Max Barthel Das unsterbliche Volk Roman Büchergilde Gutenberg Berlin 1933   *   ©: Alexander Barthel       Und wir säen unsre Saaten, Für die noch von uns Entfernten, Und sie werden, was wir säten. Singend ernten. Erstes Kapitel D er Mensch ist ein Geschöpf, das ja sagt und hofft. Jakob Bundschuh, ein Bauer mit kantigem Gesicht und kühner Nase über dem bartlosen, kräftigen Mund, kam vom Gemeindehaus und ging nachdenklich die breite, bestaubte Dorfstraße hinunter. Es war am 1. Mai, und der Redner mit den fahrigen Händen hatte halb russisch, halb deutsch vom Weltfeiertage der Arbeit gesprochen, vom Vermächtnis Lenins und vom Willen Stalins, der auch die Krim in paradiesische Landschaft verwandeln sollte. Die Bauern des kleinen Dorfes Marienthal bei Simferopel in der Krim hatten schon viele Reden gehört, vor dem Krieg und nach dem Krieg, Reden und Versprechungen. Auch heute ließen sie mit unbeweglichen Gesichtern, die Augen waren wachsam, alles über sich ergehen. Der übliche Beifall fiel auf den Mann mit den flatternden Händen. Die vorgelegte Resolution wurde einstimmig angenommen. Und als dann der Redner verschwunden war, blieben die Bauern auf ihren Plätzen. Dann standen sie auf und stimmten die alten Lieder an, die von ihren Vorfahren vor hundert und noch mehr Jahren aus Deutschland mitgebracht und in den Steppen und Gebirgen von Geschlecht aus Geschlecht vererbt wurden. Vom Meere wehte ein kühler Wind, tanzte aus der Straße und wirbelte den weißen Staub auf. Auch im Kaukasus hatte der Wind geblasen, aber es war ein andrer Wind gewesen, harscher, wilder und kälter, ein Wind von den Pässen und Gletschern, ein Sturm vom Kasbek und Elbrus. Und noch einen andern Sturm hatte der Dahinschreitende im Kaukasus erlebt. Im Herbst erhoben sich die Bergvölker. Der Krieg war zu Ende. Der Bürgerkrieg in Rußland begann. Vom Herbst bis zum Winter und in den Frühling hinein brannten deutsche und russische Dörfer und Gehöfte. Auch das große Gut Emiljanowka im Terek-Gebiet wurde von den Tataren im späten Herbst überfallen und mußte geräumt werden, Jakob Bundschuh erinnert sich ganz genau. Schwer war dem Vater der Abschied von den Bergen, Tälern, Matten und Weiden gefallen. Ohne Erde ist der Bauer wie ein Baum ohne Wurzeln. Kuriere jagten damals von Dorf zu Dorf, von Hof zu Hof und nach den Siedlungen, junge Burschen, die Flinten quer im Sattel, erhitzt und den Patronengurt um die Brust. Die Reiter ritten Tag und Nacht. So war auch er geritten. So hatte auch er gegen die Bergvölker gekämpft und Blut und Pulver gerochen. Blut und Pulver um die junge Mannschaft, Blut und Pulver um Emiljanowka, Blut und Pulver um die Dörfer Kaplanowka, Romanowka, Kutan Aul und Katschalay. Blut und Pulver! Feuer und Rauch! Der Wind weht vom Schwarzen Meer, und der Bauer denkt jetzt an jenen frostklaren Tag, an dem er mit seinen Kameraden ausgezogen war, vermißte Bauern zu suchen. Sturm stieß von den Bergen und blies ihnen trocknen Schnee in die Gesichter. Der Sturm zerfetzte die Wolken. Es begann zu schneien. Und als sie sich, es war im Februar, dem tatarischen Dorfe Kutan Aul näherten, peitschte ihnen Flintengeschnatter entgegen. Und plötzlich Schattenreiter im wirbelnden Schnee, trabt ihnen eine Reiterrotte entgegen. Sind es die vermißten Bauern? Sind es die Feinde? Es waren Tschentschenzen, sie schießen wild in die Luft, und die Deutschen reiten schnell in das kleine Seitentälchen hinunter. Sie werden verfolgt. Und dann beginnt eine neue Schießerei in den ewigen Niederfall des Schnees hinein. Die Schatten und Schemen der Feinde sind wie Schatten und Schemen aus einer andern Welt. Gedämpft klingen ihre Schüsse, der Schnee dämpft ihren Hall und Schall. Das Feuer geht hin und her, und endlich verschwinden die Tataren. Bas Flintengeknalle ist verstummt. Schnee fällt, Schnee wirbelt, Schnee deckt alles zu. Die Deutschen verlassen das kleine Tal und reiten nach Kaplanowka hinüber. Sie hatten keine Verluste. In dem Dorf sind viele Bauern aus Romanowka und Katschalay, Flüchtlinge vor den Bergvölkern. Sie stehen schon drei Tage in heftigen Kämpfen mit den Tschentschenzen. Die Bergvölker haben viele Namen, es sind viele Stämme, die Deutschen nennen sie Tataren. Heute war die Rettung gekommen, zweihundert Soldaten aus der Stadt Chassowjurt, alte Männer und neue Rekruten aus der Ukraine. Das letzte Aufgebot. Sie hatten die Tschentschenzen vertrieben, die schwarzen Schatten und Schemen waren selber Flüchtlinge gewesen. Nun lauerten sie in den tiefen Tälern und Schluchten, um am nächsten Tage wieder vorzubrechen. Blut und Feuer im Kaukasus! Vor Kaplanowka gab es beinahe ein Unglück. Die Soldaten glaubten, die Schatten im Schnee, die sich näherten, seien noch einmal die Tataren. Sie begannen zu schießen. Es hallte und schallte. Die Kugeln sangen und klangen. Das Feuer steigerte sich und wurde immer wilder. Und nun reißt der sechzehnjährige Jakob Bundschuh sein Pferd vorwärts durch das Feuer und den fallenden Schnee. Er liegt aus dem glatten Rücken des Pferdes, er stellt sich in den Steigbügeln auf und schreit: »Nicht schießen, Brüder, wir sind Freunde!« Die Gewehre verstummten. Soldaten laufen ihnen entgegen und Bauern. Es sind die vermißten Freunde. Sie schwenken die Pelzmützen, und alles ist aufgeklärt. Auch vor Kaplanowka, wie in der kleinen Schlucht, wurde kein Mensch von einer Kugel gestreift. Gott hat sie gelenkt. Jakob springt vom Pferd und erzählt von dem Zusammenstoß. Die Vermißten erzählen, und dann ziehen die Bauern von Romanowka und Katschalay in ihre Dörfer. Der Kommandant der Soldaten hat erklärt: »Unsre Regierung ist zu schwach, zu schwach in diesen Bergen und Höllenschluchten, in diesen Teufelsverstecken. Wir können euch nicht mehr helfen, Bauern. Der Kaukasus ist im Aufstand. Die Bergvölker haben die Fressen aufgerissen und wollen sich selber regieren. Sollen diese Teufel ihre eignen Regierungen haben! Sie werden uns doch wieder holen, wenn sie nicht mit sich fertig werden. Aber jetzt sind sie stark, und wir sind gekommen, Bauern, euren Rückzug zu decken. Das Terek-Gebiet, das ist Beschluß der Regierung, muß geräumt werden. Macht euch in Gottes Namen auf den Weg, Bauern, solange noch die Köpfe an euren Hälsen sitzen und solange ihr noch Wagen und Pferde habt. Beeilt euch, den letzten beißen die Hunde!« Und sie hatten sich aufgemacht, die deutschen Bauern im Terek-Gebiet. Die Reisewagen waren bald mit dem notwendigsten Hausrat beladen, Betten und Truhen, Geschirr und Kleider nahmen sie mit und Mehl und Futter für das Vieh. Das Vieh wurde zusammengetrieben und stand bereit. Hunde bellten. Schafe blökten. Pferde stampften, wieherten und schnaubten. Den bleigrauen Februarhimmel rötete der Feuerschein brennender Dörfer und Höfe. Kaplanowka brannte. Romanowka brannte. Katschalay brannte. Ein Riese mit kantigem Gesicht und dunklen Augen, das Haar ist schon ergraut und die Nase springt kühn hervor – Jakob Bundschuh sieht seinen Vater leibhaftig vor sich – der Vater hatte ihn damals gerufen. Und er war gekommen, mit der kleinen Anna Wiesner, deren Eltern von den Tataren im Herbst beraubt und erschossen worden waren. Viele Bauern wurden damals erschossen. Auch die Tataren mußten Blut und Leben lassen. »Jakob«, sagt der Vater im schwäbischen Dialekt, »Jakob, wir zünden unser Gut an, unser wieder ausgebautes Emiljanowka. Die Tatarenhunde sollen hier nur Dreck und Funkenasche finden, wenn sie kommen, die Heiden. Geh jetzt und hole den Knecht Andruschka.« Er eilt davon. Andruschka steht bei den Ochsen und Pferden. »Andruschka, du sollst zum Bauern kommen.« Und dann war der Vater mit dem Knecht Andruschka ganz langsam von Scheune zu Scheune geschritten, nicht langsamer und nicht schneller, als wenn er über die Felder ging und die Saaten grünen sah. Aber jetzt grünten keine Saaten. Der Vater wurde plötzlich unruhig und begann zu wüten. Mit Andruschka schleppte er Hafer, Weizen und Mehl aus den Hof, unermüdlich schleppten die beiden Männer, verbissen und schweigend. Die prallen Säcke flogen in den Schnee und bauten satte Hügel. »Dein Messer, Andruschka!« befahl der Vater. Der Knecht gab dem Bauern das krumme Messer, und der schlitzte die prallen Säcke aus. Die Körner rollten und sprangen, als seien sie lebendig. Das weiße Mehl vermählte sich mit dem weißen Schnee. Und nun ging der Vater in die Ställe und erschoß das Vieh, das nicht mitgenommen werden konnte. Die Schüsse knallten. »Anzünden!« sagte der Bauer. Andruschka verschwand in der Küche und kam mit zwei brennenden Scheiten in den Hof. Und nun warfen die Männer, der Herr und der Knecht, Feuerbrände in die Scheunen. Hui, züngelten die Flammen! »Jakob«, rief die Mutter. Sie bemühte sich am Planwagen um eine alte bunte Wiege. »Jakob«, ruft die Mutter, und er hört jetzt an diesem klaren Maientag in der Krim ganz deutlich ihre Stimme, »Jakob, spring herbei und reiche mir die Krippe aus den Wagen.« Er hatte nicht auf die Stimme der Mutter gehört. Nein, er reichte nicht die bunte bemalte Krippe aus den Wagen. Er hörte die Flammen sausen, er hörte das Vieh brüllen und die Schüsse knallen. Und da ließ er die kleine Anna stehen, acht Jahre war sie alt, und aus Schritt und Tritt folgte sie ihm mit großen erschrockenen Augen. Ja, er hatte sie stehengelassen und selbst einen Feuerbrand in das alte Haus geworfen, in dem er geboren und aufgewachsen war. Überall brannten die Dörfer und Höfe. Im Schneewind roch es nach Rauch und geschmortem Fleisch. Von noch unversehrten Kirchen läuteten die Glocken Sturm und Alarm. Überall in den Dörfern standen die Bauern fluchtbereit. Überall brüllte Vieh, weinten Kinder, bellten Hunde, jammerten Frauen. Sie hatten einen langen Weg vor sich. Zuerst den Marsch nach dem wilden Terek, dann durch das Kuban-Gebiet und Taurien und endlich nach der goldnen Ukraine oder noch weiter bis in die besonnte Krim. Die große Wagenkolonne, Viehherden trotteten mit, Ochsen, Kühe, Pferde und Schafe, die große Kolonne setzte sich langsam in Bewegung. Volk aus der Flucht, vorn und hinten marschierten und ritten die Soldaten, zweihundert Mann, die bis an den Grenzfluß mitgingen. Unterwegs schlossen sich immer neue Wagen und Herden an. Der Vater reiste mit einer Kolonne, die aus sechzig Familien bestand. Auf ihrem Wege stieß sie aus die tatarische Siedlung Kutan Aul. Sie machten halt. Die Soldaten umstellten das Dorf. Der Krieg war vorbei, der Krieg an den Fronten, die Bergvölker hatten einen neuen Krieg begonnen. Sie sollten ihn haben! Den Soldaten schlossen sich viele Bauern an. Auch Jakob war dabei gewesen. Viele deutsche Dörfer lagen in Schutt und Asche. In den tatarischen Dörfern, die am Wege lagen, sollte und durfte kein Stein auf dem anderen bleiben. Auge um Auge, Zahn um Zahn. Grell und ausgeschneit war der Nachmittag, verlassen das Dorf. Die Soldaten stöberten lachend in den steinernen Häusern und armseligen Hütten herum. Sie zerschlugen Fenster und Türen, und in einem Backofen versteckt, fanden sie zwei alte Männer. Sie wurden ohne Verhör erschossen. Und dann brannte das Dorf in allen vier Windrichtungen. Die Flammen schlugen jauchzend durch die dunklen Rauchwolken. Zwei Tataren erschossen? Das Leben war damals nicht mehr wert wie eine Kerze, die ein Kind ausbläst. Es gab keine Gnade, nein. Über den wilden Terek waren vor vielen Jahren die deutschen Bauern gezogen. Sie kamen aus der Ukraine, das Land war zu teuer, die Familien waren zu groß, im Kaukasus suchten sie sich eine neue Heimat. Über den wilden Terek mußten sie wieder. Eintausendsechshundert Wagen, eine kleine Völkerwanderung, wälzte sich dem Grenzflusse zu. Jakob sieht das alles noch einmal vor sich. Er selbst fährt einen Wagen, die kleine Anna sitzt neben ihm und knallt mit der Geißel. Und über den sechzehnhundert Wagen steht eine graue Wolke, und nach dieser Wolke schreit das Vieh, wiehern die Pferde, bellen die Hunde. Der Terek toste und brüllte, ein Sohn der Gletscher und der rauhen Pässe. Er riß wilde Wirbel und jagte nach seiner Mündung. An den sandigen Ufern wuchsen kleine Laubwälder und Dickichte. Stille Buchten verschilften. Weißer Schaum tanzte aus blaugrünen Wellen. Die Wagenkolonnen bauten ihre Wagenburgen. Die einzige Fähre, die nun sechzehnhundert Wagen übersetzen sollte, mußte erst repariert werden. Drei Tage lagerten die Bauern und warteten auf die Fähre. Manchmal fielen Schüsse. Die Bergvölker schickten wachsame Späher vor. Die Frauen und Kinder schliefen in den Wagen aus Säcken und Decken, die Männer und Jünglinge nächtigten auf freier Erde, und wenn sie morgens erwachten, waren sie naß und verfroren vom Regen, Reif oder Schnee. Und das Vieh brüllte vor Hunger. Die Schafe und Pferde suchten sich vorjähriges Gras und knabberten am Schilf und Rohr. Den Ochsen und Kühen aber mußte das Heu wie auf einer Goldwaage zugemessen werden. An den ersten beiden Wartetagen am Terek schneite es. Am dritten Tag fiel Regen. »Jakob«, hört der Mann, der die weiße bestaubte Straße in der Krim entlang geht, »Jakob«, hört er die Stimme des Vaters aus der Vergangenheit, »wir müssen noch viele Flüsse auf unsrer Wanderung überschreiten. Einmal sind wir Bundschuhs vom Neckar aufgebrochen, ein Großvater selig hatte sich aus den Weg gemacht, und mir scheint, der Herr im Himmel schickt uns jetzt auf die Heimreise.« Die Fähre arbeitete sich am Leitseil über den reißenden Fluß. Der Terek hob und senkte die Flüchtlinge, er hob und senkte die Pferde, die Schafe und die Rinder. Manchmal spritzte er den Frauen und Kindern eine eiskalte Welle ins Gesicht. Die Bauern starrten mit kühlen Augen nach dem jenseitigen Ufer. Dort also lag die Rettung. Sie waren Söhne von Pionieren, die endlose Steppen und abweisende Täler und Gebirge erobert, fruchtbar und bewohnbar gemacht hatten. Ihre Brüder saßen in Sibirien, in Turkestan, an der Wolga, in der Ukraine, in der Baschkirensteppe und in der Krim. Sie waren selber Pioniere und ewige Deutsche, mit der Sehnsucht nach der Welt in ihrem Herzen. Am siebenten Tage wurde die Familie Bundschuh mit Hab und Gut, Vieh und Wagen übergesetzt. Schwer kämpfte die Fähre gegen die Strömung. Da drüben führte der Weg anfangs auf einem schmalen Damm weiter. Gegen ihn schlug der Fluß seine Wellen. Und auf diesem Damm faßte das tückische Wasser nach dem ersten Wagen, in dem der Vater mit der kleinen Anna saß. Der Wagen rutschte plötzlich ab und hing schräg nach dem Fluß hinunter. An den Angstschrei der Mutter erinnert sich Jakob ganz genau. Er hatte diesen Schrei in den Ohren, als er sich kopfüber ins Wasser warf. Der Vater konnte sich mit starken Stößen retten, aber das Kind, das Kind wurde fortgetrieben. Er selbst kämpfte mit den eiskalten Wellen und der reißenden Strömung, furchtbar ist die Gewalt des Wassers, aber er bezwingt die Strömung, das Herz pocht, aber die Arme sind ganz ruhig. Und nun schwimmt er nach dem kleinen Fischerboot, das am Damm schaukelt. Der Terek, der wilde, wollte ein Opfer haben. Am vergangnen Tage riß er zwei starke Ochsen mit sich fort. Der Geist des Bergflusses brüllte nach größrem Opfer. Und nun rissen die gehorsamen Wellen ein unschuldiges Kind mit in die Wirbel. Da schwimmt sie, die kleine Anna, die Wellen nehmen sie mit. Die Mutter fleht verzweifelt auf dem glatten Damm, ringt die Hände und schreit: »Anna, Anna, Annuschka, mein Kind!« Jakob zieht sich in das kleine Fischerboot, die Wellen wirbeln, aber er legt sich männlich in die Ruder. Er zwingt die Wellen, die blaugrünen und wilden, und erreicht Anna, aber da sackt sie unter, schwer und lautlos wie ein Stein. Wasser, Wasser, Gischt und Strudel! Noch einmal schreit die Mutter, und der Vater rennt und ruft: »Helft, liebe Brüder, ein Kind ist im Wasser!« Die Bauern stehen auf dem glatten Damm und starren in die Wirbel. Sie können nicht helfen. Sie brauchen nicht helfen, Jakob ist sechzehn Jahre alt und gibt den letzten Funken Kraft an die treuen Ruder. Manchmal dreht sich das schwache Boot wie ein Kreisel, dann schießt es gehorsam vorwärts, es tanzt aus den Wellen! Gischt spritzt, Wellen tanzen, Jakob rudert und rudert. Und dann hat er gesiegt! Der Terek, der wilde, hatte sich in den sieben Wartetagen an schwarzen Ochsen und fetten Schafen überfressen. Der Geist des Bergflusses gähnte, und ein schäumender Strudel holte die kleine Anna gehorsam aus der Tiefe an das Licht und legte sie dicht an die Bootswand vor Jakobs Hände. Blutleer war ihr Gesicht, zerschunden die Stirn. Und die Augen, die schönen strahlenden Kinderaugen waren geschlossen. Lebte sie noch? Atmete sie? Im braunen Haar hing dunkelgrünes Schilf. »Jakob!« schreit die Mutter, »Jakob hat das Kind gerettet!« Er brachte das Mädchen sicher an den Damm, die Mutter packte das triefende Kind, die leblose Nixe, in wollene Tücher, der Vater reibt mit großen roten behaarten Händen die eiskalten Kinderhände, und Jakob steht dabei, atemlos von der Anstrengung und glücklich über die Rettung. Lebt Anna? Ja, jetzt schlägt sie die Augen auf, diese schönen, zärtlichen, blauen Strahlenaugen. Ihr erster Blick trifft ihn. Ihre ersten Worte richtet sie an ihn. Jakob, der Mann, hört im Wind vom Schwarzen Meer, der mit dem Staub der weißen Dorfstraße tanzt, Anna, das Kind sprechen: »Jaschka, da unten im Wasser, auf dem Grund, ist nicht so viel Schlamm wie hier auf dem Damme. Kalt ist es, und Fische gibt es da unten, viele hab ich gesehen, Jaschka, viele Fische.« »Warum hast du mir keine mitgebracht, Anna?« »Sie schwimmen zu schnell, Jaschka«, antwortet das Kind und schließt die Augen mit den langen Wimpern. Bundschuh seufzte und starrt auf die steinigen Felder. Aber er sieht keine Felder, keine Höfe, keine Ziehbrunnen und keine Weiden. Er sieht nur die Vergangenheit, die Tataren, die Flucht, den Terek, die brennenden Dörfer und den Wagen, der nach dem Wasser kippte. Ja, Anna war gerettet, sie erzählte von den Fischen, und die Wagen fuhren weiter. Die Wagen fuhren weiter. Die erste Kolonne lagerte an einer großen Fischerei. Wieder schlafen die Männer unter freiem Himmel, beim Vieh oder unter den Wagen. Die Hunde umkreisen wachsam die Herden. Feuer brennt, Rauch steigt auf und vermischt sich mit den Nebeln. Wasser gurgelt, grenzenlose Öde und Einsamkeit bei Sand, Wasser und Rauch. In jener Nacht wird ein Kind geboren, ein zehn Pfund schwerer Knabe. Der Terek brüllt in den ersten kleinen Menschenschrei hinein. Am Morgen schon wird das Kind mit eiskaltem Wasser getauft. Die Mutter ruht erschöpft im Wagen. Drei Frauen sitzen bei ihr. Der Vater ladet seine Freunde zu einem Gastmahle ein. Zwei Hammel braten am offnen Feuer, Brot wird gebacken, Fisch geröstet. Der Kaukasierwein ist rot und süß. Nun sitzen die Männer zusammen, essen Brot, Fleisch, Fisch und trinken den Wein. Einen Steinwurf von ihnen entfernt schäumt der Grenzfluß. Vieles haben sie aufgegeben, zwanzig Jahre Arbeit, dreißig Jahre Arbeit, aber ein Kind ist in der Nacht geboren worden. Ein Knabe. Zehn Pfund wiegt er und wiegt vieles wieder auf. Rußland ist groß, Erde gibt es überall, vorwärts, Kopf hoch, sie sind Pioniere. Das Brot ist gegessen, das Kind ist getauft, mit der Fähre fahren einige Bauern noch einmal zum andren Ufer. Sie waren gerettet, und das Wasser trennte sie vom Feuer, aber da drüben lagen ihre Höfe. Vielleicht fanden sie noch dieses oder jenes, ein Werkzeug, einen Hammer, einen Pflug, einen zerlöcherten Sack, einen vergessenen Topf oder einen verlausten Pelz. In den Dörfern und Höfen sitzen schon die Aufständischen und antworten mit Schüssen. In den unbesetzten Höfen und Dörfern, in den unverbrannten Siedlungen ist der verlauste Pelz, der zerlöcherte Sack und der vergessene Pflug schon fortgeschleppt worden. Oft fielen am jenseitigen Ufer hallende Schüsse. Die Soldaten, alte Männer, junge Rekruten, überwachten immer noch den Flußübergang. Am liebsten wären sie auch mitgezogen, hin nach dem stillen Don, hin zur goldnen Ukraine, vorwärts in die Heimat. Aber es war noch Krieg. Es war noch Krieg, und am achten Tage fingen die Soldaten im Schilf des Terek drei Tataren. Es schienen vornehme Herren zu sein. Ihr Führer war Alan Bek, ein würdiger Mann mit schwarzem Bart und vierzig Jahre alt. Er verlangte den Führer der Truppe zu sprechen. Die Soldaten antworteten: »Erzähle uns, was zu berichten ist.« Und er erzählte: »Wir ritten an den Terek, um mit eignen Zügen den Flußübergang zu sehen. Wir haben keine Waffen bei uns. Wir sind auch keine Feinde der Deutschen. Keine Feinde, bei Allah, nein! Ich kenne selbst viele Deutsche, und sie kennen mich, Alan Bek. Fragt den Bauern Bundschuh, der kennt mich und kann sagen, wer ich bin. Was ich bin. Alan Bek bin ich. Die beiden Männer hier, meine Neffen, haben mich begleitet. Führt mich zu eurem Kommandanten. Wir haben keine Waffen. Untersucht uns. Es geschieht nichts ohne Allah.« Die Soldaten untersuchten Alan Bek und seine Neffen. Nein, sie fanden keine Waffen. »Wir wissen schon, wer du bist«, erklärten die Soldaten, »ein Heide bist du, ein Tatarenschwein. »Und wir wissen, was wir mit euch zu tun haben. Ihr werdet erschossen.« Der Tatarenbey strich sich den schwarzen Bart und sagte: »Bringt mich zu eurem Kommandanten.« »Zur Hölle bringen wir dich und deine Neffen«, antworteten die Soldaten, »wir bringen dich hin zu deinem Muhamed.« Alan Bek lächelte verächtlich. »Es steht geschrieben. Es geschieht nichts ohne Allah«, sagte er. Dann sprach er mit seinen Neffen, die drei Männer verneigten sich ernst nach Mekka, der heiligen Stadt. Es war am Abend. Die Sonne ging unter. Die Tataren beteten, die Dunkelheit kam, dann wurden sie erschossen. Der Vater erfährt erst am andren Tage von Alan Beks Bitte und von seinem Tode. Er sagt: »Ich kenne ihn gut, den Alan Bek, er war ein Ehrenmann. Die Soldaten, diese Teufel, haben drei Unschuldige hingerichtet. Ach, Jammer über diese Zeiten! Los, Jakob, wir fahren weiter.« Sie fuhren weiter und kamen nach Marjanowka. Drei Wochen blieben sie in dem Dorfe bei Bekannten. Und dort hörte Jakob das erste Mal vom Kommunismus. Der Hufschmied Robert Karsten, ein derber, rotbärtiger Mann mit grau-grünen Augen, hatte sich schon am jenseitigen Ufer des Terek vom Vater einen Leiterwagen und zwei Ochsen entliehen. Der Vater gab sie gern, er kannte den Hufschmied, Karsten hatte fast alles verloren. Und jetzt in Marjanowka forderte er noch zwei Kühe. »Der Kumminismus ist da, Bundschuh«, erklärte Karsten und strich den roten Bart, »der Kumminismus ist da, und ich muß noch zwei Kühe haben. Gib sie mir, Bauer.« »Kumminismus? Was ist das, der Kumminismus, Hufschmied Karsten?« fragt der Vater. Karsten kratzt sich den Kopf und sagt: »Den Kumminismus hat der Bürger Kummin erfunden, und das ist so, ich will es dir erklären: dein Leiterwagen, Bauer Bundschuh, ist jetzt mein Leiterwagen, und deine Ochsen und Kühe, nun, das sind auch meine Ochsen und Kühe. Versteht ihr nun, Bauer?« Der Vater lachte und antwortet: »Ja, ich habe verstanden. Und nun hört gut zu, Hufschmied! Deine Ochsen und dein Leiterwagen das sind doch dann meine Ochsen und mein Leiterwagen, Karsten, und wenn das nun so ist, dann gib mir ganz geschwind meinen Leiterwagen und meine Ochsen wieder, die ich dir am Terek, den wilden, gegeben habe. Ich bin auch Kumminist, Hufschmied!« »Ihr habt mich nicht richtig verstanden, Bauer, und ihr gebt eurem Sohn ganz unchristliche Lehren«, erklärt Karsten und schielt aus Jakob, der beim Vater steht und aufmerksam zuhört, »ich will euch nur sagen. Bauer, daß sich hier unsre Wege trennen.« Schneller als der Wind vom Schwarzen Meer den weißen Staub der Straße aufwühlt, wühlen in Jakob Bundschuh die Erinnerungen an die Vergangenheit auf. Von Marjanowka reisten sie vier Tage durch eine Sandwüste. Rußland ist groß. Rußland, sein Kopf liegt im Eismeer, seine heißen Sohlen stemmen sich gegen die Berge von Afghanistan. In der Wüste, die sie durchfahren, fleht die Sonne glühend am wolkenlosen, blauflammenden Himmel. Und der Himmel? Der Himmel ist ein Schmelzofen, ein gigantischer Martinofen, der sein Feuer auf den grellen, ewig unfruchtbaren Sand, auf die kleine Karawane mit den Menschen, Wagen und durstendem Vieh speit. Trostlos ist die Wüste, verworfen, verflucht. Kein Gras und kein Grün, kein Wasser und kein Vogel. Sand, Sand, Sand und dazwischen nackter, geborstener Felsen mit gebleichten, verwitterten Zacken wie die Riesenstoßzähne eines Urwelttieres. Vieh krepiert in der Wüste, zwei Pferde gehen ein, die Mutter fiebert, und die kleine Anna bekommt rote, entzündete Augen. Die Zunge liegt den Männern geschwollen im Munde. Der Durst ist schrecklich. Das letzte Wasser bekommt die Mutter, die Anna, Tropfen nur trinken die Männer, Tropfen nur bekommt das Vieh. So quälen sie sich durch die Wüste und erreichen endlich die Steppe, in der die schmutzigen Nogaizen wohnen, armselige Viehzüchter, ein verlorenes Volk, träge, dumm, ohne Kraft und Saft und zum Aussterben verurteilt. Aber in der Steppe gibt es Gras und Wasser, Annas Augen werden wieder blau, Mutter fiebert nicht mehr, die Zungen werden wieder Zungen, und das Vieh trinkt, frißt und mästet sich satte Bäuche an. Beinahe ein ganzes Jahr ziehen sie durch die Steppen und Dörfer. Sie rasten und ruhen bei deutschen Bauern und leben von der Barmherzigkeit. Das Brot, das sie essen, schmeckt bitter, das Wasser, das sie trinken, salzig. Bauern sind sie und keine Bettler und Landstreicher. Der Vater wird mürrisch, manchmal geht er in die jungfräuliche Steppe und untersucht die Erde, aber er kommt immer wieder, und immer weiter zieht die kleine Karawane. Endlich erreichen sie die Mutterkolonie in der Ukraine. Das graue Haar des Vaters ist weiß geworden, sein Rücken gekrümmt. Sie bleiben nicht lange in der Ukraine. Andruschka, der Knecht, ist an Typhus gestorben und wird begraben. Und im Herbst siedelt sich der Vater, ein gebrochener Mann, endlich in der Krim an. Dem Manne, der die weiße, bestaubte Straße dahinschritt, begegnet ein Bauer aus dem Dorfe. Es ist Peter Kuhn. Er sieht wie ein Siebzigjähriger aus und ist erst fünfzig Jahre alt. »Kommst du aus dem Gemeindehaus, Jakob?« »Ja, Peter.« »Sprach man dort wieder vom Neuen Plan?« »Ja, man sprach davon.« »Schwere Zeiten für uns, Jaschka.« »Schwere Zeiten.« »Sind deine Tiere schon auf der Weide?« »Ja, heute zum erstenmal.« »Grüß Gott, Jakob!« »Grüß Gott, Peter!« Bundschuh geht weiter und denkt an die ersten Jahre in der Krim. Marienthal liegt auf hartem Boden, aber die Wasserverhältnisse sind günstig. Der Vater hat wie ein Knecht gearbeitet, sein krummer Rücken steilte sich wieder, Arbeit, Arbeit, Arbeit vom frühen Morgen bis in die sinkende Nacht. Die letzte Manneskraft grub und ackerte er in den Boden. Und das Gut blühte und gedieh. Anna wuchs und wuchs und wurde mit jedem Jahre schöner. Sie liebte Jakob mit der verzehrenden Glut ihres Kinderherzens. Er hatte sie vom Tode errettet! Ihre Wangen glühten, das sanfte, rundgemeißelte Kinn zitterte, ihr Mund bebte, und leuchtend wurden die blauen Augen, wenn Jakob kam. Aber der hatte, wie der Vater, das Herz auf die Arbeit gerichtet und konnte nicht in den verschleierten oder strahlenden Augen des Mädchens lesen. Und dann ging der Vater nicht mehr so stolz zur Arbeit. Er kränkelte. Die Äcker und Weiden fraßen ihn auf. Aus Simferopel kamen die ersten Kommissare, Jakob wußte jetzt, was Kommunismus ist, zeigten ihre Mandate, klopften an ihre Pistolen und überwachten die Güter. Auch das Gut, das der Vater mit seiner letzten Kraft blühend gemacht hatte, wurde überwacht. Kommissare aus Simferopel, der Stadt am Meer! Zwölf lange Jahre büßte der erste Kommissar als politischer Gefangner und als Zwangsarbeiter in Sibirien. Die grausame Gefangenschaft, die Arbeit in den Goldgruben an der Lena hatten ihn menschenscheu und grausam gemacht. Und nun quälte er die Mitmenschen, weil er zwölf lange Jahre gequält worden war. Er konnte keinen Menschen ins Gesicht blicken, wenn er mit ihnen sprach, sprach er über sie hinweg. »Der Bauer ist eine schmutzige Laus, die dem russischen Volke im Pelze sitzt«, pflegte er oft zu sagen, »man sollte sie einfach zwischen den Fingernägeln zerknicken. So!« Der Vater spricht aus der Vergangenheit und antwortet: »Der Bauer? Und wovon soll das russische Volk leben, wenn es keine Bauern mehr gibt, die auf den Feldern arbeiten und Hirse, Weizen und Korn säen und ernten?« »Der Bauer und der Geiz sind Brüder, Deutscher, und der Bauer muß sterben, damit Platz ist für die Getreidefabriken, die Fleischfabriken, die Butterfabriken, damit die großen Städte leben. Du bist Deutscher, und ihr versteht schon eure Sachen, aber die russischen Bauern, unsre Muschiks, ech, das sind nur zweibeinige Tiere!« Die Stimme des Vaters klingt aus der Ewigkeit: »Gott hat uns allen, auch den Muschiks, seinen lebendigen Odem eingeblasen, als er den Menschen schuf nach seinem Bildnis. Der Herr läßt seiner nicht spotten.« »Warst du dabei, als er den lebendigen Odem einblies, Deutscher?« höhnt der Russe und sieht in irgendeine Ferne. »Aber genug geschwätzt«, verhärtet sich seine Stimme, »genug geschwätzt, Simferopel braucht aus Marienthal bis zur neuen Ernte noch dreitausend Pud Weizen. Dreitausend Pud«, wiederholt er, »seht zu, wo ihr sie herbekommt.« Kyrill Jesimowitsch, der erste Kommissar, wird bald abgelöst von einem Mann mit sinnigem Gesicht und wäßrigen Augen. Er ist kaum dreißig Jahre alt und war früher Tschekist. Er hieß Boris Alexandrowitsch, und ihn verfolgten noch die Geister der Menschen, die er erschossen hatte oder von seinen Henkern erschießen ließ. Am dritten Tage schon kam es zu einem Zusammenstoß. Die Magd Njura, ein dickes, dummes und immer hungriges Russenmädchen entwendete eine Schüssel entrahmte Milch. Boris Alexandrowitsch läßt Njura zu sich kommen und schreit: »Bist du zur Arbeit kommandiert worden oder zum Milchtrinken? Du Tochter einer Hündin, man sollte dich auf der Stelle erschießen!« Seine Augen sehen gefährlich aus. Njura aber lacht dumm und einfältig: »Aber Boris Alexandrowitsch!« »Boris Alexandrowitsch? Ich werde ihn dir geben, deinen Boris Alexandrowitsch!« schreit der Russe und schlägt ihr die Pistole ins Gesicht, »da hast du deinen Boris Alexandrowitsch!« Jakob hört die kreischende, wimmernde Magd. Er stürzt ins Zimmer. Der Vater ist auf dem Felde. Njura wischt sich das Blut vom Munde. Er kann den Kommissar beruhigen. Der hat blutunterlaufene Augen. Die Pistole geht auf und ab in den zitternden Händen. »Sie hat sich am Eigentum des Volkes vergriffen«, keucht der Russe, »sie muß erschossen werden! Ech, sie soll unsre roten Sowjetäcker düngen!« »Wegen einer Schüssel entrahmter Milch darf kein Mensch erschossen werden, Boris Alexandrowitsch«, sagt Jakob, »geh an deine Arbeit, Njura.« Die Magd verschwindet. »Ich habe schon Leute wegen ganz andrer Dinge erschießen lassen, Deutscher«, sagt der Russe. »Das Gesindel, das gegen uns ist und den Aufbau der neuen Welt sabotiert, muß liquidiert werden! Ein Dreck ist das, Dünger. Wir sind die Beauftragten der Zukunft.« »Und wer hat euch den Auftrag gegeben?« fragte Jakob und reckte sich auf. Zuerst will der Russe aufbrausen, aber dann erniedrigt er sich, wie sich nur ein russischer Mensch demütigen und erniedrigen kann. Er steckt die Pistole in den Gürtel, läßt sich schwer in den Stuhl fallen, starrt vor sich hin und beginnt zu flüstern: »Hast du schon mal einen Menschen erschossen? Ich, ich habe viele abgeknallt, viele, viele. Wieviele weiß ich nicht mehr ... Nitschewo ...« Seine Stimme wird kalt. »Siehst du, da sitzest du im hohen Gericht. In deiner Hand liegen Leben und Sterben. Du bist der Herr über die Menschen. Da stehen sie, da liegen sie vor dir, da wimmern sie und klagen und winseln. Da betteln sie um das kleine Leben. Da beten sie dich an und küssen deine dreckigen Stiefel. Geschmeiß!« brüllte er. Dann beruhigte er sich und sagte: »Ekel steigt in dir hoch, du verachtest die Feiglinge, und nur, um den Jammer nicht mehr mit anzuhören, Deutscher, ja, ja, ja, da läßt du sie abführen und erschießen.« Er richtet den Blick wie Kyrill Jefimowitsch in irgendeine Ferne und spricht weiter: »Gut, nun jammern und winseln sie nicht mehr, sie sind ja tot, erledigt sind sie und liquidiert. Aber nun kommen neue Verhaftete zu dir und stehen und liegen und wimmern und winseln den ganzen Tag. Weg mit dem Dreck! Abführen! Erschießen! Knall ihnen eins in den Hinterkopf, Pjotr! Oder du knallst selber mit, und dann hast du deinen Frieden. Dann kannst du endlich mal ganz ruhig schlafen. Aber nicht lange kannst du schlafen! Am nächsten Tage schon geht das Theater wieder los, das Gejammer, das Geheule, aber nun höre gut zu, Deutscher, die Leute haben die gleichen Gesichter und Stimmen von denen, die doch schon längst erschossen sind, liquidiert! Und weißt du«, er befeuchtete mit der Zunge die trocknen Lippen, »weißt du, da fühlst du dich plötzlich als Angeklagter, ja, so ist es!« Er lacht schaurig und verloren. Jakob fährt entsetzt zurück. »Warum zuckst du zusammen? Was soll ich denn tun, wenn nachts die Toten kommen und mich anglotzen? Sie sind nicht auszurotten, diese Menschen, dieses Pack will ewig leben! Sie sind nicht zu liquidieren, diese Bürgerbande und Saboteure! Siehst du«, er straffte sich, »einer muß der Bluthund sein. Und da darf man nicht nachgeben, da muß man ihnen immer wieder die Fressen einschlagen ... Und am hellen Tage manchmal steigt die rote Wut hoch, und da will ich manchmal einen Menschen erschießen, wenn er auch nur eine Schüssel entrahmte Milch oder ein Glas Wasser genommen hat. Und wenn du nicht gekommen wärst, Jaschka, Brüderchen, Onkelchen, Wurstfresser, ich hätte die Njura erschossen und zu Dung gemacht für unsre Acker.« Dann verfiel er in Schweigen. Jakob verließ das Zimmer. Njura lebt immer noch, dick und dumm. Sie hat drei Kinder und erzählt manchmal lachend, was ihr vor fünf Jahren mit dem komischen Boris Alexandrowitsch passiert ist. So ein schöner Mann, sagt sie, und so jähzornig! Sie hat immer noch nicht begriffen, daß sie damals dem Tode so nahe war wie niemals zuvor in ihrem Leben. Der Kommissar lebt nicht mehr. Er ist vor drei Jahren gestorben. Im Irrenhaus. Die Geister der Toten haben ihn geholt. Die Hungersnot überfiel auch die Krim. In Marienthal halfen sich die Bauern mit dem letzten Pud Mehl, mit der letzten Brotrinde und Kartoffel. Manchmal kam auch Hilfe aus Kanada. Dort saßen ihre Glaubensgenossen. Sie überstanden die Hungersnot, und ihr Brot war wohl schwarz und bitter, aber nicht Aas und Gras wie in der Ukraine und an der Wolga. Der Vater aber stirbt, und die Mutter folgt ihm drei Monate später nach. Der Wind stäubt immer noch über die weiße Straße, und im stäubenden Wind hört Jakob den sterbenden Vater sprechen: »Ich gehe einen weiten Weg, Kinder, aber ich lasse euch nicht allein, der Herr ist bei euch. Die Welt ist ein Steinacker, auf dem wenig Frucht gedeiht, ein Tränental ist diese Welt, Kinder. Wir dürfen sie gern verlassen, aber wir müssen sie in Ordnung verlassen. Du, Jakob, wirst Sophie heiraten, die Tochter unsres Nachbars, sie ist ein frommes Mädchen und wird eine gute Wirtin sein. Ihr Vater gibt ihr die Mühle mit.« Anna wird weiß wie eine Kalkwand und zittert. »Annuschka, Kind, das uns Gott gegeben hat, du sollst Lehrerin werden. Ich habe in Simferopel alles besprochen. Und dann sollst du nach Marienthal kommen, sollst unsre Kinder erziehen, ja, unsre Kinderchen.« Jakob streicht sich die Haare aus der Stirn und sagt: »Ja, Vater, ich werde Sophie heiraten.« »Ja, Papa, ich gehe in die Stadt und werde Lehrerin«, flüstert Anna. »Der Herr segne euch, der Herr behüte euch, aber nun laßt mich mit Mama allein, meine Kinder!« Sie lassen den Sterbenden mit der Mutter allein. »Jakob, Jakob!« klagt Anna und wirft sich an seinen Hals, »Jakob, nein, ich kann und will dich nicht verlassen! Jakob, höre doch, ich kann es nicht, nein, ich kann nicht! Wer hat mich aus dem Terek gerettet? Du, Jaschka, du ganz allein! Mein Leben gehört dir, Jakob, nur dir!« Durch den weißen wirbelnden und bittren Staub der Straße blickt den Dahinschreitenden ein erglühtes, verschämtes und schönes Gesicht mit verschleierten Zügen, seidnen Strahlenwimpern und zuckenden Lippen an. Er geht weiter und hört sich sprechen: »Wir haben es Vater versprochen, Anna.« Und ein alter Bauernspruch war ihm als Trost eingefallen: »Schicke dich in die Welt hinein, denn dein Kopf ist viel zu klein, als daß sich schicke die Welt hinein.« Und dann küßte er zum ersten und zum letzten Male den bittersüßen, roten und zuckenden Mund. Jakob Bundschuh hat seinen Hof erreicht, den Hof der Ruhe und der Arbeit. Der Tag ist hell und klar. Die Saaten grünen. Vor drei Jahren hat er die derbe, gesunde Sophie geheiratet. Ihre Ehe ist glücklich, das Kind heißt Anna und ist zwei Jahre alt. Der Haushund begrüßt seinen Herrn. Die letzten Tage waren voller Arbeit gewesen. Holz mußte gefahren werden, die Morgen waren noch kalt, aber die Mittage dampften schon vor Wärme. An den Sonntagen versammelte sich das ganze Dorf im Gemeindehaus zum Gottesdienst und Liedersingen. Mitte April kamen noch einmal schwere Schneestürme, aber die Sonne siegte. Vor fünf Tagen wurde dem Schwiegervater das Stimmrecht genommen. Vor vier Tagen starb eine alte Frau. Das Leben ging weiter. Die Arbeit ging weiter. Mais und Weizen mußte zur Mühle gefahren werden, Hafer säen, Vieh versorgen, Pflaumenbäumchen und Stachelbeersträucher einsetzen, Knoblauch und Blumensamen der Erde anvertrauen. Vorgestern hatte Jakob ein Schwein geschlachtet, und heute wollte Anna aus der Stadt zum Besuch kommen. Bundschuh klopft sich den weißen Staub aus dem Anzug. In der großen hellen Stube sitzen Sophie und Anna zusammen. »Jakob, wie gesund du aussiehst!« sagt Anna. »Anna, wie schön du geworden bist!« sagt Jakob. Sophie lächelt und fragt: »Wie war es aus dem Meeting?« »So wie in jedem Jahre, Frau. Viel Reden und noch mehr Versprechungen. Du weißt ja, der Neue Plan!« »In der Stadt wird erzählt, daß es bald keine freien Bauern mehr geben wird«, berichtet Anna, »der Bauer ist ein Bremsklotz am Donnerrad der Entwicklung, schreiben die Zeitungen. Hinweg von eignem Grund und Boden soll er und hinein in die Kommunen.« »Auch bei uns wird so gepredigt, Anna«, klagt Sophie, »dem Vater haben sie das Stimmrecht genommen und seine besten Äcker. Bald werden sie uns alles nehmen.« »Gott können sie uns nicht nehmen, Frau«, sagt Jakob. »Wir sind Deutsche«, ruft Anna und ihre Augen sind wie blaue Sterne, »wir sind keine Slawen, wir sind keine Sklaven! In der Fremde haben unsre Güter und Vorväter immer zusammengehalten. Wenn es unerträglich Wird, warum gehen wir nicht nach Deutschland? Und was haben sie von Deutschland erzählt, Jakob?« »In Berlin sollen die Arbeiter zu Hunderttausenden aus die Straße gehen und für die Sowjetmacht kämpfen.« »Berlin ist doch nicht Deutschland!« »Deutschland, sagte der Redner, sei das nächste Land, in dem der Kommunismus siegen werde, Anna.« »Nein, nein, nein«, sagte Anna, »das glaube ich nicht. Deutschland ist groß und herrlich, über die Maßen schön ist Deutschland, es wird nicht untergehen. Und die Redner, ach, wir haben viele Redner schon gehört, ihre Reden waren wie Wind, der nur den weißen Staub auf der Straße aufwirbelt. Und so wird auch der Kommissar nur Wind über den Staub geblasen haben.« Ihre Augen flammten. »Nein, nein, nein, Deutschland wird nicht untergehen.« Jakob antwortete nichts, aber in ihm wuchs eine große stille Flamme der Liebe für dieses ferne Deutschland. Aber hundert Jahre waren die Bundschuhs schon in Rußland, an der Wolga, in der Ukraine, im Kaukasus und in der Krim. Sein Vater hatte ihm von Deutschland erzählt, was er von seinem Vater gehört hatte. Der Neckar? Ja, an der Wolga und am Terek rauschte geisterhaft durch die Gespräche der Neckar. Lieblicher Neckar, Fluß der alten Heimat in Deutschland! Und vor den Bergen, Pässen und Gletschern des Kaukasus rauschte der Wald der Heimat. Und manchmal hörten sie im Wehen des Windes, im Fließen des Wassers, im Strömen ihres Blutes Stimmen und Rufe über die Meere und Berge, Stimmen und Rufe aus Deutschland, und sie fühlten sich ihrem Volke verbunden und waren selber unsterbliches Volk. Die drei Menschen schwiegen. Sophie strickte an einem Jäckchen für die schlafende Tochter, Jakob stützte den Kopf in die schweren, verarbeiteten Hände. Anna sang mit leiser, süßer Stimme: »Ein feste Burg ist unser Gott, Ein gute Wehr und Waffen, Er hilft uns treu aus aller Not, Die uns jetzt hat betroffen ...« Jakob hörte das Lied, und noch einmal stiegen die letzten Jahre vor ihm auf, diese brennenden Jahre, in denen die Bauern mit Feuer getauft wurden, mit Blut und Feuer. Im Hofe bellte der Hund. Der Bauer ließ die Hände sinken, stand auf und öffnete die Tür. Draußen stand breitbeinig der Gemeindeschreiber David Mayer und sagte laut und wichtig: »Die Bauern versammeln sich noch einmal im Gemeindehaus. Aus der Stadt ist eine Kommission gekommen.« Bundschuh nickte den Frauen zu und ging. Sophie ließ die Strickarbeit erschrocken in den Schoß sinken und weinte. Anna weinte nicht. Sie beugte sich zu Sophie, streichelte ihr Haar und sang mit süßer, leiser Stimme das alte fromme Lied zu Ende. Zweites Kapitel M üller, Müller, Otto Müller? Das dürfte wohl ein Irrtum sein, junger Mann, hier bei uns im Hause wohnt schon lange kein Otto Müller mehr«, sagte die junge Frau zu Eugen Bundschuh und knallte die Türe zu. Zehnmal hatte es schon an diesem Tage geklingelt, zehnmal wurde nach Otto Müller gefragt. Er war doch ihr Mann, zu Ostern hatten sie geheiratet, und nun ging es schon die ganze Woche: Otto, zur Sitzung, Otto, zu einer Besprechung, Otto, es ist wichtig. Nun komm schon, die Genossen warten, Otto. Herfurt will dich sehen, Otto! Und da schlug sie die Türe zu, daß sie knallte. Ganz aufgeregt kam die junge Frau in die Küche. Ihr Mann sah das finstre Gesicht. Er legte dann die Zeitung beiseite, hob die grauen Augen und sagte: »Nun mal sachte mit den jungen Pferden, wer war es denn schon wieder? Du bist ja ganz blaß im Gesichte, Mucki.« »Unterm Arm nehmen und schaukeln gibts nicht, Otto«, antwortete Mucki, und ihr Mund wurde lachlustig, »ein Mann mit zwei Beinen und blauen Augen. Er fragte nach dir. Was ist denn schon wieder los, Otto?« »Allerhand, und morgen wirst du es sehen, kleine Frau. Hat der Mann mit den blauen Augen – mach mich nicht eifersüchtig, Süße – hat er dir einen Ausweis gezeigt?« Sie schüttelte den Kopf. »Nein, er hat keinen Ausweis gezeigt. Er fragte bloß: ›Wohnt hier der Herr Otto Müller?‹ hat er gefragt. Nicht mal, ›Genosse Müller‹ hat er gesagt. Und da habe ich die Türe zugeknallt.« »Ausgezeichnet, Mucki«, antwortete Otto und kippte auf dem Stuhl wie ein kleiner Junge, »ausgezeichnet, und wenn es was Wichtiges ist, wird er ins Lokal kommen.« Die junge Frau räumte den Tisch ab. Der Mann steckte sich eine Zigarette an. Mucki stellte das Geschirr hin und blies spielerisch das Zündholz aus. So jung war sie noch und so verliebt. Atem und Feuer, Rauch und Feierabend, zwei Menschen für sich allein, eine Frau und ein Mann. Otto warf achtlos die brennende Zigarette in die Küche und preßte seinen Mund auf den seiner Frau. Sie ergab sich, aber dann stemmte sie sich gegen seine Brust und rief: »Nichts als Dummheiten hast du im Kopf, Otto! Man wirft doch keine brennende Zigarette in die Stube. Wozu haben wir denn Aschebecher?« Sie brachte den Aschebecher, hob die Zigarette auf und lächelte zärtlich. Dann rauchte sie die Zigarette an und gab sie ihrem Mann. Der dehnte und reckte sich und stellte dann den Lautsprecher an. »Immer Tanzmusik«, empörte er sich, »na, wenn wir erst mal die Macht haben und unsre Sendungen funken, dann wirds anders, Frau Müller! Da kannst du Gift drauf nehmen!« Mucki lauschte mit verklärtem Gesicht. Sie wiegte sich im Walzertakt. Ihre Füße wurden schwebend. »Natürlich, du hast vollkommen recht, Otto, aber jetzt laß doch endlich mal und um Gottes willen den Walzer, hörst du, zu Ende spielen!« Das Gesicht des Mannes verdunkelte sich eine Sekunde. Was verstehen denn die Frauen von der Welt? Sie wollen singen und tanzen, und wenn die Welt untergeht, zappeln sie noch mit den Füßen und sagen: schneller, Herr Kapellmeister! Noch ein Schwänzchen! Aber der Schatten wich aus seinem Gesicht. Er lachte und erklärte großartig: »Schön, wenn du den Walzer hören willst, Frau Müller? In einer halben Stunde muß ich sowieso zur Sitzung.« Er lauschte auf die Musik und pfiff die Melodie mit. Plötzlich unterbrach er sich: »Hat dir der Klingelfritze vorhin wirklich keinen Ausweis gezeigt?« »Nein, wirklich nicht.« »Na, dann eben nicht, liebe Tante!« Mucki wiegte sich im Dreivierteltakt hin und her. Sie lief schwebend durch die kleine, enge Küche, drei Schritte vor, drei Schritte zurück. Sie vergaß die dunkle, arme Straße, in der sie wohnte, sie vergaß die vielen Gesuche und war bei sich selbst auf Gesuch. Die Musik wurde Welt und Welt wurde Musik. Otto drehte den kleinen schwarzen Schnurrbart, folgte mit verliebten grauen Augen den Bewegungen seiner Frau und trommelte mit harten Fingern einen harten Takt zu der weichen Melodie. Der junge Mann, von dem in der Küche die Rede war, und der vergeblich an der Türe nach Otto Müller gefragt hatte, hieß Eugen Bundschuh und war aus der kleinen Inselstadt Werder nach Berlin gekommen. Der Weg durch die dunstende Stadt, vom Potsdamer Bahnhof nach der Leipziger Straße und dann immer die Friedrichstraße entlang bis zum Wedding, hatte ihn müde gemacht. Groß war Berlin, eine Steinwüste mit tiefen Straßenschluchten, in der die Menschen hetzten, die Autobusse büffelten, der Verkehr dröhnte. Müde war er geworden und stieg nun verdrossen die ewig dunklen Treppen hinunter. Er seufzte. Also war der Weg vergeblich gewesen. Müller wohnte nicht mehr hier. Was sollte er nun tun? Die Kellerstraße, diese kurze, verwahrloste Schlucht im nördlichen Berlin, war noch voller Leben und Bewegung. Die Fassaden der vierundzwanzig Häuser zerbröckelten und zeigten schamlos ihren Verfall, vor den Haustüren standen junge Burschen mit früh erblühten und früh verblühten Mädchen. Kinder spielten, ›Himmel und Hölle‹. Ein Trupp Halbwüchsiger zog nach der Pankstraße, um dort andern Halbwüchsigen zu zeigen, was die Jugend der Kellerstraße alles kann. Arbeiter kamen aus den Fabriken, in sich noch den Lärm der Maschinen. Stenotypistinnen kamen aus den Büros und sahen wie junge Damen aus. Am Eingang zu einem Keller – viele Geschäfte und kleine Betriebe liegen in den Kellern Berlins, Wäschereien, Lebensmittelgeschäfte, Kohlenhandlungen – am Eingang zu einer Wäscherei stritten sich zwei Frauen über die ›Ernsten Bibelforscher‹, die hier in dieser entgötterten Stadt für ihre Vereinigung neue Anhänger und neue Seelen suchten. Die Steine dieser Straße waren politische Steine und warben in weißen und roten Blockschriften für die Revolution, von den Gehsteigen, Hauswänden und Dächern brüllten einprägsame Parolen. ›Apfelsinen, heute sechs Stick for zwei Groschen, die letzten, meine Herrschaften, saftig und sieß‹, schrie ein Händler. Die beiden Frauen ließen die ernsthaften Bibelforscher und kauften Apfelsinen, sechs Stück für zwanzig Pfennige. Ein kleines Mädchen mit wächsernem Gesicht und großen brennenden Augen starrte nach dem Wagen, auf dem die runden Früchte einen goldnen Hügel bauten. Der Händler hatte selber Kinder zu Hause. Er suchte eine angestoßne Frucht aus und warf sie dem Mädchen zu. Sie fing sie geschickt auf wie einen Ball und rannte davon. Tapp-tapp-tapp, klapperten die viel zu großen Schuhe auf den Steinen. Sie rannte und rannte. Es war, als hätte sie Angst, der Mann könne sich es noch einmal überlegen und die Apfelsine zurückfordern. Aus der Kneipe kam Musik. Eugen Bundschuh, vierundzwanzig Jahre alt, das Gesicht war scharf geschnitten, der Mund energisch, die Augen grau mit goldnen Lichtern, der Werkzeugmacher Eugen Bundschuh, seine Eltern waren gestorben, ging der Musik nach, trat in die kleine Kneipe und bestellte ein Glas Bier. Zu dem halbvertrockneten Brot, das er aus Werder mitgebracht hatte, ließ er sich eine magere Ölsardine kommen. Er aß, trank und dachte nach. Das waren Zeiten in Deutschland! Wie in einem Tollhaus ging es zu. Alle kämpften gegen alle, und alle wollten doch nur Brot und Arbeit. Das ewige Herum, bummeln und An-den-Ecken-stehen machte den gesündesten Menschen elend, verbittert und krank. Aber fünf Millionen Arbeitslose! Wie sollte das enden? Im vergangenen Jahr hatte er auf dem Bezirkstag seiner Partei den Funktionär Otto Müller kennengelernt und sich mit ihm befreundet. Müller war ein guter Redner und schien auch ein klarer Kopf zu sein, der die schwierigsten Fragen im Handumdrehen lösen konnte. Das Elend der Welt führte er auf die Anarchie der Produktion zurück. Wirtschaft ist Schicksal, pflegte er zu sagen, und da wir eine Sauwirtschaft haben, ist auch unser Schicksal danach. Als Heilmittel empfahl er für die deutschen Arbeiter die russische Kur. Damals in Werder hatte er Bundschuh zu einem Besuch ermuntert, zu einem Besuch in der Kellerstraße Nummer soundso viel, Hinterhaus rechter Flügel vier Treppen. Und er war gekommen, hatte geklingelt und höflich gefragt, aber da schlug ihm eine junge Frau die Türe vor der Nase zu und sagte, hier wohnt schon lange kein Otto Müller mehr. Schön. Das wäre also erledigt. Aber was sollte er tun? Nach Werder fahren? Was sollte er dort? Arbeiten? Ausgeschlossen, es gab doch keine Arbeit! Drei Mark hatte er noch in der Tasche. Das war sein ganzes Vermögen. Ach was, es gibt Menschen, die noch ärmer sind, dachte er. Durch die Kneipe kamen einige uniformierte Rotfrontkämpfer und musterten mißtrauisch den Fremden, der an der Theke stand, den letzten Bissen mit dem letzten Schluck Bier hinunterspülte und nicht wußte, was er tun sollte. In Berlin ist der Mensch noch einsamer als in der tiefsten Wüste. Gleichgültig treibt in Berlin der Menschenstrom aneinander vorbei. Keiner kennt den andern, und er will ihn auch gar nicht kennenlernen. Keine Zeit, keine Zeit! Sie rennen den Straßenbahnen nach, sie stürzen sich kopfüber in die Schächte der Untergrundbahnen wie Taucher, die nach Perlen fischen. Sie stoßen sich, sie drängen, gebrauchen die Ellenbogen und wollen immer die ersten sein. Und dabei haben sie nichts verloren als sich selbst. Ein junger Mann, Mitte der Zwanzig, die Mütze schief aus dem rechten Ohr und mit einer weizengelben Strähne in der Stirn, näherte sich langsam und fragte: »Bist wohl fremd hier, Kollege, oder wartest du auf wem?« »Fremd, ja, ich wollte Müller besuchen, Otto Müller, aber der wohnt wohl nicht mehr in der Kellerstraße.« »Müller, Müller, Otto Müller? Kenne ich nicht«, antwortete der Mann mit der schiefen Mütze und der Haarsträhne. Er warf aus hellblauen Augen einen prüfenden Blick aus den Gast. »Und da hast du dich wohl in das Lokal hier verirrt? Hast du vielleicht einen Ausweis bei dir?« Bundschuh griff in die Tasche. »Ja, das Parteibuch.« »Das möchte ich mal sehen. Gib her.« Er nahm das Buch an sich. »Aber ich kenne dich doch nicht.« »Macht nichts, ich bin der Paule Riedel«, antwortete fröhlich der andre und winkte mit den Augen zwei Kameraden heran. Sie kamen langsam nach der Theke. »Das hier ist Erwin«, stellte er vor, »und das ist Kurt. Und das«, er hob die Hand, »das ist ein Genosse von auswärts. Unterhaltet euch mal ein bißchen, ich habe hinten zu tun.« Erwin und Kurt nickten. Riedel verschwand im Hinterzimmer. »Bist du schon lange in Berlin?« fragte Erwin, ein blasser, unterernährter Bursche, neunzehn Jahre alt, über zwei Jahre erwerbslos und vor einer Ewigkeit mal Laufbursche gewesen. Sein Gesicht war fahl. Die grünen Augen hatten keine Wimpern. »Wo bist du her?« »Aus Werder«, sagte Bundschuh und betete seinen alten Spruch noch einmal herunter. »Ach so, den Otto Müller wolltest du besuchen, und der ist wohl nicht zu Hause?« fragte Kurt. Er war zwanzig Jahre alt, rund und gesund, mit einem Vollmondgesicht und auch schon zwei Jahre arbeitslos. Der verschlissene Anzug saß ganz eng an seinem Leibe und krachte beinahe in den Nähten. Kurt setzte noch im Elend Fett an. Das war die einzige Erbmasse, über die der dicke Kurt verfügte. »Nein, der ist doch überhaupt nicht mehr hier!« Kurt und Erwin wechselten wissende Blicke. Riedel hatte ihm das Parteibuch abgenommen: sollte das ein Spitzel sein? Die liefen wie wild durch die Gegend. »Natürlich nicht«, sagte Erwin, »na, da wartest du mal ein bißchen. Der Paule Riedel wird dir Auskunft geben. Der Junge ist richtig und treu wie Gold. Mit dem kann man Pferde stehlen gehen. Auf den kannst du dich verlassen.« Kurt griff in die Tasche. »Zigarette gefällig?« »Jetzt nicht«, sagte Bundschuh, »danke. Trinkt ihr einen Becher Bier mit?« »Später, Kollege«, antwortete Erwin, »wir wollen noch ein bißchen warten. Später gern. Aber jetzt geht es noch nicht.« Jetzt geht es noch nicht? Warum geht es nicht? Ach so, Bundschuh begriff endlich. Man kann doch nicht mit einem Menschen Bier trinken, dessen Papiere im Nebenzimmer geprüft werden! Er blickte auf Erwin, dessen Gesicht war kühl, er blickte auf Kurt, der senkte schuldbewußt das Vollmondgesicht. Die Musik verstummte. Kurt und Erwin wichen nicht von seiner Seite. Bundschuh sah sich in der Kneipe um. An den verräucherten Wänden hingen vergilbte Bilder und Plakate von der letzten Wahl. Hinter der Theke pries ein gerahmtes Schild gepflegte Biere und eine gut, bürgerliche Küche an. Wer konnte hier gutbürgerliche Küche bestellen? Unter Glassturz stand ein Teller mit Bouletten aus Pferdefleisch. Graue Sülze wartete vergeblich aus Kundschaft. Die Türe von der Straße öffnete sich. Otto Müller kam. Er warf einen geschwinden Blick in das Lokal. Dann stutzte er. Ja, den Mann zwischen Erwin und Kurt kannte er doch. Das war doch Bundschuh aus Werder! Und nun ging er leise und lächelnd auf ihn zu, schlug ihm die Hand aus die Schulter und sagte: »Was sehen meine entzündeten Augen? Das ist ja der Eugen aus Werder! Mensch, wie kommt der Glanz in unsre arme Hütte? Wie kommst du in unsre liebliche Gegend?« Die Gesichter von Kurt und Erwin entspannten sich. Müller war gekommen, Müller hatte den Fremden begrüßt. Er war also kein Spitzel. Sie lächelten. »Hast mich doch selber eingeladen, alter Junge«, sagte Bundschuh und schüttelte Müllers Hand, »Arbeit gibts bei uns keine, und da bin ich eben gekommen. Und als ich bei dir klingelte hat so eine alte Schachtel die Türe vor meiner Nase zugeknallt. ›Müller, Müller‹, ahmte er Muckis Stimme nach, ›bei uns im Hause wohnt schon lange kein Otto Müller mehr‹. Mensch, Otto, wo wohnst du nun eigentlich? »Ach so, du warst der Klingelfritze? Aber laß Mucki nichts hören von wegen oller Schachtel! So alt ist sie nämlich gar nicht, Liebling. Einundzwanzig und außerdem meine Frau ... Aber nun komm, Jüngling aus der Spargelgegend, du bist gerade zur rechten Zeit ausgetaucht. Hier in Berlin wird nämlich auch was gestochen, aber kein Spargel«, lachte er schallend, »los, wir haben gerade eine Besprechung. Herfurt will auch kommen.« »Herfurt?« »Ja, aber nun komm.« Er zog Bundschuh in das Hinterzimmer. Kurt und Erwin folgten. Das Hinterzimmer war überfüllt. Alte und junge Arbeiter saßen an den Tischen. Die Musikinstrumente lehnten in der Ecke. Rauch und Dunst schlugen den Eintretenden entgegen. »Genossen«, sagte Müller, »das hier ist ein Bekannter aus Werder. Mein Freund Bundschuh.« »Ist gut, Otto, daß du endlich gekommen bist, wir haben uns eben das Parteibuch angesehen. Es ist in Ordnung, aber wir waren im Zweifel, ob es trotzdem in Ordnung ist. Aber wenn du den Mann da kennst, ist alles erledigt«, sagte Paul Riedel. »Mensch, jetzt ist der Becher Bier fällig«, lachte Erwin. Bundschuh beauftragte Kurt, zwei Becher Bier zu holen. »Alles in Ordnung, Paule«, lachte Müller. Er wandte sich an seinen Freund und erklärte: »Na, klappt unser Laden nicht großartig? Von wegen nur Parteibuch als Ausweis! Das gibts in diesen Zeiten nicht mehr. Wir haben Spitzel mit den besten Parteibüchern kennengelernt und hinausgefeuert. Bei uns haben die Kerle kein Glück ... Was macht der Spargel? Blühen in Werder schon wieder die Bäume?« »Das eine blüht und das andre wird gestochen!« Erwin stieß Kurt, der mit dem Bier schon lange wieder zurück war, laufen konnte er schon, der dicke Junge, in die Rippen und sagte: »Prost, Kurt, der Junge da ist richtig.« Sie tranken das Bier. »Nicht so hastig, Kurt«, rief Müller, »bestelle eine Lage. Nein«, verbesserte er sich, »lieber einen großen Stiefel. Der ist billiger. Ich habe heute die Spendierhosen an.« Kurt rannte davon und brachte den großen gläsernen Stiefel. Müller nahm ihn feierlich entgegen, kippte den weißen Schaum in das Zimmer und trank. Dann gab er das Männergefäß an Bundschuh weiter und wischte sich den Mund ab. Und der Stiefel schritt von Mund zu Mund durch das verrauchte Zimmer und wurde schweigend geleert. Kurt leckte mit der roten Zunge den weißen Schaum von den Lippen. Das Biertrinken war wie eine feierliche Handlung. Und dann saßen sie alle zwanglos zusammen und waren genau so wie die Mitglieder in einem Kegelverein oder Angelklub. Sie sprachen von den schlechten Zeiten, die anders werden müssen, von der Arbeitslosigkeit, von den Mädchen, den Kindern und den Fußballwettkämpfen. Müller schlug mit dem Schlüssel an den gläsernen Stiefel und eröffnete die Besprechung mit der Nachricht, daß der Genosse Hans Herfurt, wenn irgend möglich, wahrscheinlich in eigner Person erscheinen werde, es sei denn, er müsse in eine andre, noch dringendere Sitzung. Es sei dem aber wie ihm wolle, er, Otto Müller, sei von der Kampfleitung beauftragt, einige Worte an die Versammlung zu richten. Jetzt war er nicht mehr der verliebte Mann und auch nicht der Biertrinker. Jetzt war er im Dienst und erging sich in dunklen und verschnörkelten Redensarten, die wie eine Geheimsprache waren. Er war in die Maschine der Bewegung gekommen und klapperte wie eine Maschine. Das Proletariat, dieser an Händen und Füßen geknebelte Riese, sagte er, sei müde seiner Ketten und Peiniger. Er habe den roten Ruf aus dem roten Osten vernommen, ob es nun der Regierung angenehm sei oder nicht. Die Augen der ganzen Welt seien auf den Wedding gerichtet, die Augen der schon befreiten russischen Arbeiter und Bauern in Moskau und Sibirien, in der Ukraine und in der Krim. Und die Augen der noch unterdrückten Arbeiter und Bauern seien auch auf das rote Berlin gerichtet, die proletarischen Augen in China, Frankreich, Indien, Belgien, Bulgarien, Italien, England, Irland, Nordamerika, Venezuela, Mexiko, der Schweiz und der ganzen Welt, ob sie nun schwarze, weiße, rote, gelbe oder braune Hautfarbe haben. Und wir haben den Kampf aufgenommen, sagte er, den Kampf gegen den Kapitalismus und die reformistischen Arbeiterverräter, und wir wollen kämpfen, schloß er erhitzt, bis zum letzten Hauch von Roß und Mann auch gegen die Hauptfeinde der Reaktion, gegen die Faschisten, die Hitlergarde, die Hakenkreuzmänner. Über eine halbe Stunde sprach und donnerte Müller in dem kleinen Hinterzimmer. Manchmal äugte er nach der Türe und wartete auf Hans Herfurt. Die Gesichter seiner Zuhörer begeisterten sich. Sie hingen an seinem Munde und fühlten die Augen der ganzen Welt auf sich gerichtet. Ja, der 0tto konnte reden! Ja, der Wedding war berühmt! Hier auf dem Wedding war die Partei am stärksten, hier auf dem Wedding wurde die Generallinie der Partei verfolgt, hier gab es keine faulen und verfluchten Kompromisse. Herfurt kam nicht. Er saß, als Müller redete und donnerte, mit Thea Gärtner am Kurfürstendamm, machte ihr schöne Augen und blieb ernst bei den Späßen im ›Kabarett der Komiker‹. Dann fuhr er mit der jungen Frau nach der Rankestraße und hatte eine Besprechung mit zwei chinesischen Studenten, die nach New York reisten, um dort die Geheimbünde für den Kommunismus zu erobern. Herfurt blieb auch bei dem komischen Deutsch der Chinesen ernst, aber Thea Gärtner lächelte manchmal. Müller hatte nichts mehr zu sagen. Als er fertig war, fühlten die Männer im Hinterzimmer nicht mehr die Augen der ganzen Welt auf sich gerichtet. Sie setzten sich bequemer hin, tranken das schale Bier aus und rauchten die billigen Zigaretten, fünf Stück für zehn Pfennige. Müller ließ jetzt einen neuen Stiefel bringen. Kurt brachte ihn. Bundschuh hatte auch in Werder Parteisitzungen mitgemacht. Dort kannten sich die Genossen. Sie waren Landarbeiter, Waldarbeiter, Straßenarbeiter, Fischer oder kleine Gärtner. In ihren Versammlungen besprachen sie die Nöte und Sorgen des Tages. Mehr oder weniger waren sie Werderianer, Inselmenschen, und die chinesische Frage, um die sich die Partei so sehr bemühte, ließ sie vollkommen kalt. Sprachen und diskutierten die Chinesen über die deutsche Frage? Was schlugen sie vor, um die Arbeitslosigkeit in Werder zu beheben und was noch, um die Steuern zu senken? Ja, in Berlin, in diesem Steinhaufen und Dunstkreis der Verführung, in diesem tollen Gegeneinander war alles ganz anders. Hier waren sich die Menschen fremd. In einer einzigen Straße wohnten mehr Leute als in einer kleinen Stadt oder in einem großen Dorfe. Sie hatte keine Erde unter den Füßen mehr. Sie liefen aus öligen Steinen, erhitzten sich an Theorien und brauchten wahrscheinlich die chinesische Frage, um aus dem Wedding, in Neukölln, am Friedrichshain und in Lichtenberg überhaupt leben und atmen zu können. »Was macht ihr morgen, am 1. Mai, in eurem Kaff? Bei uns gibts dicke Luft«, sagte Müller und setzte sich neben Bundschuh, und zündete sich die Zigarette an. »Bei uns? Am Abend Kundgebung im Schwarzen Adler wie jedes Jahr. Wenn die Kirschen blühen und die Apfelbäume und die Pfirsiche, wenn es Beerenwein gibt, ist politisch nicht viel los bei uns in Werder«, verteidigte sich Bundschuh und lachte. »Keine Bange, das kleine Werder schnappen wir gelegentlich mal von Berlin aus. Und wir machen ein Sanatorium draus, Eugen, und wenn du hübsch bei der Stange bleibst, kannst du noch Volkskommissar in dieser Stadt werden«, scherzte Müller. Dann wurde er ernsthaft. »Aber was machen wir mit dir? Bei uns in der Kellerstraße ist alles überfüllt, wir erwarten noch hohen Besuch und können dich nicht gebrauchen.« »Er kann doch in Neukölln übernachten, bei der Thea Gärtner«, sagte Paul Riedel. »Das heißt, im Fremdenzimmer, damit du dir keine falschen Vorstellungen machst«, lachte Müller. »Das ist eine ausgezeichnete Idee, Paule, und da siehst du die alte Flamme wieder einmal. Gruß von uns allen und hauptsächlich von mir und Frau Müller.« Kurt lachte dumm. Er kannte Thea und wußte, wie es um Riedel bestellt war. Die alte Flamme, die alte Flamme, das hatte Müller gut gesagt. Riedel errötete und sagte: »Ich werde die Grüße ausrichten, Otto, von dir und von Frau Müller.« Sie verabschiedeten sich, gingen die Kellerstraße entlang und kamen nach der Weddingstraße. Dort wurde gebaut. Steine und Bretter lagen da, Balken und Kandelaber, gußeiserne Sockel und Gasrohre. Bauhütten waren errichtet. Daneben standen die graugestrichenen Arbeitswagen der Tiefbauunternehmen. Die Arbeiter hatten längst schon Feierabend gemacht. Überall hingen rote Fahnen aus den Fenstern und Dachluken. Sichel und Hammer verkündeten die neue Lehre. Bestickte Spruchbänder riefen ihre Parolen in die dämmernde Dunkelheit. Grau, trostlos waren diese Straßen, arm und armselig. Sie mußten revoltieren, um überhaupt gehört zu werden. Wie von stehenden Gewässern stieg Dunst auf und benahm den Atem. Die meisten Destillen waren leer. Wer konnte hier noch Bier trinken? Die Wasserbäuche der Gastwirte verfielen. In den Kinos liefen verlogene Filme wie gleißende Verführungen aus einer andren Welt. Alte Frauen schleppten sich müde vorbei. Bettler suchten sich das Schlafgeld zusammen, Junge Mädchen tänzelten über das Steinpflaster, als gingen sie auf Frühlingswiesen. Ein Flitzer mit grüner Polizei brauste an. Vorn am Führersitz stand das verschleierte Riesenauge des Scheinwerfers. Riedel starrte dem Auto haßerfüllt nach. Er kannte die Polizei und hatte ihre Gummiknüppel schon viele Male auf seinem Rücken gespürt. Auch die überfüllten Zellen nach aufgelösten Versammlungen kannte er schon. Nein, er war kein Freund der Polizei. Bundschuh blieb gleichgültig. Er wollte schlafen. Mit der Untergrund, Riedel nahm zwei Stufen der Treppe mit einem Schritt, fuhren sie nach Neukölln, nach dem Hermannplatz. Unterwegs erzählte Riedel von der Arbeit in Berlin. Schwer war die Arbeit, aber die Partei befestigte sich. Und dann begann er von den Nazistürmen zu sprechen, die sich in den Arbeitervierteln immer mehr festsetzten. »Das verstehe ich nicht«, sagte er, »ich verstehe nicht, wie Arbeiter in die Stürme gehen können. Freunde von mir sind dabei, aber jetzt ist es aus mit den Freundschaften. Schade um die feinen Kerle! Aber wenn man mit ihnen spricht, redet man wie gegen eine Felswand ... Hast du den Hitler schon mal gehört oder den Doktor Goebbels? Die sollen noch besser sprechen als unser Herfurt. Na ja, vielleicht haue ich doch mal los und höre mir an, was die zu sagen haben.« Nein, Bundschuh hatte noch keine Naziversammlung besucht. Riedel schwieg eine kleine Weile, dann begann er von Thea Gärtner zu erzählen. Seine Stimme wurde voller, seine hellen Augen dunkler. Er war ein ganz andrer Mensch. »Das ist so eine Sache mit Thea«, sagte er, »ihren Mann haben sie im vergangenen Jahre bei einem Zusammenstoß erschossen. Er kam als Zuschauer aus die Straße, ganz zufällig, weißt du, und päng, päng, päng, schon hatte er ein Ding verpaßt und fiel um. Mit Kurt brachte ich ihn nach der Unfallstation. Ich hatte gerade in Neukölln zu tun.« Was er zu tun hatte, verschwieg er. Unterwegs ist er verblutet. War Ingenieur. Und dann haben wir Thea kennengelernt, und sie hat sich der Bewegung angeschlossen. Ihr Bruder ist Konstrukteur und sympathisiert mit uns.« »Und was macht die Thea?« fragte Bundschuh. »Ach, sie ist eine feine Frau. Sie hat was Geld und unterstützt die armen Teufel. Und bei Herfurt macht sie ab und zu Sekretariatsarbeiten. Und wenn wir Quartier brauchen, auf die Thea können wir immer rechnen. Ja«, er zögerte, »und hübsch ist sie auch, die Thea!« »Und Herfurt, wie ist der?« »Das ist eine Kanone, aber er hat immer Weibergeschichten am Halse, das ist sein Fehler, vor einer Woche ist er aus Moskau gekommen, und der wird noch mal den Laden bei uns in Deutschland schmeißen ... Und was machst du? Bleibst du lange in Berlin?« »Wenn ich Arbeit bekomme, dann schon. Hast du Arbeit?« Riedel schüttelte den Kopf. »Nein, schon lange nicht mehr. Und immer stempeln und Wohlfahrt, das ist zum Kotzen! Aber es wird anders!« seine Augen leuchteten. »Wir machen es schon anders. Da kannst du Gift drauf nehmen. Morgen abend, ja, morgen abend werden wir uns wieder sprechen.« »Morgen abend?« »Ja, morgen abend.« Sie verließen die Untergrundbahn und gingen schweigend nach der Kaiser-Friedrich-Straße. Was sollten sie sich noch viel erzählen! Es War dunkel geworden, und die Laternen brannten. Berlin neigte sich müde der Nacht und seinen Träumen zu. Thea Gärtner war zu Hause. Riedel stotterte und errötete, als er mit der jungen Frau sprach. Er wußte nicht, was er mit seinen unruhigen Händen anfangen sollte. Endlich steckte er sie in die Taschen. Thea sah das und lächelte. Ihr Gesicht wurde ganz jung. »Das ist ein Genosse von auswärts«, sagte Riedel, »Otto Müller schickt ihn, und ich soll grüßen, und Sie möchten doch Bundschuh vorläufig hierbehalten, bis sich was andres gefunden hat, Thea. Ja, und ... nein, danke, ich kann mich nicht setzen, wirklich nicht, ich habe keine Zeit mehr. Auf Wiedersehn und gute Nacht!« Er nickte Bundschuh zu, und als er Thea die Hand gab, lief über sein offenes Gesicht eine Feuerwelle. Riedel ging. Thea lud Bundschuh zu sitzen ein. Er setzte sich. »Wie gefällt es Ihnen in Berlin?« fragte sie. »Ja, das weiß ich noch nicht, in Werder ist es schon schöner. Immer könnte ich wohl nicht hier leben.« »Man gewöhnt sich an Berlin«, sagte die Frau, »ich bin in Jena geboren, aber ich möchte nicht mehr fort. Hier ist das geistige Zentrum, und hier werden doch alle Dinge entschieden. Das Land«, sie machte ein hochmütiges Gesicht, »das Land ist als Sommerfrische ja ganz schön, aber immer dort leben? Nein, das nicht.« Sie lachte. Bundschuh nickte höflich und verzog das Gesicht. Schön war diese Frau, siebenundzwanzig Jahre alt, rank und schlank. Aus der schmalen Mitte wuchs das Wunder eines ebenmäßigen Leibes, schickte den Hals wie einen Marmorstengel empor und vollendete sich in einem schmalen, lieblichen Gesicht mit grünen Augen. Über der niedrigen Stirn lagen schimmernd rotblonde Haare. Sieben Jahre war Thea verheiratet gewesen. Glücklich oder unglücklich, das wußte sie selbst nicht. Diese sieben Jahre waren einfach so hingeplätschert. Ihr Mann nannte sie ›Mausi‹, immer nur ›Mausi‹ und sie sagte ›Peterle‹ zu ihm. Und nun war Mausi eine Witwe und Peterle ein toter Mann. Kinder, ach, sie sehnte sich nach einem Kinde! Sie sehnte sich nach sieben Kindern, wenn sie sichs ganz genau überlegte. Der Hochmut entwich ihrem schmalen Gesicht. Im Nachhall ihres kleinen Lachens fröstelte sie. »Machen Sie sichs bequem«, sagte sie, »es gibt Tee und ein Butterbrot, und wenn Sie müde sind, das Zimmer ist auch fertig. Ich habe fast immer Gäste bei mir. Mal den und mal jenen. So lernt man die Menschen kennen. Sind Sie schon lange in der Partei?« »Aber fünf Jahre.« »Wie die Zeit vergeht«, sagte sie gedankenlos und musterte sein sonnengebräuntes Gesicht. Drittes Kapitel D ie Sonne schien auf das breite Bett und weckte den Schläfer. Die Glocke einer nahen Kirche schlug die neunte Stunde an. Bundschuh blinzelte in das Licht, hörte die neun Glockenschläge und sprang mit einem Satze aus dem Bett. Neun Uhr! Zehn Stunden hatte er geschlafen! Drei Kniebeugen vor dem offnen Fenster, dann die Luft einatmen, das alles kannte er schon in Werder und gehörte zum Morgen wie das Zähneputzen und das Waschen. Schnell in die Kleider und dann in die Stube. Guten Morgen, Genossin Thea! Wer die junge Frau war nicht da. Auf dem weißgedeckten Tisch stand das Frühstück. Über der Kaffeekanne erhob sich eine lächelnde Puppendame mit gebauschtem Reifrock. Neben der Puppe lagen auf einem Zettel zwei Schlüssel. Thea hatte geschrieben: »Lieber Bundschuh, ich muß ganz eilig in die Stadt zu Herfurt. Und da ich nicht weiß, wann ich wiederkomme, und weil ich nicht wecken wollte, der Schlaf ist heilig, habe ich das Frühstück fertiggemacht. Lassen Sie sichs recht gut schmecken. Und die beiden Schlüssel schließen die Wohnung auf. Im Abend sehen wir uns wieder. Sie sind mein Gast, und bis dahin recht schöne Grüße von Thea Gärtner. – PS. Bevor Sie aber gehen, geben Sie dem Peterle noch einmal frisches Wasser.« Dann kam noch eine krakliche Nachschrift! »Gehen Sie nicht vor zehn Uhr, ich rufe bis dahin an.« Komische Frau, diese Thea, sie ist so sprunghaft wie ihre Krakelschrift, dachte Bundschuh und lächelte. Gestern abend hatte Thea noch eine ganze Stunde von sich und ihrer Ehe erzählt, von den sieben Jahren mit Peterle, dem Mann, und dem einen Jahr mit Peterle, dem Kanari. Der Mund plapperte, die grünen Augen leuchteten manchmal wie Katzenaugen, dann erstarrten sie, wurden groß und ruhig und still wie edle Steine. Ja, sie hatte viel erzählt und gefragt, die Thea. Schon in der ersten Stunde ihrer Bekanntschaft berichtete sie von ihrem Mann, von Paul Riedel und dem dicken Kurt, von ihrem Bruder, dem Konstrukteur und von Hans Herfurt, dem großen Politiker. Unermüdlich ging ihr Mundwerk, aber die grünen Augen waren nicht bei den Erzählungen, sie waren wo ganz anders diese Katzenaugen, diese Edelsteinaugen. Thea fragte: »Und wo leben Ihre Eltern, Bundschuh?« »Die sind gestorben.« »Aber Sie haben doch Verwandte?« »Nein.« Ja, und da hatte sie behutsam über seine Haare gestrichen, geseufzt und gesagt: »Armer Junge, das ist ja furchtbar, keinen Menschen mehr aus der Welt zu haben!« »Keinen Menschen? Ich habe ja die Partei!« hatte er geantwortet. Die grünen Augen erschienen ihm in der Nacht im Traum, aber es waren nur Augen, die wie grüne Lichter aus Nebel aufblühten und flackerten. Die Nacht war vorbei. Die Sonne schien aus den Frühstückstisch, und sie leuchtete auch in den Käfig, in dem Peterle saß und sang. Bundschuh hob die Puppe von der Kaffeekanne, stellte sie auf den Tisch und frühstückte. So gut hatte er es in den letzten Jahren nicht mehr gehabt. Zigaretten lagen neben dem Aschebecher und den Zündhölzern. Zeitungen gab es keine. Heute war ja der 1. Mai, und auch die Buchdrucker feierten ihn. Der Polizeipräsident hatte Umzüge und Demonstration verboten, aber er konnte den 1. Mai nicht verbieten. Die Arbeit und der 1. Mai gehörten zusammen wie Bruder und Schwester. Die Arbeit nährte die Nationen und schuf eine neue Ordnung zwischen den Klassen. Die Arbeit ist ein Hammer, der einmal alle Klassengrenzen zerschlagen wird, schwärmte Bundschuh, als er sich die erste Zigarette ansteckte. Peterle begann schmelzend zu singen, und mitten in den schönsten Kanarienvogelschmelzgesang hinein schrillte das Telephon. »Ja, bitte? Hier Bundschuh bei Gärtner!« »Schon ausgeschlafen?« fragte Thea. »Ich habe im Westen zu tun. Wir wollen uns treffen, Punkt ein Uhr Unter den Linden im Lindenrestaurant. Da wollen wir zusammen einen Happenpappen essen. Hans Herfurt ist auch da, ich habe ihm von Ihnen erzählt. Gibts was Neues? Nein, vergessen Sie Peterle nicht, und kommen Sie pünktlich, Eugen.« Sie hängte ab. Bundschuh verzog das Gesicht. Na schön, sie hätte doch wenigstens seine Antwort abwarten können. Also nicht, liebe Tante. Und von wegen so und so, er war doch nicht mit ihr verheiratet! Noch eine Zigarette steckte er sich an, das Püppchen setzte er auf die Kaffeekanne, den Peterle versorgte er mit frischem Wasser und verließ dann die Wohnung. Am Hermannplatz kam er in Menschenwirbel hinein. Es war, als senke sich ein Magnet, ein Riesenmagnet vom Himmel nach den Straßen der Stadt und risse hier und dort eine Gruppe aus den Hinterhöfen und setze sie auf den großen Platz. Und auf diesem großen Platz waren die Gruppen selbst mit magnetischen Kräften begabt, stießen ab, zogen an, lösten sich aus, verwandelten sich, rollten an und zerbrachen an der Steilmauer von grüner Polizei, die aus der Erde wuchs. Hin und her trieben die Menschen, sie wurden auseinandergesprengt, sie sammelten sich wieder, dichter, dunkler, entschloßner. Hochrufe und Niederschreie gellten, Pfiffe und rote Lieder. Das waren keine zerstreuten Gruppen und Kolonnen mehr, das Auf und Ab, das Hoch und Nieder erinnerte an die See, an das Meer mit Ebbe und Flut, Sturm und hinterhältigen Windstößen, Wetterwolken und kurze harte Wellenschläge. Der Schaum über der schwarzen See war rot und leuchtete auf in den vielen Bannern, die sich auf und ab bewegten und geheimnisvoll bauschten. Die Hinterhöfe, die Dachkammern, die Keller und Elendsviertel hatte ihre Bewohner in den ersten Maientag geschickt. Alte und junge Arbeiter, schwerfällige und behende, kühle und leidenschaftliche, feige und tapfre, Sturmgarde und ewige Nachzügler marschierten aus den Straßen. Frauen und Mädchen waren dabei, blühende und verblühte, und auch Kinder hatten sich eingereiht. Der Hermannplatz war wie ein Marsfeld, und die Masse sang: »Seht wie der Zug von Millionen Endlos aus Nächtigem quillt, Bis eurer Sehnsucht verlangen Himmel und Nacht überschwillt!« Das war ein russisches Lied, die Melodie war russisch, die Worte aber wuchsen aus deutschem Blut und aus deutscher Sehnsucht. Heilig die letzte Schlacht! sangen die Männer, die Frauen, die Kinder. Die Polizei sang nicht mit. Sie ließ die Befehle schallen, band die Tschakos fester und ließ die Gummiknüppel tanzen. Weitergehen, nicht stehenbleiben, weitergehen, bitte, weitergehen. Los, weiter, zurück alles und Straße frei! Die Straßenbahnen fuhren. Die Untergrund war im Betrieb. Nein, die Streikparole hatte keinen Erfolg gehabt. Mit der Untergrundbahn fuhr Bundschuh bis zur Leipziger Straße und bummelte nach den Linden hinauf. Hier aus diesem Wege merkte man wenig vom 1. Mai. Alle Geschäfte waren geöffnet. Viele Passanten lächelten über die Parteiabzeichen, die hier und da ausleuchteten. Vor zehn Jahren hatten sie selbst Parteiabzeichen angesteckt. Aber das war nun wohl vorbei, endgültig vorbei. Die Revolution war vorbei. Ja, die Republik stand aus festen Füßen. Die Geschäfte konnten schon besser gehen, aber sie waren immer noch leidlich. ›Man richtet sich ein, Herr, ganz recht, gnädige Frau, ja natürlich, die Arbeitslosigkeit, das merken Wir auch beim Umsatz, gnädige Frau. Na, hoffentlich wirds bald besser!‹ Unter den Linden hatten die Bäume ihr erstes Grün herausgesteckt, aber diese Straße war schon lange nicht mehr die Hauptstraße Berlins. Vor den Cafés standen Tische, Stühle und grüne Büsche, Lorbeer und Oleander. Frühlingsmoden tänzelten vorüber, große Welt und halbe Welt. Die Russische Botschaft hatte Rot geflaggt. Autos und Autobusse. Der Blumenladen im Adlon zeigte märchenhafte Orchideen. Bundschuh hatte sich verlaufen und war bis zum Brandenburger Tor gekommen. Der Triumphbogen lag in der Bannmeile und hatte seinen Sinn verloren. ›Ja, entschuldigen Sie, bitte, wo ist das Lindenrestaurant?‹ Ein alter, freundlicher Herr schickte den Frager nach der richtigen Stelle. Der Türhüter, der wie der Gesandte eines exotischen Staates aussah, musterte kritisch den jungen Mann in den abgetragnen Kleidern. War es ein Gast? War es ein Bettler? Der Türhüter stand mit seinem Urteil wie auf Glatteis, aber bald stand er wieder aus festem Boden. Am Fenstertisch erhob sich eine Dame und winkte dem Eintretenden freundlich zu. Also doch ein Gast und kein Bettler! Der Mann am Fenstertisch nickte mit dem Kopf. Der Kopf war sein Geld wert und zeigte auf den ersten Blick ein unförmiges Kinn und einen großen, weibischen Mund. Die Schläfen waren dünnwandig, der Schädel mit den spärlichen Haaren sah zerbrechlich aus. Die Augen? Nein, die Augen sagten nichts; Kinn und Mund bestimmten das Gesicht, das Hammerkinn, der Frauenmund. Wille war das Kinn. Gefühl der Mund. Und der Mann, den Willen und Gefühl bestimmten, hieß Hans Herfurt und war der berühmte Redner und Führer der Partei. Jetzt stand er auf, als sich Bundschuh näherte. Thea Gärtner stellte vor: »Hans Herfurt – Eugen Bundschuh.« »Nimm Platz, Genosse«, lispelte Herfurt mit hoher Stimme. Bundschuh nahm Platz. Der Oberkellner kam, ein Elegant mit klugem Diplomatengesicht, und nahm die Bestellungen entgegen. Thea erbarmte sich Bundschuhs und bestellte für ihn. Während des Essens wurde wenig gesprochen. Herfurt warf ab und zu einen prüfenden Blick aus den Gast, der große Mühe hatte, sich sachgemäß der vielen Gabeln und Messer zu bedienen. Den Wein trank er mit verklärtem Gesicht. In Wein kannte er sich aus, wenn es auch nur Beerenwein war aus Werder an der Havel. Der Tisch wurde abgeräumt. Der Ober brachte Kaffee in silbernen Kännchen. Herfurt reichte Zigaretten herüber. Ganz vornehm, beinahe schon nicht mehr da, spielte im Hintergrund gedämpfte Musik. »Ja, Thea hat mir erzählt, daß du bei ihr wohnst«, begann Herfurt, »und sie hat dich gelobt. Ich brauche nun heute zufällig einen jungen Mann, der für mich einige Dinge erledigen soll. Hast du Zeit?« Bundschuh nickte. Natürlich hatte er Zeit. »Gut. Zuerst begleitest du Thea auf den Wegen durch Berlin. In einer halben Stunde kommen unsre Filmfritzen. Ihr fahrt mit und seht, wie die Stimmung unter den Arbeitern ist. Dann brauche ich einen Kurier, aus den ich mich verlassen kann. Und ich kann mich doch aus dich verlassen?« Bundschuh nickte begeistert. »Ja, auf mich kannst du dich verlassen! Tag und Nacht. Wenn du es verlangst, Herfurt.« Herfurt lächelte gerührt. Er war selber lange Jahre Arbeiter gewesen und kannte die glühende Bereitschaft der jungen Leute, die Verehrung für den Mann an der Spitze, die treue Gefolgschaft, die bedingungslose Hingabe! Glanz und Feuer der Jugend! Diese Adlergesichter! Herfurt seufzte. Er war siebenunddreißig Jahre alt und kannte die Welt. Die Welt kannte ihn. Aber er seufzte, als er das erglühte Gesicht von Eugen Bundschuh sah, die reine Stirn, von der man noch die Gedanken ablesen konnte. »Heute wird nicht demonstriert Wie sonst an einem ersten Mai«, erklärte Herfurt mit leiser Stimme, »heute wollen wir mal sehen, wie stark wir überhaupt sind. Generalprobe sozusagen. Wir haben beschlossen, aus die Straße zu gehen trotz des Verbotes.« »Das ist doch selbstverständlich. Das weiß ich schon. Ich war doch bei Otto Müller in der Kellerstraße, und dort haben wir auf dich gewartet«, antwortete Bundschuh. »Schön, und ich brauche einen Mann, mit dem man Pferde stehlen kann. Bist du bereit?« »Ja. Immer.« »Gut, genau so habe ich mir den Bundschuh vorgestellt, als Thea von ihm erzählte«, schmeichelte Herfurt, und seine nichtssagenden Augen funkelten plötzlich, als er den Namen Thea aussprach. »Ihr fahrt um zwei Uhr mit der Filmabteilung los und seht euch Berlin an. Und um fünneff treffen wir uns. Am Wittenbergplatz im Café Geier.« »Haben Sie Peterle frisches Wasser gegeben? Ja, Eugen? erinnerte sich Thea Gärtner. Bundschuh nickte. Natürlich hatte er dem Peterle frisches Wasser gegeben, aber jetzt und heute ging es doch nicht um blödsinnige Kanarienvögel, zum Teufel, es ging um ganz andre Dinge, um Berlin ging es und darum, wer stärker war in dieser Millionenstadt, die Arbeiter oder die Polizei. Jetzt und heute ging es um Männerangelegenheiten. Und Männer sind ewige Soldaten. Wer sie müssen mobilisiert werden! Die Augen der ganzen Welt, jetzt fiel ihm Müllers Rede von gestern ein, die Augen der ganzen Welt waren aus Berlin gerichtet. Und sie waren auch aus ihn gerichtet, auf Eugen Bundschuh aus Werder an der Havel. »Haben Sie lange geschlafen, Eugen?« fragte Thea. Die Welt schloß ihre Äugen. »Ja, bis neun Uhr«, gab er beschämt zu. »Alles in Ordnung?« fragte Herfurt. Die Welt öffnete ihre Äugen. »Ja, alles in Ordnung«, sagte Bundschuh. »Ober, zahlen, aber schnell«, befahl Herfurt und ließ den Deckel seiner goldnen Uhr springen. Der Ober kam und überreichte die Rechnung wie das Beglaubigungsschreiben einer ausländischen Macht. Thea betupfte ihre blanke Nasenspitze mit Puder, und Herfurt zahlte mit einem Hundertmarkschein. Er gab ein unglaublich hohes Trinkgeld. Der Ober strich es gelassen ein. Herrgott, was war das? Von dem Trinkgeld kann doch ein Arbeitsloser die ganze Woche leben! Bundschuh blickte auf Herfurt, der steckte die Brieftasche ein und runzelte die Stirn. Die Sonne fiel auf das geballte Hammerkinn und den großen, weibischen Mund. Die Backen hingen faltig von den schmalen Schläfen herab. Das dünne braune Haar war nach hinten gekämmt. Unter den Augen dunkelten schwere Tränensäcke. Das ganze Gesicht hatte fast keinen Bartwuchs, auch keine Augenbrauen, nur Wimpern, und schien das Gesicht eines Kobolds zu sein. Die Augen waren nicht schwarz und nicht braun, nicht grau oder grün, sie waren farblos, aber manchmal wurden sie dunkelgold und brennend wie die Augen eines Künstlers. Und wenn die Augen flammten, jauchzte die Masse. Herfurts Lispelstimme schwoll an, donnerte, zauberte, riß hin und begeisterte. Und wenn die Augen flammten, ergaben sich auch die Frauen. Von seinen Liebesgeschichten sprach man in der Partei genau so viel wie von seinen berühmten Reden. An der schmalen rechten Hand trug er einen mattgehämmerten Goldreif. Den hatte er aus Rußland mitgebracht und von irgendeiner Nina, Njura, Katja, Jelena oder Marsa bekommen. Seinen Anzug hatte ein Meister aus englischem Tuch gebaut. Das seidne Oberhemd war ein wenig zu bunt, die Schleife ein Wenig zu phantasievoll, aber daran war nur Uralski schuld, der trug noch buntere Oberhemden und noch phantasievollere Schleifen. »Haben Sie auch richtig zugeschlossen, Eugen?« fragte Thea und suchte Bundschuhs Blick. Bundschuh nickte. »Ja, hier sind die Schlüssel.« Thea wehrte enttäuscht ab. Herfurt lächelte. Ja, sie sollte schon ein wenig zappeln, die Thea. Sie ließ ihn doch auch zappeln, und erst ihr Widerstand hatte ihn neugierig gemacht. Einmal fiel sie doch in seine Arme. »Ich habe doch selber Schlüssel, Eugen«, sagte Thea und bezwang ihre Enttäuschung, »und wo wollen Sie denn heute Nacht schlafen? Sie sind mein Gast, und vorläufig bleiben wir noch zusammen.« Vor dem Restaurant hielt ein großes, neues Auto. Der Chauffeur signalisierte dreimal mit der Hupe, der Türhüter, der Sklave, der Gesandte, riß die Türe auf und Herfurt schloß die ganz gewöhnliche Trinkgeldhand mit einer großen Silbermünze. Er gab gern, und er konnte auch geben, denn er hatte viel. Auf der Straße verabschiedete er sich. »Vergeßt nicht, um fünneff im Café Geier. Und nun machs gut, Dame, und auch du, Bundschuh!« Er winkte eine Taxe heran und fuhr nach dem Zoo. Dort hatte er sich verabredet. Mit Kolja Uralski, dem Beauftragten der Internationale. Pünktlich mußte man sein bei den Russen. Zwei Minuten über der Zeit verschwanden sie vom Treffpunkt und ließen sich den ganzen Tag nicht mehr sehen. Und am andern Tage war es schwer, sie aufzufinden. Das ganze nannten sie Konspiration. Nein, Herfurt wollte nicht zu spät kommen. Thea und Bundschuh stiegen in den Wagen zum Kurbelmann. Sie fuhren zuerst nach dem Alexanderplatz. Wie in Neukölln, brachen auch hier aus schmalen, dunklen Straßen die Demonstranten hervor, fahnenschwenkend, liedersingend, und auch hier stand die Polizei wie eine Mauer. Dann Wurde die Mauer lebendig, rückte an, Gummiknüppel tanzten, Weitergehen, weitergehn, nicht stehenbleiben! Hochrufe und Niederschreie, flutendes Auf und Ab, und durch das wogende Menschenmeer pflügte das Auto. Der Kurbelmann drehte gelassen und aufmerksam die Räumung des Platzes. »Fabelhaft, wirklich fabelhaft«, knurrte er und drehte und drehte, »ausgezeichnet, wie sich unsre Leute halten! Da, da, da, da drüben, der Grüne, der wilde Mann mit dem Gummistäbchen! Weiter, weiter, weiterfahren, Fritze, ganz dicht ran, das Bild müssen wir haben.« Der Chauffeur Fritz fuhr ganz dicht ran. Jus der Masse erhoben sich drohende Fäuste. Ein junger Bursche mit nackter Brust, ein tätowierter Adler spannte seine Schwingen, sprang auf das Trittbrett, hielt Fritz die Faust unter die Nase und brüllte mit verzerrtem Gesicht: »Schweinebande, uns geben sie Kattun, uns schlagen sie zu Klump, und die Affen hier filmen! Aufhören, aufhören mit dem Mist!« Thea erhob sich aus der Polsterung. »Aber Genossen«, rief sie mit heller kräftiger Befehlsstimme, »aber Genossen, wir sind doch von der Partei!« »Komm runter, Atze, die sind doch von der Partei, Mensch, die sind doch von der Partei«, riefen einige Arbeiter und machten bereitwilligst Platz für das Auto. Es war ein Auto von der Partei. Die Partei war groß und herrlich, jetzt hatte sie schon Autos. Und Atze, der Mann mit der tätowierten Brust, sprang vom Trittbrett und entschuldigte sich: »Ach, ihr seid von der Partei? Na, dann entschuldigt mal, Genossen, aber das können wir nicht wissen. Steckt wenigstens eine rote Fahne an die Karre, da wissen wir sofort Bescheid.« »Aber natürlich«, sagte Thea. Der Chauffeur Fritz holte unter dem Sitz eine kleine rote Fahne hervor und steckte sie an den Kühler. Und da leuchtete sie, die kleine rote Fahne mit Sichel und Hammer, und alle wußten, Achtung, hier kommt ein Auto, es gehört eigentlich uns, mir und dir, aber vorläufig soll es die Partei haben, die darf nicht zu Fuß latschen. Bundschuh staunte. Partei, Partei! In der Kellerstraße genügte das Parteibuch nicht, aber hier, eine Dame sagte: ›Wir sind von der Partei!‹ und alle glaubten es. Sie fragten nicht einmal, von welcher Partei. Die Gummiknüppel tanzten aus den Köpfen, Schultern und breiten Rücken ihrer Kameraden, und sie machten Platz für den Wagen, damit diese Prügel auch richtig gefilmt wurden. Ja, die Genossen in Moskau sollten mit eignen Augen sehen, wie es in Deutschland zuging. So ging es zu: weitergehen, und wer nicht weiterging, plautz, eins mit dem Stäbchen, und nun haue ab. Ja, die Freunde in Rußland sollten alles sehen! Und sie fragten nach keinem Mandat und keinem Ausweis, sie stellten sich wie Kinder hin und lachten groß und dumm in die Bildstreifen, auf denen zu sehen war, wie ihre Kameraden von der Polizei verprügelt wurden. Die Befehle schallten, die Füße rannten, die Gummiknüppel tanzten, hier und dort gellte ›Hoch!‹ und ›Nieder!‹, aus der Neuen Königstraße kam ein Demonstrationszug, liedersingend, fahnenschwenkend, Alarm, Alarm, und plötzlich geschah ein Wunder: die Polizei ging zurück. Die Masse schrie und brüllte. Aber sie jubelte zu früh. Ein dicker Wasserstrahl schoß in die Menge, ein armdicker Guß zischte in den dichtesten Auflauf hinein. Wasser auf die Fahnen, Wasser in die Lieder, Wasser, nacktes Wasser in alle Begeisterung hinein! Das Wasser zischte, zerstreute und spritzte den dichtesten Auflauf auseinander. Geschrei und Gelächter! Ernst und Würde ersoffen wie zwei schwarze Katzen. Es war einfach grotesk und lächerlich. Sie marschierten aus für die Freiheit der Straße, für die Freiheit der Klasse, aber nun kam die Polizei und spielte Feuerwehr, sie spielte Feuerwehr und schoß mit Wasser! Das war gegen die Spielregeln! Auch der Operateur, dem alles nur Szenerie war, soundso viel Meter Film, auch der Kurbelmann bekam einen armdicken Strahl mitten auf den Kasten. Thea Gärtner kreischte wie ein junges Mädchen. Sie lachte und schüttelte sich, die Tropfen spritzten, der Kurbelmann fluchte, und der Chauffeur Fritz wandte das Auto geschickt durch die flüchtende, lachende und schreiende Menge nach der trocknen Münzstraße hinunter. Bundschuh war ganz weiß vor Wut. Gummiknüppel? Ja, natürlich, aber feste, warum denn nicht? Wenn wir die Macht haben! Aber Wasser, Wasser, kaltes Wasser? Das war gemein, hundsgemein und verächtlich. »Na, junger Freund? Auch eine Dusche abbekommen?« fragte Fritz und lachte übers ganze Gesicht. »Huch, das nächste Mal nehme ich einen Regenschirm mit«, kicherte Thea und schüttelte sich immer noch. »Und ich eine Handgranate!« sagte Bundschuh. In der Münzstraße kam das Auto, das Auto der Partei, nur langsam vorwärts. Das Karl-Liebknecht-Haus am Bülowplatz war umlagert. Auch das Scheunenviertel war auf den Beinen, die Dragonerstraße, die Grenadierstraße, die Mulackstraße, die Weinmeisterstraße, die Steinstraße mit dunklen Gestalten aus der Unterwelt, mit schweren Jungens und leichten Mädels. Die Unterwelt band sich rote Tücher um den Hals. Das Lumpenproletariat stieg aus den Kellern und Kaschemmen und witterte Morgenluft. Thea Gärtner, diese gepflegte Dame aus einer ganz anderen Welt, stand im langsam fahrenden Auto und antwortete den Schiebermützen, geknoteten Halstüchern und fahlen Gesichtern. Die kleine rote Fahne am Kühler, der Kurbelmann, der 1. Mai, und überall die Lieder, die Internationale, die Marseillaise, der Rotgardistenmarsch. Hoch und Nieder! Es lebe! Wer hat uns verraten? Wir sind die erste Reihe! Fritz behielt seine strengen Mienen. Was hatte er mit dem Gesindel in der Münzstraße zu tun? Was hatte die Partei mit den Zuhältern und Fünfgroschenmädels zu tun? Einreißen sollte man hier den ganzen Dreck, die Hinterhöfe, die Keller, die Kaschemmen. Laß sie nur huldvoll winken, die Genossin Dame mit den grünen Katzenaugen! Der Kurbelmann drehte seine Bilder. Die Münzstraße marschierte. Die Dragonerstraße marschierte. Neben ihr stampfte die Mulackstraße und vor ihr die Rückertstraße. Auch diese von Jammer und Elend besudelten Straßen schwenkten die roten Fahnen und glaubten an den 1. Mai. Am Rosenthaler Platz kam Polizei. Die Grünen sprangen ab, schwärmten aus und vertrieben die Menge, die dunkel anflutete und nach dem Alexanderplatz vorstoßen wollte. Unruhig war dieses Berlin, fiebernd die Straßen, die Fahnen, die Parolen. Marsch, marsch, marsch! Dunkle Menschenschlange, die aus einer Steinschlucht hervorbricht und zu singen beginnt! Gellendes Niedergeschrei aus der Masse antwortete den Gummiknüppeln der Polizei. Zu Boden stürzte ein Fahnenträger, verwickelte sich in das bestickte Tuch und lag wie eine sich windende Feuerschlange am Boden. Die Fahne, die Fahne ist in Gefahr! Zwei alte Arbeiter rissen den Gestürzten hoch und retteten ihn und die Fahne vor den Zugriffen der Polizei. Zurück, alles zurück! Sie stellten sich vor den Fahnenträger und gingen erst auseinander, als das Banner in Sicherheit war. Die Fahne ist gerettet! Die Fahne war gerettet, aber die beiden Arbeiter mußten mit auf das Auto. Sie waren verhaftet. Den 1. Mai konnte man nicht verhaften. In der Elsässer Straße blockierten Sprechchöre den Verkehr. Laßt sie schreien! Die Polizei klettert aufs Auto und fährt weiter. Überall gellen die Hochrufe und die Niederschreie. Die ersten Steine fliegen gegen die Polizei. Immer neue Verhaftete werden eingeliefert. Die überfüllten Zellen bersten: Brüder, zur Sonne, zur Freiheit! Wir sind die erste Reihe, wir gehen drauf und dran! Wacht auf, Verdammte dieser Erde, die stets man noch zum Hungern zwingt! Und der Kurbelmann dreht seine Bilder für den Film: ›Maifeier in Berlin!‹ Die Kampfleitung mit Uralski und Herfurt hatte nach einem gutdurchdachten Plane gearbeitet. Die Männer im Hintergrund, die Generalstäbler des Tages, kannten den Bürgerkrieg und seine Strategie. Sie schickten ihre Soldaten in ganz bestimmten Marschrichtungen durch die Steintäler, um die Polizei zu beschäftigen, zu verwirren und zu zermürben. Die Kellerstraße erinnerte an eine überfüllte Promenade irgendwo an einer See. Aber hier gab es keine See. Hier erstarrte das Steinmeer, das Elendsmeer mit der Jammertiefe und der Hungerbank. Am Nettelbeckplatz schäumten und rollten die schwarzen Fluten, auf und ab, vor und zurück schäumten und rollten sie und schickten zuckende Spritzer bis in die graue Müllerstraße hinunter. Das Auto bog in die bewegte Kellerstraße ein und hielt vor der Kneipe, in der am Vorabend Bundschuh den Otto Müller, den Paul Riedel, den blassen Erwin und den dicken Kurt getroffen hatte. Heute gab es keinen Südfruchthändler in der Straße. Die Fahnen und Spruchbänder leuchteten. Der Chauffeur Fritz wurde mit Fragen überschüttet. »Stimmt es, daß am Alex geschossen wird?« »Wieviel Tote gibt es in der Leipziger Straße?« »Habt ihr die Barrikaden am Potsdamer Platz gesehen?« »Stimmt es: Herfurt ist verhaftet worden?« »Die Nazis haben in Neukölln aus unsre Leute geschossen?« »Hier zu uns sollten sie kommen, die Grünen, Mensch, hier käme kein Aas wieder raus zu Muttern.« So standen sie und fragten, erzählten sich Gerüchte, erhitzten sich, und der Kurbelmann drehte seine Bilder. Thea aber verstand die große Kunst, mit vielen Worten nichts zu sagen und doch den Eindruck zu erwecken, als habe sie viel gesagt. Sie nahm also die Fragen auf und spielte mit ihnen Ball, erzählte von der Wasserschlacht am Alexanderplatz, von den Sprechchören, von den Gummiknüppelüberfällen und, wo hatte sie das her, von der Verbrüderung aller Arbeiter über die Köpfe der Parteien hinweg. »Und wenn gehts dann los, Madame, he?« fragte ein alter Tippelbruder, der aus dem Asyl gekommen war und seine persönliche Rechnung mit der Welt begleichen wollte, »wann gehts denn los, Madame? Oder sollen wir diesmal wieder verkauft und verraten werden?« »Mensch, wir haben doch keine Waffen, keine Waffen haben wir, sonst, Mensch: päng, päng, päng!« sagte der Monteur Lange, fünfzig Jahre alt und fünf Jahre arbeitslos. Wer nimmt einen Arbeiter mit fünfzig Jahren? Lachhaft, man kann sie sich aussuchen. Dreißig Jahre ist schon alt! »Waffen? Keine Waffen? Wieso keine Waffen?« fragte ein kleiner, unscheinbarer Mann und erklärte im harten, russischen Deutsch: »Gut, so macht euch doch selber die Waffen! Die Gesteine liegen auf die Straßen. Da oben«, er deutete nach der Weddingstraße, »da oben sind Waggons und Balken, da sind Bretter und Gasröhren genug für Barrikaden!« »Mensch, auf dich haben sie hier gerade gewartet«, sagte Fritz, »wo kommst du her, du komische Nudel?« »Ja, wer sind Sie?« fragte auch Thea. Der Russe übersah den Chauffeur und antwortete Thea: »Und wer sind Sie?« Der Landstreicher kam ihm zur Hilfe. »Ja, wer sind Sie, Madame?« sagte er. »Ich habe Sie hier in der Gegend noch nicht gesehen.« »Mensch, gib nicht so reichlich an«, sagte Kurt und drängte sich vor, »ich kenne die Genossin, aber dich kenne ich nicht.« »Aber ich bin doch Schmitz Karle«, sagte der Landstreicher, »mich kennen doch alle hier in der Straße!« Ja, sie kannten den Schmitz Karle. Er war vor drei Tagen aufgetaucht und konnte gut reden. Der Mann war in Ordnung. Alle drängten sich näher, aber dann öffneten sie eine schmale Bahn. Otto Müller fegte mit kräftigen Armstößen heran, stieß den alten Tippelbruder beiseite und sagte: »Da steht ihr wie die Ochsen vorm neuen Tor, wenn es donnert, was ist denn los, Herrschaften? Nur keine Aufregung, und alles mit der Ruhe! Bis jetzt ist alles ruhig in Berlin, es gibt keine Toten und keine Verwundeten. Die Toten, die es gibt, die leben alle noch!« Er wandte sich an den Landstreicher und sagte: »Du halbe Portion, Mensch, auf dich haben wir gerade noch gewartet!« Zu dem Russen sagte er: »Was quatschst du hier von Barrikaden?« Der Russe war vierzig Jahre alt, schmal und schmächtig und trug viel zu schlechte Kleider, um als Arbeiter zu gelten. Er sah aus wie ein schlechter Schauspieler, der einen Arbeiter spielen soll. Der Russe schwieg und brachte einen unterschriebenen und bestempelten Leinwandfetzen hervor. »Laß den Quatsch stecken«, sagte Müller und wandte sich an die Umstehenden, »immer nur die Ruhe behalten, wir haben noch keinen Befehl herausgegeben. Laßt euch nicht provozieren, ich habe jetzt zu tun.« Der Landstreicher aus dem Asyl, der Achtgroschenjunge, verdrückte sich und brachte der Polizei die erste Meldung von dem Russen, der Dame Thea und der Stimmung in der Kellerstraße. Ja, und wie hieß der Monteur mit seinem päng, päng, päng? Und der Junge mit dem Vollmondgesicht? Und der Mann mit den blaugrauen Augen, der neben der Dame saß? »Tag, Thea! Tag, Eugen, kommt mal mit in die Kneipe«, sagte Müller. Er wandte sich an den Russen, »Und du kommst auch mit. Was hast du denn da für einen Fetzen? Wer schickt dich denn?« Im Vorzimmer prüfte Müller lange und umständlich das beschriebene und bestempelte Leinwandmandat des Russen. Er nannte sich Willi und behauptete, mit Uralski aus Moskau gekommen zu sein. »Uralski? Kennst du einen Uralski, Thea?« »Ja, das ist der Beauftragte von drüben.« Müller pfiff leise vor sich hin und sagte: »Na, dann ist ja alles in Ordnung, Willi, und du kannst ruhig hier bei uns so'n bißchen bleiben.« »Nein, ich gehe zu die Proletarier auf der Straße«, erklärte Willi und verbarg das Mandat, »hier ist schon gesprochen worden viel zuviele, ich kein Freund von viel zuviel Wörter.« Er ging und Müller sagte: »Dicke Luft, Kinder, dicke Luft. Die Russen interessieren sich persönlich für den Wedding. Aber nun kommt mal, Herrschaften, wir wollen hinten mal alles bemeckern.« Das Hinterzimmer war überfüllt und alarmbereit. Riedel sprang auf, als er Thea erkannte. Er wurde rot, die Hände flatterten, die Augen verdunkelten sich. Und dann strich er sich die weizengelbe Strähne aus der Stirn, versteckte sich in einer Ecke und kam ruhelos wieder vor. Und dann trat er auf Thea zu und sagte: »Guten Tag, Thea«. »Guten Tag, Paule«, lächelte die junge Frau. »Alles sitzenbleiben«, befahl Müller, »die Genossen kommen eben von einer Fahrt durch die Stadt. Sie kommen vom Alex und wollen berichten, was sie gesehen haben und wie die Stimmung ist. Die Genossin Thea hat das Wort. Ruhe, Ruhe, laßt die Genossin Thea sprechen.« Der Lärm legte sich wie ein treuer Hund vor ihre Füße. Sie nahm das Wort, überbrachte Grüße von Herfurt und schilderte kühl und sachlich die Fahrt von den Linden zum Alexanderplatz. Es war viel los, Berlin war in Bewegung. Sie erzählte von der Stimmung in der Münzstraße und von der Polizei, sie berichtete von den Demonstranten, von der Wasserschlacht und formulierte bildhaft ihre Eindrücke. Ja, sie konnte schon sehen und berichten, die Thea! Schließlich warnte sie vor wilden Gerüchten. »Wir wissen noch nicht, was der Abend bringt«, sagte sie, »aber zur Kampfleitung können wir Vertrauen haben. Bleibt ruhig und laßt euch nicht provozieren. Seht euch mal den alten Tippelbruder an, den Schmitz Karle. Und Befehle gibt nur Otto Müller aus!« Thea sprach, die schöne Bürgerin mit den Katzenaugen, die Dame sprach vor den verbrauchten Arbeitern. Klar war sie, kühl und schön. Und sie meisterte die Männer. Sie wagten kaum zu rauchen. Ja, der Sieg war sicher. Jetzt kamen selbst die Damen in die Partei! Erwin und Kurt schoben sich ins Zimmer. »Bei uns ist Hochspannung, das werdet ihr wohl schon selber gespürt haben«, sagte Müller und rasselte seinen Leitartikel herunter. »Lange halten wir unsre Leute nicht mehr zurück. Und wir wollen sie auch nicht mehr zurückhalten, nein. Und es muß einmal bezahlt werden, was gekauft worden ist. Ihr habt die Stimme des Volkes gehört, den alten Penner aus dem Asyl, ja, wir passen schon auf, und zwei Spitzel haben wir festgenommen und photographiert, die Bilder schicken wir morgen. Und einem Provokateur haben wir eine proletarische Abreibung gegeben, aber feste, und hier ist seine Kanone! Na und an der Ecke da vorn die Bauwagen und der ganze Zauber und Zunder, was damit werden kann, weiß ich ohne die lichtvollen Hinweise von Ruski Willi. Aber alles mit der Ruhe, und wir werden das Kind schon schaukeln, und das Kind hat diesmal rote Haare.« Die Arbeiter lachten über das Kind mit den roten Haaren, und der Maurer Adams, siebenunddreißig Jahre alt und natürlich erwerbslos, sagte: »Keine Angst, Otto, auf uns kannst du dich verlassen.« »Wir fahren nach dem Zentrum und werden Herfurt alles berichten«, sagte Thea, »soviel ich weiß, wollte er einen Kurier schicken, wenn was los ist. Den hier«, sie deutete auf Bundschuh, »den hier wird er schicken, damit ihr im Bilde seid.« »Mensch, hast du aber Dusel, Kurier bei Herfurt, und gestern hattest du noch keine Bleibe«, sagte Paul Riedel, »und heute«, er errötete,»und heute bist du schon so gut aufgehoben.« Thea lächelte. Bundschuh sagte: »Und gestern hast du mir das Parteibuch abgenommen, Paule, und jetzt bin ich mitten drinn. Soll ich ein gutes Wort für dich bei Herfurt einlegen?« Das Hinterzimmer schüttelte sich vor Lachen. »Habe doch sofort gesehen, was du für ein Mensch bist, und auch Frau Müller warst du auf den ersten Blick sympathisch, da kannst du dir was draus einbilden«, lobte Müller. »Und mir war sie auch auf den ersten Augenblick sympathisch! Du hast ja gar keine Ahnung, wie sympathisch sie die Türe zuknallen kann!« lachte Bundschuh, »sage einen sympathischen Gruß von mir, Otto!« So lachten sie und spotteten sie und saßen noch eine kleine Weile über nichtssagenden Dingen zusammen. Die große Spannung war gelöst. Die jungen Leute erheiterten sich, Kurt und Erwin tranken an einem Glase Bier und rauchten an einer Zigarette. Ja, heute konnte und mußte man die Kräfte erproben. Jünglingskräfte. Bärenkräfte. Männerkräfte. Mensch, meine Muskeln! Der Maurer Adams und der Monteur Lange hatten den Krieg mitgemacht. Sie kannten die elektrischen Spannungen und Funkentänze vor der Schlacht, die kalten und heißen Schläge. Adams wandte sich an Lange und sagte: »Mensch, damals bei Ypern ...!« Sie steckten die Köpfe zusammen und sprachen leise von der Front bei Ypern. »Keine Dummheiten machen, und den Kurier abwarten«, sagte Thea Gärtner und erhob sich, »wir müssen jetzt weiter.« »Wir warten auf den Kurier, und auf Wiedersehn!« Sie verließen die Kneipe, und das Auto bahnte sich durch die hin- und herwogende Menschenmenge seinen Weg. Um die Bauwagen, Gasrohre, Kandelaber, Balken, Bretter und Buden war sehr viel Betrieb. Inmitten junger Burschen und alter Tippelbrüder, auch ein Mensch mit Hornbrille und Bügelfalte war dabei, inmitten der Versammlung stand der Russe Willi, der mit dem Russen Uralski gekommen war, um den Deutschen zu zeigen, wie eine Revolution gemacht wird. Er betrachtete kritisch die Bretter, Balken und Gasrohre. Dann nickte er. Ja, so mußte es werden. Er stäubte sich Zigarettenasche vom Rock und ging weiter. Zwei Männer bemühten sich ernst, hast an einem großen Rohr und rollten es über die Straße. Thea dachte nach. Die Geschichte mit dem Russen gefiel ihr nicht. Frauen und Kinder gafften. Heute waren schon einige Autos in der Kellerstraße erschienen. Junge Leute waren die Straße entlang spaziert und hatten Augen gemacht wie Weltreisende, die sich aus einen andern Stern verirrt haben. Thea warf einen schnellen Katzenblick auf Bundschuh. Das war schon ein andres Gewächs als die Männer in Berlin. Sie seufzte. Der Kurbelmann drehte seine Bilder. Der Apparat schnurrte. Und plötzlich fiel ein Schuß. »Was ist denn los? Wird geschossen?« »Unsinn, es wird doch nicht geschossen, Eugen, ein Reifen wird geplatzt sein, ein Autoreifen!« beruhigte Thea, und der Wagen fuhr weiter, »warum soll denn hier geschossen werden?« Viertes Kapitel V or dem Bärenzwinger blieb Kolja Uralski begeistert stehen, holte tief Atem und sagte zu Hans Herfurt: »Ein Bär, eine russische Bäre! Ihr habt viele Bestien in Deutschland, aber ihr habt keine Bär! Molodjetz«, lockte er das schwarzbraune Raubtier an das Gitter, »Molodjetz, haben sie dich eingesperrt? Nitschewo, ich habe für dich einen Waggon Zucker mitgebracht!« Er nahm die Zeitungen aus der Tasche, die letzten Ausgaben der Kreuzzeitung, der Roten Fahne, des Vorwärts, des Berliner Tageblatts, des Völkischen Beobachters und der DAZ, klemmte sie unter den Arm und brachte aus der tiefen Tasche des Frühlingsmantels eine Tüte Würfelzucker und warf die weißen, kristallnen Stücke mit kindlicher Freude in den Zwinger. Der Bär, der russische Bär mit dem zerfransten Pelz, leckte mit der großen, schnellen Zunge das Süße von den Steinen und brummte. Dann richtete er die listigen Augen in den ersten Maientag und aus den Russen Kolja Uralski, den schwarzhaarigen Mann mit dem Baschkirengesicht, dem bunten Seidenhemd und der Tüte voll Zucker. »Wir müssen unsre Sache zu Ende besprechen, Kolja«, drängte Herfurt. »Wir müssen weiter. Ich treffe die Kampfleitung, und dann habe ich noch eine sehr wichtige Verabredung im Café Geier.« Uralski antwortete nicht. Sein Baschkirengesicht mit den hervorspringenden Backenknochen, den ein wenig schräg geschlitzten Äugen und dem dünnen, schwarzen seidenweichen Bart blieb unbeweglich. Er hörte nicht die singenden Vögel, nicht die schnatternden Enten und auch nicht die schreienden Wellensittiche. Er schien auch Herfurt nicht zu hören. Er hörte nur den Bären brummen, den russischen Bären, und warf einen Würfel nach dem andern in den Käfig. Und als er den letzten Zucker verfüttert hatte, stellte es sich heraus, daß er Herfurt doch gehört hatte. Er nickte mit dem Kopf und sagte: »Eine Moment, ech, bei mir sind keine Interesse für die Geier, bei mir sind viel Interesse für Bären, für russische und nicht für kanadische Goliath wie der da«, er zeigte verächtlich auf den riesenhaften Grisly. »Hast du keine Zucker einstecken, Herfurt?« fragte er in seinem komischen, harten Deutsch. Herfurt legte den Kopf auf die linke, ein wenig verwachsene Schulter. Uralski, der mächtigste Mann der Internationale in Deutschland, verlangte Zucker, um einen Bären zu füttern, einen russischen Bären! Und vor diesem Manne zitterten die Bonzen und Halbgötter der Partei. Seht euch ihn mal an, diesen Uralski! Lackschuhe trägt er an winzigen Füßen, die Beine sind krumm, der Mantel ist prima prima, zehn Zeitungen liest er am Tage, am flüchtigsten die Rote Fahne, er läßt bei demselben Schneider arbeiten wie Herfurt, und jetzt füttert er einen Bären! »Zucker? Nein, Kolja, heute gibt es in Berlin nur Saures! Das ist überall zu haben, auf dem Alex, in Lichtenberg, auf dem Wedding und in Neukölln. Mit Zucker ist heute nichts zu machen!« sagte Herfurt. Uralski ernüchterte sich, warf noch einen sehnsüchtigen Blick auf den Zwinger und ging mit Herfurt weiter. Diese beiden Männer, elegant angezogen, Bürger unter Bürgern, schlenderten in der Menge dahin, hörten das Brausen der nahen Stadt und die Schreie der gefangnen Tiere. Das Kindliche war aus Uralskis Gesicht verflogen. Die Backenknochen bauten straffere Brücken, die schwarzen Augen waren wachsam. Er schämte sich seiner Gefühle vor dem Bärenzwinger. Die Bäume begrünten sich, und in der Sonne sahen die zarten Blätter und die schwellenden Knospen wie tanzende Schmetterlinge aus, tausend an tausend, grüne smaragdne Schmetterlinge, die um schwarze Bronzeäste und schmale Zweige trunken schwärmten. Im nahen Teich, dessen Ufer mit Trauerweiden bestanden waren, die ihre Äste wie trinkend in die dunkle Silberflut hingen, schnatterten exotische Enten und tauchten nach den Schlammgründen. Kinder fütterten den sibirischen Königstiger mit Brot. Ein Löwe brüllte dunkel und gelangweilt. Bei den Hirschgehegen blieb Uralski stehen. »Was gibt es Neues in Berlin? Alles in Ordnung? Wie sind die ersten Berichte, Herfurt?« Er hatte kaum die Stimme erhoben, und im gleichen Tonfall hätte er sich auch nach Herfurts Großmutter, nach dem neuesten Schlager oder dem Stand der Butterpreise erkundigen können. Was gibt es Neues in Berlin? Aus dem Schatten ihres Stalles kam mit großen, wiegenden Schritten eine Hirschkuh an das Gatter, hob den edlen Kopf mit den zärtlichen Augen und schnupperte mit der dunklen, feuchten Schnauze. »Neues in Berlin?« fragte Herfurt, »unsre Leute erobern die Straßen und Plätze. Sie zermürben, wie vorausgesehen und berechnet, die Polizei. Und die greift, wie vorausgesehen und berechnet, zu und verhaftet, was sie fassen kann. Es ist Stimmung in Berlin, Kolja! Natürlich werden wir zusammengehauen, daß die Fetzen nur so fliegen. Auch das wissen wir. Das sind eben die Kräfteverhältnisse. Bis jetzt sind wir zufrieden.« Wellensittiche, smaragdgrün mit blauen Flecken, segelten schreiend und flammend über den grünen Baumkronen. Selig taumelten Zitronenfalter durch das Licht. Ach, und dort blühten schon die ersten Tulpen. Kinder starrten mit großen, brennenden Augen in die Löwenkäfige und träumten von Abenteuern. Die Hirschkuh wartete immer noch am Gatter. Grell schien die Sonne. Wald, wo gab es dämmernden Wald? Quellen, Moos, Silberflechten, süße und bittre Beeren, knackende Äste, Mondzauber wie Schleier durch die tiefe Nacht? Geduldig stand das Tier mit den großen Augen am Gatter und wartete und wartete. »Auch ich kenne die Kräfteverhältnisse, und die Lage ist mir bedacht«, antwortete der Russe gleichgültig, blickte den smaragdgrünen Wellensittichen nach, die in den Bäumen schrien. Warum erzählte das Herfurt? Uralski steckte sich eine Zigarette an. »Bekannt«, verbesserte der Deutsche. »Also gut, die Kräfteverhältnisse sind mir bekannt«, sagte Uralski, »aber was ist noch zu besprechen?« »Alles. Die Aktion. Wir haben zu wenig Waffen. Mit nackten Fäusten gegen Maschinengewehre kämpfen ist doch Wahnsinn, Kolja! Unsre Leute werden ihre Pflicht tun, wenn wir sie rufen, das weiß ich, aber gegen Barrikaden werden Panzerwagen eingesetzt, das wissen wir auch. Kampf, gern, und jeden Tag, aber für einen Putsch lehne ich die Verantwortung ab!« Auch Herfurt hatte kaum die Stimme erhoben, aber seine Augen dunkelten, und sein Hammerkinn schob sich vor. Was wollten die Russen? Der 1. Mai? Selbstverständlich mußte man auf die Straße gehen, aber romantischen Unfug machen, nein, danke, wir kennen Deutschland schon besser als die Moskauer! Der Zitronenfalter flatterte wieder vorbei. Laß ihn flattern! Die Tulpen blühen? Laß sie blühen! Es ging jetzt um ganz andre Dinge als um Schmetterlinge und Blumen, um ganz andre Dinge als um lichtgrüne Baumkronen, dunkelbrüllende Löwen und strahlende Kinderaugen. Uralski stapfte weiter. Herfurt war mit einem Schritt an seiner Seite. Die Hirschkuh, die auf Zucker und Brot gewartet hatte, wiegte sich enttäuscht in den Schatten zurück. »Im Oktober haben wir mit nackter Faust gegen Maschinengewehre gekämpft«, sagte Uralski. Er war damals vierzehn Jahre alt gewesen. »Und wir siegten auf den Barrikaden«, sagte er. »Unsre Proletarier hatten keine Angst vor den Panzerwaggons. Und wir waren eine kleine Partei.« Er schwieg eine Sekunde und fragte dann: »Habt ihr Angst vor den lächerlichen Panzerwaggons?« Angst vor den Panzerwagen? »Unsinn!« »Nicht Waggon, Wagen heißt es, Kolja«, antwortete Herfurt. Dann sagte er betont: »«Unsre Genossen, Kolja, sind schon Arbeiter und keine Proletarier mehr. Unsre Arbeiter sind anders als die russischen.« »Waggon oder Wagen, Arbeiter oder Proletarier, Deutsche oder Russen, das ist Jacke wie Hose«, antwortete der Russe und blieb noch einmal stehen. Aus dem warmen Sand erhob sich behutsam und träge ein seidiges Reh und kam trabend und witternd näher. Doch zwei Rehe stellten sich auf die Füße, trabten heran und steckten die wundervollen Köpfe vor. »Was soll die ganze Unterhaltung, Herfurt?« fragte der Russe, »Moskau und die deutsche Partei, und auch du warst dabei, haben alles bestimmt und beschlossen. Die Linie des schwächsten Widerstandes ist im Westen zu finden. Und nach euren Gerichten ist Berlin die Linie des schwächsten Widerstandes. Gut. Abgemacht. Klare Sache. Und was beschlossen ist, nun, das ist und bleibt auch, verstehst du beschlossen.« Er warf die halbaufgerauchte Zigarette achtlos nach den Rehen. Die stoben auseinander. Und der Zitronenfalter war immer noch da. Herfurt wütete. »Wem sagst du eben das ABC auf, Kolja?« »Dir, Herfurt, ich bin erstaunt, daß gerade du in den letzten Augenblicken noch solche Gedenken hast. So macht man doch keinen Aufstand! Bei uns in Leningrad und Moskau ...« »Wir sind in Berlin und nicht in Leningrad oder Moskau, und wir haben uns schon im März auf die Maiaktion eingestellt. Ja, es wird Opfer kosten, aber«, er machte eine breite Brust und deklamierte: »es kann dem deutschen Proletarier ganz gleichgültig sein, wo er verreckt, aus der Stempelstelle oder im Straßenkampf. Nein«, verbesserte er sich, »er stirbt natürlich viel lieber für das Wohl und Wehe seiner Klasse auf der Barrikade ... Das habe ich erst vor kurzem drüben erklärt, und das erkläre ich dir und hier noch einmal, Kolja, wenn du es hören willst!« Herfurt wußte, daß es um seinen Kopf ging. Der Russe nahm die Erklärung des zehn Jahre älteren Deutschen ernst entgegen. Herfurt hatte gute Verbindung in Moskau und war nicht der oder jener, dem man leicht das Genick umdrehen konnte. Sie gingen weiter und kamen in den stillen Winkel, in dem die Zebras, die Ponys, die Esel und die Wildpferde hausten. Im heißen Sande lag, bewacht von der Mutter, in heiliger Unschuld und andächtiger Lebensfreude ein drei Tage altes Fohlen. Die Welt geht unter? Sie wird jeden Tag neu geboren! Aber Herfurt und Uralski ritten auf den Holzpferden ihrer Partei immer im Kreise, sie blieben im engen Raum und waren im engen Raum, als sie die Büffel erreichten. »Gut, sehr gut«, sagte Uralski und gab Antwort, »und wenn das alles so ist, Herfurt, warum dann noch eine konspirative Besprechung? Hätte ich geahnt, was du mir erzählen wolltest, nun, der Treffpunkt bei den Kamelen wäre besser gewesen als bei den Bären.« Herfurt wurde ganz weiß im Gesicht. Er haßte plötzlich diesen Mann mit dem Baschkirengesicht, diesen sanften, seidenweichen, lautlosen, geschniegelten und gebügelten Russen, der – jetzt fiel ihm der Vergleich ein – an einen schwarzen Panther erinnerte. Aber was konnte er tun? Das Brot, das er aß, war gut und reichlich, und der Ruhm, der ihm täglich kredenzt wurde, war süß und berauschend. Im Kreml saßen neue Götter mit Bannflüchen und Donnerkeilen und schleuderten sie gegen die Männer, die eigne Gedanken dachten. In den letzten Jahren hatte Herfurt viel russische Kommissare kommen und wieder verschwinden sehen. Auch Kolja Uralski war kein dauerndes Standbild im Heiligtum der deutschen Partei. »Bei den Kamelen treffen, Kolja?« spottete Herfurt. »Das Kamel, lieber Freund, ist bei euch in der Baschkirensteppe viel mehr zu Hause als bei uns in Deutschland.« Uralski verstand den Spott. »Zur Sache«, sagte er, »zur Sache.« »Ja, zur Sache«, antwortete Herfurt und entwarf noch ein, mal ein Bild von der Aktion in Berlin. Sie gingen weiter und kamen an vielen Käfigen und Gattern vorbei, an denen junge Mädchen mit Hängezöpfen und alte Herren mit Hängebäuchen gelangweilte Löwen, hochmütige Kamele, gezierte Pfauen, neugierige Lamas abzeichneten. Der Zitronenfalter flatterte immer noch über die Wege. Er schien Kolja oder Herfurt zu verfolgen, der Russe glaubte es wenigstens, aber es waren verschiedne Zitronenfalter, die seinen Weg gekreuzt hatten. Bei den sturen Büffeln, die in dem engen Auslauf die großen Prärien vergessen hatten, stand ein zwölfjähriger Junge und träumte von edlen Rothäuten, schreienden Adlern, sausenden Pfeilen, Marterpfählen und Kämpfen aus Leben und Tod. ›Hugh, ich habe gesprochen‹, sagte Falkenauge und stieß den Kriegsschrei der edlen Apachen aus! Und über den Knabenträumen, den Männergesprächen, den Mädchen, den gefangnen Tieren strahlte die Sonne, wehte der Wind. »Nun gut«, nahm Uralski das Gespräch wieder auf, »nun gut, dann sind wir uns ja vollkommen einig. Die Linie des schwächsten Widerstandes suchen, das heißt sie zu finden und zu brechen...« Er senkte die Stimme. »Sind die neuen Kanonen schon ausgegeben?« Die Kanonen waren ausgegeben. »Das geht mich nichts an, das ist eine andre Abteilung«, wehrte Herfurt ab. »Ja, wir sind uns einig.« »Und schriftliche Befehle werden heute keine gegeben. Macht keim Dummheiten. Die Parole ist die alte geblieben. Steven elf siebzehn. Gibt es sonst noch was?« »Nein. Wir schickten und schicken Kuriere.« »Fabelhaft. Da habt ihr wenigstens etwas von unsrer Partei gelernt.« Er senkte die Stimme, »Ihr erreicht mich immer unter Oliva 909010, wenn ich gebraucht werden sollte, verlangt nach Otto Julius Meyer.« »Otto Julius Meyer, Oliva 909010«, wiederholte Herfurt und verabschiedete sich schnell. Am Bahnhof Zoo nahm er eine Taxe und fuhr die Tauentzienstraße hinauf bis zum Wittenbergplatz. Dort tagte im Spielzimmer einer kleinen Konditorei, als Schachverein getarnt, die Kampfleitung. Und um fünneff wollte er die kühle Thea Gärtner mit dem jungen »Wie heißt er doch gleich?« treffen, den Mann, der als Kurier für den Wedding eingesetzt werden sollte. Und dann, ach, er konnte wählen. Sollte er mit der kleinen Chinesin zusammen sein? Oder sollte er sich von der blonden, blauäugigen Norwegerin über die Parteiarbeit berichten lassen? Uralski blieb noch eine Stunde im Zoo. Er wunderte sich über die ordnungsliebenden Deutschen, über die vielen Blumenbeete und Papierkörbe. Er freute sich über die Wölfe, über die russischen Wölfe und verweilte einige Minuten bei dem großen, alten Fleischfresser vom Amur, dem sibirischen Tiger. Dann sah er dem schwarzen Panther in die Edelsteinaugen. Der kanadische Goliath, der Grisly, ließ ihn kalt, aber der Bär, der russische Bär, interessierte und begeisterte ihn wieder. Tiger, Wölfe, Bären und Kamele! Und nun dachte er an seine Heimat und an die Baschkirensteppe, und da fiel ihm jenes kleine braunhaarige deutsche Mädchen mit den blauen Augen ein, das er damals im Krieg kennengelernt hatte. Damals war er ein kleiner Junge gewesen und mit seinem Vater aus Samara zum Viehankauf in die Baschkirensteppe gezogen. Vieh wollten sie kaufen, Ochsen, Hammel, Schweine, und der Bauer, wie hieß doch der Bauer? Wiest, Biest, Riest, nein, Wiesner hieß er, und das Mädel wurde Anna gerufen. Anna Wiesner! Beinahe zehn Jahre hatte er nicht mehr an sie gedacht. Wo mochte sie jetzt sein? Tiger, Wölfe, Kamele und Bären, und am Ende stand ein kleines deutsches Mädchen und lächelte. Uralski verließ den Zoo, winkte eine Taxe heran und fuhr in seine Pension. Fremd und gleichgültig wie jene Hirschkuh hinter dem Gatter war ihm diese Stadt Berlin, dieser gellende Auswurf des Westens. Aber er hatte einen Auftrag zu erfüllen. Es war Krieg in der Welt, immer noch Krieg. Der entscheidende Krieg der Klassen. Sein Gesicht wurde wild und fanatisch. Aber dann entspannte es sich. Er dachte an den russischen Bären, der sich aufgerichtet hatte, Süßigkeiten bettelte und brummte. Und an das keine Mädchen Anna Wiesner in der Baschkirensteppe dachte er. In derselben Stunde, als Kolja Uralski die Stadt Berlin als den gellenden Auswurf des Westens verfluchte, an den Bären und das kleine Mädchen dachte, ging der Bauer Jakob Bundschuh in der Krim noch einmal die bestaubte Straße entlang. Immer noch tanzte der Wind vom Schwarzen Meer mit dem weißen Staub, und im tanzenden Wind erschien ihm das Gesicht Annas. Wie schön war doch Anna geworden, wie strahlend, wie aufgeschlossen und blühend! Er liebte sie schon als Kind, immer hat er sie geliebt, damals im Kaukasus, am wilden Terek, aus der Flucht durch die Wüste, in der Ukraine und in der Krim. Aber nun war es zu spät. Der sterbende Vater hatte Sophie zu seiner Frau bestimmt. Und nun geht sein Herz wie ein gefangnes Tier in einem Käfig ruhelos hin und her. Als der große Krieg begann, lebte die Familie Wiesner in der Baschkirensteppe. Wiesner war Pionier, hatte die geschlossene Siedlung an der Wolga mit Weib, Kind, Vieh und Wagen verlassen, jungfräulichen Boden von den Baschkiren gekauft, umgepflügt, geerntet und wieder verloren. Das Land aber behielt er und stellte sich auf die Viehzucht um. In der Steppe starb der Sohn, wurde die Tochter geboren. Leben und Tod in der Steppe bei den Baschkiren. Leben und Sterben in der Steppe. Da liegt die Steppe, im Herbst und Winter schutzlos den heulenden Stürmen preisgegeben, die vom Kaspischen Meer kommen und brüllen und donnern. In der Steppe wächst kein Wald. Mit Kamelmist werden die Öfen geheizt. Und als Annas Vater im zweiten Kriegssommer mit baschkirischen Knechten zusammen arbeitete, kam das Gespräch aus den Krieg. Die Knechte, alte Leute, die an der Front nicht zu gebrauchen waren, runzelten die gegerbten Gesichter und sagten: »Krieg, wieso ist Krieg in der Welt? Erzähle uns, Bauer, ein Wort oder zwei vom Kriege.« Wiesner streicht sich den windzerfressenen, gelben Bart und erzählt vom Kriege und von Deutschland. Die Baschkiren lassen die Arbeit liegen und hören auf den Bauern. »Ein schönes Land, dieses Deutschlandchen, Baschkiren«, sagt er, »und es ist wohl das schönste Land unter der lieben Sonne. Es ist aber auch das arbeitsamste Land. Fabriken gibt es und Bergwerke, gehämmert wird und gepocht, jede Stadt ist wie eine Werkstatt bei uns, und die vielen Äcker sind wie Gemüsegärten. Und deshalb haben die andern Völker den Krieg angefangen.« »Wir sind auch ein Volk, und wir haben den Krieg nicht angefangen, Bauer«, sagen die Baschkiren, »wir kennen kaum dem Namen nach dein Deutschlandchen. Weshalb ist Krieg zwischen Rußland und Deutschland? Unser Zar ist so groß und so mächtig, Bauer, so reich ist er und so hochwohlgeboren, er hat Land und Kamele, Bergwerke und Steppen hat er, warum soll er neidisch sein und deinem Deutschlandchen den Krieg erklären?« Wiesner erzählt von Frankreich, von England, von den Absatzmärkten, von verliehnen Goldmilliarden und ihren Zinsen, aber die Baschkiren verstehen das nicht. Sie sind wie Kinder. Und wie Kindern erklärt er nun den Krieg und erzählt von den deutschen Bombenflugzeugen. »Seht«, sagt er, »wir, nein, Deutschland hat viel Feinde, aber es wird trotzdem siegen. Flugzeuge gibt es dort, Knechte, hundert mal hundert, und die steigen wie die Steppenadler aus und lassen die Bomben aus die Feinde fallen. So Knalltierchen, wißt ihr, gefüllt mit Eisen und Feuer. Und die Feinde rufen jetzt schon: ›Barmherziger Gott, barmherziges Deutschlandchen, Vergebung für unsre Sünden, Vergebung! Habt Mitleid mit unsren Frauen und Kindern!‹ So schreien sie, und der Krieg, der Krieg wird bald zu Ende sein.« Die Baschkiren schnattern: »Ja, der Krieg wird bald zu Ende sein.« Jakob kennt diese Unterhaltung ganz genau. Anna hat sie viele Male erzählt. Sie war ja dabei gewesen. Nun betritt der Viehhändler Pjotr Uralski den Hof. Er ist ein großer Patriot und hat des Bauers Lobgesänge auf Deutschland vernommen. Nein, er liebt sie nicht, die Deutschen, aber er muß mit ihnen Geschäfte machen. Das beste Vieh kauft man bei den Deutschen. Mit ihm erscheint ein kleiner, krummbeiniger schwarzhaariger Junge. Das ist Kolja, Kolja, sein Sohn. Er trägt noch keine seidnen Oberhemden und noch keine Lackschuhe. Vater und Sohn kommen aus der Stadt Samara an der Wolga. Der Viehhändler fragt: »Hast du keine Viehherden zu verkaufen, Bauer? Unsre tapferen Soldaten an der Front hungern und verlangen nach frischem Fleisch. Kälber, Ochsen, Hammel und Schweine will ich von dir kaufen.« Wiesner antwortet: »Habe erst vorige Woche verkauft, Bürger, aber gehe zu meinem Nachbar, er hat auch Vieh für deine Soldaten.« »Für des Kaisers Soldaten«, verbessert Uralski. »Für des Kaisers Soldaten«, wiederholt Wiesner. Kolja läßt die Männer reden. Er läuft zu der kleinen Anna, sechs Jahre ist sie alt, und spricht russisch auf sie ein. Aber sie versteht zu wenig russisch und antwortet deutsch. Und Kolja, er ist zwei Jahre älter, versteht kein deutsch, aber er will diese Sprache lernen, und er hat sie auch später gelernt, aber jetzt schüttelt er den Kopf und hört seinen Vater schreien: »Was hast du, Bauer, deinen schlitzäugigen und stinkenden Baschkiren vom Deutschen Kaiser erzählt? Bist du Deutscher, bist du Wurstfresser, oder was bist du eigentlich?« »Bin deutscher Russe, Bürger, und ich habe meinen baschkirischen Knechten nichts vom Deutschen Kaiser erzählt. Nein, kein Wort. Sie haben ja ihren Kaiser«, antwortet der Bauer. »Und trotzdem haben die Wurstfresser viel bessre Bombenflugzeuge als wir?« geht das Verhör weiter. »Wie kann ich das wissen, Viehaufkäufer? Wie kann ich das wissen, Brüderchen? Ich habe noch nie in meinem Leben ein Bombenflugzeug gesehen.« »Wirst noch ganz andre Dinge sehen, Deutscher«, droht Uralski. »Kolja!«ruft er seinen Jungen, »laß das deutsche Gänschen stehen. Komm, wir haben hier nichts verloren. Wir müssen endlich weiter.« Wir haben hier nichts verloren, sagt der Vater. Wir müssen weiter, sagt der Vater. Laß das deutsche Gänschen stehen, sagt der Vater. Kolja geht mit dem Vater tiefer in die Steppe hinein. Sie kaufen Vieh, Ochsen, Schweine, Kühe und Hammel, und Kolja denkt und denkt an das Mädchen mit den braunen Haaren und den blauen Augen. Er will deutsch lernen in der Stadt. Und er lernt auch deutsch. Fünfzehn Jahre später ist Kolja Uralski ein berühmter Mann und wird von Moskau als Kommissar nach Deutschland geschickt. Der Bauer Wiesner arbeitet weiter. Die Baschkiren unterhalten sich über Bombenflugzeuge, die wie Steppenadler aufsteigen und Bomben auf die Erde schmeißen. Sie schnattern noch lange, die baschkirischen Knechte, und vier Tage später wird der Bauer verhaftet. Sie holen ihn nach der Stadt, lassen ihn drei Tage in einer stinkenden Zelle sitzen, zwischen Landstreichern und Dieben, und dann kommt er frei und muß 1000 Rubel Strafe zahlen. Er löst seinen Hof auf, verkauft das Vieh und wandert mit Weib und Kind nach dem Kaukasus ins Terek-Gebiet. Aber zwei Jahre lebt der Bauer Wiesner als guter Nachbar des Hofes Emiljanowka und züchtet Vieh. Der Krieg donnert an der persischen und türkischen Grenze. Die kleine Anna kommt oft herüber, Jakob lehrt sie reiten und nimmt sie vor sich in den Sattel. Täler, sanfte und wilde, Berge, milde und abweisende, Pässe und Matten, Sturzbäche, Adler und unendliche Wälder. So leben sie in den Bergen und Tälern, Jakob und Anna. Dann beginnt der Aufstand der Bergvölker. Die Tataren kommen mitten in der Nacht. Oder sind es die Ossjeten, sind es die Tschentschenzen? Sie rammen die Türen ein, sie zerschlagen die Fenster, sie richten ihre Gewehre auf Vater und Mutter und befehlen: »Das Gold, bringt die goldnen Zarenrubel!« Sie bringen die versteckten goldnen Zarenrubel. Die Räuber nehmen alles an sich, die Kleider, die Pelze, die Schuhe. Sie zertrümmern die Truhen und Schränke, sie treiben das Vieh zusammen, und bevor sie abziehen, schießen sie den alten Bauern und seine Frau über den Haufen. Laßt sie krepieren, es ist Krieg, und Millionen sind schon krepiert, sagt der Räuberhauptmann. Die kleine Anna ist auf Besuch bei Jakobs Eltern. Und sie bleibt nun immer, immer da. An diese Dinge, an die Baschkirensteppe, an den Kaukasus, an den nächtlichen Überfall und Mord, an Anna denkt Jakob, als er den Wind und den Staub auf der weißen Straße tanzen sieht und nach dem Gemeindehaus wandert. Was sagte David Mayer? Aus der Stadt ist eine Kommission gekommen? Die Bauern haben sich noch einmal im Gemeindehause versammelt. Sie waren versammelt, junge und alte Bauern, eine große Familie von gleichem Blut und Glauben. Mehr als hundert Jahre hatten sie unter Russen, Tataren, Baschkiren, Sibiriaken, Ukrainern, Kirgisen und Burjäten, Tschuwaschen und Grusiniern gelebt. Hinter dem Gebirge ihrer Sprache lebten sie, tranken von ihren Quellen, nährten sich von ihrem Brote. Und über ihnen wölbte sich der evangelische Himmel ihrer Väter und Ahnen. Unruhig sind die Bauern. Warum noch eine Zusammenkunft? Warum noch ein Redner aus der Stadt? Der alte Dieck, er ist über siebzig Jahre alt und hat ganz helle Äugen, Vogelaugen sind das, flinke und listige, der alte Dieck eröffnet die Versammlung und gibt dem Redner das Wort. Der Redner ist ein ganz junger Mensch von einundzwanzig Jahren und war einer von den Stoßtrupplern, die vom Zentrum über das weite Land geschickt wurden, heute nach der Krim, morgen nach dem Kaukasus, übermorgen zu den Baschkiren oder Kalmücken. Pjotr Iwanowitsch Kusminoff, abkommandiert nach der Krim, hat das Wort! Er sprach nur russisch, aber wenn er auch deutsch gesprochen hätte, die Bauern würden ihn niemals verstanden haben. Was kann ein Mensch von einundzwanzig einem Menschen von einundsiebzig Jahren erzählen? Und was kann ein Stadtmensch dem Bauern von der Erde, vom Vieh und von den Ernten berichten? Nichts. Aber Pjotr Iwanowitsch Kusminoff hatte das Wort. Er war nicht allein. Neben ihm auf der mit rotem Tuch ausgeschlagnen Bühne saß ein flachsblondes Mädel, neunzehn Jahre alt, die Freundin Nina. Pjotr sprach und malte grell und bunt die Aufmärsche der westeuropäischen Arbeiter an die hatten Stirnen der Landleute. Die bunten Bilder blieben an den harten Stirnen hängen und drangen nicht bis in die Tiefe der Herzen. Und die Bauern schwiegen und dachten nach. Arbeiter, Arbeiter, Arbeiter, dachten sie, sind wir Bauern keine Arbeiter? Seht euch unsre Hände an, hebt die Lasten, die wir tragen, ja, wir sind Arbeiter. Arbeiter, aber keine Proletarier. Mit unserem Schweiß düngen wir die Felder. Die Leute in den großen Städten, die Schmalhände und Weißgesichter, die Rund- und Spitzbäuche und Befehlserlasser, sie essen unser Brot, sie essen unser Fleisch und lassen sich unsre Butter gut schmecken. Und sie trinken die Milch von unsren Kühen und trinken den Wein aus unsren Weinbergen. Und was geben uns die Städte? Sie schicken ihre Befehle, ihre Steuern, ihre Kommissare und Anleihen. Die Steuern erdrücken uns, die freiwilligen Anleihen plündern uns aus, und wer nicht zahlen kann, wer nicht zahlen will, nun, den treiben sie vom Hofe, von der Erde treiben sie ihn, und als Feind des Volkes wird er erklärt. Ja, sie stecken uns in die Gefängnisse, sie schicken uns in kältre Zonen nach dem Eismeer und nach Sibirien. Volk, Volk, Volk, wer ist das Volk? Verjüngen sich die Städte nicht immer und ewig durch das Blut der Bauern? Ohne Städte, ja, ohne Städte kann ein Land leben, aber ohne Bauern? Nein, ohne Bauern kann kein Land und Volk leben. Pjotr Iwanowitsch Kusminoff fühlt die Welle des Mißtrauens, die im Gemeindesaal aufsteigt und wellt und wogt und sich gegen ihn erhebt. Und da reißt er sich zusammen, stürzt sich kopfüber in die steigende Flut und beginnt begeistert vom Neuen Plan zu sprechen. Keine mühselige Arbeit des einzelnen mehr! Alle Felder, Wiesen und Weiden zusammenlegen! Alle Tiere kommen in große Herden! Milch wird in Gigantenmolkereien verarbeitet! Weizen und Hirse in eigenen Gigantenmühlen gemahlen! Maschinen und Traktoren, hunderttausend Pferdekräfte, auf unendlichen Flächen, eine mathematische Landschaft, planvoll geordnet, kein Gegeneinander, nur Füreinander und doppelter Ernteertrag, vierfacher, fünffacher Ernteertrag! Ja, und weniger Arbeit und mehr Glück. Glück und Segen, Segen und Glück für alle Schaffenden in Stadt und Land, für alle, für alle! Und auch das Dorf Marienthal fügt sich ein in den großen Plan. Auch das Dorf Marienthal stimmt für die Kollektivs und Kommunen. Und wer sich gegen den Neuen Plan stellt, wird liquidiert von der erzenen Faust der proletarischen Diktatur. Pjotr Iwanowitsch Kusminoff schüttelt drohend die weiße Knabenfaust gegen alle Feinde. Der einundsiebzigjährige Dieck verliest langsam die vorgelegte Entschließung. In Anbetracht und in Erwägung. Felsenfest entschlossen. Glühende Tatbereitschaft. Und so weiter. »Wer dagegen ist, erhebe eine Hand.« Keine Hand erhebt sich. Die harten, verarbeiteten Hände lagen offen oder geballt auf den Knien, Jakob Bundschuh dachte an die Kommissare, die schon einmal aus der Stadt geschickt wurden, an den Mann mit den zwölf Zuchthausjahren an der Lena und an den Tschekisten, der die Geister der Erschossenen sprechen hörte. Unter der Kommissarherrschaft verkamen die Acker und Höfe. Die Liebe zum Land und zur Arbeit starb. Warum soll der Bauer schaffen für eine Sache, die ihn nichts angeht? Das Feld ist keine Fabrik. Das Feld birgt viel mehr als seinen Flächeninhalt. Auf dem Feld sind die Dinge noch rund und nicht Stückwerk wie am laufenden Band. Von der Saat bis zur Ernte rundet sich die Arbeit aus dem Felde und wird bestimmt von alten, ewigen Gesetzen. Die Kommissare kamen aus der Stadt mit neuen Richtlinien. Sie waren Papiermenschen. Tinte floß in ihren Adern. Strenge ballte ihre Faust, aber nicht die Kraft. Unvernünftiger waren sie als Stier und Bock, wenn im Frühling ihre Zeit kam. Stier und Bock. Was verstanden die Kommissare von den Tieren? Jedes Huhn mußte damals eine ganz bestimmte Anzahl von Eiern legen, die Kuh soundso viel Liter Milch geben. Und taten die vernünftigen Tiere nicht, was die unvernünftigen Kommissare oder Agronome berechneten und verlangten, die Bauern mußten büßen! Der Mensch für das Tier. Immer und immer wieder das Land für die Stadt. Jakob lächelt. An den Zäunen der Landstraße hingen damals die Hühner, einen Zettel um den Hals und darauf geschrieben: »Ich habe mich erhängt, weil ich in Unkenntnis der Gesetze und Vorschriften zu wenig Eier gelegt habe und von der strengen Hand der proletarischen Diktatur bestraft werden soll.« »Sind noch Fragen zu stellen?« Plötzlich flogen wie weiße Schmetterlinge viele beschriebene Zettel nach der Bühne. Pjotr Iwanowitsch nahm sie entgegen und entfaltete sie. Nein, er konnte nichts verstehen. Sie waren deutsch geschrieben. Die Bauern verstanden russisch und deutsch, sie hatten seiner Rede folgen können, aber jetzt ging es nicht mehr um Rednernachfolge, jetzt ging es um andre Nachfolge, um die Kinder ging es, um die Felder, um das Vieh, um die Arbeit und das Leben. Und sie wehrten sich. Sie ließen die kleinen, deutschgeschriebenen Zettel fliegen. Hätten die Herren aus der Stadt doch einen Deutschen schicken sollen! Der Russe schob die Zettel in seine schwarze Mappe. »In der Stadt will ich sie lesen und prüfen«, sagte er, »wir kommen bald wieder in euer Dorf und hoffen, die ersten Kommunen bei euch vorzufinden. Wir sind Freunde der Bauern. Immer waren wir eure Freunde. Überlegt, selbst auf unsrem Wappen, auf unsren Fahnen und auf unsrem Gelde und überall liegt die Sichel über dem Hammer. Das hat unser Lenin selbst so bestimmt.« »Aber dem Erntefeld muß die Sichel liegen!« Jakob hatte es gerufen. »Was sagt der Genosse Bauer?« Dieck weiß nicht, was er antworten soll. Der Gemeindeschreiber David Mayer steht aus und übersetzt langsam und bedächtig: »Er stimmt für die Kommune und sagt, die Sichel solle ...« »Es ist gut«, winkt der Jüngling ab, »es ist gut. Nehmt euch ein Beispiel an dem Bauer«, ruft er, »bald kommen wir wieder!« Die Mappe ist gefüllt. Pjotr verschwindet mit Nina. Das Mädchen hat kein Wort gesprochen. Dumm und stumm saß sie da, still hockte sie neben Pjotr und hatte ein wenig Angst vor den Bauern da unten zu ihren Füßen. Gut hat er gesprochen, der Pjotr Iwanowitsch! Mit einem klapprigen Auto fahren sie zum nächsten Dorfe. Die Bauern verließen das Gemeindehaus. Dieck und Mayer besprachen Dorfangelegenheiten. Schritte auf der weißen Straße, die Männer gehen heim zu ihren Frauen und Kindern, Feldern und Viehherden. Und das soll alles ausgewischt werden? Die Kommunen warten schon. »Was sollen wir tun, Jakob?« fragt der Bauer Peter Kuhn. »Bis morgen muß ich 1000 Pud Weizen abliefern. Rückständige Steuern, wißt ihr. Und wenn ich liefre, muß ich noch mehr an die Vielfraße liefern. Eine Schraube ohne Ende haben sie sich in der Stadt ausgedacht!« »Sie wollen die Sonntage abschaffen, bei Cherson haben sie schon angefangen und die Prediger verhaftet und verschickt.« »Auch unsren Prediger suchen sie, Jakob. Was soll aus uns werden?« jammerte Peter Kuhn. »Hört, Männer, im Nachbardorfe haben sie einen Bauern ins Gefängnis geschleppt; er hatte früher ein Mustergut und von der Regierung viele Preise und Diplome bekommen. Das gilt jetzt alles nicht mehr. Sie sagten: ›Verdienste? Trotzki hat noch mehr Verdienste als du, Bauer, aber als er sich gegen uns stellte, haben wir ihn verbannt‹. Sagt, was soll werden?« »Auswandern«,sagte Jakob.»Aus Sibirien habe ich Berichte bekommen, überall sammeln sich unsre Brüder. Sechzig Familien warten auf die Pässe. Das ist unser Vortrupp. Nach Kanada wollen sie und nach Brasilien. Geklagt haben wir jetzt genug. Wartet noch ein wenig und hofft.« »Ich kann nicht mehr warten, wenn ich den Weizen nicht liefre, schleppen sie mich ins Gefängnis. Und dann versteigern die Vielfraße meinen Hof«, sagte Peter Kuhn. »Wir wollen dir Geld geben, damit du Weizen in der Stadt kaufen kannst«, sagte Jakob, »gerade jetzt müssen wir alle treu und fest zusammenstehen.« »Ja, wir wollen zusammenhalten«, sagten die Bauern, »nimm du die Nachrichten entgegen, Jakob, Jaschka, sei du unser Vertrauensmann.« Der Wind vom Meere hatte ausgetanzt. Weiß und müde lag der Staub auf der Straße. Die Bauern verliefen sich. Bundschuh ging allein weiter. Endlos und mühselig war der Weg aus dem Kaukasus gewesen, der Flußübergang, die Rettung aus Blut und Feuer, Schnee und Wasser und glühender Wüste. Jakob dachte an das Gespräch des Vaters mit dem Hufschmied Karsten über Kommunismus. Wo trieb sich der Schmied herum? Ach, weit und verworren waren die Wege gewesen, die Blutwege, die Feuertäler, die Tränenstraßen. Blut und Feuer standen am Anfang. Sollten Blut und Tränen auch am bittren Ende stehen? Jakob seufzte. Die Frauen und Kinder würden es am schwersten haben. Der Hofhund bellte. In der Stube saßen Sophie und Anna. Die kleine Tochter lief dem Vater fröhlich entgegen und streckte jauchzend die winzigen Ärmchen aus. Fünftes Kapitel D ie als Schachverein getarnte Kampfleitung hatte Herfurts Bericht über seine Unterredung mit Uralski gelassen angehört. Mit großer Mehrheit wurde beschlossen, die Aktion nicht abzubremsen, im Gegenteil, der Weg zur Niederlage ist mit Sentimentalitäten gepflastert, und Märtyrer sind Schwurzeugen des Sieges. Sowjetdeutschland kann man nicht mit schönen Redensarten gewinnen. Nicht nur den Mund spitzen: gepfiffen muß sein. Uralski hatte vollkommen recht. Nichts zu machen, Herfurt! Die Besprechung im Café Geier war kurz. Als Thea mit Bundschuh erschien, saß Herfurt schon am runden Tisch ganz hinten am Eckfenster. Sein Gesicht war noch fahler und welker als sonst. Das Hammerkinn hing melancholisch nach dem faltigen Hals. Die Augen waren sehr müde, aber sie leuchteten auf, als Thea kam. »Guten Tag«, sagte er, »nehmt Platz. Was gibt es Neues? Wie ist die Stimmung? Wie ist die Atmosphäre?« »Mit Spannungen geladen«, erwiderte Thea und berichtete in leisen, fliegenden Worten von der Fahrt durch die Stadt, von der Wasserschlacht am Alex, den Demonstrationen und von dem Russen, der das Mandat von Uralski hatte. Herfurt winkte ab. »Schon gut«, sagte er, »den Mann kenne ich, das ist Willi.« Er wandte sich an Bundschuh: »Du fährst sofort nach dem Wedding zu Otto Müller. Schriftliches wird heute nicht aus der Hand gegeben. Und am besten ist es, wenn du Thea deine Papiere gibst falls du hochfliegen solltest. Und wenn du hochfliegst, du weißt von nichts und verweigerst vorläufig jede Aussage, bis der Rechtsanwalt kommt. Dein Name ist Hase, und wir werden schon eingreifen, wenn es notwendig sein sollte. Also los in die Kellerstraße«,er malte auf ein Blatt einige Zahlen. »Das hier ist die Parole. Die überbringst du Müller.« Bundschuh las: »Sieben elf siebzehn.« »Ja, weiter nichts. Und dann kommst du nach der Motzstraße ins Café Neubert. Und hier sind zehn Mark, falls du ein Auto nehmen mußt.« Er fing einen Blick Theas auf, »nimm lieber zwanzig Mark, vielleicht mußt du da oben eine Lage Bier schmeißen. Die Jungens werden Durst bekommen. Und ich sehe dich dann in der Motzstraße. Machs gut!« Er nahm das beschriebene Blatt und zerfetzte es in ganz kleine Stücke, legte sie in den Aschebecher und zündete ein kleines Feuerchen an. Sieben elf siebzehn, die Parole, wurde Asche, Feuer und Rauch. Thea nahm Bundschuhs Papiere entgegen. »Den Schlüssel behalten, Eugen«, lächelte sie, »vielleicht kommen Sie heute Nacht sehr spät nach Hause.« »Ja, wahrscheinlich, und vergessen Sie nicht, Thea, dem Peterle frisches Wasser zu geben«, scherzte Bundschuh. Sieben elf siebzehn, ja, das würde er nie mehr vergessen. Er gab Herfurt und der jungen Frau die Hand und ging zur Untergrund. Auch Herfurt und Thea blieben nicht mehr lange in dem Café. Herfurt telephonierte an Otto Julius Meyer: »Großmutter ist gesund« und verließ dann mit Thea das Lokal. Auf der Straße sagte die junge Frau: »Ich mache dich für den Jungen verantwortlich, Hans, konntest du nicht jemand anders schicken?« »Aber du hattest ihn mir doch empfohlen, werte Dame«, antwortete Herfurt und seine Augen wurden begehrlich, »er wird schon seine Sache richtig machen, und wenn er wiederkommt, schicke ich ihn sofort zu dir... Aber vorher haben wir noch etwas anderes zu besprechen.« Er hängte sich bei ihr ein. »Bitte sehr«, sagte sie, und ihre Augen wurden kalte Steine. »Wie steht es mit uns, Dame?« fragte Herfurt und preßte ihren Arm, »ich habe keine Lust, noch lange zu warten.« »Aber Hans«, antwortete sie, »ich habe doch gesagt, viele Male, daß ich nicht deine Nebenfrau werden will. Entweder – oder. Eigentlich sollte ich sagen: ich habe keine Lust, noch lange zu warten.« Herfurt schob das Kinn vor. »Das ist doch Unsinn, das mit der Nebenfrau, ich habe keine Götter neben dir, Thea, bestimmt nicht. Und du solltest es doch einmal mit mir versuchen, Dame!« »Götter nicht, aber Göttinnen«, sagte Thea, »ich weiß nur von Dora, Babetta, Helene und Uschi.« »Aber das ist doch alles erledigt, Thea«, erklärte Herfurt, »Dora ist in Stuttgart, Babetta in Hamburg, Helene in Leipzig.« »Nur die kleine schwarze Uschi ist in Berlin«, lachte Thea. »Du bist ein Mordskerl«, spottete sie, »wenn dir ein Mädel nicht mehr gefällt, schickst du sie fort und verschaffst ihr Arbeit in Stuttgart, Hamburg oder Leipzig. Du bist ein Scheusal, Hans, ein geliebtes Scheusal, wenn dus wissen willst, aber deine Nebenfrau? Nein, danke, wir wollen gute Freunde bleiben.« »Also schön, Dame«, sagte Herfurt. »Und was ist das für eine Parole, das sieben elf siebzehn? So eine Art siebenundvierzigelf?« »Nein, kein Kölnisches Wasser, Dame. Wasser von der Newa und der Mosqua. Russisches Wasser! Aber die Nerven behalten, er wird schon wiederkommen dein Eugen!« »Eifersüchtig, der große Hans Herfurt ist aus einen kleinen Kurier eifersüchtig?« »Unsinn, ich machte nur Spaß... Gehst du mit zur Kampfleitung? Vielleicht erwischen wir Uralski dort. Er wird sich freuen, dich kennenzulernen, Dame.« »Nein, danke, ich bin müde und fahre nach Hause.« »Und ich rufe sofort an, wenn«, er lächelte, »wenn Eugen sich bei mir in der Motzstraße meldet.« »Das ist gar nicht notwendig. Er kennt meine Telephonnummer und wird von ganz alleine anrufen, wenn er Zeit hat«, sagte Thea und war nun wirklich wie eine Dame. Sie reichte die Fingerspitzen: »Auf Wiedersehn, Hans Herfurt!« »Auf Wiedersehn!« Sie ging und ging, Herfurt starrte ihr lange nach. Und da drehte sie sich um, als habe sie seinen Blick im Nacken gespürt, und winkte mit der Hand. Und diese winkende Hand und das lächelnde Gesicht versöhnten Herfurt. Ja, sie war stolz, die Thea, und als Nebenfrau... Nein, ausgeschlossen. Uschi, Uschi, was soll mit Uschi werden? Ach, Mensch, die schicken wir nach Dresden. Die kann in der Parteibuchhandlung untergebracht werden. Er pfiff leise und vergnügt vor sich hin. Ja, Uschi soll nach Dresden! Dann nahm er eine Taxe, lehnte sich in die Polsterung und fuhr die fünfhundert Meter bis zur Kampfleitung. Und die als Schachverein getarnte Leitung spielte bis tief in die Nacht. Springer und Läufer: die Arbeiter stoßen vor und werden zurückgetrieben. Die Bauern: die Masse ist voll Mut und Angriffsgeist. Die Türme: Neukölln und Wedding stehen wie die Türme. Die Dame heißt Revolution. Der König? Der König muß geschlagen werden. Schach dem König. Ewiges Schach, Nein, den Zug zurücknehmen gibt es nicht. Berührt ist geführt. Schach dem König. Remis. Nein: Patt. Unsinn, hier diesen Zug: ewiges Schach! Thea fuhr nach dem Hermannplatz. Sie lächelte. Nein, sie wollte nichts mit Herfurt und seinen Herzensangelegenheiten zu tun haben. Er war ein Führer, aber er war kein Mann. Als sie aus dem Tunnel die Treppen emporstieg, kam sie in einen Tumult hinein. Immer noch war Berlin in Bewegung. Immer noch wogte das Millionenmenschenmeer. »Weitergehen, bitte, weitergehen!« Thea ging weiter, aber mitten auf dem Wege lief sie einem riesenhaften Schupo in die Arme. Er hatte ein sonnengebräuntes Gesicht, sonnenbraun am 1. Mai, zwei Köpfe größer war er als Thea. Er faßte die kleine Frau behutsam am Arm und sagte: »Wo wollen denn gnädige Frau hin? Am besten ist, wenn gnädige Frau sofort nach Hause fahren, die Gegend hier ist für gnädige Frau nicht die richtige Gegend.« »Herr Wachtmeister, aber ich bin gerade auf dem schnellsten Wege nach Hause«, sagte Thea und lächelte kokett in das braune Männergesicht empor, »Ist es wirklich so schlimm hier?« »Ach, was, schlimm, natürlich, gnädige Frau. Hier haben sie schon Straßenbahnwagen umgekippt und die Stromzuführung zu andern Wagen zerschnitten. Und eine Barrikade ...« Er unterbrach sich, ließ Thea stehen und rannte über den Platz. Dort stand eine Mauer grüne Polizei und riegelte die Hermannstraße ab. Geschrei. Fahnen. Lieder. Die grüne Mauer stand gegen die schwarze Flut. Steine hagelten, aber es war noch nicht geschossen worden. Bundschuh kam aus dem Nettelbeckplatz in einen Tumult hinein. Ein halbwüchsiger Bursche, blaß und unterernährt, ein blaues Tuch um den mageren Hals geschlungen, rannte ihm in die Arme und keuchte: »Mensch, dicke Luft, dicke Luft. In der Kellerstraße ist schon wieder geschossen worden.« »Schon wieder?« »Mensch, Krause, quatsch nicht so dämlich, natürlich, heute nachmittag ist mal geknallt worden und jetzt wieder. Aber feste. Ich habe doch selber drei Tote liegen sehen.« Er riß sich los, ein Fahnenträger der Panik und falschen Gerüchte, und Bundschuh erinnerte sich der harten Detonation, als das Auto abfuhr und wußte jetzt, daß es wirklich ein Schuß und kein platzender Autoreifen gewesen war. Aber Schuß oder nicht Schuß, Tote oder Lebendige, er hatte einen Auftrag zu erfüllen, er war Gefechtsordonnanz im Kampf der Klassen und mußte weiter. Ein Polizeiauto raste vorüber. Kühl und unberührt glitt es durch das Hohngeschrei der Masse. Die jungen Polizisten, Karabiner steil zwischen den Knien, sahen mit starren Gesichtern vor sich hin. Ihre Brüder, Väter und Freunde standen vielleicht auf der Straße und pfiffen und brüllten. Das Volk? Es gab noch kein Volk. Und wie es noch keine Deutschen gab, sondern Sachsen, Hessen, Bayern, Preußen, Württemberger, Hamburger und Schaumburg-Lipper, so gab es noch kein Volk. Es gab Klassen und Stände. Und die Klassen und Stände waren selber zersplittert und bekämpften sich wie Todfeinde. Bundschuh schrie und pfiff nicht. Eine Gefechtsordonnanz darf nicht schreien und pfeifen. Er drängte sich durch die Menschenmenge, die an der Ecke wie ein Strudel hin und her trieb und erreichte endlich sein Ziel. Die Kellerstraße mit den vierundzwanzig Häusern und Höfen schien die Hauptstraße einer volkreichen Stadt zu sein, die Verkehrsader einer Metropole und nicht mehr die stille Steinschlucht im Norden Berlins. Arbeiter, Arbeitslose, Frauen, Kinder, die graue Armut. Ja, auch der heitere Westen war da, einige Intellektuelle vom Kurfürstendamm. Hornbrille und Bügelfalte, leere Gesichter, in die das hektische Feuer einer Idee geschminkt war. »Mensch, Eugen, Müller wartet schon lange auf dich!« Paul Riedel ergriff seinen Arm und zog ihn mit sich fort. »Ist bei euch schon geschossen worden, Paule?« »Quatsch mit Soße! Am Nachmittag knallte so ein Penner in die Luft, wir haben ihm die Kanone abgenommen... Aber auf dem Nettelbeckplatz liegt ein Toter, ein Reichsbannermann. Darauf haben wir gewartet. Der Polizeipräsident läßt seine eignen Parteigenossen abknallen! Toll, was? Aber mit uns können sie so was nicht machen. Wir haben jetzt«, er senkte die Stimme, »wir haben jetzt Willi bei uns. Der weiß Bescheid. Aber der Tote auf dem Nettelbeckplatz, toll, was, ja, so mußte es kommen!« Schon wieder tauchte ein Toter auf und zeigte seine zerschossene Stirn. Der Russe Willi in der Kellerstraße kannte die Seele des Volkes und arbeitete gut. Er kannte den Betrieb. Gab es keine Toten, mußte man sie eben erfinden! Und die Toten, die er flüsternd über die Straßen und Plätze Berlins verstreute, diese Toten lebten noch. »Ja, Mensch, und jetzt haben wir wenigstens Kanonen«, flüsterte Riedel und umfaßte in der Hosentasche zärtlich die neue Parabellumpistole. »Hast du schon so einen Knick-knack?« »Nein, noch nicht.« »Kann dir Otto verschaffen oder Willi.« Vor der Kneipe standen fünf Posten und gaben den Weg frei. Hinter der Theke spielte das Grammophon einen dummen Schlager. Ueber dem beschmutzten Schild, das gepflegte, kühle Biere und eine gutbürgerliche Küche anzeigte, hing ein rotes Fähnchen. An einem viereckigen Tisch saßen vermögende Leute und tranken zu viert an einem Stiefel Bier. »Ist Müller noch hinten?« »Weiß nicht«, sagte die Wirtin. »Natürlich, quatsche nicht so lange, Eugen, natürlich ist Müller noch hinten«, sagte Riedel und stieß die Türe auf. Blauer Zigarettenrauch wolkte ihnen entgegen. Müller und Willi saßen mit einigen Leuten zusammen. Müller sprang auf, aber Willi blieb sitzen und erzählte irgend eine Geschichte vom Kampf der Partisanen in Weißrußland. Wenn er sprach, bewegte sich seine lange Nase, die mit der zu schmalen Oberlippe ganz dicht verwachsen war, wie tanzend auf und ab. Blaurasierte Backen dunkelten in dem schmalen Fuchsgesicht. Die jungen Leute aber sahen begeistert auf den dünnen, beredten Mund und übersahen die hüpfende Nase und ihre komischen Verbeugungen. Die Nase, was kümmerten sie sich um die Nase! Der Mann war ein Kamerad aus dem Osten, ein Mitkämpfer, ein Genosse. Laßt die Nase hüpfen und sich verbeugen, wenn nur das Herz auf dem richtigen Flecke sitzt! Müller kam Bundschuh entgegen. »Kommst du endlich?« »Ja. Von Herfurt.« »Und was ist los?« Er beugte sich vor und hielt die Hand lauschend ans Ohr. Bundschuh antwortete: »Sieben elf siebzehn.« »Sieben elf siebzehn?« wiederholte Müller und ließ langsam die Hand sinken. »Ja, das ist die Parole.« Der Russe unterbrach seine Erzählung, rieb sich das spitze Kinn und erhob sich bedächtig. Dann winkte er mit den schlauen kleinen Augen Kurt und Erwin heran. Auch sie erhoben sich und verließen mit Willi das rauchige Zimmer. Müller schloß eine Sekunde lang die Augen. Sieben elf siebzehn. Die Stunde der Entscheidung war gekommen. Nicht mehr quatschen, sondern handeln. Keine Resolution mehr, sondern Revolution. Er öffnete die Äugen und befahl: »Na, denn mal los! Alarm! Alle Genossen besetzen die Straße. Es geht los!« Es geht los. Das Hinterzimmer wurde wie von einem Sturm leergefegt. Die jungen Burschen rannten davon. Sie ließen die halbgefüllten Biergläser stehen und alarmierten die Etagen, Keller, Dachstuben und Hinterhöfe. Sieben elf siebzehn war ein Zauberwort und verwandelte sich in den großen Befehl zum Widerstande und zur Abrechnung. Sieben elf siebzehn! Otto Müller, Paul Riedel und Eugen Bundschuh blieben noch eine Weile in dem dunklen Zimmer. Plötzlich wurde die Türe aufgerissen. Eine Frau stürzte herein. »Willst du nicht zum Essen kommen, Otto?« fragte Mucki und hatte angstvolle Augen. »Keine Zeit, Frau, stell die Klöße in die Röhre! Winke, winke, auf Wiedersehn, Mucki. Gruß und Kuß dein Julius!« lachte Müller. Die junge Frau ging zögernd davon. »Was sagst du zu dieser treuen Seele, Eugen? Einen Rat will ich dir geben: heirate nicht, Junge, die Weiber halten uns nur von der Arbeit ab!« Diese Weisheit verkündete Müller sanft und zärtlich wie eine Liebeserklärung. Dann verfinsterte sich sein Gesicht. »Da, mein Junge, eine Kanone!« Er drückte Bundschuh eine neue Pistole in die Hand. »Du kannst doch schießen?« »Jetzt sollen sie nur kommen, die Grünen«, frohlockte Riedel, »ja, sie sollen nur kommen!« Sieben elf siebzehn: diese Parole hatte sich Kolja Uralski ausgedacht. Am 7.11.17. begannen in Petrograd und in Moskau die entscheidenden Kämpfe um die Macht. Hier aber in dieser armen Straße und in den anderen armen Straßen verwandelte sich diese Zahlenreihe in gewaltige Kraft und rüttelte und schüttelte an den beschmutzten Steinen und Häusern. Und der Alarm zauberte Waffen in die Hände der Männer. Sie ließen ihre Frauen und Kinder in den Stuben und Hausfluren. Sie sammelten sich und drängten in entschlossenen Gruppen auf die Straße und sicherten diese Steinschlucht, als sei sie der Weg in das Paradies. Gelassen schoben sie die Schlachtenbummler aus dem satten Westen beiseite, die Hornbrillenträger, Weichherzen und Bügelfalten, die dabei sein wollten, wenn die große Sache begann. Vorn an der Ecke krachte die erste Bauhütte zusammen. Der Russe Willi, er stammte aus Minsk und war ein kleiner Schreiber gewesen, bis ihn der Umsturz nach Moskau warf, der Russe Willi leitete die Arbeit und schrieb sich mit Barrikaden in das Buch der Geschichte ein. Er rührte keine Hand, sein Verstand rührte sich, seine Stimme schallte, seine komische Nase hüpfte. »Drei Kolonnen und drei Barrikaden«, befahl er und kommandierte: »sichert euch von beiden Seiten. Baut eure Straße zur Festung aus, Towarschtschi! Los, Proletarier von Berlin! jetzt werden in der ganzen Stadt Barrikaden aus dem Boden gestampft. Diese Nacht ist Berlin in unsren Händen!« Berlin in unsren Händen. Die Männer gingen an die Arbeit. Die Straßen, glattgemacht von den Wagen und stampfenden Füßen, die Straßen der Armut empörten sich und hoben ihre breiten ungeduldigen Rücken den umgestürzten Wagen und Bauhütten entgegen. Die großen schwarzen Gasrohre rollten behende über den öligen Asphalt. Bretter, dünne und dicke, wurden geschleppt, Steine aufgeschichtet. Die Balken und Bretter verbanden sich mit den ausgestellten Kandelabern und bauten die Brustwehren und Sperrmauern. Schweiß tropfte, die Adern liefen wie getretene Würmer über nasse Stirnen und Schläfen. Die Muskeln ballten und entspannten sich. Diese Nacht ist Berlin in unsren Händen! Die jungen Leute lachten bei der Arbeit, aber die alten Arbeiter, die ihr Leben lang mit Metall, Steinen und Holz hantiert hatten, waren mit großem Ernst bei der Arbeit. Sie korrigierten die jungen Pfuscher, drängten und schoben sie zur Seite und waren Maurer, Schlosser und Zimmerleute ihrer eignen Sache. Sie bauten noch keine Häuser, noch keine Wohnungen. Nein, jetzt bauten und zimmerten sie aus Steinen, Metall und Holz drei Brustwehren, drei Barrikaden. Los, faßt an, hau ruck! Aus den Höfen und nahen Kneipen kamen viele Zuschauer und gaben billige Ratschläge. Die alten Arbeiter hörten nicht auf die Gaffer. Sie bauten und zimmerten. Frauen und Mädchen umstanden die Barrikaden. Mucki Müller stand neben einer nacktarmigen, schwarzhaarigen Frau, die mit gellenden Zurufen die Männer anfeuern wollte. Laßt die Hexe da schreien! Sie wird von ganz alleine wieder aufhören, dachten die Männer und arbeiteten. Und Kinder kamen herbei und bauten aus Splittern und Abfällen einen kindlichen Wall. Heiß und dunstig war die Straße, aber plötzlich wehten die vielen Fahnen. Ein Wind hatte sich aufgemacht, stieß in den Dunstkreis der Höfe und Keller, lief durch die Straße mit silbernen Füßen, verkühlte die beißen Stirnen und spielte mit den gestickten Losungen und Bannern. Zwei Minuten blies der Wind, dann war es wieder heiß und bedrückend. Bundschuh hatte seinen Auftrag vergessen. Was sollte er in der Motzstraße? Und was ging ihn eigentlich dieser Hans Herfurt an, der Mann, der wie ein Bürger lebte und im gesicherten Westen blieb? Er war Arbeiter, Sohn eines Arbeiters, hier am Wedding lebten und wohnten seine Brüder und Schwestern. Hier wurde gekämpft, gelitten und gestritten. Und hier war er Eugen Bundschuh aus Werder an der Havel, und hier blieb er auch, hier in der Kellerstraße, hier beim Bau der Barrikade. »Mensch, Eugen, träume nicht. Greife zu, hau ruck!« sagte Paul Riedel, »hier dieser schwere Brocken!« Bundschuh träumte nicht mehr. Er griff zu, hau ruck, und stemmte mit Riedel den schweren Schleusendeckel nach dem Rand der Barrikade. Und als er schwer und sicher aus seinem Platze ruhte, ein Kugelfang, ein Schutzschild, da schien es dem jungen Mann aus Werder, als habe er noch nie in seinem Leben eine so gute, so wichtige und geheiligte Arbeit getan, als diesen gußeisernen Deckel – hau ruck! – aus dem Dunst und Dreck der Straße in das Abendlicht zu heben. »Kinder und Frauen runter von der Straße, marsch, in die Häuser und Höfe!« befahl Otto Müller. »Nein, ich bleibe, Otto«, sagte Mucki. »Du gehst, Frau Müller«, befahl der Mann. Mucki ging drei mühsame Schritte, dann drehte sie sich um, lief aus ihren Mann zu und drückte seine Hand. Sie sagte kein Wort, sie drückte nur die Hand und ging dann gehorsam nach dem Hausflur. Die nacktarmige Frau, das Weib mit den gellenden Zurufen, klatschte in die Hände und lachte. Sie blieb stehen und zündete sich eine Zigarette an. »Maul halten, alles zurück in die Häuser«, brüllte Müller. Die Nacktarmige verschwand. »Warum sollen die Frauen in die Häuser und Gehöfte?« fragte der Russe Willi, »sie haben doch die gleichen Rechte wie die Männer, ja? Bei uns in Rußland haben wir viele Male die Frauen und die Kinder in die erste Reihe gestellt, jawohl, Towarschtschi, und da wagten sie es nicht, die Soldaten, auf uns zu schießen. Macht es doch genau so!« Müller wütete. »Was hier gemacht wird in unsrer Straße, das bestimme ich, verstanden?« schrie er den Russen an, »und was ihr gemacht habt, ist mir Scheibenhonig, auch verstanden? Unsre Frauen und Kinder sind uns viel zu gut, um als Kugelfang zu dienen, noch einmal verstanden? Los, Paule, los, Eugen, schiebt mal diesen verreckten Balken in die Höhe.« »Ja«, sagte Monteur Lange, »das ist unsre Straße. Du hast recht, Otto.« »Nun gut, nun, sehr gut sogar«, zischelte Willi leise und böse, »ich lehne die Verantwortung ab, wenn es schief geht.« Er spreizte beide Hände, als habe er etwas zu verkaufen oder wolle etwas kaufen. Dann begann er russisch zu reden. Er ging langsam zur ersten Barrikade, machte wieder Weltgeschichte, erhob die Stimme und kommandierte: »Vorwärts, Genossen! Vorwärts, Proletarier!« Vorn bauten zwei Salonkommunisten mit. Mutig und tapfer hoben sie mit schwachen Armen die schweren Brocken in die Höhe. Sie beschmutzten sich die Anzüge, zerstörten die Bügelfalten, rissen sich die Hände blutig und blinzelten selig durch die bestaubten Hornbrillen. Ach was, Kurfürstendamm! Hier war das Volk, hier schlug das rote Herz des Volkes! »Heda, Herrschaften«, sagte Müller und lächelte, »das hier ist Männerarbeit. Aber wenn ihr was helfen wollt, geht zu den Vorposten und sichert die Straßen.« Ja, sie wollten helfen. Den letzten schweren Stein rückten sie hoch nach der Barrikade. Dann klopften sie sich den Staub aus den Anzügen, rieben den Schmutz von den Brillengläsern, sie banden sich wieder die weichen Kragen um und gingen zu den Vorposten. Der letzte Balken, das letzte Verschlußstück stand nun auf seinem Platz. Die Arbeiter verschnauften. Krumme Rücken richteten sich auf, müde Muskeln ruhten. Der Schweiß wurde aus den Stirnen gewischt, Pistolen und Gewehre fertiggemacht. Die Arbeiter äugten über die Brüstungen. Die Straßen lagen leer und verlassen da. Plötzlich aber kamen die beiden Hornbrillengenossen angekeucht. Sie winkten schon von weitem: »Sie kommen, sie kommen mit einem Panzerwagen!« »Jeder auf seinen Platz!« schrie Willi aufgeregt, »die Polizei kommt mit einem Panzerwaggon.« »Waggon ist gut«, lachte Riedel, »und wir sind doch alle schon auf unsren Plätzen. Na ja, bei dem fällt der Groschen ziemlich spät, Eugen, oder was meinst du?« »Großes Maul und nichts dahinter«, knurrte Bundschuh. Wie ausgefegt lagen die Straßen im letzten Lichte da. Unheimlich war diese blitzschnelle Verwandlung von Bewegung zum Stillstand, vom Aufruhr zur Erstarrung vor sich gegangen. Es war jetzt noch Tag, es war Abend, aber diese Straßen schienen irgendwie nächtlich zu sein, ausgekehrt vom Tageslärm waren sie, wie gestorben und begraben. Gellende Pfiffe aus benachbarten Bezirken zeigten das Kommen der Polizei an. Durch das Pfeifen und Johlen hörte man das schwere Tappen vieler Schritte. Zu sehen war nichts. Nein. Aber nun kamen eins, zwei, drei vier, fünf, nein, sechs bellende Schüsse. Ging es los? Wer hatte geschossen? Der Russe hatte seine Pistole abgefeuert und den Kampf eröffnet. Jetzt lief er geduckt, den noch rauchenden Mauser in der Hand, ganz schnell nach hinten. Die Polizei schoß wieder. Sie war ohne Panzerwagen gekommen. Das Feuer rasselte und prasselte. Die Kugeln sausten und flitschten, sie knallten auf die Barrikaden, klatschten auf das Pflaster, waren plötzlich mit Geheul begabt, fuhren in die Keller, sausten die Bürgersteige entlang und fraßen sich in die Häuserwände. Von den Etagen bröckelte Putz. Weißer Kalkstaub fiel aus die dunkle Strasse. Schuß aus Schuß gellte und bellte, knallte, hallte, schallte und überschlug sich, verdoppelte sich, verzehnfachte sich in der Straße und in den Höfen und versackte endlich in den Abgrund des Schweigens, bis neue Schüsse aus den Gewehren, Karabinern und Pistolen krachten und dasselbe donnernde Schauspiel vor und hinter den Barrikaden noch einmal aufführten. Die alten Arbeiter, Frontsoldaten auch jetzt im Frieden, die alten Arbeiter schössen ruhig und sicher. Sie zielten. Die jungen Kerle feuerten wild und besessen. Sie freuten sich der Explosionen. Sie spielten Krieg. Päng, päng, päng! Huui huuuiiiii! Bumm Huuuuuuuuuiiitiii! Das Konzert gefiel ihnen. Sie lachten manchmal in dieses Kugelungewitter. Vorn an der Ecke stand auch der Landstreicher Schmitz, stand da, beobachtete und funkte ab und zu einen Schuß hinaus. Bundschuh hatte noch nie auf einen Menschen geschossen. Eine Zeitlang war er sogar Vegetarier gewesen, weil er das alte Gesetz vom Fressen und Gefressenwerden noch nicht begriffen hatte, und als er das Gesetz begriff, konnte er wieder Fleisch essen. Aber das Fleisch war für einen Arbeitslosen zu teuer. Päng, päng, huuuiiii! krachten die Schüsse. Und nun faßte er die Pistole fester und drückte in die Luft ab. »Tiefer halten, du Armleuchter, Mensch, da oben auf dem Dach sind doch keine Grünen!« brüllte Riedel. »Aber da oben wird doch auch gefunkt«, brüllte er zurück. »Natürlich, das ist doch die Idee von Willi gewesen!« Bundschuh feuerte den letzten Schuß hinaus. Die Polizei knallte noch weiter und verabschiedete sich dann mit einer krachenden Salve nach den Dächern und holte Verstärkung heran. In den Fenstern hingen schon wieder die ersten Köpfe der Neugierde. Aus den Fluren wagten sich wieder die ersten Frauen und Kinder. In der Kellerstraße hatte es noch keinen Toten gegeben. Die Männer luden die Gewehre und Pistolen. Die beiden Hornbrillenjünglinge waren schon längst verschwunden. Nach dem Westen waren sie gefahren, nach dem berühmten Café im Westen, und dort prahlten und prunkten sie mit ihren Erlebnissen und Heldentaten. Auch der alte Tippelbruder war nicht mehr da. Der Herr Karl Schmitz gab bei der Polizei seinen zweiten Bericht. Es wurde langsam dunkel. Schatten fielen in die Straße. Die ersten Laternen brannten. Sterne? Ja, es gab auch Sterne über der Straße im feurig geröteten Himmel von Berlin. Die ersten Sterne blinkten durch Rauch, Schatten, Staub, Dunkelheit und Pulverdampf. Die ersten Sterne über der feurigen Taufe des 1. Mai, die ewigen Sterne über den vergänglichen Menschen, die ewigen Sterne über dem unsterblichen Volk. Bundschuh hatte das Feuer von den Dächern blitzen sehen, und nun sah er in der Gefechtspause hoch über allem Kampf, Staub und Dreck die Sterne. In Werder drehte sich das Sterngewölbe der Nacht in heiligem Gleichmaß, heilig und feierlich drehten sich die Sterne über den Wäldern, Wassern, Hügeln, Gärten und Feldern. Sterne in der Nacht! In Berlin flackerten sie als verlorene Lichter am Dunsthimmel und schienen so selten zu sein, daß sich komische Händler mit billigen Fernrohren aufstellen konnten, diese Rohre wie Geschütze zum Himmel richteten und einluden, den Mond, den Mars, den Sirius oder die Venus zu betrachten. Blick in den Weltraum! Blick in die Sterne! Das müssen Sie mal gesehen haben, meine Herrschaften! Sterne sind Schicksal! Nie wiederkehrende Gelegenheit, meine Damen und Herren, pro Person und ausnahmsweise, weil Sie es sind, nur 10 Pfennige! Treten Sie näher, Damen und Herren. Bitte, nicht drängeln! Plötzlich begann eine wilde Schießerei. Überall knallte und blitzte es wieder, von den Dächern, von den Barrikaden. Die Köpfe der Neugier verschwanden. Die Frauen und Kinder liefen schreiend nach den sicheren Fluren. Keiner wußte eigentlich, warum er schoß, warum er mit den Kugeln seine Wut und Verbitterung hinausjagte. Es war kein Gegner da, kein Kapitalist, kein Polizist, aber sie schossen einfach gegen diese Zeit. Sie schossen gegen die Arbeitslosigkeit, sie schossen gegen das Elend. Sie schossen für eine andre Zeit. Noch einmal konzertierte das Feuer wie eine Ouvertüre durch die dunkle Straße, aber dann hob ein großer Meister den Stab, und das Feuer verstummte. »Getürmt sind sie, die Grünen«, lachte Riedel, »sie werden nicht mehr wiederkommen, die Feiglinge.« »Abwarten und Tee trinken«, sagte Müller. »Willi, Willi, Willi!« rief eine Stimme aus der Dunkelheit. Der runde Kurt mit dem Vollmondgesicht schrie und rannte nach der Barrikade. Er hatte mit Erwin Posten gestanden und wurde abgedrängt, als die Grünen kamen. Und jetzt tauchte er wieder auf, atemlos, schweißüberströmt. »Wo ist Willi?« fragte er, »ich habe eine Meldung für ihn.« »Willi!« brüllte Lange. »Willi, was ist los mit Willi?« fragte Adams, »Menschenskind, Willi ist vor zehn Minuten nach hinten gegangen.« »Haltet die Fressen«, die Stimme kam groß und dunkel von der Ecke her, »Ruhe da hinten, die Polizei rückt an.« Erwin und Kurt rannten nach vorn und schossen. Die Polizei rückte zum zweiten Mal an. Und dieses Mal kam sie mit einem Panzerwagen. Die Technik setzte ein gegen die Romantik, die militärische Führung setzte ein gegen die militärische Spielerei. Schuß auf Schuß fegte gegen die Barrikaden, klatschte gegen das Holz, heulte von den Kandelabern und Häuserwänden, zerfetzte die Balken und Bretter und sirrte und klirrte. Die Scheinwerfer richteten die weißbrennenden Augen des Wahnsinns gegen die Barrikaden und blendeten die Verteidiger. Auf der Straße begann eine Gaslaterne zu brennen und jagte die blaue Flamme als zischenden Lichtspringquell in die Höhe. In einer Atempause zwischen den Schüssen begann schrill und klagend ein Mensch zu schreien. »Den hat's erwischt«, knurrte Riedel. Neue Salven überschütteten die Verteidiger. »Zurück, alles in die Höfe«, brüllte Müller, »alles zurück in die Höfe!« Er richtete sich aus der Deckung aus, hielt die Hände wie einen Schalltrichter vor den Mund und brüllte noch einmal: »Alles zurückgehen, Genossen, und in den Höfen sammeln.« Das war an diesem Abend sein letzter Befehl an die Kameraden gewesen. Ein bellender Schuß peitschte heran, nicht lauter und nicht leiser als die andern Schüsse und auch nicht besser gezielt. Müller griff sich verwundert an den Kopf. Ffffjjtttt, hatte es gemacht, und dann fiel er langsam um. Er stöhnte und zuckte. Nein, Schmerzen fühlte er keine. Und nun steckte er sich aus und lag einfach da. Riedel richtete sich auf und brüllte: »Alles zurückgehen!« »Und den da, den Otto?« fragte Bundschuh. Er hatte sich wieder aufgerichtet. Seine Hände waren rot von dem Blute, das um Müllers Schläfen rieselte. »Den Otto nehmen wir mit!« »Mensch, der ist doch alle!« »Los, anpacken, Paule«, antwortete Bundschuh und riß Müller von der Erde hoch. Und als er das Gewicht in den Händen und Armen fühlte und mit Riedel den leblosen Freund Schritt für Schritt aus der Feuerlinie trug, da dachte er an jenen Schleusendeckel, den er mit seinem Kameraden gemeinsam in die Höhe und auf den Rand der Barrikade gestellt hatte. Und jetzt trug er mit demselben Mann ein anderes Gewicht und fühlte die heilige Last mit allen Nerven und Adern. Was wog schwerer an diesem Abend: das Schlußstück der Barrikade oder der blasse Freund mit den blutigen Schläfen? Er wußte es nicht. Die Polizei rückte vor. Sie wurde mit Schüssen empfangen. Kurt mit dem Vollmondgesicht hielt neben Bundschuh und Riedel gleichen Schritt, Kurt, der als letzter Mann zur Barrikade gekommen war, verließ sie auch als Letzter. Fliehende Männer und Burschen. Adams und Lange keuchten vorbei. Genagelte Schuhe klapperten über die Steine. Kurt hielt die Pistole in der Hand. Sein Gesicht war groß und ruhig. Die Pistole schimmerte matt in der Dunkelheit. Tapp, tapp, tapp, klangen die Schritte. Bundschuh wischte sich den Schweiß von der Stirn. Schwer war der Müller! Der dicke Kurt äugte hinter sich. Plötzlich blieb er stehen und sagte: »Geht mal voran, Genossen, ich habe noch was zu tun. Gruß an Erna.« Ja, er hatte noch was zu tun. Er stand und stand und feuerte Schuß um Schuß gegen die stürmenden Polizisten. Er stand und stand und deckte mit seinem Leib und Leben die Kameraden. Und dann fiel er zusammen, lag wimmernd auf dem Asphalt, hörte die Kugeln klatschen, die Polizei kommen und die schweren, hastigen Schritte von Bundschuh und Riedel, die Müller fortschleppten. Dann hörte er nichts mehr. »Hier herein, Eugen«, keuchte Riedel. Sie tappten in einen dunklen Hof. »Lehne Otto an die Mauer. Verdammter Dreck. Komm, wir müssen Mucki benachrichtigen.« Sie lehnten Otto Müller an die aussätzige Mauerwand und stiegen ganz langsam die steilen Treppen hinaus. Schwer war der Weg, steil, mühsam. Erste Etage, zweite Etage, dritte Etage, vierte Etage. Hier ist es. Riedel holte tief Atem und hämmerte mit beiden Fäusten an die Türe. »Aufmachen, Mucki, aufmachen.« Die Türe wurde ganz schnell geöffnet. Es schien, als habe die junge Frau mit dem Ohr am Schlüsselloch auf das Klopfen gewartet. Die Haare hingen ihr ins Gesicht, der Mund war traurig, die Augen verweint. Das Gesicht wurde noch blässer, als sie Riedel sah. »Wo ist Otto? Was ist los?« fragte sie. »Otto wird schon noch kommen, dein Otto. Die Geschichte ist noch lange nicht zu Ende«, sagte Riedel, »und nun laß uns doch nicht hier stehen, laß uns doch herein, Mucki.« Die junge Frau bekam starre Augen. »Kommt herein«, sagte sie. »Wo ist Otto?« »Otto? Der kommt noch. Wir wollten uns blos mal fünf Minuten verpusten, Mucki. Ist Willi nicht hier?« »Nein. Der war hier. Wo ist Otto?« Otto, Otto, nichts als Otto! »Willi war da?« fragte Riedel, »und was hat er denn hinterlassen, kleine Frau?« »Nichts. Er will morgen wieder kommen ... Aber wo ist Otto? Um Jesu willen, rede doch, Paule, wo ist mein Mann?« Sie rang verzweifelt die Hände. Ihr armer Mund krümmte sich. »Wo ist Otto?« »Willi will morgen wieder kommen? So ein Hund, so ein Schwein, er hat uns im Feuer gelassen und ist getürmt!« brüllte Riedel, »ich habe den Kanal voll mit dem Willi! Er wollte auch die Frauen und Kinder in die erste Reihe stellen, als Kugelfang, der Hund, und nun hat er sich dünne gemacht, weil geschossen wird, verrecken soll er, verrecken!« In der Küche lärmte der Lautsprecher. In die billige Jahrmarktsmusik knallten von der Straße die vielen Schüsse. Mucki hörte keine Musik, sie hörte keine Schüsse. Sie hörte auch nicht, was Riedel vom Russen Willi erzählte. Sie hörte nur sich selbst, als sie kalt und grausam fragte, die alte Frage und die alte Klage wiederholte: »Wo ist mein Mann?« »Ich weiß es nicht, Mucki«, zögerte Riedel und suchte Sei Bundschuh Schutz. Aber der schwieg und schwieg. »Schöne Kameraden, gute Genossen«, höhnte die junge Frau und hatte doch alles verstanden, »da geht ihr zusammen aus die Straße, und wenn es knallt, laßt ihr Otto im Stich. Ach, ihr seid ja auch nicht besser als euer berühmter Willi!« Riedel hämmerte mit beiden Fäusten aus den Tisch. »Du bist doch ein Arbeitermädel«, sagte er dann, als er sich beruhigt hatte, und die Worte fielen ihm wahnsinnig schwer, so schwer wie das Treppensteigen nach der vierten Etage, »ein Arbeitermädel bist du, und tapfer bist du, Mucki, und wir kennen uns schon lange, nicht wahr, und du weißt ja, wir alle sind nur Tote aus Urlaub, und Otto ...« »Stellt doch endlich die verfluchte Musik ab«, begann Bundschuh zu schreien, »sie macht mich noch wahnsinnig!« Mucki Müller sah die beiden Freunde verständnislos und mit ausgebranntem Gesicht an. Was wollten sie denn von ihr? Warum brüllte der Mensch? Plötzlich erinnerte sie sich Bundschuhs und sagte höflich: »Ach so, Sie sind ja der Herr, der gestern Abend nach Otto fragte. Haben Sie ihn getroffen?« Dann lauschte sie mit gerunzelter Stirn auf den Schlager, der aus dem weiten Maul des Lautsprechers kam und spitzte die Lippen, als wolle sie pfeifen. Aber sie pfiff nicht. Nein. Ihr Gesicht veränderte sich, wurde weiß und endlich, endlich hatte sie alles begriffen. »Hinaus mit euch, ihr Kerle, hinaus«, schrie sie laut, »hinaus mit euch.« Sie bemerkte Bundschuhs blutige Hände. »An euren Händen klebt ja Blut! Was wollt ihr denn bei mir? Mit euch habe ich nichts zu tun, nein, ich will euch nicht sehen, hinaus mit euch, hinaus!« »Aber Mucki, Otto ist doch ...« begann Riedel. »Hier gibts keine Mucki mehr, kein Wort und hinaus!« Sie stampfte mit den Füßen und brach in haltloses Weinen aus. »Wo habt ihr meinen Mann gelassen«, klagte sie, »und das ist ja ein schöner Maianfang«, begann sie zu weinen, »ach, Otto, mein Mann!« Riedel zuckte hilflos mit den Schultern und verließ die weinende und klagende Frau. Langsam, ganz langsam stiegen sie die dunklen Stufen hinunter. Das Haus schwieg, aber man fühlte hinter allen Türen und Wänden, in den Stuben und Küchen Verzweiflung, Ohnmacht, Haß und Verbitterung. Auf der Straße bellten immer noch die Schüsse. »Was machen wir nur mit dem Otto? Wir können der Mucki doch nicht den toten Mann in die Wohnung bringen?« »Ich weiß es nicht, Paul. Ach, es ist zum Verrecken«, sagte Bundschuh und seufzte. Unten im Hof waren zwei Männer um Otto Müller bemüht. Er lehnte nicht mehr so schlaff an der Wand. Sie liefen hinzu. Die Wunde an der Schläfe blutete nicht mehr. Und das Herz? Schlug das Herz? Das Gesicht schimmerte fahl durch die Dunkelheit. »Paule, es ist gut, daß ihr Otto hierher geschleppt habt«, sagte der Maurer Adams, »Schwein hat der Otto, das muß ich schon sagen. Streifschuß, und das Herz geht ganz hübsch. Er muß bald wieder zu sich kommen.« »Holt ein nasses Handtuch«, sagte der Monteur Lange. »Streifschuß? Das Herz schlägt schon wieder? Was heißt hier nasses Handtuch!« empörte sich Riedel, »Mensch, Adams, einen Moment, ich will Mucki benachrichtigen!« Er raste die Treppe hinauf, er flog die Etagen hinauf, riß die Türe auf und brüllte herrlich: »Was sagst du nun, Mucki? Dein Otto ist ja gar nicht tot, er ist nur leicht verwundet, und wir bringen ihn angeschleppt.« Mucki sagte kein Wort. Sie warf ein Tuch über die Schultern und flog die Treppen hinunter. Unten im Flur fand sie ihren Mann. Er war gerade zur Besinnung gekommen. Der Kopf schmerzte, komisches Gefühl im Munde, was war denn los? Ach so, päng, päng, ffffjjjjttttt! Er schlug die Augen auf, ja, da stand doch seine Frau! Mucki stand da! »Hast du«, fragte er und das Sprechen fiel ihm sehr schwer, »hast du die Klöße warm gestellt, Frau Müller?« »Ach, Otto, die Klöße! Ich dachte, du seiest tot!« »Unkraut vergeht nicht ... Was macht die Straße?« »Scheint erledigt zu sein, und wir können wieder mal in den Rauch glotzen, Otto«, sagte Adams. »Na ja, Kinder, und nun greift mir mal unter die Arme«, scherzte Müller, »und wo Rauch ist, ist auch Feuer.« Sie faßten Müller unter und trugen ihn hinauf. »Lange kann er nicht hierbleiben, der Otto, hier gibts dicke Luft«, sagte Riedel, »am besten ist es wohl, wir bringen ihn nach Neukölln zur Thea, Mucki. Da ist er gut aufgehoben.« »Unter einer Bedingung, ich fahre mit und sehe mir diese Frau erst einmal an«, erklärte Mucki und stellte endlich den Lautsprecher ab. »Wie kommen wir aber in das Haus?« »Durch die Türe, ich habe die Schlüssel«, sagte Bundschuh. Mucki atmete leichter. Wenn Bundschuh die Schlüssel hatte, konnte Thea ihrem Mann doch nicht gefährlich werden. Nein, aber anschauen mußte sie die Frau, von der die Männer schwärmten, der Riedel, der Otto und nun wahrscheinlich auch der Junge da mit den Schlüsseln. »Ich will sehen, ob unser alter Ausgang nach der Pankstraße noch frei ist«, sagte Paul Riedel, drückte sich die Mütze in die Stirn und ging. Otto Müller lächelte. »Treu wie Gold der Paule«, sagte er, »wir müßten in Berlin tausend solcher Jungens haben, da würden wir den Laden schon schmeißen.« Adams und Lange nickten. Immer noch knallten und hallten die Schüsse. Immer noch wurde die Straße mit Feuer getauft. Mit Blut und Feuer. Die Schüsse in der Dunkelheit fielen aber vereinzelt und jagten nicht mehr in dichten Salven nach den Fenstern und Dächern. Panzerwagen ratterten und dröhnten durch die dunklen Straßen und über die vereinsamten Plätze. Die Polizei riegelte entschlossen das Aufruhrviertel an der Kellerstraße ab. Und nun kamen die Krankenwagen und lasen die Verwundeten auf. Auch der dicke Kurt mit dem Vollmondgesicht und dem Bauchschuß, der Mann, der sich für seine Kameraden geopfert hatte, wurde nach dem Krankenhaus gebracht. Morgen wäre er gerade zwanzig Jahre geworden. Er starb eine Stunde vor seinem Geburtstag während der Operation. Sechstes Kapitel E ugen Bundschuh kannte die Stimmungen und Stimmen der Seele, und als er mit Riedel den leblosen Otto Müller aus dem Feuer trug und Kurt fallen sah, da war es ihm, als habe er alles schon einmal erlebt: Straßenkämpfe in der Dunkelheit, Schüsse, Geschrei, Blut, eine weinende Frau, Opfermut, Verrat und Treue. Und auch jetzt, als er mit Müller, mit Mucki und Paul Riedel über die Mauern setzte, durch die Hinterhöfe flüchtete, erinnerte er sich dunkel einer Flucht in dunkelster Vergangenheit. Mucki folgte tapfer den Männern, lief über die dunstenden Höfe, kletterte über die Mauern, kroch durch viele Planken, schob mit den letzten Müllkasten zur Seite und schlüpfte ins Freie. Mühsam war der Weg gewesen und schmutzig, aber es war doch ein Weg und rettete aus der Klammer der Polizei. Unterwegs wurde kein Wort gesprochen. Vereinzelte Schüsse sprachen noch und klatschten sich mit ihrem Echo selber Beifall. »Alles in Ordnung«, meldete Paul Riedel, »jetzt sind wir raus aus der Falle.« »Wo kriegen wir jetzt ein Auto her?« fragte Bundschuh. »Achtung, Polizei«, flüsterte Riedel, »Polizei«, und drückte sich in den Schatten. Auch die andern drückten sich in das schützende Dunkel und warteten so lange, bis die Patrouille vorüber war. »Auto?« fragte Riedel, »dort kommt eine Taxe.« Er lief auf die Straße, hielt den Wagen an und sagte: »Nach Neukölln, wir haben einen Kranken bei uns. Fahre wie der Teufel, Kollege.« »Einen Kranken?« fragte der Chauffeur, beugte sich aus dem Wagen und sah Müllers blutigen Verband. »Schön, einen Kranken, aber das kostet eine Kleinigkeit extra.« »Was soll es denn kosten?« fragte Mucki. »Eine Fuhre mit drei Personen und einem Kranken von hier nach Neukölln? Augenblick mal«, überlegte der Chauffeur, lauschte in die entfernte Schießerei und sagte endlich: »fünfundzwanzig Mark.« »Geht es nicht für zwanzig?« fragte Bundschuh und hielt die Banknote hin, die er von Herfurt bekommen hatte. »Zwanzig Mark? Sie sind wohl verrückt geworden«, sagte Mucki und nahm im das Geld aus der Hand, »Zwanzig Mark? Was für ein Unsinn!« Sie wandte sich an den Chauffeur! »Zehn Mark höchstens, los, fahren Sie uns für zehn Mark, aber schnell, wir haben es eilig.« Der Chauffeur wußte Bescheid. Natürlich hatten es die Leute eilig, und wenn man schon zwanzig Mark anbietet, können auch fünfundzwanzig gezahlt werden. Der Mensch muß seine Chance ausnützen. Die nützen doch auch ihre Chance aus. Er schüttelte den Kopf und sagte: »Fünfundzwanzig, junge Frau.« Müller kam mit geballten Fäusten näher. »Geh zum Teufel, du alter Gauner, verschwinde, du halbe Portion«, fluchte er laut, »so krank bin ich doch gar nicht, daß wir dein verrecktes Auto gebrauchen. Wir können ja auch Straßenbahn fahren.« »Otto«, klagte Mucki, »nimm dich zusammen, wenn die Wunde wieder aufbricht!« »Laß sie brechen, kleine Frau, und dem Hund hier breche ich das Genick, wenn er nicht schnell verschwindet«, keuchte Müller und ging auf den Chauffeur zu. Der starrte in das blasse Gesicht mit dem blutigen Verband, gab schnell Gas und raste davon. Sie gingen weiter. Im Schatten der Häuser liefen sie und vermieden das gelbe Licht der Laternen. Über die Straßen huschten sie wie Eidechsen, immer ferner und unwahrscheinlicher klangen die Schüsse in der Kellerstraße. In großen Bogen umgingen die Flüchtlinge die Ansammlungen auf den Straßen. Endlich kam ein zweites Auto. Bundschuh hielt es an. »Nach Neukölln, in die Kaiser-Friedrich-Straße, aber schnell, wir haben einen Kranken«, sagte er. »Was soll denn die Fuhre kosten?« fragte Mucki. »Nach Neukölln? Augenblick mal«, sagte der Chauffeur und stellte die schon eingeschaltete Uhr wieder ab, »steigt ein, Genossen«, sagte er, »ich fahre euch umsonst. Wo kommt ihr her?« »Aus der Kellerstraße.« Der Chauffeur pfiff vor sich hin. »Aus der Kellerstraße? Na, dann wollen wir mal sehen, daß wir diese liebliche Gegend so schnell als möglich hinter uns haben. Mein Bedarf an Weltgeschichte ist restlos gedeckt. So ein alter Frontsoldat wie ich geht in Deckung, wenn geschossen wird.« Er schaltete den ersten Gang ein. Er suchte die glattesten Straßen aus. Mucki hielt die Hand ihres Mannes. Als Brautleute waren sie vor zwei Jahren mit der Eisenbahn und Hand in Hand nach der Sächsischen Schweiz gefahren nach der Bastei. Hatten die Schwedenlöcher besucht, den Lilienstein, den Königstein und den Pfaffenstein. Drei Tage Wanderung durch die Gründe und Schlünde nach den Bergen und Zinnen. Mucki lächelte. Auch jetzt fuhr sie mit Otto Hand in Hand. Es war wie auf einer Hochzeitsreise. Heraus aus dem Jammer, aus dem Kampf, aus dem Elend. Ihr Herz war ein Sender und funkte seine zärtlichste Welle hinaus. »Mucki, liebe Frau Müller«, sagte Otto und lehnte seinen Kopf an ihre Schulter. Bundschuh saß vorn beim Chauffeur und dachte an Erwin und an den runden Kurt, der ihn und Riedel und Müller mit der Pistole in der Faust gedeckt hatte. An den Kurt mit dem Vollmondgesicht dachte er, an den Mann, der sich opferte und einen Gruß für eine Erna hinterließ. Die Männer und jungen Burschen waren ja nicht allein, sie hatten ja Frauen und Mädchen. Die Frauen und Mädchen der Revolution sind keine Gänse, die schnattern, wenn ein Gewitter kommt. Die kleine Erna zum Beispiel war achtzehn Jahre alt und Verkäuferin in einem Warenhaus. Sie hatte gesehen, wie der Krankenwagen kam und Kurt aufgehoben und weggefahren wurde. Und da ging sie mit wächsernem Gesicht und wie mit gläsernen Füßen durch die Doppelposten der Polizei. Sie ließ sich nicht aufhalten, nein, und hatte doch keinen andern Ausweis als den Schmerz in ihrem Gesicht. Sie kam nach dem Krankenhaus, schob die Schwestern und Pfleger beiseite und drängte sich in den Operationssaal. Die kleine Erna sah ihren Freund im zischenden blauen Lichte auf der Bank liegen, schon vom Tode gezeichnet. Und als er starb, weinte sie keine Träne. Sie ging ernst und unaufhaltsam nach Hause, schob die Posten beiseite und stand am nächsten Morgen wieder im Warenhaus, Abteilung Damenwäsche. Am dritten Tag, als Kurt begraben wurde, weinte sie. Und als Thea sie trösten wollte und die billigen Worte sagte von der Jugend, die schnell vergißt und vom Leben, das ja noch so lange dauert, da warf die kleine Erna einen so eisigen Blick auf die damenhafte Genossin, daß sie sich schämte. Aber das war drei Tage später. Jetzt fuhr das Auto durch die Dunkelheit, Mucki hielt die Hand ihres Mannes, und der Hermannplatz war gesperrt. Eine Polizeistreife hielt den Wagen an. »Wo kommen die Herrschaften her?« »Von einer Geburtstagsfeier, Herr Wachtmeister.« »Wo fahren die Herrschaften hin?« »In die Weserstraße, Herr Wachtmeister«, antwortete zum zweiten Mal der Chauffeur. »Warum hat der Mann da den Kopf verbunden?« fragte der Wachtmeister und leuchtete mit der Taschenlampe in den dunklen Wagen, »was ist mit dem Mann da passiert?« »Ein zärtlicher Onkel wollte mal sehen, wie hart der Kopf seines Neffen ist, Herr Oberwachtmeister«, lachte der Chauffeur. »Wir haben vielleicht einen zuviel gepichelt und hinters Hemd gebraust, der Herr Oberwachtmeister wissen ja selber, wie leicht so eine kleine Familienfeier ausartet«, quatschte der Chauffeur weiter, ließ plötzlich den Wagen anlaufen und raste davon. »Das hast du gut gemacht, Kamerad«, sagte Riedel. »Ein jeder tut, was er kann«, erklärte der Chauffeur. Kurz nach Mitternacht schloß Eugen Bundschuh die Türe zu Theas Wohnung auf. Der Chauffeur hatte sich bis zur letzten Minute geweigert, Geld für die Fahrt zu nehmen. »Laßt mal gut sein, Kollegen«, sagte er, »ich muß ja sonst das ganze Kroppzeug durch Berlin fahren, und wenn ich mal anständige Leute habe, müßt ihr mir zum Schluß nicht so dämlich kommen. Eine Zigarette nehme ich gerne. So. Danke. Und nun machts gut!« Thea war noch wach. Sie kam in den Korridor, und als sie die vier Menschen sah, an Bundschuhs und Riedels Händen klebte Blut, auch Müllers Verband war ganz rot, da schrie sie leise auf. »Um Himmelswillen, was ist denn passiert?« »Nichts«, sagte Otto, »Streifschuß, Thea, guten Abend.« »Ruhe«, befahl Riedel, »den Otto hats erwischt. Und das hier ist Mucki, seine Frau. Können die beiden vorläufig hierbleiben, bis alles vorüber ist? Bis nicht mehr geknallt wird? Auf dem Wedding scheint alles erledigt zu sein. Und«, er zögerte, »wie gehts in Neukölln?« »Hier wird auch geschossen«, sagte Thea, »natürlich kann der Otto hier bleiben, und Sie bleiben auch hier, junge Frau«, wandte sie sich an Mucki, »Eugen und Paul können in der Stube auf dem Faulenzer schlafen.« Mucki warf einen schnellen Blick auf Thea. Thea warf einen prüfenden Blick aus Mucki. Und dann lächelten die beiden Frauen. Sie hatten sich verstanden und Gefallen aneinander gefunden. Otto setzte sich. »Nur einen Tag oder zwei werden wir bleiben, und ich helfe mit in der Wirtschaft.« Sie deutete auf den verhangenen Käfig. »Was haben Sie denn da? Einen Finken?« »«Nein, einen Kanari, das Peterle.« »Bitte, Thea, können wir Otto nicht erst in das Fremdenzimmer bringen? Er ist todmüde«, sagte Bundschuh. »Natürlich, Verzeihung, Mucki, und Sie gehen jetzt auch mit schlafen. Paul und Eugen waschen sich erst mal das Blut von den Händen. Und dann rauchen wir noch eine Zigarette. Und dann müßt ihr mir erzählen, was bei euch los war, Jungens!« sagte Thea. Sie brachten Otto in das Fremdenzimmer. Mucki blieb bei ihrem Mann. Noch einmal erneuerte sie den Verband, sie pflegte den Mann leise und zärtlich, sie ließ die Augen friedevoll auf ihm ruhen und strich ihm das wilde Haar aus der Stirn. Otto lag da, schmerzlos war er, aber er klagte über große Schmerzen, um die sanfte Hand der kleinen Frau noch einmal auf der Stirn zu fühlen. Thea saß mit Eugen und Paul noch eine halbe Stunde zusammen und ließ sich von den Straßenkämpfen erzählen. Sie hatte angstvolle Augen und lauschte in die fernen Schießereien, die in Neukölln hallten und schallten. In der Nacht träumte sie, ihr Mann lebe und sei noch einmal erschossen worden, aber es war gar nicht ihr Mann, der auf der Erde lag und aus der Stirn blutete. Der Mann, der auf der Erde lag, nein, das war nicht Peter. Blut rann um die Stirn, Blut rann purpurn um die weizengelbe Haarsträhne. Thea erwachte und hörte die Atemzüge von Paul und Eugen, die großen Atemzüge der Jugend, und schlief beruhigt wieder ein. Am Morgen ging Paul Riedel als Kundschafter nach dem Wedding. Die Kellerstraße war noch abgesperrt. In der Nacht hatte es noch einige Tote gegeben. Und in Neukölln gab es Barrikaden und Tote. In Neukölln wurde auch noch am anderen Tag geschossen. Das Echo der Schüsse kam bis in Theas Wohnung. Müller lauschte aufgeregt in das leere Getöse. Mucki saß neben ihrem Mann, aber jetzt hatten die zarten Hände keine Gewalt mehr über ihn. »Du sollst dich doch nicht aufregen, Otto«, bettelte sie, »du hast doch deine Pflicht und Schuldigkeit getan. Der Doktor hat dir strengste Ruhe verordnet. Leg dich hin, Otto; und versuche zu schlafen.« »Ein Maschinengewehr hätte er mir verschreiben sollen, Frau Müller, das würde helfen«, antwortete der Mann. Aber dann legte er sich doch seufzend hin und ließ sich gern pflegen und bemuttern. Blumen blühten, Wellen spielten, Vögel sangen, Falter flatterten, Kinder lachten, Winde wehten, überall Freude, Licht, Aufbruch, neue Geburt. Und durch Berlin stampfte der Bürgerkrieg. Er verirrte sich auch in stille Straßen. Nach der Lambedastraße kam eine Polizeistreife, alarmiert von einem ängstlichen Bürger, der vom Weltuntergang fieberte. Die Straße lag ruhig im Abend, in der Nachbarschaft wurde geschossen, aber hier saßen die Leute aus den Balkonen bei den Blumen und Fahnen. Sie hörten das nahe Knallen, sie freuten sich, nicht in der Gefahrzone zu sein, und nun erschien die Polizei. »Fenster zu!« schrie die Polizei, und schon krachten die ersten Schüsse. Schon krachten die ersten Schüsse, die Balkone lagen verlassen da, die Fenster schlossen sich, aber aus einem Balkon blieb der alte Mann, der Arbeiter, der den Feierabend genoß. Seine Tochter war in der Küche, und als sie nach dem Balkon sah, war der Vater noch dort. Er beugte sich über das Gitter und blickte aus die Straße hinunter. Die Schüsse waren vorbei. Vier, fünf, sechs, sieben, acht, neun, zehn, elf Schüsse waren gefallen. Ja, die Frau stand auf der Straße, im Abendwind roch es ein wenig nach Pulver, sie schnupperte, die Fenster und Balkone belebten sich wieder, und plötzlich fielen von oben Tropfen auf die Hand der Frau. »Ekelhaft«, dachte sie, »wirklich ekelhaft, daß sich die Leute nicht vorsehen beim Blumengießen.« Es wurden keine Blumen gegossen da oben auf den Balkonen. Die Tropfen waren kein Wasser. Die Frau hatte eine Tochter, elf Jahre war sie alt, Elfriede hieß sie. Und plötzlich hörte die Mutter das Mädchen schreien. Warum schreit Elfriede? Sie hatte dem Großvater ›Gute Nacht‹ sagen wollen, aber der brauchte keine gute irdische Nacht mehr. Er war tot, erschossen von den blinden Schüssen der Polizei. Und auf diesem Balkon wurden keine Blumen gegossen. Sein Blut tropfte auf die Straße und fiel der Tochter auf die Hand. Gute Nacht, ja gute Nacht! Er war wie eine Schießscheibe gewesen, der alte Mann in der Lambedastraße, hinter sich die erleuchtete Stube, neben sich die ersten Tulpen und über sich die bestrahlte Fahne auf dem Balkon. Der Bürger mit der Weltuntergangsangst konnte beruhigt schlafen. In seiner Straße wurde gegen den Aufruhr geschossen. In seiner Straße wurde der Frieden durch eine Salve verkündet. Päng, päng, päng! Fenster zu, Fen–ster–zu! Fenster zu oder wir schießen. Sie hatten geschossen. Päng! Mit blinden Augen ging der Bürgerkrieg durch die Stadt, aber er schoß scharf und traf gut. Zehn Tote, zwanzig Tote am zweiten Tag, kein Mensch wußte, wieviel gefallen und verwundet waren. Und Willi, der feige Willi, saß im sicheren Westen und ließ sich einen Vollbart wachsen. Herfurt war im Westen, Uralski war im Westen, sie hockten in den Pensionen, die Kampfleitung tagte nicht mehr als Schachverein. Willi sprach nicht mehr von den Toten. Er brauchte sie nicht mehr auf die Straßen und Plätze verstreuen, sie lagen wirklich auf den Straßen und Plätzen in Neukölln, am Wedding, und die Verwundeten und Verhafteten waren gar nicht zu zählen. Drei Tage blieb Riedel unterwegs. Am Wedding war er, in Neukölln war er, Herfurt hatte ihn als Kurier eingesetzt. Auf einer Geheimsitzung der Kampfleitung hatte er Uralski kennengelernt. Den Russen haßte er vom ersten Augenblick an, den geschniegelten und gebügelten Berufsrevolutionär mit Lackschuhen und den bunten Seidenhemden. Zwei Welten stießen zusammen. Der Arbeiter, der sich und sein Leben für die Sache einsetzte und der kühle Stratege, der das Leben seiner Kameraden einsetzte und sein eignes Leben in Sicherheit brachte. Kurt mußte fallen, damit Willi leben konnte? Aber warum mußte Willi leben? Warum mußte Kurt fallen? Für Willi? Für Herfurt? Für Uralski? Nein, nein, nein, Kurt hatte mit Willi, Herfurt und Uralski nichts zu tun. Der Junge war für seine Straße gefallen, für die erste Barrikade, für den verwundeten Otto Müller, für die Genossen und Kameraden, für Paul und Eugen! Drei Tage trieb sich Riedel in Berlin herum. Ab und zu wurde noch gekämpft und geschossen. Aber alles war aus, verloren und vorbei. Tote, Tote, Verwundete, Verwundete, Verhaftete, Verhaftete und viele Flüchtlinge. »Das ist furchtbar, Paule«, sagte Thea und fröstelte. Paul Riedel hatte seinen Bericht gegeben. »Das ist furchtbar«, sagte die junge Frau, »ist keine Hoffnung mehr, Paule?« »Nein. Es ist vorbei.« »«Nichts ist vorbei, nichts ist furchtbar«, sagte Müller. »Mit Rosenwasser und mit weißen Lilien macht man keine Revolution, jedes Kind wird im Blute geboren«, sagte er und sprach wie in einer Versammlung, »das werktätige Volk, dieser geknebelte Riese, das Proletariat...« Aber dann ließ er die hohen Töne und den bestaubten Plüsch. Er wurde ganz einfach und erklärte: »Ja, was wir sagen wollten: ›Auf Wiedersehen!‹ Ich muß wieder rein in den Betrieb. Warum sollte ichs eigentlich besser haben als meine Genossen?« »Aber Otto Müller«, entsetzte sich Thea, »der Doktor hat doch noch eine ganze Woche Schonung verordnet.« Müller lächelte. »Du willst gehen, Otto?« fragte Riedel. »Das sowieso. Gehst du mit?« »Nein.« Müller hob erstaunt die Augenbrauen. »Nein?« »Ich habe mit Thea noch was zu besprechen.« »Ach so«, lachte Müller, »na, da komm mal mit, kleine Frau, wir wollen nach Hause.« Mucki sagte: »Komm doch mal zu uns, Thea. Ganz so schön und still wie bei dir ists zwar nicht in der Kellerstraße, aber von einem Ochsen kann man nur Rindfleisch verlangen. Schweinebraten ist wieder was anders.« »Das verstehe ich nicht, Mucki«, lachte Thea. »Ich auch nicht, aber das sind eben so die Sprichwörter. Wann kommst du mal, Thea? »Bald, vielleicht schon morgen.« Bundschuh brachte die Familie Müller, Otto war immer noch wacklich in den Füßen, bis zum Wedding. Sie sprachen wenig unterwegs. Sie hatten sich in den letzten Tagen schon alles erzählt. Die Sache war verloren, aber die Bewegung blieb und konnte niemals verloren gehen. Sie war mit dem Blute der Toten und Verwundeten getauft worden. Thea und Paul waren allein. Die Frau ließ ihre Katzenaugen leuchten, Riedel blieb stumm, wußte nicht, was er mit seinen Händen anfangen sollte und seufzte. Thea erbarmte sich seiner und sagte: »Schießen Sie los, Paule, was haben Sie auf dem Herzen?« »Ja, Thea«, zögerte er, »ich habe da den Russen kennen gelernt, den Uralski, und ...« »Und?« »Ach, das ist auch so ein Kerl wie der Willi, der uns im Stich gelassen hat. Was wollen denn die Baschkiren und Kalmücken in Deutschland?« Thea war sehr enttäuscht. Sie verzog ein Wenig den Mund und sagte: »Keine Ahnung, wirklich keine Ahnung, Paule.« Riedel stotterte: »Und den Herfurt – den mag ich – auch nicht mehr – so – glühend – wie früher, Thea.« »Den Herfurt? Ich auch nicht, Paul!« sagte sie. Riedel glühte. »Thea,« sagte er und preßte ihre Hand, »Thea, das ist ja herrlich, herrlich ist das, und glücklich bin ich. Ach, Thea!« »Wie bitte?« fragte die junge Frau Gärtner und erstarrte vor Hochmut. Die Katzenaugen wurden steinern. Den roten Mund schminkte Kühle. Das sonst so sanfte Kinn war Abwehr, und die Augenbrauen bauten steile Brücken. So standen sie sich gegenüber: die Dame und der Arbeiter. Riedel seufzte noch einmal. Aus. Fertig und vorbei! Warum sagte die Dame da: ›Paule‹ oder ›Paul‹ zu ihm, wenn sie nichts von ihm wissen wollte. Und warum versteinerte sie jetzt? Riedel wußte nicht, daß sich Thea von ihm nur besiegen lassen wollte. Stürmen sollte der junge Mann, mutig sein, gegen Herfurt kämpfen, gegen Thea kämpfen, mit seinen Händen was anfangen! Riedel zuckte zusammen. »Entschuldigen Sie bitte«, sagte er, »ich bin ja nur ein gewöhnlicher Arbeiter. Guten Tag.« Ich bin ja nur ein ganz gewöhnlicher Arbeiter! Und bevor sich Thea von ihrer Verblüffung erholte, war er gegangen und hatte die Türe hinter sich zugeknallt. Ein ganz gewöhnlicher Arbeiter! Ja, hat denn der Junge noch nicht begriffen, daß er zum Salz der Erde gehört? Früher studierten Genies Astronomie oder Chemie, jetzt studierten sie Politik und die Seele des Arbeiters. Ich bin ja nur ein ganz gewöhnlicher Arbeiter! Warum machte sich Paul so klein? Und nun lachte sie. Komisch sind diese Männer! Kinder sind sie. Spielzeug wollen sie haben. Spielzeug sind sie in klugen Händen. Herfurt, der Mann mit den Nebenfrauen, Riedel, der mit seinen Händen nichts anzufangen wußte, Bundschuh, ja, was war dann mit Eugen Bundschuh los? Am nächsten Tag besuchte sie mit ihm den Wedding. Otto war verschwunden. Die Partei hatte ihn mit ganz bestimmten Aufträgen nach Penzlow geschickt, und die kleine Mucki hütete die neue Adresse eifersüchtiger wie eine Löwenmutter ihr Junges. »Deinen Mann haben sie erschossen, Thea,« sagte sie, »und du kennst die Weiberherzen. Ach, wie schrecklich war es doch, als Riedel kam und mir nicht sagen wollte, was mit Otto passiert ist! Und der da«, sie zeigte auf Bundschuh, »der da hat überhaupt nichts gesagt. Er hat sich«, sie lachte, »über den Lautsprecher beklagt. Der spielte gerade: ›O Suse komm nach Usedom‹. Nein, Thea, ich darf dir nicht sagen, wo Otto ist.« »Aber Mucki, ich will es ja gar nicht wissen!« »Und wenn du mir die Zunge mit einer glühenden Zange herausreißen läßt, Thea, nein, nein, ganz bestimmt nicht: von mir erfährst du sie nicht, die Adresse, nein, nein. Er soll ruhig fortbleiben, bis sich hier alles wieder beruhigt hat, meinst du nicht auch?« fragte sie und erklärte: »In Penzlow werden sie ihn schon nicht suchen.« »Bestimmt nicht, Mucki«, sagte Thea. »Ihr habt doch von der kleinen Erna gehört«, begann Mucki mit ganz zärtlicher Stimme, »und du hast sie ja auch gesprochen, Thea, und jetzt ist sie verschwunden. Gestern. Vielleicht ist sie ins Wasser gegangen. Sie wollte nicht mehr leben, Weil Kurt tot war. Wo die Liebe hinfällt, da bleibt sie liegen! Kannst du mir sagen, warum wir das alles verdient haben?« »Frage den Mann dort, vielleicht weiß er es, Mucki«, sagte Thea Gärtner. Mucki wandte sich an Bundschuh: »Sie, Herr, sagen Sie, warum haben wir armen Weiber das alles verdient?« »Ach, Frau Müller«, sagte Bundschuh und lächelte, »das alles hat der Herr Otto Müller schon lange beantwortet.« Seine Stimme wurde ernst: »Es muß gekämpft werden gegen diesen Mischmasch von heute, gegen dieses verdammte Nichtkalt und Nichtwarm!« »Und was sagen die vielen Verwundeten dazu, Eugen?« fragte Thea. »Und die Toten?« fragte die einfältige Mucki Müller und riß ihm den Boden unter den Füßen weg. Nach einer Niederlage müssen die Schuldigen gesucht werden, nach einem Siege drängen sie sich selber vor. Der Berliner Mai war eine Niederlage. Uralski hatte mit der Kampfleitung heftige Zusammenstöße gehabt, jetzt suchte er Rechtfertigung bei Herfurt, und Herfurt hatte auch Thea Gärtner und Eugen Bundschuh zu der kleinen Besprechung in der Augsburger Straße eingeladen. Sie wurden von einem jungen Mädchen mit weißem Häubchen und koketter Schürze empfangen und in die Bibliothek geführt. Dort saßen in tiefen Klubsesseln einige rauchende Männer. Herfurt murmelte einige Namen, warf einen freundlichen Blick auf Thea und eröffnete die Besprechung. Wir haben verloren, sagte er, und unser Freund Uralski will mit uns die Ursachen der Niederlage besprechen. Ja, aus den Erfahrungen wollen und müssen wir lernen, um es das nächste Mal besser zu machen. Berlin hat sich tapfer gehalten, in Neukölln und am Wedding wuchsen Barrikaden aus der Erde. Die Genossen haben gekämpft, und wenn wir diesen Kampf auch jetzt aus taktischen Gründen in unsren Zeitungen ableugnen müssen, die Tatsache bleibt bestehen, daß gekämpft worden ist. Alle Toten sind auf unsrer Seite. Und was beweist das? Das beweist, lieber Uralski, daß die Aktion militärisch schlecht vorbereitet war. In diesen Gedankengängen bewegte sich Herfurts Rede. Er schloß: »Was für Lehren ziehen wir nun daraus?« »Die Proletarier haben sich versagt«, begann Willi und hob die Hand, »auf die Wedding haben sich die ersten Barrikaden sofort geräumt, als die Panzerwaggon kam. Und die Polizei ...« »Ruhe, Willi«, unterbrach ihn Uralski, »du hast gar nicht das Wort. Dort«, er deutete auf Bundschuh, der still in der Ecke saß, »dieser Arbeitergenosse soll sprechen. Er war viel länger als du in der Kampfzone. Wie denkst du über die Lage?« schmeichelte seine Stimme. Was dachte Eugen Bundschuh über die Lage? Er war einfacher Soldat gewesen, zuerst Gefechtsordonnanz, dann Mann in Reih und Glied, er hatte keine Übersicht und kannte nicht die Endziele der Aktion, aber das ahnte er, daß es nicht gut um eine Sache stehen muß, wenn sich der Generalstab beim Frontsoldaten nach dem Stand der Lage erkundigt. Die Kellerstraße kannte Bundschuh, Riedel, Müller, Erwin, Kurt, Adams und Lange, kaum ein Dutzend Genossen, was konnte er viel erzählen und berichten? Der Russe wartete aus Antwort. »viel ist nicht zu sagen«, begann der Deutsche. »Die Stimmung ist verzweifelt. Die Gefängnisse sind überfüllt. Zuviel Tote und Verwundete. Alles Arbeiter. Wir haben verloren, das ist die Stimmung. Uns haben sie im Stich gelassen, ist die Stimmung. Und der Genosse da«, er zeigte auf Willi, »der da ist als Erster davongelaufen, als die Grünen kamen!« »Verstärkung wollte ich holen«, wehrte Willi ab. »Ruhe, du bist nicht gefragt worden«, bellte Uralski, »über dich wird man in Moskau sprechen.« Willi verkroch sich noch tiefer in den Klubsessel. »Berlin bat sich tapfer geschlagen«, lobte Uralski, »auch wir bei uns haben nicht gleich beim ersten Anlauf gesiegt. Und wenn wir jammern wollen, nun, machen wir die Toten, die gefallen sind für ihre Klasse, wieder lebendig? Nein, nein, nein«, sagte er, »wir machen sie nicht wieder lebendig. Sie sind Märtyrer, und Märtyrer soll man nicht unterschätzen.« Aus dem Sessel am Fenster erhob sich nun eine sehr freundliche Stimme. »Ich bin der Meinung, daß man hier in Deutschland die Massenaktionen durch Einzelaktionen unterstützen muß, weitest gehend unterstützen! Bomben sind genug vorhanden, und unser teurer chemischer Genosse will auch mal die Wirkung seiner Sprengmittel sehen.« »Unsinn, Boris Michaelowitsch, Unsinn«, sagte Uralski sehr kühl, »laß deinen chemischen Genossen aus dem Spiele.« »Wenn Boris Michaelowitsch durchaus beschäftigt sein will, schlage ich vor, ihn nach dem Balkan zu schicken. Unsre Kampfleitung gibt gern ihren Segen dazu«, spottete Herfurt, »auf dem Balkan sind Bomben immer noch ein gefragter Artikel.« »Lassen wir die Bomben«, erwiderte der Russe mit der freundlichen Stimme, »aber vielleicht sollte man doch mal einen fetten Schieber oder dicken Bonzen als kleine süße nette Leiche am Reichstag niederlegen. Oder ist das Polizeipräsidium dafür zuständig?« »Das Irrenhaus«, knurrte Herfurt. »Wieso das Irrenhaus?« fragte Boris Michaelowitsch mit unschuldiger Stimme. »Herfurt hat recht, Boris Michaelowitsch, für diese deine Späße ist kein Interesse da«, erklärte Uralski. Er wandte sich an Herfurt und fragte: »Ist die Geschichte mit der Arbeiterdelegation schon im Gange? Wann fahren die deutschen Genossen nach Moskau?« »Spätestens in sechs Wochen, und ich fahre selber mit«, erklärte Herfurt, »wenn ich meine Meinung über die deutsche Entwicklung umreißen soll: die Hauptgefahr sehe ich im aufsteigenden Faschismus. Bei uns gibt es viele Dinge, Kolja, die man am besten gefühlsmäßig erfaßt. Mit dem Verstand ist nicht alles zu erklären. Vielleicht verstehst du mich auch nicht, Gefühle sind wortfeindliche Geschöpfe, ja, jetzt habe ichs: die Entscheidung wird bei uns zwischen Hakenkreuz und Sichel und Hammer fallen. Das Hakenkreuz findest du jetzt schon in den Arbeitervierteln. Und Nazistürme und Propagandamärsche. Darum müssen Wir uns kümmern. Wir haben beschlossen, in die Stürme unsre Horchposten zu schicken. Vorläufig aus jedem Berliner Bezirk einen Mann.« »Ausgezeichnet. Sehr gut. Und schickt dann den besten Mann mit der Delegation nach Moskau. Als Berichterstatter. Schickt einen Mann vom Wedding. Der hat einen guten Namen bei uns. Kennt ihr einen guten Mann?« Herfurt wandte sich an Thea und Bundschuh. »Ihr kennt doch den Wedding, wen schlagt ihr vor?« »Den Paul Riedel«, sagte Bundschuh. »Ja, das ist ein guter Mann«, sagte Thea. »Riedel, Riedel, ich kenne ihn, die Riedel, er ist die Partei treu ergeben,« sagte Willi ganz schnell, »ich habe beobachtet ihn und schätzige ihn sehr als Klassenkämpfer.« Uralski tat, als habe er nichts gehört. »Morgen fahre ich mit Willi nach Moskau«, sagte er, »in sechs Wochen spätestens kommst du mit deinen Leuten, Herfurt. Meine Vertretung übernimmt, bis anders bestimmt wird, unser Boris Michaelowitsch.« »Boris Michaelowitsch?« fragte Herfurt erschrocken. Aus dem tiefen Klubsessel erhob sich der junge Russe, der von den Bomben und den kleinen süßen netten Leichen vorm Reichstag gesprochen hatte. Er war vielleicht Ende der Zwanziger und hatte, wie Uralski, breite Backenknochen. Sein Haar war weißblond und schimmerte silbern. Die Augen träumten im dunklen Blau. Nun stand er da und stellte sich vor: »Boris Michaelowitsch«, sagte er, »Chemiker, aber hier heiße ich Emil und werde mich freuen auf die Zusammenarbeit. Keine Leichen? Nitschewo, keine Leichen sind auch gut!« »Keine Leichen sind auch gut? Das ist ein goldnes Wort, Genosse Emil«, sagte Herfurt, »auch wir freuen uns auf die Zusammenarbeit und hoffen nur, daß du keine Bomben in der Brieftasche mit herumschleppst.« Emil schüttelte den weißblonden Schopf. »Habt ihr was gegen Eisbomben?« fragte Ulralski. Sie hatten nichts gegen Eisbomben. Der Russe klingelte, das junge Mädchen erschien, die schöne Dienerin, und brachte Schnaps, Zigaretten, schwarzen Kaffee, belegte Brote und eine kunstvolle Eisbombe. Man aß und trank, lachte und rauchte, und dann begann Emil zu erzählen. Von der besonnten Krim. »Vor drei Wochen war ich noch in Simferopel«, sagte er, »und das ist eine sehr interessante Stadt. Noch interessanter aber ist augenblicklich das flache Land bei uns. Die Bauern. Und am allerinteressantesten sind die deutschen Bauern. Ganz dicht bei Simferopel liegt ein deutsches Dorf, Annathal heißt es oder Elisabethenthal, Nitschewo, der Name ist nicht wichtig, wichtig ist, daß sich die deutschen Bauern in die Kommunen drängen und den Tataren als Vorbild dienen. Nun, lange genug haben sie sich gewehrt, die Bäuerleins, aber nun sind die Deutschen dabei, und wir freuen uns sehr. Die Deutschen«, er machte eine kleine Pause, »die Deutschen sind die besten Bauern in der Sowjetunion.« »Ein Glas den deutschen Bauern in der Sowjetunion«, sagte Uralski und goß den wasserklaren Wodka ein, »sie sollen leben und ihre Brüder, die deutschen Proletarier!« Wie Feuer rann der Schnaps die Kehlen hinunter. Thea schüttelte sich und sagte: »Pfui, das brennt ja wie der leibhaftige Teufel! Wodka, Wodka«, fragte sie, »wie heißt denn Wodka auf deutsch?« »Wodka heißt Wasser, gebranntes Wasser«, dienerte Willi. Thea trank den feurigen, wasserklaren Rest aus und schüttelte sich noch einmal. Russisches Wasser? Das hatte sie doch schon einmal gehört! Vor einer Woche erst, am ersten Mai, als sie mit Herfurt und Bundschuh im Cafe Geier war und nach dem Sinn der Parole sieben elf siebzehn gefragt hatte. Russisches Wasser, Wasser von der Newa und von der Mosqua! Eine Woche erst war vergangen, die Arbeiter haben die Feuertaufe bestanden sagt jetzt Uralski, aber er sagt nicht, wie heftig in diesen sieben Tagen getauft wurde! Die Gefängnisse waren noch überfüllt von den Täuflingen, in den Krankenhäusern lagen sie und in den Gräbern. Fliehen mußten sie, verfolgt wurden sie. Das russische Wasser war eine feurige Taufe für das unsterbliche Volk. »Darf ich auch mit hinüber nach Moskau fahren?« fragte Bundschuh. »Ja, spätestens in sechs Wochen. Und Thea fährt vielleicht auch mit. Einverstanden, Thea?« antwortete Herfurt und seine farblosen Augen begannen zu leuchten. Thea nickte. Herfurt lächelte und trank mit ganz kleinen Schlucken den wasserklaren, brennenden Schnaps. Die drei Russen unterhielten sich. »Kolja«, sagte Herfurt und schob das Kinn vor, »wir waren nicht immer einer Meinung, aber in den ganz großen Fragen haben wir uns immer verstanden. Werden wir dich da drüben in Moskau treffen?« »Keine Ahnung. Vielleicht bin ich in vierzehn Tagen wieder in Berlin, oder ich bin in China oder fahre gerade nach Mexiko. Dort bin ich, wie es die Partei befiehlt.« Willi hatte sieben Gläser Wodka getrunken. Mit dem Schnaps spülte er die Angst hinunter, die ihm in der Kehle saß, wenn er an Moskau und an das Parteigericht dachte. Mit glockenklarer, unwahrscheinlich strahlender Stimme begann er jetzt ein russisches Lied zu singen. Bundschuh starrte und staunte. Dieser Feigling, dieser Willi, sang wie ein junger Gott! Kolja und Boris Michaelowitsch, keine Leichen sind auch gut, sie lauschten mit verklärten Gesichtern und fielen dann mächtig in das Lied ein, das von den Steppen, Gebirgen und Strömen sang und jubelte und Lied ihrer Sehnsucht und Heimat war. Herfurt rückte seinen Sessel neben Thea Gärtner. Bundschuh sah durch den goldnen Glanz des Liedes die goldne Stadt Moskau und die großen Steppen. An diesem Tage aber kamen aus der Stadt Simferopel nach dem Dorfe Marienthal vier Agenten der Politischen Polizei. Sie verhafteten den alten Dieck und den Bauern Peter Kuhn. Anna Wiesner wurde am Vortage aus der Stadt verjagt als ›Tochter eines asozialen Elements‹. Bei Jakob Bundschuh war Haussuchung, die Kästen und Schränke wurden durchstöbert, die Kleider aufgetrennt, der Fußboden aufgebrochen. Sie fanden nichts. Im nächsten Tag aber wurde ihm die Mühle genommen, die Mühle, die sein Vater vom alten Melzer als Heiratsgut erkämpft hatte. Der Prediger von Marienthal war schon am zweiten Mai verhaftet worden. Siebentes Kapitel D ie Zelle war peinlich sauber und maß sieben Schritt. Durch das sehr hoch angebrachte und vergitterte Fenster kam an diesem frühen Vormittag das Licht mit unwahrscheinlicher Leuchtkraft und fiel auf den jungen Menschen, der auf dem niedrigen Schemel saß, den Kopf schwer in die Hände gestützt und die Umwelt vergessend. Gestern war wieder einmal der Parteianwalt dagewesen. Er hatte die besten Grüße von Thea Gärtner und Hans Herfurt gebracht und ihm Mut zugesprochen. Der Parteianwalt ritt das hohe Pferd der Politik und verdiente sich mit seinen politischen Prozessen silberne und goldene Sporen. Er berichtete vom Stand der Verhandlungen und erzählte die neuesten Witze. Nein, Otto Müller war noch nicht in Berlin. Thea war frei, schon lange in Freiheit, und auch er würde bald die Türe hinter sich ins Schloß schlagen können. Kopf hoch, alter Junge! Nur keine Bange, Genosse Eugen! Eugen hatte keine Gange. Er war stolz auf die Haft. Gefängnis: das war Ehre und Auszeichnung! Der Schlüssel klirrte im Schloß. Bundschuh hörte ihn nicht. »Fertigmachen zur Vernehmung«, riß ihn die satte Stimme des Wärters aus seiner Versunkenheit. Fertigmachen: auch das hatte er in den letzten Wochen viele Male gehört. Fertig? Er war immer fertig, er war immer bereit zur Vernehmung. Nun erhob er sich und trat auf den kahlen Gang, an dem sich Tür neben Tür reihte, Türen mit schweren Schlössern und Riegeln, Türen mit listigen Gucklöchern, den Spionen zur Beobachtung. In den letzten fünf Wochen seiner Haft hatte er viele Male die kalten Augen der Wärter durch den Spion auf sich richten gefühlt und mit keiner Wimper gezuckt. Aber er wußte jetzt, wie es einem gefangenen Tier zu Mute ist, das immer hinter den Gittern rennt und rennt und den Blicken der Menschen doch nicht entlaufen kann. Auch den Weg zur Vernehmung durch die kahlen Etagen über die vielen Treppen und Gänge kannte er schon. Fünf Wochen waren vergangen, fünf Wochen Einzelhaft, fünf Wochen Nachdenken, fünf Wochen Selbstbesinnung. Vor fünf Wochen hatte in der Frühe eine Klingel geschrillt und eine Faust an die Türe gehämmert. Thea öffnete, zwei Männer drängten sich in die Wohnung, zeigten ihre Zähne und Blechmarken, durchsuchten die Zimmer und hatten die gut versteckte Pistole doch nicht gefunden. Aber sie verhafteten Thea Gärtner und Eugen Bundschuh. Thea, ganz hoheitsvolle Dame, hatte eine Taxe auf eigene Rechnung für die Fahrt nach dem Polizeipräsidium verlangt und bekommen. Während der Fahrt durfte er mit Thea kein Wort wechseln. Sie brauchten auch keine Worte mehr zu wechseln. Der Fall einer Verhaftung war viele Male eingehend besprochen und wie ein Theaterstück geübt worden. Im Polizeipräsidium wurden sie getrennt vernommen und sagten beinahe wörtlich dasselbe aus. Bundschuh lächelte und erinnerte sich aus dem Wege zur Vernehmung ganz genau der ersten Vernehmung. Sie war wie ein lustiges Kinderspiel mit Frage und Antwort gewesen. »Sie heißen?« »Eugen Bundschuh.« »Geboren?« »Ja.« »Wann Sie geboren sind?« »Am 6. Juli 1904.« »Wo?« »In Werder an der Havel.« »Wohnhaft?« »Ebendort.« »Wo liegt das?« »Ich bin nicht in Ebendort geboren, sondern in Werder an der Havel.« Der Kommissar verliert seine geschäftsmäßige Kühle. Er schlägt mit der Faust aus den Tisch: »Sie grüner Junge Sie, was erlauben Sie sich eigentlich? Sie stehen hier vor der Polizei!« »Das weiß ich, aber ich weiß nicht warum.« »Gut, sehr gut, mein Junge, aber das werden Sie bald erfahren ... Wo wohnen Sie in Berlin?« »In Berlin? Ich wohne doch in Werder an der Havel, Herr Kommissar.« »Mensch, keine Flausen! Sie sind nicht in Werder aus dem Bett geholt worden, sondern in Berlin!« »Das weiß ich wohl, aber ich bin nur auf Besuch hier.« »Nun, das kennen wir schon, auf Besuch«, lacht der Beamte, »auf Besuch, das kennen wir schon, mein Lieber. Sagen Sie mal, junger Freund, wohnen Sie schon lange unangemeldet bei Fräulein Braut?« Fräulein Braut? Thea Gärtner ist Fräulein Braut? Jetzt wird es Eugen Bundschuh zu dumm, und er sagt laut und betont: »Die Dame ist nicht mein Fräulein Braut, Herr Kommissar, ich verbitte mir, daß Sie die Dame beleidigen!« »Die Dame ...« Der Kommissar verschluckt eine Gemeinheit. »Nun gut, junger Mann, dann wollen wir mal von etwas anderm sprechen. Wie lange«, er hebt die Stimme, »sagen Sie mal, wie lange sind Sie eigentlich schon in der Partei?« »In welcher Partei?« »Mensch, stellen Sie sich doch nicht so dämlich an, ich meine selbstverständlich die KPD!« »Was ist die KPD?« »Mann«, brüllt der Kommissar, »Sie können mich doch nicht auf den Arm nehmen und schaukeln. Ich lasse Sie sofort wegen Ungebühr abführen. So ein Lausekerl ist mir doch noch nicht vorgekommen ... Also, wie lange sind Sie schon Kommunist? Oder wissen Sie auch nicht, was das ist?« »Doch, das weiß ich, aber ich weiß nicht, daß es verboten ist, Kommunist zu sein.« »Beantworten Sie meine Frage!« »Nein, ich möchte vorläufig die Auskunft verweigern.« »Die Auskunft verweigern?« sagte der Kommissar und rieb sich die Hände, »schön, Sie verweigern also die Auskunft ... Sagen Sie mal«, beginnt er ganz gemütlich, »sagen Sie mal, was hatten Sie denn am 1. Mai in der Kellerstraße zu tun?« »Ich? Am 1. Mai in der Kellerstraße? Moment mal: wo ist denn die Kellerstraße eigentlich?« Der Kommissar lächelt verächtlich und klingelt. Wütend pafft er dicke Rauchwolken aus seiner Tabakspfeife. Die Türe öffnet sich bald, und herein tritt ein Mann in abgetragenen Kleidern, ein Mann mit verwischtem Gesicht, öligem Haar und verwaschenen Sklavenaugen. »Schmitz«, sagt der Kommissar, »ist Ihnen der junge Mann hier bekannt? Kommen Sie näher, und sehen Sie sich den Kerl mal ganz genau an.« Eugen Bundschuh wirft einen Blick auf den Mann namens Schmitz mit der gemeinen Visage und zuckt zusammen. Den Menschen kennt er doch: das war ja der Landstreicher aus der Wiesenstraße, dem es nicht toll genug zugehen konnte! Schmitz, ein schöner Schmitz! Also dieser Kerl war ein Spitzel! »Den da?« sagt Schmitz und seine verwaschenen Zügen werden scharf und prüfend, »Ja, den kenne ich, den habe ich gesehen. Der kam mit dem Auto und einem Frauenzimmer am Nachmittage.« Bundschuh spitzt die Ohren. »Am Nachmittage?« Ja, das gibt er entschlossen zu. Er sagt: »Das kann stimmen Herr Kommissar, ich entsinne mich. Wir sind am 1. Mai überall herumgefahren, um den Rummel zu filmen. Es war allerhand los. Frau Gärtner hat Verbindungen zur Filmwelt, und es ist möglich, daß wir auch in der Kellerstraße waren, das ist durchaus möglich. Liegt sie nicht auf dem Wedding?« Der Spitzel ist immer noch im Zimmer. »Ganz recht, auf dem Wedding«, sagt der Kommissar, »und Sie, werter Herr, haben sich mit andern Personen am Abend an der Schießerei beteiligt.« »Ich an der Schießerei beteiligt? Ist denn überhaupt in der Kellerstraße geschossen worden?« »Bursche, wir kriegen dich schon noch klein«, ändert der Kommissar das Flötenkonzert der Vernehmung und läßt die dunkle Pauke dröhnen, »lange kannst du uns nicht mehr verkohlen. Wir haben den Willi geschnappt, und den Uralski haben wir auch. Was sagst du nun dazu?« Bundschuh unterdrückt ein Lächeln. Uralski und Willi sind vor drei Tagen nach Moskau gefahren. Er weiß es ganz genau. Diese Dummheit hätte der Kommissar nicht machen sollen. »Willi? Wer ist das? Uralski? Wer ist Uralski? Ich kenne keinen Willi und Uralski.« »Aber der Willi kennt dich, er kennt Otto und den Paule.« »So, dann ersuche ich dringend, diesem Willi gegenübergestellt zu werden, Herr Kommissar.« »Schmitz«, wendet sich der Beamte an den Spitzel, »kommen Sie mal mit mir in die Ecke.« Schmitz geht mit in die Ecke, Bundschuh hört die beiden Männer zischeln und versteht kein Wort. Das aber versteht er, daß der Spitzel ihn am Abend nicht gesehen hat, und jetzt hört er auch ganz leise: »Möglich, leicht möglich, Herr Kommissar, aber ich kann es nicht beschwören, Herr Kommissar. Die Dunkelheit ...« Der Kommissar zuckt enttäuscht mit den Schultern. Der Spitzel wirft noch einen Blick auf den Verhafteten und verschwindet aus dem Zimmer. »Rauchen Sie?« fragt der Kommissar ganz höflich, »bitte, bedienen Sie sich doch!« Bundschuh bedient sich. »Nun wollen wir mal als Mensch zu Mensch reden, als Mann zu Mann, setzen Sie sich doch, junger Freund!« Er wartet, bis sich Bundschuh gesetzt hat und sagt: »Der Willi hat gestanden, und der Uralski leugnet nicht mehr. Wir wissen, daß Sie am Abend mit Paul und Otto zusammen waren. Erleichtern Sie doch Ihr Herz, Bundschuh! Wir sind doch keine Unmenschen! Die Führer haben euch eben wieder mal ins Feuer geschickt, wir wissen schon Bescheid ... Also, junger Freund, wie lange haben Sie sich an der Knallerei beteiligt?« Bundschuh hat sich gesetzt und schüttelt den Kopf. »Ich weiß von nichts.« »Sie wissen von nichts? Mensch, lesen Sie denn keine Zeitungen? Und noch eins: wo waren Sie am l. Mai, werter Herr? Was taten Sie an demselben Abend in der Zeit von acht bis zwölf Uhr?« »Am Abend des 1. Mai? Ja, wo war ich denn zwischen acht bis zwölf Uhr? Ach so, in einem Konzertcafé.« »Haben Sie Zeugen?« »Herr Kommissar«, lächelt Bundschuh, »wenn Sie ein Konzertcafé besuchen, kümmern Sie sich da um Zeugen?« Er fühlt sich ganz sicher. Er steht ja nicht allein vor Gericht. Die Partei steht hinter ihm. Nichts kann ihm geschehen. Der Spitzel hat ihn nicht erkannt. Am Tage mit dem Auto in der Kellerstraße: das war harmlos. Was wollen Sie noch wissen, Herr Kommissar? Der Kommissar will augenblicklich gar nichts wissen. Er klopft seine Tabakspfeife aus, dann starrt er wütend dem jungen Menschen ins Gesicht. Eigentlich hat er recht: wer kümmert sich um Zeugen, wenn er abends in ein Café gehen will? Mumm haben sie schon in den Knochen, die jungen Leute von heute. Alle Achtung. Aber das denkt der Kommissar nur am Rande und sozusagen privat. Er ist jetzt im Amt und muß weiter. »Sie haben keine Zeugen? Das ist sehr schlimm für Sie. In was für einem Konzertcafé waren Sie?« »Ganz in der Nähe. Hier am Alexanderplatz. Mit der Frau Gärtner.« »Aber da haben Sie doch einen Zeugen. Mensch, warum haben Sie das nicht gleich gesagt?« »Es fiel mir eben erst ein, Herr Kommissar.« »Nun, Bürschlein, dir wird in den nächsten Tagen noch allerhand einfallen. Die Aussage verweigern über die Parteizugehörigkeit, diesen Trick kennen wir schon, und dann wollen Sie am 1. Mai am Abend mit einer Frau Gärtner, die dringend verdächtig der Beihilfe ist, in einem Café gewesen sein. Weiterhin streiten Sie ab, Willi und Uralski zu kennen. Nun, wenn das kein Verdacht ist, fresse ich einen Besen.« »Bitte sehr«, sagt Bundschuh. »Wie?« brüllt der Kommissar und diktiert dem Schreiber wütend das erste Protokoll. Er schiebt es über den Tisch herüber und befiehlt: »Unterschreiben!« »Ich unterschreibe nichts, bevor ich nicht mit einem Rechtsanwalt gesprochen habe, Herr Kommissar.« »Aus dieser Richtung bläst der Wind? Na, mein Bürschlein, du wirst schon noch genug unterschreiben. Abführen!« Das alles war vor fünf Wochen passiert, und in den letzten vier Wochen hatte Eugen Bundschuh noch verschiedene Vernehmungen bestanden. Manchmal waren sie freundlich gewesen, ein andermal zitterten die Wände von heftigem Gebrüll. Freundlich oder unfreundlich: Eugen Bundschuh ließ sich nicht einschüchtern und war kein Verräter. Und jetzt steigt er lächelnd die Treppe hinunter zu der neuen Vernehmung. Der Untersuchungsrichter in Moabit war ein älterer und freundlicher Herr und nickte würdevoll, als der Gefangene vorgeführt wurde. Auch dieser Untersuchungsrichter hatte aus Bundschuh nichts herausgebracht, jetzt erhob er sein Gesicht und lächelte dem Eintretenden entgegen. »Setzen Sie sich.« Bundschuh setzte sich. »Zigarette gefällig?« »Danke für die Liebenswürdigkeit, aber ich rauche nicht, Herr Untersuchungsrichter.« »Na, dann eben nicht, liebe Tante«, sagte der Richter und wurde amtlich. »Die bisherige Voruntersuchung hat immerhin ergeben, daß Sie dringend der Tatbeihilfe am Aufruhr am 1. Mai 1929 verdächtig erscheinen. Sie wohnen unangemeldet in Berlin ...« »Verzeihung, ich bin immer noch polizeilich in Werder gemeldet, und ich wäre schon längst wieder nach Hause gefahren, wenn ich hier nicht festgehalten würde.« Der Untersuchungsrichter bleibt amtlich. »Sie sind arbeitslos. Sagen Sie, wovon haben Sie eigentlich in den letzten Wochen gelebt?« »Vom Staat«, lächelt Bundschuh, »der Staat hat für mich gesorgt, und vorher habe ich von meinen Ersparnissen gelebt, vom Stempelgeld.« »Machen Sie keine Witze, Herr. Gestehen Sie oder gestehen Sie nicht?« »Ich habe nichts zu gestehen.« »Ganz wie Sie wünschen ... Nun, vorläufig«, seine Stimme wurde ernst und würdevoll, sein Gesicht wohlwollend, »vorläufig steht Ihrer Entlassung aus der Haft durchaus nichts mehr im Wege. Sie sind frei. Aber benutzen Sie die Zeit, diesen guten Rat gebe ich Ihnen mit auf den Weg, und werden Sie ein anständiger Mensch!« »Ich bin ein anständiger Mensch, Herr Untersuchungsrichter!« antwortete Bundschuh. Möglich, dachte der Richter, anständige Menschen gibt es überall. Er nahm einen Stoß Akten und sagte: »Wärter, der Mann hier wird entlassen. In der Kanzlei liegen seine Papiere.« »Guten Tag, Herr Untersuchungsrichter.« Bundschuh bekam keine Antwort. Zum letzten Male stieg er die eisernen Treppen hinaus in die Zelle. Jetzt aber fühlte er die verlorenen Wochen auf seinen Schultern lasten. Der Mut, den er sich bei den vielen Vernehmungen gemacht hatte, dieser Mut war der Mut eines Seiltänzers gewesen, eines Mannes, der auch lieber auf festem Grund und Boden geht als auf einem Seile zu tanzen. Ja, bei den vielen Vernehmungen hatte er wie auf einem Seil getanzt und war auf den Absturz vorbereitet. Schön war das Balancieren auf dem Seil, das Springen, Wanken und Schwanken hoch über dem Abgrund. Das war schön, aber noch schöner war es, still zu sein, nachzudenken, an die Arbeit zu gehen und keine Schauspiele mehr aufzuführen. Bundschuh, ein junger Arbeiter von heute, war sich seiner Stärken und Schwächen wohl bewußt. Sein Verstand ließ ihn bei den Vernehmungen auf dem Seile tanzen, seine Seele aber war Zuschauer und freute oder entsetzte sich über die ernsten oder komischen Sprünge. In der Zelle tanzte er nicht Seil. Dort in der Einsamkeit lagen Verstand und Seele sehr oft in großem Streit. Der Verstand sagte Ja, wo die Seele schwieg, und die Seele sagte Ja, wo sich der Verstand in Schweigen hüllte. Manchmal aber gingen Verstand und Seele wie ein Geschwisterpaar durch den engen Raum. An der Leine führten sie ein knurrendes Tier mit, den Trieb. Der Trieb war dumm und wollte nichts als fressen. Zum letzen Male stand Eugen Bundschuh in der Zelle, sieben Schritte vor, sieben Schritte zurück. Wie viele Male war er in den fünf Wochen diesen kurzen Weg gegangen, diese endlose Straße von einer Wand zur andern, diese Hauptstraße der Freiheit und Knechtschaft, die vor ihm schon tausendmal tausend Gefangene geschritten waren: Kämpfer für ihre Klasse, Kämpfer für ihre Idee, Kämpfer für Volk und Vaterland, Kämpfer für die Menschheit. Wie viele Male hatte er Licht und Dunkel in die Zelle fallen sehen. Licht und Schatten wie Gut und Böse, Recht und Unrecht, Liebe und Haß. Die Welt ist nicht vollkommen. Sie besteht aus Gut und Böse, aus Recht und Unrecht, aus Liebe und Haß. Licht und Schatten über der Welt, und die Menschen und die Dinge verändern sich und rücken näher oder ferner, je nachdem sie das Licht oder der Schatten trifft. Eugen Bundschuh hebt den Blick zu den vergitterten Fenstern. Wie oft waren die Mauern zerbrochen, die Riegel zersprungen, die Gitter zersplittert, wenn er an das Ziel dachte, an die Freunde und an die Kameraden. Frei! Ja, er war jetzt frei. Einen letzten Blick wirft er in die Zelle und folgt dem Wärter, der sich bei jedem Schritt immer mehr vermenschlicht und plötzlich sprechen kann. Sie gehen hinunter nach der Kanzlei. Dort bekommt Bundschuh seine Papiere, er bekommt das Geld und steht auf der Straße. In der Zelleneinsamkeit hat er sich oft den ersten Schritt in die Freiheit plastisch vorgestellt. Und jetzt tut er den ersten Schritt. Aber es ist kein Ereignis. Autos und Straßenbahnen, viele Menschen, gleichgültige Gesichter, brutale Gesichter, gehetzte Kreaturen um den Bissen Brot! Wie böse und kalt kann doch ein menschlicher Mund werden! Eugen Bundschuh überquert die Straße, holt sich eine Schachtel Zigaretten und fährt dann mit dem Autobus nach den Linden. Schön ist die Welt trotz alledem! Zwei Männer klettern ihm auf das Oberverdeck nach und setzten sich in seine Nähe. Bundschuh beachtet sie nicht. Das Leben auf der Straße ist ihm viel bedeutsamer, der dunkle Wasserlauf der Spree, die Unrast des Lehrter Bahnhofes mit den sprungbereiten Lokomotiven, das satte Grün des Tiergartens, die bunten Fähnchen der Mädchen und Frauen, die Spaziergänger, die Kinder, die weißen Denkmäler, die goldene Kuppel des Reichstages und die geschlossne Wucht des Brandenburger Tores. Tausendmal tausend Männer können in den Gefängnissen sitzen, die Blumen blühen weiter, die Wolken ziehen, Kinder spielen, Mädchen lachen als sei nichts geschehen, als geschehe nichts. Der Autobus büffelt Unter den Linden entlang an den Hotels, Cafés und Schaufenstern vorüber. Erst an der Friedrichstraße, als er ausstieg, bemerkte Bundschuh die beiden Männer, die ihm folgten. Er lächelte. Spitzel auf seinen Fersen! Gleichgültig ging er weiter die Friedrichstraße hinunter und entsann sich des 1. Mai. Damals war er die Friedrichstraße hinaufgegangen, um Thea und Herfurt zu treffen. Hinauf oder hinunter, die Straße war dieselbe. Entschlossen ließ er sich durch eine Drehtüre in ein Café schieben, setzte sich an das Fenster in einen weichen Sessel und der Oberkellner im schwarzen Frack erschien und nahm die Bestellung entgegen. Eine kleine Weile blieben die Spitzel vor den hohen, blanken Scheiben stehen, drückten sich die Nasen platt, hatten hungrige Augen und warteten. Nach zehn Minuten kamen sie herein und ließen sich in seiner Nähe nieder. Eugen Bundschuh winkte, sein Wunsch war Befehl und brachte einen männlichen Schnaps. Dann ließ er sich die neuen Zeitungen bringen, hatte sehr viel Zeit und beschloß, die Spitzel abzuhängen und nach Werder zu fahren. Von Herfurt hatte er durch den Rechtsanwalt Geld bekommen. Er verließ also das Café, fuhr nach dem Potsdamer Bahnhof und löste eine Karte nach Werder. Auch die beiden Männer lösten Karten und bestiegen den Zug. Schön und erquickend war es, diesem Steinhaufen Berlin, diesem Dunstkreis über der Asphaltwüste zu entfliehen. Schwarzgrüne Wälder, hellgrüne Wiesen, bunte Blumen, silberdunkle Gewässer, die zitternden Birken, die breitästigen, hymnischen Buchen, und – o Seligkeit des Schauens – die weißen Wolken am blauen Himmel! Die weißen Wolken am blauen Himmel und unter ihnen der schon sommerliche Junitag. Die kühle Riesenwasserschlange der Havel blitzte auf, lief und rollte dahin und schlang sich wollüstig um die Stadt Potsdam. Am Wildpark und bei Werder blähte sich diese Riesenwasserschlange auf, tauchte in den Seen geruhsam unter und schoß und rollte weiter, immer weiter und war schön und schimmernd. Die Spitzel folgten Bundschuh bis an das Haus, in dem er wohnte. Sie erkundigten sich beim Gemüsekrämer nach ihm. Und als sie erfuhren, daß er hier bekannt und seßhaft sei: es ist nichts gegen den Mann zu sagen, keine Arbeit, Sie wissen schon, meine Herren, ein Elend ist es heutzutage – da kehrten sie um, tranken auf Rechnung der Politischen Polizei zwei Flaschen Erdbeerwein, wurden sehr heiter und kurbelten mit einer dritten Flasche auf eigene Rechnung die Wirtschaft an. Bundschuh sah die Spitzel vor dem Hause verschwinden. Seiner Wirtin erzählte er eine große Geschichte von einem Onkel in Berlin, bei dem er sechs Wochen gewohnt haben wollte, um seine Abwesenheit zu erklären und bezahlte schließlich die rückständige Miete. Die Wirtin war sehr gerührt. »In den nächsten Tagen, Frau Schulze, hole ich meine Sachen ab, ich ziehe nach Berlin.« »Haben Sie Arbeit gefunden?« »Natürlich. Es wurde auch Zeit.« »Glück haben Sie gehabt, Herr Bundschuh!« »Ja, sehr viel Glück«, sagte er. »Wann wird das Volk endlich einmal vernünftig werden?« fragte Frau Schulze. »Wenn alle Menschen wieder Arbeit haben«, antwortete Eugen Bundschuh, packte einen kleinen Koffer und verabschiedete sich. Frau Schulze sah ihm lange aus dem Fenster nach. Glück hat er gehabt, der junge Mensch da, keine Eltern mehr, es ist ein Jammer, aber er hat doch wenigstens Arbeit. Und der Mann, der Arbeit hatte, ging zum Postamt und telephonierte nach Berlin an Thea Gärtner. Gerührt hörte er den kleinen lieblichen Schrei, als sie seine Stimme erkannte. »Eugen, Eugen«, sagte sie, »Sie sind also wieder gesund, Eugen; wann und wo können wir uns treffen?« »Gesund?« Bundschuh lachte, »Ja, ich bin ganz gesund, Thea, in zwei Stunden bin ich in dem alten Café am Wittenbergplatz. Sie wissen ja Bescheid. Ich telephoniere von auswärts. Was macht denn der Peterle?« »Der zwitschert.« »Und ich zwitschere auch!« »Auf Wiedersehen, Eugen. Das ist ja herrlich, daß Du wieder gesund bist, ich freue mich schrecklich!« »Ich erst, Thea!« Mit dem nächsten Zug fuhr er nach Berlin. Es war derselbe Zug, mit dem die beiden Spitzel heimkehrten. Sie waren sehr vergnügt und wußten nichts von ihrem Nachbar. Bundschuh bemerkte sie erst in Berlin und ließ sie als erste im Strom der Passagiere durch die Sperre treiben. Im Café Geier wurde er schon von Thea erwartet. »Der Herfurt kommt später«, sagte sie »und jetzt müssen Sie mir erzählen, wie es Ihnen in den fünf Wochen ergangen ist. Ich habe mich ja so sehr gesorgt!« »Gesorgt? Ich hatte Sorgen um Sie, Thea. An Peterle dachte ich und daran, wer ihm wohl frisches Wasser gibt.« »Spötter! Ich war doch in drei Tagen wieder frei!« »Wie kam das so schnell?« »Herfurt«, sagte sie und errötete, »Herfurt ließ alle Minen springen und hat alle Verbindungen ausgenutzt. Und ich habe sofort den Rechtsanwalt für Sie besorgt, Eugen. Wir brauchen Sie ja, bestimmt. Wissen Sie denn nicht, daß in drei Tagen eine Delegation nach Moskau fährt und Sie mit sollen?« »Mensch, Mädel, Thea: ich nach Moskau? Wer fährt alles mit?« »Sieben Arbeiter aus dem Reich, Herfurt selbstverständlich, Sie, ich, Otto Müller und Paul Riedel, das wären wohl alle, die fahren.« »Herrlich... Ist Uralski schon wieder in Berlin?« »Vorige Woche gekommen. Der Genosse Emil hatte nur Dummheiten im Kopfe. Sie wissen schon.« »Und der Willi?« »Der Willi?«, sie senkte die Stimme. »Der Willi ist in Moskau erschossen worden. Wegen Feigheit vor dem Feinde.« In Moskau erschossen aus Feigheit vor dem Feinde! Bundschuh fröstelte. Gegen die Russen war viel einzuwenden, sie kamen als Herren, als Offiziere, als Generalstäbler der Bewegung und verlangten Blut und Leben, wenn es sein mußte, aber: sie opferten auch wieder Blut und Leben, sie opferten selbst einen ihrer Leute, wenn es die Klassenmoral befahl. Und sie hatten Willi erschossen! »Erzählen Sie doch von der letzten Woche«, bat Thea, »ich habe ja so oft und so viel an Sie denken müssen, Eugen!« Ihre grünen Katzenaugen leuchteten. »Haben Sie viel ausgestanden, Kleiner?« Sie streichelte mit behutsamen Fingern seine Hand. Eugen erzählte von den fünf Wochen und machte sich über die Vernehmungen lustig. Thea lachte. Und als er von den beiden Spitzeln berichtete, die ihm bis nach Werder gefolgt waren, wich das Katzenhafte aus ihren Augen, ihr Gesicht wurde von Angst verdunkelt. Dann hörte sie die Geschichte von dem Spitzel Schmitz. Da wich die Angst. Streng und finster wurde das Gesicht. »Das muß Herfurt sofort erfahren, die Geschichte von Schmitz«, sagte sie, »vor dem Hund müssen wir uns schützen.« »Gut, ich werde es erzählen... Ach, Thea, wie schön ist es doch, wieder frei zu sein«, sagte er und streckte die Arme. »Was macht Otto und was macht Mucki?« »Mucki ist wieder lustig und hat nur Angst vor Ottos Rußlandreise. Das Dummchen glaubt, alle Frauen warten nur darauf, ihren Mann wegzunehmen. Otto kommt übrigens morgen nach Berlin.« »Und Paule?« »Paule? Er macht uns Sorgen. Über zwei Wochen haben wir ihn nicht mehr gesehen, den Paule.« »Kennen Sie seine Adresse?« »Nein, aber Herfurt kennt sie.« »Ist Riedel als Kundschafter zu den Nazis gegangen?« »Ja.« Thea blieb einsilbig und schien ein schlechtes Gewissen zu haben. Riedel, ja was war mit Riedel los? Sie wußte von seiner hoffnungslosen Liebe zu ihr, jedes Wort, das er in ihrer Gegenwart sprach, war Verehrung. Aber sie liebte ihn nicht. Liebe läßt sich doch nicht befehlen. Sie liebte Bundschuh. Und der tat, als sei er blind. »Hat Riedel schon einen Bericht über die Nazistürme an Herfurt gegeben?« fragte Bundschuh. »Das weiß ich nicht, ich glaube nein. Aber«, sie zögerte, »der gute Junge macht mir wirklich Kummer. Vor einer Woche hatten die Nazis in Neukölln einen Propagandamarsch. Sie wissen ja, daß überall in den Arbeitervierteln die Nazis auftauchen. Gut, und wissen Sie, wer in Neukölln mitmarschierte? Unser Freund und Genosse Riedel. Er hat mich wohl gesehen, aber gegrüßt hat er nicht... Mit den Augen hätte er doch wenigstens grüßen können! Sie wissen ja, Eugen«, jetzt errötete sie, »Sie wissen ja, daß Paule sonst immer zu mir kam. Aber das scheint jetzt vorbei zu sein. Komisch seid ihr Männer!« Sie seufzte. Noch einmal streichelten ihre Finger seine Hand. Eugen fühlte die werbenden Liebkosungen der gepflegten Finger. Er fühlte die Einsamkeit der jungen Frau, die viele Männer kannte und doch keinen Mann hatte. Aber er konnte ihr nicht helfen. Nein. Behutsam zog er die Hand zurück, tat, als habe er nichts gemerkt und bot Thea eine Zigarette an. Die Frau nahm die Zigarette und lachte unvermittelt. »Ich«, sagte sie, »ich habe den Paule eigentlich zweimal gesehen, einmal mit dem Nazisturm und dann ganz alleine. Und da haben wir miteinander gesprochen. Ich habe ihn gefragt, wie es ihm dort bei den Leuten gefalle. Gut, hat er gesagt, und Herfurt wird über meinen Bericht Bauklötzer staunen. Und Herfurt hat auch gestaunt.« »Was hat denn der Paul berichtet?« »Da müssen Sie Herfurt selber fragen, Eugen, dort kommt er eben«, antwortete Thea und winkte Herfurt heran. Hans Herfurt war unverändert und immer noch der elegante Bürger. Das Kinn schob sich wie ein Hammer vor, der weibische Mund schwelgte in Gefühlen, hob die Wucht des Kinnes wieder auf und machte es ein wenig komisch. Sein Gesicht war frischer als sonst. »Gratuliere«, sagte er, »wir haben dich gerade zur rechten Zeit herausgebracht aus dem Kittchen. In drei Tagen fahren wir los. Papiere und so: alles in Ordnung. Ist dir die Zeit recht lang geworden?« »Nein, die Zeit ist schnell vergangen. Mensch, Herfurt, ich hätte auch fünf Monate oder fünf Jahre gesessen, um mit hinüber nach Moskau zu fahren.« Thea blickte ihn zärtlich an. »Gibt es was Neues?« fragte Herfurt. Bundschuh erzählte die Geschichte von dem Landstreicher, der am 1. Mai auf den Barrikaden mitgekämpft hatte und dann im Polizeipräsidium als Spitzel auftauchte. Herfurt hörte gut zu, das Kinn besiegte den weibischen Mund, und er sagte: »Das wissen wir schon. Den Kerl kennen wir. Schmitz heißt der Hund. Der Mann wird nicht alt. Der Genosse Emil nimmt sich seiner liebevoll an.« Der Genosse Emil nimmt sich seiner an. Gut, dachte Bundschuh. für einen Spitzel soll es keine Gnade geben. »Und was hat Riedel berichtet?« »Riedel, Riedel, das ist die Sache, die ich mit euch besprechen muß. Er hat einen Bericht geschickt, der Riedel, aber wir können daraus nichts entnehmen. Man weiß nicht, ob er eigentlich für oder gegen die Nazis schreibt. Wir haben ihn nun ersucht, mit uns nach Moskau zu fahren, um dort an Ort und Stelle zu berichten. Aber wir haben noch keine Antwort von ihm. Du wirst ihn aufsuchen, Bundschuh, und mit ihm sprechen. Hier ist seine Adresse«, sagte Herfurt und schob einen kleinen Zettel über den Tisch, »der Junge ist doch zuverlässig?« »Selbstverständlich!« sagte Thea. »Unbedingt«, erklärte Bundschuh, »er hat es bewiesen damals am 1. Mai. Ich habe mit ihm den Otto Müller aus dem Feuer geschleppt, als die Grünen kamen... Habt ihr«, fragte er, »habt ihr euch um die kleine Erna gekümmert?« Herfurt blickte Thea an. »Wer ist die kleine Erna?« »Aber Hans, das ist die Freundin von Kurt, und Kurt ist der Genosse, der am 1. Mai in der Kellerstraße den Rückzug von Eugen und Paul deckte und dabei erschossen wurde. Das weißt du doch, du hast ja selber darüber geschrieben«,sagte Thea. Herfurt strich sich eine Locke aus der Stirn. »Ach so. natürlich, ich habe ja auch am Grabe gesprochen. Aber von der kleinen Erna weiß ich nichts. Was ist mit der los?« »Auch das habe ich dir schon gesagt, sie ist immer noch verschwunden«, sagte Thea. »Verschwunden, was heißt hier verschwunden?« fragte Herfurt. »Wir sind keine Kleinkinderbewahranstalt«, erklärte er, »täglich verschwinden in Berlin soundso viel kleine Mädchen. Wenn wir uns um alle kümmern müßten... Nur keine Sentimentalitäten! Wird schon wiederkommen, die kleine Erna! Hier ist deine neue Adresse, Bundschuh. Da kannst du die drei Tage bis zur Abreise wohnen. Bei Thea ist es zu gefährlich. Und hier ist Geld für die letzten Wochen.« Er schob einen Briefumschlag herüber. »Aber Mensch, Herfurt, ich habe doch nicht des Geldes wegen gesessen, ich bin doch kein Angestellter!« »Kannst du von der Luft leben?« fragte Herfurt. »Nein, das nicht. Ich bin kein Verschwender, und was ich übrig habe, gebe ich zurück.« »Und morgen treffen wir uns im Büro, und da gibst du mir Bericht, wie es mit Riedel steht. Du wirst ihn noch heute aufsuchen. Auf Wiedersehen, ich habe jetzt noch mit Thea zu sprechen«, sagte Hans Herfurt. »Auf Wiedersehen, Eugen«, sagte Thea und gab ihm zärtlich die gepflegte Hand. Bundschuh fuhr nach dem Alexanderplatz. Riedel hatte sich in der Weinstraße einquartiert und war nicht zu Hause. Arm und grau war diese Straße, trostlos und verlassen wie die Kellerstraße auf dem Wedding. An der Gollnowstraße kam Bundschuh in einen Auflauf hinein und sah, wie vier junge Burschen auf einen Mann einhieben. Der wehrte sich tapfer. Ein Schlagring hatte ihm die rechte Stirnseite aufgerissen. Vier Mann gegen einen! In Bundschuh stieg die helle Wut hoch, er bahnte sich einen Weg durch die Gaffer, stieß dem jungen Burschen, der eben mit dem Schlagring noch einmal ausholen wollte, die Faust vor die Brust und stellte sich vor den Angegriffenen. »Feige Hunde«, keuchte er und bekam einen heftigen Schlag ins Gesicht, »feige Hunde!« »Bist wohl auch ein Nazi?« höhnte der Mann mit dem Schlagring und umtanzte ihn wie ein Boxer. »Mach dich dünne, aber plötzlich, mein Junge!« Dünne machen? Vier gegen einen? Jetzt waren es nur noch vier gegen zwei, nein, Bundschuh machte sich nicht dünne. »Gib ihm Saures, Fritze«, kreischte eine Stimme. Aber es gab kein Saures mehr. Die Menge stob auseinander. Die Polizei kam im Laufschritt an. Bundschuh griff den Mann mit dem blutigen Gesicht unter den Arm und zog ihn mit sich fort. Sie liefen nach dem nächsten Hausflur. Der Mann wischte sich das Blut von der Backe und sagte: »Das hast du aber gut gemacht, Eugen!« Und erst jetzt erkannte er Paul Riedel. »Mensch, Paule! Du! Junge, Junge! Was waren denn das für feige Kerle, vier gegen einen?« »Kommune«, antwortete Riedel, »und sie haben mich nicht zum ersten Mal geschnappt.« »Kommune? Kommunisten? Unsre Leute? Mensch, warum sagst du denn nicht, wer du bist?« »Wer ich bin? Komm, Eugen, komm zu mir rauf, da wollen wir sprechen«, sagte Riedel und band sich das Taschentuch um die Stirn. »Es ist nicht schlimm, die Haut geritzt«, sagte er, »das ist so eine proletarische Abreibung gewesen«, lachte er, »und du kamst gerade zur rechten Zeit, ehe es schlimm wurde. Der Kerl mit dem Schlagring ist ein Bulle von der Wanderklicke Kalmückenblut.« Sie stiegen schweigend die vier Treppen hoch. Riedel wusch sich die Wunde. Sie sah gefährlich aus und war harmlos. In den letzten Wochen nahm es Paule Riedel aus der Kellerstraße nicht mehr so genau, wenn ein Tropfen Blut floß. In den letzten vier Wochen war er schon einige Male überfallen worden. »Was ist los, Paule? Warum verfolgen dich unsre Leute? Was wollen die Kalmücken von dir?« »Das ist ein Drama, das ist eine Tragödie, Eugen«, sagte Riedel, »und vielleicht ist es ein deutsches Trauerspiel, ich kenne mich in Theatersachen nicht so genau aus, aber in der Wahrheit kenne ich mich jetzt aus. Paß mal auf, wie das alles war. Der Herfurt hat mich in den Sturm abkommandiert. Überall hat man Kommune in die Stürme abkommandiert. Das wußten unsre Funktionäre. Schön, wir sollten spitzeln. Aber da gabs gar nichts zu spitzeln, Eugen! Da waren Leute wie wir Arbeiterjungens, Idealisten, die den letzten Kanten Brot miteinander teilten, jawohl, das habe ich erlebt, vom letzten Kanten habe ich selber mitgegessen. Und da wollten nun unsre Leute wissen, wann mein Sturm ausmarschiert und um welche Zeit er marschiert und welche Straßen er marschiert. Und alles wollten sie wissen von wegen proletarischer Abreibung. Und ich bin kein Verräter. Und ich habe zum ersten Mal den Genossen einen falschen Weg angegeben, und wir sind eine andre Straße gekommen, und da haben sie mich gesehen und auf dem Heimwege geschnappt, Eugen, ja, siehst du, weil ich kein Verräter sein will und keine Arbeiter vor die Bleirohre und Kanonen der Kommune schicken kann: das ist ihr ganzer Haß, und weil sie Hitler und Goebbels nicht verstehen, und weil ihnen eingehämmert wird, die Nazis seien finstre Reaktionäre.« Riedel hatte sich heiß geredet. »Aber natürlich sitzt bei euch die Reaktion!« sagte Bundschuh. »Nein. Wir sind Sozialisten. Deutsche Sozialisten! Wir sind eine Arbeiterpartei. Wir sind«, er zögerte, »wir sind das Volk, das unsterbliche Volk!« »Mit Prinzen.« »Mit deutschen Volksgenossen!« »Paule«, sagte Bundschuh, »was ist denn mit uns los? Warum streiten wir uns? Was hast du denn mit den Nazis zu tun? Sage die Wahrheit, schreibe für Herfurt die Berichte und fahre in den nächsten Tagen mit mir nach Moskau, alter Junge, sei vernünftig!« »Vernünftig? Nein, ich verrate nichts. Ich bin kein Spitzel. Soll der verrückte Herfurt selber spitzeln ... Ich kann es nicht, ich will es nicht! Mensch, gib mir mal eine Zigarette.« Er bekam die Zigarette. »Und was ist mit Moskau?« »Was soll ich in Moskau?« »Thea fährt auch mit! Ich soll dich grüßen, Paule. Mensch, in drei Tagen fahren wir los! Und was du sehen sollst? Das, was unsre Leute ausgebaut haben, du Narr, du elender!« »«Und berichten, daß wir alle auf den Einmarsch der Roten Armee warten, was, und Hurra schreien? Nein, ich habe nichts zu berichten. Und ich habe von den Russen genug. Denke an das Schwein Willi.« »Willi, Willi, der Kerl ist doch schon lange erschossen worden, wegen Feigheit vor dem Feind!« »Schade«,sagte Riedel und hob den Blick, »schade, ich hätte ihn am liebsten selber abgeknallt ...« Seine Stimme wurde härter, »du hast doch den Kurt gekannt, den Kurt mit dem Vollmondgesicht, und der ließ sich für uns abknallen. Und die kleine Erna, wo ist die? Ist verschwunden, und kein Mensch kümmert sich um sie. Kurts Eltern sind arbeitslos, aber wenn du denkst, die Partei hilft, da bist du schwer im Irrtum. Mal ist ein ganz kleiner Bonze von der Roten Hilfe dagewesen, hat sich alles erzählen lassen und hat einen großen Artikel darüber geschrieben. Und dann haben sie zwanzig Mark ausgespuckt. Damit war die ganze Sache erledigt. Damit haben sie den Toten bezahlt.« »Du bist ja verrückt«, wütete Bundschuh, »Mensch, was ist denn mit dir eigentlich los?« Riedel erneuerte den Verband. »Nichts ist los, das ist los«, sagte er, »und höre gut zu. Was soll ich in Moskau? Hurra schreien am Grabe Lenins und meinen Sturm verraten? Das gibts nicht, mein Junge!« »Augenblick mal: deinen Sturm?« fragte Bundschuh, »du bist doch bei uns in der Partei!« »Nein. Mir sind die Augen aufgegangen in den letzten Wochen. Da sind wir ausmarschiert nach den Dörfern. Da sind wir durch Neukölln gezogen. Da habe ich Deutschland gefunden. In der Stadt und auf dem Dorfe. Als Spitzel habt ihr mich geschickt, als Mann habe ich mich gesunden und Mensch, ich glaube nicht mehr an den alten Zauber, ich glaube an Deutschland!« »Verdammter Blödsinn«, murrte Bundschuh, »auch wir sind Deutsche und keine Baschkiren, auch wir leben hier und nicht in Japan. Wenn wir kämpfen, kämpfen wir für unser Volk und für unser Land.« »Das mußt du mal Uralski erzählen«, höhnte Riedel, »ich bin nicht mehr bei euch, weil mir ein Baum am Plötzensee wichtiger und heiliger ist als ein Stein aus dem Roten Platze in Moskau, und weil ich die Bonzen nicht mehr sehen kann, die sich an unsren Groschen überfressen und die die dummen Arbeiter in die Zuchthäuser und ins Feuer schicken. Schau dir doch diesen Herfurt ganz genau an, diesen Schaufensterdekorateur der Revolution! Das Feuer, Mensch, wir sind in den letzten Jahren ziemlich ausgiebig mit Feuer getauft worden! Ganze Waschkörbe mit Feuer auf unsre dummen Schädel! Aber das hört nun auf!« Seine Stimme beruhigte sich. »Nein, ich fahre nicht mit hinüber. Den letzten Gedanken daran hat mir vor einer halben Stunde der Mann mit dem Schlagring vertrieben!« Bundschuh schwieg. »Und wie stehts mit uns, Paule?« fragte er endlich. »Wir haben zusammen an einer Barrikade gebaut, Eugen, und wir haben zusammen einen Kameraden aus dem Feuer getragen, und ein Toter hat uns beschützt. Der Kurt. Zwischen uns, Eugen, ist nichts als das Blut, mit dem wir uns damals beschmierten. Und Blut bindet uns. Aber«, und seine Stimme wurde kalt und hart, »aber wenn wir uns mal in der Stadt treffen, ich hier und du dort, und es muß geschossen werden, in Gottes Namen, dann knalle ich, Eugen!« »Auch ich werde meine Kanone nicht in die Luft abschießen wie damals auf dem Wedding. Leb wohl, Paule.« Riedel sagte: »Also leb wohl, Eugen, und ich danke dir für heute.« Er schüttelte seine Hand, »kannst du mich wenigstens verstehen?« »Nein«, sagte Bundschuh und ging. Achtes Kapitel W ie ein Blumenbeet sieht von hier oben Moskau aus«, sagte Thea zu Eugen Bundschuh auf den Sperlingsbergen, jenen heiteren Hügeln über der Mosqua, »dort die Kirchenkuppeln, die blauen, grünen, gelben und goldenen, sind die nicht wie noch geschlossene Blüten von riesenhaften Tulpen? Märchenhaft ist diese Stadt!« Bundschuh nickte. Unter ihnen, im wühlenden Dunst des heißen Sommernachmittages, dehnte sich Moskau wie ein gigantisches Dorf, in dem die Neuzeit zu Besuch gekommen ist. Im Schlangenlauf der silberdunklen Mosqua bauten sich die steinernen italienischen Wunder des Kreml hoch, italienische Architektur mit asiatischen Elementen gemischt: Kirchen und Mauern, Türme, Befestigungen, Paläste, Höfe und Verwaltungsgebäude. Die Goldkuppel der gewaltigen Erlöserkirche flammte und verschleuderte ihre Blitze. Aus der niedrigen Umwelt dörflicher Gassen und an den grünen Boulevards erhoben sich die neuen Wolkenkratzer. Die sieben Arbeiter waren schon vor zwei Wochen nach Deutschland zurückgefahren und warben in großen Versammlungen für die Sowjets. Sie hatten einen großen Teil des Landes gesehen und waren zwei Wochen mit Herfurt, Thea, Bundschuh und Müller gereist. Das Dongebiet hatten sie gestreift, Odessa besucht, Fabriken, Kinderheime und Mustergüter besichtigt. Die Delegation hatte im Schwarzen Meer gebadet und in der Steppe Staub geschluckt. Mit eigenen Augen sahen und erlebten sie die ungeheuren Ausmaße dieses Landes, das ein Weltteil für sich ist. Herfurt führte die Reisegesellschaft, und an manchen Tagen sprach er in drei Versammlungen. Er entwarf viele Schaubilder vom Berliner Maiaufstand, vertauschte die bunten seidenen Hemden des Westens mit den derben, bestickten Bauernhemden der Ukraine, gab den Reportern Interviews und stellte auch Thea, Bundschuh und Otto Müller in den Scheinwerfer seiner Berühmtheit. Die arme, dunkle Kellerstraße auf dem Wedding wurde zur Siegesallee der proletarischen Revolution. Am Eingang dieser Allee bauten sich die Denkmäler der gefallenen Genossen auf, vor allem das Denkmal von Kurt, der sich für seine Freunde geopfert hatte. Die Reisenden verstanden kein Russisch, aber ihre Augen sahen, ihre Ohren hörten, und ihre Herzen fühlten. Die Arbeiter erlebten zum erstenmal den Triumph der herrschenden Klasse, den Triumph, der gespeist wird von dem Blute, das über die Schlachtfelder der Arbeit strömt. Aber das war nun alles vorbei, die Reisen waren vorbei, und die Arbeiter warben in Deutschland für die Sowjets. Herfurt, Otto Müller, Eugen Bundschuh und Thea blieben in Moskau zurück. Über zwei Wochen waren sie schon da. »Hast du gestern abend die Zigeuner im Großen Theater singen gehört?« fragte Thea. »Nein, ich war bei den Bauern. Eine komische Geschichte beginnt jetzt, Thea, die Bauern rücken aus und verlassen das Land, die deutschen Bauern ... Und dann war ich im Klub einer Fabrik, in einem Literaturzirkel. Höre einmal«, er brachte aus der Tasche ein Blatt Papier, »höre einmal, was für ein Gedicht vorgetragen wurde!« »Ich höre«, sagte die junge Frau träge und blinzelte nach der schimmernden Stadt hinunter. »Pjatiletka, Fünfjahresplan heißt es und ist unglaublich, höre zu«, sagte der Mann und hob die Stimme: »Plan gewaltiger Arbeit gewaltiger Massen, Plan der Menschenmillionen in Schacht und Fabriken, Millionen im Kampf für Kohle und Eisen, Plan zur Schaffung von Fundamenten und Mauern, Plan für Kanäle, Bahnen, Kasernen und Sportplätze, Plan für Häuser, Schulen, Dämme und Kraftwerke, Plan für Fabriken, von Wagen und Lokomotiven, Plan für Motore, Traktoren, Maschinen, Maschinen...« »Zukunftsmusik, lieber Freund«, lächelte Thea. »Die Bergwerke im Dongebiet haben wir ja gesehen. Mittelalter! So sahen unsre Bergwerke vor hundert Jahren aus, vor zweihundert Jahren vielleicht!« Bundschuh blieb ernst und sagte: »Ruhe, Thea, das Gedicht geht weiter«, und zitterte: »Über die Bergwerke wachsen Fabrikschlotwälder, Senkrecht aus den Türmen spritzen dir Erdölfontänen, Auf den Überlanddrähten reisen die Kilowattriesen, Quadratkilometer erheben sich zu Getreidegebirgen: Ja, es spreizt ihre Leine die Erde zum Himmel ...« »Pfui, wie unanständig«, lachte die junge Frau. »Ruhe«, befahl Bundschuh, »und höre zu: »Blumen des endlichen Sieges blühen aus jedem Gewehrlauf, Bänder der rasenden Freude aus jedem Fabrikschlot, Blumen und Bänder von Grenze zu Grenze, Den jungen Weibern ein schimmerndes Tanzkleid, Und von Blütenblättern duftend Ein Schauer rings um den Erdball.« »Und von Blütenblättern duftend ein Schauer rings um den Erdball«, wiederholte Thea. »Wie schön, wie schön ist das gesagt! Hast du die Verse geschrieben, Eugen?« »Nein, sie stammen von einem Schweizer Emigranten, von Hans Itschner, ein junger Tischler, Sohn eines Wolgabauern, hat sie rezitiert. Zwei Jahre ist er in der Stadt, sein Vater singt noch alte Lieder. Du kennst sie ja, wir haben sie in der Ukraine gehört, die frommen Kirchenlieder«, erzählte Bundschuh. »Wie war es im Lager? Wer sind diese deutschen Bauern? Was wollen sie in Moskau?« »Auswandern. Vor hundert und noch mehr Jahren sind sie aus Deutschland gekommen, die Pjatiletka sei ihr Tod, sagen sie und ihre Söhne rezitieren Gedichte: ›Auf den Überlanddrähten reiten die Kilowattriesen‹, ja, sie sitzen in den Sommerlagern und warten auf die Pässe für die Ausreise. Nach Kanada wollen sie und nach Paraguay und Brasilien.« »Warst du allein im Lager?« »«Nein, Otto war mit; er wollte sich den Betrieb mal ansehen, da er wahrscheinlich heute abend nach Berlin zurückfährt. Aber das ist noch nicht bestimmt, die Sitzung von Herfurt im Kreml entscheidet ... Diese Bauern«, sagte Bundschuh und seufzte, »diese Bauern, weißt du, sind eine Welt für sich, mißtrauisch und verschlossen, und von einem Fremden lassen sie sich beinahe jedes Wort abkaufen.« »Alle Bauern sind so«, erklärte Thea, »sage mal, Eugen, wo kommen denn die deutschen Bauern her?« »Aus der Ukraine, aus Sibirien, aus der Wolgasteppe und aus Turkestan. Fettsäcke sollen es sein, Dorfwucherer, denen das neue Leben nicht mehr gefällt.« »Und was ist dein Eindruck?« »Das kann ich noch nicht genau sagen«, zögerte Bundschuh und errötete, »ich gehe morgen noch einmal nach Perlowka. Dort habe ich einen Bauern getroffen, der aus der Krim gekommen ist, aus Marienthal bei Simferopel ... Entsinnst du dich, das ist dasselbe Dorf, von dem in Berlin der Genosse Emil erzählte, als wir mit Uralski zusammen waren.« Thea nickte. Sie entsann sich. Die Feuerwelle lief in Eugens Gesicht. Er dachte an das Lager und an das junge Mädchen, das zu den Bauern aus der Krim gekommen war. Das Bild des Mädchens stand vor ihm, vor dem Dunst des Tales, in dem Moskau lag, diese große Stadt, in der sich zwei Millionen Menschen drängten, stießen, in einer Reihe gingen, in vielen Reihen vor den Läden standen. Schlangen vor den Ämtern, Schlangen vor den Küchen, Schlangen vor Konsumgeschäften, Schlangen vor den Kinos, Schlangen vor den Theatern. In diesem Sommer war das goldene Moskau die Stadt der tausend Schlangen. Mit dem Auto, Herfurt hatte es ihnen zur Verfügung gestellt, er war bei wichtigen Besprechungen im Kreml, fuhren Eugen und Thea in die Stadt hinunter. Und da unten im Dunst und Gewühl und heißen Sommer war Moskau kein buntes Blumenbeet mehr, da war diese Stadt wie der ewige Kopfschmerz eines Gehirnes, das schneller wachsen will als seine Schale und sie doch niemals sprengen kann. In Rußland kommt alles Leben aus Moskau und alles Leben drängt nach Moskau. Über zwei Millionen Menschen quetschten sich zusammen in einem Wohnraum, der kaum Platz für eine Million hatte. Wie Bienen wimmelten die Menschen in den Häusern, Menschen, Menschen, Menschen ohne den sozialen Instinkt der Bienen, aber mit ihrem Stachel bewehrt. Menschen, Menschen, Menschen trieben auf den Gehsteigen und Straßen vorüber, grau, blau, und braun, die Kleider und Stoffe dunkel getönt, ohne Glanz und Schimmer. Die Straßenbahnen und Autobusse waren überfüllt. Das steinerne Blendwerk eines russischen Märchens, die Wassili-Kathedrale schwamm wie ein Riesenschiff über dem Roten Platz. Und diesem Steinmärchen mit den bunten, bizarren und gedrehten Kuppeln trabte eine Rotte Kavallerie entgegen und stimmte am Mausoleum Lenins den Budjonnimarsch an. Dieser Marsch ist im Westen fast unbekannt, und Bundschuh hatte ihn auch im Osten nicht so oft gehört wie die Internationale, die ein Belgier nach den Worten eines Franzosen vertont hat. Die Internationale! In Rußland wurde sie mit fanatischem Eifer bei jeder Gelegenheit gespielt und gesungen, aber das war nicht Rußland, das Lied war nicht der Osten, es war und blieb Musik des Westens und erinnerte mehr an Berlin, an Neukölln und an den Wedding als an Moskau oder Wjatka. Der Budjonnimarsch aber, das war der Osten, In ihm waren die Steppen und Ströme, die Gebirge und Wüsten, die Bomben und die Opfer. Dieser Marsch war die russische Revolution. In ihm klagte das alte heilige Rußland, das seine Heiligkeit zertrümmerte und aus den Bruchstücken ein neues Haus errichtete. Über der Klage stampfte die Melodie des Marsches. Sie erinnerte an jene Zigeunermusik, die mit Notenzeichen nur angedeutet, aber nicht aufgeschrieben werden kann. Wie eine Herausforderung klang das Lied über den Roten Platz, wie der furchtbare Hahnenschrei einer andern Welt. Das war der gellende Schrei über den Dingen. Die Dinge aber ruhten träge in ihrer Gesetzmäßigkeit. Jetzt wurden sie aus ihrer Gesetzmäßigkeit herausgerissen. Wie ein gigantischer Motorpflug schaufelte der Neue Plan das weite, unendliche Land um. Alte Bindungen zerrissen, Familien wurden zertrümmert, Dörfer verstümmelt, viele hunderttausend Bauern entwurzelt. Alte Gesetze starben an sich selber. Um die neuen Gesetze war noch das Blut der Geburt. Eugen und Thea hatten sich in Moskau zu dem selbstverständlichen Du aller Genossen gefunden. Zuerst waren sie von dem Lande begeistert, dann wurden sie enttäuscht, und jetzt schwebten sie auf der unruhigen Waage des Ausgleichs hin und her. Die rote Fahne über der Kremlmauer, das war noch lange nicht der Sozialismus! Das Glockenspiel der Internationale auf dem Spaskiturm im Kreml stellte auch nicht die Gleichheit der Menschen her. Es gab keine Gleichheit unter den Menschen. Die Russen waren die wütendsten Patrioten. Immer und immer wieder traten sie bei ihren ausländischen Freunden als die Lehrmeister der ganzen Welt auf. Sie erinnerten sehr oft an die ersten Reiterscharen des Islam, die mit Feuer und Schwert die Völker überrannten und tauften, die alten Länder zerschlugen und neue Reiche aufbauten. Thea und Eugen wohnten mit Herfurt und Müller im Hotel ›Lux‹ neben den Delegierten der Internationale. Die Zimmer waren verwohnt, aber sie hatten doch vier Wände und eine Tür und schlossen sich ab vor der qualvollen Menge der übervölkerten Stadt. Vier Wände, eine Tür, die man abschließen kann: Wunschtraum aller Moskauer! Sie hätten Vater und Mutter verraten und lächelnd alle Gesetze übertreten, um die Sicherheit und Stille, die Wohltat des eigenen Zimmers, die Sammlung zwischen den eigenen herrlichen vier Wänden erobern oder verteidigen zu können. Im russischen Winter bleiben alle Fenster fünf Monate lang verschraubt und verkittet. Im April, wenn der Schnee langsam taut, wenn sich der Frost wieder nach dem Eismeer zurückzieht, im April geschieht eine heilige Handlung: der Hauskommandant läßt alle Fenster zum erstenmal wieder öffnen. Jetzt, im heißen Sommer, standen alle Fenster offen. Jetzt, im heißen Sommer, spielten auf den breiten Boulevards die Kinder der Delegierten aus dem Hotel, Kinder, die in allen fünf Kontinenten geboren waren, und die sich leicht in vier oder fünf Sprachen verständigen konnten. Mit einem strengen Besen waren die Heerscharen der verwahrlosten Kinder, die Überlebenden aus den Bürgerkriegen, Hungersnöten und Katastrophen von Moskau ausgefegt worden. Hier und da streiften noch kleine Trupps, Kinder ohne Herd und Heimat, Kinder ohne Gott und Tugend, kleine wilde Tiger, die bissen und kratzten und fauchten, wenn man sie schlug. Viele Jahre waren sie Schrecken und Entsetzen des ganzen Landes gewesen: Seuchenverbreiter, Bazillenträger, Bettler, Diebe, Straßenräuber und Mörder. Mit zwölf Jahren kannten sie keine Geheimnisse mehr. Aus vielen Wunden schwärend, stürmten sie im Herbst die Eisenbahnzüge, entflohen dem Winter und fuhren den südlichen Ländern entgegen. Thea und Eugen hatten den Roten Platz überquert und Waren aus dem Wege nach Hause. Noch standen in dem ehemaligen Luxushotel die Badewannen in den Einzelzimmern, aber das heiße Wasser lief nur im Gemeinschaftsbad, für das sich jeder Mieter für seine Stunde einmal in der Woche einschreiben durfte. Ein amerikanischer Delegierter, Ofensetzer von Beruf, baute sein zweckloses Bad in eine zweckmäßige Küche um. Müller und Bundschuh bedauerten viele Male aufrichtig, nicht Ofensetzer zu sein. Die Sonne zerstäubte wie Gold über der Stadt. Thea und Eugen standen auf dem Balkon und sahen auf die menschenüberflutete Twerskaja. Sie warteten auf Herfurt. Die Goldkuppeln der Kremlkirchen mit den griechischen Kreuzen flammten. Aus der Straße rasselte und tutete der Verkehr. Menschenströme wogten hin und her. Die Büros schlossen um vier Uhr. Der Tag begann erst jetzt, das eigne Leben, die Parteiarbeit, Besuch bei Freunden und dann die endlosen Gespräche bis in die sinkende Nacht hinein. »Was ist das für eine aufregende Stadt, Eugen«, sagte Thea bewundernd. »Das ist keine Stadt mehr. Das ist ein Programm. Asien und Europa feiern hier Hochzeit.« »Hochzeit?« wiederholte Thea und bekam leuchtende Augen »hier kann man sehr schnell Mann und Frau werden.« Mann und Frau! »Ich weiß es«, antwortete Eugen Bundschuh und trat aus dem blendenden Licht in das dunkle Zimmer zurück. Noch einmal war er mit seinen Gedanken in Perlowka bei den Bauern gewesen, vor allem bei dem Riesen aus der Krim. Und als er auf dem Balkon stand und in das Licht starrte, wandelte sich das Licht und strahlte um ein Mädchen. Und gestern hatte er dieses Mädchen zum erstenmal gesehen. In Perlowka. Sie war mit der Frau des Bauern gekommen und von großer Schönheit. Blau waren ihre Augen, dunkel das Haar und das Gesicht wie das Gesicht einer schwäbischen Madonna. Was hatte die Frau auf dem Balkon gesagt, was hatte Thea gesagt: hier in Moskau kann man sehr schnell Mann und Frau werden? Sein Blut schäumte, ja, ja, ja, morgen wollte er noch einmal nach Perlowka fahren. Thea stand auf dem Balkon und seufzte. Dann ging auch sie in das Zimmer. Aber Eugen war nicht mehr da. Beim Abendbrot trafen sie alle zusammen. Otto Müller war schon reisefertig. Er hatte sich das kleine Bärtchen abnehmen lassen und erzählte aufgeregt von den Bauern. Die eine Stunde, die er im Lager gewesen war, hatte für ihn schon alle Probleme gelöst. Wozu noch lange reden! »Kulaken sind das, und ich verstehe nicht, warum Moskau diese Umzingelung duldet«, sagte er, »wenn ich Stalin wäre, ich würde sie sofort wieder zurückschicken. Und wenn sie das nicht wollen, dann Zwangsarbeit oder Konzentrationslager. So geht das doch nicht! So kann man doch unmöglich einen neuen Staat aufbauen. Es sind einfach Saboteure!« »Es ist schade, daß du nicht Stalin bist, Otto«, spottete Herfurt, »da hätten wir uns heute im Kreml nicht stundenlang über die Bauernfrage unterhalten brauchen. Willst du eine Lawine mit der flachen Hand aufhalten? Mehr als tausend Bauernfamilien sind schon hier. Im Frühling sind sechzig Familien abgefahren, schön, da kann man nichts sagen, aber tausend Familien, das ist unmöglich, schon des Auslands wegen. Was sollen die Arbeiter in Deutschland sagen: deutsche Bauern verlassen die Sowjetunion!« »Also doch Konzentrationslager«, knurrte Müller. Herfurt lächelte über den Eiferer. »Was ist mit den Bauern los«, fragte Thea, »sind es wirklich nur Wucherer?« »Nein. Sie wandern auch aus religiösen Gründen aus.« »Religion ist Opium für das Volk«, erklärte Otto Müller. »Laß doch den Quatsch und höre, was Herfurt sagen will«, fauchte Eugen Bundschuh. »Was ich sagen will, wißt ihr von ganz alleine, und ihr wißt auch, daß wir andre Gründe über die Bauern bei der Propaganda anführen müssen, jeden Tag kommen neue Massen nach Moskau. Die Sache wird gefährlich, auch für die Partei in Deutschland. Schön, ich bin heute beauftragt worden, die Aktion im Ausland gegen diese Bewegung zu führen. Und wir fahren noch heute nach Berlin. Alle fahren wir. Bundschuh bleibt aber noch eine Woche als Kundschafter hier, er soll mit den Bauern sprechen, Material sammeln und uns unterrichten.« Eugen dachte wieder an das Mädchen und war glücklich. Er hatte mit ihr noch kein einziges Wort gewechselt, aber ihre Blicke hatten ihn gestreift, und das war des Glückes genug. Anna, sie hieß Anna. Gab es einen schöneren Namen auf der Welt? Anna, das hatte er von der Bäuerin gehört. »Ich möchte auch gern noch eine Woche in Moskau bleiben, wenn es möglich ist«, sagte Thea. »Nein, das geht nicht. In einer Stunde müssen wir fahren. Packt die Koffer«, sagte Herfurt. Er richtete seine Augen auf die Frau, die sich ihm auch hier in Moskau verweigert hatte. Oh, er würde sie schon bekommen, die Thea Gärtner. Thea und Otto gingen nach ihren Zimmern und packten die Koffer. Herfurt blieb mit Bundschuh allein. »Eugen«, sagte er, »du wirst nicht so dumm sein und als Kommunist in die Lager gehen. Es gibt schon Dumme genug, die als Agitatoren bei den Bauern sprechen. Misch dich unter die Leute, höre auf das, was sie sagen und klagen, behalte das ruhig für dich und gib mir darüber in Berlin Bescheid ... Wenn man seinen Feind schlagen will«, hob er die Stimme, »muß man wissen, wie stark seine Stellung ist. Und man muß wissen, in welchen Fragen er recht hat. Dann erst kann man ihn ins Unrecht setzen. Vergiß das nicht.« Er dämpfte die Stimme. »Und wenn du unsern Freund Willi treffen solltest ...« »Willi?« fragte Bundschuh erstaunt, »der ist doch erschossen worden wegen Feigheit vor dem Feind!« Herfurt lachte. »Ja, auf dem Papier, werter Genosse! In Moskau hat man nicht so viele Leute, daß man jeden abschießen kann, der eine Dummheit gemacht hat«, antwortete er, »da müßte man ja die halbe Partei abknallen... War es schön auf den Sperlingsbergen? Kommst du mit nach dem Bahnhof?« »In Berlin, auf dem Wedding und überall hat man doch erzählt, daß in Moskau das Schwein Willi erschossen worden ist«, empörte sich Bundschuh. »Es wird viel erzählt, und ich hoffe, daß du mir in Berlin nichts erzählst, ich will Berichte hören, weiter nichts. Gönne doch dem armen Schwein das kleine dreckige Leben«, sagte er. »Mensch, Bundschuh, Eugen, wir sind alle Sünder... Aber nun mach dich fertig, wir müssen jetzt abfahren.« Sie nahmen ein Auto. Der Abschied war kurz. Herfurt sagte: »Machs gut, lieber Junge, in einer Woche sehen wir uns wieder, bleibe hübsch brav und lasse die russischen Mädels, hörst du, in Ruhe!« »Auf Wiedersehen, Eugen«, sagte Thea und in ihrer Stimme klang leise Trauer mit, »komm gut nach Berlin und schreibe auch mal an mich.« Otto Müller sagte nichts. Er pfiff die Melodie des Budjonnimarsches, er pfiff schlecht und falsch, weil er immer noch nicht den Sinn der russischen Revolution begriffen hatte. Dann ließ er das ihm unverständliche Lied und stimmte die Internationale an. Diesen Gesang kannte er gut. Die Glocke ertönte zum drittenmal. Die Türen wurden zugeschlagen. Ein letztes Händewinken, ein letzter Gruß, den der Wind vom Munde wegriß. Die Räder blänkerten auf den blanken Schienen, die Wagen rollten vorbei und der lange Zug, wie von magnetischen Kräften angezogen, die vor dem Dampfkessel lockten, schob sich in die braune Dunkelheit hinein. Das Schlußlicht des letzten Wagens glühte noch ein wenig und erlosch in der Ferne. Eugen Bundschuh verließ den Bahnhof und ging zu Fuß nach dem Hotel. Er hielt die Waage des Ausgleichs in den Händen, und sie schwankte. Moskau und Berlin lagen in den dünnwandigen Schalen. Die Waage im Gleichgewicht: hier und dort ging der Kampf um das Dasein in erbitterter Wut. Die Waage senkte sich: in Moskau, im Osten wurde dieser Kampf ums Dasein nach zwei Seiten und an vielen Fronten erbittert durchgeführt. Auch das Geld war wichtig in Rußland. Wichtiger aber waren das eigene Zimmer, das bißchen Futter, die gute Verbindung, der Platz an der Sonne. Der Raum, in dem der Mensch leben mußte, war klein trotz der ungeheuren Größe des Landes. Der Raum, der Lebensraum, wurde von vielen Millionen Mitbürgern berannt. In seinem Mittelpunkt stand die blinde Göttin Ware. Und um diese blinde Göttin ringelten sich in Moskau viele Schlangen. Moskau oder Berlin? In Berlin konnte man für zehn Mark Geld für zehn Mark Ware oder Vergnügen tauschen. Und das alles bekam man ohne jeden Kampf und ohne jede Anstrengung. In Moskau aber oder Odessa mußte um die Ware und um das Vergnügen erbittert gekämpft werden. Zwei Schlachten wurden darum geführt: zuerst einmal um das Geld selbst und dann um die Sache an und für sich. Um das Geld ging nur das Vorgefecht. Der Angriff und die Schlacht ging um die Ware. Es gab viel zu wenig Ware in den Geschäften. Und um dies oder jenes kaufen zu können, mußte der Mensch erst die Lebensberechtigung nachweisen und die Anweisung erstehen. Dann kam der Platz in der Schlange bis an die Kasse. Und die Schlange ringelte weiter bis zur blinden Göttin. Der russische Verkäufer will nicht seine Ware, er will den Käufer loswerden. Er hat kein andres Verhältnis zu seinem Geschäft als das eines mürrischen Angestellten. Er verkauft nicht, er verteilt. Manchmal wird er größenwahnsinnig und fühlt sich als Priester seiner blinden Gottheit. Und wenn die vor seiner Gottheit Angeklagten etwas haben wollten, für die seine Majestät der Diener drei Schritte gehen mußte, dann wurde der Priester zum Todfeind und schickte gelassen den Angeklagten an die Kasse zurück. Zurück in die Schlange! Eugen entsann sich vieler Käufe und Streitigkeiten um den Platz in der Schlange, in dem Kampf um die Ware. Überall gab es Feinde. Jeder wollte der erste sein. Alle wollten die ersten sein: alle wollten im Kopf der Schlange stehen. Die Schlangen ringelten sich durch die ganze Stadt. Die Schlange wollte Tee und Zucker, Schuhe und Kleider, Butter und Brot, Fleisch und Fisch. Der Kampf in der Reihe war ermüdender als der Kampf um das Geld, mit dem Tee und Zucker, Schuhe und Kleider, Butter und Brot, Fleisch und Fisch gekauft werden konnten. Im Westen ging der Kampf nur um das Geld. Der Westen erstickte im Warenüberfluß. Das Geld war im Westen wie Vater und Mutter und sorgende Geliebte. Es ebnete alle Wege und machte aus dem grausamsten Feind den liebenswürdigsten Freund. Das Geld gab Speise und Trank, Kleidung und Wohnung und bestellte die besten Plätze im Theater oder Konzert. Und je teurer ein Anzug, je kostbarer eine Speise, je erlesener ein Schmuck, um so eifriger dienerte und bückte sich der Westen, lag auf den Knien und bat, das Gewünschte endlich und huldvollst entgegenzunehmen. Eugen Bundschuh, der im Westen über kein andres Geld verfügt hatte als über das Stempelgeld seiner Arbeitslosenunterstützung, schwärmte auf dem Heimwege plötzlich für Deutschland. Dort waren die blinden Göttinnen der Ware von den Säulen gestürzt. Sie lagen demütig an den Straßen und bettelten: ›Hebt mich doch auf, nehmt mich doch mit!‹ Osten oder Westen? Der Westen war trotz aller Not die höhere Form der menschlichen Gesellschaft. Im Westen siegte in dem Kampf um das Geld nicht der Mann und seine Arbeit. In den meisten Fällen siegte in diesem Kampf die Niedertracht. Die Niedertracht siegte. Aber auch im Osten siegten die Niederträchtigen über die Edlen, die Gemeinen über die Reinen, die Brutalen über die Zuvorkommenden, die Faustkämpfer über die Philosophen. Warum also, dachte Eugen Bundschuh, warum also die Niedertracht um das Geld verhunderttausendfachen durch die Niedertracht um die hunderttausend Lebensnotwendigkeiten, die ich mir mit dem Gelde kaufen muß? Ist das der Sinn der Revolution, dachte er. Warum der Budjonnimarsch, warum das begeisterte Gedicht von Itschner, warum die Heiligsprechung Lenins, warum der Neue Plan? Ändert sich der Mensch? Ach, wann siegt einmal der Reine über den Gemeinen, der Philosoph über den Faustkämpfer, wann siegt endlich der Edle über den Niederträchtigen? So geht er durch die Dunkelheit und denkt an Otto Müller, der auf dem Bahnsteig dumm und stur die Internationale angestimmt hat. Er denkt an Herfurt, der wissen will, wie stark die Stellung des Feindes ist, den er schlagen soll, und der auf das Recht der Bauern begierig ist, um sie entschlossen ins Unrecht zu setzen. Er denkt auch an Thea Gärtner, er sieht ihre grünen Augen und hört ihre Seufzer. Er denkt an das Schwein Willi, der nur auf dem Papier für die dummen Arbeiter des Wedding erschossen worden ist. So geht er durch die dunkle Stadt und denkt an Paul Riedel, der sich entschieden, und an den dicken Kurt, der sich für seine Freunde geopfert hat. Die Melancholie schmilzt in seinem Herzen. Anna heißt das Mädchen im Lager von Perlowka. Sie ist aus der Krim gekommen. Aus Marienthal bei Simferopel und hat kastanienbraune Haare, ein rundgemeißeltes Kinn und blaue flammende Augen. Die Arbeit beginnt in Moskau um zehn Uhr, und jetzt in der Nacht schwärmen die jungen Burschen und Mädchen über die breiten Boulevards. Gelächter erschallt. Balaleikamusik schwingt in die Dunkelheit. Die Sterne hängen groß und südlich am Himmel. Die Kinos und Theaters sind überfüllt. In den Klubs wird diskutiert. Heiß und warm ist die Moskauer Sommernacht, gleißend ist sie und verführerisch. Im Hotel ›Lux‹ ist noch viel Betrieb. Die Kinder, die sich spielend leicht in vier und fünf Sprachen verständigen können, die Kinder schlafen. Der amerikanische Ofensetzer, er ist in den Staaten ein gefürchteter Mann, feiert Geburtstag und hat seine Freunde eingeladen. »Willst Du nicht rüberkommen, old boy ?«, fragte der Amerikaner, »es ist ein Mann bei mir, der dich gut kennt.« Bundschuh nimmt die Einladung an, jetzt kann und will er noch nicht schlafen. Er geht zu dem Amerikaner und sieht das Schwein Willi am Tische sitzen. Er springt auf, als er Bundschuh erkennt und wendet sich theatralisch an die rauchenden Gäste. »Genossen«, sagte er begeistert, und seine komische Nase tanzt auf und ab, »Genossen, Sie sehen hier meinen Freund Eugen Bundschuh aus Berlin. Zusammen haben wir am 1. Mai auf dem Wedding Barrikaden gebaut.« Viele Hände strecken sich Bundschuh entgegen. viele Gläser Wein muß er trinken. Er trinkt sie und spült mit dem Wein den Ekel hinunter, der ihm in der Kehle sitzt. Willi, das Schwein, lebte und ließ sich jetzt als Held und Barrikadenkämpfer feiern! Eugen schüttelt die Hand dem Amerikaner, dem Franzosen, dem Koreaner und dem Schweizer, der die Kilowattriesen auf den Überlanddrähten reiten ließ, er schüttelt die Hand dem Perser und dem Norweger: die ausgestreckte Hand von Willi aber übersieht er. Neuntes Kapitel W eizen, wir brauchen noch mehr Weizen«, erklärte Pjotr Iwanowitsch Kusminoff, der junge Kommissar aus Simferopel dem verängstigten Dorfschreiber von Marienthal, »und du kennst sie doch, die Bauern, und weißt, ob sie alles abgeliefert und was sie an Korn und Mehl versteckt haben.« »Ja, ich kenne sie, die Bauern, aber die Ernte war schwach, und sie haben wohl alles abgeliefert. Von verstecktem Korn und Mehl weiß ich nichts«, antwortete der Schreiber. »Gut war die Ernte in der Krim, das wissen wir wohl in der Stadt. Verteidige du nicht die Kulaken und Dorfwucherer«, sagte der Mann in der schwarzen Lederjacke streng und runzelte die Knabenstirn. »Du bist doch Dorfarmer, ein Proletarier, und wir geben dir fünf Pud vom besten Mehl, wenn du uns sagst, wo sie Korn und Mehl versteckt haben.« »Ich weiß es nicht.« »Bist du ein Freund der Liedersinger und Wurstfresser? Bist du ein Freund des Neuen Plans? Wir haben sie schon gekitzelt in deinem Dorfe, die Betbrüder, aber wir wollen sie noch mehr kitzeln, daß ihnen das Lachen vergeht! Das letzte Korn müssen sie spucken, die Saboteure ... Sage mir, wo hat dein Nachbar Mehl und Korn versteckt?« »Ich weiß es nicht. Und ihr habt ihm doch schon die Mühle genommen, ihr habt seinen Schwiegervater stimmlos gemacht und seine Verwandte vom Seminar geschickt ... Und er hat doch alle Steuern gezahlt und Anleihen gezeichnet, er ist kein Saboteur, Genosse Kommissar! Ich glaube nicht, daß der Genosse Bundschuh Mehl und Korn verheimlicht.« »Der Bürger Bundschuh, Schreiber! Wer sich gegen den Neuen Plan stellt und den Eintritt in das Kollektiv verweigert, ist kein Genosse ... Warum sprichst du für ihn? Er hat Pferde im Stall und Vieh auf der Weide, du bist arm, ein Pferdchen hast du und mußt dich abquälen ohne Wagen! Wir wollen dir einen Wagen verschaffen, wenn du sagst, was du weißt ... Selber haben wir schon bei ihm nach Mehl und Korn gegraben, gefunden haben wir nichts. Er will nichts wissen von uns, und wir wollen nichts mehr wissen von ihm! Stimmt es, daß wir zu weit rechts im Garten gegraben haben?« »Das weiß ich nicht, Genosse Kommissar. Warum grabt ihr nicht den Garten und den Hof noch einmal um?« »Wir haben zu wenig Zeit, und der Rayon ist groß. Aber du, Onkelchen, kannst graben. Warte, ich werde dir ein Mandat geben... Morgen wird bei euch die Ernte abgefahren, und wir wollen auch das versteckte Korn und Mehl haben. Wir müssen es haben, um den Plan zu erfüllen ... Grabe im Hof, Garten und Stall, und wenn du etwas findest, bekommst du von der Genossenschaft ohne Anzahlung einen Wagen auf zehn Jahre und noch extra eine Prämie.« »Aber ich weiß doch nicht, ob er was vergraben hat!« »Gerade deshalb sollst du suchen und graben«, befahl der Kommissar, schrieb das Mandat aus und übergab es dem Schreiber. Nach diesem Mandat war der Überbringer berechtigt und verpflichtet, im Haus, Stall, Hof und Garten des Bauern Jakob Bundschuh in Marienthal bei Simferopel nach verstecktem Korn und Mehl zu suchen. Der Kommissar fuhr wieder nach der Stadt, und der Gemeindeschreiber ging langsam und schwerfällig zu seinem Nachbar Bundschuh. Der stand aus dem Hof und starrte in das heiße Licht. In den letzten Wochen hatte er schwere Dinge erlebt. Strafen, Anleihen, Steuern holten das letzte Geld, das letzte Korn aus dem Hof. Anna wohnte wieder hier, seit sie vom Seminar vertrieben war. Sophie ging mit verweinten Augen umher und trauerte um ihren Vater. In Marienthal waren schon viele Bauern verhaftet worden. Auch Bundschuh wartete jede Stunde auf einen Haftbefehl. Gestern hatten Agenten der politischen Polizei sein Haus durchsucht, im Stall und Garten gegraben und mit gierigen Augen die Möbel, Geräte und Tiere abgeschätzt. Dann waren sie mit Pjotr Iwanowitsch Kusminoff, dem jungen Kommissar, drohend abgezogen. »Was willst du, Gemeindeschreiber?« fragte der Bauer, als der Schatten des Schreibers in das heiße Licht fiel. »Ich soll bei dir nach Mehl und Korn suchen und graben.« »Suche und grabe«, befahl Bundschuh und wandte sich ab. Was wollten sie nur von ihm? Saß irgendwo im Dorfe ein böser Feind, ein Angeber, ein Verräter? War vielleicht der Schreiber der gemeine Verräter und wollte seinen elenden Spitzellohn verdienen? »Ich habe nichts zu suchen und zu graben, Bauer«, sagte der Schreiber. »Sollen sie doch selber mit ihren hungrigen Händen graben, die Verfluchten! Ich zerreiße das Mandat!« Der Bauer fiel dem Schreiber in den Arm. »Bring dich nicht ins Unglück.« »Ins Unglück?« wiederholte nun der Gemeindeschreiber, »glaubst du, es sei Glück, in den Augen des Kommissars ein Schuft zu sein? Mit ihren Papierchen können sie viel kaufen, aber nicht unsre Seelen und Gedanken ... Mein Pferdchen schenke ich ihnen, wenn sie es haben wollen, und ihre Wagen, die sie den Dorfarmen anbieten, ihre Wagen fahren zur Hölle!« »Schreiber, ich habe immer gedacht, du seist ihr Mann«, sagte Bundschuh und nahm seine Hand. »Weil ich ihnen zustimmte, weil ich die Hände aufhob bei den Resolutionen? Ich bin Mensch wie du, Bauer!« »Du bist arm, und ich reich, würde der Kommissar sagen, ich sei ein Dorfwucherer, wird er sagen, ein Feind des Neuen Plans, du aber ein Freund der Regierung. Hast du dir auch alles genau überlegt?« »Es braucht nichts überlegt zu werden, wir sind Deutsche«, antwortete der Gemeindeschreiber und ging davon. Mit den Fetzen des zerrissenen Mandates spielte der Wind. »Was wollte der Schreiber, Jakob?« fragte Sophie, »hat er einen neuen Befehl gebracht? Weiß er, wo Vater ist? Drei Wochen schon ist er verschleppt und wir haben immer noch keine Nachricht von ihm.« »Nein, er brachte keinen neuen Befehl, Sophie. Und er wußte auch nicht, wo der Vater ist. Und sollte er im Gefängnis sein, auch dort wohnen Menschen, und Gott ist überall.« »Ja, Gott ist überall, aber uns hat er verlassen«, klagte die Frau und ging wieder in die Stube. Am andern Tage wurde aus Marienthal das Getreide nach der Stadt gefahren. Aus allen umliegenden Dörfern kamen die Wagenkolonnen wie ein großer Festzug mit wehenden roten Fahnen und schmetternder Musik. In der Stadt waren Triumphbogen errichtet. Große Reden hallten und schallten, und immer wieder stieg die grelle Musik der Märsche nach dem blauen, wolkenlosen Himmel. Die Musik schmetterte, aber sie übertönte nicht das Klagegeschrei der im Klassenkampf Besiegten, nicht die tragische Ohnmacht der von den Höfen Vertriebenen, nicht die stumme Wut der rechtlos gemachten Bauern. Sie zerschellte an den Trotzschädeln und Steifnacken, die nicht in die Kommunen und Kollektivs gehen wollten und lieber zerbrachen, als sich beugten. Um die Höfe und durch die Dörfer schlich die Angst. Sie saß neben den Frauen in den Stuben. Sie lauerte an den Betten und Wiegen der Kinder. Sie nistete im Gebälk der Ziehbrunnen und in den Dächern der leeren Scheunen. Sie ging mit dem Vieh auf die Weide, stand mit den Bauern auf und legte sich mit ihnen schlafen. Viele Bauern meldeten sich im Kollektiv. In der Nacht und Dunkelheit aber trafen sie mit ihren rechtlos gemachten Freunden zusammen, lasen in der Heiligen Schrift und stimmten die frommen Lieder an. Der Gemeindeschreiber hatte nicht nach verstecktem Mehl und Korn gesucht und gegraben, aber er meldete nach der Stadt, seine Nachforschungen seien ergebnislos verlaufen. Und zwei Tage nach der Getreideaufbringung wurde der Bauer Jakob Bundschuh von seinem Hofe vertrieben. Aus tatarischen Dörfern und aus einer entfernten Kommune kamen gegen zwanzig Bauern mit ihren Frauen und besahen sich das Schauspiel. Aus der Stadt war Kusminoff mit seiner flachshaarigen Freundin Nina erschienen. Er wollte ihr zeigen, wie die eiserne Hand des Volkes einen gefährlichen Klassenfeind vernichtet. »Bürger«, sagte der junge Kommissar, »im Namen des werktätigen Volkes in Stadt und Land wirst du heute enteignet. Dein Hab und Gut wird dem Volke übergeben, nur was du auf dem Leibe trägst, du und die deinen, und was ihr tragen könnt, bleibt euch. Und jetzt geh und lauf und hole erst die Pferdchen aus dem Stall. Hier ist der Befehl.« Bundschuh steckte das Papier ungelesen in die Tasche und ging nach dem Stall. Bald kam er mit dem ersten Pferd wieder auf den Hof, auf dem sich die Tataren mit ihren schwarzhaarigen Frauen drängten. »Ein Pferdchen, ein zuckersüßes Pferdchen«, rief Pjotr Iwanowitsch, »was bietet ihr, Towarischtschi?« »Nun, sagen wir einmal: fünf Rubelchen!« schrie eine lustige Stimme. »Zehn Rubelchen!« »Elf Rubelchen!« »Dreizehn biete ich!« Die Männer und Weiber schüttelten sich vor Lachen. Fünf Rubel, zehn Rubel, elf Rubel und dreizehn Rubel, das war ein Spaß, eine Komödie, ein Vergnügen! Hundertfünfzig Rubel war das Tier schon wert. Geschieht ihm ganz recht, dem Deutschen, warum stellt er sich gegen den Neuen Plan! Warum geht der Schweinefleischfresser nicht in das Kollektiv! Auch in der Kommune wird nur mit Wasser gekocht. Der Bauer muß nachgeben. Er muß immer nachgeben. Biegen kann man ihn, aber nicht brechen. Einmal haben die Tataren die Russen gebogen, aber sie haben sie nicht zerbrechen können. Dann haben die Russen die Tataren gebogen, aber die lebten immer noch. Und nun wurden zur Abwechslung einmal die Deutschen gebogen, von den Russen gebogen. Mal sehen, ob sie es aushalten, dachten die Tataren. Um fünfzehn Rubel wird das erste Pferd verkauft. »Hole die andern Pferde«, befiehlt der Kommissar. Bundschuh bringt die drei andern Pferde aus dem Stall. Sie werden versteigert und erzielen zusammen vierzig Rubel. Aus dem Dorf kommen die deutschen Bauern. Langsam kommen sie, Schritt um Schritt. Einige sind schon im Kollektiv. Sie kennen Bundschuh und wissen, daß sein Vater und er aus dem Ödland die fruchtbaren Äcker geschaffen hat. Nein, sie bieten nicht mit. Aber die Tataren bieten und kaufen jetzt die Arbeitswagen, einen schönen neuen Wagen für fünfzehn Rubel, und wert ist er beinahe zweihundert. »Das Jungvieh«, sagt der Russe, wirft ein Auge auf Nina, ist machtbewußt und stellt sich vor Stolz beinahe auf die Zehen. Das Altvieh ist schon lange verkauft. Dafür hat Bundschuh die Steuern, Strafen und Anleihen bezahlt. Das Jungvieh bringt nur Kopeken. Das Ackergerät will niemand kaufen. Es fällt umsonst an die Kommune. Wozu noch einen Rubel oder zwei den halsstarrigen Deutschen in den Rachen werfen? Der ist sowieso ein toter Mann. Ein verlorener Mensch. Morgen werden sie ihn verhaften und ins Gefängnis schleppen. Neben Jakob steht Anna mit weißem Gesicht und flammenden Augen. Sie hat keine Angst. Dieser Tag ist mit Schmerzen gesegnet. Alles sollen sie haben, die Pferde, das Jungvieh, die Wagen, die Eggen, die Mühle, die Pflüge, die Weide und die Felder und Brunnen. Nichts soll bleiben als der weiße Staub in den Kleidern, wenn sie endlich das Dorf und die Krim verlassen. Und diesen Staub will sie lachend aus den Kleidern schütteln, wenn sie endlich, endlich heim fahren. Verächtlich ist ihr roter Mund. Klar und heiter schimmert ihre Stirn. »Der Wirt soll die Tische und Betten herausbringen, das Mobiliar«, schreit eine junge Tatarin mit Silberschmuck im rabenschwarzen Haar. Jakob und Anna gehen in das Haus. Sie trösten die verzweifelte Sophie und räumen alles aus. Sophie sieht ihnen mit tränenden Augen zu. Anna und Jakob weinen nicht. Schweiß läuft über ihre Gesichter. Sie lassen ihn rinnen und schleppen die Möbel aus den Hof, die Betten, das Geschirr und stellen es in die grelle Sonne. »Ein Bettchen für Marußja!« ruft Pjotr Iwanowitsch, »wer gibt drei Rubelchen für das Bettchen für Marußja?« »Vier Rubelchen«, schreit eine alte Tatarin mit einem Ziegengesicht, »vier Rubelchen für das Bettchen.« Es ist Annas Bett und wird um vier Rubel verkauft. Der Kommissar hebt die alte, bunte und bemalte Kinderwiege hoch, die vor hundertsiebenunddreißig Jahren der erste Bundschuh vom Neckar mitgebracht hat. »Hier, diese Wiege für einen kleinen Sowjetbürger«, bietet der Russe aus, »wer gibt zwei Rubelchen dafür?« »Fünf Rubel für die Wiege!« ruft ein deutscher Bauer. »Fünf Rubel für die Wiege, wer gibt mehr?« Keiner will mehr als fünf Rubel für die alte bunte Wiege geben. Der Bauer, er ist Mitglied des Kollektivs, nimmt die Krippe behutsam in die harten Hände und stellt sie vor sich hin. Die Auktion geht weiter. Unter großem Gelächter wird jetzt der Hausrat für ein Schundgeld versteigert. Nun greifen die Bauern von Marienthal ein. Sie bieten hier und da, kaufen Betten, Decken, Truhen, Geschirr, Kleider und Schuhe und schichten alles neben der Wiege auf. Das letzte Stück, einen großen Zuber, ersteht die ziegengesichtige Tatarin für zehn Kopeken. Die Weiber schnattern. Die Tataren reiben sich die Hände. So gut und billig haben sie noch niemals gekauft. Und sie werden weiter so gut und so billig kaufen, solange es dumme Bauern gibt, die sich gegen die Sowjetmacht stellen. Die Bauern von Marienthal bleiben stumm und starren auf den Kommissar, der am 1. Mai zum ersten Male zu ihnen gekommen war und sich heute neben der flachshaarigen Nina spreizt und sein Kindergesicht in grausame Falten legt. »So, und nun wollen wir noch dein Mehl, Wirt«, ruft die Tatarin und schwenkt ihren Zuber, »hungrig hast du uns gemacht, Deutscher.« »Holt euch selber das Mehl«, antwortet Bundschuh. Die Ziegengesichtige stürzt mit zwei Frauen in das Haus. Nina spricht mit Pjotr Iwanowitsch, der nickt gnädig, und nun rennt die Russin den Tatarenweibern nach. Sie kommt gerade zur rechten Zeit. Die Tatarinnen haben den großen Zuber mit Mehl bis an den Rand gefüllt, ihre Kleider sind bestäubt, und nun wollen sie gerade den noch halbvollen Kasten in die nackte Stube kippen. »Genug gescherzt, tatarische Frauen«, sagt Nina, »das Spiel ist jetzt zu Ende.« Die drei Weiber keifen, aber sie lassen den Mehlkasten und schleichen aus dem Zimmer. In der leeren Stube steht Sophie, die Tochter im Arm, und weint. Was hat sie den Menschen getan? Was hat Jakob den Menschen getan? Warum will man die Bauern von ihrem Eigentum jagen? Warum sperrt man sie in die Gefängnisse? Warum schickt man sie in die Verbannung nach dem Eismeer? Will man den Kindern Gott nehmen? Sie versteht die Welt nicht mehr. Nina geht auf die Weinende mit dem Kinde zu und sagt: »Weine nicht. Warum geht ihr nicht in die Kommunen? Warum seid ihr Feinde des werktätigen Volkes?« »Ist dieses Kind auch ein Feind des werktätigen Volkes?« fragt die Deutsche die Russin. Das Kindlein lächelt. Nina weiß nicht, was sie antworten soll und verläßt die kahle Stube. Die Versteigerung ist zu Ende. Die Tataren und Kommuneleute verlaufen sich mit ihren Frauen. Und nun kommen die deutschen Bauern näher. Sie sehen starr und stumm in die Verwüstung, bewegen die Lippen und kauen an den Worten, die nicht aus dem Munde kommen wollen. »Bauer«, beginnt nun der Gemeindeschreiber, »wir haben für dich und die deinen die notwendigsten Sachen ersteigert, die Wiege und die Decken, die Truhen und die Kleider, damit ihr nicht nackt das Dorf verlassen müßt. Und wir haben auch Geld für euch gesammelt. Hier ist es... Von euch wissen wir, daß schon viele Bauernbrüder nach Moskau gezogen sind und um die Pässe anstehen. Fahre auch du hin als unser Abgesandter. Berichte, wenn es soweit ist, daß wir auswandern können.« »Gemeindeschreiber und ihr Brüder«, antwortet Bundschuh, »wir danken euch. Wir sind in Gottes Hand... Wir fahren als eure Abgesandten nach Moskau und werden euch berichten, wie es steht. Und noch heute wollen wir reisen.« Anna wendet sich an die Bauern. Sie ist eine Frau und hat in Männersachen nicht drein zu reden, aber sie sollte Lehrerin werden, und so findet sie Gehör. Sie sagt: »Die Wiege habt ihr zuerst ersteigert, die Wiege für das unschuldige Kindlein. Von dieser Wiege wollen wir erzählen, wenn wir Rußland verlassen haben, von der Wiege wollen wir reden in Moskau und in Hamburg oder Brasilien. Viele Wege müssen wir noch gehen, aber alle Wege führen nach unserem Mutterland und Vaterland.« Die Bauern nicken. Es ist still wie in der Kirche. Sophie kommt, das Kind auf dem Arm, sieht die Wiege und lächelt. Anna nimmt ihr das Kindlein aus den Armen. Es streckt unschuldig die kleinen Ärmchen aus und lacht und juchzt. Der Vater bleibt ernst. »Kommt zu mir«, sagt ein Bauer, »vielleicht werden sie mich morgen auch vom Hofe verjagen. Aber heute ist es noch mein Hof, und er ist auch euer Hof. Kommt und ruht euch aus. Und dann fahrt in Gottes Namen nach Moskau. In der Nacht bringen wir euch zur Station.« Inmitten der Bauern gehen Jakob, Sophie und Anna, sie trägt das Kind zum Hof des Bauern. Ein junger Bursche kommt mit einem Wagen und holt die ersteigerten Kleider, Decken, Truhen, Geschirre, Betten und die Wiege ab. Schweigend gehen die Bauern mit den Vertriebenen die weiße Straße entlang. Der Wind tanzt und spielt mit dem Staub. Er kommt vom Schwarzen Meer, aber diesmal erscheinen Jakob Bundschuh keine Bilder und Stimmen. Schatten ist der Staub, vergänglich ist er, ewig ist er, bitter ist er und fressend. Und am Abend fährt der Bauer nach Moskau. Vierundvierzig Stunden liegen sie auf der Bahn, fahren in der harten Klasse in den überfüllten Wagen nach Norden. Sie kommen endlich an und finden Unterkunft in Perlowka. In Perlowka treffen sie Freunde aus der Ukraine und auch den Hufschmied Karsten, den Mann, von dem Bundschuh zum ersten Male vom Kommunismus gehört hat, damals auf der Flucht aus dem Kaukasus im Dorfe Marjanowka. »Hufschmied Karsten, was ist es jetzt mit dem Kommunismus?« fragt der Bauer und lächelt. »Kommunismus? Wer seid ihr? Wo kommt ihr her?« fragt der Hufschmied Karsten. »Aus der Krim kommen wir, und zuerst haben wir uns im Kaukasus gesehen, Hufschmied. Ich bin Jakob Bundschuh, und mein Vater hat euch einen Wagen und zwei Kühe geliehen. Erinnert ihr euch an den Terek?« »Ihr seid das? Ich erinnere mich, habe mich viele Male erinnert, Jaschka, und ein Mann seid ihr geworden. Ich war« beginnt er zu erzählen, »ich war in der Roten Armee und habe zwei Jahre an den Fronten mitgekämpft. Sogar einen Orden haben sie mir gegeben. Und dann habe ich mich in Sibirien angesiedelt. Bei Barnaul. Gute fruchtbare Erde gibt es dort, Bauer, und ich bin wieder Bauer geworden. Aber sie haben mich gejagt wie alle Brüder, sie haben mich mit Steuern wie mit Steinen beworfen, sie haben die Kommissare wie Wölfe auf mich gehetzt, ja, sie haben wie die Räuber mein Korn und Mehl fortgeschleppt. Klein haben sie mich gemacht wie einen Baum in der Steppe, über den der Wintersturm heult... Und sie haben mir auch die Augen geöffnet«, er lächelt, »über den Kommunismus, ja, das haben sie... Ich will zu meinen Verwandten nach Kanada. Sie sind im Frühling ausgewandert. Drei Wochen bin ich schon hier und warte auf die Pässe. Aber sie lassen sich viel Zeit und sagen: ›Wartet, jetzt haben wir andere Dinge im Kopf‹. Nun, dann warten wir eben. Wir haben nur eine Sache im Kopf.« »Haben sie bei euch auch den Kindern den Religionsunterricht verboten?« fragt Anna. »Ja, auch bei uns. Und sie haben unsre Prediger verhaftet. Sie sagen: ›Religion ist Opium für das Volk‹, und haben in der Stadt ihren Lenin aufgebahrt wie einen Heiligen. Sie stellen in den Ämtern, in den Schulen und in Bauernhütten sein Bild in alle Ecken. Gott schaffen sie ab, aber einen toten Menschen wollen sie uns als Gott aufreden.« In Perlowka traf Bundschuh auch andre Bekannte, und auch sie erzählten vom Neuen Plan und vom alten Elend. Die jungen Kommissare kamen in die Dörfer, zeigten die Mandate und jagten die alten Bauern von der Erde, in vielen Dörfern gierten die Dorfarmen nach Hab und Gut der Wohlhabenden und zeigten sie an, verrieten sie, um selbst das Hab und Gut der Wohlhabenden zu besitzen. Und in den Dörfern wurde das letzte Schwein, die letzte Kuh geschlachtet. Dann erst gingen die Bauern in das Kollektiv. Viele Bauern verkauften, verschenkten und verschleuderten ihr Vieh, um arm und Mittelbauern zu werden, um Gnade zu finden vor den strengen Augen der jungen Kommissare. Überall in den Sommerdörfern rings um Moskau lagen die Flüchtlinge mit ihren Frauen und Kindern. Sie hockten in den überfüllten Stuben, klagten sich ihr Leid, verfluchten den Neuen Plan, der sie rechtlos gemacht hatte, heimatlos. Und wenn sie genug gesagt und geklagt hatten, stimmten sie die alten evangelischen Lieder an, lasen in der Bibel und warteten und warteten auf die Pässe. In großen und kleinen Trupps durchzogen sie Moskau, Bauern mit schweren Schritten, die auf der Erde viel besser gehen konnten als auf dem Steinpflaster. Sie schoben sich durch das Gewühl der Arbeiter und Angestellten, waren wie in einer fremden Welt und kamen auch aus einer fremden Welt. In endlosen Schlangen standen sie vor den Büros, um Erlaubnisscheine zum Besuch der Kanzleien zu bekommen. Schlangen vor den Ausgabestellen, Schlangen vor den Ämtern, Schlangen vor den Kanzleien. Im Frühling hatten sechzig Familien ihre Pässe bekommen und waren abgereist. Aber nun wurden keine Pässe mehr ausgegeben. Es wurde immer schwieriger, in den Kanzleien vorzusprechen. Aber sie besiegten die Schwierigkeiten, sie hatten Zeit, viel Zeit. Und so standen sie ihre geduldigen Schlangen in der heißen, hastenden Stadt, bestaunt und verspottet, verlästert und verlacht, deutsche Bauern, die um ihr Leben kämpften. Auch Bundschuh stand in der großen Reihe, und als er mit zehn Abgesandten sich den Zutritt in ein Zentralbüro erobert hatte, hörte er zum erstenmal einen Sekretär sprechen. »Es ist umsonst, daß ihr uns drängt, Bauern«, sagte der Sekretär, »in diesem Jahre fahren keine Auswandrer mehr. Warum habt ihr die große Dummheit gemacht und alles verkauft? Und nun soll euch die Regierung von dieser Dummheit begnadigen und herauslassen? Nein, fahrt nach Hause und gründet Kollektivs. Wir können euch nicht helfen. Fügt euch in die neue Ordnung.« »Warum haben wir alles verkauft?« fragte Bundschuh, »weil wir mußten! Ich habe nichts verkauft, aber sie haben mich mit Steuern und Anleihen erdrückt, sie haben mein Vieh und Gerät für Geringes versteigert und mich und die Meinen von Hof und Heimat vertrieben.« »Du wirst selbst die Schuld haben«, sagte der Sekretär und nahm einen Stoß Akten vor, »geht, ich habe zu arbeiten.« Der Hufschmied Karsten trat einen Schritt vor. »Kollektivs?« antwortete er, »wer gründet denn in den Dörfern die Kollektivs? Die Dorfarmen oder die Faulenzer. Sie nur sind gut angesehen bei den Kommissaren. Und alles, was wir erarbeitet haben, sollen wir hineinbringen für die, die nichts erarbeitet haben und auch nichts erarbeiten wollen. Der Fleißige soll für den Faulen schaffen!« »Geht, ich habe zu arbeiten«, wiederholte der Sekretär. Er hatte schon viele Bauern empfangen und kannte jedes Wort, das sie sagten, schon auswendig. Er konnte auch nicht helfen. Bestimmt nicht. »Alle Kollektivs in den Dörfern fangen mit Schulden an, das müßt ihr doch verstehen in Moskau«, begann der Hufschmied noch einmal, »die neuen Maschinen müssen wir verzinsen und abzahlen. Aber ihr nehmt uns die Luft. Wir müssen die Ernte abgeben für einen billigen Preis, das Saatgut muß gekauft werden für einen hohen Preis. Ist das Gerechtigkeit? Für Hafer und Gerste gebt ihr uns neunzig Kopeken das Pud, und wenn wir Futterhafer kaufen müssen, verlangt ihr einen Rubel fünfzig dafür!« »Es wird sich einrenken, Bauern«, beruhigte der Sekretär, »der Oberste aller Bauern, der Genosse Kalinin, wird selbst danach sehen, daß die Ungerechtigkeiten abgestellt werden«. »Wir möchten den Obersten aller Bauern, den Genossen Kalinin, selber sprechen«, sagte Bundschuh. »Er hat keine Zeit«, sagte der Sekretär. »Er muß für uns Zeit haben! Und wir fahren nicht mehr zurück«, erklärte Karsten, »ihr habt die Verfügung erlassen, daß wir reisen können, wir verstoßen nicht gegen die Gesetze, wenn wir jetzt um die Pässe bitten«. Der Sekretär wurde ärgerlich. »Ihr macht politischen Skandal«, sagte er wütend und schlug mit der Hand auf den Tisch, »ihr müßt doch einsehen, daß wir euch jetzt nicht fahren lassen können! Die sechzig Familien sind gefahren, aber nun kommt ihr zu Tausenden und nochmals Tausenden wie die hungrigen Heuschrecken. Nun belagert ihr Moskau und freßt den Arbeitern das Brot weg. Ihr macht alle Dörfer unruhig und stört unsren Aufbau ... Ja, ja, ja, ihr werdet schon reisen können, aber nicht jetzt, nicht mehr in diesem Jahre! Nehmt doch Vernunft an, ihr Bauern, und fahrt heim in eure Dörfer!« »Wir können nicht mehr zurück, alles ist verkauft und versteigert«, sagte Karsten. »Das Brot, das wir essen, ist Bauernbrot, es wächst nicht auf den Straßen und Steinen der Stadt«, erklärte Bundschuh. »Geht jetzt oder ich lasse die GPU holen. Meine Geduld ist erschöpft«, antwortete der Sekretär. »Aufrührer seid ihr, und in den Gefängnissen ist noch viel Platz. Oder in den kälteren Zonen ... In diesem Jahr fährt kein deutscher Bauer mehr über die Grenze. Das ist unser letztes Wort.« Sie verließen die Kanzlei, schoben sich wie ein Keil durch die menschenüberfüllten Straßen und gingen langsam in ihre Sommerdörfer zurück. Sie blieben in den Lagern. Und in den nächsten Tagen kam die Stadt Moskau selbst in die Dörfer. Sie schickte ihre Agitatoren und Redner. Auch nach Perlowka kamen sie. Und an dem Tage, als sie zum erstenmal in diesem Lager auftauchten, war auch Eugen Bundschuh gekommen. Anna hatte er noch nicht gesehen, auch nicht den Riesen aus der Krim. Langsam füllte sich der Dorfplatz. Die Bauern kamen, sie waren stumm oder einsilbig, und wenn sie sprachen, hörte man Platt oder Schwäbisch. Auf einer Kiste stand ein Student. Er ließ die unruhigen Augen über die Bauern schweifen und begann zu sprechen. »Bauern, deutsche Brüder«, rief er laut und schallend, »ich werde geschickt, um euch zu sagen, daß ihr in eure Dörfer heimfahren sollt. Ich bin der Sohn eines deutschen Bauern von der Wolga und kenne die Erde. Fahrt heim zur Erde. Ihr könnt euch ansiedeln, wo ihr wollt, und wenn ihr euer Haus verkauft habt, wir sind großmütig und erstatten euch alles wieder zurück. Ihr bekommt Geld für die Rückfahrt, und Kredite bekommt ihr, damit ihr in den Dörfern wieder von vorn anfangen könnt. Ja, wir wissen, es sind Ungerechtigkeiten vorgekommen, aber sie werden abgestellt. Die Kollektivs und Kommunen sind angewiesen, euch wieder als Freunde aufzunehmen, wenn ihr euch in die neue Ordnung fügt.« Die Bauern blieben stumm. »Wer von euch zurückfahren will, soll eine Hand aufheben!« Keine Hand erhob sich. »Wer hat Fragen zu stellen?« »Ich«, sagte Karsten, »wie steht es mit der Religion?« »Wir haben nichts gegen die Religion.« »Und warum sind die Kirchen geschlossen, die Bethäuser versiegelt, die Prediger verhaftet?« »Sie werden Feinde der neuen Ordnung gewesen sein und sich gegen die Regierung gestellt haben!« »Nein, die Regierung hat sich gegen die Prediger, gegen die Bethäuser und Kirchen gestellt... Und warum vertreibt man die Bauern von den Höfen? Warum steckt man sie in die Gefängnisse? Warum, warum, warum quält ihr Menschen, die ihr ganzes Leben lang gearbeitet haben?« »Sie werden Feinde der neuen Ordnung gewesen sein und sich gegen die Regierung aller Werktätigen gestellt haben«, wiederholte der Redner. »Und die kleinen Kinder? Sind das auch Feinde der Regierung?« fragte eine dunkle Stimme. Eugen sah sich um und erkannte den Bauern, mit dem er gestern gesprochen hatte. »Die Kinder sind klein und unschuldig, aber ihr laßt sie leiden«, sagte der Bauer, »ihr zerstört die Familien, entzieht uns das Wort Gottes und verfolgt unsre Lehrer. Und den Gemeinden verbietet ihr die alten Lieder. Und mich, einen Bauern, habt ihr vom Hofe vertrieben!« »Du wirst ein Feind der neuen Ordnung gewesen sein und dich gegen die Regierung gestellt haben«, erklärte der Redner zum dritten Male. »Ein Feind der Regierung?« lachte Jakob Bundschuh, »Bauer bin ich wie meine Brüder, von früh bis in die sinkende Nacht werkeln und schaffen wir auf den Feldern und Äckern. Bei Tataren und Burjäten sind wir gewesen, bei Kosaken und Baschkiren, in Turkestan und bei den Bergvölkern im Kaukasus. Unsre Vorfahren haben eure Länder mit Blut und Schweiß gedüngt, soll das nicht mehr zählen?« »Auch mein Vater ist Bauer«, erwidert der Student. »Aber das habt ihr vergessen. Und ihr habt vergessen, daß sie uns jetzt alles nehmen. Wo ist denn euer Vater? Und gehören wir nicht auch zum schaffenden Volk?« Der Student beobachtet scharf den Bauern Bundschuh und prägt sich sein kühnes Gesicht ein. Die Rädelsführer werden gesucht, die Köpfe der Bewegung. Die Köpfe müssen fallen. Sein Vater, wo ist sein Vater? Im Kollektiv ist er, Vorsitzender der Kommune. Aber das geht den Frager da unten einen Dreck an! Der Student bleibt ganz ruhig und sagt: »Über das schaffende Volk und was dazu gehört, wollen wir nicht streiten, diese Frage ist längst schon entschieden. Wer sich gegen die neue Ordnung stemmt, wird umkommen.« Durch die stummen Bauern drängt sich ein Mädchen nach vorn. Es ist Anna. Bundschuh fühlt, wie sein Herz heftiger schlägt, und wie er in der Atemnähe des Mädchens besser und frömmer wird. Er sieht ihre reine Stirn, die blauen Augen mit den Strahlenwimpern, den noch schlafenden süßen Mund, das rundgemeißelte Kinn, den weißen Hals mit den blauen Adern. Sie steht nur zwei Schritte von ihm entfernt, und nun hört er ihre Stimme. »Student seid ihr und Deutscher«, beginnt sie ganz ruhig, »und ihr müßt doch unsre Sitten und Gebräuche kennen, unsre Kultur, unseren Glauben und unsre Herkunft. Wir sind Dorfleute, und ihr gehört zu den Stadtleuten. Und wißt ihr nicht mehr, wie es in dem Sinnspruch von Logau über die Stadtleute und Dorfleute heißt?« Der Student schüttelte den Kopf. Anna rezitierte: »Wer sind die Bürger? Nur Verzehrer. Wer sind Bauern? Ihr' Ernährer. Jene machen Kot aus Brote, Diese machen Brot aus Kote, Wie: daß denn der Bürger Orden Höher als der Bauern worden?« »Ja« sagte sie, »das hat man uns gelehrt, und wir wissen, daß dies so ist. Und warum stellt ihr euch gegen uns?« Der junge Mensch auf der Kiste blickte erstaunt auf das schöne Mädchen und antwortet: »Ich stelle mich nicht gegen euch, und den Genossen Logau kenne ich nicht. Ihr müßt doch einsehen, daß ihr jetzt ganz einfach aus politischen Gründen nicht ins Ausland fahren könnt! Sogar in England schon schreibt man über euch... Und ich kenne wohl Sitten und Gebräuche, die Kultur, den Glauben und die Herkunft«, sagt er und sucht ihren Blick zu fangen, »aber die Sitten und Gebräuche sind nicht ewig. Sie wandeln sich im Laufe der Zeit. Auch unsre Sitten und Gebräuche haben sich geändert. Und jetzt ist eine neue Zeit gekommen.« »Eine furchtbare Zeit«, antwortet das Mädchen. »Eine grandiose Zeit«, sagt der Student. Es gibt keine Verständigung zwischen den beiden Menschen. Sie starren sich an. Annas Brust hebt und senkt sich. Der Student schlägt zuerst die Augen nieder. Er verläßt seinen Platz und übergibt ihn einem politischen Flüchtling, der den Maiaufstand in Berlin mitgemacht hat. Dieser Mann ist ungefähr dreißig Jahre alt und hält eine donnernde Ansprache. Die Bauern hören mit steinernen Gesichtern zu. Anna antwortet: »Wir danken für die Grüße aus Deutschland. Wer hat euch geschickt und beauftragt, uns die Grüße zu überbringen?« »Als politischer Flüchtling bin ich herübergekommen«, sagt der Redner, »da drüben konnte ich nicht mehr leben.« »Nun erlaubt, Reichsdeutscher«, antwortet Anna, »erlaubt ein offenes Wort. Ihr habt euch in der alten Heimat nicht in die Zucht und Ordnung finden können, aber ihr hattet die Möglichkeit, nach Moskau zu fahren und könnt nun hier euren Ideen leben. Wir würden uns freuen, wenn ihr verstehen wolltet, daß die deutschen Bauern hier dasselbe zu tun wünschen: nach Deutschland zu fahren oder nach Kanada, um dort ihren eigenen Ideen zu leben.« Noch einige Streitgespräche gingen über den Marktplatz von Perlowka. Die Bauern sagten kein Wort. Außer Karsten, Bundschuh und Anna hatte keiner gesprochen. Der Student fuhr mit seinem deutschen Freund in die Stadt. Die Bauern verliefen sich langsam. Der Arbeiter Bundschuh ging zu dem Bauern Bundschuh und sagte: »Gestern war ich schon einmal hier, und wir haben auch zusammen gesprochen. Heute habe ich viel gehört, aber ich möchte mehr hören. Alles. Warum habt ihr die Krim verlassen? Erzählt doch!« »Keine Zeit mehr, ich muß in die Stadt«, sagte der Bauer, »aber Anna wird euch berichten.« Das Mädchen kam näher. »Das hier ist ein Gast aus Deutschland, rede du mit ihm, er will alles erfahren, wie es uns ergangen ist. Und nun erzähle ihm.« Er ging nach der Station hinunter und fuhr nach Moskau. Es wurde Zeit, daß er endlich den Freunden in der Krim den großen Bericht über die Verhältnisse schickte. Und nun war Eugen mit Anna zum ersten Male allein. Sie blickte ihn fragend an, und er sagte: »War es wirklich so schlimm, wie die Bauern sagten?« »Noch schlimmer, sie haben kaum die Hälfte erzählt«, sagte sie und berichtete von der Vertreibung aus der Krim. Sie vergaß auch nicht die Wiege, die von den Bauern ersteigert wurde. Und dann neigte sie den Kopf und fragte: »Wie heißt ihr?« »Bundschuh, Eugen Bundschuh.« »Bundschuh?« wiederholte sie fragend, »Bundschuh?« »Ja, gefällt euch der Name nicht?« »Jakob, Jakob, Jaschka!« schrie Anna und lief einige Schritte von ihm fort, »Jaschka, unser teurer Gast heißt Bundschuh, Eugen Bundschuh!« Der Bauer hört nicht mehr das rufende Mädchen. Er ist jetzt an der Station, und der Moskauer Zug fährt gerade ein. Anna kommt zurück, ein wenig atemlos noch. Sie starrt Eugen an, und über sein Gesicht läuft ein heißer Schauder. Die blauen Augen Annas beunruhigen und beseligen ihn. Warum hat sie nach Jakob geschrien, als er seinen Namen sagte? »Habe ich Sie erschreckt?« sagt er nun und fühlt sich schuldbewußt, »verzeihen Sie bitte.« »Macht keine Narrheiten, es ist doch nichts zu verzeihen! ich habe nur geschrien, weil mein Verwandter auch Bundschuh heißt, Jakob Bundschuh ... Wo stammt ihr her?« »Aus Werder an der Havel. Das ist eine Stadt bei Berlin.« »Und eure Eltern?« »Auch aus Werder an der Havel.« »Und die Großeltern?« forscht sie geduldig weiter und hängt mit ihren Blicken an seinem Munde, als müßte sie ein großes Geheimnis erfahren. Eugen Bundschuh ist glücklich und antwortet: »Die Großeltern sind aus dem Süden gekommen, aus dem Schwarzwald, hat die Mutter erzählt. In Rottweil am Neckar ist der Großvater geboren, von dort unten kommen die Bundschuhs her. Sie waren einmal Bauern.« »Aus dem Schwarzwald, von Rottweil am Neckar?« ruft Anna und freut sich wie ein Kind, das einen Schmetterling gefangen hat,»wißt ihr denn nicht«, sagte sie mit erstaunten Augen, die Brauen stehen wie Brücken in der Stirn, »wißt ihr denn nicht, daß vor hundertsiebenunddreißig Jahren ein Bundschuh mit Weib und Kind nach der Wolga ausgewandert ist? Ein Christian Fürchtegott Bundschuh?« »Das höre ich zum ersten Male« »Und ein Paul Georg Wiesner, ich heiße Anna Margarete Wiesner«, sagt sie und errötet, als sie seinen Blick auf ihrem Gesicht fühlt, »Paul Jakob Wiesner ist vor hundertneun Jahren von Heilbronn am Neckar nach der Wolga ausgewandert... Ihr kommt aus Deutschland? Seid ihr«, sie zögert, »seid ihr auch so ein Mensch wie der andre, der zu uns gesprochen hat?« »Vier Wochen bin ich hier«, sagt er, »und ich bin nicht so ein Mensch wie der mit den Grüßen.« Er verleugnet seinen Auftrag und hätte das auch getan, wenn er nicht den Auftrag von Herfurt gehabt hätte, »nein, ich bin kein Bolschewik«, sagt er. »Bei uns sind Millionen Arbeitslose, und da wollte ich sehen, ob ich hier Arbeit bekäme.« »Und wo gefällt es euch besser, in Deutschland oder hier in Rußland?« fragt Anna. »In Deutschland«, antwortete Bundschuh, und er weiß es und freut sich über diese Erkenntnis. Auf dem Wege von damals in der Dunkelheit, als er vom Bahnhof kam und sich von Thea, Herfurt und Müller verabschiedet hatte, auf diesem Wege senkte sich die Waage des Ausgleiches dem Westen zu, weil er in die blinden Augen der blinden Göttin Ware gesehen hatte. Und wenn sich schon die Schalen bewegten vor einer blinden Göttin, wie mußten sie schwingen und klingen vor den blauen Feueraugen dieses Mädchens, das vor ihm stand und mit bangem Ohr auf die Erklärung wartete? Durch die Feueraugen Annas strahlte ihn plötzlich die Heimat an, groß und fordernd, ohne Falsch und Verwirrung, vereinfacht und verzaubert. »Erzählt von Deutschland«, bat das Mädchen. Und nun erzählte er, was ihm gerade in den Sinn kam, von den Untergrundbahnen und Rolltreppen in den Warenhäusern, von den Fischern an der Havel und den Gewässern rings um Berlin, von der Hundesteuer und von den Kinos, von der Siegesallee und den Stempelbrüdern, vom Brandenburger Tor und der Kellerstraße, vom Grunewald und vom Schillerpark. Und die Worte und Bilder kamen ihm wie Vögel zugeflogen. Jetzt erst gewannen auch für ihn die Dinge, an denen er so oft und achtlos vorübergegangen war, ein Baum am Plötzensee, eine Fabrik in Lichtenberg, ein Kind in Werder, ein alter Mann in Steglitz, ein Bahnhof in Neukölln, ein Mädchen auf dem Wedding ganz andere Farbe und Bedeutung. Deutschland war kein geographischer Begriff mehr. Die Heimat ging unter als Kampfplatz der Klassen und der Stände und wurde jetzt endlich ein lebendiger Raum mit lebendigen Menschen und Dingen. Deutschland! Ja, es wuchs zu einer lebendigen Einheit und war ein wohlgeformter Leib, den man nicht trennen kann, ohne ihn zu töten. Hier in Perlowka stieß der Arbeiter Eugen Bundschuh mit seinem Schicksal zusammen und erkannte zum ersten Mal über alle Klassen, Stände und Gegensätze hinweg die Schicksalsgemeinschaft des ganzen Volkes. Linke Hände, rechte Hände, alle gehörten zusammen. Verstand und Gefühl gehörten zusammen, wie Mann und Frau zusammengehören. Und auch diese arme Straße auf dem Wedding, wo er am 1. Mai an der Barrikade mitgebaut hatte, auch diese Straße und Barrikade gehörten zur Heimat und wurden auf die Ebene einer neuen Einsicht gehoben. Die Opfer und die Toten? Sie gaben aus den Gräbern die schwarzen Fackeln weiter, die schwarzen Fackeln, an denen sich immer wieder die goldnen Fackeln des Sieges entzündeten. Kurt, der unbekannte Mann der Straße, Kurt war nicht umsonst gefallen. »Ihr seid der erste Mensch, der gut über Deutschland gesprochen hat«, seufzt Anna. In ihrer reinen Stirn hängt eine Locke, und Bundschuh muß plötzlich an Paul Riedel und an sein letztes Gespräch mit ihm denken. »Ach«, seufzt Anna, »wir haben eine schreckliche Zeit hinter uns. Und von den Rednern haben wir nur grausige Dinge gehört. Jetzt weiß ich, daß sie gelogen haben ... Sie zeigten uns eine Hölle. Und wir wären auch in eine Hölle heimgekehrt. Es ist unser Vaterland. Aber«, und nun lächelt sie hinreißend, »kann das Vaterland eine Hölle sein? Nein«, sagte sie, »das Vaterland ist das schönste Land auf Erden.« »Wo wollt ihr hin?« fragt jetzt Bundschuh und nimmt unbewußt Annas Redeweise an, »was wollt ihr tun?« »Leben und arbeiten.« »Wollt ihr wieder nach dem Neckar?« »Das weiß ich nicht. Wir gehen dahin, wo Gott uns hinführt«, sagt das Mädchen, »Jakob wird sich freuen, euch hier zu finden, Eugen, wenn er aus der Stadt kommt. Ihr dürft hier bleiben, Verwandter.« »Gern, wenn ihr es wünscht, Anna«, sagt er und ist glücklich. Wie schön und einfach sind doch die Dinge geworden, denkt er. Aus der Krim und aus Berlin sind zwei Menschen aufgebrochen, keiner wußte vom andern, und nun sind sie sich nahe und vertrauen einander. Bald werden sie eins sein. Und er hat einen Verwandten gefunden, einen Mann aus seiner Familie. Und die Liebe hat sein Herz berührt. Die Liebe hat sein Herz berührt. Ein ganz neuer Mensch ist er geworden, und ihm ist, als habe er erst jetzt den Sinn des Daseins verstanden: die Gnade und Einmaligkeit des Lebens, die Fleischwerdung des Geistes, die Vergeistigung der Materie, die große Seligkeit und Verpflichtung den Mitmenschen und der Zukunft gegenüber. Kämpfen muß der Mann bis zum letzten Blutstropfen. Und er hatte gekämpft. Das Blut war rauschend durch seine Adern gegangen. In dieser Minute aber verzaubert sich das Blut und wird Musik und Hymne, Lobgesang und Beschwörung. Und so steht er da, eine Blutsäule heiliger Musik, und ist so glühend und glücklich, daß er sterben kann. Schauer aus der Ewigkeit berühren seine Stirn. Leben und Tod sind ein frommes Geschwisterpaar und lehnen sich an seine Schultern. »Ja, wir wünschen es, und dann fahrt mit uns und beratet uns in Deutschland«, sagt das Mädchen und errötet, »wollt ihr uns beraten, Eugen?« »Ja, Anna«, sagt er. In schneller Fahrt nähert sich ein Auto und bremst dicht bei den jungen Menschen. Mann und Frau, Jüngling und Jungfrau, die die Welt vergessen, weil sie sich nach den Gesetzen der Welt gefunden haben. Der Chauffeur tutet. Bundschuh wendet den Kopf und fühlt einen Hammerschlag an der Stirn: im Auto sitzt Willi, das Schwein Willi mit der komischen, hüpfenden Nase. Er beugt sich aus dem Wagen und ruft: »Da ist unser lieber Genosse Bundschuh aus Berlin! Welch eine Freude! Da ist ja der Barrikadenkämpfer vom Wedding. Und jetzt«, er lacht und die Nase macht ihre Verbeugungen, »und jetzt klärt er das Landvolk auf!« Anna dreht sich um, sie sieht das entsetzte, verbissene Gesicht Eugens und erschrickt. Die höllischen Mächte haben einen Versucher nach Perlowka geschickt und ihn mit süßen Worten von Deutschland erzählen lassen! Ein Barrikadenmann ist das, ein Schuft, ein Schurke und ein Lügner, geschickt von seinen Genossen, um die Seelen der Bauern zu erforschen! Sie wirft Bundschuh einen flammenden Blick zu, wendet sich langsam um und läuft dann leichtfüßig und herzklopfend davon. Eugen sieht Anna fliehen und steht da, ein geschlagener Mensch, ein grüner Baum, den der Blitz getroffen hat. Anna, Anna, will er rufen, aber es kommt kein Laut aus seinem Munde. Und aus dem Auto beugt sich das Schwein Willi und lacht und lacht. Zehntes Kapitel D er späte Oktoberhimmel leuchtete über Berlin. Zwei junge Männer in langen, schleppenden und blaugestreiften Mänteln gingen nebeneinander durch den herbstlichen Garten des großen Krankenhauses. Der eine trug den linken Arm in der Binde, der andre lahmte auf dem rechten Bein. Dem Mann mit der Binde fiel eine weizengelbe Strähne in die Stirn, der Lahmende trug das dunkle Haar nach hinten gekämmt. Sie gingen schweigend über die kiesbestreuten Wege. Es roch nach fallendem Laub und bittrer Medizin. Sie sahen in den klaren Himmel, der noch von der Süßigkeit des Sommers zitterte. Und nun blieb Paul Riedel stehen, warf mit kühner Kopfbewegung die widerspenstige Locke aus der Stirn und fragte: »Und du hast sie nie wieder gesehen, die Anna? Du bist jeden Tag nach Perlowka gefahren? Warum wollte sie dich eigentlich nicht mehr sehen? Hattet ihr euch verzankt?« »Nein, wir hatten uns nicht verzankt«,antwortete der Mann mit dem angeschossenen Bein und errötete. »Warum sollten wir uns gleich am ersten Tag verzankt haben?« Die Geschichte mit Willi hatte Bundschuh nicht erzählt, »Jeden Tag bin ich von Moskau nach Perlowka gefahren, Paul, aber Anna war verschwunden, und mein Verwandter...« »Das ist beinahe unglaublich, Eugen«, antwortete Riedel, »vor hundertundsiebzehn Jahren...« »Vor hundertsiebenunddreißig Jahren«, verbesserte Eugen Bundschuh. »Also meinetwegen, vor hundertsiebenunddreißig Jahren wandert ein Bundschuh vom Neckar aus und siedelt sich an der Wolga an, und dann kommt so ein junger Barrikadenmann und findet einen Verwandten da drüben! Erzähle doch, wie sieht er aus, der Bauer Jakob Bundschuh?« »Einen halben Kopf größer als ich, graue Augen, Hakennase, das ganze Gesicht wie ein alter Holzschnitt«, erzählte Bundschuh und war froh, den Fragen nach Anna entronnen zu sein, »im Kaukasus ist er aufgewachsen, und als dort der Aufstand begann, mit Vater, Mutter, Knecht, Wagen und Vieh nach der Ukraine gezogen. Später nach der Krim. Anna erschrak, als sie meinen Namen hörte. Bundschuh, Bundschuh hatte sie gerufen, mein Verwandter heißt auch Bundschuh! Und dann haben wir festgestellt, daß ein gemeinsamer Vorfahre vom Neckar nach der Wolga ausgewandert ist. Einer von meinem Blute!« Riedel lächelte gerührt. »Du hast sonst keine Verwandten mehr?« »Nein, hier nicht. Und ich mußte nach Rußland fahren, um dort einen zu finden. Einen Bauern.« »Und er will nach Kanada?« »Ja, aber das habe ich doch schon erzählt. Vielleicht bleibt er auch hier, wenn er die Pässe bekommt. Anna wollte nicht nach Kanada. Sie wollte nach Deutschland.« Anna, Anna, immer wieder Anna! August, September waren vergangen, und er hatte immer an das Mädchen denken müssen, das damals entsetzt geflohen war, als der Lump Willi mit dem Auto kam und alles verriet. Oktober, und immer nur Anna! Ihre blauen Augen sahen ihn an, bei den Versammlungen, bei den Sitzungen und auch im Krankenhaus. Und jetzt fragte Riedel: »Und von Anna hat er dir nichts erzählt?« »Doch. Sie ist in der Baschkirensteppe geboren und aufgewachsen. Dann sind die Eltern nach dem Kaukasus gezogen. Jakob hat sie dort kennengelernt. Die Tataren haben ihre Eltern ermordet. Und Anna ist dann mit den Bundschuhs geflohen. Das hat er mir erzählt, und auch die Geschichte, wie sie beinahe im Terek ertrunken war«, erzählte Bundschuh. »Mensch, das ist ja ein ganzer Roman! Aber wo war denn das süße Kind, als du nach Perlowka kamst?« »In der Stadt, dann auf Besuch und dann wieder in Kuskowo. Dreimal habe ich nach ihr gefragt. Und dann habe ich nichts mehr gesagt. Da bin ich einfach gekommen und habe mir von Jakob erzählen lassen. Na ja, und dann bin ich abgefahren. Nach Berlin. Und dann haben wir uns getroffen.« »Das war vor zwei Wochen. Da haben wir uns getroffen. Und das ist«, Riedel lachte, »das ist wörtlich zu nehmen. Ich, das heißt, meine Parteigenossen, trafen dich ins Bein, und du, das heißt, deine Genossen, trafen mich in die Hand... Schießen«, setzte er philosophisch hinzu, »schießen haben wir beide ja am 1. Mai auf dem Wedding gelernt.« »Ja, das haben wir gelernt.« »Und noch was: nicht jammern, Eugen!« Bundschuh nickte. Nein, nicht jammern! Sie standen nun vor der hohen Mauer, die den Garten von der Straße abschloß. An der Mauer erhob sich mitten aus dem Rasen eine Kastanie. Sie hatte ihre Blätter abgeworfen, und sie lagen rings um den Stamm wie die guten Taten eines guten Menschen. »Ja, nicht jammern. Ich habe nur geknallt, weil damals auf unsern Zug geschossen wurde«, sagte Bundschuh. »Und ich habe geknallt, mein Lieber, weil auf unsern Zug geschossen wurde. Ihr habt zuerst losgebullert.« »Nein, ihr«, sagte Bundschuh, »ihr habt zuerst gefunkt. Aber«, seine Stimme wurde weicher, »aber es ist doch Wahnsinn, Paule, warum knallen sich gegenseitig die deutschen Arbeiter ab? Unser Blut liegt auf den Straßen in einer Pfütze! Und wenn wir uns die Geschichte ganz genau überlegen: wollen wir im Grunde nicht dasselbe?« »Falsch, ganz falsch«, widersprach Riedel und drehte sich um, »nein, wir wollen gar nicht dasselbe! Ihr seid für die Diktatur des Proletariats. Was ist das Proletariat? Eine Erfindung eurer Führer, die einen Zustand verewigen wollen, damit ihre Herrschaft ewig sei!« »Mensch, du hast ja einen Vogel«, entsetzte sich Bundschuh und lahmte hinter Riedel her. Der verlangsamte seine Schritte. »Und ihr wollt eine Arbeiterpartei sein?« »Ja, ja, ja. Tausendmal mehr als ihr ahnt. Wenn du wüßtest, Eugen, was wir wollen, du kämst zu uns. Warum bist du noch in deiner Partei? Du hast mir von den tausend Schlangen erzählt und von den Bauern, und ich begreife nicht, warum du immer noch dabei bist«, sagte Riedel. »Die Partei ist kein Hemd, das man wechselt, Paule«, sagte Bundschuh und humpelte voraus. Riedel folgte, und in diesen schweigenden Minuten, von den Bäumen fielen gelbe und rostbraune Blätter, dachten die beiden Männer an den Zusammenstoß vor vierzehn Tagen, an dem sie gemeinsam verwundet wurden. Bundschuh hatte vor zwei Wochen eine Versammlung besucht. Die Pharussäle waren wegen Überfüllung geschlossen. Herfurt, der berühmte Herfurt sprach. Der ganze Wedding drängte sich, den Mann zu hören, der über Sowjetrußland sprechen wollte. Und unten in der grauen Masse saß Kolja Uralski und spitzte die Ohren. Sein schlaues Baschkirengesicht beobachtete scharf die jungen und alten Arbeiter. Von ihren Augen und aus ihren hitzigen Zurufen las er die politischen Sturmzeichen ab. Herfurt begann, nachdem er die Grüße des werktätigen russischen Volkes in Stadt und Land überbracht hatte, ganz gemütlich und erzählte von seinem letzten Besuch im Kreml. Dann warf er einen Witz in die Masse, ließ das Gelächter schüttern und marschierte nun entschlossen auf sein Ziel los. Er berichtete vom Neuen Plan und berauschte sich und die Menge, wie sich Itschner in seinem Gedicht berauscht hatte, an den Ziffern, Zahlen, Diagrammen und Möglichkeiten. Er gab große Ausblicke, stampfte mit zierlichem Fuß aus den Steppen Fabriken und Städte. In Mittelsibirien ließ er ein neues Industriezentrum hochwachsen, in den kirgisischen Steppen und armenischen Gebirgen Sirenen gellen. Die Nomaden brachen ihre Zelte ab. Die Taigabewohner zerstörten ihre Götzen. Die Bauern strömten in die Kollektivs. Vorher war ein russischer Film gelaufen und hatte Asien nach Berlin in die Müllerstraße hergezaubert. Endlich begann Herfurt von den deutschen Bauern, die das Land verlassen wollten, zu sprechen. Er war nicht dumm. In den Zeitungen wurde darüber geschrieben, in den Fabriken darüber von den Arbeitern gesprochen. Pjatiletka, das Wort verstanden die Arbeiter auf dem Wedding und im Ruhrgebiet und erhitzten sich darüber. Der Fünfjahresplan! Werden es die Russen endlich schaffen? »Die deutschen Bauern in der Sowjetunion, die Flüchtlinge rings um Moskau, was sind sie?« rief Herfurt in den raucherfüllten Saal, aus dem die Gesichter bleich schimmerten, »rückständige Elemente sind es, Kulaken, Großbauern, Dorfwucherer, Saboteure des Aufbaus, Keimzellen einer neuen Klasse. Wir haben die Lager besucht, und wenn die Sowjetunion so großmütig ist, die Schädlinge über die Grenzen zu lassen, die deutschen Proletarier werden darüber zu wachen haben, daß sich diese Bazillenträger des Faschismus nicht in Deutschland festsetzen.« »Aufhängen die Bande!« »Nach Sibirien verschicken!« »In die Konzentrationslager!« Herfurt beantwortete die Rufe und schielte auf Bundschuh, der mit in der Versammlungsleitung saß. Dann umriß er mit weitausholenden Armbewegungen die nächsten Aufgaben: erbarmungsloser Kampf gegen den deutschen Faschismus, schlagt die Faschisten, wo ihr sie trefft, erbarmungsloser Kampf auch gegen die feige SPD. Die Arbeiter waren begeistert, und auch Uralski hatte nichts auszusetzen. Rotfrontrufe erschütterten den Saal, in dem die politischen Kämpfe im grauen Berlin ausgetragen wurden. Diese Kämpfe wurden auch auf den Straßen und Plätzen ausgetragen. Fast jeden Tag gab es Tote und Verwundete. An diesem Abend waren die Genossen aus der Versammlung in kleinen Trupps abgezogen. Die Schießerei begann an der Fennstraße. Über den ersten Schuß wurden leidenschaftlich erregte Zeitungsartikel geschrieben, aber sie machten ihn nicht ungeschehen. Und das Ergebnis der Schießerei waren zwei Verwundete gewesen: Eugen Bundschuh, Kommunist, Schuß in den rechten Unterschenkel, Paul Riedel, Hakenkreuzmann, glatter Durchschuß der linken Hand. Die Parteien schleppten die Verwundeten fort, die Polizei kam zu spät und trat nur in das Blut auf den öligen Steinen. Und zwei Tage danach fanden sich Eugen Bundschuh und Paul Riedel im Krankenhaus. Sie lagen Bett neben Bett. Der Zufall hatte die Karten gemischt, das Schicksal spielte die Trümpfe aus. In den ersten Tagen hatten Bundschuh und Riedel kein Wort miteinander gesprochen. Wenn sich ihre Blicke trafen, versteinerten die Gesichter. Der schmale Raum zwischen ihren Betten weitete sich zu einem Abgrund. Ja, einmal, aber wann war das gewesen? Einmal hatten sie zusammen einen leblosen Mann aus dem Feuer getragen, den Otto Müller. Sie hatten eine weinende Frau trösten müssen, die kleine Mucki. Und vorher wurden sie von einem lebendigen Mann geschützt, Kurt feuerte auf die Polizei, bis er selber getroffen wurde. Wann war das gewesen? Vor tausend Jahren? Und nun fiel noch ein Schatten in das Krankenzimmer, der Schatten von Erna. Freunde kamen und besuchten die Verwundeten. Thea Gärtner, schön und jung wie immer, war gekommen, und als sie Riedel erkannte, stand sie auf und ging mit feuerrotem Gesicht davon. Riedel blickte ihr nach. Sein Gesicht war kalkweiß. Und am nächsten Tage schon übersprang er den trennenden Graben und schob eine Zeitung auf Bundschuhs Bett. »Das mußt du lesen«, sagte er, »da, auf der dritten Seite. Sie haben die kleine Erna gefunden.« »Erna? Erna? Die Freundin von Kurt?« »Ja.« Bundschuh fand die Notiz unter den Lokalnachrichten. Sechs Zeilen. ›Aus dem Plötzensee wurde eine weibliche Leiche, die schon stark in Verwesung übergegangen war, gelandet und ins Schauhaus übergeführt. Die Tote wurde als die achtzehnjährige Verkäuferin Erna L. erkannt. Es handelt sich, wie einwandfrei feststeht, um Selbstmord. Motiv der Tat: unbekannt.‹ »Mensch, Paule, die Erna«, hatte er gesagt, »und wie geht es dir, alter Junge?« »Ja, die Erna, Motiv unbekannt! Wir kennen das Motiv, Bundschuh. Hast du die Kleine mal gesehen?« »Nein.« »Aber ich! Sie war ein lustiges Ding, lachte gern und hielt das gute Kurtchen immer mächtig im Schwung. Und der ist nicht magerer geworden dabei... Und nun hat er keinen Schwung mehr notwendig, und nun hat sie auch keinen Schwung mehr notwendig.« Dann kam eine kleine Pause, die von den beiden Toten ausgefüllt wurde, von Kurt und von Erna. Riedel hob den Kopf und fragte: »Und du bist noch immer in der Partei?« »Ja. Immer noch.« »Wo ihr den Mut hernehmt, Leute, immer neue, hoffnungslose Läden aufzumachen, ist mir schleierhaft, Eugen.« »Aber, ihr macht doch auch eure Läden auf. Und ihr schießt doch auch nicht mit Bonbons!« »Wir schießen und bluten für unser Land, ihr aber schießt und blutet für ein andres Land, das ist der große Unterschied... Mensch, du bist doch nicht dumm wie der Otto Müller...« »Otto Müller?« »Na ja, laß man, Eugen, ich kenne Otto besser als du. Aber ich wollte sagen: begreife doch endlich den Unterschied! Du warst doch jetzt drüben... Erzähle, wie sieht es drüben aus? Aber erzähle keine Märchen, ich bin erwachsen, alter Weltreisender.« »Ein andermal will ich dir erzählen. Habe jetzt keine Lust, Paule«, hatte Bundschuh geantwortet. Was sollte er berichten? Von den Bauern? Von den blinden Augen der blinden Göttin? Von Anna? Von seinem Verwandten Bundschuh? Von dem Schwein Willi? Von dem Neuen Plan? Nein, an diesem Tage konnte er nichts erzählen. Am nächsten Tage aber erzählte er und begann mit dem Budjonnimarsch und dem Gedicht von dem Schweizer Emigranten. Dann berichtete er von der Reise durch die Ukraine bis ans Schwarze Meer und erzählte zögernd von den blinden Augen der blinden Göttin Ware und ihren Priestern. Die tausend Schlangen, die durch Moskau ringelten, ließ er lebendig werden, die hastende, übervölkerte Stadt mit den Bauerngassen, dem holprigen Pflaster, den vielen Kirchen und alten Bettlern malte er in das Krankenzimmer. Die Twerskaja dröhnte vom Verkehr. Der Rote Platz wölbte sich gewaltig hin zum Mausoleum Lenins an der Kremlmauer. Die gigantische Kuppel der Erlöserkirchen schleuderte ihre goldnen Blitze. Und dann brach die Liebe aus seinem Herzen. Mit keinem Menschen hatte er in den letzten Wochen und Monaten über Anna sprechen können. Vor Thea war er stumm geblieben und Herfurt hätte nur gehöhnt und gespottet. Aber jetzt mußte er sprechen. Er erzählte von seinem Verwandten, dem Bauern Bundschuh, dem Riesen aus der Krim, und er, der elternlose Arbeiter, schwärmte plötzlich für den Bauern, für den Verwandten, für den Mann aus seinem Blute. Und dann begann er leise und verschämt von Anna zu erzählen, von den zwei Begegnungen in Perlowka, von der stummen und der beredten. Er erzählte von ihrer süßen Stimme und den blauen Augen, von dem noch schlafenden Mund und der heiteren Stirn, von dem willensstarken, rundgemeißelten Kinn und der Seligkeit in ihrer Nähe. Von dem tragischen Ende der Freundschaft erzählte er nichts, auch nichts von dem feigen Hund, dem Willi, der die Kellerstraße verraten hatte und nur auf dem Papier für die dummen Arbeiter erschossen war. Viele Gespräche wurden geführt, politische Gespräche, Freundschaftsgespräche. Riedel begann mit der Geschichte seiner Wandlung vom Kundschafter zum Anhänger, vom Feind zum Freund. Und einmal war auch Mucki Müller im Krankenhaus erschienen. Während der ganzen Besuchszeit drehte sie Riedel den Rücken zu und betonte damit ihre Verachtung. Gestern hatte Thea Gärtner Blumen gebracht, für Riedel und für Bundschuh. Und gestern war Riedel rot geworden und Thea weiß. Und jetzt gingen die Freunde, ihr Blut lag in einer Pfütze auf der Fennstraße, jetzt an diesem noch warmen Oktobertag gingen sie im Garten des Krankenhauses spazieren und warteten auf die Besuche. In den nächsten Tagen sollten sie entlassen werden. »Und du hast noch keine Nachricht von deinem Verwandten aus Perlowka bekommen?« fragte Riedel und nahm das Gespräch wieder auf, »er kennt doch deine Adresse?« »Nein, ich habe noch keinen Brief bekommen. Aber von den Bauern habe ich Nachricht. Sie liegen immer noch rings um Moskau und warten auf die Pässe. Sie wollen nicht in die Dörfer zurück. Sie wollen fort.« »Siehst du«, sagte Riedel, »das ist der Anfang vom Ende.« »Unsinn, du kennst die Russen nicht. Sie haben jahrhundertelang den Zarismus ertragen...« »Jetzt habe ich dich«, lachte Riedel, »sie werden also auch jahrhundertelang den roten Zarismus ertragen, wolltest du doch sagen.« »Blödsinn, ich wollte was ganz andres sagen, alter Knabe. Aber brechen wir lieber das Gespräch ab. Wir können uns doch nicht verständigen. Jetzt ist es drei Uhr. Und dort kommt Thea... Guten Tag, Thea, ich lasse dich mit Paule allein, ich erwarte Herfurt«, sagte Bundschuh, gab der jungen Frau die Hand, nickte Riedel zu und lahmte davon. Thea stand eine kleine Weile ängstlich vor dem Mann mit dem Arm in der Binde. Endlich fragte sie leise: »Wie geht es heute, Paule?« »Danke, ganz gut, Thea, ganz gut, wir werden in den nächsten Tagen entlassen.« »Und dann, Paul Riedel?« »Immer dasselbe, Thea Gärtner!« »Komische Männer«, klagte die Frau, »wenn ihr euch in eine Sache verbissen habt, haltet ihr sie mit Klauen und Zähnen fest, laßt euch kaputtschießen, und dann müssen wir armen Weiber kommen und euch trösten... Warum sind Sie, Paule, von der KPD gegangen, wenn es in der NSDAP auch so heftig zugeht? Wo liegt der Unterschied?« »Den Unterschied habe ich Eugen schon mehr als einmal auseinandergesetzt. Er soll es Ihnen erklären, Thea. Ich bin von der KPD gegangen, weil sie zu verlogen ist. Als Spitzel habt ihr mich benutzen wollen...« »Als Kundschafter!« »Als Spitzel für eine fremde Sache. Der Herr Uralski hat es befohlen, ich weiß alles! Wer ist denn Herr Uralski? Was hat der Mann mit Deutschland zu tun? Wir sind doch keine Kolonie! Und ich entsinne mich, Thea, vieler Gespräche: russische Fremdenlegion zum Beispiel, habe ich von Ihnen zum ersten Male gehört. Und nun waren Sie drüben und haben auch die deutschen Bauern besucht und Eugens Verwandten kennengelernt. Der wird wohl berichtet haben, wie es in Wirklichkeit da drüben aussieht.« Thea stutzte. Bundschuh hatte einen Verwandten unter den flüchtenden Bauern? Davon hatte er nichts gesagt. Er hatte überhaupt wenig von den Tagen erzählt, die er noch drüben gewesen war. Auch geschrieben hatte er nicht. Was für einen Verwandten gab es in Moskau? »Nein«, sagte sie, »die Bauern habe ich leider nicht besucht. Und von Bundschuhs Verwandten weiß ich nichts. Was ist das für ein Mann?« »Ein Bauer aus der Krim. Und ich kann mir schon denken, warum Eugen noch in der Partei ist«, sagte Riedel, »er will einfach das Mädchen sehen, wenn die Bauern herüberkommen. Mir kann er doch nichts vormachen, der Bundschuh, mir nicht!« »Was ist das wieder für eine Geschichte? Ein Mädchen?« fragte Thea und bekam erschrockne Äugen. Riedel verwünschte seinen Verrat, wurde rot und stotterte: »Ach, so ein kleines Ding, die Tochter von seinem Verwandten, natürlich, Jakobine heißt sie und zehn Jahre ist sie alt, Thea. Und er hat ihr versprochen, sie zu besuchen, wenn sie nach Deutschland kommen. Es ist nicht wichtig, nein. Und da hat er wohl vergessen, der Eugen, davon zu erzählen. Er ist überhaupt ein vergeßlicher Bursche. Bestimmt.« »Wahrscheinlich, Paul«, antwortete Thea und erinnerte sich ganz genau und sehr schmerzlich der Stunde, als sie mit Eugen auf dem Balkon im Hotel ›Lux‹ stand und sagte, in Moskau könne man sehr schnell Mann und Frau werden. Und da war er in das Zimmer gegangen, und hatte sie allein gelassen. Und als sie ihm folgte, war er verschwunden. So, so, Jakobine hieß sie, und er kannte sie schon, als sie mit ihm sprach. Und er hatte nichts erzählt. So sind die Männer. Riedel, der treue Bursche! Zehn Jahre alt sollte Jakobine sein? Zwanzig Jahre alt war sie, sicherlich blond und blauäugig, auf solche Geschöpfe fallen die Männer immer rein. Schade um Eugen... Sie warf einen Blick auf Riedel. Er schlug die Augen nieder. Thea straffte sich. Er hatte sich auf sie berufen: russische Fremdenlegion! »Paule«, sagte sie leise und zärtlich, »Paule, wir müssen uns einmal gründlich aussprechen. So geht das nicht mehr weiter. Wir sind doch erwachsene Menschen, nicht wahr, und die Geschichte mit der Partei, wer hat mich denn in diese Partei geschoben? Sie waren es, lieber Freund, als mein Mann erschossen war, da kamen Sie mit dem Kurt und haben mich überzeugt. Und dann habe ich den Hans Herfurt kennengelernt, den Uralski, den Willi und den Emil ... Ga, ich bin noch dabei und ich bleibe wohl auch dabei. Als barmherzige Schwester sozusagen. Für die Flüchtlinge steht mein Zimmer immer noch zur Verfügung. Und was hättet ihr gemacht, damals, als der Müller angeschossen wurde, wenn die Tante Thea nicht dagewesen wäre?« Tante Thea! Riedel lächelte und hob den Kopf. »Um Politik habe ich mich wenig gekümmert, das sind Männersachen, das weiß ich wohl, wir Frauen haben andre Aufgaben«, fuhr Thea fort, »Helfen wollte ich, und ich habe auch geholfen. Und das mit der«, ihre Stimme wurde leiser, »das mit der Fremdenlegion habe ich gesagt, und es stimmt, das weiß ich ganz alleine, Paule. Ich war ja selber drüben. Und ich möchte auch lieber bei uns leben als dort.« »Und was sagt Herfurt dazu, Thea Gärtner?« »Ich habe Herfurt schon einen ganzen Monat nicht mehr gesehen. Was er mit den Bauern vorhat, gefällt mir nicht«, antwortete die junge Frau, »ich habe«, sie senkte den Kopf, »ich habe mit Herfurt nichts gehabt. Für seinen Harem war ich mir immer zu schade, Paule.« »Das weiß ich, ich habe nie geglaubt, daß du ...« sagte Riedel und errötete. »Willst du mich«, Thea hob das Gesicht und ließ die grünen Augen leuchten, »willst du mich besuchen, wenn du aus dem Krankenhaus kommst?« Sie schämte sich ihrer Werbung und war glücklich über das Du. Eine Welle von Zärtlichkeit erfüllte sie und nahm den letzten bitteren Rest mit, der in ihrem Herzen geblieben war, als Paul von Eugen und dem Mädchen sprach. Und jetzt erinnerte sie sich der stockenden Gespräche mit Paul Riedel, sie erinnerte sich seiner ungeschickten Hände, die er immer versteckte. Jetzt konnte er wenigstens eine Hand nicht mehr verstecken. Die lag gefangen in der Schlinge. Warum war Thea in der Partei? Weil sie vor Einsamkeit umkam! Weil sie nun Männer sah und kennenlernte, die mit sich und derzeit etwas anfingen, Männer, die entschlossen die Zeit umstülpten, sie umformten, ihr Ziel gaben und neue Ausblicke, Männer, die zu ihr Genossin sagten und Thea und nicht immer sieben Jahre hindurch Mausi! Und Eugen? Sie hatte Eugen geliebt und auf ihn gewartet. Sie glaubte oft, er würde die drei Jahre Altersunterschied überspringen, sie in seine Arme reißen und fragen: »Liebst du mich, Thea?« Aber nein, er hatte sie nicht in seine Arme gerissen, er hatte niemals in ihren grünen Augen gelesen, und zuletzt in Moskau war er von ihr gegangen, verschmäht, einfach verschmäht! Sie lächelte schmerzlich. Eine Jakobine hatte über eine Thea gesiegt. Gut, sollte er mit ihr glücklich werden! Aber jetzt ging es um ihr eigenes Glück. Paul war siebenundzwanzig Jahre alt, genau so alt wie sie. Er war arbeitslos? Herrgott, sie besaß etwas Geld, nicht viel, aber für die erste Zeit langte es. Er sollte auch nicht auf ihrer Tasche liegen, wo ganz anders sollte er liegen, der große, dumme, liebe Junge! Und er war nicht in der Partei? Für sie vereinfachte sich die Welt: es gab jetzt und endlich nur noch die Parteien der Liebenden und der Geliebten. Paul stand auf der andern Seite der Barrikade? Wo du hingehst, da will ich auch hingehen. Dein Vaterland ist mein Vaterland. Amen. Riedel ging weiter und sagte leise: »Ja, Thea, ich will dich besuchen, wenn ich endlich entlassen werde.« »Und hast du manchmal auch an mich gedacht, Paule?« schmeichelte ihre Stimme. Ein kleiner, rotbäckiger Engel saß in ihrem Herzen und musizierte. Ach, daß sie diese Musik noch einmal hören durfte! Frieden, Frieden und Wohltat, Segen und Heimat war diese Musik, Bindung und Freispruch, Himmel auf Erden. Sie ging wie in Flammen neben Paul. Halte er manchmal an sie gedacht? Aber das war jetzt gar nicht mehr so wichtig. Riedel nickte und ließ die weizengelben Haare fliegen. Ja, er hatte manchmal an Thea gedacht, bei den Aufmärschen, bei den Versammlungen und in den Schießereien. Er hatte an sie gedacht wie ein Matrose an das feste Land denkt, wenn der Sturm das weite Meer aufwühlt und die Schiffe hin und her schleudert. Und manchmal hatte er auch an Erna gedacht, an Thea und Erna, an eine Tote und an eine Lebendige. »Kommst du gern?« hörte er die Frau neben sich sprechen. Er antwortete nicht. Ja, er kam gern, aber jetzt war Sturmzeit. Der Sturm donnerte in den Städten und pfiff und jaulte um die Dörfer. Sturm war in den Menschen, und Sturm war auch zwischen den Menschen. Er fühlte und hörte sein Sausen. Sturm! Wie im Sturm ging er durch den Garten. Thea folgte ihm nach und lächelte. Dann schob sie ganz langsam ihre Hand unter seinen Arm. »Liebst du mich, Paule?« Uralter Ruf des Einsamen, der sich im geliebten Echo verdoppeln will! Riedel nickte. Von den Bäumen fielen die Blätter. In derselben Stunde, als Thea und Paul durch den herbstlichen Garten gingen, waren in Moskau Jakob Bundschuh, der Hufschmied Karsten und der ehemalige Gemeindeschreiber von Marienthal auf dem Wege zur deutschen Botschaft. Sie hatten immer noch keine Pässe bekommen und wollten nun bei dem deutschen Botschafter ihr Leid klagen. In den Sommerdörfern wurden ab und zu schon Bauern verhaftet und mit ihren Familien zurückgeschickt. Als Abgesandte der Bauern von Perlowka wollten sie mit dem Botschafter sprechen. Deutschland sollte und mußte helfen. Deutsche waren sie doch, Deutsche, trotz der russischen Staatsangehörigkeit. Unterwegs wurden sie verhaftet. »Kommt mal mit, Bauern, ich bin von der GPU«, sagte drei Schritte von der Botschaft ein Geheimagent zu ihnen, »kommt mal mit, Deutsche.« »Wohin?« fragte Karsten. »Das werdet ihr bald sehen«, kam die Antwort. Sie gingen mit, schweigend und voller Befürchtungen. Unter den Pelzen trugen sie die Papiere, die Listen und Eingaben ihrer Freunde. Sie wußten, daß die Russen nach den Köpfen der Bewegung suchten. Wenn man bei ihnen die Papiere fand, waren sie geliefert. Der Gemeindeschreiber wußte Rat. »Erlaubt, daß wir austreten«, sagte er zu dem Geheimagenten, »ihr habt uns ja, und wir wollen nicht fliehen.« »Gut«, antwortete der Russe, »gehen wir.« Sie stiegen die Treppe zu einer Teestube hinunter, bestellten Tee und Zigaretten. Sie nahmen Platz, schwätzten mit dem Agenten und verschwanden dann, einer nach dem andern, auf der Toilette. Und dort vernichteten sie die Papiere, zerrissen die Listen, zerfetzten die Eingaben und spülten die Fetzen hinunter. Und der Agent, Enkel eines Bauern, saß vorn am schmutzigen Tisch, trank Tee, rauchte die Zigaretten und wollte von nichts wissen. Er blinzelte den Bauern entgegen und sagte: »Setzt euch noch eine kleine Weile, Bauern, und ruht euch aus. Ihr habt einen schweren Gang vor euch.« Sie setzten sich und schlürften den heißen Tee. »Wo kommt ihr her?« fragte der Agent. »Aus Sibirien komme ich« sagte Karsten. »Aus der Krim komme ich. Früher waren wir im Kaukasus ansässig, bis uns die Bergvölker vertrieben«, sagte Bundschuh. »Ich komme aus der Krim. Früher war ich in der Ukraine. Geboren bin ich an der Wolga«, sagte der Gemeindeschreiber. »Rußland ist groß«, seufzte der Agent, »hat es keinen Platz mehr für euch, Bauern?« »Nein, es hat keinen Platz mehr«, antwortete Karsten. »Schwere Zeiten«, sagte der Russe. »Schwere Zeiten«, wiederholten die Deutschen. »Kommt und macht euch auf die Füße, sie warten schon auf euch,« sagte der Russe und stand auf. Sie verließen die Teestube und gingen weiter. Der erste Schnee war schon gefallen und in den Regenpfützen ertrunken, aber der zweite Schnee hing in dicken Wolken über der Stadt und fiel und fiel. Bald mußten die Pfützen im Schnee ertrinken und erstarren. Der große Sturm in den Wäldern des Nordens lauerte schon und schickte manchmal seine heulenden Kundschafter nach Moskau. Bald mußte er selbst aufbrechen, das Maul voller Eis, und hinter sich den frostklirrenden Mantel des Winters. Die Bauern stampften schweigend durch die Pfützen und den fallenden Schnee. Bis zur GPU waren es nur noch zehn Minuten Weg. Dort übergab der Russe die Verhafteten. Das große Tor schloß sich hinter ihnen und riegelte den Schnee, das Wasser und den ersten Anhauch des Winters ab. Auf den breiten Gängen und in den großen Zimmern mit den verschraubten und verkitteten Fenstern war viel Betrieb. Die Aktion gegen die Bauern hatte eingesetzt. Dunstende Wärme schlug ihnen entgegen. »Morgen werdet ihr vernommen«, erklärte den Bauern ein Kommissar, »Sascha«, befahl er einem jungen Mann in schwarzer Lederjacke, »bringe die Bauern in den Salon.« In den Salon! Der Tschekist Sascha grinste und brachte sie über viele Gänge und Treppen nach dem Keller in den Salon und ließ sie allein. Der Salon war eine große Zelle, ein Brutofen ohne Fenster und Lüftung. Von der Decke brannte, flammte, gleißte eine vielhundertkerzige elektrische Lampe. Die kahlen Wände der Zelle flimmerten vor Hitze. Der Fußboden strömte Wärme aus. Die Luft war trocken und bedrückend. Gegen den Schnee des späten Oktobertages und die Windstöße in der Stadt schien den Bauern diese Zelle voll tropischer Hitze zu sein. Sie war wie das Vorzimmer zu einem Fegefeuer. Die heiße Luft benahm den Verhafteten den Atem. Der Tschekist Sascha war schon lange wieder verschwunden, und sie standen im grellen Licht, in dieser irrsinnigen Klarheit, inmitten eines flammenden Kristalls. Bald brach der Schweiß aus den Poren, lief über die Gesichter, strömte über die Leiber und badete und duschte mit bitterem Wasser die Bauern. »Ein Schwitzkasten«, sagte der Gemeindeschreiber und zog den schweren Mantel aus. »Sie haben uns in einen Feuerofen gesperrt, Brüder«, antwortete Bundschuh, »sollen wir hier umkommen?« »Sie wollen uns einheizen«, lachte der Hufschmied, »aber wir können Feuer vertragen. Sie haben uns ja in den vielen Jahren mit Feuer getauft!« Dann legte auch er den Pelz ab. Der Schreiber und der Bauer hatten die wattierten Jacken aufzogen, und nun legten sie auch die Hemden ab. Ihre nackten Leiber glänzten. Sie zogen die Stiefel aus, und bald standen sie ganz entkleidet da. Und jetzt legte auch der Hufschmied die Kleider ab. Drei Menschen, ein Bauer, ein Schreiber und ein Hufschmied standen nackt und schweißüberströmt in der kahlen Zelle, über sich wahnsinniges Licht, unter sich den heißen Fußboden, um sich die warmen Wände. »Wir werden nichts sagen, wenn sie uns vernehmen, Männer«, begann der Schreiber, »Wir werden stumm sein wie die Fische. Im Wasser«, er lachte, »Im Wasser schwimmen wir ja schon.« »Kein Wort«, sagte Bundschuh, »stumm sein ist hier besser als reden. Und wir fahren nicht in die Dörfer zurück.« »Aber ich werde reden, wenn sie mich fragen, Freunde«, erklärte der Schmied, »ich habe vieles wieder gutzumachen. Ja, ich werde reden, wenn sie mich fragen.« »Wollt ihr von den Listen und Eingaben sprechen?« entsetzte sich der Schreiber. »Narr, kein Wort davon werde ich sagen, wir sind keine Verräter«, entgegnete der Schmied, »soll ich wieder schlecht machen, was wir gut gemacht haben? Soll ich vielleicht«, er lachte, »die Papierchen wieder ausspucken, die wir in der Teestube hinuntergespült haben? Ich bin doch kein Narr!« »Männer, kommt und stellt euch auf die Bretter«, sagte Bundschuh. »Kommt, stützen wir uns. Sie haben uns in diesen Feuerofen hineingestellt, um uns gar zu kochen und weich zu machen. Wir müssen unsre Kräfte beisammen haben, wenn sie uns morgen vernehmen. Hufschmied«, wandte er sich an Karsten, »hast du dir genau überlegt, was du sagen willst?« »Ja«, antwortete Karsten. »Gott sei dir gnädig«, flüsterte der Schreiber. Und nun standen sie auf den Brettern und stützten sich. Auf dem nackten Boden konnten sie nicht stehen. Dort war es zu heiß. Der Bauer, der Hufschmied und der Schreiber, drei nackte Menschen im Hohlraum einer flammenden Zelle, stützten und hielten sich gegenseitig. Die Hitze benahm ihnen den Atem. Aber sie blieben mutig, drei Posten im Feuer, drei Posten ihrer Brüder, Frauen und Kinder in der russischen kalten Oktobernacht. Abwechselnd schliefen sie. Jeder schlief zwei Stunden, zuerst der Schreiber, dann der Bauer und zuletzt der Schmied, der die Hitze besser ertragen konnte. Endlos und schrecklich war diese Nacht. Am frühen Morgen kam Sascha und holte sie zum Verhör. Sie warfen die Kleider über und folgten ihm. Der Hufschmied wurde zuerst vernommen. Der Untersuchungsrichter war vierzig Jahre alt, Sohn eines Bauern vom Asowschen Meere. Er kannte die Erde und ihre Gesetze. Er kannte auch die deutschen Bauern bei Cherson. Aber jetzt hatte er einen Auftrag zu erfüllen. Hier war der Neue Plan und dort die Rebellion gegen diesen Plan. Und zwischen Gefühl und Verstand hin- und hergerissen, wußte er nicht, wie er den Schmied fassen und packen sollte. Er war weich und brutal in seiner Vernehmung. »Setze dich«, sagte er, »und antworte aufrichtig auf meine Fragen. Mein Amt ist, die Wahrheit zu erforschen. Also: warum wollt ihr auswandern?« »Ich kann nur von mir erzählen«, antwortete Karsten. »Aus drei Gründen will ich fort. Erstens: das Kollektiv, zweitens: die Religion und drittens: meine Kinder. Über Kollektivs ist schon soviel geklagt und geschrieben worden, erlaßt mir meine Klage darüber. Aber über die Religion erlaubt mir bitte ein Wort.« »Ist erlaubt.« »Danke. Ich glaube an Gott, und fromme Bauern nehmt ihr in den Kollektivs nicht auf. Ihr habt Gott und Schnaps auf eine Stufe gestellt. Überall im Lande kann man lesen: ›Schützt die Kinder vor dem Opium der Religion‹, und: ›Religion und Alkohol sind die Feinde des Volkes‹. In einem Lande, das solche Gesetze aufstellt, kann ich nicht mehr leben. Die Maschinen und die Getreidefabriken betet ihr an, Gott wollt ihr abschaffen.« »Lassen wir alle Metaphysik beiseite«, antwortete der Untersuchungsrichter und runzelte die Stirn, »der Stand der Wissenschaften und ihre Erkenntnisse und Forschungen ... Unsinn«, unterbrach er sich selber, »erzähle lieber, wer die Auswanderung organisiert hat! Das wollen wir wissen. Wer sind die Köpfe, wer sind die Führer?« »Wir haben keine Führer, ihr habt die Auswanderung organisiert. Sechzig Familien habt ihr die Pässe gegeben, die habt ihr herausgelassen, und das hat sich mit Windeseile in den deutschen Dörfern verbreitet. Und als dann die vielen Ungerechtigkeiten gegen uns einsetzten, wurden wir einig, nach Moskau zu fahren und um die Pässe zu bitten«, antwortete der Hufschmied Karsten. Der Richter wechselte nach der andern Seite und fragte: »Und wie gefällt dir, Hufschmied, unsre Regierung? Welche Regierung ist dir lieber, die zaristische oder die unsre?« Der Hufschmied sah die Falle und antwortete unschuldig: »Parteilos bin ich, und uns Deutschen ist es gleich, was für eine Regierung an der Macht ist. Wir erfüllen die Gesetze. Wir sind Bauern. Aber ohne Religion können wir nicht leben.« »Gut, das kann ich verstehen. Aber nun sage mir, wer dich hier in der Stadt empfangen hat, als du aus Sibirien kamst?« »Niemand.« »Niemand? Wie wußtest du dann, daß du nach Perlowka mußtest?« fragte der Richter. »Das wissen doch alle Gepäckträger an den Bahnhöfen. Sie alle wissen, wo die deutschen Bauern wohnen.« »Und wer hat dich in die Auswandrerliste geschrieben? Und wo bist du eingeschrieben worden?« Wie dumm und ungeschickt der Richter fragt, denkt Karsten und hat sich schon beim ersten Satz die Antwort zurechtgelegt. Nein, er wird nichts von der Organisation der Auswandrung sagen. Er antwortet: »Das weiß ich nicht, wer mich in die Auswandrungsliste eingeschrieben hat. Ich habe mich einmal selbst in Kuskowo eingeschrieben.« Der Richter schüttelt den Kopf und fragt: »Und was wolltet ihr auf der deutschen Botschaft?« »Nichts wollten wir auf der deutschen Botschaft. Ich bin mit meinen Freunden spazieren gegangen.« »Du lügst, Wurstfresser«, schreit der Richter und schlägt zornig mit der Faust auf den Tisch, »Du lügst! Sage die Wahrheit, oder wir bringen dich wieder in den Salon.« Karsten überlegte blitzschnell. Er stand als Horchposten im feindlichen Lager. Er hatte gehört und gesehen, daß die Russen noch im Dunklen tappten und von der Organisation nichts wußten. Es war Krieg, und im Krieg sind alle Mittel erlaubt. Er machte ein einfältiges Gesicht und erklärte: »Gut, ich will alles sagen. Ich kenne die Leute nicht, die hier zusammenströmen, aber ich habe gehört, daß man sich in eine Liste einschreiben kann. Ich habe mich darum gekümmert und bin nach Kuskowo gegangen. Auf der Straße standen Männer, und auf meine Frage sagten sie, dort in jener Straße wird irgendwo eine Liste ausgestellt. Ich ging hin und fand das Haus. Hier waren wieder Männer zusammen. Auf dem Tisch lagen zwei Bogen Papier. Ich las sie. Ein Papier war eine Bittschrift an den Genossen Kalinin und das andre eine Familienliste. Ich habe mich in Listen eingezeichnet. In welcher Straße das war und in welchem Haus, weiß ich nicht mehr.« Er hatte das alles ruhig und bedachtsam erzählt. Der Richter überlegte und sagte: »Schön, das kann stimmen ... Aber ihr wollt doch nach Kanada?« »Ja, dort habe ich Verwandte.« »Gut, aber wir haben die Nachricht bekommen, daß euch Kanada nicht haben will! Also müßt ihr hierbleiben. Gib du mir die Unterschrift, daß du in dein Dorf zurückfahren willst, und ich lasse dich frei. Und wenn du alles verkauft hast, nun, wir machen den Verkauf rückgängig. Das Pferdchen, die Kuh, die Wagen und alles, was du verkauft hast, müssen dir die Käufer wiedergeben. Alles, alles bekommst du wieder.« »Ich will nichts wiederhaben«, erklärte Karsten, »überlegen Sie doch, was für einen Haß ihr in den Dörfern erregt, wenn wir wiederkommen und alles zurückerhalten sollen! Kennen Sie die Erde? Kennen Sie die Bauern? Nach dem Leben würden Sie uns trachten, wenn wir kämen und sagten: ›Nun, Onkelchen, rückt mal alles wieder raus!‹ Das ist unmöglich!« Der Richter kannte die Erde und die Bauern. Er wußte, daß der Hufschmied im Recht war. Recht oder Unrecht, darum ging es jetzt gar nicht. Er sah den Deutschen starr an und sagte: »Unmöglich? Das Wort haben wir aus unsrem Wörterbuche gestrichen! Ich kann mich nicht mehr solange mit dir aufhalten. Unterschreibst du oder unterschreibst du nicht? Wir können euch unmöglich den Winter über hierbehalten, weil ihr vielleicht im Frühling fahren dürft. Für euch ist hier keine Arbeit da und kein Brot. Unterschreibe also.« »Ich kann nicht unterschreiben« antwortete Karsten. »Nun, Eisenkopf«, sagte der Richter und beugte sich vor, »dann unterschreibe, daß du dich geweigert hast, freiwillig in dein Dorf zu fahren, trotzdem ich dir erklärt habe, daß niemand über die Grenze darf. Vielleicht wird man dich später dafür büßen lassen. Ich kann dir dann nicht helfen.« »Das unterschreibe ich gern«, antwortete Karsten und unterschrieb endlich. Er hatte sich als Opfer angeboten. Der Richter lehnte das Opfer ab. Der Hufschmied konnte den Richter nicht begreifen. Er kannte aus den Erzählungen andrer Bauern die Vernehmungen und die Drohungen. Er wußte, daß nicht immer so viel und ausführlich gefragt wurde. Unterschreibe oder unterschreibst du nicht? Und wer nicht unterschrieb, wurde in die Gefängnisse geworfen, von der Familie getrennt, nach Sibirien geschickt oder nach den Eismeerinseln verbannt. In der heißen Zelle, die sie höhnisch ›Salon‹ nannten, hatte er an Sibirien und an die Solowetzkiinseln gedacht. Aber er brauchte nicht nach den Inseln. Der Moskauer Oktoberwind durfte sich bemühen, die heiße Nacht im Keller zu vergessen. Er stand auf, verbeugte sich tief vor dem Richter und ging. Im Flur traf er Bundschuh und den Gemeindeschreiber, die auf das Verhör warteten. Er lachte ihnen zu und sagte: »In Perlowka sehen wir uns wieder.« Der Bauer und der Schreiber wußten, daß der Richter kein Untier war. Und am Abend trafen die drei Männer wieder in Perlowka ein. Auch Bundschuh und der Schreiber hatten die Unterschrift wegen der Heimreise in die Dörfer verweigert, aber die andre Unterschrift gern gegeben. Die Nachricht von ihrer Verhaftung hatte sich in dem Dorfe schon verbreitet, und als sie heimkamen, wurden sie als Helden gefeiert. »Jaschka, daß du da bist!« sagte Sophie, »das Herz im Leibe ist mir beinahe zersprungen!« »Wir haben für dich gebetet, Jakob«, sagte Anna. »Wie steht es in Moskau? Werden wir bald fahren können?« »Sie werden uns fahren lassen müssen. Sie können nicht zwanzigtausend Menschen zurückschicken«, antwortete Bundschuh. »Sie sind schwächer als wir. Wären sie stärker, hätten sie uns dabehalten. Aber ihre Gefängnisse sind jetzt schon überfüllt. Wir können jeden Tag fahren und haben beschlossen, Stafetten einzurichten bis nach Moskau, damit wir, wenn die Erlaubnis kommt, schnell fahren, ehe sie sichs wieder anders überlegen. Unsre Jünglinge werden in den Kurierdienst nach der Stadt eingereiht.« »Und unsre Listen, Jaschka?« fragte Sophie. »Die haben wir vernichten können. Morgen werden neue angefertigt und in die Stadt gebracht.« »Ich werde sie in die Stadt bringen. Sie werden sich nicht an einem Mädchen vergreifen«, sagte Anna. »Karsten hat es übernommen, liebe Annuschka«, antwortete der Bauer. »Und jetzt will ich an unsren Verwandten nach Berlin schreiben. Ich habe es ihm versprochen. Soll ich einen Gruß von dir schreiben, Anna?« »Von mir? Nein«, sagte sie und errötete, »einmal nur habe ich mit ihm gesprochen. Was soll er von mir denken?« »Du hättest viele Male mit ihm sprechen können, gefällt er dir nicht? Aber du hast dich versteckt, wenn er kam«, lächelte Bundschuh und dachte an die drei Fragen seines Verwandten nach Anna und an die zehn Besuche. Anna drehte sich um und ging. Warum hatte Eugen nur dreimal nach ihr gefragt? Sie sah ihn vor sich stehen, sie fühlte seine Wärme und Freundschaft, sie hörte seine gute klare Stimme, aber dann war der Russe gekommen, der Freund und Genosse von Eugen. Warum hatte er sie belogen? Und vielleicht war er unschuldig und wollte bei seinen Besuchen alles erklären! Und sie hatte ihn nicht mehr sprechen wollen! Bundschuh saß am Tisch, das kleine Mädelchen juchzte, Sophie strickte, und schrieb den ersten Brief an seinen Verwandten nach Berlin. Schwer fiel ihm das Schreiben. Die hornharten Finger konnten viel besser Pflug und Sense halten als den schwachen Federhalter. Und reden konnte er viel besser als schreiben. Beinahe eine ganze Stunde saß er an dem Brief. Und dann kam Anna und sagte zögernd: »Vielleicht schreibst du doch einen Gruß von mir, Jaschka, vielleicht erinnert er sich noch meiner.« »Schreibe selber«, sagte der Bauer und schob ihr den Brief über den Tisch. Anna setzte sich hin, ihr Herz pochte unruhig, und sie schrieb ihren ersten Gruß an Eugen Bundschuh nach Berlin. Diesen Gruß und Brief bekam er an demselben Tage, als er aus dem Krankenhaus entlassen wurde. Elftes Kapitel G rau in grau stiegen aus dem schmutzigen Steingrund der Straße verwahrloste Fassaden hoch und trugen das flache Dach wie einen Sargdeckel. Aber dieses vierstöckige Haus der Gollnowstraße und die vielen andren Häuser in der dunklen Reihe waren keine Särge. In ihnen lebte das Volk, und nachts schaukelten die Häuser wie gigantische Wiegen. In den Fluren standen am Abend die jungen Burschen mit ihren Mädchen, Doppelposten der Liebe, jenseits von allem Elend, jenseits von allem Zerfall ringsum, sich selbst genug. Tag um Tag spielten in den Hinterhöfen Leierkastenmänner. Hofsänger kamen. Die Musikanten leierten die Handorgel, rissen in den Saiten winselnder Gitarren, bliesen verbeulte Trompeten, paukten rasselnde Becken, wimmerten auf verstimmten Flöten und entzückten die Kinder, die Frauen, die Heimarbeiterinnen und alten Handwerker, die in dieser Straße wohnten. Musik im Hof. Die Kinder wiegten sich und tanzten. Sie hatten noch kein freies Tier und kaum ein wogendes Saatfeld gesehen. In dem Haus, in dem Paul Riedel wohnte, hingen im Hof noch einige Fetzen bunten Papiers vom letzten Erntefest, an dem sich die dreißig Parteien zu einer großen, sehnsüchtigen Familie vereinigt hatten. Handwerker und Arbeitslose, kleine Angestellte und Arbeiter mit ihren Frauen und Kindern, Liebespaare, Freunde, Todfeinde. Heiße Nacht mitten im Sommer, heiße Nacht mitten im ärmsten Berlin! Die Nacht predigte der Stadt vom Dorfe, der Straße vom Felde, dem Haus vom Garten, dem Stein von der Blume, dem Menschen vom Menschen. Und inmitten der Nacht und der Musik, inmitten der Girlanden, Tänze, Schnäpse und Gelächter kamen diesem Hause die Träume und die Tränen. Der Bäcker und der Schreiber, der Verkäufer und der Straßenkehrer, das Straßenmädchen und der Budiker, der Portier und der Arbeitslose, sie alle erinnerten sich dunkel ihrer Herkunft. Die Nacht war da, der große Ausgleich, die dunkle Pause zwischen Abendrot und Morgenrot, die Nacht der Männer und der Frauen, die Nacht, in der das Haus wie eine Wiege schwankte. Musik, Bier, Schnaps, bunte Mützen, Tanz und Gelächter. Mädchen kreischen. Die Halbwüchsigen wollen nicht schlafen gehen. Frauen lachen herausfordernd. Bocksprünge der Männer und der jungen Burschen. Eifersucht und Geschrei, heißer Atem: Erntefest in Berlin, in der Gollnowstraße! Hier gab es keine dunklen Gebüsche und keine einsamen Waldwege, aber die Treppen waren dunkel, die Kellereingänge waren einsam. Weinen die kleinen Kinder im Schlaf? Laßt sie weinen! Einmal werden sie lachen und tanzen. Komm, Putt! Nicht so grob sein, Emil! Immer noch dudelt die Musik, und die Nacht bläst ihren Atem in die erhitzten Gesichter. Das Erntefest geht bis in die tiefste Nacht. Was wird in diesem Hofe geerntet? Die Träume und Schäume vom Glück, die Tränen von gestern, das Sehnen von heute. Die Steine zerfallen und werden zu Erde. Die Höfe werden Gärten, die Straßenzüge Felder. Und die Städter sind wieder Bauern geworden. Bundschuh sah die bunten Papierfetzen im Hofe, als er die steilen Stufen hinaufstieg und Riedel besuchte. Etage über Etage. Tür neben Tür wie in Neukölln oder am Wedding. Wohnfeld liegt über Wohnfeld, von dem der Wirt allmonatlich goldnen Zins der Armut erntet. Das Haus in der Gollnowstraße gehörte einem spanischen Don, der es mit andren Häusern in der Inflation für ein Butterbrot gekauft hatte. Riedel hatte schon Besuch. Thea war da. Nein, sie war nicht mehr in der Partei. »Komm, Eugen, und sieh dir mal das Schauspiel an«, sagte sie, als die Begrüßung vorbei war, »so was hast du sicher noch nicht gesehen. Komm und sieh dir mal das gegenüberliegende Haus an!« Sie winkte die beiden Männer an das Fenster. »Was gibts denn?« fragte Riedel. »Menschen, die schon gestorben sind und es nicht wissen«, erklärte die junge Frau und schauderte, »so habe ich die Maschinen noch nicht gesehen, und wenn ich gewußt hätte ...« Riedel und Bundschuh standen neben Thea am Fenster und sahen die gegenüberliegende Häuserfront. In der dritten Etage konnten sie durch nackte Fensterhöhlen eine nackte Wohnung sehen, die als Zwergfabrik eingerichtet war. Maschinen standen da, lange geduckte Untiere, die sich bewegten und doch keinen Laut hören ließen. Es waren Hutpressen. Sie wurden von einem Mann und drei jungen Mädchen bedient, und der Mann war so in seine Arbeit vertieft wie eine angestellte Maschine. Die Mädchen aber tänzelten durch die kahle Wohnung und glichen bei der Arbeit den Kindern, die aus Papierfetzen Schmetterlinge oder Flugzeuge bauen. Es war schon dunkel, die großen Fabriken, die Werkstätten und Betriebe hatten schon geschlossen. Die kleine Quetsche arbeitete noch. Sie gehörte dem Mann. Die Mädchen waren seine Töchter. Das kalte, elektrische Licht röntgte die Maschinen. Die Arbeit da drüben ging und ging, aber plötzlich verließ ein Mädchen die Presse. Der Vater arbeitete weiter. Dann entwich das zweite Mädchen. Der Vater arbeitete weiter. Das dritte Mädchen begann zu sprechen. Man sah den sich bewegenden Mund. Der Vater arbeitete weiter. Da ging auch das dritte Mädchen und ließ den Mann allein. Und als er allein war, hob er endlich den Kopf. Das müde Gesicht empörte sich. Die gefurchte Stirn wurde bucklig, der krumme Rücken gerade. Er lief dem Mädchen nach, ohne die Maschine abzustellen. Sie bewegte sich immer weiter und war wie lebend. Das elektrische Licht brannte und gleißte, verlassen lag der Raum da, und Thea sah mit beweglichen grünen Augen in das stumme Schauspiel jenseits der Straße. Der alte Mann kam wieder. Er kam allein. Müde, müde, müde war er. Von der Straße heraus klang ein dünnes Lachen. »Schauderhaft«, sagte Thea. »Ja. Heimarbeit ist schauderhaft«, sagte Bundschuh, »das kennen wir doch, die ganz kleinen Krauter, die sich von der Arbeit fressen lassen und am liebsten ihre Kinder mitfressen lassen. Das kenne ich von Werder ganz gut. Aus dem flachen Lande ist es noch viel schlimmer.« »Es ist furchtbar«, klagte Thea. »Was ist furchtbar?« fragte Riedel. »Daß die Maschine den Menschen frißt.« Riedel lachte herzlich. »Kleine Thea«, sagte er, »fressen oder gefressen werden! Wenn sich der Mensch von der Maschine fressen läßt, hat er selber schuld. Er soll die Maschine fressen. Er hat schon ganz andre Dinge verdaut als das bißchen Maschinenzeug. Und du hast Angst, jetzt, wo es so weit ist?« »Gerade jetzt. Ach ihr Männer! Mein Bruder lacht mich aus, du verstehst mich nicht. Was sagst du, Eugen?« »Auf den Überlanddrähten reiten die Kilowattriesen«, erinnerte Bundschuh, »›Von Blütenblättern rings ein Schauer um den Erdball‹. Vor Maschinen habe ich keine Angst. In den Maschinen verdienen wir unser Brot ...« Auch an den Maschinen wächst das Brot. »Was ist denn mit euch los?« spottete Riedel und lachte, »Geht wieder mal die Welt unter? Ist die Menschheit in Gefahr? Wollt ihr wieder einmal eine Resolution fassen und darüber abstimmen lassen?« Bundschuh schwieg. Seine Gedanken und Gefühle sprangen über die Straßen und Häuser, liefen und hetzten über die Felder und Wälder, Dörfer und Grenzen hinüber nach Rußland, nach Moskau und weiter nach Perlowka. Sein Verwandter hatte viele Male geschrieben. Bis in den späten Oktober und frühen November standen Kuriere aus den Sommerdörfern in endlosen Stafetten und verbanden alle Lager mit dem Zentrum der Entscheidung. Noch viele Redner und Agitatoren waren in die Lager gekommen, der Student, der politische Flüchtling aus Deutschland, das Schwein Willi, und sogar der amerikanische Delegierte, der Ofensetzer, hatte sich bemüht und ausführlich über Kanada gesprochen. Die meisten Bauern waren Mennoniten und wollten nach Kanada. Bei einem Meeting in Perlowka waren der Gemeindeschreiber und der Hufschmied verhaftet worden. Aber nach drei Tagen kamen sie wieder frei. Am letzten Oktobertag fuhr die erste Gruppe. Die deutschen Bauern in Kanada hatten ihren deutschen Brüdern in Rußland geholfen und ihnen Schiffskarten geschickt. Die zweite Gruppe, dreihundert Seelen, Bundschuh, Anna, der Schreiber und der Hufschmied waren dabei, die zweite Gruppe fuhr vier Tage später. In drei Stunden mußte gepackt werden. Bundschuh hatte in den Wartemonaten von seinen Kleidern verkaufen müssen, zwei Koffer besaß er noch, ein Bündel Wäsche und die alte Wiege für das Kind. Aufbruch wie damals im Kaukasus, aber kein Vieh stampfte neben ihnen, keine beladnen Wagen wankten und schwankten. Die dreihundert Seelen wankten und schwankten mit ihren Bündeln und Koffern durch die schwarze Regennacht nach der Station. Drei Stunden lagen sie im Regen aus der Station. Dann kam der Zug. Die Reise begann. Sie führte zuerst nur bis zum Oktoberbahnhof in Moskau. Dort schob man die Auswandrer auf ein Nebengeleise bis zum hellen Mittag. Der Regen hatte aufgehört. Es schneite. Und durch Schnee und Regen fuhren sie zweiundvierzig Stunden weiter nach Leningrad. Beinahe drei Wochen blieben sie in Leningrad im Auswandrerheim. Angst schlich durch die Kammern. Kommen wir, kommen wir endlich aufs Schiff? Briefe aus Moskau meldeten: »Sie treiben uns zurück in die Dörfer. Sie haben kein Erbarmen mit uns. Betet, daß Gott hilft.« Und sie beteten. Die Reisekosten hatten die Brüder in Kanada übernommen. Die Russen wollten das Reisegeld bis nach Hamburg haben. Da legten sie das letzte Geld zusammen, verkauften Kleider und Schuhe, Pelze und Wäsche und brachten viertausend Rubel auf. Dann kamen die strengen Kontrollen. Das Gepäck wurde untersucht. Dem Schreiber wurde die dreihundert Jahre alte, silberbeschlagene Bibel abgenommen. Um die Wiege ging ein erbitterter Streit. Auch die Wiege sollte beschlagnahmt werden. »Wo soll mein Kindlein schlafen?« fragte Sophie. »In deinem Bett, Bäuerin«, sagte der Kommissar. »Wo ist mein Bett?« fragte Sophie. »Da mußt du deinen Mann fragen«, lachte der Russe verlegen und ging, griff sich den Hufschmied und erklärte: »Dich wollen wir einmal gründlich untersuchen, komm mit.« Sie untersuchten ihn gründlich und fanden kein verstecktes Gold, keine Brillanten und kein Geld. Zehn Bauern und zehn Bäuerinnen wurden gründlich untersucht. Sie standen nackt in dem kalten Verschlag, die Kleider wurden überprüft, Pelze aufgeschnitten, gefunden wurde nichts. Es war einfach nichts da zu finden. Und als Anna nackt und frierend in dem kalten Verschlag stand, wollte ein Kommissar hereinkommen. Aber er wurde von den jungen Russinnen, die zur Untersuchung bestimmt waren, mit zornigen Flüchen vertrieben. Endlich fuhren sie ab. Das Schiff war neu und machte seine dritte Reise. Es ging nach England und hatte zweitausend Tonnen Fleisch und Geflügel geladen. Aus dem Schiff spürten sie schon den Hauch der Freiheit. Die Verpflegung war gut. Jetzt waren sie schon Passagiere und hatten die Karten bezahlt. Die See war dunkelgrün und glatt. Einige Kinder wurden krank. Am dritten Tag kamen sie nach Holtenau. Der Lotse brachte sie nach Kiel. Und der Hafenpolizist, der sie übernahm, sie wurden erst am nächsten Tag erwartet, fragte: »Ja, könnt ihr denn überhaupt noch deutsch?« »Minsch, dat sull woll wohr sein«, antwortete Karsten im besten Platt und lachte. Das alles wußte Bundschuh aus den Berichten seines Verwandten. Er war in Deutschland, Anna war da, und er hatte von Herfurt den Auftrag, die Lager zu besuchen. Er sollte berichten. Der große Feldzug gegen die Bauern in Deutschland konnte beginnen. »Die sehr geehrten Damen und Herren werden gebeten, die Plätze einzunehmen«, sagte Riedel. »Es gibt Bier. Und nun soll uns Eugen noch einmal erzählen, was er von den Bauern weiß. Und wann er sie besucht.« Sie gingen vom Fenster, und im selben Augenblick erloschen da drüben die elektrischen Lampen. Der Mann hatte mit der Arbeit aufgehört. »Was machen die Bauern?« fragte Thea, »und was macht unsre liebe«, sie lächelte, »was macht unsre liebe Jakobine?« Bundschuh errötete und sagte: »Anna heißt sie, das haben wir schon lange klargestellt, Thea, ja, sie ist auch gekommen.« »Für mich heißt sie Jakobine«, lachte die junge Frau. »Für mich auch«, erklärte Riedel und stellte das Bier auf den Tisch. Thea brachte Butterbrote. »Und was sind deine Pläne, Eugen? Willst du mit nach Kanada fahren? Oder nach Brasilien zu den Affen?« »Ich habe genug an den Affen, die ich sehr gut kenne, Paule«, antwortete Bundschuh, »nein, ich bleibe hier.« »Und deine Jakobine?« fragte Thea. »Das weiß ich nicht«. »Aber ich weiß es«, lachte Thea, »ich weiß es.« »Und wirst du mir das süße Geschöpf einmal vorstellen? Wirst du sie mir auch verleugnen wie Thea?« fragte Riedel. »Laß die Witze, Paul«, sagte Thea, »wir werden uns herzlich freuen, Anna zu sehen.« Sie schwieg eine kleine Weile und sagte dann entschlossen: »Ja, das weißt du noch gar nicht. Also, ich habe meinen Bruder überredet, in Berlin eine Autogarage und Reparaturwerkstatt aufzumachen. Paul wird als erster eingestellt. Dann kommst du dran, wenn du Lust hast, Eugen.« Bundschuh riß die Augen auf und staunte. Da stand sie nun, diese unvergleichliche Thea, die Grünäugige, das hilfreiche Geschöpf, das sich der Partei verschrieben hatte, weil ihr Mann erschossen war, diese Frau mit dem sehnsüchtigen Herzen. Fa, sie hatte gesucht und gefunden, sie war gewogen und richtig befunden worden. Und der Mann, der ihr Nachricht gebracht hatte, daß Peter tot war, Paul Riedel, der sie in die Partei gestoßen hatte zu Herfurt, Uralski, Otto Müller und Willi – ach, einen großen und langen Weg mußte sie gehen, von Berlin über die Barrikaden des Weddings nach Moskau und Odessa, und jetzt stand sie auf ihrem Ausgangspunkt: ein Mensch, der sich im geliebten Freund endlich, endlich gefunden hat! Sie hatte mit ihrem Bruder gesprochen, und sie hatten ihr Geld zusammengelegt und machten zu Neujahr in Neukölln eine Autogarage auf. Die Liebe hob das Geld von der Bank, das Geld war rund und rollte, bewegte Maschinen, gab Brot, Frieden und Arbeit. Paul war der erste Arbeiter, der angestellt werden sollte. Und für Eugen war auch Platz da. Ihr Bruder verstand etwas vom Geschäft. Er war Ingenieur. Die Männer sehnen sich nach Tätigkeit, Ölgeruch muß um sie sein, Schweiß, Motoren, Schwingradachse, Vierradbremse, Hundertkilometergeschwindigkeit. Männer sind ewige Soldaten. Die Garage lag an einer Ausfallstraße Berlins, viel Betrieb ging durch die Steinschlucht, die Konkurrenz hatte bis jetzt alles übersehen. Und die Motoren, die Autos, die Drehbänke, das war schon etwas andres als der Tanz der gespensterhaften Hutpressen der Heimarbeit, an denen ein Vater mit seinen drei Töchtern bis in die Dunkelheit schuftete. Die Maschinen fressen den Menschen? Unsinn, die Maschinen sind die großen Ordner in der Unordnung der Zeit, sie werden auch das brüllende Chaos der Welt ordnen. Und nun begriff sie das Gedicht von Itschner, das sie in Moskau gehört hatte. Peterle? Was für ein Peterle? Der eine war tot, und den andren brauchte sie nicht mehr. Der süße rotbäckige Engel saß wieder in ihrem Herzen und sang und jubilierte. »Arbeit?« sagte Bundschuh und seine Muskeln wurden eisern. »Arbeit für Paul und mich? Ich gebe dir den ganzen Herfurt dafür, wenn du ihn haben willst, und den Uralski und den schönen Willi auch! Thea, liebe Thea«, sagte er und ihm war, als stünde er mit ihr aus dem Balkon des Hotel ›Lux‹ in Moskau, »liebe Thea«, begann er noch einmal und trat einen Schritt näher, »sage doch deinem Paule, daß er nicht hersieht. Ich muß dir einen Kuß geben!« Und er küßte sie. Sie wurde flammend rot, der Engel in ihrem Herzen sang ganz leise. Paul hatte sich nicht umgedreht. Warum soll er sich nicht freuen? Wer hat von den blinden Augen der blinden Göttin erzählt? Und wer hat ihn mit Thea versöhnt? Bundschuhs Lippen brannten. »Lieber, dummer Junge du«, sagte Thea. Dann ging sie behutsam und zärtlich zu Paul und ließ sich von ihm küssen. »Was sagst du zu diesem Mädchen?« fragte Riedel, als die kleine Ewigkeit des Kusses vorübergegangen war. »Was sagst du zu diesem Mädchen? Und an diesem Glück bist du achtlos vorübergegangen? Aus eins bin ich sehr neugierig, aus deine Jakobine! Wenn du sie triffst, einen Gruß von mir, und den Kuß, den du Thea gegeben hast, ist mir die Anna schuldig!« Und so saßen sie noch lange zusammen und verhandelten über den Kuß, der schuldig geblieben. Das Haus schlief. Jetzt gab es kein Erntefest mehr. Jetzt standen keine jungen Burschen mit ihren Mädchen in den Fluren. Und die Musik in den Instrumenten der Hofmusikanten war eingefroren. Aber die Lautsprecher lärmten. »Bist du zu Weihnachten in Berlin?« fragte Thea. »Ich weiß es nicht. Morgen fahre ich nach den Lagern, ich will Anna und meinen Verwandten suchen«, antwortete Bundschuh. Und dann ging er und ließ Thea und Paul allein. Vier Tage irrte Bundschuh an der Wasserkante herum. Er war in Hamburg und in Kiel gewesen, hatte sich mit den Behörden herumgeschlagen und endlich die Spuren seines Verwandten gefunden. Sie führten nach Penzlow. Und in dieser Stadt, Schicksal oder Zufall, saß Otto Müller als Parteisekretär. Mucki war bei ihm, und als er diesmal an der Türe klingelte, das Haus lag am Rande der Stadt, sagte Mucki nicht wie damals aus dem Wedding: ›Müller, Müller, Otto Müller, das dürfte wohl ein Irrtum sein, junger Mann, hier in diesem Hause wohnt schon lange kein Otto Müller mehr‹, Mucki lachte herzlich und sagte: »Hereinspaziert, Eugen, Momentchen mal, Otto muß sofort kommen. Wie kommst du denn in diese schöne Gegend?« Er berichtete von seinem Auftrag, und dann kam Otto. Er war immer noch glattrasiert und erfüllt von seiner Aufgabe. »Tolle Gegend hier«, sagte er, »überall bricht Bildung durch, aber nicht in Mecklenburg. Penzlow ist zwar nicht Mecklenburg, aber es könnte schon Mecklenburg sein. Ochsenköppe, weißt du. Granit ist gar nichts dagegen. Aber wenn sie es begriffen haben, dann sind die Jungens treu wie Gold.« Und dann erzählte er von seiner Arbeit. Die Stadt hatte wenig Industrie. Die Partei wurzelte in den Arbeitslosen der stillgelegten Ziegeleien. Sie hatte auch Stützpunkte auf dem flachen Lande, dort in dem Kaff ein kleiner Bauer, in jenem Kaff ein Landarbeiter. »Die deutschen Bauern sind hier«, sagte er, »und ich habe an Herfurt schon einen großen Bericht gegeben. Der Zauber muß aufhören. Unsre Leute werden unruhig. So geht das nicht weiter. Ich habe sie ja schon aufgeklärt über die Bauernfrage, ich war ja mit dir in Perlowka, wir haben auch schon eine Versammlung gehabt, ganz gut besucht, weißt du, aber ich bin dafür, reinen Tisch zu machen, Herfurt muß selber mal kommen und hier sprechen. Der wird das Kind schon schaukeln.« »Herfurt will sowieso kommen, Otto«, antwortete Bundschuh, »aber ich soll selbst mal das Lager besuchen. Wie aber komme ich hinein?« »Kleinigkeit«, lachte Müller, »wir haben die besten Verbindungen. Ein Mann bei der Polizei sympathisiert mit uns, er kann dir einen Ausweis verschaffen. Du siehst«, frohlockte er, »wir arbeiten und haben unsre Verbindungen. Hat dir Herfurt keinen Ausweis von seiner Zeitung gegeben?« »Doch, aber ich will nicht als Reporter kommen, lieber ist es mir, als Fremder aufzutauchen, weißt du, als Mensch, der sich für die Bauern interessiert. Was können und wollen die Bauern einem Reporter erzählen, der von der Zeitung kommt, die Herfurt herausgibt? Warst du schon im Lager?« »Was soll ich dort bei den Bazillenträgern des Faschismus?« entrüstete sich Müller, »ich kenne die Brüder ja von Perlowka her! Mir können die da«, er machte eine Handbewegung, »nichts vorwimmern. Ich weiß Bescheid ... Bleibe ruhig bei Mucki, in einer Stunde hast du deinen Ausweis!« Er gab Mucki einen zärtlichen Klaps und rannte davon. Sie blickte ihm mit verliebten Augen nach und seufzte. Immer unterwegs war Otto, immer in Besprechungen, immer in Versammlungen. Und alles lag in dieser kleinen Stadt und in den Dörfern wie auf einer flachen Hand. Sie hatte Angst, die kleine Frau. Manchmal träumte sie am hellen Tag, diese flache Hand würde sich schließen und in der geballten Faust die ganze Partei zerdrücken. Aber diese flache Hand war ihr tausendmal lieber als das versteinerte Dickicht in der Kellerstraße auf dem Wedding, in der Haß und Verbitterung Barrikaden bauten und Panzerwagen, Verwundete und Tote heraufbeschworen. Hier würde es keine Barrikaden geben und keine Panzerwagen. »Und was macht Riedel?« fragte sie endlich. »Das weiß ich nicht«, antwortete Bundschuh entschlossen, er entsann sich des Besuchs im Krankenhaus, wo Mucki dem angeschoßnen Riedel den Rücken zugedreht hatte. »Keine Ahnung, Mucki.« Was konnte und durfte er von Riedel erzählen? Sollte er sagen, daß Riedel und Thea Gärtner heiraten wollten? Sollte er von der Werkstatt erzählen, von seinem Verwandten und von Anna? Er war immer noch in der Partei, aber das Licht von einem andern Stern hatte ihn getroffen. Er dachte an die Bauern, die alles verloren hatten und das Schwerste ertrugen, weil Gott seine linden Hände unter die schweren Lasten legte. Unbegreiflich war ihm diese Ergebenheit in das Schicksal, diese Zuversicht im Jammer der Zeit, diese Jakobsleiter nach der Ewigkeit. »Und was macht Thea Gärtner? Sie soll nicht mehr bei Herfurt arbeiten«, sagte Mucki. »Thea kann machen, was sie will«, erklärte sie entschlossen, »sie hat meinen Otto gerettet, sie hat uns besucht, sie ist, und das werdet ihr Männer nie verstehen, eine seltene Frau. Das wäre was für dich, Eugen!« »Mucki«, antwortete Bundschuh und sah ihr ins Gesicht, »entsinnst du dich, als wir Otto brachten und nicht wagten, zu sagen, er läge unten im Hof? Und wie wir alle glaubten, er sei tot?« »Ja«, sagte sie leise, »immer denke ich daran.« »Gut, und der Riedel hat ihn mit aus dem Feuer getragen. Und dann haben wir ihn zur Thea gebracht. Und dann ist Paul andre Wege gegangen. Und jetzt, Mucki, jetzt, nachdem du so gut von Thea gesprochen hast, will ich dir sagen: Paul und Thea wollen gleich nach Weihnachten heiraten!« Zuerst erschrak Mucki, aber dann lachte sie und sagte: »Da besteht ja noch die Hoffnung, daß Paule ein richtiger Mensch wird! Aber das wollen wir für uns behalten, Eugen, Otto wird das nie verstehen ... Und was ist mit dir, Eugen, hast du auch was fürs Herz? Zu Weihnachten«, begann sie zu kuppeln, »zu Weihnachten besucht mich aus Berlin meine Freundin, die Helga, ein Prachtmädel, sage ich dir ganz im Vertrauen, die kann ruhig zu Thea Du sagen, so eine ist das, willst du uns nicht zu Weihnachten besuchen?« »Ich weiß nicht«, zögerte Bundschuh, »ich habe ja meinen Auftrag. Die Bauern, du weißt es ja.« »Du gehst an deinem Glück vorbei«, scherzte Mucki. Bundschuh lachte. »Nein, ich bin gerade auf dem Wege zu ihm.« »Wieso?« fragte Mucki mit erstaunten Äugen. Aber sie bekam keine Antwort. Otto stampfte ins Zimmer und schwenkte einen Zettel. »Hier ist der Ausweis«, sagte er, »du kannst noch heute ins Lager. Soll ich mitgehen?« »Danke, nicht notwendig, ich gehe lieber allein.« »Ganz wie du willst«, sagte er und war beleidigt, »ich dachte nur, ich könnte dir einige gute Tips geben.« Bundschuh lächelte. Das war Otto! Eine halbe Stunde im Lager von Perlowka und schon Fachmann in der russischen Bauernfrage! Mucki lächelte auch. Sie waren noch eine kleine Weile beisammen, und dann ging Bundschuh nach dem Lager, um seinen Verwandten und Anna zu besuchen. Das Lager war am entgegengesetzten Rande der Stadt in einer alten Kaserne eingerichtet und schien beim ersten Blick nicht mehr Deutschland zu sein. Bauern mit schweren Mänteln und Fellmützen standen im kahlen Exerzierhof. Frauen in bäurischer Kleidung, die jeder Mode trotzten, gingen zur Küche. Kinder, die wie kleine Männer gekleidet waren, Mädchen, die wie ihre Mütter alte Trachten trugen, standen am schmutzigen Treppenaufgang. Ein Mann in schwarzer Russenbluse lief mit einem Stoß Akten nach der Schreibstube und trug in der freien Hand eine Rechentafel mit den großen Holzkugeln. Das Mittelalter war in diesem Hof eingebrochen, hundert und zweihundert Jahre zurück. Und das alles fiel Bundschuh erst jetzt auf. Damals in Perlowka fügten sich diese Bilder harmonisch in das Bild Rußlands, und nun, aus der Entfernung, sah er durch dieses Lager Rußland in einer ganz andren Beleuchtung. Plötzlich stutzte er. Den Mann, der ihm entgegenkam, hatte er doch schon mal gesehen. Ja, er war in Perlowka gewesen, als der Student kam und für die Rückreise warb. Da war dieser Mann der erste gewesen, der gesprochen hatte. ›Und wie steht es mit der Religion?‹ hatte er gefragt. Anna hatte auch seinen Namen gesagt. Wie hieß er doch? Karsten hieß er, das war der Hufschmied Karsten, von dem sein Verwandter zum ersten Mal vom Kommunismus gehört hatte. In Marjanowka. Auch diese Geschichte kannte er. Und nun war er in Penzlow. Also mußten auch Jakob und Anna nicht weit sein. »Guten Tag«, grüßte er, »kennt ihr mich noch?« »Nein. Wer seid ihr?« »In Perlowka haben wir uns zum ersten Male gesehen, Hufschmied Karsten.« Der Hufschmied stutzte und schüttelte den Kopf. Dann richtete er die dunklen Augen auf Bundschuh und musterte ihn eindringlich. Plötzlich beugte er sich vor und fragte: »Ihr seid ...?« »Ja, ich bin ...«, lachte Bundschuh. »Eure Hand«, rief Karsten, nahm sich selber die Hand und schüttelte sie in seiner Schmiedefaust, »euer Verwandter wird sich freuen!« »Und wo ist er, mein Verwandter? Und wo ist sie, die Anna?« fragte Bundschuh und rieb die mißhandelte Hand. »Mensch, Karsten, so sagt doch, wo ist Anna? Ich habe schon alle Lager besucht.« »Sie ist hier bei eurem Verwandten,« antwortete Karsten, »aber ihr kommt in keiner glücklichen Stunde. Das Kind, die Anna, ist krank.« »Anna ist krank?« »Die Tochter Anna, ja, wißt ihr denn nicht, daß jetzt unsre Kinder sterben? In Kiel hat es begonnen. Anna ist bei dem kranken Kind! »Und Sophie?« »Die Frau eures Verwandten ist auch bei dem kranken Kind. Aber kommt, ich bringe euch zu eurem Verwandten.« Der Bauer Jakob Bundschuh saß allein in der kleinen Stube, den Kopf in die Hände gestützt. Warum starben in Deutschland die Kinder, da sie doch in Sicherheit waren? Sollte auch sein Kind sterben? Nein, er hob nicht den Kopf, als Karsten mit Bundschuh in das Zimmer trat. »Jakob«, sagte Karsten, »ihr habt Besuch.« Der Bauer nickte. »Euer Verwandter ist gekommen.« Der Bauer hob den Kopf. »Setzt euch, Verwandter.« Eugen setzte sich und Karsten ging. »Guten Tag, Jakob, wie geht es euch?« fragte Bundschuh und streckte seine Hand aus. Der Bauer aber übersah die Hand und sagte: »Grüß Gott, Eugen.« »Ihr seid nun glücklich in Deutschland?« »Ja, aber unsre Kinder sterben.« »Wie geht es eurer Tochter?« »Nicht gut.« »Was fehlt ihr?« »Lungenentzündung, sagt der Doktor. Wir haben sie bis heute morgen bei uns gehabt, aber dann sind sie gekommen, haben das Fieber gemessen und sie ins Krankenzimmer gebracht. Sophie und Anna sind bei ihr.« »Unsre Arzte verstehen die Heilkunst«, tröstete Bundschuh, »sie wird bald wieder gesund sein, die Tochter. Ihr müßt den Kopf hochheben, Jakob, ihr seid in Deutschland!« »Ja«, sagte der Bauer und hob gehorsam den Kopf. »Und wie gefällt es euch in der alten Heimat?« »Gut, es ist ein schönes reiches Land. Die Felder sind hier wie Gärten und die Städte sauber wie eine Sonntagsstube. Gut gefällt es uns. Und ihr habt ja auch für uns gesorgt, wir leben wie im Hause einer Mutter, Kleider gebt ihr uns, Wohnung und Essen, die Prediger kommen, und wir können frei beten und singen. Aber unsre Kinder sind krank. Unsre Kinder sterben, Verwandter.« Er senkte wieder den Kopf. Erde muß der Bauer haben, Kinder muß er haben, Felder bestellen, Weizen mähen, Vieh auf die Weide treiben, um Regen bitten, auf den Märkten feilschen, mit der Sonne aufstehen, mit der Sonne schlafen gehen. Sechs Monate schon waren die Bauern aus ihrer gewohnten Ordnung herausgerissen. Jetzt erst fühlten sie die grausamen Nackenschläge und jetzt erst, in der Freiheit, wurden die Kinder krank oder starben. »Eure Tochter wird euch bald wieder anlachen, Verwandter«, begann Eugen noch einmal, »und sie wird mit eurem Sohne spielen, wenn der erst da ist.« »Meint ihr, Eugen?« fragte Jakob und über sein ernstes Gesicht lief das Licht einer Freude, »ja«, sagte er, »ihr habt recht, Gott hat uns bis hierher geführt, und wird uns immer beistehen. Er ist gerecht. Wir müssen und dürfen auf ihn vertrauen ... Und nun erzählt von euch!« »Wie geht es Anna?« fragte Bundschuh. Zum ersten Male lächelte Jakob. »Sie hat euch doch geschrieben«, sagte er, »und ich will gehen und sie holen. Sie wird sich freuen, daß ihr noch einmal gekommen seid. Als ihr nicht mehr nach Perlowka kamt, hat sie viele Male nach euch gefragt. Hattet ihr euch verzankt?« »Verzankt? Nein, aber ...« »Ich will nichts wissen«, sagte Jakob, »und jetzt gehe ich und hole Anna. Sie würde mir nie verzeihen, wenn ich euch ihr vorenthielte.« Er ging und ließ Eugen allein. Da saß er nun; sein Herz hämmerte, seine Hände wurden unruhig wie die von Paul Riedel, wenn er in Theas Nähe war. Und um sein Herz, um seine Hände zu beruhigen, faßte er nach der alten Bauernkrippe und begann sie leise zu wiegen, hin und her, hin und her. Das alte Holz knarrte ein wenig. Die bunten Bemalungen verschmolzen zu neuen Figuren. Und mit jedem Hin und Her der alten Wiege beruhigte sich sein Herz, beruhigten sich die Hände. Zwei Herzen waren in die Wiege eingeschnitten, ein Herz oben am Kopf, ein Herz unten an den Füßen. Diese eingeschnittenen Herzen waren die Griffe. Und so saß er da und schaukelte die Wiege, als Anna kam. Er sprang auf, die Wiege schaukelte, Anna stand vor ihm. Sie gab ihm die Hand, als sei nichts gewesen und sagte: »Guten Tag, Eugen. Nun sind wir endlich glücklich daheim in Deutschland.« »Guten Tag, Anna. Ich danke Gott, daß ich euch endlich sehen darf.« Sie warf ihm einen flammenden Blick entgegen. »Kanntet ihr den Mann, der euch damals in Perlowka begrüßte?« fragte sie und wartete angstvoll auf seine Antwort. »Ja, ich kannte ihn.« »Und sagte er die Wahrheit, ihr hättet dort in Berlin ...?« »Er sagte die Wahrheit, Anna.« »Die Wahrheit? Und ihr werdet nicht rot und schämt euch?« »Nein, ich schäme mich nicht, aber rot werde ich in eurer Nähe, Anna ... Setzt euch«, bat er nun, »ich habe euch viel zu erzählen. Sagt aber erst, wie es dem Kinde geht.« Sie setzte sich. »Dem Kinde geht es besser. Das Fieber ist immer noch hoch, aber wir haben Hoffnung ... Und nun erzählt, Eugen.« Leise und stockend begann sein Bericht. Mühsam kamen zuerst die Worte, dann wurden sie rund und fließend und rückschauend war eine strenge Gesetzmäßigkeit in allen seinen Handlungen gewesen. Er erzählte, wie er am Vorabend des 1. Mai aus Werder nach Berlin gekommen war, um seinen Freund Müller zu besuchen. Mucki hatte die Türe zugeschlagen und nicht gewußt, daß sie eine andre Türe dabei aufriß, die Türe zu einem Schicksal. Dann berichtete er von der Barrikade, von den Panzerwagen, von der Schießerei, von den Verwundeten und den Toten. Endlich sprach er vom Russen Willi und von Uralski. Und als er von Kolja Uralski sprach, hob das Mädchen den Kopf. »Uralski? Das ist komisch. Ein Uralski hat meinem Vater schlimm mitgespielt. In der Baschkirensteppe. Er hat uns vom Hof vertrieben«, sagte sie. »Wie alt ist denn euer Herr Uralski in Berlin?« »So alt wie ich, Anna. Und Kolja heißt er. Aber mein Freund ist er nicht. Nein.« Sie saß mit gerunzelter Stirne da. Die Hände lagen in ihrem Schoß. Und nun entsann sie sich. »Kolja?« rief sie laut, »Kolja, ja, ich erinnere mich genau, ein Knabe war dabei, ein schwarzhaariger, und Kolja hieß er. Gesprochen hat er mit mir, aber er konnte kein Deutsch... Und mit solchen Menschen arbeitet ihr zusammen, Eugen?« entsetzte sie sich. Sie hatte den Bericht über den Besuch und die zugeschlagne Türe, den Aufstand und die Barrikade, den Bericht über die Verwundeten und Toten fiebernd miterlebt. Sie war die Tochter eines Pioniers, kannte Baschkiren und Tataren, hatte selbst Rauch und Blut und Pulver gerochen, und das Politische zerschmolz, wurde menschlich und männlich. Aber dann nahm es doch andre Gestalt an, als von Uralski gesprochen wurde. Ein Uralski hatte die Eltern aus der Steppe nach den Bergen vertrieben. Uralski war der böse Feind. Und der hatte seinen Sohn nach Deutschland geschickt und Eugen arbeitete mit ihm zusammen. Sie wußte nicht mehr aus und ein und rang verzweifelt die Hände. »Anna«, sagte Eugen zögernd und suchte ihren Blick zu fangen, »ihr dürft mich nicht an einem Uralski messen. Ihr wißt, ich bin nicht euer Feind, sonst säße ich nicht hier.« »Wie könnt ihr unser Feind sein, da ihr doch wißt, wie sie es mit uns getrieben haben«, sagte sie verwundert. »Wie könnt ihr ein Feind sein, da ihr doch der erste Mensch waret, der mir Gutes von der Heimat erzählt hat. Nein, ihr seid nicht unser Feind«, rief sie aus, und ihr Herz ging rasend in der Angst, er könne aufstehen und fortgehen, »ich glaube an euch, Eugen!« Sie griff nach seiner Hand und hielt sie fest. In diesem Griff lag Kraft und Süße einer liebenden Frau. Eugen spürte diesen Griff wie eine Besitzübernahme. Und da er ein Mann war und selbst siegen wollte, sagte er: »Auch ich glaube an dich, Anna. Und zehnmal war ich in Perlowka, und immer habe ich vergeblich nach dir gefragt.« »Ich weiß es«, antwortete sie und nahm zögernd die Hand zurück, »ich weiß es, aber dafür habe ich den ersten Gruß und Brief geschrieben.« Er sagte nicht mehr ›ihr‹. Sie hatte es gut gehört. Und mit Bedacht vermied sie bei ihrer Antwort die Anrede. Sie war klug und scheu und selig. Und wenn es auch einen Uralski gab, was konnte er ihr anhaben, wenn Eugen ›du‹ zu ihr sagte? Sie wartete fiebernd auf die Entscheidung. »Bleibt Jakob in Deutschland?« Das war noch keine Entscheidung, aber sie ahnte den Sinn dieser Frage. »Ich weiß nicht, was die Männer beschließen, vielleicht fährt Jakob mit dem Schreiber nach Kanada. In Manitoba soll es gutes Land geben.« »Und du, Anna?« fragte Eugen bestürzt. Sie lächelte und sagte: »Ich bleibe hier.« Bundschuh stand auf, schob die Wiege beiseite, faßte das Mädchen fest um die Hüften und hob es auf. Er konnte sich nicht anders helfen. Und als er diese lebendige Last in den Muskeln spürte, als der Duft des süßen Leibes seine Sinne verzauberte, kamen ihm die Erinnerungen an die andern Lasten, an denen er damals mitgetragen hatte. Er dachte an den Schleusendeckel, den er auf den Rand der Barrikade riß und an den leblosen Mann, den er mit Paul Riedel aus dem tötlichen Feuer trug. Herrlich war es, eine Barrikade zu bekrönen, gepriesen war es, den leblosen Mann aus dem Feuer zu schleppen, gesegnet und selig aber war die Last des geliebten Geschöpfes, das er jetzt in die Höhe hob. Er fühlte ihr Blut und ihren Leib. Und er hörte über sich eine süße, erschreckte Stimme: »Eugen, setz mich wieder auf die Erde!« Zwölftes Kapitel E ugen Bundschuh hatte seinen Bericht gegeben und nicht verschwiegen, daß die Bauern beinahe nackt in den Lagern saßen und auf die Pässe nach Kanada und Brasilien warteten. Sie wollen weiter, sagte er, drei oder vier Bauern kaufen sich in Mecklenburg und in Württemberg an, die Kinder sterben, es ist ein Jammer, und eine Aktion gegen die Flüchtlinge ist Vorstoß in den leeren Raum. Müller widersprach wütend und erklärte, die Penzlower Genossen seien entschlossen, gegen ›die Bazillenträger des Faschismus‹ zu demonstrieren. Herfurt nickte, Uralski kaute die seidenweichen Enden des schwarzen Schnurrbartes und trommelte aufgeregt mit dem rechten Lackschuh den Takt des Budjonnimarsches. »Nur keine Sentimentalitäten«, sagte er, »wir wissen, die Flüchtlinge sind für die Partei eine große Gefahr, sie rennen unsre schönsten Versammlungen über den Haufen. Moskau wünscht, daß die Aktion endlich beginnt.« »Die Aktion hat begonnen, Kolja«, sagte Herfurt, »in unsren Zeitungen haben wir viele Berichte.« »Wer liest schon unsre Zeitungen?« höhnte der Russe, »die Öffentlichkeit ist zu mobilisieren, wir müssen aufmarschieren und es darauf ankommen lassen. Fünf Millionen Arbeitslose habt ihr, und eure Regierung unterstützt konterrevolutionäre Elemente! Könnt ihr«, er wandte sich an Müller, »in drei Tagen eine Demonstration zusammenbringen?« »In zwei Tagen«, erklärte Otto Müller. »Also in drei Tagen. Ich komme selber hinüber. Herfurt wird sprechen, Müller und Bundschuh, der die Lager besucht hat und die Bauern kennt.« Herfurt schob wütend das Hammerkinn vor und erklärte: »Das sowieso, ich habe bereits in Berlin gesprochen, Kolja, und spreche natürlich auch in Penzlow.« »Einen Tag vor dem Heiligen Abend?« fragte Bundschuh. »Einen Tag vor dem 24. Dezember«, antwortete Müller. »Du fährst mit Müller heute nach Penzlow«, sagte Herfurt. »Ihr bereitet alles gut vor. Erst die Demonstration, und dann am Abend die Versammlung. Habt ihr auch einen großen Saal, Müller?« »Ja, den Roten Adler.« »Gut«, sagte Herfurt und ließ den goldnen Deckel seiner goldnen Uhr springen, »ihr kommt gerade noch zum Zug, wenn ihr euch beeilt.« Sie beeilten sich, und während der Fahrt wurde über die Bauern gesprochen. Bundschuh ließ Müller reden und dachte an Anna. Ja, er hatte sie wieder auf die Erde gestellt, auf die Füße gestellt, Jakob war gekommen, und er hatte alles gefühlt. Steinern wurde sein Gesicht, kalt und alt die grauen Augen. Und als er mit Eugen sprach, sah er weit und fern über ihn hinweg durch alle Mauern zurück in die Krim in jenen Tag, als der Vater starb und er Anna zum ersten und zum einzigsten Male küßte. Eugen hatte in den letzten Monaten sehr wenig über politische Dinge gesprochen. Um was ging der ganze Kampf auf der Welt? Gerechtigkeit! Aber wo gab es eine Gerechtigkeit? Überall siegte die Macht und die Schlechtigkeit. Und die Macht schuf sich ihre eignen Gesetze. Aber auch der Mensch schafft sich seine eignen Gesetze, und sie zerbrechen das Schneckengehäuse verkalkter Lehrsätze. Eugen Bundschuh hatte schon einige verkalkte Lehrsätze grauer Schneckengehäuse zerbrochen. Er dachte an Riedel. Paul Riedel war von der Partei als Spitzel zu den Hakenkreuzlern geschickt worden. Der Spion hatte sich in einen Gefolgsmann verwandelt. »Nur wer sich wandelt, der ist mir verwandt!« Wer hatte das geschrieben? Müller unterbrach das Gewebe seiner Gedanken und sagte: »Du hast ja einen Ausweis, Eugen, und kannst sofort in das Lager gehen. Dich kennen die Bauern. Und uns«, er lachte, »uns werden sie in drei Tagen kennenlernen, bereite dich gut vor. Hast du schon mal öffentlich gesprochen?« »Nein.« »Ich werde dir das Referat ausarbeiten«, erklärte Müller großmütig, »für mich ist das eine Kleinigkeit.« Eugen nickte, und Müller erzählte von der Parteiarbeit. Als Penzlow erreicht war, verabschiedete er sich sehr schnell, um die Versammlung zu organisieren. Er glühte vor Stolz, Herfurt, der große, berühmte Hans Herfurt würde kommen, und er durfte neben ihm stehen und selbst eine Rede in den Saal des Roten Adlers donnern. Es war kalt. Der Himmel hing voller Schneewolken. Die kleine Stadt sah verschlafen aus, der große Park kahl und ohne Hoffnung. Auf dem eisfreien, bleigrauen See schwammen die feierlich schwarzen Taucher. Langsam, langsam ging Eugen durch diesen kahlen Park. Schritt um Schritt ging er, ein Mann, der das Ziel kennt und nicht mehr zu suchen und zu eilen braucht. Das Lager fror am Rande der Stadt. Die Bauern liefen in alten Pelzen herum, aber schon konnte man Männer und Frauen sehen, die billige Konfektionskleider trugen. Um braune, sehnige Bauernhälse schlossen sich hohe gestärkte Kragen. Ein junger Bursche mit wildem Adlergesicht hatte einen harten, schwarzen Hut auf. Der Hufschmied Karsten und der Schreiber Mayer standen im Hofe und nickten Eugen gelassen zu. Sie fuhren nicht mit nach Kanada. Gestern war ein Karl Karsten gekommen, ein Mecklenburger Bauer, ein Verwandter des Hufschmieds, die Männer hatten über Land und Arbeit gesprochen. Der Gemeindeschreiber verstand zu reden und zu schweigen, und in einer tiefen Gesprächspause klingelte er mit einigen Goldstücken. Ja, er hatte Gold, der Gemeindeschreiber! Ihm war es geglückt, tausend Goldrubel, im Doppelboden einer Truhe versteckt, über die Grenze zu bringen. Von Gold kann kein Mensch leben, aber vom Land kann er leben, und so stand er jetzt im kahlen Winterhof des Lagers mit dem Hufschmied Karsten zusammen und schmiedete an einem großen Plan. Die Stube, die der Bauer Bundschuh bewohnte, war leer. Die Betten auf den Drahtpritschen machten mit ihren bunten Farben die kahle Kammer ein wenig freundlicher. Auf dem einfachen Holztisch standen halbgefüllte Teller. Das Brot war angeschnitten, die Suppe dampfte noch ein wenig, die niedrigen Schemel hatte eiliger Aufbruch zur Seite gestoßen. Bundschuh starrte in die kahle Kammer, dann lief er aus den Hof. Was war geschehen? Er traf den Hufschmied, der immer noch mit dem Schreiber zusammenstand und fragte: »Wo ist mein Verwandter?« »Der Tochter geht es nicht gut«, antwortete der Gemeindeschreiber, »sie liegt im Sterben. Die Frauen sind nach dem Krankenzimmer gegangen.« »Die kleine Anna stirbt?« Ach, viele Kinder starben in den Lagern! Wie weiße Kerzen löschten sie aus! Eugen rannte über den Winterlichen Hof nach der Krankenstube. Die kleine Anna lag im Sterben und war schon von den andren Kindern getrennt worden. Jakob stand mit unbeweglichem Gesicht in der Kammer vor dem Fieberbett der Tochter. Er schloß und öffnete die harten Hände. Wie Klammern schlossen sich die hornharten Finger. Ihr Werktagsgeräusch knarrte in das hilflose Weinen einer Frau. Sophie lag auf den Knien und jammerte. Neben ihr auf den Knien lag Anna. Sie betete. Die blanken Tränen rollten ihr übers Gesicht. Sie nickte Eugen zu, von dem Fußboden aus, ihr Blick kam von der Ewigkeit her und ging wieder zur Ewigkeit. Die Brust des Kindes hob und senkte sich. Der kleine Mund war farblos, und die Fieberaugen sahen schon das Licht einer andren Welt. Die kleinen, zarten und zerbrechlichen Hände irrten über die Decke und versuchten, das Wasserglas zu erreichen. Jakob ging mit einem riesigen Schritt ans Bett, stand hoch über den betenden Frauen, stützte das Kind und gab ihm zu trinken. Der junge Doktor kam in die Sterbekammer und ging mit ohnmächtigen Schritten wieder davon. Jakob stellte das Glas auf den Tisch, wischte sich den Schweiß von der Stirn und baute sich neben Eugen auf. Der kühle Trunk hatte das kranke Kind beruhigt. Sanft und selig lag es da, heiter wurde das Gesichtlein. Aber plötzlich verschmolz es in unbeschreibliche Verwunderung. Der kleine Leib erhob sich ein wenig aus den Kissen. Dann sank er zurück. Der Mund wurde grau und fahl. In den Augen war noch eine Sekunde lang goldner Glanz. Die Mutter hob den Kopf. Ihre Lippen bewegten sich lautlos. Aber dann stand sie auf, schrie, fiel wieder auf die Knie und rutschte noch näher an das Bettchen heran. »Anna, Anna, Annuschka!« schrie sie auf, »hörst du mich, mein Engelchen?« Ihr Leib wurde von Schmerzen geschüttelt. »Vater unser, der du bist im Himmel, zu uns komme dein Reich, dein Wille geschehe im Himmel wie auf Erden«, betete Jakob und beruhigte seine harten Hände. »Amen«, sagte Anna. Sie schob sich auf den Knien zu Sophie hin, legte ihren Arm um den bebenden Nacken und betete. Und das leise ergebene Beten brachte der verzweifelten Mutter Trost. Eugen griff nach der betenden Doppelfaust Jakobs. Es gab keinen Arbeiter Bundschuh mehr und keinen Bauern Bundschuh. Zwei Männer standen da, zwei Frauen knieten am Bett eines toten Kindes. Viele Kinder waren gestorben, viele Kinder werden noch sterben. Trauer wird sein und Tränen werden fallen, viele Kinder sind geboren worden, viele Kinder werden noch geboren. Freude wird sein und Gelächter wird erklingen. Und jetzt an diesem Sterbebett in der Kammer des Lagers erkennt Eugen Bundschuh die Schicksalsgemeinschaft der Menschen. Er hat für die Menschheit geschwärmt und gekämpft, aber aus dem Sternennebel der Menschheit lösen sich die Sonnensysteme der Völker und bewegen sich nach eignen Gesetzen, werden ewig sein oder untergehen, auch wieder nach ihren eignen Gesetzen. Die Bauern im Lager waren Volk auf der Flucht. Sie waren eine Schicksalsgemeinschaft, mit Feuer getauft, im Blut gebadet. Und nun am Bett des toten Kindes sieht er die Schicksalsgemeinschaft seines Volkes und ahnt die ewigen Gesetze, nach denen ein Volk leben muß oder untergehen muß. Aufstieg oder Untergang. Er kann nicht anders, er kann sich nicht mehr gegen das Volk stellen, die vielen Gespräche fallen ihm ein, die er geführt und gehört hat, Nation und Internationale, Partei und Volk, Klasse und Schicksalsgemeinschaft. Der Osten und der Westen. Klassenkampf oder Einigung aller gesunden Kräfte. Ja, er will im ›Roten Adler‹ sprechen. Er will die Wahrheit sagen! Anna erhebt sich vom Fußboden und führt die weinende Sophie langsam hinaus. Eugen und Jakob folgen zögernd. Sie gehen über den kahlen Hof nach der Stube, setzen sich an den Tisch, löffeln die Suppe, brechen das Brot und schweigen und schweigen. Sophie weint immer noch. Die Tränen fallen ihr in die Suppe und auf das Brot. Und sie ißt mit dem Brot und der Suppe die Tränen, die sie um ihre tote Tochter weint. Salzig sind die Tränen, bitter ist der Tod. »Mutter«, sagt Jakob, »weint nicht mehr. Unser Kind ist bei Gott.« »Unser Kind ist bei Gott«, antwortete Sophie gehorsam und die Tränen fallen immer noch auf das Brot. »Weine, Sophie«, sagt Anna, »die Tränen der Mütter waschen den toten Kindern die Stufen in den Himmel, damit kein Staub ihre Füßlein bedecke.« »Anna, Anna, du Engelchen«, schluchzt Sophie und schiebt das Brot beiseite, »warum hast du mich verlassen?« Der Bauer steht auf. »Kommt, Verwandter«, sagte er, »wir gehen in die Stadt.« Eugen erhebt sich. Wann waren ihm zum letzten Male die Augen feucht geworden? Er weiß es nicht mehr. Er hat geweint, als der Vater starb, er hat geweint, als die Mutter starb, aber das war vor einer Ewigkeit geschehen. Und nun steht ihm das Wasser in den Augen, und er schämt sich nicht. Nein. Anna sitzt bei Sophie, ihr Gesicht ist schön und klar. Sie weint nicht mehr. Sie gibt ihm die Hand, und er fühlt ihre Liebe. Und dann geht er mit Jakob aus der Stube. Karsten und der Gemeindeschreiber stehen und erzählen immer noch im Hof. Sie geben Jakob und Eugen schweigend die Hände und reden dann wieder von dem Ödland und den neuen Maschinen, die sie kaufen wollen. Karsten hat die Hilfe seines Verwandten gefunden, und morgen wollen sie das Land besichtigen. Einen Tag vor dem Heiligen Abend wurde das Kind Anna begraben. Bundschuh war noch zweimal im Lager gewesen. Jeden Tag führte sein Weg durch den kahlen Park unter den Schneewolken in die Kaserne. Grau und fahl war das Licht geworden. Die Wolken verdüsterten das Land, aber sie gingen nicht auf, es schneite nicht. Die Sonne. Wo war die Sonne? Sie hatte ihren tiefsten Stand erreicht, sie mußte sich schon wieder der Erde nähern, und sie näherte sich auch hinter den grauen Wolken, aber sie blieb unsichtbar. Sophie weinte nicht mehr. Die Tränen waren ihr versiegt, die Augen leere Brunnen, das Gesicht Maske des Schmerzes. Sie saß den ganzen Tag aus dem niedrigen Schemel. Und als sie das Kindlein wuschen und einkleideten, die Hände über der Brust falteten und einen Tannenzweig dazwischen steckten, da war sie wie eine Puppe unbeholfen über den Hof gegangen, gestützt von Jakob und Anna. Ihre Füße schmerzten bei jedem Schritt. Ihr Mund war ausgedörrt und dann wieder bitter wie von aufsteigendem Blut. Und dann stand sie vor dem toten Kind und entsann sich jeder Stunde. Wo es geweint oder gelächelt hatte. Die kleinen Ärmchen streckten sich aus. Die großen blauen Augen Waren wie himmlische Gewässer gewesen, in die Licht und Schatten fielen. »Wie ein Englein schläft euer Kind«, tröstete die Frau des Hufschmieds Karsten. Sophie schüttelte den Kopf. Nein, die Englein schliefen anders. Sie schliefen wie die kleinen Kinder in den Wiegen, die süßen Ärmchen erhoben, die Gesichter rosig vom Schlaf. Das Gesicht der toten Tochter war wie Alabaster. Kühl war das Gesicht und jenseits. Und da fühlte sie einen heftigen Schlag in der Brust. Das eingefrorne Blut begann zu schäumen Ihre Brüste hoben sich. Aber das alles geschah nur eine Sekunde. Sie schämte sich plötzlich, als habe sie einen sündigen Zuruf vernommen. Und als sie nun sich niederbeugte und zum letzten Male die Tochter küßte, kamen ihr wieder die Tränen. Aber es waren Tränen der Erlösung. Sie fühlte eine Last in ihrem Nacken, aber sie trug die Last, richtete sich auf und betete: »Der Herr hats gegeben, der Herr hats genommen, der Name des Herrn sei gelobt!« Anna und Eugen hatten in den zwei Tagen wenig miteinander gesprochen. Sie nickten sich zu, sie gaben sich die Hände, fühlten ihre Nähe und Vertrautheit und verstanden sich, ohne zu sprechen. Um Sophie sorgten sie sich und waren wie zwei Soldaten nach einer Schlacht, die einen Freund begraben müssen. Die Kanonen schweigen. Blut liegt noch auf der Erde, das Grab ist geschaufelt, bald poltern die Schollen auf den Sarg. Erde zu Erde, Asche zu Asche, Staub zu Staub. Sophie saß in der Stube mit ausgeweintem Gesicht und schwellendem Herzen. In der Sekunde bei ihrem toten Kinde hatte sie den Ruf der Natur vernommen, die große Mutter rief, und der große Vater nickte mit dem Kopfe. Jakob ging unruhig hin und her, ein Mann, dem die Kammer zu eng geworden ist und der weite Sicht und einen endlosen Himmel über sich haben muß. Anna und Eugen verließen das Lager und gingen unter den dunklen, kahlen Baumkronen des Parkes. Die grauen Wolken wollten und konnten ihre Lasten nicht mehr tragen. Es schneite. Und im weißen, fallenden Schnee schob er seine Hand unter ihren Arm und begann von seinem Auftrag zu erzählen. Sie hörte kaum zu, ihr genügte es, daß er bei ihr war, so nahe, so eng, so dicht. Ach, Eugen! Ihr genügte es, daß sie ihre Schritte im Gleichmaß seiner Schritte setzte. Er wollte nicht mit, das Kind begraben? Es war nicht sein Kind, er hatte es sterben sehen, hatte sich die Augen gewischt, er war ein Mann und mußte seine Pflicht tun und seinen Auftrag erfüllen. Und als er sie zum Abschied küßte, zum ersten Male waren sie ganz allein gewesen, in Perlowka war das Lager, hier in Penzlow die Flüchtlinge, jetzt aber standen sie im reinen, fallenden Schnee. Und als er sie küßte und ›Auf Wiedersehn‹ sagte, sah sie ihm wunschlos glücklich nach und ging nach dem Lager zurück. Am Nachmittag, die Totenglocke klagte, trafen sich in der Stadt zwei Züge. Den einen Zug führten Müller und Herfurt. Uralski ging mit in der Reihe und Eugen Bundschuh. Den anderen Zug führten Jakob, Sophie und Anna. Karsten und der Gemeindeschreiber gingen mit in der Reihe und viele Männer und Frauen aus dem Lager. Und am Marktplatz, der Schnee fiel und fiel, stießen die beiden Züge zusammen. Die Bauern sangen ein altes Kirchenlied, und die Arbeiter sangen die ›Internationale‹. Müller entdeckte zuerst die Bauern und rief: »Nieder mit den Kulaken, nieder mit den Feinden der Sowjetunion!« Die Demonstranten unterbrachen ihren Gesang: »Nieder mit den Feinden der Sowjetunion!« Der Trauerzug stockte, das fromme Lied erstarb. Zwei Welten stießen zusammen. Jakob trug den kleinen Sarg vor der Brust, rechts stand Sophie, links stand Anna und vor ihnen jetzt Müller, Herfurt und der dünne, blasse Erwin. Sie konnten sich in das Weiße ihrer Augen sehen. »Macht Platz, ihr Bauern«, rief Müller, »was wollt ihr in Deutschland? Wir haben selber nichts zu fressen!« »Wir begraben ein Kind«, sagte Anna und trat ein wenig vor, »habt ihr keine Ehrfurcht vor dem Tode?« Uralski hörte die Stimme, und er hörte in ihr die andre Stimme der Baschkirensteppe, die Stimme des kleinen Mädchens. Er drängte sich vor und stand vor Anna. Ja, ja, ja, das war sie, diese Augen, dieser Mund, dieses rundgemeißelte Kinn! Und jetzt blitzten ihn die blauen Augen an. »Sagt euren Leuten, daß sie den Weg frei geben«, sagte sie und erkannte den Führer, »euch werden sie gehorchen.« »Nein, wir geben den Weg nicht frei«, schrie Müller, »die Straße ist unser, vorwärts, Genossen, es geht weiter!« »Halt, halt, halt!« rief Uralski, »einen Moment mal, einen Moment, Genossen!« Herfurt verließ die Spitze und reihte sich am Ende des Zuges ein. Er witterte Gefahr. Bundschuh hatte Anna rufen hören und eilte vor. Und nun stand er neben Uralski, und als er das Mädchen erkannte, verfärbte sich ihr Gesicht. Ach, es war vorbei, alles war Lug und Trug, Traum und Schaum, er stand auf der andren Seite, und es gab keine Brücke. Nein. Die Bauern murrten. Die Arbeiter drängten vor. Und plötzlich fiel der erste Stein. Er kam wie der Schnee aus der Höhe und traf Anna an die Brust. Sie taumelte. Uralski stieß einen tierischen Schrei aus. Er stürzte vor, um das Mädchen zu stützen. Die Zeitungen flatterten aus seinem Mantel. Er ließ sie flattern, der kleine Baschkire mit den krummen Beinen und den Lackschuhen, er vergaß seinen Auftrag und sein Mandat. An die Steppe dachte er und an die erste Begegnung mit Anna. Aber da wurde er zur Seite gestoßen. Eugen stieß ihn zur Seite, hielt das taumelnde Mädchen in den Armen und fragte besorgt: »Haben sie euch weh getan, Anna?« »Nein«, sagte sie, »aber wo kommt ihr her?« Ihr wurde alles blitzklar, und nun sagte sie: »Geht zu euren Freunden, wir haben miteinander nichts mehr zu tun.« Uralski erhob sich aus dem Schnee. Müller begann mit der ›Internationale‹, die Arbeiter drängten sich vor, und nun kam die Polizei. Sie schob sich als Keil zwischen die Züge, zwischen die Arbeiter und die Bauern. Sie verhaftete Erwin und Mucki, die vorgelaufen waren, und endlich setzten sich die beiden Züge wieder in Bewegung. Jakob hatte nichts gerufen. Er hielt den Sarg der toten Tochter in den Armen, er starrte auf die Arbeiter, er starrte Eugen ins Gesicht, sein Blick brannte sich in Uralski fest: das also war Deutschland? Davon hatten sie geträumt und gebetet? Steinwürfe gegen das Kind, Steinwürfe auf Anna, Schmährufe auf die Bauern: das war Deutschland? Er preßte den Sarg enger an sich, schritt nach dem Friedhof, und Sophie folgte, und Anna folgte, der Hufschmied stapfte durch den Schnee und der Schreiber. Jakob dachte an den Kaukasus, an den Zusammenstoß zwischen den Tschentschenzen damals, als er mit seinen Freunden vermißte Bauern suchte. Auch damals fiel Schnee, auch damals stießen zwei Welten zusammen. »Friert ihr, Anna?« fragte Eugen, als das Mädchen schauderte und den Mantel enger um sich schlug. »Was wollt ihr? Ich habe nichts mehr mit euch zu tun!« »Doch, Anna, wir haben miteinander zu tun. Jetzt für immer«, sagte Eugen und faßte nach der kalten Hand, »habt ihr vergessen, was ich euch im Park erzählte? Ihr kommt aus dem Kaukasus und aus der Krim, aber euer Weg nach Deutschland ist nicht so weit wie mein Weg, der nur von Werder nach Berlin führte, und jetzt gehen wir gemeinsam.« »Wir haben nichts mehr miteinander zu tun«, sagte Anna zum dritten Male, aber sie duldete, daß er an ihrer Seite blieb bis zum Friedhof, daß er demütig seinen Kopf entblößte und eine Handvoll Erde aus den Sarg warf. Sie duldete, daß er mit ihr den Friedhof verließ, und als sie im Park mit ihm reden wollte, war er verschwunden. Sie blieb stehen. Ihr Atem setzte aus. Wo war Eugen? Und jetzt entsann sie sich, was er erzählt hatte. Es war, als erreichten erst jetzt seine Worte vom Vormittag ihr Ohr. Sie ging weiter, faßte Sophie um und saß dann bis zum Abend stumm in der Stube. Dann verließ sie mit Jakob das Lager. Die Versammlung im ›Roten Adler‹ war überfüllt. Der Zusammenstoß am Markt hatte die Stadt rebellisch gemacht. Steinwürfe gegen einen Trauerzug! Schmährufe gegen Leidtragende! Front gegen Feinde der Sowjetunion! Aufmarsch gegen Dorfwucherer und Saboteure des Großen Plans! Müller sprach als erster und polterte einen schlechten Leitartikel in den rauchigen Raum. Dann erhob sich Herfurt, begann klug und kühl von den Ursachen der Auswanderung, und als er vom eignen Verschulden der Bauern sprach, die ohne Grund das Land verlassen haben, gellte der erste Zwischenruf hoch. Eine Frau hatte gerufen, Anna. »Lüge!« rief sie in den Saal. Uralski schnurrte wie ein Panther und suchte Anna. Er fand sie, aber neben ihr saß ein Riese, Jakob saß neben Anna. Herfurt hatte sich nicht stören lassen, über eine Stunde sprach er weiter, überzeugend, witzig, die Versammlung lachte und klatschte Beifall, und als er schloß, dröhnte Beifall und wollte die Wände sprengen. Müller klingelte. »Genosse Bundschuh hat das Wort.« Im Saal entstand Unruhe, Jakob hatte seinen Namen gehört, er stand auf und wollte zur Tribüne. Bundschuh? Ach so, der Eugen sollte sprechen! Er setzte sich wieder. Sein Blick fiel aus den Russen, der Anna anstarrte, Jakob ballte die Fäuste. Der Baschkire sollte es nur wagen, näherzukommen! Eugen stand nun aus der Tribüne, sah unter sich die erhobnen Gesichter, suchte Anna und fand Anna. Sie saß dicht neben Jakob in der zweiten Reihe. Und nun begann er zu sprechen. Er erzählte von seiner russischen Reise und von den Bauern, die das Land verlassen hatten, Nein, er war kein Versammlungsredner, er deklamiert nicht wie Müller und schauspielerte nicht wie Herfurt. Klar und einfach kamen ihm die Worte und Bilder. »Mein Freund Otto Müller hat das Lager von Perlowka besucht«, sagte er, »er war eine halbe Stunde dort und ist sozusagen Fachmann in der Bauernfrage.« Der Saal lachte, Jakob verzog das Gesicht. Müller bekam große Augen und Mucki, sie war wieder frei, stieß Erwin den Ellenbogen in die Rippen. »Unser Freund Herfurt war überhaupt nicht im Lager«, rief Bundschuh, und durch den Saal lief eine erstaunte Bewegung wie eine große Woge mit weißem Schaum. In der linken Saalecke begann man heftig zu klatschen. Dort saß die Jugend, Bauernknechte, Schüler, junge Arbeiter. »Ruhe, Ruhe da drüben!« rief der Saalschutz. Uralski spitzte die Ohren. Herfurt schob das Kinn vor. Bundschuh sprach weiter. »Genosse Herfurt hat mich beauftragt, die Frage der Auswanderung zu studieren, und ich habe sie studiert.« Der Saal klatschte Beifall. »Ihr kennt doch die Fabel von Äsop«, fuhr Bundschuh fort. »Das ist die Geschichte von den Händen, Füßen, Augen und Muskeln, die sich gegen den Magen empören, weil sie arbeiten müssen und der Magen, der faule Hund, arbeitet nicht, er verdaut nur. Und da erklären sie dem Magen Streik, die Hände und die Muskeln, und der Magen sagt: ›Gut, aber dann müßt ihr auch verdauen.‹ Und weil die Hand und der Fuß nicht verdauen kann ... nun, ihr versteht schon.« »Zur Sache!« rief Uralski. »Ich spreche zur Sache«, erklärte Bundschuh, »bei uns haben in den vielen Fahren nicht nur Hände und Muskeln gestreikt. Von den Händen lösten sich die Finger und machten sich selbständig im Deutschen Fingerverband. Aus diesem Verband traten die Nägel aus und organisierten sich im Verein der Fingernägel und führten Krieg gegen den Verein der Zehennägel. Von diesen Vereinen löste sich der Schmutz ab, der unter den Nägeln lag und bildete seine eigne Fachgruppe.« »Beitrittserklärungen werden hier entgegengenommen«, rief laut und schallend ein Witzbold. »Der Schmutz meldet sich nach der Versammlung bei dem Genossen Zwischenrufer«,rief Bundschuh und brachte die Lacher aus seine Seite. »Seht, so war es bei uns. Die in einer Dachgesellschaft vereinten Blähungen gaben sich als Sturmwind der Zeit aus. Die Ohren bildeten den Verband aufrechter Ohren und schlossen das Schmalz aus. Und die Füße sammelten sich im Zentralverein entschiedenen Fortschritts!« Müller klingelte in das Gelächter hinein, und Herfurt rief: »Das wollen wir gar nicht so genau wissen!« »Weiterreden!« riefen die jungen Leute in der Ecke. »Wollt ihr wissen, wie es in Deutschland ist?« antwortet Bundschuh, »die Nerven spotten über die Adern, die Därme über die Muskeln, das Gefühl erklärt den Verstand für minderwertig. Und Vorsitzender aller Vereine und Verbände ist«, er machte eine kleine Pause, »ist die Dummheit.« Müller klingelte wie verrückt, aber das Gelächter scholl und erstickte die kleine Glocke. »Und wer ist Kassierer?« fragten die jungen Leute. »Der Eigennutz!« »Und Schriftführer?« »Die Lüge!« Herfurt erstarrte. War Bundschuh wahnsinnig geworden? Hatte er einen zuviel getrunken? Wie kam er zu seiner Bilderpracht? Was wollte er mit seinen Strichätzungen? Warf er den Ball in die Ecke, in der die Nazis saßen? Uralski schickte einen Zettel auf die Bühne, Herfurt las und schüttelte den Kopf. Nein, es war noch alles zu retten. Vielleicht war das nur ein Trick, die Geschichte von Aesop. Ein guter Anfang, und er baute weiter aus: aber dann entschied das Gehirn, und das Gehirn war die KPD. So mußte Bundschuh enden. Anna saß mit glänzenden Augen neben Jakob. Sie fieberte, in ihrem Herzen war Unruhe. Jetzt stand er da oben im Licht. Tausend Menschen hörten ihm zu. Sie lachten und klatschten Beifall. Sie lachten, und die jungen Leute dort in der Ecke schienen begeistert zu sein. Sie warf einen Blick aus Jakob, aber der saß wie ein Steinklotz da, die Fäuste auf den Knien, den Kopf gesenkt, die Stirn gerunzelt. Eugen sprach weiter. »Volksgenossen«, rief Eugen, »Deutsche!« aber nun wurde er von einer Faust beiseite gestoßen. Herfurt, der satte weiche Herfurt war aufgesprungen, stieß Eugen vom Pult, riß Müller die Klingel aus der Hand und gellte Alarm. Er klingelte und klingelte, bis endlich Ruhe war. Die jungen Leute in der Ecke standen wie ein Keil da. Die Männer vom Saalschutz kamen näher. Groß und schallend begann Herfurt und spielte aus seiner Stimme wie aus einer Orgel. »Wir haben einen Märchenerzähler gehört, einen Fabeldichter«, rief er laut, »und da wir doch alle erwachsne Menschen sind, ehrliche, klassenbewußte Proletarier, die man nicht mit Redensarten besoffen machen kann ...« »Bundschuh soll reden, Bundschuh soll reden! Ruhe, Bundschuh soll reden«, dröhnte der Sprechchor der jungen Leute. Sie hatten die Hände wie Schalltrichter erhoben. Herfurt verlor die Beherrschung. »Jetzt rede ich«, brüllte er in den Saal. »Bundschuh, Bundschuh«, höhnte er, »ihr habt ihn wohl gekauft?« »Ihr wolltet mich kaufen und ihr hattet mich gekauft«, keuchte Bundschuh, »Volksgenossen, Deutsche, unser Land ist mehr als die Partei! Vereinigt euch! Zerfleischt euch nicht mehr! Es lebe Deutschland!« Müller sprang aus, brüllend und mit Schaum vor dem Mund. Er packte Eugen, den Mann, der ihn aus dem Feuer getragen hatte, um die Hüften und schleuderte ihn von der Tribüne in den Saal. Der Keil der Jugend schob sich vor. Der Saalschutz machte sich fertig. Frauen kreischten. Und Müller stand da oben und schäumte. Der Schuft, der Verräter, der Spitzel! Der Überläufer, der Idiot, der Patriot, das Stück Mist, der Lump, der elende! Alles war in diesem Augenblick für ihn ausgelöscht, die alte Freundschaft, der Kampf auf der Barrikade, die Rettung, die Flucht und die Erlebnisse in Rußland. Müller hatte das blutleere Gesicht eines Wahnsinnigen. Seine Augen flackerten. Kalt machen wollte er diesen Spitzel, diesen Schädling, diesen verreckten, ach, die Welt war nichts als Verrat und Betrug! Als Müller Eugen packte und in den Saal schleuderte, setzte sich Jakob mit zwei riesigen Schritten in Bewegung. Er stieß die Umstehenden beiseite und kam gerade zur rechten Zeit, um seinen Verwandten in den bärenhaften Armen aufzufangen. Aber er konnte nicht verhindern, daß Eugens Kopf an die Tischkante schlug. Hinter sich hörte er einen Schrei. Anna schrie. Laßt die Weiber schreien. Laßt die Männer ihre Angelegenheiten in Ordnung bringen. Oben aus der Bühne stand Müller ganz allein. Herfurt war in der Menge untergetaucht. Und nun stand Müller da und starrte in den Saal, in dem die Schlacht begann. Der spitze Keil der jungen Kerle schob sich gegen die Bühne, der Saalschutz drängte in seine Flanke, die ersten Stühle zerkrachten. Müller sah das alles mit blinden Augen. Warum hatte er den Mann, der ihn aus dem Feuer getragen hatte, in den Saal geworfen? Riedel und Bundschuh, die Barrikade am 1. Mai, Genossen und Freunde waren es gewesen. Kameraden, und treue Seelen. Warum verließen sie die Partei? Warum gingen sie von den alten Freunden? Deutschland, Deutschland, warum verklärten sich ihre Gesichter, wenn sie Deutschland sagten? Erprobt waren sie, tapfer waren sie, furchtlos waren sie: was für eine magische Gewalt riß sie vorwärts nach der andren Seite der Barrikade? Er wußte es nicht. Nur das wußte er, daß er todelend war und sich schämte. Jakob hatte Eugen wie einen Sack Mehl über der Schulter liegen und bahnte sich durch die kämpfende Menge freie Bahn. Mit der rechten Faust hieb er Uralski nieder, der sich Anna entgegenstellte. Der Russe schrie gellend und mit hoher weibischer Stimme auf. Dann stürzte er zu Boden. Laßt ihn wimmern, den Baschkiren! Jakob hatte die Türe erreicht. Hinter ihnen krachten die Stühle, splitterten die Fenster, kreischten die Frauen. Klare Winterluft schlug dem Bauer entgegen. Anna folgte und ein Dutzend Männer und Frauen, Mitläufer vielleicht, Furchthasen vielleicht, vielleicht auch getroffen und aufgewühlt von der alten Fabel und dem dröhnenden Schrei: Deutschland. Und nun rückte die Polizei an. Es schneite nicht mehr. Frostklar war der Himmel. Von den schwarzen Wäldern kam frischer Wind. Jakob stampfte durch den knirschenden Schnee, stampfte durch den dunklen Park, der mit schwarzen Ästen nach den silbernen Sternen griff. Und als Jakob das Lager erreichte, kam Eugen wieder zu sich. Der erste Mensch, den er sah, war Anna. Er tauchte aus seiner Bewußtlosigkeit aus, wie Anna damals vom Grund des Terek aufgetaucht war. »Anna«, flüsterte er, »Anna, Anna.« »Eugen«, sagte sie, und ihre Stimme war zärtlich und liebevoll, »schlafen sollst du. Alles ist wieder gut.« »Ach«, seufzt er, »ich hätte schon früher reden sollen, aber ich wollte ja auch euch helfen. Und den Bauern.« »Ja, ja«, sagte sie und schloß mit einem Kuß seinen Mund. Am nächsten Morgen stand er aus, frisch und gesund, eine Beule an der Stirn, und sein Schädel brummte noch. Er war der Held des Lagers, der Eugen Bundschuh! Karsten kam und schüttelte seine Hand, der Gemeindeschreiber kam. Viele Bauern kamen und sagten gute Worte. Alle wollten seine Hände schütteln. Als sich der Schwarm verlaufen hatte, sagte Sophie: »Ihr habt euch Anna verdient, Eugen, und wir haben auch ein Geschenk für euch.« »Aber Sophie«, sagte Anna und errötete. Jakob wandte sich seinem Verwandten zu und sprach über ihn hinweg nach der leeren Wand. »Wir fahren nach Kanada, in diesem Deutschland finden wir uns nicht zurecht. Anna«, seine dunkle Stimme zitterte, »Anna will hier bleiben, Verwandter. Sie ist nur eure Anverlobte, und ihr werdet sie mir hüten wie einen Augapfel, wie eure Seligkeit, Eugen ...« »Wie meine Seligkeit.« Jakob ging nach dem Fenster. »Und nun nehmt diese Krippe mit als unser Geschenk«, sagte er und holte die alte Bauernwiege, »erlaubt aber erst, daß ich die Erde der Ahnen aus dem Boden nehme.« Er öffnete den Boden der alten Wiege und brachte ein Leinensäckchen hervor. »Diese Erde hat ein Bundschuh vor hundertsiebenunddreißig Jahren vom Neckar mitgebracht«, sagte er, »und wir haben als Kinder darauf geschlafen.« Er öffnete das Säckchen und griff in den weißen Staub. Die Jahrhunderte hatten diese Erde ausgebleicht, und sie stäubte wie Knochenmehl. »Die Erde ist müde, sie soll ruhen«, sagte Jakob und schüttete den Staub aus dem Fenster, »neue Erde will ich nehmen, wenn wir über das große Wasser fahren. Aber die Wiege der Ahnen ist für euch.« »Magst du die Wiege, Eugen?« hauchte Anna. »Ja, wenn du mich magst«, sagte er. Sie flog an seine Brust. Dann faßten sie die Wiege, links Anna, rechts Eugen, in den eingeschnittenen Herzen. Noch einmal nickten sie Sophie und Jakob zu und verließen die kahle Stube des Flüchtlingslagers. Und Eugen trug zum vierten Male bewußt eine Last: zum ersten das eiserne Schlußstück der Barrikade, zum zweiten den leblosen Mann aus dem Feuer, zum dritten damals Anna und endlich mit Anna die Krippe. Und sie wog nicht schwerer als die Feder von der Brust eines weißen Schwanes. Am Heiligen Abend verließen Anna Wiesner und Eugen Bundschuh das Lager und fuhren nach Berlin. Der Mensch ist ein Geschöpf, das Ja sagt und hofft.