicht; denn jedes Haus hatte seine Hauskapelle oder Götternische; da waren die alten Laren als kurzgeschürzte Frauengestalten tanzend gemalt (es sind stets zwei) und zwischen ihnen als vollgewandete männliche Figur der Genius des Hausherrn; außerdem wurden in der Nische oft auch noch sonstige Götter wie Apoll, Äskulap, Merkurius in kleinen Figuren aufgestellt. Das nannte man die Penaten. Die kleinen Figuren konnte man auch als Amulett mit auf die Reise nehmen, so wie heute die Heiligenbilder; denn sie bewahren vor Unglück, und Händler, die solche Figuren verkauften, fanden sich auf allen Jahrmärkten; wer auswandern muß, trägt sie in der Tasche oder im Gewandbausch mit in die Fremde. Horaz' Oden II 18, 27. Täglich wurde nun erstlich am Hausaltar morgens Opfer verrichtet, besonders von der Dienerschaft, ebenso aber auch täglich bei der Hauptmahlzeit dem Lar des Hauses Andacht bezeigt. So waren ferner auch alle Familienfeste, so war jeder Abschnitt in der Berufsarbeit mit Andachtsbezeigung verbunden. Die Handwerkerinnungen feierten ihren Schutzgott, und beim Abreisen grüßte man seine Hausgötter, beim Heimkehren grüßte man sie wieder. Der Wanderer grüßte auch das Götterbild, das er am Weg fand, und zwar legte man dabei die Hand an den eigenen Mund. Das Wort »adorieren« heißt Nicht überall, aber im Gottesdienst. buchstäblich: die Hand an den Mund legen. Diese Bewegung glich der Kußhand. Aber das war das wenigste. Der Gottesdienst außer Hause kam hinzu und füllte ganze Tage aus. Zunächst der öffentliche. Es handelt sich hier um Staatsreligion. Der Staat oder die Stadt selber diente den Gottheiten. Man denke, daß der heilige, offizielle Festkalender Roms für Götterfeste nicht weniger als 109 Tage verzeichnet. An so vielen Tagen mußte das Geschäft ruhen. Die Andacht füllte fast ⅓ des Jahrs. Das »heilige Recht«, wir würden sagen »das Kirchenrecht«, 332 war eben darum ein Teil des Staatsrechts, und der Staat war es, der alle die Festspiele, Prozessionen, Speisungen und Opfer, die sich an jeden großen Tempel knüpften, bezahlte. Aber auch kein Staatsbeamter trat sein Amt ohne Opfer und Schenkungsgelübde ( votum ) an. Keine Senatssitzung wurde ohne Gebet eröffnet (was sind wir frommen Christen dagegen?). Der Kaiser selbst stand an der Spitze des Pontifikalkollegiums mit dem Titel Pontifex maximus ; es ist der Titel, den später der Bischof Roms von ihm übernahm. Der Kaiser war somit der Papst der vorchristlichen Religion. Niemand aber war etwa gezwungen, sich an diesen Gottesdiensten zu beteiligen, und man tat es nur aus innerem Trieb oder durch den Glanz des Festes angezogen. Dazu kamen nun aber noch die Privatdarbietungen in den Tempeln, die vom Staat immerhin begünstigt wurden. Dioskuren von einem attischen Krater aus Lokroi im Karlsruher Museum (Nr. 209), gegen 460 v. Chr. Nach Welter, Aus der Karlsruher Vasensammlung, Tafel 12. Erst wo der Einzelmensch seinen Gott im Tempel aufsucht, erst da zeigt sich die Individualfrömmigkeit. Das Weib, das gebären soll, die Mutter, die um ihr krankes Kind bangt, der Sohn, der hinaus über See geht: hundert Fälle der Angst und Not, in denen den vertrauten Gottheiten Diana, Äskulap, den Dioskuren ihr Opfer gebracht wird. Dies Opfer war zuvor gelobt worden; der Gott erhält es, sobald er geholfen hat; und er hilft so oft. Es waren Blumen, Früchte, von den Tieren besonders das Schwein (dies war das billigste und am leichtesten zu erschwingen). Auch Geld ( stips ) wurde in den Gotteskasten geschenkt, von den Reichen gar herrliche Kunstwerke aufgestellt. Unzählige Abbildungen von Rettungen und von geheilten Gliedmaßen hängte man an die Tempelwände (wie noch heute in Italien); der ausgediente Soldat hängt dankbar seine Waffen, der Fischer das ausgediente Netz, der müde Schiffer Anker und Ruder im Vorhof auf. So verheißt auch der spekulierende Großkaufmann dem Herkules den zehnten Teil vom Gewinn, und siehe da, das Geschäft glückt! Die verheißene Summe wird der Tempelkasse überwiesen. Ein üppiger Schmaus, eine Volksspeisung großen 333 Stils wird davon bestritten. So ist der Gott, d. h. seine Gemeinde, am Gewinn beteiligt. * Ruinen römischer Tempel gibt es genug. Betreten wir einmal ein Heiligtum. Der Tempel selbst ist nicht groß. Wie ein Marmorschrein steht er auf seinem Unterbau inmitten eines weiten, offenen Tempelhofes, den man von der Profanwelt gern durch eine hohe Mauer abschloß. Der Hof wird im Innern von einem ein-, auch zweistöckigen Säulengang umzogen, an dessen Wänden Gemälde prangen und zwischen dessen Säulen Weihgeschenke in Marmor oder Bronze aufgestellt sind. Die Gemeinde versammelt sich lediglich in diesem Vorhof, nicht im Tempel, und wollen wir den christlichen Kirchenbau vergleichen, so entspricht der offene Vorhof dem Hauptschiff der Kirche, der Tempel selbst dem erhöhten Chor. Denn der Tempel ist, wie der Chor, während der Handlung nur dem Priester zugänglich. Das Tempelinnere ist meistens ein ungeteilter Raum (eine Erinnerung an das einfache zeltartige Urwohnhaus der Menschheit). Nur an der Hinterwand des Raumes steht auf einem breiten schrankartigen Postament das Gottesbild. In dem Postament werden Tempelgerätschaften aufbewahrt. An seiner Seite führt ein Treppchen zur Statue empor; denn die Tempeldiener müssen hinan können, um das Bildwerk zu säubern, zu bekränzen, ja, zur Prozession hinauszutragen. Auch im Tempelinnern fehlt es nicht an Wandschmuck und Ziergegenständen ( mensae ). Doch ist der Tempel bestimmt, vor allem durch sein Äußeres zu wirken: seine Marmorsäulen flimmern und gleißen im Sonnenlicht; sein Fries, seine Giebel, seine Akroterien strahlen in Farben. Er kann nie schön genug sein. Denn die Gemeinde im Vorhof schaut andächtig zu ihm auf. Man betritt das Heiligtum »das Haupt gesenkt, die Toga zurechtgezogen, in bescheidener Haltung«. Vor der Tempelfront 334 steht der große Brandaltar. Die Opferhandlung beginnt. Dazu öffnen sich die schweren Flügeltüren des Tempels, auf denen im Reliefbild allerlei sinnige Legenden dargestellt sind, und der Opfernde kann nun ins Innere schauen und den Gott, den er anruft, selbst gewahren. Es war beliebt, die Front des Baus nach Osten zu richten, so daß der erste Lichtstrahl des Sonnenaufgangs bei aufgetanen Türen auf das Gottesbild fiel. Suovetaurilia Marmorrelief aus Rom im Louvre zu Paris (Nr. 1096), gegen 40 n. Chr. Nach Monuments Piot Band 17. Tafel 17. Die Zeremonie selbst folgt strengstem Ritus. Tiefste Stille; denn vom Ausrufer wird Schweigen geboten. Die Flöten setzen ein; Wein und Weihrauch ist schon gespendet: da wird das Opfertier, bei reicherem Opfer ein Rind mit vergoldeten Hörnern herangeführt. Der Priester liest mit erhobener Stimme ein Gebet aus einer Buchrolle ab, indem er dabei den Altar anfaßt, und besprengt das Tier mit Wein. Die Opferdiener schlachten es. Auf einem beweglichen Herd, der neben dem Altar aufgestellt ist, werden zunächst die Eingeweide, die der Mensch nicht ißt, gekocht. Nur sie sind es, die auf dem Brandaltar dem Gott dargebracht und feierlich verbrannt werden. Das übrige Fleisch verspeisen die Opfernden selbst: ein gewiß nicht unwillkommenes Gericht, da das Volk sonst stark vegetarisch lebte. War bei der Handlung irgend etwas versehen, so mußte sie ganz von vorne wiederholt werden. Auch der Wortlaut der Gebete wurde genau fixiert, da eine einzige fehlerhafte Silbe den Gott verletzt und alle Wirkung aufhebt. Ob solche Handlung auch Schauer der Andacht wirkte, wie sie etwa ein deutsches Gemüt beim Gottesdienst empfindet? Gewiß nicht. Die römischen Schriftsteller reden von solchen Stimmungen nie. Was sie ergreift und zur Andacht stimmt, ist immer nur die Schönheit des Gotteshauses und seines heiligen Bezirks, die Schönheit der Weihegaben, die ihn zieren: die Schönheit einer durchgeistigten Kunst. Durch sie wurde das Herz des griechisch empfindenden Menschen Gott nahegebracht. Sie ist die erlösende Predigt des Altertums gewesen, und zwar nicht die Schönheit des Gesanges, sondern jener Künste, die für das Auge wirken. Vgl. oben S. 118 f. Schon das Betreten eines Heiligtums ändert das Herz, sagt Pythagoras bei Seneca Epist. 94, 42; bonus intra, melior exi : C. I. L. VIII, 2584. 335 Was aber suchte und fand der Römer bei seinen Göttern? Es ist klar: er fand und suchte nur Hilfe in den Sorgen des irdischen Lebens. Weiter nichts. Es fehlt die Sündenvergebung. Es fehlt das »Vergib uns«. Es fehlt auch jede Besorgnis um ein seliges Jenseits. Um solche Gedankenreihen zu wecken, dazu mußten erst andere Religionen aus dem Osten heranziehen. Dabei war die Sorge für den Toten selbst, das Bestattungswesen von ungewöhnlicher Sorgfalt, ob man die Leichen verbrannte, ob nicht; die Verbrennung war das Zweckmäßigere und behielt lange den Vorrang. Die Friedhöfe Italiens sind ja noch heute berühmt; denn auch heute noch liebt es der Italiener, den Dahingegangenen, wie wir es in Genua, Mailand, Neapel sehen, prunkvolle Monumente, ja ganze Häuser, in denen die Überlebenden sich versammeln können, aufzubauen. Ganz derselbe Geist hat auch schon die alten Gräberstraßen geschaffen, Via Appia, Via Latina, die hinaus in die verträumte Campagna führen: unvergänglich schön das Grab der Metella, großmächtiger als alle die Engelsburg. Solche Grabmäler faßten die Landstraßen ein, auf Grundstücken, die man vom Staat erwarb, und sie waren der Pietät des Publikums empfohlen ( loca religiosa , nicht sacra ). Verwünschungen gegen die, die sie verletzten, fanden sich oft daran geschrieben, und damit ist gesagt, daß der Staat für ihren Schutz nicht genügend aufkam, während der Staat die Tempel schützte: der sacrilegus und Tempelräuber wird verbrannt. Palatinische Anthologie XI, 184. Die Götter der Unterwelt nannte man schmeichelnd die »Manen«, d. h. die Guten, ein Begriff, der nur pluralisch auftritt. Diesen Manen wurde jedes neue Grab geweiht. Durch Grabesehren und jährliche Spenden wurden sie beschwichtigt. Dann aber heißen auch die Verstorbenen selbst Manen. Vgl. meine Ausgabe des Catalepton S. 128. Daß die Seele nach dem Tode weiterlebt, war selbstverständlich. Ja, diese Manen wurden göttlich genannt. Wenn in der Kaiserzeit dis Manibus regelmäßig auf den Grabsteinen steht, so war das eine Art Seligsprechung, so unbestimmt die Vorstellungen von Seligkeit auch sein mochten. 336 Etwa seit dem Jahr 100 n. Chr. aber kommt dann die Beisetzung in Marmorsärgen auf, jenen Sarkophagen, von denen unser deutsches Wort »Sarg« sich herleitet; und diese Särge finden wir vielfach mit Bildern im Relief bedeckt, die leise und wie in Gleichnissen auf ein seliges Jenseits hindeuten. Trefflich stimmen dazu die Grabinschriften, die anfangs immer nur rührende Trauer, bittere Klagen und liebendes Gedenken zeigen. Seit dem 2. Jahrhundert n. Chr. aber beginnt auf ihnen ab und zu die Hoffnung auf ein Elysium, wie sie die Orphiker und Vergil seit langem lehrten, sich zu äußern. Die Seele ist im Körper nur zeitweilig wie ein gefangener Vogel: sie fliegt wieder davon. Plutarch, Consol. ad uxorem 10. Die deutliche Erwartung des persönlichen Wiederbegegnens wird freilich recht selten ausgesprochen. Martial 5, 34 setzt solches persönliches Wiedersehen voraus, auch Cicero De rep. 6, 14. Auch von einem Gericht nach dem Tode hatte man Vorstellung; Cicero sagt von ihm: da wird kein Advokat für dich reden; du wirst dich selbst verteidigen müssen! Und die verstorbene Cornelia redet so wirklich vor dem Richter der Unterwelt; wir hören bei Properz ihre freimütige Selbstrechtfertigung; es ist wunderbar und denkwürdig zu lesen. Sie nennt diesen Gott und Richter »Vater«; aber stolz steht sie vor ihm; fern ist ihr das Gefühl, daß wir allzumal Sünder; bestimmt erwartet sie ein Lohn für ihr Leben; der Himmel steht offen für den Gutgearteten. Schön war auch die Sitte, das Grab mit Rosen und Veilchen zu bepflanzen; denn die Pflanzen wachsen aus der Erddecke des Grabes, und sie machen also dem Toten die Erde leicht. »Sei dir die Erde leicht«, das war der ständige Grabesspruch. Das Allerheiligenfest aber fiel in den Februar; es hieß Parentalia und dauerte 9 Tage: viele Familien begingen da Gedächtnis und Opfermahl auf der Grabesstätte. Während dieser Tage wurden alle Tempel geschlossen, und keine Heirat durfte stattfinden. * Inzwischen aber kam aus Ägypten der Isisdienst, aus Palästina das Christentum, aus Persien der Mithrasdienst. 337 Alle drei konkurrierenden Religionen öffneten nun den Himmel; sie verhießen ewiges seliges Leben und verlegten sogar den Schwerpunkt der menschlichen Existenz energisch aus dem Diesseits ins Jenseits. Alle drei sind Religionen der Inbrunst, nicht der Schönheit, und Seele und Leib treten in schroffen Gegensatz. Im Isisglauben ist es Osiris, der da stirbt, um aufzuerstehen. Ein Gottessohn, der ein Mittler zwischen Gott und Menschen ist, scheint im Mithrasdienst aufzutreten; eben derselbe beging auch, wie es scheint, ein dem Abendmahl ähnliches Sakrament. Vor allem handelte es sich in allen drei Religionen um Buße oder um Reinigung durch Fasten und um Erlösung der Seele aus dem Irdischen. Es handelt sich um ein Gottsuchen, um die Idee, daß Gott in uns sein soll und wir in ihm. Das alles war unrömisch und war orientalisch, und für die Propaganda waren nun die Millionen orientalischer Sklaven und Freigelassenen, die in Italien lebten, zunächst das empfänglichste Publikum. Der kleine dürftige Isistempel in Pompeji, der noch heute steht und in Bulwers Roman eine so phantastische Rolle spielt, ist von einer Freigelassenenfamilie erbaut worden. Den Mithrasglauben brachten die Soldaten aus dem Osten mit. Daher blieben auch alle drei Religionen trotz des Zudrangs lange Zeit Sache privater Gemeindebildung, und der Staat lehnte sie ab. Erst Caligula hat den ersten Isistempel in Rom bauen lassen, erst Caracalla (211–17) erhob den Isisdienst zur kaiserlichen Religion. Der Kaiser als Oberpontifex hatte die Entscheidung. Später geschah dasselbe mit dem Mithrasdienst und bald danach mit dem Christentum. Das war ein dreifacher Sieg des Orients über das alte griechisch-römische Empfinden. Das Christentum verbreitete sich in der Verborgenheit, und die Welt erfuhr nichts über seinen Kultus. Auch der Mithraskult liebte das Geheimnis; unterirdische Grotten, wie sie in Heddernheim oder auf Capri erhalten sind, waren seine Stätten. Sensationell dagegen und mit fremdartigem Glanz 338 trat der Isisdienst früh vor die Öffentlichkeit. Osiris-Serapis, der Gemahl der großen Allgöttin Isis, ist verschwunden, er ist gestorben; aber siehe, er wird wiedergefunden, und er lebt! Das war der Inhalt des großen Haupt- und Freudenfestes im November. So ist es denn auch derselbe Osiris, der das ewige Leben gibt; Osiris reicht dem Toten im Jenseits den Becher voll Wasser des Lebens. Isis war aber auch Herrin der See, und so wurde im März die Eröffnung der Schiffahrt gefeiert. Da zieht eine Prozession mit Fackeln und Musik und Götterbildern ans Gestade. Das seltsame Sistrum klingelt; die Priester gehen ganz in Weiß, sie haben glatte Tonsuren und tragen Symbole des Glaubens, eine offene Hand sowie ein goldenes Gefäß in Form einer Frauenbrust, aus dem Milch träufelt. Ein Schiff liegt am Ufer. Das Schiff wird mit Milch besprengt und dem weiten Meer übergeben. Man wartet am Strande, bis es auf der Höhe der See verschwindet, dann kehrt der Zug zum Tempel zurück: der Priester betet für Kaiser und Volk, und das Volk, das Blumen und Kränze trägt, darf endlich im Heiligtum selbst dem silbernen Isisbildnis die Füße küssen. Alles das war Gabe des griechisch gewordenen Orients, des Religionen gebärenden, von religiöser Propaganda durchwogten Weltgriechentums; so nun auch der glaubensgeschichtlich so bedeutsame Kaiserkult. Alexander der Große hatte als Sohn des höchsten Gottes, des Zeus Ammon, gelten wollen, alle griechischen Könige in Syrien und Ägypten sogar als Götter bei Lebzeiten. Das übernahm in Rom schon Julius Cäsar. Kaiser Augustus wollte zwar vom römischen Publikum solche Ehrungen nicht annehmen; aber die griechischen Städte Asiens warfen sich ihm zu Füßen und beteten ihn mit der Göttin Roma vereint in Tempeln an. So wurde es sogleich zum Glaubenssatz, daß der Kaiser, der starb und auf dem Scheiterhaufen verbrannt wird, aus der Flamme zum Himmel auffährt und thront zur Rechten des allmächtigen Jupiter. Plinius in seiner Naturgeschichte VII, 35 belächelt freilich solche Apotheosen. Aber nicht nur das: schon bei Lebzeiten gestattet 339 oder begünstigt es der Kaiser, daß die Untertanen ihn als Gott verehren – das Volk drängte sich selbst dazu heran –, und das geschah im Interesse der Staatsidee. Denn zwar nicht der Mensch war göttlich, aber das Amt machte ihn dazu. Wie des Zeus Wille im Himmel, so war der persönliche Wille des Kaisers das Zentrum der sichtbaren Welt; deshalb mußte er unantastbar, unfehlbar sein. Ohne das fiel das Reich auseinander, »Der Fürst ist sterblich, der Staat ewig«, sagt Tacitus Ann. III, 6. er war die einzige Verkörperung göttlicher, unbedingter Machtfülle auf Erden. Aurelian betitelt sich selbst »Herr und Gott«, dominus et deus . Natürlich muß der Herrscher dann auch in sittlicher Beziehung, so wird gefordert, möglichst gottähnlich sein. Man lese z. B. Plutarch Ad principem ineruditum c. 3. Und so entstanden nun Kaisertempel in allen Groß- und Kleinstädten der Welt – berühmt und einflußreich war der Augustusaltar in Lyon – mit Kollegien, denen dieser Kultus oblag und die sich aus Freigelassenen zusammenzusetzen pflegten; und da fanden nicht nur die verewigten, sondern auch die lebenden Kaiser ständige Verehrung. Die Dichter setzten sie gar mit Jupiter, mit Phoebus gleich. Die Christenverfolgungen hätten nie so ernsten Charakter angenommen, wenn die Gläubigen nur dem Jupiter oder der Venus das Opfer verweigert hätten; denn die antike Religion verlangt das Opfer gar nicht unbedingt, und jeder mochte dem Gott, an den er glaubte, dienen. Daß sie den Kaiserkult ablehnten, das machte die Christen staatsgefährlich und geradezu zu Verbrechern, schuldig des Sakrilegs, so daß man sie mit Räubern gleichsetzte, und ihnen wurde der Prozeß gemacht. Inzwischen war das Größte gleichsam hinter der Bühne der Weltgeschichte geschehen. Die Philosophen gingen ihren stillen Weg und hatten längst eine neue und reine Gottesauffassung geschaffen. Eine Theologie begann. Varro schrieb auf griechisch-stoischer Grundlage sein großes kritisches Werk »über die überlieferten göttlichen Dinge«, in dem er die Götter in den Dichterfabeln, aber auch die Staatsgötter verwarf und 340 nur die Naturgötter allein, die physikalischen Mächten entsprachen, noch gelten ließ und zu begreifen suchte. Ciceros Werk »über die Natur der Götter« schlug denselben aufklärerischen Ton an, und eine große Sekte von Stoikern entstand unter den Gebildeten Roms. Was blieb ihnen? Wir wissen es schon: es blieb in Wirklichkeit nur ein Gott, der eine Gott der Stoa, der das unerschaffene All in sich schließt, in dem das All lebt. Das war Monismus, Monotheismus und Pantheismus. Diesen Gott predigte Seneca zu Neros Zeiten. Und zwar wird hier endlich gründlich und grundsätzlich, später als mancher vielleicht erwartet hätte, aber doch schon lange, bevor das Christentum dies lehrte, die Sittlichkeit auf Gott gegründet. Das war das wichtigste. Für jede Tat soll jeder sich der Verantwortlichkeit vor Gott bewußt sein. Gott gehorchen, das ist die menschliche Freiheit. Seneca, de vita beata 15. Vgl. übrigens oben S. 184 . Wozu Tempel und Opfer? Deine Seele, sie sei Gottes Tempel; das Gutsein, das ist der Opferduft, der ihm angenehm. Der Glaube an Gott ist der vornehmste Gottesdienst. Seneca Epist. 95, 47. Gott ist dein Vater; suche ihm gleich zu werden. Die Tugend um Gottes willen, das ist Religion. Es war in der Tat die Religion Kaiser Mark Aurels. Als Vorbild aber für solche Erlösung durch die Tugend galt jenen Weisen, galt auch dem Seneca Herkules, der Held, der sich wie eine Parallelfigur zu Christus ausnimmt. Auch Herkules ist Gottessohn, auch er kämpft und leidet für die Menschheit; durch den Schmerzenstod der Verbrennung wird er zu Gott, seinem Vater, erhöht, und seine Mutter muß, von Schmerz durchbohrt, als mater dolorosa seinem Tode zusehen; aber sie zeigt der Welt, wie eine Mutter Schmerzen tragen soll. Seneca, Hercules Ötaeus V. 1848 ff. Allein diese Weisheit der Stoa war zu unsinnlich streng und schwer, um volkstümlich zu werden. Denn das Volk will nicht grübeln, es will auch nicht sittlich erzogen sein; es will nur Vergebung für seine Sünden. So wurde denn jene fromme Lehre im Kampf der Religionen anscheinend spurlos 341 hinweggeschwemmt, um erst in späteren Jahrhunderten wieder junge Kraft zu gewinnen. Und die alten schönen Götter der Fabel? Sie verblaßten schließlich von selbst, wie ein Fresko unter der Witterung; aus den Tempeln wurden sie hinausgejagt. Dies schildert uns Ausonius, Epigramm 70; übrigens Libanius. Aber sie starben nicht. Ja, wir können sagen, sie leben noch heute. Jedenfalls haben die Väter der christlichen Kirche wie Augustinus niemals die Existenz des Jupiter oder der Venus bestritten, sondern sie nur für böse Geister erklärt, die denn also doch, wenn sie böse sind, auch vorhanden sind. Und in der Tat, wer kann heute ohne sie denken? Als Traumgebilde der Phantasie schmücken und beeinflussen sie noch immer unser Dasein und Kunstleben. Es ist ja Rom, wo Rafael in der Farnesina Amor und Psyche, es sind die Stanzen des Papstes, wo Rafael den Parnaß gemalt hat; es ist der Vatikan, wo der Apoll von Belvedere steht. Und in diesem Sinne ist doch bemerkenswert, daß die Götter auch schon von den alten christlichen Dichtern des 4. und 5. Jahrhunderts ohne alle Bedenken beibehalten wurden. Wer den Claudian, den Nonnos oder Sidonius gelesen hat, weiß das. So glaubte auch noch der brave Ausonius um das Jahr 370 an unserer Mosel, wo er den Weinbau beschreibt, die alten, ewigjungen Satyrn und Najaden leibhaftig zu sehen und schildert sie, wie sie die Trauben im Weinberg naschen, wie der bocksfüßige Pan ins Wasser plumpst und wie um die Mittagsstunde die Wasserfrauen heimlich ihren Reigen in den Fluten führen und die lüsternen Faune foppen, die statt ihrer glitschrigen Leiber nur zerfließende Wellen erhaschen. Welch reizende Böcklinsche Staffage! Wer kann an der Mosel wandern, ohne daran zu denken? Auson nennt diese Gestalten paganica numina , »heidnische Götter«; aber sie waren voll Leben für ihn, voll Wirklichkeit. 342   8. Erziehung und geistiges Laben Philologie bedeutete für den Römer etwas ganz anderes als heute; sie bedeutete nicht etwa Sprach- oder Literaturstudien, sondern die höhere Bildung im allgemeinen, die möglichst allseitig sein wollte. Alle gebildeten Römer waren also damals Philologen. Nach der formalen Seite hin war dieser Unterricht vielleicht ausgezeichnet und für uns unerreicht, nach der realen war er ohne Frage mangelhaft und wollte nichts geben als eine allseitige Orientierung, ein kompendiares Wissen im Sinn der Enzyklopädie. Das begründete sich durch die gesellschaftlichen Verhältnisse. Alle Technik leistet der Unfreie. Technisches Wissen kommt also den Freien nicht zu. Im Sinne des heutigen Realschulwesens war die unfreie Bevölkerung damals zu großen Teilen besser unterrichtet als die freie. Der Freie entlastet sich von Fachkenntnissen und kultiviert seine Person als Herrenmensch in überlegener Weise, vortrefflich geübt in der Redekunst und Gedankenbildung, im übrigen hinlänglich orientiert, um im Bedarfsfall jedem Gegenstand des Wissens näher zu treten und sich die wirtschaftlichen Handlanger auszuwählen. Dies genügt für seine gesellschaftlichen Pflichten. Diese Erziehung stand somit der Gymnasialbildung unserer Gegenwart nahe; die Gymnasialbildung war für die höheren Stände, die Realschulbildung für die Knechte. Sieben bis acht Jahrhunderte hindurch – vom 3. Jahrhundert v. Chr. bis zum 5. Jahrhundert n. Chr. – hat sich der Römer damit begnügt und war stolz darauf. Die »Philologie« wird schließlich von ihm den Musen gleich zur Göttin erhoben und im Himmel mit Gott Merkur vermählt, und als diese Bildung umgestürzt wurde, geschah es nicht etwa durch ein Realschulwesen, sondern durch das Christentum, das die Realien noch mehr entwertete. Das Altertum endete mit einer Verkalkung des Lerntriebes. Es fällt auf, wie wenig Sinn der Römer für 343 Naturwissenschaft zeigt. Wenige Autoren finden wir in ihr so bewandert wie Seneca. Der Römer war kein Forscher, der das Wissen um des Wissens willen liebt: großspurig, resolut und genußsüchtig, aber in diesem Punkt ein schmählicher Banause. Heutzutage wird alles, was die Naturforschung ermittelt, sofort dem Volke zugänglich gemacht. Anders in Rom. Derselbe Grieche, dessen Phantasie die Götter schuf, schob alle Götter kühl beiseite, wenn er forschte, löste das All in Atome auf und begründete nüchtern die mechanische Welterklärung. Lukrez suchte diese Lehre Epikurs in Rom einzuführen, aber der Römer der Kaiserzeit hält sich diese Betrachtungsweise vom Leibe und ist zufrieden, wenn er die vier Elemente kennt. Wenn der Grieche fand, daß nicht die Sonne sich um die Erde, sondern die Erde sich um die Sonne dreht, wenn er die Entfernung der Gestirne voneinander, die Größe des Mondes und der Sonne berechnete, für die Erde Kugelform ansetzte, die Entfernungen der Länder maß und sie in ein Gradnetz eintrug, so ließ das den Römer kalt, und er warf sich lieber vor dem Sonnengott auf die Knie, heiligte ihm den Sonntag und baute ihm Tempel. Es war schon viel, daß Cäsar, durch die äußerste Not getrieben, den Kalender nach Eudoxos reformieren ließ. Im Interesse der Verwaltung ließ Augustus Reichsvermessungen vornehmen, und es entstand die Weltkarte Agrippas. Wer aber hat in Rom von ihr Notiz genommen? Es interessierten höchstens die Reiserouten darauf, mit den Entfernungsangaben von Stadt zu Stadt. Die Nähe des Vesuv, der sich schon im Jahre 63 unheimlich zu regen begann, bewirkte, daß man zeitweilig nach der Theorie des Vulkanismus frug, aber solche Fragestellungen – wie auch nach den Quellen des Nil – blieben ganz vereinzelt. Wie bewundernswert und doch wie primitiv und kümmerlich dilettantisch ist das große Naturgeschichtslernbuch des älteren Plinius, etwa aus dem Jahre 75: sklavische Auszüge aus abertausend Büchern der besten und oft auch der schlechtesten Autoren, ohne Wahl und mitunter mit den drolligsten 344 Mißverständnissen! Plinius war Admiral der kaiserlichen Flotte. Man denke sich ihn, wie er Muscheln sammelt, nein, nicht einmal das, wie er als Stubenhocker aus Büchern sich über Fische und Kräuter, Schaltiere und Gestirne unterrichtet. Die unermeßlichen wissenschaftlichen Sammlungen der Griechen erdrückten den Römer; der Römer fuhr mit der Axt in die Fülle; er machte mit grober Hand daraus ein Inventar. Das genügte. Das ist kein Erwerb, das ist Plünderung. Mitten in die wertvollen Beobachtungen eines Aristoteles werden da die kindischsten Merkwürdigkeiten eingeschoben: Völker von Menschen, die nur mit einem Bein geboren sind, oder solche, die sich in ihre Ohren wickeln können; die große Zehe des König Pyrrhus, die Kranke heilte und abgetrennt beigesetzt wurde; Satyrn und Tritone, die man vor kurzem lebendig eingefangen. Auf solche »Mirabilien« machte man Jagd, und nicht das Gesetz in der Natur interessierte, sondern die Ausnahme. Der Römer Mucian war ein Hauptlieferant für solche Albernheiten, Paradoxa, wie man sie nannte. Im übrigen war das Werk des Plinius praktisch angelegt, der Stoff sorglich geschachtelt, so daß der Benutzer, was er sucht, leicht finden kann: der Höhenstand des Konversationslexikons. Nicht viel günstiger steht es auf technischem Gebiete. Wie erstaunlich entwickelt war nicht das Geschützwesen des römischen Heeres! war nicht der Straßenbau! Trajans großartige Donaubrücke oder die Brücke von Alkantara in Spanien! Aber wer redete davon? Im Grunde niemand. So blieb auch die technische Literatur über diese und andere Dinge im wesentlichen griechisch, d. h. sie gehörte der dienenden Klasse. Es ist auffallend, wie gering entwickelt bei den Römern selbst die militärische Literatur ist, noch auffallender, wahrzunehmen, daß die beiden großen Historiker Livius und Tacitus von militärischen Dingen so wenig verstehen. Tacitus erweckt den Verdacht, daß er seine Germania schrieb, ohne germanischen Boden je betreten zu haben, und Livius fand es nicht einmal der Mühe wert, die nahen Schlachtfelder sich 345 anzusehen, auf denen Hannibal seine berühmten Schlachten schlug. Er blieb in der Stube sitzen, er schrieb im Schatten. Um so schöner ist seine Diktion. Nur die theoretische Lehre vom Betrieb des Landbaues und des Rechts stand dem Herrenvolk der Römer an. Die Fachschriftstellerei über Recht und Landbau ist daher reich, sachkundig und meisterhaft, und sie zieht sich durch alle Jahrhunderte. Am bewundernswertesten Celsus, der enzyklopädisch eine Folge von Werken über Philosophie, Beredsamkeit usw. schrieb; das Werk über die Medizin ist uns daraus erhalten: es ist mit vollkommener Sachkunde abgefaßt, ein klassisches Lehrbuch, und Celsus war doch nicht Arzt: ein Zeichen für die Lernfähigkeit des Römers. * Kehren wir an den Anfang der Entwicklung zurück. Seine Weltmachtstellung verdankt Rom keineswegs der humanistischen Bildung, von der ich sprach und in die es sich erst nachträglich einlebte. Dem siegreich sich emporringenden Römervolk des 5. und 4. Jahrhunderts v. Chr. fehlte noch jedes Luxuswissen. Die Erziehung war nur Hauserziehung; und wenn schon damals sorgfältige Buchführung und Gesetzeskunde im Dienste der Verwaltung und des Kaufhandels notwendig war, Die Eltern sind es, die docent litteras iura leges , nach Plautus Most. 126; so unterrichtete Cato seine Söhne. so fehlte doch noch jedes Lesebuch, so wie in jener Zeit auffallenderweise mit geringen Ausnahmen auch noch keine Steininschriften als Denkmäler gesetzt wurden; so sehr beherrschten die nächsten praktischen Bedürfnisse die Erziehung und das Leben. Dies bücherlose Rom währte bis zur Einnahme Tarents. Die Wendung kam mit einem Schlage. Um das Jahr 240 v. Chr. entstand Schulwesen und Literatur gleichzeitig, und der Römer wurde und blieb fortan der unselbständige Schüler und doch der nützlichste Schüler des Griechentums. Der Grieche selbst hatte es gut; denn er brauchte nur seine eigene 346 Muttersprache zu lernen, die ihm alles Schönste bot. Der römische Knabe dagegen lernte jetzt zwei Sprachen; denn einigermaßen fließend griechisch zu sprechen, war notwendig: während der heutige Gymnasiast sich mit vier Sprachen plagt und dabei froh ist, wenn er nur leidlich deutsch sprechen lernt. Der Grieche brachte nun damals dem Römer all seine schönen Bücher, aber er lehrte ihn auch die grammatische Behandlung des Latein. Der Römer lernte jetzt seine eigene Sprache verstehen: Wortgeschlecht, Wortbeugung, Wortklassen. Und die Sprachregel, die Grammatik begann. Nun waren für den Schulbetrieb auch lateinische Buchtexte nötig, und so wurde zunächst die Odyssee für Schulzwecke lateinisch übersetzt. Es ist bedeutsam, daß der erste Dichter Roms, Livius Andronicus, zugleich der erste Schulmeister war. Was er tat, war entscheidend: Dichterlektüre blieb die Grundlage des höheren Unterrichts. Und eine römische Buchliteratur begann. Es war die höchste Zeit, daß dies geschah. Hätten sich damals nicht geniale Leute wie Nävius und Ennius gefunden, die ihr Talent in den Dienst der lateinischen Sprache stellten, hätte man nur noch hundert Jahre auf sie zu warten gehabt, eine römische Literatur wäre gar nicht zustande gekommen; es wäre alles griechisch geworden. Ist doch die römische Literatur, auch wie sie jetzt vorliegt, größtenteils so griechischen und zwar hellenistischen Geistes, daß, wer sie griechisch übersetzt läse, glauben könnte, das Original zu lesen. Und dabei stammten die Dichter, die sich auftaten, nicht etwa aus Rom selbst; kein einziger. Es waren lauter Sprößlinge der umliegenden Landschaften; erzwungene Kompatrioten. Die römische Poesie war das dichtende Italien außer Rom. Wir hören, daß um das Jahr 40 v. Chr. Varros Rinderhirten in Büchern lesen. Das ist symptomatisch. Fast nie wird uns von Analphabeten gesprochen; in keinem Lustspiel wurden sie als komische Figur verwendet; es gab kaum solche, Von ignorantia scripturae redet gleichwohl einmal Sueton Calig. 41, in früherer Zeit Kratinos fr. 122 u. Aristophanes Equit. 188. und im heutigen Italien steht es damit viel schlechter, trotz seines 347 Staatsschulwesens; denn Süditalien soll heute 40% Analphabeten haben. Damals kannte man nur Privatschulen. Die Inhaber nannten sich Professoren der Grammatik (lateinisch: grammaticus professor ) und unterrichteten anfangs auf eigenes Risiko. Später gaben ihnen die Gemeinden Geldhilfe und Sicherung. Vgl. z. B. Plinius Epist. IV, 13. Schon Julius Cäsar erkannte den Ausländern unter ihnen das römische Bürgerrecht zu. Einige dieser Schulmänner kennen wir. Antonius Gnipho, ein Gallier aus Norditalien, wurde als Kind von seinen Eltern ausgesetzt und verfiel dem Sklavenhandel. Der Besitzer aber, der ihn erworben, unterrichtete ihn sorglich und ließ ihn frei. So wurde er erst Hauslehrer des großen Julius Cäsar, als dieser Knabe war; danach tat er eine Privatschule auf: ein großes Licht und dabei genial und bequem im Geschäftlichen; er forderte kein bestimmtes Schulgeld. Um so mehr nahm er ein. Man denke, daß große Männer und Senatoren wie Cicero, 40 Jahre alt, sich noch entschlossen, die Schule und Unterricht des genialen Mannes aufzusuchen. Ein Grobian dagegen der berühmte Orbilius aus Benevent. Gottlob sind seine Rutenprügel dem Horaz gut bekommen. Orbilius war früh Waise geworden, da seine Eltern ein gewaltsames Ende fanden. Erst wurde er Schreibergehilfe beim Magistrat, dann Militärmusiker, dann Kavallerist. Aber die Liebe zum Studium hatte ihn erfaßt: 50jährig erschien er als Professor in der Hauptstadt, und seine Schule kam rasch in Aufnahme. Leider hatte er jedoch seine Unteroffiziersmanieren beibehalten; bissig und barsch gegen Jung und Alt, kam er nicht zu Gelde und starb fast hundertjährig in Dürftigkeit. Benevent aber rühmte sich des Orbilius und setzte ihm eine Statue. Er war sitzend im Pallium (dem Philosophenmantel) dargestellt, von zwei Bücherkästen umgeben; darin waren die griechischen und die lateinischen Bücher. Das sind antike Lebensläufe. Anders Crassitius aus Tarent. Er führte anfangs als Kulissenschieber auf dem Theater 348 ein gewiß höchst leichtfertiges Leben; dann fing er aber in einer Pergula zu unterrichten an und erwies sich als der Gelehrtesten einer, so daß er bei den vornehmsten Familien in Aufnahme kam. Da traf ihn die stoische Predigt von der sittlichen Vertiefung des Lebens, und er zog sich in ein beschauliches Leben strenger Selbstprüfung zurück. Der größte Modeschulmann aber, von dem wir wissen, war Palämon zur Zeit des Kaisers Claudius, der als Sklave geboren war; seine Schule brachte ihm jährlich 400 000 Sesterzen (82 000 Mark), aber er verschlemmte das Geld in Üppigkeit. Palämon war ein Blender. Zweifellos war das Brot des Philologen sonst ein hartes Brot. »Nur nicht Rhetor, nur nicht Philologe, Konzertsänger muß werden, wer zu Gelde kommen will«, rät Martial und fügt hinzu: »Hast du jedoch einen zu harten Schädel, so werde Architekt oder Ausrufer bei den Auktionen.« Die Architekten können sich durch dies Urteil geschmeichelt fühlen. Das Latein ist schwer; der Römer selbst hatte Angst vor falschen Formen und schlechter Aussprache. Man duldete nur Kinderwärterinnen, die das reinste Latein sprachen. Auch die Spielkameraden des Kindes wurden danach ausgesucht. Und nun gar erst der Pädagog! Es war der Hausdiener mit dem berüchtigten grämlichen Gesicht, Sueton, Nero 37. der des Knaben gutes Betragen beaufsichtigte und ihn über die Straße führte. Jeder Knabe, auch jedes Mädchen hatte einen solchen. Das Wort ist erst in neueren Zeiten zu hohen Ehren gelangt. Eigentlich sind unsere Schulmänner nur dann wirkliche »Pädagogen«, wenn sie die so beliebten Schulausflüge leiten. Man bedenke, daß das Latein von lauter lateinfremden Menschen gesprochen wurde: in Italien von Oskern, Etruskern und Griechen, in den Provinzen von Galliern und Spaniern. Wie wird daher in den Wandkritzeleien Pompejis das Latein verhunzt! und welchen Galimathias reden die Bauern 349 im Roman des Petron zusammen! Die Verwechslung von mir und mich, cum mit dem Akkusativ, diibus »den Göttern«, sibi et suibus »für sich und die Seinen« war das geringste. Fehlerverzeichnisse, schreckliche Warnungslisten gingen um, und eine enorme Menge von Grammatiken entstand, deren alleiniger Zweck die Korrektheit ist; die Grammatiker hießen die »Hüter«, die »Custoden« des Latein. Der Erfolg aber war staunenswert; denn dies Schulwesen hat in der Tat bewirkt, daß die lateinische Literatursprache bis Justinian so straff einheitlich und ganz dialektlos blieb, in dem Grade, daß wir bei Werken der Spätzeit an der Sprache nicht zu erkennen vermögen, ob sie in Afrika, Spanien oder Frankreich entstanden sind (man denke an den Querolus). Übrigens herrschte Langenscheidtsche Methode: Übungssätze, zugleich griechisch und lateinisch, zum Auswendiglernen: »Woher kommst du? Ich gehe von Gaius zum Lucius. Bringst du auch die Bücher mit? Ja, auch den Schwamm.« Dabei kamen natürlich haarsträubende Fehler vor: »Der, der etwas gemeint hat« wird von den argen Buben mit putatus übersetzt, zu fero ein Partizip tultus gebildet. Ebenso lernten die Kinder die äsopischen Tierfabeln, ebenso all die schwierigen Götter, Halbgötter und Götterchen gleich in beiden Sprachen auswendig, wobei noch Bilderbücher halfen, in denen man Achill und Hektor oder den Fuchs und den Raben hübsch in Farben sehen konnte. Vgl. »Die Buchrolle in der Kunst« S. 313. Das war beim Elementarlehrer, der der abecedarius hieß. Über die Schreibschulen der Knaben vgl. Seneca Epist. 94, 51; für die der Griechen haben wir jetzt durch Papyrusfunde die reichste Anschauung. Der höhere Unterrichtsgang dagegen, wie ihn Palämon betrieb, brachte die sorglichste Dichtererklärung. Das betraf nicht nur Homer und Vergil, sondern eine Fülle von Dichtern, wozu gelegentliche Lernpensa aus dem Gebiet der sogenannten sieben »freien Künste« kamen. Diese sieben Lernfächer für die »Freigeborenen«, die man zusammenfassend Philologie nannte, sind: Grammatik, Stillehre, Logik, Rechenkunst, Geometrie oder Mathematik, Astronomie, endlich sogar Musiktheorie. Wie wenig die Römer in der Musik 350 vorankamen, glauben wir zu wissen. Hoffentlich stand es auf den andern Gebieten anders! »Nur kein mechanischer Gedächtniskram!« wird uns gesagt; »sondern, so wie der Leib die Speisen verdaut, deren Zuführung ihm sonst nutzlos wäre, so soll es auch der Geist mit dem, was er lernt, machen. Es muß zu seinem Wesen werden«. Seneca Epist. 84. Das sind gesunde Grundsätze. * Inzwischen ist der Schüler 16jährig und hat schon die langen Knabenhaare und das purpurn bordierte Knabenkleid abgelegt, als er sich noch für mehrere Jahre in den Betrieb der Rhetorik stürzt. Dies war der Unterricht in der Prosa: Durchnehmen von Musterreden, vor allem Aufsatzschreiben und freier Vortrag unter Anleitung eines Speziallehrers. Die Eltern strömten, wenn die jungen Herren Söhne öffentlich ihren Probevortrag hielten, voll Ehrgeiz herzu, und wenn es schlecht ging, hatte natürlich der Lehrer schuld. Die Vortragsthemen aber waren Monologe, die man irgendeinem Geschichtshelden wie dem Hannibal in den Mund legte, sinnige Fragen wie z. B., warum Gott Amor Flügel hat, vor allem Streitreden über abenteuerlich fingierte Familienhändel oder Rechtsfälle, das meiste mit stark moralistischem Anstrich. Die Lehrer selbst verfaßten Musterbeispiele dieser Art, die dann auch in den Buchhandel kamen und noch nach Jahrhunderten den naiven Lesern im Mittelalter sehr gefallen haben. Von wirklichen Rechtsfällen und von juristischer Behandlung wurde dabei planvoll abgesehen; denn es handelte sich um junge Köpfe im Alter des Unterprimaners und Sekundaners, die man noch mit halb kindlich phantastischen Erfindungen ihr Spiel treiben ließ. Übrigens ist es auch heute noch schwer, passende Schulaufsatzthemen zu finden. Das großartige Resultat aber war wiederum, daß auch alle Nichtrömer in den Provinzen, die sich diesem Unterricht unterzogen – und die Rhetorenschulen waren dort überlaufen – 351 frei lateinisch sprechen, daß sie vollkommen lateinisch denken lernten. Es war natürlich, daß der Wortgebrauch des Latein in vielen Punkten Veränderungen, daß der Wortschatz Bereicherung erfuhr. Daß das jedoch einen Verfall bedeute, kann ich nicht zugestehn. Das Latein Tertullians ist um vieles ausdrucksfähiger als das ciceronische geworden. Selbstverständlich ist, daß in den niederen Volksschichten in den Provinzen inzwischen schon der Barbarismus sich verbreitete als Vorbereitung der romanischen Sprachen. Nur so sind Primagrößen der Weltliteratur, Virtuosen im Latein wie Claudian (aus Ägypten), Hieronymus (aus Dalmatien), Augustinus (aus Numidien), möglich geworden. Jeder aber muß erkennen, daß dieser ganze Erziehungsgang eine Vorbereitung auf das praktische Leben ebensowenig hat sein wollen wie unser Gymnasialunterricht. Daher Senecas tadelndes Wort: non vitae, sed scolae discimus , Epist. 106 fin. Das Prinzip ist ganz dasselbe, heute wie damals. Hiernach trat der Römer ins praktische Leben ein, und die Wirklichkeit fing an, ihn zu erziehen. Doch konnte er auch noch gleichsam die Universität beziehen und neben oder auch nach der Rhetorik Rechtswissenschaft studieren oder Philosophie. Beides hörte man in Rom; Philosophie auch in Athen. So hat einst Cicero, so hat auch späterhin Kaiser Julian in Athen studiert, und da gab es dann ein regelrechtes akademisches flottes Leben, in das wir seit dem 2. Jahrhundert n. Chr. Einblick erhalten. Die hohen Philosophen saßen auf Kathedern, die Throne hießen, und lasen ihre Publika und Privatissima gegen Honorar. Privatdozenten oder Lektoren gaben Nachhilfestunden; die Studenten schrieben nach, trampelten oder zischten, brachten Fackelzüge oder Katzenmusiken, ritten den Trinkkomment, lebten in Korporationen, die sich am Landungsplatz im Hafen gegenseitig die Füchse abfingen, hatten auch eine Art Fuchstaufe oder Fuchsprellen (Fuchsbrennen). Wer studiert, darf kein Philister sein: das wußte auch schon die Jugend von damals. Dasselbe zweite Jahrhundert n. Chr. aber brachte noch etwas Wichtiges: das Unterrichtswesen verfiel endlich der staatlichen Aufsicht. Die Zentralstelle des kaiserlichen Fiskus zahlte jetzt feste Gehälter, erst an die Philosophen, dann auch an eine Anzahl von Schulmännern, und zwar an letztere in allen Städten des weiten Reiches. Dieser Systemwechsel knüpft sich an die Namen Hadrians und der Antonine. Es ist aber ein Irrtum, wenn man glaubt, daß das Schulwesen etwa seitdem gesunken sei. Der Kunstgeschmack ging der Welt 352 allerdings verloren. Das hatte andere Gründe. Das Schulwissen dagegen ist nachweislich im Durchschnitt vielmehr dasselbe geblieben; man braucht, um das zu sehen, nur Apollinaris Sidonius mit Statius, Claudian mit Martial zu vergleichen. Ja, der Buchvertrieb selbst steigerte sich gerade seitdem, und das Lesefieber drang in alle Schichten. Man denke auch an die hohe Bildung der Königin Zenobia, die doch nur ein Geschöpf ihrer Zeit war, vergleiche übrigens »Die Buchrolle in der Kunst« S. 62 f., auch M. Roger, L'enseignement des lettres classiques , 1905. Wie schön und feierlich war es, in einer antiken Bibliothek zu sitzen! Es war wie in einem reich geschmückten Heiligtum. Wie viel köstliche Statuen, die heute die Museen Italiens zieren, stammen nicht aus solchen antiken Bibliotheken! Buchhandel und Bibliothekswesen hatten sich rasch über alle Provinzen verbreitet; Rom war gleichsam die Telephonzentrale dieses Verkehrs geworden, und seit der Zeit Ciceros und Varros gab es nicht nur griechische, es gab jetzt wirklich auch lateinische Bücher. Die römische Literatur hatte sich ausgeweitet, und für ihre planmäßige Vervielfältigung wurde nunmehr gesorgt. Das Altertum kannte, wie Japan, keine gehefteten Bücher. Der Text stand, wie schon früher erwähnt wurde, in Rollen. Man stelle sich aber vor, wie beschwerlich es für den Lesenden ist, eine Rolle lange Zeit aufgeschlagen sich vor Augen zu halten, wie beschwerlich gar, den Text in sie einzutragen. Beim Lesen mußten immer beide Hände rechts und links anfassen, und jede Nebenbeschäftigung der Hände war unmöglich. Daher traf der Dolch den Kaiser Domitian beim Lesen; der Mord gelang; er hatte zur Abwehr keine Hand frei. Je dicker aber die Rolle, desto unbequemer. Ein Autor von Geschmack verteilte seinen Stoff deshalb gern zur Erleichterung des Lesens auf viele möglichst kleine Röllchen oder Büchlein, jedes Buch oft nur zu 25 Seiten, das ist aufgerollt 3½ m Länge, so daß wir heut zehn solcher antiken Bücher bequem in einem modernen Bande abdrucken. Danach aber bemesse man nun den Umfang der römischen Literatur. Horazens ganzes Lebenswerk sind 10 Büchlein; das ist an Textumfang nur ebensoviel wie Schillers Wallenstein. Auch das Lesen war 353 damals etwas anderes als heute. Man schlang nicht; man genoß in kleinen Rationen, an jedem Tag von Vergils Aeneis nur ein Buch. Wer mehr zu sich nimmt, handelt gegen die Absicht des Dichters. Wir begreifen, daß man die faulen Ignoranten verhöhnte, die, um gelehrt zu scheinen, sich einen Hausphilologen hielten, der sie täglich mit Dichterzitaten versah. Dagegen war es doch vernünftig, daß, wer ernstlich solchen Interessen lebte, sich besondere Vorleser, Lesediener hielt, um so mehr, da die antike Literatur überhaupt auf Wohlklang, d. h. auf das Lautlesen berechnet war. Und nun gar erst, wenn der Büchermarkt Neues brachte! Da war das öffentliche Vorlesen vor großem Publikum die beste Art der Veröffentlichung und der Reklame. Das wurde immer beliebter und geradezu zum Laster, als die großen Klassiker Vergil und Ovid gestorben, und wir erhalten von spottlustigen Zeitgenossen die ergötzlichsten Schilderungen. Es war die Zeit der Überkultur, wo alles dichtete, die Zeit der Wunderkinder, die da schon elfjährig in Konkurrenzen Dichterpreise davontrugen, aber dann früh ins Grab sanken. Der jüngere Plinius berichtet einmal, daß der Monat April, wo die Saison zu Ende ging, fast täglich in Rom solche Dichtervorlesungen brachte. Natürlich trug der Autor sich selber vor. Glücklich, wenn er reich genug war, um die nötigen Unkosten zu bezahlen! Wer arm, mußte einen Gönner zu Hilfe rufen. Denn es galt, einen großen Saal zu mieten, darin Bühne und erhöhte Sitze zu errichten, dann eine Claque zu bestellen, dann Einladungen und Programme herumzuschicken. Denn Eintrittsgeld wurde nicht gezahlt. Doppelt glücklich der Vorleser, der vorher nicht heiser wurde! Er tat gut, tagelang vorher sich den Hals in Wolle zu wickeln oder Hustenpastillen zu essen. Denn sein Organ mußte aller Töne fähig sein. Elegant in Weiß steht er da und grollt und donnert; dann haucht er schmelzend mit brechendem Auge und lispelt schleimig (so lautet eine Schilderung), macht plötzlich 354 eine Pause, leckt sich die Lippen und fragt, ob er fortfahren soll, und der Protest bricht los: »Nein, nein, nicht aufhören, du Glücklicher!« Das war es eben, was er gewollt. Aber viele Geladene kamen zu spät und gingen zu früh: Orest tötete seine Mutter zum tausendstenmal! Es war nicht auszuhalten. Lassen wir uns indes in unserem Gesamturteil durch diese Dilettantenwirtschaft nicht irre machen. Denn wir glauben ja auch an die Güte unserer deutschen Literatur trotz so mancher Dichterlinge, die ihre Eintagsromane heute öffentlich vorlesen, trotz aller Sprach- und Geschmacksverderber, die bei uns grassiert haben und noch grassieren. Roms Literatur ist schon darum von unvergänglichem Wert, weil sie ein Erzeugnis und ein Abbild der griechisch-römischen Hochkultur ist, die sich in ihr und durch sie der Nachwelt offenbart. Welch ein Glück für Rom, daß es jene Dichter fand, die der Welt bewiesen, wie warm und menschlich tief doch auch ein Römerherz empfinden kann und zugleich, wie wundervoll feinfühlig die lateinische Sprache selbst sich jeder Kunstform anbequemt! Die Literatur ist das Selbstgespräch der Völker; jedes Volk kann es nur in seiner eigenen Sprache führen. Wie begabt erwies sich das Latein! welche Mannigfaltigkeit der Töne! im Kraftwort ( fortes fortuna! vae victis! oderint dum metuant ), im Sinnspruch ( carpe diem; non omnia possumus omnes ), im Depeschenstil ( veni, vidi, vici ), im blendenden Witz, in strenger Formulierungsfähigkeit, wie der Jurist sie braucht, in jener klangvoll rauschenden Fülle, mit der Cicero gegen Sulla oder Marc Anton sich bewaffnet; dazu des Ovid prickelnde Munterkeit, die Süßigkeit der vergilischen Hirtenverse, der apokalyptische Dämmer der 4. Ekloge, der pompös feierliche Ton im Traum Scipio's, die herbe Wucht und Glut des Properz. Überall trägt die Sprache die strengen Kunstgesetze, die ihr auferlegt werden, willig und leicht, wie das Musenroß den Zaum der Muse; noch köstlicher aber, wenn sie sich einmal daraus übermütig löst und genial frisch sprudelt 355 wie im Catull oder gar, wenn sie sich unbeobachtet glaubt und ganz frei ergeht, wie in Cicero's Briefen. So souverän, wie diese Briefe es zeigen, schaltet nur ein Weltmann, der auf dem Gipfel des großen Lebens steht, mit seiner Sprache. Das hat kein Grieche je gekonnt. In einigen Dichtern Roms herrscht freilich eine stark eintönige Wortfülle, die der Deutsche (nicht so der Franzose) lästig empfindet. So ist Lukan mehr beredt als poetisch. Im ganzen aber ist die Unterscheidung, wonach die griechische Poesie unrhetorisch, die römische dagegen rhetorisch sei, töricht und abgestanden. Denn Rhetorik heißt Redekunst, und die Kunstrede ist ihr Erzeugnis. Von Kunstrede aber sind auch die Griechen, ist auch Euripides, ist schon Homer erfüllt. Vergil ist nicht rhetorischer als diese; seine Redekunst ist nur eine andere. Sie ist nie geschwätzig (wie ab und zu doch Homer), aber sie ist einförmiger. Daß in nationaler Frömmigkeit und Tugend Vergil der Erzieher der römischen Welt geworden, legt uns im 4. Jahrhundert sein Erklärer Donat ausführlich dar. Wir können bei ihm und anderen Größen nicht verweilen. Trotz aller Bewunderung stehen wir vor der römischen Literatur doch nicht ganz ohne Enttäuschung. Denn ihr fehlt eins: das Hinreißende, das Herzbefreiende, das uns voll beglückt. Ist es doch nicht die heldenhafte Werdezeit Roms, die sich in ihr darstellt, sondern nur die Rücksehnsucht der Spätgeborenen nach der einstigen Vollkraft und Größe. Ihr Grundzug ist rückschauend elegisch, dabei oft pessimistisch, oft grell satirisch, wenn sie nicht gar vor den Cäsaren in niedrige Schmeichelei versinkt. Wie düster Sallust! wie grollend Tacitus! wie ätzend der schmähsüchtige Juvenal! Nur die augusteischen Dichter geben uns in vielen Teilen wirkliche Gegenwartspoesie, die sich erlabt an ihrer eigenen Schönheit, froh und festlich, wie in hellschimmernden Marmor gemeißelt und übergoldet von seligem Triumphgefühl: die Poesie des gewonnenen Weltfriedens. Aber diese beglückte Stimmung wirkt 356 dennoch stagnierend, und so wie der Römer kein einziges Wanderlied besaß, das abenteuernd »hinaus in die Ferne« ruft, so fehlt auch dieser Literatur die Zukunft, der Glaube, das Problem, das Stürmen und Drängen in Entwürfen, das Wagen und Jagen nach ungreifbar hohen, fernen Zielen; ihr fehlt jeder Trieb, mächtig über sich selbst hinaus. Sie ist männlich, aber nicht jugendlich. Und sie arbeitete nur für die oberen Zehntausend: ihre Sprache war Kunstlatein, nicht Volkslatein. Für die breite Masse ist, was sie bot, doch wohl großenteils verloren gewesen. Erst die Kirchenlieder des Bischofs Ambrosius fanden Worte, die auch dem Schlichtesten eingehen, ohne trivial zu werden.   9. Spiel und öffentlicher Zeitvertreib Aber das Frommsein genügt nicht und die Gelehrsamkeit auch nicht; der Mensch will auch lachen und weinen und sich zerstreuen. Ja, er braucht den Taumel der Leidenschaft. Die schonungslose Kraft und Wildheit des Römers lebte noch, und der weichliche Friede der beginnenden Kaiserzeit vermochte nicht, sie zu töten. Wie bedauernswert die Vornehmen, die jetzt Brett spielen müssen, statt ins Feld zu ziehen! Wir lesen, wie ein Schmeichler die Feldherrnkunst des großen Piso zu Neros Zeit feiert, aber es war die Feldherrnkunst auf dem Schachbrett, ein Schlagen und Mattsetzen von Puppen aus Glas oder Elfenbein. Dazu die Spielhöllen, der Hasard; das war eine alte Passion der Lebemänner in Rom. Aber die früheren spielten doch daneben noch ein anderes Glücksspiel, sie spielten mit dem Schwert um Königreiche. Jetzt bleibt dem Römer nur der Würfelbecher, und er zählt mit gierigen Augen die gefallenen Punkte nach. Welche Entnervung des Heldentums! Die Volksmenge aber will Blut sehen. Die siebenhundertjährige Kriegszeit ist vorüber, und Gott Mars ist gesättigt. 357 Aber die Gewohnheit bleibt mächtig. Die Leidenschaft lebt sich im Zirkus aus und im Amphitheater. Tierhetze, Fechterspiel! Es ist die Leidenschaft für die Gefahr, der großzügig starke Trieb nach Erschütterung durch das Unerhörte und Gräßliche. Faustkämpfer Bronzestatue aus Rom von Apollonios des Nestor Sohn im Thermenmuseum zu Rom (Nr. 1347), um 50 v. Chr. Nach Antike Denkmäler des deutschen archäologischen Instituts Band 1, Tafel 4. Das alte Römervolk hatte eine ausgedehnte Begabung für getragene Deklamation; es besaß auch einen kernhaften Witz; es hatte Sinn für die grell komische Grimasse. Aber ihm fehlte vollständig die Phantasie, und ein Theaterwesen hätte es aus sich selbst wohl nie erzeugt. Freilich, grob karnevalistischen Ulk und Mummenschanz auf der Gasse, den gab es von jeher, und in der Kaiserzeit kam solcher Spaß beim großen Schenkfest der Saturnalien im Dezember (unserm Weihnachten) zur vollsten Blüte, wo in toller Ausgelassenheit ein Festkönig gewählt und ausstaffiert wurde, der Rausch herrschte und die Sklaven als Herren galten. Indes alle Scherze, die alljährlich dabei sich wiederholten, blieben immer nur Improvisation, und ähnlichen Stils war auch das alt-oskische Maskenspiel der Atellane, wo ein buckliger Pfiffikus, ein Fresser und ein alter Tölpel ihre Streiche zum besten gaben. Frauenrollen fehlten. Weiter kannte man in Rom von alters her auch schon ein Wettrennen von Tieren, etwa so, wie man es heutzutage in Siena auf dem Marktplatz erlebt. Den eigentlichen Rennsport dagegen und das eigentliche Theaterwesen lernte das gelehrige Rom vom Ausland. Die Religion gab dazu Anlaß. Schon im 5. Jahrhundert v. Chr. oder früher wurde zu Ehren Jupiters das Wettfahren im Zirkus aus der Griechenstadt Thurii eingeführt. Als im Jahre 364 eine Pest ausbrach, ließ man Schauspieler aus Etrurien kommen und zum erstenmal ein Bühnenfestspiel geben: auch dies wieder zur Beschwichtigung der Götter. Daraus entwickelte sich alsdann das ständige Theater, und die griechische Komödie und Tragödie hielten schließlich ihren Einzug Auch die Etrusker ahmten die griechische Tragödie nach, siehe Volnius bei Varro l. lat. V, 55. : Orest und Priamus und Medea und der listenreiche Bediente, der im griechischen Lustspiel alle Lachlust und Sympathie auf sich lenkt, 358 indem er den mürrischen Greisen das Geld abnimmt und den jungen Liebespaaren flott und selbstlos zum Glück verhilft. So wurde das Größte und Beste, was das alte Athen erzeugt hatte, rasch zum Eigentum Roms. Dies geschah im 3. und 2. Jahrh. v. Chr. Aber so wie die vornehme Haltung der großen Politik Roms schon im 2. Jahrhundert v. Chr. zu Ende ging, so verlor sich ebendamals auch die sittliche Vornehmheit im Spielprogramm des Theaters. In Ciceros Zeit hatte das Publikum schon kein Ohr mehr für erhabene Lehrsätze der Moral und fromme Weltbetrachtung. Was war ihm Hekuba und Ödipus? Ausstattungsstücke von unerhörtem Pomp und Schaugepränge, ganze Truppenzüge, zu Fuß, zu Roß, mit weißen Elephanten, die über die Bühne gingen, sättigten die Neugier. Und so wie heute Schillersche Trauerspiele wohl nur noch aus Respekt gespielt werden, der echte Großstädter aber, ob vornehm, ob gering, nichts will als die faden, ja oft recht schmutzigen Frivolitäten des Tages (wenn ihm nicht gar die Drehmaschine des Films genügt), ganz ebenso eroberte sich damals der Mimus die römische Bühne, der griechische Mimus, der in dem vielerlei, was er gab, an dreister Gewöhnlichkeit, an genialem Wirklichkeitssinn und lüsterner Frechheit um nichts vor unseren modernsten Machwerken zurückstand. Unsere Modernen dünken sich neu; aber es ist alles schon dagewesen, und zwar vielleicht sogar besser, jedenfalls ehrlicher; denn man wagte damals, das Unanständige noch mit seinem Namen zu nennen. Alle diese Aufführungen geschahen anfangs im Anschluß an Götterfeste, und selbst bei den Leichenbegängnissen der Großen kamen auf dem Forum Lustspiele zur Aufführung. Allein der gottesdienstliche Zweck der Spiele verlor sich im Bewußtsein mehr und mehr, so daß in der Kaiserzeit der Schauspieler, der für Geld vor dem Volk mimt, als infam und rechtlos gilt. Anders als der Athlet; s. Digesten III 2, 1 und 3, 2. Ein Senator darf keine libertina heiraten, auch kein Weib, dessen Vater oder Mutter artem ludicram fecerit : Digest. XXIII 2, 44. Zugleich steigerten die ehrgeizigen Beamten als Spielgeber den Glanz der Ausstattung ins Ungeheure, um damit 359 der Gunst des Volkes zu schmeicheln. Die Kaiser setzten dies fort, und die Folge war, daß das Theater immer mehr vor anderen drastischeren Vergnügungen, vor Zirkus und Arena zurücktrat. Das Publikum aber, ob hier, ob dort, hielt aus, ohne Speise und Trank zu nehmen; es wurde nichts herumgereicht, die Vorstellung mochte noch so lange dauern. Man war unersättlich, auch wenn man hungerte. S. Plutarch, Symposiaca VII 5, 3. * Eine gewisse patriotisch religiöse Weihe behielten nur die Zirkusrennen. Auch sie hatte man dereinst, wie so vieles, von den Griechen entlehnt, aber sie wurden und blieben das eigentliche Nationalspiel des Stadtrömers, ein Symbol der Zentralstellung Roms, und aus allen Teilen des Reichs strömten die Zuschauer herbei. Denn sonst besaßen wohl nur Großstädte ersten Ranges wie Alexandria, Antiochia, auch Merida (Emerita), das Rom Spaniens, eine Rennbahn. Deshalb trauert, wer aus Rom auswandert: Juvenal XI, 53. Eben deshalb wurden bei Eröffnung eines jeden Rennens zuerst die Götter Roms, dazu auch die Kaiserbilder in feierlicher Prozession durch den Zirkus getragen, und das Volk huldigte mit Zuruf jedem Bilde, das ihm lieb war. Der festgebende Beamte selbst zog wie ein Triumphator in die Bahn. Dies war kein Reitsport. Jene Südländer sind kein Reitervolk gewesen, ganz anders als die Hunnen und Germanen. Auch wäre der bloße Distanzritt unserer heutigen Wettrennen für ein antikes Gemüt zu undramatisch, ein Hürdenrennen wäre für die Masse schwer zu verfolgen gewesen. Die Gefahr, das Wagnis ist heute zu gering. Daher die Wagenrennen Roms; zumeist mit dem Viergespann. Es war ein Nachklang der Heldenzeit Homers, wo die Könige im Wagen in die Schlacht jagten; so auch noch die Könige der Etrusker. Ebenso hatte ein Alkibiades im olympischen Wagenrennen konkurriert. Warum sollten die Vornehmen Roms dies nicht tun? Nero selbst? Auch bei uns reiten Herren in Farben. 360 In den Schlußzeiten der Republik wuchsen diese alten Zirkusspiele an Bedeutung. Großen Stils ist alles, was in Rom geschieht: so steigerte sich damals auch hierfür das Interesse ins Außerordentliche. Es bildeten sich »Faktionen«, die sich durch Farben unterschieden; und nicht einzelne Private, sondern diese Gesellschaften, Klubs oder Faktionen waren die Besitzer der Gespanne: anfangs zwei, dann vier Parteien, die sich Ställe halten und Kutscher mieten. Der Kutscher ist meistens Unfreier oder Freigelassener und fährt für den, der ihm am meisten zahlt. Seine eng geraffte ärmellose Tunika und seine Kappe zeigt weithin die Farbe der Partei. Aber die Erfolge der Weißen und Roten gingen mehr und mehr zurück; es ist vor allem ein Zweikampf der Blauen und der Grünen, der durch die Jahrhunderte ging. Auch die Kaiser sind leidenschaftlich beteiligt, Vitellius und Caracalla für die Blauen, Nero, Domitian für die Grünen usw. Warum auch nicht? Bei unseren heutigen Regatten beteiligte sich auch die Kaiserjacht und die des Thronfolgers. Unmittelbar zu Füßen der Kaiserpaläste zog sich der große Zirkus hin, in der Senkung zwischen Aventin und Palatin, in einer Länge von etwa 650 m und mehr; der Bau wurde öfter noch mächtig erweitert. Im 4. Jahrhundert n. Chr. fanden etwa 270 000 Zuschauer Platz. Lauter Marmorsitze. Ein Wassergraben ( Euripus ) lief anfangs unter den Sitzreihen entlang; Mauerzüge, Spina genannt, trennten die lang gestreckte Bahn selbst in zwei Hälften. Siebenmal mußte diese Spina hin und zurück umfahren werden, und an ihren Enden standen die gefürchteten Metae , je 3 freie Kegelsäulen aus Goldbronze, an denen nur zu leicht der Wagen zerschellte. Solcher Wettfahrten gab es 20–24 an einem Tag. Für hinreichenden Wettbewerb mußte der Festgeber sorgen, der die Gesellschaften entschädigte. Einer der Gordiane verteilt 200 Rennpferde an die Faktionen: Script. hist. Aug. Gord. 4. Die domini factionum werden durch das Rennen bereichert: Commodus c. 16, 9. Wer in Rom auch in fernabliegender Gasse wohnte, hörte das Geschrei aus dem Zirkus durch die Stadt hallen und merkte: aha! die Grünen haben gesiegt. Juvenal XI, 198. Die Rosse scharren am Start. Lautlos atemlose Spannung 361 in der unendlichen Menge. Da gibt der Festgeber das Signal, indem er aus seiner Laube ein Tuch herabwirft: ein einziger Aufschrei aus hunderttausend Kehlen ist die Antwort. Der Staub wirbelt auf; die Fahrt hat begonnen. Alles ruft den Namen des Favoriten, des Kutschers oder des Hauptpferdes. Hauptpferd der Quadriga ist das, das an der Außenseite der Bahn läuft. Jeder weiß den Namen des Tieres, seinen Stammbaum. Es laufen drei- bis fünfjährige. Die besten Renner kamen aus Spanien, Sizilien, Kappadozien, Afrika. Ihre Namen sind uns zu hunderten erhalten. Es sind ausschließlich männliche Tiere. Die Wagen sind zweirädrige Gestelle ohne Federn. Berufskutscher und Wagen, beide möglichst leicht: daher müssen die Leute sich trainieren, und es fahren schon zehnjährige Knaben. Ihr Oberkörper ist durch eine Verschnürung von gedrehten Seilen geschützt, damit beim Sturz kein Rippenbruch eintritt, und Zirkusärzte sind zur Stelle, um jedem Verunglückten zu helfen. Weit vorgebeugt stehen die Fahrer hetzend im Gestell und belauern den Gegner, halten erst zurück, jagen plötzlich vor, verlegen dem Gegner den Weg, biegen in engster Kurve um die ersten Zielsäulen: ein Angstschrei der Masse – siebenmal wird die gefährliche Biegung genommen. Wehe, wenn im Anprall der Wagen sich zerschlägt! Der Lenker von den Pferden geschleift! Die nächsten Wagen verfahren sich in die Trümmer. Oder der Haß siegt; die Wettfahrer überfallen einander mit Peitschenhieben – welches Rasen! Wer die heutigen Kutscher Neapels kennt, wenn sie heranstürmen, um dem Reisenden sich anzubieten, und sich wie toll dabei mit den Peitschen schlagen, der bekommt eine Ahnung von jener fanatischen Wut. Alles aber wurde überboten, wenn die Lenker die Gespanne vertauschen mußten und der Favorit mit den ihm fremden Rossen des Gegners siegte. Diese Menschen hatten etwas barbarisch Heldenhaftes; wir haben Grabinschriften von solchen, die über 2000 Siege davontrugen. Der Kutscher Scorpus wird von Martial als das 362 Entzücken Roms besungen; die Todesgöttin, heißt es, verwechselte seine Siege mit seinen Lebensjahren; deshalb ist er schon als Jüngling gestorben. Ein anderer, Eutychus, ist für uns denkwürdig, weil Phädrus ihm seine Tierfabeln gewidmet hat. Eine Fülle von Bildsäulen wurde diesen Leuten errichtet, und Elagabal machte den Kutscher Cordius unmittelbar zum Kommandanten der Feuerwehr, der wahnsinnige Caligula wollte gar ein Siegerpferd zum Konsuln machen. Es ist derselbe Elagabal, der auch Quadrigen von Kamelen laufen und gar den großen Wassergraben im Zirkus mit Wein anfüllen ließ, worauf dann noch Schiffskämpfe inszeniert wurden. Das Stadtvolk aber, dem das Heerwesen selbst entzogen war und das sonst keine Helden mehr besaß – wer kann es ihm verdenken, wenn es an diese Dinge sein Herz hing? Selbst in das selige Jenseits hinein träumte man von den Freuden des Circus Maximus; denn auf den Marmorsärgen der Toten finden wir ihn oft dargestellt, aber es sind Engel, Flügelknäblein, die da heiter im Wagenkorb stehen und die bäumenden Rosse durch die offene Bahn zum Ziele lenken. * Welch strahlendes Leben! Aber die dunkelsten Farben in unserm Kulturbild fehlen noch. Auch Blut floß in Strömen im Dienst des Vergnügens, Tierblut bei den Tierhetzen, Menschenblut bei den Fechterspielen; das eine waren Jagden, das andere Hinrichtungen: und die Arena tut sich vor uns auf. Das Wettfahren war von Haus aus nobles Griechentum, die Kämpfe der Arena waren spezifisch römisch. Das brutale Römertum ist in ihnen nicht zu verkennen. An dem kämpfenden Personal selbst haftete die Verachtung. Aber nicht nur in Rom, in fast allen Provinzen, auch in vielen Kleinstädten des Reichs sah man diese grausamen Vorführungen. Denn überall sind Amphitheater gefunden worden. Der neugierige Sinn für wilde und seltene Tiere war im 363 Volk groß. Zoologische Gärten hatte man nicht, auch keinen Hagenbeck, keine Menagerien – aber man hatte mehr. Man sah die Tiere in ihrer natürlichen Wildheit kämpfen und sterben. Abgerichtete Tiere freilich wurden geschont: Löwen, die friedlich den Wagen ziehen; ein Löwe, der den Hasen apportiert, ohne ihn zu verletzen; Elefanten als Seiltänzer, oder Elefanten, die gar griechisch und lateinisch schreiben, und dergleichen mehr. Elagabal hielt sich solche zahme Löwen und Panther in seinen Stuben, zum größten Unbehagen seiner Gäste. Aufregender, wenn man Bestie gegen Bestie hetzte, und schon vor Sonnenaufgang füllten sich die Zuschauerränge, um dem zuzusehen. Auf freiem Feld sah das Volk zu seinen Füßen den Elefanten vom Nashorn getötet und aufgeschlitzt, den Tiger vom wilden Stier aufs Horn genommen. Das fesselndste aber waren die eigentlichen Jagden, venationes . Herden von Antilopen, Giraffen, Wildschweinen, auch Hasen, 300 Strauße, die man zur Erheiterung ganz rot angemalt, trieb man durch die Fläche; dann aber die Tiger-, die Hyänenjagd, der Kampf mit dem Bären, selbst mit dem Nilpferd. Seltsamerweise fehlt unter den reißenden Tieren der Wolf fast ganz. Die Kämpfer oder Jäger waren gut geschult, gut bewaffnet, von Hunden unterstützt und verstanden ihr Handwerk, so wie ja auch die Stierkämpfer in Spanien heute zu ihrem Beruf erzogen werden. Aber die Aufregung war, wie bei diesen modernen Stierkämpfen, grenzenlos. In Nîmes wird das wundervoll erhaltene Amphitheater für sie noch heute benutzt, und wer sie da einmal miterlebt und dazu den rasenden Fanatismus der Südfranzosen mit angesehen hat, der ist im echten römischen Altertum gewesen. Das war aber nicht etwa nur ein Volksvergnügen. Rom hat damit zugleich ein unvergleichliches Kulturwerk geleistet; das müssen wir rühmend anerkennen. Wenn Kaiser Augustus im ganzen 3500 afrikanische Tiere im Amphitheater hat umbringen lassen, wenn bei einer einzigen Hetze des Pompejus 364 allein 500 Löwen umkamen und wenn der Betrieb so bis ins 5. Jahrhundert der gleiche blieb, so summierte sich das schließlich zu Millionen. So aber geschah es, daß alle Provinzen von dem Raubzeug, daß so auch die deutschen Wälder von Bären planvoll und gründlich gesäubert worden sind. Dafür sind die auf deutschem Boden ausgegrabenen Mosaikfußböden denkwürdige Monumente, wenn sie uns den Bären im Kampf der Arena zeigen. Man sehe z. B. das herrliche Mosaik in Bad Kreuznach (Hüffelsheimerstraße Nr. 26), etwa aus dem Jahre 300. Der friedlichen Kultur im Landbau und Gartenbau, die später das Mönchtum nach Deutschland brachte, ist das immerhin zugute gekommen. In derselben Arena folgten auf solche Hetzjagden nun oft noch die Fechterspiele. Aus Leichenspielen waren die Fechterspiele hervorgegangen, bei den Etruskern und so auch in Rom, in jenen Zeiten, als auf dem Forum bei dem Begräbnis eines Feldherrn die Kriegsgefangenen, die er erbeutet hatte, auf Tod und Leben miteinander kämpfen mußten. Suchen wir nach einer Wertbezeichnung, so kann man dies Hinrichtungen in der Form des Zweikampfs nennen. Vielfach waren die Kämpfer schwere Verbrecher, die gegenseitig an sich das Todesurteil vollzogen. Sie taten es nicht ungern; Seneca sagt, Epist. 93. fin. ein solcher stirbt lieber öffentlich kämpfend in der Arena, als daß er sich im geschlossenen Raum hinrichten ließe. Und dazu war also das Volk geladen, geradeso, wie noch bei uns im 18. und 19. Jahrhundert das Henken und Köpfen vor großem Publikum geschah. Der Frage, in welcher Ausdehnung auch unschuldig Verurteilte als Gladiatoren umkamen, können wir hier nicht nachgehen. So wie aber heute, wer sich im Gefängnis gut führt, begnadigt wird, so wurde auch dem, der brav focht und durch Tapferkeit Bewunderung erregte, vom Volk selbst durch Akklamation das Leben geschenkt. Gladiatoren Relief aus Rom in der Münchner Glyptothek (Nr. 364), um 50 v. Chr. Nach Münchner Jahrbuch der bildenden Kunst 1925, Tafel 1. Übrigens kämpften auch viele Kriegsgefangene; auch mißliebige Sklaven wurden als Gladiatoren verhandelt. Ja, seitdem in Italien keine Soldatenaushebungen mehr geschahen, ließen auch eine Menge rauflustiger Freigeborener 365 sich dort in die Fechterschulen aufkaufen, eine konfiszierte Gesellschaft, die mit Ruten und Ketten in Zucht gehalten werden mußte. In Ciceros Zeit war Kapua für diese »Schulen« Hauptstandort, hernach Rom, und sie ersetzten zum Teil die Gefängnisse, in denen der moderne Staat der Räuber und Mörder sich versichert. Das Publikum aber hatte damit wieder sein Schauspiel. 10 000 Mann fochten, wie es heißt, in Rom bei den viermonatlichen Siegesfesten Trajans im Jahre 107. Gewöhnlich standen bei jedem Gefecht nur etwa hundert gegen hundert: die einen mit großen, die andern mit kleinen Schilden, die einen mit Netz und Harpune, die andern mit Schwert und Dolch. Die Waffen waren Kostbarkeiten der Schmiedekunst, gelegentlich aus purem Silber oder mit Edelsteinen ausgelegt; Pfauenfedern als Helmbusch. Zum Kampf erscholl grelle Musik. Die Toten bedeckten die Wahlstatt, die Leichen wurden fortgeschleift, frischer Sand gestreut, die Blutlachen zugedeckt, und das Werk der Justiz war geschehen. Gewandten Fechtern aber gelang es oft, alle solche Schlachten zu überleben; sie wurden die Heroen des Tags und Lieblinge des Publikums, wie es heute den Stierkämpfern in Spanien ergeht, und der Festgeber beschenkte sie in der Arena selbst mit Schüsseln voll blinkenden Goldes. Gegen die ärgsten Missetäter aber, wie den Kaisermörder Mnesteus, richtete sich ein anderes und entsetzlicheres Strafverfahren, das uns an die Hexen- und Ketzerprozesse des ausgehenden Mittelalters gemahnt, wo der zu Verbrennende wehrlos an einen Pfahl gebunden wird und das Publikum zuschaut, während die Flamme des Scheiterhaufens den Unglücklichen verzehrt. Dies Verfahren der Inquisition, dem ein Huß und Savonarola zum Opfer fielen, hat echt Neronischen Geist. Denn nichts anderes ist es, wenn Nero Christen an Pfählen verbrennen ließ; ich meine die sogenannten Brandfackeln Neros. Jedoch steht dieser Fall sehr vereinzelt da, Einen Theaterdichter hatte schon der verrückte Caligula öffentlich verbrennen lassen. und Nero wählte für sie den Flammentod gewiß nur darum, 366 weil die Bestraften die Urheber der großen römischen Feuersbrunst gewesen sein sollten. Sonst zog man es vor, gegen den festgebundenen und so gleichsam gekreuzigten Verbrecher vielmehr die wilden Tiere loszulassen, und das mag uns allerdings noch scheußlicher erscheinen; doch ist es fraglich, ob die Flamme oder die Zerfleischung den schmerzhafteren Tod bringt. Solchen Tod starb jener Mnesteus, und nicht besser erging es manchen der christlichen Märtyrer, die in den Augen des Heiden Ketzer, in den Augen der römischen Justiz Verbrecher waren. Das Äußerste der Verirrung hat zu unserm Befremden der große Menschenfreund Kaiser Titus begangen oder doch geschehen lassen. Die Arena des Kolosseums ist in einen Wald verwandelt – ein Verurteilter soll sterben. Der Unglückliche tritt, als Sänger Orpheus verkleidet, in prächtigen Gewändern aus dem Wald hervor und spielt friedvoll auf seiner Leier, während wie bezaubert wilde und zahme Tiere seinem Lied folgen; das alte Sängermärchen ist zur Wirklichkeit geworden, das Publikum staunt: aber der Bär naht schon, der plötzlich über diesen Orpheus herfällt und ihn zerreißt. Welch perverses Spiel mit der Würde des Todes! und mit dem Sinn der Todesstrafe! Die Hinrichtung wird zum Märchenzauber, der Verbrecher wird zum Schauspieler, der sterbend eine ihm fremde Tragödie spielt. Ein derartiger Kitzel war damals immerhin gut für den Stadtpöbel Roms; aber es läßt sich nicht nachweisen, daß Ähnliches auch sonst vorkam. Soll ich nun noch über den Aufwand reden, den alle diese Darbietungen kosteten? Wie viele senatorische Vermögen sind nicht durch die prätorischen Spiele zugrunde gegangen! Aber das betraf vor allem wieder Rom selbst, und um die kleinen Städte brauchen wir uns weniger zu sorgen, wie wenn wir von Bologna hören, daß da ein reichgewordener Schuster ein Fechterspiel gab. Martial III, 16. Der größte Luxus war jedenfalls der märchenhafte Raum selbst. Rom gelangte zuerst im Jahre 29 v. Chr. zu einem 367 Amphitheater (durch Statilius Taurus). Dieser Bau ging zugrunde und wurde überboten durch das Weltwunder des Kolosseums, das noch aufrecht steht, ein hohler Becher von fast 50 m Höhe, der in 4 Stockwerken über 40 000 Menschen auf marmornen Sitzen Platz gab. Wurde des Kaisers Gegenwart erwartet, so erschien darin das ganze Publikum weißgekleidet und bekränzt. Der oval gestreckte Boden des Bechers, die Arena, mißt 86 m in der Länge. Wenige steinerne Amphitheater wie das in Pompeji, sind älter, Bauten, die überall möglichst die ganze freie Stadtbevölkerung aufzunehmen bestimmt waren; denn auch die Frauen erschienen; auch die Kinder brachte man mit. Die Frauen saßen im Amphitheater getrennt, im Zirkus dagegen mitten unter den Männern. Das Zelttuch, mit dem man das Kolosseum überspannte, mußte eine Länge von etwa 180 m haben. Unter der Fläche der Arena selbst aber befanden sich nun noch unterirdisch tiefe und weite Hohlräume, aus denen im Lift, wie durch Zauber, die ganzen Kämpfergruppen oder auch eine Arche Noah voll von wilden Tieren emporgehoben werden konnten. Der großartigste Triumph der Technik war es jedoch, wenn die Arena sich plötzlich mit Wasser füllte und ganze Flotten hereinfuhren, mit tausend, ja angeblich zehntausend Gladiatoren bemannt, und der Menschenleben und Schiffe vernichtende Massenkampf begann. Welch Schauspiel! Aber ach, nicht ein Schauspiel nur! * Genug! Denn wer könnte diese Darbietungen einer unerhört maßlosen Ruhmsucht, Prunksucht und Sensationssucht erschöpfen? Wohl kein Menschenalter hat so Ausschweifendes gesehen. Aber es ist schon gesagt, daß, was von Rom gilt, keineswegs auch von den Amphitheatern kleinerer Städte gilt; und vor allem der Grieche stand abseits. Der tiefer Gebildete, der griechisch Denkende bevorzugte das Theater, er schauderte vor dem Amphitheater zurück. Es ist bezeichnend, 368 daß die griechischen Städte in Italien, Neapel und Tarent, ein Amphitheater nie erbaut haben. Beides, Humanität und Kunstsinn, widerstrebten; sie mußten auf dasselbe hinführen. Auch der Kunstsinn; denn alle Kunst ist Nachahmung; Kunst darf also nicht blutige Wirklichkeit sein, und dasjenige Spiel ist das feinste, das nicht mit großen Mitteln, sondern mit geringen wirkt und viel mit wenigem erreicht. In solchem Spiel sind bis auf den heutigen Tag die Kinder die größten Virtuosen. Und so hatte sich denn auch damals das Volk noch immer Kindlichkeit genug bewahrt, um zu den bescheidenen Akrobaten, Seiltänzern und Messerschlingern, Pudeln und Affen zu laufen, die sich dann zeigten, wenn die Theater und Arenen leer standen. Aber auch das Theaterspiel wirkte in der Kaiserzeit fast durchweg mit den einfachsten Mitteln, und eine illusionistische Ausstattung fehlte im Drama fast ganz. Wir hören gelegentlich, daß Rom in jedem Jahr 175 regelmäßige Spieltage hatte, die außerordentlichen nicht gerechnet; davon entfielen 10 Tage auf die Gladiatoren, 64 auf Wagenrennen, 101 dagegen auf das Theater. Das schlichtere Theater waltete also doch immer noch vor. Das ist der Mimus und Pantomimus. Vom Mimus war schon die Rede. Es ist jener Wechselbalg von Theaterstück, bald Posse, bald Operette, bald ernsthaftes Schauspiel, dessen Koupletmelodien man auf allen Gassen pfiff und dem die gröbsten ebenso wie die feinsten Effekte nach freier Laune zur Verfügung standen. Wurde ein dummer König dargestellt, so machte man ihm die Krone von Papier, das Zepter aus Rohr, und das genügte. Der Text blieb oft unausgearbeitet; das meiste improvisierten die genialen Schauspieler. Oft wurden dabei stadtbekannte Personen persifliert. Man spielte ohne Masken. Die Mimen traten aber auch oft in privaten Kreisen auf und brachten da gewiß ihre feinsten Feinheiten. Wenn man bei uns (in der Zeit, als der Deutsche noch die Fremdwörter liebte) in Berliner Zeitungen solche Anzeigen wie die 369 folgende las: »Intimes Kabaret mit erstklassigen Künstlern und reizenden Melodien; sämtliche Nummern neu; der Konferenzier Fritz Grünfeld entfesselte wahre Lachstürme; eine brillante Akquisition hat man in der Diseuse Miezchen Berna gemacht, ein Gemisch von Pikanterie und Dezenz«; dazu etwa noch »ein keckes Gamingesicht oder eine fesche Person aus Wien«, so könnte man die Anpreisung einfach übernehmen, wenn man für Miezchen Berna etwa Kytheris einsetzte und Adonis für Fritz Grünfeld. Sittengeschichtlich aber ist das Wichtigste, daß in den Frauenrollen, die ja sonst im Altertum nur von Männern gegeben wurden, im realistischen Mimus wirklich Frauen auftraten: die ersten großen Schauspielerinnen der Weltgeschichte, auf Brettern, die nicht etwa die Welt, sondern die Halbwelt bedeuteten. Eine solche Schauspielerin war die Mätresse des großen Triumvirn Antonius, und die christliche Kaiserin Theodora, die an einer der Kirchenwände Ravennas so fromm gemalt ist, trat in Byzanz in den frechsten Mimenrollen auf. Eine Chanteuse als Kaiserin! Das monarchische Prinzip litt nicht darunter. Ganz anders der Pantomimus. Während wandernde Schauspielertruppen den Mimus in alle Kleinstädte trugen, gab es den leckeren Pantomimus nur in wenigen Hauptzentralplätzen der Kultur. Zur Zeit des Kaisers Augustus wurde diese große »Neuheit« erfunden, und der Kaiserhof hat ihr dauernd seine liebreiche Fürsorge gewidmet. Man denke sich auf der Bühne einen einzigen Tänzer, der in stummer Pantomime eine ganze Tragödie vorführt, indem er sich proteusartig in alle Rollen verwandelt. Ein Triumph der Geste, der beredten Hand! Welch eigenartig feine Volkskultur setzt dies voraus, dies stundenlange Andeuten und Verstehen! Wenn solch schöner griechischer Tänzer mit Verleugnung seines Geschlechts die Phädra, Kanake oder Medea spielte, war die Wirkung berückend, ergreifend, überwältigend. Kostüme und Gebärde waren, dem griechischen Schönheitssinn entsprechend, ganz ideal gehalten; auf das täuschendste wurden vor allem 370 sinnliche Stimmungen, auch an Frauen, dargestellt, und man hütete die Jugend nach Möglichkeit vor dem schamlosen Anblick. Als künstlerisches Prinzip aber erkennen wir deutlich dasselbe, das auch die antike Plastik beherrscht, nämlich nur durch eine einzige bewegte Figur einen ganzen Mythus darzustellen: die Statue der in Schlaf versunkenen Ariadne genügt; jeder kann sich den Theseus, der sie treulos verläßt, jeder sich den Dionys, der sie zur Freude erwecken wird, selbst hinzudenken. Dies stumme, tragische Ballet war das Ende, es war gleichsam das Verstummen der erhabenen, sonoren Tragödie auf der Bühne das Altertums. Aber diese Pantomime war doch nicht ganz stumm. Vielmehr kam Chorgesang und Orchester dazu, eine sinnfällig klangreiche und weichliche Begleitung. Denn man machte auch Musik in Rom – wir hätten das beinahe vergessen! – und natürlich nur die allermodernste. Rom und Musik, welcher Gegensatz! Kein Volk war von Haus aus unmusikalischer als die Römer. Kaum irgendein römischer Dichter ist imstande gewesen, seine Texte selbst in Musik zu setzen. Da mußten immer die Griechen helfen. Vgl. »Horaz' Lieder«, 1. Teil S. 27 u. 79; 2. Teil S. 157 f. Trotzdem hat sich Rom damals auch ein Musikleben angequält. Hauptbezugsquelle dafür war Alexandria. Aber man begnügte sich nicht mit dem Herkömmlichen; denn in Rom mußte natürlich alles gleich riesig sein; zum mindesten 100 Trompeten oder Harfen unisono (das nannte man Symphonie) oder 1000 Choristen auf einem Haufen: dazu Pauken und Zymbeln, Janitscharengetöse. Für harte Ohren kann man ja nicht genug tun, das weiß auch unsere Gegenwart. Man muß schmettern und girren und die Sinne kitzeln. So war es auch damals. Daß die Ausübenden Sklaven waren, versteht sich, und zwar griechisch gebildete. Warum sollte ein Nabob sich nicht 100 Musikanten kaufen und mit auf die Badereise nehmen? Die beiden Musikkaiser Nero und Domitian haben dann in Rom das Konzertleben sogar zu regulieren, zu veredeln 371 versucht, indem sie regelmäßige Vorführungen herstellten. Das Wort »Konzert« bedeutet Wettstreit; sie veranstalteten also wirklich Konzerte oder Wettkämpfe von Solisten mit Preisverteilung. Aber keiner der redseligen Zeitgenossen hat Muße gefunden, uns seinen Eindruck, seine Ergriffenheit zu schildern. Es fehlte dafür augenscheinlich ein Publikum, und solche hochgegriffenen Kunstfreuden waren entbehrlich. Unentbehrlich dagegen erschien bei den Mahlzeiten die Tafelmusik während der Eßpausen: ganze Orchester, ganze Chöre. Schon damit ist denn doch dieser Betrieb für ein deutsches Gemüt gerichtet, und uns interessiert daran eigentlich nur die Steigerung im Bau der Instrumente, die er mit sich brachte. Im 4. Jahrhundert n. Chr. hatte man Zithern so groß wie unsere Konzertflügel, so daß sie per Achse befördert werden mußten, und seit dem 1. Jahrhundert ist auch die Wasserorgel in öffentlichen Konzerten immer häufiger gehört worden. Es berührt uns in der Tat fast modern, wenn das Mosaik von Nennig bei Trier uns im Bild ein Hornsolo mit Orgelbegleitung zeigt: man setze an die Stelle des Horns nur die Geige oder die Menschenstimme, und man glaubt da ein Kirchenkonzert zu hören. Denkwürdig ist auch, daß der biedere Dudelsack, der sich bis heute erhalten hat, zu Neros Zeit hoffähig und das Allerneuste war. Nero selbst wollte in seinen Konzerten mit dem Dudelsack auftreten (Nero als utricularius !), aber er wurde durch seinen Tod an dieser Großtat verhindert.   10. Die Kunst Wie göttlich schön ist die griechische Landschaft! wie schön aber auch Italien! Welches Land sollen wir mehr preisen? Vergil und Properz schwankten nicht; sie erheben in inniger Heimatliebe die Stimme laut zum Lobe Italiens, dessen Wonnereiz von Griechenland nimmermehr übertroffen werde. Ein Sinn für Landschaft, ein Natursinn war in ihnen 372 lebendig, der im Grunde nichts anderes als Kunstsinn ist. Denn der Eindruck einer Landschaft wird nur dann aufgefaßt, wenn er sich im Auge zum Bild gestaltet, und solches bildmäßiges Schauen hat nur der Kunstsinnige oder Kunstfähige. Daher pflegt der Natursinn gleichzeitig mit dem Kunstsinn zu wachsen. Natürlich entzückte aber den Großstädter damals zugleich der Stimmungskontrast, der Kontrast der Waldesstille, der Duft und der Reichtum der Vegetation. »Amön« ist das Wort, das der Römer erfand; es bezeichnet insonderheit nur das Naturschöne. Und das war alt. Der Römer ist ohne Landsitz und Landliebe nicht vorstellbar. Dabei hat er jedoch für die Wildheit der Hochgebirge, die Erhabenheit der Einöde keinen Sinn. Auch kennt er keinen Wechsel traumhafter Dämmerstimmungen, nicht das Ahnen, das Erschauern, nicht die Andacht im Ungewitter. Ihn erquickt immer nur die heitere, helle Ruhe, das Amön-liebliche. Zugleich aber will er viel sehen. Weitblick, Panorama, Prospekt! Wer daher eine Landschaft beschreibt, zählt auf, was er sieht. So finden wir es auch beim jüngeren Plinius, in dessen hochgelegenen Villen die Fenster mit Aussicht bisweilen so groß wie Türen waren; und die vielen Landschaftsgemälde Pompejis stimmen auffällig dazu, da sie fast alle aus der Vogelperspektive gemalt sind. Eine Schilderung aus der Vogelperspektive gibt auch Lucian im Charon 6. Zugleich aber ist an diesen Gemälden noch ein anderes charakteristisch: daß sie die Natur nie einsam zeigen. Es stehen stets Häuser darin oder stets Staffage, und fehlt der Mensch, so ist eine Nymphe da. Der Römer liebt wie der Grieche nur die bewohnte Natur. Aber auch das kann als Ausfluß eines eigenartigen Kunstsinns gelten; denn so wie ein Kunstwerk – ein Harnisch, ein Wohnraum – nur dann als schön galt, wenn es zweckmäßig schien ( καλὸν πρός τι ) so war auch nur die Natur schön, die Zwecken dient. Landleben und otium war dasselbe für den Römer der Kaiserzeit. Otium aber bedeutet nicht Muße, sondern 373 geschäftige Muße. Das Nichtstun heißt nil agere , und das kann man in der Großstadt lernen. Plinius, Epist. 1, 9 fin. Trotzdem ist der Römer niemals ein leidenschaftlicher Jäger oder Fischer gewesen. Denn diese Tätigkeiten setzen jene vollständige Vereinsamung in der Natur voraus, die ihm widerstrebte, und es sind nur Paradoxa, wenn gewisse Kaiser und nach ihrem Beispiel auch Zenobia fischen und jagen gehen. Lächerlich wirkt es, wenn Plinius seine Schreibtafel auf die Jagd mitnimmt und Verse macht; aus Versehen fängt er dabei ein paar Eber im Netze. Villa des Marius am Kap Misen! Cicerovillen! Capri – Posilipp – Bajä – Tivoli – Gardasee: all diese Plätze sind von den Römern genußsüchtig entdeckt worden. An abschüssigen Hängen des Gebirges bauten sie ihre Villen, oder auch schroff direkt ins brandende Meer hinaus, so daß man steil abwärts aus dem Fenster die Angelschnur ins Wasser werfen konnte. Jeder Bau konstruktiv ein Sieg über die Natur, jeder Bau zugleich eine Jagd nach großartigen Perspektiven. Solche Villen waren ausgedehnte Gruppen von Sälen und Hallen, eine vollständige Welt für sich, die für eine Zeitlang Geist und Körper allein ernähren soll, etwa wie ein moderner Weltpostdampfer das heute auch versucht. Freilich kam es auch vor, daß auf solchem römischen Landgut nichts wuchs und daß, wer hinauszog, Körbe voll Eier und sonstigen Proviant sich aus der Hauptstadt mitnehmen mußte. Der trotzig eigensinnige Kunstgeschmack des Römers zeigt sich in diesem und in allem. Man nehme auch ihre Gärten. Die berühmten Gärten des Mäcen, des Sallust, Pompejus, Cäsar und anderer waren ausgedehnte Gefilde, und sie lagen auf den Höhen um Rom, die Riesenstadt eng umgürtend, die sie zu ihren Füßen sahen, über dem Monte Pincio oder gleich am Janiculus, Gärten, die uns an die Villa Borghese und Villa Pamfili, die man heute mit Wonne besucht, gemahnen. Die Römer spielen eine der ersten Rollen in der Geschichte der Gartenkunst, aber nicht im romantischen Sinn. Denn es werden wohl auch einmal Walddickichte, ein 374 ganzer Kaukasus, der künstlich hergestellt wurde, erwähnt; Properz 1, 14, 6. sonst aber erinnerte nichts an den englischen Park; denn Italien selbst glich ja schon solchem Park mit seinen dunklen Wäldern und weiten Weideflächen und hochpittoresk aufgebautem Gelände. In den Gärten selbst herrscht deshalb, dazu im Gegensatz, die gerade Linie; der Buchs wird in tausend eckigen Formen geschoren, die Platanen in steife Ordnung gestellt, während mächtiger Epheu von Wipfel zu Wipfel hängt; alles aber übersät mit rieselnden Wasserkünsten und altkostbaren Bronzen und Marmorwerken, die zwischen Lorbeer und Zypressen schimmern. Gestutzte Natur! stilisierte Natur! Barockstil! In solchen Gärten pflag Messalina der Liebe, in solchen Gärten wurden die sommerlichen Trinkgelage gehalten, die Horaz besingt. Das ist römische Kunst. * Und nun die eigentliche Kunst. Die Kunst eines Volkes ist der sicherste Gradmesser seiner inneren Verfeinerung. Wir fragen: wie weit war der Römer an ihr beteiligt? und antworten: er war nicht nur ihr mächtiger Auftraggeber, er ist zum Teil auch selbst in großartigem Stil Produzent gewesen. Aber seine praktische Veranlagung war dabei entscheidend, und er hat sich nur an Literatur und Architektur beteiligt. Die Literatur schien ihm fürs praktische Leben verwendbarer als die Musik; denn sie war die Trägerin der römischen Sprache. Daher dichtete der Römer und musizierte nicht. Ebenso war es die Architektur, die das städtische Leben gestaltete, viel mehr als die nur dekorativen Künste; darum hat es viele Architekten römischer Herkunft, aber keinen einzigen Bildhauer und nur wenige Maler gegeben. Dazu kam allerdings der fanatische Reinlichkeitstrieb. Der Römer schrieb nicht gern mit Tinte und Feder, sondern nur mit dem sauberen Metallstift auf Wachs. Ebenso beschmutzte er sich die Hände nicht gern mit Farbenklecksen und Tonkneten. Dagegen war 375 es schon im 2. Jahrhundert v. Chr. ein Römer Cossutius, der im Auftrag des syrischen Königs Antiochos Epiphanes den Bau des Zeustempels in Athen leitete. Der Römer trat unter die Griechen wie ein Riese unter Zwerge. Er brauchte Häuser nach seinem Maß. Wir reden von Raumbau, dem bedeckten und unbedeckten. Die unbedeckten Raumbauten waren Rennbahn, Theater, Amphitheater. Erdwälle genügten nicht; es galt die Sitzreihen für das Riesenpublikum monumental in Quadern aufzumauern. Das geschah bis zu drei oder vier Stockwerken – wie im Marcellustheater und Kolosseum –, welche Stockwerke, nach außen architektonisch feingegliedert, die Muster geworden sind für die profane Außenarchitektur und den durchbrochenen Fassadenbau der neueren Zeiten. Zugleich wurden eine Anzahl numerierter Eingänge, wurden Gänge und Treppenwerk in wundervoller mathematischer Simplizität und Übersichtlichkeit hergestellt, die das Finden der Plätze, auf die die Eintrittsmarken lauteten, erleichterte. Alles das ist nicht ohne hellenistisches Vorbild zustande gekommen. Anders die gedeckten Basiliken und Thermen, und diese Baukonstruktionen waren weit großartiger und folgenreicher. Es sind die Triumphe der römischen Baukunst. Die Flachdecke, mit der man gelegentlich sogar ein offenes Theater zu decken versucht hat, wich der Wölbung, die sich selber trug. Schon die Griechen kannten das Prinzip des Wölbens, aber ihr Kleinleben bot keinen dringenden Anlaß, es auszubeuten und seine Tragweite zu bemerken: »Tragweite« im eigentlichsten Sinne des Wortes. Hoch auf die Wände gestellte Tonnengewölbe, Kreuzgewölbe und Kuppeln! Ihre Spannungen wurden in Rom kühner und kühner. Mit Backsteinringen, oft auch nur mit hohlen Töpfen wurden die gewaltigen Wölbungen übermauert. Die hängende Kuppel über dem Steinzylinder des Pantheon erreicht einen Durchmesser von 43 m, und sie ist weit genug, daß die fünf Schiffe des Kölner Doms unter ihr Platz finden könnten. Das ist es, 376 worauf der ganze Gewölbebau des Mittelalters und der Neuzeit fußt, und erst unsere Gegenwart sieht sich durch Glas und Eisen in den Stand gesetzt, Rom wirklich zu schlagen, in Brückenbau, Wolkenkratzern, Bahnhofshallen und Kristallpalästen, siegreich elastisch und doch oft so unschön, wenn wir nichts gewahren als splitternackte Stahlgerippe. Mit der großartigen Monumentalität und betäubenden Wucht der Römerbauten ließen sich höchstens die Bauwerke Ägyptens vergleichen. Eine herrische Bezwingung der Massen, hier und dort; und dennoch, welcher Unterschied! Welche Ungeheuer, jene Pyramiden, deren Zeltform gar keinen Zweck ausdrückt! Wie hilflos unfrei jene Wälder schwerleibiger, enggestellter Tempelsäulen in Karnak und Theben, die kaum ausreichen, die lastenden Steinplafonds zu tragen! Vor allem ist die ägyptische Kunst nur sterile Königskunst. Sie diente nicht dem Verkehr. Sie versetzte Berge, nur um den König und Bauherrn als Gottesdiener oder als Gott zu verherrlichen. Wie anders Rom! Roms Bauwunder sind für das Volksgetriebe ersonnen, sie dienten der Menschheit. Nur Nero machte eine Ausnahme; er hat in Rom den Pharao gespielt; denn mitten in die niedergebrannte Stadt stellte er sein »goldenes Haus«, das etwa von da, wo man heute die »Meta Sudans« sieht, ausging und den ganzen Esquilin überdeckte und Weingärten und Tierparks, ja Säulenhallen von einer Meile Länge in sich barg, während vor dem Palast Nero selbst im Kolossalbild ragte. Aber gleich nach Neros Tod zerstörte Kaiser Vespasian das Ganze und setzte einen Volksbau an die Stelle, und die märchenhaft in Gold und echten Perlen schimmernden Prunksäle verschwanden wie ein flüchtiger Traum: der Traum sultanischen Größenwahns. Übrigens könnte man mit diesem Monstrebau den Palast des gealterten Kaisers Diokletian vergleichen, in dessen ausgedehnten Ruinen heute die Stadt Spalato steht; aber dies Wunderwerk stand geharnischt wie eine Festung im dalmatischen 377 Lande und wirkt in seinen Ruinen noch heute monumental als würdigste Darstellung der Majestät und Willensstärke jenes allmächtigen Cäsarentums, das sich mit Rom als Hauptstadt nicht mehr begnügte. Technisches können wir hier nur streifen. Das römische Theater weicht im Grundplan vom griechischen ab; trotzdem aber erreichte auch der Römer wie der Grieche in diesen Räumen eine Sicherheit der Akustik, um die wir ihn nicht genug beneiden können. Man hörte jeden Hauch, jedes spöttische Geflüster des Mimen im fernsten Winkel. Nicht minder erstaunlich sodann im Privathaus der Luxus drehbarer Zimmerdecken: während der Mahlzeiten schob sich der rollbare Plafond, und bei jedem neuen Eßgericht sah man über sich ein neues Gemälde erscheinen. In Neros goldenem Haus befand sich nun gar ein Saal mit Kuppeln, der sich beständig um seine Achse drehte; und dem entsprechen, ins Riesenhafte ausgedehnt, die zwei hölzernen Theater des Curio, deren Zuschauerräume der Konstrukteur mit den Rücken gegeneinander stellte. Diese Zuschauerräume standen aber drehbar auf Zapfen, und wenn man sie gleichzeitig drehte und einander zukehrte, so stellte sich aus den zwei Theatern ein Amphitheater her. Es fehlt an hinreichendem Grund, diese Nachricht zu bezweifeln. Noch bedeutsamer aber für das Volksleben und nicht minder originell und großartig waren die römischen Katakomben des zweiten und dritten Jahrhunderts: eine Gräberstadt unter der Stadt, ganze Straßennetze von Galerien, in Stockwerken untereinander; in den Wänden Fächer für Leichen; dazwischen Grabkammern, wohnlich ausgemalt wie die Häuser Pompejis. Vorher hatte man in Rom überirdische Begräbnishallen mit Wandnischen für die Aschenkrüge gebaut, die sogenannten Kolumbarien. Diese Idee hat die Christenheit, besonders die Christenheit Roms, die größte Begräbnisgenossenschaft des Altertums, in den Katakomben nach ihrem Bedürfnis umgewandelt. * 378 Aber derselbe Römer, sagt man, der so baute, war doch zugleich ein Kunstbarbar. Das ist gewiß nicht richtig. Ich polemisiere hier gegen meine eigene Schrift: »Laienurteil über bildende Kunst bei den Alten«, S. 19. War es doch das römische Volk, das wegen des Schabers des Lysipp gegen Kaiser Tiberius sich erhob (oben Seite 326 ); und der erste, von dem wir hören, daß er durch den Zeus des Phidias innerlich ergriffen war, war ein Römer, Ämilius Paullus. Schmählich haben allerdings die römischen Soldaten, ja auch die Feldherrn, in Alt-Hellas, in Makedonien, Asien den brutalsten Kunstraub betrieben; aber sie wußten doch sehr bald die besten Sachen herauszufinden. Schon Verres, der Plünderer Siziliens, verriet einen ganz echten Kunstinstinkt. Luculls Kunstsammlungen, Luculls Förderung griechischer Künstler zeugt für dasselbe. So wie für die großen griechischen Dichter, so reifte in Rom auch für die griechischen Künstler das volle Verständnis erst allmählich. Aber welch barbarische Anhäufung von erlesenen Meisterwerken auf allen Märkten und Promenaden! Es kam mit Rom dahin, daß es so viel Statuen wie Einwohner hatte. Was ist das heutige Rom dagegen oder gar Berlin mit seiner Siegesallee? Welche sinnlose Vergeudung, wenn Markus Scaurus im Jahre 58 vor Christo in dem Theater, das er für 80 000 Zuschauer aus Holz aufbauen ließ, den hohen Bühnenhintergrund mit Glasmosaik und Goldplatten überdeckte, übrigens aber zum Aufputz 360 Marmorsäulen, unzählige Gemälde, 3000 Erzstatuen und noch anderes mehr verwandte, um schon nach wenigen Festtagen das Ganze wieder abzureißen? Aber ich glaube doch, die Sache wirkte gewiß nicht übel; für einen festlichen Raum ist das Prangendste und Reichste gerade gut genug; und die Überfüllung mit Statuen lernte Rom ja doch von Delos, Rhodos, Athen. Das war gut griechisch. Sehr verständig bemerkt jedoch der ältere Plinius, daß diese Vielheit auf die Dauer abstumpfe und daß niemand in der Hauptstadt mehr Zeit finde, das Einzelne wirklich zu würdigen. Dieser Plinius wußte also ganz gut, daß der echte Kunstgenuß ruhige Versenkung braucht, und er urteilte aus 379 Erfahrung. Denn der wirkliche Liebhaber gestaltete sich in Rom den Kunstgenuß allerdings intim und sammelte Malereien und Skulpturen beschaulich abgesondert in Villen und Gärten. Denn auch Gemäldegalerien oder Pinakotheken waren dem Römer etwas Geläufiges, aber nur im Privatbesitz. Sie lagen in den Palästen nach Norden. Dabei lernen wir noch Folgendes. Der Römer ordnete die Werke gern räumlich in strenger Symmetrie, aber er hielt darauf, daß jedes isoliert stand, und zwar möglichst in Vorderansicht. Vgl. Anthol. Palat. XII, 223. Jedes sollte nur ganz für sich wirken. Absurd wären für ihn unsere Museen, wo man die Statuen wie Rekruten in Reih und Glied stellt: ein Rekrut beeinträchtigt da den anderen, und die Reihe verschlingt den einzelnen. So dürfen aber auch Gemälde nicht in Reihen hängen, es sei denn daß sie Friese bilden. Das ist antike Auffassung. Wenn wir, seit Kaiser Trajan, die Triumphbögen der Römer mit Reliefbildern überladen sehen, so ist das eben Barbarei der späteren Zeiten. Aber wie oft haben Römer Originale zu besitzen geglaubt, und sind mit Kopien betrogen worden! Gewiß, und das geschah den Protzen ganz recht. Wie viele Kopien nach Böcklin sind nicht seinerzeit als echte Böcklins bei uns verhandelt worden! Wie täuschend waren die aberhundert Fälschungen nach Leibl, Uhde u. a., mit denen uns im Jahre 1908 München überraschte! Und wie viele unechte Tizians, Rubens usw. sind nicht für die fürstlichen Galerien des 17. und 18. Jahrhunderts urteilslos zusammengehandelt worden! Was beweist das? Kunstgeschichtliche Bildung wird eben, solange eine hinlängliche orientierende Literatur dem Publikum noch fehlt, sehr schwer erworben, aber sie ist zum Glück ebensowenig für den Geschmack unentbehrlich, wie für die Produktion selbst. Übrigens dachten die Römer oftmals da, wo sie sich berühmen, einen Myron und Skopas zu besitzen, ohne Zweifel selbst nur an Kopien nach solchen Meistern (zum Beispiel Horaz, Carm. 4, 8). Denn sie waren nicht so dumm, nicht 380 einzusehen, daß nicht jeder jedem zum Geburtstag einen echten Skopas schenken konnte. Und die Kopien selbst, die man damals fertigte, zeigten immer noch einen hohen Grad von Meisterschaft. Es sind ja eben dieselben Exemplare, die auch noch Winckelmann zur Bewunderung hinrissen: der Apoll von Belvedere, nicht in Rom, nein, bei Grottaferrata gefunden, die Niobiden in Florenz, der Zeus von Otricoli usw. In Otricoli, diesem Nest, befand sich also dieser Kopf, der heute vollständig unsere Phantasie beherrscht; der Apoll von Belvedere schmückte irgendeines der vielen Landhäuser. Die Römer waren klug, wenn sie auch schon damals an solchen Repliken ihre Kunstfreude übten, wie wir es tun; aber sie wußten dabei sehr wohl, daß die Vollkommenheit des Originals beim Kopieren oft nicht erreicht wird. Plinius, Epist. V, 15. Schlimm dagegen das Prahlen mit altem Silbergeschirr, von dem wir so oft hören, das Prahlen mit ziselierten Originalbechern ( archetypi ) des alten Mentor! Es genügte also nicht, daß die Exemplare schön waren, sie mußten auch nach Mentor, dem Benvenuto des Altertums, heißen. Darin lag aber wiederum nicht etwa ein Mangel an Schönheitssinn, sondern nur ein Mangel an historischer Erziehung, die ja bei uns in Wirklichkeit erst seit dem 19. Jahrhundert weitere Volkskreise durchdringt. Dennoch weiß ich von einer Barbarei, die nicht ihresgleichen hat. Am 27. November 1900 wurde vor der nördlichen Stadtmauer Pompejis eine Jünglingsgestalt in Bronze ausgegraben, im Stil des Idolino, wundervoll erhalten, ein Original etwa des Jahres 400 vor Chr. Sogliano, der den Fund veröffentlichte, schrieb begeistert: »O du schönstes Produkt der griechischen Plastik, gehe jetzt und tritt nach einer Nacht von 18 Jahrhunderten wieder ein in die große Welt der Kunst und erwarte in Ruhe das Urteil der Gegenwart und Zukunft. Solange es Augen gibt zu sehen, wird deine Schönheit immer hochgehalten werden.« Fremdartig fesselnd, mit großen Antilopenaugen starrt dieser griechische Jüngling 381 in unsere Welt, ein Musterbild seiner Rasse. Was aber machte dereinst der pompejanische Besitzer daraus? Einen Lampenhalter. Dazu übersilberte er die ganze Figur, damit sie das Licht reflektierte; die großen Augen aber aus weißem Marmor mit Pupillen von schwarzer Glaspasta stieß er ein, so daß sie im Bauch der hohlen Figur gefunden worden sind, und setzte dafür andere Augen ein, die schielten. Vgl. Monumenti ant. della Acad. dei Lincei X (1901) Tfl. 16 u. f. Das war allerdings eine brutale Schändung, und gewiß mag derartiges in der alten Welt hundertmal vorgekommen sein. Aber was beweist es für den Durchschnitt? Ganz Pompeji zeugt ja schon laut dagegen. Denn man gehe nur in dieser kleinen Kreisstadt von Haus zu Haus: wie ist da alles durchdrungen von Anteilnahme an der Kunst! Kein Haus, wo sie fehlte. Welche Fülle, welche Treffsicherheit des Netten, Artigen und Schönen, und wie selten ist da der Ungeschmack! Geht man danach durch moderne italienische Stuben oder hält deutsche Städte wie Kreiensen oder Cottbus gegen Pompeji: man glaubt im Volk der Scythen zu sein. Pompejis Vorzüge sind nun aber das Verdienst seiner Hausbesitzer, und diese Hausbesitzer waren nicht etwa Griechen, sondern Römer. Dem Bauherrn selbst gereicht ohne Zweifel sein Haus zum Ruhm, sowie wir, wenn jemand sich geschmackvoll kleidet, doch nicht nur seinen Schneider loben. Darum rühmen wir den Kunstgeschmack des hellenisierten Römers, der nicht nur mit genialem Raumsinn den Platz für seine Villen selbst bestimmte, sondern auch die Bilder selbst wählte, die Piècen selbst aufstellte in Haus und Garten. Sagt uns doch Cicero ausdrücklich: wie Gott Schöpfer der Natur, so ist der Hausherr Schöpfer der Schönheit seines Hauses! Cicero, de deorum nat. II, 17. Derselbe Cicero bestellt sich aus Griechenland Reliefs für sein Atrium; ganz bestimmte Wandplätze hat er dafür im Auge, und die Reliefs müssen an die Plätze passen. Statuen werden ihm angeboten, aber die lehnt er ab, weil sie ihm für den betreffenden Raum ungeeignet scheinen. Wer einen Kunstmaler in seiner Sklavenschaft besaß und ihn freiließ, bedang sich aus, daß er 382 gegen Vergütung auch fernerhin für sein Haus arbeite. Ohne persönlichste Anteilnahme ist alles das nicht denkbar. Daher sagt Lactanz (im Anschluß an Seneca) mit Recht, daß der Römer mit Statuen spiele wie die Kinder mit Puppen. Mit Recht; denn aller Kunstbetrieb gleicht dem Spiel; wer aber mit der Puppe spielt, der liebt sie auch, der hegt sie mit Innigkeit wie ein lebendes Wesen. Aus der Spätzeit Roms hören wir endlich, wie auch der Staat selbst die Kunstmaler begünstigt hat: ihnen wurden Werkstätten ohne Mietzins eingeräumt, und zwar in allen Städten. * Für das Altertum dieser Zeitperiode wäre das Schlagwort unserer Modernen » l'art pour l'art « eine Halbheit. Vielmehr ist der Zweck des Kunstschaffens ein doppelter: Befriedigung des Künstlers selbst und der Beifall der Menge. Seneca, de benef. II, 33. Tatsächlich aber beabsichtigt die ganze antike Kunst nichts, als für und auf den Laien zu wirken. Und der Laie schaute und bewunderte, aber der Laie urteilte nicht. Wir haben dies schon früher bemerkt. So hielt es die ganze ältere griechische Literatur bis auf Aristoteles, die nirgends einzelne Kunstwerke bespricht und würdigt, ebenso hält es aber auch die römische. Denn der stumme Genuß ist oft der tiefste, und Zurückhaltung im Urteil ist eine Klugheit, die wir heute nur zu oft vergessen. Wenn aber die Römer zur Plastik einmal das Wort nehmen, so führen sie das mit den bescheidensten Wendungen ein, wie Plinius in dem schönen Brief III, 6, und zwar bewußt und in der verständigen Voraussetzung, daß für Kunstdinge nur der Ausübende maßgebend und urteilsfähig ist. Nach Plinius gibt es auf diesen Gebieten tatsächlich nur Zweierlei: Künstler ( artifices ) und Nichtsachverständige ( imperiti ), kein Drittes. Anders dachte freilich Aristoteles, der eine Erziehung des Laien zum Kunstgenuß und Kunsturteil anstrebte. Daher wird jedes Kunstgeschwätz grundsätzlich vermieden. Nur aus echtem Kunstgefühl erklären sich aber auch die 383 Vorzüge der römischen Architektur. Jede Kolossalität läuft sonst Gefahr, klotzig, erdrückend, barbarisch wie die ägyptische zu werden. Der Römer aber hat, griechischen Geistes voll, die Massen überall durch die Proportion bezwungen und erreicht, daß auch noch das Übergroße harmonisch wirkt: gewiß eine Leistung außerordentlichen Kunstvermögens. Und dabei hat er die herkömmlichen Schmuckformen nicht etwa beibehalten und nur vergrößert, sondern mit kühner Phantasie sie weitergebildet. Es gab auch Dichter in Stein in Rom. Je mehr der Stuckbewurf und die Bemalung der Schmuckformen zurücktrat und bei den Bauten der kostbare Stein als Stein wirkte, desto reicher wurden die Schmuckformen selbst: Kolonnaden mit Rundbogen; üppige Kompositkapitelle; vortretende Schmucksäulen, die nichts tragen; Gebälk und Friese, die vor- und zurückspringen; Verkröpfungen; Nischenbildungen; Zerlegung der Wandflächen in reich umrahmte Felder. Das gab Ausdruck, belebtes Schattenspiel. Dazu der farbige Marmor, Porphyr, Syenit, Giallo antico : welch feierliche Pracht. Glanz und Würde! Bis Hadrian geht diese stolze römische Kunst im großen Zug aufwärts. Aber wenn man auch noch das Späteste nimmt und in das Innere von St. Vitale in Ravenna eintritt: ist denn dies entzückende Wunderwerk von Innenarchitektur nicht auch noch ein Geschenk des am Griechentum genährten römischen Kunstgenies? Wie aber steht es mit der Malerei und Plastik? Männer von Verdienst mit Porträtstatuen zu ehren, das war längst griechische Sitte gewesen. Der Römer setzte das fort, aber er vertausendfachte den Betrieb; zugleich stellte er der griechischen Porträtkunst die lohnendsten neuen Typen, und sie bereicherte und steigerte sich immer noch erstaunlich. Dabei sind es die Auftraggeber selbst, die den Künstler beaufsichtigen und über der Ähnlichkeit wachen. Denn es ist schwer ein Gesicht zu treffen, noch schwerer aber, von solchem Porträt Kopie zu nehmen; man soll dabei das Idealisieren ( in melius aberrare ) vermeiden. Plinius, Epist. III, 6 und IV, 28. Kaiser Wilhelm, Moltke, Bismarck 384 standen bei uns, solange wir uns noch unsres deutschen Reiches freuten, in Gips in allen Schänken. Das ist aber nichts gegen die Hochflut von Kaiserbildern jener antiken Zeiten, und dabei fertigte man alles nur in Marmor und Erz. Nur in den Schulstuben standen Horaz und Vergil in Gips und wurden von den qualmenden Öllampen kläglich verräuchert. Wollte eine Kleinstadt einen Mitbürger ehren, so ließ sie gegebenenfalls gleich fünf Statuen von ihm aufstellen, alle an verschiedenen Plätzen, und das war ja allerdings das beste Verfahren: man konnte an dem Mann nicht vorbeisehen. Speziell römisch aber ist dabei erstlich die Liebe zur Kolossalstatue, zu der die großen Raumbauten Anlaß gaben, sodann aber die Erfindung der versetzbaren Büste; und diese Erfindung war äußerst praktisch, zum Beispiel gleich im Dienst des Kaisertums. Denn kam einer der oft so kurzlebigen Kaiser neu zur Regierung, so konnten von ihm rasch Büstenbilder zu Hunderten, noch ehe er ermordet war, in alle Provinzen gehen; und die Welt wußte doch wenigstens, wie er ausgesehen hatte. In der Malerei herrschte der sogenannte schöne Stil der Griechen. Auch die entzückende Phantastik der Satyrn und Mänaden, Amoretten und Centauren sah der Römer an seinen Wänden gern; ebenso die elegant gemalten griechischen Legenden von Io, Phädra, Ariadne, Adonis oder Endymion. Ja, seit dem zweiten Jahrhundert begann er mit solchen elegischen Szenen sogar seine Marmorsärge im Relief zu schmücken. Besonders aber hat der Römer die Kunst des Mosaiks gefördert, welches Mosaik anfangs die Fußböden bedeckte, dann gleichsam die Wände emporklomm und schließlich großfigurig und strahlend in Gold und farbigem Glas die Plafonds und hohen Apsiden krönte. Für übergroße Räume erschien nur dies Mosaik monumental genug. Anders dagegen in kleineren Räumen; für ihren Wandschmuck wurde jener bezaubernd duftige Dekorationsstil geschaffen, der in virtuoser Weise fast körperlos die Körper nur andeutet, nur Lichter aufsetzt, nur 385 Ausblicke vortäuscht und den Raum ausweitet und lichtet, statt ihn durch konkrete Gegenständlichkeit von Bildern zu verengen. Es ist wohl kein Zufall, daß diese raffinierte Dekorationsart, die Pompeji uns zeigt, jung und erst in der römischen Kaiserzeit entstanden ist: nur ein an weite Räume gewöhntes Geschlecht von entwickeltstem Raumsinn hat sie erfinden können. Aber auch der grobnaive Wirklichkeitssinn des echten alten Römertums suchte und fand in der Kunst seinen Weg. Gewisse schlagend realistische Statuen nach Volkstypen, alten Bauern und Fischern, die wir besitzen, sind ohne Zweifel Erzeugnisse des römischen Kunstgeschmacks. In derselben Richtung geht die Moselkunst des zweiten und dritten Jahrhunderts, die wir im Trierer Museum bewundern; und es ist ganz ihres Geistes, wenn in Rom schon der Bäckermeister Vergilius Eurysakes großspurig seinen ganzen Geschäftsbetrieb bildlich in Stein aushauen ließ, den Backofen, das Maultier, das die Mühle dreht, das Sieben des Mehles, oder wenn wir in Pompeji Schulszenen gemalt sehen, wo u. a. ein freches Bübchen hübsch übergelegt und mit der Rute gestrichen wird. Drastischer war es freilich und echt südländisch, wenn bei den Gerichtsverhandlungen den Richtern vom Kläger die Schandtat des Verklagten sichtbar in Bildplakaten vorgeführt wurde, gewiß möglichst abschreckend gemalt, ein wahres ad oculos -Demonstrieren! Zum Beispiel ein Spieler steht unter Anklage; man sieht gemalt, wie er würfelt, dann wie er alles verspielt, bis aufs Hemd entblößt ist, ins Gefängnis kommt usw. Das war Bilderbogenstil, Jahrmarktstil. So liebte der Römer aber auch sonst das Bilderbuch nach Art der uns erhaltenen Josuarolle, d. h. ganze Kriegshistorien, nur in Bildern vorgeführt, die eng aneinander hingen und als Papierrolle sich zusammenrollen ließen. Ganz so hatten es schon die alten Ägypter gemacht. Die Ausführung realistisch, ohne viel Perspektive: die Eroberung Sardiniens oder die Einnahme von Karthago, mit Gefechten, mit Sturmlauf, 386 Szene an Szene. Der beteiligte Feldherr kam mit solchen Bildern, die er zu seinem Ruhm anfertigen ließ, persönlich aufs Forum gegangen und erklärte sie dem Volk: in der Tat das wirksamste Kriegsbulletin! Als Kaiser Titus Jerusalem erobert hatte, wurden die Sachen sogar auf hohem Gestell durch die Straßen gefahren, und da sah man Palästina verwüstet, die Juden, wie sie kämpfen, fliehen, fallen und gefangen werden; Tempelbrand, Einstürzen der Häuser usw. Alles das war auf vergänglichem Material ausgeführt und ist rasch dem Untergang verfallen. Besäßen wir es noch, wie viel könnte der Kulturhistoriker daraus lernen! Aber wir haben einen Ersatz. Ich meine eins der stolzesten Denkmäler Roms, das wichtigste Monument römisch-nationaler Kunst, die Trajanssäule. Denn sie ist mit solchem rollbaren Bilderbuch ansteigend umwickelt, das die Kriege Trajans sorgfältig mit allen Einzelheiten erzählt. Das Bilderbuch ist hier versteinert; es ist an der Säule im Marmorrelief nachgeahmt, aber dies Relief war zugleich bunt angemalt und wirkte als Malerei weithin strahlend. Weil aber die Trajanssäule der Mittelpunkt des Trajanischen Bibliotheksbaues war, so mußte an ihr das Buch um so sinnvoller erscheinen. So sehr wir dies Werk Trajans bewundern – und Mark Aurel ahmte es nach –, so gröblich ist dagegen, wie ich schon andeutete, die Geschmacksverirrung, wenn gewisse römische Triumphbögen, anders als der edle Titusbogen, mit eben solchen aktuell historischen Schildereien überladen sind. Sie wirken marktschreierisch wie eine Litfaßsäule. Die Vornehmheit war verloren gegangen und jedes Stilgefühl. Man spürt an ihnen das Nahen barbarischer Zeiten. * Das aufkommende Christentum hat jede Kunstschöpfung zunächst abgelehnt; es verfolgte die Künstler mit Haß und Grauen, und als Kunstform galt ihm eigentlich nur das Kreuz. 387 Hören wir indes, wie ein Kirchenschriftsteller für das Kreuz Jesu bei den Heiden wirbt; die Stelle ist lehrreich. Das Kreuz, sagt Tertullian, ist euch heidnischen Bildhauern selbst nicht fremd, ja, es ist euch unentbehrlich; denn für die Tonmodelle eurer heidnischen Bildwerke verwendet ihr jedesmal ein Kreuz als Gerippe, nämlich einen Balken, der im Bildwerk aufrecht steht, und einen zweiten in der Richtung von Schulter zu Schulter. Dies Holzkreuz wird nun mit feuchter Töpfererde umkleidet, und so wie Gott in der Bibel den Menschen aus einem Erdenkloß macht, ganz so tut es auch der Plastiker (wir bemerken, daß die Bibelstelle selbst nicht ohne Kenntnis der Bildnerkunst geschrieben ist). Ist die Figur in Ton fertig geknetet, so dient sie selbst als Modell oder »Proplasma« und kann in Gips abgegossen werden, oder es werden auch danach gleich Abbilder in Marmor und Erz hergestellt, worauf das Tonmodell im Atelier verbleibt, die Abbilder aber in den Handel kommen. Wer nun also ein heidnisches Götterbild verehrt, so argumentiert Tertullian, der verehrt auch schon das Kreuz, das im Modell steckt. Also bekehrt euch zu unserm Glauben! Bald genug hat sich das Christentum vielmehr selbst zur Kunst bekehrt, wobei es sich nicht nur der heidnischen Technik, sondern oft auch heidnischer Motive bediente. Schon im 4. Jahrhundert sah man in den Vorräumen der Kirchen die Martyrien der Heiligen gemalt, also Kirchenkunst. Allein das Christentum kam zu spät; alles Schönste, was die Kunst besaß, hatte sie vorher an die anderen Religionen verausgabt. Und diese Verweltlichung der Kirche, die frommen Schildereien Raum gab, war dabei zugleich eine Entweltlichung des Kunstgefühls, welches Kunstgefühl immer doch offnen Weltsinns und voller, gesunder Sinnesfreude bedarf. Kein gewaltiger Christustyp, wie die Menschheit ihn brauchte, ist damals geschaffen worden, und weltgeschichtlich Denkwürdiges kam nicht zustande. 388   11. Die Sittlichkeit Die wichtigste Gabe der Kultur ist die Gesittung. Die Gesittung ist geläuterte Sitte; sie ist Sittlichkeit. Horaz nennt diese sittliche Veredelung kurzweg cultura . Episteln I, 1, 40. Entweder ein Volk läutert selbst seine Sitte, oder auch ein Nachbarvolk wird ihm darin zum Lehrmeister. Dabei ist die Familiensitte von der internationalen zu unterscheiden. Zuerst setzt sich ein Kanon sozialer Pflichten durch; dann erwacht die Humanität, die mehr will als kahle Pflichterfüllung. Diese Sitte aber ist eine Macht, die über den Individuen steht, die alsbald an die Gottheit als ihren Urheber geheftet wird und die, indem sie den Willen des Einzelnen packt, das Volksleben gestaltet und umgestaltet. Doch immer nur unvollkommen. Denn der Künstler vermag, was seine Phantasie schaut, auch vollkommen darzustellen: die Volksseele schaut zwar das Gute, aber sie bleibt ewig ein Stümper, so oft es an die Ausführung geht. Zur altrömischen Moral oder Sitte gehörte der Krieg, die Eroberung. Der Konflikt mit dem Grenznachbar gehörte zum Leben, und die Tugend des Mannes war damals nach zwei Seiten gerichtet, nach innen auf die Hütung der Familie, der er als Herr vorstand, nach außen auf das Gemeinwesen und seine Fehden mit dem Ausland. Wie sich die alte Raubtiernatur, die unersättliche Wolfsnatur des Römers auswuchs, durchsetzte und potenzierte und zu welchen Tugenden und Lastern großen Zuschnitts das führte, kann man in den Geschichtsbüchern lesen. Aber mit der endgültigen Unterjochung der Welt unter der Monarchie hörten auf einmal für die Mehrzahl alle politischen Zwecke auf, und für die Tugend begann eine ganz neue Zeit. Das Kaiserreich war der Friede: man hatte jetzt Raum für eine allgemein menschliche, ganz unkriegerische soziale Ethik, die von den Griechen einfloß. An der Art, wie ein Mensch seine Muße verwendet, heißt es jetzt, erkennt man, was er 389 wert ist. otio prodimur : Plin. Panegyr. 82. Es war in der Geschichte der Ethik das größte Ereignis. Stoische Lehre! Die Sextii begannen in Rom zu predigen nach Art der christlichen Apostel, und der Kaiser Augustus selbst hoffte sehr, nach der entsetzlichen Verwilderung der Bürgerkriege, auf eine rasche Regeneration. Aber das betraf im wesentlichen immer nur die Hauptstadt Rom selbst. Ja, der Kaiser hat selbst in unablässigem Eifer dafür gewirkt in seiner vierzigjährigen Regierung. Zwar verfiel er nicht auf den Gedanken Volkspredigten zu organisieren, sondern die Literatur sollte helfen, vor allem die griechische; er las sie persönlich durch, notierte jede erziehlich brauchbare Stelle, machte Auszüge und schickte sie an seine Beamten, die solcher Zurechtweisungen zu bedürfen schienen. Er stellte sich im Senat hin und las ganze Bücher moralischen Inhalts persönlich vor, und auch im Volk ließ er sie vertreiben: über Einschränkung des Luxus, über Familiensinn und anderes. Mehr noch: um der Ehescheu und dem Eingehen der alten Familien zu steuern, gab er seine berühmte Ehegesetzgebung; er wußte endlich die großen Dichter seiner Zeit in seinen Ideenkreis zu ziehen, und Vergil wurde der Dichter der Frömmigkeit, Horaz aber dichtete seine Staatsoden, in denen er mit starken energischen Worten Rom anruft: werde gesund, erwache zur alten Tugend. Wie schön und ergreifend! Aber das war nur für die wenigen! und eine Regeneration läßt sich nicht von oben machen. Dazu sind nicht Bücher gut, sondern das Beispiel. Die Zeit brauchte eine reine und lautere unweltliche Gestalt, einen vir sanctus , als Weckrufer, dessen Person in Einklang mit seiner Lehre steht und der gleichsam seine Seele nackt vorzeigen kann: seht her! ich bin unzerspalten und ganz ohne Makel! werdet wie ich. Augustus steckte mit seinen Wurzeln noch in der bluttriefenden Ära der Bürgerkriege, der Zeit des klotzigen, kraß erbarmungslos würgenden Egoismus aller gegen alle. Er selbst ein zwanzigjähriger Henker! Damals verstieß er seine edle 390 Frau Scribonia. Es war nicht einmal seine erste Frau; aber dies war seine erste Familiensünde. Scribonia wurde 90 Jahre alt, sie überlebte ihn, und ihre Nähe in Rom war wie eine stumme Anklage für ihn zeitlebens. Er gab sich danach alle Mühe, mit seiner Familie vor dem Volk tadellos dazustehen. Aber eine Donjuanartige Leichtlebigkeit lag in ihm. Es war Temperamentssache. Erst mit dem Alter verlor sich das, und er reifte wirklich allmählich zum Träger der Humanität, zum Muster bürgerlicher Quasi-Vollkommenheit, zum leutseligsten Friedensfürsten heran, auf alle Fälle eine erstaunliche Leistung der Selbstzucht. Sein hohes Amt selbst wirkte auf ihn erziehend, und das Verlangen, gut zu scheinen, ist immer dem Gutsein förderlich. Als der Greis, immer noch ein schöner Mann, auf dem Sterbebett lag und sich noch einmal hatte seine Haare ordnen lassen, war seine letzte liebenswürdige Frage, ob er sein kleines Stück auch gut gespielt? »Dann freut euch, wenn ich nun abtrete, und klatscht Beifall.« Die Worte des Augustus sind falsch erklärt worden; zum Verständnis muß Cicero, De senect. 64 u. ä. dienen. Es war also nur eine Rolle auf der Bühne, die er gespielt hatte: die Rolle, Kaiser zu sein und gut zu scheinen. Kein Lustspiel! es war eine Tragödie, nicht ohne tiefe eigene Verschuldung, und die entscheidenden Rollen hatten darin die Frauen inne. Augustus hatte von Scribonia eine einzige Tochter, Julia. Wenn der Trieb zum Vollsichausleben irgend einmal schrankenlos geherrscht hat, so war es damals. Julia war von höchster Intelligenz, von feinster literarischer Bildung, von bezaubernder Liebenswürdigkeit und von einer sanften Menschlichkeit im Verkehrston; aber das Tierischbrunsthafte in ihr schlug durch. Jene höchste Kultur ihrer gesellschaftlichen Erscheinung war doch nur wie ein wundervoll schillerndes Gewand, das lose saß: die animalische Natur bewegte sich unzüchtig darin. Je dringender eben jetzt die Weisheitslehre und Gotteslehre mit moralischen Vorschriften und gar mit Kontrolle und Aufsicht kam, je elementarer widerstrebten die Menschenexemplare großen Stils. In seiner Tochter Julia stand vor dem 391 Papstkaiser Augustus seine eigene sündige Vergangenheit, wundervoll rassig, aber verderbt und verderblich. Augustus hatte etwa 24jährig zum drittenmal geheiratet; er machte die schönste der Frauen, Livia, zur Herrscherin Roms. Aber Livia, kaum 20jährig, war damals schon vermählt, ja, sie war schon Mutter und trat zudem schwanger mit ihm in die Ehe. Ihr erster Gatte Claudius Nero nahm an der seltsamen Hochzeit teil und übergab selbst sein Weib dem neuen Gatten. Es war ein unerhörter Handel. Ein kleines vorlautes Kind, so erzählt man, war unter der Hochzeitsgesellschaft im Festsaal zugegen, wo Livia mit Octavian vereint auf dem Speiselager lag; Claudius Nero lagerte ihnen gegenüber, und das Kind rief laut: »Aber Livia, dort drüben ist doch dein Platz.« Das Wort aus Kindermund blieb unvergessen. Die Sache war ein Schlag ins Gesicht der Gesellschaft. Aber die Gesellschaft vertrug viel. Livia gab dem Augustus keine Kinder; aber sie hatte von ihrem ersten Gatten zwei Söhne, Tiberius und Drusus. Julia dagegen wurde mit Agrippa, dem ersten Mann nach dem Kaiser, vermählt und wurde Mutter von fünf Kindern. Nun standen sich beide Frauen, Stiefmutter und Kaisertochter, mit ihrem Nachwuchs am Hof des Kaisers gegenüber. Es ist rührend zu sehen, wie der Kaiser seine Enkel liebte und darum auch Julia, die sie ihm geboren, mit zärtlicher Nachsicht umgab. Er wollte es nicht wahrnehmen, wie sie bei den vielen Amtsreisen des Agrippa allein im Schwarm vornehmer Buhlen sich zeigte und die Dreistigkeit freien Umgangs steigerte. Agrippa starb im Jahre 12 v. Chr. Da wurde Julia, damals 27jährig, um die Gegensätze am Hofe auszugleichen, mit ihrem Stiefbruder Tiberius, dem Sohne Livias, vermählt. Bisher hatte sie diesen linkischen Menschen Tiber vergeblich in ihre Netze zu ziehen versucht; er halte sich spröde gezeigt. Jetzt, da er zwangsweise ihr Gatte, verachtete sie ihn mit dem ganzen Haß einer sieggewohnten Courtisane. Die Verachtung war gegenseitig. Tiber verließ 392 Rom und ging in freiwillige Verbannung. Julia behauptete strahlend das Feld, und im Mißbrauch ihrer fürstlichen Stellung wurde sie jetzt noch unbändiger. Sie entzückte, berückte alle. Ein geschlechtlicher Fanatismus kam über sie. Dies sind die leichtlebigen Zirkel, in denen das lockere Genie Ovids groß wurde. Aber plötzlich kam es zum ungeheuren Skandal. Es traf den Kaiser bis ins Mark. Livia, Tibers Mutter, stand als Anklägerin vor ihm. Es ließ sich nichts mehr vertuschen. In den Sommernächten machte Julia das Forum selbst, den großen Prunkbau der Rednerbühne, zum Schauplatz der Unzucht. Der Kaiser mußte jetzt alles an die Öffentlichkeit zerren, Richter sein über sein einziges Kind. Die ganze römische Gesellschaft war in den Prozeß verstrickt. Einer ihrer Kavaliere, Antonius, hatte gar dem Kaiser nach dem Leben getrachtet. Es war dies der Sohn jenes Mark Anton, mit dem Augustus einst um die Weltherrschaft gefochten. Der junge Mensch tötete sich selbst; auch Julias Kammerzofe Phoebe erhängte sich. »Wie viel lieber wäre ich Phoebes Vater!« ächzte Augustus, von Schande überwältigt; denn die Zofe fand den rechten Ausgang, seine Tochter fand ihn nicht. Julia wurde auf einen der schauerlich öden Inselfelsen im Golf von Gaëta zu einem Leben bei Wasser und Brot verbannt, und sie ist nie begnadigt worden. Und der Vater dieser Julia war es nun, der seinen Bürgern ein Ehegesetz gab. Der Prozentsatz der Geburten war in Rom erschreckend zurückgegangen, und wenn Eltern im »Tageblatt« die Geburt eines gesunden Kindes freudig anzeigten, so hatte das damals ein ganz anderes Schwergewicht als heute etwa in einer deutschen Kleinstadt. Schädlich waren die verfrühten Eheschließungen; man heiratete schon im Kindesalter, und die Fortpflanzung litt. Aber das Vollblut, das durch Inzucht verfeinerte Blut der Aristokratie trug den Ruin in sich: früh ausgelebte Menschen voll Übersättigung und Schwäche. Die Eheflucht war allgemein, mit ihr wuchs die Erbschleicherei. Das 393 Gesetz bestimmte nun, daß kein Eheloser fähig sei zu erben; wer vermählt, aber kinderlos, verliert die Hälfte des Erbteils an die Miterben. Für jedes Kind gab es dagegen Belohnung durch sofortige rasche Beförderung im Amt; wer drei Kinder hat, wird überdies von Vormundschaften und Richteramt befreit usw. Jahrhundertelang sind diese harten Bestimmungen durchgeführt worden, aber es hat das Aussterben der alten Familien wohl nur in wenigen Fällen verhindert und hingehalten. * »Der Friede vernichtet die Staaten!« ruft Catull. Otium perditi urbes ; vgl. auch Plutarch, De latenter vivendo c. 4: ἡσυχία σῶμα καὶ ψυχὴν μαραίνει . »Bisher war der Staat eine Armatur der gespannten Tätigkeit, jetzt wird er zum Polster der Trägheit«: siehe Joh. Bauer, Schleiermacher, S. 228. Glücklich der, der einen Feind hat, rufen andere; denn ohne ihn erschlafft die Tüchtigkeit. Seneca, provid. 2, 4 und 4, 6; Plut. Mor. I, S. 209 Bernad. Als Ursache der grenzenlosen Verdorbenheit der Sitten aber nennt uns Properz die bildende Kunst, die Malerei, die das Nackte vorführt. Man denkt dabei gleich an die Nacktlogen, die Schönheitsabende der Vereinigung für ideale Kunst in unseren Tagen. In bezug auf die Nacktheit in der Antike müssen wir zweierlei unterscheiden. Im Dienst der uralten primitiven Naturreligion galten gewisse Nacktheiten als heilig; man brachte den Geschlechtsteil, den Phallos, an Häusern und Geräten an, kränzte ihn, trug ihn als Amulett und glaubte, daß das Glück bringe und Übel abwehre. Im übrigen hatte der alte Römer einen keuschen Sinn; daß männliche Verwandte zusammen badeten, war ausgeschlossen, und gegen die griechischen Athleten, die ganz entblößt vor dem Volk kämpften, hat man stets einen vornehmen Widerwillen erhalten. Cicero Tusc. 4, 70; Plin. Epist. 4, 22 fin. Aber was man hier ablehnte, das ließ man in den Gemälden zu, die jetzt alle Privathäuser erfüllten. Man konnte sich gegen die blendende griechische Kunst nicht wehren, und in dieser war der übermütige Sieg des Nackten soeben virtuos vollzogen worden. Selbst Laokoon, selbst Iphigenie sah man jetzt so in Bildern. Der Dichter Ovid, wegen seiner Laszivitäten angeklagt, stellt sich daher frech hin und sagt: was ihr 394 Tadler an euren Stubenwänden duldet und täglich bewundert, warum soll ich das nicht in Verse bringen? Gewiß war die Gesellschaft selbst schuld an dieser Gier nach Nuditäten, die die Phantasie der Künstler ergriff. Pompeji selbst ist dessen Zeuge. Es war eine Krankheit der Zeit. An eine auch nur mäßigende Beaufsichtigung der Kunst, wie man sie heute bei uns versucht hat, war im freien Altertum nicht zu denken; sonst wäre sie gewiß im Sinn des Augustus gewesen. Die erwähnten Ehegesetze aber wirkten obendrein nach anderer Seite hin schädigend. Denn je strenger ein Gesetz, um so mehr lädt es dazu ein, umgangen zu werden, und der Betrug triumphiert, die Ehrlichkeit sinkt. Man simulierte Ehen, weil der Ehelose benachteiligt war. Man fingierte Adoptionen um gewisser Vorteile willen, usw. Die Gesundheit der Familienverhältnisse, auf der das Volkswohl beruht, wurde dadurch nicht gefördert. Als Zeit der ärgsten Verdorbenheit und Entartung der Sitten müssen wir die Jahre etwa von 30–68, die Zeit Caligulas, Messalinas und Neros betrachten. Auch unter Domitian (bis z. J. 96) war noch wenig gebessert. Das Rom Neros ist die große Babel der Johannes-Apokalypse. Alle entsetzlichsten Schilderungen betreffen jene Zeiten. Auch was Juvenal bringt, gilt (was wichtig) nur für sie. Und es gilt nur für Rom selbst. Es ist die Zeit, wo Seneca von den Frauen sagt: sie zählen die Jahre nach Gatten, nicht nach Konsuln. Das Gesagte betrifft auch die Steigerung im Perversen. Ich meine die sinnlichen Ausschweifungen der Männerfreundschaft, der Knaben- und Jünglingsliebe. Ob sie in Italien gegenwärtig nicht ebenso verbreitet ist wie damals, ist schwer zu sagen. Der Hauptunterschied ist vielleicht nur, daß die Knabenliebe damals auch in der Literatur ganz offen zu Worte kam; nicht nur bei den Griechen; nicht nur bei den Stoikern, die sie zu regulieren suchten. Dies war die τέχνη ἐρωτική des Zeno und des Kleanthes. Seneca aber lehnt dies als unrömisch ab, Epist. 123, 15 f. Auch die römische Liebespoesie hebt mit Gedichten auf Knaben an; auch der glühendste Frauendiener Catull hat solche Gedichte geliefert. Der größte 395 Dichter Roms, Vergil, wußte von Frauen nichts; er war, wie es scheint, nur Knaben zugeneigt. Die Frauenliebe, wird uns gesagt, ist stürmisch wie Meeresfahrt; wer sich dagegen mit solcher Freundschaft begnügt, fährt sicher auf dem Fluß zwischen engen Ufern. Vom Knaben ( concubinus ) nimmt Abschied, wer heiratet. Nichts scheußlicher aber als die Vergewaltigung des Wehrlosen; ich denke an die Pageninstitute des kaiserlichen Hofes und der sonstigen Magnaten. Seneca wirft einen Blick tiefsten Kummers auf diese schöngelockten Pagen, die nach dem Festgelage bereit stehen, um sich von den Gästen mißbrauchen zu lassen. Sie waren in durchsichtige Gaze gekleidet, um die Begierde zu locken. »Mögen sie alle über Nacht Glatzen bekommen und ihnen der Bart wachsen!« wünscht der Arme, der dem Reichen diese kostspielige Lust mißgönnt. Carinus war der Liebling des Kaisers Domitian; welche Erniedrigung der Dichtkunst, wenn Statius die Locken besingt, die diesem Knaben zum erstenmal geschnitten sind Der Akersekomes wird geliebt: Juvenal 8, 128 u. a. und die in einem köstlichen Gefäß dem Asklepios geweiht werden! Dann beging der Wahnsinn seine Orgien: Nero feiert im Jahre 67 Hochzeit mit dem Entmannten Sporus, den er seine Sabina nannte. Davon ein Nachhall der Ehekontrakt jenes Gracchus mit einem Hornisten, beim Juvenal: »man wird nächstens die Heiratsannonce auch in die Zeitung setzen!« Es ist auffällig und nicht zufällig, daß diese Perversitäten aus der römischen Literatur nach Juvenal auf einmal fast ganz verschwinden oder doch sehr zurücktreten. Nur unter Nero hat ein Petron schreiben können. Das 2. Jahrhundert bringt uns dagegen die schöne Legende von Amor und Psyche; und die ganze Romanliteratur des Altertums, Apulejus mit einbegriffen, weiß von Knabenliebe nichts oder so gut wie nichts. Eben damals wurde ihr auch von oben her entgegengewirkt. Vgl. Mark Aurel »An sich selbst« I 16 und 17 (die Bemerkung über den Theodotos). Die Wendung erklärt sich nicht etwa aus der Ausbreitung des Christentums – auch das Christentum hat in dieser Beziehung unbedingt reinigend auf die Literatur 396 gewirkt, aber es geschah erst später –, Ich erinnere z. B. an den Kirchenvater Hieronymus, der uns von den sexuellen Lastern in Rom ein grelles Bild gibt, aber Päderastisches, wenn ich nicht irre, nie erwähnt; vgl. »Charakterbilder Spätroms« S. 347 ff. sondern aus dem Sieg der Provinzen über die Hauptstadt. Rom war die Eiterbeule der Welt, nur Rom. Plinius unterscheidet, wo er von Volksethik redet, ausdrücklich die Hauptstadt vom gesamten übrigen Reich. Epist. 4, 22. Für den Stadtrömer galt die Sitte der Landleute und Sittenreinheit für dasselbe, rustica simplicitas , z. B. Ovid, Heroid. 20, 51 und Ars am. 1, 672. und von der Bravheit der Landstädte Italiens wird ausdrücklich und mit Neid gesprochen, auch von Spanien die sittlich gute Führung der Bevölkerung erwähnt. Plin. Epist. 1, 14, 4 und 2, 13, 4. Auf Rom aber lag der Fluch seiner zentralen Stellung. Es war Kaiserstadt, und während sonst Freiheit der Entwicklung der Individuen das Prinzip der Antike war und das ganze Reich diese Freiheit genoß, sahen sich nur in Rom selbst die Besten geknechtet. Denn auf ihrem Palastberg saßen die Zwingherrn und Cäsaren, durch ihre Gardetruppen allmächtig, durch ihren Wahn unfehlbar und über Gesetz und Sitte stehend, Plinius Panegyr. 65 und Digesten I, 3, 31: princeps legibus solutus est ; auch auf die Kaiserinnen wurde von den Kaisern dies Prinzip übertragen (Ulpian). die Erben des Augustus, von denen zumeist der Nachfolger das Gute in den Schmutz trat, das etwa der Vorgänger gesät. Denn die kaiserlichen Familien degenerierten meistens schon im zweiten Glied. Von ihnen aber wurden die stolzen Granden Roms, die Senatoren, die am Regiment verfassungsmäßig teil hatten, so lange gepreßt und gedemütigt, bis aller Eigenwille gebrochen und der Knechtsinn, der kriechende Byzantinismus fertig war. Das begann schon unter Tiber und Sejan. Der Kaiser wittert überall Verschwörer und sucht sich gegen sie durch den schmählichsten Terrorismus zu sichern. Stirbt jemand am Hof, so wird wie in Sultansfamilien sogleich an Vergiftung geglaubt. Herden von Angebern ( delatores ) stellten sich in den kaiserlichen Dienst, und jedes Privatgespräch wurde belauert. Im Bodenraum über dem Zimmer verkriechen sich die Spione des Allmächtigen, um, was unten vertraulich gesprochen wird, zu belauschen, und jedes kritische Wort, das fällt, wird zum Anlaß von Justizmorden. Die gnädigste Form der Hinrichtung ist auferlegter Selbstmord. Der kaiserliche Säckel frißt die 397 Vermögen der Gerichteten. Die alten Familien werden dezimiert, vernichtet. Aber noch eine zweite ebenbürtige Macht stand in Rom daneben. Das war der Pöbel, die faex mundi , »die Hefe der Welt«, so wird er uns genannt. Die Hefe strömt in Rom zusammen, der gute Wein der Menschheit selbst bleibt draußen in den Provinzen. Rom eine Futteranstalt für den Abhub der Menschheit: ein sozialer Mißstand, bisher unerhört und beispiellos in der Antike. Die Staatskasse, mit anderen Worten also die steuerzahlenden Provinzen, ernährten täglich die hunderttausendköpfige freche Bande in der Hauptstadt, die mit Steinen warf, wenn sie nicht satt war. Darum war die Kornversorgung Roms ein Hauptinteresse der Regierung; mit den Bäckerinnungen in der Stadt waren Kontrakte auf Lieferungen gemacht, um täglich 200 000 Bürger zu speisen. Einige Kaiser gingen noch weiter und ließen an sie auch noch Fleischrationen verteilen: Schnapphähne, Pflastertreter, Protzen des Nichtstuns, räudige Existenzen, aber in ihrer Zusammenrottung mächtiger und majestätischer als der Kaiser selbst. Auch die großartigen Fechterspiele und Tierhetzen dienten ja schließlich nur zur Erbauung des lieben Pöbels: panem et circenses . Diese Spiele waren die Gelegenheit, wo der Kaiser sich zeigen mußte. In seiner Loge gab er Audienz. Das Volk aber, furchtbar in seiner rohen Masse, schrie jedesmal so lange, bis der Kaiser, was es verlangte, erfüllt hatte. Es war kein würdiges Schauspiel. Der Kaiser war groß, nur von den Provinzen aus gesehen. Dieser wahnsinnige Aufwand rächte sich rasch. Sehr früh begann der Finanzruin. Auffallend früh schon hören wir von Auktionen des kaiserlichen Hausrates. Aber auch die Privatvermögen verfielen. Denn die Reichen wurden gezwungen, die hohen städtischen Ämter zu bekleiden, die jedesmal die riesigsten Ausgaben mit sich brachten; und nicht nur in Rom, auch in allen kleinen Städten geschah es. Die Welt lebte weit über ihrem Etat – ähnlich wie unser junges Deutsches 398 Reich in den Jahren seiner Blüte – in einer Großmannssucht, die verrät, daß der Römer im Grunde doch nur ein Emporkömmling war. Juvenal 3, 183. Wohl nie haben Kapitalisten für die Kommunen so bluten müssen wie damals. Aber dies Prinzip hat sich schlecht bewährt. Dazu kam die unaufhaltsame Entwertung des Geldes. Schon im 1. Jahrh. n. Chr. lieferten die Bergwerke Edelmetall unzureichend für den enormen Bedarf, und es strömte zuviel vorhandenes Geld zu den Barbaren, den Völkern außerhalb des Reiches, ab; denn man kaufte massenhaft von ihnen, nach Norden bis zur Ostsee, nach Osten bis Hinterindien und China, und diese lieferten kein Geld zurück. Die Kaiser halfen sich daher seit Nero durch Münzverschlechterung. Im 3. Jahrh. setzt der Zusammenbruch der Währung ein, und die Rückkehr zur Naturalienwirtschaft, auch Diokletians Versuch, das Finanzwesen des Staates zu retten, war schließlich vergeblich. Vgl. »Charakterbilder Spätroms« S. 137 f. Der Verfall der Kultur – zunächst des Okzidents – war die Folge. Auch der Bestand der freien Landbevölkerung ging zurück, und zwar auch in den Provinzen. Die Erträge der großen Güter verminderten sich deshalb, weil nur Unfreie die Landarbeit taten. Columella I praef. Nun sanken auch die kleinen Gutspächter zu Kolonen, zu Hörigen herab. Eine weitere Folge war, daß auch die Rekrutierung des Heeres zurückging. Die Militärkraft sank erschreckend mit der Geldkraft. Schon im 3. Jahrhundert hat Italien und Rom vollständig abgewirtschaftet, und das Reich wird von den wohlhabenden Provinzen aus regiert. Schon im 4. Jahrhundert wird Rom zu einer Reminiszenz, von den Rückständigen angeschwärmt, von den Realisten zertreten. Hat doch schon Konstantin der Große die Stadt geplündert, um seine neue Hauptstadt Konstantinopel mit dem Kunstraub zu schmücken. * Es wäre somit eine Torheit, den Untergang des römischen Reichs aus einem Verfall der Sittlichkeit erklären zu wollen, der außerhalb der Hauptstadt nicht nachweisbar ist. Vielmehr hob sich auch die hauptstädtische Gesellschaft wieder nachweislich. Ja, wir dürfen sagen: das 2. Jahrhundert n. Chr., das Zeitalter des Plinius, Mark Aurel und Papinian, war das klassische Jahrhundert der praktischen Tugend und bedeutet vielleicht den höchsten Stand der Sittlichkeit in der Antike. Vor allem läßt sich auch das nicht beweisen, daß die Barbarenvölker, die das Reich allmählich zertrümmerten, sittlich höher standen. Im Gegenteil. Als die Germanen herrschten, 399 nahm die Wüstheit und Verwilderung nur zu. Und auch das Christentum half da nichts. Denn daß das Christentum im 3. bis 6. Jahrhundert Kultur und Sittlichkeit in den Volksmassen gefördert hätte, läßt sich nicht erkennen. Eben jene Germanen waren ja Christen. Wer damals auf Heiligkeit hielt, zog sich in klösterliche Einsamkeit zurück, und damit wurde das Niveau der Masse nicht gehoben. Dagegen trat erst am christlichen Hof seit Konstantin das Eunuchenwesen in den Vordergrund der Hofgeschichte; der Eunuch wurde jetzt regierungsfähig, und die Gesellschaft empfand das als Schmach. S. z. B. Claudian in Eutropium. Die Verse, die man bei Juvenal nach VI. 365 aus cod. O einschaltet, zeigen das Eunuchentreiben in scheußlichster Blüte; sie gehören eben darum gewiß der Zeit Claudians an; über ihre Unechtheit handelt Emil Dralle, De fragmento Winstedtiano quod Juvenali adscribitur (Marburg 1922, Maschinenschrift). Wäre der Ansturm der Goten und Vandalen nicht gekommen, so würde das römische Reich, christlich geworden, allmählich erstarrt sein, eine große Völkereinheit mit Ausgleichung aller Rassengegensätze, so wie es mit China geschehen ist. Denn auch das chinesische Riesenreich war, als es seine Kultur vollendet hatte, für lange Zeit erstarrt, und Rassenkämpfe schienen in ihm, solange die Dynastien Bestand hatten, unmöglich. Lesenswert Alexander Ular, Die gelbe Flut, S. 343 f. So chinesisch zähe hat sich denn auch tatsächlich das byzantinische Reich mit seiner Hauptstadt Konstantinopel noch durch neun Jahrhunderte erwiesen; es war das amputierte römische Kaiserreich griechischer Zunge. Wir haben bisher nicht viel Erfreuliches verzeichnet. Ist aber unser Thema hiermit abgetan? Das wäre schlimm. Wir leben heute in der Zeit der Männer- und Frauenvereine zur Bekämpfung der Unsittlichkeit. Moskau ohne Maske, die Mysterien von Paris, Warschau, Marseille, Neapel, die Hinterhaus-Moral Berlins, der Mädchenhandel aus Rußland: »Babel« verhundertfacht! Ist die Liederlichkeit und Verworfenheit in unserer Gegenwart wirklich geringer als im Altertum? Wer kann es wagen die Frage zu beantworten? Jedenfalls werden wir uns hüten, aus unserer heutigen Kriminalstatistik, aus der Sündenchronik unserer Zeitungen und aus unseren Kolportageromanen einen Schluß auf den sittlichen Verfall der großen Bevölkerungsmassen der Gegenwart zu ziehen. Auch den ethischen Gehalt der italienischen 400 Renaissancezeit werden wir nicht nach einem Cesare Borgia, Papst Alexander VI. und Aretino beurteilen. Ganz ebenso wäre es also auch ein Fehlgriff, in Hinblick auf jene Ausschweifungen der Cäsarenstadt Rom, die wir nachgewiesen haben, die antike Moral überhaupt gering einzuschätzen. Zum Glück steht es in Wirklichkeit anders – sonst dürften wir ja unserer Jugend kein römisches Buch in die Hand geben –, und das Wertvollste fehlt uns noch. Denn es kommt nicht auf die Lebensführung der Völker, es kommt auf ihre Ideale an; ich muß es von neuem betonen. Die Menschengeschlechter lösen sich ab und taumeln dahin und vererben mit ihrem Geblüt auch den Trieb zum Exzeß: ein betrübendes Bild des Vergänglichen, des ewig Gestrigen. Aber über ihnen stehen ihre eigenen Ideale, die, weil sie Vollkommenheit fordern, unwandelbar und ein Erbbesitz aller Zeitalter bis heute geblieben sind. Jede Nation ist das, was sie sein möchte, nicht das, was sie ist. Danach ist sie zu werten. So auch die Römer. Reden wir jetzt nicht von Kriegs- und Staatsdienst, auch nicht vom engeren Familiensinn, der lauter und voll Feinsinns war. Ich brauche nur den Namen Cato zu nennen, den Standartnamen des echten Römertums, oder an die Cornelia des Properz zu erinnern, jene Kernrömerin, in deren innerstes Herz uns der Dichter schauen läßt. Properz IV 11, vgl. oben S. 336 . Übrigens gelten als die zwei Nationaltugenden, auf denen alles beruht, »Ehre« und »Mannhaftigkeit«, honos und virtus . Das aber ist (nach Lucilius) das Wesen der virtus : sorge erst für das Vaterland, dann für die parentes , dann für dich. Das gesellschaftliche Ideal des Römers aber ist der vir bonus , d. h. der zuverlässige, und der vir probus , d. h. der gerade und rechtschaffene Mann. Darin liegt die bis zum Trotz unbiegsame Wahrhaftigkeit gegen andere. Die Regulusnaturen werden also gepriesen, auf den Griechen dagegen mit Geringschätzung herabgesehen; denn der Grieche lügt. Das heißt: der Grieche war phantasiebegabt und 401 erfindungsreich, der Römer war geistig schlicht; simlpex gilt als Lob. simplex und bonus verbindet Martial 1, 39 So heißt mercator der anständige Kaufmann, der den Städten nützt, Seneca benef. 4, 13. mango dagegen der täuschende, der alte Waren neu aufpoliert. Gegen Lüge wird übrigens in den Zeiten, von denen ich handle, selten ad hoc gepredigt, ich kenne wohl gelegentliche Äußerungen (Zeller, Philos. der Griechen III, 1³, S. 278), aber keine Spezialschrift über Notlüge bis auf Dictinius von Astorga im 4. Jahrh., auf den man mich hinweist. Interessant ist, daß der Konflikt zwischen den Kirchenvätern Hieronymus und Augustinus die Durchführung der Wahrhaftigkeit betraf (s. O. Zöckler, »Hieronymus«, S. 268 ff.). Übrigens vgl. Juvenal 13, 86 und das pythagoräische Wort εὐεργεσία καὶ ἀλήϑεια , das damals im Umlauf war, sodann Mark Aurel, der recht oft davon redet; am denkwürdigsten vielleicht Cicero pro Roscio comaedo 46 f. Übrigens oben S. 151 . Schwarz ist der Bösewicht ( hic niger est! ), die reine Seele eine weiße Seele ( animus candidus ). Dazu kam weiter noch das Ideal des vir pius ; denn die Pietätspflichten standen um so höher in Heiligung, je weniger ihre Erfüllung im Leben vom Recht erzwungen werden konnte; dazu ferner der vir frugi , das ist der gute Haushalter als nützliches Mitglied der Gesellschaft, und der vir ingenuus , dessen Art unknechtisch und edel. Der Gastfreund hat auf des Römers Fürsorge mehr Anspruch als die eigenen Verwandten; ebenso der Klient. Auch der gute Nachbar wird als wichtig gelobt. Gellius 5, 13; Columella I, 2, 6. Hiermit kamen die Instinkte des Römers nun schon der griechischen Humanität entgegen, die bereits im 2. Jahrhundert v. Chr. siegreich vordrang und in den Scipionen sogleich ihre glänzendsten Vertreter fand: fürstlichen Gestalten, Männern in Macht, aber voll wirklicher weitherziger Menschlichkeit. Das den Griechen entlehnte Wort homo sum stammt eben aus der Zeit der Scipionen. Dies ging nie verloren. Ein Abwerfen alles Banausentums! Aber noch etwas anderes Wertvolles brachte die Praxis des Lebens: eine Intimität im Verkehr des Fürsten mit dem Geringen, die im Altertum viel mehr möglich gewesen ist als heute. Es gab im Männerverkehr viel weniger Schranken als jetzt. Dafür ist schon das »Du« charakteristisch, das ein geschwisterliches Band um alle schlingt; wie die Griechen haben auch die Römer nie daran gedacht, das allgemeine Duzen abzuschaffen. Erst die christliche Welt bläht sich und schmeichelt in der Anrede. Eine der praktisch wichtigsten Erscheinungen der Humanität aber ist die Wohltätigkeit. Die christliche Kirche hat die Wohltätigkeit ( charitas ) 402 organisiert und auf ihr Programm gesetzt; Der religiöse Anstrich der Wohltätigkeit begegnet sonst nur ausnahmsweise, s. Walter Otto, Priester und Tempel II, S. 17. sie wurde zu einem Hauptwerbemittel in der Propaganda der kirchlichen Gemeinden, da die weltliche Macht des Staates bei der Ausdehnung und Kompliziertheit des Reiches nicht in der Lage war, dasselbe zu tun. Indes ist die Wohltätigkeit in der Antike, wie wohl die wenigsten sich klar machen, trotzdem seit langem in derselben Ausdehnung wie in der christlich gewordenen Welt betätigt worden; nur war sie dem Impuls des einzelnen überlassen, und hierbei beruhigte sich der Staat. Heute bauen sich die Gemeinden ihre Kirchen; wie oft war dagegen in jenen Zeiten das Gotteshaus die Stiftung eines Privatmanns zum Nutzen der Frommen; ebenso die Markthallen und Bäder, die Brücken und die Straßenpflasterung, die sonst Sache der Kommune sind! Eine Fülle von antiken Gedenksteinen sind uns erhalten, die davon melden. Allerorts und hundertfältig ist das geschehen. Ebenso testamentarische Stiftungen; Versorgungsgelder für arme Kinder; Erziehungsgelder; dazu die Volksspeisungen. Die großen Vermögen werden so zu einer Glücksquelle für die Geringen gemacht. Und nicht nur das; man suchte werktätig die Bedrängten auf so, wie es sogar die Kaiserin Livia tat, die nicht nur selbst zu den Verarmten ging, sondern auch bei Feuersbrünsten persönlich zur Hilfe kam. Ich wüßte kein Werk auf diesem Gebiet, das an Umsicht und Zartsinn den sieben Büchern Seneca's über das Wohltun ebenbürtig wäre: Gib, ehe man dich bittet. Gut gibt, wer schnell gibt. Und deine Tat selbst sei dein Lohn. Geben ist seliger denn nehmen. Seneca Epist. 80, 7, 81, 17. Erspare dem Beschenkten die Beschämung, daß andere von deiner Wohltat erfahren. »Zeige dem Verirrten den Weg, teile dein Brot mit dem Hungernden«, das genügt noch nicht; sage lieber: wir sind alle Verwandte und eines Stammes; daraus fließt alles. Seneca Epist. 95, 51. Sorge für den Nächsten wie für dich. per alterius ac sui cura , Seneca Epist. 90, 40. Denn der Mensch ist ein soziales Lebewesen; die menschliche Gesellschaft gleicht dem Tonnengewölbe, das 403 zusammenstürzen würde, wenn nicht jeder Stein den andern stützte. Seneca benef. 7, 1, 7. Das ist stoisch. Der gewöhnliche Weltmensch wiegte sich freilich dabei in der Hoffnung, durch die großen Stiftungen, die er machte, sein Andenken in der Nachwelt lebendig zu erhalten, ein echt menschlicher Antrieb zur sozialen Hilfe, der auch heute noch wirkt. Die Stoa lehnt ihn natürlich ab; denn der Ruhm ist nur der Schatten, den die gute Tat wirft (also nur ihre Begleiterscheinung, nicht ihr Motiv), Seneca Epist. 79, 13. Sich damit die ewige Seligkeit zu verdienen, daran dachte kaum irgend jemand. Erst im Christentum ist dies zum Motiv der Werke der Barmherzigkeit geworden. Gleichwohl sagt schon Seneca: »Die Wohltat ist eine Gabe, die wir Gott bringen«. Seneca benef. 7, 29. Daß es auf diesem Gebiet in Wirklichkeit an krassen Gefühlsroheiten nicht fehlte, versteht sich, so wie man bei uns in unseren üppigeren Zeiten auf den Bazaren zum Wohl der Witwen der im Bergwerk Verunglückten Champagner trank, oder eine junge Dame sich tröstet: »ich kann der armen Frau nichts geben, aber auf dem nächsten Wohltätigkeitsball will ich für sie tanzen.« Ich erwähne nur den tollen Caligula, der einem alten Senator das Leben schenkt; als dieser sich bedanken will, läßt der Kaiser, der saubere Pontifex, sich von ihm öffentlich den linken Fuß küssen, der in Gold und Perlen steckte. Das Fußküssen ist alt. Das Publikum aber bemerkte dazu: Caligula war am ganzen Körper so von Lastern befleckt, daß der Fuß zum Küssen noch die sauberste Stelle war. Auch Plinius »übte« sich im Wohltun. Die »Sozialität«, so drückt er sich aus, soll uns mit den Bedürftigen verbinden. exercitatio , Plin. Epist. 1, 8, 8; vgl. ib. 9, 30, 3. Es ist der von uns oft erwähnte jüngere Plinius, der Anwohner des Comer Sees und römische Senator und Konsul, der in seinen Briefen zwischen den Jahren 97–109 n. Chr. uns den willkommensten Einblick in die römische Gesellschaft gewährt. Eine sittlich gereinigte Gesellschaft. Der Eindruck ist, bei aller oft kleinlichen und echt italienischen Eitelkeit des Autors, höchst erfreulich; »human« aber ist bei ihm fast Stichwort. Human ist es, Strenge mit Milde im Wesen zu vereinigen (8, 21). Hat jemand sich schwer 404 vergangen, so wird seine Missetat zur Warnung wohl erzählt, aber der Name des Täters wird verschwiegen; denn das ist human (8, 22). Plinius bewundert einen Gebirgsquell; viele Villen und Heiligtümer liegen im Tal ringsum, und an Säulen und Wänden findet er da viele fromme Gedichte eingekritzelt, die den Quell und den Gott des Orts lobpreisen. Diese frommen Verse sind nun zum Teil das elendeste Machwerk, aber es ist nicht human über sie zu lachen (8, 8). Wir würden sagen, es verrät kein Herz, darüber zu lachen. Das Herz des modernen Italieners de Amici's schlägt in der Tat schon in Plinius. Seine Trauben hat derselbe nach der Weinlese an etliche Zwischenhändler zu hohem Preis verkauft, als er erfährt, daß eben jetzt der Traubenhandel schlecht geht; sogleich erläßt er den Händlern einen Teil der Summe. Über sein Verhältnis zu seinen Sklaven habe ich früher gesprochen. So waltet in Plinius die »Liberalität«, eine Freiheit oder Entlastetheit des Herzens, und das honestum , Plin. Epist. 3, 1, 4; vgl. z. B. Martial 1, 39. die Anständigkeit der Gesinnung. Freilich nirgends eine Spur von Größe; aber seine Haltung ist warmherzig, taktvoll, von einer vornehmen Freundlichkeit, ja kindlich gut. Ich wüßte nicht, um irgendeinen Vergleich zu ziehen, daß etwa Petrarca's Briefe oder auch selbst die Briefe eines Humboldt oder anderer moderner Humanisten im Grunde auf einer sittlich höheren Stufe stünden als die des Plinius. Wir lesen bei ihm von heller Naturfreude und Kunstfreude, von vornehmen Frauen, die mit Ehrfurcht umgeben sind; von gut erzogenen jungen Leuten, die er Gönnern empfiehlt. Besonders gern aber huldigt er älteren Männern. Eine heitere erfrischte Luft herrscht in seinem Lebenskreis, wie nach einem schweren Gewitter: es ist kein Frühling, aber ein reiner Herbst. Plinius moralisiert wenig, sondern sein idyllisches Gemüt zerlegt wie ein Miniaturmaler das Leben in viele kleine Einzelbilder und sieht alles wie durch rosafarbene Fensterscheibchen. Darin steht dieser Mann nun freilich zu seiner 405 Zeit im allerschroffsten Gegensatz. Denn diese Zeit war sonst moralisch bis zum Exzeß, sie war voll bittersten Ernstes, ja voll Erbitterung. Je tiefer das Rom Nero's im Schlamm versunken war, je höher nach oben griffen die sittlichen Postulate. Es kann nicht genug hervorgehoben werden, daß jene ganze Literatur damals sich auch nie herbeiließ, die Kämpfe des Zirkus und der Arena zu schildern. Mit Ausnahme des Martial; Claudian schildert nur die Vorbereitungen. Diese Erregungen waren für den Pöbel. Daher kam aber auch eine Schönheitslehre oder Ästhetik niemals zur Entwicklung, weil alles in der Frage nach Gut und Böse, nach Tugend und Sünde, nach Fleischlichkeit und Gottähnlichkeit unterging. Wie aus Kerkern und dunklen Gewölben rollt der dumpfe Hall des Gebets, des Bekenntnisses und der Mahnung. Man kann sagen: die römische Literatur von 50 v. Chr. bis 150 n. Chr. ist in zweihundert Jahren, indem sie aus griechischen Büchern die leitenden Gedanken nimmt, ganz eigentlich die Zeit der Begründung der Pflichtenlehre und Ethik für den Okzident und damit auch für die Kirche des Mittelalters gewesen. Auch für die Kirche. Denn die christlichen Evangelien boten keine ins Einzelne ausgearbeitete Pflichtenlehre dar (ebensowenig wie der deutsche Protestantismus bis auf Schleiermacher sie darbietet); sondern das Evangelium predigte nur sittliche Impulse und Ziele und weckte nur den Geist, aus dem die einzelne Pflichtleistung von selbst fließen soll. Der Stoizismus der Kaiserzeit dagegen dachte anders, und ihm wurde die feine und durchgearbeitete Pflichtenlehre verdankt, die die Kirchenväter in langen Abschnitten aus Cicero und Seneca übernahmen, so daß in dem Gefäß des Christentums ein Jahrhundert sie dem andern weitergegeben hat. Viel gelesen wurden im Mittelalter auch die sogen. Sprüche des Cato u. a. Auch in diesem besten Sinn kann sich also die katholische Kirche römisch nennen. Die Stoa hielt auf genaue Formulierung; ja, sie will, man soll die Einzelvorschriften der Moral spruchweise auswendig lernen. Seneca benef. 7, 2; ausführlich derselbe Epist. 94, 29 ff. Die Bücher der Philosophie heißen daher sacri . Juvenal 13, 19; vgl. oben S. 185 . So geschah es wirklich, und da wurde nun über Selbstlob 406 gehandelt, über Freundschaft und Schmeichelei, eheliche Liebe, Zorn und Seelenruhe, Geschwistersinn, Prunkliebe, Neid, Neugier, Geschwätzigkeit, Begierde, Aberglaube usw. Für jede Lebenslage wurde womöglich ein Ratschlag ersonnen, und die Kasuistik des Guten war unerschöpflich. Besonders hebe ich noch die Fürstenspiegel hervor. Denn die unerläßlichen Lobreden auf die Kaiser wurden in einigen Fällen zu musterhaften Lehrschriften über Herrschertugenden gestaltet, die uns erhalten sind und die den Souveränen des Mittelalters und dann auch der Neuzeit bis zu Friedrich dem Großen ihre Herrscherideale gegeben haben. Die stoische Denkweise lag dem Römer besonders gut. Man denke nur gleich an das Wort magnanimus , das wir mit »großherzig« zu übersetzen haben. Großherzigkeit war das Ideal des alten Römers gewesen; großherzig sein, das fordern jetzt auch die Stoiker. So ist denn ihre Lehre durch die Römer damals zu einer sittlichen Weltmacht geworden: eine Verstaatlichung der stoischen Religion. Dabei geht aber durch alles der Todesgedanke hindurch. Die Todesverachtung des römischen Kriegers vor dem Feind, sie wird jetzt zum Mut des Martyriums in Dingen der Überzeugung. Man soll bekennen, und ob es das Leben koste: vitam impendere vero . Juvenal 4, 91. Von solchen Erwägungen ist Seneca durchtränkt; Z. B. Epist. 85, 29. denn rings fielen die Opfer. Man stellte Erzählungen über die Opfer Nero's zusammen ( exitus occisorum ), also ein vorchristliches Martyrologium, das eifrige Leser fand. Plin. Epist. 5, 5, 3 ff. Erst das Leben nach dem Tode ist ganz glücklich: das predigte schon Cicero in seinen Tuskulanen; suchen wir also ein löbliches Leben ruhmwürdig zu beschließen; denn ein Hafen ist uns offen. Und die Menschennatur selbst? Was ist von ihr zu hoffen? Wir sind nicht etwa als Sünder geboren, so heißt es ( Sen. epist. 94, 54), aber wir sind allzumal Sünder geworden ( epist. 27, vgl. de element. 1, 6, 3). Daher liegen wir alle in demselben Krankenhaus, und es ziemt sich, daß wir auch offen über unsere Krankheit miteinander reden. Denn das 407 Gewissen treibt uns dazu. Den Schuldbewußten straft sein Gewissen; er bedarf keiner anderen Strafe; mächtig ist dies von Juvenal (13, 192 ff.) ausgeführt. So aber auch umgekehrt; fragt jemand: was ist der Lohn der guten Tat? »Sie getan zu haben« ist die bündige Antwort ( Sen. epist. 81, 19). Ist so aber das Gute einmal irgendwo ins Leben getreten, so bleibt es auch; denn das Gute kann nicht degenerieren ( Sen. epist. 87, 25). Der Urmensch der goldenen Zeit, der »frisch von Gott« kam, war von Natur gut; wir aber stehen höher, wenn wir es durch Selbsterziehung sind ( epist. 90, 44). Der Weg zur Tugend ist steil ( ardua virtus ). Aber dem Tüchtigen öffnet sich der Himmel: sic itur ad astra . Kann denn aber der Mensch Vollkommenheit erreichen? In der Rede des Alltags war der Römer allerdings rasch bereit, einen Mann von guter Führung einen vir sanctus zu nennen: das tut Cicero und Plinius oft. Gute Führung schien also schon Heiligkeit; und so lesen wir: die Scipionen, Lälius u. a. sind die sancti , die in den Gefilden der Seligen weiterleben. Valerius Maximus 4, 7, 7. Wenn irgendeiner, von dem wir wissen, so hatte Kaiser Mark Aurel, nicht minder aber – nach seiner eigenen Meinung – auch Kaiser Titus Anspruch auf diese Benennung, Titus, »der Liebling des Menschengeschlechts«, der, als man ihn todkrank über die Straße trug, die Vorhänge der Sänfte zurückschlug, um frei zum Himmel aufzublicken, indem er seufzte, er sterbe ohne Sünde; dies war des Titus letztes Wort; er habe, mit einer Ausnahme, in seinem Leben nie etwas getan, was er bereuen müßte. Umsonst forschte man, was der Sterbende mit jener Ausnahme meinte. Juvenal dagegen ruft knirschend: in der weiten Welt gibt es keinen vir sanctus , Juvenal 13, 64. und dies entsprach eigentlich der strengen Lehre. Kein genialer Mensch hat je gelebt, der nicht Nachsicht brauchte, versichert uns Seneca ( epist. 114, 12). Hieraus erklärt sich, daß die römische Stoa wohl Ideale geschaffen hat, aber keine Idealgestalten. Heiligsprechungen hat sie grundsätzlich vermieden, und so fehlt allen Römern, auch 408 den besten, der Nimbus; man wollte ihn nicht; man sah an den Besten auch stets die Schwächen. Nur Gott ist vollkommen, und der sündenreine Mensch wird in Ewigkeit umsonst gesucht. Gleichwohl konnte man Mustermenschen für Einzeltugenden nicht entbehren. Denn nur das Vorbild, heißt es, spornt den Ehrgeiz zum Guten. Und dies hat nun die merkwürdigsten, tiefgreifendsten Folgen gehabt; ja man könnte sie ungeheuerlich nennen. Ich meine die Folgen für die römische Geschichtsschreibung. Denn wir stellen fest, daß für politische Geschichte, Staatengeschichte, für Strategie und Verwaltung und Handel im Reich jetzt niemand mehr Sinn hat. Eine Fülle von tüchtigen Männern steht immer noch im Dienst einer beispiellos großartig organisierten Reichsverwaltung, und keiner ist unter ihnen, der nicht auch an seinem Leibe die wirtschaftlichen Schwierigkeiten der Zeit empfand; aber keiner von ihnen verliert darüber ein Wort. Es interessiert nur noch der Mensch an sich, die sittliche Person, das Heldentum, die großen Männer in der Geschichte. Die Geschichtsschreibung zerfällt und zerbröckelt vollständig im Dienst der Moral; schon bei den Griechen sahen wir davon die Anfänge (oben S. 187 ). Plinius macht einmal dem alten vornehmen Spurinna seinen Besuch, und worüber plaudern die beiden da bei der Spazierfahrt? etwa über Theater? Literatur? Geldgeschäfte? o nein! Sie sprechen über Tugend, über Handlungen vortrefflicher Männer und über die Lehren, die sich daraus ziehen lassen. Plin. Epist, 3, 1, 6. Solche Szene aus dem Alltagsleben ist symptomatisch. So machten es damals alle. Es war ein Heißhunger nach Tugend, und die ganze römische Historiographie der Kaiserzeit hat nur noch den einen Zweck, Handlungen und Worte hervorragender Menschen zu registrieren. Sie löst sich in Biographie und Anekdote auf: eine lose Kette von Musterbeispielen der Moral oder ihres Gegenteils; und das reicht dann, ohne jemals abzureißen, durch das Mittelalter bis ins 18. Jahrhundert unserer Zeitrechnung. In diesem Sinne wirkt ja Cornelius Nepos noch heute in unseren 409 Schulstuben; noch Schiller ist ja voll von den Biographien des Plutarch, und die Schillersche Ballade selbst ist weiter nichts als die Verklärung jener historischen Anekdote mit ethischer Pointe, die das Altertum damals so liebte. Und so ist schließlich auch Tacitus zu verstehen; denn auch das Exempel des Lasters war brauchbar, und es wurde schonungslos bloßgelegt. Darin war er groß. Auch Tacitus ist zum geringeren Teil Historiker; er ist Ethiker. Eine priesterliche Stimmung herrscht in allen diesen Männern. Die Weltgeschichte ist nur noch ein sittliches Weltgericht: das Bewußtsein hiervon erfüllt sie alle. Sie wollten die Zukunft erziehen und griffen dazu in die Vergangenheit; danach wurde die Vergangenheit von ihnen gestaltet, und so ist die Ethik der römischen Kaiserzeit durch sie auch ohne kirchliche Vermittlung eine Erzieherin der späten und spätesten Geschlechter geworden. * Blicken wir zurück. Der wilde Naturmensch wird zum Kulturmenschen in ähnlich langsamem Fortschritt der Veredelung, wie durch gärtnerische Pflege die Wildpflanze zur Kulturpflanze wird; hier wie dort geschieht dies durch Steigerung und Temperierung der vorhandenen Eigenschaften. Aber dieser Vergleich hinkt. Denn der Mensch ist Gärtner und Garten zugleich. Das ist das Wunder. Er ist der Münchhausen, der sich im Lauf der Jahrtausende aus dem Sumpf des Tierdaseins langsam an seinem eigenen Schopf emporzieht. Setzen wir für den Schopf die Verstandeskraft ein, und das Gesagte ist richtig und ernst zu nehmen. Dieser Verstand fehlte auch dem Urrömer nicht ganz. Gleichwohl erinnern wir uns zum Schluß noch einmal, daß es die Griechen waren, die dem Römervolk und den Erben des Römervolks im Okzident in Wirklichkeit zu dieser großartig emporsteigenden Entwicklung verholfen haben. Wie dürftig und belanglos erscheint heute das kleine Griechenland, ein 410 Land der Dörfer und Ruinen! und wie anders steht Rom auch heute noch da, das da in Palästen prangt und Kirchenkuppeln! Aber jener Verfall Griechenlands war schon im Altertum selbst eingetreten und vollendet, und schon um das Jahr 100 n. Chr. lesen wir folgende denkwürdigen Worte, die an einen Römer sich richten, der als Verwalter und allmächtiger Legat des Kaisers Altgriechenlands Verhältnisse ordnen soll: »Die Griechenstädte sind heute machtlos und winzig, selbst ein Sparta und Athen, sie sind nur noch der Schatten von einst und wie Greise gealtert. Aber um so mehr sollst du Ehrfurcht vor ihnen haben. Habe Ehrfurcht vor ihren Tempeln, Ehrfurcht vor ihrer Geschichte! Schone dies Volk; wahre ihm die Freiheit der Selbstverwaltung und kränke es nicht. Denn es ist ja Hellas, in dem zuerst die Humanität entstanden ist, Hellas das Land, in dem die Menschen am menschlichsten und die Freien am freiesten sind. Es ist das Land, dem wir Römer selbst Gesetz und Recht – d. h. unsere gesellschaftliche Entwicklung und unsere Kultur – verdanken.« Also auch Gesetz und Recht. Es ist schön, daß es ein Römer war, der diese Gedanken äußerte; es ist der oft erwähnte Plinius. Epist. 8, 24. Wie warm, wie verständnisvoll sind seine Worte! Sie offenbaren echtes tiefes Dankgefühl. Dieser Römer hat recht. Wir sagen mit ihm: unser Dank gebührt den Griechen.