Vicente Blasco Ibañez Die blutige Arena I Juan Gallardo betrat als erster den weiten Speisesaal, in welchem er sich zu einem einfachen Mahle setzte: Ein Stück gebratenen Fleisches war sein einziger Gang, der Wein blieb unberührt vor ihm stehen. Er durfte nichts trinken, wollte er sich nicht der Gefahr aussetzen, den sicheren Blick zu trüben, die Schnelligkeit seiner Entschlüsse zu lähmen. Er trank zwei Tassen schwarzen, starken Kaffees und zündete sich eine dicke Zigarre an. Dann setzte er die Ellbogen auf den Tisch, stützte das Kinn in die Hände und schaute träumerischen Blickes auf die Gäste, welche langsam den Speisesaal füllten. Seit seinem ersten Auftreten in Madrid, das schon einige Jahre zurücklag, blieb er dem Hotel in der Alcalastraße treu, denn hier behandelten ihn die Besitzer mit einer Herzlichkeit, als gehörte er zur Familie, während die Kellner, Türhüter, die Köche und die alten Stubenmädchen bewundernd zu ihm aufblickten. Hier hatte er infolge zweier Verwundungen manch bösen Tag auf dem Schmerzenslager, in einer von Jodoform und Zigarrenrauch verpesteten Luft verbracht. Doch diese Erinnerung machte keinen weiteren Eindruck auf ihn. In seinem durch alle möglichen Gefahren genährten Aberglauben dachte er, daß ihm dieser Gasthof Glück bringe und er hier gegen jedes Unglück gefeit sei. Er konnte Pech haben, indem ihm ein Hornstoß das Galakleid zerriß oder seinen Körper traf, aber etwas Ernstliches, wie es so vielen anderen Kameraden passiert war, deren Bild nun seine schönsten Stunden trübte, das war bei ihm ausgeschlossen. An Tagen eines Stierkampfes blieb er gerne nach seinem frühen Mittagmahl im Speisesaal sitzen, um dem Leben und Treiben um ihn zuzuschauen: Fremde oder Leute aus anderen Provinzen gingen gleichgültigen Blickes, ohne ihn anzuschauen, vorüber, doch drehten sich alle sofort neugierig um, wenn sie von den Kellnern erfuhren, daß dieser stattliche Mann mit dem glattrasierten Gesicht und den schwarzen Augen, der wie ein feiner Herr gekleidet war, Juan Gallardo, der berühmte Stierkämpfer sei, den alle familiär nur Gallardo nannten. In dieser aus Neugierde und Bewunderung zusammengesetzten Umgebung verbrachte er die aufreibende Wartezeit bis zu der Stunde, die ihn in die Arena rief. Doch wie lang wurde ihm die Zeit! Diese Augenblicke der Ungewißheit, in welchen eine unbestimmte Furcht aus der Tiefe seines Herzens aufstieg, eine Furcht, welche ihn an sich selbst zweifeln ließ, diese Stunden waren die bittersten seines Berufes. Er wollte nicht auf die Straße gehen, da er an die Anstrengungen des Stiergefechtes und an die Notwendigkeit dachte, sich frisch und gelenkig zu erhalten. Ebensowenig durfte er sich den Genüssen der Tafel hingeben, da er die nach üppigen Mahlzeiten eintretende Mattigkeit während des Kampfes zu fürchten hatte. Er blieb also an seinem Tische, das Kinn in die Hände gestützt und eine Wolke duftenden Rauches vor den Augen, welche manchmal mit einer gewissen Eitelkeit einige Damen anblickten, die ihrerseits den berühmten Stierkämpfer mit Interesse betrachteten. In solchen Augenblicken glaubte er als der verwöhnte Liebling der Menge, Lob und Schmeicheleien in diesen Blicken zu erraten, die ihn wohlgefällig ansahen, da er hübsch und elegant war. Diese Huldigung der Frauen brachte ihn gleich auf andere Gedanken, er setzte sich mit der Gebärde eines Mannes, der gewohnt ist, eine stolze Haltung vor dem Publikum einzunehmen, aufrecht hin, streifte mit dem Nagel die Asche seiner Zigarre ab und richtete sich den breiten Ring, dessen großer Diamant einen Strahlenglanz um sich verbreitete. Sein Blick glitt voll Zufriedenheit über seine Person, er bewunderte die Eleganz der Kleidung, seine goldene Uhrkette, die Krawattennadel, deren Perle in ihrem milchigen Schein den dunklen Ton seines Gesichtes zu mildern schien, seine Lackschuhe, welche zwischen dem Schaft und der Hose ein Paar Seidensocken freiließen, die wie Strümpfe einer Kokotte durchbrochen und gestickt waren. Ein starker Duft nach englischem Parfüm stieg aus den Kleidern und aus den Wellen seines schwarzen, glänzenden Haares auf, als er so vor der weiblichen Neugierde die Haltung eines Triumphators annahm. Für einen Stierkämpfer paßte das ganz gut, er fühlte sich von seiner Person befriedigt. Doch gleich darauf stellten sich die früheren Gedanken wieder ein und der Glanz seiner Augen trübte sich. Er dachte sehnsüchtig an die Stunden der Dämmerung, an die Heimkehr, wann er schweißbedeckt und ermüdet nach Hause kam, aber voll Freude auf die besiegte Gefahr zurückblickte, er dachte an seine nun durch kein Verbot gehemmten Neigungen, an seine närrische Begierde nach Lust und an die Gewißheit, so viele Tage in Sicherheit und Ruhe verleben zu können. Wenn Gott ihn so wie früher beschützen wollte, dann würde er auch wieder mit seinem alten Appetit essen, sich einige Gläschen Wein vergönnen und ein Mädchen aufsuchen, das in einer music-hall sang. Es war eine Bekanntschaft aus früheren Tagen, die er aber auf seinem Zigeunerleben quer durch die ganze Halbinsel nicht weiter fortgesetzt hatte. Inzwischen hatte sich der Saal mit Freunden und Anhängern Gallardos, welche den Stierkämpfer vor ihrem Mittagessen noch sehen wollten, fast ganz gefüllt. Es waren alte Verehrer, welche ihn mit einer gönnerhaften Vertraulichkeit begrüßten. Er antwortete ihnen, wobei er ihrem Namen die Anrede »Don« vorsetzte und so den traditionellen Unterschied betonte, der noch immer zwischen dem aus dem Volke emporgestiegenen Torero und seinen Bewunderern besteht. Auch andere Gäste in abgetragener Kleidung und mit blassen, vor Hunger abgezehrten Mienen betraten den Saal. Es waren Leute, welche nur den Stierkämpfern bekannt waren und deren Beruf ein Geheimnis blieb. Allein sie stellten sich pünktlich ein, wenn Gallardo auftrat und machten sich dann mit Bitten und Schmeicheleien an ihn heran, um Karten zu erhalten. Doch eine gemeinsame Begeisterung verband sie mit den anderen Herren, welche Großkaufleute oder öffentliche Würdenträger waren und die eifrig mit ihnen die Chancen des Stiergefechtes erörterten, ohne sich irgendwie durch das bettelhafte Äußere ihrer Nachbarn abgestoßen zu fühlen. Alle umarmten den Torero oder drückten seine Hand, wobei sie Fragen und Ausrufe an ihn richteten. Es war der erste Stierkampf im Frühjahr und die Anhänger Gallardos zeigten große Zuversicht, da sie sich an die Nachrichten erinnerten, welche sie in den verschiedenen Zeitungen über die jüngsten Erfolge ihres Helden gelesen hatten. Er war der Stierkämpfer, welcher die meisten Verträge abgeschlossen hatte. Nach der ersten Toreada zu Ostern in Sevilla, womit die Saison eröffnet wurde, reiste Gallardo von Stadt zu Stadt, um Stiere zu töten. Im August und September mußte er die Nacht im Zug und den Nachmittag im Zirkus verbringen, ohne Zeit zu haben, sich ein wenig auszuruhen. Sein Vertreter in Sevilla wurde oft halb verrückt, da er so viele Anträge erhielt, daß er nicht mehr wußte, wie er sie in die noch freie Zeit einordnen sollte. Vorgestern hatte er in Ciudad Real gekämpft und war noch im Galakleide in den Zug gestiegen, um am Morgen in Madrid anzukommen. Er hatte die Nacht, nur von Zeit zu Zeit ein wenig nickend, auf dem Sitz verbracht, den ihm gefällige Reisende abgetreten hatten, um dem Mann, der am Nachmittag sein Leben wagen sollte, ein wenig Erleichterung zu gewähren. Die Enthusiasten bewunderten seine physische Widerstandskraft und seine Tollkühnheit, mit welcher er sich auf die Stiere stürzte, wenn er ihnen den Todesstoß versetzte. »Wir werden ja heute abends sehen, was du kannst«, sagten sie mit der Überzeugung treu ergebener Anhänger. »Deine Freunde erhoffen viel von dir. Trachte nur, daß du dich so wacker hältst, wie in Sevilla.« Langsam löste sich die Schar der Bewunderer, die nach Hause eilten, auf, weil sie nach dem Mittagessen rechtzeitig in die Arena kommen wollten. Da sich Gallardo allein sah, entschloß er sich, der nervösen Spannung, die ihn beherrschte, nachgebend, auf sein Zimmer zu gehen. Als er aus dem Speisesaal trat und sich der Treppe zuwandte, da kam eine Frau, welche in einen alten Mantel gehüllt war, aus der Portierloge des Hotels und eilte auf ihn zu, ohne sich um die Einsprache der Kellner zu kümmern. »Juan! Mein lieber Juan! Kennst du mich nicht? Ich bin die Caracola, die Dolores des armen Lechuguero.« Gallardo lachte der alten, schwarzen, kleinen und verrunzelten Frau, welche ihn mit einem Wortschwall begrüßte und ihn mit feurigen Augen anschaute, freundlich zu. Da er gleichzeitig den Grund ihrer Lobsprüche erriet, hob er die Hand zur Weste. »Mein Sohn, seit ich wußte, daß du heute auftrittst, sagte ich mir: Suche Juan auf, denn er wird die Frau seines Kameraden nicht vergessen haben ... Wie hübsch du bist. Die Frauen laufen dir auch alle nach ... Mir geht es schlecht. Man läßt mich aus Mitleid im Gasthof Pepona dort unten, ein sehr feines Haus, komm einmal hin, um dich zu überzeugen ... Ach, wenn mein armer Junge lebte! Erinnerst du dich an Pepiyo und an die Nacht, in der er starb?« Gallardo legte schnell den Duro in ihre magere Hand und bemühte sich, ihrem Geschwätz zu entfliehen. Verdammte Alte! Sie mußte ihn auch gerade am Tage des Stierkampfes an den Kameraden seiner ersten Jahre, den armen Lechuguero erinnern, den er an den Folgen eines Hornstoßes, der ihm die Brust durchbohrt hatte, auf der Plaza de Lebrija hatte sterben sehen, als sie beide noch Anfänger waren. Verdammte Alte! Er schob sie zur Seite, doch sie wechselte unvermittelt ihr Thema und begann eine Lobrede auf die wackeren Burschen, die Toreros, welche das Geld der Zuschauer und die Herzen der Frauen gewinnen. Die lauten Bemerkungen der Alten und ihre begeisterten Apostrophen verursachten unter den Angestellten des Gasthofes eine allgemeine Heiterkeit und ermutigten dadurch eine Menge Neugieriger und Bittsteller, welche die Gegenwart des Toreros angelockt hatte. Sie stürzten sich alle, Kellner und Angestellte des Hauses beiseite drückend, in das Vestibül, die Straßenjungen mit ihren Zeitungspaketen unter den Armen schwenkten die Mützen und grüßten Gallardo mit einer Begeisterung, in welche sich auch eine gewisse Vertraulichkeit mischte. »Hoch Gallardo, hoch die Stierkämpfer!« Die Kühnsten haschten nach seiner Hand, faßten und schüttelten sie nach allen Richtungen, wobei sie nur den Wunsch hatten, dieses Zusammensein mit dem berühmten Nationalhelden, den sie so oft in den Zeitschriften abgebildet gesehen hatten, so lang als möglich auszudehnen. Sie ermutigten ihre Kameraden, denen sie auch einen Strahl dieses Ruhmes verschaffen wollten. »Gib ihm nur die Hand, er ist nicht böse, sondern sehr freundlich.« Und es fehlte nicht viel, so hätten sie sich in ihrer Begeisterung vor dem Stierkämpfer niedergekniet. Andere Zuschauer, mit struppigem Bart, alten Kleidern, schäbiger Eleganz und zerrissenen Schuhen umringten das Ideal starker Männlichkeit und schwenkten vor ihm ihre schmutzigen Hüte. Dabei sprachen sie leise zu ihm und nannten ihn Don Juan, um sich dadurch von dem zudringlichen Gesindel zu unterscheiden. Einige baten ihn um ein Almosen, andere wieder, die kühner waren, ersuchten mit Rücksicht auf ihre Verehrung für ihn um eine Karte, die sie dann schleunigst verkaufen wollten. Gallardo verteidigte sich lachend vor dieser Lavine, die auf ihn einstürzte, ohne daß es den Angestellten des Hotels, die über eine solche Popularität nicht wenig bestürzt waren, möglich gewesen wäre, ihn zu befreien. Er hielt in seinen Taschen Nachlese, und verteilte blindlings alles, was er fand. »Nun habe ich nichts mehr, die Taschen sind leer. Laßt mich in Ruhe, ihr Schlingel!« Indem er sich über diese Beliebtheit, die ihm schmeichelte, ungehalten stellte, bahnte er sich mühsam einen Weg und eilte die Treppe hinauf, während die Diener nun rücksichtslos die Menge auf die Straße hinausstießen. Gallardo ging an dem Zimmer, welches sein Diener Garabato bewohnte, vorüber, und sah durch die offene Tür, wie sein Famulus zwischen Koffern und Schachteln das Kostüm für den Stierkampf vorbereitete. Als er dann allein im Zimmer stand, fühlte er, wie mit einem Schlage die fröhliche Erregung, in welche ihn die Begeisterung der Menge versetzt hatte, schwand. Nun kamen die schwarzen Momente jener Tage, an welchen er den Degen umgürtete, die Ungewißheit der letzten Stunden, ehe er den Zirkus betrat. Stiere aus Miura und das Publikum aus Madrid warteten auf ihn. Die Gefahr, welche er um sich sah, schien ihn zu berauschen, seine Kühnheit zu vergrößern, beim Alleinsein jedoch zu bedrücken, wie etwas Übernatürliches, das schon durch die Ungewißheit Furcht und Schrecken erregt. Er fühlte sich ganz klein, als ob mit einem Schlage die Anstrengung der vergangenen bösen Nacht auf ihn einwirkte. Er empfand das Verlangen, sich auf das Bett zu werfen, doch die Ungewißheit dem gegenüber, was ihn erwartete, verscheuchte sein Schlafbedürfnis. Er ging unruhig durch das Zimmer und zündete sich am Ende der abgerauchten Zigarre eine neue an. Wie würde sich die Saison, die er nun in Madrid eröffnen sollte, für ihn anlassen? Was würden seine Feinde sagen, wie sich seine Konkurrenten verhalten? Er hatte schon viele Stiere aus Miura erlegt, einer war schließlich so wie der andere. Gleichwohl dachte er an die Kameraden, die tot in der Arena geblieben waren, alle ein Opfer der Viehzucht dieses Ortes. Glückliche Leute aus Miura! Dafür verlangte er und die anderen Stierkämpfer in den Kontrakten um tausend Pesetas mehr, wenn sie diesen Tieren entgegentreten sollten. Er ging noch immer nervösen Schrittes durch das Zimmer. Manchmal hielt er an, um Gegenstände zu betrachten, die ihm schon längst vertraut waren, dann ließ er sich in einen Lehnstuhl fallen, als ob ihn ein plötzlicher Schwindel erfaßt hätte. Er schaute wiederholt auf die Uhr, es war noch nicht zwei. Wie langsam verging die Zeit! Er wollte, um seine Nerven zu beruhigen, schon vor dem Augenblicke stehen, in welchem er sich anziehen und auftreten mußte. Die Menge, der Lärm, die Neugierde des Volkes, der Wunsch, sich heiter vor der öffentlichen Bewunderung zu zeigen, und vor allem die Nähe der wirklichen und greifbaren Gefahr verscheuchten sofort dieses Angstgefühl der Einsamkeit, in welcher sich der Toreador, da ihm das Stimulans der von außen kommenden Spannung fehlte, in nichts vor einem anderen furchtsamen Menschenkinde unterschied. Der Wunsch, sich zu zerstreuen, ließ ihn in der inneren Tasche seines Rockes Nachschau halten. Er zog mit seiner Brieftasche auch ein Schreiben heraus, welches einen süßen und starken Duft verbreitete. Er trat an ein Fenster, durch welches die gedämpfte Helle eines Hofes fiel, und betrachtete den Briefumschlag, den man ihm bei seiner Ankunft im Hotel überreicht hatte, wobei er die schöne Schrift der Adresse bewunderte. Er zog das Blatt heraus und entfaltete es, während er mit Entzücken den undefinierbaren Duft einsog, der dem Brief entströmte. Oh, diese vornehmen, vielgereisten Personen! Wie lassen sie doch ihre unnachahmliche Überlegenheit sogar in den kleinsten Einzelheiten erkennen und fühlen! Denn Gallardo parfümierte sich, als ob ihm wieder der üble Geruch des Elends seiner ersten Jahre in die Nase gestiegen wäre, in einer übertriebenen Weise. Seine Feinde spotteten diesbezüglich oft über den athletischen Burschen und gingen in ihrer Gehässigkeit so weit, ihm die natürlichen Empfindungen seines Geschlechtes abzusprechen. Seine Freunde lächelten über diese Schwäche, mußten aber oft das Angesicht abwenden, da sie nicht selten von den übermäßigen Parfümwolken, die der Stierkämpfer um sich verbreitete, wie betäubt waren. Auf seinen Reisen begleitete ihn eine Sammlung verschiedener Riechwasser und die weibischesten Essenzen salbten seinen Körper, wenn er die Arena betrat. Einige begeisterte Kokotten hatten ihm das Geheimnis ausgesuchter Mischungen feiner Parfüms mitgeteilt. Aber dieser Brief hatte einen geheimnisvollen, undefinierbaren Duft, den man nicht nachahmen konnte und der aus einem aristokratischen Körper auszuströmen schien, so daß er ihn »Frauenduft« nannte. Er las die Karte mit dem glücklichen Lächeln der Freude und des Stolzes. Es war nicht viel. Ein halbes Dutzend Zeilen, ein Gruß aus Sevilla, der ihm viel Glück in Madrid wünschte, ein schon vorweggenommener Glückwunsch für seinen Triumph. Dieser Brief konnte ohne jede Gefahr für die Frau, welche ihn geschrieben hatte, in fremde Hände kommen. Am Beginn stand »Freund Gallardo«, am Ende »Ihre Freundin Sol«, alles in einem kalten, höflichen Stil, die Ansprache »Sie« mit einem liebenswürdigen Ton der Überlegenheit, als ob die Worte nicht zu einem Ebenbürtigen gesprochen, sondern herablassend an ihn gerichtet wären. Der Torero konnte sich, als er den Brief las, eines gewissen Gefühls des Unbehagens, von oben herab behandelt zu werden, nicht erwehren. »Dieses Weib,« murmelte er, »nur sie kann mir in dieser kalten Form schreiben!« Doch die Erinnerung an verschwiegene schöne Stunden ließ ihn voll Befriedigung lächeln. Der kalte Stil war für den Brief, es war die Gepflogenheit der großen Damen, welche viel in der Welt herumgekommen waren. Sein Ärger verwandelte sich in Bewunderung und in seinem Lächeln zeigte sich die Genugtuung, der Stolz des Bändigers, der, wenn er die Kräfte des besiegten Tieres mit seinen eigenen vergleicht, mit dem Erfolge prahlt. Während Gallardo den Brief betrachtete, trat sein Diener Garabato in das Zimmer und brachte Kleider und Schachteln, welche er auf das Bett legte. Er war still und geschickt in seinen Bewegungen und begleitete den Torero schon lange Jahre als treuer Leibbursche. Er hatte in Sevilla mit Gallardo die Stierkämpferlaufbahn begonnen. Doch wie seinem Gefährten der Ruhm, so waren ihm die Schattenseiten des Berufes vorbehalten geblieben. Er war klein, schwarz, schwach, eine schlecht verharschte Narbe durchschnitt wie ein weißer Haken sein vertrocknetes und schlaffes Gesicht. Es war dies die Erinnerung an eine Wunde, die ihn für tot auf den Sand hingestreckt hatte, und zu dieser Erinnerung gesellten sich noch andere, die sein Körper an verschiedenen Stellen aufwies. Wie durch ein Wunder kam er trotz all' dieser Verletzungen mit dem Leben davon, doch das Grausamste war für ihn, daß die Leute über sein Unglück lachten und ein Vergnügen daran fanden, wenn sie sahen, wie die Stiere ihn zugerichtet hatten. Endlich mußte sich seine starrköpfige Ungeschicklichkeit vor der Ungunst des Glückes für besiegt erklären und er wurde der treue Diener seines alten Kameraden. Er war der glühendste Bewunderer Gallardos und tat sich manchmal etwas auf seine Freundschaft zugute, indem er sich Ratschläge und Kritiken erlaubte: wäre er an Stelle seines Herrn gewesen, so hätte er manches besser gemacht. Die Freunde des Torero hatten über die gescheiterten Ambitionen seines Dieners viel zu lachen, doch dieser kümmerte sich nicht um diese Scherze. Er sollte auf die Stiere verzichten? Niemals! Um aber die Erinnerung an seine Vergangenheit nicht ganz zu verwischen, kämmte er sich das störrige Haar in glänzenden Locken über die Ohren und trug rückwärts das traditionelle Büschel Haare, das Kennzeichen des Toreros. Wenn sich Gallardo mit ihm zankte, ereiferte sich der Espada immer über diesen Kopfputz. Garabato hörte alle Drohungen seines Herrn an, ohne ein Wort zu erwidern, rächte sich aber, indem er sich in Schweigen hüllte und mit einem Achselzucken die fröhliche Laune Gallardos beantwortete, wenn dieser nach einem glücklichen Stiergefecht mit kindlicher Befriedigung fragte: »Nun, was denkst du?« Von ihrer früheren Kameradschaft her hatte er das Vorrecht behalten, seinen Herrn zu duzen, er konnte gar nicht anders mit ihm sprechen. Doch begleitete er jedes »Du« mit einer würdevollen Bewegung, mit einem Ausdruck tiefen Respektes. Seine Vertraulichkeit war ungefähr dieselbe, mit welcher die alten Knappen ihre Raubritter behandelten. Torero vom Scheitel bis zur Sohle war er gleichzeitig auch Schneider und Kammerdiener. Bekleidet mit einem englischen Anzug, einem Geschenk seines Herrn, brachte er Büchsen mit Näh- und Stecknadeln und auf einem Kissen verschiedene schon eingefädelte Nadeln. Seine trockene, braune Hand hatte eine fast frauenhafte Anmut, die Gegenstände zu handhaben und herzurichten. Als er die für seinen Herrn notwendige Kleidung auf dem Bette ausgebreitet hatte, musterte er noch einmal die verschiedenen Gegenstände, um sich zu überzeugen, daß nichts fehlte. Dann stellte er sich in die Mitte des Zimmers, und ohne Gallardo anzublicken, sagte er, gleichsam zu sich sprechend, mit mürrischer Stimme und starker Betonung: »Zwei Uhr!« Gallardo hob nervös den Kopf, als hätte er die Gegenwart des Dieners bis jetzt noch nicht bemerkt. Er steckte seinen Brief in die Tasche und ging nachlässig durch das Zimmer, wie um den Augenblick des Anziehens hinauszuschieben. Doch plötzlich belebte sich sein blasses Gesicht wie unter einem heftigen Schlag, seine Augen öffneten sich weit, als ob er unter der Einwirkung einer furchtbaren Überraschung zu leiden hätte. »Welches Kleid hast du da herausgenommen?« Garabato zeigte auf das Bett, doch ehe er antworten konnte, schrie ihn der Torero zornig an: »Verdammt! Kennst du noch immer nicht dein Geschäft? Bist du verrückt! Ich soll hier in Madrid gegen Stiere aus Miura auftreten und du bringst mir den roten Anzug, denselben, welchen der arme Emanuel Espartero trug? Es scheint, daß du mir den Tod wünschest, du Schurke!« Seine Erregung stieg in dem Maße, als er den Gedanken, der einer Todesdrohung gleichkam, weiterspann. Seine Augen funkelten in einem feindseligen Feuer, als wenn er gerade einen heimtückischen Überfall erlebt hätte. Das Weiße der Augen rötete sich und es schien, als ob er über den armen Garabato herfallen wollte. Ein diskretes Klopfen an der Tür machte dieser Szene ein Ende. »Herein!« Ein junger, weißgekleideter Mann mit roter Krawatte und dem Filzhut in der Hand, trat in das Zimmer. Gallardo erkannte ihn sogleich mit jener Leichtigkeit, mit der sich Leute, welche immer vor den Augen der Menge stehen, an Gesichter erinnern. Sein Zorn verwandelte sich sofort in liebenswürdigste Freundlichkeit. Es war ein Freund aus Bilbao, einer aus der Schar seiner begeisterten Verehrer. Das war alles, woran er sich erinnerte. Doch der Name, wie lautete er nur? Er wußte bloß, daß er ihn duzen konnte, daß beide schon lange Zeit Freunde waren. »Welche Überraschung! Wann bist du gekommen? Wie geht es zu Hause?« Sein Bewunderer setzte sich mit der Befriedigung eines Jüngers, der in das Heiligtum des Meisters eindringen darf. Voller Freude, von ihm mit »du« angesprochen zu werden, schien er entschlossen, ihn erst im letzten Augenblicke zu verlassen. Nach jedem zweiten Wort nannte er ihn Juan, damit das ganze Haus und alle, welche draußen vorbeigingen, ihn um seine Vertraulichkeit beneiden konnten. Er war in der Frühe aus Bilbao gekommen und wollte am nächsten Morgen wieder zurückfahren, das alles, nur um Gallardo zu sehen. Er hatte seine großen Erfolge gelesen, die Saison fing ja gut an, und nun freute er sich auf den Kampf. Den Morgen hatte er bei den Stieren verbracht und dort einen schwarz-braunen Bullen bewundert, der unter der Hand Gallardos sicher ein spannendes Spiel aufführen würde. Doch der Meister unterbrach diese Prophezeiungen seines Verehrers mit einer gewissen Hast. »Entschuldige mich jetzt, ich muß mich anziehen.« Und er verließ das Zimmer und ging schnell zu einer kleinen Tür am Ende des Korridores. »Was soll ich herauslegen?« fragte Garabato mit einer Stimme, welche durch das Bestreben, sich unterwürfig zu zeigen, noch brüchiger klang. »Das grüne, das braune, das blaue, was du willst«, und Gallardo verschwand hinter der Tür, während der Diener, der sich nun allein sah, boshaft vor sich hinlächelte. Er kannte dieses plötzliche Verschwinden seines Herrn im Augenblick des Anziehens. Und sein Lächeln drückte Befriedigung darüber aus, daß auch die Großen und Starken die gleiche Furcht, das gleiche Bedürfnis empfanden wie er, als er seinerzeit in die Arena ging. Als Gallardo in sein Zimmer zurückkehrte, begegnete er einem neuen Besucher. Es war Dr. Ruiz, der bekannte Arzt, der seit dreißig Jahren den ärztlichen Dienst bei den Stierkämpfern versah und den Toreros im Falle einer Verwundung Hilfe leistete. Gallardo bewunderte ihn und hielt ihn für den ersten Vertreter des universalen Wissens, während er sich gleichzeitig freundliche Späße über seinen gütigen Charakter und sein vernachlässigtes Äußere erlaubte. Seine Bewunderung war die eines Mannes aus dem Volke, der das Wissen nur bei einem Sonderling anerkennt. Der Doktor war klein und dick, hatte ein breites Gesicht, eine etwas platte Nase und einen graumelierten Backenbart; all das verlieh seinem Aussehen eine gewisse Ähnlichkeit mit Sokrates. Wie er so dastand, schien sich sein Bauch mit jedem Wort zu bewegen, beim Sitzen ragte dieser Teil des Körpers weit über seine flache Brust hinaus. Schmutzige und abgetragene Kleider schlotterten wie Geschenke aus fremder Hand um seinen Körper, der in den Partien, die der Verdauung fröhnten, dick und fett war, jedoch dort, wo Bewegung zu leisten war, armselig und zurückgeblieben aussah. »Er ist ein guter Kerl,« sagte Gallardo, »einer, der niemals einen Peseta nimmt. Er gibt was er hat, und nimmt, was man ihm geben will.« Zwei große Leidenschaften füllten das Leben des Doktors aus: die Revolution und die Stiere. Eine in ihrem Wesen noch unbestimmte und furchtbare Revolution, welche noch kommen und alles Bestehende in Europa umstürzen mußte; ein dem Anarchismus nahekommender Republikanismus, den er sich nicht die Mühe nahm zu erklären, der ihm nur in seinen umstürzlerischen Verneinungen klar vor Augen schwebte. Den Stierkämpfern war er ein Vater, sie standen alle unter seinem Schutze, es genügte ein Telegramm aus irgend einem fernen Punkte der Halbinsel und unser Doktor bestieg sofort den nächsten Zug, um eines seiner »Kinder« von irgend einer Verwundung zu heilen, ohne auf eine andere Belohnung zu rechnen als auf die, welche man ihm freiwillig gab. Als er Gallardo nach so langer Abwesenheit sah, umarmte er ihn, indem er seinen schwammigen Bauch gegen den Körper des Toreros drückte. »Wie steht's mit der Republik, Doktor, wann kommt sie?«, fragte Gallardo mit leichtem Spott. »Der ›Nacional‹ sagt, daß sie jeden Tag ausgerufen werden kann.« »Was kümmert dich das, du Spaßvogel? Laß den armen ›Nacional‹ in Ruhe. Zieh dich lieber an! Was dich interessieren soll, ist etwas ganz anderes. Trachte vielmehr, deine Stiere auf den ersten Stich zu treffen. Du hast heute eine schwere Arbeit vor dir. Man sagte mir, daß der Preis ...« In diesem Augenblick unterbrach der junge Mann, der zu Besuch gekommen war und mit Nachrichten dienen wollte, den Redeschwall des Doktors, um von einem schwarzbraunen Bullen zu sprechen, der ihm aufgefallen war und der sich, wie er hoffte, wacker halten würde. Die beiden Männer standen sich jetzt gegenüber, so daß es Gallardo für angezeigt hielt, sie einander vorzustellen. Doch wie hieß nur der Freund, den er duzte? Er zerbrach sich den Kopf und runzelte die Stirne, als er so vergeblich nachdachte. Allein sein Schwanken dauerte nicht lange. »Du, sag' mal, wie heißt du denn? Du weißt, bei soviel Leuten ...« Der junge Mann verbarg seine Enttäuschung, sich von dem Meister vergessen zu sehen, unter einer lächelnden Zustimmung und nannte seinen Namen. Als Gallardo ihn hörte, da fühlte er die Vergangenheit vor seinen Blicken aufsteigen und er machte die Vergeßlichkeit dadurch gut, daß er hinzufügte: »Der reiche Bergwerksbesitzer aus Bilbao«. Hierauf stellte er den Doktor vor und die beiden Männer begannen, als ob sie sich schon ihr ganzes Leben kannten, in ihrer gemeinsamen Begeisterung von den Aussichten des heutigen Tages zu sprechen. »Setzen Sie sich doch!« sagte Gallardo und wies auf ein Sofa. »Lassen Sie sich in Ihrem Gespräch nicht stören, ich ziehe mich jetzt an. Ich glaube, unter Männern ...« Und er entledigte sich seines Anzuges und blieb in der Unterkleidung. Er setzte sich auf einen Sessel unter dem Bogen, der den Salon vom Schlafzimmer trennte, und überließ sich den Händen Garabatos, der einen Lederkoffer geöffnet hatte und ein Necessaire herauszog, das eher für eine Frau als für einen Stierkämpfer paßte. Da dieser immer sorgfältig rasiert war, ging der Diener mit der Geschicklichkeit eines Mannes, der ein solches Geschäft täglich vollführt, daran, ihm das Gesicht einzuseifen und das Messer über seine Wange zu führen. Sogleich nach dem Waschen setzte sich Gallardo wieder nieder. Der Diener befeuchtete sein Haar mit Brillantin und Essenzen und zog dann die Haarlocken über die Stirne und Schläfen. Dann kam das traditionelle Zeichen seines Berufes an die Reihe: der alte, ehrwürdige Zopf, den jeder Stierkämpfer trägt. Garabato kämmte mit einer gewissen Ehrfurcht die breite Haarflechte auf dem Hinterhaupt seines Herrn und befestigte sie mit zwei Haarnadeln am Kopf, wobei er sie mehr nach vorne legte. Nun bückte er sich zu den Füßen Gallardos, zog dem Torero die Socken aus, so daß dieser in seinem Hemde und den seidenen Beinkleidern dasaß. Die starke Muskulatur des Stierfechters trat unter diesen dünnen Hüllen in kräftiger Schwellung hervor. Eine Vertiefung in einem Schenkel verriet die Narbe eines Hornstoßes. Unter der braunen Haut der Arme schimmerten weiße Flecken, es waren die Spuren überstandener Stöße. Die breite, unbehaarte Brust war von zwei unregelmäßigen, violetten Linien durchzogen, gleichfalls eine Erinnerung an blutige Ereignisse. Dieser Organismus des Kampfes und der Kraft hauchte den Geruch reinen und wilden Fleisches in einer seltsamen Vermischung mit Frauenparfüms aus. Garabato hatte inzwischen Watte und weiße Binden geholt und bückte sich zu den Füßen des Toreros nieder. »Genau so, wie bei den alten Gladiatoren«, sagte der Doktor Ruiz, der sein Gespräch mit dem Besuche Gallardos unterbrach. »Du bist ein ganzer Römer, Juan!« »Schon recht, alter Doktor«, erwiderte der Stierkämpfer mit einer gewissen Melancholie. »Man wird alt. Als ich außer mit Stieren noch mit dem Hunger kämpfte, da brauchte ich all das nicht und stand wie Eisen in der Arena.« Garabato steckte kleine Watteflocken zwischen die Zehen des Toreros. Dann bedeckte er die Sohlen und den Oberteil des Fußes mit der weißen Binde, zog sie zusammen und begann, sie in Spiralen aufzuwickeln, als ob er einen Verband anlegen wollte. Dann zog er Nähnadeln aus einem Kissen und vernähte sorgfältig die Enden der Rolle. Gallardo stampfte mit den Füßen, welche durch ihre weißen Binden stärker geworden zu sein schienen, auf den Boden. Er fühlte, wie sie trotz des Druckes der Umhüllung stark und beweglich waren. Der Diener legte ihm dann lange Strümpfe an, welche bis zur Mitte der Lenden reichten und stark und schmiegsam wie Gamaschen waren. Sie bildeten unter dem dünnen Galakleid aus Seide den einzigen Schutz für das Bein. »Paß auf die Falten auf, Garabato!« Bei diesen Worten warf der Torero einen prüfenden Blick in den großen Wandspiegel und bückte sich dann, um glättend über die Waden zu streifen. Über die weißen Strümpfe kam ein zweites Paar aus rosa Seide, dann wählte Garabato unter den Schuhen, welche auf dem Koffer standen, ein Paar noch ungebrauchter, mit weißer Sohle aus. Nun begann erst die eigentliche Arbeit des Ankleidens. Der Diener reichte ihm die Hose aus brauner Seide, deren Nähte mit breiten Goldstreifen besetzt waren. Gallardo schlüpfte hinein und ließ die starken, mit Goldquasten durchwirkten Bänder, welche das Beinkleid unterhalb des Knies zusammenzogen, herabhängen. Diese Bänder, welche die Beine mit festem Druck umschlossen, hießen in der Torerosprache »Schrauben«. Gallardo sagte nun seinem Diener, ihn fest unterhalb der Knie zu drücken, während er gleichzeitig die Muskeln seiner Beine anspannte. Diese Probe war unerläßlich notwendig, denn ein Stierkämpfer muß die »Schrauben« straff anliegen haben. Garabato drehte die eingerollten Schnüre, welche unter der Hose verborgen blieben, geschickt und flink in engen Windungen um das Bein seines Herrn. Dieser nahm dann ein feines schmiegsames Hemd, das auf der Brust mit Spitzen besetzt war, entgegen. Nun schlang Garabato den Knoten der breiten Krawatte, die wie eine rote Schlange über die Brust lief, sie in zwei Hälften teilte und sich dann in dem Gürtel verlor. Jetzt kam das Schwerste der ganzen Toilette: die Schärpe, ein Seidenband von mehr als vier Meter Länge, welches die ganze Breite des Zimmers auszufüllen schien und das Garabato mit gewohnter Kunstfertigkeit durch seine Hände gleiten ließ. Der Stierkämpfer trat nun wieder zu seinen Freunden und steckte einen seiner Finger in den Gürtel. »Aufgepaßt!« sagte er zu seinem Helfer. Dann drehte er sich langsam um seine Achse und brachte so die Schärpe in regelmäßigen Windungen um die Hüften, während Garabato mit geschickten Handbewegungen nachhalf. Einmal legte sich die Schärpe doppelt auf, ein andermal war sie wieder offen und trotzdem schmiegte sie sich flüssig, wie aus einem Stück, ohne Falten an den Körper des Stierkämpfers. Während seiner Drehungen hielt Gallardo, der mit allem, was seine Person betraf, äußerst genau und schwer zu befriedigen war, manchmal inne, um zwei oder drei Windungen wieder aufzurollen und die Arbeit besser zu machen. »Es paßt mir nicht gut«, sagte er unwillig, »verdammt, gib doch acht!« Nach mehreren Unterbrechungen kam Gallardo endlich zum Ziel und trug das ganze Stück Seide um seine Hüften gerollt. Der Diener hatte überall Sicherheitsnadeln und Stecknadeln angebracht und so den Anschein erweckt, als ob die Kleidung seines Herrn nur aus einem Stück bestünde. Um sich ihrer zu entledigen, hätte der Stierkämpfer Scheren und die Hilfe fremder Hände gebraucht. Er mußte in seinen Hosen bleiben, bis er in das Hotel zurückkehrte, außer einer der Stiere riß sie ihm in der Arena herunter oder man zog sie ihm im Spital aus. Gallardo setzte sich wieder nieder und Garabato beschäftigte sich mit dem Haarzopf. Er machte die Haarnadeln los und flocht nun eine Schleife aus schwarzen Kokarden, welche an das alte Netz der früheren Stierkämpfer erinnerte, durch das Haar. Wie um den Augenblick zu verzögern, die letzte Hand an seine Toilette zu legen, dehnte und streckte sich der Torero, bat Garabato um die Zigarre, welche er auf das Nachttischchen gelegt hatte, fragte wie spät es sei, weil er behauptete, daß alle Uhren vorgingen. »Es ist noch immer Zeit, die anderen sind ja auch noch nicht zur Stelle. Ich will nicht so früh auf dem Platze sein, man wird ja nur von allen Seiten gestoßen, wenn man dort wartet.« Ein Kellner meldete, daß unten der Wagen mit der Cuadrilla, dem Gefolge des Stierkämpfers, warte. Nun war es Zeit, er hatte keine Ausrede mehr, den Aufbruch hinauszuschieben. Er legte die Weste über die Schärpe und schlüpfte in ein helles Jäckchen mit schwerer Stickerei, die wie der Schein der roten Glut leuchtete. Die braune Seide war nur auf der inneren Seite der Ärmel und dem Dreieck des Degengehänges sichtbar. Das ganze verschwand fast vollständig unter dem großen Mantel und der Goldstickerei, welche Blumen mit farbigen Steinen in ihren Kelchen vorstellte. Die Achselstücke waren aus schwerem Golde und trugen Troddeln aus gleichem Metall. Das Gold lief in Fransen aus, welche bei jedem Schritte zitterten. In der vergoldeten Öffnung der Tasche sah man das Seidenfutter im gleichen Rot der Schärpe und der Krawatte aufleuchten. »Die Mütze!« Garabato hob aus einer ovalen Schachtel behutsam die Torerokappe heraus. Sie war schwarz und trug zwei Quasten. Gallardo setzte sie auf, wobei er darauf achtete, daß der Haarschopf freiblieb. »Den Mantel!« Der Diener reichte ihm den Galamantel aus Seide, der in der Farbe des Kostüms gehalten und ebenso mit Gold und Stickerei überladen war wie jenes. Gallardo legte ihn über eine Schulter und betrachtete sich dann, zufrieden mit all seinen Vorbereitungen, in dem Spiegel. Er machte keinen schlechten Eindruck. »Vorwärts in die Arena!« Seine zwei Freunde empfahlen sich schnell, um eine Kutsche zu nehmen und ihm zu folgen. Garabato ergriff ein Bündel roter Tücher, unter deren Fransen sich die Griffe mehrerer Degen abhoben. Als Gallardo durch die Vorhalle des Hotels ging, sah er die Straße von einer zahlreichen und drängenden Menge erfüllt, die auf ihn wartete als hätte er schon einen großen Erfolg zu verzeichnen. Er konnte bereits das Gesumme der Menge, die ihm noch durch die Tür verborgen blieb, vernehmen. Der Wirt und seine ganze Familie eilten ihm mit ausgestreckten Händen entgegen, als ob sie sich für eine lange Reise empfehlen wollten. »Viel Glück!« Auch die Diener vergaßen unter dem Impulse der Begeisterung und der inneren Bewegung die Schranken der Zurückhaltung und streckten ihm die Rechte entgegen. »Viel Glück, Don Juan!« Und er verbeugte sich lächelnd nach allen Seiten, ohne sich viel um die erschreckten Gesichter der Frauen zu kümmern. »Ich danke! Auf Wiedersehen!« Er war ein anderer: seitdem er sich den leuchtenden Mantel umgeworfen hatte, erhellte ein fröhliches Lächeln sein Gesicht, welches, von feinen Schweißperlen benetzt, in seiner Blässe dem Antlitz eines Kranken glich. Dennoch lächelte er voller Freude, sich zu zeigen und das Publikum durch seine Erscheinung zu begeistern. Er fand sich sofort mit der instinktiven Leichtigkeit eines Mannes, der einer gewinnenden Geste bedarf, um sich vor der Menge zu zeigen, in seine neue Umgebung hinein. Er schritt würdevoll weiter und sog an der Zigarre, welche er in der linken Hand trug. Er bewegte beim Gehen die Hüften und ging mit der Eitelkeit eines strammen Burschen durch die Menge. »Bitte meine Herren, machen Sie Platz. Ich danke sehr!« Als er sich so den Weg durch die schlechtgekleidete und schmutzige Schar, welche vor der Tür des Hotels hin und her drängte, bahnen mußte, da trachtete er so viel als möglich, jede Berührung mit der unreinlichen Umgebung zu vermeiden. Alle diese Leute hatten keinen Duro in der Tasche, um sich eine Karte zu kaufen. Gleichwohl benützten sie die Gelegenheit, dem berühmten Gallardo die Hand zu drücken oder seine Kleider zu berühren. Hart am Gehsteig wartete eine Kutsche mit vier Maultieren, deren Geschirr mit Quasten und Schellen aufgeputzt war. Garabato hatte sich mit seinem Bündel bereits auf den Kutschbock geschwungen. Im Innern saßen drei Toreros und hielten ihre Mützen auf den Knien. Ihre bunten Kleider waren ebenso wie das Kostüm Gallardos mit reicher Stickerei, jedoch nur aus Silber, verziert. Gallardo, der, so gut er es unter den Püffen der begeisterten Menge vermochte, alle Hände abwehrte, kam endlich zum Trittbrette der Kutsche. Die Begeisterung all dieser Leute hatte sich in freundschaftlichen Püffen und Zurufen Luft gemacht. »Guten Abend Caballeros!« sagte er zu den Teilnehmern seiner Cuadrilla. Dann setzte er sich neben den Kutschenschlag, so daß ihn alle sehen konnten, und lächelte dem Publikum zu, während er mit einem Kopfnicken für die Rufe einiger zerlumpter Frauen und für den kurzen Applaus der Zeitungsverkäufer dankte. Die Kutsche rollte schnell durch die Straßen, welche sie mit dem lustigen Schellengetön der Maultiere erfüllte. Die Menge teilte sich, um das Gespann durchzulassen, aber viele drängten sich an den Wagen, als ob sie sich unter die Räder stürzen wollten. Sie schwenkten Hüte und Stöcke. Eine Welle der Begeisterung erfaßte alle Zuschauer, es war ein Taumel, welcher zu gewissen Stunden die Menge handeln und reden läßt, ohne daß sie eigentlich wußte, warum und wofür. »Hoch unsere wackeren Burschen, es lebe Spanien!« Gerührt über diese Begeisterung und voll Stolz, seinen Namen mit dem seines Vaterlandes vereinigt zu hören, grüßte Gallardo bleich und lächelnd nach allen Seiten. Eine Schar Straßenjungen und zerlumpter Mädchen lief aus Leibeskräften hinten her, als ob sie hofften, am Ende ihres närrischen Wettlaufes etwas ganz Außergewöhnliches zu finden. Seit ungefähr einer Stunde glich die Alcalastraße einem Strom von Karren und Wagen zwischen zwei Ufern, als welche man die langen Reihen der Fußgänger bezeichnen konnte, die bis an das andere Ende der Stadt marschierten. Alle modernen und alten Beförderungsmittel figurierten in dieser zeitweiligen, lärmenden, alles mitreißenden Auswanderung, von der ehrwürdigen längst überholten Postkutsche bis zum modernen Automobil. Die Straßenbahn war überfüllt, Trauben von Menschen hingen an den Trittbrettern. Der Omnibus nahm an der Ecke der Sevillastraße Fahrgäste auf, während der Schaffner von der Plattform des Daches herabschrie: »Einsteigen!« Mit fröhlichem Geklingel trabten Maultiere daher und zogen Wagen, in denen Frauen in blauer Mantilla und mit blühenden Blumen saßen. Jeden Augenblick ertönte ein Schreckensruf, wenn sie plötzlich einen Straßenjungen mit affenartiger Gelenkigkeit zwischen den fahrenden Wagen hindurch von einem Gehsteig zum anderen laufen sahen. Die Hupen der Automobile tuteten, die Kutscher brüllten, die Zeitungsverkäufer priesen ihre Blätter an, in denen man die Abbildungen und die Geschichte der Stiere, dann die Bilder und Biographien der berühmten Toreros sehen und lesen konnte. Und von Zeit zu Zeit hörte man noch einen Ausruf der Neugierde in dem dumpfen Gemurmel der Menge. Neben den dunkelgekleideten Reitern der Stadtwache sah man auffallend kostümierte Männer auf armseligen Pferden. Die Reiter trugen gelbe Beinkleider, ein goldfarbenes Wams, breite Hüte mit einer starken Quaste. Es waren die Picadores, rauhe Burschen mit wildem Aussehen. Die Stierkämpfer fuhren in offenen Wagen und die Stickereien, welche das Licht der Nachmittagssonne reflektierten, schienen die Menge zu blenden und ihren Enthusiasmus anzustacheln. Zufrieden, die Vorüberfahrenden erkannt zu haben, eilten die Leute hastig hinter ihnen her, als ob sie fürchteten, zu spät zu kommen. Oben von der Alcalastraße übersah man die breite Verkehrsader in ihrer ganzen Länge. Die Sonne brannte auf die Chaussee herab, welche unter dem Ameisengewimmel der Menge und den dichten Reihen der Wagen nur streckenweise sichtbar war. Zuschauer blickten von den Balkonen der Häuser diesem Heereszug nach, aus der Ferne grüßten, durch die Bäume, welche die Gehsteige von dem Fahrdamm trennten, halb verdeckt, die Berge herüber und ganz unten ragte wie ein Triumphbogen das Tor der Alcalastraße auf, dessen durchbrochene Konturen sich hell vom blauen Himmel abhoben, auf welchem wie einsame Schwäne einige weiße Wolken schwammen. Gallardo blieb schweigend auf seinem Sitze und betrachtete mit einem unbeweglichen Lächeln die Menge. Seit dem Gruß an die Banderillos hatte er kein Wort gesprochen. Auch sie blieben stumm und bleich unter der Angst vor dem Unbekannten. Da sie jetzt um sich nur Stierkämpfer sahen, verzichteten sie, weil es unnütz war, auf die zur Schau getragene selbstbewußte Miene. Ein geheimnisvoller Einfluß schien der Menge das Nahen der letzten Cuadrilla, welche nach dem Platze fuhr, zu melden. Die Straßenjungen, welche hinter dem Wagen mit Hochrufen auf Gallardo hergelaufen waren, mußten schon lange zurückbleiben, doch nichtsdestoweniger wandten die Leute den Kopf, als würden sie in ihrem Rücken das Kommen des berühmten Stierkämpfers erraten haben. Sie blieben stehen und stellten sich längst des Straßenrandes auf, um ihn besser zu sehen. Unverständliche Zurufe erschollen aus manchen Gruppen, welche auf dem Gehsteig standen. Es waren Beifallskundgebungen. Einige schwenkten die Hüte, andere hoben die Stöcke in die Höhe und winkten mit ihnen, als ob sie grüßen wollten. Gallardo antwortete allen mit einem Lächeln, schien sich aber in seinen Gedanken dieser Begrüßung nicht recht bewußt zu sein. Neben ihm saß ein Banderillo, der um zehn Jahre älter war als er und »Nacional« genannt wurde. Er erfreute sich unter seinen Kollegen wegen seiner Freundlichkeit, seines geraden Wesens und seiner politischen Gesinnung einer großen Beliebtheit. »Juan, du wirst dich über Madrid nicht beklagen«, sagte er. »Du hast das Publikum schon für dich«. Doch Gallardo erwiderte, als hätte er ihn nicht verstanden und als wollte er die Gedanken, die ihn beschäftigten, abschütteln: »Mir sagt eine Ahnung, daß es heute heiß hergehen wird«. Plötzlich hielt die Kutsche an. Es kam ein großer Leichenzug daher. Gallardo wurde noch bleicher, als er voll Entsetzen den Zug der Priester betrachtete, welche ihre Gesänge unterbrachen und teils mit abweisender Strenge, teils mit Neid auf das gottverlassene Volk blickten, welches zu seiner Belustigung lief. Der Torero machte sich mit seinen Gefährten bereit, das Barett abzunehmen. Nur der »Nacional« tat nichts dergleichen. »Zum Teufel,« rief Gallardo, »herunter mit der Mütze, du Ketzer!« Und er schaute ihn wütend an, als wollte er ihn prügeln, im unklaren Gefühl, daß diese Auflehnung für ihn die schwersten Folgen haben könne. Sie mußten lange Zeit stehen bleiben, um den Leichenzug vorbeizulassen. »Schlechte Vorbedeutung«, murmelte Gallardo mit vor Zorn zitternder Stimme. »Das fehlte uns noch, einem Leichenzug vor dem Stierkampf zu begegnen. Ich sagte ja schon, heute wird es etwas abgeben«. Der Andere lächelte und zuckte mit den Schultern: »Aberglauben und dummes Gerede. Gott und die Natur kümmern sich nicht um solche Dinge«. Diese Worte, welche Gallardo noch mehr in Zorn setzten, weckten die anderen Toreros aus ihren Gedanken und sie fingen an, sich über ihren Nachbarn lustig zu machen, was immer geschah, wenn er seine beliebte Phrase »Gott und die Natur« hören ließ. Als der Zug vorüber war, griffen die Maultiere tüchtig aus und der Wagen rollte schnell zwischen den anderen Fuhrwerken dahin. Beim Zirkus angelangt, wendete er sich nach links zur Pforte, durch welche man zu den Ställen und Gehegen gelangte. Hier erhielt Gallardo eine neue Ovation, als er mit seinen Banderillos vom Wagen stieg. Mit Händen und Ellbogen suchte er die Berührung mit den mehr oder weniger reinlichen Zuschauern abzuwehren. Er grüßte mit einem Lächeln und versteckte seine rechte Hand, welche alle fassen wollten. »Laßt mich durch, Caballeros. Danke sehr!« Der weite Platz zwischen den Tribünen und den Stallgebäuden des Zirkus war von dem Publikum erfüllt, welches sich vor Beginn des Kampfes die Stiere anschauen wollte. Über den Köpfen der Menge tauchten die Picadores (Lanzenstecher) und die Alguacilen (Polizisten) in ihrer altmodischen Tracht des XVII. Jahrhunderts auf. Auf der einen Seite des Platzes erhoben sich einstöckige Gebäude aus Ziegeln mit Weinranken über den Türen und Blumentöpfen in den Fenstern. Es waren Büros und Werkstätten, worin die Stallburschen, Zimmerleute und das übrige Gesinde des Zirkus hauste. Der Stierkämpfer bahnte sich mühsam einen Weg durch die vielen Leute. Sein Name ging von Mund zu Mund, begleitet von allen möglichen Ausrufen der Begeisterung. Er aber ging zufrieden und voll Selbstbewußtsein weiter, als ob er ein ihm zu Ehren veranstaltetes Fest beehren würde. Zwei Arme legten sich um seinen Hals und gleichzeitig verspürte er einen starken Weingeruch. Es war ein gut gekleideter Mann, offensichtlich ein Bürger, der mit seinem Freunde gefrühstückt hatte und welcher nun sein Haupt an die Schulter des Stierkämpfers lehnte. Er blieb in dieser Stellung als wollte er vor lauter Begeisterung an der Brust des berühmten Mannes einschlafen. Die Freunde Gallardos machten dieser endlosen Umarmung ein Ende, worauf der Betrunkene, der sich so von seinem Idol verdrängt sah, vor Begeisterung in laute Hochrufe auf die Toreros ausbrach. Gallardo durchschritt einen großen, weißgetünchten, kahlen Saal, in welchem seine Kollegen unter Gruppen begeisterter Anhänger standen. Er drängte sich durch die Leute, welche die Tür verstellten, und sah sich hierauf in einem kleinen, dunklen Raum, in welchem Lichter brannten. Er stand in der Kapelle. Ein altes Marienbild nahm die Stirnseite des Altars ein, verwelkte Blütenzweige wurden in irdenen Blumentöpfen von den Motten zerfressen. Die Kapelle war voll von Andächtigen. Die Freunde der Toreros aus den niedrigeren Volksschichten drängten sich hinein, um hier noch vor dem Kampfe ihre berühmten Männer zu sehen. Sie standen entblößten Hauptes im Dämmerlichte da, einige knieten in den ersten Bänken, andere saßen, doch fast alle blickten zum Gnadenbilde empor. Einige schauten zur Tür, um dann einen Namen zu nennen, wenn ein Lichtstrahl das Dunkel teilte. Die Banderillos und Picadores, arme Teufel, welche so, wie ihre berühmteren Kameraden, ihr Leben aufs Spiel setzten, erhoben bei Gallardos Eintritt kaum ein leises Gemurmel. Da plötzlich summte ein Name von Mund zu Mund: »Fuentes, da ist Fuentes«. Der elegante Torero ging mit seiner fast aristokratischen Schönheit, den Mantel über die Schulter geworfen, bis zum Altar und beugte mit theatralischer Gebärde ein Knie, während sich das Licht in seinen schwarzen Augen widerspiegelte und seine schlanke, biegsame Gestalt hervortreten ließ. Nach dem Gebet, das er mit dem Kreuzzeichen beschloß, erhob er sich und ging wie ein Tenor, der sich beim Abgehen dankend vor dem Publikum verbeugt, rücklings zur Tür, ohne das Bild aus den Augen zu lassen. Gallardo war in seinen Bewegungen einfacher. Er trat mit der Kappe in der Hand und übergeschlagenem Mantel ein, ohne jedoch an Geziertheit des Auftretens dem anderen nachzustehen. Doch vor dem Gnadenbild senkte er beide Knie zur Erde und begann sein Gebet, ohne sich um die hundert Augenpaare zu kümmern, die auf ihn gerichtet waren. Seine gläubige, einfache Christenseele zitterte vor Furcht und Gewissensbissen. Er bat um Schutz, mit der Inbrunst eines Mannes, der immer in Gefahren lebt und an alle möglichen Einflüsse oder an übernatürliche Hilfe glaubt. Das erstemal an diesem Tag dachte er an seine Frau und an seine Mutter. Die arme Carmen in Sevilla, wie wird sie auf das Telegramm warten. Dann die alte Angustias, die so ruhig bei ihren Hennen im Hofe La Rinconada saß, ohne recht zu wissen, wo ihr Sohn heute sein Leben aufs Spiel setzte. Und er war hier mit dem furchtbaren Vorgefühl, daß ihm diesen Abend irgend etwas zustoßen würde. Heilige Jungfrau, nur ein bißchen Schutz, er würde schon wieder brav sein, auf alles andere vergessen und nach Gottes Geboten leben. Und gestärkt durch diese überflüssige Reue verließ er die Kapelle, noch ganz bewegt und trüben Auges, ohne auf das Volk zu achten, welches ihm den Weg verstellte. Draußen im Zimmer, wo die Toreros warteten, grüßte ihn ein glattrasierter, schwarzgekleideter Herr. »Schon wieder Pech«, murmelte der Torero beim Gehen. »Ich sagte es ja, daß heute etwas geschehen wird.« Es war der Kaplan des Zirkus. Er kam mit dem heiligen Öl aus einem ziemlich entfernten Stadtteil, ein zweiter Geistlicher begleitete ihn für den Fall, daß seine geistliche Hilfe gebraucht werden sollte. Er stritt sich schon einige Jahre mit einer Pfarre Madrids herum, welche infolge ihrer Nähe beim Zirkus behauptete, größeren Anspruch auf die Ausübung der heiligen Handlung zu haben. An den Tagen eines Stierkampfes mietete er sich eine Droschke, welche die Gesellschaft bezahlte, nahm das geweihte Öl an sich, wählte unter seinen Freunden und Schützlingen einen aus, der das Geschäft des Sakristans übernahm und begab sich dann in den Zirkus. Dort hatte man ihm zwei Plätze in der ersten Reihe neben den Stalltüren angewiesen. Der Priester trat mit der Miene eines Mannes in die Kapelle, der hier zu Hause ist. Er ärgerte sich über die Haltung der Anwesenden, die zwar alle das Haupt entblößt hatten, jedoch laut sprachen, während einige sogar rauchten. »Meine Herren, hier ist kein Kaffeehaus. Bitte hinauszugehen, die Corrida beginnt schon.« Diese Aufforderung beschleunigte den Aufbruch, während der Priester das Öl aus seinem Rocke herauszog und es in einer bemalten Holzschachtel aufbewahrte. Nachdem er diese in dem Tabernakel eingeschlossen hatte, ging er eilig hinaus, um seinen Platz vor dem Einzug der Toreros aufzusuchen. Die Zuschauer waren verschwunden, man sah jetzt nur mehr Männer, die in Seide und goldgestickter Tracht dastanden, ferner gelbgekleidete Reiter mit großen Biberhüten, Schutzwachen zu Pferde und die Angestellten des Zirkus in ihrer blaugoldenen Livree. Sie alle versammelten sich unter dem Bogen der Pforte, die man »caballos« nannte und welche auf den Platz hinausführte. Die Toreros waren an der Spitze, dann kamen in kurzem Abstände die Lanzenwerfer (Banderillos), ihnen folgte als Nachhut die Schar der Picadores, welche auf mageren Pferden saßen. Den Troß dieses Heereszuges bildeten endlich die Maultiere, welche die Tierleichen hinausschaffen sollten. Es waren lebhafte und kräftige Tiere mit gestickten Decken und Schellen geschmückt und die Mähne mit den Nationalfarben durchflochten. Im Hintergrunde des Bogens zeigte sich oberhalb der Planken, die den Ring abschlössen, ein blauer und leuchtender Kreis, der ein Stück des Himmels, die Dächer des Zirkus und einen Teil der Tribünen mit der kompakten und wimmelnden Zuschauermenge sehen ließ. Ein Gefühl konzentrierter Spannung strömte wie der Atem einer gewaltigen Lunge aus dieser Galerie zu den Toreros herein und ein harmonisches Summen kam mit den Schwingungen der Luft bis hieher und ließ eine ferne Musik mehr ahnen als hören. Im Rund des Bogens zeigten sich unzählige Köpfe. Gallardo reihte sich mit zwei Kameraden in den Zug ein und grüßte die anderen mit einem ernsten Kopfnicken. Sie tauschten kein Wort, kein Lächeln. Jeder dachte nur an sich, ließ seine Gedanken weit wegfliegen oder starrte leeren Blickes vor sich hin, mit jener Gedankenlosigkeit, welche sich so oft vor ernsten Augenblicken einstellt. Ihre innere Spannung suchte nach äußerer Ablenkung: sie richteten sich ihren Mantel, ohne damit fertig zu werden, ließen ihn über die Schulter herabfallen, rollten ihn um ihre Hüfte, wobei sie darauf achteten, die hellen Farben des Wamses und der Beinkleider nicht zu verdecken. Alle Gesichter waren bleich, ohne jedoch fahl zu sein, denn die Aufregung hatte einen glänzenden Firnis von Schweißperlen über ihr Antlitz gelegt. Sie dachten an die Arena, die sie bis jetzt noch nicht betreten hatten, und fühlten die unwiderstehliche Furcht vor den Dingen, die sich jenseits abspielen sollten, die Angst vor einer unsichtbaren Gefahr, die man ahnt, ohne sie zu sehen. Wie wird der Tag enden? Diese Frage stand auf aller Mienen. Als sich der Zug der Toreros formiert hatte, setzten sich zwei Reiter in altertümlicher Tracht an die Spitze der Schar, die Türe, welche in die Arena führte, öffnete sich nun in ihrer ganzen Breite und der große Platz, auf dem das blutige Spiel zur Belustigung und Aufregung von vierzehntausend Personen vor sich gehen sollte, erschien in seiner ganzen Ausdehnung. Das anfangs dumpfe Summen wurde stärker und ging in einen flotten, eigenartigen Marsch über, der Beine und Hüften nach dem Takt der Musik sich bewegen und straffen ließ. »Vorwärts!« Und die Stierkämpfer traten, mit den Augen vor dem plötzlichen Übergang zwinkernd, aus dem Schatten ins Licht, aus der Stille der dunklen Galerie in das Gebrause des Zirkus, auf dessen Tribünen die Menge unter dem Wellenschlag der Neugierde erschauerte und sich erhob, um besser zu sehen. Die Toreros schritten vor und es hatte infolge der Größe des Zirkus auf einmal den Anschein, als ob sie immer kleiner würden. Sie waren wie glänzende Puppen, deren Goldstickerei in der Sonne glitzerte. Ihre anmutigen Bewegungen versetzten die Menge in eine ähnliche Begeisterung, wie sie ein Kind vor einem schönen Spielzeug empfindet. Ein wilder Enthusiasmus, der die Menge durchraste, und sie aufspringen ließ, ohne zu wissen warum, ergriff den ganzen Platz. Die Zuschauer applaudierten, die Feurigsten und Aufgeregtesten schrien, die Musik fiel lärmend ein und mitten in diesem Getöse, das von allen Seiten anschwoll, rückte der Zug der Stierkämpfer langsam und feierlich, gemessenen Schrittes, in freier und ungezwungener Haltung vor. Einige weiße Tauben schwebten, ohne sich von der Stelle zu rühren und wie betäubt von dem Orkan, der aus diesem Ziegelkrater aufstieg, hoch oben in der Luft. Die Männer wurden, als sie so in die Arena einzogen, von einem anderen Gefühl erfaßt. Sie setzten ihr Leben für mehr als nur für Geld aufs Spiel. Die Ungewißheit und die Furcht vor dem Unbekannten hatte sie in dem Augenblick verlassen, als sie die Arena betraten. Nun durchschritten sie den Zirkus, nun standen sie vor dem Publikum, die Wirklichkeit war da. Und die Ruhmbegierde ihrer wilden und einfachen Seelen, das Bestreben, die Kameraden zu übertreffen, das Bewußtsein ihrer Kraft und Geschicklichkeit ließ alle Furcht zurücktreten und verlieh ihnen neuen Mut. Gallardo war wie verwandelt. Er richtete sich beim Gehen auf, um größer zu sein. Er bewegte sich mit dem Stolz eines Eroberers, blickte mit einer triumphierenden Miene nach allen Seiten herum, als wenn seine Gefährten überhaupt nicht da wären. Alles gehörte ihm, der Zirkus und das Publikum. Er fühlte sich stark genug, allein alle Stiere zu erlegen, welche man in Andalusien und Kastilien auftreiben konnte. Alle Zurufe galten ihm und er zweifelte nicht, daß die Frauen nur nach ihm allein ausblickten. Das Publikum vergötterte ihn, und während er auf seinem Rundgang voll Eitelkeit lächelte, als ob diese ganze Ovation nur seiner Person gälte, musterte er die Sitze der Tribünen, um zu wissen, wo sich seine Anhänger befanden. Sie grüßten den Präsidenten indem sie die Kappe schwenkten, und dann löste sich der glänzende Zug auf, um den Reitern und Stallburschen Platz zu machen. Während ein Alguacil den Schlüssel, den ihm der Präsident herunterwarf, in seinem Hute auffing, ging Gallardo zu der Tribüne, auf der seine Anhänger saßen, und gab ihnen seinen prachtvollen Mantel. Das herrliche Stück, nach dem sich zahlreiche Hände ausstreckten, wurde über die Brüstung gehängt, als wäre es eine Fahne, ein heiliges Symbol der Partei. Andere hatten sich erhoben und grüßten den Torero mit Händeklatschen und Stockschwenken und er lächelte voll Befriedigung über seine Beliebtheit. Dann rief er ihnen zu: »Dank euch allen, ich werde mein Bestes geben.« Nicht nur seine Anhänger waren voll Hoffnung, als sie ihn sahen, auch die Übrigen blickten mit festem Vertrauen auf ihn. Er war ein Torero, der, wie seine Freunde versicherten, einen »schönen Kampf« versprach, und das hieß, daß man sich auf manche, unvorhergesehene Wendungen gefaßt machen konnte. Alle glaubten, daß es ihm bestimmt sei, im Zirkus unter dem Horn eines Stieres zu bleiben, und das bewirkte es, daß sie ihm mit solch wilder Begeisterung entgegenjubelten. Mit dem gleichen Gefühl müssen oft die Zuschauer vor wilden Tieren auf den Augenblick warten, daß die Bestien über ihren Bändiger herfallen und ihn zerfleischen. Gallardo lächelte nur über all diese Leute, welche sich für genaue Kenner der Stierfechtkunst hielten und einen schlechten Stoß für unmöglich erklärten, wenn sich der Torero nach den Regeln richte. Die Regeln! Er kannte sie nicht und legte keinen Wert darauf, sie zu kennen. Kraft und Kühnheit war notwendig, um zu siegen und gewissermaßen blindlings, nur mit seiner Tollkühnheit und seiner körperlichen Kraft, hatte er seine Laufbahn durchmessen und das Publikum bis zur Siedehitze der Begeisterung mitgerissen. Er war nicht, wie andere Toreros, langsam in die Höhe gekommen, indem er die Vorstufen des peon und banderillo in der Truppe eines großen Meisters abdiente. Die Hörner der Stiere verursachten ihm keine Furcht. »Der Hunger bohrt tiefer«, sagte er. Das Wichtigste war, schnell bekannt zu werden und das Publikum hatte ihn gleich als Stierkämpfer gesehen, der im Laufe weniger Jahre eine ungeheuere Popularität erlangt hatte. Man bewunderte ihn in dem Maße, als man seinen Untergang für sicher hielt. Das Publikum raste vor Begeisterung über die Tollkühnheit, mit der er mit dem Tode spielte. Das war ein Torero, der sich nicht schonte: Er gab alles, sogar das Leben. Er war das Geld wert, welches man zahlte. Und mit der Grausamkeit derer, welche eine Gefahr vom sicheren Platze aus sehen, bewunderte das Volk seinen Helden. Die Vorsichtigen hielten seine Bravourstücke für Selbstmord und murmelten: »Wenn ihm nur nichts passiert!« Hörner und Pauken ertönten und der erste Stier sprang in die Arena. Gallardo, der nun einen einfachen schmucklosen Mantel umgeworfen hatte, blieb an der Balkenwand vor der Loge seiner Anhänger stehen und zeigte in der Annahme, aller Augen auf sich gerichtet zu sehen, eine sorglose Unbeweglichkeit. Dieser Stier war für einen anderen bestimmt, er wollte sich schon bemerkbar machen, wenn er den Augenblick für gekommen hielt. Doch der Beifall für die Lanzenstöße seiner Gefährten schreckte ihn aus dieser Teilnahmslosigkeit auf und trotz seines Vorsatzes stürzte er sich auf den Stier, wobei er mehr Beweise der Kühnheit als der Kunstfertigkeit gab. Der ganze Zirkus klatschte seinem Liebling Beifall für die Proben dieser Unerschrockenheit. Als Fuentes den ersten Stier getötet und vor der Präsidentenloge die Menge gegrüßt hatte, da erbleichte Gallardo, als ob jeder Beweis der Anerkennung, der nicht ihm galt, eine Zurücksetzung seiner Person wäre. Nun kam die Reihe an ihn: jetzt sollten sie etwas noch nicht Dagewesenes erleben. Er wußte zwar selbst nicht was, aber er war entschlossen, das Publikum in Angst und Aufregung zu versetzen. Kaum war der zweite Stier draußen, als Gallardo mit seiner Beweglichkeit und dem Wunsche, sich auszuzeichnen, auch schon den ganzen Platz auszufüllen schien. Sein Mantel flog immer um das Maul des Tieres. Ein Lanzenstecher seiner Cuadrilla wurde vom Pferde geschleudert und blieb schutzlos vor den Hörnern liegen. Er schien verloren zu sein, als der Torero den Schweif des Tieres mit solcher Gewalt an sich riß, daß er den Stier zwang, auszuweichen, bis sich der Reiter in Sicherheit bringen konnte. Das Publikum klatschte voll Begeisterung. Als die Abteilung der Banderillos kam, blieb Gallardo abseits, um auf das Zeichen zu warten, den Todesstoß zu führen. Der Nacional hielt seine Lanze in der Hand und schleuderte sie, in der Mitte des Platzes stehend, dem Stier in den Rücken. Seine Bewegung zeigte weder Gefälligkeit noch Kühnheit. Für ihn war es eine Geldsache. In Sevilla hatte er vier kleine Kinder, welche, wenn er fiel, keinen anderen Vater mehr fänden. Er tat seine Pflicht und nicht mehr wie einer, dem das Geschäft nicht neu ist, ohne Beifall zu suchen und nur darauf bedacht, Äußerungen des Mißfallens zu vermeiden. Als aber Gallardo beim Klang der Trompeten und dem Wirbel der Pauke wieder in die Arena sprang, da ging eine Bewegung durch die Menge. Nun kam ihr Liebling, man konnte gespannt sein. Und voll Erregung schaute man sich gegenseitig an und wartete auf ein neues Bravourstück. Ein Schauer lief durch die Reihen der Tribünen wie eine Vorahnung großer Ereignisse. Ein tiefes Schweigen legte sich mit einem Male über die Menge, als wenn der ganze Zirkus leer geworden wäre. Das Leben all dieser Tausend Zuschauer konzentrierte sich nur in die Augen. Niemand schien mehr zu atmen. Langsam näherte sich Gallardo dem Stier. In der einen Hand hielt er das scharlachrote Tuch, mit der anderen führte er den Degen, welcher in pendelnder Bewegung jeden Schritt begleitete. Als er einen Augenblick den Kopf wandte, sah er, daß der Nacional und ein anderer seiner Cuadrilla folgten, um ihm zu helfen. Da rief er laut: »Alle zurück!« Bei der Stille, die über dem Zirkus lagerte, drang seine Stimme bis in die letzten Reihen und ein Ausbruch der Bewunderung war die Antwort darauf. »Er will allein sein, was für ein Mann!« Tatsächlich näherte er sich ganz allein dem Stiere und sofort herrschte wieder lautlose Stille. Ruhig entfaltete er sein rotes Tuch, streckte es vor, und machte einige Schritte bis vor die Schnauze des Stieres, der über die Kühnheit des Mannes ganz betroffen und erstaunt war. Unter den Zuschauern wagte niemand zu sprechen oder zu atmen, doch in aller Augen glänzte die Bewunderung: »Was für ein Mann, sich bis vor die Hörner des Stieres zu wagen«. Nun stampfte er ungeduldig mit einem Fuß auf die Erde, wie um das Tier anzufeuern, endlich auf ihn loszugehen, und die gewaltige Fleischmasse stürzte sich, den Kopf senkend, brüllend auf ihn. Das rote Tuch flog über die Hörner, welche die Quasten und Fransen am Kleide des Torero streiften, der ruhig in seiner Stellung geblieben war und nur den Oberkörper nach rückwärts gebeugt hatte. Ein Gebrüll der Menge begleitete diesen kühnen Wurf. »Bravo! Bravo!« Der Stier wandte sich um und wiederholte seinen Angriff auf den Mann und das rote Tuch. Und wieder konnte man die gleiche Szene unter gleichem frenetischen Beifall sehen. Der Stier griff nun, immer mehr und mehr durch dieses Spiel gereizt, den Torero wütend an, doch dieser setzte kaltblütig seine Neckereien fort, wobei er sich auf einem ganz engen Raum bewegte. Die unmittelbare Nähe der Gefahr und die bewundernden Zurufe des Publikums schienen ihn anzufeuern und zu berauschen. Er hörte neben sich das Schnauben der Bestie, rechts und links traf ihn der feuchte Geifer, doch er war mit dieser Berührung vertraut und betrachtete das wütende Tier wie einen guten Freund, der sich für ihn und seinen Ruhm töten ließ. Ermüdet von seinen vergeblichen Angriffen blieb der Stier nun einige Augenblicke stehen und schaute mit düster glühenden Augen auf den Mann und das rote Tuch, als ahnte er in seinem dunklen Gefühle das Vorhandensein einer Täuschung, welche ihn von Angriff zu Angriff und schließlich bis in den Tod trieb. Gallardo fühlte jetzt die Gewißheit seines Erfolges. Mit einer kreisenden Bewegung schlang er sich die Muletta um seine linke Hand und hob die Rechte über die Höhe der Augen, um den Degen in das Hirn des Stieres zu stoßen. Die Zuschauer stießen Rufe des Protestes und der Entrüstung aus. »Nicht so«, riefen tausend Stimmen. Er gehorchte dem Rufe, außerdem stand der Stier nicht günstig. Er begann von neuem seine Versuche, an ihn heranzukommen, ohne sich irgendwie an die Regeln des Kampfes zu halten. Was kümmerte sich ein so verzweifelter Bursche um diese Vorschriften? Er warf sich plötzlich in dem Augenblick, als das Tier auf ihn losstürzte, mit dem Degen nach vorne. Es war ein roher, wilder Zusammenstoß. Während einiger Sekunden bildeten Tier und Mensch eine einzige Masse und machten so zusammen einige Schritte, ohne daß es möglich gewesen wäre, den Sieger zu erkennen: War es der Mann, welcher mit einem Arme und seinem Körper zwischen den beiden Hörnern hing, oder das Tier, welches mit gesenktem Kopfe vergeblich die glänzende, bunte Puppe zu erfassen suchte, welche seinen Hörnern immer zu entwischen schien? Doch endlich löste sich die Gruppe. Die Muleta blieb auf dem Boden und der Torero sprang mit leeren Händen und taumelnd zurück, bis er nach einigen Schritten wieder das Gleichgewicht fand. Seine Kleidung war in Unordnung geraten, die Krawatte flatterte außerhalb der Weste, ein Horn hatte sie erfaßt und zerrissen. Der Stier lief mit unverminderter Schnelligkeit in der gleichen Richtung weiter. Der rote Griff des Degens, der bis zur Parierstange hineingestoßen worden war, hob sich kaum von seinem breiten Halse ab. Plötzlich verlangsamte sich der Lauf, das Tier zuckte wie unter einem schmerzvollen Schlag zusammen, knickte mit den Vorderbeinen ein, neigte das Haupt, bis es den Sand mit dem brüllenden Maul berührte, und fiel dann in seinen Todeszuckungen schwer auf die Seite. Es hatte den Anschein, als ob der Zirkus einstürzte, die Ziegel aufeinanderprallten und die Zuschauer in wilder Panik flüchten wollten, als sie bleich, zitternd gestikulierend aufsprangen. Alle hatten während einer Sekunde den Torero auf den Hörnern des Stieres geglaubt, sie waren überzeugt, ihn blutend und entseelt in den Sand geschleudert zu sehen. Und als sie ihn nun lächelnd, wenn auch ein wenig benommen von dem Zusammenprall, in der Mitte der Arena erblickten, da vermehrte die Überraschung und das Erstaunen die allgemeine Begeisterung. »Was für ein Kerl,« rief man auf den Tribünen, ohne den richtigen Ausdruck für das Maß der Bewunderung zu finden, »was für ein Teufelskerl«. Und die Hüte flogen in die Arena und ein neuerlicher gewaltiger Beifallssturm lief, ähnlich einem Hagel, von Tribüne zu Tribüne, überholte den Torero im Rundbogen des Zirkus, folgte dem Verlauf der Sitzreihen und pflanzte sich bis zur Präsidentenloge fort, zu der Gallardo leichten Schrittes ging. Die Ovation brach mit doppelter Heftigkeit los, als sich Gallardo vor dem Präsidenten verneigte. Alle schrien laut und verlangten, ihm die Ehre des Tages zuzuerkennen. Man sollte ihm das Ohr des erlegten Stieres geben, niemals sei diese Auszeichnung besser verdient worden. Solche Stöße, wie diesen, sah man selten. Und der Enthusiasmus wuchs zur Siedehitze, als ihm ein Diener des Zirkus ein dunkles, haariges und blutiges Dreieck überreichte: das abgeschnittene Ohr des Stieres. Schon standen drei andere Tiere in der Bahn und noch dauerte die Ovation für Gallardo fort, als ob sich das Publikum noch immer nicht von seiner Erregung erholt hätte und alles andere, was noch während des Nachmittages gezeigt werden sollte, an Wert hinter die Tat Gallardos stellte. Die anderen Toreros bemühten sich, ganz blaß vor Neid, die Aufmerksamkeit des Publikums auf ihre Person zu lenken. Auch sie ernteten Beifall, doch war er schwach und gedämpft nach den vorangegangenen Ovationen. Das Publikum achtete, noch zu erschüttert durch das Delirium der aufgebrachten Begeisterung, nur zerstreut auf die Bänder der Wurflanzen, welche in der Arena flatterten. Lebhafte Diskussionen entwickelten sich von Tribüne zu Tribüne, von Sitz zu Sitz. Die Anhänger der anderen Stierfechter hatten sich von ihrer Verblüffung, welche sie in die allgemeine Begeisterung mitgerissen hatte, erholt und besprachen nun die Tat Gallardos. Schön, er war mutig, unerschrocken, ein Draufgänger, der sein Leben nicht achtete. Aber all das war keine Kunst. Die enthusiasmierten Anhänger Gallardos ereiferten sich, wie es Leute tun, welche die Bilder ihrer Heiligen angezweifelt sehen. Der Stierkampf ging weiter. Doch die Nerven der Zuschauer waren gereizt, was sich in einer oft ungerechten Abneigung gegen einige Stierfechter oder in einem mißvergnügten Schweigen äußerte. Noch ganz hergenommen von der großen Aufregung des vorigen Kampfes, verhielt sich das Publikum teilnahmslos und vertrieb sich seine Langeweile durch Essen und Trinken. Die Verkäufer brachten mit erstaunlicher Geschicklichkeit ihre Waren an. Die Orangen flogen wie rote Bälle bis in die höchsten Sitzreihen, als zöge sie ein unsichtbarer Faden aus der Hand des Verkäufers zu dem Kunden. Flaschen wurden entkorkt, das flüssige Gold andalusischer Weine funkelte in den Gläsern. Eine Bewegung der Neugierde ging durch die Tribünen. Fuentes machte sich bereit, den Stier mit der Wurflanze anzugehen. Und alle erwarteten irgendeine Überraschung bei diesem Bravourstücke. Er ging ruhigen Schrittes bis in die Mitte der Arena, der Stier verfolgte seine Bewegungen mit neugierigen Blicken, erstaunt, plötzlich nur einen Mann vor sich zu sehen, während kurz vorher noch Mäntel vor seinen Augen geflattert, Lanzen sich in seinen Hals gebohrt hatten und Pferde auf seine Hörner gesprungen waren, wie um sich freiwillig aufspießen zu lassen. – Der Mann hypnotisierte das Tier, er näherte sich so weit, daß er mit der Spitze der Lanze seine Stirne berühren konnte. Er machte kleine Schritte und der Stier folgte ihm, bis an das andere Ende der Arena. Die Bestie schien wie gezähmt zu sein und gehorchte jeder Bewegung, bis Fuentes endlich das Spiel aufgab, den Arm nach vorne streckte, seinen schlanken und zierlichen Körper auf die Fußspitzen hob, gelassenen Schrittes auf den Stier zuging und mit jeder Hand die bebänderte Wurflanze in den Hals des Tieres stieß. Er wiederholte unter stets wachsendem Applaus noch zweimal dieses gefährliche Spiel und diejenigen, welche sich für Kenner hielten, entschädigten sich nun für den Beifall, den Gallardo erhalten hatte. Das war ein wirklicher Torero, der seine Kunst verstand. Gallardo, der an dem Schranken lehnte, wischte sich mit einem Tuche den Schweiß vom Gesicht, wobei er sich mit dem Rücken zum Zirkus stellte, um die Bravourstücke seiner Kameraden nicht mit anzusehen. Außerhalb der Arena schätzte er die Rivalen mit der Brüderlichkeit, welche die gemeinsame Gefahr verleiht. Doch wenn er die Kampfbahn betrat, dann waren alle Feinde und ihre Erfolge schmerzten ihn wie Beleidigungen. Nun empfand er den Beifall der Zuschauer wie einen Raub, der seinen großen Triumph beeinträchtigte. Als der fünfte Stier, der für ihn bestimmt war, in die Arena sprang, da eilte er vorwärts mit dem Vorsatz, das Publikum durch seine Taten in neuerliche Raserei zu versetzen. Als ein Picador fiel, sprang er schnell herzu, hielt den Mantel vor und der Stier eilte an das andere Ende des Zirkus, wo er ihm durch alle möglichen Finten so zusetzte, daß das Tier schließlich unbeweglich und ganz erschöpft dastand. Alsdann stieß ihm Gallardo den Fuß in die Schnauze und hing ihm die Kappe auf seine Hörner. Dann wieder benützte er die Verblüffung des Tieres, um ihm seinen Körper entgegenzuhalten oder er kniete sich unmittelbar vor den funkelnden Augen seines Gegners nieder. Diejenigen der Besucher, welche sich als Anhänger der Regeln bekannten, protestierten verstohlen dagegen. Das waren Spiegelfechtereien und Hanswurstereien, die man zu anderen Zeiten niemals geduldet hätte ... Doch mußten sie, übertönt durch die Rufe der Zuschauer, schweigen. Als das Glockengeläute der Banderillos ertönte, blieben die Leute noch in Ungewißheit, als sie sahen, daß Gallardo dem Nacional seine Lanzen abnahm und sich mit diesen dem Stier näherte. Ein Ruf des Protestes erhob sich. Was? Er wollte sich mit den Lanzen abgeben? Alle kannten seine Ungeschicklichkeit in diesem Gange. Der blieb für die vorbehalten, welche ihre Laufbahn Schritt für Schritt zurücklegten, für solche, die sich an der Seite ihres Meisters geübt hatten, bevor sie selbst den Degen führen konnten. Und Gallardo hatte gleich dort begonnen, wo die anderen aufhörten. Der Doktor Ruiz rief laut und beugte sich dabei über die Schranken: »Laß das sein, Freund, du weißt warum. Nimm doch den Degen.« Aber Gallardo verachtete das Publikum und war taub gegen seine Zurufe, wenn er den Regungen seiner Tollkühnheit nachgab. Unbekümmert um das Geschrei ging er gerade auf den Stier zu, und ehe sich dieser bewegen konnte, schleuderte er ihm eine Lanze in den Körper. Die nächsten trafen nicht gut, da sie ungeschickt geworfen wurden, und eine derselben fiel bei einer Bewegung des Stieres zu Boden. Das Publikum beklatschte mit der Schwäche, welche die Öffentlichkeit immer für ihre Lieblinge hat und mit der sie ihre Fehler entschuldigt, lächelnd die kühne Geste des Stierfechters. Gallardo wiederholte das Spiel mit den Lanzen noch mehreremale, so daß die Zuschauer in laute Rufe der Bewunderung ausbrachen. Von sechs Lanzen, die Gallardo geschleudert hatte, waren vier stecken geblieben und auch diese nur so oberflächlich, daß sie keine Schmerzen zu verursachen schienen. »Er spürt ja nichts«, schrien die Vertreter der Regeln in ihren Logen, während Gallardo mit Degen und Scharlachtuch sich dem Stiere näherte, seinem Glücksstern vertrauend. »Alle zurück!« rief er wieder, doch da er fühlte, daß jemand trotz seines Befehles hinter ihm stand, blickte er nach rückwärts. Fuentes war ihm mit dem Mantel auf dem Arme gefolgt und stellte sich, als hätte er seinen Befehl nicht gehört. Er war bereit, ihm zu helfen, sollte er seinen Beistand benötigen. »Laß mich, Antonio«, sagte Gallardo zornig, jedoch mit solcher Achtung in seinem Tone, als würde er zu seinem älteren Bruder sprechen. Und sein Blick war so zwingend, daß Fuentes die Schulter hob, als wollte er damit sagen, daß er jede Verantwortung ablehne. Dann drehte er sich um und entfernte sich langsam mit der Überzeugung, in einem der nächsten Augenblicke eingreifen zu müssen. Gallardo entfaltete wieder das Tuch vor dem Haupt des Stieres, der diesmal angriff. Er machte einen Schritt nach rückwärts. Bravo! riefen die Enthusiasten, als das Tier an ihm vorüberschoß. Aber es wandte sich schnell um und führte einen zweiten heftigen Stoß gegen den Mann, dem es das rote Tuch samt dem Degen aus der Hand riß. Als sich Gallardo so wehrlos und verfolgt sah, blieb ihm nichts anderes übrig, als sich über die Barriere in Sicherheit zu bringen. Doch im gleichen Augenblick zog der Mantel des Fuentes die Aufmerksamkeit des Stieres auf sich. Gallardo, der noch auf seiner Flucht erriet, daß der Stier von ihm abließ, sprang nicht über die Barriere, er setzte sich auf einen Pfeiler und blieb dort einige Augenblicke, während welcher er seinem Feinde ruhig in die Augen blickte. Seine Niederlage verwandelte sich in den Augen der Zuschauer auf einmal in prahlerische Sorglosigkeit, die man mit neuem Beifall begrüßte. Inzwischen hatte Gallardo Tuch und Degen wieder bekommen und trat aufs neue dem Stier entgegen, diesmal aber mit weniger Sorglosigkeit, sondern vielmehr von dem Drange beherrscht, seinen Gegner, welcher ihn vor soviel Tausenden seiner Bewunderer zur Flucht genötigt hatte, mit einem sicheren Stoß zu erledigen. Er hatte kaum einen Schritt gemacht, da hielt er den entscheidenden Moment für gekommen und richtete sich auf, während er den Degen in die Höhe der Augen erhob. Das Publikum protestierte wieder, da es für sein Leben fürchtete. »Nicht stoßen, nicht, oh!...« Ein Schreckensschrei gellte über den großen Platz, ein Schauer, der die vielen Tausende von Zuschauern mit vor Schreck weit aufgerissenen Augen aufspringen ließ, während sich die Frauen das Gesicht verhüllten oder voll Schreck nach dem Arm ihres Nachbars griffen. Der Stoß des Toreros hatte einen Knochen getroffen und sein Sprung war durch dieses Hindernis auf einige Sekunden aufgehalten worden, was aber genügte, daß ihn der Stier mit einem Horn erfaßte. Gallardo wurde in der Mitte des Körpers in die Höhe gehoben und der starke Mann sah sich plötzlich mit seinem ganzen Gewicht wie eine leichte Strohpuppe auf dem Horne hin und her geschüttelt, bis ihn die Bestie mit einer Bewegung des Schädels derart wuchtig in die Arena schleuderte, daß er mit ausgestreckten Armen wie ein goldener seidener Hampelmann liegen blieb. »Er ist tot, ein Stoß in den Bauch«, schrien die Leute auf den Tribünen. Doch Gallardo erhob sich mitten unter den Stierfechtern und anderen Leuten, welche zu seiner Hilfe und seinem Schutze herbeieilten. Er lächelte, betastete seinen Körper und hob dann die Schulter, um dem Publikum zu zeigen, daß er unverletzt geblieben war. Das Horn war nur in die dicke Seidenhülle der Schärpe gedrungen. Wieder nahm er den Degen in die Hand, doch diesmal hatte er nicht die Absicht sich lange zu spielen, denn er wußte, daß der Kampf kurz, aber schrecklich sein werde. Er stürzte sich mit solcher blinden Verwegenheit auf den Stier, als glaubte er selbst nicht mehr an die Möglichkeit, unverletzt dem Horn der Bestie zu entgehen: Er war entschlossen zu siegen oder zu sterben, jedoch sofort, ohne weitere Vorsichtsmaßregeln für seine Person zu treffen. Er hatte einen roten Schein vor den Augen, als würde er durch Blut blicken. Wie ein weites, aus einer anderen Welt kommendes Geräusch hörte er die Rufe der Menge, die ihm Vorsicht anempfahlen. Er machte zwei Schritte, gefolgt von einem Kameraden, der sich an seiner Seite hielt, und mit Gedankenschnelle, mit der Geschwindigkeit einer losgelassenen Feder stürzte er sich auf den Stier und gab ihm einen Stoß, den seine Bewunderer mit einem Blitz verglichen. Er hatte so gewaltig zugestoßen, daß er beim Rücksprung von der Spitze eines Horns gestreift und einige Schritte zurückgeworfen wurde. Doch blieb er stehen, während das Tier in seinem rasenden Laufe auf der anderen Seite des Platzes niederstürzte, die Füße ausstreckte und das Maul in den Sand wühlte, bis es durch einen zweiten Stich erlöst wurde. Die Zuschauer schienen vor Begeisterung außer Rand und Band geraten zu sein. Welch herrlicher Kampf! Dieser Gallardo war sein Geld wert, die Leute konnten drei Tage in den Kaffeehäusern von ihm sprechen. Welche Kraft, welcher Mut! Manche blickten in ihrer Begeisterung nach rechts und links, als ob sie Gegner ihres Enthusiasmus suchten. Als der letzte Stier gefallen war, da brach eine Sturmflut in die Arena herein. Alle umringten Gallardo und begleiteten ihn auf seinem Triumphzuge von der Präsidentenloge bis zum Ausgang. Sie drängten sich an ihn, wollten seine Hände schütteln, seine Kleider erfassen und schließlich packten sie, ohne auf die Stöße des Nacional und der anderen Banderillos zu achten, Gallardo bei den Füßen und hoben ihn auf ihre Schultern, auf welchen sie ihn bis auf die Straße hinaustrugen. Der Torero schwenkte die Kappe und grüßte die Leute, die ihm zuklatschten. Er ließ sich in seinem Galakleide wie einen Gott bejubeln und stand unbeweglich und stolz über den tausenden Hüten und Kappen, die man ihm mit allen Ausrufen der Begeisterung entgegenschwenkte. Als er die Alcalastraße zurückfuhr und die Grüße der Menge, welche zwar dem Kampfe nicht zugesehen hatte, jedoch über seine Triumphe schon unterrichtet war, entgegennahm, da erhellte ein Lächeln der stolzen Befriedigung sein schweißbedecktes Antlitz, auf welchem noch die Blässe der vergangenen Stunde zu sehen war. Der Nacional, dem der Unfall und der schwere Sturz seines Herrn Sorge machte, fragte, ob er Schmerzen fühle und nicht den Doktor Ruiz holen lassen wolle. »Es ist nichts, kaum der Rede wert, mir kann kein Stier etwas tun.« Doch wie wenn inmitten seines Übermutes die Erinnerung an die vergangene Schwäche auftauchte und er in den Augen des Nacional einen ironischen Ausdruck zu bemerken glaubte, fügte er hinzu: »Es gibt Dinge, die mir auf die Seele fallen ehe ich in die Arena gehe ... So etwa, wie der Duft der Frauen. Doch du hast Recht, Sebastian, wie sagst du immer? ›Gott oder die Natur‹, ja, so ist es, die beiden kümmern sich nicht um die Angelegenheiten eines Stierkämpfers. Hier handelt ein jeder wie er kann, kraft seiner Geschicklichkeit oder seines Mutes, ohne daß ihm Empfehlungen von der Erde und vom Himmel etwas nützen. Du hast Talent, Sebastiano, du solltest die Regeln unserer Kunst studieren«. Und im Optimismus seiner Fröhlichkeit betrachtete er den Banderillo wie einen Sachverständigen, ohne sich an die Scherze zu erinnern, die er immer über seine Reflexionen gemacht hatte. Als er vor seinem Hotel abstieg, begegnete er im Vestibül einer Anzahl begeisterter Anhänger und Bewunderer, welche ihn alle umarmen wollten. Sie sprachen mit solcher Überschwenglichkeit über seine Taten, daß ihre Worte einem Außenstehenden übertrieben und sinnlos vorkommen konnten. Gallardo machte sich aus diesen stürmischen Umarmungen so vieler Leute frei und eilte mit Garabato in den Korridor. »Schick sofort das Telegramm nach Hause. Du weißt schon: »Alles glücklich vorüber«. Der Diener entschuldigte sich, er müsse dem Torero beim Ausziehen helfen, die Leute des Hotels würden sich gerne der kleinen Mühe unterziehen, die Depesche zu befördern. »Nein, ich will daß du es machst. Ich werde auf dich warten. Doch mußt du noch ein zweites Telegramm aufgeben, du weißt schon, für jene Dame, für Doña Sol. Ebenfalls: Alles glücklich vorbei«. II Al der Mann der Frau Angustias, Juan Gallardo, der bekannte Flickschuster im Stadtteil La Feria, starb, weinte die Witwe gebührend über diesen Verlust. Doch gleichzeitig fühlte sie im Grunde ihres Herzens die Genugtuung eines Menschen, der nach langer Wanderung Rast findet und sich von einer schweren Bürde befreit sieht. Während ihres zwanzigjährigen gemeinsamen Lebens hatte er ihr keine anderen Verdrießlichkeiten verursacht, als solche, welche auch die übrigen Frauen des Bezirkes ihren Männern vorwarfen. Von den drei Pesetas, die er täglich verdiente, gab er einen der Frau Angustias zur Bestreitung des Haushaltes, die zwei anderen behielt er für sich, um sie für seine Person und für die Kosten der Repräsentation zu verwenden. Er mußte sich doch den Freunden gegenüber erkenntlich zeigen, wenn sie ihn auf ein Glas Wein einluden. Und die andalusischen Weine sind teuer! Ferner besuchte er auch die Stierkämpfe, denn wozu lebt denn ein Mensch, wenn er nicht trinkt und sich nicht die Stiergefechte anschaut? Sie konnte sich also genug den Kopf zerbrechen und alle ihre Fähigkeiten anstrengen, um die Familie durchzubringen. Sie arbeitete als Bedienerin in den besseren Häusern des Bezirkes und der Nachbarschaft, vermittelte für eine bekannte Trödlerin Wäsche und Schmuckkäufe oder drehte Zigaretten, wobei sie wieder ihre frühere Fertigkeit verwenden konnte, die sie seinerzeit erlernt hatte, als Juan sie noch von der Tabakfabrik abholte. Sie hatte sich niemals über Untreue oder schlechte Behandlung von Seiten ihres verstorbenen Gatten zu beklagen. Wenn er Samstag spät abends berauscht und mit Hilfe seiner Freunde nach Hause zurückkehrte, da kam auch Freude und Zärtlichkeit mit ihm zurück. Frau Angustias mußte ihn mit Püffen hereinstoßen, da er durchaus vor der Tür bleiben und seiner beleibten Lebensgefährtin ein Ständchen bringen wollte. Und nachdem sie endlich die Türe hinter ihm geschlossen hatte, wollte er die Kleinen sehen, die schon schliefen, er küßte sie, während ihm dicke Tränen über die Wangen herabliefen. Dann wiederholte er seine Lieder zu Ehren der Frau Angustias, er pries sie als die beste Frau, die man auf der Welt finden konnte, bis sich ihre Stirne glättete und ihre Lippen lachten, während sie ihn auszog und herumschob, als wäre er ein schwaches Kind. Das war sein einziger Fehler. Armer Teufel! Spiel und Weiber kannte er nicht. Seinen Egoismus, der ihn auf gute Kleidung achten ließ, während seine Familie in Lumpen herumlief, und seine ungerechte Verteilung des Arbeitslohnes machte er dann wieder durch plötzliche Großmut wett. Frau Angustias erinnerte sich mit Stolz an die Festtage, als ihr Juan sagte, den Schleier aus Manila und die Hochzeitsmantilla anzulegen, wie er die Kinder vorangehen ließ und nun an ihrer Seite mit weißem Strohhut und dem Spazierstock mit goldenem Griffe einherstolzierte, als wären sie reiche Kaufleute. An Tagen, an welchen der Eintritt zu den Stiergefechten herabgesetzt war, ging er mit ihr vorher auf den Platz und ließ ihr dort ein Glas Wein oder im Kaffeehaus eine Erfrischung geben. Diese glückliche Zeit lebte nur mehr als eine schwache, aber liebe Erinnerung im Herzen der armen Frau. Ihr Mann erkrankte an Lungenschwindsucht und sie mußte ihn während zweier Jahre pflegen. Da hieß es sich natürlich doppelt plagen, um den Peseta hereinzubekommen, den ihr früher der Mann gegeben hatte. Schließlich starb er im Spital, ergeben in sein Los und überzeugt, daß das menschliche Dasein ohne Wein und Stierkämpfe keinen Reiz habe. Sein letzter Blick der Liebe und Dankbarkeit galt seiner Frau, als ob er mit den Augen sagen wollte: »Du bist die beste Frau auf der Welt«. Als sie Witwe war, hatte sich ihre Lage nicht verschlechtert. Sie konnte sich sogar freier bewegen, da ihr die Sorge um den kranken Mann genommen war, denn er hatte sie in den letzten zwei Jahren mehr gekostet, als die übrige Familie. Sie suchte nun gleich einen Beruf für ihren Sohn. Ihre Tochter Encarnacion, welche siebzehn Jahre alt war, kam in die Tabakfabrik, wo ihre Mutter ihre einstigen Freundinnen, welche jetzt Aufseherinnen waren, um Protektion gebeten hatte. Juan, der von klein auf im Schusterladen seines Vaters bei der Arbeit zugesehen hatte, mußte nach dem Willen der Mutter das gleiche Handwerk erlernen. Sie nahm ihn aus der Schule, wo er kümmerlich lesen gelernt hatte, und steckte ihn mit zwölf Jahren zu einem der besten Schuster von Sevilla in die Lehre. Von diesem Augenblick an begann die Leidenszeit der armen Frau. Ach, dieser Schlingel! Der Sohn eines so würdigen Vaters! Statt in dem Laden seines Meisters zu arbeiten, ging er alle Tage mit einigen Spitzbuben zum Schlachthaus, wo sie dann unter dem Gelächter der Hirten und Schlächter die Stiere mit dem roten Mantel neckten, obgleich sie oft von den Füßen der Tiere und ihren Leibern derbe Stöße erhielten. Frau Angustias, welche die Nächte mit der Nadel durchwachte, um die Kleider des Jungen auszubessern, fand ihn dann vor der Haustüre, weil er sich fürchtete einzutreten und dennoch nicht auskneifen konnte, da ihn der Hunger trotz seiner zerrissenen Hosen, seiner schmutzigen Jacke, seines zerbeulten Kopfes und zerkratzten Gesichtes heimtrieb. Nach den Quetschungen und Beulen, die ihm die Rinder stießen, mußte er nun auch die Ohrfeigen und Stockschläge der Mutter hinnehmen. Doch unser Held ertrug dies alles, nur um seine tägliche Nahrung zu haben. »Schlag mich, aber gib mir zu essen.« Und mit dem Heißhunger, den er durch sein Herumtollen heimtrug, schlang er das harte Brot, die schlechten Fisolen, den faulen Stockfisch, kurz all die elende Nahrung, welche die Mutter für weniges Geld gekauft hatte, hinunter. Infolge ihrer Beschäftigung als Scheuerfrau in fremden Häusern konnte sich Frau Angustias nur von Zeit zu Zeit um ihren Sohn kümmern und sich bei seinem Lehrherrn um die Fortschritte in dem Schusterhandwerke erkundigen. Wenn sie aus dem Laden ging, da erstickte sie fast vor Zorn und nahm sich vor, den Tunichtgut durch die schwersten Strafen auf den richtigen Weg zurückzuführen. Denn Juan verbrachte den größten Teil des Tages anderswo, nur nicht im Laden. In der Früh lief er in den Rinderhof, nachmittags wartete er mit anderen Tagdieben in der Sierpesstraße, um die Toreros zu bewundern, welche sich in ihrer freien Zeit in der Campana trafen. Juan betrachtete sie als höhere Wesen und beneidete sie um ihren Anstand und ihre Kühnheit, mit der sie den Frauen den Hof machten. Der Gedanke, daß sie alle zu Hause ein goldgesticktes, seidenes Prunkgewand hatten, welches sie vor der Menge unter den Klängen der Musik zur Schau tragen durften, verursachte ihm einen Schauer der Ehrfurcht. Der Sohn der Frau Angustias führte unter seinen zerlumpten Freunden den Namen »Schusterbub« und war zufrieden, einen Spitznamen zu haben, gleich jenen großen Männern, welche die Arena betraten. Er trug um den Hals ein rotes Tuch, das er seiner Schwester genommen hatte, und das Haar unter der Mütze wellte sich in dichten Locken, welche er sich mit Speichel über die Ohren strich. Die Drillbluse fiel in Falten bis zur Hüfte, die Hose, ein altes Stück von seinem Vater, das ihm die Mutter zurechtgemacht hatte, mußte ihm bis über die Taille hinaufreichen und er weinte vor Wut, wenn sich seine Mutter diesen Forderungen nicht fügen wollte. Und nun der Mantel! Es war sein Traum, einen Stierkämpfermantel zu besitzen, ohne die anderen erst bitten zu müssen, dies so sehnsüchtig erstrebte Stück für einige Minuten herleihen zu wollen. In einem Winkel des Hauses lag eine alte, vergessene Matratze, deren Roßhaar die Mutter in Tagen der Not verkauft hatte. Der Junge versteckte sich eines Morgens im Haus und benützte die Abwesenheit Angustias, welche an diesem Tage im Hause eines Kanonikus arbeitete, um einen lang gehegten Plan auszuführen. Mit der Erfindungsgabe eines Schiffbrüchigen, der auf sich allein angewiesen ist und alles auf seiner einsamen Insel selbst erzeugen muß, schnitt er sich aus der feuchten und zerfallenen Leinwand einen Mantel heraus. Dann sott er in einem Topf eine Hand voll Anilinfarben auf, welche er in einer Drogerie gekauft hatte, und steckte den alten Überzug in diese Flüssigkeit hinein. Voll Stolz betrachtete er sein Werk. Da hatte er nun einen scharlachroten Mantel, der den Neid aller anderen Kameraden erwecken mußte. Nun hieß es ihn noch trocknen und daher hängte er sein Meisterstück unter die Wäsche der Nachbarn. Als aber der Wind durch die Leinwandstücke fuhr und sie durcheinander brachte, da färbte der feuchte Mantel die anderen Stücke rot und ein Schwall wüster Drohungen erhob sich zugleich mit geballten Fäusten gegen unseren Stierkämpfer, der mit dem Mantel eilig flüchten mußte und mit seinem roten Gesichte, seinen befleckten Händen einem Mörder glich. Seine Mutter Angustias, eine starke, dicke, schnurrbärtige Frau, welche sich vor keinem Manne fürchtete und sogar den Frauen durch ihre energischen Entschlüsse imponierte, zeigte sich dem Jungen gegenüber machtlos. Was sollte sie tun? Ihre Hände hatten sich schon an jedem Teil seines Körpers versucht, die Besenstiele zerbrachen ohne jeden Erfolg. Der Junge schüttelte, wie sie sagte, die Schläge wie ein Hund ab. Nach den furchtbaren Stößen der Hörner, den schmerzhaften Püffen der Rinder, den Stockschlägen der Hirten und Viehtreiber, erschienen ihm die Schläge der Mutter als eine Fortsetzung seines äußeren Lebens, das nur innerhalb der vier Wände des Hauses in anderer Form variiert wurde. So ließ er sich denn ruhig schlagen und betrachtete diese Schläge als einen Beitrag, den er für seinen Unterhalt leistete. Kaum hatte er seinen Hunger gestillt, so eilte er aus dem Hause und freute sich der Freiheit, welche ihm Angustias, die ihren Geschäften nachgehen mußte, gern oder ungern ließ. In der Campana, dem Treffpunkt der Stierkämpfer, wo man alle Neuigkeiten erfuhr, hörte er von seinen Kameraden Mitteilungen, welche ihm das Blut vor Freude heftiger durch die Adern trieben. »Höre, Schuster, morgen ist ein Stierkampf.« Die Dörfer und größeren Flecken der Provinz feiern die Feste der Heiligen durch eine Corrida und dahin eilten nun die jüngeren Toreros in der Hoffnung, sagen zu können, in Aznalcollar, Bollulos oder Mairena aufgetreten zu sein. Sie begannen ihren Marsch in der Nacht und trugen, wenn es Frühling war, ihren Mantel auf der Schulter, im Winter dagegen schlugen sie sich ihn um den Körper und nun ging es mit leeren Magen und unter ernstem Gespräche dem Ziele zu. Dauerte der Marsch mehrere Tage, schliefen sie unter freiem Himmel oder durften aus Barmherzigkeit in einer Strohkiste übernachten. Und die süßen Trauben, die Melonen und Feigen, die sie in der warmen Zeit auf ihren Märschen fanden, gewährten ihnen eine billige Mahlzeit. Ihre einzige Sorge bestand in der Befürchtung, daß eine andere Truppe den gleichen Gedanken gefaßt hatte und sich in dem betreffenden Orte einfand, so daß auf diese Weise ein erbitterter Kampf zu befürchten wäre. Am Ziele ihrer Reise gingen sie mit verstaubtem Gesicht, müde und heruntergekommen vom langen Marsche, zum Bürgermeister, und der Frechste von ihnen, der sich als Direktor der Truppe einführte, sprach von dem Verdienste seiner Leute. Sie würden sich alle glücklich schätzen, wenn die Gemeinde sie in ihrer Freigebigkeit im Hofe des Wirtshauses schlafen und ihnen allen einen Topf mit Olla geben ließe. Und dieser Topf stand wenige Augenblicke nachher reingeputzt da. Auf dem Kampfplatze, der von Karren und Tribünen umgeben war, wartete ihrer ein alter, mit Narben und blutigem Schorf bedeckter Stier, der, wie seine spitzigen Hörner kundtaten, schon seit vielen Jahren an solchen Provinzveranstaltungen teilnahm und, wie sie sagten, sein Latein verstand, denn da er beständig im Zirkus herumgehetzt wurde, kannte er alle Kniffe. Die Ortsjugend foppte die Tiere aus sicherer Entfernung und die Leute suchten bei den Toreros aus Sevilla auf ihre Kosten zu kommen. Flüchtete sich einer von ihnen auf die Barriere, da kam es zu Empörung und lärmendem Geschrei, die Zuschauer schlugen ihn auf die Finger und traktierten seine Füße mit Stockschlägen, um ihn wieder in den Zirkus zurückzujagen. »Vorwärts, Feigling, zu den Stieren!« Manchmal trugen sie einen Stierfechter zwischen vier Männern vom Platz, bleich, wie ein Blatt Papier, mit glasigen Augen und herabhängendem Kopf, mit röchelnder Brust, die den Atem wie ein zerbrochener Blasebalg ausstieß. Dann kam der Tierarzt und beruhigte die anderen, da er kein Blut sah. Es war nur der Schreck, da der Bursche über einige Meter hingeschleudert wurde und dann wie ein Sack auf den Boden gefallen war; ein andermal war wieder ein Stier mit seiner ganzen Schwere über einen anderen hinweggetrampelt. In diesem Falle schüttete man einen Kübel Wasser über seinen Kopf und wenn er die Augen aufschlug, flößte man ihm einen tüchtigen Schluck Branntwein ein. Ein Fürst konnte nicht besser behandelt werden. Dann ging es wieder in die Arena, und wenn kein Stier mehr da war und sich die Nacht näherte, nahmen zwei aus der Schar den besten Mantel der ganzen Gesellschaft und gingen von Tribüne zu Tribüne, um klingenden Dank zu ernten. Es regnete Kupfermünzen auf das rote Tuch, je nachdem die Taten Beifall gefunden hatten. Nach Beendigung des Spiels zogen sie in die Stadt zurück, da sie wußten, im Wirtshaus ihren Kredit erschöpft zu haben. Oft stritten sie unterwegs über die Verteilung ihres Kupfergeldes, das sie in ein Tuch eingewickelt hatten. Nach ihrer Rückkehr erzählten sie dann den Kameraden, die nicht mithalten konnten, ihre Heldentaten in den verschiedenen Orten, wobei sie die Miene und die Haltung der wirklichen Toreros nachahmten, welche nur wenige Schritte von ihnen entfernt saßen und sich über ihre Verdienstlosigkeit mit allen möglichen Lügen und Aufschneidereien hinweghalfen. Manchmal wußte Frau Angustias oft über eine Woche nichts von ihrem Sohn. Dann vernahm sie gerüchtweise, daß er in einem Dorfe, das Tocina hieß, verwundet worden sei. Wo lag nun dieser Ort und wie kam man hin? Sie hielt ihren Sohn für tot, beweinte ihn und machte sich bereit, hinzufahren, doch als sie alles vorbereitet hatte, sah sie ihren Juan bleich und schwach zurückkommen, um mit männlichem Stolze über seinen Unfall zu sprechen. Es war nichts, nur ein Stoß, der mehrere Zentimeter tief in den Schenkel gegangen war. Und mit dem Stolz des Siegers wollte er den Nachbarn die Wunde zeigen, wobei er versicherte, einen Finger hineinstecken zu können, ohne auf den Grund zu kommen. Er fühlte sich voll Stolz über den Jodoformgeruch, den er bei jedem Schritt verbreitete, und sprach von der Pflege, die er dort genossen hatte. Alle hätten sich für sein Los interessiert. Der Bürgermeister hätte ihn besucht und ihm sogar die Rückreise bezahlt. Er fand in seiner Tasche noch zwei Duros, welche er seiner Mutter mit der Freigebigkeit und der Würde eines Gönners überreichte. Sein Stolz wuchs noch, als sich in der Campana, dem »Stelldichein« der Toreros, einige Stierkämpfer für den Knaben interessierten und ihn fragten, wie es mit seiner Verwundung stehe. Nach diesem Vorfall kehrte er nicht mehr in die Werkstätte seines Lehrherrn zurück. Er wußte nun, was die Stiere waren, und seine Verwundung hatte nur seinen Mut verdoppelt. Ihm schwebte nur mehr ein Ziel vor Augen: Torero zu werden! Frau Angustias verzichtete auf jeden Besserungsversuch, da sie alles für vergeblich ansah. Ihr Sohn existierte nicht mehr für sie. Kehrte er abends zur Stunde, wann Mutter und Tochter beim Nachtmahl zusammensaßen, nach Hause zurück, stellten sie ihm schweigend seine Schüssel hin und glaubten, ihn durch ihre Verachtung beeinflussen zu können. Doch das störte seine Kautätigkeit nicht im geringsten. Kam er später, hoben sie ihm nicht ein Stück trockenen Brotes auf und er mußte, so wie er gekommen war, auf die Straße zurück. Dann streifte er die Nacht mit anderen Taugenichtsen herum, welche teils bei Gaunern, teils bei Toreros in die Lehre gingen. Eine Zeit lang verkaufte er Zeitschriften und in der Karwoche bot er den Damen, die auf dem St. Franziskusplatze saßen, Zuckerwaren an. Zwischen den einzelnen Stierkämpfen lungerte er vor den Hotels herum und wartete auf einen Engländer, – denn für ihn waren alle Reisenden Engländer – in der Hoffnung, ihm als Führer dienen zu können. Sein Kamerad in diesen Tagen des Elends war Chiripa, ein kleiner Knabe mit boshaften Augen, eine Doppelwaise, der in Sevilla seit dem Augenblicke herumlief, als er den Gebrauch der Vernunft erlangt hatte: Er übte über Juan die Herrschaft eines Mannes aus, der einem anderen durch seine Erfahrungen überlegen ist. Seine Wange war von einem Hornstoß zerfetzt und Juan wertete dieses Mal höher als seine eigenen, unsichtbaren Narben. Und wenn ein Fremder, der das Lokalkolorit suchte, an der Türe seines Hotels mit den kleinen Toreros sprach und sie über ihre Taten ausfragte, um ihnen schließlich ein paar Münzen zu geben, da sagte Chiripa, auf Gallardo deutend, mit weinerlicher Stimme: »Er braucht nichts, er hat eine Mutter und ich bin allein auf der Welt. Er weiß gar nicht, was er an seiner Mutter hat.« Und übermannt von trauriger Rührung ließ es Juan zu, daß sich der andere des ganzen Geldes bemächtigte, ja, er murmelte noch: »Es ist wahr«. Diese Rührung aber hinderte Juan nicht, sein ungewöhnliches Leben fortzusetzen, immer unregelmäßiger in das Haus seiner Mutter zurückzukehren und lange Ausflüge über Sevilla hinaus zu unternehmen. Er war ein Meister des Landstreicherlebens. An Tagen, an denen Stiergefechte stattfanden, beseelte ihn nur ein Wunsch: Das Bestreben, in den Zirkus zu kommen. Dazu war ihm jedes Mittel recht, er überkletterte die Mauer, schlich sich mit anderen Leuten ein, oder erbettelte sich den Eintritt. Es war doch unmöglich, ein Stiergefecht ohne ihn abzuhalten. Chiripa war viel herumgekommen und er erzählte seinem Gefährten von all den großen Dingen, die er in fernen Provinzen gesehen hatte. Er verstand es sehr geschickt, umsonst, als blinder Passagier in den Zügen mitzufahren. Juan lauschte mit Entzücken seinen Beschreibungen von Madrid und der dortigen Plaza de Toros, welche sozusagen eine Hochschule der Stierfechterkunst war. Einmal sagte ihnen ein Herr, der sich über sie lustig machen wollte, daß sie in Bilbao viel Geld verdienen könnten, da es dort nicht so viel Toreros wie in Sevilla gebe. Und die zwei Burschen machten sich auf den Weg, ohne einen Duro in der Tasche zu haben, sie verschafften sich unter allen möglichen Listen Zutritt zu den Zügen, und versteckten sich unter den Sitzen. Doch der Hunger und andere Notwendigkeiten zwangen sie, ihre Gegenwart den Reisenden zu verraten, die sich ihrer aus Mitleid annahmen. Wenn sie ein Angestellter in einer Station entdeckte und verfolgte, liefen sie von Wagen zu Wagen, oder sie kletterten auf die Dächer, wo sie warteten, bis sie außerhalb des Bahnhofes waren. Oft erwischte man sie, dann mußten sie unter Püffen und Ohrfeigen zurückbleiben, während sich der Zug wie eine verlorene Hoffnung entfernte. Doch sie warteten auf den nächsten und schliefen einstweilen unter freiem Himmel. Wenn sie sich aber beobachtet sahen, gingen sie durch einsame Felder zur nächsten Station und hofften, dort glücklicher zu sein. So kamen sie nach vieltägiger abenteuerlicher Reise, die mit manch harten Schlägen bezahlt werden mußte, in Madrid an. Dort bewunderten sie in der Sevillastraße und Puerta del Sol die Gruppen der Toreros, welche gerade ohne Engagement waren. Da sie sich über ihr Beginnen doch schon Gedanken machten und das Ziel ihrer Reise immer weiter hinausrückte, kehrten sie nach Sevilla zurück, wobei sie die Heimreise auf die gleiche Weise bewerkstelligten wie ihre Fahrt nach Madrid. Doch nun hatten sie an dieser Art zu reisen Geschmack gefunden und sie besuchten auf diese Weise alle Orte in den verschiedenen Provinzen, sobald es irgendwie hieß, daß man daselbst Stierkämpfe veranstalten wollte. Durch diese Fahrten hatten sie Gelegenheit gewonnen, ihre Schlauheit und ähnliche für diese Voraussetzungen in Betracht kommenden Fähigkeiten zu entwickeln; sie legten sich in der Nachbarschaft der Bauernhäuser auf die Erde und plünderten, gedeckt durch Hecken und Gras, die Gemüsegärten aus, ohne gesehen zu werden. Sie lauerten Stunden hindurch auf die Gelegenheit, eine Henne einzufangen und ihr den Hals umzudrehen, um sie dann später auf einem Haufen trockenen Holzes zu braten und halb roh zu verschlingen. Sie fürchteten die Hofhunde mehr als die Stiere. Es war nicht gut, mit diesen Wächtern anzubinden, sie liefen hinter ihnen her und fletschten die Zähne, als würden sie Feinde des Eigentums in ihnen wittern. Manchmal überraschten sie, wenn sie im Freien bei einer Station schliefen, um die Ankunft eines Zuges abzuwarten, einige Gendarmen, welche ihr Rundgang in diese Gegend führte. Doch beim Anblick der roten Tücher beruhigten sich die Hüter der Ordnung und sie entfernten sich lächelnd, ohne weitere Fragen zu stellen. Es waren ja keine Räuber, sondern künftige Toreros, die ihrem Berufe nachgingen. Und eine geheime Sympathie für die nationale Kunst und die Achtung vor einer noch ungekannten Zukunft waren die Beweggründe für ihre Toleranz. Man konnte nicht wissen, ob nicht einer dieser verhungerten, zerlumpten und heruntergekommenen Burschen in wenigen Jahren ein Star werden konnte, ein großer Mann, der vor Königen auftreten und wie ein Fürst leben würde, kurz, ein Held, dessen Taten und Reden alle Zeitungen erfüllten. Einmal blieb Juan allein in einem Städtchen von Estremadura. Zum Erstaunen des ländlichen Publikums, welches den »eigens aus Sevilla gekommenen berühmten Toreros« applaudierte, wollten die zwei Burschen einen alten Stier mit den Wurflanzen angehen. Juan plazierte seine Lanze auf dem Rücken des Stieres und blieb vor einer Tribüne stehen, wo er freudestrahlend den Beifall der Menge entgegennahm, die ihm ihre Zufriedenheit durch energische Püffe auf den Rücken und durch fleißiges Zutrinken bewies. Ein Schreckensschrei riß ihn aus diesem Taumel des Ruhmes. Chiripa war nicht mehr in der Arena, in deren Sand man nur die bunten Bänder, einen Schuh und die Mütze sah. Der Stier lief wütend vor einem Hindernis herum und war mit einem seiner Hörner in ein Bündel Kleider, das einer Puppe gleich sah, verstrickt. Nach einigen heftigen Stößen löste sich diese Gestalt von dem Horne ab und ließ einen roten Strahl zu Boden fließen, wurde aber, ehe sie die Erde erreichte, von dem anderen Horn aufgegriffen und über eine weite Strecke geschleift. Endlich fiel diese formlose Masse in den Sand und blieb dort unbeweglich inmitten einer Blutlache wie ein durchlöcherter Schlauch, der den dunkelroten Wein ausströmen läßt, liegen. Die Stallburschen trieben das Tier in den Stall und der arme Chiripa wurde auf einer Bahre weggetragen. Der andere sah sein wachsgelbes Gesicht, seine trüben Augen und den blutüberströmten Körper, der trotz aller Verbände immer wieder Blut verlor. »Leb wohl, Juan,« hauchte er, »leb wohl.« Das waren seine letzten Worte. Der Gefährte des Toten kehrte nach Sevilla zurück. Wochenlang verfolgten ihn jene glasigen Augen und hörte er diese Abschiedsworte. Er fürchtete sich. Eine zahme Kuh, die sich ihm näherte, veranlaßte ihn, fortzulaufen. Er dachte an seine Mutter und ihre klugen Ratschläge. War es nicht besser, Schuster zu werden und friedlich zu leben? Doch diese Anwandlungen dauerten nur so lange, als er allein war. Nach seiner Rückkehr nach Sevilla machte sich der Einfluß der Umgebung lindernd bemerkbar. Seine Freunde überliefen ihn, um alle Einzelheiten über den Tod des armen Chiripa zu vernehmen. Die Toreros luden ihn in die Campana ein, wo sie mitleidig von dem Straßenjungen mit dem schmalen Gesicht sprachen, der sie so oft begrüßt hatte. Ermutigt durch solche Beweise der Achtung ließ Juan seiner Einbildungskraft freien Lauf, er erzählte, wie er sich auf den Stier gestürzt hatte, als er seinen Kameraden auf den Hörnern sah, wie er die Bestie am Schweife gezerrt habe, ohne daß er jedoch dem Kameraden hätte helfen können. Langsam verblaßte das Schreckensbild, er hatte wieder nur ein Ziel vor sich, Torero zu werden. Andere waren es schon, warum sollte gerade er nicht so hoch hinauf kommen? Er dachte an die Bohnen und das harte Brot im Hause seiner Mutter, an die Auftritte, wenn er eine neue Hose brauchte, an den Hunger, den steten Begleiter seiner Fahrten. Er fühlte eine heftige Begierde nach allen Freuden und Vergnügungen des Daseins. Er schaute voll Neid nach den Wagen und Reitern aus, er versteckte sich am Eingang der großen Häuser, wo er Zimmer voll Glanz und Reichtum, Säulengänge mit Porzellanfliesen, Marmorpflaster und Springbrunnen sah. Sein Los war gefallen, er mußte entweder Torero werden oder sterben. Er wollte reich sein, die Zeitungen sollten von ihm sprechen, das Volk ihn grüßen, und wenn es auch das Leben kostete. Er verachtete die niedrigen Grade des Stierfechterberufes. Es sah, wie die Banderillos um 30 Duros ihr Leben gerade so aufs Spiel setzten wie die Toreros, er wußte, daß sie bei einem Leben voll Mühsal und Wunden alt wurden, ohne mehr für ihre Zukunft zu erhoffen, als sich mit dem ersparten Geld einen kleinen Laden kaufen zu können. Einige starben im Spital, die meisten baten ihre jüngeren Kameraden um ein Almosen. Er dachte nicht daran, diesen Weg zu gehen und Jahre als Banderillo in der Cuadrilla eines launenhaften Espada zuzubringen. Er wollte gleich Stiere töten und die Arena mit dem Degen betreten. Das Unglück des armen Chiripa und seine von ihm erdichtete Rolle verlieh ihm unter seinen Kameraden einen gewissen Nimbus und er stellte sich eine Cuadrilla aus zerlumpten Kerlen zusammen, welche mit ihm zu den Stierkämpfen in die kleinen Ortschaften zogen. Sie folgten ihm, weil er der Kräftigste war und die schönsten Kleider trug. Einige Mädchen freieren Lebenswandels, welche von der stattlichen Erscheinung Juans, der damals achtzehn Jahre alt war, angezogen wurden, stritten sich um die Ehre, für seine Person zu sorgen. Außerdem rechnete er auf die Hilfe eines alten Taufpaten, der für junge Toreros eine Schwäche hatte und dessen Haltung Frau Angustias derart in die Wut brachte, daß sie ihn mit den lästerlichsten Schimpfworten, die sie seinerzeit in der Tabakfabrik gelernt hatte, bedachte. Juan trug Kleider aus englischem Stoff, die ihm vortrefflich standen, seine Frauen sorgten für die Reinheit der Wäsche und manchmal zeigte er über der Weste eine goldene Kette, welche er sich von einem Freunde ausgeliehen hatte. Er tat es den Toreros gleich, er zahlte die Zeche der Gäste, welche die Taten berühmter Stierfechter erzählten, und man glaubte, daß einflußreiche Gönner hinter diesem Burschen standen und nur auf die Gelegenheit warteten, ihn auf der Plaza de Sevilla auftreten zu lassen. Er hatte schon den Anfang gemacht, denn eines Tages, waren ihm in Lebriza, als gerade ein feuriger Stier in die Schranken sprang, seine Kameraden mit der Frage entgegengetreten: »Traust du dich, den da anzugehen?« Und er traute sich. Kühn gemacht durch die Leichtigkeit, mit welcher er die Todesfurcht überwunden hatte, lief er zu allen Veranstaltungen, in denen man junge Stiere auftreten ließ. Der Ruf seiner Taten kam bis nach Sevilla und machte die Leute, welche nach neuen Größen ausspähten, auf ihn aufmerksam. »Der Junge scheint etwas zu versprechen,« sagten sie, wenn sie ihn langsamen Schrittes und arroganter Haltung in der Sierpesstraße auf und abgehen sahen, »nun, wir werden ja sehen«. Diese Worte bezogen sich auf den Zirkus der Plaza de Sevilla und der junge Mann war bald in der Lage, sich sehen zu lassen. Sein Gönner hatte ihm ein abgelegtes Galakleid eines unbekannten Toreros gekauft. Man veranstaltete für wohltätige Zwecke eine Corrida mit jungen Stieren und einflußreiche Leute hatten es durchgesetzt, daß auch er als Torero teilnehmen durfte. Der Sohn der Frau Angustias sträubte sich dagegen, unter seinem Spitznamen »Schuster« aufzutreten, er wünschte vielmehr, ihn der Vergessenheit anheimfallen zu lassen. Er wollte unter dem Namen seines Vaters bekannt werden, um die großen Männer, die in Zukunft seine Freunde sein würden, durch keinen Spitznamen an seine Herkunft zu erinnern. Der ganze Bezirk Feria lief voll Aufregung und aus Lokalpatriotismus zu diesem Stiergefecht. Der Zirkus konnte nicht alle fassen und draußen warteten noch Tausende von Personen voll Spannung auf das Ergebnis der Corrida. Gallardo trat an, wurde von einem Stier erfaßt, ohne aber verwundet zu werden und hielt das Publikum durch seine Kühnheit, welche meist Erfolg hatte und immensen Beifall seitens der Zuschauer fand, in beständiger Aufregung. Manche Habitués, welche bei keiner Veranstaltung fehlten, lächelten voll Anerkennung. Er hatte zwar noch viel zu lernen, doch zeigte er Mut und das war die Hauptsache. Die Freundinnen des jungen Torero waren wie toll von Begeisterung. Sie gaben ihm unter hysterischen Bewegungen des Körpers und Tränen in den Augen Kosenamen, welche die Sprache der Liebe sonst nur in stillen Stunden zu gebrauchen pflegt. Eine warf ihren Mantel in die Arena, eine andere, welche mehr tun wollte, ihre Bluse und ihr Mieder, eine dritte wollte sich sogar ihres Rockes entledigen, und die Zuschauer mußten sich lachend ins Mittel legen, sonst hätten sie sich in die Arena gestürzt oder sich bis aufs Hemd ausgezogen. Voll Stolz saß der Mann von Juans Schwester Encarnacion, ein Riemer, der einen Laden hatte, auf seinem Sitz. Er war ein kluger Mann, ein Feind jedes Müßigganges. Er hatte sich mit der Zigarrenarbeiterin verheiratet und ihr den strikten Befehl gegeben, alle Beziehungen zu ihrem Bruder abzubrechen. Gallardo hatte sich, eingeschüchtert durch die abweisende Haltung seines Schwagers, niemals getraut, dessen Laden zu betreten oder ihn anders als mit »Sie« anzusprechen, wenn er ihn manchmal im Hause seiner Mutter traf. Und jetzt saß der stolze Mann da, grüßte ihn, rief ihn beim Namen, duzte ihn sogar und war ganz stolz, als der junge Torero vor ihm stehen blieb und mit einer Bewegung des Degens auf seine Zurufe antwortete. Das Ergebnis war ein triumphales. Die Menge stürzte sich auf Juan, als wollte sie ihn im Überschwang der Begeisterung erdrücken. Glücklicherweise stand der Schwager neben ihm, um Ordnung zu schaffen, ihn mit seinem Körper zu schützen und den Gefeierten bis zur Kutsche zu führen, wo er sich an seine Seite setzte. Als er zum kleinen Häuschen im Bezirk La Feria kam, da war die Menge hinter dem Wagen zu einer unabsehbaren Schar angewachsen, welche durch ihre Hochrufe die Leute vor die Häuser lockte. Angustias und ihr Sohn standen in der Türe des Hauses. Einige Nachbarn, welche der Corrida beigewohnt hatten, sagten der Frau Artigkeiten und die Freundinnen konnten sich nicht genug an Ausrufen tun. Die arme Frau blickte sie ganz erstaunt und zweifelnd an. War es denn möglich, das Juan diese Leute in solche Begeisterung versetzt hatte? Waren sie alle verrückt geworden? Doch plötzlich verschwand alles, was in der Vergangenheit lag, als ob diese nur ein Traum, ein Schein gewesen wäre Sie legte ihre Arme um den Hals ihres Sohnes und Tränen der Rührung benetzten seine Wangen. »Mein Junge, mein Juan, wenn dich dein armer Vater so gesehen hätte.« »Weine nicht, Mutter, heute ist ein Freudentag. Schau, wenn Gott es will, so wirst du ein Haus haben und man wird im Wagen vorfahren, uns zu besuchen ...« Am Abend sprach man in den Weinschenken und Kaffeehäusern des Stadtviertels nur von Gallardo. Er war der kommende Mann, der alle Stierkämpfer aus Cordoba in den Schatten stellen würde. Aus diesen Bemerkungen sprach der Stolz der Sevillaner, die in ständiger Rivalität mit den Leuten aus Cordoba standen, welche gleichfalls tüchtige Stierkämpfer stellten. Seit diesem Tage änderte sich die Lebensweise Gallardos. Die Herren grüßten ihn, und luden ihn ein, bei ihnen im Kaffeehaus Platz zu nehmen. Die guten Mädchen, welche früher seinen Hunger gestillt und seine Kleider in Ordnung gehalten hatten, sahen sich nun plötzlich mit einem verächtlichen Lächeln abgelohnt. Sogar sein alter Gönner hielt sich klugerweise im Hintergrund, da man ihm gezeigt hatte, daß er ungelegen komme, deshalb nahm er andere junge Leute, welche dieselbe Laufbahn einschlagen wollten, unter seinen Schutz. Die Unternehmung, welcher die Plaza de Toros gehörte, trat an Gallardo heran und ging mit ihm um, als wäre er schon eine Berühmtheit. Stand sein Name auf den Plakaten, so war der Erfolg des Tages gesichert, der Zirkus ausverkauft. Die Bevölkerung klatschte dem »Jungen der Frau Angustias« stürmisch Beifall und verkündete überall seinen Ruf, der sich schnell über Andalusien verbreitete. Durch anderthalb Jahre trat Juan in den größten Städten Spaniens auf und schließlich war man in Madrid auf ihn aufmerksam geworden. Man wollte den jungen Sevillaner kennen lernen, von dem die Zeitungen so viel erzählten. Er hatte in Madrid Glück, er schloß dort Freundschaft und es bildete sich um ihn eine Gruppe von Anhängern, welche ihn den Torero der Zukunft nannten. Das Leben in der Familie hatte sich vollständig geändert. Gallardo, der mit den großen Herren von Sevilla verkehrte, wollte nicht, daß seine Mutter in der alten Stätte des überwundenen Elends wohne. Er wäre gerne in die schönste Straße der Stadt gezogen, doch Frau Angustias blieb ihrem Bezirk treu mit jener Anhänglichkeit, welche sich oft die einfachen Leute im Alter für die Stätte ihrer Kindheit bewahren. Sie lebte jetzt in einem schöneren Hause, arbeitete nicht mehr und die Nachbarinnen machten ihr den Hof. Juan trieb, abgesehen von den Schmuckstücken, die er zur Schau trug, einen Aufwand, zu dem er sich als Torero verpflichtet fühlte. Er kaufte sich ein Reitpferd und ritt so durch die Straßen, nur um die Huldigungen seiner Freunde entgegenzunehmen, welche ihn überall mit lautem Bravo begrüßten. Das befriedigte für den Augenblick sein Streben nach Popularität. Ein andermal begab er sich wieder mit den vornehmen Herren der Stadt zu einem Stiergefecht, um diesesmal als Zuschauer das Spiel zu betrachten. Endlich kam auch für ihn der Tag, an dem er seinen Befähigungsnachweis erbrachte. Ein berühmter Torero gab ihm inmitten der Arena den Degen mit dem roten Tuch und das Publikum raste vor Begeisterung, als er mit einem Stoß den ersten Stier, der ihm entgegentrat, zu Boden streckte. In den folgenden Monaten mußte der junge Doktor der Stierfechterkunst noch einmal im Zirkus von Madrid seine Kunst beweisen. Hier stellte ihm ein anderer, nicht weniger berühmter Meister des Faches die gleiche Aufgabe und zwar in einer Corrida mit Stieren aus Miura. Jetzt war er kein Anfänger mehr, der sich mit Neulingen abgab, nun stand sein Name neben dem der alten Toreros, welche er wie unerreichbare Götter bewundert hatte, wenn er seinerzeit von Ort zu Ort zog. Er erinnerte einen seiner Kameraden, daß er ihn auf einer Station in der Nähe von Cordoba erwartet und um Hilfe gebeten hatte, als er mit seinem Begleiter den Zug bestieg. Damals konnte er sich sogar satt essen, dank der Brüderlichkeit, welche alle Stierkämpfer untereinander verbindet und welche den berühmtesten Torero veranlaßt, dem jungen Anfänger eine Zigarre und einen Duro zu geben. Die junge Berühmtheit wurde mit Kontrakten überrannt. Man wollte ihn in allen Städten der Halbinsel sehen. Die Zeitschriften veröffentlichten seine Bilder und machten ihn populär, sie schmückten seine Lebensgeschichte mit romanhaften Begebenheiten aus. Keiner unterschrieb so viel Kontrakte wie er, das Geld strömte ihm nur zu. Sein Schwager Antonio begleitete diesen Aufstieg vor seiner Frau und Schwiegermutter mit Protesten und Stirnrunzeln. Juan war ein undankbarer Bursche, er hatte sich einen Vertreter genommen, einen gewissen Don Jose, der gar nicht zur Familie gehörte. Doch Gallardo beschwichtigte seinen Schwager, indem er ihm die Aufsicht über den Bau seines Hauses übertrug, das er sich errichten ließ, wobei er ihm bezüglich der Kosten freie Hand ließ. Der Torero, welcher über die Leichtigkeit, mit der ihm das Geld zufloß, ganz erstaunt war, wünschte sogar, daß sein Schwager sich etwas für seine Tasche beiseite lege, indem er ihn auf diese Weise dafür entschädigte, seine Vertretung einem anderen übertragen zu haben. Juan war im Begriffe, einen langgehegten Wunsch zu erfüllen und seiner Mutter, welche ihr Leben damit verbracht hatte, die Schwellen der Reichen zu scheuern, ein eigenes Haus mit großen Säulenhallen, prächtigen Marmorfliesen und reichgeschmückten Möbeln zu erbauen. Dennoch fühlte er sich durch eine traditionelle Neigung mit dem Stadtteil verbunden, wo er seine trübselige Kindheit verbracht hatte. Es freute ihn, die Leute zu blenden, bei denen seine Mutter im Dienste gestanden war, oder ihnen im Augenblick der Not eine Handvoll Geldstücke zu geben, weil sie seinem Vater ein Paar Schuhe gebracht oder ihm selbst in Tagen der Not ein Stück trockenen Brotes überlassen hatten. Er kaufte verschiedene alte Häuser auf; in einem derselben hatte sein Vater seinen Schusterladen gehabt. Er ließ es niederreißen und begann ein neues aufzuführen, welches weiße Mauern, grüne Fensterläden, einen großen Vorhof mit Fliesen und ein eisernes Gitter haben sollte, durch welches man einen Springbrunnen innerhalb einer Kolonnade sehen würde. Die Freude seines Schwagers Antonio, so ungehindert über die Bauten des Torero verfügen zu können, verringerte sich plötzlich ganz gewaltig durch eine Schreckensnachricht. Gallardo hatte eine Braut. Er eilte jetzt im Frühling durch ganz Spanien von einer Stadt zur anderen, erlegte Stiere und wurde überall bejubelt. Doch sandte er täglich eine Karte an ein Mädchen des Bezirkes und während der kurzen Pausen zwischen zwei Tourneen verließ er seine Kameraden und eilte nach Sevilla, um mit ihr am Fenster zu sprechen. »Hat man so etwas gesehen?« äußerte sich der Schwager, der sich in dem Gefühl verletzt fühlte, das er Familiensinn nannte. »Er hat eine Braut, ohne seiner Familie ein Wort zu sagen!« Die Braut war eine Waise und lebte bei Verwandten, welche einen Laden im Bezirke hatten. Ihr Vater, ein früherer Branntweinhändler, hatte ihr zwei Häuser in der Umgebung von Macarena hinterlassen. »Es ist zwar wenig,« sagte Frau Angustias, »doch bringt das Mädchen immerhin etwas mit. Und ihre Hände sind mehr wert, als manche reiche Ausstattung. Man mußte nur sehen, wie sie die Tücher einsäumte und sich die Ausstattung selbst zusammennähte.« Gallardo erinnerte sich dunkel, mit ihr als Knabe gespielt zu haben, während die zwei Mütter miteinander plauschten. Sie war damals klein, dunkel, hatte schwarze, große Augen und war flink wie eine Eidechse. Beim Laufen zeigte sie ein mageres Bein, das Haupthaar ringelte sich in schwarzen, widerspenstigen Locken um ihr Haupt. Er hatte sie dann aus den Augen verloren und sah sie erst wieder, als er schon anfing, einen Namen zu haben. Es war am Fronleichnamstage, einem der wenigen Feste, an welchem die Frauen Sevillas, die sonst zu Hause bleiben müssen, auf die Straßen gehen können. Gallardo bemerkte ein großes, schlankes Mädchen, mit vollen Formen, in der Kraft ihrer jungen Mädchenschaft. Ihr bleiches Angesicht färbte sich, als es den Torero sah. Ihre großen Augen verbargen sich hinter langen Wimpern. »Dieses Mädchen kennt mich,« sagte sich Gallardo voll Eitelkeit, »sie hat mich sicher im Zirkus gesehen.« Und als er erfuhr, daß das Carmen, die Spielgefährtin seiner Jugend war, fühlte er sich über die wundervolle Verwandlung der schwarzen Eidechse ganz verwirrt und betroffen. Sie verlobten sich und alle Nachbarn sprachen von dieser Verbindung, in welcher sie eine neue Ehre für den Bezirk sahen. Als er nach der Verlobung mit ihr am Fenstergitter plauderte und ihr braunes Gesicht zwischen den Blumen betrachtete, da brachte ihm ein Bursch aus der nahen Schenke einen großen Korb mit Wein. Es war Brauch in Sevilla, den Verlobten, wenn sie am Fenster miteinander sprachen, diese Gabe zu senden. Nach der Rückkehr von seiner Frühjahrstournee verbrachte er die Frühlingsnächte, in seinen weiten seidenbesetzten Mantel eingehüllt, vor dem Fenster seiner Carmen. »Man erzählte mir, daß du viel trinkst«, sagte sie, indem sie ihre Wange an die Eisenstäbe drückte. »Nicht der Rede wert. Eine Zusammenkunft mit Freunden, sonst nichts. Und dann weißt du, ein Torero ist ein Torero, der lebt nicht wie ein Klosterbruder.« »Man sagt mir auch, daß du mit schlechten Weibern gehst.« »Das ist eine Lüge. Das war damals, als ich dich noch nicht kannte. Ein Schuft, der das sagte. Wenn ich ihn nur erwischen könnte.« »Und wann werden wir heiraten?« Mit dieser Frage schnitt sie den Zorn ihres Verlobten ab. »Wenn das Haus fertig ist, mein Schwager, der Dummkopf, bringt ja nichts vorwärts.« »Ich werde schon auf alles achten, wenn wir verheiratet sind. Du wirst sehen, wie schön alles gehen wird.« So plauderten sie zusammen und warteten auf den Augenblick ihrer Hochzeit, von der man in ganz Sevilla sprach. Doch betrat der Torero niemals das Haus seiner Verlobten, als würde ihn ein Verbot daran hindern. Sie zogen es vor, sich dem Brauche gemäß am Fenster zu sehen. Der Winter kam. Gallardo stieg zu Pferde und ritt mit einigen Herren, welche ihn mit gönnerhafter Miene duzten auf die Jagd. Er mußte sich die Beweglichkeit seines Körpers durch fortwährendes Training erhalten, er fürchtete nichts so sehr, als seine Kraft und seine Geschicklichkeit zu verlieren. Der unermüdliche Herold seines Ruhmes war Don José, der ihm Vermittlerdienste leistete und ihn seinen Torero nannte. Er nahm an allem, was Gallardo betraf, Anteil und setzte für diese Aufgabe sogar die Ansprüche seiner Familie hintan. Er lebte von seinen Renten und tat nichts anderes als nur von Stieren und Stierfechtern zu reden. Für ihn waren die Stierkämpfe das einzige Interessante auf der Welt und er teilte die Völker in zwei Klassen ein: in Auserwählte, welche dieses edle Spiel pflegen, und in die traurige Menge derer, welche keine Sonne, keine Freude, keinen Wein kennen und sich für mächtig und glücklich schätzen, obgleich sie nicht einmal eine armselige Corrida mit jungen Stieren veranstalten können. Er vereinigte mit dieser Leidenschaft die Energie eines Fanatikers und den Glauben eines Inquisitors. Dieser sonst so heitere Familienvater, der immer ruhig und gelassen war, konnte wild und unausstehlich werden, wenn während eines Stierkampfes die Nachbarn anderer Meinung waren. Er fühlte sich im Stande, mit dem ganzen Publikum Streit anzufangen, um einen befreundeten Torero zu verteidigen. Oder er störte die Beifallskundgebungen mit unangebrachten Protesten, wenn man einen Espada beklatschte, der sich nicht seiner Zuneigung erfreute. Er hatte nur einen Wunsch, der Berater, der Führer und Vertreter eines dieser Großen zu werden. Doch als er daran ging, ihn zu verwirklichen, da waren alle Stierkämpfer bereits in festen Händen und so bedeutete für ihn der Aufstieg Gallardos die Erfüllung seiner Wünsche. Der geringste Zweifel an dessen Verdiensten versetzte ihn in Zorn und aus der Erörterung über sonst belanglose Fragen des Stierkampfes wurde eine persönliche Angelegenheit. Er betrachtete es als eine seiner Heldentaten, sich in einem Kaffeehaus mit zwei Ehrabschneidern geprügelt zu haben, da diese seinen Torero als einen Dandy bezeichnet hatten, den man nicht ernst nehmen könne. Die Hochzeit Gallardos war eine Sensation. Mit ihr wurde das neue Haus eingeweiht, auf das der Schwager so stolz war. Er zeigte den Hof, die Säulen, die Fliesen, als ob er das alles mit seiner Hände Arbeit geschaffen hätte. Sie heirateten in der St. Egydiuskirche vor dem Bilde der Lieben Frau, die man la Macarena nannte. Als sie die Kirche verließen, da glänzten unzählige Blumen in der Sonne und die bunten Figuren auf den Schleiern, welche die Freundinnen der jungen Frau trugen, schimmerten in allen Farben. An der Türe des Hauses verteilte man während des Tages Geschenke und Almosen, die Armen kamen aus den entlegendsten Ortschaften, da sie sogar dort von der glänzenden Hochzeit gehört hatten. Zu Hause gab es ein großes Festessen. Einige Photographen machten Momentaufnahmen, die für die Zeitungen in Madrid bestimmt waren. Die Hochzeit Gallardos war sozusagen ein nationales Ereignis. Bis spät in die Nacht erklangen die Gitarren mit ihrem melancholischen Gesumm, begleitet von Beifallsklatschen und dem Klopfen der Stöcke, welche den Takt mitschlugen. Die Mädchen stampften, während sie einen Arm hoch hoben, mit den zierlichen Füßen den Tanzschritt auf dem Boden, Rock und Schleier schmiegte sich um den beweglichen Körper, der sich im Takt der Sevillana bewegte. Zu Dutzenden leerte man die Flaschen schweren andalusischen Weines, Liköre und Branntweine machten die Runde, alle waren berauscht, doch war ihre Trunkenheit süß, ruhig und traurig, ohne sich anders als durch Seufzen und Singen zu betätigen. Um Mitternacht gingen die letzten Gäste weg und die Neuvermählten blieben mit Frau Angustias zurück. Der Schwager machte beim Abschied eine Bewegung der Verzweiflung. Er war betrunken und wütend, weil sich während des ganzen Tages niemand um ihn gekümmert hatte, als wenn er ein Niemand wäre und seine Familie nicht existierte. Die Zeit verging, Gallardo und seine Frau zeigten sich bei allen Festen mit dem Aufwand und der Anmut eines reichen und volkstümlichen Paares. Sie trug den Schleier, welcher anderen Frauen Ausrufe der Bewunderung entlockte, er zeigte seine Brillanten und war immer bereit, die Börse herauszuziehen, um den Bettlern, welche in Scharen herbeiliefen, Geld zu geben. Zigeunerinnen, braun und schwatzhaft wie alte Hexen, umlagerten Carmen mit allen möglichen glücklichen Prophezeihungen: Gott werde sie segnen und ihr ein süßes, herziges Kindchen schenken. Man sehe es ihr an den Augen an. Doch umsonst war das Erröten und die Freude Carmens, umsonst freute sich der Torero, der Sohn kam nicht. Ein zweites Jahr verging, ohne daß sich die Hoffnungen erfüllten. Frau Angustias wurde traurig, wenn man von dieser Enttäuschung sprach. Sie hatte andere Enkel, die Söhne der Encarnacion, welche auf Wunsch des Schwiegersohnes den Tag bei der Großmutter verbrachten. Doch sie, welche die Schatten der Vergangenheit und die Erinnerung an ihre »stürmische« Zärtlichkeit zu Juan vergessen lassen wollte, wünschte sich einen Sohn von ihm, da sie ihn nach ihrer Weise erziehen und ihm all die Liebe geben wollte, die sie dem Vater infolge seiner unglücklichen Jugend versagen mußte. Wenn während des Winters der Torero zu Hause war oder sich mit Jagden und dem Besuch der Stierzüchtereien die Zeit vertrieb, ging alles gut. Carmen war glücklich und zufrieden, da sie ihren Mann in Sicherheit wußte. Sie lachte über den geringfügigsten Anlaß, ihr Gesicht belebte sich mit den Farben der Gesundheit. Doch wenn der Frühling kam und Juans Fahrten durch alle Städte Spaniens begannen, schien die arme Frau, welche täglich bleicher und zarter wurde, in eine Art Trübsinn zu verfallen. Ihre Augen öffneten sich weit, wie unter dem Banne der Furcht und waren bereit, jeden Augenblick Tränen zu vergießen. »Zweiundsiebzig Stierkämpfe in dieser Saison!« sagten die Freunde des Hauses, wenn sie über die abgeschlossenen Verträge des Hausherrn sprachen. »Keiner ist so gesucht, wie er!« Und Carmen lächelte mit einer schmerzhaften Grimasse. Sie wußte, daß sie zweiundsiebzig angstvolle Nächte vor sich hatte, die sie wie ein Angeklagter in der Kapelle verbringen würde, fiebernd in der Erwartung eines Telegramms und gleichzeitig voller Angst, es zu öffnen. Zweiundsiebzig Tage des Schreckens und grauenvoller Ahnungen bei dem Gedanken, daß ein vergessenes Gebet das Schicksal des Abwesenden beeinflussen konnte. Zweiundsiebzig Tage schmerzlicher Abgeschlossenheit in einem stillen Hause, immer mit denselben Leuten, mit denselben Gewohnheiten, als ob in der Welt nichts Außergewöhnliches geschehen könnte. An diesen Tagen der Stierkämpfe, an denen der Himmel schöner zu sein schien und die einsamen Straßen von dem Geplauder der sonntäglichen Spaziergänger widerhallten, an denen die Gitarren summten und die Akkorde zu den Liedern der Gäste in der nahen Weinstube spielten, an diesen Tagen verließ Carmen in ärmlicher Kleidung, die Mantilla bis zu den Augen aufgeschlagen, ihr Haus, als ob sie bösen Träumen entfliehen und in der Kirche Schutz finden wollte. Ihr einfacher Glaube, den die Ungewißheit noch mit abergläubischen Vorstellungen durchsetzte, ließ sie von Altar zu Altar gehen und die Verdienste und die Wunder eines jeden Gnadenbildes abschätzen. Sie ging in die Egydiuskirche, welche ihren Freudentag gesehen hatte, sie betete vor dem Frauenbildnis, dem sie unzählige Kerzen anzündete, in deren Schein sie dann das braune Antlitz des Bildes mit den schwarzen Augen und den feinen Augenbrauen betrachtete. Auf sie setzte sie ihr größtes Vertrauen. Doch gleich darauf erschütterte Zweifel und Furcht ihren Glauben; die Jungfrau war ein Weib und Frauen richten so wenig aus! Ihr Geschick ist zu weinen oder zu klagen, wie sie es für ihren Mann tat, wie die andere es für ihren Sohn getan hatte. Sie mußte sich an stärkere Mächte wenden und anderen Schutz erflehen. Und ohne Gewissensbisse verließ sie mit dem Egoismus des Schmerzes das Gnadenbild, wie man eine wertlose Freundschaft aufgibt, und eilte in die St. Lorenzokirche zu unserem Herrn Jesus del Gran Poder (Jesus dem Allmächtigen), wo das Bild des dornengekrönten Gottmenschen mit dem Kreuz auf dem Rücken, das er schweißbedeckt und weinend trug, mehr das Gefühl des Schreckens als das der Verehrung erweckte. Die Verzweiflung des Nazareners, der über die Steine stolpert und unter dem Gewichte des Kreuzes zu Boden fällt, schien die arme Frau zu trösten. »Der Allmächtige!« Dieser unbestimmte und großartige Beiname beruhigte sie. Sie stammelte ihre Gebete so schnell wie möglich herunter, um ihre Bitten in recht viel Worte zu kleiden, und war sicher, daß Juan die Arena, in welcher er damals stand, heil und unverletzt verlassen würde. Dann wieder gab sie einem Sakristan Geld, er zündete Kerzen an und sie verbrachte Stunden damit, die roten Zungen und ihren Reflex auf dem Gnadenbild zu betrachten, wobei sie in ihrem flackernden Schein, im Wechsel von Licht und Schatten bald ein tröstendes Lächeln, oder ein verheißungsvolles Nicken, welches Glück für die Zukunft bedeutete, zu sehen glaubte. El Señor del gran Poder täuschte sie nicht. Als sie nach Hause kam, fand sie das Telegramm, das sie mit zitternden Händen öffnete. Es enthielt nur die wenigen Worte: »Alles gut vorüber.« – Nun konnte sie aufatmen, wieder schlafen, wie der Gefangene, der plötzlich begnadigt wurde, doch nach einigen Tagen begann die schreckliche Tortur der Ungewißheit von neuem. Trotz ihrer Liebe zu Juan hatte Carmen Augenblicke der Auflehnung. Wenn sie vor ihrer Heirat gewußt hätte, was sie für ein Leben erwarte – dann ... In solchen Augenblicken suchte sie, als ob sie der Schmerz zu ihresgleichen triebe, die Frauen der anderen Toreros auf, welche ihren Mann begleiteten, ob sie ihr eine Nachricht geben könnten. Die Frau des Nacional, welche einen Laden im gleichen Bezirk hatte, empfing sie freundlich und verscheuchte ihre Angst. Sie war an dieses Leben schon gewöhnt, ihrem Manne mußte es gut gehen, da er kein Telegramm schickte. Denn diese sind gar teuer und ein Banderillo verdient wenig. Wenn die Zeitungsverkäufer nicht schon den Titel einer alarmierenden Nachricht ausriefen, dann wußte sie, daß alles in Ordnung war. Und sie versah den Dienst in ihrem Laden, als ob überhaupt nichts geschehen könnte. Oft ging Carmen zur Frau des Picador Potaje, welche in einem anderen Bezirk wohnte. Diese war immer stolz über den Besuch, den ihr die Frau des Patrons machte, doch die Befürchtungen Carmens entlockten ihr nur ein Lächeln. Es gab gar keinen Anlaß zur Furcht. Die Stierkämpfer, welche dem Tiere zu Fuß entgegentraten, konnten sich ja immer frei machen und Juan Gallardo hatte viel zu viel Glück, um sich erwischen zu lassen. Der Stier selbst tötete ja nur wenig Leute, das Furchtbarste war der Fall der Pferde. Man wußte ja, was einem Picador nach all seinen Quetschungen und Verwundungen bevorstand. Fast jeder, der nicht früher infolge eines unvorhergesehenen Unglückes starb, wurde schließlich verrückt. So würde auch ihr armer Potaje enden. Und all das nur für eine Hand voll Duros, während andere... Sie sprach den Satz nicht aus, aber ihre Augen enthüllten deutlich den Protest gegen die Ungerechtigkeit des Schicksals, daß jene, welche mit dem Degen in der Hand sich brausenden Beifall, Ruhm und Geld erwarben, dies unter geringeren Gefahren taten als ihre unbeachteteren Kameraden. Langsam gewöhnte sich Carmen an ihr neues Leben. Sie nahm das furchtbare Warten am Tage der Stierkämpfe, ihre Kirchenbesuche, ihre abergläubischen Wahnvorstellungen so hin, als wenn es Notwendigkeiten ihrer Existenz wären. Schließlich machten sie die fortwährenden Gespräche ihrer Umgebung und nicht zuletzt das andauernde Glück ihres Mannes mit der Gefahr vertraut. Sie selbst ging niemals zu einem Stiergefecht. Seitdem sie nach ihrer Verlobung gesehen hatte, was dort für Gefahren drohten, hatte sie die Arena nicht mehr betreten. Nach dreijähriger Ehe hatte der Torero das Mißgeschick, in Valencia von einem Hornstoß getroffen zu werden. Carmen wäre beinahe gestorben. Das Telegramm kam wie gewöhnlich mit der Botschaft »Alles wohlauf!« Don Jose unterzog sich dem Werke der Nächstenliebe, sie jeden Tag zu besuchen und sie durch alle möglichen Listen davon abzuhalten, die Zeitungen zu lesen. Als aber Carmen durch die Geschwätzigkeit der Nachbarn den Vorfall erfuhr, wollte sie sogleich den Zug besteigen und zu ihrem Manne eilen, weil sie glaubte, er sei ohne Pflege. Doch war es nicht notwendig. Gallardo kam früher als sie abreiste, bleich noch infolge des Blutverlustes und durch die Wunde an einem Bein zur Untätigkeit verdammt, jedoch heiter und guten Mutes, um seine Familie zu beruhigen. Das Haus wurde nachher eine Art Wallfahrtsort. Hunderte von Personen kamen, um Gallardo zu begrüßen. Und er saß in einem Lehnstuhl, stützte das Bein auf einen Schemel und rauchte ruhig, als würde er diesen furchtbaren Zusammenstoß zu den Unannehmlichkeiten seines Berufes rechnen, die keines weiteren Aufhebens wert seien. Der Doktor Ruiz, welcher mit ihm nach Sevilla gekommen und sich über die Lebenskraft dieses Organismus nicht genug wundern konnte, gab ihm noch einen Monat bis zur vollständigen Genesung. Die Leichtigkeit, mit welcher sich die Wunden der Toreros ausheilten, war für ihn trotz seiner langen Praxis als Wundarzt ein Geheimnis. Das Horn, welches mit Schmutz und Ruß besudelt und durch die wiederholten Stöße abgeschaltet war, zerriß und zerquetschte das Fleisch, durchbohrte es und verursachte mit der tiefen Stoßwunde auch eine schwere Quetschung. Und dennoch heilten die gefährlichen Verletzungen mit größerer Leichtigkeit als kleine Unfälle des Tages. Kurze Zeit nachher nahm Gallardo seinen Beruf wieder auf, ohne dass er infolge dieser Wunde irgendwie von seiner Beweglichkeit verloren hätte, wie es der Wunsch seiner Feinde gewesen wäre. Nach vierjähriger Ehe überraschte der Stierkämpfer seine Frau und seine Mutter durch den Kauf einer großen Besitzung. Sie wurden Eigentümer von Ländereien, welche sich weithin erstreckten, von Ölbaumpflanzungen, Mühlen und großen Herden. Ihr Gut war so groß, dass sie nun zu den reichsten Besitzern von Sevilla zählten. Gallardo fühlte den Wunsch aller Stierfechter, welche Landwirte, Pferde- oder Viehzüchter sein wollen. Der Besitz in der Stadt oder das Barvermögen lockt sie nicht und sie wissen damit nichts anzufangen. Die Notwendigkeit, immer in Bewegung und Übung zu bleiben, die Jagd und der Sport in den Wintermonaten drängen sie dazu, sich einen Besitz zu erwerben. In Gallardos Augen war nur der Besitzer eines Grundstückes mit großen Herden ein reicher Mann. Seit den Tagen des Elends und der Armut, als er noch zu Fuß durch die öden Pflanzungen und Viehweiden wanderte, hatte er sich den Wunsch lebendig er hallten, der Eigentümer solch weiter Landstrecken zu werden, welche er dann mit Stacheldraht gegen die übrigen abschließen wollte. Sein Vertreter kannte diesen Wunsch und eines Tages kam er freudestrahlend mit der Botschaft: »Ich habe etwas für dich. Ein Gut, wie eine Welt so groß und sehr billig. Ein wirklicher Zufallstreffer.« Gallardo fragte nach der Lage und dem Namen der Besitzung. »Sie heißt ›La Rinconada‹ (Eckhof).« Am nächsten Tag war der Kauf abgeschlossen. Als er mit Frau und Mutter von dem Hofe Besitz nahm, zeigte er ihnen die Scheune, in welcher er mit seinem Gefährten geschlafen, und das Zimmer, worin er mit dem Eigentümer gegessen hatte. Auch hier war die Vergangenheit durch die Erinnerung an seine Jugend mit der Gegenwart verknüpft. III Wenn Gallardo den Winter nicht auf La Rinconada verbrachte, ging es im Hause des Stierfechters lustig her. Die Freunde des Toreros versammelten sich zu einer Tertulia, welche im Speisezimmer gleich nach dem Abendessen stattfand. Unter den ersten stellte sich der Schwager Juans mit seiner Frau ein, deren zwei Söhne noch immer im Hause Juans weilten. Wie um ihre eigene Kinderlosigkeit zu vergessen und das Schweigen des Hauses zu bannen, behielt Carmen die jüngeren Söhne ihrer Schwägerin bei sich. Und die Kinder umschmeichelten, teils aus eigenem Antrieb, teils auch auf Geheiß der Eltern ihre schöne Tante und den edelmütigen, berühmten Onkel. Encarnacion, die durch ihre aufeinander folgenden Geburten so dick wie ihre Mutter geworden war, lächelte ihre Schwägerin hinterlistig an und bedauerte sie wegen der Arbeit, welche die Kleinen verursachten. Doch ehe Carmen antworten konnte, kam ihr der Riemer mit der Antwort zuvor: »Lass sie nur, Mutter, sie haben ihren Onkel so gerne. Die Kleinen können ohne ihre Tante nicht leben. So blieben also die zwei wie in ihrem eigenen Hause, wobei sie in ihrer kindlichen Schlauheit genau errieten, was ihre Eltern von ihnen erwarteten. Deshalb übertrieben sie ihre Liebkosungen und die Ehrfurchtsbezeugungen vor ihren reichen Verwandten, von denen sie immer mit solcher Achtung sprechen hörten. Sobald das Nachtmahl kam, küßten sie Angustias und ihrem Vater die Hand und umarmten Gallardo und seine Frau, wenn sie den Speisesaal verließen, um schlafen zu gehen. Großmutters Lehnstuhl war der Ehrenplatz des Tisches, doch die gute Alte weigerte sich, wenn der Stierfechter Gäste bei sich versammelte, welche alle eine gewisse soziale Stellung einnahmen, diesen Ehrensitz zu beanspruchen. »Nein,« erklärte Gallardo, »die Großmutter übernimmt den Vorsitz. Nimm Platz, Mutter, oder wir essen nicht.« Und er führte sie mit einem Arm zum Tisch, mit dem anderen liebkoste er sie, als ob er sie für die Jahre seiner Vagabundenfahrten, welche ihr so viel Kummer verursacht hatten, entschädigen wollte. Wenn der National zum Nachtmahl kam, um gewissermaßen aus dem Gefühl der Subordination in der Nähe seines Herrn zu bleiben, schien sich die Gesellschaft zu beleben. Gallardo empfing seinen Banderillo mit scherzhaftem Spott und freundlichen Fragen: Was gab es im Kreise seiner Anhänger Neues? Welche Gerüchte schwirrten umher? Wie stand es mit der Republik? – »Garabato, gib ihm ein Glas Wein.« Doch der Diener fand keinen Abnehmer, denn der National wies den Wein zurück. Er trinke keinen Wein, war er doch die Schuld am Niedergang der arbeitenden Klassen. Bei solchen Worten brach die ganze Gesellschaft in lautes Lachen aus, als hätte er etwas Lustiges gesagt, auf das man schon gewartet hatte. Nur der Riemer blieb schweigsam und warf die National feindliche Blicke zu. Er haßte ihn, da er in ihm einen Feind sah. Denn er hatte viele Kinder und die zwei kleinsten waren vom Stierkämpfer und seiner Frau aus der Taufe gehoben worden, so daß sie dadurch in einem verwandtschaftlichen Verhältnis zu Gallardo standen. Jeden Sonntag brachte er seine zwei Kinder, die er aufs beste herausgeputzt hatte, in das Haus der Paten, denen sie die Hand küßten, während der Riemer vor Neid erblaßte, wenn sie Geschenke bekamen. Beraubten sie doch dadurch seine eigenen Kinder und außerdem gehörten sie nicht einmal zur Familie. Wenn er die Äußerungen des Nacional nicht mit einem feindseligen Schweigen und abweisenden Blicken beantwortete, versuchte er sie zu tadeln und zeigte sich als unbedingter Anhänger derer, welche die Ansicht vertraten, die Verbreiter falscher Nachrichten als eine Gefahr für anständige Leute sofort erschießen zu lassen. Der Nacional war um zehn Jahre älter als sein Herr. Als dieser seine Laufbahn begann, war er schon Banderillo und eben aus Amerika herübergekommen. Er erfreute sich einer gewissen Beliebtheit, da er jung und flink war. Auch ihn hatte man als eine kommende Berühmtheit betrachtet und in Sevilla hoffte man, daß er die Toreros der anderen Provinzen in Schatten stellen werde. Doch man sah sich in diesen Erwartungen getäuscht. Als er mit dem Rufe ungewöhnlicher bravouröser Taten zurückkehrte, stürmte die Menge den Zirkus, um ihn zu sehen. Doch im entscheidenden Momente gebrach es ihm an Mut, der Instinkt der Selbsterhaltung war stärker als sein Wille und hinderte ihn, den Stier mit dem Degen anzugehen und die Vorteile seiner Größe und Stärke auszunützen. So verzichtete also der Nacional darauf, den letzten Grad zu erreichen, er blieb Banderillo und begnügte sich damit, ein Handlanger seiner Kunst zu sein, anderen zu dienen, um das bißchen Geld für den Unterhalt seiner Familie zu gewinnen und soviel beiseite zu legen, daß er einen kleinen Handel anfangen konnte. Seine Gutmütigkeit und sein ehrenhafter Charakter waren unter seinen Kameraden bekannt. Carmen schätzte ihn sehr, da sie in ihm einen Schutzengel für die Treue ihres Gatten sah. Wenn Gallardo im Frühling mit seinem ganzen Anhang in ein Konzertcafé der Stadt, wo er gerade weilte, ging, da bewahrte der Nacional allen Lockungen der Frauen gegenüber sein ernstes, gemessenes Betragen. Er machte keine Äußerung des Tadels und des Unwillens, doch dachte er traurig an seine Frau und an seine Kinder in Sevilla. Alle Fehler und Laster der Welt waren für ihn nur das Ergebnis mangelnder Bildung. Er war überzeugt, daß diese bedauernswerten Frauen weder lesen noch schreiben konnten. Ihm ging es ja ebenso, und weil seine Unwissenheit und die Lücken seiner Bildung auf diese Fehler zurückgingen, leitete er alles Unglück, alle Erniedrigung auf der Welt von dieser einzigen Ursache ab. Er war in seiner Jugend Gießer gewesen, außerdem ein eifriger Anhänger der sozialistischen Partei und ein gläubiger Zuhörer seiner Kameraden, welche, glücklicher als er, lesen konnten und ihm nun alles mitteilten, was die Zeitungen für das Wohl der Leser schrieben. Dann ging er zur Zeit der Nationalmiliz unter die Soldaten und gehörte jenen Abteilungen an, welche zum Zeichen der föderalistischen Unnachgiebigkeit rote Kappen trugen. Er verbrachte ganze Tage vor den Tribünen der Plätze, wo die Klubs ihre Dauersitzungen abhielten und Redner Tag und Nacht mit südlicher Beredsamkeit über die Gottheit Christi und die Preissteigerung der wichtigsten Lebensmittel sprachen, bis er endlich, als die Ruhe wieder hergestellt war, nach einem Streik als gefährlicher Aufwiegler bezeichnet und von allen Werkstätten ausgeschlossen wurde. Da ihm die Stiergefechte gefielen, wurde er mit 24 Jahren Torero. Er hatte schon viel mitgemacht und sprach deshalb mit Geringschätzung von der Gesellschaft. Man hörte nicht umsonst Jahre hindurch die Zeitungen predigen. Die Leute gaben ihm mit Rücksicht auf seine Vergangenheit, in der er mit der Waffe in der Hand für seine Anschauungen gefochten hatte, den Spitznamen »Der Nacional«. Er sprach mit einer Art Gewissensbisse über seinen Beruf, trotzdem er ihm schon so lange Jahre angehört hatte, und entschuldigte sich sogar, ihn auszuüben. »Ich weiß,« sagte er im Speisesaal Gallardo, »dass der Beruf der Toreros etwas Reaktionäres ist. Das Volk braucht die Kunst des Lesens und Schreibens wie einen Bissen Brot und soll sein Geld nicht für unsere Spiele ausgeben, während es keine Schulen hat. Geradeso schreiben auch die Zeitungen aus Madrid. Doch meine Parteigenossen schätzen mich und das Komitee hat mir erlaubt, trotz meiner Beschäftigung weiter der Partei anzugehören.« Seine bedächtige, unerschütterliche Ruhe, welche auch vor den ausgelassensten Späßen, mit denen Gallardo und seine Freunde solche Äußerungen beantworteten, stets die gleiche blieb, zeigte bei solchen Gelegenheiten den Stolz über diese Ausnahme, mit welcher ihn seine Parteigenossen geehrt hatten. Das Bestreben, Anhänger zu gewinnen, veranlaßte ihn, seine Überzeugungen bei jedem Anlasse kundzugeben, ohne sich um die Spötteleien seiner Kameraden zu kümmern. Auch hier bewies er seinen gutmütigen Charakter, der sich niemals zu Ausfällen hinreißen ließ. Für ihn waren alle, welche dem Schicksal des Landes gegenüber teilnahmslos blieben und nicht seiner Partei angehörten »arme Opfer der nationalen Unwissenheit«. Die Rettung bestand darin, daß die Leute lesen und schreiben lernen sollten. Er für seinen Teil verzichtete bescheiden auf diese Regeneration, da er es schon zu beschwerlich fand, sich mit dem Lernen abzugeben. Doch machte er die ganze Welt für seine Unwissenheit verantwortlich. Wenn im Frühling die neue Cuadrilla von einer Stadt in die andere fuhr und Gallardo zu seinen Leuten in die zweite Klasse einstieg, da geschah es nicht selten, daß sich ein Landpfarrer oder ein paar Ordensgeistliche zu ihnen gesellten. Die Banderillos stießen sich heimlich an und zwinkerten mit den Augen, wobei sie den Nacional anschauten, der in Gegenwart des Feindes noch ernster und zurückhaltender schien. Einige Kameraden fingen an, ihn leise aufzuhetzen. Doch Gallardo runzelte mit all seiner Autorität als Führer, der keinen Widerspruch verträgt, die Augenbrauen und der Nacional bezwang sich gehorsam. Doch stärker als das Gefühl der Unterwürfigkeit brannte in seinem Herzen der Wunsch, Anhänger zu gewinnen. Und es genügte ein unbedeutendes Wort, daß er in das Gespräch der Reisenden eingriff, um sie zur Wahrheit zu bekehren. Diese bestand bei ihm aus allen möglichen konfusen Ideen, wie er sie im Laufe der Zeit von den Führern seiner Partei gehört hatte. Seine Kameraden schauten sich voll Bewunderung über das Wissen ihres Gefährten an und waren zufrieden, daß einer von ihnen den studierten Leuten entgegentreten und sie in die Enge treiben konnte. Die Geistlichen, welche über die gezwungenen Folgerungen und Schlüsse des Nacional und das zustimmende Lachen der anderen Toreros ganz betroffen waren, nahmen schließlich zu einem letzten Mittel ihre Zuflucht. Wie konnten denn Leute, welche ihr Leben so oft aufs Spiel setzten, nicht an Gott glauben oder sich solchen Anschauungen anschließen? Wie anders würden in solchen Stunden ihre Frauen und Mütter beten! Da wurden die Gesichter der anderen Toreros ernst, sie dachten an die geweihten Skapuliere und Medaillen, welche Frauenhände an ihr Galakleid genäht hatten, ehe sie Sevilla verließen. Selbst Gallardo, dessen schlummernder Aberglaube durch solche Worte geweckt wurde, wandte sich zornig gegen seinen Gefährten, als ob er in dessen Ungläubigkeit eine Gefahr für sein eigenes Leben sehe. »Sei ruhig und laß diese albernen Bemerkungen! – Sie verzeihen schon, er ist ein guter Kerl, doch haben sie ihm den Kopf mit diesem dummen Zeug verdreht.« Und um die Leute, welche er sozusagen als Schutzgeist seiner Zukunft ansah, zu beruhigen, überhäufte er den Banderillo mit Drohungen und Schimpfworten. Doch der Nacional hüllte sich in verachtungsvolles Schweigen. Alles war ja nur Aberglauben, Unwissenheit: Mangel an Lesen und Schreiben. Und fest in seinen Anschauungen, mit der Einfachheit des Mannes aus dem Volke, der nur zwei oder drei Ideen kennt und sie trotz aller Widerlegungen nicht aufgeben will, nahm er, unbekümmert um den Zorn seines Herrn, nach kurzer Zeit die Diskussion von neuem wieder auf. Seine freien Anschauungen begleiteten ihn sogar bis in die Arena, inmitten seiner Kameraden, welche nach ihren Gebeten in der Hauskapelle des Zirkus mit der Überzeugung hinauseilten, daß die geweihten Gegenstände, die sie an ihrem Körper trugen, sie vor jeder Gefahr beschützen würden. Wenn ein gewaltiger Stier mit schwarzem Fell, gedrungenem Halse, in seiner Masse einem wandelnden Fleischkoloß gleichend, an die Reihe kam, mit den Wurflanzen angegangen zu werden, da stellte sich der Nacional mit erhobenen Armen und die Wurflanzen in den Händen haltend, in kurzer Entfernung vor ihm auf und rief ihm unter Schmähungen zu: »Vorwärts Pfaffe!« Und der Stier raste auf ihn zu, während der Nacional, wenn das Tier vorbeischoß, mit aller Kraft die Lanzen in den Rücken stieß und dabei laut rief, als hätte er einen Sieg erfochten: »Für die Geistlichen!« Gallardo lachte schließlich über diese Überspanntheiten des Nacional: »Du machst mich lächerlich, man wird von der Cuadrilla sagen, daß wir alle Ketzer sind. Du weißt, daß manche es nicht gerne sehen.« Doch war er dem Nacional aufrichtig zugetan, denn er erinnerte sich an seine Anhänglichkeit, welche manchmal bis zur Selbstaufopferung gegangen war. Dem Banderillo war es ganz gleich, wenn ihn das Publikum manchmal wegen der Art und Weise, wie er bei gefährlichen Stieren seinen Lanzenwurf anbrachte, auspfiff. Er suchte keinen Ruhm, er arbeitete nur für seinen Taglohn. So oft aber Gallardo mit dem Degen in der Hand gegen einen gefährlichen Stier losging, blieb der Nacional hinter ihm, bereit, ihn mit seinem schweren Mantel und seinem kräftigen Arm zu helfen. Als Gallardo schon zweimal nahe daran war, aufgespießt zu werden, da hatte sich der Banderillo, ohne an Weib und Kinder zu denken, zwischen seinen Herrn und den Stier geworfen, bereit, zu sterben, um Juan zu retten. Wenn er abends in den Speisesaal Gallardos kam, wurde sein Eintreten wie das Kommen eines Familienmitgliedes begrüßt. Er sprach über seine häuslichen Angelegenheiten und sein Geschäft, das er vergrößern wollte. Er hätte gern einen Tabakladen gehabt, der Meister könnte ihm diesen durch seine Verbindungen wohl verschaffen, doch hinderten ihn seine Grundsätze, diesen Weg einzuschlagen. Die alte Angustias geriet über solche Rücksichten in keine kleine Entrüstung. Er hätte nur dafür zu sorgen, das er soviel als möglich für seine Familie verdiente. Doch Gallardo und Don José, welche an der anderen Seite des Tisches saßen und rauchten, hörten den Nacional gerne reden, um über seine Worte zu lachen, und sie hetzten ihn noch auf, indem sie sich über den Führer seiner Partei, Don Joselito, abfällig äußerten: Er sei ein Lügner, der sich über solche Dummköpfe wie er einer sei, nur lustig mache. Der Banderillo hörte die Scherze des Toreros und seines Vertreters ruhig an. Er sollte an seinem Führer zweifeln? Diese Zumutung konnte ihn nicht einmal reizen. Das war gerade dasselbe, wenn man sich an seinem zweiten Ideal, an Gallardo durch die Behauptung, vergriffen hätte, er könne keine Stiere töten. Doch wenn Gallardos Schwager, der ihm eine unwiderstehliche Abneigung einflößte, an diesen Scherzen teilnahm, verlor er seine Ruhe. Wer war dieser Nimmersatt, der das Gnadenbrot seines Herrn aß und sich mit ihm einlassen wollte? So nahm er denn seine ganze Fassung zusammen, und ohne der Mutter oder der Frau des Toreros zu antworten, entwickelte er mit dem gleichen Eifer seine Ideen, als ob er vor seinen Parteigängern spreche. Mangels besserer Argumente antwortete er mit Ausfällen auf die Einwendungen jener Spaßvögel: »Die Bibel – ein Unsinn. Die Erschaffung der Welt in sechs Tagen – ebenfalls ein Unsinn. Die Geschichte von Adam und Eva – gleichfalls. Alles Lüge und Aberglaube.« Die Erzählung von Adam und Eva war für ihn der Anlaß, sich in sarkastischen Äußerungen zu ergehen. Er hatte über diesen Punkt in den Stunden einsamer Dämmerung, wenn er mit der Cuadrilla reiste, nachgedacht und auf Grund seiner Überlegungen ein unwiderlegliches Argument gefunden. Wie konnten alle Menschen Abkömmlinge eines einzigen Paares sein? »Ich heiße Sebastian Venegas und du Juan Gallardo und Sie Don Jose. Und jeder hat einen anderen Namen, nicht einmal die Namen der Verwandten sind gleich. Wenn wir alle Söhne Adams wären, müßten wir doch alle den gleichen Namen haben. Ist das nicht klar? Da jeder anders heißt, muß es viele Adams gegeben haben, und was die Pfarrer erzählen, ist unwahr, Aberglaube und Täuschung. Da wir keine Bildung haben, tischen sie uns solche Märchen auf.« Gallardo, der bei diesen Diskussionen vor Lachen fast nach rückwärts fiel, hetzte seinen Banderillo dadurch auf, daß er das Gebrüll eines Stieres nachmachte. Der Vertreter, der ernst blieb, reichte ihm die Hand. Die alte Angustias aber wurde bei solchen Reden ärgerlich, wie es bei Leuten der Fall zu sein pflegt, die sich ihrem Lebensende nahe fühlen. »Schweige, Sebastian, rede nicht so unchristlich, oder verlaß dieses Haus. Hier will ich solche Worte nicht hören. Wenn ich dich nicht kennen würde und wüßte, daß du ein braver Mensch bist...« Schließlich versöhnte sie sich wieder mit dem Banderillo, weil sie sich erinnerte, wie sehr er an Juan hing und was er in Augenblicken der Gefahr für ihn getan hatte. Denn für sie und Carmen bedeutete es eine große Beruhigung, diesen ernsten Mann mit seinem zurückhaltenden Betragen im Kreise der Kameraden um Gallardo zu wissen, der, wenn er allein war, etwas leichtsinnig lebte und sich im Wunsche, von den Frauen bewundert zu werden, gerne fortreißen ließ. Der Feind der Geistlichkeit, Adams und Evas hütete ein Geheimnis seines Herrn, das ihn noch ernster werden ließ, wenn er den Torero zu Hause zwischen seiner Mutter und Carmen sah. Wenn diese Frau wüßte, was er ihr verschwieg. – Trotz des Respekts, den jeder Banderillo vor seinem Herrn haben muß, hatte es der National eines Tages gewagt, offen mit Gallardo über diese Sache zu sprechen, indem er das Vorrecht seines Alters und seiner alten Freundschaft hiefür als Grund anführte. »Höre, Juan,« sagte er, »in Sevilla weiß man alles, man spricht dort nur von deiner Liebschaft und man wird es auch in deinem Hause erfahren. Das wird ein böses Gerede geben, daß Gott erbarm ... Denke doch an die Sängerin und da war doch eigentlich gar nichts dahinter!« Gallardo stellte sich, als ob er diese Worte nicht verstünde, obgleich er darüber nicht wenig betroffen war, daß die ganze Stadt das Geheimnis seiner Liebschaften wußte. »Von wem spricht man und was für ein Gerede soll das werden?« »Nun, wer wird es denn sein? ... Doña Sol, die Nichte des Marquis de Moraima.« Und da der Torero, geschmeichelt über die genauen Informationen des Nacional, still vor sich hinlächelte, fuhr sein Warner mit der Miene eines Mannes, der von der Nichtigkeit der Welt durchdrungen ist, fort: »Ein verheirateter Mann muß vor allem den häuslichen Frieden wahren. Was hast du von den Frauen? Sie sind ja alle gleich und es ist die größte Dummheit, sich das Leben zu verbittern, indem man von einer zur anderen eilt. Ich habe während der vierundzwanzig Jahre, die ich mit meiner Teresa lebe, nicht einmal an eine andere gedacht, obgleich mir in meinen jungen Jahren manche Schöne Augen machte.« Gallardo lachte schließlich über den Banderillo, der wie ein Prediger sprach. »Nacional, sei doch kein Spaßverderber. Wenn die Frauen kommen, dann lasse sie. Man lebt ja nur einmal und ich kann jeden Tag tot aus der Arena getragen werden. Und dann weißt du nicht, was eine richtige Dame ist. Wenn du wüßtest, was das für eine Frau ist.« Und gleich darauf fügte er, als ob er der Bewegung des Unwillens und der Traurigkeit, welche sich im Gesichte des Nacional ausdrückte, zuvorkommen wollte, hinzu: »Ich liebe Carmen, verstehst du, ich liebe sie so wie früher, ich liebe aber auch die andere, es ist etwas Besonderes, ich weiß nicht, wie ich es erklären soll. Geh nun!« Und der Banderillo konnte nicht mehr aus Gallardo herausbringen. Der Torero hatte vor einigen Monaten, als mit dem Herbste das Ende der Saison gekommen war, in der Lorenzokirche ein Zusammentreffen gehabt. Er weilte einige Tage in Sevilla, ehe er mit seiner Familie auf sein Gut Rinconada ging. Was Gallardo in dieser Periode am meisten freute, war das ruhige Leben zu Hause, frei von den fortwährenden Reisen in den Zügen. Der Kampf mit hundert Stieren, mit all seinen Gefahren und Ermüdungen nahm ihn nicht so her, wie das monatelange Fahren von einem Ort Spaniens in den anderen. Er reiste da im Frühling unter einer drückenden Hitze in alten Waggons, deren Dächer zu glühen schienen. Der Wasserkrug, der in jeder Station neu gefüllt wurde, reichte nicht hin, den Durst seiner Gefährten zu stillen. Außerdem waren die Züge überfüllt von Leuten, welche zu den Veranstaltungen in die Städte fuhren und die Stierkämpfe sehen wollten. Oft eilte Gallardo, in der Furcht, seinen Zug zu versäumen, noch im Torerokostüm zur Station, wo er wie ein Meteor von Licht und Farben unter den Reisenden hervorstach. Unter den bewundernden Blicken der anderen, die zufrieden waren, mit solch einer Berühmtheit zu fahren, stieg er dann in ein Abteil I. Klasse und schlief die Nacht hindurch auf den Kissen, während sich seine Reisegefährten zusammendrückten, um ihm so viel als möglich, Platz zu lassen. Alle achteten seine Ruhe, weil sie daran dachten, daß er ihnen am nächsten Tag mit Gefahr seines eigenen Lebens das Vergnügen eines Nervenkitzels verschaffen würde. Wenn er ganz gerädert in eine Stadt kam, wo er auftreten sollte, da verspürte er auch die Nachteile der enthusiastischen Bewunderung. Seine Anhänger und Verehrer erwarteten ihn am Bahnhof und begleiteten ihn zu seinem Hotel. Sie waren ausgeschlafen und voll Fröhlichkeit und setzten voraus, ihn in gleicher Verfassung zu finden, denn sie glaubten, daß er beim Zusammentreffen mit ihnen ein außergewöhnliches Vergnügen empfinden würde. Oft mußte er nicht nur einmal auftreten, denn die Corrida dauerte drei bis vier Tage. Da setzte sich Gallardo dann am Abend, überwältigt von Müdigkeit und den verflossenen Aufregungen, ohne Rücksicht auf die gesellschaftlichen Regeln in Hemdärmeln vor die Tür des Hotels, um sich an der frischen Luft zu erfreuen. Die Kameraden der Cuadrilla, welche im gleichen Gasthofe untergebracht waren, blieben bei ihm, als wären sie durch ein stillschweigendes Übereinkommen dazu verpflichtet. Manchmal erbat sich einer die Erlaubnis, durch die Straßen zu bummeln oder einen Zirkus in Augenschein zu nehmen. Wenn sie nach getaner Arbeit einige Tage bis zum nächsten Auftreten frei waren, dann verzögerte die Cuadrilla den Aufbruch. Nun begannen, fern von der Familie, die Schwelgereien mit Wein und Weibern in der Gesellschaft ihrer begeisterten Anhänger, die sich das Leben ihrer Helden nur auf diese Weise vorstellen konnten. Die verschiedenen Daten der Veranstaltungen zwangen den Torero oft zu unsinnigen Fahrten. Er reiste von einer Stadt weg, um sich in eine andere am Ende Spaniens zu begeben. Und vier Tage später mußte er wieder zurück, um in der Nähe der ersten aufzutreten. Das Frühjahr, in welchem die meisten Stiergefechte stattfanden, verbrachte er sozusagen nur im Zuge in einem fortwährenden Hin und Her auf den Eisenbahnen, um am Tage Stiere zu erlegen und in der Nacht im Zuge zu schlafen. »Wenn man die Strecken«, sagte Gallardo, »die ich im Frühjahr durchfahre, zusammenlegte, käme man bis zum Nordpol.« Die erste Reise am Beginn der Saison bedeutete ihm freudige Spannung, denn er dachte an das Publikum, welches von ihm das ganze Jahr sprach und sich auf seine Ankunft freute. Er dachte voll Vergnügen an allerlei unerwartete Zusammentreffen, an Abenteuer, die ihm die weibliche Neugierde einbringen würde. Er war schon in der Erwartung des Hotellebens, mit seinen Aufregungen und Beschwerden, ein Leben, das zu seinem ruhigen Dasein in Sevilla und den Tagen der ländlicher Einsamkeit auf La Rinconada im schärfsten Gegensatze stand. Doch während dieser wenigen Wochen seines Zigeunerlebens, in denen er 5000 Peseta für jedes Auftreten erhielt, begann Gallardo wie ein Kind über sein Alleinsein zu klagen. Er vergaß Sevilla nur in den Nächten vor den Tagen, an welchen er keine Stiere zu erlegen hatte. Dann ging die ganze Cuadrilla, umgeben von ihren Freunden, die ihnen ein gutes Andenken von der Stadt mitgeben wollten, in ein Konzertkaffee, wo die Frauen und Tänzerinnen nur für den Meister da waren. Wenn er dann nach Hause zurückkehrte, um sich während des restlichen Jahres zu erholen, fühlte Gallardo die Befriedigung eines Fürsten, der, auf seine Ehren verzichtend, sich am Alltagsleben erfreut. Er schlief bis spät in den Tag hinein, ohne sich über Fahrpläne und Abfahrtszeiten den Kopf zu zerbrechen oder mit dem Gefühle der Angst an den bevorstehenden Kampf denken zu müssen. Seine Reisen erstreckten sich von seinem Hause bis zum Kaffeehaus. Die Familie schien ihm verändert, fröhlicher und gesünder, da er nun einige Monate in ihrer Mitte blieb. Im Vorzimmer erwarteten ihn jeden Morgen zahlreiche Leute, deren Antlitz von der Sonne verbrannt war, die nach Schweiß rochen und deren Bluse Schmutzflecken aufwies, genau so wie der Hut, dessen Krempe ganz ausgefranst war. Einige waren Landarbeiter, die es auf ihrer Durchreise für selbstverständlich hielten, den berühmten Stierfechter, den sie »Señor Juan« ansprachen, in Sevilla zu begrüßen. Andere wieder waren aus der Stadt und duzten den Torero. Gallardo erkannte mit Leichtigkeit eines Mannes, der gewohnt war, vor der Menge zu stehen und sich an Gesichter zu erinnern, jeden seiner Besucher und erlaubte ihnen diese Vertraulichkeit. Es waren Schulkameraden oder Genossen seiner Vagantenjahre. Doch ehe sie in ihrer Vertraulichkeit weitergingen, wendete er sich an Garabato, der mit dem Stock in der Hand hinter ihm stand: »Sag meiner Frau, sie soll dir einige Pesetas für jeden geben«. Und pfeifend, voll Zufriedenheit mit seiner Freigebigkeit und den Annehmlichkeiten des Lebens, trat er auf die Straße. Auf der Schwelle der nächsten Schenke standen mit lächelndem Munde und bewunderndem Blicke, als hätten sie ihn noch niemals gesehen, die Gäste und Burschen des Bezirkes. »Guten Tag, meine Herren ... Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit, doch ich trinke nicht.« Mit diesen Worten verabschiedete er seine Bewunderer, die mit einem Glas in der Hand an ihn herangetreten waren und ging weiter, um jedoch in der nächsten Straße wieder von einigen alten Freundinnen seiner Mutter aufgehalten zu werden. Sie ersuchten ihn, für einen ihrer Enkel Taufpate zu sein. Er riet ihnen, sich mit seiner Mutter zu besprechen, und ging dann weiter, wobei er noch einige Vorübergehende grüßte oder mit anderen stehen blieb, welche sich dann voll Stolz aufblähten, vor den Augen aller anderen so ausgezeichnet zu werden. Während eines solchen Spazierganges, es war an einem Freitag abends, fühlte Gallardo, als er so die Sierpesstraße hinabschlenderte, den Wunsch, in die San Lorenzokirche einzutreten. Auf dem kleinen Platz standen hintereinander zahlreiche vornehme Wagen. Die Elite der Stadt kniete an diesem Tage vor dem Gnadenbilde »Jesus del Gran Poder«. Die Damen stiegen in schwarzer Kleidung, in reicher Mantilla aus dem Wagen und die Herrenwelt beeilte sich, angelockt durch den zahlreichen Besuch der Frauen, in die Kirche einzutreten. Gallardo tat es auch. Ein Torero muß die Gelegenheit benützen, sich mit hochgestellten Personen in der Öffentlichkeit zu zeigen. Der Sohn der Frau Angustias verkostete den Stolz des Triumphators, wenn ihn die reichen Herren begrüßten und die Damen seinen Namen flüsterten, wobei sie mit ihren Augen auf ihn hinwiesen. Außerdem war er ein gläubiger. Sohn des Allmächtigen. Er duldete die Ansicht des Nacional, Gott und die Natur einander gleichzusetzen, ohne sich daran zu stoßen, denn die Gottheit war für ihn etwas Unbestimmtes, Unklares, ähnlich dem Dasein eines Herrn, über den man in aller Gelassenheit die verschiedensten Gerüchte hören kann, da man sie nur durch das Gerede der Leute kennt. Doch die Jungfrau und Jesus del Gran Poder hatte er seit frühester Jugend vor Augen gehabt und an ihnen ließ er nicht rühren. Die weichen Regungen seines rauhen Charakters wurden durch den theatralischen Schmerz des unter dem Kreuze gebeugten Christus, durch sein schweißbedecktes, gequältes, blasses Antlitz, das ihn an das bleiche Gesicht mancher Kameraden auf ihrem Schmerzenslager erinnerte, geweckt. Er mußte sich mit dem Allmächtigen gut stellen und so murmelte er inbrünstig zahllose Gebete vor dem Gnadenbilde herunter, das durch den flackernden Schein der rotglühenden Flammen mit geheimnisvollem Leben erfüllt zu sein schien. Eine Bewegung der vor dem Bilde knienden Frauen lenkte seine Aufmerksamkeit, die sozusagen auf ein übernatürliches Eingreifen zu Gunsten seines gefährdeten Lebens wartete, auf realere Dinge ab. Eine Dame ging durch die Schar der Betenden, deren Augen sie auf sich zog. Es war eine große schlanke Gestalt, ihre auffallende Schönheit kam durch die hellen Farben ihrer eleganten Toilette nur noch stärker zur Geltung. Unter dem mit Federn geschmückten Hute leuchtete das glänzende Gold ihrer Haare hervor. Gallardo kannte sie, es war Doña Sol, die Nichte des Marquis de Moraima. Ohne sich um die Bewegung der Neugier zu kümmern, ging sie zwischen den anderen Frauen weiter, zufrieden über das Aufsehen und die leisen Bemerkungen, welche sie erregte, als ob das alles eine natürliche Huldigung wäre, die sie überall bei ihrem Erscheinen erwecken mußte. Ihre gesuchte Eleganz und der große Hut ließen sie aus der Menge der anderen Frauen, welche alle den dunklen nationalen Kopfputz trugen, hervorstechen. Sie kniete sich nieder, neigte den Kopf, als ob sie einen Augenblick betete, und dann schweiften die Blicke ihrer leuchtenden Augen, deren helles Blau wie im Reflex des Goldes schimmerte, ruhig durch die Kirche, als wäre sie in einem Theater, wo sie Bekannte suchte. Diese Augen schienen zu leuchten, wenn sie das Antlitz einer Freundin erblickten, und weitergehend trafen sie plötzlich die Blicke Gallardos, der sie starr betrachtete. Der Torero war nicht gerade bescheiden. Gewohnt, sich in der Arena im Mittelpunkt des Interesses von tausend und abertausenden zu sehen, glaubte er, daß er überall dort, wo er sich zeigte, die Blicke der Anwesenden auf sich ziehen müsse. Viele Frauen hatten ihm in Stunden der Vertraulichkeit die Erregung gestanden, welche sie fühlten, als sie ihn das erste Mal in der Arena erblickten. Die Augen der Doña Sol senkten sich nicht, als sie die seinen trafen. Sie blieben vielmehr in der ruhigen Sicherheit der großen Dame kühl und gelassen, so daß der Torero welcher den Reichen gegenüber noch immer das Gefühl der Abhängigkeit hatte, den Blick abwandte. »Was für eine Frau,« dachte Gallardo in seiner Eitelkeit, »wenn sie mir gehörte!« Außerhalb der Kirche empfand er den zwingenden Wunsch, sich nicht zu entfernen, sie noch einmal zu sehen, weshalb er sich an die Kirchentüre stellte. Seine Ahnung verkündete ihm etwas Außergewöhnliches, genau so, wie er es an Tagen seiner Erfolge empfand: Es war das Gefühl, welches ihn trotz der Einsprache des Publikums über alle Tollheiten glücklich hinweg kommen ließ. Als sie aus der Kirche trat, schaute sie ihm ohne jedes Befremden entgegen, als hätte sie erwartet, ihn an der Türe zu finden. Sie stieg in einen offenen Wagen, und als der Kutscher die Pferde antrieb, wandte sie den Kopf, um nach dem Torero zu sehen, während ihr Mund ein leises Lächeln zeigte. Gallardo war den ganzen Tag hindurch zerstreut. Er dachte an seine früheren Liebschaften, an seine Erfolge und Eroberungen, die ihn mit Stolz erfüllten und ihn dazu verleiteten, sich für unwiderstehlich zu halten, ihm jetzt aber das Gefühl der Beschämung erweckten. Eine Frau wie jene, eine große Dame, welche in der Welt herumgekommen war und nun in Sevilla wie eine entthronte Königin lebte, das wäre eine Eroberung. Zu der Bewunderung ihrer Schönheit gesellte sich ein gewisser Respekt, den sich der ehemalige Straßenjunge für die Reichen und vornehmen Adeligen bewahrt hatte. Welcher Triumpf, wenn es ihm gelang, die Aufmerksamkeit jener Frau zu erwecken! Sein Vertreter, der ein guter Bekannter des Marquis de Moraima war und die ganze Gesellschaft Sevillas kannte, hatte ihm einigemale von Doña Sol erzählt. Sie war nach mehrjähriger Abwesenheit nach Sevilla zurückgekehrt, wo sie die Begeisterung der Herrenwelt erregte. Nach ihrem langen Aufenthalt in der Fremde kam sie voll Verlangen, die Eigenart ihrer Heimat wieder auf sich wirken zu lassen, nach Sevilla zurück, wo sie die volkstümlichen Gewohnheiten nachahmte, die sie alle interessant und »künstlerisch« fand. Sie ging im Spitzenschal zu den Stiergefechten und kleidete sich in der Tracht jener anmutigen Frauengestalten, welche Goyas Pinsel so meisterhaft festgehalten hat. Kräftig, sportlustig und eine begeisterte Reiterin, durchstreifte sie oft zu Roß die Umgebung Sevillas. Dann trug sie über dem schwarzen Sportrock ein Herrenjackett, um den Hals eine rote Krawatte und einen weißen Hut über der schweren Masse ihres goldroten Haares. Ein andermal ritt sie mit einer Schar Freunde, welche die Tracht der Piqueros (Lanzenwerfer) angelegt hatten, auf die Weiden, um Stiere zu hetzen, ein Vergnügen, das ihr die damit verbundenen Gefahren nur noch steigerten. Das war keine Mädchennatur. Gallardo erinnerte sich dunkel, sie als Kind auf dem Korso an der Seite ihrer Mutter, in weiße Spitzen gehüllt, wie eine Puppe sitzen gesehen zu haben, während er zwischen den Wagen herumlief und Zigarren verkaufte. Beide waren ohne Zweifel gleich alt. Sie mußte am Beginn der Dreißig stehen und dennoch war sie so schön, ganz anders wie die übrigen Frauen... Sie glich einem fremden Vogel, einem Papagei, der in eine Schar gutgefütterter Hennen gefallen war. Don José, Gallardos Vertreter, kannte ihre Geschichte. Sie war ein ganz verdrehter Kopf, diese Dona Sol. Ihr Name, der an das romantische Drama erinnerte, paßte zu der Eigenart ihres Charakters und der Unabhängigkeit ihrer Gewohnheiten. Nach dem Tode ihrer Mutter, die ihr ein großes Vermögen hinterließ, heiratete sie in Madrid einen Diplomaten, welcher älter als sie war, jedoch einer Frau, die in der Gesellschaft hervortreten wollte und nach Abwechslung strebte, die Möglichkeit bot, an den bedeutendsten Höfen Europas zu glänzen. »Was diese Frau aufgeführt hat, Juan!« sagte Don José. »Und die Köpfe, die sie während zehn Jahren in ganz Europa verdreht hat! Stelle dir ein Geographiebuch mit geheimen Anmerkungen auf jeder Seite vor! Sie kann sicherlich nicht an eine Hauptstadt denken, ohne sich nicht dabei an eine Grausamkeit zu erinnern, Und der arme Gesandte starb ohne Zweifel vor Verdruß, weil er nirgends mehr hin konnte. Der gute Mann war kaum unser Vertreter an einem Hofe geworden, als die Herrscherin dieses Landes schon nach Spanien schrieb, den Gesandten mit seiner Gemahlin, welche man die ›unwiderstehliche Spanierin‹ nannte, abzuberufen ... Wieviele gekrönte Häupter hat diese Teufelin nicht konfus gemacht! Die Königinnen und Kaiserinnen zitterten, wenn sie kam, als brächte sie die Pest. Schließlich sah der arme Gesandte nur mehr die Republiken Amerikas für seine Tätigkeit frei. Aber da er ein Mann von Grundsätzen und ein Freund der Könige war, zog er es vor zu sterben ... Doch man darf nicht glauben, daß sie sich nur mit den Leuten, welche in den königlichen Palästen tanzten, zufrieden gab. Wenn nur die Hälfte von dem wahr ist, was man erzählt, dann ... Diese Frau ist durch und durch extrem: Entweder alles oder nichts. Sie strebt ebenso schnell nach dem Höchsten als sie tief unter ihren Rang hinab steigt. Man erzählte mir, daß sie in Rußland hinter einem jener Bären her war, welche Bomben werfen: Es war ein Bursch mit dem Antlitz einer Frau, der sich um sie gar nicht kümmerte, da sie ihn in seinem Vorhaben störte. Doch sie ließ nicht locker, bis sie ihn schließlich aufhängten. Dann wieder soll sie einen Maler in Paris gehabt haben, der sie ohne Kleider malte und nur das Gesicht mit einem Arm verdeckte, um sie unkenntlich zu machen. Und dieses Bild wurde auf den Zündholzschachteln verkauft! Doch das müssen Übertreibungen sein. Am wahrscheinlichsten ist noch die Behauptung, daß sie die Freundin eines deutschen Musikers war, der Opern komponierte. Wenn du sie nur einmal Klavierspielen hörtest. Oder gar erst singen. Dazu kann sie nicht nur italienisch, sondern auch noch englisch, französisch und deutsch. Ihr Onkel, der Marquis de Moraima sagt, daß sie sogar Lateinisch beherrscht. Ah, was für eine Frau, Juan, was für ein interessantes Weib!« Gallardos Vertreter sprach mit Begeisterung von Doña Sol. Er betrachtete alle Vorfälle in ihrem Leben, die bezeugten als auch die zweifelhaften, als außerordentliche und eigenartige Illustration ihres Wesens. Ihre Abstammung und ihr Reichtum flößten ihm, geradeso wie Gallardo, Achtung und Verehrung ein. Man sprach von ihr mit dem Lächeln der Bewunderung, während die gleichen Abenteuer im Leben einer anderen Frau sicher Anlaß zu scharfen Kommentaren gegeben hätten. »In Sevilla«, fuhr Don José fort, »führt sie ein musterhaftes Leben. Deshalb glaube ich, daß alles, was man von ihrem Aufenthalt im Ausland erzählt, Lüge oder Übertreibung, wenn nicht gar Verleumdung von Seiten gewisser junger Herren ist, die bei ihr abgeblitzt sind.« Und über die Launen dieser Frau, welche in gewissen Augenblicken mutig und entschlossen wie ein Mann war, lächelnd, erzählte er die Gerüchte, welche man in gewissen Klubs der Sierpesstraße über sie verbreitete. Als die »Gesandte« nach Sevilla kam, hatte sich die ganze Herrenwelt um sie geschart. »Stell dir vor, Juan, eine so elegante Frau, wie man sie hier überhaupt nicht findet, mit ihrer Pariser Eleganz, ihren Parfüms aus London, eine ehemalige Freundin so mächtiger Könige! Alle waren wie verrückt hinter ihr her. Sie erlaubte ihnen gewisse Freiheiten, da sie mit ihnen sozusagen als Kamerad leben wollte. Doch einige überschritten die Grenzen, verlangten diese Vertraulichkeit auch für andere Dinge und wurden sogar handgreiflich. Es gab Ohrfeigen und noch mehr. Dieses Weib versteht es, sich zu verteidigen, sie handhabt den Säbel, boxt wie ein englischer Matrose und kennt außerdem die Kniffe des Jiu-Jitsu. Seither hat sie Ruhe, doch dafür auch umsomehr Feinde, welche gerade nicht schöne Dinge von ihr erzählen. Einige erklären alles für Lüge, andere stellen sie wieder als leichtfertig hin.« Nach der Behauptung des Vertreters war Doña Sol von ihrem Aufenthalt in Sevilla begeistert. Nach ihrem langen Verweilen in kalten und nebligen Ländern bewunderte sie den ewig blauen Himmel, den frühlingsfrischen Boden und pries das Leben in diesem so pittoresken Lande. Sie zeigte ihre Begeisterung ganz offen und schien vergessen zu haben, daß sie in Sevilla geboren war. Sie erklärte, den Frühling im Auslande und den Winter in Spanien verbringen zu wollen. Sie war des Lebens in Palästen und an Höfen überdrüssig. Sie hatte es durchgesetzt, in einen Klub aufgenommen zu werden und die Weinrechnung für ihre Klubfreunde kostete ein Heidengeld. Einigemale in der Woche lud sie Gitarrespieler und Tänzerinnen ein. Alles, was in Sevilla tanzen und singen konnte, traf sich bei ihr. Die Lehrer und alle Verwandten, sogar die entferntesten durften mitkommen. »Die Gäste werden mit Oliven, Würsten und Wein bewirtet. Doña Sol sitzt wie eine Königin in diesem Kreise und läßt sich alle Tänze unseres Landes vorzeigen. Sie sagt, daß sie das gleiche Vergnügen empfinde, wie jener König, dessen Namen ich vergessen habe, der sich im Theater allein die Oper vorspielen ließ. Ihre Lakaien, welche sie mitgebracht hat, warten den Tänzerinnen große Tabletts mit Wein auf und die Frauen zupfen die Bedienten am Bart oder werfen ihnen die Olivenkerne an den Kopf. Jetzt lernt Doña Sol die Gitarre spielen, jeden Morgen kommt ein alter Zigeuner zu ihr, und wenn ihre Besucher sie nicht mit der Gitarre antreffen, hält sie eine Orange in der Hand. Was hat sie schon seit ihrer Ankunft an Orangen gegessen und sie hat noch immer nicht genug ...« So erzählte Don José seinem Torero die Eigenheiten der Doña Sol. Vier Tage nach dem Zusammentreffen in der Kirche setzte sich Don José mit einer geheimnisvollen Miene zu Gallardo, den er im Kaffeehause getroffen hatte. »Kerl, du bist ein Glückspilz. Weißt du, wer mit mir über dich gesprochen hat?« Und er neigte sich zum Ohr des Torero und sagte leise: »Doña Sol«. Sie habe ihn über seinen Torero ausgefragt und den Wunsch geäußert, ihn kennen zu lernen. Er sei ein so origineller Bursche, ein echter Spanier. »Sie sagte, daß sie dich öfters in der Arena gesehen habe. Sie war ganz begeistert von dir und erklärte, daß du ein tüchtiger Bursche seiest.« Gallardo lächelte bescheiden und schlug die Augen nieder, dabei aber streckte er sich im Bewußtsein seiner Schönheit, als ob er die Verwirklichung der versteckten Andeutungen seines Gefährten nicht für unmöglich halten würde. »Doch darfst du dir keine Illusionen machen, Juanillo«, fuhr jener fort, »Doña Sol bringt dir als Torero das gleiche Interesse entgegen wie ihrem alten Zigeuner, der sie im Gitarrespiel unterrichtet. Sie will Lokalkolorit und sonst nichts. ›Bringen sie ihn übermorgen nach Tablada‹, sagte sie mir. Der Marquis gibt nämlich ein Stiertreiben, um seiner Nichte ein Vergnügen zu bereiten. Auch ich bin dazu eingeladen.« Zwei Tage später begab sich Don José mit seinem Schützling zum Feste der Doña Sol. Der Torero hatte das alte bizarre Kostüm angelegt, das seinem Stande früher eigen war, ehe die moderne Zeit ihn hierin mit den andern Sterblichen auf gleiche Stufe gestellt hatte. Ein breiter Samthut bedeckte seinen Kopf und wurde durch ein Sturmband unter dem Kinn festgehalten. Der Hemdkragen war mit zwei Brillantknöpfen geschlossen und zwei andere größere blitzten im Brustteile des faltenreichen Vorhemdes. Das kurze Jäckchen und die Weste waren aus rotem Samt mit schwarzen Knopflöchern und mit dunklen Quasten besetzt. Er trug eine Schärpe aus roter Seide, eng anliegende Kniehosen mit dunklen Nähten zeigten die kräftigen und schöngeformten Beine des Stierkämpfers. Die braunen Gamaschen trugen in den Öffnungen Lederfransen, die Schuhe, welche zur Hälfte in den hohen, arabischen Steigbügeln steckten, waren mit silbernen Sporen versehen. Am Sattelbogen lag auf einer prächtigen Decke, deren Quasten zu beiden Seiten des Pferdes herabhingen, ein graues Jackett mit schwarzem Besatz und rotem Futter. Die zwei Reiter setzten sich in Bewegung und überall, wo man sie sah, rief man ihnen Grüße zu, während die Frauen mit den Händen winkten. In der Straße, in welcher Doña Sol in einem der herrschaftlichen Häuser wohnte, trafen sie andere Gäste, welche den Torero mit Herzlichkeit begrüßten und sich freuten, dass er den Ausflug mitmache. Der Marquis kam aus dem Hause und stieg gleich zu Pferde. »Noch immer nicht da! Ja, die Frauen, sie können nicht pünktlich sein. Er sagte dies mit seinem gewöhnlichen Ernst, als würde er ein Orakel verkünden. Er war ein großer, knochiger Mann mit weißem Backenbart und treuherzig blickenden Augen. Höflich und gemessen in seinen Worten, imponierend in seinen Gebärden, sparsam mit seinem Lächeln, war der Marquis de Moraima der große Herr vergangener Tage. Da er dem Stadtleben nichts abgewinnen konnte, verbrachte er fast das ganze Jahr bei seinen Hirten, welche er mit kameradschaftlicher Freundlichkeit behandelte. Er hatte mangels an Übung fast das Schreiben vergessen. Doch wenn man von Rindern, Stieren, Pferden oder andern landwirtschaftlichen Fragen sprach, dann belebten sich seine Augen mit dem Interesse des Kenners. Er stellte sich sogleich zu Gallardo, mit dem er über die kommende Saison sprach. Doña Sol erschien. Sie hielt mit einer Hand ihren Rock und zeigte so die Schäfte ihrer hohen Reitstiefel. Sie trug ein Herrenhemd mit roter Krawatte, Jackett und Weste aus violettem Samt und einen Samt Hut, der graziös auf ihrem Lockenkopfe saß. Trotz ihrer vollen Formen stieg sie leicht zu Pferde, dann begrüßte sie die Freunde und entschuldigte sich wegen ihres Zögerns, während ihre Blicke zu Gallardo schweiften. Don José wollte Juan vorstellen, doch Doña Sol kam ihm zuvor und näherte sich dem Torero. Dieser fühlte sich durch die Nähe dieser Frau verwirrt. Was sollte er nur sagen? Er sah, daß sie ihm die Rechte zum Gruße entgegenstreckte, und in der Hast seiner Verlegenheit umspannte er sie mit seiner harten Hand, welche gewohnt war, Stiere niederzustrecken. Doch die weißen, rosigen Finger schlossen sich, statt unter diesem brutalen Drucke, der einer anderen einen Schmerzensschrei entlockt hätte, nachzugeben, fest in seine Faust und befreiten sich dann ohne Mühe aus dieser Klammer. »Ich danke Ihnen für Ihr Kommen und freue mich, Sie kennen zu lernen.« Gallardo, der in seiner Verwirrung die Notwendigkeit fühlte, etwas zu sagen, stotterte, als würde er einen Bekannten begrüßen, seine gewöhnliche Formel: »Danke. Und wie geht es zu Hause?« Doña Sols diskretes Lächeln blieb im Getümmel des Aufbruchs unbemerkt. Sie setzte sich an die Spitze des Zuges, der ihr wie eine Eskorte folgte. Gallardo hielt sich rückwärts, ohne seine Verwirrung unterdrücken zu können, und mit dem beschämenden Gefühl, eine Dummheit gemacht zu haben. Als sie sich Tablada näherten, sahen sie vor der Umzäunung, welche die Weide von dem Gehege der Herden trennte, eine schwarze Masse von Leuten und Wagen. Der Guadalquivir floß hinter Tablada vorüber. Gegenüber erhob sich San Juan de Aznalfarache, überragt von den Ruinen eines alten Schlosses, unter welchem sich die Häuser weiß von dem Grün der Olivenpflanzungen abhoben. Auf der anderen Seite des weiten Horizontes sah man vor dem blauen, von Schäferwolken durchsetzten Hintergrund das Häusermeer von Sevilla mit der wuchtigen Masse seiner Kathedrale aufsteigen. Die Treiber drängten sich durch die Menge. Die Neugierde, welche die Launen der Doña Sol erregte, hatte fast alle Damen der Stadt herausgelockt. Die Freundinnen begrüßten sie aus ihren Wagen und fanden sie in ihrem Sportkostüm ganz reizend. Ihre Verwandten, die Töchter des Marquis und Bekannte, welche ihre Männer begleiteten, empfahlen ihr Vorsicht. Die Treiber betraten das Gehege und wurden von den Zurufen der Menge, welche dem Schauspiel von draußen zusah, begrüßt. Als die Pferde die Herden der Stiere erblickten, wollten sie sich den Händen der Männer, welche sie führten, entreißen, sie begannen auszuschlagen und unter dem festen Griff, der sie hielt, zu wiehern. In der Mitte des Geheges drängten sich die Stiere zusammen. Einige grasten ruhig, andere standen unbeweglich auf dem grünen Teppich der frühlingsjungen Wiese. Andere wieder näherten sich dem Flusse. Die alten, erfahrenen Bullen folgten ihnen unter dem Geläute der an ihrem Halse hängenden Schellen nach. Die Reiter blieben einige Zeit unbeweglich, als würden sie unter den erwartungsvollen und ängstlichen Blicken der Zuschauer, welche irgend etwas Außergewöhnliches erwarteten, Rat halten. Der Marquis eröffnete, begleitet von einem seiner Freunde, das Spiel. Die zwei Reiter galoppierten bis zu den Stieren, vor denen sie ihre Pferde anhielten, während sie ihre Wurflanzen schwangen und laute Schreie ausstießen, um die Tiere wild zu machen. Ein schwarzer Bulle löste sich aus der Gruppe der weidenden Herde los und lief nach rückwärts. Die zwei Reiter eilten hinter dem Stiere her und verlegten ihm, sich an seiner Seite haltend, den Weg, wenn er zu dem Flusse abweichen wollte. Dann spornte der Marquis seinen Klepper, holte den Stier ein und rannte mit der Lanze auf ihn los. Er bewirkte durch den doppelten Stoß seiner Lanze und des Pferdes, daß der Bulle das Gleichgewicht verlor und auf den Boden hinstürzte, wo er mit seinen Hörnern tiefe Furchen riß. Die Schnelligkeit und Leichtigkeit, mit der der Marquis dieses gefährliche Spiel ausführte, erweckten einen Orkan von Beifall und Zurufen. Keiner verstand es so, mit den Stieren umzugehen, wie der alte Herr. Es schien fast, als ob sie seine Söhne wären, denn er betreute sie vom ersten Tage an bis zu dem Augenblick wo sie ihn verließen, um in der Arena wie Helden zu fallen. Andere Reiter wollten nun ihre Geschicklichkeit beweisen, aber der Marquis widersetzte sich ihrem Vorhaben und gab seiner Nichte den Vorzug, da er sie noch vor dem Augenblicke antreten lassen wollte, ehe die Stiere durch das fortwährende Gejage wild geworden waren. Doña Sol spornte ihr Pferd, das, durch die Gegenwart der Herde erschreckt, ausreißen wollte. Der Marquis schickte sich an, sie auf ihrem Ritt zu begleiten, doch sie widersetzte sich und forderte Gallardo auf, da er ein Torero war. Er gehorchte, und ohne ein Wort zu sagen, da er noch immer über seine Ungeschicklichkeit mit sich haderte, gesellte er sich an ihre Seite. Beide ritten im Galopp auf die Stiere los. Das Pferd der Doña Sol stellte sich mehreremale fast senkrecht auf die Hinterfüße, als weigerte es sich, weiter zu laufen. Doch die starke Hand der Reiterin zwang es immer wieder nach vorwärts. Sie brauchten nicht lange, um einen Stier von der Herde abzutrennen. Ein starkes weißes Tier mit braunen Flecken, gedrungenem Hals und weit geschwungenen Hörnern lief vor den Reitern her. Hinter ihm galoppierte Doña Sol, gefolgt von dem Torero. »Achtung,« rief Gallardo, der als alter Stierfechter alle Kniffe der Tiere kannte, »Achtung, daß er sich nicht plötzlich umdreht.« Und so geschah es in der Tat. Als sich Doña Sol anschickte, das Beispiel ihres Onkels nachzuahmen und den Stier mit der Lanze anzugehen, da wendete sich das Tier, als hätte es diese Bewegung geahnt, plötzlich um und stellte sich den Verfolgern mit drohend gesenkten Hörnern entgegen. Das Pferd schoß an dem Stier vorbei, ohne daß es Doña Sol möglich gewesen wäre, den Lauf zu hemmen und nun wurden die Rollen vertauscht, indem der Stier seinerseits die Verfolgung aufnahm. Doch Doña Sol wollte nicht fliehen. Tausende von Personen schauten auf sie, sie fürchtete den Spott ihrer Feindinnen und das Bedauern der Männer. Daher zügelte sie den Lauf ihres Pferdes und stellte sich dem Stiere entgegen. Sie hielt die Lanze wie ein Picador unter dem Arm und stieß sie in den Hals des Stieres, der mit gesenktem Kopfe brüllend vorwärts stürmte. Der gewaltige Schädel färbte sich unter dem herabströmenden Blute rot, doch das Tier eilte, ohne zu fühlen, dass es seine Wunde vergrößerte, weiter, bis es seine Hörner unter den Leib des Pferdes senkte und es in die Höhe warf, so dass seine Füße den Boden verließen. Die Reiterin wurde aus dem Sattel geschleudert, während im gleichen Augenblick ein tausendstimmiger Schreckensschrei zu ihr drang. Das Pferd, welches sich von den Hörnern losgemacht hatte, lief mit blutendem Bauche und zerrissenen Zügeln wie von Sinnen herum. Der Stier schickte sich an, ihm nachzueilen. Doch im gleichen Augenblick wurde seine Aufmerksamkeit von Doña Sol angezogen. Statt unbeweglich auf dem Boden liegen zu bleiben, hatte sie sich aufgerichtet und nach ihrer Lanze gegriffen, um aufs Neue den Stier anzugehen. Es war ein wahnsinniges Unterfangen und mehr mit Rücksicht auf die Zuschauer in Szene gesetzt. Sie wußte, daß sie dem Tode ins Auge schaute, doch wollte sie eher sterben als den Anschein der Furcht oder Lächerlichkeit zu erregen. Hinter dem Zaune regte sich kein Laut. Die Menge hielt den Atem an, gebannt durch das Schweigen des Schreckens. In schnellstem Galopp und von einer Staubwolke eingehüllt, jagte die Reiterschar einher. Doch mußte die Hilfe zu spät kommen. Der Stier wühlte mit seinen Vorderfüßen den Boden auf und senkte bereits das Haupt, um die tollkühne Gestalt, die ihn mit der Lanze bedrohte, anzugreifen. Ein kurzer Stoß mit seinen Hörnern und sie war verschwunden. Doch im gleichen Augenblick lenkte ein wildes Gebrüll die Wut des Stieres ab und ein roter Schein flog wie eine Feuergarbe an seinen Augen vorbei. Es war Gallardo, der sich von seinem Pferde geworfen hatte. Er ließ die Wurflanze fallen und griff nach dem Jackett, welches über dem Sattel lag. »Eeh . ... vorwärts, vorwärts.« Und der Stier lief hinter dem roten Futter der Jacke her, angezogen von diesem Gegner, der seiner würdig war, ohne an seine frühere Angreiferin zu denken, welche ihm in der Verwirrung der Gefahr mit der Lanze unter dem Arm nachlief. »Keine Furcht, Doña Sol, der gehört mir,« rief der Torero noch ganz bleich vor Erregung, jedoch lächelnd im Gefühle seiner Überlegenheit. Ohne jede weitere Waffe, nur seine Jacke in den Händen haltend, trat er dem Stiere gegenüber und zog ihn von Doña Sol ab, während er sich mit leichten, anmutigen Sprüngen vor den wütenden Angriffen des gereizten Tieres in Sicherheit brachte. Die Menge, welche den vorhergehenden Schreck schon vergessen hatte, begann vor Begeisterung Beifall zu klatschen. Was für ein glücklicher Zufall, einem wirklichen Stierkampf mit Gallardo gratis zusehen zu können. Erregt durch die Wildheit, mit welcher ihn der Stier angriff, vergaß der Torero in wenigen Sekunden Doña Sol und alles andere und richtete seine ganze Aufmerksamkeit nur mehr darauf, den Stößen und Sprüngen des Tieres auszuweichen. Der Bulle drehte sich wütend im Kreise herum, da der Mann immer unverwundbar seinen Hornstößen entschlüpfte und er bei jedem Sprunge das rote Futter des Jacketts vor seinen Augen spürten. Schließlich blieb er mit schäumendem Maule, gesenktem Haupte und zitternden Füßen stehen. Diesen Augenblick der Ermattung benützte Gallardo, den Hut vor dem erschöpften Tiere abzunehmen und damit dessen Hals zu berühren. Ein tosender Beifall erhob sich hinter dem Zaune und grüßte diese Verwegenheit. Rufe und Schellengeläute ertönte hinter Gallardo und Hirten und Reiter tauchten um den Stier auf, den sie endlich wegbrachten, indem sie ihn langsam zu der Herde trieben. Gallardo ging zu seinem Pferde, das ruhig stehen geblieben war. Er hob den Spieß auf, stieg in den Sattel und ritt in leichtem Galopp bis an den Zaun, wobei er durch die langsame Gangart seines Pferdes die Genugtuung verlängerte, den lauten Applaus der Menge entgegenzunehmen. Die Reiter, welche Doña Sol in ihre Mitte genommen hatten, empfingen ihn mit allen Zeichen größter Begeisterung. Doña Sol stand außerhalb des Zaunes in dem Wagen der Töchter des Marquis. Ihre Cousinen umgaben sie voll Angst, betasteten sie und suchten nach Spuren ihres Falles. Man brachte ihr einige Becher Weins, um den Schreck zu paralysieren, doch sie lächelte überlegen über all diese Beweise weiblicher Fürsorge. Als sie Gallardo erblickte, der mit seinem Pferde durch die dichtgedrängte Menge kam, vertiefte sie ihr Lächeln. »Kommen Sie näher, mein Held, reichen Sie mir ihre Hand!« Und wiederum streckte sie ihm die Rechte entgegen, die er mit langem Druck umschloß. Am Abend wurde im Hause des Stierkämpfers des langen und breiten über diesen Vorfall gesprochen, der bereits in dem ganzen Bezirke lebhaft erörtert wurde. Frau Angustia war zufrieden wie nach einem großen Stierkampfe. Ihr Sohn hatte einer jener großen Damen, zu denen sie in Erinnerung an die langen Jahre ihrer untergeordneten Stellung noch immer voll Bewunderung aufblickte, das Leben gerettet. Carmen blieb ruhig, da sie nicht wusste, was sie über diesen Erfolg denken sollte. Es vergingen mehrere Tage, ohne dass Gallardo von Doña Sol Nachricht hatte. Sein Vertreter weilte außerhalb der Stadt, doch führte ihn eines Abends der Zufall in einem Kaffeehaus der Sierpesstraße, wo Stierkämpfer verkehrten, mit Gallardo zusammen. Er war vor zwei Stunden zurückgekehrt und hatte sich auf einen Brief der Doña Sol sogleich in ihr Haus begeben. »Mensch, du bist ja ärger als ein Wolf!«, sagte der Vertreter, als er den Stierkämpfer aus dem Kaffeehaus herauszog. »Doña Sol erwartete deinen Besuch. Sie ist die letzten Nachmittage überhaupt nicht fort gegangen, da sie glaubte, du würdest jeden Augenblick erscheinen. So geht das nicht. Du bist ihr vorgestellt und schuldest ihr nach all dem, was vorgefallen ist, einen Besuch. Gebrauche den Vorwand, dich nach ihrem Befinden zu erkundigen.« Der Stierkämpfer blieb stehen und strich sich die Haare unter seinen Hut zurück. »Alles recht schön«, murmelte er voll Unentschlossenheit, »Sie wissen, daß ich gerade kein Neuling bin und mit Frauen umzugehen weiß. Doch mit der da, nein. Sie ist eine vornehme Dame, und wenn ich sie sehe, kommt es mir zum Bewußtsein, daß ich ein wilder Kerl bin. Da bleibt mir das Wort in der Kehle stecken. Nein, Don José, ich gehe nicht hinauf, ich darf nicht zu ihr gehen!« Doch sein Vertreter führte ihn in der Überzeugung, seinen Widerstand bald zu überwinden, bis zum Hause der Doña Sol, während er ihm von seiner letzten Zusammenkunft mit der Dame erzählte. Sie sei über Gallardos Fernbleiben etwas beleidigt. Ganz Sevilla hatte sie unter dem Vorwand, Erkundigungen über ihren Unfall einzuholen, besucht, nur er nicht. »Du weißt ganz gut, daß sich ein Torero mit einflußreichen Leuten gut stehen muß. Er soll zeigen, dass er Erziehung hat und nicht ein hergelaufener Stallbursche ist. Eine so einflußreiche Dame, welche dich auszeichnet und auf dich wartet... Kein Wort, ich werde mit dir gehen.« Und Gallardo seufzte bei diesen Worten tief auf, als würde ihm ein Zentnergewicht von der Brust fallen. Sie betraten das Haus der Doña Sol. Der Hof war in arabischem Stil gehalten und erinnerte mit seinen bunten, feingearbeiteten Bogen an die gleiche Vorlage der Alhambra. Der Strahl eines Springbrunnens, in dessen Becken Goldfische schwammen, plätscherte mit sanfter Eintönigkeit in der abendlichen Stille. In den vier Gängen, deren Decke mit Stuckarbeit verziert war und welche durch die marmornen Stützpfeiler von dem Hofe getrennt wurden, sah der Torero alte Kommoden, dunkel gewordene Bilder, Heiligenstatuen mit bleichem Antlitz, ehrwürdige, verrostete Eisenmöbel und wurmstichiges Holz, das zahllose Löcher wie von Schrottschüssen aufwies. Ein Diener führte sie über die breite Marmortreppe und da erblickte der Torero mit neuem Erstaunen verblaßte Bilder auf Goldgrund, Marienstatuen, die mit der Axt aus dem Holz herausgehauen zu sein schienen, Bruchstücke alter Altäre, Teppiche in der matten Farbe trockenen Laubes, deren Rand mit Blumen und Früchten umsäumt war. Die einen zeigten in kunstvoller Webearbeit Szenen der Passion, auf anderen bemerkte man mythologische Bilder. »Da sieht man erst, was es heißt, ungebildet zu sein!« sagte der Torero ganz erstaunt zu seinem Begleiter. »Und ich war der Meinung, daß das alles nur in die Klöster passe. Es scheint, daß die Reichen diese Sachen sehr hoch einschätzen!« Als sie den Salon betraten, flammten sogleich die elektrischen Lüster auf, während durch die Fenster der letzte Schein der untergehenden Sonne hereinfiel. Gallardo empfand eine neue Überraschung. Er war stolz auf seine aus Madrid bezogenen, prächtigen, geschnitzten Möbel, welche dem Besucher wuchtig und aufdringlich den Reichtum ihres Besitzers und den hohen Anschaffungspreis begreiflich zu machen schienen. Doch hier in diesem vornehmen Palaste fühlte er sich ganz desorientiert. Er sah leichte Sessel in weißer und grüner Farbe, Tische und Schränke von einfachen Linien, die Wände einfarbig ohne weiteren Schmuck als mit kleinen Bildern, welche in ziemlich gleichen Abständen voneinander verteilt waren und an starken Schnüren herabhingen, kurz, ein abgetönter und feiner Luxus, welcher das Werk von Feintischlern zu sein schien, »Da sieht man, was mangelnde Bildung ist«, sagte er beschämt und setzte sich behutsam nieder, als ob er fürchtete, den Stuhl unter seinem Gewichte zusammenzudrücken. Das Eintreten der Doña Sol verdrängte diese Gedanken. Sie kam, wie er sie früher noch niemals gesehen hatte, ohne Mantel und Hut, mit ihrem leuchtenden Haare, welches den romantischen Namen »Sol« (Sonne) zu erklären schien. Ein alabasterweißer Arm trat plastisch aus dem japanischen Kimono hervor, der sich mit seinen Hälften über der Brust kreuzte und noch den Ansatz ihres Halses sehen ließen, dessen Adern in der Ambra farbige Haut wie das Halsband der Venus schimmerten. Wenn sie ihre Hände bewegte, glänzten die buntfarbigen Edelsteine der Ringe, welche in seltsamen Formen ihre Finger umwanden. An den schlanken Vorderarmen klirrten goldene Reifen, von denen Amulette und fremdartige Figuren, Erinnerungen aus fremden Ländern, herabfielen. Sie hatte beim Sprechen in burschikoser Ungezogenheit ein Bein über das andere gekreuzt und so sah man auf der Spitze ihres Fußes einen zierlichen roten Hausschuh mit hohem Absatz auf und ab tanzen. Gallardo summten die Ohren, sein Blick trübte sich. Er sah nur ihre Augen auf sich gerichtet, die ihn mit einem Ausdruck anblickten, der zwischen Zuneigung und Ironie schwankte. Um seine Bewegung zu verbergen, lächelte er, wobei er seine Zähne zeigte. Es war die unbeholfene Maske eines jungen Mannes, der liebenswürdig sein wollte. »Vielen Dank, Señora, es war nicht der Rede wert.« So lehnte er die Dankesbezeugungen der Doña Sol ab. Langsam gewann Gallardo seine Ruhe und Heiterkeit wieder. Doña Sol und sein Vertreter sprachen von Stieren und das gab ihm plötzlich sein Selbstbewußtsein wieder zurück. Sie hatte ihn oft in der Arena gesehen und konnte sich noch genau an die bemerkenswertesten Zwischenfälle erinnern. Gallardo fühlte sich nicht wenig stolz beim Gedanken, daß diese Frau so viel Interesse für seine Taten zeigte. Sie hatte ein lackiertes Kästchen mit exotischer Blumenmalerei geöffnet und bot den beiden Männern Zigaretten mit goldenen Mundstücken an. Ein stechender und fremdartiger Geruch kam aus den feinen Papierhülsen und dem dunklen Verpack, der sie füllte. »Sie enthalten Opium und schmecken sehr gut.« Sie zündete ihre Zigarette an und folgte mit ihren glänzenden Augen, welche im Lichte den schönen Glanz flüssigen Goldes annahmen, den entschwebenden duftenden Rauchwolken. Der Torero, welcher den starken Havannatabak gewohnt war, sog mit Neugier an dieser Zigarette. Das war ja nur Stroh und für feine Herren berechnet. Aber der seltsame Duft des Rauches schien langsam sein Unbehagen zu verscheuchen. Doña Sol, welche ihn aufmerksam betrachtete, bat ihn um Einzelheiten aus seinem Leben. Sie wünschte die Niederungen des Ruhmes, das elende Vagabundenleben des Torero, ehe dieser eine Größe geworden war, kennen zu lernen. Und von plötzlichem Zutrauen erfasst, sprach Gallardo von seinen Anfängen, verweilte mit stolzer Befriedigung bei der Erzählung seiner armseligen Herkunft, wobei er aber manches verschwieg, was er beim Bericht seiner abenteuerlichen Jugend für wenig geeignet hielt. »Sehr interessant, sehr originell«, sagte die schöne Frau. Und ihre Augen von dem Torero abkehrend, versank sie in ein tiefes Sinnen, als ob sie etwas Unsichtbares betrachtete. »Der erste, wirkliche Mann!« rief Don José mit brutaler Begeisterung aus. »Glauben Sie mir, Doña Sol, es gibt keine zwei Burschen so wie diesen da. Und seine Widerstandsfähigkeit gegen Verwundungen!« Voll Stolz auf die Kraft Gallardos zählte er, als wäre er dessen Vater, alle Verwundungen auf, die sein Held empfangen hatte, und beschrieb sie, als würde er sie durch die Kleider hindurchgehen. Die Augen der Hausfrau folgten ihm bei dieser anatomischen Exkursion mit aufrichtiger Bewunderung. Das war ein wirklicher Held: furchtsam, schüchtern und einfach, wie alle starken Männer. Don José wollte aufbrechen, denn es war schon 7 Uhr vorbei und man erwartete ihn zu Hause. Doch Doña Sol stand auf und nötigte sie lächelnd zu bleiben. Sie würden mit ihr essen, es sei nur eine ganz intime Einladung. Sie erwartete diesen Abend keine Gäste, der Marquis weilte mit seiner Familie auf dem Lande. »Ich bin allein, kein Wort mehr. Ich will es.« Und als ob ihr Befehl keinen Widerspruch duldete, verließ sie das Zimmer. Don José protestierte, nein, er konnte nicht bleiben. Er war erst diesen Abend angekommen und seine Familie hatte ihn kaum gesehen. Außerdem sei er von zwei Freunden eingeladen worden. Doch was den Torero betreffe, so müsse er natürlich annehmen. Denn in Wirklichkeit galt ja diese Einladung nur ihm. »Bleib doch,« sagte Gallardo ganz ängstlich, »laß mich nicht allein. Ich weiß ja gar nicht, was ich tun oder reden soll.« Nach einer Viertelstunde kehrte Doña Sol zurück, diesmal in Gesellschaftstoilette ohne die exotische Nachlässigkeit, mit welcher sie ihre Besucher empfangen hatte. Don José beteuerte aufs neue, nicht bleiben zu können. Bei Gallardo wäre es etwas ganz anderes. Er wolle seine Familie benachrichtigen, ihn heute abends nicht zu erwarten. Wieder machte Gallardo eine ängstliche Gebärde, beruhigte sich aber unter dem Blicke seines Freundes. »Keine Angst,« sagte dieser leise bei der Tür, »glaubst du, dass ich ein Tölpel bin? Ich werde sagen, dass du mit einem Bekannten aus Madrid speise.« Die Qual, welche der Torero in den ersten Augenblicken der Mahlzeit empfand, lässt sich schwer beschreiben. Die gediegene und herrschaftliche Pracht des Speisezimmers, in welchem die beiden sich zu verlieren schienen, obwohl sie einander gegenüber in der Mitte des großen Tisches neben dem hohen silbernen Leuchter saßen, drückte ihn nieder. Die Diener flößten im mit ihrem eindrucksvollen Gehaben, ihrem gemessenen, unpersönlichen Wesen, das offenbar durch die unwahrscheinlichsten Launen ihrer Herrin nicht aus der Ruhe gebracht werden konnte, Bewunderung ein. Er schämte sich über sein Äußeres und sein Betragen, da er den starken Gegensatz zwischen seiner Umgebung und sich selbst empfand. Doch langsam schwand dieser Eindruck von Furcht und Befangenheit. Doña Sol lachte über seine Zurückhaltung beim Essen und über die Ängstlichkeit, mit welcher er Schüsseln und Becher berührte. Gallardo bewunderte sie immer mehr. Gewohnt an die Ziererei und Enthaltsamkeit der Damen, welche er bis jetzt kennen gelernt hatte und welche es für unschicklich hielten, viel zu essen, staunte er nun über den gesunden Appetit der Doña Sol und über die Hingebung mit welcher sie sich dem Mahle widmete. Ein Bissen nach dem anderen verschwand hinter diesen rosigen Lippen, ohne eine Spur zu hinterlassen, ihre Kinnbacken arbeiteten, ohne daß diese Bewegung die Schönheit ihres Antlitzes beeinträchtigte. Sie hob das Glas an ihre Lippen, ohne diese auch nur mit einem Tropfen zu benetzen. Solche Bewegungen konnten sicherlich nur Göttinnen eigen sein. Ermutigt durch ihr Beispiel, aß Gallardo fest drauf los und verlegte sich vor allem auf das Trinken, da er in der Auswahl der schweren Weine ein Mittel sah, seine Ungelenkigkeit und Schüchternheit, welche ihm nur ein Lächeln und ein linkisches »Danke« erlaubten, abzulegen. Die Konversation wurde lebhafter. Der Stierkämpfer, der sich langsam angeregt fühlte, sprach von den glücklichen Zufällen des Torerolebens, erzählte die Eigenheiten des National und seines Picadors Potaje und Doña Sol hörte lächelnd diese Details aus dem Leben der Männer an, welche beständig dem Tode ins Antlitz schauen und die sie schon seit langem aus der Ferne bewundert hatte. Der Champagner brachte Gallardo völlig aus seiner Reserve heraus, und als er sich vom Tisch erhob, reichte er seiner Dame den Arm, während er innerlich über seine eigene Kühnheit staunte. Tat man es nicht so in der vornehmen Welt? Er war doch nicht so ungebildet, wie er es auf den ersten Blick zu sein schien. In dem Salon, wo man ihnen den Kaffee kredenzte, sah der Torero eine Gitarre, die gleiche ohne Zweifel, auf welcher der alte Lechuto seine Stunden gab. Doña Sol reichte sie ihm hin und bat ihn, ihr etwas vorzuspielen. »Ich kann nicht spielen. Außer Stiere töten kann ich nichts.« Beide blieben schweigend sitzen, Gallardo auf einem Sofa, die dicke Havanna paffend, welche ihm ein Diener angeboten hatte. Doña Sol rauchte eine ihrer Zigaretten, deren Duft sie in eine Art von Betäubung versetzte. Die Schwere des genossenen Mahles lastete auf dem Torero, verschloß ihm den Mund und erlaubte ihm kein anderes Lebenszeichen als ein steifes, gekünsteltes Lächeln. Müde von diesem andauernden Schweigen, in welchem sich ihre Worte verloren, setzte sich Doña Sol an das Klavier und entlockte den Tasten die heitere Weise eines Tanzliedes. »Oh, das ist schön, sehr schön«, sagte der Torero, seine Lässigkeit überwindend. Nach dem Tanz kam ein Lied aus Sevilla und andere andalusische, melancholische, orientalische Weisen, welche Doña Sol als eine Eigenheit des Landes gesammelt hatte. Gallardo unterbrach die Musik mit seinen Zurufen, als ob er in einem Konzertcafé wäre. »Gefällt Ihnen diese Musik?« fragte die Hausfrau. »Oh ja, sehr.« Gallardo hatte sich diese Frage zwar niemals selbst gestellt, doch war er augenscheinlich ein Freund solcher Weisen. Doña Sol ging unmerklich vom schnellen Rhythmus der Volkslieder in eine langsamere, getragene Melodie über, welche der Stierkämpfer bei der Tiefe seiner musikalischen Kenntnisse als »Kirchenmusik« bezeichnete. Nun verhielt er sich still, er empfand ein angenehmes Vor-sich-Hinträumen, seine Augen schlossen sich, er fühlte, daß ihn dieses Konzert, wenn es noch länger dauerte, einschläfern würde. Um dem zu entgehen, betrachtete Gallardo das schöne Weib, das ihm den Rücken zukehrte. Was für ein Körper, heilige Mutter Gottes! Seine glühenden Blicke hafteten an dem Nacken, den ein Kranz goldiger, widerspenstiger Locken umspielte. Ein toller Gedanke schoß durch sein Hirn und hielt ihn mit dem Kitzel der Versuchung fest. »Was würde sie tun, wenn ich aufstünde und sie auf den Nacken küßte?« Doch gingen die Gedanken nicht über den Wunsch hinaus. Diese Frau flößte ihm eine unüberwindliche Achtung ein. Er erinnerte sich auch der Worte seines Vertreters, mit welcher Arroganz sie sich alle Zudringlichkeiten fern gehalten hatte und wie sie sich auf das Spiel verstand, jeden Mann wie eine Puppe tanzen zu lassen. Er verfolgte die Konturen des weißen Nackens, der wie ein Mond hinter goldenen Wolken durch den Nebel leuchtete, den ihm der Schlaf vor die Augen legten. Er wollte einschlafen und fürchtete, daß ein rauhes Schnarchen diese ihm unverständliche Musik, welche aber gleichwohl etwas Schönes sein mußte, stören würde. Er kniff sich in die Beine, um wach zu bleiben, streckte die Arme aus und bedeckte den Mund mit einer Hand, um das Gähnen zu ersticken. Es verging eine lange Zeit und Gallardo war nicht sicher, sie schlafend oder träumend verbracht zu haben. Plötzlich vernahm er die Stimme der Doña Sol. Sie hatte ihre Zigarette bei Seite gelegt und sang leise die Melodien mit, welche sie auf dem Klavier spielte. Der Torero lauschte, um etwas zu verstehen, doch war das Bemühen vergeblich, sie sang Lieder in einer fremden Sprache. Zu dumm! Warum nicht einen Tango oder eine lustige Weise? Bei so ernster Musik sollte er wach bleiben! Doña Sol legte die Finger auf die Tasten. Während ihre Augen in die Höhe blickten, senkte sich das Haupt nach rückwärts und ihre Brust hob sich beim Atmen. Sie sang Elsas Klage, die Sehnsucht der blonden Frau nach dem fernen Beschützer, der, unbesiegbar für die Männer, süß und furchtsam vor den Frauen war. Sie sang nun mit voller Stimme und erfüllte die Worte mit dem Hauche der Leidenschaft, während ihre Augen in rührender Hingebung leuchteten. Der starke und doch so unbeholfener Mann, der Krieger, war diesmal hinter ihr. Er entsprach nicht dem Bilde des anderen, er war rauh und schwerfällig. Doch sah sie mit der Klarheit ihres willensstarken Gedächtnisses die Kühnheit, mit welcher er ihr vor einigen Tagen zu Hilfe gekommen war, die lächelnde Zuversicht, mit der er das wütende Tier hingehalten hatte, genau so, wie andere Helden mit dem Drachen kämpften. Ja, es war »ihr« Krieger. Und durchbebt vom Scheitel bis zur Sohle von einer wollüstigen Furcht, sich schon im Voraus für besiegt erklärend glaubte sie, die süße Gefahr zu erraten, welche sich ihrem Nacken näherte. Sie sah den Helden, den Paladin, wie er sich langsam vom Sofa erhob, die leuchtenden Augen auf sie gerichtet. Sie hörte seinen vorsichtigen Schritt, sie fühlte, wie sich seine Hand auf ihre Schultern legte, ein feuriger Kuß als Beweis seiner Leidenschaft ihren Nacken versengte und sie zu seiner Sklavin machte ... Doch sie sang zu Ende, ohne daß dergleichen geschah, ohne daß sie auf ihrem Rücken etwas anderes verspürte, als das Schaudern ihres furchtsamen Begehrens. Enttäuscht über diese Achtung, ließ sie die Akkorde ausklingen. Ihr Krieger saß in der Sofaecke und versuchte es das vierte Mal, mit einem Zündholz das Feuer seiner Zigarre zu erneuern, wobei er die Lider aufriß, um sich gegen seine Betäubung zu wehren. Als Gallardo ihre Augen auf sich gerichtet sah, sprang er auf die Füße. Ah, der letzte Augenblick war gekommen. Der Held war im Begriffe, sich ihr zu nähern, sie mit Leidenschaft zu umschlingen, sie im Sturme wilder Begierde zu bezwingen ... »Gute Nacht, Doña Sol. Ich gehe, es ist schon spät, Sie werden sich ausruhen wollen.« Unter dem Eindrucke der Überraschung und des Unwillens sprang sie gleichfalls auf, und ohne zu wissen, was sie tat, streckte sie ihm die Hand entgegen. Ungeschickt und einfältig wie ein Held! Blitzschnell übersah sie noch einmal alles, was die Frau nach geschriebenem und ungeschriebenem Gesetze auch in den Augenblicken der größten Hingabe beobachten oder unterlassen mußte. Ihr Wunsch war unerfüllbar ... noch dazu beim ersten Besuche. Und konnte sie ihm entgegen kommen? ... Doch als sie dem Torero die Hand reichte, blickte sie in seine Augen, die sie mit leidenschaftlicher Starrheit betrachteten und in ihrer stummen Beharrlichkeit alle ihre furchtsamen Hoffnungen, ihre stillen Wünsche zum Ausdruck brachten. »Nein, geh' nicht fort. Komm ...« Und sie sagte nicht mehr ... IV Zu den verschiedenen Motiven, welche Gallardo veranlassten, so stolz auf sich zu sein, gesellte sich noch die Genugtuung befriedigter Eitelkeit. Wenn er mit dem Marquis de Moraima sprach, geschah es fast mit kindlicher Zuneigung. Dieser Mann, der wie ein Bauer oder Viehhüter daherkam, war eine hohe Persönlichkeit, welche mit ordensbedeckter, Goldgestickter Uniform im königlichen Palast einherstolzieren konnte. Seine Urahnen waren mit dem Fürsten, der die Mauren vertrieben hatte, nach Sevilla gekommen und als Lohn für ihre Dienste wurden ihnen unermeßliche Gebiete überlassen, deren Reste eben in jenen weiten Grassteppen bestanden, auf denen nun die Stiere des Marquis weideten. Seine nächsten Vorfahren waren Freunde und Ratgeber der Monarchen geworden und hatten bei Hofe einen großen Teil ihres Vermögens verschwendet. Und dieser große Señor, der trotz der Ungebundenheit seines Landlebens den Adel seiner Herkunft bewahrte, war für Gallardo sozusagen ein naher Verwandter. Der Sohn des Schusters empfand bei diesem Gedanken den gleichen Stolz, als wäre er tatsächlich in die alte Adelsfamilie eingetreten. Der Marquis de Moraima war sein Onkel, und obgleich er ihn öffentlich nicht so anreden durfte und die Schwägerschaft nicht beglaubigt war, tröstete er sich bei dem Gedanken an die Herrschaft, welche er über eine Frau der Familie ausübte, und dies vermöge einer Liebelei, welche sich über Formen und Vorurteile hinwegzusetzen pflegte. Ferner gehörten alle jene Herren, welche ihn früher mit jener herablassenden Vertraulichkeit, mit der die hoch stehenden Gönner die Toreros behandelten, aufgenommen hatten, zu dieser Verwandtschaft und er gewöhnte sich daran, sie als seinesgleichen zu betrachten und ihnen mit gleicher Vertraulichkeit wie Doña Sol entgegenzukommen. Seine Lebensart und seine Gewohnheiten hatten sich gründlich verändert. Er kam nur selten in die Kaffeehäuser der Sierpesstraße, wo sich die Freunde der Stierkämpfer vereinigten. Es waren brave; biedere Leute voll Begeisterung, jedoch von geringer Bedeutung für das große Leben: kleine Kaufleute, Handwerker, welche sich selbständig gemacht hatten, Geschäftsleute, ohne festen Verdienst und nur für die Stiergefechte Interesse zeigend. Gallardo ging an den Spiegelscheiben der Kaffeehäuser vorbei und grüßte seine Bewunderer, welche ihn mit hastigen Handbewegungen aufforderten, einzutreten. Doch er schritt weiter, um einen aristokratischen Klub in derselben Straße aufzusuchen, wo gallonierte Diener in einem goethischen Saale auf schwerem Silbergeschirr die Gäste bedienten. Der Sohn der Frau Angustia empfand jedes Mal die Freude befriedigter Eitelkeit, wenn er die Reihen der Bedienten, die in ihrer schwarzen Livree ernst und feierlich dastanden, durchschritt. Es gefiel ihm, mit so viel vornehmen Leuten zusammenzukommen. Die jungen Klubmitglieder sprachen von Pferden oder Frauen und erstatteten sich gegenseitig Bericht über alle Ehrenhändel in Spanien. Ein Salon diente als Fechtboden, in einem anderen Saale spielte man vom frühen Morgen bis spät in die Nacht. Man duldete Gallardo als eine Besonderheit des Klubs, denn er war ein »anständiger« Torero, er kleidete sich elegant, gab Geld aus und unterhielt gute Beziehungen. Die sympathische und wohlbekannte Persönlichkeit seines Vertreters Don José diente dem Torero in seinem neuen Leben als Bürge und Empfehlung. Von nun an wusste es Gallardo mit der Schlauheit eines ehemaligen Gassenjungen so einzurichten, dass diese jeunesse dorée, unter welcher er noch einige Dutzend »Verwandte« traf, zu ihm kam. Er zahlte viel, denn das war das beste Mittel, mit seiner neuen Verwandtschaft in Beziehungen zu bleiben und seine Verbindungen zu erweitern. Er spielte und verlor mit dem Pech eines Mannes, der in anderen Unternehmungen Glück hat, verbrachte Nächte im »Verbrecherkeller«, wie man den Spielsaal nannte, doch gewann er nur selten. Sein andauerndes Unglück im Spiel war für den Klub ein Anlaß, sich mit seinem neuen Schüler zu brüsten. »Heute Nacht hat man Gallardo wieder ganz gehörig gerupft«, pflegten seine Mitspieler zu sagen, »er verlor mindestens 10 000 Peseta.« Und der Ruf, diese Summen verspielt zu haben, sowie die Leichtigkeit, mit der er das Geld ausgab, verschaffte ihm unter seinen jetzigen Freunden die gebührende Achtung, da sie in ihm einen Anhänger und Förderer des Spieles sahen. Die neue Leidenschaft hatte den Torero in kürzester Zeit vollständig ergriffen. Die Spielwut beherrschte ihn derart, daß er zeitweise sogar die Frau vergaß, die doch für ihn das interessanteste Problem bedeutete. Mit der besten Gesellschaft Sevillas hasardieren zu können, sich als ebenbürtig und mit gleicher Vertraulichkeit, welche das Geldverleihen und die Aufregungen des Spieles schnell ermöglichen, von den vornehmsten Herren Sevillas behandelt zu sehen, das alles berauschte ihn und umgab ihn mit neuem Nimbus. Die Freunde des Vertreters fragten diesen, ob die Spielverluste Gallardo nicht zu Grunde richteten, da doch alles, was ihm sein Beruf einbrachte, im Spiel zerrann. Doch Don Jose lächelte nur mitleidig über solche Worte und trug dadurch nicht wenig dazu bei, die Achtung vor dem Torero zu erhöhen. Don Jose betrachtete die von aller Welt bewunderte Leichtigkeit, mit der Gallardo sein Geld verlor, als eine weitere Errungenschaft seines Schützlings. Ein Stierfechter konnte nicht so leben, wie die übrigen Leute, welche jeden Dollar umdrehen, ehe sie ihn ausgeben. Außerdem schmeichelte es ihm, als wäre es sein eigenes Verdienst, Gallardo in Kreisen verkehren zu sehen, welche für andere verschlossen blieben. »Er ist der Mann des Tages,« erwiderte er mit kampflustiger Miene den Nörglern, welche die neuen Gewohnheiten Gallardos bekrittelten, »er läuft nicht mit den Weibern herum oder sitzt, wie andere seines Berufes, in der Schenke. Er ist der Torero der Aristokratie, weil er es sein will und kann. Alles übrige ist nur neidisches Geschwätz.« Infolge seiner neuen Verpflichtungen besuchte Gallardo nicht nur den Klub, er verbrachte auch einige Nachmittage in der Gesellschaft der »Cuarenta y cinco« (Gesellschaft der Fünfundvierzig), welche eine Art Senat der Stierfechterkünste vorstellte. Die Toreros erhielten nur selten Zutritt in die Salons dieser Vereinigung und so blieben die Herren ungestört, ihre Grundsätze und Regeln, nach denen sie die Stiergefechte beurteilten, festzusetzen. Während des Frühlings und des Sommers trafen sich die Klubmitglieder der »Fünfundvierzig« in der Halle ihres Hauses oder erwarteten, in Stühlen sitzend, Telegramme über den Ausgang der Stierkämpfe. Sie legten wenig Wert auf die Meinung der Presse, außerdem hatten sie ja die Nachrichten früher erfahren, ehe sie in die Blätter kamen. Gegen Abend langten die Nachrichten aus allen Städten der Halbinsel, wo Stiergefechte abgehalten wurden, ein und die Klubfreunde besprachen, nachdem sie in ernster Stille den Wortlaut der Depesche vernommen haben, unter allerlei Vermutungen den kurzen Inhalt des Gehörten. Der Vertreter Gallardos paßte mit seinem draufgängerischen und lärmendem Enthusiasmus nicht recht in den gemessenen Ton der Vereinigung hinein. Doch da er ein alter Freund war, sagten sie nichts und lächelten nur über seine Eigenheiten. Es war für diese Männer unmöglich, mit Don José über die Tüchtigkeit der einzelnen Stierkämpfer zu sprechen. Oft blickten sie, wenn sie Gallardo als tapferen, aber stillosen Draufgänger bezeichneten, furchtsam nach der Tür. »Pepe kommt«, sagten sie und die Unterhaltung brach ab. Und dann trat Pepe ein und schwenkte ein Telegramm über seinem Haupte. »Habt Ihr Nachricht aus Santander? Hier leset: ›Gallardo, 2 Degenstöße, 2 Stiere, beim zweiten das Ohr.‹ Nun, was sagt Ihr? Ein Kerl, wie man ihn nicht mehr findet.« Oft wies das Telegramm der »Fünfundvierzig« einen anderen Wortlaut auf als das seine, doch er ließ sich kaum herab, einen verachtungsvollen Blick hineinzuwerfen und brach sogleich in lärmende Kundgebungen aus: »Lüge, alles falsch. Nur mein Telegramm ist richtig.« Allein die anderen lachten über Don José, wobei sie mit dem Finger auf die Stirne deuteten, um seinen Spleen anzuzeigen, während sie gleichzeitig über den Torero und seinen Vertreter Scherze austauschten. Langsam gelang es Don José, Gallardo in die Gesellschaft der »Fünfundvierzig« einzuführen. Der Torero kam unter dem Vorwand, seinen Vertreter sprechen zu wollen und setzte sich schließlich zu jenen Herren, von denen viele nicht seine Freunde waren und deren manche einen seiner Rivalen begünstigten. Die Ausschmückung des Hauses verriet Charakter, wie Don José zu sagen pflegte: Säulen auf hohen Sockeln, die mit arabischen Porzellanfliesen verziert waren, auf den Wänden sah man zahlreiche Plakate früherer Stierkämpfe, ferner die Schädel von Stieren, welche durch die von ihnen getöteten Pferde oder durch die Erinnerung an den Tod eines hervorragenden Toreros eine traurige Berühmtheit erlangt hatten, Mäntel und Degen von Stierfechtern, welche diese Stücke zum Andenken zurückgelassen hatten, als sie ihren Beruf aufgaben. Die Diener waren im Frack. Wenn aber in der Karwoche oder an großen Festen von Sevilla die Freunde der Stierfechtkunst aus anderen Städten Spaniens zum Besuch der »Fünfundvierzig« eintrafen, ging die in rotgelbe Livree gekleidete Dienerschaft in Kniehosen und weißen Perrücken herum und würdevoll, wie Lakaien des königlichen Hauses, brachten sie ihren Gästen, von denen viele Kragen und Kravatte abgelegt hatten, die vollen Weinkörbe an den Tisch. Wenn dann am Nachmittag der Vorsitzende der Gesellschaft, der edle Marquis de Moraima, kam, da saßen die Mitglieder im Halbkreis in bequemen Lehnstühlen um den berühmten Viehzüchter, dessen Fauteuil auf einer kleinen Erhöhung stand, von der er die Konversation leitete. Diese begann immer mit dem Wetter. Der Marquis teilte seine Erfahrungen mit, die er auf seinen endlosen Ritten über die unübersehbare andalusische Tiefebene gesammelt hatte. Doch wenn die Sorge um die Witterung nicht ihr Gespräch beherrschte, so plauderten sie über das Vieh und natürlich über die Stiere, von denen sie mit solcher Wärme sprachen, als wenn sie mit ihnen durch Bande der Verwandtschaft verbunden wären. Die anderen hörten achtungsvoll auf die Bemerkungen des Marquis und jene Klubmitglieder, welche die Stadt bewohnten, bewunderten ihn, da er es verstand, so tüchtige Bullen heranzuziehen. Und was wußte er nicht alles. Er zeigte sich durchdrungen von der Größe seiner Aufgabe, wenn er über die Sorgfalt sprach, welche die Stiere erforderten. Von 10 Tieren war eines für den Kampf geeignet. Wenn es sich unter dem Eisen der Wurflanze mutig und angriffslustig zeigte, konnte es für die Arena in Betracht kommen und mit aller Sorgfalt aufgezogen werden. Und was das für eine zeitraubende Pflege erforderte! Man mußte sich jeden Augenblick bereit halten, auf Futter und Wasser achten und bei jedem Temperaturwechsel einen anderen Platz aufsuchen. Diese Wartung kostete mehr, als der Unterhalt einer Familie und bis zum letzten Augenblicke hieß es, auf dem Posten zu sein, dem Tiere die Form zu bewahren, daß es der Zucht Ehre mache. Der Marquis hatte sich in mehreren Städten mit den Unternehmern und Behörden zerstritten, da er sich weigerte, ihnen seine Stiere abzulassen, wenn die Musik während der Veranstaltung spielte. Der Lärm der Instrumente erschreckte die edlen Tiere und brachte sie um ihre Ruhe und ihren Mut, sobald sie in das Rondell sprangen. »Sie sind gerade so wie wir,« sagte er ernst, »es fehlt ihnen nur die Sprache und manche sind mehr wert als ein Mensch.« Und dann erzählte er von einem alten Stier, Lobito genannt, und erklärte, daß er ihn nicht für ganz Sevilla verkaufe. Wenn er während seiner Ritte über die weiten Grasheiden in seine Nähe kam, genügte der Ruf »Lobito«, um die Aufmerksamkeit des Tieres zu erregen. Der Stier verließ sofort seine Gefährten, lief dem Marquis entgegen und rieb sein Maul an den Stiefeln des Reiters. Dabei war er ein Riese an Gestalt und Kraft, so daß sich alle anderen Tiere respektvoll von ihm fernhielten. Der Marquis stieg vom Pferde, zog aus seiner Tasche ein Stück Schokolade und gab es dem Stier, der voll Behagen den mit zwei gewaltigen Hörnern bewehrten Kopf vorstreckte. Der Marquis ging, einen Arm um den Hals des Tieres geschlungen, langsam weiter und mischte sich in die Schar der Stiere, welche infolge der Gegenwart des Menschen unruhig hin- und hertrotteten. Doch der Alte hatte keine Angst. Lobito, der wie ein Hund neben ihm daher Schritt, schützte ihn mit seinem Körper und blickte nach allen Seiten herum, als wollte er den Gefährten mit seinen flammenden Augen Furcht einjagen. Wenn einer, der kühner war, als die anderen, den Marquis angehen wollte, da streckten sich ihm die gewaltigen Hörner drohend entgegen. Wenn sich mehrere zusammenschlössen und den Weg versperrten, senkte Lobito sein bewehrtes Haupt und bahnte sich so seinen Weg. Eine Bewegung der Begeisterung und der Rührung huschte über das Gesicht des Marquis, wenn er die Taten seiner Stiere, die er aufgezogen hatte, erzählte. Dann zeigte er eine große Photographie, die ihn, noch bedeutend jünger, inmitten einer Schar von kleinen, weißgekleideten Mädchen darstellte. Alle saßen auf einem schwarzen Ungetüm, das zwei lange Hörner erkennen ließ. Diese gewaltige Bank war ein Stier seiner Zucht, namens »Coronel«. Wild und störrisch gegen seine Gefährten, zeigte er eine zärtliche Unterwürfigkeit für den Marquis und seine Familie. Er zeigte die Abneigung der Hofhunde gegen Fremde, während die Hauskinder sie an dem Schwanz und an den Ohren ziehen und ungestraft alle Tollheiten mit ihnen ausführen können. Der Marquis führte seine Töchter, die sich furchtsam an ihren Vater anhielten, zu dem Tier und dieses beschnüffelte die weißen Kleidchen der Kleinen, die plötzlich mit dem Wagemut der Jugend seine Schnauze streichelten und ihm zuriefen: »Leg dich, Coronel!« Das Tier ließ sich sofort auf seine Vorderfüße nieder und die Familie setzte sich auf seine Flanke, welche unter dem »Ru-Ru« seiner tiefen Atmung wie ein Blasebalg auf- und niederging. Nach langem Schwanken verkaufte ihn der Marquis eines Tages an den Zirkus in Pampelona und schaute dem Kampfe zu. Sein ganzes Leben hatte er keinen solchen Stier gesehen. Er sprang munter in die Arena und blieb in deren Mitte, geblendet nach dem langen Aufenthalte in dem finsteren Stalle und verdutzt über das Gesumme der vielen tausend Zuschauer, wie erstarrt stehen. Doch als ihm ein Picador die Lanze in den Rücken geschleudert hatte, schien er den ganzen Platz mit seiner Wildheit zu beherrschen. Für ihn gab es weder Menschen noch Tiere oder sonst ein Hindernis. In einem Augenblick warf er alle Pferde nieder und schleuderte die Picadores in die Luft. Die Stallknechte liefen davon, das Publikum verlangte nach neuen Pferden und Coronel, inmitten seiner Opfer stehend, wartete, daß sich jemand nähere, um ihn in die Luft zu werfen. »So etwas an Stolz und Kraft wird man niemals mehr sehen. Man brauchte ihm nur zuzurufen und er eilte mit solch edler Haltung und Bereitwilligkeit herzu, dass das Publikum ganz außer Rand und Band geriet. Als er endlich den Todesstoß erhalten sollte, war er trotz der Lanzenstiche noch so frisch und so stark, als wäre er gerade von der Weide gekommen. Damals ...« Wenn der alte Herr zu diesem Punkte gelangte, hielt er immer inne, um seine Stimme, die zitterte, zu kräftigen. . Damals sah sich der Marquis de Moraima, ohne zu wissen wie, plötzlich hinter der Barriere, zwischen den Stallburschen, welche in den Wechselfällen des aufregenden Kampfes ganz kopflos hin- und herliefen. Vor sich erblickte er den Torero, der langsam und ruhig seine Muleta vorbereitete, als wollte er den Augenblick hinausschieben, wo er sich mit einem so gewaltigen Gegner messen mußte. »Coronel!« rief der Marquis und lehnte sich mit dem Oberkörper über die Barriere. Das Tier regte sich nicht, hob aber den Kopf, als ob es sich bei diesem Ruf an ein fernes Land erinnerte, das er nicht mehr sehen sollte. »Coronel!« Da wandte er den Kopf und sah einen Mann, der ihm von der Barriere aus zurief, und nun lief er gerade auf ihn zu. Doch mitten im Laufen wurde sein Schritt langsamer und er näherte sich behutsam den Sitzen, bis seine Hörner die ihm entgegengestreckte Hand berührten. Er kam mit einer blutüberströmten Brust und seinen Wunden, welche die Muskeln bloßgelegt hatten. »Coronel, mein braver Kerl.« Und der Stier hob, als ob er diese liebkosenden Worte verstanden hätte, sein Maul und benetzte mit seinem Speichel die Hand des Marquis. »Warum hast du mich hieher gebracht?« schienen seine blutunterlaufenen Augen zu fragen. Und ohne zu wissen, was er tat, küßte der Alte die feuchten Nüstern des Tieres. »Laßt ihn leben!« rief irgendeine mitleidige Seele von den Tribünen herab, und als ob diese Worte die Gefühle aller Zuschauer wiedergaben, fielen tausende von Stimmen in diesen Ruf ein, während sich gleichzeitig unzählige Taschentücher wie weiße Tauben in der Luft bewegten. »Laßt ihn leben!« In diesem Augenblicke verzichtete die Menge auf ihr Vergnügen, ja sie verabscheute sogar den wertlosen Wagemut des Torero und dessen prahlerische Geberden. Alle bewunderten die Kraft des Tieres und fühlten sich ihm unterlegen, da sie erkannten, daß unter so viel tausend denkenden Wesen gerade von diesem armen Tiere das Gefühl edlerer Regung und Empfindsamkeit betätigt worden war. »Er kam zu mir,« sagte der Marquis, »ich gab dem Impresario seine 2000 Pesetas zurück. Ich hätte ihm mein ganzes Gut gegeben. Coronel sollte ein friedliches Alter haben. Doch was tüchtig ist, hält sich nicht lange in dieser Welt. Ein Stier tötete ihn heimtückischerweise mit einem Hornstoß.« Der Marquis und seine Gefährten wandten nach dieser rührenden Episode ihr Gespräch wieder anderen Fragen zu. Man mußte sie hören, mit welcher Verachtung sie über die Feinde der Stierkämpfe sprachen ... Sie ereiferten sich über die dummen Ansichten der Fremden und Ignoranten, welche die Tiere nur nach den Hörnern unterschieden und einen schlechten Ochsen genau so hoch einschätzten wie ein Tier, das für die Arena bestimmt war. Der spanische Stier ist der stärkste in der Welt. Und sie erzählten sich zahlreiche Kämpfe zwischen Stieren und Jaguaren, welche bei diesen Anlässen immer der Kraft ihres Gegners unterliegen mußten. Der Marquis lächelte, wenn er sich an andere Stücke seiner Tiere erinnerte. Man veranstaltete in einer Stadt den Kampf eines Stieres gegen einen Löwen und einen Tiger. Er entsandte zu diesem Schauspiel einen tückischen Stier namens Barrabas, den er abgesondert hielt, da er alle seine Gefährten mit Hornstößen verwundet und viele Rinder getötet hatte. »Ich sehe alles noch deutlich vor mir,« sagte der Marquis, »in der Mitte des Zirkus stand ein großer, eiserner Käfig, in welchem Barrabas gefangen gehalten wurde. Man ließ zunächst den Löwen los und das verdammte Tier springt, die Unerfahrenheit des Stieres benützend, auf seinen Rücken und bearbeitet ihn mit den Zähnen und Krallen. Barrabas tollte wie wütend herum, um ihn abzuschütteln und ihn vor die Hörner zu bekommen. Endlich gelang es ihm, den Löwen von vorne zu erwischen und, guter Gott, ein Wollknäuel war nichts dagegen. Er schleuderte ihn wie eine Strohpuppe von einem Horn aufs andere, bis er ihn endlich verächtlich in eine Ecke warf, wo der »sogenannte« König der Tiere wie eine geprügelte Katze liegen blieb. Und dann kam der Tiger und nun war die Sache noch kürzer. Kaum war er in der Arena, ging ihn Barrabas auch schon an und nahm ihn auf die Hörner. Und gleich darauf lag er in der Ecke, wo er sich wie der andere zusammenkrümmte und sich ganz klein machte.« Unter den Mitgliedern der »Fünfundvierzig« fanden diese Erzählungen vielen Beifall. Ja, der spanische Stier, man konnte stolz sein auf ihn. In diesen freudigen Beifall mischte sich auch ein Ausdruck nationalen Stolzes, als ob die Kraft der heimischen Stiere zugleich auch die Überlegenheit der Erde und des Volkes über die andere Welt bedeutete. Als Gallardo begann, den Klub zu besuchen, da verdrängte bald ein neues Thema die endlosen Diskussionen über Stiere und Feldarbeiten. Im Klub der »Fünfundvierzig« sprach man, so wie in ganz Sevilla, von einem wegen seiner Grausamkeit berüchtigten Banditen, Plumitas genannt, dessen Ruhm in demselben Verhältnis wuchs, je nutzloser alle Anstrengungen waren, ihn zu fangen. Die Zeitungen erzählten seine Streiche, als wäre er ein Nationalheld. Die Regierung wurde mit Anfragen bestürmt und versprach, ihn unschädlich zu machen, ohne aber ihr Versprechen einlösen zu können. Man veranstaltete Streifungen und machte die Polizei mobil, während Plumitas, nur auf sein Gewehr und sein Pferd angewiesen, wie ein Phantom allen Nachstellungen entkam, seinen Verfolgern, wenn sie nicht zu zahlreich waren, kühn entgegentrat und von den Landleuten, welche in dem Banditen den Rächer ihrer Entbehrungen und dazu einen schnellen, ja grausamen Richter sahen, bereitwilligst unterstützt wurde. Er verlangte von den Reichen Geld und half mit der Gebärde eines Königs, der sich von einer zahllosen Zuschauermenge beobachtet sieht, hier einer armen Frau, dort einem Arbeiter, der für seine zahlreiche Familie kaum das Auskommen finden konnte. Diese edlen Handlungen wurden durch die Kommentare der Landbevölkerung, welche den Namen Plumitas jederzeit im Munde führte, vergrößert, doch wurden alle stumm, wenn die Soldaten nach ihm fragten. Mit der Schnelligkeit eines Mannes, der das Land genau kennt, eilte er von einer Provinz in die andere und die Reichen von Sevilla mußten ebenso wie die von Cordoba ihren Tribut entrichten. Wochen vergingen, ohne daß man von dem Räuber sprach, und plötzlich zeigte er sich in einem Hofe oder kam unter völliger Verachtung jeder Gefahr in ein Dorf. Die »Fünfundvierzig« führten genaue Berichte über ihn, als wäre er ein Torero, sie entrichteten ihm gerne ihren Beitrag und teilten ihre Nachrichten nur Freunden mit. Eine Anzeige zog alle Arten von Unannehmlichkeiten nach sich. Und warum denn? ... Die Behörden verfolgten den Banditen ohne jeden Erfolg und die Denunzianten waren seiner Rache ausgeliefert. Der Marquis sprach von Plumitas, ohne gegen ihn Stellung zu nehmen und lächelte dazu, als ob es sich um ein natürliches und unvermeidliches Übel handelte. Er hatte auf seinen Höfen und Wirtschaften überall den Befehl erteilt, dem Räuber alles, was er forderte, zu geben. Und nach den Äußerungen seiner Pächter und Hirten sprach Plumitas mit dem alten Respekt des Landarbeiters vor seinem Brotherrn in Ausdrücken des größten Lobes über ihn, ja, er drohte sogar, jeden zu töten, der seinem alten Marquis nur das Geringste zu Leide täte. Armer Teufel! Für diese Kleinigkeit, ihm den Hunger zu stillen oder ihm ein Obdach zu gewähren, stand es wirklich nicht dafür, ihn zu reizen und seine Rache auf sich zu laden. Der Marquis, der allein über die weiten Steppen ritt, auf denen seine Tiere weideten, glaubte dem Plumitas öfters begegnet zu sein, ohne ihn zu kennen. Er mußte einer jener armen Reiter sein, die er zuweilen allein traf und welche die Hand zum abgegriffenen Hute führten, während sie ihm ihr »Gott zum Gruße, Señor Marqué« zuriefen. Manchmal geriet der Marquis, wenn er so von dem Banditen sprach, mit Gallardo in Gegensatz, da sich der Torero voll Entrüstung gegen die Behörden wandte, welche das Eigentum nicht schützen konnten. »Eines schönen Tages wird er sich in La Rinconada einfinden«, sagte der Marquis mit ernster Stimme. »Zum Teufel, das fehlte mir noch, Herr Marquis. Und dafür zahlt man so viel Steuern?« Nein, es war ihm gar nicht darum zu tun, bei seinen Ausflügen nach La Rinconada mit dem Banditen zusammenzutreffen. Er war ein tapferer Torero und setzte sein Leben aufs Spiel, um sein Brot zu verdienen. Doch jene Leute, welche sozusagen berufsmäßig ihre Mitmenschen töteten, flößten ihm jenes Gefühl ein, das er vor allem empfand, was ihm unbekannt und unverständlich war. Gallardo hatte seine Familie auf den Hof gebracht und versprach nachzukommen, doch schob er diesen Zeitpunkt durch alle möglichen Ausflüchte immer wieder hinaus. Er blieb mit Garabato allein in der Stadt und hatte so volle Freiheit, seine Beziehungen zu Doña Sol fortzusetzen. Diese Zeit war für ihn die schönste seines Lebens, manchmal vergaß er sogar auf La Rinconada und seine Bewohner. Doña Sol liebte es, über die weiten Steppen zu jagen und der Torero ritt in seinem pittoresken Kostüm an ihrer Seite, manchmal begleitete sie Don José, der durch seine Gegenwart das Gerede, das durch diese Offensichtlichkeit ihrer Beziehungen entstand, zu beschwichtigen suchte. Sie ritten auf die bei Sevilla liegenden Viehhöfe, um das gefährliche Spiel mit den jungen Stieren zu versuchen und Doña Sol, welche sich für jede Gefahr entflammte, geriet immer mehr in Feuer, wenn ein junger Stier, statt zu fliehen, sich gegen sie wandte, nachdem er den Stich der Lanze gespürt hatte. Und nicht selten geschah es, daß Gallardo ihr zu Hilfe kommen mußte. Dann begaben sie sich wieder zur Station Empalme, wenn sie erfahren hatten, daß man Stiere für irgend eine Veranstaltung in Spanien verschicken wollte. Doña Sol betrachtete diesen Ort, welcher der wichtigste Mittelpunkt der für diese Zwecke in Betracht kommenden Frachten war, mit begreiflicher Neugier. Unmittelbar neben der Bahn lagen ausgedehnte Fenzen, gewaltige, graue, mit Türen versehene Holzkäfige auf Rädern standen in langen Reihen und warteten auf die Zeit, ihre lebendige Fracht fortzuführen. Diese Käfige waren schon durch ganz Spanien gefahren und hatten in ihrem Innern so manchen Stier in die fernsten Plätze gebracht. Menschliche Klugheit und Geschicklichkeit hatten es schnell ermöglicht, diese an die Freiheit gewöhnten Tiere wie eine Ware zu verschicken. Die Stiere, welche befördert werden sollten, wurden auf einer engen und staubigen Straße zwischen zwei mit Stacheln versehenen Drahtgeflechten durchgetrieben. Wenn sie zur Station kamen, hetzte man sie zur schärfsten Gangart an, um sie so leichter täuschen zu können. Vorne gallopierten die Treiber und Hirten mit der Lanze und hinterher liefen die Leitstiere, welche die Reiter mit ihren gewaltigen Hörnern vor der nachfolgenden Herde schützten. Nach ihnen kamen die zum Verladen bestimmten Tiere, rechts und links von zahmen Kameraden eskortiert, um einen Ausbruch nach der Seite hin zu verhindern, was die Hirten mit ihren Schleudern, aus denen sie jedes Tier, welches ausbrechen wollte, sicher und schnell trafen, ebenfalls unmöglich machten. Vor dem Gehege schwenkten die vorderen Reiter ab und die ganze Herde stürzte sich als eine Lawine von Staub mit Getöse und Gebrüll, unter dem Getöne der Viehschellen, in das Gehege, dessen Türe sich sogleich hinter dem letzten Tiere schloß. Von den Mauern herunter schrien die Leute auf die Herde ein oder schwenkten die Hüte, sodaß die Schar der erregten Stiere nur noch wilder wurde. Sie durchliefen den ersten Hof, ohne sich ihrer Gefangenschaft bewußt zu werden. Die Leitstiere, welche durch Erfahrung und Dressur abgerichtet waren, hielten sich, nachdem sie die Türe passiert hatten, zur Seite und ließen den ganzen Wirbelsturm vorüberlaufen. Im zweiten Hof kam die Herde vor der starken Mauer und der geschlossenen Türe zum Stillstand. Dann begann das Verladen. Die Stiere wurden, einer nach dem anderen, durch Schwenken mit Tüchern, durch Geschrei und Schläge bis zu einem Gang getrieben, in dessen Mitte der Wagen mit seinen beiden offenen Türen stand. Es war sozusagen ein kleiner Tunnel, durch den hindurch man die anderen Höfe mit ihrem grünen Rasen und den ruhig weidenden Leitstieren sah. All das war ein Bild einer Weide, welche das furchtsame Wild anlocken sollte. Dieses bewegte sich langsam in der Enge weiter, als witterte es die Gefahr, und setzte nur zögernd den Fuß auf die Rampe, welche den Höhenunterschied zwischen dem Wagen und dem Hof überbrückte. Der Stier ahnte irgend eine Gefahr in diesem engen Tunnel, der sich ihm als aufsteigende Straße zeigte. Auf seinem Rücken spürte er die Stiche, welche ihn vorwärts trieben, ober sich sah er die Leute, welche ihn mit Händeklatschen und Pfeifen anfeuerten. Vom Wagendach, wo sich die Zimmerleute versteckt hielten, um die Tür herabfallen zu lassen, hing ein rotes Tuch herunter und flatterte im Sonnenlicht, das der Türausschnitt des Wagens hereinfallen ließ. Die Stiche, welche ihn vorwärts trieben, das Geschrei, die unförmige Masse des Wagens, welche sich vor seinen Augen erhob und der Anblick seiner ruhig weidenden Gefährten jenseits der Tür ließen den Stier endlich zu einer Entscheidung kommen. Er wagte einen Anlauf, um den kleinen Tunnel zu durchqueren, doch kaum betrat er die Rampe, fiel die vordere Tür herab, und ehe er sich wenden konnte, hatte sich auch die rückwärtige geschlossen. Das Geklirr der Schlösser ertönte und das Tier fand sich plötzlich in Finsternis und Schweigen gefangen, eingesperrt in einem engen Raum, der ihm nur die Bewegung nach oben auf seine Füße erlaubte. Durch eine Falltüre im Dach fiel ihm sein Futter herab, man setzte den Käfig auf seinen kleinen Rädern in Bewegung und schob ihn an das Geleise, und nun wiederholte sich das Spiel, bis alle Stiere bereit waren, die Reise zu ihren Kampfplätzen anzutreten. Bei ihrem Bestreben, überall das Lokalkolorit aufzusuchen, betrachtete Doña Sol diese Vorgänge mit regstem Interesse und versuchte, es den Treibern und Hirten gleichzutun. Dieses Herumjagen im Freien gefiel ihr, wenn sie so über die weiten Flächen gallopierte und hinter sich die spitzigen Hörner der Stiere wußte, welche ihr mit einer kleinen Bewegung ihres Hauptes den Tod geben konnten. In ihrer Seele glühte die Leidenschaft für das freie, ungebundene Leben, eine Sehnsucht, welche wir alle als Erbteil aus der Zeit unserer Ahnen herübernahmen, als die Menschen noch nicht die Bodenschätze heben konnten und von dem Ertrag ihrer Viehherden leben mußten. Hirte zu sein, jedoch ein Hirt freier und wilder Tiere, galt in den Augen der Dona Sol für eine der interessantesten und heldenhaftesten Betätigungen menschlicher Kraft. Gallardo, der aus seinem Glücksrausch erwacht war, betrachtete seine Geliebte in den Stunden der größten Vertraulichkeit oft voll Staunen und fragte sich, ob die Frauen der großen Welt wohl alle ihr glichen. Ihre Launen, ihre Charakterzüge setzten ihn in Verwirrung. Er traute sich nicht, sie zu duzen. Sie hatte ihn niemals zu solcher Vertraulichkeit ermutigt, und als er es einmal versuchen wollte, wurde ihm die Zunge schwer und seine Stimme begann zu zittern, da er in ihren Augen einen so fremden, abweisenden Ausdruck bemerkt hatte, daß er voll Scheu innehielt und die früheren Schranken respektierte. Sie dagegen duzte ihn, so wie es die adeligen Gönner und Bekannten des Torero taten. Doch das geschah nur in vertrauten Stunden, wenn sie ihm eine Karte schreiben mußte, um ihm mitzuteilen, nicht zu ihr zu kommen, da sie mit Verwandten ausfahren müsse, sprach sie ihn mit »Sie« an und gebrauchte nur Wendungen, wie sie bei aller Freundlichkeit immerhin im Verkehre von höherstehenden Personen zu solchen niedrigeren Standes gebräuchlich sind. Auch andere Eigenheiten der großen Dame trugen dazu bei, den Torero über seine Liebe nicht froh werden zu lassen. Nicht zumindest die Tatsache, daß ihm manchmal bei seinen Besuchen einer der Diener mit seinem mokantesten Lächeln die Tür verstellte und ihm sagte, Doña Sol sei ausgegangen. Und er wußte, daß der Bursche log, er fühlte sie in der nächsten Nähe an der anderen Seite der Tür oder des Vorhanges. Sie war ohne Zweifel müde oder fühlte plötzlich eine Abneigung gegen ihn, sodaß sie ihrem Diener befohlen hatte, ihn nicht vorzulassen. Doch wenn er wieder kam, empfand er Gewissensbisse, an diese Möglichkeit gedacht zu haben. Denn sie empfing ihn mit ausgestreckten Armen und preßte ihn an ihren weißen, festen Busen, ihr Mund verriet durch das Zucken der Lippen die stummen Wünsche ihres Begehrens und ihre großen Augen schienen durch ihren seltsamen Schimmer ihre zügellosen Gedanken zu verraten. »Warum parfümierst du dich?«, schalt sie ihn, als ob sie die widerlichsten Gerüche verspürte, »das ist deiner nicht würdig. Ich will den Geruch der Stiere und Pferde an dir spüren. Das ist doch ganz etwas anderes. Behagt er dir nicht? Sag doch ja, mein lieber Wolf!« Eine Nacht empfand Gallardo im süßen Halbschatten von Doña Sols Schlafzimmer eine gewisse Furcht, als er sie so sprechen hörte und ihre Augen sah. »Ich möchte ein Stier sein und du müßtest dich mit dem Degen vor mich stellen. Ich würde dich mit den Hörnern stoßen, hierher, dorthin.« Und mit geballten Fäusten, denen ihre Nervenspannung neue Kraft verlieh, schlug sie mit wütenden Stößen auf den Torero los. Gallardo warf sich auf die Seite, da er nicht eingestehen wollte, daß ihm eine Frau Schmerzen bereiten konnte. »Nein, ich möchte kein Stier sein. Vielmehr ein Hund. Ein Wolfshund mit solchen Fangzähnen ... Ich würde dich anfallen und zerreißen ... Seht doch jenen Prahler, der Stiere tötet und so stark sein soll ... Und ich zerreiße ihn, ha, ha ...« Und mit hysterischer Lust grub sie ihre Zähne in den Arm des Torero, der seine Muskeln voll Schmerz aufschwellen fühlte. Er stieß einen Fluch aus und machte sich aus der Umarmung der schönen, halbnackten Frau los, die in ihrem Goldgelock einer trunkenen Bacchantin glich. Doña Sol schien ihre Aufwallung zu bereuen. »Du Armer, habe ich dir Schmerzen verursacht? Ich bin manchmal verrückt. Laß mich deine Wunde küssen, um sie zu heilen. Laß mich diese süßen Narben liebkosen. Wie böse bin ich doch, dir wehe getan zu haben.« Und die schöne Wildkatze wurde sanft und zart und umschmeichelte den Torero mit weichen Gebärden. Gallardo, welcher unter der Liebe die Gunstbezeugung ehelicher Rechte verstand, verbrachte niemals eine ganze Nacht im Hause der Doña Sol. Wenn er sie durch seine Liebkosungen unterworfen glaubte, richtete sie plötzlich wieder die alten Schranken zwischen ihnen auf. »Geh, ich will allein bleiben. Du weißt, daß ich dich nicht festhalten kann. Weder dich, noch sonst jemanden. Pfui, diese Männer!« Und Gallardo zog sich, gedemütigt und traurig über die Launen dieser Frau, fluchtartig zurück. Als sie der Torero eines Abends zugänglicher fand, wagte er die neugierige Frage, sie über ihre Vergangenheit auszufragen. Er wollte die Könige und andere Persönlichkeiten, die, wie man sagte, in das Leben der Doña Sol getreten waren, kennen lernen. Sie antwortete seiner Neugier mit einem kalten Blick ihrer hellen Augen. »Was schert dich das? Bist du etwa eifersüchtig? Und wenn es wahr wäre, was kümmert es dich?« Sie blieb längere Zeit stumm und schaute leeren Blickes vor sich hin, mit jenem starren Ausdruck, der bei ihr immer von seltsamen Einfällen begleitet war. »Du mußt doch die Weiber oft geprügelt haben,« sagte sie, ihn mit Neugierde anblickend, »leugne es nicht, das interessiert mich sehr ... Deine Frau, nein, ach nein, ich weiß, daß sie gut ist. Ich spreche von den anderen Frauen, die ihr so, wie es Stierkämpfern zukommt behandelt, Frauen, welche euch um so mehr lieben, je mehr ihr sie prügelt. Nicht? Hast du noch niemals geprügelt?« Gallardo protestierte mit der Würde des Mannes, der unfähig ist, anderen, die nicht so stark sind wie er, etwas anzutun. Doña Sol zeigte sich über seine Erklärung ein wenig enttäuscht. »Eines Tages wirst du mich schlagen, ich will das kennen lernen«, sagte sie entschlossen. Ihr Gesicht verfinsterte sich, ihre Augenbrauen berührten sich und ein bläulicher Blitz belebte den Goldglanz ihrer Pupillen. »Doch nein, mein Freund, tue es lieber nicht, du würdest unterliegen.« Der Rat war gut und Gallardo hatte Gelegenheit, sich daran zu erinnern. Eines Tages entfesselte im Augenblicke ihres intimen Zusammenseins eine etwas rauhe Liebkosung seiner kampfgewohnten Hände den Zorn dieser seltsamen Frau, welche die Männer anzog und sie gleichzeitig haßte. Und ihre geballte Rechte, hart wie eine Keule, traf ihn von unten her mit solcher Sicherheit auf die Kinnbacken, daß diese Geschicklichkeit eine genaue Kenntnis des Boxkampfes verriet. Gallardo blieb, von dem Schmerz des Schlages und seiner Beschämung übermannt, wie betäubt liegen, während Doña Sol, als würde sie das Ungewöhnliche des Geschehenen begreifen, sich mit kalter Feindseligkeit zu rechtfertigen suchte. »Das soll dir eine Lehre für die Zukunft sein. Ich weiß, was ihr Toreros für ein Gesindel seid. Ließe ich dir freie Hand, so würdest du mich schließlich wie eine Straßendirne verprügeln ... So habe ich dich gewarnt und du kannst dich von nun an danach richten.« Eines Abends kehrten sie, es war im Frühling, von dem Besuche einer Zucht des Marquis zurück. Dieser schlug mit den Reitern die Straße ein, während Doña Sol mit Gallardo über die Wiesen ritt und sich an dem weichen Schritt der Pferde auf dem Graskissen der unübersehbaren Steppe erfreute. Die untergehende Sonne tauchte das Grün der Ebene in ein zartes Rot, in welchem alle Farben der fernen Baumgruppen und Gräser aufleuchteten, als wären sie von einem plötzlichen Feuer ergriffen. Die Schatten der Reiter wuchsen immer größer über den Boden hin und die Lanze, welche Gallardo trug, warf ihren Schatten bis an den Horizont. Auf der einen Seite glänzte der Fluß wie eine im Grase verborgene Stahlklinge. Doña Sol blickte ihren Begleiter mit herrischem Ausdrucke an. »Nimm mich um die Hüfte.« Er gehorchte und sie ritten so, Hüfte an Hüfte und eng umschlungen, weiter. Doña Sol betrachtete ihr gemeinsames, in eine einzige Form zusammengeflossenes Schattenbild, das im langsamen Rythmus des Rittes hin- und herschwankte. »Es scheint, wir leben in einer anderen Welt, in einer Welt der Legende,« murmelte sie, »wie man sie auf den alten Bildern oder Gobelins sieht und von der die Heldenbücher erzählen. Der Ritter und seine Dame reiten zusammen auf Abenteuer aus. Doch du verstehst nichts davon, nicht wahr?« Der Torero lächelte, wobei er seine schönen, weißen Zähne zeigte. Und wie von neuem durch dieses offene Geständnis seiner Unwissenheit angezogen, schmiegte sie sich noch inniger an ihn und ließ das Haupt auf eine seiner Schultern fallen, während sie gleichzeitig unter dem Kitzel von Gallardos Atem, der ihren Hals voll Wärme traf, erschauerte. So ritten sie schweigend weiter. Doña Sol schien auf den Schultern des Toreros eingeschlafen zu sein. Doch plötzlich öffneten sich ihre Augen mit jenem ungewöhnlichen Glanz, der immer der Vorläufer ihrer seltsamen Einfälle war. »Sag, hast du noch niemanden getötet?« Gallardo machte eine Gebärde der Überraschung und lockerte dadurch die Umarmung mit Doña Sol. Er sollte jemand getötet haben? Niemals. Er war ein guter Bursche, der es in seiner Laufbahn zu Ehren und Ansehen gebracht hatte, ohne jemandem geschadet zu haben. Manchmal war er mit einem Kameraden zusammengeraten, wenn sie unter ihresgleichen den Stärksten herausforderten. Ja, Ohrfeigen mit manchem seiner Nebenbuhler, ein Faustschlag in einem Kaffeehaus, darin bestanden seine ganzen Heldentaten. Doch das Leben seiner Mitmenschen flößte ihm eine unbesiegbare Scheu ein. Stiere, ja, das war was anderes. »Derart hast du also niemals das Verlangen gehabt, einen Menschen zu töten? Und ich glaubte, daß die Toreros ...« Der Schein der Sonne wurde schwächer, das Gelände verlor seine phantastische Beleuchtung, der Glanz des Flusses verlosch und die Amazone sah den Grasteppich, den sie kurz vorher so bewundert hatte, dunkel vor sich liegen. Die anderen Reiter waren weit entfernt und sie spornte ihr Roß, um sie einzuholen, ohne dem Torero ein Wort zu sagen, als würde es ihr gleichgültig sein, ob er ihr folge oder nicht. In der Karwoche kam Gallardos Familie in die Stadt zurück. Der Torero trat in der Veranstaltung der Feiertage auf. Es war das erstemal seit ihrer Bekanntschaft, daß er sich vor Doña Sol zeigte, und dieser Gedanke beschäftigte ihn derart, daß er sogar an seinem Können zu zweifeln begann. Er machte sich nichts aus einem Unfall in einer anderen Stadt, da er ja so schnell nicht auf den gleichen Platz zurückkehren würde. Aber in seiner Heimat, wo seine größten Feinde waren! ... »Wir werden sehen, was du kannst,« sagte der Vertreter, »denke an diejenigen, die deinetwegen kommen. Ich will, daß du als Erster deiner Zunft angesehen wirst.« Am Karsamstag wurden spät abends die für den Kampf bestimmten Tiere verladen und Doña Sol wollte in der Schar der Treiber daran teilnehmen, da sie sich von dieser nächtlichen Jagd viel Spannendes versprach. Die Stiere sollten von Tablada in die Ställe des Zirkus gebracht werden. Trotz seines Verlangens, Doña Sol zu begleiten, hielt sich Gallardo fern. Sein Vertreter verbot es ihm mit dem Hinweis, daß er am nächsten Tage ausgeruht und im Vollbesitze seiner Kräfte sein müßte. Um Mitternacht war der sonst einsame Weg, der von Tablada nach dem Zirkus führte, wie eine Hauptstraße belebt. Die Fenster der Häuser erhellten sich, Schatten huschten an ihnen vorüber und bewegten sich nach dem Takte des Klavierspieles. Die offene Tür warf einen viereckigen Lichtschein auf den finsteren Boden, aus dem Innern ertönten Rufe, Lachen, Gitarrenspiel, Becherklang, woraus man ersehen konnte, daß dem Wein fleißig zugesprochen wurde. Ungefähr um ein Uhr nachts kam ein Reiter auf der Straße dahergetrabt. Es war der Bote, welcher anzeigte, daß der Zug der Stiere in einer Viertelstunde vorbeikomme. Der Mann befahl den Leuten, die Lichter auszulöschen und sich ruhig zu verhalten. Dieser Auftrag wurde mit größerer Achtsamkeit als irgend eine Verordnung der Behörde befolgt. Alle Häuser versanken in Finsternis, die Leute wurden stille und verteilten sich in Gruppen hinter Hecken und Bäumen. Alles war ruhig, als ob ein außergewöhnliches Ereignis eintreten sollte. In den Straßen verloschen nacheinander die Gaslaternen, in dem Maße, wie der Bote, der das Kommen des Zuges ankündete, tiefer in die Stadt eindrang. Alles blieb in tiefster Stille. Die Sterne leuchteten in der Ruhe des Weltenraumes über den Wipfeln der Bäume. Drunten an der Erde vernahm man eine leichte Bewegung, ein andauerndes Summen, als würden die Schritte der Insekten im Schatten hörbar werden. Die Erwartung stieg immer mehr und mehr, bis endlich aus der Ferne durch das kühle Schweigen der Nacht tiefes Schellengeläute das Nahen einer Staffel anzeigte. Sie kamen, nun dauerte es nicht mehr lange. Das Schellengeläute wurde immer lauter und war von einem Getrappel begleitet, welches den Boden erzittern ließ. Vorne kamen, so schnell als ihre Pferde laufen konnten, einige Reiter, welche in der Dunkelheit zu Riesen emporwuchsen. Es waren die Hirten. Hinter ihnen folgten, die spitzen Lanzen in der Hand, die Treiber, in ihrer Mitte Doña Sol, zitternd vor Nervenspannung über diesen wahnsinnigen Galopp in der Finsternis, in welcher ein falscher Tritt des Pferdes den Sturz und einen furchtbaren Tod unter den Hufen der nachstürmenden Stiere bedeutete. Die Schellen läuteten immer wilder, der offene Mund der Zuschauer, welche die Finsternis verbarg, füllte sich mit Staub und wie ein Wirbelwind brauste die Herde vorüber. Die Dunkelheit verlieh den Tieren die Größe von Ungeheuern, welche wuchtig und leicht zugleich vorüberflogen und ihre Massen hin und herbewegten, ein gewaltiges Schnauben vernehmen ließen und mit den Hörnern nach ihren Schatten stießen, während sie durch die Rufe der hinter ihnen reitenden Hirten, durch das Getrappel der Pferde und die Picken der Reiter, welche sie am Ausbrechen hinderten, verwirrt und gereizt wurden. In einem Augenblicke war dieser lärmende Zug vorübergestürmt, die Leute kamen aus ihren Verstecken hervor, zufrieden, nach so langem Warten dieses kurze Schauspiel erhascht zu haben und einige Enthusiasten liefen in der Hoffnung hinter den Reitern her, den Einzug in den Zirkus sehen zu können. Dort angelangt, wichen die Reiter nach einer Seite aus und ließen den Stieren freie Bahn. Gewohnt, den Leittieren zu folgen, stürzte sich die Masse im Schwünge ihres rasenden Laufes in den engen Gang, der zu den Gehegen führte. Die Treiber beglückwünschten sich zu dem glücklichen Ausgang dieser Jagd. Nicht ein einziger Stier war ausgebrochen oder hatte ihnen Arbeit verursacht. Es waren Tiere bester Rasse und am nächsten Tage konnte man sich auf große Dinge gefaßt machen. Mit der Gewißheit, einem fesselnden Schauspiel entgegenzugehen, legten sich alle zur Ruhe. Eine Stunde später war die Umgebung des Zirkus ganz verlassen und verschwand in der Dunkelheit, während in den Ställen die Stiere sich zu ihrem letzten Schlafe anschickten. Am folgenden Morgen stand Gallardo zeitlich auf. Er hatte, von Alpdrücken gequält, schlecht geschlafen. Er schwor es sich, in Sevilla nicht mehr aufzutreten. In anderen Städten lebte er, ohne an seine Familie zu denken, wie ein Junggeselle in einem Hotelzimmer, wo ihm seine Umgebung nichts sagte, da sie ihm fremd war. Doch die Selbstüberwindung, sich in seinem eigenen Schlafzimmer das Galakleid anzulegen, auf Stühlen und Tischen Gegenstände zu sehen, welche ihn an Carmen erinnerten, sein Haus, das er sich selbst erbaut hatte und welches seine ganze Existenz einschloß, verlassen zu müssen, all das drückte ihn nieder und verursachte in ihm eine solche Unruhe, als würde er das erste Male die Arena betreten. Er empfand Furcht vor seinen Mitbürgern, mit welchen er immer leben mußte und deren Meinung für ihn mehr bedeutete, als der Beifall des übrigen Spaniens. Welch furchtbarer Augenblick war es doch, als er im Torerokleide in den stillen Hof hinab stiegen. Seine kleinen Verwandten kamen, durch den Glanz seiner Kleidung etwas verschüchtert, zögernd zu ihm und berührten schweigend, ohne ein Wort zu sagen, die reiche Stickerei. Seine Schwester küßte ihn mit dem Ausdruck des Entsetzens, als ginge er dem Tode entgegen und seine Mutter versteckte sich in dem finstersten Winkel. Sie wollte ihn nicht sehen, sie fühlte sich zu schwach dazu. Carmen zeigte sich mutig, doch war sie ganz bleich und preßte die vor Aufregung bläulichen Lippen aufeinander, während sie nervös die Augen bewegte, um gefaßt zu bleiben. Sobald sie ihn aber im Vorzimmer erblickte, führte sie sofort ein Tuch an die Lider, während ihr Körper unter Seufzern und Schluchzen erbebte und sie von den Frauen gehalten werden mußte, um nicht umzusinken. »Zum Teufel, gehen wir« sagte Gallardo, »hätte man mir nicht nachgesagt, daß ich mich vor dem hiesigen Publikum fürchte, so wäre ich in Sevilla nie aufgetreten.« Als er aufstand, ging er mit einer Zigarette durch das Haus und reckte sich, um zu erproben, ob seine starken Arme ihre Gelenkigkeit bewahrt hatten. In der Küche nahm er ein Glas Wein und sah nach seiner Mutter, die trotz ihres Alters und ihrer Behäbigkeit unermüdlich am Herde tätig war, den Mägden mit mütterlicher Wachsamkeit alles zuwies und den klaglosen Fortgang des Haushaltes überwachte. Gallardo ging frisch und voll guter Laune in den Hof. Die Vögel zwitscherten in der Stille des Morgens und sprangen in ihren goldenen Käfigen herum. Ein Meer von Licht ergoß sich über die Marmorplatten, auf denen der Torero eine schwarzgekleidete Frau neben einem Eimer knien sah. Sie scheuerte mit einem nassen Tuch die Fliesen ab, deren Farben sich unter der feuchten Liebkosung zu vertiefen schienen. Diese Frau hob den Kopf: »Guten Morgen, Herr Juan«, sagte sie mit der einschmeichelnden Vertraulichkeit, welche jeder volkstümliche Liebling zu erwecken pflegt. Und voll Bewunderung heftete sie den Blick ihres einzigen Auges auf ihn. Das andere wurde durch ein Gewirr von Narben und Falten, welche alle in die tiefliegende Augenhöhle zu laufen schienen, überdeckt. Juan gab keine Antwort, sondern lief hastigen Schrittes in die Küche, wo er Frau Angustias zurief: »Wer ist diese Einäugige, welche draußen den Hof scheuert?« »Wer soll sie sein, mein Sohn? Ein armer Teufel, sie hat einen Haufen Kinder zu Hause und ich habe sie genommen, weil mir die Aufwärterin krank geworden ist.« Der Torero fühlte sich beunruhigt und ein Ausdruck der Furcht trat in seine Augen. Er sollte hier in Sevilla vor die Stiere treten und die erste Person, die er traf, war eine Einäugige. So etwas konnte nur ihm passieren, das mußte ihm ja Unglück bringen. Oder wollte sie etwa seinen Tod? Eingeschüchtert durch die trübseligen Gedanken und den Zorn ihres Sohnes, suchte sich die arme Alte zu rechtfertigen. Wie konnte er nur auf solche Ideen kommen? Es war eine arme Frau, welche für ihre Kinder einen Peseta verdienen wollte. Man müsse doch ein gutes Herz haben und Gott dafür danken, daß er sie nicht vergessen und im gleichen Elend zurückgelassen habe. Gallardo beruhigte sich auf diese Worte. Der Hinweis auf seine früheren Entbehrungen ließ ihn gnädig mit der armen Frau sein. Sie konnte dableiben und Gottes Wille sollte geschehen. Und nach rückwärts schreitend, um ja nicht den unglücklichen Blick der Alten zu begegnen, flüchtete sich der Torero in sein Zimmer. Die weißen Wände, welche bis zur halben Höhe mit Porzellanfliesen getäfelt waren, trugen buntfarbige Plakate von allen möglichen Stierkämpfen in den verschiedensten Städten Spaniens. Dankschreiben erinnerten an die Veranstaltungen, bei welchen der Torero ohne Honorar zu Gunsten der Armen mitgewirkt hatte. Zahllose Bilder, die den Meister stehend und sitzend mit dem Mantel oder dem Degen zeigten, verrieten das Interesse, mit welchem die verschiedenen Zeitungen die Gebärden und die Haltung des großen Mannes vor die Öffentlichkeit brachten. Oberhalb der Tür sah man ein Bild Carmens in blauer Mantilla und Nelken im Haar. Gegenüber schien jedoch ein gewaltiger schwarzer Stierkopf mit gläsernen Augen, roten Nüstern und gewaltigen Hörnern, welche von der weißgefleckten Stirne in der hellen Farbe des Elfenbeines hervorsprangen und bis in das tiefste Schwarz übergingen, die Ordnung im Zimmer zu überwachen. Der Picador Potaje brach jedesmal in poetische Vergleiche und Bilder aus, wenn er diesen gewaltigen Schädel betrachtete: So groß und breit ausholend waren seine Hörner, daß eine Amsel auf der Spitze des einen singen konnte, ohne daß man sie auf der anderen hörte. Gallardo setzte sich an den eleganten, mit Bronzen bedeckten Schreibtisch, dessen Staubschichte keine häufige Inanspruchnahme dieses Möbels verriet. Das große Schreibzeug, von zwei Bronzepferden flankiert, trug ein fleckenloses Tintenfaß. Die Federhalter waren leer, denn der große Mann brauchte sich mit dem Schreiben nicht zu plagen. Don José besorgte die Kontrakte und die übrigen notwendigen Papiere, er selbst unterschrieb mit schwerer und langsamer Hand auf einem Tisch des Klubs in der Sierpesstraße. An einer Wand stand der Bücherkasten, durch dieses Glasfenster man imponierende Reihen von Büchern sah, die durch ihre reichen Einbände auffielen. Als Don José seinen Schützling mit dem Namen: »Torero der Aristokratie« zu titulieren begann, fühlte Gallardo die Notwendigkeit, dieser Auszeichnung würdig zu sein und die Lücken seiner Bildung auszufüllen, um seinen einflußreichen Gönnern keinen Anlaß zu geben, über seine Unwissenheit zu lachen, wie sie es über die anderen Gefährten seines Berufes taten. Eines Tages trat er mit entschlossener Miene in eine Buchhandlung ein. »Senden Sie mir für dreitausend Peseta Bücher.« Und als der Buchhändler unschlüssig dastand, als hätte er diesen Wunsch nicht recht begriffen, sagte der Torero energisch: »Bücher, verstehen Sie mich wohl, die größten Bücher! Und wenn sie es für gut halten, können sie auch vergoldet sein.« Gallardo war mit seiner Bibliothek sehr zufrieden. Wenn sie im Klub über etwas sprachen, was er nicht verstand, lächelte er mit dem Ausdruck des Verständnisses und sagte: »Das muß in den Büchern stehen, welche ich zu Hause habe.« An einem Regentage, welchen er wegen Unpäßlichkeit in seinem Heim verbrachte, öffnete er endlich mit einem fast ehrfurchtsvollen Gefühl seinen Bücherschrank und zog den größten Band, den er fand, heraus, als wäre es ein Gott, den er aus seinem Heiligtum ans Licht brachte. Er durchblätterte das Buch, ohne den Anfang zu lesen, und freute sich wie ein Kind über die Bilder. Er bewunderte Löwen, Elefanten, Pferde mit wilden Mähnen und feurigen Augen, Esel mit farbigen Streifen, als hätte man sie mit dem Lineal gezogen. Lustig und guten Mutes wollte sich der Torero weiter in die Gelehrsamkeit vertiefen, als er plötzlich das Bild einer Schlange vor sich sah. Eine Otter, die Unglücksotter! Hastig schloß er die Mittelfinger seiner Hand und streckte den Daumen und den kleinen Finger wie Hörner aus, um dem Unglück zu steuern. Er wollte weiter blättern, aber alle Zeichnungen zeigten abscheuliche Reptilien, sodaß er schließlich das Buch wieder mit zitternder Hand zurückstellte. Seit diesem Tage blieb der Schlüssel des Bücherkastens in der Schreibtischlade unter Zeitungen und Karten vergraben, ohne daß sich jemand seiner erinnerte. Der Torero fühlte kein Bedürfnis zu lesen. Wenn seine Freunde mit irgend einer Zeitung kamen, die Angriffe gegen seine Rivalen enthielt, so gab Gallardo das Blatt seinem Schwager oder seiner Frau zu lesen und hörte, seine Zigarre rauchend, zu, was sie ihm berichteten: »Gut gesagt. Der Bursche schreibt ausgezeichnet.« Enthielt aber die Zeitung Angriffe gegen Gallardo, dann las sie niemand und der Torero sprach mit Verachtung von den Leuten, welche über Stiere schreiben und dabei unfähig seien, auch nur den geringsten Stoß gegen den Stier zu führen. Die Einsamkeit seines Zimmers vermehrte die Unruhe dieses Morgens. Ohne zu wissen warum, betrachtete er den Schädel des Stieres und die Erinnerung an die bittersten Stunden seiner Laufbahn wurde in ihm lebendig. Es war die Befriedigung des Siegers, diesen Kopf sichtbar zu allen Stunden des Tages vor seinen Augen zu haben. Was hatte ihm diese Bestie in der Arena von Saragossa zu schaffen gegeben! Gallardo war auch heute noch fest überzeugt, daß dieser Stier Menschenverstand hatte. Unbeweglich und mit tückisch blitzenden Augen wartete er, daß sich der Spada näherte, ohne sich von dem roten Tuche täuschen zu lassen. Die Degenstöße glitten alle unschädlich an ihm ab, da er sie mit den Hörnern auffing. Die Zuschauer wurden bereits ungeduldig und begannen den Torero auszupfeifen oder zu beschimpfen. Gallardo umkreiste das Tier und folgte seinen Bewegungen von einem Ende des Zirkus bis zum anderen, da er wohl wußte, daß jeder Angriff von vorne seinen sicheren Tod bedeuten würde. Schweißbedeckt und müde, erfaßte er endlich eine Gelegenheit, ihn durch einen Degenstich in den Hals zu Boden zu strecken, während das Publikum in seiner Entrüstung Flaschen und Orangen nach ihm schleuderte. Für Gallardo bedeutete diese Erinnerung eine Schande, ja er glaubte, daß ihm sein längeres Verweilen in diesem Zimmer, wo er den tückischen Blick des einstigen Gegners zu fühlen glaubte, ebenso wie das Zusammentreffen mit der Einäugigen Unglück bringen würde. Garabato trat ein und meldete einige Freunde an. Es waren Bewunderer, welche ihn vor seinem Auftreten noch sprechen wollten. Der Torero vergaß in einem Augenblick alle seine trüben Gedanken und ging mit lächelnder Miene erhobenen Hauptes und stolzer Gebärde hinaus, als wären alle Stiere, die seiner im Zirkus harrten, persönliche Feinde, auf die er schon mit Ungeduld wartete, um sie mit dem Degen vor sich herzutreiben. Er aß, wie er es vor einem Stierkampfe immer tat, allein und sehr mäßig. Als er sich anzog, entfernten sich die Frauen. Oh, wie haßten sie diese gleißenden Gewänder und den glänzenden Degen, der den Wohlstand der Familie begründet hatte. Auch diesmal bedeutete der Aufbruch für Gallardo Augenblicke voll Qual und Selbstbeherrschung. Die Flucht der Frauen, die sein Fortgehen nicht sehen konnten, die schmerzvolle Energie Carmens, welche sich mit aller Kraft zu einem Lächeln zwang und ihn bis zur Türe begleitete, die schüchterne Neugier der Kleinen, all das bedrückte den sonst so selbstbewußten und tapferen Torero, als er die Stunde der Gefahr kommen sah. »Ich gehe doch nicht auf das Schaffot. Ich komme ja wieder. Nur Ruhe, es geschieht mir nichts.« Dann bestieg er den Wagen, zu welchem er sich durch die Menge der Neugierigen und Nachbarn, die ihm alle Glück wünschten, durchdrängen mußte. Für die Familie war der Nachmittag, an dem Gallardo in Sevilla die Arena betrat, eine Zeit der furchtbarsten Nervenspannung. Es fehlte ihnen die Resignation, in der sie sonst geduldig die Ankunft des Telegrammes erwarteten. Hier war die Gefahr in der Nähe und das weckte das Verlangen nach Mitteilungen über den Verlauf des Stierkampfes. Der Riemer, welcher wie ein großer Herr gekleidet war, bot sich den Frauen an, Nachrichten zu bringen, obwohl er über das grobe Verhalten seines berühmten Verwandten wütend war. Gallardo hatte ihm nicht einmal einen Platz in seinem Wagen angeboten. Den Frauen zuliebe wollte er alle Viertelstunden, wenn der Torero an die Reihe kam, durch einen der Straßenjungen, welche zu Hunderten um den Zirkus herumlungerten, Nachricht senden. Die Veranstaltung wurde ein glänzender Erfolg. Als Gallardo die Arena betrat und den Beifall der Menge hörte, glaubte er, im Bewußtsein seiner Kraft gewachsen zu sein. Er kannte den Boden, den er betrat, er war ihm vertraut und wirkte wie ein starkes Stimulans auf ihn. Die Rondeaus der verschiedenen Etablissements übten einen gewissen Einfluß auf sein abergläubisches Gemüt aus. Er erinnerte sich an die großen Plätze von Valencia und Barcelona mit ihrem weißen Boden, an die schwarzen Arenen der nördlichen Städte und an die rote Erde des Zirkus in Madrid. Die Arena in Sevilla unterschied sich von den anderen: Der Sand des Guadalquivir leuchtete in einem hellen Gelb, und wenn das Blut der Pferde auf ihn herabfloß, dachte Gallardo immer an die nationale Flagge, welche über dem Dache des Zirkus im Winde flatterte. Auch der Stil der einzelnen Gebäude beeinflußte seine Vorstellungen. Die Häuser stammten aus verschiedenen Jahren, gewöhnlich waren sie in dem romanischen oder arabischen Stil neuer Kirchen gehalten, in denen alles nüchtern und farblos erscheint. An den Platz von Sevilla knüpfte sich die Erinnerung an längst vergangene Generationen und an eine Zeit, in der die Männer noch weiße Perücken trugen. Hier hatten sich die ruhmbedeckten Erfinder schwieriger Regeln, Männer, welche ihr Leben für die Vervollkommnung ihrer Kunst wagten, die starken Meister der Schule von Ronda mit ihrer ruhigen Überlegenheit, die flinken und lustigen Vertreter der sevillanischen Methode mit ihrer spielenden Beweglichkeit, welche das Publikum in Spannung hielt, bewundern lassen, und dort fühlte er sich an jenem Nachmittage, berauscht von dem Beifall der Menge, dem Glanz der Sonne, dem Stimmgewirr und dem Anblick einer weißen Mantilla über einer tiefatmenden Frauenbrust, der tollsten Kühnheit fähig. Gallardo schien mit seinen Bravourstücken und seiner Unerschrockenheit das ganze Rondell für sich in Anspruch zu nehmen und darauf bedacht zu sein, alle Gefährten zu übertreffen, um den Beifall der Menge auf sich zu ziehen. Niemals hatten ihn seine Anhänger so groß gesehen und Don José rief bei jeder dieser Tollheiten laut, als würde er gegen unsichtbare, in der Menge verborgene Feinde losfahren: »Da leugne einer, daß er nicht alle weit übertrifft!« Den zweiten Stier, den Gallardo zu erlegen hatte, brachte der Nacional auf seinen Befehl mit einer geschickten Wendung bis an den Fuß des Balkons, auf dem Doña Sol und der Marquis mit seinen beiden Töchtern saß. Gallardo ging mit dem Degen und der Muleta unter den Blicken der Menge bis zur Barriere, wo er stehen blieb und die Mütze zum Gruß erhob. Dies war das Zeichen, daß er diesen Stier der Nichte des Marquis zu Ehren zu Boden bringen wollte. Dann drehte er sich um, warf die Mütze weg und erwartete den Stier, den die Treiber mit dem Spiel des Mantels in seine Nähe lockten. In dem Bestreben, sich nicht von dem Platze unter dem Balkone entfernen zu müssen, hielt der Torero sein Versprechen, den Stier vor den Augen der Doña Sol zu erlegen, um ihr zu zeigen, wie er die Gefahr verachtete. Jede Bewegung der Muleta wurde von Ausrufen der Begeisterung und Unruhe begleitet. Die Spitzen der Hörner berührten seine Brust, man hielt es für unmöglich, daß er sich unverletzt den Angriffen des Stieres entziehe. Doch plötzlich richtete er sich, den Degen vorstreckend auf, und bevor noch die Zuschauer Zeit fanden, ein Bravo zu rufen, stürzte er sich auf das wildgewordene Tier, mit dessen Körper er während einiger Augenblicke ein Ganzes zu bilden schien. Als sich der Torero losmachte und dann unbeweglich auf seinem Platze stehen blieb, lief der Stier schwankenden Schrittes mit dampfenden Nüstern und heraushängender Zunge weiter. Der rote Griff des Degens hob sich kaum von dem blutigen Hals ab. Nach wenigen Sprüngen fiel das Tier zu Boden und das ganze Publikum sprang auf die Füße, als wäre es ein einziger, von einem Willen bereiter Körper, während donnernder Applaus und begeisterte Zurufe über den Platz flogen. Der Torero grüßte vor dem Balkon, indem er Degen und Muleta senkte, während Doña Sol ihm applaudierend dankte. Und gleich darauf flog, von Zuschauer zu Zuschauer weitergegeben, das Batisttaschentuch der Dame in die Arena. Es war durch einen funkelnden Brillantring gesteckt, welcher den Dank für die Ehrung des Toreros bedeutete. Von neuem ertönte der Beifall, diesmal über die Freigebigkeit der Spenderin, und die Aufmerksamkeit des Publikums, welche bisher dem Torero gegolten hatte, teilte sich, da viele von der Arena wegblickten und Dona Sol betrachteten, deren Schönheit sie mit der Vertraulichkeit andalusischer Galanterie laut rühmten. Ein kleines haariges Dreieck ging von Hand zu Hand bis auf den Balkon. Es war ein Ohr des Stieres, welches der Torero als Zeichen, sein Versprechen erfüllt zu haben, überreichen ließ. Noch vor dem Ende der Stierkämpfe hatte sich die Nachricht von dem kühnen Verhalten Gallardos durch die Stadt verbreitet. Als der Torero nach Haus kam, erwarteten ihn seine Freunde an der Türe und jubelten ihm zu, als wären sie selbst bei der Veranstaltung dabeigewesen. Der Riemer vergaß seinen Groll gegen den Schwager und gab seiner Bewunderung geziemenden Ausdruck. Er verfolgte schon seit längerer Zeit ein bestimmtes Ziel und zweifelte nicht, es zu erreichen, da ja Gallardo mit den vornehmen Kreisen Sevillas so freundschaftlich verkehrte. »Zeig den Ring. Sieh doch Encarnacion, welch prachtvolles Geschenk.« Und der Ring ging von Hand zu Hand, während die Frauen ihn mit Ausrufen der Überraschung bewunderten. Nur Carmen verzog den Mund, als sie ihn sah, und gab ihn ihrer Schwägerin, als ob er ihr die Hand verbrannte. Nach diesem Stierkampf begann für Gallardo die Zeit der Reisen. Er hatte mehr zu tun, als in den vergangenen Jahren. Sein Vertreter studierte die Pläne und unterzog sich endlosen Berechnungen, welche seinem Torero als Anhaltspunkte dienen sollten. Gallardo eilte von Erfolg zu Erfolg. Niemals hatte er sich so voll Mut gefühlt. Er schien von neuer Kraft beseelt. Vor dem Auftreten befielen ihn quälende Zweifel, eine Unentschlossenheit, welche fast an Furcht grenzte und welche er in seinen früheren Jahren, als er sich noch seinen Namen erwerben mußte, nicht gekannt hatte. Doch kaum stand er in der Arena, da verschwand dieser Druck und er zeigte eine fast wilde Kühnheit, die immer von Erfolg begleitet war. Auf diesen Reisen in die verschiedenen Städte Spaniens eilte er von Hotel zu Hotel und die Toreros seiner Cuadrilla begleiteten ihn auch hieher, da er sich von ihnen nicht trennte. Er war in Schweiß gebadet und fühlte die wohlige Ermüdung des Triumphators, wenn er im Galakleide die Glückwünsche der Sachverständigen entgegennahm. Und unter den steten Anregungen, die jedes Gespräch über Stiere und Stiergefechte bot, verging die Zeit, ohne daß der Torero oder seine Bewunderer müde wurden, von den vergangenen Veranstaltungen oder von weiter zurückliegenden zu sprechen. Die Nacht kam, Lichter wurden angezündet und man blieb noch beisammen. Die Cuadrilla erwartete in einem Winkel schweigend das Ende dieser Plauderei. Solange der Meister nicht die Erlaubnis gab, durften die »Burschen« nicht zum Essen gehen. Die Picadores, die durch das Gewicht der Eisenschienen an ihren Füßen und infolge der Stürze der Pferde totmüde und erschöpft waren, drehten voll Ungeduld den steifen Biberhut auf ihren Knien. Die Banderillos, welche noch ihr durchschwitztes Seidenkostüm trugen, fühlten quälenden Hunger nach den vielstündigen, ermüdenden Anforderungen des Nachmittags. Sie hatten nur einen Wunsch und warfen den Besuchern wütende Blicke zu. »Zum Teufel mit diesen zudringlichen Kerlen, machen sie denn noch immer nicht Schluß?« Endlich wandte sich der Torero zu ihnen. »Ihr könnt gehen!« und die Cuadrilla eilte wie eine losgelassene Schülerschar hinaus, während der Meister noch weiter die Elogen der Sachverständigen entgegennahm, ohne sich an Garabato zu erinnern, der schweigend auf den Augenblick des Auskleidens wartete. An Ruhetagen, die ihn die Aufregungen der Gefahren und des Ruhmes vergessen ließen, erinnerte sich der vielgefeierte Held auch an das ferne Sevilla. Von Zeit zu Zeit erhielt er kurze, parfümierte Briefe, die ihm zu seinen Erfolgen Glück wünschten. Ah, wenn er Doña Sol mitgenommen hätte. Auf dieser fortwährenden Hast von einer Stadt in die andere, wo ihn seine Bewunderer bejubelten und sich bemühten, ihm den Aufenthalt so angenehm als möglich zu gestalten, lernte er Frauen kennen und nahm an Festen teil, die man ihm zu Ehren veranstaltete. Von diesen Abenden ging er immer mit weinbeschwertem Kopfe und einer unbestimmten Traurigkeit, welche ihn unglücklich machte, weg. Er fühlte den wilden Wunsch, die Frauen zu mißhandeln. Es war ein unwiderstehlicher Impuls, sich für die Grausamkeit und Launen der einen an anderen ihres Geschlechtes zu rächen. Es gab Augenblicke, in denen er seine Gefühle dem Nacional mit jenem impulsiven Trieb der Mitteilsamkeit verriet, welche alle jene befällt, denen das Nachgrübeln über psychische Probleme eine ungewohnte, schwere Last bedeutet. Außerdem flößte ihm der Banderillo das Gefühl fürsorgender Ergebenheit ein. Sebastian kannte seine Liebschaft mit Doña Sol. Er war ihr manchmal begegnet und sie hatte oft über ihn gelächelt, wenn sie von seinen Eigenheiten erzählen hörte. Er lauschte mit ernster Bedachtsamkeit den Eröffnungen seines Herrn. »Du sollst diese Frau vergessen. Ich glaube, daß der häusliche Friede für uns, die wir allen Gefahren ausgesetzt sind, wohl das erste sein soll, worauf wir denken müssen. Mir kommt vor, daß Carmen mehr weiß, als du glaubst, vielleicht alles. Mir selbst hat sie Andeutungen über die Nichte des Marquis gemacht ... Die Arme. Es ist wirklich eine Sünde, daß du sie so kränkst.« Doch Gallardo, der, von seiner Familie getrennt, nur mit den Gedanken an Doña Sol lebte, schien die Gefahren, von denen der Nacional sprach, nicht zu begreifen und ging achselzuckend über diese Warnungen hinweg. Er mußte seine Erinnerungen mitteilen, dem Freunde von seiner glücklichen Vergangenheit mit der Skrupellosigkeit eines Liebhabers, der sich bewundert sehen will, Mitteilung machen. »Du weißt ja nicht, was diese Frau ist. Du bist ja einer jener Kurzsichtigen, die das Glück nicht kennen. Kannst du dir alle Frauen von Sevilla und der Städte, in welchen wir gewesen sind, vorstellen? Nein. Alle zusammen ergeben noch nicht Doña Sol. Wenn man eine Frau wie sie, gefunden hat, verzichtet man auf alles andere ... Wenn du sie so kennen würdest, wie ich! ... Die Frauen unseres Standes riechen nach Fleisch und Wäsche. Aber diese, Sebastian, diese ... Denke an alle Rosen in den Gärten Sevillas ... Nein, nicht nur an Rosen, auch an Jasmin, Veilchen ... kurz, es ist ein Duft wie im Paradies. Und dieser Duft kommt aus ihrem Körper, als würde er ihm angeboren sein. Dann ist sie nicht eine derjenigen, welche du schon kennst, wenn du sie einmal gesehen hast. Bei ihr kommen dir immer neue Wünsche, man hofft immer auf etwas Neues, was aber niemals Erfüllung findet. Ich kann mich nicht besser ausdrücken, Sebastian ... doch du weißt nicht, was eine Dame ist, deshalb predige mir nicht und halte den Schnabel.« Gallardo empfing jetzt keine Briefe mehr aus Sevilla. Doña Sol weilte im Ausland, er sah sie einmal, als er in San Sebastian auftrat. Die schöne Spanierin weilte gerade in Biarritz und kam mit einigen Französinnen, welche den Torero kennen lernen wollten, in die Arena. Er begrüßte sie, mußte dann aber weiter und erhielt während des Frühlings nur kurze Nachrichten von ihr oder seinem Vertreter, der ihm mitteilte, was er vom Marquis hörte. Sie hielt sich in vornehmen Seebädern auf, deren Namen der Torero zum ersten Mal hörte und überhaupt nicht aussprechen konnte. Dann vernahm er, daß sie nach England ging. Später wollte sie nach Deutschland, um Opern in einem herrlichen Theater zu hören, das seine Tore nur für wenige Wochen im Jahre öffnete. Gallardo glaubte schon nicht mehr, sie noch einmal wiederzusehen. Sie war ein Zugvogel, der rastlos und voll Abenteuerlust hier und dorthin eilte, und er durfte nicht hoffen, daß sie den Winter noch einmal in Sevilla verbringen würde. Diese Unmöglichkeit, seine Geliebte jemals wieder zu treffen, bedrückte den Torero und zeigte ihm die Herrschaft, welche jenes Weib über sein Fleisch und seinen Willen erlangt hatte. Wenn sie ihm unerreichbar blieb, warum setzte er dann noch sein Leben aufs Spiel? Was half ihm sein Ruhm oder der Beifall der Menge? Don José beruhigte ihn. Sie würde zurückkehren, das war sicher. Denn Doña Sol sei trotz ihrer unberechenbaren Launen eine praktische Frau, welche ihren Vorteil nicht vergesse: Sie brauchte die Hilfe des Marquis zur Verwaltung ihres eigenen Vermögens, das, gerade so wie das Erbe ihres Mannes, durch den langen und kostspieligen Aufenthalt in der Fremde stark zusammengeschmolzen war. Der Torero kehrte gegen Ende September nach Sevilla zurück. Er hatte im Herbste noch eine Reihe von Verpflichtungen zu erfüllen, doch wollte er einen Monat Ruhe haben. Seine Familie weilte im Bade Sanlucar, da die schwächliche Gesundheit der beiden Kleinen den Aufenthalt am Meere erforderte. Gallardo zitterte vor Aufregung, als ihm sein Vertreter eines Tages die Ankunft der Doña Sol meldete. Der Torero suchte sie sofort auf und bei den wenigen Worten, die sie wechselten, fühlte er sich durch ihre kalte Liebenswürdigkeit und den Ausdruck ihrer Augen eingeschüchtert. Sie betrachtete ihn, als wäre er ein anderer geworden. Ihr Blick verriet infolge des rohen Äußeren Gallardos und wegen des Unterschiedes zwischen ihr und dem ungeschlachten Stierkämpfer eine gewisse Abweisung. Der Torero schien diese Kluft, die sich zwischen ihnen auftat, zu fühlen. Er sah sie an, als wäre sie eine vornehme Dame eines anderen Landes und Volkes. Sie sprachen ruhig miteinander. Doña Sol schien die Vergangenheit vergessen zu haben und Gallardo wagte es nicht, sie daran zu erinnern oder den geringsten diesbezüglichen Versuch zu machen, da er ihren Zorn fürchtete. »Sevilla«, sagte sie »ist ja recht hübsch und angenehm. Doch in der Welt gibt es mehr, was schön und interessant ist. Ich sage Ihnen, Gallardo, daß ich eines Tages für immer wegziehen werde. Ich ahne schon, daß ich mich bald sehr langweilen werde. Sevilla kommt mir ganz verändert vor.« Sie duzte ihn nicht mehr. Es vergingen einige Tage, ohne daß es der Torero bei seinen Besuchen wagte, sie an die Vergangenheit zu erinnern. Er begnügte sich, sie mit seinen glühenden und bewundernden Augen still anzuschauen. »Ich langweile mich, ich werde eines schönen Tages wieder verschwinden«, erklärte sie bei jedem Besuche. Ein andermal sagte ihm der Diener, daß seine Gnädige ausgegangen sei, während der Torero bestimmt das Gegenteil wußte. Gallardo sprach eines Tages von einem Ausflug, den er nach La Rinconada machen mußte, um einige Olivenwälder, die sein Vertreter während seiner Abwesenheit gekauft hatte, zu besichtigen. Der Gedanke, an diesem Ritte mitzuhalten, verursachte Doña Sol, gerade wegen seiner Ungewöhnlichkeit ein Lächeln. Sollte sie etwa dorthin gehen, wo die Familie des Stierkämpfers einen Teil des Jahres verbrachte, um mit dem Brandmale des Skandals und des Fehltrittes in jenen ruhigen Kreis einzudringen, in dem der arme Bursche mit den Seinen lebte? Das Ungewöhnliche dieses Wunsches bestimmte ihren Entschluß. Sie würde dennoch gehen, La Rinconada interessierte sie. Gallardo empfand Furcht, als er ihren Entschluß hörte. Er dachte an die Leute des Hofes, an die Schwätzer, welche seiner Familie alles mitteilen würden. Doch der Blick der Doña Sol brachte alle seine Skrupeln zum Schweigen. Wer weiß, vielleicht gab ihm dieser Ausflug seine alten Rechte über dieses stolze Weib wieder zurück. Er versuchte vergeblich noch einen letzten Einwand. »Und Plumitas? Wie ich weiß, sucht der Bandit auch La Rinconada auf.« »Ah, Plumitas.« Das Gesicht der Doña Sol schien sich unter einem innerlichen Feuer zu beleben. »Das wäre ganz vortrefflich. Ich würde mich freuen, ihn kennen zu lernen.« Gallardo traf seine Anordnungen. Er hatte allein reiten wollen, aber die Gesellschaft der Doña Sol veranlaßte ihn, Hilfe zu suchen, da er unterwegs mit der Möglichkeit unangenehmer Begegnungen rechnen mußte. Er suchte den Picador Potaje auf. Das war ein ungeschlachter Geselle, der sich nur vor seiner Frau fürchtete, welche ihn, wenn er sie schlagen wollte, zu beißen drohte. Ihm brauchte er keine Erklärung, sondern nur Wein zu geben. Der Alkohol und die schweren Stürze in der Arena hatten ihn in einen andauernden Dämmerzustand versetzt, so daß er sich nur zu langsamen Worten und einer unklaren Erkenntnis der Dinge aufraffen konnte. Außerdem befahl er noch dem Nacional mitzugehen. Mit ihm war ein Vertrauter mehr um ihn und auf Sebastian konnte er sich verlassen. Der Banderillo gehorchte, brummte aber vor sich hin, als er hörte, daß Dona Sol mitgehe. Doch als er unterwegs im Auto neben Potaje saß und die schöne Frau betrachten konnte, da legte sich langsam sein Groll. Er konnte ihre Züge nicht deutlich unterscheiden, da sie einen großen Autoschleier trug. Gleichwohl war sie wunderschön, wie fesselnd konnte sie plaudern und was wußte sie alles! Noch vor der Hälfte des Weges entschuldigte der Nacional, trotz seiner fünfundzwanzig Jahre ehelicher Treue, die Schwäche seines Herrn. Er würde im gleichen Falle ebenso gehandelt haben. Ja, ja, die Bildung. Sie ist ein großes Etwas und kann sogar Fehltritte entschuldigen und erklären. V »Ruhe da draußen oder pack dich zum Teufel. Kann man denn nicht ungestört schlafen?« Der Nacional hörte diese Worte durch die Tür und übermittelte sie einem Burschen, der auf der Treppe wartete. Es war ungefähr 8 Uhr. Der Banderillo trat ans Fenster und blickte dem Boten nach, der aus dem Hofe ins Freie lief. Weit draußen sah er einen Reiter, der infolge der Entfernung wie ein kleines Spielzeug aussah. Der Bursche wechselte mit dem Unbekannten einige Worte und kam dann zurück. Neugierig gemacht durch das Hin- und Hergehen, erwartete ihn der Nacional am Fuße der Treppe. »Sie müssen mit dem Herrn sprechen,« sagte der Knecht, »ich glaube, er wird schlechte Nachrichten bekommen.« Der Nacional kehrte noch einmal zur Tür zurück, ohne sich um den Protest seines Toreros zu kümmern. Gallardo mußte aufstehen. Für das Land war es schon spät und jener Mann konnte eine interessante Botschaft bringen. »Ich komme schon«, rief der Stierfechter übellaunig, ohne sich vom Bette wegzurühren. Der Nacional sah wieder durchs Fenster und erblickte den Reiter, der sich dem Hofe näherte. Der Stallbursche eilte ihm mit der Antwort entgegen und lief sofort in den Hof zurück. Der Nacional hörte ihn hastig die Treppe hinaufkommen. »Es ist Plumitas, Señor Sebastian, er hat mit dem Herrn zu sprechen. Oh, meine Ahnung hat es mir gleich gesagt.« Plumitas! Die Stimme des Burschen schien trotz der Ermüdung nach seinem hastigen Lauf den Raum mit diesem Namen auszufüllen. Der Banderillo blieb vor Überraschung stumm. Im Zimmer des Torero vernahm man einige Flüche, das Rascheln von Kleidern und die Bewegungen eines Körpers, der schnell das Bett verläßt. Auch Doña Sol schien die Bedeutung der allgemeinen Unruhe erfaßt zu haben, denn der Vorhang an ihrem Fenster bewegte sich. »Zum Teufel mit ihm. Was will er denn von mir? Warum kommt er nach La Rinconada und gerade jetzt?« Gallardo stürzte aus seinem Zimmer, nur mit Hose und Rock bekleidet. Er lief dem Banderillo voraus, und sprang mehr als er ging, die Treppe hinunter. Vor dem Hauseingang stieg gerade der Reiter vom Pferde. Ein Knecht hielt die Zügel und die übrigen Arbeiter blieben respektvoll abseits, während sie den gefürchteten Gast mit Neugier und achtungsvollen Blicken betrachteten. Es war ein mittelgroßer Mann, eher klein, blond mit vollem Gesicht und kurzen, starken Gliedern. Er trug eine graue, mit schwarzen Fransen verzierte Bluse, dunkle, abgetragene Hose mit Tuchbelag auf der Innenseite der Beine und Ledergamaschen zum Schutz gegen Regen und Schmutz. Unter der Bluse bemerkte man, durch eine dicke Schärpe halb verdeckt, den Patronengürtel, in dem zwei Revolver und ein Messer staken. In der Rechten hielt er einen Repetierstutzen. Seinen Kopf bedeckte ein Hut, dessen Krempe durch die Unbill der Witterung jede Form verloren hatte. Ein rotes, um den Hals geschlungenes Tuch war der auffallendste Schmuck seiner Person. Sein dickes, pausbackiges Gesicht glich dem Vollmond. Auf den Wangen, welche trotz der sonnverbrannten Gesichtsfarbe ihre ursprüngliche Weiße verrieten, sah man die Stoppeln eines blonden, schon geraume Zeit nicht rasierten Bartes, der dem Gesicht einen roten Schimmer verlieh. Die kleinen, geschlitzten, unter Fettpolstern verdeckten Augen waren das einzig beunruhigende in diesem freundlichen Pfarrergesicht. Mit ihrem stechenden Blick und ihren boshaft schimmernden blauen Pupillen gaben sie ihm die Physiognomie eines Schweines. Er erkannte Gallardo sogleich, als sich dieser in der Türe zeigte, und hob seinen Hut über seinen runden Kopf empor: »Gott gebe euch einen guten Tag, Herr Juan!« sagte er mit der ernsten Höflichkeit des andalusischen Bauern. Gallardo erwiderte den Gruß und nun musterten sich die beiden Männer mit der Selbstverständlichkeit, als wären sie zwei Reisende, die sich unterwegs begegneten. Der Torero war vor Aufregung ganz bleich und nagte an den Lippen, um seine Bewegung zu verbergen. Wenn der Räuber etwa glaubte, ihn einschüchtern zu können ... Es vergingen einige Augenblicke des Schweigens. Alle Männer des Hofes, welche nicht auf das Feld zur Arbeit gegangen waren, betrachteten mit einem Erstaunen, welches etwas Kindliches an sich hatte, jene schreckliche Persönlichkeit, welche sie durch den furchtbaren Ruf ihres Namens in Bann hielt. »Könnten die Leute das Pferd nicht in den Stall führen, daß es sich ausruhe?« fragte der Bandit. Gallardo gab ein Zeichen und ein Bursche führte das Pferd am Zügel weg. »Paß auf!« sagte Plumitas, »es ist mein bester Kamerad, und ich habe es lieber, als Frau und Kinder!« Ein neuer Gast gesellte sich zu den beiden Männern, es war Potaje, der, seinen athletischen Körper dehnend und reckend, zu ihnen trat. Er rieb sich seine Augen, welche infolge des übermäßigen Alkoholgenusses immer blutunterlaufen und entzündet waren, näherte sich dem Banditen und ließ mit ungekünstelter Vertraulichkeit, als ob er sich freute, den Räuber unter seinen Pranken zu haben und ihm gleichzeitig seine rohe Sympathie ausdrücken zu können, seine gewaltige Hand auf die Schulter des Banditen fallen. »Wie geht's, Plumitas?« Der Angesprochene duckte sich, als wollte er unter dieser rauhen und unehrerbietigen Liebkosung zurückspringen und seine Rechte hob das Gewehr. Doch seine Blicke schienen den Picador wiederzuerkennen. »Du bist Potaje, wenn ich mich nicht täusche. Ich habe dich in Sevilla gesehen. Sapperment, das waren Stürze! Du bist ein Kerl, wie aus Eisen!« Und wie um den Gruß zu erwidern, faßte er mit seiner schwieligen Hand einen Arm des Picadors und prüfte den Bizeps mit dem Lächeln der Bewunderung. Die beiden schauten sich freundlich an. Der Picador lächelte. »Ich hielt dich für größer Plumitas, doch das macht nichts, im ganzen bist du ein tüchtiger Kerl!« Der Räuber wandte sich an Gallardo. »Kann ich hier frühstücken?« Gallardo nahm die Miene eines großen Herrn an. »Niemand, der nach La Rinconada kommt, geht ohne Bewirtung weg!« Sie betraten die Küche. Diese war infolge ihrer Größe der gewöhnliche Versammlungsort aller Bewohner des Hofes. Der Torero setzte sich in einem Lehnstuhl und ein Mädchen zog ihm die Schuhe an, da er in der Eile der Überraschung nur mit Pantoffeln in den Hof gelaufen war. Der Nacional, der sich nun seinerseits bemerkbar machen wollte, erschien, beruhigt durch die gesellschaftliche Form dieses Besuches, mit einer Flasche Wein und Gläsern. – »Dich kenne ich auch,« sagte der Bandit mit der gleichen Einfachheit, »ich habe dich bei der Arbeit gesehen. Wenn du aufgelegt bist, machst du deine Sache gut, nur mußt du manchmal näher kommen!« Potaje und der Meister lachten über diesen Rat. Als Plumitas das Glas nehmen wollte, fühlte er sich durch das Gewehr behindert, welches er zwischen den Knien hielt. »Gib es doch weg!« sagte der Picador, behältst du denn das Schießeisen auch dann, wenn du auf Besuch weilst?« – Der Räuber wurde ernst. Sein Stutzen begleitete ihn immer, sogar wenn er schlief. Und diese Anspielung auf seine Waffe, welche sozusagen ein Glied seines Körpers war, bannte seine Schwerfälligkeit, er schaute mit einer gewissen Ängstlichkeit nach allen Seiten herum. Auf seinem Gesichte zeigte sich Argwohn und die Entschlossenheit, niemandem zu trauen, sich nur auf seine eigene Kraft zu verlassen und in jedem Augenblick eine ihm drohende Gefahr zu wittern. Ein Bursche ging durch die Küche und näherte sich der Türe. »Wohin geht er?« Bei diesen Worten drückte er sich auf seinen Sitz und zog mit seinen Knien das geladene Gewehr bis an die Brust. Der Bursche ging auf ein nahes Feld, auf dem die Arbeiter des Hofes arbeiteten, und Plumitas beruhigte sich. »Hört Señor Juan, ich bin gekommen, um Euch zu sehen, und da ich weiß, daß Ihr ein Ehrenmann seid, der nichts verrät ... Außerdem werdet Ihr ja von Plumitas gehört haben, es ist nicht leicht, ihn zu erwischen, und der es versucht, dem geht es schlecht.« Der Picador vermittelte, ehe noch sein Herr antworten konnte. »Plumitas, mach doch keine Geschichten, hier bist du unter Kameraden, daher sei schön brav!« – In der Tat beruhigte sich der Räuber gleich wieder und die beiden Männer vertieften sich in ein lebhaftes Gespräch über Pferde, welchen sie größere Zuneigung entgegenbrachten als Personen. Gallardo, der noch etwas unruhig war, ging in der Küche auf und ab, während die Frauen des Hofes das Feuer schürten und den berühmten Banditen mit scheuen Blicken betrachteten. Der Torero näherte sich bei diesem Auf- und Abgehen dem Nacional. Dieser sollte zu Dona Sol gehen und sie bitten, nicht herunterzukommen. Der Räuber würde sicher nach dem Frühstück wegreiten, warum also herunterkommen, um diese traurige Persönlichkeit zu sehen? – Der Banderillo verschwand und nun wandte sich der Räuber mit der Frage an den Hausherrn, wie viele Stiergefechte er dieses Jahr noch zu erledigen hätte. »Ich bin »Gallardist«, wie Ihr wissen müßt. Ich habe Euch öfters applaudiert als Ihr glauben werdet, so in Sevilla, Jaén, Cordoba und vielen anderen Städten.« Gallardo wunderte sich darüber. Wie konnte er sich nur, wo ihm doch ein ganzes Heer von Verfolgern auf den Fersen war, so zu den Stiergefechten wagen? Plumitas lächelte mit dem Gefühl der Überlegenheit. »Bah, ich gehe, wohin ich will, ich bin überall zu Hause.« Dann sprach er von den Gelegenheiten, bei denen er dem Torero begegnet war, einmal in Begleitung, dann wieder allein. Gallardo war in seinem Wagen hart an ihm vorübergefahren, ohne auf seine Person zu achten, als wäre er ein armseliger Hirte, der seinem Herrn irgend eine Botschaft brachte. »Als Ihr von Sevilla heraufkämet, um die zwei Mühlen zu kaufen, die dort unten liegen, habe ich Euch unterwegs getroffen. Ihr hattet 5000 Duros bei Euch. Nicht wahr? Dann wieder sah ich Euch auf so einem Teufelstier, das man Automobil nennt, mit einem anderen Herrn aus Sevilla, der, wie ich glaube, Euer Vertreter ist. Da Ihr damals zur Unterzeichnung eines Kontraktes führet, hattet Ihr auch eine hübsche Summe mit.« Gallardo erinnerte sich langsam an diese Einzelheiten und wunderte sich über die Genauigkeit, mit der dieser Mann alles wußte. Und um seinen Großmut dem Torero gegenüber zu betonen, sprach der Bandit von der Geringschätzung, die ihm alle Hindernisse einflößten. »Die Automobile? Lächerlich! Diese Tierchen fange ich damit!« – und er zeigte auf sein Gewehr. »In Cordoba hatte ich einmal mit einem reichen Herrn, der mein Feind war, eine Rechnung zu begleichen. Ich wartete mit meinem Pferde auf der einen Seite der Straße, und als mein Tierchen in einer Staub- und Dampfwolke daherkam, rief ich: Halt! Da es nicht stehen bleiben wollte, gab ich ihm eine Kugel in das Rad. Kurz, das Automobil war schon ziemlich weit weg und ich gallopierte nach, um den Herrn einzuholen und meine Rechnung zu begleichen. Ein Mann, der gut trifft, kann alles unterwegs haben.« Gallardo hörte staunend, wie Plumitas seine Straßenabenteuer mit einer gewerbsmäßigen Natürlichkeit schilderte. »Euch dagegen wollte ich nicht anhalten. Ihr gehört ja nicht zu den Reichen. Ihr seid ein armer Teufel so wie ich, nur mit mehr Glück in Eurem Berufe, und wenn Ihr Geld habt, so ist es ehrlich verdient. Ich schätze Euch, weil Ihr ein wackerer Torero seid und ich eine Schwäche für tüchtige Leute habe. Wir zwei sind sozusagen Kameraden, wir setzen beide unser Leben aufs Spiel, deshalb stand ich, obgleich Ihr mich nicht kanntet, dort an der Straße und sah Euch vorüberfahren, ohne nur das Geringste von Euch zu verlangen. Ich tat es, damit Euch niemand überfalle und sich etwa für Plumitas ausgebe, Dinge, die schon alle vorgekommen sind ...« Ein unerwarteter Gast unterbrach die Erzählung des Banditen und ließ eine Bewegung des Unwillens im Gesichte des Torero hervortreten. Doña Sol war eingetreten. Zu dumm! Hatte ihr denn der Nacional nicht seinen Rat mitgeteilt? ... Der Banderillo kam hinter der Dame und machte schon von der Küchentüre her verschiedene Bewegungen, um seinem Herrn anzudeuten, daß seine Bitten und Ratschläge unnütz gewesen waren. Doña Sol kam in ihrem Reisekleid, ihr Goldgelock war in aller Eile durchkämmt und aufgeknotet. Der Plumitas im Hofe! Was für ein Glück! Sie hatte einen Teil der Nacht mit wonnigen Schauern an ihn gedacht und sich vorgenommen, am Nachmittag die Verstecke um La Rinconada zu durchstreifen, da sie hoffte, ihr Glücksstern werde sie mit dem Banditen zusammenführen. Und wie wenn ihre Gedanken über weite Entfernungen einen Einfluß nehmen und die Personen anziehen konnten, gehorchte der Räuber ihren Wünschen und stellte sich noch in der Frühe im Hofe ein. Der Plumitas! Dieser Name ließ in ihrer Einbildungskraft die Gestalt des Banditen, so wie sie sich ihn vorstellte, erstehen. Sie hatte es eigentlich gar nicht notwendig, ihn kennen zu lernen. Sie sah ihn vor sich, groß, schlank, mit mattbrauner Gesichtsfarbe, den Hut über seinem roten Tuch, unter welchem sich dunkles Gelocke hervorstahl, um die Hüfte eine rote Seidenschärpe, dunkelbraune Ledergamaschen an den Beinen, kurz, ein fahrender Ritter der andalusischen Steppe mit dem Aussehen der herausgeputzten Tenore, welche sie in Carmen die Uniform mit dem Schmugglerkostüm vertauschen sah, weil sie als Opfer der Liebe in die Berge geflüchtet waren. Ihre Augen, welche die Erwartung vergrößert hatten, schauten durch die Küche, ohne ihr erträumtes Bild zu finden. Sie sah einen unbekannten Mann der aufstand, eine Art Flurwächter mit einem Karabiner, kurz, einen Mann, wie sie deren viele auf den Besitzungen ihrer Familie getroffen hatte. »Guten Tag, Contessa, ist Ihr Onkel, der Herr Marquis gesund?« Die auf den Mann gerichteten Blicke aller Anwesenden verrieten ihr die Wahrheit. Was, dieser Mann sollte der Plumitas sein? Er hatte, durch die Gegenwart der Dame eingeschüchtert, mit einer ungeschickten Bewegung seine Kopfbedeckung abgenommen und sprach nun weiter, während er den Hut in der einen und das Gewehr in der anderen Hand hielt. Gallardo wunderte sich über die Worte des Banditen. Der kannte doch wirklich jeden. Er wußte, wer Doña Sol war und gab ihr als Beweis seiner Achtung alle Titel ihrer Familie. Doña Sol, welche sich von ihrer Überraschung erholt hatte, gab ihm ein Zeichen, den Hut aufzusetzen und seinen Platz wieder einzunehmen. Er gehorchte ihrem Wunsche, ließ aber den Filz auf dem Stuhle liegen. Und als ob er eine Frage in den Augen der Doña Sol erriet, fügte er hinzu: »Ihr dürft Euch nicht wundern, Gräfin, wenn ich Euch kenne. Ich habe Euch sehr oft mit dem Marquis und anderen Herren gesehen, wenn Ihr auf die Jagd rittet. Ich habe auch aus der Ferne zugeschaut, wie Ihr die Stiere mit der Lanze anginget. Ihr seid sehr mutig und wohl das tüchtigste Weib, das ich in diesem Lande kenne. Es ist wirklich eine Freude, Euch reiten zu sehen. Die Männer müßten sich Eurer Engelsaugen wegen mit dem Messer in der Hand bekämpfen.« Der Bandit ließ sich von seiner südlichen Begeisterung fortreißen und fand neue Lobesworte zu Ehren der schönen Frau. Diese aber erbleichte und ihre Augen wurden, im angenehmen Gefühl des Gruselns, größer, während sie den Banditen schon interessant fand. Wenn er nur ihretwegen auf den Hof gekommen wäre oder sich etwa gar vorgenommen hätte, sie zu entführen, sie mit der wilden Gier eines Raubvogels in sein einsames Versteck auf die Berge zu bringen? Der Torero wurde stutzig, als er diese Äußerungen einer rohen Bewunderung vernahm. Zum Teufel, auf seinem eigenen Hofe! Und in seiner Gegenwart! Wenn der Räuber so weiterfuhr, dann würde er seine Flinte holen, und wenn der andere auch Plumitas hieß, so würde man schon sehen, wer zuerst losdrückte! Der Bandit schien aber schnell die üble Wirkung seiner Worte zu bemerken und er nahm eine achtungsvolle Haltung an. »Sie verzeihen, Contessa, es ist nur Geschwätz, sonst nichts. Ich habe eine Frau und vier Söhne und die Arme weint mehr über mich als die schmerzensreiche Maria über ihren Sohn.« Und als ob ihm daran gelegen wäre, sich bei Doña Sol angenehm zu machen, brach er in eine Lobrede auf ihre Familie aus. Der Marquis de Moraima war einer der Männer, welche er am meisten verehrte. Doch machte die Begeisterung, mit der er von seiner Dankbarkeit sprach, auf Doña Sol keinen Eindruck. So sah also der berühmte Plumitas aus! Es war ein armer Teufel, ein armseliger Feldhase, den alle, getäuscht durch seinen Ruf, wie einen Löwen fürchteten. »Es gibt gar viele schlechte Reiche,« fuhr der Bandit fort, »wie die oft die Armen behandeln! In der Nähe meines Dorfes wohnt einer, der leiht Geld auf Wucherzinsen und ist schlechter als Judas. Ich ließ ihm mitteilen, seine Leute nicht so zu schinden, und der Schurke benachrichtigte, statt mir zu folgen, die Behörden, um mich fangen zu lassen. Ich zündete ihm einen Strohschober an und spielte ihm noch andere Streiche, doch es vergeht über ein halbes Jahr, ehe er sich aus dem Dorfe herauswagt, da er ein Zusammentreffen mit dem Plumitas fürchtet. Neulich wollte er eine arme Witwe hinauswerfen, weil sie den Zins für eine alte Hütte nicht bezahlen konnte. Ich stattete dem Herrn eines abends, als er sich zu Tische setzte, einen Besuch ab. »Mein Freund, ich bin Plumitas und brauche 100 Duros.« Er gab sie mir und ich eilte zur Alten. »Großmutter, da nimm und bezahle den Juden, was darüber ist, gehört dir und soll dir viel Glück bringen.« – Doña Sol betrachtete den Banditen mit größerem Interesse. – »Und Tote?« fragte sie, »wieviel habt Ihr getötet?« »Señora,« erwiderte der Bandit ernst, »sprechen wir nicht darüber, ich würde Sie erschrecken und ich bin nur ein armer Teufel, ein Unglücklicher, der sich verteidigt, wie er kann....« Es folgte ein langes Schweigen. »Sie wissen ja nicht, wie ich lebe«, fuhr der Räuber fort. »Den wilden Tieren geht es besser als mir. Ich schlafe wo ich kann, oder überhaupt nicht. In der Frühe hier, am Abend dort. Ich muß die Augen offen halten und eine harte Hand haben, daß die Leute mich achten und mich nicht verraten. Ich habe nur zwei Freunde, mein Pferd und mein Gewehr. Oft erfaßt mich das Verlangen, Frau und Kinder zu sehen, dann gehe ich des Nachts in mein Dorf und alle Nachbarn sind stumm und blind. Doch eines Tages wird es schlimm enden! ... Manchmal kommt es über mich, daß ich die Einsamkeit verlassen und unter Leute gehen muß. Schon lange wollte ich in La Rinconada vorsprechen. Warum soll ich nicht Herrn Juan Gallardo besuchen, da ich ihn doch so schätze? Doch sah ich Euch stets nur mit Freunden und hier im Hause hielt sich immer die Frau und die Mutter mit den Kleinen auf. Und Ihr wißt ganz gut, sie wären vor Angst gestorben, wenn sie den Plumitas gesehen hätten. Doch jetzt ist das anders, jetzt seid Ihr mit der Gräfin hier und ich habe mir gesagt: »Begrüßen wir die Herrschaften und bleiben wir ein wenig in ihrer Gesellschaft.« Und das feine Lächeln, welches diese Worte begleitete, zeigte den Unterschied zwischen der Familie des Torero und Dona Sol, wobei er auch zu verstehen gab, daß ihm die Beziehungen der Beiden kein Geheimnis waren. In seiner einfachen Bauernseele hatte er sich die Achtung vor der Ehe bewahrt und er glaubte sich gegenüber der adeligen Freundin des Torero zu größerer Freiheit berechtigt als gegenüber den armen Frauen, welche seine Familie bildeten. Dona Sol überhörte diese Worte und bat den Räuber, ihr zu erzählen, wie er dazu gekommen war, sein heutiges Gewerbe zu ergreifen. »Aus Ungerechtigkeit, wie sie nur uns Arme treffen kann. Ich war einer der Gescheitesten unseres Dorfes und die Arbeiter machten mich immer zum Sprecher, wenn sie etwas von den Reichen zu fordern hatten. Ich kann lesen und schreiben, in der Jugend war ich Sakristan und als kleiner Bursche bekam ich den Spitznamen Plumitas (Federnhansel), weil ich den Hennen Federn ausriß, um mir Schreibkiele zu verschaffen. Ich heiratete dann und unser erstes Kind kam. Eines Abends erschienen zwei Gendarmen und führten mich aus dem Dorfe. Man hatte auf die Tür eines Reichen ein paar Schüsse abgegeben und jener ehrenwerte Herr behauptete, ich sei es gewesen. Ich erklärte seine Worte für Lügen und sie traktierten mich mit den Gewehrkolben. Um kurz zu sein, sie schlugen mich die ganze Nacht hindurch, bis ich besinnungslos liegen blieb. Sie hatten mir Hände und Füße gebunden, prügelten mich, als ob ich ein Sack wäre, und sagten dabei: ›Bist du nicht der Stärkste im Dorfe? Wohlan, verteidige dich, laß uns sehen, wie kräftig du bist.‹ Diesen Spott spürte ich am meisten. Meine arme Frau pflegte mich, so gut sie konnte, doch ich fand weder Ruhe noch Rast, wenn ich an die Schläge meiner Peiniger dachte. Kurz, eines Tages fand man den einen der beiden Gendarmen tot, und um weiteren Unannehmlichkeiten zu entgehen, floh ich in die Berge.« »Mann, du hast eine gute Hand,« sagte Potaje voll Bewunderung, »und der andere?« »Ich weiß nicht, wo er ist. Er verschwand aus dem Dorfe und ließ sich versetzen. Doch ich vergesse ihn nicht. Ich muß noch mit ihm abrechnen. Er soll am anderen Ende Spaniens sein und ich werde ihm nachfolgen, selbst wenn ich kriechen müßte. Ich lasse mein Pferd und den Karabiner bei einem guten Freund und nehme den Zug. So bin ich schon in Barcelona, Valladolid und sieben anderen Städten gewesen. Ich setze mich vor die Polizeistube und sehe, wie die Leute ein- und ausgehen. Man erteilt mir oft falsche Auskünfte, doch das macht nichts. Ich suche ihn schon seit Jahren und werde ihn finden, vorausgesetzt, daß er nicht tot ist, was aber eine Ungerechtigkeit wäre.« Dona Sol folgte dem Berichte voll Spannung. Ein ganz eigener Kerl, dieser Plumitas. Sie hatte sich getäuscht, ihn für einen Feldhasen zu halten. Der Räuber schwieg und runzelte die Augenbrauen, als fürchtete er, zu viel gesagt zu haben, und wie um neue Fragen abzuwehren. »Mit Eurer Erlaubnis«, sagte er zum Torero »will ich in den Stall gehen, um nachzusehen, was sie meinem Pferde geben. Kommst du mit, Kamerad?« Potaje nahm die Einladung an und verließ die Küche. Als die beiden allein waren, zeigte der Torero seine üble Laune. Warum war sie heruntergekommen? Es war eine Unvorsichtigkeit, sich einem solchen Manne zu zeigen, einem Räuber, dessen Name der Schrecken aller Leute war. Doch Donna Sol, welche über den Erfolg ihres Kommens sehr befriedigt war, lachte über die Furcht des Toreros. Ihr erschien der Bandit als ein guter Kerl, ein Unglücklicher, dessen Taten durch die Phantasie des Volkes vergrößert wurden. Er war doch sozusagen ein Diener ihrer Familie. »Ich stellte ihn mir ganz anders vor. Doch freue ich mich, ihn gesehen zu haben. Wir werden ihm ein Almosen geben, wann er geht. Wie ist dieses Land so eigen. Welche Gestalten zeigt es! Und wie interessant ist seine Jagd durch ganz Spanien nach einem Polizisten ... Schon mit diesem Stoff könnte man ein spannendes Feuilleton schreiben.« Die Frauen zogen zwei Bratpfannen, welche einen angenehmen Geruch nach gebratenen Würsten verbreiteten, aus dem Ofen. »Zum Frühstück, Leute!« rief der National, welcher sich im Hause des Toreros die Würde des Majordomus angemaßt hatte. In der Mitte der Küche stand ein großer Tisch, der mit runden Broten und zahlreichen Weinflaschen bedeckt war. Auf den Ruf des National kamen Plumitas, Potaje und andere zahlreiche Bedienstete des Hauses herbei. Sie setzten sich alle auf die zwei Bänke, welche an der Längsseite des Tisches standen, während Gallardo unentschlossen Donna Sol betrachtete, ob sie nicht lieber in ihrem Zimmer essen wolle. Doch sie lächelte über sein Zögern und setzte sich oben an den Tisch. Mit der Gebärde des Hausherrn lud sie den Torero ein, Platz zu nehmen, und ihre Nasenflügel sogen mit Behagen den verlockenden Bratenduft der dampfenden Würste ein. Es war ein reichliches Essen und sie hatte Hunger. »So ist es gut,« sagte Plumitas mit Nachdruck, als er den Tisch betrachtete, »Herr und Diener essen zusammen, wie es früher der Brauch war. Ich sehe dies seit langem wieder zum ersten Mal.« Und er setzte sich zum Torero, ohne den Karabiner wegzulegen, den er zwischen den Knien hielt. »Setz dich hierher«, sagte er zum Potaje und gab ihm dabei einen Stoß. Der Picador, der ihn mit rauher Kameradschaftlichkeit behandelte, erwiderte die Einladung mit einem ähnlichen Puff und die beiden Männer lachten, als sie sich so balgten, während die anderen Tischgenossen diesen Späßen belustigt zusahen. »Zum Kuckuck,« sagte der Potaje, »leg' doch deinen Schießprügel weg. Du stoßt ihn mir ja in den Bauch und es könnte dabei ein Unglück passieren.« Der Karabiner des Banditen neigte seine schwarze Mündung bedrohlich gegen den Picador. »Leg' ihn doch weg,« wiederholte der Bedrohte, »brauchst du ihn denn auch beim Essen?« »Er ist da recht gut aufgehoben, habe nur keine Angst«, erklärte kurz und mürrisch der Räuber, als wollte er an seinen Vorsichtsmaßregeln keine Kritik üben lassen. Er nahm den Löffel in die Hand, erfaßte ein großes Stück Brot und sah auf die anderen, um sich zu überzeugen, ob der Augenblick gekommen wäre, das Mahl zu beginnen. »Guten Appetit, ihr Herren!«, und er griff nach der gewaltigen Schüssel, die man für ihn und die beiden Stierfechter hingestellt hatte. Ein gleich großer Napf dampfte am anderen Ende des Tisches für die Leute des Hauses. Seine Gefräßigkeit schien ihn aber gleich zu gereuen und nach einigen Löffeln hielt er inne und glaubte eine Erklärung geben zu müssen. »Seit gestern habe ich nur ein Stück Brot und etwas Milch zu mir genommen; guten Appetit!« Und er warf sich wieder auf das Essen, während er mit einem Augenzwinkern und fortwährendem Kauen die Spötteleien des Potaje über seinen Heißhunger einsteckte. Der Picador wollte ihn zum Trinken ermuntern. Eingeschüchtert durch die Gegenwart seines Herrn, betrachtete Potaje begehrlichen Blickes die Weinflasche, welche in Reichweite vor ihm stand. »Trinke, Plumitas, ein trockener Bissen ist ungesund. Man muss ihn anfeuchten.« Und ehe der Bandit seiner Einladung gefolgt war, trank der Picador schon in hastigen Zügen. Doch Plumitas berührte kaum das Glas. Er fürchtete den Wein, da er ihn nicht mehr gewohnt war und der Alkohol den ärgsten Feind für einen Mann bedeutete, der wie er immer munter und seiner Sinne mächtig bleiben mußte. »Hier bist du unter Freunden,« erklärte der Picador, »hier tut dir keiner etwas. Und wenn zufällig die Gendarmen kommen sollten, dann trete ich an deine Seite, nehme meine Lanze und wir lassen keinen dieser Tagediebe am Leben. Ich möchte gerne in die Berge gehn, das hat mich immer gereizt.« Trotz seiner Zurückhaltung im Trinken hatte der Bandit schon ein rotes Gesicht und aus seinen Augen glänzte die Fröhlichkeit. Er hatte sich der Küchentüre gegenüber gesetzt, so daß er den Hof und einen großen Teil der einsamen Straße überblicken konnte. Von Zeit zu Zeit ging draußen eine Kuh, ein junger Stier, eine Ziege vorbei und der Schatten ihrer Körper genügte, daß sich der Plumitas sofort aufrichtete und schnell den Löffel mit dem Gewehre vertauschte. Er plauderte mit seinen Tischgenossen, ohne aber in seiner Aufmerksamkeit bei der Beobachtung der Umgebung nachzulassen. Nach dem Essen nahm er von Potaje noch ein Glas, das letzte wie er sagte, und blieb dann, das Kinn auf die Hand gestützt, träumend unter der Wirkung des Weines und des genossenen Mahles sitzen. Gallardo bot ihm eine Havanna an. »Danke, Herr Juan, ich rauche nicht, doch werde ich sie für einen Kameraden aufheben, der das Rauchen lieber hat als das Essen. Es ist ein Bursche, der Pech hatte und mir hilft, wenn ich viel zu tun habe.« Er steckte die Zigarre unter seine Bluse und die Erinnerung an seinen Gefährten, der in diesem Augenblicke sicher weit weg war, ließ ihn mit wilder Freude lächeln. Der Wein hatte den Plumitas angeregt, sein Gesicht war ein anderes geworden. Die Augen schimmerten in einem metallischen, beunruhigenden Glanze, das feiste Gesicht zog sich zu einem Grinsen zusammen, welches den gewöhnlichen Ausdruck der Güte zurückzudrängen schien. Er zeigte den Wunsch zu sprechen, sich seiner Taten zu rühmen und die Gastfreundschaft dadurch zu belohnen, dass er seine Wohltäter durch seine Erzählungen unterhielt. »Sie werden schon davon gehört haben, was ich vergangenen Monat auf der Straße von Fregenal aufführte? Wirklich, Sie wissen nichts davon? ... Ich legte mich mit einem Gefährten in einen Hinterhalt, um die Postkutsche zu erwarten und einem Reichen eine Lehre zu geben, an die er sieh zeitlebens erinnern sollte. Ich hatte von ihm 100 Duros für einen Armen verlangt und er schrieb sogleich an den Statthalter von Sevilla, brachte die ganze Gegend bis nach Madrid in Bewegung, so dass man mich mehr denn je hetzte. Außerdem verlangte er, dass man meine Frau einsperrte, als ob sie wüßte, wo ich zu fangen wäre ... Der Judas traute sich vor Angst nicht aus seiner Stadt heraus. Doch inzwischen verschwand ich und ging auf Reisen, eine der Reisen, von denen ich vorher erzählte. Unser Mann gewann Vertrauen und ging eines Tages in Geschäften nach Sevilla, wo er außerdem noch die Behörden gegen mich aufhetzen wollte. Ich wartete auf die Postkutsche und sie kam. Mein Gefährte hielt den Kutscher an und ich steckte den Kopf und den Gewehrlauf durch die Tür. Da kreischten Frauen, Kinder weinten und Männer wurden vor Angst stumm. Ich erklärte den Anwesenden: Mit Ihnen habe ich nichts zu tun, beruhigen Sie sich, meine Damen, guten Tag meine Herren und glückliche Reise. Nur der Fettwanst dort möge sich herausbemühen.« Und unser Mann, der sich beinahe unter den Kitteln der Weiber verkroch, mußte aussteigen. Er war weiß, als hätte er einen Aderlaß gehabt, und torkelte wie ein Betrunkener. Die Kutsche entfernte sich und wir blieben allein mitten auf der Straße. »Höre, ich bin Plumitas und will dir einen Denkzettel hinterlassen.« Ich gab ihm einen, aber so, daß er noch 24 Stunden lebte und den Gendarmen sagen konnte, daß es der Plumitas war, der ihn getötet hatte. So gab es keinen Irrtum und andere konnten sich der Tat nicht rühmen.« Dona Sol hörte bleichen Gesichtes und mit vor Schreck geöffneten Lippen zu, während ihre Augen in einem seltsamen Feuer erglänzten. Gallardos Gesicht dagegen wurde düster, da ihn diese blutige Erzählung anwiderte. »Jeder versteht sein Handwerk, Señor Juan«, sagte der Räuber, als erriete er die Gedanken des Torero. »Wir zwei leben vom Töten. Ihr tötet Stiere und ich Menschen. Nur seid Ihr reich, Ihr findet Ruhm und schöne Frauen, ich dagegen bin nicht selten toll vor Hunger und werde, wenn ich mich nicht vorsehe, eines Tages mit durchlöchertem Körper auf einem Felde liegen, wo mich die Raben fressen. Mir bringt das Gewerbe nichts ein, Señor Juan. Ihr wißt, wohin Ihr den Stier zu treffen habt, daß er zu Boden kommt. Auch ich weiß, wohin ich zu zielen habe, daß einer gleich weg ist oder noch einige Wochen voll Raserei an den Plumitas denkt, der jedermann ungeschoren lassen will, während er sich derer zu entledigen weiß, die ihm gegenübertreten.« Doña Sol fühlte wieder die Neugier, die Zahl seiner Mordtaten zu wissen. »Wieviel Leute habt Ihr schon getötet?« »Sie werden noch Ihre Sympathie für mich verlieren, Gräfin, doch da Sie darauf bestehen, glaube ich, daß es wohl so 30 bis 35 sein dürften. Ich weiß es nicht genau. Wer denkt bei diesem Leben auch daran, Buch zu führen. .. Doch ich bin ein Unglücklicher, ein Ausgestoßener. Die Schuld fällt auf jene zurück, welche mich schlecht machten. Mit dem Töten verhält es sich so wie mit den Kirschen. An einer zieht man, ein Dutzend anderer geht mit. Man muß töten, um leben zu können, denn wenn einer Mitleid hat, so fressen die andern ihn auf.« Ein langes Schweigen folgte diesen Worten. Doña Sol betrachtete die kurzen, dicken Hände des Banditen. Doch Plumitas kümmerte sich nicht viel um die Gräfin. Seine ganze Aufmerksamkeit war auf den Torero gerichtet, dem er seine Dankbarkeit für die geleistete Gastfreundschaft beweisen wollte. Er suchte den schlechten Eindruck seiner Worte zu verwischen. »Ich achte Euch, Señor Juan«, fuhr er fort. »Seitdem ich Euch das erstemal sah, sagte ich mir: Das ist ein tüchtiger Bursche. Ihr habt viel Bewunderer, auch ich gehöre dazu! Bedenket nur, um Euch zu sehen, bin ich oft in die Stadt gekommen, ohne der Gefahr, erwischt zu werden, zu achten. Ist das keine Anhänglichkeit? Und Gallardo lächelte unter zustimmendem Kopfnicken, denn er war bei seiner künstlerischen Eitelkeit gepackt worden. »Außerdem kann niemand sagen,« fuhr der Räuber fort, »daß ich nach La Rinconada gekommen bin, um ein Stück Brot zu erbetteln. Oft habe ich Hunger gehabt oder ich hätte mir 5 Duros von hier holen können und dennoch bin ich erst heute in den Hof gekommen. ›Señor Juan ist heilig für mich‹, sagte ich mir immer, ›er verdient so wie ich unter Lebensgefahr sein Geld, wir müssen Kameradschaft halten‹. Und Ihr werdet nicht leugnen, Señor Juan, daß wir beide, obwohl Ihr eine Persönlichkeit seid und ich nur ein Ausgestoßener bin, auf gleicher Stufe stehen, da wir beide davon leben, mit dem Tode zu spielen. Jetzt sind wir alle zwei ruhig beim Essen, doch eines Tages, wenn Gott die Hand von uns abzieht und unser müde wird, werden sie mich wie einen tollen Hund am Wege erschlagen und Euch wird man aus einer Arena tragen. Und wenn auch die Zeitungen vier Wochen über Euren Tod schreiben, so weiß ich nicht, ob Ihr Euch in der anderen Welt so besonders darüber freuen werdet.« »So ist es, ja so ist es«, sagte der Torero, der bei diesen Worten des Banditen bleich geworden war. In seinem Gesichte drückte sich der abergläubische Schrecken aus, der ihn beim Herannahen der Gefahr ergriff. Sein Geschick schien das gleiche zu sein wie das Los des schrecklichen Räubers, der eines Tages unausweichlich in seinem ungleichen Kampfe unterliegen mußte. »Doch glaubt Ihr,« fuhr Plumitas fort »daß ich an den Tod denke? Ich bereue nichts und gehe meines Weges. Auch ich habe meine Eigenheiten und meinen Stolz, wie Ihr, Herr Juan. Stellt Euch vor, daß ganz Spanien von dem Plumitas spricht, daß alle Zeitungen die größten Lügen über mich verbreiten, daß man mich nach ihren Berichten bis in die Theater verfolgt und sogar die Abgeordneten sich alle Wochen mit mir befassen. Und erst die Genugtuung, ein ganzes Heer, das ich, ein einzelner Mann, zum besten halte, meinen Spuren nachlaufen zu sehen. Unlängst kam ich in ein Dorf und hielt vor einigen Blinden an, welche sangen und Gitarre spielten. Die Leute starrten offenen Mundes auf ein Bild, auf dem ein strammer, prächtig angezogener Bursche, den Stutzen über dem Rücken, mit einem hübschen Mädchen auf flüchtig dahineilendem Rosse zu sehen war. Ich erfuhr auf meine Frage, daß es ein Bild des Plumitas sei. Das freut einen, wenn man auch ganz heruntergekommen ist. Es ist immer gut, wenn sich die Leute ein anderes Bild von uns machen. Ich kaufte das Bild und den Text, den sie sangen und da habt ihr beides. Ein Loblied auf Plumitas, mit viel Lügen, aber alles in Verse gebracht und eine ganz famose Sache. Wenn ich mich im Gebirge versteckt halte, lese ich es, um den Text auswendig zu lernen. Das muß ein Mann geschrieben haben, der viel weiß.« Der furchtbare Plumitas zeigte einen kindlichen Stolz, wenn er so von seinem Ruhm sprach. Da verschwand die schweigsame Bescheidenheit, mit der er den Hof betreten hatte, und der Wunsch, seine Person im Hintergrunde zu halten, um nur als armer Reisender, den der Hunger zum Einkehren genötigt hat, zu erscheinen. Er begeisterte sich an dem Gedanken, daß sein Name berühmt war und seine Taten sogleich die Ehre der Veröffentlichung erfuhren. »Wer würde mich kennen«, fuhr er fort, »wenn ich noch in meinem Dorfe lebte? Ich habe oft darüber nachgedacht. Wir armen Teufel haben ja keinen anderen Ausweg als für die anderen zu schuften oder das einzige Mittel zu ergreifen, das Reichtum und Namen ermöglicht: zu töten. Ich fand keine Gelegenheit, Torero zu werden. Mein Dorf liegt im Gebirge und hat kein entsprechendes Vieh, außerdem bin ich schwer und nicht geschickt genug ... Deshalb töte ich Personen. Das ist das Beste, was ein Armer tun kann, um Achtung und freien Weg zu finden.« Der Nacional, welcher bisher mit tiefem Ernst den Worten des Banditen gelauscht hatte, glaubte nun seinerseits sprechen zu müssen. »Was der Arme braucht, ist Bildung. Er soll lesen und schreiben lernen ...« Diese Worte des Nacional lösten bei allen, welche seine fixe Idee kannten, ein lautes Gelächter aus. »Du hast deinen Beitrag geleistet, Kamerad,« sagte Potaje, »laß den Plumitas fortfahren, denn was er sagt, ist gut.« Wegwerfend antwortete der Räuber auf diesen Zuruf des Banderillo, den er wegen seiner Vorsicht nicht sehr einschätzte: »Ich kann lesen und schreiben, doch wozu dient mir das? Als ich noch in meinem Dorfe lebte, da brauchte ich es, um mich hervorzutun, um mein Los weniger hart zu empfinden. Der Arme braucht Gerechtigkeit ... Man gebe ihm, was er nötig hat, und wenn man es ihm verweigert, so soll er es sich nehmen. Er muß ein Wolf werden und Furcht um sich verbreiten. Ist er aber feig und kraftlos, stellt sich sogar das gutmütige Schaf gegen ihn.« Potaje, der schon betrunken war, brüllte den Worten des Räubers begeistert Beifall. Er verstand seine Rede nicht mehr recht, doch durch den Nebel seiner Trunkenheit glaubte er, die Quintessenz der selbstverständlichsten Wahrheit zu hören. »Ihr habt gesehen, was es für Leute gibt«, sprach der Bandit weiter. »Die Welt ist in zwei Gruppen geteilt: Hier Ausbeuter, dort Ausgebeutete. Ich lasse mich nicht schinden, ich bin zu etwas Höherem geboren, da ich mein Mannesgefühl habe, und niemanden fürchte. »Auch ich, Señor Juan, habe das Gleiche durchgemacht wie Ihr, ich bin von unten hinaufgestiegen, doch Euer Weg war besser als der meinige.« Er schaute den Torero einen Augenblick an und fügte dann mit dem Ausdruck der Überzeugung hinzu: »Ich glaube, daß wir beide etwas zu spät auf die Welt gekommen sind. Was hätten wir zwei zu anderen Zeiten und in einer anderen Welt für Taten ausgeführt. Ihr würdet nicht Stiere töten und ich brauchte mich nicht wie ein wildes Tier durch Wälder und Gebirge jagen lassen. Wir würden Statthalter, Großmogule oder sonst derartiges jenseits der Meere geworden sein. Habt Ihr nicht von einem gewissen Pizarro gehört, Señor Juan?« Der Gefragte machte eine unbestimmte Bewegung, da er seine Unkenntnis des Namens, den er das erstemal hörte, nicht eingestehen wollte. »Die Gräfin weiß es wohl besser als ich und wird mir verzeihen, wenn ich etwas Falsches sage. Ich las diese Geschichte, als ich noch Küster war und in den alten Romanen herumgestöbert habe, die unser Pfarrer hatte ... Also Pizarro war ein armer Teufel wie wir und ging mit einer Handvoll Burschen, die gerade soviel zu verlieren hatten wie er, in ein Land, ich sage Euch, ein wahres Paradies. Sie hatten, ich weiß nicht, wieviele Kämpfe mit den Eingeborenen zu bestehen und wurden schließlich die Herren des Landes, plünderten die Schätze der Könige und der Niedrigste füllte sein Haus bis zum Dache mit Gold an. Jeder wurde Marquis, General oder sonst eine große Persönlichkeit. Und den anderen ging es ebenso. Stellt Euch vor, Señor Juan, wenn wir damals gelebt hätten. Was hätte es uns für Mühe gekostet, mit noch so ein paar Kerlen, wie wir, ebensoviel oder noch mehr als Pizarro auszuführen?« Und alle Männer, welche schweigend, mit vor Erregung glänzenden Augen dieser Wundergeschichte lauschten, nickten zustimmend. »Ich wiederhole, daß wir zu spät geboren wurden, Señor Juan. Der Weg ist den Armen versperrt. Der Spanier weiß nicht, was er tun soll. Er kann nirgends mehr hingehen. Was noch in der Welt übrig war, um sich aufzuhelfen, haben die Engländer und die Franzosen eingesteckt. Die Tür ist verschlossen und wir Männer der Tat müssen innerhalb dieser engen Grenzen versauern und alle Verwünschungen einstecken, wenn wir unser Schicksal selbst bestimmen wollen. Während ich damals in Amerika oder einem anderen Weltteile sicher König oder Statthalter geworden wäre, muß ich hier als Bettler und Räuber durch das Land ziehen. Ihr seid ein tapferer Mann und müßt Stiere töten, was Euch zwar Ruhm und Ehren einbringt, doch weiß ich, daß viele Herren den Beruf des Toreros als niedriges Handwerk betrachten.« Doña Sol griff nun mit einer Frage und einem Rate in den Monolog des Räubers ein. Warum ging er nicht unter die Soldaten? Da könnte er in fremde Länder kommen, wo man Kriege führte, und seine Kräfte auf edle Weise verwenden. »Auch ich habe schon oft daran gedacht, Gräfin. Wenn ich in einem Hofe schlafe oder mich in meinem Hause für einige Tage verstecke, mich das erstemal wie jeder andere Christenmensch in mein Bett lege und warme Speisen esse wie hier, dann gefällt mir das alles sehr gut, doch bald sehne ich mich, wieder in meinem Mantel, auf einem Stein als Kopfkissen, im Walde zu schlafen ... Ja, ich würde schon als Soldat dienen, aber wohin soll ich gehen? Die wirklichen Kriege haben aufgehört, in denen ein Jeder, mit einer Handvoll Kameraden nach seinem eigenen Kopfe handelte. Heute gibt es nur Herden von Menschen, welche alle gleich angezogen und gedrillt sind und wie Schafe sterben. Es ist genau so wie in der Welt. Ausbeuter und Ausgebeutete. Führt man eine große Tat aus, hat der Oberste den Dank, kämpft man wie ein wilder Stier, wird der General belohnt... Nein, auch zum Soldaten bin ich zu spät auf die Welt gekommen.« Und Plumitas senkte die Augen, um einige Augenblicke hindurch sein Mißgeschick zu überdenken, in dieser Zeit keinen Platz ausfüllen zu können. Plötzlich griff er nach dem Gewehr und wollte aufstehen. »Ich gehe, vielen Dank Señor Juan, für Eure Aufmerksamkeit, lebt wohl, Gräfin.« »Wohin gehst du denn,« sagte Potaje und zog ihn nieder, »setze dich, du Dummkopf, du findest es nirgends besser als hier.« Der Picador wollte den Aufenthalt des Banditen verlängern, denn es freute ihn, mit ihm wie mit einem Kameraden über alles sprechen zu können, um dann in der Stadt sein interessantes Zusammentreffen zu erzählen. »Ich bin schon drei Stunden hier und muß gehen. Ich bleibe niemals lange in einem offenen und flachgelegenen Orte wie La Rinconada es ist. Und diese drei Stunden sind wie im Flug vergangen.« »Fürchtest du dich vor den Gendarmen?«, fragte Potaje. »Sie werden nicht kommen, und wenn schon, dann helfe ich dir.« Plumitas machte eine verächtliche Bewegung. Die Gendarmen? Das waren Leute wie die übrigen. Es gab tüchtige Kerle unter ihnen, aber alle anderen waren Familienväter, welche scheu auswichen und nur zögernd kamen, wenn sie ihn in einem Orte wußten. Sie griffen ihn nur dann an, wenn sie der Zufall aneinander brachte, sodaß kein anderer Ausweg mehr blieb. »Im vergangenen Sommer saß ich in einem Bauernhofe beim Frühstück. Die Gesellschaft war freilich nicht so angenehm wie hier. Da sah man plötzlich Gendarmen auftauchen. Ich war sicher, daß sie nichts von meiner Anwesenheit wußten und nur kamen, um auszuruhen. Es war ein böser Zufall, doch weder ich noch sie konnten vor so vielen Leuten davonlaufen. Das wird gleich weitererzählt und die Lästerzungen vernichten den ganzen Respekt und stellen einen nur als Feigling dar. Der Besitzer schloß das große Tor und die Gendarmen schlugen mit den Gewehrkolben daran, daß er aufmache. Ich befahl ihm und einem Knecht, sich hinter den beiden Torflügeln aufzustellen. ›Wenn ich ›Jetzt‹, sage, macht ihr gleichzeitig auf.‹ Ich stieg zu Pferde und nahm den Revolver in die Hand. ›Jetzt‹. Das Tor ging auf und ich sprengte hinaus. Ihr kennt mein Pferd nicht. Sie schossen mir gehörig nach, doch keiner traf. Ich hatte beim Hinausreiten auch losgedrückt und, wie man mir später erzählte, zwei verletzt. Kurz, ich ritt, auf den Hals des Pferdes gebückt, davon und die Gendarmen rächten sich, indem sie den Hofbesitzer blutig schlugen. Daher ist es das Klügste, nichts von meinem Besuche zu erwähnen. Denn dann kommen die Behörden und Ihr müßt Erklärungen und Aussagen machen, als ob man mich damit fangen könnte.« Die Leute von La Rinconada waren im Stillen derselben Meinung. Sie wußten es schon. Sie mußten über den Besuch schweigen, um sich Unannehmlichkeiten zu ersparen, wie man es auf allen Höfen und Gütern machte. Dieses allgemeine Schweigen war die mächtigste Hilfe für den Banditen. Und außerdem waren alle diese Landleute Bewunderer des Plumitas. Ihre rauhe Begeisterung betrachtete ihn als einen Rächer, sie hatten nichts Böses von ihm zu befürchten, seine Drohungen galten nur den Reichen. »Ich fürchte die Gendarmen nicht,« sprach der Bandit weiter, »ich fürchte die Armen. Sie sind alle gut, aber das Elend ist eine böse Sache. Ich weiß, daß die Landjäger mich nicht töten werden. Das wird vielleicht ein Armer tun. Man läßt ihn ohne Furcht herankommen, weil er ja sozusagen ein Bruder ist, und dann benützt er den Augenblick der Sorglosigkeit. Ich kenne Feinde, die mir den Tod geschworen haben. Es gibt genug Landstreicher, die für einige Pesetas Angeberdienste leisten, oder Kerle, die man um Dienste ersucht, ohne daß sie einem helfen, und da muß man eben, um überall Achtung zu finden, eine harte Hand haben. Und wenn einer dann mit seinen Drohungen ernst macht, muß man sich an die Familie halten. Ist der Betreffende sonst noch ein ›guter Kerl‹, dann begnügt man sich, ihm eine gehörige Tracht Prügel mit Disteln oder Brennesseln auf den nackten Rücken zu geben. An diesen Spaß pflegen sie sich ihr ganzes Leben zu erinnern ... Ja, gerade die Armen und Angehörigen meines Standes fürchte ich am meisten.« Plumitas hielt inne und fügte dann, den Torero ansehend, hinzu: »Dann sind es die Bewunderer, die Nachahmer, das junge Volk, welches hinterher nachläuft. Señor Juan, sagt doch die Wahrheit, wer verursacht mehr Scherereien, die Stiere oder all diese Anhänger, welche der Hunger antreibt und welche ihrem Herrn am liebsten den Degen aus der Hand nehmen würden ...? So geht es auch mir. Ich sagte ja schon, daß wir gleich sind... In jedem Dorf ist irgend ein Kerl, der davon träumt, mein Erbe anzutreten, und sich der Hoffnung hingibt, mich im Schatten eines Baumes schlafend anzutreffen, um mir den Schädel einzuschlagen.« Nach diesen Worten ging er mit Potaje in den Stall und eine Viertelstunde später führte er sein starkes Pferd, seinen treuen Begleiter auf allen Irrfahrten, in den Hof. Das knochige Tier schien in den wenigen Stunden der Rast und des Überflusses auf La Rinconada frisch und feurig geworden zu sein. Plumitas strich ihm über die Flanken. Er konnte mit der Behandlung des Pferdes zufrieden sein, denn bis jetzt hatte es selten gleiche Sorgfalt gefunden wie bei Gallardo. »Und wohin gehst du, Kamerad?«, erkundigte sich Potaje. »Danach fragt man nicht. Ins Ungewisse, ich weiß es selbst nicht. Wie es sich eben trifft.« Während dieser Worte steckte er den Fuß in den verrosteten und lehmbespritzten Steigbügel, gab sich einen Schwung und saß aufrecht im Sattel. Gallardo trennte sich von Doña Sol, welche mit vor Erregung blassen, zusammengepreßten Lippen die Vorbereitungen zum Aufbruch betrachtete. Der Torero hatte die Hand in die Tasche seines Rockes gesteckt und ging zum Pferde, während er einige zusammengerollte Papierscheine in der Hand zu verbergen suchte. »Was ist das?«, fragte der Räuber. »Geld? Danke, Señor Juan. Man hat Euch zwar gesagt, daß man mir Geld zu geben hat, wenn ich den Hof verlasse. Doch das geschieht bei anderen, bei Reichen, welche ihr Geld leicht verdienen. Doch Ihr setzt Euer Leben aufs Spiel, wir sind Kameraden. Behaltet es, Señor Juan.« Gallardo behielt also seine Scheine, war aber über die Weigerung des Banditen, der ihn als seinesgleichen behandelte, doch etwas verstimmt. »Ihr könnt mir zu Ehren einen Stier töten, wenn wir uns wieder einmal im Zirkus sehen sollten«, fügte Plumitas hinzu. »Das ist mir lieber, als alles Geld der Welt.« Inzwischen war Doña Sol von rückwärts zum Pferde getreten und gab dem Scheidenden, ohne ein Wort zu sprechen, eine Rose, welche sie an der Brust trug. »Für mich?« fragte der Bandit im Tone der Überraschung, »für mich?« Und auf die bejahende Geste der Doña Sol nahm Plumitas mit sichtlicher Verlegenheit die Rose aus ihrer Hand und hielt sie so ungeschickt, als wäre sie eine schwere Last. Er war unschlüssig, wohin er sie stecken sollte, bis er sie endlich in einem Knopfloch seines Rockes befestigte. »Das ist ein schöner Abschied,« rief er mit einem Lächeln seines pausbäckigen Gesichtes aus, »so etwas habe ich bis jetzt noch nicht erlebt...« Der rauhe Bandit schien durch dieses frauenhafte Geschenk bewegt und verwirrt zu sein. Rosen für ihn, den Wegelagerer und Mörder! Er griff nach den Zügeln: »Gott zum Gruß, Ihr Herren! Auf Wiedersehen!« Und er brach auf, nachdem er dem Picador einen festen Händedruck gegeben hatte, den der Stierkämpfer mit einem freundschaftlichen Schlag auf den Oberschenkel erwiderte, daß der muskulöse Körper des Banditen darunter erzitterte, Was war doch Plumitas für ein sympathischer Bursche!... In der Begeisterung seines Rausches wollte Potaje mit ihm in die Berge gehen. »Lebt wohl, auf Wiedersehen!« Mit diesen Worten gab der Bandit seinem Pferde die Sporen und jagte aus dem Hofe. Gallardo war froh, ihn draußen zu haben. Dann betrachtete er Doña Sol, welche unbeweglich dastand und dem Reiter nachstarrte. »Was für eine Frau!« murmelte der Torero ganz mutlos, »welch ein tolles Weib!« Wäre der Plumitas nicht ein Mörder gewesen und zerlumpt und schmutzig dahergekommen, wäre sie mit ihm gegangen, um mit diesem Beherrscher der Straße die Sensationen zu verkosten, die ihr der Stierkämpfer nicht mehr gewähren konnte. VI »Ich kann es nicht glauben, Sebastian. Wie kann ein Mann wie du, der Frau und Kinder hat, sich zu solchen Kuppeleien hergeben ... Wohin sind denn deine Grundsätze und deine Religion gekommen?« Der Nacional, auf den die Entrüstung der Mutter Juans und die Tränen Carmens, welche leise in ein Taschentuch hineinweinte, starken Eindruck machten, verteidigte sich nur schwach. Aber bei den letzten Worten richtete er sich mit fast priesterlicher Würde auf. »Frau Angustias, laßt meine Ansichten in Ruhe, ich war auf La Rinconada, weil mein Herr es mir befahl. Wisset Ihr, was eine Cuadrilla ist? Dasselbe wie ein Heer: Disziplin und Gehorsam. Der Torero befiehlt und ich folge. Wir müssen so gehorchen, wie seinerzeit die Diener der Inquisition.« »Schwindler,« schrie Frau Angustias, »schöne Ausreden, deine Inquisition. Vor allem hast du diese arme Frau getötet, welche den ganzen Tag wie eine mater dolorosa weint. Dir ist es aber lieber, die Streiche deines Herrn zu verdecken, weil er dir zu essen gibt.« »Ihr habt es gesagt, Frau Angustias, Juan gibt mir zu essen. Und da ich mein Brot von ihm empfange, muß ich ihm gehorchen ... versetzet Euch doch in meine Lage. Mein Herr sagt mir, ich solle nach La Rinconada gehen. Gut. Ferner, daß wir mit einer sehr schönen Dame im Automobil hinausfahren. Was soll ich da machen? Der Herr will es so. Außerdem war er ja nicht allein. Der Potaje ging auch mit und er ist trotz seines bäuerlichen Aussehens ein ehrenwerter Mann.« Die Mutter des Torero geriet über diese Entschuldigung in noch größeren Zorn. »Was, Potaje? Das ist der größte Lump, den Juan, wenn er nur auf Anstand hielte, nicht in seiner Cuadrilla behalten dürfte. Sprich mir nicht von diesem Säufer, der seine Frau prügelt und seine Kinder verhungern läßt.« »Gut, weg mit Potaje ... Ich sage, daß ich jene Dame sah. Und was ist dabei? Sie ist keine Straßendirne, sondern die Nichte des Marquis, eine Bewunderin des Herrn. Und Ihr wißt, daß die Toreros mit solchen Leuten gar freundlich sein müssen. Wir leben ja vom Publikum. Was ist also Schlechtes dabei? Und dann noch dazu im Hof. Sie sprachen sich mit ›Sie‹ an, jedes schlief in seinem eigenen Zimmer, nicht ein schlechter Blick, nicht ein schlechtes Wort, Anstand zu jeder Stunde. Und wenn der Potaje kommt, wird er sagen ...« Aber Carmen unterbrach ihn mit böser, vom Schluchzen unterbrochener Stimme: »Das alles geschah in meinem Hause, in unserem Hofe! Sie schlief außerdem noch in meinem Bett! Ich wußte alles und war ruhig. Aber er! In ganz Sevilla ist kein Mann, der sich so etwas traut.« Der Nacional sprach mit klugen und gütigen Worten auf sie ein: »Beruhigt Euch, Frau Carmen, auch das hat nichts zu sagen. Es war nur ein Besuch einer Frau, welche Euren Mann bewundert und sehen wollte, wie er eigentlich seine Ferien verbringt. Diese Damen, welche durch ihre Erziehung zu halben Fremden geworden sind, stecken immer voll Launen. Wenn ihr erst die Französinnen gesehen hättet, als wir in Nimes und Arles waren.« Doch ohne auf die beruhigenden Worte des Nacional zu achten, setzte Carmen ihre Anklagen fort, während Frau Angustias in dem Lehnstuhle, den sie ganz ausfüllte, wie eine Rachegöttin dasaß, die Augenbrauen runzelte und sich zu neuen Vorwürfen anschickte. »Schweige, Sebastian, und lüge nicht. Ich weiß alles. Ein schamloses Beginnen, diese Reise nach La Rinconada, ein wahres Zigeunerlager! Man erzählt sogar, daß der Räuber Plumitas mit euch war.« Diese Worte gaben dem Nacional einen Riß. Er glaubte, einen schäbigen Reiter mit speckigem Filzhut in den Hof kommen zu sehen, er sah ihn absteigen und mit dem Gewehr auf ihn zielen. Dann war ihm, als kämen Gendarmen, er glaubte Fragen zu hören und Hände zu sehen, welche schrieben, und dann ging die ganze Cuadrilla in ihrer Galakleidung ins Gefängnis. Da mußte er ganz energisch leugnen und die alte Angustias glaubte schließlich, überzeugt durch die Proteste des Nacional und überdies bezüglich dieser Nachricht nur auf Gerüchte angewiesen, den Beteuerungen des Banderillo. Gut, mit Plumitas war es nichts, aber dafür wog das andere, der Besuch jener Frau auf dem Hofe, umso schwerer. Und blind in ihrer Mutterliebe, welche für alle Schritte ihres Sohnes die Gefährten verantwortlich machte, überhäufte sie den Nacional weiter mit ihren Vorwürfen. Der Banderillo lief ihr schließlich davon, denn trotz ihrer Entrüstung hatte sie nichts von der Zungenfertigkeit der ehemaligen Fabriksarbeiterin eingebüßt. Er traf Gallardo auf der Straße. Der Torero schien schlechter Laune zu sein, doch als er seinen Banderillo sah, zwang er sich zu einem Lächeln, als ob der häusliche Zwist keinen Eindruck auf ihn machte. »Juan, ich komme nicht mehr zu Euch, und wenn man mich herschleppen müßte. Frau Angustias beschimpft mich, als wenn ich ein Zigeuner wäre, und schaut mich an, als hätte ich die Schuld allein. Laßt mich das anderemal freundlichst aus dem Spiel, sucht Euch einen anderen, wenn Ihr mit Frauen geht.« Gallardo lächelte vergnügt. Das alles mache nichts, die Sache werde schnell vorbeigehen, er hätte schon größere Stürme überstanden. »Du mußt mit mir nach Hause gehen, vor Leuten streiten sie nicht.« »Ich?« rief der Nacional, »eher gehe ich in die Kirche!« Nach dieser Beteuerung hielt es der Torero für unnötig, noch ein weiteres Wort zu verlieren. Er verbrachte den größten Teil des Tages außer Haus, um so dem mürrischen, oft von Tränen unterbrochenen Schweigen der Frauen zu entgehen, und wenn er heimkehrte, war er immer von Freunden oder seinem Vertreter begleitet. In dieser Zeit war der Schwager ein wertvoller Bundesgenosse. Zum erstenmal betrachtete er den Torero als einen sympathischen, durch sein Äußeres beachtenswerten Mann, der ein besseres Los verdiente. Er unternahm es während der Abwesenheit des Stierfechters, die wütenden Frauen, auch die seinige gehörte dazu, etwas zu beruhigen. »Sehen wir doch einmal,« sagte er, »was ist das Ganze? Eine Kinderei. Juan ist eine Persönlichkeit und soll mit einflußreichen Leuten verkehren. Was ist dabei, wenn jene Dame auf dem Hofe war? Er muß sich um die Gunst der Vornehmen bemühen, denn dadurch hilft er auch seiner Familie. Es ist ja nichts vorgefallen. Der Nacional war dabei und das ist doch auch ein Mann von Charakter. Ich kenne ihn genau.« Das erstemal in seinem Leben lobte er den Banderillo. Da er den ganzen Tag zu Hause war, bedeutete seine Intervention eine große Hilfe für Gallardo. Ihm allein gelang es durch sein fortwährendes Geschwätz, die Frauen zu besänftigen und auf andere Gedanken zu bringen. Der Torero zeigte sich nicht undankbar. Der Riemer hatte sein Geschäft aufgelassen und Gallardo übernahm die Sorge für die Familie, die ganz zu ihm ins Haus zog, weil er die arme Carmen so lange nicht allein lassen wollte. Eines Tages erhielt der Nacional von der Frau seines Herrn die Aufforderung, sie zu besuchen. Die Frau des Banderillo, welche Carmen getroffen hatte, richtete ihm diese Botschaft aus. Carmen empfing den Nacional im Zimmer ihres Mannes. Dort waren sie allein, ohne befürchten zu müssen, von Angustias oder den Verwandten gestört zu werden. Gallardo war im Klub der Sierpesstraße. Er mied sein Haus und speiste um einem Zusammentreffen mit seiner Frau auszuweichen, tagelang auswärts. Der Nacional saß auf dem Divan und richtete den Blick auf die Erde, um der Frau seines Herrn nicht ins Angesicht sehen zu müssen. Wie hatte sich die Arme verändert! Ihre Augen waren ganz rot und von dunklen Ringen umgeben. Wangen und Nasenflügel verrieten durch ihren rötlichen Schimmer, wie oft das Taschentuch mit ihnen in Berührung gekommen war. »Sebastian, sagt mir die Wahrheit, Ihr seid gut und der beste Freund Juans.« Der Banderillo nickte mit dem Kopfe und wartete auf die Bitte, welche kommen sollte. Was wünschte Carmen zu erfahren? »Sagt mir, was sich auf La Rinconada ereignete, was Ihr saht und was Ihr darüber denkt.« Ah, der gute Nacional, mit welch' edlem Stolz hub er den Kopf, voll Freude, Gutes tun und dieser Unglücklichen Trost gewähren zu können ... Er hatte nichts Schlechtes gesehen. »Ich schwöre es beim Andenken meines Vaters, bei meinen Ideen.« Er leistete diesen Schwur reinen Gewissens, da er tatsächlich nichts gesehen hatte und er daher mit Stolz seiner scharfsinnigen Folgerung glauben konnte, daß nichts vorgefallen war. »Meiner Ansicht nach sind sie nur gute Bekannte. Und ob früher etwas zwischen ihnen war, weiß ich nicht. Die Leute reden viel herum und erfinden gerne solche Lügen. Achtet nicht darauf, Frau Carmen.« Doch sie drang weiter in ihn. Warum war sie gerade auf den Hof gekommen? La Rinconada war ihr Haus und das empörte sie, da sie neben der ehelichen Untreue noch etwas mehr, sozusagen einen gegen ihre Person gerichteten Schimpf, erblickte. »Halten mich denn diese zwei für blind, Sebastian? Ich sehe ja alles. Seitdem er sich dieser Frau oder was sie ist, anschloß, weiß ich, was Juan im Sinne hat. Am Tage, als er ihr zu Ehren den Stier tötete und mit dem Brillantring nach Hause kam, erriet ich, was zwischen beiden vorgefallen war, und ich hatte Lust, den Ring zu nehmen und ihn mit Füßen zu treten ... Nun ist mir alles klar. Es gibt immer Leute, die einem Neuigkeiten zutragen, wenn diese Schmerz verursachen ... Außerdem waren sie unvorsichtig genug, überall hinzugehen, als wären sie Mann und Frau, geradeso wie Zigeuner, welche von Markt zu Markt ziehen. Als wir noch in Rinconada waren, erfuhr ich genau, was Juan machte, und so war es auch der Fall, als wir in Sanluca weilten.« Der Nacional hielt es für notwendig einzugreifen, da er sah, wie sich Carmen bei diesem Rückblick immer mehr in Aufregung hineinredete und in Tränen ausbrechen wollte. »Und Ihr glaubt diesen Tratsch? Seht Ihr denn nicht, wie sehr das alles Erfindung von Leuten ist, die Euch kränken wollen? Der Neid spricht aus ihnen und sonst nichts.« »Nein, ich kenne Juan. Glaubt Ihr denn, daß es das erstemal geschah? Er ist so und kann nicht anders. Verflucht sei dieser Beruf, welcher die Leute verrückt macht. Zwei Jahre nach unserer Hochzeit fing er eine Liebschaft mit einer Frau eines Fleischers an. Was litt ich nicht, als ich es erfuhr ... Doch ich sprach kein Wort. Er glaubt heute noch, daß ich nichts weiß. Und wieviele hat er nachher gehabt. Tänzerinnen aus Kaffeehäusern, Mädchen, welche die Gasthäuser unsicher machen, und sogar Weiber, welche in öffentlichen Häusern leben. Ich weiß nicht, wieviele es waren und ich schwieg, weil ich den Frieden meines Hauses bewahren wollte. Aber diese Frau ist nicht wie die anderen. Juan ist ganz verrückt in sie, ganz toll nach ihr. Ich weiß, daß er sich vor ihr demütigt und alles einsteckt, nur damit sie ihn nicht beim Gedanken, daß sie eine Adelige und er nur ein Stierkämpfer ist, auf die Straße wirft ... Jetzt ist sie fort... Ihr wißt es nicht? Sie ging, weil sie sich in Sevilla langweilte. Oh, ich habe Leute, die mir alles erzählen. Sie verließ Sevilla, ohne sich von Juan zu verabschieden, und als er sie unlängst aufsuchte, fand er verschlossene Türen. Nun geht er ganz krank herum und mit einem Gesicht, als wollte er jemanden begraben, er trinkt, um sich aufzuheitern, und wenn er nachhause kommt, ist ihm alles zuwider. Nein, er vergißt diese Frau nicht. Er war stolz darauf, daß ihn ein Weib dieser Klasse liebte, und leidet nun in seinem Selbstbewußtsein, weil er sich verlassen fühlt. Oh, wie ekelt mir! Ich glaube fast, er ist nicht mein Mann. Wir sprechen nur, um miteinander zu streiten. Gerade, als ob wir uns nicht kennen würden. Ich bin allein oben und er schläft unten. Wir kommen gar nicht mehr zusammen, ich schwöre es. Früher ging alles vorüber. Es waren die üblen Gewohnheiten seines Berufes, der Wahn des Stierfechters, welcher sich allen Frauen gegenüber für unwiderstehlich hält. Aber jetzt will ich ihn nicht mehr sehen, ich verabscheue ihn.« Sie sprach mit Leidenschaft und ein Blitz des Hasses leuchtete aus ihren Augen. »Ah, diese Frau, wie unheilvoll war ihr Einfluß! Juan ist ganz anders geworden. Er will nur mehr mit den reichen Herren gehen, die Leute seines Bezirkes und die Armen von Sevilla, welche seine Freunde waren und ihm halfen, als er anfing, beklagen sich über ihn und werden ihn eines Tages vor lauter Verdruß im Zirkus auspfeifen. Hier strömt das Geld haufenweise herein und es ist nicht leicht, es zu zählen. Nicht einmal er weiß, wieviel er hat, aber ich sehe alles. Er spielt viel, um sich bei seinen neuen Freunden einzuschmeicheln, und das Geld, das bei einer Tür hereinkommt, fliegt bei der anderen heraus. Ich sage ihm nichts. Schließlich verdient ja er das Geld. Doch mußte ich bei Don José Schulden machen, als Anschaffungen für den Hof notwendig waren, und die Olivenwälder, welche er dieses Jahr kaufte, wurden für fremdes Geld erstanden. Fast alles, was er in nächster Zeit verdienen wird, muß herhalten, um Schulden zu bezahlen. Und wenn ihm nun ein Unglück zustößt, wenn er plötzlich, wie so viele andere, vor der Notwendigkeit stünde, seinen Beruf aufgeben zu müssen? ... Sogar mich will er ummodeln. Ihr wißt, daß er, ehe Doña Sol ihn kannte, seine Mutter und mich mit unserem Schleier und unserem Hauskleid, wie alle Einheimischen, herumgehen ließ. Nun hat er mich gezwungen, diese Hüte aus Madrid zu tragen, welche mir, ich weiß es, schlecht stehen, so daß ich wie ein Affe darin aussehe. Und die Mantilla ist doch so schön ... Dann hat er diesen Teufelswagen, das Automobil, gekauft, in welches ich mich nur mit Angst setze und das wie die Hölle stinkt. Wäre es nach ihm gegangen, so hätte er neulich der alten Mutter sogar einen Hut mit Hahnenfedern aufgesetzt. Er ist ein Prahler, der an die anderen denkt und uns alles nachmachen läßt, um sich seiner Leute nicht schämen zu müssen.« Der Banderillo protestierte energisch. Oh nein, Juan war ein guter Kerl und tat das alles nur, weil er seine Familie lieb hatte und ihr Luxus und Bequemlichkeit schaffen wollte. »Juan sei, wie er wolle, Frau Carmen, doch Ihr müßt ihm etwas zu Gute halten ... Schaut, wie viele Frauen sterben vor Neid, wenn sie Euch sehen. Ist das nichts, die Frau des berühmtesten aller Stierkämpfer zu sein, Geld in Überfluß zu haben, dazu dieses schmucke Haus und außerdem über alles verfügen zu können, da Euch der Herr nach freiem Ermessen schalten und walten läßt?« Carmens Augen wurden feucht und sie hob das Taschentuch empor, um die Tränen zurückzuhalten. »Ich will lieber die Frau eines Flickschusters sein. Wie oft habe ich daran gedacht: Hätte Juan nur sein Handwerk gelernt, statt diesen elenden Beruf zu ergreifen. Ich wäre glücklicher, wenn ich ihm sein Essen in einem ärmlichen Tuch in den Laden bringen könnte, wo er wie sein Vater arbeitete. Er würde keine Liebschaften haben, sondern mir allein gehören, wir müßten wohl sparen, aber am Sonntag könnten wir in ein Wirtshaus gehen. Ach, der Schreck, den mir diese verfluchten Stiere einjagen. Das ist ja kein Leben. Ja, er verdient viel Geld, aber glaubt mir, Sebastian, für mich ist es, als wenn Gift in dies Haus käme, und je mehr ich erhalte, umso schrecklicher ist es mir, umso mehr erstarrt mir das Blut in den Adern. Für wen kauft er den Putz und all diesen Luxus? Man glaubt, daß ich glücklich bin, und man beneidet mich, doch meine Augen folgen den armen Weibern, die ihre Kinder auf den Armen tragen und allen Kummer und alle Sorgen vergessen, wenn sie mit ihren Kleinen lachen und scherzen... Ach, die Kleinen! Ich weiß wohl, was mein Unglück ist. Ja, wenn wir Kinder hätten, wenn Juan ein eigenes Kind im Hause sähe.« Carmen schluchzte, aus den Falten des Taschentuches rollten langsam die Tränen herunter und netzten ihre vom Weinen roten Wangen. Es war der Schmerz der unfruchtbaren Frau, welche mit jedem Atemzug die glücklicheren Mütter beneidete, aus ihr sprach die Verzweiflung der Gattin, welche sieht, wie der Gatte sich ihr entfremdet, die alle möglichen Ursachen zu beargwöhnen scheint, im Grunde ihres Herzens aber der eigenen Unfruchtbarkeit die Schuld gibt. Oh, hätte sie nur einen Sohn, der sie zusammenbrächte... Und Carmen, welche durch die vergangenen Jahre über die Nutzlosigkeit ihrer Wünsche und Hoffnungen belehrt worden war, bäumte sich gegen ihr Geschick auf und blickte voll Neid auf ihren schweigenden Gast, dem die Natur die Kinder geschenkt hatte, welche sie selbst so sehnsüchtig wünschte. Der Banderillo ging traurig weg und suchte seinen Herrn auf, den er vor der Tür des Klublokals der »Fünfundvierzig« fand. »Juan, ich habe deine Frau gesehen. Es wird immer schlimmer mit ihr und du sollst sie besänftigen, dich mit ihr versöhnen.« »Zum Teufel! Das ist ja kein Leben mehr, wollte Gott, daß mich am Sonntag ein Stier erwische. Denn jetzt ...« Er war ein bißchen berauscht. Die stumme Auflehnung, welche er in seinem Hause fühlte, brachte ihn zur Raserei und noch mehr, obgleich er es niemand gestand, jene Flucht der Doña Sol, welche, ohne ein Wort zu sagen, ohne eine Zeile zu hinterlassen, abgereist war. Man hatte ihn wie einen Bettler von der Türe gewiesen. Niemand wußte, wo sie war. Der Marquis hatte sich um die Reise seiner Nichte nicht gekümmert, sie würde schon aus der Fremde Nachricht geben. Gallardo gab sich im eigenen Hause keine Mühe, seine Verzweiflung zu verhehlen. Vor dem Schweigen seiner Frau, welche die Augen gesenkt hielt oder ihn finster anblickte, während sie sich gewaltsam zurückhielt, um nicht ihrerseits die Aussprache herbeizuführen, brach der Torero in Verwünschungen aus: »Zum Teufel mit diesem Leben. Wenn nur endlich ein Stier ein Ende machte.« Der Sonntag brachte für Gallardo das letzte Stiergefecht des Jahres. Er erhob sich des Morgens ohne die gewöhnlichen Angstbeklemmungen und kleidete sich früh an, mit einer nervösen Spannung, welche die Kraft seiner Glieder zu erhöhen schien. Welche Freude, durch die Arena zu laufen und mit seiner Tollheit und seinen kühnen Streichen 12 000 Zuschauer in Aufregung zu halten... Seine Kunst allein war Wahrheit, alles übrige, Familie, Liebschaften, diente nur dazu, das Leben schön und angenehm zu machen. Ach, wie wollte er sich heute auf den Stier werfen! Er fühlte die Kraft eines Riesen in sich. Er war ein anderer Mensch ohne Furcht und Empfindung, ja, er zeigte, ganz im Gegenteil zu seinem sonstigen Verhalten, schon Ungeduld, noch nicht die Arena betreten zu können. Als der Wagen kam, durchschritt Gallardo, ohne sich wie sonst bei den Frauen aufzuhalten, den Hof. Carmen zeigte sich nicht. Bah, die Frauen! Sie sind nur dazu da, einem das Leben zu verbittern. Dauernde Gefühle und fröhliche Gesellschaft kann man nur bei Männern finden. Da stand sein Schwager, der, obwohl eine lächerliche Plaudertasche, mehr wert war als die ganze Familie. Der verließ ihn niemals. Der Zirkus war bis auf den letzten Platz gefüllt, das große Stiergefecht am Ende der Saison hatte viele Leute, besonders vom Lande, angelockt. Gallardo zeigte gleich vom ersten Augenblick an die nervöse Spannung, die ihn ergriffen hatte. Er lief dem Stier entgegen und hielt ihn mit dem Spiel des Mantels hin, während die Lanzenreiter den Augenblick erwarteten, daß sich das Tier auf ihre Pferde stürzte. Im Publikum bemerkte man eine gewisse Voreingenommenheit gegen den Torero. Man applaudierte ihm wie immer, aber die Beifallsbezeugungen kamen nur von den Schattenzelten, wo die vornehmen Schichten saßen, während auf der Sonnenseite, wo die ärmeren Zuschauer in Hemdärmeln dem Kampfspiel zusahen, Stille herrschte. Gallardo erriet die Gefahr. Mißglückte ihm heute das Wagnis, den Stier gleich tödlich zu treffen, so war er sicher, daß sich die Hälfte des Zirkus gegen ihn erheben, ihn der Undankbarkeit und Vergeßlichkeit gegen diejenigen zeihen würde, die ihn emporgebracht hatten. Er streckte seinen ersten Stier mit etwas mittelmäßigem Geschick zu Boden. Er hatte sich, wie gewöhnlich zwischen die Hörner geworfen, aber der Degen traf den Knochen und glitt ab. Man applaudierte, der Stich war gut gezielt, der Mißerfolg nicht seine Schuld. Er schritt das zweitemal zum Angriff. Die Waffe blieb stecken, doch der Stier schleuderte sie bei seinen Sprüngen bald aus der Wunde. Da nahm er aus der Hand Garabatos eine neue Klinge und ging bis zum Stier, aus dessen Halse das Blut herausfloß, während sein geiferndes Maul den Sand berührte. Der Stierfechter warf seine Muleta über die Augen des Stieres und bog mit der Degenspitze nachlässig die Schäfte der Lanzen, deren Bänder über dem Schädel des Schlachtopfers herabhingen, zurück. Er drückte die Stahlspitze oben auf das Haupt, um die empfindliche Stelle zwischen den Hörnern zu suchen. Er machte eine Bewegung der Anstrengung, um den Degen hineinzustoßen und der Stier zuckte vor Schmerz zusammen, blieb aber stehen und warf den Degen mit einer wilden Kopfbewegung zurück. »Eins« riefen die Zuschauer der Sonnenseite mit spöttischer Betonung. Zum Teufel, weshalb hatten die Leute plötzlich diese Voreingenommenheit gegen ihn? Aufs neue setzte er den Degen an und war ziemlich sicher, den richtigen Fleck getroffen zu haben. Der Stier fiel auch sogleich zu Boden, als hätte ihn der Blitz gefällt und blieb mit ausgestreckten Füßen, die Hörner in den Sand gewühlt, bewegungslos liegen. Die Zuschauer unter dem Sonnenzelt applaudierten alle, während die Leute auf der Sonnenseite in Pfeifen und Schmähungen ausbrachen. Gallardo, der ihnen den Rücken zukehrte, grüßte seine Anhänger mit der Muleta und dem Degen. Die Schmähungen des Volkes, das immer zu ihm gehalten hatte, schmerzten ihn tief und ließen seine Hände vor Wut sich zusammenballen. Er verbrachte einen großen Teil des Stiergefechtes an der Barriere, von wo er geringschätzig auf seine Kameraden blickte, welche er im Gedanken beschuldigte, diese Mißstimmung inspiriert zu haben. Daneben verwünschte er den Stier und den Hirt, der ihn aufgezogen hatte. Er war so entschlossen gewesen, etwas Ungewöhnliches zu vollführen, und diese Bestie hatte ihm keine Gelegenheit gegeben, sich auszuzeichnen. Die Viehzüchter, welche solche Tiere in die Arena schickten, sollten alle geprügelt werden. Als er das zweitemal antrat, befahl er dem Nacional und einem seiner Burschen, den Stier zu den Tribünen der Sonnenseite zu treiben. Eine Bewegung freudiger Überraschung begrüßte dieses Beginnen. Der Augenblick der größten Spannung, der Fall des Stieres, sollte sich diesmal hier und nicht, wie es gewöhnlich geschah, in weiter Entfernung abspielen. Als der Stier so allein auf dieser Seite der Arena stand, stürzte er sich auf den Leichnam eines Pferdes. Er grub seine Hörner in den Bauch des Tieres und schleuderte es weit von sich. Der Kadaver fiel schwer zu Boden und der Stier blieb unschlüssig stehen, um sich dann nochmals auf die blutende Fleischmasse zu stürzen, die er von neuem mit seinen Hörnern bearbeitete, während das Publikum über diese sinnlose Hartnäckigkeit lachte. Doch plötzlich wandte sich alle Aufmerksamkeit Gallardo zu, der gemessenen Schrittes durch die Arena kam. Von allen Tribünen der Sonnenseite erscholl der Beifall, den das Kommen des Toreros ausgelöst hatte. Man winkte ihm von allen Seiten zu, ein jeder wollte, daß der Torero den Stier vor seiner Tribüne erlege, um ja keine Einzelheiten zu verlieren. Gallardo blieb unschlüssig vor den vielen Tausenden der Zurufenden stehen. Mit einem Fuß auf die Barriere gestützt, überlegte er, wo er den Stier am besten zu Boden brächte. Er mußte ihn mehr nach vorwärts locken. Doch behinderte ihn der Kadaver des Pferdes, das mit seinem klaffenden Bauch den Platz vor den Tribünen versperrte. Er wollte gerade dem Nacional sagen, das Tier wegschaffen zu lassen, als er hinter seinem Rücken eine Stimme. vernahm, von der er nicht wußte, wem sie gehörte, die ihn aber veranlaßte, sich sofort umzudrehen. »Guten Abend, Señor Juan, wir werden jetzt Eurer Klinge applaudieren.« In der ersten Reihe der Zuschauer blickte ihm unter einer breiten, tief herabgezogenen Krempe ein feistes, frisch rasiertes Gesicht entgegen. Es schien ein Bauer aus einem Dorfe zu sein, doch Gallardo erkannte ihn sofort: es war Plumitas. Er hatte sein Versprechen gehalten, Gallardo zu sehen, und saß nun ruhig unter diesen 12 000 Personen, welche ihn nicht kannten. Er grüßte den Torero, welcher eine gewisse Freude über diesen Beweis des Zutrauens empfand. Gallardo staunte über seine Kühnheit, nach Sevilla zu kommen, sich in den Zirkus zu setzen, all das nur, um ihn zu sehen. Von ihnen beiden war der Räuber der Mutigere. Er dachte an seinen Hof, der dem Plumitas ausgeliefert war, an den Landaufenthalt, der nur dann ungestört verlief, wenn er mit diesem Mann gute Beziehungen unterhielt. Für ihn wollte er den Stier erlegen. Er lächelte dem Banditen zu, schwenkte die Mütze und rief, zur Menge gewandt, jedoch dem Räuber bedeutungsvoll in die Augen blickend, laut aus: »Euch zu Ehren.« Er warf die Kappe auf die Tribüne und aller Hände streckten sich wetteifernd aus, das Pfand zu erhaschen. Gallardo gab dem Nacional ein Zeichen, den Stier zu ihm zu treiben. Er streckte seine Muleta vor und das Tier eilte mit dumpfem Schnauben darauf los, doch glitt das Tuch durch eine geschickte Bewegung Gallardos über seine Hörner hinweg. »Bravo!« brüllte die Menge, welche schon wieder mit ihrem alten Liebling versöhnt war. Er ließ den Stier an sich vorüberschießen, während ihm die Menge zurief, vorsichtig zu sein. Sein Gegner durfte sich nicht zwischen ihn und die Barriere stellen. Der Rückzug mußte offen bleiben. Der Stier war ungewöhnlich groß und vorsichtig, so daß er ihn nicht recht herankommen ließ. Außerdem kehrte er, als ob er durch den Blutgeruch des zerfleischten Pferdes angelockt würde, immer wieder zu dem Kadaver zurück. Das Spiel mit der Muleta hatte Gallardo in eine etwas ungünstige Stellung gebracht. Das tote Pferd lag hinter ihm, während sein Gegner ruhig vor ihm stand. Er mußte diesen Augenblick benützen, auch das Publikum trieb ihn dazu an. Unter den Zuschauern, welche auf der Rampe standen und sich weit vorbeugten, um nur keine Einzelheiten des entscheidenden Angriffes zu verlieren, erkannte er viele Anhänger aus dem Volke, die er sich schon entfremdet hatte und welche ihm nun aufs neue zujubelten. Gallardo wandte leicht den Kopf zur Seite, um Plumitas zu begrüßen, der ihm mit seinem Mondscheingesicht über den aufgelümmelten Armen freundlich zulächelte. »Für Euch, mein Kamerad.« Er wollte sich mit dem Degen zu dem entscheidenden Stoße nach vorwärts beugen, doch im gleichen Augenblicke glaubte er, daß die Erde zitterte und der Zirkus nach unten versank, während alles um ihn schwarz wurde. Sein Körper, von oben bis unten erschüttert, schien bersten zu wollen. Der Kopf dröhnte, als würde er zerspringen. Eine Todesangst drückte ihm die Brust zusammen ... und er versank, ohne Widerstand leisten zu wollen, in eine schwarze, unergründliche Nacht. Der Stier war im selben Augenblick, als Juan zum Angriff übergehen wollte, gegen ihn losgestürzt, um nochmals das Pferd, das hinter Gallardo lag, zu zerfleischen. Es war ein furchtbarer Zusammenstoß und der in Gold und Seide glänzende Körper rollte in der nächsten Sekunde unter die Füße des wildgewordenen Stieres. Dieser hatte ihn nicht mit der Spitze der Hörner getroffen, aber dennoch war der Zusammenprall fürchterlich, denn Kopf und Hörner, die stärksten Stoßflächen des Stieres, schleuderten den Torero wie eine leichte Feder auf die Erde. Die Bestie, welche es nur auf das Pferd abgesehen hatte, spürte plötzlich ein Hindernis zwischen den Füßen und ließ ihre Wut an der glänzenden Puppe aus, die nun unbeweglich im Sande lag. Ein Horn hob das leblose Bündel in die Höhe, schüttelte es hin und her und ließ es nach einigen Schritten fallen, worauf sich dasselbe Spiel nochmals wiederholte. Entsetzt über die Schnelligkeit, mit der alles geschehen war, blieben die Zuschauer wie unter der Last eines Zentnergewichtes atemlos, ohne einen Laut auszustoßen, sitzen. Diesmal mußte er daran glauben! – Plötzlich durchbrach ein Schrei des Publikums dieses angstvolle Schweigen. Ein roter Mantel, von zwei unerschrockenen Armen gehalten, wurde zwischen die Bestie und ihr Opfer geworfen, um den Stier noch im letzten Augenblicke abzulenken. Es war der Nacional, der, ungeachtet dieser furchtbaren Gefahr, vor den Stier gesprungen war, um diesen an sich zu ziehen und seinen Herrn zu retten. Tatsächlich ging das Tier auf ihn los und ließ den Gestürzten unbeachtet. Der Banderillo lief mit dem Mantel vor den Hörnern des Stieres hin und her, ohne zu wissen, wie er sich aus dieser gefahrvollen Lage befreien würde, jedoch zufrieden, seinen Herrn vor neuen Angriffen gerettet zu haben. Das Publikum vergaß über den Ernst dieses Augenblickes fast ganz den Torero. Auch der Nacional mußte jede Sekunde fallen. Er konnte sich vor den Hörnern nicht mehr flüchten, der Stier hatte ihn sozusagen schon eingegabelt. Die Männer schrien, als könnten ihre Rufe dem Verfolgten helfen, die Frauen weinten vor Angst und verbargen ihr Gesicht in den Händen. Doch der Banderillo sprang im letzten Augenblicke, als der Stier schon den Kopf senkte, um ihn aufzuspießen, zur Seite, während das Tier mit dem Mantel auf den Hörnern blind weiterlief. Die ausgestandene Aufregung machte sich in einem betäubenden Applaus Luft. Die Menge, welche noch im Banne der glücklich abgewendeten Gefahr stand, jubelte dem Nacional laut zu. Es war einer der schönsten Augenblicke seines Lebens. Das Publikum achtete bei diesem Beifall nicht einmal auf den leblosen Körper Gallardos, der im Sande lag, während sich die anderen Toreros und Angestellte des Zirkus um ihn bemühten. Am Abend sprach man in der Stadt nur vom Sturze Gallardos. In vielen Städten wurden Extraausgaben veranstaltet und die Zeitungen von ganz Spanien berichteten ausführlich über das schreckliche Ereignis. Der Telegraph arbeitete gerade so, als wenn eine hervorragende Persönlichkeit das Opfer eines Anschlages geworden wäre. In der Sierpesstraße erzählte man sich die übertriebensten Nachrichten. Der arme Gallardo war schon gestorben, derjenige, welcher diese traurige Nachricht erzählte, hatte ihn selbst im Krankenhause mit gefalteten Händen auf dem Totenbette gesehen. Andere brachten weniger alarmierende Botschaften. Er sei noch nicht gestorben, jedoch müsse man sein Ableben jeden Augenblick erwarten. Wache hatte den Platz vor dem Zirkus umstellt, um die Menge abzuhalten, in das Innere des Gebäudes einzudringen. Die Wartenden baten alle Leute, welche aus dem Zirkus kamen, um Auskunft über den Zustand des Toreros. Der Nacional, welcher noch sein Galakleid trug, zeigte sich mehrmals mit allen Zeichen immer größerer Aufregung, weil noch nichts für den Transport seines Herrn nach Hause geschehen war. Als die Leute den Banderillo sahen, vergaßen sie den Verletzten und brachten ihm neuerliche Ovationen dar. Doch der bescheidene Mann wies jedes Lob zurück. Was war das, was er getan hatte? Der arme Juan, der auf seinem Schmerzenslager mit dem Tode rang, war die Hauptperson. Beim Anbruch der Nacht wurde Gallardo auf einer Bahre aus dem Zirkus getragen. Die Menge folgte schweigend. Der Weg war lang. Der Nacional, der noch immer sein Galakleid trug, beugte sich jeden Augenblick über den Röchelnden und bat die Träger, halt zu machen. Die Ärzte des Zirkus gingen hinterher, mit ihnen der Marquis de Moraima und Don José, Gallardos Vertreter, der halb ohnmächtig in den Armen einiger Klubmitglieder der »Fünfundvierzig« einherwankte. Die Menge war ganz außer sich, als ob einer jener Schicksalsschläge niedergesaust wäre, welcher die ganze Nation trifft und alle Menschen unter dem gleichen Unglück zusammenführt. »Welch' ein Unglück, Herr Marquis«, sagte ein pausbackiger roter Bauer, welcher die Jacke über die Schulter geworfen hatte. Zweimal hatte er seine Dienste angeboten, um die Bahre zu tragen oder nach seiner Art behilflich sein zu können. Der Marquis schaute ihn voll Sympathie an. Es war sicher einer von den vielen Landleuten, welche ihn auf seinen einsamen Ritten zu begrüßen pflegten. »Ja, mein Lieber, ein großes Unglück.« »Und glauben Sie, daß er sterben muß?« »Es ist zu befürchten, wenn ihn nicht ein Wunder rettet.« Und der Marquis legte seinen Arm auf die Schulter des Unbekannten und schien die Trauer zu teilen, welche sich auf dessen Gesichte deutlich ausdrückte. Die Ankunft im Hause Gallardos war eine traurige Szene. Verzweiflungsschreie drangen aus dem Innern, auf der Straße weinten andere Frauen, Nachbarinnen oder Freunde der Familie, da sie Juan schon für tot hielten. Potaje mußte mit anderen Kameraden die Türe versperren, und die Leute mit Püffen und Stößen davon abhalten, in das Innere des Hauses zu dringen. Die Menge blieb auf der Straße und besprach das Ereignis. Alle schauten nach dem Hause, als suchten sie einen Blick durch das Fenster zu werfen. Die Tragbahre wurde in ein Zimmer des Erdgeschoßes gestellt und der Torero mit unendlicher Sorgfalt in ein Bett gehoben. Er war in blutige Tücher und Binden eingewickelt, welche nach starken, antiseptischen Mitteln rochen. Das Gesicht des Verwundeten war bleich wie ein Blatt Papier. Er öffnete die Augen als er eine Hand in der seinigen spürte und lächelte ein wenig, als er Carmen erblickte, welche ebenso weiß wie er war, deren Augen brannten und einen solchen Ausdruck des Schreckens zeigten, als ob dies ihre letzte Stunde wäre. Die besonneren Freunde des Toreros legten sich klugerweise ins Mittel. Carmen mußte sich zurückziehen. Man hatte die Wunden nur notdürftig behandelt und den Ärzten blieb noch viel zu tun. Man brachte die Frauen schließlich dazu, das Zimmer zu verlassen. Der Verletzte gab dem Nacional ein Zeichen mit den Augen, der Gerufene beugte sich über ihn und lauschte auf den leisen Hauch seiner Worte. Als er das Zimmer verließ, sagte er: »Juan will, daß man um Dr. Ruiz telegraphiere«. Doch der Vertreter des Torero erwiderte ihm, diesem Wunsche schon am Nachmittage zuvorgekommen zu sein, als er sich von der Schwere der Verwundung überzeugt hatte. Er war sogar sicher, daß sich der Doktor schon unterwegs befand. Hierauf schickte Don José um die Ärzte, welche dem Verletzten die erste Hilfe im Zirkus geleistet hatten. Nach ihren anfänglichen Befürchtungen zeigten sie sich jetzt hoffnungsvoller. Es war möglich, ihn vielleicht doch durchzubringen ... Am gefährlichsten war der Chok, den er erlitten hatte, der fürchterliche Stoß, der jeden anderen unfehlbar auf der Stelle getötet hätte. Doch hofften sie, er werde aus der Ohnmacht erwachen, obwohl seine Schwäche sehr groß war ... Die Verletzungen machten ihnen weniger Sorge. Vielleicht würde der Arm etwas steif bleiben. Dagegen waren die Wunden am Bein nicht unbedenklich, da Gallardo infolge des mehrfachen Knochenbruches ein kürzeres Bein behalten könnte. Don José, der vor einigen Stunden, als man den Tod des Torero als unabwendbar hinstellte, alle Anstrengungen gemacht hatte, ruhig zu bleiben, geriet bei dieser Nachricht in die größte Aufregung. Was, sein Torero sollte lahm bleiben? Da konnte er ja nicht mehr auftreten! Er wurde über die Ruhe, mit der die Ärzte diese Möglichkeit besprachen, förmlich tobsüchtig. Das durfte nicht sein. Glaubten sie denn, daß Juan leben könne, ohne den Degen zu führen? Wer würde seinen Platz einnehmen? Er wachte die ganze Nacht mit den Männern der Cuadrilla und Gallardos Schwager am Krankenbette. Am nächsten Tage eilte er in der Frühe auf die Station. Der Expreß aus Madrid brachte den so sehnlichst erwarteten Dr. Ruiz. Als er in das Zimmer des Torero trat, öffnete Juan, der am Ende seiner Kräfte zu sein schien, die Augen und ein schwaches, vertrauensvolles Lächeln begrüßte den Arzt. Nach einer kurzen Beratung mit seinen Kollegen trat Dr. Ruiz mit zuversichtlicher Miene an das Bett. »Mut, mein Freund. Alles wird wieder gut werden. Du hast Glück gehabt.« Und gleich darauf fügte er hinzu, indem er sich an seine Kollegen wandte: »Ein Prachtkerl, dieser Juan, ein anderer würde uns jetzt wohl keine Arbeit mehr geben.« Er untersuchte ihn mit größter Gründlichkeit. Es war ein heikler Fall, doch hatte er deren ähnliche schon oft unter der Hand gehabt. Bei Erkrankungen war er nicht recht sicher, seiner Meinung Ausdruck zu geben. Aber die Verletzungen bei Stierkämpfern waren seine Spezialität und hier hatte er die überraschendsten Erfolge. »Wer nicht gleich auf der Stelle stirbt,« pflegte er zu äußern, »kann sagen, daß er davonkommt. Die Heilung ist nur eine Frage der Zeit.« Während dreier Tage mußte Gallardo qualvolle Operationen erdulden, bei denen er vor Schmerz brüllte, da seine Schwäche keine Betäubungsmittel erlaubte. Aus dem einen Bein mußten zahlreiche Splitter des zertrümmerten Schenkelknochens entfernt werden. »Wer sagt, daß du nicht mehr auftreten kannst?« rief der Doktor voll Zufriedenheit aus. »Du wirst weiter Torero bleiben, mein Sohn, und noch viel Applaus vom Publikum ernten.« Don Jose nickte zu diesen Worten. Dasselbe hatte er auch behauptet. Auf Anordnung des Dr. Ruiz war die Familie des Torero in das Haus des Don José übersiedelt. Die Gegenwart der Frauen war in den Stunden der Operationen unerträglich geworden. Ein Schrei des Torero genügte, um wie ein Echo die Klagen der Mutter, der Frau oder der Schwester auszulösen und man mußte Carmen, die sich wie eine Wahnsinnige gebärdete, gewaltsam zurückhalten, an das Bett ihres Gatten zu eilen. Der Schmerz hatte ihren Groll ausgelöscht. Oft trieben ihr die Gewissensbisse Tränen in die Augen, da sie sich als mitschuldig am Unglücksfalle betrachtete. »Ich habe ihn dazu getrieben,« erklärte sie dem Nacional voll Verzweiflung, »wie oft sagte er, ein Stier solle ein Ende mit ihm machen. Ich bin gar schlecht zu ihm gewesen, ich habe ihm das Leben verbittert.« Umsonst schilderte der Nacional alle Einzelheiten des Vorfalles, um ihr zu beweisen, daß hier ein unglückliches Ereignis vorliege. Es war vergeblich. Nach ihrer Überzeugung hatte Gallardo ein Ende machen wollen, und wenn der Banderillo nicht gewesen wäre, so hätten sie ihn tot vom Platze getragen. Nach den Operationen kehrte die Familie wieder ins Haus zurück. Leisen Schrittes und mit gesenkten Augen, als würde sie ihre frühere Feindseligkeit bereuen, betrat Carmen das Zimmer. »Wie geht es dir?« fragte sie und nahm eine Hand Juans in die ihrige. So blieb sie, still und furchtsam, in Gegenwart des Dr. Ruiz und der anderen Freunde, welche nicht vom Bette des Kranken wichen. Wäre sie allein gewesen, so hätte sie sich vor ihrem Gatten niedergekniet und ihn um Verzeihung gebeten. Sie hatte ihn mit ihrer Grausamkeit gereizt und in den Tod getrieben. Das alles sollte vergessen sein. Und ihre Augen blickten ihn mit dem Ausdrucke der Liebe und mütterlicher Zärtlichkeit an. Gallardo schien durch den Schmerz klein geworden zu sein und lag bleich und hilflos wie ein Kind da. Nichts war von seinem Selbstbewußtsein geblieben, das früher oft zu einer Tollheit ausgeartet war, welche die Leute nicht selten in Raserei versetzt hatte. Er beklagte sich über seine erzwungene Ruhe, über die Unbeweglichkeit, zu der ihn sein Bein verurteilte. Er schien durch die furchtbaren Operationen, die er bei vollem Bewußtsein hatte überstehen müssen, ganz eingeschüchtert worden zu sein. Seine frühere Unempfindlichkeit Schmerzen gegenüber war verschwunden und er klagte bei der leisesten Bewegung. Sein Zimmer war in diesen Tagen ein Rendezvous für alle Freunde der Stierfechtkunst geworden. Der Zigarrenrauch vermischte sich mit dem durchdringenden Geruch des Jodoforms und anderer Essenzen. Zahlreiche Weinflaschen, aus denen die Besucher bewirtet wurden, standen zwischen Arzneifläschchen, Wattepäckchen und Verbandstoffen auf dem Tische herum. »Mach dir keine Sorgen«, riefen die Freunde, welche den Torero mit ihrem Optimismus aufzuheitern suchten, »in ein paar Monaten stehst du wieder in der Arena. Du bist in gute Hände gekommen, Dr. Ruiz wirkt Wunder.« Auch sein Arzt war zufrieden. Er blieb mit Don Jose und den Männern der Cuadrilla bis spät in die Nacht am Bette des Verwundeten. Wenn Potaje kam, setzte sich dieser an den Tisch, wo er die Flaschen in Reichweite seiner Hände hatte. Dr. Ruiz, Don José und der Nacional sprachen nur von Stieren. Es war unmöglich, mit Don José zusammenzukommen, ohne nicht dieses Thema zu erörtern. Sie kritisierten die Leistungen aller übrigen Stierfechter, besprachen ihre Vorzüge und ihr Einkommen, während der Torero ihnen zuhörte oder durch ihr Gespräch in einen unruhigen Halbschlaf versenkt wurde. Meistens sprach der Doktor allein, während ihn der Nacional bewundernd anblickte. Was dieser Mann alles wußte! Er sprach, ein volles Glas vor sich, ohne Unterbrechung und hielt nur inne, um seine Kehle durch einen Schluck zu erfrischen. Er erzählte von der jahrhundertalten Vergangenheit des nationalen Festspieles. Nur bei seltenen Anlässen, wenn sich z.B. Könige verheirateten, Friede geschlossen oder eine Kapelle eingeweiht wurde, veranstaltete man solche Feste, welche damals noch nicht regelmäßig wiederholt wurden und auch keine berufsmäßigen Stierkämpfer kannten. Die in Seide gekleideten Reiter stellten sich im Zirkus unter den Augen der Damen den Stieren entgegen, um sie mit den Lanzen zu necken oder umzureiten. Wenn der Stier sie aus dem Sattel schleuderte, zogen sie den Degen und töteten das Tier, ohne sich jedoch an bestimmte Regeln zu halten, wie und wo sie ihn treffen sollten. Wenn der Stierkampf vom Volke veranstaltet wurde, lief die Menge in den Zirkus und stürzte sich auf das Tier, bis es ihnen gelang, es niederzureißen und zu töten. »Die heutigen Stierkämpfe«, fuhr der Doktor fort »waren damals unbekannt, denn die Leute hatten in jenen Tagen andere, der Zeit angemessene Belustigungen. Der kriegerische Sinn des Spaniers konnte sich damals in allen Ländern Europas betätigen und in Amerika gab es immer Platz für tüchtige Leute. Außerdem bot die Religion aufregende Schauspiele genug, bei denen man den Nervenkitzel, sich an den Qualen anderer zu weiden, verkosten und noch dazu einen Nachlaß der Sünden gewinnen konnte. Die Ketzerverbrennungen waren Schauspiele, welche die Stierkämpfe an Interesse weit übertrafen. Die Inquisition wurde das größte Nationalfest.« »Doch kam der Tag,« fuhr Dr. Ruiz mit feinem Lächeln fort, »an welchem die Inquisition ihre Macht verlor. Ja, alles geht in dieser Welt zugrunde. Sie starb an Altersschwäche, ehe sie noch von den revolutionären Gesetzen unterdrückt wurde. Sie war unzeitgemäß geworden und ihre Veranstaltungen konnte man etwa mit dem Erfolge vergleichen, den unsere Stierkämpfer in Norwegen, unter Schnee und grauem Himmel finden dürften. Man schämte sich, Menschen zu verbrennen und dies mit dem Aufputz von Predigten, lächerlicher Kleidung, Beschwörungen und anderem Firlefanz zu umgeben. Die Inquisition begnügte sich, die Leute hinter verschlossenen Türen durchzupeitschen. Gleichzeitig begannen die Spanier, der Kriegsfahrten überdrüssig zu werden und zu Hause zu bleiben. Die vollendete Eroberung Amerikas hatte den Zustrom der Abenteurer eingeschränkt und so konnte sich die Stierfechtkunst entwickeln. Man baute ständige Häuser, um die Stiergefechte darin abzuhalten, es bildeten sich Vereinigungen von Leuten, welche die Kunst der Toreros bestimmten, da die Regeln aufkamen und die einzelnen Klassen der Stierkämpfer, die Banderillos und Toreros, nebeneinander hervortraten. Die Menge fand diese Veranstaltungen nach ihrem Geschmack. Die Reiter, welche früher Adelige waren, wurden nun durch bezahlte Leute ersetzt und das Volk strömte in Massen zu diesen Veranstaltungen. Die Söhne derer, welche früher mit religiös-fanatischer Begeisterung dem Flammentod der Ketzer beigewohnt hatten, begrüßten nun mit lärmender Freude den Kampf der Menschen mit dem Stiere, ein Ringen, das früher oder später mit dem Tode des Menschen enden mußte. War das nicht ein Fortschritt? Ruiz entwickelte seine Ideen weiter. »In der Mitte des 18. Jahrhunderts, als Spanien aufhörte, im Auslande Kriege zu führen oder neue Kolonien zu erwerben, als ferner die religiöse Begeisterung mangels neuer Nahrung erlosch, war die Zeit für die Stierkämpfe gekommen ... Die Volkskraft brauchte neue Wege zur Betätigung ihrer schlummernden Energien, die Wildheit der Menge verlangte nach einem anderen Nervenkitzel, nachdem es durch Jahrhunderte gewohnt war, das aufregende Schauspiel der Ketzerverbrennungen zu sehen. Die Autodafés wurden durch Stiergefechte ersetzt. Derjenige, welcher sich noch vor einem Jahrhundert für Flandern oder Amerika hätte anwerben lassen, wählte den Stierkämpferberuf. Das Volk, welches seine Ausbreitungsmöglichkeit verschlossen sah, gewährte all denen, welche sich Ruhm und Anerkennung erwerben wollten und Mühe oder Gefahren nicht scheuten, die Möglichkeit öffentlicher Betätigung und Anerkennung. »Es ist dies«, erklärte der Doktor, »ein Fortschritt, der ganz unleugbar ist. Der Mensch braucht den Reiz des Bösen, um der Eintönigkeit des Lebens zu entfliehen. Wir wissen sehr wohl, daß der Alkohol ein Übel ist, und dennoch trinken wir ihn fast alle. Die Brutalität läßt in uns innere Kräfte erstehen, welche man nicht verkümmern lassen soll. Zugestanden, die Stierkämpfe sind barbarisch, doch sie sind nicht die einzigen Feste dieser Art auf der Welt. Das Gefallen an grausamen und wilden Spielen ist eine menschliche Eigenheit, welche bei allen Völkern gleichmäßig ausgebildet ist. Deshalb ärgere ich mich, wenn die Fremden nach Spanien blicken, als ob hier allein grausame Veranstaltungen zu finden wären.« Und der Doktor ereiferte sich gegen die Pferderennen, bei denen viel mehr Menschen stürzen als bei Stiergefechten, gegen die modernen sportlichen Veranstaltungen, von denen die Teilnehmer mit gebrochenen Beinen und Nasen weggetragen werden müssen. »Die Stiere und Pferde«, rief er aus, »finden bei diesen Leuten Mitleid, doch in ihrem Lande sehen sie kaltlächelnd zu, wie bei den Rennen die Pferde sich mit gebrochenen Beinen auf dem Rasen herumwälzen, oder sie verteidigen die Grausamkeit des zoologischen Gartens.« Der Doktor ereiferte sich dagegen, daß im Namen der Zivilisation gegen die Stierkämpfe gewettert werde, während gleichzeitig unter dem Deckmantel der gleichen Zivilisation die schädlichsten und unnützesten Tiere in den Tiergärten gehegt, aufgezogen und mit allem Luxus umgeben würden. »Warum das? Die Wissenschaft kennt sie und hat sie studiert. Wenn ihre Ausrottung mancher empfindsamen Seele Schmerz bereitet, weshalb treten diese dann nicht gegen die stillen Tragödien auf, welche sich täglich in den Käfigen der zoologischen Anstalten abspielen? Die zitternden Ziegen werden dem Panther vorgeworfen, der ihre Knochen zermalmt und mit seinem Rachen in ihrem aufgerissenen Bauche herumwühlt. Die armen Kaninchen, welche man den ruhigen und würzigen Bergen entrissen hat, zittern vor Entsetzen unter dem Blicke der Riesenschlange, welche sie mit ihren Augen zu hypnotisieren scheint, um dann ihren Kreis immer enger um sie zu ziehen. Tausende von armen Tieren müssen für den Unterhalt der Raubtiere, die zu nichts dienen, ihr Leben lassen. Und aus diesen Anstalten, welche die Raubtiere zur größeren Ehre der Zivilisation hegen und pflegen, kommen diese Angriffe gegen die spanischen Barbaren, weil mutige und gelenkige Männer einem stolzen und furchtbaren Tiere nach den Regeln einer alten Kunst in offenem Kampfe gegenübertreten und unter lachender Sonne vor den Augen zahlloser Zuschauer ihr Können zeigen. Beim Himmel! Man beschimpft uns, weil wir jetzt wenig gelten. Die Welt ist wie ein Affe, der die Gebärden und Bewegungen seines Herrn nachmacht, jetzt ist England oben und daher sind die Pferderennen in der Mode. Die wirklichen Stierkämpfe kamen zu spät auf, als es mit uns bereits bergab ging, denn sonst würde ganz Europa diesem Spiele huldigen. Man lasse mich mit den Fremden in Ruhe. Ich bewundere sie, weil sie Revolutionen vollbracht haben, was aber die Stiere betrifft, so reden sie nur Unsinn.« Und der leicht erregbare Dr. Ruiz stieß gegen alle Völker, welche das nationale Fest der Spanier verurteilen und dabei gleichzeitig selbst andere blutige Vergnügungen als gerechtfertigt betrachten, ohne sie anders, als durch den Vorwand ihrer Schönheit zu rechtfertigen, die stärksten Verwünschungen aus. Nach zehntägigem Aufenthalte in Sevilla kehrte der Doktor nach Madrid zurück, da die Heilung Gallardos nun rasch vor sich ging. Als das Bein nach einem Monat aus seiner erzwungenen Ruhe befreit wurde, konnte sich der Torero, obwohl er noch hinkte und ziemlich schwach war, schon auf einen Sessel begeben, wo er seine Freunde empfing. Auf seinem Krankenlager und in seinen Fieberträumen hatte ihn ein Gedanke im Wachen und Träumen beherrscht. Er dachte an Doña Sol. Wußte sie von seinem Unglück? Als er sich eines Tages mit Don Jose allein im Zimmer befand, erkühnte er sich, über sie zu sprechen. »Ja,« antwortete der Gefragte, »sie hat sich nach dir erkundigt. Drei Tage nach deinem Unglücksfall hat sie mir ein Telegramm aus Nizza gesandt, wie es dir gehe. Sie hat die Nachricht zweifellos aus den Zeitungen gelesen, denn diese haben überall von dir gesprochen, als wärest du ein König gewesen.« Gallardo war über diese Nachricht einige Tage in guter Laune, doch begann er wieder mit der Dringlichkeit eines Kranken, der glaubt, daß sich die ganze Welt nur um ihn drehe, weitere Fragen zu stellen. Hatte sie nicht geschrieben? Nicht noch einmal nach ihm gefragt? Sein Vertreter wollte das Schweigen der Doña Sol entschuldigen und wies darauf hin, daß sie immer auf Reisen war. Wer weiß, wo sie gerade weilte. Doch die Traurigkeit des Toreros, der sich vergessen wähnte, veranlaßte Don José zu frommen Lügen. Vor einigen Tagen hatte er eine Karte aus Italien mit der Bitte um Nachricht über Gallardo erhalten. »Zeige sie mir«, sagte der Torero ängstlich. Und als sich der Vertreter ausredete, er habe sie zu Hause vergessen, begann er zu bitten: »Bring sie her, ich würde mich so freuen ihre Schrift zu sehen, mich zu überzeugen, daß sie sich meiner erinnerte.« Um aber bei seinen Lügen neuen Schwierigkeiten aus dem Wege zu gehen, erfand Don José eine Korrespondenz, welche niemals in seine Hände gelangte. Seinen Worten zufolge schrieb Doña Sol ihrem Onkel in Angelegenheiten ihres Vermögens und bat ihn dabei um Nachrichten über Gallardo. Ein andermal waren diese Schreiben an ihren Vetter gerichtet und auch hierin hatte sich ein Gruß an den Torero befunden. Gallardo hörte diese Erzählungen ruhig an, schüttelte aber gleichzeitig zweifelnd das Haupt. Wann würde er sie wohl sehen? Ah, diese launenhafte Frau, welche ihn ohne jeden Grund, nur unter dem Zwang ihrer Unstetigkeit verlassen hatte. »Du sollst weniger an Doña Sol und mehr an das Geschäft denken«, sagte ihm sein Vertreter. »Du bist nicht mehr im Bett und schon fast gesund. Wie fühlst du dich? Wirst du wieder auftreten? Du hast den ganzen Winter vor dir, um wieder in Form zu kommen. Wirst du Kontrakte abschließen oder setzt du ein Jahr aus?« Gallardo hob stolz den Kopf, als würde man etwas Unehrenhaftes von ihm verlangen. Er sollte nicht auftreten? Ein ganzes Jahr verstreichen lassen, ohne sich in der Arena zu zeigen? Konnte sich denn das Publikum mit einer so langen Abwesenheit zufrieden geben? »Unterschreibe nur. Bis zum Frühjahre habe ich Zeit. Ich nehme alles an, was man mir bietet. Ich glaube zwar, daß mein Fuß noch lange empfindlich sein wird, aber ich werde, wenn es darauf ankommt, stehen, als wäre er von Eisen.« Zwei Monate vergingen, ehe sich der Torero wieder stark fühlte. Er hinkte leicht und spürte einen gewissen Schmerz in den Armen. Doch lachte er über diese Beschwerden, da er fühlte, wie die Kraft in seinen starken Körper zurückkehrte. Wenn er allein in seiner Wohnung war, stellte er sich vor einen Spiegel und übte die Bewegungen, die er in der Arena vor dem Stier zu machen hatte. Und dabei lächelte er vergnügt, wenn er an die Enttäuschung seiner Feinde dachte, welche ihm seine Berufsunfähigkeit prophezeit hatten. Die Zeit wurde ihm zu lange, er sehnte sich wie ein Anfänger nach dem Beifall der Menge. Um sich zu kräftigen, beschloß er, den Rest des Winters mit seiner Familie auf La Rinconada zu verbringen. Die Jagd und kräftige Märsche kräftigten seine geschwächten Beine. Außerdem wollte er viel reiten, um die Arbeiten zu beaufsichtigen, die Hirten, Herden und Felder zu inspizieren. Die Verwaltung des Hofes war keine gute. Sie kostete ihn mehr als den anderen Grundbesitzern und der Ertrag warf weit weniger ab. Es war eben die Besitzung eines Toreros, der an Ausgaben gewöhnt war, ohne aber trotz seiner großen Einnahmen sparsame Einschränkungen durchzuführen. Seine Reisen während des Jahres und der Unglücksfall, der das ganze Haus in Unordnung und Verwirrung gestürzt hatte, waren der Anlaß zu diesem Rückgang gewesen. Sein Schwager Antonio, der eine Zeitlang mit der Miene eines Diktators auf dem Hofe herumgegangen war, hatte nur den Gang der Arbeiten verzögert und den Unwillen der Arbeiter erregt. Zum Glück konnte Gallardo mit dem Einkommen aus seinen Veranstaltungen diese Lücke verstopfen. Ehe die alte Angustias La Rinconada verließ, bat sie ihren Sohn, am Tage der großen Prozession vor dem Bildnisse der Jungfrau Maria niederzuknien. Es war ein Gelübde, das sie an jenem Abend gemacht hatte, als sie ihn bleich und bewegungslos wie einen Toten auf der Tragbahre erblickt hatte. Wie oft war sie weinend zu dem Bilde der Himmelskönigin gekommen, sie möge ihren Juan nicht vergessen. Das Marienfest wurde ein Ereignis für das Volk. Die Gärtner des Stadtviertels waren von der Mutter des Toreros herangezogen worden, die Kirche mit Blumen auszuschmücken. Der Altar verschwand fast unter der duftenden Last, die Wölbung wurde von Girlanden umspannt und dichte Sträuße hingen an den Lampen herab. Es war ein sonniger Morgen, als Gallardo den Kirchgang antrat. Obwohl es ein Arbeitstag war, füllte sich die Kirche mit den Bewohnern des Bezirkes ; die Bettler hatten sich, als. würde eine Hochzeit gefeiert werden, in doppelten Reihen vor der Türe aufgestellt. Die Mütter erwarteten mit ihren Kleinen auf den Armen ungeduldig die Ankunft Gallardos und seiner Familie. Man zelebrierte ein Hochamt mit Orchester- und Gesangsbegleitung. Hierauf stimmte der Priester das Tedeum an, um Gott für die Rettung Juan Gallardos zu danken, geradeso, als wenn der König nach Sevilla gekommen wäre. Der Zug trat in die Kirche ein und bahnte sich langsam den Weg durch die Menge. Die Mutter und die Frau des Torero gingen voran und die schwere Seide ihrer Röcke knisterte bei jedem Schritte, während sie selbst voll Befangenheit unter ihrem Schleier lächelten. Hinter ihnen kam Gallardo, umgeben von einer großen Schar von Freunden und Toreros, welche alle in helle Farben gekleidet waren. Gallardo war ernst, denn er war ein guter Christ. Er dachte zwar wenig an Gott und fluchte mehr aus Gewohnheit als aus bösem Herzen, doch jetzt war es anders, er wollte der Mutter Gottes danken und so trat er mit der demütigen Miene des Schuldners vor ihr Bild. Alle hatten sich in die Kirche begeben, nur der Nacional nicht. Er war mit seiner Frau und dem Kinde bis vor die Tür gegangen und wartete nun draußen. »Ich bin ein Freigeist,« glaubte er einer Gruppe von Freunden versichern zu müssen, »ich achte einen jeden Glauben, doch was die da drinnen tun, ist für mich wertlos.« Die Klänge der Instrumente und des Gesanges drangen durch die offene Tür, eine sanfte, einschmeichelnde Melodie ertönte, während Blumen und Weihrauch schwer dufteten. Als der Zug die Kirche verließ, stürzten die Armen nach vorwärts und balgten sich um die Geldstücke, welche man ihnen aus vollen Händen zuwarf. Es gab für alle etwas aufzulesen, Gallardo war nicht knauserig. Der Torero erschien in der Kirchentür und führte stolz und lächelnd seine Frau am Arm. Carmen zitterte vor Rührung und zerdrückte eine Träne in ihren Augen. Sie hatte die Empfindung, als würde sie nochmals Hochzeit feiern. VII Als die Karwoche kam, bereitete Gallardo seiner Mutter eine große Freude. In früheren Jahren war der Torero in der Prozession der Pfarre San Lorenzo im Festzuge des Gnadenbildes Jesus del Gran Poder mitgegangen. Es war die Brüderschaft der Reichen und unser Torero, der damals in die Höhe kam, trat hier ein. Er sprach mit Stolz von dem Eifer dieser religiösen Vereinigung. Alles ging hier wie am Schnürchen. Wenn in der Nacht des Gründonnerstages die Uhr der San Lorenzokirche den letzten Schlag der zweiten Morgenstunde tat, öffnete sich die Tür und vor den Augen der draußen harrenden Menge erschien das Innere der hell beleuchteten Kirche, in deren Mitte sich die Brüderschaft versammelt hatte. Alle trugen schwarze Kappen und gingen, zu zwei gepaart, langsamen Schrittes vorwärts, während sie in der einen Hand die Kerze trugen und mit der anderen ihren langen Talar aufrafften. Die Menge betrachtete mit der allen südlichen Völkern eigenen Erregbarkeit den Zug der vermummten Männer, welche, obwohl sie große Herren waren, dennoch aus tief eingewurzelter Frömmigkeit in diesem Bußgange, der sich erst beim Sonnenaufgang auflöste, einherschritten. Es war eine Brüderschaft des Schweigens. Die Teilnehmer durften nicht sprechen und gingen im Zuge der Stadtwache, welche sie vor Belästigungen der Neugierigen schützen sollte, denn es gab Betrunkene mehr als genug. Unermüdlich schritt die Prozession durch die Straßen, in welchen sie als fromme Christen die Passion des Herrn nachahmten. Ihre Wanderung hörte erst am Karsamstag auf, nachdem sie in so und so viel Straßen vor den Stationen des Leidensweges ihre Andacht verrichtet hatten. Wenn die Brüder, welchen das Gebot des Schweigens jede Äußerung untersagte, allein in der Prozession einherschritten, da drängten sich jene Freigeister, welche der Wein jede Achtung vergessen ließ, an sie heran, um ihnen die schwersten Beleidigungen gegen ihre Person und ihre Familie ins Ohr zu murmeln. Die Brüder duldeten dies schweigend und betrachteten diese Schmähungen als ein dem Herrn gebrachtes Opfer. Doch der andere, den diese Haltung ermutigte, verdoppelte seine Lästerungen, bis endlich der Beleidigte in der Erwägung, daß ihm wohl das Wort, aber nicht die Handlung verboten war, ohne ein Wort zu sagen, die schwere Kerze hob und ihm mit deren Ende ein paar tüchtige Schläge gab, sodaß die für die heilige Zeremonie nötige Sammlung jäh unterbrochen wurde. Wenn im Verlauf der Prozession die Träger des Gnadenbildes rasteten und das schwere mit Lichtern besteckte Bild ruhig auf seinem Sockel stand, genügte ein leichter Pfiff, um die Kapuzenträger zum Halten zu veranlassen. Dann standen sich die Paare gegenüber, stützten die Wachskerzen auf einen Fuß und blickten durch den Augenschlitz auf die Menge. Man konnte sie für Personen aus einem Autodafé halten, für Fratzen, deren schwarze Schleppen beim Dahingleiten den Geruch von Weihrauch und den Gestank des Scheiterhaufens entströmen ließen. Die Stöße der Trompeten durchdrangen die Nacht, über den Spitzen der Kapuzen schwankte das Banner der Brüderschaft und zeigte in golddurchsticktem, mit Fransen umränderten Tuche die vier Buchstaben: »S. P. Q. R.« um den Anteil des römischen Statthalters am Tode Christi zu versinnbildlichen. Das Bild des allmächtigen Jesus (Señor del Gran Poder) stand auf einer schweren Unterlage aus getriebenem Metall, worüber ein Tuch gebreitet war, dessen Quasten bis zur Erde herabhingen und so die Füße der zwanzig schweißbedeckten, halbnackten Männer verdeckten, welche das Ganze trugen. An den Ecken glänzten goldene Engel, welche Kerzen hielten, und in der Mitte stand Jesus, ein schmerzbeladener, blutender, dornengekrönter Büßer, den die Last des Kreuzes zu Boden drückte und dessen Tränen über das bleiche, verzehrte Gesicht zur Erde flössen. Schwerer, mit Goldblumen durchwirkter Samt bedeckte seine Gestalt und verlor sich im dichten Faltenwurf der Umhüllung. Die Statue stand auf dem großen Platze inmitten des Kreises, den die Brüderschaft gebildet hatte, und die fromme Gläubigkeit des andalusischen Volkes äußerte sich in Gesang und in langen Klagen. Die Männerstimmen fielen mit ihren schweren und rauhen Klang in den Chor der Frauen ein, alle sangen und blickten dabei das Gnadenbild an, als würden sie ganz allein vor der Statue stehen und auf alle Betenden, welche ringsum waren, vergessen. Taub gegen die anderen Stimmen, ohne den Faden zu verlieren oder sich in den schwierigen Läufen des Weihegesanges gegenseitig unsicher zu machen, beendigte jeder seinen Part. Die vermummten Männer hörten unbeweglich zu und blickten inzwischen auf Christus, der die drei Strophen des Liedes über sich ergehen ließ und unter dem peinigenden Druck des Kreuzes und dem Schmerz der Dornenkrone seine Tränen vergoß. Endlich läutete der Führer des Zuges ein Silberglöckchen, um das Ende des Gesanges anzuzeigen, die Statue wuchs in die Höhe und die Füße der Träger begannen wie Fühlhörner sich am Boden in Bewegung zu setzen. Nach dem Bilde Christi kam die schmerzensreiche Jungfrau, Nuestra Señora del Mayor Dolor. Unter einem Thronhimmel aus Samt schwankte die Krone der schmerzensreichen Gottesmutter, deren Antlitz von Kerzen umstrahlt war. Die Schleppe des Mantels fiel in einer Länge von mehreren Metern über das Gerüst herab und schimmerte im Glänze ihrer schweren, leuchtenden Fransen, in welchen sich die Geschicklichkeit und Geduld einer ganzen Generation erschöpft hatte. Die in ihre Kapuzen vermummten Männer begleiteten das Gnadenbild und das Licht ihrer Kerzen spiegelte sich in den Goldfäden des Mantels, der seine Umgebung mit hellen Farben belebte. Nach den Trommlern kam eine Schar von Frauen. Es waren Greisinnen, welche mühsam daherwankten, eine Auslese müder und kranker Menschen, die ihr Gelübde erfüllen wollten. Nachdem die Brüderschaft langsam durch die Straßen gezogen war und manchen Umweg gemacht hatte, betrat sie wieder die Kathedrale, deren Tore die ganze Nacht offen blieben. Der Schein der Kerzen flog durch das riesenhafte Schiff und ließ die gewaltigen, mit Samt umwundenen Pfeiler wie in goldenen Strahlen hervortreten, ohne aber die dichte Finsternis der Wölbung durchbrechen zu können. Der Zug der Kapuzen kroch wie eine Schar schwarzer Insekten im Scheine der Kerzen und Fackeln am Boden dahin, während oben alles in Finsternis gehüllt war. Ein andermal zogen sie beim Sternenschein aus und die Sonne überraschte die Prozession auf offener Straße, wo ihr Glanz den Schein der Lichter und Fackeln dämpfte, dagegen das Gold auf den Mänteln, die Tränen und den Todesschweiß auf den Gesichtern der Statuen hell erglänzen ließ. Gallardo war ein begeisterter Anhänger der Brüderschaft Jesus del Gran Poder und ihres majestätischen Schweigens. Man konnte über alle anderen Aufzüge lachen, da ihnen der Ernst und die Disziplin fehlte. Die seinige dagegen war über all das hoch erhaben. Er fühlte einen Schauer, wenn er das Gnadenbild des Erlösers betrachtete und den Ernst sah, mit welchem die vermummten Anhänger der Brüderschaft daherzogen. Außerdem traf man in dieser Gesellschaft mit sehr feinen Leuten zusammen. Trotz dieser Erwägung entschloß sich der Torero, dieses Jahr aus seiner Brüderschaft auszutreten und die der Macarena, welche die schmerzensreiche Maria verehrt, um Aufnahme zu bitten. Die alte Angustias freute sich sehr, als sie seine Absicht vernahm. Er tat recht, sich der Jungfrau so zu weihen, denn sie hatte ihn bei seinem letzten Unglück gerettet. Außerdem schmeichelte dieser Schritt ihrer plebejischen Einfachheit. »Jeder hält es mit den Seinigen, Juan. Es ist ja recht schön, daß du mit den vornehmen Herren verkehrst, aber bedenke, daß die Armen dich doch immer gern hatten und schon gegen dich loszogen, weil sie sich von dir vernachlässigt glaubten.« Der Torero wußte dies nur zu gut. Der wilde Sinn des Volkes, das damals in der Arena die billigeren Plätze besetzt hatte, zeigte ihm gegenüber, da es sich zurückgesetzt fühlte, eine gewisse Feindseligkeit. Man bekrittelte seinen Verkehr mit den Reichen und die Abkehr von denen, die seine ersten Bewunderer waren. Um diese Feindseligkeit zu beschwichtigen, bediente sich Gallardo mit der Skrupellosigkeit derer, welche von dem Beifall der Menge leben, aller erdenklichen Mittel. Er hatte den einflußreichsten Mitgliedern der Macarena seine Absicht mitgeteilt, an der Prozession teilzunehmen. Doch sollten sie ja nichts weitererzählen, er tue es aus gläubigem Empfinden und seine Teilnahme solle geheim bleiben. Doch schon nach einigen Tagen sprach man im ganzen Bezirk über diesen Entschluß Gallardos und fühlte sich stolz über diesen Teilnehmer. Gallardo und seine Frau überließen an diesem Tage dem Gnadenbilde ihren ganzen Schmuck. In den Ohren sah man ein paar Gehänge, welche Juan in Madrid mit dem Verdienste einiger Stiergefechte bezahlt hatte. Die Brust der Statue umspannte eine goldene Kette, von der die Ringe und Brillantknöpfe des Torero herabhingen. Über den Grund seiner Handlungsweise befragt, lächelte der Torero bescheiden vor sich hin und betonte, wie sehr er die Jungfrau von jeher verehrt habe. Sie sei ja die Patronin des Bezirkes, in welchem er das Licht der Welt erblickt hatte, und außerdem habe sein Vater jedes Jahr als Soldat den Zug mitgemacht. Es war dies eine Ehre, welche seiner Familie vorbehalten blieb, und wäre er kein Torero, so würde er sich gerne das Kleid des römischen Legionssoldaten angezogen haben, um mit der Lanze in der Hand hinter dem Wagen herzugehen, wie es so viele Gallardos, welche schon in der Erde moderten, getan hatten. Diese Volkstümlichkeit schmeichelte ihm. Er wollte, daß alle von seiner Teilnahme an diesem Zuge wußten und gleichzeitig fürchtete er, daß sich die Nachricht davon durch die Stadt verbreite. Er glaubte an die Jungfrau und wollte sich, mit Hinblick auf die kommenden Gefahren, mit ihr gut stellen, doch zitterte er vor den Späßen seiner Freunde, welche sich in dem Kaffeehaus der Sierpesstraße versammelten. Am Gründonnerstage hörte er mit seiner Frau das nächtliche Miserere in der Kathedrale an. In der großen Kirche brannten nur ein paar Kerzen, die gerade so viel Helligkeit verbreiteten, daß die Menge der Gläubigen nicht im Dunkeln tappen mußte. In den Seitengängen standen die Angehörigen der besseren Gesellschaftskreise, welche sich der Berührung mit der schmutzigen Volksmenge im Schiff entziehen wollten. Auf dem dunklen Chor flackerten, roten Sternen gleich, die paar Kerzen der Musiker und Sänger. Das Miserere von Eslava sandte seine süßen Weisen in diese furchterregende Umgebung von Nacht und Schweigen. Als die Tenorstimme die letzte Strophe beendigte und ihre Klage sich mit dem Rufe: »Jerusalem, Jerusalem!« an der Wölbung verlor, zerstreuten sich die Andächtigen, um in die Straßen zu kommen, welche mit ihren elektrischen Lampen, ihren Sesselreihen und den beleuchteten Balkonen den Eindruck eines Theaters machten. Gallardo kehrte nach Hause zurück, um sich die Kapuze anzulegen. Angustias hatte sich voll Rührung, die sie in ihre eigene Jugend zurückversetzte, um sein Kleid gekümmert. Ah, ihr armer Mann, auch er war in dieser Nacht mit seinen kriegerischen Geräten fortgeeilt, um erst am nächsten Tage mit eingebeultem Helm zurückzukommen, da er mit seinen Waffengefährten alle Weinstuben Sevillas durchgekostet hatte. Der Torero widmete seiner Vermummung die gleiche Sorgfalt, als ginge er in den Kampf. Er legte seidene Socken und Lackschuhe an, nahm dann das lange Überkleid aus weißem Satin und darüber die hohe spitze Kapuze aus grünem Samt, welche bis über die Schultern herabfiel. Auf der einen Seite prangte das Wappen der Brüderschaft in leuchtenden Farben und sorgfältiger Ausführung. Der Torero zog Handschuhe an und griff nach einem langen Stock, dem Zeichen der Brüder in ihrer Korporation: er war aus Stahl, mit grünem Samt beschlagen und endigte oben in einen silbernen Knopf. Es war schon 12 Uhr vorbei, als diese elegante Kapuze durch die belebten Straßen nach der San Gil-Kirche ging. Der Schein der Kerzen und das aus den offenen Türen der Schenken fallende Licht warf einen zitternden Glanz auf die Wände, welche wie im Reflex eines Brandes erglühten. Ehe Gallardo zur Kirche kam, begegnete er in der engen Straße, durch welche die Prozession kommen mußte, die Gesellschaft der »Juden« und die Truppe der »römischen Soldaten«, welche, um ihre militärische Disziplin zu zeigen, den Marschschritt auf der Stelle einübten, wo sie standen, während der Trommler unermüdlich seinen Wirbel schlug. Es waren junge und alte Männer, welche sich den Helm über ihr Haupt gestülpt hatten und einen braunen Kittel trugen. Die Beine steckten in fleischfarbigen Trikots, um die Füße waren Sandalen gewunden. Im Gürtel hing das römische Schwert, die Lanze baumelte, durch eine Schnur festgehalten, über die Schulter. Vor der Schar flatterte das römische Banner mit seiner lateinischen Aufschrift und bewegte sich mit der übrigen Schar im Takte des Trommelwirbels. An der Spitze der Soldaten stand, den Degen in der Hand, der Hauptmann, welcher sich Chivo nannte. Er war ein Zigeunersänger, der diesen Morgen aus Paris gekommen war, um sich an die Spitze seiner Soldaten zu stellen. Ein Versäumen dieser Pflicht würde Verzicht auf den Hauptmannstitel bedeutet haben, ein Rang, den Chivo auf allen Plakaten der music-halls in Paris, wo er mit seinen Töchtern sang und tanzte, führte. Die Mädchen waren graziös und beweglich wie Eidechsen und setzten die Männer durch ihre feurigen Augen, ihre zarten Körper und ihre unheimliche Beweglichkeit in helle Begeisterung. Die ältere hatte ein großes Glück gemacht, indem sie mit einem russischen Fürsten durchging, worauf die Zeitungen von Paris tagelang von der Verzweiflung des »braven Offiziers der spanischen Armee« sprachen, welcher seine Ehre mit Blut rächen wollte Auf einem Boulevardtheater hatte man sogar eine Operette über den Raub der Zigeunerin gespielt und Torerotänze mit anderem Lokalkolorit auf die Bühne gebracht. Der Chivo versöhnte sich schließlich mit diesem Schwiegersohn zur Linken. Sein Hauptmannstitel lockte vielen Fremden ein bedeutungsvolles Lächeln auf die Lippen: »Ja, ja, Spanien ist weit heruntergekommen, da es seine Soldaten nicht bezahlt und sie zwingt, ihre Töchter tanzen zu lassen«. Wenn die Karwoche kam, trennte sich der Hauptmann mit der Geste eines strengen Vaters von seinen Töchtern, eilte nach Sevilla und dachte voll Stolz an seine Vorfahren, welche alle Anführer der »Juden« gewesen waren. Bei einer Ziehung der Stadtlotterie fiel der Treffer von 10 000 Pesetas auf sein Los und er gab das ganze Geld für eine Uniform aus, die seinen Rang zum Ausdruck brachte. Die Frauen des Bezirkes liefen ihm nach und gafften ihn an, wenn er in seiner Rüstung und mit dem Helm, von dem ein weißer Federbusch herabhing, dastand, während der große, polierte Schild die Lichter der ganzen Prozession reflektierte. Unter dem Helm, der durch den weißen Federschmuck das dunkle Zigeunergesicht noch deutlicher hervortreten ließ, sah man den Backenbart, das Kennzeichen der Zigeuner. Das war nicht militärisch, sogar der Hauptmann gestand es offen ein, aber er mußte nach Paris zurück und war gezwungen, seinem Berufe Konzessionen zu machen. Der Chivo schaute rechts und links herum und gab dann seine Befehle, worauf die Schar der Soldaten langsam vorwärts rückte. In jeder Gasse fand man Schenken und in der offenen Tür zeigten sich fröhliche Zecher, welche durch Becherleeren den Leidensweg des Herrn und seinen Tod zu vergessen suchten. Sobald sie aber den stattlichen Krieger sahen, grüßten sie ihn und boten ihm einen guten Trunk aus ihrem Becher an. Der Hauptmann verbarg seine Verwirrung, wandte den Blick ab und reckte sich in seiner metallenen Rüstung höher auf. Ja, wenn er keinen Dienst hätte! Andere, welche dreister waren, liefen über die Straße und hielten ihm das Glas unter den Helm, um ihn so durch den Duft des Weines zu verlocken. Aber der unbestechliche Zenturio bog sich nach rückwärts und streckte ihnen die Spitze seines Schwertes entgegen. Er mußte seine Pflicht tun. Dieses Jahr durfte es nicht so hergehen wie in den vergangenen, wo die Kompagnie sich gleich nach ihrem Auszug aufgelöst hatte und auf ihren schwankenden Füßen kaum mehr Schritt halten konnte. Der Marsch durch die Straßen bedeutete für den Hauptmann einen wahren Leidensweg. Er spürte die Hitze unter seiner Rüstung und dachte schließlich, daß sich die Disziplin wegen eines einzigen Schluckes nicht lockern würde. Er nahm ein Glas an, dann ein zweites und bald lösten sich die Reihen auf, so daß man zahlreiche Nachzügler sah, welche bei jeder Schenke kürzeren oder längeren Aufenthalt nahmen. Die Prozession ging, wie es Brauch war, nur langsam durch die Straßen und hielt ganze Stunden vor den Stationen des Kreuzweges. Sie hatte keine Eile, es war Mitternacht und der Zug der Macarena kehrte erst nächsten Mittag heim. Zuerst kam der Wagen mit der Szene der Verurteilung Christi. Man sah da Pilatus, umgeben von zahlreichen Figuren, auf goldenem Throne sitzen, Soldaten und Troßknechte in buntfarbigen Kitteln und buschigen Helmen drängten sich um den Erlöser, welcher mit einer dunklen Samttunika bekleidet war und eine Aureole von drei vergoldeten Federn über der Dornenkrone trug. Da diese Szene so viele Figuren hatte und mit Äußerlichkeiten überladen war, erregte sie weniger Aufmerksamkeit und wurde gleichsam durch das nachfolgende Bild verdrängt: Es war die Königin des gläubigen Volkes, die Virgen de la Esperanza, la Macarena. Wenn das Gnadenbild mit seinem lächelnden Antlitz und langen Augenwimpern die Kirche San Gil verließ, da begrüßte ein immer stärker werdendes Gemurmel der auf dem Platze versammelten Volksmenge die Gottesmutter. Wie schön war sie, ihr taten die Jahre nichts an. Der glänzende weite Mantel, der mit reicher Stickerei verbrämt war und die Maschen eines Netzes nachzeichnete, fiel wie der schillernde Schweif eines gigantischen Pfaues nach rückwärts über den Tragrahmen herab. Die gläsernen Augen der Statue erglänzten, als würden sie aus Rührung über die Zurufe der Gläubigen weinen. Dazu kam das Glitzern der Kleinodien, welche den Körper bedeckten und sozusagen einen goldenen, mit Edelsteinen besetzten Panzer über den Samt legten. Die Jungfrau schien in einem Regen von funkelnden Tropfen, die in allen Farben des Regenbogens schimmerten, zu stehen. Um den Hals wanden sich Perlenschnüre und Goldketten, an denen Dutzende von Ringen hingen, welche bei jeder Erschütterung ein magisches Glitzern sehen ließen. Die Tunika und der vordere Teil des Mantels waren mit Geschmeide bedeckt, unter denen Smaragde Brillantgehänge und Ringe mit großen Steinen das Auge blendeten. Alle Gläubigen liehen ihren Schmuck her, um ihn auf dem Bilde der Himmelskönigin leuchten zu sehen. Die Frauen verzichteten für diese Nacht auf ihre Ringe und freuten sich, daß die Jungfrau ein Geschmeide tragen würde, das sonst ihr Stolz war. Die Zuschauer kannten diese Schmuckstücke, da sie sie alle Jahre sahen, und teilten sich ihre Wahrnehmungen mit, sobald sie neue bemerkten. Diesmal konnten sich die Blicke der Frauen kaum von zwei selten großen Perlen und einer Reihe von Ringen trennen. Sie gehörten einem Mädchen, das vor zwei Jahren nach Madrid gegangen und mit einem alten, reichen Manne zurückgekommen war. Was die Kleine für ein Glück hatte ... Gallardo ging mit verhülltem Antlitz, in der Hand den Stock, im Zuge seiner Mitbrüder dem Gnadenbilde voran. Andere Mitglieder der Vereinigung trugen große, mit goldenen Quasten geschmückte Trompeten. Sie hoben das Mundstück ihrer Instrumente zum Ausschnitt, der die Lippen freiließ, und herzzerreißende Töne durchschnitten das Schweigen. Aber dieses durchdringende Geblase erweckte kein Echo in den Herzen der Zuhörer, noch weniger ließ es die Versammelten an den Tod denken. Aus den einsamen und dunklen Gassen brachte der Wind den Duft der frühlingsprangenden Gärten, Blüten und Blumen, welche in Töpfen und Vasen die Balkone schmückten. Der Himmel erglänzte im hellen Lichte des Mondes, der sein rundes Antlitz zwischen den weißen Schäfchenwolken zeigte, Der düstere Zug schien sozusagen gegen die Strömung der Natur anzukämpfen und mit jedem Schritt seine ernste, an ein Begräbnis gemahnende Feierlichkeit einzubüßen. Umsonst jammerten die Trompeten ihr Gestöhne in die Nacht und leierten die Sänger ihre Noten herunter, vergeblich zeigten die rohen Soldaten ihr finsteres Henkergesicht. Die Frühlingsnacht lachte und verbreitete überallhin ihren süßen Duft. Niemand konnte an den Tod denken. Die Statue der Jungfrau war von ihren begeistertsten Verehrern umgeben. Man sah Landleute und Gärtner aus der Umgebung der Stadt mit ihren Frauen, welche Kinder an der Hand führten. Daneben standen Burschen des Bezirkes in ihrer Sonntagskleidung und mit herausfordernden Mienen, als ob sich jemand fände, der dem Bilde seine Ehrerbietung verweigern wollte und die Jungfrau des Schutzes ihrer Fäuste bedürfte. Sie gingen alle durcheinander, drückten sich in den Straßen zwischen dem Bilde und der Mauer hindurch, hatten aber immer ihre Augen auf die Jungfrau gerichtet, riefen sie an und sagten ihr Sprüchlein über ihre Schönheit und Wunderkraft her, all das mit der Ungezwungenheit ihres vom Wein erhitzten Gemütes und der Einfalt ihrer kindlichen Denkungsart. Der Zug hielt mit dem Bilde alle 50 Schritte an. Man hatte keine Eile, die Nacht war lang. In vielen Häusern verlangte man, daß das Bild stehen bleibe, um es mit Muße zu betrachten. Als der Gesang verstummte, brachen die Zuhörer in begeisterte Rufe aus. Der Wein kreiste am Fuße des Gnadenbildes und die wildesten der Zuhörer schwenkten ihm den Hut entgegen, als wäre die Statue ein hübsches Mädchen. Vor dem Wagen ging ein Bursche in brauner Tunika und mit einer Dornenkrone auf dem Haupte. Er war barfuß und keuchte unter der Last eines schweren Kreuzes. Wenn er nach längerer Rast das Bild der Jungfrau wieder einholen wollte, halfen ihm mitleidige Seelen, seine drückende Bürde zu tragen. Die Frauen seufzten, als sie ihn sahen und bemitleideten ihn. Armer Kerl! Mit welch heiligem Eifer war er bei seinem Bußwerke. Alle im Bezirke gedachten noch seines gotteslästerlichen Frevels. Der verdammte Wein war schuld daran gewesen. Als vor drei Jahren die Prozession der Macarena in die Kirche zurückkehrte, da hatte jener Sünder das Gnadenbild vor einer Schenke des Marktplatzes halten lassen. Er sang der Jungfrau zu Ehren ein Lied und sagte ihr dann in seiner heiligen Begeisterung zärtlichste Liebesworte. Er verehrte sie mehr wie seine Braut. Um seinem Glauben mehr Ausdruck zu verleihen, wollte er ihr das, was er in den Händen hielt, vor die Füße werfen. Er glaubte, es sei sein Hut, doch ein Glas zerbrach auf dem Antlitz der Gottesmutter. Man brachte ihn wimmernd in den Kerker ... Er zitterte vor Furcht beim Gedanken an die langjährige Kerkerstrafe, die ihn wegen Religionsfrevels erwartete. Er weinte vor Reue über sein Vergehen, und als sich schließlich auch die Geistlichkeit für ihn verwendete, kam er gegen das Versprechen einer schweren Buße ohne Strafe davon. Schweißbedeckt und keuchend schleppte er sein Kreuz, welches er, sobald die Last auf der einen Schulter zu schwer wurde, auf die andere legte. Die Weiber weinten mit der dem Süden eigenen Erregbarkeit, die sich gerne in dramatischen Manifestationen äußert, über diesen Beweis demütiger Bußfertigkeit. Seine Kameraden bemitleideten ihn, ohne es zu wagen, seiner zu spotten, und boten ihm Wein an. Er sei ja schon nahe daran, vor Ermüdung umzufallen, er brauche eine Erfrischung, sie wollten ihn ja nicht verspotten, sondern helfen. Der Büßer aber wendete seine Augen ab von den Gaben, die man ihm anbot, und richtete sie auf die Jungfrau. Er würde am nächsten Tage trinken können, wenn die Macarena wieder in der Kirche thronte. Das Gnadenbild stand noch in einer Straße des Feriabezirkes und die Spitze der Prozession hatte bereits das Zentrum von Sevilla erreicht. Die Kapuzenträger und die Schar der Soldaten waren mit kriegerischer Schlauheit, wie ein Heer, das zum Angriff geht, vorangeeilt, sie wollten die Campana und mit dieser die Sierpesstraße gewinnen, ehe sich noch eine andere Brüderschaft hier ausbreitete. Befand sich diese Straße einmal in ihrem Besitz, konnten sie ruhig warten, bis der Zug mit dem Gnadenbilde kam. Ihre Brüderschaft besetzte alle Jahre diese Straße und hielt sie dann, ohne sich um die Proteste der anderen Vereinigungen zu kümmern, abgesperrt. Denn deren Bilder konnten sich mit der Macarena nicht vergleichen und waren deshalb infolge ihrer Bedeutungslosigkeit dazu verurteilt, hinter ihr zu kommen. Die Trommeln der Truppe des Hauptmannes Chivo rasselten beim Eingang in die Campanastraße, als gleichzeitig die schwarzen Kapuzen einer anderen Brüderschaft, welche sich ebenfalls ihre Rechte sichern wollte, auftauchten. Die Menge zwischen den beiden Prozessionen wartete neugierig, denn es mußte gleich zum Kampfe kommen. Die »Macarenos«, welche die Prozession begleiteten, eröffneten die Feindseligkeiten mit Kerzen und Stöcken. Inzwischen aber ließ der Hauptmann Chivo, schlau wie ein Eroberer, eine strategische Schwenkung ausführen und besetzte die Campanastraße, während seine Trommler unter dem Beifall der Hilfstruppen des Stadtviertels diesen Erfolg mit fröhlichem Gerassel begleiteten. Die Sierpesstraße war in einen Salon verwandelt. Auf den Balkonen drängten sich Zuschauer, elektrische Lampen hingen von den Kabeln, welche zwischen den beiden Häuserreihen gespannt waren, herab, alle Kaffeehäuser und Geschäfte erstrahlten in hellstem Lichte, aus den Fenstern blickten Zuschauer und an den Mauern standen lange Sesselreihen, in denen sich die Leute zusammendrängten und über die Sitzenden hinwegstolperten, wenn ein ferner Trompetenklang und Trommelwirbel das Herannahen der Gnadenbilder verkündete. Diese Nacht schlief niemand und alle blieben auf, um bei Tagesanbruch den Zug der zahllosen Prozessionen zu sehen. Es war schon drei Uhr früh und nichts deutete auf eine so vorgerückte Stunde hin. Die Leute warteten eifrig plaudernd in den Kaffeehäusern und Schenken auf das Eintreffen der Prozession, Verkäufer boten Erfrischungen und Leckereien an, ganze Familien saßen seit 2 Uhr nachmittags da und betrachteten den Zug der vielen Brüderschaften mit ihren Prunkmänteln und Statuen, deren reicher Schmuck Ausrufe der Bewunderung auslöste. Es war eine ganz eigene Welt, welche mit ihren seltsamen Bildern, den blutigen oder weinenden Gesichtern, kraß mit dem Luxus der Kleider und dem prachtvollen Schmuck, den sie trugen, kontrastierte. Die Fremden, welche durch diese seltsame Tour, bei der eigentlich nur die Bildwerke das Element der Trauer versinnbildlichten, angelockt worden waren, hörten von den Sevillanern die den Zug betreffenden Erklärungen und Namen. Sie sahen die Bilder der verschiedenen Prozessionen und Kirchen langsam vorüberziehen. Auf dem San Franciscoplatz blieben alle Träger stehen und grüßten die vornehmen Fremden und Würdenträger, welche das Fest durch ihre Gegenwart beehrten, mit tiefen Verbeugungen. Gleich hinter den Bildergruppen kamen Burschen mit Wasserkrügen. Hielt der Zug an, so hob sich ein Zipfel des samtenen Überwurfes und es zeigten sich 20 bis 30 schweißbedeckte, halbnackte Männer, deren Gesichter vor Anstrengung hochrot gefärbt waren und äußerste Erschöpfung erkennen ließen. Es waren die Träger, welche gierig nach Wasser verlangten. Wenn sich zufällig eine Schenke in der Nähe befand, so revoltierten sie gegen den Führer und wollten Wein. Sie waren gezwungen, viele Stunden in dem engen Traggehäuse zu bleiben und konnten nur gebückt essen oder trinken. Diese Defilierung einer schwerfälligen Prunkentfaltung dauerte die ganze Nacht hindurch. Doch umsonst sandten die Trompeten ihre klagenden Töne in die Luft und forderten das Mitleid über den ungerechten, rührenden Tod Gottes heraus. Die Natur blieb ungerührt. Der Fluß plätscherte leise unter den Brücken und breitete seine glänzenden Flächen zwischen den schweigenden Wiesen aus. Die Orangenblüten öffneten tausend weiße Kelche und versandten einen süßen Duft. Die Palmenbäume wiegten ihre Fächerkronen über den maurischen Zinnen des Alcazar, die Giralda stieg wie ein blaues Gespenst zum Himmel auf und verdeckte ihn durch ihre Konturen. Der Mond schien, trunken von diesen nächtlichen Düften, auf die Stadt herabzulächeln, deren Bewohner unter dem Vorwand, die Erinnerung an einen längst vergangenen Todestag zu begehen, endlose Feste veranstalteten. Jesus war tot: für ihn kleideten sich die Frauen in Schwarz und legten die Männer diese spitzzulaufenden Mäntel an, welche ihnen das Aussehen von seltsamen Insekten verliehen. Die Trompeten verkündeten diese Botschaft mit ihrem theatralischen Klageton, die Kirche tat es durch ihr finsteres Schweigen und ihre schwarzverhüllten Türen. Und der Fluß plätscherte leise weiter, als würde er einsame Paare einladen, sich an seinem Ufer niederzulassen. Die Palmen schaukelten ungerührt ihre breiten Wipfel und die Orangen hauchten ihren verführerischen Duft aus, als würden sie nur die Welt der Liebe, welche allein Leben und Freude betont, anerkennen. Der Mond blieb teilnahmslos, der Turm, welchem die Nacht einen bläulichen Schimmer verliehen hatte, verlor sich im Geheimnis der Dunkelheit und dachte mit dem einfältigen Sinn der unbelebten Wesen, daß die Ideen der Menschen sich mit den Jahrhunderten verändern, denn diejenigen, welche ihn aus dem Nichts geschaffen hatten, waren einem anderen Glauben ergeben. Die Menge drängte sich mit fröhlicher Neugier in die Sierpesstraße. Die Bilder der Macarena, welche jetzt eine kompakte Prozession bildeten, marschierten mit Musikanten vorbei. Doppelt laut rasselten die Trommeln, schmetterten die Trompeten und lärmte die unruhige Schar der »Macarenos«. Die Leute in den Sesseln standen auf, um den Zug besser zu sehen. Die Straße füllte sich plötzlich mit jungen Burschen, welche ihre Stöcke schwangen und der Jungfrau Hochrufe darbrachten. Ärmlich gekleidete Frauen gestikulierten mit ihren Armen, als sie sich plötzlich im Mittelpunkte Sevillas, der Sierpesstraße, sahen, durch welche sie sonst nur manchmal am Abend gingen. Ihr Schreien holte in dieser Nacht nach, was ihnen an anderen Tagen verwehrt war. Alle riefen, indem sie in die Kaffeehäuser und Klubs drangen: »Wir sind die Macarenos, Ruhm und Ehre der Jungfrau!« Einige Frauen zogen ihre Männer, die ihnen auf schwankenden Beinen und mit gesenktem Haupte folgten, hinter sich her. »Nach Hause!« ... Aber der schwankende Macareno sträubte sich mit seiner weinschweren Stimme: »Laß mich, Frau, ich will vorher noch ein Lied singen«. – Er hustete, hob die Hand zu seiner Kehle und begann, die Augen auf das Bild gerichtet, zu singen. Es schien, als ob eine Woge des Wahnsinns durch diese enge Straße geflutet wäre, als hätte sich dort eine Horde Betrunkener niedergelassen. Hundert Stimmen sangen gleichzeitig, jede in einer anderen Tonart und in einem anderen Rythmus. Bleiche, schweißbedeckte Burschen schleppten sich, auf die Schulter ihrer Kameraden gestützt, als gingen sie ihren letzten Gang, bis an das Traggestell des Bildes und fingen nun mit ersterbender Stimme ihr Preislied an. Beim Eingang der Sierpesstraße lagen zahlreiche Macarenos auf dem Bauche, als wären sie die Toten dieser ruhmreichen Expedition. Der Nacional betrachtete von der Tür eines Kaffeehauses mit seiner Familie den Zug der Brüderschaft. »Aberglaube und Rückständigkeit.« Doch auch er folgte der Gewohnheit und schaute sich alle Jahre den Zug der Macarenos an. Gallardo blieb ihm infolge seiner hohen Gestalt und der etwas theatralischen Art, mit der der Torero diese an die Inquisition gemahnende Kleidung trug, nicht lange verborgen. »Juan, die Leute sollen Halt machen, im Kaffeehaus sind fremde Damen, welche gerne das Bild der hl. Jungfrau sehen möchten.« Die Plattform, auf welcher das Bild thronte, blieb einen Augenblick unbeweglich stehen, dann begann die Musik einen lustigen Marsch zu spielen und zugleich fingen die unter dem Samtteppich verborgenen Träger an, nach dem Takte der Musik zu tanzen, so daß die Plattform mit dem darauf befindlichen Bild in schwankende Bewegung geriet und die Leute rechts und links an die Wand drückte. Die Jungfrau tanzte mit all der Last ihres Geschmeides und der Blumen, die sie trug. Die Macarenos hatten dieses Kunststück sorgfältig eingeübt und waren auch nicht wenig stolz darauf. Die wackeren Burschen des Stadtviertels hielten den Rahmen an beiden Seiten fest und riefen, während sie allen Bewegungen folgten, voll Genugtuung über ihre Geschicklichkeit und Kraft aus: »Aufgepaßt, das ist der Tanz der Macarenos!« Und als die Musik schwieg und das schwere Bild zur Ruhe kam, da brach der Beifall roh und wild los, man ließ die Statue der Macarena, der Heiligen, der Einzigen, immer wieder hoch leben. Die Brüderschaft setzte ihren Weg fort, wobei sie in allen Schenken Nachzügler und auf allen Straßen schwer berauschte Männer liegen ließ. Als die Sonne aufging, überraschte sie den Zug am anderen Ende Sevillas. Das Bild und seine Begleiter glichen im hellen Lichte des Morgens einer zügellosen, von einer Orgie heimkehrenden Schar. Die Träger hatten nämlich die zwei Statuen inmitten des Marktplatzes stehen lassen und begrüßten nun den Morgen in der Schenke, wo sie Branntwein auftischen ließen. Gallardo verließ die Prozession gleich nach Sonnenaufgang. Er hatte der Jungfrau während der Nacht genug Gefolgschaft geleistet und war überzeugt, sie würde sich dessen sicherlich erinnern. Außerdem bedeutete dieser letzte Teil des Festzuges, die Rückkehr nach San Gil, den unangenehmsten Teil der langen Feier. Die Leute, welche eben aufgestanden waren, verspotteten die Vermummten, welche im Sonnenlicht doppelt lächerlich aussahen und deutliche Spuren des Weingenusses und der durchtollten Nacht aufwiesen. Es war nicht ratsam, daß man den Torero in der Schar dieser Trunkenbolde zu sehen bekam. Frau Angustias erwartete ihn im Hofe des Hauses und half ihm beim Umkleiden. Er mußte sich ausruhen, nachdem er seine Pflicht der Jungfrau gegenüber erfüllt hatte. Ostersonntag war der erste Stierkampf nach seinem Unglücksfall. Welch entsetzlicher Beruf! Man kam niemals zur Ruhe und nach dieser kurzen Periode des Ausspannens und des Friedens sahen die armen Frauen ihre Martern aufs neue erstehen. Während des Karsamstages und am Sonntag in der Frühe empfing der Torero die Besuche seiner Freunde und Anhänger, welche von auswärts nach Sevilla gekommen waren. Alle versicherten ihm ihre feste Zuversicht und freuten sich auf seine heutigen Taten. Gallardo teilte ihre Stimmung, der lange Aufenthalt auf dem Lande hatte ihn gestärkt. Er war wieder so kräftig, wie vor seinem Unglücksfall, an den ihn nur eine zeitweilige Schwäche in dem getroffenen Bein erinnerte. Doch auch diese spürte er nur nach langen Märschen. »Ich werde tun, was in meinen Kräften steht«, versprach Gallardo mit falscher Bescheidenheit. »Ich glaube, daß ich nicht schlecht abschneiden werde.« Doch das Gespräch wandte sich einem anderen Gegenstande zu und selbst die Anhänger Gallardos vergaßen einen Augenblick auf den Stierkampf und erörterten ein Gerücht, das die Runde durch die Stadt machte. Gendarmen hatten auf einem Berge der Provinz Cordoba einen stark verwesten Leichnam gefunden, dessen Kopf durch einen Gewehrschuß fast ganz zertrümmert war. Es war unmöglich, den Toten zu erkennen, doch seine Kleider und sein Karabiner wiesen darauf hin, daß es Plumitas war. Gallardo hörte schweigend zu. Er hatte den Banditen seit seiner Verletzung nicht mehr gesehen, ihn jedoch in gutem Angedenken behalten. Von seinen Leuten auf dem Hofe wußte er, daß der Plumitas während seiner Rekonvaleszenz zweimal nach La Rinconada gekommen war, um sich nach ihm zu erkundigen. Und als er dann später auf seinem Landgut wohnte, berichteten ihm seine Hirten und Taglöhner verstohlenerweise vom Plumitas, der ihnen begegnet war und ihnen Grüße für Señor Juan aufgetragen hatte. Armer Teufel. Gallardo bemitleidete ihn, da er sich seiner Ahnungen erinnerte. Die Behörden hatten ihn nicht erwischt. Er war während des Schlafes von einem seiner Freunde oder »Vertrauten« ermordet worden, von einem derer, die ihm auflauerten, um sich den ausgesetzten Preis zu verdienen. Am Sonntag war Gallardos Gang in den Zirkus ungleich aufregender wie sonst. Carmen machte Anstrengungen, um ruhig zu erscheinen und blieb sogar im Zimmer, als Garabato seinen Herrn ankleidete. Sie lächelte mit schmerzgequältem Ausdruck. Sie zwang sich zur Heiterkeit, weil sie bei ihrem Manne die gleiche Absicht zu erkennen glaubte. Die alte Angustias hielt sich in der Nähe des Zimmers auf, um ihren Juan, gleichsam als ginge er für immer weg, noch einmal zu sehen. Als Gallardo in den Hof kam, schlang die Mutter die Arme um seinen Hals, während sie Tränen vergoß. Sie sprach kein Wort, doch ihre tiefen Seufzer schienen ihre Gedanken zu enthüllen. Er trat zum erstenmale nach seiner Verwundung, und dazu noch am selben Platze, vor das Publikum. Ihr abergläubisches Gemüt bäumte sich gegen diese Herausforderung des Schicksals auf. Ach, wann würde er doch endlich dieses verfluchte Handwerk aufgeben? Hatte er denn noch immer nicht Geld genug? Carmen war stärker, sie weinte nicht. Sie begleitete ihren Gatten bis an die Türe und suchte ihn aufzuheitern. Denn da nach Juans Unglücksfall ihre Liebe wieder entstanden war und sie in neuem Eheglück mitsammen lebten, glaubte sie nicht, daß ein zweiter Schlag sie treffen würde. Der erste war ein Werk Gottes gewesen, der oft Gutes aus Bösem erstehen ließ und sie durch diese Tage des Schmerzes wieder zusammengebracht hatte. Juan würde wieder wie früher auftreten und gesund nach Hause kommen. »Viel Glück auf den Weg!« Und mit liebevollen Blicken schaute sie der Kutsche nach, die; gefolgt von Straßenjungen, welche von der prunkvollen Kleidung der Stierfechter begeistert waren, schnell davonrollte. Als sie allein war, ging die arme Frau auf ihr Zimmer und zündete eine Kerze vor dem Bilde der hoffnungsreichen Mutter Gottes an. Sie kamen in den Zirkus und eine lärmende Ovation, ein endloses Händeklatschen empfing die Cuadrilla. All das galt Gallardo. Das Publikum grüßte sein erstes Auftreten nach seinem furchtbaren Sturze, der die ganze Halbinsel in Aufregung versetzt hatte. Als der Moment für Gallardo kam, dem ersten Stier entgegenzutreten, steigerte sich der Beifall zum Enthusiasmus. Die Frauen in weißer Mantilla folgten seinem Einzug mit dem Opernglase, die Besucher auf den billigen Plätzen begrüßten ihn mit derselben Wärme wie die Reichen. Selbst seine Feinde fühlten sich durch diesen plötzlichen Ausbruch der Begeisterung fortgerissen. Armer Bursche, er hatte so viel gelitten ... Der ganze Platz war für ihn. Niemals hatte Gallardo das Publikum so für sich gehabt wie jetzt. Er hob die Kappe vor der Präsidentenloge um die Zuschauer zu begrüßen und wieder brach die Begeisterung los. Niemand verstand, was er sagte, doch mußten es schöne Worte gewesen sein, die er da gesprochen hatte. Und der Applaus begleitete ihn, als er sich dem Stier näherte, und machte dem Schweigen der Erwartung Platz, als er in der Nähe des Tieres stand. Er streckte die Muleta aus und blieb vor dem Stiere stehen, ohne sich jedoch, wie früher, bis an die Hörner zu wagen, eine Kühnheit, die das Publikum immer in Aufregung versetzt hatte. Im Schweigen der Zuschauer machte sich ein Erstaunen bemerkbar, doch keiner sagte ein Wort. Gallardo stampfte mehrmals mit dem Fuße auf, um das Tier anzueifern, und es griff endlich an, wobei es jedoch kaum die Muleta streifte, da der Torero mit sichtlicher Eile zurückgesprungen war. Auf den Tribünen machte sich eine Bewegung bemerkbar, viele blickten sich fragend an. Was war das? Der Espada sah neben sich den Nacional und einige Schritte weiter rückwärts einen anderen seiner Cuadrilla stehen, doch befahl er ihnen nicht wie früher, ihn allein zu lassen. Im Zuschauerraum erhob sich infolge der erregten Bemerkungen ein dumpfes Gemurmel. Die Freunde des Torero hielten es für nötig, ihn zu entschuldigen. »Er ist noch nicht ganz hergestellt. Er hätte nicht auftreten sollen. Er hinkt ja noch! Sehen Sie nicht? Die Mäntel der beiden Stierfechter halfen Gallardo bei seinen Angriffen. Der Stier sprang wütend zwischen den roten Tüchern hin und her, und kaum ging er auf die Muleta los, spürte er schon den Mantel des anderen Toreros, der ihn vom Espada abzog. Wie um aus dieser Lage herauszukommen, richtete sich Gallardo mit erhobenen Degen auf und warf sich auf den Stier. Ein Murmeln des Staunens begleitete den Stoß. Der Degen war kaum bis zu einem Drittel seiner Länge eingedrungen und schwankte derart hin und her, daß er jeden Augenblick herunterfallen konnte. Gallardo hatte sich aus den Hörnern losgemacht, ohne, wie früher, den Degen bis zum Griff hineinzustoßen. »Der Stoß war gut gezielt«, riefen seine Anhänger auf den Degen deutend und applaudierten eifrig, um mit dem Lärm der Kundgebung ihre geringe Zahl zu verdecken. Die Kenner lächelten geringschätzig. Der Bursche da unten war im Begriffe, das Einzige zu verlieren, was ihn noch auszeichnete: Seine Unerschrockenheit, sein wildes Draufgehen. Sie hatten wohl bemerkt, wie er im Augenblicke, als er den Stier traf, instinktiv den Arm zurückzog und sein Antlitz mit jener Bewegung der Furcht, welche die Leute im Augenblicke der Gefahr wegblicken läßt, zur Seite wandte. Der Degen rollte auf den Boden hin und Gallardo, der einen anderen genommen hatte, eilte, von seinen Leuten begleitet, hinter dem Stiere her. Der Mantel des Nacional war bereit, sich neben ihm zu entfalten, um das Tier auf sich zu ziehen. Außerdem machte das Geschrei des Banderillo den Stier ganz verwirrt und bewirkte, daß er von Gallardo abließ. Ein zweiter Degenstoß hatte denselben Erfolg, die Klinge drang kaum bis zur Hälfte in den Körper ein. Die Zuschauer begannen zu protestieren und Gallardo öffnete, vor dem Stiere stehend, kreuzweise die Arme, um dadurch dem Publikum anzuzeigen, daß das Tier mit diesem Stoße erledigt sei und jeden Augenblick stürzen werde. Doch der Stier blieb auf den Füßen und bewegte den Schädel hin und her. Der Nacional brachte ihn durch das Spiel mit dem Mantel wieder in Lauf und schlug ihn dabei, so stark er konnte, auf den Hals. Das Publikum, das seine Absicht erriet, begann zu protestieren. Er ließ den Stier laufen, damit sich der Degen durch die Erschütterung stärker einbohre. Seine Schläge sollten die Waffe tiefer hineinstoßen. Man schrie ihm Schimpfworte zu, überall auf den Tribünen schwenkte man drohend die Stöcke, Orangen und Flaschen flogen gegen ihn in die Arena. Doch teilnahmslos, als wäre er blind und taub, ertrug er diesen Hagel von Beschimpfungen und Wurfgeschoßen und trieb mit der Befriedigung eines Mannes, der seine Pflicht tut und einen Freund rettet, den Bullen weiter durch die Arena. Plötzlich stieß der Stier einen Blutstrom aus dem Maul aus, ließ sich auf die Knie nieder und blieb so unbeweglich, hielt jedoch das Haupt hoch, bereit, sich zu erheben und anzugreifen. Ein Stierfechter, dessen Aufgabe es war, den verletzten Tieren den Gnadenstoß zu geben, näherte sich, um dieser für Gallardo peinlichen Szene ein Ende zu machen. Der Nacional half ihm dabei, indem er verstohlen den Degen bis zum Griff hineindrückte. Die Zuschauer der Sonnenseite sprangen voll Entrüstung auf, als sie diese Bewegung des Banderillo bemerkt hatten. »Räuber, Mörder.« Sie ereiferten sich für das arme Tier. Sie drohten dem Nacional mit den Fäusten, als hätte er ein Verbrechen begangen, und der Banderillo eilte schließlich gesenkten Blickes aus der Arena. Gallardo war inzwischen zur Präsidentenloge gegangen, um seinen Gruß abzustatten und seine bedingungslosen Anhänger begleiteten ihn mit umso lauterem Beifall, je kleiner die Schar war. »Er hat kein Glück gehabt,« sagten sie mit unerschütterlichem Glauben, »doch die Stöße waren gut gezielt, keiner kann es bestreiten.« Der Espada lehnte sich einen Augenblick an die Brüstung der Tribüne, auf der seine Anhänger saßen. Er gab ihnen Erklärungen über sein Verhalten. Der Stier taugte nichts, er hatte keine Möglichkeit gehabt, mit ihm etwas anzufangen. Seine Freunde, Don José vor allen, bestätigten diese Erklärungen, welche sich mit den ihrigen deckten. Gallardo blieb den größten Teil der Corrida im Schutze der Barriere. Solche Entschuldigungen konnten vielleicht seine Anhänger befriedigen, doch er fühlte in seinem Innern einen grausamen Zweifel, ein Mißtrauen gegen sich, das er niemals gekannt hatte. Die Stiere erschienen ihm größer, mit einer bisher ungekannten Lebenskraft begabt, die dem Tode einen stärkeren Widerstand entgegensetzte. Früher fielen sie unter seinem Degen mit einer wunderbaren Leichtigkeit. Zweifellos hatte man für ihn das schlechteste Vieh ausgewählt, um ihm einen Mißerfolg zu bereiten. Wieder Intrigen seiner Feinde! Ein anderer Gedanke stieg langsam aus diesen widerstreitenden Gefühlen auf, doch er wollte ihn nicht aufkommen lassen. Sein Arm kam ihm kürzer vor, wenn er den Degen nach vorwärts stieß. Früher traf er den Hals mit Blitzesschnelle, jetzt schien ihm der Zwischenraum unerträglich lang und er wußte nicht, wie er sich dieses Gefühles erwehren sollte. Auch seine Füße gehorchten ihm nicht so wie früher, es dünkte ihm, als ob sie ihren eigenen Willen hätten. Umsonst befahl er ihnen, ruhig und fest, wie sie es gewohnt waren, zu stehen. Sie wollten nicht. Sie schienen Augen zu haben, die Gefahr zu sehen, und sprangen mit ungewöhnlicher Leichtigkeit zurück, als ob sie die Schwingungen der Luft vor dem Stoß der Bestie fühlten. Gallardo kehrte sein Schamgefühl über sein Mißgeschick und die Wut wegen seiner plötzlichen Schwäche gegen das Publikum. Was wollten denn diese Leute? Sollte er sich zu ihrem Vergnügen töten lassen? Er trug mehr als einen Beweis seiner Kühnheit am Körper, er brauchte seinen Mut nicht wieder aufs neue zu beweisen. Es war ein Wunder, daß er noch lebte, und er hatte dies der Gnade des Himmels, den Gebeten seiner Mutter und seiner armen Frau zu verdanken. So knapp wie er war keiner dem Tode entgangen und er wußte besser wie alle anderen, was es hieß, zu leben. Er wollte nun, wie so viele seiner Kameraden es taten, den Beruf ausüben, einmal gut, das andere Mal schlecht. Auch der Stierkampf ist nur ein Geschäft und hat man einmal den Anfang gemacht, so handelt es sich darum, am Leben zu bleiben und sich so gut als möglich aus der Affäre zu ziehen. Er wollte sich nicht zum Vergnügen der Leute aufspießen lassen, um dann einen ehrenvollen Nachruf zu erhalten. Als der Augenblick kam, den zweiten Stier zu erlegen, flößten ihm diese Gedanken eine ruhige Zuversicht ein. Er würde sein Möglichstes machen, um sich nicht dem Bereich seiner Hörner auszusetzen. Als er sich dem Stiere näherte, trug er wieder die Geste seiner großen Zeit zur Schau, als er dem Nacional sein: »Zurück!« entgegenrief. Die Menge ließ ein Murmeln der Anerkennung vernehmen. Er hatte seine Leute weggeschafft, nun würde er wieder seine alte Tollkühnheit zeigen. Doch die Erwartungen der Zuschauer wurden gleich am Beginn enttäuscht, da sich der Nacional nicht abhalten ließ, mit dem Mantel auf dem Arm seinem Herrn zu folgen, dessen theatralische Pose er wohl durchschaut hatte. Gallardo streckte die Muleta nach vorwärts, hielt sich aber dabei in ziemlicher Entfernung von dem Stier und versicherte sich dabei der Hilfe seines Banderillos. Als er einen Augenblick mit gesenkter Muleta dastand, machte der Stier eine Bewegung, als wenn er ihn angreifen wollte, ohne jedoch die Absicht auszuführen. Der Espada ließ sich durch diese Bewegung täuschen und sprang mit Riesenschritten vorschnell zurück, ohne daß ihn das Tier angegangen wäre. Die Nutzlosigkeit dieses Rückzuges wahrnehmend, blieb er verdutzt stehen und ein Teil des Publikums lachte, während die anderen Ausrufe des Erstaunens hören ließen. Man vernahm sogar Pfiffe und höhnische Zurufe. Gallardo wurde rot vor Zorn. Das mußte ihm und noch dazu in Sevilla passieren. Er fühlte das Draufgängertum seiner ersten Jahre, das blinde Verlangen, sich auf den Stier zu werfen und das Weitere dem Geschicke zu überlassen. Aber sein Körper verweigerte ihm den Gehorsam. Sein Arm schien schwer zu werden, seine Beine zögerten, den Forderungen seines Willens nachzukommen. Doch das Publikum, das seine Aufwallung bedauerte, kam ihm zu Hilfe und gebot Schweigen. Wie konnte man nur einen Mann, der noch Rekonvaleszent nach einer derart schweren Verletzung war, so behandeln. Das war Sevillas unwürdig. Ruhe also! Gallardo benützte diese Stimmung der Zuschauer, um sich seiner Aufgabe zu entledigen. Er näherte sich seitwärts dem Stiere und stieß ihm heimtückisch den Degen in die Seite. Wie vom Schlage getroffen stürzte der Stier zu Boden, während ihm ein Blutstrom aus dem Mund quoll. Einige applaudierten, ohne zu wissen warum, andere pfiffen, die Mehrheit dagegen blieb stumm. Als Gallardo den Zirkus verließ, bemerkte er das Schweigen der Menge. Gruppen zogen an ihm vorbei, ohne ihn zu grüßen, ohne ihm wie sonst nach glücklich bestandenen Stierkämpfen zuzujubeln. Auch die Schar der Neugierigen, die draußen auf den Nacional warteten und noch vor Schluß der Veranstaltung von allen Einzelheiten unterrichtet waren, ließ seinen Wagen, ohne ihn wie sonst zu begleiten, vorüberziehen. Gallardo verkostete zum erstenmale die Bitterkeit des Mißerfolges. Sogar seine Banderillos waren verdrossen und schweigsam wie Soldaten auf dem Rückzuge. Doch als der Torero zuhause seine Mutter umarmte, Carmens Freude sah und die weichen Wangen der Kinder küßte, da fühlte er, wie diese Traurigkeit verschwand. Zum Teufel mit allen Skrupeln! Die Hauptsache war, zu leben und die Ruhe seiner Familie zu sichern, das Geld so wie andere Stierfechter zu verdienen, indem er schön vorsichtig war und allen Tollkühnheiten, die früher oder später zum Tode führten, bedachtsam aus dem Wege ging. In den folgenden Tagen fühlte er das Bedürfnis, sich zu zeigen, und seine Freunde in den Kaffeehäusern und in den Klubs der Sierpesstraße aufzusuchen. Er glaubte, wenn er durch seine Gegenwart die bösen Kritiker zu einem höflichen Schweigen veranlaßte, die Kommentare über seinen Mißerfolg vermeiden zu können. Er verbrachte ganze Abende in Gesellschaft jener kleinen Leute, die er seit langem verachtet hatte, um die Freundschaft der Reichen zu gewinnen. Dann ging er in den Klub der »Fünfundvierzig«, wo sein Vertreter durch die Kraft seiner Stimme und seiner Gestikulationen den Ruhm Gallardos verteidigte. Braver Don José. Sein Enthusiasmus war unerschütterlich, er glaubte bombenfest, daß sein Torero immer der bleiben mußte, für den er ihn hielt. Nicht eine Kritik, nicht ein Tadel kam wegen dieses Mißerfolges über seine Lippen. Im Gegenteil, er nahm es auf sich, ihn zu entschuldigen, wobei er ihm noch gute Ratschläge gab. Das Spiel tröstete Gallardo und ließ ihn an andere Dinge denken. Er setzte sich mit neuer Leidenschaft an den grünen Tisch und verlor daselbst sein Geld im Kreise jener jungen Lebewelt, die über seinen Mißerfolg hinwegging, weil er ein eleganter Torero war. Eines Abends speisten sie mit einigen fremden Damen, Bekanntschaften dieser Herren aus Paris, in der Eritana. Die Frauen waren nach Sevilla gekommen, um die Feste der Karwoche und den Stierkampf zu sehen, außerdem wollten sie die pittoresken Seiten des Landes kennen lernen. Ihre Schönheit war schon etwas verblüht und wurde durch Kunst und Eleganz gehoben. Die jungen Leute des Klubs umschwärmten sie, da sie durch den Zauber des Fremdartigen angezogen wurden und ihre Bemühungen, ihnen durch ihren Reichtum den Aufenthalt zu verschönern, keine Zurückweisung erfuhren. Die Gäste wollten einen berühmten Torero kennen lernen, jenen Gallardo, dessen Bild sie so oft in den Zeitungen und auf Zündholzschachteln betrachtet hatten. Statt ihn in der Arena zu sehen, war es ihr Wunsch, seine Bekanntschaft im Kreise ihrer Freunde zu machen. Die Reunion fand im großen Speisesaal der Eritana statt, in einem Salon, der inmitten eines Gartens stand und eine ziemlich klägliche Nachahmung der Alhambra war. Man trank unter stürmischer Beredsamkeit auf die Größe des Vaterlandes, die Frauen tanzten den Tango und in den Ecken hörte man zwischen Becherklang und Flaschenklirren ein sinnliches Frauenlachen oder erstickte Küsse. Gallardo wurde von den drei Frauen wie ein Halbgott empfangen. Sie vergaßen ganz auf ihre Freunde, verschlangen ihn mit den Augen und stritten sich um die Ehre, neben ihm sitzen zu können. Sie erinnerten ihn an Doña Sol, die er fast vergessen hatte, an diese Frau mit dem Goldhaar, dem eleganten Auftreten und diesem berückenden Duft, der ihrem verführerischen Körper entströmte und ihn in einen Rausch der Wollust versenkt hatte. Die Gegenwart seiner Kameraden trug noch dazu bei, die Erinnerung lebhafter werden zu lassen. Alle waren Freunde der Doña Sol, einige gehörten sogar ihrer Familie an und er hatte sie sozusagen als Verwandte betrachtet ... Sie aßen und tranken mit jener wilden Unmäßigkeit nächtlicher Feste, deren Wahlspruch »Genießen« ist. In einer Ecke des Salons spielten Zigeuner auf ihren Gitarren melancholische Lieder. Eine der Frauen sprang mit der Begeisterung der Anfängerin auf den Tisch und begann schwerfällig die Hüften zu bewegen, um die spanischen Tänze nachzumachen und ihre Fortschritte, die sie in einigen Tagen unter der Leitung eines Sevillanischen Lehrers gemacht hatte, bewundern zu lassen. Die Herren verspotteten ihre Schwerfälligkeit, betrachteten aber mit gierigen Augen die Linien ihres Körpers. Sie dagegen nahm, voll Stolz auf ihre Kunst, diese unverständlichen Zurufe für Beifall auf und setzte den Tanz fort, wobei sie noch die Arme in steifer, gezwungener Haltung über den Kopf hob. Nach Mitternacht waren alle betrunken. Die Frauen, welche jede Zurückhaltung abgelegt hatten, umschmeichelten den Torero mit ihrer Bewunderung. Er ließ sich teilnamslos die Liebkosungen ihrer Hände gefallen, während ihm ihre Lippen heiße Küsse auf Wangen und Hals drückten. Er war betrunken, aber seine Trunkenheit war traurig. Ah, die andere, die echte Blonde. Das Blond dieser Haare, die sich da um ihn herumwanden, war falsch und bedeckte eine grobe, durch chemische Essenzen verhärtete Haut. Die Lippen rochen nach parfümiertem Fett, ihre Körper schienen ihm hart wie Stein zu sein. Durch ihre Parfüms erriet er den ursprünglichen Geruch der niedrigen Herkunft. Ah, die andere ... Ohne zu wissen wie, fand er sich plötzlich im Garten unter dem nächtlichen Schweigen der Bäume, deren Laub wie Silber im Mondenschein glänzte. Die Fenster des hellbeleuchteten Saales glühten wie offene Höllenschlünde, vor welchen, Dämonen gleich, schwarze Schatten hin- und herhuschten. Eine Frau zog ihn am Arm und Gallardo ließ sich, ohne sie anzusehen, wegführen, während seine Gedanken weit, weit fort waren. Nach einer Stunde kehrte er in den Speisesaal zurück. Seine Gefährtin, deren Augen feindselig funkelten, sprach mit ihren Freundinnen. Diese lachten und zeigten ihn mit einer geringschätzigen Bewegung den übrigen Männern, welche ebenfalls spöttische Bemerkungen machten ... Oh Spanien, Land der Enttäuschungen, wo alles, selbst das Herz der Helden, nur ein Trug ist. Gallardo trank immer mehr. Die Frauen, welche ihn früher mit ihren Liebkosungen überhäuft hatten, wandten sich nun den anderen zu. Der Torero war eben im Begriff, auf einer Bank einzuschlafen, als ihm einer seiner Freunde den Vorschlag machte, ihn im Wagen heimzuführen. Er mußte nämlich früher zu Hause sein, ehe sich seine Mutter erhob, um wie alle Tage in die Frühmesse zu gehen. Die Nachtluft konnte die Trunkenheit Gallardos nicht zerstreuen. Als ihn der Freund in seiner Straße absetzte, ging der Torero schwankenden Schrittes bis zum Hause. Bei der Tür blieb er stehen, hielt sich mit beiden Händen an der Wand und ließ das Haupt auf seinen Arm sinken, als würde er das Gewicht seiner Gedanken nicht ertragen können. Er hatte seine Freunde, das Souper in der Eritana, und die drei Frauen, die sich um ihn gestritten hatten, ganz vergessen. Etwas anderes war in seinem Gedächtnis geblieben... jedoch ganz unbestimmt und nur an einem Faden haftend. Jetzt beschäftigten sich seine Gedanken durch einen jener Sprünge, wie die Trunkenheit sie liebt, mit den Stierkämpfen. Er war der erste seiner Zunft, versicherten ihm sein Vertreter und alle Freunde, so war es auch wirklich der Fall. Er wollte seinen Gegnern das nächstemal schon zeigen, was er leisten könne. Letztes Mal hatte er Pech gehabt, das Glück war ihm abhold gewesen. Und im Bewußtsein der gewaltigen Kraft, die ihm die Trunkenheit in diesem Augenblicke verlieh, betrachtete er alle Stiere wie schwache Ziegen, die er mit einem Schlage seiner Hand niederschlagen konnte. Der letzte Mißerfolg zählte nicht, denn, wie der Nacional sagte: »Auch der beste Sänger kann einmal umschmeißen«. Und dieser Ausspruch, den ehrwürdige Vertreter der Stierfechtkunst in den Tagen des Mißerfolges zu wiederholen pflegten, erfüllte ihn plötzlich mit unwiderstehlicher Lust zu singen und mit seiner Stimme die schweigende Straße zu erfüllen. So begann er, ohne den Kopf von den Armen zu heben, ein Lied seiner eigenen Erfindung. Es war ein Lobgesang auf seine Verdienste. »Ich bin Gallardo und mutiger als Gott«, und da er keine Steigerung auf diesen ersten Vers fand, wiederholte er mit rauher und eintöniger Stimme die gleichen Worte, die das Schweigen der Straße unterbrachen und das laute Gebell eines Hundes hervorriefen. Das Erbe seines Vaters erwachte in ihm: Die Sangeslust, welche seinerzeit auch den Flickschuster Juan zu seinen nächtlichen Ständchen begeistert hatte. Die Türe des Hauses öffnete sich und Garabato streckte noch ganz verschlafen den Kopf heraus, um nach dem Trunkenen zu sehen, dessen Stimme ihm bekannt vorgekommen war. »Ah, du bist's,« sagte der Torero, »warte, bis ich die letzte Strophe gesungen habe.« Und er wiederholte das eintönige Loblied auf den Preis seiner Tüchtigkeit, bis er sich endlich entschloß, ins Haus zu gehen. Er wollte sich nicht zu Bette legen. Da er seinen Zustand fühlte, schob er den Augenblick hinaus, in das Zimmer zu treten, wo ihn Carmen, die gleichfalls wach war, erwartete. »Geh nur schlafen, Garabato, ich habe hier noch viel zu tun.« Er wußte nicht was, aber es zog ihn in sein Zimmer, wo all die Bilder mit ihrem aufdringlichen Schmuck und den Erinnerungen an frühere Stierkämpfe seinen Ruhm verkündeten. Als die Birnen des Lüsters erglühten und der Diener sich entfernt hatte, blieb Gallardo in der Mitte des Zimmers stehen und blickte, während er das Gleichgewicht zu halten suchte, voll Bewunderung umher, als würde er dieses Museum seines Ruhmes das erstemal betreten. »Großartig, wunderbar,« murmelte er, »dieser prächtige Bursche, das bin ich, dort ebenfalls und dort wieder, nur ich allein ... Und doch gibt es Leute, die ... Verdammt sollen sie sein ... Ich bin der erste unter meinesgleichen. Don Jose sagte es und er spricht die Wahrheit«. Er warf seinen Hut auf den Diwan, stützte sich dann schwankend mit den Händen auf den Schreibtisch und starrte auf das gewaltige Stierhaupt, welches die gegenüberliegende Wand einnahm. »Holla, gute Nacht, mein Bursche, was machst du da? Muh, muh muh.« Er begrüßte ihn mit der kindischen Nachahmung des Gebrülles der Stiere. Er erkannte ihn nicht und konnte sich auch nicht erinnern, warum dieses zottige Haupt mit seinen drohenden Hörnern dort oben hing. Doch langsam kehrte sein Gedächtnis zurück. »Ich kenne dich ... Ich erinnere mich ganz gut an das, was ich deinetwegen ausstehen mußte. Die Leute pfiffen und warfen mir Flaschen nach. Und du freutest dich, du Hund ...« Sein trunkener Blick glaubte ein höhnisches Nicken des glänzenden Schädels und das Funkeln der gläsernen Augen zu sehen, als ob sein alter Feind diese Worte bekräftigte. Da fühlte der Trunkene, der bis jetzt lachend und gutmütig geblieben war, wie bei der Erinnerung an diesen mißlichen Tag der Zorn in ihm aufstieg. »Was, du lachst noch immer?« ... Diese heimtückischen, falschen Bestien waren Schuld, daß ein Mann wie er beschimpft und ausgelacht wurde. Ah, wie Gallardo sie haßte. Voll Wut trafen seine Blicke die gläsernen Augen des gehörnten Kopfes. »Was, du lachst noch, du Hundesohn? Zum Teufel mit dir!« Im Banne eines Wutanfalles lehnte er sich über den Tisch, streckte die Arme aus und öffnete die Lade. Dann richtete er sich auf und hob eine Hand bis zum Schädel des Stieres ... Zwei Revolverschüsse krachten. Ein Glasauge sprang in Splitter und in der Stirne der Bestie klaffte, umgeben von versengten Haaren, ein rundes schwarzes Loch. VIII Mitten im Frühling schlug plötzlich die Temperatur mit jener extremen Heftigkeit um, wie es beim unbeständigen und verrückten Klima Madrids oft der Fall ist. Es war kalt. Vom grauen Himmel strömte heftiger Regen herab, in den sich Schnee und Hagel mischte. Seit zwei Wochen waren die Stierkämpfe ausgefallen. Die Veranstaltung des Sonntags sollte am nächsten schönen Tag stattfinden. Der Unternehmer, die Angestellten des Platzes und die zahllosen Anhänger, welche diese Unterbrechung selbstverständlich in keine rosige Laune versetzte, spähten mit der Ängstlichkeit des Bauern, der für seine Ernte fürchtet, zum Himmel empor. Ein lichter Fleck oder das Funkeln eines Sternes, den sie um Mitternacht bei der Heimkehr aus ihrem Kaffeehaus sahen, gab ihnen neue Hoffnung. »Es heitert sich aus. Übermorgen ist Stierkampf.« Aber die Wolken verdichteten sich, die graue Decke, aus der unaufhörlicher Regen herabfloß, blieb unverändert und alle Freunde der Stierfechtkunst empörten sich über dieses Wetter, welches dem Nationalfest den Krieg angesagt zu haben schien... Unwirtliches Land! Sogar Stierkämpfe wurden allmählich unmöglich. Gallardo hatte zwei Wochen erzwungener Ruhe. Seine Leute beklagten sich über diese aufgedrungene Untätigkeit. In jeder anderen Stadt Spaniens hätten die Toreros diese Verzögerung ruhig hingenommen. Doch das Leben in Madrid kostete sie viel Geld, und wenn sie den Ertrag für diese zwei Stiergefechte auf die Hand bekamen, war der ganze Lohn bereits auf die Kosten ihres Aufenthaltes daraufgegangen. Auch Gallardo war in der Einsamkeit seines Hotels voll böser Laune, jedoch weniger wegen des schlechten Wetters als über sein Mißgeschick. Sein erstes Auftreten in Madrid war sehr kläglich gewesen. Das Publikum nahm eine andere Haltung ihm gegenüber ein. Er hatte noch unerschütterliche Anhänger, die ihn verteidigten, aber sie, die vor einem Jahre laut und herausfordernd waren, zeigten jetzt eine gewisse Gedrücktheit, und wenn sie Gelegenheit hatten, ihm zu applaudieren, taten sie es nur schüchtern. Doch wie kühn waren seine Feinde geworden, wie ungerecht verhielt sich die große Masse des Publikums, welches Gefahren und Aufregungen zu sehen wünschte, ihm gegenüber. Was man bei anderen Toreros duldete, blieb ihm verwehrt. Sie hatten ihn immer waghalsig, als einen Verächter jeder Gefahr gesehen und so wollten sie ihn immer haben, bis der Tod seine Laufbahn abschnitt. Er war ein Selbstmörder gewesen, der sich am Anfang mit dem Schicksal gespielt hatte, als er sich einen Namen schaffen mußte, und nun konnten sich die Leute mit seiner Vorsicht nicht abfinden. Er erntete nur Vorwürfe wegen seines behutsamen Vorgehens. Streckte er nicht die Muleta dicht vor dem Stiere aus, ertönte schon Protest, daß er sich nicht näher traue. Und tat er nur einen Schritt nach rückwärts, so entfesselte diese Vorsichtsmaßregel gleich einen Sturm von niederträchtigen Insulten. Sein Verhalten in der Osterveranstaltung von Sevilla schien die Runde durch ganz Spanien gemacht zu haben. Seine Feinde rächten sich nun für die langen Jahre ihres Neides. Die Berufsgefährten, welche er durch die Notwendigkeit, Ähnliches zu leisten, in alle möglichen Gefahren gebracht hatte, verbreiteten nun mit Ausdrücken versteckter Ausfälle die Kunde vom Niedergang Gallardos: Sein Mut sei zu Ende, die letzte Corrida habe ihn vorsichtig gemacht. Und das Publikum richtete, beeinflußt durch diese Nachrichten, gleich beim Auftreten Gallardos die Aufmerksamkeit auf ihn und war schon vorher entschlossen, alles, was er tat, für schlecht zu finden, während es früher auch seine Fehler bejubelt hatte. Der für das Volk so charakteristische Wankelmut trug das seinige dazu bei, diese Meinung zu bestärken. Man war müde geworden, den Mut Gallardos zu bewundern und freute sich nun, seine Furcht oder seine Zurückhaltung zu kritisieren. Man fand, daß er sich dem Stiere nie genug genähert habe, man tadelte jede Bewegung, kurz, er hatte eine undurchdringliche Mauer von Vorurteilen gegen sich. Gallardo, welcher infolge des schlechten Wetters eine Ruhepause hatte, erwartete ungeduldig sein nächstes Auftreten mit dem Vorsatz, sich durch irgend eine kühne Tat auszuzeichnen. Seine Eigenliebe war durch die Spötteleien seiner Feinde stark verletzt worden, und wenn er mit dem Makel eines Mißerfolges von Madrid schied, war er für die Provinz erledigt. Er wollte seine Nerven bezwingen und das Gefühl der Angst, welches ihn vor den Stieren erfaßte und sie größer und schrecklicher erscheinen ließ, überwinden. Sein Vertreter erzählte ihm von einem sehr vorteilhaften Vertrag für Amerika. Nein, er ging jetzt nicht über das Meer, Er mußte hier noch beweisen, daß er der Alte geblieben war. Hernach konnte man es noch immer überlegen, ob sich die Reise lohnte oder nicht. Mit der Beflissenheit eines Mannes, der seine Popularität schwinden sieht, verabsäumte es Gallardo nicht, sich so viel als möglich in Erinnerung zu bringen. Er besuchte das Kaffee Ingles, wo sich alle Freunde der andalusischen Stierfechter trafen und verhinderte so durch seine Gegenwart, daß die schonungslose Kritik seinen Namen heruntersetzte. Er selbst begann mit lächelnder und bescheidener Miene das Gespräch und entwaffnete die Tadler durch seine Unterwürfigkeit. »Ja, ich weiß, daß ich nicht gerade hervorragend war, doch Sie werden bei der nächsten Corrida schon sehen, . . da werde ich mein Möglichstes tun.« Wenn er am Abend durch das Zentrum von Madrid ging, ließ er sich von jungen Burschen ansprechen, welche plaudernd herumstanden und ihn als »Meister« oder »Señor Juan« begrüßten. Viele brachten zögernd, mit hungriger Miene die Bitte um einige Pesetas vor. Immerhin waren sie gut gekleidet, trugen eine zuversichtliche Haltung zur Schau und protzten mit falschem Schmuck. Einige waren ehrenwerte Gesellen, die sich der Torerolaufbahn widmen wollten, um ihrer Familie mehr als den kärglichen Lohn eines Arbeiters zu bringen. Andere wieder, welche weniger auf sich hielten, lebten von dem Gelde treuer Freundinnen, welche sich preisgaben, um einen Burschen zu unterstützen, der, wie er versicherte, einmal eine Berühmtheit sein würde. Unter diesen »Stierfechtern«, die der Mißerfolg verbitterte und Lässigkeit oder Furcht nicht aufkommen ließ, gab es große Leute, die sich allgemeiner Achtung erfreuten. Einer, der vor den Stieren davonlief, wurde wegen der Leichtigkeit, mit der er das Messer zog, gefürchtet. Ein anderer war im Zuchthaus gewesen, weil er einen Mann durch einen Faustschlag getötet hatte. Einige, welche gefällige Manieren hatten, gut gekleidet und rasiert waren, biederten sich an Gallardo an und begleiteten ihn überall hin, da sie hofften, eingeladen zu werden. Andere wieder, deren stolze Miene und unerschrockene Augen die Genugtuung über ihre starke Männlichkeit auszudrücken schienen, erzählten dem Torero fröhlich und guter Laune von ihren Abenteuern. Sie pflegten an sonnigen Vormittagen, zur Zeit, in der die Gouvernanten mit ihren Kleinen spazieren gingen, die Castellanastraße auf- und abzugehen. Sie trafen dort englische Misses oder deutsche Fräuleins, welche erst unlängst mit einem Kopf voll phantastischer Vorstellungen in dieses legendenhafte Land gekommen waren. Sobald sie einen Burschen mit rasiertem Gesicht und einem Filzhut sahen, hielten sie ihn sofort für einen Torero. Andere schlössen sich an Fremde, Tänzerinnen oder Sängerinnen an, welche nach ihrer Ankunft in Spanien gleich am ersten Tage einen Torero haben wollten. Es waren Französinnen, Deutsche oder Italienerinnen, und diese Pseudotoreros lachten, wenn sie ihrer ersten Zusammenkünfte mit ihren Bewunderinnen gedachten. Die Fremde fürchtete immer, getäuscht zu werden und zu sehen, daß ihr erträumter Held nur ein Mann wie die übrigen sei. »Bist du wirklich ein Torero?« und sie griff an seinen Stierfechterzopf und lächelte voll Zufriedenheit, ihre Frage so bestätigt zu finden. »Meister, Sie kennen diese Weiber nicht! Sie streicheln und küssen die ganze Nacht den Zopf, als hätte einer nichts anderes zu tun ... Und diese Launen. Eine springt aus dem Bette bis in die Mitte des Zimmers und läßt sich an ihrem Körper zeigen, wie man die Stöße bei einem Stierkampf ausführt. Andere wollen wieder einen Stierfechtermantel mit Goldstickerei haben, als wenn man den so leicht wie eine Zeitung kaufen könnte.« Der junge Torero versprach ihr natürlich den Mantel, denn die Stierfechter sind ja alle reich. Und bis zum Eintreffen des reichen Geschenkes war er darauf bedacht, die Beziehungen inniger zu gestalten. Er lieh sich von seiner Freundin Geld aus, doch wenn sie keines hatte, verpfändete er einen Schmuck. Und wenn sie dann aus ihrem Liebestraum zu erwachen schien und sich solche Freiheiten verbat, da zeigte ihr der gute Kerl noch durch eine Tracht Schläge, wie groß seine Leidenschaft zu ihr war. Gallardo freute sich über diese Erzählung, hauptsächlich aber über den letzten Punkt. »Ja, so ist's recht«, sagte er mit wilder Ausgelassenheit. »Nur nicht sanft mit diesen Weibern umgehen. Du kennst sie. So werden sie dir umsomehr nachlaufen. Das Schlimmste, was einem passieren kann, ist, wenn man gewissen Frauen schön tut. Der Mann muß sich Respekt verschaffen.« Er bewunderte die Skrupellosigkeit dieser Burschen, welche davon lebten, die Illusionen fremder Frauen auszunützen, und beklagte sich selbst beim Gedanken an die eine, welche ihn derart an der Kette geführt hatte. Als der Spada eines Abends in die Alcalastraße einbog, trat er vor Überraschung einen Schritt zurück. Eine blonde Dame stieg vor dem Hotel de Paris aus dem Wagen ... Doña Sol. Ein Herr, anscheinend ein Ausländer, reichte ihr die Hand und half ihr beim Aussteigen. Nachdem er einige Worte mit ihr gewechselt hatte, entfernte er sich, während sie das Hotel betrat. Es war Doña Sol, der Torero war seiner Sache sicher, ebenso sicher erkannte er auch die Beziehungen, die sie mit jenem Fremden verbinden mußten, da er ihre Blicke und das Lächeln gesehen hatte, als ihr Begleiter wegging. So hatte sie einst ihn betrachtet und angelächelt, als sie noch in jener glücklichen Zeit die einsamen Ebenen durchritten, auf denen der sanfte, rote Schein der untergehenden Sonne lag. In übler Stimmung verbrachte er mit einigen Freunden die Nacht. Dann schlief er schlecht, denn er durchlebte noch einmal viele Szenen jener vergangenen Tage. Als er sich erhob, stahl sich das fahle und blasse Licht eines trüben Tages durch die Vorhänge. Es regnete und Schnee mischte sich unter die Tropfen. Alles war schwarz, der Himmel, die gegenüberliegenden Mauern, das triefende Pflaster der Straße, die Kutschen, deren Dächer wie Spiegel glänzten, und die vorübereilenden Kuppeln der Regenschirme. Es schlug elf Uhr. Wenn er Dona Sol besuchte? In der Nacht hatte er diesen Gedanken voll Unwillen verworfen. Das hieße ja sich herabwürdigen. Sie war ohne jede Erklärung verschwunden und hatte sich dann, als sie ihn zwischen Leben und Tod wußte, kaum um ihn gekümmert. Ein kurzes Telegramm am Anfang und dann nichts mehr. Nicht einmal eine armselige Karte, obwohl sie doch sonst so leicht an ihre Bekannten schrieb. Nein, er wollte nicht gehen, sein Stolz erlaubte es nicht. Doch in der Frühe schien sein fester Vorsatz ins Wanken zu geraten. »Warum nicht?«, fragte er sich. Er mußte sie noch einmal sehen. Sie blieb für ihn die einzige Frau, welche er nicht vergessen konnte. Sie zog ihn mit ganz anderer Kraft an, als es je das Gefühl vermocht hatte, das ihn zu anderen Frauen trieb. »Ich komme nicht los von ihr«, sagte sich der Torero in der Erkenntnis seiner Schwäche. Ah, wie hatte er unter der grausamen Trennung gelitten. Der unglückliche Ausgang der Corrida in Sevilla, seine Schwäche und die neuerliche Annäherung an Carmen hatten ihn dazu gebracht, sich mit seinem Geschicke abzufinden. Aber vergessen konnte er nicht. Er gab sich Mühe, die Vergangenheit auszulöschen, aber der geringfügigste Umstand, der Anblick einer Straße, durch welche er mit der schönen Reiterin galoppiert war, die zufällige Begegnung mit einer blonden Engländerin, der Verkehr mit all jenen Herren von Sevilla, welche sozusagen seine Verwandten waren, all das ließ das Bild der Dona Sol immer wieder erstehen. Ah, diese Frau ... Niemals würde er mehr eine zweite wie sie finden. Als er sie verlor, glaubte Gallardo, einige Stufen von seiner gesellschaftlichen Einschätzung herabgeglitten zu sein. Ja, er schrieb diesem Abschied sogar seine Mißerfolge zu. So lange er sie besaß, war er unüberwindlich. Doch als die »Rote« ihn verließ, hatte sich das Unglück an den Torero geheftet. Würde sie zurückkehren, dann könnte er auch ohne Zweifel das Glück wieder an sich ketten. Sein in den Wahnideen des Aberglaubens hin und her schwankendes Gemüt war fest davon überzeugt. Diesmal hielt er den Wunsch, sie wiederzusehen, für einen jener glücklichen Entschlüsse, die ihm in der Arena schon oft Erfolg gebracht hatten. Vielleicht gelang es ihm wieder, Doña Sol zu gewinnen. Er bildete sich etwas auf seine Erscheinung ein. Die schnellen Triumphe bei Frauen bestärkten ihn in dem Glauben an die Unwiderstehlichkeit seiner Person. Es war nicht unmöglich, daß Doña Sol nach so langer Abwesenheit ihn wieder zu sich rief. Er hoffte, daß sich die Szene im Palaste von Sevilla wiederholen könne. Und im Vertrauen auf seinen Glücksstern ging Gallardo in der anmaßenden Sicherheit eines Mannes, der sein Ziel erreichen will, in das Hotel de Paris, das ganz in der Nähe seines Quartiers lag. Er mußte über eine halbe Stunde in der Halle warten, während ihn die Diener und Gäste, welche seinen Namen kannten, neugierig anschauten. Ein Bediensteter begleitete ihn zum Aufzug und führte ihn in einen kleinen Salon des ersten Stockes, durch dessen Balkonfenster man die schwarzen Häuser der Puerta del Sol und das glänzende Asphalt des Platzes sah, über den schnelle Kutschen dahinrollten, als würde sie der Regen fortpeitschen, während die Wagen der Straßenbahn unter dem warnenden Läuten ihrer Glocken dem Laufe der Geleise folgten. Eine Tapetentür öffnete sich und Don(!)a Sol erschien. Die Seide rauschte um ihren Körper, aus dem ein starker Duft vom frischen und rosigen Fleisch aufstieg, das im Glanz ihrer reifen Schönheit prangte. Gallardo betrachtete sie mit dem Entzücken eines Kenners, der keine Einzelheit vergißt. Ganz so wie in Sevilla ... Nein, noch schöner mit dem verführerischen Reiz nach einer langen Abwesenheit. Sie trug die gleiche exotische Tunika und ihren eigenartigen Schmuck, den Gallardo seinerzeit bewundert hatte, als er sie zum ersten Male in ihrem Hause in Sevilla sah. Die Füße staken in goldgestickten Pantoffeln, welche, als sie beim Niedersetzen die Beine kreuzte, jeden Augenblick herabzufallen drohten. Sie streckte ihm die Hand entgegen, während sie mit kalter Liebenswürdigkeit lächelte. »Wie geht es Ihnen, Gallardo? Ich wußte, daß Sie in Madrid sind, ich habe Sie gesehen.« Sie duzte ihn nicht mehr wie sie es früher getan hatte. Dieses »Sie«, welches beide ebenbürtig zu machen schien, entmutigte den Torero. Er hoffte, frühere Rechte erlangen zu können, und sah sich nun mit der kalten, höflichen Behandlung empfangen, die einem gewöhnlichen Bekannten zu Teil wird. Don(!)a Sol erklärte ihm, daß sie Gallardo bei der letzten Corrida in Madrid gesehen habe. Sie sei mit einem Freunde, einem Ausländer, der dieses Schauspiel kennen lernen wollte, im Zirkus gewesen. Gallardo bestätigte ihre Worte mit einem Kopfnicken. Er kannte den Fremden, er hatte ihn mit ihr gesehen. Ein langes Schweigen verging, ohne daß sie wußten, wie sie es abkürzen sollten. Doña Sol war die erste, die das Wort ergriff. Sie plauderte mit kalter Freundlichkeit: Sie erinnere sich dunkel an eine schwere Verletzung, die er erlitten habe. Sie glaube sicher zu sein, ihm nach Sevilla mit der Bitte um Nachricht telegraphiert zu haben. Bei ihrer wechselvollen unbeständigen, von einem Aufenthalte zum anderen eilenden Lebensweise bringe sie alle Erinnerungen durcheinander ... Doch sehe sie, daß die Verwundung keine Folgen hinterlassen habe, denn auch im Zirkus sei er ihr selbstbewußt und stark, wenngleich etwas zurückhaltend vorgekommen. Gallardo ärgerte sich über den gleichgültigen Ton, mit dem sie ihm das alles erzählte. Und er hatte zwischen Tod und Leben nur an sie gedacht ... In seiner Erbitterung erzählte er ihr ausführlich die Einzelheiten des ihm zugestoßenen Unglückes und seiner Rekonvaleszenz, die den ganzen Winter gedauert hatte. Sie hörte ihm mit anscheinendem Interesse zu, während ihre Augen ihre Teilnahmslosigkeit verrieten. Was ging sie noch der Unfall dieses Stierfechters an? ... Das waren Widrigkeiten seines Berufes, die er mit sich allein ausmachen mußte. Und als Gallardo so von seiner Genesung sprach, sah er plötzlich, durch die Kette der Erinnerungen daran gemahnt, das Bild eines Mannes in seinem Gedächtnis aufsteigen, den sie beide gekannt hatten. »Erinnern Sie sich noch an Plumitas? Man hat ihn getötet. Ich weiß nicht, ob Sie es erfahren haben.« Doch Doña Sol erinnerte sich dunkel, in den Pariser Zeitungen eine diesbezügliche Notiz gelesen zu haben. »Ein armer Teufel«, sagte Doña Sol mit Gleichgültigkeit. »Ich weiß nur, daß er ein grober, uninteressanter Bauer war. In der Ferne sieht man die Dinge erst in ihrer eigentlichen Färbung. Ich glaube, daß er eines Tages im Hofe mit uns am gleichen Tische aß.« Auch Gallardo erinnerte sich an dieses Ereignis. Der arme Plumitas! Mit welcher Rührung hatte er die Rose aus der Hand Doña Sols empfangen ... Die Augen der schönen Frau zeigten bei dieser Mitteilung ein ehrliches Erstaunen. »Sind Sie dessen sicher? Wirklich? Ich schwöre, daß ich nichts davon weiß. Ah, diese sonnendurchglühte Erde, dieser Reiz des Pittoresken, wozu verleitet das nicht alles!« Ihre Worte ließen ein gewisses Bedauern erkennen. Dann begann sie zu lachen. »Ist es möglich, Gallardo, daß dieser arme Teufel meine Blume bis zum letzten Augenblicke aufbewahrt hat? Sagen Sie nicht nein ... Es ist ja immerhin möglich, daß man auf seinem Leichnam diese vertrocknete Blume als eine geheimnisvolle Erinnerung fand, als ein Gedenken, für welches man keine Erklärung geben konnte ... Wissen Sie noch mehr darüber? Was sagten die Zeitungen? Doch nein, schweigen Sie, zerstören Sie meine Illusionen nicht. Es muß so sein, ich will es so haben. Armer Plumitas, wie interessant... Und ich hatte die Blume ganz vergessen. Ich werde das meinem Freunde erzählen, der über Spanien schreiben will.« Der Hinweis auf diesen Freund, der innerhalb einiger Minuten das zweite Mal erwähnt wurde, machte Gallardo traurig. Er betrachtete Doña Sol unverwandt mit seinen schwarzen Augen, deren melancholische Blicke ihr Mitleid zu erflehen schienen. »Doña Sol... Doña Sol...« murmelte er in einem verzweifelten Tone, als ob er ihr Grausamkeit vorwürfe. »Was gibt's, mein Freund?« fragte sie lächelnd, »was ist Ihnen?« Gallardo senkte das Haupt und blieb, eingeschüchtert durch den ironischen Ausdruck dieser lichten, im Goldglanz schimmernden Augen, schweigend stehen. Dann richtete er sich auf, wie einer, der zu einem Entschlusse gekommen ist. »Wo waren Sie die ganze Zeit, Doña Sol?« »Auf Reisen«, erwiderte Sie einfach. »Ich bin ein Zugvogel. Ich war in Städten, die Sie nicht einmal dem Namen nach kennen.« »Und wer ist jener Fremde, der Sie vorhin begleitete?« »Ein Freund,« sagte sie kalt, »ein Freund, der die Güte hat, mich zu begleiten und der die Gelegenheit benützt, um Spanien kennen zu lernen. Ein bedeutender Mann, der einen berühmten Namen trägt. Von hier werden wir nach Andalusien gehen, wenn er die Museen gesehen hat. Was wünschen Sie noch zu wissen?« Aus dieser stark betonten Frage klang der gebieterische Wunsch hervor, den Torero in einem gewissen Abstand zu halten, den sozialen Unterschied zwischen ihnen aufzurichten. Gallardo wurde ganz verwirrt. »Doña Sol«, seufzte er treuherzig, »wie Sie mit mir gespielt haben, kann Gott nicht verzeihen. Sie sind sehr bös zu mir gewesen ...Warum haben Sie mich, ohne ein Wort zu sagen, verlassen?« Und während sich seine Augen mit Tränen füllten, krampfte er die Finger aneinander. »Nicht so weiter, Gallardo! Was ich tat, war gut für Sie. Kennen Sie mich noch nicht genügend? Denken Sie noch immer an jene Zeit zurück? Wenn ich ein Mann wäre, würde ich Frauen meines Charakters fliehen. Der Unglückliche, der sich in mich verliebt, begeht Selbstmord.« »Doch warum haben Sie mich verlassen?«, fragte Gallardo wieder. »Ich langweilte mich. Spreche ich deutlich genug? Wenn sich eine Person langweilt, hat sie, glaube ich, das Recht, sich zu zerstreuen.« »Doch ich liebe Sie mit aller Glut meines Herzens«, rief der Torero mit so echt dramatischem Ausdruck aus, daß er selbst über sich gelacht hätte, wenn er sich hätte hören können. »Ich liebe Sie mit aller Glut meines Herzens«, wiederholte Doña Sol und ahmte seinen Ton und Gebärden nach. »Und was soll ich damit? Ah, diese Egoisten von Männern, die sich von der Menge bewundert sehen und glauben, daß alles nur für sie da ist... ›Ich liebe dich‹, und das genügt, daß auch du mich lieben mußt. Oh nein, ich liebe Sie nicht, Gallardo. Sie sind ein Bekannter, mehr nicht. Was in Sevilla geschah, das war ein Traum, eine tolle Laune, an die ich nicht mehr denke und die Sie vergessen müssen.« Der Torero erhob sich und ging ihr mit ausgestreckten Armen entgegen. Er wußte in seiner Unbeholfenheit nicht, was er sagen wollte, da er die Wirkungslosigkeit seiner Worte dieser Frau gegenüber erriet. Er überließ, seinem Impuls nachgebend, die Erfüllung seiner Wünsche und Hoffnungen der Tat, denn er wollte die Frau an sich reißen und dadurch die Kälte, die sie jetzt trennte, überwinden. »Doña Sol«, bat er und streckte die Arme nach ihr aus. Doch sie zerriß mit einem Schlag ihrer beweglichen Rechten die Umschlingung des Torero. Ein Blitz des Stolzes und des Zornes flog über ihre Augen und sie richtete sich angriffslustig auf, als würde sie eine Beleidigung abwehren wollen. »Genug, Gallardo! Wenn Sie so fortfahren, sind Sie nicht mehr mein Freund und ich weise Ihnen die Türe.« Der Torero ließ in seinem Beginnen ab und blieb beschämt und gedemütigt stehen. So verging ein langes Schweigen, bis endlich Doña Sol mit Gallardo Mitleid empfand. »Seien Sie doch vernünftig«, sagte sie, »wozu sich an Dinge erinnern, die nicht mehr möglich sind? Weshalb denken Sie noch an mich? Sie haben Ihre Frau, welche, wie man mir gesagt hat, schön und lieb ist und Ihnen treu zur Seite steht. Denken Sie doch daran, daß es in Sevilla Mädchen mit der Mantilla und Blumen in den Haaren gibt, Frauen, welche mir einst so gefallen haben und die es sicher als Glück betrachten würden, von Gallardo geliebt zu werden ... Mit mir ist es aus. Das schmerzt Sie natürlich in Ihrer Eigenliebe, da Sie als berühmter Mann an leichte Erfolge gewöhnt sind. Doch es ist so: Wir sind Freunde und nichts mehr. Ich bin anders geworden. Ich langweile mich und was hinter mir liegt, ist vorbei. Die Illusionen dauern bei mir nicht lange und verschwinden, ohne Spuren zu hinterlassen. Ich bin eher zu beklagen, glauben Sie mir das.« Ihr Blick, der etwas wie Mitgefühl zu verraten schien, haftete mit einer Neugierde auf dem Torero, als würde sie dessen Fehler und sein bauernhaftes Äußere aus der Nähe beurteilen wollen. »Ich denke an Dinge, die Sie nicht verstehen würden. Sie kommen mir jetzt ganz anders vor. Der Gallardo in Sevilla war ein anderer als Sie hier. Sind Sie derselbe? Ich bezweifle es nicht, aber für mich sind Sie ein anderer geworden. Wie soll ich es Ihnen erklären? In London kannte ich einen Raja. Wissen Sie, was ein Raja ist?« Gallardo schüttelte, über seine Unwissenheit errötend, den Kopf. »Es ist ein indischer Fürst.« Und sie erinnerte sich an den hindostanischen Magnaten, an sein kupferfarbenes Gesicht mit dem schwarzen Schnurrbart, an seinen weißen Turban, der einen großen, leuchtenden Diamanten über der Stirne trug, an die weiße, wallende Umhüllung seines Körpers, die dem Kelchblatt einer Blume glich. »Er war schön, jung, er betete mich mit seinen großen, träumerischen Augen an und ich spottete seiner, wenn er mir auf englisch seine orientalischen Schmeicheleien sagte ... Er zitterte vor Kälte, hustete infolge des Nebels, er ging herum wie ein Vogel im Regen und seine Hüllen schauten fast wie nasse Flügel aus. Wenn er mir von Liebe sprach und mich mit seinen Gazellenaugen anschaute, da verspürte ich Lust, ihm einen Überrock und eine Mütze zu geben, damit ihn nicht länger friere. Und gleichwohl muß ich sagen, daß er schön war und einer Frau, die sich nach Ungewöhnlichem sehnte, einige glückliche Monate hätte bereiten können ... Sie, Gallardo, wissen nicht, was das ist...« Und Doña Sol gedachte schweigend des armen Raja, der sich in seinem lächerlichen Aufzuge unter dem Nebel Londons nie erwärmen konnte. Ihre Einbildungskraft sah ihn dort unten in seinem Lande, wo ihn die Majestät der Macht und das Licht der Sonne zu einem anderen machten. Die dunkle Farbe seines Gesichtes nahm unter dem grünen Reflex der tropischen Vegetation die Färbung künstlerischer Bronzen an. Sie sah ihn auf einem Elefanten, der über den mit kostbaren Teppichen belegten Boden schritt, während kriegerische Reiter und Sklaven mit wohlriechenden Räucherbecken seine Leibgarde bildeten. Der schwere Turban war mit weißen Federn, auf denen kostbare Steine funkelten, geschmückt, die Brust mit Goldplatten, auf denen Diamanten glänzten, umschlossen. Der Gürtel wurde durch eine mit Smaragden bestickte Schärpe, aus der ein goldener Säbel herabhing, zusammengehalten. Hinter ihm kamen Bajaderen mit geschminkten Augen und üppigen Busen, zahme Tiger und Lanzenträger bildeten den Schluß des Zuges. Im Hintergrunde standen Pagoden mit übereinandergeschachtelten Dächern und kleinen Türmchen, deren Glocken im leisesten Windhauch sanfte Akkorde erklingen ließen, Paläste, deren Schweigen Geheimnisse umschloß, und dichter Urwald, aus dessen Schatten wilde, buntfarbige Tiere zum Vorschein kamen... Ja, die Umgebung. Hätte sie den armen Raja, der dort so prächtig wie ein Gott war, unter dem tiefblauen Himmel und dem Lichte der heißen Sonne Indiens gesehen, hätte sie sich gehütet, ihn zu verspotten. Sie war vielmehr überzeugt, von selbst als seine demütige Liebessklavin in seine Arme geeilt zu sein. »Sie bringen mir den Raja in Erinnerung, Freund Gallardo. Dort in Sevilla waren Sie in Ihrer Landestracht etwas Eigenes, eine Ergänzung der Umgebung. Aber hier ... Madrid ist modern geworden, es ist eine Stadt wie die anderen. Da gibt es keine Volkstrachten mehr, außer auf der Bühne. Seien Sie mir nicht böse, Gallardo, aber Sie erinnern mich an den Inder.« Sie betrachtete durch die Fenster hindurch den grauen, verregneten Himmel, von dem zeitweilig Schnee herabfiel, und die Leute, welche unter ihren Schirmen schnell die Straßen durcheilten. Dann flog ihr Blick auf den Espada und heftete sich mit Verwunderung auf seine über den Kopf gelegte Haarwelle, auf seine Frisur und seinen Hut, auf alle Einzelheiten, die seinen Beruf verrieten und dabei ganz merkwürdig mit seinem modernen und eleganten Anzug kontrastierten. Der Torero stand für Doña Sol außerhalb ihrer Sphäre. Ah, dieses verregnete, langweilige Madrid! Ihr Freund, der sich Spanien nur unter einem lachenden, blauen Himmel vorgestellt hatte, war ganz enttäuscht. Sie selbst dachte, wenn sie auf dem Gehsteig vor dem Hotel die Gruppen der jungen Toreros mit ihrem selbstbewußten Gehaben sah, unausbleiblich an die exotischen Tiere, die man aus ihren sonnigen Ländern unter einen grauen und nebligen Himmel versetzt hatte. Dort in Andalusien war Gallardo der Held, eine aus sich gewordene Verkörperung des viehreichen Landes. Hier erschien er ihr mit seinem rasierten Gesicht und seinem auf die Menge berechneten Gehaben als eine komische Figur, welche, statt mit ihresgleichen dumme Possen zu treiben, durch ihre Kämpfe mit den Stieren den Schauer der Tragik erweckte. Ah, die verführerischen Illusionen über diese sonnendurchglühten Länder, diese täuschende Trunkenheit aus Licht und Farben ... Und sie hatte einige Monate hindurch zu diesem rohen und ungebildeten Burschen Zuneigung empfinden können und die Unsinnigkeiten seiner Ignoranz als ingeniöse Einfälle eines unberührten Wesens betrachtet, ja, sie war so weit gegangen, zu verlangen, er dürfe seine Gewohnheiten nicht aufgeben, er müsse den Geruch der Pferde und Stiere auf sich behalten und dürfte die Atmosphäre aller jener wilden Bestien, die ihn umschwebte, durch kein Parfüm abschwächen ... Ah, die Umgebung, welche Verrücktheiten! Sie erinnerte sich an die Gefahr, unter den Hörnern des Stieres zerfetzt zu werden. Dann gedachte sie des Frühstückes mit dem Räuber, dem sie voll Bewunderung zugehört hatte, um ihm schließlich eine Blume zu geben. Was für Unsinnigkeiten! Und wie weit lag das jetzt alles zurück! Von dieser Vergangenheit, an die sie mit der Reue einer Person dachte, die sich selbst lächerlich vorkommt, war nur der Bursche da vor ihr geblieben, der mit seinen bittenden Augen und seiner kindischen Beharrlichkeit diese Zeiten wieder aufleben lassen wollte. Als wenn Unüberlegtheiten sich wiederholen könnten, sobald das kalte Denken an Stelle der Illusion, dieser blendenden Verführerin in unserem Leben, tritt. »Alles ist zu Ende,« sagte Doña Sol, »wir müssen die Vergangenheit vergessen, denn wenn wir sie auch ein zweites Mal sehen, zeigt sie sich uns nicht mehr in denselben Farben. Ich sehe Spanien nach meiner Rückkehr mit anderen Augen. Auch Sie sind nicht mehr so, wie ich Sie kannte. Als ich Sie neulich in dem Zirkus sah, kam es mir sogar vor, daß Sie weniger draufgängerisch waren, daß die Zuschauer kühler blieben.« Sie sagte dies ohne jeden Hintergedanken. Aber Gallardo glaubte in ihren Worten einen gewissen Hohn zu vernehmen und er senkte den Kopf, während sich seine Wangen röteten. »Verflucht!« Alle seine quälenden Gedanken wurden wieder lebendig. Sein ganzes Pech, das ihn verfolgte, rührte davon her, daß er nicht nahe genug an die Stiere heranging. Sie sagte es ganz offen. Für sie war er beinahe ein anderer geworden. Wenn er wieder der Gallardo von früher sein könnte, würde sie ihn besser aufnehmen. Die Frauen fliegen nur auf die Starken und Mutigen. Und der Torero wiegte sich in diese Hoffnungen ein und hielt das, was in Wirklichkeit schon eine längst erstorbene Laune war, für eine momentane Ablenkung, der er durch seine Kraftstücke wieder Herr zu werden glaubte. Doña Sol erhob sich. Der Besuch hatte schon lange genug gedauert und der Torero schien noch immer nicht geneigt zu sein fortzugehen, zufrieden, in ihrer Nähe zu bleiben und auf einen glücklichen Zufall hoffend, der sie wieder zu ihm führte. Gallardo mußte endlich verstehen. Sie entschuldigte sich mit der Notwendigkeit, ausgehen zu müssen. Sie erwartete ihren Freund, mit dem sie das Museum del Prado besuchen wollte. Sie lud ihn dann für einen der nächsten Tage zum Mittagmahl ein. Es würde ein gemütliches Essen in ihrer Wohnung sein, ihr Begleiter wolle ebenfalls kommen. Er würde sich freuen, einen Torero zu sehen. Er spreche zwar schlecht spanisch, doch würde es ihm großes Vergnügen bereiten, Gallardo kennen zu lernen. Der Espada drückte unter einem unverständlichen Gemurmel ihre Hand und verließ das Hotel. Der Zorn verdüsterte sein Gesicht, die Ohren summten ihm. So also entließ sie ihn, wie einen ungelegenen Bekannten. Und das war die gleiche Frau, die er in Sevilla ... Sie lud ihn zum Essen ein, damit ihr Freund einen Spaß habe und ihn wie ein seltenes Tier begaffen könne. Verdammt, dazu war er sich zu gut. Auch er hatte Schluß gemacht. Er würde sie nicht mehr aufsuchen. IX In diesen Tagen empfing Gallardo zahlreiche Karten von Don José und Carmen. Der Vertreter wollte seinem Torero Mut machen, wenn er ihm riet, den Stier wie immer gerade anzugehen. Doch trotz seiner Zuversicht zeigte sich eine gewisse Zaghaftigkeit, als würde sein Glauben ins Wanken kommen und Gallardo nicht mehr »der einzige Torero seiner Zunft« sein. Er war von der Unzufriedenheit und der feindseligen Stimmung des Publikums Gallardo gegenüber unterrichtet. Die letzte Corrida hatte Don José entmutigt. Gallardo war nicht einer jener Stierkämpfer, welche unter den Pfiffen der Zuschauer ihre Arbeit verrichten und zufrieden sind, ihr Geld zu verdienen. Er hielt auf Ehre und konnte sich nur in der Arena zeigen, wenn ihn Applaus empfing. Mittelmäßig zu sein bedeutete für ihn den Abstieg. Die Leute waren gewohnt, ihn wegen seiner Tollkühnheiten zu bewundern, und wenn er in dieser Beurteilung Einbuße erlitt, würde er erledigt sein. Don José schrieb, er wisse wohl, was Gallardo fehle. Mangel an Mut? Nein, keineswegs. Er ließe sich eher töten, als bei seinem Helden so einen Defekt vorauszusetzen. Er fühle sich noch müde, er sei von seiner Verletzung noch nicht hergestellt. »Und deshalb«, riet er in allen seinen Briefen, »ist es besser, noch eine Zeitlang auszuspannen und Erholung zu suchen. Dann fange wieder an und du wirst der alte sein.« Er versprach, ihm alles zu regeln. Ein ärztliches Zeugnis würde seine momentane Berufsunfähigkeit bestätigen und er würde die noch schwebenden Kontrakte dadurch lösen, indem er statt Gallardo einen anderen Torero zur Stelle schaffte. Carmen war in ihren Forderungen um vieles heftiger, da sie die schonenden Umschreibungen des Vertreters nicht zu beobachten brauchte. Er sollte sich doch endlich zurückziehen und »sich den Stierfechterzopf abschneiden lassen«, wie die Toreros sagten, um sein Leben ruhig auf La Rinconada oder im Schoße seiner Familie zu verbringen, denn hier fände er die einzigen Personen, die ihn wirklich um seiner selbst willen liebten. Sie konnte kaum schlafen und hatte mehr Furcht, als in den ersten Jahren ihrer Ehe, wo die Stiergefechte gewissermaßen Stücke ihres Lebens waren, die Angst und zitterndes Warten aus ihrem friedlichen Dasein herausrissen. Ihre Ahnung sagte ihr mit dem Instinkte der Frau, die in ihren Befürchtungen selten fehl geht, daß ihm etwas Gefährliches zustoßen werde. Sie konnte nicht mehr schlafen, sie dachte mit Grauen an die durch schreckliche Vorstellungen verschärften ruhelosen Nachtstunden. Dann zog Gallardos Frau in ihren Briefen auf das Publikum los. Welch undankbare Menge, die sich nicht mehr daran erinnerte, was er früher geleistet hatte, als er sich stärker fühlte. Es waren Bösewichte, die ihn nur zu ihrem Vergnügen in den Tod hetzen wollten, als ob sie überhaupt nicht auf der Welt wäre und er keine Mutter hätte. »Juan, ich und die Mutter bitten dich darum, zieh dich zurück. Wozu noch weiter auftreten? Wir haben genug zum Leben und es tut mir weh, daß diese Leute, die dir alle nicht gleichkommen, dich beschimpfen. Wenn dir wieder etwas passieren sollte, ich glaube, daß ich wahnsinnig würde.« Gallardo dachte nach diesen Briefen lange hin und her. Er sollte aufhören? Welche Torheit! Weiberreden! So etwas konnte man unter dem Impuls der Liebe zwar leicht sagen, die Ausführung war aber unmöglich. Sich mit 30 Jahren zurückzuziehen! Wie würden seine Feinde lachen. Er hatte kein Recht auszuspringen, solange er noch gerade Glieder besaß und seine Hand den Degen führen konnte. So einen Vorschlag hatte man auch nie gehört. Das Geld war nicht allein alles. Ruhm und Berufsstolz sprachen auch ein gewichtiges Wort. Was würden seine vielen Tausend Parteigänger sagen, die ihn alle bewunderten? Was sollten sie den Feinden entgegnen, wenn ihnen diese ins Gesicht sagten, daß Gallardo sich aus Furcht zurückgezogen habe? Außerdem mußte sich der Torero überlegen, ob ihm sein Vermögen diesen Schritt erlaubte. Er war reich und auch nicht. Seine soziale Stellung hatte sich nicht gefestigt. Was er besaß, stammte aus den ersten Jahren seiner Ehe, als er sein größtes Vergnügen darin fand, Carmen und seine Mutter mit der Nachricht neuer Erwerbungen zu überraschen. Später hatte er viel Geld verdient, doch seine neue Existenz hatte große Summen verschlungen. Er spielte viel und führte ein kostspieliges Leben. Einige Grundstücke, die er an La Rinconada angekauft hatte, um den Besitz abzurunden, waren mit dem von Don José und anderen Freunden entliehenen Gelde angekauft worden. Infolge seiner Spielverluste hatte er bei vielen Anhängern in der Provinz Schulden. Er war reich, wenn er sich aber zurückzog und so das Einkommen aus den Stierkämpfen – die ihm zwölf- bis dreizehntausend Pesetas jährlich eintrugen – verlor, dann mußte er sich darauf beschränken, um seine Schulden zu bezahlen, als Gutsbesitzer von dem Ertrag von La Rinconada zu leben, zu sparen und selbst alle Arbeiten zu überwachen, da der Hof unter der Verwaltung fremder Hände kaum einen Nutzen abgeworfen hatte! Die Aussicht als Bauer zu leben, sich einzuschränken und mit dem Mangel zu kämpfen, ließ Gallardo, der selbstbewußt, prunkliebend und verschwenderisch war, dem der Beifall der großen Menge ein Lebensbedürfnis schien, zurückschaudern. Der Reichtum war für ihn etwas Dehnbares und in dem Maße gewachsen, als er in seiner Laufbahn vorwärts kam, ohne sich aber je mit der Grenze seiner Bedürfnisse zu decken. Unter anderen Voraussetzungen hätte er sich mit einem kleinen Teile seines jetzigen Besitzes für reich halten können ... Doch jetzt war er fast arm, wenn er seinen Beruf aufgab ... In diesem Falle müßte er dann auf seine Havannazigarren, die er so großmütig verteilte, und auf die teueren andalusischen Weine verzichten. Er müßte seine Freigebigkeit einschränken und könnte dann nicht mehr seine Freunde in den Kaffeehäusern und Schenken bewirten. Dann hieß es, auf den Schwarm der Parasiten und Schmeichler verzichten, die sich um ihn drängten und ihn mit ihren weinerlichen Bitten oft zum Lachen brachten. Und wenn eine hübsche Frau aus dem Volke zu ihm käme – es geschah manchmal, daß sich ein solcher Besuch verstohlen zu ihm schlich – würde er nicht mehr im Stande sein, sie mit einem Paar Ohrgehänge aus Gold und Silber zu überraschen, noch könnte er sich den Spaß machen, ihr Halstuch mit Wein zu beschütten, um sie dann mit einem besseren zu beschenken. So hatte er gelebt und so mußte er weiterleben, wollte er der traditionelle Vertreter seines Standes bleiben, wie sich die Leute einen Stierfechter vorstellten, prunkliebend, prahlerisch, mit seiner Verschwendung den Neid und das Gerede der Mitwelt erregend, bereit, den Unglücklichen mit fürstlichen Geschenken zu helfen, wenn sie sein rauhes Gemüt bewegen konnten. Dann dachte er an die Bedürfnisse seines eigenen Hauses, wo alle an das sorglose, unbekümmerte Leben der reichen Familie, die sich nicht mit Geldfragen abzugeben braucht, gewöhnt waren. Neben seiner Mutter und seiner Frau mußte er noch für andere den Lebensunterhalt bestreiten. Denn sein geschwätziger Schwager verdiente nichts, als wenn ihm seine Verwandtschaft mit dem berühmten Manne das Recht gäbe, zu feiern. Dann waren noch die Kleinen da, die heranwuchsen und immer mehr Geld kosteten. Und er wollte diesen Leuten, die gewohnt waren, auf seine Kosten sorglos zu leben, Sparsamkeit und Einschränkung predigen? Würde er seinen Beruf aufgeben, dann müßten alle, sogar der arme Garabato, auf den Hof kommen, sich in der Sonne braten lassen und wie Bauern arbeiten. Die alte Mutter könnte sich nicht mehr ihre letzten Tage mit den gewohnten Spenden an kranke, arme Frauen verschönern und wie ein verlegenes Mädchen Ausreden ersinnen, wenn ihr Sohn mit scheinbarem Zorn konstatierte, daß sie nichts mehr von den 100 Duros besaß, die er ihr vor zwei Wochen gegeben hatte. Und Carmen, welche sparsamer als die übrigen war, müßte als erste durch persönliche Opfer die Ausgaben einschränken und sich manches versagen, was sie für ihre eigenen Bedürfnisse brauchte. Zum Teufel mit diesen Gedanken! Sie bedeuteten eine Degradation für die Familie, eine traurige Zukunft für die Seinigen. Gallardo schämte sich darüber, daß so etwas eintreten könnte. Es war ein Verbrechen, sie dessen zu berauben, was sie hatten, nachdem er sie so an das Wohlleben gewöhnt hatte. Und was mußte er tun, um all das zu vermeiden? Nichts weiter, als sich den Stieren zu nähern. Nun gut, er wollte es tun. Er beantwortete die Briefe seines Vertreters und seiner Frau mit kurzen Erklärungen, die seine feste Absicht kundgaben, sich nicht zurückzuziehen. Er wollte wieder der alte werden, er schwor es Don José. Er versprach, seinem Rat zu folgen: Ein Stoß und der Stier ist erledigt. Der Mut schwoll ihm und in dieser Stimmung war er fähig, es mit allen Stieren, ob großen oder kleinen, aufzunehmen. Seiner Frau schrieb er freundlich, obwohl mit dem Ton gekränkter Eigenliebe, da sie an seiner Kraft zu zweifeln schien. Sie würde von der nächsten Veranstaltung schon andere Nachrichten vernehmen. Er wollte das Publikum in Erstaunen setzen, damit es ihm sein ungerechtes Verhalten abbitte. Wenn er entsprechende Stiere fände, würde er alle anderen Toreros übertreffen. Die entsprechenden Stiere! Das war jetzt die Sorge Gallardos. Früher war es sein Stolz, sich um sie nicht zu kümmern, er war niemals vor dem Auftreten in den Zirkus gekommen, um sie zu sehen. »Ich erlege jeden, den man mir entgegenstellt«, sagte er anmaßend. Und er lernte die Stiere erst kennen, wenn sie in die Arena sprangen. Jetzt aber suchte er sie früher zu beobachten, sie auszuwählen und sich durch ein genaues Studium ihres Wesens auf den Kampf vorzubereiten. Der Himmel hatte sich aufgeheitert, die Sonne schien wieder. Am nächsten Tage sollte die zweite Veranstaltung stattfinden. Gallardo ging gegen Abend allein in den Zirkus, der sich mit seinem roten Ziegelbau, seinen arabischen Fenstern von dem Hintergrund grüner Hügel abhob. Als der Torero durch den Eingang schritt, bemerkte er im Hofe eine Gruppe von Herren, die den Proben der Lanzenreiter zusahen. Potaje, der große Sporen an seinen Füßen trug, schickte sich an, mit einer Picke in den Sattel zu steigen. Die Stallburschen hörten dem Eigentümer der Pferde zu. Es war ein fettleibiger, wortkarger Mann, der die überstürzten und beleidigenden Zurufe der Lanzenreiter mit ruhiger Stimme beantwortete. Die Stallburschen zogen die armseligen Klepper aus den Ställen, damit die Reiter sie ausprobieren sollten. Seit einigen Tagen gaben sie sich schon mit diesen armseligen Tieren ab, welche in ihren Flanken die roten Spuren der Sporen trugen. Man trieb sie in der nächsten Umgebung des Zirkus mit Peitsche und Sporen zu einer Energie an, die eigentlich nicht mehr vorhanden war, und riß sie hier- und dorthin, um sie an das Tempo in der Arena zu gewöhnen. Mit blutenden Flanken kehrten sie in die Ställe zurück, wo sie mit einigen Kübeln Wasser begossen wurden, das dann in rotbraunen, mit Blut vermischten Lachen neben dem Brunnen ablief. Die Pferde, die an der Corrida der nächsten Tage teilnehmen sollten, zogen an den prüfenden Augen der Lanzenreiter vorbei. Es waren blutende, elende Tiere, die mit ihrem schleppenden Schritt und zerfleischten Flanken die Melancholie und die Schwäche des Alters, die menschliche Undankbarkeit und Vergeßlichkeit geleisteten Diensten gegenüber erkennen ließen. Man sah Pferde, die eher Schatten glichen und deren Rippen unter der Haut hervorstanden. Andere dagegen kamen stolz und kraftvoll wiehernd daher, ihr Fell war frisch, und das Auge voll Feuer. Es waren prächtige Tiere und man wunderte sich, sie unter den anderen, schon äußerlich dem Tode verfallenen Opfern zu sehen. Doch das waren eben die gefährlichsten, da sie sich nicht abrichten ließen und den Reiter immer abwarfen. Unter diesen traurigen Zeugen des Elends und der Schwäche schritten auch die Invaliden der Arbeit einher, Kutschpferde, Tiere, die in Fabriken und am Lande ihre Lasten gezogen hatten, alle unglückliche Parias ihrer Art, die bis zum letzten Augenblicke ausgebeutet wurden und den Leuten mit ihren Zuckungen und Sprüngen, wenn sie die Hörner der Stiere in ihren Leibern spürten, noch Vergnügen bereiten mußten. Mit müden, traurigen Augen, schlaffem Hals, auf dem sich Wolken blutrünstiger Fliegen niedergelassen hatten, mit eckigen Flanken und räudigem Fell, mit schmaler Brust, die ein hohles Wiehern erschütterte, auf schwachen Füßen, die mit jedem Schritte einzuknicken drohten, so zogen die Opfer des morgigen Tages vorbei. Um auf diese Pferde zu steigen, die vor Angst zitterten und jeden Augenblick vor Erschöpfung zusammenzubrechen drohten, brauchte man ebensoviel Mut, wie um dem Stiere entgegenzutreten. Es gab Tiere, die unter dem Drucke des Sattels beinahe auf die Knie sanken. Potaje verhandelte mit deutlich zur Schau getragenem Selbstgefühle mit dem Impresario dieses Marstalls. Er sprach auch im Namen seiner Kameraden und seine Bemerkungen riefen oft das Gelächter der Zuhörer hervor. Die anderen Picadors sollten nur ihm die Verhandlungen mit dem Pferdehändler überlassen. Keiner kannte besser die Art und Weise, mit diesen Leuten umzugehen. Doch der Pferdehändler näherte sich dem Potaje mit der Ruhe eines Mannes, der an solche Geschäfte gewohnt ist, und sagte ihm einige Worte ins Ohr, worauf der Picador sogleich geneigt war, auf alle Vorschläge des anderen einzugehen. Gallardo trennte sich von den Zuschauern und ging mit einem Stallburschen zu den Stieren. Sie befanden sich hinter einer Mauer, auf welcher über starken Holzbalken eine Plattform ruhte, die um den Hof führte, in den enge Türen Einlaß gewährten. Im Innern befanden sich acht Stiere, einige lagen auf dem Boden, andere standen und beschnupperten das Bündel Heu, das man ihnen zugeworfen hatte. Der Torero ging auf die Plattform und schaute von oben auf die Stiere herab. Er bewegte die Arme und stieß wilde Schreie aus, welche die Stiere aus ihrer Unbeweglichkeit aufschreckten. Einige sprangen gereizt auf und gingen mit gesenkten Hörnern gegen den Mann los, der ihre Ruhe störte. Andere blieben mit erhobenem Haupte stehen und warteten mit feindlichem Ausdruck, ob dieser Störenfried sich zu ihnen hinunterwage. Gallardo beobachtete das Aussehen und das Gehaben der Stiere, ohne sich entscheiden zu können, welche zwei er für sich beanspruchen solle. Der Wärter der Tiere stand neben ihm und half dem Torero durch seine Angaben, sich die zwei Stiere auszuwählen. Die Veranstaltungen des nächsten Tages setzten gleich mit unglücklichem Beginn ein. Der erste Stier sprang wie toll unter die Reiter und schleuderte in einem Augenblicke drei Picadors samt ihren Pferden zu Boden. Zwei der Tiere blieben sofort tot liegen und das Blut, das aus ihrer durchbohrten Brust strömte, bildete dunkle Lachen. Das dritte sprang, von Schmerz und Schreck wild gemacht, mit offenem Bauche und nachhängendem Sattel durch die Arena, während seine Eingeweide hervorquollen und auf dem Boden nachschleiften. Der Stier lief hinter her, senkte sein gewaltiges Haupt unter den Leib des Pferdes und hob es auf seine Hörner. Als es verendend und zuckend auf dem Boden lag, näherte sich der Stallbursche und gab ihm den Genickstoß. Andere eilten mit großen Behältern voll Sand durch die Arena und bedeckten damit die Blutlachen. Die Zuschauer waren schreiend und gestikulierend aufgesprungen. Die Wildheit des Tieres hatte ihre Begeisterung geweckt, und sie wurden unwillig, da sich kein Lanzenreiter im Rondell zeigte. Sie riefen nach neuen Pferden. Alle waren überzeugt, daß ihrem Rufe sofort Folge geleistet würde, und ärgerten sich, daß einige Minuten ohne neue Opfer verstrichen. Der Stier stand allein im Rondell des Zirkus, die blutigen Hörner wie zum Angriff vorstreckend und die in seinem Halse haftenden bebänderten Lanzen hin und her schüttelnd. Neue Reiter drangen auf ihn ein und das widerwärtige Spiel begann von neuem. Kaum näherte sich der Picador mit seiner Lanze von vorne, wobei er das Pferd zur Seite lenkte, um den durch Scheuklappen beengten Blick nicht auf den Stier fallen zu lassen, so stürzte das Pferd auch schon unter dem Zusammenprall nieder. Die Lanzen zerbrachen mit dem Krachen zersplitternden Holzes, das Pferd sprang, von den gewaltigen Hörnern durchbohrt, auf, Blut, Exkremente und Fleischfetzen fielen zu Boden und der Picador lief wie eine Puppe mit roten Füßen durch die Arena, während hinter ihm die Mäntel der Stallburschen den Stier nach einer andern Seite abzogen. Das Publikum begleitete die Stürze der Picadors mit Lachen und Zurufen. Der Zirkus erdröhnte unter dem schweren Aufschlag ihrer Körper und der mit Eisenschienen geschützten Beine. Einige fielen wie Säcke in den Sand, und wenn ihr Kopf gegen die Planken der Barriere schlug, hörte man ein dumpfes Echo. »Der steht nicht mehr auf,« riefen die Zuschauer, »er muß sich den Kopf zerschlagen haben.« Doch im nächsten Augenblicke war der Totgeglaubte auf den Beinen, streckte die Arme aus, kratzte sich den Kopf, hob den Biberhut auf und bestieg sein Pferd, welches er mit heraushängenden Gedärmen, die bei jedem Schritt weiterrissen, gegen den Stier trieb. Und kaum war er vor den Hörnern und hatte seine Lanze in den Hals gestoßen, so flogen Roß und Mann wieder in die Höhe und rollten dann, getrennt durch die Wucht des Stoßes, in den Sand. Ein andermal wieder riefen Torero und Zuschauer ehe der Picador sein wankendes Pferd in Bewegung setzen konnte, dem Reiter zu: »Abspringen!« Doch ehe er mit seinen ungelenken Füßen dem Rate folgen konnte, fiel das Pferd tot zusammen und der Picador stürzte, schwer mit seinem Kopfe aufschlagend, über den Hals des Tieres in den Sand. Die Reiter entgingen immer den Hörnern der Stiere. Einige Picadors aber blieben wie leblos auf dem Boden liegen und man mußte sie in das Spital bringen, um einen Knochenbruch oder einen Nervenschock zu heilen. Gallardo, der eifrig bemüht war, die Gunst des Publikums zu erringen, ging von einer Seite des Zirkus zur anderen und erntete reichen Beifall, da er einen Stier beim Schweife zog und ihn veranlaßte, von einem Picador abzulassen, der in größter Gefahr schwebte, aufgespießt zu werden. Während die Banderillos den Stier neckten, betrachtete Gallardo, auf die Barriere gestützt, die Loge, in der Doña Sol sitzen mußte. Endlich sah er sie, aber nicht mehr in der spanischen Nationaltracht, sondern wie eine elegante Ausländerin gekleidet, welche das erstemal einem Stierkampf zusieht. Neben ihr saß ihr Freund, jener Mann, von dem sie mit einer gewissen Bewunderung gesprochen hatte und dem sie die interessanten Einzelheiten des Landes zeigte. Ah, Doña Sol. Sie sollte in kurzem sehen, wen sie da aufgegeben hatte, denn sie würde ihm applaudieren und in die Begeisterung der übrigen Zuschauer einstimmen müssen. Als für Gallardo der Augenblick kam, seinem Stier, es war der zweite, entgegenzutreten, bereitete ihm das Publikum einen freundlichen Empfang, als hätte es seine Haltung bei dem letzten Stiergefechte vergessen. Das zweiwöchentliche, durch den Regen erzwungene Warten schien die Leute milde gestimmt zu haben. Außerdem hatte die Wildheit der Stiere und die große Zahl der getöteten Pferde das Publikum in gute Laune versetzt. Gallardo ging bis zu dem Tiere, hob die Mütze zum Gruße, wobei er die Muleta nach vorne hielt und den Degen wie einen Stock hin und her schwang. Hinter ihm gingen in einiger Entfernung der Nacional und ein anderer Torero. Einige Zuschauer protestierten dagegen. Das war wie bei einem Begräbnis. »Alles weg!« rief Gallardo. Und die zwei Helfer blieben zurück, denn seine Aufforderung hatte diesmal den Klang der Wahrheit. Er ging beinahe an den Stier heran, entfaltete die Muleta und machte, wie in seinen guten Tagen, noch einige Schritte, um das rote Tuch vor das schäumende Maul zu halten. Ein Schritt, bravo ... Und ein aufmunterndes Murmeln ging durch die Reihen der Zuschauer. Der Sohn Sevillas war auf seinen Namen bedacht, er wollte, wie in seinen besten Zeiten, wieder seine Tollkühnheit beweisen. Und sein Spiel mit der Muleta wurde von rauschenden Beifallskundgebungen begleitet. Denn diesmal wollte er. Als er den Stier so unbeweglich stehen sah, trieb ihn das Publikum durch seine Ratschläge an »Jetzt. Los«. Und Gallardo sprang mit vorgestrecktem Degen auf sein Ziel los, wobei er sich durch eine schnelle Bewegung aus dem drohenden Bereiche der Hörner brachte. Ein Beifallsklatschen ertönte, doch war es nur ganz kurz und machte einem drohenden Gemurmel Platz, in welches sich gellende Pfiffe mischten. Gallardos Anhänger wandten ihre Blicke in das Publikum zurück. Welche Ungerechtigkeit! Welcher Mangel an Einsicht! Er hatte seinen Stoß ganz tadellos angebracht. Aber die anderen wiesen, ohne sich in ihren Protesten unterbrechen zu lassen, auf den Stier hin und der ganze Zirkus fiel mit einem plötzlichen Ausbruch der Wut in das Geschrei ein, das durch Pfiffe verstärkt wurde. Der Degen hatte sich gedreht, den Körper durchbohrt und war durch die Rippen bei dem Vorderfuß herausgetreten. Alle schrieen und bewegten voll Unwillen ihre Arme. Welcher Skandal! Das hatte sich nicht einmal ein Anfänger geleistet! Der Stier, dem der Degengriff in dem Halse steckte, während die Spitze oberhalb des Fußes sichtbar war, begann zu hinken und sein gewaltiger Körper schwankte dabei hin und her. Dies erregte allgemeine Entrüstung. Armer Stier, er war so brav, so tapfer ... Einige beugten sich beim Schreien so weit vorwärts, daß es schien, als wollten sie sich in die Arena stürzen. Er regnete Schimpfworte. Wie konnte er nur ein Tier, das mehr wert war als er selbst, so martern. Und alle schrien voll Anteil über den Schmerz der Bestie durcheinander, als hätten sie nicht ihr Eintrittsgeld bezahlt, um den Tod des Stieres mitanzusehen. Ganz bestürzt über seine Tat, senkte Gallardo den Kopf unter dem Hagel von Beschimpfungen und Drohungen, die auf ihn niederprasselten. Zum Teufel mit seinem Pech! Er war seinem Feinde so wie früher entgegengetreten und hatte seine nervöse Furcht, die ihn das Antlitz vor dem Stiere abwenden ließ, überwunden. Doch der Wunsch, die Gefahr zu vermeiden, so schnell als möglich aus den Hörnern herauszukommen, hatte seinen Degenstoß so schmählich ausfallen lassen. Auf den Tribünen standen die Zuschauer in einem erregten Gespräche miteinander. »Das ist unbegreiflich. Er sieht weg. Er kann nichts mehr.« Doch seine Anhänger verteidigten ihn nicht weniger erregt. »Das kann jedem passieren, ein unglücklicher Zufall. Das Wichtigste ist, unerschrocken anzugehen, wie er es tut.« Der Stier, der inzwischen mühsam weitergehinkt war und die Leute zu unwilligen Ausrufen veranlaßt hatte, blieb unbeweglich stehen, um seine Schmerzen nicht zu vergrößern. Gallardo nahm einen anderen Degen und stellte sich vor ihm hin. Das Publikum erriet seine Absicht. Er wollte den Stier durch einen Genickstoß zu Boden bringen, das Einzige, was er nach solchem Vorgehen tun konnte. Er setzte die Degenspitze zwischen die Hörner ein, während er mit der anderen Hand die Muleta schwenkte, um den Stier zu veranlassen, sich nach dem roten Tuche zu bücken. Er drückte an, und der Stier, der den Stich spürte schleuderte die Waffe zurück. »Eins«, schrie die Menge in spöttischer Gleichgiltigkeit. Zweimal wiederholte der Torero seinen Versuch, ohne mehr zu erreichen, als ein klagendes Brüllen des gepeinigten Stieres. Endlich gelang es ihm mit der Degenspitze den Rückenmarkswirbel zu durchbohren und der Stier stürzte mit einem Schlage zusammen. Gallardo wischte sich den Schweiß ab und ging langsamen Schrittes und schwer keuchend zur Präsidentenloge. Endlich hatte er dieses Tier weg. Er glaubte schon, zu keinem Ende mehr zu kommen. Die Zuschauer begleiteten seine Schritte mit spöttischen Bemerkungen oder einem verachtungsvollen Schweigen. Niemand applaudierte. Er grüßte den Präsidenten inmitten dieses eisigen Schweigens und flüchtete sich dann hinter die Barriere. Während ihm Garabato ein Glas Wasser anbot, schaute der Stierfechter auf die Logen und sah in die Augen der Doña Sol, welche ihm bis in das Versteck gefolgt waren. Was mußte sie von ihm denken? Wie würde sie in Gesellschaft ihres Freundes über ihn lachen, da sie ihn so verhöhnt sah. Was war das für eine unglückliche Idee von ihr gewesen, in den Zirkus zu kommen! Er blieb ruhig hinter der Barriere und wartete auf seinen zweiten Stier. Das Bein schmerzte ihn nach den Anstrengungen des Kampfes. Er war nicht mehr der alte, er spürte es selbst. Sein selbstbewußtes Benehmen und alle seine Gesten täuschten darüber nicht hinweg. Die Füße waren nicht mehr so leicht und fest wie früher, sein rechter Arm besaß nicht mehr die alte Unerschrockenheit, die ihn bis vor die Hörner des Stieres geführt hatte. Er zog sich vielmehr ganz gegen seinen Willen zurück, als beherrschte ihn der Instinkt gewisser Tiere, die sich verstecken und dadurch der Gefahr zu entgehen glauben. Die alten abergläubischen Vorstellungen waren wieder über ihn gekommen. »Das Glück hat mich verlassen,« dachte er, »ich habe eine Ahnung, daß mich der fünfte Stier noch mitnimmt.« Als der fünfte Stier in die Arena sprang, umflatterte ihn sofort der Mantel Gallardos. Doch was war das für ein Tier, es schien ganz anders zu sein als Tags vorher im Stall. Man hatte sicher die Reihenfolge vertauscht. Die Furcht sang ihr Lied in die Ohren des Torero. »Du hast kein Glück mehr. Heut wird man dich tot aus dem Zirkus tragen.« Trotzdem griff er den Stier an und blieb an der Seite der Lanzenreiter, denen er in gefährlichen Augenblicken dadurch Hilfe brachte, daß er den Stier auf sich abzog. Das Publikum applaudierte ihm schwach, nachdem es sich anfangs ganz still verhalten hatte. Als der entscheidende Augenblick kam, der den Todesstoß bringen sollte, und Gallardo sich vor den Stier hinstellte, schienen alle den Widerstreit seiner Gedanken zu erraten. Er zeigte Unentschlossenheit. Eine leise Bewegung des Stieres genügte, daß der Torero, der diese Bewegung schon für den beginnenden Angriff hielt, mit weiten Sprüngen nach rückwärts auswich, während das Publikum diese Fluchtversuche mit lautem Spott begleitete. Da sprang er, als wollte er um jeden Preis ein Ende machen, auf den Stier los, jedoch von der Seite, um so schnell als möglich der Gefahr zu entgehen. Eine Explosion von Beschimpfungen und gellenden Pfiffen begleitete diesen Angriff. Der Degen war nur einige Zentimeter eingedrungen und wurde von dem Stiere weit in die Arena geschleudert. Gallardo hob ihn auf und näherte sich wieder dem Tiere, das ihn im selben Augenblicke ansprang, als er zustoßen wollte. Er versuchte zu fliehen, doch seine Beine hatten nicht mehr die frühere Gelenkigkeit. Er wurde eingeholt und durch den Anprall hingeschleudert. Man lief zu seiner Hilfe herbei und Gallardo stand staubbedeckt auf. Durch einen Riß seiner Hose sah man die Unterkleidung und ein Schuh war ihm vom Fuße gefallen. Er, der das Publikum durch seine Eleganz immer für sich eingenommen hatte, stand nun in lächerlichem Aufzug da. Rings um ihn flatterten zahlreiche Mäntel, welche mitleidige Hände ausstreckten, um ihm Hilfe zu bringen, und sogar die anderen Toreros trieben ihm den Stier zu, damit er ihn rasch erledige. Doch Gallardo schien blind und taub. Er sah nur nach dem Stiere, um bei jeder Bewegung nach rückwärts zu springen, er hörte nicht, was ihm seine Kameraden sagten und bleichen Gesichtes stammelte er, während er die Augen zusammenkniff, wie um seine Aufmerksamkeit zu konzentrieren: »Alles weg.« Gleichzeitig aber hörte er in seinen Ohren eine Stimme, die ihm zuflüsterte: »Heute stirbst du. Das ist dein letzter Stierkampf.« Die Zuschauer errieten aus den ziellosen Bewegungen des Toreros, wie es um ihn stand. »Er traut sich nicht an den Stier heran, er hat Angst.« Und die feurigsten Anhänger Gallardos blieben ruhig und konnten sich diesen unerhörten Vorfall nicht erklären. Gallardo benützte die Hilfe der anderen Stierfechter, um den Stier mit dem Degen zu verwunden, ohne auf das Geschrei und die Einsprache des Publikums zu achten. Das Tier konnte diese Stiche kaum spüren, denn die Angst, von den Hörnern getroffen zu werden, lähmte den Arm des Torero, so daß er den Degen kaum über die Spitze in den Körper des Stieres trieb. Dieser lief längs der Barriere und stieß, als wollte er gegen diese zwecklose Marter protestieren, ein dumpfes Gebrüll aus. Ihm folgte Gallardo, der ihm den Todesstoß geben wollte und dabei bedacht war, sich keiner Gefahr auszusetzen, während hinter ihm die Schar der Helfer ihre Mäntel flattern ließ, wie um dem Tier die Überzeugung beizubringen, es bleibe ihm nichts anderes übrig, als stehen zu bleiben. Dieser Lauf des Stieres, aus dessen Maul der Schaum quoll, während das Blut vom Hals herunterrann, entfachte einen neuen Sturm von Entrüstung und Beschimpfungen gegen Gallardo. Dieses Spiel dauerte schon längere Zeit und ein Teil des Publikums, das seine Wut an anderen auslassen wollte, wandte sich gegen die Präsidentenloge. »Herr Präsident, wie lange soll dieser Skandal noch dauern?« Der Präsident machte eine Bewegung, welche die Protestierenden zum Schweigen brachte und gab einen Befehl. Man sah einen Polizisten hinter der Barriere bis zur Stelle laufen, wo der Stier gerade stand. Dort hob er die geschlossene Hand mit ausgestrecktem Zeigefinger in die Höhe und schritt so gegen Gallardo. Das Publikum applaudierte. Das war das erste Zeichen. Wenn Gallardo bis zum dritten Male nicht den Stier getötet hatte, würde das Tier in den Stall geführt werden und der Torero mit dem Makel der größten Schande behaftet bleiben. Gallardo, der aus seiner Betäubung zu erwachen schien, hob, über diese Drohung erschreckt, den Degen hoch und stürzte sich auf den Stier. Doch auch dieser Stoß drang nicht tief in den Körper ein. Der Torero ließ die Arme mutlos sinken. Dieses Tier war unsterblich. Kein Degenstoß richtete etwas aus und es hatte das Aussehen, als ob es überhaupt nicht stürzen würde. Die Vergeblichkeit des letzten Angriffes hatte das Publikum in neue Wut versetzt. Alle sprangen auf, das Pfeifen war ohrenzerreißend und die Frauen hielten sich die Hände an den Kopf. Orangen, Brotstücke, Sitzpolster flogen in die Arena. Sie waren alle Gallardo zugedacht. Von der Sonnenseite her, wo das gewöhnliche Publikum saß, hörte man ein rauhes Gebrüll, das den Stößen einer Dampfmaschine glich und kaum mehr aus einer menschlichen Kehle kommen konnte. Viele blickten nach der Präsidentenloge. Wann kam das zweite Zeichen? Gallardo wischte sich den Schweiß ab und blickte sich nach allen Seiten um, als wäre er über die Ungerechtigkeit des Publikums ganz erstaunt und wie um den Stier für all das verantwortlich zu machen, was geschah. In diesem Augenblicke erblickte er Doña Sol. Sie hatte sich von der Arena abgewandt, um nicht zusehen zu müssen. So sehr verachtete sie ihn und schämte sich ihrer vergangenen Vertraulichkeit. Wieder stürzte er sich auf den Stier und nur einige konnten infolge der unaufhörlich flatternden Mäntel sehen, was er tat. Doch der Stier fiel zu Boden und ein Blutstrom quoll aus seinen Nüstern. Endlich. Das Publikum wurde ruhiger, wenn man auch noch immer Pfeifen und ein höhnisches Zurufen hörte. Das Tier wurde herausgeschleift und Gallardo, der sich vor dem Unwillen, den seine Gegenwart erregte, hinter der Barriere versteckte, blieb dort müde und mit schmerzendem Bein, im Gefühle der Genugtuung, der Gefahr entgangen zu sein. Er war, dank seiner Vorsicht, nicht unter den Hörnern des Stieres geblieben. Ah, das Publikum, was war das für eine Bande von Mördern, welche den Tod eines Menschen wünschten, als wenn sie allein ein Recht hätten zu leben. Es war eine traurige Rückfahrt durch die Menge, welche die Umgebung des Zirkus besetzt hielt, durch die Wagen und Automobile und die langen Reihen der Straßenbahnen. Der Wagen Gallardos fuhr langsam durch die Gruppen der Zuschauer, welche dem Gespann bereitwilligst Platz machten, doch als sie den Torero erkannten, schienen sie ihre Bereitwilligkeit zu bereuen. Gallardo erriet aus den Bewegungen ihrer Lippen die beleidigenden Schimpfworte, die sie ihm zuriefen. Dann fuhren sie an einem Wagen vorbei, in dem schöne Frauen in weißen Mantillas saßen. Einige wendeten den Kopf ab, um den Torero nicht zu sehen, andere betrachteten ihn mit einer fast beleidigenden Teilnahme. Der Torero machte sich kleiner, wie um unbemerkt vorbeizukommen. Er versteckte sich hinter dem breiten Rücken des Nacional, der mürrisch und still dasaß. Eine Gruppe Straßenjungen umgab plötzlich mit lauten Pfiffen den Wagen Gallardos. Andere, welche auf dem Gehsteig waren, machten es ihnen nach. Sie glaubten, sich so dafür rächen zu können, daß sie infolge ihrer Armut draußen vor dem Zirkus bleiben mußten. Die Nachricht von dem Verhalten des Toreros hatte sich unter ihnen verbreitet und sie beschimpften ihn, zufrieden, einen Mann zu demütigen, der solche Reichtümer besaß. Dieser Protest weckte den Torero aus seinem Hinbrüten. »Zum Teufel, was pfeifen sie? Sind sie vielleicht im Zirkus gewesen? Haben sie etwas bezahlt?« Ein Stein flog gegen ein Rad. Die Straßenjungen heulten schon vor dem Wagenschlag. Doch da kamen zwei berittene Polizisten und zerstreuten die Schreier, blieben aber die ganze Länge der Alcalastraße an der Seite Gallardos, »des wackersten aller Toreros«. X Die Begleiter des Toreros waren in die Arena geeilt, als harte Schläge an der Puerta de Caballerizos hörbar wurden. Ein Diener näherte sich scheltend. Hier war kein Eingang, die Leute sollten zur anderen Pforte gehen. Doch eine Stimme verlangte draußen dringend den Eintritt und er schloß auf. Ein Mann und eine Frau traten ein. Es waren Carmen und der Schwager Gallardos. Sie war nach Madrid gekommen, sie konnte es in Sevilla nicht mehr aushalten. Eine schlaflose Woche lag hinter ihr, ihre gequälte Phantasie ließ sie furchtbare Szenen sehen. Ihr frauenhafter Instinkt zeigte ihr eine große Gefahr, die ihre Gegenwart notwendig machte. Sie wußte nicht, mit welchem Vorwande sie ihre Reise begründen sollte oder was sie damit erreichen wollte, aber sie mußte Gallardo sehen, es war jenes zärtliche Verlangen, welches die Gefahr zu verringern glaubt, wenn man in der Nähe der geliebten Person ist. Das war kein Leben mehr. Sie hatte alle Zeitungen nach dem Mißerfolg Juans am vorigen Sonntag verschlungen. Sie kannte den Berufsstolz des Torero. Sie ahnte, daß er sein Mißgeschick nicht mit Ergebenheit tragen würde, er versuchte sicherlich einige Tollkühnheiten, um den Beifall des Publikums wieder zu erringen. Der letzte Brief, den sie erhalten hatte, machte diesbezüglich einige vage Andeutungen. »Nein,« sagte sie entschlossen zu ihrem Schwager, »ich fahre noch heute nach Madrid. Wenn du willst, kannst Du mich begleiten, wenn nicht, fahre ich allein.« Der Riemer nahm die Einladung an. Als sie in Madrid ankamen, mußte er Carmen durch alle Mittel davon abhalten, ins Hotel zu ihrem Manne zu eilen. Sie würde ihn nur in üble Laune versetzen und so vielleicht die Schuld tragen, wenn ihm etwas zustoßen sollte. Diese Erwägung machte Carmen den Vorschlägen ihres Schwagers gefügig. Sie ließ sich in ein Hotel führen und blieb dort den Vormittag weinend auf dem Sofa, als würde sie das Unglück schon sicher wissen. Doch nachmittags begann ihre Resignation zu schwinden. Das Hotel lag in der Nähe der Puerta del Sol und der Lärm und die Bewegung all der Zuschauer, die zum Stierkampf eilten, drang bis zu ihr. Nein, sie konnte hier nicht bleiben, während ihr Mann sein Leben aufs Spiel setzte. Sie mußte ihn sehen. Es fehlte ihr der Mut, dem Stierkampfe beizuwohnen, doch wollte sie in seiner Nähe sein. Sie hatte den Wunsch, in den Zirkus zu gehen. Sollte man sie nicht einlassen, würde sie draußen warten. Ihr war es nur darum zu tun, in der Nähe zu sein, als ob sie schon dadurch das Los Gallardos beeinflussen könnte. Der Schwager protestierte. Er wollte dem Stierkampfe beiwohnen und nun kam Carmen mit ihrem Wunsche, aber er mußte schließlich nachgeben und sie fuhren zum Zirkus, an den sich der Riemer gut erinnern konnte, da er Gallardo auf einer seiner Reisen nach Madrid begleitet hatte. Er und der Diener standen unentschlossen und verdrossen vor der Frau, die mit geröteten Augen und feuchten Wangen im Hofe blieb, ohne zu wissen, was sie tun sollte ... Die zwei Männer fühlten sich nach der Seite hingezogen, von wo man den Lärm der Zuschauer und die Klänge der Musik hörte. Sollten sie die ganze Zeit hier stehen, ohne den Stierkampf zu sehen? Der Diener hatte einen guten Einfall: »Wenn die Señora in die Kapelle gehen wollte?« Der Aufmarsch der Toreros war vorüber und durch die Pforte, die in die Arena führte, sah man ein paar Reiter, die sich entfernten. Es waren die Picadors, die jetzt nichts zu tun hatten und sich nun zurückzogen. Sechs Pferde, die ersten Opfer des Tages, standen in einer Reihe, während hinter ihnen die Lanzenreiter das Warten sich dadurch verkürzten, daß sie ihre Klepper herumjagten. Die Tiere schlugen, da sie von den Fliegen gemartert wurden, aus und zogen an den Ringen, an denen sie mit den Zügeln festgebunden waren, als würden sie die nahe Gefahr wittern. Die anderen Pferde versuchten, angetrieben durch die Sporen ihrer Reiter, einen kurzen Galopp. Carmen und ihr Schwager mußten sich unter die Arkaden flüchten und schließlich entschloß sich die Frau des Toreros, in der Kapelle zu bleiben. Es war ein sicherer und ruhiger Ort und dort konnte sie auch etwas für ihren Gatten tun. Als sie sich auf dem heiligen Orte befand, in dem noch der Dunst der Menge, welche dem Gebete der Stierfechter beigewohnt hatte, zu spüren war, heftete Carmen ihre Augen auf den ärmlichen Altar. Vier Lichter brannten vor dem Bilde der Virgen de la Paloma, doch ihr schien dieser Tribut der Verehrung zu gering. Carmen zitterte vor Schreck und hob ihre vor Angst irren Augen zum Gnadenbilde empor. Sie fühlte sich einer Ohnmacht nahe und fürchtete unter dem Eindruck des Gehörten auf den Boden zu stürzen. Sie wollte sich wieder ins Gebet versenken, um den Lärm und das Geschrei von draußen nicht zu hören. Doch trotz ihres Vorsatzes vernahm sie das Plätschern von Wasser und die Stimmen von Männern, welche Ärzte oder Wärter sein mußten und die dem Picador Mut zusprachen. Der Verletzte klagte in seiner derben Art, wobei er aber gleichzeitig bemüht war, den Schmerz mannhaft zu verbeißen. Carmen erhob sich, Sie konnte nicht mehr länger an diesem dunklen Orte bleiben, wo sie das Echo der Seufzer dem Wahnsinn nahe brachte. Es trieb sie ins Freie. Sie glaubte in ihren Knochen den Schmerz zu verspüren, der dem Verletzten die Klagen erpreßte. Der Hof lag vor ihr mit seinen blutigen Lachen, die überall den Boden bedeckten. Die Lanzenreiter kehrten aus der Arena zurück. Sie hatten den Banderillos das Zeichen gegeben und kamen nun auf ihren blutbespritzten Pferden, deren Körper klaffende Wunden aufwiesen, aus denen nicht selten der Knäuel der Gedärme herausquoll. Carmen flüchtete sich unter die Arkaden in der Absicht, ihre Augen vor dem gräßlichen Anblick im Hofe abzuwenden, doch gleichzeitig fühlte sie sich von dem roten Strom unwiderstehlich festgehalten. Stallburschen führten verwundete Pferde herein, welche ihre Gedärme über den Boden nachschleiften, während ihre Exkremente zu Boden fielen. Einer der Stallwärter, begann plötzlich, wie von einer fieberhaften Tätigkeit erfaßt, mit Händen und Füßen Bewegungen auszuführen. »Vorwärts,« rief er den Stallburschen zu, »angepackt, hierher!« Einer der Männer näherte sich vorsichtig dem vor Schmerz ausschlagenden Pferde, nahm ihm den Sattel ab und schlang einen Lasso um die Füße. Als der Riemen angezogen wurde, fiel das Tier zu Boden. »Vorwärts, schnell,« rief der Mann den anderen zu, wobei er weiter mit Händen und Füßen aneifernde Bewegungen machte. Die Stallburschen beugten sich über den offenen Bauch des Pferdes und stopften die blutigen Eingeweide, welche aus der Wunde herausgequollen waren, hinein. Ein anderer hielt die Zügel und drückte mit dem Knie den Kopf des Pferdes zu Boden. Das Tier krümmte sich schmerzhaft zusammen, die Zähne schlugen, vor Schmerz aneinandergepreßt, laut an einander, während das Wiehern im Sande erstickte, in den das Gewicht des Mannes den Kopf drückte. Die blutigen Hände dieser Samaritaner bemühten sich, die schleimigen Klumpen der Gedärme in die Bauchhöhle zurückzubringen, doch die keuchenden Atemstöße des Pferdes trieben sie immer wieder heraus. Endlich gelang es den flinken Griffen der an solche Arbeit gewöhnten Männer, ihre Arbeit zu vollenden und die Wunde zu vernähen. Als das Pferd so »eingerichtet« war, schütteten sie ihm einen Kübel Wasser über den Kopf, befreiten seine Füße von dem Riemen und gaben ihm einige Peitschenschläge, um es auf die Füße zu bringen. Einige der so behandelten Tiere fielen nach zwei Schritten tot zusammen und ein Blutstrom ergoß sich aus der genähten Wunde. Andere hielten sich aufrecht und die Stallburschen begannen nun, sie »aufzuputzen«, indem sie Bauch und Füße mit Wasser abwuschen. Das weiße oder braune Fell der Tiere erglänzte wie in jugendlicher Frische, doch das Wasser tropfte in rötlicher Farbe vom Körper auf die Erde herab. Man flickte die Pferde wie altes Schuhzeug zusammen, man nützte sie bis zum letzten Atemzug aus. Auf dem Platze blieben Stücke von Eingeweiden liegen, die man abgeschnitten hatte, um die Operation zu beschleunigen. Andere Teile ihrer Gedärme lagen in der Arena. Man hatte sie mit Sand verdeckt, um sie nach dem Fall des Stieres zusammen mit diesem hinauszuschaffen. Oft ersetzte man die fehlenden Teile, indem man mit roher Hand Wergballen in den Bauch stopfte. Denn das Wichtigste war, die Tiere noch einige Minuten länger auf den Füßen zu halten, bis die Picadores wieder in die Arena gingen. Der Stier würde sein Werk schon vollenden ... Und die sterbenden Pferde ertrugen diese Verlängerung ihrer Qualen, ohne sich zu wehren. Man hatte sie mit Peitschenhieben auf die Füße gebracht und nun standen sie, am ganzen Körper zitternd, da. Eines dieser Opfer wollte in seiner Qual einen der Stallburschen beißen. Zwischen seinen Zähnen sah man noch Hautstücke und Haare stecken. Als es den zerfetzenden Stoß der Hörner in seinem Leib spürte, hatte das unglückliche Tier mit der Wut eines toll gewordenen Schafes in den Hals des Stieres gebissen. Die verwundeten Pferde ließen ein klagendes Wiehern hören, wenn die Wundgase nach außen drangen. Der üble Geruch von Blut und Exkrementen verbreitete sich im Hofe. Das Blut lief zwischen den Steinen ab und bildete beim Eintrocknen schwarze Krusten. Das Gebrüll der unsichtbaren Zuschauer drang bis hierher. Es waren Ausrufe der Unruhe, welche die gefährliche Lage eines Banderillo erkennen ließen. Dann trat lautlose Stille ein. Der Mann hatte sich gegen den Stier gekehrt und lärmender Applaus begleitete einige gut angebrachte Lanzenwürfe. Dann ertönten Trompetenstöße, die den Fall des Stieres verkündeten und der Beifall brach von neuem aus. Carmen konnte es hier nicht mehr länger aushalten. Was zögerte sie noch? Sie kannte die Reihenfolge nicht, in der die Toreros auftraten. Vielleicht stand gerade in diesem Augenblicke ihr Mann dem Stier gegenüber. Und sie war hier, nur einige Schritte von ihm entfernt, ohne ihn zu sehen. Außerdem ängstigte sie das Blut, welches überall im Hofe rann. Dazu sah sie die Qualen der armen Tiere und ihr weibliches Empfinden empörte sich gegen diese Marterung. Sie preßte ihr Taschentuch gegen die Nase, um sich gegen den Geruch dieses Schlachthofes zu schützen. Lärmender Beifall brach innerhalb der Arena los. Der erste Stier war gefallen und Carmen sah ihren Schwager unter den Arkaden herankommen. Er glühte noch vor Begeisterung über das, was er gesehen hatte. »Juan ist großartig, wie niemals zuvor. Nur keine Angst.« Dann blickte er sie voll Unruhe an, als fürchtete er, sie könnte ihm einen so interessanten Nachmittag verderben. Was beabsichtigte sie? »Gehen wir weg«, sagte sie mit angstvoller Stimme. »Führe mich weg von hier. Ich werde noch ohnmächtig. Lasse mich in der ersten Kirche, welche wir finden.« Der Schwager machte eine Bewegung. Beim Himmel, eine so prächtige Veranstaltung zu verlassen. Und während sie zur Türe schritten, überlegte er, wo er Carmen lassen sollte, um so schnell als möglich wieder zurück zu können. Als der zweite Stier in die Arena sprang, empfing Gallardo, der noch immer an der Barriere stand, die Glückwünsche seiner Bewunderer. Was war das doch nur für ein Kerl, wenn er wollte. Der ganze Zirkus hatte ihm beim ersten Stier Beifall geklatscht, ohne an die Mißstimmung der letzten Tage zu denken. Als ein Picador stürzte und infolge des schrecklichen Falles leblos liegen blieb, war Gallardo mit seinem Mantel herbeigesprungen und hatte das Tier auf sich gezogen. In der Mitte der Arena hielt der Stier unbeweglich und müde an. Der Torero, der diese augenblickliche Gefühllosigkeit bemerkte, blieb einige Schritte vor seiner Schnauze stehen und stieß ihn, als ob er ihn herausfordern wollte, in den Bauch. Er fühlte die Sicherheit seiner früheren Tage. Er mußte das Publikum mit irgendeinem tollkühnen Streich wieder für sich gewinnen und so kniete er sich vor die Hörner, bereit, bei der geringsten Bewegung aufzuspringen. Der Stier blieb ruhig. Nun streckte er eine Hand aus, um das geifernde Maul zu berühren, ohne daß das Tier eine Bewegung machte. Dann wurde er kühner, während das Publikum in atemloser Spannung verharrte. Er legte sich langsam auf den Sand und blieb so vor den Nüstern des Tieres, das ihn mit einer gewissen Bestürzung anschaute, als fürchtete es eine Gefahr von diesem Körper, der sich so furchtlos vor seinen Hörnern hinstreckte. Als der Stier endlich zum Angriff überging und die Hörner senkte, rollte sich der Torero vor seine Füße und der Stier sprang über ihn hinweg, als er in seiner blinden Wut nach der Gestalt stieß, die er vor sich sah. Gallardo stand auf und schüttelte sich den Staub ab, während ihm das Publikum mit der Begeisterung der früheren Tage zujubelte. Es feierte nicht nur seine Kühnheit, es applaudierte sich selbst und seiner eigenen Macht, da es fühlte, daß der Torero seine Unerschrockenheit nur deshalb wieder bewiesen hatte, um die Sympathie der Zuschauer aufs neue zu gewinnen und sich mit ihnen zu versöhnen. Doch diese günstige Stimmung des Publikums schlug plötzlich um, als der zweite Stier in die Arena kam. Es war ein großes, prächtiges Tier, doch blieb es, verdutzt und eingeschüchtert von dem Lärm der Menge in dem Zirkus, inmitten der Arena stehen, wo es sogar vor dem eigenen Schatten in Unruhe geriet. Einige Stallburschen streckten ihm den roten Mantel entgegen, der Bulle machte einige Sprünge, hielt aber gleich inne und kehrte wieder um. Seine Furchtsamkeit erregte den Zorn des Publikums und plötzlich begannen einige Zuschauer laut zu rufen: »Die Brandpfeile.« Der Präsident, der anfangs gezögert hatte, schwenkte endlich ein rotes Tuch und lauter Beifall begrüßte diese Bewegung. Diese Brandpfeile waren ein selten gebrauchtes Mittel und erhöhten das Interesse an der Veranstaltung. Der Nacional trat vor. Er trug zwei dicke Wurflanzen, welche mit schwarzem Papier umwunden zu sein schienen. Er näherte sich dem Tier und schleuderte sie unter dem Beifall der Menge in den Hals. Man hörte ein Knistern, als würde etwas zerbrechen und zwei Rauchschwaden stiegen aus dem Halse des Tieres auf. Das helle Sonnenlicht dämpfte die Flammen, doch bemerkte man, wie sich die Haare sengten und ein schwarzer Fleck über dem Genick sichtbar wurde. Erschreckt über diesen Angriff, begann der Stier immer schneller zu laufen, als könnte er sich dadurch dieser Quälerei entziehen, bis unvermittelt auf seinem Halse scharfe Detonationen ertönten und die brennenden Papierfetzen um seine Augen flogen. Mit der Schnelligkeit des Schreckens sprang das Tier mit allen Vieren gleichzeitig in die Luft und drehte vergeblich das gehörnte Haupt nach rückwärts, um mit dem Maule diese Teufel, die in seinem Felle steckten, abzustreifen. Die Zuschauer, welche diese Sprünge und Verrenkungen spaßhaft fanden, lachten und applaudierten. Es schien, als ob das Tier trotz der Unförmigkeit seines Körpers einen Tanz aufführte. Die Explosionen hörten auf, das verbrannte Fleisch bedeckte sich mit fettigen Blasen, der Stier blieb nun, da er das Feuer nicht mehr spürte, ruhig stehen und ließ die Zunge aus dem Maule heraushängen. Ein anderer Banderillo wiederholte den Wurf mit einem zweiten Paar. Wieder sprang der Rauch über dem Hals des Stieres auf, krachten die Detonationen und begann der rasende Lauf des Stieres mit all seinen Verrenkungen und Drehungen. Doch diesmal waren die Bewegungen weniger heftig, als würde er sich bereits an diese Marter gewöhnen. Beim dritten Male verbreitete sich in der Arena der stechende Geruch verbrannten Felles und versengter Haare. Doch die Zuschauer lachten über das an allen Gliedern zitternde Tier, dessen Flanken bebten, während es kläglich aufbrüllte und seine nach Wasser lechzende Zunge weit aus dem Maule hängen ließ. Gallardo wartete in der Nähe der Präsidentenloge auf das Zeichen anzugreifen. Garabato stand mit Degen und Muleta hinter der Barriere. Der Torero blickte auf die Loge, wo Doña Sol saß. Sie hatte ihm, als er seine tollkühne Tat ausgeführt hatte, begeistert Beifall geklatscht. Als sie sah, daß Gallardo sie betrachtete, grüßte sie ihn mit freundlicher Gebärde und auch ihr Gefährte schloß sich mit einer eckigen Bewegung seines Körpers diesem Gruße an. Dann hatte er bemerkt, wie sie ihn durch ein Glas beobachtet hatte. Diese Teufelin. So fühlte sie sich doch wieder durch die Beweise seines Mutes angezogen. Gallardo wollte sie am nächsten Tage besuchen, um zu sehen, ob sie ihre Meinung geändert hatte. Das Zeichen zum Angriff kam und der Torero schritt nach einem kurzen Gruß dem Stiere entgegen. Er streckte seine Muleta vor und der Stier machte einige Schritte nach vorne, als hätte der Schmerz seine Angriffslust geweckt. Dieser Mann war der erste, der ihm nach seinen Martern vor die Hörner kam. Doch bald blieb er wieder mit gesenktem Haupte und heraushängender Zunge stehen. Im Publikum war lautlose Stille eingetreten: eine Stille, die beklemmender war, als die der absoluten Einsamkeit, ein Schweigen, das durch das angehaltene Atmen der Zuschauer zu einem lautlosen wurde, so daß das kleinste Geräusch in der Arena bis in die letzten Reihen des Zirkus drang. Alle hörten ein leichtes Krachen von Holzstäben, die aneinanderschlugen. Gallardo bog mit dem Degen die Wurflanzen, welche über den Hals herabhingen, zurück. Nach dieser Vorbereitung zum Todesstoß streckten nun alle Zuschauer den Kopf vor: »Jetzt«, sagten sie sich alle, jetzt würde er den Stier mit einem meisterhaften Stoß erledigen. Gallardo sprang auf den Stier los und alle Zuschauer atmeten nach dieser bangen Erwartung tief auf. Das Tier lief brüllend weg, während die Zuschauer Protestrufe und Pfiffe ausstießen. Es war wie immer. Gallardo hatte im Augenblicke des Stoßes den Kopf abgewendet und den Arm zurückgezogen. Der Degen stak in dem Halse des Stieres, der die zitternde Klinge mit einigen Bewegungen in den Sand schleuderte. Ein Teil des Publikums beschimpfte Gallardo. Die Sympathie, die sich der Spada am Beginn erworben hatte, war verschwunden und das alte Mißtrauen wieder hervorgetreten. Alle schienen ihre frühere Begeisterung vergessen zu haben. Gallardo hob den Degen auf und ging gesenkten Hauptes dem Stiere nach, ohne den Versuch zu machen, gegen diese Stimmung des Publikums, das für andere nachsichtig war, ihm aber rücksichtslos alle Schwächen nachtrug, protestieren zu wollen. In seiner Verwirrung glaubte er einen Torero neben sich zu sehen. Es mußte der Nacional sein. »Ruhe Juan, nur nicht den Kopf verlieren.« Zum Teufel mit all dem. Mußte ihm immer dasselbe passieren? Konnte er nicht mehr, wie er es früher tat, den Arm um ein Horn legen und den Degen bis in das Kreuz hineinbohren? Sollte er für den Rest des Lebens dem Publikum zum Spotte dienen? Er stellte sich vor den Stier hin, der ihn ruhig erwartete, als wollte er selbst sein Martyrium so schnell als möglich beenden. Er wollte dieses Mal ohne die Muleta zu Ende kommen. Man sah, wie er das rote Tuch fallen ließ und den Degen horizontal in Augenhöhe brachte. Die Zuschauer sprangen, wie von einem Impulse getrieben, alle auf. Während einiger Sekunden bildeten Mensch und Tier nur eine einzige Masse und bewegten sich so ein paar Schritte. Doch plötzlich flog der Torero, durch einen fürchterlichen Stoß des Stierkopfes getroffen, weit in die Arena hinaus. Der Stier senkte die Hörner und umfaßte damit den unbeweglichen Körper, den er aufhob und gleich darauf fallen ließ, um seinen Lauf fortzusetzen, während ihm der Griff des Degens, der bis ins Kreuz gedrungen war, aus dem Halse hervorstand. Gallardo erhob sich mühsam und der ganze Platz ertönte vom Beifall, der das frühere Unrecht gut machen sollte. Hoch, Gallardo, er war »gut« gewesen. Doch der Torero ließ alle diese Äußerungen der Begeisterung unbeachtet. Er hielt die Hände an den Bauch gedrückt und ging, schmerzhaft zusammengekrümmt, schwankenden Schrittes und gesenkten Hauptes weiter. Zweimal richtete er sich auf, um nach dem Ausgang zu blicken, als fürchtete er, ihn in seinem Hin- und Herschwanken nicht zu finden. Plötzlich fiel er wie eine große Puppe aus Gold und Silber in den Sand. Bedienstete des Zirkus hoben ihn mit Mühe auf ihre Schultern. Der Nacional gesellte sich zu ihnen und hielt das bleiche Haupt des Toreros, dessen Augen glasig unter den Lidern hervorstarrten. Die Zuschauer hielten überrascht in ihrem Applaus inne, da sie nicht wußten, was geschehen war. Doch bald verbreiteten sich günstige Nachrichten, ohne daß man wußte woher. Die Leute setzten sich beruhigt nieder und wandten ihre Aufmerksamkeit dem Stiere zu, der sich trotz des Todeskampfes auf den Füßen hielt. Der Nacional half den anderen, seinen Herrn auf ein Bett zu legen, in das der Verwundete wie ein Sack fiel. Sebastian, der seinen Herrn schon oft blutig und verletzt gesehen hatte, ohne deswegen seine Ruhe zu verlieren, fühlte jetzt den Schauer der Furcht, als er ihn so leblos, wie tot, liegen sah. Zwei Ärzte kamen. Nachdem sie die Türe verschlossen hatten, um ungestört zu bleiben, standen sie unschlüssig vor dem leblosen Körper des Torero. Er mußte entkleidet werden. Beim Lichte, welches durch eine Lücke im Dache hereinfiel, begann Garabato die Kleider und Leibwäsche des Torero zu öffnen. Der Nacional konnte den Körper kaum sehen, da die Ärzte davorstanden und sich gegenseitig fragend anschauten. Es mußte ein Kollaps sein, der ihn auf der Stelle getötet hatte. Man sah kein Blut. Die Risse in seiner Kleidung waren ohne Zweifel durch den Stoß entstanden, den ihm der Stier gegeben hatte. Die Türe öffnete sich und Dr. Ruiz trat ein. Seine Kollegen überließen ihm die Untersuchung. Er fluchte in seiner nervösen Art, während er Garabato half, die Kleider des Torero zu öffnen. Eine Bewegung des Entsetzens, der schmerzlichsten Überraschung ging durch das Zimmer. Der Banderillo wagte nicht, zu fragen. Er sah den Unterleib des Toreros durch einen klaffenden Riß, dessen blutige Ränder eine bläuliche Farbe zeigten, in seiner ganzen Weite geöffnet. Dr. Ruiz schüttelte traurig den Kopf. Außer dieser entsetzlichen, tötlichen Wunde hatte der Torero noch einen furchtbaren Schlag durch den Schädel des Tieres erhalten. Der Atem hatte bereits ausgesetzt. »Doktor, Doktor«, seufzte der Banderillo, um die Wahrheit zu erfahren. »Er hat ausgelitten, Sebastian, du kannst dir einen anderen Torero suchen.« Der Nacional hob die Augen in die Höhe. So starb ein Mann wie Gallardo, ohne die Hand seiner Freunde drücken zu können, ohne ein Wort zu sprechen, wie ein armes Kaninchen, dem man das Genick abschlägt. Die Verzweiflung trieb ihn hinaus. Er konnte das blasse Gesicht nicht mehr ansehen. Er war nicht wie Potaje, der vor dem Bette stand und den Leichnam betrachtete, als sähe er ihn nicht, während er seine Kappe in den Händen herumdrehte. Sebastian weinte wie ein Kind, seine Brust wollte vor Herzleid zerspringen, während sich seine Augen mit Tränen füllten. Die Schreckensnachricht verbreitete sich schnell im Zirkus: Gallardo war tot. Einige bezweifelten die Wahrheit der Kunde, andere hielten sie für richtig, doch niemand verließ den Platz. Der dritte Stier sollte an die Reihe kommen. Die Veranstaltung war noch in der ersten Hälfte und es lag kein Grund vor, auf sie zu verzichten. Der Lärm der Menge und die Klänge der Musik drangen an das Ohr des Nacional, der in seinem Innern plötzlich einen wilden Haß gegen all das aufsteigen fühlte, was ihn umgab – einen Widerwillen gegen seinen Beruf und das Publikum, welches ihm diesen ermöglichte. In seinem Ohre ertönten alle jene stolzen Worte, mit denen er die Leute zum Lachen gebracht hatte, und sie gewannen nun eine neue Berechtigung für ihn. Er dachte an den Stier, den man jetzt aus der Arena schleppte, während seine verglasten Augen in den Himmel starrten. Dann sah er den Freund, der nur einige Schritte von ihm an der anderen Seite der Wand unbeweglich und starr mit zerfleischtem Unterleib und einem glanzlosen, geheimnisvollen Ausdruck um die gebrochenen Augen dalag. Armer Stier, armer Torero ... Von neuem drang freudiger Lärm, der die Fortsetzung des Stiergefechtes verkündete, an sein Ohr. Der Nacional schloß die Augen und ballte die Fäuste. Und draußen brüllte der Stier, der Besieger Juans und aller seiner Gefährten. Ende