Karl Bleibtreu Bismarck – Ein Weltroman – Band 2 In der deutschen Werkstatt So verlief die Neuenburger Sache unrühmlich im Sande, ohne ein anderes Ergebnis als neue pathologische Belastung des Königs. Er, der sich in großen Angelegenheiten so wunschlos begnügte und jede Ungebühr einsteckte, empfand es als Nagel zu seinem Sarge, daß man ihm sein Neuchâteler Spielzeug nahm. »Der Triumph der Revolution!« Auf dieser Saite harfte auch der alte Gerlach unablässig herum und haranguierte Otto mit einer Flut brieflicher Dissertationen, reich gespickt mit historischen Kommentarien, deren Entgegennahme eine Lammsgeduld erforderte. Zunächst nannte er seinen langjährigen Genossen einen Bonapartisten, d. h. einen Anhänger der Revolution. Sodann verglich er ihn mit Haugwitz unseligen Angedenkens, der sich vom Korsen umgarnen ließ, Österreichs Niederlage zuzuschauen und so die eigene Niederlage anzubahnen. Der würdige Veteran maßte sich schulmeisterlich belehrende Abkanzelung an. Was Otto die Zornröte ins Gesicht trieb, der Vergleich mit Haugwitz, war besonders sinnig. Es gehörte außer eiserner Geduld eine treue Gutmütigkeit und Pietät für alte Freundschaft dazu, eine Korrespondenz fortzusetzen, in der sogar vom bourbonischen Thronprätendenten Henri V. (Comte de Chambord) gefaselt wurde. Ein wenig trug auch die Nützlichkeitsrechnung dazu bei, sich dem einflußreichen Beirat des Königs nicht entfremden zu dürfen. Doch daß dieser Grund nicht in erster Linie stand, zeigte das Abbrechen der »Repliken« durch Otto, als er den Blödsinn endlich dick hatte. In einem Briefe Ottos fiel das allerbezeichnendste Wort, daß man »die Realität ignoriere«. (Er hätte zwar schöner schreiben können »die Wirklichkeit nicht wissen wolle«, aber man muß zugeben, daß die Ausmerzung von Fremdwörtern oft nur äußerlich die Schreibart reinigt, dafür aber die Genauigkeit des Ausdrucks schwächt.) »Was soll dies Festlegen auf Begriffe!« äußerte er sich im gelben Kabinett bei Pfeife und Zigarre vor seinem jungen Kavallerie-Attaché. »War der legitime Louis Quatorze etwa minder feindselig als der illegitime Korse? Ich halte mich an das vorhandene Frankreich, immer das gleiche, und es von meinen Kombinationen ausschließen wäre so, als ob ein Schachspieler erklären wollte, ein im Brett befindlicher Turm sei für ihn Luft. Daß ein Preuße stets ein Franzosenfresser sein müsse, ist auch nur so eine faule Gefühlspolitik, eine echtdeutsche Spezialität. Die andern drapieren sich natürlich auch mit Gemütsschwindel für ihre Selbstsucht, doch nur wir nehmen solche Düpierung ernst. Ich werde Ihnen mal ein paar Sätze aus meiner Korrespondenz mit dem alten Narren Gerlach vorlesen, ich habe die Konzepte hier. Gott verzeihe mir, daß ich so von einem braven, begabten Greis und einem alten Freunde rede! Aber diese Menschen könnten einen Esel zum Ausschlagen bringen.« Er kramte in Papieren und las: »Halten Sie den Kaiser Franz Josef überhaupt für eine aufopfernde, hingebende Natur, und insbesondere für außerösterreichische Interessen? Finden Sie zwischen seiner und der napoleonischen Regierungsweise vom Standpunkte des ›Prinzips‹ einen Unterschied? Und hier, das ist zu unterstreichen: Bündnisse sind der Ausdruck gemeinsamer Interessen und Absichten. Ob wir Absichten überhaupt haben, weiß ich nicht, aber daß wir Interessen haben, daran werden uns andere schon erinnern.‹ Auch die Kleinstaaten, die sich mit v. d. Heydt im Zollverein ab und zu überwerfen, um ihre Wichtigkeit fühlen zu machen. Fühlen die etwa den Beruf, etwas für Preußen zu tun? Übrigens für Österreich auch nicht, wenn sie es nicht gegen Frankreich für den Stärkeren halten. König Max von Bayern ist jetzt in Fontainebleau auf der Hirschjagd, da wird er sicher nicht den Bock schießen, vor Napoleon den Leonidas herauszukehren, über dessen Leiche erst Frankreich in Deutschland einbrechen könne.« Er streckte die Beine lang und durchmusterte die Konzepte. »O diese Berliner! So unverschämt im Laxieren ist doch nur Österreich. Das will uns noch gar in der faulen Neuenburger Sache beigestanden haben! Aber freilich, wer hatte denn von uns zu fürchten und zu hoffen? Hehe, da ist wieder ein hübscher Satz. ›Daß man aus Gefälligkeit oder Rechtsgefühl handelt, das dürfen andere von uns , wir aber nicht von ihnen erwarten!‹ Also ich will mit Frankreich gegen Deutschland konspirieren? Aber die anderen dürfen sich gegen uns verbrüdern mit wem sie wollen, man darf Riemen aus unserer Haut schneiden, denn das edle ›Prinzip‹ benimmt uns die Möglichkeit, uns mit Frankreichs Hilfe solcher Prozedur zu widersetzen. Wir sind wie ein zu nachsichtiger Ehemann, der von Fall zu Fall den schuldigen Teil in flagranti ertappt, aber immer ein Auge zudrückt.« »Wie stellt sich denn Herr v. Gerlach seine Prinzipien in praktischer Durchführung vor?« fragte der Schüler bescheiden. »Indem er solche in historischen Diskursen erfindet. Karl der Große und die deutschen Kaiser politisierten über das Christentum, der Deutsche Orden und Brandenburg dito, Österreich und Rußland für das Kreuz gegen den Halbmond, später Preußen und England für den Protestantismus, und die ganze neue Staatenordnung dreht sich um Kampf gegen die Revolution. Wir haben dagegen gesündigt, und müssen uns rehabilitieren, indem wir Frankreich möglichst vor den Kopf stoßen und bündnislos herumtaumeln. Das ist der Weisheit letzter Schluß, so geht die Litanei weiter. Daß Karl der Große und alle anderen Potentaten verdammt praktische Zwecke hatten und daß Phrasenzubehör nur für Ammengläubige die Zutat bildet, verstehen solche verrannten Ideologen nicht. Die republikanische Revolution stammt aus Holland, England, Nordamerika, die wir bereitwillig anerkannten, noch ehe Verjährung eintrat, die Bonapartes haben das Übel nicht zur Welt gebracht, sondern die Bourbons, die taten mehr dafür als alle Bonapartes.« Was man hier zu hören bekommt! dachte der preußische Jungherr. Darf man sich dann noch konservativ nennen?! * Er besuchte auch wieder mal Metternich in Johannesberg, dessen unvergleichlicher Wein ihn mehr anzog als seine Unterhaltung. Er fand ihn noch mehr gealtert als vor Jahren in Wien, wo er ihn flüchtig wiedersah. Der alte Knabe erzählte wild durcheinander, ohne viel Zusammenhang und Pointe. »Napoleon war ein bäuerischer Parvenü. Ach, wenn Sie Talleyrand gekannt hätten, unser aller Meister! Kennen Sie den Witz, wie Louis Philippe, der elende Renegat, den großen Mann auf dem Totenbett besuchte? ›Ich leide wie in der Hölle.‹ ›Schon?!‹ Ich nenne das roh. Nun, mein Gewissen ist rein. Ich habe das Gute geliebt und das Rechte getan. Die Kaiserin Ludovica war eine schöne Frau. Die erhabene Monarchin hat mal in einem Brief den abscheulichen Tiroler Bauern allerhöchsteigenhändig den Kopf gewaschen, daß sie sich ohne allerhöchsten Befehl des Landesvaters befreien wollten. Wenn sich die Völker selbst befrein, da kann die Wohlfahrt nicht gedeihn ... Schiller hatte lichte Momente und war überhaupt nicht der Narr, zu dessen Heiligkeit die liberalen Faselhänse beten. Da werden Weiber zu Hyänen ... ach, wenn ich noch an Fürstin Galizin denke, und Frau v. Liewen, wenn diese entzückenden Damen Migräne hatten! Einmal, als ich ein Riechsalz holte ... doch, was ich sagen wollte, Mazzini ist ein Irrsinniger, dagegen Kossuth ein Staatsmann der Revolution.« In diesem Tone ging es fort. Dabei weiß er von Kossuth so wenig wie von Mazzini, der Diplomat alten Stils schöpft jedes Urteil aus den Tiefen seines Gemütes, ungetrübt von Sachkenntnis, und hätte Metternich keine Buhlweiber in Paris gehabt, so hätte er dort so wenig erfahren wie anderswo. Diese Leute kommen wie die Fürsten nie in Berührung mit dem Volke, und von fremden Höfen lernen sie nur die Menüs auswendig. Immerhin blitzte einmal ein Funke der alten Pfiffigkeit auf, das faltige Gesicht belebte sich und straffte sich mit gehaltenem Ernst: »Ich denke mir, liebe Exzellenz, Sie möchten sich bei mir ausklagen. Sie haben Grund dazu. Als Sie das erstemal hier waren, betonte ich gelegentlich, daß mein System früher verlangte, Österreich möglichst aus den häuslichen Angelegenheiten Deutschlands herauszuziehen und Preußen dort möglichst freie Hand zu lassen. Ich äußerte mich zu Thun-Hohenstein in diesem Sinne und glaubte ihn ähnlich instruiert. Seither nahm ich mit Leidwesen wahr, daß die Politik Schwarzenbergs, die ich perhorreszierte, von Buol-Schauenstein womöglich in noch schärferem Tempo fortgesetzt wird. Umsonst spreche ich mein Mißfallen aus, man hört nicht mehr auf den alten Mann. Merken Sie sich aber, daß ich das Vorgehen gegen Preußen nicht billige, und Graf Rechberg mich deshalb in Wien anschwärzt, wenn ich mal wieder in Frankfurt durchkomme und ihm die Leviten lese, wie es meinem Alter und meiner Erfahrung zukommt.« »Euer Durchlaucht erkennen also das Mißliche dieser ewigen Trakasserien für Deutschland?« »Für Österreich, mein Herr. Deutschland geht mich nichts an. Unser Schwerpunkt liegt nicht hier, sondern in Italien, und noch mehr im Osten. Nur unser Verhältnis zu Rußland hat Bedeutung, und uns dabei Preußen entfremden, ist der Gipfel des Unverstandes. Preußen wurde früher durch die Verhältnisse Rußland in die Arme getrieben. Auf dem Wiener Kongreß war der Antagonismus so stark, daß wir mit Frankreich und England gingen, eine unnatürliche Kombination. Mein hochseliger Herr, Kaiser Franz, gottseligen Angedenkens, rief damals: I laß halt schieß'n! Ich darf wohl sagen, ich erwarb mir Meriten um die Menschheit, als ich diese schiefe Bahn reparierte und Heilige Allianz einfädelte. Aber die innerpolitischen Motive, in denen wir beide ja wohl einig sind, mögen die Demagogen schimpfen, jedenfalls sicherte ich auf lange den Frieden Europas.« »Was dem Ausheilen wirtschaftlicher Wunden nötig war. Ich bestätige Euer Durchlaucht dies große Verdienst. Otto urteilte ehrlich. »Ich danke Ihnen, auf Ihre Anerkennung lege ich Wert.« Der alte Herr nickte ernst. »Verläßt man diese Grundzüge der großen Politik, so kommt die große wie die kleine der Einzelfragen ins Schwanken. Jetzt haben wir das Vergnügen. Preußen wird sich eines Tages mit Frankreich oder Rußland oder beide zusammen gegen uns verbünden, und dann haben wir das Nachsehen, denn auf England ist nie Verlaß. Sehen wir uns nicht vor, werden wir schon bald Fiasko machen. Sehen Sie sich aber vor, daß Sie nicht einen neuen Rheinbund bekommen. Das würde Ihnen wohl auch nicht angenehm sein. Ja, ich meine persönlich Sie, soweit ich mich in Menschen auskenne.« Otto lächelte flüchtig. »Euer Durchlaucht sind ein tiefer Seelenkenner. Doch leugnet der Empereur solche Absichten.« »Die wird er Ihnen gerade auf die Nase binden. Nun, Sie sind der Mann danach, sich eigene Gedanken zu machen, Enfin donc leben Sie recht wohl! Mich Alten sehen Sie schwerlich wieder, die Trommel ruft zum Abmarsch, ich scheide aus der Armee. Wie heißt doch der Gladiatorenspruch? Morituri te salutant!« Und mit einem langen Blick nahm die Vergangenheit Abschied von dem Manne der Zukunft. – Der alte Knabe hatte mehr Grütze im Kopf als ich ahnte. Wäre er nur nicht auf den Hokuspokus der »Legitimität« hereingefallen, den ihm Talleyrand vormachte und der nicht mal den Bourbons anders als vorübergehend nützte. Diese älteren Hexenmeister manipulieren mit Zauberformeln, die nur so lange täuschen, bis ein Klarsehender den Kniff durchschaut. Und die neuen sind nicht anders, Alte und Junge alle miteinander Prinzipienreiter. Dieser schlaue Papa Metternich denkt innerlich, ich würde auch jede Realität meinem Prinzipe opfern, dem Haß wider Österreich. Wie naiv sie alle sind, diese sogenannten Staatsmänner! Sympathien und Antipathien persönlicher Art sind Untreue gegen das Vaterland, dem allein man verantwortlich ist. Ich werde Österreich genau so lange verfolgen, als es Deutschland im Wege steht, darüber hinaus gibt es für mich weder Liebe noch Haß. Die chronische Holsteinkrankheit zeigt auch wieder akute Symptome. Wenn unsere gesunden nationalen Säfte Krankheitsstoffe aus- und abstoßen wollen, kommen die Quacksalber und impfen uns neuen Aussatz ein, statt uns durch Naturheilverfahren zu kurieren. – Der Herzog von Augustenburg bedrängte Otto früher mehrfach in Frankfurt, seine Erbberechtigung fand aber dort taube Ohren, und es lief auf massive Geldentschädigung hinaus. Jetzt meldeten sich aber wieder seine Anhänger. – »Durch Arrangement eines neuen Kleinstaats ist nichts für uns zu holen,« belehrte der Meister seinen Kavallerieattaché, »der Dankbare würde bald ein Undankbarer, der von uns eingesackt zu werden befürchtet. O, Gott, woher nimmt unsereins nur noch die Courage und Ambition? Ich will fortan meine Instruktion vollziehn, meine Tinte sparen und meine Galle dazu.« »Das bringen Exzellenz ja doch nicht fertig«, lachte sein junger Bewunderer. »Arbeiten ist Ihr Leben.« »Man treibt mir's zu arg. Diesen Leuten werden die gebratenen Tauben, auf die sie warten, höchstens in den Mund fliegen, wenn sie gähnen. Wozu der ganze diplomatische Apparat, wenn man nur vegetieren und die Hand in den Schoß legen will! Zum Teufel, ich will mein Brot verdienen und nicht umsonst vom Steuerzahler mein Gehalt fressen. Ich möchte, hätte Gott mir die Kraft verliehen, die sieben Arbeiten des Herkules verrichten, und was ich aus diesem jetzigen Morast für mich herausfische, ist bloß Tantalus- und Danaidenarbeit. Napoleon wird schon ungehalten. Der allerchristlichste König nannte den Cromwell Herr Bruder, denn kein Nichtdeutscher ist blöd genug, einem Doktrinenpopanz die Realität zu opfern. Unsere läppischen Konservativen möchten sich so zeitlebens vor Rußland auf die Knie werfen, und wird das nicht anders, so wird in ferner Zukunft noch schweres Unheil entstehen, daß man auf allgemeine dynastische Tendenzen der Zaren baut und nicht glaubt, sie trieben geradeso Nationalpolitik wie alle andern. Wer bürgt denn dafür, daß nicht einst in Rußland geradeso ein Deutschenhaß erwacht, wie bei uns in Preußen der Franzosenhaß in der älteren Generation wurzelt? Wird ein Zar sich dann besinnen, uns auf den Leib zu rücken, und müßte er dabei einen französischen Republikpräsidenten, wenn's so etwas mal wieder gibt, Herr Vetter nennen? Bah, diese kleinbürgerlichen Krähwinkler! Sie weigern dem Gefährlichsten den Schein der Höflichkeit und setzen einen Cäsar auf die Proskriptionsliste, obschon gerade er die Demagogie los sein will, aber England darf ungerügt sein Gewerbe treiben, überall Unfrieden mit Friedens- und Freiheitsphrasen zu stiften. Wer sagt denn, ob nicht England unser natürlicher Feind ist wie Österreich? Es ist jetzt schon neidisch auf unser bißchen Industrie und verpönt jede Möglichkeit unseres maritimen Aufschwungs, wenn wir ihn je bekommen. Wie diese »Bundesgenossen« auf dem Wiener Kongreß und beim zweiten Pariser Frieden uns übers Ohr hieben, schlimmer könnten es Frankreich und Rußland auch nicht treiben. Mit denen uns gut halten, ist unsere einzige Rückversicherung gegen Übervorteilung, läßt uns offene Türen. Österreich wird uns nie ein Äquivalent bieten, Frankreich wohl.« »Aber wird nicht Mißtrauen beim Deutschen Bund erregt?« »Der – Gott verzeih mir, ich wollte schon sagen: der Rheinbund – der mißtraut uns ohnehin, und ob unsere Vertrauensseligkeit alle Töpfe überfließen macht. Unsere bloße Existenz ist ihr Fluch. Sie müssen uns fürchten, das allein ist die richtige Bundesakte, die sie im Zaum hält. Der unglückliche Gerlach hält den Baseler Frieden mit der französischen Revolution für den Urgrund der Jenakatastrophe, weil wir Abfall von Gott und Pakt mit der Hölle trieben. Als ob die Kleinstaaten, die noch ganz anders baselten, nicht nachher ihr Schiffchen ins Trockene gebracht hätten, bloß weil sie bei den Großmächten lieb Kind waren gegen das gehaßte Preußen! Wahrhaftig, es muß in dieser instinktiven Furcht vor uns doch irgendwas Reales stecken, eine Ahnung, denn so wie wir jetzt sind, hat uns doch niemand zu fürchten.« Unsere Armee!« warf der junge Offizier halblaut hin. »Noch nicht.« Otto schüttelte langsam den Kopf. »Auf den Lorbeeren der Befreiungskriege sind wir nicht eingeschlafen, wie einst auf denen Friedrichs des Großen. Aber wir müssen noch mehr Frühaufstehen lernen, den anderen um einen ganzen Sprung und Arbeitstag vorankommen, unsere Überlegenheit heimlich noch fester schmieden. Die andern sind viel zu faul und oberflächlich dazu, ihnen werden die Augen für moderne Reformen in Heeressachen erst aufgehen, wenn's zu spät ist. Die allgemeine Wehrpflicht muß strenger konsolidiert werden, das soll das Werk des Prinzen von Preußen sein, so Gott will. Ja, dann –!« Sein Auge glänzte. Dann erlosch der Glanz, und er gähnte, die Zigarre hinlegend: »Ich muß Ihnen eine Depesche an den Augustenburger diktieren.« In Dänemark hatte eine stürmische Demokratie das Ruder an sich gerissen und betrieb mit dem ganzen Feuereifer politischer Unwissenheit eine nationale Danebrogpolitik, die zur Losreißung Schleswig-Holsteins vom Deutschen Bund drängte. Das paßte natürlich auch Österreich nicht, Graf Rechberg erhob gewichtigen Einspruch. Otto zitterte davor, daß diese Schwergeburt, wo wahrscheinlich ein Kaiserschnitt später nötig wurde, eine Frühgeburt werden könne. Er versicherte daher Napoleon bei damaligem Gespräch über die Frage: »Dänemarks Integrität ist vielleicht in Frankreichs Interesse, doch nicht mit dortigem Demokratenregime. Das ist unvereinbar mit Beibehaltung des heutigen wünschenswerten Zustands.« »Sie denken, das würde zur Auflösung des dänischen Staates führen? Mag sein. Von mir aus hat man keinen Einspruch zu befürchten, wenn man deutscherseits dort Ordnung schafft.« Tatsächlich hatte der Deutsche Bund die von Österreich und Preußen vor fünf Jahren zugestandene Erbfolge des Prinzen Christian von Sonderburg-Glücksburg nie sanktioniert und dies als Selbstmord deutscher Nachgiebigkeit bezeichnet. Als jetzt die frechen Danskes einer kerndeutschen Bevölkerung das Joch der Danisierung mit Verfassungsbruch aufzwingen wollten, mußte der Aufschrei in ganz Deutschland den Bundestag zur Tat rufen. Anfang Juli erschien plötzlich auf Durchreise nach Paris der kleine Fürst Gortschakow in Frankfurt, den Otto sofort aufsuchte, weil er wußte, daß dies etwas zu bedeuten hatte. Nach gegenseitigen Komplimenten putzte der Russe seine Brillengläser: »Da hätten wir also wieder die dänische Frage, die unserem hochseligen Zar so naheging!« »Auch Seiner Majestät dem Zaren Alexander II.?« »Rußlands System bleibt immer das gleiche,« versetzte der kleine Mann hochtrabend. »Wie ich weiß, beredeten Sie sich darüber mit dem Kaiser der Franzosen.« »Allerdings«, bekräftigte Otto ruhig. »Ich stellte vor, daß es Ehrenpflicht sei, die deutschen Untertanen der Krone Dänemark in ihren verbrieften Rechten zu schützen.« »Pflicht von Preußen?« fragte der Russe mit einem Anflug von Spott. »Pflicht von Deutschland. Ich bereite Sie darauf vor, daß diesmal Einstimmigkeit am Bundestage herrscht.« »Sapristi, geschehen noch Wunder? Das wäre das erstemal! Darf man fragen, wie sich der Kaiser Napoleon dazu stellt?« »Man darf, denn Sie werden das gleiche in Paris erfahren.« Gortschakow lächelte fein, er lebte und starb in dem Glauben, daß jeder Staatsmann immer zwei verschiedene Eisen im Feuer hat, die er abwechselnd hervorzieht, und daß bewußte Doppelzüngigkeit das wahre Wesen echter Politik sei. Daß dieser Preuße und der unheimliche Empereur beide bis zu einem gewissen Grade das Eindeutige liebten, weil bei unnötiger Falschheit nichts als Aufenthalt und Verwirrung herausschaut und Winkelzüge nur Toren täuschen, begriff er nicht. »Frankreich wird Preußens Forderung in Kopenhagen unterstützen, vorausgesetzt, daß man nicht das Dasein Dänemarks gefährdet.« »Und wenn die Dänen trotzig bleiben und die Deutschen Gewalt anwenden?« »Dann behält er sich Aktionsfreiheit vor, jedoch in uns wohlwollendem Sinne.« »Dieser Sinn richtet sich nach den Umständen, wie bei uns.« »Rußland hat hier nur das gleiche Interesse wie wir: territoriale Integrität Dänemarks.« »Freilich. Doch ich dachte mir –« »Jede Änderung wäre uns unbequem. Doch eben diese neue oktroyierte Generalverfassung ändert den legitimen Rechtszustand.« »Hm! Diese deutschen Untertanen gaben Proben genug von revolutionärer Unruhe.« »Heut nicht mehr. Jetzt liegt die Demokratie ganz auf dänischer Seite, wie immer bei nationalistischer Strömung.« »Demokratie und Nationalismus nahe verwandt? Das läßt sich hören.« Der kleine Herr nahm wieder Zuflucht zu seiner Brille, deren Beschaffenheit er bessern mußte, um klarer zu sehen. »Jawohl, die Revolutionäre hetzen stets Nationalitäten gegeneinander wie in Italien, Ungarn und Polen.« Das saß! »Ah, ah! Ich muß gestehen, Sie legen Beziehungen dar ... ich glaube, wir werden handelseins.« – Es kam sehr gelegen, daß Prinz Friedrich von Hessen ihn zu einer Jagdtour nach Skandinavien einlud. Das bot guten Vorwand, die dänische Frage aus der Nähe in Augenschein zu nehmen. * Durch die weiche Augustluft über Kreidefelsen der Küste hin schwamm ein roter Mond, dies Farbenphänomen auf hoher See, das sich allmählich in grasgrüne, orangegelbe, weißliche Tinten wieder auflöst. Auf den Wogenbusen spielten die Mondstrahlen in leuchtenden Ringeln wie Nixenreigen. Hier also längs der Terasse von Helsingör wandelte Hamlet und sah seines Vaters Geist in Waffen. Otto starrte nach dem Seeland hinüber und sah auch einen Geist in Waffen. König Friedrich VII., der ihn zur Audienz erwartete, hatte sich den Degen umgeschnallt und einen Helm aufgesetzt. Er begann taktvoll mit Schilderungen des letzten Krieges zwischen Dänemark und Preußen, wo er oft allerhöchst dabei war. »Als ich vor Kolding rückte, ha, da hagelte es Granaten. Ich gab den Befehl zum Sturme und setzte mich an die Spitze.« Natürlich saß er damals hübsch zu Hause und ein weiblicher Schatten, den eine sonnige Nebengalerie an die Wand warf, belehrte Otto, daß der ganze Speech an die Gräfin Danner gerichtet war, die mit ihrem Liebhaber wie mit einem Leibeigenen verkehrte. »Ja, die herrliche neue Verfassung werde ich halten. Ich schwor es meinem hochseligen Herrn Vater auf dem Totenbette«, der nämlich sechs Jahre früher starb. Er müßte also wie Papa Hamlet Senior gespukt haben, um seine Einwilligung zu erkennen zu geben. Wichtiger schien, daß einige Schleswig-Holsteiner mit Otto zusammenkamen und ihre Abneigung aussprachen, ein eigener deutscher Kleinstaat zu werden. Die Baudissin, Liliencron usw. waren darin einig mit den schon seit Jahrhunderten ganz dänisierten deutschen Rantzau: »Das bißchen Europäertum am Hof von Kopenhagen ist uns da schon lieber.« Während Otto sich die Zeit absparte, das Thorwaldsenmuseum zu mustern, sann er: Wie wenig sich doch Völker ändern! Hier leben immer noch Polonius und Osric, und mögen Rosenkranz und Gyldenstern an jedem Hofe herumschleichen, ganz dänisch bleibt Laertes, der mit spitzer dänischer Zunge französische Phrasen drechselt und sein Germanentum verleugnet. Haß gegen England, das zweimal mit frechstem Völkerrechtsbruch Kopenhagen bombardierte und die Flotte stahl? Keine Spur. Aber den schäbigen Deutschen, die sich so viel einbilden, muß man eins auf den Kopf geben. Dafür weht das rote Danegbrogbanner mit dem weißen Kreuz auf den Orlogs, dafür die schlagfertigen Soldaten im dunkelblauen Rock und braunem Überrock mit rotweißen Schals. Und doch hatte man den dänischen Märchendichter Andersen in Deutschland verhätschelt und wie einen Einheimischen eingebürgert, so daß unsere Dekorationen früher auf seinem eiteln Kinderherzen klimperten als der Danebrogorden. Vom kalten klassizistischen Epigonen Thorwaldsen machte man ein Aufhebens, dessen sich deutsche Originalkünstler wie Cornelius und Kaulbach natürlich nicht erfreuten. Die Deutschen werden sich auf diesem Punkt niemals bessern. Wenn Welschgängerei und Affenliebe für Frankreich überwunden, werden sie zu Skandinavien und Russen beten. Nur das eigene Große werden sie stets benörgeln oder plattzudrücken suchen, wenn es sich regt, es sei denn, es schmuse sich mit zeitlichen Gewalten an. Um diese Zeit rang schon ein weltbewegender deutscher Genius mit der harten Not, bewitzelt und niedergeschrien, jemand, von dem ein Musiksimpeler wie Otto noch nie etwas vernahm, ein gewisser Richard Wagner. Nun, er hatte das Talent, alt zu werden. Auch der Schönhauser ging ja jetzt schon ins 43. Jahr, und nichts für die Unsterblichkeit getan. Da haben die reinen Geistesschöpfer es freilich besser. Ihr Ton, aus dem sie kneten, ist nicht so spröde, nichts hindert sie, wenigstens vor sich selbst und wenigen Verständigen ihres Geistes Spur zu hinterlassen. Wenn aber dieser preußische Gesandte heute starb, was blieb von ihm? Eine Reihe wundervoller Berichte und Depeschen im Archiv des Auswärtigen Amtes. Wenn später mal ein Historiker darin stöberte, würde er sich wundern: dies scheint ein sehr begabter Mann gewesen, schade! Ja, ja, wir stehen alle in Gottes Hand ... »Königliche Hoheit! – Exzellenz! – Willkommen in Schweden!« empfing sie Baron Blixen mit der unvergleichlichen schwedischen Höflichkeit und Gastfreundschaft. Sein Schloß lag hoch und weiß auf einer Halbinsel inmitten eines breiten Sees. Düstere Eschen beschatteten die sonnige Einsamkeit, die Natur schien hier ewig einen stillen Sonntag zu feiern. Soll man ihn stören durch Schüsse auf feiste Rehböcke? Der Geist ist willig, doch das Fleisch schwach und die Jagdpassion stark. Die Jagden nahmen kein Ende, später bei Graf Plessen in Roeskilde, dann wieder nach Schweden hinein. Heidekraut, Wachholder, Rosmarin, Torfmoor, wunderliche Felsblöcke wie versteinerte Trolls, o, hier unter Harzgeruch einschlummern, wo keine versiegelte Depesche den Europamüden erreicht. Es ist Entweihung, diese Wildnis zu stören und auf scheue Birk- und Auerhähne zu fahnden, aber der sündige Mensch tut es doch und stolpert dabei auf einer Felskante und verletzt sich das linke Schienbein. Durch Umschläge schien der Schaden bald geheilt, und nun ging es wieder aus dem Urwald zurück, wo graue Bergnasen spöttisch eine Nase zu drehen und tanzende, rotgetupfte Forellen im schäumenden Wasser die menschliche Hetz- und Fraßgier zu verhöhnen schienen. »Ich werde doch wohl noch hierher auswandern«, schrieb er an Nanne. So tief steckt in jedem Germanen der Urmensch, das Einssein mit der freien Natur, was ihn allzeit vom Romanen, Slawen und allen Nichtariern unterscheidet. Doch lebt dies Sehnen nach Frei- und Alleinsein zutiefst im Deutschen, der sich so als der ungemischteste Germane bekundet, mögen ihm dies Geblüt die Skandinavier auch streitig machen. Beim Angelsachsen, der jenes Gefühl in hohem Grade besitzt, geht alles in rohphysischem Sport- und Vertilgungstrieb unter. Schießt er auf big game , kann ihm die ganze Schönheit der Natur gestohlen werden. Möglichenfalls seine Insularerziehung zur Seeräuberei. Otto war eben ein Deutscher vom Wirbel bis zur Sohle, nichts Deutsches war ihm fremd, ein nationaler Typ, wie ihn in solcher Reinheit kein anderes Volk hervorbrachte und in dem jeder Deutsche sich selbst bespiegeln kann. Von ihm galt, was Goethe vom Nibelungenlied (dieser vom größten Deutschen, dem Alten Fritz, unleserlich genannten Nationalbibel) sagt, daß jeder Deutsche je nach seiner Beschaffenheit etwas darin für sich findet. Das muß eine große Nation sein, in der sich jeder je nach seiner Art diesem riesigen Kerl verwandt fühlt, auf den Wodan – oder Odin hier im Stammland der weißhäutigen, blonden Germanen – absonderlich gnädig lächelt und auf den alle Walküren in Walhalla warten. In Kopenhagen fand er einen Heilruf seines alten Universitätsgenossen Graf Keyserling, er müsse sofort bei ihm in Kurland gegen Wölfe, Auer und Wisentelche zu Felde ziehen. Das leuchtete ihm ein. Siegfried und Hagen wollten Schwein, Auer und Wisente jagen, was konnte Kühneres sein? Dazu schlug er Bären und einen grimmen Schelch, der Herr von Niederland. »Na, sind Sie nun entschlossen?« fragte Graf Oriola, sein alter Bekannter, mit dem er für Gott eine Lanze brach, jetzt Gesandter in Kopenhagen, der sich äußerst liebenswürdig erwies. »Ich habe aber einen allerhöchsten Befehl, Sie über Berlin abzuleiten«. Otto stöhnte. Die wollen mir selbst meine Ferien, verleiden. Adieu, Dänemark! Wer weiß, wann wir uns wiedersehen! Ist nicht was faul im Staate Dänemark? Die Möven, die sein Schiff begleiteten, krächzten so übelwollend. In Berlin die alte Schmiere. Nur los davon! Doch was er erfuhr, war diesmal keine alte, sondern eine neue Peinlichkeit. »Sie haben schon wieder ohne Ende geraucht«, begann der König mit schwerer, stockender Stimme. Er schnupperte in der Luft und sog sie mit einer Miene des Ekels ein. »Sie wissen doch, daß diese unästhetische häßliche Unart mir ein Scheuel und Greuel ist, wie dem seligen Goethe. Nächstens wird man noch Briefe in meiner Gegenwart siegeln mit dem widerwärtigen Lack. Nicht mal seine Handschreiben dürfen vor ihm gesiegelt werden, was zu grobem Vertrauensbruch hätte führen können. Auch weiß niemand, ob solches nicht manchmal geschah. »Da sind Sie nun! Ich habe einen Erlaß von mir ausgehen lassen, Sie tot und lebendig zur Stelle zu schaffen. Wie ich wahrnehme, hat mein Gesandter in ... in ... Stockholm diesen allerhöchsten Befehl submissest mit gebührender Devotion vollzogen.« Er brach ab und setzte sich, vor sich hinbrütend. Dann rief er mit klagender Weinerlichkeit: »Mein treues Ländle Neuenburg, zertreten unter den unbesohlten Füßen der Gottlosen!« Fassungslos folgte Otto diesem Auftritt, während der diensttuende Flügeladjutant Edwin Manteuffel ihm fortwährend Zeichen machte. »Neuenburg wird unter die Fittiche Euer Majestät zurückkehren«, redete er dem König zu. »Allerhöchst ihr Wille wird von ganz Europa anerkannt, alles beugt sich vor Ihrer erhabenen Person.« »Das möcht' ich diversen Illegitimen auch geraten haben!« Eine hektische Röte flog über sein verfallenes Gesicht. »Wenn ich nur nicht so müde wäre!« »Jawohl, Euer Majestät müssen jetzt ruhen von dero Überbürdung mit Staatsgeschäften.« »Der Ritter v. Bismarck soll sich beim Schloßhauptmann melden«, winkte der König traumverloren. »Der Kreuzzug wider die Ungläubigen ist beschlossene Sache. Ich genehmige die Gesinnungen, welche Euer Liebden mir auszudrücken die Gewogenheit hatten. Doch müssen einige Übeltäter dem Arm des weltlichen Gerichts überliefert werden.« Draußen fragte Otto atemlos: »Seit wann?« Manteuffel war bleich und kaute an seinem Schnurrbart. »Ich stand heut eine Todesangst aus, jede Annäherung von Unberufenen zu verhindern. Bei Ihnen mußte ich eine Ausnahme zulassen, und Sie werden keinen Gebrauch davon machen?« »Mein Wort darauf! Wie ist das gekommen?« »Am 9. Juli besuchten Majestät, zur Kur in Marienbad, den Kaiser in Schönbrunn, am 13. kam er über Dresden zurück und traf sich in Pillnitz mit dem König von Sachsen. Dort befiel ihn ein ... Unwohlsein. Die große Hitze bei der Reise hatten ihn angegriffen.« »So las ich damals im Bulletin der Leibärzte und maß dem keine Bedeutung bei.« »Man hat es sorgfältig verheimlicht. Am 17. hier in Sanssouci trat die ... die geistige Ermüdung,« Manteuffel suchte nach dem passenden Wort, »sehr deutlich zutage. Die kühle Aufnahme bei den befreundeten Herrschern und andere Eindrücke wirkten erschütternd auf sein Gemüt, es scheint an erregten Debatten nicht gefehlt zu haben. Seither war der hohe Herr nicht mehr der gleiche, doch hatte er sich wieder erholt, heut ist ein bedenklicher Rückfall zu verzeichnen.« »Ich erinnere mich, am 27. Juni hier sah der König dem Exerzieren zu, ich meldete mich zum Antritt meines Urlaubes nach Kopenhagen und ritt neben ihm. Da entfielen ihm die Zügel plötzlich und ich mußte zugreifen. Auch fiel mir eine Gedächtnisschwäche auf. Doch an solche Katastrophe konnte ich nicht denken.« »Es ist noch lange nicht so weit. Wenn nicht neue Störungen dazukommen, wird allmähliche Wiederherstellung eintreten, sagen die Ärzte. Ich werde ihn ängstlich hüten, und bitte: reinen Mund!« Gottlob, endlich Memel. Nanne war in Stolpmünde, nach welchem Seebad er aus der Bahn liebende Blicke warf. Und nun endlich in den russischen Wäldern! »Äh, äh, auf Sie warten die Biester nur!« begrüßte ihn ein kurländischer Bekannter Baron Behr. »Ein Riesenelch hat mir im Traum erzählt, er will Ihre werte Bekanntschaft machen, äh, äh!« Er konnte dies aristokratische Äh – äh so wenig los werden, wie Graf Keyserling seine griesgrämige Elegik. Man jagte viele Tage und pokulierte viele Nächte durch. Es kamen auch verschiedene russische Besitzer von »Seelen« und nahmen an den deutschen Belustigungen teil. Keyserling erging sich in Göttinger Erinnerungen und erkundigte sich nach Verbleib der Kommilitonen. Davon wußte Otto nur, daß Oldekopp hannoverscher Kriegsrat sei und Scharlach glücklich in Hildesheim büffele. »Die Welt ist schlecht!« Nach welcher Spruchweisheit der Balte in seine Langeweile versank. Das Trinkgelage nahm einen bedeutenden Umfang an, denn nach Jagen bekommt man Durst, und eine große Ladung Rüdesheimer, die sich Behr verschrieben hatte, sollte nicht lange brach liegen. Das Ende war ein Schlachtfeld, auf dem Otto steif und fest als Überlebender thronte. Das letzte, was man von den Russen vernahm, war ihr lallender Chorus: »Wir können doch was vertragen, haben den Herrn Exzellenz auch auf Wotki gefordert, aber gegen diesen Deutschen kommt keiner auf. Solch ein Saufgenie ist zwischen Archangel und Jekaterinoslaw nicht zu finden. Das ist die deutsche Ihre Wißbegier, wie er selber seine Leibeigenen behandele, und ob ein Muschik überhaupt ohne Knutevermahnung arbeite, hatte er ausgelacht: »Die deutschen Bauern in Südrußland haben sich losgekauft und prosperieren schon lange. Freie Bauern arbeiten immer besser als Leibeigene.« »Nitschewo! Und was machen die Gutsbesitzer?« »Die arbeiten auch.« Ein Höllengelächter belohnte diesen Witz. Und als die nordischen Bären brummend alle Viere von sich streckten, murmelten sie noch im Schlafrausch: »Die deutsche Gefahr. Der Recke sah über die Walstatt hin. Diese russischen Schweine! All das bißchen Belecktheit ihrer Pelze haben sie von uns, sie selber konnten nicht mal die Knute erfinden, denn die ist tatarisch ... Nur der Deutsche kann kneipen, alle anderen kennen nur Nüchternheit oder Suff. Ein Göttinger Bild stieg vor ihm auf, ein letzter unsolenner Abschiedskommers auf seiner Bude. Er sah und hörte... »Hier geht's ja hoch her, bin auch gern dabei!« begrüßte ein Verspäteter die ehrenfeste Leistung eines vertilgten Bierjungen mit heller Stimme. »Holla, ›Schweinchen‹! Du siehst verdächtig solide aus!« »Was hilft das schlechte Leben!« quiekte Schweinchen. »Ich sehe rosig in meine gottbegnadete Zukunft. Ein Philister gab Kredit auf meinen Alten, kaufte mir 'nen flotten Dunkelfuchs. Das schweinslederne Korpus juris stampf' ich unter die Hufe meiner Pferde, das ist das Los des Schönen auf der Erde. Zum Roßtäuscher langt's noch. Wenn alle Stricke reißen, werd' ich Bereiter.« Der Studiosus Wehner warf affektiert seine Stulpnase auf. »Bis wir in dein Allerheiligstes schauen!« lachte Scharlach. »Er flieht schon jetzt profanen Umgang und labbert im Café Bruns warme Milch wie ein Kater, wenn er in Hannover bei seinem alten Herrn allen Spiritus abschwört. Es steigt der Kantus: Der Spritus im Keller brennt.« »Und a – alles steht in Fla – a – ammen!« gröhlte der »Bulle« mit fürchterlicher Stimme. Sogar der gelehrte »Peter« sang falsch mit. Als angehender großer Philologe saß er wie die sieben Weisen Griechenlands und lächelte selig stupide mit vorspringender breiter Unterlippe, von der ein sanfter Speichel floh. »Sieben verschollene Sprachen in sieben Speichelkanälen!« seufzte Otto tief bewegt, »O, diese gigantische Lippe, dies versteinerte Frühlingslächeln! Petrus, du bist der Fels, auf den wir nicht bauen.« »So witzig bist du?« freute sich der unerschütterliche Weise. »Ich habe dich doch lieb.« Und er aß würdevoll die letzte Wurst auf. Otto entledigte sich seiner Getreuen: »Du, ›Hamster‹, du ›Kazike‹, du, andalusischer Stier, ›Stadtbulle‹ geheißen, ihr seid entlassen mit Verdacht. Ich muß meinen Rausch verschlafen.« »Lüg nicht, sonst kümmt's Tüfeli!« biederte der Bulle. »Dein Rausch! So was hab' ich noch nie gegessen.« Der »Jude« lallte: »Bruder, du bist ein edler Mensch. Und bin ich erst eine Blume der Ritterschaft, so kannst du mir – siehe Götz v. Berlichingen.« Das »Bild« vertraute dem schönen »Cerevesianer« an, er sei ein Bild ohne Gnade und habe bei Weibern Pech, worauf der magenkranke verdrießliche Lauenstein seinen Gram ausschüttete: »Wir Theologen bringen's nur zu einer Köchin.« Die junge Garde ergab sich, die alte starb in Schönheit. »Kein Fett in der Suppe«, wimmerte der »dicke Herr«, als man ihn an die frische Luft geleitete. Über sein Glas zusammengeknickt, weissagte Keyserling: »Ich spucke Blut. Ade, du schöne Welt, ich muß dich lassen.« Alle Überlebenden stimmten das Katerlied an: Ach, schießt ihr schlecht! Ade, mein Land Tirol! ... Otto erwachte aus dem Halbtraum. Das war fast 25 Jahre her, ein Lustrum, ein Menschenleben nach Durchschnitt jeder Mortalitätsstatistik. Und er kneipte hier im Norden, näher der Newa als dem Rhein, selbst schon ein »alter Herr«, dem die Haare ausfielen auf dem Haupt, das immer einen Gedanken trug. Was hatte er erreicht? Nichts. 25 Jahre – Herrgott, 25 Flaschen Champagner, die Wette mit Coffin! Die ist mit Glanz verloren. Er muß mich aber vom Selbermitbringen des Champagners übers Weltmeer entbinden, ich werde an Motley schreiben. Doch vielleicht ist er schon selber abmarschiert ins unbekannte Land, sein Name Coffin (Sarg) wäre passend dafür. Oder soll ich ihm vorschlagen, er soll die Wette prolongieren wie einen Wechsel? Noch zehn Jahre? Langt nicht. Fünfzehn Jahre? Vielleicht machen wir's dann ... Er ging festen Schrittes zu Bette. * Als er nach Berlin zurückkehrte, bedeutete ihm Manteuffel, es gehe dem König besser. »Anfang Oktober kommt der Zar. Da redet man wohl über Schleswig-Holstein. Meinen Sie, Napoleon wird sich einmischen?« »Durchaus nicht. Wäre er Englands sicher – doch das ist schon recht eifersüchtig. Auch sollen ja Verhandlungen matrimonialer Natur zwischen uns und England schweben.« Manteuffel nickte. »Zudem wird er sich hüten, mit Deutschland gerade wegen der Frage zu brechen, die alle deutschen Kabinette gegen ihn vereinen würde. Das heißt die Weisheit dieses klugen Regenten verleumden.« »Wenn wir mit Österreich Hand in Hand die Frage lösen –« »Das wäre gerade ein Fehler. Denn Napoleon sucht Bruch mit Österreich, und man darf ihm keinen Vorwand geben. Die ganze Verantwortung muß diesmal auf den Bundestag abgeschoben werden. Wir müssen, ohne uns selbst allein zu engagieren oder uns mit Österreich einzulassen, die allgemeine Bundesexekution beantragen und veranlassen. Das kostet noch viel Arbeit, denn ich sehe schon Rechberg am Werke, wie er uns im Ausland als Friedensstörer und beim Bundestag als lauwarme Unzuverlässige denunziert. Wir müssen halt tragen und durchhalten.« Manteuffel macht Hum und Ha, willigte aber ein: »Ich lasse Ihnen freie Hand. Übrigens drücken uns hier nähere Sorgen. Werden Sie den Thronfolger in Baden-Baden aufsuchen? Man kann nie wissen –« Beide schwiegen, dann warf der Minister hin: »Der Zar ist ein starker Raucher. Majestät müssen sehr vorsichtig sein für ihre Kopfnerven. Doch Sie wissen ja, wie es damit ist!« Mit der Laune eines verzogenen Kindes blieb der König immer hartnäckig beim Gegenteil dessen, was seine Umgebung riet. Im vorigen Jahr hatte Otto versprochen, in Malwines schwesterlichen Armen zu liegen, d. h. Kröchlendorf zu besuchen, kam aber nicht dazu. Auch diesmal verkürzten ministerielle zigarrenlose Gespräche (ihm eine besondere Pein) seine freie Zeit, so daß er nur ein paar Weihnachtsgeschenke für Nanne mit ihr verabreden konnte. »Ich überliefere dich Gerson und anderen Verführern und kneife aus, damit ich nicht das Ensemble im Weißen Saal um eine Farbennuance bereichern muß. Auf dem Theaterzettel gehöre ich unter ›Volk, Edelleute, Häscher und Priester‹, mein Kostüm wirkt dekorativ, doch um Gottes willen möcht' ich keine Charge übernehmen weder als erster Bösewicht noch als Konfident. Es sind schon genug Mitspieler da, die gute Lungen haben und das Deklamieren aus dem Grunde verstehen. Ha, Verräter! Stirb, Verruchter! Mein Leben für den Zaren! Und wenn einer nur melden darf: ›die Pferde sind gesattelt‹, so kommt er sich ungeheuer wichtig vor. Nun ja, Statisterie ist die Hauptsache bei glatter Inszenierung.« Seinen ganzen Galgenhumor brauchte er am 15. Oktober in Frankfurt. Das war ein trauriger »Königs-Geburtstag«. Sonst gab es vormittags feierlichen Gottesdienst in der reformierten Kirche am Kornmarkt, dazu erschien er mit dem ganzen Personal in Gala, mittags Diner in großem Stil mit sämtlichen preußischen Offizieren, abends Rundgang in den Garnisonkasernen und Beschenkung der Soldaten. Doch diesmal lastete schon eine Art Landestrauer, da man baldiges Ableben des »heißgeliebten« Monarchen vermutete. Otto fuhr nach Baden-Baden, er fand den Prinzen sehr ernst. »Sie sind ja wohl unterrichtet? Am 6. ließ es sich der König nicht nehmen, den Zaren in dessen Salonwagen am Niederschlesischen Bahnhof zu begleiten, und die rauchgeschwängerte Luft nahm ihm die Besinnung. Ein Schlaganfall folgte. Gottlob ist das Schlimmste überstanden, ein Aderlaß, schon etwas verspätet, erhielt ihn am Leben.« »So ist für den Gesundheitszustand vorerst nichts zu befürchten?« »Wohl aber für den ... Gemütszustand.« Er schwieg bedeutungsvoll. »Ich übernehme die Stellvertretung. Wünschen Sie neuen Urlaub?« »Meine Frau ist in Hohendorf, Ostpreußen, bei Alex Below. Wenn ich die Gnade haben könnte –« »Gewiß. Der Weg dorthin führt über Berlin.« Der Prinz verbarg ein schwaches Lächeln. Wie oft muß die Frau als Grund herhalten für ganz andere Geschäfte! »Also reisen Sie mit mir!« – In Berlin stand alles auf dem Kopfe. Die Königin und andere Einflußreiche am Hofe hätten am liebsten die Fiktion aufrechterhalten, der König sei noch regierungsfähig. Prinz Wilhelm forderte Otto zu einem Spaziergang in den Potsdamer neuen Anlagen auf, der Adjutant mußte weit zurückbleiben, um die Unterhaltung nicht zu hören. »Die Gewissensfrage ist die: falls ich die Regierung antreten muß, bin ich verpflichtet, die Verfassung so anzunehmen, wie sie steht, oder darf ich eine Revision verlangen?« » De jure schon. Nach dem Lehnrecht hat der Sohn, nicht der Bruder Verpflichtungen als bindend zu übernehmen. Doch ich rate Eure Königliche Hoheit ab. Wahrscheinlich würde die Majorität ablehnen, und wir wären dann in unsicherem Systemwechsel. Gibt es neuen Konflikt im Innern, so verliert Preußen nach außen jede Kraft. Wir würden uns auch beim ganzen Liberalismus, der doch nun mal im übrigen Deutschland mehr oder minder auch amtlich überwiegt, unmöglich machen.« »Das hätte Sie früher wenig gerührt«, bemerkte der Prinz mit leichtem Unmut. »Damals war ich es, der Ihnen zu liberal dachte. Sie haben sich in Frankfurt merkwürdig gehäutet.« »Der Mensch denkt und Gott lenkt. Bei weiterer Perspektive sieht man sowohl nahe als entfernte Dinge anders.« »Das mag so sein. Mißverstehen Sie mich nur nicht! Sie wissen am besten, wie kindisch man mir unrecht tut, wenn man mich reaktionärer Tendenzen bezichtigt. Die sogenannte Kamarilla, Ihre Freunde Gerlach und Genossen, nennen ja meinen Hofhalt ein Brutnest des Liberalismus, was natürlich auch sehr weit übers Ziel hinausschießt. Was mich an der Verfassung so aigriert und mit Sorgen erfüllt, ist nur ein Punkt: daß sie mir nicht unumschränkte Befugnis für das Ressort läßt, dessen Ausgestaltung ich im Interesse des Vaterlandes unbedingt wünsche und will.« »Ich weiß, die Armeereform. Dafür wird es sicher Mittel und Wege geben, wenn nur sonst die Räder glatt gehen. Um dies dem Landtag und der Nation genehm zu machen, bedürfen wir des gestärkten Ansehens nach außen. Alles andere ist von untergeordneter Bedeutung. Je kräftiger wir in Deutschland die Machtfrage stellen, desto leichter erlangen wir die halb widerwillige Mitwirkung der parlamentarischen Legislative, und nur durch geschlossenen Zusammenhalt im Innern bieten wir drohende Front nach außen.« »Das leuchtet ein. Ich habe nur Bedenken, wo ich je Minister finde, die den unvermeidlichen Stein des Anstoßes, meine Heerreform, ins Rollen bringen.« Er sah Otto von der Seite an, doch der blickte ins Leere mit einem öden Gesicht. Dafür kam noch lange nicht die Zeit, übrigens lebte der König noch. Le roi est mort, vive le roi! würde sich aber auch hier vorerst bewahrheiten, die Dinge bleiben anfangs in ziemlich gleichem Geleise. Auch würde Prinzeß Augusta wohl schon »ihre« Minister in Bereitschaftspositur gestellt haben. Er reiste nach Hohendorf und fand Frau und Kinder wohl. »Wie trägt es die Umgebung Seiner Majestät?« forschte Herr v. Below. »Allerhöchstes Patent vom 29. August übergibt also dem Prinzen die Regierungsgeschäfte auf drei Monate, welche Frist binnen des folgenden Jahres immer um je drei weitere Monate nach Bedarf verlängert werden soll. Wie nimmt es z.B. Edwin Manteuffel, der sich als Flügeladjutant eine so bevorzugte Stellung schuf?« Otto zuckte die Achseln. »Ziemlich rabiat. Als ich von langer Unterredung mit Prinz Wilhelm zurückkam, regte dies den Herrn von Sanssouci so auf, daß seine Angst vor meiner Einmischung jeder Takt verließ. Er fragte mich geradezu in fast barschem Tone, warum ich nicht auf meinem Posten in Frankfurt sei. ›Ihre dortige Anwesenheit scheint mir bei unserer Situation gerade jetzt sehr nötig.‹ Ich gab ihm zu verstehen, daß er nicht auf der Höhe der Situation sei. Ich bin hier viel nötiger. Doch ich sagte das nur so, denn im Grunde machte ich, daß ich fortkam, und will auch sofort am Bundestag einheizen. Sonst schmeicheln die sich schon, wir könnten jetzt nicht kontinuierliche Politik treiben.« – – Auf dem neuen Jahr lastete eine gewisse Langeweile. Ein Tag wie der andere. Erst um 10 Uhr trank Otto seinen Frühstückstee, diktierte dann vier Stunden Depeschen, den Nachmittag füllten Sitzungen und Besprechungen, abends immer Gesellschaft und die halbe Nacht Depeschenarbeit. Manchmal, wenn seine Nerven erschlafften, ließ er schon um vier Uhr morgens satteln und ritt weit hinaus, streifte und kletterte im Taunus. Mit Malet pachtete er ein Jagdrevier und ärgerte sich, wenn ein Ausflug zum Fischen verregnete. Um diese Zeit trieb auch in Frankfurt ein Herr sein Unwesen, der auf Manteuffels geheimer Liste als treuer Helfershelfer stand, den aber Otto auf den ersten Blick als österreichische Kreatur erkannte. Es war dies ein Bankier Levinstein, der offenkundig als politischer Agent zwischen Berlin, Wien, Paris herumgondelte. »Exzellenz werden darüber unterrichtet sein,« führte er sich bei dem preußischen Gesandten ein, »daß der Herr Minister Freiherr v. Manteuffel mir sein Vertrauen schenkt und mich mit mancherlei Aufträgen beehrte.« Otto nickte stumm und rauchte. Das erinnerte ihn an den Silberthal oder Siegelthal in Hannover. »Ich war letzthin in Paris und genoß die Auszeichnung, von Seiner Majestät dem Kaiser der Franzosen empfangen zu werden und wiederholt mit dieser erhabenen Person zu verkehren. Hehe, Euer Exzellenz müssen da die Ohren geklungen haben, Seine Majestät sprachen viel Liebes und Schönes von Ihnen, was ich als alter Bewunderer Euer Exzellenz mit Andacht hörte.« »Freut mich. Womit kann ich Ihnen dienen?« »Ach, Exzellenz, unsere schwere Zeit bedarf der Männer. Solcher wie Sie. Ich fürchte, es ziehen neue Wolken herauf. Man kittet immer wieder am Frieden, doch werden sich auf die Dauer Konflikte herausbilden.« »Mit Österreich, Herr Levinstein?« »Da sei Gott vor! Aber Exzellenz haben Einfluß in Rußland. Ihre Kaiserliche Hoheit Großfürstin Helene will Ihnen so wohl und sprachen sich neulich enthusiasmiert in engerem Kreise über Sie aus.« »Woher wissen Sie das?« »Man hat so seine Beziehungen«, blähte sich der Bankier ein wenig. »Ich pflege immer prompt informiert zu sein.« »Ich auch. Sie geben übermäßig hohe Trinkgelder an Bedienstete, verehrter Herr. Sie versuchten das auch früher bei meinem Kammerdiener Hildebrand, leider ohne Erfolg.« »Aber, Exzellenz!« Der Abgeblitzte machte ein etwas schafiges Gesicht, faßte sich aber gleich wieder und meckerte lachend: »Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft. Ich möchte nur anregen, ob Hochdieselben nicht mit daran arbeiten möchten, den allgemeinen Geist der Versöhnung, die wir alle anstreben, auch in russischen Kreisen zu propagieren. Preußen und Österreich und unser gemeinsames deutsches Vaterland werden ja doch immer zusammenstehen.« Sein lauernder Blick erheiterte Otto nicht wenig. »Ich werde in nächster Zeit öfters Gelegenheit haben, Euer Exzellenz aufzusuchen. Meine Vertrauensstellung beim hohen Staatsministerium in Berlin ermächtigt mich dazu. Ich werde die Ehre haben, manchmal Aufträge an Ihre Adresse zu leiten, mit denen mich der Herr Premierminister privatim betraute.« Otto erhob sich zum Zeichen der Verabschiedung. »Herr v. Manteuffel ist mein Vorgesetzter und ich werde pflichtschuldigst alles gern entgegennehmen, was Sie mir zutragen.« »Ich danke Euer Hochwohlgeboren für die gütige Zusage.« Der kurzangebundene Ton, an den er nicht gewöhnt war, verletzte den geschmeidigen Herrn. Noch in der Tür erhielt er einen Abschiedspfeil gutmütigen Spottes: »Wenn ich nur eins wüßte, Herr Levinstein, ich werde daraus nicht klug.« »Und das wäre?« frug der Schlaue gespannt. »Ob Sie ein preußischer oder österreichischer Unterhändler sind. Nichts für ungut.« »Ich unterhalte mit beiden Höfen loyale und korrekte Beziehungen.« Levinstein verneigte sich steif und gekränkt. »Guten Morgen, Exzellenz.« Otto hielt sich den fragwürdigen Schlaumeier möglichst vom Leibe, der ihm gleichwohl mehrmals das Haus einrannte. Seine Menschenkenntnis lehrte ihn, daß man am besten fährt, sich mit solchen Subjekten nicht einzulassen. Denn auf irgendwelche Weise fällt man da immer herein, und da ihre Rachsucht stets mit ihrem Eigennutz balanciert, so läuft man nicht mehr Gefahr dabei, ihnen den Laufpaß zu geben, als ihnen die schmierige Hand zu drücken. * »Das kann ich unmöglich dulden,« beschwerte sich Otto aufgeregt bei Sir Malet, »das Kabinett von St. James hat eine Eigentumsfrage dem Bundespräsidenten allein vorgelegt.« »Ja, es handelt sich um einen Anspruch des Earl of Bentinck auf Güter in Oldenburg.« »Dieser Formfehler beruht auf der Fiktion, als ob das diplomatische Korps nur mit dem Präsidenten zu verkehren hätte. Das ist flagrante Verletzung der Bundesrechte, und ich werde sofort an Lord Clarendon schreiben. Vorerst lege ich mein Veto ein.« Trotzdem ein anderer englischer Lord sich beklagte, der preußische Gesandte habe sich feindselig gegen England benommen, schrieb der britische Minister einen höflichen Dankbrief für die Aufklärung. »Wie sollte ich wohl Feindseligkeit gegen England empfinden, da ich die Bentincks kenne und Sie, Sir Alex, mein Freund sind und ich außerdem lebhafter mit England sympathisiere als mit jeder anderen Nation!« Das war im Januar 1858, und im Februar zog die Prinzeß Royal als Kronprinzessin in Berlin ein. In welcher Weise man damals vorsichtig sein mußte, lehrte Ottos telegraphische Bitte an Manteuffel, seinen Bericht über die englische Quängelei nicht per Post an den preußischen Geschäftsträger in Karlsruhe, Graf Flemming, zu schicken und so natürlich zu Rechbergs Kenntnis zu bringen. »Das käme ungelegen,« erläuterte er dem Rat Kilchner, »ein persönlicher Handel mit Rechberg wäre dann unausbleiblich. Der steckt nämlich wieder dahinter.« »Aber er kann sich doch nicht auf seine eigene Verletzung des Briefgeheimnisses berufen. Fremde Briefe postalisch öffnen, ist doch schimpflich.« »Haben Sie 'ne Ahnung! Das wird ihn von Vorzeigung meiner Äußerungen nicht abhalten. Er wäre zynisch genug zu behaupten, man habe das Aktenstück nur deshalb per Post geschickt, damit er meine abfälligen Äußerungen erfahre. Das Schwarze Kabinett der Brieferbrechung ist eine k. k. Institution, mit der sich jeder abfinden soll.« Da mit Otto persönlich anzubinden eine kitzliche Sache schien, so verlief sie im Sande. Im allgemeinen gestalteten sich die Beziehungen zu Rechberg freundlicher als zu Prokesch. Es trat eine gewisse Windstille und Waffenruhe ein. Als Otto zu Fastnacht seiner Dienerschaft ein Fest veranstaltete, ganz als pommersch-märkischer Gutsherrpatriarch, meinte Rechberg anerkennend: »Da schauen's, wie man über nordische Steifheit schwätzet! Das wär' bei uns kaum denkbar, und doch redt' man immer von unsere leutselige Urbanität gegen das niedere Volk. Der Bismarck versteht sich populär zu machen, alle Achtung. Die preuß'schen Soldaten hier nennen ihn Seine Exzellenz der Herr Leutnant, dieweil er bei ihnen in seiner Landwehruniform sich präsentiert und ihnen gut zuredet. Sie haben ihn alle sehr lieb. Ein höchst agiler Herr, das muß man ihm lassen, und gar ein charmanter Gesellschafter.« Zuletzt gelang es Otto wirklich, die Bundesexekution durchzusetzen, vor deren Androhung Dänemark die Waffen streckte und Schleswig-Holstein seine alten Freiheiten zurückgab. Nach der letzten entscheidenden Sitzung gab es eine förmliche Ovation für den Vertreter Preußens, dessen Festigkeit und Klugheit dies dem Bundestag schmeichelhafte Ergebnis herbeiführte. »Meine herzliche Gratulation!« hörte er von geschworenen Gegnern wie Reinhard und den anderen Preußenfressern; Rechberg beglückwünschte ihn süßsauer: »Sie sind berechtigt, den Löwenanteil des ehrenvollen Erfolges zu beanspruchen.« Preisend mit viel schönen Reden gingen so die deutschen Kleinstaaten um den heißen Brei herum, den sie Preußen einrühren wollten. Otto ließ sich durch kein scheinbares Entgegenkommen täuschen. »Sehen Sie, lieber Freund, das gibt einmal einen großen Krach«, schüttelte er am großen Kamin im Arbeitskabinett mit den gelben Tapeten, wo zwei gepolsterte Bänke entlangliefen und der geräumige Sims die mitgenommene Rheinweinflasche und die Römer trug, dem guten Jakob Becker sein Herz aus. Das war ein herzlich schwacher Maler, genoß aber als Schwager eines ebenso mittelmäßigen kleinen Poeten, Müller von Königswinter, das Ansehen einer Künstlerfamilie, also einer beliebten Gesellschaftsstaffage der höheren Stände. Ob solche braven Künstler gut malen, tut nichts zur Sache, da die Laienkreise dies ja doch nie beurteilen können. Haben sie liebenswürdige Gattinnen und Töchter, sprechen sie gewählt über die Künste und bewegen sich mit entsprechenden Formen, dann sind sie enfant gaté . Wie interessant, einen so bedeutenden Künstler in unserer Mitte zu haben! Neulich hat die Offenbacher Zeitung ihm ein Loblied gesungen, er hat auch einen Orden vom Kurfürsten von Hessen, dessen Porträt er malte. Von solchen Lokalberühmtheiten hat jede deutsche Mittelstadt irgendeine, draußen in der Welt kennt man sie zwar nicht und will nichts von ihrem Können wissen, aber was geht das engere Kreise an! So schätzte der so kritische Schönhauser den als Menschen vortrefflichen Professor Becker sehr hoch und hielt das Porträt, das der gute Mann von ihm verfertigte und das feierlich im Empfangszimmer Johannas hing, für ein Meisterwerk. »Preußen wird eines Tages die Majoritätsbeschlüsse nicht mehr anerkennen, die sie uns wie ein Netz über den Kopf warfen. Sie spinnen ein Leichenhemd für unsere Unabhängigkeit. Wer das Unkraut nicht ausjätet, kann sich nicht wundern, wenn es in Samen schießt und wächst.« »Aber wie kann man es ausjäten? Es sind doch wohl böse Brennesseln dabei.« »Indem man Fausthandschuhe anzieht. Wir werden einmal den Bruch vollziehen müssen, vielleicht zu ungelegener Stunde. Wie das im Leben so geht, werden wir dann das Karnickel sein mit dem Schein des Unrechts. Wie oft stellt sich der Provokateur nachher als der Überfallene dar!« »Wird der Regierungswechsel in Preußen, denn so darf man's wohl nennen, Sie in Mitleidenschaft ziehen?« »Möglich. Das Ministerium Manteuffel hat die Berliner Presse einstimmig gegen sich, und seine Absetzung könnte zu meiner Versetzung führen, irgendwohin.« »O, das wäre schrecklich! Wie würden wir Sie vermissen!« »Personaländerungen haben im Grunde wenig zu bedeuten. Zuletzt kreiselt doch alles wieder in den alten Radius hinein, und nichts wird so schwarz, wie man fürchtet, nichts so rosig, wie man hofft.« Sein Auge schien sich in die bläulichen Ringel des Zigarrendampfes zu vertiefen, die lange, weiße Asche zu bewundern, die seine Havanna als Kennzeichen feinen Krautes an der Spitze hervortrieb, oder über die knisternden Flammenscheite des Kamins hinzugleiten, die bald verkohlten, bald rotzüngelnd loderten. Aber sein inneres Auge sah ganz wo anders hin, visionär, in Empfängnis schauender Zukunftsgedanken. – Seinen gläubigen, jungen Lehrling von der Kavallerie verlor er schon lange. Betrübt meldete er sich eines Tages: »Abkommandiert, d. h. zum Regiment zurückversetzt.« »Verlust für mich, Gewinn für Sie. Ein gesundes, junges Blut fühlt sich unter Pferden und Säbeln wohler als unter verstaubten Akten. Na, seien Sie beim morgigen Ball noch mal Vortänzer und dann sagen Sie den teuren Bundeslämmern mit Blume und Band Johannas ewig Lebewohl. Die gute Jungfrau von Orleans hatte nicht solche Lämmer mit heimlichen Wolfszähnen, sonst wäre ihr das Scheiden auch leichter geworden!« Und nach dem Ball, als der Kammerdiener Engel verlegen zugab, es sei nur noch eine allerletzte Flasche Sekt da, rief der Gastgeber: »Her damit, sie muß alle werden auf das Wohl unseres scheidenden Kameraden!« Und er brachte dessen Gesundheit aus als ein Leutnant v. Bismarck, der einen im Rang Gleichstehenden freundschaftlich hochleben läßt. Nicht die schmelzenden Melodien der Violinen, nicht die blendenden Busen und rauschenden Schleppen, nicht der Schaumwein des Jugendgenusses lebten in Erinnerung des Jünglings fort, als er sich empfahl und in der Morgenfrühe dem Bahnhof zuschritt, sondern das verehrte Gesicht des angestaunten Mannes mit dem unheimlichen Blauauge und dem unabänderlichen düstern Ernst der Stirn, ob der Mund noch so gütig lächelte. Seinen Diener Hildebrand, der so viel mit ihm erlebte, verlor er auch. »Ik will mir verändern, Exzellenz. Was mein Bruder is, schreibt aus so 'ner amerikanischen Stadt, Chikago heißt sie, daß es ihm dort so gut geht.« »Na, denn man tau! Aber vergiß die deutsche Heimat nicht!« »Det sull'n Wort sein, gnädiger Herr. Mein Bruder hat auch alle Leut' immer von sei'm Herrn Leitnant vertellt, und wir beide wer'n immer drüben von uns' gnä'gen Herrn ein Licht aufstecken. Was die Jankiehs sind, so nennt sich die Bande, haben auch schon von Exzellenz gehört, und sie wer'n uns noch für Geld zeigen: Das sein die Hildebrands, die bei Herrn v. Bismarck waren.« »Schon gut. Daß ihr mir auf Deutschland nichts kommen laßt!« »Deutschland kenn' ich nich, aber Preußen, und wer was drüben gegen Preußen sagt, dem schlagen wir den Schädel ein.« »Bravo!« Es ging ihm doch nahe, den Getreuen nicht mehr um sich zu haben. Aber so geht's im Leben. Tout passe. Oft vergißt der Große den Kleinen schwerer als der Kleine den Großen. Denn nur starkes Erinnerungsvermögen schafft Treue, aber nur ein starkes Hirn erinnert sich unaufhörlich und hält so alle Eindrücke beisammen. – Otto fand heraus, daß Johann Bernhard Rechberg sich von Thun und gar von Prokesch erheblich unterschied, da er mit all seinen Schlichen nicht ohne Gutmütigkeit und sein Jähzorn nicht bloß erkünstelte Komödie war. In einer Sitzung ging es besonders scharf her. Rechberg würgte an seinem Grimm und blieb nach dem Exodus der übrigen Gesandten allein zurück, um mit seinem preußischen Widersacher ein ernstes Wörtchen unter vier Augen zu reden. »Das wird ein schlimmes Ende nehmen, wenn Sie fortwährend Händel suchen. Eine solche Unverträglichkeit fand ich nie. Sie legen es darauf an, mich totzuärgern.« »Das wäre zu viel. Aber krank geärgert hab' ich mich genug über Ihre präsidialen Diktaturstreiche.« »Diese Antwort ist Ihrer würdig. Sie wollen mich wohl frozzeln, das lasse ich mir von Ihnen nicht bieten. Streiche machen dumme Jungen, nicht ich, aber schlechte Streiche machen böse Menschen, die überall Streit und Mißgunst säen.« »Hören Sie, mein lieber Graf,« Otto maß ihn mit kaltem Blick von Kopf bis zu Füßen, »ob Ihr Groll bloß Diplomatie oder ernst gemeint ist, vermag ich nicht zu beurteilen, jedenfalls nimmt er recht persönliche Formen an.« »Wie kann man Ihnen gegenüber anders als persönlich werden! Sie ergehen sich in Beleidigungen gegen meine Person.« »Bitte, halt! Sollen wir etwa im Bockenheimer Wäldchen den Dualismus unserer Staaten auf Pistolen ausfechten?« »Diese Erledigung wäre mir höchst angenehm«, schnarrte Rechberg mit erhöhter Stimme, schnaubend vor Wut. »Auf der Stelle! Fahren wir hinaus!« Mit kühler Ruhe kam die Antwort: »Warum fahren? Der Garten des Bundespalais ist geräumig, vis-a-vis wohnen preußische Offiziere, österreichische sind leicht aufzutreiben. Da wir das Terrain der Diplomatie verlassen, so werden wir zehn Schritt von hier das »Terrain« zu einem Renkontre finden. Nur möchte ich, wenn Sie gestatten, die Ursache des Ehrenhandels niederschreiben. Ich darf meinen Souverän nicht als ein Miles Gloriosus erscheinen, der seine Staatsvertretung auf die Mensur spazierenführt. Sie werden, wenn ich bitten darf, meine Erklärung kontrasignieren.« Er setzte sich gelassen und schrieb. Rechberg rannte mit großen Schritten hinter ihm auf und ab. »Ich werde Herrn v. Oertzen, unsern Kollegen, als Zeugen beauftragen, das Nähere zu vereinbaren.« Rechbergs Wutanfall wich einer vernünftigen Einsicht. »Wissens«, bekannte er zu dem Mecklenburger. »Wir Österreicher san rabiat, aber gute Kerle, und der Bismarck ihst auch rabiat, aber 'n guter Kerl. Machen Sie ihm meine Exküsen, wenn er manifestiert, daß er mir keinen persönlichen Affront zufügen wollte. Unter Kavalieren ist die Sache dann beigelegt. Wir wollen der Welt nicht solchen Spektakel vorsetzen. Ich will mich mäßigen, aber er soll's auch.« Ein eigentümlicher Vorfall veränderte ein wenig das Verhältnis von Hund und Katze, wie der Preuße und Österreicher bisher zueinander standen. »Ich bitte, mich einen Moment zu entschuldigen, ich muß Toilette wechseln«, empfing Rechberg seinen Besucher, der etwas Geschäftliches zu bereden hatte. »Da lesen Sie inzwischen die Depesche aus Wien, sie ist ja offiziell für Ihre Einsicht bestimmt. Ich soll in nächster Sitzung mein Votum für Ihren Antrag einlegen.« Als er das Zimmer verließ und Otto das Schriftstück überflog, sah er sofort, daß Rechberg in der Eile einen falschen Griff tat und ihm einen Brief über den gleichen Gegenstand auslieferte, worin man den Präsidenten mit heimlicher Bearbeitung der übrigen Mitglieder zur Irreführung des Preußen betraute. Offenbar lag auf dem Arbeitstisch des Gesandten eine andere Depesche sehr verschiedenen Inhalts, die er Otto hatte zeigen sollen. Rechberg kam zurück, munter und vergnügt, und begegnete einem ernsten Blick seines Rivalen. »Hier kam wohl ein Irrtum vor?« »Wie das?« fragte Rechberg, noch ganz aufgeräumt. »Lieber Kollege oder richtiger, lieber Graf, ich spreche jetzt als Privatmann, als Edelmann zum Edelmann unter Diskretion. Sie haben leider ein unliebsames Versehen gemacht.« Er hielt ihm das Blatt hin. Rechberg wurde rot und blaß. »Der preußische Gesandte wird vergessen, was er gelesen hat. Sie wollten mir den Brief nicht geben, also geben Sie ihn nicht, sein Inhalt blieb mir unbekannt.« »Sie versprechen das? Auf Kavaliersparole?« fragte jener mit dumpfer Stimme. »Mein Wort darauf. Ich habe die Ehre.« – Rechberg sah ihm düster nach. Ob der grimme Preuße dazu fähig ist? Übermenschliche Zumutung! Wir Diplomaten sind alle Klatschweiber, und mein Fauxpas wird ihm schon Anlaß geben, mich bloßzustellen. Als aber der Fall offiziell verhandelt wurde und aus allen Berichten, dem Benehmen in Berlin und verschiedenen ihm hinterbrachten Gesprächen mit anderen Bundesgesandten, wodurch er dem Mitwisser eine Falle stellen wollte, die unbedingte Worttreue Ottos hervorging, bekam Rechberg eine stille Hochachtung. Ein verflucht anständiger Mensch, der wie das Grab über eine unfreiwillige Blöße des Gegners schweigt! Er ging plötzlich auf seinen Sachfeind zu und drückte ihm warm die Hand. »Wir sind nun mal verdammt, aufeinander loszuschlagen. Das ist meine Pflicht, und Sie tun die Ihre. Aber ich muß Ihnen ausdrücken, daß Sie mein persönliches Vertrauen in hohem Grade erwarben. Vielleicht stehen wir uns mal nicht als Widersacher gegenüber, die Lagen ändern sich, und da seien Sie sicher, daß Sie an mir stets einen guten Freund haben werden, der Ihnen gern zu Diensten ist.« Otto schüttelte ihm die Hand und sagte etwas Verbindlich-Unverbindliches. Aber er hatte das Gefühl, als ob Rechbergs Angebot sich noch erfüllen könne. Wer weiß, am Ende trat er einst an Buols Stelle, und da hätte er wohl Gelegenheit, sich irgendwie zu revanchieren. Anständigkeit bezahlt sich immer. – – »Ach, das ist die ›Freundin‹ der Frau v. Bismarck!« Der sächsische Militärbevollmächtigte v. Spiegel strich sich martialisch den Schnurrbart, indem er mitleidig auf einen kleinen verwachsenen Herrn herabschaute, der für Johanna die Notenhefte umblätterte. »Ein höherer Telegraphenbeamter, nicht? Ein Herr v. Obernitz?« »Ja, eine schöne Seele, ein ausgezeichneter Mensch«, erwiderte der preußische Gesandte v. Balan, der soeben den Grafen Seckendorf in Stuttgart ersetzte und dem zu Ehren sein Frankfurter Kollege ein Festessen gab. »Den Spitznamen einer Hausfreundin gab man ihm weniger wegen seiner Körperschwäche als wegen seiner weiblichen Sanftmut und Freundlichkeit. Die mütterliche Güte unserer allverehrten Wirtin nimmt nicht wunder, aber unser gefürchteter Riese bemüht sich mit gleicher zarter Sorgfalt um den armen Krüppel. Sehen Sie ihn dort an, wie er am Klavier sitzt, versunken in das seelenvolle Spiel seiner Gattin! Ist das wirklich derselbe Mann, vor dessen Kampfzorn der halbe Bundestag zittert?« Otto hatte gerade bei einem Stück Beethoven schwermütige Erinnerungen. Vorher erhielt er verführerische Einladung seiner schwedischen Jagdfreunde. Da stieg das Bild seines Kniephofer Weihers vor ihm auf, wo im Schilf die Enten sich duckten und er im Nachen fuhr, entkorkte Sektflasche zur Linken, die Büchse schußbereit zur Rechten, in der Hand den Hamlet, in dessen seelische Untiefen er sich herabsenkte. »Die Welt ist aus den Fugen. Schmach und Gram, daß ich zur Welt sie einzurichten kam!« Ach, das war gerade das Elend, daß er nicht dazu kam. Nun, heut hatte er keine Zeit mehr, Hamlet zu lesen, und auf schwedische Jagdfreuden mußte er verzichten, weil er zwischen Baden-Baden und Berlin hin und her pendeln mußte. Er fuhr aus seiner Träumerei auf und notierte sich, daß er morgen früh seinen Vorgesetzten Manteuffel auf der Bahn abholen müsse, um mit ihm zum Prinzen Wilhelm zu fahren ... Er hatte in den sauren Apfel beißen und dem Thronfolger ohne Nennung der Namen beichten müssen, daß ein unheilschwangerer Plan im Werke sei, ihn um seine Regentenrechte zu bringen. »Seine Majestät soll seine Unterschrift zu einem Briefe an Euer Hoheit geben, daß er sich wieder ganz wohl fühle und die Zügel erneut an sich nehmen werde.« »Das ist ja Wahnsinn. Mein Bruder ist völlig unfähig dazu.« »Das wissen die Betreffenden sehr gut. Ihre Majestät die Königin soll fortwährend Kontrolle üben und die Unterschrift des Königs beschaffen, in dessen Namen dann gewisse Herren die Regierung ausüben würden.« »Aber das ist ja Hochverrat! Und wie stellen Sie sich zu solchem Ansinnen?« »Ich bezeichnete es als eine Art Haremsregierung.« »Jawohl, der kranke Mann in der Türkei! So weit sind wir schon!« rief der Prinz entrüstet. »Dann nehme ich meinen Abschied auch aus meinen militärischen Ämtern.« »Das würde den Wirrwarr nur verschlimmern. Es fragt sich doch, wie sich das Staatsministerium dazu stellt.« »Manteuffel, der mir übel will ...« »Ist auf sein Gut gereist«, ergänzte Otto mit feinem Lächeln. »Natürlich, er hält' sich stille, um sich nicht zu kompromittieren. Was raten Sie?« Ihn sofort telegraphisch herzitieren und so der Intrige ein Ende machen.« »Soll geschehen.« Nach einer Pause fuhr der Prinz fort. »Mit Schleswig-Holstein machten Sie gute Arbeit.« »Wie man's nimmt. Äußerliche Einigkeit. Österreich wird stets hinterm Rücken mit Dänemark liebäugeln und öffentlich großdeutsche Reden halten, und fällt dann der Erfolg nicht ganz so aus, wie die Deutschen wünschen, dann haben natürlich wir die patriotische Suppe verdorben als selbstsüchtige Sudelköche.« »Wir müssen wohl mal Abrechnung halten«, murmelte der Fürst. »Nun, Dänemark fiel ja um, aber wer weiß, ob ihm nicht später wieder die böse Lust kommt. Hat es Rückendeckung an Frankreich?« »Ich zweifle sehr. Wäre dem so, hätte man schon ein Loch in unserer Bundestagkompetenz entdeckt.« »Sie sind auch unzufrieden mit dem Zollverein?« »Mit seiner jetzigen Form, die wir kündigen sollten. Ich bin dafür, daß unsere Kammern und die Presse recht derb und grob den andern Regierungen zu Gemüte führen, daß sie sich um die Fleischtöpfe Ägyptens bringen, wenn sie durch kleinliche Rankunen uns den Spaß verleiden. Die öffentliche Meinung in Deutschland schmachtet nach einer Gelegenheit, bei der sie die Regierung scharf kritisieren kann. Sprechen wir recht viel von der Einheit, deren Sinnbild der Zollverband, so wird ganz Deutschland sich auf unsere Seite stellen.« »Sehr beherzigenswert, in der Tat. Für so scharfe Maßregeln ist indessen Manteuffel nicht der Mann. Kommt er, so will ich ihm eine Alternative stellen. Unter so unsicheren Zuständen leidet der Staat.« Manteuffel forschte auf der Fahrt, wie der Thronfolger ihm gesonnen sei. Otto antwortete ausweichend. Er hatte den Eindruck, daß man den Premier verabschieden, ihn aber vorher zur Einsetzung der Regentschaft benutzen wolle. Und so geschah es. Die Haupt- und Staatsaktion der Mitte Oktober proklamierten Übernahme der Staatsleitung durch das neue Oberhaupt hatte als zweiten Akt die Ernennung des mediatisierten Fürsten v. Hohenzollern-Sigmaringen zum Ministerpräsidenten. Die neue Ära hatte begonnen, doch viele brauchten das Wort in spöttischem Sinne. Es ließ sich nicht leugnen, daß auch verstaubte Revolutionsgrößen wie Graf Schwerin aus der Versenkung heraufgeholt wurden und das Ministerium etwas buntscheckig aussah. Alle Kleinstaatsregierungen schlugen ein Lamento über die Linksschwenkung Preußens auf. Vor allem schrien die Bundesgesandten Zetermordio und sahen schon die neue Revolution kommen. Sie machten Otto von allen Seiten Beileidsbesuche. »Wir zittern davor, Sie zu verlieren«, jammerte Reinhard. »Sie allein waren die Stütze der Staatserhaltung. Diese neue Ära wird uns Barrikaden und Burschen wie Kinkel und d'Ester auf den Hals bringen. Dieser Schwerin! Ein Schreckensgespenst! Ein getigerter Roter!« Otto lachte. »Sie bürden dem guten Mann zu viel auf. Ein harmloser Doktrinär. Ei ei, lieber Kollege, zu Anfang dieses gottgesegneten Jahres hielten Sie doch meine schleunige Abberufung für das wichtigste Fundament der deutschen Einheit. Ich kenne den Inhalt Ihrer Depeschen nach Stuttgart!« Der Intrigant errötete. »Ein unseliges Mißverständnis!« Er drückte dem Gehaßten krampfhaft die Hand. »Wir alle werden auf ein Feld gedrängt werden. Graf Rechberg wird Himmel und Erde in Bewegung setzen, daß Sie uns erhalten bleiben.« Montessuy war sehr unruhig. »Reden Sie mir nicht davon, teurer Freund! Ich bin zu niedergeschlagen. Ihre braven Deutschen haben eine Angst wie Küchlein vor dem Marder und werden Frankreich gerührt in die Arme sinken. Mir kann's recht sein, aber es tut mir leid um Sie.« Auch Sir Malet schien in seinem Phlegma gestört. »Man hält dies neue Ministerium für Brandstifterei.« Der Russe Fonton bekreuzigte sich rechtgläubig: »Mein erhabener Herr, der Zar, hatte so schöne Reformpläne, doch Ihr Bündnis mit der Revolution wird ihn zurückschrecken und an jeder Reform hindern.« »Aber, meine Herren! Sie sind alle zu sehr aus dem Häuschen. Weil sich ein Komet am Himmel zeigte, fürchten Sie Krieg und Pestilenz und halten das Siebengestirn unseres neuen Ministeriums für einen unberechenbaren Kometen. Aber die Astronomen können ja die Laufbahn eines solchen Wandelsterns genau bestimmen, und ich meinesteils halte diese neuen Lichter, die Ihnen solche Ängste einflößen, für ganz gewöhnliche Trabanten. Behalten Sie ruhig Blut, es wird sich alles machen.« Sein Zuspruch besänftigte die erbosten Gemüter, doch tönte stets der Refrain: »Ja, wenn Sie uns hier erhalten blieben, dann hätten wir Garantie. Aber so! Ihr Nachfolger, der bewußte Freimaurer, soll es hier schwer haben, das verbürgen wir Ihnen.« »Wir werden halt eine Feuerversicherungsgesellschaft gründen«, seufzte Rechberg elegisch. »Auch gegen fahrlässige Brandstiftung bedarf man einer Assekuranz. Wie wäre es denn mit einem Dreikaiserbündnis?« Otto lachte nur dazu, er wußte, daß unter gegebenen Umständen weder Frankreich noch Rußland sich je wieder mit Österreich anfreunden würden. Auch schwärmte ja Alexander II. für liberale Ideen, wie einst Alexanders I. Anfängerbegeisterung, die nachher ins Gegenteil umschlägt und sich nicht mit dem Metier verträgt. So etwas gibt sich. Jedenfalls würde ein Herrscher, dem Aufhebung der Leibeigenschaft vorschwebte, gegen gemäßigten Liberalismus nichts einwenden. Napoleon aber durfte nicht seine Herkunft und Vergangenheit verleugnen, um als Hort der Reaktion aufzutreten. Außerdem erregte der liberale Wind in Berlin nur bei den deutschen Regierungen schlecht Wetter, nicht beim Volke, das in neuer Frühlingsahnung schwelgte. In dieser Hinsicht sah also Otto die Dinge gelassen an. Dagegen hatte er keinen Grund, seine eigene Stellung als gefestigt zu betrachten. Trotz seiner persönlichen Intimität mit dem Thronfolger unterschätzte er nicht die Wühler, die ihn wegdrängen wollten. Viel Spaß hatte ihm ein Reisebesuch gemacht, den ihm, rein zufällig natürlich, sein lieber Jugendgespiele Harry Arnim abstattete, auf dessen allgemeine Begabung er sonst große Stücke hielt. Dieser interessante Mann witterte sowohl Morgenluft als Leichenduft. Er klopfte ein wenig an seinem »geliebten Freund« herum. »Österreich soll ein neues Olmütz mit tatsächlichen Operationen planen, ich bin aus bester Quelle informiert«, sprach er gewichtig. »Was Sie nicht sagen, Harry! Ich habe aus bester Quelle, daß doch alles Kaff ist. Laßt nur die Ohren nicht hängen, wenn die weiland Bamberger Diplomaten, die Erzpartikularisten, ihre Schreckschüsse loslassen! Die haben gar kein Geschütz, nur leere Böller, die Kanonade reicht nicht bis Berlin. ›tis a far cry to Lochawe‹ « sagt ein schottisches Sprichwort. »Ist's wirklich so weit? Klang Ihnen nicht das Trommelfell von dem vielen, was in Berlin über Frankfurt geredet wird?« »Über mich? Warum zerbrechen sich die Herrschaften meinen Kopf?« Harry legte ihm zärtlich besorgt die Hand auf's Knie. »Ich spreche aus vollem Freundesherzen, Otto. Man sagt, Usedom habe Ihren Posten sicher.« »Man sagt manches, was man wünscht«, erwiderte Otto bedeutungsvoll. »Ich weiß nichts, mein Lieber, und Sie auch nicht. Unmöglich ist nichts, nicht mal, daß der Himmel einfällt. Wenn es Erdbeben gibt, warum nicht mal ein Ätherbeben! Wir sind ja doch nur ein Spielball des Unberechenbaren.« »Schuld an der allgemeinen Mißstimmung ist doch nur die Fraktion«, klopfte Harry wieder auf den Busch. »Wenn Ludwig Gerlach und seine Leute nicht so renitent wären und in alle Welt ihren Zorn über Manteuffels Sturz hinausschrien, würde der Fürst von Hohenzollern es besser haben.« »Das ist schon wahr. Ich glaube aber, der Regent hat in seiner Weisheit gerade deshalb den Fürsten vorgeschoben, um sich vor hohler Parteiregierung zu sichern und nicht zu weit nach links zu rutschen. Das Ministerium muß nur nicht den Faden mit der Rechten abschneiden, nach keiner Richtung Fühlung verlieren und den inneren Frieden ausbauen. Dann kann es nach auswärts fester auftreten. Das ist meine Hauptsorge, die inneren Parteiverhältnisse liegen mir fern.« »Ist's die Möglichkeit! Früher waren Sie doch ganz Parteimann. Die Konservativen nennen Sie schon einen Fahnenflüchtigen – Pardon für die Indiskretion!« Otto klopfte ihm auf die Schulter. »Je indiskreter, desto besser. Daß ich für die Regentschaft eintrat, d. h. die Staatserhaltung, war der Parteihaltung nicht konservativ genug.« »Aber, teuerster Freund, wenn ich mir einen Wink gestatten darf, mit den Konservativen haben Sie's verdorben und von den Liberalen nichts zu hoffen. Wie soll es dann mit Ihrer Laufbahn werden?« »Ist mir Wurscht. Man wird natürlich den Stellenjägern gefällig sein,« er zwinkerte leicht nach Harry hin, was dieser Staatsmann aber nicht merkte, »und da mag schon vorkommen, daß man kurzer Hand über mich disponiert, d. h. mir eine solche Versetzung angedeihen läßt, daß ich anstandshalber demissioniere. Vielleicht gibt man mir auch den Abschied, ohne daß ich ihn zu fordern brauche. Freiwillig tue ich das erst, wenn das Ministerium Farbe bekennt.« »Aber, mein Gott!« Harry stockte förmlich der Atem. »Mit solcher Gleichgültigkeit reden Sie von Ihrem Ausscheiden aus hoher öffentlicher Stellung?« »Solange man nicht vom Leben scheidet, hat man immer die Stellung auf zwei Beinen. Nur die Toten kommen nicht wieder.« Dagegen kam Herr Levinstein immer wieder, denn ein lebendiger Hund ist besser als ein toter Löwe. Er fing an zudringlich zu werden mit geheimnisvollen Winken. »Der Herr v. Manteuffel sagt immer, der Levinstein ist zähe. Ja, hat er gesagt. Ich führe eine Idee aus, die ich mir in den Kopf setze, und komme meist zum Ziel.« »Sehr interessant. Ich drücke Ihnen ... in Gedanken... die Bruderhand. Ich bin nämlich auch sehr zähe.« »Hehe, Exzellenz Bismarck muß seinen Witz haben, das weiß tout le monde ! Aber der Herr v. Manteuffel, hat er gesagt, stellt mir das Zeugnis aus, ich sei weder ehr- noch geldgierig. Ja, Gott sei gepriesen, das ist mein Stolz. Noch keiner hat aus Geschäften mit mir nicht Vorteil gehabt.« Er richtete einen tiefsinnigen Blick auf Otto. »Das ehrt Sie. Da müssen Ihre Geschäfte sehr lukrativ sein ... für andere.« »Jedenfalls biete ich Ihnen all meine Dienste an. Se werden so redlich nicht leicht anderswo bedient werden. Uneigennützig das bin ich.« »Ich entdecke immer neue Tugenden in Ihnen, Herr Levinstein. Doch glaube ich kaum, daß ich Ihrer liebevollen Dienste bedarf.« »Nu, man kann nicht wissen. Sie werden vielleicht abziehen in weite Ferne, und da könnt' ich in Ihrer Abwesenheit Ihre Geschäfte besorgen, prima. Zum Beispiel Vermögensverhältnisse als Bankier. Ach, in der Nähe – ich meine im trauten Vaterlande, wie ich als guter Deutscher hoffe – würden Sie segensreicher wirken als in dir Fremde. Ich wünsche Glück zu jeder Mission, die man Euer Exzellenz überträgt, aber das Vaterland, das teure Vaterland geht allem vor. Würde sich ganz Frankfurt doch hochbeglückt fühlen, wenn Euer Exzellenz weiter hier weilen würden! Nur die kleine Verstimmung mit Österreich, diesem großmächtigen Kaiserstaat, dessen echtdeutsche Gesinnung jedem deutschen Bürger ans Herz gewachsen – wäre die behoben, wer weiß, was sich machen ließe! Adieu, Exzellenz, empfehle mich zu Gnaden!« Er verduftete eilig, nachdem er so zart auf den Busch geklopft. Stil des Grafen Karl Buol. Verkappte Erpressung. Der Knabe Karl fängt an, fürchterlich zu werden. Was half es, daß Otto eine Geschäftsordnung durchbrachte, die jede formale Willkür des Präsidiums eindämmte und die Finanzen des Bundeshaushalts ordnete, auch bezüglich Bundesbesatzung der Festung Rastatt Rechberg ein Schnippchen schlug! Die Bundeseinrichtungen bedrückten Preußen, während sie Österreich freie Bewegung ließen, und konnten lebensgefährlich werden, weil Preußen sich stets einer kompakten Majorität gegenüber befand und fast alle deutschen Fürsten nur einem Bundessystem mit österreichischer Spitze Vorschub leisteten. »Ich begreife vollkommen«, bestätigte der ihm sehr vertraute russische Gesandte. »In einzelnen Rubriken mag eine Schwankung der Magnetnadel eintreten, doch sie richtet sich doch stetig nach gleichem Pol. Sie können das ungehörige Mißverhältnis der Rechte und Pflichten wohl abschwächen, doch nicht heilen.« »So ist's. Mit der neuen Umdeutung der Bundesrechtstheorie würde jede Selbständigkeit preußischer Politik beseitigt. Auch ist die infame Presse an vielem schuld. Diese elenden Piepmeier wagen schon gar nicht mehr, preußischen Patriotismus mit sogenannter deutscher Gesinnung zu vereinigen. Die zwanziger Gulden aus Wien montieren die öffentliche Meinung, ›Subvention‹ und ›Rentabilität‹ sind der wahre Lebenszweck der Verleger und Lohnschreiber. Es gibt nur drei Sorten von deutschnationalen Zeitungen: die schon bestochen sind, die bald bestochen zu werden hoffen, die eine Bestechung durch zweideutige Leitartikel herbeizwingen. Da sind die Levinsteiner in ihrem Element. Jetzt graulen sie mich fort, ich bin der letzte Stein des Anstoßes.« Johanna war tief niedergeschlagen. »Wir haben uns so schön hier eingerichtet, nun sind Mühe und Kosten weggeworfen«, klagte sie in fast keifendem Ton. »Vater sagte in Reinfeld, du würdest sofort den Abschied nehmen. Belows und alle Verwandten meinen es auch. Onkel Hans resigniert ja auch.« »Oho, er wird resigniert. Der muß natürlich fallen, er machte sich zu tief verhaßt. Der Regent verabscheut ihn als Mann, wie die Prinzessin als Frau, das Rheinland wird jubilieren.« »Wie du nur redest! Als ob du dich darüber freutest! Ja, unsere Freunde sagen alle, du seist gar nicht konservativ.« »In ihrem Sinne gewiß nicht. Bei der Regentschaftsfrage habe ich sie erkannt. Der Staat ist ihnen nichts, die Partei alles. Lieber ein regierungsunfähiger König, wenn nur die Partei dabei fortregiert! Die Demokraten haben doch eigentlich recht: Und der König absolut, wenn er uns den Willen tut. Aber damit habe ich noch nicht das Tischtuch zwischen mir und ihnen zerschnitten. Als staatserhaltende Kraft bleiben sie mir wert und gegen neues Überwuchern der Demokratie lehne ich mich auf wie Anno dunnemals.« »Aber was wird aus uns?« »Nichts Schlechtes, solange wir ›wir‹ sind. So kleinmütig und verzagt? Sägt man mich ab, ziehe ich mich unter die Kanonen von Schönhausen zurück und beziehe die alte Gefechtsstellung, obschon mit einiger Erweiterung der Position. Wir haben zu leben. Ein hohes Gehalt mit einigem Anstand verzehren ist doch kein himmlischer Genuß.« »Ein hohes Gehalt ist immer gut. Denke an die Kinder!« »Ja, daß er sie und dich gesund erhält. Wer nur den lieben Gott läßt walten ... Vogue la galere , sagt der Ungläubige, wir aber, die wir einem gerechten Gott vertrauen, haben ein unzerbrechliches Steuer in jedem Fahrwasser. Und muß ich solo schwimmen, wie Gott mich geschaffen im Adamkostüm, sozusagen in politischen Schwimmblasen, so leuchten über uns immer noch Gottes Sterne.« »Aber du wirst nicht unnachgiebig sein?« »Durchaus nicht. Aber ich bin in erster Linie ein Gentleman. Und wenn ich finde, daß ich als Diplomat darauf verzichten muß, dann ist mir das liebliche Regime von Trüffeln und Großkreuzen unverdaulich. Zu guter Letzt ist eine vergoldete Fessel auch eine Fessel. Frisch-frei-fröhlicher Kampf auf eigene Faust ist das beste Faustrecht. So predigt mir das Blut meiner Ahnen, die alle Landjunker oder Soldaten waren. Der Teufel hole die ganze Diplomatie!« »Aber nicht die , wie du sie verstehst.« Und Johanna hob einen mütterlich verständnisvollen Blick zu Otto empor. Er gab ihr einen Kuß und schwieg. Dann sagte er ruhig: »Die Schauspieler sagen: Nach Neune ist alles vorbei. La commedia e finita. Nach dreißig Jahren, die mein robuster Korpus wohl noch aushält, wird mir wohl wurscht sein, ob ich meinen Kohl pflanze oder als Diplomatiker – »Federfuchser«, schimpfte der olle Blücher – mich mit Bagatellen herumschlug. Denn vor Gott ist das alles wurscht.« Johanna ging weg und gewann eine große Heiterkeit. Sie begriff, daß es für Ottochen gleichgültig sei, ob er im Taxispalais die Bundestagssitzungen beherrsche. Damit würde er keinen Zoll größer oder kleiner. Ihr Gatte aber saß mit tiefer Zornfalte vor dem Kamin. Denn er wußte, daß ihm eines nicht wurscht war, sein Werk und seine große Liebe. Vielleicht war sein Gottesglaube nicht der von Millionen Deutschen, dachtest du als Greis nach häßlicher Mammonsliebe! Mir ist viel vergeben, denn viel liebte ich Deutschland? vielleicht. Wer vermißt sich zu ermessen, was in geheimnisvollen Tiefen solcher Seele vorgeht! Von solchen, die Cromwell nicht kennen, wurde hier ein Vergleich gezogen, doch die Ähnlichkeit sitzt tiefer, als Oberflächliche ahnen. Denn alles auf Erden ist nur ein Gleichnis. Man mag sich auch das Urteil zutrauen, daß dieser Mensch der größte Feldherr und ein größerer Dichter als Goethe geworden wäre. Warum nicht? Alles Vergängliche und Unzulängliche wird zum Ereignis, ganz wie es den unerforschlichen Mächten gefällt. Cromwell, der Königsmörder, Bismarck, der Royalist, es sind die gleichen Menschen, nur ihrem besonderen Milieu angepaßt, sowie Cromwells Gnadenwahl und Friedrichs des Großen grimmige Selbstverantwortung (nicht »Atheismus«, so dumm war er nicht) auf gleichem Strauch gewachsen ... Johanna kam zurück und küßte ihren Faust. Das Ewigweibliche hebt uns hinan ... und das Unbeschreibliche wird immer getan, wo Gottes Geist über den Wassern schwebt. »Ich bin aufs höchste indigniert, sagte der Regent.« Otto befand sich auf einem Diner bei Herrn v. Massow, königlicher Hausminister, und kam von einer Audienz beim Thronfolger. Es war im Januar des neuen Jahres, des neunten der fünfziger Jahre. »Höchstderselbe ist empört, daß man sein Ministerium als schlechtweg liberal brandmarke. Es sei ein Ministerium der Sammlung und Versöhnung.« »Aber Patow –« warf ein Tischgast ein. »Dieser Erzliberale, der als Oberpräsident das Mißfallen der –« er wollte schon sagen ›in Gott ruhenden‹, aber verbesserte sich – »vorübergehend der Regierung entäußerten Majestät in so hohem Grade erregte!« »Der sei auf Manteuffels Empfehlung hineingekommen.« »Und Auerswald? Weiß doch niemand, an wen der glaubt!« »Sei sein Freund seit vierzig Jahren, für den verbürge er sich.« »Dagegen Arnim-Boitzenburg –« »Der sei Vorstand der Fraktion Herrenhaus, Gaffron-Itzenplitz. Aber Seine Hoheit meinten, das Herrenhaus sei uns oktroyiert und könne abgeschafft werden!« Tiefe Stille. Einen stärkeren Beweis für die Selbständigkeit dieses überraschenden fürstlichen Staatsmanns konnte man nicht ausdenken. Otto begriff vollkommen: Der wahrhaft vaterlandsliebende Monarch wollte die Staatsautorität stabilisieren als rocher de bronce nach rechts wie nach links. Er war weder antikonservativ noch antiliberal. »Und Sie?« fragte ihn ein Freund. »Ich dachte immer, Sie gingen nach Petersburg.« »Bah, von meiner Versetzung oder Entlassung ist alles still.« »Wäre Ihnen dieser hohe Posten genehm?« Nein. Aber es zieht schlechtes Wetter herauf, und da mummt man sich gern in einen Bärenpelz ein. Kaviar und Elenjagd haben ihre Promessen.« »Sie hatten sich also damit vertraut gemacht? Es ist doch eine Rangerhöhung.« »Darauf pfeife ich aus bestimmten Gründen. Aber man fühlt sich enttäuscht, wenn man sich in eine – vielleicht unvermeidliche – Möglichkeit einlebte, und nachher wird nichts draus.« Nach einer Pause bemerkte jemand: »Das Mißtrauen des Auslandes gegen die Neue Ära ist nicht einstimmig, Österreich lobt uns immerfort.« »Das ist der coup de massue . Wenn mein Todfeind mich lobt, dann wehe mir! Übrigens hat der Köder einen Doppelhaken. Rechberg malt uns in traurigen Farben, seine Kollegen an den europäischen Höfen haben gewiß denselben Auftrag. Die Katze läßt das Mausen nicht. Freilich, Hübner in Paris wird sich die Pfote verbrennen.« »Wie meinen Sie das?« Doch Otto sprang eiligst auf ein anderes Thema über: »Neulich war ich mit Roon und meinem Freund Moritz Blanckenburg im Grunewald, kam nicht zum Schuß, hörte aber von Roon viel Wichtiges. Ein bedeutender Offizier!« »Nachher waren Sie zum Diner mit Ihren näheren Verwandten und Vertrauten, darunter Ihr Schwager, äußerste Rechte, Kreuzzeitungs-Wagener und ... Herrn v. Kleist-Retzow«, lächelte der Hausminister, der doch kundgeben wollte, wie gut er informiert sei. »Stimmt. Abends war ich bei Adlerberg, dem russischen Militärattaché, dessen Soiree Ihre Königliche Hoheit Prinzeß Augusta beehrten.« »Höchstwelche höchst gnädig sich eingehend mit Ihnen unterhielt.« Pause. »Sie wissen doch, daß Karl Kanitz, Ihr a. D. Stuttgarter Kollege, sich mit einer Engländerin verlobte?« »Daß sie jung ist, weiß ich. Weiter weiß niemand was. Armer Kerl!« »Pourtalès geht also wirklich nach Wien, Goltz wohl nach Konstantinopel. Mit Savigny steht's soso, vielleicht München, und Usedom ...,« verlegenes Räuspern, »vielleicht Brüssel.« »O, vergessen Sie nicht Paris!« warf Otto gleichmütig hin. »Hatzfeldt ist eine schöne Leiche, und ein Krähenschwarm teilt mir mit, er werde gepickt werden. Ich höre ein Krächzen bis hierher ... es hat so einen englischen Akzent.« Alle lachten. Frau Olympia Usedom, die kecke Insulanerin, deren Taktlosigkeit man bei Hofe alles nachsah, wollte mit Gewalt nach Paris; wenn aber nicht, dann nach Frankfurt. Die schwatzhafte Intrigantin machte Otto so heiß, daß er sich dort anklammerte mit Nägeln und Klauen, schon um ihr einen Tort zu spielen, wie er behauptete. Der wahre Grund lag freilich tiefer und sah viel schöner aus, doch bei uns traurigen Menschen verquicken sich so oft Allzumenschliches und Ideales. Bei Portiers und Kanzleidienern des Ministeriums fand er übrigens den Geist Levinsteins wieder, welche scheinbar gefügige Kreatur der neue Minister Schleinitz mit Kußhand von Manteuffel übernahm. Die Subalternbeamten »zeigten für Geld« jeden Minister, der sich verleugnen lassen wollte. »Was, das Verbot ist so streng, daß ein Taler nicht langt? Na, dann zeigen Sie mir Herrn v. Schleinitz für zwei Taler!« verschaffte sich Otto öfters Einlaß zu seinem Feind, wenn dieser gerne einer Unterredung ausgewichen wäre. »Hehe, Exzellenz sind so spaßig!« kapitulierte der Portier, ein alter Trunkenbold. Bei einem solchen Mann der hohlen Hand, die immer nach Subsidien sich ausstreckte, entdeckte der Gesandte einen gewissen hohen Ton, dem er nachforschte. Als er einmal sah, wie Graf Usedom jenem flüchtig die Hand knetete, erriet er das übrige: der Trinkgeldbedürftige stand in Würden als Meister Freimaurer. Sowohl diese geheime Genossenschaft als die Jesuiten, ihre Todfeinde, hatten eine Filiale am preußischen Hofe gegründet, wobei sie sich brüderlich, mit edelmütigem Einverständnis über eine Schonzeit, in die Arbeit teilten ... »Verehrtester, heut ist's kalt, aber an der Newa soll's noch kälter sein, der Fluß ist schon zugefroren. Wie wird Ihnen? Lieben Sie die Kälte?« Es war der Zeremonienmeister und Heraldiker Graf Stillfried von Alkantara, der auf einem Ball beim österreichischen Gesandten, Graf Karoly, diesen scherzhaften Wink verabreichte. Otto stutzte. »Ein tüchtiger Frost erfrischt, aber das sonnige Klima am Main sagt mir doch besser zu.« »Ei, wer wird so weichlich sein! Ein stahlharter Hüne wie Sie! Die Hauptsache ist immer: per aspera ad astra !« Als der Graf sich mit freundlicher Gebärde entfernte, begriff der Überraschte, daß es diesmal ernst sei. Stillfried gehörte zur sogenannten Jesuitenpartei, d. h. den vornehmen Katholiken am Hofe, die besonders im Haushalt der Prinzeß Augusta vom Kammerherrn bis zum Kammerdiener einen Ring schlossen. Da durfte keine Zeit verloren gehen, schon am folgenden Tage stand Otto vor dem Regenten. »Königliche Hoheit, ich höre bestimmt von meiner Versetzung nach Petersburg und erlaube mir untertänigste Anfrage, ob das nicht rückgängig zu machen sei.« Der Prinz fragte betroffen: »Wer sagt Ihnen das?« »Namen zu nennen wäre indiskret. Vielleicht ist Euer Hoheit der Name ›Jesuitenlager‹ geläufig, von dort stammt meine Kunde.« Der Prinz runzelte die Stirn. »Ich wage es, mein Bedauern auszudrücken, daß ich aus meinem Feldlager Frankfurt, wo ich das Terrain so genau kenne, in ein mir fremdes Operationsgebiet verschlagen werde.« »Sie werden sich auch dort einleben mit Ihren Fähigkeiten.« »Es ist sehr gnädig, wenn Eure Hoheit so denken. Allein, meine lange Erfahrung auf diesem bewegten und komplizierten Feldzugsgelände des Bundestags kann ich keinem Nachfolger vererben. Diesen Fuchsbau habe ich durchforscht bis in alle Notausgänge, kein anderer Weidmann kennt sich da aus. Die heutige günstige Aufstellung Preußens beruht auf meiner Personalkenntnis aller Fürsten, Minister und Hofzustände. Das ist, als ob ein sauer erworbenes Vermögen, das Zinsen tragen soll, mutwillig vergeudet wird durch Ankauf anderer unsicherer Obligationen.« »Das mag anfangs so sein, doch ein tüchtiger Diplomat, den man auf Grund Ihrer Kenntnisse anleiten und anlernen kann, wird später wohl auch ausreichen.« »Darf ich fragen, ob Usedom dies sein soll? Man fürchtet es in Frankfurt allgemein. Zu ihm haben die Höfe kein Vertrauen. Er gilt als extrem liberal.« Der Prinz machte eine abwehrende Handbewegung. »Ich weiß wohl, er ist das nicht, sondern sozusagen liberal-konservativ. Aber der Leumund besteht nun einmal.« »Das wird sich abschwächen. Jeder Staatsmann muß doch erst seine Visitenkarte abgeben.« »Halten zu Gnaden, Königliche Hoheit,« fuhr es Otto derb und herb heraus, »das ist ja nur ein Höfling, der Anekdoten zu erzählen weiß.« »Da urteilen Sie entschieden parteiisch. Usedom ist voll hoher Begabung.« Als Freimaurer! dachte Otto grimmig. Und der Prinz nimmt es mit seinen Bruderpflichten zur Loge ernst wie mit allem, er hält immer Treue, nur allzusehr. Laut äußerte er: »Da ist ja außerdem Frau v. Usedom. Deren Exzentrizität, um ein mildes Wort zu brauchen, würde uns überall in Verlegenheit setzen.« »Nun ja, da liegt gerade der Haken. An großen Höfen ist Usedom nicht verwendbar wegen seiner Gemahlin, die nun eben als Engländerin andere originelle Sitten hat. Da muß man ihn also auf einen Platz wie Frankfurt stellen, wo diese Gefahr nicht vorliegt. Er muß doch einen Posten haben.« Ich sehe die Notwendigkeit nicht ein! dachte Otto. Laut sagte er mit herber Bitterkeit: »Dann besteht mein Fehler darin, daß ich nicht auch eine taktlose Frau habe. Das vertreibt mich also aus der politischen Festung, in der ich zu Hause bin.« Mit vornehmer Milde beschwichtigte der Fürst: »Sie werden sich auch in Petersburg heimisch fühlen. Warum so bitter? Ich begreife Sie nicht. Die Gesandtschaft in Rußland galt allzeit als oberste Staffel unserer Diplomatie. Ist es nicht ein Zeichen meines höchsten Vertrauens, daß ich Sie dazu wähle?« Otto verbeugte sich. »Gegenüber diesem Ausspruch Eurer Hoheit geziemt sich Schweigen. Doch höchstsie gewährten mir allzeit Freiheit des Wortes.« »Gewiß, reden Sie!« fiel der Prinz lebhaft ein. »Nun wohl, ich bin tief besorgt um unsern künftigen Stand in der deutschen Frage. Usedom verstand nie, Geschäfte zu führen. Nicht wahr, Graf Schlieffen bleibt Dezernent?« »Zweifeln Sie an dessen klugen Instruktionen?« »Nein, aber an ihrer Ausführung durch Usedom. Dem fehlt jede preußische Pünktlichkeit und Gewissenhaftigkeit.« »Sie übertreiben hart. Usedom hat auch militärische Einsichten, ein befähigter Stratege.« Ein phantastischer Projektenmacher! »Mein Ministerium findet vor Ihnen wohl auch keine Gnade? Sprechen Sie ganz offen! Keine Kapazitäten?« »Nein, nur beschränkte Mittelmäßigkeiten ... außer Bonin, dem aber jeder Ordnungssinn mangelt, der sein eigenes Schubfach verkramt, geschweige denn die Fächer des Kriegsministeriums sortieren kann. Und das Auswärtige Schleinitz! Das ist doch auch bloß ein Höfling.« Das war eine Sprache, wie man sie nie an Höfen führt und wie sie Prinz Wilhelm sich bei andern verbeten haben würde. Und nur vor ihm, diesem außerordentlichen Manne, die Geradheit und Rechtlichkeit selber, durfte Bismarck so aus sich herausgehen. Immerhin verriet er eine berechtigte Empfindlichkeit: »Ich will nicht hoffen, daß Sie mich für eine Schlafmütze halten. Das Kriegsministerium und das Auswärtige verstehe ich genug, da werde ich mein eigener Minister sein.« »Das weiß ich sehr wohl zu würdigen, Königliche Hoheit, und schätze es hoch ein. Doch in unserem modernen Leben ist das Räderwerk so kompliziert, daß selbst der tüchtigste Landrat sich auf einen intelligenten Kreissekretär verläßt. Ohne gute Beiräte kann ein Monarch nicht seine Wünsche befriedigen. Da hat nun Schwerin das Ministerium des Innern. Das fällt nicht in mein Fach, aber auch hier werde ich bedenklich. Ich habe dem Grafen einiges abzubitten, weil ich früher seinen Charakter falsch beurteilte, ihn bloß für einen eiteln Hohlkopf hielt. Nein, er ist ehrlich und tapfer.« »Damit sagen Sie sehr viel«, nickte der Prinz befriedigt. »Darauf gebe ich am meisten.« »Aber er ist unbesonnen, schnell fertig mit dem Wort, ein rascher Verneiner, aber kein schaffender Arbeiter.« »Ich gebe Ihnen das zu. Aber wo Staatsmänner finden, die in diese unruhige Zeit hineinpassen! Seien Sie sicher, lieber Bismarck, ich verstehe es als eine Distinguierung, Rangerhöhung, Steigen auf der amtlichen Leiter, wenn ich Sie nach Petersburg sende. Ich verspreche mir viel davon. Es ist mir lieb, daß Sie selber die Frage anschnitten. Es wäre mir erfreulich, Sie zufriedenzustellen. Gehen Sie mit Gott und meinen besten Wünschen! Wir werden die Alten bleiben.« Der so gnädig Entlassene empfand mit Rührung die gegenseitige Anhänglichkeit, doch er merkte heraus, daß der Prinz froh war, einen peinlichen Graben übersprungen zu haben, daß etwas dabei sein Gewissen beschwere. Es lief doch wohl darauf hinaus, daß man ihn in Deutschland los sein wollte. Man warf ihn die Treppe hinauf, damit er in etwaige Händel am Bundestag nicht eingreifen könne, wo man sich von seiner allzu schneidigen Tatkraft nichts Gutes versprach. Nämlich eine energische Tat, die diese Schwächlinge und Streber der Neuen Ära ebenso scheuten wie die Manteuffel und Gerlach der Alten. Nur gegen den Regenten hatten sie Mut, den sie unehrerbietigerweise gleichsam als ihr Geschöpf betrachteten, beschattet von Krinoline und Fächer der hohen Patronesse, deren Huld sie sich zu Füßen warfen. Die Prinzessin begönnerte sogar Schwerin, dessen »große Vergangenheit« als Revolutionsminister sie wahrscheinlich an Mirabeau erinnerte – beide waren ja Grafen – und der sich unglaublich viel herausnahm, gestützt auf seine liberale Leibgarde. Er erpreßte Unterschriften und schickte sie zurück, wenn der zürnende Prinz sie unleserlich gab. Der sonst so ruhige, würdevolle Fürst ließ sich dazu fortreißen, die Feder zu zerbrechen und das unterschriebene Blatt zerknüllt von sich zu werfen. – Als erster Gratulant stellte sich natürlich Graf Harry Arnim ein. »Sie Glücksmensch! Ja, mit solchen Konnexionen! Ich gehe morgen nach Kassel, ein netter kleiner Posten. Der Kurfürst von Hessen soll aber ein etwas schnurriger Herr sein.« »Ja, den kenn' ich auch sehr gut«, brummte Otto. »Schnurrig möcht' ich ihn nicht gerade nennen, eher schaurig. Der Herr ist alt wie Methusalem, denn offenbar wurde er vor 1789 geboren. Er lebt und webt in der gesegneten Zopfzeit. Mit großen Herren ist nicht gut Kirschen essen, übrigens führt er eine schlechte Tafel.« »Das ist gottvoll, wie Sie sich überall auskennen! Sie werden bald in Petersburg mit den höchsten Herrschaften auf Du und Du stehen. O, ich sehe Sie steigen! Wenn Sie dann doch mal für einen bescheidenen, armen Teufel wie mich ein gutes Wort einlegten!« »Keine falsche Bescheidenheit, Harry, das steht Ihnen nicht. Mein Wort darauf, ich würde Ihnen gern einen Ruck nach oben geben, sobald ich könnte.« »Diese echte Freundschaft –« »Durchaus nicht. In Geldsachen hört die Gemütlichkeit und in Staatssachen die Freundschaft auf. Aber Sie sind ein begabter Diplomat, und der Dienst muß endlich durch Talente verjüngt werden. Im übrigen wünschen Sie mir zu viel Glück, ich fasse es nicht so auf. Ich werde an der Newa im wörtlichsten Sinne kaltgestellt. Und ich wäre doch gern dabei, wenn es hitzig zugeht.« »O, Sie meinen die Wolke im Westen?« »Hm, ja. Und ich verziehe mich nach Osten.« – – »Bismarck ist völlig verlottert«, warnte Ludwig Gerlach den Kreuzzeitungs-Wagener. »Jetzt verkehrt er intim mit dem v. Unruh berüchtigten Angedenkens.« Wagener seufzte. »Ich spreche ihn ja manchmal, und er bleibt mir stets der alte Freund und Gönner. Liberal ist er nicht im Sinne der Hofclique, aber –!« »Wer nicht für uns ist, ist wider uns!« schloß der fanatische Reaktionär. »Mein Bruder will auch nicht mehr viel von ihm wissen.« – Herr v. Unruh, der frühere Kammerpräsident, der sich Otto durch menschlich gute Eigenschaften empfahl, stand tatsächlich mit dem früheren Feind jetzt auf freundschaftlichem Fuße. Eines Morgens ihn im Hotel Royal Unter den Linden aufsuchend, fand er ihn im Bett, die Kreuzzeitung lesend. Er warf sie verächtlich in eine Ecke. »Lieber Unruh, dies Blatt hat keinen Funken Patriotismus. Wer Preußen drängt, für Österreich die Kastanien aus dem Feuer zu holen, ist ein Narr oder ein Verräter.« »Da haben Sie nun Ihr Lieblingsorgan! Ich sagte es Ihnen immer. Aber sind Sie auch ganz sicher, daß Napoleon uns nicht über den Löffel barbiert?« »Womit? Wenn wir ihn nicht nasführen, dann wird er uns auch nicht beschummeln, weil er uns braucht. Lehren Sie mich Napoleon kennen! Er ist in seiner Weise treu und erkenntlich.« »Ist das so ausgemacht? Es gibt Leute, die fürchten, nach Österreichs Besiegung werde Preußen darankommen, wie es 1806 nach 1805 geschah.« »Die Weltgeschichte wiederholt sich selten, in großen Zügen, ja, aber nicht im Detail, weil die Umstände immer wechseln. Wir dürfen Frankreich nie angreifen, solange es uns in Frieden läßt. Griffe es uns an, so würden wir uns zu verteidigen wissen, sonst verdienten wir nicht den Namen einer Nation. Viel größer ist die Gefahr von Österreich. Solange es die Oberhand behält, werden die Hohenzollern in seinen Augen stets Vasallen bleiben, sozusagen noch Kurfürsten. Es wartet nur auf gelegene Stunde, uns ganz zu unterdrücken.« »Aber die deutsche öffentliche Meinung hält zu Österreich, wenn es gegen Frankreich geht.« »Das gleicht unserem Gefühlsdusel. Ich sage Ihnen, es ist Selbstmord, wenn wir hindern, daß die Donaumacht erst durch Frankreich geschwächt wird.« »Und tritt das Umgekehrte ein?« »Unsinn! Ich betrachte den Kampf als hoffnungslos, Italien wird den Zweck erreichen. Unsere Selbstverleugnung könnte uns dahin bringen, für Integrität dieses Staates, in dem die deutschen Gebiete nur ein Viertel bilden, unsere Existenz aufs Spiel zu setzen. Gott besser's!« Auf einer Soiree beim russischen Gesandten Budberg, wo er erst nach 10 Uhr eintraf – man liebte schon damals späte Gesellschaftsstunden in Berlin –, nahm ihn der Russe vertraulich am Arm und zog ihn in einen Winkel. »Was sagen Sie zum Effekt von Napoleons Neujahrsbescherung?« Der Empereur hatte beim Empfang des diplomatischen Korps mit lauter Stimme dem österreichischen Botschafter Hübner die Drohung zugerufen: er bedaure die Spannung der beiden Regierungen, doch versichere den Kaiser Franz Josef nach wie vor seiner persönlichen Freundschaft. In der Diplomatensprache, die beim Ultimatum vor unmittelbarem Kriegsausbruch nur von »unfreundlichem Akt« redet, bedeutet dies allerdings viel. Sofort sank die französische Staatsrente an der Börse tief, den Handel und Wandel befiel Panik, die kriegerischen Vorbereitungen Frankreichs und Österreichs nahmen immer größeren Umfang an. »Hm, er revozierte doch, man habe seine Worte übertrieben aufgefaßt.« »Nur keine diplomatischen Ausflüchte zwischen uns, alter Freund. Napoleon mußte das, weil England und Preußen sich weigerten, von vornherein ihre Neutralität zu erklären, und weil die Italiener sich schon zu weit mit ihrem Begeisterungstaumel vorwagten. Er will sich noch nicht offiziell engagieren, doch das täuscht niemand. Wie denken Sie über Cavour?« »Der sardinische Minister scheint mir ein echter Patriot zu sein, der kühl und ruhig auf die Einheit seines Vaterlandes zustrebt«, versetzte Otto gemessen. »Wie vielleicht andere auf die Einheit Deutschlands.« Budberg lächelte. »Das dürfte jedoch viel schwerer sein, obschon Deutschland keine Fremdherrschaft im Lande hat. Ihr Kollege Usedom erzählt jedermann, dessen er habhaft werden kann, er kenne Garibaldi und Mazzini genau. Das ist, wie man so sagt, ein verfluchter Kerl, eine Leuchte diplomatischer Wissenschaft.« Beide lachten. »Dieser große Verschwörer ersetzt Sie also in Frankfurt. Gesegnete Mahlzeit! Davon verspreche ich mir Übelkeiten. Doch mir werden Sie nicht vorreden, daß Sie die Stimmung in Turin nicht genau kennen. Man weiß, Sie sind intim mit dem Gesandten Viktor Emanuels am Bundestag.« Otto verzog keine Miene. »Gesellschaftlich. Graf Barral ist ein liebenswürdiger Kavalier.« »Sie bleiben dabei. Dann muß ich Sie also belehren, daß Cavour ganz offen äußerte: Il parait, que l'Empereur veut aller en avant! Und von der Sendung des Marchese Bepoli nach Düsseldorf ahnen Sie wohl auch nichts?« »Keine Ironie, bitte! Ich weiß, daß Bepoli seinen Schwager Fürst Hohenzollern, d.h. unseren derzeitigen Ministerpräsidenten, sondieren sollte.« »Und zwar mit eigenhändigem Schriftstück Napoleons, das ihm dieser in Paris als Beglaubigung in die Tasche steckte. Den Inhalt kenne ich so ungefähr. Und glauben Sie, uns bliebe verborgen, daß Sie im Juni 1857 ein Memoire über Preußens Beziehung zu Frankreich einreichten? Auch dessen Sinn und Wortlaut kennen wir.« Der Rubel reist, der Rubel fällt. »Lassen Sie uns lieber offen über die Lage plaudern!« »Ich bin bereit ... Indiskretion aber nicht Ehrensache!« »Verlassen Sie sich auf mich! Rußland hat mit inneren Reformen zu tun. Wir möchten Zuschauer bleiben.« Solange es euch paßt! »Mein heiliges Ehrenwort!« O weh, wenn eine russische Staatsspitze ein Ehrenwort gibt, dann können höchstens Deutsche solche Gimpel sein, nicht das Schlimmste zu befürchten. »Der Empereur ging also von der Grundlage aus, Österreich repräsentiere die Vergangenheit, Preußen die Zukunft. Von dieser Zukunft hängt aber ab, ob Preußen von der ausgesprochenen Bevorzugung profitieren will, die ihm Frankreich seit zehn Jahren bezeigte.« »Davon ist mir nichts bekannt«, flocht Otto ein. »Seit vier Jahren klingt schon besser.« »Der Kaiser meint nun, Preußen werde immer in der Enge bleiben und sogar Rückschritte machen, wenn es mit Österreich verbunden bleibe. Sein Interesse gebietet Gegengewicht zu Österreich in deutschen Dingen. Und darauf allein sollte es sich beschränken? Im Bündnis mit Frankreich erwarten es große und glückliche Geschicke, und gefahrlos obendrein. Jede Verminderung der österreichischen Macht ist Preußens Vorteil. Mit Hilfe Frankreichs kann es manches ausführen, was die deutsche Nation wünscht. Macht es aber gemeinsame Sache mit Österreich, dann wehe ihm! Da werde Frankreich – ja, was nur gleich?« »Sich mit Rußland verbünden«, ergänzte Otto trocken. »Da Sie aber auf Ehrenwort versichern, Rußland werde sich still verhalten, so schreckt solche Warnung nicht.« Budberg biß sich auf die Lippen. »Sie müssen dies natürlich nicht so wörtlich nehmen. Es könnten Fälle eintreten, untoward events ...« »Davor ist niemand sicher. Doch wozu solche Reminiszenzen! Bepoli ist schon verflossene Geschichte. Seine Sendung scheiterte, soviel ich weiß. Wir werden hoffentlich strenge Neutralität bewahren, geradeso wie Rußland.« Da war nun Budberg mit seinen eigenen Waffen geschlagen, wenn er etwas herausholen wollte. »Aber Preußen gab doch gegenteilige Erklärung ab.« » Pro forma. Uns geht Italien nichts an, weder für die eine noch die andere Seite. Übrigens glaube ich gar nicht an den Krieg.« Und dabei blieb er. Innerlich dachte er anders. – Er entwischte endlich den Berliner Knäueln nach Frankfurt, brachte Johanna Teltower Rüben mit, aber auch die Kunde, daß er gleich abmarschieren müsse. Sie und die Kinder sollten nach Petersburg folgen, sobald er dort festen Fuß faßte und die Witterung nicht mehr Gesundheitsstörung befürchten ließ. »Mein Liebstes, Bestes, mein teures Herz, halte brav aus bis dahin! Ach, wie schön ist Bockenheim im Abendrot! Lebt alle wohl, ihr Lieben!« Als der Zug sich in Gang setzte, rief Becker, dessen Damen schluchzten: »Ein Andenken!« Da warf ihm Otto seinen langen Bleistift zu, mit dem er so viele Depeschen korrigierte, die in Preußens Geschichte fortleben. Der Stift flog der jungen Maxa Becker ins Gesicht und auf den Perron. Der Fehlschuß bedeutete wohl ein Omen, daß er mit Frankfurt nichts mehr zu schaffen habe. Und in Berlin empfing ihn eine gleißende Märzsonne, die nicht warm machte, scharfer Wind wirbelte Staub auf. »Rechtes Diplomatenwetter!« Man hielt ihn dort Tag für Tag hin, er konnte viel mit der Schwester zusammen sein, welche die schon jetzt in Frankfurt eintreffende Olympia Usedom eiligst bei Johanna verklatschte. Diese tat zwar kaum den Mund auf, doch die Klatschbase brachte trotzdem mokante Geschichten herum und machte sich schon bald unmöglich, wobei sie ihren englischen Hochmut durch Gesandtinnenwürde verstärkte. Als ihn Unruh wieder mal aufsuchte, ging Otto noch mehr aus sich heraus. Er wünschte, daß die Liberalen durch ihre Knappen von seiner wahren Gesinnung Kenntnis erhielten. »Österreich muß aus dem eigentlichen Deutschland entthront werden.« »Entfernen Sie es mal gutwillig!« »Dann sagen wir deutlicher: Hinausgeworfen! Oder, um mich diplomatisch auszudrücken: Gewaltsamer Ausschluß!« »Als bloßer Gesandter werden Sie das nie durchdrücken.« »Wohl wahr. Ich habe nicht unbedeutenden Einfluß auf den Herrscher, und anscheinend überzeuge ich ihn oft, doch ich kann eben nicht alle Tage zu ihm gehen. Deshalb höre ich bei ihm immer wieder Schleinitz oder Schwerin heraus. Von Auerswald rede ich nicht, der ist mir gewogen als Patriot und sucht auch auf den jungen Kronprinzen einzuwirken. Die eigentliche Krux sind die Kleinstaaten, die hin und her balancieren.« »Doch würden sie je unwiderruflich nach Österreichs Pfeife tanzen?« »Ja, die ihrige ist auf ähnlichen Ton gestimmt. Preußen bleibt isoliert. Wir haben nur einen Verbündeten, wenn wir ihn richtig behandeln.« »Und das wäre? Da bin ich doch begierig.« Da richtete sich Otto straff auf und sprach mit tönender Stimme: »Das deutsche Volk!« »Was? Das sagen Sie?« Unruh sah ihm verblüfft und fassungslos ins Auge. »Sie, der Junker?« Otto besann sich, wen er vor sich habe, und lachte. »Bin ich noch. Was denken Sie denn! Ich müßte doch kein normales Auge haben, wenn ich die Lage nicht klar sähe. Meine persönlichen und privaten Neigungen sind mir dabei schnuppe.« »Bei Gott! Wenn Sie dazu imstande sind und unsere Gefahr so scharf auffassen und so sicher in den Mitteln sind, dann wären Sie mir als Minister lieber als Schleinitz.« Otto unterließ nicht, Schleinitz dies unter die Nase zu reiben, als dieser ihm vorhielt: »Das Ministerium muß vor allem die Majorität berücksichtigen, die uns stützt.« Es war etwas indiskret, Unruhs Äußerung auszuplaudern, aber der Schreckschuß saß. Ehrliche Liberale, wie dieser vortreffliche Mann, hatten damals ein lebhafteres Empfinden für Preußens Ehre, als die traurigen Konservativen, die vor Österreich auf dem Bauche krochen. – – Endlich hatte er Abschiedsaudienz beim Regenten. Dieser kam auf die drohende Weltlage zu sprechen. »Sie stehen ja jetzt gut mit unserem französischen Gesandten, mit dem Sie einst so brouilliert waren. Erfuhren Sie vielleicht von Moustier, ob Frankreich seine Rüstungen fortsetzt?« »Ohne Zweifel. Eure Königliche Hoheit kennen meine Ansicht, daß wir uns dauernd mit Paris gut halten sollten.« »Diese Beziehungen sind aber nicht ganz wünschenswert. Sie selber waren früher sehr gegen Napoleon eingenommen.« Jetzt hieß er nie mehr Bonaparte. »Da wir ihn anerkannten, setzt es unsere Ehre nicht herab, mit ihm Unterhandlungen zu pflegen. Treten wir mit Österreich in zu nahe Verbindung, zerstören wir selbst den Anschein unserer Freundschaft mit Frankreich. Und doch können wir nur durch sie Österreich zwingen, von seinem Ehrgeiz auf unsere Kosten abzulassen.« »Und die Mittelstaaten, die doch für Österreich sind?« »Ebensogut für Frankreich. Nur durch unser eigenes Bündnis mit Frankreich können wir sie abhalten, selber rheinbundschwanger zu werden. Das wäre die Auflösung Deutschlands. Und England wird unseren Wert um so höher taxieren, wenn es uns zu verlieren fürchtet.« »Mit England bin ich jetzt auch verwandtschaftlich verbunden«, betonte der Fürst. »Dies Rapprochement wird erst dann politisch ernste Form annehmen, wenn wir uns auf Frankreich zu stützen drohen. Ich hatte die Ehre, schon früher eine Einladung an Napoleon zum Besuch unserer Manöver in Vorschlag zu bringen. Leider unterblieb das.« »Und jetzt kann davon keine Rede sein.« »Aber nur nicht Napoleons Liebeswerben zurückweisen! Hätte man doch eine für alle Kabinette verständliche Sprache geführt, die auf Intimität mit Frankreich hinwies!« »Das widerstrebte dem König und ist auch mir wider die Ehre.« »Nun, wie immer Eure Hoheit unsere Bedürfnisse künftig rekonstruieren mögen, stets muß man sich den Weg zu Frankreich offen halten. Preußen kann nicht stationär bleiben, es muß wachsen, und Österreich läßt es nicht zu. Scheint Eurer Hoheit ein Bündnis mit Frankreich und Piemont nicht genehm, so brauchen wir uns nur still und ohne Aufsehen von Österreich loszumachen und indirekt Wohlwollen für Napoleon zu markieren, das genügt.« Der Prinz runzelte die Stirn. »Piemont ist doch auch, so alt das Haus Savoyen, revolutionär usurpatorisch. Früher hatten Sie auch dies Urteil.« »Man hat als politisches Kind kindische Einfälle. Da man aber ein Mann wird, tut man ab, was kindisch war. Damals war ich Parteigänger, weiter nichts, heut habe ich nur die auswärtige Politik im Auge. Quieta non movere , aber auch keine Chance verlieren! ist mein Wahlspruch. Die Turiner Aspirationen des Signor Cavour sind bezüglich Österreich den unseren analog und laufen parallel.« »Das möcht' ich denn doch nicht sagen. Ihr Haß gegen das deutsche Erzhaus führt Sie weit. Nicht ohne Erstaunen vernahm ich, daß Sie vor Ihrer Abreise mit dem sardinischen Gesandten ostentativ Arm in Arm die Zeil entlangspazierten.« »Gral Barral ist mein persönlicher Freund.« »Ach, machen wir uns nichts vor! Sie wollen damit Ihre persönliche Freundschaft für Piemonts Sache festlegen. Das machte natürlich böses Blut in Wien, wie ich von einem unserer Unterhändler hörte.« »Wahrscheinlich vom Bankier Levinstein.« »Sie greifen aber damit meiner Entschließung vor und bringen mich in Ungelegenheiten. Einem anderen als Ihnen wäre es teuer zu stehen gekommen. Schleinitz war außer sich.« »Schleinitz ist –« Otto wollte eine Verbalinjurie hervorsprudeln, besann sich aber und ergänzte: »über meine Ansicht durch ein sehr langes Memorandum aufgeklärt.« Der Fürst lächelte. »Wir nennen es das Kleine Buch wegen seiner erstaunlichen Länge. Sie sind der furchtbarste politische Schriftsteller, den ich kenne. Na, wer weiß, ob Ihre unermüdlichen Arbeiten nicht mal aus den Archiven ausgegraben werden! Dann wird Gras über alles gewachsen sein, was uns heut quält, und Sie werden entweder blamiert oder als großer Seher dastehen.« »Ich beanspruche nichts derartiges. Königliche Hoheit mögen geruhen zu bedenken, daß ich mein Leben in Frankfurt so leicht und angenehm machen konnte, wie meine Vorgänger und, ich fürchte, meine Nachfolger. Die Mehrzahl meiner Kollegen behandelt die Geschäfte so behaglich wie im komfortablen Klubsessel, und ich hätte wie sie als bon camerade brillieren können, indem ich einfach Hochverrat beging, und zwar in kaum erkennbarer Weise. Doch solange mein Ehrgefühl mir befiehlt, nicht dies gemäßigte Verhalten zu befolgen, bin ich insupportable und stehe ganz allein bei Abwehr des Feindes, denn die deutschen Kollegen wagen nichts gegen Österreich, selbst wenn sie wollten. Kein Wunder! Denn die Schule Schwarzenberg läßt keine andere Wahl, als bedingungslose Übergabe oder Krieg bis aufs Messer. Ein sehr erfolgreiches System. Man verfolgt jeden unerbittlich, der irgendwie die Wohlfahrt des eigenen Staates dem Wiener Gesetz vorzieht. Zuletzt befällt die armen Teufel eine Panik und sie unterwerfen sich, müde des Streites mit einem so unversöhnlichen skrupellosen Feind. Da opfert man lieber Gewissen und Vaterlandsliebe, als die persönliche Stellung und Existenz.« Der Prinz schwieg eine Weile. Einer Stimme der Wahrheit verschloß er sich nie. Dann sagte er zögernd: »Sie sind eben, zu Ihrer Ehre sei es gesagt, ganz Preuße. Ich aber bin ein deutscher Fürst und fühle mich als Deutscher. Unsere Nation hat den alten Haß gegen den französischen Erbfeind und betrachtet Österreich als Bruderstaat.« Otto lächelte finster. »Das Wort Deutscher statt Preuße sähe ich ganz gern auf unsere Fahne geschrieben, wenn wir nur mit unsern Landsleuten wirklich geeinigt wären. Der Zauber des Wortes Deutsch darf nicht an sogenannte Bundesaffären vergeudet werden.« Er ging mit der Erkenntnis, daß er nicht gegen den Strom schwimmen könne, und der Regent dachte: Es ist so, wie Schleinitz sagt, er möchte uns am liebsten in Krieg mit Österreich verwickeln. Das geht nimmer an, und meine Berater haben recht, ihn in einen etwas entfernteren Hafen abzuschieben. Als Otto gerade sich anschickte, zum Bahnhof zu fahren, drang der berühmte Levinstein bei ihm ein, der ihm gestern einen zudringlichen und etwas geheimnisvollen Brief schrieb, ohne daß der Empfänger eine Antwort für nötig hielt. »Ich lege Euer Exzellenz ein eigenhändiges Schreiben des Ministerpräsidenten Graf Buol vor, da mein Auftrag besonderer Einführung bedarf.« Otto durchflog das Schreiben. »Sehr wohl. Meinen Zweifel, ob Sie für uns oder Österreich arbeiten, darf ich wohl jetzt als gelöst betrachten. Meine Zeit ist sehr gemessen. Ich bitte.« »Euer Exzellenz haben meinen Brief erhalten?« Otto nickte kurz. »Und nicht beantwortet. Ich beklage das tief, denn es sieht einer Absage ähnlich. Ich wiederhole: man hält Sie in Wien für einen Feind quand même aus Prinzip. Und, ehrlich gestanden, Ihre Petersburger Mission – denn eine solche haben Exzellenz doch wohl – flößt dort Unbehagen ein. Aber vorherige Aussöhnung wäre doch schön. Denn das werden Sie doch nicht übersehen, daß früher oder später auch dies herrliche schöne Rußland unseren Geschäften affilieren wird wegen der hohen edeln dynastischen Gründe. Da dachte ich nun in meinem bescheidenen Gemüte: Der Herr v. Bismarck ist ein deutscher Mann, hat er gesagt, und da wird er einige Zeilen an seinen ergebensten Diener richten, daß Sie persönlich nix haben gegen Österreich, die echtdaitsche Monarchie. Ach, solche Zeilen an mich brächten einen moralischen Gewinn, unberechenbar!« Er kniff die Äuglein zusammen und starrte verzückt zur Decke. »Für Sie? Mein werter Herr, ich bin kein Altruist. Für mich schaut dabei nichts Gewinnendes heraus.« »Hm, haben Exzellenz meinen Brief auch genau gelesen? Ich sprach von einer kleinen Operation – nichts Chirurgisches, o Gott nein, wir Finanzleute haben so unsere Ausdrücke – und über deren Früchte möchte ich ganz ergebenst mit Ihnen konferieren.« Das wußte Otto sehr gut, hielt aber mäuschenstill die Operation aus. »Wir könnten machen ein feines Geschäft, jährlich 20 000 Taler Zinsen für Sie, zwanzigtausend Taler mit hypothekarischer Sicherheit! Das ist eine traite – ich meine eine schöne Sache.« »Sie überschätzen mich. Ich habe keine Kapitalien anzulegen.« »Spricht er von Einlagen, die große, die verdienstvolle Exzellenz« rief Levinstein begeistert. »Unter guten Freunden! So'n Stuß! Sind se denn nix, die geistigen Werte, die idealen? Ich bin Geschäftsmann, doch Idealist, ich sage es ungescheut, mögen Übelwollende mich deshalb tadeln. ›Alles Engherzige ist Ihnen fremd‹, sagte Graf Buol, ja, hat er gesagt. Exzellenz werden einfach neben den preußischen auch die bundes- und blutsverwandten österreichischen Interessen in Petersburg vertreten. Das ist Gold, ich sage Gold.« Otto hielt an sich, da er die reizende Bestechung von vornherein kommen sah. »Hm, das ließe sich hören. Doch so bedenkliche Sachen macht man nicht mündlich. Die Zeilen von Buol, die ich ja jetzt zwischen den Zeilen lese, behielten Sie an sich. Nein, da müßte ich doch eine gediegenere Sicherheit haben, entweder von Buol oder von Ihnen.« »Gott, gerechter!« Levinstein vergaß sich. Sein freundliches Gesicht, das einem breitgetretenen Kuhfladen glich, veränderte sich und nahm scharfe füchsige Züge an. Auf seiner fetten Stirne perlte ein leichter Angstschweiß. »Exzellenz belieben zu scherzen. Solche Intimitäten macht man doch mündlich ab unter uns Ehrenmännern. Do ut des , sagt der Lateiner. Exzellenz müssen wissen, ich bin klassisch gebildet, Akademiker, Universität Marburg. Nur die leidigen Geschäfte – mein Papa selig hinterließ mir seine Bank – doch ich darf wohl sagen, der Flug ins Hohe blieb mir eigen, wie meine politische Wirksamkeit lehrt. Ich bin Christ und Idealist. Und sehen Sie, wir Geschäftsleute sind mal so, wir wollen immer einen guten Handel machen, ein bißchen abknapsen, hehe ... aber jetzt fällt mir ein, daß Exzellenz Buol mir carte blanche gab. Nichts is mer zu teuer für den Herrn v. Bismarck. Ja, hat er gesagt. Ich biete Ihnen 30 000 Taler pro annum.« Otto erhob sich. Offenbar konnte man dem Halunken eine schriftliche Kompromittierung nicht ablocken. »Ich muß zur Bahn und ersuche Sie, mich sofort zu verlassen.« Damit schritt er der Türe zu und ging, ohne ein Wort weiter zu wechseln, die Treppe hinab. Levinstein rannte ihm nach und schrie mit grellen Fisteltönen: »Exzellenz sind unklug. Die kaiserliche Regierung wird böse sein und Ihnen arg zusetzen. Das wird Ihnen unangenehm werden.« Der grimme Hagen warf über die Achsel hin: »Und Ihnen erst, lieber Herr! Sehen Sie sich vor! Die Treppe ist steil und mein körperliches Übergewicht bedeutend. Übrigens verdanke ich Ihnen ein tiefes Wort: Do ut des . Das schützte Sie vor sofortigen handgreiflichen Repressalien.« Levinstein verschwand spurlos. Ist dieser Bismarck doch nur ein dummer Kerl! * In zehn Tagen und schlaflosen Nächten traf er in Petersburg ein. Wieder das Pech mit Werthern wie in Wien, der arme Mensch bereitete sich vor, erst im Mai als Geschäftsträger abgelöst zu werden, und nun, je suis là comme la foudre , wie der selige Bonaparte sagte. Endloser blendender Schnee lag dem Ankömmling im Gedächtnis, Posthäuser und Werstpfähle. Hier rollten Frachtwagen über die granitharte Newa. Bald genug klingelten chiffrierte Depeschen herein, Kuriere kamen und gingen. Der Militärattaché v. Loen hatte verschiedene Anliegen, der als Attaché mitgekommene Husarenleutnant Klüber mußte angelernt werden. Aber es öffnete sich doch eine neue Welt, neben der die Frankfurter Krähwinkelei erblaßte. Das ganze Präsidialgift ließ sich mit einem tüchtigen Schluck Wotki hinabspülen. Dies war wirklich die große Welt im Salonsinn des Wortes, und es berührte eigenartig, in einem halbasiatischen Barbarenland die höhere Gesellschaft äußerlich auf dem Gipfel abgeschliffener Kultur zu finden. Die Sitten im Umgang und oft auch der geistige Verkehrston viel vornehmer als in Paris, London und Wien, ein Übergang zur feineren Gesellschaft Berlins in den Tagen Humboldts und Varnhagens und selbst noch späterhin, dabei aber ohne die Ärmlichkeit und Kleinigkeit des allzu knappen preußischen Zuschnitts. Der Zar, ein schöner würdevoller Mann mit einem etwas melancholischen Zug im Gesicht, bewillkommte den neuen Gesandten wie den Boten eines liebsten Freundes, und erkundigte sich mit warmer Herzlichkeit nach dem Befinden seines Onkels. Die preußische Zarin-Witwe Charlotte verwirrte anfangs durch ihr majestätisches Aussehen, entfaltete aber die Leichtigkeit und Urbanität einer sehr hohen Dame. Sie und ihre Schwiegertochter, eine Darmstädter Prinzessin, also durchaus nicht preußenfreundlich erzogen, überboten sich in Gnadenbeweisen für Preußens Vertreter. Und die hohe russische Gesellschaft steckte ihr wohlwollendes Lächeln auf. »Ihr lieben Freunde werdet doch den Hunden von Österreichern nicht den Rücken decken?« polterte ein angezechter General. ›Hunde‹ ist viel zu schmeichelhaft für die Kanaille, kein guter Hund nimmt ein Stück Brot von solchen räudigen Biestern.« »Bravo, ein echtrussischer Mann!« lobten verschiedene Damen. Otto mußte sich erst an das freie und doch stolze Betragen vornehmer Russinnen gewöhnen, die über alles mitsprachen und weit sicherer sich bewegten als ähnliche Deutsche Damen. Man merkte, daß bei den Russen und Polen die Frau mehr oder minder regiert, an Intelligenz und Charakter den meist plumpen und schwerfälligen Männern überlegen. »Ja, die Österreicher sind bei uns unten durch«, bekräftigte die Fürstin Wolkonski. »Pst, Gnädigste, Graf Szecheny geht vorbei und könnte solche Worte auffangen.« »Mag er. Der arme Mann tut mir leid, ihn hat man nicht ungern, doch er wird bald seine Pässe fordern. Die falschen Verräter! Sie Preußen haben ja auch ein Lied davon zu singen.« »Jetzt sollen sie's uns bezahlen, wie schmählich sie sich im Krimkrieg aufgeführt«, rief die Fürstin Orlof. »Wir werden ihnen mit dem Bajonett in den Rücken fallen, wie sie uns vor fünf Jahren. O, wir werden ihnen ans Leben kommen!« Der maßlose Haß durfte sich offen aussprechen, man nahm offiziell daran keinen Anstoß. Sogar der Zar machte aus seinem Abscheu kein Hehl. »Sie suchen zu beschwichtigen, mein lieber Gesandter, das ist Ihre amtliche Pflicht«, lehnte er einige begütigende Reden Ottos ab. »Aber das Maß ist voll. Sie sehen, wie gern Sie hier gesehen sind. Rußland liebt Preußen brüderlich. Aber Rußland ist schrecklich in seinem Zorn, und die perfide Wiener Politik reizt uns bis aufs Blut.« Die Zarewna-Witwe sprach sich noch bitterer aus. »Dieser Habsburger hat meinem Gemahl das Herz gebrochen, der ihn liebte wie einen leiblichen Sohn ... und mehr«, fügte sie halblaut dazu, »denn der Zarewitsch schien ihm nicht geeignet, politisch in seine Fußstapfen zu treten. Mein Sohn, der Zar, hat andere Ideen als sein Vater. Er nähert sich mehr der westlichen Kultur. Der hohe ideale Schwung des in Gott ruhenden Selbstherrschers schätzte andere nach seiner eigenen Ritterlichkeit ein und liebte in Franz Josef den Erben seiner Anschauung, den Sohn seines Geistes. Was tat er nicht für diesen jungen Monarchen, dem er den schon verlorenen Thron zurückschenkte! Für ihn überwarf er sich beinahe mit meinem Bruder, Ihrem allergnädigsten Herrn. Nein, solcher Undank ward noch nie erlebt. Mein Gatte starb daran, seine ideale Seele konnte das Herzeleid nicht ertragen, doch der Strafe Gottes verfällt, wer so meuchlerisch zielte nach dem edelsten Leben.« Otto sann darüber nach, als er mit seinem Troikaschlitten nach Hause fuhr, wie doch jede Partei an ihren Idealismus glaubt. Dieser furchtbare eiserne Despot hatte sich selbst überzeugt, daß er ein Gott wohlgefälliges, erhabenes Werk vollführe, wenn er Österreich und Deutschland mit starren Klammern an Rußland binde und die heilige Allianz der legitimen Monarchien gegen die Revolution und die westliche Kultur erneuere. Die Trias Rußland-Österreich-Preußen sollte natürlich unter russischer Bevormundung stehen, und es erschien ihm ein Frevel, Auflehnung wider die göttliche Weltordnung, daß Österreich, in seiner eigentümlichen Lage Rußland ebenso fürchtend wie Preußen, auf eigenen Füßen stehen wollte. Setzt man sich an des anderen Stelle, wird manche »Schlechtigkeit« verständlich und entschuldbar. Weil aber jeder nichts sieht als den eigenen Vorteil, erkennt man nicht die Lächerlichkeit moralischer Maßstäbe. Alle sind gleich schuldig oder unschuldig. Wer die damalige Wiener Politik verurteilt, an sich mit Recht, weil sie mit allen Mitteln ihre Nachbarn hinterging und schädigte, der hat kein Augenmaß für die gefährdete Lage eines zusammengewürfelten Reiches, das mit einem Fuß in Italien, mit dem anderen in Deutschland stand und seine Arme weit ins östliche Slawentum streckte und hierbei überall auf Nebenbuhler stieß. Er erwartete den Prinzen Croy als ersten Sekretär, aber hatte auch am Hofrat v. Schlözer eine bemerkenswerte Kraft. Johannas Briefe stimmten ihn wehmütig, aus denen der herrliche Taunusfrühling wehte, indessen hier das Eis der Newa und das steinerne Eis der Häusermasse am Newski-Prospekt ihn immer noch winterlich beklemmten. Mit seinem alten Bekannten Gortschakow, der jetzt eine leitende staatsmännische Stellung einnahm, mußte er täglich konferieren. Die Telegraphen knatterten ununterbrochen über Europa, als ob sich die Gewitterschwüle darin elektrisch entladen wolle, doch das Kriegsungewitter zog immer näher. »Wie schade, daß eine so achtenswerte Nation wie die deutsche so wenig eigenen Willen hat oder vielmehr«, verbesserte Gortschakow sich hastig, denn ein eigener Wille der deutschen Nation paßte ihm durchaus nicht, »so wenig willensstarke Persönlichkeiten! Ich sehe Ihnen die Verstimmung an, werter Freund. Will man in Berlin nicht vernünftig werden?« Otto zuckte die Achseln. »Wir treiben so hin auf ziemlich schmutzigen Wassern, und die Winde, die uns hin und her blasen, riechen auch übel, obschon sie aus der Fremde kommen, was wir stets besonders hochschätzen.« »Ach, da wäre am Ende gut, wenn mal eine ausländische tüchtige Faust das Treibholz auflese und in den rechten Kanal bugsierte!« Gortschakow lächelte verschmitzt, als würge er an irgendeinem tiefgründigen diplomatischen Geheimnis. Doch Otto kannte ihn ja und wußte, daß nichts dahinter stak. »Stellen Sie sich vor, daß die englische Gesandtschaft diesen Monat schon 4000 Rubel Telegraphenkosten hatte!« »Warum so eifrig! Der Zar will doch den Frieden, um seine Reformen nicht stören zu lassen. Man ist sehr böse auf Österreich, doch wird es dabei bewenden lassen.« »Meinen Sie? Wenn nun die Weißröcke a tout prix va banque spielen wollen? Das Pulver wird schon brennen, die Türkei regt sich auch, wir sammeln ein Heer bei Kiew.« Otto dachte: Wer's glaubt! »Das war doch neulich originell beim Begräbnis des alten Hohenlohe, wie wir uns auf den Samtteppich des Katafalk setzten und politisierten. So zwei eifrige wie uns findet man kaum wieder.« »Die Predigt handelte von der Vergänglichkeit, dem Gras, das dorrt, und wir droschen Stroh, als müsse unsereiner nicht geradeso verrecken wie der Muschik, der Heu mäht.« »Da ist doch wohl ein Unterschied«, machte Gortschakow empfindlich. »Übrigens vergessen Sie nicht, morgen ist Namensfest der Kaiserin-Witwe in Zarskoje-Selo, unserem Potsdam. Die große Parade wird Sie freuen, da schauen Sie die wildesten Völker, Tscherkessen, Kalmücken, Tartaren.« Mit denen man am liebsten zum Tartarus abführe. Gnade Gott Europa, wenn diese Bestien mit der Kosakenpeitsche losgelassen werden! »Haben Sie noch keine Zusage aus Berlin, daß Sie zum Major befördert werden? Mit der Leutnantsuniform geht's wirklich nicht, bei uns hier richtet sich alles nach der militärischen Charge, und Sie könnten nach der Hofetikette sich viel unauffälliger dem Zaren nähern.« »Ich weiß. Doch bei uns geht alles nach Schema, Edwin Manteuffel wird als Vorsteher des Militärkabinetts wohl dienstliche Bedenken äußern. Ich bleibe Exzellenz Leutnant. Qu'importe! Zu meinem Dienst bin ich nicht hier.« Kein Wort Deutsch! Oben alles Französisch, unten barbarische Zwitscherlaute. Und was er Deutsch zu lesen bekam, war auch nicht bekömmlich. Das neue Witzblatt Kladderadatsch führte ihn als stehend komische Figur eines bösen Mannes ein und zitierte einen glühenden Franzosentoast, den er bei Bethmann-Hollweg gehalten haben sollte. Österreich streckte eben seine alten Fühlhörner aus und machte ihn schlecht in der Berliner Presse. Dieser Ruchlose habe Frankreich zum Krieg gehetzt und schüre auch in Petersburg. Daß das seiner Gesandtschaft nicht vorteilhaft sein konnte, und daß Schleinitz sein Ansehen beim Regenten möglichst untergrub, darüber machte er sich keine Illusionen. Das hielt ihn aber nicht ab, an Schleinitz ausführlich über die deutschen Angelegenheiten zu referieren, was dieser natürlich in den Wind schlug. Zum einen Ohr herein, zum anderen heraus, und zwischendurch Kanonendonner am Ticino, wie die rothosigen Zuaven und die blauen Bersaglieri mit dem Hahnenfederhut fraternisierten. Da in so hohen nördlichen Breiten schon die Periode der Mitternachtssonne begann, besah er sich den bunten Schiffsverkehr auf der Newa bei Abendrot um Mitternacht und eine Stunde darauf lag das Morgenrot rosig auf dem Wasser. Aber daheim in Deutschland gab es kein Morgenlicht, nur politische Dämmerungszustände. In der unheimlichen Helle dieser nordischen Nächte, wo man ohne Kerze lesen konnte, sah er manchmal auf einer der kleinen Inseln nach dem Meere zu, wo eine besonders erquickende Brise wehte, und trank Tee nach russischer Art, gelben Karawanentee mit Zitronenscheiben, aus langen Gläsern. Die Fürstinnen Obolinski und Gagarin, die er von Frankfurt her kannte, beschäftigten sich mit dem Samowar und rauchten Papyruszigaretten, und er plauderte lässig mit einem neuen klugen Bekannten, dem Grafen Schuwalow. »Preußen mobilisiert«, begann dieser sorgenvoll. »Wie wird das enden?« »Mit unnützen Geldkosten. Preußen kann zu guter Letzt nicht so gottverlassen sein, sich Österreichs Übermut gefällig zu zeigen und ein paar Mittelstaaten, die über Nacht an deutschpatriotischen Wallungen leiden, nach dem Mund zu reden.« »Aber wenn Österreich vernichtet würde –« »Das würden wir wohl mit Recht nicht zulassen. Doch vorerst ist's weit davon. Stehen die Weißröcke erst in ihrer Festungslinie, können die Franzosen sich die Zähne ausbrechen. Und Preußen kann's nur recht sein, wenn sie gegenseitig mit ihrem Blut den Po und Mincio färben.« »Rußland dürfte wohl ähnlich denken. Sie behielten bisher recht, wir mobilisieren noch nicht. Aber wenn nun ganz Deutschland in seinem Franzosenhasse sich erhebt –« »Über Nacht aufsteht wie ein Mann?« Otto schüttelte wehmütig den Kopf. »Sie sind hier daran gewöhnt, daß der Lenz seine Zeit verschläft, sich aber dann plötzlich in einem Tage seine grüne russische Uniform anzieht. Die Deutschen haben ein gemäßigtes Klima, der Frühling kommt langsam, ein zu rasches Aufstehen behagt uns nicht, erst gähnen wir eine Weile.« »Napoleon zog ja schon in Mailand ein. Dies könnte das Signal sein für –« »Dies müßte es sein«, unterbrach Otto heftig, »für endlichen Einzug Preußens in seine Rechte. Würde heut der Bund aufgehoben und nichts an seine Stelle gesetzt, so würde diese negative Akquisition schon natürlichere Bedingungen schaffen. Die Mittelstaaten können jetzt ihrer Arroganz nicht frönen, wo es ernst wird und sie wie bange Küchlein zur Henne laufen, um unsern Schirm zu suchen. Das wird ein Heilmittel sein, ihnen für immer eine Dosis Preußenschreck einzuflößen und sie von ihrer Österreicherei zu purgieren. Hilft nicht dies sanfte Rhizinusöl, dann fürchte ich sehr, daß wir uns vom Deutschen Bund gewaltsam losreißen müssen mit Feuer und Schwert.« »Mit Feuer und Schwert?« Peter Schuwalow sah ihn erstaunt an. »Das sind starke Worte. Ist es denn so schlimm?« »Ja, und ich hoffe, daß Rußland in wohlverstandenem eigenem Interesse uns dabei helfen wird. Österreich strebte ja die Hegemonie in Europa an, die ihm in keiner Weise zukommt, und Sie erfuhren dies zur Genüge.« »Der Zeitpunkt scheint freilich günstig. Aber die deutsche Nation will doch Krieg gegen Frankreich, sagt man.« »Sagt man! Wer sagt? Besoldete Skribenten. Das Volk will niemals Krieg außer für eigene Lebensinteressen. Selbst der verblendeten Kreuzzeitung wird jetzt die Sache zu krumm, daß eine antipreußische Mehrheit am Bundestag uns ins Feuer schicken, ohne weiteres unser Heer zur Disposition für österreichische Hausinteressen verlangen will. Dieselben Kleinstaaten, die unsern Schutz nicht entbehren können und im Notfall so leicht die Farbe wechseln, sich zu Frankreich schlagen und uns mit dem verfahrenen Wagen im Dreck sitzen lassen würden! Diese Kompetenzüberschreitung sollte uns veranlassen, den Handschuh aufzunehmen und Revision der Bundesverfassung zu verlangen. Deutschland, wie die dummfanatische, stets veränderliche Tagesmeinung es versteht, ist nicht Preußen. Wollen wir uns nicht ganz aufgeben, so müssen wir in Rußland den Halt finden, um uns jeder Bevormundung zu entziehen.« »Sie wollen doch aber nicht ein Eingreifen Preußens für Frankreich?« »O nein, ebensowenig erwarte ich das von Rußland. Kalte Neutralität. Österreich wagte ein hohes Spiel, aber mit Diplomatie allein hält man den Anschein der Macht nicht aufrecht. Ich setzte es neulich Gortschakow auseinander. Karl Buol, der Fürchterliche, nahm sich kecke Schachzüge vor. Er wollte sich mit Frankreich verbinden, um Italien im Zaun zu halten, mit England, um sich der Türkei gegen Rußland zu versichern, und Preußen so einschüchtern mit Benutzung der deutschen Vasallen, daß Rußland isoliert wurde. Doch dessen Demütigung im Krimkrieg gereichte nur Napoleon zum Nutzen, und England tut nichts für irgendwen, wenn es seinen Zweck erreichte. Unsere Macht unterschätzt aber der brave Buol, Folge seiner ethnographischen Unwissenheit.« »Ethnographisch? Wie meinen Sie?« »Daß kein Staatsmann etwas taugt, der nicht an Ort und Stelle fremde Staaten beobachtete. Buol sollte doch wenigstens auf seine Schwester hören, die männlich kluge Frau v. Meyendorff, doch er beharrt in seinem engen Gesichtskreis, der sozusagen mit St. Pölten aufhört. An dieser madjaro-slawischen Großmacht wird man noch Überraschungen erleben.« Otto sprach sich so offen aus, weil er seine Anschauung in der Petersburger Gesellschaft verbreitet wünschte. »Auch von uns in umgekehrtem Sinne, doch wir sind so langsam methodisch.« »Hm, der Russe spannt auch sehr träge an, aber dann jagt er los, bis die Pferde den Hals brechen.« »Das werde ich morgen erfahren«, brach Otto ab, indem er sich verabschiedete. »Ich fahre morgen nach Moskau.« – Das mußte er gesehen haben, um sich ein richtiges Bild dieser pseudoeuropäischen Großmacht zu bilden. Grüne Dächer, rote und hellblaue Türme mit goldenen Zwiebeln an der Zinne, das Ganze in einen grünen Ton getaucht, daß Otto spöttisch fragte, ob auch die Hühner grün seien, die ihm seine Frühstückseier legten. Alles orientalisch, ein fremder Weltteil. Als die Fürstin Jussupow ihn erinnerte, er habe mit ihr als blutjunger Auskultator in Berlin getanzt bei ihrem Vater, dem russischen Gesandten, mußte er sich gleichsam den Schlaf aus den Augen reiben und in die Ferne schauen, daß dort ein Europa liegt. Nicht europäisch mutete auch eine Szene an, die er beim Gouverneur Fürst Dolgoruki erlebte. Ein greiser Subalternbeamter, früherer Unteroffizier, trug das Eiserne Kreuz. Woher er das habe? »Von Kulm.« »Gratuliere, ein noch so kerniger Veteran von 1813!« Stramm, mit lauter Stimme, wie für Untergebene im Dienst dies in Rußland üblich, antwortete der Mann: »Auch heut noch zöge ich in den Krieg.« »Gegen wen denn?« »Immer gegen Österreich natürlich.« »Doch das war ja unser Verbündeter bei Kulm, und die Franzosen waren unsere Feinde.« »Lieber ein ehrlicher Feind als ein falscher Freund.« Flugs lagen sich Gouverneur und Muschik in den Armen, küßten sich innig auf beide Wangen und weinten vor Schmerz und vor Freude! Das ist Rußland. Orientalische Sultans- und Paschawirtschaft und orientalische menschliche Natürlichkeit, wüste Tyrannei und wüste Demokratie. Der Padischah kann ja einen Kameltreiber zum Vesir machen, vor ihm sind wir alle Hunde und ... rechtgläubige Brüder. Der orthodoxe Islam. La illa il Allah. Das Leben für Väterchen Zar, und wenn er den Rücken wendet (Zar Nikolaus sagte es offen), ein Dolchstoß! – In Peterhof und Oranienbaum, wohin ihn die Großfürstin Helene einlud, eine Gönnerin von Frankfurt her, sah es nun freilich sehr zivilisiert aus. Doch er wurde ein Gefühl völliger Fremdheit nicht los und es zog so eisig vom Meere her, daß es seine ganze Seele durchfröstelte, als zerreiße eine täppische Bärenklaue die Klaviatur seines Innern. Hexenschuß und Rheumatismus fielen ihn an, und er starrte, dick eingewickelt, auf die Wand nach den Photographien Johannas und der Kinder. Das deutsche Heimweh sehnte sich nach einem stillen, bedächtigen Sonntag, weg aus diesem Fieberleben der großen Welt. Falschheit und selber törichte Leidenschaften unterwerfen sich mit rastlosem Hämmern die allgemeine Unvernunft. Und wenn man selber mitklopft, verrenkt man sich den Arm, daß einem der Atem ausgeht. Mit Gottes Hilfe verfertigten sich aber die meisten Herren Staatsmänner ein Hämmerchen von Papier, das keinem wehtut, und ihr Herzchen, wenn sie überhaupt eins besitzen, ist von Juchtenleder. Du aber, mein fernes Preußen, mußt wirklich Hammer oder Amboß sein, beides von richtigem Eisen. Die gastrisch-nervösen Schmerzen nahmen so zu, daß er wie erschlagen auf dem Rücken lag. Er schob es darauf, daß er aus überheizter Rennbahn ohne Pelz nach Hause ging, doch machten sich plötzlich die Folgen seiner Beinverletzung in Schweden fühlbar. Man bekämpfte das Übel auf echt russische Weise mit unzähligen Schröpfköpfen und Spanischen Fliegen, wobei sich auch eine Roheit der Behandlung bemerkbar machte, an die er aus politischer Sympathie und ausschließlichem Verkehr in den polierten hohen Kreisen nicht hatte glauben wollen. Schon dämmerte ihm ein besseres Jenseits, als er den sogenannten Ärzten begreiflich machte, ein weiteres Blutabzapfen könnten seine Nerven nicht aushalten, die durch achtjährigen politischen Ärger erschüttert seien. Da ließen sie von ihren Umtrieben ab und ließen die gute Natur walten, die sich denn auch mit Hilfe von Sekt erholte. Nur das damals geschundene linke Bein schmerzte noch. Seine erste Ausfahrt galt der Zarin-Witwe, die ihn als Landsmännin mit mütterlicher Güte überhäufte. Er nannte sie zärtlich in seinen Briefen »Kaiserin Mutsch«, wie er seine eigene Schwiegermutter betitelte. Diesmal traf er die hohe Frau auf einem Balkon, an einem schwarzroten Wollschal strickend. Schwarz angezogen, lag ihre imposante Gestalt auf einer Chaiselongue, und ihre tiefe, starke Stimme bewillkommnete ihn landsmannschaftlich auf Deutsch. »Ich muß Sie schelten, Sie haben sich nicht in acht genommen. So sind die Männer, und nachher müssen die Frauen sie pflegen. Nun, das ist unser Beruf. Ich muß Sie auch schelten, weil Sie so furchtbar offenherzig sind. Gortschakow erzählt dem Zaren davon Wunderdinge.« »Sicher nichts, was Seine Majestät verletzen und die Kreise seiner Politik stören könnte.« »Gott, nein! Mein Sohn ist ganz entzückt von Ihnen und zeigt es ja. So oft wie Sie wird kein Diplomat zu intimem Cercle eingeladen, neulich nahm Sie der Zar ganz allein in seinen Salonwagen, was nicht wenig Aufsehen machte, weil Sie in Zivil und ohne Orden waren.« »Es ist hier beim diplomatischen Korps nicht Brauch, Staatsuniform oder Ordenszeichen anders als bei offiziellen Anlässen anzulegen. Das hat natürlich Unzuträglichkeiten. Die junge Generation der Offiziere wird leicht unhöflich gegen Zivilisten.« Die Kaiserin lächelte. »Wir sind in einem sehr monarchischen Staat.« »Ach, in Paris ist es nicht anders. Ein ›dekorierter Herr‹ wird dort von der Polizei unglaublich estimiert, die sonst sacksiedegrob gegen das Publikum ist. Ich erlebte dort drollige Geschichten. Jeder Franzose, der die Ehrenlegion hat, trägt sie womöglich auf dem Schlafrock und geht damit zu Bett.« Das ehrliche, schöne Lachen der Kaiserin antwortete. »Das sind nun die Demokraten und die höflichen Franzosen!« »Reine Mythe. Die Franzosen sind innerlich weder Demokraten noch höflich. Niemand wird früher brutal, wenn er nur im geringsten gereizt wird. Sie schimpfen wie Rohrspatzen und sinken in der Wut auf ein Niveau der Unfläterei wie kein Barbar. Die Beamten sind abscheulich grob und dann wieder kriechend.« Sie seufzte. »Die traurige Menschennatur! Die Russen sind von Natur sehr gutmütig, glauben Sie mir, sie stehen den Deutschen am nächsten – wenigstens in der Gemütlichkeit,« verbesserte sie sich rasch – »und hatten auch immer Vorliebe für die Preußen.« »Nicht die junge Generation, wie ich mir untertänigst einzuwenden erlaubt. Die legt auch nicht viel Wert auf Höflichkeit der Formen.« »Ja, mir fiel dies auch auf. Was Sie von den Franzosen sagen, erklärt vieles, denn die jüngere Herrenwelt bezieht ihre Manieren fix und fertig aus Paris. Dort wird man jetzt sehr übermütig werden. Erst Magenta und jetzt vor vier Tagen Solferino. Sie hatten die Kunde wohl bald?« »Der Telegraph reist rasch. Die armen österreichischen Soldaten! Wie elend müssen sie geführt werden! Ein Clam-Gallas ist dabei, bei denen ist der Titel ›Heerestrommel‹ erblich, weil man von ihnen immer nur hört, wenn sie geklopft werden.« Die hohe Frau lachte herzlich. »Mich freut's, daß diese österreichischen Großtuer solche Trommeln haben. Doch in ihrer sündhaften Verstocktheit werden sie sich die Lehre nicht zu Herzen nehmen. Wollen Sie schon gehen?« Otto hatte sich erhoben. »Ich habe noch keine Lust, von Ihnen Abschied zu nehmen, doch Sie haben wohl schrecklich viel zu tun.« »Nicht das mindeste, Majestät«, beeilte er sich zu erwidern. »Dann bleiben Sie doch, bis ich morgen abfahre.« Sie machte eine Seereise. »Ich folge dem Befehl Euer Majestät mit Begeisterung. Sie lachte wieder. »Gefällt's Ihnen so gut bei mir? Nun ja, Peterhof ist sehr hübsch. Nachher kommen der Zar und Gortschakow, dann wird es ganz idyllisch.« Sie lächelte mit gutherzigem Spott, als sie sein langes Gesicht bemerkte. Geschäfte hier! Er schlenderte durch die Terrassen, wo Rosen bis ins Wasser hingen und das blaue Meer über die Wipfelpracht hereinlugte, auf dem Segel und Möven wie weiße Schmetterlinge flatterten. Als der Himmel und die Schäferwölkchen darauf sich goldig färbten, kamen der Zar und der Kanzler durch einen schattigen Gang herangewandelt. »Guten Abend, Bismarck! Preußen mobilisiert also wirklich? Haben Ihre Herren auf der Gesandtschaft schon Order?« »Zu Befehl, Sire. Leutnant v. Klüber und der Sohn meines alten Legationsrats Kelchner wurden zum Regiment eingezogen. Sie lassen sich einen vier Zoll langen Schnurrbart wachsen. Es sieht aber schon bedeutend friedlicher aus.« »Finden Sie? Preußen wird keine Dummheiten machen?« »Das wage ich nicht zu beurteilen. Jedenfalls schwindet meine Angst vor übereilten Entschließungen, denn der Krieg dürfte wohl fürs erste beendet sein. Mir fällt ein Stein vom Herzen, denn von Österreich fürchtete ich Schlimmeres als von Frankreich, nämlich den gröbsten Verrat. Es würde sich mit Napoleon verständigt haben, und wir müßten den für fremde Interessen auf uns genommenen Krieg allein führen.« Der Zar lachte bitter. »Hören Sie, Gortschakow? Der kennt unsere gemeinsamen Freunde, die Wiener. Und diese miserable Armee!« »Das möchte ich nicht sagen, Majestät. Die k. k. Truppen schlugen sich allzeit gut, nur die veraltete Taktik erweckt die schlimmsten Befürchtungen. Ein gelehrter Militär, Oberst v. Roon, setzte mir das auseinander. Ich glaube auch nicht, daß alle österreichischen Führer nichts taugen. Raming soll verständig sein, auch Stadion, Benedek sogar sehr gut. Nur die Armeechefs wie Giulay und Wimpfen verschulden alles, obschon die Generalstabschefs Kuhn und Heß im Berliner Generalstab einen guten Ruf genießen. Ich glaube, bei den Franzosen steht es damit auch nur soso. Außer dem General Niel hat kein Führer dort Bedeutung.« »Aber Mac Mahon, den wir ja von Sebastopol kennen, soll doch bei Magenta Großes geleistet haben.« »Wohl mehr Zufall, soweit man sich aus den Berichten ein Bild machen kann. Der Marschall Canrobert ist ganz schneidig, aber nicht mehr. Und die Italiener kämpfen zwar wacker, erlagen aber vollständig vor Benedek.« »Nun, dann war es also die bessere Truppenqualität der Franzosen«, mischte sich Gortschakow ein. »Das sind bekanntlich sehr gewandte, tapfere Soldaten. Aber leicht wurde ihnen das Siegen nicht. Ich erhielt österreichische Zeitungen, auch französische, über Magenta, und man klaubt sich da schon zwischen den Zeilen die Wahrheit heraus. Im Zentrum bei Solferino müssen die Österreicher wie die Löwen gefochten haben, um den Zypressenhügel floß viel französisches Blut.« »Und die gezogenen Geschütze?« forschte der Zar eifrig. »Die mögen ein Fortschritt sein, obwohl man in Berlin keinen Wert darauf legt. Von ihrem Übergewicht war aber nichts Entscheidendes zu merken, die glatten österreichischen Geschütze deckten den Rückzug vollkommen. Der Artillerieinspekteur, Erzherzog Wilhelm, soll auch ein vortrefflicher Fachmann sein.« »Und die famose französische Kavallerie?« »Versteht zu sterben. Die Preußenhusaren, lauter Madjaren, warfen aber die Chasseurs d'Afrique über den Haufen. Andererseits hat das bessere österreichische Gewehr auch nichts gewirkt, weil die Österreicher fortwährend ihre Bajonettattacken in Bataillonskolonnen ausführten, statt ihr Gewehrfeuer auszunutzen. Eigentlich sind sie bei Solferino gar nicht geschlagen worden, sie traten verfrüht den Rückzug an.« »Ich danke Ihnen für diesen lehrreichen Vortrag.« Der Zar betrachtete nachdenklich einen Rosenstrauch. »Nach Ihrer Meinung wäre also das militärische Übergewicht der Franzosen nicht erdrückend?« »Nein, auch marschierten sie im allgemeinen ebenso schwach wie die Österreicher. Man muß sich das nur auf der Karte ansehen. Die Verpflegung war ebenso schlecht, nur befanden sich die Österreicher dabei in Feindesland, was viel ausmacht, und hatten unsinnig schweres Tornistergepäck bei ungewöhnlicher Hitze.« »Kurz, Sie halten Österreich trotzdem für eine starke Militärmacht, die es mit den Franzosen aufnehmen könnte, wäre nur die höhere Führung besser?« »So denke ich, Sire. Der Blutverlust scheint sich übrigens auf beiden Seiten auszugleichen, und bei den vielen Gefangenen waren eben viel Italiener, die nur gezwungen der Fahne folgten.« »Sehr interessant! Adieu, mein Lieber, für heut. Ich werde mit meiner Frau Mutter en famille speisen.« Kaisers wollten also unter sich sein. Gortschakow suchte aber später Otto auf und meinte vertraulich: »Ihr Herrscher hat ja früher Erzherzog Albrecht abfallen lassen, der Schutz- und Trutzbündnis verlangte. Aber die Stimmung der deutschen Fürsten und Völker drängt nach Krieg.« »Mit ihren erbärmlichen Truppen! Wir sollen Österreich die Last von den Schultern nehmen, und wenn unsere Gewehre am Rhein losgehen, dann wird der Krieg in Italien aufhören, und wir selber werden genau so viel Hilfe bekommen, als es den Österreichern paßt. Sie werden schon dafür sorgen, daß wir nicht gut abschneiden. Und dann fallen die nämlichen deutschen Brüder von uns ab, die unser deutsches Gefühl in Anspruch nahmen. Wir zwei Auguren machen uns doch nichts darüber vor, daß die Menschen nur selten Treu und Glauben halten.« »Es scheint mir auch eine katholische Frage.« Gortschakow schob seine Brille zurecht. »Das ist Rußland nicht gleichgültig wegen der Polen. Ihr Premier, der Fürst Hohenzollern, ist Katholik.« »Ja, wie damals Radowitz. Immer, wenn das protestantische Preußen sich opfern soll, schiebt man uns einen Katholiken an die oberste Stelle. Und der Hof der Prinzeß Augusta mit katholischer Mystik! Ja, es steht schlimm. Da schreibt mir Prinz Friedrich Karl, eine unserer jungen Hoffnungen, ich soll ihm vier Kosakenpferde für die Kampagne kaufen. Ich wollte lieber, 100 000 Kosakenpferde bedrohten die österreichische Grenze, um diesen Leuten Vernunft einzujagen. Ich beschwöre Sie, üben Sie den stärksten Druck, daß Preußens Blamage verhindert wird.« Der Russe drückte ihm die Hand. »Verlassen Sie sich auf mich! Der Zar ist ganz eines Sinnes mit uns. Sein Einfluß auf seinen Oheim wird in die Wagschale fallen.« – – Wie die Räder der Dampfer, aus deren roten Schloten ein wolkiger Rauch senkrecht aufsteigt, über die Wasserfläche rauschen! Wie schweift die Erinnerung rückwärts an den Rhein! So gemütlich es hier, so leicht man sich in Frankfurt die Gelbsucht anärgern konnte, man ist doch in der Heimat. Wie fremd glotzt uns hier ein steinernes Geheimnis an! Gleich darauf hatte er eine Zirkularnote von Schleinitz vorzulegen, die er zur Kenntnis des russischen Kabinetts bringen mußte, wie Graf Bernstorff in London das Kabinett von St. James in gleicher Weise einlud. Gortschakow lächelte mephistophelisch. »Also wir sollen die Souveränitätsrechte Österreichs mit den gerechten Wünschen der italienischen Untertanen aus- Zeile fehlt im Buch. Re. gehen dahin, daß alle Österreicher sich zum Teufel scheren. Cette sentence est vraie et belle, mais dons l'enfer de quoi sert – elle? sang der alte Scarron. Wir natürlich würden jede Basis einer Vermittelung annehmen, aber ob England –« »Nicht daran zu denken! Nach guter alter Geschäftssitte freut es sich, wenn die Kontinentalen sich schwächen, und sieht auch Napoleons Prestige mit scheelen Augen an. Aber es muß die Palmerstonsche Finte aufrechterhalten, England stehe überall als Schirmherr für Recht und Freiheit da, und es ging schon geheime Verpflichtungen ein, hat Abmachungen sowohl mit Cavour als mit Mazzini.« Gortschakow las die Zirkularnote nochmals durch. »Also Preußen will, gestützt auf starke Entfaltung seiner Wehrmacht, die Friedensfrage vor Europa bringen, ›im geeigneten Augenblick‹. Wann ist der geeignete? Es will seine Vermittelung durchführen nach dem Prinzip, ›die Territorialintegrität Österreichs in Italien zu wahren‹. Das ist unmöglich, der Doppeladler muß Federn lassen. Sie sehen, Ihr schwimmt wieder ganz im Kielwasser Eures natürlichen Gegners.« »Bisher war die Berliner Politik nicht so ungeschickt, doch wir rüsteten zu bald und zu vollständig. Dies Gewicht einer übermäßigen Bürde zieht uns zu Boden. Nachdem man die Landwehr einberief, muß man ihr doch etwas zu tun geben, es würde böses Blut machen, wenn man sie unnütz bemühte und wieder heimschickte. An solchen psychologischen Imponderabilien hängen oft die Geschicke. Wir werden aber dann nicht mehr Österreichs Reserve sein, wie wir es auffassen, sondern der deutsche Krieg wird dann die Hauptsache. Napoleon muß zur Deckung von Paris seine Truppen größtenteils zurückführen, Österreich wird aufatmen und ein bißchen Radetzki gegen Italien spielen. Den Mann hat es dafür, Benedek. Uns wird diese Befreiung Österreichs nicht zugute kommen, es wird unsern etwaigen Erfolg so beschneiden, wie es seinen Interessen konveniert. Unterliegen wir aber, so wird der Deutsche Bund vom Baume fallen wie angefaulte Pflaumen beim ersten Windstoß. Jeder edle deutsche Fürst, in dessen Residenz die französische Invasion ihr Quartier aufschlägt, wird sich als echter Vater des Vaterlandes auf die Planke eines Rheinbunds retten, um von unserem Wrack fortzuschwimmen.« »Bauen Sie fest auf unsern Einspruch!« versprach Gortschakow pomphaft. »Das wird und kann Rußland nicht dulden.« »Darauf können wir nicht warten. Rußland und England können sich geduldig Zeit lassen, den Verlauf der Ereignisse zu beobachten, wir aber rüsteten zu kostspielig, um nicht bald losschlagen zu müssen. Unsere Vermittlung kann so wenig den Frieden finden wie die Quadratur des Zirkels.« »Aber die öffentliche Kriegsstimmung ist schon abgeflaut. Unsere Agenten berichten, daß man in Wien die Nationalhymne auspfeift, Solferino hat jedem Schreier das Maul verbunden. In Berlin ist die Kriegsbegeisterung auch nur mäßig.« »Jawohl, man wird dem Landwehrmann kaum begreiflich machen, daß dieser Krieg unvermeidlich ist. Die subtile Notwendigkeit, uns für Österreich zu opfern, wird man dem Bauernschädel nicht einbläuen. Ich sähe mit Grauen in die Zukunft, wenn es nicht noch einen Lichtpunkt gäbe.« »Und der wäre?« »Zu meiner größten Freude hat der Regent, daran erkenne ich ihn, jede Verbindlichkeit abgelehnt, die Armee nach Österreichs besonderem Bedürfnis marschieren zu lassen, im Gegenteil den Oberbefehl über das ganze deutsche Bundesheer verlangt. Und ehe Österreich dies zuläßt, unterwirft es sich am Ende den Forderungen Napoleons.« Gortschakow lachte. »Ich bin ein Pessimist und liebenswürdiger Misanthrop, aber vor Ihnen streich' ich die Flagge. Sie trauen den Wienern doch etwas Unmögliches zu, die Verleugnung jeden Ehrgefühls.« »Ich gebe zu, die Hoffnung ist schwach. Doch wenn Sie diese Leute kennten wie ich, so schiene Ihnen nichts unmöglich. Ich bin resigniert. Wie Gott will, ich halte still.« Das mußte er nun allerdings im wörtlichen Sinne. Da er in der Kniekehle immer noch leichte Schmerzen fühlte, hatte er sich einen Doktor Walz aufnötigen lassen, Dirigent aller Kinderhospitäler. Dieser Medikus erschien mit Empfehlung der verwitweten Großherzogin Sophie von Baden als deutscher Landsmann. »Ich bin aus Heidelberg, was gewiß Euer Exzellenz freundliche Erinnerungen erweckt. Das Übel an dero Bein ist leicht zu heben, sobald ich eine Salbe dagegen verschreibe.« »Aber es plagt mich wenig, und da ich demnächst nach Berlin reise, um meine Frau abzuholen –« »Gerade deshalb, dadurch kann sich die Sache verschlimmern. Das Mittel ist so leicht, daß es Exzellenz gar nicht belästigen wird. Es fällt in ein paar Tagen ab, das Pflaster, höchstens eine Röte bleibt davon zurück.« »Nun, wenn Sie meinen!« Die Salbe wurde angeschmiert. Einige Stunden später erwachte Otto mit wahnsinnigen Schmerzen. Sie steigerten sich so unerträglich, daß er das Pflaster abriß. Ein Stück Fleisch mit, eine handgroße Wunde entstand, in der wundgefressenen Kniekehle blieben immer noch schwarze Massen stecken. Der sofort herzitierte Giftmischer arbeitete nun mit einem metallischen Instrument in der Wunde herum, so daß selbst der Hüne beinahe in Ohnmacht fiel, doch gelang es nicht, das Gift erheblich zu entfernen, obschon der biedere deutsche Landsmann versicherte: »Die Sache werden wir gleich kriegen, Exzellenz hätten das Pflaster nicht abreißen sollen.« »So? Dann wäre ich draufgegangen.« Otto heftete auf ihn einen kurzen starren Blick. »Ja, ich fürchte, die Salbe war zu stark gepfeffert. Ein Versehen des Apothekers«, entschuldigte sich der Verbrecher mit freundlichem Lächeln. Nachdem er gegangen, ließ Otto seinen Kammerdiener Engel kommen. »Geh zu dem Apotheker, hier ist die Adresse, und erbitte dir das Rezept. Es ist ein Deutscher.« Engel kam zurück. »Doktor Walz hat das Rezept zurückgenommen. Die Salbe bestehe hauptsächlich aus sehr giftigen Stoffen, die – ich habe mir's aufgeschrieben – immerwährende spanische Fliegen erzeugen. Die Dosis war ganz ungewöhnlich stark.« Als Walz wieder erschien, fragte ihn Otto mit dem gleich starren Blick: »Ich möchte Ihr Rezept sehen.« »Ach wie fatal! Das habe ich natürlich nicht mehr. Wozu auch!« Wozu auch! In der Tat! Bedeutet dies nur die dreiste Frechheit eines Kurpfuschers, der ein Experiment probieren wollte? Zu solchem Wagnis sucht man sich gewöhnlich nicht eine hohe Persönlichkeit aus. Sie wollen mich durchaus beseitigen. Sehr schmeichelhaft! Wenn die Feinde meines Vaterlandes mich so verbrecherisch hassen, so liebe ich sicher mein Vaterland. Da falle ich also im Dienste wie ein Soldat, nur etwas schmerzhafter. O Germania, du alte Närrin! Still, auf die Mutter darf man nicht schimpfen, sie hat uns geboren. Wozu die Verbitterung! Um Erleuchtung der Obrigkeit beten hat keinen Zweck. Denn Gott, der Preußen zerschlagen oder hochheben kann nach seinem Willen, läßt sich nicht beirren. Der Allwissende weiß warum. Im letzten Stündlein, wenn es ans Ende geht, werden wir lächeln über die Streitfrage, ob Preußen oder Österreicher gewinnen. Alles nur eine Zeitfrage. Die Wellen zerschellen, und es bleibt das ewige Meer. Was sind vor ihm unsere Staatengebilde! Ameisenhaufen, die jeder Ochse zertreten kann, Bienenstöcke, die ein Imker ausnimmt. Rechberg ist ein langer Kerl, ich auch, aber wenn uns der Tod diese Fleischmaske von den Knochen reißt, dann werden wir uns verzweifelt ähnlich sehen, und niemand weiß mehr, ob Rechberg für seinen Staat oder ich für meinen stritt. Und ob er dumm ist oder ich, bah, als Skelett sind wir alle die gleichen. Ich habe hochgradiges Fieber. Hätte ich ein Wundfieber von Solferino, so wäre es genau das gleiche. Ein Gaukelspiel. Und wo bleibt da der Patriotismus? Von dem hängt unsere ewige Seligkeit auch nicht ab. Pfui, schäme dich! Charity begins at home, wer seine Landsleute nicht liebt wie sich selbst, wer soll da das Gebot des Heilandes erfüllen? Wer erfüllt es denn! Und Gott lieben über alles? Ich möchte ja, doch er ist so fern. Ich würde mich dem Teufel verschreiben, wenn es nur ein teutonischer Teufel wäre. Deutschland rollt langsam in den Abgrund, und ich krepiere hier wie die Ratte im Loch und schlafe ein vor übergroßen Schmerzen... Schlafe, schlafe, große Seele! Ein Allmächtiger wacht über dir ... Das Wunder geschah, das Unglaubliche. Schon am 11. Juli Frieden von Villafranca! Eher, als Preußen auch nur in einer Formfrage nachzugeben, nahm Österreich die Bedingungen Napoleons an, des »Kämpen unterdrückter Nationalitäten«, der sich dafür mit Nizza und Savoyen bezahlen ließ. Lieber die Lombardei preisgeben, als das Übergewicht in Deutschland! Und nach dieser schamlosen Aufopferung der staatlichen Ehre (denn man hätte den Krieg zum ernsten Schaden Napoleons fortsetzen können) hatte man noch die eiserne Stirn, zum Himmel zu schreien, man sei vom »natürlichen«, (wer lacht da!) »Bundesgenossen« im Stich gelassen! Andererseits konnte man Napoleon nicht verdenken, daß er seiner Armee erklärte, ihr Sieg sei durch die drohende Haltung Preußens verkleinert worden, und er könne seinen Schwur deshalb nicht erfüllen, Italien von den Alpen bis zur Adria zu befreien. Vorsicht ist bekanntlich ein Teil der Tapferkeit. In Villafranca ließen beide hohen Kontrahenten Winke fallen, daß sie sich künftig gegen das verräterische Preußen wenden würden. Doch das war das kleinere Übel. Der Regent war fest geblieben gegen Österreichs unverschämte Ansprüche, in die eigentliche Falle stürzte er nicht, der Krieg unterblieb ... Ach, der alte Gott lebt noch, Otto raffte sich auf, nach Berlin zu reisen. »Ach, mein lieber Bismarck, was haben Sie mit sich angefangen?« Der Zar entsetzte sich über das trostlose Aussehen des Hünen, den er in kraftstrotzender Männlichkeit vordem so oft sah. »Da muß etwas geschehen. Sie sind ja wie eine geknickte Eiche. Tun Sie alles für Ihre Heilung, tun Sie es mir zuliebe! Wir dürfen Sie nicht verlieren. Ich gehe im Herbst nach Breslau oder Berlin, um meinen verehrten Oheim zu treffen. Da hoffe ich Sie als den Alten wiederzusehen!« – Die Reise bereitete ihm viele Qualen, und als er im Hotel d'Angleterre in Berlin lag, schüttelten die Ärzte den Kopf. Die Jodbehandlung half nichts, man gab ihn als hoffnungslos auf. »O du mein Einziger! Guter! Ottochen, was haben sie mit dir gemacht!« Johanna, eiligst aus Reinfeld herberufen, warf sich schluchzend über ihn, dann nahm sie sich fest zusammen und warf, ohne ein Wort zu sagen, alle Jodflaschen zum Fenster hinaus. »Jetzt werde ich dich kurieren.« Sie hatte stets als heilkundig gegolten, wie manche adlige Gutsherrin in ihrem ländlichen Wirkungskreis, und sei es Suggestion der Liebe, sei es wirkliche Naturheilkraft, sein Befinden besserte sich. »Jetzt mußt du mir nach Wiesbaden und Nauheim.« Doch auch dort genas er nicht, erst allmählich kehrte die Gesundheit wieder unter medizinischer Aufsicht eines Marburger Professors Beneke. Die Schwäche im Beine blieb, und zeitweilige Schmerzen plagten ihn noch lange. Die Geschäfte drangen wieder ein, er lächelte trübselig. »Just am 1. April, meinem Geburtstag, trat ich mein Amt in Petersburg an. War das ein böses Omen und verhängnisvoll? Ob ich dort noch mal den 1. April verbringe? Alle guten Freunde und Bundesgenossen arbeiten daran, mich von dort wegzuhaben, denn selbst in der Ferne bin ich ihnen nicht artig genug. Deinen Geistes hab' ich einen Hauch verspürt ..., am liebsten hätten sie mich gefesselt, wie Bertram de Born. Lahm bin ich schon genug, muß aber doch dem Zaren bis Warschau entgegenfahren und ihn nach Breslau geleiten. Denn aus den Augen, aus dem Sinn, les absents ont toujouirs tort , bei mir muß es heißen: toujours en vedette !« »Der Arzt verbietet dir Anstrengung und Arbeit. Dein Bein wird immer wieder beim Gehen dick, die Jodvergiftung hast du noch in den Nerven.« »Bah, die Stränge halten noch aus. Eine Vene ist zerstört, da muß man eben ohne sie auskommen. Vor sechs Wochen schien mir das Weiterleben nicht wünschenswert, und jetzt beglücken mich die kondolierenden Gratulanten mit der erfreulichen Post, daß sie mein Weiterleben nicht erwarteten. Wie taktvoll! Herrlich war Harry Arnim, der mit Leichenbittermiene den düsteren Unkenruf erschallen ließ: Alle preußischen Gesandten sterben oder werden verrückt! Ich glaubte ihm letzteres, was seine werte Person betrifft, und erinnerte ihn daran, daß wir alle sterblich sind, ob wir Gesandte spielen oder nicht. Na, denn man los! Eingeschneit im Bärenpelz einen Winterschlaf tun, dafür ist Petersburg gut. Ich schnalle den Kothurn von meinem kranken Bein, da kann man nicht auf Stelzen gehen, und werde schnarchen, daß man mich bis Archangel hört.« Johanna schwor dem Quaksalber Walz Tod und Verderben. »Das laß man gut sein. Dessen Hintermänner findet man nie. Der Kerl, Sohn des Hofkonditors in Heidelberg, machte nie sein Examen. Dieser brave Heilgehilfe rechnete nicht mit dem Frieden von Villafranca, der hat mir das Blut gereinigt. Auf der Seereise nach Stettin war der Chirurg Pirogow mit an Bord, und der wollte mir das Bein hoch überm Knie amputieren. Diese Schlächtermeister möchten immer nur operieren. Wenn doch in der Politik auch solche Chirurgen hantieren wollten! Aber dort scheut man sich schon, nur eine Zehe oder den kleinen Finger abzusägen, mag die Blutvergiftung noch so kennbar um sich greifen. Und hinterher hilft doch nur ein Kaiserschnitt bei unserer deutschen Schwergeburt.« »Du siehst aber, es geht auch ohne Operation.« »Ja, Fünkchen lebt noch.« Im September in Baden-Baden ging es ihm noch wohl. Er feierte dort mit seinem Frankfurter Becker ein fröhliches Wiedersehen, und der Arzt Struck versicherte ihm, er könne ganz ohne Sorgen sein. Er traf auch die schöne Obolenski und trug ihr Grüße an ihren greisen Vetter, den Archäologen in Moskau, auf, dessen überschwengliche russische Gastfreundschaft den Deutschen ins Herz schloß und in ihm hohe, wissenschaftliche Altertumskenntnisse entdeckt haben wollte. Mit dem Admiral Fürst Menschikow, seltsamerweise nebst seinem Mitadmiral Großfürst Konstantin dem einzigen eifrigen und guten Reiter der Petersburger Aristokratie, ritt er aus und befand sich gut dabei. Diese Gegend mit der damaligen Weltstadt Frankfurt bildete nun mal das große Wirtshaus an der Landstraße Paris-Petersburg, und es hatte für ihn etwas Anheimelndes, wieder in der dortigen Internationale der blaublütigen Welt sich umzuschauen. »Ach, das ist auch Flügelteufel!« brummte Gustav v. Alvensleben, der als Adjutant des Thronfolgers zur Stelle war. Edwin Manteuffel war gemeint, jetzt offizieller Chef des Militärkabinetts und Otto nicht sehr gewogen. Er grüßte zurückhaltend: »Sie erwarten Herrn v. Schleinitz schon lange, wie ich höre. Er war abgehalten, kommt aber jetzt. Der Gesandte Usedom, den Sie ja alle kennen, befindet sich momentan bei Seiner Königlichen Hoheit.« Es wurde immer unheimlicher. Schleinitz war kühl, und es regnete heftig. Otto saß immer bei seinen Moskowitern und hatte nichts auf der Zunge als Galizin, Trubetzkoi, Ustinow, Beranow und andere, die ein »sow« als Endsilbe hatten. Aus Langeweile machte er der Obolenski in allen Ehren den Hof, sehnte sich aber krank nach seiner schlichten deutschen Familie in Reinfeld. Der Thronfolger hörte Klagen von Damen über die Impertinenzen der englischen Usedom, und von männlicher Seite über die Unfähigkeit des Gesandten, vermochte aber dem Bruder Freimaurer nicht gram zu sein, den Schleinitz und vor allem die Prinzessin protegieren. Über Otto kam es am Frühstückstisch zu Meinungsverschiedenheiten. »Ich glaube ja auch, daß der Mann es gut meint,« urteilte die hohe Frau, »doch die Enge seines Gesichtskreises!« »Er ist eben zu sehr Idealist für eine so positive Kunst wie die Realpolitik, und doch so wenig Idealist, daß er uns mit dem Neffen Parvenü verbünden möchte gegen deutsches Blut!« Das war der Staatsmann Schleinitz, der so sprach. Doch der Regent schwieg und lehnte weiteres Eingehen auf den Gegenstand ab. In Frankfurt suchte Otto die Gallusgasse auf, wo er so lange gewohnt, und stand dort, an den Gartenzaun gelehnt, in tiefen Gedanken. Acht Jahre verzweifelter Arbeit für nichts, wie Spülicht weggegossen, vertollpatscht durch windige Dreinpfuscher! Er drehte sich militärisch kurz auf den Hacken um und kehrte dem Schauplatz seiner Kämpfe den Rücken. Gott helfe Deutschland, ich kann's nicht mehr! ... Und nimmermehr betrat er diese Stätte, summte ihm Byrons Wort im Ohr ... Das unsichtbare Transparent sah er nicht, das im Astrallicht über seiner alten Wohnstätte strahlte: Hier schaute der Erwählte das neue Reich. * Er fand sich im goldschimmernden Troß hoher Würdenträger ein, der sich in Lazianka, der Warschauer Residenz, um den Zaren drängte. Dessen Zusammenkunft mit dem Prinzregenten in Breslau schien günstige Folgen zu haben und belehrte jedenfalls Europa, daß Preußen gegen halbe oder falsche Freunde nicht alleinstehen werde. Daß Otto einen erheblichen Anteil an dieser russischen Entente hatte, hob sein Ansehen in Berlin, nichtsdestoweniger fuhr man fort, ihn als eine Art Spießgesellen, Helfershelfer und Mitschuldigen des arglistigen Napoleon zu verunglimpfen. Denn mit der unergründlichen Gemütstiefe des deutschen Michels verträgt sich stets die Zuneigung am falschen Ort und der übertriebene maßlose Haß gegen denjenigen seiner Feinde, gegen den man mit Gefühlswerten sich erhitzen kann. Wir haben alle nur einen Feind! schrie das deutsche Volk und ereiferte sich unvernünftig gegen Napoleon, der wenigstens bisher noch keine Feindseligkeit zu erkennen gab. Daß die Austriaken ihre übel erworbene und mit unnützer Schärfe behauptete Fremdherrschaft über die Lombardei einbüßten, was keinen Deutschen etwas anging, erfüllte Michels Herz mit Entrüstung vaterländischen Stolzes. Die edlen deutschen Brüder wurden in Deutschland erst recht populär, als sie für Deutschland den Namen Tedeschi ihrer Kroaten und Heiduken für ewig in Italien verhaßt machten. Vielleicht wirkte der nagende Ärger über solche Verkennung und Michelei mit, daß er, auf der Rückreise nach Petersburg in Hohendorf bei Below Station machend, sofort wieder Unpäßlichkeit spürte. Als er in Reinfeld im Billardstübchen von Nanne Abschied nahm, hatte er sie lange umschlungen, wie in Ahnung eines Unheils. Er schrieb ihr aus Hohendorf: »Meine Ruh' ist hin, mein Herz ist schwer.« Nun war es zum Reisen schon zu spät im November, alle Wege verschneit, nur ein Teil der Strecke bis Petersburg mit eingleisigen Schienen belegt, alles übrige eine für Frau und Kinder unmögliche, halsbrecherische Kütschlifahrt. Da draußen die weite winterliche Welt! Von Osten her das Klingeln der Schlittenschellen, wo das heilige Rußland wie in Gogols Toten Seelen durch die Steppe fährt, von Westen das Schellen der Narrenkappe. Da feiern sie jetzt als Nationalfest den hundertjährigen Geburtstag Schillers. Sehr schön und auch nützlich für Emporlodern idealer Kräfte. Doch es bleibt bei tönenden Schlagworten. Ich habe nichts gegen Posa und Tell, wenn der eine nur nicht so viel reden und der andere sich nicht als Befreier brüsten wollte, weil er einen Landvogt erlegte. In der Wirklichkeit gibt's nur Kabale und keine Liebe, Begeisterungsrummel fügt keinen Stein zum Bau, dem nur Blut ein Mörtel sein kann. Wallenstein – o ja! Er ging mit wankenden Schritten zum Bücherschrank, wo selbst der konservative Below die Klassiker aufstellte, und nahm den Band heraus, suchte und fand die Stelle: Der Augenblick ist da, wo du die Summe Der großen Lebensrechnung ziehen kannst. Die Zeichen stehen sieghaft über dir, Glück winken die Planeten dir herunter Und rufen: es ist an der Zeit! Ein heftiger Fieberschauer schüttelte ihn, und er versank in eine Betäubung. Nach Rußland ... wie war das doch bei meiner Hinreise? Da packte mich ein alter, freundlicher General auf den Extrazug des Prinzen von Oranien, welcher joviale Herr mir eine gute Sumatrazigarre offerierte ..., wie man sich doch an jede Fürstlichkeit erinnert, als seien dies Auserwählte des Himmels ..., der Prinz wird wohl nie davon reden, daß er mal mit einem gewissen Bismarck im Salonkupee durch die Einöde fuhr ..., meine Tage sind gezählt, mein Name bald vergessen... Ihm schwanden die Sinne. Zu Bett gebracht, hörte er gelehrte Konsultation von Ärzten: »In der zerstörten Vene hat sich ein Trombus formiert, der hat sich jetzt losgelöst in die Blutzirkulation. Daher akute Lungenentzündung.« Aus weiteren halblauten Äußerungen und bedenklichen Mienen bei Fortschreiten der Krankheit entnahm er sein Todesurteil. Nachdem er letztwillige Verfügung getroffen, erwartete er eine Woche lang unter kaum ertragbaren Qualen sein Ende. Wäre nur erst alles vorbei! Die arme Nanne, die armen Kinder! Da überkam ihn ein furchtbarer Gedanke, ein furchtbar erhabener Gedanke: das arme Deutschland! Und Cromwells Frage auf dem Totenbett fiel ihm ein: Kann einer aus der Gnade fallen, der einmal darin war? Nein? Nun, ich weiß, daß ich einmal in der Gnade war ... Und er betete mit zitternden Lippen: Du lebst, gerechter Gott, und ich, der ich sterben soll, bin nichts vor dir, ein unwürdiges Rüstzeug. Aber ich habe mich redlich bestrebt nach meinen schwachen Kräften für eine große Sache. Es gibt wohl bessere Kämpfer als mich, aber ich sehe sie nicht, darum will ich versuchen, zu leben. Solches sei mir ein Zeichen: sind andere würdiger befunden vor dir, so laß mich dahingehen, bin ich aber gewürdigt deiner Gnade, dann laß mich leben. Denn du weißt, ich bitte jetzt nicht für mich ... Und abermals fielen ihm Cromwells Todesworte ein: Tat ich Großes und Gutes, sei es nur England angerechnet, tat ich Schlechtes, nur mir allein!... In deine Hände befehle ich meinen Geist. Mag ich leben oder sterben, lang lebe das Volk der Deutschen! – Die Ärzte fanden ihn in festem, tiefem Schlaf, in Schweiß gebadet, die Zähne zusammengebissen, auf dem schreckhaft ernsten Gesicht den Stempel finsterer Entschlossenheit. Sie tauschten gelehrte Betrachtungen aus. »Die Krise ist überstanden, er wird davonkommen, der Mann hat eben eine Riesennatur.« Gott kann alles. Der Mann des Schicksals hatte den Tod überwunden. * Erst im März des folgenden Jahres konnte er sich wieder in Berlin einstellen, Rekonvaleszent von langem Siechtum. Darauf nahm man aber wenig Rücksicht, nötigte ihn zu Sitzungen im Herrenhaus und lieh seinem Wunsch zu baldiger Abreise auf seinen alten Posten kein geneigtes und geflissentlich taubes Ohr. Budbergs Kaviar und Kurier hatten die Wege schon frei gefunden, voll Staub statt voll Schnee, Otto aber mußte Wochen um Wochen in der grüntapezierten Hotelstube sitzen und vom Balkon aus die Spreekähne und die Spatzen betrachten, was keinen Ersatz für das Newabild gab. Mit der Loreley fühlte er um so weniger Ähnlichkeit, als er keine Kämme für sein goldenes Haar bedurfte, das schon durch Abwesenheit glänzte. Seine Glatze verbreitete sich immer kahler. Schon die vierte Abschiedsaudienz und immer wieder der freundliche Befehl: »Bleiben Sie noch einige Tage.« Man wollte ihn offenbar hier behalten. Die Gräfin Perponcher, deren Gatte in Ottos Abwesenheit ihn in Petersburg vertrat, und er klagten sich manchen Abend gegenseitig ihr Leid. »Hangend und bangend mit schwebendem Bein, ›Goethes Turnerlied‹, sagte die Engländerin. Einen Fuß hier, den anderen im Norden.« »Und dabei wünscht Schleinitz dringend meine etwas entferntere Bekanntschaft!« lachte er im Kreise Moritz Blanckenburgs, der in der Kammer als Abgeordneter allerlei Nadelstiche an den Minister des Auswärtigen austeilte. »Mein hoher Vorgesetzter hat eine Heidenangst, daß ich ihn verdrängen will.« »Das wäre ja herrlich.« »Nicht für mich. Fürst Hohenzollern und Auerswald sind dafür. Aber zwei wollen nicht: die Prinzessin und ich.« »Doch wenn dir dein Patriotismus gebietet –« »Der tut es eben nicht. Minister darf man nur werden, wenn es die rechte Zeit ist. Und die jetzige ist das nicht. Ich würde nutzlos Kraft vergeuden und nur der Sache schaden durch verfrühtes, voreiliges Anschlagen von Akkorden, die man heut noch nicht hören will.« Malle klagte schwesterlich: »Man wird dich mir noch umbringen mit den ewigen Gesellschaften. Du soupierst so oft bei Regents. Sollten dich doch lieber fortlassen, wenn dir bei Kaisers an der Newa das Essen besser schmeckt. Haben sie dich denn gar so gern?« »Könnt' ich nicht sagen. Die Frau Prinzessin betrachtet mich als störendes Element, der Regent ist gnädig und würdevoll wie immer, aber die Schleinitzer Ohrenbläserei ging nicht ohne Spur vorüber. Viele Tropfen höhlen den Stein.« »Stehst du dich noch mit Polte Gerlach?« »Nicht besonders. Aus alter Pietät halt' ich zu ihm. Der kommende Mann ist General Roon, mit dem ich die einstige ziemlich flüchtige Bekanntschaft erneuerte und sehr kultiviere. Neulich aß ich bei ihm. Kreuzzeitungsmann, aber hellsichtig und nur auf das bedacht, was sein Ressort angeht, die Heeresreform.« »Oskar sagt, du würdest doch Minister werden. Die Augsburger Allgemeine, das Leiborgan der Liberalen, sei sehr nervös und beschuldige dich in jeder Nummer des Bonapartismus. Das sei ein gutes Zeichen, daß sie deine Ministerschaft fürchten, die in der Luft liegt.« »Da mag sie liegen bleiben! Im übrigen kein schlechtes Kompliment, den Feinden Preußens ein Schrecken zu sein. Augsburger und Kompagnie sind alles verkappte Austriaken. Am Hof hat man meine Gesinnung so gesiebt und gesichtet, daß die Wiener Lügenfabrik sich auf etwas anderes besinnen muß.« – Erneut zur Tafel befohlen, klagte er ostentativ über das Mailüftle, bei dem der Storch klappert und wir klappern mit. Bei so kaltem Wind müsse er jetzt reisen, während es vorher milde war, wollte er andeuten. Doch der Regent parierte gelassen: »Und bei solchem Wetter wollen Sie nach Petersburg?« »Dort ist's nicht schlimmer als hier, und der Mensch kann doch nicht ewig im Hotel wohnen.« Kronprinz Friedrich Wilhelm sprang ihm schelmisch bei: »Abschied nehm' ich nie mehr von Ihnen, viermal tat ich's schon, doch Sie sind immer noch hier.« Otto warf dem Regenten einen betrübten Blick zu mit der stummen Frage, ob er diesen berechtigten Spott verstehe, doch der hohe Herr machte unwillig kehrt und ließ beide stehen. Der glückliche junge Ehemann wurde dann sogleich durch seine Gattin, die Prinzeß Royal Viktoria, von Bismarcks Seite abgeholt. Die zierliche junge Frau, sehr klug und gebildet, ließ sich zwar nicht die geringste Unhöflichkeit zuschulden kommen, sondern blieb liebenswürdig in der äußeren Form. Doch sie ließ immerhin ihre Voreingenommenheit merken und strafte diesen fremdartigen Bären, der den ererbten Gehorsam gegen England aufkündigte, also den echtdeutschen Charakter verleugnete, mit gelegentlichen kleinen Spitzen. »Es ist recht grausam, daß man Sie vom Lande Ihrer Sehnsucht fernhält. Ich begreife Ihren Schmerz. In Rußland ist alles so ... so patriarchalisch. In England waren Sie noch nie?« »Nur vorübergehend, Königliche Hoheit.« »Ach, dort würde es Ihnen nicht gefallen. Bei uns zu Hause hat man so einen weiten Horizont. Reisen Sie recht bald, und glückliche Reise! Komm, Fritz!« Das hohe Paar ließ ihn stehen. Es verletzte nicht wenig seine patriotische Empfindlichkeit, daß die Britin englische Sitten in ihrem Hofhalt einführte und so oft die Wendung »bei uns in England« brauchte. Jetzt hatte er also zwei mächtige Feindinnen am Hofe in unmittelbarster Nähe des Herrschers. Und er vertrug sich sonst mit klugen Frauen so gut. – Da er seines Gegners Schleinitz nicht habhaft werden konnte, der sich beharrlich verleugnen ließ, machte er ihn wenigstens auf einem Diner beim Kammerherrn Graf Redern dingfest. »Sie sollten von Amts wegen die gute Perponcher und mich interimistisch verheiraten, sintemal sie ohne Mann und ich ohne Frau hier Trübsal blasen.« Schleinitz lächelte. »Eine solche Verfügung geht über meine Befugnis, doch will ich Perponcher beurlauben und Croy als Geschäftsträger anstellen.« »Das hilft aber mir nichts. Ich will lieber von meinem Posten abgehen, als diese Wartezeit länger aushalten.« »Aber ich bitte Sie! Nur noch einige Tage! Vielleicht sind Änderungen im Wege, eingreifender Art.« »Angreifender für mich. Mein Gesundheitszustand verbietet mir jede übermäßige Aufregung. Ich möchte bleiben, was ich bin. Freilich, wenn man mich nach Frankfurt schickte, dann nehme ich gerne an. Dort rheinbündlerts, und ich schmeichle mir, ein kleines Donnerwetter dazwischenjagen zu können.« »Wirklich? Aber Olympia würde olympisch zürnen.« »Na, die kann ich nicht heiraten, aber mein ganzes Haus in Petersburg steht ihr offen, wenn wir die Plätze tauschen.« Schleinitz sah ihn prüfend an, Otto las die Frage: Hand aufs Herz, Sie wollen wirklich nicht Minister werden? Aus Genehmigung der Abreise wurde wieder nichts, wohl aber gestaltete sich die fünfte Abschiedsaudienz zu einer solennen Konferenz, an welcher außer dem Regenten die Minister Hohenzollern, Auerswald, Schleinitz teilnahmen. »Es ist bei mir angeregt worden, Sie näher zum Konseil der Krone heranzuziehen. Wollen Sie daher Ihr Programm deutlich klarmachen!« »Wie Königliche Hoheit befehlen. Die ganze Schwäche unserer Politik ist die liebevolle Schwäche für Österreich, von Olmütz bis heut. Es wird jede Durchführung unserer deutschen Aufgabe so lange hindern, bis es nicht die Gewißheit hat, wir würden endgültig mit ihm brechen. Fühlung mit Rußland ist unbedingte Notwendigkeit. Gegen Österreich ist man dort immer zu haben. Doch wir haben dort ein so schönes Guthaben – daß wir im Krimkrieg uns von allen Lockungen nicht verführen ließen und dadurch auch Österreich im Schach hielten, vergißt man uns nie –, daß wir selbst mit Österreich gehen könnten, ohne daß uns Rußland den Rücken kehrt.« »Nun also!« fiel der Regent lebhaft ein. »Das ist eine sehr vernünftige Auffassung, meine Herren.« Doch Otto fuhr trocken fort: »Leider muß ich bekennen, daß Österreich sich zu sehr über- und uns unterschätzt, als daß je eine Verständigung auf solider Basis erfolgen könnte. Es hält die Festung Olmütz gleichsam für ein Zwing-Uri, beides natürlich symbolisch gemeint, wo es sich für immer häuslich einrichtete und von Preußen permanente Reverenz vor dem Geßlerhut verlangt.« Der Regent rückte unruhig auf seinem Stuhl, jede Erinnerung an Olmütz regte ihn auf. Deshalb bohrte Otto das Eisen tiefer in die Ehrenwunde. »Es vergißt nur, daß es damals Rußlands Schwert mit in der Wagschale hatte und wir bei solcher Ungunst der Lage durchs Kaudinische Joch mußten. Aber seit dem Krimkrieg ist das Umgekehrte der Fall, und doch treibt man das alte Spiel unglaublicher Prätensionen fort. Die Leute glauben offenbar, wir seien die dumme Henne, vor der man einen Kreidestrich zieht, den sie nicht zu überschreiten wagt. Wir müssen diese Illusion zerstreuen, die eine täuschende Phantasmagorie von Österreichs Macht mit Hilfe der Presse und der geheimen Fonds den Deutschen vorzaubert. So bestechend « (mit doppelsinniger bitterer Betonung) »diese Täuschung ist, würde sie dem Schwerthieb Preußens nicht standhalten. Wenn Österreich unsere gerechten Ansprüche ignoriert, können wir, von Rußlands Wohlwollen gedeckt, es auf offenen Bruch ankommen lassen.« Der Regent wandte sich an Schleinitz: »Ich fordere Sie auf, nun Ihre gegenteilige Auffassung zu entwickeln.« Der Minister hielt einen wohleingeölten Vortrag mit geläufiger Suada. Er sagte unter anderem: »Ich knüpfe an das Testament unseres hochseligen Königs Friedrich Wilhelm III. an. Dieser erkannte die Gefahren, die uns stets vom Westen drohen, insbesondere für die innere Ruhe, da alle revolutionären Elemente naturgemäß nach Frankreich gravitieren. Deshalb müssen intime Beziehungen zum deutschen Kaiserstaat unverbrüchlich bewahrt bleiben. Der Herr Vorredner nahm auf Rußland Bezug, allein dieser Faktor kommt nicht in Betracht. Die hohe russische Gesellschaft neigt stets zu französischem Wesen, und eine franko-russische Allianz ist keineswegs ausgeschlossen. Unsere ganze öffentliche Meinung aber verpönt jede nähere Verbindung mit dieser halbbarbarischen Macht, deren veraltete Regierungsform weit hinter dem europäischen Bildungsstande zurückblieb.« Kaum hatte Schleinitz geendet, als der Regent sofort einfiel: »Die Traditionen, die mein hochseliger Vater hinterließ, sollen von mir heilig gehalten werden. Ich entscheide mich für den Gedankengang meines Ministers.« Otto verneigte sich und schwieg. Offenbar hatte man die Verhandlung nach Verabredung inszeniert, um Hohenzollern und Auerswald scheinbar einen Gefallen zu tun, die von Schleinitz als einer bloßen abhängigen Kreatur weiblicher Herrschsucht abrücken wollten. Otto machte sich wiederholter Gehorsamsverweigerung schuldig, indem er sich durch Sym- und Antipathien der regierenden Dame nicht überreden ließ, seine eigenen danach zu färben und sie dann seinem Herrn als Eigengewächs vorzusetzen. Natürlich wollte die Prinzessin das Beste, und hielt ihre Frauenweisheit für wohltätig. Es wäre ihr aber nie gelungen, den gesunden männlichen Sinn ihres Gemahls zu beeinflussen und seinen klaren Verstand zum Sprachrohr ihrer Launen zu machen, wenn nicht die angeborene deutsche Treue und das hochgespannte großdeutsche Vaterlandsgefühl des ungewöhnlichen Mannes ihn mit sentimentaler Ehrfurcht vor dem stammverwandten Kaiserhaus und mit unüberwindlicher Abneigung gegen den französischen Erbfeind erfüllt hätten, während sein Abscheu vor jeder autokratischen Willkür ihn von Rußland abstieß. Denn daß er auch ohne Bismarcks Zutun eine stolze Selbständigkeit und kluge Berechnung hervorkehren konnte zeigte seine Zusammenkunft Mitte Juni, wo Otto sich endlich mit Frau und Kind nach Petersburg begeben hatte, in Baden mit Napoleon. Dieser wollte tatsächlich mit Preußen ein ähnliches Manöver vornehmen wie mit Piemont, mit dem er schon zuvor Abtretung Nizzas abmachte; er wollte Preußen gewaltsame Einigung Norddeutschlands vorschlagen mit seiner Hilfe, und dafür das linke Rheinufer abknapsen. Doch der Regent umgab sich mit den vier anderen deutschen Königen und stellte sich als Deutschland, nicht als Preußen, gegenüber. Der Verführer änderte sofort seine Taktik und versicherte mit der Miene gekränkter Unschuld, nichts liege ihm ferner, als ein Stück deutschen Bodens an sich zu reißen. So kühl ablehnend bei aller Höflichkeit, so würdevoll stolz war die Haltung des Fürsten Wilhelm, daß Napoleon noch in der Thronrede des folgenden Jahres seinen Ärger in der allgemeinen Phrase ausdrückte: die Große Nation lasse sich durch Drohungen nicht provozieren. Endlich traf Johanna mit den Kindern ein, und er führte sie im gemieteten Palais herum. »Du weißt, vom Grafen Stenbock. Das hier ist der englische Kai. Na, Jungens, was sagt ihr zur Newabrücke? Fein, was? Der Stadtteil hier heißt Wassili Ostrow. Russisch müßt ihr auch ein bißchen lernen. Ich kann's schon, halte mir einen eigenen Lehrer. Der Kaiser hat sich nicht schlecht gefreut, als ich ihn zum erstenmal Russisch anredete. Man muß mit den Wölfen heulen und mit den Russen russisch reden. Nun, Nanne, was macht Mutsch, und hat Väterchen die Ernte eingebracht? Ach, ich sehe ihn, wie er sein Samtkäppchen lüftet und anstimmt: Nun danket alle Gott? Ich danke ihm so sehr, daß er meine Liebe für Waldbäume verwöhnt und neue Schonungen anleget. Mir duftet das Nadelholz bis hierher. Gott grüß dich deutscher Wald! Hier sind alle Uniformen grün, doch die Bäume in Reih' und Glied, die ihre grünen Fahnen präsentieren, sind mir immer das liebste Regiment.« Johanna machte hier die gleiche Erfahrung wie in Frankfurt, nur in sehr verstärktem Maße, daß Otto sich in kurzer Zeit eine dominierende Stellung in der Gesellschaft eroberte. Als Russenfreund und Österreichhasser von vornherein mit jener überströmenden, feminin zärtlichen Herzlichkeit bewillkommnet, die beim Russen mit Ausbrüchen tierischer Wildheit und grausamer Härte wechselt, gewann er sich durch seine Persönlichkeit alle Herzen. Seine Beliebtheit kannte keine Grenzen. »Das ist ein wahrer homme du monde «, schwärmte die Fürstin Orlow. »Man denke an seine Vorgänger und was man sonst von Deutschen kennt, diese steifen, zugeknöpften, anspruchsvollen, falsch-wohlerzogenen Leute! Diese frische, offene und doch selbstbewußte Art harmoniert so gut mit dem Ton unserer besten Gesellschaft.« »Und dies exzellente Französisch!« hauchte der greise Reichskanzler a. D. Nesselrode. »Hier ist einmal ein Deutscher, mit dem man so leicht und sicher verkehren kann wie mit anderen gebildeten Leuten.« »Er ist ganz einfach einer von uns«, dekretierte der alte Fürst Sjuworow, was allgemein Anklang fand. Einer von uns! Ein Angehöriger der höchsten uralten Kulturnation, gnädigst zugelassen in den erlauchten Kreis einer Barbarenaristokratie, deren Urgroßväter sich noch von Peter dem Koloß-Barbaren die Bojarenbärte stutzen ließen! Diese zum Teil sehr gebildete, zum Teil ganz seichte und jedenfalls rein in der Luft hängende hohe Gesellschaft, unter der sich hundert Millionen Analphabeten in ihrem asiatischen Schmutz winden, bildete sich ein, den Gipfel der Vornehmheit zu bedeuten, und schaute alles Deutsche hochmütig über die Achsel an. Solch frech unziemliche Anmaßung auch der neuformierten »Intelligenz« belustigte um so mehr, als der russische Tolpatsch nur vom Deutschen gekämmt und gestriegelt wurde und die eigenen baltischen Deutschrussen lange allein die obersten Stellen im Staats- und Heeresdienst belegten. Diese Zeiten schwanden schon damals, die jüngere Aristokratie trieft von verstecktem oder offenem Deutschenhaß, weil ihr oberflächlicher Mutterwitz sich vom Pariser Kulturfirnis naturgemäß mehr angezogen fühlte als von germanischer Gründlichkeit. Die angeborene Faulheit und Liederlichkeit des Russen fühlt eine Wahlverwandtschaft mit der scheinbaren Leichtlebigkeit des Galliers, der aber daneben ein sehr fleißiger, berechnender und sparsamer Mensch ist, und im Grunde dem Slawen noch ferner steht als der Deutsche, dem doch die immerhin gemeinsame Gemütlichkeit nicht abgeht. Eine gewisse barbarisch-orientalische Gemütstiefe, die auch in religiösem Überschwang eine fremdartige Mystik ausströmt und mit Knute und Sibirien eine wollüstige Märtyrerinbrunst großzieht, verschmilzt mit einer eiskalten Beobachtungsgabe und erzeugt dann jene seltsame Pracht einer besonderen Literatur, die auf entnervte Dekadenten europäischer Blasiertheit als Offenbarung wirkt. Daß aber diese Spezialität, denn weiter ist es nichts, von den deutschen Micheln angebetet werden würde wie der Kot des Dalai-Lama, diesen Triumph russischen Barbarendünkels erlebte Otto v. Bismarck nicht mehr. Das hätte ihn wohl nicht wenig angewidert. Es machte im Gegenteil einen vorzüglichen Eindruck, daß dieser Weltmann, der wie ein Pariser die Diplomatensprache beherrschte, sich gänzlich von jener Nachäffung französischen Wesens freihielt, mit der sich Deutsche und Russen so lächerlich machen. Zum förmlichen Hausfreund der kaiserlichen Familie geworden, blieb er doch immer mit Bewußtsein deutsch in seinem ganzen Gehaben und galt so als der wahre Typus eines richtigen Deutschen. Sein großartiger Appetit sorgte für so guten Stoffwechsel, daß das schlechte vergiftete Blut sich auszuscheiden schien. Doch mußte er sich noch sehr schonen. »Gottlob, nun sind Sie wieder da!« Der Zar umarmte ihn mit ungeheuchelter Freude, und die graziöse Vornehmheit der verwitweten Zarewna strahlte von Huld. Der Kanzler Gortschakow tat auch sehr zärtlich: »Mir hat immer was gefehlt, ich wußte nicht was, bis ich merkte, Bismarck fehlt mir. Ich betrachte Sie, wenn ich mich so ausdrücken darf, als meinen Lieblingsjünger in der großen Politik.« »Unter solchem Meister ist man leicht gelehriger Schüler.« Gortschakows maßlose Eitelkeit wurde fast zu Tränen gerührt, der Russe ist viel sentimentaler als der Deutsche, der diese zweifelhafte Tugend für sich pachtet. »Alle Welt hat Sie vermißt. Schonen Sie sich nur, mein Hochverehrter, Vortrefflicher!« »Dazu bin ich sehr aufgelegt. Solch ein Hangen zwischen Leben und Tod besänftigt. So muß einem pensionierten Haudegen zumute sein, der alle Händel abschwört.« »Sagen Sie lieber wie einem strebsamen Militär, der eine gute, behagliche Kommandantur zum Ausruhen bekam. Jetzt herrscht ja allgemeine Windstille. Ruhen Sie, liebster Freund, ich werde wachen.« Das alte humoristische Lächeln kräuselte Ottos Mundwinkel, die schon so lange keinen Vollbart mehr trugen. Das Haar fiel ihm immer mehr aus, so daß die gewaltige Stirn klarer hervortrat. Der gute Gortschakow täuscht sich ein wenig, man kann auch die Ruhe eines Physikers haben, der allerlei spaßige Experimente mit kritischem Auge verfolgt. Dieser kalte graue Nordlandhimmel blickt nicht griesgrämiger und verdrossener auf die Isaakskirche als das Auge eines Enttäuschten, der keine Illusionen mehr hat, auf all dies nichtige Treiben. Der Ahorn färbt sich rot, und vielleicht fällt in meinem Lebensherbst noch ein blutiges Abendrot. Aber zehn gegen eins ist zu wetten, daß ich als Gesandter a. D. in Schönhausen meinen eigenen Sarg zimmern werde. In Gottes gewaltiger Hand sind wir wie ein verschüchtertes Vögelchen, dessen Herz in Todesängsten zuckt und das sich in seinem Nestchen nur heimisch macht, um später wieder von dannen zu fliegen. Wir sind nur Wandervögel, und reisen gar bald nach jenem fernen, unbekannten Land. Und wäre der Tod kein Übergang zu einer anderen Sphäre, dann wäre dies Leben nicht das An- und Ausziehen wert. Da eine liberalere Strömung als je seit Alexanders I. erster Zeit am Hofe wehte, rechnete man es ihm auch hoch an, daß er die neue liberale Richtung in Presse und Literatur freundlich beachtete. In Rußland galt er als der einzige wirklich liberale und gebildete fremde Diplomat. »Er ist nur etwas exzentrisch«, meinte Graf Adlerberg, ein Germanophile. »Seine grenzenlose Offenheit ist fast kindlich, nimmt aber so sehr für ihn ein. Wer hat je einen Gesandten gekannt, der unverzagt seine eigene Politik verfolgt und das eigene Gouvernement kritisiert! Er predigt überall die Notwendigkeit einer Befreiung Italiens und unterhält freundliche Beziehung zur französischen Botschaft, trotz der gespannten Lage.« »Aber er hält sich stets in den Grenzen, die einem Gesandten auferlegt sind. In allem perfekt sind diese Manieren, immer einfach und immer distinguiert«, urteilte die geistreiche Großfürstin Helene, eine württembergische Prinzessin. »Er macht Propaganda für seine Ansichten, ohne sich aufzudrängen.« »Ich war immer für Deutschland«, bekräftigte der alte Fürst Sjuworow. »Aber jetzt macht er uns alle in Deutsches verliebt. Eine edle Nation, der natürliche Verbündete Rußlands! Gortschakow meint, Bismarck werde bald an die Spitze der Geschäfte berufen, und dann wird er allezeit unsere Unterstützung haben.« Genau das nämliche dachte der Pläneschmieder in Paris, dem das Herz aufging, als er den Reaktionsminister Borries in Hannover, einen Renegaten des Liberalismus, öffentlich erklären hörte: »Der gerechte Widerstand gegen die törichten Einheitsbestrebungen wird zu Separatbündnissen deutscher Fürsten und sogar zu Abkommen mit nichtdeutschen Mächten führen, die nur zu froh wären, sich einzumischen.« Doch der Sturm von Entrüstung und Hohn in Deutschland über diese landesverräterische Drohung verknüpfte allen Ernstes die Namen Bismarck und Borries. Otto sprach sich vor seinem Legationsrat v. Schloezer, einem angehenden Historiker, über diese Dinge aus. »Ich sage Ihnen ganz offen, ich bin hier nur auf amtliche Nachrichten, ohne Kommentar, angewiesen. Man schaltet mich ganz aus.« Mit tiefer Bitterkeit fügte er hinzu: »Das dumme Federvieh gackert wieder mal über meine Verruchtheit, es liegt System darin, und das Pack merkt nicht mal, daß es sich selber schlägt, wenn es auf mich loshaut. Denn seine nationalen Aspirationen teile auch ich. Der Koburger Herzog soll auch dahinterstecken, nebst fauler Literatenranküne. Die Magdeburger und Ostpreußische Zeitung begeifern mich mal als Bonapartisten, mal als Russen. Ich hätte den Rhein abtreten wollen für Arrondierung preußischen Gebietes im Norden. So was findet natürlich in Hannover gläubige Ohren, wo die Hannoversche Zeitung ja von jeher antipreußisch inspiriert wurde, und einst sogar gegen die Ratifikation des Zollvertrag Einspruch erhob. Alte Feinde und neue Neider im Bunde!« »Es ist natürlich nicht das geringste daran?« fragte Schloezer vorsichtig. »Das fragen Sie noch! Ich zahle jedem jede beliebige Summe, der mir je solche französisch-russischen Zumutungen an mich nachweist. Ich trat stets dafür ein, sich auf die eigene preußische Kraft zu verlassen, soweit als irgend möglich. Die Nationalkraft des übrigen Deutschlands für eine nationale Sache aufzubieten, wäre immer noch Zeit.« »Kennen Ihre politischen Freunde denn nicht den Ungrund der Verleumdung?« »Ganz genau. Aber was wollen Sie! Bin ich ein Österreicher oder ein österreichisch angehauchter Reaktionär wie der Herzog von Meiningen, den die Kreuzzeitung neulich lebhaft verteidigte? Nein, ich bin nur ein preußischer verdächtiger Parteigenosse, der strafbarerweise seine eigene Meinung hat und sich nicht von Fraktionsignoranten gängeln läßt. Da muß ich mich mit der offiziösen laumatten Dementierung solcher Gerüchte durch die Elberfelder Zeitung begnügen. Es geht doch nichts über gute Freunde! Wer auf Menschen baut, der ist gar bald betrogen, und ich danke Gott für jede solche Erkenntnis, die meine Gedanken vom Tagesqualm nach innen zieht.« »Die von der äußersten Rechten waren immer Ketzerrichter, und Eure Exzellenz haben vielleicht zu lange mit ihnen im eigenen Lager gehaust.« »Sagen wir: aus einem Topf gegessen. Die Sünden meiner Jugend!« – Nach Zusammenkunft des Regenten mit Franz Josef in Teplitz spöttelte Gortschakow: »Die Wiener Gemütlichkeit hat wieder mal Furore gemacht, nicht mal ein Linsengericht bekommt Preußen, es verkauft sich gratis.« »Ich mag's nicht glauben. Doch bin ich sicher, daß die Reizbarkeit und Unruhe der Wiener uns so oder so in Gefahr stürzt. Amtlich weiß ich nur, daß in Teplitz nichts Definitives beschlossen und unser Wohlwollen diesmal endlich von praktischen Konzessionen abhängig gemacht wurde. So ist's recht. Do ut des. Manus manam lavat. « »Ach, die Wiener haben eine besondere Seife, die nur zu eigenem Schaumschlagen dient, und keinem anderen die Hände wäscht. Man hat ohne jede schriftliche Garantie mündlich versprochen, Österreich beizustehen, wenn Frankreich in Italien es auch noch wegen Venetien angreife. Für Offensive sei man freilich nur bei eigener Einwilligung verpflichtet. Doch klingt dies nicht verfänglich? Kann man nicht ohnehin den Krieg provozieren durch dreiste Herausforderung, etwa wegen der Garibaldischen Abenteurer? Früher rechnete man auf Napoleons eigene Angst vor der republikanischen Revolution in Italien, heut kam man davon ab und will erneut die Dinge gegen Napoleon auf des Messers Schneide stellen. Das wird Rußland nicht dulden.« Rußland duldet dies nicht und das nicht. Nicht angenehm, daß wir von seiner Gnade abhängen. Aber es muß sein, auf lange hinaus. Ich tue hier ein sehr gutes Werk, uns das Wohlwollen zu sichern, das man in Berlin verscherzen wollte, und das nur durch mich erhalten und neu belebt wird. Vielleicht diene ich dem Vaterlande hier so gut wie in Frankfurt. Erst die nötigen Unterlagen schaffen, sonst bauen wir auf Sand. Ein Glück, daß die humanistisch gebildeten Grandseigneurs der älteren Generation noch am Ruder sind. Bei der nikolaitischen zweiten Altersklasse haben wir ja auch manche gute Freunde. Fürst Orlow ist zuverlässig, Sjuworow hat sich einst auf deutschen Universitäten herumgetrieben und bewahrt von daher Anhänglichkeit. Doch die Jüngeren, die sich später breitmachen werden, diese unfeinen Rüpel, die über jedes deutsche Wort die Nase rümpfen und jeden Zivilisten anrempeln, werden uns zu schaffen machen. Auf Gortschakow ist wohl auch nur Verlaß, solange er glaubt, mich zu belehren und am Gängelbande zu führen. Wir werden ja sehen, viel liegt verhüllet in der Zukunft Schoß. Meyendorff, der frühere Gesandte in Berlin, der einst die Kriege gegen Napoleon mitmachte und somit die feine Höflichkeit des alexandrinischen Zeitalters und die damals unerläßliche hohe Bildungsstufe in die nikolaitische rauhe Epoche hinüberrettete, und seine hervorragende Gattin, die Österreicherin, blieben Otto nahe befreundet. »Im Oktober großes Versöhnungstheater in Warschau, wo die beiden Kaiser und Ihr Regent sich umarmen werden? Billigen Sie das?« »Zurzeit ja. Der Zar wird gewissen Gelüsten einen Dämpfer aufsetzen. Ich begleite ihn auf allerhöchsten Befehl. Doch an der Wiener Politik wird sich nichts bessern, solange Ihr Herr Bruder seine eigenen Wege geht.« »Ich wollte nur, Sie wären ein Jahr lang dort Gesandter, um dem Karl ein Gallenfieber anzuärgern, diesem unvernünftigen Narren.« »In Ihrer Familie, gnädigste Frau, ist der Verstand ein Kunkellehen weiblicher Linie«, verbeugte er sich. Die Schmeichelei fiel auf fruchtbaren Boden, denn eine gerechte Schmeichelei wirkt doppelt. Es ist bezeichnend, daß die vielen nach Rußland verheirateten deutschen Damen, darunter die jetzige Zarin, die Zarin-Witwe, die Großfürstin Helene, vollständig Russinnen wurden. Bei andern Nationen pflegt das nie einzutreten, besonders nicht bei den Engländerinnen. Otto dachte ironisch an die preußische Kronprinzessin und die schreckliche Usedom. Johanna fand es behaglicher, als sie geahnt hatte. Die vornehmen Damen brauchten ihre Reize nicht zu beneiden, ihre ruhige Schlichtheit galt aber als très comme il faut . Die in dieser Hinsicht wirklich vornehm denkende russische Gesellschaft fand es entzückend vornehm, daß sie von vornherein kein Hehl daraus machte, Bismarcks seien arme Leute, die mit ihren lumpigen 20 000 Talern Gehalt nicht Staat machen könnten, wie der englische und französische Botschafter. Statt rauschender Feste gab es in der preußischen Gesandtschaft nur ein offenes Haus für gemütliche, bescheidene Gastlichkeit, bei der die geistige Unterhaltung sehr stark die leiblichen Genüsse überwog. Man fand dies très rechercheé , und eine Einladung bei Bismarcks wurde hochgeschätzt, die Mode nannte es den feinsten Ton. Daneben genoß der Preuße hohes Ansehen als oberster Zigarren- und Weinkenner. Da seine Gönnerin, die Zarin-Witwe, beide Kenntnisse nicht liebte, mußte er sich oft die Kleider mit Eau de Cologne besprengen, wofür eine vierjährige kaiserliche Enkelin, sonst enfant terrible , ihm die Liebeserklärung macht: »Du riechst gut, du bist überhaupt lieb.« Die reizende Herzogin von Leuchtenberg, nicht umsonst vom Vizekönig Eugen Beauharnais abstammend, lachte dazu mit französischer Grazie: »Kinder und Tiere kennen ihre Freunde, und das ist ein Adelsdiplom.« Alle Frauen, alt und jung, hatten ihn gern, ein schönes Zeugnis für einen Mann, hinter dem in wesenlosem Scheine jede Erotik lag. Nur die beiden fürstlichen Damen daheim blieben ihm geschworene Feindinnen, und man klaschte ihm die Äußerung der Prinzeß Royal (denn als solche fühlte sie auch als deutsche Kronprinzessin): »Ich traue ihm nicht.« – – Bei der Monarchenzusammenkunft in Warschau kam nichts weiter heraus, als daß Otto sich mit Karl Anton von Hohenzollern beredete. Der Fürst bekannte: »Ich ziehe mich mehr und mehr zurück, gegen die Prinzessin komme ich nicht auf. Sie erhebt Einspruch gegen jede Wendung, die uns Österreich entfremden könnte. Sonst ist ja einiges besser geworden. Der König von Hannover mußte den Borries entlassen.« »Darum wird der arme Herr nicht aufhören, die Souveränität der Welfen ›bis ans Ende aller Dinge‹ zu proklamieren. Es muß ihm ein besonderer Ärger sein, daß der hannoversche Abgeordnete Bennigsen den großen ›Nationalverein‹ gründete. Dalwigk machte sich wie gewöhnlich unnütz, höre ich?« »Er beantragte Auflösung des Vereins vom Bundestag. Der Koburger widersetzte sich aber erfolgreich und läßt die Gothaer nach wie vor tagen, der Wille der Nation läßt sich nicht länger ungestraft verletzen.« »Wäre es nur ein richtiger Wille! Schreitet die Heeresreform denn vorwärts? Vorerst ist noch alles in der Schwebe.« »Doch die Stimmung im Volke ist günstig. Man macht jetzt dem Polizeidirektor Stieber den Prozeß, und das Justizministerium wird von Simons gesäubert werden, der Regent gab seine Einwilligung. Die Liberalen sind ganz für die Krone gewonnen.« »Und bekommen dafür allzuviele Macht. Sie werden sehen, die Parlamentsmaschine wird arbeiten, um von dem neuen Armeebudget allzuviele Abstriche zu machen.« Bis tief in die Nacht besprachen beide Herren die deutsche Frage. »Offen und keck heraus mit unsern Forderungen! Sie sind zu berechtigt, als daß sie nicht wenigstens zögernde Zustimmung finden müßten. Ich selbst verspreche mir alles vom allgemeinen Erwachen des Nationalgeistes, das ist unser einziger, wahrer Bundesgenosse.« »Das deutsche Volk? Darauf waren Sie früher nicht gut zu sprechen.« »Zeiten des Übergangs und der Unreife auf beiden Seiten. Heut hat man die Kinderkrankheiten hinter sich. Nein, diese Kleinstaaten von Rheinbunds Gnaden können ihren Partikularismus nicht länger halten. Die gute Sache mag Rückfälle haben wie meine Krankheit, doch im ganzen gesundet sie von Jahr zu Jahr, sobald wir nur ernstlich wollen und uns nicht länger schämen, von der Leber weg zu reden, in der Presse und im Landtag, nämlich, was wir in Deutschland vollbringen wollen und was der Bund für uns ist: ein Strick um den Hals in Feindeshand, die ihn am liebsten zuziehen möchte. Diese Schlinge auf einen Ruck zu zerschneiden, muß unser einziges Bestreben sein.« »Und wenn man dazu ein Schwert gebraucht?« »Um so besser. Für Bleichsucht verordnet man Eisen.« »Ei, ei, Herr Doktor, Sie sind enragiert für rabiate Pferdekuren.« »Ich würde das Rezept gleich verschreiben, ich kenne die Ingredienzien.« Der kluge und edelgesinnte Fürst schrak fast zurück vor dem titanischen Wesen des Mannes, den er bis dahin nur oberflächlich kannte. Doch bewunderte er die Meisterschaft, mit der dieser Gesandte jedes Dilemma objektiv behandelte und mit schneidender Logik dann zum Schlusse kam, der immer eine haarscharfe Entscheidung enthielt. Der soll und muß mein Nachfolger werden, ich werde darauf hinarbeiten! dachte er beim Abschied. * Das alte Jahr ging ohne Sang und Klang zu Ende, doch das neue leitete sich mit einer Trauerbotschaft glücklich ein. Der umnachtete König starb. Nicht ohne Bewegung äußerte Otto sich im Familienkreis: »Mit allen Launen war er mir doch ein gütiger Herr, ihm verdanke ich meine Laufbahn, wenn ich sie so nennen darf. Gewiß schadete er unsäglich. Er war eben kein Geschäftsmann.« So sagte er ständig für Staatsmann. Das verriet, da er auch für die größten Angelegenheiten immer »die Geschäfte« sagte (mit Anklang an les affaires ), wie kühl realistisch dieser Ideenmensch sein Handwerkszeug auffaßte. »Doch hat die Vorsehung es vielleicht wohlgemacht, daß seine Regierung uns zwanzig nutzlose Jahre kostete. Die Dinge waren nicht reif, und unter ihm wäre die Einheit ein totgeborenes Kind der Schwäche geworden. Jetzt – abwarten!« Im Mai hatte man einen Gast von Ruf, den Professor Brugsch-Pascha, den bekannten Orientreisenden. »Und Sie weilten so lange in Persien? In so weite Fremde sind Sie gewandert?« Die Frau Gesandtin begriff nicht, wie man Weib und Kind so lange verlassen könne, die gute Seele. »Wir Frauen können es nicht fassen, daß man soviel für die Wissenschaft opfern kann. Gott sei bedankt und gepriesen, daß Sie nun in den Schoß Ihrer Familie zurückkehren, Herr Professor.« Dem gelehrten Reisenden wurde es warm ums Herz in dieser Familie, die er schlicht, einfach und herzlich fand ohne jede Hochnäsigkeit und Vornehmtuerei, weil ihm natürlich die Sitten eines wahrhaft großen Herrn, dieses vrai homme du monde wie seine russischen Freundinnen ihn nannten, nicht geläufig waren. Es herrschte freilich eine Sparsamkeit, wie sie die übermäßige Teuernis Petersburgs bei unzureichendem Einkommen gebot. Am andern Morgen früh auf, traf Brugsch die Exzellenz unterwegs mit einem Burschen, der einen Korb mit Holz trug. »Ah, guten Morgen, lieber Professor! Gut geschlafen? Ich gehe oft morgens aus, um für die Ofenspeise zu sorgen, denn sonst wird man beim Holzkaufen immer betrogen, wenn man nicht selber zum Rechten sieht. Ich höre, Holstein hat Sie zu einem Abschiedsdiner heut abend eingeladen. Ich fürchte, meine Frau läßt mich nicht fort, russische Herrendiners hat sie auf dem Strich. Na, ich will sehen, was sich diesmal machen läßt. Auf Wiedersehen!« Der Legationssekretär v. Holstein unterhielt Brugsch mit Lobeserhebungen auf seinen Chef. »Alle Kreise der Petersburger Gesellschaft sind ihm gewogen, allerhöchstenorts steht er in besonderer Gunst. An diesem außerordentlichen Manne ist alles groß, und so imponiert den Russen am meisten seine Körperkraft. Sie sollten ihn auf der Bärenhatz sehen! Furcht kennt er nicht und stellt sich dem zottigen Unhold selbst mit dem Hirschfänger.« »Da gibt's ein feines Jägerlatein,« lachte der Militärbevollmächtigte Freiherr v. Loen, der mit von der Partie war, »wie Bismarck mit den sieben Suppenschwaben auf die Bären losfuhr. Bei der Rückkehr ward einer gefragt: ›Wie ging's?‹ Da sprach der Brave: ›Schlecht ging's, Väterchen. Kaum trabt der erste Petz heran, da schießt der Preuße ihn schon tot, da kommt der zweite, wieder ein Kapitalschuß, der dritte, und wir fehlen alle, nur der verdammte Preuße erlegt ihn. Weiter ist uns kein Bär mehr zugelaufen, Väterchen!‹ Ja, ja, so scharf schießen die Preußen.« Der Hauptmann v. Eckert meinte: »In hohen Stiefeln und Jagdrock sieht unsere Exzellenz aus wie ein alter Recke aus der Urzeit. Er hat Jagdglück in allen Dingen. Weidmanns Heil! Haben Herr Professor schon die zwei kleinen Petzchen gesehen, die er aufzieht? Die werden manchmal als Hofnärrchen bei Tafel serviert, klettern auf dem Tisch herum und kneifen die Diener in die Wade. Haben Sie nicht in der Ecke die kleine Rutschbahn bemerkt? Für die Kinder und die Petzchen. Exzellenz liebt alle Tiere und die Tiere ihn, die stumme Kreatur hat oft mehr Menschenkenntnis als Menschen.« Es ging auf zehn Uhr, das vornehme Restaurant geriet in Bewegung, als die hohe Gestalt des Herrn Gesandten grüßend an den Tischen vorbeischritt. Es kannte ihn jeder. »Na, Kinder, da bin ich. Heut wollen wir guter Dinge sein, denn die letzten Depeschen aus Berlin sind nicht schlecht. Einen braven Schluck werde ich mir endlich auch mal erlauben, obschon meine Gebieterin mir die erbetene Erlaubnis abschlug. Einmal muß auch der Pantoffelheld echappieren und über die Klinge schlagen. Ein deutsches Prost!« Das Pokulieren, da Brugsch ein sehr taktfester Pichler war, dauerte bis zwei Uhr, und Bacchus regierte die späte Stunde so unumschränkt, daß die anderen Herren mit einiger Mühe in ihre Droschken gelangten. Die Exzellenz bot aber den schlauesten Umgarnungen des Weingottes so gelassen die Stirn, daß er zu Hause noch den Prinzen Croy aus dem Bette klopfte: »Holstein ist heut ... auf Urlaub. Ich muß notwendig noch zwei Depeschen diktieren.« Doch umsonst hatte er Immediatberichte oder eigenhändige Briefe Monat für Monat nach Berlin regnen lassen, die dortige Dürre zu befruchten. Der einzige Erfolg, der nicht ausblieb, bestand in Rückfällen seiner Krankheitszustände durch Überarbeitung. Er hätte sich selber sagen können, daß Schleinitz solche ihm unangenehmen Darlegungen gar nicht zum Herrscher durchließ. Dagegen erschien plötzlich der frühere Militärbevollmächtigte Graf Münster in Petersburg als eine Art Inspizient und Kontrolleur, ob nicht der Gesandte Unrichtiges über die Mißstimmungen des Zaren, weil Preußen hartnäckig an Österreich festhielt, berichtet habe. Otto kochte vor Zorn über diesen Unglimpf, stellte aber trocken fest: »Ich habe die eigenen Marginalnoten Seiner Majestät am Rande diplomatischer Aktenstücke gesehen und fuße auch auf mündlichen Informationen meiner Freunde am Hofe.« »Wer kann denn kaiserliche Marginalien gezeigt haben!« »Fürst Gortschakow. Vielleicht war die Indiskretion berechnet. Was die mündlichen Vertraulichkeiten betrifft, so weiß ich hierdurch auch, daß man verschiedene unserer Chiffren hat. Ebenso wollen Sie gefälligst verbreiten und die Warnung bei deutschen Höfen zirkulieren lassen, daß das Schimpfen auf die russische Politik in Privatbriefen an hiesige fürstliche oder hochgestellte Personen regelmäßig zur Kenntnis des Zaren gelangt. Seine Majestät hat mir dies selber gesteckt mit dem Bemerken, das sei absichtliche Beleidigung, weil man doch wisse, daß er nach monarchischem Recht die Briefe aus Deutschland lese.« Graf Münster sah ein, daß man einem Manne, mit dem der Zar so intim stand, wohl schwerlich ungenaue Berichterstattung nachweisen könne. Außerdem verblich Schleinitz' Herrlichkeit schon sehr. In Berlin zankte die Kammer mit der Regierung wegen der sogenannten Erbhuldigung, die mit der Verfassung nicht vereinbar wäre. Roon drohte, als Kriegsminister sofort zu gehen, wenn der König nachgebe und forderte seinen Freund in Petersburg auf, persönlich zu Hilfe zu kommen. Schleinitz sei so gut wie gestürzt, der König wolle jedoch Otto nicht dies, sondern Schwerins Portefeuille übertragen. Der Geplagte an der Newa hatte sich auf Reinfeld und Ferienfrieden gefreut, und Schwerins Erbschaft anzutreten, lockte ihn nicht. Alle diese Lappalien! Die ganze Schwäche im Innern, das erneute Überwuchern des Parlamentarismus, stammte aus der einen Quelle: der Schwäche nach außen. Werden wir dort geachtet und haben Erfolge, läßt sich selbst die neue Fortschrittspartei viel gefallen. Sonst werden wir alle über Formalitäten den Hals brechen. Seufzend reiste er sofort ab, fand aber, als er am 9. Juli deutschen Boden betrat, die Krise schon erledigt. Roon, der im Kanton Schwyz seine Ferien verlebte, blieb im Dienst, weil er der Armee nützen wolle, Graf Bernstorff figurierte an Stelle von Schleinitz. Roon schrieb jedoch ganz verzweifelt, daß der König matt und hinfällig, die Parlamentsregierung sicher und keine Rettung möglich sei. Die Kreuzzeitung habe es für immer mit dem König verdorben, weil sie seinen Verzicht auf die sonstige Huldigung und dafür Einsetzen einer Krönungszeremonie in Königsberg schonungslos kritisierte. In Berlin fand Otto nichts als Schwätzerei über Nichtigkeiten: Ob der Obertribunalrat Waldeck seine neue Partei zusammenbringen und ob Edwin Manteuffel die verhängte Festungshaft wegen Duell mit dem Abgeordneten Twesten wirklich absitzen werde. Letzterer hatte eine superkluge Broschüre verfertigt: »Was uns noch retten kann.« Otto lachte bitter: Das weiß solch ein Stubenhocker genau! Was uns retten kann, wüßte ich schon, aber auch jetzt ist's noch nicht Zeit. In Baden stieß er beim König auf eine unfreundliche Stimmung, wie er ihr noch nie begegnete. Unangenehme Überraschung sprach aus der Frage: »Sie wieder hier? Sie kommen wohl wegen dem Ministerwechsel?« »Nur wegen Bitte um Urlaubsverlängerung, um der Krönung Euer Majestät beiwohnen zu dürfen.« Die Miene des Königs klärte sich auf. »Gern gewährt. Bleiben Sie zur Tafel!« Er vermied jedoch jedes politische Gespräch, sah gedrückt und körperlich abgespannt aus. Der Ärger nagte an ihm, daß all sein Entgegenkommen die Liberalen nur dreister mache, und die Erkenntnis, daß mit solcher Parlamentsmajorität nicht zu regieren sei. Die ganze Lage eine Mißgeburt, erzeugt von Kammer und Ministerium mit der weiblichen Nebenregierung! Seine strenge Rechtlichkeit lag mit dem Zorn im Streit, daß seine Verfassungstreue ihm von rechts und links gleich übel gelohnt werde. »Ihre Kreuzzeitung«, brach er zuletzt los, »werde ich nie mehr lesen. Das nennt sich königstreu! Überhaupt die Reaktionäre sind so schlimm wie die Revolutionäre.« »Ich mißbillige schon lange die Haltung dieses Parteiorgans und stehe ihm viel ferner als z. B. mein Freund Roon.« »Freut mich sehr. Ich habe verboten, das saubere Blatt in irgendeinem königlichen Schlosse zu halten.« »Die auswärtige Politik darin ist mir besonders zuwider. Daraus entstehen solche Albernheiten wie die Sammlung im Herrenhaus zu einem silbernen Ehrenschild für den König beider Sizilien.« »Den dieser Garibaldi vertrieben hat. Sie werden nicht leugnen, daß dies jedes konservative Gefühl empört.« »Mich ficht das nicht an. In keinem Blutstropfen fühle ich Verpflichtung, einem fremden Monarchen zu dienen. Meinen eigenen bis in die Vendée. Es war vielleicht taktlos, daß Vincke einen Zusatz zur Kammeradresse an Euer Majestät durchsetzte, worin Sympathie mit Italiens Einheitsbestrebungen ausgedrückt wurde. Aber die Liberalen priesen es als staatsmännisch nicht ohne Grund, weil die Analogie mit Deutschland auf der Hand liegt.« Der König seufzte. »Schleinitz nennt Sie einen Idealisten. Indessen – Adieu, auf Wiedersehen am Pregel!» Zur Krönung nach Königsberg befohlen, freute er sich über die Festigkeit, mit der König Wilhelm sich selber die Krone aufs Haupt setzte, um sein Gottesgnadenrecht zu betonen, bei damaligen Umständen nicht nur ein praktisch nötiger, sondern auch ein mutiger Akt. Die Thronrede schlug schon kräftige Töne an. Es sei nicht Preußens Bestimmung, dem Genuß erworbener Güter zu leben, in Anspannung seiner geistigen und sittlichen Kräfte, in der Vereinung von Gehorsam und Freiheit liege die Bedingung seiner Macht. »Meine Pflichten für Preußen fallen mit denen für Deutschland zusammen.« Ein vieldeutiges Wort, mit dem sich etwas machen ließ. Otto wußte, daß der Monarch selber solche Reden und Schriftstücke verfaßte, ein Meister mündlicher Ansprachen und voll Kraft und Schwung des Stils mit der Feder, mochten auch kleine Inkorrektheiten im Sprachlichen mit unterlaufen. Dieser außerordentliche Herrscher hatte immer etwas Herzbezwingendes und Begeisterndes, wenn er zugleich als König und Mensch sprach. Er war nun schon ein Greis von vierundsechzig Jahren, doch in seiner männlich aufrechten Haltung spürte man davon so wenig wie in seinem klaren, durchdringenden Verstand. Eher könnte man sagen, daß seine ritterliche Ergebenheit an seine Gemahlin eine gewisse Bequemlichkeit und seine Nachsicht eine gewisse Milde des Alters verrieten, wenn er nicht in allen anderen Punkten die straffeste Tätigkeit und die mutigste Entschlossenheit gezeigt hätte. Die zweifellos seltenen Geistesgaben der Königin schätzend, überhaupt wie jeder männliche Mann dem Zauber weiblicher Klugheit zugetan, hatte die Gattin für ihn den doppelten Nimbus der Frau und gekrönten Königin. Wie wenig er aber ihr blindlings sich unterwarf, bewies sein unvermindertes Wohlwollen für den Schönhauser, den er ja auch nun manches Jährchen kannte. Zeit zum Aussprechen war hier nicht, auch kein Anlaß dazu, aber die Ernennung zur Exzellenz ließ erkennen, daß Otto keineswegs außer Gnade sei. In Frankfurt hatte er die Bundesexzellenz gehabt, weil jeder Gesandte laut Bundestagsbeschluß sich so betitelte, in Rußland hieß er so als selbstverständlich nach russischem Brauch, jetzt durfte er sich als wirkliche Exzellenz in Preußen sehen lassen. Im Gedränge der herumstolzierenden Würdenträger stand einen Augenblick neben ihm ein zwerghafter Gnom in Frack ohne Orden mit einem breitgewölbten Kahlkopf. Auf seine Frage, wer das sei, erhielt er die gleichgültige Aufklärung: Maler Menzel, der ein Zeremonienbild der Feier anfertigen solle. Otto kannte die Zeichnungen aus dem Zeitalter des Alten Fritz, an denen er sich erbaute, doch für einen völligen Laien wie ihn bestand natürlich zwischen dem Malermeister Becker in Frankfurt und dem Menzel aus Berlin kein Unterschied. Es hätte ihn die Prophezeiung baß verwundert, daß dieser Knirps das Gewimmel von Prinzen, Militärs, Staatsmännern recht dauerhaft überleben werde und um Haupteslänge über sie emporrage. Doch wer wußte damals von Menzel und außer beschränkten Staatskreisen von dem Koloß, der an ihm vorbeischritt! Der kleinste und der ziemlich längste Mensch in dieser erlauchten Versammlung bildeten einen Augenblick eine historische Gruppe für Kodak und Kino, die es leider noch nicht gab. »Det is eene jiftige kleine Kröte«, schnarrte der alte Wrangel, indem er Otto leutselig grüßte. »Der Malehr, der Pinselehr! Ik habe ihm in meene populäre Art ufn Zahn jefühlt. Wird das Kerleken grob gegen mir, den ollen Papa Wrangel. Det gemeine Volk sind allens Rote. Keen Respekt nich! Nu, mein Sohn, dir jeht es jut? Kann mir denken, die Herrn Diplomatiker dinieren ihr janzes Riesenjehalt oder, wie der Berliner sagt, verfressen die Moneten.« »So schlimm wird's wohl nicht sein, Herr Feldmarschall.« Otto reckte sich gemessen auf. »Nanu, ne! Es schlägt dir ja jut an, mein Sohn. Du wärst'n schneidiger Kürassier geworden. Als ich bei Etoges die berühmte Attacke kommandierte –« Und nun stieg wieder die alte Geschichte, die hundertmal gehörte. Otto dachte bedenklich: Wenn das unsere höchsten Führer sind! Gottlob höre ich von Roon andere Dinge. Der kleine Oberst Blumenthal, den der Prinz von Preußen sich als Stabschef ausbat, und ein gewisser Moltke sollen Grütze im Kopf haben, auch Prinz Friedrich Karl hat Grips. – Der neue Minister Graf Bernstorff hatte etwas Gräfliches und sich in London eine steife Korrektheit angewöhnt. »Ich kenne Ihre Meinungen, Exzellenz. Doch man ist in London so sehr gegen Rußland eingenommen.« »Wen interessiert denn das? England will uns nicht nützen und kann uns nicht schaden.« »Aber ich bitte Sie! Bei der nahen Verschwägerung beider Fürstenhäuser.« »Woraufhin England uns als seine kontinentale Filiale betrachten möchte. Übrigens weiß es selber nicht, was es will, es sei denn das nämliche wie immer: einen Kontinentalen gegen den andern hetzen. Das ist sein Geschäft.« Bernstorff blies sich auf. »Ich sah diese Dinge mehr aus der Nähe. Die englische Politik hat einen weiten Horizont.« »Sicher. Soweit seine Kolonien reichen. Alles übrige ist ihm eitel Dunst. Jetzt will es Österreich gegen Rußland, Frankreich gegen Österreich und womöglich auch gegen uns ausspielen, möchte in Italien als Schirmherr gepriesen werden und ist eifersüchtig, daß Napoleon ihm diese Schüssel wegnahm, wird aber deshalb auch nie eine Hand für Österreich rühren.« »Man ist über Napoleon schon deshalb ungehalten, weil er geflissentlich seine Seemacht vermehrt und in seinen Häfen Truppen zusammenzieht, um England zu terrorisieren.« »Das alles zeigt nur den allgemeinen Dissens der Mächte. Uns liegt ob, davon Vorteil zu ziehen.« »Ich hatte neulich die Ehre, von Ihrer Königlichen Hoheit der Kronprinzessin einer politischen Unterhaltung gewürdigt zu werden. Englands Wohlwollen wird uns sicher Früchte tragen.« »Ich danke für Obst und ähnliche Südfrüchte, sagt der Berliner. Englands Freundschaft hat noch keinem etwas eingetragen, siehe Friedrich den Großen und Blücher-Waterloo. Ich für mein Teil fühle kein Bedürfnis, ihm die Taschen zu füllen und nach dem Munde zu reden. Wir haben einen Freund, Rußland, und einen möglichen Associé, Frankreich.« »Österreich schalten Sie völlig aus?« »O ja, ich schalte es aus.« Bernstorff verstand nicht das etwas unheimliche Lächeln. Er rang nach Worten, er rang nach irgendeiner eigenen Anschauung, um diesem allzu burschikosen Untergebenen entgegenzutreten. Doch es fiel ihm nichts ein. Nur bemerkte er mißtrauisch: »Ihre Majestät die Königin zeichnen Sie in auffälliger – ich meine, auffallender Weise aus.« Offenbar hatte er selber nicht das Glück, der hohen Frau zu gefallen. Diese hatte Otto schon in überaus huldvoller Weise gegrüßt und blieb jetzt bei einem Rundgang, als sie am Arme des Königs heranschwebte, vor ihm stehen. »Sieht man Sie mal wieder, mein lieber Bismarck? Ich bedaure, daß ich schon lange nicht das Vergnügen hatte, mit Ihnen über deutsche Dinge zu plaudern. Manche Ihrer Ansichten sind mir nähergekommen.« »Erlaube, hier ist wohl nicht der Ort –« suchte der König abzubrechen. Sie fuhr jedoch mit erhobener Stimme fort: »Die Stimme der Nation muß gehört werden. Sie haben wohl recht, Preußens Mission muß schärfer erkannt werden.« Sie verbreitete sich über unser geliebtes gemeinsames deutsches Vaterland und zitierte Goethe. Der König machte dem Gespräch, das alle Umstehenden, ein dichter Haufe, belauschen konnten, mit Würde ein Ende und nickte Otto ernst zu. Er legte Wert darauf, nicht den Eindruck zu erwecken, als ob er mit diesem fanatischen Reaktionär oder intriganten Bonapartisten, wie die zwei Versionen über den immer noch wütend verhaßten »Junker« lauteten, auf irgendwie vertrautem Fuße stände. Das huldvolle Benehmen der Königin ging weit über die Linie hinaus, die er sich vorgezeichnet hatte. Ob die hohe Frau einer großmütigen Wallung gegen einen Verkannten oder bloß der Abneigung gegen Bernstorff oder plötzlicher Entrüstung über die Anmaßung der Liberalen und irgendeine geheime Verfehlung Österreichs gehorchte, blieb ein Rätsel. Anscheinend lag ein häuslicher Meinungszwist über Behandlung der deutschen Frage vor. – Er war seelensfroh, daß er in seine intrigenfreie Häuslichkeitsluft an der eisigen Newa zurückkehren konnte. So ging ein neuer Frühling ins Land, ihm aber war nicht frühlingsfreudig zumute. »Ich gratuliere dir zu meinem Geburtstag«, schrieb er früher mit Humor an Malle. Sich selbst gratulierte er nicht mehr und kam sich vor wie ein Kunstreiter, der ein Bein brach. In Berlin schimpfen sie wieder? Das wäre mir leid, denn am Ende versetzen sie mich irgendwohin, Paris und London sind wieder vakant. Meine geistige Ermattung schaudert vor bewegten Verhältnissen, vor Ministerwerden bekomme ich eine Gänsehaut, wie ein zages Kind vor eiskalter Dusche. Ob ich in Paris bin oder hier, das macht für niemand den Kohl fetter, denn geschmaust wird doch nicht an Preußens politischer Hungertafel. Ich würde selbst mit Bern vorliebnehmen, langweilig, aber ruhig, wie sich's für alte Leute schickt. Leider keine Jagd, denn nach Gemsen klettern kann ich nicht. Hier faulenzt sich's gut, aber das Klima! Ich werde Schnupfen nie los, außer auf der Jagd. Johanna hustet zum Erbarmen, Bill hat die Bräune, die Gouvernante galoppierende Schwindsucht. Ein solches Lazarett muß man anderswohin verlegen. Im Mai mußte er seine Lenden gürten, während Johanna nach Reinfeld reiste, und wieder den Schlagbaum der Grenze bei Eydtkuhnen passieren. Wie freudig hatte er früher das Schwarz-Weiß begrüßt! Jetzt befiel ihn eine unheimliche Vorahnung, als ob dies vielleicht das letztemal sei, wo er diese Grenze berühre, und als ob ein schweres Verhängnis heranrücke. Im März übernahm Prinz Adolf Hohenlohe nach Rücktritt des Ministeriums Hohenzollern das Ministerpräsidium, hatte aber schon genug davon. Der König hatte notgedrungen die widerspenstigen Kammern auflösen müssen, doch die Neuwahlen stärkten nur die Fortschrittspartei, schwächten empfindlich die Alt-Liberalen (Gemäßigten) und zertrümmerten die so lange ihrer Tyrannis frohe Kreuzzeitungs-Rechte. Otto sah wohl ein, daß man jetzt ernstlich ihn als Minister ins Auge fasse, sträubte sich aber dagegen mit Händen und Füßen aus gleichen Gründen, wie damals unter dem verflossenen König. Die Hoffnungen, die er allezeit auf Wilhelm I. setzte, schienen ihm jetzt übereilt. Er glaubte nicht mehr an dessen Festigkeit, wenn die Königin ihren Einfluß ausspielte, täuschte sich auch nicht über die Verschlimmerung der Gegensätze, die ihn ohne Unterstützung oben und unten lassen würde. Nein, er wollte den Botschafterposten in Paris oder London annehmen, wo er wirkliche auswärtige Politik aus freier Hand zu machen hoffte wie in Petersburg. Sein Selbstgefühl wehrte sich gegen die Zumutung wieder im Gasthof vor Anker zu liegen wie ein Stellenjäger, um auf Beute zu lauern, auf eine gute Prise, die er gar nicht haben wollte. Bernstorff würde wohl aufatmen, ihn loszuwerden als beerbenden Nebenbuhler, und ihm das gewünschte Gesandtenamt oder seine Entlassung verschaffen können. Vorsorglich ließ er den größten Teil seiner Möbel nach Schönhausen schaffen, weil er sich entweder sogleich oder nach wenigen Monaten dorthin in stillen Hafen verziehen wollte, denn ließe er sich breitschlagen, in Ermangelung eines anderweitig vergebenen Gesandtenpostens doch noch Minister zu werden, so würde es ja nur kurze Zeit dauern. Der König war sehr gnädig. »Es tut mir wohl, Sie wieder zu haben.« Er sprach von vielem, nur nichts vom Gesandtschaftsposten. »Übermorgen wird die Statue des Grafen Brandenburg am Leipziger Platz enthüllt, da treffen wir uns wieder.« Das wohlgelungene Bronzestandbild des wackeren alten Kämpen, als die Hülle fiel, bewegte Otto mit alten Erinnerungen. Der Hohenfriedberger Marsch erscholl. O wann wird er endlich wieder vor preußischen Schlachthaufen zum Sturme schmettern! In diesen Augenblick trat Prinz Karl an ihn heran, ergriff seine Hand und rief mit besonderer Betonung: »Guten Morgen, Bismarck!« Sensation. Moritz Blanckenburg flüsterte freudig bewegt dem früheren Minister Rudolf Auerswald zu: »Grüßen Sie den neuen Ministerpräsidenten!« Auerswald, der Otto sehr gewogen war und schon früher seine Ernennung empfahl, seufzte: »Wenn's nur so weit wäre!« Eine Fanfare der Gardekürassiere und der Zuruf »Es lebe der König!« schienen ein Omen der Beistimmung. – Doch eine Zwiesprache mit dem König verlief keineswegs befriedigend und etwas stürmisch. »Ich fürchte, Sie sind deutschen Verhältnissen schon ganz entwöhnt«, begann der Monarch zögernd. »In der Tat sehne ich mich nach dem Newa-Eis. Das beruhigt die Fieberstöße im Blut, denen man sich hier aussetzt.« »Mir scheint doch eine gesundere Anschauung platzzugreifen, besonders bei den deutschen Souveränen, die sich mehr und mehr um ein nationales Banner scharen.« »Da sind Eure Majestät falsch berichtet. Ich kenne diese Herrschaften zu gut. Sie möchten gern europäische Macht spielen, indem sie unser Bundesverhältnis als Fußschemel ihrer statuarischen Pose benutzen.« »Aber auf dem Programm Ihrer Parteigenossen steht doch heut Schutz der Kleinstaaten.« »Nebst Wischwaschi gegen eine deutsche Republik, von der heut kein Mensch mehr etwas wissen will. Lag irgendein Bedürfnis zu solch veraltetem Parteikniff vor? Die Liberalen sind ehrliche, konstitutionelle Monarchisten.« »Das wird sich bei der Heeresorganisation zeigen, die wir nötig haben wie das tägliche Brot.« »Unbedingt. Doch außer straffer Zusammenfassung der ganzen deutschen Wehrkraft brauchen wir auch andere gemeinsame Einrichtungen. Warum zum Beispiel keine parlamentarische Volksvertretung am Bundestag oder einem Zollparlament?« Der König trat einen Schritt zurück. »Das ist ja revolutionär.« »Warum denn? Hat man nicht in ganz Deutschland die Landtage und Kammern legitimiert? Möchten wir sie in Preußen entbehren? Eine volkstümliche Nationalvertretung könnte recht gemäßigt ausfallen, und die radikalsten Liberalen würden uns Dank wissen. Jede solche Konzession würde uns vor der Nation hochstellen und uns das Heft in die Hand geben.« »Das hat doch viel Bedenkliches. Wenn solche Volksvertretung zum Beispiel Depossedierung der kleineren Souveräne beschlösse!« »Das wäre auch kein Unglück. Dieser gottlose rechtlose Souveränitätsschwindel der deutschen Partikularisten mag sie zum Schoßkind überspannter Kreuzzeitungsschwätzer machen. Doktrinäre wie Stahl und Gerlach möchten uns den Schutz jedes ausländischen Legitimismus aufbürden, diese sonderbaren Schwärmer erhitzen sich für alle italienischen Kronvasallen Österreichs und schimpfen das uralte Haus Savoyen illegitim, weil es sich mit der Revolution verbrüdert habe. Solidarität der konservativen Interessen in aller Herren Länder ist ein politischer Wahnwitz, und was unsere deutschen Kleinfürsten betrifft, so erwartet nur ein Narr von ihnen Gegenseitigkeit. Sie sind von Napoleon kreiert, von Metternich sanktioniert, das sagt alles. Der Rheinbund steckt ihnen im Blute, ob nun unter der Trikolore oder dem Doppeladler. Und solche unhistorischen Kronrechte sollen wir sorgsam hüten wie exotische Pflanzen im Treibhaus, beharrlicher als unsere eigenen im Freien blühenden, auf Gottes Erde organisch gewachsenen Blumen!« Der König hörte schweigend zu. »Aber das ist ja ... fast ungeheuerlich, was Sie da sagen. Der röteste Revolutionär kann es nicht besser. Das sind doch immerhin von Gott eingesetzte, auf altererbtem Recht thronende Fürstenhäuser.« »Als Glieder des alten Deutschen Reiches, ganz recht, und da taste ich ihr Bestehen nicht an. Doch es ist bare Donquichotterie, wenn Preußen sich von solch untergeordneten Gliedern ausschmarotzen läßt, während es Haupt und Arm Deutschlands sein soll und ist. Was hat Gott der Krone Preußen übertragen? Zuerst den Schutz Preußens gegen Ungebühr, die seine ihm von Gott vorgezeichnete Aufgabe lähmt.« Diese Worte machten Eindruck auf den König. »Ich gebe zu, daß man sich allseits nicht schön gegen uns benahm. Aber man kann doch deshalb nicht deutsche Fürsten in die Acht erklären, wie alte deutsche Kaiser dies vermochten.« »Ist auch nicht nötig. Wir können offen erklären, daß wir gewisse Grenzen der Sicherheit aller nicht überschreiten wollen, daß wir aber den Unsinn des sogenannten Deutschen Bundes recht- und gesetzmäßig korrigieren und ihn unserem Ideal anpassen wollen.« » Ihrem Ideal, meinen Sie. Ich werde selber bestimmen, wie weit wir zu gehen haben. Sie sind im Ausland noch hitziger geworden, nicht als Reaktionär, wie ich von Ihrer Russenbegeisterung fürchtete, sondern in einem anderen Sinne. Nun, wir reden noch darüber.« Der König sah ihm kopfschüttelnd nach, als Otto hocherhobenen Hauptes nach der zeremoniellen Verbeugung von dannen ging. Ein hochbegabter, charaktervoller Mensch, aber noch so jung! Kaum anders wie als Jüngling. Das könnte ein unbequemer Minister werden, der uns in schwere Gefahren brächte. Er hat gut reden. Wie soll man große Politik machen, wenn man sich nicht auf Kriegsfuß setzen kann! Ehe ich nicht die Heeresreform habe, ist das alles müßige Träumerei. – Der Prinz von Preußen hatte früher dem Dichter Scherenberg als »bescheidene Gegengabe« sein gedrucktes Memorandum über die Heeresreform geschenkt, von dem jede Zeile wichtiger war als das ganze Waterloo-Epos in Streckversen, das der verflossene Romantiker auf dem Thron am Hofe einer Tafelrunde als Rhetorikübung hochtönend vorlas. Zwischen Größe und Bombast schwankend, hatte der patriotische Dichter, weil er trotzalledem ein wirklicher Dichter war, seine Anstaunung des korsischen Riesen nicht verborgen. Es bezeichnete den allezeit überragenden Hochstand preußischer Bildung, während das übrige Deutschland sich in albernen Schmähungen der Borussen und Wenden erging und seine pseudoästhetischen Neigungen dem angeblichen Junkermilitarismus entgegenzustellen die Dreistigkeit hatte, daß kein Mensch an dieser Verherrlichung Napoleons Anstoß nahm. Der mit jährlichem Ehrensold belohnte Scherenberg (eine gleiche Gabe, mit preußischer knapper Sparsamkeit bemessen, flog dem Lübecker Epigonen Geibel zu, der im Münchener »Krokodil« Einheitsästhetik trieb) ist heut längst verschollen. Auch er gehörte zu jenen, die unsterblich sind, solange sie leben, während die wahren Unsterblichen verkannt und unerkannt durchs Leben zu schreiten pflegen. Aber damals fand ein genialer Mensch, der eine neue Note anschlug, Ferdinand Lasalle, die so bedeutend, daß er in der Spenerschen Zeitung Scherenbergs Epos und Bleibtreus vaterländische Bilder aus den Befreiungskriegen, die gleichfalls dem demokratischen Cäsar huldigten, in einer aufsehenerregenden Rezension zusammenfaßte. Auch der Historiker der Befreiungskriege, Major Beitzke, nahm auf beides Bezug. Dessen schon vor sieben Jahren begonnene und neu fortgeführte Geschichte der Befreiungskriege wandte sich an das edelste aufgeklärte Vaterlandsempfinden, und es war ein Zeichen der Zeit, daß dieser Militär a. D. zur Fortschrittspartei gehörte und von ihr, die ganz Berlin regierte, mit einem Ehrenpokal ausgezeichnet wurde, dessen Überreichung man sehr törichterweise einem Grafen York von Wartenburg übertrug. Der alte, erzfeudale York, lebenslanger Hasser Scharnhorsts und Gneisenaus, an der Tauroggener Konvention höchst unschuldig, die ihm der vielverkannte König befahl, hätte sich im Grabe umgedreht. Doch daß die Radikal-Liberalen alle Helden der Befreiungskriege inbrünstig ins Herz schlossen, hatte eine tiefe Bedeutung. Ob der König und Otto diese Zeichen der Zeit verstanden? Kein Dokument spricht dafür, es bleibt zweifelhaft. So völlig bleibt der Mensch von seinem Milieu abhängig, daß beide sich zwar völlig von der Kreuzzeitungsklique lossagten, aber kaum ahnten, daß ihre wahren Freunde im anderen Lager standen. – Prinz Hohenlohe-Ingolfingen schüttete Otto sein Herz aus: »Ein Martyrium! Die Flut der Parlamentswirtschaft steigt, meine Kollegen sind machtlos, Seine Majestät schwankend. Die neue Fortschrittspartei ist gefährlicher als alle 48er. Man will mit Gewalt die Heeresreform scheitern machen, patriotische Phrasen verhüllen kaum die böse Absicht. Durch Gerede über Zurücksetzung der Landwehr wiegeln sie das Land wider uns auf. Erlösen Sie mich von dieser Bürde, ich beschwöre Sie. Ich bin alt und gebrechlich. Sie sind noch so jung und stark. Sie werden's besser tragen.« »Meine Gesundheit war sehr erschüttert«, sagte Otto düster. »Heut bin ich zwar wieder auf dem Posten, doch mein Sinn steht nach Ruhe.« »Dem Befehl Seiner Majestät werden Sie sich doch nicht entziehen?« »Das nicht. Aber ich müßte Garantien haben. Nie und nimmer übernehme ich das Innere allein. Und Bernstorff will nicht gehen. Auch hat v. d. Heydt selber den Ehrgeiz, Ministerpräsident zu werden.« »Als Finanzminister? Das geht doch nicht.« »Bei uns geht alles. Freuen sich Durchlaucht nicht zu früh! Ich hoffe immer noch, nach Paris zu kommen.« – Er fuhr nach Sanssouci hinaus, das er seit vielen Jahren nicht wiedersah, um der verwitweten Königin sein Beileid auszudrücken. Sie hatte alles vergeben und vergessen und tauschte wehmütige Erinnerungen mit ihm aus. In den vollbelaubten schattigen Eichen und breitgewölbten Kastanien rauschte es wie ein Klagelied der Vergangenheit. Die schöne und edle Frau in ihrer Trauertracht saß wie eine Niobe über den Leichen ihrer Hoffnungen. Doch wandelte hier nicht der Geist des Alten Fritz durch seine Gemächer? Gibt es nicht Menschen und Dinge, die niemals sterben? Noch ist Preußen keine Leiche, sondern ein schlafender Recke wie der alte Herr im Kyffhäuser. Die Raben kreischen lauter und lauter, und Wodans Raben tuscheln ihm ins Ohr: Wecke den Schlafenden, du Gott der Deutschen, und gib ihm sein Schwert in die Hand! – Auf einer Parade begrüßte ihn der König vom Sattel aus: »Guten Tag, Herr Major!« Die militärische Rangerhöhung freute ihn, die neue weiße Uniform seines Halberstädter Kürassierregiments stand ihm gut. Mit 46 Jahren haben wir's also zum Major und zur Exzellenz gebracht, nach preußischen Begriffen früh genug. Es sind mir noch nicht mal die Zähne ausgefallen, bloß die Haare. In meinem Alter haben viele große Dichter und Künstler längst ihr Werk vollbracht, und trat Napoleon von der Bühne ab. Der große König begann den Siebenjährigen Krieg, Cromwell schwang sich zwar erst als Vierziger in den Sattel, aber dann gings auch schnell. Und was kann ich vom weiteren Leben erwarten? Als wohlbestallter Gesandter a. D. mich zur Ruhe zu setzen, auch ein Ministerium von höchstens halbjähriger Dauer wird eine unangenehme Erinnerung sein. So halte ich's nicht länger aus, ich explodiere. – Er lief Sturm bei Bernstorff: Entlassung oder ein Amt! Er hatte es binnen drei Stunden, und packte seine Koffer nach Paris. Nanne sollte nachkommen, sobald er dort Quartier geschafft. Der König hatte sich's also doch anders überlegt. Er wollte mit dieser Mischung von angeblichem Reaktionär und entschiedenem Revolutionär nichts zu tun haben vorderhand. * Nun saß er also wieder glücklich in Paris, von wo sein Vorgänger Pourtalès schon verschwand, hatte aber keine Sicherheit, ob er bleiben oder nicht nach London übertragen werden würde. Auch die Möglichkeit der Ministerschaft stand immer noch als Schreckbild im Hintergrund. Das Gesandtschaftspalais roch kloakig und hatte zwar schöne, aber düstere Räume. Den Koch mußte er wegen Veruntreuung entlassen und auswärts essen. Jenseits blinkte die Seine, Hummeln brummten über Rosen hin, Spatzen hüpften auf dem Rasen und sagten sich Injurien wie echte Franzosen, ein lauer Wind strich von den Tuilerien her, wo der Schiedsrichter Europas allerlei Ränke spann. Welche? Nitschewo! Napoleon nahm seine Beglaubigung freundlich entgegen. Nach feierlicher Auffahrt in Hofequipage und zeremoniellem Aufmarsch von Hofbeamten des »Kaiserlichen Hauses« verlief die Audienz sehr kurz. »Auf Wiedersehen, mein lieber Herr Gesandter! Die leidige Politik auf ein andermal in diesen Tagen!« In der folgenden Privataudienz berührte man allerlei schwebende Fragen, die immerfort schwebende blieben. In Holstein spukte es schon wieder, die Dänen wurden täglich übermütiger im Umgehen oder Brechen der eingegangenen Verpflichtung. »Ich würdige die Mißbilligung in Deutschland. An mir werden Sie stets einen freundlichen Vermittler finden, Frankreich ist der natürliche Protektor aller Rechte und Freiheiten der Schwächeren.« Vermittler der Schweiz und Protektor des Rheinbunds! summte der alte Napoleonstitel ihm durch den Kopf, laut aber versetzte der Preuße: »Wie Eure Majestät es in Italien bewiesen.« »Es erhob mein Gemüt, daß Ihr Minister Schleinitz in einer Note die Gründung des Königreichs Italien willkommen hieß und mit der Genugtuung nicht zurückhielt, ein freies, starkes Italien werde Europa wohlgefällig sein.« Napoleon lächelte gutmütig und strich seinen langen Knebelbart. Ein Kater schnurrt ja auch so gemütlich und samtpfotig, nur muß man keine Maus oder kein Vöglein in seine Nähe bringen, dann merkt man seine Krallen. »Auch für Deutschland bricht vielleicht eine schöne Zeit an, wo manche Ideale sich verwirklichen.« »Doch wohl in anderem Sinne, Sire. Die Umstände sind zu verschieden. Uns taugen weder Garibaldi und Mazzini, noch ein Cavour.« »Ein Cavour wäre doch wohl möglich?« Doch Otto machte den Dummen und konnte durchaus nicht einsehen, daß für Preußen eine ähnliche Politik möglich sei wie für Piemont. Letzteres verdanke ja sein Aufsteigen auch nur der Großmut und Macht des Kaisers der Franzosen. Einen so uneigennützigen Menschenfreund werde aber Preußen nie gewinnen. Sein Ton fiel ins Elegische. Napoleon schmunzelte. »Wer weiß! Es kann noch manche Überraschung kommen. Jede bestehende Dynastie in Deutschland ist mir sympathisch, aber vor allem Preußen, dem ich meinen Beifall nicht versagen werde. Sowohl mein Vertrauen als das Ihrer Parteien im Inneren wird sich heben, wenn Ihr Souverän, mein Herr Bruder und Freund, sich der deutschen Frage annimmt.« Lauter dunkle, aber schöne Redensarten. »Jedenfalls ist mir angenehm, Sie hier zu wissen. Ich fasse Ihre Ernennung als ein Entgegenkommen Ihres illustren Souveräns und als ein Wahrzeichen auf, daß die Freundschaft unserer Regierungen nie mehr getrübt werden wird. Mir blieb natürlich nicht unbekannt, daß Sie in Ihrem Vaterland bei Übelgesinnten als Parteigänger Frankreichs gelten. Mein Botschafter in Petersburg meldete mir auch Schönes. Seien Sie versichert, daß wir Ihnen Ihren Aufenthalt soviel wie möglich versüßen werden. Frankreich kennt seine Freunde und ist ihnen erkenntlich.« »Ihre Gnade, Sire, überhäuft mich mit Güte. Was an mir ist, geschieht gewiß, unsere Verbindungen so eng wie möglich zu gestalten.« »Sehr hübsch. Nur sagt man mir, Sie würden vielleicht bald anderen Bestimmungen folgen?« Er schoß wieder einen seiner lauernden Blicke ab, die so plötzlich die katzenhafte Sanftmut seiner verschleierten Augen änderten. »Das könnte freilich unseren politischen Beziehungen nur vorteilhaft sein.« »Das ist sehr unsicher, Sire. Mein Wunsch steht nicht dahin.« Napoleon lächelte gutmütig. Daß der Mann mir mit solchen Scherzen kommt! Noch kein Ministerkandidat sprach anders. Als ob es Menschen gebe, die nicht Ministerpräsident werden wollen! »Stellen Sie sich auch der Kaiserin vor! Sie ist Ihnen gewogen.« Louis sah wohlgenährt und behäbig aus. Die Karikaturen im Kladderadatsch, wo er nur immer »Er« hieß, stellten ihn fälschlich als dicken Alten dar. – Die Kaiserin, etwas stärker geworden, blendete noch mehr als früher durch ihre gebietende Schönheit. Er hatte in ihr die reizendste Tischnachbarin, die ihn klug und heiter unterhielt über Oper, Theater, die Damen von Petersburg, nach denen sie ihn ausfragte, und andere schöne Dinge. »Wieviel Visiten machten Sie schon?« »Gestern nur achtundsechzig, Majestät.« Sie lachte. »Solch ein armer Gesandter führt doch ein geplagtes Leben! Erst muß er amtlich seine Vollmacht präsentieren und nachher sich selber sämtlichen Bekannten, was bei einem Diplomaten die halbe Welt bedeutet. Viele Russen hier, nicht? Daß diese armen Leute nicht erfrieren! Wir Südländer haben es besser bei unserem milden Klima.« »Sehr milde«, bekräftige Otto trocken. »Ich bewundere die Abhärtung der Pariser.« Es regnete nämlich auf Tod und Leben, Tag und Nacht, dazu abscheulicher Wind, und das im Juni! Dabei ließ man Türen und Fenster offen, heizte nicht mal die räucherigen Kamine, und hielt pour l'honneur de la France an der Behauptung fest, daß Paris ungefähr auf gleichem Breitegrad mit Neapel liege. Ein konsequentes Völkchen! Ihre Eitelkeit erstreckt sich sogar noch auf das Klima. »Ach, der gesunde Regen! Das macht uns nichts. Den schickt der gute Gott extra für unser schönes Frankreich, besonders die Touraine. Ich höre, Sie waren krank. Ach, da werden wir Sie schon pflegen mit der französischen Küche. Wie Sie wissen, ißt man nirgends so gut wie in Paris.« Auch diese fixe Idee läßt sich den Parisern nicht austreiben. Und dabei fühlte Otto schon Magenbeschwerden von dem vielen Fett und Gewürz der Ragouts. »Noch immer keine Zitation aus Berlin, mein werter Herr Gesandter?« fragte der Kaiser über den Tisch. »Wenn Ihre Feinde nun den Sieg davontragen?« »Das wünsche ich ihnen von Herzen. Unsere Wilhelmstraße, die Ihrem Quai d'Orsay entspricht, flößt mir keine Sehnsucht ein.« »Ach, wirklich? Und dann werden wir Sie hier behalten? Um so besser! Ja, ich vernahm mit Bedauern, daß Sie kränkeln, und da werden Sie wohl vorziehen, einer so schweren Verantwortlichkeit aus dem Wege zu gehen.« »O nein, Sire. Wenn es sein müßte, so würde ich meinen König und Herrn nicht im Stiche lassen. Das wäre weder Treue noch Mut.« »Ah bravo!« Der Kaiser erhob seinen Champagnerkelch. »Diese wackere deutsche Nation war immer berühmt wegen ihrer Treue. Wohl dem Souverän, der solche Diener hat, die immer bereitstehen, sich seinem Willen hinzugeben!« Dieser Stich ging natürlich auf unterschiedliche Würdenträger an der kaiserlichen Tafel. Der österreichische Gesandte horchte angestrengt hinüber. Otto war sicher, daß jeder Anwesende seine ablehnende Haltung als die bekannte Zierereiposse auffassen und der Österreicher spornstreichs nach Wien berichten werde, der böse Bismarck wolle mit aller Gewalt Ministerpräsident sein. Der jetzige Leiter der österreichischen Politik wäre sonst imstande gewesen, aus purer Privatbosheit seine Festlegung in Berlin zu befürworten. Dies war nämlich kein anderer als Graf Rechberg, sein alter Kollege, dem er so viele schlaflose Nächte verdankte, und den seine Galle in dauernder Erinnerung hielt. Bei den geheimen Verbindungen Österreichs am Berliner Hofe tat Rechberg natürlich alles, um ein Ministerium Bismarck zu hintertreiben. – Der sächsische Gesandte lud ihn zu einem zwanglosen Herrendiner in der »Kleinen roten Mühle« ein, zu Ehren des sächsischen Premierministers Beust. Otto kannte diesen gefährlichen Intriganten schon von Begegnungen in Frankfurt her und beschloß, ihn möglichst hinters Licht zu führen. Sie hatten eine längere Unterredung und gingen als ziemlich gute Freunde auseinander. »Natürlich bin ich um Preußens Würde besorgt. Aber die Absichten, die man mir gegen Österreich unterschiebt, waren nie vorhanden. Wir möchten so gern mit dem Kaiserstaat in Frieden leben! Überhaupt tut uns allen der Frieden not. Jeder Krieg entfesselt nur umstürzlerische Elemente, Sie sehen es an Italien. Diese niederzuhalten wird meine vornehmste Sorge sein.« »Das ist es, was ich begrüße. Alle deutschen Dynastien haben nur den einen gleichen Feind, die Demokratie. Mit dem Ausland werden wir uns schon vertragen. Freilich, Ihre Hinneigung zu Rußland –« »Kann sehr wohl mit bundesfreundlicher Gesinnung für Österreich Hand in Hand gehen. Wenn man uns nur etwas freien Atem schöpfen läßt! Was ich vor allem wünsche, ist festere Konsolidierung des Zollverbandes wenigstens in Norddeutschland. Ich denke, mit der Quote des Nettogewinns könnten Sie zufrieden sein.« »In der Tat. Ich glaube, sagen zu dürfen, Sachsen wird Ihren Wünschen in dieser Hinsicht Rechnung tragen. Überhaupt würden wohl alle deutschen Regierungen gern Anschluß an Preußen suchen, wenn nur nicht dabei die Verbindung mit Österreich gelockert wird.« Wasch mir den Pelz und mach' mich nicht naß! Otto zeigte sich hochbefriedigt, und Beust beteuerte nachher dem österreichischen Gesandten, der Teufel sei nie so schlimm, wie man ihn an die Wand male. – Roon hielt ihn auf dem Laufenden. Bernstorff wollte noch immer nicht gehen, dabei wanderte Schleinitz noch im Ministerium als einflußreicher Schatten umher und schien nicht übel Lust zu haben, selbst das Präsidium zu übernehmen. Hohenlohe ging auf Urlaub und würde wohl nicht wiederkommen. Bernstorff aber stand mit einem Fuß in Berlin, mit dem anderen in London, wohin er sich zurücksehnte. Alle Patrioten wünschten Ottos Rückkehr. Doch dieser wußte wohl, daß Roon damit nur das Häuflein der Konservativen in der Kammer meinte, nur fünfzehn Stück, dazu die Offiziere und Landjunker, denen jede politische Bedeutung fehlte. Er schrieb an Roon, er denke nicht an Zaudern und Manöverieren, aber man nehme in Berlin die Scheingefechte mit Platzpatronen zu ernst. Vor seinen drei Attachés, Prinz Reuß, Hatzfeld dem Jüngeren und Nostiz, führte er das Gleichnis noch weiter aus als im Brief an Roon: »Diese Parlamentsschwätzer glauben gottweißwas ersiegt haben, wenn sie der Regierung eine Grobheit sagten. Und dabei fochten sie gegen einen markierten Feind, der nirgendwo steht und nicht zurückschießen kann. Denn die Regierung als bloßer Begriff ist eine harmlose Vogelscheuche, die aber verteufelt lebendig wird, wenn das Abstraktum die konkrete Gestalt der bewaffneten Regierungsgewalt annimmt. Nun könnten die naiven Scheinfechter sich einfallen lassen, als Marodeure auf dem Rechtsboden des Staates zu plündern. Dann würde der markierte Feind plötzlich ins Leben treten und scharf schießen. Jede revolutionäre Bewegung, die mit Papierkugeln um sich wirft, hat nicht die geringste Aussicht. Die Fortschrittspartei hat die Verfassung, und der König hat die Kanonen.« »Wenn sie aber alle Regierungsvorlagen ablehnen und das Budget verweigern?« »Dann ignoriert man sie einfach. Ihre legale Gewalt ist Null, und selbst wenn sie recht hätten, Macht geht vor Recht.« – Auf einmal tauchte wieder der unvermeidliche Harry Arnim auf, den, wie einst in Frankfurt, zufällig sein Urlaub zu seinem Jugendfreunde führte, dessen Einfluß man sich warmhalten mußte. Der kundige Ödipus wollte durchaus das Rätsel lösen: wird er's oder wird er's nicht? fand aber die Sphinx undurchdringlich, weil er natürlich Ottos gelassener Wahrheitsliebe nicht traute. Als der Graf von einer Reise noch London schwärmte, stimmte der Gesandte bei: »Warum nicht? Irgendwelche Geschäfte gibt es hier nicht, da könnte ich mir wohl England noch einmal ansehen. Denn wenn ich Pech habe und Minister werde, sitze ich nächstes Jahr für immer in Schönhausen als Pensionierter, und dann kann ich keine kostspieligen Reisen mehr machen als Sparer für die Familie. Topp! Ich fahre mit.« Dahinter steckt wieder eine verteufelte Schläue! grübelte Graf Harry. Wahrscheinlich eine Erpressung auf den Londoner Posten, oder er will sich rar machen und tut so, als ob er nicht fieberhaft täglich auf Telegramme aus Berlin warte! – Vor seiner Abfahrt genoß Otto jedoch noch eine eigentümliche Enthüllung. Zur Hirschjagd nach Fontainebleau eingeladen, erhielt er vom Kaiser die Aufforderung: »Kommen Sie, mein Herr Gesandter, und machen wir eine Waldpromenade! Ich werde Sie führen.« Auf verstohlenem Waldweg (Blätter haben keine Ohren) blieb Louis nach längerem Hin- und Hertasten plötzlich stehen und sah den Preußen scharf an. »Glauben Sie, Ihr König wird jetzt eine Allianz mit mir schließen?« Mit Geistesgegenwart erwiderte er, ohne eine Miene zu verziehen: »Sire, mein Herr hat wahre Freundschaft für Eure Majestät, und die Vorurteile gegen französische Einmischung schwanden. Aber was ist eine Allianz? Die Konsequenz eines Bedürfnisses. Ich sage nichts gegen die Möglichkeit, doch wo läge der bestimmte Zweck?« »Aber nein! Sie gehen von irriger Prämisse aus. Steht man nicht zu einer Macht freundlich und zur anderen ... weniger freundlich? Die Zukunft bleibt immer ungewiß, und da sieht man sich um, wen man am liebsten vertraut. Abenteuerliche weitausschweifende Projekte überlasse ich anderen, für mich ist das nichts.« Das sagte der Mann, der sich Staatsstreich, Krimkrieg, Solferino geleistet hatte. »Preußen und Frankreich haben gleichlaufende Interessen, das genügt für eine Entente cordiale. Verstehen Sie? Es handelt sich nur um eine diplomatische Allianz, innerhalb welcher man sich sozusagen aneinander gewöhnt und aufeinander rechnet, sollten besondere Schwierigkeiten die Interessengemeinschaft verschärfen.« »Aber wenn nun der eine Teil etwa gewaltsam diese Verschärfung herbeiführt und den anderen darin verkettet?« Mit Nachdruck stieß der Kaiser seinen Spazierstock auf den Waldboden. »Ereignisse schaffen wollen, ist immer ein Fehler, in den kein philosophischer Kopf verfallen wird. Ihnen brauche ich das nicht zu sagen. Wer kann die Richtung einer Weltbewegung vorausberechnen, und gar ihre Stärke! Aber man kann sich vorsehen, sich rüsten, ihr zu begegnen und sie zu benutzen.« »Das ist unleugbar wahr. Doch seien wir lieber offen, Sire: unsere Gemeinsamkeit würde einen sehr bestimmten Zweck verfolgen, gegen Österreich.« Napoleon, der wieder einige Schritte vorausging, blieb nochmals stehen und legte ihm die Hand auf den Arm. »Kennen Sie Fürst Metternich?« »Den hiesigen Botschafter? Aber gewiß, ihn und seine interessante Frau Gemahlin. Wir unterhalten gesellschaftlich guten Verkehr, da sein in Gott ruhender Vater, der berühmte Metternich, mich mit seinem Vertrauen beehrte.« »Sie kannten den Papa Metternich? Wie interessant! Ich gäbe etwas darum, wenn ich dies ehrwürdige Überbleibsel je besichtigt hätte. Kam Ihnen das nicht vor wie ein fossiles Skelett aus der Saurierzeit? Indessen ist hier nicht die Rede von jener alten Zelebrität, noch von der neuen unserer originellen Fürstin Pauline, sondern von dem jetzigen Träger des Namens, den mir Österreich als Vertreter schickte. Um es kurz und deutlich zu sagen: man hat mir vor einigen Tagen die seltsamsten Anerbietungen gemacht. Ihre Ernennung hierher und die Ankunft des Herrn v. Budberg russischerseits scheinen eine Panik in Wien verursacht zu haben. Graf Rechberg träumt von einer französisch-russisch-preußischen Verschwörung zur Vernichtung Österreichs. Fürst Metternich hat weitgehendste Instruktion mit unbegrenzter Vollmacht erhalten, man wolle sich mit mir verständigen um jeden, ja, um jeden Preis.« Otto blieb ruhig. »Und was antworteten Sie, Sire?« »Ich war wirklich in Verlegenheit; wie ich höflich bekunden sollte, daß unsere Interessen ganz unverträglich seien. Natürlich lehnte ich ab. Sie werden mein Vertrauen nicht mißbrauchen.« Der Preuße verneigte sich. »Wir sind Eurer Majestät zu Dank verbunden. Übrigens ist mir nicht neu, daß Österreich zu jedem Opfer bereit ist, wenn es nur uns einen Possen spielen kann.« »O, ich werde mich wohl hüten, mich mit solchen Leuten einzulassen. Wissen Sie,« das Gesicht des Kaisers nahm einen düsteren, mystischen Zug an, der seinem Inneren nicht fremd war, »lächeln Sie nicht über meinen Aberglauben, aber dies Österreich bringt Frankreich immer Unglück. Anna von Österreich, Marie Antoniette, Marie-Luise, alle drei Töchter der Cäsaren, brachten uns Umwälzung und Unheil. Ich habe die dunkle Ahnung, daß Frankreich allemal Verderben droht, wenn es sich mit Österreich verbindet.« – Man bot ihm womöglich Venetien und das linke Rheinufer, dachte Otto grimmig. Er mag übertreiben, doch fähig sind sie zu allem. Er schlägt das aus, weil er als kluger Lotse berechnet, daß der Wind konträr für Österreich weht, weil es unmöglich den zeitgemäßen Kurs der Nationalitätenfrage innehalten kann. Die wahrscheinlich absichtliche Unvorsichtigkeit Napoleons verwertete er zu einem Schriftstück an den König. Hier sei der Beweis, daß wir nie auf Bundestreue Österreichs und nie auf Einwilligung zu unseren deutschen Plänen rechnen dürften. Dies machte auf die Rechtlichkeit und deutsche Gesinnung des treuen ritterlichen Königs gewiß einen Eindruck. Nach London hinübergesegelt, bezog er eine Wohnung in Grosvenorsquare, Parkstreet, so ziemlich der vornehmsten Straße, und besah sich die Weltstadt vier Tage lang, wobei er den eigentlichen Zweck seiner Reise verwirklichte, mit dem ansehnlichsten britischen Staatsmann etwas Fühlung zu nehmen. Ein Diner beim russischen Gesandten, zu Ehren des Großherzogs von Weimar, bot ihm die erwünschte Gelegenheit, mit Disraeli zusammenzutreffen. Diese Berühmtheit betrachtete er mit besonderer Neugier, weil der getaufte Jude, ganz ähnlich wie Stahl in Berlin, die Säule der Konservativen vorstellte und den stolzesten Adel Europas an den Triumphatwagen seiner wilden Streberei spannte. Völlig gesinnungslos, warf er sich als Jüngling in den Radikalismus, fand aber bei den Liberalen wenig Gegenliebe und vor allem kein Amt, infolgedessen er sich an die Tories heranmachte, die an geistiger Auszehrung litten, hier empfand mau das Bedürfnis, eine Intelligenz zu kapern, und es währte nicht lange, daß ein Jude – unerhört in England – zum leitenden Parlamentarier aufstieg. Er verriet dabei seinen früheren Gönner Peel in zynischer Weise und überhäufte all seine Gegner mit beißenden Witzen. Einen geistreicheren Debattierer gab es nie, die Anschaulichkeit seiner treffenden Gleichnisse bewies, daß er eben eine künstlerische Natur war, nicht ganz unähnlich dem unbekannten Deutschen, der ihm jetzt vorgestellt wurde. Ungesund frühreif spielte er eine politische und literarische Rolle in einem Alter, wo der Deutsche, fern jeder öffentlichen Betätigung, noch in grüner Jugendeselei Lehr- und Wanderjahre durchschwärmte. Frivol bis ins innerste Mark, spielte er auch gern ein erotisches Trente et Quarante , ein Liebling der Frauen im gefährlichen Alter. Der elegante Benjamin mit langen talmudischen Schmachtlocken und bunten, extravaganten Kostümen mißfiel den Männern, die etwas so Unenglisches nicht dulden wollten, gefiel aber den Damen, die sich für alles Auffällige und Ungewöhnliche erwärmen. Die Männer unterwarf er teils durch Schmeichelei, teils durch die gefürchtete Bosheit seiner gewandten Zunge. Sein lebenslanger Kampf galt dem stockenglischen Gladstone (deutscher Abkunft, ursprünglich Freudenstein geheißen, wie die Fama von seinem Großvater behauptete). Letzterer stellte zwar das praktisch solide Altengland dar, ein Urtyp des liberalen Philisters mit allerlei klassischen Bildungsmätzchen, studierte Homer und fällte Bäume zur Erholung von seiner Finanzarbeit, die er sehr sachkundig betrieb. Aber Disraeli, ohne jede Kennerschaft auf praktischen Gebieten, besah eine unendlich reichere Gedankenfülle und eine unnachahmliche parlamentarische Geschicklichkeit. Seine blendende Beredsamkeit verdeckte alle Lücken seiner Sophistik, und die Großzügigkeit seiner Gesichtspunkte hatte einen poetischen Anstrich. In der trockensten, nüchternsten Körperschaft der Welt, dem House of Commons , gab er sich ungestört und siegreich seiner ausschweifenden Einbildungskraft hin. Die Literaten, die seine Romane oft verspotteten und deren Modeerfolg beim Publikum auf unliterarische Sensation zurückführten, erwehrten sich nicht geheimen Stolzes, daß einer von ihnen die Geschicke des britischen Weltreiches leitete. Auch tat man unrecht, wenn man literarische und künstlerische Maßstäbe an die zahlreichen Erzeugnisse seiner allzu fruchtbaren Feder anlegte. Diese Romane, von der Anfängersatire »Vivian Grey«, die man fälschlich Bulwer zuschrieb, bis zu seinem greisenhaften Testament »Endymion«, bedeuteten nur politische Pronunziamentos, und da läßt sich nicht leugnen, daß die bekanntesten, »Coningsby«, »Sybil«, »Tancred«, »Lothair«, eine erhebliche Kraft bekundeten, weite Perspektiven zu entrollen und oft sogar Tiefblicke in verhüllte Geheimnisse und Unterströmungen des Staatslebens zu eröffnen. Außer der katholischen Kirche, deren Problem im anglikanischen Britannien ihn schon früh (»der junge Herzog«) zugunsten der Katholikenemanzipation (Reformbill) beschäftigte, legte er es vornehmlich darauf an, das Judentum zu verherrlichen. Der Getaufte blieb Moses und den Propheten innerlich treu und verstand, mit einem aufdringlichen Stolz den Engländern einzureden, daß Israel die vornehmste und sowohl ethisch als intellektuell hochstehende Rasse und zur Weltherrschaft berufen sei. Da aus nicht zu erörternden Gründen eine Neigung am Hofe für alles Jüdische herrschte und die bekannteste Schriftstellerin G. Elliot erst recht populär wurde, als sie einen Juden heiratete und später in »Daniel Deronda« das Judentum in glänzenden Farben malte, so stand Benjamin Disraelis Emporsteigen und Herrschaft nichts im Wege. Er behielt sein orientalisches Gepräge bei und schwelgte politisch in Türkenliebe, weil er zwischen Islam und Hebräismus eine Rassenverwandtschaft fühlte. Für den Haß der Liberalen und Radikalen blieb er ein »damned Jew« , für die Aristokratie aber ein Schoßkind, bis sie ihn als Earl of Beaconsfield in ihre Mitte auch äußerlich aufnahm. Innerlich verachtete er die pompöse Beschränktheit des Tories genau so, wie den windigen Humbug der Phrasenliberalen, konnte naturgemäß auch keinerlei vaterländische Zuneigung zu einem Volk besitzen, dessen antisemitische Vorurteile er mit bitterem Groll in »Contarini Flemming« geißelte. Ihn trieb nichts als Machthunger, seinen unersättlichen Ehrgeiz und seine größenwahnsinnige Eitelkeit zu befriedigen. Damals befand er sich gerade ohne Amt als »Führer der Opposition«, doch das ganze Jungengland, den ganzen Hochadel, mit wenigen whigistischen Ausnahmen, und im geheimen auch den Hof hinter sich. Letzterer sah sich seines Fixsterns beraubt, der Prinzgemahl starb im vorigen Dezember, betrauert von ganz England, so ungezogen die hochmütige Nobility ursprünglich gegen den kleinen deutschen Duodezprinzen sein wollte. Erstens wegen seiner »Tugend«, d. h. der kühlen Korrektheit seines Benehmens, zweitens wegen seines »Patriotismus«, d. h. der nationalen Selbstsucht und Hoffart, womit er Englands Geschäfte besorgte. Hiermit sah sich die untröstliche Witwe ganz und gar dem Einfluß Disraelis überliefert, der ihren Welfenhochmut und ihre Neigung für politische Stickerei, Faden an Faden an kontinentalen Höfen spinnend, durch den von ihm erfundenen Jingo-Imperialismus kitzelte. Otto hatte beim Tod Prinz Alberts aufgeatmet: Ein Feind weniger. Aber Victoria und Disraeli blieben als nicht zu verachtende politische Faktoren. Wer die huldvolle kleine Dame sah und ihre kindlich eitlen Tagebücher las, konnte sich nicht vorstellen, daß sie eine rege Vorliebe für politische Angelegenheiten und einen angeborenen welfischen Dynastenstolz nährte. Das bewies sie, indem sie ihren eigenen Sohn, den begabten Prinzen von Wales, möglichst von den Geschäften fernhielt und ihn so zu Stutzerei und Liederlichkeit nötigte, um sich die Zeit zu vertreiben, während er ein politisches, erstrangiges Talent (nur kein Genie) im Stile Louis Napoleons in sich trug. »Ich habe viel von Ihnen gehört, Herr Baron«, nahm Benjamin der Große huldvoll von Ottos Dasein Kenntnis. Sein scharfgeschnittenes Gesicht trug den Stempel einer gewissen Verwüstung, die ein so langes Leben voll Salonabenteuern, Ausschweifungen eines Stutzers und Modegecken, rastlosen Intrigen und ebenso rastloser aufreibender Arbeit hinterlassen mußte. Sein Tonfall hatte etwas Geziertes, Blasiertes, Herablassendes, was nicht nach Ottos Geschmack war. »Ich täusche mich wohl nicht, wenn ich in Ihnen den künftigen Premier Ihres interessanten Staates begrüße.« »Das ist möglich. Ministerien wechseln oft bei uns.« »Auch bei uns.« Ein müdes, vielsagendes Lächeln. »Ja, es ist eine unsichere Sache. Wenn ich indiskret sein darf, besuchen Sie uns mit einer bestimmten Mission?« »Nicht im geringsten. Mich zog die Weltausstellung her.« Das gleiche diente ja als Vorwand bei seinem ersten Besuch in Paris. »Freilich, wenn ich längeren Urlaub hätte, möchte ich wohl eine Frage hier studieren, die für die allgemeine Zukunft wichtig sein kann.« »Und das wäre?« Disraeli, eine seltsame Mischung von Phantast und kaltem Rechner, die an Genialität gestreift haben würde, wenn sie nicht so viel von der ererbten Neigung zu Wechselreiterei und kleinen Wucherpapierche gehabt hätte, blinzelte mißtrauisch. »Die Lage der Arbeiter und die Bedeutung der neuen Produktiv-Assoziationen, der Trade-Unions.« Disraeli verlor seine Blasiertheit. Dieser dumme Deutsche schien doch von besserem Stil, als er dachte. »Daran tun Sie sehr wohl. Ich empfehle Ihnen, ohne unbescheiden zu sein, die Lektüre meines Romans ›Sybil oder die zwei Nationen‹. Da finden Sie manche Antwort.« Otto verbeugte sich. »Die persönliche Anwesenheit des distinguierten Autors verbietet mir, die Bewunderung zu äußern, die ich für manche Kapitel dieses Werkes empfinde.« »Ah, Sie lesen es.« Disraelis' Eitelkeit empfand einen wohltätigen Kitzel. Diese Sauerkrautfresser sind also doch nicht so bildungsbar, sie lesen englische Bücher, womit bekanntlich allein die Bildung anfängt. »Überhaupt, welch wunderbares Englisch Sie sprechen! Dies zu äußern verbietet mir Ihre Anwesenheit wohl nicht. Ja, die Arbeiterfrage! Wir hatten hier die Chartistenbewegung, wir hatten den Aufruhr wegen der Kornzölle. Kennen Sie Ebenezer Eliots »Kornzollreime«? Wohl nicht, sehr gute Verse. Ich bin der Meinung, daß das arbeitende Volk nur von uns Konservativen etwas zu erwarten hat. Das liberale Manchestertum der Bourgeoisie wird nichts dazu tun.« »Sie nehmen mir das Wort aus dem Wunde«, rief Otto lebhaft. »Was ich hier sah, hat mich angeregt. Bei uns haben wir einen sehr begabten Gründer eines deutschen Sozialismus, Ferdinand Lassalle, dessen Broschüren und Reden ich mit Aufmerksamkeit verfolge.« Disraeli strahlte. »Lassalle ist eine Französierung von Lazarus. Dieser junge Mann ist ein Breslauer Jude. Auch der hiesige unheimliche Herr Karl Marx, der eine sozialistische Internationale stiftet, ist Jude. Laut ihm ist das Kapital, d. h. der organisierte Kapitalismus, die Wurzel alles Übels.« »Das alles ist mir wohlbekannt«, sagte Otto ungeduldig. »Für mich ist von Belang, wie man diese teils richtigen, teils falschen Ideen für den Staat verwerten kann.« »Ah, sehr richtig. Vielleicht durch Erweiterung des allgemeinen Stimmrechts.« Otto warf ihm einen scharfen Blick zu. »Würden Sie eine solche Bill einbringen?« »Mit tausend Freuden. Es gäbe kein besseres Mittel, die Massen an die Tories zu fesseln und dem liberalen Geschwätz ein Paroli zu bieten.« »Das läßt sich hören. Nach meiner Erfahrung als Grundbesitzer hat nur der Adel – was Sie die Squires nennen – ein Herz für das Volk. Man muß auch den Industriearbeitern die Überzeugung beibringen, daß nur der Staat, niemals die Bourgeoisie, ihnen Erweiterung ihrer Rechte und Erleichterung ihres Loses bringen kann. Lassalle, der ein politischer Kopf zu sein scheint, neigt zwischen den Zeilen dieser Ansicht zu.« »Vortrefflich! Wir müssen uns weiter unterhalten, Herr Baron.« Disraeli zog ihn in ein leeres Nebenkabinett. »Wenn man uns zwei allein sieht, wird man uns hier nicht stören. Wie ich vernehme, verkehrt dieser junge Herr Lassale – Lazarus wollte ich sagen – mit sehr vornehmen Kreisen. Kennen Sie Boekh, den Rektor der Berliner Universität, der so gelehrt das Wirtschaftsleben Athens beschrieb?« »Nur per Renommee. Sein Werk habe ich nicht gelesen.« Disraeli natürlich auch nicht. »Ist das ein Gönner des Dr. Lassale? Dieser soll ein Buch über Heraklitos den Dunkeln vorbereiten oder publiziert haben. Das interessiert mich, weil ich in meiner Jugend mich auch mit Heraklit beschäftigte.« Disraeli starrte ihn verwundert an. Ein preußischer Junker, der Heraklit den Dunkeln kennt! Seine eigenen Beziehungen zu diesem griechischen Weisen waren etwas dunkler und beschränkten sich auf die Phrase: Alles flieht. Doch er sagte sich als Weltkenner, daß dieser Deutsche ihm nur etwas vorschwindle, und fuhr zu inquirieren fort: »Kennen Sie Fürst Pückler?« Der war in England sehr bekannt, sogar mal im Parlament wegen seiner Skizzen der Londoner Gesellschaft zitiert worden. »Pückler-Muskau, den Reisenden Semilasso, den Gartenkünstler? O ja, den kenne ich. Ein geistvoller Grandseigneur der alten Schule.« »Nun, mit dem verkehrt Lassalle auch. Er wohnt in der Bellevuestraße zwölf, ein kleines Haus, und gibt dort attische Symposien unter Vorsitz seiner Aspasia, der Fürstin Hatzfeld.« Otto zuckte. Diesen Skandal kannte er auch. Er begriff hier, wie das Judentum über alle seine Angehörigen international Buch führt. »Ich hörte davon. Lassalle ist ein reicher Mann.« »Schwer. Sagen Sie, lieber Baron, ist Fürst Pückler auch jüdischer Abkunft wie die Hälfte des preußischen Adels?« »Das muß ich mir verbitten«, brauste Otto auf. Die Wahnsinnige Übertreibung konnte er sich nicht gefallen lassen. »Sich verbitten, dem ältesten Adel der Welt anzugehören? Ich habe das in einem meiner Romane offen verkündigt.« Nur merkwürdig, daß Disraeli trotzdem stets Abneigung gegen Preußen fühlte und bekundete. Da er doch selten als Engländer, immer als Jude die Dinge betrachtete, so liegt schon hierin die Widerlegung. Otto verbeugte sich kalt und ruhig. »Ich kann nur sagen, daß ich dieser Auszeichnung nicht teilhaftig bin. Ich stamme von simplen Germanen ab seit fünf Jahrhunderten.« »Seit fünf? So bescheiden? Von Adam stammen wir doch alle ab.« Diese »teuflisch« sein sollende Ironie setzte der große Engländer fort, indem er überleitete: »Als ein so alter Deutscher haben Herr Baron zweifellos Aspirationen für das deutsche Vaterland? Wir John Bulls verstehen so wenig davon. Möchten Sie mich unterrichten?« Otto besann sich einen Augenblick. Was kann's schaden! Der Mensch ist bedeutend, bedeutenden Menschen sagt man am sichersten die Wahrheit. »Mit Vergnügen. Schade, daß die Engländer vergessen haben, daß sie ganz einfach unseres Blutes sind, nicht bloß Vettern, sondern ausgewanderte Stiefbrüder. Die Angelsachsen waren einfach Deutsche. Doch da Sie mich offen fragen, antworte ich offen. Wahrscheinlich nötigt man mich, bald die Leitung der Regierung anzutreten. Ich werde zuerst die Heeresreform durchführen. Sodann werde ich jeden beliebigen Vorwand ergreifen, den Deutschen Bund zu sprengen und Österreich hinauszuwerfen.« Disraeli fiel aus den Wolken. Solche Offenherzigkeit kann doch nur Unfähigkeit sein? »Und die Kleinstaaten?« »Die werden wir unterwerfen und Deutschland die nationale Einheit geben. Ich kam, um den Ministern der Königin dies zu eröffnen, finde aber keinen Anlaß dazu, meine Zeit ist beschränkt. Ich sage es Ihnen, dem kommenden Mann.« Disraeli entzog sich noch immer nicht seiner Bestürzung. Da ein Diplomat nach altem Herkommen immer das Gegenteil von dem sagt, was er will, so konnte man diese Phantasie nicht ernst nehmen. Was meinte er eigentlich? Er räusperte sich und brachte die neue Wendung aufs Tapet: »Sie werden aber Unruhen mit Ihren Radikalen bekommen.« »Auch Sie, doch das wird vorübergehen. Sie werden mehlige Kartoffeln behalten« (o Otto! In England, wo man ein Stück Seife bekommt, eingewickelt in flatterige, wässerige Spreu!) »und genügende Banknoten, doch wir werden nicht so billig davonkommen. Auf dem Kontinent ist alles faul. Dies Jahr ist Ruhe, verglichen mit dem kommenden. Kein Thron auf dem Kontinent ist ein Jahreseinkommen wert. Mein Herr wünscht von mir eine neue Verfassung, doch ich möchte mit Verfassungen nichts zu tun haben, ihre Erfinder sterben daran. Statt einer Verfassung sollte man ein Vaterland machen und die zerstreuten Besitztümer in ein einziges patriotisches Besitztum sammeln.« »Und wie könnte das geschehen?« »Nur mit einem Mittel: Blut und Eisen!« »Mein lieber Baron, Sie entsetzen mich!« »Ich werde Sie noch mehr entsetzen, bis das Unvermeidliche geschah.« Die blauen Augen traten förmlich aus ihren Höhlen hervor, und Benjamin erkannte, daß dies ein gefährlicher Mensch sei. Doch er betrachtete solche unbesonnenen Verzückungen eines Verrückten mit dem gleichen Mitleid, das man dem zionistischen Autor von »Alroy« zubilligte, als er die Neugründung eines jüdischen Reiches in Palästina verkündete. Er brach ab und äußerte nachher zu Lord Ampthill: »Nehmen Sie sich vor diesem Menschen in acht! Er meint, was er spricht! Unglaublich, aber wahr! Im übrigen ist's alles der Mondschein eines deutschen Barons.« * Nachdem er doch in der Eile die englischen Minister sprach und furchtlos jede Nacht von Regentstreet nach Parkstreet eine einsame » lane « entlangschritt, wo laut Londoner Zeitungen jede Nacht die gröbsten Raubmorde vorkommen, kehrte er schon nach fünf Tagen nach Paris zurück. »Was sagen Sie zu den englischen Staatsmännern?« fragte Harry Arnim. »Daß sie so dumm sind wie unsere und von uns so viel wissen wie von Japan und der Mongolei. Das ist erfreulich oder nicht, je nachdem. Spielen Sie mir lieber auf dem gesandtschaftlichen Erhardt vor!« Das war schon in Paris. Harry spielte Chopins Trauermarsch! Bravo! Beerdigen wir alle Frühgeburten! – Paris leerte sich. Noch eine Korsofahrt in lauer Mondnacht im Boulogner Holz, und dann war es mit der Saison vorbei, alles flüchtete nach Trouville, wohin Otto auf ein paar Tage nachzukommen versprach, um später nach den Pyrenäen abzudampfen. Von allen Bekannten blieb nur einer zurück, den Otto schon als Jüngling bei seinem ersten Bummel durch Paris flüchtig gesehen hatte. Ein sehr kleiner, dicker Herr mit einem schlauen, bebrillten Eulengesicht, der weltberühmte Napoleonhistoriker Thiers. Nachdem sie sich auf einer Gesellschaft getroffen, fanden beide Herren Gefallen aneinander und verkehrten häufiger. »Des Kaisers Monumentalwerk über Cäsar schreitet seiner Vollendung entgegen, wenigstens schreitet es vor«, plauderte Thiers auf einem Ausflug nach St.-Germain. »Ihr ausgezeichneter Romkenner in Berlin, mein Kollege, Professor Mommsen, arbeitet daran mit und wird sicher einen hohen Grad der Ehrenlegion erhalten. Der Kaiser will damit den Urgedanken des demokratischen Cäsarismus klarlegen, daß eben eine wirkliche Demokratie einer cäsarischen Spitze bedarf, und umgekehrt ein Cäsar ohne demokratische Grundlage nicht bestehen kann.« »In solchem Sinne sind Rußland und die Türkei die demokratischsten Staaten«, bestätigte Otto mit leiser Ironie. Thiers lachte. »So ist es nun freilich nicht gemeint. In Deutschland steht man solchen Begriffen noch sehr fern, besonders in Preußen.« »Das kommt auf den Sehwinkel an. Vom Cäsarismus sind wir gottlob ganz frei. Cäsarenwahnsinn würde in Deutschland nur Gelächter erregen.« »Das bezweifle ich. Wenn ein legitimer Monarch an solchen Anfällen von Größenwahn litte, würde man es byzantinisch hinnehmen, trotz aller offenen oder geheimen Kritik. Dazu fürchten die guten Deutschen zu sehr die Obrigkeit.« »Die Franzosen etwa nicht?« fragte Otto pikiert. »Ich finde Polizei und Beamte viel gröber in Frankreich als bei uns. Von Demokratie vermag ich überhaupt hier nichts zu entdecken, trotzdem ja der Cäsar nicht fehlt. Ihre Doktrin läßt also die Probe vermissen.« Thiers rückte unruhig an seiner Brille. »Pardon, dazu kennen Sie als Ausländer zu wenig unser Naturell. Der Kaiser ist populär, weil er Gloire gibt und Glanz und für gute Geschäfte der Industrie sorgt. Doch unter der Oberfläche wühlen immer noch republikanisch-revolutionäre Elemente.« »Dann schon eher sozialistische. Der Franzose will die Egalité, jeder beneidet jeden, der einen besseren Rock trägt. Wie sagte doch der große Napoleon? ›Freiheit, bah, sie wissen nicht mal, was das ist.‹ Deshalb braucht der Kaiser sich vor nichts zu fürchten, solange er Orden, Ehrenstellen, Ämter zu verleihen hat und die Nationaleitelkeit füttert. Dazu bedarf er allerdings einiger aggressiven Händel in Europa, denn von Solferino wird man nicht sehr lange zehren.« »Hm, Sie behandeln das Volk der Großen Revolution sehr kavaliermäßig«, schmollte Thiers beleidigt. »So oberflächlich darf man die vulkanische Kraft unserer großen Nation nicht abschätzen. Unsere Demokratie hat idealen Schwung, man muß ihn nur nutzbar machen. Paris, die Lichtstadt, wie Herr Viktor Hugo so schön sagt, dessen Verbannung und fortwährenden Feldzug gegen das Empire ich tief beklage, war allzeit das Heim aller Menschheitsideen, aller Märtyrer für die Sache der Freiheit. Wie großherzig nahm sich Frankreich Italiens an!« Für das Trinkgeld Nizza, dabei frondierten alle Marschälle gegen den Kaiser, weil er französisches Blut für das verachtete Makkaronivolk vergießen lasse, ohne daß man selber etwas Ansehnliches annektiere. Nach echtfranzösischer Auffassung hätte man lieber Piemont und Lombardei selber besetzen und zu einem französischen Vasallenstaat machen sollen. »Und wieviel Sympathien genießt hier noch das arme Polen! Wer weiß, ob Frankreichs Großherzigkeit nicht eines Tages dafür zu den Waffen greift! Die Unterdrückung dieser ritterlichen Sarmaten in Warschau, Krakau und ... Posen schreit ja auch gen Himmel.« Otto sah von oben auf den listigen Zwerg herab, der ihn aus seiner Reserve herauslocken wollte. Thiers als Nationalhistoriker trieb natürlich echte Nationalpolitik, da gehörte es zum Geschäft, immer wieder die verlogene Legende von Frankreichs aufopfernder Ritterlichkeit für fremde Völker wiederzukäuen. Als ob der aufgepflanzte sogenannte Freiheitsbaum nicht überall ein Galgen für völkische Selbständigkeit der »Befreiten« geworden wäre! Napoleons Verschlingung der Niederlande, Italiens, Deutschlands nahm nur auf, was die große Revolution längst anbahnte und mit der Tat, wenn nicht dem Namen nach, durchführte. Sich für Polen schlagen! Ja, wenn es dabei was zu rabuschern gibt! Der Franzose ist immer Geschäftsmann, wenn er nicht in seinen plötzlichen Delirien ein Sansculotte oder Eroberer wird, und selbst hierbei betreibt er das Rauben und Plündern planmäßig kühl, unter den heißesten Phrasen. »Die Polen«, berichtigte er ruhig, »befinden sich in Österreich sehr wohl, in Preußen bringen sie es sogar bis zur Unverschämtheit. Ich zweifle, daß ihnen mit Befreiung in Frankreichs Sinne gedient wäre. Übrigens, so geläufig sie Französisch plappern, ist ihre Art so wenig der französischen verwandt wie der deutschen. Die Verbrüderungssprüche, die ihre Emigranten hier mit den Parisern austauschen, tun es doch nicht.« Ein Geheimspitzel, der schon lange Zeit unauffällig um das Paar herumstrich, hörte das Wort Emigranten und wollte schon diktatorisch die Personalien feststellen. Glücklicherweise erkannte er in Thiers, der wie jeder wahre französische Demokrat sein Kommandeurkreuz der Ehrenlegion auf der Straße trug, un monsieur très décorè , und dazu noch daneben den in Paris wohlbekannten langen Preußen. Aus so exterritorialen Gewässern ruderte er eiligst fort. Jeden Bürger des Empire und somit Inhaber der Volkssouveränität hätte er ohne weiteres vor den Polizeipräfekten zitiert, um sich wegen verdächtiger Gespräche zu verantworten, die jeder Mouchard auf seinen Amtsmeineid zu nehmen die staatstreue Pflicht hatte. Dann verschwand ein solcher Verdächtiger nach Sibirien – pardon, Cayenne – und seine Familie hörte nichts mehr von ihm. Dies war der demokratische Cäsarismus im Lande der sogenannten Großen Revolution. »Kennen Sie unser Temperament so genau?« fragte Thiers spitz. »Nun, was fällt Ihnen am meisten am Franzosen auf?« »Seine Ungeselligkeit. Es herrscht ein Kastenwesen, ein konventioneller Formalismus, von dem man sich in Deutschland nichts träumen läßt. Jeder hat ein Grauen davor, irgendwo anzustoßen oder seiner Würde etwas zu vergeben, alle Welt schwatzt daher nur über Nichtigkeiten und bleibt einander fremd. Schlägt jemand einen vertrauten Ton an, so glaubt der Franzose, man wolle ihn anpumpen, bei ihm hineinheiraten oder seine Frau verführen. Von Natur hat er ja eine ungebundene, lose Zunge, aber an der Table d'hôte sitzt er wie ein Trappist. Denn er könnte ja für weniger angesehen werden, als er gern sein möchte.« »Die Deutschen sind aber laut und lärmend«, rief Thiers ärgerlich. »Deutsche von guter Erziehung kaum. Jedenfalls ist diese Lautheit ein Zeichen von unbekümmertem, gutem Gewissen und Gleichgültigkeit gegen konventionelle Fesseln.« Unhöflicher zu werden wäre taktlos gewesen, er brach also ab. Da er den Franzosenfreund politisch herauskehren mußte, durfte er nicht so unklug sein, sein schlechtes Herz zu verraten, daß er die Franzosen nicht ausstehen konnte. Er ging in seiner Abneigung sogar zu weit und übertrieb noch die Leere und eitle Gimpelhaftigkeit der französischen Seele. Grattez le Russe et vous trouverez le Tartare! läßt sich hier umsetzen: Grattez le Francais et vous trouverez le Gaulois! Otto aber meinte, daß man, wenn man das bißchen Kulturschminke abkratze, beim Franzosen rein gar nichts mehr finde. – In Trouville langweilte er sich derart über die internationale Klatschgesellschaft, daß er nach Blois abdampfte, um die altfranzösischen Schlösser, wie Chambord und Chenonceaux, zu besuchen. Von Loches, dem Schloß Ludwigs XI. mit den Oubliettes und Gefangenenkäfigen, und anderen Kleinodien der Touraine hatte er wohl nicht gehört. Immerhin kennzeichnete es, daß sein künstlerischer Sinn ihn trieb, diese weit von der gewöhnlichen Heerstraße abgelegenen Architekturschätze aufzusuchen. In der Provinz fiel ihm noch mehr die bäuerische Ungeschliffenheit auf, und er fand den guten Ton der Ackerbürger von Rummelsdorf und Schlave dagegen hervorragend. Die Offiziere im Café rasselten mit den Säbeln und gafften jedes Frauenzimmer so frech mit unanständigen Zoten an, daß er dachte: dies Heer von Troupiers ist an sich sehr gut, der Franzose hat eben angeborene kriegerische Eigenschaften, die ihn immer zu einem gefährlichen Gegner machen, aber wie soll man da moralische Kraft erwarten! Physische Bravour wohl glänzend, Routine und Geschicklichkeit gut, aber geistige Regsamkeit Null, Charakter liederlich. Ohne Napoleons Genie hätten die Französchen doch nur ein Roßbach von uns erlebt. Und Napoleon war ein Italiener. Marschall Niel und General Trochu sollen ja in Broschüren das preußische Volksheer als Muster empfohlen haben, doch damit werden sie bei dieser nur dem Wohlleben ergebenen Bevölkerung nicht durchdringen. Den preußischen Leutnant können sie uns am wenigsten nachmachen. O verlogene Welt! Unsere höflichen, ruhigen, wissenschaftlich gebildeten und in gewissem Sinne auch bescheidenen, nirgendwo überheblich auftretenden Offiziere werden überall als Bramarbasse verschrien. Und nicht mal die Junker von 1806 sind so arg gewesen, wie man sie malt. In Rußland, Österreich, bei den englischen Soldknechten wird der Gemeine viel menschenunwürdiger behandelt, und dies fränkische Prätorianerheer läßt es in Friedenszeiten an Brutalität nicht fehlen. Und doch heult man nirgends über Soldateska und Militarismus wie gerade bei uns. Diese aller guten Manieren baren, sträflich unwissenden, tatsächlich nur halbzivilisierten Franzosen gelten als Spiegel feiner Sitte und chevaleresker Ehre und würden uns sicher als Barbaren und Hunnen anpöbeln, wenn sie mit uns in Kampf gerieten. Daß sie das tun, ist bei einem so ungebildeten Pöbelvolk von Analphabeten unten und geistigen Analphabeten oben, die innerhalb ihrer chinesischen Mauer noch nicht das Abc humaner Weltbildung lernten, gewiß nicht verwunderlich. Aber daß die übrige Welt ihnen ihr kindisches Geschwätz und ihre aus angeborener Lügenhaftigkeit stammenden Schauermärchen noch obendrein glauben würde, das läßt auf einen Tiefstand der Bildung schließen, den ein simpler Deutscher sich nicht zurechtlegen kann. Stehen wir denn wirklich so hoch über allen anderen, haben wir allein Kultur von oben bis unten, an Haupt und Gliedern? O du armes, demütiges deutsches Aschenbrödel, wann wirst du als verwunschene Prinzessin erlöst werden und dastehen in deiner Macht und Herrlichkeit? Gedanken an Dornröschen mochten ihm wohl kommen in der unendlichen Verlassenheit des Königsschlosses Chambord, wo er sich mit den Schwalben als den einzigen lebenden Wesen unterhielt. »Für Spatzen ist es zu einsam«, schrieb er mit prachtvoller Anschaulichkeit an Nanne und legte ein violett-purpurnes Heidekraut bei, das er pflückte. Er liebte diese Pflanze, wie alles, was einsam in freier Natur. Über den Türmen und hohen spitzen Schieferdächern der Schlösser, an denen er mit der Bahn südwärts nach Bordeaux rollte, flammte plötzlich ein breites Wetterleuchten. War es unheimlich gleißende Antwort des Himmels auf seine Frag«: Wann, o wann? Nun saß er schon in Bayonne, wo er die Landschaft als weichere Idealisierung von Pommern auffaßte, sich an fremdartigen Blättern, Pinien, gelbem Ginster ergötzte und sich in eine Mollstimmung von Heimweh auflöste. Er überschritt den Grenzfluß Bidassoa und fand in San Sebastian Schönheit und Schmutz, sowie den preußischen Gesandten v. Galen, einen alten Freund. »Sind Sie's denn wirklich? Alle Welt glaubt Sie schon in Berlin an der Spitze.« »Habe nichts gehört, weder aus Berlin noch Paris. Ich bin ein freier Mann. Und nichts drängt ja.« »Wirklich nichts? Die Kammer verstümmelt doch das Heeresbudget.« »Ja, sie langweilt das Land, indem sie sich auf Lappalien verbeißt und die Tagesordnung verschleppt. Sie macht sich selber mürbe, ihr wird der Atem ausgehen. Dann würde ich wie eine frische Reserve aufmarschieren und meine Reputation als Staatsstreichler wird Tusch blasen.« »Geht's denn wirklich los?« »Keine Spur! Die Kerls werden nachgeben und unterhandeln. Übrigens kann sich dies noch lange hinziehen, und meine Ernennung ist ganz ungewiß.« »Diese unfähigen Querköpfe, die sich Parlamentarier nennen!« »Respekt vor ihnen! Nicht einer, der nicht zynisch seine seelische Nacktheit prostituierte und seine vollendete Ignoranz feierlich zu Markte trüge! Wir sind eben so hochgebildet, daß jeder berufen ist, als Fachmann über sämtliche Ressorts zu referieren, selbst wenn sie ihm so unbekannt sind wie mir die Insel Kuba.« »Ist Seine Majestät zu Konzessionen und Kompromissen geneigt?« »Ganz und gar nicht, schreibt mir Roon. Diesmal verläuft's schwerlich spurlos im märkischen Sand, die Erzstreusandbüchse des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation wird ein kleines Erdbeben haben.« »Der Knoten ist so verheddert, daß alle Parteien disgustiert sind.« »Und ich erst? Ich weiß nicht, wo mein Bett und mein Schreibtisch stehen sollen, ob in Paris oder Berlin. Roon will mir Gewißheit schaffen, doch vor Frühjahr wird sich's nicht entscheiden.« »Roon ist ein Onkel von Moritz Blanckenburg, nicht wahr? Steht er da den Altkonservativen nicht etwas zu nahe, die doch ausgespielt und keinen Sitz im Lande haben?« »Er steht der Armee nahe, das ist die Hauptsache. Und verschafft er mir den Posten in Paris, so werd' ich Engelsflügel an seine Photographie malen. Dort möcht' ich sitzen bis 1875! Bis in zehn Jahren passiert ja doch nichts und darüber hinaus auch nicht. Viermonatlicher Minister werden ist eine Prüfung, und muß ich nicht den König heraushauen als treuer Vasall, so bedank' ich mich.« »Sie sehen famos aus, ganz sonnverbrannt.« »Ja, ich bin plötzlich wieder kerngesund, weiß nicht woher. Es überkommt mich manchmal eine Rauflust wie von Kraftbewußtsein. Aber Raufen liebt nur die Jugend, ich gehe auf die Fünfzig und will kein bellum Gallicum in solchem Alter durchmachen wie Cäsar, der ja auch nur Parteimann und kleiner Gesandter war, bis er auf einmal an erster Stelle loslegte. Das war doch auch ganz merkwürdig. Man gab ihm die schlechteste, aufrührerische Provinz: friß, Vogel, oder stirb! und kein Mensch in Rom dachte daran, er könne etwas leisten. Und da wurde er, was er hieß, Cäsar. Solche komischen Sachen kommen vor. Da wirft man einen in die verfahrenste Situation, und niemand denkt sich was dabei, auf einmal ist er Hahn im Korbe. Mit Bonaparte stand es nicht anders bei seinem ersten Feldzug, das schien eine im Voraus verlorene Partie. Doch wie gesagt, ich ziehe nicht in den Siebenjährigen Krieg und den Gallischen auch nicht, habe nichts mit Cäsar zu schaffen, sondern mit meinem Gutsinspektor in Schönhausen, unter dessen Obhut ich doch wohl meine künftige Greisenhaftigkeit beschließen werde.« In Biarritz gefiel es ihm besonders. Das geliebte Salzwasser, voll Erinnerungen an nordische Salzflut in Norderney, nur wärmer und schwerer, verjüngte ihn. Hatte er gebadet, streckte er sich auf eine Klippe und sah dem Spiel der Wogen zu, deren tosende Brandung den blütenweißen Schlamm zu ihm emporquirlte. So hatte der junge Byron nach dem Schwimmen sich auf Klippen gebettet, um Childe-Harald-Verse zu schreiben. Das fiel ihm ein, weil Disraeli damals an der Tafel auf Louis Napoleon zu sprechen kam, den er als politischen Abenteurer in London gekannt habe. Natürlich bei den berühmten Abendunterhaltungen, welche Lady Blessington und ihr Liebhaber, Comte d'Orsay, veranstalteten, bekannt durch ihre Bekanntschaft mit Byron in Genua, von dem Orsay eine bekannte Zeichnung, ganze Figur, entwarf, von schreiender Unähnlichkeit. Disraeli selbst hatte sein Leben lang den Dichterlord nachzuäffen gesucht, in der Jugend als Dandy sogar dessen äußere Erscheinung, was ihm glänzend mißlang. Otto fand hier im Kasino einen von Engländern liegen gelassenen zerlesenen Roman Disraelis, »Venetia«, worin Byrons und Shelleys Leben unter Anlehnung an Byrons wunderbare Elegie »Der Traum« kreuz und quer verwirrt und unter Umdrehung aller Verhältnisse zu einem sensationellen Familienromänchen zusammengepantscht war. Wie drollig, die Wirklichkeit romantischer färben zu wollen! Byrons wirkliches Leben hatte ja zehnmal mehr Anziehungskraft als jede fälschende Ausschmückung wie hier, wo Dichtung und Wahrheit zu unkenntlichem Knäuel verschlungen. Ach Gott, wie lange lag die Zeit jugendlichen Weltschmerzes hinter ihm, wo er sich an Byron berauschte! Er selbst hatte ja auch sein vollgerüttelt Maß tragischer Privaterlebnisse hinter sich, aber er durfte sich ehrlich sagen, daß er nun zwölf Jahre lang sich nur einer Sache und öffentlichem Dienst gewidmet und sein Privatleben daneben als untergeordnet betrachtet habe. Hier aber schien er sich wieder ein junger Romantiker geworden. Er übte sich wieder recht byronisch im Pistolenschießen und dachte an die Heimat nur, wenn er sich Johanna und die Kinder im lieben Reinfeld vorstellte. Briefe liefen ihm auf verschiedenen Postämtern nach, Zeitungen verbat er sich, die ganze verdammte Politik zu vergessen. Und das gelang ihm wirklich. War es nicht eine Romantik der Schicksalsfügung, daß er hier unter Aloe und Tamarinde, frische Feigen und Mandeln schmausend, lustwandelte, indes fern im grauen trüben Norden vielleicht um ein Los von vaterländischen Geschicken gewürfelt wurde? Ach, wenn es nur immer so bliebe! Vielleicht ein Abschied für immer von allem künstlerischen Schönheits- und Naturgenuß. Warum konnte er nicht malen, um diese reizende Landschaft im Bilde abzufangen? Dann blieb ihm doch ein Andenken an diese Romantik des Zufalls. Er entging nicht dem unvermeidlichen Wiedersehen mit Russen. Wozu ihn an diese mehrjährige Episode erinnern, die nun auch wohl für immer hinter ihm lag! Fürst Orlow und seine heitere Gemahlin. »Werden Sie nicht nach Paris zurück müssen, mein Freund? Am 15. August ist Napoleonstag, wo man den Kaiser beglückwünscht und sein Diner zu sich nimmt.« »Er ist zu vernünftig, mich zu vermissen. Unter den Heiligen im Kalender würde ich mir auch nicht diesen aussuchen, um vor seiner Reliquie zu beten.« »Die Reliquie ist aber heut recht ansehnlich«, lachte Frau v. Orlow. »Das ganze zweite Empire.« »Reliquien sind zerbrechlich. Und wenn man sie unsanft behandelt, zerspringt das Glasgehäuse. Der erste Napoleon war gewiß ein sehr großer Mann für seine Zeit, meinethalben für alle Zeiten. Aber auf den balsamiertesten Leichnam einen Thron aufbauen, verträgt selbst nicht der Porphyrsarg im Dom der Invaliden. Die Mumien der Pharaonen werden nicht mehr lebendig.« »Ach, lassen wir den langweiligen alten Napoleon!« Die lustige Orlow klatschte in die Hände. »Das Meer ist grün und weiß, der Wind warm und weich, wir selbst sind ganz Sonne, Luft und Seewasser. Was kann man vom Leben mehr erwarten!« »C'est vrai, m'amie!« Fürst Orlow schenkte Sekt ein. »Napoleon I. wird wohl auch hier spaziert haben, in Bayonne war er oft, doch er sah vermutlich weder Meer noch Land, sondern nur die Trugbilder seiner Ländergier. Hier hat er den Überfall auf Spanien geplant.« »Das würde ich ihm nicht übelnehmen,« sagte Otto nachdrücklich, »wenn es nur zu einem richtigen vaterländischen Zweck geschehen wäre. Doch was hatte Frankreich davon!« »Hm, Durchführung der Kontinentalsperre? Und Ludwigs XIV. Wort: ›Es gibt keine Pyrenäen mehr‹?« »Da haben Sie recht.« Ottos Stirn furchte sich. »Im Grunde hat Napoleon nur ausgeführt, was Frankreich von jeher wollte. War es nicht schon Rheinbund, als Bayern für Ludwig XIV. stritt? Und wollte nicht selbst der elende Louis Quinze das linke Rheinufer? So haben sie an uns herumgebissen seit Jahrhunderten, und ein Stück der Pastete, Elsaß und Lothringen, haben sie noch heut zwischen den Zähnen.« »Viel mehr, sie haben es mit Appetit verdaut. Eher fällt der Himmel ein, als daß Frankreich je wieder das linke Rheinufer verliert.« »Ich nehme euch den Sekt fort, wenn ihr noch länger Fach simpelt!« rief die Fürstin. »Hier sind Pfirsiche und Muskattrauben, die werden euch wohl auf andere Gedanken bringen.« »Gleich, ma chère gleich! Nur noch eine Frage: wie denken Sie über Mexiko?« »Ebensogut können Sie fragen, wie ich über den amerikanischen Bürgerkrieg denke. Beides hängt zusammen.« »Sie meinen, daß Napoleon dies Abenteuer nicht wagen würde, wenn nicht die Union durch innere Wirren gefesselt wäre?« »Da kann er sich aber eklig verrechnen. Das kleine stehende Heer der Union hätte ihm nie dreinreden können. Aber jetzt rüsten die Amerikaner im großen, und wenn da die Union siegt, wird sie im Besitz großer kriegserfahrener Heere sein. Napoleon soll sich in acht nehmen.« »Bah, die Südstaatler siegen ja überall. Sie stehen doch nicht auf seiten der Yankees?« »Das weiß ich nicht. Ich würde es wissen, wenn der geringste Vor- oder Nachteil für Preußen dabei herausschaute. Aber so! Was gehen uns diese Exotica an! Der deutsche Michel wird natürlich wieder seine Nase in Braten stecken, von denen er kein Schnittchen bekommt. Lincoln wird bald ein deutscher Nationalheld werden wie Garibaldi. Die Unverbesserlichen!« »Nun, für Leute von unserer Klasse und politischen Farbe gibt's doch nur Sympathie für die schneidigen Kavaliere gegen das demokratische Krämergesindel.« Otto lachte. »Da auch bei Ihnen, liebster Orlow, die Leibeigenschaft abgeschafft wird, sind die Sklavenbarone kaum mehr von unserer Klasse. Nun, ich weiß wohl, daß es den Yankees nicht um die Neger, sondern um die Baumwolle geht. Industrie kontra Agrarier! Die alte Geschichte! Wenn unsere Demokraten für die Negeremanzipation erglühen –« »Aber ›Onkel Toms Hütte‹ ist doch ein rührendes Buch!« rief die Orlow dazwischen. »Rührend, meine Gnädigste, ist das Vertrauen, das man solchen zusammengestoppelten Scherzen schenkt. Wahrscheinlich Einzelfälle maßlos übertrieben. Natürlich eine Riesendummheit, den Negern gleiche Rechte zu geben, die Rassen sind so wenig gleich wie die Menschen. Aber uns täuscht der Schein wie immer. Die Südstaatler sind offenbar die wahren zentrifugalen Republikaner, die Yankees imperialistisch-zentralistische Staatsbeflissene, d. h. die wahren Konservativen. Fast alle Offiziere und alle Beamte stehen auf ihrer Seite.« »Wie Sie immer alles originell ansehen! Aber England begünstigt die Südstaaten.« »Das sollte gerade stutzig machen. Was England begünstigt, muß immer von Nachteil für das betreffende Land sein. Die Inkonsequenz ist ja köstlich, daß England zur See den Sklavenhandel unterdrückte und jetzt die Sklaverei auf einmal für eine von der Bibel genehmigte Institution erklärt. Aber damals wollte man hauptsächlich Amerika wirtschaftlich schädigen und berief sich, wie üblich, auf ideale Motive. Diesmal macht England ein gutes Geschäft – bei ihm ist alles Geschäft im wörtlichen Sinne – durch Schmuggel mit den Südstaaten und fühlt seine Baumwollenindustrie durch die Blockade gekränkt. Hinc illae irae. Und es wittert Erstarken der Union politisch und militärisch durch etwaigen Sieg des Nordens, also ist seine Haltung geboten. Ach, hätten unsere politischen Dilettanten nur ein Quentchen von Englands unerbittlicher Selbstsucht!« »Heißt das so viel, daß Sie als Leiter Preußens mit den Yankees sich freundlich stellen würden?« »Unbedingt, sobald sie siegen, natürlich nur dann, doch unsere Neutralität muß in jedem Fall ihnen wohlwollen. Es wäre schön, wenn da eine Macht erwüchse, die England in den Rücken fallen könnte.« »Ich dachte, Ihr Hof stünde so freundschaftlich mit England?« »Was am Hof geschieht, ist für mich nicht maßgebend.« »Nun, wir Russen hassen England, das wissen Sie, und so –« »Ich hasse es durchaus nicht, aber versehe mich keiner Liebe von England, und für unglückliche Liebe bin ich nicht zu haben. Und was die mexikanische Aventure betrifft, so hatt' ich schon genug Scherereien damit. Zwei preußische Offiziere, Stein und Burg, dürfen mitgehen, es sind die einzigen, ein eklatanter Freundschaftsbeweis Napoleons für Preußen, einen dritten, Loe, konnte ich nicht durchbringen. Na, ob sie viel Schönes drüben erleben?« »Die Marquise de Gallifet ist sicher begeistert, daß ihr Mann in den Krieg zieht«, bemerkte die Orlow boshaft. »Sie kennen diese arme Löwin doch? Die mit dem brandroten Haar?« »Wer weiß, wie viele zurückkehren! Europa muß sich ja freuen, daß Napoleon Lorbeeren so ferne sucht, doch die Suche hat ihre ernste Seite. Man sieht also, daß er nicht stillsitzen darf, sondern sein neugierig neuerungssüchtiges Völkchen durchaus mit Haupt- und Staatsaktionen füttern muß. Schlägt es diesmal fehl, so wird er wo anders sein Glück versuchen.« Die Orlow lachte. »Ich denke, ›das Kaiserreich ist der Frieden‹? Lasen Sie in Bordeaux die Inschrift auf der Marmortafel vor dem Börsengebäude?« »Ich las sie mit sehr gemischten Gefühlen.« »Und diese Annäherung von Frankreich und Österreich! Zu guter Letzt soll als Kaiser Maximilian von Mexiko ein Erzherzog eingesetzt werden. Es wird wohl noch lange dauern, doch geheime Verhandlungen schweben.« »Da seien Sie nur ganz ruhig. Daß Napoleon das Schwert zückt, um als Verfechter des Monarchischen die mexikanischen Demokraten zu züchtigen, ist die übliche Verbrämung, worin Franzosen und Briten Meister sind. Natürlich werden die Dummen ihm glauben. Aber daß er für Maximilian nicht den kleinen Finger rührt, dessen seien Sie sicher. Der wird gerade Geld und Soldaten ausgeben, um einem anderen als sich selbst zu nutzen!« – Er konnte sich nicht genug tun im täglichen Aufzeichnen der Landschaftsbilder für Nanne, in seinen Briefen schwang er den Stift als Wortmaler. Dazwischen neckte er sie mit seiner Passion für die liebenswürdige Kathy Orlow, die ihm alle Tage Mendelssohn vorspielte, bis seine Gedanken »auf Flügeln des Gesanges« über die Sturzwellen in die blaue Unendlichkeit fortschwebten. Die blaßbläuliche Wand der zackigen Pyrenäen, Reihen von Gipfeln übereinander, stand abends in rötlichem Feuer, bis sie in schwarzer Einsamkeit in Nacht erstarben. Felsinselchen, von donnernder, sonnenblitzender Flut übergossen, verschwammen mit dem Weltmeer wie die ferne spanische Küste. Er fühlte sich wie auf umspülter, menschenentrückter Insel eines Robinson Crusoe. Wie nichtig versinkt der Trubel der Städte und des Staatsgetriebes, wenn der Mensch allein der Schöpfung gegenübersteht! Die Orlow als große Dame machte gar keine Toilette, während die Französinnen und Spanierinnen im Kasino für nichts als Putz, Fächerschlagen, Kokettieren, Medisieren Sinn hatten und ihre Herren dem Naturgenuß nicht eine Minute schenkten, für all die Schönheit keinen Blick hatten. Wie tief steht doch der gepriesene Romane unter den Germanen und an Gemüt auch unter den Slawen! Bei diesen Lateinern, wie sie sich nennen, obschon sie alle keinen Tropfen römischen oder hellenischen Blutes im Leibe haben, ist alles öde Konventionalität, Äußerlichkeit, Gesellschaftsschwatz. Das Idyll ging nun zu Ende, er brach mit Orlows nach den Pyrenäen auf, wo sie den Pic du Midi bestiegen. Wenn er auf solchen Höhen stand, dachte Otto an die Parabel der Schrift: Und Satan führte Jesus auf einen sehr hohen Berg und zeigte ihm alle Reiche der Welt, »das alles ist dein, wenn du niederfällst und mich anbetest«. Wahrlich, ich würde auch meine innere Gesundheit, mein Seelenheil, nicht darangeben für alle Reiche der Welt. Aber wenn es nun meine Bestimmung wäre, ein Reich zu gründen, das sehr von dieser Welt? Oben in der Alphütte lasen sie zusammen Byron, »das einzige Buch, was mit ist«, damals hatten die Menschen noch solche Bedürfnisse. Wenn man Otto und diesem vornehmen Russen prophezeit hätte, es würde eine Zeit kommen, wo man einen der Größten aller Zeiten, den Goethe neben sich und fast neben Shakespeare stellte, zum alten Eisen werfen, als Rhetoriker abtun und ihn mit Heine in die literarhistorische Rumpelkammer sperren würde, dann hätte er verächtlich die Achseln gezuckt. Sie sind wohl vollständig verrückt! Und wenn man ihm prophezeit hätte, er selbst werde eine solche Ära unwissentlich heraufführen, wo nur Ziffern und Säbel regieren und artistischer Modetand, und er selbst werde gar nichts mehr lesen als die faulste Erholungsliteratur und deshalb allen Banausen als wahrer Gottseibeiuns nüchterner Prosa gelten, dann hätte er gelacht über solche Unmöglichkeiten. O Mensch, du Spielball der Umstände, du lebst im Schein und wirst so selber Schein, bis niemand mehr dein wahres Sein erkennt!... Frau v. Orlow las den Aufschrei Kains vor, im Flug durch den unermeßlichen Raum: O unbegreiflich hehrer Äther du! Ihr Massen, ihr vervielfachten, der Lichter, Sich immer neu entzündend und entzündet! Wer seid ihr? Was ist diese blaue Wildnis Des grenzenlosen Abgrunds, wo ihr hinrollt Wie Blätter auf den klaren Wassern Edens? Ist eure Bahn euch zugemessen? schweift ihr Dahin in fesselloser Trunkenheit, Berauscht von Ewigkeit? Hier laßt mich sterben Oder erfassen eure Macht und Fülle. Denn mein Gedanke ist zu dieser Stunde Eurer nicht unwert, bin ich auch nur Staub! Droben schien der Mond hörbar zu rollen in dieser Einsamkeit granitener Wüste. Und die Sterne gleißten wie eine Diamantenkette. Otto saß starr und still und dachte an Napoleons Stern, hatte auch er einen solchen? Dort den fernen großen, den Jupiter? Und sein kahles Haupt nickte über dem Herdfeuer ein... Die Menschen sterben, nicht die ewigen Sterne. Herunter ins Tal aus der verräucherten Hütte, wo Rauchqualm und Zigarrendampf die Wärme ersetzten und die Glühpünktchen seiner Zigarre einen Bergadler anzogen als das einzige Licht in dieser nächtigen Bergwüste. Komm du nur herab, Bote des Jupiter! Ich bin kein Ganymed, den man wegschleppt, ich möchte selber mit Blitz und Donner spielen. Er fühlte sich riesenstark, wie kaum in der Jugend. Neulich hatte er es auf eine volle Stunde Schwimmen gebracht, wie Byron, aber ohne Fieberschauer, wie dieser Nervöse mit dem lahmen Bein. Ihm war, als könnte er Eichen ausreißen, wie Hebbels Dietrich von Bern, und sie den prahlenden Schwächlingen auf den Rücken legen. Brausende Wasserfälle mit Iriskronen, die an Byrons Alpenfee gemahnten, und Felsen, bis oben hin mit Efeu überzogen, ein See im Bergkessel, und das Dreiblatt sang im Nachen alte französische Chansons. O Himmel, schon Toulouse, eine große Stadt! Schon grinst uns die kahle menschliche Gesellschaft an. Kein Brief von Roon! Wollte Gott, daß ich in Paris bleiben darf. Doch die Sache will's, mein Herz, ich bin auf alles gefaßt. Avignon, die alte Höhle der Päpste. Hier ließ die Provence, ein Nest von Nachtigallen, Gitarren ihrer Troubadoure ertönen. Doch der Albigenser flammendes Verderben begrub in Toulouse die schöne fröhliche Zeit. Als er in den Speisesaal des Hotels Beausejours trat, erregte seine Riesengestalt viel Aufsehen bei den kleinen Südfranzosen. Und als sie die furchtlosen Augen unter buschigen Brauen so scharf hervortreten und die hohe gebietende Stirn sahen, überlief sie förmlich ein Schauer, als ob ein alter Seekönig der Normanen, von dem so viele französische Sagen melden, sie heimsuchen wolle, um sich ein Reich zu suchen. Ein Normane war's freilich nicht, sondern einer von den Deutschen, die als Franken das Land zwischen Mosel und Rhone eroberten und ihm den Namen gaben. Doch welcher Franzose verstände das in historischem Sinne! Daß er ein Deutscher, erfuhr sogleich ein Pärchen im Honigmond, das an der Tafel saß und deutsch über ein Altarbild der »Barmherzigkeitskapelle« schimpfte. Der Fremde trat näher und nahm gegenüber Platz. »Gesegnete Mahlzeit! Ich bin freudig erstaunt, Landsleuten unter Provençalen zu begegnen.« Nach deutscher Unsitte folgte sofort die Vorstellung. »Lüning, Kaufmann aus Frankfurt.« »Bismarck-Schönhausen.« »O Exzellenz, jetzt erkenne ich Sie!« Der junge Mann gehörte einem Frankfurter Patriziergeschlecht an. »Ich sah Sie zwar nur einmal, doch ich vergesse nie, wie unsere guten Bürger sich dabei aufregten. Sie promenierten auf der Zeil Arm in Arm mit dem italienischen Gesandten am Vorabend des österreichisch-italienischen Krieges. Graf Rechberg soll sich grün und gelb geärgert haben.« »Ja, aber er war fixer als ich. Am nächsten Morgen hatte ich schon die Abberufungsorder und mußte nach Petersburg.« Das war zwar chronologisch übertrieben, doch er liebte solche feuilletonistische Wendungen. Verbindlich wandte er sich an die junge Honigmondliche: »Pardon, gnädige Frau, so sind wir Deutschen, gleich bei den ersten Worten die garstige Politik statt provençalischem Ritterdienst hier im Lande der Galanterie.« Er plauderte darauf los wie ein jugendlicher Kavalier und schloß sich einem kleinen Ausflug an. Von einem Ölbaum brach die junge Frau einen Zweig und reichte ihn ihm. »Sie werden gewiß Frieden brauchen, hier haben Sie sein Sinnbild.« »Der Ölzweig mit der Taube!« küßte er ihr die Hand. »Als wir vor fünf Tagen Berlin verließen –« »Wie? Das erfahre ich erst jetzt. Was gibt's da Neues?« »Ich kaufte mir auf dem Anhalter Bahnhof die ›Berliner Allgemeine‹. Vielleicht interessiert Sie das.« »Das Organ der Altliberalen? Ich bitte darum.« Er las gespannt: »Im Vordergrunde der Ministerkombination spielt sich wieder die Figur des Herrn v. Bismarck aus. Wer ist dieser Bismarck? Als er seine Laufbahn begann, ein Landmann von mäßiger politischer Bildung, dem mit der bureaukratischen Pedanterie auch die bureaukratische Routine fehlte, dessen Kenntnisse sich nicht über das erhoben, was Gemeingut aller Gebildeten ist. Den Höhepunkt seines parlamentarischen Ruhmes erreichte er im Unionsparlament von 1850. Doch welche seiner Reden hätte einen Hauch aufzuweisen von der didaktischen Schärfe eines Stahl, vom Feuereifer Kleist-Retzows, vom Reichtum an geistreichen Einfallen eines Gerlach, von der doktrinären Gründlichkeit Wageners! Er trat schroff und rücksichtslos auf, nonchalant bis zur Frivolität, mitunter witzig bis zur Derbheit; doch wann hätte er je einen politischen Gedanken geäußert! Er hat sich in Frankfurt Kenntnis in den diplomatischen Zeremonien erworben und in Petersburg und Paris intrigierenden Prinzessinnen ihre Geheimnisse abgelauscht. Aber die saure Arbeit der täglichen Verwaltungsgeschäfte ist ihm fremd, den klaren Einblick in das Getriebe des Staates in allen seinen Einzelheiten hat er sich nirgendwo erwerben können. Ihm gegenüber wird sich das Wort des Herrn v. Schleinitz bewähren, daß ›die Politik eine sehr positive Kunst ist‹.« Otto biß sich zornig auf den Schnurrbart. Die Schmierfinken! Nun, mögen sie ihren Willen haben. Ich aber will jetzt Gewißheit oder nehme Knall und Fall meinen Abschied. Von Orlows trennte er sich schon vor Avignon, jetzt löste er sofort ein Billett nach Paris und dampfte ab. Als er in der Gesandtschaft abstieg, trat der Concierge heran, lüftete die Mütze und überreichte ein Telegramm: »Soeben für Exzellenz angekommen.« Es war in französischer Sprache: »Periculum in mora, Depéchêz-vous! L'oncle de Maurice Hennig« Es war so mit Roon verabredet. Ging die Depesche nun von ihm selber aus oder geschah es unter Mitwissen des Königs? Gleichviel. »Meine Koffer wieder zur Bahn bringen, Schnellzug nach Berlin!« Der Zug ratterte unerträglich und stieß ihn hin und her. Die Waggonzwischenketten rasselten unaufhörlich. Die Nacht war schwül. Fern grollte ein leiser Donner, ein fahler Blitz beleuchtete die Stirn des einsamen Reisenden, auf der es blitzte und wetterte. Schweigend steckte er eine Zigarre nach der anderen an, schlaflos durchwachte er die Schicksalsnacht. Ging nicht ein Ruck durch die deutsche Erde, als er bei Köln über den Rhein rollte? Ahnte sie nicht ein Erdbeben? Der Fürst de Ligne schrieb einst: »Ich glaube nicht an Erdbeben bei Christi und Cäsars Tode, denn beim Tode des größten Menschen, Friedrichs des Großen, hat sie nicht gebebt.« Hier starb auch einer, der Lernende, der Unbehauste, dem die Fülle der Gesichte noch keine Tat gegönnt, und ein anderer sprang ins Leben mit Siebenmeilenstiefeln. Die Erde vernahm nicht den Tritt, den ersten Schritt eines Erderschütterers. Doch das Schicksal Europas war entschieden. Unterwegs in Jüterbogk stieg ein Dichtvermummter zu ihm in sein Abteil, der Stationschef salutierte mit Hand an der Mütze. »Ach, Roon, Sie sind's?« Das Frühlicht des 20. Septembers glomm am Horizont. »Ich fuhr Ihnen entgegen, um Sie vom Stand der Schlacht zu unterrichten. Seit vorgestern rast die Debatte in der Kammer, sie will das Budget rundweg verwerfen. Majestät haben lange und schwer überlegt, es kostete Mühe, ihn zu bewegen, denn es ist ein großer Entschluß. Sowie Ihr Name auftauchte, erhob sich von allen Seiten ein Zetergeschrei. ›Bismarck, das ist der Staatsstreich‹, denunzierten die Fortschrittsblätter. Und was man am Hofe sagt, können Sie sich denken.« »Ich würdige die Seelengröße des Königs. Es soll ihn nicht gereuen. Ich schöpfe daraus die freudige Gewißheit, daß er zum Kampf entschlossen ist?« »Ja, doch auch jetzt erwachten ihm ernste Bedenken, welche Bedingungen Sie stellen, welches Programm Sie fordern würden?« »Keine und keins. Mein Lehnsherr und oberster Kriegsherr ruft zum Appell, und ich antworte: Hier!« Roon schüttelte ihm die Hand. »Sie stellen sich einfach zur Verfügung?« »Ganz einfach. Die Krone ist in Gefahr und damit Preußen und damit Deutschland. Das müßte ja ein Hundsfott sein, wer sich da lange sperrte. Man wählt mich, um die Militärvorlage durchzubringen, nachher mag ich abtreten. Gut, ich werde die Order vollziehen.« »Schwer werden Sie es ja haben. Die Fortschrittler rempeln alles an, kontrahieren Skandale, wo sie können, wissen sich vor Übermut nicht zu lassen. Die richtigen Jakobiner, der ›Berg‹ des Konvents! Die zersprengten Altliberalen gleichen auch der ›Ebene‹, den ›feigen Sumpfkröten‹ der seligen Konventszeit, sagen zu jeder Terrorisierung Ja und Amen und haben gegen Sie womöglich noch stärkeren Haß; weil sie mit Ihnen vor Alters zu fechten hatten. Die neuen Kampfhähne kennen Sie meistens nur per Renommee und bramarbasieren spöttisch über den hergelaufenen Krautjunker.« »Und die Konservativen schimpfen desgleichen, nur hinter verschlossenen Türen.« »Einige vielleicht«, begütigte Roon verlegen. »Man ist ein wenig irre geworden, ob Sie noch zur Fraktion halten. Aber jedenfalls wird man Sie unterstützen und wieder Regierungspartei werden.« »Das höre ich gern. Der schöne Spruch: ›Mit der Regierung voll Mut, ohne die Regierung voll Wehmut, gegen die Regierung in Demut‹, womit man alle Eskapaden beschönigte, gibt nur Aufschluß über mangelnde Staats- und Königstreue. So sprachen die Quitzows auch auf ihren Raubburgen, bis die ›Faule Grete‹ ihnen ins Ohr donnerte, daß der Hohenzoller und nicht der Junker in Preußen regiert. Ich werde solche Seitensprünge nicht dulden. Eine konservative Partei darf sich so nur nennen, wenn sie unbedingt dem Staat sich unterordnet.« »Prinzipiell ganz meine Meinung, es gibt aber Fälle –« »Die ich nicht anerkenne. Die Herren Gerlach und Stahl haben sich zu fügen ohne jede Reservatio mentalis dem Befehl des Königs und seiner Ratgeber. Das sage ich Ihnen voraus. Glauben Sie denn, ich weiß nicht, was solche Kreise munkeln? Ich bin ihnen gut genug, die Kammer niederzutreten, doch nachher möchten sie mich fallen lassen, weil meine auswärtige Politik ihnen nicht paßt. Aber das sage ich Ihnen: entweder oder, aut Cäsar aut nihil ich bin ein Ganzes, das man zu nehmen hat mit allen Teilen, nicht sich etwas für den eigenen Hausbedarf heraussuchen kann. Wie lange ich Minister bleibe, steht in den Sternen geschrieben, denn alles ist Vorbestimmung der Vorsehung. Vielleicht drei, vielleicht neun Monate, und dann adieu! Doch solange ich am Steuer bin, lasse ich mir keine Widerrede blinder Passagiere gefallen. Was nicht dem Kapitän pariert, fliegt über Bord.« Roon sah seinen Freund betreten an. So hatte er sich das doch nicht gedacht! Als konservativer Parteimann konnte er ja nicht bestreiten, daß viele Fraktionsgenossen den Schönhauser als Renegaten betrachteten. »Unsere Hochkirchenmänner allerdings –« »Die ›Himmelblauen‹, wie der alte Hertefeld sie höhnte! Ihre Schwärmereien mögen sie für sich behalten, mir aber nicht lästig fallen. Ich verlange unbedingte Subordination vor der Regierung, hier geht's um Leben und Sterben. Auch Sie waren schon verzagt geworden, aber ich sage Ihnen, das Königtum Preußen hat schon Schwereres überstanden. Napoleon war gefährlicher als Herr v. Bockum-Dolffs, und wir leben heute noch.« »Viele schlagen sich nur noch für den Rückzug,« murrte Roon finster, »andere für ehrenvollen Untergang. Sie machen sich keinen Begriff von der Übermacht der Fortschrittlerei im Lande.« »Alles Papier und Geschrei, ein Trommelwirbel tönt lauter. Bah, schon früher hatten sie mir ein Zuchthaus zugedacht, heut vielleicht ein schnelleres Ende. Nun, der Tod auf dem Schafott ist so ehrenvoll wie der auf dem Schlachtfelde, auch so stirbt man auf dem Felde der Ehre, und es gibt schlimmere Todesarten als Hinrichtung.« »Es ist herrlich, Sie so reden zu hören.« »Doch nehmen wir wohl die Sache zu tragisch. Ich hoffe auf friedliche Lösung, der Konflikt kann beglichen werden, wenn die Demokraten, die schließlich doch auch in ihrer Weise Patrioten sind, merken, wohin wir steuern. Ohne die Heeresreform wäre alles verloren, aber ich setze sie durch, ich bin voll Zuversicht.« »Sie sind magerer als früher, aber sehr frisch, als wären Sie auf Kameel durch die Sahara geritten, gebräunt und verstaubt, aber wohlgemut und vollgetränkt von Ozon«, bemerkte Roon beifällig. »Wollte Gott, daß ich aus der Wüste heraus bin für immer! Vierzig Jahre wanderten die Juden zum Gelobten Lande, wo da Milch und Honig fließt. Hoffen wir, daß die Trauben Kanaans nicht zu hoch hängen. Vorher ging's durchs Rote Meer.« »Was meinen Sie?« Aber Otto schwieg. Berlin! Alles aussteigen! Wilhelmstraße 74, die Auerswaldhöhle, das allgemeine Staatsministerium, war sein Absteigequartier. Nr. 76, das Auswärtige, kommt hernach dran. Kaum wusch er seine »Schornsteinfegerfarbe« von Eisenbahnruß ab, als der kleine Kleist-Retzow antanzte. »Otto, welche Gnade des Herrn! Du wirst die Getreuen im Lande retten. Nicht wahr, du bist voll guter Hoffnung auf einen Staatsstreich mit Gewehr zur Attacke?« »Lieber Onkel Hans, ich bin für gar nichts, als sich nach den Umständen richten. Leider muß ich dich verlassen. Mein Legationsrat Schlözer, der weiland Petersburger, wohnt Behrenstraße 60, da muß ich hin wegen Geschäften.« Aber ein Feldjäger platzte dazwischen: »Seine Königliche Hoheit der Kronprinz bescheiden Eure Exzellenz zu sich, sofort, wenn's gefällig ist.« Der Kronprinz? Was bedeutet das? Im Kleinen Palais Unter den Linden, der Residenz des Thronfolgers, fand er einen freundlichen, aber zurückhaltenden Empfang, den er mit gleicher Zurückhaltung erwiderte. Der schöne, blondbärtige, jüngere Mann in der Blüte der Jahre hatte etwas sehr Bestrickendes in seiner blauäugigen Siegfriedserscheinung. Doch bestand keinerlei herzliches Verhältnis zwischen ihm und Otto. Mutter und Gemahlin, deren schöngeistig unklaren Liberalismus er teilte, hatten ihm eine ziemlich abfällige Meinung eingeflößt. »Nun, wie sehen Sie die Situation an?« »Königliche Hoheit, ich sah mir keine Zeitungen an, drei Wochen lang auf Reisen im Ausland, und Zeitungen sind ja leider der Brennspiegel, in dem sich die Strahlen der öffentlichen Meinung fangen.« »Ja, die Presse ist eine große Macht,« bestätigte der Prinz arglos, »besonders die liberale. Sie unterließen die Lektüre wohl aus Depit?« »Ehrlich gestanden, Königliche Hoheit, es war mehr Privatsache. Ich grollte meinem Schöpfer, weil ich nicht wußte, wo ich mein Haupt hinlegen sollte. Seine Majestät hatten verheißen, mir binnen sechs Wochen meine Wohnung in Paris oder London oder Berlin anzuweisen, und jetzt verstrichen schon zwölf.« »Aber wer redet von Paris! Ihre Berufung an die Spitze der Geschäfte ist ja beschlossen und wohl schon vollzogene Tatsache. Daß ich mir Aufschluß über Ihr Programm erbitten möchte, unter den besonderen obwaltenden Umständen, begreifen Sie wohl.« Nein, das begriff Otto gar nicht. Was waren das für besondere Umstände? »Die Kammer erklärt uns den Krieg. Was werden Sie dagegen tun?« »Ich bin über Einzelheiten nicht informiert, habe daher kein bestimmtes Programm.« »Was, nicht? Aber man muß doch ein Programm haben!« rief der jüngere Mann entsetzt. »Napoleon soll gesagt haben, er habe nie einen bestimmten Feldzugsplan gehabt, weil man sich nach des Gegners Maßregeln richten muß.« »Der Ausspruch kommt mir sagenhaft vor.« »Natürlich nur cum grano zu verstehen. Die Richtung der Offensive ist hier klar vorgezeichnet.« »Auch die Rückzugslinie?« Otto verneigte sich. »Hoheit wollen gnädigst verzeihen, aber ich darf mich wohl kaum aussprechen, ehe ich Audienz bei Seiner Majestät hatte.« Der Kronprinz runzelte leicht die Stirn. »Ja, ja, ganz recht. Ich hatte jedoch erwartet, Sie würden nötig finden, unter den besonderen Umständen –« Er betonte scharf und fixierte den Schönhauser, dem er einst in jüngeren Jahren freundlich gesinnt war. Da er dessen unverkennbares Erstaunen sah, machte er leise: »Ach so!« und winkte mit der Hand Entlassung. – Am Abend traf er Roon, und dieser sah ihm forschend ins Gesicht: »Sie konferierten mit dem Kronprinzen?« »Auf Befehl, zu ihm beschieden.« »So rasch? Der König ist verstimmt. Ipsissima verba ; ›Mit dem ist's auch nichts, er war ja schon bei meinem Sohn.‹ Man sät da wohl absichtlich Mißtrauen.« »Das verstehe ich nicht.« »Das dacht' ich mir, halte mich aber nicht befugt, Sie aufzuklären, ehe Majestät selber dies morgen in Babelsberg tut.« – Der König trat ihm ernst entgegen. Seine frühere Abgespanntheit wich einer schmerzlichen Würde, seine Haltung hatte an Straffheit gewonnen. Nach kurzer Besprechung der Lage sagte er mit fester Stimme: »Wenn ich nicht so regieren kann, wie es sich mit meiner Verantwortung vor Gott und meinem Gewissen verträgt, so will ich es überhaupt nicht. Nimmermehr regiere ich bloß nach dem Willen der Kammermajorität, und ich finde keine Minister, die zum Widerstand bereit sind. Mein bisheriges Ministerium, ob Hohenzollern, ob Hohenlohe, ob Auerswald, ob Schwerin, ob Schleinitz, ob v. d. Heydt, will mich und sich vor dem Parlament beugen. Das erdulde ich nicht und deshalb – nun, Sie gingen ja auch gleich zum Kronprinzen, um mit ihm den Fall zu besprechen.« »Eure Majestät geruhen, mich in einem irrigen Verdacht zu haben.« Otto ahnte schon. »Ich ging nicht, ich wurde befohlen. Auch habe ich nichts besprochen, weil ich mich dazu nicht berechtigt hielt vor Rücksprache mit Eurer Majestät. Ich sah gar kein Bedürfnis, mit Seiner Hoheit zu konferieren.« Der König schien angenehm erstaunt. »Ich hatte vorausgesetzt, Sie wüßten – oder vermuteten wenigstens – und möchten sich deshalb meinem Nachfolger nähern.« »Nachfolger? Majestät!« Es war ein Schreckensruf aus gepreßtem Herzen. Das tat dem König wohl. Er stemmte die Hand auf einen Marmortisch und nahm eine militärische Haltung an. »Ich trage mich mit dem Gedanken, mein von Gott verliehenes Amt niederzulegen, mit einem Wort, zu abdizieren.« Er wies auf ein vor ihm liegendes Handschreiben in Aktenform. »Das ist die Abdankungsurkunde, motiviert aus der unhaltbaren Lage.« »Majestät! Das wäre der Todesstoß für Preußen, das größte Unheil, das uns treffen könnte. Und da Sie nach Ministern suchen, die den Kampf aufnehmen, ich bin ja da, und Roon dazu, wir beide werden das Kabinett schon vervollständigen.« »Mannhaft gesprochen. Und Sie wollen für die Militärreorganisation fechten?« »Bis zum äußersten.« »Auch gegen alle Majoritätsbeschlüsse? Ja? Nun gut, dann ist es meine Regentenpflicht, mit Ihnen den Kampf fortzuführen.« Er fügte mit ruhiger, fester Stimme hinzu: »Ich abdiziere nicht.« Otto atmete auf. »Begleiten Sie mich zu einem Spaziergang in den Park, ich werde Ihnen etwas zeigen.« An einer abgelegenen Stelle des Babelsberger Parks zog er ein Konvolut hervor, das acht Seiten Manuskript umfaßte. Otto erkannte die enggedrängte Handschrift des Königs. Er las. Es war ein ausführliches Regierungsprogramm von entschieden liberaler Schattierung, mit deutlicher Spitze gegen reaktionäre Bestrebungen. »Nun, was sagen Sie dazu?« »Ich finde darin einen Hauch von –« er wollte sagen: Ihrer Majestät der Königin, sagte aber rasch: »Kompromißpolitik.« »Ohne Kompromisse wird es nicht abgehen. Konservative Durchgänger kann ich nicht brauchen.« Das ging auf seinen neuen Erwählten. »Es handelt sich nicht mehr um Konservativ und Liberal, sondern um Königtum oder Parlamentswillkür. Letztere muß allezeit und in allen Fällen abgewehrt werden, sei es auch mit militärischer Diktatur.« Der König erwärmte sich zusehends. »Das sind kräftige Worte, und Sie sind der Mann, danach zu handeln. In allem werden wir aber wohl kaum zusammengehen.« »Da werde ich ehrerbietig meine abweichende Meinung ausdrücken, aber tun, wie Eure Majestät befehlen. In dieser Lage habe ich keinen anderen Willen als den, mit dem Könige lieber unterzugehen, als ihn im Stich zu lassen.« Beide hochgewachsenen Herren sahen sich an. Aus dem weisen, ruhigen Blick des Königs sprach gerührte Anerkennung, aus den sonst so harten und scharfen Augen Ottos eine so aufrichtige Anhänglichkeit wie aus Hundsaugen. Die Persönlichkeit dieses durch und durch vornehmen und männlichen Herrschergreises flößte allen, die ihn näher kannten, solche unmodernen Stimmungen ritterlicher Hingebung ein. »Halt, Majestät!« König Wilhelm hatte das Schriftstück zerrissen und wollte es soeben von der Brücke in eine trockene Schlucht hinabwerfen. »Papierstücke mit so bekannter Handschrift würden sicher Liebhaber finden.« Der König nickte und steckte das Manuskript ein. »Ich werde sie meinem Kamin anvertrauen. Heut vollziehe ich die Unterschrift zu Ihrer Ernennung.« * Der sich in Frankreich wie ein wurzel- und heimatlos verbannter Flüchtling vorkam, vor widerwärtigen Möglichkeiten Reißaus nehmend, trug also jetzt die Verantwortung für Preußens Leitung. Die Allerhöchste Kabinettsorder lag veröffentlicht vor: »Nachdem Prinz Adolf Hohenlohe-Ingolfingen auf sein wiederholtes Gesuch von dem Vorsitz im Staatsministerium entbunden, habe Ich den Wirklichen Geheimen Rat v. Bismarck-Schönhausen zum Staatsminister ernannt und ihm den interimistischen Vorsitz des Ministeriums übertragen. Wilhelm. 23. September 1862.« Otto blickte auf das ihm eingehändigte Original. Wird das nun ein denkwürdiges Aktenstück sein, oder werde ich auch nur als Eintagsfliege über die Bühne huschen? So weit hätten sie mir! sagt der Berliner. Man hat mir ein Netz gelegt und mich eingefangen. Den Irrstern haben sie verankert als Planeten, doch er wird wohl immer nur ein »Trabant« bleiben. »Ich bin gespannt auf den ersten Zusammenstoß«, äußerte Roon. »Sie schwanken wirklich in jedermanns Vorstellung, von der Parteien Haß und Gunst verzerrt.« »Gunst? Gibt's nicht. Am Hof hält man mich ebenso jeder Ketzerei für fähig wie bei allen Parteien.«. »Man hat Sie sogar bei Majestät als verkappten roten Demokraten angeschwärzt«, lächelte Roon verlegen. »Das klingt so unglaubhaft, daß der König lachte. Doch man kolportiert arge Ausfälle von Ihnen gegen die anderen deutschen Souveräne.« »Werde mich gerade genieren. Meine alten Freunde Moritz und Hans lassen in ihrer Partei nichts auf mich kommen, sonst aber bin ich in solennem Bierverschiß, wie wir Studenten zu sagen pflegten. Gestehen Sie's nur zu, Ihre Herren von der Kreuzzeitung möchten mich erst für Zustandekommen der Heeresreform benutzen und dann beseitigen. Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan und kann dann gehen, heraus mit der Sprache, ist's nicht so?« »Einige meinen, Sie würden uns mit Österreich in Krieg verwickeln, bloß dafür seien Sie so militärfromm.« Otto lächelte spöttisch. Die Kurzsichtigen erkannten nicht, daß sein Durchsetzen der Heeresreform seine Unentbehrlichkeit beweisen und somit seine Stellung gegen alle frommen Wünsche befestigen mußte. Doch dies Durchsetzen mußte eben erst abgetrotzt werden. Der neue Ministerpräsident hatte keine gute Presse. »Der burschikose Junker«, »hohle Renommist«, »Stadtvertilger«, »Napoleonvergötterer« erschien im Lager der Fortschrittspartei als eine Art Vogelscheuche, und die Altliberalen machten es nicht besser. Otto las mit Humor solche Ergüsse: »Er wird nicht davor zurückschrecken, ohne Budget zu regieren, und sich einer abenteuerlichen Großmachtpolitik in die Arme zu werfen.« Du ahnungsvoller Engel du! Und was orakelt die liebe Tante am Rhein, die Kölnische? »Das Volk weiß, daß Herr v. Bismarck äußere Verwickelungen nur herbeiwünscht, um die inneren zur Ruhe oder doch zum Schweigen zu bringen.« Dieser Engel ist entschieden ahnungslos, herrje, die Augsburger Allgemeine, meine besondere Gönnerin, Klassikerverlag Cotta, schwarz-gelber Einband. Was sagt ihr Beobachter an der Spree? Er schmeichelt nicht, doch wird am Schlusse erhaben: »Nach seinen Taten soll er gerichtet werden.« Topp! Darauf lassen wir's ankommen. Die Tante Voß ist giftig, die Spenersche Zeitung staatsmännisch: »Mit merkwürdiger Einmütigkeit wird dem neuen Ministerpräsidenten in der liberalen Presse ans Herz gelegt, sich mindestens aller abenteuerlichen Kreuz- und Querzüge in der auswärtigen Politik zu enthalten. Schon ein Blick auf seine Kollegen wird ihm wohl dartun, daß für geniale Kombinationen jetzt nicht die Zeit ist.« Das kommt von der Seite Unruh her. Otto schob den Pack Zeitungen beiseite und dachte bitter: Ein Blick auf meine Kollegen! Das war boshaft. Also den wortreichen Rechthaber Jagow für das Innere werde ich durch Fritz Eulenburg ersetzen. Itzenplitz geht vom Landwirtschafts- zum Handelsministerium über. V. d. Heydt ist fällig, muß in der Finanz durch Karl Bodelschwingh ersetzt werden. Graf zur Lippe Justiz, Wühler Kultus, Selchow Landwirtschaft sind freilich noch weniger Überflieger. Im ganzen ist's eine ziemliche Falstaffkompagnie von ausgemusterten Rekruten. Doch solange Roon mir bleibt, will ich's schon wagen. Er dachte daran, wie er Roon zuerst bei dessen Neffen Moritz Blanckenburg wirklich kennen lernte, ihn aber früher schon als Knabe in Kniephof oft gesehen hatte, wo Roon behufs topographischer Aufnahmen und geometrischer Messungen wiederholt einkehrte. Dabei lief der Knabe Otto um ihn herum, sein kleines Schießgewehr schulternd, was den gelehrten Militär amüsierte. Bei ihrer Zusammenkunft als Männer erinnerte sich Roon daran und bewahrte dem viel Jüngeren und damals Unbekannten eine freundliche Zuneigung. Nun hatte das Schicksal sie nahe zusammengeführt. Albrecht v. Roon war in seiner Weise ein bedeutender Mann und verstand das Kriegshandwerk im großen und kleinen aus dem Grunde. Seine wissenschaftliche Bildung auf bestimmten Gebieten verband Gründlichkeit mit eigener Einsicht, darüber hinaus ging freilich seine geistige Anschauung nicht. Von der poetisch-künstlerischen Seite des Genialen trennte ihn eine Welt, von philosophisch-humanistischer Durchbildung fehlte ihm trotz seiner Gelehrsamkeit jede Spur, seine naiv bärbeißige Religiosität wuchs auf gleichem Stengel wie die geistlose, dürre Bigotterie eines Moritz Blanckenburg und Kleist-Retzow. Für Politik besaß er genau das Verständnis, wie es einem begabten Militär entspricht, der im Äußeren oder Inneren das Staatswesen nur als Machtfrage behandelt. Scharfblickend, scharfdenkend, besonnen und klar, hatte er sogar schöpferische Triebe, soweit es sich um innere Heeresfragen drehte. Er war das Ideal eines Kriegsministers und übertraf den französischen Kriegsminister Niel, der gleichfalls Reformen erstrebte, bei weitem. Ein ausgezeichneter, schlagfertiger Redner, machte er seine schwertscharfe und manchmal böse Zunge bei den liberalen Dauerrednern gefürchtet. Nur blieb dieser entschieden geistvolle Mann ganz im Bannkreis des Offiziertums, entwand sich nicht mal der Geringschätzung des Militärs für Zivilisten. Heimlich gedacht, fing ihm der Mensch beim Offizier an. Hier zeigte sich, daß eine einseitig wissenschaftliche Fachbildung gar nicht genügt, einen Menschen innerlich durchzubilden. Ein solcher Spezialismus bleibt dürr und unfruchtbar, weil nur den Verstand, und zwar nur nach bestimmter Richtung, erziehend. Als Charakter hatte er alle guten Eigenschaften eines altpreußischen Offiziers: Ehrgefühl, Pflicht- und Königtreue, auch Treue im höheren Sinne, ehrenfeste Lauterkeit in allen materiellen Angelegenheiten, untadelige Reinlichkeit im Privatleben. Nur hatte er sich als militärischer Vorgesetzter einen Jähzorn angelernt, der keinen Widerspruch von Schwächeren vertrug. Dem König trat er mit männlichem Freimut gegenüber, obschon dieser ihm als der Gesalbte des Herrn galt. Mit seinem größeren Genossen und Leiter verkehrte er treu und herzlich, ihm in großen Fragen willig Untertan. Das ehrt sowohl seinen Verstand als sein Gemüt. Das intuitive Verständnis des Königs für die dämonische, ihm selbst so fremde Genialität hat Roon aber wohl kaum gelernt. Seine Verdienste um den Staat rechtfertigen indessen, daß er als geschichtliche Figur in die Unsterblichkeit einging. Jedenfalls hatte es etwas krampfhaft Zwerchfellerschütterndes, die Fortschrittspartei gegen öden, blöden Militarismus, geistige und sittliche Minderwertigkeit des Offizierstandes deklamieren zu hören, während just der Vertreter der Armee, der diesen braven Deklamatoren handgreiflich im Landtag gegenüberstand, an scharfem Geist und in gewissem Sinne auch an Charakter sie alle weit überragte. Er sprach und schrieb ein viel besseres Deutsch als diese von »Bildung« platzenden Professoren, Juristen und Berufsparlamentarier samt ihrer geschwollenen Presse. – »Ich habe dem Hohen Hause im Allerhöchsten Auftrage eine Botschaft zu übermitteln.« Der neue Premier, von seiner durch ein Gitter vom sonstigen Abgeordnetensaal abgesperrten Ministerbank sich in ganzer Länge erhebend, verkündete die Zurückziehung des Staatshaushalts für 1863, mit andern Worten, das interimistische Verfügen über alle Steuern und Einnahmen ohne verfassungsmäßige Genehmigung der Kammer. Er motivierte dies in der höflichsten Form, die aber wegen der klaren Festigkeit des Inhalts um so mehr bei den Unentwegten Ärgernis erregte. Am folgenden Tage erschien er in der Budgetkommission und verhandelte in der aufgeknöpftesten, ungeniertesten Manier einer Staatsmannschaft in Hemdärmeln. Dem neben ihm sitzenden Vizepräsidenten der Kammer, v. Bockum-Dolffs, reichte er plötzlich einen Olivenzweig hin, den er aus seiner Brieftasche zog: »Den pflückte ich in Avignon, um ihn der Fortschrittspartei als Friedenszeichen anzubieten. Jetzt sehe ich leider, daß die Zeit dazu noch nicht kam.« Er sah nur in ärgerliche und erregte Gesichter. Die schöne Geste mit dem Ölzweig machte sich gut, ob schon er ihn weder selbst gepflückt hatte, noch gar für die Volkspartei. Jetzt legte er aber vertraulich los: »Meine Herren, der Konflikt wird zu tragisch aufgefaßt, und die Presse tut ein übriges, ihn tragisch aufzubauschen. Die Regierung wünscht keinen Kampf. Sie böte gern die Hand dazu, die Krise auszugleichen, wenn es mit Ehren geschehen kann. Wir müssen uns gegenseitig goldene Brücken bauen. Solche kleinen Verfassungsstreitigkeiten müssen mit allseitiger Schonung behandelt werden.« »Es handelt sich um das wichtigste Recht der Landesvertretung«, fiel Professor Virchow mit hoher, krähender Stimme ein. »Und um das wichtigste Recht der Krone. Der betreffende Artikel 99 der Verfassung spricht nur von vorgängiger Veranschlagung des Etats, nicht von Feststellung. Das Wort Budgetbewilligung kommt überhaupt nicht vor, von dem Sie so reichlich Gebrauch machen. Ich darf Sie wohl auf die Praxis der letzten zwölf Jahre hinweisen.« »Sie über preußisches Verfassungsrecht zu hören, Herr Minister, ist wirklich belehrend«, begann Waldeck. »Der Artikel besagt ganz klar, daß Einnahmen und Ausgaben des Staates im voraus veranschlagt und auf den Etat gebracht werden müssen, und dieser Etat sei jährlich durch ein Gesetz festzustellen. Das war bisher allen gesunden Menschen, Ministern wie Abgeordneten so unzweideutig klar, daß alle darin eine unantastbare Bürgschaft für das Recht der Landesvertretung fanden auf jährliche vorgängige Festlegung des Etats.« »Da mußte ich Sie eben eines Bessern belehren.« Otto lächelte verbindlich. Wie sagt doch Kleists Hermann? Was kann er sagen, was ich nicht schon weiß! Im gedrängt-vollen Sitzungszimmer wehte eine ziemlich gewitterschwangere Luft, was ihn aber wenig bedrückte. »Sie vindizieren der Krone Rechte, die ihr nicht zukommen, die nicht in der Verfassung stehen«, belehrte ihn der Historiker Professor Sybel. »Das ist eine verwegene Interpretation, Herr Minister. Und dann reden Sie von gegenseitiger Schonung!« »Das tue ich.« Und er sprudelte los, fließend, obwohl stoßweise und abgebrochen: »Die große individuelle Unabhängigkeit des deutschen Charakters macht es schwer, mit einer Verfassung zu regieren. Für die Franzosen paßt dies, weil sie überhaupt keine Individualität haben und lauter Schablonenmenschen sind. Despotismus oder Verfassungsschema, sie schlucken alles runter. Wir stehen gottlob höher, bei uns gedeiht nichts Hammelherdenhaftes. Doch ebensowenig wie wir einen Despotismus dulden, ebensowenig können wir uns auf das Prokrustesbett einer Verfassung schnallen, wo alles über einen Leisten geschlagen wird. Davon müssen wir uns deraillieren. Wir sind zu hoch gebildet und deshalb zu kritisch. Die öffentliche Meinung wechselt, die Presse hat nur ein fiktives Mandat und vertritt keineswegs die allgemeine Meinung. Sie werden wohl selber wissen, was die Presse ist. Wir haben zu viel Leute, die ihren Beruf verfehlten, zu viel katilinarische Existenzen, die ein Interesse an sozialen Umwälzungen haben. Aber eine starke Regierung darf so etwas nicht indulgieren, in solche Kakophonie blasen wir mit Pauken und Trompeten hinein, mit dem guten alten preußischen Avanciermarsch.« »Jetzt Ist er beim Avancieren!« »Indulgieren, Deraillieren, Kakophonie, die unnützesten Fremdwörter!« murmelten die verschiedenen Leuchten der Wissenschaft. »Meine Herren, ein unnützer Konflikt legt die Regierung lahm. Wozu das! Wir sind doch alle Kinder einer Mutter. Denken Sie an Preußens Lage und an seine Bestimmung. Wir sind ein wenig zu hitzig und eitel. Preußen hat die Vorliebe, eine zu starke Rüstung für einen langgestreckten, schmalen Leib zu tragen, deshalb muß eben der Leib besser ausgebaut und verbreitert werden. Wir müssen unsere Rüstung zu nützen verstehen. Diese Rüstung, zu Deutschlands Sicherheit nötig, wollen wir nicht länger allein tragen, sie muß auf alle Deutschen ausgedehnt werden. Dies Ziel wird kein Nationalverein erreichen, sondern der König von Preußen, wenn man ihm das größte Eisengewicht verleiht, auf daß er es in die geschichtliche Wagschale werfe. Nicht auf Preußens Liberalismus sieht und baut Deutschland, sondern auf Preußens Macht. Die Mittelstaaten mögen dem Liberalismus huldigen, darum wird ihnen doch niemand Preußens Rolle anweisen. Wir müssen unsere Kraft vermehrt zusammenhalten für den günstigen Augenblick, der schon oft verpaßt ist. Ich stehe nicht an, zu erklären, daß wir seit dem Tode des großen Königs lauter Fehler machten. Wieviel verpaßte Gelegenheiten! Da war die Reichenbacher Konvention, wo Friedrich Wilhelm II. zwischen den Ostmächten den Schiedsrichter spielte und sie an neuen Territorialerwerbungen im Osten hinderte. Wozu denn? Je mehr Rußland und Österreich sich im Osten ausdehnen, desto besser für uns. Wir haben keinen Grund, über die Türkei unsern Schild zu halten. Im Gegenteil mußte man den Ostmächten freie Hand lassen, aber dafür Kompensationen in Deutschland verlangen. Dann die Einmischung in Holland, nur um uns wichtig zu tun, ohne jeden materiellen Gewinn. Den Frieden von Basel tadele ich nicht, wir hatten kein Interesse daran, uns mit Frankreich für Österreich zu schlagen. Dann aber mußten wir nachher, als Napoleons Annexionen sich wie ein reißender Strom fortsetzten, um so energischer auftreten, nicht für Österreich, aber zur Erweitung unserer Macht. Hannover hatte Napoleon uns schon angeboten und geschenkt, er hätte uns noch viel mehr gegeben, denn ursprünglich wollte er uns wohl, um uns als Pufferstaat gegen Rußland zu konsolidieren. Hätte unser Heer 1805 in Thüringen und Franken gestanden statt 1806, die Landkarte sähe heut anders aus. Das eben ist der Fluch einer falschen Politik, daß sie zwischen zaghaftem Zögern und überstürztem Losschlagen hin und her pendelt. Was dann kam, übergehe ich. Nur Österreich und England haben wir's zu verdanken, daß wir nach Niederwerfung Napoleons nicht den verdienten vollen Lohn erhielten. Historisch Gebildete unter Ihnen, wie Herr Professor Sybel, werden wissen, was Preußen vor allem damals verlangte, Angliederung eines norddeutschen Rheinbundstaates, der landesverräterisch bis zuletzt am ›erhabenen Protektor‹ festhielt.« »Sachsen«, murmelte Sybel. »Wir hätten auch das sogenannte Königreich Westfalen erhalten sollen. Nun, damals ging das Gespenst der Legitimität um.« Großes Erstaunen bei vielen Anwesenden. »Wir wollen hier darüber nicht reden. Rußland unterstützte uns damals bis zu einem gewissen Grade, und man begreift, daß sich bei Friedrich Wilhelm III. ein Fond von Dankbarkeit ansammelte. Aber Zar Nikolaus hatte nicht mehr das gleiche Wohlwollen. Wir haben ihm stets durch dick und dünn geholfen, beim Frieden von Adrianopel hätten wir für unsere freundliche Gesinnung etwas herausschlagen müssen. Dabei blieb uns nicht unbekannt, daß der Zar mit Karl X., dem Bourbonen, gegen uns intrigierte. 1830, nach der Julirevolution, wo es in Europa sengerig aussah, nur nicht bei uns, hätten wir erneut uns hervorwagen können. Wir waren damals an Schlagfertigkeit trotz des schwerfälligen Landwehrsystems allen weit überlegen. Aber nichts geschah, um die deutsche Frage zu lösen. Was von da an folgte bis heut, brauche ich Ihnen nicht zu sagen. Wir sagten immer Ja und Amen, beugten uns vor jedermann, wo wir es gar nicht nötig hatten. Mit verzweifelter Mühe verhinderten einige Patrioten, daß wir nicht noch in den Krimkrieg und den italienischen verwickelt wurden, wo wir nichts für uns zu holen hatten, es sei denn auf antiösterreichischer Seite. Unter uns, das billige ich auch, daß wir nicht neulich uns Österreichs Bedrängnis zunutze machten. Die Stimmung des deutschen Volkes war dagegen, und das ist für unsere deutsche Politik maßgebend.« Hier räusperten sich viele. Fällt der Himmel ein? Dieser Junker schwärmt vom deutschen Volk? Auf manche machte die freie Aussprache immerhin ersichtlichen Eindruck. Er fuhr fort, die Sätze heftig hervorstoßend: »Da konnten Sie aber am besten sehen, wie Österreich es mit uns hält. Es hat sich über unsern Kopf weg mit Frankreich verständigt, nur um uns keine Konzessionen zu machen. Wir haben Napoleon ganz umsonst verschnupft. Doch ich lege Ihnen nochmals ans Herz: Preußens Grenzen, wie der Wiener Kongreß sie nicht ohne böse Nebenabsicht schuf, sind ein Widerspruch zu einem gesunden Staatskörper. Mehr darf und möchte ich darüber nicht sagen. Sie behandeln die Heeresreform wie eine Frage der inneren Politik, vom Parteistandpunkt. Doch so viele Parteien wir zählen mögen, wir sind doch alle gute Preußen und lieben unser Vaterland. Bei der letzten Mobilmachung stellten sich große Schäden heraus, sie müssen ausgemerzt und die allgemeine Wehrpflicht, fürwahr ein demokratisches Prinzip, erweitert werden. Das macht uns niemand nach. Bedenken Sie, daß wir das einzige Land der Welt sind, das eine solche altrömische Wehrverfassung hat.« »Eine solch« Bürde!« murmelte ein Links-Ultra. »Gut, wenn es eine Bürde ist, so wollen wir wenigstens etwas für unsere Opfer haben. Nicht durch Reden und Majoritätsbeschlüsse werden die großen Fragen der Zeit entschieden – das war der Fehler von 1848 –, sondern durch Blut und Eisen .« Ein elektrischer Schlag ging durch die Versammlung. Eine so offene, so kühne Sprache hatte man von einem Minister noch nie gehört. Was war dies für ein sonderbarer Mensch, der da vor ihnen stand? Viele glaubten ihn doch zu kennen von früher her, doch sie kannten ihn offenbar nicht. Hat man uns den Junker umgetauscht, den wir wie einen hölzernen Türkenkopf in der Fechtschule gebrauchten, um auf ihn loszuklopfen? * Otto glaubte gesiegt zu haben und ging freudestrahlend davon. Der alte Irrtum der Genialen, daß sie ihren idealen Schwung und ihre reale Einsicht und ihre unausrottbare Wahrheitsliebe mehr oder minder bei anderen voraussetzen. Denn bei aller angeblichen Menschenverachtung und auch im einzelnen richtigen Menschenkenntnis glaubt der geniale Mensch doch immer, daß er im Grunde zur gleichen Menschenrasse gehöre und daher seine geistige und moralische Größe bei andern ein natürliches Echo erwecke. Das stimmt aber nicht, denn das Genie ist eine Rasse für sich. Nicht ein Übermensch, denn so etwas gibt es nicht, aber ein Vollmensch in seiner sonstigen Lebenshaltung, und in einem verborgenen Teil seines Ich ein Fremdling jenseits des Allzumenschlichen. Ja, auch dieser Teil schlummert in jedem Sterblichen, doch nur im Unterbewußtsein, und um in ihm das Verständnis für den Genialen hervorzulocken, bedarf es gewaltiger Hammerschläge. Wär' nicht in uns des Gottes eigene Kraft, wie könnt' uns Göttliches entzücken ... wäre nicht in der ganzen Menschheit etwas Geniales, so könnte das Geniale überhaupt nie verstanden werden. Aber es wird verstanden, zuerst von wenigen oder gar nicht, dann von vielen, zuletzt von allen. Man darf ruhig sagen, daß Otto nur einen einzigen hingebenden Bewunderer hatte: seine eigene Frau. Das ist öfter so, denn die Frau mit ihrem ohnehin feineren Instinkt weiß ja auch viel mehr von ihrem Manne als die Außenwelt. Nichts ist bedeutungsvoller für die wahre Erkennung des unseligen Marquis de Sade, des großen Revolutionärs und dämonischen Abgrundforschers, als daß seine Frau mit unbegrenzter Hingebung an ihm hing. Sie wird wohl gewußt haben, warum. Es ist eine Fälschung, zu behaupten, irgendwer habe den Schöpfer des neuen Deutschland erkannt, ehe die bewußten Hammerschläge ertönten und gleichsam eine Stimme vom Himmel sprach: Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe. Nur einer kam am allerfrühesten zu dieser Erkenntnis des Genialen, und wer den Genialen zuerst erkennt, muß unbewußt etwas Geniales in sich tragen. Wer dieser glorreiche Mensch war, das ahnte Otto bald. Doch selbst er hatte nicht Seelenkunde genug, um zu ermessen, welche hochgemute Tapferkeit in einem ernsten Greise verborgen lag, der sein Leben lang im Schatten stand, bis die Blitze des Geniegewitters ihn beleuchteten und die Schönheit seines seelischen Profils für alle Welt sichtbar machten. – Als die Budgetkommission sich verlief, stand sie anfangs unter der dämonischen Hypnose. Die einen schwiegen, die andern brummten, einige zeigten ein beifälliges Schmunzeln, als wollten sie sagen: Violà un homme! Aber als die Herrschaften vom kahlen Dönhofsplatz in die belebte Leipziger Straße einbogen, wirkte der Anblick des lärmenden Berlin auf sie ermutigend. Den eingebildeten Schwaflern, denen das Herz schon leise in die Hosen fiel, wuchs der Mannesstolz vor Geniethronen. Und als sie erst in der Weinstube bei Beckerath saßen, da floß ihnen der lieblichste Geifer von der Lippe. »Hehe, der eigentliche staatsrechtliche Standpunkt wäre also mit wenig Worten abgemacht, sowas ist für unsern Herrn v. Bismarck entschieden zu trocken, zu positiv.« »Wie schade, daß kein Stenograph da war, um ein getreues Bild dieses überraschenden Vortrags dem ganzen Lande darzureichen!« »Hehe, ein Kaleidoskop! Fremdwörter werden wohl erlaubt sein nach der ›Kakophonie‹!« Allgemeines Gelächter. »Diese Verschmelzung der heterogensten Dinge ging an unserem fassungslosen Blick vorüber, das Auge konnte dem raschen Wechsel kaum folgen.« »Offenbar verstehen wir nicht den höheren Flug, zu dem sich dieser Bahnbrecher alsbald erhob.« Ironisches Bravo und Leertrinken der Gläser. »Na, überraschend war es gewiß! Geist bei preußischen Ministern, wer ist an so was gewöhnt! Und hier sprudelte es man so.« »Jawohl, aber wenn Sie bei ruhiger Überlegung den Nachgeschmack auf der Zunge kosten, was ist's dann? Höchstens Sodawasser.« »Ich für mein Teil war bald dieser Überrumpelung überdrüssig. Je länger er uns mit seinem Geplauder anrempelte, desto inniger sehnte man sich nach der ruhigen Sachlichkeit, mit der gerade unsere Budgetkommission über dem Wohl des Staates wachte.« »Wie der Mensch mit Fremdwörtern seine Rede spickt! Ein Zeichen von Halbbildung!« »Diplomaten zieren ihren Stil damit.« »Der ein Diplomat! Hat man je erlebt, daß ein Staatsmann so von der Leber weg schwatzte? Nein, über diesen sogenannten Politiker kann nur eine Stimme sein.« »Hat er auch nur einen einzigen positiven Vorschlag angedeutet, um den Konflikt zu beseitigen oder auch nur abzuschwächen?« »Gewissermaßen doch!« wandte der Freiherr v. Vincke ein, der immer ein anständiger Edelmann blieb. »Man muß gerecht sein. Er hat in der offiziellen Erklärung gesagt, sofortige Beschlußnahme über den Etat von 1863 werde der künftigen Erledigung der streitigen Fragen nicht förderlich sein, sondern die Schwierigkeiten erhöhen. Der daran geknüpften Motivierung muß man fachlich beipflichten, sobald man sich an die Stelle der Regierung versetzt, die nun mal ihr Herz an diese Heeresreform gehängt hat.« »Aber nicht wir!« erscholl der Männerchorus. »Auch ich nicht, aber ich bin objektiv genug, anzuerkennen, daß er die Hand zur Versöhnung bot.« »Wieso denn? Waren wir taub?« »Er versprach ausdrücklich, den Etat für 1863 erneut dem Hause vorzulegen, sobald der Gesetzentwurf für Regelung der allgemeinen Wehrpflicht vollendet sei, und den für 1864 wieder ordnungsgemäß zur verfassungsmäßigen Beschlußnahme vorzulegen.« »Mausefallen! Und auf solchen Zimmt fällt ein alter Parlamentarier wie Sie herein!« »Ich glaube, daß er es ehrlich meint«, versetzte Vincke gelassen. »Er will bloß die Heeresreform durchdrücken und nachher in aller Form Indemnität von uns erbitten, sofern wir nicht vorher uns die Sache überlegen.« »Umfallen, nicht wahr? Nicht daran zu denken! Dies ist eine Prinzipienfrage für die Partei. Sollen wir für seinen verrückten Großmachtskitzel die Hand bieten? Den wollen wir ihm schon austreiben.« »Haben Sie verstanden, was er von schlechten geographischen Verhältnissen unserer Grenzen andeutete? Ha, das gibt eine französisch-russisch-preußische Allianz mit Verzicht auf den Rhein. Der Mensch ist zu allem fähig. Er realisiert französische Pläne, damit er in Deutschland den Schnapphan spielen kann. Jeder deutsche Mann muß sich dagegen empören.« »Den Liberalismus als Machthaber Preußens tat er geringschätzig mit ein paar schnoddrigen Redensarten ab. Katilinarische Existenzen, sagt er von unsern treubewährten Journisten? Ich werde die Presse schon scharfmachen. Die Tafelrunde erhob sich unter dem Schlachtgeschrei: »Diesem Ministerium keinen Groschen!« »Und dieser burschikose Erzjunker, die Hände in den Hosentaschen, der sich Allüren von Genialität gibt, ist ein Schwindler, ein Humbug. So sieht Genialität nicht aus. Das Genie ist immer bescheiden und dekretiert nicht selbst, ob es eins sei. Wir haben zu entscheiden.« Wir Philister, jawohl. Das gehört zur Tragikomödie von des Genialen Erdenwallen, daß sich immer und immer wieder das gleiche Schauspiel wiederholt, wo der Geniale als Blagueur ausgepfiffen wird, weil ihm stets eine gewisse linkische Eckigkeit im Anfang anhaftet, dagegen das nachäffende Talent mit großen, formvollen Gesten als Heldentenor gefeiert wird, freilich nur auf den Brettern der Tagesbühne, die nicht die Welt bedeuten. Auch hat der Philisterspruch »das Genie ist immer bescheiden« nicht mehr Wert, als der köstliche Satz »das Genie bricht sich immer Bahn« (ja freilich, durch die bloße Tatsache, daß es seine Werke schafft, aber selten im äußeren Erfolg). Das Genie ist gewiß bescheiden vor Gott, und sobald es diese Demut verliert, geht es zum Teufel. Und Goethes Aussage »Nur die Lumpe sind bescheiden« ist vollkommen falsch, denn die Lumpe sind nie bescheiden. Wohl aber stimmt »Brave freuen sich der Tat«, und Schopenhauer spottet mit Recht, wie man vom Genie erwarten könne, es solle seiner selbst nicht bewußt sein. »Da sehen Sie unsern großen Virchow! Der ist bescheiden!« So sprach auch der gewaltige Professor Adolf Stahr, Gatte der gewaltigen Fanny Lewald, einer jüdischen Prophetin des Aufklärichts, beides Leuchten und Zierden der Fortschrittspartei, die in ihrem Salon tout Berlin versammelten. Als dort der damals hochberühmte Berthold Auerbach nach seiner Gewohnheit etwas zu viel von seinen Dorfgeschichten prahlte, deren sentimentale Zustutzung der Schwarzwälder Bauernseele dem Großherzogspaar von Baden Tränen und dem schauderhaften Schönhauser Gutsherrn Lachtränen entlockte, sprach Stahr das tiefe Wort: »Ich hasse eitle Menschen, wie diesen lieben Freund oder den widrigen Bismarck. Da sehen Sie meine Fanny, die ist bescheiden!« Wozu die majestätische Aspasia, die deutsche Madame de Staël, ohne Talent gnädig schmunzelte. – – Die Zeitungen machten sofort einen Riesenkrakeel nach ausgegebener Losung. Der verrückte Bismarck und sein verblendeter Monarch würden erleben, was Strafford und Karl I., »von Unserm Langen Parlament«. In diesem Stil perorierten auch die Fortschrittler in der Kammer, die vormalige siebentägige Debatte über Ablehnung des Budgets lebte wieder auf. Der Kronprinz, den Ministerpräsidenten gelegentlich treffend, machte ein ernstes Gesicht. »Ihr Mut imponiert mir, aber ich fürchte, man wird mit Ihnen unglimpflich verfahren.« »Und wenn sie mich hängen, dann wird mein Strick das neue Deutschland fester an Ihren Thron binden.« »Sie bringen auch die Krone in Gefahr.« »Ich glaube nicht daran. Doch keine Macht der Welt wird mich von meinem Posten stoßen, solange mein König mich dorthin stellt. Die Heeresreform ist in vollem Gange, Roon sorgt dafür, und alles übrige schreckt mich nicht.« Aber es könnte den greisen König schrecken. Roon sprach seine Unzufriedenheit aus: »Sie haben sich zu sehr decouvriert und sind den liberalen Schlingeln zu weit entgegengekommen. Derlei geistreiche Exkurse fördern nichts und können unsern Herrn kopfscheu machen. Er scheut alles Gewaltsame.« »Wären die Feinde nicht so verbittert und plagte sie nicht der Ehrgeizteufel, ein Parlamentskönigtum für sich selber zu richten, so hätten sie mich verstanden.« »Die Hauptsache ist aber, ob Majestät Sie begreift. Er ist in Baden, wie Sie wissen, zum Geburtstag der Königin, und sie wird ihm schon einheizen mit dieser Presse in der Hand.« »Ich werde ihm bis Jüterbog entgegenfahren, um beizeiten vorzubeugen.« In Jüterbog fertigten ihn die Schaffner, von denen keiner den hochgewachsenen Herrn in Inkognito kannte, kurz ab. Ja, der fahrplanmäßige Zug komme gleich. Ob der König wirklich damit fahre? Möglich, ein besonderer Salonwagen sei nicht dabei. Er möge selber nachsehen. Der Zug lief ein, und Otto fand den König in einem gewöhnlichen Kupee erster Klasse allein. Er sah sehr ernst und sorgenvoll aus und grüßte den unerbetenen Besucher, der ihn in seinen bittern Gedanken überfiel, nicht allzufreundlich. »Ich habe gewagt, Eure Majestät aufzusuchen, um über die Vorgänge zu berichten, die in höchstdero Abwesenheit –« »Nicht nötig«, unterbrach der König schroff, »Ich sehe voraus, wo das alles hinaus will. Vor meinen Fenstern auf dem Opernplatz wird man Ihnen den Kopf abschlagen und etwas später mir.« » Et après , Sire?« kam die kurze Antwort. »Ja, après , dann sind wir eben tot.« »Gut, dann sind wir tot, was früher oder später jedem begegnet, aber können wir anständiger sterben? Ich im Kampf für meinen König, mein König in Verteidigung seines guten Rechts. Ob man auf dem Schlachtfeld fällt oder auf dem Schafott, ist gleich, wenn man rühmlich sein Leben opfert. Eure Majestät tragen die Krone von Gottes Gnaden und sind nur Gott verantwortlich. Ich weiß wohl, daß man von Ludwig XVI. redet.« Das war in Baden wirklich geschehen. »Das war ein Schwächling, der vor der Geschichte als eine wenig erhebende Erscheinung gilt. Karl I. dagegen, der zwar die Schlacht verlor, wo er tapfer kämpfend voranzog, und dann sein Königtum mit dem Blute unter Henkerbeil besiegelte, wird er nicht immer vornehm und königlich vor der Nachwelt stehen? Und hat er nicht so für England das monarchische Prinzip gerettet?« Das war alles wahr, und das erzkonservative England feiert noch heute den »Märtyrer-König«, aber daß dieser bis zum Meineid verlogene und heuchlerische Tyrann mit dem Blut vieler Märtyrer seine eigene weiße Hand befleckte, und daß ein Abgrund ihn von dem streng gewissenhaften, durch und durch redlichen, im wahrsten Sinne ehrenhaften Wilhelm I. trennte, das wußte Otto natürlich auch. Was hier vor allem nötig schien, war die Berufung auf Tapferkeit und Selbstverleugung. Das edle Gesicht des Königs belebte sich zusehends, es fuhr gleichsam ein Leuchten darüber hin. »In der Tat«, bekräftigte er ruhig, »hat der Tod dieses Königs etwas Begeisterndes.« »Eure Majestät sind jetzt in gleicher Lage wie er. Sie sollen vergewaltigt werden und müssen fechten. Und selbst wenn leibliche Gefahr droht, dürfen und sollen Sie nicht kapitulieren.« »Nein, das will ich nicht.« Die große Gestalt des königlichen Greises straffte sich. Jetzt war er der preußische Offizier, der für König und Vaterland ohne Besinnen dem sicheren Tode trotzt. Otto hatte ihn am Portepee gefaßt, und solchem Alarmappell gehorcht jeder Soldat. »Die leibliche Gefahr beunruhigt mich wirklich sehr wenig,« fügte er mit einem herzerfrischenden, leisen Lächeln hinzu. Die beiden gänzlich Furchtlosen blickten sich in die Augen. »Eure Majestät sind der erste Offizier im Lande und haben Ihre Instruktion von Gott, den Posten zu halten. Es ist kein verlorener Posten, aber wenn dem so wäre, so erfüllen Sie den Befehl Ihres einzigen Vorgesetzten, und naseweise Manöverkritik läßt Sie unberührt. Auch sind wir hier auf keinem Manöver, sondern im wirklichen Krieg, und da werden Eure Majestät als oberster Kriegsherr und preußischer Offizier wissen, was Sie zu tun haben.« »Ich danke Ihnen.« Der König reichte ihm die Hand. In dem dunkeln Kupee ging ihm ein großes Licht auf. »Wie Sie zu mir halten, so werde ich zu Ihnen halten und mich fortan durch keine Kritik und keine furchtsamen Vorstellungen beirren lassen.« Es war ein Meisterstreich von Psychologie, daß sein Berater ihn mit einem Ruck auf den Pfad stellte, wo sein gerades, ritterliches Wesen die vertrautesten Wegweiser fand, in die Gefechtsposition eines Soldaten vor dem Feind. So hoch er die politische Weisheit seiner weiblich beredsamen Gemahlin ursprünglich einschätzte, es dämmerte seiner Bescheidenheit schon lange, daß diese anscheinende geistige Überlegenheit sich nur auf das Reden und nicht auf das Handeln verstand. Der von seinem Vater geerbte klare, gesunde Verstand und die persönliche Unerschrockenheit, die aber bei jenem etwa Hausbacken-Philiströses an sich trugen, gewannen bei ihm durch mütterliche Beimischung ein höheres Gepräge. Das Weiche, Humane, für poetische Regungen Empfängliche befähigte ihn zu schwunghafter Seelenerhebung, zu einer stillen Begeisterung. So hatten die unerforschlichen Mächte in ihm gerade denjenigen Herrscher ausgewählt, der einzig und allein geeignet schien, sich vom Dämon Genie, den ihm das Schicksal beigesellte, emportragen zu lassen. Seine eigene stumme und inartikulierte Weisheit fand so eine Stimme. Als der Zug auf dem Berliner Bahnhof einlief und die übrigen Minister dort den Monarchen empfingen, staunten sie über die wider jedes Erwarten heitere Stimmung. »Ja, meine Herren,« äußerte er sich mit leuchtendem Auge, »wir stehen in ernster, aber großer Zeit. Wir werden der Übelstände schon Herr werden und nicht einen Schritt nachgeben. Das Vaterland ruft, und wir werden dem Rufe folgen.« – Der ehrliche Vincke hatte es wahr gemacht, was er andeutete, er anerkannte das halbe Entgegenkommen der Regierung durch ein »Amendement«, wonach der Regierung angeboten wurde, »die Bewilligung eines vorläufigen extraordinären Kredits zu beantragen«. Er wollte so eine Art Eselsbrücke schlagen, um den Konfliktriß einigermaßen zu überkleistern und den Weg zur Verständigung offen zu lassen. Der Ministerpräsident erkannte dies in der Sitzung vom 7. Oktober ausdrücklich an und gab die Hoffnung nicht auf, daraus einen Anknüpfungspunkt zur Vermittelung zu gewinnen. Die übrigen »Resolutionen« der Budgetkommission bezeichnete er als Zurückweisen der dargebotenen Hand, als eine Herausforderung nach dem Vorschlag zum Waffenstillstand. Die Regierung nehme davon Akt. Die Kompetenzfrage sei niemals rechtlich ausgetragen worden, jetzt werde sie durch theoretische Dialektik und persönliche Polemik nicht gelöst werden. Interpretierung mit Interpretierung zu bekämpfen sei erst an der Zeit, wenn jeder friedliche Ausgleich unmöglich werde. Dagegen sei das Amendement Vincke ein Unterpfand der Verständigung, und er beantrage daher Vertagung der Verhandlung. Nichts da! Hic Rhodus, hic salta! Jetzt wird verhandelt und mit großer Mehrheit Vinckes Versöhnungsantrag verworfen. Verschiedene Abgeordneten umarmten sich in heller Siegesfreude. Otto hatte ein so drückendes Gefühl seines Besiegtseins, daß er in der Kammersitzung gemütlich an Nanne schrieb, er befinde sich sehr wohl. Die Schwester sandte ihm Blutwurst und Leber, von denen er ein reiches Frühstück zu sich nahm und ihre Schlachttaten segnete. – In folgenden Ministersitzungen ging es etwas beklommen her. Die Herren machten zum Teil lange Gesichter. Der arbeitsscheue Graf Eulenburg klagte: »Ich bin ganz nervös. Sie kennen ja wohl das Bonmot: Jemand ist klüger als Herr v. Talleyrand, nämlich Herr Tout-le-Monde. Die öffentliche Meinung ist ein harter Knochen. Und was wird das Ausland sagen!« »Das lassen Sie gefälligst meine Sorge sein. Une grande puissance ne se reconnait pas, elle se révèle , das ist ein anderes Bonmot, und zwar von meinem Freunde Gortschakow, auf Italien angewendet. Wir sind sicher eine viel stärkere und ältere Großmacht als das junge Italien, und werden uns schon ›enthüllen‹. Sobald das Ausland merkt, daß wir ruhig unsern Weg gehen, ohne uns um das Zeitungsgeschrei zu kümmern, wird diese Erkenntnis sich schon durchringen.« »Aber die finanzielle Seite!« wehklagte Graf Itzenplitz, der Handelsminister, den seine Untergebenen, die Dezernenten oder Vortragenden Räte, völlig beeinflußten. Diese und noch mehr die des Finanzministeriums hatten nur Fühlung mit den Liberalen und haßten das neue Ministerium von ganzer Seele. »Was soll ich dann erst sagen!« betonte der Finanzminister Bodelschwingh. »Meine Räte machen mir die Hölle heiß.« »Dann verabreichen Sie ihnen einige kalte Wasserstrahlen. Ihr Delbrück«, wandte er sich an Itzenplitz, »ist eine Kapazität. Aber es sind Durchstechereien in Ihrem Ressort vorgekommen. Haben Sie ein Auge auf die verdächtigen Beamten?« »O ja,« murmelte jener verlegen, »aber es sind gerade höchst begabte Leute für die Diensttechnik.« Otto wußte, daß er von beiden Ministern keinen werktätigen Beistand erwarten durfte, beide älteren Herren unterhielten sich über ihn nach dem Leitmotiv: Ein dilettantischer Anfänger, der ins Unglück reiten wird! »Ich werde Ihnen empfehlen, verehrter Kollege, sich an mich zu wenden und mir die geehrten Herren zu dienstlicher Behandlung zu überweisen«, lächelte der Justizminister Graf zur Lippe, wobei er nach seiner staatsanwaltschaftlichen Gewohnheit die Lippe höhnisch verzog. Er glaubte immer noch, sich vor armen Sündern zu befinden, denen sein Plaidoyer ein paar Jährchen Zuchthaus aufbrummen sollte, und hielt jeden Opponenten im Landtag für einen Verteidiger-Rechtsanwalt, den er seine amtliche und geistige Überlegenheit fühlen lassen dürfe. Er brachte damit die Kammer zur Wut und glaubte damit noch ein nützliches Werk zu tun. Wenn Bodelschwingh und Itzenplitz von liberalen Räten am Seil geführt und Selchow als Freimaurer mindestens indifferent, so bot Graf Lippe durch seine ultrareaktionäre Gesinnung dem Ministerium auch keinen rechten Halt, da er nur immer nach den unvernünftigsten Maßregeln drängte. Nur Eulenburg besah politisches Verständnis, aber er haßte als Lebemann trockene Arbeit, die seine Vergnügungssucht beeinträchtigte. Als der Konflikt sich immer weiter bis Neujahr zuspitzte und es ihm ans Leder ging, hielt er sich zwar schneidig genug, aber jammerte dann: »Ich bin hin, mein Nervenleiden nimmt zu, der Arzt verordnet mir Ruhe, und wo die finden!« »Wenn Sie etwas weniger auf Bälle gehen und der Venus huldigen!« mahnte ihn Otto ernst, der ihn jedoch nicht entbehren konnte. In diesem frühen Stadium der Verhandlungen fragte Eulenburg an: »Soll das Herrenhaus nun wirklich das revidierte Budget ablehnen und in der Regierungsform annehmen?« »Gewiß, ich sprach mich nach Eröffnung der Plenarsitzungen im Herrenhaus so aus, und Arnim-Boitzenburg wird den entsprechenden Antrag stellen.« Dieser alte Staatspräsident war auch nicht wenig verwundert, seinen ehemaligen faulen Referendar als höchste Spitze des Systems vor sich zu sehen. Wehmütig äußerte er zu seinem Neffen Harry: »Man weiß doch nie, was aus einem Menschen werden kann. Unser verehrter lieber Freund hat nie sein Assessorexamen gemacht und trat sozusagen als Wilder in die Diplomatie ein. Ich für mein Teil gebe viel auf korrektes Abwickeln der Examina und Rangstufen.« »Otto ist ein Meteor«, seufzte der neidische Harry, »und hat eben Glück.« »Meteore sind flüchtig«, schüttelte sein Onkel den Kopf. »Natürlich unterstütze ich seine Politik, doch wie lange wird's dauern!« »Wie der ist,« lachte Harry, »geht er überhaupt nicht mehr vom Fleck und bleibt lebenslänglicher Minister in Permanenz.« »Erzähle keine Märchen! Allerhöchstenorts sitzt er freilich fest ... fürs erste, aber Neujahr ist auch noch ein Tag, und nächsten Oktober ist Ultimo. Ich gebe ihm gerade ein Jahr, im Maximum.« – Mit höflicher Ruhe vertrat Otto vor dem vereinten Herren- und Abgeordnetenhaus, den »erlauchten, edlen und geehrten Herren«, den unerschütterlichen Standpunkt der Regierung. Er lobte die Handelsverträge mit Japan, Siam, China, Chile, Türkei und vor allem Frankreich, und sah darin die Bürgschaft, daß die dort maßgebenden wirtschaftlichen Grundsätze fortan die Grundlage unserer Handelspolitik bleiben würden. Die Aufhebung des Ortsbriefbestellgeldes sei eine erwünschte postalische Erleichterung. Das Gesetz über die Bergwerksabgaben richte sich gegen ausländische Konkurrenz. Die neuen Bahnlinien Küstrin–Berlin, Görlitz–Waldenburg, Halle–Kassel würden Verkehr und Wohlstand heben. Die Militärkonvention mit den sächsischen Herzogtümern und Waldeck verbessere die Bundeskriegsverfassung. Das Paßwesen werde auf dem Verwaltungswege erleichtert werden. Bezüglich des Etats seien durch Fortfallen der ursprünglich ins Auge gefaßten Steuerzuschläge die Lasten der Bevölkerung nicht gegen früher vermehrt worden. Die Regierung würde sich aber einer schweren Pflichtverletzung schuldig machen, wenn sie den Beschlüssen der Abgeordnetenmehrheit beitreten wollte. Sie wird daher den Staatshaushalt ohne die verfassungsmäßige Unterlage weiterführen, der erwachsenden Verantwortung vollbewußt. Nur mit Selbstbeschränkung und Achtung der gegenseitigen Rechte könne ein gedeihlicher Ausgleich stattfinden. »Im allerhöchsten Auftrage erkläre ich hiermit die Sitzung der beiden Häuser des Landtages für geschlossen.« Er hatte also den Kampf aufgenommen, und verschiedene Exaltados erörterten ernsthaft, ob er nicht den Kopf auf den Block legen müsse. Schon jetzt tauchte der im Februar des folgenden Jahres mit riesiger Stimmenmehrheit durchgeführte Plan auf, die Minister für verfassungswidrige Ausgaben mit Person und Vermögen haftbar zu machen. Ängstlich sprach ihm Blanckenburg zu: »Du solltest eine Zession an Bruder Bernhard machen, um einer Konfiskation deinen Grundbesitz zu entziehen. Du weißt, wie unfreundlich der Thronfolger denkt, bei Thronwechsel wäre so etwas schon denkbar.« »Fällt mir nicht ein. Schmutzige materielle Rücksichten und feiges Drückebergern werde ich mir fernhalten. Die arme Nanne ist tapferer als du. Sie hat keine Schwulitäten, wo es um die Ehre ihres Mannes geht.« – Er stellte dem König vor, daß er nochmals nach Paris zurückmüsse, da er Napoleon bisher sein Abberufungsschreiben nicht überreichen konnte. »Es ist nicht gut, solche offiziellen Förmlichkeiten zu unterlassen. Übergroße Höflichkeit schadet nie, sobald sie nicht zudringlich wird.« »Die Welt wird aber etwas anderes dahinter suchen und an neue Abmachungen denken«, wandte der König ein. »Was die Welt urteilt, ist mehr als gleichgültig, da sie fast immer das Gegenteil der Wahrheit denkt. Übrigens könnte es nichts schaden, wenn sich solche Gerüchte verbreiteten, um einigen verdächtigen Elementen Angst zu machen.« »Aber ich erwarte bestimmt, daß Sie sich auf nichts mit Napoleon einlassen.« »Verlassen sich Eure Majestät auf mich! Hat er etwaige böse Hoffnungen, so werde ich sie ihm benehmen.« »Sie fürchten nicht Einmischung des Auslandes? Unsere Revolutionäre wären gewiß erbötig zu jedem Landesverrat.« Otto lächelte. »Da unterschätzen Majestät Ihr braves Volk. Ganz Preußen würde sich wie ein Mann erheben. Zu allererst würden Vincke und Herr v. Bockum-Dolffs die Plempe ziehen. Überhaupt, wer denkt an Revolution! Nur phantastische Unredlichkeit kann so etwas Eurer Majestät einreden. Solche Befürchtungen lähmen nur den freudigen Mut. Den Herren Stänkern in Kammer und Presse werde ich schon zeigen, wie man mit ihnen umspringen muß.« * Er traf den Empereur im Lustschloß Saint Cloud. Dieser zeigte eine betrübte und sichtlich verärgerte Miene. Nach den üblichen Formalitäten begann er: »Sehen Sie sich um! Dieser Raum ist historisch. Hier unterzeichnete der letzte Bourbon die Juli-Ordonnanzen, die ihn vom Throne stießen. Ich möchte Ihnen raten, nicht Polignacs Geschick zu vergessen.« »Das findet auf unsere Lage keine Anwendung.« »Was, und 1848? Ich verfolge mit Sorge die Entwicklung. Die Dinge können nicht so weitergehen. Es wird einen Aufstand in Berlin und eine Massenempörung im ganzen Lande geben. Wenn Sie ein Plebiszit beriefen, würde jedermann gegen den König stimmen und sein Votum als Veto gegen Sie einlegen.« »Sie verwechseln, Sire, Preußen mit Franzosen. Unsere Leute sind keine Barrikadenbauer, bei uns gibt es nur den Umsturz von oben. Friedrich Wilhelm I. begann damit, Friedrich der Große betrieb es im großen, und die gewaltigen Reformen nach 1807, die wirklich eine Revolution bedeuteten, waren vom König selbst sanktioniert. Ein Plebiszit, wie Sie es nennen, Sire, gibt es bei uns nicht. Und wenn, so würden noch jetzt neun Zehntel für uns stimmen.« Napoleon wiegte den Kopf. »Ich verkenne nicht die Verschiedenheit des Nationalcharakters. Die guten Deutschen sind so langmütig.« Er seufzte, indem er an seine Franzosen dachte. »Doch die Entfremdung von Krone und Volk muß Ihrem Gebieter, dessen wohlmeinenden Charakter ich kenne, höchst peinlich sein.« »So ist es. Aber wenn er nur ein paar Jahre widersteht, gewinnt er das Spiel.« »Und Sie werden natürlich durchhalten? O, Sie kenne ich auch.« »Sofern der König nicht ermüdet und mich steckenläßt, werde ich mich nie versagen. Viel ernster ist die Frage, ob das Ausland nicht gesonnen ist, den Konflikt zu benutzen, wobei es eine herbe Täuschung erleben würde.« »Meinen Sie mich?« Napoleon winkte müde mit der Hand ab. »Ich habe augenblicklich die Hände voll mit Mexiko. Auch sollen Sie mich besser kennen, daß mein politisches System sich keinesfalls gegen Preußen richtet.« »Ich dachte nicht an Sie, Sire, sondern an Österreich.« »In diesem Fall ist meine Stellung klar vorgezeichnet: absolute Neutralität. Freilich dürfte ich wohl als Äquivalent eine kleine Grenzberichtigung erwarten. Ich ziele auf das Saarbrückener Kohlenviertel.« »Ich bedaure, den Wunsch Eurer Majestät abschlägig bescheiden zu müssen. Denn selbst, wenn ich wollte, würde der König nicht ein einziges Dorf hergeben, schon aus Rücksicht auf das übrige Deutschland, das uns des Verrats beschuldigen würde.« »Und darauf dürfen Sie es nicht ankommen lassen, besonders unter jetzigen Umständen. Ich begreife. Also Sie haben meine bedingungslose Zusage.« Indem er Schluß der Audienz andeutete, erhob er warnend die Stimme: »Österreich ist immer noch sehr stark, sein Heer focht bei Solferino recht gut.« »Das preußische wird noch besser fechten.« »Sie haben ein gottgesegnetes Selbstvertrauen. Ich sehe Ihnen an, Sie bleiben hartnäckig. Nun, tun Sie, was Sie nicht lassen können!« Er hält uns für schwach, dachte Otto mit einer gewissen hämischen Schadenfreude, und hofft, nachher zu intervieren. Ob. der Kaiser etwa der Kaiserin und diese ihrer Freundin Pauline Metternich meine Drohung gegen Österreich ausplaudert? Gleichgültig daß die naiven Toren darüber nur lachen werden. Selbstüberhebung und Unterschätzung des Gegners sind allezeit die Bürgen der Niederlage. Napoleon aber dachte: Der mag die Überzeugung eines Luthers und den Fanatismus eines Mohammed haben, denn die Machtstellung Preußens scheint seine Religion. Er hat ein wenig den Blick des Fanatikers. Aber er wird sein Land ins Verderben stürzen. Selbstüberhebung und Unterschätzung des Gegners sind allezeit die Bürgen der Niederlage. Wenn zwei dasselbe denken, ist's nicht dasselbe. Als die Kaiserin bei der Tafel fragte, ob er immer noch günstig über den langen Preußen denke, schnippte er geringschätzig mit den Fingern. » Ah bah, ce n'est pas un homme sérieux !« Der nicht seriöse Mann saß mittlerweile im verschlossenen Zimmer mit einem seriösen Besucher. Das war der madjarische Graf Seherr-Toß, der seine Dienste anbot. »Wie ich, denken Unzählige bei uns. Ungarn will und muß seine Selbständigkeit erobern. Antiösterreichische Agitation im geheimen vermag viel. Im Falle eines Krieges gegen Preußen werden wir uns dazu anschicken. Ich bin doch recht berichtet, wenn ich voraussetze, Eure Exzellenz als Todfeind Österreichs zu finden?« Otto nickte. »Ja, ich habe mir vorgesetzt, die Demütigung von Olmütz zu rächen. Dies Österreich, das uns zu seinem Vasallen erniedrigen will, will ich zu Boden werfen und Preußen aufrichten. Wir als rein deutscher Staat haben nichts mit einem dritteldeutschen Staat gemein, der sich anmaßt, in Deutschland das große Wort zu führen. Was nun Ungarn betrifft –« Er hielt zögernd inne. »Exzellenz verkennen wohl nicht den Wert unserer Beihilfe.« »Keineswegs. Schon der Alte Fritz pflog mit ungarischen Magnaten eine Geheimverhandlung über ein Bündnis.« »Vielleicht chokiert Sie der Name Revolution. Doch Sie wissen wohl, daß wir nicht Revolutionäre im sonstigen Sinne des Wortes sind.« »Gewiß, Herr Graf.« Otto lächelte heimlich. Als ob ihn das was kümmerte! Im Ausland mögen sie so viel revolutionieren als sie wollen, was ja immer nur staatliche Schwächung bedeutet. »Unser Sieg würde auch Ungarn befreien, dessen seien Sie sicher. Ich betrachte Österreich in Deutschland geradeso als Joch der Fremdherrschaft, wie Sie dies für Ungarn tun.« »Aber wie wird sich Frankreich dazu stellen?« »Darüber schwand mir jedes Bedenken. Ich konferierte heut zwei Stunden mit dem Kaiser und bin seiner Neutralität sicher.« – Seine alte Flamme, die Kaiserin, empfing ihn liebenswürdig, beim Abschiedsdejeuner bedauerte sie innig, seine angenehme Gesellschaft zu verlieren, auf die sie sich so gefreut habe. Seit er aber »kein seriöser Mann« mehr, also nicht gefährlich, war er vor ihr gerichtet und verlor jeden pikanten Zauber. Dagegen freute sich Kathy Orlow unbändig, ihn wenigstens wiederzusehen. »Da haben wir's! Nun ist er ein großmächtiger Herr und wird seine alten Freunde vergessen. Abscheulich! Nun kommen wir doch um das gemütliche Zusammenleben in Paris, wie wir's so hübsch uns ausmalten.« »Wie geht's sonst?« fragte Orlow teilnehmend. »Wie soll's gehen? Sie wissen, wie faul ich bin und nun soll ich arbeiten wie ein Karrengaul. Am liebsten hielt ich auf einer Ofenbank einen Winterschlaf bis nächstes Frühjahr, aber ich muß in die Stränge.« – Auf der Rückreise hatte er in Magdeburg ein Stelldichein mit dem König, der ihn auf drei Tage zur Hofjagd nach Letzlingen mitnahm. »Nun, was sagte Napoleon?« »Alles in Ordnung. Der wird uns ungeschoren lassen.« »Sie haben ihm doch nicht nach Ihrer stürmischen Art rund heraus gebeichtet, daß wir antiösterreichische Politik machen?« »Warum denn nicht? Je weitere Kreise dies wissen, um so besser. Das wird in Wien etwas einschüchtern, wo man sich heut so schadenfroh die Hände reibt. Ich hatte auch einige Unterredungen mit Drouyin de l´Huys, dem Minister des Auswärtigen. Ein ziemlich gewandter Spekulant, der auf unseren Konkurs wartet, doch am liebsten den österreichischen Konkurrenten benachteiligt sähe.« Der König seufzte. »Wir haben heut den 2. November. Wer weiß, wie's übers Jahr an diesem Tage steht!« »Gut, sicher gut. Immer ruhig vorwärts! Viel wird bis dahin kaum geschehen sein, wir brauchen noch etwas Zeit zur Vervollständigung der Heeresreform.« »Sehr richtig. Wenn doch die Liberalen nicht so verstockt sein wollten! Sie wissen, wie sehr ich alles Reaktionäre verabscheue. Mir wäre alles recht, wenn wir denn schon mal die Verfassung haben, aber bei dieser Frage lasse ich mir nichts abhandeln. Biegen oder brechen!« »Es wird nichts brechen, und die Leute werden sich von selber biegen... unter der Gewalt der Ereignisse.« »Welcher Ereignisse?« Der König sah ihn prüfend an. »Die polnische Frage rührt sich auch schon wieder. Ich habe geheime Nachricht, daß man im Frühjahr neue Insurrektion in Warschau fürchtet. Was dann?« »Immer für Rußland eintreten. Dort divergieren am Hofe altrussische und polnische Interessen. Der Zar in seiner Großherzigkeit möchte Polen autonom machen, Gortschakow ist nicht dagegen. Ich muß Eurer Majestät jetzt berichten, was der Zar mir vertraulich antrug: etwaige Abtretung der polnischen Distrikte bis Niemen und Weichsel an Preußen.« Der König spitzte sozusagen die Ohren wie ein Kavalleriepferd beim Klang der Trompete. Der altpreußische Drang nach Gebietserweiterungen war sehr rege in ihm. »Ist das ernst gemeint?« »Ich glaube ja. Der Zar meinte, Warschau selbst müsse er wohl behalten, weil es ein beliebter Garnisonort sei und zum Festungsdreieck gehöre. Aber er möchte so viel Polen loswerden als möglich, und denkt dabei nur an uns, will natürlich Österreich nichts zuwenden.« »Wie begründet er das? Das nimmt mich wunder.« »Die Russen seien doch nie fähig, die Polen zu assimilieren und zu versöhnen, weil letztere sich überlegener Kultur rühmten. Den Deutschen gegenüber liege es umgekehrt. Das Übergewicht der deutschen Kultur können die Polen in sich aufnehmen.« »Das läßt sich doch hören. Sind Sie dawider?« »Ja. Der Zar legt zu viel Wert auf Kulturunterschiede. Beim Volk spielt das gar keine Rolle, die vornehmen Polen sind kulturell französiert ohne jeden Beigeschmack deutscher Kultur. Der Zar sprach auch von der unversöhnlichen Feindschaft der russischen Orthodoxie zur römischen Kirche. Natürlich spricht dies bei den erzkatholischen Polen mit. Aber wird der protestantische Ketzer mit viel milderen Augen angesehen? Wenn katholische Landstriche an Polen grenzten, so ließe sich das wohl regeln, wir Ostelbier sind aber fast alles Protestanten mit Ausnahme der paar Schlesier. Haben wir nicht schon Polen genug in Posen und sogar in Schlesien? Das Volk hat nichts gelernt und nichts vergessen. Je mehr von ihnen auf einen Klumpen beisammen sind, desto heißhungriger werden ihre nationalen Ansprüche. Am liebsten möchten sie den Weißen Adler wieder von Smolensk bis Danzig aufpflanzen. Eine Wiederaufrichtung Polens könnte Gefahren für uns haben, wäre aber angängig als Pufferstaat, falls wir je mit Rußland in Feindschaft gerieten. Gottlob ist daran für lange nicht zu denken, und wir sind heut noch zu schwach, solches Wagnis zu unternehmen, was uns gar nichts einbrächte. Schon das sollte uns vor jeder polenfreundlichen Politik abhalten, daß Österreich im Krimkrieg von einem Königreich Polen unter einem Erzherzog träumte. Österreich als katholisches Land wäre auch eher dazu berufen. Für uns liegt heut keinerlei Veranlassung vor, ein unabhängiges Polen zu wünschen, das in Österreichs Bannkreis stände und uns Ungelegenheiten machen kann. Als Nachbar ist das befreunde Rußland sicher vorzuziehen.« »Ich folge Ihrem lichtvollen Vortrag mit Interesse. Die Polen haben sich auch, ohne Dynastie, wie sie sind, in eine allgemeine Revolutionsstimmung hineingeredet, die keinem Monarchen sympathisch sein kann.« Der König sah außerordentlich frisch und rüstig aus. Von Gebrechlichkeit des Alters keine Spur mehr. Die Großfürstin Helene, zur Jagd anwesend, sprach ihre Freude darüber aus. »Eure Majestät müssen eine Kur gemacht haben, die Ihnen vorzüglich anschlug!« Da legte der greise Fürst seine Hand auf Bismarcks Schulter. »Das ist mein Leibarzt.« Es hätte die Liberalen zu einigem Nachdenken bringen müssen, daß Preußen die Freihandelspolitik Frankreichs annahm, sich gegen Einwände der Hauptmitglieder der Zollunion energisch verwahrte und den Vorschlag Österreichs, jetzt ganz in die Union eintreten zu wollen, auf Grund triftiger Erwägungen ablehnte. Die Mittelstaaten fügten sich allmählich, Preußen blieb im wirtschaftlichen Kampfe Sieger. Gleichzeitig erledigte sich die historische Episode, daß der elende Tyrann von Hessen fortfuhr, ohne die von ihm meineidig abgeschüttelte Verfassung seine Untertanen zu schinden, auf die spaßigste Weise. Der neue Ministerpräsident ließ ihm ganz einfach durch einen Feldjäger notifizieren, daß Preußen als Bundesexekutor Hessen besetzen werde, wenn er nicht sofort die Verfassung herstelle, worauf der Feigling eilends den Schwanz einzog. Dies erhöhte nicht nur Preußens Ansehen, sondern verlieh ihm auch einen liberalen Schimmer als Schirmherr der Volksrechte. Doch die Fortschrittler ließen sich nicht erweichen. Das neue Jahr brachte nur eine Verschärfung des Konflikts. In einem Briefe an einen Neujahrsgratulanten, den Oberstleutnant v. Vincke, drückte der König seinen Zorn und Schmerz über die Rolle aus, die man mit Lug und Trug ihm zuschiebe, als wolle er das Volk seiner Rechte berauben. Während aber so ein innerer Wurm an Preußens Mark zu zehren schien, ergriff Otto mit eiserner Hand das Steuer des Auswärtigen, unbekümmert um alle Hemmung im eigenen Lande. Die ihn in der neuen Kammersession auf der Ministerbank sitzen sahen, ahnten nicht im geringsten, daß der Mann da oben mit seinen Gedanken fern genug wo anders weilte und nur mit halbem Ohr hinhörte, wenn ein Redner ihm Grobheiten sagte. Mit kühner Sicherheit ging er sogleich auf sein Ziel los und bat sich mehrere intime Unterredungen mit dem österreichischen Botschafter Graf Karolyi aus. Mit diesem, der sich einer gewissen Unabhängigkeit des Charakters erfreute, stand er zwar auf bestem Fuße, doch brachte die politische Gespanntheit eine Schärfe des Tones mit sich. »Es scheint mir unvermeidlich,« begann er, »daß unsere Beziehungen entweder sich bessern oder sofort verschlechtern müssen. Ich wünsche ehrlich das erstere. Bei mangelndem Entgegenkommen der Kaiserlichen Regierung werden wir uns aber auf das letztere vorbereiten.« »Wie soll ich das verstehen?« fragte der madjarische Magnat hochherab. »Es bestand von 1848 ein stillschweigendes Abkommen, daß Sie unserer Unterstützung in Europa sicher waren, wofür Sie uns in Deutschland freie Hand ließen.« »Sie sprechen selbst von einem ›stillschweigenden‹ Abkommen, das also nie fixiert ward. Jedenfalls ist mir amtlich nichts davon bekannt.« »Dann erfahren Sie es jetzt.« Der Blick des Preußen wurde streng und durchbohrend, als wollte er andeuten: Fangen Sie bloß so an! Es wird Sie gereuen. »Rekriminationen sind überflüssig. Ich will daher nicht darauf zurückkommen, daß Österreichs Opposition uns systematisch unseren berechtigten Einfluß zu verkümmern suchte. Das währt noch heute fort. Gerade in denjenigen Klein- und Mittelstaaten, die uns geographisch am nächsten liegen, wird um Sympathien in einer Weise geworben, die uns entfremden muß.« »Sie übertreiben, Herr Ministerpräsident. Mein Gott, ein bißchen Familienhader! Ein Zank unter Brüdern, das kommt in den besten Familien vor. Gerät Österreich in Gefahr, werden wir Sie sicher an unserer Seite finden.« In dem liebenswürdigen und herzlichen Ton verkannte Otto nicht die verborgene Bosheit. Es sollte heißen: Tut nur nicht so, ihr beißt ja doch nicht und bleibt stets unsere getreue Gefolgschaft. »Diesen gefährlichen Wahn bitte ich Eure Exzellenz dringend, in Wien zu zerstreuen. Sonst wird eine sehr anderweitige Klarheit darüber gerade bei verhängnisvollen Entscheidungen eintreten. Ich meine doch, man hätte schon 1859 empfinden müssen, daß Preußen viel wärmer sich Österreichs angenommen hätte, wäre nicht unser Vertrauen längst untergraben gewesen. Nur eine gewisse Nachwirkung einstiger Vertrautheit hat uns bewogen, Österreichs Bedrängnis nicht für unseren Vorteil auszunutzen.« »O Exzellenz! Die brüderliche Treue der beiden deutschen Großmächte –« »War immer einseitig, und wir bezahlten die Kosten dieser Verbrüderung. Nun, entweder belebt sich diese nun auf ganz neuer Basis der absoluten Gegenseitigkeit, oder wir werden an deren Stelle eine Freundschaft mit Feinden Österreichs setzen.« Karolyi fuhr zusammen, als hätte er einen Schuß erhalten. »Das ist eine Drohung?« »Nur eine Wahrheit. Ich verhehle Ihnen nicht, daß ich meinem allergnädigsten Herrn niemals zu einer bloßen Neutralität wie 1859 raten würde. Österreich zeigt sich in Deutschland als unser hartnäckiger unbelehrbarer Feind, wir müssen daraus die Konsequenzen ziehen. Wollen Sie Ihre verderbliche Tätigkeit gegen uns fortsetzen, ja oder nein? So lautet die Frage.« »Was werfen Sie uns vor?« »Zunehmende Koalitionen der Mittelstaaten gegen uns anzuzetteln, scheint wohlerwogener Plan der Kaiserlichen Regierung.« »Das Erzhaus hat seine Traditionen aus dem alten Deutschen Reich zu wahren und kann schon aus Pietät nicht seine Verbindungen aufgeben.« »Daß man in Wien allzeit zu wenig sich um Deutschland kümmerte, um deutsche Geschichte zu studieren, ist mir nicht neu. Sie, Herr Graf, sind Ungar und deshalb entschuldigt. In älterer Zeit waren sowohl das protestantische Sachsen als das katholische Bayern Ihnen feindlich gesinnt. Ersteres kettete sich zu seinem Schaden an Österreich gegen Friedrich den Großen, unter dem damaligen Grafen Beust, so wie heut der Freiherr v. Beust ähnlichen Absichten huldigt. Später stand aber Sachsen zu Preußen, siehe Jena, und dann zu Napoleon. Bayern trat erst nach Napoleons Sturz in bessere Beziehungen zu Österreich. Hannover und Hessen aber folgen allzeit dem preußischen Einfluß. Sie sehen also, es ist nichts mit der Tradition einer Vergangenheit, und das ganze pietätvolle System hat Fürst Schwarzenberg erfunden ad usum Delfini .« Karolyi fühlte sich geschlagen und wich aus: »Es liegt eben bedingt in den Verhältnissen.« »Daß man uns aus dem Bund herausärgert? Ich beschwerte mich bei dem Altmeister der kaiserlichen Politik, Fürst Metternich, und dieser versprach mir, für Abstellung der Übel zu sorgen. Entweder unterließ er, sein Versprechen einzulösen, oder er hatte keine Macht mehr dazu. Nun, unsere Geduld ist erschöpft. Es ist für uns nicht der Mühe wert, uns für ein sonstiges Deutschland einzusetzen, das selber keine gemeinschaftlichen Neigungen hat und sich von einem größtenteils undeutschen Staat für dessen egoistische Zwecke verbrauchen läßt.« »Sie führen eine scharfe Sprache.« Karolyi hatte gegen den Ausfall »undeutscher Staat« sich entrüsten wollen, besann sich aber rechtzeitig, daß er Ungar sei. »Mir scheint denn doch auch Ihre Auffassung einseitig. Preußen ist mehr als wir der Anlehnung bedürftig. Österreich und Deutschland würden nicht dulden, daß Ihre auf zwei Fronten gefährdeten Grenzen vom Ausland verletzt werden.« »Darf ich fragen, welche zwei Fronten das sind? Wir haben nämlich drei Fronten. Da Rußland, mit dem wir traditionell auf allerbestem Fuße stehen, hierfür ausscheidet, meinen Herr Graf also Frankreich und Österreich!« »Diese Insinuation möchte ich mir verbitten, Herr Ministerpräsident. Sie unterschieben uns Absichten –« »Die in den Tagen von Olmütz sichtbar zutage traten. Sie meinen doch wohl nicht, daß wir das je vergessen werden?« Karolyi errötete beinahe. Eine zu unangenehme Auffrischung von Tatsachen. »Vergessen auch Sie nicht, daß wir formelle Verbündete bleiben, beide dem Deutschen Bunde angehörig. Gegen Frankreich würden Sie uns am Platze finden.« »Darüber mag ich meine eigenen Gedanken haben. Auch dürften Eure Exzellenz genügend wissen, daß meine Politik auf Freundschaft mit dem Kaiser der Franzosen den größten Wert legt. Und ich darf wohl sagen, daß dies keine unglückliche Liebe ist. Aber selbst wenn dem so wäre, sollen wir uns deshalb jede Rücksichtslosigkeit von Österreich gefallen lassen? Gott bewahre! Ihre Voraussetzung hinkt so sehr, daß uns am Herzen liegt, Ihnen durch Taten zu beweisen, wie sehr Sie irren.« »Das ist nochmals eine deutliche Drohung.« »Nehmen Sie es so! Sie haben unseren Worten nie die gebührende Beachtung geschenkt, aber ich werde diesem unerträglichen Zustand ein Ende machen.« »Nun, was sind denn zur Zeit Ihre Anklagen wider uns?« »Das wissen Sie selbst am besten. Vor 1848 war es selbstverständlich, daß alle erheblichen Fragen am Bund erst aufgerollt wurden, nachdem man sich mit uns in Vernehmen gesetzt wie mit Ihnen. Ihr jetziger Herr Ministerpräsident, Graf Rechberg, mein alter Bekannter, wird sich erinnern, daß man so weit ging, bezüglich der Bundesfestung Rastatt die Dinge in der Schwebe zu lassen, weil man den Protest einiger Mittelstaaten nicht majorisieren wollte, heut dagegen hat die Keckheit gegen uns einen solchen Grad erreicht, daß man über unsern Widerspruch gegen den neu ausgeheckten Plan eines besonderen Delegiertentages zur Regelung deutscher Angelegenheiten einfach zur Tagesordnung übergeht.« »Die deutschen Dynastien sind eben sonst einstimmig in dem Bestreben –« »Sich vor Österreich zu ducken, die deutsche Frage noch mehr zu verwirren und zu entschlossenem Angriff auf Preußens Interessen überzugehen. Die gewählte Richtung bedeutet ein Attentat auf die Bundesverfassung.« »Vielleicht wird die goldene Mittelstraße uns auch hier auf gemeinsamen Weg bringen.« »Sie mißverstehen noch immer den Ton meiner Eröffnungen. Preußen will nicht, daß dies geschieht. Gegen ein allgemeines deutsches Parlament im bürgerlichen Sinne hätten wir nichts einzuwenden und werden es vorschlagen.« »Davon dürften Sie sich wohl kaum viel versprechen«, wandte Karolyi spitz ein. »Das Publikum steht nicht auf Ihrer Seite. Der alte deutsche Nationalverein ist eben mehr liberal als großdeutsch, und der neue Reformverein ist nicht preußisch gesinnt.« »Ja, er besteht größtenteils aus Katholiken und ist unter Ihrem Protektorat gegründet. Still, wir wollen uns doch nichts vormachen. Unser Widerspruch ist nicht, daß Sie es nur wissen, ein beiläufiger Zwischenfall, sondern der Beginn sehr ernster Auseinandersetzung.« Karolhi erhob sich. »Darf ich diese vertrauliche Unterredung möglichst wortgetreu an meine Regierung weiterleiten?« »Ich bitte inständig darum und um größtmögliche Genauigkeit.« Karolyi machte sich ans Werk. Er war wie vor den Kopf geschlagen. Eine solche Offenheit, ohne jeden Rückhalt, unerhört im diplomatischen Dienst, kann man doch höchstens einem Anfänger verzeihen. Das ist nicht ernst zu nehmen. Doch er meint, was er sagt, man muß es befürchten. Nun, Rechberg wird ihn wohl besser kennen. Man muß entschieden vorsichtiger sein und in Deutschland abwinken, nichts auf die Spitze treiben. Kommt Zeit, kommt Rat. Das war nämlich der Zweck der Übung. Otto wünschte jetzt noch nicht den völligen Bruch, die Armeereform mußte sich erst noch fester gestalten. Aber ein weiteres Vorschreiten Österreichs, das leichtfertig mit dem Feuer spielte, und an Preußens Ernstmachen nicht glaubte, hätte den Bruch notwendig verfrüht. Daher ein kalter Wasserstrahl. Solche Warnung würde mindestens ein Jahr lang den Krankheitsprozeß aufhalten, der nur mit Blut und Eisen eines chirurgischen Eingriffs geheilt werden konnte. Einige Tage später erhielt Karolyi eine neue Einladung. »Unser Gesandter am Bundestag depeschiert mir soeben, daß die Majorität ihr verfassungswidriges Spiel weitertreibt. Ich wies Herrn v. Usedom an, dem bayerischen Vertreter v. d. Pfordten jeden Zweifel zu beheben, daß wir eine unannehmbare Stellung für uns nicht dulden und den Bund brechen würden. Herr v. d. Pfordten erwies sich jedoch schwerhörig und in keineswegs ausgleichsbedürftiger Stimmung. Er hatte sogar die ... Kühnheit, darauf zu dringen, daß die Minorität ihr Votum beschleunige. Ich empfehle den schweren Ernst der Lage, der sich noch mehr zuspitzt, der reiflichen Erwägung Ihrer Regierung.« »Werden Sie Ihr Votum verweigern?« »Um uns für Outsider legal ins Unrecht zu setzen? Pas si bête! Ich befahl Usedom durch sofortiges Rücktelegramm, sein Protestvotum auf den Tisch des Hauses zu legen. Unsere Würde verbietet uns jedes Ausweichen.« »Nun, es ist halt ein Kompetenzkonflikt.« »Sehr wahr. Majoritätsbeschlüsse sind Vertragsbruch gegen die Statuten des Bundes. Ich werde unseren Gesandten sofort abberufen und die praktischen Konsequenzen in kurzer Frist ziehen, die sich aus der Tatsache ergeben, daß wir dem Bund nicht mehr eine rechtlich zulässige Wirksamkeit zusprechen, mit einem Wort: ihm weitere Anerkennung versagen.« »Das würden Sie wirklich tun?« Karolyi war im Grunde selber eine ehrliche und ehrliebende Natur und gewann Geschmack an dieser neuen Diplomatie, die mit offenen Karten spielte, zumal er Otto persönlich gern hatte. »Sie kennen die Reizbarkeit unseres hitzigen Rechberg. Ein solches Ultimatum wird kaum bei ihm verfangen.« Otto lächelte. »Wir beide kennen uns genau und haben intime Erinnerungen. Seine Hitze kenne ich, aber auch seinen ehrenwerten Privatcharakter. Er kennt meinen Stil und wird mich verstehen.« »Wenn Sie meinen! Ich werde pünktlich und genau berichten, mein Wort darauf. Wir wollen gemeinschaftlich versuchen, unsere Differenzen zu begraben. Falls man aber in Wien sich weigert –« »So kommen Sie uns nur nicht mit bundesfreundlichen Vorstellungen! Rechnen Sie nicht darauf, uns im Bund zu fesseln. Das Paragraphengerippe der Wiener Schlußakte ist ein Stück Löschpapier, das wir durchlöchern. Sie werden uns als europäische Großmacht, nicht als deutschen Bundesstaat kennen lernen. Die Entwicklung der deutschen Geschichte wird nicht durch Tinte und Papier aufgehalten, wir werden sie selber in die Hand nehmen.« Der geplagte Karolyi depeschierte fieberhaft, und bald darauf teilte er mit: »Graf Thun, unser Botschafter in Petersburg, zur Zeit in Wien, wird bei Rückreise auf seinen Posten über Berlin morgen vorsprechen und mit Eurer Exzellenz über die schwebende Frage konferieren im Auftrage des Ministerpräsidenten Graf Rechberg.« Thun! So kommen die Menschen und die Diplomaten immer wieder zusammen. Thun avanciert nach Petersburg wie ich, Rechberg auf den Ministersessel wie ich. Reizende Parallele! Die diplomatische Welt ist so klein. Kommt der Berg nicht zu Mohammed, kommt Mohammed zum Berge. Das wird ja ein fröhliches Wiedersehen. Otto lachte grimmig. – Der listig-gemütliche Graf war noch immer der gleiche und beherzigte geräuschvoll die Lehre, daß alte Freunde doch die besten sind. »Meinen ehrerbietigen Handkuß der Frau Gemahlin. Meine Frau? Die Gräfin leidet unter dem höllischen nordischen Klima. Danke der Nachfrage! Sie sehen förmlich verjüngt aus. Wie stehe ich da? Groß als Wahrsager! Ich sagte immer: Mein Freund Bismarck stirbt auf dem Wege oder wird Ministerpräsident. Da ist er einer, und an Sterben denkt er nicht. Ich? Na, alldieweil fidöll, wie's mittelmäßigen Söhnen dieser Erde geht. Hab' ich von Ihnen, soll von Shakespeare sein. Also immer noch der alte Streitbold? Das arme, unschuldige Österreich! Wir san so gemütlich, und Sie wer'n immer gleich ungemütlich. Ich meine als Politiker, denn sonst sind S' ja der scharmanteste Kavalier von der Welt. Ach, der Zar hält so große Stücke auf Sie. Da haben Ihnen die Ohren geklungen. 's is' halt a fesche Sach', wenn man alte Freunde hat, die in Ekstase geraten, wenn ein gewisser Name fällt. Ja, und die leidige Chose da mit dem Delegiertentag ... wissen S', der v. d. Pfordten ist a talketer Kerl, setzt uns in Ungelegenheiten. So bös war's nit gemeint, o mai, wir Weaner san gemütlich und lassen mit uns reden. Na, geliebte Exzellenz, wo stecken denn noa di Schmerzen?« Otto wußte zu genau, daß die Perfidie einen Triumphzug hielt, wenn sein Freund Thun weanerte. Bei allen, außer bei ihm, verfing dieser Trick. Er hatte aber den alten Knaben von Herzen gern und nahm seine Kapriolen so gutmütig auf, wie ein ruppiger Löwe das schmeichelnde »Wärgeln« eines Katers, den man zu ihm in den Käfig läßt. Er öffnete daher sozusagen seine Weste und verabredete verschiedene von Thun vorgeschlagene Auswege. Sodann schwang sich Thun zu dem Vorschlag auf: »Wissen's was, alter Freund? Ich werd' 'ne Entrevue zwischen Ihna und dem Rechberg verahnstalten. Auch a guter Freund von Ihna, denkt oft an Ihr schönes Zusammensein. Da wird sich alles, a–hles finden.« »Das wird mich freuen, ich bin bereit.« »Nur wissen's, da wird's wohl Präliminarien geb'n. Der Rechberg wird vorher eine gediegene Basis erwarten. Sie möchten Ihre Billigung zur Bundesreform vorher schriftlich geb'n. Eine gute, feine Reform, die alle Schwierigkeiten beseitigt.« Und er verbreitete sich über allerlei mögliche und unmögliche Dinge. »Der Karolyi ist auch so instruiert, vertraulich natürlich, streng vertraulich.« »Und Sie sind autorisiert?« »Habe die Erre.« Thun strahlte vor Biederkeit. »Dann tut mir herzlich leid, ablehnen zu müssen. Die gebotene Frist ist viel zu kurz, eingehende Verhandlungen müßten voraufgehen. Ich kann also mit Rechberg nur dann zusammenkommen, wenn er auf vorherige Abmachungen verzichtet.« Thun sah auf die Uhr. »Was Deixel! Ich muß zur Bahn. Schauen's, verehrte Exzellenz, mein lieber alter Freund, das Leben ist doch so kurz. Wozu gute Freinde sich zanken! Mann uhnd Frau priegeln sich auch, aber dahn, wo's Nacht wihrd ... wir sahn doch ahn einik Volk von Brüdern. Sie stahn halt fesch auf Ihrem Posten, doch wir auch, trotz aller schlampeten Gemütlichkeit. Die Delegiertenversahmlung am Bund ihst guet. Und wenn Sie uhns kein Äquivalent geb'n, nihments seinen Fortgang.« »Das gebe ich Ihnen bestimmt nicht. Das frohe Wiedersehen mit meinem Freunde Rechberg muß also unterbleiben.« Otto war ein melancholischer Dänenprinz, Thun dagegen tiefbewegt wie König Claudius. »Ah, quel malheur ! Und ich meinte es so gut. Leben Sie wohl, mein Teurer, dürft' ich sagen: Auf Wiedersehen! Doch in meinem Alter! In Petersburg lebt sich's sonst scharmant, meine Stellung dort ist extraordinairement bonne. Au revoir donc ! Ehrerbietigen Handkuß der Frau Gemahlin!« – Otto lachte sardonisch in sich hinein. Wenn er sich nur nicht schneidet! In Petersburg wird ihm eine Pastete gebacken, die er nicht essen mag. Das Eisen hab ich gut im Feuer. Ich höre schon Virchow krähen: »Er erniedrigt Preußen zum Vorposten des Moskowitertums.« Die Beschränktheit solcher Zellularpathologen ist wirklich pathologisch. Weil sie, halbverdreht von Spezialgelehrsamkeit, eine Muschel oder auch nur einen Wurm am Meeresstrande fanden, halten sie sich für Seefahrer erster Güte. Doch eine Nachwelt, die sich über Virchow ergötzt (Geheimrat Virchow, um Gottes willen, ein Student, der ihn nachher bloß Professor nannte, fiel bei diesem Radikalliberalen durch) und sich seines berühmten Spruches in London erinnert, daß wir gewiß noch erfahren werden, wie wir, denken – aber warum wir denken, die allein wichtige Frage wird von den Protoplasmaforschern vornehm ignoriert –, diese Nachwelt gibt sich selber Ohrfeigen. Denn den Fortschrittler Virchow ersetzten später Anthropologen voll biogenetischer Tiefforschung, die einen Otto Bismarck bewunderten, der nie existierte, ein Geschöpf ihrer eigenen biologischen Einbildung. Sie lösten die Welträtsel und thronten hocherhaben über jeder Metaphysik, ohne ihr Abc zu kennen, dies verdammt realistische Abc über die Hinfälligkeit der Sinneseindrücke, und hiermit jeder Mechanistik. Die Energetiker gründeten Monistenklöster, worin Faraday als hundertmal größerer Geist galt als Shakespeare, und schwatzten über Kunst wie Tertianer. Schuster, bleib bei deinem Leisten! Schwatze nicht, kleiner Insektensammler, über Adler hoch über dir, denen du kaum nachblinzelst mit deiner Spezialistenbrille! Michel aber kniet vor jedem professoralen Größenwahn wie vor alleinseligmachendem Dogma eines unfehlbaren Herrgotts, unmündige Halbbildung hält sogenannte Wissenschaft für geoffenbarte Allweisheit eines neuen Pfaffentums. Diese tiefste Erniedrigung des deutschen Geistes erlebte er nicht, sonst hätte Otto den ihm zweifellos anbetend übersandten Quark zum Fenster hinausgeschmissen. So sättigte er sich mit Schimpfen auf Virchow, während der wahrhaft große Helmholtz schweigend und bescheiden seinen Weg ging. Als diesen ein Privatdozent fragte: »Sie interessieren sich nicht für Politik, aber dieser Bismarck ist doch sicher ein Scheusal«, blickte das klare Auge des einsamen Wanderers, der auf Spaziergängen im Grunewald seine tiefste Naturforscher-Metaphysik fand, gelassen den Fragenden an: »Wahrscheinlich ein großer Mann. Dem Kollegen Virchow rappelt's.« * Der vornehme Gentleman, der Wilhelm I. hieß, ging heftig in Babelsberg auf und nieder. Vor seinem Schreibtisch lag das Fell eines Eisbären, und er stampfte darauf. »Ihre Zirkulardepesche vom 24. Januar hat meinen vollen Beifall. Die Leute werden sich wundern, daß Sie Ihre Unterredungen mit Karolyi« (der König sprach es falsch aus, wie alle, die nicht Madjarisch kennen, es spricht sich Karoi) »und mit Thun öffentlich, d. h. für alle Höfe, preisgeben. Aber ich begreife, was Sie damit bezwecken. Schon gut. Und das mit Rußland – ich beauftrage Gustav Alvensleben, den Sie bevorzugen, denn ich teile Ihre Schätzung – schon gut. Aber diese Kammer!« Der König blieb stehen und zitterte vor Erregung. »Die mir das Vertrauen meines Volkes rauben, sind gewissenlose Fälscher«, rief er Otto heftig zu. »Wie viele Konzessionen machte ich nicht! Die Kammer aber stellt sich, als hätte ich keine gegeben, nur um immer neue zu erpressen! Steht irgendwo geschrieben, daß nur ich nachzugeben habe und der Landtag nie? Man hat mir lauter Fallen gestellt. Als ich mir erst 4 Millionen und dann erneut 240 000 Taler streichen ließ, verlangte man sofort die zweijährige Dienstzeit. Und dann verhöhnte uns die infame Presse, wir seien wirklich zu unverschämt, bloß um den Preis von 240 000 Talern sich Frieden erkaufen zu wollen! Das ist eine Schlechtigkeit.« »Jawohl, Majestät. Wie Sie schon richtig bemerkten: Die Abgeordneten haben das Recht, das Budget zu reduzieren, das Herrenhaus das Recht, dies reduzierte Budget zu verwerfen. Was verordnet die Verfassung dafür? Nichts. Also legen wir legaliter unsere Auffassung zugrunde.« Das tat er dann freilich in einer immer schärferen Tonart, je lauter die Opposition brüllte. Er bediente sich dafür einer Verfassungsklausel, wonach die Minister immer auf Wunsch angehört werden mußten, obschon sie nicht Mitglieder, sondern sozusagen Gäste des Hauses waren. Dies legte er nun so aus, daß die Minister reden dürften, was ihnen beliebe, ohne irgendwie der Autorität und Zensur des Präsidenten zu unterstehen. »Ich ersuche den Herrn Ministerpräsidenten, sich zu mäßigen und persönliche Bemerkungen verletzender Natur gegen Mitglieder dieses hohen Hauses zu unterlassen«, rügte der Präsident Bockum-Dolffs. »Ich weise diese Mahnung zurück. Ich stehe durchaus über der Disziplinargewalt des Vorsitzenden und bin niemand für Reden wie Taten verantwortlich als meinem Herrn, dem König.« Es folgte eine sehr bewegte Szene, während welcher er den Saal verließ. »Ich beantrage die Vertagung, weil der Minister in begreiflicher Aversion unangenehme Wahrheiten nicht hören will, bis zu seiner Rückkehr,« sprach der große Professor Virchow die gewaltigen Worte. Doch im gleichen Augenblicke saß der Gehaßte schon wieder auf der Ministerbank und bemerkte kühl: »Die Ausfälle der verehrten Abgeordneten sind im ministeriellen Vorzimmer vollkommen hörbar und verständlich. Ich bitte, damit fortzufahren.« Der Unfriede in der neuen Session erreichte am 17. Mai seinen Höhepunkt. Auf eine Bemerkung Sybels schnaubte Roon: »Das ist eine unqualifizierbare Anmaßung.« Glocke des Präsidenten, um die sich Roon nicht kümmerte. Worauf Bockum-Dolffs: »Jetzt habe ich zu reden. Ich unterbreche den Minister.« Roons Jähzorn machte sofort ironischer Schärfe Platz: »Bitt' um Verzeihung, doch ich hatte das Gehör des Hauses, und werde davon nicht abstehen.« Präsidentenglocke. »Die Verfassung gibt mir das Recht, zu reden wann ich will, und keine Glocke, kein Winken, kein Unterbrechen wird je –« Allgemeiner Aufschrei »Zur Ordnung?« Nachdem Bockum erneut die Glocke gerührt, kam er endlich zu Worte: »Unterbreche ich den Minister, so ist seine Pflicht, zu schweigen!« (Bravo! Oho!) »Dafür brauche ich die Glocke, und will der Herr Minister darauf nicht hören, so soll mir mein Hut gebracht werden, zum Zeichen, daß ich die Sitzung wegen gewaltsamer Störung suspendiere.« Der alte Soldat fuhr unerschüttert fort: »Ich habe nichts dagegen, daß der Herr Präsident nach seinem Hute schickt, doch ich bemerke –« Lauter Lärm erstickte seine Stimme, doch sofort fuhr er wieder mit schmetternder Kommandostimme fort: »Meine Herren, 350 Stimmen sind lauter als eine. Ich verlange mein Verfassungsrecht. Danach kann ich sprechen, wie ich will, und niemand ist befugt, mich zu unterbrechen.« Durch einen Höllenlärm drang erneut die Glocke des Präsidenten: »Ich unterbreche den Herrn Kriegsminister und entziehe ihm das Wort. Wenn der Präsident spricht, muß jeder ruhig sein, und jeder in diesem Haus, sei es hier unten unter uns oder oben in den Galerien, muß gehorchen. Wenn irgend etwas hier gegen die parlamentarische Hausregel verstoßen hätte, so wäre es mein Amt gewesen, es zu rügen. Doch ich konnte dies nicht tun, weil der Herr Vorredner in allem, was er sagte, im Recht war.« (Jubel auf der Linken, Zischen auf der Rechten.) »Und nun erteile ich dem Herrn Kriegsminister erneut das Wort.« Aber Roon lieh sich von einem verdammten Zivilisten nichts vorschreiben. Wütend schrie er heraus: »Ich bemerke, daß ich nochmals gegen das Recht protestiere, das der Herr Präsident sich gegen die Königliche Regierung usurpiert. Ich halte daran fest, daß die Autorität des Präsidenten, wie der Herr Ministerpräsident schon früher ausführte, bloß bis hierher reicht,« indem er auf den Gang vor der Ministerbank wies, »und nicht weiter.« Jetzt gab es eine Neuauflage des Turmbaues zu Babel, wo niemand mehr sein eigenes Wort verstand. Alle Abgeordneten sprangen von ihren Sitzen auf, und der Präsident bedeckte sich feierlich wie ein spanischer Grande oder ein sterbender Römer, der sich in seine Toga hüllt. Aber ach! Der Überbringer des Hutes hatte sich geirrt und einen anderen, viel zu großen geholt, der diesem unglücklichen Stoiker über beide Ohren bis zur Nase herunterfiel. Unauslöschliches Gelächter der paar Feudalen auf der Rechten ersäufte im allgemeinen Wutgeheul. Allseitiger Exodus ließ den Vorhang über die Tragikomödie fallen, doch historische Würde erwarb sich der Hut von Bockum-Dolffs. Ein ernstes Nachspiel folgte. Die Minister zogen sich zurück, und ihr Chef diktierte eine Erklärung: sie würden ihr Erscheinen einstellen, wenn ihnen nicht völlige Indemnität von der Präsidentendisziplin gewährleistet würde. Natürlich neuer Sturm. Das Haus antwortete mit grimmiger Behauptung der Disziplinarrechte und Brandmarkung des ministeriellen Verhaltens als gesetzwidrig. Es folgte eine Adresse an die Krone, worin ein Wechsel des Systems und der Personen gefordert wurde. Der König erwiderte mit gleicher Entschiedenheit, er billige das Verhalten der Minister, denen er seinen Dank ausdrücke, weise die Aufzählung ihrer angeblichen Sünden ab und schloß die Botschaft: »Mit Gottes Hilfe wird es mir doch gelingen, den verbrecherischen Versuch zu vereiteln, das Band zwischen Fürst und Volk zu lösen.« Und damit schickte er die Abgeordneten erneut heim wie ungezogene Schuljungen. Das hieß den Bogen überspannen. Die entlassenen Abgeordneten trugen die Entrüstung ins Land, in allen Städten mit Festbanketten gefeiert. Die Presse schlug eine unglaublich heftige Sprache an, während die Kreuzzeitung den König anbettelte, den Verfassungsschwindel zu beseitigen und sein persönliches Eigentum, nämlich den Absolutismus, zurückzunehmen. Dafür verglichen die liberalen Zeitungen den Ministerpräsidenten mit – Catilina! »Man tut ihm viel zu viel Ehre an«, urteilte der Abgeordnete Twesten, »er ist bloß ein Don Quichotte.« »Ein Seiltänzer ist er«, fauchte Virchow. »Und ein doppelzüngiger Verräter in Liga mit Napoleon«, gab ein Dritter seine unmaßgebliche Meinung kund. Die Bevölkerung, bisher der ehrwürdigen Erscheinung des Königs zugetan, fiel ab. Es kam die Zeit, wo man in den Straßen von Berlin den König nicht mehr grüßte, und jeder grüßende Zivilist angeblasen wurde: »Is wohl nur so'n Beamter!« Außer sich vor Entrüstung über die sich steigernden Kränkungen, ließen Fürst und Ministerium sich verleiten, am 1. Juni eine Ordonnanz (selbst den unglücklichen historischen Namen behielt man bei) zur Knebelung der Preßfreiheit zu erlassen. Das folgende Halbjahr gehörte in den Zeitungen den vielsagenden Gedankenstrichen, den vom Zensor unbedruckten oder geschwärzten Seiten, die durch ihre Leere erst recht aufreizend wirkten. Otto gestand sich heimlich die Übereilung zu. Wenn er mit Johanna in dem kleinen Garten hinter seiner Ministerwohnung Atem schöpfte, strich sie ihm liebevoll über das Gesicht: »Könnte ich nur die böse Falte wegbringen, Ottochen! Du wirst ja schon Meister gehen, wenn dein Gewissen dabei rein ist.« Die Zeit, wo sie jeden Liberalismus für Todsünde und jedes reaktionäre Gebaren für gottwohlgefällig hielt, war nun auch vorüber. »Das ist es«, fuhr er auf. »Man muß die Gärung mit allen Mitteln niederhalten und den Burschen die Macht des Staates zeigen. Jede Versöhnlichkeit fassen sie als Schwäche auf. Es war ganz vernünftig, ihnen die Anwesenheit der Minister zu entziehen, die sie doch nur als Zielscheibe ihrer Pfeile betrachteten. Solange nicht die Heeresreform durchgeführt, muß man drakonische Strenge walten lassen und die Zügel anziehen. Nachher mag man sie lockern.« »Aber das traurige Zerwürfnis mit dem Kronprinzen!« »Ja, das ist eine böse Geschichte. Doch ich tat alles, um den Zwist beizulegen.« Das war in der Tat eine heikle Angelegenheit. Auf militärischer Inspektionsreise nach Westpreußen begriffen, fiel der Kronprinz dem Bürgermeister Winter von Danzig in die Hände, einem leidenschaftlichen Erzliberalen. Gerade in jenen Tagen kam die Presseordenanz heraus, bei dem allgemeinen Unwillen unterließ man überall den sonst üblichen festlichen Empfang. Auf das leicht erregbare, der Volkspopularität sehr zugängliche Gemüt des Prinzen und das seiner ihm auf der Reise folgenden Gemahlin verfehlte dies nicht einen tiefen Eindruck. Er richtete an den König ein scharfes Schreiben, worin er sich beschwerte, nicht zu dem Staatsrat zugelassen zu sein. Es sei seine Pflicht als Thronfolger, über Vorgängen zu wachen, welche die Sicherheit der Dynastie in Frage stellten. Im Danziger Rathaus hielt er dann eine besondere Ansprache, worin er, obschon in geziemenden Formen, die königliche Politik desavouierte. Der König erteilte ihm darauf schriftlich einen ernsten Verweis. Dieser war in so hohem Grade erzürnt, wie Otto ihn noch nie sah. »Ich werde genötigt, durch öffentliche Akte zu strafen.« Das milde Gesicht des Königs nahm einen strengen und harten Ausdruck an. Nach seinem Gefühl lag die Todsünde der Insubordination »vor dem Feinde« vor. »Auch Sie sind durch einen brieflichen Protest des Kronprinzen gegen die Presseverordnung beleidigt worden.« »Das ertrage ich gern und bitte Eure Majestät nur, von allen öffentlichen Schritten abzusehen. So gebietet die Staatsräson.« »Sie gebietet, abtrünnige und widerspenstige Thronerben so zu erziehen, wie mein in Gott ruhender Ahne es mit dem großen König, damaligen Kronprinzen, für gut fand.« »Aber gab ihm die Nachwelt recht? Sie stimmt mit den Zeitgenossen überein, solche Härte zu verdammen. Auch war die Provokation viel stärker.« »Er hat mir heut einen Brief geschrieben,« bekannte der König zögernd, »wonach er sich aller seiner Ämter entbinden lassen will und seine Enthebung von militärischen Funktionen anheimstellt. Er habe in Sorge um die Zukunft seiner Familie sich gegen Oktroyierung der Verfassungsverletzung ausgesprochen, bitte aber als Sohn um Verzeihung.« »Dann gewähren Sie sie, vermeiden Sie jeden Entschluß im Zorne, Majestät, und verfahren Sie säuberlich mit dem Knaben Absalom!« So geschah es, was jedoch den Kronprinzen nicht abhielt, an Otto eine heftige Epistel zu richten, worin er auf jede Mitwirkung im Staatsrat verzichtete, solange ein solches Ministerium amtiere. Gleichzeitig erschien ein Artikel in der Londoner »Times«, der die Vorgänge förmlich auf den Kopf stellte und natürlich eine Schmeichelei für die Prinzeß Royal einflocht. »Lesen Sie das!« rief der König erzürnt. »Wer mag diese Lobhudelei, die mich wie einen eigensinnigen alten Mann hinstellt, verfaßt haben?« »Vermutlich ein gewisser Geffcken, der das Vertrauen der kronprinzlichen Herrschaften genießt. In dem ›Grenzboten‹ stand auch etwas Ähnliches. Am meisten Verdacht hege ich gegen den Legationsrat Meyer.« »Wo gehört der hin?« »Zur Umgebung Ihrer Majestät der Königin«, stellte Otto mit klarer Stimme fest. Der König biß sich auf die Lippen. Hatte er doch kritische Ergüsse von Ludolf Camphausen und dem anglisierten Baron Stockmar durch Königin und Kronprinzessin erhalten, die er gleichgültig beiseite warf. Beide hohen Damen träumten nur noch von cromwellischer Rebellion und Schafotten, obschon weder ein Cromwell noch ein starrsinniger Schwachkopf von Stuart vorhanden waren. – Mittlerweile ging die auswärtige Politik ihren Weg. Im Februar begab sich General Gustav v. Alvensleben nach Petersburg und schloß dort eine Konvention rein militärischer Art gegen die polnische Revolution, was sich aber auch gegen alle richtete, die Neigung zeigten, sich an diesem Strohfeuer die Finger zu verbrennen. Otto instruierte den General: »Die Großfürstin Konstantin trägt schon polnisches Kostüm, und der Großfürst möchte Vizekönig werden. Der Zar hat sich aber meinen Vorstellungen nicht verschlossen und hält nichts mehr von den Polonisten – oder soll ich sie Poloniusse nennen? – am russischen Hofe, darunter befinden sich viele Liberale, die eine Verfassung erstreben, welche der Zar nicht weigern könnte, wenn er den Polen erst eine Separatverfassung gäbe.« »Aber Gortschakow tanzt doch auch die Polonaise mit?« »Für den slawischen Bruderstamm. Geben Sie acht, da braut eine gefährliche Suppe für die Zukunft, der sogenannte Panslawismus. Beim alten Gortschakow spielt wie gewöhnlich die Eitelkeit mit, wenn er seiner Phantasie Audienz gibt, oder sagen wir auf gut Deutsch: seiner Einbildung. Er ist ein großer Redner und möchte hochtönende Reden an die Polen halten, die in Pariser Salons bewundert werden. Doch außerdem ist er ja immer pfiffig genug und hält es für einen politischen Schachzug, panslawische Strömungen unter Rußlands Protektorat zu stellen.« »Wenn ich also recht verstehe, stehen sich die monarchischen Absolutisten als Polenfeinde und die Panslawisten als Polenfreunde gegenüber?« »Ja, nach dieser Richtung müssen Sie die Sachlage behandeln.« Der polnische Aufstand machte viel Lärm, aber wenig Fortschritte. Jedenfalls erleichterten Preußens Besetzung der Grenze und polenfeindliche Haltung die Niederwerfung, sehr im Interesse Preußens, das diesmal Rußland mit starker Hand aufrichtete. Natürlich hieß es überall umgekehrt, Preußen habe sich zum Werkzeug russischer Tyrannei hergegeben. Die ganze revolutionäre Internationale heulte, und die Fortschrittspartei deklamierte hochherzig gegen preußische Henkersknechte, während ihre polnischen Mitglieder unverfroren die Abtretung Posens verlangten. »Diese Niedertracht, preußische Truppen als Rußlands Schergen zu mißbrauchen, steht auf gleicher Stufe mit dem Menschenhandel der verkauften Hessen und Braunschweiger im amerikanischen Befreiungskrieg«, bemerkte Sybel tiefsinnig, worauf Waldeck nicht umhin konnte zu bedauern, daß die Regierung, falls sie deshalb mit einer fremden Macht in Krieg gerate, von der Volksvertretung keinerlei Kriegskredit erhalten werde. Und es roch scheinbar nach Pulver. »Diese Seeschlange macht jetzt in der ganzen europäischen Presse die Runde«, lachte Otto sich vertraulich bei Roon aus. »In Exeterhall besingen sämtliche Philanthropen das edle Polen, die Presse überhäuft uns mit Schimpfreden, und die Regierung tut, als wolle sie intervenieren. Lauter Blague. England ist immer nur da, wo es etwas zu holen gibt und unterstützt Polen mit seinem wohlfeilsten Ausfuhrartikel, mit Zeitungsartikeln. Palmerston, der große ›Feuerbrand‹, haßt Napoleon seit dessen Flottenrüstungen zu sehr, um nach dessen Pfeife zu tanzen. Auch in den Tuilerien schwingt man schon tumultuarisch die Kinderklappern Freiheit und Menschheit.« »Der verdammte Einbrecher! Überall möchte er räubern, nachdem es ihm zu Hause so gut gelang. Sein Flöten nach Barmherzigkeit und Befreiung meint doch sicher nur Schnappen nach preußischem Territorium.« »Ja, er scheint mich getäuscht zu haben, doch er bleibt eine solche Sphinx, daß man nie seine Maske durchschaut. Er protegiert zwar jetzt Metternich und hat sich Österreich genähert, um in der Polenfrage auf Rußland zu drücken. Doch ich glaube, er hat schon heut die Geschichte satt und schiebt England vor, das bei uns protestieren wird, um sich von der Welt seine Freiheitsliebe und besonders allgemeine Menschenliebe bescheinigen zu lassen.« Diese schöne Geste blieb nicht aus. Der britische Gesandte, Sir Alexander Buchanan, erschien steif und feierlich mit einer geharnischten Note des Lord John Russel, Minister des Foreign Office, worin England seine Entrüstung über die unentschuldbare Konvention mit Rußland ankündigte und sich eine Kopie der Konvention ausbat. Otto maß den Briten mit einem sonderbaren Blick. »Ich fühle nicht die geringste Veranlassung, einem so eigentümlichen Verlangen zu willfahren.« »Lord Russel beabsichtigt –« begann der Brite pomphaft. »Zweifellos etwas Menschenfreundliches. Ich bitte, mich Seiner Lordschaft zu empfehlen. Entschuldigen Sie mich, bitte, gütigst, wenn ich jede weitere Erörterung auf gelegenere Zeit verschiebe. Ich bin außerordentlich beschäftigt.« Der Gesandte erschien ein zweites Mal, diesmal verlangte er peremptorisch den Beitritt zu einem europäischen Areopag, der eine Wiederauferstehung Polens dekretieren sollte. »Ich bedaure lebhaft, dies aus Selbsterhaltungstrieb ablehnen zu müssen. Wir müßten sonst 100 000 Soldaten mehr unterhalten, weil das neue Polen sicher uns sehr belästigen würde. Zweifellos wird Rußland für diese Anregung dankbar sein, man liebt es, von Fremden über eigene häusliche Dinge Belehrungen zu erhalten.« Am liebsten hätte er als Beispiel angeführt, daß Rußland demnächst England auffordern werde, aus Ehrfurcht vor den unterdrückten Menschenrechten Irland seine Freiheit zu schenken. * Im Juni begleitete er den König zur Kur nach Karlsbad. Er lag träumend im Bummelzug und erlabte sich an »reizenden Tannen, Mondschein, Rauschen der Bäche«, wie er in Eile an Nanne schrieb. In Karlsbad merkte er schon, daß es für immer mit dem Inkognitoleben vorbei sei, daß er eins auf dem Präsentierbrett führen müsse. Als eine ihm völlig vergessene Baronin Scholl aus Frankfurt ihn erkannte und mit lauter Stimme rief: »O Exzellenz v. Bismarck, Sie hier! Welches Ereignis!« drehten sich sämtliche Kurgäste um und hefteten sich an seine Fersen. Er entrann durch weite Spaziergänge und Kletterpartien in glühender Sonnenhitze, denen niemand folgen konnte. »Ach, da fällt mir ein, ich habe ein wichtiges Geschäft zu Hause«, stöhnte sein alter Bekannter, Botschaftsrat v. Werthern, der hier auch Sprudel trank und sich ihm anschließen wollte, um ihn auszuholen. Diese Prellsonne auf schattenlosen Bergen war für sitzfreudige Diplomaten nicht bekömmlich. Dagegen hatte Otto seine liebe Not, den greisen König von allzu eifrigem Geschäftsdrang abzuhalten, dessen Pflichttreue durch sein Zusammenarbeiten mit dem Genialen einen neuen Ansporn erhielt. Er verjüngte sich förmlich durch dies neue, ungewohnte Leben in wirklich produktiver Politik und restloses Inangriffnehmen all der großen Angelegenheiten, die sich seit zehn Jahren unerledigt anhäuften. »Mit dem dilatorischen Behandeln kamen wir nie vorwärts«, äußerte er sich befriedigt. »Sie sind fürwahr der rechte Mann für mich, mein lieber Bismarck.« »Wenn Majestät sich nur etwas mehr schonen wollten!« »Wozu? Mir bekommt die Kur vortrefflich, und die Nachkur in Gastein wird mich vollends stärken. Sie müssen also auf ein paar Tage nach Berlin zurück, leider, aber sorgen Sie dafür, daß Sie sobald wie möglich in Gastein eintreffen.« – »Erlaube mich vorzustellen: Fürst Fritz Schwarzenberg. Meine Tanten in Wien haben mir viel von Euer Exzellenz erzählt«, machte sich ein fescher Kavalier bekannt. »O, welch herrliche Erinnerung! In Wien geht einem das Herz auf, so urbehaglich! Und so deutsch! Euer Durchlaucht erlauchtes Geschlecht stammt ja auch von fränkischem Uradel.« Das leere, hübsche Gesicht des böhmischen Fürsten verfinsterte sich sekundenlang. »Wir sind Böhmen, Exzellenz, und haben uns im braven Tschechenvolk ganz eingebürgert. Deutsch, nun ja! Exzellenz verzeihen, bei uns kennt man nur Österreicher.« – Eine schwarzgelockte Italienerin, Marquise d'Alba, die er durch russische Bekannte kennen lernte, ließ ihn etwas andere Töne hören. »Wir schwärmen so für Deutschland, diese verehrungswürdige Nation hat gewissermaßen ein gleiches Los wie Italien. Und«, fügte sie halblaut hinzu, »einen gemeinsamen Feind.« Otto erwiderte nichts, sondern erwiderte nur den feurigen Blick der Dame. Das verpflichtet zu nichts. Höchstens Schriftliches. Da hatte der selige Talleyrand recht: Mit einer schriftlichen Zeile will ich jeden hängen. Selbst Mündliches ist frei. Denn da in der Welt so unendlich viel gelogen wird, stehen Klatschaussagen nicht hoch im Preise, und nachher sagt jeder etwas Anderes über die betreffende Äußerung. Das ist ungefährlich, doch wo Blicke ausreichen, sind Worte unnötig. Otto wußte sehr genau, wo er, der Offenste der Sterblichen, den Mund zu halten hatte. Wenn er seine damaligen Unterredungen mit Karolyi sogar in einer Zirkulardepesche schriftlich zusammenfaßte, so verblüffte er die Gegner noch mehr damit. Schriftlich gab er nur, was man wissen sollte . Vor seiner Abreise hatte er noch eine merkwürdige Zusammenkunft. Der Württemberger Politiker v. Varnbüler forderte ihn zu geheimer Besprechung auf, indem er sich auf den gemeinschaftlichen Freund Below-Hohendorf berief, und gab ein böhmisches Dörfchen westlich von Karlsbad als Treffpunkt an. »Sie werden begreifen, daß ich in Ihrer und meiner exponierten Stellung dabei das Geheimnis wahren muß.« Otto ging darauf ein, weil er die wirtschaftlichen Kenntnisse des Mannes hoch anschlug. Doch aus der Unterredung nahm er keine andere Frucht mit fort, als daß Varnbüler zwar großdeutsche Gesinnung im Sinne wirtschaftlichen Zusammenschlusses, aber sonst nichts Reales vorschwebte. Wollte mich nur sondieren, wohl in österreichischem Auftrag! dachte Otto, als er bei der gleichfalls zur Kur angelangten Großfürstin Helene nachdenklich eine sehr gute Nachtischzigarre rauchte. Die gescheite Großfürstin fragte ihn scherzend: » A fig for your thoughts , wie die Engländer sagen. Warum so nachdenklich? Ach, Ihnen liegt wohl die polnische Frage im Magen?« Er nickte. Daß ihn die deutsche Frage viel näher beklemmte, verschwieg er natürlich. »Der Zar ist empört über Österreichs Note vom 18. Juni mit den sechs Punkten. Das heißt uns die Pistole auf die Brust setzen. Gortschakows Empfehlung eines gemeinsamen Handelns von Rußland, Österreich und Preußen betreffs ihrer polnischen Untertanen hat man hochfahrend abgelehnt.« »Ich weiß, Österreich sei mit England und Frankreich zu eng verbunden und einverstanden, um eine Sonderverhandlung mit anderen zu pflegen.« »Unter uns, der Zar ist zu ernsten Maßregeln entschlossen. Mich sollte nicht wundern, wenn er den Degen zieht, und dann werden Sie ja wohl bald etwas davon hören.« Sie sah ihn forschend an. Otto verbeugte sich und antwortete nicht. Ja, ja. Rußland wird ein Bündnis antragen. Aber das fällt uns gar nicht ein. Laß erst sehen, ob Rechberg den Vertrauenswechsel, den wir damals aufeinander zogen, einlösen will. In Gastein wird man den König bearbeiten wollen. Ich muß mich sputen, daß ich rasch aus der Lawine von Nebensachen mich loswickele, die in Berlin mich überfallen wird. – Das tat er, und befand sich schon am 19. Juli in Nürnberg. In Berlin gab ihm der neue französische Botschafter Talleyrand (arger Name!) ein Diner, suchte ihm dabei auf den Zahn zu fühlen. »Es ist Eurer Exzellenz gewiß bekannt, daß Ihre Gesandtschaft in Paris gewisse Vorschläge entgegennahm?« »Offiziell nicht daß ich wüßte! Graf Goltz hat nichts amtlich depeschiert.« »Es ist ja auch nur unoffiziell geschehen durch General Fleury, nicht dem Gesandten selber gegenüber, sondern einem anderen Mitglied Ihrer Gesandtschaft.« »Ich erinnere mich undeutlich. Irre ich nicht, soll Preußen den Vermittler spielen und dem Zar ein Eingehen auf die berühmten sechs Punkte anraten.« »Also sind Eure Exzellenz doch gut unterrichtet. Die offizielle Einleitung würde ja wohl auch durch meine Hände gehen. Darf ich ganz im allgemeinen und ohne Verbindlichkeit fragen, wie Sie darüber denken?« »Das kann ich zurzeit nicht sagen, da ich offiziell nichts weiß.« »Schon recht. Preußen würde sich hier doch ein europäisches Verdienst erwerben. Wenn Sie den Zar bestimmen –« »Der Zar hat seinen eigenen Willen. Nichtsdestoweniger werde ich den Fall in Erwägung ziehen. Gewiß würde da Preußen eine sehr schöne Stellung als Vermittler einnehmen.« »Ich sehe, Sie erfassen unsere wohlmeinende Absicht. Ich bitte, mich in Kenntnis zu setzen, wenn Sie, Herr Ministerpräsident, sich definitiv entschließen.« – Das fehlte mir gerade! Goltz hat sich vermutlich wieder eingemengt, um eine politische Rolle zu spielen, und dem Empereur Avancen gemacht, während der selber wohl schon die Sache dick hat. Ich werde mich hüten, im Pariser Sinne zu arbeiten und den Zar zu verschnupfen. – In Gastein fühlte er sich wohl wie ein Fisch im Wasser. Wasserfälle, hohe Berge! Konnte er doch immer mit Byron von sich sagen: »Für mich sind hohe Berge ein Gefühl.« Leider fand er seinen geliebten König in trübster Laune. Der sonst ziemlich gesellige Greis suchte die Einsamkeit für sein verwundetes Herz, weil ihm erst jetzt die Unbotmäßigkeit des Kronprinzen in ihrem ganzen Umfang bekannt wurde. Er sah nicht die schneebepuderten Spitzen, die Silberfäden der Bäche, den tollen Walzer der Ache über Stock und Stein. In sich gekehrt sah er nur Preußen, Zerwürfnis im Innersten. Otto dagegen schwelgte in dichterischer Schilderung des schmalen Tales an Nanne. Er fand das glückliche Gleichnis, die Bäche stürzten sich in eiliger Hast herab, als fürchteten sie, zu spät zu kommen zum großen Fall, den sie mit der Ache zusammen dicht vor seinem Hause ausführten. Neckisch fügte er hinzu, Moritz Blanckenburg (der prosaische Pommer) würde das Tal mit einer Schüssel Grünkohl vergleichen, umkränzt von weißen Eiern. In das Idyll kam störende Bewegung. Alles flaggte, Kaiser Franz Josef traf am 2. August ein, mit ihm ein lieber alter Bekannter, Prokesch. Das bedeutet etwas, da wird man kaum Gemsen schießen können, hier soll wohl ein Bock geschossen werden, jedenfalls wird man Bocksprünge machen. Auf der Durchreise in Dresden hatte er seinen lieben alten Freund Beust aufgesucht, der ihn mit überströmender Herzlichkeit empfing und sich angelegentlichst der Frau Gemahlin empfehlen ließ. Das kündete nicht Gutes. Weiß Gott. Weiß Gott, was Freund Rechberg wieder ausheckte. Er saß in der Acht-Schlucht unter dem Tannenbaldachin und kneipte Natur. Sein Blick fiel auf ein Meisennest, wo der Vogel seine Jungen fütterte. Wie oft in der Minute der wohl Ungeziefer herbeiträgt! Er zog die Uhr und beobachtete. Während dieser Forschertätigkeit sah er plötzlich, daß gegenüber auf der anderen Schluchtseite, die man Schillerplatz nannte, der König auf einer Bank saß, allein, in Gedanken versunken. Nun, da wird ihn niemand finden. Die Uhr sagte, daß er sich zum Diner beim König in Gala werfen müsse. Da fand er in seiner Wohnung ein kurzes Briefchen: »Ich erwarte Sie auf dem Schillerplatz. W.« Otto ahnte nichts Gutes und stürmte eiligst nach dem königlichen Quartier, wo er sich entschuldigte, Naturbetrachtung habe ihn aufgehalten. Der König erwiderte in erfreutem Ton: »Ich bedaure sehr, Sie hätten den Kaiser getroffen, der mich aufsuchte und mit dem ich eine freundschaftliche Unterhaltung hatte. Es sind sehr wertvolle Eröffnungen, die er als Freund und Bundesgenosse machte.« »Darf ich fragen welche?« »Es soll ein Fürstentag in Frankfurt stattfinden, wo wir gemeinsam gegen den Liberalismus vorgehen, der jede Staatsgewalt unterbindet. Das wäre endlich ein Schlag gegen die Revolutionsstimmung in Berlin.« Da Otto vollkommen schwieg, fragte er hastig: »Sie teilen nicht meine Auffassung?« »Nein, Majestät.« »Wie, Sie glauben nicht, daß wir auf diese Weise das Joch der Fortschrittspartei abschütteln, die das Fundament des Staates bedroht?« »Vielleicht. Ich halte es aber nur für ein papiernes Joch. Um es zu brechen, bedürfen wir keiner Hilfe.« »Aber Österreich wird doch dann wohl –« »Nichts wird es, als an dem alten Leim festkleben. Um unsere Liberalen oder Revolutionäre loszuwerden, würden wir uns erneut in Österreichs Botmäßigkeit begeben.« »Aber man sagte mir doch –« »Wie wird man nicht! Politik ist Politik. Rechberg ist doch «in schlauerer Bruder als ich dachte. Der König schwieg betroffen. »Nun, wir reden noch mehr davon. Übrigens kommt in den nächsten Tagen der Kronprinz, wovon ich Sie avertiere.« Zunächst kam der liebe Prokesch angetanzt. »Welch freudiges Wiedersehen! Endlich allein, oder, da dies französisch seiner klingt, enfin seuls! Alle alte Streitaxt begraben! Österreich und Preußen erscheinen Arm in Arm!« »Wie Carlos und Marquis Posa!« ergänzte Otto trocken. Und im Hintergrund lauert der Großinquisitor, und Carlos verwandelt sich plötzlich in Don Philipp. »Sind Sie denn so gewiß, daß dieser Fürstentag zustande kommt?« »Da fragen Sie noch! Alle deutschen Fürsten sind begeistert. Ich auch. Ich bin eben eine enthusiastische Seele, und nur die aufgeknöpfteste Offenheit ist mein Fall. Glauben Sie mir, mein teurer alter Freund, wenn ich Sie so nennen darf, das Lügen ist der Fluch.« Hol' die Pest alle feigen Memmen! sagte Falstaff. Otto lachte nicht einmal. Die Sache stand schlimm. Dieser Hieb Rechbergs war nicht von schlechten Eltern. Man wird auf den großen Haß des Königs gegen die übermütigen Berliner Schreier spekulieren und ihn umgarnen. »Wie geht's meinem alten Freunde Graf Rechberg?« »0, er strotzt von Lebenskraft. Der schwärmt von Ihnen! Mehr als ich! Ich bin eben eine offene Natur und halte mit nichts hinter dem Berge. Mir machten Sie das Leben sauer, doch Rechberg muß Sie von einer milderen Seite kennen. Da sieht man, wie das wahre Verdienst sich immer Bahn bricht! Sie und Rechberg zu gleicher Zeit Ministerpräsident, die feindlichen Brüder, die sich doch so von Herzen gut sind! Ach, es gibt im Menschenleben Augenblicke, wo wir dem Weltgeist näher sind als sonst und ihm zurufen: Verweile doch, du bist so schön! Das ist freilich von Schiller, dem Erzliberalen, aber es ist tief und wahr gesagt.« Prokesch stand da in der Haltung eines Denkers, der bei der Vorsehung eine gut fundierte Anstellung hat. – Der Kronprinz gab sich mit der ihm eigentümlichen herzenswarmen Liebenswürdigkeit, dem Vater gegenüber reuig und zerknirscht, dem Minister gegenüber bescheiden. »Ich gebe zu, daß fremde Einflüsse auf mich einwirken. Meine politische Vorbildung reicht eben nicht aus, wegen meiner Fernhaltung von den Geschäften. Das werden Sie geradeso gut einsehen wie ich mein Unrecht.« »Ich werde mich bemühen, Königliche Hoheit, Sie stets zu dem Staatsrat heranzuziehen und auf dem Laufenden zu erhalten. Wenigstens werde ich in diesem Sinne bei Seiner Majestät vorstellig werden.« »Ich danke Ihnen. Kein Mißtrauen mehr!« Er schüttelte ihm die Hand. – Eine angenehme Amerikanerin aus den Nordstaaten, mit der er eine Badebekanntschaft schloß, sprach eifrig auf ihn ein bezüglich der Nachrichten vom amerikanischen Kriegstheater: »Lassen Sie sich nicht betören! Die Leute glauben hier allgemein, die Konföderierten seien sozusagen staatstreue Konservative, die sich gegen eine Revolution zur Wehr setzen. Das Umgekehrte ist wahr. Es sind Rebellen, die sich unserer rechtmäßigen Regierung nicht fügen wollen. Unser Bürgerkrieg hat keinen anderen Zweck, als was Ihre Landsleute die Einheit nennen.« »Nur daß bei uns die Sezession viel älteren Datums ist und sich im Rechte glaubt.« »Nun, dann passen Sie auf: man wird Sie geradeso wie uns revolutionär nennen. Die Negersklaverei ist übrigens ein sehr altes Unrecht und gilt auch als von Gottes Gnaden.« »Wie unsere Kleinstaaten von Rheinbunds Gnaden. Ich zweifle nicht, daß Ihre Auffassung zutrifft, ich selbst hatte sie schon früher. Also werden wir bestimmt nicht die Partei der Sezessionisten nehmen, die Ihnen einen amerikanischen Einheitsstaat verkümmern wollen.« »Wirklich nicht? Das wäre prächtig. Sie wissen, England und Frankreich begünstigen die Südstaaten.« »Aus guten Gründen, die aber nicht die unseren sind. Ich hoffe, Seine Majestät zu bewegen, daß wir die Konföderierten als kriegführende Macht nicht anerkennen und ganz für die Union optieren.« »Das wird Ihnen die Union nie vergessen. So lieblich von Ihnen! All Ihre Landsleute in Amerika fechten unterm Sternenbanner.« »Das beachte ich natürlich sehr. Die Deutsch-Amerikaner sind meist Feinde der deutschen Dynastien, aber sie sollen inne werden, daß ihr altes Vaterland zu Ehren kommen wird. Wir wollen das Band mit ihnen nicht zerschneiden.« – Ende August machte sich der König nach Baden-Baden auf und besuchte zunächst in Nymphenburg die Königin von Bayern, da König Max schon zum Frankfurter Fürstenkongreß vorausreiste. An der Galatafel saß der Königin ihr Sohn, Kronprinz Ludwig, gegenüber, und hatte den preußischen Staatsmann als Nachbarn. Der lang aufgeschossene bleiche Jüngling fiel auf durch eine romantische Schönheit der mit dichten Locken umrahmten Stirn und feingeschnittenen Züge. Dagegen trugen seine eigentümlichen dunkeln Augen, obschon schwärmerisch und glänzend, einen seltsamen Ausdruck, den man nicht recht entziffern konnte. Auch die Form dieser Augen entzog sich einer genauen Bezeichnung, sie waren mandelförmig, also mehr orientalisch, aber nicht geschlitzt, und hatten etwas Schielendes. Bei seiner Verwandtin, der Kaiserin von Österreich, trat entschiedene Ähnlichkeit mit ihm nicht nur in den stolzen, anmutigen Gesichtszügen, sondern auch in den Augen hervor. Otto wußte nicht recht, was er aus diesem Gesicht und überhaupt dem Wesen des jungen Fürsten machen sollte. Dieser richtete an ihn freundlich, aber nachlässig die üblichen Fragen, und ein Tischgespräch wollte nicht in Gang kommen. Es belebte sich erst, nachdem der Kronprinz heftig dem Champagner zusprach und mehrmals ungeduldig sein Glas nach rückwärts hielt, wenn es nicht schnell genug gefüllt wurde. »Sie kommen aus den österreichischen Bergen? Sie sollten einmal die bayerischen kennen lernen. Wunderbar! Der Königssee, märchenhaft!« Bei all solchen dithyrambischen Hyperbeln leuchteten die seltsamen Augen in sehnsüchtigem Glanz. »Lieben Sie Musik?« »Leidenschaftlich.« »Und ich! Mein großer Vorfahre Ludwig I. bevorzugte die bildenden Künste. Ich weniger, nur die Architektur zieht mich an. Man nennt sie ja gefrorene Musik. Kennen Sie Versailles?« »Ziemlich gut. Ich hatte die Ehre, dort zuerst dem Kaiser Napoleon vorgestellt zu werden.« »Ja, Napoleon III.!« Der schöne weichliche Mund krümmte sich. »So ähnlich seinem Onkel wie ich dem Herkules! Sie verstehen das angepaßte Zitat?« »Aus Hamlet. Eure Königliche Hoheit unterschätzen vielleicht den jetzigen Träger des großen Namens.« »Mag sein. Aber er ist doch so ... so wurzellos, ein Mensch ohne jede Herkunft. Als Wittelsbacher legt man auf solche Dinge Wert. Mein Ideal ist der Roi-Soleil, Ludwig der Große. Bewundern Sie ihn auch?« »Er war geschickt in Wahl seiner Handlanger«, gab Otto zögernd seine Meinung ab. »Den Beinamen ›der Große‹ kassierte die Nachwelt.« »Weil die Kanaille alles Große haßt.« Der Jüngling kniff die schönen Augen ein, sie sahen so ganz schief aus, bekamen etwas Grausam-Lüsternes. »Die römischen Cäsaren wußten, wie man mit ihr umzuspringen hat.« Er schaute in jeder Pause des Gesprächs über seine Mutter, die Königin, zur Decke empor, als weilten seine Gedanken gottweißwo. Wie aus einem Traume erwachend, fügte er wildfremd mit veränderter Stimme, ganz im schleppenden Ton eines prinzlichen Hofgesprächs hinzu: »Exzellenz tragen da viele schöne Orden. – Wie alt sind Sie? – Schon 48? Ich wollte sagen: erst! Sie haben sich einen bedeutenden Ruf erworben. – Sanssouci soll sehr hübsch sein. Gefällt Ihnen Nymphenburg? – Ja, es ist passabel. Doch denke ich an viel großartigere Bauten, die mir vorschweben. – Sie tranken wohl besseren Champagner in Frankreich? Unser Bier ist mit Recht berühmt.« Mit solchen Brocken glaubte er seiner Pflicht genügt zu haben. Nachdem er noch die Floskel zusetzte: »Ihr Souverän, mein hochverehrter Oheim, sieht vorzüglich aus«, drehte er Otto halb die Schulter zu und bezeugte deutlich seine Langeweile. Fortwährend sah er zur Decke, den Flügen seiner Einbildungskraft hingegeben, die ihm bezaubernde Bilder von griechischen Göttern vormalten. – – König Wilhelm machte nochmals Station unterwegs bei seiner Schwägerin, der Königinwitwe in Wildbad. Diese begeisterte sich für den Fürstentag und beschwor den Minister, dies öffentliche Zeugnis fürstlicher Solidarität zu fördern. Otto hörte ruhig zu und erwiderte dann trocken: »Entschließt sich der König zu solchem Schritt, so werde ich natürlich in Frankfurt seine Anordnungen ausführen, aber als Minister kehre ich dann nicht nach Berlin zurück.« Königin Elisabeth entsetzte sich. »Wie, Sie wollen Ihren Abschied nehmen? Sie, unsere beste Stütze im Kampf wider den Umsturz?« »Sehr gnädig von Eurer Majestät, mir das zuzusprechen. Mein Ehrgefühl als Preuße verbietet mir, einen Plan zu unterstützen, der uns für lange ruinieren würde. Wir würden dann eben bleiben, was und wo wir sind, und uns selber das Tor für schönere Aussichten verschließen.« »Wenn das so ist –! Ich habe unbedingtes Vertrauen zu Ihnen. Sie beruhigen mich so, daß ich fortan kein Wort mehr zugunsten des Fürstentages vor Seiner Majestät äußern werde.« Auf der Fahrt von Wildbad nach Baden überzeugte er endlich den König. »Erkennen Eure Majestät denn nicht die Geringschätzung in diesem förmlichen Überfall? Der Kaiser ladet Sie kurzerhand ein wie einen letzten überzähligen Gast, nachdem schon alle anderen Fürsten verständigt. Sie durften wahrlich verlangen, daß Sie zuerst angegangen wurden. Das ist schon keine Einladung mehr, das ist nur eine Ladung eines alten Deutschen Kaisers an einen Vasallenherzog.« Dem König stieg die Röte ins Gesicht. »Das ist wahr, in diesem Lichte sah ich es nicht. Übrigens säßen wir ja wieder zwischen zwei Stühlen. Der Zar schrieb mir eigenhändig, er wolle Österreich den Krieg erklären und rechne auf meinen Beistand.« »Unnötig, denn die ganze Polenaktion wird im Sande verlaufen.« »Auch nach der letzten Drohnote vom 1. August seitens der Westmächte?« »Rückzugskanonade. Sie werden Österreich allein lassen, sobald es ernst wird. England will keinen neuen Krimkrieg, hatte an damaligen Opfern genug, Napoleon hat kein Interesse daran, Österreich zu stärken, dem er ja doch noch Venetien abnehmen möchte. Keinesfalls dürfen sich aber die Dinge von 1854 und 1859 wiederholen, wo Preußen dastand wie der Esel zwischen zwei Heubündeln, ungewiß, wohin er sich schlagen sollte. Rußland darf nie wieder an unserer Freundschaft irre werden. Gewiß wollen wir uns nicht für die polnische Frage schlagen, aber wir müssen uns wenigstens anstellen, als wollten wir es, denn wir werden, wie gesagt, gar nicht in der Notwendigkeit sein.« Der König versank in Nachdenken. »Und Österreichs Freundschaft halten Sie für wertlos?« »Durchaus nicht, es wird unser natürlicher Verbündeter sein, sobald es mal auf Hegemonie in Deutschland verzichtet. Fürs erste aber haben wir von ihm nichts zu hoffen, alles zu fürchten und eventuell viel zu holen. Von Rußland haben wir für die deutsche Frage alles zu hoffen, nichts zu fürchten und von ihm im Kriegsfalle nichts zu holen. Es liegt also auf der Hand, where our bread is buttered, wo unser Vorteil liegt.« »Nun gut, ich werde nicht nach Frankfurt gehen.« Doch in Baden lauerte neue Überraschung. Der ehrwürdige König von Sachsen, der als Dante-Übersetzer gepriesene Johann der Weise, der Senior des deutschen Fürstenstandes, erschien in Person mit Vollmacht von 33 Dynasten, um den Hohenzollern im Triumph nach Frankfurt zu entführen. Beust begleitete ihn und suchte seinen preußischen Kollegen hastig auf, während die beiden hohen Herren sich besprachen. Er fand Otto beim Abendessen, der ihn höflich bat, teilzunehmen. »Ach, dies ist das Stephanienbad, wo 1806 der Kaiser Napoleon abstieg, als er ein wenig Rheinbund auffrischte und die süddeutschen Herrschaften um sich versammelte«, begann Beust unverfänglich. Das sollte natürlich tiefere Beziehung haben und die angebliche Bundesreform des Fürstentages in nationalem Lichte erstrahlen lassen, als schwebe dabei Vereinigung der Deutschen gegen ausländische Übergriffe vor. Otto wischte sich den Mund, warf die Serviette hin und sagte trocken: »Sie kommen, um uns ins Verderben zu stürzen. Gelingt Ihnen nicht.« Beust machte eine theatralische Bewegung hochherziger Verneinung. »Ich stehe sprachlos und begreife Sie nicht. Ach, vielleicht fürchten Sie, die Gesundheit Seiner Majestät des Königs von Preußen, der nach zwei ernsten Kuren der Ruhe bedarf, werde gefährdet? Nichts einfacher als das, der König begebe sich morgen nach Frankfurt, höflich begrüßt und begrüßend, und gebe die Erklärung ab, er werde sich an den Beratungen beteiligen, müsse jedoch einige Wochen um Aufschub bitten. Dann geht der Kongreß so lange in Ferien.« »Möglich, aber nicht sicher. Ebenso möglich, daß er ohne den König die Beratungen beginnt. Und die Hauptsache bleibt immer, daß er dann prinzipiell seine Einwilligung gegeben hätte. Dies mit allen Kräften zu verhindern, ist meine Absicht.« »Wie soll ich mich nur bemühen, Ihren Argwohn zu zerstreuen! Sie schenkten mir doch bisher Vertrauen.« Barsch unterbrach den öligen Hofmann sein unheimliches Gegenüber: »So? Wenn das so ist, so hab' ich Vertrauen überhaupt nicht mehr seit Ihrer Rede beim Leipziger Turnfest.« Beust tat, als fiele er aus den Wolken. »Wie?« Weil ich von Deutschlands Einheit sprach?« Der Preuße lächelte spöttisch. »Mit der Ihnen angeborenen schwungvollen Beredsamkeit. Aber, genau gesprochen, sprachen Sie von Einheit der edlen deutschen Fürsten, die ein großes Werk vorhätten, um die Wünsche der Nation zu befriedigen. Woraus ziemlich sicher hervorgeht, daß Sie das Frankfurter Projekt schon kannten, als ich Sie in Dresden besuchte, vielleicht kannten Sie es sogar früher als irgendwer, doch verschwiegen es mir mit löblicher Vorsicht.« »Es lagen Andeutungen vor, es waren Anbahnungen im Gange, doch nichts Gewisses«, log Beust etwas verlegen. Konnte man denn wissen, ob dieser schändliche Mensch nicht alle Intrigen haarklein kannte und man sich durch krasses Lügen bloß in die Tinte setzte? »Ja, die Nation erfuhr, welch deutsches Herz in Ihrem Busen schlägt. Hoffentlich denken alle Mittelstaaten so opferfreudig wie Sachsen ... ich meine natürlich gemäß Ihrer schönen Rede.« Das war des Pudels Kern: Preußen den Wind aus den Segeln nehmen und sich anstellen, als könnten die Kleinstaaten, aus eigener Machtvollkommenheit, was Preußen nicht wolle und könne. »Gehen Sie doch! Sie machen Ihre Freunde irre. In Preußen schwor auf Sie bisher Edwin Manteuffel. Als der Ihre Rede las, bekam er die Gelbsucht und legte sich zu Bett mit dem Wehruf: Wie man sich in einem Mensch täuschen kann!« »Sie machen sich über mich lustig!« rief Beust ärgerlich. »Ich kenne ja Ihre Gewohnheit, selbst bei ernster Verzürnung zu scherzen. Wann werde ich Ihren offiziellen Bescheid erhalten?« »Sofort.« Otto stand auf und reckte sich. »Ich gehe zum König und werde Ihnen die Antwort bringen. Mein hoher Herr ist sehr verdrießlich. Wissen Sie, was er sagt?« »Ich bin ganz Ohr.« Und wenn er tausend Ohren hätte, sie hörten alle, sagt Shakespeare; so dachte Otto ironisch, als er Beusts zappelnde Aufregung beobachtete. »Nun, er sagt: hätte man mir doch meinen Schwiegersohn geschickt, dem Großherzog von Baden hätte ich gehörig den Kopf gewaschen! Aber dem ehrwürdigen König von Sachsen, wie fatal!« – Er fand den König erregt und wieder unschlüssig. »Dreiunddreißig regierende Herren und ein König als Kurier! Es ist doch eine gewisse ehrende Rücksicht darin, daß man mich persönlich in dieser Weise ladet!« »Eine Rücksicht, nachdem man über den Kopf des Königs von Preußen weg die ganze Windbeutelei beschloß und inszenierte? Stellt man nicht Eure Majestät einfach vor ein fait accompli?« »Das empfinde ich so gut wie Sie. Doch es gibt gewisse Vorstellungen, die nur ein Regierender würdigt. Dreiunddreißig Souveräne und ein König als Kurier! Es wird eine glänzende Versammlung geben.« »Das gönnen wir ihnen von Herzen. Der dunkle Punkt darin, unsere Abwesenheit, wird allein alle Augen auf sich ziehen.« Der König seufzte. Es fiel ihm schwer, so offen mit all seinen Herren Vettern zu brechen. »Glauben Sie wirklich an Separatbündnisse?« »Dies ist das wahre Ziel des Kaiserlichen Kabinetts, es wünscht gar nicht, daß wir uns am gemeinsamen Werk beteiligen, es will nur die Mittelstaaten unter einen Hut bringen, den Hut mit dem Doppeladler.« »Wenn ich das sicher wüßte,« brauste der König auf, »dann besänne ich mich nicht lange.« »Auffälliger kann doch nichts sein, als gleich die erste Notifizierung vom 3. August: falls Preußen sich nicht anschließe, d.h. Gefolgschaft verweigere, werde Österreich für sich ein eigenes Abkommen mit den deutschen Staaten verwirklichen.« »Sie haben recht. Ich sehe jetzt klar.« »Eure Majestät stehen vor einer großen Verantwortung.« Ottos Stimme klang heiser vor Erregung. »Die Bedürfnisse des preußischen sind die des deutschen Volkes, gleich und unzertrennlich. Wo das deutsche Volk in seiner wahren Bedeutung sich geltend macht, da braucht Preußen nichts zu befürchten. Man will Eure Majestät in eine abschüssige Bahn hineinziehen, wo Preußen und Deutschland gemeinsam die schiefe Ebene hinabrollen.« »Das soll man von mir nicht sagen dürfen, daß ich Deutschland an Österreich überlieferte. Das wäre, wie Sie schon früher bemerkten, Verrat an der vaterländischen Sache.« Der König stand hochaufgerichtet, nach seiner Gewohnheit die Hand am mittleren Knopfloch der Uniform. »Sie haben gesiegt. Ich danke Ihnen, daß Sie mir den rechten Weg wiesen. Geben Sie das Schriftstück her!« Erst in vorgerückter Nachtstunde unterschrieb er die Absage, die sein Minister eiligst an den bei Kerzenlicht wartenden Beust überbrachte. Otto befand sich in solcher innerer Erregung, daß er sich kaum auf den Beinen erhalten konnte, und indem er durch das Adjutantenvorzimmer hinausschritt, bleib ihm die Türklinke in der Hand unter seinem krampfhaften Griff. »Da haben Sie!« warf er das Aktenstück brüsk vor Beust auf den Tisch. »Gott im Himmel sei Dank, daß wir Ihren Schlichen entrannen!« »Ich bitte, sich zu mäßigen.« »Ich stehe zu Ihrer Verfügung. Ein offener Feind ist mir lieber als ein falscher Freund. Und bitte uns mit weiterer Belästigung zu verschonen! Dieser 19. August ist denkwürdig. Gute Nacht!« Seine krankhafte Erschöpfung der Nerven hielt noch lange vor, er floh die Geselligkeit, wo er nach so vielen anderen politisierenden Damen nun auch den Russinnen in die Hände fiel. Er mußte sich zusammennehmen, um nicht grob zu werden. Der Gesandte Goltz erschien mit gewohnter Wichtigtuerei, reiste nach Paris zurück und versicherte, er sei »mit Cäsar ein Herz und eine Seele«. Wie Otto voraussah, ließ Napoleon sofort Österreich fallen, sobald er vom Fürstentag Wind bekam, den er als einen Einbruch in seine eigenen Waidgründe künftiger Rheinbündelei betrachtete. Die Polen sangen umsonst: Noch ist Polen nicht verloren. Und die Deutschen lasen mit Staunen, daß die berühmte Reformakte in Frankfurt durch Selbstausschließung Preußens aus dem Bunde beantwortet sei. Aus Berlin, wohin König und Minister zurückreisten, ergingen die revolutionärsten Forderungen: wirkliches deutsches Volksparlament mit direkten Wahlen. Den deutschen Souveränen liege ob, über das, was sie darböten, die Nation selbst urteilen zu lassen, z.B. durch verfassungsmäßige Einwilligung der Landtage jedes einzelnen Staates. So parierte Otto mit einem wuchtigen Gegenhieb, der das ganze Komplott entwaffnete. »Er wird immer verrückter!« jammerte Gerlach. »Das ist ja die proklamierte Demagogie!« Verständige Demokratie unter monarchischer Führung. »Der falsche Satan!« schimpfte Prokesch in Gegenwart des Kaisers. Der aber versetzte zurechtweisend: »Hätt' ich ihn nur!« Da die Fürsten sich ohne Preußen mit Österreich allein sehr verwaist fühlten und sich keineswegs blindlings Österreichs Protektorat unterwerfen wollten, so blieb die Reformakte ein hübsches Stück Makulatur im historischen Archiv. Doch bis dahin gab es noch so viel Qual und Anstrengung, daß er an Nanne schrieb, nur demütiges Vertrauen auf Gott lasse nicht an der Zukunft verzweifeln. Zum Überfluß kamen noch zwei harte Schläge hinzu. Seine treffliche Schwiegermutter starb plötzlich, die ihm wie eine wirkliche Mutter war, und die er zärtlich liebte. »Ihre großen, blauen Augen sind für immer geschlossen, sie werden vieles nicht mehr sehen.« Sein tränenvolles Auge schweifte vom Sarg in die Ferne. Gleichzeitig erhielt einen Brief des Ministers Bodelschwingh. Der königliche Flügeladjutant Prinz Hohenlohe habe ihm die Weisung überbracht, dem Kronprinzen mitzuteilen, daß eine vom Ministerpräsidenten erbetene Audienz nun ausfallen müsse, bis dieser von Reinfeld zurückkehre. Der Kronprinz hatte nämlich plötzlich am 3. September ein Schreiben an Otto gerichtet, das allem in Gastein Gesagten widersprach. »Der König weiß nunmehr, daß ich der entschiedene Gegner des Ministeriums bin.« Später sandte er eine Denkschrift an seinen Vater, die in wenig zulässiger Form die Gründe seines Frondierens entwickelte. Ein übermäßiges Selbstgefühl seiner kronprinzlichen Würde sprach heraus, das auch richtlich durchaus dem Familienbrauch und den Verfassungsbestimmungen ins Gesicht schlug, welche beide die Stellung eines Thronfolgers sehr umgrenzten und ihm keinerlei wirkliche Einmischung gestatteten. Die Antwort des Königs, gestützt auf viele Randglossen Ottos zu der kronprinzlichen Auslassung, fiel sehr hart und herb aus, enthielt auch die scharfe Anspielung, daß die englischen Verwandten des Kronprinzen naturgemäß englische und nicht deutsche Interessen verträten und hier pflichtgemäß Diskretion geboten sei. Die Aussprache mit dem Thronfolger, nachdem Otto von Reinfeld zurückgekehrt, gestaltete sich stürmisch. »Warum halten Königliche Hoheit sich von den Sitzungen des Staatsrates fern? Eines Tages wird die Regierung doch an Sie übergehen. Grade wenn und weil Sie einem anderen System huldigen, müßte es Ihre Aufgabe sein, den Übergang zu vermitteln. Opposition ist unfruchtbar.« »Ich muß Ihren Rat ablehnen, Herr Ministerpräsident. Einen solchen Übergang und solche Vermittlung wünsche ich nicht, da ich ganz gewiß auch mit allen Personen des früheren Systems keine Verbindung mehr pflegen werde.« Deutlicher konnte er nicht ausdrücken, daß er den »Übergang« mißverstand, als habe Otto ihm seine Dienste anbieten wollen, und daß er jede Anbahnung einer solchen Vermittlung verabscheue. Er warf dabei den Kopf zurück und einen Blick über die Achsel, der mit dem Zorn eines Olympiers kecke Anmaßung eines niederen Sterblichen von sich wies. Das Blut stieg ihm in die Wangen vor Entrüstung über solche Andrängelei, seine hoheitsvolle Haltung gewann Nachdruck durch seine schöne Stattlichkeit in Posen und Gesten. Dieser so überaus Liberale nährte nämlich ein schrankenloses Herrscherbewußtsein, und zwar persönlicher Art, sehr verschieden von dem unpersönlichen Monarchentum seines hohen Vaters, das sich immer nur auf sein von Gott verliehenes Amt bezog. Höchst merkwürdig verquickte sich aber damit eine leicht bestimmbare Schwäche fremden, besonders weiblichen Einflüssen gegenüber und eine von Mutter und Gattin übernommene falsche Demut vor England. Ganz problematisch verwickelte sich dies Wesen erst recht dadurch, daß er, trotz heftiger und herrischer Launen, einer nachhaltigen Tat- und Arbeitskraft entbehrte, im vollsten Gegensatz zum Vater, dafür aber eine edle, obschon zu weiche Menschlichkeit voll Mitleid und lauterster Herzensgüte besaß, der man etwas im besten Sinne Fürstliches nicht absprechen konnte. Eine gewisse Neigung zur Pose, eine gewisse Eitelkeit des schönen Mannes und eine reizbare Launenhaftigkeit nebst einem Behagen an schlechten Witzen oder taktlos persönlichen Schnurren, die er für witzig hielt, trugen dazu bei, daß sich ein falsches Bild bei skeptischen Beobachtern über seine geistigen Fähigkeiten festsetzte. Er stand, wie die allermeisten Fürsten, weit über dem Durchschnitt, was die demokratische Legende ja niemals Wort haben will, so wie er moralisch noch mehr als die meisten Fürsten (seinen verehrungswürdigen Vater ausgenommen) sich über den Troß der Vielzuvielen erhob. An starkem Bildungsdrang wäre er eher Otto verwandt gewesen, nur lagen seine literarischen Bedürfnisse mehr nach der historischen als der ästhetischen Richtung, obschon er sich, ähnlich wie der kommende König von Bayern als Schirmherr der Künste fühlte. Wegen Neigungen seiner begabten Gattin gab er hier der Malerei den Vorzug. Seine Lieblingslektüre bildeten Freytags »Bilder aus der deutschen Vergangenheit«, was jedenfalls einen von jeder Seichtigkeit entfernten Geschmack beweist. Auch hier kontrastierte sein lebendiger deutscher Nationalsinn mit der michelhaften Vorliebe für Fremdländisches. Sein Leiborgan waren die damals gegründeten »Grenzboten«, in denen Julian Schmidt, ein damals hochberühmter Kritikus, den Klassikerruhm Gustav Freytags verkündete. Dieser tüchtige, nur maßlos überschätzte Schriftsteller stellte klüglich der revolutionären Literatur des einstmaligen jungen Deutschland einen gothaisch-gemäßigten Liberalismus entgegen, dessen Mannesstolz vor Fürsten und Adel sich in höchst gesetzmäßigen Formen aussprach. Seine Bürgerlichkeit buchte gewissenhaft Soll und Haben, feierte die Journalisten, diese echte Pflanzschule der Bourgeoisie, und suchte nach der verlorenen Handschrift des einigen Deutschland ausgerechnet in Koburg bei seinem Gönner, dem Herzog Ernst. Dieser entschieden geistvolle, aber als Charakter nichts weniger als tadelfreie Fürst übte als Onkel der Kronprinzessin einen nicht heilsamen Einfluß, obschon die unparteiliche Geschichte weiß, daß er sich bei mehreren Krisen selbstlos in Preußens Dienst stellte. Eins verband die gothaischen Monarchisch-Liberalen alle mit seltener Einhelligkeit: ihr grenzenloser Widerwille gegen diesen Abenteurer Bismarck. Der politisierende Freytag wußte genau, daß der unheilvolle Junker Preußen ins Verderben reiße und die deutsche Einheit um Jahrzehnte aufhalten werde. Solches waren die Orakel, auf die der Kronprinz lauschte. Denn das brauchte er nicht zu wissen, daß der von rechts und links verfemte Ferdinand Lasalle den großen Julian Schmidt als Schmulian Jüd seichter Literatenfrechheit entlarvte und über den verruchten Ministerpräsidenten in sozialistischen Volksversammlungen belehrte: »Wir mögen mit ihm Schüsse wechseln, doch eins wissen wir von ihm, er ist ein Mann im vollsten Sinne.« Denn der Geniale erkennt den Genialen, das mittelmäßige Talent wird freilich ja auch den Genialen erkennen, nämlich durch die instinktive Abneigung, die er einflößt. – Der so hoheitsvoll Niedergedonnerte dachte sofort (für ihn so bezeichnend) an den Infanten Carlos und Alba und erwiderte unbewegt, obwohl ein düsterer Titanenzorn ihm an der Leber nagte: »Königliche Hoheit haben mich wohl gründlich mißverstanden. Das Land und die Dynastie werden geschädigt, wenn König und Thronfolger sich entfremden. Mein Monarchismus zwingt mich, alles zu tun, um diese Irrung aufzuheben. Deshalb hielt ich Seine Majestät Ihren Herrn Vater von entscheidender Vergeltung ab, zu der er entschlossen schien. Ich bin sein treuer Diener. Ihnen aber wünsche ich, daß Sie bei Ihrer Thronbesteigung ebenso treue Diener finden. Eure Königliche Hoheit müssen sich den Irrtum aus dem Sinn schlagen, als ob ich jemals Ihr Minister zu werden hoffte. Erstens habe ich den Posten nur angenommen aus Pflicht, nicht aus Ehrgeiz, zweitens aus persönlicher Liebe und Treue für einen besonderen Herrn, Ihren Vater, drittens will, kann und werde ich Ihr Minister nicht sein, weil ich Ihre Grundsätze nicht billige. Ich habe es nicht verdient, wie ein Höfling und Stellenjäger behandelt zu werden. Auf welchem Standpunkt wir auch stehen mögen, sowohl Eure Königliche Hoheit als ich sind deutsche Männer.« Es zuckte in dem schönen Gesicht des Kronprinzen, sein blaues Auge bekam einen feuchten Schimmer. Dann streckte er Otto die Hand hin und rief: »Verzeihen Sie meine Aufwallung! Ich war ungerecht. So weit unsere Wege auseinandergehen, ich fühle und weiß, daß Sie nicht nur ein bedeutender, sondern ein braver Mann sind. Ich scheide von Ihnen mit gesteigerter Achtung. Aber mich persönlich, wie immer die Würfel sonst fallen mögen und wir als Feinde uns gegenüberstehen, sollen Sie sich nie zu beklagen haben.« – Mit der Ahnungsfähigkeit der Genialen und der Frauen schaute Otto, daß dies Versprechen sich noch mal bewähren werde in schicksalsschwerer Stunde ... einer solchen hinter den Kulissen, von der die Welt nichts weiß. Und auch Rechberg honorierte endlich doch den bewußten geheimen Vertrauenswechsel. Die Zögerung und dann Weigerung der Mittelstaaten, das dualistische Prinzip aufzugeben und nach Preußens Austritt sich willenlos mit Österreich zu verbünden, wobei noch die Rheinbundgelüste besonders in Hessen-Darmstadt in Frage kamen, brachten in Wien einen Umschwung. »Was denken sich die Leute?« grollte Rechberg. »Wir können uns mit meinem alten Freunde Bismarck viel leichter verständigen als sie.« Der biedere Anton Prokesch v. Osten, eigentlich Militär und jetzt wieder zu hohem Posten in der Armee berufen, warnte freilich: »Sie unterschätzen diesen Mann. Er hat den Bund herabgewürdigt und zugrundegerichtet in der öffentlichen Meinung und kein Mittel verschmäht, uns lahmzulegen. Der ist klar wie ein Macchiavelli und aalglatt ohne Skrupel. Wie hat er die Presse benutzt, um uns in die Schuhe zu schieben, was er selber angerichtet!« Rechberg brummte etwas Unverständliches und unterdrückte nicht ein boshaftes Lächeln. Entwarf Prokesch da nicht eine schnurrige ... Selbstcharakteristik? Es stimmte ja, daß dem Preußen jede Halbheit fremd war und er immer aufs Ganze ging, aber Rechberg wußte nur zu gut, welchen Kleinkrieg mit tausend Hinterhalten und Fallen die Vertreter Österreichs geführt. »Ich kam doch leidlich mit ihm aus«, warf er gelassen hin. »Sie? Sie standen ja nicht mal mit ihm auf gutem Fuß gesellschaftlich, was meine Selbstverleugung doch fertig brachte. Sie und Thun hat er noch mehr gehänselt und provoziert.« Rechberg, dem Empfindlichen, stieg die Zornröte ins Gesicht. »Ich muß bitten, solche Unterstellung zu unterlassen. Weder Thun, mit dem er übrigens von Haus zu Haus familiär verkehrte, noch meine Wenigkeit lassen sich hänseln. Sie sind voreingenommen. Hätte der Mann eine gediegene diplomatische Erziehung, so wäre er ein bedeutender Staatsmann. Sein Feuer und hochstrebender Mut hatten meine volle Achtung.« »Ach, er ist ja immer unfähig, die Person von der Sache zu trennen!« wehklagte Prokesch in Erinnerung an so viele eigene Blamagen. »Einen Engel ohne preußische Kokarde schmisse er zum Fenster hinaus, und dem Teufel würde er biderb die Hand drücken, wenn der ihm eine fette Annexion für Preußen verspräche. Uns bleibt er feindselig gesinnt, verlassen Sie sich darauf, er ist ganz abgeschlossen in seiner Überzeugung von Preußens Beruf. Das ist eine fixe Idee, die jede Vorsicht überwältigt. Sollten Sie für möglich halten, daß er sogar mir anvertraute, Preußens Vorherrschaft in Deutschland sei unerläßlich?« »Nun ja, mit solchen Träumereien fiel er auch mir lästig, doch wer nimmt das ernst! Er doch selber nicht. Praktischer Sinn ist ihm leider versagt, er steckt voll von Vorurteilen als Parteimann. Aber –« »Ich behaupte nicht, daß er den Umguß in neue Form vollziehen könnte, dazu fehlt ihm das Talent und Preußen die Macht. Fähig aber ist er zu allem für seinen Einheitsfetisch, er riefe sogar die Revolution.« »Ja, der schreckliche Mensch würde dafür den Staatsfrack ausziehen und selbst auf Barrikade treten«, lachte Rechberg halb humoristisch. »Er kennt nur das preußische Interesse.« »Und wir nur das österreichische.« Rechberg lehnte sich zurück und schloß die Augen. Er sah eine gewisse Depeschenszene vor sich. Das entschied bei ihm. »Jedenfalls ist er ein Mann von Ehre. Das weiß ich. Mit solchen Leuten darf man ein ehrliches Spiel wagen. Momentan gilt es, die Kleinstaaten zu strafen, und wir können ganz wohl ein Stück Weges Hand in Hand mit Preußen gehen!« Nicht er war eigentlich Ministerpräsident, sondern ein obskurer Bureaukrat Schmerling. Doch als Minister des Auswärtigen hatte er den Rang, wenn nicht den Titel. Plötzlich wurde sein Verkehr mit Berlin durch den zuverlässigen Karolyi äußerst freundlich, fast herzlich. Otto sann nach. Auf die Dauer hält's schwerlich, doch Rechberg scheint zur Einsicht zu kommen und das dualistische Prinzip in allen Konsequenzen anzuerkennen. Solange er die Regierung führt, habe ich nichts dawider, natürlich müssen wir handgreifliche Garantien haben. Freilich, wo die hernehmen? Da auf einmal – es war der 15. November – platzte die Depesche herein, Friedrich VII. von Dänemark sei gestorben. Seinen Nachfolger bestimmte die weiland Londoner Konferenz, die mit englischer Unverschämtheit und Unwissenheit deutsche Verhältnisse nach ihrem Belieben auslegte. Aber schon König Friedrich hatte an den Vertragsklauseln gerüttelt, jetzt schäumte ganz Dänemark ins Gebiß und verlangte Herstellung der damals beseitigten Gesamtkonstitution – zu deutsch: die endgültige Losreißung des deutschen Schleswig-Holstein von deutscher Gemeinschaft, die Dänisierung deutscher Lande. Als Otto diese Kunde aus Kopenhagen in Händen hielt, wurde sein Auge groß und starr und hellseherisch wie das eines Spoikekiekers der westfälischen Heide. »Was hast du?« fragte Johanna. »Hm, nichts ... oder alles. Ja, so wird es gehen.« »Was denn?« »Das kann ich dir nicht sagen. Schwierig, sehr schwierig, doch wenn Gott hilft, ist nichts unmöglich.« Ist meine Mission erfüllt, kann ein Atom mich fällen, sagte der Korse, denn alle Großen wissen, daß es nur einen allmächtigen Alliierten gibt. Schicksal, sagte der Korse, Gott, sagte der Deutsche. Die Schicksalsstunde schlug. Doch ihren ehernen Ton vernahm nur einer. Und der Gott der Deutschen lächelte von droben: Wohlauf, mein Auserwählter, die Stunde ist da! Des Reiches Schmied »Kiekt mal den! Det is woll so'n Beamterich! Oder eener aus Posemuckel!« Verschiedene Straßenjungen zeigten mit den Fingern auf einige Herren, die in der Nähe des Schlosses den vom Manöver heimkehrenden König grüßen wollten. Kaum machten sie aber Miene, den Hut abzunehmen, als eine Rotte fuselduftiger Pennbrüder im Sturmschritt anrückte: »Haut ihm! Wer so'n jemeener Kerl is, dat er vor den Tyrannerich seinen Filz runterdut, dem treibt een rechtschaffener Volksmann den Hut in! Unterstehe dir! Hier in det freijeistige Berlin rejiert die feine Fortschrittspartei, un' wer uns nich zu Willen is, kriegt Keile.« Diese edlen Volksfreunde litten es nicht, sie konnten nicht mit ansehen, daß Leute sich anständig aufführen wollten. Ein besonders Erleuchteter gab dem zersprengten Häuflein, das seinem König die schuldige Achtung erweisen wollte, die Belehrung zur Wegzehrung mit: »So 'ne Jemeinheit! Unsere Brüder in Frankfurt a. O. sollen dir wohl beschämen, du Dummrian? 2000 Taler für Fisematenten beim Manöver hat die olle jute Stadt spendieren sollen, um diesenjenigten Verfassungsbrecher einzuladen. Is nich! Keinen Jroschen! So muß er nu jeden Morjen hin an de Oder un' jeden Abend retour nach Berlin, weil die jetreuen Frankfurter ihm eene Nase drehen, hehehe! Un' ihr faulen Köppe wollt hier Schmiere stehn für infamigte reakschonäre Jesinnung? Macht, dat ihr fortkommt zu eure Schlafmama, sonst setzt's Berliner Haue! Ei weih, au!« Die Eingeschüchterten verflüchtigten sich. Ein Herr, der dies widerliche Treiben beobachtete, stieß mit einem General zusammen, der durch eine Querstraße von der Leipziger Straße in großer Uniform herkam. »Ah, Herr v. Bernhardi, Sie hier?« Theodor v. Bernhardi, ein bekannter Gelehrter, Hofmann und Politiker, der sich besonders mit militärischer Theorie befaßte und auch hierin als förmlicher Friedrichstheologe, d. h. Anschwärmer Friedrichs des Großen und Herabsetzer Napoleons, einem übertriebenen Borussentum huldigte, schüttelte dem Kriegsminister Roon die Hand. »Kommen Sie von Ihrem Ministerium oder von der Redebude am Dönhofsplatz?« »Von letzterer. Virchow war heute wieder groß. Ich bewundere Bismarcks ungetrübte Schnuppigkeit gegenüber so verdrehter Anmaßung. Er tut mir in der Seele leid, das Zeug anhören zu müssen, er, der den Kopf so voll hat mit auswärtigen Schwierigkeiten.« »Nicht wahr, Napoleons Thronrede macht ihm Schmerzen? Einen Kongreß berufen, wo er als Schiedsrichter Europas alle schwebenden Verwicklungen lösen will! Wenn sich Bismarck nur ausbedingt, daß das Schleswig-Holsteiner Problem als reindeutsche interne Sache dort nicht verhandelt wird!« »Oho, er sagt, es werde nie zu solchem Kongreß kommen, wir würden ihn nicht beschicken, Österreich auch nicht.« »Geffcken ist anders unterrichtet.« »Wer ist Geffcken!« stieß Roon verächtlich hervor. »Ein Hintertreppendiplomat bei Kronprinzens! Was hat der wieder zu stänkern?« »Er behauptet, Bismarck habe die ganze Angelegenheit dem kleinen Kabinettsrat Abeken aufgehalst und ihn instruiert: ›Machen Sie mit Schleswig-Holstein, was Sie wollen, nur daß kein Krieg draus wird.‹« Roon lachte herzlich. »Der kriegsscheue Bismarck! Lassen Sie sich doch keine Bären aufbinden! Die Mobilmachung ist in der Stille angeordnet. Wir dürfen uns nicht überrumpeln lassen, irgendeine neue Wendung könnte zu Verwicklungen führen. Unsereins kennt nur Macht-, nicht Rechtsfragen in solchen Fällen.« »Aber haben wir die genügende Macht? England steht schon gegen uns. Dänemarck müsse in unangetastetem Besitz bleiben. Man wird wohl wieder so ein Londoner Protokoll zusammenkleistern und für immer den Brei verderben, denn viele Köche – man kennt das Sprichwort. Und wenn wir nicht dem Herzog Ernst nachfolgen, der sein Koburg, ferner Weimar, Baden, Bayern, Oldenburg zur Anerkennung des Augustenburgers bewog, so werden die Holsteiner ins dänische Lager übergehen, weil sie sich preisgegeben glauben. So denkt auch der Historiker Professor Droysen, den Sie ja wohl kennen.« »O ja! Ich habe das Vergnügen in der Kammer,« machte Roon mißmutig. »Die Weisheit dieser Herren ist mir nicht maßgebend.« »Er nennt Holstein das norddeutsche Elsaß und fürchtet auch für das norddeutsche Straßburg, Hamburg, das werde auch noch an Dänemarck fallen.« Roon wurde dunkelrot. »Wenn ich das erlebte, schösse ich mir eine Kugel vor den Kopf. Doch was bilden Sie sich ein! Straßburg stahlen die Franzmänner sozusagen wie ein Dieb in der Nacht, als Deutschland völlig zerrissen war, und sie waren eine Großmacht, heute leben in Deutschland 35 Millionen Menschen, die sich von dem hochnäsigen Dänenzwerg nichts gefallen lassen. Und unter diesen Menschen bürge ich für einen, das ist der Ministerpräsident selber.« »Ihr Freund, Exzellenz, ich weiß. Aber wie lange wird er denn bleiben? Er war schon zweimal auf der Wippe,« verbreitete Bernhardi schadenfroh, der zur liberalen Hofkamarilla gehörte. »Wären Herzog Ernst oder der Kronprinz oder Fürst Hohenzollern nach Berlin gekommen, so hätte ein leichter Druck genügt.« »Ihn zu beseitigen? Gott verzeihe denen, die daran arbeiten!« Roon gab sich einen Ruck, daß sein Säbel rasselte. »Dann wären wir ganz aufgeschmissen. Übrigens gehört Fürst Hohenzollern zu seinen Gönnern, und der Koburger schweift nach Höherem als Ministerstürzen, er möchte deutscher Wahlkaiser werden durch Mandat sämtlicher Vereine, Schützengilden, Kegelklubs und Landtagszubehör. 0 Gott! Er möchte Wohl mit seiner Leibkompagnie und mit einem Wald von schwarzrotgoldenen Fahnen in Kiel einziehen. So denke ich mir Hermann den Cherusker. Wenn er nur eine Rolle spielt, dann mag uns alle der Teufel holen.« »Ich habe nichts dagegen, daß Sie diesen hohen Herrn so schroff beurteilen. Aber das ändert nichts an Ihres Freundes erschütterter Stellung. Bernstorff schimpft in London mächtig, man habe sich vom Bundestage ins Schlepptau nehmen lassen, Goltz in Paris wütet über Heraufbeschwören von Gefahren.« »Und beide haben, wie Bernstorffs Äußerung zeigt, keinen blauen Dunst davon, was Bismarck will.« »Weiß er es selbst? Max Duncker sagte mir vorhin, in Berliner Kreisen betrachtet man die Mobilmachung als bloße Polizeimaßregel gegen die Schleswig-Holsteiner Begeisterung, die man bei uns ersticken wolle.« »Die Wahnwitzigen!« murmelte Roon. »Adieu, Herr v. Bernhardi, ich muß zum Vortrag bei Majestät.« – Inzwischen saß der bestgehaßte Mann in Preußen vor seinem Arbeitstische und hämmerte im Schweiße seines Angesichts am Fundamente großer Werke, während die Welt um ihn her klatschte und quatschte. Daß er so gut wie alle gegen sich hatte, beirrte ihn wenig, nachdem ihm der Meisterstreich gelang, Österreich als Karrengaul mit anzuspannen, um den verfahrenen Wagen aus dem Dreck zu ziehen. Er hatte Freund Rechberg, seinen alten Feind, richtig breitgeschlagen, mit Preußen gegen die Schreihälse bundestäglichen Deutschtums Hand in Hand zu gehen. Jetzt stellte er ihm wieder in eine Depesche eindringlich vor, daß den Bundesgliedern jede Einigkeit Preußens und Österreichs ein Horror sei. Hiernach würde bei jedem Kriege, in den ein deutscher Staat verwickelt wird, das ganze liebe Bundespalais einstürzen, und wen die Decke dann begräbt, läßt sich voraussehen: die Schwächeren, die Kleinstaaten. Nur durch gegenseitige Schonung kann es den beiden Großstaaten gelingen, Deutschland freundlich zu beherrschen, nur als primus inter pares , nicht wie ein Protektor des Rheinbundes. Diese verführerischen Lockungen fielen auf fruchtbaren Boden. Die deutschen Mittelstaaten zeigten sich nach Wiener Begriffen zu wenig unterwürfig, ließen die gewohnte Abhängigkeit vermissen und randalierten disziplinlos mit vaterländisch großdeutschen Gesinnungen. Ein solcher frevler Eigenwille mußte geahndet werden, und dazu kam der von Bismarck vorgeschlagene gemeinsame Waffengang gerade recht. Bald meldete Rechberg, 20 000 Österreicher unter Feldmarschall-Leutnant Gablentz würden sich 25 000 Preußen unter Feldmarschall Wrangel anschließen und unter dessen Oberbefehl die Eider überschreiten, falls Dänemark sich halsstarrig erweise. Als Otto so in tiefen und erfreulichen Gedanken saß, sprach der französische außerordentliche Botschafter General Fleury vor, der soeben aus Kopenhagen über Berlin nach Paris heimkehrte. »Was soll nun eigentlich werden, Exzellenz? Der vom Kaiser vorgeschlagene Kongreß wartet.« »Ich denke an die erhebenden Worte des Kaisers«, hauchte der Preuße träumerisch. »›Dieser Kongreß soll für die Gegenwart Ordnung, für die Zukunft Sicherheit schaffen.‹ Wie tief und richtig sagte er, das Gebäude Europas, wie es beim Wiener Kongreß 1815 erstand, bröckele in seinen Grundmauern.« »Ja, aber um vom Abstrakten zum Konkreten zu kommen, die Elbherzogtümer –« »Sind ein Schmerzenskind der großen Politik. Am liebsten ließe ich meine Hände davon.« »Es ist uns nicht unbekannt, Herr Premierminister, daß Sie schon vor Jahr und Tag sich so ähnlich zu Ihrem Vertrauten, dem Herrn Kriegsminister, ausdrückten.« »Woher wissen Sie das, mein General?« fragte Otto scheinbar verdrossen. Der Franzose lächelte fein. »Die Wände haben Ohren, die Briefe nicht immer feste Siegel. Mein Gott, unter uns Auguren wollen wir uns doch nichts vormachen, das gehört zum Dienst, Ich bin überzeugt, daß Sie auch manches von Talleyrands Depeschen an Drouyn de l'Huys kennen.« »Lassen wir das! Was hatte ich also damals gesagt?« »Daß es kein preußisches Interesse sei, einen neuen Großherzog auf den Stuhl zu heben, der im Bunde nur gegen Sie stimmen werde, unbeschadet der Dankbarkeit, die er Preußen schulden würde. Tun Sie da nicht dem lieben Prätendenten ein Unrecht?« »Bah, er ist ein Mensch, Dankbarkeit soll erst noch gefunden werden in dieser schlechten Welt.« »Ach, Sie böse Exzellenz!« Fleury hob schelmisch den Zeigefinger. »Dann begreife ich nicht, warum Sie nicht einfach die Dinge beim alten ließen. Der Kongreß wird Dänemark schon den Kopf zurechtsetzen, daß es seine Übergriffe zurücknimmt.« Otto lächelte in sich hinein. Er hatte absichtlich dem Franzosen obige Äußerung in die Hände gespielt, aber dabei die Fortsetzung unterdrückt. Jawohl, schon vor Jahr und Tag hatte er Roon anvertraut, nur Krieg könne die dänische Frage so lösen, daß Preußen auf seine Kosten komme. Den Anlaß dazu könne man in jeder Stunde finden, die zum Kriegführen günstig scheine. Auf die Würzburgerei und Bambergerei und die Zeitungen und die Kammern und die Vereine pfeife er was, nur die Stellung der Großmächte dazu habe Bedeutung. Nach außen, zum politischen Parkett hin, verlautbarte er aber jetzt mit dringlichem Ernst: »Diese Frage kümmert uns in der Tat so gut wie gar nicht, und nur sie darf der Kongreß behandeln, nicht andere Nationalitätspunkte, wie wir befürchten, vor allem nicht das polnische Thema, das wie Ahasver umherschleicht und nicht sterben will. Preußen, Rußland, Österreich sind darin eins, und auch für England sind solche allgemeinen Fragen verfänglich. Es könnte ja jemand an Irland und Indien erinnern. Ihr erlauchter Gebieter, zu dessen glühendsten Bewunderern ich zähle und dem ich meine Huldigung zu Füßen zu legen bitte, verfolgt mit seinem philosophischen und humanitären Sinn einen Flug in höhere Regionen. Er will das Wohl der Menschheit, die Befreiung aller Unterdrückten. Doch wir können nicht mit. Lieber den Rhein abtreten, lieber sterben, als Diskussion über unseren Posener Besitz zulassen!« Fleury nahm natürlich die schreckliche Ironie obiger Phrasen für bare Münze und belustigte sich über Bismarcks eifrige Angst um Posen. Als ob man je wieder in dies Wespennest stechen würde! »Hingegen das bißchen Schleswig-Holstein – ja, da bring' ich alle Signatare des Londoner Protokolls nach Paris, um des Kaisers Wunsch zu erfüllen.« Weiter wollte er ja nichts, hochbefriedigt ging Fleury von dannen. Den Teufel spürt das Völkchen nie, und wenn er sie beim Kragen hätte. * Herzog Friedrich von Holstein-Augustenburg, Sohn und Erbe des früheren Verzichtleisters, vertrat zwar persönlich vor dem preußischen Staatsmann seine Ansprüche, erweckte aber keine Gegenliebe, höflich, aber bestimmt lehnte letzterer jedes Versprechen für künftige Gestaltung der Dinge ab. Die Weltlage gebiete andere Kombinationen. Obschon der Herzog nachher brieflich in Abrede stellte, einem Abgeordneten anvertraut zu haben, Herr v. Bismarck sei sein Feind, schied er jedenfalls von ihm mit unfreundlichen Gefühlen. Da er sich hinter den Kronprinzen steckte und die regierenden Damen eine sentimentale Bemutterung für einen Fürsten ohne Land sich nicht entgehen ließen, so erwuchs für Otto hier ein neues Hindernis. Der Kronprinzessin ergab sich dabei ein peinliches Dilemma, insofern von England her eine andere sentimentale Gefühlspolitik das Recht der edlen Danske feierte, so viel Deutsche zu quälen als sie wollten. Bei der ungeheueren Unwissenheit der Briten in allen kontinentalen Dingen hatte das Inselvolk einen höchst nebelhaften Begriff davon, daß die Inseldänen mit seltener Unverschämtheit die Festlanddeutschen der Halbinsel knechteten und ihrer großen deutschen Kultur und Sprache entkleiden wollten, zugunsten eines minderwertigen Nebenzweiges germanischer Sprache und Gesittung. Die nämliche Unwissenheit erinnerte sich auch nicht, daß die Schleswig-Holsteiner selber jene Angelsachsen waren, von denen abzustammen die englischredende Menschheit sich rühmt. Die englische Presse, loyal entzückt von der dänischen Prinzessin Alexandra von Wales, ihrer künftigen Königin, schwadronierte von schnöder Gewalttat wider ein kleines Seekönigsvolk, das zwei habgierige deutsche Raubstaaten ohne jeden ersichtlichen Grund seines Eigentums berauben wollten. Dieselbe halb kindische, halb nichtsnutzige Presse hielt natürlich auch den Elsaß für altfranzösisches Gebiet. Großbritannien und Rußland, die sich vom kleinen England über alle Küsten und von Wolga zu Düna, Weichsel, Dnjepr, Pruth, Finnland und Krim ausdehnten. Räuber ohne Ende, konnten sich bald über deutsche Ländergier entrüsten. Unlauteren Wettbewerb! Der Dieb schreit: haltet den Dieb! – Staatsratssitzung im Dezember. Otto war in vollem Zuge, Licht zu verbreiten: »Am 29. September hat England unerbeten und unerwünscht Vermittlung angeboten, und Sir Malet reichte die Note des Earl Russel am 1. Oktober ein, als der Bund schon Exekution gegen Dänemark beschloß. Am 23. mußte Malet nach London notifizieren, daß der Bund jede Vermittelung in rein deutschen Affären ablehne und keinerlei Einmischung des Auslandes gestatte. So weit gut. England perfide wie immer, der Bund ausnahmsweise einmütig und mutig. Daß aber Herzog Friedrich von Augustenburg sich als rechtmäßiger Erbe gegen dänische Usurpation proklamiert, war mindestens verfrüht. Noch sind wir an den Londoner Traktat gebunden wie Österreich. Wenn der Bund ihn damals nicht sanktionierte, so ist das seine Sache. Die zwei deutschen Großmächte stehen zu ihrem Sonderabkommen und ihnen allein steht Exekution zu. Dänemark brach den Vertrag, das werden wir redressieren. Doch wenn wir die Augustenburger Sache zu unserer eigenen machten, so würden auch Dänemark und die anderen Signatarmächte vom Vertrage entbunden sein, wir würden uns ins Unrecht setzen. Das habe ich unserer törichten Kammer vorgehalten, als sie den Majoritätsbeschluß zugunsten des Herzogs Friedrich faßte.« »Das ist's ja eben«, warf der König ein. »Die ganze deutsche Nation ist für den Herzog, und jetzt thront er nächstens schon mit 12 000 Sachsen und Hannoveranern in Kiel. Ihn dort zu delogieren, hieße unsere Popularität aufs Spiel setzen, soviel davon noch übrig ist und die wir in letzter Zeit nach Ablehnung des Fürstentages so sauer zurückgewannen.« »Die Popularität in Deutschland ist noch wertloser als die in Preußen. Sie besteht in Zeitungsartikeln und Kammerreden, nicht ein einziges Gewehr knallt dahinter. Der große Haufe folgt der Gewalt und dem Erfolg, findet sich leicht in ein verhaßtes Müssen. Und diesmal wird sich die Nationalstimmung zu uns bekehren. Denn der Bund weigert sich ja, seine Exekution aus Holstein auch auf Schleswig auszudehnen, er habe dort keine Jurisdiktion. Darauf kommt es hier gerade an, auf solche professoralen Bedenklichkeiten! Es ist nationale Ehrenpflicht, die unterdrückten Stammesbrüder in Schleswig zu befreien.« »Das soll geschehen«, sagte der König ernst. »Doch wäre gut, vorher festzulegen, was mit den befreiten Landen werden soll.« »Ich nehme an, daß dies ein geheimer Konseil ist und Verschwiegenheit unter Amtseid gelobt wird?« Der König nickte .. »Dann sage ich offen heraus, daß ich unsere Annexion der Herzogtümer ins Auge fasse.« Allgemeine Bewegung. Der Kronprinz, der diesmal am Konseil teilnahm, hob theatralisch die Hände gen Himmel, als wolle er andeuten: Der ist nicht bei Sinnen – oder, da er so gern Berlinisch sich ausdrückte, nich bei Troste! Die anderen Minister schwiegen zu solcher offenbaren Entgleisung ihres vorgesetzten Kollegen. Dieser fuhr jedoch fort: »Euer Majestät erinnern sich, daß jeder Ihrer Vorfahren, vom Großen König gar nicht zu reden, einen größeren oder kleineren Machtzuwachs gewann. Als Ihr verantwortlicher Minister darf ich wohl anheimstellen, ein Gleiches zu tun.« Der Geheimrat Costenoble als Protokollführer legte die Feder hin auf einen Blick des Königs, den er verstand. Dieser sagte ernst: »Ich bin konsterniert, dies so kühn von Ihnen geäußert zu hören.« Des Königs peinlich strenges Rechtsgefühl geriet in Harnisch. »Herzog Friedrichs Regierungsantritt ist vom badischen Gesandten am Bundestag, Robert v. Mohl, unserem ersten Staatsrechtslehrer, offiziell dem Bundestag angezeigt worden. Das bedeutet offizielle Anerkennung.« »Vom Bundestag. Was interessiert das die deutschen Großmächte? Seine Durchlaucht der Herzog, preußischer Major a. D., saß bisher still auf Gut Dolzig in der Niederlausitz und jetzt nennt er sich über Nacht Friedrich VIII. Das Londoner Protokoll, das wir unterzeichneten, ist doch kein Wisch, den man über Nacht zerreißen darf. Preußen und Österreich sind vorerst durch ihre Ehre gebunden, zu halten, was sie vertragsmäßig versprachen.« »Das ist zweifellos richtig«, billigte der König. »Auch ich finde das Auftreten des Herzogs sozusagen revolutionär.« »Aber Eure Majestät sehen doch«, bemerkte Graf Eulenburg, »daß Deutschland das Londoner Protokoll einfach als Luft betrachtet. Man sagt, es sei eine Unverschämtheit vom Ausland, über deutsche Landesteile zu disponieren.« »Ist es auch,« murmelte der König. »Und ich glaube, der Ministerpräsident ist gleicher Meinung.« »Unbedingt. Nur sehe ich nicht ein, daß man eine Unbilligkeit durch Wort- und Rechtsbruch auslöschen kann.« »Immerhin möchte ich dem Herrn Ministerpräsidenten unterbreiten, daß er, der so hoch die Realitäten einschätzt, dem allgemeinen Aufflammen Deutschlands Rechnung tragen möge,« fuhr Eulenburg fort. »Überall, in Frankfurt, Darmstadt, Stuttgart, München, von Berlin gar nicht zu reden, die gleichen stürmischen Volksversammlungen, die gleiche Entschlossenheit der Landtage. Sogar in Wien der gleiche Sturm. Der Gemeinderat wandte sich an Seine Apostolische Majestät und ging ihn an, die nationaldeutsche Sache in die Hand zu nehmen.« »Jawohl«, berichtigte Otto trocken, »der Kaiser befahl soeben am 7. Dezember sehr ungnädig dieser Deputation, sich nicht um Politik zu kümmern. Der unrechtmäßigen Ständeversammlung in Kiel möchte ich das gleiche raten, und die deutschen Regierungen, die so fröhlich für den ›angestammten Herzog‹ erglühen, rebellieren einfach gegen die Stellung Österreichs und Preußens zu diesem Problem, das sie als europäische Großmächte, nicht als Bundesstaaten zu behandeln haben.« »Und unsere eigene Kammersitzung vom 23. November?« erhob der Kronprinz die warnende Stimme. »Die Abgeordneten Virchow und Stavenhagen machten doch aus dem Entschluß der Majorität kein Hehl, für den Herzog einzutreten.« »Die Herren Professoren der Kammer«, versetzte Otto kühl, »betreiben auswärtige Politik, wie sie selber so hübsch bekennen, ›zur Erholung‹ von ihren weltbewegenden wissenschaftlichen Arbeiten. Ich beuge mich ehrfürchtig den Lehrern der Physiologie, muß sie aber leider aus einem ihnen fremden Gebiete als blutige Dilettanten ausweisen. Ich erinnere Eure Majestät an den früheren Dänenkrieg, wo unsere Uneigennützigkeit lächerlich, unser mutloses Zurückzucken vor europäischen Drohungen ein Vorgeschmack von Olmütz war.« Der König zuckte. »Für mich ist maßgebend, daß ich der Kammer vorhalten konnte, wie durchaus die k. k. Regierung meinen Standpunkt teile. Am 28. hat sie, wie Eure Majestät wissen, eine gleichlautende Erklärung mit uns am Bundestage abgegeben.« » Timeo Danaos et dona ferentes «, murmelte Eulenburg. Otto lächelte überlegen. »Sie irren. Die Süddeutschen brüllen: ›Auf, tapferes Österreich laß deine Banner fliegen!‹ Das wird auch so kommen, aber anders als sie denken. Wir haben am 4. Dezember gleichlautend dem Bundestage die Warnung notifiziert, die Exekution nicht in Okkupation zu verwandeln und die Sukzessionsfrage auf sich beruhen zu lassen. Wir hätten uns völlig geeinigt, allein zu handeln und bäten unsere teueren Bundesgenossen, sich unserer Abmachung zu fügen. Es freut mich, mitzuteilen, daß der löbliche Bundestag sich löblich unterwarf und uns neben Sachsen und Hannover die Exekution übertrug ohne Präjudiz für die Erbfolgefrage.« »Aber v. d. Pforten beantragt, sie ohne Verzug zu prüfen,« wandte Eulenburg ein. »Sehr schön! Ohne Verzug meinte beim Regensburger Reichstage des weiland römisches Reiches am Nimmermehrstag, beim Bundestage an irgendeinem entfernten Zeitpunkt. Inzwischen gaben Eure Majestät Befehl, in Lübeck einzurücken und von dort den Vormarsch zu beginnen. Die Österreicher sind schon in Hamburg. Der sächsische General Hake kam auch schon an, Holstein wird von den Dänen geräumt, sie weichen nach Norden hinter die Danewarke.« »Ja, aber es läßt sich nicht hindern,« nahm Roon das Wort, der bisher schwieg, »daß die Bevölkerung überall den Augustenburger ausruft. Siehe die riesige Volksversammlung in Elmshorn!« »Siehe gar die Parlamentarierversammlung in Frankfurt nach Aufforderung des National- und des Reformvereins! 491 Schwätzer, fast alles Süddeutsche, nur 47 unserer Fortschrittler scheuten die weite Reise nicht, um antipreußische Politik zu machen. Was sie dekretierten, ›mit allen gesetzlich zulässigen Mitteln‹, ist leerer Wind. Wir werden mit allen militärischen Mitteln, zulässig oder nicht, den kleinen Raubstaat an der See unsere deutsche Macht fühlen lassen. Die Schleswig-Holstein-Bunde von den Alpen bis zum Belt werden inzwischen heroische Beschlüsse fassen.« »Verachtung für edle Wallung der deutschen Volksseele ist nicht am Platze«, versetzte der Kronprinz scharf. »Meinem Taktgefühl entspricht die herbeigeführte Entscheidung nicht, daß wir Österreich zu Hilfe nehmen, statt uns allein als der Nächstbeteiligte an die Spitze Deutschlands für Befreiung der Bruderlande zu stellen. Wenn ich nur begreifen könnte, warum der Herr Ministerpräsident so fest darauf bestand? Früher war er, das wissen wir alle, antiösterreichisch bis in die Knochen, er hat sogar, hab' ich mir sagen lassen, Rache für ›Olmütz‹ geschworen, das er einst verteidigte. In dem allen sehe ich Inkonsequenz.« Otto hielt mit Mühe an sich. Er durfte sich nicht verplappern und auch nur im entferntesten seine geheimen Ziele bekennen, aber sein trauriges Los als Untergebener zwang ihn, sich jedermann so weit warm zu halten, daß man wenigstens nicht an seine Zerfahrenheit glaubte. »Königl. Hoheit verkennen meine Motive. Sofern der Kaiserstaat uns frei Luft gönnt, bin ich ihm nichts weniger als feindlich gesinnt. Diesmal erweist er uns einen Dienst, denn nur im Bunde mit ihm können wir dem Auslande ein Händeweg zurufen, das gar zu gern seinen Finger in der Pastete haben möchte. Wenn wir mit Zeitungen, Schützenvereinen, Freischaren und den militärisch ohnmächtigen Bundesstaaten ins Feld ziehen, würden wir bei allen Großmächten abblitzen und ein neues Olmütz wäre das Ende.« Der König zuckte wieder unwillig und nickte dann beifällig. »Wir hätten nicht mal die Sicherheit, ob so fragwürdige Bundesbrüder wie Sachsen und Hannover bei uns durchhalten würden. Mit Österreich sind wir vor allem gefeit, auch vor dem Wohlwollen Englands.« »Was wissen Sie von Englands Intentionen!« rief der Kronprinz entrüstet. »Bleiben wir redlich auf dem Pfade des Rechtes, so wird man uns freundlich beistehen, soweit wir wollen.« »O, bis in die Sterne weit! Was ich von England weiß? Seine politische Geschichte lehrt, daß es jede Machtvermehrung anderer mißgünstig anschaut und unterbindet, dabei aber regelmäßig hohe Grundsätze der Moral proklamiert. Damit blendet es den gutherzigen deutschen Michel. Selbst bei unseren Konservativen, wie dem sonst nicht gerade englandfreundlichen Gerlach, finde ich den kindlichen Wahn verbreitet, England protegiere die deutschnationale Bewegung. Nichts weniger als das! Wir werden es zu unserem Schaden lernen.« »Da Herr v. Bismarck klüger als alle ist«, der Kronprinz wurde spitz und grob, »so stelle ich jedenfalls fest, daß Seine Majestät über die Zukunft von Schleswig-Holstein noch nichts irgendwie Bindendes beschloß.« Da der König seinem Sohn zunickte, lenkte Otto ein: »Es gibt natürlich Abstufungen. Wir könnten uns auf Garantien einlassen, wie Militärkonvention mit Kiel als Bundeshafen, so wäre Gründung eines neuen Mittelstaates nicht allzu gefährlich. Nie und nimmer aber dürfen wir ohne solche Vorsichtsmaßregeln ein neues Großherzogtum dulden, das als Geschöpf des Bundestages und der Bierbankdemagogen uns von vornherein mit Furcht und Argwohn betrachten und sich zu unserem Gegner schlagen würde. Der ist ein Schwindler und Landesverräter, wer solches für Preußen empfiehlt.« – Als der Staatsrat aufbrach, trat der Kronprinz an den König heran und flüsterte: »Bemerke seine gerötete Gesichtsfarbe, Bismarck kommt offenbar von einem Champagnerfrühstück. Das vorhin mit der Annexion –« »Hm, ich dachte mir schon, er führe so was im Schilde. Ich werde Costenoble befehlen, daß die bewußte Äußerung nicht amtlich zu Protokoll genommen wird. Vielleicht ist er später selber froh, nichts mehr von solchem Lapsus zu hören. Es mag ja sein, daß er bacchischen Einflüssen nicht unzugänglich war, als er sich so verschwatzte und die Zunge mit ihm durchging. Das kann dem Besten passieren.« Nachdem alle gingen, winkte der König Otto, zu bleiben. »Sind Sie Österreichs wirklich sicher?« fragte er besorgt. »Vollkommen. Ich weiß wohl, daß Prokesch jammert: ›Der Bismarck führt uns halt am Bandel‹, doch Rechberg ist ganz befriedigt, und der eigentliche Ministerpräsident Schmerling hat ihm nichts dreinzureden, denn der Kaiser teilt Rechbergs Auffassung.« »Und die wäre? Welche Motive bestimmen, mit uns durch dick und dünn zu gehen?« »Zunächst der brennende Ehrgeiz des k. k. Heeres, die Solferinoscharten auszuwetzen. Sodann der Abscheu vor der zentralnationalen Bewegung in Deutschland. Eine solche Aufregung schmeckt nach Revolutionärem, und ich kann Eurer Majestät nicht verhehlen, daß auch ich eine Durchsetzung dieses Nationalismus mit subversiven Tendenzen entdeckte.« Er wußte, daß dies auf den König einigen Eindruck machte, der natürlich zwischen dem gemäßigten Hofliberalismus und dem Republikanertum eine Grenze zog. »Drittens scheint unser Standpunkt der sicherere gegenüber europäischer Einmischung. Er verlangt auch nicht gleich verzweifelte Raschheit, man läßt Dänemark den Weg zu Konzessionen offen, während Anerkennung des Augustenburger Herrn jeden Vergleich abschneidet.« »Doch stellte sich Österreich an die Spitze der nationalen Bewegung, so würde es uns den Rang ablaufen, wenn wir bei teilweiser Anerkennung des Londoner Traktates verharren.« »Nationale Bewegung – schon der Name ist dem k. k. Kabinett verhaßt. Natürlich wird man so in Deutschland die künstlich genährte Popularität verlieren, aber da wir das gleiche Los teilen, macht man sich nichts daraus und denkt an die übliche Erfahrung. Uns nämlich verzeiht man nichts, Österreich alles. Diesmal schneiden sie sich aber. Die Nation wird Österreich nicht verzeihen, die Regierungen freilich. Für uns aber bleibt die Hauptsache, daß Österreichs Ansehen bei den liberalen Ideologen geradeso in die Brüche geht. Von da ab wird es weit mehr abhängig von uns als wir vor ihm. Seine eigene Eifersucht treibt es in unsere Arme. Indem es an unserer Seite ficht, hindert es uns, allein die Ehre und vielleicht den Gewinn eines siegreichen Krieges zu pflücken. Ausschlag gibt die Demokratie in Schleswig-Holstein. Da habe ich den Nagel eingeschlagen. Was soll aus Österreich werden, wenn das Nationalitätsprinzip erlauben soll, sich selbst seine Fürsten zu wählen nach Laune der Bevölkerung?« Der König nickte beifällig, schwieg dann eine Weile. »Ich verstehe, wo Sie hinaus wollen. Übrigens halte ich für meine Pflicht, Ihnen eine Eingabe von Robert Goltz einzuhändigen, der bei mir gegen Sie zu wühlen sucht. Ich muß es so nennen. Lesen Sie!« Otto ergrimmte. Er las mit düster zusammengezogenen Brauen heillosen Unsinn. »Ich bemerke Eurer Majestät, daß dieser begabte, aber allzu eigenwillige Mann mich brieflich fragte: Wann sollen wir den Krieg führen, wozu also die Armeereform?« Der König horchte unwillig auf. »Das sagt derselbe Mann, der daneben Frankreichs Kriegsbedürfnis schildert, worin er vielleicht Recht hat, und eine neue polnische Revolution in Aussicht stellt, worin er töricht phantasiert. Goltz hat in Kissingen, wie ich weiß, entsetzlich auf unsere Politik geschimpft. Auch er verfängt sich in dem Wahn, wir müßten die deutsche Vereinsmeierei mitmachen. Heute sollen wir wohl mit Augustenburg, Koburg, v. d. Pforten alle Großmächte herausfordern und tun, was die national-liberalen Schwätzer nicht lassen können. Er mißtraut Österreich, glaubt aber doch, es werde zu uns halten, wenn wir gegen Europa den Augustenburger stützen. Der Unglückliche! Als ob die 20 Prozent Deutsche je Österreichs Politik beeinflussen könnten! Was Sie von Goltz' Vorschlägen zu halten haben, werden Eure Majestät schon daraus erkennen, daß sie mit Beust, Dalwigk, Pforten konform laufen. Eins aber sage ich: ein Gesandter hat nicht selbständige Politik zu treiben.« »Wollen Sie, daß er geht?« »Keineswegs. Der königliche Dienst geht voran, wir können keine Kapazität wie ihn missen. Aber er darf nicht Umtriebe stiften.« »Ganz meine Meinung. Ich ermächtigte Sie, ihm – wie sagt man doch – einen Rüffel zu geben.« Vor Aktschluß trat mal wieder, um einen effektvollen Abgang zu erzielen, der französische Gesandte Talleyrand auf, der nicht umsonst einen so höllisch berühmten Diplomatennamen der guten alten Zeit führen wollte. »Wir sind etwas erstaunt, daß Sie Ihrerseits die Dänensachen noch immer nicht vor unseren Pariser Kongreß brachten. Sie gaben doch, irren wir nicht, unserem General Fleury ziemlich bindende Versicherungen.« »Kein unbedingtes Versprechen, erlaube ich mir festzustellen. Über Pourparler kam die Angelegenheit nicht weg. Man sollte mich nicht drängen, denn noch scheint mir dies Geschwür für diplomatische Kaltwasserbehandlung nicht reif.« »Ein hübsches, obschon nicht appetitliches Gleichnis! Lord Clarendon hat es anders ausgedrückt, Sie wissen doch? Nicht von der polnischen Fackel, sondern dem Holsteiner Streichholz drohe die europäische Brandstiftung.« »Ein schlechter Prophet! Maßlose Übertreibung! So schlimm kann und wird es nicht werden. England überhaupt hat gut reden. Es findet sich leicht in Abkühlung gegen Frankreich, das Meer liegt dazwischen, wir aber sind Nachbarsleute, uns trennt nur der Rhein, und mich leitet immer der Wunsch, Frankreich gefällig zu sein. Deshalb unterstützte ich und empfahl den Kongreß. Sie werden jedoch sehen, daß England nicht will, d. h. sich nicht die Hände binden will. Ach, da sind noch andere Schmerzen!« seufzte er. »Sie überbringen mir wohl irgendeine Frage Ihrer Regierung, der ich die Ehre Ihres Besuches verdanke?« »Ja, Herr Drouyn de l'Huys fragt an, wer denn nun eigentlich als Bundesorgan gelten solle, der österreichische, preußische oder Bundestagsvertreter? Darin erkennen wir eine Hauptsorge, die uns am Kongreß beschweren würde.« »Wie richtig erkennen Sie die deutschen Angelegenheiten! Für den Bund wird der Bayer, v. d. Pforten, das große Wort führen wollen. Kostenpunkt 200 000 deutsche Bajonette. Aber Österreich und Preußen haben zusammen 600 000. Es wäre also spaßhaft, wenn wir uns vom Gewicht der Kleinstaaten erdrücken ließen.« »Das sehe ich ein. Doch die Bevölkerung in Preußen und Deutschösterreich besteht doch auch aus lauter Anhängern des Herzogs Augustenburg.« »Das sind so Redensarten. 90 Prozent des Volkes kümmert sich um nichts dergleichen. Agitatorenschwindel und Pressemache. Dieser würdige Prätendent und Thronkandidat geht wie eine Fahne von Hand zu Hand, bei den Demokraten und den Partikularisten. Die Kleinstaaten stochern natürlich emsig an diesem Feuerbrande, der ihnen ein traulich warmer Herd für ihre Majoritätsbeschlüsse werden soll. Bei Gott, ich werde ihnen viel Eimer Wasser darüber gießen oder selbst ein anderes Feuerchen anzünden. Solange ich auf diesem Posten stehe, werden die Beust und Pforten uns ihre Stimmenmehrheit nicht aufdrängen. Dem Buchstaben der Bundesakte stelle ich den Geist entgegen. Der Buchstabe tötet und die Lächerlichkeit tötet, und hier beides zusammen.« Er hat wieder mal seinen eruptiven Anfall! dachte Talleyrand. Und was schaut bei solcher Offenheit heraus? Man bleibt so klug wie zuvor. »Vergessen Sie nicht, daß der König sich noch zu nichts entschloß und daß er lange zu zögern pflegt.« »Und daß Frau, Sohn, Schwiegertochter und andere Verwandte ihn umdrängen und bedrängen, nicht wahr, das wollten Sie sagen? Nun, mein Entschluß ist gefaßt, nämlich meine Pflicht zu tun, meinem Vaterlande jede Chance zu wahren, aus der man größtmöglichen Nutzen ziehen kann. Wird bis Neujahr die freche Dänenverfassung in Schleswig nicht abgeschafft, so erklären wir das Londoner Protokoll als hinfällig und rücken ein. Ich bin für sofortigen Einmarsch.« – – Am Karlsbad in einer Gartenwirtschaft, wo man im Sommer saure Milch und jetzt Berliner Pfannkuchen nebst Punsch zu sich nahm, tauschten die Historiker Droysen und Sybel tiefe Ideen aus. Ersterer empfahl sich der Fortschrittspartei durch Biographie des alten Eisenfressers York, eines Erzfeudalen, der sein Leben lang Blücher, Gneisenau, Scharnhorst, Stein von Herzen haßte und den ein boshafter geschichtlicher Zufall zu einem angeblichen Befreiungshelden erhob. Weil er angeblich aus freien Stücken heroische Insubordination bei Tauroggen verübte und sein König aus bestimmten Gründen seine eigene bestimmende Urheberschaft bei dieser Tat verschleierte, welche in Wahrheit sein Mittelsmann Schön, der wahre Arminius Ostpreußens, durch einen Graf Lehndorff herbeiführte, mußte York als demokratischer Heiliger herhalten. Er hätte nicht wenig vor Wut geschäumt, wenn er das erlebt hätte. Droysen unterschlug absichtlich die diskreten, aber hinlänglich deutlichen Mitteilungen des herrlichen Präsidenten Schön, der auch in seinen Memoiren York als richtigen Streber schildert, und seine Tendenzschrift gilt bis heute als klassisch. So wird Geschichte gemacht und so geschrieben. Beide Archivforscher, die den Geist der Geschichte nach der Herren eigenem Geist auslegten, kamen zu dem Forschungsergebnis: »Dieser Bismarck ist ein politischer Abenteurer. Er hat weder ein hohes Ziel noch den Mut zum Handeln.« In der Ferne läuteten die Silvesterglocken. – Im Abgeordnetenhause am Dönhofsplatze gab es wieder lautes Getöse. Schulze-Delitzsch stellte einen Antrag über das beliebte Thema: »Diesem Ministerium keinen Groschen«, der große Rudolf Virchow vernichtete den Dilettanten Bismarck mit wuchtigem Keulenhiebe voraussetzungsloser Wissenschaft, Professor Gneist steckte juristische Leuchten auf und warnte den König mit dem Satze, vor dem angeblich der Korse zurückbebte: »Eure Majestät wollen das Gesetz füsilieren.« Nur der Obertribunalsrat Waldeck vertrat die Ansicht, man solle sich um die Erbfolge in Schleswig-Holstein vorerst nicht kümmern. Einig waren so gut wie alle in dem erhebenden Stolze, daß 12 000 000 Taler Kriegskredit ein weggeworfenes Geld seien und, wenn nicht, jedenfalls nicht bewilligt werden dürften. Denn die Regierung ärgern, dieser hehre Vorsatz ging allen vor. Allerdings möchten wir sofort die Dänen strafen und vertreiben, aber diesen Bismarck strafen, hätte entschieden höhere vaterländische Bedeutung. »Seine verderbenschwangere Politik wird dazu führen, die Stammesbrüder wieder an Dänemark auszuliefern, wir werden daher alle uns zu Gebote stehenden Mittel anwenden, seine böse Absicht zu durchkreuzen,« predigte Schulze-Delitzsch einem Kreise bewundernder Zuhörer, hatte jener Unverschämte doch zynisch erklärt: »Lassen Sie mich Ihnen sagen, meine Herren, daß wir, wenn nötig, Krieg führen werden auch ohne Ihre Billigung.« Daneben mußte er noch Goltz, der von Paris aus seine Weisheit umherschüttete, den Kopf waschen, daß der König nicht zwei Minister des Auswärtigen haben könne. Ging doch schon das Gericht bei den Liberalen, Goltz werde ihn ersetzen, während der alte Arnim-Boitzenburg das Präsidium übernehmen werde. Goltz' Geschreibsel war ohne Sinn und Verstand. Er sprach von Unrechtmäßigkeit des Londoner Traktates. Als ob der Wiener Kongreß nicht noch ungenierter mit Fürsten und Völkern umgesprungen wäre! Moral, Gerechtigkeit! Dann müßten alle europäischen Rechtsverbindlichkeiten, wie sie bestehen, abgeschafft werden. Goltz versicherte hochtrabend, die Bierbankbegeisterung der Deutschen imponiere in Paris und London. Otto gestand ihm ehrlich, das freue ihn, es passe in seinen Kram. »Ich bin in keiner Weise kriegsscheu, bin auch gleichgültig gegen Revolutionär und Konservativ wie gegen alle Phrasen.« Vielleicht würden noch Phrasen folgen, die zeigen, daß Krieg auch in seinem Programm liege. Wenn Goltz jetzt noch nicht versteht! Aber nein, er wird nörgeln und nichts verstehen. Die Hauptsache ist diesen Schwätzern, daß wir mit den kleinstaatlichen Kannegießern an einem Strange ziehen und den angestammten Augustenburger für ein nationaldemokratisches Palladium halten, ohne daß sie uns einen Schuß und einen Groschen zu liefern brauchen. Einem anmaßenden Gesellen, der einem die Freundschaft »aus Patriotismus« aufkündigt und den Krieg erklärt, muß man noch schreiben: »Ich halte mich auch nicht für dumm, bin aber darauf gefaßt, daß Sie dies als Selbsttäuschung bezeichnen.« Und man muß ihm aus seine Drohung den Hieb zurückgeben: »Mein Patriotismus ist von so starker und reiner Natur, daß neben ihm auch eine herzliche Freundschaft zu kurz kommen kann.« Welche Demütigung, jedem Stümper Rede stehen zu müssen und keinen Vertrauten zu haben, keinen! Na, wenigstens setzte er mit Gewalt durch, daß das Protokoll der Staatsratssitzung seinen angeblichen Lapsus linguae bezüglich Aneignung Schleswigs-Holsteins nicht unterschlug, sondern Costenoble dies nachträglich einschalten mußte. »Siehste, Nauke, da hast de de Pauke!« lächelte der König, der in seiner wohlwollenden Herzlichkeit manchmal Berliner Dialekt bevorzugte. »Des Menschen Wille ist sein Himmelreich. Wenn er's so will, so mag er's haben. Ein ausgezeichneter Mann, aber manchmal sonderbar.« So stand jetzt der sofortige Plan des bösen Bismarck, die teueren Stammesbrüder meerumschlungen an Borussias Busen zu ziehen, für alle Zeit dort verewigt als Wahrzeichen seiner vorschnellen Phantasterei! * Der edle Menschenfreund an der Seine trompetete inzwischen einer Adresse des Pariser Senats die »ganze Kraft seiner Wünsche« zu. Er ersehne die Stunde, wo ein Schiedsspruch Europas den großen schwebenden Fragen friedliche Antwort finden werde. Schrieb nicht so schon »der Gründer meines Hauses« (!) auf Sankt Helena? »Solange sich Europäer untereinander schlagen, wird es immer ein Bürgerkrieg sein.« Was einst Utopie, kann jetzt Wirklichkeit werden. Vorurteile der Vergangenheit auszuroden, heiße wahre Ehre erwerben. Plaudite, amici! Das goldene Zeitalter des ewigen Friedens bricht an, die Vereinigten Staaten von Europa werden sich konstituieren, sobald nur erst dieser Louis der holden Marianne, dieser gekrönte Zuhälter des demokratischen Frankreich, als Schiedsrichter beider Hemisphären thront. Um einen Vorgeschmack dieser erquickenden Zukunft zu geben, ging die blutige Posse in Mexiko weiter. Der französische Botschafter in Berlin fühlte sich seines Namens würdig, ganz Erbe des seligen Hinkefuß Talleyrand. Mon dieu , dieser Bismarck war ein recht einfaches Wesen. Er liebt die Bewegung und macht sich Motion, überdrüssig des Stillesitzens. Wohin er läuft, weiß er selber nicht. Ohne erkennbares Ziel marschiert sein abenteuerliches Trachten ins Dunkel. Mit Hochgenuß beschrieb er die Lage, seine Depesche vom 6. Januar beruhigte Drouyn de l'Huys und seinen Meister darüber, daß von Preußen nichts zu fürchten sei. Der König werde ewig zögern, eine Gewaltpolitik bis ans Ende mitzumachen. Am Hofe balgen sich die verschiedensten Parteien und Personen, lauter betriebsame Leute. Man müsse hier stets auf schnellen Szenenwechsel gefaßt sein. Nach Neujahr waren die Minister der Bundesstaaten noch eingeschüchtert durch Bismarcks drohende Haltung, heute heben sie wieder mutig ihr gebeugtes Haupt. Unser Kaiser Napoleon, das wird von Tag zu Tag gewisser, bleibt Lenker des Schicksals von Europa, höchster Gebieter über Krieg und Frieden. Man lasse sich nichts vorreden, Bismarck wagt einfach nichts. – So gelang die Täuschung aufs glücklichste. Zur Stunde, wo der neue Talleyrand orakelte, setzte der plumpe Deutsche schon das Ultimatum an Dänemark auf. Seine Berechnung schlug nicht fehl, am 14. Januar lehnte der Bundestag den Antrag ab, Schleswig zu besetzen, worauf Preußen und Österreich erklärten, das sei nunmehr ihre Aufgabe, gleich am 16. Dänemark eine Wahl binnen 48 Stunden stellten und nach Ablehnung, wie vorherzusehen, den Kriegszustand erklärten. Otto rieb sich die Hände. Die Dänen bauen teils auf unseren Parlamentskonflikt, von dem das Ausland sich lächerliche Vorstellungen macht, teils auf Begünstigung durch Frankreich und England. Napoleon wird aber England dafür strafen wollen, daß es seinen geplanten Pariser Kongreß ins Wasser fallen ließ; und England wird sich auf Zeitungsartikel beschränken. Ach, es ist zum Kranklachen, wie Beust, um seine deutschnationale Rolle einzuüben, mit Russel ein grobes Deutsch redet. Der Bund wird gravitätisch grob, seit er weiß, daß er selber nicht fechten wird. Sir Malet muß hören, daß Russels Noten nichts als Papierkorbwische ( wastpaper ) seien. Nun, stolzes England, freue dich! Otto dachte, wie manchmal in entscheidenden Augenblicken alte Erinnerungen kommen, an den Ball bei Cowley, wo das englische Wappen in Schildgestalt an der Wand prunkte und gegenüber der Doppeladler ohne Krone, Emblem des Deutschen Bundes, dessen vielfarbige Flaggen von Türen und Nischen hingen. Zweistündiger Kotillon und die Herzoginwitwe von Nassau, geborene Prinzessin von Württemberg, nebst ihren Töchtern tanzt mit ganz Deutschland, nur nicht mit Preußen. Haha, heute wird man sich in Frankfurt auch mit Schimpfen auf Preußen die Zunge zerbrechen. Ganz Deutschland und die preußische Kammer dazu können mir's ja vom Gesicht ablesen, daß ich Schleswig-Holstein partout wieder den Dänen überlassen will. So genau kennen sie mich. I smile in my sleeve. Das gab einen Sturm in der Kammer, als der Ministerpräsident trocken erklärte: Der Bundesbeschluß gehe ihn nichts an, Preußen werde als europäische Großmacht die Besetzung Schleswigs beginnen. Herrlich sprengten die Matadore Schulze-Delitzsch und Carlowicz in die Arena, um diesen wütigen Stier zu spießen. Die Regierung fordere den schärfsten Tadel und die Einmischung des Auslandes heraus nebst bewaffnetem Widerstand der Bundesstaaten gegen solche Ungebühr. Für immer sei jedes Vertrauen dazu erschüttert, daß Preußen je selbständige Politik treiben werde. (?! Im selben Atem rechnete man ihm ja gerade selbständiges Vorgehen als Verbrechen an.) »Deutsche Interessen kennen diese Herren nicht.« Herr Schulze erhob sich zu wahrhaft pythischem Schwunge auf historischer Rotunde, er fand ein großartiges Gleichnis. »Nach der Niederlage in den Caudinischen Pässen lieferte Rom die Männer, die jenen demütigenden Vergleich abschlossen, dem Feinde aus, um ihn nicht zu halten.« Hier aber führe man Krieg, damit ein schmähliches Abkommen, obschon der Feind selber es brach, aufrechterhalten werde. Ein solcher Fall stehe ohne Beispiel da! Donnernder Beifall. Denn, daß Bismarck zugunsten der Eiderdänen einschreite und deshalb den hehren Augustenburger nicht anerkenne, war sonnenklar. Letzterer suchte durch einen Agenten Sommer, der sich an den Kronprinzen heranmachte, auf den König einzuwirken, der aber Otto sofort in Kenntnis setzte. Am gleichen Tage war schon eine »Punktation« zwischen Rechberg und dem preußischen Gesandten Werther aufgesetzt worden, dem Sinne nach, daß man nach dem Siege sehen werde, welche neue Basis aufzustellen wäre. Der Kronprinz drang zwar in seinen Vater, auf einer Soiree bei ihm den Sommer zu sprechen, der König blieb aber bei dieser kurzen Abfertigung sehr kühl und ernst. Inzwischen rückte Wrangel durch Holstein vor, die sächsisch-hannoverschen Bundestruppen machten Platz, das Verhängnis nahm unerbittlich seinen Gang. Höchst betreten frug Talleyrand an: »Eure Exzellenz überraschen Ihre Freunde, ich hätte solches nicht vermutet. Doch bedenken Sie auch, daß der Bundestag gegen Sie mit Waffengewalt sich erheben könnte?« »Das wird er bleiben lassen. Und wenn so, warum nicht? In jedem Jahrhundert führen Deutsche gegeneinander Krieg, das scheint historische Vorbestimmung. Hie Welf, hie Waiblingen!« »Sie werden kaum behaupten, daß dies ein erfreulicher Usus ist.« »Bah, Deutschland muß immer seine Jahrhundertuhr richtig aufziehen und nach der richtigen Zeit stellen.« – Ja, das war eine historische, eine gewaltige Sitzung vom 21. Januar. Noch nie hatte man den großen Physiker Virchow so groß gesehen. Seine gedankentiefe Rede brachte Leben in die Bude, stellte ganz neue, ungeahnte Gesichtspunkte auf. Was wäre die wahre staatsmännische Lösung? Die skandinavische Union!! Wie, was? Begreifen Sie nicht? Uniert sich Dänemark mit Schweden-Norwegen, dann braucht es Schleswig-Holstein gar nicht mehr für seine Existenz. (Natürlich nicht! Die Rekruten und Steuern der fetten Eiderlande, zwei Fünftel des bisherigen Territoriums, sind natürlich Dänemark wurscht. Z. B. verliert eine Bank gern 100 Millionen, wenn sie dafür mit einer anderen Bank sich fusionieren darf. Begriffen?) Ah, die skandinavische Union! So entsteht eine starke Macht am Sund, die nie mit uns kollidiert und immer mit uns sein wird. (Gleichzeitig versicherte Schweden, es werde Dänemark beistehen gegen deutsche Vergewaltigung, was freilich beim frommen Wunsche blieb. Die wahrhaft deutschfreundliche pangermanisch« Gesinnung der Dänen – alle Skandinavier sind Französlinge, was freilich echtgermanisch ist – werden Alexandra von England und die künftige Zarenewna von Rußland uns schon bekunden. Ach, die Damen sind Preußens Unglück seit Friedrich dem Großen, wo zwei Dirnen, die Zarin und die Pompadour, und eine fromme Mutter zahlreicher ehelicher Liebespfänder sich gegen den bösen kleinen Mann mit den Diamantaugen verschworen). Auf so sublimen Einfall wie die skandinavische Union, die ohne viel Federlesens herzustellen eine Kleinigkeit gewesen wäre, kommt natürlich nicht ein Kleingeist wie der Herr Ministerpräsident. (Dieser mag zwar bei seiner Reise nach Skandinavien nur oberflächlich den Tatbestand festgestellt haben, aber irgendwie muß er ihm doch wie jedem, der Skandinavien kennt, zum Bewußtsein gekommen sein: Daß die eigentlichen Nordgermanen gemeinsam über den »falschen Danske«, der Norweger dagegen über den »hochnäsigen Schweden«, der Schwede über den »plumpen, frechen Norweger« schimpft und der Däne, Deutschem näher als er Wort haben will, seinen skandinavischen Bruder ironisch belächelt. All diese Germanen sind hochbegabt, individuell herrliche Menschen, der Durchschnittsstand der Bildung übertrifft selbst den in Deutschland, man muß sie lieben und bewundern, diese echten Germanen, aber unter sich sind sie geradeso zerfallen wie einst die Deutschen, und nur die germanische , nicht die skandinavische Union, kann allgemeine Verbrüderung erzielen. Die Idee des Herrn Professor – pardon, später Geheimrat – Virchow entstammt nach damaligem Stande der Dinge dem Irrenhaus. Diese Union, damals unmöglich und heute fast auch, würde damals vor allen Dingen deutschfeindlich gewesen sein.) Nach dieser wunderbaren Expektoration versenkte sich der Herr Professor (pardon, später Geheimrat) in die Nichtswürdigkeit des pp. Bismarck. Dieser »schädigt in gewalttätiger und verderblicher Weise die heiligsten Interessen Deutschlands und Preußens«. Wieso? Nun, ganz einfach! Als der Mensch in sein Amt eintrat, hatte er noch sozusagen eine Persönlichkeit und eine »gewisse Politik«, die antiösterreichische. »Doch jeden Tag, den er länger auf dem Ministerstuhl sitzt, verfällt er mehr dem Banne der konservativen Partei.« Sensation bei den Konservativen. Das war ihnen eine schmeichelhafte, aber völlig neue Offenbarung. Virchow donnert weiter: Quousque tandem! Dieser Selbstverleugner wolle nicht mehr selbständige Politik treiben. »Er ist dem Bösen verfallen und wird nicht wieder loskommen.« (Otto dachte in seinem Gemüte an sein Wort: Wenn ich vom Teufel besessen bin, ist's ein teutonischer Teufel.) Großmachtstellung Preußens, von der er und seine Leute schwätzen? Er wollte gleich nach Paris gehen und sich majorisieren lassen. (Haben Sie 'ne Ahnung!) Bei jeder Drehung europäischer Verwicklung bleibt er zu Hause, so wird er jetzt für Schleswig internationale Beschlüsse anrufen. (Kein Engel ist so rein, laß dir dies Kind befohlen sein.) Nach jeder Schlacht wird dieser Bismarck fragen: »Wie denken die Großmächte darüber?« Denn ihm fehlt jedes leitende Prinzip, er stürmt ohne Kompaß in das Meer auswärtiger Verwicklungen hinein. (Wie schön gesagt! Es geht doch nichts über physikalische Gleichnisse.) Um es kurz zu sagen: er hat eigentlich gar keine Politik und keine Ahnung von nationaler Politik. »Das ist ja eben seine Schwäche, er hat kein Verständnis für nationales Wesen.« Ungeheurer Beifall, der Abgeordnete wird gefeiert. Als ihm Otto kühl erwiderte: »Der Herr Abgeordnete hat überhaupt keine Ahnung von irgendwelcher Politik,« erhob sich ein Schrei von Zorn und Hohn, » Flectere si nequeo superos, Acheronta movebo! Wenn Sie uns das Geld nicht geben, so werden wir's nehmen, wo wir es bekommen.« Neues Geheul und Majorität von 275 gegen 51, gegen den Heereskredit, dazu ein Ausschuß von 36 Mann, die gewaltig »Deutsche in allen Ländern« gegen den »bösen Willen des einen und die Schwäche des anderen« aufriefen. Am anderen Tage Auflösung der Kammer. * Unheimliches Gerücht verbreitete sich in inneren Kreisen über ein kurzes symbolisches Gespräch, das der Ministerpräsident in Kürassieruniform mit dem italienischen Gesandten Graf Launey geführt haben soll. Das Gerücht hatte den seltenen Vorzug, wahr zu sein. Ein völlig unbegreiflicher Vorgang. Otto trat im Gespräch nahe an Launey heran, lockerte dessen Galanteriedegen und stieß dann die Klinge in die Scheide zurück: »Das Schwert Italiens.« Der Italiener, verdutzt, aber mit Geistesgegenwart das Sinnbildliche erfassend, murmelte halblaut: »Sie spüren keine Lust zum Gebrauche dieser Waffe, scheint es. Sie wählten einen anderen Waffenbruder.« »Wählten? Den haben wir gemietet.« »Ah! Wird er bezahlt?« » Il travaille pour le roi de Prusse. « Ein Blickwechsel, beide gingen auseinander. Die scheinbare Unvorsichtigkeit hatte natürlich guten Grund. Österreich konnte nicht mehr zurück, Italien mußte aber aufgeklärt werden, daß kein wirklicher Systemwechsel erfolgt sei und nach wie vor beide nach nationaler Einheit ringenden Staaten aufeinander zu rechnen hätten. Talleyrand hatte Wind bekommen. Er versuchte eine gelinde Daumenschraube anzusetzen. »Habe ich wirklich recht gehört, was Sie da Launey andeuteten?« »Das bestätige ich Ihnen Wort für Wort.« »Bei solcher Offenheit verzeihen Sie wohl die Frage: hat Preußen den Besitz von Venetien an Österreich verbürgt?« »Das ist glatt erfunden.« »Sehr interessant. Dann verzeihen Sie eine andere Frage. Schleswig-Holstein ist ein fetter Bissen. Sparen Sie den für den Augustenburger auf?« Kurz und derb kam die Antwort: »Nein!« Doch der Franzose ging kopfschüttelnd weg. Lauter Theatereffekte! Blageur! Er tut, als hätte er das Heft in Händen, und dabei sagt alle Welt, er werde bald erledigt sein und durch jemand ersetzt werden, den stärkeres Nationalempfinden beseelt. »Mit Scham und Erbitterung sieht das deutsche Volk die Truppen Österreichs und Preußens vordringen,« hatte der patriotische Ausschuß gefaselt, jetzt drangen die Verbündeten Anfang Februar über die Schlei. Bei Overselk warf die »eiserne Brigade« Gondrecourt die Dänen über den Haufen, deutsch-böhmische Jäger in grauen Überröcken und Hüten mit Spielhahnfeder vorauf. Danebrogs fielen in ihre Hände, das schwarzgelbe Banner wurde siegreich am Königshügel aufgepflanzt. Die Preußen aber zogen bei Missunde, wo stärkere feindliche Stellungen den Übergang verwehrten, eher den kürzeren. Da zeigte sich, wie wenig man auf einzelne Eingangsgefechte geben darf, deren Erfolg sich nach Zufälligkeiten richtet. Die Österreicher, kühn und schneidig vorgehend, bekamen einen hohen Begriff von ihrer überlegenen Tüchtigkeit. Als die Dänen die allzu ausgedehnten Danewerke räumten, die Preußen kampflos in Flensburg einzogen, die Weißröcke aber erneut bei Oeversee sich blutig färbten und Gablentz die Dänen aufs Haupt schlug, schienen Löwenanteil und Lorbeer des Krieges den Österreichern zugefallen. Vom Zündnadelgewehr hörte bisher kein Mensch etwas. Die Brandenburger und Westfalen Prinz Friedrich Karls rückten vor die Düppeler Schanzen, die Garden, bei denen sich später der Kronprinz befand, nach Kolding an die jütische Grenze, wo einst junges deutsches Blut der Kieler Turner und Studenten floß. Wieder klopfte Frankreich an die Tür. »Wie man hört, sind Eure Exzellenz zur Einverleibung zwei so schöner Provinzen entschlossen?« »Ich? Nun ja, es wäre des Aufwandes wert. Doch was habe ich zu sagen! Fragen Sie Herrn v. Schleinitz, den Berater der Königin! Die Feindseligkeit bei Hofe legt mir drückende Fesseln an. Und meine Aufgabe ist ohnehin so schwer und so undankbar. Wie sehne ich mich nach Ruhe! Lange kann diese Friktion nicht dauern. Ich habe das Bedürfnis, mich vor allen Intrigen in das Privatleben zurückzuziehen.« »O wie bedauerlich! Machen Sie doch lieber einen Strich durch das Ganze und gravitieren Sie nach der Augustenburger Seite!« »Für einen Jammermann solchen Schlages unser schönes Geld und das kostbare Soldatenblut? Es widerstrebt einem wie ein Landesverrat. Aber ach! mein König und Herr ist uneigennützig wie kein anderer Monarch. Und wird das übrige Europa uns solchen Machtzuwachs gönnen? Nur mit Kompensationen. Deshalb bin ich für Personalunion der Herzogtümer mit Dänemark.« »Wie beliebt? Diese Wendung ist mir neu.« »Ja, wenn's nach mir geht, tasten wir Dänemark nicht an. Natürlich wird man mich einen Narren schelten, wenn meine Absicht gelingt, und mißlingt sie, dann heiß ich Landesverräter. Das ist der ganze Ertrag, den ich erwarte. Ich mache mir keine Illusionen, daß meine Politik eine verfehlte ist, aber ein Schelm gibt mehr als er hat.« Talleyrand schenkte ihm sein Mitleid. Ein armer Tropf! Man begreift, daß er gern gehen möchte. Aus uferlosen Plänen kommt steuerlose Irrfahrt. Er irrlichtert herum und findet nirgends Anschluß. – In Berlin wußte man freilich bald, daß es bei Missunde nicht so glatt ging, wie Prinz Friedrich Karl in schwungvollem Tagesbefehl seinem Korps versicherte. »So staunenswerte Erfolge in sechs Tagen«, aber es waren ja gar keine, auch nicht Übergang über die schwanke Schiffsbrücke bei Arnis unter Gefahr durch Eisschollen und Kanonenboote bewog die Dänen zum Abzug, sondern Verkettung anderer Umstände. Der neidische alte Wrangel gab für Missunde eine halbe Schlappe zu verstehen, doch Prinz Kraft Hohenlohe-Ingolfingen hörte den Feldherrn seinen Leuten beibringen, sie hätten gesiegt. So ließ er den moralischen Faktor nicht herabdrücken und beredete die Einbildungskraft, daß die Preußen etwas Ungewöhnliches getan hätten. Deshalb taten sie später wirklich etwas Ungewöhnliches, weil sie nun mit gehobenem Gefühl ins Gefecht gingen. Natürlich fing aber gleich die deutsche kritiksüchtige Nörgelei an. Beim Ministerpräsidenten fanden sich Roon, Edwin Manteuffel, Oberpräsident Senft v. Pilsach ein. Letzterer tadelte: »Keine Silbe über die Österreicher, die sich so auszeichneten! Muß unsere Bundesgenossen verschnupfen. Auch setzt er die Westfalen hinter den Brandenburgern zurück, was nicht sein darf. Ich hab' es Seiner Königl. Hoheit brieflich zu Gemüte geführt.« Roon runzelte die Stirn. »Bisher haben die Österreicher den Vortritt, und wir hinken nach. Wir brauchen Auffrischung des Waffenruhmes, und die Armee wird jedes Opfer bringen, weil sie dies weiß.« »So ist es«, fiel Manteuffel ein. »Für uns bleibt das wichtigste Kampfziel ein neues Ansehen der preußischen Waffen. Mir scheint der Prinz etwas zu vorsichtig, er tut ja, als spiele er um seinen Kopf, aus übergroßem Verantwortungsgefühl.« »Das möchte doch wohl mit Feldherrnnaturen verträglich sein,« meinte Otto. »Er will Opfer sparen, und regelrechte Beschießung der Befestigungen soll vorausgehen.« »Wrangel freilich, der hitzköpfige alte Herr, schreibt mir, der Sturm würde auch heute schon gelingen. Könnte er doch an diesem Ehrentag, die Waffen in der Hand, seinen Tod finden, dann wäre er der Glücklichste von allen! So schreibt er wörtlich, er neigt zum Pathos.« »Meinen tut er's ja wohl,« lächelte Otto. »Er denkt an sein Vorbild Blücher und kennt als Achtzigjähriger so wenig Furcht wie als Achtzehnjähriger. Merkwürdig, wie der Krieg alles Bessere im Menschen herausholt! Der gute Feldmarschall war doch hier eigentlich unerträglich mit seiner faden Popularitätshascherei auf der Straße.« »Er soll militärisch unmöglich sein,« murmelte Roon. »Man wird ihn schonend beseitigen, er verkindischt noch und schwärmt immerfort von altertümlichen Bajonettangriffen. Es gibt Reibungen genug im Hauptquartier.« »Nun, bin ich auch kein Weißhaariger, so will ich doch mit meinen grauen Haaren ins Feuer«, rief Manteuffel. »Eigentlich müßte jeder dabei sein, alt und jung, wo es endlich mal wieder um Preußens Ehre geht. Das ist eine Schicksalsstunde.« »Daß sie kam, verdanken wir Ihnen.« Roon drückte Otto die Hand. Manteuffel nickte anerkennend, so wenig er seinen alten Bekannten leiden konnte, und fuhr fort: »Ich werde dem Prinzen ein wenig ins Gewissen reden, wie ich es ihm schon schrieb. Sein Korpsbefehl hat verletzt, er soll jetzt erst beweisen, daß er napoleonische Sprache anwenden darf. Die Augen der Welt sind auf Düppel gerichtet und strenge auf ihn, ob er was kann. Nur keine pedantische Langsamkeit, ihm ziemt das Zauberwort: ich will.« Tatsächlich schrieb er dem Prinzen in scharfem Ton, Streber waren sie alle nicht, diese altpreußischen Männer. Roon wandte jedoch ein: »Moltke, unser kommender Mann im Generalstab, warnt vor Überhastung. Die Dänen würden Düppel nicht leicht aufgeben, die Entscheidung brauche Zeit, ein guter Reiter werde seinem Roß nicht halsbrecherischen Sprung zumuten.« »Abwarten und Tee trinken!« lachte Otto fröhlich. »Unsere Aktien stehen gut. Die Hauptsache ist, daß wir nicht umsonst fechten. Schade nur, daß bei uns selbst in gewissen Lagern die Neigung besteht, gratis Feuer zu fressen.« »Das lassen wir Ihre Sorge sein, dabei fahren wir gut«, betonte Roon. »Ich hoff' es. Nicht in London, nicht in Gotha, nicht am Dönhofsplatz wird entschieden werden, wem man den Kampfpreis gönnt, sondern in Wien.« Die anderen schauten verlegen drein und wußten nicht recht, was sie sagen sollten. Das schien doch ein recht dunkles delphisches Orakel. * »Was dieser Bismarck im Schilde führt, weiß er wohl selber nicht!« Der große Fortschrittsmann Max Duncker und Herr v. Bernhardi trafen sich zufällig in Josths Konditorei am Leipziger Platz, wo jeder für sich seine Schokolade löffelte. »Er spielt zweifellos ein Doppelspiel. Doch gegen wen ist er falsch? Vielleicht auch nur gegen sich selber, weil er uferlos ins Weite treibt.« »Wie begründen Sie das?« frug Bernhardi. »Dem König hat er gesagt, der erste Kanonenschuß werde das Londoner Protokoll zerreißen, deshalb müsse immer feste kanoniert werden. In London aber führt er eine andere Sprache. Da stellt er Palmerston vor, das Besetzen Schleswigs sei nur so gemeint, um nachher auch Holstein an Dänemark zurückzuerstatten, wenn es nur einigermaßen klein beigäbe.« »Nun, da Sie so gut unterrichtet sind, Verehrtester, das stimmt allerdings. Mir wird aus Kiel von Augustenburger Seite das gleiche geschrieben.« Es wäre ja schrecklich, wenn man nicht ebenso gut informiert wäre. So plaudert man sich gegenseitig aus, um nur ja den Ruf zu genießen, daß man die »Primeur« habe. »Das Wichtigste ist heute, daß unsere blauen Jungen die Feuertaufe empfingen. Der lange Frieden schadete also nichts, man kann mit ihnen was ausrichten. Was sagt denn Ihr Herr Bruder, der Major?« »Der ist im siebenten Himmel und bekommt einen neuen Orden, weil er wieder mal öffentlich eine Ansprache hielt: Seine Majestät, unser allergnädigster Herr, Wilhelm der Siegreiche, er lebe hoch!« lächelte der Fortschrittsmann. »Wir sind die feindlichen Brüder, aber vertragen uns gut. Zuguterletzt habe ich auch ein preußisches Herz, wir alle freuen uns eigentlich, daß Bismarck fest auftrat. Schwer hat er's übrigens. Palmerston möchte ihn erneut isolieren, Österreich von uns trennen. Und der König will loyal mit dem Augustenburger verfahren, im Staatsrat sprach er sich scharf für Einsetzung des Herzogs aus.« »Woher wissen Sie denn das, Verehrtester?« frug Bernhardi mißtrauisch. »Man hat so seine Quellen. Bismarck zieht offenbar die Sache in die Länge, damit die Gewohnheit in ihr Recht trete, wenn die Lande erst mal von uns okkupiert sind. Er hofft wohl auf Zeitgewinn für bessere Konjunktur.« Die Belagerung der Düppeler Schanzen auf Halbinsel Sundewitt schritt fort. Umsonst spie das Kriegsschiff Rolf Krake feurigen Geifer. Auch die kleine preußische Marine bestand ehrenvoll ein Seegefecht bei Rügen. Die Militärs wollten unbedingt die Grenze Jütlands überschreiten, auch ohne Österreichs Beistimmung. Der alte Wrangel hatte die ihm eigentümliche Dreistigkeit, an den König unchiffrierte offene Telegramme zu richten, worin er die gröbsten Beleidigungen ausstieß und den leitenden Minister für reif zum Galgen erklärte. »Ich kann es nicht zugeben,« betonte Otto fest. »Unser Zusammengehen mit Österreich würde zunichte gemacht, und wir brauchen es jetzt noch.« »Aber es liegt auf der Hand, daß wir nur so Dänemark zu raschem Nachgeben zwingen, und das ist doch auch wohl wichtig«, warf Roon ein. »Unter diesem Gesichtspunkt werde ich mich bestreben, vermöge meines guten persönlichen Einvernehmens mit Minister Rechberg und dem Gesandten Karolyi den Einmarsch auch für Österreich plausibel zu machen.« So geschah es. Während dieser ganzen Zeit bis Mitte April versuchte England, sich tückisch einzumischen. Ohne jede Spur von Verständnis für die Sachlage, historisch und juridisch, schwelgte John Bull in jener wohlfeilen Sentimentalität, mit der er sich über leidende Mitmenschen dahinten weit in der Türkei erbarmt und ihnen etwa für recht viel Kaufgeld Waffen verabreicht, im übrigen aber nicht den kleinen Finger, wohl aber den geschäftigen Mund rührt. Presse, Publikum, Regierung zerbrachen sich förmlich die Zunge im Jammer über das Heldenvolk der treuherzigen Danskes und die Schlechtigkeit der Räuber. Erst hieß der Protest Vermittelung, dann Protokoll, dann Konferenz, dann Waffenstillstand. Alles prallte wie Tropfen an einem Regenmantel, wie Knallerbsen an einem Harnisch, an dem unglaublichen Menschen ab, der in einem Lande, wo Englands Prinzeß Royal als Kronprinzessin zu residieren sich herabließ, keinen Funken Ehrerbietung für die ältliche Matrone Britannia bewahrte. Und als die Dänen sich endlich dazu bequemten, den Status quo des seligen Londoner Traktats anzurufen, kam die arge Antwort: »Zu spät, den damaligen Zustand gibt's nicht mehr, Krieg hebt jede frühere Abmachung auf. Konferenz? Meinethalben, doch ohne jede Basis von Übereinkunft. Waffenstillstand? Verweigert.« Eines Morgens flaggte ganz Berlin, und einige Königstreue brachten dem bösen Manne in der Wilhelmstraße ein Ständchen. Hurra, Hurra! Düppeler Schanzen genommen! Eine glänzende Waffentat! 118 Geschütze, 22 Fahnen erobert! Dies war nun wirklich ein Sieg, der sich sehen lassen konnte und alle kleinen Erfolge der Österreicher gänzlich in Schatten stellte. Otto eilte zum König, den er in freudiger Aufregung traf. »Ich muß zur Armee, ihr meinen Dank sagen. Reden Sie nichts dagegen, mein Herzensdrang ist nicht zu dämpfen. Sie müssen mit und Roon.« »Ein Extrazug könnte morgen bereitstehen, Eure Majestät könnten am dritten Tage zurück sein. Ich bin sofort reisefertig.« »General Moltke soll auch benachrichtigt werden. Prinz Friedrich Karl klagt über Wrangel, wir müssen da wohl schonend eingreifen und dem würdigen Greis eine Stütze geben. Ich erhebe Moltke zum Stabschef des Oberkommandos. Roon, der alles so wohl präparierte, soll auch eine Freude haben... verraten Sie mich nicht! – und Chefinhaber seines alten Füselierregiments werden.« Auf der Durchreise in Flensburg und Rendsburg sprach sich die Dankbarkeit der befreiten Bevölkerung mit lebhaften Kundgebungen aus. »Ihre Sache ist mir heilig und ich werde sie ausfechten«, bekräftigte der König, doch ertönten überall zwischendurch Heilrufe auf den Augustenburger. Die Parade vor Düppel verlief glänzend. Der königliche Greis genoß bei den Truppen die höchste Verehrung und Anhänglichkeit, er begeisterte sich an der Begeisterung, die seine Anwesenheit weckte. Man erzählte ihm von besonderen Heldentaten, sein Herz schwamm in freudiger Rührung. »Der arme Raven!« Welch schönes Wort! »Es ist Zeit, daß wieder ein preußischer General auf dem Schlachtfelde stirbt!« Doch Otto dachte düster: Es müssen wohl noch viele sterben, ehe denn die Zeit erfüllet ist. Wrangel, der sich ungeheuer wichtig tat, sollte gnädig beurlaubt und in den Grafenstand erhoben werden, damit die Entlassung nicht schmerze. Otto betrachtete beifällig den roten Prinzen in seiner Uniform der roten Zietenhusaren. Der ziemlich vierschrötige und untersetzte Herr zählte erst 36 Jahre, damals trug er noch nicht den breiten Vollbart, sein Gesicht hatte etwas Vornehm-Düsteres. Er war oft herrisch und kurz angebunden beim Kommando, sonst ungemein höflich und jedem Selbstlob fern. Obschon jetzt Höchstkommandierender auch über das Korps Gablentz, hielt er im Privatkreise nicht mit Geringschätzung der k. k. Offizier und Generale zurück. »Sabreurs, nichts weiter. Aus guter Familie, von guter Turnüre, bestechen sie den gemeinen Mann durch Bravour und Landsknechtart, rücksichtslos gegen das feindliche Land, ganz anders wie wir, die oft zu rücksichtsvoll. Die höheren Chargen sind nicht viel anders. Gablentz, Gondrecourt sind Hüteschwenker: Mir nach und vorwärts! Wie Reischach und seinesgleichen. Oft verstehen die Mannschaften nicht mal, was der Führer ruft, selbst die Offiziere beherrschen nicht alle die deutsche Kommandosprache, alles redet vielsprachig durcheinander, ohne sich zu verstehen. Ein Wunder, daß es bisher noch gut ging. Doch der grüne Federbusch eines k. k. hohen Generals scheint dazu bestimmt, unsanft zerpflückt zu werden. Wenn die Sturmkolonnen schon von den Dänen zusammengeschossen wurden, so könnten sie gegen französische Truppen Wunder erleben, ärger als bei Magenta.« Der Prinz meint gar nicht französische, sondern preußische Truppen! fuhr es Otto durch den Kopf, der in der Tür zuhörte, halb eingetreten. Friedrich Karl fuhr rasch herum, grüßte und brach in etwas schnarrendem Tone ab: »Meinen der Herr Ministerpräsident nicht auch, daß man Erfolge mit geringstmöglichen Opfern erringen muß? Mein Bestreben wird immer sein, so viel Menschen, als es irgend angeht, ihre gesunden Knochen zu erhalten.« Dann rechne du darauf, daß man dich einen wüsten Draufgänger schimpft, der rücksichtslos Tausende zur Schlachtbank führt! dachte Otto. Denn man muß immer das Urteil der Welt auf den Kopf stellen, um die Wahrheit zu finden. Eins verhehlte sich der Mann geheimer Entwürfe und Zukunftsschauungen nicht, wo immer er den weißen Glanzüberzug ungarischer Husarentschakos, die weißen Reitmäntel und die hechtgrauen oder braunen Offiziersüberröcke der Kaiserlichen sah: der Krieg hatte auch Erinnerungen alter Waffenbrüderschaft im preußischen Heere geweckt und so die alte Vorliebe für Österreich gesteigert. Das mußte jede antiösterreichische Politik lähmen. Die Mittelstaaten aber, ohnehin gegen den neuen Kurs Preußens eingenommen, waren weniger denn je gesonnen, zugunsten einer Führerrolle des verhaßten nordischen Großstaates aus ihrer Souveränität zurückzutreten, welche sie keineswegs im Geiste eines einstigen deutschen Herzoges gegenüber dem Reichsoberhaupt auffaßten. Sie hielten für ihr gutes Recht, sich nach Gutdünken auch mit dem Auslande zu verbünden, ohne deshalb den Vorwurf des Landesverrates auf sich zu laden. Wer sich über solche Schamlosigkeit ereifert, vergißt nur, daß einst die Herzoge von Lothringen, Champagne, Flandern auch sich nach Belieben als Vasallen Frankreichs oder des deutschen Kaisers wechselnd auf die eine oder die andere Seite schlugen. Denn wo man ihnen freie Hand läßt, treiben fast alle Fürsten nur dynastische, nie vaterländische Politik. An ihrem eigenen Thronrechte liegt ihnen hundertmal mehr als an allen Rechten deutscher Nation. So dachte Otto mit stillem Ingrimm. Doch wenn er auf seinen eigenen Herrscher blickte, kam ihm der Zweifel: solltest du dich nicht getäuscht haben? Gibt es unter den deutschen Fürsten nicht vielleicht noch andere deutsche Männer? * Auf Rückreise nach Berlin machte der König auf dem Hamburger Bahnhof Station, um dort das Abendessen einzunehmen. Vor dem Bahnhofe hatte man den Platz festlich erleuchtet und die Hamburger Bürgerwehr marschierte dort auf mit Spielleuten und Fahne. Von allen Straßen wogte das Volk heran, konnte jedoch zum abgesperrten Perron nicht durchdringen. Aber eine eigentümliche Phalanx rückte an, lauter preußische verwundete Offiziere mit Binden, Bandagen, Stöcken und Krücken. An ihrer Spitze bat der Hauptmann v. Gerhard: »Wir ersuchen höflichst, uns durchzulassen. Wir sind der Gnade verlustig gegangen, von unserem obersten Kriegsherrn in Parade besichtigt zu werden, und möchten uns hier wenigstens ihm präsentieren.« »Passiert.« Die Bürgerwehr öffnete eine breite Gasse. Da hinkten und wankten die verwundeten Helden von Düppel die Treppe zum Bahnhof hinauf und stellten sich in Reih und Glied. Viele schnauften und zitterten, des Gehens seit lange ungewohnt. In der Vorhalle tönte eine scharfe Stimme: »Was wollen die Herren hier? Was wünschen Sie?« Es war Edwin Manteuffel, dicht im Mantel vermummt. Doch Gerhard, der durch seine Gemahlin Beziehung zum Hofe hatte, erkannte ihn und trat vor, Hand am Helme salutierend. »Exzellenz, wir Schwerverwundeten bitten um die Ehre einer Meldung bei Seiner Majestät.« »Hauptmann v. Gerhard, nicht wahr? Ich bitte die Herren, mir ihre Namen zu nennen.« Er ging und kehrte hastig zurück: »Folgen Sie mir! Seine Majestät wird die Gnade haben, Ihre Meldung entgegenzunehmen.« Des Königs blaue Augen blickten freudig und teilnehmend. »Ich danke Ihnen, meine Herren, daß Sie sich in Ihren Schmerzen aufgemacht haben, Ihren König zu grüßen. Das tut mir wohl.« Jeden fragte er nach seiner Verwundung und den Ort, wo sie geschah. Ein paar österreichische Offiziere hatten sich angeschlossen und gewannen einen Eindruck fürs Leben, tiefbewegt von der erhebenden Menschlichkeit des hohen Herrn. »Welch ein Monarch!« rief ein Lichtenstein-Husar, als die huldvoll Entlassenen auf die Vorhalle hinaustraten. Da rief eine Stimme: »Hauptmann v. Gerhard!« Manteuffel kam hinter ihm her und flüsterte: »Sie müssen zu Seiner Majestät zurückkommen.« Gerhard, später als Gerhard v. Amyntor sich als Schriftsteller versuchend, ein hochgebildeter Typ des echt preußischen Offiziers, hatte eine Natzmer geheiratet, eine gleichfalls hochgebildete Dame, und da ein Natzmer einst dem Prinzen von Preußen nahestand, so war das Paar bei Hofe wohlangesehen. Man beachte wohl, daß alle, die König Wilhelm und sein Sohn einer besonderen Gunst würdigten, geistig und moralisch hochstanden, mit sehr geringen Ausnahmen. »Nun, mein lieber Gerhard, Sie haben also für Preußens Ehre geblutet. Ich gratuliere Ihnen dazu. Dieser Krieg hat gezeigt, daß Preußen noch immer sich auf sein braves Heer verlassen kann. Wie waren Ihre Westfalen?« »Herrlich, Majestät. Voll altpreußischem Patriotismus.« »Es ist erhebend, das zu hören. Mein gutes, tapferes Volk! Ich verleihe Ihnen den Roten Adlerorden mit Schwertern. Haben Sie schon soupiert?« »Noch nicht, Majestät.« »Dann essen Sie mit uns! Legen Sie ab! Ein preußischer Offizier, der für das Vaterland sein Blut vergoß, ist immer an meiner Tafel willkommen.« Das »legen Sie ab!« bezog sich auf die Krücken, an denen Gerhard humpelte. Er sagte nachher, daß der Donner der dänischen Geschütze ihn nicht betäubt habe, wohl aber diese herablassende Güte. Jetzt erst wagte er sich im Empfangszimmer des Bahnhofes, wo er stand, umzuschauen. Außer Manteuffel sah er nur noch einen Riesen in hohen Reiterstiefeln, dessen machtvolle Stirn und eisernes Gesicht sofort verrieten, wer er war. »Was sagte Ihnen der König?« fragte Manteuffel leise. Gerhard nannte die Dekoration. »Ich gratuliere.« Der Chef des Militärkabinetts nickte und notierte den Fall. Gerhard aber hatte nur Augen für den Koloß, der völlig unbewegt im Saale stand, und humpelte an ihn heran. »Melde gehorsamst, Hauptmann v. Gerhard, soeben von Seiner Majestät mit dem Roten Adlerorden dekoriert.« »Meinen kameradschaftlichen Glückwunsch!« Die sanfte, helle Tenorstimme des Riesen drang Gerhard mitten ins Herz und der begleitende Händedruck dazu. War dies der Ungeheure, den Europa schon ahnte und von dessen Lippen man Donner zu hören glaubte? Mit einem unbeschreiblichen Lächeln tupfte Otto auf die linke Brustseite der Hauptmannsuniform. »Dort ist noch Platz für vieles ... geben Sie acht, es kommen noch bessere Zeiten.« Gerhard sann über diese vielsagenden Worte nach, während das Souper mit Eile und Schweigsamkeit vorüberging und dem König Stangenspargel serviert wurde, wie keinem hanseatischen Patrizier. Der Stationsvorsteher meldete den Extrazug nach Berlin. Als der König über einen vorschriftsmäßigen Teppich in sein Abteil stieg, strich Otto mit dem gespornten Fuß eine Falte glatt. Es sah so aus, als ob er einen Kiesel, der ihm im Wege lag, fortschleudere. »Kieck mal, dat is 'n preußischer Stiebel! Wo der hintritt, wächst kein Gras!« »Wenn die preußischen Junker alle so aussehen wie der, kann sich der Preußenkönig auf Gott verlassen.« Das waren zwei Hamburger Polizisten, die sich so unterhielten. Und als Gerhard den am Waggonfenster stehenden König salutierte, auf seine Krücken gelehnt, dachte er an den Riesen, der vor ihm auftauchte und nie seinem Gesichtsfeld entschwand. * Beim Bürgermeister Duncker, der in Fortschrittskreisen das größte Haus machte, besprach man eifrig die Lage. In dieser Gesellschaft hatte ein paarmal auch das enfant terrible , der Verfemte aller Parteien, Ferdinand Lassalle sich eingefunden. Der Verkehr endete aber bald, sogar melodramatisch, mit einer Straßenprügelei, wobei er und ein Assessor sich im Rinnstein der Potsdamer Straße wälzten. Die Gründe blieben unklar, es hieß Koketterien der Frau Duncker spukten im Hintergrund. Die Freigeistigkeit der Fortschrittler hinderte indessen nicht, daß ihre üppigen und eleganten Huldinnen den Bannfluch über besagten Lassalle aussprachen, weil er mit seiner einstigen Klientin Fürstin Hatzfeld in freier Ehe lebe. Bei einer Vorführung »lebender Bilder« aus den Befreiungskriegen, die auf Betreiben der Fortschrittspartei der junge Schlachtenmaler Bleibtreu im Viktoriatheater »stellte«, schrie das ganze Mode-Berlin den schönen Volkstribunen an, als er sich doch auch die Bilder seines Freundes ansehen wollte: »Lassalle raus!« Schon wieder Ohrfeigen und Rippenstöße. Es war eine große Zeit. Auf dieser Abendsoiree bei Dunckers hielt besonders der Historiker Droysen einen Speech. »Es läßt sich nicht leugnen, daß Herr v. Bismarck manche bedeutenden Eigenschaften besitzt. Wie er so keck und dreist und gottesfürchtig dem Ausland eine Nase dreht, mag vielleicht richtig sein. Am kronprinzlichen Hofe und in Koburg ist man indigniert über den Ton, den er gegen England anschlägt.« »Ich beklage tief, daß England, unser aller Vorbild, uns so entfremdet wird,« klagte der Oberbürgermeister Seidel, ein strammer Fortschrittsmann. »Er stößt das Wohlwollen dieser edelsten Nation vor den Kopf, bloß weil er es als Heimat des Liberalismus fürchtet.« »Fürchten tut er's eben nicht«, berichtigte Dunker, »ich fürchte, der fürchtet sich überhaupt vor nichts. Und mit dem Wohlwollen ist's man soso. Überm Kanal wünscht man offenbar nicht, daß wir eine Seemacht werden, wenn wir Kiel kriegen.« »Ja, ja, unsere Leute haben den Durst nach dem Meere bekommen,« ergänzte Droysen. »Der König hat auch schon eine stille Schwärmerei für die Marine. Einen Aufschwung werden wir ja nehmen, wenn uns nicht noch das Ausland Knüppel zwischen die Beine wirft.« »Im Grunde können wir doch nicht Blut und Gut geopfert haben, um einen neuen Kleinstaat zu gründen,« gab Seidel zu. »Darin möchte ich dem Ministerpräsidenten recht geben – d. h. falls er wirklich so denkt, wie man ihm zuschiebt.« Landwehrmajor Alexander Duncker, seines bürgerlichen Zeichens Verleger und Hofbuchhändler, überlegte, ob er nicht alle Anwesenden auffordern solle: Vereinen wir uns in dem Rufe, unser allergnädigsten Herr lebe hoch! besann sich aber lieber auf buchhändlerische Reklame für seinen Autor, den frommen Lübecker Emanuel Geibel. Diesen weihevollen Epigonen fanden die reifsten Matronen und unreifsten Backfische geradeso himmlisch wie seinen jüngeren Freund, den jungen Goethe – Pardon, Paul Heyse, den schönen Apollo, um den seine Vaterstadt Berlin das Isar-Athen beneidete, wo dieser Frauenlob prangte. Denn in den Geburtswehen der deutschen Nation hatte die Poesie nichts wichtigeres zu tun, als goethenidische Kunststücke zu pflegen und unter Formspielerei auch noch die schlechtesten Verse einzuschmuggeln. Emanuel hatte in diesem gastlichen Kreise einst sein Meisterwerk vorgetragen: »Es ist wohl vieles, was entzücket, es ist wohl vieles, was gefällt, der Mai, der sich mit Blumen schmücket, die goldene Sonn' am Himmelszelt, doch weiß ich eins, das schafft mehr Wonne,« darauf reimte sich natürlich Sonne, nämlich »eine keusche Minne, von der nur Gott im Himmel weiß.« Im Angedenken solcher dichterischen Herrlichkeit deklamierte sein Verleger jetzt die wirklich männlichen Strophen, die sich Geibels süßliche Pathetik abrang: »Wir rufen nein und aber nein zu solchem Einverleiben, wir wollen keine Dänen sein, wir wollen Deutsche bleiben!« Doch Professor v. Sybel seufzte: »Wenn sie nur nicht singen: wir wollen keine Preußen sein, wir wollten Deutsche bleiben!« So ging das Raten und Widerraten der Zweifler fort. Und der Wäger und Wager, der Geburtshelfer der schicksalsschwangeren Zeit, saß einsam und allein vor seiner nächtigen Lampe und sann auf immer neue Varianten des Geibelschen Spruches: Und wenn die Not nicht Eisen bricht, das Eisen bricht die Not. – Bei Stahrs, wo die ästhetische Welt verkehrte, fand noch kein Umschwung zugunsten des Verhaßten statt. »Dem ist nie zu trauen!« trumpfte der Major Beitzke auf, der in reißendster Fortschrittsströmung schwamm. »Er schmiedet heimlich verworfene Pläne, weil er den Freiheitsgeist der Herzogtümer haßt. Was kümmert solch einen oberflächlichen Junker, daß es sich um die Urheimat unserer ruhmvollen Vorfahren handelt, der Teutonen, nach denen wir Teutsche heißen. So hat Jakob Grimm es öffentlich in der Paulskirche bestätigt. Nicht eine Scholle dieses heiligen Landes darf Fremdlingen abgetreten werden.« Und setzte nicht Waitz, der Kieler Historiker, damals bei der Nationalversammlung den Antrag durch, daß die Sache Schleswigs eine Sache der ganzen deutschen Nation sei? Und rief nicht der große Dahlmann, auch ein Bruder aus dem Norden, aus Wismar: der deutschen Sache werde das Haupt abgeschlagen, wenn man bei Schleswig versäume, was gut und recht ist? »Wir Süddeutschen«, klagte Berthold Auerbach, »finden uns nicht darein, daß all der hohe Schwung zerstört ist, womit unsere edlen Freischaren kraft Vollmacht des Volkes den heiligen Krieg beginnen wollten. Jetzt verläuft alles so prosaisch schnöde, wie bei einem gewöhnlichen Kabinettskriege. Das Volk stand auf, der Sturm brach los, doch die königlich preußische Staatsräson will nichts davon wissen.« In einer Ecke plauderte der Staatschef a. D. Otto Manteuffel mit dem Schlachtenmaler Bleibtreu, dessen Kunst er zu schätzen vorgab. Der noch junge Künstler ereiferte sich mit zürnender Heftigkeit. »Wir sind nicht mehr ein versunkenes Gemeinwesen, wir müssen dem Auslande den Fehdehandschuh hinwerfen, wenn es die Einheit stört.« »Aber, verehrter Herr, dann wird das europäische Gleichgewicht verrückt.« »Verrückt ist's schon genug, Exzellenz, oder zum Verrücktwerden. Und auf dieser Verrückung oder Verrücktheit wollen wir bestehen, bis der letzte Tropfen Blutes aus deutschen Adern floß. Der Minister Bismarck weiß, was er will, und wußte, was er sagte. Mit Blut und Eisen! Jetzt endlich wird die Schmach von Olmütz gesühnt!« Betroffen hielt er inne. Manteuffel benahm sich mit Selbstbeherrschung, erhob sich und machte Bleibtreu mit einem vorübergehenden Herrn bekannt, worauf er sich liebenswürdig empfahl. Er wußte recht gut, daß der Künstler einst in Düsseldorf getobt hatte, Manteuffel müsse als Landesverräter auf den Sandhaufen, und daß der dortige Polizeidirektor die Denunzierung glatt niederschlug, weil er als preußischer Offizier diese Denkart teilte. Wie hatten sich die Zeiten geändert! Bitter dachte Manteuffel: was solch ein ungeschliffener Patron, solch überspannter Malermeister von unsereins sich denkt! Otto der Andre wird's noch spüren, wie man ihn zu Falle bringt, auf ihn schimpft man noch ärger als je auf mich. Fanny Lewald zitierte die Wutschreie ihres Rassengenossen L. Simon in der Paulskirche, wie Deutschland vor dem kleinen Dänemark in den Staub getreten werde. Auerbach wiederholte die Phrasen der Frankfurter Pfingstweide, Preußen und die von ihm terrorisierte Nationalversammlung hätten sich an Freiheit und Ehre versündigt. Man gedachte der Beschimpfung, unter der die Nation ihr Haupt beugte, des lächerlichen Übermuts der Inseldänen, die sogar Hamburger Zeitungen das freie Wort verboten und jede Meinung knebelten, dafür aber das Ausland mit verlogenen Fälschungsartikeln überschwemmten, so daß man dort die schamlosesten Rechtsverdrehungen für das gute Recht eines heldenhalften Kleinstaates gegen Neutralitätsbruch und räuberischen Überfall hielt. Dabei hatten die Dänen sich damals miserabel geschlagen sowohl gegen die Holsteiner Freischaren als gegen Wrangels Regimenter. »Preußenhunde bellen, doch beißen nicht, hat die Bande gehöhnt. Vier Preußen gegen einen Dänen sei schon dänische Übermacht! Da soll man nicht rasend werden.« »Und da soll man nicht freudig werden, daß der starke Bismarck den alten Schimpf tilgt!« ergänzte Bleibtreu mit lauter Stimme und verabschiedete sich. Einige tippten mit dem Finger an die Stirn, und Adolf Stahr begütigte seufzend: »Unser guter Bleibtreu ist auf diesen Punkt unzurechnungsfähig.« Beitzke rannte ihm nach und holte ihn auf der Straße ein. »Verehrter alter, Freund, Sie nehmen vorweg, worum ich Sie im Namen der Partei um Auskunft bitten wollte. Man ist bei Dunckers erstaunt, in anderen Kreisen außer sich: Sie sollen geradeso wie der schändliche Lassalle sich äußerst anerkennend über den verruchten Bismarck geäußert haben.« »Das ist der rechte Mann zur rechten Stunde, habe ich gesagt. Mein Freund Lassalle und mein Freund Maßmann, der greise Turnvater, sagen das gleiche.« Beitzke trauerte, daß sogar ein verhätscheltes Schoßkind der Fortschrittler zum Feinde überlief. So bildete sich eine heimliche geistige Leibgarde für den einsamen Ringer. * Düster starrte Otto vor sich hin und zerknüllte eine Depesche in der Hand. Sie kam von Fürst Metternich, dem österreichischen Botschafter in Paris. Er hatte schon früher alarmiert und vor den Umtrieben Napoleons gewarnt, der sich den Sachsen Beust als Handlanger dingte. Dieser sollte sofort die Thronerhöhung des Augustenburgers vorschlagen, worauf Napoleon a tempo einschlagen und seinen Willen bekunden sollte. Diesen Vortritt ihm zu überlassen wäre ein falscher Schritt. Ich muß ihm zuvorkommen, werde also im Staatsrat erklären, jetzt sei die große Stunde da, um das wahre Endziel meiner Politik zu entlarven, d. h. den gottgesalbten Augustenburger zum Großherzog auszurufen. Meine Kollegen werden dazu Gesichter schneiden, die ich nicht gern photographiert sehen möchte. In London werde ich notifizieren, daß alle Bundesstaaten die Gründung eines neuen Holsteiner Staates wünschen. Beides geschehen am 24., 28. Mai. Am ersten Junitag aber erschien bei ihm in seiner Wohnung der Prätendent selber. Otto sah auf die Uhr im Billardzimmer, wo er ziemlich unzeremoniös den Lästigen empfing; die neunte Abendstunde brach an, als Herzog Friedrich seinen Standpunkt wie sein eigener Erzkanzler vertrat. Der preußische Staatsmann verbreitete sofort eine gewisse Kühle, die den von Gottesgnadenrecht durchdrungenen Erbprinzen peinlich berührte und heimlich aufbrachte. »Die Konstituierung meiner Stammlande als selbständiger Bundesstaat unter meiner Souveränität dürfte ja selbst wohl allseitig beschlossene Sache sein.« »Eure Hoheit greifen etwas vor. Ob ich Vertretung Ihrer Kandidatur empfehlen kann, dürfte vielmehr vom Ergebnis dieser Unterredung abhängen.« »Ich weiß, wohin Sie steuern. Indessen –« »Seine königliche Hoheit der Kronprinz sind überzeugt, daß Eure Hoheit auf höchstdessen Bedingungen eingehen werden, die er am 26. Februar in einer vortrefflichen Denkschrift entwarf.« »Ich weiß nicht recht – der Kronprinz mißverstand vielleicht.« Der Herzog wurde sehr unruhig. »Das will ich nicht hoffen«, versetzte Otto in fast strengem Ton bei aller Höflichkeit der Formen. »Eure Hoheit haben gewiß die Gnade gehabt, die einzelnen Punkte zu prüfen: Militärkonvention, Freihaltung Kiels als Hafen für unsere Marine, Anlage von Grenzbefestigungen, Bau eines Nordostseekanals. Auf letzteres lege ich Gewicht aus strategischen Gründen der Küstenverteidigung und Einbeziehung Hamburgs in unsere Sphäre.« »Das wird den Hamburger Senat ebenso begeistern wie mich!« betonte der Herzog bissig. »Nach alledem bleibt von meiner Unabhängigkeit nichts mehr übrig. Die holsteinischen Stände würden mich schön anschauen, wenn ich von ihnen Ratifikation solcher Klauseln verlangte.« »Sie sind wohl froh genug, vom dänischen Joch befreit zu sein, um nicht an Vorsichtsmaßregeln Anstoß zu nehmen, die nur den Schutz unserer deutschen Nordgrenze bezwecken.« »Vor den Dänen? Es sieht beinah so aus, als wollten Sie sich gegen mich selber schützen.« Otto verneinte mit keiner Silbe. »Militärkonvention – die Holsteiner werden preußisches Militärsystem ablehnen. Ihre mit Koburg geschlossene ist in manchen Punkten zu weitgehend. Überhaupt sollte man lieber mein Herz gewinnen, statt mich zu binden.« Er verbreitete sich endlos über alle streitigen Punkte. Es schlug zehn und wurde noch später. Otto erwiderte fast nichts. »Wahrlich, man hätte mein Land von seiten des Bundestages wohl unter minder lästigen Abmachungen und Zumutungen befreit. Ganz besonders mißfällt mir die Landabtretung für Anlage von Festungswerken. Das ist so dehnbar, daß wohl gar eine ganze Quadratmeile daraus werden könnte. Dagegen lehne ich mich entschieden auf, meine Stände würden es mir verübeln.« Wenn er dachte, Otto werde mit ihm um eine armselige Meile schachern, so irrte er. Schweigend hörte dieser zu. Sein Besucher perorierte immer noch, nachdem es längst elf schlug. Es wurde immer nächtlicher, die Kerzen im Armleuchter des Ministertisches brannten herab. Zuletzt geriet der Fürst-ohn'-Land in gelinden Zorn: »Habe ich die Preußen gerufen? Für mich wäre es besser, wenn sie sich gar nicht einmischten.« Otto stand ruhig auf. »Es geht auf Mitternacht, Durchlaucht . Wir brechen am besten diese fruchtlose Unterredung ab, die Erwartung Seiner königlichen Hoheit, Eure Durchlaucht würden bereitwillig auf unsere Bedingungen eingehen, war also irrig.« »Adieu. Wir sehen uns wohl noch.« Es schlug Mitternacht ... auch für ihn und sein Hoffen. – – »Die Konferenz in London möchte wohl unsere Erfolge beschneiden«, sprach sich der König unmutig aus, so sehr ihm seine Familie mit englischen Warnungen in den Ohren lag. »Mit den beliebten diplomatischen Scheren, die so gern Scheren der Parzen sein möchten am Webstuhl der Geschichte. Doch wir werden den teuren Scherenschleifern selber den Boden unter den Füßen wegschneiden.« Am 15. Mai erklärte eine Note Ottos, der weilend Londoner Vertrag sei schon längst ungültig geworden durch das Vorgehen der Dänen, und wenn er bisher davon schwieg, geschah es, um die Empfindlichkeit anderer Signaturmächte zu schonen. Im übrigen bestehe er auf vollständiger Unabhängigkeit der Herzogtümer. Da die Dänen sich stocktaub stellten, von den zu andächtig ins Ohr gesogenen Ermunterungen Englands betäubt, verlangte er sofort unerbittlich vollständige Trennung. Die Ereignisse rollten weiter. »Prinz Friedrich Karl hält Wegnahme von Alsen für möglich, Goeben, auf den ich große Stücke halte, ist auch dafür. General Moltke hat sogar Pläne ausgearbeitet für Eroberung von Kopenhagen. Wir werden bald fertig werden, die Armee bricht Eisen, so hoch wuchs ihr stolzer Mut.« Der König ging elastischen Schrittes in seinem Salon in Babelsberg auf und ab. »Um so besser!« Auch Otto strahlte von Freude und Zuversicht. »Bedingungslose Abtretung von Schleswig, Holstein und Lauenburg wird diesem übermütigen Kleinstaat bald abgezwungen werden.« »Aber an wen?« »Natürlich an die Verbündeten gemeinsam. Das Weitere wird sich finden, haben Eure Majestät den General v. Blumenthal, Stabschef Seiner Hoheit, über die allgemeinen theoretischen Ergebnisse des Feldzugs Vortrag halten lassen? Ich nenne diesen Herrn, weil er der Hauptvertreter des Generalstabs im Felde ist, länger dabei als General Moltke.« »Was interessiert Sie denn so dabei?« »Daß unsere Leute besser marschieren und modernere Taktik der Schützenschwärme pflegen, weiß ich, doch ich staune, daß kein Bericht besonderes Gewicht auf unsere neue Waffe des Hinterladers legt.« »Sie hat sich bei Gefechten in Jütland furchtbar bewährt, beim Sturm auf die Düppeler Schanzen war wohl nicht recht Raum dafür. Die Österreicher haben wohl nichts davon gesehen, ihre Berichte schweigen fast ganz darüber.« »Das ist es eben, was ich begrüße,« fiel Otto lebhaft ein. »Mir scheint sehr unnötig, daß sie sich unterrichten. Man sollte unserer Presse verbieten, von besonderer Wirkung des Zündnadelgewehres etwas drucken zu lassen.« »Aber das bleibt doch nicht verborgen. Seit Roon die Neubewaffnung durchsetzte, seit der Erfinder Dreyse sein erstes Modell sandte, wußten doch Fachkreise davon, und nun erst –!« »Solange nicht großer Tamtam geschlagen wird, glaubt doch niemand daran. Wenn nicht die Wiener Presse Wind davon bekommt und Lärm schlägt, werden die k. k. Militärkommissionen ihren Vorderlader behalten bis zum Jüngsten Gericht.« Der König lächelte. »Ich glaube sogar, ich las in einem österreichischen Rapport, das neue preußische Gewehr sei ein Fiasko, man habe überflüssigerweise so viel Geld dafür ausgegeben.« »Das hört der Wiener Hofkriegsrat gern, der kein überflüssiges Geld hat.« Otto freute sich herzlich. »Ja, man wird wohl gar ein Interesse daran haben, über den Hinterlader zur Tagesordnung überzugehen. Und in Bataillonskolonnen fechten sie immer noch wie bei Solferino. Famos!« »Aber was erfreut Sie denn so an den Defekten unserer Waffenbrüder?« frug der König arglos. »O, 's ist nur so ein akademisches Interesse.« Otto nahm sich zusammen und lenkte rasch ein: »Wenn Alsen fiele, wäre der Krieg erledigt.« Es fiel in einer Sommernacht, voller konnte der altpreußische Waffenruhm nicht erneuert werden. Zwei Mitspieler erkannten sogleich die hohe Bedeutung dieses kleinen Krieges, den man sonst vielleicht bald vergessen und übersehen möchte, der aber als Probe für die Leistungsfähigkeit das Preußenheer mit einer Zuversicht erfüllte, die es für größere Kämpfe vielleicht bald brauchte. So dachten Otto und Friedrich Karl. Als später die siegreichen Truppen in Berlin einzogen, schien selbst der Oberbürgermeister Seidel so weit bekehrt, daß er in seiner Ansprache auf Annexion hindeutete, was früher in Fortschrittskreisen ein verpöntes Wort war. Doch bis zu diesem Einzug und bis zum Frieden war es noch weit. Mit dem Sonderfürstentum des Augustenburgers und dessen geheimen Hintergedanken war Otto fertig. Unbestimmter Hinweis auf Pflege guter Beziehungen »zu derjenigen Macht, welche auch in Zukunft die nächste und wirksamste Stütze gegen Dänemark sein wird«, täuschte nicht darüber, daß der Erbprinz die preußischen Forderungen möglichst zu umgehen trachten werde. Selbst der Kronprinz mußte dies erkennen und ihn teilweise fallen lassen. »Dem Küchlein, das wir ausgebrütet, können wir auch den Hals umdrehen,« äußerte Otto unverfroren und berief sich auf Kronjuristen, die ein Besitzrecht des Königs Christian auf einmal anerkannten, sobald dieser es nämlich an Preußen und Österreich abtrat. Auch die frühere Verzichtleistung seines Vaters auf die Erbansprüche, möge sie auch durch finanzielle Aushungerung von ihm erpreßt sein, binde formal den Erbprinzen. König Wilhelms rechtlicher Sinn widerstand jedoch dieser Auslegung noch immer. Er reiste im Juni mit seinem Minister nach Karlsbad zur Begegnung mit Kaiser Franz Josef. In Zwickau auf dem Perron stand schon erwartend der alte Katzbalger Rechberg und machte Ottos Coupé bis Karlsbad schwül mit politischer Stickluft. »Wie ich höre, hat der Empereur telegraphisch zu Düppel beim König gratuliert. Sie sind wohl mit ihm ein Herz und eine Seele?« »Mit Rußland auch und hoffentlich erst recht mit Österreich. Apropos von Paris, das gepriesene Deutschgefühl von Durchlaucht Augustenburg sitzt so tief, daß er dort flehte, man möge sich für ihn verwenden, er lege sein Schicksal in Frankreichs Hände.« »Hm! Sehr ... unvorsichtig«, brummte Rechberg. Er hätte natürlich lieber gesehen, wenn der neuzugründende Mittelstaat ganz von Österreich abhinge. Recht hart stießen die Geister aufeinander, als Otto vorschlug, jetzt unverzüglich die Bundestruppen der sogenannten Exekution aus Rendsburg und Kiel zu entfernen, da nur die zwei Großmächte dort Rechte haben würden. »Sie verlangen da von uns, daß wir uns mit alten Freunden überwerfen sollen.« »Ich denke, wir sind jetzt die nächsten Freunde. Jene Entzweiung wird sich schon reparieren, die Hannoveraner gehen übrigens ganz gern.« »Aber nicht die Sachsen. Ich weiß, daß Beust –« »Mit Napoleon unter einer Decke steckt. Sollte er Schwierigkeiten machen, so werde ich ihm damit heimleuchten. Das kann er kaum riskieren, da er doch um Popularität als deutscher Patriot buhlt.« Abeken und Keudell bekamen viel zu tun, auch Roon und Eulenburg trafen in Karlsbad ein, das Kolloquium mit dem Kaiser fiel nicht zu aller Zufriedenheit aus. Einen Botschaftsrat schickte Otto nach Berlin an Nanne: »Einen Gruß und einen Reuß, ich glaube den neunten.« Prinz Reuß IX. sollte als Gesandter nach Brüssel gehen, sein alter Bekannter Röder nach Kassel, dessen Tochter Jenny im Gasthaus »Drei Lerchen«, wo er wohnte, als vierte so viel trillerte, daß er zu langen Spaziergängen im regennassen Walde ausriß. Alsen! Hurra! Dieser Schluck aus dem Siegesbecher verjüngte den König zusehends, keine Heilquelle und kein Sprudel können damit wetteifern. Die Österreicher und der »zufällig« zur Kur anlangende Gortschakow schleichen darob so verdrießlich umher wie die vier Tage kalt Regenwetter, die an Otto einen schweren Katarrh bescherten. Der König reiste jetzt nach Gastein voraus, wobei viel riesige Buketts aus schönen Händen seinen Waggon schmückten, denn der galante alte Herr war ein Günstling der Damenwelt. Das konnte man just von Otto nicht sagen. Seine alte Frankfurter Freundin Stolypin beklagte sich, er sei ein rechter Bär geworden, der auf die zartesten Fragen brummig antworte. Sie hatte ihn meuchlings mit Politik überfallen, nachdem er in seinem jugendlichen Leichtsinn ihrer heimtückischen Einladung zu einer Bergpromenade folgte. Seither war sein Glaube an die Menschheit so geknickt, daß er niemand mehr traute und ins unwegsame Egertal sich flüchtete. Auf geheimem Waldespfade schleich ich gern im Abendschein ... o Lenau, wie lang sind wir getrennt, und doch kann ich's noch auswendig. Zum Lesen kommt man überhaupt nicht mehr. O Tod, ich kenn's, das ist mein Abeken ... er säuselt sanft an der Tür mit seiner Aktenmappe, und wenn er meint, ich höre ihn nicht, poltert er rauh und laut auf der Treppe. So wird's ja wohl meist im Leben sein. Nur gut, daß ich mir aus Säuseln und Poltern Abekens aussuchen kann, was mir beliebt. * Wie! Wieder mal Wien! Otto marschiert auf, sieben Mann hoch, wovon zwei Schreiber, was er in seiner malerisch ironischen Art umschrieb: »Die mich mit ihren kalligraphischen Diensten unterstützen« (22. Juli an Johanna). Er fand einen Brief vor, der ihn noch mehr als Wien an alte Tage erinnerte: vom amerikanischen Gesandten Motley! Wie sich alles so sonderbar im Leben fügt! In Erinnerung an seine Hochzeitsreise wanderte er in den Prater, den Volksgarten, wurde aber sofort erkannt. Dies Beäugeln en masse hat etwas Beklemmendes, als ob man ein Rhinozeros im zoologischen Garten wäre. Nun, man tröstet sich von dieses Lebens Unverstand beim guten Pilsener und Dreher Bier. Die Kapelle von Strauß spielte auf der Orchester-Rotunde Straußsche Walzer, doch niemand hörte zu, alle Augen gingen nach einer Richtung. »Das ihscht der Böse!« »Aber a fescher Kerl ihscht's!« »Er sieht halt abbgeahrbeitet aus, Backen und Aug'n sein eingesunken.« »Noa, aber er staht fest in seine Schuhe, der macht ka Knix und Bückling. Schauens, do steht's auf, ein Riesenkerl und's Rückgrat unverbogen.« »Und lachen kann er! Man hört's übers Orchester weg!« »Jo, der macht sich nix aus Staatsdiffikultäten, der prosperiert, das sieht man.« Die Wiener Presse vermerkte sehr übel den neuen Übergriff des bösen Preußen, die Bundesstaatstruppen aus Holstein hinauszuwerfen und Österreich dazu Ja und Amen sagen zu lassen. Doch gerade seine Unpopularität machte den norddeutschen Hünen »aus'm Reich« bei den Wienern populär. Das erlebte Otto bei späterem Besuch im Volksgarten. Der Kapellmeister sprang plötzlich ans Podium vor, es war eine Militärbande mit engen ungarischen Hosen und Schnurrbärten und hielt eine öffentliche Ansprache: »Exzellenzherr sein erkahnnt. Ich bin Ungar, nit Schwob, alle Madjar sein begeihstehrt für den feschen Herrn v. Bihsmahrck. Zu Feier von Exzellenzherr Gegenwart werd'n mer spül'n ›Heul dirr imm Siggerkrahnz‹!« Das war a Hetz. Alle Gutgesinnten standen auf, und als Otto freundlich grüßend ging, nochmals vom Siegeskranz umheult, sprach ein bedeutender Weaner Greisler das große Wort: »Serr a bedaitender Mann!« Und da soll man in Ruhe ein Bier trinken! Dies Dasein auf der Schaubühne kann niemandem behagen, der keine Hervorrufe wünscht. Rechberg war leider der gleichen Meinung. Er gab zwar immer nach, aber setzte der seelischen Überwältigung einen nicht unverborgenen Trotz entgegen. »König Friedrich Wilhelm hat einst unzweideutig, als Prokesch Gesandter in Berlin war, die deutsche Kaiserkrone nur dem Hause Habsburg zugesprochen. Wissen's? Der Bericht von Prokesch an Felix Schwarzenberg liegt vor, Sie können ihn einsehen.« »Ich fühle kein Bedürfnis dazu«, lehnte Otto verstimmt ab. »Der hochselige König hatte romantische Schrullen und drückte sich leider am bestimmtesten und klarsten aus, wenn seine Ideen am unklarsten waren, wenigstens für andere, wenn auch nicht für ihn. Ich erinnere mich, Prokesch erzählte mal davon und wußte nicht mehr, ob der König von einer Schein- oder Schweinkrone sprach. Feine Unterscheidung!« »I denk', Schweinkrone wär' wohl die rechte Version«, lächelte Rechberg. »Der hohe Herr soll halt ahn kräftigen Mund g'habt hab'n, serr a feuriger Geist. Also diese Kron' wollt' er nicht annehm', denn es gäbe nur einen Kaiser, den Römischen, das natürli Haupt der Christenheit. Dem unterwührfen sich alle Fürsten, err zuerst, Österreich solle dies nur auf sich nehm'n und die römische Kron' aufsetzen. Alsdahnn hätt'n wir a Reich, das in Europa ein Wohrt mitsprechehn könneh.« Wenn Rechberg sprachlich österreicherte, war es ein böses Anzeichen wie bei Thun und Prokesch, doch hatte sein diplomatischer Dialekt eine sozusagen ehrlichere Aussprache. »Waren Sie mal in Aachen? Wohl nicht, dorthin geht man nur, wenn man was – im Halse hat, und Sie erfreuten sich ja stets einer kräftigen Stimme. Dort war ich nämlich mal in meiner Jugend und dort liegt Karl der Große beerdigt, der erste römische Kaiser, und vor dessen Grab phantasierte unser Kaiser Otto III. Ich sage ›unser‹, weil er ein Norddeutscher war, ein Niedersachse, wie wir alle. Der war noch zehnmal geistreicher und gelehrter als mein hochseliger König, und fast geradeso sehr Romantiker, nur daß er selbst ein römischer Kaiser und sehr mächtiger Herr war. Nun, der ging zugrunde, weil er die Fiktion des römischen Kaisertums festhielt, für Deutschland freilich, nicht für Österreich. Ja, sehen Sie, Österreich! Das wissen Sie wohl kaum, daß der Markgraf von Brandenburg schon früher ein großer Herr war als der Herzog von Österreich. Zur Zeit Barbarossas ist der Babenberger Jasomirgott nur groß geworden aus der Beute Heinrichs des Löwen, des Welfen, der ein großer Mann war und ganz Norddeutschland den Slawen entriß und sehr recht hatte, die Staufer zu hassen, die einem römischen Kaisertum nachliefen. Das alles ist romantischer Kohl, und Ihr Franz II. hat ja auch den Titel abgelegt. Wozu also solche Allotria aufwärmen!« Rechberg schwieg verlegen. Das waren ihm böhmische Dörfer. Denn welcher k. k. Staatsmann kennt deutsche Geschichte! – »Ach, der alte Motley!« Der lud seinen alten Jugendfreund ein, und nur der preußische Gesandte Baron Werther war anwesend. »Weißt du, Motley, wir wollen von alten Zeiten reden«, begann Otto das Tischgespräch beim Diner. »Können wir nicht jung miteinander sein? All heil für Göttingen! Ach Gott, du trinkst immer noch Sodawasser. Na, ich komme dir die Blume.« »Von ganzem Herzen. Ich bedaure sehr, daß meine Frau fern ist. Lily verfolgt deine Laufbahn mit Sorgfalt.« »Wohl auch mit Sorge? Ich bedauere unendlich, deine Gemahlin nicht zu treffen, da Werther so viel Schönes von ihr erzählt. Sie ist eine leidenschaftliche Republikanerin wie du. Na, da werden wir uns nie auf diesem Punkte verstehen: ich bleibe Monarchist und in gewissem Sinne Absolutist.« »Da gibt's viel Für und Wider.« »Unstreitig ... wie über Optimismus und Pessimismus. Weil ich bezüglich der Menschennatur überzeugter Pessimist bin... ich weiß warum..., sind mir alle Republiken lächerlich. Aber ich taste niemandes Überzeugung an, und du wirst bemerkt haben, daß ich der Union sehr gewogen bin. Prost!« Als Frau Motley heimkehrte, ließ sich der Jugendfreund nicht nehmen, den »wackeren Bismarck« en famille zu bewirten. Dies war Mitte August, während das frühere Diner Ende Juli stattfand. Drei Flaschen Claret standen auf dem Tisch, sie leerten sich alle, obschon Motley nur eben nippte. Er war grau geworden und schnitt sich die Haare kurz. »Aus Kummer über den Krieg«, erläuterte er. »Ich bin – mit Respekt zu melden – Pazifist. Man sollte eine Friedensliga und ein Schiedsgericht gründen, etwa in einem neutralen Lande wie Holland... der Haag wäre ein passender Ort –, dann würde diese scheußliche Barbarei der Kriege ein Ende nehmen.« Da Otto schwieg, drang die einst schöne Frau Motley, eine höchst angenehme, echte Amerikanerin, in ihn: »Warum denken Sie nicht auch so? John sagt, Sie wären solch ein guter Mensch.« Aus Ottos Augen schoß ein unheimlicher Blitz. »Vor allem bin ich ein guter Deutscher. Was Sie da in guten Treuen sich vorleiern lassen, das kenn' ich. Diese Friedens- und Schiedsgerichte hätten nur einen Zweck: jede Niedertracht und Unterdrückung zu sanktionieren. Predigen Sie doch den Franzosen, daß sie uns Elsaß-Lothringen stahlen, den Russen, daß die Ostseeprovinzen deutsch sind, den Dänen, daß deutscheres als Schleswig-Holstein nicht existiert. Da werden Sie Wunder erleben! Diese geborenen Lügner und Fälscher werden Ihnen feierlich erklären, daß diese Lande ihnen gehören kraft der Gewalt des Schwertes, und daß sie jeden pazifistischen Antrag ablehnen. Im Gegenteil, sie fordern naiv den Rhein und Konstantinopel als ihr Eigentum. Na, vielleicht fordern wir auch einmal... kraft der Gewalt des Schwertes.« – – * »Schauens, in Wien darf ich Sie nicht obenan setzen an der Tafel, die akkreditierten Botschafter haben nun mal ihren Rang. Doch in Kettenhof, meinem Gute, eine Stunde von der Stadt, hat halt die Etikette keine Macht, und wir dürfen Sie so feiern, wie sich's gebührt.« Das Diner mit sämtlichen Gesandten verlief dort glatt und förmlich, niemand nahm Anstoß daran, daß der nun schon leidlich berühmte preußische Ministerpräsident den ersten Platz hatte. Nach Tisch zog er sich in eine Fensternische zurück; um den behaglich Rauchenden bildete sich eine Gruppe, die sich über die Kriegsbeendigung aussprach. Lauter ausländische Diplomaten. »Ihre Armee hat viel Lorbeeren gepflückt«, bemerkte der Franzose. »Doch in so guter und zahlreicher Gesellschaft von anderen Waffenbrüdern, daß wir diesen auch viel Lorbeer ablassen müssen.« »War das Fechten unbedingt nötig?« fragte der englische Gesandte. »Ich glaube doch. Freilich bedauere ich das Blutvergießen, immerhin war es doch ein erfreuliches Schauspiel, die beiden deutschen Großmächte Arm in Arm zu sehen. Die peinliche Schleswig-Holstein-Frage fand so eine befriedigende Lösung.« »Ob sie die Dänen befriedigte, ist wohl eine andere Frage.« »Sie werden kaum leugnen, daß sie im Unrecht waren,« es klang wie entschuldigend, »gleichwohl hätte man die Dinge friedlich regeln können, wenn Europa unparteiisch interveniert hätte, statt den dänischen Trotz zu stärken.« »Auf wen zielt dieser Vorwurf?« »Wozu einen einzelnen Staat nennen! Hätten wir Staat zu Staat mit Dänemark verhandeln können, so wäre der Krieg vermieden worden. Die Elbherzogtümer gehörten aber zum Deutschen Bund, wo jeder lauter schreien will als sein Nachbar und doch kein einzelner Staat die Verantwortung trägt. Sie wollten Krieg, um den Ruhm davon zu teilen und sich ihre nationale Begeisterung bescheinigen zu lassen, die wahre Kriegslast hätten sie aber Preußen und Österreich allein aufgehalst. Dies konnten wir von Klein-Deutschland nicht dulden, daher unsere Allianz, um nun wenigstens auch allein den Gewinn nach der Arbeit zu behalten. Ehe aber dieser Zwang der Umstände uns zur Tat trieb, hätte Europa intervenieren können, aber mit unparteilicher Abwägung von Für und Wider.« Die ihn umstanden, hörten mit gemischten Gefühlen zu. Diese scheinbare Offenheit war keine Bloßstellung, denn man wußte dies alles selber und noch mehr: daß die Intervention nichts gefruchtet hätte und dieser scheinbar so ungezwungen Plaudernde nach wie vor auf sein Ziel losgegangen wäre. Der schwedische Gesandte äußerte sich dahin: »Vielleicht hatte Rußland am meisten Aussicht zur Intervention, weil es die nächsten Beziehungen sowohl mit Preußen als mit Dänemark pflegte.« »Ganz richtig,« bemerkte der englische Gesandte, »doch man konnte diesen heilsamen Einfluß nicht ausüben, weil ja nicht nur Preußen, sondern alle deutschen Staaten beteiligt. Man weiß ja aber, daß Fürst Gortschakow einen Horror vor allen deutschen Angelegenheiten hat.« »Man weiß warum«, fiel der spanische Gesandte lächelnd ein. »In seiner Jugend war er hier Geschäftsträger in Wien, und da hat man den kleinen Herrn nicht so respektvoll aufgenommen, wie seine hohe Würde verlangt. Er ist so empfindlich, der gute Fürst. Seither mag er alles Deutsche nicht leiden.« Alle lächelten, nur Otto nicht, der in unruhige Bewegung kam. »Aber, meine Herren, ich sehe nicht die Pointe. Wenn ein Russe sich von Wien nicht befriedigt fühlt, wie kann er das auf Deutschland übertragen? Für uns Deutsche ist Wien eine nichtdeutsche Stadt, und was hier geschieht, betrachten wir als im Auslande geschehen.« »Wie, wie? Wien liegt doch auf deutschem Bundesgebiete?« »Ja, aber als Hauptstadt eines slawo-madjarischen Reiches. Ich protestiere gegen jede deutsche Verantwortung für österreichische Dinge.« Er wandte sich leicht ab und maß die Umstehenden mit einem Lächeln seiner Ironie. »Ich weiß wohl, daß dies ein schlecht gewählter Ort ist für ein solches Bekenntnis. Doch die Vogelstraußpolitik ist immer unfruchtbar, man darf den Blick nicht vor Realitäten verschließen. Die Donau-Monarchie hat nur wenige reindeutsche Provinzen, alles übrige ist mit Slawen durchsetzt oder überwiegend slawisch und sonst madjarisch, auch rumänisch. Österreich sollte sich also auf seine Völkermajorität stützen und dort seine Kraft suchen, nach Osten zu, nicht aber von einer Obmacht im Westen träumen und deutscher Hegemonie nachjagen. Darauf hat es keinerlei Anrecht, und wir machen es ihm streitig. Was deutsch ist, wird sich früher oder später an Deutschland angliedern, das ist eine Rückkehr zum Natürlichen und daher unvermeidlich.« »Verstehe ich Sie recht?« fragte der Engländer nach einer betretenen Pause. »Reden Sie von den Deutschösterreichern?« Kalt und ruhig erwiderte Otto: »Glauben Sie, es sei schwerer, Wien von Berlin aus zu regieren, als Pest von Wien aus? Mich dünkt, es sollte sogar leichter sein.« Sensation und Schweigen. Er verließ das Fenster, man sah ihn gleich darauf unter anderen Gesprächsgruppen im Salon und hörte ihn von Rechberg sich verabschieden, fröhlich und aufgeräumt. »Heute ist der 25. August«, raunte der Franzose dem Spanier zu, als sie auf der staubigen Landstraße nach Wien zurückfuhren. »Das Datum merk' ich mir. Wer weiß, ob übers Jahr die jetzt vereinten Stiefbrüder sich an der Kehle haben!« »Wenn ich nur begriffe,« sann der Spanier nach, »was der Bismarck mit solchen Offenherzigkeiten bezweckt. Er ist doch so klug, und trotzdem verplappert er sich. Man sagt doch nicht voraus, daß man eines Tages seinen Wirt und guten Freund aus seinem eigenen Hause hinauswerfen wird.« »Er ist eben ein Sonderling.« Der Franzose zuckte die Achseln. »Unser Kaiser meint das auch. Zum Teil ist's wirkliche Geschwätzigkeit, er kann nichts bei sich behalten, sagt, was er denkt. Aber vielleicht ist System darin, er schüchtert durch seine redselige Offenheit ein, denn darin liegt doch ein Gefühl von Stärke, verkennen wir das nicht!« – Gastein, Ausee, Hallstädter See, Mondscheinfahrt, Traunsee, stete Naturkneiperei, endlich per Dampf nach Wien, Schönbrunn. Kaiserin Elisabeth, eine romantisch schöne Frau, kühl, unnahbar. Am 22. August großer Staatsrat, beide Monarchen, beide Minister. Langer, zäher Ringkampf. »Wir stehen auf dem Boden der Verträge, die staatsrechtliche Unabhängigkeit der Herzogtümer ist uns Richtschnur«, versicherte Otto biderb. »Doch hat hier überhaupt das übrige Deutschland und seine Nationalstimmung mitzureden«, parierte Rechberg. »Das können wir nicht so ohne weiteres zugeben. Unsere eigenen inneren Verhältnisse erlauben uns nicht, das Nationalitätenprinzip als allein gültig in den Vordergrund zu stellen.« »Das darf nicht entscheiden«, betonte der Kaiser hastig. »Wir nahmen Dänemark nach Kriegsrecht diese Provinzen ab, doch behalten uns freie Verfügung, was damit geschehen soll.« »Allerdings besteht keine bestimmte Verabredung zwischen uns darüber«, gestand Otto seelenruhig. Eine solche hatte er natürlich absichtlich hintertrieben. »Die Dinge entwickelten sich eben rascher als ich für mein Teil wünschte«, gestand Rechberg mißmutig. »Jedenfalls wirken wir nach der einzig zulässigen Richtung, daß Schleswig an Preußen, Holstein an Österreich abgetreten wird.« »Eine ungleiche Verteilung!« warf König Wilhelm ein. »Kiel z. B. ist für uns wichtiger als Schleswig.« »Nun, es braucht ja auch nicht dabei zu bleiben«, lenkte Rechberg ein. »Ich glaube, hier ist jene Offenheit am Platze, die Herr v. Bismarck so meisterlich handhabt. Bei einer großen europäischen Verwicklung würden wir vereint Napoleon gegenüberstehen, und dann ergeben sich Gelegenheiten, um einen Austausch zu bewerkstelligen. Ich denke, Sie könnten uns dafür Venetien garantieren.« »Das täten wir dann ohnehin,« versicherte Otto, »nur gehört als Grundlage dazu, daß Sie jetzt Preußen dankbar verpflichten.« Er wandte sich eindringlich an den Kaiser: »Geschichtlich sind wir zu Gemeinsamkeit unserer Politik berufen, halten beide Dynastien fest zueinander, so kann uns Verfügung über Deutschland nicht entgehen. Einigkeit ist für uns das beste Geschäft mit Gewinnaussicht.« »Das leugne ich nicht,« unterbrach ihn der Kaiser, »dann müssen wir aber gegenseitig uns fördern, nicht nur in deutschen Fragen.« »Ganz gewiß, Majestät, es muß europäische Bedeutung haben. Nehmen wir z. B. den Fall, daß wir eine gemeinsame Erwerbung in Italien gemacht hätten, z. B. die Lombardei zurückerobert, dann würden wir sicher nicht die Wünsche unseres Verbündeten beeinträchtigen und auch kein Äquivalent heischen, wenn keins zurzeit verfügbar wäre.« »Die Anwendung auf den vorliegenden Fall,« fiel Rechberg ein, »ist ja leicht erkennbar. Aber ich sehe nicht ein, wieso ein Äquivalent nicht zu Gebote stände. Wie wir schon zu erörtern die Ehre hatten, wäre ein solche z. B. die Grafschaft Glatz.« »Niemals!« rief der König mit schlecht verhehlter Entrüstung. »Altpreußisches Gebiet werden wir niemals opfern. Übrigens protestieren selbst die in Glatz angesessenen Österreicher gegen solche Abtretung, da leider dies Angebot in der Presse ruchbar wurde.« »Kurzum,« nahm Otto den Faden wieder auf, »sollte sich nicht Wohlwollen für Preußen empfehlen, das so durch Bande der Dankbarkeit an Österreich gekettet wurde? Was ist Ihnen denn wichtiger, das Los dieser fernliegenden Lande an Elbe und Eider oder Ihre europäischen Beziehungen zu Preußen? Ich denke, die letzteren. Gibt das nicht den Maßstab der Zweckmäßigkeit? Mich däucht, die enge Freundschaft der zwei deutschen Großstaaten könnte uns noch andere gegenseitige Vorteile verschaffen. Dies ist noch kein Abschluß der gedeihlichen Entwicklung und die Akten sind noch nicht geschlossen, wer dabei am besten fahren wird. Diesmal liegt das Objekt in der alleräußersten Entfernung von Österreichs Sphäre, doch das nächste Mal könnte es recht sehr nahe liegen. Freigebige Gefälligkeit gegen Preußen könnte für Sie die reichsten Zinsen tragen.« Der Kaiser Franz Josef hörte gespannt zu, ersichtlich ging die klare Beweisführung nicht spurlos an ihm vorüber. »Sehen Sie, mein lieber Minister, Schleswig-Holstein zusammen ist doch ein großer Gewinn. Unsere guten Wiener werden ungehalten sein, wenn wir von unseren eigenen Opfern gar nichts heimbringen. Man kennt ja das Sprichwort: Travailler pour le roi de Prusse , Pardon, daß ich es andeute!« Er verbeugte sich leicht vor dem König, »Jedoch, was Herr v. Bismarck sagt, stellt ein festes, stetes Bündnis in Aussicht, und da könnte man ja wohl etwas zedieren, wenn wir unsererseits auf Erfüllung ähnlicher Wünsche bauen können.« Rechberg räusperte sich ungeduldig, als wolle er andeuten: Zu früh! Der Kaiser fuhr jedoch fort: »Ich möchte also zunächst Diskussion darüber eröffnen, ob Preußen diese Provinzen sich einverleiben will. Oder sind Sie zufrieden mit gewissen Rechten, wir wollen mal sagen: Vormundschaftsrechten?« Er sah den König an, doch dieser schwieg. Otto stellte sogleich die Frage: »Euer Kaiserl. Majestät gewähren mir die gewünschte Gelegenheit, nach dem Willen meines allergnädigsten Herrn zu forschen, der mir bisher unbekannt blieb.« Der König vermied bisher jede schriftliche oder mündliche Definition seiner Absicht. Sich so die Pistole auf die Brust gesetzt zu sehen, setzte ihn in Verlegenheit. Nach einigem Zögern äußerte er: »Genau genommen habe ich kein Recht auf die Herzogtümer und kann keinen Erbanspruch darauf erheben.« Aha, die königlichen Damen und der Kronprinz und der Hofliberalismus und die deutsche Popularität und die moralischen Eroberungen! Wieder die alte Geschichte? Otto biß die Zähne zusammen und verneigte sich stumm: »In diesem Falle bleibt mir nichts übrig, als erneut Einmütigkeit zu empfehlen und den Grafen Rechberg zu bitten, mit mir eine kurze Stipulierung zu redigieren, wobei natürlich die Zukunft Schleswig-Holsteins nach wie vor in der Schwebe bleibt.« Die hohen Herren waren damit einverstanden. * Als man vier Tage später von Wien abreiste, bat Rechberg dringlich: »Lieber Bismarck, ich meine es wirklich ehrlich und gut. Doch Schmerling hat des Kaisers Ohr, der sich besonders für die Zollunion interessiert, und man macht mir Vorwürfe über meine Politik, die nichts eintrage. Man wird mich über Bord werfen, wenn Sie nicht wenigstens zusichern, daß wir zu bestimmtem Termin über den Zollanschluß verhandeln.« »Das tue ich gern aus Gefälligkeit für Sie. Eine Liebe ist der anderen wert.« Obwohl er die wirtschaftliche Einigung nicht wünschte, weil sie ihm mit den Grundbedingungen beider Staaten unverträglich schien, war doch Entgegenkommen in gewissen Grenzen das mindere Übel, als Rechbergs Ausscheiden vom Amte. Er bewog also den König zur Einwilligung, Rechbergs Stellung blieb daher vorerst unerschüttert. Wenn er aus dem Schönbrunner Fenster über die rechte Schulter blickte, blickte er durch eine Glastür den dunklen Heckengang entlang, in dem er einst mit Nanne bis zu diesem Glasfenster wanderte, damals dem Schlafzimmer der schönsten Kaiserin. Heute durfte er, ohne der Adam-Eva-Lust zum Verbotenen zu frönen, behäbig und bequem im Mondschein durch dies Paradies wandern. Im Wildpark begünstigte ihn der Gott Hubertus, er schoß 50 Wildhühner und 1 Karnickel nebst 15 Hasen, und jener Gott, wahrscheinlich Merkur, der über hohen Orden leuchtet, spendete ihm den Sankt Stephansorden des Globus von Ungarn aus der Hand Seiner apostolischen Majestät. Vorerst nichts weiter zu machen. Also nach Baden-Baden zum König und – zur Königin. Diese über Erwarten äußerst gnädig. »Ihre umsichtige, lichtvolle Politik hat meinen vollen Beifall. Sehr hübsch, wie Sie für Preußen die Wege ebnen. Indessen, Seine Hoheit der Fürst von Augustenburg darf nicht ganz umgangen werden.« »Seine Durchlaucht der Erbprinz hat sich leider sowohl Seiner Majestät als Seiner Königl. Hoheit gegenüber als wenig handlich erwiesen.« Daraus kam ein langes Palaver. Doch die hohe Frau ging echt weiblich im Erfolge ihres Gemahles auf und ließ daher Gnadensonne über dem räudigen Schaf leuchten. Für diesen schien die Sonne etwas früher, weil er hoch hinauf auf den Hügel über der Lichtenthaler Allee zog und von dort durch Regenschleier verächtlich auf die geschäftige Vergnügungssaison herabblickte. Über ihm zog der preußische Gesandte Graf Flemming ein, den man nur der Violoncell nannte, die Gräfin sang dazu und der göttliche Keudell begleitete auf einem zweifelhaften Piano. Herrlich, wenn nur nicht Abeken wäre! Der schüttet einen Danaidenregen befruchtender Konzepte über den armen Chef aus, der nie ein Ende nimmt. Tintenfaß, Feldjäger, Audienzen, Besucher, kein Mensch läßt diesen Geplagten in Ruhe, der sich auf Promenaden verleugnet und ins tiefste Dickicht flüchtet, um irgendwo im Walde zu dämmern. Unterwegs hatte er noch ein gutes Geschäft gemacht, mit dem alten Bundesbekannten Schrenk in München ausgemacht, daß dieser nur wegen Beust so abgemagert sei und Preußens nahrhafte Arsenikpillen dafür suchen müsse. Und bei alledem ist Nanne krank! Sicher Doktormedikamente. Der König fährt nach Ingenheim zum Zaren, nach Schwalbach zur Imperatrice Eugenie, Gott befohlen! Kathy Orlow plötzlich hereingeschneit, Freudensschrei, Begleitung bis Heidelberg, dann rasch nach Berlin. Doch dort steht der Blaue Salon leer, Nanne kränkelt noch in Pommern, der er besonders Trauben von Borchardt verschrieb. Zurück nach Baden, nachdem er in Berlin bei Frau Adelheid v. Mühler gegessen. Diese regierende Dame, Busenfreundin der Königin, klagte über Kopfkrämpfe. Ihr gehorsamer Gatte, Dichter des herrlichen Kommersliedes »Grad' aus dem Wirtshaus komm' ich heraus,« hatte wegen solch feuchtfroher Dichterei Ottos Wohlwollen. Er klagte über die Verderbnis der heutigen Jugend, und Frau Adelheid schloß die Männerwelt in dies vernichtende Urteil ein. Wir leben eben in einer großen Zeit. »Also nach Paris möchten Sie Urlaub?« fragte der König mit humoristischem Augenzwinkern. »Nach Biaritz, wie ich Eurer Majestät zu melden mir erlaubte.« »Nu ja, Biaritz! Dorthin fährt man über Paris, und da werden Sie wohl Ihre alte Flamme Eugenie wiedersehen und deren Gemahl, Ihren Gönner. Wohin das Herz uns treibt –« Otto lächelte. »Oder der Verstand. Einige offene Worte mit dem Kaiser der Franzosen auszutauschen, scheint mir freilich angemessen. Sonst aber zieht es mich einzig ans Meer, wo mein Legationsrat Keudell in Mondscheinsonaten arbeiten kann und ich die Gnade Gottes gegen die Südländer bewundere, die bei solcher Sonne so wenig sonnig im Innern sind. Unsereins plagt sich in Wind und Nebel und heizt ein und friert, und das Herz bleibt doch gesund, und lachen können wir auch.« »Ja, wir können wohl lachen, daß alles so gut ablief. Wann meinen Sie, daß der Frieden in Wien geschlossen wird?« »Ende des Monats. Es ist ja alles abgemacht und in Ordnung. Ich wäre ganz sorgenlos, wenn nicht meine arme Frau wieder krank wäre. Früher als ich wünsche kehre ich deshalb von Biaritz zurück.« »Treffen Sie dort wichtige Bekannte?« forschte der König. »Keine außer meinen Freunden Orlows und unseren Madrider Gesandten, Baron Werthern, dem ich früher in Wien und Petersburg in die Quere kam. Diesmal werden wir uns gut vertragen, in Biaritz liebt man sogar seinen Nebenmenschen, was sonst nicht häufig sein soll.« Der König entließ ihn gnädig und dachte: wirklich kein Geschäft in Biaritz? Man kann sich diesen unermüdlichen Arbeiter gar nicht vorstellen, wie er bummelt. – In Paris trat ihm Goltz so dick und behäbig entgegen, wie man ihn nie gesehen. Die gedeihliche Zunahme und plötzliche Gesundheit des preußischen Staates schien entsprechende Fernwirkung zu üben. »Der Kaiser hat sich zum Frühstück angesagt, er will Sie wiedersehen.« »Heute ist der 5. Oktober, spätestens am 6. abends will ich in Bordeaux sein, wo unsere neuen Kriegsschiffe gebaut werden. Aber diese Zwiesprache werde ich wohl auch noch überstehen.« – Das Dejeuner verlief sehr diplomatisch-politisch. »Die Wirren in den Donaufürstentümern Moldau-Walachei erregen mein lebhaftes Interesse«, begann der Kaiser. »Noch lebhafter interessiere ich mich dafür, wie Preußen sich dazu stellt.« »Sire, wir haben gar kein besonderes Interesse daran, höchstens wirtschaftlich, daß wir unseren Handelsverkehr – ich meine den gesamten der deutschen Zollunion – dorthin überwachen.« »Natürlich, ja, darauf ziele ich nicht. Doch Wohl und Wehe Ihres Verbündeten Österreich«, er lächelte leicht, »kann Ihnen nicht gleichgültig sein. Das Wiener Kabinett hat ja wohl die Aussicht, sich einst diese schönen Landschaften einzuverleiben... wenn Europa dies gestattet. Frankreich wäre nicht abgeneigt, falls man es als Entschädigung auffassen würde... für eine notwendige andere Gebietsabtretung.« »Venetien«, murmelte Otto, »Ihr Geschäftsträger in Berlin, der neuernannte, machte solche Andeutungen, Sire.« »Gewiß nur Andeutungen«, schnitt Napoleon rasch die zu große Deutlichkeit ab. »Es schlummern eben noch einige ungelöste Fragen im Hintergrunde, doch eilt es ja wahrlich nicht damit.« Oho! dachte Otto, mir eilt es sehr, aber bei Fragen, die du nicht ahnst. »Nichtsdestoweniger wäre erwünscht, zu wissen, ob Preußen solchen Machtzuwachs Österreichs protegieren würde.« »Sonst warum nicht! Aber Preußen darf nie wegen einer ihm selber gleichgültigen Sache Rußland erzürnen. Jede Neugestaltung der rumänischen Verhältnisse, die dem Zaren mißfiele, hat nie unseren Beifall. Wir stehen in freundnachbarlichen Beziehungen von solcher Zuverlässigkeit, daß wir sie nicht mutwillig stören werden. Das ist für uns bedeutsam.« »Ah, ich begreife das.« Louis leerte sein Glas und strahlte von Bonhomie. »Wer würde auch daran denken, solche Freundschaft zu untergraben! Da fällt mir ein, viel wichtiger als unsere kleinen politischen Mißhelligkeiten sind die hehren Zwecke der Humanität und Zivilisation, so zur Stunde die Abwehr der Cholera, die wieder über Rußland und Türkei eingeschleppt wird. Das kommt von den Wallfahrten nach Mekka, die schmutzigen Pilger verbreiten diese grausame Plage. Dies macht Europa zur Pflicht, gemeinsam dem Unheil entgegenzuwirken, und ich hoffe, Preußen wird meiner Anregung folgen. Wir müssen der Türkei notifizieren, daß gewisse Maßregeln die Einschleppungsgefahr vermindern können, strenge Überwachung der Pilgerfahrten.« »Solche Eingriffe wecken stets den Fanatismus der Mohammedaner, der Orient kommt leicht in Aufruhr. Gleichwohl wird Preußen gern bereit sein, jede zivilisatorische Bestrebung Eurer Majestät nach dieser Richtung zu fördern, soweit wir überhaupt in der Levante mitzureden haben. Internationaler Ehrgeiz liegt uns ja völlig fern, das überlassen wir Frankreich und England. Ihr Gedankenflug, Sire, umfaßt ein weites Gebiet, wir beharren in unserer bescheidenen begrenzten Sphäre.« »Sehr wohl, mein teurer Herr Minister. Seien Sie versichert, daß ich der Wahrhaftigkeit und Einsicht Ihrer Überzeugungen volle Gerechtigkeit widerfahren lasse.« Zu Drouyn äußerte er nachher mißmutig: »Ein wahrhaft guter Mensch voll großer, allzu großer Aufrichtigkeit. Und doch fragt man sich manchmal, ob das ein einseitiger, etwas beschränkter Kopf oder ein durchtriebener Fuchs ist. Auf den Moldauaustausch für Venetien will er nicht anbeißen.« Und Otto dachte: Ein gottvoller Einfall! Uns mit Rußland für Österreich verfeinden, um Frankreichs Prestige zu heben und uns der Bundesgenossenschaft Italiens verlustig zu machen! Nee, Söhneken, Venetien brauchen wir selbst als Lockspeise für Italien. – In Biaritz empfingen ihn Orlows mit Freudengeschrei, alle schwelgten im Gedächtnis der schönen Tage vor zwei Jahren. Wieviel geschah seitdem auf der historischen Bühne, zu der ihn damals sein Stichwort berief. Baden und Träumen am brausenden Meere. Doch die kalte Knochenhand der Politik ließ ihn nicht los. In Berlin machten sie wieder Dummheiten, und das Schellenklingeln der Wagen auf der Bajonner Straße klang ihm wie Narrenschellen. Doch das stillblaue, von Sonne oder Mond beglänzte Meer verschlang mit ewigem Rauschen das Schellengeläut. Des Leuchtturmes rote oder weiße Flackerlichter verhießen sichere Fahrt ... Er bewohnte den untersten Stock eines rotfarbigen Gebäudes, Maison Rouge, am Strande der Biscayabucht, am Fuße des Hügels, auf dem sich die Villa des Kaisers erhob, der jährlich in Biaritz einkehrte. (Man zeigte später den Fremden dies Erdgeschoß für ein Trinkgeld als »historischen Ort«.) Eines Tages gab ein dänischer Journalist J. Hansen bei ihm seine Visitenkarte ab und erbat eine Unterredung. »Das ist der geschickte Wühler,« warf Otto die Karte hin, zu Orlow gewendet, »den die dänische Regierung als Leib- und Magenorgan zur Bearbeitung der französischen Presse benutzte. Ein gewiegter Urkundenfälscher! Ich lasse bitten.« Als Hansen eintrat, lehnte der gefürchtete Preuße an einem langen Arbeitstisch, voll von Büchern und Landkarten. »Guten Tag. Exzellenz Orlow, russischer Gesandter in Brüssel. Womit kann ich dienen?« »Ich überreiche ein Empfehlungsschreiben an Eure Exzellenz von Herrn Vicomte de Gueronnière.« Otto lehnte unwirsch ab. »Ich gestehe diesem Herrn nicht das Recht zu, irgend jemand an mich zu empfehlen. In der Zeitung, ›France‹ hat er schreckliche Lügen über mich verbreitet, besonders in Polensachen. Eine echtfranzösische Unverschämtheit, Sie an mich zu empfehlen. Es geht doch nichts über die schlechten Sitten dieser höflichen Nation. Adieu, Bester.« Orlow empfahl sich still. »Ich empfange Sie bloß, weil Sie Däne sind.« Er warf einen flüchtigen Blick auf das Empfehlungsschreiben. »Er nennt Sie Hausen. So echtfranzösisch, diese Gründlichkeit und Genauigkeit! Ich kenne Sie aber als Hansen. Ihr Name ist mir innig vertraut. Sie sind sehr hart gegen uns arme Preußen gewesen, nämlich in der französischen Presse.« »Das ist wirklich sehr wahr.« Hansen lächelte übelwollend. »Ich tat, was ich konnte, um Ihre Stellung in Frankreich so unbehaglich wie möglich zu machen.« Otto spielte mit einem langen katalonischen Messer, wie es die Badegäste hier stets von spanischen Hausierern kaufen. »Das macht Ihnen nur Ehre. Right or wrong, my country. Nach dänischer Zuneigung trage ich kein Verlangen. Hassen Sie mich von Herzen, das ist mir das liebste, denn von mir haben Sie keine Schonung zu erwarten. Was ist der Grund Ihres werten Besuches?« Hansen suchte ihn auszupumpen, weil er viel von der explosiven Offenheit des bösen Preußen hörte. Doch er kam nicht auf seine Kosten. Hätte er die Nibelungensage, diese deutsche, vergrößerte und verbesserte Ausgabe der Edda gekannt, wäre ihm vielleicht die Szene eingefallen, wo der grimme Hagen kaltblütig der Krimhild trotzt. »Ich will es gar nicht leugnen, reiche Königin, daß ich an allem Schaden von Herzen schuldig bin. Nun räch' es, wer da wolle, es sei Weib oder Mann, ich sag' es unverhohlen, ich hab' Euch Schaden viel getan.« * Napoleon Senior sagte hübsch: Wo ich nicht bin, geht alles schief. Am 10. und 12. Oktober erhielt er Briefe von Thiele und Abeken, daß die Herren Ressortminister für Finanz und Handel, völlig vom Ministerialdirektor Delbrück und dessen freihändlerischen Doktrinen abhängig, jede wirtschaftliche Annäherung Österreichs verwarfen und die politische Wirkung souverän als Bagatelle betrachteten. Ein gewisser vieldeutiger Artikel 25 fand nicht ihre Billigung, obschon er zu nichts ernstlichem verpflichtete. Während man früher in Berlin jede Ohrfeige Österreichs einsteckte, war die öffentliche Meinung, immer von einem Extrem ins andere schwankend, jetzt durch den ungeahnten Waffenerfolg so übermütig geworden, daß sie von Zugeständnissen an Österreich nichts wissen wollte. Der König, dem seine Gemahlin in Baden-Baden zusetzte, er solle doch seine Popularität in Deutschland nicht verringern und den so sicheren Weg moralischer Eroberungen aufgeben, urteilte: »Mache ich Konzessionen, so erhebt sich ein Geschrei, Bodelschwingh und Delbrück werden gehen und statt der Ministerkrise in Wien bekommen wir eine in Berlin.« Ade Rechberg! So werden die besten politischen Konstellationen von Kurzsichtigen verdorben. Goltz schrieb aus Paris in dem Sinne, ein rein Schmerlingsches Ministerium werde sich an Frankreich anbiedern, und man müsse dort zuvorkommen. Was zu erwarten, geschah: Rechberg stürzte, ein Graf Mensdorf trat an seine Stelle. Freilich hätte die bekannte Plötzlichkeit in Rechbergs Entschlüssen auch zu jähem Wechsel führen können, die Unlenksamkeit der verschiedenen Nationalitäten macht Österreichs auswärtige Politik unsicher. Jedenfalls ging jetzt die Ära der Verständigung vorüber, es fruchtete wenig, daß am letzten Oktobertage der Frieden mit Dänemark in Wien unterzeichnet wurde. Schleswig und Lauenburg an Preußen, Holstein an Österreich? Auch darum ging das Reden und Schreiben wieder los. – In Paris sprach er auf der Rückreise nochmals das Kaiserpaar in Saint Cloud, die Audienz stand im Moniteur, und die Blätter meinten etwas spöttisch, der bekannte Diplomat habe seinen kurzen Aufenthalt in Paris auch diesmal wieder gut angewendet. Bei Minister Drouyn gab es ein Galadiner, dem der Minister Rouher, General Fleury und andere Notabilitäten beiwohnten. »Nun ist doch alles anders gekommen,« stichelte Drouyn mit vielsagendem Blick, »als unser Gesandter in Berlin berichtete, freilich gestützt auf manch gewichtige Betrachtung aus so autoritärem Munde, dem Ihren.« »Immer ehrlich gemeint,« versicherte Otto treuherzig, »doch die Ereignisse haben mich überholt.« »Ach ja, damals hofften Sie alles vom Kongreß, und das alte Londoner Protokoll war Ihnen heilig«, betonte Fleury sauersüß. »Wer damals geahnt hätte, wo Sie heute stehen! Sie waren ganz eingenommen, nicht für den Herrn von Augustenburg, sondern für Restituierung des Landes an seinen rechtmäßigen Besitzer, den König von Dänemark.« »Rechtmäßig ist ein etwas vager Begriff, und Besitzer eines Landes ist man nicht wie eines Bauernhofes. Das Volk hat mitzureden gegen Fremdherrschaft, daraus leiteten Sie ja selbst das Recht Italiens gegen Österreich her.« »Unzweifelhaft«, fiel Drouyn ein, den Ottos frostiger Ton warnte, solche Winke zu unterlassen. »Frankreich begrüßt freudig eine Lösung, die offenbar jenem Nationalitätsprinzip entspricht, für das Seine Majestät der Kaiser so viel übrig haben.« »Nur begreift man nicht,« bemerkte Fleury, »was die Österreicher in Holstein zu suchen haben. Bei Preußen ist das etwas anderes, doch Österreich ist kein deutscher Staat, und eine Provinz so hoch im Norden wird es auf die Dauer kaum behaupten können.« »Wohl möglich«, gestand Otto gleichmütig. »Jedenfalls hat es ein Faustpfand in der Hand.« »Ah, ein Tauschobjekt! Wird es vielleicht anderweitige Kompensationen und Garantien verlangen?« Die Franzosen bombardierten den kühlen Preußen mit einem Kreuzfeuer bedeutungsvoller Blicke. »Von uns hat es keins von beiden«, betonte der Deutsche gemessen. »Nun, fürs erste wird es Holstein besitzen. Was weiter folgt, weiß ich's? Man tappt doch immer im Dunklen über die Zukunft, die unberechenbare.« Unterwegs machte er Station bei Krupp in Essen und besah sich die Kanonengießerei, wobei er sich angelegentlich erkundigte, wann die neuen gezogenen Geschütze fertig würden. Österreich fing an, sein Artilleriesystem nach den Erfahrungen von Solferino umzugestalten und die älteren glatten Geschütze abzuschaffen. In Berlin kam er mit seinen Ministerkollegen fast auseinander, weil sie in der Zollsache ihm nicht zu Willen waren und seinen Wunsch durchkreuzten. Zar Alexander traf zum Besuch ein, es gab Parforcejagden und Whistspielen mit seinem alten Gönner. Gortschakow erschien auch auf der Bildfläche und gratulierte zum glorreichen Frieden. »Wer hätte das gedacht! Sie hätten mir doch ein Sterbenswörtchen aus alter Freundschaft mitteilen können, wie Sie die heikle Sache zu führen gedachten. Aber nichts! Oubril hat uns nie avertieren können, Sie hielten so reinen Mund.« »Habe ich Sie, meinen verehrten Meister, hinters Licht geführt? Ist's das, was Sie sagen wollen? Ich weiß mich frei von Schuld«, beteuerte Otto mit schwermütiger Gebärde. »Konnte ich vorhersehen, wie mein allergnädigster Herr sich entscheiden würde? Und war ich der Herren Österreicher so sicher?« »Mit denen stehen Sie also jetzt intimer als mit uns«, schmollte der alte Projektenmacher. »Sensation in Petersburg, kann ich Ihnen sagen. In der Gesellschaft zerbricht man sich den Kopf, was Sie, den Österreichhasser, so umgewandelt hat.« »Bah, man schlägt sich und man verträgt sich. Österreich hat sich zu vernünftigerer Auffassung bekehrt, und wir haben eben gemeinsame Interessen.« »Ja, im Zwischenakt. Doch Ihre Intimität wird wohl nicht ein abendfüllendes Schauspiel entwerfen. Sie machen zu viele »Beiseite«sprünge, waren auch jetzt wieder in Paris und verkehren recht warm mit Italien«, fuhr der Mißtrauische fort, sich festzuhaken. Doch Otto schüttelte ihn leicht ab: »Wir wollen eben mit aller Welt in Freundschaft leben. Wir möchten nach allen Seiten vermitteln und besänftigen. Nachdem nun endlich auch dieser Zankapfel beseitigt, wird Europa sich ungetrübten Friedens erfreuen. Dieser kleine Krieg war der letzte für lange, das glaubt auch Kaiser Napoleon.« Gortschakow vertraute nachher dem russischen Gesandten Oubril seine Überzeugung an: »Er ist trotzalledem ein Mensch ohne Arg und Falsch, eine fast kindliche Natur. Der glaubt ernstlich, Österreich werde jetzt Frieden halten und jede Reiberei vermeiden, und wir wissen doch, wie es schon wieder mit Beust an einem deutschen Staatenbund gegen Preußen arbeitet. Davon ahnt mein guter Freund offenbar nichts.« – Am gleichen Tage sagte Otto kalt und ruhig zu Roon: »Wir werden in einem oder ein paar Monaten Krieg mit Österreich haben, vielleicht auch erst in einem Jahre. Aber dieser Krieg ist so sicher wie der Tod. Wir müssen jeden Nerv anstrengen, um unsere acht Korps so schlagfertig wie möglich zu machen.« »Verlassen Sie sich darauf! Übrigens studiert Moltke Tag und Nacht die verschiedenen Operationen. Soll er dabei auch Front gegen den Main nehmen?« »Soviel er will, und gegen die Weser und Werra dazu. Als ich letzthin durch München kam, fand ich zwar den Minister Schrenk, meinen Kollegen vom Bundestag, sehr preußenfreundlich, doch v. d. Pforten ist ganz in Beusts Händen, und wir können nichts Gutes von dort gewärtigen.« »Wird das nicht ein bißchen viel für uns werden?« machte Roon bedenklich. »Viel Feind', viel Ehr'. Und wir werden auch Alliierte haben.« Roon sah ihn fragend an, ohne jedoch weiteres zu hören. Der Schwarze Adlerorden und eine herzliche Umarmung des Königs belohnten den erfolgreichen Staatsmann, wie schon zuvor der Orden des heiligen Stephan, den ihm der Kaiser zufügte. Solchen bündigen Beweisen allerhöchsten Verdienstes vermochte auch Wrangels greises Feldherrnherz nicht zu widerstehen. Auf einem Hofdiner hatte Otto den Hochgenuß, den großen Feldmarschall als Tischnachbar neben sich zu sehen. Betretene Pause. Auf einmal lächelte der Alte verschämt: »Mein Sohn, kannst du nicht vergessen?« »Wie sollt' ich vergessen, was ich erlebte!« Neue Pause. »Kannst du auch nicht verzeihen?« »Von ganzem Herzen.« Händeschütteln und neue Freundschaft. Der Mensch hat keine Freunde, nur das Glück hat welche, sagte Napoleon. Die Welt ist schläächt, sagte der alte Kommilitone Keyserling in Kurland. Das ist sie in der Tat. Eine besondere Belohnung ward dem Lotsen, der das Schiff durch alle Klippen bugsierte, zuteil im erneuten Furor der Fortschrittspartei und eines lächerlichen 36er Ausschusses. Dieser hatte schon früher die kühne Behauptung aufgestellt, daß nur die Allmacht der öffentlichen Meinung Preußen vorwärts trieb. Er selbst trieb es aber so arg, daß der Bundestag sich ihm entgegenwarf und sich hiermit selber jede Popularität in Deutschland verscherzte. Als im Dezember die Exekutionstruppen auf Bismarcks höfliche, aber bestimmte Weisung abmarschierten, suchte Beust für Sachsen eine Miene geräuschvoller Opposition zu retten. Doch machte dies gar keinen Eindruck, weil das englische Blaubuch mit zynischer Preisgabe von Staatsgeheimnissen offen enthüllte, wie zweideutig sich besonders Hannover benahm, das in der volkstümlichen Holsteinerei revolutionäre Bestrebungen haßte. Kaum bezog aber das neue k. k. Ministerium seine Wohnung am Ballplatz, als wieder die alte schnoddrige Zänkerei und Unheilstiftung der Ära Buol einsetzte. Die Erbansprüche Augustenburgs tauchten wieder auf, in Frankfurt meldete sich das wunderbare »Austrägalgericht«, welches Neuwort, im Kanzleijargon der Bundesverfassung geprägt, die ganze Verzopftheit in sich trug. So hätte das neue Jahr unter ungünstigen Aussichten für Verwirklichung der Annexionspläne begonnen, wenn nicht Österreich plötzlich durch innere Verfassungskämpfe wegen seiner finanziellen Notlage lahmgelegt worden wäre. Unverzüglich setzte Otto dem untreuen Rivalen die Pistole auf die Brust mit sehr bestimmten Forderungen, kraft welchen die Herzogtümer als neues Staatswesen von vornherein in ein Vasallenverhältnis zu Preußen treten mußten, das Ende März seine Marinestation ohne weiteres von Danzig nach Kiel verlegte und von halben Zugeständnissen nichts wissen wollte. Der preußische und österreichische Zivilkommissar in Schleswig-Holstein lagen sich gegenseitig in den Haaren, der neue preußische Gesandte in Frankfurt, »Carlos« Savigny, führte eine drohende Sprache und verlangte zuletzt sogar Ausweisung des Augustenburgers. Noch aber wünschte der König keinen unheilbaren Bruch und ging, um die Risse des Bündnisgebäudes zu stopfen, Ende Juni mit Otto nach Karlsbad. Dort befand sich auch der französische Botschafter in Wien, Herzog v. Grammont, zur Kur, natürlich zufällig, wie das bei Diplomaten immer so geht. Er schloß sich an den gefürchteten Preußen innig an und ließ sich mit ihm photographieren. Ironisch schrieb Otto an Nanne, daß sie endlich daraus ersehen werde, sie habe einen ungewöhnlich gut aussehenden Mann. »Aber du glaubst es doch nicht, und ich schließe gereizt.« Er wohnte hoch über dem Städtchen und hörte jeden Abend Kühe brummen und the watchdogs honest bark , wie er mittendurch Byron zitierte, von dem er immer noch lange Stellen auswendig wußte. Edwin Manteuffel, Gustav Alvensleben, Leibarzt Bauer hatten den König begleitet, Kultusminister Mühler nebst unvermeidlicher Adelheid fand sich auch ein, Frau v. Mühler kneipte Aussicht, wenn sie nicht mit Prinzeß zur Lippe Kaffeeklatsch pflegte. Die schreckliche Politikerin Frau v. Stolypin vertrat den russischen Hofklatsch. Lauter Personen, vor denen er ins Abendrot flüchtete, manchmal vier Stunden in den Bergen herumkletternd. Nur der Tyrannin Adelheid, die nie genug damit hatte, ihrem jetzt so frommen Mann Pantoffelhiebe zu versetzen und ihm sein ruchloses einstiges Studentenleben heimzuzahlen, vermochte er nicht zu entrinnen. Ihre Eitelkeit und Vergnügungssucht ließen ihn nicht los und schleppten ihn in die Kaffeekränzchen der Fürstin Lippe, wo er mit jungen Mädchen schäkerte, um der ästhetischen Unterhaltung mit Frau Kultusminister zu entrinnen. Er hatte nicht übel Lust, bei aufgehendem Dianagestirn laut anzustimmen »Mond, wie siehst du so wunderlich aus! Schäme dich, schäme dich, alter Kujon!«, um mit der unsterblichen dichterischen Jugendsünde ihres frommen Gemahls die regierende Kultusdame zu ärgern. Seine Legationsräte Keudell, Abeken, Zitelmann hatten ihre liebe Not, ihm Besuche vom Halse zu halten und die Arbeit zu bewältigen, die er bei glühender Hitze sich und ihnen aufbürdete. Denn noch galt es, aus Rücksicht auf Bedenklichkeiten des Königs, einen casus belli zu vermeiden und Österreich zu annehmbarem Übereinkommen zu bewegen. Ein solches sollte in Gastein geschlossen werden. Ehe er nach Karlsbad fuhr, genoß er noch den schönen Anblick der Fortschrittsseele in ihrer ganzen Pracht. Seine große Rede im Landtag am 1. Juni behandelte vor allem die einst deutschen Herzen so teure Flottenfrage, da er außerordentlichen Kredit für die Marine und den Kieler Hafen benötigte. Mit gutmütigem Spott hoffte er, den Liberalen »eine rechte Freude mit dieser Vorlage zu machen«, sah aber zu seinem Erstaunen den Geist des Auktionators Hannibal Fischer im Sitzungssaale erscheinen. Die so heißbegehrte Flotte schien den Unentwegten viel zu teuer erkauft durch irgendein Zugeständnis an den Verhaßten. Mit einem gewissen grimmigen Behagen stellte dieser fest, daß auch in einer großdeutschen Frage nur impotente Negation das Wort führe. Damit werde man aber dem König das Zepter nicht aus der Hand winden. Er forderte spöttisch die Opposition heraus, sich doch offen zu äußern, das Volk habe ein Recht zu erfahren, was seine weise Vertretung denke. Aber da schweigt des Sängers Höflichkeit. Er gab zu verstehen, was dieser Gewissenskonflikt bedeute: offenes Bekenntnis, daß immer die Partei dem Vaterland vorgehe, würde dem Volk die Augen öffnen und die Regierung stärken. Verweigert nur immer weiter, hoch über euch weg geht das Geschick seinen Gang! * Wie es ihm ums Herz sei, vertraute er mit seiner üblichen absichtlichen Aufgeknöpftheit dem »schönen Grammont« an, als er ihn an einem Orte traf, wo man sich bei Trinken von Karlsbader Sprudel häufig zu begegnen pflegt. »Ihre staatsmännische Einsicht, mein teurer Herzog, hat die Lage richtig erfaßt. Österreich hat seine alten Nücken, und der Krieg ist nicht nur unvermeidlich, sondern notwendig.« Das friß du, geckenhafter Dummkopf mit deinem Bronzegesicht! Er wußte genau, daß Grammont nicht reinen Mund halten werde. Je mehr er scheinbar heimlich drehte, desto sicherer schüchterte er das Ministerium Belcredi ein. Denn Österreich wünschte zurzeit keinen Krieg wegen innerer Wirren, und eine alte Erfahrung lehrte, daß niemand leichter in Angst gerät als der Bramarbas, dem man mit gleichen Waffen dient. Deshalb unterstrich er noch, als er nach Regensburg fuhr, um den bayerischen Premier v. d. Pforten zu bluffen. Der König ging vorauf, und es fand dort ein förmlicher Staatsrat statt, zu welchem die preußischen Gesandten aus Wien und Paris erschienen. Goltz pflegte immer noch Beziehungen zur Wochenblattpartei des Strebers Bethmann-Hollweg und betrachtete sich als baldigen Erben des Ministerpräsidenten. Er gab daher nur zögernd und ausweichend Bescheid über seine Eindrücke bei Napoleon und hielt für angemessen, zu bremsen. Der König blieb aber fest. »Ich binde Ihnen aufs Herz,« beauftragte er Otto, »alles Mögliche zu versuchen, um den Waffenkonflikt zu vermeiden. Bleibt aber Österreich dabei, ein falsches Spiel zu treiben und unsere gerechten Ansprüche zu durchkreuzen, so will ich Ernst machen. Wir müssen Kiel haben, darauf bestehe ich unbedingt.« Die militärische Seite der Frage, von Otto schlau in den Vordergrund gerückt, hatte den König entscheidend bestimmt. Kiel, Kiel! Eine Flotte und die Befestigung von Sonderburg, um gegen Norden gesichert zu bleiben! Verstärkung der Wehrkraft durch die Herzogtümer! Das gab den Ausschlag. – Otto machte denn auch v. d. Pforten gegenüber aus seinem Herzen keine Mördergrube. Der Bayer erschrak vor solcher Eindeutigkeit, die ganz gelassen den Teufel an die Wand malte. »Der Krieg steht nach aller Wahrscheinlichkeit nahe bevor. Doch ich fasse es als bloßes Duell zwischen beiden deutschen Großmächten auf.« »Bei dem das übrige Deutschland doch wohl den Sekundanten spielen muß.« »Als Unparteiischer, mit Vergnügen. Warum nicht ganz als passiver Zuschauer?« »Das dürften doch wohl vitale Interessen verbieten.« »Inwiefern? Preußen – merken Sie auf meine Worte! – wird seine eigentliche Machtsphäre nie bis über den Main ausdehnen, nie! Nur Norddeutschland geht uns an.« Der Bayer schien betroffen. »Man weiß, daß Sie es lieben, die Wahrheit zu sagen. Ist das so?« »Mein Wort darauf. Übrigens wird ja die Entscheidung nicht lange auf sich warten lassen. Ein einziger Stoß, eine Hauptschlacht, und Preußen wird die Bedingungen diktieren.« »Sie sind ungemein zuversichtlich. Wer bürgt Ihnen dafür? Halten Sie Österreich für so schwach?« »Keineswegs, es ist militärisch sogar stärker, als Dilettanten glauben. Aber wir sind stärker, und davon wissen Dilettanten erst recht nichts. Nun, den Mittelstaaten gebietet ihr Lebensinteresse, irgendeine Stellung zu nehmen.« »Wenn Preußen dies ermöglicht! Beust warnt aber davor, daß der sächsische Boden sicher nicht respektiert werde.« »Wenn Beust seines Herzens Dichten und Trachten – böse von Jugend auf, sagt die Bibel – im Anschluß an Österreich enthüllt, dann gewiß nicht. Sonst aber sicher. Wir achten jede Neutralität.« »Man sagt aber, strategische Rücksichten – siehe den Siebenjährigen Krieg – würden zur Verletzung Sachsens zwingen.« »Die Strategie paßt sich der Politik an. Wir können den Krieg durchaus lokalisieren, indem wir den Stoß nur aus Schlesien ansetzen. Unsere kompetenteste Autorität, der General v. Moltke, hat dies ins Auge gefaßt. Außerdem ist Ihnen ja unbenommen, die bewaffnete Neutralität zu proklamieren.« »Sie werden jedoch nicht verkennen, daß dies eine Maßregel á deux mains ist und man stets aus der Neutralität heraustreten kann.« »Gegen den Schwächeren natürlich. Darauf lassen wir es ankommen. Vae victis . Wollen Sie jedoch erwägen, daß Bayern der natürliche Anwart auf Österreichs Machtstellung in Süddeutschland sein würde. Sind die Zeiten vergessen, wo Bayern aus berechtigter Abneigung gegen Österreichs Übergriffe sich mit Frankreich verband? Heute braucht es sich nur mit dem deutschen Preußen zu verbinden.« Das Ergebnis der Unterredung bestand darin, daß Bayern entschiedene Abneigung bekundete, dem »gänzlich verfahrenen Karren der österreichischen Politik«, wie der vorige leitende Minister Schmerling sich ausdrückte, hilfreich in die Achsen zu greifen. – Gastein! Der k. k. Unterhändler Graf Blome stellte sich vor, und das Unterhandeln ging los. »Ich muß mir strengste Verschwiegenheit ausbitten«, begann der Unterhändler. »Seine Majestät, der Kaiser, hat dies ausbedungen, indem er die Hand zur Versöhnung der Gegensätze bot. Unter keinen Umständen dürfen andere Mächte davon Witterung bekommen, daß wir das gemeinsame Kondominat durch Annexion teilen wollen.« »Einverstanden, es liegt ganz in unserem Interesse, dies letzte Auskunftsmittel, womit wir die Risse verkleben können, geheim zu halten.« Doch er fürchtete des Königs unselige Schwäche, seine Gemahlin zu tief in Politisches einzuweihen, und flehte ihn in dringlichem Briefe an, einen schon abgesandten Feldjäger telegraphisch zurückzurufen, weil der König sich wenigstens halbe Andeutungen über eine Administrationsteilung (nicht Besitzergreifung) nach Koblenz entschlüpfen ließ. Bekäme man durch Familienindiskretionen nach London und im Augustenburger Lager davon Wind, so werde ein Sturm losbrechen und das Mißtrauen Franz Josefs geweckt werden, so daß daran die Verhandlung scheitern könne. Dahinter aber stehe dann unmittelbar der Krieg. Der König schrieb sofort freundlich an den Rand: »Einverstanden.« Er dachte übrigens skeptisch über den angebahnten Ausgleich und meinte: »Man ist doch für Augustenburg zu stark avanciert, um so sehr zurückzustecken. Werden Sie das wirklich deichseln?« »Ich hoffe so. Unsere einzige Besitznahme gäbe man nicht zu, aber man kriegt doch Holstein, und damit läßt sich prunken. Auch fürchtet man den Krieg. Die Zeiten von Olmütz sind heute wiedergekehrt, nur vice versa !« »Dank Ihrer vortrefflichen Leitung meiner Regierung!« Der König drückte ihm die Hand. Es erregte ihn freudig, daß so die Olmützer Schmach getilgt sei. »Aber die Mittelstaaten opfert Österreich ja dann auch, ich meine deren Parteinahme für den Erbprinzen. Und auch dazu sollte es sich verstehen?« »Es wird und muß, weil es der Entscheidung ausweichen will, die auf des Messers Schneide steht. Die Kleinstaaten mögen also lernen, wie wenig das Wiener Kabinett sie achtet und wie leicht es sie im Stiche läßt.« Otto dachte an einen merkwürdigen Traum. Als er den schwarzen Adler erhielt, stellte sich unter den schriftlichen Gratulanten auch sein alter Schullehrer, Direktor Bonnel, ein. Das rührte ihn so sehr, daß er sich eines Abends aufmachte und dem alten Herrn einen Besuch abstattete. Er plauderte von Biaritz und von den vielen Drohbriefen, die er erhielt. »Die Leute inkommodieren mich und sich. Mordanschläge – Träume sind Schäume. Der politische Mord erwirkt meist das Gegenteil. Siehe Harmodius und Aristogeiton, siehe Brutus und Cassius, was Ihnen, mein hochverehrter Lehrer, am geläufigsten ist. Doch ›Träume‹ sind so eine eigene Sache, und in Biaritz, wo ich mich so sauwohl fühlte – pardon für den rohen Ausdruck! – träumte ich mal sonderbar. Darf ich das erzählen?« »Wir alle sind ganz Ohr«, versicherte der andächtige Familienkreis. »Ich ging und ging auf Gebirgspfaden, bis ich plötzlich vor einer hohen engen Wand stand, neben ihr ein unergründlicher Abgrund. Sie kennen alle die Geschichte von Kaiser Max an der Martinswand. So war mir zumute. Doch kein hilfreicher Jäger kam mir zu Hilfe. Da sagte ich mir: du mußt umkehren. Da übermannte mich der alte Trotz, und ich schlug mit meiner Reitgerte gegen die Wand. Was geschah? Sie verschwand auf der Stelle, und der Weg wurde frei. Was sagen Sie dazu? Ist das ein Omen?« Nach verschiedenen Gutachten über die Bedeutung von Träumen und Traumbüchern verabschiedete er sich: »Muß gehn, sonst ängstigt sich meine Frau.« Ob die Wand so rasch verschwand, wenn er mit der Wünschelrute ausholte? Immer noch zu früh. Heute schon der 10. August, man muß sicher Krieg führen. Unsere Vorbereitungen militärisch noch nicht ganz beendet. Napoleon doch etwas unsicher, ich möchte ihn erst sondieren. Mit Italien noch nichts Festes. Intervention von irgendwem möglich. Sympathie für Österreich in der Armee infolge der Waffenbrüderschaft. Vorliebe des Königs für die alten Traditionen. So empfiehlt sich, einen letzten Termin in zwölfter Stunde zu stellen. Bleibt Österreich verstockt, dann werden König und Armee zur Besinnung kommen, daß Frieden nicht möglich sei. Nur nicht zu eifrig schreien! Auf die Jagd gehen! Kopfschuß über die Schlucht! Brutaler Lärm des Wasserfalls Tag und Nacht: Bächlein, laß dein Rauschen sein! Viel verlangt, da doch der eine Gedanke in meinem Hirn es nicht anders macht! Sonne? Is nich, dunkle Erinnerung besserer Vergangenheit. Feuchte Schwüle. »Ungewißheit, ob man vom Regen oder Schweiß naß wird,« schrieb er in seiner anschaulichen Art an Nanne. »Keudeken und Abel« tiefbedrückt, »was sie trinken sollen, schlechtes Bier, damit sie nicht schlechteren Wein trinken.« Adelheid, die Kultusregentin, war auch wieder da und wollte ihm »seine Häuslichkeit ersetzen«. Es gibt noch gute Menschen, mich schaudert. Graf Blome schauderte auch vor solcher Hartnäckigkeit, verborgen unter gemächlicher Nonchalance. Doch da war nichts zu machen, er unterschrieb am 14. August. Schleswig annektiert, Kiel gesichert, Lauenburg an Preußen abgetreten. Als der König an der Becksteiner Kirche vorbeikam, erhob sich Otto vom Steinsitz, wo er mit Edwin Manteuffel plauderte: »Heil dir, Than von Schleswig! Heil dir, Than von Kiel! Heil dir, Than von Lauenburg!« Er hätte im Stil der Macbethhexen fortfahren sollen: Heil dir, der du einst Herr der Deutschen sein wirst! Doch er verschluckte es klüglich. Der König lacht herzlich. Der Hohenzollern-Geschmack am Erobern erwachte in ihm, und er fühlte sich sehr wohl in der Haut, die sein kühner Berater ihm zuschnitt. Er antwortete in gleichem Ton: »Auf nach Ischl!« Dort sollte der Kaiser sich einfinden, um dem Vertrag die volle Genehmigung zu geben. Otto dachte behaglich an den früheren Bündnisabschluß in Gastein mit Rechberg. Er erfuhr nachher, dieser habe Bedenken gehabt, ob man ihn nicht einseifen wolle, und ob der Preuße nicht eine tückische Seele sei. Dies zu probieren, dafür gab es ein einfaches Mittel. Jeder Mensch entpuppt seine wahre Natur beim Kartenspiel. Er schlug ein Ecarté vor. Sein Partner spielte miserabel, verlor viel Geld, zeigte nicht die geringste Gereiztheit, sondern gähnte und lachte. Ein guter Mensch ohne Arg! Als er mit dem König nach Salzburg fuhr, befiel ihn wehmütige Zerstreutheit. Vor achtzehn Jahren erklomm ich hier mit Nanne den Schafberg. Und jetzt sitzt sie in Homburg am Taunus mit der Tochter, die uns damals noch unbekannt war! Die Kaiserin-Witwe Franz II. verlebte hier ihre letzten Jahre, man dinierte bei ihr und vernahm allerlei aus der verblichenen Ära. »Eure Exzellenz kannten Metternich? Ach, war das ein großer Mann! Er ging ganz auf die Intentionen meines hochseligen Gemahls ein. Franz der Gütige oder der Weise, wie seine Völker ihn nennen, bewies ihm stets seinen allerhöchsten Dank. Er war so dankbar.« Ja, das lernten die Tiroler Kindsköpfe. Ob die hohen Herrschaften sich wirklich dem Wahne hingeben, ihre offiziellen Legenden würden im Volke fortleben? Freilich sind die Völker ja unmäßig dumm, und die Wiener schwärmten wirklich für den seligen Franz II., einen der herzlosesten Tyrannen und Selbstlinge, die je gelebt, weil er Wiener Dialekt sprach und hier und da mal einem kriechenden Bürgersmann ein paar Gulden schenkte. Er hat so a tiafs Gemüet. Wer wie Otto immer in den »höchsten« Kreisen verkehrt, bekommt einen seltsamen Begriff von Geschichte, die sich vor dem Forum der Nachwelt ganz anders liest. Das Edelweiß wächst nur auf Höhen, doch das Edelweiß der Wahrheit wächst eher in sozialen Niederungen. Wer also wie Otto ungetrübten Blick bewahrt, gerät in steten heimlichen Zwiespalt. Die höfische Atmosphäre verschwistert sich nie der freien Gottesluft da draußen. Mürrisch schrieb er an Nanne aus Ischl, wo es eitel Freundschaft und Einigkeit schien: das Hofleben strenge noch mehr an als die Geschäfte. Aus der politischen Wüstenei blicke er wie ein nächtlicher Wanderer nach dem Lichte der Herberge, nach dem häuslichen Herd. Der Kaiser in seiner weißen, goldstrahlenden Uniform und den scharlachroten Paradehosen führte die schöne, junge Kaiserin am Arme, deren merkwürdige und unheimlich liebreizende Augen an den bayrischen Thronerben erinnerten. Doch der schlichtere König Wilhelm sah entschieden am vornehmsten aus. Von der Kaiserin Elisabeth sagte man, daß sie nur für zwei Dinge schwärme: die Ungarn und Heinrich Heine, beides recht verfängliche Gegenstände für ein k. k. Herz. Wenn ich den Namen Ungarn hör', wird mir das deutsche Wams zu enge, hatte der nämliche deutsche Verbannte gesungen, den nun fern im Père Lachaise der Rasen deckte. Und doch wußte er von Ungarn nichts als die toll übertriebenen Heldenmärchen der ungarischen Revolution. Werden die Deutschen, Männlein und Weiblein, nie vernünftig werden? Wenn sie nicht Franzosenaffen sind, müssen sie sich ausgerechnet für Ungarn begeistern, das ihnen das schöne Sprichwort aufklebte: »Der Deutsche ist ein Hundsfott.« – Aus Baden-Baden schickte er Nanne zwei Aufnahmen, die ein taktloser Photograph ihm abgenötigt hatte. Die damals regierende Primadonna Lucca, die sich einen v. Rhoden als Ehemann gekauft hatte, eine kleine, dicke, muntere Person, drängte sich an den hochmögenden Ministerpräsidenten an und hing sich an seinen Arm, was er gutmütig geschehen ließ und in Badelaune scherzte. Solch ein historischer Augenblick, wo zwei solche Berühmtheiten zusammenstanden, durfte ein Geschäftsmann sich nicht entgehen lassen: schwupp war die Photographie da, wozu Otto jovial und arglos Beifall nickte. Wie ward ihm, als er bald darauf durch eine salbungsvolle Epistel des Predigers v. Roman, eines Jugendbekannten, das Ärgernis erfuhr, das er damit allen gottseligen Kreisen gegeben habe! Das kommt davon, wenn man gottlos sich den Lüsten dieser Welt hingibt und sieben Monate in kein Gotteshaus ging, worüber man treulich Buch geführt hatte! Jetzt wurde er auch noch nach Koburg gehetzt, wo Ihre Großbritannische Majestät eintrafen. Großes Familienkonklave. Der Kronprinz in seiner hellblauen Dragoneruniform mit gelbem Kragen, später mit weißem Kürassierkollet seines Leibregiments abwechselnd, sah sehr gut aus. Ein blauäugiger Germanenrecke mit langem, blondem Vollbart und dabei sanftmütig und friedfertig wie jeder deutsche Michel, soweit es Kriege betraf, die er von ganzer Seele verabscheue. So beteuerte er seiner Schwiegermama, in deren Kolonialreich der Krieg sozusagen nie aufhörte und die selber für den blutigen Krimkrieg sich begeistert hatte, aber in Deutschland als die edle Pazifistin jeden Krieg verbat. Denn man unterscheide wohl: Kriege von schnöden Kontinentalen sind sündhaft, dagegen Englands Kriege höchst tugendhaft und geradezu menschenfreundlich. Es geht dabei schmerzlos zu wie bei bewährten Zahnausreißern, man merkte es kaum... Bald mußte er der Übernahme der neuen preußischen Landschaft Lauenburg beiwohnen, wobei der König auf einem Thronsessel seinen Minister neben sich stehend hatte. Und zwar hieß dieser jetzt Graf, denn Mitte September erhob ihn der Monarch in diesen »Stand« als Lohn so »hoher Verdienste«, da Preußen durch seine »Umsicht und Einsicht« endlich eine Stellung einnahm, »die seiner Geschichte würdig ist«. Otto sträubte sich anfangs mit komischem Schrecken: »In Pommern sterben alle Grafen aus, und ich bin doch ein halber Pommer. Man nennt dies abergläubisch, doch ich hänge nun mal daran, habe es vielleicht von meiner Mutter geerbt. So vollziehe ich z. B. Freitags kein wichtiges Geschäft. Mag man mich auslachen, ich habe nun mal die Antipathie.« – Die Veröffentlichung des Gasteiner Vertrages erregte natürlich allgemeine Aufregung. Während Lord Russel von »brutaler Gewalt« sprach, zeigte sich Napoleon keineswegs so freundlich, wie man gerechnet, sondern bezeichnete diesen Staatsakt als Raub in einer Zirkularnote. »Ich muß versuchen, ihn persönlich umzustimmen,« stellte Otto seinem Herrn vor, der jedoch davon nichts wissen wollte. »Die Würde der Krone erlaubt dies erst, wenn Frankreich seine verletzenden Ausdrücke zurücknimmt.« Auffallenderweise ließ Napoleon sich dazu herbei, und der preußische Minister brach eilig nach Biaritz auf, natürlich unter dem Vorwande, seine Gesundheit bedürfe dieser Bäder, die ihn schon zweimal kräftigten. * Als in Baden der Musiker Joachim, der seine Geige »wunderbar gut streichelte«, und das Gräflich Flemmingsche Ehepaar ihn mit süßen Tönen einlullten, hatte er wirklich an die mondbeglänzte Zaubernacht von Biaritz und Kathi Orlows Spiel gedacht. Aber als er am 20. Oktober in der wohlbekannten Station ausstieg, sah er wenig mehr von den Reizen dieser himmlischen Natur. Er kam sich vor, als säße er noch am 20 Fuß im Durchmesser kreisrunden, grünbehangenen Bundestagstische und höre das grämlich eintönige Plätschern des Redeflusses. Ein Strafgefangener, der seine Galeerenkette mitschleift, wird man ein Sklave des Amtes, dem man nie entrinnt. Eine hübsche Badekur wird das hier werden! Ich muß irgendwie Napoleon Sand in die Augen streuen. Soll ich vielleicht den wilden Mann spielen, den ungeleckten Bären voll polternder Aufrichtigkeit? Die Rolle liegt mir ... Napoleon empfing ihn kühler als sonst, was Otto nicht zu bemerken schien. Früher in Paris hatte man ihn in zeremoniöser Haltung gesehen, jetzt schlug er einen lauten, fröhlichen Ton an wie ein Schulbub in den Ferien. Es fiel nicht als unnatürlich auf, weil es zur freien Naturumgebung paßte. Der Kaiser, immer in Zivil, doch in elegantem Gehrock, den glattgebürsteten Zylinder auf dem schweren Haupte, sah manchmal, wenn sie zusammen promenierten, verstohlen von der Seite zu diesem burschikosen Nordlandshünen auf, in salopper Joppe, einen zerknüllten, riesigen Filzhut übermütig aufs eine Ohr gestülpt. Sein dröhnendes Lachen hatte etwas Ansteckendes, er sprach laut und lärmend, schien sich völlig gehen zu lassen und setzte die Badegäste durch seine endlosen Fußtouren in Entsetzen, wenn er schweiß- und staubbedeckt zum Strande zurückkehrte. Nur an der kaiserlichen Tafel legte er den schwarzen Leibrock und die weiße Binde an. Sonst hielt sich alles auf über seine unvorschriftsmäßige Kleidung, sein völliges Verleugnen jeder Gêne, als ob er sich allein auf einer fremden Insel befinde. »Er hat aber doch die Allüren eines großen Herrn«, urteilte der geistvolle Schriftsteller Prosper Merimée, der sich beim Kaiserpaar besonderer Beliebtheit erfreute und zurzeit bei Napoleon den Rang eines Vertrauten und befreundeten Günstlings einnahm. »Finden Sie? Ja, er ist ein reizender Mensch, doch seine Politik ist nicht immer reizend.« Im Deutschen hätte er das Wortspiel hinzufügen können: »aber sie reizt«. Otto tat so, als vermeide er am liebsten politische Gespräche, froh, endlich Ferien zu haben. » Mais il est fou !« wisperte Napoleon seinem Vertrauten zu, auf dessen Arm er lehnte, während der lange Preuße zu seiner Linken allerlei Schnurren erzählte, Steine in die Brandung warf und mit dem Spazierstock Fechterstreiche in die Luft beschrieb. Daß er nicht die Marseillaise oder ein Kommerslied anstimmte, nahm wunder. Merimée antwortete nicht und schüttelte leicht den Kopf. Abends schrieb er an seine Geliebte (»Briefe an eine Unbekannte« hieß die Sammlung nachher im Druck): »Er hat mich ganz gewonnen, wie er auch den Kaiser bezauberte durch seinen Freimut und den Charme seiner Manieren.« Doch die politische Bezauberung ging nicht so glatt von statten. Napoleon schmollte. »Unter uns, mein Lieber,« warf er hin, »Sie haben uns eigentlich dupiert, und niemand liebt so etwas.« »Ich fühle mich ganz unschuldig, Sire. Sie zielen darauf hin, daß ich früher nie von Möglichkeit einer Annexion sprach? Natürlich nicht, denn ich dachte ja nie daran.« »Dann haben Sie ein merkwürdiges Unglück, denn wenn man sich zwei und zwei zusammenzählt, kommt man zu der Rechnung, daß Sie allerlei Theorien aufstellten – von Rückgabe an Dänemark bis zu selbständigem Kleinstaat – und dabei, praktisch immer, auf etwas anderes lossteuerten, was wir da jetzt vor Augen haben.« »Mein Gott, Sire, die Ereignisse wuchsen mir über den Kopf. Und dann unsere Militärpartei! Das werden Eure Majestät an Ihren eigenen Generalen kennen. Diese Herren möchten immer erobern, mit dem bloßen Ruhm begnügen sie sich nicht. Für solche Siege wie Düppel und Alsen verlangen sie etwas Handgreifliches.« »Ja, ja, Sie hätten am liebsten die ganze Beute eingesteckt und müssen jetzt mit Österreich teilen.« Otto seufzte ostentativ, Napoleon lachte. »Das schmerzt Sie, wie? Ist Ihre plötzliche Liebe zu Österreich wieder erkaltet? Schon? Was wird erst kommen, wenn Sie sich in Ihren abgesteckten Provinzen zanken!« »Wenn die Österreicher uns belästigen, werden wir sie hinausjagen.« Er sagte es ruhig und bedächtig. »Ah, ah! Fängt das schon an? Sie haben wohl einen kräftigen Gouverneur in Schleswig eingesetzt?« »Den General Edwin v. Manteuffel, einen sehr energischen Mann.« »Je energischer, desto schlimmer. Sie werden uns noch eines Tages Europa in Brand stecken.« Napoleon freute sich unbändig. »Was hat Sie denn eigentlich zur Freundschaft für Österreich bekehrt?« »Sie sind falsch unterrichtet, Sire. Von Freundschaft war bei dem allen keine Rede, sondern von harter Notwendigkeit. Ich machte gute Miene zum bösen Spiel.« »Ach, geh'n Sie! Es war für Sie ein gutes Spiel, sollt' ich denken. Jedenfalls darf ich Ihnen jetzt keine Versprechen mehr geben wie in früherer Zeit. Preußen hat die Ratschläge Frankreichs nicht befolgt, ich behalte mir daher meine eigene Initiative vor.« »Wir erwarten sie mit unendlicher Spannung.« Otto verneigte sich tief. »Eure Majestät bleiben gewiß stets eingedenk, daß sich die allgemeine Lage bei unserem staatlichen Verhältnis nicht verschob. Preußen ist immer noch Ihr natürlicher Verbündeter bei gewissen Verwicklungen, die wohl nicht lange auf sich warten lassen.« »Hm! Bah! Wie schön die Brandung sich kräuselt, nicht wahr? Kommen Sie morgen zum Frühstück! Adieu!« – Otto kannte Louis' schwache Seite: sie hieß Italien. Sich in fremde häusliche Angelegenheiten einmischen, gebot ihm seine innerste Natur, und er verband mit der Härte eines Ränkeschmiedes die unklare Schwärmerei eines Träumers, der einem Eldorado nachjagt. Er glich einem Konquistador der Pizarrozeit, zwei Drittel Straßenräuber, ein Drittel Enthusiast. Italien bis zur Adria vereinen und es so als Vasallenstaat durch Pflichten der Dankbarkeit an sich fesseln, gaukelte ihm als Lieblingstraum vor. Otto begann gelegentlich von seiner Hochzeitsreise nach Venedig zu erzählen und vertiefte sich mit dem sachkundigen Merimée in eine Schilderung der alten Stadt Venetiens. Napoleon wurde bei Erwähnung Venedigs schon unruhig. Jetzt ergriff er Otto am Arme und führte ihn im Garten der kaiserlichen Villa umher, angeblich, um ihm seltene Pflanzen zu zeigen, tatsächlich, um jedem Lauscher zu entweichen. »Haben Sie Venetien an Österreich garantiert? Ja oder nein? Ich frage Sie als Freund und bitte mir unumwundene Wahrheit aus.« »Nein, Sire, mit keiner Silbe. Wir hätten dafür wohl Holstein bekommen, doch wir wollten nicht.« »Bravo! Sie stehen ja auch gut mit Florenz, wie ich weiß.« »Sehr, und wir werden uns noch besser stehen.« »Wann? Haben Sie Absichten einer Allianz?« »Gewiß. Ich wiederhole, Sire, mein Standpunkt Österreich gegenüber ist stets derselbe.« »Schön! Dann haben wir uns mißverstanden. Es geht doch nichts über offene Aussprache unter Freunden. Sie denken also immer noch an ... an ... Sie wissen schon, was ich meine.« »Ich denke daran, weil ich muß.« »Ja, wenn Sie müssen, dann ist nichts mehr zu sagen. Wen sein Schicksal drängt, der hört eine unbezwingliche innere Stimme.« Seine eigene Stimme klang feierlich, sein Schicksalsaberglaube beherrschte ihn in solchen Augenblicken. »Ich selbst perhorresziere jede Gewaltsamkeit.« Otto dachte an den Spruch des Onkels: Über den unterworfenen Erdkreis herrschen wir ohne Gewaltsamkeit! »Ich, in der Schule des Unglückes erzogen, durch die Vorsehung und den Willen der Franzosen einer hohen Bestimmung zugeführt, betrachte mich als den natürlichen Vermittler von Fürsten und Völkern.« Dieser ideologische Größenwahn sah in der Nähe so süßlich fad aus, wie ein Porträt der Kaiserin Eugenie von Winterhalter. Doch dieser Hofmaler malte damals alle Potentaten zu ihrer vollen Zufriedenheit, der geleckte Kunstfirnis machte sich aus der Ferne erträglicher, und Louis' Phrasen wirkten in die Ferne besser. »Wollte ich nicht damals durch den geplanten Weltkongreß ein Pfand meiner Friedensliebe geben? Gerade ich, dem man am meisten ehrgeizige Absichten zuschreibt. Nichts dergleichen schwebt mir vor, ich will ein ruhiges Gewissen haben, wenn ich von hinnen scheide.« Ade, du schnöde Welt! Otto hätte sich am liebsten nach Mexiko erkundigt, wo Louis' abenteuerliche Ehrsucht spazieren ging. »Nicht durch Waffen, sondern durch ordnende Weisheit sollte man politische Kombinationen lösen und gruppieren.« Das paßt ihm so. Denn im Grunde haßt er das rauhe Handeln, mehr Fuchs als Löwe, und hält sich für einen Rechenkünstler wie die Dominospieler im Café Riche: wer zuletzt eingreift, gewinnt die Partie. Seine natürliche physische Trägheit schreibt ihm solche Kalküls auf lange Hand vor, und seine Rechenexempel bleiben ein Stück Papier. Während der rechnet, handelt ein anderer. »Nun, Sie haben nicht solche feste Systeme wie ich sie aufbaue. Ich bestaune Ihre reizvolle Inkonsequenz. So z. B. hatten Sie nichts eiligeres zu tun, als für die amerikanischen Nordstaaten Partei zu ergreifen, Sie, der Antidemokrat für die übermütigste Demokratie.« Dies war jetzt gerade ein wunder Punkt für Napoleon, der auf Niederhalten der Union gerechnet hatte, um sein mexikanisches Zaubermärchen auszuspinnen. Solche Theorien aus Tausendundeiner Nacht mit seiner Eugenie als Scheherezade regten seine träumerische Einbildung an. »Sire, hier war die Demokratie die rechtmäßige Regierungsgewalt. Ich bin immer auf Seite starker Regierungen und auf Seite der Sieger. Nichts ist erfolgreich als der Erfolg, sagt das französische Sprichwort.« »Ach, wie traurig, nach dem äußeren Erfolg zu urteilen! Grundsätze stehen mir höher. Doch was ich sagen wollte – Sie teilen meine Skrupel nicht, Sie wollen einen grausamen Krieg. Mein Militärattaché Oberst Stoffel an Ihrem Hofe sendet mir sehr eingehende, vielleicht etwas übertriebene Lobeserhebungen über Ihre Armee. Auch Ihr neues Gewehr soll große Vorzüge haben. Wir bereiten etwas ähnliches vor, auch einen Hinterlader, das Chassepot.« Er öffnete einen Augenblick sein mattes Auge zu einem ziemlich tückischen Seitenblick. »Nun gut! Was sagen Sie zu der kleinen Grenzberichtigung, die ich damals wünschte?« »Das geht weniger Preußen als Deutschland an. Darauf läßt sich keine bestimmte Antwort geben, weil ich nicht weiß, wie die Süddeutschen sich zu dem kommenden Konflikt stellen werden. Doch warum suchen Eure Majestät die Grenzberichtigung nicht in Luxemburg und Belgien?« Louis blieb stehen. Eine matte, düstere Flamme glimmte in seinem verschleierten Auge. Belgien! Sein anderer Lieblingstraum! »Würden Sie dazu die Hand bieten?« »Warum nicht! Wenn wir unsere Garnisonen am Rhein in dem bewußten Falle entblößen dürften,« beide sahen sich an, »dann wäre ja der Augenblick da, um Kompensationen in angedeuteter Richtung zu suchen.« Der Kaiser legte die Hände auf den Rücken und schritt eine Weile schweigend die Blumenbeete entlang. Dann entschloß er sich. »Hier meine Hand! Sie wollen schon morgen nach Berlin zurück? Nun, Sie tragen dorthin mit sich die Versicherung meiner wohlwollendsten Neutralität.« Zu Merimée äußerte er später: »Ein sehr brauchbarer, tüchtiger Politiker, doch ich wiederhole immer noch, was ich früher urteilte, er ist nicht sehr ernst zu nehmen. Viel deutsche Träumerei. Die paar Siege über die Dänen stiegen ihm zu Kopfe, er glaubt, alles zerschlagen zu können. Die Österreicher sind stärker als er glaubt, wir erprobten es. Preußen wird in Bedrängnis geraten, die Überzahl muß es erdrücken, wenn das übrige Deutschland sich auf Österreichs Seite stellt. Das ist der Augenblick für uns, zu intervenieren. Ja, wir werden Venetien bekommen und manches andere ... was, weiß ich noch nicht ... der Krieg wird doch wohl von Preußen bezahlt werden, das ich jedoch vor Vernichtung bewahren werde. Ich sehe die Dinge klar voraus. Das ist mein wohlerwogener Entschluß. Der arme Bismarck tut mir leid, er ist ein Wagehals ohne richtiges Augenmaß.« Ja, da war nichts zu machen. Wenn Louis so bestimmt redet, hörte er Widerrede mit so viel Nachgiebigkeit an, wie ein Granit Regentropfen auffängt. Er hörte zu, nickte freundlich und tat dann doch, was er wollte, nämlich das Gegenteil, er warf Dekrete in den Papierkorb, um deren Abschaffung man bat, und am selben Abend standen sie im Moniteur. »Mein sanfter Starrkopf« nannte ihn Mama Hortense schon als Knaben. So verkniff sich Merimée jede Antwort, doch in sein Tagebuch schrieb er gelassen: »Nur Herr v. Bismarck ist ein wahrer großer Mann ...« In späteren Jahren aber hieß der Preuße in Paris nur noch »Der Mann von Biaritz«, man raunte sich zu, dieser honigzüngige Ulysses habe den schlauen Empereur beschwatzt und überlistet. * Aber offenbar mit Opfer an Nervenkraft. Denn kaum betrat Otto wieder Berlin, als ihn erneut ein Anfall seines alten Leidens erschütterte. Das Gift arbeitete immer noch in seinem Körper, nicht völlig ausgeschieden. Er kränkelte in das Neujahr des zweiten großen Schicksalsjahres hinein. Zu seiner Erholung diente bis tief ins Frühjahr das tollste Rasen des inneren »Konflikts«. Die Beredsamkeit der Granaten, die Düppel niederschmetterten, prallte wirkungslos an den Säulen der Gelehrsamkeit ab, die eine Art päpstlichen Unfehlbarkeitskonzils ehrfurchtgebietend umstanden. Die Leuchten der Wissenschaft und des Liberalismus stellten sich nicht unter den Scheffel, sondern irrlichtelierten lustig weiter. Dieser erfolgreiche Junker, ein Mensch ohne jede tiefere Bildung, konnte doch sie nicht überreden, deren geläufige Zunge den Vortrag eines Sokrates mit der Schmähsucht eines Thersites verband. Professor Gneist, dies ambulante Bergwerk alles juristischen Wissens, tief und dunkel, fand wieder das erlösende Wort: »Ihre Armeereform trägt das Kainszeichen des Meineids auf der Stirn.« »Und Ihre Bemerkung trägt den Stempel der Arroganz und Unverschämtheit«, parierte Roon nicht minder hitzig. Virchow der Gewaltige wagte sich an den Häuptling aller Verworfenheit selber heran und schleuderte ihm die Brandmarkung der Unwahrhaftigkeit ins Gesicht. »Was glauben Sie mit dieser Tonart auszurichten?« frug Otto gelassen. »Wünschen Sie wirklich, unseren politischen Zwist in Form der Horatier und Curiatier zu begleichen? Wenn so, ich bin bereit.« Und er sandte eine Forderung an den gelehrten Mann, der natürlich nicht die Wissenschaft eines ihrer Hohepriester berauben wollte. Auch hielt er den im Staatsexamen durchgefallenen Referendar nicht für satisfaktionsfähig. Er lehnte daher ab und empfing Dankadressen gläubiger Gemeinden für diese große, seines Weltruhms würdige Tat. Eine Phäakenexistenz sei freilich behaglicher als eine spartanische – die Kammer gleiche der falschen Mutter im Urteil Salomonis, die lieber das Kind zerreißen will, als ihren bösen Willen aufgeben – solche Degenstiche des alten Fechters von Göttingen gingen durch und durch, selbst durch die Watte der in Würde gepanzerten Professorenherzen. Die abstrakten Dogmen, an die sich dieser gelehrte Konstitutionalismus klammerte wie der Ertrinkende an den Strohhalm, verlockten sogar zu dem Schwabenstreich, die Erwerbung Lauenburgs ohne Einwilligung des Parlaments für null und nichtig zu erklären, sintemal der König nach der Verfassung nicht gleichzeitig »fremde Länder« beherrschen könne! Reiches Unterscheidung von Königtum und Herzogtum tat Otto als sprachliche Wortklauberei ab. Mit gleichem Recht könne man einen Greis ein Kind und ein Kind einen Greis nennen, weil die Grenzen ihrer verschiedenen Alter vorerst nicht festgestellt werden können. Und er zitierte vier Zeilen aus Heinrich VI. (3. Teil, 2. Akt, 1. Szene). »Gottswunder! Er zitiert Shakespeare! Wo er das wohl aufgelesen hat?« »Der Legationsrat Keudell, der ihm immer Musik macht wie David dem Saul, wenn der böse Geist über ihm ist – und das ist immer –, soll'n gebildeter Mann sein. Der hat ihm das wohl zugesteckt.« Die Kammer amüsierte sich nicht wenig, daß dieser rohe Junker ein Shakespeare-Belesener sein wollte. Ein neuer Skandal brach im Februar aus. Der oberste Gerichtshof hatte dahin erkannt, daß verleumderische Beschimpfungen der Regierung nicht unter die Freiheit der Rede für Abgeordnete fielen. Den Protest gegen solchen Verfassungsbruch, nach dem die löblichsten Injurien nicht mehr gestattet sein sollten, belegte der unerbittliche Staatsmann mit einer scharfen Rüge, daß die Kammer sich so weit vergesse. Diese geriet fast von Sinnen über solche Beleidigung, worauf er sie ohne weiteres wie unartige Schulbuben heimschickte, damit sie sich abkühle und zur Besinnung komme. Merkwürdigerweise erregte diese erneute Auflösung kaum einen Sturm im Wasserglase, denn alle Welt witterte, daß hinter den Kulissen viel wichtigere Dinge vorgingen als diese inneren Zänkereien, an die Preußens Lenker seine kostbare Zeit und Kräfte seiner wankenden Gesundheit verschwenden mußte. »Das Majoritätsgeheul klingt überhaupt schon hohl und blechern«, äußerte er zu Roon. »Die Masse der Wähler steht schon lange nicht mehr hinter den Schreiern. Als im vorigen Oktober der allgemeine Abgeordnetentag nach Frankfurt ausgeschrieben wurde, wieviel preußische kamen da? Sage und schreibe: acht. Und ich muß es Twesten zur Ehre rechnen, daß er rund heraus erklärte: der 36er Ausschuß existiere nicht mehr für ihn und seine Gesinnungsgenossen, seit man Deutschland gegen Preußen aufhetze, die einzige Macht, die für Deutschland etwas tun könne. Ich weiß bestimmt, daß die um Twesten und Waldeck jede Alternative einer Niederlage Preußens vorziehen.« »Das hätt' ich nie erwartet. Diese Querköpfe wollen auch noch Patrioten sein?« »Das sind sie auch«, sagte Otto sehr ernst. »Und wir werden uns eines Tages vertragen. Nicht mit den eiteln Lärmmachern, die sich auf ihrem Katheder in der Aula glauben und denen ihr eigenes Prestige allem vorgeht. Aber mit den Vernünftigen darunter, sobald sie einsehen, daß wir im Grunde bezüglich der deutschen Frage an einem Strange ziehen.« »An einem Strange? Wie, was? Ich will nicht hoffen.« »Doch! Sie wissen, lieber Freund, wie gräßlich mir diese Virchows und Konsorten sind. Aber der Mehrzahl der Fortschrittler versage ich trotzdem nicht meine Anerkennung für die Beharrlichkeit, mit der sie nach ihrer Meinung das Rechte tun. Bei vielen von ihnen, wie diesem wackern Twesten, der doch am wenigsten Grund hat, unserer Regierung wohlzuwollen und sich dennoch als guter Preuße fühlt, wenn das Vaterland in Gefahr, handelt es sich am Ende doch um einen Gewissenskonflikt. In ihrem Herzen sind sie froh und stolz über das Ergebnis, den Gasteiner Vertrag bedauern sie eher als zu entgegenkommend für Österreich, weil sie den politischen Hintergrund nicht kennen, doch sie verlassen eben den Posten nicht, daß sie unter allen Umständen festhalten wollen an Verfechtung des sogenannten Verfassungsrechts.« »Das ist eben die Rebellion, die wir niederschlagen müssen.« »Sachte, sachte! Kinder unserer gemeinsamen Mutter möchte ich doch nicht so ohne weiteres niederschlagen, ich gebe ihnen nur väterlich die Rute, wenn's nötig. Da sind viele gute Kräfte, die wir später brauchen können. Sie haben mit Gneist einen Zusammenstoß gehabt und waren ganz im Recht. Doch Gneist ist ein höchst ehrenwerter Charakter und als Jurist bedeutend. Sybel wird eines Tages sich zu uns bekehren, das weiß ich. Natürlich ist mir der alte Ranke lieber, der als echter Historiker die Dinge aus einer gewissen Ferne auf sich wirken und die Zeitpolitik ungeschoren läßt. (Seine Werke liest man mit Genuß, ich empfehle sie Ihnen.) Da ist ferner ein Hitzkopf, der Holsteiner Mommsen, von dem mir Thiers in Paris erzählte, und der hier außerhalb der Kammer den schönsten demokratischen Randal macht. Wissen Sie, was ich von dem befürchte? Daß er den Bogen überspannen und nachher den Ultrapreußen hervorkehren wird, ganz in Treuen. Der wird eines Tages zetern, daß man nicht preußisch genug ist und Deutschland so aufsaugt, wie sein geliebtes Rom die Italiker. Aber zuguterletzt sind das doch alles Ehrenmänner, und wenn sie auch ihre demokratischen Phrasen niemals einsalzen werden, so müssen wir doch trachten, so gute Deutsche mal in unser Staatsschiff zu bekommen. Freibeuter und Piraten werden manchmal die besten Matrosen.« »Ich vermag Ihnen nicht zu folgen. Wollen Sie im Kampf gegen die Kammer nachlassen?« Otto lachte. »Nicht um Zollbreit. Ich kneipe nur a bissel Zukunft. Im Gegenteil ist mir das renitente Verhalten der Kammer sehr recht. Wir sprechen unter uns?« »Eine Frage! Wir stehen und fallen zusammen.« »Gut. Der König hält den Konflikt mit Österreich für zwar nicht erledigt, doch vertagt ad calendas Graecas . Ich aber sage Ihnen, die große Stunde naht. Nun, da ist mir lieb, daß man ihm nur die Wahl läßt, entweder das ganze Regierungssystem zu ändern, d. h. uns beide zu entlassen und das Parlament regieren zu lassen oder unwiderruflich auf dem betretenen Wege vorwärts zu schreiten. Er wird in ersteres niemals willigen, ergo !« Roon strich sich halb bedenklich, halb schmunzelnd den Schnurrbart. »Wie weit sind wir denn?« »Es steht so. Im Januar kam Karolyi, wie Sie wissen, mit unannehmbaren Instruktionen zurück. Österreich fängt richtig wieder an, mit dem Augustenburger zu spielen. Eine Volksversammlung solcher Tendenz in Altona hat es gemütlich geduldet. Ich drohte sofort mit Bruch der Allianz, wenn Wien fortfahre, den Wiener Frieden und den Gasteiner Vertrag zu mißhandeln. Man antwortete gereizt. Natürlich geht den guten Leuten jetzt ein Licht auf, daß sie in eine Falle gerieten, aus der es nur gewaltsamen Ausweg gibt. Sie waren dumm genug, nicht zu begreifen, daß schon die geographische Lage den Besitz Holsteins für sie wertlos macht. Und Edwin Manteuffel in Schleswig versteht sein Amt, streng und doch gutmütig gewöhnt er die Einwohner an preußische Ordnung und Wohlfahrt und drückt zugleich auf Holstein, so daß der österreichische Kommissar seines Lebens nicht froh wird. Auch schwand der Nachteil der Gasteiner Konvention, daß unser Anbandeln mit Italien ins Stocken geriet. Im vorigen Dezember erlebte Österreich den Schmerz, daß wir als Herren der deutschen Zollunion den Handelsvertrag mit Italien durchsetzten, wobei die Mittelstaaten also das neue Königreich anerkennen mußten. Österreich tobte, dies seien die Folgen von ›Biaritz‹, und ich hätte meine tückische Seele gezeigt.« Er lächelte unheimlich. Ihn hatte das Nibelungenlied vorgeahnt: Der grimme Hagen blickte über die Achsel hin. In aller Welt was frag ich wohl nach Krimhildens Groll! Anders empfand Roon die Sache: »Allianz mit der Revolution, mit diesem Usurpator-Re war mir nie sympathisch. Unsere – ich darf heute wohl nur sagen: meine – Kreise sträuben sich dagegen.« Otto zuckte die Achseln. »Der Michel bleibt sich immer gleich. Dort ist er prinzipientreu aus Liberalismus, hier aus Konservatismus und ein biederer Dummkopf immer. Weiß Gott, wenn ich nicht wüßte, daß jeder Blutstropfen in mir unverfälschtes niedersächsisches Geblüt ist, ich würde mich für einen Fremdling halten.« Dazu verstieg sich seine Bescheidenheit nicht, zu begreifen, daß die deutsche Nation als die eigentlich geniale notwendig auch das größte politische Genie aller Zeiten hervorbringen mußte. Doch bleibt sie deshalb immer noch dem Fluch verfallen, erbärmliche Diplomaten zu haben. Denn die innerste deutsche Natur ist unpolitisch. Und da die Deutschen unglaublich viele Genies, doch weniger ordinäre Talente als das Ausland hervorbringen, und im Staatsleben nur äußerst selten oder nie (ohne Revolution) die Genies an die Oberfläche kommen, so sind sie verraten und verkauft, bis die Gewalt ihrer Waffen die Lage ändert. In Deutschland sollten, da auf Erscheinen eines Genies in »höheren« Ständen nicht zu rechnen, immer nur Militärs die Diplomatenposten bekleiden, denn hinter denen steht doch wenigstens immer ein realer Wert. Der Militärattaché an den Botschaften ist fast immer der helläugigere, unbeirrbarere, pflichttreuere Diplomat. Aber war es denn nicht sinnbildlich, daß Otto am liebsten in Uniform erschien, daß er gänzlich dem kgl. preußischen Offiziersgeist verfiel? »Geht's denn nicht anders?« frug Roon halb beleidigt, halb kleinlaut. »Woher sonst Verbündete nehmen? Von den lieben deutschen Brüdern erwarte ich höchstens Neutralität. Italien aber haben wir immer sicher, solange es sich im ›Krieg ohne Herolde‹, wie die alten Griechen es nannten, gegen österreichisch Venetien befindet. Es steht immer auf dem Sprunge, wenn wir nur wollen. Allerdings hat es, durch den Gasteiner Vertrag abgeschreckt, von Österreich etwas auf friedlichem Weg der Geldentschädigung abhandeln wollen, doch erfuhr eine brüske Abweisung. Jetzt wird ein General Govone herkommen unter dem Vorwand, unser neues Geschützmaterial zu besichtigen und das System unseres Festungsbaus zu studieren.« »Ist es schon so weit, um loszuschlagen?« »Nein, ich werde abwinken. Wir haben noch einige Stadien zu durchlaufen. Trotz dem großen ›Marschallsrat‹ in Wien wird dort noch nicht gerüstet, und unser neulicher Staatsrat, zu dem Moltke hinzugezogen, ergab wohl unsere militärische Bereitschaft, doch nicht den Willen des Königs, ohne Provokation den Bruch zu vollziehen. Die Wiener werden schon dafür sorgen, daß es daran nicht fehlt.« »Man muß sich in die Seele Seiner Majestät versetzen«, entschuldigte Roon. »Es muß ihm schwer genug fallen, mit all seinen Herren Brüdern und Vettern zu brechen. Vergessen wir dabei nicht das Ewigweibliche! Unsere Königin-Witwe, die Kaiserin von Österreich, die Königin von Sachsen sind alle bayrische Prinzessinnen und da spinnen sich Fäden hin und her. Dagegen läßt sich nichts machen. Und doch hat der König sich schon vor Ihrer Ministerschaft ernstlich mit dem Gedanken beschäftigt, den Kampf aufzunehmen. Lesen Sie nur einen Artikel vom Mai 1862 in der Berliner Allgemeinen, dem Organ der Altliberalen! Ich habe das Blatt verwahrt. Es war eine Korrespondenz ›vom Main‹. Die mißkannte Situation Preußens wird darin beleuchtet und versichert, der König sei entschlossen, in der deutschen Frage eine Tat zu tun, ernstlich, entschieden und plötzlich alle Sondermachinationen niederzuwerfen.« »Ich erinnere mich«, sagte Otto mit leisem Lächeln. Er stand jenem Aufsatz voll ›Anhaltspunkten‹ nicht fern. Unruh und Auerswald besorgten solche Sprachrohre im liberalen Lager. »Es waren Irrtümer dabei: Preußen habe seine Schritte mit Frankreich und Rußland vereinbart. Als Schreckschuß nicht übel, sonst falsch. Auch heute.« »Wir zogen doch aber Artillerie vom Rhein nach den schlesischen Festungen, als ob am Rhein nie etwas zu befürchten wäre.« »Vorläufig nein. Es kommt auf unsere Schnelligkeit an, wir müssen den Feind so rasch überrennen, daß jedes Interventionsgelüst zu spät kommt. Sie begreifen, daß wir dazu eine gute Jahreszeit bedürfen und dabei so spät, daß Frankreich erst im Herbst mobilisieren müßte, wo man doch ungern auf einen Winterfeldzug hinsteuert.« »Ich begreife, daß Sie uns den Krieg im Juni machen wollen.« »Wenn nicht der gräßliche Usedom uns in Florenz Unheil stiftet. Von Frankfurt hat man ihn nun glücklich fortbugsiert, doch kaum sitzt er in Italien, so macht er neue Geschichten. Er hat einen Menschen zum Generalsekretär, der ihm vorschwindelt, er sei ein Eingeweihter Mazzinis, in Wahrheit ist's ein österreichischer Spitzel. Dem liefert er alle Chiffern aus.« »Das ist ja empörend. Und Sie wurden nicht sofort bei Seiner Majestät vorstellig?« »Nur keine kleinlichen persönlichen Unannehmlichkeiten, jetzt wo der König seine ganze Seelenstärke braucht, um im großen den richtigen Überblick zu bewahren! Der Bruder Freimaurer kann ja im Grunde wenig schaden, sobald wir den Allianzvertrag mit Italien in der Tasche haben. Denn er wird auf so kurze Frist geschlossen werden, daß Österreichs Kenntnisnahme zu spät kommt, um seine Vorbereitungen zu beschleunigen. Natürlich nehme ich mich in acht, allzu plauderhafte Depeschen an diesen kuriosen Geschäftsträger zu richten. Inzwischen hat Graf Mensdorf bei allen deutschen Höfen angefragt, ob laut Artikel 19 der Wiener Schlußakte und Artikel 11 der Bundesakte das 7., 8., 9., 10. Bundeskorps zur Verfügung des Kaisers ständen, wenn Preußen sich Anheimstellung der Augustenburgerei an den Bundestagsbeschluß nicht gefallen lasse. Ich habe natürlich sofort mit einer Zirkularnote geantwortet und eine Bundesreform beantragt. Sonst werde Deutschland das Schicksal Polens treffen. Das ist den Herren freilich sehr gleichgültig, denn jeder denkt dabei seine eigene Haut zu retten, indes wir unsere zu Markte tragen.« »Und wenn Österreich uns angreift, was tun sie dann?« »So hab' ich gefragt. Die Antworten stehen noch aus, doch ausweichend oder ablehnend sind sie bestimmt. Freilich werden Hannover, Hessen, vielleicht auch Baden sich neutral salvieren wollen, doch – ich weiß noch nicht mal, ob mir das lieb wäre.« Er lächelte seltsam. »Wieso? Sie scheinen auf möglichst viel Feinde erpicht.« Roon schnitt ein langes Gesicht. »Sie haben eine große Zuversicht, das muß ich sagen.« »Hab' ich auch. Und der General Moltke auch, von dem man noch manches hören wird. Und den General Zündnadel kennen Sie ja intim.« Roon atmete hoch auf. »Ja, unser Gewehr wird Wunder tun, unsere Taktik auch. Die Österreicher haben von Solferino nichts gelernt, sie werden Überraschungen erleben. Also vorwärts mit Gott für König und Vaterland!« »Sobald es Zeit ist«, schloß Otto ernst die Unterredung. * »Der Kronprinz hat Max Duncker sein Leid geklagt, Bismarck habe sich ganz des Königs bemächtigt. Bei Ihrer Majestät der Königin hielt neulich der gräßliche Legionsrat Meyer eine Standrede über Bruderkrieg, auf die der Monarch nur milde erwiderte: ›Sie sind also mein Feind?‹ Mein Freund Droysen nennt solche Leute Wanzen, gegen die kein Insektenpulver hilft«, plauderte sich der Wichtigtuer Bernhardi vor Roon aus. »Ja, die Hof- und Staatswanzen!« Der Soldat stieß grimmig die Säbelscheide auf den Boden. »Sie werden so lange jucken, bis Bismarck abgeht, wenn ihm gewisse Dinge gegen die Ehre gehen.« »Der Kronprinz fragt, warum denn eigentlich Krieg geführt werden solle. Er will den Augustenburger wieder einsetzen. Der nähme gleich an, und damit wäre jedermann befriedigt.« »Besonders Vicky!« brummte Roon unehrerbietig. »Der Kronprinz kennt zwei Autoritäten: seine Gemahlin und jeden Berliner Bezirksmann.« »Doch der König will auch immer noch heimlich Frieden und klammert sich an jeden Strohhalm.« – Der geplagte Botschafter Karolyi hatte es jetzt sehr streng mit seinem Dienst zwischen Berlin und Wien. Er überreichte eine Note mit der Frage, die er persönlich erläuterte: »Wollen Sie den Gasteiner Vertrag brechen?« »Nein. Wollt' ich's aber, so wär' ich nicht so dumm, es Ihnen zu sagen.« Das war entschieden grob, die Unterredung nahm schon einen gereizten Verlauf. »O ich bitt' schön! Ich dachte, Sie sagen alles, was Sie denken. Ihre Aufrichtigkeit ist so berühmt, damit können wir nicht konkurrieren.« »Nun denn, aufrichtig: Es ist höchste Zeit und gebieterische Notwendigkeit, daß wir Klarheit in unsere Beziehungen bringen.« »Ja, wären wir nur klar über Ihre Absichten! Unser alter Prokesch warnte immer vor ihrer Klarheit. Sie halten ihn für einen Dummkopf, und wir Österreicher sind nicht so geistreich wie Sie, aber auch nicht gerade auf den Kopf gefallen.« »Prokeschs schlimmster Feind wird ihm alles vorwerfen, nur keine Dummheit«, sagte Otto ruhig. »Als ich das Vergnügen seines Umgangs genoß, war er schon verbraucht, und ein greiser Diplomat behält von seiner Sünden Maienblüte oft nur die impotente Bosheit. Doch als er jung war, arbeitete er in Griechenland unter schwierigen Umständen wacker. Seine militärische Erziehung kam ihm dabei zustatten.« »Wie Ihnen«, verbeugte sich Karolyi. »Sie halten ihn wohl deshalb für unseren begabtesten Diplomaten?« »Allerdings. Wie den General Fleury in Paris. Es laufen leider zu viel zünftige Berufsmüßiggänger herum, die Militärattachés sind auf vielen Gesandtschaften die schönere Hälfte der Menschheit. Prokesch hat Orientierungssinn und Beobachtungsgabe.« »Er mißtraute Ihnen sehr«, versetzte Karolyi trocken. »In Frankfurt gewann er minder Ihren Beifall.« »Ja, da war er nur ein Theaterbösewicht, ein Intrigant wie auf einer Schmierenbühne. Doch sein Debüt in Athen war vielversprechend.« Anton Prokesch hatte dort alle Versuchungen des heiligen Antonius in diplomatischem Sinne ausgestanden, und sein Briefwechsel mit Gentz zeigte eine stilistisch-gedankliche Gewandtheit, wie man sie unter heutigen Diplomaten höchstens noch bei Franzosen wie Hanotaux findet. »Ich weiß wohl, er war Schüler von Metternich und Gentz. Das waren Reichsdeutsche, Gentz ein Lump, doch ein an Ideen fruchtbarer Kopf, nur waren die Ideen meist unfruchtbar. Prokesch erzählte mir mal, der alte Napoleonhasser habe ihm gegenüber Österreichs Torheit bedauert, Napoleon zu stürzen, wodurch es nur das gefährlichere Rußland groß zog. Metternich kannte ich als Wrack und zog ihn auf, ohne daß er es merkte, doch ich gestehe heute, daß der Mann, über den ich mich in meinem jugendlichen Leichtsinn lustig machte, manchmal tiefe Gedanken hatte. Geistig stand er hoch über all den verflossenen Pygmäen, die englischen Koryphäen inbegriffen. Doch das Handeln war nicht seine starke Seite, seine heiligen Allianzen kamen nur Rußland und Preußen zugute. Und nun gar seine Nachfolger –« »Danke für die Vorlesung!« unterbrach ihn Karolyi bitter. »Sie schweifen ab und weichen natürlich aus. Doch in dieser sehr dunklen Klarstellung fiel der Name Napoleon. Ich erlaube mir zu bemerken, daß unser Draht mit dem heutigen Napoleon noch nicht abgerissen ist.« »Darf ich mich nach dem Befinden des durchlauchtigsten Erzherzogs Maximilian, Kaiser von Mexiko, erkundigen?« gab Otto kalt zurück. Karolyi quittierte über den bedeutungsvollen Gegenhieb, indem er sich rasch verabschiedete. – Auf einem Diner beim sächsischen Gesandten Graf Hohenthal führte Otto die Dame des Hauses zu Tisch, die sich »der schrecklichen Gabe der Familiarität«, wie die Franzosen sagen, befleißigte und ihre politische Geschicklichkeit in naiv indiskreten Fragen suchte. Da Damen alles erlaubt ist, hauchte sie mit kindlicher Neugier: »Bitte, Exzellenz, ist denn wirklich wahr, daß Sie Österreich bekriegen und Sachsen annektieren wollen?« Ohne eine Miene zu verziehen versicherte der Ministerpräsident mit herzlicher Vertraulichkeit: »Aber ja, teuerste Gräfin, das ist gewißlich und nachweislich wahr. Seit der ersten Stunde meines Amtsantrittes hatte ich keinen anderen Vorsatz. Unsere Kanonen sind heute extra für diesen Plan gegossen, bald werden Sie sehen, wie sehr wir der k. k. Artillerie überlegen sind.« »Gräßlich!« Die Dame ließ einen schmelzenden Schreckensseufzer ertönen. »Dann geben Sie mir einen Freundesrat, ich muß Ihre Offenheit benutzen, da Sie in solcher Gebelaune sind. Auf welche meiner Schlösser soll ich fliehen, nach Böhmen oder nach Leipzig?« »Nicht nach Böhmen. Denn dort, und zwar in Nähe Ihrer Güter, werden wir die lieben Österreicher entscheidend schlagen. Meiden Sie so traurige Abenteuer! Aber nach Leipzig gehen Sie ruhig, nach Schloß Knauthain, wenn ich nicht irre, das ist der Name Ihrer Besitzung, nicht wahr?« »Was Sie nicht alles wissen! Ein solches Gedächtnis! Also in Sachsen wird nichts passieren?« »In Leipzig wird nichts passieren, nicht mal Einquartierung haben Sie zu fürchten. Liegt doch die Etappenstraße ganz wo anders als Ihr Schloß!« »Auch das wissen Sie! Ach, man muß sich vorsehen bei einem so allwissenden Manne!« Wie vorauszusehen, brachte die Gräfin eiligst die Kunde herum, welchen unsagbaren Freimut der schreckliche Preuße entwickelte. Noch am gleichen Abend umstand eine Gruppe deutscher Diplomaten den sonderbaren Schwätzer. »Wir müssen Eure Exzellenz besorgt interpellieren. Sie haben der Gräfin Hohenthal gegenüber so merkwürdige Andeutungen gemacht.« Otto lachte aus vollem Halse. »Sind Sie so närrisch, verehrte Freunde? Wie können Sie von ironischer Verspottung einer so indiskreten Frage einer naiven Dame überhaupt Aufsehen machen! Das war Scherz, ein Ulk, wie der Berliner sagt.« Doch der sächsische Staatsleiter Beust war anderer Meinung. Sein schlechtes Gewissen, seine eigene Feindseligkeit trieben ihn an, sofort nach Wien zu melden: »Bismarck hat sich nach seiner Gewohnheit verplaudert und diese Enthüllung ist von solcher Wichtigkeit, daß Österreich unbedingt sogleich rüsten muß. Wir Mittelstaaten rufen seinen Schutz an und werden unweigerlich mit den Waffen auf seiner Seite stehen. Sonst aber werden wir ihm für immer den Rücken kehren, falls es nicht Ernst macht und auf der Stelle rüstet.« Das war es, was Otto wünschte , um beim König gegen die Hofklique und gegen die Fortschrittspartei eine Deckung für seine eigene Absicht zu bekommen. * Sieben Tage darauf fielen auf einem anderen Diner wichtigere Worte. Sein alter Bekannter von Frankfurt her, der italienische Gesandte Barral, gab ein diplomatisches Ehrenessen für den geheimen Emissär, General Govone. Diesen zog Otto beiseite und stellte ihm aufs neue vor: »Der Allianztraktat zwischen Italien und Preußen drängt. Welchen Nutzen dies bringen würde, brauche ich Ihnen nicht zu erörtern. Ich habe heute bestimmte Nachricht, daß die Österreicher außer sich sind, weil sie unsere Unterhandlung mit Italien wittern. Die Erbitterung dort wächst. Natürlich haben wir unsere Schiffe noch nicht verbrannt, doch sie brennen schon. Es wäre von Italien nicht hübsch, uns sitzen zu lassen, nachdem wir seinetwegen den Verdacht in Wien erregten.« »Aber, Exzellenz, wer bürgt umgekehrt uns dafür, daß wir dem Bündnisvertrag, den Sie vorschlagen, voll vertrauen können?« »Der Charakter Seiner Majestät König Wilhelms. Der wäre unbedingt der eine Souverän in Europa, der nie eine Verpflichtung bricht, die er übernahm.« Govone verneigte sich zustimmend. »Übrigens scheint mir die Frage der italienischen Einheit reifer als die der deutschen. Es würde daher besser stimmen, wenn Sie selbst zuerst den Funken ans Pulverfaß legten, etwa Ihren Garibaldi gegen Venetien losließen, ehe offiziell der Krieg erklärt wird.« Govone schüttelte den Kopf. »Dazu werden wir nicht zu haben sein. Unsere öffentliche Meinung möchte zuerst die Finanzen und die Verwaltung des neuen Italien ordnen, dann würde alles weitere von selber kommen. Natürlich würde man es aber gern sehen, wenn unvorhergesehene Ereignisse die Erwerbung schon jetzt begünstigten. Deshalb stehe ich hier im Namen des Premierministers Lamarmora. Wir glauben an Ihre Kriegsbereitschaft, möchten aber unseren eigenen Angriff nicht überstürzen. Eine Initiative können wir selber nicht beginnen, das überlassen wir Ihnen.« »Sie können ja warten, Ihre Finanzen ordnen, binnen sechs Monaten können Sie fertig sein.« »Gewiß, jedenfalls zwingt uns die Finanzlage nicht, unser Vorgehen zu beschleunigen, wie Sie vielleicht voraussetzen. Wir würden uns nicht sogleich fortreißen lassen. Indessen,« fuhr er fort, da Otto schwieg, »würde unsere Regierung auch nicht auf lange Frist warten und sich für entferntere Möglichkeiten verpflichten. Denn wenn wir dem Vertrag treu bleiben, müßten wir vielleicht unsere dringenderen Interessen hintansetzen. Ich erinnere an die römische Frage.« »In der Sie niemals Frankreichs Beistand haben würden.« »Wahr, sie könnte sich aber binnen kurzer Zeit aufrollen, und Sie begreifen unser Bedenken, ein Bündnis auf zu lange Sicht zu schließen.« »Darüber werden wir uns verständigen. Der gute Genius beider Staaten weist mit erhobenem Finger auf unsere Allianz hin. Der Herzog von Savoyen und die Kurfürsten von Brandenburg erwarben zu gleicher Zeit die Königskrone. Dies große Sinnbild gemeinsamer größerer Zukunft mögen Sie sich vor Augen halten.« Govone war sehr ergriffen. Unser Cavour, wie er leibt und lebt! dachte er und schrieb es auch an Lamarmora. Laut aber sagte er: »Ich vertraue unbedingt Eurer Exzellenz. Doch meinen Vorgesetzten, General Lamarmora, quält die Befürchtung, man wolle mit uns nur ein Scheinbündnis, um eine Pression auf Österreich zu üben, damit es Ihnen Holstein herausgibt. Ich bitte sehr um Verzeihung, doch Eure Exzellenz befolgen ja selbst die Methode, offen heraus die Wahrheit zu sagen.« »Es ist die beste Methode für wirklich solide Geschäfte. Glauben Sie wirklich, wir haben so wenig im Auge als das bißchen Holstein? Das hätten wir jeden Tag bekommen, wenn wir Venetien garantierten.« »Das wissen wir«, sagte Govone betroffen. »Indessen – auch Ihre höheren Ziele könnten Sie vielleicht auf diesem Wege der – der –« »Erpressung, nicht wahr? Wie schlecht sind Sie informiert! Österreich würde noch eher Venetien opfern als seine Vormachtstellung in Deutschland. Der Kaiser Napoleon, den ich genau kenne, ist gleicher Meinung.« »Hm! An dessen guter Meinung liegt uns natürlich unendlich viel. Herr v. Lamarmora würde eben sehr gern sehen, wenn man sich dessen unbedingtes Wohlwollen durch eine deutsche Grenzabtretung sicherte.« »Ich bedaure, darauf nicht eingehen zu können. Der Kaiser weiß dies und versicherte mir, er verzichte.« Govone lächelte. »Sie werden mir entgegenhalten, daß Napoleon trotzdem neuerdings Ansprüche erhebt. Fragen Sie mal zu Hause an, ob Ihre Vertragstreue auch einer Verstimmung oder Feindseligkeit Napoleons gegen uns standhielte?« Govone rief erschrocken: » Dio mio! Man würde sofort nach Paris depeschieren: Was sollen wir antworten?« Otto kaute an seinem Schnurrbart. »Also nicht zu machen! Aber seien wir mal offen: ist das wirklich Ihr Freund? Wenn wir unterliegen, werden Sie nie Rom erhalten, Sie kennen die besondere Empfindlichkeit Napoleons auf diesen Punkt, er betrachtet den päpstlichen Segen als notwendig für seine Herrschaft. Frau Eugenie tut auch ihr Teil hinzu. Und scheint es Ihnen so verlockend, ewig ein Vasall französischen Protektorates zu bleiben? Nur durch uns können Sie Ihre Unabhängigkeit erlangen.« Govone sagte ruhig: »Das ist alles sehr wahr. Was an mir ist, soll geschehen. Ich baue dabei auf Seine Majestät meinen König. Er ist Soldat wie sein tapferer Vater und wird mannhaft sein Los mit Ihnen in die Schicksalsurne werfen, wenn er darin das Heil sieht. Lamarmora ist weniger begeistert, Cavour ist tot, doch sein Geist lebt noch im König. Ich habe die Ehre. Werde sofort depeschieren.« – Am 8. April ward der Vertrag unterzeichnet, wohl ein Unikum, da er, wie nie ein anderer, aggressiv nur auf sofortigen Krieg binnen drei Monaten lautete. Jenseits dieser Zeit verlor er seine Gültigkeit. König Wilhelm machte zwar ein bedenkliches Gesicht. Doch Österreich zog schon Truppen von Ungarn nach Böhmen, was ihn empörte. Auf die Frage Ottos, was dies bedeute, gab Karolyi eine geradezu beleidigende Auskunft: »Wir müssen wegen der antisemitischen Unruhen in Böhmen die Garnisonen verstärken.« Otto erwiderte mit einer stummen Verbeugung. Der schneidige Vittorio Emanuele, il Re Galantuomo , handelte klug als wirklicher Patriot, der sich durch Frankreichs widerwilliges Wohlwollen nicht täuschen ließ. Venetien konnte er mit Frankreich bekommen, Rom nie. Natürlich wirkte auch Cavours politisches Testament, der stets Anschluß an Preußen empfahl. Acht Jahrhunderte des Mittelalters verflochten sich Deutschlands und Italiens Schicksale (Österreich ist nicht Deutschland), Guelfen und Ghibellinen, keine Länder Europas haben so alte historische Verknüpfungen wie diese beiden, nicht zum Heile beider. Diesmal aber schlug die Schicksalsstunde, wo die zwei genialsten Völker der Welt sich zu gegenseitigem Vorteil verbanden. Auch dies war das Werk des gleichen politischen Genius, der jetzt mit Blitz und Donner auf seinen weltgeschichtlichen Thron stieg. Schon Ende März hatte der König eingewilligt, die Armee in Kriegsbereitschaft zu setzen. Er tat es mit schwerem Herzen, doch zögerte nicht, wie Verleumder und Herabsetzer ihm später unterschoben. Natürlich protestierten beide Kampfhähne feierlich gegen jede Unterstellung einer feindseligen Absicht, wenn sie rüsteten wie toll. »Eure Majestät werden aus der Kölnischen Zeitung ersehen haben, daß nur mein Rücktritt Preußen retten kann. In Süddeutschland war anfangs die Volkspartei für Neutralität, niemand solle sie zwingen mitzukämpfen. Doch der verrückte Preußenhaß machte dies zunichte, man rüstet.« »Warum haßt man nur Preußen?« klagte der König. »Später wird man Deutschland hassen. Immer der gleiche Grund: instinktiver Haß der niederen Mikroben gegen die höheren. Gehaßt sein ist ein gutes Zeichen, es zeigt, daß wir beneidenswert sind.« »Ja, ja, lieber Bismarck, doch der abscheulichste aller Kriege ist der Bürgerkrieg oder, wie man draußen sagt, der Bruderkrieg.« »Daß Kroaten und Tschechen meine Stammesbrüder sind, ist mir neu. Die deutschen Brüder werden sich wohl noch besinnen. Und wenn nicht, der strenge Ernst wird sie heilen von dem Krebs, der an Deutschland frißt: der gedankenlosen Phrase, die uns ermattet und aufreibt, der hohlen Demagogie für nichts und wieder nichts.« »Schon recht. Aber ich denke, was der alte York in Tauroggen sagt: »Ihr Jungen habt gut reden, doch mir Altem wackelt der Kopf auf den Schultern.« Es geht um Sein oder Nichtsein. Sind Sie Ihrer Sache sicher?« »Fragen Eure Majestät Roon und Moltke! Wir werden Viktoria schießen, ehe wir's uns versehen. Im übrigen haben Eure Majestät es in der Hand, den Kampf zu vermeiden: Entlassen Sie mich!« Da reckte der Greis sich auf, seine blauen Augen blitzten: »Niemals! Wofür halten Sie mich?« Kaum hatte er das Bündnis mit Italien in Händen, ließ der Allesberechner am nächsten Tage seine Reformakte am Bundestage einreichen. Direkte Wahlen, allgemeines Stimmrecht, fester Termin zum Zusammentritt der deutschen Nationalversammlung, um die Reform zu beraten. Deutschland war wie vor den Kopf geschlagen. Der verdammte Volksfeind als Verfechter der Volksrechte! Ein wohlberechneter Stillstand trat ein. Österreich parierte durch Antrag auf Einstellung aller Rüstungen. Otto lieh sich acht Tage Zeit mit der Antwort. Recht gern, nur möge Österreich, das mit dem Rüsten begann, mit dem guten Beispiel vorangehen. Angenommen. Die Königin weinte Freudentränen, doch ewig ist der Schmerz und kurz ist die Freude, denn Karolyi erschien mit der unschuldigsten Miene und drei verschiedenen aufeinanderfolgenden Noten. »Man wird begreifen, daß wir uns gegen Italiens drohende Haltung sichern müssen. Der Premier Lamamora sagte in der Kammer, die Lage sei sehr ernst, sein König hat acht Altersklassen unter die Fahnen gerufen. Nicht wahr, es besteht kein Mißverständnis, daß unsere Abrüstung nur Preußen gegenüber gilt? Wir werden in Böhmen unverzüglich abrüsten, sobald Sie uns die Zusicherung geben, daß unsere eigenen friedlichen Beziehungen nicht unter der italienischen Frage leiden.« Sie wollen von uns herauslocken, ob wir ein Bündnis mit Italien haben. Nur weiter! »Bei der schleswig-holsteinischen Frage berücksichtigen wir gern alle Ihre Ansprüche, doch innerhalb des bestehenden Bundesrechtes.« Das heißt: mit sicherer Majorisierung Preußens. Otto blieb völlig kühl. »Ihre bemerkenswerten Vorschläge werden wir demnächst beantworten.« Die Antwort ließ wieder acht Tage auf sich warten und bestand wesentlich in Mobilisierung von sechs Armeekorps. »Eurer Majestät klarblickender Geist wird den Sinn dieser Ausflüchte sofort erkannt haben«, stellte er dem König vor. »Freilich, sie möchten erst mit Italien abrechnen und dann mit einem siegreichen Heere über uns herfallen. Darauf gibt es nur eine Antwort.« » Quod non! Eure Majestät werden gut tun, auch gleich die Landwehr aufzubieten. Von Napoleon ist nichts zu fürchten. Nicht als ob er nicht wollte, doch in letzten Jahren hat Herr Thiers, den ich kenne, als Redner der liberalen Opposition so viel Boden gewonnen, daß er im gesetzgebenden Körper auf Schwierigkeiten stößt. Und das mexikanische Abenteuer endet schauerlich. Noch sind keine genauen Nachrichten da, doch mir scheint, das Schicksal des unglücklichen Kaisers Maximilian ist besiegelt.« »Glauben Sie, die Rebellen würden sich an einem gekrönten Haupt vergreifen?« frug der Monarch erregt. »In Amerika herrscht republikanische Staatsform, und man erklärt dort den Erzherzog selber als Rebellen, Usurpator, Hochverräter. Ich fürchte, er ist geliefert. Wer ihn aber ans Messer liefert, ist Frankreich, das erst wie ein Wächterhund heulte und jetzt vor der Union den Schwanz einzieht. Der überseeische Spaziergang kostete viel Menschen und sehr viel Geld, wofür man aber auch die schönste Blamage einkaufte. Herz, was verlangst du noch mehr! Bereichert hat sich, wie man sagt, der Marschall Bazaine, ein großer Hofstratege, der eine reiche Mexikanerin heiratete. Er scheint den armen Maximilian schändlich preiszugeben.« »Dies Los seines Erzherzogs kann Franz Josef nicht gleichgültig sein, es erweitert die Kluft mit Frankreich«, meinte der König. »Sozusagen privatim. Doch würde Österreich sich schwerlich bedenken, trotzdem mit Napoleon sich anzufreunden, wenn es sein Vorteil ist. Gefühlsdusel und Familienrücksichten in der Politik kennen nur Deutsche, keine anderen Staaten.« Der König trommelte mit der Hand auf den Tisch, leicht beunruhigt, der Stich traf, wohin er zielte. »Und mein Gönner in Paris schlägt in jede dargebotene Hand, falls nur was drin ist, Trinkgelder nimmt er gar zu gern für seine uneigennützigen Dienste. Eure Majestät erinnern sich, daß schon vor vielen Jahren der Herzog von Persigny herumreiste, um eine sogenannte Rektifikation der Grenze zu erwirken, wofür wir viele Güter im Monde einhandeln sollten. Jetzt wird er wieder mit solchen Ansinnen herausrücken. Österreichs Angebot war zu konditionell.« »Wie? Es hat etwas angeboten?« »Jawohl, ich erhielt erst heute geheime Kunde davon. Frankreich soll neutral bleiben und Italien dito, dafür wird es Venetien erhalten, sofern Österreich sich Schlesiens bemächtigte, für dessen Besitz Frankreich einsteht, nämlich wenn man uns die Friedensbedingungen diktieren kann.« »Das ist häßlicher Verrat von beiden Seiten!« Der König schlug mit der Hand auf den Tisch. »Das wird meinem Sohn, dem Kronprinzen, die Augen öffnen. Wie sie alle das Fell des Bären teilen! Auch in Sachsen und Bayern baut man felsenfest auf unsere Niederlage.« »Österreich blaguiert und die anderen haben gläubige Eselsohren. Doch Napoleon ist besser unterrichtet, er läßt sich nicht von Hypothesen anstecken, sondern sein Lockinstrument als bewährter Rattenfänger auch uns ertönen, heute früh erhielt ich eine Note, über die ich demnächst Vortrag halten werde, wenn Eure Majestät befehlen. Es kongresselt wieder, so möchte er uns Holstein und Italien Venetien schenken. Im Kriegsfalle will er uns 300 000 Mann zu Hilfe schicken und uns im Frieden um 8 000 000 Einwohner vergrößern.« »Und was bekommt er dafür als Gebühren?« »Eine Kleinigkeit, das ganze Land zwischen Rhein und Mosel, teils preußisch, teils badisch, teils hessisch.« »Solche Unverschämtheit!« fuhr der König auf. »Ich habe keine Länder zu verschenken, weder preußische noch andere deutsche ... hoffentlich machten Sie nicht die kleinste Zusage.« »Eure Majestät mögen ganz ruhig sein. Solche Fragen behandelt man dilatorisch, schleppt sie hin ohne Ja und Nein, bis die Antwort nicht mehr zu umgehen ist. Ich zähle auf die Schnelligkeit unserer Waffen, daß ich erst beim Friedensschluß Rede stehen müßte. Und da werde ich sehr deutsch reden. Übrigens ist er zurzeit ohnmächtig. Im gesetzgebenden Körper hat Herr Thiers schon lange eine kräftige Sprache geführt und Erweiterung der gesetzlichen Freiheiten geheischt. Gottlob, daß wir nicht solche glatte, höfliche, aber spitzige Redner in der Kammer haben! Thiers vermeidet jede Fußangel, die ihn mit der Staatsgewalt in unmittelbaren Konflikt brächte. Doch der Kaiser und Rouher schäumen vor Wut gegen ›eitle Theoreme‹, schon früher verwünschten sie ›jene Leute, die, kaum dem Schiffbruch entronnen, die Stürme zu Hilfe rufen‹. Als ob ein Umsturz drohte, weil die Franzosen etwa den zehnten Teil der Reformen und Freiheiten haben möchten, die wir lange besitzen.« Der König lächelte wohlgefällig. Nichts tat ihm wohler als solcher Hinweis. »Er laboriert also wie wir an Konfliktszeit?« »Thiers, Ollivier, Jules Favre und andere Advokatenmeister der Rede werden ihm keine Ruhe lassen. Ehe er sie abschüttelt, sind wir hoffentlich schon über alle Berge.« Es war am 7. Mai nachmittags 5 Uhr, als Otto vom Vortrage beim König zu Fuß auf der Mittelallee durch die Linden heimkehrte, als gegenüber der russischen Gesandtschaft plötzlich drei Schüsse fielen. Ein junger, schmächtiger Mensch hatte sie auf den Ministerpräsidenten abgegeben. Die letzte Kugel streifte ihn an der Rippe, vorübergehend das Rückgrat erschütternd. Rasch packte Ottos eiserne Faust den Missetäter an Handgelenk und Kehle. Dieser warf jedoch den Revolver in die Linke und feuerte aus nächster Nähe. Soeben kam eine Kompagnie vom 1. Garderegiment die Straße herunter und bemächtigte sich des Festgenommenen. »Sind Exzellenz verletzt?« »Keine Spur. Nur der Rock ist verbrannt.« Otto schritt gleichmütig mit gemessenem Schritt die Wilhelmstraße hinauf und trat sehr gelassen in die bei ihm versammelte Tafelrunde ein. Diese sollte um 5 Uhr das Diner beginnen, und Johanna wunderte sich erst, ängstigte sich dann, als eine halbe Stunde darüber verging. Doch man redete ihr zu: »Es kam schon öfters vor, daß er länger beim König blieb.« Da erschien er auch schon und grüßte besonders freundlich: »Welch liebe Gesellschaft! Entschuldigen Sie mich einen Augenblick!« Er ging in sein Arbeitszimmer und teilte schriftlich dem König mit, was geschehen. Dann kam er zurück und spaßte vorwurfsvoll: »Essen wir denn heute gar nicht?« Indem er einer Dame den Arm bot und zu Tische ging, streifte er die Gattin, küßte sie auf die Stirn und murmelte: »Mein Kind, sie haben auf mich geschossen, doch es ist nichts.« Man hörte es doch, nachdem man zuvor weder Unruhe noch Aufregung bei ihm wahrnahm, alles drängte sich mit erschreckten Gesichtern um ihn. Er setzte sich jedoch lachend zu Tisch und ließ sich die Suppe munden. »Was ist da zu verwundern! Wer als öffentliche Zielscheibe dasteht, wird eben beschossen.« Johanna hatte sofort nach dem Arzt geschickt, und dieser untersuchte den Tatbefund. »Wie ist nur möglich, daß drei Kugeln aus solcher Nähe fehlgingen und die eine, die traf, so unschädlich abplattete!« rief einer der Gäste. Der Arzt erwiderte ernst: »Gott hatte seine Hand dazwischen, sonst war es unmöglich.« Kaum sagte er's, als ein Diener hereinstürzte: »Seine Majestät der König.« Der greise Monarch hatte sein eigenes Essen verlassen, ließ anspannen und fuhr beim Ministerpalais vor. Otto ging ihm bis zur Treppe entgegen und empfing einen herzlichen Händedruck. Der König war tiefbewegt. »Mein lieber Bismarck,« seine Stimme bebte, »ich danke Gott aus tiefster Seele für die Gnade, daß Sie mir erhalten blieben. Welch ein Verlust für das Vaterland, wenn Sie uns genommen wären! Jetzt erst fühlt man so recht, wie unersetzlich Sie sind!« Otto küßte ihm die Hand. Bald darauf erschienen die Prinzen, ihr Beileid und ihren Glückwunsch zur Errettung auszusprechen. Sie leerten ein Glas auf sein Wohl. Die Zahl der Besucher nahm bis zur Nacht kein Ende, die ihre Namen in die ausgelegte Liste eintrugen. Den Reigen eröffnete übrigens Wrangel, der sich mit dem Ministerpräsidenten seit lange auf besten Fuß stellte, küßte ihn auf beide Wangen und rief pathetisch: »Mein Sohn, ick preise den lieben Gott. Du bist unsere olle Jarde, die niemals stirbt.« Es sprach sich bald herum, daß der Attentäter, Ferdinand Cohen, ein Stiefsohn des badischen Demokratenführers Karl Blind sei, der als Verbannter in London seinen Sprachstudien lebte. Das Wahnsinnlallen württembergischer Demagogen, bei denen Preußenhaß und Freiheitswut zu einem dampfenden Brei unkenntlich zusammenflossen, hatte ihm den schwachen Kopf erhitzt. Auch dürfte seine jüdische Eitelkeit einen Herostratenruhm gesucht haben. Er entzog sich dem Gericht durch Öffnen der Pulsader. »Wär' ich im Himmel und der Schurke stände auf der Leiter zwischen Himmel und Hölle,« rief Johanna mit erhobener Stimme, »ich würde die Leiter umwerfen, daß er in die Hölle purzelte, wo er hingehört!« Aber als dies drastische Gleichnis ein beifälliges Murmeln hervorrief, klopfte sie Otto von hinten auf die Schulter und flüsterte sanft: »Pst, mein Herz! Mit solcher Gesinnung wärst du selbst nicht im Himmel!« Als die Gäste gingen und kein konservativer Bezirksverein mehr die stille Wilhelmstraße mit Ovationen füllte, fiel Johanna ihrem Ottochen weinend um den Hals. »O der schändliche Mordbube! Solche Teufel in Menschengestalt sollte man umbringen wie wilde Tiere.« Doch er schüttelte den Kopf. »Vielleicht ein armer junger Mensch von reinen Sitten, wie einst der Student Sand, der jenen Ekel Kotzebue abwürgte. Kotzebue und ich sind ein edles Paar, die Dioskuren der Verworfenheit, die Verräter und Vergifter Deutschlands!« Eine unsägliche Bitterkeit übermannte ihn. Ja, 15 Arbeitsjahre Tag und Nacht in Deutschlands Dienst und dies der Lohn! Und noch grausamer schnitt ihm der verblendete Haß ins Herz, als die nächsten Tage einen Taumel schandbarer Verherrlichung des dummen Bengels sehen ließen. Mit dessen Leichnam einen ehrlosen Kultus treibend, kränzten ihn mit Blumen und Lorbeer allen voran die Damen der Professorenwelt. Die Polizei schritt gegen vielfachen Unfug nicht ein, denn die Schutzleute wußten ja, daß viele vornehme Kreise damit sympathisierten. Ein Straßenjunge sang vor Ottos Balkon bedeutungsvoll das alte, schöne Bänkelsängerlied: War wohl je ein Mensch so frech, Wie der Bürgermeister Zech! Dieser schoß die Landesmutter Durch das werte Unterfutter. Und ein Chorus, der vorüberpilgerte, wiederholte fortwährend: »Schade, schade!« Doch der stolze Mann fand sich wieder in gewaltiger Fassung. »Dein Haß, mein Lieb, ist kleinlich wie der meiner Feinde. Nichts soll uns hier erschüttern als die ewige Gerechtigkeit des ewigen Gottes. Er, der Allwissende, weiß, daß ich solchen Tod nicht verdiene, gerade jetzt, wo ich mein Werk tun soll, und siehe da, seine allmächtige Hand lenkt unsichtbar die Todeskugel beiseite. Nun bin ich doppelt erhoben und gestählt. Die Toren, denen das All nur bewegte Materie ist, mögen es Zufall nennen. Ich aber, der weiß, daß Gott lebt, beuge mich ehrfürchtig vor diesem Zeichen, daß ich in der Gnade bin und daß ich tun soll, was ich muß, zur Ehre deutscher Nation.« * Am 24. Mai fand sich abends bei ihm der neuernannte Stabschef der II. Armee ein, General v. Blumenthal, ein kleiner, schmächtiger Herr, der allen Kommißidealen äußerer »Turnüre« hohnsprach. Auch diesen entdeckte einzig und allein der große Herrscherverstand König Wilhelms, der ihn schon als Prinz von Preußen an sich fesselte. »Seine Majestät sagte huldvoll in der Kabinettsorder: ›Ich erweise Ihnen durch Verleihung dieser Stellung ein großes Vertrauen und hoffe, daß Sie demselben entsprechen werden.‹ Nun, ich hoffe es. Der frische Sinn des Kronprinzen liegt mir besser als der Ernst des Prinzen Friedrich Karl.« »Der Krieg ist aber doch etwas sehr Ernstes.« »Leichtes Blut gehört dazu, sonst hat man zu viel Bedenklichkeiten. Ich meldete mich vorvorgestern bei Seiner Majestät. Der König sprach sich bitter über die Kleinstaaten aus, deren Neutralität ja über Krieg und Frieden entscheide. Er baut auf besondere Wirkung der II. Armee in Schlesien und geruhte zu betonen, er habe mich ausgesucht, um seinen Sohn zu leiten. Wozu der Mensch nicht kommt! Ich hielt mich nie für einen Feldherrn. Daß der König mich dafür hält, begreife ich nicht.« »Sie werden gewiß das allerhöchste Vertrauen rechtfertigen.« Otto erkannte sogleich, daß der kleine Herr ziemlich eitel und selbstbewußt von ganz hervorragender Tüchtigkeit sei. »Setzten Sie sich mit Moltke in Verbindung?« »Wir sind ganz d'accord , nur scheint mir Herr v. Moltke seine Neigung für exzentrische Unternehmungen zu übertreiben. Er will auch aus Oberschlesien eine Diversion machen, während ich selbst Breslau preisgeben würde, um nur zur Entscheidungsschlacht alle Kraft zu vereinen.« »Und wie stehen Sie, unter uns gesagt, mit Ihrem neuen Chef? Ich weiß, Sie werden ehrlich antworten, meiner Diskretion gewiß.« »Seine Königl. Hoheit empfing mich mit seiner immergleichen Freundlichkeit, gestand mir aber offen, er habe Goeben gewünscht, Seine Majestät jedoch mir den Vorzug gegeben.« Einen schlagenderen Beweis für den geradezu genialen Instinkt des in seiner Weise großen Herrschers kann man sich nicht denken. Übrigens wollte er auch dem kränklichen Brillenträger Goeben sehr wohl, der gleiche, stramme Soldat, dem eine lächerliche Verkennungslegende den Kommißbegriff eines Unteroffiziers zusprach. An alledem ist kein wahres Wort, nur die maßlose Bescheidenheit des Königs verwischte, daß er eine sehr scharfe Einsicht in die höchsten Gebiete der Strategie besah. »Ich kann nicht sagen, wie wohltuend das offene, fröhliche Wesen des hohen Herrn auf mich wirkt.« »Er möchte aber den Krieg vermeiden.« »Mag sein, doch jetzt, wo es ernst wird, erwacht in ihm der kampffreudige Hohenzoller.« Blumenthal lächelte. »Eure Exzellenz sind eigentlich der erste, der ins Feuer ging. Ich gratuliere zu Ihrer wunderbaren Errettung.« »Ich habe eben starke Rippen, auf denen die Kugel federte und nicht durchging,« brach Otto gleichgültig ab. »Übermorgen ist Kriegsrat im Schlosse.« – Dabei ging es nicht ganz einhellig her. Der König beschwichtigte: »Vielleicht erhalten wir noch den Frieden. Ihren Angriff würden die Österreicher wohl längs der Elbe auf Berlin richten. Deshalb wird der Kronprinz mit dem Hauptquartier noch nicht nach Schlesien abgehen. Man kann nie wissen.« Sofort erhob sich als Sprachrohr Friedrich Karls sein Stabschef Voigts-Rhetz, ein ziemlich häßlicher, fettleibiger Herr von hoher Geistesstärke und kreuzbraver Gesinnung: »Ich möchte mir erlauben, die übergroße Ausdehnung des ersten Aufmarsches von Zeitz bis Neiße bedenklich zu finden, das sind 60 Meilen, selbst für 280 000 Mann, die wir dort wohl aufbringen, gar zu viel.« »Das geschieht wegen Abhängigkeit vom Bahntransport«, fiel Moltke lebhaft ein. »Es ist dies ein neues, hochwichtiges Element der Kriegführung. Im amerikanischen Bürgerkrieg kam es zuerst zur Geltung, man konnte viel davon lernen. Nur Ausnutzung sämtlicher Bahnlinien auf weitem Radius bringt größtmögliche Schnelligkeit der Mobilisierung. Später kann man sich ja immer konzentrieren.« »Das wird schwer halten,« verneinte Voigts-Rhetz. »Solange die Heere in ihrer Trennung zwischen Schlesien und Lausitz beharren, hat der Feind den Vorteil der inneren Linie.« »Der durch unsere überlegene Bewaffnung ausgeglichen wird,« versicherte Moltke. »Jedes unserer Einzelheere hat Kraft genug, den Feind so lange aufzuhalten, bis das andere eingreift.« Eine erregte Erörterung fand statt. Der schweigende Blumenthal empfand, daß allgemein gegenteilige Ansicht bestand. »Die Hauptmasse hätte bei Görlitz aufgestellt sein müssen, da dorthin die feindliche Offensive einsetzen wird,« murrte Friedrich Karl. »Wenn wir ihr nicht zuvorkommen.« »Gestatten Sie mir, mich an der militärischen Diskussion als Laie zu beteiligen!« Otto las einen Rapport aus Oberschlesien vor. »Er scheint zuverlässig. Danach sammelt sich der Feind an der oberschlesischen Grenze, will durch die Pässe bei Waldenburg und Landshut eindringen, Eroberung Schlesiens brächte großen moralischen Erfolg. Mich däucht, wir könnten das vorerst nicht hindern, die II. Arme müßte nach Norden ausweichen und erst nach Ankunft der I. Armee – Linksabmarsch – die Schlacht liefern.« »Uns fehlt ja auch noch das Ostpreußische Korps«, bemerkte der Kronprinz. »Unter solchen Umständen wäre wohl längeres Zuwarten empfehlenswert. Noch besteht Möglichkeit einer Verständigung, wahrscheinlich ist es freilich nicht.« (Und nicht erwünscht, ergänzte er in Gedanken, doch das darf ich nicht äußern.) »Die Kleinstaaten bleiben wohl vorläufig neutral, vor Frankreich haben wir Sicherheit. Allerdings schreibt mir unser Gesandter Usedom aus Florenz – Major v. d. Burg überbrachte das Schreiben, den wir in militärischer Mission dorthin schickten –, Napoleon träume von Kompensationen. Doch das ist Chimäre, Zukunftspolitik, die uns nichts angeht. Im übrigen berichtet Burg, die Italiener wollen nach Dalmatien übersetzen, durch Garibaldi die Kroaten insurgieren, dann in Trient einfallen. In Ungarn sei der Aufstand schon organisiert. Die heißblütigen Sanguiniker schreien, das Haus Habsburg werde in zwei Monaten aufgehört haben zu regieren.« König und Kronprinz runzelten die Stirn. »Ich schmeichele mir, daß wir selber solchen Mißgriff verhüten würden. Denn Österreichs Bestehen wollen wir in keiner Weise antasten, sofern es nur in der deutschen Frage nachgibt.« Der schweigend zuhörende Blumenthal bewunderte die hinreißende Einfachheit und Klarheit der Darlegung. Der Kriegsrat trennte sich mit der Hoffnung des Kronprinzen auf einen europäischen Friedenskongreß. Otto lächelte etwas unheimlich. – – »Können Sie mir reinen Wein einschenken, ob es zum Kriege kommt?« Der britische Gesandte zog auf einem offiziellen Diner zum Geburtstage der Königin Viktoria den Ministerpräsidenten beiseite. Lord Augustus Loftus, ein kühler Unparteilicher, fühlte weder für Preußen noch für Österreich besondere Neigung. »Das weiß ich so wenig wie irgendwer. Man glaubt zu schieben und man wird geschoben. Uns Diplomaten setzt der Krieg sofort aus unserer vorragenden Stellung ab, das Militär allein hat dann das Wort.« »Falls nicht Militär und Staatsmann vereint wie beim Herzog von Wellington.« »Ach, da haben Sie's! Der lebt in der Geschichte fort als großer Krieger, nicht als Staatschef, der im Grunde den Frieden liebte und aufrechterhielt. Nur das Schwert erwirbt Lorbeer bei der Menge, dem großen Publikum. Attila und Dschinghiskhan kennt jeder Schuljunge, von weisen Staatsmännern hat er nie gehört. War denn Attila wirklich größer als z. B. Ihr tüchtiger Reformer John Bright? Schwerlich, und doch grub er seine Spur für ewig der Geschichte ein, indes Bright selbst im eigenen Lande bald vergessen sein wird. Es ist ein undankbarer Beruf, sich um die Wohlfahrt der Nebenmenschen zu bemühen. Sie zu quälen imponiert ihnen mehr.« »Darf ich daraus Ihre aufrichtige Friedensliebe entnehmen?« »Das dürfen Sie. Es ist der Krieg ein roh gewaltsam Handwerk, hoffen wir das beste, daß die Schwerter in der Scheide bleiben.« Als er ging, bemerkte der französische Gesandte mit vielsagendem Lächeln zu Loftus: »Hat er seine Friedensliebe beteuert? Das ist ein schlechtes Zeichen.« »Er war ziemlich elegisch. Ich glaube an den Frieden, die Friedenspartei ist zu stark. Die kronprinzlichen Herrschaften sprachen mir noch gestern ihr Mißfallen über seine gewaltsame Politik aus.« »Das sind erklärte Gegner, ich weiß. Wer so parlamentarisch denkt wie Seine Königl. Hoheit, muß sich natürlich einem Kabinettskriege widersetzen, mit dem die Nation nicht harmoniert.« »Sehr richtig«, bekräftigte Lord Loftus. »Auch Ihre Majestät die Königin schreibt täglich aus Baden-Baden an Seine Majestät, um von jedem Bruch mit Österreich abzuraten. Und die Königin-Witwe weilt zurzeit in Pillnitz bei dem sächsischen Königspaar und fädelt an allgemeinem Frieden. Wenn es so am Hofe steht, wie will Herr v. Bismarck vollends die allgemeine Opposition im Lande überdauern! Sie werden sehen, der König schwankt in einem fort, und am Ende wird er den unbequemen Ratgeber über Bord werfen.« Der Franzose schüttelte den Kopf mit feinem Lächeln. »Sind Sie dessen so sicher? Dieser Mann hat eine unbeugsame Hartnäckigkeit und bekämpft täglich die Unschlüssigkeit des Monarchen. Kennen Sie das Bonmot, das darüber umläuft?« »Nicht daß ich wüßte!« Loftus spitzte die Ohren. So etwas hören Diplomaten für ihr Leben gern, um ihre saftlosen Berichte damit zu schmücken. »Man sagt, der Minister sei ein fleißiger Uhrmacher. Jeden Morgen zieht er die abgelaufene Uhr wieder auf.« – Inzwischen suchte Freund Louis die Uhr nach Pariser Zeit zu stellen. Er und Thiers überboten sich in widerstreitenden Phrasen. Das erhabene französische Volk wolle »selber die glorreiche Last seiner Geschicke tragen«. Aber natürlich, »Fortschritt, Stabilität, Freiheit, Intelligenz, hochherzige Gesinnung, edle Bestrebungen, Arbeit –«, Herz, was willst du noch mehr als kaiserliche Antwort auf eine Adresse? Seine Gemeinplätze klingelten in der Thronrede herrlich, ob auch wunderbar: »Die moralische wie die physische Welt gehorcht allgemeinen Gesetzen, nicht durch tägliche Erschütterung der Grundlagen beschleunigt man die Krönung des Gebäudes.« Thiers, nicht faul, warf sich jetzt auf das Auswärtige und kritisierte die Schlaffheit des Empereurs, der noch immer nicht etwas Leckeres geraubt hatte, wie es französischer Ritterlichkeit schmeckt. Die Sterne stehen günstig über dir, o Cäsar, um einen nächtlichen Einbruch zu verüben, was der Genius dieser wahrhaft großen Nation so gut versteht. Dies Preußen scheint im besten Zuge, ein Attentat gegen deutsche Freiheit und Unabhänglichkeit zu begehen. Nimmermehr! Solche deutsche Einheit wäre Erniedrigung Frankreichs. Vor allem müsse man Italien verbieten, sich mit Preußen zu verbünden. »Diesem Verbot wird der Re Galantuomo sicher gehorchen,« bemerkte Otto mit spottfunkelndem Blick, als der französische Gesandte Graf Benedetti auf dem Sofa neben ihm saß. Dieser nahm jedoch eine sehr ernste feierliche Miene an. »Eure Exzellenz belieben in fröhlicher Laune zu sein. Ich könnte nicht das gleiche von mir behaupten. Lasen Sie den Brief Seiner Majestät des Kaisers an Minister Rouher, verlesen im gesetzgebenden Körper? Die Ideen des Herrn Thiers sind veraltet, gehen auf den Wiener Kongreß zurück. Der Kaiser mit dem Adlerflug seiner Seele hat weitere Horizonte. Er möchte ein Plebiszit in Schleswig-Holstein, denn die Selbstbestimmung der Völker ist sein Ideal. Dies Bestimmungsrecht wird auch für Venetien anerkannt. Vielleicht verlangen auch einige Grenzgebiete ihre Vereinung mit Frankreich, solchem heiligen Rufe wird man nicht widerstehen können. Indessen wünschen Seine Majestät die Kräftigung Preußens sowohl als die Aufrechterhaltung der Stellung Österreichs. Die anderen deutschen Staaten müssen eine intimere Union gewinnen. Das europäische Gleichgewicht, über das wir wachen, verlangt aufmerksame Neutralität. Ohne unsere Zustimmung wird der Frieden nach etwaigem Kriege nicht geschlossen werden.« »Diese klaren, bündigen Ausführungen kann ich nur loben,« versetzte Otto trocken. »Wie der Kaiser mit Recht in der letzten Thronrede hervorhob: nur seine Liebe zum Guten gibt ihm die Kraft, die hohen Geschicke der Großen Nation auf seinen Schultern zu tragen. So sei es!« »Ihr Vertrag mit Italien, den wir kennen –« »Ei, Ihren Vertrag mit Österreich über Venetien-Schlesien kennen wir auch.« Benedetti erbleichte nervös. »Warum schon jetzt über ungelegte Eier zanken! Wir werden uns gewiß verständigen. Zurzeit dürften die so sehr trüben Nachrichten aus Mexiko den Sinn des Kaisers wohl auf andere Gegenstände lenken.« (oder auch, merkst de was, das überseeische Krächzen ihn zu einer Bravouraria am Rheine reizen.) Benedetti erhob sich. »Es kommt also wirklich zum Kriege? Der Telegraph bringt die Kunde, daß die Österreicher aus Holstein abziehen, weil General Manteuffel einrückte. Darauf wird Österreich wohl am Bundestag klagen.« »Mag es! Diese Frage ist eine nationale und nicht partikulare. Wir wollen sie gern vor eine wirkliche Nationalversammlung bringen in Verbindung mit der Bundesreform. Was wir wollen? Einheit von Münze, Maß, Gewicht, von Patenten, Zivilprozeß, Heimatsrecht, Zoll, Handel, Konsular- und Verkehrswesen, gemeinsame Flagge, Marine und Häfen, Herresorganisation.« »Ein gigantischer Plan!« staunte Benedetti. »So würden Sie ja ein einiges Bundesreich schaffen. Und wenn der Bund und Österreich sich weigern?« »Dann werden Sie einen historischen Moment erfahren.« Der Franzose schwieg einen Augenblick. »Ich muß nachträglich Eurer Exzellenz meine Gratulation darbringen zu Ihrer wunderbaren Errettung aus Mörderhand! Das muß Sie und Seine Majestät tief erschüttert haben.« »So sehr, daß am anderen Morgen darauf die Mobilisationsorder an die noch übrigen drei Korps und die ganze Landwehr erging.« Otto stand hochaufgerichtet. Der Franzose wollte etwas sagen, verbiß es aber, empfahl sich liebenswürdig und ging langsam hinaus. – »Gibt es wirklich gar keinen Ausweg aus der Klemme Krieg oder Frieden?« Der König ging unruhig hin und her. Die hohen Damen lagen ihm wieder in den Ohren, dachte Otto, der in ehrerbietiger Haltung am Arbeitstische des Monarchen stand. »Ich werde noch eins versuchen und dem Grafen Karolyi sofort vorschlagen Allianz mit Österreich gegen die französische Einmischung, die norddeutschen Truppen unter Preußens, die süddeutschen unter Österreichs Befehl. Gemeinsame Eroberung des Elsaß, geradeso überrumpelnd, wie Frankreich es einst uns stahl. Es kann unserem Doppelstoß nicht widerstehen, und wir würden dann als wahre Mehrer des Reiches deutscher Nation zusammen leichter als sonst einen deutschen Bund unter uns, zu gleichen Teilen dominierend, gründen und festigen.« Der König blieb erstaunt vor ihm stehen. »Wenn Sie das durchsetzen könnten! Das wäre herrlich. Ja gewiß, wir kämen dann mit leeren Händen nicht, würden der Nation ihr altes Reichsland zurückschenken. Das ist ein großer nationaler Plan. Straßburg und Elsaß!« »Fehlt nur eins dazu, die nationale Gesinnung Österreichs. Majestät, ich bekenne offen: ich hoffe wenig davon. Doch da werden Sie recht mit Händen greifen, daß Österreich sich in keiner Weise um Deutschland selber kümmert, sondern nur um seine eigene Vorherrschaft.« »Gut, machen Sie diese letzte Probe. Und bekommt Napoleon Wind davon?« »Ich werde mich auf nichts Schriftliches einlassen. Napoleon ist nicht gerüstet und würde überhaupt für keinen von uns eintreten. Österreichs Niederlage wäre ihm so lieb wie die unsere. Daß wir uns beide schwächen, ist sein einziges Ziel.« »Wenn ich daran denke, daß man Sie als Franzosenfreund verschrie! Wie kamen Sie überhaupt auf diesen neuen Einfall?« »Weil ich voraussehe, daß nur Kampf mit Frankreich uns die rechte Einheit bringt. Gegen den Erbfeind wären auch die zu haben, die nicht mit Österreich anbinden wollen.« Er wußte, daß der Vorschlag dem deutschen Empfinden des Königs entgegenkam und er die Ablehnung, an der Otto keinen Augenblick zweifelte, als mißglückte Feuerprobe österreichischen Deutschtums aufs Kerbholz setzen werde. Mit allen Mitteln mußte dem tapferen Greis die völlige Undeutschheit des Donaustaates vor Augen gerückt werden. Karolyi stierte den Minister betroffen an, als sei er nicht bei Sinnen. Daß er nicht laut herauslachte, war alles. Elsaß! Was ist uns Hekuba! »Ich werde mein Möglichstes tun und sofort depeschieren ...« Die Antwort kam sehr bald. »Ein glatter Refus!« berichtete Otto dem König, der finster die Stirn runzelte. Der Gedanke an Straßburg, die wunderschöne Stadt, hatte einen poetischen Reiz, und er fühlte bitter, welche Kluft ihn von Österreichs Hauspolitik trennte. Er brauchte nicht Bismarcks Brille, wie man ihm vorwarf, sondern hatte seine eigenen scharfen Augen und sah jetzt dem Unvermeidlichen tapfer ins Auge. Freilich wühlten Bethmann-Hollweg und seine Clique, Schleinitz als Hausminister der Königin und der ganze kronprinzliche Hof immer noch unverdrossen gegen die einsame Säule, die nicht wankte. »Gottlob, unser Langer steht inmitten all der Bösgesinnten wie ein Kolossus!« rief Moritz Blanckenburg, der sich jetzt ehrlich für seinen Freund begeisterte und überhaupt langsam über seine ursprüngliche Beschränktheit hinauswuchs. Nach ihrer schlimmen Vergangenheit und Zusammenbruch ihrer Schreckensherrschaft, nach den vielen Schlingen und Fußangeln, die ihre reaktionäre Verranntheit ihrem einstmaligen Genossen in den Weg legte, den sie als abtrünnigen Schildknappen betrachtete, rang sich die Kreuzzeitung zur Würdigung Bismarckischer Ziele allmählich durch. Sie verleugnete ihre Vorliebe für Österreich, wenngleich matt und zaudernd, und es soll ihr nicht vergessen werden, daß sie von da an eine ehrlich nationale Politik betrieb. Einige von ihrer Partei, wie der im Grunde hochgemute vortreffliche Graf Eberhard Stolberg, obschon auch er junkerliche Entgleisungen hinter sich hatte, oder Graf Fred Frankenberg, Ordonnanzoffizier im schlesischen Armeekorps, trugen eine großdeutsche Stimmung zur Schau, die wohltuend von der verbissenen Regierung der Fortschrittler abstach. Sie empfanden schönen edelmännischen Vaterlandsstolz dem Ausland gegenüber, nicht länger als bloße Preußen, sondern als deutsche Ritter. Etwas von dem Geist des alten Blücher lebte in ihnen, der 1809 zornig seinen Abschied forderte, »sintemal ich nicht bloß preußischer Militär, sondern deutscher Edelmann bin«. Das ganze Deutschland soll es sein! So hatte der Odem des Genius deutscher Nation weithin die Stickluft gereinigt, seine eigenen Kreise, die ihm ursprünglich am fernsten standen, mit wahrer vaterländischer Gesinnung angesteckt. In Berlin befand sich der französische Publizist Vilbort, den Otto für sich einzunehmen wußte. Bei seiner beschränkten Zeit gewährte er ihm erst spät abends zum Tee eine lange Unterredung, die erst um Mitternacht endete. Beim Abschied bat er ihn, morgen bei ihm zu essen. »Das ist die einzige Stunde, die mir selbst gehört. Jetzt muß ich wieder arbeiten, bis die Sonne meine Lampe löscht. Napoleon hat gesagt, er sei der geplagteste Sklave, er gehorche einem strengen Herrn, der Natur der Dinge. La nature des choses , wie unheimlich bedeutungsvoll das klingt! Nun, auch ich diene in meiner bescheideneren Sphäre den gleichen unerbittlichen Gewalten.« Als Vilbort am anderen Tage zu Tische kam, fand er den Hausherrn scheinbar in der heitersten Laune. Er streute attisches Salz mit vollen Händen aus und plauderte ununterbrochen über Paris, als spaziere er noch auf dem Boulevard des Italiens. Sogar der Ball Mabille entging nicht seinen satirischen Späßen. Auf seiner breiten Stirn verriet nicht die kleinste Falte, daß er sich in ungeheurer Spannung befand. Vilbort suchte ihn mit einer Anspielung anzubohren: »Haben Exzellenz die Pariser Zeitungen gelesen, die heute morgen hier anlangten?« »Flüchtig. Es stand nichts Wesentliches darin.« »Ich dächte doch. Vielleicht entging Ihnen, daß das ›Journal des Debats‹ die Existenz des deutsch-italienischen Bündnisses bezweifelt.« »Suchet so werdet ihr finden! Wir leben im Zeitalter des Zweifels.« »In der ›Revue des deux Mondes‹ stand eine Notiz, die Bedingungen seien jedenfalls nicht die gleichen für beide Parteien.« Otto antwortete nicht und sprach mit einem anderen Tischnachbar über etwas anderes. Aha, er stellt sich taub! dachte Vilbort, der darauf brannte, diese hochwichtige Information nach Paris mitzunehmen, ob etwas daran sei oder nicht. Aber als man sich vom Tische erhob, wandte sich der Wirt lächelnd an ihn: »Ich möchte Ihnen noch ein besonderes Dessert anbieten.« Auf einen Wink trat Vilbort in des Ministers Arbeitszimmer, der einer Schublade ein Aktenstück entnahm und ihm hinreichte. »Hier haben Sie das Original des Vertrages, Sie können die einzelnen Klauseln lesen.« Vilbort empfand eine tiefe Bewunderung für dies ungezwungene Sichgehenlassen. Denn er ahnte recht wohl, daß der joviale Hüne vor ihm seine Bärenkraft in unaufhörlichen Kämpfen aufrieb. Er machte sich einige Notizen: »Nicht wahr, am 12. forderte Graf Karolyi seine Pässe, am 14. legte der preußische Gesandte die Akte des neuen Bundes auf den Tisch des Bundestages nieder, wonach Österreich ausgeschlossen und der alte Vertrag erloschen sei?« »Stimmt auffallend. Die Einheit Deutschlands, über alle äußeren Formen erhaben, ist unser einziges Ziel, das der Feinde die Zerschmetterung Preußens. Lesen Sie nur die ›Wiener Presse‹ und die ›Augsburger Allgemeine‹! Da gehen einem die Augen über.« »Ich weiß. Eure Exzellenz täuschen sich wohl darüber nicht, daß man in ganz Europa an Ihre Niederlage glaubt. Sie ziehen in einen ungleichen Kampf. Ich vernahm, daß der Ihnen so wohlgesinnte Zar beim Auszug preußischer Reservisten aus Petersburg wehmütig und nassen Auges rief, ›Ihr werdet euer Vaterland auch nicht mehr retten.‹ Auch er wie Frankreich versuchten noch am 23. Mai, den zum Schwertschlag Ausholenden in den Arm zu fallen.« »Worauf Österreich am 1. Juni den Streit an den Bundestag verwies, also den Gasteiner Vertrag zerriß. Juridisch und moralisch sind wir allein im Recht.« »Ach, Exzellenz sagen ja selber: Macht geht vor Recht. Österreich hat 800 000 Mann, Bayern allein 200 000, Württemberg 40 000.« Otto lachte aus vollem Halse. »Auf dem Papiere. Wenn das Ihre Schmerzen sind! Unser Generalstab weiß es besser. Österreich hat keine 500 000, der Bund 185 000 Sollstärke, in Wahrheit noch nicht mal so viel. Wir werden 650 000 aufbieten, wovon 400 000 in erster Linie. Und da Bayern nur 42 000, Württemberg kaum 14 000 hat, so werden eine Handvoll Preußen gegen den Bund genügen. Denn hier macht zweimal zwei nicht vier, qualitativ sind wir so ungeheuer überlegen. Nur die Unwissenden gehen zage in diesen Kampf hinein, ich weiß, daß Preußen siegt wie noch nie. Übrigens gehen 100 000 Österreicher gegen Italien ab, das doppelt so viel aufbietet.« »Eine recht geringe Meinung scheint man also in Wien von italienischer Wehrkraft zu haben. Die Enthüllungen Eurer Exzellenz sind mir sehr wertvoll.« Nachdem der Franzose sich verabschiedete, lief Otto unruhig im Garten umher. Ja, wenn es nur so weit wäre! Aus dem Schlosse sollte die Kunde eintreffen, daß der König sein Kriegsmanifest an sein Volk unterzeichnet habe. Auf besondere Kriegserklärung ließen sich beide Parteien nicht ein, da man schon seit einem Monat kriegsbereit gegeneinander stand. Erst jetzt kam aus hundert militärischen und politischen Gründen der richtige Augenblick, es mußte auch erst der napoleonische Friedenskongreß abgeblitzt sein. Vor allem handelte es sich um Genehmigung der Sommation an die Höfe von Dresden, Hannover, Kassel, binnen zwölf Stunden die Neutralität zu erklären oder die Folgen zu tragen. Doch immer noch blieb der Feldjäger aus dem Palais unsichtbar. Noch in letzter Stunde werden sie den König zu umgarnen suchen. Ich höre Streber wie Bethmann-Hollweg munkeln über meine lebensgefährlichen Widersprüche ohne Folgerichtigkeit, und derlei Geschwätz, über ränkevolle Tücke, die allem Ausland das Vertrauen raubte und dennoch das Vertrauen des Königs besitze. »Hast du schlimme Nachrichten?« fragte Nanne besorgt. »Nein, aber keine, was schlimmer ist.« Da schellte es an der Haustür – der Feldjäger – hurra, der Würfel ist gefallen! * Am Morgen fand er Moltke im Salon Johannas warten. »Sie regten an, ob wir 24 Stunden früher die Feindseligkeiten eröffnen können? Wegen Sachsen und Hannover? Topp, es soll geschehen.« In der Tür wandte der Hagere sich um und schmunzelte: »Die Sachsen haben die Dresdener Brücke gesprengt!« »Schade!« »Aber nur mit Wasser, wegen Staub.« Wenn der alte Herr so schlechte Scherze macht, muß unsere Sache gut stehen. – Er fuhr schon vorher mittags beim Erbprinzen Friedrich Wilhelm von Kurhessen vor, der sich in Berlin befand, um die Dinge aus der Nähe zu beobachten. »Ich rate Eure Hoheit dringend, sofort per Extrazug sich nach Kassel zu begeben, um Ihre Neutralität zu sichern, entweder indem Sie dem Kurfürsten die Lage im rechten Lichte zeigen oder auf Ihre eigene Verantwortlichkeit.« »Wie käme ich dazu und warum Extrazug?« Der Erbprinz steckte eine verdrossene süffisante Miene auf. »Weil es sonst zu spät wäre, die Besetzung Hessens durch unsere Truppen rückgängig zu machen. Division Beyer steht vor Wetzlar und wird sofort in Kassel einrücken, die anderen unserer Streitkräfte kommen durch Hannover.« »Ah, das soll auch vergewaltigt werden?« »Wenn Sie es so nennen wollen. Ich bedauere es tief. Bis zum Frühjahr schien dieser Staat vernünftigen Erwägungen Gehör zu geben. Der Minister, Graf Platen, ein alter Freund von mir, war noch Ende Januar in Berlin.« »Um ein Verlöbnis zwischen Ihrem Prinz Albrecht und der Prinzeß Friederike von Hannover zustande zu bringen. Doch Sie sehen,« sein Lächeln entbehrte nicht einer gewissen Schadenfreude, »die schönsten Pläne können zu Wasser werden.« »Ich möchte Eurer Hoheit gehorsamst empfehlen, die Dinge nicht auf die leichte Achsel zu nehmen. Der österreichische General, Graf Solens, ein Stiefbruder des Königs Georg, hat die berühmten 800 000 Österreicher ins Treffen geführt und so den armen blinden Herrscher noch mehr verblendet. Daß er seit April rüstet und meine Anfrage nach dem Warum mit dem Witze beantwortete, die Herbstmanöver würden aus ökonomischen Gründen diesmal im Frühjahr abgehalten, wird ihm vielleicht den Thron kosten.« »Oho!« brauste der Erbprinz auf. »Sie verfügen zwanglos über deutsche Souveräne. Der Kaiser ist auch noch da, und es wird uns wohl erlaubt sein, uns zu wehren.« »Soviel Sie können«, versetzte Otto eiskalt. »Diesmal wird es überall heißen Vae victis . Die elenden Schwätzer im Süden, wie mein Bekannter Varnbüler, der als württembergischer Premier völlig den Verstand verlor, zitieren diesen Spruch gegen uns, doch sie werden bald inne werden, daß Hochmut vor den Fall kommt. Wollen Eure Hoheit den Fortbestand Kurhessens ermöglichen oder nicht?« Der Prinz hatte eine unbestimmte Erinnerung aus der Geschichtsstunde, als ob so ein römischer Prokonsul mit dem historischen Togazipfel zu hantieren pflegte: Krieg oder Frieden?! Das erbitterte ihn noch mehr. Preußen ist doch nicht Rom! »Ich werde mir die unnützen Kosten eines Extrazuges sparen und mit dem fahrplanmäßigen gewöhnlichen Zuge reisen.« »Ist Ihnen der hessische Thron keinen Extrazug wert? Wenn Sie Neutralität verweigern, so wird nach unserem Siege Kurhessen verschwinden, das zeige ich Ihnen an. Siegt aber Österreich, so können Sie sich mit force majeure entschuldigen und man wird Ihnen vielleicht noch preußische Landesteile zuschanzen. Droht man doch schon, es sei viel für Deutschlands Zukunft gewonnen, wenn Sachsen und Hannover ums Doppelte vergrößert werden. An letzteres hat man den Regierungsbezirk Minden versprochen. Nach solcher erst zweideutigen und dann offenkundigen Feindseligkeit werden wir keine Rücksicht nehmen. Bedenken Sie jedoch, daß es uns gar nicht ums Depossedieren von Einzelfürsten und territoriale Bereicherung zu tun ist, sondern um den neuen Deutschen Bund unter Preußens Leitung. Ich warne Eure Hoheit, uns nicht zu schärferer Auffassung zu zwingen. Denn der Existenz von Feinden in Norddeutschland werden wir ein Ende machen.« »Wie Sie schon Holstein durch Ihren General Manteuffel sich aneigneten, möchten Sie dies anderswo auch. Ich habe die Ehre, die Unterredung zu schließen. Wir sehen uns ja wohl noch mal im Leben, und Österreich wird ein Wort mitreden.« Als Otto ging, flüsterte er freudig: Gott sei Dank! Wen Gott verderben will, den blendet er. Ich muß natürlich mich friedfertig anstellen und die Hand hinstrecken, um die Abneigung des Königs gegen Entthronung Schritt für Schritt zu dämpfen, durch Empörung über schnöde Abweisung unserer Versöhnlichkeit, habe ich nicht noch vor vier Wochen Hannover erklärt, daß die Pflicht der Selbsterhaltung für uns allen vorgehe? Doch ich wußte vorher, daß man verstockt bleiben werde. – Jetzt gingen Telegramme und Boten hin und her, der Chef des Großen Generalstabs wußte jeden Tag etwas Neues, was des Menschen Herz erfreute. Am 15. Manteuffel über die Elbe, Vogel v. Falkenstein von Minden auf Hannover, am 17. Division Goeben dort, aus Göttingen die hannoversche kleine Armee mit dem König in Marsch auf Eisenach. Die sächsische mit König Johann nach Böhmen abmarschiert. Am 18., 19. Dresden und Leipzig besetzt. Ganz Hessen überrannt wie Hannover, ganz Norddeutschland am 20. in preußischen Händen. »Den Kurfürsten hätten wir nun. Der eigensinnige Narr blieb in Wilhelmshöhe sitzen, als werde sich niemand an seine geheiligte Person wagen, Seine Majestät wird ihn als Festungsgefangenen internieren. Wie steht es mit der hannoverschen Armee?« fragte Otto bei Moltke an. »Ich fürchte, sie entkommt uns, es sei denn, daß die Bayern ihnen nicht rechtzeitig die Hand reichen. Die stehen in Bamberg aufmarschiert, doch ich zweifle an ihrer Marschfähigkeit. Wir werden binnen einer Woche 50 000 Mann als Mainarmee versammelt haben, doch vorher stehen nur Detachements nahe genug, um den Durchbruch aufzufangen.« »Dann muß ich Ihnen zu Hilfe kommen,« lächelte Otto. »Das Auswärtige Amt erhielt nämlich Depeschen von König Georg, er will unterhandeln, der Herzog von Koburg dient als Mittelsmann. Wir können mehrere Tage gewinnen, wenn Ihnen das recht ist.« »O, zehnmal recht! Doch was höre ich? Er will nachträglich einlenken?« »Vielleicht nur, um die Bayern herankommen zu lassen. Ich werde jedenfalls so verhandeln, als ob er uns täuschen wolle. Es soll ihm nichts nützen.« »Wenn er auf die Großmut des Königs spekuliert –« »Das ist meine größte Sorge. Jetzt redet er von Militärkonvention, Eintritt in unseren Bund, doch alles so verklausuliert und zögernd, daß die Halbheit wie böse Absicht wirkt. Vielleicht bekam er wirklich Angst und will sich salvieren. Doch sein Dünkel wird über Nacht erwachen, er wird zuletzt sich störrisch zeigen, und bis dahin haben Sie ihn in der Falle.« »Nur bedingungslose Kapitulation oder Übertritt seiner Truppen unter unsere Fahnen! Doch mit letzteren könnte er sich politisch noch retten?« »Fürchten Sie nichts, sein starrköpfiger Hochmut wird sich nie dazu verstehen, und das weiße Welfenroß seines Wappens schlägt immer nach hinten aus. Auch wird er von Österreichs Sieg seine Erlösung hoffen.« »Da kann er lange warten.« Der große Schweiger, wie man ihn nannte, hatte schon zu viel gesprochen und kramte in seinen Karten, um anzuzeigen, daß er nichts mehr zu reden wünsche. »Nur ein Wort noch! Der Feldzeugmeister Benedek?« »Mir ein Rätsel. Steht bei Olmütz und scheint auf Josefstadt zu marschieren. Die Nachricht kann täuschen. Doch die nächsten Tage werden lehren, ob er wirklich die Grenzpässe nicht ordentlich verteidigt.« »Will er uns nach Böhmen hineinlocken?« »Möglich. Seine Stabschefs Henikstein und Krismanic sind gelehrte Theoretiker und sind wohl auf die innere Linie versessen. Sie ahnen nichts von unserer Beweglichkeit und überlegenen Bewaffnung, die uns erlaubt, auch in getrennten Aktionen den Stoß auszuhalten, indes unsere Einkreisung immer enger sich schließt.« »Ich kenne Ihr Motto: Erst wägen, dann wagen! Daß Sie alles vorher überlegten, weiß ich.« Moltke brummte etwas und sah öde an ihm vorbei, als wolle er andeuten, er verschmähe strategische Vorträge vor einem Nichtfachmann. »Nur noch eins. Die Italiener?« »Werden wohl höllische Klopfe kriegen. Lamarmora hat weder Talent noch Charakter.« »Ich habe das Meinige getan, schon am 19. durch Usedom eine Note überreichen lassen, die Ihre Ideen widergibt. Unser Unterhändler Theodor v. Bernhardi hatte dies schon erläutert. Also Vordringen durch Kärnten auf Ungarn, wohin wir ein fliegendes Korps aus Schlesien senden wollen, um eventuell dort Insurrektion zu entfesseln.« »Davon verspreche ich mir nichts, aber auch nichts von Lamarmoras Befolgen der Vorschläge. Wer was kann, kann was lernen, wer nichts kann, kann auch nichts lernen. Wir werden die ebensowenig brauchen wie die Ungarn und werden allein fertig werden.« – Plautz, da lag schon die Bescherung: schmähliche Niederlage der Italiener bei Custozza. Dort fing der Feldzug schlecht an. Doch in Berlin vergaß man plötzlich allen Parteihader. Der preußische Adler hatte seine Schwingen entfaltet und trug alles kleinliche mit sich davon. Podol, Münchengrätz, Nachod – die Namen Steinmetz und Division Horn waren in aller Munde – Schlesier und Thüringer hatten sich mit Ruhm bedeckt – fortwährend Gefangene und Trophäen. Zwar lief die Hiobspost von einer Schlappe bei Trautenau um, die der unfähige Bonin, sonst ein nobler Charakter und Freund des Königs, bei Trautenau erlitt. Doch in folgenden Tagen wußte man, daß die Garde diese Scharte bei Soor glänzend auswetzte und auf der anderen Seite die Brandenburger vordrangen. Jetzt gab es jeden Abend Serenaden vor dem Ministerium des Auswärtigen. Auch ein Mißerfolg von Landwehr gegen die doppelt so starken Hannoveraner bei Langensalza wurde richtig gewürdigt als strategisches Manöver. Die Treffen von Stalitz und Gitschin waren im Gange, die preußischen Fahnen wehten siegreich nach Böhmen hinein. Otto strahlte von Siegeslust, seine Tischgäste staunten über sein frisches Aussehen, seine neubelebte Kraft. »Die telegraphische Verbindung mit Italien ist unterbrochen«, kam die Meldung. Ohne sich im Gespräch stören zu lassen, wies Otto kurz den Legationsrat an: »Lieber Keudell, befehlen Sie, daß die Telegramme über London befördert werden!« Eine kurze Weile darauf hieß es: »Exzellenz v. Moltke wartet.« Mit einem Sprunge war Bismarck draußen, wo die lange hagere Gestalt des Generals an der Tür lehnte. »Was bringen Sie? Geht die hannoversche Sache gut?« »Wie am Schnürchen. Man hat soeben kapituliert. Es handelt sich jetzt darum, daß das große Hauptquartier nach Böhmen zur Armee verlegt werden muß. Seine Majestät muß sich zu den Truppen begeben, um ihre Stimmung zu heben.« »Ich werde dafür sorgen und Majestät Vortrag halten, er wünscht sich nichts Lieberes. Natürlich begleite ich ihn.« Moltke schien das nicht sonderlich gern zu hören. »Es wäre vielleicht gut, wenn Sie zurückblieben, um die politische Aktion zu überwachen.« »Das tue ich weit besser, wenn ich den Ereignissen nahe bin. Ist eine Entscheidung bevorstehend?« »Höchstwahrscheinlich. Jedenfalls naht sie sich bald.« »Dann wird auch bald der Zeitpunkt eintreten, wo die Politik den Kriegserfolg ergänzen muß. Ich werde an Ort und Stelle sein.« »Ganz wie Sie belieben. Ich bitte also, Seine Majestät sofort in Kenntnis zu setzen.« Moltke ging mit kurzem militärischem Gruß. Die Militärs möchten mich fernhalten! dachte Otto beunruhigt, daraus wird nichts. Er plauderte wieder mit größter Unbefangenheit und lud die Gäste ein, ihm in den Garten zu folgen. Kurze Besprechung mit General v. Werder unterbrach die Promenade, dann führte der Wirt sorglos seine Freunde im Garten herum, an dessen wohlgepflegtem Rasen er sich freute. »Wie das wohltut! Die Natur macht immer wieder frisch, die alte Mutter Erde. Die Sage vom Antäus, der stets neue Kraft beim Ringen erhielt, sobald er die Erde berührte, hat tiefen Sinn. Heute morgen war ich so übermüdet, daß ich im Vorzimmer des Königs auf einem Sofa einschlief. Wissen Sie was? Kommen Sie mit mir in meinen Eiskeller! Von dort blickt man ins Grüne der großen Gärten hinter der Wilhelmstraße. Man kann nie genug Grün und Laubwipfel sehen.« Ein Gewitter zog herauf, zugleich mit ihm eine brausende Volksmenge, die aus den beflaggten Linden in die Wilhelmstraße lenkte. Skalitz, ein neuer Sieg, Depeschen soeben eingetroffen! Und damit nicht genug, erfuhr das jauchzende Berlin, daß das ganze hannoversche Heer mit König Georg bedingungslos die Waffen streckte. Teils seinem eigenen ritterlichen Sinn gehorchend, teils auf Ottos Rat hatte der König dem nach Berlin gesandten Parlamentär mildernde Zusätze gemacht, die für die Zukunft jeden Stachel gekränkter Waffenehre entfernten, und dabei blieb es, eine staatskluge Großmut. Die Hessen entzogen sich früher ähnlichem Schicksal durch Abmarsch nach Frankfurt zum Bundeskorps des Prinzen Alexander. Da die Ovationen ihm keine Ruhe ließen, trat Otto auf den Balkon. Ein Blitz beleuchtete sein Gesicht, ein Donnerschlag rollte in den Lüften. Zum erstenmal im Leben in theatralisches Pathos verfallend, hob er die Hand und rief: »Der Himmel schießt mit Viktoria!« Unermeßlicher Jubel. Was noch von Haß, Neid, persönlicher und politischer Feindschaft umherschlich, wagte sich nicht ans Licht. Jetzt zum erstenmal in seinem langen mühevollen Leben hörte der Wiederaufrichter Preußens, der schon um ein Jahr das 50. Lebensjahr überschritt, den begeisterten Zuruf einer bewegten Volksmasse. Wer in Berlin hätte je geglaubt, daß die antikönigliche Hauptstadt, die Hochburg der Demokraten, den Heilruf hören werde, der überall gen Himmel stieg: »Hoch Bismarck, hoch, hoch, hoch!« Er seufzte leicht. Berlin war nicht Deutschland. Doch ein gut Stück Weges war gewonnen. Und vielleicht kam einst die Stunde, wo die ganze Nation rufen würde: Heil dem Retter Deutschlands! »Ich kehre nie heim in einem geschlagenen Heere. Beim letzten Angriff falle ich, man stirbt nur einmal, sterben ist leichter als geschlagen werden!« verabschiedete er sich ernst vom englischen Gesandten. Der edle Lord dachte, daß man sich um deutsche Bagatellen doch nicht so viel aufregen solle. – Auf der Fahrt zum Kriegsschauplatz nach Böhmen hatte natürlich Moltke das Wort und trat in den Vordergrund. Der alte Herr, mit Jahrhundertbeginn geboren, stand im sechsundsechzigsten Lebensjahre. Eine seltsame Schicksalsfügung, die jedem auffiel, der daran dachte. 66! Das Schicksalsjahr und der Mann, das Jahrhundert und der Führer! Bisher völlig unbekannt, außer in den höchsten Kreisen der Armee, nur vom König, der ihn entdeckte, von Bismarck und Roon gewürdigt, stand der Greis plötzlich in weltgeschichtlicher Glorie da. Denn daß der blitzschnelle Aufmarsch, das pünktliche Vordringen der getrennten Heere auf allen Grenzlinien, die Leitung des Ganzen auf beiden Teilen des gewaltigen Feldzuges im Westen und Südosten sein Werk sei, das verbreitete sich jetzt schon bei allen Heeresstäben, nicht aber bei den einzelnen Korps- und Divisionschefs, für welche Prinz Friedrich Karl der eigentliche Feldherr galt. »Sie müssen eine hohe Befriedigung empfinden,« bemerkte Roon achtungsvoll. »Und Sie auch. Denn daß die Armee ein so scharfgeschliffenes Schwert ist, das verdankt man Ihnen.« Otto sann betroffen über diesen Wechsel nach, hier war einer, noch 15 Jahre älter als er, noch viel unbekannter durchs Leben gegangen, und nun plötzlich über Nacht in seiner Bedeutung erkannt. Ach, in Deutschland muß man das Talent haben, alt zu werden! hat ein anderer Großer gesagt, der auch erst jetzt eine zweifelhafte Berühmtheit errang und noch als Fünfziger nicht gewußt hatte, wohin sein Haupt legen. In Bayern saß jetzt bald der zweite Ludwig auf dem Throne, der an Ottos Sehwinkel so flüchtig als Kronprinz vorüberhuschte, und huldigte dem Meister der Töne, der einzigen erstrangigen Kunsterscheinung seit Goethes Tode. Es war, als ob die vulkanische Erschütterung des 48er Frühlings allenthalben in deutschen Gauen die Erde gelockert habe für überreiche Saat, die langsam reifend im blendenden Flor stand. Denn auch in den Wissenschaften sah sich das Geschlecht der Ehrenberg, Mitzscherlich, Raumer, Riebuhr, Gervinus, Dahlmann, unter dem der einzige Geniale, Robert Mayer, spurlos und verkannt durchs Leben schritt und der uralte Humboldt doch schon einer früheren Goetheschen Periode angehörte, durch weit Bedeutendere abgelöst, an deren Spitze der unsterbliche Helmholtz und in anderer Sphäre Ranke standen. Und alles alte Herren, alle in einem Alter, wo sonst bei gewöhnlichen Menschen jede Spannkraft erlahmt und jede Tätigkeit versiegt. Bei diesem Geschlecht von deutschen Greisen, die sich um einen weißbärtigen König gruppierten, wuchsen Schaffenslust und Schaffensmacht mit dem Alter, wie sie alle erst als betagte Reife ihre Namen der weiten Welt eingruben. Moltke hielt einen längeren klaren Vortrag im Salonwagen des Königs. »Der Ausfall mit Italien kam nicht unerwartet, immerhin bleibt es eine merkliche Einbuße an Kraft. Die italienische Armee ist auf zwei Wochen lahmgelegt und wird wohl überhaupt nichts mehr leisten. Freilich wäre die Niederlage nicht so arg geworden, wenn nicht überraschenderweise der Erzherzog Albrecht sich als ein wirklicher Feldherr entpuppt hätte. Als Sohn des Erzherzogs Karl führt er dessen strategische Prinzipien mit entschieden mehr Entschlossenheit aus, als jenem zu Gebote stand. Wir können uns Glück wünschen, daß wir nicht ihn in Böhmen gegenüber haben.« »Sie halten also nichts von Benedek?« fragte der König. »Nach bisherigem kann ich unmöglich anders denken. Sein Vorschieben von nur drei Korps an die Grenze, indes er mit acht anderen weit zurück am Josefstädter Plateau auf dem Flecke stampfte und dann nur drei isolierte andere Korps viel zu spät gegen unsere zweite Armee vorstieß, könnte doch nur zu Teilniederlagen führen. So geschah es auch. Die Trennung unserer Armeen besteht schon jetzt kaum mehr. Eure Majestät haben Vereinung aller Kräfte auf Gitschin befohlen und die Ausführung steht in den nächsten Tagen bevor.« Die Fiktion, daß der König die strategischen Schachzüge befehle, wurde dienstlich durchweg festgehalten, jede Direktive Moltkes begann: Seine Majestät befehlen, was im Interesse des Dienstes schon deshalb geboten schien, um die sonst nicht unbedingt vorauszusetzende Unterordnung der verschiedenen Armeeführer zu erzwingen. »Ich wünschte gern ein Resümee der einzelnen Aktionen«, forschte der König, der natürlich mit Sachverständnis die kriegerische Entwicklung verfolgte und oft die Karte zu Rate zog. »Zu Befehl. Im Westen besitzen wir also so gut wie alles Land bis zur Mainlinie. Die Bayern stehen tatlos bei Bamberg, die übrigen bei Frankfurt. Es wird die Aufgabe des Generals Vogel v. Falckenstein sein, sie dauernd zu trennen und auf der inneren Linie zu operieren.« »Es kam mir zu Ohren, daß sowohl Sie als Graf Bismarck keine günstige Meinung über diesen Heerführer haben. Er hat doch eine glänzende militärische Turnüre.« Moltke lächelte nur inwendig. Er selbst sah gewissermaßen wie ein Schulmeister aus und hatte nicht das geringste an sich, was naiven Begriffen von martialischen Bramarbassen entspricht. Zwar deckte sich seine hohe überschlanke Gestalt nicht mit dem wahren historischen Bilder berühmter Feldherren (Napoleon, Friedrich der Große, Erzherzog Karl, Wellington, Nelson, Karl XII., Prinz Eugen von Savoyen, Bülow v. Dennevitz, Massena usw.), die sämtlich sehr klein und schmächtig oder höchstens mittelgroß und in manchen Fällen (Torstenson, Wallenstein usw.) sehr kränklich waren. Dies seltsame physische Gesetz, das wahrscheinlich auf der feurigen Nervosität und dem völligen Überwiegen des Gehirnlebens bei Feldherrnnaturen beruht (auch Moltkes eigentlicher Vorläufer im Generalstabsfach, Marschall Berthier, war ein kleiner untersetzter Mann), konnte in der hochgewachsenen norddeutschen Rasse kaum in die Erscheinung treten. Immerhin stellten der ruhmvolle Stabschef des Kronprinzen, der kleine schmächtige Blumenthal, und der hagere bebrillte Goeben einen solchen Typus dar, und im Zivil würde niemand den großen Kriegslehrer Moltke für einen Militär gehalten haben. Sein bleiches, scharfgeschnittenes Gesicht mit den weitgeöffneten Augen, die übrigens etwas Geisterhaftes hatten, verriet allerdings für jeden Verstehenden den Organisator des Sieges, den Kriegsindustriellen, der eine Armee leitete wie eine Kruppsche Fabrik, den Kriegswissenschaftler größten Stils. Die großen Kriegs künstler (Napoleon, Friedrich der Große, Hannibal) haben ein anderes Temperament, aber es wäre unziemlich zu leugnen, daß der dämonische Vernichtungstrieb, die feindliche Masse zu zerreiben, auch diesem anscheinend so kühlen und temperamentlosen Feldherrn innewohnte. Am liebsten hätte er auf des Königs Frage den ungerechten Ausspruch Napoleons über Wellington zitiert: Er ist nur Soldat, er hat keinen Geist. Er begnügte sich jedoch zu erwidern: »General v. Falckenstein ist ein recht guter Militär, aber von seiner Wichtigkeit zu sehr durchdrungen und vielleicht nicht angemessen für größere Operation begabt. Wir werden ja sehen. Um so mehr verspreche ich mir von seinem Untergebenen, dem General v. Goeben.« »Das freut mich sehr zu hören«, sagte der König lebhaft. Mit seinem nie irrenden wunderbaren Instinkt hatte er für diesen kränklichen Brillenträger eine Vorliebe. »Wenn ich Ihre Andeutung recht verstehe, läßt es der General v. Falckenstein an der nötigen strengen Subordination fehlen? Das werde ich niemals dulden.« »Eure Majestät berühren den wunden Punkt«, fiel Otto ein. »In den ziemlich verwickelten Verhandlungen über die Kapitulation, wozu König Georgs schwankendes Hin und Her und seine Winkelzüge Anlaß gaben, hatte die Politik ein entscheidendes Wort. Ich fand jedoch bei General v. Falckenstein dafür kein Verständnis. Ich möchte überhaupt bemerken, daß laut Clausewitz der Krieg nur Fortsetzung der Politik sein soll und daß daher in allen Fragen, die auf das politische Endziel hinauslaufen, der Staatsmann den Vortritt haben muß.« Er warf einen heimlichen Seitenblick auf Moltke, der leicht die Stirn runzelte. Schon witterte er die Eifersüchtelei der Ressorts. »Das versteht sich von selber«, sagte der König arglos. »Nun, die Dinge im Westen liegen zu klar. Dank unserer überlegenen Mobilisierung sind uns dort und auch in Sachsen reiche Vorräte in die Hände gefallen, und wir können fortan all diese Länder – Schleswig-Holstein, Hannover, Hessen, Sachsen – für Kriegswirtschaft ausnutzen. Was mich besonders erhebt, ist die Haltung der Bevölkerungen im Norden und Westen, die keinerlei feindselige Gesinnung gegen Preußen ausdrückten. In Hannover hatte ja sogar eine Adresse der Bürgerschaft den König beschworen, sich lieber Preußen anzuschließen. »Was mich am meisten erhebt«, fiel Bismarck ein, »ist Eurer Majestät tiefe Einsicht in die wahren Untergründe dieses Nationalkrieges. Tatsächlich haben wir jetzt schon ganz Norddeutschland vereint in der Hand. Die sächsischen, mecklenburgischen, lippeschen Fürstentümer und die Hansastädte stellen vertragsmäßig jetzt ihr Kontingent zu unseren Fahnen. Übrigens erkenne ich dankbar an, daß Herzog Ernst von Koburg, dessen Regiment ja schon bei Langensalza rühmlich focht, diplomatisch uns in den Verhandlungen mit König Georg wertvolle Dienste leistete.« Von welfischer Seite behauptete man später, daß Otto und Herzog Ernst dabei krumme Wege nicht gescheut und die Verhandlungen mit absichtlicher Täuschung bis zur Unvermeidlichkeit der Kapitulation hingezogen hätten. Etwas Wahres ist daran, aber man darf nicht vergessen, daß die fortwährenden Schwankungen des unglücklichen Blinden und das allzu großmütige Fühlen des Königs Wilhelm, das Otto anfangs die Hände band, ihn dazu zwangen, den Winkelzügen der hannoverschen Unterhändler, die ihrerseits auf bayrische Hilfe lauerten, mit gleicher Münze zu dienen. »Was nun die Gefechte in Böhmen betrifft«, fuhr der König fort, »so wäre mir lieb, Genaues über die Verluste zu erfahren, da sich danach der Erfolg abschätzen läßt.« »Damit kann ich Eurer Majestät dienen.« Moltke zog ein Notizbuch zu Rate. »Allenthalben hat unsere überlegene Bewaffnung und Fechtweise den Verlust des Gegners unverhältnismäßig erhöht und ihn so erschüttert, daß übermäßig viel Gefangene in unseren Händen blieben. Übrigens trat ein solches Mißverhältnis sogar bei Langensalza zutage, wo unsere Landwehren doch noch gar nicht mit dem Zündnadelgewehr bewaffnet und die Feinde an Zahl wie 20:8 waren. Selbst hier verloren wir nur 850, die Hannoveraner rund 1300. In Böhmen ergaben sich folgende Ziffern. Podol: das I. böhmische Korps Chlam, vornehmlich die berühmte ›eiserne‹ Brigade Poschacher, von Brigade Bose über die Iser geworfen, wobei nur vier Thüringer Bataillone und eine Kompagnie Jäger fochten. Verlust 130, österreichischer mindestens über 1000, wovon über 500 Gefangene. 27. Juni. Trautenau: Das X. Korps Gablentz fast völlig eingesetzt, unsererseits tadelnswerte Gefechtsleitung und zu weite Entfernung der Artillerie. Verlust unserer Ostpreußen, hauptsächlich Regimenter 4, 43, 44, rund 1350, dabei ein Oberst, zwei Oberstleutnants, fünf Majore tot und verwundet. Der Gegner soll 5800 nach ungefährer Schätzung eingebüßt haben. Daß unsere Truppen sich trotz alldem überlegen schlugen, beweist schon der Umstand, daß wie gemeldet wird, die Fahne des II. Bataillons Regiment Bamberg nur durch Aufopferung eines k. k. Oberleutnants gerettet wurde. Regiment Airoldi soll vernichtet sein. Die Einwohnerschaft von Trautenau beteiligte sich heimtückisch am Kampfe, die Rädelsführer erwartet dafür das Kriegsgericht.« »So etwas ist besonders gräßlich!« klagte der König. »Nachod: IV. Korps Ramming und Kürassierdivision Prinz Holstein gegen Korps Steinmetz. Die Österreicher fochten sehr brav, die Unseren unter bedeutenden Schwierigkeiten beim Überschreiten des Plateaudefilees. Erstere verloren wahrscheinlich 7500, wovon über 2000 unverwundete Gefangene, letztere über 1100, wobei zwei Generale, ein Oberst, ein Oberstleutnant, vier Majore tot und verwundet. Unsere schlesisch-westpreußische Kavallerie warf die österreichische völlig und nahm ihr zwei Standarten ab. Außerdem nahmen wir acht Geschütze. Die Obersten der Infanterieregimenter Gondrecourt und Kronprinz von Preußen fielen verwundet in Gefangenschaft, das berühmte Regiment Deutschmeister soll sehr gelitten haben und verlor eine Fahne. Am 28. Münchengrätz: Rheinische Truppen von der Elbarmee, Thüringer und Magdeburger der I. Armee, Verlust 340, der Feind ließ 1400 Gefangene zurück und wird Chlam-Gallas im ganzen 2000 verloren haben. Gleichzeitig Soor, Garde gegen Gablenz. Erstere, hauptsächlich Kaiser Franz, Füsilierregiment, 2. Garde, verlor 700. Da Gablenz allein 3000 Gefangene verlor (Brigade Grivicic vernichtet, ihr Kommandeur und zwei Oberste gefangen), wird er im ganzen 4000 nebst acht Geschützen verloren haben. Gleichzeitig Skalitz – VIII. Korps Erzherzog Leopold und Kürassierbrigade Schindlöcker gegen Steinmetz, unser Verlust betrug fast 1400. Der Feind schlug sich tapfer, besonders Brigaden Kreyßtern und Fragnern, deren Kommandeure fielen, und litt schwer, Regimenter Reischach und Salvator wurden teilweise aufgerieben. Wahrscheinlich 5000 bluteten oder wurden gefangen, sechs Geschütze gingen verloren. Wir haben also überall den doppelten Eindruck erstlich von der Überlegenheit unserer Truppen, die angriffsweise eine solche Übermacht über den Haufen warfen, und von der geringen Fähigkeit der feindlichen Führung, die ihre Übermacht nie auszunutzen verstand. Die Garde warf am 29. ein feindliches Detachement aus Königinhof, was uns nur 70, dem Gegner wohl 600 (zwei Drittel davon Gefangene) kostete. Und am gleichen Tage bei Schweinschädel trieb Steinmetz erneut das frisch angelangte IV. Korps Festetics vor sich her, ersterer verlor rund 400, letzterer vermutlich 1300, meist nur von einem Regiment, da der Feind von vornherein abzog und im Grunde nur ein Nachhutgefecht lieferte. Das Gesamtergebnis ist also, daß wir im ganzen 5000, die Feinde fast 30 000 verloren. Nur die gute Artillerie macht uns zu schaffen, die Infanterie kann nicht gegen unsere aufkommen.« »Sehr schöne Aussichten! Doch der Block der Hauptmasse steht noch unversehrt. Glauben Sie an baldige Entscheidungsschlacht?« »Ja, Benedek hat sich offenbar in die innere Linie verliebt und begreift nicht, daß sie nur offensiv ihre Stärke hat. Ursprünglich wollte er sich wohl auf den einen Teil unseres getrennten Vormarsches stürzen, doch mögen ihn zu langsame Mobilisierung und schlechte Verpflegung behindert haben. Jetzt ist es zu spät.« »Warum denn?« warf Otto ein. »Der Kronprinz steht ihm so nahe, daß er immer noch mit versammelter Macht gegen ihn ausfallen könnte. Ich nehme an, daß er eine zentrale Stellung hat.« Moltke blinzelte unangenehm. Ein Zivilist, und sei er zehnmal Ministerpräsident, hat nicht dreinzureden. Was der Mensch sich herausnahm! Doch der König mit seinem gesunden Blick stimmte bei: »Das scheint mir auch so. Der Kronprinz befindet sich in schwieriger Lage.« »Deshalb haben Eure Majestät ja heute nach Mittag, 12 Uhr 45 Minuten, meine telegraphische Direktive aus Kohlfurt genehmigt, einen Zusammenschluß der I. und II. Armee bei Königinhof zu bewirken. Die Elbarmee solle inzwischen jede Flankenbedrohung angriffsweise ablehnen und solche Flankenkräfte von der feindlichen Hauptarmee abdrängen.« Es fiel Otto auf, wie sonderbar Moltke mit Voraussetzungen operierte. Die Elbarmee »soll« dies und »soll« das, aber wenn General Herwarth v. Bittenfeld nun weder will noch kann? Das »will« läßt sich später nicht genau feststellen, das »kann« noch weniger, Moltkes System setzte also lauter vorzügliche Armeeführer voraus. Napoleon sah aber hierin den wahren Fehler der äußeren Linien: weil man dabei mehrere gute Generale braucht, gewöhnlich hat man nur einen. Wußte denn Moltke so genau, daß Friedrich Karl und der Kronprinz (lies: General v. Blumenthal) wirkliche Feldherren waren? Er selber hatte (irrigerweise) keine übergroße Meinung von ihnen. Und der General Herwarth war ein braver Haudegen wie sein Ahne, der als Oberst der Mindener Füsiliere bei Kolin fiel, sonst nichts. Als man am 30. abends in Reichenberg anlangte, bekam Bismarck freilich einen Vorgeschmack davon, wie durchaus selbständig die beiden Armeechefs handelten. Die Kunde von Schweinschädel und Königinhof empfing man schon früher, doch erst hier vernahm man, daß Friedrich Karl ein großes glänzendes Treffen bei Gitschin lieferte und selbständig in Richtung auf Königinhof vorrückte, obschon er von den Fortschritten der II. Armee nichts wußte. Die Verbindung war also hergestellt, nicht durch Verdienst Moltkes, sondern der Armeechefs. In Reichenberg lag der an der Hüfte schwer verwundete Divisionsgeneral Tümpling, der sich dorthin hatte bringen lassen, und berichtete dem König begeistert über seine Truppen bei Gitschin. Nähere Details und Aussagen von Gefangenen trafen ein, infolgedessen Moltke feststellte: »Divisionen Tümpling und Werder gegen Chlam-Gallas und Sachsen nebst Kavalleriedivision Edelsheim. Unsere Brandenburger verloren etwa 1000, die Pommern 500. Die fünf österreichischen Brigaden, bei denen Ringelsheim und Piret vornehmlich gelitten zu haben scheinen, ließen 3300 Gefangene in unseren Händen, können aber schwerlich unter 6000 verloren haben. Die Sachsen brachten nur zwei Brigaden spärlich ins Feuer, können höchstens um 600 gelichtet sein. Von etwa 60 000 Feinden verwendete man nur 40 000 gegen unsere 24 000 Gewehre. Ein neuer Beweis unserer taktischen Überlegenheit.« Woran er übrigens herzlich unschuldig war. Er hatte höchst meisterhaft die Mobilisierung und den Aufmarsch geleitet, die taktischen Erfolge kamen jedoch einzig aufs Konto der Armeeführungen. (Die Zahlenangaben, wie sie nachher in seinem eigenen Generalstabswerk auftraten, übertrieben beiläufig etwas. Denn bei Nachod verloren die Österreicher nur 5700, wovon 2000 Gefangene, bei Skalitz 5600, wovon 2300 Gefangene, bei Gitschin 5500, wovon 2500 Gefangene, bei Trautenau 4800. Dafür wurde umgekehrt Benedeks Macht in der Hauptschlacht um 9000 zu niedrig geschätzt. Solche Irrtümer lassen sich nicht vermeiden, es bleibt nur bedauerlich, daß sie einmal amtlich festgelegt, sich einwurzeln, bis ein Kriegshistoriker sie ruhig den anderen nachschreibt. Jede Partei schreibt ihre eigene Kriegsgeschichte, und ein Forscher, der hineinkorrigiert, hat die unangenehmste Aufgabe, da das Publikum, unmündig wie immer, nur den sogenannten Berufenen glaubt, nämlich den amtlichen Legendenschmieden, deren Unfehlbarkeit meist auf Unwissenheit fußt.) »Der alte Steinmetz hat sich besonders mit Ruhm bedeckt«, urteilte der König. Und das war auch wirklich so, man hat es später vergessen. Die taktische Leitung bei Nachod, Skalitz, Schweinschädel war mustergültig, während das ostpreußische und Gardekorps sehr ungenügend geführt wurden. Das glänzende Gefecht bei Soor verdeckte nachher, daß die Garde weder bei Trautenau noch bei Nachod eingriff, wie sie gekonnt hätte. General v. Blumenthal war wenig davon erbaut. Im preußischen Heere bürgerte sich noch nicht der unbedingte Gehorsam gegen den Chef des Armee-Generalstabes ein, obschon hier sogar der Name des Kronprinzen deckte. Bei Friedrich Karl hingegen gehorchte alles und tat das äußerste, weil man an sein Feldherrntum glaubte. Das Treffen von Gitschin bot den schlagendsten Beweis. Die Erfolge der II. Armee, daß sie so außerordentlich weit vorkam in bedrohliche Flankennähe des Feindes, waren taktisch nur Steinmetz zu verdanken, da der Marsch durchs Gebirge notwendig Stockungen verursachte, die der mit Moltke sehr unzufriedene Blumenthal voraussah. Steinmetz zeigte sich hier als einer der besten Korpschefs, die je gelebt. Die ganze Entschlußkraft und Zähigkeit dieses ausgezeichneten Generals zeigte sich darin, daß eine heftige Kanonade des frischen II. Korps Thun ihn nicht bewog, sein Biwak zu verlegen, obschon ein Gebäude, wo er selbst Quartier nahm, in Flammen aufging. Seine Artillerie antwortete mit gleicher Entschlossenheit. Ohne das unerschütterliche Festhalten des tapferen Greises hätte Blumenthal die neuen merkwürdigen Direktiven Moltkes überhaupt nicht ausführen können. So unglaublich es klingen mag, muß man Moltke in diesem Feldzug den Stempel eines ideologischen Phantasten aufdrücken. Denn nur bei größtmöglichster Leistung der Unterfeldherren bis zu den einzelnen Korpschefs herunter konnten seine Ideen möglich werden. Ja, Friedrich Karl, Blumenthal und der Korpschef Steinmetz, er täuschte sich nicht. Aber wußte er das? Erst wägen, dann wagen – und wenn Benedek zufällig ein Feldherr war? Setzten doch die naiven antipreußischen Zeitungsschreiber damals der »affenartigen Geschwindigkeit« der Preußen einen geheimnisvollen Plan Benedeks entgegen, der ursprünglich auch bestand und nur an seiner mangelnden Entschlossenheit scheiterte. Denn die furchtbare Überlegenheit des preußischen Gewehrs, die Moltke natürlich mit in sein Kalkül bezog, hob die Möglichkeit, ja Sicherheit schwerer Teilniederlagen nicht auf, wenn die ursprüngliche numerische Übermacht Benedeks die strategische Gunst der Lage benutzte und er auf vereinzelte Korps fiel. Noch am letzten Junitage hatte er nichts als Steinmetz vor sich nebst einem Detachement vom schlesischen Korps, das nur durch die Garde unterstützt werden konnte. Man hatte die Armee des Kronprinzen sehr viel stärker gemacht als die des Prinzen Friedrich Karl, nicht bloß aus dynastischen Gründen, sondern weil der König eine hohe Meinung von General Blumenthal hatte, ein neuer schlagender Beweis seiner geradezu genialen Erkenntnis für Menschen und Dinge. Aber Bonin hatte bei Trautenau die Dinge so verfahren, daß die kronprinzliche Armee noch immer nicht ihre richtige Stärke entfalten konnte. Und so sah sich denn Moltke genötigt, in seiner Direktive vom 29. früh zugegeben, daß der Kronprinz sich in schwieriger Lage befinde. Etwas anderes, während alle solche Gedanken ihm durch den Kopf gingen, schnitt Otto in Reichenberg an. »Wie stark ist die hiesige Besatzung?« »Hier? Das spielt doch gar keine Rolle. Etwa 1800 Trainsoldaten.« »Nur mit alten Vorladern bewaffnet, ganz recht. Nur wenig entfernt bei Leitmeritz streift die sächsische Kavallerie. Der Telegraph hat schon ausgesagt, daß wir in Reichenberg Quartier haben. Man kann hier das Hauptquartier aufheben und, was noch wichtiger, den König. Ich erlaube mir, dies zu betonen.« »Mein Gott, so mögen die Trainsoldaten nach dem Schloß abrücken, wo Seine Majestät sich aufhält,« schlug der Major Verdy du Vernois vor, ein Vertrauter Moltkes. »Dies Bangen für die persönliche Sicherheit ist übertrieben, es droht keine Gefahr.« »Da ich nicht für mich fürchte«, erwiderte Otto aufgebracht, »so werde ich nicht im Schlosse, sondern in der Stadt Quartier nehmen.« Das kann gut werden! dachte er. Die Herren Militärs werden bei jeder Gelegenheit verstimmt, als ob ich in ihr Ressort übergriffe, sobald ich nur den Mund öffne, und platzen vor Eifersucht, als ob ich meine Stellung zum König zu steter Einmischung ausnutzen wolle. Nichts liegt mir ferner, doch man wird wohl noch sein eigenes Urteil haben dürfen. Am 1. Juli in Schloß Sichrow dachte er daran, daß er den Besitzer, Fürst Rohan, jährlich in Gastein sah. Wie doch solch ein Krieg die Beziehungen ändert! Der König war heiter und guten Mutes, da die Fama, wie es zu geschehen pflegt, die Erfolge noch vergrößerte. »Zwei ihrer Korps sind ganz zersprengt, die Österreicher retirieren fortwährend, werden sich wohl erst bei Olmütz wieder setzen«, teilte er mit. »Nur unsere Verwundeten trüben mir die Freude! Die armen unschuldigen Menschen, die für König und Vaterland so treu ihr Blut vergießen! Der Jammer in den Spitälern!« Nach einem Rundgang durch die Lazarette bestellte Otto eiligst viele tausend Stück Zigarren und mehrere Dutzend Kreuzzeitungs-Abonnements. Solche geistige Nahrung schien ihm vorsichtshalber am bekömmlichsten, da man nicht wissen konnte, wie die liberalen Blätter sich verhielten. Rückten doch die Reservisten und Landwehren mißmutig genug in den sogenannten Bruderkrieg. Den verschiedensten Beobachtern fiel die verdrossene Haltung der Truppen beim Einmarsch auf. So schrieb es Blumenthal in sein Tagebuch. So berichtete der Schlachtenmaler Bleibtreu, im Stabe Friedrich Karls anwesend, zu Anfang, als er mit den Truppen sprach. Dagegen versicherte er in Gitschin dem Grafen Eberhard Stolberg, Bismarcks Freund, jetzt Chef des freiwilligen Sanitätswesens, mit dem er im Quartier lag und eine Art patriotischer Verbrüderung von Konservativ und Liberal unter großer gegenseitiger Begeisterung feierte: »Gottlob, der Bann ist gebrochen. Unsere herrlichen Haketauer haben erprobt, was für ›deutsche Brüder‹ das sind, Slowaken, Panduren, Tschechen, Heiducken. Als die Lichtensteinhusaren mit Geheul anritten, schrien unsere: Is nich! Haut ihm! Und wo die endlosen Gefangenenzüge vorübertrotteten und ihr slawisches Kauderwelsch parlieren, lachen unsere Leute geringschätzig und blicken auf sie herab. Schade, daß man hier auch mit Regiment Deutschmeister zusammenstieß und ihm eine Fahne abnahm! Das waren nun wirklich deutsche Brüder, Wiener Jungens, und auch ein Feldjägerbataillon. Doch die zeigten so verbissenen Preußenhaß, wie sie ihn schwerlich gegen Franzosen und Russen hätten, und da verging den Unseren auch die Geduld und die Stammesbrüderschaft endete damit, daß sie die Kaiserlichen windelweich durchkeilten.« Und wieviel Gezeter über den Bruderkrieg hatte Bismarck noch in Berlin hören müssen! Die Königin zerfloß in Tränen, benahm sich aber nachher höchst würdig und hingebend, scheute nicht die Fahrt nach Schlesien zu ihrem Sohne, um ihn gewissermaßen zu segnen und sein Wohl dem Berater Blumenthal ans Herz zu legen. Sie sprach dabei schön und königlich. Auch die Kronprinzessin bewies eine ernste Fassung und verbat sich wiederholte Rückreise ihres Gemahls nach Berlin, wie dies während des Aufmarsches geschehen war, teils um sich mit dem König zu besprechen, teils um sein sterbendes Kind Prinz Sigismund zu sehen. Ihr Mann gehöre jetzt nur dem Vaterlande und dürfe keinen Augenblick aus dem Feldlager scheiden. Als das Kind starb, zeigte der sonst so weiche Kronprinz auf die Kunde hin eine männliche erhebende Fassung, die ihm Blumenthals Herz gewann. Wie immer entfaltete sich erst in der Not die Stärke der deutschen Seele, aus unergründlichen Tiefen des Unbewußten die altgermanische Heldengesinnung und eine ahnungsvolle Gottesfurcht hervorholend. Tue recht und scheue niemand! Dies deutsche Sprichwort soll heißen: dann wird Gott mit dir sein! Dazu braucht es keiner Kirchengängerei. In den kernigen Bataillonen, die hier mit festem Marschtritt vorüberzogen, hatten wohl wenige ihren Herrgott mit viel Gebeten belästigt, doch sie sangen jetzt mit voller Überzeugung und ihrer gerechten Sache bewußt: Ein' feste Burg ist unser Gott, ein' gute Wehr und Waffen. »Unsere Leute sind ja zum Küssen«, rief Otto seinem ihn ins Hauptquartier begleitenden Vetter Karl Bismarck-Bohlen zu. »Dieser Todesmut, diese Ruhe und Folgsamkeit! Endlose Märsche, ewiger Regen und dazwischen sengende Hitze, die Kleider durchnäßt, das Biwak eine Pfütze, der Magen leer, die Stiefelsohlen fallen ab, und dabei immer gutmütig und freundlich gegen die Einwohner, nichts von Plündern und Sengen. Und das nennt man nun Gemeine und den gemeinen Mann! Wahrlich, die könnten unsereins beschämen!« Natürlich logen die tückischen Tschechen, die ihren feigen kriechenden Deutschenhaß nun endlich mal als »patriotisch« ausspielen konnten, und die Wiener Pressebanditen über preußische Greuel, weil sie diese Erfindungen aus ihrer eigenen schönen Seele sogen: so würden sie es treiben im Feindesland. Gnade Gott deutschen Landen, wenn Franzosen oder Sklaven dort ihre Bestialität gar herrlich offenbaren könnten! Noch in Sichrow erhielt er eine Depesche: »Ich habe die Ehre meine Ankunft zu melden. Graf Benedetti, Botschafter von Frankreich.« Verdammt! Schon jetzt Intervention? Er teilte die unerfreuliche Kunde dem König und Moltke, die nachmittags einen Kriegsrat hielten, mit. »Unter solchen Umständen darf man nicht nachlassen im Vordringen, um möglichst Zeit zu gewinnen.« »Die nötigen Befehle sind ergangen«, versetzte Moltke ruhig. »Der Feind steht offenbar hinter der Elbe zwischen den Festungen Josefstadt und Königgrätz. Steinmetz hatte vorgestern telegraphiert: ›Weg zur Elbe frei‹, doch wird sich zeigen, ob die Übergänge nicht verteidigt werden. Es hängt das meiste vom Flügeldruck der II. Armee ab, dort wird aber immer etwas zu langsam marschiert.« Otto dachte sich sein Teil. Er wußte, daß Blumenthal den ganzen Aufmarsch in endlosem Bogen zwischen Halle und Görlitz getadelt und rascheres Vorgehen über die Neiße befürwortet hatte, daß zwischen ihm und Moltke stets eine leichte Spannung bestand. Am 2. in Gitschin hatte man noch keine richtige Übersicht. Die Elbarmee sollte auf Pardubitz an der Elbe, die I. Armee auf Horsitz und Sadowa an der Bistritz vorrücken, die II. Armee am linken Elbufer bleiben ohne Uferwechsel, nur das Korps Bonin hatte seitwärts die linke Flanke Friedrich Karls zu decken, war aber noch so weit entfernt, das letzterer auf dessen Beihilfe am 3. nicht rechnen konnte. Am 2. Juli abends erschien unerwartet der Stabschef Blumenthal in Gitschin, um abweichende Vorstellungen zu erheben. Sein Vortrag gab einen Überblick der Ereignisse beim Kronprinzen. »Erst am 6. Juni erfuhr ich durch Major Berdy, daß wir auch noch das Gardekorps bekämen. Wir lagen damals beim Fürsten Pleß auf Schloß Fürstenstein in Quartier. Damals spukte auch noch das Gespenst freiwilliger schlesischer Jägerkorps. Das Gutachten Seiner Königl. Hoheit fiel aber auf mein Anraten dagegen aus, obschon Höchstderselbe anfänglich sich dafür enthusiasmierte. Von dieser Bummelei um das wirkliche Heer herum verspreche ich mir nur Übles.« Der König nickte. »Die schreckliche Hitze und dann Gewitterregen hinderten damals den Vormarsch, ich selbst bin bei Besichtigung der Truppen vor Durchnässung ganz heiser geworden. Die Stimmung war nicht gut. Die feindliche Hauptmacht stand angeblich schon gesammelt bei Olmütz und wir erwarteten Neiße gegenüber den Einmarsch von fünf Korps und viel Kavallerie schon am 10. Wir wollten in die gute Stellung von Neiße vorgehen, der Chef des Großen Generalstabes untersagte aber die Bewegung ohne Genehmigung Seiner Majestät, die Allerhöchstsie dann wirklich erteilten. Viel freie Hand ließ man uns also nicht.« Moltke räusperte sich, schwieg aber. »Wir entfernten uns so noch mehr von der I. Armee, doch ich nahm an, man gebe den Plan auf, mit der Hauptmasse Böhmen anzugreifen.« »Wie Sie sehen, stehen wir jetzt siegreich in Böhmen,« mahnte Moltke kalt. »Ja, weil der Feind sich unglaublich benahm. Wir hatten anfangs nur 80 000 Mann gegen 160 000 Österreicher. Daß diese nicht in Fluß kamen; war nicht vorauszusehen. Sie transportierten Massen per Bahn aus Krakau gegen die Grafschaft Glatz und wir waren erst dorthin auf dem Marsche. Gottlob hatten wir am 18. schon 130 000 und trotz Tartarennachrichten und Generalmarsch störte uns der Feind nicht. Am 20. war ich mir klar, daß wir selbst offensiv werden könnten. Im übrigen Deutschland gingen die Dinge ja sehr glatt und der Herr Ministerpräsident fädelt alles so kühn ein, daß ich große Hoffnungen schöpfte.« Er verbeugte sich vor Otto. »Damals kam Oberstleutnant Veith mit einem Schreiben des Generals v. Moltke, daß die I. Armee in Böhmen Schlacht suchen und unser 1. Korps bei Trautenau unterstützen solle. Sehr einverstanden. Hiernach fiel uns die Aufgabe zu, den etwaigen Sieg auszubeuten. Am 22. brachte uns ein Feldjäger ein Schreiben des Grafen Bismarck über die politische Lage, wofür wir sehr verbunden waren. Der Vormarsch begann, und ich kann versichern, daß ich die Karte so lange studierte, bis meine schwachen Augen tränten. Ich litt an nervösem Kopfschmerz, doch ich glaube, der Energie unserer Bewegungen hat man nichts angemerkt.« Moltke verbeugte sich. »Nachher schrieb uns der Große Generalstab alles das vor, was wir längst begonnen. Die Operation übers Gebirge war sehr gefährlich, doch ich verkannte nicht die Notwendigkeit. Am 23. erhielten wir in Kamenz, Schloß Prinz Albrechts, wieder Tartarennachrichten, trotz des abscheulichen Wolkenbruches rücken wir vorwärts, obschon mir das Herz blutete. Kranke und Marode von solchem Gebirgsmarsch!« Der König nickte teilnehmend. »Wir versprachen, am 28. bei Königinhof zu sein, also gab es keinen Ruhetag. Am 24. hatten wir einen schweren Tag für weitere Marschanordnung, in der Nacht tat ich kein Auge zu, weil unser Hauptquartier entblößt blieb für einen Handstreich feindlicher Kavallerie.« »Wie bei uns in Reichenberg«, lächelte der König. »Seine Königl. Hoheit blieben dabei stets ruhig und freundlich und wirkte auf die Truppen höchst angenehm. Am 26. bei Nachod, zwölf Stunden zu Pferde, tröstete seine glückliche begeisterte Stimmung die Verwundeten, rastlos sprach er die braven Bataillone an und feuerte alle an, wo er konnte.« Der König lächelte glücklich. »Vom Weiteren sage ich nur, daß die Anstrengung übermäßig war und der Mangel an Kriegserfahrung bei vielen Generalen sich rächte. Bagagen und Munitionstrains waren vielfach im Wege. Am 1. Juli gab uns Major Graf Häseler bekannt, daß die I. Armee schon bei Gitschin sei, und am 2. erhielten wir die Direktive, daß beide Armeen auf beiden Elbufern rekognoszieren sollten.« Der nervöse Mann stand auf und ließ sich zu der Offenheit fortreißen: »Das war mir denn doch zu stark.« Er setzte sich wieder und berichtete trocken: »Ich fuhr mit Major Verdy seit 10 Uhr morgens nach Gitschin und habe jetzt die Ehre, hier meine untertänigste Warnung vor Fortsetzung so konzentrischer Bewegungen vorzubringen. Da müssen wir ja vereinzelt geschlagen werden.« »Was sagen Sie dazu?« wandte sich der König an Moltke. »Ich halte diese Befürchtung für übertrieben, da unsere qualitative Überlegenheit uns immer aushelfen wird. Immerhin glaube ich, man wird diese Bewegung modifizieren müssen. Ich verkenne nicht die theoretische Triftigkeit der Einwendung. Wir werden aufschließen und uns möglichst vereinen.« »Und wenn wir die Schlacht gewinnen, gerade auf Wien los, nicht rechts noch links blicken.« Blumenthal rief dem König zu: »Eure Majestät müssen von Gitschin nach Wien ein Lineal auf der Karte anlegen, einen Bleistiftstrich ziehen und längs dem Strich marschieren.« Der König lächelte liebenswürdig, ohne an der brüsken Art Anstoß zu nehmen. Unser guter Blumenthal, ein höchst brauchbarer Mann von großem Werte, liebt die starken Worte und meint es nicht so ernst. Otto sagte kein Wort. Er beachtete Blumenthals Ärger, wenn die Mitglieder vom Hauptquartier ihm herablassend gratulierten, doch einige Rügen durchblicken ließen. Er las auf dem Gesicht des Feldherrn den Unmut über diese wichtigen Gesichter. Ihm waren diese Stabsgelehrten auch schön odiös, er las Blumenthals Urteil ihm ab: »Schwatz über Dinge, von denen sie absolut nichts verstehen.« Letzterer fuhr jetzt eilig ostwärts. – Gegen abend änderte sich das Bild. Denn drei verschiedene Offiziere meldeten von Auskundungsritten, daß mindestens vier feindliche Korps noch diesseits der Elbe und vorwärts von Königgrätz bei Lipa und Sadowa ständen. »Will der Feind zum Angriff übergehen? Wo stehen die übrigen Korps?« fragte Friedrich Karl leidenschaftlich. »Wir müssen ihm sofort zuvorkommen.« »Wollen also Königl. Hoheit die Konzentrierung Ihrer Armee für morgen früh bestimmen?« fragte Voigts-Rhetz. »Die Elbarmee würde zur Deckung Ihrer Rechten auf Nechamitz vorgehen. Aber die II. Armee schon zu disponieren, wäre wohl vorschnell, vorerst wird sie gegen Josefstadt sich ausbreiten, wie ich denke.« »Eine Verbindung mit uns muß über Königinhof hergestellt werden mit der Garde. Ich will sofort in diesem Sinne an den Kronprinzen schreiben. Den General Herwarth wollen Sie beauftragen, um 3 Uhr früh aufzubrechen. Wir gehen bei Tagesanbruch gegen die Bistritz vor, ich will unter allen Umständen angreifen.« So erfuhr Otto nachts, aus dem Schlafe geweckt. Voigts-Rhetz erschien nämlich persönlich in Gitschin, um die eigenmächtigen Maßregeln seines Chefs darzulegen. Es war schon 11 Uhr, alles schlief, doch der unermüdliche Königsgreis war sogleich bei der Hand. Kaum hatte er den Vortrag angehört, als er auf der Stelle zusagte und persönlich alle Befehle ausfertigte, den Kronprinzen zu sofortiger Ausführung brieflich anwies. Das schlug natürlich anders ein als das Handschreiben Friedrich Karls, das Blumenthal beiseite schob. Der König selber , nicht Moltke, hat die Schlacht geliefert. »Waren Sie schon bei Moltke? Benachrichtigen Sie ihn!« Major Verdy weckte Moltke, dessen feinziselierter Kahlkopf ohne Perücke sich glatt wie eine Billardkugel ausnahm. Sonst sah ihn kein Sterblicher je in perückenloser Nacktheit. Der König, Roon und Bismarck eilten herbei. »Einen bloßen Halt auf dem Rückzuge bedeutet dies wohl kaum. Es scheint natürlich möglich, daß das übrige k. k. Heer schon den Uferwechsel vollzog und hinter Königgrätz steht. In diesem Falle würde der diesseits befindliche Teil durch umfassenden Angriff von uns über die Elbe geworfen werden, was die spätere Forcierung der eigentlichen Elbstellung zwischen Josefstadt und Königgrätz erheblich erleichtern würde. Wahrscheinlich steht noch das ganze Heer diesseits in vielleicht gut ausgewählter Stellung, sowohl zu Offensive als Defensive bereit. Dann wäre es unverhoffter Glücksfall. Benedek schlüge dann mit der Elbe im Rücken. Auf jeden Fall werden Eure Majestät wohl befehlen müssen, daß wir morgen mit allen Kräften angreifen,« entschied sich Moltke bedächtig. »Dann werden Sie also Befehl an den Kronprinzen ausfertigen, daß er gegen die rechte Flanke marschiert«, sagte der König ernst. »Zu Befehl. Es ist jetzt vor Mitternacht. Ein guter Reiter sollte morgen früh über Miletin die ll. Armee erreichen können. Ich werde ihm noch ein Schreiben ans Korps Bonin mitgeben, das er auf seinem Ritt passieren muß, damit es sofort als am nächstenstehend aufbricht.« Als Flügeladjutant Graf Fink v. Finkenstein abritt, sann Otto schlaflos nach. Rächte sich jetzt nicht das Verbleiben der II. Armee auf dem jenseitigen Elbufer, das Auseinanderspreizen, der Heere auf fünf Meilen, indes österreichische Aufstellung vermutlich nur eine Meile beansprucht? Zur selben Zeit sprach sich Blumenthal äußerst abfällig und scharf über die Moltkesche Direktive aus, eine Strategie auf exzentrischen Linien, die notwendigerweise zu einer Krise führen mußte, wenn plötzlich rascher Zusammenschluß der getrennten Heere durch gegnerische Maßnahmen nötig wurde. Andererseits läßt sich nicht verkennen, daß Benedek seit fünf Tagen seine Masse zu unbehilflich aufeinanderpackte, um nicht wegen Verpflegungsschwierigkeiten und Straßenbeengung in jeder freien Bewegung gehindert zu werden. Sein Abmarsch über Josefstadt auf Wien hätte nicht mehr ohne lebhafte Belästigung durch den nachdrängenden Feind bewerkstelligt werden können, immerhin würde die Festung Königgrätz den Rückzug über die Elbe gedeckt haben, und die II. Armee, ihm auf seinem Abmarsch jenseits begegnend, hätte wohl kaum die nötige Stärke gehabt, ihn völlig aufzuhalten. Unter solchen Umständen wäre die ganze preußische Operation hier ein Schlag ins Wasser gewesen. Trotz seiner eigenen pessimistischen Anschauung der Lage, der er in verzweifeltem Telegramm an den Kaiser »Katastrophe unvermeidlich« Ausdruck gab, ließ sich aber Benedek überzeugen, daß sein angeblich erschüttertes Heer noch völlig schlagfertig und mutig sei, was auch gewissermaßen zutraf. Die preußische Anschauung, daß die geschlagenen Korps »zersprengt« oder demoralisiert seien, ging fehl. Selbst das Korps Ramming, das sich nach Nachod für gefechtsunfähig ausgab, zeigte später noch hervorragenden Schneid. Ferner hatten das II. und III. Korps noch gar nicht, die Sachsen nur wenig gefochten. Die versammelten acht Korps stellten noch eine Stärke von über 200 000 dar und die Bistritzstellung, wo man lagerte, hatte große natürliche Vorteile, die er nacheinander durch zwölf Schanzen oder Batterieeinschnitte verstärkte. Man hatte Chlam-Gallas und Erzherzog Leopold ihrer Posten enthoben, und das alte österreichische Mißtrauen gegen fürstliche oder hochadelige Führer hätte am liebsten auch die Grafen Festetics und Thun von ihrem Korps entfernt. Verdankte doch der Feldzeugmeister selber seine Ernennung zum Oberfeldherrn hauptsächlich seiner niederen Herkunft, was ihn sofort in Österreich, wo Feudalität und Demokratie kraus durcheinander wirtschaften, volkstümlich machte. Als er später in ziemlich roher Art zum Sündenbock gestempelt wurde, als ob irgendwer außer Erzherzog Albrecht die Sache besser gemacht haben würde, fiel ihm daher leicht, mit geheimnisvollen Drohungen die Schuld auf seine hochgeborenen Korpschefs abzuwälzen, die nicht gehorcht hätten. Und niemand antwortete ihm logisch: warum paßten Sie nicht auf, warum überwachten Sie Ihre Korpschefs nicht, immer den Blick nach falscher Richtung gewendet? Die tapferen Grafen Thun und Festetics, beide schwerverwundet, führten ihre Korps nicht schlechter als der bürgerliche General Weber das vormalige Erzherzog Leopolds. Es wiederholte sich die Legende von Aspern, wo der bürgerliche Korpschef Hiller das beste getan haben sollte, gemäß seiner schwülstig byzantinischen Relation, die Fürsten Rosenberg, Hohenzollern, Liechtenstein aber allgemeinem Tadel verfielen, obschon sie durchweg ihre Pflicht taten und ihre Rapporte eine wahrhaft vornehme Gesinnung verraten. So straft sich die reaktionäre Feudalität durch eine ebenso unvernünftige Demokratie zum Schaden des Gemeinwohles, indem die oberen den unteren und die unteren den oberen Ständen mißtrauen und aneinander kein gutes Haar lassen. In Preußen aber, wo es mit Standesvorrechten längst ein Ende nahm und im großen ganzen die Bürgerlichkeit den Ton angab, beherrscht der untere Adel alle Militär- und Beamtenposten, und niemand nahm daran Anstoß. Die vollständige vaterländische Einheitlichkeit machte das Preußenheer von vornherein dem zusammengewürfelten Nationalitätenmischmasch der Kaiserlichen überlegen. * Brausendes Hurrarufen begrüßte um 8 Uhr morgens die Ankunft des Königs auf der Höhe von Dub. Auf seinem sanftgehenden Braunen saß er straff im Sattel und betrachtete gespannt das kriegerische Schauspiel. Nebel und Regenschleier verhingen lange die Aussicht über das Bistritzufer. Nur die zahlreichen Blitze und Glühpünktchen auf der Lipaer Hochfläche verrieten den Standort der feindlichen Feuerschlünde. Friedrich Karl erschien in seiner roten Husarenuniform, bleich und finster, in den Augen ein tiefes Glühen. Dies war seine Schlacht, er hatte sie selbständig in die Wege geleitet, wußte aber, daß man nachher alles auf Rechnung des Oberkommandos setzen würde. Obschon persönlich sehr human und eigentlich bescheiden, hatte seine Haltung manchmal etwas Hochmütiges und Barsches, was ihn bei Fernerstehenden unbeliebt machte. Da man das Urteil der Welt fast immer auf den Kopf stellen muß, um die Wahrheit zu erfahren, galt er als brutaler Nur-Soldat, während er vorzugsweise geistreiche Unterhaltung liebte und sich gern auf seinem Landsitz mit Schriftstellern umgab, galt als Säufer, der seine schöne Frau mißhandle, während er nur als Kettenraucher sich neben Bismarck sehen lassen konnte und sehr mäßig trank, leider aber zum Ehezerwürfnis durch eine schlimme verborgene Untugend Anlaß gab, die man bei ihm am wenigsten hätte vermuten sollen. Im geheimen sehr wohltätig, von vornehmer Denkart, zum Studium geneigt, litt er an einem gewissen düsteren Weltschmerz und fühlte sich verkannt. Vor dem Bildnis des gefallenen südstaatlichen Reiterführers Stuart, des Seydlitz von Amerika, flüsterte er ehrerbietig: »Der konnte mehr als ich!« Dabei war er sich wohlbewußt, daß die törichte öffentliche Meinung ihn für einen rohen Draufgänger hielt, indes er im graden Gegenteil als wissenschaftlich gebildeter Theoretiker jede Unüberlegtheit verpönte und vor allem bedacht blieb, unnütze Menschenopfer zu vermeiden und den Krieg nach allen Regeln der Kunst zu führen. Dies trug ihm später im Loirefeldzug sogar den Spitznamen Fabius Kunktator ein, wobei freilich viel Ungerechtigkeit seiner hochgestellten Feinde mitsprach. Daß sich trotzdem die blutigsten Kämpfe der neupreußischen Geschichte an seinen Namen knüpfen, hing mit seinem napoleonischen Aufflammen in entscheidenden Augenblicken zusammen. Nur die gröbste Verkennung und neidische Krittelei kann aber behaupten, daß der Schläger von Königgrätz, Vionville und St. Privat, der Sieger von Orleans und Le Mans nicht zweckmäßig und großzügig gehandelt habe. Er faßte den Kampf ganz von der moralischen und geistigen Seite auf und betätigte einmal in schwerstem Schlachtenabend seine trotzige Maxime: der Wille zum Siegen siegt. Kurz, er war, mochte eine naseweise Kritik nach anfänglicher populärer Überschätzung ihn später fallen lassen und ihn aus der Liste der Bedeutenden löschen, dennoch ein geborener Feldherr und gehörte durchaus mit in die Vorderreihe des gewaltigen Führergeschlechtes, das so plötzlich Preußens geistige Überlegenheit auf allen Gebieten enthüllte. »Ich melde Eurer Majestät den Aufmarsch der I. Armee,« rapportierte er kurz und bestimmt. »Seit 6 Uhr früh mattes Gefecht in der Bistritzniederung. Wir wollen jetzt den Bach überschreiten, und ich bitte um Erlaubnis, den Angriff auf die Höhen beginnen zu dürfen.« Einen Blick mit Moltke wechselnd, erwiderte der König: »Ich erteile Eurer Hoheit den Befehl dazu.« Moltke rührte sich nicht und sagte kein Wort. Er konnte den Prinzen nicht leiden und rieb sich später kritisch an ihm. Mit Blumenthal, seinem früheren Stabschef, hatte der Prinz sich auch überworfen, und Bismarck bezeichnete ihn als unausstehlich, wobei er noch spöttische Bemerkungen über seine »Favoriten« einflocht. Als der seltsame halbgeniale Mann davonsprengte, dachte er bitter: Geht's schlecht, wird man über mich herfallen, geht's gut, wird mein lieber Vetter alle Lorbeeren ernten. Zwischen ihm und dem Kronprinzen bestand eine schlecht verhüllte Abneigung, gemischt mit Eifersucht. Nun, die eingebrockte Suppe mußte jetzt ausgelöffelt werden, und der Prinz ahnte sehr wohl, daß ihm die längsten bangsten Stunden seines Lebens bevorständen. Schon schlugen Granaten zu beiden Seiten der Höhe ein, da das zahlreiche glänzende Gefolge des Königs eine feindliche Batterie anlockte. Der riesige Kürassier mit weißem Waffenrock, einen grauen Überrock lose darübergeworfen, und breitem Helm zog manche Blicke auf sich. Verschuldete doch vorzugsweise, daß hier die zahlenmäßig größte Schlacht nächst der von Leipzig ausgefochten wurde. Gegen 215 100 Österreicher 221 000 Preußen, doch wie viele von letzteren fochten nicht! Selbst die 124 000 Streiter Friedrich Karls und Herwarths (ersterer durch Marschabgänge, Etappenposten, Abkommandierte, Gefangenentransport auf 85 000 gesunken) kamen durchaus nicht alle ins Feuer, von den 97 000 des Kronprinzen noch nicht die Hälfte. Eine starke, teilweise verschanzte, mit sehr zahlreicher und vortrefflicher Artillerie bespickte Hochfläche zu erstürmen, schien also ein gewagtes Beginnen. »Die Lage hat große Ähnlichkeit mit der Schlacht von Torgau«, äußerte Roon. »Und die Höhen da drüben bei Chlum, wie das Nest nach der Karte heißt, gleichen den Suptitzer Höhen, über die Zieten einbrach. Hoffen wir heute ähnliches vom Kronprinzen!« Die Stärkeverhältnisse waren übrigens auch insofern ungleichmäßig, als Benedek über 60 000 Mann weit rückwärts in Reserve hielt, seine Linke mit 37 500 Mann ausstattete, wo die Elbarmee sicher keine überlegenen Kräfte heranführte, dagegen im Zentrum Lipa-Sadowa-Kistowes, wo ihn fast die ganze Macht Friedrich Karls bedrohte, nur 50 500 versammelte. Am rechten Flügel, der sich seitwärts herumbog, standen von Maslowed bis zur Elbe 67 000 Mann der Korps Festetics und Thun. Diese sollten nach Benedeks Disposition eine viel engere rückwärtige Linie von Chlum beziehen, und aus Nichtbefolgung dieser Anordnung leitete der unglückliche Nichtfeldherr nachher den Verlust der Schlacht her. Viele leierten ihm diese Ausrede nach, ein Blick auf die Karte und die Topographie des Schlachtfeldes lehrt das Hinfällige einer dem nachträglichen Mißerfolg angepaßten Auslegung. Die von Benedek gewählte engere Linie war defensiv viel schlechter, offensiv für Gegenschläge unbrauchbar, die Schanzen ungeschickt in der Tiefe angelegt. Nicht mal die Begründung hält Stich, daß die ursprüngliche schlechte Aufstellung weniger einer Umgehung durch den Kronprinzen ausgesetzt gewesen sei, den übrigens Benedek selber noch am anderen Ufer vor Josefstadt vermutete. Das Vorgehen der beiden Korps in die Höhenlinie Maslowed-Horenowes bildete einen weit besseren Flankenschutz und einen stärkeren Verteidigungsabschnitt. Daß aber F. M. L. Molinary, der schon bald nach schwerer Verwundung des Grafen Festetics das vierte Korps leitete, und Graf Thun sich verleiten ließen, zur Offensive überzugehen und so den Raum Horenowes-Trotina zu entblößen, belastet sie keineswegs. Denn es war Benedeks Aufgabe, dem diese Tatsachen doch bald genug zur Kenntnis kamen, seine nutzlos aufgestapelten Reserven sofort in die Lücke über Chlum vorzuführen, so daß die preußische Garde dort eine lange unübersteigbare Schranke gefunden hätte. Allerdings beschied er zweimalige Vorstellungen Molinarys abschlägig und beharrte dabei, beide Korps sollten in die schlechte Schanzlinie von Chlum zurückgehen, ohne daß er sich herabließ, sich persönlich vom Stande der Dinge bei Maslowed zu überzeugen. Wenn Molinary und Thun nur zögernd und unwillig gehorchten – nicht im geringsten aus Nichtachtung des Feldherrn, wie man ihnen nachher zuschob, sondern aus sehr natürlichen taktischen Gründen –, so wird fälschlich ein unwiederbringlicher Zeitverlust daraus gefolgert. Erstens lag in den wirklichen Umständen, daß man, selbst wenn man die so aussichtsreich scheinende Offensive abbrach, doch wenigstens Fransecky möglichst weit abschütteln mußte, der sonst sofort auf dem Fuße gefolgt und gleichzeitig mit der Garde in Chlum (von Kistowes her) eingebrochen wäre. Zweitens gebot sich jetzt erst recht, Korps Thun bei Horenowes-Racic festzuhalten, um den Abzug Molinarys zu decken, in so fester Vorderstellung. Das hätte den Stoß auf Chlum sehr verlangsamt und ausreichende Besetzung des Chlumplateaus gestattet. Sofortiges Zurückgehen in die schwache Schanzlinie und eiliges Räumen der Linie Horenowes-Maslowed hätte den Angriff der Garde nur erleichtert, deren Artillerie von diesen Höhen die Gegend beherrschen konnte, wie das bloße Auge auch ohne Karte sah. Drittens schien ja nun, wo Benedek jedes Bataillon des Kronprinzen im Anmarsch übersehen konnte, erst recht geboten, die Reserve nach Chlum zur Aufnahme Molinarys heranzuziehen. Statt dessen blieb er vom Zentrumkampf hypnotisiert, wo ihm weder Gefahr drohte noch umgekehrt ein Erfolg winkte wie bei Maslowed, aber auch hier setzte er keine Reserven ein, um die Preußen vom Höhenrand in die Bistritz hinabzuwerfen. Die Schuld einer solchen Niederlage bleibt also, mag er reden was er will, an ihm allein hängen. Übrigens verkennt man auch die Schwierigkeit, aufs äußerste verbissene Truppen und obendrein in ausgedehntem Waldgefecht rasch aus der Front zu ziehen. Der Abmarsch erfolgte trotzdem noch ziemlich rechtzeitig, und auch hier hat nur übermenschliche Leistung der Garden den schnellen Einbruch in Chlum ermöglicht, was selbst aber so ohne Benedeks verkehrte Anordnungen schwerlich gelungen wäre. Molinary hatte doch wenigstens für die Waffenehre den einzigen Lichtpunkt des Tages, daß bei ihm lange ein Erfolg zu blühen schien, und wenn seine Korps schon durchaus erschüttert in die Chlumlinie abströmten, hatte er wenigstens dem Feinde den größten Verlust des Tages zugefügt. Die Befehlshaber der Rechten handelten nur folgerichtig, indem sie ihre ganze Übermacht einsetzten, um die viel zu schwache Linke Friedrich Karls zu überwältigen. Denn nur 13 000 Magdeburger der Division Fransecky hatten dort eine vierfache Überzahl und niederschmetternde Geschützmassen gegen sich. Hier tut die preußische Tapferkeit das Unmögliche, aber kein vernünftiger General wird das Unmögliche voraussetzen. Otto suchte sich möglichst über den Gang der Schlacht auf dem laufenden zu erhalten, ein besonders gutes Fernglas am Auge, und tauschte mit Roon Bemerkungen aus, der ihn über einzelne Truppenverteilungen belehrte. Bei der Elbarmee gegenüber Prim und Problus merkte man sehr lange, bis 11 Uhr, nur geringes Fortschreiten. Überlaut dröhnte aber seit Stunden der Schlachtlärm vom Swiepwald vor Maslowed herüber, hier führten zunächst die Magdeburger Siebenundzwanziger einen wahren Heldenkampf gegen die Brigaden Brandenstein und Fleischhacker, erstürmten den Wald und das Dorf Kistowes und behaupteten die Waldbastion, die Eichenschonungen, die Schlucht nach Kistowes trotz großer Einbuße an Offizieren und wiederholten Vorstößen des Feindes, dessen Jägerbataillone sich auszeichneten. Fast hundert Feuerschlünde spieen Tod und Verderben in den Wald, nur 24 preußische konnten natürlich ihr Fußvolk nicht genügend entlasten. Um 10 Uhr schien dem Schalle nach das Gefecht noch immer vorwärts zu gehen. Doch machte Roon ein bedenkliches Gesicht nach einlaufenden Rapporten, die er mit anhörte. »Der kleine Fransecky tut mehr als seine Pflicht, doch hat ihm Division Horn schon zwei Bataillone auf seine rechte Flanke senden müssen, er selbst hat alle zwölf Bataillone verausgabt. Man faßt ihn auch schon in der linken Flanke.« »Dort steht mein Vetter Bismarck-Bohlen mit seiner Reiterbrigade. Horch, der Schlachtlärm verdoppelt sich.« Die magdeburgisch-hallenser Regimenter, wobei die seit Auerstädt und Ligny wohlbekannten Sechsundzwanziger im Hochwald und am Waldessaume gegen Dorf Maslowed von den frischen Brigaden Württemberg und Saffran des zweiten Korps Thun in das Innere des Waldstückes zurückgedrängt wurden und reihenweise unter Granathagel zusammenbrachen, fochten über alles Lob erhaben. Die frische Brigade Poeckh des vierten Korps und Teile der Brigade Appiano des dritten Korps an der Pflaumenallee nördlich von Kistowes drangen in die Südostspitze des dreieckigen Waldes ein. Um 11 Uhr standen 40 kaiserliche Bataillone im Kampfe, darunter die berühmten Steiermärker der Brigade Herzog von Württemberg und das 4., 27., 2., 11., 20., 30. Jägerbataillon, lauter Kerntruppen, fast 130 Geschütze spielten. Doch immer noch hielten sich die Braven Franseckys im Nordteile der Waldung, wo Äste und sonstige Baumstücke mit Granatsplittern um die Wette flogen. Unmittelbar vor dem Standorte des Königs wogte lange ein bedeutungsloses Gefecht. »Das da ist Sadowa! Da setzt Horn an! – Drüben die Zuckerfabrik von Dohalitz! Da gehen die Pommern vor.« Mit Vergnügen hörte Otto seine lieben Pommern, als deren Reserven rechts von Dub vorüberrückten, fromme Choräle sangen. »Da dringt Horn durch den Holawald von Sadowa vor! – die Pommern sind über die Bistritz! Das ist Dohalika.« Es wurde jedoch bald klar, daß die drei Divisionen nicht vorwärts kamen, weil überwältigendes Geschützfeuer vom Höhenkamm Lipa-Stresetitz sie zurückschmetterte. Die Artillerie der Korps Gablenz und Erzherzog Ernst bestrich den Rand des Holawaldes und die Allee von Mokrovus nach Langenhof. Obschon es eigentlich nicht in der Absicht lag, hier Gelände zu gewinnen, machte das äußere Ansehen des Gefechtes auf ein Laienauge einen üblen Eindruck. Adjutanten kamen und gingen, die Nachrichten vom Swiepwald lauteten immer schlimmer. Der Generalstab wurde unruhig, man tuschelte. Nur Moltke blieb völlig unbewegt, keine Muskel zuckte in seinem kalten, wie versteinerten Gesicht. Der kleine schneidige Fransecky (sprich Franski), dem das Pferd unterm Leibe erschossen wie fast allen höheren Offizieren, leitete zu Fuß das unübersichtliche Gefecht mit unbeugsamer Entschlossenheit. »Hier sterben wir!« rief er seinen Magdeburgern zu, deren größter Kriegsehrentag sie düster durch umwölkte Lüfte mit dem grellen Schein furchtbarer Schlachtenglorie beleuchtete. Ihre Mitte sah sich zurückgetrieben, die Linke flutete auf Benateck zurück. Bleibtreu, der Maler, zeichnete dort unbekümmert in sein Skizzenbuch, obwohl das Granatfeuer immer näher kam, doch er flüsterte jetzt, wie sein in der Presse abgedruckter Brief meldet: »Die Schlacht darf doch nicht verloren gehen?« Hätte man im königlichen Stabe die Schrecknisse des Swiepwaldes vor Augen gehabt, neben denen die Vorgänge bei Sadowa nur ein Kinderspiel waren, hätte die Unruhe sich noch mehr gesteigert. Freilich fielen die Österreicher in ganzen Massen unter dem Hinterladerfeuer, auch sah der vom Kronprinzen hergesendete Stäbler Major Burg lange Gefangenenzüge, ebenso aber ganze Bataillone von Verwundeten oder führerlosen Versprengten. Die Kunde »der Kronprinz kommt« flog um, Fransecky ersuchte den Stäbler, sofort heimzukehren und die Spitzen der Garde auf Maslowed zu lenken. Pfeilschnell die feindlichen Schützen südöstlich vom Walde durchreitend, kam der Major glücklich durch. Auf die schon ins Freie auf Benateck vordringenden Österreicher hieben jetzt die braunen Magdeburger Husaren ein und zwangen ein ganzes Bataillon zur Waffenstreckung. Mit unübertrefflicher Hingebung hielten die Mannschaften aus, belebt durch das Beispiel ihrer Offiziere, von denen viele verwundet, auf Hornisten gestützt, den Kampf weiterleiteten bis zum letzten Atemzug. Fünfzig slawo-madjarische, auch einzelne steiermärker und kärntner Schlachthaufen vermochten, wo sie mit rauschender Feldmusik und oft glänzender Bravour, vier gegen einen, sich heranwälzten und wo fast sechsfache Geschützüberzahl ihnen mit ununterbrochenem Granathagel den Weg bahnte, die eiserne Kraft der Norddeutschen nicht zu brechen. So focht man nicht mehr seit der Mordschlacht von Waterloo. An diese dachte aber auch Otto im stillen, das Wort Wellingtons umsetzend: Ich wollte, die Nacht wäre da oder der Kronprinz. Das unmittelbar vor ihm wogende Gefecht bei Sadowa schien sich immer unvorteilhafter zu gestalten. Kavallerie und ein großer Teil der Artillerie fanden keinen Raum, die Bistritz zu überschreiten, die feindliche Kanonade wuchs fortwährend. Von Lipa brüllte ununterbrochener Donner, jetzt von nahezu zweihundert dort angehäuften Geschützen. »Der Feind hat wohl noch seine Geschützreserve vorgezogen«, meinte Roon. So war es, wenigstens die Hälfte, während die andere endlich nach Chlum abging. Die preußische Artillerie arbeitete mit verzweifelter Anstrengung aus der Tiefe gegen die Höhe, natürlich mit geringem Erfolg. »Hilf Himmel, da gehen Batterien zurück«, rief Roon. An der mit Munitions- und Ambulanzwagen verstopften Sadowabrücke herrschte Wirrwarr, wie man deutlich beobachten konnte. Weiter rechts wichen fünf Batterien, die sich verschossen hatten, aus der Front. »Schon wanken die Pommern bei Dohalitz!« Am Mittag sah man Vorwärtsbewegung bei den Brandenburgern, die bisher im Rückhalt blieben. »Das ist kein gutes Zeichen. Prinz Friedrich Karl hält für nötig, die Vorderlinie zu stützen.« Um 1 Uhr strömten Massen von Versprengten aus dem Holawalde heraus, den Division Horn und Teile der Pommern überfüllten. Jedes Vorbrechen auf Lipa wurde alsbald durch schrecklichen Granat- und Schrapnellhagel vereitelt, der bis in die Reserven an der Bistritz einschlug. »Das ist eine Schmach und Schande!« Der auflösenden Wirkung des modernen Feuergefechts ungewohnt, in Anschauungen der alten Schule erzogen, die noch drüben bei den Kaiserlichen ein festes Zusammenschließen geordneter Abteilungen gebot, betrachtete der königliche Greis die eingerissene Unordnung in viel zu bösem Lichte. Er setzte plötzlich seinem Braunen die Sporen ein und ritt in die Niederung zu den versprengten Haufen, die er mit zornbebender Stimme anherrschte: »Schämt ihr euch nicht? Bedenkt, daß ihr Preußen seid! Wo sind eure Offiziere?« »Alle gefallen, Majestät. Wir brauchen Kommando.« »Da werde ich euch selber ordnen.« Er stellte die Leute in Reih und Glied, die selber stürmisch nach neuem Vorgehen begehrten. Allmählich stellten sich einige leichtverwundete Offiziere ein, und die Scharen kehrten sogleich in den Wald zurück. Natürlich schlugen wieder Granaten in der Nähe des Königs ein. Otto hatte sich an Roon und Moltke gewendet, sie möchten Majestät aus dem Feuer bringen. Diese lehnten jedoch ab, das käme ihnen als Militärs ihrem obersten Kriegsherrn gegenüber nicht zu. »Es ist nur an Ihnen, sich zu äußern.« »Ich bin auch Soldat, wenngleich nur Major.« »Sie sind Ministerpräsident.« Gereizt durch diesen militärischen Aberglauben, aber selber zaghaft, den heldenmütigen Greis zu erzürnen, nahm sich Otto ein Herz. »Majestät wollen mir huldvollst gestatten, daß ich als Ihr Ministerpräsident für Ihr kostbares Leben verantwortlich bin. Ich flehe Sie an, auf Ihre hohe Person etwas Rücksicht zu nehmen.« Der König erwiderte nichts. Die üblichen Phrasen verschmähte er. Gleichgültig wandte er sein Roß und ritt im Schritt langsam zur Höhe zurück. Er hatte kein Mitleid mit seinem Ministerpräsidenten, als er die gefährliche Stelle verließ, sondern äußerte endlich unwillig: »Der oberste Kriegsherr steht da, wo er hingehört!« Der später Sadowa getaufte, mit Gnadenbrot belohnte Braune wieherte beistimmend, und Ottos Dunkelfuchs scharrte trotzig mit den Füßen. Was war da zu machen, da sogar die klugen Hanse einer Meinung waren! Inzwischen sandte Moltke einen Adjutanten an den General v. Manstein mit dem Verbot, die Brandenburger auch noch zum Vorstoß über den Holawald einzusetzen. Dieser derbe barsche Kriegsmann hatte gegenteiligen Befehl des Prinzen in Händen und zögerte unwirsch. »Order von General Moltke! Aber wer ist General Moltke!« So unklar lagen damals noch die Befehlsverhältnisse im preußischen Heere. »Da werden sie endlich offensiv!« rief Roon nach 1 Uhr. Doch der Stand des Pulverdampfes lehrte bald, daß der österreichische Gegenstoß sich brach. Brigade Kirchsberg des Erzherzogs Ernst zerschellte am Schnellfeuer vermischter thüringer und pommerscher Abteilungen am Waldrande. Sonstige Unternehmungen unterblieben völlig, das Korps Gablenz betrug sich schlaff. Allerdings mußten auch pommersche vorbrechende Reserven sich hinter das Regiment Kolberg zurückziehen. Aus Nechanitz, Problus, Prim schlugen auch schon Rauch- und Flammensäulen gen Himmel, wie aus anderen Ortschaften. Die Elbarmee war dort am Werke. »Da scheint die Schlacht anscheinend auch sehr in der Schwebe. Die Sachsen, nicht wahr?« fragte Otto den großen Schweiger. »Ja«, erwiderte Moltke kurz und führte das Fernglas zum Auge. Der Kronprinz von Sachsen bewies schon an diesem Unglückstage, wo er gegen deutsche Stammesgenossen seine tapferen Scharen ins Feld führte, daß der Prozentsatz von Talenten im Fürstenstande ein unverhältnismäßig hoher ist. (Friedrich Karl, Erzherzog Albrecht, Kronprinz Albert, lauter erstrangige Armeeleiter, würden prozentual mindestens hundert ähnlichen Talenten nichtfürstlicher Herkunft entsprechen. Es braucht nicht gesagt zu werden, daß höchstens ebenso viele von gleicher Bedeutung unter nichtfürstlichen Militärs auftraten.) Die sächsische Leibbrigade warf anfangs im richtigen Augenblick die rheinische Vorhut zurück. Bald darauf zerschlugen die forschen Rheinländer aber die österreichische Brigade Schulz im Walde von Prim, und bis zum Ufer konnte man am Aufblitzen der Schüsse und dem Wogen des Pulverdampfes erkennen, daß auch die westfälische Division glücklich eingriff. Doch bis nach 1 Uhr schienen auch dort die Preußen im Nachteil. Als die Krise ihren Höhepunkt erreichte, beobachtete Otto verstohlen Moltkes Haltung. Er konnte nichts daraus entnehmen als vollkommene Gleichgültigkeit. Um dies auf die Probe zu stellen, öffnete er seine weite Zigarrentasche und bot sie dem Schweiger an. Dieser dankte höflich warf einen prüfenden Blick auf die verschiedenen Sorten und wählte sich richtig die beste aus. Der Minister atmete auf. Dann konnte es wohl nicht verzweifelt stehen. »Wie der Kronprinz sich verspätet! Von Bonin nichts zu sehen!« kreuzten sich ängstliche unterdrückte Ausrufe, und ein Murren lief um. In der Richtung, von woher Korps Bonin kommen sollte, gähnte unverkennbare Leere. Plötzlich starrte Otto, das Fernrohr entsprechend verschiebend, auf einen viel entfernteren Raum am Horizont. »Was sind das für Linien?« Alle Gläser richteten sich dorthin. »Bah, das sind Ackerfurchen.« Der Minister beobachtete nochmals, als Landmann mit derlei vertraut, und sagte ruhig: »Es sind keine Furchen, die Zwischenräume sind nicht gleich, es sind avancierende Linien.« Ein Seufzer aus erlöstem Gemüte, ein Austausch freudiger Zurufe: der Kronprinz ist da! Otto vergaß, nach der Uhr genau festzustellen, wann dies geschehen sei. Man hat es offiziell später so dargestellt, als sei die II. Armee schon um 11 Uhr auf dem Kampfplatze sichtbar geworden und mittags in den Kampf getreten, wodurch verwischt werden soll, wie überaus gewagt und unsicher die ganze Anlage der Schlacht. Kaum entledigte sich Graf Finkenstein um 4 Uhr morgens seines Auftrages – er hätte auch ebenso gut sich bei dem Nachtritt den Hals brechen oder sonstwie verspätet eintreffen können –, als Blumenthal die verschiedenen Korps in Marsch setzte, wo sie gerade standen. Er kam erst 2 Uhr nachts nach Königinhof zurück, weckte den Prinzen und setzte ihn in Kenntnis über das in Gitschin Verabredete. Bald darauf weckte ihn ein Bote Friedrich Karls: er sei bei seiner »Rekognoszierung« bedroht und wünsche Hilfe, was Blumenthal abschlug, als plötzlich Finkenstein mit Moltkes Order hereinplatzte, unbedingt mit der ganzen Armee die Elbe zu überschreiten. Um ½ 8 Uhr ritten der Kronprinz und sein Stab durch den kalten, regnerischen Morgen den Truppen nach. Der sonst kränkliche Blumenthal fühlte keine Ermüdung, obschon er nur ein kleines Stündchen schlief. So erregend wirkt die Schlacht. Nach 9 Uhr strebte alles über den schlüpfrigen Boden auf Horenowes zu, von wo der Pulverdampf bis Sadowa wogte, erst um 11 Uhr sah man von der Choteborekhöhe weit genug. Tausend Schritte südöstlich Horenowes bildete eine Baumgruppe eine deutliche Landmarke. Doch auch die Kavalleriedivision der II. Armee erschien erst um 4 Uhr! Erst ganz zuletzt waren 50 Schwadronen beisammen, aber ohne – Seydlitz. Das Korps Bonin, obschon am nächsten zur Division Fransecky, zauderte am längsten und brach erst um ½ 10 Uhr auf, erreichte daher erst spät nachmittags die Kampfzone. Doch auch die anderen Abteilungen konnten schlechterdings nicht vor 1 Uhr eintreffen, trotz hitzigen Gewaltmarsches, was unnütz Kräfte verzehrt und vor einer Hauptschlacht nie stattfinden dürfte. Moltke diktierte einem Adjutanten eine Order an Herwarth: »Kronprinz bei Cistelowes«, als Datum gab er an »1 ¼ Uhr«. Ungefähr um diese Zeit erfuhr auch Fransecky erst das Heranrücken der Garde. Wäre man irgendwie früher darüber unterrichtet gewesen, würde nicht nachweislich bis ½ 2 Uhr eine gedrückte Stimmung im Hauptquartier gewaltet haben. Otto blieb im Gedächtnis, daß nach Mittag eine bange windstille Pause herrschte und jedermann sehnsüchtig nach dem Kronprinzen ausschaute, der sich noch keineswegs blicken ließ. Der König machte, wie das Kampfgewühl, auch die sonstigen Entbehrungen mit durch. Das wußte der Soldat, und so ertrug er gehobenen Mutes alle Strapazen. Der tapfere Greis seufzte leicht: »Mich hungert, hat niemand was zu essen?« »Wenn Majestät damit vorlieb nehmen wollen –« Ein Offizier produzierte verschämt ein winziges Würstchen, ein Reitknecht etwas Wein. Die Sache sprach sich herum, und ein Märker Haketauer trat plötzlich freudegrinsend heran, ein Stück Kommißbrot in der Faust. »Mein Sohn, hast du denn selber schon zu Mittag gegessen?« war die erste, für ihn so bezeichnende Frage des Musterkönigs. – »Ne, Majestät.« – »Dann wollen wir ehrlich teilen.« Er brach das Brot durch und gab die Hälfte zurück. »Da nimm dein Teil, dein König dankt dir.« Wenn die Großen der Erde wüßten, welch unerschütterliche Anhänglichkeit des braven Volkes solcher ungeschminkte Ausdruck hoher Menschlichkeit gebiert! Doch nur ein wahrer König findet solche Worte. »Prinz zur rechten Tiet!« riefen die Pommern sich zu, als der Kronprinz endlich heranrückte und das Hauptquartier aufatmete. Selbst dies Ergebnis ermöglichten nur übermenschliche Anstrengungen und Feuereifer der braven Truppen. Als die Marschkolonnen der Garde am Kronprinzen vorbeidefilierten, fragte dieser den englischen Militärbevollmächtigten Beauchamp-Walker, einen Veteranen des Krim- und indischen Meutereikrieges: »Sahen Sie je Truppen so freudig und heiter in die Schlacht ziehen?« »Rekruten vielleicht, doch Kriegserfahrene, die schon im Feuer waren wie diese, noch nie.« Je näher der Kanonendonner herüberschallte, desto gewaltiger schritten die langen Beine der Garden aus. Obschon das nasse Getreide der zertretenen Kornfelder die Räder und Speichen umwickelte, rollten die Geschütze bergauf, bergab vorwärts. Wie auf der äußersten linken Flanke das schlesische Korps sich dem Trotinaflüßchen näherte und es bis an die Brust im Wasser durchwatet, konnte man von den Sadowahöhen her nicht überblicken. Man bemerkte nur den langen Höhenzug von Horenowes, auf dessen höchster Kuppe zwei hohe Linden den heraneilenden Garden als Richtmal dienten. Tatsächlich begann erst nach 1 Uhr das Eingreifen schwacher Vorhuten, während die Korps Thun und Molinary allmählich abzogen. Den Geschützdonner der Garde müßte man freilich schon vor 1 Uhr gehört haben, doch die düstere trübe Luftfärbung und die dicke Atmosphäre verwischten alle Umrisse und dämpften den Schall. Es war General v. Alvensleben, der zuerst den Höhenrücken überschritt. Graf Bismarck-Bohlen ritt erfolglos mit seinen Schwadronen an, erst um 2 Uhr entwickelte sich die Garde mit ihrem Vordertreffen zwischen Horenowes und Maslowed, während die Schlesier über Trotinamühle und Sandrasitz die Brigade Henriquez von der Elbbrücke bei Lochenitz abzudrängen suchten. Schon konnte Benedek nicht dorthin seinen Rückzug nehmen, von Josefstadt abgeschnitten. Eine ärgere Kopflosigkeit als die Nichtbewahrung dieser wichtigsten Flanke kann man sich nicht denken, die gewaltigen Reserven blieben eine halbe Meile davon entfernt und rührten sich nicht vom Platze. Der Kronprinz kam aber nicht mal rechtzeitig, um den Abmarsch der Brigaden Thom und Saffran von Horenowes, der fast aufgeriebenen Brigaden Poeck und Brandenstein aus dem Swiepwalde zu sprengen. Eine mächtige Geschützfront stellte sich bei Chlum entgegen wo die noch frischen Brigaden Erzherzog Josef und Appiano die Schanzen besetzten. Diese ungarisch-slowakischen Truppen hatten kein Herz zu der Sache und ergriffen teils das Hasenpanier, teils gaben sie sich massenweise gefangen, als die Garden in unwiderstehlichem Sturme die Schanzen und Chlum eroberten. Nur der deutsche Batteriechef v. d. Gröben, der mit seiner ganzen Mannschaft fiel, wahrte hier die österreichische Waffenehre. Otto konnte jetzt durchs Fernglas feststellen, welcher Wirrwarr auf der Chlumer Hochfläche, deren höchster Punkt die Kirche bildete, sich verknäuelte. Die Kürassierdivision Holstein brach neben dem Dorfe Rosberitz hervor, ihre Brigade Schindlöcker zerstob aber vor Schnellfeuer, man sah die Weißmäntel der Reisigen im Pulverrauch rückwärts entschwinden. Aus dem Lipaer Holze stürzte ein ruthenisches Regiment im Rücken des ersten Garderegiments nach Chlum hinein und stieß die Eroberer teilweise hinaus, deren Hauptzahl sich schon auf Rosberitz hinabwälzte und auch hier den Feind vertrieb. Nach wütender Gegenwehr erlagen auch die Ruthenen und 4., 8., 27., 30. Jäger wurden auf Langenhof versprengt. Schon früher fielen 28 Geschütze in die Hände der Sieger, jetzt erneut 19, während Alvensleben die von Kistowes abziehende Brigade Fleischhacker zersprengte und ihr 8 Stücke abnahm. Ein schlesisches Bataillon erbeutete gleichfalls in der Elbniederung 13 Geschütze, doch blieb das berühmte deutsche Regiment König der Belgier im Besitze des Brückendorfes Lochenitz. 3 Uhr vorüber! Otto atmet hoch auf. Als die Garden den Kirchhügel von Chlum krönten, war da nicht ein Klirren in der Luft, als berste Kyffhäusers eiserne Pforte? Doch wenn der Wind den Dunstschleier hob, konnte er deutlich wahrnehmen, wie schwache preußische Häuflein sich als Keil in das Herz der feindlichen Stellung bohrten. Die ganze Hauptmasse des Kronprinzen, auch ein gut Teil der Garde, befand sich noch weit zurück im Anmarsch. Auch hier wie bei Fransecky glich nur eine abnorme Truppenleistung die Mängel der Schlachtanlage aus. Otto machte sich seine Gedanken über eine Strategie, die mit lauter Glückszufälligkeiten rechnen muß, um sich durchzusetzen. Bei ebenbürtiger Truppenbeschaffenheit und einigermaßen vernünftiger Führung der Österreicher hätten sie auf ihrer Rechten und im Zentrum den überkühnen Angreifern eine Niederlage bereitet. Auch sprach natürlich die Ungleichwertigkeit des Gewehres bedeutend mit. Diese ermöglichte auch die Durchbrechung der Linie Prim – Problus. Das achte k. k. Korps räumte unter starkem Verluste Prim vor der rheinischen Division. Die grauröckigen 24. österreichischen Jäger mit dem Federhut und die grünröckigen sächsischen mit dem Tschako irrten an mehreren Stellen durch Sträucher und Felder, umsonst ihre Schießkunst erprobend. In Brauerei und Schloßhof von Ober-Prim rauften die Sachsen noch wacker, wichen dann alle auf Problus, auf dessen Höhe Kronprinz Albert vor 3 Uhr die Schlacht verloren gab. Er zog langsam schachbrettförmig ab, General Carlowitz verteidigte mit 5 Bataillonen noch Dorf und Höhe von Problus aufs bravste und fand dabei den Heldentod. Die norddeutschen Stammesbrüder erwiesen sich zur geheimen Genugtuung der Preußen als der beste Bestandteil des kaiserlichen Heeres. Auch hier kam aber die ganze Division Etzel nebst fünf Reservebatterien zu spät, um am Kampfe teilzunehmen, das konzentrische Verfahren Moltkes bot also für jeden vorurteilslosen Beobachter hier keineswegs ein nachahmungswertes Beispiel. Da infolge der hastigen Improvisierung der Schlacht und der sich daraus ergebenden Unmöglichkeit für Friedrich Karl, sich gegen die feindliche Übermacht rechtzeitig Aufmarschraum zur Entwicklung der Reserven zu verschaffen, seine Kavallerie noch rückwärts der Bistritz stand, ließ sich voraussehen, daß man dem abziehenden Feinde, wenigstens im Zentrum, wenig Abbruch tun konnte. Das Fußvolk der Korps Gablenz und Erzherzog Ernst blieb dort dauernd hinter Geländewellen verborgen, entzog sich daher jetzt durch raschen Abzug der Umklammerung der feindlichen Flügel. Überhaupt merkte man erst aus einer Abnahme des Frontalfeuers, daß ein Teil der furchtbaren feindlichen Artillerielinie bei Lipa nach der rechten Flanke zu abschwenkte. Sie überschüttete jetzt die Dörfer Chlum und Rosberitz mit einem Höllenfeuer, wo immer nur noch die vorderen sieben Gardebataillone das Gefecht nährten. Um ½ 4 Uhr wechselte Moltke einige Worte mit dem König, Adjutanten sprengten davon, auch die Brandenburger kamen in Fluß, mit entfalteten Fahnen schickte sich die ganze Macht Friedrich Karls an, die Hochfläche von Lipa zu ersteigen. Mittlerweile brachen Gardefüsiliere, Gardejäger, Gardeschützen und zwei Bataillone zweites Garderegiment unter General Alvensleben in die Stellung des Korps Ernst ein, dessen Brigade Benedek im Lipawalde sich wütend wehrte, jedoch halbvernichtet auf Langenhof wich, während Reste der Brigaden Appiano und Fleischhacker auf Kistowes flohen. Die brave Artillerie behauptete zwar immer noch opfermutig ihren Posten, auch verteidigte das 3. Feldjägerbataillon das Dorf Lipa, von wo auch Teile des Korps Molinary und andere Versprengte heftig gegen die Westseite von Chlum feuerten, wo gegen die dortige Höhe eine Brigade des Reservekorps Gondrecourt kraftvoll vordrang. Doch ungefähr vier vermischte Kompagnien jagten durch Schnellfeuer auf 100 Schritt die feindliche Masse unter auflösenden Verlusten über die Chaussee Lipa-Rosberitz zurück. Bald darauf fiel Lipa, wo jetzt endlich auch sechs Kompagnien der Franz- und Alexander-Grenadiere mitwirkten. Noch auf 50 Schritt feuerten zehn Achtpfünder Kartätschlagen ab, bis sie ruhmvoll verloren gingen, die braunröckigen Kanoniere fast alle tot und verwundet. Inzwischen brannte Rosberitz lichterloh, in das Brandraketen hineinzischten und ununterbrochen Granaten platzten. Das Füsilierbataillon des zweiten Garderegiments und vier Kompagnien vom ersten und dritten hielten das Dorf gegen vier Angriffe der verschiedensten Abteilungen, wobei Tschakos mit dem Doppeladler und Federhüte oft bunt durcheinander aus Ackerfurchen und Chausseegräben auftauchten. Das seitwärts im Freien stehende Bataillon Waldersee der Gardefüsiliere mußte sich freilich im Hohlweg nach Chlum vor dem schrecklichen Kreuzfeuer von kaiserlichen Batterien bergen. Gegen diese pflanzte sich erst jetzt die Gardeartillerie des Prinzen Hohenlohe auf, die bisher dem Fußvolke nicht folgen konnte, und nahm von Chlumer Höhen die in der Tiefe stehenden Reservekorps unter vernichtende Beschießung, litt aber sehr erheblich. Bisher nur mit einzelnen Bataillonen und Regimentern Rosberitz berennend, ermannte sich das bei Nachod schwergelichtete Korps Remming jetzt zu einem Gewaltstoß. Die Brigaden Jonak und Rosenzweig drangen mit drei Sturmsäulen ein, sechs Bataillone in den Westteil, die übrigen auf der Süd- und Ostseite. Trotz riesiger Verluste setzten sie ihren Willen durch. Nach fast einstündigem Ringen, bei welchem auch der Leutnant Prinz Anton Hohenzollern eine gräßlich schmerzhafte Todeswunde empfing und die Gardehünen mit Kolben und Bajonett sich ins Freie würgten, hatten die Kaiserlichen das Dorf. Am Hohlweg pflanzte jedoch Graf Waldersee die Fahne seines Bataillons auf und brachte im Verein mit Hohenlohes Batterien den auf Chlum fortgesetzten Angriff zum Stehen. Als die Musikkapellen der Regimenter den Sturmmarsch spielten und die Jägerhörner das Avanciersignal in die Lüfte schmetterten, liefen die Kaiserlichen mit anerkennenswertem Mute erneut an. Die Gardeartillerie, die sich verschoß und viel Bespannung verlor, mußte die Höhe räumen, doch behauptete die Gardedivision Hiller den Ort mit Salven und Schnellfeuer. Ein Feldjägerbataillon beendete seinen stürmischen Laufschritt mit ewiger schauriger Ruhe, fast gänzlich hingemäht. Es ging auf 5 Uhr, und jetzt erst langten die Vorhut des Korps Bonin und die Gardereiterei an. General Hiller blieb in drei schwersten Kampfstunden also sich selbst überlassen wie vordem Franzecky, und kein Vernünftiger wird behaupten wollen, daß eine Strategie, die solche Opfer und Abnormitäten verlangt, mustergültig sei. Die ostpreußischen Jäger, Regiment Kronprinz, vier Batterien verstärkten die Feuerlinie. Der Abhang nach Rosberitz bedeckte sich mit Leichenbergen, umsonst suchten drei Bataillone den Berg im Westen hinaufzustürmen, umsonst erreichten zwei Bataillone die Chaussee nach Langenhof, alles mußte kehrtmachen und nach Rosberitz hineinweichen. Ein Granatsplitter warf jedoch den tapferen Hiller selber aus dem Sattel, der lautlos verschied. Inzwischen schlugen sich die Schlesier bei Lochenitz herum, ihre Kavallerie geriet in Gräben, Haller- und Palffihusaren deckten den Abzug des Korps Thun über die Elbbrücken, das also das Schlachtfeld verließ, Division Zastrow schlug den Weg auf Rosberitz und Sweti ein, von mörderischer Kanonade und einhauenden Reiterschwärmen empfangen. Die wieder gesammelte Brigade Erzherzog Josef wurde aus Sweti hinausgeworfen und der Flankenstoß auf Rosberitz begonnen. Das Korps Steinmetz überschritt erst jetzt die Höhe von Horenowes. Das achte k. k. Korps zog schon über Bor zur Elbe ab, die Sachsen folgten auf Pardubitz, nachdem die Westfalen den Wald von Problus eroberten. Die von Benedek geschickte Brigade Piret des Korps Gondrecourt und vier sächsische Bataillone führten entschlossenen Gegenstoß aus, um die Brigade Schwartzkoppen in das zerschossene und in Flammen stehende Problus hinein- und hinauszudrängen, mußten aber mit vieler Einbuße davon abstehen. Die ausdauernde Artillerie deckte auch hier den Abzug über die Elbe, der sich die Kavalleriedivision Edelsheim anschloß. Die Reiterei der Elbarmee war nicht zur Hand, weil das enge Defilee sie aufhielt, wandte sich später gegen Stresetitz, statt den Kronprinzen Albert zu verfolgen. Das Korps Gablenz verlieh nicht minder den Schauplatz seiner Taten und überschritt die Elbe. Friedrich Karl hatte also im Grunde nichts mehr gegen sich stehen, sein Vordringen auf die Hochfläche wurde ein bloßer Vormarsch. Jetzt setzte sich auch auf einen Wink des Königs seine ganze glänzende Kavalkade in Bewegung. Er schloß sich seinem Bruder Prinz Albrecht und dem Herzog Wilhelm von Mecklenburg an, deren Geschwader soeben die Bistritzbrücke passierten. Das Fußvolk schwärmte weit bis Langenhof, am weitesten voraus die Kolberger und die Brandenburger Füsiliere, vom kommandierenden General Manstein persönlich geführt. Schon nach 4 Uhr hieb General v. d. Groeben mit den hellblauen Merseburger Husaren in Abziehende bei Rosberitz ein und erwischte vier Geschütze. Bald entspann sich bei Stresetitz ein großartiger Reiterkampf, den Otto, seine Fuchsstute dicht neben den König drängend, sehr nahe beobachtete. Kürassierdivision Holstein und die Nikolaushusaren des Korps Gondrecourt ritten mit Wut an, die Merseburger vor sich hertreibend, wo Graf Groeben schwerverwundet vom Rosse sank. Die Neumärker Dragoner warfen sich grimmig in die Stadionkürassiere hinein, wurden von Kaiserkürassieren umwickelt, schlugen sich aber so schneidig wie einst in der Muratschen Reiterschlacht bei Liebertwolkwitz durch. Aus einem Gehöft westlich von Rosberitz erhielten die Verfolger Schnellfeuer von Ostpreußen, der Adjutant Pelet-Narbonne holte die pommerschen Ulanen herbei, deren Lanzen seitwärts in die eiserne Mauer der Kürassiere hineinstießen. Der verschlungene Knäuel wälzte sich nach Langenhof, soeben von drei Gardekompagnien erstürmt. An der dortigen Schäferei brachen sich die geschlossen anstürmenden Ferdinandkürassiere. Der König hatte die Freude, hier eine altberühmte Lieblingstruppe unter seinen Augen sich auszeichnen zu sehen. »Herrlich, die Roten!« Die Zietenhusaren, Herzog Wilhelm an der Spitze, drückten die Kürassiere nach Bor rückwärts und wandten sich dann gegen Hessen-Kürassiere, die nach Rosberitz auswichen. Der ellenlange Prinz Albrecht, an Wuchs noch den König überragend, ein gutmütiger und braver Herr von geringen Geistesgaben, focht wacker mit. »Das war die Brigade Solms«, teilte er dem König mit. Otto lächelte grimmig. Graf Solms hatte ja eine hochpolitische Rolle gespielt, indem er den Welfenkönig zur Torheit ermutigte, man war ihm wahrlich zu Dank verpflichtet. Die Neumärker bekamen aber gleichzeitig noch mit der Kürassierdivision Coudenhove zu tun, die auf Stresetitz antrabte. Sie geriet bei Langenhof in verheerendes Schnellfeuer des Brandenburger Füsilierregiments, und die Brandenburger Ulanen der Brigade Mecklenburg warfen sich im Galopp auf die Flanke der Preußenkürassiere. Ihr Chef Prinz Karl konnte sich nicht enthalten zu bedauern: »Mein armes Regiment!« Er befand sich bei der vordersten Batterie, durch die ein abgesprengter Trupp hindurchbrauste. Der alte Wrangel war nicht hier, um gleichfalls mit anzusehen, wie die Wrangelkürassiere mißhandelt wurden. Hierhin und dorthin getrieben, im Schnellfeuer Spießruten laufend, zerstob die Brigade Fürst Windischgrätz, deren Chef schwerverwundet in Gefangenschaft fiel. »So sieht man sich wieder!« murmelte Otto. »Mein alter Bekannter von Wien!« Die Brigade Mengen stieß hingegen viel weiter links mit der Kavallerie der Elbarmee bei Problus zusammen. »Marsch, marsch, Fanfaro!« Die 1. Gardedragoner durchbrachen die galizischen Alexanderhusaren, deren grüne Kollets sich bald blutig färbten, von Batterie Caspari mit Kartätschen bearbeitet. Gleichzeitig galoppierten die Blücherhusaren des pommerschen Korps auf die Bayernkürassiere los. »Hoch der König!« General Rheinbaben brachte zwischen Problus und Stresetitz die 1. Gardeulanen vor. Auch diese Kürassiere wurden zersprengt, ihr Schwesterregiment Neipperg-Kürassiere wagte sich nicht mehr vor. Dagegen jagte ein Schwarm von 100 Galiziern mit eingelegter kurzer Lanze auf das königliche Gefolge nordwestlich von Stresetitz heran. »Rettet den König!« Flügeladjutant Graf Finkenstein führte die aus verschiedensten Abteilungen gemischte Stabswache vor, während der fürstliche Greis völlig furchtlos blieb. Die Kugeln der Brandenburger Füsiliere machten jedoch der Gefahr ein jähes Ende, nachdem Otto in heller Angst um den Monarchen ihm schon in die Zügel fallen und sein Roß rückwärts wenden wollte. Die Aufmerksamkeit des Königs richtete sich so ausschließlich auf die Entwicklung der kriegerischen Vorgänge, daß er den umherstiebenden Geschossen nicht die geringste Beachtung schenkte. »Eure Majestät dürfen sich nicht so sorglos dem mörderischen Feuer aussetzen«, drängte Otto, der sehr nervös zu werden begann. Doch der kriegerische Monarch fertigte ihn ab: »Der Höchstkommandierende muß da sein, wo er sein soll.« Otto ermannte sich zu launiger Einsprache: »Wenn Eure Majestät nicht um sich selber sorgen, erbarmen Sie sich Ihres armen Ministers, von dem das treue preußische Volk verlangt, daß er über seinen König wache. Dies Volk bittet sie, den gefährlichen Posten zu räumen.« Der tapfere Greis schmunzelte vergnügt: »Na, dann reiten wir ein bißchen beiseite.« Und er wendete seinen Braunen zu einem so gelassenen Trab, als ginge es die Linden zum Tiergarten hinunter. Da dies Otto nicht schnell genug ging, gab er dem Roß von hinten heimlich einen Klaps mit der Stiefelspitze, so daß es einen Satz nach vorwärts machte. Der König sah sich erstaunt um und merkte wohl das sündige Beginnen, sagte aber nichts dazu, daß sein Getreuer ihm den Genuß verkümmern wollte, auf dem Felde der Ehre zu bleiben. Er meint es ja gut, der alte heißblütige Schönhauser, es zuckt ihm in Händen und Füßen, seinen König herauszuhauen, doch manchmal weiß er nicht, wie einem wahren König von Preußen zumute ist! – Die von Gewehrsalven und Geschossen der Gardeartillerie erreichten Divisionen Holstein und Coudenhove ritten mehrfach ihr Fußvolk hinter Rosberitz um und verbreiteten Wirrwarr unter der Artillerie, opferten sich aber nicht umsonst und verschafften dem Rückzüge Benedeks bedeutenden Zeitgewinn. Sie hatten die Attacke selbständig übernommen, denn von Benedek erhielt man kaum Befehle mehr, der sich, seit er bei der ersten Einnahme von Chlum und Rosberitz ahnungslos mit der Stabswache heraneilte und durch Flintenschüsse seinen Adjutanten Grünne getötet und den vorzüglichen Artillerie-Oberchef Erzherzog Wilhelm neben sich verwundet sah, ganz verstört herumtrieb und sich vom Flüchtlingsstrome nach Königgrätz tragen ließ. Vierzig Schwadronen (5700), die tatsächlich fochten und mit 34 preußischen (4500) ihre Klingen kreuzten, wobei sie mehrfach im Handgemenge die Oberhand behielten, verloren fast 1200 Mann, darunter 70 Offiziere, und fast 1700 Pferde, die Preußen nur über 300 Pferde und 440 Reiter. Während 16 Garde-, 11 ostpreußische Kompagnien Rosberitz erneut nahmen, 6 Garde-, 7 ostpreußische und vorerst nur fünf Batterien Friedrichs Karls den Abzug der Reservekorps mit Granathagel begleiteten, erstürmten die Schlesier mit klingendem Spiel das Dorf Wsester und erbeuteten 12 Geschütze, dann nochmals 14 und trieben den Feind auf Briza, neun ihrer Batterien aufpflanzend. Obschon aber beide preußischen Flügel schon auf eine Viertelmeile voneinander vorrückten, erreichten die drei Ulanenregimenter der Division Alvensleben den Feind nicht mehr und die Elbarmee blieb im allgemeinen stehen. Eine neue feindliche Geschützaufstellung bei Rosnitz wurde zwar niedergekämpft, indem Friedrich Karl neun neue Batterien vorbrachte. Zastrows Schlesier warfen das Korps Gondrecourt aus Rosnitz und Briza, erbeuteten 18 Geschütze, und nachdem sie die Ziegelei auf der Königgrätzer Chaussee überschritten, schien mindestens das ganze Korps Gondrecourt abgeschnitten. Es hatte bei Chlum und Rosberitz schon 4000 Tote und Verwundete eingebüßt (Korps Molinary sogar 5000), Regimenter Deutschmeister und Ehrbach (Böhmen), die altbekanntesten der k. k. Armee, litten besonders, und es ließ bis zur Nacht auch wirklich 6000 Unverwundete in Händen der Sieger. Aber die angelangte Division Etzel der Elbarmee tat nichts als Batterien vorzuziehen, die wegen Flankenfeuer aus Bor auf Prim retirierten. Bis ½ 8 Uhr tobte noch ein heftiger Geschützkampf, an dem zuletzt 17 Batterien Friedrich Karls, acht des Kronprinzen, vier der Elbarmee teilnahmen. Wesentliche Wirkung blieb aus. Die Sachsen und Kavallerie Edelsheim deckten in fester Haltung das Abfließen des Rückzuges über Pardubitz, da nur die Korps Thun und Molinary den Übergang bei Lochenitz noch benutzen konnten, nur teilweise über Königgrätz, da diese Festung lange ihre Tore schloß, um nicht von den Flüchtlingsmassen überschwemmt zu werden. Es entstand zuletzt die wildeste Flucht, was die preußische Oberleitung aus den Umständen hätte folgern müssen. Trotz der wider alles Erwarten geglückten konzentrischen Umfassung hatte man kein Korps abschneiden können, aber ein Blick auf die topographische Karte mußte lehren, daß unermüdliches Nachdrängen noch schönste Früchte tragen und die Auflösung des Kaiserheeres vollenden mußte. Selbst neue Opfer brauchte man nicht zu scheuen, wenn man nur rechtzeitig österreichische Artillerielinie niederriß und in den Fluchtgreuel an den Elbübergängen hineinstieß. Solches erwartete Bismarck, der mit gewohntem Hellgesicht in die Ferne später. Es gab auch sonst manches noch zu sehen auf diesem grausigen Schlachtfelde. Als er später beiseite ritt zu einsamer Betrachtung, machte ihm das Leichenfeld das Blut in den Adern erstarren, ein lähmendes Entsetzen befiel ihn. Jämmerlich schrie ein armer schöner Gaul, dem eine Granate beide Hinterfüße wegriß und der sich mit den Vorderfüßen zitternd aufstemmte. Seine großen Augen, naß und hilfeflehend, gingen dem gutherzigen Deutschen durch Mark und Bein. Die arme Kreatur weiß nicht, wofür sie leidet, und was geht sie die deutsche Einheit an! O schreckliches Dasein, wir leiden und machen leiden, selbst wenn wir unsere Pflicht tun. Nicht weit davon graste der berühmte riesige Ziegenbock der Gardeartillerie, der neben dem Stabstrompeter possierlich bockend auf den Feind losstürzte, als wolle er alles auf sein Horn spießen. Die Slawen erkannten in ihm den alten Heidengott Zornebog, den Satanas, mit dem der Unterteufel Bismarck einen Privatpakt schloß. Doch dicht daneben lehnte ein junger bildschöner Offizier an einem Gartenzaun, ein winziges rundes Loch auf der Brust, hinter ihm blühten Rosen. Von denen brach ein Märker eine Handvoll und streute sie auf die Todeswunde. »Kennen Sie den Toten?« fragte Otto bewegt. »Ne, Herr Major. Doch jefochten hat er wien'n Löwe und jefallen is er wie'n Lämmchen, da wollt' ik ihn man vor die Pferdehufen schützen und hab' ihm ufrecht anjelehnt. Mein' Mutting jäbe mir ooch woll Rosen ins Jrab. Na adjes, Herr Major!« Damit stürmte er weiter. – Der König war bis an die Ostspitze des Charbusitzer Waldes in den Gefechtskreis der Elbarmee vorangesprengt, zahlreiche Granaten platzten um ihn. Schon um ½ 7 Uhr legte ihm Moltke einen Armeebefehl vor, wonach »morgen« ein Ruhetag eintreten und nur die Elbarmee auf Pardubitz verfolgen sollte. »Alle drei Armeen sind förmlich ineinander geraten, es braucht Märsche, sie wieder auseinander zu lösen. Die Truppen sind überanstrengt, 19 Stunden in Bewegung, zehn im Kampfe ohne Abkochen und Pferdefutter.« Das schlug natürlich beim König ein. »Die braven, braven Leute!« rief der König gerührt. »Es wäre unmenschlich, mehr zu verlangen. Natürlich müssen sie sich erholen.« Otto schüttelte den Kopf dazu, sagte aber füglich nichts. In Wahrheit waren das Brandenburger Korps und Division Etzel völlig frisch, die zahlreiche Reiterei hätte nach genügender Vorbereitung alles in Grund und Boden reiten können, das Korps Steinmetz und fast das ganze Korps Bonin trafen erst jetzt ein – ein niederschlagender Beweis für die theoretische Minderwertigkeit konzentrischer Angriffe –, hätten aber unter sofortiger Einsetzung der letzten Kräfte das gänzlich zerschlagene Kaiserheer an die Elbe drücken und den Rückzugsübergang in eine Beresinakatastrophe verwandeln können. Moltke redete sich später damit heraus, nur ein mitleidslos harter Wille könne den Truppen so etwas zumuten, wobei er obendrein unterschlug, daß große preußische Teile noch völlig frisch waren. Doch selbst wenn sie so erschöpft gewesen wären, so waren dies die Franzosen bei Jena und Austerlitz auch, und wie erst die Preußen Blüchers bei Belle-Alliance, die viel ärgere Strapazen, verhältnismäßig blutigere Kämpfe hinter sich und seit vorgestern eine furchtbare Niederlage in den Knochen hatten und dennoch rücksichtslose Verfolgung durchsetzten. Und hier winkte ein viel größerer Siegespreis, da Benedek die Elbe im Rücken hatte, also ein großer Teil seines Heeres nicht mehr hinübergekommen wäre. Am folgenden Tage aber – was wäre denn aus Blüchers Katzbachverfolgung geworden, wenn er ähnlich gedacht hätte, der noch obendrein einen hochgeschwollenen Fluß überschreiten mußte, aber nur so den Erfolg wirklich ausnutzte? In Wahrheit ließ sich Moltke vor der über alles erhabenen Aufopferung der österreichischen Artillerie imponieren, war auch persönlich angegriffen und müde, während den greisen König seine jugendliche Begeisterung wach und frisch erhielt. Seine Lobredner um jeden Preis haben dies alles vertuscht, auch jede gesunde kritische Folgerung erstickt. Wenn er in einem Memorandum an Treitschke sich höchst unglücklich auf Napoleons Schlacht bei Bautzen berief, wo der Großmeister von seinem Grundsatze abwich und deshalb einen halben Mißerfolg erntete, und das Zusammentreffen getrennter Heere auf dem Schlachtfelde für den Gipfel der Strategie erklärte, dabei jede Gefahr bei Königgrätz leugnete, so verschwieg er wohlweislich, daß nur das Zündnadelgewehr und die übermenschliche Leistung der Divisionen Fransecky und Hiller-Gärtringen ihn herausrissen. Wenn von 221 000 Preußen tatsächlich nur 150 000 wirklich zum Schlagen kamen, von 780 Geschützen 200 nicht feuerten, so verurteilt solche Schlachtanlage sich selbst. Allerdings muß man Friedrich Karls Initiative loben, die ja nachher Moltke nur aufnahm, doch der Grund des Übels lag in der fortdauernden Trennung der II. Armee durch die Elbe, wogegen Blumenthal umsonst remonstrierte. Nur wegen diesem Auf-die-Spitze-treiben des Systems der äußeren Linien traten alle diese unliebsamen Folgen ein. * Otto behielt diesen Eindruck stets und gab ihn auch später schriftlich wieder. Durch diese Schlaffheit verlängert sich der Krieg und die französische Einmischung droht näher, dachte er. Doch übersah man im Hauptquartier überhaupt noch nicht den Umfang des Sieges. Bei dem Ritt übers Schlachtfeld sah man anfangs nur Tote und Verwundete, haufenweise niedergestreckt auf zerstampften Feldern, zerschossene und stehengebliebene Geschütze. Denn im Zentrum war das feindliche Fußvolk wie vom Erdboden verschwunden, als die Verfolgung begann. Erst jenseits Stresetitz und bei Rosberitz bezeugte das Blachfeld, wie fliehende Massen Tornister, Tschakos und Gewehre wegwarfen, wie der Wagentrain in die Chausseegräben umstürzte und reiterlose Pferde umherirrten. Der König begab sich von der Waldspitze östlich von Bor nach der Wiese vor Problus, wo ihm ein anderer Reitertrupp entgegenkam, der Stab des Kronprinzen, der ihn suchte. Vater und Sohn fielen sich gerührt in die Arme. Der Jubel seiner Truppen war unbeschreiblich, überall umdrängten sie den Kriegsherrn, der sich in Lobsprüchen nicht genug tun konnte. »Lassen Sie mich in Ruhe! Ich bin ganz enthusiasmiert!« lehnte er Ottos ernste Vorstellungen ab, da die Generale sich nicht getrauten, als Soldaten einem solchen königlichen Soldaten das Wort Gefahr ins Ohr zu raunen. Die Granaten sausten, schwirrten und schlugen ein, doch in seiner geradezu exaltierten Stimmung schien der prächtige alte Herr nichts zu sehen und zu hören. »Er macht sich's im Sattel bequem wie bei einer Revue am Kreuzberg«, murrte Roon, halb ärgerlich, halb freudig belustigt. »Möchten Sie, daß er vorsichtiger wäre?« rief Otto mit strahlendem Auge, und Roon strich sich wohlgefällig den Schnurrbart. Der edle Greis suchte sich immer neue Schlachthaufen, denen er Guten Abend sagen wollte. Und wo er freundlich grüßte: »Guten Abend, Grenadiere! Ich danke euch, Kinder!« küßten ihm die Krieger Stiefel und Steigbügel in ihrer stolzen Hingebung, ein so würdiges Sinnbild des Vaterlandes vor Augen zu haben. »Na, da tändeln wir ja wieder recht lieblich ins schönste Feuerchen hinein«, warnte Roon besorgt. »Pladderadeutz!« Eine Granate riß unmittelbar neben dem König zehn schlesische Kürassiere und 15 Pferde in einen blutenden Knäuel nieder. Gleich darauf schlug eine andere dicht vor dem König ein, so daß sich ein Angstschrei erhob, explodierte aber nicht. »Das ist zu viel, Majestät«, zürnte Otto mit erhobener Stimme. »Im Namen des Vaterlandes beschwöre ich Sie, diesen Leichtsinn aufzugeben. Der Staat hat Anspruch, daß Sie sich ihm erhalten.« »Sie wollen mir durchaus mein Vergnügen nicht lassen«, versetzte der König ärgerlich. »Ich gehorche und reite weg auf allerhöchsten Befehl.« Der ernste Ton half also und Otto ritt durch die Dunkelheit als Wegweiser vor der verwegenen Majestät her, nach Horsitz zurück. Als sie am Rokosberg vorüberritten, bemerkte der König spitz und gereizt, indem er auf seinen treuen Minister wies: »Hier ist die Stelle, wo der Herr da mich zum erstenmal wegjagte«, aber es war nicht bös gemeint, und er beruhigte sich. »Sie meinen es ja gut und schließlich mögen Sie recht haben. Ich werde mich bessern.« Ottos Fuchs, der auf der Walstatt nie scheute und gemütlich Ähren abfraß oder Pflaumenblätter kaute, trug ihn in flotter Gangart. Sein Herr mußte sich in Horsitz aufs Straßenpflaster legen, Stroh gab es nicht, dies und alle Gebäude brauchte man für Verwundete. Er schob ein Wagenkissen unter, befahl sich Gott unter rieselndem Regen und schlief schon wie ein Murmeltier, als ein Vorübergehender ihn entdeckte. »Mein Gott, Exzellenz, Sie hier? Das geht nun und nimmer. Ich habe ein Zimmer und Sie müssen es mit mir teilen.« Es war der Großherzog von Mecklenburg, der ihn so unter seine Obhut nahm. Übrigens gab es auch selten reinliche Streu als Kopfkissen, denn die Pferde gingen vor, die allen Häcksel fraßen. Die böhmischen Matratzen, oben und unten zu kurz, in der Mitte hoch, machten ihm Kreuzschmerzen, und einmal hatte er sich wie ein Taschenmesser in einer Kinderbettstelle zusammenklappen müssen, o Grausen und Hüftweh! Für den König hatte er vorhin ein hartes Sofa aufgetrieben, er selbst fiel anfangs sanft auf einen Düngerhaufen, dessen Odeurs ihn wieder aufscheuchten. Auf dem Marktplatze fand er eine Säulenhalle, ob jonische oder dorische Säulen, das zu unterscheiden erlaubte nicht die Dunkelheit, jedenfalls waren's böhmische Säulen. Ein Dach über bloßen Steinen, doch der Regen drang durch, und Rindvieh hinterließ hier übelriechende Spuren. Doch er konnte sich nicht mehr aufrappeln. Erst am anderen Morgen begann man zu zählen, daß man 160 Geschütze, 20 000 Gefangene als Trophäen in Händen hatte, überhaupt verlor Benedek fast 45 000 Mann, die Preußen nur über 9000, davon die Elbarmee nur 1600, Friedrich Karl fast 5300, wovon fast 2300 auf die bei Maslowed-Kistowes Fechtenden allein entfielen. Die Gardedivision Hiller verlor nur 1060, außerordentlich wenig im Vergleich zur Einbuße der ihr gegenüberstehenden zwölf Brigaden, noch ungerechnet 7000 Gefangene. Auch Fransecky fügte einer riesigen Übermacht einen dreifach größeren Verlust zu und trieb 2000 Gefangene weg, wie die Elbarmee 3000 (keine Sachsen darunter) und Division Zastrow gar 5000. Diese Tatsachen lehrten zur Genüge, daß die entnervende Wirkung des Hinterladers und die gewandtere Fechtweise gegen unbehilfliche Kolonnen die Partie von vornherein ungleich machten. An Tapferkeit hatte es den Österreichern im allgemeinen wahrlich nicht gefehlt, auch nicht den Süddeutschen, die im Laufe des Monats in ihren eigenen Landen bei Kissingen, Aschaffenburg, Tauberbischofsheim usw. durch Goeben und Manteuffel (Falckenstein in Ungnade abberufen) fortwährend Niederlagen erlitten. Doch mit Unwillen bemerkte der Minister-Major, daß sich alsbald bei den höheren Militärs ein Selbstgefühl entwickelte, als sei die österreichische Armee ein Pappenstiel und jeder von ihnen ein weiser Heros. Die meinen schon, die ganze Welt erobert zu haben! dachte er bitter. Leicht verzagt und leicht berauscht, und ich muß Wasser in den Schaumwein gießen, ein undankbares Geschäft. Daß wir nicht allein in Europa etwas zu sagen haben und drei andere Großmächte uns den Erfolg mißgönnen werden, wird schwer sein, den Herren begreiflich zu machen. Auch der König träumt nur vom Einzug in Wien. Monsieur Lefebvre wird mir bald ein Wort ins Ohr sagen, der außerordentliche Botschafter Benedetti wird es an zarten Winken nicht fehlen lassen. Nun, die Menschen haben es übel mit uns gemeint, und Gott hat alles wohlgemacht. Heute erst erkenne ich seine Gnade, daß er mein Werk gekrönt hat. Doch mein Feldzug beginnt erst jetzt. »Na, jetzt stehen Sie groß da«, unterbrach der barsche General Manstein seine Träumerei. »Aber wenn es schief ging, hätten die alten Weiber in Berlin Sie mit Besenstielen totgeschlagen.« In der kordial klingenden doch von geheimer Mißgunst durchtönten Äußerung lag die Anmaßung: wir, wir allein, die Armee macht den Erfolg. »Was hätten Sie denn getan, wenn die Schlacht verloren ging?« Otto sah ihn groß an und nahm einen Revolver aus dem Sattelhalfter: »Mir eine Kugel vor den Kopf geschossen.« Die Waffe funktionierte zwar schlecht, wie er im Briefe an Nanne klagte, doch daß er überhaupt keinen Revolver bei sich trug, ist spätere Verdrehung. Die Eifersucht der Militärs auf den Zivilisten gewann übrigens auch eine Prägung in Roons launigem Ausruf: »Na, diesmal hat uns der brave Musketier rausgerissen!« Während eine matte Verfolgung anhob und die Preußen auf Olmütz vorgingen, erhielt der König in der Nacht zum 5. ein Telegramm Napoleons. »Da haben wir's! Eine unangenehme Geschichte!« reichte er es dem Minister hin. »Der Kaiser hat Venetien an Napoleon abgetreten und wünsche dessen Vermittelung. Welche Entwürdigung!« »Ganz wie in Villafranca. Da sehen Eure Majestät die deutsche Gesinnung Österreichs. Den wahren Landesfeind, das Ausland, zum Schiedsrichter der deutschen Frage machen!« »Ja, jetzt sehe ich, wie richtig Sie immer urteilten. Nun, Österreich wird dafür büßen. Napoleon motiviert seine Einmischung mit unserem glänzenden Erfolge, der ihn aus seiner Zurückhaltung heraustreten lasse. Was meint er eigentlich?« »Was er zu höflich und zu schlau ist zu bekennen. Er hielt uns für hilfsbedürftig und merkt zu seinem lebhaften Ärger das Gegenteil. Übrigens treiben ihn seine Franzosen dazu, die boshaften Affen. Die halten jeden Sieg anderer für eine Majestätsbeleidigung gegen ihr ausschließliches Gloiremonopel und würden ihm nie verzeihen, wenn er nicht irgendeine Erpressung auf uns ausübt.« »Er soll nur kommen! Frankreich ist nicht gerüstet.« »Aber Österreich nicht so völlig niedergeworfen, auch Süddeutschland nicht, als daß wir einen Machtzuwachs durch ein französisches Heer, und sei es noch so klein, gelassen ansehen könnten. Hätte man sofort mit aller Kraft verfolgt, so würden wir schon jetzt Friedensangebote in Händen haben. Wir müssen uns beeilen.« »Wie sollen wir also nach Paris antworten?« »Dilatorisch, verschleppen und hinziehen. Nur kein Waffenstillstand ohne Bürgschaft eines sofortigen Friedens auf günstiger Basis! Das Intermezzo Gablenz war im Grunde eine gute Vorbedeutung, doch wir dürfen uns auf nichts einlassen ohne offizielle Beglaubigung.« Im Hauptquartier erschien nämlich auffälligerweise als eine Art Parlamentär der F. M. L. Gablenz, der vom dänischen Feldzug her viele Sympathien genoß, und wollte einen Waffenstillstand abschwindeln, was natürlich dem zerschlagenen Heer gut paßte. Moltke frug ihn trocken nach seiner Ermächtigung, für die er nichts Schriftliches vorzeigen konnte, und schickte ihn unverrichteter Sache heim. Doch in Pardubitz erschien er plötzlich wieder mit unbestimmten Anträgen. Otto hatte gerade einen wertvollen Besuch, den Grafen Seherr-Toß, mit dem er sich voriges Jahr in Paris beredete. »Ich komme direkt von Paris, nahm den nächsten Zug hierher auf das, was der Moniteur erst ein ›wichtiges Ereignis‹ nannte und nachher ›ein unwahrscheinliches unerwartetes‹, das Frankreich mit ›patriotischer Besorgnis‹ erfüllt, das heißt mit Enttäuschung, Eifersucht und Revanchewut. Wissen Sie, daß schon das Wort umläuft: ›Rache für Sadowa‹, als ob dort Frankreichs Ehre beleidigt sei?« »Das wundert Sie? Jeder, der Ehre im Leib hat, beleidigt diese zartfühlende Nation schon durch seine Existenz.« »Augenblicklich schwelgt Paris in einem Freudentaumel, es flaggt und illuminiert wegen Annexion Venetiens. Die Pariser können nie genug Länder schlucken, selbst Güter im Mond würden sie annektieren.« »Und erst recht spanische Luftschlösser. Sie kommen gewiß auf Ihren damaligen Antrag zurück?« »Jawohl, die Insurgierung Ungarns. Jetzt ist es Zeit.« Er verbreitete sich über Gründung einer ungarischen Legion. Dem für äußerliche Eindrücke empfänglichen Madjaren imponierte Otto jetzt viel mehr in Uniform und Helm, als einfacher Major von allen Generalen respektvoll begrüßt und mit der Haltung eines Gott Jupiter. Jemand brachte eine Meldung. »Entschuldigen Sie mich einen Augenblick«, unterbrach der Minister die Darlegung. »Ich muß zum König, der verdammte Gablenz ist wieder da und verlangt Audienz, was ich unter allen Umständen hintertreiben will.« Er fand beim König williges Gehör, der heiter ausrief: »Waffenstillstand is nich. Wir werden den Frieden auf den Wällen Wiens diktieren.« Zurückgekehrt, bot er dem Ungarn eine Havanna an und lächelte: »Um auf einiges zu kommen, was Sie vorhin berührten, Sie hielten mich also auch für einen Junker und Reaktionär und staunen über meine Vorurteilslosigkeit? Der Anschein täuscht oft. Ich mußte diese Rolle spielen, um mein Ziel zu erreichen. Von allen Seiten suchte man den König gegen mich einzunehmen, indem man mich als verkappten Demokraten malte. Ich gewann sein volles Vertrauen, indem ich nicht vor Widerstand gegen die Kammer zurückschreckte, wenn es sich um die Heeresreform handelte, ohne welche der Staat in Gefahr schwebte. Doch, lieber Graf, meine Nerven gingen in diesem Kampf zum Teufel, meine Lebenskraft ist erschöpft, ich bin ein halbtoter Mann.« Toß sah ihn zweifelnd an. Leider sprach Otto die Wahrheit, sein altes Leiden meldete sich wieder. Heftig mit der Faust auf den Tisch schlagend, donnerte er mit prachtvollem Ingrimm: »Besiegt habe ich sie alle, die meinem Ziel im Wege standen.« In den nächsten zehn Minuten kamen Depeschen herein, die ihn mit Genugtuung erfüllten. »Sieg über Sieg! Die Süddeutschen können gegen uns nicht das Feld halten. Übrigens sind viele nicht mit dem Herzen dabei. Zum Beispiel der Stabschef des Bundesheeres, Freiherr v. d. Tann-Ratsamhausen, ein echter deutscher Edelmann von uraltem Reichsadel, also ein volksfreundlicher liberaler Herr von vornehmer Gesinnung. Der hat weiland die Holsteiner Freischaren geführt, weil er als deutscher Patriot nicht auf seiner bayerischen Scholle sitzen bleiben wollte, wenn der gemeinsamen Mutter Deutschland Unrecht geschah. Überhaupt die Bayern! Ein ganz famoser Menschenschlag, den ich liebe, man muß nur ihre berechtigte Sonderempfindlichkeit schonen.« »Und was wird Süddeutschlands Schicksal sein? Werden Sie es dem preußischen Adler unterwerfen?« »Beileibe nicht! Was sollten wir mit all den Ultramontanen anfangen? Wir brauchen sie nicht und dürfen nicht mehr verschlucken, als wir verdauen können. Schon Piemont hat sich durch Annexion von Neapel eher geschwächt. Ja, und was Ungarn betrifft, ich bin immer für Freiheit und Unabhängigkeit, und wir wollen gern Ihre nationalen Aspirationen zu den Waffen rufen.« Seine furchtbare Waffe der Offenheit tat ihm auch hier die besten Dienste. Graf Toß war Feuer und Flamme für den »großen deutschen Staatsmann«. In Ungarn regte es sich bald. Obschon die traurige militärische Schwäche Italiens dem Erzherzog Albrecht erlaubte, viele Truppen von Süden wegzuziehen und selbst an Stelle des gefallenen Benedek den Oberbefehl zu übernehmen, mußte er sich immer weiter auf Wien zurückziehen. Die Zahl der erbeuteten Geschütze und Gefangenen vermehrte sich zusehends, je weiter die Preußen gegen die Floridsdorfer Linien vordrangen. Aus Hohenmauth schrieb Otto an Nanne: »Weißt Du noch, mein Herz, daß wir hier vor fast zwanzig Jahren durchfuhren?« »Kein Spiegel zeigte die Zukunft ... wie wunderbar romantisch sind Gottes Wege!« Das fand auch der König, der einen so tiefen Zug aus dem Ruhmesbecher tat, daß er die Schmach von Olmütz nun durch volle Demütigung des hochmütigen Gegners heimzahlen wollte. »Wir müssen Österreichisch-Schlesien und den Grenzteil von Böhmen haben, in Norddeutschland Ostfriesland. Für Hannover, Hessen, Nassau, Meiningen genügt es, wenn wir die antipreußischen Souveräne durch ihre Thronfolger ersetzen, die sich durch Bundesreform an Preußen anschließen.« Otto, peinlich berührt, stieß erneut auf die dynastische Neigung, alte Dynastien zu schonen und hingegen das eigentliche Staatsinteresse hintanzustellen. Statt dessen wollte der König lieber, wie er später sagte, Teile dieser deutschen Kleinstaaten Preußen einverleiben. »Besonders liegt mir am Herzen, unsere alten Stammlande Ansbach und Bayreuth, die uns der Korse entriß, zurückzugewinnen. Natürlich müssen wir dann zur Verbindung mit Franken uns Westsachsens bemächtigen mit Leipzig, Chemnitz und Zwickau.« »Ob Österreich das zuläßt, scheint mir fraglich.« »Es hat nichts zuzulassen«, brauste der König auf, »sonst werden wir unsere gerechten Ansprüche steigern. Friedrich Karl hielt mir wiederholt Vortrag über die strategische Wichtigkeit von Eger, Reichenberg, Karlsbad, welche Berge und Täler sich als Glacis dem Erzgebirge vorlagern.« »Dort und in Österreichisch-Schlesien überwiegt doch wohl slawische Bevölkerung.« »Das ist gleichgültig. Den Kreis Braunau empfehlen einige Autoritäten auch als Eisenbahnknotenpunkt an uns zu bringen.« Warum nicht ganz Böhmen und Mähren! belächelte Otto solch ausschweifende Hoffnungen. Die echte Militärpolitik, wie Moltke und Friedrich Karl sie allein verstehen. Nach bloßen strategischen Rücksichten einen politischen Frieden schließen ist Stümperarbeit. Der ganze Horizont ist solchen Leuten von wehenden Fahnen verdunkelt. Daß es gar nicht auf Landerwerb für Preußen, sondern auf die deutsche Einheit ankommt, deren endliche Möglichkeit wir durch keinerlei Maßlosigkeit gefährden dürfen, wird den naiven Kriegsleuten und den Stockpreußen wohl ein – böhmisches Dorf bleiben. Und dabei hatten der Kronprinz und Blumenthal am vierten und neunten Juli einzugreifen, um Gablenz abzuwehren, da Moltke den Erfolg noch immer unterschätzte und wegen mangelhafter Verpflegung am liebsten noch am sechsten die Truppen hätte rasten lassen, wenn nicht Blumenthal vorwärtsdrängte. Mitte des Monats gab es neuen Zwist, weil Moltke wiederum auf Trennung der Heere beharrte. Statt Blumenthals strategisch sehr richtige Auffassung zu widerlegen, machte er Vorwürfe über zu langsamen Marsch, nahm aber später einfach den Plan seines Rivalen an, der sich heftig über Moltkes System aufregte. Gleich darauf schickte er eine unverständliche Disposition durch Hauptmann Mischke, einen Jugendfreund des Kronprinzen, der daher nicht damit zurückhielt, Moltke schimpfe vor dem König, weil der Kronprinz auf durchnäßten Straßen, weich wie Buttermilch, nicht schnell genug marschiere! Jetzt marschiert Preußen wirklich zu schnell! dachte der Staatsmann. Ich muß bremsen. Als er in Zwittau (Mähren) gerade hoffte, einen langen Schlaf zu tun, drang plötzlich mit der höflichen Unverschämtheit eines Franzosen ein älterer Herr bis vor sein Bett. »Ah, Graf Benedetti! Was verschafft mir die unverhoffte Freude?« Verdammt sei die feige Militärpolizei im Rücken des Heeres, die einem Botschafter von Frankreich nicht den Weg zu sperren wagt! »Die außerordentlichen Zeitläufte entschuldigen meine Taktlosigkeit, für die ich Generalpardon erbitte. Jede Stunde ist kostbar. Ich muß Eure Exzellenz notifizieren, daß Frankreichs großzügige Friedensvermittelung sich genügend mit Wien in Verbindung setzte, um die nötigen Grundlagen zu schaffen.« »Und die wären?« »Unsere Politik besteht auf Integrität des k. k. Territoriums, ferner auf Festhaltung der Mainlinie als Südgrenze.« »Grenze gegen was denn?« »Gegen ein vergrößertes und Norddeutschland dominierendes Preußen, das sich jedoch um höchstens vier Millionen Seelen vergrößern darf.« »Haben Sie das so genau ausgemessen?« »O ja, denn Integrität Sachsens ist von seiten Österreichs conditio sine qua non .« »Will das völlig besiegte Österreich vielleicht noch andere Bedingungen stellen? Die Andeutungen des F. M. L. Gablenz waren so arrogant, daß ich ihn aus dem Lager weisen ließ.« »Es wird sich mit allem einverstanden erklären, was Sie in Norddeutschland vornehmen.« »Das ist gütig, da ihm jede Macht fehlt, irgendwie in Deutschland noch dreinzureden.« »Vergessen Sie nicht, daß unser Arbitrium das Wort hat.« Otto wollte auf solche Drohung den Franzosen höflich zur Tür hinauswerfen, besann sich aber eines besseren und ließ sich auf längere Unterredung ein, wobei sich beide beobachteten. Benedetti, dem er den Decknamen »Lefebvre« gab, stach fast komisch von der gewaltigen Erscheinung und soldatischen Haltung des germanischen Staatsmannes ab. Seine ziemlich gebrechliche Gestalt, sein bartloses glattes Gesicht, das in keiner Weise sein Alter verriet – er war nicht so sehr viel jünger als Otto –, sein aus der Stirn über den fast kahlen Schädel des Hinterkopfes zurückgestrichenes Haupthaar sahen nicht sonderlich gefährlich aus. Seine Miene und sein Betragen atmeten sanfte Höflichkeit, auch wenn er die impertinentesten Dinge sagte. Hatte er einst eine charakteristische Individualität, so wischte er sie weg. Seine Züge schienen nur eine Maske, auf der sich die Ruhe verständnisvoller Rezeptivität ausdrückte. Doch seine scheinbar gleichgültigen, sorglos offenen Blicke saugten jeden Gegenstand schnell und scharf ein. Der ist verdammt interessiert! schloß Otto seine Abmessung. Hinter dieser Maske, die gar nichts sagt, steckt etwas sorgfältig Verhülltes, eine lebhafte Begierde. Er glaubt, daß man ihn schwer ausfinden und seine Bosheit entdecken könne. Siehe da, sein Sommeranzug ist höchst einfach, doch kein Flecken darauf, obschon er eine lange anstrengende Reise hinter sich hat. Und das schmächtige Figürchen bewegt sich elegant und elastisch, seine freundliche Beweglichkeit entspricht dem italienischen Namen. Ein beau idéal der alten Diplomatenschule. – Der ihm von früher her bekannte Fürst Putbus erschien, geschmückt mit dem Johanniterkreuz. »Exzellens verzeihen die Störung, der kommandierende General des pommerschen Korps schickt mich, um Sie untertänigst zu inquirieren. Wir wissen nichts Authentisches über die Friedensbedingungen.« Aha! Die Armee will dreinreden. »Durchlaucht werden zur königlichen Tafel befohlen werden und dort wohl aus höchster Quelle manches erfahren«, wich er aus. »Das Leben als Johanniter war gewiß interessant? Wie steht's mit der Verpflegung?« Putbus lachte. »Man kann nicht klagen. Unsere Offiziere können alles, sogar Kochkünstler werden ohne das Buch der Hausfrau von Henriette Davidis.« Dies damals klassische Werk kennzeichnete der alte Maßmann höchst treffend, indem er es der befreundeten Frau X. mit einer Verswidmung schenkte: »Wer aus dem Buch hier kochen will, der muß schon kochen können.« In dieser altmodischen anheimelnden Zeit versuchte auch ein Baron Vaerst ein Gastrosoph vom Schlage Brillet-Savarins zu werden, leider ohne Erfolg. »Eier und Speck in die Pfanne schlagen sind Anfängertaten. Doch Ungeheuerlichkeiten geschahen im Schweiße unseres Angesichts, unmögliche Beefsteaks, unwahrscheinliche Ragouts, halb oder auch ganz verbranntes Federvieh. Doch ich glaube, ein Leutnant v. Schwanenfeld konnte sich seine Tat andächtig unter den Tornister schieben (Kopfkissen gibt's ja nicht).« »Was vollbrachte denn dies Sonntagskind?« »Er sollte an einem Bahnhof ein Souper für Herrn v. Benedetti bereithalten. Doch der gute Mann fand nur dünnen Tee, keinen Rum, Sahne, keinen Zucker, dazu ein Stückchen Kommißbrot. Denn die dazugehörigen Setzeier und ein bißchen Schinken hatten Schwanenfeld und seine Kameraden sich eigenhändig zu Gemüte geführt.« »Selbst ist der Mann.« Otto lachte behäbig. »Das tut mir im Magen wohl, daß der Franzose gehungert hat. Dieser Schwanenfeld scheint trotz seines poetischen Namens ein Realpolitiker. Offenbar ein Jüngling von großer Begabung und entschiedenem Verdienst. Wer sich solche Aufgaben politischer Kochkunst stellt, hat bedenklich hohe Anlagen zum Genie. Seine Setzeier seien gepriesen, weil ein königlich preußischer Verdauungsprozeß ihnen die reglementmäßige Weihe gab. Benedetti ist ein Feinschmecker, wie ich höre, er mag nicht schlecht über deutsche Barbaren gekeift haben. Ja, ja, die Hunnen essen rohes Fleisch, unterm Sattel weichgeritten.« »Na, das würde Ihnen auch nicht passen,« lachte Putbus. »Sie halten viel von gutem Essen.« »Nun ja, aus Vernunft und Ästhetik. Wer mir schlechtes Essen gibt, ist mein Feind, er setzt meine Arbeitskraft herab. Das feinste Diner ist aber schlechtes Essen, wenn schlecht zubereitet und zweifelhaft in der Ware, ein gutes Butterbrot kann ein Leckerbissen sein. Bei uns im Hauptquartier war Schmalhans Küchenmeister, doch Hunger ist der beste Koch.« Mit solchen weitläufigen Gesprächen hielt er sich die erbetene Auskunft vom Leibe. »In Feindesland hat man selten das liebe Stück täglich Brot oder Fleisch, dafür genossen die Offiziere am Abend vor Münchengrätz, recht müde und hungrig geschlagen, ungesalzene Kartoffeln und – Champagner! Vielleicht keine üble Zusammenstellung! Im Leben geht's oft so: mäßige Nahrung und prickelnde Hochgefühle!« Am anderen Tage fand im Hauptquartier Czernahora ein »Generalsvortrag« statt, denn den Ausdruck Kriegsrat verpönten die Militärs, weil darin – nach Napoleons und Friedrichs des Großen Vorgang, die derlei verpönten – eine zaudernde Schwäche des einheitlichen Oberkommandos sich kundgebe. Daß der König als Vorsitzender der tatsächlichen Beratungen stets den Minister zuzog, mißfiel Moltke und seinen Beisitzern ungemein. Otto erschien wegen dringender Geschäfte etwas später und fand die Verhandlung in vollem Gange, wie man die Floridsdorfer Befestigungen vor Wien bewältigen könne. »Ich muß Sie orientieren«, wandte sich der immer höfliche und rücksichtsvolle König an ihn, »daß wir den General Hindersin und Oberst Mertens in Dresden beauftragten, einen schweren Belagerungspark bereitzustellen, um sie sofort per Bahn zu verladen. Der Transport aus Magdeburg wird leider zwei Wochen kosten.« »Ist Beschießung unumgänglich?« »Ja. Nach Breschelegung wird gestürmt, Moltke nimmt etwa 2000 Mann Verlust an. Was ist Ihre Meinung?« »Als Politiker warne ich dringend vor Zeitverlust von zwei Wochen. Solches Abwarten verleiht Frankreich eine Vorbereitungspause, um das Gewicht seiner Einmischung zu erhöhen. Als Militär, wenn ich es wagen darf, in diesem illustren Kreise mich so zu nennen, frage ich aber, ob Umgehung nicht dem gewaltsamen Angriff vorzuziehen sei?« »Wie denken Sie sich das?« Der König horchte auf. »Mit Viertelschwenkung nach links könnte man die Donau bei Preßburg überschreiten. Das setzt den Feind in schlechte Lage, eine Schlacht südlich des Stromes mit Front nach Osten aufzunehmen. ›Verkehrte Front‹ ist ja Wohl der technische Ausdruck. Ein Vorspiel der Niederlage. Wagen sie das nicht, müssen sie nach Ungarn zurück, wobei dann Wien unverteidigt uns in den Schoß fällt.« »Ich bitte um eine Karte.« Der König studierte sie und nickte beifällig. »Ich finde, daß unser Major Bismarck sehr reife strategische Ansichten hat. Mir widerstrebt ein Frontalangriff mit Menschenopfern. Unsere braven Leute schonen ist mir Pflicht. Was unser Ministerpräsident sonst politisch sagt, ist sehr beherzigenswert. Ich entscheide mich für seinen Vorschlag.« Die Militärs fühlten sich zwar sehr verletzt, der Einsicht eines Zivilisten nachzugeben, mußten sich aber unterwerfen, Moltke entwarf die entsprechende Disposition. Mittlerweile lief die Hiobspost ein, daß sich in Prag die Cholera ausbreite. Das kann gut werden, wenn wir nach Ungarn hineingehen! dachte Otto. Gräßliche schattenlose Hitze, unreife Pflaumen und Melonen und selten Wasser. Natürlich darf man Benedetti nicht zeigen, daß wir Frieden wünschen, wenigstens ich. An Goltz nach Paris werde ich später schreiben, daß der König nach solchen Opfern eher abdanken würde als nach Hause zurückkehren ohne bedeutende Vermehrung des preußischen Territoriums. Das hat noch Zeit. Fängt der Feind die Depesche auf, um so besser. Das gibt einen Schreckschuß. – General v. Stosch, ein geistig hochstehender und charaktervoller Mann von großer Bedeutung, sprach sich unverhohlen dahin aus, daß der Kronprinz um seine Entlassung bitten werde. »Exzellenz Blumenthal beruhigte den Herrn trotz seiner eigenen Aufregung. Uns allen aber geht die Galle über, die unablässigen ungerechten Klagen des Herrn v. Moltke empören jeden, der unsere ungeheueren Anstrengungen kennt. Man schickt mich her, um den Irrtum mit dem Zirkel in der Hand zu beseitigen.« »Und was wurde daraus?« »General v. Moltke heißt jetzt alles gut, was wir taten.« Doch dauerte es nicht lange, daß durch einen Rittmeister Plötz erneut Beschwerden Moltkes und des Generalquartiermeisters Podbielski über langsames Marschieren einliefen, als ob die überanstrengten Truppen fliegen könnten. Blumenthal drang auf eine Untersuchung, »um solchen ungerechten Anschuldigungen ein Ende zu machen«. » Tout comme chez nous , dachte der Staatslenker, hinter den Kulissen Zank und Hader, nach außen Einigkeit. Der Feind ahnt nie, daß unsere Freunde und Kollegen uns stets ärgere Schwierigkeiten machen als er. Was steht mir noch bevor, wenn der König und die Militärs inne werden, daß mein diplomatischer Feldzug mit dem ihren nicht parallel läuft! Bald dröhnte der Marschschritt preußischer Heerscharen auf dem Pflaster von Brünn. Otto fuhr mit Roon nach einsamer Naturschönheit spazieren, wo Vögel den Sonnenuntergang besangen und tiefer Frieden die Sinne einlullte. »Sie hielten Ihren Schwur und rächten Olmütz«, frohlockte Roon. »Diese Demütigung Österreichs wiegt unsere einstige Schmach auf. Na, der Alte Fritz hatte es schwerer als wir, doch unsere jungen Fritze machten ihre Sache auch ganz gut. Benedetti, der faule Kopf, meinte neulich bei Tafel, er habe an unserer Überlegenheit gezweifelt, doch er nehme alles feierlich zurück. Der König ist ruhig und heiter, warum machen Sie ein so dösiges Gesicht? Ach, Ihre Nerven? Wieder nervöses Rheuma im Bein? Den halben Tag verschlafen und die ganze Nacht arbeiten! Unverbesserlich!« »Es ist nicht das«, versetzte Otto düster. »Doch dies endlose Morden! Der Krieg ist eine Dornenkrone der Menschheit. Die Töne des großen Schlachtfeldes werden mir ewig im Ohre gellen.« Es war in der Tat gräßlich gewesen. Georg Bleibtreu, der so viele Schlachten erlebte, erklärte nachher die Nervenprüfung von Königgrätz für die schlimmste. Wo die deutschen Schwerverwundeten lagen, hörte man nur dumpfes Stöhnen, doch ein grauenhaftes Geheul der Slawen, ein wahnsinniges Beten und Fluchen machte den Hörer schaudern. Ein Offizier, Graf Wartensleben, mit Aufräumung des Schlachtfeldes betraut, verfiel in Wahnsinn. Ein tapferer Major, v. Salpius, erschoß sich später, weil er die Töne nicht loswerden konnte. »Ich melde Nervenbankerott an. Und doch muß ich auf dem Posten bleiben. Ich schrieb an Eulenburg, er soll um Gotteswillen die Kammern berufen. Das Parlamentskorps muß als Reserve in den Krieg.« »Was wollen Sie nur von den Schwätzern?« Roon machte eine unmutige Bewegung. »Ich dachte, die Schwätzer wären für immer beseitigt.« Otto seufzte tief auf. Grauenvoll, immer allein zu sein! Brave tüchtige Menschen, Spezialisten auf ihrem Gebiete, doch im Grunde einseitige Toren mit Scheuklappen. »Es ist nicht immer Krieg«, lenkte er kühl ab. – Eben wollte er einschlafen, als »Monsieur Lefebvre«, der Franzose, ihn weckte. Nächtliche Verhandlung bis 3 Uhr morgens. »Der Kaiser hat Ihre Aufklärung erwogen, findet aber die Forderungen exorbitant. Seine großherzige Vermittlung muß beiden Teilen gerecht werden.« Für ein solides Honorar, der Großmütige hatte eine so eigentümliche Auffassung. Von Österreich Venetien, wofür er sich verpflichtete, zu dessen Gunsten zu intervenieren, doch für das linke Rheinufer wollte er auch gern ein von Preußen bestochener edler Schiedsrichter sein. »Sie verlangen Ausschluß Österreichs aus dem Deutschen Bund, Errichtung eines neuen Bundes unter Preußen und außerdem noch Erwerb gewisser Länder, die bisher Ihre freie und natürliche Entwicklung hemmten?« forschte Benedetti. »Sehr wahr. Und wir sind gesonnen, diese drei Punkte bis aufs äußerste durchzusetzen.« »Gegen Ihre Annexionen wird Frankreich nichts einwenden, dagegen faßt es einen besonderen unabhängigen süddeutschen Bund ins Auge.« Soll heißen: einen neuen Rheinbund. »Dies würde uns sehr erfreulich scheinen.« »Nicht uns. Wir wollen also, wie ich Ihnen schon neulich sagte, das Thema fallen lassen.« Deutschland wieder in Teile zersplittern, divide et impera! »Dazu brauchten Sie mich nicht aus dem Schlafe zu klopfen.« »Pardon, ich habe neue Befugnisse. Frankreich würde nichts gegen einen norddeutschen Bund haben. Süddeutschlands sonstige Integrität vorausgesetzt, welches jedoch eine nationale Gemeinschaft mit Norddeutschland unterhalten dürfte.« Welche unermeßliche Gnade und Güte! Die Deutschen dürfen wirklich unter sich Gemeinschaft unterhalten. Und von der preußischen Tyrannei müssen diese edeln verschiedenen Völkerschaften behütet werden. Die lächerliche Unwissenheit des Auslands hält heute noch Holstein für ein von Dänen, Elsaß von Franzosen, Posen ausschließlich von Polen besiedeltes Gebiet. Doch freilich, wenn die posenschen und schlesischen Wasserpolacken begeistert für ihren »König« kämpfen, so hörten ja französische Emissäre in Darmstadt oder Oberbayern von den »verfluchten Preißen« in einem Tone reden, als seien sie gar keine Deutsche. So haßten in Germaniens Urwäldern die Markomannen die Chatten, die Sachsen die Franken und Burgunder und diesen bei andern großen Völkern seit Jahrhunderten erloschenen Stämmehader bewahrten die Deutschen so lange, psychologische Folge ihres Individualismus, der stets nach eigener Fasson selig werden möchte. Otto verschluckte seinen Ingrimm und ging glatt auf die Anregung ein. Denn daraus ließ sich etwas machen, nur nicht für die unschönen Augen der Pariser. »Also auf Wiedersehen in Nikolsburg, wo Graf Karolyi und Baron Brenner als Bevollmächtigte erscheinen werden.« »Ist das nicht ein Schloß, wo Napoleon nach der Schlacht von Austerlitz wohnte?« »Ich bin mehr in der deutschen als in der französischen Geschichte bewandert«, versetzte Otto kalt auf diese fein perfide Anspielung. »Die Schlacht von Königgrätz kenne ich z. B. sehr gut, und wir wollen es für ein sieghaftes Omen halten.« – Das Wiedersehen mit Karolyi und dem schönen Baron Brenner, der nicht mehr so schön war wie in Frankfurt, schmeckte sauersüß. »Da sehen Sie, lieber Graf, wie ich Ihnen prophezeite. Dies Schloß gehört Graf Mensdorff, wie ich höre, der an Rechbergs Stelle trat. Wäre der geblieben, so hätte sich wohl alles in Frieden und Freundschaft gelöst.« »Wie in Frankfurt, Exzellenz,« bemerkte Brenner halb scherzhaft, halb bitter. »Was Sie schon so lange beschlossen – ach, die gute alte Frankfurter Zeit! – haben Sie halt durchgeführt. Fortes fortuna adjuvat , wir sind die Leidtragenden und mußten bluten.« »Um unser Machtgelüst zu befriedigen, nicht wahr?« lachte der Preuße herzlich. »Sintemal das arme, unschuldige Kaiserreich Österreich niemals schnödem Ehrgeiz huldigte, nie uns kränkte und von uns so oft hintergangen wurde.« »Was helfen die Rekriminationen!« seufzte Karolyi. »Sie haben es so gewollt, und da sind wir nun. Die Präliminarien können beginnen.« »Was haben Ew. Exzellenz?« frug Brenner inmitten der Verhandlungen. »Sie sehen leidend aus, in der Tat.« Otto war zusammengezuckt, sein linkes Bein schmerzte. »Ja, mein bester Baron, an uns beiden hat der Zahn der Zeit, dies vielberufene Instrument, auch herumgeknabbert. Ich habe Rheuma wie ein alter Herr in vorgerückten Jahren.« Der schöne Brenner mochte an sein Alter nicht erinnert werden, er unterließ daher weitere Betätigungen boshaften Mitleids. Aus den Präliminarien wurde so viel klar, daß Österreich aus Deutschland austreten und Preußen dort durchaus das Feld räumen wollte, sich dort nach Belieben zu bedienen. »Auch Bayerns Schicksal kümmert uns nicht, das militärisch seiner Bündnispflicht höchst mangelhaft genügte. Er versprach in besonderer Abmachung, uns nach Böhmen zu unterstützen, beschränkte sich aber egoistisch auf Schutz seiner eigenen Erblande.« Österreich forderte immer naiv den größtmöglichen Mangel an Selbstsucht von – anderen. »Dagegen ist mein allergnädigster Herr unerbittlich auf einem Punkt: Sachsen, das so ritterlich sein Schicksal mit dem unsern verknüpfte und auf dem Unheilsfeld von Königgrätz –« »Sein Rautenbanner neben dem schwarzgelben wehen ließ«, ergänzte Otto rasch, da er schwungvolle Weihe fürchtete. Er wußte, was hinter dem Pathos steckte: Sachsen als vorgeschobenen Keil österreichischen Einflusses zu behalten. »Ich zweifle sehr, daß der König solchen gemütvollen Erwägungen zugänglich sein wird. Doch wir müssen uns erst über andere Punkte verständigen.« – Am 19. Juli kam Benedetti atemlos aus Wien, strahlend von edler Zufriedenheit: »Mit unsäglicher Mühe habe ich Kaiser Franz Josef bewogen, unsere Anregung als Friedensbasis anzunehmen. Dieser erste Erfolg unserer uneigennützigen Vermittelung darf uns wohl mit Genugtuung erfüllen.« Er stand triumphierend und doch so harmlos und unschuldig da. Allons, mon cher confrere , strömen Sie über von Dankbarkeit und vernünftiger Mäßigung! Doch Otto war nun mal ein undankbarer Mensch. Je länger er zuhörte, desto mehr verfinsterte sich sein Gesicht. »Wo bleiben dabei die territorialen Annexionen? Darüber gehen Sie leicht hinweg. Ich finde die Rechte des Siegers nicht gebührend gewahrt.« Benedetti war moralisch empört, daß man dem bekanntlich so generösen Frankreich Knauserei vorwarf. »Aber was sind denn Ihre Bedingungen?« »Fünftägiger Waffenstillstand wird von uns nur auf der Basis zugestanden, daß außer Hannover und Hessen auch Sachsen an uns fällt. Wir haben diese Staaten ausdrücklich gewarnt. Die harte Notwendigkeit und das Bedürfnis Deutschlands zwingen uns, die Priorität gegenüber sentimentalem Mitleid für Gefallene zu beanspruchen.« »Ah, Sie können unmöglich ernst dabei bleiben, Sie lächeln, Sie scherzen, nicht wahr, Herr Graf? Das sind ja ungeheuerliche Forderungen. Wir leben nicht mehr zur Zeit Friedrichs des Großen, der einfach behielt, was er wegnahm.« »Das bißchen Schlesien? War das so viel? Niemand wird ernstlich unsere Absicht durchkreuzen.« »England, durch dynastische Bande mit Hannover verknüpft –« »Heut auch mit Preußen. Was tat denn England für Dänemark?« »Und Rußland wird schwerlich ruhig zusehen.« Otto zuckte vielsagend die Achseln und lächelte. General Manteuffel sollte nach Petersburg gehen und dort die Aussicht eröffnen, daß man sich vom Schwarze Meer-Vertrag freimachen könne, die sonstige europäische Verwickelung benutzend. »Nun ja, ich kenne das hübsche Bonmot des Kanzlers Gortschakow: ›Rußland schmollt nicht, es sammelt sich.‹ Aber wenn dies Reich Zurückhaltung bewahrt, was erwarten Sie von Frankreich?« »Der Kaiser hat mir oft persönlich sich verbürgt, er würde nie unser Recht auf Annexionen anfechten.« »Vielleicht nicht.« Benedetti senkte die Stimme. »Doch wie denken Sie über Kompensationen? Die kaiserliche Regierung wünscht, um es offen zu sagen, die Herstellung unserer alten Ostgrenze mit Mainz.« Der Deutsche ballte unwillkürlich die Faust, aber ließ sich nichts merken. Sich umschauend, als fürchte er Lauscher, flüsterte er vertraulich: »Darüber läßt sich reden, doch erst nach Friedensschluß mit Österreich, was für uns die dringendste Tagesfrage bedeutet. Noch sind wir lange nicht so weit.« »Sehr wohl, einverstanden. Unziemlich drängen will ich Sie nicht. Nur eins: Sachsen würde der Scheideweg sein, wo unsere Interessen sich trennen. Herr v. Beust beschwor meinen Souverän, sich an Sachsens Treue für Napoleon I. zu erinnern, und Se. Majestät, tief gemütvoll und hochherzig wie immer, wird dieser Bitte willfahren.« Damit er uns einen Nagel in den Fuß schlagen und den Norddeutschen Bund zersplittern kann! dachte Otto. Laut aber sagte er: »Ich glaube nicht, daß wir darüber zerfallen werden. Sachsen ist uns nicht so nötig wie Hannover und Hessen. Indessen muß ich erst meinen Herrn, den König, zu dieser Ansicht bekehren. Er ist sehr scharf auf Sachsen. Nun, das wird sich geben.« Benedetti ging sehr befriedigt. »Was würden Sie disponieren, wenn Frankreich uns jetzt angreift?« Moltkes Antwort kam prompt: »Defensive gegen Österreich an der Elblinie, Offensive am Rhein gegen Frankreich.« »Halten Sie das französische Heer für stark genug zur Offensive?« »Im Gegenteil, es wird zurzeit höchstens 100 000 Mann, vielleicht sogar nur die Hälfte davon, über den Rhein führen können.« »Immerhin eine ansehnliche Verstärkung und wohl mit besseren Generalen, die dann das tatlose Kommando der Bundestruppen ablösen würden. Diese sind noch nicht geschlagen genug. Jedenfalls müßten wir uns Österreich gegenüber schwächen, wenn wir in Frankreich einfallen wollten, dessen Stärke mir mehr in der Defensive zu liegen scheint, wo es seine Hilfsquellen und sein Festungssystem ausnützen kann. Mir scheint richtiger, uns nach Westen und Süden möglichst lange defensiv zu verhalten und mit ganzer Kraft den Vorstoß auf Österreich fortzusetzen, wofür wir ja auch behufs schnellerer Niederwerfung die Sonderbestrebung in Ungarn und Böhmen zu Hilfe rufen könnten.« (In Böhmen fand man den Tschechenhaß gegen die Deutsch-Österreicher so ausgebildet, daß Georg Bleibtreu, als er im folgenden Jahr zu Studienzwecken für sein großes Gemälde in der Nationalgalerie nochmals das wohlbekannte Schlachtfeld bereiste, in seiner Gastwirtstube in Lipa die Bilder von Huß, Ziska und – Zar Alexander hängen sah.) Moltke hörte unmutig zu. Jetzt belehrte ihn dieser Schlachtenbummler auch noch über allgemeine strategische Auffassung. Und das schlimmste war, daß er recht hatte. Otto aber ging mit dem peinigenden Gedanken weg, daß der Frieden um jeden einigermaßen erträglichen Preis sofort geschlossen werden müsse, um der keck zugreifenden Räuberfaust Frankreichs zu entgehen. Und er wußte, daß er hier auf schroffen Widerstand im eigenen Lager stoßen würde. Den Militärs schwoll der Kamm so sehr, ungeahnte Lorbeeren um ihre Fahnen zu flechten, daß sie diese unbedingt nach Wien hineintragen wollten. Moltke hatte dann mehr erreicht als der Alte Fritz. Unheilvolle Erinnerung! Damals hieß es auch Rache für Sadowa, nur dafür Hohenfriedberg genannt. Die Eroberung Schlesiens mußte mit einem siebenjährigen Krieg verteidigt werden. Wäre damalige Koalition von Frankreich, Österreich, Rußland heut unmöglich? Mitnichten, Gortschakows Scheelsucht über Preußens und speziell meine Erfolge wird immer deutlicher. Wir müssen rasch zu Ende kommen, ohne berechtigte Empfindlichkeiten unheilbar zu verletzen. Die Brücke zur Aussöhnung muß offen gehalten werden. »Unser Vorstoß auf Preßburg ist doch ganz ungefährlich?« hatte er früher Moltke gefragt. »Im Kriege ist alles gefährlich und ungewiß«, lautete die ausweichende Antwort. Eine Äußerung, die freilich schon Napoleon tat, die man aber nur mit Vorbehalt als richtig erkennen kann. Otto dachte sich, daß ein wahrer Feldherr den Sieg mit Sicherheit vorausberechnen könne, und so war es bei Austerlitz und Jena, um nur zwei Fälle zu nennen, wirklich der Fall. Man kann die ungefähren Chancen berechnen und danach handelt man. »Ist der Ausgang zweifelhaft, so hat es keinen Zweck, den Frieden noch stärker durch Waffengewalt erzwingen zu wollen.« Moltke wurde unruhig. »General Fransecky dringt erfolgreich auf Blumenau vor.« Nachher ließ er im Generalstabswerk drucken, daß eine neue Katastrophe für die Österreicher bevorstand, so daß jeder sich fragen muß, warum dann nicht ein neuer Schlag geführt wurde. Ein etwaiger Verlust von 5000 oder mehr schwächte die Preußen nicht so wesentlich, um ihre Stärke gegen Frankreich zu vermindern, falls man Österreich gründlich unschädlich machte. Diese Auffassung wurde eingeschmuggelt, um der Verstimmung aller Armeekreise gegen den Diplomaten Nahrung zu geben, der ihren angeblich sicheren Siegeslauf unterbunden habe. »Ich bin sehr gegen die gewagte Schwenkung auf Preßburg«, gestand ihm Blumenthal, der mit dem Kronprinzen nach Nikolsburg kam und jetzt bei Nacht wieder abfuhr. Das mittelalterliche Schloß sah im Mondschein feenhaft aus, und Otto bemerkte lachend: »Mein alter Schönhauser Kasten sieht armselig dagegen aus, um so lieber ist mir, daß nicht Mensdorff uns dort den Frieden diktiert, sondern wir ihn hier.« »Käme er nur bald!« seufzte der Kronprinz. »Die Cholera greift um sich. Und die übermenschlichen Strapazen! So etwas halten nur preußische Truppen aus. Ewige Gewaltmärsche über Berg und Tal in sengender Hitze, Wolkenbruch oder Landregen!« »Und die vielen Verwundeten!« fiel Blumenthal ein. »Man bekommt es satt, täglich die armen blutenden Menschen zu sehen. Gottlob sollen Podbielski und Verdy zum Rußbach, um Demarkationslinie festzulegen.« Als die Herren abfuhren, dachte Otto bei sich: Was für ein weiches Herz die meisten Feldherren haben! Moltke freilich ist hart wie Stein, er faßt den Krieg als Schachspiel auf, und so sollte es eigentlich sein. Doch bin ich nicht der wahre Verantwortliche für diesen Krieg? Nun gut, ich will ihn so schnell wie möglich beenden. Des Kronprinzen weiches Herz sehnt sich nach Frieden, ich muß ihn heranziehen. Otto wußte genug, um dem König sofortige Waffenruhe vom 22. bis 27. anzuraten, was dieser genehmigte und den Kampf bei Blumenau abbrechen ließ. Graf Bismarck-Bohlen vertraute seinem Vetter betrübt an: »Im Generalstabe nennt man dich den Questenberg im Lager. Das soll wohl der Hofkriegsrat in Schillers Wallenstein sein, der dem Feldherrn dreinredet und alles verdirbt?« »Schmeichelhaft ist es gerade nicht«, erwiderte Otto ruhig. »Ich müßte aber ein Hochverräter sein, wenn Schimpfen mich von meiner Pflicht abbrächte. Daran bin ich jetzt mit Gottes Hilfe 15 Jahre lang gewöhnt. Ich habe mir mein endgültiges Urteil über den Frieden und unsere Zukunft gebildet und werde auch vor der Kabinettsfrage nicht zurückscheuen.« Am anderen Tage nach der Waffenruhe berief der König einen Kriegsrat. Ottos Befinden hatte sich durch Rückfall in sein altes Leiden so verschlimmert, daß der rücksichtsvolle Monarch verfügte, die Konferenz solle im Zimmer des Ministerpräsidenten stattfinden, das im obersten Stockwerk des Nikolsburger Schlosses lag. Denn es galt festzustellen, ob Österreichs Angebot annehmbar oder der Krieg fortzusetzen sei. Ein lebhafter Zwist brach los. Obwohl von heftigen Schmerzen geplagt, trug Otto seine unerschütterliche Meinung mit Klarheit und Festigkeit vor. »Ich allein bin hier der politisch Verantwortliche und besitze keinerlei Deckung, weder durch Beschlüsse des Gesamtministeriums noch durch höhere Befehle, falls meine Meinung nicht die Sanktion Seiner Majestät erfährt. Doch meine gesetzliche Verpflichtung zwingt mich, mein Veto einzulegen, wenn ich den Staat durch voreiliges Verharren auf einem meiner Ansicht nach falschem Standpunkte beeinträchtigt glaube. Für uns ist nichts von alledem ein Bedürfnis, was die Herren hier empfehlen. Unser Einzug in Wien wird ein wohltuender Genuß der Eitelkeit für uns, ein ewiger Stachel für Österreich sein. Was unsere Behandlung der Süddeutschen betrifft, so bleibt dies eine Frage für später, da uns Österreich hierin freie Hand und seine Bundesgenossen im Stiche laßt, mit Ausnahme von Sachsen. Da es auf dessen Integrität einen Kardinalwert legt, dürfen wir nicht deshalb den Frieden scheitern lassen.« »Pardon, für uns«, fiel ihm Friedrich Karl unhöflich in die Rede, »ist das Gegenteil ein Kardinalpunkt. Wir brauchen das sächsische Erzgebirge und das böhmische Vorderland als Grenzfestung. Solche strategische Erwägungen mögen dem Herrn Ministerpräsidenten sehr fern liegen, sie werden aber, so hoffen und bitten wir, für Seine Majestät als Soldaten maßgebend sein.« »Strategische Gesichtspunkte sind mir nicht so fremd, wie Königl. Hoheit wähnen«, parierte Otto kühl. »Vielmehr würde ich, wenn man mich ausreden ließ, betont haben, daß ich ihnen dadurch Rechnung trage, unbedingt auf Eintritt Sachsens in den Norddeutschen Bund zu bestehen. Ich glaube kaum, daß sich Österreich dem widersetzen wird, weil es die Tragweite solchen militärischen und wirtschaftlichen Anschlusses nicht erkennen wird. Den Kaiser Franz Josef bestimmt wohl zumeist ein Ehrbegriff romantischer Ritterlichkeit, daß er seinen treuen Freund Sachsen nicht opfern will bezüglich territorialer Einbuße oder gar völliger Annexion. Deren bedürfen wir aber gar nicht, sofern uns Sachsen fortan als Klientelstaat unter unserem Protektorat zur Verfügung steht. Je mehr wir es schonen, desto williger wird es sich in die neuen Verhältnisse fügen.« »Und Beust?« warf Roon unwirsch ein. »Wäre der Herr Kriegsminister in rein diplomatischen Usancen versiert, würde er als selbstverständlich betrachten, daß Herr v. Beust ein für allemal aus den Geschäften austritt und nach Österreich verschwindet. Was nun Gebietsabtretungen Österreichs selber betrifft, so könnten diese nur nach einer Richtung liegen, die eher politische Schwächung bedeutet. Erzkatholiken und Slawen sind ein wenig erwünschter Zuwachs. Für diesen zweifelhaften Gewinn tauschen wir dauernde Rachsucht des Kaiserstaates ein. Die sogenannten Schwarzgelben sterben dort ohnehin nie aus und betrachten das protestantische Preußen als Erbfeind, eine dauernde Erbschaft des Jesuitismus. Diese Elemente kann man jedoch abhalten, Oberwasser zu gewinnen, da wir das ungarische Gegengewicht besitzen, falls wir nicht der staatlichen Eigenliebe zu blutige Wunden schlagen, die schwer vernarben. Wir sind jetzt auseinander gekommen, nun muß es unser Bestreben sein, auf andere Art wieder zusammenzukommen.« »Wie? Was bedeutet das?« unterbrach der König. »Sie sind ja plötzlich außerordentlich milde gegen Österreich, dem Sie lebenslangen Haß zuschworen.« Mehrere Militärs räusperten sich. »Nicht immer«, murmelte Moltke. Das Olmützgespenst tauchte wieder auf. Otto erbleichte vor Zorn und Schmerz. Nächstens wird man noch tuscheln, er sei von Österreich erkauft, seine politische Meinung zu ändern. Der kluge Blumenthal heftete auf ihn einen langen Blick. »Eure Majestät übertreiben da ein wenig«, versetzte der Staatsmann mit eiserner Selbstbeherrschung. »Mich deucht, wir hätten jetzt eine ausreichende Satisfaktion und Reparation d'honneur. Mit dem Augenblick, wo Österreich aus Deutschland scheidet und wieder wird, was es tatsächlich ist, eine ausländische Macht, erlischt meine Abneigung. Eine solche kenne ich nur im Dienste meines Vaterlandes, der jetzt eine gegenteilige Haltung verlangt. Geographisch, ethnographisch, nach deutscher Abstammung des Herrscherhauses bleibt Österreich trotzdem unser natürlicher Bundesgenosse. Wenn es dies anscheinend verkannte, mußten wir es dazu erziehen.« »Wann wäre es denn für uns je eingetreten!« rief Friedrich Karl heftig. »Man hat unsere Kaisertreue auch früher nur ausgenutzt, in den Türkenkriegen und gegen Louis Quatorze.« »Das war Preußens verfluchte Pflicht und Schuldigkeit als Glied des alten Deutschen Reiches. Wir wären ehrlos gewesen, wenn wir uns versagten. Für immer hätten wir einen Schmutzfleck auf der weißen Weste, wenn wir Frankreichs Übergriffe begünstigt hätten. Friedrich der Große sprach von unnatürlichen Allianzen gegen sich. Daß aber seine vorübergehende Allianz mit Frankreich unnatürlich war, schmeckte er ja bald darauf. Man hat immer den historischen Treppenwitz zur Hand, die Pompadour habe uns den Krieg gemacht. Nein, es war das echtfranzösische Interesse.« »Ich erinnere mich doch der Zeit,« bemerkte der König spitz, »wo Sie selber französische Allianz empfahlen.« »Die uns Louis Napoleon antrug, vergessen das Eure Majestät nicht. Im Interesse der europäischen Lage dachte ich dabei an eine sozusagen platonische Allianz zur Einschüchterung Österreichs, nichts weiter. Ich brauche Eurer Majestät nicht ins Gedächtnis zurückzurufen, daß ich damals nicht verantwortlicher Staatsmann war und daß ich dabei jede Konzession auf Kosten des übrigen Deutschland ausschloß. Ich darf hier in intimem Kreise bekennen, da die Sache längst verjährte, daß ich in Geheimunterredung mit Napoleon, die ich für mich behielt, jede solche Zumutung a limine ablehnte.« Der König nickte befriedigt, auch der Kronprinz machte ein freundliches Gesicht, Moltke saß gleichgültig und unbewegt da. »Was ich von des großen Königs kurzer Allianz mit den Franzosen sagte, sollte kein Tadel sein, ich nannte sie nur in abstracto unnatürlich, konkret nimmt ein Politiker die Chancen, wo er sie findet. Im übrigen möchte ich erwähnen, daß Preußen 1805 und 1809 Österreich auch in Bedrängnis verließ.« »Sehr wahr«, fiel der Kronprinz, der bisher schwieg, lebhaft ein. »Unsere patriotische Geschichtschreibung verdammt es mit Recht, und die Österreicher klagten damals über unsere Untreue.« »Die moralische Verdammung kümmert mich als Politiker weniger«, ergänzte Otto kühl. »Aber hier war Talleyrands Wort am Platze: Schlimmer als ein Verbrechen, ein Fehler. Ich würde als Minister des hochseligen Königs Friedrich Wilhelm ihm sofortige Unterstützung Österreichs angeraten haben, und unser heute regierender allergnädigster Herr hätte schon aus dem ihm innewohnenden nationalen Ehrgefühl sich keinen Augenblick besonnen.« Es wäre eine Entweihung, zu meinen, so etwas habe schmeicheln sollen, denn Schmeichelei verfing bei diesem Mustermonarchen nicht nur nicht, sondern machte ihn sofort mißtrauisch. Aber da es die volle Wahrheit war, so machte es Eindruck. »Kurz und gut, gesündigt wird intra et extra Ilium . Die wahre Realpolitik braucht sich keineswegs hoher idealer Leitmotive zu entäußern, beides stimmt oft wunderbar zusammen. Unsere deutschen Stammesgenossen in Österreich, die natürlich das Recht haben, gute k. k. Staatsbürger zu bleiben trotz allen Deutschgefühls, dürfen wir nicht dauernd verbittern. Das wäre eine undeutsche Roheit. Ich glaube, sie werden dafür sorgen, daß Österreich später nicht ein unnatürliches Bündnis mit Frankreich gegen uns eingeht, heute freilich wäre das tiefgekränkte Staatsgefühl sofort dafür zu haben. Das würde den Riß zwischen uns tiefer graben. Diese Konstellation legt uns obendrein neue schwere Opfer auf. Selbst wenn wir mit Mühe Sieger bleiben, werden dadurch unsere Gewinnchancen sicher nicht erhöht, eher erschwert für das, was wir schon jetzt erlangen können. Daher bin ich dafür, unverzüglich mit Österreich Frieden zu machen und das Gebotene anzunehmen.« Jetzt erhob sich ein wahrer Lärm der Militärs. Friedrich Karl, dessen napoleonische Art kein Erbarmen mit dem Besiegten kannte und immer aufs Ganze ging, redete von faulem Frieden. Roon tobte auch, man müsse Österreich niederwerfen und der Armee nicht den Siegespreis verkürzen, Einzug in Wien, was bisher nur Napoleon dem Großen glückte, werde das Prestige großartig heben. Der ehrgeizige Friedrich Karl unterstrich dies. Moltke versicherte bedächtig, Erwerb der böhmischen Grenze sei notwendig und er verpflichte sich, auch mit Frankreich fertig zu werden. Blumenthal, ein überzeugter Franzosenfeind, stimmte eifrig zu. »Und mit welchen Opfern!« murmelte der Kronprinz halblaut. »Die Armee wird einen Frieden nicht begreifen, der uns im vollsten Siegeslaufe anhält«, versicherte Moltke. »Man muß im Interesse der Armee die Prestigen wahren und sie den Dingen appretieren. Es ist unpatriotisch, durch Kritik und kalten Kalkül die Begeisterung und das Stärkegefühl zu dämpfen.« Das wandte er nachher unverhohlen gegen jede Kritik seiner Strategie an und ließ auch zu, daß im Generalstabswerke und allen nachfolgenden Historien zu lesen stand, nach der ersten Einnahme von Chlum habe kein österreichischer Fuß wieder das Dorf betreten, eine schreiende Unwahrheit. Eine gewisse Berechtigung liegt in solcher »Appretierung«, die sich später für einen noch größeren Feldzug bei vielen Gelegenheiten fortsetzte, so daß die wahre kritische Forschung schwer den Schutt forträumen konnte und natürlich nach Möglichkeit unterdrückt und totgeschwiegen wurde. Moltke konnte sich auf den großen Napoleon berufen, dessen Bulletins auch nicht immer die Wahrheit sagten, obschon es geradezu grotesk wirkt, daß man preußischerseits diese Tatsache maßlos ausbeutete. (Napoleons Bulletins entsprachen im großen ganzen entschieden mehr der Wahrheit als die prahlerisch verlogenen Berichte seiner Gegner.) Doch hat die Berechnung, man müsse die eigene Gloire möglichst erhöhen, um das Selbstgefühl zu stärken, eine tödliche Gefahr. Sie lockt stets zur Unterschätzung des Gegners, was Frankreich am eigenen Leib erleben mußte. Dies alles kann zu unberechenbar schädlichen politischen Folgen führen. Mit dem Instinkt des Genies ahnte und wußte Otto Bismarck dies alles. Er sah bildlich vor sich, wie der militärische Größenwahn ihn um alle Früchte seiner Staatskunst prellen würde. Seine physischen Nervenschmerzen übermannten ihn dabei so, daß er plötzlich aufstand, sich stumm verbeugte und in sein anstoßendes Schlafzimmer ging. Dort brach jener Weinkrampf los, von dem sein Nervensystem im Augenblick höchster Erregung und Erschütterung erzitterte. Man konnte dies unheimliche Schluchzen des Titanen deutlich im Salon hören. Die Militärs sahen sich an, zum Teil mit unangenehm verächtlichem Lächeln, zum Teil mit geringschätzigem Mitleid, und baten um ihre Entlassung, nachdem festgestellt, daß der König sich der Majorität anschloß. Der Kronprinz verhielt sich völlig leidend und sehr ernst. Seine Züge nahmen einen merkwürdigen Ausdruck von innerer Ergriffenheit an. * Trotz seiner Ermattung brachte Otto die Erwägungen zu Papier, die seinen Entschluß begründeten, und begab sich zum König. Vorher hatte er dem bayrischen Minister v. d. Pforten, der eintraf, um Separatfrieden zu schließen, kurz und bündig offenbart: »Wie die Dinge liegen, rate ich Ihnen, sofort wieder abzureisen, um Mißhelligkeiten zu vermeiden.« »Sie wissen, ich bin ein nationalgesinnter Mann und wünsche Eintracht auf der neuen Grundlage. Doch Bitterkeit darf uns nicht ins Blut gesetzt werden. Man hat mir zugeflüstert, daß auch Abtretung der Pfalz an Preußen uns angesonnen werden soll oder Abrundung durch Franken mit der Hauptstadt Nürnberg geplant werde. Das würde die bayrische Nation nie verwinden.« »Die bayrische ›Nation‹ ist eine Fiktion«, erwiderte Otto ruhig, obschon ihm bei seinen Nervenschmerzen schwer fiel, seine Entrüstung zu bemeistern. »Bezeichnend, daß der so echtdeutsch gesinnte Ludwig I., den man trotz Lola Montez verehren muß, die gräuliche Verleumdung aufbrachte, die Bajuvaren seien keltischen Geblüts. Diese braven deutschen Jungen! So geht der Partikularismus bis zum moralischen Landesverrat, verleugnet sogar den Stolz germanischer Abstammung. Wir Deutschen sind die seltsamste unergründlichste Rasse der Welt. Statt Patriotismus haben wir wahnwitzig verdrehtes Stammesgefühl, unsere Selbstsucht ist ebenso phänomenal wie unsere Idealität. Erst wenn man den Deutschen eine große Idee veranschaulicht, werden sie wörtlich Idealisten wie keine auf Erden und setzen die Welt in Erstaunen durch ihre inkommensurable Kraft nicht nur, sondern ihren opferwilligen Idealismus. O wolle Gott,« sein Auge fing wieder zu tränen an und sein Gesicht zuckte, »daß ich das noch mal erlebe! Dann will ich gern zur Grube fahren.« Pforten war sehr ergriffen. »Sie wissen, daß ich Sie jetzt ganz erkenne. Geben Sie mir keine Hoffnung auf Ausgleich?« »Wenig. Kommen Sie wieder, wenn besser Wetter ist. Ob ich Minister bleibe, ist fraglich. Ist dem so, betrachten Sie dies als Wahrzeichen, daß einstmals die Bayern sich nur als Deutsche fühlen werden.« – Als er zum König ging, traf er im Vorzimmer zwei Regimentskommandeure, die über böses Überhandnehmen der Cholera berichteten. Aber 6000 Preußen verfielen damals dem Tod durch die scheußliche Seuche. Das wird enden wie einst der Feldzug in der Champagne, wo die Franzosen noch heute von ›Valmy‹ fabeln, während nur die Ruhr die Preußen zum Abzug zwang. Er stand vor dem König und legte ihm seine schriftliche Eingabe vor, die er mündlich erläuterte. »Die Schwarzgelben würden sich dem Teufel verschreiben aus Rachsucht, selbst sich Rußland, dem Todfeinde, in die Arme werfen, von Frankreich ganz zu schweigen, wenn man von ihnen Abtreten alter Kronlande verlangt. Wenn nicht heute, dann später. Österreich muß uns vielmehr ein Stein im Schachbrett bleiben, dessen Benutzung zu Schachzügen wir in der Hand behalten. Und was gewönnen wir bei Zerstörung dieser Monarchie durch ungarische und tschechische Selbständigkeitsgelüste, die wir uns freilich jetzt dienstbar machen könnten?« »Einen Feind weniger!« Der König sagte es frei heraus. »Was träte an seine Stelle? Zerklüftete Staatsgebilde von revolutionärem Anstrich, die uns nicht helfen könnten und wollten, dagegen Rußland zur Beute fielen. Die deutschen Provinzen können wir uns nicht angliedern, selbst wenn sie es wünschten, dazu ist das altdeutsche Gefühl noch zu wenig dort ausgereift und durch den Katholizismus erst recht beschränkt. Militärisch schaut für uns nichts Gutes heraus, wenn die Österreicher ins Innere Ungarns ausweichen und uns in die Pußta nachlocken. Sie gewinnen nur Zeit für die französische Intervention. Noch sind sie dieser nicht sicher, da der unehrliche Makler in Paris sich nicht die Hände binden will, weil er von uns einen Profit als Spesengebühr hofft. Da die Wiener Diplomatie von sich aus auf uns schließt, wird sie argwöhnen, wir würden zur Not selbst das Rheinufer opfern, um den Erpresser zufriedenzustellen, wenn wir nur Österreich ganz zerschmettern könnten. Mein Renommee als blinder Österreichhasser kommt mir dabei zu statten. Warten wir länger und Napoleon schöpft Verdacht, wir würden nicht gefügig sein, so steift er dem Erzherzog Albrecht den Nacken, der ohnehin weiterfechten möchte. Der Kaiser ist aus mannigfachen Gründen anderer Ansicht und wird gern Frieden schließen, sobald wir nichts für ihn Unmögliches fordern.« Der König ging unruhig auf und ab. »Ich verschließe mich Ihren Gründen nicht, doch diese Bedingungen sind unbrauchbar. Soll denn der Hauptschuldige unbestraft bleiben? Bei den verführten Süddeutschen könnten wir dann eher Gnade für Recht ergehen lassen.« »Majestät, wir sind von Gott nicht als Richter bestellt. Im Grunde genommen gibt es bei Interessenkämpfen kein Recht oder Unrecht. Alle sind gleich schuldig und nichtschuldig. Ich spreche hier von Österreich, unserem Rivalen, der als nichtdeutscher Staat keine Verpflichtung hat, deutschnationale Politik zu treiben. Wir haben sie, uns liegt ob, die deutsche Einheit zu gründen, nachdem wir Österreich an die Luft gesetzt.« »Wenn wir Österreich unangetastet lassen, müssen wir uns an den anderen schadlos halten. Mir wird verschiedenes nahegelegt, z. B. Vergrößerung Badens. Mein Schwiegersohn mußte schweren Herzens gegen uns Partei ergreifen wegen der geographischen Lage, wird aber von jetzt ab absolut Treue halten, als wäre er ein Fürst meines Hauses. Wir müßten die untere Mainlinie erwerben, wobei Hessen-Darmstadt um Oberhessen geschmälert würde. Dafür kann man es mit dem Kreis Aschaffenburg entschädigen, den Bayern abtreten müßte, ebenso das Würzburger Gebiet, das an Sachsen fallen könnte als Ersatz für seine Westhälfte, die uns zukommt.« Otto faßte sich unwillkürlich an den Kopf, ihm schwindelte vor diesen verrückten Projekten unbefugter sehr hochgestellter Dilettanten, die dem sonst so verständigen König im Ohr lagen. »Ew. Majestät haben sonst so viel Verständnis für ererbte angestammte Gefühle. Glauben Sie, daß die hin und her verhandelten Lande jede Anhänglichkeit an ihre lange Zusammengehörigkeit verloren, daß die Bayern ohne weiteres Sachsen, Hessen, Badenser werden wollen? Das Schönste dabei ist, daß wir gerade Bayern, das die Kosten tragen soll, am wenigsten niederwarfen. Es wird sich wehren, das kann eine lange Geschichte werden. Auch die Pfälzer haben nicht den geringsten Wunsch, Preußen oder Badenser zu werben. Mich erinnert dies an den Frieden von Luneville und spätere Rheinbundscherze, wobei deutsche Lande hierhin und dorthin verschachert wurden. Nun, das war französische Politik, doch daß wir als Deutsche diesen Unsinn erneuern sollen, scheint mir ausgeschlossen. Die verstümmelten Bundesstaaten würden nur darauf sinnen, sich wieder in Besitz ihrer alten Gebiete zu bringen mit beliebiger fremder Hilfe, als Bundesgenossen wären sie so unzuverlässig wie möglich.« »Und wie machen Sie sie zuverlässig?« »Ew. Majestät können versichert sein, daß ich die Bundesreform in Formen durchdrücke, die uns de facto die Oberherrschaft in Deutschland sichern. Doch nur in rücksichtsvoller Weise kann dies ermöglicht werden.« »Und was bekommt dann Preußen selber außer Schleswig-Holstein?« »Hannover, Hessen, Nassau und Frankfurt, ganz, nicht mit Abzwackung von Teilen. Eine Annexion kann nur vollständig sein, wenn sie glücken soll. Nehme ich etwas mit Haut und Haar, ist die Gefahr viel kleiner, als wenn ich jemand die Hälfte raube und ihn so zum unversöhnlichen Feinde mache. Napoleon pflegte zu donnern: »Das Haus Soundso hat aufgehört zu regieren«, er hatte dies auch schon für Preußen anwenden wollen und machte sich später bittere Vorwürfe, daß er ein verkrüppeltes todfeindliches Preußen bestehen ließ. »Sie wollen also alte deutsche Dynastien depossedieren!« »Auf Befehl Ew. Majestät habe ich dem gefangenen Kurfürsten von Hessen aus Pardubitz anheimgestellt, ob er auch jetzt noch sich zur Vernunft entschließen und seine Truppen vom Bundesheer abberufen wolle. Ich tat es mit Widerstreben, doch ich wußte vorher, daß der Verblendete unsern Antrag nur als Schwächezeichen auffassen werde. Er hat uns keiner Antwort gewürdigt, und wie der blinde König Georg, dem wir freistellten, sich nach Österreich zu begeben, sich aufführt, wissen wir. Der wird ›bis ans Ende aller Tage‹, wie er gotteslästerlich für das Welfentum vorausnimmt, unser Todfeind bleiben mit seiner ganzen Familie.« »Nun also, mögen sie geopfert werden! Diese Entschädigung würde einigermaßen ausreichen. Jedoch –« Der König kämpfte mit sich, dann aber rief er: »Nein und abernein! Ich bin Soldat und will meiner herrlichen Armee nicht den Siegeskranz schmälern. Hätte Österreich in Gebietsabtretungen gewilligt, würde sich der Unmut beschwichtigen lassen. So aber werden alle Militärs den Preis für so viel Taten und Opfer von mir fordern. Ich bin mit Stolz ein Soldatenkönig, wie es dem König von Preußen geziemt, und beachte vor allen Dingen die Wünsche der Armee. Der Krieg wird also fortgesetzt bis zur völligen Unterwerfung der Feinde.« Otto richtete sich straff auf. »In diesem Falle bitte ich, mir allergnädigst meine Entlassung zu gewähren und mich als Major zu meinen Kürassieren abgehen zu lassen.« »Niemals! Das heißt – Sie werden sich besinnen.« »Meine Absicht ist unerschütterlich. Ich werde den Frieden nur unterzeichnen, wenn er meiner pflichtgemäßen Überzeugung entspricht.« »Unerhört! Verlassen Sie mich!« Als Otto, ächzend vor Schmerzen, in sein Zimmer hinaufstieg, lehnte er sich durchs Fenster im Bedürfnis, frische Luft zu schöpfen. Unten eine gähnende Tiefe. Wenn ich dort hinabfalle, hätte alles Elend ein Ende. Wieder Scheitern, fast schon im Hafen. Besteht der König auf seinem Willen, so werden alle Errungenschaften zunichte. Auch Blut und Eisen helfen nichts. Adieu, deutsche Einheit! 33 Jahre hab' ich von dir geträumt, wie von einem Dämon besessen, jetzt kann ich Coffin im Sarg seine Wette bezahlen ... mit einem eigenen Sarg, darin mein Ideal eingesargt für immer. Dieser Schlag trifft am härtesten. Es ist vollbracht, unbegrenzte Möglichkeit dicht vor der Hand, da reißt mir die Kurzsichtigkeit menschlicher Bedürftigkeit die Hesperidenfrucht aus den Fingern. Mir? Bah, was mir daran läge! Aber Deutschland, Deutschland! In diesem Augenblick öffnete sich die Tür seines Zimmers, jemand trat leisen Schrittes ein. Er wandte sich nicht um, in seinen Schmerz verbissen. Wer ist das? Vielleicht der Kronprinz, dessen Zimmer auf dem gleichen Korridor lag und an dessen Tür er soeben vorüberschritt? Da fühlte er eine Hand auf seiner Schulter und hörte eine weiche Stimme: »Hören Sie, Bismarck! Sie wissen, ich war gegen diesen Krieg. Sie hielten ihn für nötig und sind verantwortlich dafür. Wenn Sie also Ihren Zweck für erreicht halten – ich hörte Ihre Gründe mit Verständnis –, so will ich Ihnen jetzt zur Seite stehen und Ihre Ansicht bei meinem Vater unterstützen.« Schlicht und still, wie er kam, ging er. Otto wäre in seiner Nervenüberspannung fähig gewesen, vor dem jüngeren Manne niederzuknien und seine Hand zu küssen. Fast eine halbe Stunde banger Erwartung, dann schollen wieder die festen Tritte des blonden Siegfried draußen auf dem Gang, und er trat ein, Ottos Schriftstück in der Hand, das er ihm in die Hand drückte. »Es fiel sehr schwer, doch mein Vater hat zugestimmt.« Die beiden germanischen Recken sahen sich an, ein warmer Händedruck, dann ging der Kronprinz ruhig und freundlich von dannen. In diesem weltgeschichtlichen Augenblick, von dem die Welt nie erfuhr, solange er lebte und wo er sich um Deutschlands Geschicke unsterbliches Verdienst erwarb, war dieser Hohenzoller nicht nur ein edler und tapferer, sondern fast ein großer Mann und seines Vaters würdig. Denn aus Erkenntnis der Wahrheit und aus Gerechtigkeitsgefühl einem sonstigen Gegner die höchste Treue der Sachfreundschaft erweisen, dazu gehört nicht nur ein überaus vornehmer, sondern auch ein erleuchteter Sinn. Auf Ottos Schriftstück aber stand als Marginalnotiz die handschriftliche Urkunde: »Nachdem mein Ministerpräsident mich vor dem Feinde im Stich läßt und ich hier außerstande bin, ihn zu ersetzen, habe ich die Angelegenheit mit meinem Sohne besprochen, der sich dem Ministerpräsidenten anschließt. Daher bin ich zu meinem Schmerz genötigt, nach so glänzenden Siegen in den sauren Apfel zu beißen und einen so schmachvollen Frieden anzunehmen.« Ein stilles Jauchzen unsäglicher Erleichterung hob Ottos Brust. Mag mein tapferer, geliebter alter Herr mir zürnen, es tut mir weh, ihm solche Aufregung zu bereiten, aber auch er wird ja die Ernte dieser Saat in seine Scheuer einheimsen und dann werden wir alle drei das Werk ansehen, Deutschland, der König und ich, und siehe da, es war sehr gut. * »Sie haben mich zu sich beschieden, Herr Minister?« Benedetti zappelte innerlich vor Neugier, verdeckte es aber mit wohlwollend gleichgültigem Lächeln. Karolyi hatte sein Ausfragen ausweichend beantwortet, auch an Brenner legte er umsonst die diplomatische Pumpe an. »Wie weit gediehen die Präliminarien?« »Der Frieden ist soeben geschlossen worden, mit beiderseitiger Signatur«, feuerte Otto kaltblütig den Schuß ab. »Wie? Ich höre wohl nicht recht?« Benedetti sah einen Augenblick wie ein böser, alter Geizhals aus, dem man mit einer Kassette durchging oder dem ein Wuchergeschäft mißlang, dann strahlte er wieder jugendlich. »Aber das kann ja nicht sein. Frankreich mußte doch zugezogen werden als Vermittler.« »Dies gütige Anerbieten wäre gewiß mit Dank akzeptiert worden, sofern wir davon Gebrauch machen konnten. Es war jedoch nichts zu vermitteln, da die hohen Kontrahenten sich beiderseits mühelos verständigt haben.« Der Franzose verbiß seine Wut. Draußen vor der kalten Tür gelassen! »Der Friede selbst kann wohl noch nicht unterzeichnet sein, nur die Präliminarien.« »Nein, nur die letzten Formalitäten fehlen.« »Es wäre wohl indiskret, mich schon jetzt nach den Einzelheiten zu erkundigen? Die Kriegsentschädigung dürfte wohl hoch bemessen sein?« »Nein, sehr gering, etwa 150 Millionen Francs.« »Ah, ah! Und was wird Bayern zahlen?« »Das ist noch nicht abgemacht, wahrscheinlich 75 Millionen Francs.« »Welch milder Sieger! Und Sachsen geht frei aus?« »Das heißt, es tritt integer in unsern Norddeutschen Bund ein. Doch das alles werden wir wie zwei gute Freunde später besprechen, sobald erst die Sachen perfekt.« – Der Unwille des Königs hielt nicht lange an, bei gewissenhafter Prüfung würdigte er die Beweggründe seines Beraters und schmunzelte mit der ihm eigenen wohlwollenden Ironie: Es ist nicht leicht, unter einem solchen Minister König zu sein! Der setzt seinen Willen durch, aber zuguterletzt wird er wohl recht haben. Da wir beide nur eins im Auge haben, das Staatswohl, so gibt der Klügere nach und obendrein ist er selbst der Klügere. – Der große Herrscher wußte freilich, daß sein Manne ihn innig liebte und verehrte, und von einem so Gewaltigen geliebt zu werden, ist keine Kleinigkeit. Solche Ehrung, schmeichelhafter als jede andere, erhebt zugleich das Gemüt. So betrachteten die Burgundenkönige den grimmigen Hagen, auf dessen unbedingte Treue sie sich verlassen konnten, obschon er sie um Haupteslänge überragte. Hier freilich waltete ein wesentlich anderes Verhältnis, denn hier amtete Hagen nicht bei einem schwachen König Gunther, sondern bei einem weisen, milden und doch heldenhaften Dietrich von Bern. Als die Friedensurkunde unterzeichnet, sprang der König auf und umarmte Bismarck tiefgerührt tränenden Auges, dann Moltke und Roon. Wie seinem Ahnherrn, dem großen König, kam ihm das Weinen immer nahe, wenn er Schönes sah oder hörte. Rüdiger und Dietrichs Recken weinten ja auch bitterlich, und dann fochten sie wie Riesen auf Leben und Tod. »Da Sie den Schwarzen Adler schon haben, verleihe ich Ihnen das Großkreuz meines Hohenzollernhausordens.« Die beiden andern empfingen den Schwarzen Adler. Es kennzeichnet den Geist jener großen Tage, daß der bärbeißige Roon sich nachher über den Ordensfirlefanz mokierte, der leider eine traurige Notwendigkeit sei. Die garbenbindende fleißige Ruth des Hochsommers band jetzt vergiftete Zuchtruten. Der finstere Gast im Feldlager, die Cholera, schreckte den König nicht ab, nach dem verseuchten Prag zu fahren, wo schon Generalleutnant Clausewitz an dem Bazillus starb. Doch der alte Unheilbazillus deutscher Zwietracht schien schon so im Absterben, daß der wackere Fred Frankenberg öffentlich im Offizierkreis aussprach: »Das ist nur der Anfang. Jetzt muß das Deutsche Reich deutscher Nation gegründet werden. Die Ausländer und sogar die russischen Barbaren spotteten über uns, doch sie sollen noch inne werden, daß wir allein an der Spitze der Zivilisation marschieren.« In Prag, wo er mit dem König den Hradschin besuchte und eine lange Ausfahrt machte, kam wieder etwas Leidiges zur Sprache, ob nämlich in der Thronrede zur Eröffnung der Kammern »Indemnität« für die selbstherrliche Budgetverwendung ohne Landtagsgenehmigung verlangt werden solle. Der König stieß sich an dem Ausdruck Indemnität, als habe er etwas Strafbares begangen, sein Minister suchte ihm das auszureden, da staatsrechtlich dieser Begriff etwas viel Milderes bedeute. »Das Ministerium ist auch dagegen. Lippe zeigt sich sehr aufgeregt als Konservativer.« »Die Thronrede mit Eurer Majestät zu beraten liegt nur mir ob, Graf Lippe hat nicht das große Wort zu führen. Diese Leutchen mit Scheuklappen sehen nie über ihre Nase hinaus und glauben schwimmen zu können, wenn sie sich in das lauwarme Bassin der Phrase werfen. Stürmisch mit Armen und Beinen fuchteln ist keine Schwimmkunst.« »Nun, ich bin ja auch für Frieden und Versöhnung. Aber nach solchem Triumph der Regierung wie ein Bittender und Bettelnder vor das Haus zu treten widerstrebt mir.« »So wird es keiner auffassen. Eure Majestät werden beim Einzug der Truppen in Berlin erkennen, wie gänzlich die öffentliche Meinung sich änderte. Die Kammer wird die staatsrechtliche Korrektheit nachträglicher Decharge als großmütige Herablassung des Monarchen und huldvolle Anerkennung des Verfassungslebens anerkennen und wie ein Mann für alle neuen Kredite stimmen.« Der fürchterliche Kleist-Retzow verbrach einen salbungsvollen Brief, worin er Otto ins Gewissen redete, nicht in liberale Versuchung zu fallen. Gott behüte uns vor unseren Freunden! Das hält sich für Edelste der Nation und ist doch nur ein Rind, das von der Welt nichts kennt als den einen Fleck, wo es wiederkäut. Durch die Kriegssiege des Königtums schnellten die Konservativen bei den Neuwahlen von 11 auf 100 Mitglieder empor. Sie sandten eine Deputation nach Prag, um Verfassungsbruch zu erbitten. Das lehnte der König ab, doch hatte sein Berater stundenlange Kämpfe im Bahnkupee, als man nach Berlin fuhr, weil sein Herr sich an Kleinigkeiten stieß. Roon, der nicht dabei war, stellte nachher die Dinge auf den Kopf, indem er nachgiebige Versöhnlichkeit des Monarchen in den Vordergrund stellte. Der anwesende Kronprinz aber enthielt sich jeder anderen Beistimmung zu Ottos dringlicher Beschwörung als durch Kopfnicken und sonstiges Mienenspiel. »Der Spaß mit Blumenthals Epistel war doch auch sehr komisch«, lachte der König gutgelaunt auf der Rückreise. Ein Brief des Stabschefs an seine Gattin, eine Britin, daher englisch geschrieben, fiel in Feindeshand, und die Österreicher hatten die Unanständigkeit, ihn in stark verdrehender Übersetzung öffentlich abzudrucken. Darin hatte er den Kronprinzen als Menschen gepriesen, ihm auch militärische Anlagen zuerkannt, nur eine gewisse Trägheit getadelt. Der vornehme Fürst nahm dies nicht im geringsten übel. Hatte er doch auf dem Schlachtfelde geäußert: »Ich weiß, wem ich die Leitung verdanke.« Der König unterstrich dies so, daß dem sonst für Ehren ziemlich kalten Pflichtmenschen das Herz voll wurde. Aber seiner Abneigung gegen Moltkes Strategie (äußere Linien) ließ er in dem Briefe die Zügel schießen, gewürzt mit etwas persönlicher Gereiztheit, hier aber benahm sich der große Schweiger wie ein wahrer Gentleman und weigerte sich, den Brief zu lesen, der ja nicht für ihn, sondern für Frau v. Blumenthal bestimmt gewesen sei, und zeigte sich erhaben über jeden kleinlichen Ärger. War es auch nicht ganz wahrhaftig, wenn Blumenthal in sein Tagebuch schrieb, daß er den hochverehrten Moltke am wenigsten habe kränken wollen, so schöpfte er doch aus dem Vorgange eine erhöhte Achtung. Für später wichtig! Der König selber amüsierte sich nur über den Zwischenfall. »Wer hätte gedacht, daß Blumenthalchen eine solche Kratzbürste wäre!« »Du lieber Gott, Majestät«, entschuldigte Otto. »Er schrieb an seine Frau. Da sind wir allzumal Menschen. Jeder will sich seiner Eheliebsten in besten Farben malen und streicht sich heraus, selbst wenn er sonst kein eitler Narr ist. Der arme Blumenthal wird sich gehörig fuchsen, denn gerade ein Mann von reizbarer Eitelkeit empfindet es bitter, wenn er anderen als eitel erscheint.« »General v. Blumenthal ist ein so ausgezeichneter Mann,« entschied Moltke ruhig und würdig, »daß man es wohl hingehen lassen kann, wenn er sein hohes Verdienst vielleicht etwas schroff betont. Selbstgefällig sind wir Menschen wohl alle, wir lassen es nur nicht herauskommen. Wohl ihm, daß er eine Frau hat, der er sich ganz offenbaren kann!« Es zuckte leicht in dem marmorkalten Gesicht. Man schwieg, da man wußte, wie schwer er an der unvernarbten Wunde litt, sein junges Weib früh verloren zu haben, das einzige Wesen, das er je geliebt und noch liebte. Nicht ohne Ergriffenheit sann Otto darüber nach, wie Weltereignisse und Privatleben sich kreuzen. Er selbst – wenn Nanne stürbe, wäre es ihm nicht schmerzhafter als eine verlorene Schlacht von Königgrätz? Schwer zu beantwortende Frage! – Bei Empfang des Königs illuminierte Berlin, und als Otto aus dem königlichen Wagen stieg, verkündete ihm ein gewaltiges Hurra, daß die Zeit seiner Unpopularität vorüber sei. Als er Frau und Kinder in seine Arme schloß, hätte er am liebsten, fern den adulierenden Blicken, das Auge gen Himmel gerichtet: Endlich der Lohn so langer Mühen! * Der Friedensvertrag sollte im August zu Prag definitiv in Kraft treten. Als er in seinem Arbeitskabinett zwei Tage nach der Ankunft die Sonderverträge mit den Süddeutschen erwog, wobei er jedes persönliche Verhandeln mit dem Württemberger Varnbüler wegen dreister Preußenfresserei abgelehnt hatte, meldete sich plötzlich der Genius der Kompensation oder Revanche in Gestalt eines freundlich-ernsten Monsieurs. »Mein teurer Graf Benedetti, was verschafft mir das Vergnügen Ihres angenehmen Besuches?« Der Franzmann zeigte ein offenes Kuvert. »Ich bitte, diesen Brief an Eure Exzellenz entgegenzunehmen, wobei als Anlage ein Geheimvertrag in drei Artikeln. Mein Gebieter sendet ihn aus Vichy, wo er sich zur Kur aufhält. Ich bin nur der demütige Träger und Überbringer seines Willens.« »Darf ich fragen, ehe ich lese, womit ich Ihnen dienen soll?« »Mit den Rheingrenzen von 1814. Außer den entsprechenden preußischen sind die bayrischen und hessischen am Rhein darin einbegriffen, wofür Preußen letztere Staaten nach Gutdünken innerhalb Deutschland kompensieren mag.« Diese ungeheure Unverschämtheit ließ Benedetti so liebenswürdig vom Stapel, als habe er ein Gespräch über Salondinge. Otto warf das Kuvert in eine Ecke. »Ich glaube zu träumen. Ihr Appetit scheint sich gesteigert zu haben.« »Durch Ihr Essen! Um ernst zu sein, die Dynastie wäre bei uns in Gefahr, wenn die öffentliche Meinung nicht durch Zugeständnisse Ihrerseits versöhnt wird.« »Soll ich Ihrer öffentlichen Meinung Hüter sein? Das wäre ein Krieg mit Revolution im Hintergrunde, und bei solchen Gefahren und Mitteln würde unsere Dynastie besser fahren als die Ihres kaiserlichen Herrn.« »Wir schweifen ab. Eure Exzellenz begreifen noch nicht den Charakter meiner Sendung. Dies ist ein Ultimatum. Sofortige Übergabe von Mainz oder unmittelbare Kriegserklärung.« Ohne eine Sekunde Zögern kam die Antwort wie aus der Pistole geschossen: »Sehr wohl, dann also Krieg!« Unter Diplomaten pflegt man sich nicht die Tür hinauszuwerfen, doch der Ton hatte die gleiche Bedeutung. Benedetti nahm seinen Hut und verschwand. Napoleon hat wohl Wind von der Klausel »internationale und unabhängige Existenz«, die wir den Süddeutschen bewilligen wollen, wobei wir ihm noch Komplimente machen können, es geschehe aus Complaisance für seine Verwendung. Das hält er für das Nadelöhr, in das er einfädeln kann. Er wird sich höllisch täuschen. Gerade durch Preußens Siege wuchs in Süddeutschland das Nationalgefühl, die Rheinbundschwangerschaft ist vorüber, guter Hoffnung ist nur er selber, aber sie wird nur von Illusionen entbunden werden. Heute geht Benedetti mit Extrazug nach Paris, morgen ist Ministerrat und Marschall Niel wird schwerlich Kriegsbereitschaft melden. Ihr Chassepot haben sie noch lange nicht in Ordnung, die Franzosen werden hübsch still bleiben. Moltke möchte schon jetzt den Krieg, doch das ist ganz verfrüht, noch haben wir die Separatabkommen mit den Süddeutschen nicht in der Tasche. Wir müssen uns in die Veränderung der deutschen Verhältnisse erst einleben, auch brauchen wir einen Nationalkrieg mit Nationalzorn, und dazu liegt heute noch keine Veranlassung vor. – Am 7. August befand sich wieder der Journalist Vilbort zur Teestunde spät bei Bismarck und wollte sich um 10 Uhr verabschieden, als Keudell eintrat: »Graf Benedetti wünscht Eure Exzellenz dringend zu sprechen. Er reist morgen früh nach Paris.« Er war also einen Tag länger geblieben, auf neue Instruktion wartend. »Sehr gut, ich komme sogleich, d. h. ich lasse bitten in mein Arbeitskabinett. Herr Vilbort, nehmen Sie doch eine Tasse Tee im Salon, ich werde bald zu Diensten stehen.« Vilbort und Keudell unterhielten sich zwei Stunden, der Minister kam nicht. Es schlug Mitternacht. Beide sahen sich an. Es wurde 1 Uhr morgens, ehe Otto in den Salon zurückkehrte. Er lächelte freundlich, man sah seiner heiteren Stirne an, daß die Verhandlung mit Benedetti zu voller Zufriedenheit verlief. »Nun wollen wir uns aber etwas stärken mit Münchner Hofbräu. Herr Vilbort, ich empfehle Ihnen dies Kraut. Bei mir raucht man gute Zigarren.« Er plauderte leicht und fröhlich über allerlei Gesellschaftliches, die verschiedenen Sitten in Deutschland, Frankreich, Italien. Und doch wußte Vilbort, daß Gerüchte in Berlin umliefen, es könne zum Kriege mit Frankreich kommen. Als er aufbrach, erlaubte er sich die Frage: »Wollen Exzellenz eine sehr indiskrete Frage gestatten?« »Ich gestatte alles, mein lieber Herr Vilbort. Nur zu!« Jovialer und sorgloser konnte man sich nicht geben und Vilbort schöpfte die Hoffnung, es sei jede Mißhelligkeit ausgeglichen. »Nun denn, bringe ich Krieg oder Frieden nach Paris?« »Den Frieden, die Freundschaft!« beteuerte Otto mit lebhaftem Nachdruck. »Dauernde Freundschaft! Ich baue fest darauf, daß Frankreich und Preußen fortan Hand in Hand an der Spitze der Zivilisation marschieren, ein herrlicher Dualismus der Intelligenz und des Fortschrittes.« Nachdem Vilbort ging, veränderte sich Bismarcks Ausdruck und er instruierte Keudell trocken: »Es wird gut sein, wenn Sie morgen früh Vilbort vor seiner Abreise aufsuchen und ihn aufklären. Der Mann hat Einfluß und es ist zweckmäßig, daß man die Wahrheit in Paris erfährt. Nur darf sie nicht aus meinem Munde kommen, Sie müssen so tun, als sprächen Sie privat aus persönlicher Gewogenheit und nicht offiziell.« »Werden Sie mich später desavouieren?« erkundigte sich Keudell im voraus. »Dazu wird kein Anlaß sein. Sagen Sie also folgendes: ehe zwei Wochen um sind, wird der Krieg am Rhein losgehen, wenn Frankreich darauf besteht, deutsches Gebiet von uns zu fordern, was wir ihm weder geben können noch wollen. Nicht einen Zoll breit deutschen Bodens treten wir ab. Selbst wenn wir wollten, könnten wir nicht, denn ganz Deutschland würde gegen uns aufstehen. Da ziehen wir vor, daß es lieber gegen Frankreich aufsteht.« »Was sagte denn Benedetti?« »Die alte Leier. Drouyn de l'Huys habe ihm verschärfte Instruktion gegeben: entweder Mainz oder der Krieg. Ich habe ihn gebührend abgefertigt.« – Es kam, wie er vorhersah. Der gallische Hahn krähte plötzlich nicht mehr überlaut, sondern kleinlaut. Es war ein indiskretes Mißverständnis von l'Huys, nicht vom edlen Louis, dessen Krankheit und Vichy-Kur man benutzt hatte, gegen seinen Willen zu handeln. Majestätisch krähte Chanteclair in einem offenen Briefe des Kaisers an Herrn Lavalette vom 12. August. Das große Frankreich bedarf nicht unbedeutender Zusätze und Zutaten von Grenzerweiterung, über solche Begierden kleiner Seelen ist der Genius der Großen Nation erhaben. Was will sie denn? Freiheit, Fortschritt, Frieden, aller guten Dinge sind drei. Wir müssen Deutschland brüderlich helfen, sich in solcher Form zu gründen, wie es am besten den Interessen Europas entspricht. Otto hatte selten so gelacht wie über diese Rückzugskanonade. Ach, die Franzosen sind doch unser aller Meister im Schwindeln. Wie, sie steckten ihre Hand in unsere Hosentasche? Ja, weil sie darin ein Loch flicken wollten, keineswegs unsere Börse stehlen. Der mitternächtige Einbrecher schleicht ums Haus und brüllt: La bourse ou la vie , da zieht der Überfallene statt der Börse einen sechsläufigen Revolver und der arme Teufel von Räuber hat bloß eine alte Reiterpistole. Was kann er machen als Fersengeld geben und in sich hineinfluchen: Warte nur, ich komme wieder. Ich fürchte und hoffe, er wird halten, was er gelobt, den Schwur der Vergeltung, aber wenn er mit einem funkelnagelneuen Revolver wiederkommt, dann haben wir ein noch längeres Schießgewehr. – Als ein Adjutant des blinden Welfenkönigs in Nikolsburg ein persönliches Handschreiben an König Wilhelm überreichen wollte, bewog ihn Otto, den Empfang zu verweigern. »Gemütspolitik ist stets vom Übel, hier aber ein Verbrechen an der deutschen Nation, die von uns Frieden und Einheit erwartet. Privatrecht ist nicht Völkerrecht. Wir tragen die Verantwortung für das Recht des deutschen Volkes, ungeteilt zu leben unter überwiegender Hausmacht ihres Oberhauptes. Preußen muß so stark wie irgendmöglich sein.« »Nun gut! Nassau weine ich auch keine Träne nach. Mein hochseliger Vater haßte diesen Rheinbundstaat besonders. Übrigens war ja schon eine Nassauer Deputation bei mir, die um Annexion flehte, weil die Jagdpassion des Herzogs das Land verderbe.« So flog denn wirklich die altnapoleonische Zauberformel umher: die Häuser Hannover, Kurhessen, Nassau haben aufgehört zu regieren und die reiche Reichsstadt Frankfurt bildete in der Kraftsuppe noch einen Markknochen als Zugabe. Dagegen behielt Württemberg das kleine Fürstentum Hohenzollern-Sigmaringen und sein Minister Varnbüler suchte als lebhafter Schwabe seine früheren Sünden gegen Preußen dadurch gutzumachen, daß er, zu Gnaden angenommen, zu jedem Bündnis zu haben war und mit beiden Händen zugriff. Sobald dies am 13. August geschah, folgte Bayern bald nach, nachdem der siegreiche Staatsmann der Versuchung widerstand, Einflüsterungen des badischen Ministers Roggenbach zur Vergrößerung Badens durch die Pfalz und hohenzollerschen Traditionswünschen nach Wiedererwerb von Anspach-Bayreuth Gehör zu schenken. Nur Hessen-Darmstadt ließ man vorerst im Konzern aus, weil der gänzlich rheinbundsüchtige Dalwigk und der Großherzogliche Hof es sofort an Frankreich ausgeplaudert hätten. Den Ausbau des Militärvertrages mit Sachsen übertrug Otto seinem Jugendfreund, dem Wirklichen Geheimrat Savigny, der als letzter Gesandter am seligen Bundestag naturgemäß das Dezernat für innerdeutsche Angelegenheiten erhielt. General v. Stosch, der sich für jede Diplomatie eignete, führte die Dinge später zum Abschluß in einer für Sachsen anscheinend zu günstigen Form. Es entging jedoch Otto nicht, daß der neue König Albert, ein hervorragender Kriegsmann, gewissermaßen aus fachmännischen, soldatischen Gründen jetzt ehrlich zu Preußen hinneigte. Der entlassene Minister Beust fand zwar bald sein Wiener Asyl durch Erhebung zum Reichslenker versüßt, und von seiner Ranküne konnte man sich nichts Gutes versehen, wenn er Österreich jetzt in gleichem Sinne leitete wie vordem Sachsen. Doch Otto vertraute mit Recht auf den heilenden Einfluß der Zeit und Gewohnheit, um jeden vererbten Zwiespalt mit Sachsen als Glied des Norddeutschen Bundes zu überbrücken. * Kaum eine Woche verging, als erneut das glatte Gesicht des großen französischen Diplomaten zu unerbetenem Besuch auftauchte. Diesmal tat er sehr geheimnisvoll. »Mein erhabener Souverän, immer bereit zu Mäßigung und Verständigung, versetzt sich in die Seele Eurer Exzellenz als des berufenen Gründers der deutschen Einheit und begreift die Unmöglichkeit für Sie, eigentliches deutsches Gebiet abzutreten.« »Diese Einsicht macht sowohl dem Geiste als dem Charakter des erhabenen Herrschers Ehre.« Otto schlug ein Bein übers andere und schickte sich zu gemütlichem Plauderstündchen an. Er sah, daß der naive Halbitaliener ein kleines Machiavelli-Kapitel aufschlagen und kommentieren wollte, irgendeine hervorragende Spitzbüberei. Vermutlich Anwerbung Preußens als Spießgesellen zu gemeinsamer Beraubung eines Dritten. »Sehen Sie, mein teurer Minister, wir verstehen uns so gut, daß wir ohne jede Affektion schlicht mit einander reden können. Ein Mann von Ihrer Stärke versteht ja auch bloße Winke.« »Bitte winken Siel« Der preußische Recke schien in bestem Humor, das Ideal eines Faux Bonhomme. Um so besser! Zu Hallunkenstreichen sieht man sich doch nicht nach Ideologen als Kompagnons um. »Ich hatte schon die Ehre zu beteuern, daß das Prestige des Kaisers gewisse Kompensationen heischt. Ihr interessanter Staat vergrößert sich so ungewöhnlich, daß ein gewisses Gleichgewicht hergestellt werden muß, wie recht und billig.« »Das sehe ich freilich nicht ein. Wenn zwei sich boxen und einer unterliegt, so wäre doch wohl ungebräuchlich, daß ein Dritter, der zusah, einen Preis dafür beansprucht. Indessen, wir Diplomaten unter uns sind über solche Schwachheiten erhaben wie Begriffe von Recht und Unrecht. Billig ist, was mir gefällt. Ich verstehe den Wunsch nach Kompensationen, falls der Begehrende auch etwas bietet. Do ut des ist mein Wahlspruch.« »Ich denke, Sie nahmen sich schon Ihr Teil,« lächelte Benedetti, »und wir geben genug, wenn wir zu allem ein Auge zudrücken. Pardon für meine Offenheit!« »Die ich an Ihnen so liebe. Doch lassen Sie sich gesagt sein, daß der Friedensschluß nur die Kriegführenden angeht und daß wir für das bereits Stipulierte, was ja dem Pariser Kabinett wohlbekannt, keinerlei weitere Diskussionen führen. Hier gibt es kein do ut des . Im privaten Geschäftsleben gibt es Erpressung und Schweigegelder auch nur dann, wenn es etwas zu verstecken gilt. Wir haben aber nichts zu verbergen. In der hohen Politik verschmäht man natürlich solche vulgären Methoden, und wenn man Kompensationen sucht – ein schönes Wort, das ich liebe –, so tritt in Kraft das Gesetz von Angebot und Nachfrage. Ich warte, worin Ihr Angebot besteht und was Sie als Preis verlangen.« »Sie gehen mit tödlicher Sicherheit auf den Kern der Sache los.« Der Welsche rückte etwas verlegen auf dem Stuhle. »Sie lieben keine langen Vorreden, das ist Zeitersparnis. Nun wohl, Ihr Werk ist noch nicht gekrönt, die Rücksicht auf Frankreich hält Sie ab, Ihre so interessanten Annexionen auch jenseits des Mains zu erweitern. Österreich ließ Ihnen ja dieserhalb freie Hand.« Blitzschnell verstand Otto die ganze Aktion. Napoleon ahnte nichts von geheimen Verhandlungen mit den Südstaaten und wähnte immer noch, dort eine Ablagerungsstätte des seligen Rheinbundes zu besitzen. Nachdem er die Unabhängigkeit der Südstaaten »vermittelt« zu haben glaubte, will er sie jetzt verraten und dafür ein anderes Geschäft machen. Wozu der Lärm, was steht dem Herrn zu Diensten? »Allerdings wäre eine breitere Basis der preußischen Hegemonie in Deutschland wünschenswert.« »Sehen Sie wohl! Die Weisheit des Kaisers würde nun vielleicht nicht opponieren, wenn Sie Süddeutschland ohne weiteres in den Norddeutschen Bund einbeziehen würden, begleitet von territorialen Beschneidungen jener Staaten, welche Preußen die absolute Oberherrschaft vom Baltischen Meere bis zu den Alpen sichern.« Benedetti lehnte sich im Sessel zurück mit der Gebärde eines Mannes, der eine gute Tat vollbrachte und die Fülle seiner Freigebigkeit ausschüttete. »Ah!« Otto stieß einen langen Seufzer der Befriedigung aus. »Das ist allerdings eine Größe des Angebotes, auf die ich nicht gefaßt war. Um solchen Preis wäre ich natürlich erbötig, Ihrem erlauchten Gebieter in allem zu Willen zu sein, sofern es nicht deutschen Boden betrifft.« Er sah es kommen. »In diesem Falle bitte ich, Eurer Exzellenz bewährte Klarheit Ihre Blicke schweifen zu lassen, wohin wohl Frankreichs Interessen tendieren würden.« »Für eine so erstrangige Großmacht öffnet sich ein weites Feld. Irre ich nicht, deutete ich schon früher einmal an, daß weniger nach der Ost- als nach der Nordgrenze eine breite Abrundung für Sie von Wert wäre.« »Prachtvoll! Sie berühren sofort den Punkt. Wie denken Sie über Luxemburg? Ein gar kleines Gebiet.« »Doch der Weg nach Brüssel«, fiel Otto eifrig ein. »Belgien als natürliche Anschwemmung der Maas, dieses altfranzösischen Stromes, gehörte zum ersten Empire und ist durch Sprache und Rasse, wenigstens der Wallonen, der französischen Sphäre untertan. Nun, gegen solche Kompensierung hätte ich nichts einzuwenden, ich sähe sie sogar mit günstigem Auge, weil der schrankenlose Klerikalismus in Belgien eine Verführung für unsere rheinische Klerisei bildet. In Frankreich weht der freiere Odem eines modernen aufgeklärten Staatswesens.« »Der Kaiser wird entzückt sein, diese originelle und tiefsinnige Interpretation seiner wohlmeinenden Politik zu erfahren.« »Freilich wird England Einspruch erheben – auch könnte Rußland behaupten, es habe Belgiens Neutralität mit garantiert –« »Aber ich bitte Sie! Neutralität ist nur ein Fetzen Papier. Die Segnungen französischer Kultur auf Belgien zu übertragen scheint mir die höhere Moral. Was aber die genannten Mächte betrifft (Österreich kann sich auf Jahre nicht rühren), so wünscht mein Gebieter ein Schutz- und Trutzbündnis mit Preußen, um jeder Einmischung mit Waffengewalt entgegenzutreten.« »Gewiß, Einmischung und Vermittelung bei intimer Abmachung zwischen zwei Großmächten ist mir in der Seele zuwider«, biederte Otto mit ernster Ironie. »Wir würden uns also gegenseitig alle Annexionen garantieren, die wir für gut finden?« »Selbstverständlich!« Otto hoffte, auch noch von Holland zu hören und würde großartig auch diese Kleinigkeit beiseite schieben: Weg mit Schaden! »Darf ich in Paris sagen: Abgemacht? Dann wäre uns beiden ein großes Werk gelungen.« Das Großkreuz der Ehrenlegion schwebte vor seinen lüsternen Augen. »Was mich selbst betrifft – basta, einverstanden! Allein ich bin nicht der König. Und Luxemburg ist eine etwas kitzliche Geschichte, es gehört doch eigentlich zu Deutschland, wenigstens im früheren Bundesstaat. Da bekomme ich Schwierigkeiten mit Sr. Majestät. Doch ich hoffe, ihrer Herr zu werden. Nur eins ist unbedingt nötig: daß Sie mir ein Memoire über das Bündnis schreiben, etwa eine Vorlage des Kontrakts, wie Sie ihn sich denken. Nur mit solcher Unterlage darf ich dem König die geplante so hochwichtige Abmachung näherbringen.« »Nichts leichter als das. Ich schmeichle mir, einige Erfahrung im Aufsetzen solcher Schriftstücke zu besitzen. Ich werde die Ehre haben, schon morgen das Gewünschte zu überreichen.« Otto starrte auf die Tür, die sich hinter Benedetti schloß, als stehe der Erbfeind selber dahinter. Dem Verräter Treue halten, unlauterem Wettbewerb mit Ehrlichkeit begegnen? Nein, Monseigneur le Diable , ich werde deinem Hinkefuß ein solches Bein stellen, daß du stolpern und purzeln sollst. Aha! haha! Fünf Artikel! Eine Räuberei in fünf Akten! Vielversprechender Anfang: Seine Majestät, der König von Preußen, und Seine Majestät, der Kaiser der Franzosen, die es für nützlich erachten, die Bande der Freundschaft enger zu knüpfen und die gute Nachbarschaft zu fördern, sowie den allgemeinen Weltfrieden zu sichern, einigen sich, verschiedenen Schwächeren das Fell über die Ohren zu ziehen. Ein edler, schöner Plan! Otto schüttelte Benedetti die Hand. »Sie werden bald von mir hören. Das heißt, nicht allzu bald. Gut Ding will Weile haben. Sie reisen nach Karlsbad, nicht? Gott befohlen! Nach Ihrer Rückkehr besprechen wir alle Einzelheiten.« »Sie sind der wahre Autor, ich nur der Schreiber«, lächelte Benedetti etwas verlegen, doch nicht argwöhnisch. Er reiste ab und das wunderbare Schriftstück wanderte hinter Schloß und Riegel ins Geheimarchiv. Legt's zum übrigen! Bleibe du verschollen, schönes Traktat, bis dich die Stunde aus der Versenkung heraufholt, die fern am Horizont dämmert, denn es wird wohl eine Morgenstunde sein ... wenigstens nach deutscher Uhrzeit. Im alten Etablissement Kroll, wo man allerlei »Varieté«, wie das Berliner Französisch es so hübsch nennt, und zu christlichen Festtagen Zaubermärchen gab, veranstaltete der Magistrat von Berlin ein Festessen zu Ehren Bismarcks, Roons und Moltkes am 16. August. Das Komitee marschierte am Eingang im Rittersaale auf, an der Spitze Bismarcks alte Freunde, Graf Eberhard zu Stolberg-Wernigerode, Präsident des Herrenhauses, und General-Landschaftsrat Moritz Blanckenburg. Neben diesen Säulen des frömmsten Kirchenchristentums standen zwei Zierden Israels, Geheimer Kommerzienrat Bleichröder, ein etwas zweifelhafter Herr, und der Großfabrikant Josef Joachim Liebermann, ein sehr anständiger Mann, Chef jener uralten Firma, deren Inhaber einst Friedrich Wilhelm l. sich vorstellte: »Majestät, mer sein die Liebermänner, was haben vertrieben die Engländer von dem Kontinent.« Zu ihnen hielt der alte General v. Brandt, der schon als Leutnant der Weichsellegion unter Napoleon focht und wertvolle Memoiren hinterließ. Der Leumund behauptete, daß auch er jüdischer Abstammung sei, jedenfalls war es seine Gemahlin, geborene Hanoch. Die Behörden waren vertreten durch die Oberbürgermeister Seydel und Beyer, Stadtverordnetenvorsteher Halske, die christliche Finanz durch Kommerzienrat Vollgold und Hotelbesitzer Krüger, die Kunst durch einen gewissen Professor Steffeck, der sich als patriotischer Pferdemaler eines schönen Rufes erfreute und als Hofmaler mit der Kunst entfernte Beziehungen unterhielt. Der reichdekorierte Saal war bis zum letzten Platz besetzt, die Teilnehmerliste schon nach zwei Tagen überzeichnet. Wie schon die Zusammensetzung des Komitees bewies, huldigten alle Stände ohne Ansehen der politischen Schattierung der aufgehenden Sonne. Um 6 Uhr erscholl der neue Königgrätzer Marsch, die drei Ehrengäste erschienen in Gala, 800 Festtafelteilnehmer jubelten, aus den Logen winkten die wehenden Taschentücher der Damen ein parfümiertes Willkommen. Auf der Galerie thronte ein Orchester, und der kleine dicke Direktor von Kroll, ein stadtkundiger ulkiger Israelit namens Engel, dem es an gesundem Berliner Witz nicht fehlte, leitete dort Kapelle, Opernpersonal und Männerchor, die jede Tafelpause mit Konzert abwechselnd ausfüllten. »Gott grüße dich!« tönte ein Männerquartett, das ein gewisser Mücke verfaßte. Daß ein gewisser Richard Wagner allerlei Märsche verfaßte, die sich wohl etwas kräftiger mit dem musikalischen Moment gerade dieser Feier beschäftigt haben würden, war in deutschen Gauen und weitesten Kreisen unbekannt. Es war eine schöne echtdeutsche Feier. Graf Eberhard toastete begeistert auf das ganze königliche Haus, sodann erhob sich der erste Oberbürgermeister Seydel, vormals in der Wolle gefärbter Demokrat, heute Geheimrat, und hielt eine wirklich erhebende zündende Ansprache. Er betonte die gewaltige Kraft, die in Preußens Staatsleben ruhe, und den Blick des Genius, der dies erkannte, um es in vollendeten Organisation zusammenzufassen. Was sich auch im Entwicklungsgange des Völkertreibens rege und heimlich wirke, die letzte Entscheidung sei dem hohen Geiste des Mannes übergeben, »der mit kühnem Griff die lange gereifte Frucht bricht, der mit fester, nie zuckender Hand die alte Form zerschlägt und dem neuen höheren Leben Raum schafft«. (Donnernder Beifall.) Noch sei die große weltgeschichtliche Stunde nicht abgelaufen, noch gebe es eine weitere Zukunft, doch man habe jetzt festen Boden unter den Füßen. »So bringen wir den Dank und Verehrung dar zunächst dem Manne festen Herzens, klaren Blickes und erfindungsreichen Geistes, der, an das Steuer gestellt, stets die Zeichen der Zeit wohl beachtet, stets den rechten Moment erkannt, mit Energie erfaßt, mit dauernden Gedanken befruchtet und den höchstmöglichen Erfolg kühn und bewußt ihm abgerungen hat.« Er zeichnete dann gut die Verdienste Roons und Moltkes. Diese drei Männer »sie leben hoch und abermals hoch!« Der General v. Brandt toastete auf die Armee. Dann entstand eine tiefe Stille im ganzen weiten Saale, als Otto sich erhob und in launiger markiger Rede das Gemeinwesen Berlin pries, wo nicht bloß Hand und Mund, sondern auch das Herz auf dem rechten Flecke sei, wo unter Glätte des Witzes ein tiefes edles Leben pulsiert. Aus ganzem Herzen und ganzer Überzeugung trinke er auf das Wohl der Stadt Berlin. Seiner alten Feindin! Da erhoben sich alle Anwesenden in einem Ausbruch der Begeisterung, die rotesten Demokraten eilten herbei, um mit dem Gehaßten anzustoßen. Als aber der alte Direktor Bonnel herantrat, schüttelte ihm der Minister beide Hände: »Wie danke ich Ihnen für Ihren poetischen Gruß, den Sie meiner Rückkehr widmeten, leider fand ich noch nicht Zeit, ihn gleichfalls in alkäischen Strophen zu beantworten. Meine Herren,« wandte er sich an die Umsitzenden, »ich stelle Ihnen meinen verehrten Lehrer vor.« »Sind Eurer Exzellenz Söhne auch auf dem Werderschen Gymnasium?« fragte der Oberbürgermeister. »Das will ich meinen. Und Berliner Jungens sollen sie sein, wie ich's gewesen bin.« Draußen pufften Raketen durch die Luft, das Feuerwerk mündete in ein Transparent »Viktoria«. Als Otto durch das Brandenburger Tor zurückfuhr, dachte er, wie er einst dort einherschlich als verfemter reaktionärer Unhold und später so manche Nacht hin und her wandelte, um sich von der täglichen Tretmühle der Kammerdebatten auszulüften. Die lange Wanderschaft ist nun beendet, wir nahen dem Gipfel des Berges. Wie er vorhergesagt, zeigte die Kammer volles Verständnis für das Indemnitätsersuchen und bewilligte jede neue Forderung mit wärmstem Vertrauensvotum. Man begriff die Mischung vornehmer Ironie und bitterer Wehmut in Bismarcks Rede: jetzt sehe man wohl, die Regierung sei nicht so gleichgültig gegen nationale Fragen, als man geglaubt habe, sie habe nur Schweigen bewahren müssen. Mit Ernst mahnte er: «Unsere Aufgabe ist noch nicht vollendet, sie verlangt die Einigkeit der ganzen Nation.« Man habe mal geklagt, die Diplomatenfeder verderbe, was das Schwert tat. Doch was jetzt Schwert und Feder gemeinsam erwarben, das werde fortan nicht mehr durch das Wort auf der Tribüne zerstört werden, darauf baue er. Allgemeiner Beifall, nur die Unentwegten um Virchow hüllten sich in eisiges Schweigen. Die sonstigen Liberalen aber rieben sich gleichsam die Augen, als sei ein Schleier gefallen, und sie betrachteten den Mann da oben mit ganz anderen, oft geradezu verliebten Blicken. War man denn blind gewesen? Wie er so stattlich dastand in seiner neuen Uniform als Generalmajor, wozu ihn der König ernannte, um gleichsam seine kriegerische Bedeutung hervorzuheben, militärisch straff und doch voll einer gewissen jugendlichen Elastizität, vornehm und doch mit leichter eleganter Ungezwungenheit, richteten sich alle Augen auf diese gewaltige gewölbte Stirn, die ein sonst nicht scharfgezeichnetes Antlitz vollkommen beherrschte. Dies war das Antlitz eines reinen Gedankenmenschen, bei welchem Verfolgen einer Idee jede andere Regung zurückdrängt. Die matte bleiche Gesichtsfarbe, die sonst nicht zu dem reckenhaften Leib zu stimmen schien, paßte zu dieser Stirn und diesem vorgebauten Forscherauge von unbestimmter Färbung, das mal wasser-, mal dunkelblau schien, weil oft von einer eigentümlichen Helle durchzuckt, als führe ein Blitz hindurch. Die Blässe sprach von schlaflosen Arbeitsnächten, von unaufhörlicher Anspannung, von körperlichen und vor allem seelischen Leiden, die Goethes Harfnerlied erprobten. Wer nie die kummervollen Nächte ... und ein tieferer Beobachter hätte dazu genickt: Der kennt sie, die himmlischen Mächte. Das spärliche dunkelblonde Haar war nicht umsonst ergraut. Die schmalen, fest zusammengepreßten Lippen zuckten mal in vernichtendem Spott, mal umspielte sie liebenswürdig harmlose Heiterkeit. Die untere Partie des Gesichtes, die Gestalt und manchmal ein düsteres Aufblitzen des Auges verrieten den Tatmenschen, doch Stirn und Auge sonst den reinen Ideenspinner, den metaphysisch-abstrakten deutschen Genius, und der Ausdruck in unbewachten Augenblicken strahlte von tiefstem deutschem Gemüt und verborgener sittlicher Größe. Einen solchen verkörperten Genius deutscher Rasse hat man noch nie gesehen. Und doch, o Trauer, o Schande, haben viele edle gute Deutsche ihn nie oder zu spät erkannt. Und es gibt solche, die ihr Leben lang giftigen Schwatz gegen den Heros häuften und erst im reifen Alter den Weg nach Damaskus fanden. So umgibt uns alle ein Schleier der Maja, der äußeren Täuschung, der Phrasenberauschung. Aber war Otto ganz schuldlos an solcher Verkennung? Legte seine souveräne Verachtung der Schwätzer und Ästheten es nicht förmlich darauf an, daß man sein wahres tiefstes Wesen verkannte und an den lächerlichen Popanz brutaler Realpolitik und byzantinischer Streberei glaubte, den jetzt sehr bald, als der Erfolg ihn krönte, alle einfältigen ungebildeten Machtanbeter in ihm verehrten? * Am 20. September schritten ausgewählte Abteilungen der siegreichen Truppen durch eine Allee von 200 eroberten österreichischen Geschützen. Man streute Blumen, man schüttelte Lorbeerkränze aus, man läutete alle Glocken, man schoß den Viktoriasalut am Lustgarten, viele hunderttausend Kehlen sandten ein rasendes Hurra in die Luft. Des Königs Gesicht blieb ernst, fast finster. Er dachte an die langen Tage, wo kein Hut sich vor ihm lüftete, an die schrecklichen Seelenqualen, die er durchlitt, und das Kolossale napoleonischer Menschenbewertung ging ihm auf: Voilà les hommes! Der Erfolg ist ihr Gott. Hinter ihm auf der Rechten, neben sich Moltke und Roon, saß der Schöpfer all dieser großen Dinge sehr still und reglos im Sattel, geduldig und teilnahmlos wartend, bis die Ansprache des Magistrates vorüber. Seine Augen stierten matt und blutlos, die Pergamentfarbe der Wangen, die dicken schweren Wülste unter den Augen erschreckten die Zuschauer. Der schwere Helm preßte auf die gerunzelte Stirn mit geschwollenen Adern, als könne das gewaltige Denkerhaupt die Last nicht tragen. Der Mann sah aus, als habe er sich soeben erst von einem Sterbelager erhoben, das er nie hätte verlassen sollen. Fest und ruhig machte er die Zeremonien mit, sein siecher Leib dem dämonischen Willen Untertan. Noch gestern durchflogen böse Gerüchte die Stadt, er liege im Sterben. Ein neuer akuter Anfall des alten Vergiftungsleidens hatte ihn überkommen, und die Ärzte erklärten völlige Ruhe als einziges Mittel der Genesung. »Es ist nicht nötig, daß ich lebe, doch daß ich meine Pflicht tue. Meine Abwesenheit im königlichen Gefolge brächte der nationalen Sache schweren Schaden. Die Feier würde gedämpft, das Ausland würde jubilieren. Das darf nicht sein.« Otto sprang aus dem Bett und kleidete sich sorgfältig an mit übermenschlicher Anstrengung. »Du stirbst daran«, schluchzte Johanna. »Dann sei tapfer! Ich stehe in Gottes Hand. Dann wird er einen anderen erwecken, das Werk zu vollenden, denn die Hauptsache ist getan. Aber das Werk schwächen und schädigen – eher sterben! Ich muß dabei sein, vielleicht kräftigt diese Stunde der Erhebung, wo ich das Werk sichtbar im Volke schaue, mein armes elendes Blut. Platz da! Ich reite mit.« Doch so dumm ist die Menge, so abhängig vom Geklatsch ihrer Presse und ihrer Wortführer oder so betört von äußerem Glanze von Titel, Rang, militärischem Gloirepomp, daß nicht nur der König – was am Ende begreiflich und in diesem Falle auch wohlverdient war –, sondern auch die Generale, die im Grunde nur ihre herrlichen »Gemeinen« repräsentierten, sehr viel reicheren Applaus ernteten, als der stille leidende Genius. In die neue »Königgrätzer« Straße, wo seine Frau und sein Söhnchen den Einzug bei einem befreundeten Schweden ansahen, kam später der Bildgestalter von Alsen und Königgrätz, mit zornigem Unwillen und warf seinen Hut auf den Tisch: »Den großen Bismarck haben sie fast ignoriert.« Es ist ein Jammer, zu sagen, daß ein Engländer Dicey schriftlich den gleichen Ausweis hinterließ und feststellte: jeder Vernünftige, der über den äußeren Schein hinaussah, habe wie er nur auf den blassen sterbenskranken Riesen geschaut, der trotz nagender Schmerzen sich seinem Werke opferte und neben dem aller militärische Tand ins Wesenlose verblaßte. Gott war gnädig, er konnte diesen Otto den Großen nicht missen. Er überstand's und floh zuerst nach Karlsburg zu Vetter Bismarck-Bohlen und dann nach Rügen, wo ihn sein alter Bekannter Fürst Putbus aus unbehaglichem Gasthofe in einen freundlichen Gartenpavillon als Gast einlud. Dort fand er seine alte Geliebte, die See, deren Hauch ihn belebend küßte, dort wanderte er im Urwalde der Insel Vilm, wenn er vom terrassengeschmückten Gartenhaus dorthin sich hinüberrudern ließ. Seine Jungens Herbert und Bill und seine Tochter Maria waren neben der treuen Lebensgefährtin fast sein einziger Verkehr. Der Patient verbat sich die eigennützigen Besucher jeder Art, auch Korporationen und Deputationen. Fürst und Fürstin Putbus im nahen Jagdschloß stellten sich selten ein, um nicht zu stören. Aus ihren Bogenfenstern schaute man auf grüne Einsamkeit und flimmerndes Meer und das rote Licht des Leuchtturmes Oie. Doch zauberte die wunderbare Mondlandschaft dem dichterischen Fühlen des Staatsdenkers alte Zeiten vor. Einmal ließ er sich herbei, zu Gaste zu sein, doch Frackanziehen gab es nicht. Dunkler Buckskinrock, graue Beinkleider, ein wahrhaft großer Herr darf immer der alte Burschikosus bleiben, alle anderen sehen doch neben ihm wie gebildete Schuster aus. Man muß nur die richtigen Augen haben. Sein fröhliches Lachen klang so wohlklingend, als sei er noch der Göttinger Student. Seine immer gleiche vornehme Höflichkeit, die mit jovialer Derbheit abwechselte, gewann ihm schon manches ursprünglich abgewendete Herz. Als ihm ein damals weitbekannter, heute völlig vergessener Gartenlaube-Autor Wellner, der bis zu ihm durchdrang und am Diner beim Fürsten teilnahm, von einem originellen Briefträger für Liebende erzählte, lachte der Minister: »Briefsteller für Liebende sollen ein nützliches Möbel sein, ich hab's nie probiert, postillons d'amour gibt's ja überall, mit oder ohne Uniform, aber Liebende sind so unpraktisch, nüchterne Leute rekommandieren Briefe. Ihrem Briefträger wird Kollege Itzenplitz noch aufs Dach steigen.« Bei den Austern sah man, daß dieser schlichte Herr im Buckskin an kaiserlichen Tafeln saß. Johanna aber mahnte später: »Otto, dies Gericht darfst du deinem kranken Magen nicht antun!« »Nun frage ich Sie, meine Damen,« er ließ die Schüssel vorübergehen, »kam Ihnen je solch ein Prachtexemplar von gehorsamem Pantoffelhelden vor?« Die reizende kluge Fürstin brachte die hübsche Bemerkung an: »Sie also, liebe Gräfin, sind die einzige Glückliche, der unser eiserner Graf sich beugt.« Johanna, die Schmucklose, in einfachem grauen Seidenkleid, erfüllte die anwesenden Offiziere mit einer merkwürdigen bezwingenden Hochachtung. Ihr reiches schwarzes, in der Mitte schlicht und sauber gescheiteltes Haar trug keinen Kopfputz. Das dunkle tiefe Auge, das auch ihre Tochter erbte, hatte eine ruhige Klarheit, einen heiteren Lebensernst, der die Urweisheit des weiblichen Geschlechtes widerstrahlte. Sie schien die Verkörperung hausmütterlichen Wohlwollens und Wohltuns und doch eines starken Charakters, mit einem Worte: eine echte Frau. Die bescheidene Anspruchslosigkeit dieses ausgezeichneten weiblichen Menschen wirkte geradeso unheimlich ehrfurchtgebietend wie die problematische Genialität des Gemahls. Auf die freundliche Bemerkung der Fürstin erzählte sie mit bestem Humor, wie Ottochen sich außerdem noch dem Koch beuge, der als Premier der Küche sich nicht gefallen lasse, wie der Ministerpremier über seinen Arbeiten das Diner versäume. Otto erzählte wehmütig von einer anderen Küchenherrschaft in seiner Jugend, der guten alten Trine Neumann, die als Mädchen für alles die Brüder Bismarck auf dem Berliner Gymnasium überwachte und ihnen jeden Abend wunderbare Eierkuchen buk. Wenn der kleine Otto zu lange ausblieb und die Kuchen anbrannten, schimpfte sie: »Ut dich wat ins Leben nix Vernünftiges.« Der Minister warf kleine Eisstückchen in den Champagnerkelch und hob ihn hoch. »Deinem Andenken, gute alte Seele! Wenn du das erlebt hättest, daß dein toller Otto doch noch vernünftig wurde!« Und wer weiß, dachte er heimlich, ob unsere lieben Abgeschiedenen es nicht doch miterleben und immer in unserer Nähe sind! Mein guter alter Vater hätte sich auch gefreut – vielleicht freut er sich gerade jetzt und sitzt unsichtbar mit am Tische. Er stand auf und blickte zum Fenster hinaus auf das mondhelle Mönchgut. »Ach, meine Herrschaften, selig sind die Einfältigen. Vielleicht sind die braven Insulaner hier, abgeschlossen von der sündigen großen Welt, viel glücklicher als wir. Unseren Tand entbehren sie nicht. Wenn sie Brot und Hütte, Weib und Kind haben, wozu brauchen sie schlaflose Nächte des Ehrgeizes? Sie kennen nur Sturm und Kampf des allgewaltigen Meeres, das wie das Schicksal den Menschen erhebt, selbst wenn es ihn zermalmt. Wir Kinder der Welt bersten untereinander vor Neid, doch dies garstige Gefühl sollten wir nur gegen solche Naturkinder spüren, die nichts von unseren Plagen kennen.« Es wurde von patriarchalischen Ursitten der Insel erzählt, plattdütsche Verse zitiert. Johanna klatschte Beifall. »Otto und ich kultivieren Plattdeutsch und lesen Reuter. ›Ut mine Stromtid‹ ist so lieb.« »Meine Frau liest es prächtig vor. Am Ende ist's ja unsere wahre deutsche Muttersprache, Luthers herrliches Bibel-Hochdeutsch legte Platt zugrunde, nicht das Mittelhochdeutsch der Stauferzeit.« Mit stolzem Behagen ging ihm durch den Sinn: wir Niedersachsen sind zuletzt doch die Überlebenden im Kampfe ums Dasein. Die Süddeutschen haben die ältere Kultur, die leichtere Geistesfrische, die künstlerische Begabung, doch wir Schwerblütigen und Ernsten haben das letzte Wort. Was die Engländer mit hochmütiger Absonderung Angelsachsen nennen, das sind ja wir. Wir haben England, Nordamerika und Preußen gemacht. Der »Saupreuß«, wie infame Hetzkaplane noch heute vor bayrischen Bauern schimpfen, ist der Atlas, der Deutschland trägt. Er hörte Johanna einen Offizier freundlich abwinken: »Nicht immer Exzellenz sagen! Der Titel paßt nicht für mich, er ist mir so verleidet, weil viele Leute ihn mir wohl zehnmal in einem Atemzug ins Gesicht schmeißen.« »Nun denn, gnädige Gräfin –« »Am hübschesten finde ich Frau v. Bismarck. Dann denk' ich an stille frohe Zeiten, wo wir schlichte Landleute in Schönhausen füreinander lebten und für unsere Dörfler. Jetzt«, sie tat einen Seufzer, »gehört mein Mann jedermann, der ganzen weiten Welt.« »Ach, liebes Kind,« trat er näher mit herzlichem Blick und Lächeln, »die Zeit kommt wieder. Bald sind wir alt und die Welt kann uns nicht mehr brauchen.« »Ach, rede nicht! Bei der Aussicht sind Herr und Frau v. Bismarck auf Schönhausen für immer abgetan. Du wirst nie alt und noch deine letzte Faser wird die Welt brauchen.« O je, lange nach Mitternacht, wenn ganz Rügen schlief, wachte noch ein Licht im Gartenhause, ein großes Licht, das von Arcona bis zum Bodensee die deutschen Gaue beschien. Gedankenschwer beugte sich eine gefurchte Stirn über viele Papiere, ein finsterer Ernst lag über den Zügen, die hohe Gestalt straffte sich und die Rechte stützte sich auf den Tisch mit geballter Faust. Die deutschen Dinge gingen nicht so rasch und flott wie er hoffte. * Eine starke persönliche Freude ward ihm freilich zuteil, was auch günstig auf sein Befinden einwirkte. Die Regierung hatte den Kammern eine Dotationsvorlage eingereicht, wonach Roon und Moltke berechtigter-, Herwarth und Falckenstein ganz unberechtigterweise eine Geldbelohnung erhalten sollten. Doch das Kammerkomitee, fast lauter Liberale, beschloß ohne weiteres, an die Spitze der Liste den Staatsmann zu setzen, dem man am meisten dankbar sei. Die Nation votierte für ihn 400 000 Taler, damals eine sehr bedeutende Summe, während Roon 300 000, Moltke, Herwarth, Falckenstein und Steinmetz 200 000 erhielten. Es wäre natürlich gerechter gewesen, Moltke so viel wie Roon und ferner auch Blumenthal eine Dotation zu geben, Steinmetz eine geringere, Herwarth und Falckenstein ganz zu streichen. Doch so peinlich der Kenner diese Unstimmigkeiten empfand, so herzerhebend mußte ihm die Anerkennung sein, die diesmal nicht der König, sondern die Nation ihm spendete. Johanna schwamm in Wonne und auch er schmunzelte: »400 000 Taler sind nicht zu verachten. Wir wollen sie in Grund und Boden stecken als einen Rückhalt für die alten Tage. Ich tat mich schon um und denke Varzin zu kaufen. Das liegt in der Nähe von Rheinfeld, und so haben wir doch wieder einen Herrensitz in Pommern.« Roon tat das gleiche und verwirtschaftete bald das ganze Kapital im Gute Gütergoß. Moltke folgte später der gleichen Bahn. Der Begriff des Grundbesitzes ist eben eng mit dem Begriff des Adels verbunden. Zu seinen Räten, die ihn in Putbus aufsuchten, vornehmlich zu Keudell, äußerte sich der Minister ruhig und ernst: »Wir leben in einem Provisorium. Vor Napoleon müssen wir uns gründlich in acht nehmen. Er dachte sich offenbar, unsere Annexionen seien das beste Mittel, die Einheit zu hindern, d. h. die Süddeutschen kopfscheu zu machen und in seine Arme zu treiben. Das wäre auch so gekommen, wenn wir nicht territoriale Schonung geübt hätten. Aber wir schlugen die Brücke zu geheimen Bündnisverträgen militärischer Einigkeit, und der Mann in Paris hat keine Ahnung von der wahren Nationalstimmung der Gesamtbevölkerung vom Main bis zum Bodensee, zum Rhein und den Tiroler Alpen mit wenigen Ausnahmen, die nicht ins Gewicht fallen. Er verläßt sich auf Berichte des schnöden Rheinbündlers Dalwigk, den wir absichtlich nicht ins Geheimnis zogen. Darum wird er nicht ruhen, bis er die Errichtung Ganz-Deutschlands kriegerisch in Frage stellt.« »Mag er!« rief Keudell. »Das antworteten Sie doch Benedetti schon im vorigen Herbst.« Bei Königgrätz ritt er in der gleichen Tracht schwerer Landwehrreiter hinter seinem Chef und vergaß nie, daß er ihm in den schweren Stunden vor Kriegsausbruch die Eroica Beethovens vorspielen mußte. »Damals konnte ich es, damals war er schlecht gerüstet. Seither arbeitet die französische Armee. Auch ›die Wunder des Chassepots‹ und der geplanten Mitrailleusen mögen nicht Illusion sein.« »Ich hörte von Exzellenz Roon, daß der Militärattaché de Stoffel selber unser Zündnadelgewehr für ebenso gut erklärte.« »Das mag sein oder nicht sein. Ich bin nachgerade alt genug, um nie an Unfehlbarkeit von Fachmännern zu glauben. Im Krimkriege und in Italien hat die französische Armee sich furchtbar genug gezeigt, hat sie jetzt noch eine überlegene Bewaffnung, so ist Kampf mit ihr eine furchtbar ernste Sache. Ich habe sie in Frankreich wiederholt beobachtet und glaube an die Tapferkeit des Troupiers, überhaupt der ganzen gallischen Rasse. Deutsche Invasion wird immer so Bemerkenswertes zeitigen, wie von jeher jede Verletzung der unermeßlichen nationalen Eitelkeit, teilweise des berechtigten Nationalstolzes.« »Aber jede Organisation fehlt im Verhältnis zu der unseren.« »Stimmt auffallend. Nur müssen wir dann erst auf alle annektierten Länder und auch auf die Süddeutschen die allgemeine Wehrpflicht übertragen haben. Jedes Jahr stärkt uns um 100 000 gediente Soldaten. Wie sich die Truppenziffer Frankreichs im Ernstfalle stellt, weiß man nicht. Vielleicht überschätze ich vieles. Jedenfalls kann man für solchen Krieg nie stark genug sein. Wir müssen ihn also hinausschieben solange wir können.« »Auch auf Kosten der nationalen Ehre bei Herausforderung?« »Gewiß nicht. Das eben muß die Kunst sein, beides zu vermeiden, sowohl den Krieg als Verminderung des Ansehens.« »Die Wogen nationaler Gesinnung gehen heute hoch in Deutschland und besonders in Norddeutschland.« »Wie nach jedem großen Erfolge. Die Leute glauben, weil wir Österreich in sieben Tagen zerschmetterten, es werde mit Frankreich ebenso gehen. Da rechne ich eher auf sieben Monate. Auch ist Rußlands Haltung zweifelhaft, noch unsicherer die Italiens. Abgesehen von Viktor Emanuels persönlicher Freundschaft für Napoleon, beherrscht die öffentliche Meinung die fixe Idee von Schwesterschaft der sogenannten lateinischen Rasse, als ob die Gallier irgendwie der deutsch durchsetzten und ohnehin fremden italienischen Mischrasse verwandt wären. In Österreich werden die Schwarzgelben in das Pariser Geschrei einstimmen: Vergeltung für Sadowa! Die Wunde muß dort erst verharschen. Das braucht Zeit.« »Würde Rußland nicht Österreich in Schach halten?« »Unter Gortschakow zweifelhaft. Erst wenn wir sehr bedrängt würden, d. h. unser Wein wesentlich verdünnt wäre, könnte man dort ein Einschreiten aus sonstigen politischen Gründen erwarten.« »England zeigt sich jetzt sehr wohlwollend.« »Sie meinen die englische Presse. Man braucht eine kontinentale Kriegsmacht gegen Frankreich und da kommt's aufs gleiche heraus, ob es Preußen oder, wie früher, Österreich ist. Man kann aber auch für Entente cordiale mit Frankreich optieren. Jedenfalls würde platonische Liebe uns nicht um einen Strohhalm verstärken. Dagegen erstarken wir durch innere Einigkeit so, daß das Ausland sich länger besinnen wird, seine Finger in unsere Pastete zu stecken. Wenn eine Omelette gebacken wird, muß man Eier zerbrechen. Ich werde daher dem kleinstädtischen Liberalismus, für den alle großen nationalen Erwägungen in den Wind geredet sind, so weit wie möglich entgegenkommen.« »Auch im allgemeinen geheimen Wahlrecht, einem so revolutionären Prinzip?« »Selbst hier. Ich wünsche das allgemeine öffentliche Wahlrecht als das gesundeste Prinzip. Doch wenn die Kerle obstinat bleiben, beuge ich mich der Force Majeure , nur daß um Gottes willen kein neuer Zwiespalt entsteht, der das Ausland ermutigen könnte. Das allein ist Realpolitik, auch jede persönliche Überzeugung, nicht nur Liebhaberei, dem wahren Gemeinwohl zu opfern. Die deutsche Einheit geht mir weit über jede andere persönliche Neigung. Ich allein fühle mich verantwortlich für Größe und Glück dieser großen Nation, und ich will ihr alles opfern.« Es lag so viel Erhabenheit in den schlichten Worten, daß Keudell sich versucht fühlte, dem Großen die Hand zu küssen. »Ich bin ganz wiederhergestellt«, versicherte er der sorgenvollen Gattin. »Und wär' ichs nicht, was hilft's! Hoffart muß Pein leiden, man ist nicht umsonst Ministerpräsident, und Deutschland fragt nicht danach, ob ich leide oder nicht, es verlangt von mir meinen Dienst. Und wenn ich mich aufriebe in Deutschlands Dienst, so wär' das auch ein schlichter Heldentod, obschon ohne Bumbum und Trara. Doch keine Bange, ich bin wieder ganz auf dem Posten, und die Jagden vollenden meine Kur.« Politische Mißstimmung trug er in die Wälder hinaus und oft genug jubelten die Jagdgäste von Putbus: »Ein Kapitalschuß.« Im Jagdschloße hingen nachher genug Trophäen von Hirschgeweihen: »Erlegt vom Ministerpräsidenten Graf Bismarck.« Doch sein Ruhm drang noch nicht weit in die Lande, denn ein Kutscher, als er wegen Regenwolken einzusteigen zögerte, tröstete ihn: »Stieg'n Sei man in, ick ham all ganz anner Lüd führt als Sei sünd, Uhlensberg und Mandüweln.« Ja freilich, Eulenburg und Manteuffel lebten als große Namen im preußischen Volke. Am 1. Dezember reiste ein kerngesunder Recke nach Berlin zurück. * Außer einer verschwindenden Gruppe von Unentwegten, unter denen sich der alte jüdische Revolutionär Jacoby unnütz machte, gingen die Fortschrittlichen meist unter Präsidentschaft des Westfalen Max v. Forckenbeck, eines klugen, bedächtigen, blonden Urdeutschen, in eine nationalliberale Partei über, deren Führer, der Hannoveraner v. Bennigsen, und ein jüdischer vormaliger Radikaler, Lasker, zur Regierung hielten. Jetzt ging es schneidig vorwärts. Am 1. Februar versammelten sich die Bevollmächtigten der Norddeutschen Bundeskonferenz zu einem Abschiedsdiner. Die Ministerialdirektoren Delbrück und v. Philippsborn, die Geheimen Legationsräte Koenig und v. Keudell, Oberpostdirektor Stephan und der sächsische Kriegsminister v. Fabrice waren auch geladen. Gegen Ende des Diners erschien Otto. »Im Auftrage Seiner Majestät des Königs begrüße ich diese hohe Versammlung. Sie hat ihre Aufgabe so rühmlich erfüllt, daß sie auf ein besonderes Hoch verzichten darf. Ich erhebe mein Glas zum Wohle auf die deutschen Fürsten und freien Städte und vor allem auf das deutsche Volk.« Als Ende Februar der Reichstag des Norddeutschen Bundes eröffnet wurde, folgten in rascher Folge die gesetzgeberischen Taten. Schon aber hatte der künftige Kanzler des Bundes sein Auge fest auf den unberufenen Vermittler zu richten, den ein deutscher Professor mit Gustav Adolf als Beschützer deutscher Libertät verglich! So tief sanken die ehrlichen und unehrlichen Querköpfe der Fortschrittlerei in ihrer wahnwitzigen Mißgunst gegen den Mann, der doch sicher einen Teil ihrer angeblichen Ideale erfüllte und seine Mittel fast revolutionärer wählte als sie je geträumt. Auch Preußens kleinere Nachbarn fingen an, grundlos vor angeblicher Eroberungssucht zu zittern. Früher in Frankfurt hatte die Königin von Holland, württembergische Prinzessin, geflissentlich Preußenfreundschaft zur Schau getragen und den Gesandten Bismarck begönnert, wenn sie bei ihrem Vertreter Scherff »für Luxemburg« abstieg. Jetzt schwenkte sie völlig herum und sandte schon während der Nikolsburger Tage einen Warn- und Hetzruf an Napoleon, er dürfe ein mächtiges Deutschland nicht dulden. Plötzlich entnahm die staunende Welt einer Rede Rouhers gegen Thiers Mitte März, Preußen hege böse Absichten gegen Holland und wolle sich an der Zuydersee festsetzen. Otto lachte. »Zuydersee und dabei noch orthographisch richtig geschrieben in der Presse! Solche geographische Entdeckung ist bei Franzosen unmöglich. Beihilfe der Königin!« Und jetzt kam auf einmal die Luxemburger Frage herangeschritten. Seiner Bevölkerung nach urdeutsch – gab es doch einst Kaiser vom Hause Luxemburg! – und unter Hollands Obhut dem deutschen Bunde angehörig, schien das Grenzländchen zwar jetzt mit Holland vom neuen Deutschland ausgeschlossen, hatte aber noch immer preußische Festungsbesatzung. Auf einmal entdeckte Frankreich, daß dies eine Bedrohung sei und wollte dem König von Holland, der jeden Beitritt zum Norddeutschen Bund ablehnte, das Herzogtum abkaufen. Der war dazu bereit. Im gesetzgebenden Körper kreischte seit dem 14. März Herr Thiers seinen patriotischen Ärger über die deutsche Einheit aus, wobei er freilich absichtlich Otto ein großes Kompliment zollte. »Er zitiert Bossuet über Cromwell, daß endlich ein wahrer Mann ans Licht getreten sei.« Keudell verwies auf einen Bericht im Moniteur. »Da hätte er ebenso gut Napoleon über Goethe zitieren können: Voilà un homme!« »Vergleich mit Goethe liegt wohl fern,« lächelte Otto, »doch ich vernehme, der interessante schrullenhafte Carlyle vergleicht mich mit seinem Cromwell, soweit unser armseliges Zeitalter dies gestatte. Wenn doch solche Historiker unterlassen wollten, den Geist der Zeiten zu interpretieren, der doch nur der Herren eigener Geist! Doch was mich weit mehr interessiert als dies Lob meines alten Bekannten Thiers, das natürlich nur warnen und aufhetzen soll, das ist die Heimlichkeit der Affäre. Bemerken Sie aus dem Berichte der Sitzung, daß der politische Direktor des Auswärtigen Amtes, Herr Desprez, erst durch Interpellation selber davon erfuhr? Mein alter Bekannter de Moustier, jetzt Minister des Auswärtigen, soll persönlich Briefe und Depeschen nach dem Haag chiffriert und dechiffriert haben, sein Gesandter Baudin im Haag war der einzige Mitwisser.« »Holland willigt also ein. Was wird unser Gegenzug sein?« »Sofortige Veröffentlichung der Geheimverträge mit den Süddeutschen. Das heißt dem Einbrecher schweigend eine geladene Pistole präsentieren. Noch ist der Vertrag mit Holland nicht ratifiziert, es wird zurückschrecken und sich an uns wenden. Den Deutschen brachten wir mit Gottes Hilfe jetzt so viel Nationalstolz bei, daß die Luxemburger Drohung und unsere prompte Gegendrohung das Einheitsgefühl stärken wird.« Und so geschah es. Ein Aufschrei der Wut in Paris, daß die Floskel des Prager Friedens, den Süddeutschen sei »internationale Unabhängigkeit« verbürgt, so perfide hinterrücks umgangen sei. Aber ein Aufschrei dankbarer Bewunderung in allen deutschen Gauen. Holland zuckte zurück und brach sein Schweigegelöbnis, offenbarte den Stand der Dinge nach Berlin. Antwort: wie es euch gefällt, jeder trägt Verantwortung für sich selbst. Gleichwohl versicherte am 30. März der Prinz von Oranien dem Empereur die Abtretung, wenn dieser für seinen Vater Frieden mit Preußen mache. Doch am 1. April fand die allgemeine Gärung, von Otto durch allerlei Pressekanäle befruchtet, ihre Entladung im Reichstage. Bennigsen donnerte in nicht mißzuverstehender Weise, Graf Bismarck solle die Nation zu den Waffen rufen. Nicht ein einziges Dorf solle von Deutschland getrennt werden, habe der König versprochen, und Luxemburg sei altes deutsches Eigentum. Ungeheurer Beifall. Selbst Benedettis Gleichmutsmaske rutschte herunter. In lautem Ärger rief er diesem schrecklichen deutschen Machiavelli zu: »Aber Sie haben uns ja selbst encouragiert, nach Luxemburg zu gehen, es sind keine acht Tage her. Damals waren Sie so wenig schwerhörig, daß Sie Aussöhnung unserer Interessen mit diesem Preise erkaufen wollten. Leugnen Sie es nicht ab, denn unser Botschafter in London, Prinz Latour d'Auvergne, depeschiert uns die gleiche Meinung der Königin Viktoria, die es doch wohl von ihren Berliner Familienmitgliedern genau weiß.« Immer wieder die englisch« Verwandtschaft als halben Feind im Lager! »Sie ereifern sich unnötig, Herr Botschafter. Ich leugne nichts, räume aber auch nichts ein. Sagte ich Ihnen nicht deutlich, daß der König, die Militärpartei am Hofe, die Volksstimmung gegen meine guten Absichten seien?« »Letztere haben Sie selbst in Ihrer offiziellen Antwort verleugnet: keine auswärtige Macht werde hoffentlich unbestreitbare Rechte deutscher Staaten und deutscher Stämme schädigen.« »Das mußte ich sagen, da man sich auf des Königs Versprechen berief.« »Ist dem so, so kannte niemand besser als Sie die Stimmung in Hof und Volk. Durch Ihre anscheinende Gutwilligkeit brachten Sie uns in eine kompromittierte Lage. Wir können nicht mehr zurück.« »Man kann immer, wenn man muß«, versetzte der Riese kühl. »Ich fühle die Verbitterung des Kaisers Napoleon nach und bedauere sie. Doch augenblicklich ist mein guter Wille lahmgelegt durch das non possumus des Reichstages. Sie kennen meine Offenheit, und ich verhehle nicht, daß unser Gesandter im Haag notifizieren wird, Abtretung Luxemburgs sei casus belli .« Benedetti bäumte und krümmte sich förmlich auf seinem Sitze. »So weit treiben Sie es? Ich – werde nähere Instruktionen einholen.« »Tun Sie das! Und beachten Sie wohl, daß ich des Kaisers persönliches Wohlwollen für mich dankbar anerkenne und keiner Kombination abgeneigt bin, die uns wieder in die alte freundliche Beziehung versetzt.« Der Franzose horchte hoch auf und sah dem treuen Deutschen tief in die Augen. Der zuckte mit keiner Wimper. Im Inneren erstrebte Otto nichts als Versöhnung, einiges Zusammenraffen aller Kräfte, um sich auf etwaige gewaltsame Störung von außen vorzubereiten. Am 11. März fielen von seinen Lippen die gewaltigen Worte: »Wir haben Deutschland in den Sattel gesetzt, reiten wird es wohl selber können.« Den Landtag überrieselte ein Schauer, er begriff, daß ein Unsterblicher etwas Unsterbliches sage für alle Folgezeit. Donnernder Beifall erhob sich von allen Seiten. Nichtsdestoweniger machten die Doktrinäre ihm das Leben recht sauer. In zwei Punkten bleib er fest gegen alle angeblich verfassungsmäßigen Ansprüche: er verweigerte Diäten für die Abgeordneten, da sonst das Volksvertreten ein Geschäftsberuf werde, und Budgetrechte des Parlaments bezüglich der Armee, da sonst die Sicherheit des Staates den Majoritätslaunen ausgeliefert werde. Die hartnäckige Haarspalterei und Staubaufwirbelei um bedeutungslose Einzelfragen ermüdete ihn so, daß er sich in einer Rede Ende März mit Percy Heißsporn verglich, teils englisch, teils deutsch seinen Shakespeare zitierend: wie er atemlos und erschöpft nach der gewonnenen Schlacht belästigt werde »with a popinjay« . Doch im ganzen bestallte ihn der Landtag immerhin vertrauensvoll als Reitlehrer für das in den Sattel gesetzte Deutschland. Groß war das Staunen der Kritteler, als am 18. März plötzlich die Geheimverträge mit den Südstaaten veröffentlicht wurden, Antwort auf erneutes Herumschleichen des welschen Einbrechers, der seine Strickleiter unversehens an Luxemburg ansetzte. Der Eindruck war auch in Rußland nachhaltig, aber nicht günstig. »Ce diable de Bismarck!« murmelte Gortschakow ergrimmt, neidisch und in persönlicher Eitelkeit verletzt, weil sein angeblicher Schüler so ganz den Meister zeigte. »Ich erinnere Eure Majestät daran,« so ungefähr hielt er dem Zaren Vortrag, »daß Preußen vor vier Jahren unseren Antrag, Österreich mit Krieg zu überziehen und Frankreich entgegenzutreten, rund ablehnte. Im Bunde mit uns hätte der König seine Revolutionspartei abschütteln können, doch es scheint, daß dynastische Motive dort nicht mehr verfangen. Die ganze Politik Herrn v. Bismarcks – sonst ein Trefflicher, von Eurer Majestät Gnade mit Recht geschätzt und mein persönlicher lieber Freund – ist einfach revolutionär. Er gibt den Radikalen nach, wo er kann, und entzündet eine allgemeine Revolutionsstimmung in Deutschland, die er unter der Flagge ›deutsche Einheit‹ noch mit dem Blasebalg bearbeitet. Das allgemeine geheime Wahlrecht! Es ist schrecklich! Wie kann das Zartum Rußland je mit einem solchen Staate Hand in Hand gehen!« »Hm! Da er doch Österreich überwältigen wollte, warum lehnte er damals unsere Hilfe ab?« »Das denke ich mir sehr einfach. Italia fara da se , Deutschland darf nur durch sich selbst geeinigt werden. Wir sind anrüchig bei seinen neuen Intimen, den Liberalen. Außerdem glaubte er, wir würden bei Niederwerfung Österreichs nicht gnädig sein, wie er selbst gewesen ist. Wie ich aus guter Quelle weiß, gegen den Willen des Königs. Das sind seltsame Absichten. Übrigens wird er vorgestellt haben, Preußen werde die Hauptlast des Kampfes gegen Frankreich zu tragen und die Süddeutschen gegen sich haben. Daß der nie für andere die Kastanien aus dem Feuer holt, ist leider sicher.« »Mein Oheim hat auch seinen Willen«, meinte der Zar nachdenklich. »Offenbar siegte bei ihm das nationale Ehrgefühl über jede dynastische Empfindlichkeit.« Sehr richtig! Aber zu Ottos Leidwesen begann preußischer Partikularismus, früher dem großdeutschen Gefühl untergeordnet, im König die Oberhand zu gewinnen. Seine ideale und poetische Ader reagierte auf die ruhmvolle Geistes- und Charaktergröße des Volkes, seine Bewunderung für sein Preußen verminderte sein früher überwiegendes Deutschgefühl, er betrachtete fortan die Dinge weit mehr als früher unter reinpreußischem Sehwinkel. Am 27. März mußte der Kanzler einen Ball geben, zu welchem der König erschien. Auch der Kronprinz in hellblauer Dragoneruniform mit gelbem Kragen trat sehr gesellig und vergnügt auf, Friedrich Karl im roten Attila etwas pompös und wichtig. Die Luxemburger Frage! Doch die beiden, die es am meisten anging, schienen wenig davon berührt. Der König zeichnete Benedetti durch längere Unterhaltung aus, bei der Luxemburg überhaupt nicht vorkam. »Ich bin sehr erfreut, bald nach Paris zu reisen, und bin entzückt von der Liebenswürdigkeit Ihres Souveräns, Seiner Majestät des Kaisers Napoleon. Seiner Einladung, in den Tuilerien selber abzusteigen, folge ich mit Dank und Vergnügen.« Der Ministerpräsident schien besonders gut aufgelegt, seinen Wirtspflichten lag er eifrig ob, als sei er ein jugendlicher Staatsstreber, der sich beliebt machen will. Doch der unermüdliche Benedetti lauerte ihm meuchlings auf und ergriff ihn plötzlich sozusagen beim Knopfloch, um eine politische Unterredung zu erpressen. »Seine Majestät waren so überaus huldvoll und gnädig, daß ich daraus wohl günstige Auspizien erwarten darf.« »Für die Weltausstellung in Paris? Alle Welt ist entzückt, es wird ein Sammeln aller hohen Souveräne um die erhabene Person des Kaisers der Franzosen sein.« Dies Ausweichen klang wie höflicher Hohn, doch Benedetti ließ nicht locker. »Auch das. Doch mißverstehen Sie, Herr Ministerpräsident, meine Anspielung. Ich deute natürlich auf jene peinliche Differenz hin, die unser so fruchtbares und schönes Einvernehmen ein wenig verdunkelt. Der König von Holland teilt uns die Antwort des Berliner Kabinetts auf seine freimütige Darlegung mit, und diese ist – Exzellenz verzeihen ein offenes Wort, da Sie selbst so sehr die Offenheit lieben – sie ist dunkel und zweideutig.« »Das finde ich nicht«, versetzte der Deutsche ruhig. »Von Freimut dürfte übrigens wohl kaum die Rede sein, nachdem uns bisher die ganze Transaktion verschwiegen wurde. Nur die Indiskretion im gesetzgebenden Körper setzte uns auf den Quivive.« Benedetti empfand den Rückstoß und lächelte um so liebenswürdiger, als er vor Wut kochte. »Mein Gott, am Ende sind Frankreich und Holland unabhängige Mächte, die miteinander verhandeln, ohne der Erlaubnis eines Dritten zu bedürfen.« »Aber ja! Wenn z. B. zwei sich darüber bereden, wie sie das Eigentum eines Dritten sich aneignen wollen, so nehmen sie sich zu dieser Tat keine Zaungäste, die zuschauen. Fragt sich nur, was der Dritte dazu sagt.« Otto strahlte von spaßiger Freundlichkeit. »Herr Minister! Doch ich vergesse nicht, daß ich Ihr Gast bin.« »Und ich nicht, daß ich Ihr Wirt bin. Glauben Sie, ich würde so derb reden, wenn ich nicht sehr bona fide wäre? Mir geht im Grunde Freundschaft mit Frankreich über alles. Würde der König Sie so herzlich anreden, wenn wir nicht wüßten, daß alles sich prächtig regeln wird? A bon entendu! Doch verzeihen Sie, lieber Herr Botschafter, meine Pflicht als Wirt – Sieht der Kronprinz nicht herrlich aus. Auf Wiedersehen nachher!« – »Ich kann Eurer Majestät nur wiederholen, daß Losschlagen uns fünfzig gute Chancen gibt. In einem Jahre, wenn die Franzosen sich besser rüsten, haben wir die Hälfte davon verloren«, äußerte sich Moltke in einem berufenen Kronrate. »Sie vergessen, daß der Stein des Anstoßes für uns weggeräumt ist«, beschwichtigte Otto ruhig. »Das holländische Ministerium wies jetzt jede Ratifikation zurück und weder Lockung noch Zwang französischerseits ändert seinen festen Entschluß. Wo bleibt unser Kriegsgrund?« »Darauf kommt es ja gar nicht an.« Moltkes Lippe krümmte sich mit der ganzen Verachtung des Kriegskünstlers für äußerliche diplomatische Erwägungen. »Ihr Genie wird einen Kriegsgrund nolens volens schon schaffen.« Das war ungeschickt. König und Kronprinz runzelten die Stirn und standen sofort innerlich dagegen. Kein Outsider hat einen Begriff von dem unglaublichen, entschieden übertriebenen Verantwortlichkeitsgefühl und Gewissenszwang wirklicher Fürsten. Diese seltenen Menschen glauben für jedes Haar auf dem Kopfe ihrer Untertanen vor Gott haften zu müssen. Nur gekrönte Abenteurer sind über solche Schwächung der politischen Willenskraft erhaben, oft zu ihrem größten eigenen Schaden. Selbst Friedrich der Große, der sich über solche Fürstlichkeit wegsetzen durfte, hat, was wenig bekannt, viel zu lange gezögert, ehe er den unbedingt nötigen Präventivkrieg begann. Der Siebenjährige Krieg hätte eine andere Wendung genommen, wenn er ein Jahr früher losgebrochen wäre. Doch der »Rücksichtslose« näherte sich fürstlichem Verantwortlichkeitsinstinkt. Nur entsprach es bei ihm einer tieferen Klarheit und Weisheit. »Ich kann die Ansicht des Generals v. Moltke nicht teilen. Ein Militär sieht nur die militärischen Realitäten, die ich wahrlich nicht gering schätze. Allein, wahre Realpolitik sieht auch anderes, die Imponderabilien. Niemand wertet die im deutschen Volke schlummernde Unüberwindlichkeit höher als ich, vielleicht höher als irgendeiner der illustren Anwesenden. Doch ich glaube unsere deutsche Natur genau zu kennen. Diese Riesenkraft, auf die ich baue, wurzelt im Idealismus unserer hohen Rasse, der oft erstickt erscheint, oft zur eigenen Zersetzung dient, aber in großen Augenblicken unwiderstehlich hervorbricht. Napoleon I., den Herr v. Moltke wohl als Militär gelten lassen wird, berechnete im Kriege die moralische Kraft zur physischen wie 3:1. Irre ich nicht, huldigt Seine Königliche Hoheit Prinz Friedrich Karl der gleichen Meinung.« Der Prinz nickte ernst in seiner düsteren Art. »Nun wohl, ich habe nicht den Eindruck, als ob die ganze deutsche Nation sich für Luxemburg aufregte.« »Es hat jedoch den Anschein,« bemerkte der König, dem nichts entging und der in seiner vornehmen Ruhe unablässig aufpaßte. »Den Anschein, ja, und niemand freut sich mehr darüber als ich. Wir haben also endlich eine deutsche Nation. Aber es geht nicht tief genug. So patriotisch die Demagogen sich dort gebärden, wird man Bayern und Schwaben nicht beibringen, daß sie für die preußische Besetzung von Luxemburg Haut und Kragen opfern sollen. Selbst unsere Altpreußen werden natürlich wie Helden fechten, wenn ihr König ruft, doch von besonderer Ekstase für Luxemburg wird nichts zu merken sein. Das ist nur so ein theoretisches Strohfeuer der gebildeten Stände, das Volk würde seufzen: schon wieder ein Krieg! und die nämlichen, die heute in die Trompete blasen, würden später rügen, man habe den Krieg vermeiden sollen, wenn es schief geht.« »Aber es ginge nicht schief«, fiel Moltke ein. »Imponderabilien, ein Lieblingswort des Herrn Ministerpräsidenten, sind zweifellos nicht zu unter-, doch auch nicht zu überschätzen. Sie dürfen strategische Berechnungen nicht beeinflussen, denn der materielle Erfolg entscheidet alles. Laut Clausewitz ist der Krieg nur Fortsetzung der Politik. Graf Bismarck leugnet wohl nicht, daß Krieg gegen Frankreich im Rahmen seiner Politik liegt. Nun, Napoleon I. hat sich nie viel um Kriegsgründe und moralische Rechtfertigung gekümmert, wenn er große militärische Kombinationen verfolgte.« »Sehr wahr, nämlich in Spanien und bei seinem letzten Krieg, wo er kaput ging. Sein Zug nach Rußland wie nach Spanien war politisch begründet, militärisch scheinbar aussichtsreich, doch es war Kabinettspolitik, die gegen ihn überall den Nationalinstinkt entfesselte. Sonst aber blieb er ängstlich darauf bedacht, die öffentliche Meinung für sich einzunehmen. Die Geschichte wird schlecht gelesen, weil von den Historikern ›appretiert‹, um auch einen Lieblingsausdruck des Herrn Chef des Großen Generalstabes anzuwenden. Richtig gelesen wußte der große Eroberer es so einzurichten, daß er stets der Angegriffene und Überfallene schien. Dies gilt selbst für 1806, wo Preußen, nicht er, ein Ultimatum stellte. 1800, 1805, 1809 ist er von Österreich oder sogar einer Koalition tatsächlich mitten im Frieden attackiert worden. Von Moral wollen wir dabei nicht reden, wohl aber von der staatsmännischen Kunst, die immer den Gegner zwang, den Krieg zu erklären. Seine Kunst gibt noch heute der französischen Geschichtschreibung, meinen Bekannten Thiers an der Spitze, die Handhabe, seine Friedensliebe zu betonen.« Moltke schwieg. Seine hohe Bildung und sein hoher Verstand gaben Bismarck recht. Der König hörte aufmerksam zu. »Das ist mir neu, doch Sie werden das besser wissen. Wenn ich Sie richtig verstehe, wäre also die Luxemburger Frage kein Grund, um einen mörderischen Krieg heraufzubeschwören? Und teilen Sie Moltkes Ansicht, der Krieg mit Frankreich sei unvermeidlich?« »Keineswegs«, beeilte sich Otto biderb zu versichern, kleine Notlügen erhalten die Freundschaft. »Ehrlich gestanden haben wir formal kein Recht, auf der preußischen Besatzung zu bestehen. Es sei denn, daß Holland in unseren Bund eintritt, was es verweigert und wozu wir es nicht zwingen können, es sei denn wiederum durch Krieg. Ich möchte aber dem General v. Moltke, dessen superiorer Kenntnis der sonstigen Militärverhältnisse ich mich gern beuge, die Frage stellen, ob wir nicht später, selbst wenn Frankreich sich stärkt, gleichfalls stärker wären. Er sagt ›in einem Jahre‹, aber was sagt er von drei Jahren, wo das preußische Militärsystem in allen deutschen Staaten durchgeführt sein wird?« »Das gebe ich zu. Doch wer sagt, daß Frankreich nicht früher den Krieg erklärt?« »Dazu wird es keinen passenden Anlaß finden. Leben wir etwa allein in Europa? Das scheint mir stets der Rechenfehler der Militärpolitik. Greift man uns ungerecht an, bricht einen Krieg vom Zaune, muß Europa wenigstens anfangs den Mund halten. Schlagen wir uns jetzt für Luxemburg, einen formal fragwürdigen Streitpunkt, liegt der Fall anders. Und für die deutsche Nation selber brauchen wir etwas anderes, irgendeine flagrante Verletzung der deutschen Ehre. Dann, erst dann wird die Nation aufbrennen von den Alpen bis zum Belt, dann wird der Furor teutonicus die Welt in Staunen setzen. Schlägt sich der Deutsche begeistert, so erliegt der tapferste Feind. Frankreich ist weit stärker als das heutige Österreich. Ich fürchte, daß Herr v. Moltke auch hier die Imponderabilien unterschätzt. Die Franzosen haben auch die Furia Francese , gegen die wir besondere Kraftmittel brauchen.« »Hoffentlich erproben wir das nie,« begütigte der König hastig. »Aber wie denken Sie sich denn den Ausgang der Luxemburger Frage, daß weder unsere noch Frankreichs Ehre unheilbar verwundet wird?« »Das lassen Majestät meine Sorge sein. Ich werde Mittel finden, die Ihre allerhöchste Billigung gewinnen werden.« »Und doch wäre der Krieg uns jetzt erwünscht«, beharrte Moltke. »Mexiko hat das Mark des französischen Heeres verzehrt. Wie will der Empereur die Spitze des Schwertes anrufen? Sein Säbel rostet in der Scheide, und er kann ihn nicht ziehen, und könnte er, die Scheide würde rosten.« »Deshalb wird er seinen Willen nicht durchsetzen, doch wir werden ihm goldene Brücken bauen. Jetzt könnten wir Einspruch Europas erwarten, aber verhängnisvoll treibt ihn sein Dämon zu Fallen, die wir ihm stellen könnten, um sich ins flagrante Unrecht zu setzen. Hoffen wir immerhin, daß es nicht dazu kommt. Wir brauchen Frieden, nicht Krieg, um uns innerlich zu konsolidieren. Luxemburg ist das Blut von 100 000 deutschen Kriegern nicht wert.« »Die Briefe von Goltz, die ich Ihnen zeigte, vertreten den gleichen Standpunkt. Mich freut Ihre Auffassung.« Der König nickte beifällig. Damit war's entschieden. * Aber nach außen hin schien der schreckliche preußische Staatsmann keineswegs gewillt, eine wankende Front zu zeigen. Am 15. April diktierte er eine Depesche an Lord Stanley, daß die Bemühung des französischen Gesandten in London fruchtlos sei. Die Auflösung des alten Bundes beseitige Preußens Besatzungsrecht in der Festung Luxemburg, die ihm strategische Vorteile über Frankreich gebe? Napoleon wich nämlich schon einen weiteren Schritt zurück, verzichtete auf Abtretung und wollte nur die Preußen entfernt wissen. Und wer besetzt dann Luxemburg? »Wie die Dinge liegen, kann Preußen in keine Trennung Luxemburgs von Deutschland willigen, unter welcher Form auch immer.« Das hieß deutsch reden. Aber gut französisch reden läßt immer Hintertüren offen. Hat nicht Europa 1839 den Status von Luxemburg eingesetzt? Es muß also jetzt befragt werden. Frankreich und Louis Napoleon, immer erhaben, großherzig und gerecht bescheiden, unterstellten die Frage dem europäischen Areopag. Glückliche Eingebung, daß in London darüber eine Konferenz stattfindet! Londoner Konferenzen haben's in sich, immer zu Deutschlands Nachteil auszufallen. Zu Ottos geheimen Genuß machte sich sein Neider Goltz wieder bemerkbar. Der König zeigte zwar all dessen Briefe loyal seinem Premier, doch sie machten Eindruck. An ein und demselben Tage bekräftigte der Monarch am Hofe: »Ich baue fest darauf, daß der Frieden erhalten bleibt«, und der Kronprinz: »Ich fürchte, der Krieg ist unvermeidlich.« Die Pariser und Berliner Presse beschimpften sich gegenseitig wie homerische Helden vor dem Zweikampfe und mancher Thersites schonte nicht seine Zunge. Die beständige Kriegsgefahr erhöhte leider die deutsche Auswanderungsziffer. Otto rieb sich die Hände. »General Ducrot ließ die Tore von Straßburg schließen, um sich vor Überrumpelung zu sichern. Goltz schreit jeden Tag. Wenn die Sache friedlich ausläuft, wird er sich in die Brust werfen. Denn wenn ich etwas Schlaues tat, hätte er's natürlich noch viel besser gemacht.« »Wie können Sie einen solchen Intriganten dulden!« rief sein Vertrauter Keudell entrüstet. »Ist er denn wirklich so begabt, wie man sagt?« »In gewissem Sinne. Ein schneller Arbeiter, gut unterrichtet, doch eine Wetterfahne. Jeden Tag ändert er sein Urteil über Menschen und Dinge. Außerdem ist der arme häßliche Teufel immer verliebt in die Königin, bei der er weilt. Früher war's die mannhafte Amalie von Griechenland, heute ist's die allzu weibliche Eugenie. Hinc illae lacrimae. Darin wird er sich nie ändern, unermüdlich Briefe gegen mich an den König zu richten, das ist seine beherrschende Leidenschaft. Im übrigen kein guter Kerl. Seine Untergebenen hassen ihn, ein Unding bei einem Gesandten, der so viele Mittel hat, sich liebenswürdig zu zeigen. Ich spreche als sachkundiger ehemaliger Gesandter. Als Ministerpräsident hat man dafür keine Zeit.« Er lächelte Keudell wohlwollend an. »Der brave Goltz spielt diesmal nur mein Spiel, indem er dem König Bedenken gegen militärische Treibereien einflößt. Wir werden zuletzt gute Miene zum nicht mal bösen Spiele machen, Napoleon dito, obschon wirklich böse.« Schleifung der Festung, Neutralisierung Luxemburgs, so daß weder Frankreich noch Preußen ihren Willen haben. Ja, das läßt sich hören. Am 10. April brauchte der Minister vor dem Reichstage das anschauliche bedeutungsvolle Gleichnis: Nord- und Süddeutschland könnten nicht länger getrennt auseinandergehalten werden als die Wasser des Roten Meeres nach dem Durchzug der Israeliten.« Schon im März hatte der Abgeordnete Miquel die Mainlinie als eine bloße Haltestelle bezeichnet, wo wir Wasser und Kohlen einnehmen, um nächstens weiterzugehen.« Ein Antrag Miquel-Lasker hielt den Eintritt der süddeutschen Staaten in den Norddeutschen Bund ausdrücklich offen. Otto hatte übrigens nichts unversucht gelassen, seine Stellung zu stärken. Sein Emissär Graf Taufkirchen, ein Bayer, kam wenig erbaut aus Wien zurück. »Der Wind weht scharf. Im Januar brachte Graf Beust seine Tripelallianz Österreich-Frankreich-Italien zwar nicht zusammen, aber jedes Bündnis mit dem Norddeutschen Bund lehnt er jetzt ab. So werde man nicht die Dienste Napoleons vergelten, der die Preußen an den Toren Wiens aufgehalten habe.« »So werden Legenden geschmiedet. Wer den Einzug in Wien nicht wollte, weiß ich am besten, doch ist dies Staatsgeheimnis. Napoleon aber am allerwenigsten hat uns gehindert. Scheint Ihnen richtig, daß Beust abriet, wegen Luxemburg mit uns Krieg zu beginnen?« »Ich hörte es bestimmt. Er warnte Napoleon, daß er Sie instand setze, an alle politischen Leidenschaften seiner Landsleute zu appellieren und selbst sonst Abtrünnige unter Ihre Fahne zu sammeln. Im übrigen zeigte er sich sehr erbittert, nannte unsere Militärkonvention einen Bruch des Prager Friedens und fragte spöttisch, was Österreich wohl für seine Hilfe bekommen werde außer einem reichgebundenen Exemplar der Prager Verträge.« »Stimmt, er bekäme nischt,« lachte Otto gemütlich, »wir können ihm doch nicht etwa Venetien zurückerobern. Das geht um wie das Hundebeißen. Kaum war Italien unser Bundesgenosse, als es auch schon gegen uns mit dem beiderseitigen Todfeinde Österreich intrigieren möchte. Stil Lamarmora. Der Re Galantuomo hat freilich zu viel Ehre im Leibe, um so unanständige Hast im Gesinnungswechsel zu bevorzugen. Doch Neutralität wäre das äußerste, was er leisten würde. Es ist doch merkwürdig, daß man uns schon die Ehre antut, Koalitionen gegen uns zu planen, als ob Frankreich nicht allein uns die Spitze bieten könnte.« »Preußens Prestige stieg eben ungeheuer durch den blitzschnellen Sieg.« »Das ist es nicht allein. Denn warum sahen lange vorher alle Großmächte scheel auf jede Einheitsbestrebung? Im Grunde könnte es doch keinen tangieren, wenn eine Großmacht aus der fünften in die vierte oder dritte Reihe aufrückt, d. h. Preußen einfach in den früheren Rang Österreichs eintritt. Das sogenannte Gleichgewicht bleibt doch dann das gleiche.« Der Bayer nahm dies treuherzig ernst und fand keine Antwort darauf, bis der Riese aufstand und ihm die Hand auf die Schulter legte. »Verraten Sie das Geheimnis nicht! Das Ausland kennt uns besser als wir uns selbst. Es weiß mit untrüglichem Instinkt, daß ein vereintes Deutschland teufelmäßig stark ist, viel stärker als Österreich je war.« Die Deutschen schienen freilich über Nacht klug geworden, Michel warf die Zipfelmütze so weit weg, daß alle Welt sah, wie sehr ihm der Kamm schwoll. Am 11. Mai hatte die Londoner Konferenz sich dafür entschieden, daß beide Rivalen leer ausgehen sollten. Nachdem er noch Bleiben Luxemburgs im Zollverein, also fortdauernden wirtschaftlichen Verband durchgesetzt, fügte sich Bismarck knurrend und murrend, während ihm ein Stein vom Herzen fiel. Er gab also in keiner Weise Napoleon nach, vereitelte dessen Gelüste, beugte sich aber anscheinend vor Europa, nachdem die Aufrollung der Frage den gewünschten Erfolg hatte, ganz Deutschland mit Mißtrauen gegen das Ausland und kriegslustigem Stolz zu durchsättigen. Die Deutschen wunderten sich zornig, daß der »Eiserne«, wie man ihn schon nannte, es nicht auf Biegen oder Brechen ankommen ließ und wären bereit gewesen, über den Rhein zu marschieren. So predigten alle Führer der öffentlichen Meinung, doch Otto wußte sehr gut, daß die breiten Volksmassen wohl ein bißchen mitschrien, doch sich wenig um Luxemburg kümmerten. Als noch im September der Sozialdemokrat Bebel in der preußischen Kammer wehklagte, daß Luxemburg für Deutschland verloren sei, sprach der Minister dem Volke aus der Seele, man müsse dem König danken, daß er das äußerste vermied. Für ein Besatzungsrecht sollten nicht viele brave Deutsche ihr Leben lassen. Das wesentlichste sei ja erreicht, Frankreichs Heißhunger nicht befriedigt. So stachelte er mit der einen Hand die Erbitterung gegen den Einmischer, schwang mit der anderen die Friedenspalme und wedelte der französischen Rachsucht ins Gesicht. * Am 5. Juni langte er mit dem König und Moltke in Paris an, einige Tage später als der Zar und Gortschakow. »Louis will Rußland den Vortritt geben und es ohne unser Beisein für sich einnehmen«, legte er es aus. »Bei Gortschakow wird's ihm gelingen.« Aber nicht beim Zaren. Denn nach der großen Revue im Boulogner Holz zu Ehren der Souveräne, die selber eine Anziehungskraft der Weltausstellung sein sollten, fielen mehrere Schüsse auf den Selbstherrscher aller Reußen. Sie trafen ihn nicht, wohl aber seinen Herrscherstolz. Tapfer wie er war – er bewies es später in gräßlicher Todesstunde –, verkürzte er nicht mal sehr seinen Aufenthalt, doch Otto las auf dem Gesicht seines alten Gönners alle Zeichen unauslöschlicher Abneigung gegen diese Nation, die allen Polen eine Freistatt gewährte und sie als Märtyrer feierte. »Die Polizei scheint hier sehr schlecht organisiert«, redete er Otto vertraulich an. »Überhaupt spüre ich überall revolutionären Schwefel in der Pariser Luft. Natürlich kann die Regierung nichts dafür, doch sie dehnt eben das Asylrecht zu freigebig aus. Da fühlt man sich wahrlich wohler in Berlin.« »Sie geben, allergnädigster Herr, nur den Eindruck wieder, den ich immer hier gewann: sanktionierte Pöbelwirtschaft, schlechte Erziehung. Wenn ich neben Gortschakow reite, ruft ein gutgekleideter Plebs überall meinen Namen, nicht etwa als Begrüßung, nicht mal um mich auszupfeifen, sondern aus bloßer Neugier, als wäre ich ein am Zaume vorbeigeführtes Wundertier, das dressierte Kunststücke auf der Weltkirmes vollbringen soll. Der Fürst wird's Ihnen bestätigen.« Gortschakow nickte sauersüß. Ärgerte er sich doch genug, daß die angebeteten Pariser ihn nicht kannten und seine fast komische Erscheinung ins Nichts sank neben dem behelmten Kolossus! Dessen Stimmung verbesserte sich nicht wenig durch das Polenattentat. Er kannte den menschenfreundlichen, aber hochmütigen Alexander genug, um zu wissen, daß er nie verzeihen und vergessen werde, so höflich er den überströmenden Entschuldigungen des Empereurs begegnete. Anfangs ging der Behelmte mit ernstem grimmigem Gesicht unnahbar umher und verkehrte sehr zurückhaltend mit den zahlreichen Pariser Bekannten, die auf den heute Weltberühmten einstürmten. Dann aber ertrug er den Vertrieb großartig unähnlicher Bismarckbilder, einen Sou das Stück, das viele Anstarren und Ausfragen mit gutem Humor. Der Duc de Grammont erinnerte ihn an Karlsbad und belehrte ihn mit gewohnter Taktlosigkeit, daß man in Paris nicht mehr sage: Travailler pour le roi de Prusse, sondern travailler pour le maître de Monsieur de Bismarck .« »Wie witzig! Ich habe selten so gelacht«, versicherte Otto mit unerschütterlichem Ernst. »Da könnte ich Ihnen noch eine Reihe von Bonmots zum besten geben, die auf meine Kosten umlaufen. Sie werden in der Übersetzung leiden, doch will ich versuchen, den Sinn mundgerecht zu machen. Bei Beginn unserer inneren Wirren z. B. sagte man, die Rheinlande würden abfallen. ›Wo sollen sie denn hinfallen?‹ sagte ich.« Ein scharfer Blick unter den buschigen Brauen streifte die feinen welschen Gesichter des umstehenden Kreises. »Sie begreifen: in den Rhein würden sie sich doch nicht stürzen, das ist eine natürliche Schranke, also fielen sie sicher nie ab, sondern in unsere Arme zurück.« Die Franzosen verstanden sehr gut und verzogen die Miene. »Ein anderer Scherz. Eine Deputation von Hessen beschwerte sich neulich über die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht. ›Ja so, die Herrschaften meinten, umsonst preußisch zu werden?!‹ war meine Antwort. Preußisch werden ist nämlich solche Wohltat nach der früheren Misere, daß man etwas dafür zahlen muß«, erläuterte er wohlwollend. Die Franzosen lächelten. »Da fällt mir noch was ein. Bei einem Tafelgespräch sprach einer unserer großen Gelehrten,« er verbeugte sich verbindlich vor Thiers, der soeben herantrat und mit dem er schon mehrfach die alte Bekanntschaft erneuerte, »seine unfehlbare politische Doktrin aus. Jemand wollte widerlegen, doch ich mahnte ab: ›Nur noch zwei Minuten! Dann wird Herr Professor sich selbst glänzend widerlegen.‹ Weil nämlich allzu gelehrte Politiker manchmal den Boden unter den Füßen verlieren.« Der Stich galt Thiers, der jetzt so kräftig gegen Preußen donnerte, das er früher mit Lobsprüchen überhäufte. Der parierte als echter Franzose mit einer Malice: »Als Historiker bin ich begeistert, solche authentische Witze aus berufenstem Munde zu hören. Vielleicht klären Herr Minister mich auf, ob ein Geschichtchen wahr ist, das unser früherer Gesandter in Frankfurt erzählt. Ich habe es von Rothan, der diplomatischen Skandalchronik. Als ein schmelzendes Lied des großen Goethe am Klavier gesungen wurde, sollen Eure Exzellenz sich geschüttelt haben: ›Welche Schneiderseele, dieser Goethe!‹ Das ist wohl apokryph? Ich fände es wunderbar bezeichnend für einen harten Realisten.« Kaltblütig erwiderte Otto: »Sie scheinen mißzuverstehen. Ich zitierte obige Proben nicht als authentisch, sondern um darzutun, was für sonderbare Bemerkungen mir der Leumund in den Mund legt, so sonderbar wie das von Herrn Herzog von Gramont so geschmackvoll mir vorgetragene schmeichelhafte Bonmot. Was hingegen den von unserem großen historischen Forscher seiner Aktenmappe einverleibten Ausspruch betrifft, so erinnere ich mich zwar dessen nicht, doch er sieht mir so ähnlich. Vermutlich wurde etwas Weichlich-Sentimentales vorgetragen, Goethe war eben ein Kind seiner Zeit, wo die Deutschen ihre Herzensaffären für das einzig Wichtige hielten. Ich, meine Herren, bin ein Mensch ohne Herz oder, wie man im Französischen sagt, ein Mann von Eisen. Das Gemüt kam bei mir zu kurz.« Diesen Bluff glaubten ihm alle Hörer gern. Daß er zum Frühstück gebratene Säuglinge verzehrte, war freilich nur ein unverbürgtes Gerücht, doch daß er seine achte Frau jeden Tag ohrfeigte und als Ritter Blaubart eine Schreckenskammer beherbergte, so viel wußte man in Paris denn doch, wo man alles weiß. Daher der Name Lichtstadt (Fabrikmarke V. Hugo). »Leider muß ich betonen, daß auch meine Landsleute sich sehr gewandelt haben. Sie sind böse herzlose Menschen geworden, die nicht mehr seufzen und musizieren, sondern besonders Trommel- und Janitscharenmusik lieben. Und wenn Goethe heute Mignonlieder schmachten oder sich liebevoll mit dem Monde unterhalten wollte, so würden die Neudeutschen, die in Reih und Glied marschieren, ihn wohl auch für einen schwindsüchtigen Schneider halten.« (Ob die Anekdote wahr oder nicht, jedenfalls ließ sie sich nur so erklären, daß Otto das ästhetische Gesäusel und Geklimper zu viel wurde, indem er an die Donner kommender Gewitter dachte und an einen kosmopolitischen Herrn Geheimrat, der auf dem Schlachtfelde von Jena Knochenpräparate suchte. Wer noch als Greis verliebte Lieder spann und keinen Gedanken an sein zerrissenes erdrücktes Vaterland verschwendete, der mochte wohl dem burschikosen wildverbitterten Einheitsträumer in Frankfurt in einem Augenblick inneren Grimmes und Grames den Ausruf entpressen, dessen Mißdeutung durch poetische Gänseriche und Gänse ihn wohl obendrein noch unbändig freute.) Die scheinbar achtlos hingeschleuderten Worte – es war auf dem Bankett der Pariser Munizipalität, vertreten durch den Stadtpräfekten Baron Haußmann im Hotel de Ville – gaben den Hörern zu denken wie verhaltene Drohungen. Als die Souveräne nachher ihren Umzug in den festlich erleuchteten Sälen hielten, fielen die Strahlen zumeist auf den weißröckigen Isegrimm, in dessen Helm die Kerzen der Kronleuchter sich spiegelten. Der Abschied des Königs vom Kaiserpaar fiel rührend aus. Der ritterliche liebenswürdige Greis hatte sich das Herz der Pariser erobert, denen es ja nicht an einer kindlichen Gutmütigkeit fehlt, solange die Eitelkeit nicht verletzt wird. Eugenie war eitel Holdseligkeit, Louis ein bezaubernder Wirt. Der König war ganz gewonnen, seine Stimme bebte beim letzten Wort: »Adieu, treurer Bruder und Freund,« worauf der Empereur herzlich: »Adieu, doch auf Wiedersehen!« Ach, ein Kobold historischen Treppenwitzes lispelte ein boshaftes Echo: Auf Wiedersehen! Otto warf bei der Abfahrt einen seltsamen Blick auf das Seinebabel, wo die vergoldete Kuppel des Invalidendomes herüberschimmerte. Moltke saß stumm und gleichgültig da. »Sie haben sich ja sehr dünn gemacht«, meinte der König, »man sah Sie ja nirgends. Zuletzt bei der Revue in Longchamps, 55 000 Mann glänzender Truppen. Wo steckten Sie denn?« »Ich machte einige strategische Spaziergänge in der Umgegend«, versetzte Moltke ruhig. Aus dem süßen Traume, die perfiden Übergriffe des schändlichen Bismarck besänftigt zu haben, erwachte Napoleon bald durch die Kunde, daß der Böse, ehe er in den Zug nach Paris stieg, die Berufung eines allgemeinen Zollparlaments unterzeichnete. Den am 14. Juli feierlich zum Bundeskanzler Ernannten belästigte er jetzt mit einer neuen Attacke über Artikel V des Prager Friedens, wonach die Nordschleswiger ein Plebiszit veranstalten sollten über die Wahl ihrer Zugehörigkeit. Französische Journalisten ließen sich in Kopenhagen feiern und toasteten auf das dänische Heldenvolk. Antwort: Preußen verbittet sich jede Einrede in einen Vertrag, der nur mit Österreich geschlossen, übrigens besteht eine Geheimklausel, wonach das Optieren erst 1870 stattfinden darf. Außerdem wird man von Dänemark bindende Garantie verlangen, daß die Deutschen in Nordschleswig nicht später von den Dänen molestiert werden. Erneut abgeblitzt! Benedetti hatte wohlweislich nur eine Depesche verlesen, ohne eine Kopie zu hinterlassen, also leugnete der Moniteur, daß je eine amtliche Note an Preußen die heikle Sache berührte. Doch während am 15. August die erste Sitzung des Norddeutschen Bundesrates stattfand, ergötzte sich der Empereur an einer Rundreise durch Süddeutschland zur Zusammenkunft mit Kaiser Franz Josef in Salzburg, um diesem sein Beileid über das unzeitige Ableben seines Herrn Bruders auszusprechen. Kaiser Maximilian war am 19. Juni standrechtlich erschossen worden, nachdem der Marschall Bazaine, ein Schurke mit Eichenlaub, ihn im Stiche ließ und ans Messer lieferte. »Es gehört doch eine eiserne Stirn dazu, für ein Verbrechen zu kondolieren, dessen Mitschuldiger man ist,« zürnte der ehrliche alte Direktor Bonnel, der bei Bismarck zu Gaste war. »Und dabei plant er neue Bosheit. Die Stimmung im ganzen deutschen Vaterland scheint sehr erregt, vielleicht noch erregter als bei der Luxemburger Frage. Ehrlich heraus, durfte man damals nicht den Krieg wagen?« Das Gesicht des Kanzlers überzog ein finsterer Ernst. »Verlust von 30 000 braven Soldaten und kein mutmaßlicher Gewinn! Glauben Sie mir, meine Herren, wer nur einmal in brechende Augen auf dem Schlachtfelde blickte, der wird sich wohl lange besinnen, ehe er eiserne Würfel wirft.« Nachher im Garten mit Bonnel spazierend, wies er auf einen runden Rasenplatz: »Dort bin ich in der Nacht vor Ausbruch des großes Krieges lange auf und ab gegangen. Wenn die Welt ahnte, wie einem dabei zumute ist!« Er brach heiter ab: »Louis hatte nicht viel Freude an seiner Reise. Auf allen Bahnhöfen kalte Höflichkeit, eisiges Schweigen der Menge, in Augsburg ein paar Vive l'Empereur , sofort ersäuft von Zischen und Lärmen. Der Großherzog von Baden erschien nur ein paar Minuten, der König von Württemberg, Schwager des Zaren, sah ihn nur eine Minute in Ulm, beim Verlassen der Grenze. Ich schäme mich zu sagen, daß der Großherzog von Hessen sich persönlich in Salzburg einstellte. Der König von Bayern begleitete den Kaiser im Extrazuge von München bis zur Grenze, eine unnötige Höflichkeit, die ihm verdacht wurde. Die süddeutsche Presse schart sich diesmal um Preußen wie ein Mann. Die Stuttgarter Blätter sind am heftigsten gegen den ›fremden Tyrannen‹. Er hat wieder Pech, der arme Teufel. Seine Triumphfahrt durch Süddeutschland wurde beinahe ein Kalvarienweg. Er hat nichts erreicht, als erneut alle Deutschen in Harnisch bringen.« »Aber in Salzburg, wo er vier Tage war, werden die Kaiser sich wohl nicht begnügt haben, an ihre beidseitigen schönen Kaiserinnen Komplimente auszutauschen.« »Mir schwant Böses. Der bayrische klerikale Adel und die Württemberger Noten werden beide die Annäherung von Nord und Süd erschweren. Im allgemeinen dient aber Napoleons feindliche Demonstration nur dazu, die Einheitsbewegung zu beschleunigen. In Bayern kann ich mich auch auf den jetzigen Premier Fürst Hohenlohe verlassen. Und auf den jetzigen Minister des Auswärtigen in Paris, meinen alten Bekannten Moustier, verlasse ich mich auch, daß er Berlin und mich zu gut kennt, um nicht auf halbem Wege umzukehren.« – Richtig prophezeit. Zirkulardepesche beschwichtigt. Doch Ottos Antwortzirkular goß eher Öl ins Feuer der deutschen Erregung. Er nahm Kenntnis von der befriedigenden Erklärung, um so mehr sich wieder erwiesen habe, daß Deutschland den Gedanken nicht ertrage, unter fremder Vormundschaft zu stehen. Da trat Napoleons üblicher Spezialgesandter auf die Bühne, General Fleury machte Otto eine Drohvisite. »Ich bin beauftragt, Herr Minister, vertraulich mitzuteilen, daß mehr Noten von der Art, die wir sarkastisch nennen wollen, im französischen Publikum eine Kriegsstimmung erzeugen könnten, die unser Gouvernement kaum dämpfen dürfte.« »Das wäre, mein General, eine uns unerträgliche Anmaßung dieses Publikums. Unsere häuslichen Angelegenheiten gehen niemanden draußen etwas an, und mir ist nicht bekannt, daß Europa sonst sich ähnliches erlaubt.« »Europa sind wir«, warf sich der Franzose in die Brust. »Dies Schlagwort las ich schon mal in Ihrer Presse. Ich zweifle, ob Europa sich davon geschmeichelt fühlt. Was wünschen Sie eigentlich?« »Preußen übt einen Druck auf süddeutsche Mächte aus, die uns um Schutz anrufen.« »Das deutsche Volk würde dies als Landesverrat betrachten. Meine Note vom 7. September überläßt es dem Ermessen unserer süddeutschen › Verbündeten ‹,« er betonte dies Wort, »in welchem Grade sie sich uns nähern wollen.« »Baden soll gewaltsam in Ihren Bund gezogen werden.« »Unsinn! Wir schöpfen nicht den Rahm ab, damit die sonstige süddeutsche Milch sauer werde. Wir sind die Hürde für die deutsche Herde, und wenn verirrte Schafe sich draußen herumtreiben, so mögen sie selbst den Weg finden.« Fleury trat sofort den Rückzug an. »Ich danke Eurer Exzellenz für die beruhigende Versicherung, die ich unverzüglich nach Paris tragen werde, daß kein Attentat auf Badens Freiheit geplant wird. Meine Mission hatte also schönen Erfolg.« Aus Niederlagen Siege zu machen verstand die französische Rabulistik ja immer. Das politisch so ereignisreiche Jahr ging ohne weiteren Zwischenfall zu Ende, im Frühjahre des neuen Jahres trat das Zollparlament zusammen. Dieser große historische Akt brachte aber noch nicht die erhofften Früchte. Die süddeutschen Abgeordneten setzten als Separatisten den Unionisten einen oft pöbelhaften Widerstand entgegen. »Kein Reiter kann immer galoppieren«, beruhigte Otto entrüstete Unionisten, doch er litt heimlich bitter unter einer Halsstarrigkeit, die mit »Zur Sache!« »Zur Ordnung« jede deutschnationale Gesinnung niederbrüllte, wenn man über bloße Zollfragen hinausging. Der Realpolitiker mußte es übers Herz bringen, selber die Unionisten an Nichtkompetenz des Zollparlamentes bezüglich rein politischer Fragen zu erinnern. »Sonst könnte dies die Lawine ins Rollen bringen, die so lange drohend am Berge hing.« Der Obstruktion versicherte er ironisch, man werde sie zu nationalen Segnungen nicht zwingen, die Norddeutschen seien gar nicht so »empressioniert«, reckte sich aber zugleich zu dem Donnerworte auf: »Ein Appel an die Furcht fand nie ein Echo in deutschen Herzen.« Aber zu Keudell und anderen Vertrauten verwies er auf diesen Beweis, wie sehr jede Überstürzung wie in der Luxemburger Frage verfrüht gewesen wäre. »Man muß manchmal den Kunktator spielen, nicht immer ist Vernichtungsstrategie am Platze, politische Ermattungstaktik hat auch ihr Gutes. Der Stein ist im Rollen, doch ihm einen Fußtritt zu geben, könnte die Beschleunigung zum Rollen in den Abgrund machen. Mit eigenem freien Willen müssen die Süddeutschen sich ins Vaterhaus zurückfinden, Zwang würde alles zerstören.« »In Württemberg empfiehlt sich Barnbüler den Wählern als Schafzüchter, Kultusminister Golther als Inquisitor alldeutscher Tübinger Professoren,« warf Keudell ein. »Die deutsche Partei wird unterliegen und der abscheuliche Ultramontane Probst den Ton angeben.« »Wenn der Wicht, wie ich ihn kenne, zu verstehen gibt, ein ungenannter Irgendjemand passe auf deutsche Zwietracht, so werde ich ihn niederdonnern.« – Seine eigene Persönlichkeit wirkte indessen gewaltig auf alle süddeutschen Mitglieder, die sich von Voreingenommenheit freimachten. »Das ist ein ganz anderer als wir dachten«, bekannte ein tüchtiger Bayer Völk dem ins Zollparlament gewählten Ministerpräsidenten Fürst Chlodwig Hohenlohe. »Jede Zeit hat ihren Mann, und wir sahen jetzt alle, daß die zweite Hälfte des Jahrhunderts für Deutschland einen solchen Mann hat. Was immer einige Württemberger Kollegen einwenden, ich erblicke diesen Mann in Bismarck.« Hohenlohe, dessen Andenken jeder Deutsche ehren soll, ein sehr gebildeter Grandseigneur, nur mit liebenswürdiger Schwäche für das weibliche Geschlecht, doch fest und stark in echter Vaterlandsliebe, drückte ihm die Hand. Langsam verstummte die Opposition. Niemand widersprach, als ein Abgeordneter die schönen Worte sprach: »Jetzt ist Frühling in Deutschland, und obwohl einige von uns nacheinander mit Schneebällen schmeißen, so wird der Lenz sie bald des Materiales für diesen Zeitvertreib berauben.« Am 21. Mai gab die Berliner Kaufmannschaft im Börsengebäude dem scheidenden Zollparlament ein Frühstück. Dessen Präsident Simson toastete in schönen Worten auf das »große und gute Berlin«. Niemand könne weissagen, wann das Zollparlament sich zu einem Reichstage des Gesamtstaates deutscher Nation entwickeln werde, doch wir warten darauf. Da erhob sich der Kanzler und rief den süddeutschen Brüdern einen Scheidegruß zu. Der schnell vergangene Frühlingstag gemeinsamer Tagung möge nachwirken wie der Frühling auf künftige Zeit. Mögen die Süddeutschen die Überzeugung mit nach Hause nehmen, daß sie hier Bruderherzen und Bruderhände finden für jegliche Lage des Lebens. Kaum verklang der begeisterte jubelnde Beifall, als Hohenlohe, ein schmächtiger unansehnlicher Herr mit einer feurigen Seele, ein Hoch ausbrachte auf die Vereinigung aller deutschen Stämme. * So ging die Saat denn herrlich auf. Auch bewiesen mancherlei Zeichen, daß in Preußen selber das Vertrauen zum Bundeskanzler immer höher stieg. Das ehrsame Städtchen Bütow überreichte ihm ein Ehrenbürgerdiplom, und die Deputation erzählte nachher von der Leutseligkeit des großen Mannes, der ihnen sogar ein Nachtquartier bei sich anbot. Doch die biederen Bürger versprachen ihren Eheliebsten, vor Mitternacht deren Neugier zu stillen, und so mußten sie eiligst zur Bahn. Worauf Frau Gräfin ihren Mann anlächelte: »Da du jetzt auch Bürger von Bütow bist, so mußt du fortan auch diesem guten Beispiel deiner Mitbürger folgen, das wäre mir sehr lieb.« Otto zuckte lachend die Achseln und arbeitete wie gewöhnlich die ganze Nacht. Für den Antipartikularismus in deutschen Landen zeugte es, daß die Kammern sich gegen die Generosität empörten, mit der König Wilhelm auf Bismarcks Rat die Depossedierten aus ihren früheren Revenuen unterstützte. Gegen den blinden Welfen richtete sich der heftigste Haß, der in Hietzing unterm Schatten der Wiener Hofburg weiterintrigierte. Bezüglich der Vorgänge bei Langensalza kann man juridisch verschiedener Meinung sein, da verstockte Welfische behaupten, der arme Blinde habe damals zu Preußen übertreten wollen und auch vorher nicht unbedingt Neutralität abgelehnt, der fürchterliche machiavellische Bismarck aber habe aus guten Gründen dies zuschanden gemacht. Doch was galten solche Rekriminationen vor dem geschichtlichen Forum, da die höhere Moral alldeutschen Nutzens einzig auf seiner Seite stand! Er setzte jetzt dem König auseinander, daß er aus wohlerwogenen Gründen dem Entthronten so große pekuniäre Vorteile zugestehe, obschon dieser außerdem noch sechs Millionen Taler in der Bank von England und vier Millionen aus Herrenhausen mitgenommen hatte. »Die früheren Untertanen könnten sentimentale Klagen führen, der Letzte eines so alten Herrscherhauses sei in Bedürftigkeit versetzt. Ferner können wir England in diesem Punkte verpflichten. Drittens wird König Georg sich bound in honour fühlen, wie das Londoner Kabinett sagt, von jeder Feindseligkeit abzustehen, obschon er keinen Abdankungsakt unterzeichnen will.« Er blieb so fest, daß er der Kammer mit seiner Demission drohte, und so gewaltig wuchs sein Ansehen, daß sie diese Drohung ebenso einschüchterte wie den dankbaren König. Dabei rechnete er aber genau, daß der hochmutverrückte und jedes Deutschgefühls, das er beständig im Munde führte, bare Dynast sich selbst ins Unrecht setzen würde. Das tat dieser in überraschender Weise. Er entblödete sich nicht, eine Welfenlegion zu bilden, die ihm jährlich 300 000 Taler kostete und die schamlos nach verschiedenen Irrfahrten in Frankreich landete, um sich dem Landesfeind gegen das Vaterland anzuschließen. In Hietzing drängten sich Deputationen von Strolchen auf des Blinden Kosten, die auf Wiederherstellung seiner Herrschaft tranken. Leider nahm ein begabter und angenehmer Mensch, der sogenannte Hofrat Meding, ein Romanschriftsteller von entschiedenem Talent, der unter dem Namen Gregor Samarow später hohe Honorare aus seiner Preisgabe diplomatischer Geheimnisse zog und damit seine leichtlebige Viveur-Selbstsucht speiste, an diesem landesverräterischen Feldzug hervorragenden Anteil. Jeder, der ihn persönlich kannte und der vorurteilslos seine heute verschollenen zahlreichen Romane las, wird ihm zugestehen, daß er in seiner Weise eine Kraft war und persönlicher Liebenswürdigkeit nicht entbehrte. Doch daß der Verschwender seine vortrefflichen Töchter (bei den Frauen bildet sich die Vererbung vom Vater immer nach der edleren Seite aus) im Elend zurückließ trotz seiner einst überaus hohen Einnahmen, bricht über den Selbstling den Stab. Obschon er nachher mit Preußen Frieden schloß und sich unterwarf, darf ein gerechter Deutscher seine vormalige Tätigkeit nie verzeihen. Der charmante Herr, der in seinem einer höheren Bedeutung gegenüber zugleich bescheidenen und vornehmen Auftreten den gewiegten Höfling erkennen ließ, hatte eine viel größere Rolle gespielt als man glaubt. Für König Georg, obschon auch diesem die immer über den geistigen Durchschnitt wegragende Fürstenbegabung nicht fehlte, lies immer Meding. Es fällt heute schwer, sich in die Selbstentschuldigung dieses gemeinen Landesverrates zu versetzen. Nur das stammverwandte Italien (»lateinische Rasse«, o weh!) hatte die gleiche zentrifugale Richtung, ein Brite oder Franzose muß ins Mittelalter zurückgreifen, um gleichen Wahnsinn des Landesverrates zu finden, der sich noch mit Rechtsgründen drapiert. Sobald die Intransigenz des Welfen entschiedene Formen annahm, schwenkte der alles vorausschauende Staatsmann plötzlich ab und fand bei dem Ehrgefühl seines Monarchen sofort Gehör. » A tempo « wurden die bewilligten Revenuen der »depossedierten« Tyrannen (der Kurfürst von Hessen benahm sich ähnlich zum Gelächter seiner früheren mißhandelten Untertanen) »sequestiert«. Auch diese undeutschen Ausdrücke lassen sich durch keine besseren deutschen ersetzen, und dies mag den »Puristen« – auch hierfür gibt »Sprachreiniger« nicht den besseren Sinn – zu denken geben. So wurde denn auch der »Reptilienfond« unsterblich, den nunmehr Otto empfahl. * »Nichts von Spion ist in meiner Natur«, sagte er der Kammer, was gewiß niemand bestritt, »doch wir werden Ihren Dank verdienen, wenn wir die Verfolgung der scheußlichen Reptile bis in ihre Schlupflöcher aufnehmen.« Er wolle die gestoppten Revenuen zu einer Gegenspionage verwenden. Seinen genialen Dezentralisationswunsch, die Zinsen von 12 Millionen Talern als Provinzialfonds für Hannover zu verwerten, verwässerten die Konservativen, wofür Otto ihnen eine saftige Levitenpredigt las. Längst hinausgewachsen über das »engere Vaterland« betrachtete er schon jetzt jeden Stockpreußen als Deutschfeind. Um die süddeutschen Liberalen zu gewinnen, bekehrte er sich zu Laskers Antrag, die Immunität der Reichstagsabgeordneten auf alle Landtage zu übertragen. Wenn der Bundesrat und das Herrenhaus ihr Veto einlegten, was konnte er dafür? In der Flottenfrage, wo man ihm das diktatorische Recht der ihm verliehenen völlig absoluten Kanzlerschaft beschneiden wollte, brachte er die Nationalliberalen auf seine Seite. Die schwarzweißrote Flagge wird fortan einer deutschen Flotte voranwehen, die zugleich eine preußische ist. Im nächsten Jahre hatte er den Versuch zurückzuweisen, ein ordentliches Bundesministerium, dem Reichstage verantwortlich, an die Stelle der verfassungsmäßigen Einseitigkeit der Kanzlerherrschaft zu setzen. Der Kanzler des Norddeutschen Bundes hatte wesentlich das Auswärtige zu leiten, für alles sonstige hatten ja die Landtage ihre Rechte, und hier müsse Einheit der Handlung herrschen. Bundesministerium würde Zentralisierung bedeuten, aber partikulare Freiheit im engeren Vaterlande sei das Ideal aller Deutschen, und die liberalen Doktrinen würden hier nur den Main verbreitern. Mit überlegener Weisheit belehrte er die starren Unionisten: »Stellt man gewaltsam den Zeiger vor, beschleunigt man damit nicht den Marsch der Zeit.« »Wenn man eine Laterne unter einen Birnbaum stellt, so reift man damit nicht die Birne.« Roon stellte vor: »Dem Herrenhause gefällt die entschieden liberale Wendung der Dinge nicht.« Otto wollte mit dem Kernspruche des Götz v. Berlichingen antworten, besann sich aber und urteilte ernst: »Ich begrüße alle Bestrebungen auf nationalem Gebiete, die Ansage volkswirtschaftlicher Handels-, Handwerker-, Juristentage. Strohdrescherei ist besser als Nichtstun.« »Die Gründung eines Protestantenvereins aller Schattierungen gegen die Strenggläubigen kann Sie doch nicht befriedigen.« »Das ist nebensächlich.« Er hütete sich wohl, zu bekennen, daß er sich innerlich längst von der Orthodoxie freimachte. »Die Agitationen in der Arbeiterwelt führen nur zur Zersetzung der verschiedenen Koterien Bebel, Liebknecht, Schweitzer. Und was Schulze-Delitzsch vorhat, die Erwerbsgenossenschaften – sie wollen im August tagen –, ist eher staatsfreundlich.« Er griff nach der Brust und mußte sich setzen. »Was ist Ihnen?« fragte Roon besorgt. »Eine Wiederkehr des alten Übels. Ich muß ausspannen, fürchte ich. Die vereidigten Ministerialbäume in Varzin werden nicht ausplaudern, was ich dort denke.« Auch nicht, wie schwer er dort litt, als er schon im Juni auf Urlaub sich schwer erkrankt unter ihren Schatten flüchtete. Und als er dort Ende August mit Keudell und Blanckenburg ausritt, tat sein Pferd einen Fehltritt in ein Maulwurfsloch, stürzte über ihn und verschlimmerte seinen bösen Gesundheitszustand. Maulwurfslöcher sind immer Großen gefährlich. Von seinem Krankenlager beobachtete sein rastloser Geist das Aufwärtsstreben der Nation. Die Einweihung des Lutherdenkmals in Worms war ihm geradeso willkommen wie die katholische Versammlung in Bamberg, die trotz allem ihr Deutschtum bekundete. Das Geheul der Konservativen über sozialistische Kundgebungen, daß »umfassende Organisation der Arbeiterschaft« den »Fortschritt vermittels Arbeitseinstellung« (Generalstreik) suche, belächelte er. »Kinderkrankheit und Machtfrage. Lassalle war einmal bei mir, ein bedeutender Mensch, obschon sehr eitel. Was praktisch durchführbar und gerecht am Sozialismus, wird an mir stets einen Förderer finden. Lassalle war ein gutdeutscher Patriot, der arme Kerl fiel ja im Duell in Genf, wie man hört, wegen eines Frauenzimmers. Wie kann man nur so dumm sein! Seine Rede zu Fichtes Gedächtnis im Hotel de Rome las ich mit Vergnügen. Ein feiner gelehrter Kopf, nicht ohne Verständnis für hohe Politik. Die Juden zeichnen sich überhaupt in der Nationalbewegung aus. Wohl ihr praktischer Sinn, der lieber ein großes als ein kleines Vaterland aus wirtschaftlichen Gründen erstrebt. Sie sollen mir willkommen sein, Vorurteile sind stets schädlicher Ballast. Lassalle brauchte in seiner Verteidigungsrede gegen Staatsanwalt Schelling – ›den kleinen Sohn des großen Vaters‹, na, mir wurde von des alten Schelling Pantheismus übel, und die Hegelei des Herrn Lassalle ist auch nicht nach meinem Geschmack – das Gleichnis: ›Die Griechen nannten jeden, der ihre Sprache nicht verstand, einen Barbaren. Der Herr Staatsanwalt und ich, wir sind für einander ... Barbaren.‹ Geistreich! Da fällt mir ein, daß unser Justizminister Lippe jetzt fällig wird. Solche antidiluvianische Überreste kann ich nicht brauchen. Er muß weg, die Kammer wird jauchzen.« Lassalle, der ihn bewunderte, nahm er nicht ganz richtig das Maß, indem er ihn später herablassend als einen liebenswürdigen gescheiten Kerl öffentlich anerkannte. Das Tagebuch des Gymnasiasten hat Stellen, wo man singt: Haben Sie nich den kleinen Cohn gesehn? Die Eitelkeit des schönen blonden Mannes, der vor seiner adeligen Liebsten prahlte, er werde noch mit vier Pferden lang durchs Brandenburger Tor als Präsident der deutschen Republik fahren und dabei die kümmerliche Person eines Co-Israeliten Levi aus Rodenberg brutal verspottete, der das große Wort gelassen sprach: »Ich hasse nichts so wie Juden und Literaten, leider bin ich beides«, der für Platens frostige Didaktik schwärmte, nachdem er Heine in Paris sich in Lachkrämpfen über seine Ideologie winden sah, hatte etwas Abstoßendes. Doch die echte Genialität und der wahre deutsche Idealismus dieser begeisterungsfähigen Natur, deren »aristokratische« Genußsucht doch kein Opfer für seine Ideale scheute und nie den kleinsten Gewinn von seinem Eintreten für die Enterbten zog – ließ er davon ab, stand ihm jede Laufbahn offen, sei es als Führer der Liberalen, sei es als Mitarbeiter Bismarcks – rechtfertigen es, daß auch er in die Unsterblichkeit einging. »So gehen wir den Pfad, den uns geführt Lassalle«, die Arbeitermarseillaise verewigt sein Gedächtnis. Daß er vorzeitig einen törichten Tod fand, mochte für ihn ein Glück sein nach dem Gesetze des Karma. Daß Bismarck einen wertvollen Bundesgenossen verlor, war aber sicher kein Glück. – Ms der endlich Geheilte Anfang Dezember nach Berlin zurückkehrte, atmete alles auf. Im Norddeutschen Reichstage erschien er stets im blauen Rocke des Königs. Seine Gebärden kannte jeder, sein Umherspähen mit der Lorgnette, sein Drehen und Wenden eines langen Bleistiftes. Beim Reden drehte er auch manchmal die Daumen ineinander, seine Stimm« klang trocken und eintönig, seine Zunge löste sich nicht zur üblichen seichten Beredsamkeit, selbst sein unruhiges Vor- und Rückwärtstreten verriet, wie schwer er mit der Fülle seiner Gedanken rang. Doch wer aufmerksam zuhörte, ob der Gewaltige da oben auch zögerte, stockte, stammelte, sich versprach, der war betroffen von der kernigen saftigen Aussprache tiefer gesunder Urteile, dem Reichtum packender Gleichnisse, die eine dichterisch-bildnerische Plastik boten. Ähnlich wie der Korse sah er immer das Ding an sich, die innerste Natur eines Dinges, das begriff selbst der Widerstrebendste. Und wenn er vom »deutschen Volke« sprach, hatte seine einfache schmucklose Rede eine stille Wärme, der sich niemand in der Kammer entzog. Dieser schlechte Redner elektrisierte oft die ganze Versammlung zu rauschendem einstimmigem Beifallruf. Wer ihn am inneren Ausbau so emsig wirken sah, bedachte kaum, daß die Last des Auswärtigen auf seinen Schultern ruhte. Die Abrechnung mit Frankreich verschieben blieb seine Hauptsorge. Ende März hatte man einen hohen Gast, Prinz Jerome Napoleon, der schon wieder mal festes Zusammengehen mit Frankreich aufs Tapet brachte, diesmal wegen Wirren in der Türkei. Otto war die Verbindlichkeit selbst, ließ aber sofort durchblicken, daß er passives Zuschauen vorziehe, wenn hinten weit in der Türkei die Völker aufeinander schlagen. Preußen habe dort keinerlei Interessen. Dem Militärattaché Colonel de Stoffel empfahl er zutraulich, die Berichte des Generals Moltke zu studieren, der einst in Militärmission die Türkei bereiste. »Dieser Essai, in klassischem Stile geschrieben, verdient Übersetzung ins Französische.« Innig erkundigte er sich, ob die herrliche Cäsarbiographie, deren Anfänge schon um sieben Jahre zurückgingen, vom fränkischen Cäsar vollendet sei, der einem Tribunal von Gelehrten mit gleicher Würde vorstand wie dem europäischen Areopag. Aber von Bündnis keine Spur. »Er will uns mit Rußland brouillieren«, lachte er sich vor Keudell aus. »Dieser vielschlaue Ulysses, dieser erfinderische Macher! Ich will mir den Zaren warm halten, solange es irgend geht. Armer Louis! Bei jeder Gelegenheit läßt er durch Benedetti beteuern: Tu was du willst mit Deutschland, ich halte still. Er will sich nicht schlagen, ich auch nicht, wenn ich nicht muß. Doch seine Senatoren und Deputierten erheben ja ein nie endendes Geheul, bei dem man nicht unterscheidet, ob es von Tigern oder Schakalen stammt.« »Die so gemäßigte Nationalzeitung sagte neulich, daß nur Deutsche so freche Provokationen ertragen, nur Franzosen eine solche prahlerisch beleidigende Sprache führen könnten. Diese Presse zeige, daß die Gallier noch nicht zivilisiert seien.« »Das trifft zu, falls man äußere Zivilisierung von höherer Kultur trennt. Ihr Charakter ändert sich nie. Endlich erlebe ich, daß die Deutschen von ihrer elenden Affenliebe für dies kokette Schlangengewürm geheilt sind. Doch nächstens fangen sie wieder an, und wenn sie die Schlange unter den Fuß treten, zertreten sie ihr nicht den Kopf, sondern singen wehmutvoll: Wenn ich dich liebe, was geht's dich an!« Trotz seiner Abgeschlossenheit empfing er im Juni einen französischen Journalisten, der ihn geistreich über den Widerspruch interpellierte, er wolle Deutschlands Verfassung auf allgemeines Stimmrecht gründen, dagegen die preußische Kammer selbstherrlich regieren. »Man hält Ihr geplantes Nationalparlament in Paris für eine bloße Kriegsmaschine, die Sie zerbrechen würden, nachdem Sie sich ihrer bedienten.« »Ah, Sie gehen der Sache auf den Grund. Bei Ihnen erfreue ich mich der gleichen Unpopularität wie daheim. Ich bin der Sündenbock der öffentlichen Meinung, doch verfolge mit ruhigem Gewissen mein Ziel. Man macht mich allein verantwortlich, und doch habe ich die mir auferlegte politische Situation nicht geschaffen, sondern mich ihr anbequemt.« »Wie darf ich das verstehen?« »In Frankreich wird der gesellschaftliche Körper von gleichem Gefühle belebt, in Deutschland und besonders in Preußen herrscht die Individualität, die alles persönlich beurteilt, nie sich der Masse unterordnet. Der Deutsche hat das Bedürfnis der Kritik und Opposition. Man zeigt ihm eine offene Tür, die verschmäht er und bricht ein Loch in die Mauer. Eine Regierung stelle an, was sie will, sie wird nie populär sein. Selbst bei Friedrich des Großen Tod rieb man sich die Hände, und doch verehrte man ihn, wie überhaupt die Hohenzollern. Ruft der König gegen das Ausland, gehorcht alles wie ein Mann.« »Wirklich? Man behauptet, Herr Minister, auch bei Ihnen könne Unzufriedenheit zu offener Empörung führen.« »Unsinn! Ich allein bin in den Augen solcher Leute der böse Mann, ich ertrage es gern, weil alle den König ehren und achten. Ein Preuße, der von der Barrikade nach Hause käme, würde von seiner Frau eine nette Gardinenpredigt erleben, doch als Soldat schlägt er sich wie ein Löwe für sein Vaterland. Die Armee ist die einzige disziplinierte Gewalt, und sie paßt wunderbar zum deutschen Charakter. Denn der gleiche Individualismus, der ihn zu einem Raunzer macht, wie die Wiener es nennen, und der doch nur eine Folge seiner nachdenklichen Geisteskraft ist, befähigt ihn zu verständnisvoller Unterwerfung unter das Gesamtwohl.« »Sie sind der erklärte Feind Österreichs?« »Nicht mehr. Ich habe jetzt, was ich wollte.« »Die Einigung Deutschlands unter preußischer Ägide?« »Norddeutschlands. Nur darum handelt es sich. Ich habe viele feindselige Einflüsse zu bekämpfen. Doch ich setze Leib und Seele ein, um mein Ziel zu erreichen, Exil und Schafott haben keinen Schrecken für mich.« »Doch das allgemeine Stimmrecht, ein ganz demokratisches Prinzip, widerspricht doch dem Standpunkte des Königs von Gottes Gnaden.« »Sie verkennen den König. Daß ich von Natur der geborene Feind nationaler Volksvertretung sei und Deutschland mystifizieren wolle, ist eine willkürliche Verleumdung.« * Sylvesternacht zum neunten Jahre des sechzigsten Jahrzehnts. Otto befand sich zur Jagd in Holstein bei einem Grafen Schimmelmann in Ahrensburg, als just vor seiner Abreise 200 Pechfackeln hell im Schloßhofe flackerten. Viele Hunderte Holsteiner wogten heran, 60 Berittene begleiteten ein Musikkorps. So bezeugten die Holsteiner ihrem Befreier, daß sie ihn verstanden und nicht nur Deutsche, sondern Preußen bleiben wollten. Hocherfreut hielt er eine Ansprache. »Ich sehe darin den Beweis, daß das Gefühl des Zusammengehörens mehr und mehr zur Wahrheit wird. Zusammengehört als Deutsche haben wir ja immer, wir waren stets Brüder, wir wußten es nur nicht. Gemeinsam ist uns allen im Norden das liebe Plattdeutsch von Holland bis zur Weichsel. Wir sind es uns auch bewußt, haben es früher nur nicht gesagt, daß wir alle deutsche Brüder sind.« Dreimaliges Hoch, und der ganze Zug geleitete ihn zum Bahnhofe, die Bauernvögte der Reiterschar schwenkten den Hut zu begeistertem Heilrufe, als der Gefeierte abfuhr. Solche freiwilligen Huldigungen verständnisvoller Würdigung trösteten ihn über vieles, schlossen die Wunde vergangenen Leides und erfüllten ihn mit frischer Kraft. Die kerndeutschen Holsteiner empfanden, daß dies lebhaft bewegte Gesicht mit der hohen breiten Stirn gerade das ausprägte, was ihrer Stammesart entspricht: zähe Beharrlichkeit, verbunden mit sehr viel Wohlwollen. Die Union hatte, wie bei ihr üblich, als Botschafter einen Gelehrten nach Berlin geschickt, den trefflichen Historiker Bancroft, bei dem bald die geistige Elite Berlins ein und aus ging. Am 4. März fand bei ihm ein Festessen statt, um den Präsidentschaftsantritt des Generals Grant zu feiern. Der Kanzler unterließ nicht, in einem zündenden Trinkspruch die Bedeutung der alten herzlichen Beziehungen der Vereinigten Staaten zu Preußen hervorzuheben. Friedrich der Große habe zuerst deren Unabhängigkeit anerkannt. (Wie er selbst zuerst der Union im Bürgerkriege seine Freundschaft ausdrückte.) Bancroft führte ihn und die anderen Gäste ins Rauchzimmer, da prangten die Büsten des großen Königs und Washingtons, umrahmt von den Nationalfarben. Eine Musikkapelle spielte Hail Columbia und Heil dir im Siegeskranz, das Sternenbanner grüßte preußische Fahnen. Otto dachte bei der Zigarre heimlich nach, ob man Amerika wohl gegen England ausspielen könne. Doch schlimmer Zweifel beschlich ihn. Blut ist dicker als Wasser, Sprache und gemeinsame Abkunft knüpfte die Anglo-Amerikaner doch stets ans Mutterland und der Ausdruck »going home « für Reise nach England sagte viel. – Ottos Gesundheitswiederherstellung hatte im Februar einen leichten Stoß erlitten durch kurze Entfremdung mit dem König, den er wie einen Vater liebte, dem er aber die Günstlingschaft des unmöglichen Gesandten Usedom in Florenz nicht nachsehen konnte. »Ich beantrage die Abberufung eines so unbrauchbaren Beamten, um nichts Schlimmeres zu sagen. Schon vor dem großen Kriege hat der nur Dummheiten und Pflichtwidrigkeiten begangen, jetzt ist das Maß voll. Er schwänzt den Dienst ganze Wochen und Monate und läßt seine Sekretäre auf Blanketts mit seiner Unterschrift Unterredungen mit Ministern protokollieren, die er nie sprach. Das ist geradezu Fälschung. Solche bedenkliche Aufführung kann ich im Interesse des Dienstes nicht länger dulden und ersuche Eure Majestät, den Herrn zur Disposition zu stellen.« Der König geriet in große Verlegenheit. Wie durfte er gegen einen hohen Freimaurer seine geradezu religiöse Bruderpflicht verletzen! Er lehnte ab, worauf Otto unverzüglich die Geschäfte niederlegte und seine Entlassung forderte. »Meine persönliche Liebe zu Eurer Majestät muß ich dem Staate opfern, das ist meine Pflicht.« Sehr bald erschien Kabinettsrat Woermann mit einem Handschreiben des liebenswürdigen edlen Greises, der ihn freilich auch in einer anderen Angelegenheit gekränkt hatte. Der Magistrat von Frankfurt a. M. hatte sich nämlich Anfang Februar an den König herangemacht, um eine Ausführung zu strenger Maßregeln zu hintertreiben. Seine grenzenlose Gutmütigkeit und Großmut hatten sich breitschlagen lassen, an die so preußenfeindliche Stadt 200 000 Gulden für angebliche Ansprüche aus der Staatskasse zu überweisen. Wenn alle Schädlinge so fortfuhren, sich hinter den Monarchen zu stecken und zu verkriechen, schien ein gedeihliches Fortwirken des Ministeriums gefährdet. »Mein größtes Glück ist es ja, mit Ihnen zu leben und fest verbunden zu sein! ... Ihr Name steht in Preußens Geschichte schöner als der irgendeines Staatsmannes. Das soll ich lassen? Niemals. Ihr treuester Freund W.« Wann schrieb je ein Monarch von selbst festem Willen und klarer Einsicht so an einen Minister! Nur ein Elender kann darin Schwäche erblicken, diese zärtlichen Worte duften von Blüte hohen Menschentums. Gleich darauf langte ein Brief Roons an, der am Abend zuvor mit Otto Rücksprache nahm und ihm zurief: »Fassen Sie Ihre Antwort so, daß Einlenken möglich bleibt. Sie dürfen nicht die Schiffe hinter sich verbrennen. Ganz Europa würde Sie auslachen, daß Sie Ihr Werk einer noch so berechtigten Empfindlichkeit opfern. Man wird schadenfroh jubeln: er verzweifelte an Vollendung, darum ging er.« »Ob man meine Motive würdigt, kümmert mich nicht. Sie verweisen auf dies treuherzig zärtliche Billett. Doch ist es Wahrhaftigkeit?« »Es macht den Anspruch darauf. Das dem vollgültigen Golde beigemischte Kupfer der falschen Scham ist auch nicht falsche Münze. Verehrter Freund, Sie kennen meine unwandelbare treue Ergebenheit und Anhänglichkeit für Ihr Wirken und Ihre Person. Seien Sie vernünftig! Die Stellung des hohen Schreibenden erlaubte ihm nicht, ohne weiteres zu bekennen – er will und kann es nicht –, daß er sehr unrecht tat und sich bessern wolle.« In diesem mehr als offenen Tone sprach sich Roon auch schriftlich über die Sache aus. Diese wahrhaft patriotischen starken Männer kannten eben nie Byzantinismus, für sie war ihr König nur der Staat, das Vaterland, und wenn dem letzteren durch ersteren ein Schaden zu kommen drohte; nahmen sie nie ein Blatt vor den Mund. Otto zog seine Demission zurück, der König aber erwies aufs neue sein echtes Gold. »Dank, herzlichen Dank, daß Sie meine Erwartung nicht täuschten,« daß der grollende Achilleus »meinen Vorstellungen Gehör geben würde«. Er verteidigte und entschuldigte sein Verhalten wie unter Gleichgestellten, und sein ausführlicher Brief nimmt entschieden für die Auffassung ein, daß keineswegs, wie die beiden Minister es auslegten, Eigenmächtigkeit und irgendwelche Zweideutigkeit vorlagen. Wenn Otto die Amtsenthebung des Unterstaatsekretärs Sulzer und des Usedom forderte, so fiel es dem König allerdings schwer, letzteren zu entfernen, aber daß er dabei sich zu spröde gezeigt habe, war Übertreibung. Er bewies sich sorglich darauf bedacht, Ottos Arbeitsüberbürdung zu mildern. Er begreife, daß dieser sich müde und erschöpft fühle. Er fühle es ja selber nach, »kann und darf ich deshalb daran denken, mein Amt niederzulegen? Ebensowenig dürfen Sie es. Sie gehören sich nicht allein sich selbst an, Ihre Existenz ist mit Preußens, Deutschlands, Europas Geschichte zu eng verbunden, als daß Sie sich von einem Schauplatz zurückziehen dürfen, den Sie mit schaffen halfen. Vor allem zweifeln Sie nicht an meiner unauslöschlichen Dankbarkeit! Ihr Wilhelm.« Der abgesägt Usedom wurde ohne Disziplinaruntersuchung zur Disposition gestellt. Otto bekam seinen Willen. Da stieg ihm die Reue auf, daß er dem lieben alten Herrn, den im Grunde nur seine Gewissenhaftigkeit bestimmte, solche Ungelegenheiten machte. Selbst in dieser Episode offenbart sich Wilhelm der Gerechte nicht nur als Mustergentleman, sondern auch als wahrhaft weiser Regent. Im Mai genoß Otto wieder mal eine Anbohrung durch Benedetti, der letzthin eine unheimliche Geschmeidigkeit entwickelte, was auf lichtscheues unterirdisches Minieren schließen ließ. »Ich komme soeben von Paris,« begann er mit einer gewissen Feierlichkeit, »da der Kaiser mich einer persönlichen Rücksprache würdigen wollte, um meine Schritte zu lenken in jener schwierigen Angelegenheit, über die ich schon mit Ihnen zu reden die Ehre hatte.« »Ja, Sie nahmen einen Extrazug hin und zurück,« versetzte der Kanzler trocken. »Darf ich fragen, was es so Eiliges gibt?« »Bei den Wirren in Spanien scheint Marschall Prim, der Premier und Reichsverweser, dringender als je die Neuwahl eines Königs zu wünschen und klopft bei allen Höfen an.« »Es hält schwer, der verflossenen Königin Isabella einen würdigen Nachfolger zu finden, einer Besitzerin der goldenen Tugendrose Seiner Heiligkeit,« lächelte der Protestant sarkastisch. Der unglaubliche Pio Nono, der jetzt auf seine Unfehlbarkeitserklärung hinsteuerte, beging früher auch die Unglaublichkeit, der geilen dicken Messaline in Madrid als einer besonders treuen Tochter der Kirche ein Keuschheitspatent zu verabreichen und seinen päpstlichen Segen über ihr gesalbtes Dirnenhaupt zu ergießen. Das bei solcher monarchischen Verrottung sehr begreifliche Republikanertum unter Führung Castelars konnte nur durch Einsetzung eines anständigen ausländischen Prinzen auf den Thron beider Castilien gedämpft werden. »Mich deucht, der Duc de Montpensier, Sohn Louis Philipps, dürfte dem Kaiser der Franzosen als Nachbarkönig nicht gerade genehm sein. Die Dynastie Orleans könnte sich sonst wieder über die Pyrenäen hinaus bemerkbar machen.« »Eure Exzellenz wissen, daß man in Spanien auch eine andere Kandidatur ins Auge faßt, die des preußischen Prinzen Leopold Hohenzollern.« »Pardon, das ist eine Verwechslung, für Ausländer verzeihlich wegen der Namensgleichheit. Prinz Leopold ist kein preußischer Prinz.« »Wie? Er ist preußischer Oberst, sein Bruder fiel bei Königgrätz, sein anderer Bruder Friedrich dient bei den Gardedragonern als Rittmeister. Auch sein Bruder Karl, preußischer Gardeoffizier –« »Gut informiert!« unterbrach der Kanzler. »Aber nicht gut genug. Preußische Offiziere, doch nicht Prinzen des regierenden Hauses.« »Nun ja, eine Seitenlinie, Hohenzollern-Sigmaringen.« »Auch das nicht mal, wirkliche Verwandtschaft wird von Heraldikern geleugnet. Ebenso gut können Sie den Fürsten Hohenzollern-Hechingen, der als österreichischer Korpschef bei Aspern und Wagram focht, einen preußischen Prinzen nennen. Das königliche Haus Hohenzollern-Brandenburg hat nicht die mindeste Blutsverwandtschaft mit den anderen Trägern des Namens.« »Das sind Subtilitäten, die man in Frankreich nicht versteht. Der alte Fürst Anton Hohenzollern war ja sogar einer Ihrer Vorgänger als Ministerpräsident.« »Woraus Sie auf die Richtigkeit meiner Angaben schließen müssen, denn in keinem Staat, besonders keinem Verfassungsstaat, macht man einen Prinzen der Monarchie zum Premierminister. Übrigens sind die Fürsten Sigmaringen fromme Katholiken, also schon hierdurch gänzlich vom preußischen Königshause verschieden.« »Mein Gott, in Deutschland nimmt man das nicht so genau. Der König von Sachsen ist katholisch, sein Land protestantisch. Wir Franzosen verstehen so etwas nicht, wir kennen das Wort Henri Quatres: ›Paris ist eine Messe wert‹. Und Fürst Anton lebt in Düsseldorf und trat sein Fürstentum an König Wilhelm ab als dem Senior seines Hauses.« »Sie irren doppelt. Nur die Souveränität seines Privatbesitzes zedierte er an Preußen als dem Schirmherrn deutscher Einheit. Ein leuchtendes Beispiel alldeutscher Vaterlandsliebe, das freilich keine Nachahmung fand. Bei heutiger Ordnung der Dinge fiel Sigmaringen obendrein an Württemberg, an das Sie sich wenden sollten, wenn Sie amtlich mit Fürst Leopold zu tun haben.« »Nur mit Ihnen«, rief der Franzose ungeduldig mit erregter Stimme. »Glauben Sie, man würde unseren Kammern solche verwickelte Familien- und Rechtsverhältnisse begreiflich machen?« Otto zuckte die Achseln. »Bin ich berufen, unzureichende historisch-geographische Kenntnis zu belehren, wie sie den Franzosen eigentümlich ist?« »Sie schweifen ab, kommen wir zur Sache! Der Kaiser sagte mir wörtlich: ›Die Kandidatur Montpensier ist antidynastisch, sie verletzt nur mich, ich mag sie dulden. Die Kandidatur Hohenzollern ist hingegen antinational, Frankreich wird sie nicht dulden, man muß dem vorbeugen.‹ Ich darf wohl annehmen, daß Sie mit dem König und Fürst Anton, der hier war, den Fall diskutierten.« »Das verhehle ich nicht. Und zwar ging ich davon aus, diese Kandidatur sei schwerlich im deutschen, wohl aber im französischen Interesse. Denn gerade die Familienverwandtschaft liegt einzig nach der Seite des Hauses Napoleon. Seine Großmutter väterlicherseits war Antoinette Murat, seine Mutter war eine Tochter der Großherzogin Stephanie Beauharnais von Baden, meiner alten Gönnerin. Sie werden in der Genealogie der kaiserlichen Familie wohl so bewandert sein, Herr Botschafter, um zu wissen, daß Prinzeß Stephanie Napoleon die rechte Kusine der Mutter Ihres Kaisers war. Die Gemahlin Prinz Leopolds ist die Schwester der Königin von Portugal. Er ist also durchaus blutsverwandt mit nichtdeutschen Häusern.« »Ach, das sind Nebendinge. Für uns bleibt er ein preußischer Prinz und Oberst, der jedenfalls ganz unter Ihrem Einfluß steht.« »Ich kenne ihn nicht einmal und wüßte wirklich nicht, was für uns dabei herausschauen sollte. Sie haben ohnehin keinen Grund zur Beunruhigung. Diese Kombination wird sich nie realisieren. Ich wünsche dem Duc de Montpensier alles Glück.« »Würden Sie uns die formale Versicherung geben, daß der König in keinem Falle dem Prinzen Annahme der Kandidatur erlauben wird?« »Seine Majestät hat nichts zu verbieten und zu erlauben, da dieser mediatisierte Prinz sein eigener Herr ist und in seinem Privatbesitz nicht mal der Jurisdiktion Preußens untersteht. Preußen hat an der ganzen Frage kein Interesse.« »Erlauben Sie,« brauste Benedetti ein wenig auf, »das sind ausweichende Phrasen, die nicht befriedigen. Wir –« » Wir – erlauben Sie , Herr Botschafter – machen keine Phrasen«, unterbrach ihn scharf der Recke, den man schon jetzt den Eisernen Kanzler nannte. »Sehe ich danach aus, als ob ich gern auswiche? Aber wozu über ungelegte Eier ein Kikeriki erheben? Der gallische Hahn hat gewiß eine sehr durchdringende Stimme und ist als Kampfhahn gefürchtet. Aber Hahnenkämpfe für nichts und wieder nichts sind nur in England gestattet. Der Prinz würde schwerlich annehmen, selbst wenn das Angebot dringend wäre, was bisher fehlt, wie Ihnen nicht unbekannt.« »Erlauben Sie! Ein Spanier hat eine Broschüre veröffentlicht, worin er diese Kandidatur vor allen anderen empfiehlt und nur bedauert, der Name werde für spanische Zungen schwer auszusprechen sein.« Otto lachte gemütlich. »Franzosen und Italienern geht's nicht besser, sie machen sich deutsche Land- und Städtenamen lateinisierend mundgerecht. Wer soll im italienischen Monaco erkennen, ob dies Spielhöllenparadies oder die Hauptstadt Bayerns gemeint? Wie würden die Franzosen lachen, wenn die Deutschen Bordeaux aussprächen, wie es geschrieben wird, etwa Bordeochs nach französischer Schreibweise! Oder wenn wir für Paris beliebig Parizel sagen würden? Sie aber nennen Köln ruhig Cologne, Regensburg Ratisbonne und sprechen Berlin mit Nasalton aus. Und die Engländer? Sie sprechen Calais wie Caläs, Paris wie Pärris, Berlin wie Börlin, alles mit Akzent auf der ersten Silbe, München wie Mjuhnik. Nur der Deutsche hat Bildung genug, der ausländischen Sprache ihr Recht zu lassen. Bloß im Italienischen nimmt er sich Freiheiten, nennt Milano Mailand, Venezia Venedig, Firenze Florenz, Napoli Neapel, letztere zwei Namen mit Anklang an frühere lateinische Bezeichnungen Florentia, Neapolis, ersteres wegen der alten Herrschaft des deutschen Reiches in Oberitalien. Bei den Engländern gebe ich ja zu, daß sie selber kaum wissen, wie sie aussprechen sollen. In unseren Schulen lehrt man Londen für London, und so sollte es heißen – Londres im Französischen ist ganz verfehlt –, aber jeder Engländer spricht Land'n, ja nicht mal das, sondern verschwommen Lan'n, im Dialekt Lun'n.« Solche etymologische Ergießung trug der Kanzler mit geläufiger Zunge vor, zur höchsten Erbosung Benedettis. »Ungemein interessant, jedoch sind wir nicht hier für Sprachstudien. Prinz Leopold –« »Ist zurzeit in seiner Garnison, wenn Sie sich nach seiner Adresse erkundigen wollen.« Otto stand bolzengerade auf und sah auf die Uhr. »Himmel! Die Reize Ihrer Unterhaltung lassen mich ganz vergessen – eine dringende Konferenz erwartet mich.« Benedetti zog wie ein begossener Pudel ab, bitterböse. Er schrieb nach Paris, Bismarck sei nicht offen gewesen, habe etwas Schlimmes in petto, habe sich sorgsam vor bindender Erklärung gehütet, führe allerlei im Schilde, schaue nach Vorteilen für seine deutsche Politik wegen Vakanz des spanischen Thrones aus. Da es aber von der Kandidatur still wurde und andere Kombinationen auftauchten – italienische Prinzen, Herzog von Aosta, Graf von Turin –, so ließ Napoleon die Sache ruhen, da ihn nähere Sorgen beschäftigten. Im wunderschönen Monat Mai sprangen ihm neue Hoffnungsknospen, es war in seinem Herzen die Liebe zu Rom aufgegangen, wie immer eine Liebe zum Fressen. * Während der Landtag mit den Ministern Eulenburg und Mühler in Fehde lag, erwarb sich der von Bismarck als neuer Finanzminister eingesetzte Präsident der Seehandlung, der altliberale Camphausen, das Wohlwollen des Hauses, indem er ein angebliches Defizit in Überschüsse verwandelte. Auf der Stelle hörte Virchow das Gras auf seiner Wiese wachsen und beantragte Einschränkung der Militärausgaben sowie allgemeine Abrüstung! In Bayern hatte Hohenlohe es schwer, sich gegen den klerikalen Ansturm zu halten. In Württemberg gelangte erst nach langen Kämpfen, wobei ein Abgeordneter Mayer die Monarchien »wie andere Feudallasten« abschaffen wollte, ein preußischgesinntes Ministerium ans Ruder. Gegen den Antrag Bamberger auf Münzeinheit polterte gerade ein Württemberger Zolldeputierter Becher, der unverfroren als Aufgabe der süddeutschen Fraktion bezeichnete, die Verpreußerung, d. h. das Einigungswerk, zu verpfuschen. Daß der Staatsleiter seine auswärtige Politik mit größter Heimlichkeit betrieb und Blaubücher im englischen Stil als eine Quelle des Unfriedens bezeichnete, lag den Unentwegten schwer im Magen. Und daß Moltke öffentlich die Bildung einer so starken Großmacht, daß sie in Europa Frieden gebiete, durch ein geeintes Deutschland in Aussicht stellte, befriedigte viele nicht. Für Preußens jetziges Ansehen zeugte die auf Bismarcks Anregung berufene Konferenz in der wieder mal brennenden Kreta-Frage. In Paris hatte man zurzeit andere Sorgen, die Radikalen rüttelten heftig an den freiheitsmörderischen Grundlagen des Empire, bis der schlaue Louis ein sogenanntes Volksplebiszit für sich zusammentrommelte und das Vermittelungsministerium Olivier zu einem Hofsatellitentum umschweißte. »Gramont Minister des Auswärtigen?« Otto zog die Stirn in Falten. »Das endet nicht gut. Und Thiers für gesteigerte Rekrutenaushebung? Sturmzeichen.« Die römische Frage erregte schon lange die Gemüter, seit die französische Besetzung des Kirchenstaates »die Wunder von Mentana« des Chassepot an Garibaldis Rothemden probierte. Die Italiener tobten heftig gegen den »Befreier« Napoleon, der doch in Rom ihnen den Daumen ins Auge drückte. Zu geheimer Freude Ottos, der Viktor Emanuels französische Neigungen kannte und außerdem wußte, wie wenig dieser bigotte Katholik die antipäpstliche Gesinnung seines Volkes teilte, entfremdete sich das Kabinett von Florenz von Frankreich. Die Gefahr, es als Bundesgenossen eines französischen Angriffes fürchten zu müssen schwand also sichtlich. »Der Kaiser wünscht eine Sanktion seiner römischen Stellung durch Europa«, begann Benedetti zu sondieren. »Sie hörten ja früher schon den Minister Rouher in der Kammer: ›Niemals!‹ Niemals werden wir den Schutz Seiner Heiligkeit aufgeben.« »In solchem Falle finde ich keinen Nutzen in einer Konferenz, die dauernd Italien von Rom ausschließt, der natürlichen Hauptstadt, wohin es nie zu streben aufhören wird. Solche Nationalfragen werden gemeinhin nicht auf dem Papiere gelöst, sondern auf dem Schlachtfelde.« »Die deutschen Katholiken würden Ihnen grollen, wenn Sie Kirchenschändung befürworten würden.« »Ganz Ihrer Meinung. Ich habe daher Emissäre Garibaldis und Bevollmächtigte des Königs von Italien abschlägig beschieden.« »Ah!« Benedetti staunte über diese Indiskretion, die natürlich einem bestimmten Vorsatze folgte. »Dies ist offiziell? Darf ich davon Gebrauch machen?« »Das würden Sie, verehrter Kollege, auch ohne meine Erlaubnis. Ich sympathisiere mit jeder Einheitsidee, noch mehr aber mit Klarheit auf dem politischen Schachbrett. Ich wasche meine Hände in Unschuld, weit weg von Rom. Das war immer für Deutschland ein ungesundes Klima.« Benedetti zerbrach sich nicht lange den Kopf. Aha, er will uns unterrichten, daß alle Parteien jenseits der Alpen ihn umwerben und er dort leicht Allianz gegen uns fände. »Irre ich nicht, ist auch Seine Majestät König Wilhelm für Unabhängigkeit des Papstes eingenommen.« »Ihre Majestät die Königin sicher«, bestätigte Otto trocken. »Auch ich verehre Seine Heiligkeit als einen großen politischen Faktor. Leider gibt es für das vorwiegend protestantische Norddeutschland hier kein Pro und Kontra. Ich fürchte, England und Rußland denken ebenso.« »Ich aber fürchte,« bemerkte der Franzose spitz, »daß der Kaiser hierin nur Ihren Willen sehen wird, uns nirgendwo entgegenzukommen und uns jede Kompensation zu verweigern.« »Kommen Sie schon wieder mit diesem Kapitel, lieber Graf? Ich dachte, das wäre geschlossen, nachdem wir uns über Luxemburg so schön geeinigt.« »In Ihrem Sinne. Sie nennen das schön? Ah, schade! Unsere Einigung in der römischen Frage würde entschieden eine Entspannung unserer etwas lockeren Beziehungen herbeiführen.« »Ei, besteht denn eine Spannung? Davon weiß ich nichts.« Benedetti biß sich auf die Lippe. »In jedem anderen Falle würde ich lebhaft begrüßen, daß wir uns in alter Freundschaft die Hände reichen. Doch wie sagt man in Rom? Non possumus .« »Wirklich schade! Beiläufig, darf ich Sie daran erinnern, Herr Minister, daß ich schon zweimal die Ehre hatte, Sie um Rückgabe jenes Geheimvertrages zu ersuchen, den Sie mir suggerierten und dessen Niederschrift in Ihren Händen blieb?« Otto gähnte leicht. »Bester Graf, ich vergesse so leicht solche unbedeutende Nebensachen im Drange meiner Geschäfte. Ich werde Legationsrat Tiedemann beauftragen, danach zu suchen. Die Schrift wanderte wohl irgendwohin unter einen Wust anderer Papiere, jedenfalls ist sie verlegt und nicht zur Hand. Vielleicht verbrannte ich sie auch, ich erinnere mich nicht mehr.« Ein leichtes Erblassen flog über das glatte Gesicht des fremden Diplomaten. »Allerdings wäre dies wohl das Richtigste und ... Ehrenhafteste. Die Sache war rein vertraulich zwischen uns, und da sie längst illusorisch und ohne Unterschrift, hat sie ja auch gar keinen amtlichen Wert.« »Sie sagen es. Übrigens ›ehrenhaft‹ das ist doch eigentlich kein diplomatischer Begriff. In der Politik ist ehrenhaft, was zur Ehre des eigenen Staates gereicht. A la guerre comme à la guerre, all is fair in love and war . Haben Sie denn gar keine Kopie behalten? Solche Schrift hat doch wenigstens archivalischen Wert.« »Eine Kopie anzufertigen hielt ich für unnütz, da es sich ja nur um eine Vorlage, eine Kladde handelte.« »Da bin ich vorsichtiger, teurer Kollege. Ich nehme von allen Korrespondenzen Abschriften. Da muß man nicht so nachlässig sein. Nun auf Wiedersehen! Wir bleiben wie immer im besten persönlichen Einvernehmen.« Er wird doch nie die Sache benutzen wollen? dachte Benedetti. Unsinn, ich würde formell dementieren, wenn er je so was in einer Note andeutet. Zornig schrieb er nach Paris: »Sein einziges Verlangen ist, uns in Rom festzuhalten, um unsere freie Hand am Rheine zu lähmen.« Vernünftig depeschierte er ein andermal: wenn Bismarck diese goldene Gelegenheit zur Aussöhnung verschmähe, so sei damit durchaus nicht gesagt, daß er wie die ganze übrige Welt diesseits und jenseits des Rheines den Krieg für unvermeidlich halte. »Im Gegenteil möchte er, irre ich nicht, dem Konflikt ausweichen. Doch er beachtet die Möglichkeit eines solchen infolge seiner deutschen Politik, und all seine Berechnungen ordnet er dem unter.« Er tue alles, um sich bei Rußland einzuschmeicheln, und nicht umsonst habe er, der als Eremit in seinem Arbeitskabinett sich abschließe, das Bankett bei Bancroft mit seiner Gegenwart beehrt und General Grant verherrlicht, um sich Zuneigung jenseits des Weltmeeres zu sichern. Hessen-Darmstadt flog ein Donnerwetter an den Kopf, weil es untertänigst Napoleons Konferenzvorschlag annahm, wozu es kein Recht habe, weil ein Teil des Ländchens zum Norddeutschen Bund gehörte. Tatsächlich hintertrieb er den neuen Streich seines lauernden Rivalen an der Seine. Aus der Konferenz wurde nichts, Rom blieb besetzt und Italien verärgert. Die Erbitterung der bösen Nachbarn wuchs. Baden befahl sofortige Arretierung eines jeden Fremden, den man zeichnend treffe, denn französische Offiziere in Zivil durchstreiften die Rheinlande. Ducrot, Gouverneur von Straßburg, inspizierte das badische Rheinufer. Die französische Spionage arbeitete so gut, daß im April vorigen Jahres ein Hauptmann Samuel einem Inkognitoreisenden auf Schritt und Tritt folgte, der eine strategische Spritztour längs der Lothringer Grenze machte, Saarbrücken, Saarlouis, das Moseltal besichtigend. Sein Name war Moltke. Und zu Anfang des neuen Jahres las der Premierminister eine Winterarbeit des Großen Generalstabes über Invasion Frankreichs. Einer Deputation Kieler Professoren antwortete der König schon früher, seine Armee werde den Fehdehandschuh aufnehmen, wenn man sie zwinge. Aber Otto sann darüber, ob der unselige Unheilstifter nicht selbst ein Gezwungener sei in Banden seiner wetterwendischen Nation, die ihm ihre Gunst entzog und die er nur noch mit Gewaltmitteln an sich fesseln konnte, mit einer blendenden Gloire. Eigentlich lag ihm ein so frohes Säbelrasseln nicht. Ein geborener Verschwörer, konspirierte er sein Leben lang, mit dem einen Minister gegen den anderen, mit Deputierten gegen die Minister, mit dem einen Staate gegen den anderen. Es gehörte zu seiner sanften katzenpfotigen Hartnäckigkeit, daß er jeden reden ließ, jedem guten Willen versprach. Daß er auch jetzt konspiriere, ahnte der Preuße. Wohl kannte er nicht die Reise des Generals Lebrun nach Wien, nicht den gemeinsamen Kriegsplan des Erzherzogs Albrecht. Doch daß Napoleon sich mit Beust verschwöre, setzte er als sicher voraus. Dagegen gab es nur eins: Rückendeckung durch Rußland, das schon langsam seine Fühler ausstreckte, um den Schwarze Meer-Vertrag zu zerreißen. Als die Neujahrsglocken das Jahr 1870 einläuteten, wetterleuchtete es überall, und doch mag ein Gewitter sich ja verziehen. Ein großes Friedenswerk ward vollzogen, Vertrag mit Italien über die Gotthardbahn, die beide Länder unmittelbar verbinden sollte. Dies Maigeschenk an ganz Europa fachte das Mißfallen der Großen Nation erst recht an wie ein Eingriff in die moralische Weltordnung, da nur sie, die besagte vorzugsweise große Nation, der Zivilisation voranmarschiert und Kulturwerke von armseligen Deutschen als unerlaubten Wettbewerb eines barbarischen Hunnenvolkes verpönt. Doch die Sauerkrautfresser reagierten nicht auf die pöbelhaften Schimpfworte der so fein zivilisierten Pariser Presse, deren Huronengeheul den Kriegsruf von Wilden beschämt, damals und immerdar die gleichen unanständigen, ungebildeten und einfältigen Narren, deren »klare« Seichtigkeit und »elegante« Schweinerei der deutsche Michel auch immer wieder als dernier cri verehren wird. »Noch nie war der Frieden so gesichert wie heute,« las Otto im Moniteur, so sprach Olivier am 30. Juni. Mir soll's recht sein! Der König bleibt in Ems, Moltke pflegt Rosen auf seinem Gute, und ich will mich ausschlafen unter den Eichen von Varzin. Er verdiente sich's redlich, denn noch im Juni hatte er ausnahmsweise den König zu seiner jährlichen Badekur begleitet, nicht um Emser Sprudel zu trinken, sondern selber einen kräftigen Heiltrunk zu brauen. Denn siehe da, wer erschien dort plötzlich? Der Zar und der russische Gesandte Oubril. Die alte Freundschaft der zwei so nahe verwandten Herrscher gab dem Wiedersehen einen sehr herzlichen Anstrich. Natürlich wollten sie nur Erinnerungen austauschen, nicht etwa eine politische Kur gebrauchen. Diese schlug aber Otto gut an, wie es schien. Auf Schritt und Tritt rannte ihm das internationale Publikum nach. »Es ist respektwidrig, wie die Leute sich herandrängen.« Der Zar machte eine hochmütig verächtliche Handbewegung, als er mit dem König auf einer Bank in den Anlagen saß. »Erlösung durch Ablösung!« lachte der prächtige alte Herr. »Da kommt Bismarck, der ist berühmter als wir!« Das Ende der kurzen Kur bestand in kräftigem Händedruck des Zaren zum Abschied vom Kanzler. »Mein kaiserliches Wort darauf, der Krieg bleibt isoliert, wir werden Österreich verwarnen, wenn Frankreich Sie angreift. Und gewinnt es die Oberhand, so interveniere ich.« Er glaubt, daß wir zum Nutzen Rußlands uns gegenseitig schwächen oder wir unterliegen werden. Glaubte er auch vor Königgrätz. Ein gutes Omen. Aufgeschoben ist manchmal aufgehoben, und für dies Jahr bleiben wir wohl verschont. Aber die Truppen in Chalons riefen ja schon: »Zum Rhein«, »Zum Krieg«, »Nach Berlin«, Adler und Trikoloren sind nicht lange mehr aufzuhalten. Das Pulverfaß ist übervoll, es bedarf nur eines Funkens. Freilich gehen wir einen schweren Gang. Doch ich kann nicht anders, Gott helfe mir, Amen. * Am 4. Juli platzte die Bombe. Vom Auswärtigen Amt kam Depesche nach Varzin: der französische Geschäftsträger (Botschafter Benedetti befand sich in Wildbad) spreche Erstaunen aus, daß Prinz Leopold die spanische Krone annahm. Antwort aus Varzin: »Die preußische Regierung weiß schlechterdings nichts von der Angelegenheit, sie existiert nicht für uns.« Abends chiffrierte Depesche von Baron Werther, Gesandter in Paris: Im Begriffe nach Ems zu reisen, sei er vom Herzog Gramont koramiert worden, er möge den schlimmen Eindruck mitteilen und den König um Zurücktreten des Prinzen ersuchen, sonst gebe es eine Katastrophe. Ob er darunter Kriegsdrohung verstände? Ja. Otto überlegte mit üblicher Schnelligkeit. Selbstverständlich kannte er die Sachlage. Marschall Prim hatte ihn keineswegs direkt in Kenntnis gesetzt, sondern diskret und korrekt mit dem Prinzen allein verhandelt, doch es blieb dem Kanzler nichts verborgen. Wirtschaftliche Vorteile könnte man wohl erlangen, auch erhöht es unser Prestige, wenn ein deutscher Prinz das Zepter Karls V. führt, wie die Pariser Presse sich pathetisch ausdrückt. Doch sonstiger Vorteil Null. Der katholische Prinz wird eben Spanier mit spanischen Interessen. Der alte Spruch von Louis Quatorze: »Es gibt keine Pyrenäen mehr!« gilt nicht für uns. Uns dafür mit Frankreich schlagen? Das wäre ein Kabinettskrieg. Deutsche sind keine Franzosen, gebläht von Dünkel und Eifersucht. Das Odium fiele auf mich zurück, als ob mein Ehrgeiz die Welt in Brand stecken wolle. Dafür sind die Süddeutschen nicht zu haben und unsere eigenen Leute würden beklagen, daß man für den innerlich gewünschten Kampf keine richtige nationale Parole finde. Ich werde nachgeben. Aber die andere Klippe der Demütigung muß umschifft werden. Auch das ist unmöglich, daß wir vor Frankreichs Drohung das Knie beugen und feig die Segel streichen. Dieser moralische Prestigeschaden wäre unersetzlich und würde uns geradeso die Süddeutschen kosten. Ich bin gottlob eins mit dem Nationalcharakter: friedliebend, langmütig, aber gefährlich tapfer, wenn man ihm in die Suppe spuckt. Laß sehen, was die Pariser machen! Einen Kriegsgrund, nach dem sie suchen, hätten sie nun. Nach Möglichkeit mußten sie den Anschein vermeiden, daß sie die deutsche Einheit stören wollen. Jetzt haben sie etwas Besseres. Was sie verlangen, ist weder neu noch unbillig, es würde auf uns sitzen bleiben, daß wir indirekt provozierten. Die Ausrede, uns gehe eine Privatentschließung des Prinzen nichts an, verfängt nicht. Ist er kein Preuße, so ist er Deutscher. Ich kann mir keine Rechenschaft geben, warum ich die Dinge gehen ließ und passiv begünstigte. Denn daß Frankreich Lärm schlagen würde, war doch nach Benedettis Erpressungsvisite vor einem Jahre klar wie Kloßbrühe. Natürlich wird man nachher behaupten, ich hätte absichtlich den Zwist gesucht. Das stimmt nicht. Wollte ich von vornherein nachgeben, um meine Friedensliebe zu offenbaren? Zweifelhaft, ich weiß es selber nicht. Ich wollte vor allem eine Chance nicht unbenutzt lassen. Fallen lassen kann man sie immer. Kann man? Das werden die Pariser zeigen. Prüfe ich mich ernstlich, so wollte ich zwar wegen dieser fremden Kabinettsfrage gewiß nicht einen Nationalkrieg, aber eine dunkle Ahnung sagte mir, daß daraus gewisse Möglichkeiten keimen könnten. Solcher Instinkt täuschte mich nie im Leben. Ausnahmen bestätigen die Regel. Wir stehen in Gottes Hand, er wird schon wissen, was er will. Also stillhalten, warten, meinethalben nachgeben, aber toujours en vendette ! – Neue Depeschen. Gramont am 6. Juli im gesetzgebenden Körper: mit aller Achtung vor Spanien wird Frankreich nicht zuschauen, wenn Preußen das Gleichgewicht Europas umstürzen will. Frenetischer Beifall. Otto roch förmlich die Depesche, die der alberne Gramont am 7. an Benedetti richtete: Die Hohenzollernregierung in Spanien würde nicht einen Monat dauern, doch wie lange dauert der Krieg, den diese Intrige des Herrn v. Bismarck verursacht? Am 9. lief eine Zirkulardepesche ein, voll von historischen Beispielen, daß die Großmächte stets verzichteten, einen ihrer Prinzen auf einen fremden Thron zu setzen. Ei, Bourbons und Habsburger in Italien! Und wer kennt nicht den Spanischen Erbfolgekrieg! »Heimlichkeit ist gut,« brummte der Mann von Varzin, »wo doch Benedetti mir vor fast 13 Monaten die Pistole auf die Brust setzte. Die Kerls werden sich in eine Rage hineinreden, ich schweige. Der Prinz ist nicht bloß ein Prinz, sondern ein Soldat. Er wird seinem obersten Kriegsherrn gehorsamst melden, daß er die Krone annehme. Der König wird den Rapport entgegennehmen und betonen, daß er selbst in dieser Privatsache seinen Obersten nicht ermutige. Ist Prim ein Soldat, so wird er die zweifellose Insinuierung des französischen Gesandten in Madrid, ich hätte mich in spanische Dinge gemischt, aufs schärfste dementieren und seinen eigenen Gesandten in Paris damit betrauen, daß das Angebot lediglich auf spanischer Seite lag und Prim nie mit mir in Verbindung stand.« So tat logischerweise der spanische Regent. Doch erzählte Argumente einem Stier, der ein rotes Tuch sieht. Es brüllt der See und will sein Opfer haben. »Eine neue Insulte des Herrn v. Bismarck!« brüllte die Kammer in Paris. Otto verfolgte kaltblütig das Weitere. Jetzt kommt Benedetti nach Ems, der übrigens in Wildbad allerlei faule Sachen treibt, um den Süden abspenstig zu machen. Soll ich nach Ems fahren? Nein. Denn da ich Krieg nicht will (noch nicht will), sind mir die friedlichen Absichten des Königs ganz gelegen. Man wird von ihm Versicherung verlangen, daß er der Sache fernstehe. Meinethalben. In seines Geistes Augen sah er mancherlei, die Bäume von Varzin flüsterten es ihm zu. Benedetti würde freundlichst empfangen werden. Darüber werden wir nicht zanken, was mein guter Franzose heimlich bezweifeln wird. Zuguterletzt wird Benedetti verlangen, daß der König, den als Patriarchen der Familie zu betrachten er ablehnt, nicht nur rät und einladet, sondern befiehlt, die Kandidatur aufzugeben. Befehlen wird der gewissenhafte König ablehnen, doch er würde den Rücktritt des Prinzen billigen. Doch solches Abraten erfordert Zeit. Gramont ist Narr genug – oder Schuft genug –, darin einen Versuch zu Zeitgewinn zu sehen. Er wird entschiedene Antwort fordern und meinen armen lieben Leisetreter Benedetti zu Unverschämtheiten reizen. Am 11. Juli weigerte sich der König in Ems, einen Druck auf Prinz Leopold zu üben. Am 12. wurde der Verzicht des Prinzen bekannt, aber durch den spanischen Gesandten in Paris. O nein, das sah ja aus, als ob der König selbst nicht vor Frankreichs Drohung gewichen sei, also depeschierte Gramont an Benedetti, er müsse vom König ein Versprechen erzwingen, daß er nie mehr solche Kandidatur gestatten werde. An diesem Tage verließ Otto sein Landgut und fuhr nach Berlin, wohin ihn ein Telegramm des Königs berief, desgleichen Roon und Moltke. Kein Vernünftiger kann also behaupten, daß König Wilhelm die wahre Absicht Frankreichs nicht begriff. Im Laufe dieses Tages geschahen merkwürdige Dinge in Ems, von wo der König am folgenden Tage abreiste. Als Otto zur Bahn fuhr, stand der Prediger von Varzin, dem er zugetan war, auf seiner Türschwelle, eine friedliche Pfeife rauchend. Beim Gruße zog der alte Göttinger Student eine Terz und Quart durch die Luft, das bedeutete Krieg. Er war nunmehr fest entschlossen, nicht zurückzuweichen. Hier lagen unbegrenzte Möglichkeiten, allen Deutschen die Drohungen und Erpressungen Frankreichs nahezulegen. Er hatte die Absicht, sogleich nach Ems aufzubrechen. Bitter war seine Enttäuschung, als man ihm Telegramme bei seiner Einfahrt in das Ministerium der Wilhelmstraße überreichte; der König fuhr also fort mit Benedetti zu verhandeln, obschon Presse und Parlament in Paris sich in Beleidigungen überboten und die Losung ausgaben: Preußen kneift. »Die Neigung Seiner Majestät, persönlich internationale Geschäfte zu behandeln,« äußerte er zu Roon und Moltke, die bei ihm zu Tisch waren, »wird uns ins Verderben stürzen. Ich weiß nicht, was heute abend oder morgen geschieht, doch Frankreich wird auf seinem Wege der Bedrohung und Provozierung nicht einhalten. Durch den Verzicht sind wir die Blamierten. Man tat also alles, um den Krieg zu verhindern, als ob wir ihn fürchteten.« »Diese Demütigung frißt mir am Herzen«, seufzte Roon. »Ist das nicht schlimmer als die Schmach von Olmütz?« Moltke sagte nichts, doch schien sehr niedergeschlagen. »Das ist also der Frieden um jeden Preis?« verlautbarte er sich endlich fast schüchtern. »Jawohl. Ich werde an die Meinigen telegraphieren, daß sie nicht einpacken, da ich morgen nach Varzin zurückkehre. Angenehme Ferien! Zugleich telegraphiere ich an den König und ersuche um meine Entlassung.« »Was?!« Beide Generale erstarrten gleichsam vor Schrecken. »Können Sie mir das verdenken? Wir haben die Ohrfeige weg und können den Flecken nicht abwaschen.« »Wir können nicht?« »Nein, wenn wir nicht als nachträgliche Händelsucher erscheinen wollen. Das paßt mir durchaus nicht. Unser ganzes seit Königgrätz erworbenes Prestige geht zum Teufel, und ein Nationalkrieg, wie er allein für uns taugt, wird heute weniger denn je aus dieser faulen Sache. Wir erkaufen, daß man uns vorerst in Ruhe läßt, mit einem erpreßten, uns aufgezwungenen Rückzuge des nationalen Ehrgefühls, das schon jetzt gekränkt ist, und ich werde eine solche Haltung nicht mit meinem Namen decken.« »Sie haben gut reden«, brummte Roon unwirsch. »Sie dürfen das. Sie haben's gut, bauen in Varzin Ihren Kohl. Uns verbietet die Disziplin, solche Folgerungen zu ziehen.« Moltke ergänzte ruhig: »Doch dürfte meine Stellung dann ebenso unhaltbar sein. Ist nach Ihrer Information die Lage unheilbar?« »Zweifellos. Der König läßt seine monarchische Person durch unverschämte Zudringlichkeit bearbeiten und außerdem vermutlich durch andere Einflüsse aus Koblenz.« »Sie meinen weibliche Tränen Ihrer Majestät?« Roon stampfte mit dem Säbel auf. »Tränen? Bah! Aber große Tiraden von Jena und Tilsit. Nun, Frankreich wird sich zufrieden geben, so voreiliges sofortiges Zurückzucken macht ja wirklich den Eindruck der Kneiferei. Der Frieden ist gesichert, und Sie können auf Ihren Landgütern den Urlaub fortsetzen, meine Herren.« »Der Fall ist doch noch nicht ganz erledigt«, bemerkte Moltke ruhig. »Es könnten Komplikationen kommen.« Otto sah ihn starr an. »Das ist meine letzte Hoffnung. Die Impertinenz ritterlicher Franzosen, wenn sie mal im Zuge sind und einen vermeintlich Schwächeren treten und mißhandeln, ist unbegrenzt. Treffen Sie sich morgen wieder bei mir zu Tische, meine Herren!« – Schlaflos sann er nach und vergegenwärtigte sich den Skandal in Paris. Gramont war zu jeder Maßlosigkeit fähig. Er wird Benedetti jede Stunde mit Depeschen überhäufen, er solle etwas Kompromittierendes vom König erzwingen. Sein Rat soll wie ein Befehl klingen. Wird er nicht am Ende etwas Unerhörtes verlangen, z. B. persönlichen Abbittebrief an Napoleon? Am anderen Morgen beschied er Eulenburg zu sich. »Haben Sie die Güte, wieder nach Ems zu reisen« (von wo der Minister soeben zurückkehrte) »und Seiner Majestät vorzutragen, daß ich von meinem Posten zurücktrete, weil ich die letzten, ohne mich vollzogenen Schritte nie billigen werde.« »Um Gottes willen! Ihre Abdankung wäre der Ruin des Staates.« »Ich kann's nicht ändern. Bleibe ich, so wird Deutschland mich für unsere Demütigung verantwortlich glauben, und damit wäre alles verdorben.« Nachher besuchte ihn Lord Loftus, dem er offen heraus sagte: »Ich teile die Unzufriedenheit des ganzen Landes mit der zu versöhnlichen Haltung Seiner Majestät einem fremden Agenten gegenüber.« »In der Tat, die Presse führt ja eine heftige Sprache, und die Bevölkerung murrt, wie ich höre. Aber sind denn Sie selber gar nicht von der französischen Regierung angegangen worden?« »Mit keiner Silbe. Graf Benedetti besaß die ungewöhnliche Taktlosigkeit, den Monarchen selber ohne Beihilfe und Beisein seiner verantwortlichen Minister zu bombardieren. Sein Verhalten ist das eines Agent provocateur .« »Merkwürdig! Er ist doch sonst so korrekt.« »Gerade deshalb haben wir darin den Beweis, daß er nur bestimmten zwingenden Befehlen aus Paris folgte. Haben Mylord die Berichte aus Paris gelesen? Die Kammern sind aus Rand und Band, Presse und Publikum schäumen von renommistischen Drohungen über.« »Nun, jetzt wird man ja befriedigt sein. Wäre denn Ihre Intention gewesen, nicht nachzugeben und es wegen dieser Kandidatur auf den Krieg ankommen zu lassen?« Loftus sah ihn mißtrauisch an. »Nein, auf Ehre, nein. Aber ich hätte es anders eingerichtet, wie mit unserer Würde verträglicher. Daß ich den Fall nicht für akut hielt, dafür bürgt doch wohl meine Abreise in die Ferien, was übrigens bei den Generalen Moltke und Roon gleichfalls zutrifft.« Loftus nickte. »Das ist klar. Nun, es wird sich wohl alles zum Guten wenden.« ... Bei Tische machten die zwei Generale ihm erneut Vorwürfe, daß er aus dem Dienste scheiden wolle. »Wenn Sie quittieren, werden Ihre Feinde es wie Desertion auslegen«, sagte der derbe Roon. »Vor Schande fliehen, die man nicht abwaschen kann, ist besser als am Pranger stehen. Berufssoldaten sind für politische Ehre nicht verantwortlich.« Es ging schon auf 6 ¼ Uhr – Otto dinierte nach englischer Tageszeit –, als Keudell hastig eintrat. »Ein Chiffretelegramm von 200 Gruppen kam aus Ems, wird soeben übersetzt.« »Nur rasch her damit! – Das bedeutet etwas. Ein so langes Telegramm berichtet wohl Neues. Wie Sie wissen, habe ich Abeken bei Majestät attachiert, um mit mir in Verbindung zu bleiben.« Die Entzifferung ergab, daß Geheimrat Abeken auf Befehl die Depesche redigierte und unterzeichnete. Unter lautlosem Schweigen las der Minister vor. Es begann vielversprechend: »Graf Benedetti fing mich auf der Promenade ab, um auf zuletzt sehr zudringliche Art zu verlangen,« der König solle ein für allemal ›für alle Zukunft‹ sich verpflichten, nie wieder der Kandidatur beizustimmen. »Ich wies ihn zuletzt etwas ernst zurück,« solche Engagements à tout prix könne man nicht übernehmen, zumal mein Gouvernement wiederum außer Spiel sei. Er habe Graf Benedetti nicht mehr empfangen, sondern ihm nur durch einen Adjutanten sagen lassen, jetzt sei die Sache ja gütlich erledigt, so daß er ihm nichts weiter zu sagen habe. »Seine Majestät stellt Eurer Exzellenz anheim, ob nicht die neue Forderung Benedettis und ihre Zurückweisung sogleich sowohl unserem Gesandten als in der Presse mitgeteilt werden sollte .« Bei dieser Vorlesung entfärbten sich die Generale, ließen Messer und Gabel sinken und verweigerten gleichsam Speise und Trank, indem sie vom Tische abrückten. Auch Ottos bemächtigte sich tiefe Niedergeschlagenheit: also Nachgeben auf der ganzen Linie! ... Wie? Träumen wir? Die Nachwelt steht vor einem psychologischen Rätsel. Die Legende verunstaltete den welthistorischen Vorgang, doch nicht einseitig, sondern nach jeder Richtung. Das Kutschkelied ertönte: Da sah unser Wilhelm Rexe sich das klägliche Gewächse mit den Königsaugen an. Als in Ems später der Gedenkstein enthüllt wurde, wo König Wilhelm angeblich Benedetti auf öffentlicher Promenade den Rücken kehrte, murrte der königliche Kurgast mit bitterem Ärger: »Ist ja gar nicht wahr!« Naive machen sich eine sonderbare Vorstellung von den Manieren eines Königs und eines Botschafters. Der oberste Flügeladjutant Prinz Radziwill übermittelte aufs höflichste die Versagung der zweimal zudringlich begehrten Schlußaudienz, der greise hohe Herr sei ermüdet und die Sache ja nun endgültig erledigt. Bei der Abreise fand sich Benedetti am Bahnhofe ein und trennte sich vom König mit beiderseitiger gemessener Höflichkeit. Aber daß der große Monarch sich mit hoheitsvoller Würde benahm und sich auch bezüglich der Gebote internationaler guter Sitten nichts vergab, stößt doch gewiß das Telegramm nicht um, nämlich das Schärfste und ernst Drohendste , was je aus seiner Feder floß, Abekens »Redigierung« ausdrücklich gutheißend. Wie irgendein Mensch dies für eine Schamade halten konnte, ist unbegreiflich. Man kann nur annehmen, daß die drei Paladine sich in so pessimistisch hoffnungsloser Verärgerung befanden, bis ihnen das rechte Augenmaß abhanden kam und sie überall Unterwerfung und Demütigung witterten. Andererseits steht freilich fest, daß der König, als er in Köln eine jubelnde Menschenmasse traf, die ihm begeistert huldigte, erstaunte: »Was ist denn los?« Als Graf Lehndorff ihm dann die überall angeschlagene »Emser Depesche« überreichte, wurde er leichenblaß. »Das ist ja der Krieg!« Wie? Darüber wunderte er sich nach seiner eigenen Depesche? Wer sie aufmerksam liest, den belehrte schon die ›Wendung: »ihm nur durch einen Adjutanten sagen lassen« (Flügeladjutant Prinz Radziwill!) und das Anheimstellen am Schlusse, dies aller Welt mitzuteilen, daß dem tapferen Greise völlig die Geduld riß und er das dreiste Anrempeln nicht länger ertragen wollte. Es gibt nur eine Erklärung: er begab sich nämlich zunächst nach Koblenz, wo seine Gemahlin ihm fast das Wort abnahm, den Krieg doch noch zu verhüten. Der König kannte aber seinen Bismarck und verkannte sicher nicht, daß dieser eine entsprechende Form der Zurückweisung finden werde. Er muß also innerlich sehr an Aufrechterhalten des Friedens gezweifelt haben. Daß nachher die Außenwelt die »Emser Depesche« in der welthistorischen Form für ein Werk des Königs selber hielt, ist mindestens eine viel unwichtigere Legendentäuschung, als die lächerliche heutige Annahme, er habe zu Kreuze kriechen wollen und nur der Kanzler habe eine ziemlich harmlose Beendigung eines Konflikts zu einer schallenden Maulschelle an Frankreich umgewandelt. Nein, Wilhelms Majestät hat sich höchst königlich bewährt, er und sein Kanzler waren hier einander würdig ... Während die Generale düster vor sich hin starrten, blieb Ottos Auge gebannt auf den Schlußzeilen haften. Plötzlich fragte er Roon: »Welches Vertrauen haben Sie zu unseren Rüstungen? Würden sie einer überraschenden Kriegsgefahr entsprechen?« »Absolut. Unsere Mobilisierung wird immer einen Vorsprung haben.« Moltke bekräftigte: »Von Aufschub verspreche ich mir nichts. Möglich, daß die Franzosen das linke Rheinufer anfangs überschwemmen, obschon ich daran zweifle. Unsere Bereitschaft würde sie aber bald überflügeln.« »Das Instrument des Heeres ist so, daß wir den Krieg mit Erfolg wagen können?« »Wir hatten nie ein besseres.« Moltke nickte ruhig. »Rüstet also Frankreich jetzt zum Kriege, so dürfen wir ihm keine Zeit lassen.« »Unser Vorteil würde sich abschwächen, Verschleppung würde schaden.« Kurze Pause. Blitzschnell schoß es durch das geniale Hirn: Jetzt oder nie! Kneifen wir, so verlieren wir Nimbus und Anziehung bei den Süddeutschen unwiderruflich. Nur gemeinsamer Nationalkrieg gegen den Erbfeind kann alle Schranken beseitigen, das als Waffengefährten vergossene Blut wäre ein Kitt für immer. Er erhob sich, ging an einen Nebentisch und faßte in wenigen Minuten die »Anheimstellung« des Königs in einer weit kürzeren Depesche zusammen, die er sofort verlas. Sein Bleistift strich, bis nur Kopf und Schwanz blieben. Moltke spitzte die Ohren wie ein Streitroß, das die Trompete hört. »Das hat einen ganz anderen Klang, vorher Schamade, jetzt Fanfare.« Otto erläuterte kühl: »Telegraphiere ich diesen Text an unsere Gesandtschaften und an die Zeitungen, so wird heute mitternacht ganz Paris brüllen wie ein gereizter Ochse. Das ist also der Krieg.« Beide Generale gerieten in freudige Bewegung, »herrlich! Das muß wirken!« »Geschlagen muß werden, sonst sind wir ohne Kampf geschlagen. Doch es ist wesentlich, die moralischen Imponderabilien für uns zu haben. Sowohl Deutschland als das Ausland müssen sich überzeugen, daß wir die Herausgeforderten und Angegriffenen sind. Noch sind wir letzteres nicht unbedingt, doch die gallische Überhebung wird keine Grenze scheuen, sich selbst den Ursprung aufzubürden, sobald wir sie öffentlich bloßstellen.« Roon rief bewegt: »Sie retten das Vaterland. Der alte Gott lebt noch und wird nicht zulassen, daß wir in Schande verkommen.« Moltke aber geriet in solche Heiterkeit, daß er getrost zu essen und zu trinken anfing. Er sah zwar nicht danach aus, als ob er Aufregung und Mühsal eines neuen furchtbaren Feldzuges überdauern könne. Aber er richtete einen freudvollen Blick nach oben, der durch die Zimmerdecke wohl die unerforschlichen unsichtbaren Mächte anreden sollte. Sein gemessener Gleichmut machte einer solchen Begeisterung Platz, daß er sich an die magere Brust schlug: »Führe ich in solchem Krieg unsere Heere, mag gleich nachher der alte Kadaver zum Teufel fahren.« Otto stand groß und ruhig da, ohne jede großmächtige Geste, in stillem Ernst. Die »Emser Depesche« ging in alle Winde, am folgenden Morgen wußte ganz Deutschland aus der »Norddeutschen Allgemeinen Zeitung«, daß der König »es ablehnte, den französischen Botschafter nochmals zu empfangen und durch den Adjutanten vom Dienst sagen ließ, daß Seine Majestät dem Botschafter nichts weiter mitzuteilen habe.« * Die große Explosion war da, das französische Pulver flog mit lautem Prasseln in die Luft. Eine solche Insulte hat die Große Nation noch nie auf der Backe geschmeckt. Obschon man sie in einigen Punkten noch unwahr übertrieb, hatte diesmal Gramont recht, wenn er dem britischen Gesandten Lord Lyons erklärte, dies sei eine wohlberechnete Beleidigung. Nicht um Mitternacht, wohl aber am nächsten Morgen wußte ganz Paris und raste, der schändliche Bismarck berühme sich öffentlich, den Vertreter Frankreichs die Treppe hinuntergeworfen zu haben. Umsonst versuchte Thiers in patriotischer Angst vor einer Kriegsimprovisierung, von der er sich nichts Gutes versprach, die Wogen zu glätten. Man habe ja erreicht, was man wolle, weiteres Ansinnen sei Provokation gewesen, Bismarck habe durch Veröffentlichung der Tatsache nur seine amtliche Pflicht erfüllt. »Das ist die Sprache Preußens, die Sie führen«, brüllte der alberne Klopffechter Granier de Cassagnac (selbstzugelegter Adel). Am folgenden Tage erwarb sich Gramont einstimmigen Beifall, indem er, eine Hand in der Hosentasche und sein schönes dummes Gesicht unbewegt, die Mobilisierung ankündigte. Sein Vorgesetzter Olivier erklärte, man gehe »leichten Herzens« los, Kriegsminister Leboeuf war »erzbereit«. Am gleichen Tage fuhren die drei Paladine und der Kronprinz nach Brandenburg, den König zu treffen, dem in Köln und, was wichtiger, in Hannover die wahre Stimmung des norddeutschen Volkes sich offenbarte. So stählendem Einfluß entzog der mannhafte Greis sich nicht. Er empfing seinen furchtbaren Minister mit mildem Ernst. »War es nötig, den Bruch in solcher Form zu vollziehen?« »Ich begreife Eure Majestät nicht. Ich erfüllte nur den allerhöchsten Befehl in ziemlich höflichen und gelassenen Ausdrücken. Wenn Frankreich eine unsühnbare Beleidigung herausliest, so ist dies seine Sache. Wer sich beleidigt nennen will , findet immer Gründe. Wir brauchen uns den Übermut nicht gefallen zu lassen, daß die sogenannte Sensitivität unserer Nachbarn sich alles herausnimmt, aber jede ruhige ernste Zurückweisung von Insulten als Majestätsbeleidigung der Großen Nation auffaßt.« »Ja, ja. Doch ich wünschte nicht, daß Sie meine Abwehr so aggressiv gestalten sollten.« »Wieso? Ich reduzierte das Telegramm durch Streichungen, ohne ein Wort hinzuzusetzen und zu ändern. Meine Form ist eigentlich milder als die scharfen Ausdrücke Eurer Majestät.« »Das war privat an Sie und das Übrige hypothetisch, es ließ den Weg zur fortgesetzten Verhandlung offen. Ich sage nicht, daß Sie mir dem Wortlaute nach vorgriffen, doch dem Sinne nach besteht immerhin ein Unterschied. Ihre amtliche Kundgebung klingt wie definitive Abschließung, etwa so, als ob man einem Gesandten seine Pässe zustellt, eher noch schlimmer.« »Wenn der Feind es so darstellt, so wird ihm Europa nicht recht geben, Deutschland erst recht nicht. Kaum wurde nach 9 Uhr abends mein Communiqué bekannt, als sich der Lustgarten mit einer riesigen Menschenmenge bedeckte, die außer sich vor Begeisterung für Eurer Majestät vornehme Haltung jubelte: Zum Rhein, zum Rhein!« Der König lächelte etwas bitter. So ist das Volk, immer maßlos, auch wo es seine eigenen Knochen zu Markte trägt. Daß der Gott Verantwortliche über diese Knochen mit peinlicher Sorgfalt wacht und jedes Blutopfer wie einen eigenen Schmerz und eine Anklage fühlt, macht man den Leuten nie begreiflich. Nur im äußersten Notfalle greift ein wahrer Herrscher zum Schwerte. Der Kronprinz seufzte aus tiefster Seele: »Soll das brave Volk wieder bluten? Wir hatten an einem gräßlichen Kriege genug, jetzt noch ein schwererer mit ungewissem Ausgange?« »Königl. Hoheit vergessen, daß unsere Ehre auf dem Spiele steht.« »Nun ja, auch mich empört der meinem Vater zugefügte Affront. Aber wenn wir unterliegen? Bei uns mag ja alle Welt kriegslustig sein, doch die Süddeutschen werden sich schwerlich für die Ehre des Königs von Preußen schlagen.« »Für die nationale Ehre«, berichtigte Otto ernst. »Soweit sich's bis heute überblicken läßt, werden wir eine angenehme Überraschung erfahren. Ich sehe Eure Königl. Hoheit schon als Führer der Bayern und Schwaben.« »Wie glücklich wäre ich dann!« rief der Kronprinz leuchtenden Auges. »Sei's wie's sei, unsere Zukunft geht nur über Frankreichs Leiche, wenigstens seiner übermütigen Suprematie. Ich kann nur wiederholen, ich habe den Krieg nicht gewollt.« Der König drohte leicht mit dem Finger, wandte sich aber dann ernst an Moltke und Roon. Die sofortige Mobilisierung wurde beschlossen. Moltkes Kampflust und Siegesfreudigkeit steckten sogar den Kronprinzen an. Die Begeisterung in Berlin spottete jeder Beschreibung. Ungeheure Massen jubelten den König immer wieder ans Fenster, bis er sich endlich durch den Adjutanten entschuldigen ließ, er müsse noch viel die Nacht durch arbeiten. Am folgenden Tage wußte man mehr: ganz Süddeutschland erhob sich wie ein Mann, alle Fürsten stellten sich unter Preußens Kommando. Selbst das Organ des Darmstädter Hofes, der noch kurz zuvor den General Ducrot bei sich fetierte, mußte schreiben, die Hessen seien nicht »geborene Idioten«, um auf welsche Sirenenlieder zu horchen. Der Kronprinz sollte nach München und Speier abgehen, um die zwei bayrischen Korps, die Württemberger und die badische Felddivision um sich zu sammeln. Jetzt, wo Pomp und Majestät des Krieges ihn berauschten, schüttelte er Bedenken ab und verfiel selber der allgemeinen hochgespannten Erregung. Am meisten Freude machte Otto der alte Moltke, der elastischen Schrittes sich um zehn Jahre verjüngte, während er vorher in sich zusammenzuknicken schien, ein verbrauchter alter Herr. Jetzt riß er harmlose Witze und strahlte wie ein Jüngling, wenn preußische Schlachthaufen mit Gesang der »Wacht am Rhein« an ihm vorüberzogen. Es war halt sein Geschäft, strategische Kunst zu üben. Ottos politische Strategie hatte aber noch einen vergifteten Pfeil im Köcher, den er unbarmherzig abschoß. Der vier Jahre verschwundene Geheimvertrag von Benedettis Hand, den er dem Schlauen so harmlos abgelockt, machte plötzlich seine Aufwartung in der Londoner »Times« und erregte einen Sturm der Entrüstung. Was half das Dementieren? Um seine Unvorsichtigkeit voll zu machen, schrieb Benedetti damals auf dem besonderen Papiere der französischen Gesandtschaft. Perfide? Gegen Treu und Glauben? Warum nicht? Dem Verräter Treue halten? – Zur Taufe bei Kronprinzens im Potsdamer Neuen Palais fuhr er im gleichen Kupee hin und zurück mit Blumenthal. »Wie gefallen Sie sich in Ihrer erneuten Stellung als Stabschef?« »Viel zu tun. Mein Generalquartiermeister Gottberg ist aber ausgezeichnet. Ihre Majestät die Königin ließen mich zur Audienz befehlen, um mir die Wohlfahrt und Sicherheit ihres Sohnes aufs Herz zu binden. Sie nahm mir ein schriftliches Wort ab, daß ich mit meinem ganzen Stabe über ihm wachen würde. Dann schrieb sie noch einen ähnlichen Brief wegen des Erbprinzen von Weimar. Die hohe Frau sprach sehr schön ... und ganz zur Sache.« Beide Männer lächelten sich an. »Bei den Frauen überwiegt eben das Gemüt, wir alle möchten es ja auch nicht anders haben. Ich erfreue mich nicht der Gunst Ihrer Majestät, in deren Hofhalt ja auch immer noch der selige Schleinitz fungiert. Doch sie wird, nachdem sie mit allen Mitteln dem nötigen Kriege sich widersetzte, gerade wie vor vier Jahren auch heute mit gleicher tapferer Würde sich ins Unabänderliche fügen und als Patronin der Verwundetenpflege sicher das höchste Pflichtgefühl entfalten und die edelste Wohltätigkeit im Geheimen wie immer. Merkwürdig, daß bei den hochpolitischen Damen nachher immer wieder das Ewigweibliche allein triumphiert und daß gerade sie dann das Höchste sind, was man sein kann: eine echte Frau. Ich hoffe aber dringend, daß der weibliche Einfluß nicht irgendwie Gelegenheit findet, im Verlaufe des Krieges in politicis zu machen.« »Männer lassen sich doch nicht von Frauenzimmern leiten«, lächelte Blumenthal überlegen. Auch Otto lächelte, denn er wußte, daß Frau v. Blumenthal, eine gescheite gebildete Engländerin, im Privatleben ihren Gatten gründlich beherrschte. Da fiel ihm ein, daß auch Frau v. Gottberg und die verstorbene Frau v. Moltke Engländerinnen waren. Dazu die Kronprinzessin ... hoffentlich kommt nichts vor, wo englische Einflüsterung uns ins Handwerk pfuscht. »Der Kronprinz muß sofort nach München und Stuttgart reisen. Seine so liebenswürdige Persönlichkeit, so fern preußischer Steifheit, wird die Süddeutschen bezaubern.« Er verbreitete sich darüber, wie man die Bayern behandeln müsse. Blumenthal nahm diese Fingerzeige gern entgegen und war offenbar stolz darauf, mit Bismarck so gut zu stehen. * Am 28. Juli versammelten Bismarcks noch eine gemütliche Abendgesellschaft. Er nahm die Gelegenheit wahr, Lord Augustus Loftus zu unterrichten. »Ein Geheimagent stellte mir ein Angebot, daß Preußen alle Süddeutschen annektieren dürfe, wenn es Frankreich den Besitz von Belgien garantiere. Durch dies Arrangement würde der Krieg vermieden werden.« Lord Augustus verlor beinahe sein britisches Phlegma. »Das ist unerhört. England würde niemals dulden, daß Belgiens Neutralität brutal verletzt wird.« Zu deutsch: daß eine kontinentale Großmacht Antwerpen und Ostende bekommt. Denn Belgiens Schicksal bleibt sonst den Briten so gleichgültig wie das jedes anderen Staates. »Was haben Sie geantwortet?« »Daß wir auf solchen Ausgleich verzichten. Wir tragen gar kein Verlangen danach, unsere süddeutschen Brüder uns zu amalgamieren, und Belgiens Neutralität ist uns heilig.« Loftus nickte befriedigt und depeschierte in solchem Sinne an das Londoner Kabinett, das geradeso wie er durchaus nicht freundlich auf diese Erhebung eines neuen Deutschland schaute. Ein Sieg Napoleons über Deutschland wäre den Insulanern eher erwünscht gewesen, trotz der heftigen deutschen Sympathien gebildeter Kreise unter Vorantritt Carlyles. Aber daß Napoleon noch mehr nach Belgien als nach dem Rheinufer begehrte, empörte den edlen Britenstolz, soll heißen die ausschließliche insulare Selbstsucht, die jedes Erstarken einer anderen Seemacht verhindern will. Antwerpen war in Napoleons I. Hand eine stete Drohung gewesen, wäre es jetzt erst recht in Napoleons III. Besitze. Dies schlug ein und die englische Presse lieh ihren wertvollen Beistand durch Schimpfen auf den gekrönten Dieb. Otto täuschte sich aber keinen Augenblick darüber, daß die Stimmung rasch umschlagen werde, sobald die deutschen Heere zu siegreich wären. Ob die von Preußen bewiesene Freundlichkeit beim Sezessionskriege die Yankees dankbar genug erhalten werde, um sich an Frankreichs Niederlage zu freuen, schien ihm auch zweifelhaft. Der bekannte Unionsgeneral Philipp Sheridan meldete sich soeben telegraphisch an, ob er im Hauptquartier den Krieg mitmachen dürfe, was gern bewilligt wurde. Aber da Paris als Absteigequartier aller reichen Amerikaner ihnen ans Herz gewachsen, so würde wohl auch transatlantisch ein Unglück Frankreichs sentimentales Mitleid auslösen. Deutschlands Unglück würde dagegen alle angelsächsischen Vettern kalt lassen. Die alle menschlichen Dinge regierende Lüge arbeitet auch hier in dem unbegreiflichen Nimbus, der bei allen Outsidern das selbstsüchtigste, brutalste, eitelste Volk Europas umstrahlt, auf welchen Schwindel ja auch der am meisten betroffene deutsche Michel immerdar hereinfiel. Selbst nach den schlimmsten Erfahrungen wird er seinen Haß auf andere abladen, den Hauptschuldigen Frankreich aber als ein liebenswürdiges ritterliches Fabelwesen anschmachten. Michel bleibt unkurierbar, wenn nicht ein Otto Bismarck, frei von allen Täuschungen, ihm seine Wahnvorstellungen austreibt. Der russisch« Militärbevollmächtigte Graf Kutusow sprach dem Minister Mut zu. »Ganz Rußland steht auf Ihrer Seite und wünscht, daß Sie die Herausforderer abtun. Ein schwer Stück Arbeit wird's ja sein. Die Mitrailleusen sind mörderisch. Die Franzosen haben auch große Generale, den berühmten Mac Mahon und den tiefen Strategen Bazaine. Doch ich vertraue auf Ihre gerechte Sache und Ihr famoses Zündnadelgewehr.« Daß das Chassepot eine unendlich bessere Waffe sei, glaubte und ahnte niemand, ebenso wenig umgekehrt, daß die deutsche Artillerie viel gediegener sei als die französische. Otto entnahm allen Äußerungen von englischer und russischer Seite, daß man mit stiller Schadenfreude dem Kampfe entgegensah als gegenseitiger Schwächung der zwei großen Militärmächte, wahrscheinlich mit einigem Übergewicht Frankreichs, was dann eine biedere Intervention Europas nachträglich so ausgleichen werde, daß keine Partei einen wirklichen Vorteil hatte. Otto gab sich nicht der Täuschung hin, daß Rußland, vielleicht mit Ausnahme des Zaren selber, einen wirklichen Sieg Deutschlands mit Wohlwollen hinnehmen werde. Jeder mißgönnt dem anderen jeden Erfolg, niemand will dem anderen wohl, das ist die wahre Oesinnung der Völker und der Menschen. Doch gleichviel, man schmiedet das Eisen, solange es warm ist. Mit grimmigem Lächeln erinnerte er sich, wie Benedetti mal seinen im Vorzimmer stehenden Helm ergriff und ihn neckisch aufzusetzen suchte, aber eiligst von dem Beginnen abstand: »Sein Kopf ist entschieden stärker als der meine.« Infelix puer, impar congressus Achilli. – Das Hauptquartier rollte nun nach Mainz ab, und Otto hatte dabei das Vergnügen, unterwegs im Kupee ein unangenehmes Gespräch mit anzuhören. Durch eine breite, unbemerkt gebliebene Öffnung hörte er die Stimme des Generalquartiermeisters Podbielski im Gespräch mit Roon: »Diesmal ist dafür gesorgt, daß uns so was nicht wieder passiert.« Was der unfreiwillige Ohrenzeuge aus dem Nebenkupee sonst noch hörte, ehe das Rasseln des Schnellzuges die Worte übertönte, genügte zum Verständnis. Er sollte nie mehr zu Militärberatungen zugezogen werden, der Generalstab hatte genug davon, daß der Staatsmann damals den Einzug in Wien vereitelte. Bald genug nahm diese Verfemung fast ungezogene Formen an. Natürlich ließ sich Moltke selber nichts zu schulden kommen, der als Welt- und Hofmann sowie als alter Bekannter und Mitarbeiter seine Eifersucht unter verbindlicher Höflichkeit verhüllte. Doch seine vollziehenden Organe trugen ihren Widerwillen gegen das ambulante Feldbureau des Auswärtigen Amtes, das Otto mit sich führte, einen Stab von Untergebenen, wie Keudell, Abeken, Bismarck-Bohlen und den kleinen Dr. Busch als Vorsteher des Pressebureaus, nur zu deutlich zur Schau. Der strengen Geheimhaltung jeder militärischen Maßregel paarte sich eine Hintansetzung der Diplomaten bei Verpflegung und Quartierung. Der Große Generalstab, d. h. Moltke und seine Leute, schöpfte aus dem böhmischen Feldzuge ein maßloses und nur teilweise gerechtfertigtes Selbstgefühl, das keine anderen Götter neben sich dulden wollte. »Die Halbgötter sind wieder am Werk«, lachte der joviale Bismarck-Bohlen, als man beim Einmarsch in Frankreich spottschlechte Behausung und nichts zu essen bekam. »Hoffentlich notiert unser Büschchen in sein Tagebuch, daß um 3 Uhr 13 Minuten Oberst Verdy folgendes sagte ...« Der kleine Busch, ein sächsischer Journalist, errötete unter dem ruhigen Blicke des Chefs. »Ein Tagebuch? Nur zu! Das kann mal historischen Wert haben.« Die übermenschliche Arbeitskraft seines Chefs hat in Busch einen treuen Chronisten gefunden. Trotz des verhängten Boykotts ließ sich der selber genugsam militärisch gebildete Staatsmann nicht den Mund verbinden. Er teilte die Freude im Hauptquartier, daß der Kronprinz (lies: Blumenthal) bei Weißenburg und Wörth den gefürchteten Mac Mahon zu Brei zermalmte. Doch über Steinmetz' Spichernsieg äußerte er sich abfällig. »Das ist ein Blutverschwender. Er machte einen unanständigen Gebrauch von der wunderbaren Bravour unserer braven Truppen. Der überhaupt! Halsstarrig und maßlos eitel. Man hat ihn in den Norddeutschen Reichstag gewählt. Da hielt er sich stets in Nähe des Präsidentensitzes und stellte sich aufrecht so, daß alle Welt ihn sah. Er kokettierte und machte sich Notizen, um seinen Eifer zu zeigen. Er spekulierte auf die Zeitungen, und sein Kalkül war richtig. Man hat ihm eine Gloriole mit Druckerschwärze gemacht, die ihm nicht zukommt.« Dies Urteil wurde nachher geschichtlich und angeblich von Moltke geteilt, der jedoch in seinem Leitfaden über den Feldzug (Gesammelte Werke) Steinmetz keineswegs anschwärzte, sondern ihn deckte, ganz besonders für Spichern. Tatsächlich war Steinmetz an diesem Treffen unschuldig, das von seinem Divisionär Kameke angezettelt wurde, einem prächtigen gemütvollen Typ des echten preußischen Generals, nicht umsonst später zum Kriegsminister erhoben und von laienhaften Militärschriftstellern ganz irrig wegen seines Angriffes getadelt, der subjektiv zureichende Gründe hatte. Als Steinmetz eintraf und sehr richtig Fortsetzung des blutigen Treffens billigte, wäre Abbrechen ein grober Fehler gewesen. Wie schon damals die Goeben-Legende arbeitete, zeigt die überall verbreitete Angabe, Goeben habe bei Spichern gesiegt, der nur mit einem Regiment eingriff. Der taktische Sieger des Treffens blieb im Hintergrunde, der famose Alvensleben, und Otto hätte sich nicht wenig gefreut, wenn er diese Wahrheit gekannt hätte. Als später Steinmetz in Ungnade fiel – aus ganz anderen Ursachen als man glaubt –, sammelte man ein Sündenregister seiner angeblichen Fehler. Und es war ein trauriger Zufall, daß alle Kämpfe seiner Armee unverhältnismäßig blutig waren. Daran trug er persönlich keine Schuld, angebliche rohe Draufgängerei lag dem energischen Greise nicht näher als irgendeinem anderen General. Wenn er einen über Verluste klagenden Offizier barsch ermunterte: »Wo Holz gehackt wird, fliegen Späne«, so folgert man daraus irrig eine besondere Schlächtermäßigkeit. Gewiß war er kein Feldherr, wollte und sollte es auch nicht sein, hielt sich aber peinlich an Moltkes Direktiven. Gewiß war er eitel, und wenn ein alter Mann eine schöne junge Frau heiratet, stellt er sein Licht nicht unter den Scheffel. Doch im tiefsten Schatten der Ungnade trank er begeistert auf seinen geliebten verehrten König, und seinen Haß gegen Friedrich Karl, der ihm das Genick brach, kann man nicht als krankhafte Empfindlichkeit betrachten, vielmehr als Rückgrat eines ehrenhaften preußischen Militärs, der sich auch von Prinzen nichts gefallen läßt. Der strategisch hochgebildete Prinz gab den Sieger von Nachod für einen wüsten Haudegen aus. In Wahrheit erwarb sich dieser als Taktiker und Korpsgefechtsleiter die größten Verdienste, entbehrte übrigens nicht völlig gelehrten Studiums. Die fast durchweg ungebildeten Knoten der französischen Generalität fanden nirgendwo ein Gegenstück unter preußischen höheren Führern, fast alle gingen sie durch Kriegsakademie und Generalstabsschule. Steinmetz' Unterführer, der gelehrte Zastrow, dem es bei Königgrätz wahrlich nicht an Schneid fehlte, der begabte Goeben, der vielgewandte Manteuffel mögen ihm geistig überlegen gewesen sein, sie handelten daher mehrfach über seinen Kopf weg. Daß dies in einem bärbeißigen Disziplinvertreter keine zufriedene Stimmung auslöste, begreift sich. Seine angeblichen Fehler waren aber auch die ihren und reichten in einem Falle noch viel höher hinauf. Freilich machte sich Otto auch nach dieser Richtung Gedanken. Die Halbgötter, die nachher allen Ruhm allein für sich pachteten, würden im täglichen Tagebuch Blumenthals peinliche Rügen gefunden haben. Es sickerte durch, daß er dem Oberst Verdy du Bernois, einem Manne von tiefer allgemeiner Bildung, von Moltke nach Speier geschickt, nicht verhehlte, daß »ich die höchste Leitung der Operationen für sehr mangelhaft halte«. Der III. Armee werde nichts über ihre Aufgabe gesagt, ihr fehle die Kenntnis der Politik wie der Situation überhaupt. Major v. Holleben berichtete nach dem Wörther Entscheidungssiege sarkastische Äußerungen Blumenthals, der sich über die Halbgötter lustig machte. »Wieder die alte Geschichte. Mit allem einverstanden, aber gute Ratschläge, die längst ausgeführt, dabei eine gewisse Ungeduld, als ob es doch schneller gehen könnte.« Später hieß es: Moltke manövriere zwar schön in der Idee, daß alles zusammenbleibt, »doch macht sich falsche Vorstellungen von dem, was die Truppen leisten können«. Daß sich der linke Flügel Friedrich Karls vor den Kronprinzen schob, ergab eine enge Pfropfung, die ja sonst gar nicht Moltkes System entsprach. Otto schrieb an den Diplomaten Graf Solms, der sich im kronprinzlichen Hauptquartier befand, um dieses zu unterrichten. Die politische Situation sei vortrefflich, Österreichs und Italiens Neutralität gesichert, da Rußland sehr freundlich. Ohne die raschen Schläge von Wörth und Spichern hätte es vielleicht etwas anders kommen können, obschon die Deutschösterreicher und besonders Wien den deutschfeindlichen Bestrebungen des deutschen Beust einen Damm entgegensetzten. Obschon die Verabredungen des Erzherzogs Albrecht und des Generals Lebrun ihm noch unbekannt blieben, ahnte Otto instinktiv die Wahrheit und erwog bei sich mit beschämender Demut, wie doch im Grunde nur die höheren unerforschlichen Mächte die kühlste menschliche Weisheit billigen oder zuschanden machen. Denn daß er den Annexionsgelüsten des Königs widerstrebte und ein künftiges Bündnis mit Österreich offenließ, mochten nachher seine Lobredner und die geschichtliche Forschung selber als Genie bezeichnen; doch diese wohlberechnete Mäßigung hätte sich als Rechenfehler erwiesen, wenn Österreich sich davon nicht bekehren ließ, sondern für Frankreich zum Schwerte griff. Nun, das wollte es ja, die Schonung fruchtete gar nichts, und im Falle der Ausführung wäre natürlich weit besser gewesen, wenn man die vom König gewünschten Grenzregulierungen vollzogen hätte. Daß die Mäßigung an und für sich gründliches Fiasko machte, zeigte doch schon Berufung Beusts zum Reichsleiter, was ganz deutlich hieß: Rache! Die Anschauung, daß man einen Böswilligen ein für allemal unschädlich machen müsse, traf zwar hier aus besonderen Gründen nicht zu, weil natürliche Bedingungen ein Wiederzusammenkommen mit Österreich möglich und sogar sehr wahrscheinlich machten. Aber ohne Rußlands Rückendeckung, deren er in Nikolsburg noch keineswegs gewiß war, hätte Österreich jetzt die Zähne gewetzt und machte sich fernerhin noch unbequem. Wo blieb dann die Weisheit von Nikolsburg? Selbst der größte Staatsmann bleibt also abhängig von dem Walten des Schicksals, dem er nicht in die Karten gucken kann. Allerdings warnt dies auch von jedem Präventivkriege ab, da niemand weiß, was für weitere Komplikationen entstehen. – Am 12. August lag das Hauptquartier in Faulquemont, Otto selbst in einer schäbigen Bauernhütte. Er lud dorthin zum »Souper«, wie der Deutsche so schön sagt, außer seinem Faktotum Bismarck-Bohlen den langen Lehndorff und den Grafen Redern, Adjutant Friedrich Karls, sowie den Direktor der Feldpolizei, Geheimrat Stieber. Ja wirklich, der verhaßte Polizeirat Stieber der Reaktionszeit, lange eine gefallene Größe, war wieder zu Gnaden angenommen. Otto kochte eigenhändig Kaffee nach dem Essen. »Meine Herren, es geht alles gut. Bazaine ist von der Nied zurückgewichen über die Mosel, und wir werden ihn auch dort aufstören. Metz soll schlecht armiert sein, der Feind wird auf Verdun zurückfallen.« »Mein hoher Herr ist jetzt sehr guter Dinge«, teilte Graf Redern mit. »Es ist wohl erlaubt zu sagen, daß er heute in ausführlichem Briefe dem General Moltke vorschlug, mit der II. Armee unaufhaltsam über Pont-à-Mousson vorzurücken und dem Feinde die Straße nach Verdun abzugewinnen. Es schwebt vor, ihn von Metz abzudrängen und ihm auch den Übergang über die Maas zu verlegen, damit er nur den Rückzug nach Norden behält, was ihn wiederum von Paris entfernt.« »Das ist sicher eine geniale Idee des Prinzen«, meinte Otto bedächtig. »Nur fraglich, ob der Feind es dazu kommen läßt und nicht offensiv auf die II. Armee ausfällt bei deren Marsch zur Maas.« »Die I. Armee soll ihn eben frontal festhalten.« »Das wird schwer sein. Über Bazaine wissen wir nichts, ob er ein Feldherr ist oder nicht. Natürlich haben seine steten Rückzüge unser Prestige gehoben und das seinige herabgedrückt. Aber vielleicht folgt er einem tiefen Kalkül. Man weiß nicht, was er, gestützt auf Metz, beginnen wird.« »Er soll sich aber, geht das Gerücht, am 6. August schlecht benommen und Frossard in der Patsche gelassen haben«, bemerkte Graf Lehndorff, Flügeladjutant des Königs. »Da hatten wir anscheinend Glück. Leider so schwere Verluste!« »Prinz Friedrich Karl soll sich doch sehr tadelnd über Steinmetz geäußert haben, daß er vorzeitig losgebrochen sei, ehe die II. Armee den Feind bei Kaltenborn umgehen konnte«, fragte Bismarck-Bohlen. »Pst, Lieber, solche Interna äußert man nicht«, winkte Otto ab. Übrigens hat Moltke, nachdem er gerüffelt, Steinmetz gedeckt: ein taktischer Erfolg sei immer willkommen. »Jetzt scheint überhaupt nur die Frage vorwaltend, ob Bazaine sich mit Mac Mahon vereinen wird.« »Der soll doch bei Wörth völlig zersprengt sein. Der Kronprinz geht schon auf Nancy vor.« »Aber ohne Fühlung mit dem Feinde. Der ist längst über alle Berge und jenseits der Maas, wie es scheint.« »Wer nur den lieben Gott läßt walten ... in zehn Tagen werden wir klüger sein.« Als die anderen aufbrachen, hielt Otto den Stieber eine kurze Weile zurück, empfahl ihm genaues Aufpassen auf die feindselige Bevölkerung und würdigte ihn einer Aussprache: » Tempora mutantur et nos mutamur in illis. Sie ließen sich's auch nicht träumen, daß wir je in solcher Weise zusammenkommen würden hier im Feindeslande.« »Durch Euer Exzellenz großartige Laufbahn.« »Ja, ja, was aus einem pommerschen Landjunker, angefeindet von aller Welt, nicht alles werden kann.« * Am 15. früh berichtete Moltke, daß »Steinmetz« einen neuen Sieg bei Colombey gestern davontrug und den Feind bis unter die Festungswerke von Metz warf. Leider erfuhr Otto gleichzeitig, während Moltke im amtlichen Bulletin den »Sieg« herausstrich, daß es mit dem Siege taktisch nicht weit her war und die ostpreußischen und westfälisch-hannoverschen Truppen wieder allzu große Opfer brachten. Ferner, daß Friedrich Karl in heller Wut ein Kriegsgericht gegen Edwin Manteuffel und den Brigadegeneral v. d. Goltz beantragte, weil sie durch unzeitiges Losschlagen den Flankenmarsch seiner eigenen Armee verzögert und auch gegen ausdrückliche Direktive Moltkes gehandelt hätten, wobei er natürlich auch gegen Steinmetz zielte. Dieser hatte im Gegenteil das tollkühne Verhalten seiner Unterführer aufs schärfste gemißbilligt und traf erst abends auf dem Schlachtfelde ein. Der gelehrte Zastrow gab hingegen der Improvisierung seines Vorhutgenerals nach, und man hat hinterher daraus eine förmliche Schule der Selbsttätigkeit von Unterführern gegründet. Nichts kann verfehlter und irriger sein, als dem persönlichen Ehrgeize solche Bahn eröffnen. Die deutsche Auslegung, der fruchtlose Angriff (man hat hierbei verschiedene Fälschungen nicht gescheut, Bois de Colombey mit Bois de Borny »verwechselt« und ein Vordringen von Ostpreußen bis zum Fort St. Julien vorgezaubert, das niemals stattfand) habe Bazaine am Abmarsch gehindert, irrt sehr. Bazaine wollte noch gar nicht abziehen, konnte es auch nicht, weil das Defilee von Metz verstopft war, ist vielmehr erst durch diesen Angriff, der auch schädlich das neunte Korps Friedrich Karls aus seiner vorgeschriebenen Bahn ablenkte und das dritte Korps im Vormarsch unterbrach, zum Abmarsch angetrieben worden. Das Ganze ein arger strategischer Fehler, an dem freilich Moltke und auch Steinmetz, der pünktlich gehorchen wollte, ganz unschuldig waren. Am Abend des 16. August trafen der Kronprinz und Blumenthal in Pont-à-Mousson beim König ein, um die Lage zu besprechen. Ihr eigenes Hauptquartier kam nach Nancy. In der Ferne hörte man Kanonendonner. »Er muß sehr schwer sein,« bemerkte Otto, »daß man ihn bis hierher hört. Nach der Karte die Gegend Gorze-Tronville.« Blumenthal sprach sich ihm gegenüber derb und offen aus. »Straßburg müssen wir nehmen. Hier muß alles deutsch werden, ich habe keinen einzigen französischen Laut gehört, selbst nicht in Lothringen.« Otto schmunzelte. Diese Ansicht war wichtig, da sie auch den Kronprinzen bestimmte, dem er schon in gleichem Sinne vorsichtige Andeutungen gab. »Die Franzosen sind so demoralisiert, daß sie erst unter den Mauern von Paris sich schlagen werden. Nach meiner Meinung gibt es in zwei Wochen keine Armee und keinen Kaiser mehr. Der Kronprinz möchte sich konzentrieren und dazu einen Marsch rückwärts machen, doch ich will vorwärts, sonst leidet das moralische Element, wir müssen sofort die Maas überschreiten.« »Wie verhält sich Seine Königl. Hoheit?« »Immer gleich heiter und freundlich, eine wahre Lust, mit ihm zu leben. Von Podbielski ist kein Befehl zu erhalten, nur allgemeine Redensarten: vorerst stehenbleiben. Fällt mir nicht ein.« Nachdem die hohen Gäste sich verabschiedet, kam die Kunde der Mordschlacht Vionville-Mars la Tour. Man wußte schon, daß Friedrich Karl von Pont-à-Mousson einen Gewaltritt unternahm und um 4 Uhr aufs Schlachtfeld gelangte. Seine persönliche Haltung in Festhaltung der Stellung bis zur Nacht war über jedes Lob erhaben. Die Schlacht selber aber hatte wieder ein Unterführer angebandelt, der unternehmende Alvensleben, Ottos alter Freund. Seine taktische Leitung mustergültig für alle Zeiten, richtig in jedem Zuge, doch nur gegen eine so elende Führung und so zweifelhafte Truppen, selber die besten Truppen Deutschlands ins Feuer führend, mit Erfolg gekrönt. Die unvergleichliche Tapferkeit und Gewandtheit der Brandenburger schlugen sogleich zwei französische Korps aus dem Felde, die schmachvolle Flucht des Korps Frossard wäre aber bei deutschen Truppen unmöglich gewesen, ebenso das ungleichmäßige Benehmen der französischen Artillerie, da ihre große numerische Überlegenheit nirgends gegen die überlegene Beschaffenheit der Brandenburger Artillerie aufkommen konnte, deren wundervolle Kraft und Hingebung nie übertroffen werden wird. Nach dem Feldzuge sprach man von »superiorer« Leitung Bazaines, der sich mit unauslöschlicher Schande bedeckte, indem er zwei weitere Korps, das stärkste Leboeuf und die Gardeelite, teils verzettelte, teils zu spät ins Feuer brachte. Dagegen hat auch die französische Geschichtschreibung (Lehautcourt und Generalstabswerk) mit abscheulicher Ungerechtigkeit die glänzende Führung des Korps Ladmirault unterschlagen, das Bazaines Führung entwischte und auf eigene Faust die deutsche Linke zertrümmerte. Hier aber geschahen solche unglaubliche Taten deutscher Todesverachtung und den Franzosen weit überlegener Taktik durch die westfälische Brigade Wedel und sechs Batterien Oldenburger und Hannoveraner, daß der Erfolg unfruchtbar blieb. Die deutsche amtliche Darstellung unterschlug hier alle richtigen Zeitdaten, datierte absichtlich die Katastrophe zwei Stunden nach vorwärts auf den Spätabend, belastete aber gleichzeitig fälschlich die Führung von Voigts-Rhetz (jetzt Korps-, früher Stabschef des Prinzen) und Divisionsgeneral Schwartzkoppen und ließ Verunglimpfung lange bestehen, bis sie, durch Aufhellung eines Zivilstrategen ermutigt, endlich 28 Jahre später ein wenig die Wahrheit klärte, auch hier aber weit hinter der Wirklichkeit zurückblieb. Die unvergleichliche Tat des Soester Regiments Nr. 16 blieb ebenso verdunkelt wie die angebliche Wirkung der Reiterschlacht im Osten (um 1 ½ Stunden zu spät datiert und mit preußischem Rückzuge endend) lächerlich übertrieben, die wahren Gründe Ladmirauts, den Erfolg nicht auszunutzen, deutscher- und französischerseits verkannt. Die ganze Darstellung ist von A bis Z eine Mythe, wobei man ganz fälschlich die preußische Führung belastete, falsch auch die angebliche Wirkung der Gardedragonerattacke, die trotz allem Schneid das erst später stockende Vorrücken der Division Cissey nicht im geringsten aufhielt. Sobald der Kanzler von dieser Attacke hörte, geriet er in lebhafte väterliche Unruhe, da seine beiden Söhne bei der »Couleur« dienten, und zwar als simple Einjährige. Am folgenden Tage gelang es ihm endlich, seinen verwundeten Sohn Herbert aufzufinden, wobei er seinen Rang als »General« herausbeißen mußte, um bei den Stabsärzten Gehör zu finden. Sein Sohn, Bill (Patenkind des Königs) hatte einen verwundeten Kameraden mit Selbstverleugnung gerettet, ihn traf kein Geschoß, nur sein Pferd. Erst im Laufe des Feldzuges beförderte man seine Söhne zu Offizieren, so völlig verpönte man jedes Protektionswesen. Das Übelwollen gegen den Diplomaten zeigte sich aber auch darin, daß man sich allgemein über die Besorgnis und die Klage des Vaters, sein wunder Sohn sei ohne Wasser und Nahrung gelassen, lustig machte. Der König sah düster und unmutig drein. »Ließ sich das nicht mit geringeren Opfern erreichen? War ein solches Blutvergießen nötig?« Diese Rüge fuhr allen in die Glieder, denn dieser vornehme Gentleman sprach sich nie unhöflicher aus. »Bitte, lieber Rauch, künftig etwas früher!« mahnte er einmal milde den Oberstallmeister, alles zitterte über so furchtbaren Zornausbruch. »Mir schien, diese Frage wäre besser nicht auf dem Theater zu behandeln, doch Sie werden dies ja besser verstehen als ich,« lächelte er freundlich den braven Literaten Paul Lindau an, worauf Intendant Hülsen: »Wir werden also das Stück absetzen müssen.« »Aber Majestät war doch so gnädig!« »Ja, glauben Sie denn, Majestät wird je grob?« Moltke schob alle Schuld auf Friedrich Karl, an dem er sich später noch schriftlich rieb, er habe den überlegenen Feind nicht noch reizen sollen. In Wahrheit verstand dieser geborene Schlachtenfeldherr die Psychologie des Krieges besser und schützte gerade durch sein trotziges Auftreten unsere Waffen vor schwerem Rückschlag. Im Hauptquartiere hörte der Kanzler geteilte Meinungen. Denn erst am anderen Mittag zog Bazaines Nachhut ab. Natürlich würde er jetzt, statt die beinahe geöffnete Straße über Mars-la-Tour zu benutzen, nordwestlich über Etain abziehen. Das tat er nicht, sondern setzte sich in eine uneinnehmbare Stellung, an Metz gelehnt. Obschon Moltke und Steinmetz abends die feindliche Stellung an der Manceschlucht und Major Graf Häseler bei Vernaville ein Lager feststellten, faßte Moltke seine Disposition so ab, als sei Bazaine zur Orne abgezogen. Auch Friedrich Karl nahm an, daß »die Divisionen« (?), die bei Metz standen, jetzt auch schon abmarschierten. Infolge solcher Irrung ungenügender Aufklärung stieß der Vormarsch überraschend auf den unmittelbar vor ihm stehenden Feind. Eine Komödie der Irrungen entspann sich, da die feindliche Rechte sich viel weiter ausdehnte, was man nach richtigem Lesen der Karte sich selber sagen konnte. Friedrich Karl und Kronprinz Albert mußten daher selbständig, da mit Moltkes Direktive nichts anzufangen war, eine weite Umgehung ausführen, die erst abends ausreifte. Bis dahin scheiterten alle Angriffe längs der ganzen Front trotz unübertrefflichen Opfermutes der Truppen. Dieser rohe ungelenke Frontalkampf leuchtete dem kriegerisch geschulten Staatsmanne um so weniger ein, als gerade am rechten Flügel bei Gravelotte, wo sich das Hauptquartier befand, so unliebsame Bilder sich entrollten, daß das Hinausbröckeln aus dem Sadwoholze, damals dem König so leidvoll, weit überboten wurde. »Das ist ja eine Schande!« Der König hielt auf der Chaussee Gravelotte-Rezonville wiederholt fliehende Haufen an und bezeugte dem vor Aufregung zitternden Steinmetz seine Ungnade. Aber was sollte der denn tun? Moltke gab ihm auf, den gegenüberstehenden Feind festzuhalten, und da die feindliche Kanonade schwieg, glaubte er einfach, bis aufs Metzer Glacis nachstürmen zu können. Indem er vier Batterien und noch Kavallerie über die Schlucht warf, vermehrte er die Unordnung, diese wurde aber bald gestoppt und das Auffahren von zwei Feldbatterien, die richtig hinüberkamen, ermöglichte das Festhalten des Vorwerkes St. Hubert am jenseitigen Rand. Alles was man zur Beschönung des Mißerfolges dem armen Steinmetz aufbürdete, war nichts als schriftliche Manöverübung der Halbgötter. Weiter auf Moscou vorzudringen, erwies sich im überwältigenden Kreuzfeuer als unmöglich, und Goebens »klare Ruhe«, der sein Korps nicht ganz verbrauchen wollte, war bloße Selbstverständlichkeit. Daß aber Zastrow rechts von ihm nicht auch noch nutzlos Truppen opferte, war ganz richtig. Daß Steinmetz, das gebräunte derbe Gesicht von weißem Haar umrahmt und zorngerötet, die ihm erteilte Aufgabe für närrisch hielt, kann man ihm nicht verdenken. Er soll nicht vom Bois de Vaux her angegriffen haben, d. h. aus der Flanke? Kein Wort davon steht deutlich in Moltkes Direktive, denn Vauxwald hieß die ganze Mancewaldung auf der Karte und ein Flankenstoß, der notwendig ins Feuer des Forts geraten wäre, hätte auch bei Rozerieulles nichts genutzt. Daß eine versprengte Abteilung den dortigen Steinbruch besetzte, war reiner Zufall durch Unaufmerksamkeit des Feindes und hätte nie die Folgen gehabt, die man dieser Episode zuschreibt. Übrigens fand ja ein Angriff von zwei Brigaden auf der Flanke aus dem Vauxwalde statt, zeigte sich aber noch minder aussichtsreich als Vorbrechen durch das Mancethal. Als die Sonne sank, feuerte Moltke, der manches Zeichen von Aufregung verriet, persönlich die ankommenden Pommern an, über die Schlucht zu gehen, eine unsinnige Truppenanhäufung, die er später tadelte und sich selbst, daß er sie »zuließ«, womit er dem König die Verantwortung für seine eigenen Sünden zuschob. Die Pommern erzählten später, sie hätten die Schlacht entschieden, hatten aber tatsächlich gar keinen Erfolg als nutzlose Verlustvermehrung. Wie völlig konfus und nervös die Mithandelnden das gespenstige Treiben in der dunkelnden Schlucht unterm allverdeckenden Dampfbaldachin auffaßten, lehrt zur Genüge die breite Ausmalung von drei französischen Vorstößen, die mit Kraft und Nachdruck bis in die preußischen Reserven hineinstießen. Aus den französischen Rapporten geht mit Bestimmtheit hervor, daß nie so etwas geschah, außer mal von ein paar Kompagnien, und die Verteidiger sich darauf beschränkten, ihre Munition massenhaft zu verknallen. Den Wahn von Fachleuten wie Colonel de Stoffel und dem preußischen Militärattaché in Paris, das Zündnadelgewehr sei dem Chassepot mindestens ebenbürtig, gab man schon lange auf. Er stand auf gleicher Höhe wie das Urteil preußischer Drilloffiziere, die Zuaven und Turkos taugten nichts. Darüber lachte am Abend von Wörth nicht wenig der Schlachtenmaler Bleibtreu, der mitten im Feuer das Eindringen der Zuaven bis zum ersten Briefkasten des Städtchens beobachtete, was nachher geradeso geleugnet wurde wie die Wiedereinnahme von Chlum bei Königgrätz. Alle Zuaven und Turkos schlugen sich großartig, zwei ihrer Regimenter bis zum letzten Mann, die Franzosen überhaupt dort erstrangig, nur die alten Steinmetzschen Nachod-Regimenter ihnen ebenbürtig. Doch so fälscht die Legende, daß man Bazaines Rheinarmee nachher für fester gefügt und besser erklärte als die mit Rekruten und Reservisten ausgefüllte Armee von Chalons, während letztere bei Beaumont und Sedan sich unvergleichlich besser schlug als irgendwo die Rheinarmee. Am 16. haben nur Division Cissey, Gardedivision Picard, 75., 93. Ligne Canroberts, Division Montaudon Leboeufs den Trikoloren Ehre gemacht, am 18. verfiel das schon vorgestern auskneifende Korps Frossard wiederholt in Panik, Korps Leboeuf benahm sich äußerst schwach, auch bei Canrobert hatte nur die letzte Verteidigung von St. Privat schöne Momente, auch dort gab eine ganze Brigade Fersengeld, die Artillerie leistete nirgends etwas. Nur das Korps Ladmirault, germanisch gemischte Nordfranzosen, bedeckte sich auf der Hochfläche von Amanvillars mit wahrer Ehre und behauptete sich im wesentlichen trotz einer wahren Granatüberschwemmung. Deshalb wird auch stets vom »braven Canrobert« gefabelt und der bescheidene reklamelose Ladmirault übersehen, der einzige gute Unterführer. Wenn das Chassepot also trotzdem ein so entsetzliches Blutbad unter den Deutschen anrichtete, so ergibt sich deutlich, daß Frontalangriff gegen so furchtbare Stellung von vornherein sich verdammt, besonders gegen die Höhen Moscou-Rozerieulles, die man bloß hätte beobachten und nicht im Osten, wo die Nähe der Festung jede Ausnutzung verbot, sondern im Westen mit vereinter Masse umgeben sollen. Doch nützte Steinmetz' Angriff insofern, als der unglaubliche Bazaine dorthin seine Reserven aufstapelte und seinen anderen Flügel bei St. Privat ununterstützt ließ. Er spielte hinter der Front Billard und tröstete zynisch: man wäre morgen nach Metz gewandert, nun gehe man schon heute abend. Gegen einen Feldherrn, der aus politischen Gründen ehrgeizigen Hochverrates dem Feinde in die Hände arbeitete, ließ sich freilich endlich die strategische Flanke St. Privat zertrümmern und so die Schlacht gewinnen. Doch erst mitternachts riß Friedrich Karls Meldung den großen Schweiger aus peinlicher Verlegenheit. Erhitzt rief er dem König zu, der auf einem toten, am Boden liegenden Schimmel saß »Majestät, wir haben gesiegt!« Alsbald ertönte ein Chor der Halbgötter: der Feind nach Metz geworfen, von allen Verbindungen abgeschnitten, nämlich nach weise vorbestimmten Plane! Dem Kanzler ging das bekannte Mühlrad im Kopfe herum. Man dachte doch nur an Verfolgung nach der Orne und nie im Traume an Zernierung von Metz! Als dann die gräßliche Einbuße der Garde, Mansteins Übereilung und andere taktische Schnitzer ruchbar wurden, machte er seinem Unmut in vertrautem Kreise Luft: »Eifersucht und Ehrgeiz der Generale mißbrauchen die Hingebung unserer edlen Truppen, damit sie Pyrrhussiege gewinnen. Die hartherzigen Streber im Generalstabe sagen ganz offen, wir könnten all unsere halbe Million erster Linie opfern, wenn wir nur zuletzt gewinnen. Aber den Stier bei den Hörnern packen ist armselige Strategie. Statt auf die Sachsen und Artillerievorbereitung zu warten, hat man die Garden zur Schlachtbank geführt. Der neuliche Todesritt meiner Halberstädter Kürassiere erfüllt mich mit Stolz, weil er richtig eingesetzt, doch das andere Vorkommnis solcher Art mit Scham und Zorn. Solche Verschwendung von Menschenleben ist ein Skandal und ein Verbrechen vor Gott.« Seine Erlebnisse am Schlachttage waren nicht dazu angetan, ihn vertrauensvoll zu stimmen. Der König und sein Gefolge gerieten mehrfach in heftiges Feuer. (Beiläufig verkehrte der Jubel, die gefürchteten Mitrailleusen seien harmlose Spielzeuge, auch wieder die Wirklichkeit, auch schoß die französische Artillerie nicht so schlecht wie man behauptete, nur ihre Bravour und Leitung ließen alles zu wünschen übrig, einige rühmliche Ausnahmen bestätigten die Regel.) Roon brachte zuletzt den greisen Monarchen rückwärts, Otto blieb jedoch bei einer vorn feuernden Batterie in der Dunkelheit und brachte einigen Verwundeten Wasser. Sein Roß hatte er zum Tränken laufen lassen. In der Dämmerung ging ein Höllenspektakel los, die Franzosen feuerten heftig, so daß er dachte: »Beim Rückzuge setze ich mich auf die nächste Protze.« Als sein Gaul zurückkam, ritt er zum König, dessen rückwärtigen Standort jedoch die Geschosse jetzt auch erreichten, so daß die Offiziere dem Kanzler Vorstellungen machten, der dann den König zu weiterem Ausweichen bewog. Die Nacht brach ein und Otto dachte: das ist viel schlimmer als die Krise bei Königgrätz. Der König klagte, ihn hungere. Man sah sich nach Eßbarem vergeblich um, bis man endlich zwei Koteletten ausfindig machte. Der Kanzler und Sheridan fanden mit Mühe ein Unterkommen, ihren gemeinsamen Reisewagen bewachte ein junger Offizier, der sich dazu erbot, der Erbprinz von Mecklenburg. Der Jammer des Schlachtfeldes schnitt ihm ins Herz. 20 000 deutsche Tote und Verwundete lagen umher. Von 211 000 Streitbaren, den zwecklos am anderen Moselufer vor Metz demonstrierenden Manteuffel inbegriffen, kamen nur 130 000 zum Kampfe (auch dies spricht Bände), der Verlust betrug also über 15 Prozent. Die Franzosen brachten nur über 100 000 ins wirkliche Feuer, die spätere erfinderische Angabe Moltkes, sie hätten 170 000 gehabt, verwechselte wie gewöhnlich Gefechts- und Verpflegungsstärke (Artillerie, Offiziere, Train, sonstige Nichtstreitbare) und rechnete nachher bei der Kapitulation die Metzer Nationalgarden und neue, dort erst im September einrückende Reservisten mit. Möglichenfalls fälschten die Franzosen ihre Verlustliste ein wenig, sie behaupteten, 3000 Mann weniger am 16. verloren zu haben als man ursprünglich angab, vielleicht sind diese am 18. beizurechnen. Es mag sein, daß sie 15 000 einbüßten, davon weitaus am meisten das Korps Ladmirault, inklusive 2000 Gefangene Canroberts. Jedenfalls hat nur der preußische Soldat die Schlacht gewonnen, außer Kronprinz Albert blamierte sich jeder Korpsgeneral mehr oder minder, von wirklicher Oberleitung spürte man nichts. Sein knurrender Magen verbesserte auch nicht gerade seine Verdüsterung. Das Hauptquartier ritt um ½ 3 Uhr nachts von Rezonville ab. An Frühstück war nicht zu denken, und auch später hatte man nur Kommißbrot und Speck. Gegen Abend machte der Hunger sich geltend, bisher durch Aufregung gedämpft. Endlich trieb Otto bei einem Marketender fünf Eier auf, die er mit – sage und schreibe – 20 Franken bezahlen mußte. Da er sie gern roh aß, klopfte er zwei davon an seinem Degenkauf auf und verschlang sie. Mit den anderen drei ritt er zu General Sheridan und Graf Lehndorf: »Brüderlich teilen, jedem ein Ei, dem braven Schweppermann nicht zwei.« Daß er die zwei anderen schon intus hatte, verschwieg er diplomatisch, was man ihm nicht verübeln darf, sintemal er doch das Stück mit vier Franken bezahlte und ein übriges tat, den anderen Hungernden etwas davon abzugeben. Erst spät am anderen Tage bekam er etwas Warmes in den Magen, er begegnete Goeben, der ihm eine Erbssuppe verabreichte. Unterwegs stieß ihm ein Soldat auf, der ein Huhn trug. Er kaufte es ab und traf dann wieder einen Marketender, der ein gebratenes Huhn anbot. Das kaufte er und überließ ihm das andere Huhn. »Geben Sie mir's gebraten wieder, wenn wir uns wiederschauen. Wenn nicht, so hoff' ich, Sie werden es mir in Berlin zurückerstatten.« Ach, Roß und Reiter sah man niemals wieder und der gebratene Franzosenhahn trotzte den kühnsten Anstrengungen der Zähne, seine Zähigkeit übertraf weit die der französischen Infanterie, ein gallischer Hahn hat auch seinen Patriotismus, gebraten oder nicht! * Das Unglaubliche wurde wirklich wahr, Bazaine ging nach Metz hinein, obschon er immer noch drei Tage nach der Schlacht über Diedenhofen entweichen konnte. Am 20. morgen trafen der Kronprinz und Blumenthal ein, die durch Major v. Hahnke und Hauptmann Lenke, beide ins Hauptquartier entsendet, den Ausgang der Schlacht erfuhren. Der Kronprinz wünschte vor allem den Kanzler zu sprechen, ob der sonstige politische Horizont klar sei, was dieser bejahte. Der König dankte Blumenthal herzlich: »Ich freue mich unendlich über die Siege des Kronprinzen, das ist von unendlicher Bedeutung für seine Zukunft.« Er sah nervös und angegriffen aus und klagte: »Wir haben 900 Offiziere verloren, darunter so viele von der Garde, es fielen manche, die mir die liebsten waren.« Mit einem Anfluge von Gereiztheit, bei ihm ganz ungewöhnlich, fuhr er los: »Meine Generale scheinen alles vergessen zu haben, was sie im Manöver lernten. Wie toll drauflos gegangen! Solches Schlachten können wir nicht aushalten.« Otto fühlte damit sein eigenes Urteil bestätigt. »Wir zernieren also jetzt Bazaine, aber Mac Mahons Entsatzarmee macht mich besorgt.« Moltke, sehr ruhig, versicherte mit Bestimmtheit, daß er ohne Besorgnis sei, Blumenthal pflichtete bei. Nebenbei beschwerte er sich zu Otto über die vielen Prinzen und Johanniter im Lager. – Am Abend soupierte er mit Sheridan und dessen amerikanischen Begleitern, sprach flüssig Englisch, trank Champagner und holte den Nordstaatlergeneral aus, welchen Eindruck ihm die preußische Kriegführung mache. Tatsächlich kannte Sheridan nur das wilde Morden in den Tennessee-Schluchten und spätere heftige Treffen bei Lees Untergang. Die großen Schlachten bei Frederiksburg, Chanzelorsville, Gettysburg, Spotsylvania und in der Wildnis hatte er nicht mitgemacht, nichtsdestoweniger tat er sich sehr wichtig. Am 21. August befand sich an der Hoftafel in Pont-à-Mousson auch Sheridan, den der König über Grants Operationen bei Viksburg befragen wollte, die eine gewisse Ähnlichkeit mit der jetzigen Lage zu haben schienen. Sheridan als verwöhnter Angelsachse staunte über die Einfachheit des Mahles, das nur aus Suppe, Braten und zwei Gemüsen bestand nebst gewöhnlichem Tischwein. Da niemand sonst Englisch sprach zum Staunen des Yankee, der, wie viele naive Engländer an die allgemeine Sprachkunde der Deutschen glaubte, so machte Bismarck den Dolmetscher. Daß ein Yankee kein Wort Deutsch versteht in einem Lande, wo unberechenbar vielen Einwohnern deutsches Blut in den Adern rollte, – das – nun, das versteht sich von selbst! »Wahrscheinlich wird die Armee von Chalons als Entsatzheer für Metz gedacht sein«, begann der König. »Ihr General Grant kam bei Belagerung von Viksburg in Verhältnisse, die unserem Uferwechsel an der Mosel gleichen. Dort war es der viel größere Mississippi. Es gelang ihm, alle Entsatzversuche zu vereiteln. Wie kam das?« Sheridan antwortete ausführlich und übertrieb natürlich nach Yankeesitte die Erfolge, deren Wurzel allein in der Unfähigkeit der gegnerischen Führung stak. »Die Verteidigung scheint mir nicht sehr tätig geführt zu sein. Ob wir von Bazaine, einem erfahrenen Berufsmilitär, ähnliches hoffen können? Die Grundsätze der Kriegswissenschaft sind natürlich immer die nämlichen, doch ihre Anwendung –! Erstaunlich, daß Ihre Milizen so Großes vermochten!« Sheridan verbeugte sich und machte ein Kompliment. Natürlich schrieb er in sein Tagebuch, daß man hier nichts Neues lernen könne. Im Gegenteil sei die taktische Fechtweise veraltet. Die Marschleistungen seien hervorragend, doch auf gebahnten Wegen, während seine Milizen ihre Gewaltmärsche sogar durch Urwälder und über reißende große Ströme vollbrachten. Jetzt begann der Vormarsch der Maasarmee des sächsischen Kronprinzen, das Hauptquartier folgte über Bar-le-Duc und Clermont. Am 26. August kam Blumenthal nach Bar und murrte ungehalten über die steten Marschänderungen Moltkes, die eine nervöse Unsicherheit verbreiteten. Der Kanzler sorgte dafür, daß der König gegen Franktireurs eine starke Bedeckung erhielt, er selbst ging jedoch allein durch die engen dunklen Gassen von Grandpré, um seine Furchtlosigkeit darzutun. In Bar hatte ein Lebensmüder ihm aufgelauert. Sein Quartier war immer das schlechteste, während müßige Höflinge des königlichen Gefolges in Himmelbetten schliefen. Manchmal sah man den Kanzler mit Moltke auf der Landstraße wandeln, die beide aus dem Wagen stiegen, um ihre Glieder zu recken. »Die riesigen Kanonenstiefeln des Chefs erinnern an den Dreißigjährigen Krieg«, bemerkte Busch. Bohlen lachte: »Man sagt, es werde ein dreißigtägiger.« Otto sprach viel mit den Franzosen, und ein alter Herr erzählte später: »Er sprach wie ein Franzose, niemand hätte ihn für so einen schrecklichen Preußen gehalten. Solch einen Mann braucht Frankreich.« Die Jagd auf Mac Mahon erschien ihm zweifelhaft. »Ich war mal hier in den Ardennen auf einer Wolfsjagd. Der graue Kerl verschwand aber vor uns, so wird's hier auch gehen.« Der immer zuversichtliche Blumenthal setzte schon früh auseinander, die Karte in der Hand – der Timeskorrespondent Russel und Georg Bleibtreu konnten es bezeugen –, wann und wie der Feind gestellt werde. »Wir umzingeln ihn oder drängen ihn nach Belgien.« Am letzten Augusttage rieb sich auch Moltke die Hände. »Nun haben wir sie doch in der Mausefalle.« Wie aber, wenn der Feind mit Hinterlassung starker Nachhut in der Nacht abmarschierte, noch in den Morgenstunden des 1. September wäre es möglich gewesen, obschon Blumenthal, über Moltkes Einladung hinausgehend, zwei ganze Korps über die Maasschleife nach Norden in den Rücken schickte, um die Klappe zuzumachen. Sie hätten sich nicht rechtzeitig entwickeln können, wenn die Franzosen in Masse auf Mezières abmarschierten. Doch schon mittags erkannte man von der Frénoishöhe, wo der König stehend und Otto im Grase sitzend die Schlacht beobachteten, daß jetzt ein Entkommen nicht mehr möglich sei. In die malerische Gegend zeichnete sich das Schlachtbild wunderbar schön ein. Die Franzosen schlugen sich diesmal meist brav, die Marinedivision in Bazailles und Division Liébert bei Floing überraschend brav, ebenso fest die gesamte Artillerie, die hier mit allen Ehren unterging, und die Reiterei, die sich opferte. Der Kronprinz und seine Umgebung waren des Erfolges nicht sicher, Blumenthal sagte aber kurz und bündig: »Der Feind wird vernichtet oder gefangen.« Ebenso kühl äußerte sich Moltke, während der russische und englische Militärattaché nicht ohne Neid dem Triumph der deutschen Waffen zuschauten. Der König verhielt sich kalt und ruhig mit freundlichem Gesicht, die Augen auf die schon mehrfach brennende Festungsstadt gerichtet. Am Ende der Schlacht ließ er selbst frische Batterien auf Sedan richten, um sodann die Übergabe zu fordern.« 600 Feuerschlünde schlossen immer enger einen blitzenden donnernden Kreis, so daß es dem Beschauer schien, als könne nichts Lebendes in dieser Hölle ausdauern. Man hat aber die materielle Wirkung ungeheuer überschätzt, wozu grundfalsche Ziffern im Generalstabswerke beitrugen. Danach bestand das französische Heer aus 124 000 Mann, während es überhaupt nur mit 110 000 von Chalons abrückte, wie auch Blumenthal in sein Tagebuch notierte. Nicht 17 000, sondern nur 9800 lagen tot und verwundet, nicht 21 000, sondern 9000 wurden während der Schlacht gefangen, nicht 83 000, sondern 65 000 kapitulierten. Hessen und Thüringer vollbrachten diesmal die wichtigste Arbeit. Otto hörte es mit ebenso viel Vergnügen wie die Taten der hannoverschen Regimenter und Batterien und der ruhmvollen Holsteiner Artillerie in den Metzer Schlachten. Die Neupreußen fochten also ebenbürtig Schulter an Schulter mit den Altpreußen, und die Bayern, bei Wörth noch nicht hervorragend, trugen diesmal fast die Hälfte des Verlustes in heißem Raufen, wobei ihre Artillerie sich auszeichnete. Wie die tapferen Sachsen fochten, erfuhr man bei St. Privat und nicht minder hier. Das kittet für immer aneinander, dachte Otto mit stiller Ergriffenheit und Dank gegen die Vorsehung. Es ging auf 3 ½; Uhr, die Schlacht schlief ein, die Entscheidung fiel längst. In dieser eingelegten Pause, während die Kanonade sich beruhigte, sammelte sich eine Anzahl hoher Personen um den König: Prinz Karl, die Großherzoge von Mecklenburg und Weimar, Herzog Ernst von Koburg und Sheridan nebst dessen Adjutanten Forsyth, natürlich auch »General«, weil in Amerika Generals- und Oberstentitel seit dem Bürgerkriege unendlich wohlfeil waren. Die drei Paladine Bismarck, Moltke, Roon nahmen an dem Gabelfrühstück teil, das aus Koteletten, Erbsen, viel Rotwein und Sherry bestand. Der König hatte einen Feldtisch, die meisten tafelten auf der nackten Erde. Die gehobene Stimmung machte sich in Ausrufen Luft, die sich kreuzten. »Die Kapitulation ist sicher!« »Damit ist Frankreich fertig!« »Der Krieg wird in nächster Zukunft beendigt sein!« »Was denken Exzellenz über die Friedensbedingungen?« Otto erwiderte ausweichend, sehr einsilbig, eine peinliche Ahnung bedrückte ihn. Der König wandte sich an ihn und teilte mit: »Das ist eine sonderbare Tartarennachricht. Fürst Putbus will erfahren haben, daß der Kaiser Napoleon sich bei der Armee befindet. Er erfuhr es von französischen Gefangenen. Ich muß gestehen, ich bin etwas ärgerlich, daß er sich solchen Bären aufbinden ließ, und habe ihn herbefohlen.« »Warum zweifeln Eure Majestät so sehr?« Ottos Stimme klang gedrückt. »Der Kaiser befand sich tatsächlich bei der Armee in Chalons. Warum sollte er nicht noch jetzt als Höchstkommandierender dort weilen?« Fürst Putbus erschien. Der liebenswürdige wohlwollende Mann diente im kronprinzlichen Hauptquartier als Militärinspektor der freiwilligen Krankenpflege. »Majestät, General v. Blumenthal schickte mich zu einer Batterie mit Befehl der Feuereinstellung, weil die Bayern so weit in der Vorstadt andringen, daß unsere Granaten sie treffen könnten. Auf dem Rückwege traf ich gefangene Franzosen und die sagten uns, sie hätten den Kaiser noch am Morgen und später im Feuer gesehen.« Allgemeiner Jubel. »Aber das wäre ja famos! Dann wird er mitgefangen! Ein solcher Triumph! Dann ist der Friedensschluß vor der Tür!« Auch Moltke belebte sich, ein Freudenschein glitt über seine kalten Züge. Nur Otto sagte kein Wort. Dann nahm er Putbus beiseite, fragte ihn aus und äußerte ruhig: »Schade! Dann, ist der Friedensschluß in weite Ferne gerückt!« Putbus starrte ihn an, als scherze der Staatsmann. Blitzschnell erwog der geniale Verstand, daß ein gefangener Kaiser nicht Frieden schließen könne, daß sicher Umwälzung in Paris erfolge und nachher niemand da sein werde, mit dem man ordentlich verhandeln könne. Vor 5 Uhr erschien der als Unterhändler abgesandte Oberst v. Bronsart und bestätigte die Nachricht. »Dies ist ein großer Erfolg,« wandte sich der König an seine Umgebung, dann an den Kronprinzen: »Ich danke dir, daß du dazu halfest.« Dieser küßte ihm die Hand, ebenso Moltke. Dann winkte er Bismarck zu und sprach mit ihm einige Minuten allein. »Meinen Sie, das ist der Frieden?« »Ich zweifle fast. Jetzt wird in Paris das Kaiserreich fallen. Ich fürchte Ausrufung der Republik.« »Wird sie sich nicht sofort unterwerfen?« »Auch das bezweifle ich. Wir werden noch Überraschungen, erleben. Da kommt übrigens General Reille vom kaiserlichen Hofstaate. Ich kenne ihn von Paris her.« Reille stieg ab, zog sein goldbordiertes Käppi, machte eine zeremoniöse Reverenz und überreichte ein versiegeltes Schreiben, der vornehmste Briefträger in der Weltgeschichte. Der König las: »Mein Herr Bruder, da ich an der Spitze meiner Armee nicht sterben konnte...«, worüber man irrig gespottet hat. Er suchte wirklich den Tod, der ihn mied, zwei hohe Generale wurden an seiner Seite niedergestreckt. Otto entwarf sofort eine Antwort, die der König dann eigenhändig niederschrieb. Ein von Major Alten ihm vorgehaltener Stuhl diente als Schreibtisch. Währenddessen begrüßte er sich mit Reille, der hastig betonte: »Man wird doch einer Armee, die sich so brav schlug, keine harten Bedingungen auferlegen?« Otto erwiderte achselzuckend: »Unbedingte Waffenstreckung!« »Ehe wir das annehmen, werden wir uns mit der Festung in die Luft sprengen.« »Tun Sie das!« Diesem Kenner etwas vormachen! Er kannte doch die französischen Redensarten. »Ist der Kaiser übrigens noch Herr über sein Heer? Wird man z. B. in Metz seiner Order gehorchen?« »Sicherlich.« Die Schatten senkten sich tiefer, als Reille abritt, doch den ganzen Himmelsbogen röteten die Brände der Dörfer. Überall wehte die weiße Fahne, die Kanonade schwieg. Die Sonne tauchte unter in schwarzem Gewölk, mit furchtbarer Pracht loderte eine Flammensäule aus Sedan, eine Rauchsäule aus Bazailles empor. »Ich bitte Eure Majestät, sich nach Vendresse zurückzubegeben, Ihre hohe Person muß jedem Kontakt mit der Verhandlung fernbleiben, bis sie beendet.« »Sie haben recht, Bismarck. Sie, Moltke und Blumenthal werden also die Kapitulation abschließen.« Als der König abfuhr, huldigte ihm überall begeistertes Hurra der Truppen, die sangen »Heil dir im Siegerkranz«. Nie hatte dies Lied eine so wörtliche und volle Bedeutung. Längs der langen Linie der deutschen Heere verbreitete sich blitzschnell die Kunde, zu den am Sonnenäther hervorblinzelnden Sternen stieg der Choral aus hunderttausend rauhen Kriegerkehlen: »Nun danket alle Gott!« Endlich, endlich! Otto warf einen Blick zum unheimlich brandigen Himmel und betete lautlos. Mit Blut und Eisen! Einen schauerlichen Gegensatz zur feierlichen Größe des deutschen Triumphes bildete die verworrene Demoralisierung in Sedan. Der einzige Deutsche, der noch an diesem Abend waghalsig durch ein Palisadentor die Festung betrat, war der Maler Bleibtreu, den die Franzosen höflich passieren ließen, sei es, weil sie ihn nach seinem Knebelbarte für einen ihrer Intendanturbeamten hielten, sei es, weil sie ihn nach der Genfer Binde als einen deutschen Sanitätsbeamten respektierten. Als er aber am folgenden Tage mit dem befreundeten Ingenieurgeneral Schulz, einem biederen behäbigen Westfalen, von Blumenthal mit Entgegennahme der »Festung« (nicht der Armee) betraut, bis zum Präfekturplatze kam, wollte eine Rotte betrunkener Turkos sie massakrieren. Schon griff der lange Mutius zur Plempe, als Schulz abwinkte: »Steckenlassen!« und ruhig durch den Soldatenpöpel hindurchschritt, der heulend und knurrend auswich. Ducrot, auf der Freitreppe der Präfektur stehend, zog tief sein Käppi. »Ich mache Ihnen mein Kompliment, mein General.« Der allgemeine Eindruck hatte etwas Anwiderndes. Außer Gruppen von Offizieren, die düster mit verschränkten Armen in einigen Höfen an der Mauer lehnten und denen man den bitteren Schmerz ansah, lachten und plauderten die Soldaten, seelensfroh, dem Granatenorkan entronnen zu sein. Draußen in Donchery arrangierten Gefangene in der Kirche eine Theaterposse, »Badinguet« (Spitzname des Kaisers), worin sie sein Unglück verhöhnten. Als Bleibtreu mit dem befreundeten württembergischen Militärbevollmächtigten General Faber du Faur am Schlachtabend in Donchery vor einem feisten Hammelbraten saß, stürzte der joviale Bismarck-Bohlen herein, klopfte dem Künstler auf die Schulter und lachte: »Herr Professor, Sie müssen raus, hier wird's einen Stoff für ein großes Bild von Meisterhand geben.« »Was ist denn los, Herr Graf?« »Hier, gerade hier, wo Sie sitzen, findet die Kapitulationsverhandlung statt. Nun, es ist noch Zeit bis dahin, mein Vetter kommt gleich, lassen Sie ihm was vom Hammel übrig!« Gleich darauf erschien die ehrfurchtgebietende Reckengestalt in der Tür, grüßte mit gewohnter Höflichkeit und setzte sich. Sein ehernes Gesicht trug einen Ausdruck, wie der Künstler, der ihn so oft gemalt, es noch nie gesehen. Er strahlte wie in Verklärung. Seine Stimme hatte ein leichtes Zittern als er erzählte: »Meine Herren, ich kam vorhin durch die Bayern vorbei. Das war der schönste Augenblick meines Lebens.« Der wahnsinnige Jubel, mit dem die Bayern ihn überschütteten, schrie die alte plattdütsche Losung in bajuvarischer Mundart gen Himmel: Für immer ungedeelt! Er hatte es ja vorher gewußt, der Nationalkrieg gegen den alten Erbfeind vereinte auf einen Schlag und einen Tag die jahrhundertelang Getrennten. Er war sehr gesprächig, und vom Hammelbraten blieb nicht viel übrig ... Bleibtreu traf, als er ein anderes Quartier fand, den befreundeten englischen Militärattaché Walker, einen eleganten Krieger von athletischem Wuchse, der sich als Deutschenfreund aufspielte, doch wahrlich nur innerhalb des Bannkreises britischer Einbildung. Denn er mußte in späterer Zeit von Berlin entfernt werden, weil er sich arrogante Äußerungen entschlüpfen ließ, die er übrigens später als Direktor der Militärerziehung in St. James' Palace dem Sohne Bleibtreus wiederholte. Das Geschwätz von preußischem Militarismus konnte auch dieser Stockengländer sich nicht verkneifen. Seine Memoiren mußten später aus dem Buchhandel zurückgezogen werden, weil sie von maßloser Eitelkeit strotzten. Diesmal braute er dem durchnäßten Künstler einen steifen Grog und versicherte später der Gattin des Malers: »Ich hab' ihm das Leben gerettet, hätte er mich gehabt, als er beim Sturm auf Wörth durch die Sauer watete, hätte er keinen chronischen Katarrh.« Solche germanische Herzlichkeit, Gemütlichkeit und Liebenswürdigkeit besaß übrigens auch sein späterer Nachfolger Lord Methuen (der verunglückte Burenschreck), und doch strotzte auch er von maßloser insularer Überhebung, sobald man tiefer in sein Inneres drang. Die Briten bleiben sich immer gleich auf diesem Punkte. Zum Ärger Blumenthals und des Stabes fanden sich immer mehr britische Schlachtenbummler beim Kronprinzen ein, den Sport mitzumachen. Vom Prinzgemahl ihrer Prinzeß Royal erwarteten sie, daß er solche Ehre zu schätzen wisse. So näherte sich ein baumlanger Herr am zweiten Tage seiner Ankunft Bleibtreu, den der Kronprinz zusammen mit seinem literarischen Ideal Gustav Freytag als Gäste zur »ersten Staffel« einlud und geradeso wie der sonst recht zugeknöpfte Blumenthal mit hoher Auszeichnung behandelte. »Ick aben gehört, daß Sie sein mit vorn gewesen in die Bataille von Wörth. Ik uerde mir Ihnen bei die nächste Bataille anschließen.« Dem bei aller Bescheidenheit seiner Würde bewußten berühmten Künstler lief die Galle über, und er rief mit lauter Stimme: »Herr, ich kenne Sie ja gar nicht und fühle gar keinen Wunsch, Sie mitzunehmen.« Unendliche Freude des Generalstabes. Der Brite stand ganz verdutzt da und murmelte: »Ik bin der Duke of Sutherland.« Er war ein kreuzbraver menschenfreundlicher Herr, doch der Gedanke, daß ein englischer Herzog sich einem niederen Sterblichen vorstellen müsse, nun gar bloß einem Deutschen, konnte ihm wirklich nicht kommen. Der Maler beging eine Dummheit, den edlen Lord vor den Kopf zu stoßen, der wäre ihm zeitlebens ein treuer Gönner geblieben, denn der Engländer ist von Natur treu und Gentleman ... als Privatmann. Doch der irrsinnige nationale Dünkel, verbunden mit krasser Unwissenheit, verdirbt zuletzt auch den anständigsten Charakter. Was er sonst als schlechten Ton verabscheut, Prahlsucht und Selbstgefälligkeit, regieren den Briten, sobald er Ausland und Ausländer von oben herab betrachtet. Und der Franzose, der manchmal mit überströmender Freundlichkeit einen Deutschen begönnert, wenn er ihn gern hat? Diese Rasse lernte zu dieser Stunde in Donchery eine furchtbare Erkenntnis aus dem Munde dessen, der nie ein Welschgänger und Michel war ... Die Generale Wimpfen und Faure als Vertreter der Armee, Castelnau als Vertreter des Kaisers saßen an einem mit roter Decke bedeckten viereckigen Tische Bismarck und Moltke gegenüber. Die anderen preußischen Militärs standen meist, der Protokollführer am Kamin, auf dessen Sims er schrieb, hinter Wimpfen lehnte an der Wand sein Adjutant Kürassierrittmeister d'Orcet. Ein Stahlstich Napoleons I. blickte auf den Tisch herunter, der Lichtschein der Lampe umspielte das Cäsarenantlitz. Es schien düster und erstaunt auf den germanischen Riesen herabzustarren, der hier mit Kanonenstiefeln und Kürassierpallasch breitbeinig sich anschickte, der Gloire für immer ihr Todesurteil zu schreiben. Ein kurzes Schweigen ging vorher. Moltke blieb unbeweglich. Blumenthal rechts von Bismarck krümmte spöttisch die Lippe, ein fanatischer Franzosenhasser. Das Blut seines tapferen Vaters, der bei Dennewitz fiel, jubilierte in ihm. Der Bittsteller und Besiegte hat zuerst zu reden, wenn er um Gnade bitten will. »Es wäre mir lieb, die Bedingungen kennen zu lernen, die Seine Majestät der König von Preußen uns geneigtest bewilligen will.« »Sie sind einfach genug«, kam Moltkes kalte Antwort. »Ihre Armee ist kriegsgefangen. Den Offizieren wird man in Anbetracht ihrer tapferen Haltung den Degen lassen.« »Das ist zu hart. Den Platz und die Artillerie würden wir übergeben, indessen –« Man merkte dem unbedeutenden Wimpfen die Befangenheit an. den zwei berühmtesten Männern der Gegenwart die Stange halten zu sollen. Doch sein französisches Hochgefühl ermannte sich. »Ich persönlich wollte den Kampf fortsetzen und habe den letzten Vorstoß bei Balan selber geleitet.« Noch niemand hat behauptet, daß es den Franzosen an Mut fehle, ihre Generalität erreichte heute eine beispiellose Ziffer von Toten und Verwundeten. Doch Wimpfens letzten Ausfall hat die beiderseitige Legende auch bis heute naiv vergrößert, tatsächlich hat nur ein Milizbataillon Moch nebst ein paar hundert Gesammelten den ganzen Spektakel verursacht. Entstellung überall in jeder Kriegsgeschichte. »Ich ergebe mich in die Beschlüsse meines Souveräns, erwarte aber ehrenvolle Bedingungen und erhebe Anspruch darauf.« »Was verstehen Sie darunter?« frug Moltke trocken. »Abzug mit Waffen und Gepäck unter Ehrenbezeugungen gegen Verpflichtung, nicht mehr im Kriege zu fechten.« Eine Bewegung ging durch die preußischen Offiziere angesichts so ungeheurer Unverschämtheit. Otto erwiderte jedoch ganz ruhig: »Wir lassen Ihrer energischen Führung und der Bravour Ihrer Truppen, die einer großen Übermacht so lange widerstanden, Gerechtigkeit widerfahren. Doch handelt es sich hier nicht um die Armee, sondern um Frankreich, das uns den Krieg, erklärte. Deutschland will raschen Frieden, deshalb versäumen wir kein Mittel, den Kriegszustand abzukürzen. Ihre Offiziere könnten Cadres für neu zu bildende Heere abgeben. Schon deshalb entscheiden wir dahin: Ihre Armee geht kriegsgefangen nach Deutschland.« »Das ist unannehmbar. Wir sind nicht so niedergeworfen wie Sie glauben. So appelliere ich nochmals an die Waffen.« »Völlig vergeblich«, fiel Moltke kurz und schneidend ein. »Keine Lebensmittel, keine Munition, dezimierte Kräfte, Artillerieumfassung von allen Seiten. Konzentrische Beschießung würde sie vernichten, ehe Sie eine Bewegung beginnen. Sie können durch einen Ihrer Offiziere sich von unseren Stellungen und meiner Genauigkeit überzeugen. Erfolgt nicht jetzt die Waffenstreckung, lasse ich das Bombardement bei Tagesanbruch eröffnen.« »Mich däucht, nie gab es so harte Bedingungen. In Mainz, Genua, Ulm –« »Diese Ihnen natürlich allein bekannten Vorfälle französischer Kriegsgeschichte interessieren uns hier nicht.« »Sie, der Sie selbst Chefgeneral sind, versetzen Sie sich in meine persönliche Lage! Ich soll meinen bisher untadeligen Namen unter die schmachvollste Kapitulation setzen, als Ergebnis einer verfehlten Operation, die ich weder plante noch einleitete. Der Marschall Mac Mahon ist schwerverwundet, ich sage nichts weiter.« Er ging auf Einzelheiten ein, merkte aber an den gleichgültigen höflichen Mienen, daß die menschliche Teilnahme ihm nichts nützen konnte und brach ab. »Ich werde versuchen, mich durchzuschlagen oder Sedan zu verteidigen.« »Eins so unmöglich wie das andere. Ich bin voll besonderer Hochachtung für Ihre Person, bedauere aber, Ihnen nicht entgegenkommen zu können. Ihre Elitetruppen sind ersten Ranges, doch ein großer Teil Ihrer Infanterie ist demoralisiert.« Das traf zu, viele Teile sind nach geringem Verluste kampflos bis Sedan zurückgeströmt, während die Artillerie heroisch bis zuletzt aushielt. Im ganzen aber hat die altgediente Troupierarmee Bazaines sich mit Unehre, die Armee von Chalons (meist Reservisten und Rekruten) mit Ruhm bedeckt. Die aus lauter Reservisten, die nicht mal ihr Chassepot handhaben konnten, bestehenden Brigaden Nicolas und Saurin fochten bei Beaumont bewunderungswürdig, die deutschen Angaben über 2000 (nämlich un verwundete) Gefangene sind ebenso falsch wie »42« eroberte Kanonen, es waren 27. »Sie haben noch 80 000, im Laufe des Tages fielen 20 000 unverwundete Gefangene in unsere Hände, wir stehen Ihnen mit 240 000 und 500 Geschützen gegenüber. Sie können nicht durch.« Jede dieser Ziffern war falsch, sogar zu unseren Ungunsten. Denn nur 121 000 Deutsche nahmen wirklich am Kampfe teil. Dagegen läßt sich nichts einwenden, wenn nur nicht die Irrtümer ins Generalstabswerk übergegangen wären. »Ist die Zusage, nicht mehr gegen Deutschland zu dienen, nicht genügende Garantie?« »Vielleicht«, nahm der Kanzler wieder das Wort, »ließe sich auf dieser Basis diskutieren, doch Sie haben keine dauerhafte Regierung. Vielleicht haben Sie morgen eine andere, die sich nicht besinnen würde, unsere Abmachung zu annullieren. Wir brauchen eine andere Sicherheit.« »Keine Regierung würde französische Offiziere zum Bruche ihres Ehrenwortes bewegen können«, erwiderte Wimpfen mit stolzer Überzeugung. Er war halt selber germanischer Abkunft und hatte sich noch nicht in die gallische Psyche eingelebt. Bald genug sollte der Gefangene vernehmen, daß jeder Offizier, der irgend konnte, sein Ehrenwort brach, Ducrot obenan. La patrie en danger! lautete die Ausrede. Das auserwählte Volk der Franzosen, diese Säule des Universums, ist über kleinliche Ehrbegriffe erhaben. Gut, dann muß es eben mit auserwählt harten Mitteln bekämpft werden. Denn jetzt erhob sich Wimpfen zur wahren französischen Verlogenheit: »Was uns vor allem auszeichnet, ist unsere hochherzige ritterliche Gesinnung. Sie ist erkenntlich für alle Akte des Edelmutes. Verfahren Sie umgekehrt, so werden Sie Haß und Zorn für immer erwecken. Sie geraten in nie endenden Kampf zwischen Preußen und Frankreich.« »Zwischen Deutschland und Frankreich, meinen Sie.« Die Stimme Ottos hatte einen ehernen Klang. »Ihr Argument scheint ernst zu sein, doch es ist unhaltbar. An Dankbarkeit darf man wenig glauben, am wenigsten an Dankbarkeit eines Volkes, nun gar eines solchen, das seit 80 Jahren fortwährend seine Regierungsformen wechselte. Es wäre daher reiner Unverstand, auf dankbare Freundschaft einer französischen Regierung zu bauen. Außerdem aber wäre es törichte Einbildung, daß Sie je unseren Erfolg verziehen, eine so reizbare, eitle, hochmütige Nation. Seit zwei Jahrhunderten überzogen Sie dreißigmal Deutschland mit Krieg. Diesmal aus blinder Eifersucht, obschon ›Sadowa‹ dem Ruhme Frankreichs keinen Abbruch tat. Der Ruhm ist eine Ihnen allein vorbehaltene Apanage. Sie haben darauf ein Monopol. Man verzieh uns Sadowa nicht und sollte uns je Sedan verzeihen? Schlössen wir jetzt Frieden, in fünf Jahren hätten wir wieder Krieg. Das ist der Dank, den wir von Ihnen erwarten. Wir sind friedliebend und würden ewig den Frieden lieben, wenn ungereizt. Heute ist's genug. Frankreich muß für seine Eroberungssucht so gezüchtigt werden, daß wir und unsere Kinder ruhen können.« Wimpfen begriff sehr wohl die Richtigkeit dieser eisernen Logik, wandte aber geschmeidig ein: »Sie haben das erste Empire im Auge. Wir wandelten uns sehr, persönliches Wohlleben bestimmt die Interessen, der industrielle Aufschwung, Vorliebe für die schönen Künste, wir wünschen Verbrüderung der Völker. Sind nicht unsere alten Feinde, die Engländer, jetzt in Entente cordiale mit uns? So hielten wir es auch mit Deutschland, wenn es sich edel zeigt.« Otto hatte ungeduldig sich bewegt, als ob ihn das Geschwätz anekele, Blumenthal hatte eine Miene, als ob er vomieren wolle, Moltke regte sich nicht, eiskalt. Diese großen Deutschen waren keine deutschen Michel, ihre hohe Bildung befähigte sie, die elende Welschgängerei in sich zu überwinden. Mit erhobener Stimme äußerte sich der Kanzler: »Ich gebe nicht zu, daß sich Ihr Nationalcharakter änderte, er wird immer der gleiche bleiben bis ans Ende aller Tage. Auch diesmal wollte Frankreich den Krieg, um der Gloiremanie Ihrer kindlich eitelen Nation zu schmeicheln. Wir wissen, daß ein Bruchteil, vernünftig und gesund, den Krieg nicht will, doch selbst diese ruhigen Elemente geben ohne sonderliches Widerstreben nach. Das wird immer so sein . Auch drängt bei Ihnen nicht allein die Armee zum Kriege, sondern die Advokaten, Journalisten und der Straßenpöbel, die bei Ihnen Regierungen gründen und stürzen. Diesem Gesindel, das seine eigene Haut nicht zu Markte trägt, doch mit schamlosen Verleumdungen und Fälschungen alle Unwissenden Europas vergiftet, wollen wir den Hals umdrehen. Deshalb müssen wir in Paris einziehen. Vielleicht bekommen Sie eine Regierung, die nichts respektiert und zum Äußersten schreitet. Wir müssen sie in die Unmöglichkeit versetzen, den Krieg zu verlängern.« Hier verlautbarte sich Castelnau zögernd: »Der Kaiser habe seinen Degen nur angeboten, weil er ehrenhaftere Kapitulation davon erhoffte.« »Ist das alles?« fragte Otto geringschätzig. »Wessen Degen ist das, bloß der des Kaisers oder Frankreichs?« »Einfach der Degen des Kaisers.« »Dann ändert es nichts«, schloß Moltke mit unverhohlener Freude. Kaltblütig fügte Otto den Genickfang hinzu: »Als Friedensgarantie brauchen wir Territorien und Festungen. Frankreich wird immer Revanche fordern, deshalb wollen wir Straßburg und Metz, die Ausfalltore, in Händen haben. Wir werden vier Milliarden nebst Elsaß und Lothringen verlangen.« Hier fuhr Wimpfen vom Stuhle auf, wie von der Tarantel gestochen. »Nie! Die Pferde!« Und er rannte hinaus. Moltke aber beschwichtigte trocken: »Sitzenbleiben! Die sind wie die Pferdejuden! Die kommen wieder!« Und sie kamen wieder. – Um 5 Uhr früh, nachdem er einige Stunden schlief, weckte ihn Reille, das Käppi in der Hand. »Seine Majestät der Kaiser wünscht Eure Exzellenz sofort zu sprechen.« Auf der Stelle stieg er ungewaschen und ungefrühstückt in den Sattel und ritt der kaiserlichen Equipage entgegen, die auf der offenen Landstraße hielt. Drei Adjutanten trabten zu Pferde neben dem Kutschenschlage, Napoleon saß im Wagen, umgeben von drei anderen Offizieren. Otto saß ab und salutierte aufs ehrerbietigste, als stände er vor dem Cäsar in den Tuilerien: »Ich stehe Eurer Majestät zu Befehl. Darf ich mich nach Ihren Wünschen erkundigen, Sire?« Vorschriftswidrig nahm er den Helm ab, als der Empereur sein Käppi lüftete, so daß dieser eilig abwehrte: »Bedecken Sie sich doch!« »Mein lieber Graf, ich möchte den König sehen.« »Der liegt drei Meilen von hier im Quartier in Vandresse.« »Wohin soll ich mich denn begeben?« »Darf ich Eurer Majestät mein Quartier in Donchery bis auf weiteres abtreten?« »Ich nehme dankend an.« Als aber der Wagen sich dem Orte näherte, wandte er unruhig ein: »Dort wird eine Menge sich sammeln. Ich möchte einsam sein, hier liegt ja eine Arbeiterhütte am Wege, dort will ich absteigen.« »Es sieht aber unreinlich aus.« »Was schadet das!« In der Kammer des verlassenen Häuschens saßen sich die beiden auf zwei Binsenstühlen gegenüber, mühsam eine Unterhaltung in Gang haltend, oft in Schweigen versinkend. Der hier so gebrochen dasaß, ein von höherer Hand Gefällter, ihn hatte Otto zuletzt gesehen, umgeben von blendendem Glänze. »Ich wünschte sehr, etwas Günstigeres für die Armee –« »Diese rein militärische Frage«, unterbrach Otto rasch, »kümmert nur General v. Moltke. Dagegen mich, ob Eure Majestät zu Friedensverhandlungen geneigt sind?« Der Kaiser besah sich seine Zigarette, die er in weißbehandschuhter Rechten hielt. »Als Gefangener kann ich nichts erledigen, ich verweise an meine Regierung in Paris.« »Dann wird also nur ein praktisch militärisches Moment zu erledigen sein.« »Kommen Sie mit mir ins Freie!« Der Kaiser setzte sich vor das gelbgestrichene Haus. Die Luft war kühl, trübselig und verdrossen rauschte in der Nähe die Maas vorüber. »Könnte die Armee in Belgien interniert werden?« »Nach pflichtgemäßer Erwägung können wir auch diese Modalität nicht gestatten.« Napoleon versank in düsteres Sinnen. »Ich wollte den Krieg nicht.« »Ja, Sire, Sie gaben dem Drucke der Nation nach, und das ist gerade das Bedenklichste.« Eine Eskorte von Leibkürassieren holte den gestürzten Weltbeweger nach dem Schlößchen Frénois ab, von wo er am folgenden Tage nach Kassel-Wilhelmshöhe abfuhr. Der Kronprinz sagte den Hessen, die Wahl dieses Asyls solle den Siegesanteil ihrer Waffen hervorheben. »100 000 Mann und einen Kaiser« kostet dies Ereignis den Franzosen, schrieb Otto an Nanne, womit er wenigstens eine richtigere Ziffer angab als die später im Generalstabe gewaltig übertriebene. Aber er sagte sich, daß auch hier viel Glück gewaltet habe, besonderes Wohlwollen der Vorsehung. Deutschland hat so viel Unglück gehabt, daß ihm auch mal das Gegenteil blühen mag. Wahrlich, der König drückte es richtig aus: Welche Wendung durch Gottes Fügung! * Schon lag man in Reims, der alten Krönungsstadt, deren herrliche Kathedrale den Kunstliebhaber Abeken in Ekstase brachte. Sein Chef hatte dafür jetzt kein Auge, der perlende Champagner der Witwe Cliquot feuerte ihn zum Entwurfe einer Zirkulardepesche an, Deutschland müsse als Schlüssel seines Hauses Straßburg und Metz in die Tasche stecken. Aus allen Ecken Deutschlands erhob sich der einstimmige Ruf nach Wiedervereinigung mit den einst gestohlenen Reichslanden. Dann begab er sich zu Blumenthal, um ihn über die Stimmung am kronprinzlichen Hofe auszuholen. Er sprach sehr viel nach seiner Gewohnheit, wie der kluge General sich einen verschlossenen Staatsmann nie dachte. Doch machte er heimlich die Klausel: Der hat sich wohl so in der Gewalt, daß seine Redseligkeit am besten verschweigt und irreleitet. Otto ließ dunkel durchblicken, daß Annexion des Elsaß beschlossene Sache sei. Das genügte Blumenthal noch kaum. »Wir müssen die Bande so verhauen und demütigen, daß sie in hundert Jahren nicht wieder zu Atem kommen.« »Daran würden uns auswärtige Mächte hindern.« »Daran sollten wir uns nicht kehren, sondern die Franzosen gründlich als vernichtete Feinde behandeln.« Otto freute sich nicht wenig, daß er am Berater des Kronprinzen einen solchen Bundesgenossen habe, ließ es aber nicht merken, so daß der General beklagte: Der hat leider nicht ganz den allein notwendigen Gesichtspunkt. Uns fehlt Blücher mit seinem Franzosenhaß. Der Sieger von Wörth und Sedan – denn beides war er – ärgerte sich nicht wenig über die langsam bedächtige Methodik, mit der Moltke auf Paris zuspazierte, statt in einem erneuten Eilmarsch möglichst früh vor der Stadt anzulangen, die man mit einem Handstreich hätte besetzen können. Otto aber äußerte vor seinen Getreuen: »Es ist eine Schande, daß die dummen Zeitungen nie diesen begabten Strategen nennen, obschon er nächst Moltke – manche schätzen noch anders – das größte Verdienst hat. Diese Presse ist doch immer nur da, um falsche Renommeen zu gründen und echte totzuschweigen. Das scheint mir bei der deutschen noch schlimmer als anderswo. Die allgemeine Urteilslosigkeit stützt sich auf solche Verfertiger von gewalkten Lumpen, vulgo Zeitungspapier, auf die Tinte von Leuten, die selbst kein Urteil haben.« Auch im offiziellen Berichte über Sedan hatte man das Kronprinzenheer nur obenhin erwähnt, obschon es die Hauptarbeit tat, wahrscheinlich, um den Kronprinzen von Sachsen besonders hervortreten zu lassen und jeden Schein von Nepotismus zu vermeiden. »Unser Fritz«, ohnehin volkstümlich genug, durfte auch nicht zu sehr gepriesen werden, um nicht die Eifersucht Friedrich Karls zu erwecken. So regiert das Allzumenschliche hinter den Kulissen der übermenschlichen Taten. Blumenthal tröstete sich bärbeißig: das wird wohl immer so bleiben, das hält mich nicht ab, meine Pflicht zu tun, aber später möchte ich Ruhe haben und dem Mordhandwerk entsagen. Dieser Wunsch fand noch lange nicht Erfüllung. »Sie glauben alle, meine Herren, der Feldzug sei so gut wie beendet? Jetzt fängt er erst an. Sie alle kennen nicht die Franzosen wie ich, der als junger Mensch hier die Kampagne gegen Napoleon I. mitmachte. Überall Franktireurs! Und der Revolutionszeit gedenke ich auch. Die Proklamierung der Republik in Paris bedeutet für uns nichts Gutes.« Wer war's, der so sprach? Der greise König. »Etwas Gutes hat's doch«, beschwichtigte der Kanzler. »Die Einmischung fremder Diplomaten rückt damit in weite Ferne. Erst müßte das Ausland diese neue Regierung anerkennen.« Am 8. September lud er Sheridan zu einem Imbiß ein und klagte ihm absichtlich sein Leid, daß die Militärs jetzt wieder ganz alle Angelegenheiten in ihre Hand nähmen. »Man marschiert sofort auf Paris und kennt den französischen Charakter nicht. Das wird die Pariser erst recht rabiat machen.« »Aber das übrige Frankreich braucht sich nicht zu fügen.« »Paris ist Frankreich, so weit brachte es das zentralistische Prinzip. Ich fürchte die Wirkung des Namens Republik auf die Entflammbarkeit der Gallier. Diese folgen nie einer Idee, weil ihnen die geistige Fähigkeit dazu fehlt, wohl aber einem Worte. Man gaukle ihnen Worte vor, flugs fliegen die Schwerter aus der Scheide. Wir müßten jetzt gleich mit Napoleon Frieden schließen, damit möglichenfalls der kaiserliche Prinz Lulu unter Regentschaft Eugenies fortregiert. Der würde sein Lebtag eingedenk bleiben, daß er die Fortdauer der Dynastie uns verdankt, und ein gefügiger Nachbar werden.« »Und warum marschiert man sofort auf Paris?« »Um völlige militärische Niederwerfung zu erzielen. Die Herren täuschen sich. Niemand liebt die Welschen weniger als ich aber ihre patriotische Hartnäckigkeit kenne ich, sie speist sich aus ihrer persönlichen Eitelkeit und Unwissenheit, ihrer völligen Selbsttäuschung über die eigene und die gegnerische Macht, aber sie ist nun mal da, und man muß mit ihr rechnen. Die gallische Rauflust wird erwachen, ganz Frankreich sich erheben.« »So werden Sie es niederschlagen. Ein reguläres Heer gibt es ja nicht mehr.« »Das sagen Sie nach Ihrem Bürgerkrieg? Man merkt, daß Sie selbst Berufsoffizier waren. Deshalb legen Sie gewissen Dingen zu viel Wert bei, die an sich jedes stehende Heer gegenüber Milizen stärken, aber nicht die Wucht allgemeiner Volkserhebung vermindern. Diese stellt ungeahnte Massen ins Feld, hat einen besonders starken moralischen Faktor. Denken Sie an Carnots Levée en masse ! Sie war lange nicht so groß wie die Legende prahlt, und doch genügte sie bei damaligen Zeitläuften. Dauert der Krieg lange, werden die Milizen eben durch Kriegserfahrung Veteranen wie bei Ihnen.« »Dazu gehört ein bedeutender Organisator, wie Lincoln es war.« »Wer sagt Ihnen, daß Frankreich nicht auch so einen hervorbringt! Darin liegt die Kraft wirklicher allgemeiner Revolutionen – nicht solcher lokalen Putsche wie unsere achtundvierziger Berlinerei –, daß sie Talente an die Spitze bringen, die sonst ewig im Verborgenen schlummern würden. War das bei Ihnen nicht auch der Fall? Lee war simpler Oberst, Stuart Rittmeister, Jackson Professor, Grant Lederhändler, Sherman Eisenbahndirektor, mochten sie auch in ihrer Jugend gedient haben. Und diese Leute führten die größten Heere, leiteten größte Operationen, zum Teil meisterhaft.« »Das ist wahr. Doch wir brauchten lange Zeit.« »Wegen der ungeheueren Dimensionen von Raum und Zeit. In Europa bei kleineren Verhältnissen geht es natürlich schneller, doch sechs Monate entsprechen hier sechs Jahren bei Ihnen. Ich sehe trübe in die Zukunft. Denken Sie an mich, noch zu Neujahr haben wir nicht Frieden.« In Ferrières, dem Schlosse des Barons Rothschild, fand man trotz dessen Eigenschaft als preußischer Generalkonsul den ungastlichsten, frechsten Empfang durch dessen so beauftragten Haushofmeister. Er wollte den berühmten Weinkeller nicht aufsperren, obschon man alles bar bezahlte. Da erlebte er eine böse Viertelstunde durch den grimmigen Weinkenner, der sich an seinem wundesten Punkte getroffen fühlte. Hier war die Stelle, wo er sterblich war, und er lehrte dem dreisten Franzosen im Handumdrehen Mores, der dann kriechend in alles willigte. »So sind sie«, meinte er verächtlich. »Immer das große Maul und hintenach die Retirade, es sei denn, man stellt sie in Reih und Glied als Soldaten, da sind sie tapfer. Die geborenen Drillmenschen, alles nivelliert. Die Franktireurs machen sich schon mausig. Blumenthal fragt wütend, warum man sie nicht sofort nach Standrecht aufhänge. Unsere Leute sind gut wie kleine Kinder. Zum Danke dafür wird das Gesindel die Welt mit Lügen über unsere Hunnengreuel erfüllen. So waren sie und so werden sie sein, das verlogenste, grausamste, brutalste Volk der Welt. Aber gibt man ihnen einen Schlag aufs Lügenmaul, daß die Beißzähne herausfallen, dann kuschen sie auf einmal. Sobald man erst ein paar Dörfer niederbrennt und ein paar Dutzend Blusen-Tückebolde füsiliert, wird das Unwesen von selbst ein Ende nehmen und jeder Maire untertänig höflich sein.« »Woher nehmen sie nur ihre naive Frechheit?« wunderte sich Keudell. »Ein Kapitel aus der Kleinkinderstube. Diese ungezogenen Lausbuben halten einfach nicht für möglich, daß sich jemand an der geheiligten Person eines Sohnes der großen Revolution vergreifen könne. Brandschatzen sie ein schwächeres Land, so ist dies ihr heiliges Gloirerecht, aber den heiligen Boden des unsterblichen Frankreich mit Fußtritten regalieren ist Totsünde an der gesamten Menschheit. Übrigens der Hofjude Rothschild hier ... plus royaliste que le roi , französischer als die Franzosen, das gehört zum Geschäft.« Er erging sich in antisemitischen Ausfällen. »Und wir Esel lassen uns von dem ganzen Schwindel imponieren. Majestät befahl bei Strafe, die Fasanen im Wildpark nicht anzurühren. Wozu denn das und wozu die Skrupel beim Requirieren, das Barzahlen ohne Ende! Ich möchte mal sehen, ob die Ausländer auf deutschem Boden auch so zimperlich wären. Alle Pariser Schmutzblätter – und das sind alle – malten mit Behagen die Bestialitäten aus, die sich ihre lieben Turkos leisten würden, der Geschäftsträger in Baden drohte: ›Die Frauen werden nicht geschont werden.‹ Zwischen einem Kosaken und einem Gallier besteht mehr Verwandtschaft als man glaubt, beide schämen sich nicht mal, wenn man ihnen ihre gigantischen Lügen und Gemeinheiten vors Gesicht hält, man muß sie wie die Hunde mit der Schnauze in ihren eigenen Unrat stoßen. Die Engländer als Germanen sind natürlich anständiger, sofern sie nicht besoffen sind, doch bei ihnen hat man den Genuß so faustdicker Heuchelei, daß sie jedes Erröten verlernte. Würde mal eine deutsche Granate einen John Bull töten, so wäre damit für immer Acht und Bann über uns Barbaren verhängt; doch würden englische Breitseiten ganz Hamburg in Asche legen, so führe die englische Humanität in feurigem Wagen gen Himmel.« »Ich höre, ein englischer Attaché war heute bei Ihnen und faselte von Waffenstillstand im Namen der Humanität?« fragte Moltke ironisch. »Das macht mich so grimmig. Morgen kommt Jules Favre aus Paris angetanzt. Larifari! Frieden gibt's nicht eher, als bis sie mürbe sind. Der König freut sich über ein Telegramm aus Petersburg, mein alter Bekannter Thiers habe seine Rundreise an die neutralen Höfe mit friedfertigster Absicht begonnen. Was die so nennen! Noch wird er Europa nicht zu Hause finden, aber später wird es sich nicht verleugnen lassen. Beust fängt schon an, Fühlhörner auszustrecken. Diesen alten Bekannten sollt' ich doch kennen. Beiläufig Vergangenheit ... hier in Ferrières habe ich 1856 auf einer Jagdvisite zwei Fasanen geschossen und sehr viel anderes Geflügel. Lesen Sie im Jagdbuche nach, das im Salon aufliegt, 3. November ... General Marquis de Gallifet war auch dabei, der Todesreiter von Sedan, ein kleiner schmächtiger Herr, damals Eskadronchef ... und der Teufel soll mich holen, wenn ich dem Federvieh des Rothschild nicht noch heute an den Kragen gehe. Kommen Sie, Moltke! Der König ist zur Truppenschau abgereist, mich kann man nicht arretieren, sonst kann man nicht Frieden machen ... versuchen wir ein paar Schüsse im Parke!« Den englischen Attaché, einen dünnen, schwarzhaarigen Jüngling, hatte er nicht moralisch die Treppe hinunterwerfen können, da er sich mit Handschreiben von Lord Lyons als Sohn seines alten Jagdgenossen Sir Alexander Malet vorstellte. Er lud ihn zu einer Flasche Sherry-Brandy ein und gab nach, er wolle den sogenannten Minister der provisorischen Regierung empfangen. Es führte zu nichts. Der Franzose deklamierte sentimental und großspurig zugleich. Seinem halsstarrigen Gallierschädel konnte man unmöglich einpauken, daß Frankreichs Ehre genau die nämliche sei wie die jeder anderen Nation. Blasphemie! Als er von Abtreten des Elsaß hörte, meinte er herzig: »Sie scherzen.« »Schwerlich in Geschäften. Wir verlangen von Ihnen, was Sie von Deutschland so oft verlangten, die Pön des Besiegten. Mußten Sie nicht auch die Rheinlande und die Pfalz zurückgeben und Belgien, Holland, Italien, Spanien?« »O, das ist etwas anderes. Die ungerechten Eroberungen des korsischen Tyrannen!« »Die Ihre Revolutionsregierung schon zuvor begann. Worin sind sie aber ungerechter als die brutalen Eroberungen Ludwigs XIV.?« Favre starrte den Preußen fassungslos an, diesen Geschichtsfälscher. »Wie? Die altfranzösischen Provinzen Elsaß und Lothringen?« »Meinen Sie das wirklich im Ernste? Mir fällt es schwer, Ernst zu bewahren. Sie wissen am besten, daß ihr Franzosen die Elsässer deutsche Dickköpfe nennt und der Elsässer in eurer Komödie eine komische Rolle spielt.« Verwirrt wich der Pariser aus und sprach von Waffenstillstand, um eine Nationalversammlung nach Paris zu berufen. »Dann müssen Sie den Mont Valérien übergeben, um Paris zu überwachen, damit sich die Beratung in Ruhe ohne Tumulte vollzieht. Ferner haben Sie Straßburg zu übergeben.« Favre sprang in die Höhe wie von neuralgischem Zucken befangen: »Sie vergessen, daß Sie mit einem Franzosen sprechen. Ich verspreche Ihnen, dies Ansinnen nicht dem Volke bekanntzugeben.« »Ich zittere schon«, brummte Otto. »Zu beleidigen wünsche ich Sie nicht, doch handle korrekt nach Kriegsrecht.« Hier tat Favre, als ob er einer Ohnmacht nahe sei und in Tränen ausbreche, die abzuwischen er sich abwendete. Das tat dem »eisernen« Deutschen sehr leid, und er wollte gemütvoll trösten, als er bei näherem Zublicken merkte, daß gar keine Tränen vergossen waren und der Advokat ihn zu einer Theaterrührszene einlud wie bei seinen Plaidoyers vor Geschworenen. Der Mann war später auch grauer als bei dieser ersten Zusammenkunft, wahrscheinlich durch malerische Kunstmittel. »Gefühlsausbrüche sind in Politik nicht am Platze«, schloß er trocken die Unterredung. – Das tobsüchtige Seinebabel bekam jetzt seine Irrenhausjacke mit stählernen Klammern. Man hätte am 19. September die Stadt mit Sturm nehmen können, die Franzosen zeigten sich entnervt und rannten in wilder Flucht bis in die Umwallung zurück, die Forts Issy und Vanves konnten nichts schaden, von der deutschen Artillerie überhöhend beherrscht, aber Moltkes peinliche Methodik verbot jede Überstürzung, die hier unter allen Umständen richtig gewesen wäre. In Versailles, wo der Kanzler und seine Leute in ein Haus der Rue de Province einzogen, wunderte sich Blumenthal: »Wie konnten Sie es übers Herz bringen, Herr Ministerpräsident, mit solch einem Demokraten zu verhandeln, der sich selbst zum Minister machte! Dem hätte ich nur erlaubt, mit meinem Bedienten zu reden.« Otto staunte seinerseits, wie selbst ein gebildeter Mann wie dieser Stratege so völlig in den Banden seiner Kaste lag. Der kleine Herr war vor Ärger ganz aufgeregt und schimpfte auf die Rasselbande von Demokraten wie jeder Krautjunker »Die Kanaille schwatzt sich in Patriotismus hinein, doch die Luft wird ihnen bald ausgehen, wenn sie immer eins auf die Nase bekommen. Heute bei der Parade stand unser Kronprinz an der Bildsäule Ludwig XIV. Das tat einem Preußenherzen wohl.« Dem deutschen Herzen Ottos auch, doch er sah Paris mit anderen Augen als ein königlich preußischer General, und fragte außerdem: »Ist unsere Zernierungslinie nicht etwas dünn?« »So dünn, daß der Feind an irgendeinem Punkte durchbrechen könnte, wenn er seine ganze Macht konzentriert. Die Kerle von der provisorischen Regierung verstehen ihr Metier als Organisatoren, fast 500 000 Bewaffnete sollen sie formiert haben, sogenannte Mobil- und Nationalgarden, aber vom Kriegführen verstehen sie nichts. Sie sind mit Blindheit geschlagen.« »Unsere Kunst besteht also jetzt darin, Paris und Metz gesondert zu belagern, hätten wir nicht die bessere Armee und ursprüngliche Übermacht, dürften wir uns dies nicht erlauben. Eine ähnliche Kriegslage war noch niemals da. Ich bin ganz konfus. Das kann ja noch endlos dauern, und wir brauchen schnellen Frieden, damit die Neutralen nicht doch noch ihr Maul aufreißen. Moltke wird ja alles wohl besser wissen, und mich schaltet man bei allen Beratungen aus, doch ich schwebe in Ängsten. Meine Zirkulardepesche, Paris verlängere verbrecherisch nutzlosen Widerstand, hatte gar keine Wirkung, weder auf Frankreich noch die Neutralen.« »Ach, es währt ja höchstens noch einen Monat. In Metz werden die Lebensmittel seit lange rar, Paris wird Hunger nicht vertragen.« »Hm! War denn gewaltsamer Angriff nicht möglich, ehe die Stadt gerüstet war?« Blumenthal zuckte die Achseln. »Wahrscheinlich. Warum Moltke uns solchen Schneckengang vorschrieb – wir konnten schon am 12. vor Paris sein – und am 19. jedes Nachstoßen untersagte, wissen die Götter. Die Halbgötter werden dies nachher als tiefe Weisheit auslegen. Sonderbar, manchmal sind wir überkühn, manchmal übervorsichtig, was beides der verdammte Korse, der doch nun mal unser aller Meister bleibt, am meisten haßte. Ein mißglückter Sturm hätte uns viel Menschen gekostet, und so was tut mir in der Seele weh. Doch selbst Mißglücken hätte die Panik in Paris vermehrt, und wer weiß, ob wir nicht mindestens die Forts Issy und Vanves in unsere Gewalt bekommen hätten, womit das Schicksal von Paris besiegelt! Je nun, unsere Zernierung wird hoffentlich auch den Fall herbeiführen ohne Menschenverlust.« Doch mit riesigem Zeitverlust dachte Otto. Und dabei täuschte der gute General sich wohl, die Pariser sind zu allem fähig, wenn ihre Nationaleitelkeit, man nennt es Patriotismus, in die Schranken gerufen wird. Das wird eine lange Geschichte. Aushungerungstaktik ist immer zweifelhaft, wo es sich um einen großen Organismus handelt, der über ungewöhnliche Gesamtmittel verfügt. Die Herren kennen alle Paris nicht wie ich, der seine Augen offen hatte. Die »Hallen« strotzen von Lebensmitteln. Der Künstler Moltke legt wohl Wert darauf, daß seine pünktliche Einschließung von Paris auf allen Seiten am gleichen Tage nachher als Meisterstück in den Schulbüchern prangt. Das ist des Pudels Kern. Nicht aus persönlicher Eitelkeit, o nein, so was liegt hinter ihm in wesenlosem Scheine, sondern in majorem Generalstabiae gloriam . Übrigens merkt man Blumenthal an, wie unangenehm ihm Verlegung des Hauptquartiers in seine eigene Machtsphäre. Er wird sarkastisch und grob, weil er die vielen unverlangten Fragen und unbefugten Ratschläge der Halbgötter fürchtet. – Ach Gott, so so, na na! Fängt das schon an? Der amerikanische General Burnside erschien, um Einlaß nach Paris zu erbitten, da er im Namen der Union die Franzosen zum Frieden bewegen wolle. Burnside war ihm als Besiegter von Fredericksburg bekannt, wofür man den gar nicht unbefähigten Zivilfeldherrn absichtlich von berufsmilitärischer Seite mit sehr übertriebenen Rügen überhäufte. Meinethalben! Burnside plauderte bei seiner Rückkehr aus, die Regierung wolle gern alles zugestehen, doch es sei unmöglich, weil die Populace sie sofort stürzen würde. »Das ist ein Irrenhaus, bevölkert von Affen,« rief er verzweifelt. Bald darauf tauchte das Gestirn Gambetta auf oder, genauer, es gondelte auf einem Luftballon über der Nationalverteidigung. In den folgenden Monaten wurde der Andrang von Prinzen, Ministern, Deputationen immer dichter, aus dem Hotel des Reservoirs pilgerte man ununterbrochen in die Rue de Province. Außer den Fürstlichkeiten erschien Delbrück, der als Minister viel zu sagen hatte, dann kamen Bennigsen, Simson, Bamberger als Delegierte der Nationalliberalen, auch Blanckenburg als Vertrauensmann der Konservativen stellte sich ein. Vor allem aber marschierten auf: Graf Bray und Lutz als bayrische, Mittnacht und Wachter als Württemberger, Roggenbach und Freydorf als badische Minister. Denn eine große Frage lag in der Luft, die Otto seit Wochen und Monaten kommen sah und die aus zarten Winken und unzarten Andeutungen immer greifbarere Gestalt gewann: wie Deutschland endgültig einen als gemeinsamen Staat, die Krönung seines Riesenwerkes? * Wo das Aas ist, da sammeln sich immer die Raben: als Vertreter Englands meldete sich Mister Odo Russel, ein sehr gebildeter kluger Herr. Mit der Erfolganbetung des echten John Bull bewunderte er den großen Realpolitiker, behielt sich aber reservatio mentalis in englischem Geiste vor. Später als Botschafter in Berlin ging er bei dem geistvollen Paul Lindau ein und aus, der ein großes Haus machte und dessen hohe Gemahlin, Tochter des jüdischen Possenwitzlings Kalisch, die besondere Huldigung des Grafen Bill Bismarck genoß. (Später ging sie mit einem gewissen Rosenthal durch, der sich St. Cère nannte). Zurzeit freundete sich Herr Odo Russel mit Georg Bleibtreu an und ging mit ihm im Parke von Trianon spazieren, um über die Stimmung im kronprinzlichen Hauptquartiere sich zu unterrichten. Später als Lord Odo Russel suchte er hingegen auf einem Berliner Hofballe eine höfische Schranke aufzurichten, denn in Wahrheit fing bei ihm der Mensch beim Lord an. So sind die »liberalen« Briten, die über deutsches Junkertum sich ergötzen. Ein anderer Russel machte sich in Versailles sehr bemerkbar, der bekannte Timesvertreter William Russel, der durch seine berühmt gewordenen Berichte aus dem Krimkriege, seine wahrheitsgetreuen Aufhellungen aus dem Meutereikriege die edelsten Traditionen der englischen Rasse auffrischte. Wie wir ihn heute überschauen, ein ausgezeichneter Mann, dessen Geschichte des deutsch-französischen Feldzuges bei sonstiger Wertlosigkeit doch große Unbefangenheit und für Deutschland warme Gesinnung betätigt. Er und Skinner von der Daily News machten Georg Bleibtreu eine Staatsvisite im Versailler Museum, dessen Obhut ihm vom Kronprinzen übertragen war. »Meine Herren, ich freue mich außerordentlich, Ihre Bekanntschaft zu machen, doch warum kamen Sie nicht früher?« fragte der bescheidene Künstler. »Sie waren stets mit Ihrem Intimus Freytag zusammen, dessen Benehmen uns zu verstehen gab, daß englisches Federvieh geradeso wie deutsches unter seiner allerhöchsten Beachtung lag. Da waren wir es denn doch unserer Würde schuldig, weit aus, dem Wege zu gehen. Gestern ist er abgereist, heute sind wir hier.« In jener Zeit sollen angeblich die vertrauten Szenen zwischen dem Kronprinzen und Herrn Hofrat Gustav Freytag stattgefunden haben, die letzterer in seinem Pamphlet nach Kaiser Friedrichs Tode mit giftigster Perfidie schilderte. Höchstwahrscheinlich die Hälfte davon erfunden. Dieser von Hochmut platzende Literat (der richtige Literat, dabei alle Literaten als Dreck behandelnd) saß oft zur Rechten des Kronprinzen im Hauptquartier, rächte sich nachher in seinem Pamphlet, worin er bezeichnenderweise Blumenthal, der ihn nicht ausstehen konnte und sich später Bleibtreu gegenüber in grimmigster Weise aussprach, ehrend anbiedert. Wofür rächte er sich denn? Davon erfuhr natürlich Deutschland nichts, das den infamen Eselstritt nach dem Tode des hohen Gönners als Zeichen erhabener objektiver Vaterlandsliebe auffaßte. Der Hofmarschall des Kronprinzen, v. Normann, ein Freund Freytags, schrieb wehklagend an Bleibtreu, er bitte ihn zum Diner, um die peinliche Lage »unseres Freundes Freytag« zu besprechen, den Kronprinzens entrüstet absägten. Warum? Beflecken wir nicht große historische Ereignisse durch Allzumenschliches im übelsten Sinne! Die Stinkbombe platzte und niemand wird es dem kronprinzlichen Paar verargen, daß es das Tischtuch zwischen sich und einem solchen Täuscher zerschnitt. (»Täuscher«, darauf liegt der Nachdruck, denn »sittliche« Verfehlungen sind zwar bei einem Sänger teutscher Keuschheit und Treue einigermaßen ärgerlich, aber es ist Fälschung, die Dinge nach dieser Richtung umzubiegen.) Ein solches Fallenlassen verwand der Klassiker (!) Freytag nie, und er rächte sich wie ein von Größenwahn Verzehrter. Eskapaden – Verdeutschung des Wortes würde den Sinn verwässern – verzeiht man Genies, aber keiner talentvollen Überheblichkeit. Sein Pamphlet inspirirte jemand, den er privatim als Hanswurst bezeichnete, öffentlich aber als seinen »gnädigsten Herrn«, den nämlichen, der sich vor Georg Bleibtreu auf vertrautem Spaziergange imposant aufreckte: »Herr, was denken Sie von mir! Ich bin der deutsche Staatsmann, alles, was Ihr bewunderter Bismarck leistet, ist von mir vorausgeschaut«, und der sich von seinem rot und bleich werdenden Adjutanten die Worte bestellen ließ: »Ihr Herr hat mir sein Wort gebrochen«, zu unendlichem Gaudium des Kronprinzen und Blumenthals. Dem deutschen Volke aber muß gesagt werden, daß neben zweifellosen Entgleisungen des Kronprinzen (denn als solcher »Unser Fritz«, nicht als der unselige Dulder Kaiser Friedrich lebt er im Volke), großartige Ausdrücke allervornehmlichster Menschlichkeit stehen. Er war im Grunde seines Herzens ein selten, guter fürstlicher Mensch, wie es vom Sohne eines solchen Vaters und einer solchen Mutter (mochte sie auch dem Genius deutscher Nation echt weiblich widerstreben) auch gar nicht anders zu erwarten. Für seine Mängel hat er überreich gebüßt, denn Gott ist gerecht, obwohl sehr strenge, seine Herzenstugenden stehen aber dankbar eingeschrieben in den Herzen, die ihn kannten. Man suche sich noch mal einen Fürsten, der nach einer Laune häßlicher Verkennung (infolge Einflüsterung eines bei der Gattin erfolgreichen Strebers) dem charaktervollen Zurückweiser auf öffentlicher Revue zurief: »So hart wollen Sie mich bestrafen?« Und die so viel verleumdete englische Gattin ließ sich auf ihre taktlose Bemerkung: »Wie kann ein Meister wie Sie sich mit eklen Schlachten beschäftigen!« die machtvolle Antwort gefallen: »Diese Schlachten gestatten mir, Sie als Kaiserliche Hoheit anzureden«, und bewies bei einer öffentlichen Gelegenheit ihre echt weibliche, verzeihende Objektivität. (Vornehme Frauen sind viel objektiver als Männer, das Gejohl von weiblicher Subjektivität gehört zur pièce de résistance des männlichen vollständigen Mangels an Objektivität.) So viel zur Steuer der historischen Wahrheit, da Deutschland mit tausend Lügen überschwemmt wird. Es war alles anders als die öffentliche Meinung glaubt. * »Der Kronprinz ladet mich zu Tische, um einen gewissen Sullivan zu treffen, der aus Paris kam. Erkundigen Sie sich nach seinen Antezedenzien!« beauftragte er den getreuen Moritz Busch. – Also empfohlen durch den amerikanischen Gesandten an Sheridan! Der brave Washburne schwimmt ganz in französischem Fahrwasser. Man will den Kronprinzen bearbeiten. An der Tafel hatte man den Fremdling neben den Kanzler gesetzt, der ganz freundlich auf das Gerede einging. Neutralität und das goldene Zeitalter des Friedens waren die Lieblingsthemen. »Sie waren Resident der Vereinigten Staaten in Lissabon?« »Ich hatte die Ehre.« Sullivan zeigte sich betreten, daß der Gefürchtete so wohlunterrichtet war. »Schon damals –« »Hatten Sie französische Sympathien, ganz recht. Habe ich recht verstanden, daß Sie Seiner Königlichen Hoheit Friedensvorschläge unterbreiten, die den status quo ante bezwecken?« »Gewiß, die innige Aussöhnung beider Nationen.« Und so weiter. Der Kanzler stand plötzlich auf und verabschiedete sich beim Kronprinzen. Indem er Sullivan die Hand reichte sagte er mit durchbohrendem Blicke: »Erfreut, Sie kennengelernt zu haben, Mr. Sullivan. Nur erlebe ich manchmal etwas Merkwürdiges. Nachmittags lerne ich einen recht angenehmen Herrn kennen und am anderen Morgen lasse ich ihn ausweisen.« Der biedere Yankee verstand nicht. Doch als er ins Hotel ging, fand er eine Schildwache vor seiner Tür und den Ausweisungsbefehl. Vier Tage später, am 12. Oktober, erfolgte ein anderer diplomatischer Angriff. »Angel de Valleyo, Vizepräsident der spanischen Finanzkommission in Paris, Attaché der spanischen Gesandtschaft« stand auf der Visitenkarte eines aus Paris gekommenen Individuums. Er musterte den Herrn, dessen Brust der Stern des Isabellaordens und dessen Hals das Kreuz St. Johann von Jerusalem zierte, und bat, ihn auf kurze Zeit zu entschuldigen. »Botschaftsrat Graf Hatzfeld – Leutnant Graf Bismarck, mein Neffe! Bitte sich ungeniert zu Tisch zu setzen! Viel Beleuchtung haben wir nicht, wie Sie sehen.« Nur Kerzen in leeren Weinflaschen. Hatzfeld eröffnete die Unterhaltung: »Wir werden jetzt wohl bald in Paris einziehen. Bazaine kapituliert spätestens in acht Tagen, und die Loirearmee ist bei Orleans zersprengt.« »Dies beurteilt man in Paris ziemlich anders.« Der Spanier lächelte höflich. »Sind die Klubs noch offen und vornehme Leute da? Die können sich sicher nicht mit der Straßenherrschaft der Demagogen vertragen.« »Sie irren, Herr Graf. Patriotismus verwischt alle Klassenunterschiede. Auch herrscht durchaus nicht Sansculottentum. Alle sind einfach Bürger, die sich gegen den Landesfeind wenden.« »Das machen Sie uns nicht weiß. Wie können Legitimisten, Bonapartisten, Blanquisten, reine Jakobiner und Kommunisten miteinander auskommen!« »Es ist doch so. Das Innerpolitische zu regeln und dort Differenzen wegzuräumen verspart man für später.« Otto kam zurück, setzte sich dem Spanier gegenüber, schellte und befahl: »Burgunder!« Der Haushofmeister brachte zwei Flaschen. Die erste, rasch geprüft, befriedigte den Kenner nicht, von der zweiten hielt er ein Glas ans Kerzenlicht: »Bravo, ein richtiger Romanée.« »Dies Haus hat gewiß einen vollen Keller, mit dem Herr Graf zufrieden sind,« warf der Spanier hin. »Sie irren, dieser Wein stammt aus dem Hotel des Reservoirs. Wir requirieren nichts als das Nötigste. Alles kaufe ich, meine Kinder sollen nicht über mich erröten.« Das ungläubige Lächeln des Spaniolen bestimmte ihn, den Diener nach dem Preise zu fragen, den man bezahlte. Herr de Valleyo machte große Augen. »Nun, was macht das liebe Paris? Die Hilfsmittel sind erschöpft, nur die Herren des Stadthauses hindern das Volk an sofortiger Übergabe.« »Da sind Sie falsch berichtet. Ganz Paris ist aufs äußerste entschlossen.« »Aus Eitelkeit, diesen einzigen festen Kern der hohlen französischen Seele. Nur ein Narr glaubt, so etwas stärke für wirkliches Leiden. Übrigens, mögen sie heroisch sein oder scheinen, wir ziehen doch bald ein.« »Höchstens, wenn Sie bombardieren und einen Sturm wagen, was Ihnen große Opfer kosten würde.« »Nein, wir brauchen nur Geduld und unsere zwei Verbündeten: den General Hunger und die Hexe des roten Schreckens.« »Die Roten zittern vor der Nationalgarde der bürgerlichen Viertel. Der Hunger muß noch lange draußen warten.« »Wenn er nur endlich einzieht! Wir werden Monate auf ihn warten, wenn nötig.« »Und die Hilfe der Provinzen? Und die Intervention Europas?« »Kann ich Armeen aus dem Boden stampfen? fragt ein französischer König in einem deutschen Drama von Monsieur Schillère. Frankreich hat nur noch eine Armee, die in Metz, ein ausgehungertes Skelett. Das Ausland? Wird keine Kastanien aus dem Feuer holen, hätte es aber Anlage zum Mucius Scävola, sich zu verbrennen, so werden wir uns solche Scherze verbitten.« »In Paris hofft man viel von der Rundreise Thiers' an die europäischen Höfe.« »Der will ja nur die Thronfolge der Orleans sichern. Die Franzosen mißbilligen solche Politik. Man will aber Trochu doch noch lieber als den Diktator Gambetta, einen Winkeladvokaten ohne Klienten.« »Ich glaube, Sie unterschätzen diese Herrn und verkennen die Absichten des Herrn Thiers. England und Rußland sollen zur Intervention sich verständigt haben.« »Woher wissen Sie das im zernierten Paris? Was schwatzt man dort nicht täglich im Frieden und nun gar erst im Kriege! Ist das nicht komisch, Hatzfeld?« Er lachte laut. »Spanien wird wohl an diesem schaurigen Einverständnisse teilnehmen? Und doch sollten Sie unsere Verbündeten sein. Ich ließ schon bei Marschall Prim anfragen, wieviel Truppen er über die Pyrenäen schicken würde. Leider schrak er vor der Konsequenz zurück, die fremde Einmischung in die spanische Thronfolge zur Rechenschaft zu ziehen.« Der Spanier bekam einen roten Kopf. »Spanien pflegt nicht zurückzuschrecken. Doch der Prinz von Hohenzollern verzichtete auf seine Kandidatur, da ging uns das Weitere nichts an.« So weiß ich doch wenigstens, daß der Kerl wirklich ein Spanier ist! »Schade! Ihr schon so lange schlaftrunkenes Volk wäre zu neuem Aufschwung erwacht, hat Prim dies wohl bedacht?« »Der Marschallpremier beehrt mich mit seinem Vertrauen nicht bis zu dem Grade, mir seine geheimsten Pläne zu verraten.« »Sie wünschen Passierschein nach Ihrer Heimat? Werden also bald Ihren Vorgesetzten treffen? Nun, ich hasse Einmischung in fremde Angelegenheiten, doch ein deutscher Fürst wäre für Sie die Auferstehung. Jeder Vernünftige ist sich klar, daß die lateinische Rasse verbraucht ist. Ihre Bestimmung lag in der Vergangenheit, doch Gegenwart und Zukunft gehören den Germanen. Sprechen wir übrigens von der nächsten Gegenwart! Wird nicht die Dynastie Napoleon zurückkehren? Man kann ihm nur vorwerfen, daß er den Nationalwunsch erfüllen und den Rhein erobern wollte.« »Man wirft ihm vor, einen unglücklichen Krieg geführt zu haben«, bekannte der Spanier naiv. »Ist es wahr, daß Sie Elsaß-Lothringen annektieren wollen? Das verbürgt keinen dauernden Frieden.« »Es ist des Königs Wille. Welche Bedingungen wir auch stellen würden, es wäre immer nur ein Waffenstillstand.« Ein düsteres Schweigen folgte, das der Fremde mit dem gewagten Hinweise unterbrach: »Herr Graf sprechen vom Willen des Königs, Europa erblickt aber in Ihnen den eigentlichen Motor.« »Disziplinlose Franzosen mögen so denken, die sich zwar jedem Abenteurer unterwerfen, doch unsere Verehrung ererbter Hierarchie nicht begreifen. Bei uns hat nur der König das Recht zu wollen. Ich habe das Recht zu beraten, ihm zu raten, kein anderes. Augenblicklich bin ich nur ein untergeordnetes Werkzeug des militärischen Willens, der nicht immer der meine ist.« Als der Spanier nach dreistündiger Unterhaltung ging, geleitete ihn der Kanzler höflich bis zur Tür. »Mein Neffe wird Ihnen ein Unterkommen verschaffen, morgen wird Ihnen der Passierschein ausgehändigt.« Kühl fügte er nachher hinzu, als Hatzfeld nach dem Eindruck fragte: »Das ist natürlich kein Spanier, er spricht mit Pariser Akzent. Ich gab Stieber Auftrag, ihn zu beobachten und auf der Tat zu ertappen. Ein Spion.« Stiebers Rapport lautete: »Redakteur des ›Gaulois‹, Pseudonym Angel de Miranda, schreibt Hetzartikel, schimpft den König einen ›mystischen Korporal‹. Den hätten wir, haben auch einen Plan unserer Truppenaufstellung bei ihm abgefaßt. Sofort verhaftet, wird nach Mainz transportiert.« Otto schmunzelte: »Es war doch eine anregende Plauderei.« Wenn er nicht in der Präfektur beim König vorsprach, füllte sich sein Vorzimmer in der Rue de Province mit Besuchern. Sprach er nicht von Geschäften, so bevorzugte er seine Verachtung der Franzosen als Gesprächsthema. Da hätten die Pariser Journalisten Wut geschäumt, die auch ohne dies ihn als »Antichrist«, »Inkarnation des Bösen«, »blutbefleckten Oger«, »Ritter Blaubart«, der alle zehn Gebote brach und sogar Nonnen aus den zahlreichen Klöstern von Berlin entführte, ihren gläubigen Lesern vorführten. Gab es damals auch noch keinen »Matin«, so waren dessen Ahnen von gleicher Stärke. Jede nur erdenkliche Verleumdung floß durch die Kloake dieser Blätter, jede mögliche Lüge aus der offiziellen Filtriermaschine der Regierungsmanifeste. Die Preußen waren vernichtet, ihre süddeutschen Verbündeten an der Loire aufgerieben, in allen deutschen Gauen herrschten Hungertyphus und finanzieller Bankerott, alle Neutralen standen jeden Tag unmittelbar vor dem Losschlagen, die französische Flotte erzielte durchschlagende Erfolge gegen die deutsche Küste. Alle diese Lügen, eine lächerlicher als die andere, erfüllten ihren Zweck, fünf Monate lang verschlang sie das leichtgläubige Völkchen wie Bibelsprüche, die neutralen Zeitungen druckten den Dreck begeistert ab, besonders die Schweizer jubelten über die endlosen Siege der seelenverwandten Republik, in Genf und Zürich durfte sich kein Deutscher auf der Straße blicken lassen, aus Italien lief Löwe Garibaldi brüllend herbei, um den Kriegsknechten Wilhelms, diesen Ureinwohnern Sibiriens vom Schlage des Völkerstammes der Ulanen, die edle lateinische Kultur entgegenzusetzen. Groß und human wie immer stand England da. Anfangs freute sich's diebisch über die Bestrafung des diebischen Louis, als aber des deutschen Siegens zu viel ward, erwachte hochherziges Mitgefühl. Das schöne, edle Paris, wohin man jeden Sonnabend einen Holiday-Trip machen kann, um die moralische Erziehungsanstalt Moulin Rouge zu besuchen, soll in Ausübung seiner internationalen Amüsementindustrie gestört werden? Pfui darüber! Edel sei der Mensch, hilfreich und gut, besonders gut als Geschäftsmann. Ganz England fabrizierte Waffen und Munition für das arme überfallene Frankreich, außerdem noch eine Million Stiefel mit Papiersohlen und andere ersprießliche Erzeugnisse britischen Gewerbefleißes. Sollte man für möglich halten, daß die deutschen Emporkömmlinge an solcher humanen Tätigkeit Anstoß nahmen und sogar amtlich – wo macht dieser Bismarck halt! – Einspruch erhoben? Der Romancier und spätere Diplomat Lawrence Oliphant, als Kriegskorrespondent im Stabe des Großherzogs von Mecklenburg, entrüstete sich, daß man ihn nicht als Gentleman behandle und laut über England schimpfe, gegen dies majestätische Kulturvorbild abscheulichen Neid und respektlose Mißgunst bekunde! Otto sparte seinen zornigen Spott für die Franzmänner auf. »Mit Apollo haben sie wenigstens eine Ähnlichkeit. Sie schießen zwar schlecht, sind so knirpsig, daß jede Landwehrkompagnie eine fünf Fuß längere Front hat als eine französische, ihre Weiber sind Vogelscheuchen, ich traf noch nie ein hübsches Landmädchen, aber die Kinder Niobes aus Neid erschießen und den Marsyas schinden, das wäre ihr Gusto, denn nur sie dürfen die erste Flöte spielen. Unreinlich sind sie innen und außen, sie kennen weder Seife noch gewisse andere Wasserreinigungen, und meine Frau schickte mir ein Psalmbuch, weil man in Frankreich keine Bibeln hat, und verweist auf eine Prophezeiung darin: Ich sage dir, die Gottlosen sollen ausgerottet werden.« »Grausamkeiten begehen und sie dann uns aufbürden scheint ihr Hauptspaß,« meinte jemand. »Mobilgarden und Franktireurs plündern um die Mette, und nachher haben wir die Verwüstung angestellt!« »Jawohl, die verlogenen Schufte! Streift ihnen die weiße Haut ab und ihr findet die Seele von Rothäuten! Ehre kennen sie nicht. O, ich sentimentaler Esel, daß ich den Sedan-Offizieren ihr frei Herumlaufen auf Ehrenwort gestattete! Fast alle brechen es, wo sie können. Da sitzt dieser Ducrot in Paris. Wenn man ihn fängt, sollte man ihn in seinen Rothosen aufhängen, auf dem einen Hosenbein die Inschrift ›Meineid‹, auf dem anderen ›Infamie‹. Die Franzosen sind bloße Ziffern, 30 000 000 gehorsamer Kaffern, sie würden sich peitschen lassen, wenn man ihnen dabei nur über die Würde der Menschheit deklamiert, so einer wie Gambetta paßt für sie. Natürlich, die Kelten sind das weibliche, die Germanen das männliche Blut, und wo es ausstirbt, da ade Freiheit und Fortschritt. Alles Theater, bei Nacht schlägt sich kein Franzose, während der Preuße auf seinem Posten denkt: Einer über mir sieht mich.« Wie Blumenthal tobte er darüber, daß nicht jeder Freischärler sofort niedergemacht werde, und fuhr eine Schar gefangener Blusenmänner im besten Französisch an: »Ihr schmutzigen tückischen Biester! Zappeln sollt ihr am höchsten Baume! Nicht wahr, ihr seid Unschuldsengel, keiner hat geschossen, und die deutschen Barbaren zünden grundlos Häuser an und töten Weiber und Kinder? Ihr verdammten Lügenbolde! Ihr werdet noch die ganze Welt verpesten und aufstiften mit eurer giftigen stinkenden Verleumdungssucht. Eure Oberen sind nicht anständiger als ihr, alle das gleiche Gesindel.« Einen verdächtigen Curé herrschte er an: »Falscher Priester, glaubst du, dein Amt schützt dich vor dem Tode eines Hundes? Nicht wahr, du hast mitgekreischt: Nach Berlin! als frommer Gottesmann, doch jetzt, wo's heißt: nach Paris, da flehst du Gottes Zorn auf die Gottlosen herab, die euch die Hosen strammziehen? Wir werden euch eure Tücken so austreiben, daß euch 50 Jahre der Hintere wehtut.« Dies alles im elegantesten Französisch von solch einem nordischen Kolossus zu hören, machte die armen Sünder halb tot, Entsetzen befiel sie, so hatten sie sich das Schießvergnügen nicht gedacht. »Und diesen Lump Garibaldi, wenn er erst seine Keile weg hat, sollte man für Geld auf Jahrmärkten zeigen mit der Inschrift: Undankbarkeit. Die Italiener sind bloß Karikaturen der Franzosen, ebenso falsch und hinterlistig, geborene Traditori, aber schwächer und feiger, das ist der ganze Unterschied. Das nennen sie lateinische Brüderschaft. Das Trinkgeld Nizza-Savoyen mag das uneigennützige Frankreich einstecken, aber wir Barbaren dürfen nicht den Boden des heiligen Landes besudeln, sonst kommt Papa Garibaldi mit seinen Idioten. Es gibt so schöne Irrenhäuser in Italien, und so was läßt man frei herumlaufen. Zwei Bengel hat er, verdreht wie er selber, diese Dynastie wird sich fortsetzen, darauf wett' ich, und bei jeder nur möglichen Gelegenheit sich durch Abenteuer lächerlich machen, um Aufsehen zu erregen. Welche Welt trennt uns doch von diesen hysterischen Weibsvölkern!« Die militärischen Operationen machten keine wesentlichen Fortschritte, Podbielskis »Vor Paris nichts Neues« wurde in Berlin ein geflügeltes Wort. Mit Sorge sah Otto zu, wie die Belagerung sich in die Länge zog. Von Moltke und den Halbgöttern erfuhr er nichts, nur die in den Hauptquartieren umherwandernden Erbprinzen verrieten ihm manchmal ahnungslos Dinge, die er nicht wissen sollte. Auf Spazierritt im Parke van Trianon traf er Blumenthal am Kiosk der Kaiserin. Dieser teilte ihm mit: »Der Kronprinz sprach zu Graf Solms sich leidenschaftlich über das Unding aus, den Elsaß zu annektieren. Das berge große Gefahren. Natürlich steckte Herzog Ernst dahinter mit seiner alten Koburger Weisheit.« Otto brummte etwas zwischen den Zähnen. »Die Franzosen wollen also nicht Vernunft annehmen? Wie ich höre, unterhandeln Sie mit einer Menge Parteien gleichzeitig.« Der Kanzler nickte mißmutig. »Da ist die Pariser Regierung, da ist Gambetta, da ist die Regentin in London, d. h. die weiland Kaiserin Eugenie, da ist endlich der sonderbare Bazaine, aus dem ich nicht klug werde.« »Ein Abgesandter von ihm war hier?« »Ja, General Boyer.« Er brach jedoch ab und wurde sehr einsilbig, denn die Dinge verwickelten sich. – Ein Geheimagent Gambettas fragte an, ob er die Republik anerkennen wolle. »Mit dem größten Vergnügen, auch eine Dynastie Gambetta, wenn Sie wünschen, nur muß sie uns einen guten Frieden geben. Dann ist mir jede Dynastie recht, meinethalben Rothschild und Bleichröder.« Dem Abgesandten Bazaines hörte er auch mit gespannter Aufmerksamkeit zu und führte ihn in den Garten, damit Hatzfeld und Keudell, die nebenan arbeiteten, kein Wort vernehmen sollten. »Seien Sie sicher, General, Preußen wünscht am wenigsten, die kaiserliche Dynastie zu zerstören, die für uns ein Unterpfand der Ordnung wäre.« »Dann bitte die Bedingung zu nennen, unter der die Rheinarmee Metz verlassen darf. Sie ist kaisertreu und will nicht mit den Pariser Advokaten paktieren.« Das war eben wieder die Crux. Der Generalstab schrie Mordio bei dem Gedanken, die große Siegesbeute aus den Zähnen zu lassen. Metz mußte kapitulieren wie Sedan, nicht anders. Der König stimmte jedoch mit gewohnter Klugheit Ottos Vorstellung zu: »Jede Abkürzung des Krieges ist von viel größerer Wichtigkeit als alle Trophäen, aus ernsten politischen Gründen. Wir gewönnen im Gegenteil so einen Zuwachs an Kraft, da die Rheinarmee ihr Schwert gegen Gambetta in die Wagschale würfe und so die Einheit der Nationalverteidigung aufhöbe. Das wäre der allernächste Schritt zu schleunigem Frieden.« Er entließ also Boyer mit der Abmachung, Bazaines Heer solle sich nach einer bestimmten Provinz im Innern zurückziehen, dort die kaiserlichen Adler wieder aufpflanzen und durch die Regentin sowohl mit der Nation als mit den Deutschen verhandeln. Otto seufzte vor seinen Leuten: »Ich brauchte letzthin drei Tage für etwas, was ich in drei Stunden geregelt hätte. Immer muß ich mich mit anderen über Dinge herumschlagen, von denen sie rein gar nichts verstehen. Beanspruche ich denn, ins Aufstellen von Batterien dreinzureden? Moltke z. B. ist ein ausgezeichneter Kopf, und er würde in jedem Berufe etwas Ansehnliches leisten. Doch nun hat er eben nur den einen Beruf, nichts als Spezialist, und interessiert sich nur für eins. Man spricht von deutscher Universalität, und ich hoffe, dies geht nicht verloren. Spezialismus ist zweifellos nötig, doch darf er nicht zur Einseitigkeit führen.« Weder er noch Bazaine rechneten mit der Regentin, zwischen welcher, Bazaine und Bismarck, auch ein dunkler Ehrenmann Reynier hin und her lief. Eugenie lehnte jeden Frieden ab, der auf Verminderung des Territoriums beruhe. Bald darauf kapitulierte Metz mit drei Marschällen, und doch brachte auch dieser Druck die allgemeine Lage nicht weiter. »Wir sollten gar nicht an Beschießung, sondern nur an Aushungern denken«, gab Blumenthal dem Kanzler seine Ansicht kund. »Darin stimme ich mit Moltke überein.« Otto schwieg dazu. Der General schien aber so nervös und unruhig, daß man nicht wußte, ob er es nicht satt habe, zu opponieren. Am großen Bassin in Trianon brach er grundlos in langes Weinen aus, als man einen Choral spielte, und bekannte: »Es hängt mir wie Blei in den Gliedern, daß ich jetzt nichts mehr selbständig machen darf, sondern immer erst anfragen muß, ob allerhöchstenorts etwas dagegen zu sagen ist. Die Flügel sind beschnitten und gelähmt.« Seine Brummigkeit ging so weit: »Wenn noch etwas Tüchtiges geleistet wird, haben wir's nur dem lieben Gott und unserem Glücke zu danken.« Dazu brummte der Mont Valérien und der Himmel brannte von blutrotem Nordlicht. Mit Blumenthal, den er sehr schätzte, nach einem Diner beim Kronprinzen auf einem Sofa sitzend, sprach Otto tiefe und gewaltige Worte über das germanische Prinzip. »Es muß siegen und die anderen beherrschen. Allerdings braucht es manchmal einer fremden Blutmischung, das tat auch den Briten gut. Bei uns in Preußen hat der slawische Einschlag die nötige Staatsunterwürfigkeit und Disziplin gebracht, die sonst dem individualistischen Germanen zuwiderläuft. Gottlob stecken aber darunter noch die deutsche Knorrigkeit und Nachdenklichkeit und Fleiß und Initiative. Die Slawen ohne deutsche Beihilfe sind nichts, nicht unbegabt, aber rein nachahmend ohne jeden eigenen Schaffenstrieb. Angeborene Trägheit und Schwäche haften da wie eine unheilbare Krankheit, und bei jeder besonderen Anstrengung bricht das seelische Knochengerüst zusammen. Die Russen fangen jetzt an, auch in den Ostseeprovinzen zu russifizieren, und prahlen, sie würden alles Deutsche von sich abstoßen. Nichts kann besser für uns sein, denn ohne die Deutschrussen ist Rußland ohnmächtig.« Er wollte dann wegen der Beschießung anklopfen, doch Blumenthal unterbrach unwirsch: »Geht nicht. Von förmlichem Angriff darf keine Rede sein. Die Opfer! Und Paris fällt ja doch spätestens bis Mitte November.« Ja, Prost Mahlzeit! Otto wurde immer verstimmter und empfing Thiers, der über Waffenstillstand ein Abkommen treffen wollte, zwar mit all seiner gewohnten Höflichkeit eines großen Herrn, aus Herzlichkeit für seinen früheren Bekannten und Verbindlichkeit für die Verdienste des Historikers gemischt, doch kühl und eisig betreffs der politischen Punkte. Denn jetzt irgendwie Entgegenkommen zeigen, hätte Schwäche verraten. Die Sache zerschlug sich. Sonst gab es weiter nichts Neues, als daß Moltke in den Grafenstand erhoben, der Kronprinz zum Feldmarschall ernannt, Steinmetz in Ungnade nach Hause geschickt wurde, keineswegs wegen strategischer Sünden, wie die Legende wähnt, sondern weil er sich persönliche Subordinationswidrigkeit gegen den königlichen Prinzen Friedrich Karl zuschulden kommen ließ. Blumenthal ging leer aus. Herr Unterstaatssekretär Odo Russel setzte eine feierliche Miene auf, daß Preußen die plötzliche russische Kündigung des Schwarzen Meer-Traktates begünstige. Der in Versailles erschienene Lord Loftus berichtete an Earl Granville ins Foreign Office über sehr scharfe Vorhaltungen des Kanzlers wegen britischer Kriegskonterbande. »Das wird ein gekränktes wundes Gefühl in Deutschland zurücklassen, zumal wir ja auch für Englands Interesse fochten. Denn wären wir unterlegen, so hätte Napoleon Belgien annektiert und Sie würden für Ihren Schützling nichts haben tun können.« »Nicht können? England?« schnaufte der edle Lord. »Gewiß, weil Ihr kleines Heer gar nichts bedeutet und Ihre große Flotte (sehr viel alte Schiffe darunter) Frankreich nicht viel schaden könnte. Um so mehr sind wir befremdet über Ihren Vermittlungsversuch, der in Deutschland sehr mißverstanden wird.« »Inwiefern wird unsere gute Absicht verkannt?« Otto zuckte die Achseln. »Mein Gott, die Menschen sind schlecht und denken immer Schlechtes von ihren Nebenmenschen. Die Deutschen argwöhnen, Neid und Eifersucht, möchten uns der Früchte unserer Siege berauben und unseren Siegeslauf aufhalten.« »Das ist ein unbegründetes Mißtrauen«, machte Loftus sittlich gekränkt. »Und ein unnötiges. Denn da wir Ihre Vermittelung leider ablehnen und uns von niemand dreinreden lassen, haben die Deutschen keinen Grund, sich zu ärgern.« Loftus hatte die Pille zu schlucken. »Und unsere Anfrage, ob wir ein Kanonenboot die Seine hinaufschicken dürfen, um die in Paris wohnhaften Engländer in Sicherheit zu bringen?« »Dies unerhörte Verlangen untersage ich formal, ohne natürlich die Bosheit unserer Offiziere zu teilen, die dahinter eine Spionage vermuten, ob wir Torpedos legten. Nichts für ungut! Doch ich schneide ein für allemal jede Intervention, welcher Art sie sei, rundweg ab. Wir werden jeden solchen Versuch als unfreundlichen Akt betrachten.« – »Können Sie sich wenigstens zur Neutralität verpflichten, wenn es gegen Rußlands Vorgehen zu ernstem Konflikt kommen sollte?« forschte Herr Odo. »Wir können nichts derart. Ich bin kein Freund von Konjekturalpolitik. Die Frage hat für uns kein Interesse, und zurzeit beschäftigen wir uns nicht damit. Das muß für Sie genug sein.« »Für England hat sie Interesse.« »Auch das hat für uns kein Interesse«, bemerkte Otto kaltblütig. »Übrigens schließe ich Dankbarkeit in der Politik nicht aus. Rußland war uns stets gutgesinnt, und wir fürchten keine Kollision. Was wir England zu danken haben, wie viel oder wie wenig, weiß ich sehr genau.« Vor diesem wetterleuchtenden Blick schlug Odo unwillkürlich die Augen nieder. »Beust bot übrigens schon vor Jahren die Auflösung der Traktatklausel an, um den Zaren für sich zu gewinnen. Der wünscht aber nichts aus Österreichs Händen. Der Zwischenfall ist geschlossen, nicht wahr? Wir haben nicht den Beruf, irgend jemand eine Gunst zu erweisen, der uns keinen Gegendienst leisten kann oder will.« Eine solche Sprache hatte noch nie ein englischer Diplomat gehört. Erst seit dieser gräßliche Jönker – das Wort Junker lernte man in England schon auswendig, sprach es nur falsch aus – auf dem Kontinent rumorte, schwand jede Ehrfurcht vor der strengen Gouvernante Britannia. Doch getrost, noch gibt es Hintertreppenwege, um diesem steinernen Roland beizukommen. Die fürstlichen Damen sind alle begeistert für britischen Edelmut, der Kronprinz wird uns schon englisch kommen. Das kleine schäbige Preußen stieg zu hoch in der Welt, und wir sahen es doch stets nur als dafür geschaffen an, zu unserer Bequemlichkeit Krieg zu führen. Und da soll man nicht die gute Laune verlieren! Die Pathetik »Künftige Komplikationen werden aus Rußlands diabolischer Politik entstehen«, trumpfte Otto verächtlich ab: »Ich finde sie bescheiden, naiv, treuherzig, man konnte viel mehr verlangen. Komplikationen? Sie meinen wohl Parlamentsreden. Von künftig redet, wer nichts tun will.« Noch verächtlicher lachte er vor seinen Vertrauten: »Wir haben diese Leute heut ebensowenig zu fürchten, wie wir vor dem Krieg etwas von ihnen zu hoffen hatten.« * Mittlerweile ging der Zank im Lager fort: Beschießen oder nicht? Roon, den Blumenthal besuchte, meinte triumphierend: »Bald werden wir den ersten Schuß unserer Belagerungsgeschütze hören.« »Sie sind noch ebenso blutdürstig wie 1864, wo Sie aus Berlin fortwährend Bombardements forderten«, lachte Blumenthal. Um abzulenken, warf Otto hin: »Ich werde den Reichstag nach Versailles berufen.« »Und die französische Kammer nach Wilhelmshöhe vice versa « spöttelte der kratzbürstige General. Als er nach Hause fuhr, dachte er: Der spricht mir zu viel, er gefällt sich darin. In Wahrheit ärgerte er sich, daß der Zivilist auf Beschießung drang. Daß er selbst doch sicher noch weniger von den großen Ideen des Staatsmanns begriff, kam ihm nicht zu Sinn. Er schimpfte übrigens mit Recht über die militärischen Faulenzer, die zu Dutzenden als unfruchtbare Kritiker herumliefen, und über Moltkes Zögerungen, sofort eine erhebliche Heerabteilung über die Loire vorzusenden und die feindliche Loirearmee zu zersprengen, ehe sie sich ausbilde. »Der König scheint auch recht angegriffen, es wird zu viel für den alten Herrn, Unbefugte blasen auch Trübsal und ängstigen ihn«, klagte er vor vertrauten Adjutanten wie Viebahn und Lenke. »Gestern war ja hier eine lächerliche Panik, alles packte. Diese unmännliche Heulmeierei bringt mich in wahre Wut. Wenn nur das Hauptquartier mit sämtlichen hohen Herrschaften sich entfernte, würden wir den Frieden schon beschleunigen.« Er wehrte sich mit Händen und Füßen gegen Beschießung, ehe nicht wenigstens alles parat sei. »Überhaupt ... so einen Knalleffekt wollen die Pariser ja, als Märtyrer sich der Gewalt widersetzen paßt ihnen besser, als wie Ratten im Loch und wie tolle Hunde Hungers zu sterben.« So antwortete er Bismarck nach Tische auf einem Diner beim König, wo dieser schnelle Beschießung empfahl, aus politischen Gründen. »Ich halte es für einen militärischen Fehler, wobei unsere Ehre engagiert ist. Eher trete ich vom Kommando ab, ehe ich eine fähnrichmäßige Knallerei gestatte, da wir noch lange nicht Munition genug haben. Wir würden uns blamieren.« Otto sah ihn mißtrauisch an, er witterte etwas anderes dahinter, daß Moltke und Blumenthal hier wieder mal einig waren. Irrigerweise vermutete er den Kronprinzen als Hintertreiber, im Gegenteil wünschte dieser die Beschießung. Auch der König bekam es mit der Ungeduld und ging auf Ottos Begründungen ein. Ein ungnädiges Schreiben an Moltke drückte aus, er sei ungehalten, wie lange es mit Heranschaffung des Belagerungsparks dauere. Gleich darauf sandte er dem Kronprinzen ein Schreiben des Kanzlers, das dieser Blumenthal mitteilte: Das baldige Bombardement sei absolut nötig, die Neutralen verständen unsere Taktik nicht und hielten sie für ein Zeichen von Schwäche, deshalb würden sie sich erschwerend einmischen. »Jaja, Bismarcksche Energie! Er bohrt und bohrt auf sein Ziel los, doch seine Gründe halten nicht Stich. Das ist eine künstliche Politik, die das Wesen des Krieges verkennt.« Der Kronprinz klagte: »Es wäre schrecklich, wenn unnötigerweise noch mehr Menschen geopfert würden. Doch unser Gewissen ist rein.« Die unendliche Liebenswürdigkeit und Freundlichkeit des Kronprinzen schonte stets Blumenthals reizbare Empfindlichkeit, der ihm unverhohlen zu verstehen gab, daß ihm sein Standpunkt als Kommandeur noch nicht klar sei, d. h. nur als Staffageornament zu dienen und zu jeder Anordnung des wirklichen Leiters Ja und Amen zu sagen. »Ich will Ew. Kgl. Hoheit gern die Ehre von allen lassen und alle Arbeit allein tun, aber ich lasse mich nicht zum Adjutanten herunterdrücken.« »Aber wer denkt denn daran, bester Blumenthal. Sie können alles machen, was Sie wollen, ich mache Ihnen keinerlei Schwierigkeiten, nur muß ich doch alles wissen, was vorgeht.« Schon hierdurch erweist sich die Auffassung Bismarcks und der öffentlichen Meinung als grundfalsch, der Kronprinz habe auf Wunsch seiner Gemahlin die Beschießung hintertrieben. Er tat militärisch stets nur, was sein Vertrauensmann riet. »Bismarck hat nun Roon völlig mobil gemacht, beide bestürmen täglich Menschen und Götter, das Bombardement zu beginnen. Wissen Sie, daß Bismarck mir ein Telegramm diplomatischer Herkunft vorlegt, die Pariser Machthaber wünschten selbst Beschießung, damit sie mit Ehren kapitulieren könnten?« »Woher stammt denn die Depesche?« »Auf dem Weg über Berlin.« »Bah, woher diese Verbindung mit Pariser Regierungskniffen, bis man ihre geheimsten Wünsche liest? Das ist eine Intrige, auf den König zu wirken.« »Sie halten also die regelmäßige Belagerung für Torheit?« »Weil wir nicht genügend Material haben. Wir geben uns der Lächerlichkeit preis.« Der Kanzler ließ nicht locker, schickte ein Telegramm des Ministers Delbrück: im Reichstag werde es einen großen Sturm geben, weil das Bombardement ausbleibe. Er wurde vor Aufregung krank, sein vergiftetes Bein meldete sich, da schickte er Abeken zum König. »Die Stimmung in Berlin ist so erregt, daß man Unruhen befürchtet, weil immer noch nicht geschossen wird.« Der Monarch geriet in heftigen Unwillen. »Ich werde sofort an den Gouverneur telegraphieren, daß er jede Emeute erstickt. Diese undankbaren Berliner! Das Publikum hat sich zu bescheiden, was ich im Felde beschließe.« Natürlich schickte Otto eiligst wieder hin, es sei Mißverständnis, so arg stände es nicht, nur wachse die Ungeduld über solche Verzögerung. »Moltke ist furchtbar aufgebracht über so viel Eigenwillen«, teilte der Kronprinz Blumenthal mit. »Er läßt keinen Stein ungedreht, um seinen Zweck zu erreichen. Er meint's ja gut, aber –« »Ich habe nicht den Eindruck,« erwiderte der General in sichtlicher Aufregung, »als ob Moltke mich stützen würde. Er mag dem Kanzler zürnen, aber dessen Eisenkopf durchrennt jede Wand. Hahnke berichtet mir soeben, das Hauptquartier sei plötzlich gegen mich. Wissen Sie, was verbreitet wird? Die Frau Kronprinzeß und Ihre Majestät die Königin hätten mich bearbeitet, aus sentimentaler Menschlichkeit vom Bombardement abzustehen.« »Das ist schändlich«, brauste der Kronprinz auf. »Und ich will wohl meiner Frau den Willen tun? Die Leute kennen uns wenig, wenn sie meinen, unsere Damen könnten so leicht unsere Handlungen leiten, hält Ihre Sachkenntnis die Beschießung für zwecklos, so wird unsere Vernunft sich nicht durch kindische Anwürfe beirren lassen.« So sind tatsächlich alle Legenden, wie sie noch heut als Historie bestehen, hinfällig gewesen. Von Moltke behauptete man auch, er habe als Höfling, da der König zur Zeit recht leidend war, sich dem künftigen Herrn anschmiegen wollen und deshalb dessen Verschleppung der Beschießung befürwortet. Wahr ist freilich, daß der König sich Ottos Ansicht schon früher anschloß und persönlich ein Memoire aufsetzte, das im Archiv des Generalstabs bewahrt wird; nur seine übergroße Bescheidenheit hielt ihn ab, seine eigene Meinung als maßgebend gegenüber Moltke zu betrachten. Otto aber grollte bis zum Tode: die Generale hätten nur aus Rancune gegen ihn die handgreifliche Wahrheit nicht sehen wollen. »Man könnte glauben, sie möchten den Krieg recht lange fortspinnen, damit sie so lange das Heft in Händen haben.« Damit tat er ihnen Unrecht, doch schienen sie wirklich unbelehrbar. Zu Blumenthal kam ein ihm von früher bekannter Herr v. Bouffé mit einem Anliegen und äußerte: »Sie müssen ja doch bald Frieden schließen, Sie können es nicht aushalten. Bei Ihnen grassiert so fürchterlich der Typhus und unser glorreicher Ducrot brach ja durch, und Gambetta vereint sich mit ihm.« Der General sagte hart: »Die erste Loirearmee ist vernichtet, die zweite geschlagen, Ducrots Ausfall völlig gescheitert, Typhus gibt's überhaupt nicht. Doch ihr Franzosen schwört auf die sinnlosesten Lügen, wenn es eurem kindischen Übermut in den Kram paßt. Ein Volk von Lügnern kann nur Obergenerale brauchen, die fortwährend fälschen und lügen und damit recht haben, weil sie ihr leichtsinniges unwissendes Volk kennen. Ihr werdet euch bis zum letzten Todesstoß in Illusionen wiegen, und während euch ununterbrochen das Messer an der Kehle sitzt, schreien: wir siegen!« »Mein Herr, die Beleidigung der Großen Nation –« »Die sich selbst so nennt, die Kleine. Gehen Sie!« Doch die natürliche Logik zog er nicht, daß nur die grobe Stimme der Belagerungsgeschütze den Franzosen und dem Ausland die wahre Lage ausdrücken konnte. – Ottos alter Freund Eberhard Stolberg, als Vorsteher des Roten Kreuzes im Hauptquartier anwesend, unternahm es als unerschrockener warmherziger Vaterlandsfreund, dem König über den militärischen Boykott die Augen zu öffnen, welchen die Halbgötter über den Staatsmann verhängten. »Solche Ausschließung muß sehr unzuträglich werden, gerade jetzt wo der Frieden näher rückt.« Der König nickte und meinte halb humoristisch: »Ja, sehen Sie, lieber Graf, die Sache ist so. Im böhmischen Feldzug traf er im Kriegsrat oft den Nagel auf den Kopf, was die Majorität sehr verschnupfte. Da kann man sich nicht wundern, daß die Herren ihr Ressort allein beraten wollen. Für Vermengung der Ressorts bin ich auch nicht.« »Der Kanzler erklärt jedoch, daß Zuziehung des leitenden Staatsmanns von höchster Wichtigkeit in entscheidenden militärischen Fragen sei, besonders wo alles zum Schlusse drängt.« »Das verstehe ich recht gut und billige es auch. Aber zurzeit ist nichts zu ändern. Das Prestige des Generalstabs darf nicht geschmälert werden, die Autorität der obersten Heeresleitung würde darunter leiden. Übrigens hat Bismarck ja an Roon einen treuen Vertreter und die Beschießung ist beschlossen, so sehr Moltke abgeneigt war. Der wollte Ende Oktober in Creisau Hasen schießen! Ach, er wird sein Landgut erst nächstes Frühjahr wiedersehen, fürcht' ich. Bismarck hat wie gewöhnlich recht behalten. Ich auch. Ich sagte ja beim Vormarsch auf Paris voraus, daß man die störrige Hartnäckigkeit der Franzosen unterschätzt. Bei uns wäre nicht möglich, daß die Nation ohne ordentliche Regierung und nach Auflösung der Armee so lange Widerstand leistet. Von Jena will ich gar nicht reden, aber überhaupt –! Gottlob haben wir eben deshalb die bessere Vorbereitung. Daran muß immer festgehalten werden. Sagen Sie Ihrem Freund, ich sei ganz für Bombardement, er überzeugte mich schon lange. Ihre Majestät die Königin hält dies für inhumaner als Aushungerung. Das sehe ich wirklich nicht ein. Lieber ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende.« – Auch so eine Hofschranze! dachte Otto mürrisch, im Versailler Park lustwandelnd, als General v. Boyen verbindlich grüßend vorüberritt. Seit seiner Anhänglichkeit im Revolutionsjahr, wo er Prinz Wilhelm nach England begleitete, saß Boyen für immer fest in der besonderen Gunst des Königs, der nie einen geleisteten Dienst vergaß, dankbar für jede Treue, weil er selbst die verkörperte Treue war. Otto dachte bitter an den Vertrauten des unglücklichen Friedrich Wilhelm, seinen alten Polte Gerlach, von dem er in ziemlichem Unfrieden schied. Den deckte nun auch schon lange der kühle Rasen. Der alte Mann wandelte in Wind und Wetter trotz eigener Unpäßlichkeit hinter dem Sarge des Herrn mit bloßem Kopfe, den Helm in der Hand, und zog sich so den Tod durch Gesichtsrose zu. Ein würdiges Ende altdeutscher Mannentreue. Dem Grollenden schien jetzt ein neues Strebergeschlecht heraufgekommen, das nach den großen Erfolgen sich immer mehr ausbreiten und den sonst im feudalen Preußen fremden Begriff des Byzantinismus einschmuggeln werde. Diese Ahnung täuschte ihn nicht, und es gab auch Personen in des Königs Umgebung, wie den Grafen Pückler, die nicht gerade als Mustermenschen erfreuten. Doch auf Boyen paßte kein Kennzeichen des Höflings. Liebenswürdig, ehrenhaft, bescheiden, freilich unbedeutend, ungleich seinem berühmten Vater, nach dem dafür seine drei klugen Töchter schlugen, zu Bismarcks Zeit eine erhebliche gesellschaftliche Rolle hinter den Kulissen spielend. Sie starben als alte Jungfern, die behäbige, stattliche Hermine und die vornehme Amalie, einstige Hofschönheiten, die bucklige Johanna mit ihrem Pudel etwas spitz und kritisch. Mit ihnen verkehrte besonders die Gattin des Theaterintendanten v. Hülsen, eine geborene Gräfin Häseler, die unter dem Decknamen »Helene« Salonromane schrieb ohne literarischen, doch voll dokumentärem Wert. General Boyen heiratete eine Prinzeß Biron von Kurland, doch auch solche Prinzlichkeit verminderte nicht die vornehme Schlichtheit und wohlwollende Herzensgüte dieses Kreises, hier vertrat man noch das alte Berlin, wie auch im ästhetischen Teezirkel der Frau v. Hohenhausen, wo Prinz Georg seine gutgemeinten poetischen Übungen vorlas. Und aus diesem Milieu Alt-Preußens stammten doch alle die Tatmänner, deren wahres Wesen das nachfolgende kleine Geschlecht so wenig begriff, daß man sie als derbe Realpolitiker anschwärmte und ihnen einen Weihrauch wegen besagter Rauheit streute, der ihnen übelduftig in die Nüstern stieg. Otto empörte sich immer über die Phrase vom Eisernen Kanzler und Mann von Blut und Eisen, er, der zarthäutigste, sensitivste Mensch. Denn wie der alte Kant schon erkannte, »es geschah noch nie etwas Großes ohne Enthusiasmus«, ohne den kategorischen Imperativ eines schwungvollen Idealismus. Selbst der trockene Moltke glich keinem öden Stubengelehrten, seine kühle Schreibweise nahm Wärme an, wenn er den Geist seiner jung abgeschiedenen Gattin beschwor, der ihm tapfer und heiter über die Schultern blicke und lächele: »Ich hab's überstanden und ihr werdet's auch überstehen.« Wohl stand er an literarischer Bildung tief unter Bismarck, doch ein Hauch echtdeutscher humanitärer Geisteshaltung umschwebte auch ihn. – Die unbefangene Nachwelt muß urteilen, daß Bismarck in allem recht hatte. Janus hat ein doppeltes Gesicht, und der Janustempel hat zwei Türen. Der Krieg als Fortsetzung der Politik kann nicht der dauernden Mitwirkung des Staatsmanns entraten. Schon machte ihm Beust zu schaffen. Die von Thiers nicht gefundene Provinz Europa wollte der sächsische Intrigant durchaus entdecken. Schon Mitte Oktober verlas sein Botschafter Wimpfen in Berlin einen Erguß, die Enthaltung des unbeteiligten Europa müsse ein Ende finden, da Paris von einer Katastrophe bedroht werde, die jede Menschlichkeit verletze. Mit solcher Heuchelei wurde dann weiter operiert, auch die amerikanische Union, statt sich an Frankreichs Gehässigkeit und Preußens Freundschaft zu erinnern, strotzte plötzlich von republikanischen Sympathien, England flötete von europäischem Gleichgewicht und edler Menschlichkeit, zuletzt suchte Beust auch Gortschakow aufzuwiegeln: »Der Moment zur Intervention scheint gekommen.« In Berlin erzählte man wütend, Loftus habe gesagt: »Paris wird nicht beschossen, England will es nicht.« Ein Sturm patriotischer Entrüstung erhob sich, man deutete mit Fingern auf hohe Damen, die ihre Händchen in das Gewebe des Krieges zu stecken wagten. Die rührende Menschenliebe der Neutralen bezweckte natürlich, die Macht des Siegers lahmzulegen. Dieser Heuchelei, vornämlich englischen Gepräges, kam übrigens zustatten, daß die deutschen Regierungen nie rechtzeitig Wert auf die Bearbeitung der internationalen Presse legen und das wichtige Ressort des amtlichen »Pressebureaus« mit Nullen besetzen. Im Frieden ist dies Institut dazu da, um seinem Vorsteher allerlei Einflüsse zu sichern und sich in Einklang mit Pressekliquen zu setzen, die für Reklame sorgen. Statt an die Spitze des Bureaus einen anerkannten bedeutenden Schriftsteller zu stellen, amtet irgendein entgleister Journalist dort als Geheimrat und vereint die von Bismarck so gehaßten Mängel des Bureaukraten mit denen des Journalisten. Sobald es zu großen politischen Krisen kommt, enthüllt sich dann die volle Inkompetenz, die entweder ungeschickt schwülstigen oder farblosen Waschzettel beeinflussen das Ausland eher nach falscher Richtung. Bei der sonst vollkommensten Organisation zeigt sich immer wieder die Desorganisierung des Pressedienstes, weil amtliche deutsche Kreise keinerlei Fühlung mit den berufenen geistigen Kreisen haben, höchstens halten sie bestallte Kathedergelehrte dafür, die stets durch ihre akademischen salzlosen Feierlichkeiten, meist ohne jeden soliden Gedankenkern, doch mit dozierender Anmaßlichkeit vorgetragen, das Ausland abstoßen. Otto zeigte sich auch hier über das deutsche Bureaukratentum erhaben, er bog sich jetzt einen früheren roten Revolutionär und besonderen Vertrauten Lassalles, den kleinen verwachsenen Lothar Bucher, als diplomatische Stütze bei, und sein etwas geschwätziges Büschchen bewies doch eine gewisse Rührigkeit. Fehlerhaft blieb aber auch die Wortkargheit der amtlichen Generalstabsberichte, während die Franzosen mit lächerlichen Communiqués über ihre glorreiche und herrliche Armee die fremden Höfe überschwemmten und mit farbenreichen ausführlichen Phantasiebildern dort Eindruck machten. Otto dachte: hätte ich einen wirklichen Autor hier oder in Berlin, der die Pressemache besorgt und das Ausland genügend kennt, dann würde viel Übel vermieden werden. Doch der Teufel bekehre unsere Herren am grünen Tisch! In Italien z. B. bestanden damals starke Sympathien für Deutschland, Unzufriedenheit mit der französischen Hegemonie, besonders die Republikaner befürchteten das von Viktor Emanuels Französelei. Ohne weiteres versprach Otto im August italienischen Parteisendlingen Unterstützung mit Geld und Waffen für eine Revolution gegen das Haus Savoyen, falls dieses unfreundlich werde. Unbedenklich ergriff er überall jedes Mittel, das sich im deutschen Interesse bot. Doch selbst Rußlands war man nicht sicher, solange Gortschakows Französelei dort schwarmgeisterte und sich in seinem Tintenfaß spiegelte, vor dem er sich mit der Pose eines Napoleon aufpflanzte: Schreiben Sie! und vom Sekretär bewundernden Augenaufschlag für seine Floskeln erwartete. »Neid und Eifersucht gegen mich bestimmen sein ganzes Wesen, er hat kein vaterländisches Pflichtgefühl, nur unwürdige persönliche Eitelkeit. Er will nicht verlöschen wie eine Lampe, schwadroniert er, sondern schwinden wie ein Planet. Ohne irgendwo präsidiert zu haben, mag er sich Petrus am Himmelstor nicht präsentieren. Die russischen Familienverwandtschaften mit Hannover und Oldenburg waren auch kitzlich. Wir könnten selbst jetzt von Rußland Unliebsames erleben, stände nicht mein ehrlicher Kutusow in direkter Beziehung zum Zaren in uns günstiger Weise.« Auch bei so unbedingtem Vertrauen ging Otto zu weit, denn dieser Militärbevollmächtigte, ungemein beliebt bei der »ersten Staffel« des kronprinzlichen Hauptquartiers, ließ sich bei einem Besuch in Bleibtreus provisorischem Atelier (Versailler Museum) unmutig entschlüpfen: »Jaja, sehr schön, aber was wäre, wenn Rußland es nicht zuließe!« Eine Freude an Deutschlands Erstarken hatte niemand. Der aus Paris entlassene englische General Clermont bestätigte später, man habe Paris am neunzehnten September (und wohl noch am folgenden Tage) mit Sturm nehmen können. Doch auch Blumenthal, scheinbar so quecksilbern lebhaft, litt an Übervorsicht, wo es Opfer galt, eine militärische Pflichtlosigkeit aus moralischem Pflichtgefühl, das ein Feldherr nicht kennen darf. Dieser Mangel an schneller Auffassung und Initiative kränkelte die deutsche Kriegführung mit des Gedankens Blässe an, selbst Friedlich Karl erwarb sich bei Moltke und Blumenthal im Loirefeldzug den Beinamen Fabius Cunctator, doch sie selber trieben vor Paris dasselbe. Auf rasche Aushungerung zu hoffen, lag gar kein Grund vor, man war sogar ganz genügend über den Starrsinn der Pariser unterrichtet. Die strategische Lage war beklemmend, erst der Fall von Metz und vor allem die Dezembersiege an der Loire machten Luft. Kalt und bitter urteilte der Kanzler: »Diese Siege sind der Unüberwindlichkeit unserer Truppen und nicht der Führung zuzuschreiben.« Die spätere Behauptung, Paris sei erst durch die Beschießung wieder aus lethargischer Erschlaffung zu Tatenmut erwacht, hat gar keinen Sinn. Im Gegenteil nahm von da ab der Widerstand von Woche zu Woche ab, während vorher die Ausfälle sich drängten. Daß der Belagerungspark von vornherein zu spät herangeschafft wurde, steht fest, weil eben Moltke und Blumenthal in ihre Aushungerungsmarotte verliebt blieben. Außerdem hatte man unzählige Waggons mit Speck für die armen Pariser beladen, um sie zu füttern, wenn sie kapitulierten, eine echtdeutsche unmenschliche Menschlichkeitspedanterie. Begreiflich aus allem, daß Otto immerdar dabeiblieb, die englischen oder englisch bearbeiteten Damen hätten durch den Kronprinzen die Beschießung aus Humanitätsdusel hintertrieben, das Mekka der Zivilisation müsse ehrfürchtig geschont werden. Dies Mekka gebar den Propheten Victor Hugo, den Jesaias des gallischen Phrasenblödsinns, das sonst talentlose stärkste Talent formaler Sprachberauschung, den Meister der Deklamationsverpackung winziger Geisteskörner, einen echten Genius der »lateinischen« Rasse, lauter Sauce und kein Braten. »Jedes Haus speie seine Möbel!« Auch ich, der unsterbliche Druide, habe einen Säugling an der Mutterbrust, ergreife er das Chassepot. Pfui über dich, Deutschland, das wir als ehrwürdige Großmutter schätzten, jetzt möchtest du eine gewappnete Walküre sein? Für solchen Umsturz der moralischen Weltordnung mußt du gespießt und in siedendem Öl gesotten werden. – »Ich verhehle Eurer Majestät nicht die allgemeine Verstimmung in Berlin. Man schreibt Ihrer Majestät der Königin einen Einfluß auf die zahme Kriegführung zu.« Der alte Herr geriet in heftigen Zorn. »Das ist eine Majestätsbeleidigung, und ich bedrohe jeden, der so etwas äußert, mit schwerer Strafe. Lassen Sie sich das gesagt sein!« Und er hatte ganz recht, denn weder er noch der Kronprinz haben sich je zu einem Einspruch gegen die Beschießung bestimmen lassen, waren vielmehr stets dafür, Moltke und Blumenthal tragen allein die Verantwortung. Da ersterer sah, daß der höchste Herr die Beschießung wünsche, machte er eine Schwenkung dorthin. Roon sah alle Widerstrebenden bitterböse an, der stete Zank rieb ihn fast auf, mit Blumenthal, neben den er sich zufällig bei einem Diner setzen mußte, vermied er jede Aussprache. Die Kronprinzeß klagte brieflich, es herrsche gegen sie die aufgeregteste Unzufriedenheit, weil sie angeblich im Bunde mit Königin Viktoria franzosenfreundlich wühle. »Ha, das ist eine tiefangelegte Intrige«, tobte Blumenthal. »Das sind diese Zeitungsschreiber. Unsereins kennt ja solch Pack nicht, doch ich habe mir sagen lassen, unsere sind geradeso verworfen wie die französischen. Sie werden entweder aus dem Reptilienfonds gespeist, wie die Demokraten es nennen, und preisen alles, was ein Minister tut, oder sie möchten gespeist werden und schimpfen auf alles. Bücher besprechen sie je nach dem Namen des Autors lobend oder tadelnd, ohne sie gelesen zu haben. Wer ihnen nicht paßt in ihren Kliquen, den erklären sie von Blatt zu Blatt in die heilige Feme, ob konservativ oder liberal, gilt gleich, denn ›unterm Strich‹ sind alle Katzen grau, sagt Gustav Freytag, von dem ich diese Aufklärungen habe. Bloß die politischen oder literarischen Mitbürger mosaischer Konfession müssen immer gelobt sogenannten Deutschen sind kein Jota besser, je alldeutscher sie werden, selbst wenn man sie nicht ausstehen kann, denn in der Presse herrschen mehr oder minder überall die Juden, und die sich gebärden.« »Ach, Freytag übertrieb!« meinte der Kronprinz zögernd, »Die öffentliche Meinung ist stark. Graf Frankenberg, der Johanniter, erzählte mir vorhin, in Berlin nehme der Zorn wegen unserer Untätigkeit überhand. Das Publikum soll rein toll sein.« »Dann soll es uns vors Kriegsgericht stellen und Schwätzer an unsere Stelle setzen, dann bekommt es seinen Willen. So treiben wir in revolutionäre Zustände, es ist aus mit der Feldherrnkunst, heut erhielt ich aus Berlin einen anonymen Drohbrief, wo man mit Aufstand droht, wenn wir nicht losschießen. Nur zu! Wir schießen uns ja selber tot mit dem blamabeln Bombardement.« Mit solchen törichten Übertreibungen begegnete er auch dem Kanzler, der ihn nach einem Diner neben sich aufs Sofa zog und seine Einwände bekämpfte. »Es fällt mir doch nicht ein, die Stadt zu bombardieren, die unsere Geschütze nicht erreichen können. Doch die politischen Umstände fordern, daß Ernst gezeigt wird. Schießen müssen wir, und seien es nur 50 Schuß gegen die Forts, sonst glaubt das Ausland, wir seien zu Ende mit unserer Kraft. Der Laie erwartet von jeder Belagerung, daß Schüsse gelöst werden, und schweigt hier alles, so schließt er, unsere Maschine sei in Unordnung.« »Das kann doch den Fachmann nicht verlocken, gegen seine bessere Einsicht zu sündigen.« »Am Krieg hat die Politik ihren Teil.« »Sie können gut sagen, sie verlangt's, doch an Beweisen hapert's. Übrigens werde ich ja Beschießen der Forts nicht hindern, sobald erst die Munition ausreicht.« »Auf Ihre Meinung lege ich besonderen Wert, Sie sind mir mindestens so maßgebend wie Moltke. Auch habe ich zu Ihnen großes persönliches Vertrauen.« Aha, geschickt sich einschmeicheln! Dagegen bin ich bombenfest. Blumenthal hielt mit Mühe an sich, nicht laut aufzulachen. Und doch war es Ottos ehrlichste Meinung, der verbittert fortfuhr: »Der König und Moltke lassen mich im Ungewissen über jede Maßnahme, sie behandeln mich jetzt geradezu unhöflich. Ich bleibe nicht eine Stunde länger Minister, sobald der Krieg vorbei. Diese nichtachtende grobe Behandlung ertrage ich nicht, ich bin bloß dadurch bettlägerig und hinfällig und muß ein Ende machen, wenn ich noch länger leben will.« Daß viel wichtigere Dinge als die militärischen ihn in solchen Seelenzerfall brachten, verschwieg er füglich, fühlte aber das Bedürfnis, seinen Arger auszutoben. »Ja wahrlich, als Royalist zog ich in den Krieg, aber als etwas anderes komm' ich heraus. Nein, ich bleibe nicht Minister, um mir von einem Podbielski in jeder Kleinigkeit Sottisen sagen zu lassen, rücksichtslos, als wäre ich der erste beste Beamte. Gute Nacht, Exzellenz, ich empfehle mich Ihnen.« Er scheint ja ganz außer sich! dachte Blumenthal. Nun ja, er will nie eine zweite Rolle spielen, nachdem das Glück ihn so hoch schob. Andere leisten auch etwas in ihrer Sphäre, es gibt manches, was ein anderer besser versteht als er, und das hält er schon für anmaßend. Das Mittelchen mit dem Abtretenwollen zieht wohl auch nicht mehr. Aber es wäre doch schlimm für uns, wenn er's wahr machte. – In solcher kleinlichen Mißgunst urteilte selbst ein so tüchtiger, ehrenwerter und geistig reger Mann über den Kolossus. Und da sollen Kleinere sich beschweren, weil sie verkannt und verleumdet werden? Otto der Große hat den nämlichen Kelch, der allen Genialen ihr Leben lang kredenzt wird, bis zur Neige getrunken. Wer je über sein Schicksal klagt, der denke daran, daß der größte Mann und größte Wohltäter deutscher Nation gerade in den Tagen, wo ihn die Geschichte im Zenith seiner Glorie strahlen sieht, sich krank, verärgert, gebeugt, von ekelm Qualm und dumpfem Gewölk umlagert fühlte. Und der so unendlich kleinere Blumenthal sah auch nur seinen eigenen kleinen Ärger, weil auf Vortrag Roons die Beschießung seinem Ingenieurgeneral Schulz abgenommen und dem Gardeartilleriechef Kraft v. Hohenlohe, einem ausgezeichneten Fachmann, übertragen wurde. »Nächstens werden sie mich auch noch auf den Sand setzen. So viel Widerwärtigkeiten und Verdächtigungen erntet man, wenn man seine Pflicht tut«, grollte er mit dem Bewußtsein eines Märtyrers. »Alles nur Kinderei, solange ich treu an Ihnen festhalte«, tröstete ihn der Kronprinz liebenswürdig. »Übrigens bin ich gespannt, wer jetzt noch alles mitreden wird. Heute ersuchte mich Bismarck um irgendeinen Armeebefehl, der die Bayern herausstreicht, weil übermorgen die bayrische Kammer zusammentritt und dies für dortige Abstimmung günstig wäre. Ich schlug es ab, solche Mittel verschmähen wir.« Und warum denn? Wenn Klappern zum Handwerk gehört und alle fremden Politiker außer den deutschen stets einen Korybantenlärm zu machen pflegen, warum müssen wir immer die tugendhaften Stoiker bleiben? »Meine Frau schreibt mir, nach Wörth habe man ihr einen Fackelzug gebracht, jetzt fürchte sie eine Katzenmusik, Eure Kgl. Hoheit und ich seien ganz unpopulär geworden. Na, ich weiß nicht, was mir gleichgültiger ist, ob das Volk mich liebt oder ob es mich haßt.« Der Kronprinz antwortete nicht, runzelte die Stirn und blickte trübe in die Ferne. Seinem liebevollen Gemüt schien Unbeliebtheit beim Volke das traurigste Übel. Und dieser militärische Größenwahn ging ihm doch wider den Strich. Das war Blumenthal, der als liberal und hochgeistig galt. Um solche Coriolanverachtung zu hegen, muß man doch wenigstens Coriolan sein. Und über den Riesen, der fast zwanzig Jahre zehnmal Schwereres hinunterschluckte, als er mal zufällig in kurzer Zeitspanne, und der selbst in den folgenden Jahren seines Triumphes sich noch täglich mit wetterwendischer Volksmeinung, Hofgeschmeiß und Militarismus herumzuschlagen hatte, brach dieser verständige Kriegsmann mit Übelwollen und Schadenfreude heimlich den Stab! So sind die Menschen. Kein Held ist einer für seinen Kammerdiener, denn wie sollen Lakaien den Helden ehren, wenn sie ihn in Filzpantoffeln sahen? Aber er ist es auch nicht für seine Umgebung, sondern nur da draußen für die breite Masse, die ihn aus der Ferne auf seinem Postament sieht und natürlich nur einen auf den Sockel Erhobenen erkennt. Wieviel Helden mögen unerkannt im Schatten stehen! Deshalb hat auch Carlyles »Helden-Anbetung« ihre Schattenseite, nicht nur, daß ihr eigener Apostel sich oft genug in den Helden irrte, die er zur Anbetung empfahl. Alles ist eitel, spricht der Prediger, Eitelkeit der Eitelkeiten. * Das Bombardement nahm einen befriedigenden Verlauf, obschon Blumenthal zähe dabei blieb, die Schießerei sei eine Blamage, die Bombardierer würden immer stiller und kleinlauter. Admiral Prinz Adalbert sagte ihm taktlos auf den Kopf zu, es heiße allgemein, er wolle nicht schießen wegen Beschwörung durch die Kronprinzeß. »Wer das gesagt hat, ist ein Lügner, und Sie können es ihm wieder sagen«, rief der General in heller Wut. »Was nur die Menschen dabei haben, so infame Lügen zu erfinden! Das ist wohl Ausfluß der Bosheit und Schadenfreude, die jedem Menschen innewohnt, wenn auch nicht immer bewußt.« Sehr wahr, das sollte sich aber jeder hinter die Ohren schreiben. Dagegen bemühte er sich mannhaft, die Schwarzseherei zu bekämpfen, die plötzlich den bisher stets frischen und heitern Kronprinzen befiel. »Die Lage ist so drückend, Paris fällt nicht, überall stampft Gambetta Armeen aus dem Boden, die Volkserhebung wird uns einzäunen, und die Neutralen sind auf dem Sprunge, bissig zu werden. Frieden a tout prix scheint mir das Vernünftigste.« »Aber wieso denn? Jetzt wird der Krieg ja endlich wieder flott und lebendig, und da sollten wir die Flügel hängen lassen? Ich verkenne nicht die Großartigkeit der Gambettaschen Leistung. Dieser Zivilist ist mindestens ein genialer Organisator und versteht aus dem Grunde den französischen Charakter. Noch vor ein paar Wochen allgemeine Niedergeschlagenheit und jetzt wieder tolle Begeisterung mit unsinniger Siegeszuversicht. Dies aufgeblasene Volk wird noch mit letztem Atem, wenn wir ihm die Kehle zudrücken, fauchen und keuchen: Ihr seid alle verloren!« »Aber wenn Paris sich bis zum Äußersten hält!« »Na ja, bei unserm Geschieße vergessen sie den Hunger. Glaubten unsere Herren etwa, das werde ihren Hunger vergrößern, wenn man ihnen Eisenklöße über den Zaun wirft? Das ist was für den kranken Magen ihres Größenwahnsinns.« »Das Kriegsglück kann sich gegen uns wenden, Paris entsetzt werden.« »Und wär' es so, dann wird sich zeigen, wer ein wirklicher Mann ist. Der letzte Landwehrmann muß aufgeboten werden, um die Revolution zu bekämpfen. Denn schlechter Friede und Revolution in Deutschland sind eins. Nur unser gründlicher Sieg ist Konsolidierung eines mächtigen deutschen Reichs.« »Wir haben uns schon fast mit England verfeindet«, seufzte der Prinz mit dumpfer Stimme. »Bismarck wird nicht eher ruhen, als bis er uns mit halb Europa überwirft.« Nun wußte ja der General, woran er war. Diesmal lag wirklich wohl weibliche Beeinflussung aus der Heimat vor. »Das Vorbild dieser Republik, die so viel Sympathie in Europa genießt, scheint mir auch bedrohlich.« »Deshalb wollte Bismarck früher mit dem gefangenen Kaiser verhandeln, doch der König wollte nicht.« Damals hatte er aus bloßer Verneinungssucht gegen den allzu berühmten Staatsmann den König dafür gepriesen. Jetzt auf einmal war er anderer Meinung. »Das wäre für uns das Beste, aber nun will wieder Bismarck nicht. Er ist voller Widersprüche.« Nur frisch kritisieren! Er hatte natürlich nicht die geringste Kenntnis der einschlägigen Verhältnisse, daß jede Aussicht verloren ging, das Kaisertum den Franzosen wieder aufzuhalsen, und daß Otto klugerweise die Republik als Macht für minder gefährlich hielt als eine Revanchemonarchie. »Mich freut's aber, daß wir unseren Demokraten zeigen, wie solche Volksmilizen vor unsern geschulten Berufsheeren zerschellen. Die Deutschen haben leider eine ultrademokratische Denkweise, und der republikanische Schwindelgeist mit französischer Ansteckung würde uns ganz vergiften und auflösen.« Ganz richtig, doch niemand hätte vermutet, daß dieser so liberal sich gebende Herr auch ungeniert dem schönen alten Königtum eine Träne nachweinte, als dessen Tod er die große Veränderung auffaßte, über die jetzt auch der soeben eingetroffene Schleinitz, längst als Hausminister der Königin zur Ruhe gesetzt, tiefsinnig orakelte. »Eine bittere Notwendigkeit. Majestät kann sich noch immer nicht darein finden.« »Das Scheiden vom liebgewordenen Königtum seiner Väter fällt ihm so schwer«, nickte Blumenthal. »Ich fühle es ihm von Herzen nach. Se. Kgl. Hoheit find natürlich sehr erhoben und stolz, doch er gewinnt vielleicht nur eine Dornenkrone.« In solcher stockpreußischer Befangenheit urteilte also der angeblich freisinnigste unter den Generalen. Was konnte man da vom dürren Holz der eigentlichen Stockpreußen erwarten! Blumenthal schimpfte ununterbrochen weiter über die »Mordbrenner«, das Bombardement koste täglich vielmal mehr Leute als jeder frühere Zernierungstag, er stehe glänzend gerechtfertigt da. Dabei beschlich ihn aber ein Anfall von Verfolgungswahn, alles sei gegen ihn ungerecht, er tue doch niemand was, allerdings sei er intolerant und absprechend. Daß alle Welt in ihm einen Vorwurf sehe und sich über sein Lächeln ärgere, hätte ihn belehren sollen, daß im Gegenteil jetzt jeder die Wirkung der Beschießung mit Händen greifen konnte. Was vier Hungermonate nicht vermochten, geschah jetzt: Paris parlamentierte um Kapitulation. Da die vernichtenden Niederlagen von Chonzy, Faidherbe, Bourbaki den Parisern so gut wie unbekannt blieben, kann nur die Beschießung sie bezwungen haben. Wäre sie schon vor Monaten erfolgt, so wären sie schon damals kleinmütig geworden, während die Aushungerung sie nur wütend machte und ihnen als Armutszeugnis des Gegners galt. Die Neutralen gaben plötzlich ihr Drängeln auf, das Geheul über Entweihung der heiligen Stadt durch Hunnen und Barbaren verhallte in leere Luft. Faust und Zähne zeigen besänftigt platonische Menschenfreunde, deren verkniffener Neid zuletzt praktisch dem Sieger huldigt. Mit solchen Bösewichtern mag man sich nicht entzweien, dem endgültig am Boden liegenden Frankreich zeigte Europa die kalte Schulter. Das hätte man längst vor Weihnachten haben können. Die Verblendung einer Rasse, die aus bloßer Eitelkeit jede Vernunft abschwört, versteht weder eine loyale Großmut, die sie für Schwäche hält, noch abwartende Ruhe, sondern nur das gröbste Kaliber. Man muß die Demütigung ganz handgreiflich machen, sonst leugnen sie die Franzosen. Deshalb ärgerte sich Blumenthal diesmal nicht mit Unrecht, daß Otto im kleinen zu sehr entgegenkomme. »Dies Volk ist mir zu unangenehm, ich möchte es bis ins kleinste und bis aufs Blut gekränkt sehen.« Außer durch höfliche Redensarten einem Besiegten sein Los zu mildern scheint jedem Romanen unfaßlich, von Natur hart und grausam aus kalter, gemütloser Selbstsucht, die auch seinen Geiz verursacht, geradezu krankhaft am Besitz hangend. Die Nationalverteidigung erlebte nach dieser Richtung Trauriges bei den französischen Bauern. Freigebig, unter Umständen verschwenderisch, geht der Franzos nur mit einer Sache um, seinem Blute. Nur jene befangene Ungerechtigkeit, die leider vom Militärspezialismus aus guten Gründen unzertrennlich, bestreitet bis heute, daß die völlig grünen unausgebildeten Mobilgarden, einigemal sogar die Nationalgarden (Landsturm), ältere Männer, die noch nie eine Waffe in Händen trugen und obendrein oft alte Vorderlader erhielten, sich durchschnittlich besser schlugen als die weiland Troupiers. Die neugeschaffene Milizartillerie schoß viel sicherer als die kaiserliche und übertraf selbst die ausnahmsweise hingebende von Sedan an Opfermut, an den Kalköfen von Champigny häufte sie eine Hekatombe der Todesverachtung. Die Niederlage der besten kaiserlichen Elitetruppen bei Wörth fiel zehnmal ärger aus als die der Loirearmee bei Loigny, heldenmütiger stritten Franzosen nie als bei den Sturmläufen der Milizen auf Beaune la Rolande, selbst Bourbakis verhungerte, verfrorene Jüngelchen fochten manchmal mit edelm Elan, die Pariser Nationalgarden gaben noch beim letzten Ausfall ein schönes Beispiel. Es ist auch unwahr, daß Faidherbes Nordarmee ein festeres Gefüge zeigte, weil mit einigen »alten« Offizieren und Truppen gemischt, die aus Metz entwischten. Gerade das erste dortige Volksaufgebot bei Amiens schlug sich am zähesten und Chanzys Volksheere viel schwungvoller. In deutscher Militärhistorie hat man die Dinge stets danach zugestutzt, die Überlegenheit des Drillsoldaten über Volksaufgebote übermäßig aufzublasen. Aber damals an Ort und Stelle unter unmittelbarem Eindruck sah man die Lage wesentlich anders und empfand auch die historische Aufgabe des Zivildiktators Gambetta und seines Adjunkten Ingenieur Freycinet, Frankreichs Ehre hochzuhalten. Auch der bitterste Widersacher der Gallier, der über die Fabeln von ihrer Ritterlichkeit Lachkrämpfe bekommt und ihre verlogene Prahlsucht verachtet, muß ihre hohen kriegerischen Eigenschaften anerkennen. Das Empire Napoleons des Kleinen ging mit Unehre, Frankreich aber mit Ehren unter. Solche Erwägungen entgingen dem Kanzler nicht, der mit klar umfassendem Blick des Genies alle Ereignisse beobachtete. Seine tiefe Geringschätzung der Franzosen und seine begeisterte Hochstellung deutschen Wesens hielten ihn nicht ab, ihn allein, ein gewisses geheimes Mitgefühl bei dieser Tragödie zu empfinden, wo die Weltgeschichte als Weltgericht über ein nicht sittlich entnervtes, wie deutscherseits es ausgelegt wurde, wohl aber von Selbstsucht und Eitelkeit verzehrtes Volk hereinbrach. Seltsamerweise begriffen die schlauen Welschen dies bald, obwohl in Versailles sich auch manche Gelegenheit bot, das Überwiegen des Privategoismus zu studieren. Der Vater des begabten Malers Regnault kroch als Direktor der berühmten Porzellanfabrik von Sèvres vor den deutschen Behörden und erwiderte auf eine Vorstellung Bleibtreus, er solle eine Notabelnliste zu einer Petition für einen anscheinend grundlos arretierten Bürger unterzeichnen: »Nein, das könnte mir schaden.« Sein Sohn fiel nachher als Held an der Parkmauer von Buzenval, obwohl sonst ein wenig tadelfreier Herr. Da hat man den Franzosen, als Privatmann kalter Selbstling, als Patriot sehr brav. Fern sei es der deutschen Gerechtigkeit, die nach dem Kriege leider mehrfach in chauvinistische Überhebung umschlug und dabei doch wiederum die verruchte alte Welschgängerei in albernem Massenimport französischer Theatermache betätigte, einzelne Lichtblicke im gallischen Charakter übersehen zu wollen. Denn manches, was die Franzosenhasser als französisch verfemen, ist leider allgemein menschlich und im eigenen Busen wiederzufinden. Dem höheren Kulturfranzosen fehlt keineswegs eine gewisse korrekte Anständigkeit der Gesinnung, er vergißt selten einen geleisteten Dienst und zeigt die hohe Tugend der Dankbarkeit. Der Arzt Sadoul von Wörth, ein geborener Pariser, sandte jahraus jahrein einen Neujahrsbrief an Bleibtreu, weil dieser ihn vor Ungebühr durch einen hochgeborenen Johanniter rettete. Der Direktor des Versailler Museums, Schwiegervater von Sardou, setzte einen schriftlichen Dank im Namen Frankreichs auf, weil der Künstler auf Anregung des Kronprinzen das französische Nationaleigentum schirmte, obwohl hochgestellte Personen unter Vorwand eines Atelierbesuches recht gerne »Andenken« mitgenommen hätten. Auch dieser brave Franzose verlor seinen Sohn als Offizier, doch auf Bleibtreus Trostworte ging sein Schluchzen » O mon fils! « sofort in dramatisches Stöhnen: » Ce n'est rien, mais la France, la France! « über, und man weiß beim Franzosen nie, wo das Gefühl aufhört und die Pose anfängt. Und wie dankten die Eigentümer der besetzten Landesteile mehrfach für so rücksichtsvolle Behandlung? Indem sie die Welt mit Mythen überschwemmten, jeder deutsche Offizier habe eine »Pendule« gestohlen. Ein General Eyre schrieb an Blumenthal aus England, das ganze Land unter Vorantritt aller Radikalen entrüste sich über die deutschen Plünderungen. In englischer Vorstellung nahm der Krieg schon die Form einer feudalen Raubritterfehde gegen friedliche republikanische Bürger an. Oliphant verzeichnete unverschämt: »Die Preußen plündern schrecklich.« Aber solche britische Pharisäerheuchelei von seiten der Aussauger Indiens konnte man sich trösten, doch warf man sich andererseits selber zu salbungsvoll in die Brust, als bestehe das deutsche Heer aus lauter makellosen Engeln. Es ist unwahr, daß überhaupt keine Pendulen nach Deutschland auswanderten und manche andern Kunstgegenstände als »Andenken«. Die Gattin eines hohen Generals zeigte der Gattin Bleibtreus naiv einen prachtvollen Gobelin aus der Kathedrale von Orleans, den ihr Bruder dort aufgabelte. So etwas kommt aber in jedem Kriege vor, oft entschuldigen besondere Umstände die Verfehlung, man nimmt mal herrenloses Gut, um es vor Zerstörung zu retten. Jedenfalls hat noch nie ein Siegerheer so verhältnismäßig schonend gehaust angesichts eines Volkskriegs, der immer zu Repressalien reizt. Die Franzosen aber wurden nicht müde, die gutmütigen Deutschen als eine Hunnenbande zu verunglimpfen. Die widerspruchsvollen Eindrücke des französischen Wesens bei dessen brennendster Feuerprobe vor deutschen Beobachtern kamen beim wahren Vertreter deutscher Nation auch widerspruchsvoll zur Erscheinung. Schon Capitaine d'Orcet fühlte bei der Sedankapitulation die Mischung von unerbittlicher Logik und menschlichem Mitgefühl. Moltke sei eiskalt gewesen ohne jede sentimentale Regung, der fürchterliche eiserne Kanzler aber ein humaner Mensch. Genau das gleiche verewigte ein anderer Capitaine Hérisson, als Paris und Frankreich endlich vor dem Gewaltigen um Frieden bettelten. Doch ehe dies geschah, ging ein Ereignis vorher, das den ganzen Himmel über Deutschland mit einem Jubelruf aller Deutschen auf Erden erschütterte. Schon sehr frühe rauschte und raunte es durch den papiernen Blätterwald, noch mehr aber durch alle Wipfel deutscher Lande, daß jetzo die Stunde gekommen sei, wo der Kyffhäuser seinen schlafenden Kaiser wieder ans Licht schleudere. Mit stillem Lächeln hörte Otto auf Millionen Stimmen, denn so laut sie lärmten, eine lautere gewaltigere Stimme hatte ja er seit zwanzig Jahren im Ohre. Wenn es mit Schreien getan wäre! Die Ideologie, dies falsche Gegengift der Wirklichkeit, wirkt auf das Genie, den verkörperten Idealismus und gerade deshalb zu schöpferischem Realismus allein befähigt, als der infamste Feind. Wie Schöngeisterei noch nie einen Dichter hervorbrachte und auch nur begriff, so wird politische Schwärmerei nie den Schöpfer erfassen, bis er mit eiserner Faust seine Schöpfung auf die Beine brachte. Die Ideologie, diese Blutvergiftung des wahren Idealismus, schwafelt ohnmächtig ohne jedes Augenmaß für Realitäten und hat einen wunderbaren Instinkt für Kitsch, d. h. den Vollender an der falschen Stelle zu suchen. Die Schreihälse in Berlin ahnten nicht, wo der Haken lag. Allerdings wallte bei allen norddeutschen Fürsten und bei Baden das Herz ehrlich auf für die große deutsche Sache. Aber trotz der rühmlichen Gesinnung des Erbprinzen Ludwig, dessen englische Gemahlin Alice sich dem Georg Bleibtreu gegenüber bei dessen kurzer Rückkehr nach Deutschland als Großdeutsche aussprach, konnte man von Hessen-Darmstadt keinen bedingungslosen Anschluß erwarten. Es genügte, daß der ominöse Dalwigk als Unterhändler in Versailles erschien. Otto empfing seinen alten Frankfurter Bekannten mit sardonischem Lächeln. »Ach, die alten Zeiten, die gute alte Zeit! Das hätten wir zwei wohl auch nicht erwartet, an dieser Stelle uns gegenüberzustehen.« Der alte Rheinbündler mochte wohl auch daran denken, wie er in der Versailler Spiegelgalerie untertänigst vor dem Cäsar knickstiefelte und die verhaßte Germanengestalt neben sich mit argwöhnischen Blicken maß. Bei den Württembergern, die sich über jedes Lob erhaben bei Champigny schlugen, herrschte freilich eine deutsche Begeisterung, wie sie dem Stamme Schillers entsprach. Des Reiches Sturmfahne zu tragen, wie in alter Stauferherrlichkeit, schien dort der innigste Herzenswunsch. Außer dem Bevollmächtigten v. Faber, einem durchaus vornehmen Mann voll grenzenloser Bismarckverehrung, hatten die Schwaben zwei würdige fürstliche Vertreter im Felde: den Kronprinzen Wilhelm, der voll edelster deutscher Gesinnung mit allen Großdeutschen fraternisierte, einem gemütvollen, vorurteilslosen, schlichtbürgerlichen Vorbild volkstümlicher Fürstlichkeit, und den unvergeßlichen Herzog Eugen, Sohn des gleichnamigen unsterblichen Helden der Befreiungskriege, dessen Andenken leider dem deutschen Volk verloren ging, weil an Rußland gekettet. Auch sein Sohn stand als Gatte der Großfürstin Wera, einer hochgebildeten Dame, russischen Kreisen nicht fern, war aber deutsch bis ins innerste Herz. Im ganzen Bereich des Kronprinzenheeres gab es keine beliebtere Figur als ihn mit seiner ewig vollen Zigarrentasche und Tokaierpulle, mit denen er die Vorposten beritt, um Offiziere und Mannschaften zu erfrischen. Als der edle Fürst diese berühmte Zigarrentasche testamentarisch »Freund Bleibtreu« vermachte, sprach diesem der Kronprinz des Deutschen Reiches scherzhaft-wehmütig seine Eifersucht aus, da er selbst auf die Tasche gewartet habe. All diese wundervollen Fürsten und Herren eines großen Geschlechts erfüllte eine so treue Menschenbrüderlichkeit alldeutscher Hingebung, wie keinen der Militärs, denen fast immer die Scheuklappen ihrer Standeserziehung den weiten Ausblick verhängen. Doch brachten hier vielfach die bayrischen einen volkstümlichen Zug in das Ganze. Jedenfalls trugen die Süddeutschen mächtig dazu bei, ein alldeutsches Fühlen und eine allgemeine Verbrüderung zu verbreiten. Die beiden bayrischen Korpschefs galten als besondere Vertreter großdeutscher Bestrebungen, wobei aber bezeichnenderweise der Reichsfreiherr v. d. Tann-Rathsamhausen entschieden freiere Volksfreundlichkeit als Chef der Holsteiner Freischaren ausprägte, als der aus niederen Kreisen hervorgegangene Hartmann. Dieser Sohn eines Schmieds verheiratete seine Tochter an einen verschuldeten Grafen Bothmer, sein stattlicher Sohn stolzierte auf Maskenbällen am Hofe in Tracht eines spanischen Granden, er selbst legte auf Ansehen bei Hofe Gewicht und konnte nie genug Orden haben. Doch mit besonderem Stolz trug er das Kreuz der Ehrenlegion, das ihm Napoleon I. selber verliehen habe, denn seine liebenswürdige Eitelkeit blickte auf eine erstaunliche Kriegerlaufbahn zurück. Als Pfälzer zum Empire gehörig, diente er als Unterleutnant in französischen Reihen und focht noch bei Waterloo hervorragend, indem er den Adler seines Regiments rettete. Obschon so mit der französischen Armee durch Erinnerungen verknüpft und dem großen Kaiser zeitlebens zugetan, bekehrte er sich schon früh zu wahrer Vaterlandsliebe. Daß er in der Jugend dem Bajuvarentum entrückt blieb, machte ihn eben bei dieser Bekehrung nicht zu einem Bayern, sondern einem Deutschen, was ihm hohe Ehre macht. Sein fränkisch-schwäbisches Korps, in dessen Lager vor Paris der Berliner Meister Bleibtreu eine besondere Heimstätte fand, wurde schon bald ein Zentrum der Kaiseridee im Heere. Fast alle Offiziere machten kein Hehl daraus, daß sie im Kronprinzen von Preußen, den überhaupt alle Bayern in ihr Herz geschlossen, den künftigen Deutschen Kaiser sahen. Bis in die Umgebung des Roi-Soleil von Hohenschwangau hinein blühte diese großdeutsche Begeisterung. So bei den Freiherrn v. Stauffenberg, von denen der eine später im Reichstag hervortrat, während sein ganz freisinniger und unabhängiger Bruder als Generaladjutant des Königs das allerhöchste Mißfallen erwarb, weil er, den hohen Herrn auf der Jagd wähnend, seinem Freunde Bleibtreu die feenhaften Privatgemächer in Schloß Berg aufschloß. Alsbald erhob sich in rosafarbener Beleuchtung ein Ritter Lohengrin, als wolle er eine Bravourarie herausschmettern, mäßigte jedoch seinen niederschmetternden Zornesblick zu huldvoller Handbewegung stummer Majestät: Tun Sie, als ob Sie zu Hause wären, ich räume das Feld. Übrigens trug er es Stauffenberg nicht nach, und es wäre überhaupt verfehlt, ihm eine fürstliche Haltung abzusprechen, über alles Kleinliche erhaben. Sein künstlerischer Enthusiasmus, für das Große und Schöne aus königlichem Herzen erglühend, hatte etwas Ehrfurchtgebietendes und Anfeuerndes, er hat sich um Deutschland das unsterbliche Verdienst erworben, Richard Wagner den Verfemten neben sich auf den Thron einsamer Größe zu setzen. In den Tiefen dieses krankhaft abnormen Organismus lagen gewissermaßen Märchenschätze aus dem Nibelungenhort altdeutscher Romantik, und doch irrt die Legende völlig, wenn sie ihn für einen bloßen Phantasten hält. Sein Minister erzählte mal in München in engerem Kreise, er sei gestern zum Vortrag draußen in Hohenschwangau gewesen, da der König im ganzen nicht mit langweiligen Geschäften belästigt sein wollte und angeblich sein Ministerium regieren ließ. Er habe ruhig zugehört, am Schluß aber, indem er das Gewünschte unterzeichnete, kaltfreundlich gesagt: »Schon recht, lieber Lutz, aber vor einundeinhalb Jahren sagten sie im November genau das Gegenteil.« In diesem Sinne als einen »geschäftlich klaren« Herrn hat ihn auch Bismarck kennen gelernt und geschildert. Nur sein grenzenloser Cäsarenwahn, verbunden mit Menschenverachtung der Vielzuvielen, hat ihn gehindert, seine Begabung nutzbringend zu verwerten. Als Herrscher ging sein Sinnen einzig und allein in der Vorstellung auf, wie unsagbar vornehm Er und das Haus Wittelsbach seien und wie um Gottes willen die heiligen Reservatrechte des Bajuvarenreiches und das Föderativprinzip gewahrt bleiben müßten. Das deutsche Volk hat endlich das Recht, über alle Personen und Dinge jener großen Zeit die volle Wahrheit zu hören, und viele erwähnte Einzelheiten, den Outsidern natürlich unbekannt, geben erst das wahre Bild der geschichtlichen Tage. Später kamen eine Menge vordringlicher Streber, die nie eine kleinste Rolle gespielt hatten, und erfüllten die Bühne mit ihrem Gewimmel. Hofschranzen, Gründer, Fraktionsstreber, Journalisten, alles Leute, die den Ereignissen gänzlich fernstanden, spreizten sich in Berlin als Erben der Kämpfer und Sieger, die Krieger und ihre Vertrauten traten in den Hintergrund und dankten geschichtlich ab. Jetzt fabriziert man eine byzantinische Geschichte für den großen Haufen, worin der Bajuvarenkönig als Ludwig der Deutsche in die Walhalla einging. Diesem Deutschen schien ein Vorrang der Hohenzollern vor dem ältern Dynastenhaus Wittelsbach so unerträglich, daß er ein Alternieren beider Familien in der Kaiserwürde allen Ernstes aufs Tapet brachte. Während außer oberbayrischen Hetzkaplanen und dem famosen Sigl, den man persönlich gekannt haben muß, um seine Geschäftstüchtigkeit im Haß wider die »Saupreißen« zu würdigen, die ganze Bevölkerung in Einheitstaumel schwelgte, kostete der bayrische Hof dem Kanzler schlaflose Nächte. Immer wieder mußte er den Sisyphusstein rollen. Die bayrische Regierung betrachtete die Vereinung als eine frostige Konvenienzehe mit Gütertrennung, wo Otto eine Liebesehe zu schließen trachtete. Der nordische Bräutigam mußte in den notariellen Ehekontrakt allerlei Klauseln aufnehmen, die als Reservatrechte der eifersüchtigen Braut die Entrüstung der nationalliberalen Einheitsmajorität im norddeutschen Reichstag erregten. Nur Ottos Drohung, er werde sein Amt niederlegen, zwang das Mißvergnügen zum Schweigen, zur gleichen Ergebung in das Unabänderliche und das positiv Erreichbare, die ihn selber zu widerwilligem Verzicht zwang. Es gehörte Selbstbeherrschung und Selbstbezwingung dazu, sich über die Achselklappen der Uniformen zu streiten, das Kurze und Lange von der Sache blieb, daß das bayrische Heer selbständig im Bundesheer auftritt und seine Regimentsziffern außerhalb des sonstigen Rahmens läßt. Auch nach dieser Einigung, deren partikularistische Schranken den lebhaften Unwillen des Kronprinzen erregten, wäre es nicht zu weiterer abschließender Folge gekommen, wenn nicht Otto sich plötzlich an den Oberstallmeister Graf Holnstein gewendet hätte, der sich im bayrischen Lager einfand und wohl seinem Monarchen über die Stimmung seiner Truppen berichten sollte. Diese war selbst bei den Altbayern entschieden »kaiserlich«, der unerschrockene Reichsfreiherr v. d. Tann verehrte offenkundig in Preußen das Einheitsvorbild, wie er denn seine Tochter an einen einfachen märkischen Adeligen des Offiziersstandes verheiratete. Beim Korps Hartmann erhob schon in der eroberten Schanze von Clamart auf der Höhenterrasse, von wo man zuerst das Häusermeer von Paris überblickte, ein bürgerlicher Offizier sein Glas: »Auf den künftigen deutschen Kaiser« unter begeistertem Zuruf seiner Kameraden, ein gräflicher Offizier riß aber den Degen aus der Scheide und sprach von Hochverrat gegen den allergnädigsten König von Bayern. Doch entzog sich der kunstsinnige und seinem Herrn nahestehende Holnstein nicht der großdeutschen Ansteckung und ging gern auf des Kanzlers dringliche Darstellung ein. »Geschäftlich und legal hat Bayern alle Präsidialrechte des Königs von Preußen anerkannt, doch Bayerns Selbstbewußtsein muß sich dadurch verstimmt fühlen, solange der Bundespräsident nichts als der im Rang gleichstehende Nachbar bleibt. Die Stammesverschiedenheit ruft dann um so eher abfällige Kritik Ihrer Altbayern wach, daß man so viel Konzessionen mache. Dadurch wird die alte Rivalität nicht unempfindlicher werden.« »Unzweifelhaft wahr«, bestätigte Holnstein. »Dies entging meinem allergnädigsten Herrn nicht. Preußische Autorität im Bayerlande wird eine Quelle des Verdrusses werden.« »Nun wohl, ein Deutscher Kaiser wäre dagegen nur im allgemeinen ein deutscher Landsmann. Meinem Empfinden nach kann der König von Bayern nur seinem Deutschen Kaiser, nicht dem König von Preußen eine überragende Autorität einräumen. Sonst wäre es unschicklich für seine eigene Souveränität. Mir scheint diese Unterscheidung sowohl politisch als dynastisch von höchster Bedeutung für die monarchische Auffassung des Königs Ludwigs. Möchten Sie, Herr Graf, dies nicht Ihrem erhabenen Gebieter vorstellen und von mir aus daran erinnern, daß meine Vorfahren in der Mark die besondere Gnade seiner erlauchten Vorfahren genossen, während Kaiser Ludwig der Bayer in Brandenburg regierte! Ich fühle mich daher in einem ererbten Lehensverhältnis zum Hause Wittelsbach und werde alles aufbieten, um diesem hohen Fürstengeschlecht alles Peinliche einer Unterordnung zu ersparen.« Holnstein lächelte verständnisvoll. »Dies Argument ad hominem wird Seiner Majestät sehr willkommen sein und auf dessen Denkweise besonderen Eindruck machen. Wollen Eure Exzellenz mir ein solches Handschreiben an Seine Majestät übergeben und vielleicht ein Konzept desjenigen Schreibens beilegen, das Allerhöchstderselbe an den König von Preußen zu richten hätte. Sodann werde ich keine Mühe scheuen, mich sofort nach Hohenschwangau aufzumachen und bei persönlicher Überreichung Vortrag zu halten.« »Wollen Sie das wirklich? Noch heute?« »Ich wäre in zwei Stunden reisefertig.« Unverzüglich brachte Otto die gewünschten Dinge zu Papier, die Tinte widerstrebte, das Papier war löcherig, doch die Sache duldete keinen Verzug. Holnstein lächelte. »Dies Autogram von Ihrer Hand wird dem König ein wertvoller Besitz sein, denn ich möchte Ihnen verraten – eigentlich sollte ich's nicht –, daß er ein sehr warmer Bewunderer Eurer Exzellenz ist. Vernimmt Seine Majestät, daß ich in Ihrem Auftrag und mit einem Brief von Ihnen komme, so wird er mich in gleicher Minute empfangen, selbst auf dem Sterbebette.« So geschah es. Der König, an Zahngeschwür leidend, ließ auf die Zauberformel des Namens Bismarck den Grafen sofort an sein Bett kommen und schrieb im Bett an König Wilhelm, er könne nur dem deutschen Kaiser sich unterordnen. Als Holnstein mit großer Anstrengung beschleunigt nach Versailles zurückkehrte, dankte ihm der Kanzler herzlich: »Sie haben sich um das deutsche Vaterland ein unvergeßliches Verdienst erworben.« Die Überreichung erfolgte durch Prinz Luitpold, einen kunstsinnigen leutseligen Herrn und schneidigen General, der im Kampf wider Preußen zusammen mit seinem Sohn und Adjutanten Ludwig tapfer blutete, längst aber jede Feindseligkeit abschwor und in deutsche Treue verwandelte. Den in der Kaiserfrage widerstrebenden und schwankenden König Wilhelm erschütterte dieser unvorhergesehene Schritt des Bajuvarenkönigs. Otto schmiedete das Eisen, solange es warm, und zwei Tage später verkündete Minister Delbrück im Reichstag den Brief König Ludwigs und die Vereinigung ganz Deutschlands. Unverzüglich erschien eine Abordnung des nunmehr deutschen Reichstags in Versailles, Präsident Simson berief sich auf den Wunsch der ganzen Nation, und König Wilhelm, dem vor Bewegung mehrmals die Stimme stockte, nahm im Grundsatz an. Doch während ungeheurer Jubel von Memel bis Konstanz aufbrauste, hatte wie gewöhnlich der treue Ekhart der Deutschen die bittersten Prüfungen zu überwinden, um Deutschland Steine des Anstoßes wegzuräumen, von denen blinde Ideologen nichts ahnten und einfach darüber gestolpert wären. »Groß, unsterblich ist das, was Sie für die deutsche Nation getan haben, und ohne zu schmeicheln darf ich sagen, daß Sie in der Reihe der großen Männer unseres Jahrhunderts den hervorragendsten Platz einnehmen. Ihr aufrichtiger Freund Ludwig«, schrieb der Einsiedler von Hohenschwangau, und dies ehrt ihn gewiß. Aber es legt den wahren psychologischen Grund bloß, weshalb der ausschließlich seiner eigenen Souveränität frohe Bajuvarenfürst sich zu deutscher Haltung entschloß: Persönliche Bewunderung für den gewaltigen Germanenrecken, den gleichsam eine Musik von Richard Wagner umfloß und zu dem sich die allerdings auch typisch-germanische Idealität des Feudalromantikers landsmannschaftlich hingezogen fühlte. Daher verdankt Deutschland die Initiative des Königs, die zugleich seinem Dynastenstolz schmeichelte und ihm eine Erhabenheitspose gestattete, einzig Otto dem Großen, dessen geschickte Hervorhebung des Föderativprinzips in der Bundesverfassung auch den selbstsüchtigsten Interessen Rechnung trug. Für solche Selbstbespiegelung wesentlich unfreiwilliger historischer Akte und für die gotische Verschnörkelung des Reichsgedankens dem Schwanenritter von Hohenschwangau den Titel »Ludwig der Deutsche« aufzukleben, muß aber die unerbittliche geschichtliche Wahrheit entschieden ablehnen. * Kaum war das bayrische Leiden beseitigt, fing das preußische an, man rang um den Begriff des Kaisertitels. König Wilhelm schien wenig geneigt, sein praktisches Einheitsrecht durch einen Titel verbrämen zu lassen, zu dem er keine innerliche Beziehung hatte. »Was soll mir der Charaktermajor?« frug er mit origineller Anschaulichkeit. »Diesen mir beigelegten ›Charakter‹ würde der Große König verschmäht haben, er leugnete und bekämpfte ihn. Auch dem Großen Kurfürsten war das Kaisertum feindlich. Die Könige von Preußen sind große Herren aus ihrem eigenen Recht und bedürfen nicht eines Ehrenamtes, das ihnen übertragen wird.« »Es ist auch weniger eine Ehre als eine Pflicht gegen die deutsche Nation.« »Pflicht, Pflicht! Die angestammte preußische Krone legt die Pflicht auf, ihr Ansehen als das oberste und großmächtliche unter den deutschen Fürsten zur Geltung zu bringen. Da will ich also lieber Präsident heißen.« »Pardon, Majestät, es heißt verfassungsmäßig hier nur ›das Präsidium‹, ein Neutrum, ein Abstraktum. Als solch ein Schemen wollen doch Eure Majestät nicht Ihre Würde verflüchtigen lassen. ›Kaiser‹ klingt hingegen schwungvoll und höchst persönlich. Und würde Eure Majestät etwa ›König der Deutschen‹ besser gefallen, wie Seine Kgl. Hoheit der Kronprinz vorschlägt?« »Mein Sohn hat immer seine eigenen Wünsche.« Der alte Herr runzelte verdrießlich die Stirn. »Das ist erst recht nichts. Damit würde ein König von Preußen sich nur degradieren, und wo bleiben dann die andern drei Könige, die auch Könige von Deutschen sind? Dann noch lieber Kaiser.« Dies war in den Anfängen. Damals hielt der gelehrte Freytag dem Kronerben tiefsinnige Vorträge darüber, der Kaisertitel sei eine Art Erbsünde der Deutschen, ihr stetes Unglück gewesen. »Schon ein älterer Dichter singt: das Glück war niemals bei den Hohenstaufen. Dies ›römische‹ Kaisertum hat der Franke Karl der Große den Germanen aufgepfropft ohne jeden Gehalt und uns ausländischem Wesen dienstbar gemacht. Dazu gehört aber die Krönung in Rom. Sollen wir die etwa wieder aufnehmen? Der richtige heimische Titel hieß urgesund ›König der Deutschen‹, und so möchte ich es haben«, rief der Kronprinz. Otto verbiß sein Lachen über solche ideologische Wortklauberei gelehrter Phantasten. »Nur kennt niemand im Volk diesen Titel, dagegen lebt in jedem der Kaisergedanke. Ein Sturm der Entrüstung würde in Deutschland losbrechen, wenn man sein Sehnen so unvollkommen befriedigte.« »Aber es ist doch unhistorisch.« »Was geht das uns an, die wir selber Geschichte machen? Da Österreich den Kaisertitel behielt und Frankreich ihn sich anmaßte, so gebietet die Würde der geeinten Deutschen, einen Kaiser an der Spitze zu haben. Der alte Barbarossa, der Kaiser Friederich, im unterirdschen Schlosse hält er verzaubert sich. Will's Gott, werden wir bald auch einen Kaiser Friedrich haben.« Da man wußte, Kronprinz Friedrich Wilhelm wolle bei seiner Thronbesteigung nicht an die zweifelhaften Friedrich Wilhelm, sondern an den großen Friedrich im Königsnamen anknüpfen, verfing diese Anspielung sehr. Besänftigt schmollte der Kronprinz nur zögernd: »Barbarossa hat trotz alles Glanzes deutsche Kraft in die Fremde verpufft.« »Aber wir werden doch heut nicht bis Sizilien einem Weltreich nachrennen! Solche transalpinen Wünsche liegen uns doch weltenfern. Die Herren Historiker täten wirklich gut, nicht immer ihre Vergangenheitsstudien auf die Gegenwart anzupassen, das ist unfruchtbare Prokrustesarbeit mit Drehen und Zerren. Auf allen Gebieten treffe ich diese Politiker der Kollegienhefte.« »Sie sprechen zu geringschätzig von so bedeutenden Männern. Mein verehrter Lehrer, Professor Curtius, hat mir besondere Achtung vor dieser hohen Wissenschaft eingeflößt. Und ich dächte, ein Gustav Freytag sollte uns doch ein gewichtiger Lehrer bleiben durch seine Bilder aus deutscher Vergangenheit.« »Da mag er bleiben, Bilder deutscher Gegenwart zu bauen ist er nicht berufen. Herr Professor Curtius hat sich in die alten Griechen vertieft, daher stammen dann die halbrepublikanischen Liberalismen. Aber Professor Mommsen, mein alter Feind, hat es mit den Römern, und was folgert er jetzt daraus? Ich höre aus Berlin, der feurige Fortschrittsmann predigt in allen Salons, Deutschland müsse prussifiziert und Stück für Stück in preußische Provinzen aufgesogen werden, wie weiland Italien in Kolonien der Urbs Roma. Heiliger Himmel! Er möchte also Deutschland einfach unserem Schwerte unterwerfen. Traurig, daß ich nie den Beifall so gelehrter Herren gewinne. Herr Mommsen zetert über meine Schwäche, früher war ich ihm zu grimmig und heut zu zahm. Ich sehe schon, ich werde zur Grube fahren, ohne die historische Billigung des großen Historikers erworben zu haben.« »Sie spotten.« Der Kronprinz schritt unmutig in seinen Reiterstiefeln hin und her und schmauchte heftig seine kurze Tonpfeife. »Doch gestehe ich, daß mir Mommsens Anschauung nicht unsympathisch ist. Ihr Föderativprinzip a outrance macht die wahre Einheit zunichte. Ein solches Bündel von Fürstentümern macht Ihr deutsches Kaiserreich illusorisch.« »Im Gegenteil, diese scheinbare Schwächung ist eine Stärkung, eine äußere Stärkung des Preußentums auf Kosten jeder andern Selbständigkeit wäre die Schwächung der deutschen Zukunft. Übrigens würde König Ludwig von Bayern, unser mächtigster Bundesfürst nie eingewilligt haben ohne Schonung seiner Sonderstellung.« »Ach der!« Zwischen dem kriegerischen Kronprinzen und dem königlichen Schwanenritter bestand eine latente Feindschaft. Ludwig grollte, weil die herzliche Leutseligkeit des Hohenzollern die Münchner Bürgerschaft im Sturm eroberte. Der Soldat ehrt stets nur einen kriegerischen Fürsten. Des Kronprinzen ritterliche Erscheinung hat unendlich viel für die deutsche Einheit getan, indem er das süddeutsche Vorurteil gegen preußische Steifheit beseitigte. Das wußte auch der Kanzler sehr wohl, der mit darauf drang, daß ihm und dem jovialen Blumenthal die süddeutschen Streitkräfte anvertraut wurden. Andererseits betrachtete der Kronprinz, so widerwärtig ihm Ludwigs Art, dessen romantisches Künstlertum und romantische Schönheit, die sich der Volksphantasie einschmeichelten, mit einer gewissen geheimen Eifersucht. Denn er selber träumte ja davon, Protektor aller Künste und freigeistigen Bestrebungen in deutschen Landen zu werden, wobei man ungern Rivalen hat. Übrigens muß doch zugestanden werden, daß Ludwig, so wenig er seine hohen Geistesgaben dem Staate nutzbar machte, insofern die Einheit begünstigte und Deutschland nützte, als er den nationalgestimmten Hohenlohe gewähren ließ und nach Möglichkeit den Klerikalismus niederhielt, wahrscheinlich auch aus hochgesteigertem Dynastengefühl, das die jesuitische Bevormundung seiner fürstlichen Allgewalt in der Richard-Wagner-Hetze aufs tiefste verwundet hatte. Unter ihm durfte sich Döllingers Altkatholikentum gegen das Unfehlbarkeitsdogma, mit dem damals Pio Nono der Neuzeit ins Gesicht schlug, ungestraft entwickeln. So hat damals jeder bedeutende Deutsche, welchen Standes auch immer, einen Baustein deutscher Größe herbeigetragen. Und mit gerechtem Stolz darf die Nation sich sagen, daß dies große Geschlecht, so überreich an Talent und Charakter, auch unter den Fürstlichkeiten so ungewöhnliche Erscheinungen wie König Wilhelm, den Kronprinzen, König Ludwig und den sächsischen Feldherrnfürsten hervorbrachte. Welche andere Nation könnte sich nur im Entferntesten einer solchen Fülle rühmen! »Mögen Eure Kgl. Hoheit darüber denken wie Sie wollen, wir haben mit gegebenen Größen zu rechnen. Ein ›König der Deutschen‹ würde überhaupt ohne den Kaisertitel eine seltsame Rolle spielen, wenn er drei andere Könige neben sich hätte.« »Wer sagt denn, daß es so gemeint ist!« fiel der Kronprinz lebhaft ein. »Dem läßt sich leicht abhelfen. Diese Herrschaften haben einfach wie im alten Reich den Herzogstitel anzunehmen.« Otto stand erstarrt vor solcher Chimäre, deren geschäftliche Ausführung man ihm allen Ernstes ansann. Aha, Geffken und Konsorten! Verkappte Welfen, die sich an das arglos offene Gemüt des edlen Hohenzollern heranschleichen und ihm Gift ins Ohr träufeln, um durch scheinbare Liebedienerei Preußen zu schaden. »Das würde wohl nicht angehen, aus freien Stücken und gutwillig würden sie den Titel nicht ablegen, selbst ihre Untertanen würden schwerlich dafür zu haben sein.« »O wir kennen unsere volle Stärke nicht. Der bayrischen Armee bin ich sicher.« »Jede Anwendung von Gewalt, ob noch so siegreich, würde unabwendlich dauernden Haß und unausrottbares Mißtrauen vielleicht für Jahrhunderte säen. Übrigens zweifle ich, ob ein königlich bayrischer General sich gern bloß fortan einen herzoglichen nennen würde. Da empföhle es sich noch eher, sämtliche Fürsten einfach zu depossedieren, was bei der Sinnesart Ihres Herrn Vaters sich von selber ausschließt. Dagegen werden alle bundesstaatlichen Heere begeistert dem deutschen Kaiser Treue schwören. Mich däucht, Eure Kgl. Hoheit würden statt dem altmodischen fremdartigen ›König der Deutschen‹ auch lieber den begeisternden schwungvollen Zuruf hören: ›Es lebe der Deutsche Kaiser!‹« Das schlug durch, der Kronprinz ließ die Chimäre fallen, unterlag einer stärkeren Suggestion und überlegte schon, wie der Krönungsornat eines Kaisers ihm stehen würde. Man muß darüber nicht bürgerlich lächeln, denn Repräsentation gehört unbedingt zum fürstlichen Handwerk. Doch jetzt stieß Otto auf empfindlicheren Widerstand beim König selber. »Ich habe mir die Sache überlegt. Nach dem Briefe König Ludwigs und dem einstimmigen Ersuchen der verbündeten Fürsten und des Reichstags mußte ich wohl oder übel einwilligen. Aber ich höre da immer ›deutscher Kaiser‹. Was ist denn das? So etwas gibt es nicht. Ich kenne einen Kaiser von Österreich, nicht einen österreichischen Kaiser. Geradeso will ich Kaiser von Deutschland heißen, wenn ich denn schon nicht mehr König von Preußen sein soll.« »Das zu sein und auch im Titel werden Eure Majestät nie aufhören. Ihre Erlasse werden beginnen: Wir Wilhelm Deutscher Kaiser, König von Preußen.« »Jawohl, der Charaktermajor geht voraus, ein mir beigelegtes Schattenamt. Schon in dem leeren unklaren Worte ›Deutscher Kaiser‹ liegt die Inkonsequenz. Ich will nicht.« »Majestät verzeihen, man sagte einst römischer Kaiser, nicht Kaiser von Rom, auch der Zar nennt sich nicht Kaiser von Rußland, sondern russischer.« »Das ist nicht wahr, Sie wollen mir was vorreden«, unterbrach ihn der hohe Herr mit ungewohnter Schärfe. »Mein Regiment Kaluga würde dann wohl nicht an mich ›pruskomu‹ adressieren, wenn es Rapporte schickt, das heißt ›von Preußen‹, geradeso wie ruskomu ›von Rußland‹. Mein Hofrat Louis Schneider wird Ihnen das bestätigen.« »Das muß ich bestreiten. Dieser gute Kenner des Russischen dürfte das Gegenteil bezeugen.« »Ich werde fragen, vorerst schenke ich Ihnen keinen Glauben. Übrigens nannten sich die Napoleons auch nicht ›französischer Kaiser‹, das klingt sogar sprachwidrig, sondern ›Kaiser der Franzosen‹, sowie man auch ›König der Belgier‹ sagt.« »O ja, auch ›nach dem Willen der Nation‹. Wünschen Eure Majestät das auch in den Titel eingeführt? In Frankreich, einem ungeteilten Nationalstaat ohne andere Fürstlichkeiten, mag das angehen. Doch ›Kaiser der Deutschen‹ hat für mein Gehör einen demokratischen und einen hohlen Klang, teils riecht es nach Plebiszit, teils nach bloßer Höflichkeits- und Zeremonienfloskel. Wie viel wuchtiger klingt ›Deutscher Kaiser‹! Darin liegt Macht und Schwung.« Der König dachte nach. »Darin haben Sie recht. Aber es bleibt doch unklar und schattenhaft. Ich habe mich nach dem Usus bei Rußland und Österreich zu richten, es könnte sonst zwischen uns Rangstreitigkeiten geben. Kurz, ich bestehe darauf. Für heute genug.« – Bei einer nächsten Erörterung war der Kronprinz zugezogen. Dieser konnte aber keine andere Unterstützung gewähren, als passive Billigung durch Kopfnicken und eingestreute »Sehr wahr!« »Richtig!« Denn der König, immer peinlich gewissenhaft, nahm den Verfassungseid buchstäblich, wonach er seinem verantwortlichen Minister, aber nicht dem Thronfolger Rücksichten schuldete. Letzteren behandelte er altrömisch als pater familias , seit der Danziger Episode betrachtete er jedes Betonen einer Meinungsverschiedenheit als subordinationswidrige Rebellion. »Hofrat Schneider,« begann er etwas verlegen, da seine unbedingte Wahrheitsliebe ihn zum Geständnis nötigte, »ist allerdings Ihrer Ansicht. Ich beuge mich dieser Sprachautorität. Nun, jedenfalls ist bei uns Sprachgebrauch, daß auf den Münzen steht Borussiae rex , und das ist maßgebend.« »Pardon, Majestät. Unter dem großen König und dessen Nachfolgern stand auf den Talern › Borussorum rex ‹. Im Ausdruck ›von Deutschland‹ liegt unstreitig ein Anspruch auf alle anderen landesherrlichen Gebiete, und das würden die Fürsten wohl merken. Deshalb spricht König Ludwig ausdrücklich davon, daß das Präsidialrecht mit dem Titel Deutscher Kaiser verbunden sei. Deshalb hat man auf Vorschlag des Bundesrats die neue Fassung von Artikel 11 der Verfassung mit diesem Titel geschmückt. Es besteht also schon verfassungsmäßiges Recht.« »Ohne meine besondere Genehmigung!« rief der König aufgebracht. »Doch wohl, Eure Majestät haben bei Empfang der Deputation am 18. Dezember im Prinzip den Titel so angenommen.« »Ich hatte dies überhört und die Tragweite nicht erwogen.« Es machte ihn sehr betroffen, da er die praktische Gefahr nicht verkannte, verfassungswidrig genannt und der Zurücknahme eines Fürstenwortes geziehen zu werden. Doch noch in der Schlußsitzung vom 17. Januar, an welcher sein badischer Schwiegersohn teilnahm, beharrte er auf seiner Weigerung zwar nicht unbedingt bis zuletzt, doch blieb es im Unklaren, und nur eins wurde bestimmt, daß morgen die Kaiserproklamation im Spiegelsaale von Versailles stattfinden solle. Zuletzt gab es noch eine Rangstreitigkeit, die für jeden, der verstehen wollte, die innerste Meinung des Königs bloßlegte, obschon er sie nur indirekt aussprach. »Eure Majestät mögen in Gnaden die Feststellung erlauben, daß heraldisch zwischen Kaisern und Königen kein Unterschied im Vorrang obwaltet, der König von England z. B. steht im Range doch sicher dem Zaren gleich.« »Das sind besondere Verhältnisse, er könnte sich ebensogut Kaiser nennen, z. B. Kaiser von Indien. Doch immer ging der Kaiser von Österreich dem König von Preußen vor, wenigstens solange das alte Reich bis 1806 dauerte.« »Auch das muß ich untertänigst widerlegen. Als Friedrich Wilhelm I. und Karl VI. sich trafen, traten beide Herren von beiden Seiten gleichzeitig in den Pavillon der Entrevue ein und begegneten sich in der Mitte, um die Gleichheit des Ranges zu betonen. Deshalb stehen preußische Prinzen durchaus auf gleicher Stufe mit Erzherzögen und Großfürsten, und wird die Etikette anders gehandhabt, so ist es Willkür.« Die historische Belehrung und die eifrige, obschon ziemlich lautlose Zustimmung des Kronprinzen verschärften die offenkundige Reizbarkeit des alten Herrn derart, daß er zornig mit der Faust auf den Tisch schlug: »Und wenn es so war, so befehle ich jetzt, wie es sein soll. Erzherzöge und Großfürsten hatten stets den Vorrang vor preußischen Prinzen, und so soll es ferner sein.« Er stand auf und drehte, ans Fenster tretend, den Sitzenden den Rücken zu. Die Entlassenen sahen sich betreten an und wußten nicht, was sie zu dieser Äußerung sagen sollten. Wollte er, so sehr von Preußens Größe erfüllt und durch den Kriegstriumph darin sehr sichtbar bestärkt, eine Unterordnung Preußens unter Rußland und Österreich markieren? Gewiß nicht. Auch Otto begriff nicht, wo der kluge Greis hinauswollte. Richtig übersetzt, bedeutete sein Wort klar genug: Kaiserliche Prinzen gehen vor königlichen Prinzen. Fortan aber sollte es nach seiner Meinung nur kaiserlich deutsche Prinzen, nicht königlich preußische im Hohenzollernhause geben, die dann natürlich den unbedingten Vorrang vor allen andern deutschen Fürstlichkeiten hatten. Das war die Meinung, Oberst Buttler. * Am folgenden Morgen eilte Otto schwerbesorgt zum Großherzog von Baden, der das Kaiserhoch ausbringen sollte. »Wie werden Eure Kgl. Hoheit den Kaiser bezeichnen?« »Natürlich als Kaiser von Deutschland, nach Befehl Seiner Majestät.« »Aber das ist unmöglich. Den Text der Reichsverfassung hat Reichstagsbeschluß schon präjudiziert. Ein konstitutionell gesinnter Fürst kann doch solches nicht umstoßen.« »Da haben Sie recht. Ich werde Majestät nochmals aufsuchen.« Doch wie jetzt Schwiegervater und Schwiegersohn sich aussprachen, blieb Otto allzeit verborgen. Mit fieberhafter Spannung erwartete er, als die Spiegelgallerie sich mit unzähligen Würdenträgern und hoher Generalität nebst Fürsten und Fürstenvertretern füllte, den feierlichen Augenblick. Er stand zur Linken des Königs, sehr bleich und sehr ruhig unter den Blicken aller Augen, die sich fast immer zuerst auf diese aufrechte Gestalt richteten, die wie von innerem Hebel unbeugsamen Willens gelenkt schien. Er trat vor und verlas die Urkunde, daß der König die Kaiserwürde annehme und fortan alle Nachfolger zur preußischen Krone den Kaisertitel führen und er und alle seine Nachfolger zur kaiserlichen Krone allzeit Mehrer des Reichs zu werden hoffen. Genaue Angabe des Titels war nicht nur vermieden, sondern der Ton dieser Urkunde just ein solcher, als ob ein »Kaiser von Deutschland« rede. Sofort trat der Großherzog aus der Vorderreihe und brachte ein Hoch aus auf – Kaiser Wilhelm schlechtweg ohne Angabe des Titels. Als aber der König von seiner Estrade herabstieg, nach Verklingen des brausenden Jubels, schritt er finster an Bismarck vorbei und reichte den hinter diesem stehenden Generalen die Hand. So stand der Schöpfer des Reiches ganz allein unter den Klängen des Hohenfriedberger Marsches und dem fernen Echo der Feuerschlünde, die einen Kaisersalut zum Invalidendom hinüberbrüllten, wo der letzte Römer in seinem Sarkophag erbebte. Wo der Sonnenkönig sich selbstverliebt im eigenen Strahl seines vergoldeten Rokokoolymp begaffte, spiegelten ›alle Glorien Frankreichs‹ die deutsche eiserne Herrlichkeit wider. Und der niedersächsische Donnergott, dessen Hammer diesen neuen Dom zurechtgehauen, dachte noch einmal an vergangene Niedrigkeit, wo er hier auf den fränkischen Cäsar wartete. Dann schritt er langsam hinaus zum Festbankett. Mit grämlich grauer Gesichtsfarbe lächelte er matt und gleichgültig, Fragen einsilbig beantwortend mit auffallend schwacher Stimme. »Er muß ganz erschöpft sein«, flüsterte man an der Tafel. »Dies ist doch der stolzeste Tag seines Lebens, und er allein scheint kalt und unbefriedigt. So sind die großen Männer.« Ja, so ist ihr Erdenwalten. Die Götter sind neidisch, sagten die Hellenen. Und so träuft in den Kelch ihrer Triumphe immer Gift hinein von irgendwoher, wenn die Großen sich des vollendeten Werkes freuen wollen. Das ist ihr unabänderliches Schicksal, um sie an ihre Sterblichkeit zu erinnern, daß sie auch nur gebrechlicher menschlicher Bedürftigkeit untertan. Das Werk selber ist ihr einziger wirklicher Lohn für die sieben Arbeiten des Herkules, und sie schlafen erst aus vom Erdenleid, wenn sie in Walhalla eingehen, zu den Sternen erhoben. Grausame Ironie des Schicksals, daß der einzige, dem dieser gewaltigste Freudentag des gewaltigsten Volkes, wo alle Glocken läuteten und alle Deutschen sich umarmten und den düstern grimmigen Schmied der deutschen Esse mit Segenswünschen begabten, geheime Bitternis bescherte, er selber war; der vielkluge göttliche Dulder Odysseus, der nach endloser Irrfahrt Deutschlands Schiff in den heimischen Hafen lenkte. Sein Herr, den er liebte und ehrte, dankte ihm nicht, daß er ihn als Herzog aller Deutschen auf den Schild erhob, und Tage vergingen, bis der Kaiser Weißbart seinem treuen grimmen Hagen wieder ein freundliches Antlitz zukehrte, sich stillschweigend mit ihm vertrug, von da an bis ans Ende ... Aber kam ihm denn nie ein Erkennen, warum der so dankbare und gerechte Herrscher der einzige Undankbare schien und sich erst allmählich mit dem Los versöhnte, »Deutscher Kaiser« zu sein? Nein, wo offene Aussprache gefährlich scheint, schweigen die Fürsten, schweigen die Kanzler ... Er schrieb an den Partikularisten von Hohenschwangau, der so billig zum Ruf eines opferwilligen Patrioten kam und noch viele Jahre fortfuhr, dem Kanzler brieflich das Schreckgespenst »verderblicher Zentralisierung« heraufzubeschwören: der Bundesstaat (von vier Königen, fünf Großherzögen, fünf Herzogen, sechs Fürsten, drei Hansestädten) erweise seinen konservativ-monarchischen Charakter schon dadurch, daß er den Abscheu aller Republikaner errege, worunter er natürlich auch alle Linksliberalen verstand. Das war gewißlich wahr. Alle Freisinnigen in weitesten Kreisen sahen in dieser Form nicht ihr Ideal eines Einheitsstaates erfüllt, sondern statt eines verfassungsmäßigen Volkskaisers ein gotisch mittelalterliches Gebilde wiederaufleben, das den alten Jammer deutscher Zerrissenheit nur mit militaristischer Rüstung überdeckte. Aber wäre ihnen ihr Herzenswunsch gestattet worden, der im Grunde auf die alte Konstitution von Wendelin Hippler im Bauernkrieg hinauslief, ›keine Fürsten mehr, überall nur Schutz und Schirm des einen Kaisers‹, so wären sie wohl bald auf Heines spöttische Unterredung mit Barbarossa verfallen: Wir brauchen gar keinen Kaiser! Da alles, was an Republik erinnert, ohnehin überall ein sehr fragwürdiges Gut, für deutsches Wesen wie die Faust aufs Auge paßt und die Sicherheit Deutschlands gegen das neidische Ausland gefährden würde, so hat die Verstärkung des Monarchischen durch den Föderativstaat – denn so stellte es sich tatsächlich heraus – für die Nation nur heilsam gewirkt. Daß sich damit Begleiterscheinungen paaren würden, wie Wiedererwachen des Feudalismus auf dem Wege des Militarismus und Umsichgreifen eines Byzantinismus, wie man ihn in Deutschland noch nie zu keiner Zeit geschmeckt hatte, daß dies an der sittlichen Gesundheit der Nation zehren und gerade in ihr, der geistig hochstehendsten und idealsten, eine brutale Entwertung geistiger Güter zeitigen würde, das ließ sich nicht voraussehen. Doch der greise König war genau wie sein Sohn so wenig »konservativ« im gewöhnlichen Sinne, daß er, durch eine so harte Schule gegangen, ein Vorgefühl davon hatte, ein solcher Bundesstaat berge innere Gefahren, die er am meisten zu vermeiden wünschte. Ihm am wenigsten behagte es, die äußere Einheit lediglich in das Armeesystem zu verlegen und sonst jede Separatsouveränität wirtschaften zu lassen. Daraus mußten Unzuträglichkeiten entstehen, die dem Ausland den Anschein erwecken konnten, es bestehe immer noch der alte Partikularismus. Der Logik hält die Legende nicht Stich, daß ein eigensinniger Greis und verstockter Borusse die Kaiserwürde nur widerwillig auf sich nahm. Er nahm sie schon vier Wochen vor der Proklamation nicht nur an, sondern zeigte dabei durch tiefe Ergriffenheit volles Verständnis. Das Zerwürfnis mit seinem politischen Berater kann sich also keinesfalls auf den springenden Punkt selber beziehen. Wie will man aber begreifen, daß er über Aufgeben des guten alten preußischen Königtums klagte? Die Proklamation hob an: »Wir Wilhelm, von Gottes Gnaden König von Preußen«, es konnte ihm also auch nach dieser Richtung der Staatsakt nicht mißfallen, von Aufgehen der preußischen in die deutsche Kaiserkrone war ja gar keine Rede. Ja, das ist es eben. Offenbar meinte er ursprünglich, er werde fortan nur als Kaiser des wirklich vereinten Deutschland fortbestehen, sonst hätte seine Klage ja nicht den geringsten Sinn gehabt. Und nun vernahm er, es solle sich bloß um einen Föderativstaat handeln, in welchem alle Partikularisten wieder Sitz und Stimme hatten wie im alten Deutschen Bund, nur daß die Süddeutschen in den Bund mit übertraten, jedoch mit großem Unterschied. Der Norddeutsche Bund hieß im Grunde Preußen, die kleinen Fürstentümer und selbst Sachsen waren darin nur Enklaven, Vasallen. Die Art aber, wie Bayern sich als gleichsam gleichwertiger Koeffizient auch in militärischer Hinsicht einfügte, empörte den berechtigten Preußenstolz. Man hatte vor vier Jahren das von Österreich preisgegebene Bayern gegen Wilhelms Willen gänzlich geschont, und jetzt erhob es wieder Ansprüche, als wäre es ein selbständiger Rheinbundstaat. Entsprach etwa dies der einstigen Reichsverfassung? Gewiß nicht, da war der Herzog von Bayern ein Vasall des Kaisers wie jeder andere, selbst wenn dieser Wahlkaiser ursprünglich nur ein Herzog von Franken oder Schwaben war, während diesmal das übermächtige Preußen als Stammland des Kaisers drei Viertel des aktiven Bundesheeres umfaßte. Mit anderen Worten: der neue Kaiser hatte die Macht, die Süddeutschen als Vasallen zu betrachten und bei allen anderen hatte dies keine Schwierigkeit, doch durch Bayerns Sonderstellung erweckte man den Eindruck, als ob die Kaisermacht nur ein Titel sei, ein »Charaktermajor«. Deshalb das scheinbare Streiten um des Kaisers Bart: »Deutscher Kaiser«, »Kaiser von Deutschland«, das einen sehr tiefen Sinn hatte. Und hierbei handelte es sich nicht um Stolz oder gar Hochmut, sondern der gesunde praktische Verstand König Wilhelms sah darin die Wurzel vieler Übel, während sein Idealismus ihm zuflüsterte: das ist ja gar nicht die volle und wahre Einheit, wie die Nation sie will. Daß man im Reichstag scharfe Bedenken erhob, entging ihm sicher nicht. Wenn nun aber einmal die wenig einheitlichen Bedingungen getroffen waren, die den ihm sehr zuwidern Roi-Soleil von Hohenschwangau jederzeit verlocken konnten, als »selbständiger Souverän« eine antideutsche Politik zu führen, so hielt der Name »Kaiser von Deutschland« eine Hintertür offen, durch die ein volles Einheitskaisertum einmarschieren konnte. In »Deutscher Kaiser« lag ein für allemal jenes Wahlkönigtum, unter dem das alte Deutschland so viel zu leiden hatte. Was war denn eigentlich los mit diesem Bismarck, den alle Welt einen Realpolitiker nannte und der doch offenbar hier in Phantasien sich erging? Aus solch einem Föderativstaat konnte doch am Ende nicht viel Besseres werden als aus dem alten Bundestag. Ob sich durch Einflüsterung von Höflingen nicht sogar der Verdacht einmischte, der preußische Kanzler schmeichle sich aus Privatgründen an König Ludwig an? Wer kann das wissen! Dem gerechten Vaterlandsfreund und Geschichtschreiber aber steht es an, die Dinge beim rechten Namen zu nennen. Das deutsche Volk hat sich das Recht durch ungeheure Opfer erkauft, die volle Wahrheit zu hören. Und diese Wahrheit hat den erhebenden letzten Schluß, daß auch hier König Wilhelm ein völlig anderer erscheint, als ihn die Legende von fast allen Parteien gerne haben möchte. Nicht als der blindlings von seinem grimmen Hagen Geleitete und Geführte, sondern als eine durchaus selbständige Persönlichkeit, die ihr eigenes Nachdenken festhielt. Dieser geheime Zwist zwischen König und Kanzler, weit entfernt von der läppischen, jeder gesunden Logik spottenden Auslegung, die man unterschob, hatte ein äußerst ernstes Gepräge der Uneinigkeit über eine entscheidende Frage, bei welcher der König und nicht der Kanzler anscheinend das historische Recht und die Wünsche der Nation vertrat. So weit ging aber die theoretisch und prinzipiell richtige Erkenntnis des Königs und vieler Geistesspitzen nicht, um die praktische Unrichtigkeit zu durchschauen. Das konnte nur das politische Genie, das schon so oft den zentrifugalen Individualismus der Deutschen betont hatte. Gewiß, die vom Kronprinzen (und heimlich vom König) gewünschte Aufhebung der verschiedenen Königswürden und Separatrechte hätte sich durchführen lassen, denn die Militärkreise aller deutschen Stämme standen überwiegend auf preußischnationaler Seite im Sinne eines allmächtigen Kaisertums. Doch dem Volk, vornehmlich in Oberbayern, wo noch klerikale Verhetzung mitsprach, hätte man dies niemals mundgerecht gemacht. Daß keine Schonung und Freundlichkeit fruchtete, bewies nachher das oberbayrische Geheul, die Saupreißen hätten den heißgeliebten edeln Menschenfreund Ludwig, diesen Vater der Bajuvaren, meuchlings umgebracht, welches infame Geschwätz sogar vor der ehrwürdigen Gestalt des ausgezeichneten Regenten Luitpold nicht haltmachte. Man könnte nun folgern: da also Bismarcks Föderativstaat in Bayern ein moralisches Fiasko erlitt, so hätte man lieber gleich gewaltsam Bayern zum Vasallen herabdrücken sollen. Doch da kennt man die Zähigkeit des deutschen Stammeshaders nicht, gegen den weder Gewalt noch Güte, sondern nur Zeit und Gewohnheit etwas ausrichten können. Selbst nach viereinhalb Dezennien gab es noch vereinzelte Lumpenhunde, meist klerikal verseuchte Bauern, die zum seligen Sigl vom »Vaterland« (schöner Name!) beteten und nicht für Saupreußen fechten möchten. Tausendmal mehr Schandbuben solchen Kalibers hätte es gegeben, wenn man die wahre Einheitsmonarchie des »Kaisers von Deutschland« errichtet hätte. Und es wäre auch kein Glück gewesen. Der Bundesstaat entspricht dem innersten Wesen der deutschen Stämme, und sie offenbarten in schwerster nationaler Not, daß sie unter ihren verschiedenen Fahnen doch alle wie ein Mann für Kaiser und Reich marschierten. Die Verschiedenheit der Sitten wie der Mundart belebt den Reichtum deutschen Wesens, der Preuße freut sich, wenn er in ein sonderstämmiges Bayern kommt. Ehre König Wilhelm, daß er die eine Hälfte der Wahrheit erkannte, Ehre dem Genius, daß er die andere wichtigere Hälfte festhielt, allen Nörglern zum Trotz! Es war am 27. Januar, als ein Frühstück bei Bismarck hergerichtet wurde. »Jules Favre also zum zweiten Male! Unwiderruflich letztes Auftreten!« scherzte er vor seinem Kreise. »Er bringt Trochus Ordonnanzoffizier Comte d'Hérisson mit, ferner einen alten General, der etwas verdreht sich benimmt, und dessen Adjutanten. Wir werden etwas Theatralik haben.« »Der fremde Herr mit den Generalsepauletten, den ich herzuführen die Ehre hatte,« rapportierte Leutnant Usler vom Examinierkorps, »scheint ohnehin nicht recht bei Troste und ist jetzt ganz rappelig. Er hat sich bei unseren Vorposten festgekneipt, dort sei es so gemütlich, er wolle bei Kameraden bleiben, nicht von dem listigen Satan Bismarck sich die Würmer aus der Nase holen lassen. Als wir ihn wieder in die Kutsche packten, drohte er mit der Faust und schwadronierte.« »Ist er betrunken, werde ich ihn an die frische Luft befördern, doch ein bißchen Bezechtheit kommt in den besten Familien vor«, entschuldigte Otto mit kameradschaftlichem Mitgefühl. General Beaufort d'Hautpoul pflanzte sich sogleich kriegerisch vor ihm auf: »Ich erkläre, ich bin wider Willen hier, Befehlen gehorsam. Ich möchte lieber mit Preußen Schüsse statt Worte wechseln.« Unter dem kalten Blick des Riesen wurde er anständiger: »Ich schätze mich glücklich, den großen Grafen Bismarck zu sprechen und General Moltke wiederzusehen, den ich einst auf Militärmission in der Türkei traf.« Gereizt durch die Unziemlichkeit des Untergebenen, den Beginn der Unterredung an sich zu reißen, unterbrach Minister Favre den Geschwätzigen: »Wir haben viel zu tun und möchten die Verhandlung gleich eröffnen.« »Bezüglich Waffenstillstand bin ich inkompetent. Der König befahl Moltke mittags zu sich, er ist vor zwei Stunden nicht hier, hoffentlich teilen Sie einen Imbiß mit mir.« Hautpoul fühlte sich zu jeder Schandtat fähig, sogar dem Preußen um den Hals zu fallen, zum Dejeunieren war er stets bereit. Die französischen Abgesandten setzten sich beim Sieger zu Tische. General d'Hautpoul schnitt Grimassen, als könne er den Anblick nicht ertragen. Seine Gesichtsverzerrung drückte pantomimisch aus, daß er um zehn Jahre plötzlich gealtert sein wolle, seine rotunterlaufenen Augen machten darauf gefaßt, daß ihm heiße Tränen in sie treten würden, wenn ein Elender es wage, einen Zoll des geheiligten altfranzösischen Rheinbodens zu beanspruchen. Schweigend saß er da und rührte keinen Bissen an, um anzudeuten, daß ihm die Kehle zugeschnürt sei. Dagegen trank er sich eins und fluchte dazwischen wie ein Landsknecht. »Ich, französischer General ...« stieß er hervor und schwieg. »Ist Ihnen nicht wohl, mein General?« erkundigte sich der Kanzler und bemühte sich um ihn, denn er empfand Mitgefühl mit dem offenbar Leidenden trotz dessen pathetischer Übertreibung. Doch auf die höflichste Rücksicht wußte der Franzose keine würdigere Antwort als schroffe Einsilbigkeit und mürrische Gebärden. Auch als ihm, einem passionierten Raucher, sein Wirt zum Kaffee eine echte Regalia vorsetzte, besänftigte ihn dies wenig. Soeben hörte er, wie zwei anwesende preußische Leutnants seinem Adjutanten Calvel darlegten, daß in der Schlacht am Valérien nur fünfundvierzigtausend Preußen fochten, und dann Graf Hatzfeld und die Leutnants mit Calvel freundlich anstießen. Da brach er ohne jede Veranlassung los, sein rotes versoffenes Antlitz heroisch vorstreckend: »Sie können von Glück sagen, daß wir hierher kommen, um zu verhandeln, denn meine Moblots und Nationalgarden sind heut echte Soldaten geworden, und ginge es nach meinem Sinn, würden Sie hier nicht so ruhig dinieren, sondern samt Ihrem Diner weit genug entfernt werden.« Ein Engel flog durchs Zimmer, und wenn Hérisson nachher die schöne Phrase vom Engel des Patriotismus beschwor, so nannte es der Kanzler richtiger den Genius französischer Ungezogenheit ohne Erziehung und Lebensart, Hautpoul war aufgesprungen und trommelte aufgeregt mit zitternden Fingern auf die Fensterscheiben. Otto hob die Tafel auf und warf über die Achsel hin: »Beabsichtigen Sie, den Herrn wieder mitzubringen, so heißt das so viel, als die Verhandlung abbrechen.« »Ich bitte sehr um Entschuldigung«, stammelte Favre. »Der General ist seiner schmerzlichen Pflicht nicht gewachsen. Ich werde einen anderen militärischen Bevollmächtigten auswählen.« – Auf der Bildfläche erschien schon lange ein Bekannter aus alter Zeit, der jetzige Geheimrat im Staatsministerium, ehemaliger Kreuzzeitungs-Wagener, dem diplomatischen Generalstab eingereiht. »Sie werden heut den armen Jules bei mir zu Tische sehen. Er hat einen vortrefflichen Appetit, was seine Redseligkeit beeinträchtigt, und bevorzugt jetzt eine hochdiplomatische Schweigetaktik.« Ottos boshafter Humor gefiel sich darin, wenn man die Friedenspfeife rauchte, den gewiegten Advokaten in ein unauffälliges Kreuzverhör zu nehmen und ihm dann in veränderter und erweiterter Auflage alles das als seine eigene Kenntnis der Pariser Dinge zu wiederholen, was er just vorher ausfragte. Am 29. fand ein Galadiner statt, wobei ein Dutzend Offiziere und Beamte in großer Uniform erschienen. Auf der Tafel prunkten massive Silberbestecke. Um sich für die Ausflucht zu rächen, daß Favre sich hinter die Möglichkeit zu verstecken suchte, seine Vollmachten könnten nicht weit genug gehen, behandelte Otto ihn grausamerweise immer noch nicht als Minister. Er selbst setzte sich in die Mitte der Tafelrunde und lud den Ordonnanzoffizier Hérisson ein, neben ihm Platz zu nehmen, während dessen hoher Vorgesetzter sich ohne Ehrenplatz begnügen mußte, Hérisson zögerte und fragte Favre mit den Augen, der ganz geknickt und gottergeben winkte: »Gehen Sie, mein Kind!« Der junge Offizier staunte zunächst über den germanischen Durst seines schrecklichen Nachbarn, der seinen silbernen Becher mit Bier oder Champagner fortwährend füllte und auf einen Zug leertrank, sodann über dessen heitere Gemütlichkeit, die so rein nichts von den üblichen Gepflogenheiten der sogenannten Staatsmänner hatte. Ihm fehlte jedes Talent zur Feierlichkeit. In die ernstesten Gespräche warf er Witze hinein. Ferner erstaunte Hérisson nicht wenig, als der Kanzler ihm zurief: »Da fällt mir ein, ich kenne Sie ja, ich sah Sie schon früher. Halt, ich hab's! Auf der Freitreppe des Mesmerhauses in Baden-Baden – Fürstin Mentschikow stellte Sie mir vor.« Hérisson wußte das sehr gut, hätte aber nicht erwartet, daß der große Herr sich eines unbedeutenden Sterblichen erinnern könnte. Unterdrückter Bewunderungschorus über ein solches Gedächtnis! Mittlerweile wischte sich der arme alte Favre mehrmals mit der Serviette die Augen und machte seinen patriotischen Schmerz so lächerlich, daß Hérisson als gewandter Franzmann zu blaguieren anfing. Paris sei gar nicht verhungert, sondern mache sich nur lustig über leere Bäuche. Dazwischen erzählte er von Palikao und dem Feldzug in China, wo dieser so viel Diamanten stahl, und tauschte mit dem Kanzler das schönste Jägerlatein aus, da er in Weidmannsdingen Bescheid wußte. Favre hockte zusammengesunken auf seinem Stuhl, wie begraben unter seinen langen weißen Haaren und schien aus einem Traum zu erwachen, wenn jemand ihn anredete. Dann schüttelte er sich und stieg ins obere Stockwerk hinauf, wo das Verhandlungszimmer sich befand. Otto folgte ihm dorthin aus dem Erdgeschoß. Hérisson, mit dem er sich auf herzliche Vertraulichkeit des Umgangstons einließ, verglich den Koloß mit einem gutmütigen Löwen, der mit Hündchen oder Miezekätzchen spielt und seine gewaltige Klaue einzieht, um sie nicht zu verletzen. Doch kam die Tatze des Löwen zum Vorschein, sobald Favre ein Plaidoyer für Frankreichs noble Gesinnungen hielt, die sich so dankbar erweisen würden, wenn man es schone. »Ich bitte, solche larmoyanten Tiraden zu unterlassen. Ihre Nation ist so eitel, daß sie uns nie ihre Niederlage verzeihen würde, selbst wenn wir ihr Gebiet ohne Entschädigung räumten. Die dieser tollen Eitelkeit geschlagene Wunde würde auch dann geradeso bluten und erst vernarben, wenn Sie uns erneut mit Krieg überziehen. Allein werden Sie fortan zu schwach sein, aber Sie würden Bundesgenossen werben, und sollten Sie den letzten Sou drangeben. Im Interesse Europas, nicht nur Deutschlands, müssen wir einen neuen, vielleicht noch ernsteren Krieg zu verhüten suchen, indem wir Frankreich bis aufs Blut schwächen und es auf lange unschädlich machen.« Auf solche Majestätsbeleidigung der Großen Nation wußte Favre keine andere Antwort als stille Tränen, während Hérisson sich in bitteres Schweigen hüllte. Beide Franzosen fühlten die Wahrheit so unerhörter Sprache. Denn bekanntlich dürfen die leichtfüßigen Gallier überall sengen und brennen, so viel Länder an sich reißen, als ihnen beliebt, aber wenn man sie niederhaut und ihnen geraubtes Gut wieder abnimmt, so lehnt man sich gegen die moralische Weltordnung auf und begeht ein unsühnbares Verbrechen an der Menschheit, die ja bekanntlich nur auf Mariannes schönen Augen beruht. Am 30. brachte Favre den Polizeipräfekten Cresson mit, der wegen Proviantierung von Paris mit General v. Stosch verhandeln sollte. Dieser lehnte ab, zum Diner zugezogen zu werden, und wartete im angrenzenden Salon, bis sich die Türen des Speisesaals öffneten und die Gäste nach Beendigung des Mahls hinausschritten. Zuerst kam der Kanzler selbst, den armen Favre unterfassend, den er hielt und führte. Sein Mitleid hatte triumphiert, und er behandelte jetzt den zweifelhaften Minister mit achtungsvollem Zartgefühl. Als sich Cresson von seinem Fauteuil erhob, drückte ihn die starke Hand des Gehaßten leicht nieder: »Bitte, Herr Präfekt, sitzen bleiben. Ich wünsche ein Gespräch mit Ihnen.« Damit ließ er sich auf einen einfachen Strohstuhl nieder, wobei er eine Likörflasche neben sich auf das Piano stellte. »Haben Sie sich mit General Stosch geeinigt?« Cressons Referat schloß damit: »Ich komme morgen mit dem Handelsminister, um auszumachen, was wir für die Zufuhr bezahlen müssen.« »Das versetzt mich in große Zufriedenheit. Es freut mich unbändig, Provianttransporte nach Paris zu schicken.« Er lachte laut und herzlich. Cresson verstand nicht und schien an eine Anwandlung von Großmut zu glauben. Denn er erwiderte höflich: »Eure Exzellenz sind ein so furchtbarer Feind, daß Sie sich auch als edelmütiger Widersacher zeigen dürfen.« Doch Otto goß sich Likör in ein silbernes Schälchen ein und lachte wieder. »Aber nein, durchaus nicht! Aber wenn die Pariser endlich ausreichend zu essen bekommen, wird das ihre Nerven beruhigen und ihrem bedrückten Gemüte wohltun, so daß wir besser miteinander auskommen.« Cresson suchte den Hieb zu parieren. »Eure Exzellenz kennen die Pariser nicht. Ruhm und Vaterland gehen ihnen über ihr Brot.« »Möglich, hätte aber ein deutscher General gewagt, eine deutsche Stadt von zwei Millionen Seelen dem Hungertode zu überantworten, so würde ein Kriegsgericht ihn strafen. Die Pariser hielten sich brav, Ihre Regierung aber handelte unmenschlich.« Er erhob seine Stimme, damit Favre hören sollte, der am Kamin im Gespräch mit einem Offizier lehnte. Der Präfekt erwiderte mit Fassung: »Zweifellos beeinflußten gerade die Gebote der Menschlichkeit unsere Regierung der Landesverteidigung. Deshalb willigte sie in den Waffenstillstand. Doch die Pariser selbst würden noch weiter sich opfern, um den Kampf fortzusetzen. Das ist auch meine eigene Meinung.« Damit stand er auf. Otto aber wandte sich an Favre, ergriff ihn bei der Hand und wies auf Cresson mit dem Ausdruck lebhafter Genugtuung: »Das ist der ehrlichste Republikaner, den ich je kennen lernte. Ich liebe die Franzosen nicht, doch vor dem französischen Patriotismus ziehe ich den Hut.« Gleichsam um diese Wallung auszunützen, wies Favre durch das offene Fenster, wo der Rauch der langsam niederbrennenden Ruinen von St. Cloud immer noch den Horizont schwärzte: »Und dann bieten Sie uns ein solches Schauspiel! Verdient unsere Vaterlandsliebe, daß man die Menschlichkeit mit Füßen tritt und den heiligen Boden Frankreichs mit Ruinen seiner historischen Stätten besät?« Auf der Stelle änderte sich der freundliche Ausdruck des Gewaltigen, seine gewohnheitsmäßig sanfte Stimme klang hart und niederschmetternd: »Uns ist deutscher Boden geradeso heilig. Die Franzosen reisen ja nicht, und so haben Sie wohl nie die Ruinen unserer Schlösser gesehen? Ein besonderer Emissär und Kommissar französischer Kultur namens Mélac hat solche Spuren seiner zivilisatorischen Bestrebungen hinterlassen, daß noch heut Heidelberg und Speier und die ganze Pfalz sich eures Erbarmens erinnern. Die französische Soldateska hat, wo sie je hinkam, am Rhein, in Franken, in Westfalen, wie in Holland und Italien, mongolisch gehaust. Ihr seid die grausamsten, brutalsten und habgierigsten Eroberungssüchtigen, euch ist jeder Krieg gerecht, wenn ihr brandschatzen und plündern, sengen und morden könnt, nur der Krieg ist ungerecht, in dem ihr Prügel bekommt. Ja, der Geist Ludwigs XIV. ist immer mächtig in euch, und mit dem führen wir Krieg bis zum bittern Ende.« Auf diesen niederschmetternden Hammerstreich des Donar erwiderten die Franzosen nur durch geducktes Schweigen. In lichten Augenblicken ihres Wahnsinns sahen sie immer die Wahrheit, doch gleich darauf rollen die Weihrauchwolken ihrer selbstverliebten Blindheit wieder darüber hin. Favre nippte zuerst wie ein bleichsüchtiges Schulmädchen, sein langes Gesicht wurde immer länger und blasser, wie es dem Vertreter einer hungernden Stadt geziemt, doch bald sprach er Speis und Trank zu wie einer, der lang gefastet hat. Gleich zuerst jagte ihm Otto heilsamen Schrecken ein, indem er abwinkte, sobald man nach Festsetzung der Demarkationslinie für den Waffenstillstand und Kapitulationsbedingungen auf den Frieden selber kam: »Zu spät! Die Bonapartisten waren vor Ihnen hier!« Zitternd vor Angst stammelte Favre: »Ist wirklich das Tor für Friedensschluß mit der republikanischen Regierung geschlossen?« »Nein, nicht eigentlich so, doch wir sind entschlossen, mit jeder meistbietenden Partei abzuschließen. Wenn Sie uns nicht das Nötige zugestehen, so haben wir zweihunderttausend gute kaiserliche Troupiers in deutschen Festungen, die noch ganz und gar zum Kaiser Napoleon halten.« Der Wink genügte. Nur darin blieb Favre fest. »Bestehen Sie auf Besetzung von Paris, ist die Verhandlung abgebrochen.« Er wußte, daß der Pöbel ihn dann zerreißen würde. Auf Vermittelung des Kanzlers, dessen Sanftheit in Sprache und Haltung der arme Jules nicht genug rühmen konnte, trotz der »grausamen Härte« der Forderungen, mußte die militärische Strenge sich hier mäßigen. Nur die Hauptforts sollten übergeben und die Armee von Paris kriegsgefangen werden. »Was die Kontribution betrifft, so hieße es eine so reiche Stadt beleidigen, wenn ich weniger als eine Milliarde forderte.« Favre machte ein Gesicht, als habe er schweres Zahnweh, und verabschiedete sich wortlos, wobei ihn der höfliche Kanzler die Treppe hinabbegleitete. Auf der untersten Stufe einigten sie sich auf nur 200 Millionen, wie er von Anfang an erwartete. Unterzeichnung sollte auf einen Freitag fallen, er verschob es auf den nächsten Tag. »Ich habe nun mal den Aberglauben ... woher, weiß ich nicht, doch das klebt wie Pech. Für andere mag das komisch sein, für mich trifft das ernsthaft zu, Freitag ist mein Unglückstag, an dem ich nichts unternehme.« Er teilte den Aberglauben mit Byron, der erst ganz zuletzt von Genua nach Griechenland segelte: heut sei Freitag, doch da er ohnehin nicht lebend zurückkehre, sei es gleichgültig. Richtig war es seine letzte Reise. Als der Sieger von Favre Abschied nahm, ihn zu seiner Kutsche begleitend, die den Unglücklichen wieder nach Paris entführte, meinte er: »Nun sind wir so weit, daß ein Bruch nicht mehr möglich, also wollen wir heut nacht das Feuer einstellen.« »Ich wollte schon darum bitten«, versetzte Favre mit wehmütigem Pathos. »Doch da ich das besiegte Frankreich vertrete, wollte ich um keine Gunst betteln. Ich nehme Ihr Anerbieten an, den ersten Trost in unserem Elend. Wollen Sie mich aber besonders verpflichten, dann lassen Sie uns den letzten Schuß abfeuern.« »Um das letzte Wort zu behalten?« lachte Otto gutmütig. »Einverstanden.« Mitternacht schlug. Noch ein einzelner Kanonenschuß dröhnte über die eisig glitzernde schneegeschwollene Seine. Das Echo erstarb, tiefe Stille, die erste seit langen Wochen. Der Krieg war aus. * Und der Krieg um den Frieden begann mit einem stärkeren Gegner als Favre. Frankreich hatte den greisen Thiers als Haupt der Republik gewählt, er erschien mit Favre vor dem Furchtbaren, den er einst als liebenswürdigen Charmeur gekannt. »Ich fühle für ihn,« murmelte Otto, »doch das kann ihm nichts helfen.« »Elsaß-Lothringen, Belfort, sechs Milliarden! Exorbitant!« Der kleine Monsieur Thiers konnte an solche Unmenschlichkeit nicht glauben. »Sie würden das Doppelte an Land und Geld fordern, wenn Sie uns so zermalmt hätten wie wir Sie. Landgewinn ist das Recht jedes Siegers, in diesem Fall um so mehr, als es sich um unsern alten und rechtswidrig unterbrochenen Besitz handelt.« Thiers machte eine Bewegung. »Sie als Historiker wissen das am besten und dürfen nicht Unwissenheit vorschützen wie Ihre Landsleute.« »Aber sechs Milliarden!« seufzte Favre. »Nie kann Frankreich so viel bezahlen.« »Im Gegenteil, viele unserer besten Sachverständigen berechnen unseren Kriegsschaden auf zwölf bis fünfzehn Milliarden. Das müßten wir als Ersatz fordern.« »Aber wenn wir nicht können!« »Dazu werde ich Sie mit zwei Autoritäten bekannt machen, Kommerzienrat Bleichröder und Graf Henckel-Donnersmarck, beides bedeutende Finanziers. Diese werden Ihnen vorrechnen, daß Frankreich gut bezahlen kann. Bah, es ist ja nur ein Drittel der englischen Nationalschuld seit den napoleonischen Kriegen, wie sie heute steht.« Er sah prachtvoll aus in seiner weißen Uniform, die seine gewölbte Brust und breiten Schultern zu sprengen schienen, ein sinnbildlicher Vertreter der blonden erobernden Rasse. Der lange hagere Favre schlotterte in seinem Überzieher, sein langes weißes Haar hing ihm wirr über die Backen. Er glich einer Trauerweide über dem Grabe einer greisenhaft verfallenden Rasse. Doch der kleine Thiers verkörperte Mut und Klugheit des französischen Nationalgeistes und nahm den Handschuh auf, rang wie ein Mann für sein Vaterland. Er drohte mit Europa. »Europa, was ist das? Doch da wir einmal davon sprechen, so will ich von einem Kaiser in Kassel reden, auf den zweihunderttausend französische Bajonette warten, um ihn wieder auf den Thron immer zu setzen, wenn es uns beliebt.« Diese Drohung ging dem kleinen Thiers durch Mark und Bein. Und wenn er wieder mal Lust bekam, von Europa zu reden, unterbrach er sich rasch: »Ich bitte um Verzeihung.« Berufung auf Rotschild fruchtete hingegen, der Kanzler ließ eine Milliarde ab. Als aber Thiers, frech geworden wie ein echter Franzmann, jetzt auf einmal nur zwei Milliarden zahlen wollte, verlor Otto die Geduld. »Ich sehe wohl, daß Sie den Krieg wieder beginnen wollen. Und Ihre guten Freunde, die Engländer, werden Sie dabei mit Rat, obschon nicht mit Tat, unterstützen.« Er schritt zornig auf und nieder. »Ich habe genug von solchen Winkelzügen. Auf längst erledigte Fragen zurückkommen heißt mir meine Zeit rauben. Und ein für allemal: meine Bedingungen sind ein Ultimatum.« Wütend sprang Thiers auf, erhob sich in seiner ganzen Liliputgröße und sprudelte hervor: »Das ist eine Ausraubung, eine Unwürdigkeit!« Mit eiserner Selbstbeherrschung gab Otto darauf keine andere Antwort, als daß er plötzlich deutsch zu reden anfing. Die Eulenaugen des kleinen Männchens öffneten sich weit, als wisse er nicht, was er daraus machen solle. Er hörte eine Weile zu und maulte dann in quängeligem Tone: »Sie wissen, Herr Graf, daß ich nicht Deutsch verstehe.« Kaltblütig erteilte ihm sein schrecklicher Gegner die Bastonade: »Als Sie von Unwürdigkeit sprachen, fand ich, daß ich nicht genügend Französisch verstehe, um in gleichem Tone zu antworten. Ich ziehe vor, Deutsch zu reden. Da weiß ich, was ich höre und was ich sage.« Thiers verstand, und als einzige Antwort ging er an den Tisch, wo das betreffende Dokument lag, und unterschrieb die Geldforderung. »Aber Metz, Metz! Eine altfranzösische Stadt! Und Belfort, noch französischer!« »Der Generalstab ist unerbittlich in bezug auf Metz. Wie Sie wissen, hatte ich da selber Zweifel, ich möchte nicht viel Franzosen in unserem Hause. Doch die militärische Notwendigkeit entscheidet. Auch würde man uns in Deutschland hübsch anschauen, wenn wir diese alte deutsche Reichsstadt nicht reintegrierten. Seien Sie froh, daß wir Ihnen Toul und Verdun lassen, die durch Verrat an Frankreich fielen, und das alte deutschlothringer Nanzig. Das haben Sie mir abgehandelt, doch keinen Fußbreit mehr.« »Aber Belfort gehörte nie zum Deutschen Reich.« »Dann wird es jetzt dazu gehören.« »Diese heldenmütige Festung, die sich gegen alle Angriffe hielt –« »Drum eben! Sie ist sehr stark. Man muß dem Feinde alle Beißzähne ausbrechen.« »Sehr wohl.« Thiers erhob sich, ruhig, mit dem Mut der Verzweiflung. »Wie Sie wünschen. Unsere Verhandlung ist ein Vorwand. Ihre wahre Absicht ist, uns unter Ihr Joch zu zwingen, uns in den Staub zu treten. Sie möchten uns ausrotten, vertilgen. Sei es so. Rauben Sie unsere Provinzen, hängen Sie unsere friedliche Bevölkerung auf, vollenden Sie Ihr Werk. Wir aber werden fechten bis zum letzten Odem. Wir werden sterben, doch nicht entehrt sein.« Ach, es stirbt sich nicht so leicht! Ein Brite würde kalthöhnisch, ein Franzose mit liebenswürdigem Achselzucken zur Tagesordnung übergegangen sein. Frankreich war nicht in der Lage, irgendwelchen Widerstand entgegenzusetzen, es konnte nur die Verwüstung auch des Südens auf sich nehmen, sich auf fünfzig Jahre ausstreichen. Hätte man das Doppelte gefordert, so mußte es auch dies geben. Doch im eisernen Kanzler blieb immer noch der Sauerteig des Michel zurück, die unergründliche Gutmütigkeit und die Fähigkeit, sich an des andern Stelle zu versetzen und mit ihm zu fühlen. Vielleicht war es in Moltke die halbdänische Abkunft, was ihn von diesem deutschen Gebrechen befreite, das doch zugleich die schönste Blüte der Menschlichkeit bedeutet und in keiner andern Rasse als der deutschen wurzeln kann. Sehr bewegt tröstete Otto den zitternden Greis: »Lieber Herr Thiers, mir geht Ihr Kummer zu Herzen, und ich wäre nur zu glücklich, wenn ich Ihnen Zugeständnisse machen könnte. Doch ich habe den Befehlen meines Kaisers zu willfahren. Immerhin will ich versuchen, ihn umzustimmen. Warten Sie auf mich, ich werde mit Seiner Majestät und General Moltke nochmals die Belfortfrage besprechen.« – Selbst der energische Blumenthal wußte nichts von Belfort, sondern nur von Metz. »Könnten wir Metz wohl aufgeben?« frug ihn der Kronprinz. »Auf Land kommt es nicht an, sondern aufs militärische Prinzip der Sicherung gegen französische Frechheit, deshalb müssen wir Metz haben. Das politische Prinzip sagt freilich nur: alles was deutsch ist, muß unser werden. Ist Metz durch und durch französiert, müßten wir es allerdings wohl fallen lassen, aber es darf nicht Festung bleiben. Schlimm genug, daß eine so große Stadt an unserer Moselgrenze liegt. Oder am Ende brauchten wir die Forts nicht zu rasieren, sondern behalten sie besetzt, die Stadt bleibt unter unseren Kanonen.« »Thiers versichert auch, sie könnten nicht zwei Milliarden Taler zahlen, sie hätten sie nicht.« »Bah, sie werden sie schon finden. Das arme Preußen mußte 1807 bis 11 noch ganz anders bluten und das halbe Königreich hergeben. Waren Wesel, Erfurt, Magdeburg etwa nicht kerndeutsch, und haben die Schufte nicht auch Stettin, Küstrin, Wittenberg, Glogau, Danzig mit französischen Garnisonen garniert? Und da sollen wir noch um Metz und Thionville markten! Wir könnten geradesogut nach Langres und Besançon Besatzungen legen und Verdun behalten.« »Thiers bietet Luxemburg für Metz.« »Fremdes Gut, so echtfranzösisch. Um dort die geschleifte Festung wieder aufzubauen, brauchen wir viel Geld. Wozu denn das!« »Er weigert auch, daß wir nach Paris einrücken.« »Das geht nimmer an, es dreht einem das Herz im Leibe um. Dies größenwahnsinnige Pack muß man demütigen bis aufs Blut. Metz mit seinen Gräben aufgeben und von Paris mit langer Nase abziehen! Wir dürfen uns nichts vorschreiben lassen.« »Wenn sie aber nicht wollen! Damit wäre der Friede in weite Ferne gerückt«, klagte der Kronprinz schwermütig. Er sehnte sich nach einem Ende des grausamen Spiels, und das gleiche fürchtete Blumenthal vom König, was aber keineswegs zutraf. * Ein harter Strauß entspann sich um Preisgabe Belforts. »Sie sind immer dafür, dem Feinde goldene Brücken zu bauen«, murrte der König. »Man sieht es Ihnen nicht an, doch Sie sind zu weich. Wenn ich noch an Niklosburg denke!« »Hätte ich damals nachgegeben, so würden Eure Kaiserliche Majestät heut nicht diesen Titel führen, und Österreich hätte nicht an sich gehalten, um jeden Preis Revanche zu holen.« »Das ist richtig«, gab der König zu. »Indessen handelt es sich diesmal doch nicht um jemand, den wir später zum Freund gewinnen könnten.« »Nein, aber den wir auch nicht übermäßig reizen möchten. Der Besitz von Belfort scheint mir nicht absolut notwendig, und für Frankreich ist's eine Ehrenfrage, weil nur diese Festung sich hielt. Sie jetzt auszuliefern wäre keiner Regierung möglich, die sich auf dem Posten halten will gegen den Unwillen der ganzen Nation.« »Was geht das uns an!« Moltke zuckte gleichgültig die Schultern. »Belforts Felsbastionen könnten sich zu einer riesigen Lagerfestung auswachsen, von wo man das Elsaß in der Flanke bedroht. Die Trouée de Belfort ist eine strategische Ausfallpforte.« »Dagegen könnten wir selbst Verschanzungen anlegen.« »Mit Geld und Mühe! Wozu in die Ferne schweifen, wenn wir billiger haben können, was wir brauchen! Wir müssen einfach den Frieden diktieren, und wollen die Kerle nicht, so muß der Kampf noch gründlicher ausgefochten werden. Gewinnt man eine Schlacht und verfolgt nicht unmittelbar, so nützt es in der Regel nichts, ein Erfolg muß ausgebeutet werden sofort und rücksichtslos.« Otto murmelte ironisch »Königgrätz«, bemerkte aber ruhig: »Das weiß ich sehr wohl, und Sie werden ein Wehegeschrei in Europa hören, daß wir eher zu stark vom Siegerrecht Gebrauch machten. Angesichts der ohnehin großen Mißgunst des Auslandes verschlägt es uns nichts, in Kleinigkeiten nicht den Bogen zu überspannen, wenn wir nur durch raschen Frieden jedes fremde Interventionsgelüst ersticken. Kann ich dafür stehen, ob nicht Fürst Gortschakow, der vor Neid platzt, plötzlich die Belfortfrage zur seinen macht und erklärt, wir gingen zu weit und mißhandelten das arme Frankreich über Gebühr?« »Ach, Rußland braucht drei Monate zum Mobilisieren!« brummte Moltke. »Sie fassen eben alles rein militärisch auf. Eure Majestät aber haben als Herrscher politische Gesichtspunkte den militärischen voranzustellen, sobald dies nötig ist.« »Nun ja, gewiß.« Diese Auffassung war dem König, den man fälschlich für nursoldatisch hielt, niemals fremd. »Doch hier ist das Militärische zugleich politisch. Moltke hält Belfort für die nötige Flankenbastion.« »Da wir die Vogesenpässe haben, würde uns ein bißchen Einbruch nach Mühlhausen nie besonders schaden. Aber glaubt denn Graf Moltke, ich würde nicht auch so viel nehmen als ich kriegen kann? Doch ich lese in Thiers' Seele. Redet ein kluger Franzose von Ehrenpunkt, so hat er Hintergedanken, die Leute sind nur leidenschaftlich mit dem Maul, innerlich viel kälter als wir, nur kommt es ihnen nicht logisch zum Bewußtsein, gerade wie bei Frauen, die nach A gleich F sagen, weil sie mit rascherer Intuition die Mittelglieder überspringen. Thiers kann Belfort nicht geben, sonst ist seine Regierung futsch, nur deshalb will er nicht um keinen Preis. Graf Moltke irrt aber kolossal, daß uns das nichts angehe. Endlich, endlich haben wir eine stabile Regierung, mit der man abschließen kann. Thiers' Sturz wäre eine Schraube ohne Ende für fortdauernden Krieg.« »Mag er kommen!« fiel Moltke freudig ein. »Die Armee ist nicht kriegsmüde, sie brennt darauf, wieder loszugehen. Glaubt Graf Bismarck das nicht, so begebe er sich zu den Truppen.« Otto lächelte mit schwermütiger Überlegenheit. »Ein siegreiches Heer und gar nach solchen Triumphen hat den Krieg niemals satt, sondern fürchtet sich vor dem Frieden, wo man in langweilige bürgerliche Arbeit und geregelte Verhältnisse sich wieder einleben muß. Das ist menschlich begreiflich, und ich bin Soldat genug, um mich in diesem Gefühlsgang zurechtzufinden. Allein, der Staatsmann denkt anders und erst recht der Herrscher wie Eure Majestät. Der Krieg ist ein Ausnahmezustand, der nicht lange währen darf, ohne den ganzen Organismus zu gefährden. Er ist ein Rausch hochgesteigerter Kraft, doch darauf folgt immer eine Reaktion, wenn nicht eine Erschlaffung. Der Bürger und vor allem der Bauer, der doch am meisten unsere Schlachten schlägt, hat seine Geschäfte und seinen edeln Friedensberuf nicht vergessen. Dauert der Scherz zu lange, bekommt er Katzenjammer. Noch wünscht auch der gemeine Mann im Heer, im schönen Frankreich weiter den Herrn zu spielen, doch fragen Sie ihn einmal in einem Vierteljahr, da wird er schon anders denken.« »Ich glaube, da hat Bismarck recht.« Dem König lagen solche landesväterlichen Erwägungen am nächsten, sein erstaunlich klarer gesunder Verstand siegte leicht über die Dünste militärischer Suggestion. »Und was er über Thiers' Stellung zur Belfortfrage sagt, leuchtet mir ein.« »Das wird einen großen Sturm daheim hervorrufen, wenn wir nicht Belfort bekommen.« Moltke verschmähte nicht dies demokratische Argument. »Unsinn! Pardon, aber daheim weiß man gar nichts von Belfort, man schreit nur nach Metz, das wir ja bekommen werden. Nun, ich schlage etwas vor, was vielleicht Graf Moltkes Bedenken beruhigt. Thiers verweigert ja auch Einmarsch in Paris. Gut, wir wollen ihm den Tausch bieten: Einmarsch oder Belfort.« »Etwas Praktisches ist mir lieber als bloße Befriedigung des Prestige«, lehnte Moltke unwillig ab. »Mir auch. Wenn ich aber das Praktische, den Spatzen, nicht in die Hand bekomme, so finde ich die Taube auf dem Dach verlockend. Prestige ist nicht zu verachten. Es wird unser Ansehen in Europa heben, wenn wir in Paris einrücken. Es braucht ja nur der Eingang zu sein, etwa am Arc de Triomphe. Das genügt uns. Eure Majestät werden sich dem bedeutenden Eindruck auf Europa nicht verschließen.« »Sehr richtig.« Der König faßte seinen Entschluß. »Da wir beides nicht bekommen können, so bestimme ich, daß dieser Vorschlag zur Güte durchgeht. Natürlich nur, wenn Thiers hier Farbe bekennt und nachgibt.« »Ich mache noch darauf aufmerksam, daß die Pariser Blätter mit Orsinibomben drohen und andern Nichtsnutzigkeiten ihrer Phantasie weit vom Schuß. Gerade deshalb dürfen wir nicht aufkommen lassen, daß wir uns fürchten, es ist unglaublich, wie das dumme Ausland auf jede Pariser Blague hereinfällt.« »Fürchten?! Was?!« Der königliche Greis reckte sich auf. »Ich werde in Paris einreiten und wenn es Kröten hagelte!« Und wenn ein Teufel auf jedem Dache säße! sagte Luther in Worms. O Deutschland! Und wenn die Welt voll Teufel wär' und wollt' uns gar verschlingen, so fürchten wir uns nicht so sehr, es soll uns doch gelingen. * Thiers und Favre warteten wie Angeklagte, die auf den Urteilsspruch warten. Sie schauten auf die Uhr und folgten seufzend dem Zeiger mit teils sehnsüchtigen, teils bangenden Blicken. Ottos hohe Gestalt füllte plötzlich die Tür. Auf der Schwelle blieb er stehen und sagte halb boshaft, halb bedächtig: »Wir schenken Ihnen den Einmarsch in Paris, vorausgesetzt daß Sie Belfort geben.« Das war genau das Entgegengesetzte, was vorhin vereinbart, doch der große Diplomat wußte was er tat. Die Bevollmächtigten tauschten einen Blick aus, sie verstanden sich. Thiers sprach: »Nichts wird dem Gram der ewigen Stadt, Paris, gleichkommen, wenn sie ihre unbezwungenen Tore (!) dem Feinde öffnen muß, der sie nicht erbrechen konnte(!). Deshalb beschworen wir Sie, uns diese unverdiente unaussprechliche Qual zu ersparen. Doch wir werden den Kelch der Bitternis bis zur Hefe leeren, wenn wir der Nation einen Flecken vom heiligen Boden des Vaterlandes und eine Heldenstadt retten. Wir danken Ihnen, Herr Graf, für diese Gelegenheit, unsere Opfer noch mehr zu veredeln (!). Der Kummer von Paris wird die Lösesumme für Belfort sein, das wir nun hartnäckiger als je für uns fordern.« Bravo, Franzosen! Immer große Phrasen und immer praktisch! Otto lächelte wohlwollend. »Bedenken Sie es wohl, vielleicht werden Sie die Ablehnung unseres Angebots bereuen.« »Wir würden unserer Patriotenpflicht ermangeln, wenn wir es täten.« »Dann muß ich General Moltke nochmals sprechen und dann den König.« Er ließ Thiers bis acht Uhr abends zappeln, nachdem er gemütlich sein Diner einnahm. »Sie haben den Lohn Ihrer heroischen Anstrengungen, Sie haben Belfort gerettet«, schluchzte Favre in Anbetung vor Thiers. Der künftige Präsident der Republik stand in edler Pose da. Er hatte viel Wichtigeres gerettet: seine Präsidentschaft. »Mein blutendes Herz ist gebrochen«, bekannte er dem jammervollen Julius, als er drei Stunden auf die Unterzeichnung der Präliminarien warten mußte. Als Bismarck nach Verlesung und Vergleichung der Dokumente sagte: »Ich werde nun meine Kollegen von Bayern, Württemberg, Baden hereinrufen, um mit zu unterzeichnen«, lächelte Thiers mit himmlischer Ergebung in ein unerbittliches Schicksal und raunte Favre zu: »Die Statisten! Nicht freier als wir!« Allerdings sollte der absichtlich hochmütige Ton, mit dem Otto die drei Süddeutschen aufforderte, den Vertrag zu hören und zu unterzeichnen, den Franzosen begreiflich machen, daß jetzt ein Deutscher Kaiser regierte. Die Süddeutschen machten keine einzige Bemerkung und unterzeichneten. Und doch gab es früher einen Augenblick in den Kaiserverhandlungen, über den Bleibtreu, das geniale Bild Lenbachs in der Berliner Nationalgallerie betrachtend, aus der Fülle seiner Erinnerungen äußerte: »So sah er zwar gewöhnlich nie aus, doch Lenbach malt eben das Innerste. Denn geradeso sah er aus, als er sich mal in der Tür umdrehte und den bayrischen Ministerpräsidenten Graf Bray gleichsam mit einem Blick umfaßte, von Kopf bis zu den Füßen ansah. Das Auge wurde ganz weiß unter den furchtbaren Brauen, es war ein Anblick zum Erschrecken. Graf Bray knickte förmlich zusammen.« Diesmal strahlte er vor Freude und rief Hatzfeld zu: »Jetzt die goldene Feder!« Die badische Stadt Pforzheim, immer voll braver Deutschheit, stiftete ihm diese Ehrengabe, und er hatte gedankt: In seinen Händen, so helfe ihm Gott, werde sie nichts schreiben, was dem deutschen Schwert zum Nachteil gereiche – in Erinnerung an das herrliche Wort Blüchers. Echtfranzösisch flüsterte Favre seinem Gebieter Thiers ins Ohr: »Theatralischer Pomp!« Denn boshafte witzige Medisance paart sich beim Franzosen mit bombastischer Theatralik, und wenn er beim Gegner nur das Geringste bemerkt, was seine »feine« Ironie herausfordern könnte, schwupp sticht er zu. Bei diesem unbegreiflichen Volke konnte ein Phrasenkolossus wie Victor Hugo als erhabener Seher angestaunt, im gleichen Atem aber vom Esprit Gaulios beißend bewitzelt werden. Wahrscheinlich hängt das Problematische im französischen Nationalcharakter, wie er scheinbar einheitlich auftritt, mit Rassenmischung zusammen. Tartarin von Tarascon schwelgt in Tartarennachrichten, der Pariser Gamin verkündet feierlich: »Großer Sieg der Franzosen, gewonnen von den Deutschen.« An einem Tag reißt der Franzose schnöde Witze über V. Hugo und seine Burggrafen – nie waren Sterbliche greiser und weiser –, am nächsten leckt er ehrfürchtig die Stiefel des Phrasenmeisters. Nicht allein wegen der Phrase, da tun die Deutschen ihm unrecht, sondern weil er » finement parler « über alles schätzt, die glänzende Form der Phrase. Ungerecht und daher undeutsch wäre es zu leugnen, wie sehr die französische Artistik für sich einnimmt, zum unendlichen politischen Nutzen der Gallier und durch den traurigen Gegensatz zum unendlichen Schaden der Deutschen im Urteil des Auslands. Nur ein Deutscher hält einen Kathederprofessor, der dummes Zeug über Ästhetik schwatzt, für bedeutender als einen Dichter, nur ein Deutscher hält einen öden Bureaukraterich mit zwanzig Orden für ein großes Tier und einen großen Künstler für einen Mann »der freien Berufe«, die nicht durch staatliche Abstempelung gesellschaftsfähig. Wenn einem Provinzialfranzosen ein Herr gezeigt wird: »Ein Autor!«, so zieht er den Hut, in Paris bildet sich ein Auflauf. In ähnlichem Falle sagt ein Provinzialdeutscher: »Auch so einer, der keinen soliden Beruf hat« und ein Berliner: »Ich glaube, der verdient nicht viel.« Denn nur die Theatertantiémen des goldenen Handwerks, das in Deutschland Literatur bedeutet, imponieren ihm. Als Georg Bleibtreu auf einem seiner einsamen Auskundungsgänge vor Paris von einem großen Leiterwagen überholt wurde, befahlen ihm dessen Insassen barsch einzusteigen. Was er hier triebe? Spion? Er zeigte sein Skizzenbuch. » Ah, peintre artiste! C'est joli, trez joli! Mais, vraiment, c'est merveilleux! « Er hörte die Chassepots unter dem Stroh rascheln, er sah die weißen Hände der Führer, er glaubte sein letztes Stündlein gekommen. Die Franktireurs tuschelten, der Führer sprach: »Monsieur, Sie haben sich verirrt, Sie sind in den französischen Linien. Doch Frankreich ehrt die Künstler. Wir werden Sie in den deutschen Linien in Sicherheit absetzen.« Die Leute gingen aus ihrem Wege, sie setzten sich möglichenfalls in Gefahr, doch sie taten es. »Adieu, Monsieur! Gott geleite Sie! Erfreut, die Bekanntschaft eines großen Künstlers zu machen!« Das kulturell reifste Land der Erde muß sich so vor Frankreich blamieren, wenn es sich um Würdigung künstlerischen Schaffens handelt! Daran soll der Militarismus schuld sein? Lüge! Auch nicht die Bureaukratie. Beide legen den größten Wert darauf, gebildet zu scheinen, und wenn mal ein Offizier sich überhebend und unpassend aufführt, dann ist's sicher ein geadelter Bürgerlicher, niemals ein Junker. Die Prinzen und Grafen der Garde du Corps sind die feinsten Gentlemen. Nein, dieser banausische böotische Mangel an geziemender Ehrfurcht vor geistigen Werten steckt in der Masse dieser deutschen Nation, die sich mit vollem Recht als die gebildetste des Weltalls fühlt. Wenn die deutschen Juden nicht wären, würde in Deutschland jede Schätzung der höheren Kultur unmöglich werden, nicht umsonst hatte der Antisemit Richard Wagner seine glühendsten Bewunderer unter den Juden, obschon ursprünglich alle jüdischen Journalisten mit Rasseninstinkt gegen ihn Front machten. Aber leider oder selbstverständlicherweise folgen die Juden dem Erfolginstinkt, einer durchaus undeutschen Artung, und wittern genau: wo der endliche materielle Erfolg blüht. Das Schauspielerische und Effekthaschende im Wagner zog sie an. Doch sei dem wie ihm wolle, die Deutschen werden allzeit Kleist die Pistole in die Hand drücken und dann sentimental zu seinem Grabe pilgern. Und war Otto der Große ganz frei vom ekelhaften Nationallaster? Der allgemeinen Wurschtigkeit entsprach freilich Haß gegen ödes entnervtes Ästhetentum, man kann begreifen, daß er sich um Wagner nicht kümmerte. »Er wollte immer bewundert sein, dazu hatte ich keine Zeit.« Er fand später viel mehr Zeit dazu, als ihm lieb war. Er las Stindes Buchholzen und Gaboriaus Detektivromane, weil er nur noch amüsiert sein wollte. Daß er auf der höchsten Zinne universaler Bildung und Literaturkenntnis thronte, wie nie ein anderer Tatenmensch, brauchten die Ästheten nicht zu wissen. Aber das hat sich furchtbar und lächerlich gerächt. Seinen Feinden gab er die Handhabe, er sei ein roher Realpolitiker, und das Beifallsgeheul aller byzantinischen Machtanbeter und Staatsstreber, die in ihm ein Idol ihres unfruchtbaren Banausentums verehrten, klang ihm mißtönig im Ohre. Und seins ist Deutschlands Los. Der vorgeahnte Faust – denn Goethe hat nicht den Menschen, sondern den deutschen Menschen verewigt – trieb sich mit der schönen Helena herum, ließ sich mystisch von Gretchen erlösen und baute den deutschen Deichdamm, endlich die lang vergebens gesuchte Selbstbefriedigung findend. Doch die Welt, besonders das Ausland, sah in ihm nur einen der rohen Kraftgesellen, die Faust und Mephisto dem Kaiser zu Hilfe führen. Und Deutschland, das Land hoher, doch wesentlich wissenschaftlicher nicht künstlerischer Kultur, wird von Völkern, deren geistige Durchbildung, nach dem Grade der Durchschnittsmasse bemessen, unermeßlich tiefer steht, mit den niedrigsten Schimpfereien und Verleumdungen überhäuft, als sei es nichts als eine öde Kaserne voll Soldaten, Beamten und Schulprofessoren. Das neue Deutschland der Techniker und Geschäftsleute glich weniger als irgendein anderes einem Land der Dichter und Denker, und es mußte eine Prüfung kommen der ungeheuersten Art, um aufs neue darzutun, daß die Stärke und Tiefe des deutschen Gemüts auch durch den ödesten Mammondienst nicht verschüttet werden kann. * Frankfurt! Als unter brausendem Jubel der große Einsame lauthallenden Trittes durch die wohlbekannten Straßen schritt, stürmten unbeschreibliche Gefühle auf ihn ein, wie nie auf einen Sterblichen, hier durchlebte er Deutschlands tiefste Erniedrigung, viel länger und unerträglicher als einst das korsische reinigende Gewitter, dumpfer und stickiger, als selbst die Lugdreifaltigkeit der heiligen Allianz die vormärzliche Zeit verseuchte. Hier hatte er gerungen wie der Patriarch der Bibel mit dem Unbekannten: Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn! Und der Genius deutscher Geschichte hatte ihm nur die Hüfte verrenkt. Aber wer immer strebend sich bemüht, den wird das Schicksal endlich erlösen, und der oft auf den Tod Ermattete stand immer noch fest und aufrecht da, endlich als Sieger, der auf den Kopf der Schlange trat. Es war vollbracht. »Ja, das sind wohl sonderbare Erinnerungen«, gab er seinem alten Bekannten Becker zu verstehen. »Die Schmach der Fremdherrschaft, die der Korse uns aufzwang, brachte auch segensreichen Regen mancher Befruchtung, dies Gewitter zerstörte nicht nur und ohne jenen wären wir nicht nach Sedan gekommen. Doch die acht Jahre, die ich hier in der alten Kaiserstadt durchlitt, zehrten an Deutschlands Mark nicht als gewaltsamer Ausnahmezustand, sondern als chronische Krankheit gesetzlich verbrieften deutschen Elends.« Just diese Stätte, wo der selige Bundestag als Sinnbild von Zerfahrenheit und Zwietracht sein trauriges Dasein fristete, wählte der Einiger und Erbauer für endgültigen Abschluß des glorreichsten Friedens. »Und Sie allein haben alle unsere Träume erfüllt!« rief Becker tiefbewegt. »Wenn wir Fernstehenden, die wir aber hier mit Ihnen darbten und schmachteten im Wirrsal ohne Ende, schon so bis ins Innerste erschüttert sind von solcher Wandlung der Dinge, was müssen Sie selber empfinden! Was wir wenigen, die gläubig zu Ihnen aufschauten, leise ahnten, das ging über alle Begriffe in Erfüllung. Sie sind heute der größte Mann auf Erden, der Ruhm deutscher Nation. Welcher Stolz und welche Befriedigung muß Ihr Herz erfüllen!« Otto hatte ein geheimnisvolles Lächeln. Der Ruhm scheint süß, nur nicht für solche, die ihn verdienen. Ruhmsucht und Ehrgeiz gehören zum Allzumenschlichen, dem sich keiner entziehen kann, doch im letzten Grunde treiben sie nur den Charlatan. Den Schöpfer befriedigt nichts als sein Werk, nie der Beifall einer wertlosen Außenwelt. Doch jedes Menschenwerk bleibt unvollkommen, und das bleibt niemandem minder verborgen als dem Schöpfer selber. Was vorlaute und superkluge Krittler tadeln, wußte er längst zuvor, sofern die Kritik überhaupt Berechtigung hat. Doch es ließ sich eben nicht ändern aus inneren Ursachen, die nur er selber kennt. Und da noch nie ein Großer etwas Großes tat für die süßen Stimmen des Pöbels und irgendwelchen weltlichen Lohn, sondern weil er mußte, weil sein Dämon ihn unerbittlich beherrschte, wie kann ihn je äußerer Erfolg belohnen für die unsägliche Mühsal, das unaufhörliche Leiden, das mit jedem Ringen nach Großem untrennbar verbunden! Das Große ist um seiner selbst willen da, immer mit Schmerzen geboren, und den Großen entschädigt nichts für seine Herkulesarbeit als die Erfüllung seines Schaffenstriebs. Darin aber hat das Tatgenie es viel schlechter, als der reine Geistesarbeiter, der still für sich schafft, auch den zahllosen Störungen und Reibungen der Materie entrückt, welche täglich und stündlich die Tatarbeit in Frage stellen. Der Dichter, Denker, Künstler, Forscher bedarf an und für sich nicht der Außenwelt und ihrer Erfolge für sein Werk, nur menschliche Bedürftigkeit und Eitelkeit verlocken ihn, für seine Person danach zu verlangen, was übrigens bei den wahrhaft Genialen auch nicht mal zutrifft. Die verlangen höchstens den Erfolg ihres Werkes, nicht des eigenen Ich. Der Tatmensch aber genießt nie solche Unabhängigkeit von der Außenwelt, an die er untrennbar gekettet bleibt, die ja gleichsam sein Stoff bleibt, in dem er knetet. Bleibt nun hier der äußere Erfolg aus, so können das stärkste Genie und die hingebendste Arbeit kein Werk vollenden, der Liebe Müh umsonst, unfruchtbare Vergeudung der Kräfte. Von solchen Gescheiterten wimmelt die Geschichte seit den Gracchen, Catilina, Julian Apostata, und da der siegende Feind nachher die Geschichte schreibt, so wissen wir nichts Genaueres von ihrem wahren Wesen, und was sie wollten und hätten erreichen können. Wahrscheinlich stand Cesare Borgia an Genialität hoch über Mazzini, Garibaldi, Cavour, doch weil sein Traum einer Italia Unita in Scherben ging, kennen wir ihn nur als Ungeheuer. Ein Tatmensch ohne Erfolg ist nichts, ein Schemen, und sei er noch so groß. »Mein lieber Becker,« erwiderte der Kanzler des Deutschen Reiches mit kühler Ruhe, »Sie überschätzen das. Ich las irgendwo, Napoleon habe die Frage, ob er nicht bei seinen großen Triumphen eine hohe Befriedigung empfand, rundweg abgelehnt: Gar keine! Denn das alles sei zwischen Abgründen geschehen, die nur er selber sah. Und so wird es wohl immer sein. Im magischen Widerschein des sauer erworbenen Erfolges sieht die Welt alles äußerlich und verkehrt, auch hier regiert wie immer der Schein. Was mir Deutschlands endlicher Sieg gekostet hat, wird Deutschland nie erfahren. Der ganze innere Mensch geht drauf, man wird hart wie der hörnene Siegfried im Bad von Drachenblut, aber man weiß sehr wohl, daß ein Lindenblatt auf die Achsel fiel und daß man verwundbar blieb an todesgefährlicher Stelle. Und Sie glauben wohl, nun sei die Arbeit getan, nun kann ich ausruhen? Bilden Sie sich nur keine Schwachheiten ein! Nun geht die schwerste Mühe an, die trockene prosaische Geschäftigkeit und Geschäftlichkeit, das Erworbene zu wahren. Unser Heroenzeitalter ist nun geschlossen, der poetische Schwung, die Begeisterung für nationales Ideal. Jetzt werde ich das Vergnügen haben, mich zehnmal mehr als früher mit höfischen und parlamentarischen Strebern zu balgen. Solange mein alter Herr lebt, werd' ich's aushalten. Denn auf dessen Weisheit und Treue kann ich mich verlassen, auf ihn allein. Doch was später kommt, wissen die Götter. Jedenfalls muß ich mich plagen und leiden bis ans Ende. Überschaut man sein Leben, hat man keine vier Wochen, vielleicht keine vier Tage wirkliches Behagen gehabt. Ich bin viel jünger als der König und Moltke, jünger als die meisten, die mittaten am großen Werk, doch ich fühle mich uralt und abgestumpft für alles, was einst reine Freude war.« Der Ästhetiker starb völlig in ihm ab. Diese ursprünglich auf ästhetischen Genuß und einen gewissen genialen Müßiggang gestellte Natur, ähnlich wie bei Friedrich dem Großen, wandelte sich von Grund aus in einen eisernen Pflichtmenschen. Für das Gedeihen der Deutschen sich aufzureiben in rauher praktischer Tagesarbeit, nur so hatte das Leben für ihn Sinn. Ob Faustens unsterblicher Teil dabei nicht zu kurz kam? Ob die endliche und unumschränkte Autorität, die er gegen tausend kleine Nadelstiche wahren mußte, nicht auch das Allzumenschliche förderte, was früher hinter ihm lag im wesenlosen Scheine? Der große Dramatiker, sein eigener Regisseur, dem man freie Hand ließ, wurde selber zum Drama. Die lange Tragödie seines leidensvollen Daseins mußte noch schärfer sich zuspitzen, bis er in die Heide floh wie Lear vor den Undankbaren, deren Ich sich doch nur logisch seiner eigenen Ichgewalt entgegenstemmte. Der große Idealist und Materieverächter schuf ein Geschlecht von rohen Erfolganbetern und Mammonisten. Schon lag die Gründerzeit in der Luft. Und er selber tat nichts dagegen, konnte nichts dawider tun, auf seiner Warte europäischer Politik immer nur den Blick auf Reinpolitisches gerichtet. Immer wieder flammte der alte Idealismus in ihm empor, im verfehlten Kulturkampf, in der Sozialreform. Doch die Reibung mit dem Ewiggemeinen, mit der partikularistischen Gehässigkeit und dem hämischen Neid der Vielzuvielen gegen alles Geniale, die sich hinter allerlei Schlagworten versteckten, zog den Vertreter Deutschlands, den Nationaltyp, selber mit sich herab. Wenn Goethe vom Nibelungenlied sagt, jeder Deutsche müsse je nach seinem Geistesgrad daraus Erbauung schöpfen, so hat der kleinste Deutsche irgendeinen dem Großen ähnlichen Zug. Ihm lauter Schönpflästerchen aufkleben heißt die Vollmenschlichkeit entstellen. Die Deutschen aber sollen sich wie den jüngeren Goethe den jüngeren Bismarck vor Augen halten, dies untadelige Vorbild edelster Männlichkeit ... Otto, das alte Kneipgenie, das wahrlich Tors unerschöpfliches Methorn auf einen Zug geleert hätte, mied in Frankfurt Geselligkeit und ritt einsam ins Freie hinaus, dem Angaffen zu entrinnen. Die Vergangenheit zog düster an ihm vorüber. Verirrte er sich nicht zu weit in junkerliches Milieu? Nun, der alte Demokratenfresser galt ja längst in seinen Kreisen als abtrünniger Revolutionär. Das Genie ist der Umsturz. Hänschen Kleist-Retzow und Konsorten würden ihm noch ab- und Fehde ansagen, selbst der brave Roon sich seelisch von ihm abwenden, das sah er voraus. Denn daß sich Deutschland fortan nur »nationalliberal« regieren lasse, ging ihm lange auf. O die verfluchten Ideologen, seien sie konservativ oder liberal! Goethes Einsicht, Napoleon, der ganz in der Idee lebte, habe sie in der Wirklichkeit verpönt, gräbt eben nicht tief genug. Der Indische Mahatma ignoriert nicht die Materie, sondern überwältigt sie, damit die Bahn frei werde für die Herrschaft des Geistes. Jeder Geniale ist äußerlich Realist, weil er dem Ideal zur Herrschaft verhelfen will mit allgemeiner Wurschtigkeit. Ophelia, geh ins Kloster! Gerade solches aber nennen wir Genie, wohl zu unterscheiden vom Talent, dem nachahmenden anempfindenden ohne Leidenschaft. »Poesie, die nur Leidenschaft ist«, singt Byron. Diese tiefe verhaltene Leidenschaft erfüllte das ganze Wesen des Großen, bei dem idealste Gefühle und realste Berechnungen Hand in Hand gingen. Ein Shakespeare der Tat. Dramatiker und Drama, das weltgeschichtliche Schauspiel, das er schuf, und das Trauerspiel seines eigenen Innern, alles hat mal ein Ende. Und der Rest ist Schweigen. Doch donnernd durch alle deutsche Zeiten fährt er dahin, Wotan mit dem Schlapphut, dem furchtbaren Blauauge und dem grimmen Ernst der Stirn, ob der Mund noch so gütig lächelt. Einst wird kommen der Tag, wo seine große Nation, seiner würdig, sich in ihm spiegelt. »Soll mich doch wundern,« lachte er leise vor sich hin, »was der selige Coffin im Jenseits denkt. Die Wette hab' ich gewonnen.«