Berthold Auerbach Schwarzwälder Dorfgeschichten – Fünfter Band. Der Lehnhold. (1853.) Ab der Landstraße. Ab der Landstraße, die durch das rauschende Waldthal führt, zieht sich ein Fahrweg bergan durch den Wald und dann zwischen lebendigen Buchenhecken nach einem einsamen Gehöfte, einer sogenannten Einzechte. Die Gleise auf dem Wege sind alle gleich, denn hier bewegen sich nur Wagen von derselben Spurweite; wer hier auf und ab zieht, hat mit dem Bauer von der langen Furche zu thun; denn dieser Weg gehört dem Furchenbauer zu eigen und führt nur zu ihm; wer von da wieder zurück will zu andern Menschen, muß auf demselben Wege wieder umkehren. So stattlich und weit sich auch Haus und Scheunen dort ausnehmen, die mit ihren grauen Strohdächern fast felsenartig ins Thal herniederschauen: sie haben doch nicht Raum genug für all das reiche Erträgnis des Feldes, denn hüben und drüben in den Feldern sehen wir die kegelförmig gebauten Garbenhaufen, Feimen genannt, die erst nach und nach abgedroschen werden, und in den noch herbstgrünen Bergwiesen stehen lustige Scheunen, sogenannte Stadel, deren Wände und Dach von graugewordenen Brettern viel nahrhaftes Heu in sich bergen. Dort etwas fern vom Hofe, am Rande des Bergvorsprunges jenes kleine aus Holz erbaute Häuschen, mit einer Turmspitze geschmückt, das ist die Kapelle, die dem Hofe zu eigen gehört. An Sommerabenden, oder auch am Sonntage, wenn man nicht nach der mehr als eine Stunde entfernten Kirche gehen kann, versammelt der Hausherr seine Kinder und sein Ingesinde in dem Käppele (wie der Landesausdruck hier das Wort Kapelle umgewandelt hat), und vor den mit Blumen und Bändern geschmückten Heiligenbildern wird er selber eine Art Priester, indem er laut die üblichen Gebete spricht und alles um ihn her kniet. Wir sind längst auf Grund und Boden des Furchenbauern, aber der Weg ist noch lang genug, daß wir uns einstweilen erinnern können, zu wem wir gehen, bis wir den Mann selbst vor uns haben. Damals, als wir mit dem Brosi auf der lustigen Hochzeit in Endringen waren und den Bändelestanz entstehen sahen, damals hatten wir uns vorgesetzt, die Geschichte des Furchenbauern zu erzählen. Wer damals das glückselige und reich gesegnete junge Paar erschaute, konnte nicht ahnen, welch ein schweres Geschick ihm bevorstand, das sich mit der Zeit erfüllte. Freilich, stolz und eigenmächtig war der junge Furchenbauer schon damals: hatte er ja dem armen Brosi einen Taglohn dafür geben wollen, wenn er mit Tanzen und Singen die Hochzeitsgäste erlustige; schon damals blickte der Furchenbauer mit einer stillen inneren Verachtung auf jeden herunter, der ihm nicht gleichstand, und hielt es nur selten der Mühe wert, in Wort und Mienen das auszusprechen. Aber warum soll ein junger Baron in schwarzem, rotausgeschlagenem Samtrock, roter Weste und Lederhosen nicht ebenso stolz sein wie einer mit Epauletten und goldgesticktem Halskragen? Der Furchenbauer konnte sich neben jedem Ritterbürtigen sehen lassen. Er war alleiniger Erbe oder, wie man es hier zu Lande noch heißt, der Lehnhold des großen Gutes von der langen Furche, das sich in Wald und Feld weit über Berg und Thal ausbreitet; er hatte acht Rosse im Stall, eben so viel Ochsen und die Doppelzahl Kühe und Rinder, und alles war schuldenfrei, denn er heiratete die Tochter des reichen fetten Gäubauern, des Vogts von Siebenhöfen, der den ehrenvollen Unnamen »der Schmalzgraf« hatte, und von dem Beibringen der Frau konnte die ausbedungene Losung der einzigen Schwester, die nachmals den Gipsmüller heiratete, blank ausgezahlt werden; der einzige Bruder, der sich dem geistlichen Stande weihte, erhielt nur einen Teil des ihm Zukommenden, das übrige ließ er auf dem elterlichen Hofe stehen, es war ja ohnedies das einstige Erbe der Bruderskinder. Mit einem stolzen gesättigten Behagen sah der Christoph, oder wie er jetzt – da ihm seine Würde erst den rechten Namen verlieh – hieß, der Furchenbauer am Morgen nach seiner Hochzeit zum Fenster hinaus und schaute zu, wie der Wind mit den Morgennebeln spielte, fast so wie er selber die Tabakswolken vor sich her blies. Der Vater hatte ihm die Zeit lang gemacht, Christoph war ledigerweise viel älter geworden, als die Bauernsöhne seinesgleichen, der Vater schien das Gut nicht lassen zu können, bis der Tod es ihm entriß. Christoph zürnte im stillen oft darüber, aber er war in Gehorsam und Unterwürfigkeit erzogen und durfte sich nichts merken lassen; war es ihm ja übel bekommen, als er einmal scherzweise zu seinem Vater sagte: »Gebt Euer Sach doch her, so lang Ihr lebet, dann höret Ihr's auch noch, wie man Euch Dank sagt.« Christoph hörte die Antwort darauf nicht, aber er fühlte sie. Nur auf Bedrängen der befreundeten und besonders des zweiten Sohnes, der damals Pfarrverweser in Reichenbach war, ließ sich endlich der Vater bewegen, an Christoph abzugeben. Er wählte seinem Sohne die ebenbürtige Frau, und dieser willfahrte nach altem Brauch; aber, als müßte es doch zur Wahrheit werden, daß der Vater das Gut bei Lebzeiten nicht lassen könne, starb er vor der Uebergabe und der Hochzeit. Am Morgen nach dieser dachte Christoph mit einem gewissen wehmütigen Danke an den Vater; er hatte recht gethan, ihn nicht früher in das Gut einzusetzen, jetzt erst war er geeignet, der Furchenbauer zu heißen, und ein schönes reichgesegnetes Lehen lag vor ihm . . . Die freudige Stimmung jenes ersten Morgens nach der Hochzeit ist schon lange verklungen. Wenn man bald vierzig Jahre im Besitze einer Macht ist, denkt man kaum mehr der Stunde, da man damit bekleidet wurde. Der Furchenbauer hat seitdem mancherlei erlebt. Von neun Kindern waren ihm vier verblieben, drei Söhne und eine Tochter; er hatte die Freude, den ältesten zum Schmalzgrafen erhoben zu sehen, denn er erbte das Gut des Muttervaters; aber schon nach wenigen Jahren starb der rüstige Schmalzgraf mit Hinterlassung einer einzigen Tochter. Dies war das alleinige Enkelchen des Furchenbauern, denn die andern Kinder waren unverheiratet, und wir werden bald sehen, warum. Wir sind am Hofe. Dumpfes Bellen und Kettenrasseln zweier Hofhunde, die in ihrem Bellen sich bald ablösen und bald zusammenstimmen, zeigt an, daß kein Fremder sich unbemerkt hier nahen darf; über das Bellen hinaus tönt aber der Taktschlag von sechs Dreschern, und dazwischen vernimmt man das rasche Klappern einer Handmühle, der sogenannten Putzmühle, die statt des ehedem üblichen Wurfelns das Korn säubert. Häuser, Ställe und Scheuern sind im Gevierte gebaut, das Thor steht offen; halten wir aber noch eine Weile inne, bevor wir eintreten. – Auf der Leiter an einem Zwetschgenbaum im Hausgarten steht eine Frauengestalt in üblicher Landestracht, die roten Strümpfe umschließen ein mächtiges Wadenpaar. Aus dem offenen Hofthor kommt ein schlanker junger Bauer, drei mächtige Strohbündel auf dem Rücken. »Ameile, fall nicht abe,« ruft der junge Mann. »Da unten ist auch schwäbisch,« antwortet es in die Zweige hinein, und die Strohbündel hüpfen auf und nieder von dem Lachen des jungen Mannes, während die Frauengestalt wieder fragt: »Was willst denn mit dem Stroh?« »Der Bauer will, daß man die Breitlingäpfel dort diesmal nicht brechen soll, man hab' kein' Zeit dazu, ich soll sie schütteln und Stroh unterlegen. Steig abe und gib mir die Leiter.« »Bist zu steif? Kannst nicht 'naufkrebseln?« spottet das Mädchen, während der Bursche das Stroh ausbreitet und erwidert: »Du sollst auflesen, ich muß gleich wieder ans Dreschen.« Behende ist er auf den Baum geklettert, der ganze Baum wird hin und her geschüttelt, es rasselt in den Zweigen, und dumpf prasselnd auf das knisternde Stroh und darüber hinaus fallen die rotbackigen Aepfel. Das Mädchen will bald da bald dort anfangen aufzulesen, aber wo es sich zeigt, wird ein Ast mächtiger geschüttelt, und manchmal, getroffen von einem Apfel, grillt es auf und schilt den tückischen Mann auf dem Baume. Dieser steigt ab, schaut das Mädchen kurz an und will nach dem Hofe gehen. »Du machst unsaubere Arbeit!« sagt das Mädchen lachend und fährt, auf den Baum deutend, fort: »Schau, dort hängt noch ein Apfel und dort noch einer.« Im Fortgehen erwiderte der Bursche: »Du vergißt's immer wieder, und ich hab' dir's schon oft gesagt: wenn man einem Obstbaum nicht alles abnimmt, trägt er im nächsten Jahre um so gewisser.« Ameile (Amalie) hält einen Apfel in der Hand und will den Weggehenden damit werfen, aber noch im Ausholen hält sie an, ein zweiflerischer Gedanke scheint ihr die Hand zu senken, sie steckt den Apfel in die Tasche, und auf das Stroh knieend, rafft sie die Aepfel zusammen und singt dazu: »Schätzele, Engele, Laß mi e wengele –« »»Schätzele wasele?«« »Nur mit dir basele.« Der Bursche, der eine Soldatenmütze auf dem Kopfe trägt und überhaupt eine soldatische Haltung verrät, geht wieder nach dem Hofe zurück, nimmt den Dreschflegel zur Hand und fällt taktmäßig in die Schläge ein. Im Hofe. Im Hofe, in dessen Mitte der große, mit Stangen eingezäunte Düngerhaufen, daran eine Jauchenpumpe sich befindet, ist reiche lebendige Bewegung: da wird Korn auf einen Wagen geladen, dort Stroh und dort Aepfelsäcke getragen, die zahlreichen Hühner und Enten wissen geschickt auszuweichen und überall etwas zu ernaschen. Rechts von dem Eingangsthor unter einem breiten Holunderbaume, der jetzt schon schwarze Beerenbüschel trägt, steht der Rohrbrunnen, der seinen hellen, armdicken Strahl in den langen Eichentrog ergießt, und rings um den Brunnen ist der Boden vortrefflich gepflastert, so daß nicht wie sonst oft gerade hier alles unsauber ist; der Abfluß des Brunnens hat einen gepflasterten Weg nach dem Baumgarten links am Thor und bildet dort sogar einen kleinen See. Die Kühe und Rinder werden zur Tränke geführt, denn die Ochsen und Pferde sind draußen im Feld beim Pflügen und Eggen. Der Kühbub knallt, daß es im Hofe widerhallt. Eine glänzend schwarze Kalbin, die auch nicht ein andres Härchen hat und in Schönheit strahlt, tanzt lustig im Hofe hin und her, steht bald still und schaut wie neckisch und verwundert drein und hüpft dann wieder mit gehobenem Schweif auf und ab. Die Drescher, die eben eine neue Spreite auflegen, stehen unter dem Scheunenthor und betrachten mit lauter Bewunderung das schöne Tier, und dieses scheint gefallsüchtig fast zu wissen, daß es bewundert wird, denn es macht immer freudigere Sprünge, bis endlich ein Mann aus dem dunkeln Schuppen ruft: »Hannesle, gib acht, daß dem Schwärzle nichts geschieht, thu's ein.« Das ist aber nicht so leicht, auch ein Tier läßt sich in seiner Lustbarkeit nicht gern unterbrechen, und erst mit Hilfe der Drescher, die sich, wie es scheint, auch gern ein wenig im Freien umhertummeln, gelingt es dem Kühbub, das Schwärzle in den Stall zu bringen. Das Schwärzle ist eine wichtige und beliebte Erscheinung auf dem Furchenhofe, dem hohe Ehren bevorstehen, und jedermann spricht nur Gutes von ihm. Wir wollen aber jetzt der Stimme aus dem Dunkel folgen, deren Ruf alles gehorchte. Das rollt und quetscht und platzt in dem dunkeln Schuppen, und ein eigener süßer Duft dringt uns entgegen. In einem fast halbrunden Eichentroge wird ein steinernes Rad gewälzt, das die eingeschütteten rotbackigen und grünen Aepfel zerdrückt, und dort hinten rinnt es aus der Presse in die Kufe; wir sind beim Mosten. Ein einäugiger schlanker junger Bursche treibt die Stange vorwärts, die mitten im Steinrade steckt, und ein andrer älterer Mann mit rötlich grauem Haar drückt sie wieder zurück, wobei einer dem andern hilft. Ein alter schlanker Mann mit enganliegenden schwarzen Lederhosen und Rohrstiefeln, die faltenreich niederfallen und blaue Strümpfe sehen lassen, hält eine längliche hölzerne Schippe in der Hand, wandelt an der freien Seite des Eichentroges auf und ab und schiebt je nach der Wendung die zerdrückten Aepfel zum besseren Auspressen unter das Rad, manchmal bückt er sich, um einen ganzen oder geteilten Apfel, der über den Rand des Eichentroges gefallen, wieder hineinzulegen. Das ist der Furchenbauer. Er sieht langgestreckt, dürr und hartknochig aus, und das ganze Wesen hat etwas Zähes, Unbeugsames. Die weißen Haare, die den spitzen Oberkopf ringsum bedecken, sind kurz geschoren, die hohe Stirne ist runzelvoll, über den grauen Augen sind die Ausläufer der dicken Brauen in die Höhe gewirbelt, die linke mehr als die rechte, man sieht offenbar, daß der Mann seine Brauen oft mit der Hand bewegen muß, und wenn er auch die Augen ganz aufschlägt, hängt noch immer die Haut des Augenlides schlaff und fast wie ein Vordach auf den Backenwinkel des Auges, die Backenknochen stehen dürr hervor, und tiefe Furchen ziehen sich zu beiden Seiten der knolligen Nase herunter; das sind Furchen, die das Schicksal gepflügt. Die schmalen Lippen des Mundes sind so sehr einwärts gezogen, daß man fast gar kein Rot sieht. Dabei hat der Mann in seinem Behaben noch etwas Bewegliches, wenn dies auch eckig und herb ist. Man wird in vielen Bauerngesichtern etwas Trotziges und Widersacherisches finden, es ist das nicht immer Ausdruck einer innerlichen Gemütsverfassung, sondern rührt meist von der schweren Arbeit her, gegen die es oft ein trotziges Anstemmen, ja gewissermaßen ein feindseliges Besiegen gilt. Wie jetzt der Furchenbauer nach einem großen Sack Aepfel ausgreift, um ihn zu wenden, haben seine Mienen etwas Grimmiges, das sich noch steigert, da er seiner Schwäche gewahr wird, und ächzend ruft er: »Helfet doch, ihr faulen Kerle!« Der ältere Mann gehorsamt rasch diesem Zuruf, der jüngere Einäugige aber sagt ruhig stehen bleibend: »Vater, ich mein', es war' genug für heut. Ich möcht' lieber dreschen, als mosten.« »Ich weiß, was du lieber thätest, gar nichts wär' dir am liebsten,« erwiderte der Furchenbauer zornig und schüttet mit Hilfe des älteren Mannes die Aepfel in den Trog. Die Aepfel platzen und zischen wieder unter dem steinernen Rad, und erst als alles in die Presse gebracht war, als die Spindeln der Presse krachten und knackten und der Saft nur noch tröpfelnd in die Kufe floß; erst als der Einäugige schon zweimal gesagt hatte, daß die Drescher bereits aufgehört hätten, gehen die drei endlich nach dem Röhrbrunnen, waschen sich dort die klebrigen Hände, die sie nur durch Abschütteln trocknen, und treten endlich in das Haus. Die Drescher und Feldtaglöhner schienen schon lange auf den Hausherrn zu warten, sie umstehen den Sattler, den sich der Furchenbauer ins Haus genommen hat, und der auf einem Seitentische der großen Stube ganze Felle zerschnitt, um daraus neue Pferdegeschirre zu machen und die alten in stand zu setzen. Kaum ist der Hausherr in der Stube und plötzlich Stille eingetreten, als Ameile mit einer kübelartigen Schüssel eintritt und sie auf den mit einem Tuch bedeckten Tisch stellt; ihr folgen noch zwei Mädchen, die das Gleiche bringen. Nachdem man gebetet hat, setzt man sich wortlos an den Tisch. Der Bauer sitzt oben, links von ihm der Einäugige, rechts der schlanke Bursche, den wir heute schon beim Eintritt die Aepfel schütteln gesehen. Taktmäßig wie beim Dreschen langt eins nach dem andern mit dem Löffel in die Suppe. Die Mädchen sitzen am untern Ende des Tisches, unter ihnen Ameile, und nur leise sagt eines dem andern, ihm mehr Raum zum Sitzen zu geben. Die wahren Seen von Suppe sind bald verschlungen, ein großer Laib Brot geht von Hand zu Hand, und jedes schneidet sich mit seinem Taschenmesser einen Ranken. Niemand spricht ein Wort, außer wenn etwa der Bauer einen anredet, und die Antworten sind stets knapp und gemessen. Nun verlassen die Mädchen den Tisch und kommen rasch wieder mit Bergen von Leberklößen und Felsstücken von geräuchertem Fleisch. Das Sprichwort sagt nicht umsonst: die können essen wie Drescher. Mit einer Ruhe und Nachhaltigkeit, die sich immer gleich bleibt, werden die Leberklöße vertilgt, und erst als das Fleisch zum Verteilen kommt, schnipseln viele nur an ihrem Teile herum, und kaum hat der Mann, der mosten geholfen hat, das Beispiel gegeben und das übrige Fleisch in ein Tuch gewickelt und in die Tasche gesteckt, als ihm auch viele andre beherzt folgen. Der Bauer sagt nur noch, daß er morgen nicht daheim sei und Vinzenz die Aufsicht führe, ein jeder schneidet sich noch ein Stück Brot, steckt es zu sich und man steht vom Tische auf. Nach dem Schlußgebete sagt der Bauer zu dem Burschen, der ihm zur Rechten gesessen: »Dominik, wenn du draußen fertig bist, komm 'rein, ich hab' dir was zu sagen.« Nach einem Gutnacht in verschiedenen Tonarten verlassen die Drescher und Taglöhner mit schweren Tritten die Stube, und erst draußen vor dem Hause hört man sie untereinander sprechen und lachen. Mehrere machen sich bald davon und zerstreuen sich in die Häuslerwohnungen, die da und dort im Thale stehen und an den Bergen hangen; nur einige, die aus fernen Gegenden sind, gehen in die Scheunen und legen sich ins Heu. Die Bäuerin, eine alte wohlbeleibte Frau, kommt jetzt auch aus der Küche, bringt sich ihr Essen mit und verzehrt es neben ihrem Mann. Dieser sagt ihr, daß er morgen nach Wellendingen (einem in der Mitte des Bezirks gelegenen Dorfe) fahre, da dort das jährliche landwirtschaftliche Bezirksfest sei, und daß Dominik das Schwärzle hinführen müsse; Ameile nehme er zu sich auf das Bernerwägele. »Du solltest den Vinzenz mitnehmen,« sagte die Frau in etwas schüchternem Tone. »Wie soll ich ihn denn mitnehmen? Ich kann ihn doch nicht die Kalbin führen lassen? Und er und der Dominik können nicht miteinander vom Hof weg sein. Wenn ich was sag', mußt du dich vorher dreimal besinnen, eh du was drein redest.« »Ich hab' nur gemeint, weil du doch auch für den Vinzenz ein Mädle aus einem rechtschaffenen Hans finden kannst –.« »Da brauch' ich ihn grade nicht dazu, das kann ich am besten allein. Zuerst muß ich die Sach' fertig haben, dann kommt erst er.« Die Bäuerin schweigt, und der Bauer liest die Zeitung, den Wälderboten, den der Milchbub, wenn er morgens die Milch nach der Stadt führt, mitbringt, den aber der Bauer täglich ruhig warten läßt und die Weltnachrichten, Vergantungen und Fruchtpreise jedesmal erst am Abend, wenn alle Arbeit abgethan, liest. Er zwirbelt sich dabei mit der Hand die linke Augbraue, und manchmal fährt er sich über die Stirne, denn er liest heute zerstreut. Der Gedanke, daß er keinen ebenbürtigen Nachbar habe und darum für seine Kinder sich auswärts umthun müsse, geht ihm durch den Sinn. In dem Blättchen stand, daß in Klurrenbühl wiederum Liegenschaften versteigert werden. Der Hofbauer von Klurrenbühl war der einzige ebenbürtige Nachbar gewesen, aber er hat schon vor Jahren sein Gut verkauft und ist Papierer geworden. Der Hirzenbauer von Nellingen hat die unverzeihliche That begangen, sein schönes, von alten Zeiten her unzerspaltenes Gut unter seine Kinder zu zerteilen. Der Furchenbauer schüttelt den Kopf und holt tief Atem, er schaut nachdenklich steif ins Licht, dann steht er plötzlich auf und stellt sich fest hin, indem er beide Fäuste ballt; er mag es fühlen, daß er bald der einzige ist in der Gegend, der einzige mächtige Stamm, während alles ringsum abgeholzt ist. Er ist fest genug, sich von keinem Sturm entwurzeln zu lassen. Ja, der Furchenbauer gleicht einer mächtigen Tanne, und wie diese oft in ihrer Wurzelausbreitung auf ein Felsstück stößt, aber unbehindert ihre Wurzeln darüber hinausstreckt und den Fels in sich einkrallt, und wie dieses Wurzelgeäste harzgetränkt lichterloh brennen kann, so ist auch der Furchenbauer unbewegt, einen Gedanken wie einen Felsen mit den Wurzeln festhaltend und helle Flammen in sich bergend. Ein Knecht mit verschiedenen Anliegen. Nach geraumer Weile tritt Dominik, der Oberknecht, ein und stellt sich, ruhig wartend, an den Tisch des Sattlers. Der Bauer liest noch ein wenig weiter, dann sagt er, aufschauend: »Du stehst heut nacht um zwei auf und gibst acht, daß gut gefüttert wird, besonders das Schwärzle, und vor Tag machst du dich mit dem Schwärzle Wellendingen zu. Du fahrst den Hennenweg über Jettingen, der Boden ist oben linder als auf der Landstraß, und das Schwärzle hat weiche Klauen, du thust recht gemach und laßst dir Zeit. Daß du mir aber ja nicht über Nellingen fahrst; kannst deiner Mutter Bescheid geben lassen, daß sie zu dir nach Wellendingen kommt. Du ziehst dein Sonntagsgewand an, und in Wellendingen im Apostel wartest auf mich, wenn ich noch nicht da bin.« Ohne ein Wort zu sagen, will Dominik weggehen, da ruft ihm der Bauer nach: »Kannst dich auch freuen, du kriegst morgen eine Denkmünze, weil du jetzt schon bis Martini elf Jahre bei mir dienst.« Dominik stolpert über einen Stuhl, als er die Stube verläßt. »Soll ich dir was mitbringen von Wellendingen?« fragt Dominik in der Küche beim Pfeifenanzünden das Ameile, und diese erwidert: »Ich fahr' mit dem Vater. So? Gehst du auch hin?« »Ja, und ich krieg' ein' Denkmünz und das Schwärzle vielleicht auch. Mensch und Vieh ist eins. Es ist nur schad, daß man die Menschen nicht auch verkaufen und metzgen kann.« »Der Dominik thät bitter und sauer schmecken,« sagt die Großmagd, eine stämmige und handfeste Person, während ihr verliebter Blick sagt, daß ihr dieser grobe Witz keineswegs ernst war. Ameile aber setzt hinzu: »Es muß dich freuen, Dominik, daß du den Ehrenpreis kriegst. Wenn ich ein Dienstbote wär' –« »Dann wärst du nicht des Furchenbauern Ameile,« unterbricht sie Dominik und geht davon, denn er hörte, wie die Stubenthür sich öffnet. Die Bäuerin ruft Ameile in die Stube. Bald kommt Ameile wieder, nimmt die kupferne Gelte und geht damit zum Brunnen. Die Nacht ist stille und sternlos, am Himmel jagen sich die Wolken, aus den Ställen vernimmt man das Kettenrasseln der Pferde, das Brummen der Kühe und Ochsen, ein lautes Zwiegespräch zwischen Knechten oder fremden Taglöhnern, das oft von Lachen unterbrochen wird, und der Kühbub stimmt jetzt auf seinem Lager ein einsames Lied an. Die Gelte ist schon lange bis über den Rand gefüllt und lauft über, aber noch steht Ameile mit auf der Brust übereinander geschlagenen Armen träumend davor. Ein plötzlicher Windstoß macht den Holunderbusch rauschen und sich beugen, der Brunnenstrahl wird seitwärts gebogen und Tropfen davon gerissen, die Ameile ins Gesicht spritzen, sie wischt mit der einen Hand die Tropfen ab und steht wieder still. Jetzt vernimmt man ein Geräusch in der Stallkammer, Ameile ruft den Kühbuben, um ihr aufzuhelfen, aber statt des Gerufenen kommt Dominik. »Holst noch Wasser?« sagt dieser, die Gelte Ameile aufs Haupt hebend, und sie erwidert: »Ja, und weil du da bist, grüß' mir dein' Mutter und sag' ihr, ich schick' ihr mit nächstem was.« »Dank, weiß nicht, ob ich mein' Mutter seh.« »Ja, und wegen dem Ehrenpreis muß ich dir noch einmal sagen, du mußt dich mit freuen, du versündigst dich, wenn du's nicht thust. Ich freu' mich auch mit. Es ist ja auch eine Ehre für uns, daß du so lange bei uns bist, und sei nur recht stolz.« »Freilich, freilich,« erwiderte Dominik, »gut Nacht.« Ameile geht nach dem Hause, aber schon auf halbem Wege begegnet ihr die Mutter, die nach Dominik ruft und, als dieser bei ihr steht, ihm sagt: »Du mußt morgen in Reichenbach anhalten und schauen, was mein Alban macht. Wir haben seit der Heuet nichts von ihm gehört. Des Nagelschmieds Vreni soll jetzt auch in Reichenbach bei ihrer Schwester sein, sag' ihm, er soll doch von ihr lassen, dann wird wieder alles gut.« Dominik kommt endlich zu Worte: »Der Bauer hat mir verboten, über Reichenbach zu fahren, ich soll den Waldweg über Jettingen.« »Geh du nur über Reichenbach. Du wirst schon eine Ausrede finden, und wenn alle Sträng' brechen, nehm' ich's auf mich; thu's mir zulieb und bring mir Bescheid.« Dominik zuckt die Achseln und antwortet: »Will sehen, was zu machen ist.« In dem Herzen dieses Knechtes gehen an diesem Abende seltsame Kämpfe vor. Er gesteht es sich selbst nicht und hütet sich wohl, es irgend eine Menschenseele merken zu lassen, daß er eigentlich seines Bauern Tochter liebt. Das ist ein unverzeihlicher wahnsinniger Uebergriff, und sowohl um sich selbst zu wahren, als auch um als treuer Diener seines Herrn zu bestehen, sucht er jede Aeußerung dieser Zuneigung zu bekämpfen. Das hätte aber alles nichts gefruchtet, wenn er nicht erwogen hätte, daß es ein unnützes und frevlerisches Spiel sei, das Kind – denn er betrachtete Ameile noch immer als Kind, weil er schon ein hochaufgeschossener Bub war, ehe sie noch in die Schule ging – das Ameile, das ihn wie einen alten Ohm ansah, mit solchen Dingen zu plagen, und wenn sie auch einst oder vielleicht morgen an einen Großbauern verheiratet wurde, so war's besser, sie hat nichts davon gewußt. Heute abend in der Küche hat er sich aber doch etwas verraten, und die Großmagd, die ihm allzeit nachstellt und auflauert, hat ihn so verwunderlich angesehen, daß er sich darob ärgerte. Die morgige Preisbelohnung ist ihm auch zuwider. Diese öffentliche Schaustellung hat noch nicht die Form gefunden, in der sie wirklich volkstümlich wäre. Nun kommt noch der Kampf dazu, daß er nicht weiß, soll er dem Bauer oder der Bäurin folgen; ersteres ist ihm doch genehmer, denn er hatte sich vorgenommen, trotz des Verbots nach Nellingen zu eilen und seine Mutter zu sehen, bei der er seit Weihnachten nicht gewesen war. Wenn er den Befehl des Herrn übertritt, wär's doch besser, das für sich zu thun als für andre. Ein Dienstbote ist doch allezeit angebunden, sein Leben und seine Tage gehören einem Fremden. Im Zorn über dieses Gefühl der eigenen Abhängigkeit weckt Dominik mit Schelten und Püffen seinen Untergebenen, den Kühbub, der ein Sohn des Nagelschmieds ist, und befiehlt ihm, die Nacht aufzubleiben, damit er zur Zeit wecke. Auf dem Hof ist es jetzt still und dunkel wie ausgestorben, der Halbmond blickt bald unter jagenden Wolken hervor und verschwindet schnell wieder, und die Häuser und Scheunen des Furchenhofes mit ihren schweren wie Kappenschilde überhängenden Strohdächern erscheinen wie unförmliche Felsengebilde. Die Hofhunde sind von der Kette gelassen und schleichen still und frei umher, legen sich bald da, bald dort nieder und richten sich wieder auf bei jedem Geräusche. Der Kühbub geht hinab in den Hofraum und spielt mit den Hunden, um sich wach zu erhalten; der Türkle, ein roter Wolfshund, ist zuthulich und leutselig, der Greif aber, ein schwarzer böhmischer Schäferhund, knurrt, wenn sich ihm der Kühbub naht, und selbst als er ihm ein Stück Brot reicht, ist dies verschwendet, er hat es in einem Schluck weg, bleibt aber unwirsch. Er ist wahrscheinlich stolz, sei es auf seine Wissenschaft, weil er kunstgerecht auf den Mann dressiert ist, oder auf seine Abkunft, denn er stammt mütterlicherseits von edler Rasse. Mitten in der sternlosen Nacht, in der Kameradschaft mit dem einen Hunde, geht dem Kühbuben eine glorreiche Zukunft auf. Er hat gehört, daß der Dominik einst auch als Kühbub auf den Hof gekommen war, und der war jetzt Oberknecht und der nächste beim Bauer und bekam morgen eine Denkmünze. Solches kann ihm einstmals auch werden. Der zukünftige Oberknecht erlabt sich besonders an dem Gedanken, wie er dann seine Untergebenen strenge halten wolle, die mußten ihm auf den Pfiff gehorchen. Das ist eine Aussicht, die leicht wach hält. Bei der trüben Stalllaterne betrachtet der Kühbub die doppelgehäusige Taschenuhr des Oberknechts und gedenkt der Zeit, wo er einst eine solche zu eigen haben werde; ja, er wagt es sogar, die Pfeife des Dominik in den Mund zu nehmen und kalt daraus zu rauchen. Und mitten in der Nacht steigt in dem barhauptigen Kühbuben ein großer Gedanke auf. Ein reicher Bauernsohn zu sein, das wäre doch noch besser, als sich zum Oberknecht aufzuschwingen; da hat man nichts zu thun, als gehörig zu wachsen, und wenn man groß geworden, hat man Haus und Vieh und Aecker von selbst. Warum haben's die einen so leicht und die andern so schwer? . . . Das ist ein Rätsel, das der Kühbub noch nicht gelöst hat, als er den Dominik weckt, und nur das eine hat er davon erobert, er läßt sich das rauhe Wesen des Oberknechtes leichter gefallen, denn er lacht ihn innerlich aus, er ist ja doch kein Bauernsohn und hat noch einen über sich. Mächtige Rückerinnerung. Noch als das Licht gelöscht war, hatte der Bauer seiner Frau gesagt, daß er auch hoffe, morgen für das Ameile einen rechten Bräutigam aufzubringen, die Frau hatte nichts geantwortet, denn sie betete still für sich, und in ihr Gebet schloß sie einen Namen ein, den sie schon seit bald einem Jahr nicht vor ihrem Manne nennen durfte, es war Alban, seit dem Tode des Schmalzgrafen ihr ältester Sohn . . . In dem Hause, wo überall nichts als Fülle und vielgepriesener Wohlstand sich kundgab, wachte in stiller Nacht die Mutter und klagte um ihren Sohn, der in der Fremde als Knecht dient. Sie brach bald ab und wollte einschlafen, denn sie hatte auch eine wunderbare Macht über ihre Gedanken und konnte sich zwingen, Störendes und Unruhvolles zu verbannen. Wie zu lästigen Bettlern konnte sie jetzt zu Erinnerungen, die mit klagender Stimme an sie herantraten, barsch und doch wieder wohlwollend sagen: kann euch heute nicht brauchen, kommet morgen wieder, oder ein andermal – und sie gingen. Heute aber verschlug das nicht . . . Das eigene Leben der Bäuerin durfte rasch an ihr vorüberziehen. Ohne Neigung, aber auch ohne Widerstreben hatte sie als reiche Bauerntochter den gleichbegüterten Furchenbauer geheiratet. In den bald vierzig Jahren ihrer Ehe hatte sie es nicht vergessen, daß ihr das herbe und schroffe Wesen ihres Mannes viel Herzeleid gemacht, aber sie hatte sich daran gewöhnt. Dennoch blieb sie dem oberländischen Wesen noch vielfach fremd. Auf einem großen einsamen Bauernhofe aufgewachsen, kam sie als Frau wieder in einen solchen, sie kannte wenig von der Welt, aber hier war doch alles anders; sie stammte aus dem viel mildern geschmeidigern Unterlande, hier oben war alles wie mit der Holzaxt zugehauen. Daheim auf Siebenhöfen hatte sie oft bei der Heuet im Thale die Flößer vom Schwarzwald auf dem Neckar miteinander schreien und fluchen hören, daß man meinte, sie hätten die gräßlichsten Händel und würden beim Zusammentreffen einander erwürgen und mit ihren Aexten das Hirn spalten und am Ende war's nichts als ein tapferer Zuruf. So sah sie auch bald, daß viele Heftigkeiten in Haus und Hof nicht so bös gemeint waren, es gehörte eben zu der lauten »herrscheligen« Art und Weise der Menschen. So sehr sie aber dies erkannte, blieb sie doch diesem Leben fremd, sie hatte noch immer die Sitten ihres väterlichen Hauses im Sinne, und wenn später ihre eigenen Kinder unbändig waren, sagte sie oft: »So sind halt des Furchenbauern.« Dieses stete Rückschauen nach der Heimat, dieses Preisen derselben als eines allzeit friedsamen stillen Paradieses, brachte in der ersten Zeit manches Zerwürfnis zwischen den Eheleuten, bis die Bäuerin endlich einsah, daß ihr Mann recht hatte, wenn er ihr sagte: »Du glaubst, bei dir daheim hätten sie alle Gutherzigkeit in Beschlag genommen, die Schmalzgrafen hätten das Besthaupt kriegt. Wenn's drauf ankommt, wirst schon sehen, daß wir auch ein Herz im Leib haben, grad so gut wie ihr.« Und das war in der That der Fall. Der Furchenbauer war offenbar ein rechter Mann, karg an Worten, aber arbeitsam von früh bis spät, pünktlich und auf Ehre haltend; er ließ seine Frau in ihrem Bereich gewähren, er wußte, was sich für einen großen Bauernhof und für die Tochter des Schmalzgrafen schickte. In solchen Verhältnissen hat man überhaupt nicht lange mit Gemütsangelegenheiten zu thun, der Tag hat seine hundertfältigen Pflichten; in einem solchen großen Anwesen gilt es, überall zur Stelle zu sein, anzuordnen und selbst Hand anzulegen, und das ruhige Gefühl, alles gehörig im Stand zu halten, und dazu noch ein gewisser Stolz der Herrschaft und des Besitzes füllt alles aus. Die beiden Eheleute lebten in Frieden und hielten einander in Ehren. Es mag hart klingen, aber es ist doch wahr und erweist sich bei näherer Betrachtung auch milder: bei den Bauern, besonders aber bei den Großbauern, ist die Ehe vielfach nur ein Vertragsverhältnis in der ausgedehntesten Bedeutung des Wortes. Erkennen die Eheleute, daß die Verschiedenartigkeit ihrer Naturen sich nicht zur Einigkeit verschmelzen läßt, so tritt ein gegenseitiges selbständiges Gewährenlassen ein. Hier, wo die Hausfrau gleichmäßig mit dem Manne für den Besitzstand zu arbeiten hat, erfüllt ein jedes den Kreis seiner Pflicht ohne weitere Anforderung. Die Arbeit für Erhaltung und Vermehrung des Besitztums ist die Wesenheit des Lebens, dem die Heilighaltung des geschlossenen Bundes noch eine gewisse Weihe erteilt, und kommen Kinder, so erblüht die Verträglichkeit auch wiederum oft zur Liebe. Offene Zerwürfnisse oder gar Trennungen aus Mangel an Liebe kommen darum im Leben der Großbauern fast nie vor. Nur selten, zu einem Jahrmarkt, zu einer Gevatterschaft oder Hochzeit verließ man den Hof, und die Bäuerin hörte überall mit Befriedigung, wie hochgepriesen sie und ihr Mann waren und wie sie als eine Zierde der ganzen Gegend galten, so daß es immer hieß: solche Bauersleut' seien schon lange nicht in der Gegend gewesen. Die Bäuerin hörte solchen Lobpreis immer mit ruhigem Behagen an, sie hatte sich von ihrem Mann angewöhnt, auch kein übrig Wort zu reden. Nie kam es ihr in den Sinn, von ihrem Reichtum einen andern Genuß haben zu wollen als den, ihn zu erhalten und zu vermehren und, wie sich's gebührt, den armen Leuten der Gegend ihre Gaben zukommen zu lassen. Die schwere Kriegszeit, die in den Anfang ihrer Ehe fiel, verschonte auch den Furchenhof nicht, ja sie brachte Not und Gefahr. Gegen eine Einquartierung, die sich unziemlich gegen die schöne Bäuerin benahm, fuhr Christoph mit der ganzen Heftigkeit seines Wesens auf, und nur ein Zufall rettete ihn vom Totschlage. Damals fühlte die Bäuerin recht deutlich, welch ein Mann der Furchenbauer war, und in dem Gedanken, daß sie ihn hätte verlieren können, wie lieb sie ihn hatte. Nur das eine Mal sagten dies die Eheleute einander und sonst nie. Der Furchenbauer lebte ganz für sich, er schloß sich an niemand an, er hatte keinen Freund, keinen Vertrauten; mit seiner Schwester und seinem einzigen Schwager, dem Gipsmüller, lebte er in oberflächlicher Beziehung, die sich nachmals durch einen Streit in gegenseitiges einander Vergessen verwandelte; nicht einmal mit seiner Frau beredete er, was er vorhatte, er war eine einsame Natur, ohne Anhänglichkeit und ohne Abhängigkeit, man kann fast sagen: er selber war ein geschlossenes Gut. Es kamen mehr Kinder, als sonst in einem solchen Bauernhofe gewöhnlich ist. Der Bauer war oft unwirsch; wenn er aber den Neugeborenen auf den Armen hielt, war er seltsam weich und liebevoll. Vier Kinder lagen auf dem eine Stunde weit entfernten Kirchhofe, drei Söhne und Ameile waren geblieben, der Alban war nach dem Schmalzgrafen der älteste, Vinzenz der jüngste. Da wurde abermals ein Sohn geboren, und als zwei Tage darauf Vinzenz mit dem Vater vom Kornmarkt heimfuhr, sagte der kecke Bursche: »Vater, es ist ein' Schand und Spott, und Ihr solltet Euch auch schämen, wie ich, daß ich noch ein kleines Brüderchen bekommen hab'.« Der Furchenbauer ward über diese Rede so wild, daß er ihn niederwarf und ihm mit dem Peitschenstiel so ins Gesicht hieb, daß er ihm ein Aug' ausschlug. Das war ein Jammer, als der Vater mit dem einäugigen Sohn heimkam, und in derselben Stunde war das kleine Brüderchen gestorben, dem die Wehmutter noch die Nottaufe gab. Es war nun ein seltsam zerstörtes Leben auf dem Furchenhofe. Der alte Bauer lebte in Unfrieden mit sich und mit der Welt, er schlug die Augen nieder, wenn er den Vinzenz sah, den er so jämmerlich verletzt hatte, und verhätschelte ihn auf allerlei Weise. Der Vinzenz zeigte jetzt ein herrisches und tückisches Wesen und lebte in stetem Hader mit seinem ältern Bruder Alban, der bis jetzt, soweit es ging, der natürliche Herrscher des Hauses gewesen war. Der Alban war zu allem anstellig und allezeit aufgeweckt und wußte besonders gut mit den neuen Pflügen, Häckselschneide- und Säemaschinen umzugehen, die der Furchenbauer angeschafft hatte, da er den Ruhm eines aufgeklärten Landwirtes besitzen und es gern, soweit es seinem Vorteil entsprach, den studierten und adeligen Gutsbesitzern der Gegend gleichthun wollte. Jetzt schien alles auseinanderzufahren, niemand war mehr recht bei der Arbeit; aber ein festgefugtes Anwesen hat so viel innere Stetigkeit, daß es auch ohne besondere Leitung noch eine Weile seinen geregelten Gang fortgeht; und dazu kam noch, daß Dominik sich jetzt in seiner ganzen Verständigkeit und Treue zeigte: er ließ die drin im Hause zanken und schelten und sorgte unermüdlich dafür, daß alles in Feld und Stall und Scheunen gehörig vollführt wurde. Der Furchenbauer fand endlich einen glücklichen Ausweg. Alban hatte schon oft gewünscht, in eine Ackerbauschule einzutreten, jetzt ward ihm das gewährt. Kam diese Gewährung auch für Alban etwas zu spät, er ließ sich doch auf Zureden der Mutter, der Schwester und des Dominik zu deren Annahme bewegen, und nach seinem Weggang schien auch wieder Friede und Ruhe im Hause zu herrschen. Nur sah man den Furchenbauer oft heimlich knirschen, der Vinzenz schien ihn allerwege zu quälen und seine Befehle zu verhöhnen, und so reichlich er ihm auch gegen seine Gewohnheit Taschengeld gab, er war damit nie zufrieden, und man mußte bald da bald dort Schulden für ihn bezahlen und allerlei böse Streiche vertuschen. Vinzenz hatte es niemand gesagt, wie er um sein Auge gekommen war, die Drohung damit gegen den Vater ward eine ergiebige Quelle für allerlei Gewährung. Endlich schien auch dies sich beizulegen, Vinzenz wurde arbeitsamer und häuslicher, und der Furchenbauer eröffnete seiner Frau, daß er sich entschlossen habe, dem Vinzenz einstmalen das Gut zu übergeben, der Alban sei ein aufgeweckter Bursche, der sich leicht durch die Welt bringen und eine reiche Lehnbesitzerin erobern könne; denn die meisten großen Bauerngüter waren oder heißen noch Lehen. Die Mutter hatte nichts dagegen einzuwenden, in ihrer Heimat war es ohnedies Sitte, daß nicht der Aelteste, sondern der Jüngstgeborene das väterliche Erbe erhielt und den anderen Geschwistern eine notdürftige Abfindung ausbezahlte. Sie ahnte wohl, daß diese Neuerung hier zu Lande, und besonders bei Alban, nicht so glatt abginge, aber sie beschwichtigte ihre Sorge. Ja sie freute sich vollauf der nun wieder herrschenden Eintracht; sie war eine kluge und behagliche Frau, die die Freude des heutigen Tages nicht mit Kummer um kommende Zeiten verscheuchte. Der Völkerfrühling und ein flammendes Jünglingsherz. Zu Lichtmeß kehrte Alban wieder auf den väterlichen Hof zurück. Die Mutter hatte ihre Freude an dem schönen Burschen und betrachtete ihn oft, als wäre er ein Fremder. Die braunen Haare, die nur am ovalen Hinterkopfe ganz glatt geschoren waren, trug er auf dem breiten Oberhaupte gescheitelt. Wie leuchtete die weiße Stirne, doppelt hell über dem sonnverbrannten Antlitze mit dem braunen Schnurr- und Knebelbarte, wie glänzten die braunen Augen, die er so hoch aufschlug, daß man unter den tief hereinstehenden Brauen gar kein Augenlid sah. Er trug ein nach vorn geöffnetes kurzes graues Burgunderhemd, die sogenannte Bluse, und alle seine Bewegungen, jeder Schritt, jede Stellung und Wendung war allezeit geschlossen und mit gesammelter Kraft, alles machte den Eindruck der Frische und straffen Jugendlichkeit. Die Mutter hatte nicht allein ihre Freude an dem schönen Sohne, wer auf den Hof kam, konnte sein nicht Rühmens genug finden, und die ganze Gegend war stolz auf ihn. Die Mutter hatte es vollkommen getroffen, wenn sie nach dem landesüblichen Ausdruck sagte: »Mein Alban ist ein weidlicher Bursch,« denn mit weidlich bezeichnet man das Hurtige wie das Jugendfrische. Begriff und Wort Jüngling sterben jetzt allmählich fast aus: Alban war noch ein Jüngling in der frischen Bedeutung des Wortes, kindlich hingebend und hell aufflammend. Er war in dem Jahre seiner Abwesenheit fast jünger geworden. Er hatte ein freies Behaben aus der Fremde mitgebracht, das aber heimatlich anmutete. Er hatte fremde Gedanken mitgebracht, wie auch fremde Lieder, die man ihm bald auf dem Hofe nachsang, aber zum Ruhme seiner Lehrer wie seines eigenen Naturells muß gesagt werden: er hatte sich in keinerlei Weise der Heimat entfremdet, sein Wesen hatte nur etwas Sonntägliches, und das paßte ganz zu dem neuen glorreichen Sonntag, der jetzt über der Welt aufgegangen war. Einstimmig wurde Alban zum Leitmann gewählt, als man, von dem noch jetzt unerklärten Franzosenlärm geschreckt, sich vorerst mit gestreckten Sensen bewaffnete. Auch Dominik war mit unter den Bewaffneten, der Furchenbauer hatte ihm ausdrücklich die Erlaubnis gegeben. Wie oft stand die Mutter mit Ameile hinter dem »Käppele« und schaute nach dem Thal, wo ihr Sohn wie ein Feldherr regierte, oder sie ging gegen ihre Gewohnheit am Werktage nach dem Thal, um in der Nähe zu sehen, wie ihr Sohn kommandierte und mit Hilfe des Dominik und des Nagelschmieds, eines ehemaligen Soldaten, der als Häusler und Taglöhner auf dem Hellberge wohnte, militärische Ordnung einübte. Wenn er dann, mit der schwarzrotgoldenen Schärpe angethan, mit ihr nach Hause ging, sagte sie ihm oft: »Du könntest Offizier sein,« und dann erzählte er ihr von der Schweiz, wohin er mit dem Lehrer und den Genossen eine landwirtschaftliche Reise gemacht hatte, und wo die reichen Bauernsöhne Offiziere seien, das ganze Jahr nach Pflicht arbeiteten und nur zu den alljährlichen Uebungen einrückten. Die gute Frau ließ oft der freudige Gedanke nicht schlafen, daß ihr Alban Offizier sei. Der Furchenbauer sah die Erwählung seines Alban doppelt gern und zog daraus manchen trostreichen Gedanken, den er aber in sich verschließen mußte. Schon die Erwägungen, die bei der Wahl der Führer in Dörfern und Städten zu Tage kamen, zeigten eine gewisse Unentschiedenheit der Gemüter, die sich bald im großen Ganzen kenntlich und verderblich darstellte. Es herrschte die allgemeine Stimmung, daß der Nagelschmied als ehemaliger Soldat und redlicher, gescheiter Mann Führer sein sollte; man sah das wohl ein, aber man wollte doch auch wieder einen Mann von Ansehen, der auch Bedeutung hatte. Die Parteien vereinigten sich zuletzt, und um allem gerecht zu sein, wählte man keinen Hofbauern, sondern den Sohn eines solchen, und Alban war nach Stellung und Persönlichkeit dazu am geeignetsten. Auf dem Hofe standen Knechte und Mägde oft bei einander, und der Hauptgegenstand ihres Gespräches war der Alban, wie der so gut und zutraulich gegen jedermann sei, und selbst der Kuhbub wußte Lobendes von ihm zu erzählen; Alban hatte ihm versprochen, daß er Trommler werden solle, und er übte sich einstweilen mit zwei Stöcken auf dem Melkkübel. In die Dienstleute schien ein unruhiger Geist gefahren: unversehens standen mehrere bei einander und plauderten von allerlei Abenteuerlichem, von einer ganz neuen Welt, die jetzt anfange. Auf der ersten Volksversammlung, die man erlebte und die in Wellendingen gehalten ward, hatte ein Advokat öffentlich ausgerufen: »Die ganze alte Welt wird jetzt auf den Abbruch versteigert.« Dies Wort wurde von einsamen Wanderern über Berg und Thal getragen, man glaubte daran wie an einen Bibeltext, und manche Predigt wurde darüber gehalten. Der Furchenbauer zankte oft über diese »Ständerlinge«, aber behutsam; diese Unruhe, die in alle Menschen gefahren war, deuchte ihm nicht geheuer. Es war ihm nur lieb, daß sein Sohn Anführer war, das schützte ihn gegen das Räubervolk, denn als solches betrachtete er jetzt alle Nichtbesitzenden, die sich in der That jetzt die kecksten Waldfrevel ungeahndet erlaubten, und kein Förster hatte Mut gegen sie. Dem Alban folgten die Dienstleute auf einen Augenwink und mit dem größten Eifer. Ohne besondere offizielle Erklärung wurde der Thronfolger Alban jetzt Mitregent und der Dominik, der zum Oberknecht ernannt war, erster Minister. Der Furchenbauer mußte bekennen, daß alles gut von statten ging, wenn ihm gleich die vielen freundlichen Ansprachen an Dienstleute und Taglöhner nicht gefielen; aber es war jetzt eine neue Welt. Hätte Alban jetzt das väterliche Gut von ihm verlangt, er hätte es ihm geben müssen, trotzdem er dem Vinzenz mit Handschlag versprochen, ihn einzusetzen, und darauf mit ihm das Abendmahl genommen hatte. Alban dachte an nichts weniger als an derlei Dinge. Er fühlte wohl, daß sein einäugiger Bruder, der nicht gleich ihm in der Fremde gewesen war, sich bedrückt fühlen und neidisch gegen ihn sein mußte; er behandelte ihn daher trotz seines unwirschen Gebarens mit zuvorkommender Liebe, und wo er nur konnte, stellte er ihn voran und ließ ihn Befehle erteilen. Vinzenz ließ sich das gefallen, er verschloß in sich hinein die Gedanken und Plane, daß wieder andere Zeiten kommen werden, wo der Alban froh sein werde, wenn er ihn als Verwalter oder Knecht zu sich nehme. In der Kammer, wo die beiden Brüder schliefen, herrschte Friede und Eintracht. Vinzenz sprach wenig, desto mehr aber Alban, und wenn der Vater nach seiner Gewohnheit, von der er nicht lassen konnte, manchmal an der Thür horchte, ging er kopfschüttelnd weg. Der Alban offenbarte allezeit ein so grundklares lauteres Gemüt und war dabei so geschickt und welterfahren, daß es ihm manchmal leid that, ihn nicht in das Gut einsetzen zu können; der würde einen Hof hinstellen, wie landauf und landab keiner zu sehen war. Er tröstete sich aber wieder damit, dem Alban könne es nicht fehlen, sich eine reiche Lehnbesitzerin zu holen, die fürnehmste, die er wolle; der Vinzenz aber war vom Vater verstümmelt und konnte sich ohnedies nicht selber helfen. Jenes wonnige Beben, das damals die gedrückten Herzen in ganz Europa durchzitterte, jene freudige Ahnung, daß die Zeit der Not und der Ehrlosigkeit vorüber sei, machte sich damals auf dem Furchenhofe und in der Umgegend in eigentümlicher Weise geltend. In Wald und Feld, mit Axt und Pflug in der Hand, schaute jegliches oft plötzlich aus, als müßte ein Wunder kommen, ein neues Erlösungswerk, das auf einmal alles richte und schlichte. Es war die Zeit der Zeichen und Wunder, alle Sehnsucht und alle Verheißung, die mehr oder minder klar in den Gemütern ruhte, sollte ihre Erfüllung finden; die Erlösung war da für die hochstehenden, die ganze Menschheitentwickelung erfahrenden Geister, wie auch für diejenigen, die in beschränkte Gesichtskreise eingeschlossen waren. Die Hoffnung, daß eine Zeit gekommen sei, in der man seines Schweißes froh werde, bildete sich oft abenteuerlich aus. Oft wenn einer in verborgener Thalschlucht oder tief im Walde arbeiten mußte, überkam es ihn plötzlich wie ein jäher Schreck, daß er jetzt den Triumphzug versäume, der die Heerstraße dahinzieht und alles glückselig macht. Die Taglöhner sprachen oft wild durcheinander wegen Verteilung der Allmend und des Gemeindewaldes, wegen Erhöhung des Tagelohnes und Kürzung der Arbeitszeit, und mancher lang verwundene und halb vergessene Schmerz kam an den Tag. Alban sprach da und dort mit beredtem Munde und hatte einen hilfreichen Beistand an dem verständigen Nagelschmied, der mit seiner Tochter Vreni auf dem Furchenhof als Taglöhner arbeitete. Der Nagelschmied hieß nur noch so, aber er war es nicht mehr. Noch vor wenigen Jahren hatte er im Sommer als Taglöhner auf den benachbarten Höfen gearbeitet und im Winter Nägel geschmiedet, wobei ihm seine Frau und seine Goldfuchsen, wie er seine Kinder mit rötlichbraunem Haare nannte, halfen, und besonders die zweitälteste Tochter Vreni zeigte eine große Kunstfertigkeit. Durch ein Verbot der Regierung wurde ihm dies Gewerbe untersagt, weil es nach dem Buchstaben des Gesetzes nicht unter die freien Gewerbe gehörte. Vreni hatte das Strohflechten erlernt, und so oft sie zur Feldarbeit ging oder von derselben heimkehrte, sah man sie mit grobem Geflechte beschäftigt; zu dem feineren waren ihre Hände durch die Feldarbeit und die frühere Thätigkeit in der Werkstätte ungeschickt geworden. Jetzt hoffte der Nagelschmied wieder sein Gewerbe aufnehmen zu dürfen, und Alban versprach, ihm zur Anschaffung des Handwerkszeuges, das er in der Not verkauft hatte, behilflich zu sein. Auf dem Furchenhofe wurde allezeit mit doppelter Lebhaftigkeit und unter Lachen und Singen gearbeitet, jeder war lustig, ohne zu wissen, warum, und ohne weiter danach zu fragen. Im Frühling, wo gerade die härteste Notzeit ist, da die Wintervorräte aufgebraucht sind, verteilte Alban freiwillig Korn als Vorschuß unter die Taglöhner, und der alte Furchenbauer mußte ihm trotz der Widerrede recht geben; denn andere Großbauern wurden zu dem gezwungen, was er freiwillig gethan hatte, und wofür er nun Dank erhielt. Alban und der Vater ritten einst zu der großen Versammlung in Wellendingen, die der Kandidat für die Stelle eines Reichstagsabgeordneten anberaumt hatte. Alban war auf dem Heimweg ganz erfüllt von den feurigen Worten, die er vernommen, er hatte zum erstenmal unter freiem Himmel befreiende Worte gehört und mit eingestimmt in den tausendstimmigen Jubel. Als er auf dem Heimweg sein Herz gegen den Vater ausschüttete und endlich sagte: er müsse dem Volksmann seine Stimme gehen, sagte der Vater: »Ja, das thu' ich auch. Man muß jetzt mitthun.« »Und ich mit,« rief Alban. »Ja so,« fuhr der Vater fort, »du stimmst ja auch. Das hab' ich fast vergessen. Freilich, es ist ja jetzt alles gleich, Vater und Kind, und wer was hat und wer nichts hat; es ist all eins. Ich bin froh, daß ich tief in den Sechzig bin, das ist kein' Welt für mich; die Bettelleut' dürfen nicht mitreden, der Nagelschmied darf nicht mitstimmen wie ich.« Alban schwieg, er traute sich's nicht zu, seinen Vater zu anderer Ueberzeugung zu bringen; auch war er an die natürliche und altherkömmliche Oberherrlichkeit des Vaters gewöhnt und wagte es nicht, ihm geradezu zu widersprechen. Man würde indes dem Furchenbauer schwer unrecht thun, wenn man einen gewissen Freimut desselben in Zweifel zöge. Der Bauer auf Einzechten – wie man die weit auseinanderliegenden geschlossenen Güter nennt – ist ein ganz anderer, als der in den Dörfern lebt. Die alles in ihr Netz spannende neue Regierungskunst, oder vielmehr Polizeikunst, hat nur eine lose Verknüpfung mit solchen einsamen Höfen, und nur selten betritt ein Diener der Obrigkeit die oft einen großen Teil des Jahres unwegsamen Pfade, welche dahin führen. Dadurch bildet sich in dem Hofbauer die eine Seite des freistaatlichen Lebens: das Gefühl der Unabhängigkeit und dessen eifersüchtige Wahrung, mächtig aus. Die Markscheide, wo die Unabhängigkeit zu Eigensucht wird, tritt nur selten zu Tage. Hat die Bureaukratie aus den Bürgern in Städten und zusammenhängenden Dörfern jeden Gemeinsinn, jede Selbstthätigkeit fürs Allgemeine allmählich gründlich ausgetrieben, so ist der einsame Bauer draußen oft gar nie dazu gekommen. Unser Furchenbauer galt von jeher als ein Liberaler, und er war dies auch nach dem bisher gewohnten Begriff. So oft er mit den Beamten in Berührung trat, war er stolz und zäh. Wenn er aufs Amt kam, sagte sein Gang, seine Miene: »Was seid denn ihr Schreiber gegen mich? Ich bin der Furchenbauer,« und nur einmal vertraute er in sonst nie vorgekommener Offenherzigkeit dem Hirzenbauer von Nellingen einen Geheimgedanken mit den Worten: »Die Beamten haben doch weit mehr Respekt vor einem, der kein untertäniger Jamensch ist, wenn sie ihn auch nicht leiden mögen.« Dazu kam, daß trotz seines Stolzes ihm die Vertraulichkeit der angesehenen Männer aus der organisierten liberalen Partei wohlthat; er duzte sich mit mehreren Advokaten, und sogar mit dem ausgetretenen Geheimrat, der trotz seines Liberalismus doch beharrlich Geheimrat betitelt wurde. Der Furchenbauer hörte sich gern als freien Mann rühmen, der nach niemand was zu fragen habe, er sprach bei den Wahlversammlungen nie öffentlich und kaum mit einem Nachbar, aber bei der Abstimmung war er fest und sicher. Jetzt war eine andere Zeit gekommen. Freilich war es schön, daß zwei von den Duzbrüdern des Furchenbauern jetzt Minister waren. Damit sollte aber auch die Welt zufrieden sein, und unerträglich war's, daß jetzt jeder die Keckheit hatte, auch ein Liberaler sein zu wollen; das ist doch etwas, was nur Leuten zusteht, die nach niemand was zu fragen haben, wie kommt so ein Häusler dazu? Und himmelschreiend war's, daß jetzt auch ein Kind, das noch keinen Kreuzer eigen Vermögen besaß, mitstimmen durfte wie der Vater. Diese Wahrnehmungen machten den Furchenbauer oft unwirsch, aber er verschloß seinen Widerstreit in sich. Nur einmal gab er ihn kund, indem er Alban befahl und, als dies nichts half, ihn sogar bat, von seinem Stimmrechte keinen Gebrauch zu machen; der Alban ließ sich das nicht nehmen, er hatte von der Volksversammlung das Schlagwort mitgebracht: »Wehrpflicht, Wahlrecht«; und was er einmal in seinem Herzen aufgenommen, ließ er nicht mehr los. Alban war bei der Volkswehr, und ein Jubeltag war es für ihn, als er zum erstenmal im Leben seine Stimme abgab. Vinzenz hatte dem Vater willfahrt und darauf verzichtet. Freies Gut, freies Brot, und ein Blitz vom Himmel. Im Laufe des Sommers kam ein Ereignis, das auch den alten Furchenbauer plötzlich für die neue Zeit gewann. Der Furchenhof war noch von alters her ein sogenanntes Erblehen, auf dem mancherlei Lasten und Abgaben ruhten; jetzt durften diese allesamt abgelöst werden. Der Hof, den man nahezu auf hunderttausend Gulden schätzen durfte, wurde durch die Ausbezahlung von sechstausend Gulden freies Eigentum, an dem niemand mehr irgend einen Rechtstitel hatte. In barem Geld brachte der Furchenbauer die Summe auf das Kameralamt und kam doppelt glückselig und freudestrahlend wieder, denn er hatte in der Stadt gehört, daß fortan auch die adeligen Gutsherrn unter dem Schultheiß stehen wie jeder andere. »Jetzt hin ich so viel wie ein Baron, und ich schaff' mir jetzt für unser Käppele eine Glock' an, ich darf's jetzt so gut wie ein Baron; ich brauch' niemand darum anfragen,« sagte der Furchenbauer zu seiner Frau und seinen Kindern und strich sich behaglich mit der breiten Hand über die rote Brustweste. Er ging lächelnd und behend durch Ställe und Scheunen, auf die Felder und in den Wald und betrachtete alles neu, als grüßte er's erst jetzt als sein rechtes Eigentum. Vinzenz zuckte mit dem einen Auge, als der Vater am Abend zu ihm und Alban sagte: »Ihr Buben kriegt's besser, als wir's gehabt haben, ihr seid Freiherren.« »Ja, und jetzt darf man mit dem Hof schalten und walten, wie man will,« setzte Vinzenz hinzu. »Vorderhand bleib' ich noch ein' Zeitlang Freiherr, Punktum,« schloß der Vater, und keiner der Söhne wagte mehr ein Wort zu reden; sie mußten es schon als eine Gnade ansehen, daß der Vater so viel mit ihnen gesprochen hatte. »Der Professor aus der Volksversammlung hat recht gehabt,« sagte Alban bald für sich, »es darf keine Grundherren mehr geben, nur noch einen Himmelsherrn.« Der alte Furchenbauer antwortete nichts hierauf. Solange schon dieser Boden die nährende Frucht hervorbringt und von Geschlecht zu Geschlecht sättigt, wurde die Sichel gewiß noch nie freudiger gehandhabt, als in diesem Jahre, und der erste Garbenwagen, den Dominik vierspännig in den Hof einführte, war bekränzt und ihm nach jauchzten Schnitter und Schnitterinnen. Alban hätte gern den ersten Garbenwagen unter dem Gesang aller Arbeitenden in den Hof geleitet, aber das ging jetzt in der hohen Ernte nicht an. Wenn auch das Wetter ständig schien, durfte man doch keine Minute Zeit verlieren; denn nur, was man glücklich unter Dach oder in Feime und Stadel hat, darf man erst recht sein eigen nennen. Der Vater hätte es nicht geduldet, daß man Zeit damit verlor, einen Kranz zu winden, und darum war es klug von Vreni, daß sie einen fertigen Kranz mitgebracht hatte. Der alte Furchenbauer sah scheel dazu, aber er sagte nichts, als Alban an einem Nagel des Scheunenthores ein Papier aufhängte, die Garben beim Abladen zählen ließ und die Summe auf das Papier verzeichnete; er wollte dem Alban den unschuldigen Stolz gönnen, die neue Art zu zeigen, die alles Erträgnis buchte. Noch war der eine Wagen nicht abgeladen, als schon ein anderer vor der Scheune hielt, und so ging es fort bis zum Abend; Mensch und Tier war in rastloser Thätigkeit, und vor allem schien sich die Kraft und Behendigkeit Albans zu vervielfältigen. Er war überall. Die Sonne war schon hinabgesunken, und nur noch leichte rote Wolkenstreifen standen ruhig über den blauen Waldbergen und kündigten für morgen einen gleichen gesegneten Tag, als man für heute den letzten Garbenwagen einführte, und hinter ihm sangen Schnitter und Schnitterinnen helle Lieder, und die Lerchen über den Feldern erhoben sich nochmals zum letzten Abendsang. Alban ging unter den Taglöhnern und sang mit, seine Stimme tönte rein und hell; er hatte auf der Ackerbauschule nach Noten singen gelernt, war aber den Weisen seiner Heimat in nichts fremd geworden, er stimmte mit doppelter Lust ein in den Gesang, der von Natur sich vierstimmig setzte. Seine Stimme und die Vrenis begannen stets. Jeder, der Vreni sah, mußte gestehen, daß sie eine frische und anmutige Erscheinung war, wenn mancher auch die Zartheit ihrer Gesichtsfarbe auf Rechnung ihres braunen, rötlich glänzenden Haares schrieb, das ihr, wie allen Kindern des Nagelschmieds, die Bezeichnung der Goldfuchsen gegeben. Niemand aber ersah Vreni so schön als Alban. Wenn er seinen Blick auf sie richtete, erglühte ihre Stirne, sie senkte das Auge in Demut, aber auf ihrem ganzen Angesicht leuchtete es wie eine Strahlenglorie. Jetzt beim Singen hielt sie zum erstenmal seinen Blick unverwandt mit offenem Auge auf, aber Alban wendete sich plötzlich von ihr ab und ward still. Sein Blick war fest auf den Garbenwagen geheftet: der brachte das erste Brot des wahrhaft freien Mannes, und das Auge Albans leuchtete hell, denn er dachte der Männer, die dort in der alten Reichsstadt die Ernte einthun, raten und helfen, daß Freiheit und Wohlstand allüberall sei. Noch einmal jauchzte er hellauf, als man in den Hof einfuhr. Nach dem Abendessen ging es recht lustig her, denn es kam ein Mann, der mit dem Atem seines Mundes alles tanzen und springen machte. Auf dem Hellberge in der ehemaligen Nagelschmiede wohnte das alte Müllerle, genannt die »Obedfüchti« (Abendfeuchtigkeit), weil es in der Regel in der Dämmerungsstunde vor den Bauernhäusern erschien und die Klarinette blies. Die Obedfüchti arbeitete nicht und sorgte nicht und war doch allzeit lustig und wohlauf. Vor Zeiten war das Müllerle ein Kamerad des Geigerles gewesen und war auch ein Nachkomme jenes närrischen Musikanten, der am Felsen beim Hellberge sein Leben vergeigte und wovon der Fels noch immer den Namen: des Geigerles Lotterbett hat. Auf dem Furchenhofe war die Obedfüchti bei alt und jung beliebt und ging nie leer aus. »Die Obedfüchti! die Obedfüchti!« schrie alles, als man jetzt Klarinettenton vom Hofe hörte, und trotz der Ermüdung von der Arbeit wurde noch in der Tenne getanzt. Alban war auch hier der Unermüdlichste, aber obgleich seine hübschen Basen, die beiden Töchter des Gipsmüllers, auch dazu gekommen waren, tanzte er doch fast ausschließlich mit der Vreni, der Tochter des Nagelschmieds. Vinzenz hinterbrachte dem Vater, daß Alban im Jubel der Vreni zugerufen habe, sie müsse Bäuerin auf dem Furchenhof werden. Der Vater hatte schon lange bemerkt, daß Alban mit der Vreni etwas habe, er hatte nichts dagegen, daß sein Sohn mit dem, wie er selbst gestehen mußte, »bildsaubern Mädle« seine Lustbarkeit trieb, das darf ein reicher Bauernsohn; aber was soll ein solches Geschwätz? Bevor Alban schlafen ging, rief ihn der Vater zu sich und sagte ihm: »Ich will dir ein für allemal zu wissen thun: mach' mir mit der Vreni keinen so Spaß mehr.« »Was hab' ich denn than?« »Du hast ihr gesagt, sie muß Bäuerin auf dem Furchenhof werden. Das geht über den Spaß. Oder willst's leugnen?« »Nein, es kann sein, daß ich's gesagt hab'.« »Du hast's gesagt. Punktum. Und so ein Spaß darf nicht mehr vorkommen.« »Nein,« schloß Alban und ging tiefatmend die Treppe hinauf. Hatte er bei der ersten Probe seine Liebe verleugnet? Bei aller innigen Hingebung, bei aller leicht beschwingten Freudigkeit lastete doch ein geheimer Druck auf dem Herzen Albans, der sein scheinbar so entschlossenes und festes Wesen in stillen Stunden zaghaft und zweiflerisch machte. Nicht sowohl das Hauswesen als die ganze starre Art des Vaters war ihm bei der Heimkehr fremd und unerträglich. Der Lehrer in der Ackerbauschule hatte ihm beim Abschied ans Herz gelegt und die Mutter fast mit denselben Worten das Gleiche wiederholt, er möge in Liebe und Demut die altgewohnte Weise des Vaters aufnehmen und ihm dankbar und erkenntlich sein, auch wo ihm seine Art widerstrebe. Wäre Alban in ruhigen Zeiten wieder in das elterliche Haus eingetreten, vielleicht wäre ihm das leichter gelungen, aber auch jetzt wollte er vor allem ein gehorsamer und ehrerbietiger Sohn sein. Er sagte sich nun, daß die Vreni alles für Scherz nehmen müsse, und es war ja auch nicht mehr, und der Vater hatte recht: solch ein Verhältnis taugte nicht für ihn, er mußte einst eine Frau haben, von deren Vermögen er bei Uebernahme des Hofes die Geschwister auszahlen konnte. Dennoch war Alban am andern Tage unlustig zur Arbeit und erbat sich vom Vater die Erlaubnis, nach Wellendingen zu einer Volksversammlung zu gehen, auf der eines Bauern Sohn, der Lorenz von Röthhausen, genannt Lenz die rote Weste, oder auch die gestreckte Sense, durch seine kernigen und schlagfertigen Worte alles entzündete. Widerwillige und ungläubige Hörer würde man heutzutage finden, wenn man die Reden und Schicksale dieses Bauernjünglings erzählen wollte; der Hauch der Zeit hatte ihn mit einem Prophetengeist angeweht, wie uns ein gleiches nur von alten Zeiten berichtet wird, und er besiegelte seine Sendung mit dem Märtyrertod. Damals riß er alle Herzen in unwiderstehlicher Gewalt fort. Alban fühlte bei den Reden des Lenz alles Blut in seine Wangen treten, und oftmals ergriff es ihn, als würde er von einem Sturm davongetragen, er wollte auch hinauf auf die blumenbekränzte Rednerbühne, er mußte – aber er bezwang sich doch, und vor allem im Gedanken an seinen Vater. Der Lenz mußte in anderen Verhältnissen stehen, der Furchenbauer hätte es seinem Sohne nie verziehen, wenn er es gewagt hätte, vor aller Welt hinzutreten und sich geltend zu machen; er sagte es oft: die Jungen müssen schweigen und zuwarten in Dingen, in denen nur die Alten mitreden dürfen. Mitten im Sturm seiner Gefühle beugte sich Alban der gewohnten väterlichen Gewalt, er schluckte die Worte hinab, die er auf der Zunge hatte. Es schien fast nicht möglich, daß Alban noch mächtiger ergriffen werden könnte, als von der Rede des Lenz von Röthhausen, und doch war es so. Unter allgemeinem Jubel trat nach dem Lenz von Röthhausen ein ehemaliger Offizier mit vornehmem Namen auf, und die Worte, die er sprach, glühten von einer höheren Weihe, die Alban fast kirchlich erschien; in der That wiederholte der Redner auch oft die Bibelworte: »Kain! wo ist dein Bruder Abel?« Er griff die bisherige Erbfolge im Güterbesitz an und zeigte deren gräßliche Verderbnis und Ungerechtigkeit. »Der Schweiß deines Bruders, den du dir zum Knecht machst, der Schweiß deines Bruders schreit wider dich zum Himmel, und die Stimme deines Gewissens muß rufen: Kain, wo ist dein Bruder?« Jetzt drängte es Alban nicht mehr zum Reden, in ihm sprach es immer: »Kain, wo ist dein Bruder?« Alban war ein Gemüt, das dem empfangenen Eindruck sich widerstandslos hingab und kein Hindernis und keinen Einwand anerkennen mochte, wo es die heilige Pflicht galt, dem Rechten zu gehorsamen. In den feurigen Worten, die er heute vernommen, erwachte es plötzlich in ihm, in welch schmählicher Verwahrlosung die ganze Welt steht, wie Bruder den Bruder vergißt, sich gütlich thut im eigenen Wohlstand und den Nebenmenschen verkommen läßt. Wäre jetzt, wie zu jenem reichen Jüngling in der Schrift, ein Heiland zu ihm getreten und hätte ihm geboten: Gib hin alles, was du dein nennst – er wäre ihm mit Freude gefolgt. Der Pächter des Sabelsbergischen Gutes in Reichenbach hat nachmals oft erzählt, wie leuchtend das Antlitz Albans war, als er eine Strecke mit ihm von der Volksversammlung heimging und plötzlich stehen blieb und die Worte ausrief: »Es geht doch nicht anders, man muß alles hergeben.« Er wurde still und traurig bei den Einreden, aber noch am andern Morgen sagte er glühenden Antlitzes dem Vater: »Vater, das ist fest und heilig bei mir, wenn ich das Gut übernehm', zahl' ich meinen Geschwistern heraus, was das Gut wirklich wert ist; es ist bis jetzt viel zu gering angeschlagen.« »Wart's ab, du kannst dich wieder anders besinnen,« sagte der Vater, worauf Alban aufflammend entgegnete: »Ich werd' nie ungerechtes Gut haben.« Alban war erst spät heimgekommen, er behauptete, so lange in Wellendingen gewesen zu sein, er hatte sich aber auf dem Hellberg bei des Nagelschmieds Vreni aufgehalten. Von kleinen Leuten und schweren Gedanken. Des Menschen Herz ist, wie es heißt, trotzig und verzagt und unerforschlich in seinen Widersprüchen. Weil Alban vor aller Welt der unsichtbaren väterlichen Gewalt sich gebeugt hatte, sprach er sich wiederum davon frei in Dingen, die nur ihn allein angingen, und gleichsam als Lohn seiner Unterwürfigkeit streifte er dieselbe ab, folgte dem Drange seines Herzens, und die Erregung, die noch in seinem Gemüte nachzitterte, ergoß sich in feuriger Liebe zu Vreni auf dem Hellberg. Dort unter freiem Himmel hatten es heute Tausende gehört und im Innern nachgesprochen, daß arm und reich, hoch und nieder gleich sei, Alban machte es zu einer Wahrheit. Dennoch war noch tage- und wochenlang genug Bauernstolz und Furcht vor dem Vater in ihm, daß er oft innerlich zitternd einherging, er zitterte vor dem, was mit ihm geschehen war. Wenn Vreni auf dem Hof als Taglöhnerin arbeitete, scherzte er nicht mehr mit ihr; er befolgte in dieser Weise das Verbot des Vaters, aber aus ganz anderen Gründen. Seine innere Liebe und das demütige und doch so hohe Wesen Vrenis ließen ihm jeden Scherz als eine Entwürdigung und Roheit erscheinen, zumal da das Mädchen in seiner untergeordneten Stellung sich dagegen nicht hätte auflehnen dürfen und nur dem Spotte der Genossinnen ausgesetzt war. Der kecke, allzeit wohlgemute und singende Alban hatte jetzt oft etwas Scheues und träumerisch in sich Versunkenes; er, der sonst allezeit wie gerüstet und schlagfertig war, schrak jetzt oft plötzlich zusammen, wenn man ihn unversehens anrief. Um diese Schwermut loszuwerden, ging jetzt Alban mehr denn je den Lustbarkeiten nach, der Vater gab ihm nicht unerkleckliches Handgeld dazu, denn er sah dadurch allmählich die Herrschaft wieder in seine Hände zurückkehren. Alban bedurfte dieses Handgeldes nicht, denn er war reichlich damit versehen, er hatte sich nicht dazu bringen können, gleich anderen Bauernsöhnen karger Väter Korn zu stehlen und zu verkaufen; seit Jahren lieh ihm Dominik seinen vollen Lohn, und obgleich er es wegen seiner Tauglichkeit vollkommen verdiente, war dies doch ein nicht ungewichtiger Grund, daß Dominik zum Oberknecht befördert und der vertraute Genosse Albans wurde. Alban hatte oftmals das aufrichtige Verlangen, sich Vreni aus dem Kopfe zu schlagen, ja er sah sich forschend unter den reichen Töchtern der Gegend um, denn er erkannte die Notwendigkeit, den Hof von seinen Geschwistern abzulösen, und war dabei fest entschlossen, ihn nur zum vollen Wert zu übernehmen. Es durfte nur eine Verirrung sein, daß er je im Ernst an des Nagelschmieds Tochter gedacht. So gewichtige Gründe er aber auch in sich zu befestigen trachtete, und so sehr er sich auch eifrig unter den ebenbürtigen Töchtern des Landes umschaute, er konnte sich trotz mancher Zuvorkommenheiten nie entschließen, und von allen Lustbarkeiten blieb die beste immer die, daß er auf dem Heimwege bei Vreni auf dem Hellberge einkehrte. Der Winter ging schnell vorüber, die wundersamen Schauer, die im Frühling alle Herzen ergriffen hatten, waren längst verweht. Die Freiheit wurde nicht in einem Sommer gezeitigt, und der Landmann vor allem ist nicht geneigt, sich auf ein längeres Warten einzulassen. Man fand sich allmählich in das altgewohnte Herkommen. Alban war nur noch einmal auf einer Volksversammlung im Apostel zu Wellendingen gewesen, er hatte jene bekannten Herabwürdigungen des Reichstages gehört und nur daraus entnommen, daß alles auf sei. Er mußte sich stillschweigend manchen Hohn des Vaters gefallen lassen, dem er nichts erwidern konnte, auch wenn ihn die kindliche Unterwürfigkeit nicht daran gehindert hätte. In diesem Winter vollführte Alban eine Arbeit, auf die er nicht wenig stolz war, über die indes der Vater lächelnd den Kopf schüttelte. Alban entwarf nämlich mit verschiedenen Farben eine Karte des ganzen Hofgutes: Berg und Thal, Feld und Wald und alle Wege waren darauf genau angegeben. Es war allerdings kein Meisterwerk, aber Alban verdroß es doch, daß der Vater sagte: das sei unnütz. Die Mutter lobte ihn indes dafür um so mehr, sie ließ die Karte einrahmen und hing sie in der Stube auf, und nicht ohne Stolz hatte der Urheber: » Alban Feilenhauer gez.« darunter geschrieben. Einst gegen den Frühling, Alban hatte sich vorgenommen, daß dies das letzte Mal sein sollte, war er wieder auf dem Hellberg, da erzählte ihm der Nagelschmied, daß sein Großvater es von seinem Vater gehört habe, wie vor Zeiten der Hellberg ein großer Bauernhof gewesen sei, darauf lebte eine Familie, die allzeit feindselig mit denen auf dem Kandelhof war, bis der Urahne Albans die einzige Tochter vom Hellberge heiratete und beide Höfe zu einem machte. Der Nagelschmied setzte noch hinzu, daß auch die Obedfüchti von einer reichen Bauernfamilie abstamme, der Ahne aber habe alles, man wisse nicht warum, vernachlässigt und drunten am Felsen den ganzen Tag Geige gespielt. Als Alban heimwärts ging, war es ihm immer, als spräche ihm jemand ins Ohr: »Das ist ein Doppelhof, das waren einst zwei Höfe, dein Vater will nicht leiden, daß du den Hof bekommst und die Vreni heiratest, gut, so zerreiß es wieder, nimm den Hellberger Hof für dich und die Deinigen, das muß er thun.« Alban war aber doch auch wieder ein stolzer Bauernsohn, berechtigt zu dem großen und ganzen Erbe, er warf den Gedanken weit hinter sich, die Hälfte seiner Habe leichtfertig zu opfern, und doch kam ihm wieder zu Sinn, daß der Nagelschmied und die Obedfüchti ja auch von reichen Bauern abstammten, warum sollte nicht eines von des Nagelschmieds Kindern wieder zu reichem Besitztum gelangen? Alban sah weit hinaus in die Zukunft, wie einst auch erblose Nachkommen, die von ihm abstammten, zu Taglöhnern wurden, Vreni sollte glücklich sein, . . . . aber die Schwiegereltern, die Schwäger und Schwägerinnen waren eine beschwerliche Last. – Dort, wo eine auf Stützen umgelegte Tanne den Weg einhegt, dort, wo der Fels jählings ins Thal abspringt, den man des Geigerles Lotterbett nennt, wo drunten der Bach rauscht, den jetzt die Schneewasser schäumend erfüllen, dort stand Alban lang an das Geländer gelehnt und träumte hinein in die dunkle Nacht und in die ferne Zukunft. Die ganze Welt stand still, und nur der Bach rauschte, und manchmal war's, als ob mitten unter Rauschen und Brausen die längst verstummten Saiten des Geigerle tönten. Das war nur ein dünner Wasserstrahl, der klingend aus einer Felsenschrunde rann. Endlich machte sich Alban entschlossen auf mit dem festen Vorsatz, diesen Weg nie mehr in solchen Gedanken zu beschreiten; er war ein großer Hofbauer und war verpflichtet, eine Neigung in sich zu bekämpfen. »Wenn ein Großbauer sich auch noch eine Frau nach reiner bloßer Herzensneigung wählen dürfte, dann hätten ja die Reichen alles auf der Welt, Gut und Geld, und alle Herzensfröhlichkeit auch noch dazu. Das wär' zu viel, drum ist's verteilt; die einen haben dies, die andern haben das, und des Vaters Wille muß gelten: ein Großbauer hat vor allem daran zu denken, daß die Familie in alten Ehren bleibt.« Das waren die Gedanken, mit denen Alban sein stürmisches Herz zu beschwichtigen suchte. Teils durch die Anlage seiner Natur, hauptsächlich aber durch sein Verweilen außer dem elterlichen Hause hatte sich Alban Kenntnisse und Lebensanschauungen angeeignet, die ihr Förderndes, aber auch ihre Zwiespältigkeiten in ihm und mit seiner gewohnten Umgebung zu Tage brachten. Schon die ernstliche Neigung zu Vreni und die Erwägungen hierüber waren ein Ergebnis davon, und der vollbrachte Sieg hätte ihn vielleicht lange in Widerstreit mit sich gehalten, wenn nicht sein Stolz noch mächtiger gewesen wäre; und vor allem beschäftigten ihn vielfache Neugestaltungen der ganzen Bewirtschaftung. Der Vater ließ ihn jetzt aber nicht mehr schalten, wie er wollte, und gab ihm nur in Kleinigkeiten nach, die er als große Gunst darstellte. Alban hatte einen dreischarigen Felgpflug angeschafft und bearbeitete damit eine schon im Herbst abgerodete und umgepflügte Waldstrecke; er spannte jetzt zwei junge Stiere hinter einem vorausgehenden Pferde an den Pflug. Noch nie hatte man hierzulande Stiere an die Feldarbeit gewöhnt, man bediente sich dazu der zahmen Ochsen. Der Vater lachte Alban über den neuen Versuch aus, den dieser in der Schweiz gesehen und hier nachahmen wollte, aber nach viel Mühe und Schweiß gelang es ihm, und die wilden Tiere fügten sich in die Arbeit Der alte Furchenbauer war trotz vielen Scheltens doch stolz auf seinen Alban, und auf dem samstägigen Fruchtmarkt in der Stadt, wenn er bei dem gräflich Sabelsbergischen Pächter in Reichenbach saß, sagte er oft: »Der Alban braucht gar nichts; der Bauer, dem ich den Alban für seine Tochter gebe, der muß mir noch Geld herauszahlen.« Die Zügel in fremder Hand. Am Ostersonntag fuhr der Furchenbauer mit seiner Frau, den beiden Söhnen und Ameile nach der über eine Stunde entfernten Kirche. Auf dem Heimweg, da wo von der Landstraße ab der eigene Weg nach dem Hofe beginnt, stieg der Vater ab und befahl auch Alban ein Gleiches zu thun und Vinzenz die Zügel zu übergeben. Es gibt ganz gewöhnliche Ereignisse, die oft so seltsam berühren, daß man sich einen Grund dazu gar nicht erklären kann. Alban hat nachmals oft erzählt, daß ihn der Befehl, die Zügel abzugeben, im Innersten erschreckt habe, ohne daß er wußte, warum. Vinzenz nahm ihm mit einem so raschen Griff die Zügel aus der Hand, und der sonst so gewandte und behende Alban stieg so ungeschickt ab und verwirrte seine Füße in die Zügel, daß er fast zu Boden fiel. Kann sein, daß Alban sich alles, was diesem Ereignis folgt, erst später so bestimmt ausdeutete, genug, er stand auch jetzt eigentümlich erschüttert vor dem Vater, der nach einer Weile begann: »Alban, es ist Zeit, daß du jetzt für dich selber zu bauern anfangst.« »Wie Ihr meinet, Vater; ich hab' glaubt, Ihr wollet warten, bis das Ameile versorgt ist.« »Das ist mein' Sach'. Es ist gescheiter, du heiratest jung, ich bin ein bißle zu spät dazu kommen, ich möcht' aber doch noch mit meinen lebendigen Augen sehen, wie's meinen Kindern geht.« »Und ich will Euch thun, was ich Euch an den Augen absehen kann,« beteuerte Alban und hielt vor innerer Bewegung still, der Vater aber schritt fürbaß, knurrte etwas vor sich hin und sagte endlich: »So ist's nicht gemeint. Ich geb' den Löffel nicht aus der Hand, bis ich satt bin. Du hast nichts für mich zu sorgen. Kurzum, heut nachmittag kommt der Kornmesser Spitzgäbele, er hat mir auf dem letzten Fruchtmarkt gesagt, daß er dir eine rechtschaffene Witfrau weiß, drüben im Gäu, mit einem Gut so groß wie das meinige und die Aecker noch viel besser, und sie hat nur ein einziges Kind, und das hat sein abgeteiltes Vermögen. Du spannst unsre beiden Fuchsen ans Bernerwägele und fahrst mit dem Spitzgäbele nüber und besiehst dir die Gelegenheit.« »Aber, Vater, warum soll ich denn aus dem Haus? Wer kriegt denn unser Gut?« »Der, dem ich's geb'. Das Sach' ist mein.« »Wer ist denn der Aelteste?« »Still, sag' ich, du hast nichts zu fragen. Ich kann nicht nur Mulle, ich kann auch Kuz sagen . Nein, horch, bleib ein bißle stehen und laß mich ausschnaufen. Guck, Alban, ich hab' viel auf dich gewendet, du bist ein Kerle, der sich sehen lassen kann, du bist mein Augapfel gewesen . . . . Ich brauch' dich beim Teufel nicht fragen, du mußt thun, was ich will . . . . Nein, horch, der Vinzenz ist freilich der Jüngere, aber guck da, da, du hast deine zwei Augen . . . . Du Heidenbub, guck mich nicht so an, du mußt thun, was ich will. Red mir kein Wort. Still, sag' ich. Du bist jetzt freilich der Aelteste. aber das Gut ist jetzt auch frei, ich kann mit thun, was ich mag. Ich kann's verlumpen. Alban, sei gescheit und folg' mir ohne Widerred'. Mit einem Wort. Der Vinzenz kriegt den Hof. Punktum. Alban, jetzt folg' mir, ich will dich nicht verkürzen, er muß dir 'rausbezahlen, daß du dir einen Hof frei machen kannst. Sei brav und folg mir, das Kind muß dem Vater gehorchen, so steht's geschrieben, und so ist's von je gehalten worden. Alban, folg mir, oder ich renn' dir ein Messer in Leib und wenn ich selber darüber zu Grund geh'. Da, gib mir die Hand, die Hand her! Du fahrst mit dem Spitzgäbele 'nüber und machst, daß du den Hof kriegst. Mach mir keine Sprüng'! Du kennst mich noch nicht. Ich rück' die paar Jahr an dich, die ich noch zu leben hab', aber komm, du folgst mir. Punktum.« Alban hatte die Hand dargereicht, sein Vater hielt sie fest umklammert wie eine Zange, sei es, daß er der Beteuerung Nachdruck geben oder seine Kraft noch beweisen wollte. Der Vater sah schauerlich aus. Seine Lippen zogen sich völlig einwärts, und seine Augen quollen weit heraus. Alban sah ihn so mitleidig und unterwürfig an, daß der Vater jetzt mit dem Kopf schüttelte und die Augen niederschlug. Alban war in diesem Augenblicke so von Kindesliebe und gewohntem Gehorsam überwältigt, daß er trotz des Sturmes, der in ihm waltete, dem Vater noch aufrichtig versprach, willfährig zu sein. Er hatte ihm anfangs nur zum Schein, und um ihn zu begütigen, gehorchen wollen, jetzt war es sein aufrichtiger Wille. Schweigend gingen Vater und Sohn bis zu dem Hof, der Alte hatte auf einmal einen raschen, festen Tritt. Alban hatte etwas von der Mutter geerbt im stillen Bewältigen störender Gedanken, er ließ es nicht in sich aufkommen, daß er ausgestoßen würde vom väterlichen Hause, so weit war es ja nicht; er war nicht umsonst in der Welt gewesen, er wußte, daß man auch anderswo leben kann, und es war seine Pflicht, einen Versuch zu machen, dem Bruder, der einem so traurigen Geschick verfallen war, das Gut zu überlassen und so ihm zu helfen; ja, er dachte daran, daß der Schmalzgraf noch leben und ledig sein könnte, und dann hätte er als jüngerer Bruder ja ohne Widerrede auf den Besitz des Hofes verzichten müssen. Als man in den Hof eintrat, stand Vinzenz an die Stallthüre gelehnt und pfiff lustig. Alban glaubte in seinem Gesichte eine Siegesmiene zu finden, ja er bemerkte daß Vinzenz den Vater fragend ansah und dieser mit dem Kopfe nickte. So war also, was jetzt geschehen sollte, längst beschlossen, der Vater hatte das dem Einäugigen versprochen, und während Alban emsig und friedfertig daheim war, war er schon längst ausgestoßen? Grimmige Wut erfüllte Alban, er wollte widerrufen, daß er dem Vater zulieb nur einen Schritt aus dem Haus thue. Schon zweimal hat man ihn zum Essen gerufen, er stand wie festgewurzelt auf dem väterlichen Boden, den Blick zur Erde geheftet und die Fäuste geballt. Als endlich die Mutter kam und ihn lobte, daß er sich wieder als guter Sohn beweise, schaute er wie höhnisch auf, er verschloß aber seine Gedanken: man hatte ihn betrogen, er wollte Gleiches mit Gleichem vergelten; er faßte den Vorsatz, dem Vater zum Scheine zu willfahren, er kannte die unerschütterliche Oberherrlichkeit seines Vaters und wollte ihn nun auch überlisten und auf seinem Rechte bestehen. Bei Tische war alles wohlgemut, und noch während des Essens kam der Kornmesser Spitzgäbele. Er drängte zur Eile, und Vinzenz half selbst die beiden Fuchsen einspannen, und der Vater gab Alban noch seinen eigenen neuen Mantel mit und befahl ihm wiederholt, etwas draufgehen zu lassen und sich als Sohn des Furchenbauern zu zeigen. Nur die Mutter sagte noch leise zu Alban: »Vergib dich nicht, du bist uns noch nicht unwert und hast nichts zu eilen. In keinem Fall mach's fest, eh' ich sie auch gesehen hab'; ich kenn' die Familie wohl, aber das Weib kenne ich nicht. Fahr auf dem Heimweg über Siebenhöfen und sieh, was dein Bruderskind macht, kauf unterwegs was und bring's ihm.« Lustig knallend fuhr Alban davon, und der Furchenbauer, der ihm nachsah, sagte zu seiner Frau: »Wenn ich ein' einzige Tochter hätt' und wüßt einen Burschen wie den Alban, ich thät nicht ruhen, bis er mein Schwiegersohn wär'.« Die Brautfahrt. Alban fuhr indes mit dem Spitzgäbele, einem lustigen alten Männchen mit lauter Falten im Gesicht, ruhig die Pferde lenkend den abschüssigen Weg hinab, dabei hörte er die Lobeserhebungen des Kupplers über den Eichhof. »Und wie ist denn die Bäuerin?« fragte Alban keck. Es ist schade, daß die Personalbeschreibung, die Spitzgäbele jetzt aushülste, nicht mitzuteilen ist; er schilderte mit einem schmatzenden Behagen, daß ihm das Wasser davon im Munde zusammenlief. Alban lachte darob aus vollem Halse und that überaus lustig, und als er nach der Gemütsart der Bäuerin fragte, gab Spitzgäbele seinen Bescheid wieder mit einem so saftigen Scherze, daß Alban abermals laut auflachte. Vor einer geschmückten Frauengestalt, die am Wege ging, standen die Pferde plötzlich still, Alban wollte schon mit der Peitsche ausholen, da rief Spitzgäbele: »Halt!« und zu der abgekehrten Frauengestalt gewendet: »Mädle, wohin?« »Gen Reichenbach, Gevatter stehen.« »Willst mitfahren?« »Dank' schön.« »Komm nur 'rauf. Halt doch, Alban. Mädle, du kannst auf meinen Schoß sitzen.« Das Mädchen war niemand anders als Vreni, sie stieg nach wiederholter Ermahnung, wobei Alban beharrlich schwieg, auf und setzte sich auf den Habersack hinter dem Sitz, wobei Spitzgäbele mancherlei zu rühmen hatte. Alban fuhr wildrasend dahin, er fuhr zur Freiet, und hinter ihm saß Vreni. Er fuhr doppelt rasch, damit Spitzgäbele nicht mit seinen Scherzen fortfahren konnte. Vor Reichenbach bat Vreni, daß er anhalte, und behend war sie vom Wagen gesprungen. Jetzt erst sprach Alban das erste Wort mit ihr, indem er fragte: »Bei wem stehst Gevatter?« »Bei meiner Schwester.« »Mit wem?« »Mit meinem Vater. Mein Schwager hat niemand anders finden können, es ist das siebente Kind.« »Da, bring das als Gevatterschenk von mir,« sagte Alban, langte in die Tasche und holte ein groß Stück Geld. Vreni wollte es nicht annehmen, Alban aber warf es hin, daß es zu Boden fiel, und fuhr rasch davon. Spitzgäbele konnte sich nicht enthalten zu fragen: »Ich hab' gemeint, du kennst das Mädle gar nicht. Wem gehört's denn?« »Es ist des Nagelschmieds Tochter, ihr Vater taglöhnert bei uns, und ihr Bruder ist unser Kühbub,« sagte Alban, und es war ihm, als brennten ihm die Lippen, da er diese Worte sprach. »So?« spottete Spitzgäbele, »vielleicht gar ein heimlicher Schatz von dir? Das hat gar nichts zu sagen. Die Bäuerin hat mir selber gestanden, sie sei gar nicht eifersüchtig, aber natürlich gescheit mußt sein. Das versteht sich.« Alban fuhr immer mehr seinem Ziele zu, und bei jedem Schritt wäre er gerner umgekehrt. Nur einmal sagte er zu Spitzgäbele: »Ihr müsset mir vor meinem Vater bezeugen, daß nicht ich die Vreni auf den Wagen genommen hab', aber Ihr.« »Ich thät noch was andres auf mich nehmen. Ich weiß mehr als das von den Großbauern. Ich könnt' sieben Wochen lang davon erzählen.« Einstweilen begann Spitzgäbele allerlei lustige Geschichten zum besten zu geben. Alban hörte ihn kaum, er rückte seinem Ziel immer näher und war in Gedanken doch nur in Reichenbach bei Vreni und ihrer Schwester; er dachte darüber nach, ob sie wohl sein Gevatterschenk hergebe, gewiß, sie ist ja gescheit und wird sich mit den Ihrigen davon einen lustigen Tag machen. Tief in die Seele schnitt es ihm, wenn er darüber nachdachte, welch ein schreckliches Los das sei, daß man nicht einmal mehr einen Gevatter für ein Kind finde, und des Nagelschmieds stammten doch auch von reichen Hofbauern. Der genehme Schluß dieser Betrachtung war aber doch: darum muß man dafür sorgen, daß man nie in Armut gerät. Im Dorf vor dem Eichhofe, wo man mit einbrechender Nacht einkehrte, hörte Alban aus dem dunklen Stall heraus einen Knecht zu einem andern sagen: »Das ist gewiß wieder ein Freier für die Eichbäuerin, ich bin froh, daß ich ein Knecht bin und mich nicht zu verkaufen brauch'.« Der Spitzgäbele verstand den Alban gar nicht, als er, jetzt am Ziel angelangt, wieder umkehren und gar nicht auf den Eichhof gehen wollte. Nur die Erwähnung des Vaters brachte Alban dahin, daß er sich endlich bewegen ließ, wenigstens auf den Eichhof zu gehen. Auf dem Wege bedauerte Spitzgäbele, daß es Nacht sei und Alban die schönen fetten Aecker nicht sehen könne; das sei ein Boden, der gar keinen Dünger brauche. Der Weg war grundlos, und eben das wurde als Zeugnis des fetten Bodens gedeutet. Alban schwieg, er fühlte sein Herz klopfen. Man näherte sich dem Hofe, da rief eine Stimme durch die Nacht: Vreni! Vreni! Gerade dieser Ruf erschütterte jetzt Alban, daß es ihm war, als müßte er in den Boden sinken. Eine Stimme antwortete auf den Ruf: »Ich komm' gleich.« Auch die Stimme war ähnlich. Als wäre er verzaubert, fast taumelnd trat Alban in den Hof, und als er in die Stube trat. fuhr er sich mit der Hand über die Stirn. Es war ja wieder, als ob Vreni hier wäre, nur war diese hier wohlbeleibter und sah trotziger drein. Spitzgäbele machte die Vorstellung leicht und sprach, da noch mehr Leute da waren, von einem Roßhandel. Die Frau, die Vreni so ähnlich sah, hatte denselben Namen und war die Bäuerin. Alban ließ sich nicht lange zum Sitzen nötigen, die Kniee brachen ihm fast. Er schaute sich in der Stube um, alles war stattlich und anheimelnd, und in ihm war es wie ein Ausspruch der Gewißheit, daß er hier sein Lebensziel gefunden habe. Sehr häufig machen die Menschen gerade die verzwicktesten Gesichter, wenn diese von einem betrachtenden Auge aufgenommen oder gar abgemalt werden sollen. Der Gedanke, daß jetzt diese Formen selbständig und dauernd festgehalten werden, prägt eine Erschlaffung oder eine unnatürliche Spannung in ihnen aus. In ähnlicher Lage war jetzt Alban, er wußte nicht, sollte er unter dem Forscherblick der Bäuerin die Augen niederschlagen oder erheben. Zum großen Glück schmiegte sich ein großer schwarzer Schäferhund, der in der Stube war, an ihn, und Alban hatte nun etwas, womit er sich beschäftigen, wobei er auf- und niederwärts blicken konnte. Die Bäuerin bemerkte nicht ungeschickt, daß Alban ein guter Mensch sein müsse, da der fremde Hund so zutraulich gegen ihn sei. Alban schwieg, und dabei blieb er, selbst als die Dienstleute sich aus der Stube entfernt hatten und zuletzt auch Spitzgäbele wegging und ihn mit der Bäuerin allein ließ. Diese fragte ihn nun, ob er das Kind seines verstorbenen Bruders in Siebenhöfen besuchen werde, und als Alban ohne einen weiteren Zusatz antwortete: »Ich hab's im Sinn,« zeigte sich plötzlich eine seltsame Bewegung in der Bäuerin; sie stand auf, setzte sich aber gleich wieder und fuhr fort, Kartoffeln zu schälen für die morgige Frühsuppe. Sie sprach noch manches mit Alban, besonders über sein elterliches Hans und über seine Hieherreise, und abermals – Alban wußte nicht, warum – kam sie auf seinen Besuch bei seinem Bruderskinde zu sprechen. In allen ihren Reden offenbarte sich ein verständiges und gutes Herz; Alban war damit zufrieden, und heiterer, als er sich's gedacht hatte, kehrte er mit Spitzgäbele wieder in das Wirtshaus zurück. Er durchforschte mit unbefangenem Blick die große Wirtsstube und saß noch lange bei dem Wirt, er sah sich schon im Geiste an manchen Abenden vom Eichhofe hieher wandern, um wieder fremde Menschen zu sprechen und unter ihnen zu sein. Am Morgen war es Alban wieder etwas bange, er fühlte sich wieder wie in die Fremde verstoßen, er sollte sein Leben in ferner Einsamkeit verbringen; hier kannte er niemand, und daheim hatte jedes ein freundliches Wort für ihn. Spitzgäbele lachte ihn aus, da er offen klagte, er sei so voll Heimweh und banger Besorgnis, daß er weinen möchte wie ein Kind. Spitzgäbele erklärte dies als das natürliche Beben vor einer großen Freude und wußte das Glück Albans wieder so hoch zu preisen, daß dieser selber es nicht mehr verkennen konnte. Alban hatte auf Trotz gegen seinen Vater und eigentlich um ihn zu täuschen, sich zu dieser Brautfahrt entschlossen, und jetzt sah er sich davon gefesselt. Als er aber im hellen Morgen mit seinem Gefährten den nächtlich beschrittenen Weg dahinging, als die Lerchen so jubelnd sangen über den grünen Feldbreiten, die Spitzgäbele als sein künftiges Eigentum pries, und besonders auf das Winterfeld zeigte, das so gut angeblümt war und hie und da schon buschig zu werden begann, da wurde es Alban fast bräutlich jubelvoll zu Mute. Wenn die Eichbäuerin am Tag so schön war, wie sie am Abend erschien, so konnte sich nicht leicht eine mit ihr vergleichen. Nochmals stellte sich des Nagelschmieds Vreni vor die Erinnerung Albans, aber er sagte sich, daß er sie nicht hätte heiraten können, auch wenn er Bauer auf dem Furchenhofe geworden wäre, der Vater hatte recht; und abermals lebte die Kindesliebe und der Gehorsam in Alban auf, und er fühlte sich im Tiefsten erquickt im Gedanken an die Freude, die sein Vater an der Verlobung haben müsse, und es erschien wohlgethan, daß Vinzenz, der beschädigt genug war, den väterlichen Hof erhielt. Die Lerchen sangen nicht lustiger in der blauen Luft, als die Freude über alle diese Gedanken im Herzen Albans jauchzte. Heiter glänzenden Antlitzes trat er in den Eichhof, und aus dem Grunde seines Herzens sagte er mit heller Stimme der Bäuerin »Guten Morgen« und streckte ihr die Hand entgegen; sie reichte ihm nur die Linke, sie trug ein wohl kaum zweijähriges Kind auf dem Arm, das sich vor den Männern erschreckt und schreiend umwandte und sein Gesicht am Halse der Mutter verbarg. Diese hieß die beiden Männer sich setzen und suchte das Kind zu beschwichtigen. Alban tief anschauend sagte sie zu dem Kinde: »Peterle, wenn du umguckst und eine Patschhand gibst, schenkt dir der Vetter da ein Gutle, das er dir mitbracht hat.« Alban schaute verdutzt drein, er hatte es ganz vergessen, und es fiel ihm jetzt schwer aufs Herz, daß er Vater eines fremden Kindes sein sollte; er war jedoch willigen Herzens genug, um dem Kinde jede Liebe zu erweisen. Jetzt wurde ihm auf einmal klar, warum die Bäuerin am Abend so oft von dem Kinde seines verstorbenen Bruders gesprochen hatte. Während er aber schweigend darüber nachsann, sah ihn die Bäuerin nochmals mit großen Augen an, dann verließ sie mit dem Kinde die Stube und ging in die Kammer. Nach einer Weile, in der man hörte, wie sie das Kind abküßte, rief sie Spitzgäbele zu sich und sagte ihm: »Ich komm' nimmer in die Stub', ich will Euch so Ade sagen.« »Warum? Was ist?« »Der junge Furchenbauer soll sich eine andre suchen. Ich hab' g'meint, er wird von seinem Bruderskind her wissen, was ein verlassenes Kind ist. Es ist nicht so. Sitzt er gestern den ganzen Abend da und fragt nicht nach meinem Kind, und heut hat er ihm nicht für ein Kreuzers Wert mitgebracht. Eh ich so einen nehm', bleib' ich lieber allein.« Spitzgäbele bemühte sich mit allen möglichen Einreden, aber die Bäuerin blieb dabei: »Er kann brav sein, ich hab' nichts gegen ihn, aber wir passen nicht zu einander.« Zweimal mußte Spitzgäbele seine Worte wiederholen, als er bei Alban eintretend ihm sagte, er möchte mit fort gehen, die Sache sei aus. Wie taumelnd ging Alban davon, er hörte im Hofe Knechte und Mägde lachen – das konnte nur ihm gelten. Die Lerchen auf dem Wege sangen im gleichen Jubel, aber Alban hörte sie nicht, sein Atem ging rasch, er ballte die Fäuste und erhob kaum den Blick; er schämte sich vor seinem Begleiter, der die Absageworte der Bäuerin wiederholte und dann gegen seine Gewohnheit schweigsam neben ihm ging. Ohne nochmals in die Wirtsstube einzutreten, spannte Alban an, aber er mußte innerlich fluchend mit dem Leitseil in der Hand lange auf Spitzgäbele warten. Man war nüchtern nach dem Eichhofe gegangen, man wollte bei der Braut sich gütlich thun; Spitzgäbele brachte sein verspätetes Frühstück auf fremde Kosten sattsam ein. Mitten im Zorn und Ingrimm spürte auch Alban einen Hunger, daß er meinte, er fresse ihm das Herz ab, aber in solchen Momenten tritt leicht zu dem vorhandenen Schmerz noch eine Selbstquälerei; Alban freute sich fast an dem körperlichen Ermatten, das er fühlte, seine Wangen glühten, und er träppelte hin und her wie die Fuchsen, die mutig scharrten. Endlich kam Spitzgäbele noch schmatzend, und wie aus dem Rohre geschossen flog der Wagen davon. Alban fuhr nicht, wie er sich anfangs vorgenommen, über Siebenhofen, um nach seinem Bruderskinde zu schauen, ja er war diesem fast böse, denn es war schuld an seiner Schande; er fuhr geradeswegs wieder heimwärts. Im nächsten Dorfe kehrte er ein, und der Wein schien ihm sehr zu munden; ja er wurde ganz lustig, und jetzt offenbarte sich eine eigentümliche Folge seiner Abweisung. Vor allem war er voll Zorn gegen seinen Vater. Er gedachte nicht mehr, wie er ihn hatte täuschen wollen, sondern nur wie er auf dem Morgengange nach dem Eichhofe ihm zulieb sich hatte in die Heirat fügen wollen, und laut auflachend kam ihm plötzlich ein guter Gedanke: er war nicht abgewiesen, er hatte das Nichtzustandekommen beabsichtigt und darum vorsätzlich gethan, als ob gar kein Kind da wäre; der Furchenhof gehöre ihm, er sei der Aelteste, er lasse sich nicht davon vertreiben. Als er das gegen Spitzgäbele herauspolterte und dieser sein Gesicht in noch mehr Falten zog, wurde Alban plötzlich gewahr, daß er sich verraten und seine besten Handhaben abgebrochen habe; es war ja viel besser, wenn er sich als gehorsamen Sohn, der tief gekränkt war, hinstellte. Er suchte daher einzulenken, aber Spitzgäbele hielt ihn fest, und Alban mußte sich alle Mühe geben, etwas zu zerstören, was im voraus unwahr gewesen und er nur im tollen Uebermut ausgeheckt hatte. Er mußte dem Spitzgäbele, der ihm ein Abscheu war, alle guten Worte geben und jetzt selber wieder daraus drängen und hoch und heilig beteuern, wie sehr er durch die Abweisung beschimpft und verunehrt sei. Zuletzt mußte er sogar noch bekennen, daß ihm recht geschehe, daß die Eichbäuerin eine rechtschaffene Frau und Mutter sei, er aber sich hartherzig und unklug benommen habe, und alle Schuld, die auch Spitzgäbele hatte, weil er ihn nicht daran erinnerte, nahm er gern auf sich. Er schenkte von dem mitgenommenen Gelde ein Namhaftes dem Spitzgäbele, nur um ihn für sich zu gewinnen. Lautlos dahinfahrend dachte Alban nur immer an seine Beschimpfung, und wenn auch in seinem jetzigen Zustande nur halb, erkannte er doch in gewisser Weise eine Entweihung, die mit ihm vorgegangen war: er hatte sein ganzes jugendliches Leben hingegeben und war damit zurückgewiesen. Er, der Alban, der jedem Menschen frei ins Gesicht sah, mußte fortan vor manchem Worte den Blick zur Erde schlagen. Es half nichts, daß Spitzgäbele oft wiederholte: »Ein junger Bursch macht sich aus so was nichts, er setzt den Hut auf die linke Seite und freit um eine andre, Schönere.« Alban wurde seine schmerzlichen Gedanken nicht los. In Reichenbach stieg Spitzgäbele ab und wanderte über die Berge zu Fuß nach der Stadt. Alban kam unerwartet früh nach Hause und begegnete überall fragenden Blicken. »Wie ist dir's gegangen?« fragte die Mutter noch vor dem Absteigen. und Alban erwiderte trotzig: »Wie unsrem Fuchsen auf dem Wellendinger Markt.« »Was hast? Was redest?« »Deutsch. Man verkauft nicht jedes Stückle Vieh, das man zu Markt bringt.« Er blieb im Stall bei Dominik, bis die Mutter ihn holte, gegen die er kurz den Schwur aussprach, nie mehr eine solche Fahrt zu machen; er habe als gehorsamer Sohn gehandelt, und jetzt sei's genug. Der Vater redete gar nichts mit ihm von der Sache. Er fragte nur, wo der Spitzgäbele abgestiegen sei, denn von diesem wollte er sich den ordnungsmäßigen Bescheid holen; eine mit Beteuerungen und allerlei Zubehör untermischte Auskunft war nicht nach seinem Geschmack. Er blieb beim Ordnungsmäßigen. Nachrede und Lärm in der Welt. Ein von der Reise Ankommender ist so zu sagen körperlich und geistig eine Zeitlang ungelenk in der Mitte derer, die in der Gewohnheit des häuslichen Lebens verharrten, und der Angekommene kann noch geraume Zeit eine gewisse Unruhe nicht los werden. Dies war nun heute bei Alban doppelt der Fall. Er kam mitten im Tage und wußte nichts mehr anzufangen; dazu der Aerger über seine Schmach und die Ungewohnheit seiner heutigen Lebensweise. Nachdem er das Schelten der Mutter gehört, weil er nicht über Siebenhöfen gefahren war, ging er fast unwillkürlich nach dem Hellberg zu Vreni. Er war kaum auf dem Hellberg angekommen und hatte Vreni noch nicht gesehen, die von dem Montagsrechte Gebrauch machend im Walde war, um Holz zu holen: als Dominik ankam und ihm im Namen des Vaters den Befehl brachte, nach Hause zurückzukehren. Alban willfahrte nur langsam und als er heimkam, that sein Vater, als ob er gar nicht da wäre; erst durch die Mutter erfuhr er, daß sie es gewesen, die nach ihm geschickt hatte, weil sie das Zornesmurmeln des Vaters verstanden hatte und ihm zuvorkommen wollte, daß sie aber Dominik verboten hatte, Alban dies zu sagen. Dieser sah in dem ganzen Vorgang nur das eine, daß die einzigen Menschen, die er sich treu und anhänglich glaubte, die Mutter und Dominik, auch hinterhältig gegen ihn waren und sich vor den Gewaltthätigkeiten des Vaters fürchteten. Er ging im Hofe hin und her, als müsse er irgendwo räuberisch einbrechen und den schlummernden Streit freiwillig wecken; er blieb aber doch nicht lange in dieser Stimmung, und sei es im Angedenken an die heute erlebte Schmach, sei es aus Verlangen, doch vielleicht noch alles gütlich auszugleichen, oder aus altgewohnter Arbeitslust – im Hofe stand ein leerer Wagen, auf dem Kornspeicher hörte man schaufeln; Alban erinnerte sich, daß morgen ein außergewöhnlicher Kornmarkt in der Stadt sei, er ging auch auf den Speicher und sah den Vinzenz mit Beihilfe zweier Knechte große Säcke füllen. Der Vater stand daneben, und ohne nach Alban umzuschauen, spöttelte er, daß man dieses Jahr sein gutes Korn nicht für halben Preis an die Taglöhner als Vorschuß verschleudere, jetzt brauche man dem Lumpenpack nicht mehr schön zu thun, jetzt müsse es wieder unterducken; aber sein Leben lang werde er es nicht vergessen, daß er mehrere hundert Gulden durch Verschleuderung seines Korns zum Fenster hinausgeworfen habe. Alban merkte wohl, daß diese Worte nach ihm zielten, aber er schwieg, teils aus Gehorsam, teils aber auch, weil er schon bedachte, daß er unnötigen Widerspruch vermeiden und um so fester auf dem einen beharren müsse. Als indes einer der mitbeschäftigten Taglöhner sagte: »Es war doch eine lustige Zeit, alle Menschen waren Brüder, wie wir das Korn da eingethan haben,« da konnte Alban nicht umhin, mit rotglühendem Antlitz hinzuzusetzen: »Und jetzt sind's doch wieder Sklaven, die das Brot von dem ferndigen (vorjährigen) Korn essen.« Dabei ließ er sich nicht aufhelfen, sondern schwang mit leichter Mühe einen Malter Spelz auf die Schulter, trug ihn die knarrende Stiege hinab und lud ihn auf den Wagen. Der Vater preßte die Lippen zusammen und schaute ihm mit weit aufgerissenen Augen nach. Noch neben dem geladenen Wagen schaute er Alban mehrmals von Kopf bis zu Fuß an, er öffnete mehrmals den Mund, als wollte er etwas sagen, aber er schwieg. Das galt doch noch mehr als die heftigsten Worte. Noch in der Nacht fuhr Dominik mit dem Fruchtwagen nach der Stadt. Am Morgen fuhr der Vater mit Vinzenz auf den Kornmarkt, und Alban ackerte wieder auf dem Neubruch am Kugelberger Feld. Es war ein regnerischer Frühlingstag, die Luft war knospenfrisch, der freie Atem und die Arbeit waren doppelt erquickend nach einem verstürmten Tage. Ein Hagelschauer kam wie im Zorn dahergestürmt, aber der Hagel zerging rasch wieder in den offenen Schollen und auf den grünenden Wiesen, und nur seine Tropfen säuselten noch im nahen Walde, sonst vernahm man nichts als bisweilen den verstohlenen Pfiff eines Vogels aus dem Nest oder das Krächzen eines Raben, der seinen Gefährten anrief, trotz des Wetters mit ihm ins Weite zu ziehen. Alban zählte die Stunden ab, wann der Vater in der Stadt sein und wann Spitzgäbele ihm den gestrigen Vorgang erzählen könne; er war voll Unruhe, denn auf den Schelm war doch kein Verlaß, heute zum erstenmal wurde seine Schande ruchbar, und Vinzenz war dabei. Im Angesicht Albans prägte sich die giftige Schadenfreude aus, die er sich in Vinzenz dachte, und jetzt fühlte es Alban wie einen Stich mitten durchs Herz, denn zum erstenmal lebte ganz deutlich der Haß gegen den Bruder in ihm auf. Die Tiere waren heute gar nicht zu bändigen, es gelang dem Treibbuben schwer, sie in der Linie zu halten, Alban wollte sich nicht bekennen, daß er sie mit in seine Unruhe hineingerissen, und er fuhr nun auf dem weiten Felde mit ihnen kreuz und quer, er wollte sie ermüden, um sie dann besser in der Gewalt zu haben, seine beiden Hände hielten die Pfluggabel fest, und oft war es ihm, als rissen ihm die Tiere die Arme vom Leibe. Von Schweiß und Regen dampfend ging er hinter den Tieren drein, die auch wie in einer Wolke dahinschritten, aber er war stark genug und setzte sich immer mehr darauf, ihrer Meister zu werden. Dennoch mußte er ausspannen, bevor es Mittag war. Im nahen Walde unter einer breitästigen Kiefer ruhte er mit dem Treibbuben aus und war so müde, daß er gar nichts denken konnte, bis der Kühbub ihm das Mittagessen brachte. Lächelnd schaute er ihn an, denn er wollte ihm »Schwager« zurufen, aber er sagte ihm nur, daß er ihn bei sich behalte, damit er die zuchtlosen Tiere lenken helfe. Während er hier im Walde unter säuselndem Regen sein gewohntes Mittagsmahl verzehrte, dachte er nach der Stadt, wo jetzt der Vater und Vinzenz in der Rose beim schäumenden Bier sich auftischen ließen, und wie da hin und her die Rede schoß und er war hier im Walde bei dem Treibbuben. Alban wollte sich hineindenken, was man von ihm rede und wie alles herginge, er erriet wohl manches, aber doch nicht das Ganze. Der Vater war am Morgen mit Vinzenz ausgefahren, und dieser triumphierte innerlich über den zurückgesetzten Bruder, er sprach aber seine Siegesfreude nur dadurch aus, daß er lustig mit der Peitsche knallte und den Kragen des Mantels, den er über hatte, oftmals zurückwarf. Als man im Thal dahinfuhr, wo man oben in einer Baumwiese des Nagelschmieds Behausung zum Hellberge sah, sagte er, indem er eine neue Schmitze mit den Zähnen aufknüpfte: »Er ist gestern noch da oben gewesen.« »Wer?« fragte der Vater. »Ha, der Alban, die Mutter hat ihm aber gleich nachgeschickt und ihn holen lassen, damit Ihr's nicht erfahret.« Der Vater schaute nur kurz nach seinem Sohne um, aber sein Blick fiel gerade auf das gespenstisch leere Auge, er hielt sich die Hand vor seine beiden Augen und erwiderte nichts. Man fuhr durch Reichenbach. Am Hause des Schultheißen stand dessen älteste Tochter und hielt einen grauen Mantel auf dem Arm, sie rief Vinzenz, er möge anhalten, und übergab ihm den Mantel, den der Vater vergessen hatte und den er in der Stadt abliefern solle. »Ich nähm' dich auch noch mit,« scherzte Vinzenz. »Ich will's gut behalten für ein andermal. Schön Dank,« sagte das Mädchen lachend, und stolz fuhr Vinzenz davon. Als es bergan ging, sagte der Vater: »Das ist ein saubers Mädle,« und schnell fügte Vinzenz hinzu: »Und Ihr müsset selber sagen, eine rechtschaffenere Familie als des Schultheißen gibt es nicht.« »Ho ho, es gibt noch mehr.« »Freilich, freilich, aber das wär' eine Söhnerin, die den Schwiegereltern die Händ' unter die Füße legen thät.« »Hast denn schon was angezettelt und bist denn schon so weit?« »Nein, nein, Ihr wisset, ich thu' nichts, als was Ihr wollet, aber so viel weiß ich schon, daß des Schultheißen Tochter mich nimmt; sie muß freilich auch ein Aug' zudrücken, daß sie nicht mehr hat, wie ich,« sagte Vinzenz und schaute dem Vater starr ins Gesicht, »aber wie gesagt, ich thu keinen Schritt, als was Ihr wollet, aber schön wär's, wenn man heut die Sach' noch ins Reine brächt', auf dem Markt wär's grad' geschickt –« »Du hast schon noch Zeit,« erwiderte der Vater, und mit unterwürfigem Ton fuhr Vinzenz fort: »Wie gesagt, wie Ihr wollet, ich wünsch' Euch noch ein langes Leben, und wenn ich hundert Jahr alt werde, will ich's immer Kindeskindern sagen, was Ihr für ein Mann gewesen seid und wie Ihr alles so zusammengehalten habt und kein Hängenlassen duldet –« »Brauch' dein Lob nicht,« unterbrach ihn der Vater. »Wie kommst du dazu, mich zu loben? Wenn ich mich unterstanden hätt', so was zu meinem Vater zu sagen, er hätt' mir die Zähn' in den Rachen geschlagen.« »Ja, Ihr habt's beim Vetter Dekan auch anders vor Euch gesehen; ich muß mir's vorsagen, was Ihr für ein Mann seid, damit ich nicht auch lern' . . . Ich will aber lieber nichts sagen.« »Was? Was? Was sollst lernen? Gleich sag's. Was?« »Ich sag's nicht gern, aber jeder Knecht und jeder Taglöhner gibt dem Alban recht, wenn er sich berühmt, er habe den Hof erst zu etwas gemacht, und das soll erst noch einmal ganz anders werden, wenn er ihn erst ganz in der Hand hat . . . wenn mein Alter, wie er nie anders sagt –« »Still, kein Wort mehr,« rief der Vater zornig, »sag kein Wort mehr gegen deinen leiblichen Bruder, du machst's grad' verkehrt damit; sag kein Wort mehr, oder du wirst sehen –« »Mit einem Aug', wenn Ihr mir nicht das auch noch ausschlaget,« erwiderte Vinzenz wieder, und der Vater begann nach einer Weile in ruhigem Ton: »Guck, Vinzenz, ich halt' dir mein Wort.« »Aber Ihr fürchtet Euch doch vor dem Alban, das ins reine zu bringen?« »Nein, das nicht, aber es soll nicht heißen und soll auch nicht sein, daß du mich gegen deinen Bruder verhetzest. Was ich thu, das thu ich, weil ich mein eigener Herr bin und weiß, was ich thu, und der Alban ist mein Kind so gut wie du, und er hat sein Leben lang noch kein böses Wort auf dich zu mir gesagt und auf mich zu andern gewiß auch nicht, ich glaub's nicht; ich weiß, die Leute sind schmeichlerisch und verdrehen einem das Wort auf der Zunge. Mein Alban ist ein folgsames, ehrerbietiges Kind.« »Ich kann Euch alle Dienstleute bis auf den Dominik und seinen Schwiegervater, den Nagelschmied, zu Zeugen stellen, wenn Ihr mir nicht glauben wollt.« »Ich will nichts davon. Das wär' mir schön, die Dienstleute anzuhören. Red' jetzt nichts mehr. Ich will gar nichts wissen!« Vinzenz fuhr schweigend dahin. Er setzte sich's als eine kluge Regel vor, nichts mehr gegen Alban zu sagen, aber darum nicht minder auf baldige Erledigung der schwebenden Sache hinzuarbeiten. – Die armen Kleinbauern und Häusler, die heute zu Markte gingen und ihre zusammengeschnürten Kornsäcke bald, wie einen Zopf gedreht, am Stocke auf der Achsel, oder wie eine Schärpe um Schulter und Hüfte gebunden trugen, grüßten heute den Furchenbauer nur halb und lächelten. Was geht denn vor in der Welt? . . . Das sollte sich bald zeigen. Auf dem Kornmarkt war heute eine seltsame Bewegung. Mitten unter dem aufgewirbelten Staub, unter Feilschen um den Preis und Abmessen des Korns, sprach man von nichts als von der Revolution im Nachbarlande, und es hieß, daß es auch hier bald losgehe. Der alte Furchenbauer stand ruhig an die aufgestellten Säcke gelehnt, auf denen mit großen Buchstaben: Christoph Feilenhauer und die Jahreszahl 1849 geschrieben stand. Er mußte oftmals die Frage beantworten, ob es wahr sei, daß sein Alban unter die Freischärler gegangen. Niemand konnte sagen, woher das Gerücht entstanden war, und doch war es da. Unter solchen Umständen war es natürlich, daß es nach dem hiesigen Landesausdrucke »abgehrte,« d. h. daß die Fruchtpreise fielen, und selbst zu niedrigen Preisen konnte man nicht verkaufen. Der Furchenbauer, der sonst das Unverkaufte in der Stadt lagern ließ, befahl jetzt, daß alles wieder aufgeladen und heimgeführt werde; er traute der Sicherheit in der Stadt nicht. Spitzgäbele war heute früher als sonst in der Rose; und während um ihn her alles im wilden Gespräche über die Zustände des Nachbarlandes und des eigenen schrie und zankte, ließ sich der Furchenbauer vom Spitzgäbele das Nähere von der Brautfahrt erzählen. Den Vinzenz hatte er beim Ausladen des Korns gelassen, er sollte dort helfen und auch nicht hören, was hier vorging. Spitzgäbele glaubte dem Gerücht, daß Alban unter die Freischärler gegangen sei, trotz der heftigsten Gegenbeteuerungen des Furchenbauern; er bewunderte wiederholt die unerschütterliche Ruhe dieses Mannes, er glaubte nicht anders, als der Furchenbauer wünsche noch einen weiteren Zornesgrund gegen seinen Sohn, und teils um ihm diesen zu gewähren, teils auch um sich selber im Glanz zu erweisen, erzählte er nun, wie Alban alles verkehrt gethan und sich zuletzt noch berühmte, er habe die Brautfahrt nur gemacht, um seinen Vater zu betrügen. Der Furchenbauer verzog bei diesen Mitteilungen keine Miene, ja er hob das Glas auf, um zu trinken, aber kaum brachte er es an die Lippen, als er es wieder absetzte, es deuchte ihm alles wie Galle. Der Lärm in der Stadt war heute dem Furchenbauer zu toll. Auf den Nachmittag hieß es, kämen Hunderte mit Doppelbüchsen bewaffnete Holzhauer von Wellendingen herüber, wo sie sich beim Apostel unter Anführung des Lenz von Röthhausen sammelten, eine Volksversammlung sei in der Stadt angesagt, und jetzt müsse alles mitthun. Teils um diesen Fährlichkeiten zu entgehen und in solchen Verhältnissen auf seinem Hofe zu sein, teils aber auch aus einer gewissen Bangigkeit um Alban, eilte der Furchenbauer mit Vinzenz vor der Zeit heimwärts. In jedem Dorf, durch das sie fuhren, hieß es, daß sie nicht weiter können, im nächsten Dorf seien Freischärler und raubten alles und hätten es besonders auf die Pferde abgesehen. Man wollte ganz genauen Bericht haben, und obgleich es sich in jedem Dorfe als unrichtig erwies, glaubte man doch seltsamerweise daran, und je weiter man kam, desto tiefer schob sich immer alles zurück. Eine wunderliche Gespensterfurcht hatte sich der Menschen am hellen Tage bemächtigt. Der Aufstand, durch den der letzte Versuch gemacht werden sollte, die Freiheit zu erobern, erschien zuerst als Gefährdung von Gut und Blut. Der Furchenbauer hatte den Dominik mit dem Fruchtwagen bald eingeholt, und so sehr war er von der allgemeinen Bangigkeit befangen, daß er fürchtete, die Freischärler hätten es auf seinen Fruchtwagen abgesehen. Er befahl daher dem Dominik, langsam weiter zu fahren, bis er Gegenbefehl erhalte. Der Tag hatte sich aufgeklärt, der ganze Himmel war mit roten Wolken überzogen, als der Furchenbauer mit Vinzenz von der Straße ab in seinen eigenen Weg einlenkte. »Gottlob, da ist der Alban,« rief Vinzenz, und der Vater schaute dem neben ihm Sitzenden, der doch seinen Bruder lieben mußte, freudig ins Gesicht. Als aber Vinzenz mit der Miene klugen Einverständnisses hinzusetzte: »Seid nur jetzt auch gut gegen ihn, nur jetzt keine Händel, er ist unser Schutz,« da knirschte der Vater die Zähne zusammen, gerade weil Vinzenz etwas von seinen Gedanken erraten hatte, und hastig stieß er die Worte hervor: »Ich brauch' niemand, ihn nicht und dich nicht; ihr könnet alle beide zum Teufel gehen,« und gleichsam als Zeichen, daß er selber noch am Platze sei, riß er dem Vinzenz Peitsche und Leitseil aus der Hand und hieb zornig auf die Pferde ein. Dennoch konnte er sich nicht leugnen, daß er eine gewisse Freude hatte, seinen Alban dort zu sehen; er hatte zuletzt fast selbst an das Gerücht geglaubt, und er beklagte schon leise den verloren geglaubten Sohn; er merkte doch jetzt, wie lieb er eigentlich den Alban hatte, er war stolz und unbeugsam wie er selbst, nur anders, etwas vornehmer, und ein Vater liebt in seinen Kindern selbst seine Fehler, zumal wenn sie zugleich auch als Tugenden oder mindestens als Kraft erscheinen. Der Furchenbauer sagte sich, daß er eigentlich keinen Schutz von seinem Sohn wolle, aber es war ihm doch lieb, ihn in der Unruhe bei sich zu haben, wie man bei einem drohenden Gewitter gern alle Angehörigen wach und um sich versammelt hat. Der Sturm bricht los. Alban mußte gehört haben, daß sich das Gefährte nahe, und der Furchenbauer hob mehrmals die Peitsche hoch, um ihm zu winken, ja er knallte; aber Alban schaute nicht um, und in dem Vater stieg plötzlich wieder der ganze Zorn auf, daß dieser Sohn, wie Spitzgäbele erzählte, ihn verhöhnt und verspottet habe und hinterrücks sein Possenspiel mit ihm trieb. Darum faßte er jetzt den Vorsatz, mitten in aller Unruhe, während jetzt die ganze Welt aus Rand und Band ging, in seinem Hause den Meister zu zeigen. Wie er jetzt die Zügel fest anhielt und auf die Pferde loshieb, so mußte es auch im Hause sein: die Zügel fest in der Hand und dann drauf losgehauen, bäumt euch, schnaubt und schlagt aus, wie ihr wollt, ihr seid festgebunden. Alban hatte den Pflug draußen im Feld inmitten der Furche liegen lassen, um ihn morgenden Tages wieder aufzunehmen; wohlgemut das Schleswig-Holsteinlied pfeifend, war er mit den ledigen Tieren zurückgekehrt, als er plötzlich mitten im Pfeifen abbrach, er sah von fern den Vater mit Vinzenz daherkommen; sie fuhren müßig in der Welt umher und thaten sich gütlich, sie waren die Herren, während er daheim sich als Knecht abarbeiten mußte. War er der Knecht und nicht der Erste im Erbgang? War er nicht der künftige Hofbauer, und hatte er nicht aus übermäßiger Nachgiebigkeit sich dem Schimpf bloßgestellt, von der Eichbäuerin abgewiesen zu werden? Nicht eine Handbreit von seinem Recht wollte er künftighin preisgeben, und jetzt da der Vater ihm nahe war, drückte er die Tiere an den Zaun und stellte sich neben sie, damit das Gefährte bequem vorbei könne. Er rief den Ankommenden keinen Gruß zu, und als der Vater neben ihm war, knallte er mit der Peitsche hart an seinem Ohr und höhnte dabei: »Das ist ein Gruß von Spitzgäbele.« Alban hatte nicht Zeit, aus diesen Zuruf etwas zu erwidern, denn in raschem Trab fuhr jetzt auf der Hochebene das Gefährte dahin, und langsam vor sich hinknirschend trieb Alban die Tiere in den Hof. Beim Abendessen that er, als ob nichts vorgefallen wäre, nach demselben aber blieb er in der Stube und harrte eine Weile, daß der Vater zu reden anfangen werde. Als dies aber nicht geschah, fragte er geradezu: »Was hat denn der Lump, der Spitzgäbele, von mir gesagt?« »Weil du ihn so heißt, ist alles wahr,« entgegnete der Vater und erzählte nun mit beißendem Spott und mit einer Zuthat des Ingrimms, wie sehr ihn Alban verhöhnt habe und wie er überhaupt hinterrücks sich als Bauer gebärde und alle Maßnahmen des Vaters verhöhne. Vinzenz, der dabei in der Stube war und seine Saat aufgehen sah, setzte sich auf die Ofenbank und spielte mit seinem Lieblingshund, dem Greif, den er sich angeschafft hatte und der fast ausschließlich nur ihm gehorchte. Der Vater hatte heute wieder seine »Flözerstimme,« wie sie die Mutter bei sich nannte. Sie wußte zwar schon längst, daß er jedesmal, wenn er vom Kornmarkt heimkam, lauter sprach; er behielt den Ton noch bei, den er dort unter dem Lärm gebrauchte, aber heute war's doch übermäßig. Sie winkte ihm mit den Augen, ja sie erhob beide Hände flach in der Luft zu begütigenden Zeichen, aber es half nichts. Der Vater erklärte weiter, daß Alban ganz anders werden müsse, ganz anders, wenn Friede im Hause sein solle. Als Alban hierauf entgegnete, daß er nicht wisse, worin er sich ändern solle, er sei gehorsam, fleißig und ehrerbietig, wie viele seinesgleichen jetzt nicht wären, da schlug der Vater auf den Tisch und schrie zornig: »Was deinesgleichen? Was weißt du, wer du bist? Mein Knecht bist du, wenn ich will, und ich will's. Ja, es bleibt dabei, du suchst dir einen andern Hof, denn den kriegt der Vinzenz. Still, sag' ich! Was deinesgleichen? Meinst du, weil andere Väter jetzt sich von ihren Buben übers Ohr hauen lassen, meinst, ich leid's auch? Ich bin Herr und Meister, und mit dir mach' ich, was ich will, und mit meinem Hof mach' ich, was ich will.« »Das könnet Ihr nicht,« rief Alban fest auftretend, »der Hof gehört im Erbgang mir, es wird sich zeigen, ob Ihr mir ihn nehmen könnt!« »Was wird sich zeigen? Ich bin noch über dich 'naus studiert. Du meinst, weil du herrelen – den vornehmen Mann spielen – kannst, du seist was? Nichts bist. Ja, reib nur deinen Bocksbart. Wenn du nicht augenblicklich mich um Verzeihung bittest und mir versprichst, mir in allem zu folgen, ohne Widerrede, da kannst mein' Hand auch noch in deinem Gesicht spüren.« Die Mutter und Ameile suchten den heftig Erregten zu beruhigen, auch Vinzenz trat auf den Vater zu und sagte: »Ich bitt' Euch, haltet nur jetzt Friede. Wir werden uns als Brüder vergleichen.« »Du willst mir auch dreinreden? Wer bist denn du? 'Naus sag' ich, oder ihr habt die Wahl, ob ihr zu der Thür oder zum Fenster 'nauswollet; 'naus alle beide, ihr dürfet mir nicht mehr vor die Augen, bis ich euch ruf'.« Er riß die Thüre auf und schob zuerst Vinzenz hinaus, der nur geringen Widerstand leistete, als er aber auch Alban anfassen wollte, streifte dieser die Hand rasch ab und sagte in scharfem, bestimmtem Tone: »Vater, rühret mich nicht an. Ich geh' allein, ich geh' von selber, und da schwör' ich's: nie, nie mehr komm' ich daher vor Eure Augen, wenn Ihr mich nicht selber darum bittet.« Er nahm seinen breitkrempigen grauen Hut vom Ofenstängele und ging hinaus. Drin in der Stube hörte man noch Schelten zwischen Mann und Frau und dann lautes Weinen, das erst aufhörte, als die Thür zugeschlagen und dann noch einmal mit dem Fuß darauf getreten wurde. Am Röhrbrunnen stand Alban mit seinem Bruder, und dieser sagte: »Alban, ich bin oft neidisch auf dich gewesen, aber jetzt mein' ich's gut. Du wirst sehen, ich werd' dir alles geben, was recht ist.« »Ich brauch' nichts von dir, du eher von mir.« »Sei jetzt nicht bös, ich kann nichts dafür. Sieh da, sieh her, siehst das da?« »Ja, dein blindes Aug'.« »Und weißt, wovon das ist?« »Wie du vom Wagen gefallen bist. Was geht mich das jetzt an?« »Es geht dich an. Zum erstenmal in meinem Leben sag' ich das, ich hab's noch nie über meinen Mund bracht, aber jetzt, jetzt: muß es 'raus. Ich hin nicht vom Wagen gefallen. Der Vater hat mir im Zorn das Aug' ausgeschlagen.« Alban faßte zitternd die beiden Hände seines Bruders. »Ja,« fuhr Vinzenz fort, »es weiß es sonst kein Mensch, als er und ich, du bist der erste, und ich hab' ihm einen Eid geschworen, es niemand zu sagen, aber ich muß ihn jetzt brechen. Und weil mir der Vater das than hat, hat er mir den Hof versprochen und das Abendmahl drauf genommen.« Alban stand still neben dem Bruder. Man hörte lange nichts als das Rauschen des Brunnens und ein sanftes Flüstern des Holunderbaumes. Plötzlich raffte sich Alban zusammen, reichte dem Bruder die Hand und sagte: »Behüt' dich Gott. Ich geh' fort.« »Wohin?« »Ich weiß selbst nicht.« »Bleib lieber da und geh nur nicht unter die Freischärler. Man sagt, sie sammeln sich jetzt im Thal, und in der Stadt hat's auch geheißen, du seist schon dabei, und deswegen ist der Vater auch so bös gewesen.« »So?« rief Alban gedehnt, rückte den Hut fester in die Stirne und reckte sich mit allen Gliedern, »hauset miteinander, wie ihr wollet. Trifft mich ein' Kugel, ist mir's recht und komm' ich wieder, wollen wir schon abrechnen.« Ohne nochmals die Hand zu reichen, rannte er zum Thor hinaus und den Berg hinab; die Augen brannten ihm, und es war ihm, als fühlte er an sich den gräßlichen Jähzorn des Vaters, der sein eigenes Kind fast geblendet. Als er auf der Landstraße war, überkam ihn auf einmal mitten im Jammer ein frohes Gefühl, er war nun frei, frei von der ganzen Welt. Wie oft hatte ihm schon der Ruf nach Freiheit das Herz erfüllt, jetzt endlich konnte er ihm Folge leisten, er durfte für sich handeln und brauchte nicht zu fragen, ob dies der Vater genehm finde; es war recht, daß er verstoßen war, er hatte zu lange sein eigenes Herz unterdrückt, jetzt war er frei. Er streckte die Arme empor und war bereit zu sterben, damit die ganze Welt frei und glücklich sei. Raschen Laufes schritt er dahin, nur einmal stand er still, denn ihn hemmte der Gedanke, ob nicht Vinzenz in ausgefeimter Falschheit ihm diesen Weg gezeigt hatte und ihn scheinbar abhielt, um ihn so sicherer darauf zu lenken und seiner entledigt zu werden. Er konnte an solche Bosheit des Menschen nicht glauben. Und war es nicht sein Bruder? Und zitterte nicht seine Stimme so kläglich, als er die grause That des Vaters erzählte? Mit neuem Mut schritt Alban dahin. Da begegnete ihm ein Wagen, er kannte den Tritt der Pferde, das Rollen des Wagens und das eigentümliche Peitschenknallen des Dominik. Er hatte sich nicht getäuscht, Dominik kam mit dem Fruchtwagen. »Wohin noch?« fragte Dominik erstaunt. »Gen Reichenbach.« »Bleib heut davon, die Freischärler sind dort, ein paar hundert Mann, der Lenz von Röthhausen führt sie an. Ich hab' auch deinen Namen nennen hören.« »So? Da komm' ich gewiß,« entgegnete Alban und erzählte nun alles Vorgegangene. Alban war erstaunt, als Dominik ohne große Teilnahme sagte: »Ich weiß schon lange, doch du bist auch kein rechter Freisinniger. Hättest du den Hof allein bekommen, es wär' dir nicht eingefallen, daß deine Geschwister durch das alte Herkommen verkürzt werden, du wärst halt ein großer Hofbauer wie andre, wenn auch ein bißle gutmütiger.« »Das verstehst du nicht,« entgegnete Alban zornig. »Freilich, ich bin nur als armer Knecht aufgewachsen. Was kann so einer wissen.« Alban stand betroffen, aber er wollte jetzt von nichts andrem wissen und ging fast zornig davon. Er hatte Dominik um ein Darlehen bitten wollen, aber jetzt that er ihm diesen Gefallen nicht. In Reichenbach wurde Alban mit großem Jubel bewillkommt. Es klärte sich jetzt alles auf. Der Lenz hatte dem Alban schon am Morgen einen Boten geschickt, der Bote hatte die Weisung angenommen, war aber wahrscheinlich nach einer andern Gegend entflohen, weil er sich vor der Verantwortlichkeit fürchtete. Mitten im Sturm war Alban für sich plötzlich hoch erfreut. So war es also nicht Lüge und Falschheit von Vinzenz, daß man in der Stadt gesagt hatte, er sei bereits unter den Freischärlern, er bat dem Bruder in Gedanken jeden Zorn ab, den er gegen ihn gehegt hatte . . . Der Pflug im Kugelberger Felde blieb lang unberührt liegen. Monatelang hörte man nichts von Alban, bis auf den Furchenhof plötzlich die Nachricht kam, der Alban habe sich eine Zeitlang beim Hirzenbauer in Nellingen aufgehalten und diene jetzt als Knecht auf dem Sabelsbergischen Gut in Reichenbach. Die Mutter eilte zu ihm, um ihn nach Hans zu bringen, aber er ging nicht und beharrte auf seinem Eid, der Vater müsse ihn holen. Es war unerhört, daß der Sohn des Furchenbauern bei dessen Lebzeiten Knecht sein, an der Schwelle des väterlichen Hofes fremden Leuten dienen sollte. Alban war unnachgiebig, als auch Ameile und Dominik nacheinander zu ihm kamen, er wiederholte beiden: er wolle dem Vater zeigen, daß er Knecht sein könne, aber nur bei fremden Leuten, nicht auf dem väterlichen Hof, dazu werde er sich nie verstehen; der Vater, der ja für seine Nachkommen sorgen wolle, könne jetzt bei Lebzeiten an ihm sehen, wie es ihnen einst ergehe. Es war ein strenger Befehl des Vaters, daß in seinem Beisein niemand von Alban reden durfte, auch die Mutter nicht; ja, sie hatte es so weit gebracht, selbst ihren Gedanken zu wehren, daß sie zu ihm hingingen. Ueber ihre Träume aber hatte sie keine Macht. . . . Ein Sohn und ein Knecht. Heute waren alle die stürmischen und trüben Erinnerungen in der Seele der Mutter erwacht. und als sie endlich eingeschlafen, schrak sie plötzlich auf und rief laut den Namen Albans, von dem sie seit länger als einem Jahre ihre Lippen entwöhnen mußte. Sie horchte still, ob ihr Mann nichts gehört habe, der aber schlief ruhig. Die ganze Welt war wieder in ihr altes Geleise zurückgekehrt, die gerade gestreckten Sensen waren wieder umgebogen, und einzelne, bei denen sich das nicht mehr thun ließ, waren zum alten Eisen geworfen; die Gemeinden, die auf allgemeine Kosten Waffen angeschafft, hatten diese wieder verkauft, und nur hie und da sah man noch einen einzelnen Heckerhut mit schlaffer Krempe, der allmählich zertragen wurde. Die Jahre der Bewegung, die auch in der entlegensten Hütte eine Erschütterung hervorgebracht, schienen jetzt vergessen wie ein Traum. Auf dem Furchenhofe war auch alles wieder wie ehedem, ja der Furchenbauer war wieder einer der Liberalen, die man freilich jetzt anders nannte, denn bei der Einführung der Geschworenengerichte hatte man ihn, der doch auf der Liste der Höchstbesteuerten stand, eben wegen seiner ehemaligen Gesinnung nicht zum Geschwornen ernannt, vielmehr waren viel Geringere aus der Gemeinde dazu berufen. Alles war wieder ins alte Geleise zurückgekehrt, nur mit Alban war dies nicht der Fall. Trotz aller Ruhe und gewohnten Ordnung, die auf dem Furchenhofe herrschte, war es doch immer, als fehlte etwas und als könnte eine plötzlich eintretende Erscheinung alles ändern. Das ganze Leben, das sonst so stetig erschien, wie das Wachsen von Baum und Pflanze, hatte jetzt etwas Einstweiliges, morgen rundum zu Verkehrendes. Die Dienstleute standen oft bei einander und plauderten, und wenn der Meister zu ihnen trat, verstummte plötzlich das Gespräch; es hatte gewiß wieder vom Alban gehandelt und wie der mit dem Meister entzweit sei, weil er die Eichbäuerin abgewiesen habe und lieber des Nagelschmieds Vreni heirate, und darin gaben sie ihm gewiß alle recht, denn jeder Knecht und jede Magd fühlte sich damit erhoben, daß eines ihresgleichen zu hohen Ehren kommen sollte. Der alte Furchenbauer schien sich seit dem Streit mit seinem Alban verjüngt zu haben, er stand allem vor wie der jüngste Mann, nur die Bäuerin merkte oft an seinem stillen Brüten, daß ihm etwas im Gemüte saß, das er nicht verwinden konnte; sie durfte aber nicht davon sprechen, denn er wurde immer heftig gegen sie und verbot ihr zuletzt, je vor ihm den Namen Albans zu nennen. Nur einmal, und das vor wenigen Wochen, sprach er selbst von ihm und mit einer gewissen verhaltenen Freude. Er erzählte, wie ihm der Rentamtmann im Vertrauen mitgeteilt habe, Alban habe sich eigentlich nicht als Knecht verdingt, er habe sich ausdrücklich wöchentliche Kündigung bedungen, auch seinen Genossen erklärt, er diene nur hier, um die höhere Ackerwirtschaft noch besser zu erlernen. Dieser Stolz Albans, der zugleich die Ehre des Vaters wahrte, gefiel diesem; er widersprach nicht, als die Mutter hinzusetzte, der Alban gleiche ganz ihrem eigenen Vater, der habe auch so was Adeliges gehabt, darum habe man ihn auch spottweise den Schmalzgrafen geheißen. Als die Mutter aber weitergehen und eine Versöhnung daran knüpfen wollte, wurde der Furchenbauer plötzlich wieder voll Ingrimm und beteuerte, daß das nie geschehe, bis Alban bittend vor ihn hintrete. Sprach der alte Furchenbauer nur äußerst selten mit seiner Frau von Alban, so that er dies um so öfter mit Dominik. Dieser war eine treue Stütze des Hauses und, wenn gleich nur Knecht, doch wohl angesehen. Der Bauer wußte, that aber, als ob er nichts davon gemerkt habe, daß ihn die Mutter schon mehrmals zu Alban geschickt hatte; er suchte daher von ihm zu erfahren, was denn eigentlich Alban vorhabe, aber Dominik war behutsam und klug und gab nur knappe Antworten. Der Vater, der seinem Sohn keine unmittelbare Nachricht gab, wollte doch, wie man sagt, seine Meinung auf die Post geben; er that, als ob er nur Dominik mitteilte, daß er den Hof diesmal höher schätzen lasse, als es von alters her bräuchlich sei, damit die abgefundenen Kinder auch ein Erkleckliches hätten, daß er aber Alban ganz enterbe, wenn er nicht von des Nagelschmieds Vreni lasse. Dominik hörte das ruhig an und erwiderte in der Regel nichts, nur manchmal fragte er geradezu, ob er das Gehörte dem Alban im Namen des Vaters mitteilen solle, was der Furchenbauer streng verneinte; er durfte sich weder vor seinem Sohn noch vor dem Knecht eine Blöße geben. Das gesetzte Benehmen des Dominik machte auf den Furchenbauer einen bedeutsamen Eindruck. Er ehrte den Dominik damit, daß er ihn mehrmals geradezu fragte: ob er denn nicht recht habe, ob denn ein Vater nicht schalten und walten dürfe, wie er wolle, ob sich ein Kind dagegen auflehnen dürfe und ob nicht Kindeskinder dem danken müssen, der die Größe und die Ehre der Familie fest gewahrt habe. Aber auch hierauf gab Dominik nur wenig entsprechende Antworten, er sprach davon, daß der kindliche Gehorsam, aber auch, daß der Friede über alles gehe, lehnte indes jede Selbstentscheidung ab, mit dem Bedeuten, daß er diese Sachen nicht verstehe. Der Bauer war mehrmals versucht, den Dominik für dumm zu halten; aber aus einzelnen Worten entnahm er doch wieder, wie klug er war, hatte er ja einmal geäußert: »Es ist wahrscheinlich dumm, was ich sag', aber ich weiß nicht, der Pfarrer sagt doch immer, Gott allein sei die Vorsehung, und ich weiß jetzt nicht: wollet Ihr nicht mit dem, was Ihr vorhabet, wie man bei uns in Nellingen sagt, in Gottes Kanzlei steigen und Vorsehung spielen? Kann man da nicht auch zu viel thun, und muß man nicht unserm Herrgott die Hauptsach' überlassen, was er für künftige Zeiten vorhat?« »Du bist gar nicht so dumm, gar nicht, aber du verstehst die Sach' nicht,« hatte darauf der Bauer erwidert, und Dominik war mit dieser Antwort mehr als zufrieden und blieb doppelt bestärkt in seinem gehaltenen Benehmen. Er mischte sich trotz aller geheimen und offenen Aufforderungen nicht eigentlich in die Sache, er verdarb es weder mit dem Bauer noch mit Alban, wenn dieser einst doch den Hof bekomme, und solche weise Zurückhaltung eines Dienstboten verfehlte nicht, dem Bauer einen gewissen nachhaltigen Respekt abzunötigen. Minder war das bei Alban der Fall, dem Dominik, als er ihn einst im Auftrag der Mutter besuchte, gesagt hatte: »Ich bin auch ein Häuslerkind, mein Großvater war auch ein reicher Bauernsohn, den man nebenausgesetzt hat. Man muß sich dreinfinden . . .« Als jetzt die Furchenbäuerin in der Nacht erwachte und hörte, wie der Dominik das Schwärzle aus dem Stall zog, deuchte es ihr eine Ahnung, daß sie erwacht war; jetzt zog ja ihre Botschaft zu ihrem Alban, denn sie hoffte, daß Dominik dem Willen des Bauern ungetreu über Reichenbach fahren werde. Ein nächtiger Gang, bis daß es tagt. Der Kühbub hatte Dominik zur Zeit geweckt, und Dominik war bald zur Abfahrt bereit, er war aber entschlossen, mindestens auf dem Hinweg dem ausdrücklichen Befehl des Bauern zu gehorchen; wenn er ihm zuwiderhandelte, wollte er es lieber zu eigenem Nutzen thun und eine halbe Stunde ab des Wegs zu seiner Mutter nach Nellingen zu gehen. Er war darüber noch nicht mit sich einig, als er von der Landstraße ab den Waldweg einschlug. Das Schwärzle brummte vor sich hin, als man in den nächtig säuselnden Wald eintrat, wo die dunkeln Wipfel rauschten, obgleich man keinen Wind verspürte; es stand oft still und nur den freundlichen Ermahnungen oder auch dem Schelten des Dominik folgte es und schritt fürbaß. Die Gelehrten haben vielleicht nicht unrecht, daß sie den Hennenweg eigentlich Hünenweg nennen, ungeheuerlich genug ist er, und die Felsblöcke und seltsamen Erdwälle, die hüben und drüben sind, können wohl für Hünengräber gelten; die Volksmeinung aber bleibt dabei, der Weg gleiche einer Hühnersteige, und darum heißt er der Hennenweg. Das Schwärzle, einmal im frischen Lauf, konnte klettern wie eine Ziege, und das war natürlich; das Schwärzle war von echter Schwyzerrasse, die Mutter war unmittelbar aus dem Appenzell gekommen, und unter der Obhut des Dominik war das Schwärzle aufgewachsen und so gediehen, daß ihm der Preis nicht fehlen konnte. Wie ein Hund seinem Herrn, folgte das Schwärzle dem Dominik, und erst als man auf der Anhöhe war, hielten beide an, Dominik stopfte sich eine Pfeife, und das Schwärzle fand in der Nacht ein taufeuchtes Maulvoll Gras am Wege, das war für den Hunger und für den Durst. »Vorwärts in Gottes Namen,« sagte jetzt Dominik, und mit einem schnell erhaschten Vorrat für den Weg folgte das Schwärzle. Dominik fürchtete weder Gespenster noch lauernde Uebelthäter, aber der Ruf, den er vorhin gethan, erlöste ihn doch von einem gewissen Gefühl der bangen Einsamkeit, und dabei schlug er sich an die Hüfte und überzeugte sich. daß sein im Hirschhorngriffe feststehendes Messer dort sicher ruhte. Der Meister hatte recht, der Weg war von jetzt an bequem und lind, er zog sich auf einem Walddurchschlag hin, aus dem bis zum Jahre 1848 die gräflich Sabelsbergischen Schafe weideten, das Gras war jetzt in die Höhe geschossen, denn der Furchenbauer hatte sich nicht entschließen können, nach dem Rate Albans selber Schafe einzuthun, und eine mehrmalige Ausschreibung der Schafweideverpachtung hatte bis jetzt zu keinem Erfolge geführt. Dominik dachte in sich hinein, wie manches Erträgnis doch auch auf solch einem großen Bauernhofe verloren gehe, er dachte, wie es einem rechtschaffenen Knechte zukommt, zunächst an den Vorteil seines Meisters, dann aber auch an sich selber [zu denken]; er verstand die Schäferei, und hätte er nicht sein ganzes Geld an Alban verliehen gehabt, er hätte sich selber Schafe eingethan und den Weidgang gepachtet. Es gibt ja hier zu Lande viele Eigentümer von Schafherden, die keinen Grundbesitz haben. Dominik war in die Jahre getreten, wo er allzeit ausschaute nach einem selbständigen Anwesen, und sei es auch noch so klein. Er gedachte jetzt, wie manches von einem großen Hof doch noch ganz anders ausgenutzt werden könnte, wenn es in fleißige Hand gegeben wäre, die nur das allein hätte. Immer kam Dominik wieder auf die Ueberlegung zurück, wie es einem noch so Fleißigen hier zu Lande nicht möglich sei, etwas vor sich zu bringen. Drüben im Gäu, wo es wenig geschlossene Güter gibt, die auf ewige Zeiten in einer Hand bleiben, da ist es einem sparsamen Knecht, der von Haus aus nichts hat, doch möglich, mit der Zeit ein gut Stück Feld zu erwerben, er heiratet noch etwas dazu, und wenn die Gemeinde sieht, daß das junge Paar fleißig und sparsam, läßt sie ihm bei einem schicklichen Kauf die Vorhand, und nach und nach zahlt man jedes Jahr ein Ziel ab und hat mit der Zeit ein schönes Bauerngütle, und die Aecker sind alle das Doppelte wert. Hier zu Land aber ist Grund und Boden in fester Hand, und es bleibt nichts, als Häusler werden und wie der Spatz auf dem Dach leben. Das aber wollte Dominik nicht, lieber ledig sterben; er hatte im elterlichen Hause zu bitter erfahren, welch ein elendes Leben das ist. An einer starken Lichtung, die jetzt am Wege war, erkannte Dominik den Grenzstein vom Gute seines Herrn. Wer wird doch noch recht behalten? Alban oder der Vater? Wer weiß, es kann noch bös werden, zwei harte Mühlsteine mahlen nicht gut, sagt das Sprichwort. Es raschelte etwas im Walde, das allgemein bewaffnete Jahr muß doch noch nicht alles Wild weggepirscht haben, das Schwärzle brummte leise und drängte sich näher an Dominik. Gen Morgen zeigte sich allmählich ein lichteres Grau, die Nebel senkten sich, das Schwärzle begrüßte durch lautes Schreien den jungen Tag. Ein Rabe hockte noch verschlafen auf einem Baumast, er hat den Kopf unter den Flügeln, jetzt erwacht er, schüttelt sträubend sein Gefieder, öffnet den Schnabel wie gähnend und fliegt krächzend waldaus. Ein enges grünes Thal thut sich auf, über den Waldbergen jagen die Nebel in zerrissenen Wolken dahin, die Elstern schnattern und fliegen von Baum zu Baum, auf einem blätterlosen Kirschbaum klagt der Fink regenverkündend: es gießt! es gießt! und hoch oben schwebt ein Raubvogel, es ist die Hühnerweihe, sie stößt ihr jauchzendes Geschrei aus: Gujah! Gujah! Hähne krähen, Hühner gackern, der Taktschlag der Drescher tönt herauf, das ist das arme, von Waldarbeitern bewohnte Dorf Klurrenbühl, aber man sieht nichts davon, alles ist in Nebel gehüllt, die Wälder tauchen daraus auf, eine heisere Morgenglocke ertönt wie weit verloren, jetzt erscheinen die Häuser des Dorfes, bis zur Dachfirste, hell und darüber die Nebelwolken, von den Bäumen am Weg tropft es leise, die breiten Blätter des Kohls tragen schwere Tropfen, die manchmal in der Mitte des Blattes, wie voneinander angezogen, zusammenrinnen, und je näher sie sich kommen, immer hastiger. Da und dort fällt ein einzelner Apfel schwer vom Baume. Dominik hatte für alles Aug' und Ohr, denn er wünschte sich doch einen hellen Tag, heute, da er und das Schwärzle gekrönt würden. Als er jetzt am ersten Haus unter dem Geläute der Glocke, die so armselig und wie bescheiden bittend ertönte, den Hut abzog, mischte sich in sein Gebet der Dank, daß er nicht dazu bestimmt sei, in einer Einöde, wie dieses Dorf war, sieben Stunden hinterm Elend, wie man sagt, sein Leben zu verbringen; er war auf dem Furchenhof an Besseres gewöhnt. Lieber lebenslang auf dem Furchenhof, als Bürger in so einem armseligen Nebenausorte, dachte Dominik. Auf einem »abscheinigen« Hauswesen bauern, wo einen die Schulden morgen wie der Wind wegblasen können – da ist Knecht sein besser, und doch: ein eigen Leben geht wieder über alles. Im Dorfe zeigte sich schon frühes Leben, dort ging einer mit der Peitsche knallend, gleichsam sich und die Tiere erweckend, nach der Stallthüre, dort öffnete sich eine Stallthüre von innen, und die Kühe schreien – der hat seinen Tieren schlecht über Nacht aufgesteckt; ein Mann, der in dürftigem Kleide über die Straße ging, schaute den Dominik verwundert an und vergaß, seinem freundlichen Gruße zu danken. Wer weiß, mit welchen bösen oder traurigen Gedanken der seinen Tag anfängt. Auf einen Ehrenpreis hofft der wenigstens heute nicht. Diese Aussicht, die gestern den Dominik noch grimmig gemacht, ward ihm jetzt im frischen Morgen zu einer lichten Freude; er fühlte sich so lustig wie seit lange nicht, und etwas andres konnte es doch nicht sein. Mit frischer Kraft wanderte er, das Schwärzle am Seile führend, dahin, und selbst das wohlbekannte Tier erschien ihm jetzt so schön, wie noch nie. Wie prächtig schwarz war die Farbe, die durch einen kaum merklich lichteren Streif auf dem Rücken noch gehoben war; nur wenig überbaut, wie war es so fest und doch fein, der Kopf mit den weißen Hörnern, dem weißen Maul und den hellen Haarbüscheln in den Ohren – wie verständig sah das Tier aus. Es mag wohl von dem ehemaligen Hirtenleben des Dominik herkommen, daß er nie ein rechtes Auge für die Schönheiten des Pferdes hatte, um so mehr aber für die des Rindviehs, und er erquickte sich wahrhaft daran. »Du verdienst auch den Preis,« sagte Dominik fast laut, dem Tier auf den Bug klatschend, »friß jetzt nicht, du kriegst was Besseres, ich vergeß dich nicht, wenn ich was zu mir nehm'.« Das Schwärzle schien aber eine Vertröstung auf die Zukunft nicht zu verstehen, es bog den Kopf noch mehrmals nach dem Gras am Wege, und Dominik mußte es kurz halten. Auf den Wiesen wurde es nun lebhaft. Die Kühe, die den ganzen Sommer im Stall gehalten wurden, sprangen jetzt auf der Weide lustig klingend hin und her, und die Hütenden rannten hin und wieder, knallten und jodelten und sangen bei dem Feuer, in dem sie ihre Kartoffeln brieten. Dominik gedachte, wie auch er einst ein armer Hirtenbub war, und jetzt hatte er's doch so weit gebracht. Dieses stete Untersichschauen, dieses beständige Erwägen, was er einst gewesen und wie weit er's gebracht, machte ihn weniger kühn und mutig und mehr bescheiden und demütig, als eigentlich seine Natur mit sich brachte. Jetzt sang ein Hirtenbub dasselbe Lied, das Ameile gestern ihm nachgesungen, und das Antlitz des Dominik erleuchtete plötzlich in Freude. Nun wußte er's: nicht der Ehrenpreis war es, der ihn so innerlichst fröhlich machte, das Lied lag ihm im Sinn, und weiterschreitend, sang er: »Schätzele, Engele, »Laß mi e wengele –« »»Schätzele, wasele?«« »Nur mit dir basele.« Das Lied verließ ihn auf dem ganzen Weg nicht mehr und hob seine Schritte und lachte ihn aus mit all seinem Denken und gab ihm auf alles Antwort. Ich bin neun Jahre älter als das Ameile – das ist ja kein Fehler, das ist ja grad recht . . . Das Ameile ist ein anvertrautes Gut von meinem Herrn, ich darf nicht falsch damit gegen ihn sein – er muß dir noch Dank sagen, daß du ihm so einen rechten Tochtermann gibst. Was fehlt dir denn zu einem rechten Bauer als Geld und Gut? Und das hat sie . . . Ich mag mich nicht so hoch versteigen, ich plumps' sonst so arg 'runter – das ist Feigheit von dir, und du wirst's bereuen, wenn's zu spät ist. – Es war merkwürdig, wie sich in Dominik alles Red' und Antwort gab, als wären zwei Seelen in ihm, und das war wohl auch, denn er trug Ameile im Herzen. Schon vor elf Jahren, als der Hirzenbauer von Nellingen, der Klein-Rotteck genannt, dem Dominik den Dienst auf dem Furchenhof verschaffte, schon damals gewann der hochaufgeschossene Bub das kleine Kind besonders lieb. Ameile stand am ersten Abend am Brunnen und schaute Dominik zu, der sich die Hände wusch; das Kind aß von einem großen Apfel, den es mit beiden Händen hielt, es mochte den zutraulichen Blick des Dominik, der nach ihm umschaute, wohl anders deuten, denn es trat auf ihn zu, streckte ihm den Apfel entgegen und sagte: »Beiß auch ab.« Dominik war selber noch kindisch genug, um mit diesem Anerbieten soweit Ernst zu machen, daß das Kind eine Weile verblüfft auf seinen so sehr verminderten Apfel sah, dann aber doch wieder Dominik anlachte. Von jenem Abend an hatte Dominik eine besondere Liebe zu dem Kinde und suchte ihm auf jede Weise Freude zu machen. Im Winter trug er es oft den größten Teil des Weges auf seinen Armen nach der eine Stunde weit entfernten Schule, und wenn Schneebahn war, führte er es auf einem Handschlitten. Als Dominik Soldat werden mußte und nach halbjährigem Verweilen in der Garnison wieder in seinen alten Dienst zurückkehrte, gewahrte er plötzlich, daß das Kind eine Jungfrau zu werden begann. Der Abstand ihrer Lebensverhältnisse wurde ihm immer klarer, und selbst in die Herzen voll Einfalt finden oft verschlungene, sich selbst verhüllende Gedanken ihren Weg. Dominik war jung genug, daß ihm die unverkennbare Liebe Ameiles die tiefste Seele erquickte; er lächelte oft still vor sich hin, aber wenn er Ameile begegnete, ihr etwas zu bringen oder zu sagen hatte, machte er immer ein finsteres, ja fast zorniges Gesicht und war wortkarg, er bangte vor dieser Liebe, die ihm nur Unglück bringen konnte, er wollte sie bezwingen, aber es gelang ihm nicht. Da fand sich eine glückliche Aushilfe; nicht um seinetwillen, sondern um Ameile mußte er jede Neigung ausreißen und zerstören, das gute harmlose Kind, das durfte nicht ins Elend kommen, es mußte behütet und beschirmt werden. Dominik erschien sich groß in dieser Entsagung um der Geliebten willen, die ihm jetzt zu gelingen schien; er war nun auch oftmals freundlicher gegen Ameile, nur um ihr zu zeigen, wie gut er's mit ihr meine, und bald schien es wieder, daß sie von allem nichts wisse, sie war allezeit gleich fröhlich und behend, lustig wie ein Vogel auf dem Zweige. Dominik deuchte es, daß er sich getäuscht habe; er hatte mit Schmerzen und Kämpfen eine Liebe ausgerottet, die gar nicht da war. Und so seltsam ist das Menschenherz: statt daß Dominik sich dabei beruhigte und zufrieden war, daß alles sich fügte, wie er wünschen mußte, wollte er jetzt mindestens eine Erkenntlichkeit für seine Aufopferung, und er sagte es einst Ameile, was er für sie gethan. Ameile stand betroffen dabei und redete kein Wort. Wochenlang sah sie ihn kaum an, wenn sie ihm begegnete, und huschte vorbei, als fliehe sie vor ihm. Hatte Dominik erst geweckt, was er töten wollte? Es schien nicht der Fall. Einstmals sie ihm nicht mehr ausweichen konnte und er sie fragte, warum sie trotzig gegen ihn sei, sagte sie mit keckem Antlitz lächelnd: »Es hat einmal einer einen Bärenpelz verkauft, ehe er den Bären geschossen hat.« »Wie? Was meinst?« »Es hat einmal einer ein Mädle aufgegeben, bevor er's gehabt hat. So ist's.« Der Mädchenstolz schien beleidigt, daß eine Liebe preisgegeben wurde, um die noch gar nicht geworben war. Wollte sie ihn zurückweisen, wenn dies geschehen war? Ameile schien nun ein grausames Spiel mit Dominik zu treiben, sie ging allezeit trällernd und lachend umher, und die Natur selber mußte ihr helfen, denn sie wurde mit jedem Tag schöner und liebreizender. Wo sie nur konnte, hänselte sie den Dominik, und die Mutter selber schalt sie oft darüber, der Vater aber hatte seine heimliche Freude an dem lustigen Kind und seinen Scherzen, und es war nicht uneben, als er einmal sagte: »Sie ist grad wie ein Kanarienvogel, je mehr Lärm und Untereinander im Haus ist, je lustiger ist sie, grad wie ein Kanarienvogel, der schlagt auch immer heller, wenn's recht toll hergeht in der Stub'.« Auch Dominik hatte nach dem anfänglichen Aerger seine Lust an dem Uebermut Ameiles, es wäre ihm gar nicht lieb gewesen, wenn sie ihn nicht geneckt hätte, sie lachte und jauchzte dabei so grundmäßig; und daß sie gerade immer mit ihm anheftelte, war kein böses Zeichen. Er gab sich nun selber manchmal zum besten und bot Ameile oft Gelegenheit, über ihn zu lachen. Auf dem einsamen Furchenhof war damals eine Bewegung der Gemüter, wie sie sich nur selten aufthut, und in Stube und Stall und Scheune sagte man einander, daß es gewiß nirgends lustiger hergehe. Man wußte nicht und wollte nicht wissen, was denn eigentlich vorging und warum jedes am Morgen so fröhlich aus dem Schlafe sich erhob, man fragte nicht danach und konnte es nicht sagen, und das ist die beste aus innen quillende Freude. So viel aber wußte doch ein jedes, daß Ameile der Mittelpunkt aller Lustbarkeit war. Selbst der alte Furchenbauer, der eine gewisse finstere Miene nie ablegte, konnte sich des Einflusses der »Blitzhexe«, wie er Ameile auch bisweilen nannte, nicht erwehren, und es war doppelt zum Lachen, wenn man sah, welche Mühe er sich gab, bei den losen Streichen und Reden Ameiles seine ernste Miene zu bewahren, wie es aber innerlich zuckte und er am Ende doch nicht anders konnte, als laut auflachen. Oft an Winterabenden, wenn der Vater im Stüble saß und den Wälderboten studierte, während Ameile mit dem Gesinde in der großen Stube spann und allerlei Kurzweil trieb, hörte man bei einer neckischen Rede Ameiles den Vater drin im Stüble laut lachen. Als Dominik jetzt auf seinem Gang an diese Zeiten und besonders den siebenundvierziger Winter dachte, leuchtete die Heiterkeit von damals wieder auf seinem Antlitz. Als im Vorfrühling darauf Alban aus der Fremde heimkehrte, trat plötzlich mit ihm ein andrer Geist ein. Ein Angehöriger und doch vielfach fremden Wesens war auf den Hof gekommen. Man hatte heiter und erfüllt gelebt in seiner Abwesenheit, und es war, als ob jedes gewaltsam Raum schaffen müsse für das Gebaren des neuen Ankömmlings, der so zu sagen der zweite Meister war und alsbald überall zugriff. Mit Ameile ging eine besondere Veränderung vor, sie betrachtete den Bruder oft mit staunender Verehrung und glühte vor Entzücken, da ihr Alban stets mit etwas fremder und so zu sagen höflicher und doch wieder brüderlicher Zutraulichkeit begegnete. Bald nach der Ankunft Albans hatte auch jene Bewegung begonnen, die so wunderbar die ganze Welt umstellte. Hand in Hand geleitete oft Ameile ihren schönen und so vornehmen Bruder hinab ins Thal zu den Waffenübungen, sie blieb mit der Mutter in der Ferne am Käppele stehen und sah ihm zu, und ihr Herz lachte vor Freude. Hundertmal wünschte sie sich im Scherz und Ernst, auch ein Bursche zu sein, und klagte, daß bei der neuen Welt gar nichts für die Mädchen herauskäme. Dominik war mit unter den Bewaffneten, aber er wußte, daß Ameile nicht seinetwillen auf der Anhöhe stand und unverwandten Blicks herabschaute; sie hatte nur ein Auge für ihren Alban. Dominik war innerlichst eifersüchtig auf diesen, aber er durfte sich's nicht merken lassen, und bald hatte er keinen Grund mehr dazu. Die Hinneigung Albans zu Vreni ward sichtbar, und Dominik schöpfte daraus neue, wenn auch unbestimmte Hoffnung, aber die Welt war ja jetzt eine andre, alle Menschen waren Brüder, und noch leichter, als Alban die Vreni heimführte, konnte der Knecht des Bauern Tochter gewinnen. Ameile schloß sich fortan mit klugem und gutem Herzen der Vreni an, sie konnte dem Bruder ihre Liebe nicht besser erweisen, und als Alban einst in militärischer Weise den Dominik Kamerad nannte, sagte Ameile: »Dem Dominik gönn' ich's am ehesten, daß er dein Kamerad ist.« Dennoch war Ameile äußerst zurückhaltend, und wollte Dominik sich ihr nähern, hatte sie immer eine scherzende Abweisung. Als der Zerfall zwischen dem Vater und Alban eingetreten war, wurde Ameile oft still und in sich gekehrt, und einmal sagte sie zu Dominik: »Es ist doch recht, daß du mich schon lang aufgeben hast, dabei wollen wir auch bleiben.« Fortan verhielten sich Dominik und Ameile so, als ob nie etwas zwischen ihnen vorgegangen wäre. Ameile, die ihren Bruder so sehr geliebt hatte, wurde wunderbarerweise bald wieder so heiter wie ehedem; sie war überzeugt, daß ihr Bruder unbedingt unrecht habe, und sprach das auch unverhohlen gegen den Vater aus. Es ging sie nichts an, was er für einen Streit mit dem Vater hatte, es war und blieb jedenfalls unverzeihlich, daß er die Sache aus dem Hause trug. Was im Hause vorgeht, und besonders zwischen Vater und Kind, das darf nicht über die Schwelle. Der Vater wurde nun noch besonders liebreich gegen Ameile, da er sie so reden hörte, und er ging einmal so weit, daß er ihr sagte: »Du bist mein einzig Kind, an dem ich Freud' hab'.« Dominik war wortkarg und ging still seiner Arbeit nach. Wenn ihn Ameile auch oft ermahnte: »Bös brauchen wir just nicht miteinander zu sein; wir dürfen doch miteinander lachen,« Dominik ging nicht darauf ein. Ein stolzer Bauernbursche wie Alban, der kann es wagen, eine neue Regel für sich aufzustellen und keck über altgewohnte Schranken hinwegzusetzen; ein Knecht, der sich sein lebenlang fügen und ducken mußte und allezeit nach seiner Herkunft schaut, findet die erforderliche Spannkraft hierzu nicht. Es gibt Naturen, die die Abhängigkeit immer weicher und zaghafter macht. Das Vertrauen, das nach dem Zerfalle mit Alban der Furchenbauer jetzt seinem Knechte schenkte, erweckte in diesem den alten Vorsatz: er wollte Ameile nicht ins Unglück stürzen und dem Vater nicht neuen Kummer bereiten. Darum hatte er noch gestern beim Aepfelschütteln so herb gegen Ameile gethan und am Abend am Brunnen sich zu wenigen Worten herbeigelassen. Jetzt aber, da er allein war auf dem Wege, sang sie ihm allezeit ins Ohr: »Schätzele, Engele.« In Jettingen, wo Dominik das Schwärzle einstellte, daß es sich an Futter und Ruhe erhole, gönnte er sich selber keine Rast. Er eilte eine halbe Stunde ab des Weges zu seiner Mutter nach Nellingen, er hatte sich nicht darüber beraten und sich nicht dazu entschlossen, es trieb ihn unwiderstehlich fort. Im armseligen väterlichen Hause, das nun der ältere Bruder besaß, traf er die Mutter nicht; sie war, wie die heimgebliebenen Bruderskinder sagten, beim Kartoffelausthun auf dem Felde des Hirzenbauern. Dominik kannte das Feld und eilte dorthin. Auf dem Wege schlug ihm das Herz gewaltig, da er bedachte: wie grausam es sei, daß die alte Frau noch taglöhnern müsse; er kam sich als schlechter Sohn vor, denn er überdachte, wie oft er sich gutthue und seiner Mutter vergesse. Im Hinausschreiten gelobte er sich, dies fortan zu ändern. Die Mutter, eine lange, dürre Gestalt, reichte ihrem Sohne die Hand und hob gleich wieder die Harke und wollte während des Harkens mit ihm weiter sprechen; der Sohn des Hirzenbauern, der den Dominik freundlich bewillkommte, sagte ihr aber, sie solle nur mit ihrem Sohn heimgehen, sie solle doch ihren Taglohn erhalten. Dominik dankte und ging langsam neben der Mutter durch das Dorf hinein, die Wangen brannten ihm; denn er mußte eilen, er hatte gegen den ausdrücklichen Befehl seines Herrn diesen Abweg gemacht, aber er zwang sich doch zur Ruhe. Er hatte der Mutter nichts mitgebracht, als den verheißenden Gruß, den Ameile ihm mitgegeben, sie bat ihn um Geld, er versprach ihr, von Wellendingen zu schicken, und als eben der Hirzenbauer auf seinem Bernerwägelein am Hause vorüberfuhr, sagte er: »Ich schick' Euch's mit dem, verlaßt Euch drauf, und ich komme bald wieder.« Als Dominik schon die Thüre in der Hand hatte, fragte ihn noch die Mutter: »Ist's denn wahr, daß dir dein Bauer sein' einzige Tochter gibt?« »Wer hat das gesagt?« »Ich hab's gehört. Die Leut reden davon. Mach nur, daß ich's noch erleb'.« »Da könnt Ihr lang leben bis dahin,« schloß Dominik und machte sich eilig auf den Rückweg durch den Wald. Das Schwärzle brummte ihm entgegen, als er in den Stall trat, und ohne Säumen machte er sich nun mit ihm auf nach ihrem Ziel. Draußen vor Jettingen fuhr der Hirzenbauer an ihm vorüber und winkte ihm zu, sich zu beeilen; Dominik glühte vor Erregung, es war schon spät, er konnte die ganze Feierlichkeit versäumen und mit seinem Herrn hart zusammentreffen; es war unbegreiflich einfältig, daß er nach Nellingen gesprungen war, er hatte ja doch nichts mit seiner Mutter reden können, und was sollte er auch? Das Schwärzle mußte in langsamem Gang erhalten werden, damit es nicht erhitzt und abgemattet ankomme, das hätte neuen gerechten Zank gegeben vor aller Welt, und heute sollte er ja wegen seiner treuen Dienste öffentlich belohnt werden. Dominik wünschte sich Riesenkraft, damit er das Schwärzle tragen und mit ihm davon rennen könne; er hätte ihm gern geholfen, seine Schritte fördern; aber er konnte nichts thun, als langsam neben ihm hergehen. Dahin war nun all der fröhliche Mut, all das morgenfrische Leben der vergangenen Stunden, und oft fuhr er sich über die heiße Stirn, wenn er bedachte, was seine Mutter ihm gesagt, und was die Leute redeten. Erst nach geraumer Weile, als aus einzelnen Gehöften Leute kamen, die gleich ihm ein Rind oder einen Stier zur Preisbewerbung nach Wellendingen führten, beruhigte er sich und schalt sich innerlich über seinen unnötigen Jast; es war ja noch früh an der Zeit, und in der That war er einer der ersten an dem Wirtshaus zum Apostel in Wellendingen. Festgefahren. Der Furchenbauer war noch nicht da. Heitern Sinnes war er am Morgen mit seiner Tochter ausgefahren. Er war festtäglich gekleidet, er trug seinen schwarzsamtnen, rot ausgeschlagenen kragenlosen Rock, dazu die rote Weste mit silbernen Kugelknöpfen, den breiten schwarzen Hut mit nach hinten flatternden Bandenden. Auch Ameile war im vollen Putz. Der safrangelbe hohe Strohhut mit schmaler, nach vier Seiten eingebogener Krempe, die schwarzen, um das Kinn gebundenen breiten Samtbänder hoben noch die frischen Farben ihres runden Antlitzes, um den Hals war ein schwarzblaues seidenes Tuch geschlungen, dessen rote Endstreifen im Nacken flatterten, und lange Zöpfe mit eingeflochtenen roten Bändern hingen den Rücken hinab; der schwarzsamtne »Schoben« (die Jacke), nach vorn offen, ließ die Silberkettchen auf dem roten Mieder sehen und war nach einer glücklichen Neuerung bis auf die Hüfte verlängert, dazu die weiße Schürze, der schwarze Rock, mit Scharlach und Goldborten eingerändert, und die roten Strümpfe vollendeten den Festanzug. Die beiden Schweißfuchsen gingen ruhig, der alte Mann lenkte sie leicht, und nur manchmal draußen vor den Dörfern überließ er Ameile auf ihr Bitten das Leitseil, und Ameile schnalzte mit der Zunge und fuhr lustig. Auf dem allzeit finstern Antlitze des Bauern ruhte heute der Abglanz des Triumphes, daß vor aller Welt heute sein Knecht und sein Vieh mit dem Preis ausgezeichnet würde; der eigentliche Ruhm davon gehörte doch dem Herrn und Meister. Wäre nicht der geheime Kummer um Alban gewesen, in dem Furchenbauern hätte lauter Freude und Wohlbehagen gelebt. Er gedachte jenes Tages, da er mit Sorge um seinen Fruchtwagen diesen Weg gefahren; jetzt war die Welt wieder ruhig, und gehörte er auch nicht gerade ganz zu denen, die dem recht geben, der recht behalten, oder, wie der Klein-Rotteck von Nellingen sagt, dem andern zuvorgekommen und ihn zuerst ins Loch gesteckt hat: so dachte er doch nicht mehr viel an solcherlei Dinge. Die Hauptsache war auch ihm, daß man jetzt wieder die Erträgnisse des Ackers gut absetzt; im übrigen mag die Welt regieren, wer will und kann. Seit vielen Jahren war der Furchenbauer Mitglied des landwirtschaftlichen Vereins; der alte, in diesem Bezirk ehedem so sehr beliebte Oberamtmann Niagara, dessen Lachen immer so mächtig war und lautete, wie wenn ein Klafter Holz zusammenfällt, hatte den Furchenbauer zum Eintritt beredet, und er blieb dabei, denn er sah den jährlichen Beitrag als eine Art Ehrensteuer an, der sich ein großer Bauer nicht entziehen dürfe. Von all den vorgeschlagenen Verbesserungen in der Landwirtschaft, von den vielen empfohlenen Werkzeugen hatte sich der Furchenbauer nur wenige angeeignet; er befand sich wohl bei seinem alten Verfahren und hatte nicht Lust, Neues zu versuchen, das nicht nur fraglich, sondern auch ihm fremd war, und dadurch seine Meisterschaft herabsetzte. Eines aber hatte er gern befolgt. Mehr aus Stolz als aus Einverständnis mit der Sache hatte er seinen Alban in die neuerrichtete Ackerbauschule gegeben, und das hatte böse Frucht getragen; wenigstens wälzte der Vater die wesentliche Schuld auf dieses Verhältnis. Jetzt aber zeigte sich doch auf einmal ein strahlender Erfolg seiner Mitgliedschaft, und halb vor sich hin und halb in sich hinein murmelte der Furchenbauer: »Die Leute werden alle sehen, wie gut es meine eigenen Kinder bei mir haben, wenn es mein Knecht so gut hat, wie sich öffentlich ausweist.« Er schien dieser Rechtfertigung vor sich und der Welt zu bedürfen. Ameile, die diese Worte wohl hörte, erwiderte nichts darauf, und der Vater sah sie scharf darob an. Er ärgerte sich aber nicht nur über das Schweigen des Kindes, sondern auch über seine eigene Redseligkeit; es war nicht wohlgethan und ganz gegen alle strenge Familienzucht, sich so vor dem Kinde auszulassen. Unmittelbar vor dem Dorfe Reichenbach wäre den Fahrenden beinahe ein Unglück geschehen. Alban kam gerade mit einem großen Düngerwagen aus dem Dorf heraus, als der Furchenbauer in dasselbe einfuhr; sei es nun, daß der Vater die Zügel in zitternder Hand lenkte, oder daß die Pferde, Alban erkennend, auf ihn zueilten – unversehens hingen die beiden Fuhrwerke ineinander und konnten nicht vom Fleck, und um ein kleines wäre Alban dazwischen zerquetscht worden. Ameile riß dem Vater rasch die Zügel aus der Hand, rief Alban, er möge sein Gespann halten, daß es nicht vorwärts gehe, und drang in den Vater, daß er absteige, solange sie die Pferde halte. Alban stand eine Weile, an seinen Sattelgaul gestemmt, der sich hoch bäumte, aber er bändigte ihn, und mit einer geschickten Wendung löste er rasch die Stränge, sprang behend über die Deichsel und löste die Stränge dem andern Pferde gleichfalls. Nun konnte sein Fuhrwerk nicht mehr vom Fleck und keinen Schaden mehr anrichten. Er eilte nun, dem Vater beim Absteigen zu helfen. Dieser hatte den einen Fuß über der Leiter und wagte trotz der Ermahnungen Ameiles nicht, den andern Fuß nachzuziehen; das Ungemach und das Zusammentreffen mit Alban hatte ihn ganz wirr und blöde gemacht. So stand er noch, mit hilfesuchendem Blick umherschauend, als schwebte er am Rande eines Abgrundes, da kam Alban, faßte ihn mit starken Armen, hielt ihn hoch empor und stellte ihn dann sanft auf den Boden. Er befahl Ameile, ruhig sitzen zu bleiben, hob wie spielend die Hinterräder ihres Wagens in die Höhe und zur Seite, sprang vor an den Kopf der Tiere, lenkte sie etwas zurück und dann wieder vorwärts, und flott war das Fuhrwerk. Der Vater stieg behende wieder auf, die Beihilfe Albans abwehrend, und dieser stand noch eine Weile ruhig, die Hand auf die Wagenleiter gelegt, und schaute dem Vater ins Antlitz; dann sagte er: »Es hat schon so sein müssen, Vater, daß wir einander auffahren.« »Fahr zu!« herrschte der Furchenbauer gegen Ameile als Antwort, und an die Schwester gewendet, mit zornig wehmütigem Tone, sagte Alban wieder: »Wohin geht's?« »Gen Wellendingen zum landwirtschaftlichen Bezirksfest, unser Dominik kriegt heut einen Preis und vielleicht das Schwärzle auch. Kehr um und führ uns, wir können so beide nicht fahren, hast gesehen,« entgegnete Ameile, und der Vater befahl nochmals: »Fahr zu!« »Ich kann nicht mit,« sagte Alban, vor sich niederschauend, »ich bin hier Knecht.« Er reichte der Schwester die Hand und schloß: »B'hüt dich Gott.« Auch dem Vater streckte er die Hand entgegen und sagte: »B'hüt's Gott, Vater.« Er zog die dargereichte Hand aber leer zurück, denn der Vater riß Zügel und Peitsche an sich und fuhr davon. Ameile schaute noch einmal zurück und winkte dem Alban, dieser aber sah sie nicht, denn er strängte die Pferde wieder ein, stieg auf den Sattelgaul, untersuchte die Treibschnur und fuhr hell knallend die Straße hinauf und dann querfeldein. Draußen vor dem Dorf sagte der Furchenbauer: »Der Malefizbub ist mir überall im Weg. Wenn ihm der Dominik Bescheid gegeben hat, geht's dem schlecht. Der Malefizbub hat's gewiß erfahren, wann ich komm', und hat mir zeigen wollen, wie er Knecht ist, und aufgefahren ist er auch mit Fleiß, es kann ja kein Hofkutscher besser fahren wie er.« »Nein, Vater, da thuet Ihr ihm unrecht, er hat halt die Besinnung verloren, wie er uns gesehen hat, wie wir beide auch.« »Ich nicht.« »Man sieht ihm aber nichts mehr von seiner Krankheit an,« begann Ameile nach einer Pause, und der Vater fragte: »Ist er denn krank gewesen? Woher weißt du's?« »Ich hab' des Jörgpeters Maranne von hier Setzling (zu Kohl) verkauft, und die hat mir gesagt, daß er's auf der Brust hat.« »Das ist nichts. In unsrer Familie ist alles gesund auf der Brust, und der Alban hat eine Brust wie ein Faß.« »Er sieht aber doch aus wie ein Graf.« »Viel zu wenig, zum geringsten wie ein Prinz. Red mir heut kein Wort mehr von ihm. Punktum. Ich werd's heut wieder von fremden Leuten genug hören müssen.« Trotz dieser Mahnung sagte Ameile doch nochmals: »Ihr hättet ihm wohl ein' Hand geben dürfen, er hat so herzgetreu ›B'hüt's Gott‹ gesagt. Das Wasser ist ihm in den Augen gestanden.« »Ich will aber keine Hand und kein Wort von ihm. Still jetzt, du darfst mir heut seinen Namen nimmer gedenken, oder ich zeig' dir, daß ich über dein Schneppebberle auch Meister bin. Punktum sag' ich zum letztenmal.« Der Furchenbauer konnte den Seinigen verbieten, von Alban zu sprechen, selbst aber sein zu gedenken, dessen konnte er sich nicht erwehren. Er hatte seit anderthalb Jahren die Stimme seines Kindes zum erstenmal wieder gehört, das Auge des Kindes hatte lange auf diesem starren Antlitze geruht, und die Mienen wurden nur noch finsterer, und die schmalen Lippen wurden oft zwischen die Zähne gekniffen. Erst als er sich Wellendingen näherte und den Leuten begegnete, die ihr Vieh zur Preisbewerbung führten, lächelte der Furchenbauer vor sich hin. Als Dominik am Apostel auf ihn zukam, rief er diesem barsch zu: »Bist doch über Reichenbach gefahren und hast dem Alban gesagt, daß ich auch komm'?« »Nein, ich bin, wie Ihr befohlen, über Jettingen gefahren; der Hirzenbauer kann mir's bezeugen.« »Schon recht. Ist das Schwärzle gut gelaufen?« »Ja, wie ein Hirsch.« Der Furchenbauer ging mit Ameile nach der Wirtsstube, wo Spitzgäbele ihn alsbald bewillkommte. Ein offizielles Volksfest, eine exotische und eine wilde Blüte. Seitdem wieder jede freie und natürliche Strömung des Volkslebens gebunden ist, seit die Verzweiflung an der Macht des rein sittlichen Gedankens immer allgemeiner zu werden droht, seit man Eidbruch und Verhöhnung des Rechts und Ehrgefühls als nicht zu erörternde Thatsachen hinstellt, ist von dem stolz-erhabenen Fahnenrufe der vergangenen Jahre alles verlöscht worden und nur das eine Wort: Wohlstand stehen geblieben. Die öffentlichen Stimmen rufen es allein aus, und jeder einzelne dünkt sich weise und gewitzigt und berühmt sich dessen, daß der günstige Geschäftsbetrieb, der Wohlstand, doch das einzige Wünschenswerte sei. Höheren Ortes – wie man es nennt – wird diese Richtung sorglich gepflegt und ihr allenfalls noch durch Erweckung eines kirchlichen Sabbathsinnes ein Gegengewicht zu geben versucht; jede Bürgerehre, jede sittliche Verbindung der Staats- und Volksgenossenschaft wird als entbehrlich, ja vielfach als strafwürdig angesehen. Wenn sich hierdurch die bürgerlich-sittliche Gemeinschaft immer mehr aufzulösen droht, so wird der einsichtige Kenner der Menschengeschichte dennoch nicht trostlos verzweifeln, vielmehr die Zuversicht schöpfen, daß trotz aller eigensüchtigen Zerfahrenheit doch am Ende wieder Ehre und Freiheit sich entwickeln muß, wenn auch zunächst nur als die höchsten Güter des Genusses oder des Wohlstandes, wenn man es so nennen will. Und auch jetzt schon, so wenig man es auch Wort haben will, zeigt der Staat, daß er diesseits der Markscheide der jüngst vergangenen Jahre andre Ziele haben muß: die ehemalige verneinende Polizeikunst möchte sich zu einer positiven Förderung des Gemeinwohls entwickeln, möchte von oben herab beglücken, ohne das doch je zu können. Die vergangenen Jahre haben es oft dargethan, daß der Bauernstand die Pfahlwurzel alles gesunden Staats- und Nationallebens sei, und ihm wendet sich nun die höchste und allerhöchste Fürsorge zu. Während man jede Volkssitte, die frecherweise ohne höhere Genehmigung aufgewachsen ist, auszutilgen sucht, während man das öffentliche Singen der Volkslieder in den Dörfern verbietet, während man die Spinnstuben in Acht und Bann erklärt und sogar polizeilich sprengt, während man die Kirchweihen alle auf einen Sonntag verlegt und so Nachbardorf von Nachbardorf absperrt – will man in den landwirtschaftlichen Vereinen und Festen ein mit Kanzleitinte verschriebenes Surrogat dafür setzen. Da sollen die politischen Schreier einmal zeigen, ob sie wirklich etwas wissen zur Hebung des Notstandes und zur besseren Ausnutzung der Arbeits- und Naturkräfte! Jeder Hinweis auf die große Strömung des Nationalbesitztums und seine Erfordernisse erscheint natürlich alsbald als Flausenmacherei; es handelt sich hier nur darum, wie die Kultur, natürlich der Gewächse, zu fördern, wo man russischen Weizen und Luzerne pflanze, wie der belgische Pflug zu handhaben, wie der Dünger zu behandeln und welche Vorteile bestimmte Kreuzungen und Veredlungen, natürlich der Haustiere, bringen. Zeigt sich dann auch beim Schmause eine gewisse Lebendigkeit und Lustigkeit, sie ist doch immer gedämpft und in Schranken gehalten, oder will einmal gar wildes Wasser einbrechen, es sind Dämme genug da durch die Anwesenheit der Angestellten, die hier freilich nur einfache Mitglieder sind, aber doch ihre Amtstitel behalten und sogar in entsprechenden Uniformen darstellen. Eine gewisse Humanität, die auch den Niederen und Niedersten bedenkt, ist dabei jedoch nicht vergessen, wie wir bald sehen werden. Eine mit Eichenlaubgewinden, mit Astern und mannigfachen besonders ausgezeichneten Jahreserzeugnissen geschmückte Tribüne erhob sich am Gartenzaun des Apostelwirts, so daß die Versammlung auf der Straße zwischen dem Wirtshause und der breiten Tribüne sich aufstellen konnte; Fuhrwerke, die des Weges kamen, mußten um das Apostelwirtshaus herum weiter fahren. Hier war noch vor wenigen Jahren eine fast beständige Tribüne für Volksversammlungen gewesen; hier war der Reichstagsabgeordnete gewählt und waren Proteste gegen ihn erlassen worden, der Lenz von Röthhausen hatte hier seine glänzendsten Triumphe gefeiert. Der Ort war vortrefflich in der Mitte des Bezirkes gelegen, und der Wirt war einer der eifervollsten Freisinnigen und rauchte beständig aus einer Heckerpfeife. Seitdem hat er sich anders besonnen, hat sich das Rauchen abgewöhnt, schnupft nur noch echten Pariser und ist sogar fromm geworden. Eine Musikbande war im obern Stock des Wirtshauses an den Fenstern aufgestellt, ein Trompetenstoß und darauf folgender Marsch verkündete, daß jetzt die Viehmusterung beginne. Natürlich hatten zwei mit Ober- und Untergewehr bewaffnete Landjäger den Zug angeordnet und hielten Wache. Die Preisrichter waren fünf. Obenan stand der derzeitige Präsident des landwirtschaftlichen Vereins, ein resignierter Kameralverwalter, der jetzt als Pächter mehrerer Domänen den Titel Domänenrat hatte, ein behäbiges und lustiges Männchen mit spärlichen grauen Haaren auf dem Haupte, die jetzt sichtbar wurden, da er beim Austreten aus dem Apostel fortwährend alle Anwesenden grüßte, die entblößten Hauptes vor ihm standen. Dominik war der erste, der seinen Hut wieder aufsetzte, denn das Schwärzle war unbegreiflich wild. Dem Domänenrat folgte eine hagere selbstbewußte Erscheinung, die den Schnurrbart zwirbelte; es war der Rittergutsbesitzer von Renn, ehemaliger Lieutenant. Nun kam eine vollbärtige untersetzte Gestalt, ebenfalls ein studierter Oekonom, ehemals Pfarrkandidat und jetzt Pächter auf dem Sabelsbergischen Gute in Reichenbach, im Rufe gelinder Freisinnigkeit stehend. Der Hirzenbauer, Klein-Rotteck genannt, eine untersetzte, gedrungene Figur, und der ewig lächelnde, halb städtisch gekleidete Schultheiß des Ortes beschlossen die Reihe der Auserwählten. Die Tiere wurden vorgeführt und von allen Seiten gemustert, der Domänenrat riß ihnen das Maul auf, um das Alter zu erkunden, seine Hände trieften von Schaum; er gab seine Stimme ab: erster oder zweiter Preis, worauf die andern in der Regel laut beistimmten, nur der ehemalige Theolog und der Klein-Rotteck wichen manchmal ab. Als Dominik mit dem Schwärzle vorfuhr und sich mächtig anstemmen mußte, da das sonst so geduldige Tier in der Menschenmenge unter der Musik schnaubte und hin und her riß, lächelte eine Frauengestalt aus dem untern Fenster des Apostels. Die Oberamtmännin stand dort neben Ameile und sagte: »Das ist ein prächtiger Bursch, und wie er sich gegen den Kopf des Tieres anstemmt, steht er zum Malen da.« Der Domänenrat prüfte das Schwärzle, und einstimmig wurde ihm der erste Preis zuerkannt. Der Landjäger verwies Dominik mit dem Tiere nach der rechten Seite, das Tier schleifte ihn fast, und er mußte mit aller Kraft hemmen. Nun bestiegen die Preisrichter die Tribüne. Der Oberamtmann in seiner Uniform mit der gelben Schärpe und dem Degen an der Seite stellte sich auch dort auf. Ihm folgte die Oberamtmännin, die nicht abließ, bis auch Ameile mitging; sie stellte sich aber immer hinter die Oberamtmännin, so daß sie kaum gesehen werden konnte. Der Domänenrat hielt nun einen Vortrag über den Flurzwang und die Vorteile des Zusammenlegens der Grundstücke, den er mit manchen anschaulichen Bildern und Scherzen zu würzen wußte, so daß oft ein verhaltenes Lachen durch die Versammlung sauste. Auf seinen Wink ertönte dann ein Trompetenstoß, und die Austeilung der Dienstbotenpreise begann, wobei noch ausdrücklich bemerkt wurde, daß nur solche belohnt würden, die ohne nahe Verwandtschaft viele Jahre in einem Hause vorwurfsfrei gedient haben. Auf der Tribüne lagen rote Kästchen, welche mit dem Namen der Belohnten bezeichnet waren und die Denkmünze enthielten. So oft ein Name ausgerufen wurde, reichte die Oberamtmännin dem Domänenrat das Kästchen, dieser reichte es hinab, und jedesmal ertönte ein dreimaliger Trompetentusch. Dominik war erst der vorletzte unter den Preiswürdigen, weil seine Dienstzeit durch die Militärpflicht unterbrochen war. Als endlich sein Name ausgerufen wurde, faßte Ameile unwillkürlich das Kästchen, und ohne es durch die Hand des Domänenrats gehen zu lassen, reichte sie es Dominik unmittelbar hinab. Ein heller Trompetentusch ertönte, in den sich freudiges Zujauchzen der Versammelten mischte. Wer könnte ermessen, was in diesem Augenblick in Ameile und Dominik vorging? Der Domänenrat streichelte ihr die glühende Wange und sprach etwas von Ritterfräulein und Turnieren; Ameile verstand ihn nicht, sie schwebte wie auf den Tönen der Musik in Jubel und Bangen. Dominik steckte das Empfangene ruhig in die Tasche, schaute nur flüchtig auf, und sich ungeschickt verbeugend und stolpernd, kehrte er zu seinem Tiere zurück. Dort erst öffnete er das Kästchen, und es enthielt ihm jetzt in der That einen hohen Ehrenpreis. Der Furchenbauer brachte nun dem Dominik eine mächtige Kuhschelle mit neuem rotem Riemen, die er vorsorglich im Wagensitze mitgenommen. Das Schwärzle ließ sich nicht ohne Unruhe die Schelle umhängen und vom Apostelwirt den Kranz aufs Haupt setzen. Der Apostelwirt war ein kluger, politischer Kopf, er hatte Kränze bereit gehalten für alle, die gekrönt worden waren, und er behauptete, ganz genau vorher gewußt zu haben, welches Tier preiswürdig befunden würde. Der Domänenrat hielt hierauf noch eine sehr ins Salbungsvolle übergehende Anrede über die Tugenden eines wackeren Dienstboten; ein aufmerksamer Zuhörer hätte es ihm deutlich angehört, daß er auf einen Uebergang zu der nun erfolgenden Handlung spekulierte und in seiner Rede hin und her tappte; er fand aber den richtigen Ausweg nicht und half sich endlich damit, daß er wieder einen Marsch aufspielen ließ. Der Rainbauer von Hirlingen – der sogenannte Scheckennarr, weil er nur scheckiges Vieh hielt und es oft teuer bezahlte – erhielt den ersten Preis für einen selbstgezogenen hochbeinigen holländischen Zuchtstier, den vier Mann führen mußten. Unmittelbar darauf wurde das Schwärzle vorgeführt, unter dem Kranze hervor schaute sein Auge keck hinauf zu den Preisrichtern, während der Furchenbauer den Hut abzog, da er seinen Namen ausrufen hörte, und wieder Trompetentusch erschallte. Er geleitete den Dominik noch aus der Reihe hinaus und befahl ihm, jetzt nur der Straße nach heimzufahren. Durch alle Dörfer sollte nun sein Ruhm erklingen, der noch verewigt wurde im Wochenblättle. Dominik wartete indes noch auf den Hirzenbauer, und als er ihn sah, übergab er ihm das Kästchen samt der Denkmünze und bat ihn, solches seiner Mutter in Nellingen zu zeigen und ihr drei Gulden daraus zu leihen. Der Hirzenbauer entgegnete, daß er von Dominik kein Pfand brauche, er nahm aber doch die Denkmünze mit, um solche, wie er sagte, der Mutter zu zeigen und für sie aufzubewahren. Gern hätte Dominik noch einmal Ameile gesehen, er konnte sie aber mit keinem Blicke erspähen, und mit verlangendem Herzen machte er sich auf den Heimweg. Das Fest, vor dem er sich gestern noch fast gefürchtet hatte, war nun doch ein freudiges geworden, aber freilich nicht bloß durch die von oben gesetzte Anordnung. Kaum war Dominik eine halbe Stunde von Wellendingen, als ihm ein wilder Reiter auf schnaubendem Rosse begegnete, und staunend erkannte er den Alban; er hielt an und fragte: »Wohin des Weges?« »Wo du herkommst,« erwiderte Alban. »Dein Vater ist drin.« »Das weiß ich, und eben deswegen komm' ich. Ich bin's satt zu warten, bis er mich ruft; heim komm' ich nicht, aber wo er sich in der Welt sehen läßt, muß er mir Rede stehen. Ich bin lange genug das verstoßene Kind gewesen. Heut auf einmal ist mir's eingefallen, daß ich keinen Tag mehr versäumen darf.« »Wenn du mir folgst,« belehrte Dominik ruhig, »kehrst wieder mit mir um; vor allen Leuten machst du die Sache nur ärger; da kann dir dein Vater nicht nachgeben, wenn er auch wollt', und glaub mir, er möcht' und weiß nur nicht, wie. Kehr mit mir um. Ich hab' dir einen Gruß von deiner Mutter. Du machst ein Unschick, wenn du weiter rennst.« »Was Unschick?« rief Alban, »ich bin kein Knecht, ich will's nicht sein; des Furchenbauers Großer darf auch schon einmal einen Unschick machen.« Er ritt in wildem Galopp davon. Dominik rief ihm noch nach, das Ameile sei auch da, aber Alban hörte schon nicht mehr. Eine neue Freundschaft geknüpft und eine alte Liebe zerrissen. Im obern Saale des Apostels hielt unterdes der Domänenrat eine sehr geschickte Rede; er sagte, es sei noch ein wichtiger Gegenstand auf der Tagesordnung zu erledigen, er glaube aber allgemeiner Beistimmung sicher zu sein, wenn er voraussetze, daß ein andrer Gegenstand noch viel dringender, und das sei, daß man vorher esse. Alles schrie durcheinander: »Jawohl! Bravo!« und manche riefen vorzeitig: »Der Herr Domänenrat soll leben hoch, und abermals hoch.« Es war eben eine Versammlung der materiellen Interessen, und jeder beeilte sich, einen guten Platz dafür zu erlangen. Der Furchenbauer erhielt seinen Platz zwischen Spitzgäbele und dem Hirzenbauer. Die Oberamtmännin kam und bat in wohlwollenden Worten, daß Ameile bei ihr sitzen dürfe. Der Furchenbauer willfahrte mit doppelter Freude, denn das war nicht nur eine hohe Ehre, sondern auch ein Gegengewicht gegen seine vertrauliche Nachbarschaft mit dem Hirzenbauer, der als unbezwinglicher Radikaler bekannt und von den Beamten übel angesehen war. Die Oberamtmännin hatte seit dem Betreten der Tribüne Ameile nicht mehr von ihrer Seite gelassen, sie erkannte bald ein Liebesverhältnis zwischen der Bauerntochter und dem Knechte, und die überraschende Preisübergabe bestätigte dies vollkommen; sie liebte jetzt Ameile, denn in dem, was sie unwillkürlich gethan hatte, sah die Oberamtmännin einen unmittelbaren Herzenstakt, und sie bewunderte den sichern Mut desselben, der eine scheinbare Demütigung des Geliebten in eine Erhöhung verwandelte. Die Oberamtmännin war eine Frau von tiefem idealem Streben. Während ihr Mann allezeit über die Roheit der Menschen und die Rauheit der Gegend zu klagen hatte, in deren Mitte er versetzt war, verklärte die Oberamtmännin gern alles mit einem idealen Schimmer; sie erquickte sich an der Zutraulichkeit in dem Wesen der Menschen, und manche Bergschlucht, die man bisher nur als eine unwirtliche Stätte gekannt, wo man nicht einmal das Holz fällen und thalwärts bringen könne, entdeckte sie als ein heimliches Naturheiligtum voll romantischen Zaubers, dahin sie oft wallfahrtete und zum Staunen der Umwohnenden auch andre Städter beredete. Auf solchen Wanderungen trat sie oft in einsame Bauernhöfe und Häuslerhütten ein; sie hatte das Bedürfnis, auch den Menschen nahe zu kommen, aber es gelang ihr nicht. Bei dem landwirtschaftlichen Fest leistete sie immer gern Beistand, und doch kehrte sie jedesmal unbefriedigt von demselben zurück; sie verkannte die Notwendigkeit der materiellen Debatten nicht, aber es fehlte doch gar zu sehr an Schönheit und Innigkeit. »Unsrer Zeit,« klagte sie einst ihrem Mann, »ist der weltlich-religiöse Geist der öffentlichen Naivität abhanden gekommen. Wir können uns kaum mehr denken, daß einst die Männer in Griechenland Thyrsusstäbe schwangen und sich das Haupt bekränzten, und daß sie in Kanaan Palmenzweige schwangen; wir schämen uns jedes äußern Zeichens der Lust, höchstens wagt man es noch, Kinder zu bekränzen, oder stecken Jünglinge einen grünen Zweig auf den Hut.« Der Oberamtmann, der in seinem häuslichen Kreise nicht ungern zarte Empfindungen hegte, hatte seine Frau zu überzeugen gesucht, daß die Gebildeten keine Festesattribute für das Volk aufbringen können, und die Oberamtmännin hatte trotz ihrer übergreifenden Wünsche innere Kraft genug, das, was sich nicht äußerlich und allgemein darstellen ließ, in einer innerlichen Beziehung und bei einzelnen zu suchen und sich von keiner Herbheit abstoßen zu lassen. Die Oberamtmännin stand noch unter dem Einflusse der Nachwirkung, daß sie sich einst öffentlich lächerlich gemacht hatte: sie war eben in dem Gedanken, daß den Vereinigungen der neuen Zeit aufs neue Schmuck und Zier gegeben werden müsse, mit Blumen und Aehren auf dem Haupte erschienen. Sie erfuhr bald den Fehlgriff, den sie begangen und dessen Folgen nicht so bald schwanden, aber sie war ehrlich und stark genug, nicht aus Empfindlichkeit fortan ihren innersten Bestrebungen untreu zu werden. Heute nun hatte sie gewonnen, wonach sie so lange trachtete: Ameile war ein holdes, frisches Naturkind, und noch dazu verklärt durch eine fast tragische Liebe. Anfangs wurde Ameile fast erschreckt durch die übermäßige Zuthulichkeit und Freundlichkeit; ein Bauernkind kann es nicht fassen, warum ein Nichtverwandtes, und noch dazu ein Höhergestelltes sich ihm vertraulich zuneigen soll. Die Oberamtmännin erkannte das sozusagen Rehscheue in dieser Natur, und sie erzählte nun, daß sie auch einen ledigen Bruder habe, der Landwirt sei. Ameile lächelte bei dieser Mitteilung, es lag etwas Schmeichelhaftes darin, wenn sie das auch innerlich ablehnte; sie sagte aber nur: »Er hat gewiß aber auch so feine Händ' wie die Frau Oberamtmännin?« Hieran knüpfte sich nun ein immer weiter gehendes vertrauliches Gespräch, und die beiden Frauen, so verschieden in Bildungsstufe und Lebensanschauung, wurden immer vertrauter miteinander. Man wird es immer finden, daß edelsinnige Frauenherzen, wenn sie durch sich selbst oder durch äußere Bedingungen über gewisse Begrenzungen hinausgehoben sind, sich bei rascher Begegnung leicht aneinander anschließen, die gesellschaftlichen Unterschiede und Schranken, sowie die starren Besonderheiten von Beruf und Gesinnung, die den Mann kennzeichnen, fallen bei Frauen oft leichter weg; der Lebenskreis hat trotz aller Verschiedenheit doch wieder im wesentlichen ein Gleichartiges. Die Oberamtmännin verstand das herauszufinden, und bald erzählte ihr Ameile mit bewegter Stimme das Leben auf dem väterlichen Hof und – da es doch schon in der Welt bekannt war – den Zerfall mit Alban. »Ihr solltet euch an meinen Mann wenden,« schloß die Oberamtmännin, »der würde die Sache gütlich ins reine bringen.« »Das geht nicht, Gott behüte, das geht nicht,« entgegnen Ameile. »Und warum? Mein Mann ist die beste Seele.« »Glaub's wohl, aber das geht nicht, das thät' ich nicht leiden, nie. Was für zwei ist, ist nicht für drei, hat mein' Mutter im Sprichwort. Es ist schon arg genug, daß unser Familienstreit draußen in der Welt herumfährt; das wär' gar noch eine unerhörte Schand', wenn man miteinander vor Amt ging'.« Dieses starre Festhalten, eine Familiensache nie zum Austrag vor das bestellte Gericht zu bringen, erschien der Oberamtmännin als jene Feindseligkeit, von der sie schon oft gehört hatte, indem man die bestellten Beamten als natürliche Feinde und Widersacher ansieht. Sie seufzte vor sich hin und betrachtete in schweigendem Nachdenken Ameile. Mit welcher Widerspenstigkeit und welchem verschlossenen Trotze hatte das Mädchen jene Worte gesprochen. Wie ist das sonst so offenbar Scheue in diesem Wesen mit solcher schroffen Widersetzlichkeit vereinbar? Ist aber das Scheue nicht gerade eine verhüllende Form der Wildheit und Unzähmbarkeit? Als die Oberamtmännin Ameile zu Tisch führte, war diese voll Lustigkeit und äußerst gesprächsam; sie bat die Frau Oberamtmännin, auch einmal auf den Furchenhof zu kommen, damit sie ihr die Ehre auch in etwas vergelten könne. Die Oberamtmännin sagte zu, indem sie beifügte, man habe ihr von einer schönen Felsenpartie in der Nähe des Furchenhofes gesagt, die des Geigerles Lotterbett heiße und schroff abginge in einen Waldbach. Ameile bestätigte und sagte aber, es sei ein »wüster Weg« dahin, und es sei auch nichts zu sehen als Felsen und Bäume; sie berühmte dagegen den Wald am Kugelberg, die schönen Wiesen und den Kuhstall, die dürfen sich sehen lassen. Die Oberamtmännin war nun äußerst heiter und versprach, zum Frühling zu kommen; vorher aber müsse Ameile sie in der Stadt besuchen. Ameile taute immer mehr auf, und manche kluge Rede kam über ihre runden Lippen; die Oberamtmännin machte heute eine seltsame Erfahrung, denn Ameile sagte ihr einmal zutraulich keck: »Sie sind so gescheit wie die rechteste Bauernfrau.« Dieses Lob erschien anfangs ebenso wunderlich als übermütig, bald aber erkannte die Oberamtmännin, daß Ameile sie nach ihrem Herzen nicht besser loben konnte. Der Bauer ist nichts weniger als bescheiden, er traut den Gebildeten und Studierten fast nur verdrehten Verstand zu, weil er sie oft über Dinge entzückt und über andere mit Abscheu erfüllt sieht, die ihm solche Empfindung gar nicht einflößen. Das höchste Lob, was ein Bauer einem aus dem Herrenstande zu spenden vermag, ist, daß er ihm den Lebensverstand zuerkennt; und am Ende kann niemand anders als mit eigenem Maße messen, nur der Freigebildete anerkennt bis zu einem gewissen Grade auch solche Dinge und Anschauungen, die ihm nicht genehm sind. Auf dieser Erfahrung heraus wurde die Oberamtmännin immer herzlicher gegen Ameile, und ihr anfänglich eigentlich nur allgemeines Interesse wurde zu einem persönlichen. Während Ameile am obern Tisch viel lachte, war der Vater von Spitzgäbele und dem Hirzenbauer in die Mitte genommen. Der Furchenbauer hätte sich gern vom Klein-Rotteck zurückgezogen, denn er war ihm innerlich neidisch, weil er sehen mußte, wie dieser zwei Söhne, wovon einer die Eichbäuerin geheiratet hatte, und einen Tochtermann hier bei Tische hatte, während er allein stand; auch hänselte ihn der Klein-Rotteck wiederholt, indem er sagte: »Es nutzt dich jetzt nichts mehr, daß du ein Aristokrat sein möchtest, du hast einmal als Altliberaler ein' Bläß, und das schmiert dir kein' Kanzleitinte zu, und du bist grad so übel angesehen wie ich. Sie haben dich auch nicht zum Geschworenen gewählt, wie mich. Drum wär's besser, du thätest gleich mit uns.« Wir haben schon oft gehört, daß der Hirzenbauer Klein-Rotteck heißt, und müssen nun auch erzählen, woher das kam; es entstand einfach, daß er in den dreißiger Jahren bei einer Versammlung in Freiburg öffentlich sprach, worauf ihm der berühmte Rotteck auf die Schulter klopfte und sagte: »Ihr könnt so gut öffentlich sprechen wie wir.« Der Klein-Rotteck war heute in gereizt übermütiger Laune, und es war nicht abzusehen, wohin das führt. Der Furchenbauer hörte ihm nicht zu, als er giftigen Spott über Uniform, Degen und Schärpe des Oberamtmanns losließ. Jetzt aber horchte er doch auf, als er sagte: »Wenn die Sach' nicht in der Kanzlei angesetzt wär', müßten wenigstens die Dienstboten, die den Ehrenpreis bekommen haben, da mit uns am Tisch sitzen.« »Und die Kühe und Ochsen auch,« ergänzte Spitzgäbele lachend; der Furchenbauer aber nahm ruhig das Wort und sagte: »Der Ehrenpreis gehört eigentlich dem Meister, weil er's so lang mit dem Lumpengesindel aushält. Es ist ein wahres Elend, daß man so viel Dienstboten halten muß.« »Darum zerschlag dein Gut, wie dein Alban will,« schaltete Klein-Rotteck ein; der Furchenbauer hörte nicht darauf, sondern fuhr fort: »Wenn eines von meinen Dienstboten was verfehlt hat und ich halt's ihm vor, ruhig und streng, darf es sich nicht entschuldigen, das leid' ich nicht, es muß einfach eingestehen: das und das war nicht recht. Es ist verteufelt, wie stockig sie oft sind, und der Dümmste findet noch Ausreden, nur um nicht sagen zu brauchen, ich hab's dumm gemacht, ich bin dumm gewesen; und wenn man einen Dienstboten fortschickt, da sieht man erst, wie galgenfalsch sie gewesen sind –« »Das mußt du bald wieder erfahren,« sagte Spitzgäbele und zog den Furchenbauer nahe an sich, damit es der Klein-Rotteck nicht höre. Er erzählte nun, wie er es so viel als richtig gemacht habe, daß der älteste Sohn des Scheckennarren das Ameile heirate, aber jetzt sei alles wieder auseinander; ein jedes rede davon, daß das Ameile mit dem Dominik verbandelt sei, und es habe sich ja gezeigt, wie sie ihm den Preis selber übergeben habe. Der Furchenbauer suchte zuerst über das Gerede zu spotten, da kein wahres Wort daran sei; Spitzgäbele erzeigte ihm den Gefallen und that, als ob er der Versicherung glaube, empfahl ihm aber dennoch, weil nun einmal die Rede sei, den Knecht wegzuthun. Der Furchenbauer konnte nicht umhin beizufügen, wie brav der Knecht gewesen sei, daß er ihn vermissen werde und besonders jetzt in der Dreschzeit; dennoch schwur er, daß Dominik ihm noch heute aus dem Hause müsse, und Spitzgäbele empfahl ihm nur, es ohne Aufsehen zu thun. Die beiden sprachen noch viel miteinander, die Musik spielte noch lustig dazu auf, und der Klein-Rotteck hatte sich zu seinem Nachbar gewendet, dem er erzählte, daß er fünf Söhne habe, davon sei der älteste Advokat, der zweite sei gut versorgt, er habe die Eichbäuerin geheiratet, und unter die drei jüngsten teile er sein Gut, es behielte jedes noch genug, um zwei Knechte zu erhalten. »Weißt mir niemand für meinen Vinzenz?« fragte der Furchenbauer heimlich, und Spitzgäbele erwiderte ebenso: »Das geht nicht, bis du mit deinem Alban abgemacht hast; das sagt jedes.« Ohne zu wissen, warum, wendete der Furchenbauer plötzlich seinen Blick nach dem Empor des Saales, wo die Musikanten waren. Hatte ihn der Wein benebelt, oder was war das? Dort schaute ja Alban mit festem Blick auf ihn herab. Er fragte Spitzgäbele, ob er nichts dort sähe, aber dieser sah nichts, es mußte also Täuschung sein. Ameile lächelte vom obern Tisch zu ihrem Vater herunter, dieser erblickte sie jetzt, aber er sah sie finster an. »Mit Hunden hetz' ich dir deinen Dominik aus dem Haus,« knirschte er vor sich hin. Zweckesser, Hofmetzger und Nachtisch. Man hat in den letzten Jahren so oft gepredigt. daß England der Musterstaat sei; die Beamten haben wenigstens so viel davon angenommen, daß sie das erste Glas mit Segenssprüchen den Erdengöttern weihen. Der Oberamtmann hatte den ersten Toast dem »gekrönten fürstlichen Landwirte« gebracht, der in der That für Hebung des Ackerbaus Ersprießliches gethan. Hierauf ging es an ein gegenseitiges Beräuchern. Der Verein ließ den Präsidenten, der Präsident den Verein, das älteste Mitglied das jüngste, das jüngste das älteste, der Studierte den Unstudierten, der Dickste den Dünnsten, der Dünnste den Dicksten u. s. w. leben. Der Jubel und glückselige Untereinander war allgemein, man schüttete sich beim Anstoßen den Wein über Rock und Hände und lachte dazu, man drückte sich ans Herz, man reichte sich die Hände, und unter rauschender Musik, bei der man kaum sein eigenes Wort hörte, sagte eines dem andern, wie glückselig man sei und welch ein herrlicher unvergeßlicher Tag das geworden. Der Domänenrat hemmte indes noch einmal den gemütlichen Glückseligkeitsdusel. Wohlweislich vor dem Braten verlas er einen geschriebenen Aufsatz, und während er sonst einfach und sachgemäß zu sprechen verstand, erging er sich hier in gelehrte Darlegungen. Weil er sich vom Schreiber emporgearbeitet hatte, wollte er wohl den anwesenden Beamten und Studierten zeigen, daß sein Wissen auch nicht von gestern sei, und verlor sich in eine Darlegung des römischen Familienrechts, in dem der Vater in unbeschränkter Machtvollkommenheit war und das jus vitae ac necis (das Recht über Leben und Tod) hatte, im Gegensatz zu der germanischen Familie, die eine Rechtsgenossenschaft war und in der die Familienglieder einen selbständigen Rechtskreis erhielten. Hier wurde er unterbrochen. Auf der Tribüne bei den Musikanten wurde es unruhig, der Oberamtmann befahl Ruhe, oder er werde den Störer mit einem Landjäger abführen lassen. Der Domänenrat sprach weiter, und mit einem Sprunge, bei dem er den getöteten Grundrechten, welche die bäuerlichen und adligen Fideikommisse aufgelöst hätten, noch einen Tritt versetzte, kam er auf die Bedeutung der Familien-Fideikommisse; er hielt sich bei den adligen Erbgütern nicht lange auf, sondern wies auf die Bedeutung der großen geschlossenen Bauerngüter hin, wie diese die Stammhalter des Staates seien und wie alles zu Grunde gehe, wenn die Güterkomplexe zersplittert würden und das eintrete, was der Märtyrer für Deutschlands Wohlfahrt und Kraft; Friedrich List, die Zwergwirtschaft genannt. Mit erhobener Stimme pries er die Landschaft glücklich, in der noch nicht der Grundbesitz, das unbewegliche Gut, so sehr zu einem beweglichen geworden sei, daß es davon laufe, wo vielmehr noch die Grundfeste einer mächtigen Bauernschaft bestehe, und »freudig« rief er aus, »sehe ich mich auch hier um und sehe noch Männer im groben Kittel voll Kraft und Bedeutung, die sich ein Denkmal setzen für ewige Zeiten, weil sie es von den Vorvätern überkommen, und die es nicht dulden, daß auf ihren großen Ackerbreiten einst nichts als Markstein an Markstein wachsen. Ich sehe mich um und sehe nicht Zwergwirte, sondern mächtige gesunde Bauernstämme.« Ein allgemeines Lächeln unterbrach den Redner, und der Furchenbauer sah stolz umher und schien größer und jünger zu werden. Dieser Tag brachte ihm Preis und Ehre in Fülle. Der Domänenrat ging nun auf den eigentlichen Zweck seiner Rede über, indem er gegen das in der That vielfach verderbliche Verfahren der Zerteilung großer Güter durch Händler, die sogenannte Hofmetzgerei, loszog und damit schloß, daß man eine Petition an die Stände unterschreiben solle, damit ein Gesetz erlassen würde zum Schutze der geschlossenen Güter und gegen die Hofmetzgerei. Bevor er die bereits entworfene Petition vorlas, stellte er den Gegenstand zur Debatte. »Will jemand das Wort ergreifen?« fragte er. Lautlose Stille. Da rief eine Stimme vom Empor: »Ich, ich will dagegen reden.« Der Furchenbauer erbleichte. War das nicht die Stimme Albans? Der Oberamtmann schickte einen Landjäger auf den Empor, um den Ruhestörer zu entfernen. Noch einmal fragte der Domänenrat: »Will jemand das Wort ergreifen?« »Jawohl,« rief jetzt eine Stimme neben dem Furchenbauer, daß dieser zusammenfuhr. Ein Lachen und Murmeln zog durch die Versammlung, aus dem man vielfach das Wort hörte: »Ah! der Klein-Rotteck.« Dieser stand auf, hielt das Messer in der Hand und stemmte dessen Spitze auf den Tisch; er schaute gelassen hin und her und wartete, bis Ruhe eingetreten war, dann begann er: Wie er auch meine, daß große Bauern dem Staat nützlich seien, weil sie noch die einzigen sein könnten, die nicht unterducken; daß dies aber nicht der Fall sei, wo die Ehre und der Verstand fehle, »und die hat,« setzte er mit erhobener Stimme hinzu, »ein Taglöhner, der mit dem Handkarren fährt, ein Bettelmann, der seine Schuhe in der Hand trägt, oft grad so gut und noch besser als einer, der vierspännig fährt. Der Furchenbauer da neben mir,« der Erwähnte fuhr wieder zusammen, »der Furchenbauer hat einen Knecht, ihr habt ihm heute einen Preis gegeben, sein Urgroßvater war ein Bruder von meinem und hat fast nichts bekommen. Darf man die Enkel zu Bettlern machen, warum denn nicht seine Kinder zu Mittelleuten?« Er erhob sein Messer und fuhr fort: »Da liegt ein Laib Brot, ich will sagen er ist mein, ich zerteil' ihn und geb' jedem von meinen Kindern ein gut Stück; so hab' ich's auch mit meinem Hofgut, und so darf ich's haben und niemand, kein Gesetz und niemand soll mir's wehren. Das ist und bleibt ein Grundrecht, sei's geschrieben oder nicht. Und weil wir grad davon reden: die große Verfassung gilt jetzt nichts mehr, aber in unsrer kleinen, in unsrer Landesverfassung ist uns mit deutlichen Worten ›Freiheit des Eigentums‹ zugesichert. Ich weiß die Worte deutlich, und einer von den Herren wird wissen, welcher Paragraph es ist –.« Der Klein-Rotteck hielt eine Weile inne, und eine Stimme rief: »der vierundzwanzigste,« worauf der Redner fortfuhr: »Also im 24. Paragraph haben wir Freiheit des Eigentumsrechts. Die Hofmetzgerei ist ein Elend, ein großes Elend, das ist wahr; aber ist nicht ganz Deutschland auch ein zerstückeltes Gut, in der Hofmetzgerei geschlachtet? Und die Zwergwirtschaft –« Ein allgemeiner Sturm entstand, der Präsident verwies den Klein-Rotteck zur Ordnung, und dieser fuhr ruhig fort, aber nur noch mit halbem Nachdrucke, das freie Schalten über jegliches Eigentum zu verteidigen. »Die niedern Leute,« schloß er, »müssen auch Gelegenheit haben, ein Stück Acker zu erwerben, daß sie nicht ewig in der Luft stehen. Ich bin dafür, man kann ein Ausmaß stellen, bis wie weit ein Gut verteilt werden darf für die Zukunft; man muß aber auch ein Ausmaß stellen, bis wie weit man Grund und Boden in einer Hand besitzen darf. Die Adligen kaufen von den Ablösungsgeldern, die sie von uns bekommen haben, jetzt wieder alle Güter auf. Wie lange wird's dauern, da gibt's wieder nur noch Beständer (Pächter). Dagegen muß auch Vorkehrung getroffen werden. Wenn diese beiden Punkte hineinkommen, dann unterschreib' ich.« Der Klein-Rotteck war zweimal unterbrochen worden, denn der Apostelwirt hatte das Ameile aus dem Saale geholt und bald darauf die Oberamtmännin; sie waren beide nicht wieder zurückgekehrt. Aus der untern Stube vernahm man jetzt lautes Rufen und Abwehren. Der Klein-Rotteck setzte sich lächelnd nieder und zerschnitt den Laib Brot in Stücke; den Furchenbauer fröstelte es: er wußte nicht, warum, er schüttete ein groß Glas Wein in einem Zuge hinab. Der Domänenrat wollte erwidern, aber man sah deutlich in der Ferne, wie ihm der Oberamtmann abwehrte, er wollte dies selbst übernehmen, und bald begann er in gemäßigtem Tone zuerst den Klein-Rotteck zu loben, daß er frei herausgesprochen habe, dann aber verteidigte er, oft vom Beifall unterbrochen, mit hinreißender Beredsamkeit die Bedeutung eines mächtigen Bauernstandes. Zuletzt wendete er sich nochmals gegen den Vorredner und erging sich in scharfem Spotte über »unverzapftes und sauer gewordenes achtundvierziger Gewächs«. Er hielt dem Klein-Rotteck den Widerspruch vor, daß er gegen die Zerstückelung Deutschlands eifere (worauf dieser einwarf: »Bin deswegen zur Ordnung gerufen, darf nicht erwähnt werden«) und bei Privateigentum in Grund und Boden doch einer solchen das Wort rede. Er suchte darzulegen, daß man diese Frage, »die schwierigste der Volkswirtschaft,« nicht mit einigen liberalen Redensarten abthun könne. »Das ist eine Sach,« rief er spottend, »die sich nicht mit dem Brotmesser schneiden läßt, da braucht es die feinsten Instrumente der staatlichen Heilkünstler. Der Hirzenbauer wird mir erlauben, daß ich ihn auch Klein-Rotteck heiße und ihm sage, daß sein Pate, der große Rotteck, für Unteilbarkeit der Güter sich aussprach.« Ueberhaupt deckte der Oberamtmann mit schonungsloser Schärfe nicht nur die Widersprüche, sondern auch die Lücken auf, die aus der Darlegung des Klein-Rotteck sich ergaben. Er lobte ihn wiederholt wegen seines selbständigen Denkens und seiner unumwundenen Aussprache, zeigte ihm aber, daß ihm die Uebersicht und der Zusammenhang fehle, und er traf den Hauptpunkt, indem er sagte, daß der Hirzenbauer schlagend und oft unwiderleglich sei, wenn er eine einzelne Bemerkung mache, daß er sich aber auch immer verhasple, wenn er einen zusammenhängenden Vortrag halten wolle; seine Reden seien eben auch keine geschlossenen Güter. Zuletzt erwies er mit großem Scharfsinn, daß die Freiheit des Eigentums, auf Grund und Boden angewendet, nur darin bestehe, daß man in keiner Weise gehindert sein dürfe, sein Grundeigentum zu bebauen und auszunutzen. wie man den Verstand dazu habe; der Staat aber müsse ein Recht haben, die Zerstörung seines eigenen Bestandes, seines eigenen Bodens, und das sei die Zerstückelung des Grundeigentums, zu verhindern, und mit den Worten Justus Mösers schloß er: »Der Boden ist des Staates.« Der Klein-Rotteck verzichtete auf jede Entgegnung, und während der Domänenrat die Petition vorlas, kam der Apostelwirt und rief auch den Furchenbauer ab. Er wurde nach einer hintern Stube geführt, vor deren Thüre ein Landjäger stand. Als er eintrat, sah er zu seinem Erstaunen Alban zwischen Ameile und der Oberamtmännin. Er wollte wieder umkehren, aber die Oberamtmännin faßte ihn bei der Hand und beschwor ihn, hier zu bleiben, wenn nicht ein fürchterliches Unglück geschehen soll. »Was kann geschehen?« fragte der Furchenbauer trotzig. »Das ist ein rasender, ein fürchterlicher Mensch!« rief die Frau. »Euer Sohn vergreift sich am Landjäger und kommt ins Zuchthaus, wenn Ihr nicht Friede stiftet.« »Meinetwegen, er ist nichts Besseres wert, er ist widerspenstig gegen seinen Vater und gegen die ganze Welt,« entgegnete der Furchenbauer kalt. Die Oberamtmännin ließ die Arme sinken; im Innern that sie ihrem Mann Abbitte, weil sie ihm oft nicht glauben wollte, wie roh die Menschen seien. Der Oberamtmann hatte sich das Sprichwort angewöhnt: Elf Ochsen und ein Bauer sind dreizehn Stück Rindvieh. Zeigt sich nicht hier eine stiere Unbeugsamkeit? Der Furchenbauer wendete sich wieder nach der Thüre, die Oberamtmännin hielt ihn fest und erzählte hochatmend, wie es Alban gewesen sei, der vom Empor gerufen habe, wie ihn der Landjäger verhaftet und er nach Ameile schickte, diese sie rufen ließ, wie sie sich dafür verbürgt habe, daß Alban frei ausgehen solle, und daß dieser unerwartete Ueberfall zum Frieden und zur Versöhnung führen müsse. Der Furchenbauer rieb sich mit beiden Händen Schläfe und Wange, der Wein schlug ihm zum Gesicht heraus, er atmete schwer; endlich sagte er: »Mach ein Fenster auf, Ameile; ich erstick'.« Ameile gehorchte, und wieder sagte der Vater: »Was will denn der ungeratene Bub da? Red, red, sag ich.« Alban schwieg beharrlich, und der Vater fuhr fort: »Da sehet ihr's, wie er ist. Recht war's, wie der Domänenrat von alten Zeiten erzählt hat, da hat der Vater seinen Sohn aufknüpfen dürfen. Er hat ihm das Leben gegeben, er darf's ihm auch nehmen. Darf ein Kind jetzt seinen Vater durch Ungehorsam umbringen?« Seine Stimme stockte, und er hielt inne. »Vater, er ist brav, er will brav sein,« beschwichtigte Ameile. »Still du, mit dir hab' ich allein zu reden, dein' Falschheit ist am Tag; aber wart nur, komm nur heim,« polterte der Furchenbauer gegen Ameile. Die beiden Frauen standen ratlos. Endlich begann Alban: »Ich will auch Friede, nichts als Friede; ich schäm' mich ins Herz hinein, daß ich da so dastehen soll.« – »Hast's auch nötig.« »Ich kehr' wieder heim, aber unter einer Bedingung.« – »Ho, ho! Er will Bedingung stellen.« – »Ich hab's geschworen, und der Vater muß bitten« – Der Furchenbauer schlug sich auf den Mund und rief: »Solang die Zung' da lallen kann, nicht, darauf kannst du dich verlassen. Herr Gott, was ist das für eine Welt! Mein Vater wär' hundert Jahr alt geworden, wenn er sich nicht Schaden gethan hätt'; ich werd' nächsten Montag siebzig Jahr alt, ich erleb's nicht, du kannst dich rühmen, daß du das zuweg bracht hast, es wird dir am Vergeltstag angerechnet werden.« Jetzt mit bebender Stimme sagte Alban: »Vater! Ich will Euch in Ehren halten, ich will Euch jeden Tag doppelt vergelten, den ich Euch Kummer gemacht hab. Vater! Wenn ich fest bin in dem, was ich gesagt hab', so hab' ich das von Euch, Ihr habt mich's gelehrt und mich darüber gelobt; Ihr dürfet mich jetzt nicht dafür verstoßen.« Er warf sich vor dem Vater auf die Kniee und rief schluchzend: »Da bitt' ich Euch um alles in der Welt, saget das eine Wort! Draußen steht der Landjäger, ich vergreif' mich an ihm, ich will zu Grunde gehen, ich will ins Zuchthaus, Vater! zum letztenmal halt' ich Eure Hand, saget nur ein paar Worte, und ich bin wieder am Leben. Vater! lieber Vater, saget's.« »Könnet Ihr widerstehen, dann seid Ihr ein Unmensch,« rief die Oberamtmännin, unter Thränen die Faust ballend. »Nun meinetwegen, ich bitt' dich, komm heim,« sagte endlich der Furchenbauer. Die Oberamtmännin faltete die Hände und umarmte Ameile und küßte sie, während Alban schluchzend am Halse des Vaters hing. Dieser riß sich rasch los und sagte: »Komm 'rein und trink einen Schoppen.« Der Landjäger vor der Thüre entfernte sich auf Geheiß der Oberamtmännin. Alles staunte, als Alban mit dem Vater eintrat. Als Alban nicht trinken wollte, sagte der Vater: »Mein Wein ist dir wahrscheinlich zu gering? So ein Herr wie du muß petschierten haben? Laß dir nur kommen.« Alban trank. Der Furchenbauer war der letzte, der die Petition unterschrieb, er konnte vor Zittern die Feder nicht führen und befahl Alban, seinen Namen für ihn zu schreiben. Alban wollte das Geschriebene zuerst lesen, aber der Vater befahl ihm, unbedingt zu unterschreiben, und Alban willfahrte. »Erst nächsten Montag setzen wir alles auseinander,« sagte der Vater jetzt zu Alban, »bis dahin reden wir kein Wort, und du mußt fleißig sein, ich thue einen Knecht weg.« Alban zuckte bei diesem Wort und sagte nur: »Ich will den Hirzenbauer zum Schiedsrichter, wenn's einen Streit geben sollt'.« »Wirst keinen brauchen. Es darf niemand Fremdes sich drein mischen.« Spitzgäbele hielt zu guter Letzt auch noch eine Rede. die mit großem Beifall aufgenommen wurde. Er verkündete, daß am Rhein und im Taunus heuer die Aepfel ganz mißraten seien, während man hierzuland nicht wisse, wohin damit; er habe daher von zwei Wirten in Frankfurt, die »Aeppelwein schenken«, den Auftrag, das Simri Aepfel zu 28 Kreuzer, frei nach der Amtsstadt an den Neckar geliefert, zu kaufen, und lege zu dem Behufe eine Liste auf, in die jeder einschreiben möge, wie viel er liefere. Allgemeines Gelächter entstand, als der Klein-Rotteck rief: »Wir liefern Reichsäpfel nach Frankfurt.« Viele unterschrieben sogleich. Der Furchenbauer sagte, er wisse nicht, wie viel er habe, Spitzgäbele solle zu ihm auf den Hof kommen. Bei der Zigarre und Pfeife, die jetzt dampften, ward allen erst recht behaglich. Der Domänenrat kam auf den Klein-Rotteck zu und schüttelte ihm die Hand wegen seines freimütigen Ausspruches; der Klein-Rotteck vergalt es durch aufrichtigen Ausspruch seines Respektes vor dem Domänenrat, dessen Eifer und Verdienst um den Verein und seine Zwecke er wohl erkannte. Der Domänenrat verwand dadurch die betrübende Erfahrung, daß seine Gelehrsamkeit noch nicht allseitig stichhaltig sei, denn der Oberamtmann hatte ihm soeben auseinandergesetzt, wie in England die ungeteilte Vererbung von Grund und Boden und die Fideikommisse überhaupt nicht als Gesetz, sondern nur als Sitte bestehen. Die Oberamtmännin, die eine besondere Gönnerin des Klein-Rotteck war und es ihm blieb trotz seines Radikalismus, so daß er ihr jedesmal, wenn er als Schultheiß nach der Stadt kam, seine Aufwartung machte, scherzte nun in freundlicher Weise mit ihm, und selbst der Oberamtmann that freundlich und neckte seine Frau, daß er eifersüchtig werde. So schien am Ende doch alles in eine freundliche und versöhnliche Stimmung auszuklingen. Der Pächter von Reichenbach entließ Alban sogleich aus dem Dienst, und als Ameile auf den Wagen stieg, küßte die Oberamtmännin sie herzlich; aber Ameile war trotz des wiederhergestellten Friedens traurig. Sie ahnte Unheimliches. Zwei Söhne sind heim und fremd. Alban hatte das Reitpferd, das er mitgebracht, hinten an den Wagen gehängt, um es in Reichenbach abzugeben. Jetzt saß er vor dem Vater und der Schwester und lenkte die gewohnten Tiere. Die Pferde, allezeit rasch, wenn es der Heimat zugeht, waren es heute doppelt; ahnten sie vielleicht, daß ihr junger Herr sie lenkte und daß sie auch ihn wieder heimbrachten? Alban hatte nur immer die Zügel fest anzuhalten. Die drei Fahrenden sprachen kein Wort, diese Versöhnung war so urplötzlich in gewaltiger Gemütsüberwallung gekommen, und nichts war mit ihr geschlichtet und ausgeglichen. Ameile schloß still die Augen und dachte in sich hinein, was nun geschehen werde, auch mit ihr; der plötzliche unbegreifliche Zorn des Vaters, was war sein Grund und seine Folge? Sie wagte es nicht, jetzt den Vater zu fragen, was er gegen sie habe, sie war ein seltsam und streng ins Haus gebanntes Wesen, nicht einmal auf offener Straße, wo man allein miteinander war, durfte eine Erörterung der Familiensachen vor sich gehen, das durften nur die vier Wände des Hauses in sich schließen; deswegen war sie ja gegen Alban auf Seite des Vaters gestanden und hatte dieser ihr so viel Liebe zugewendet. Aus diesem Denken heraus sagte sie nur einmal: »Ich will warten, bis Ihr mir daheim saget, was ich verfehlt hab'.« Sie erhielt keine Antwort, und im stillen nächtigen Dahinfahren erschien ihr der verflossene Tag wie ein Traum: sie hatte eine vornehme Freundin, die sie küßte, und Alban war wieder mit ihnen vereint. Sie öffnete manchmal die Augen, um sich dessen zu vergewissern, und unter dem raschen Hufschlag der Pferde, bei dem Rollen des Wagens hörte sie am Ende nichts mehr als den verklungenen Trompetenwirbel, unter dem Dominik den Preis bekommen hatte. Erst in Reichenbach erwachte sie, wo Alban das Pferd abgab, seine Habseligkeiten zusammenraffte und aufpackte. Man erfuhr auch, daß Dominik das Schwärzle hier zurückgelassen, weil es zu hinken begann; er war allein heimgeeilt. Nur um das Schwärzle kümmerte sich jetzt der Furchenbauer mit eifriger Sorgfalt und Beredsamkeit und empfahl dem Wirt in Reichenbach gute Pflege und Abwartung. Man fuhr weiter. Der Furchenbauer öffnete den Mund kaum zu den gleichgültigen Worten. Es war ihm nicht minder unbehaglich, daß mit Alban nichts entschieden ausgeglichen war; die Oberamtmännin, die ihm zudringlich erschien, hatte das verhindert. Er hoffte aber doch jetzt mit dem mürber gewordenen Burschen fertig zu werden, und was Zufall gewesen war, erschien ihm jetzt als eine kluge That: Alban hatte ja selber die Petition unterschrieben, die gegen jegliche Güterzersplitterung gerichtet war. Alban war auch unzufrieden mit sich. Was er in Jahr und Tag still für sich ausgesonnen hatte, hatte er gar nicht vorgebracht. Er war von einem Sturm fortgerissen, und nur das eine hatte er richtig festgestellt, daß der Vater seine Unbeugsamkeit anerkennen müsse, weil er sie selber hatte und in seinem Sohne hegte. Alban war indes noch der heiterste von den dreien, er war wieder mit guter Manier daheim, das war die Hauptsache; mit Fortlaufen ist nichts geholfen, die Sache muß auf dem Fleck ausgemacht werden. Spät in dunkler Nacht, wie Alban einst aus dem väterlichen Haus entflohen war, kehrte er wieder in dasselbe zurück. Der Kühbub, der trotz des Zerwürfnisses auf dem Hof verblieben war, kam mit der Laterne den Anfahrenden entgegen und leuchtete Alban ins Gesicht, er prallte zurück und schien seinen Augen nicht zu trauen. »Ich bin's wirklich,« sagte Alban lachend, indem er abstieg. »Wo ist der Dominik?« fragte der Furchenbauer einen zweiten Knecht. »Er schläft schon.« »So weck' ihn, ich hab' ihm was zu sagen.« »Vater,« begann Alban, »ich will gern für den Dominik schaffen, was er heut noch zu thun hat. Lasset ihn jetzt schlafen; er muß grausam müde sein; er hat die wilde Kalbin den weiten Weg hin und her geführt, und ich hab's gesehen, sie hat ihm schier den Brustkasten voneinander gerissen.« »So? Fangst schon gleich so an?« sagte der Vater gedehnt, »bist kaum über meine Schwelle und willst mir dreinreden und den Herrn gegen mich spielen. So haben wir nicht gewettet, Bürschle, so nicht. Merk dir's. Du kannst morgen schon das Geschäft vom Dominik übernehmen. Jetzt geschieht, was ich sag'.« Zum Knecht gewendet fuhr er fort: »Schick ihn in die Stub', augenblicklich.« Er schritt voran, und Alban stand eine Minute wie angewurzelt. War er darum zurückgekehrt, um die Stelle des Oberknechtes einzunehmen? Die beiden Hofhunde waren wie toll, der Greif bellte grimmig, er erkannte Alban nicht, das Türkle aber winselte an der Kette und sprang hin und her. Alban löste ihm die Kette, und das Tier sprang an ihm empor und leckte ihm die Wangen. Die Mutter lag schon im Bette, und trotzdem, daß Ameile gehört hatte, daß etwas mit Dominik vorgehen solle, vergaß sie jetzt ihres Kummers, eilte zur Mutter und verkündete ihr, daß Alban wieder da sei. »Komm 'rein Alban! komm 'rein,« rief die Mutter aus der Kammer, als Alban in die Stube trat; er kam zu ihr und sie bedeckte sein Antlitz mit heißen Küssen. »Gottlob, daß ich dich hab', und sei nur jetzt auch brav und dank's dem Vater, daß er dich geholt hat. Ach! du riechst so frisch, du bringst mir wieder neue Luft, mein Husten ist weg. Stell die Ampel da vorn hin, noch besser, daß ich dich auch sehen kann; du bist magerer, gelt, Dienstbotenbrot ist doch ein hartes? Nun, gottlob, daß es vorbei ist. Du hast mich manche Nacht den Schlaf gekostet.« So rief die Mutter. Der Bauer kam auch herein, reichte ihr die Hand und sagte: »Er will wieder alles gut machen, er hat mir versprochen, folgsam zu sein in allem.« Er verließ bald die Kammer wieder und ging in die Stube, denn Dominik war eingetreten, fast noch verschlafen taumelnd. Alban trat auf ihn zu und reichte ihm die Hand; der Knecht rieb sich die Stirn mit der einen Hand, mit der andern faßte er Alban fest, er wollte sicher sein, daß er nichts träume. »Jetzt freut mich's, daß Ihr mich aus dem Schlaf habt wecken lassen,« sagte er mit heller Stimme. Ohne darauf zu hören, sagte der Furchenbauer, sich setzend und die Beine über einander legend: »Ich hab' was mit dir zu reden. Vom letzten Vierteljahr bin ich dir noch deinen Lohn schuldig, und ein Vierteljahr vorher muß ich dir aufkündigen. Das ist's. So, jetzt ist's geschehen.« »So? Darf ich fragen, warum Ihr mich so Knall und Fall fortschicket?« »Freilich.« »So saget mir, warum?« »Weil ich will.« »Das ist kein Grund.« »Haufengenug für dich. Einen andern sag' ich dir nicht. Meinst du, du sollst dich berühmen können, wegen dem und dem, ich weiß nicht wegen was, seist du fortkommen? Und wenn ich hör', daß du eines von meinen Kindern ins Geschrei bringst, hast du's mit mir zu thun. Bist aber brav, so kannst in einem Jahr oder auch bälder wieder zu mir kommen, heißt das, bei mir nachfragen.« Der Furchenbauer hatte sich trotz seiner schlauen Verdecktheit doch verraten, er sah das schnell und wollte nun die Anhänglichkeit des Dominik an sein Haus ködern und binden. »Wenn's an dem ist,« sagte Dominik, »dann geh' ich lieber gleich.« »Ist mir auch recht. Lieber heut nacht als morgen früh. Ich bezahl' dir noch den Lohn auf vier Wochen, aus Gutheit, das wirst einsehen, von Kost ist ohnedies kein Red, weil du von selber gehen willst.« Alban wollte sich dreinmischen, er hatte aber kaum die Worte gesagt: »Aber, Vater,« als dieser ihm streng zurief, kein Wort zu reden. Er zählte Dominik das Geld auf den Tisch und legte das für die vier Wochen besonders. Dominik war eine Minute zweifelhaft, ob er dieses auch nehmen solle, und Alban zuckte und hielt sich die Hand vor den Mund, als er es wirklich nahm. Er konnte nicht ermessen, daß der von Haus aus allezeit arme Bursch sich nicht das Recht und den Mut zutraute, seiner Ehre zulieb einige Gulden wegzuwerfen und noch dazu seinem langjährigen Herrn gegenüber. »B'hüt's Gott,« sagte Dominik und ging mit dem Geld aus der Stube. Die Mutter in der Kammer und Alban wagten nicht ein Wort zu reden. Ameile hatte in der Küche alles gehört. Als jetzt Dominik an ihr vorüberging, sagte sie so laut, daß man es in der Stube hören konnte: »So? Jetzt gehst fort? Nun, so b'hüt dich Gott, und ich wünsch' dir viel Glück.« Ganz leise aber setzte sie hinzu: »In einer Stunde unterm Breitlingbaum im Garten.« Sie kam in die Stube, sagte Gutenacht und ging mit Geräusch nach ihrer Kammer und verschloß sie hinter sich. Alban war doch dem Dominik nachgegangen und hatte ihm herzlich zugeredet, sich nicht unnötigen Kummer zu machen, er solle allzeit Bruderhilfe bei ihm finden. Dominik schwieg zu allem und packte seine Kleider ein. Erst als Alban sagte, daß er ihm wegen Leben und Sterben ein Schriftliches geben wolle über die Darlehen, die er bei ihm gemacht, sagte er, daß es in guter Hand stehe, bis er es brauche, um auszuwandern. Dominik wollte noch vor Tag auf dem Hofe fort. Alban kehrte in das Haus zurück. Er ging nach der Kammer, wo Vinzenz schon schlief und wo sein Bett noch stand von alten Zeiten. Hinter ihm drein war der Vater geschlichen und lauschte an der Thür. Heimliche Verabredungen. Als Alban seinen Bruder Vinzenz aus dem Schlafe weckte, rief dieser um sich schlagend: »Thu mir nichts, du darfst mir nichts thun.« Alban war erschreckt von diesem Ausrufe und erzählte nun dem Bruder, wie er in Friede mit dem Vater heimgekehrt, wie alles gütlich ausgeglichen sei und er dem Vater nachgeben wolle. Vinzenz richtete sich jetzt im Bett auf und sagte: »Grüß Gott!« Gähnend fügte er hinzu: »Ich hab' arg geschlafen.« Alban setzte sich zu ihm auf das Bett und sagte: wie ganz verändert, jähzornig und wild der Vater sei, wie er den Dominik so plötzlich und hart fortgeschickt, und wie ihn die Kinder als krank behandeln und ihm in allem nachgeben müßten. »Ich mein',« schloß Alban, »die Sünde, daß er dir ein Aug' ausgeschlagen hat, läßt ihn nicht ruhen. Wir wollen's vertuschen, so gut als wir können.« Der Horchende erbebte. So war seine That Alban bekannt, und er konnte ihn der Schande preisgeben! Eine Minute dachte er, daß Alban doch bis jetzt brav gewesen, er hatte diese grause That doch bis jetzt niemand verraten; schnell aber sprang er wieder in eine andre Stimmung über: der eigenwillige Bursche wußte also, warum der Vater nicht anders handeln konnte, und war doch unnachgiebig! Neuer Zorn entbrannte gegen ihn, in den sich nur noch der gegen Vinzenz mischte, der das Geheimnis verraten hatte. Wenn er beide hätte enterben können, er hätte es gethan, und fast schien es besser, den mutigen offenen Alban einzusetzen, als den hinterhältigen Vinzenz, der doch nur ein halber Mensch war. Alban hatte sich in sein Bett gesteckt, und sich behaglich streckend rief er: »Ah! Da ist's doch am besten. Es ist mir wie einem Vogel, der in sein altes Nest kommen ist. Man liegt nirgends besser als daheim. Jetzt horch auf, Vinzenz, was ich dir sag'. Wir machen's so. Hörst auch gut zu?« »Ja.« »Ich widersprech' nicht, wenn der Vater dir das Gut gibt und es abschätzt, wie er will. Ich heirat' die Vreni und bleib' bei dir als Knecht.« »So? Das wirst nicht wollen. Das ist nicht dein Ernst.« »Freilich, aber nur auf die Art, wie ich's mein'. Wir thun dem Vater nur zum Schein seinen Willen. Er ist bald siebzig und lebt nicht ewig, und wir wollen ihm den Willen lassen, solang er lebt; er soll meinen, das Sach sei alles dein und bleib' bei einander. Du gibst mir aber schriftlich mit zwei Zeugen unterschrieben, daß du nach des Vaters Tod den Hof abschätzen läßt von Unparteiischen und zu gleichen Teilen mit mir und dem Ameile teilst. Auf die Art ist des Vaters Willen geschehen und doch auch wieder keines von den Kindern verkürzt, und wir erhalten den Frieden, und der Vater kann in Ruhe seine Tage verleben. Zu Zeugen nehmen wir den Hirzenbauer von Nellingen und unsern Vetter, den Gipsmüller, die halten alles verschwiegen und geheim. Ist das nicht recht? Ist das nicht ordentlich gesprochen? Hast du was dagegen? So gib doch Antwort. Schnarch nicht, ich glaub' nicht, daß du schlafst. Das ist falsch von dir, Vinzenz; hab' mich nicht zum Narren. Man kann's ja nicht brüderlicher machen, als ich geredet hab'. Vinzenz, gib Antwort. Ich reiß' dich an den Haaren aus dem Bett, wenn du mich so zum Narren hast. Vinzenz, willst du mich auch des Teufels machen?« Alban sprang aus dem Bett und schüttelte den Bruder, dieser schrie laut auf und that wieder, als ob er erwachte. Schon wollte der lauschende Vater, zum Schein die Treppe heraufspringend, zu Hilfe eilen, als er Alban sagen hörte: »Sei ruhig. Ich thu dir nichts. Hast denn nicht gehört, was ich gesagt hab'? Hast wirklich geschlafen?« »Halb und halb.« »Und was sagst dazu?« »Ich versteh' die Sach' noch nicht recht, aber so viel weiß ich, ich bin zum Krüppel geschlagen, und mir gehört was im voraus. Ich kann aber heut nimmer viel schwätzen. Morgen ist auch ein Tag. Gut Nacht.« Alban erhob im Bett seine Hände und betete: »Herr Gott! laß mich heut nacht sterben, wenn ich was Unrechtes will. Ich weiß nicht anders. Es ist nicht meine Schuld, daß ich so bin. Ich muß anfangen, das Unrecht, das von Geschlecht zu Geschlecht gegangen ist, umzustoßen. Ich wollt', es müßt's ein andrer thun, aber ich muß. Wenn ich unrecht hab', nimm mich im Schlaf von der Welt und zu dir –.« Er murmelte noch unverständliche Worte, in denen nur deutlich, wie im gewohnten Kindesgebete, Vater und Mutter vorkamen, dann war alles still . . . Dem Furchenbauer schoß es in die Knie, er mußte sich auf die Treppe setzen. Erregte vorhin der Plan, ihn zu täuschen, seinen brennenden Ingrimm, so traf ihn jetzt jedes Wort im Gebete Albans wie ein Blitzschlag. War das sein hartherziger Sohn? Welch ein Kind war das! Er hatte seine geheimsten Gedanken hören wollen, er hatte sie gehört, sie waren bös und heilig, schändlich und rechtschaffen. Wer hilft da heraus? Lange saß der Vater auf der Treppe in dunkler Nacht und konnte sich nicht erheben. Wer jetzt in sein Antlitz hätte schauen können, würde den eisenharten Furchenbauer nicht erkannt haben. Während hier der ungelöste Bruderstreit, vom Vater belauscht, sich kundgegeben hatte, standen unter dem Apfelbaume im Obstgarten zwei Liebende beisammen, und sie sprachen wenig, und ihre leisen Worte verhallten von keinem fremden Ohre belauscht und zogen hinan zu den Sternen, die in der Herbstnacht hell glitzerten und funkelten. »Was soll denn das jetzt noch?« hatte Dominik zu Ameile gesagt. »Es ist besser, du bist frei, ich will dir nicht vor dein Glück stehen, und mit mir hättest du nur Elend, und glaub' mir, ich könnt's nicht ertragen, wenn du nicht mehr leben könntest, wie du's gewöhnt bist.« »Ich bin an nichts gewöhnt als an dich, und dabei bleib' ich, und wenn ich von Vater und Mutter und von der ganzen Welt fort muß, mit dir geh' ich nach Amerika, wie wenn's nach Reichenbach wär'. Ich will froh sein, wenn ich aus unserm Haus bin, da ist ja jedes immer wie eine geladene Pistol. Ich will Gott danken, wenn ich nur dreimal Kartoffeln des Tages hab' und Ruhe und Friede dazu; aber sie müssen mir mein Vermögenteil geben, im nächsten Jahr werd' ich großjährig. Halt nur fest aus wie ich. Du mußt wegen meiner aus dem Haus. Ich weiß es. Aber da drin in meinem Herzen bleibst du, und da kann dir kein Vater und kein Meister aufkündigen. Da hast mein' Hand, dich nehm' ich und keinen andern.« Dominik faßte die dargereichte Hand nicht, er sagte nur: »Du kannst auf einmal reden wie eine Große –« »Ich bin kein Kind mehr.« »Freilich, aber deiner Eltern Kind bist noch, und dagegen will ich dich nicht aufstiften.« »Weil du kein' Kurasche hast,« sagte Ameile zornig, und Dominik erwiderte: »Ich hab' mehr, als du glaubst, ich könnt' für dich durchs Feuer laufen, ich thät mich nicht besinnen. O Ameile!« seine Stimme stockte, und sich an seinen Hals hängend rief das Mädchen: »Was? Wer wird heulen? Rechtschaffen und lustig –« Die beiden redeten lange kein Wort mehr, der Quell des Wortes war versiegt, in stiller Nacht hingen sie Lippe an Lippe. »Sieh den Stern!« rief Ameile, nach einer fliegenden Sternschnuppe den Kopf wendend, aber nicht nach ihm deutend, denn es ist bekannt, daß man mit Hindeuten nach einem Stern einem Engel die Augen aussticht. In begeistertem Ton fuhr Ameile fort: »Weißt noch, wie du mir gesagt hast, ein Sternschuß ist ein verirrter Stern, der wieder an seinen Ort heimkehrt? So sind wir zwei jetzt auch. Da, jetzt wollen wir uns Braut und Bräutigam heißen. Du mußt mir eine Trau geben. Weißt was? deine Denkmünze, das ist mir das Liebste.« »Ich hab' sie nicht mehr.« »Wo hast sie denn?« »Ich hab' sie meiner Mutter geschickt. Ich hab' sie dem Hirzenbauer versetzt, daß er meiner Mutter ein paar Gulden geben soll. Ich hätt' dir das nicht sagen sollen, ich will mich aber nicht berühmen. Ich hab' im Gegenteil an meiner Mutter bisher zu wenig gethan.« »Vor mir darfst dich berühmen. Das ist mir lieb, daß ich jetzt auch weiß, wo du hingehst. Ich bin doch dumm. Ich hab' gemeint, du mußt in die wilde Welt hinaus. Du hast ja auch ein' Mutter. Das ist gut. Grüß sie von mir und sag' ihr, sie soll mir meine Trau gut aufheben und soll sich am Leben erhalten, bis sie auf unserer Hochzeit lustig ist. Und wenn dir was vorkommt, daß du eine Annahme brauchst, geh nur zur Oberamtmännin und sag's ihr nur frei, du seist heimlich mein Hochzeiter, sie weiß schon so was, und die wird dir in allem helfen und beistehen, die hat den klaren Verstand zu allem und ist so grad wie eine rechtschaffene Bauernfrau, gar nicht wie eine Herrenfrau. Und noch eins: verding dich nicht in einen andern Platz, du wirst dir schon so forthelfen, und thu's mir zulieb und geh heut nicht in der Nacht fort, du hast nächt (vergangene Nacht) nicht geschlafen und bist müd; wart, bis Tag ist.« Noch vieles plauderten die Liebenden zusammen in Scherz und Ernst, sie wollten gar nicht voneinander lassen; endlich aber mußten sie sich doch trennen. Ameile ging still und gedankenvoll nach dem Hause; sie öffnete es leise. Als sie die Bühnentreppe hinanstieg zu ihrer Kammer, die der Schlafkammer der Brüder gegenüber war, wurde sie plötzlich von starken Händen gefaßt, und eine Stimme rief: »Wer bist? Wer ist da?« Ameile schrie laut auf. Die Mutter kam mit Licht herbei und sah, wie der Vater die Tochter fest in den Armen hielt. »Du bist's?« rief der Vater. – »So? Ich weiß, wo du gewesen bist, aber still, still, nicht gemuckst, daß niemand im Haus etwas erfährt, still, sag' ich.« Er schleppte Ameile nach ihrer Kammer, schloß sie ein und nahm den Schlüssel zu sich. Ein armes Kind im Elternhaus. Ein gut gestelltes Hauswesen geht ordnungsmäßig fort, ohne täglich frisch aufgezogen zu werden. Der rasche Taktschlag der Drescher war schon laut, als Dominik, ärgerlich ob seines langen Schlafes, erwachte; er besann sich aber, daß er ja das Hans verlassen müsse, aus dem er so plötzlich gewiesen war. Er sputete sich. Verwirrt schaute er sich im Hof um; wie viel hundertmal hatte er's gehört und sich selbst gesagt, daß er wie das Kind im Hause gehalten sei und jetzt – abgelohnt, fortgeschickt, du gehörst nicht mehr hieher . . . Da war kein Werkzeug im Hof, das er nicht gehandhabt, an dem er nicht etwas gerichtet hatte, jedes Tier kannte ihn, seinen Tritt und seine Stimme, und jetzt – hinaus, fort, das geht dich alles nichts an. – Aus dem Hause stieg der morgendliche Rauch auf, dort wird keine Suppe mehr für dich gekocht, du holst dir dort nicht mehr unter Scherz und Neckerei eine glühende Kohle für deine Pfeife. Wo nur Ameile sein mag, daß sie sich nicht einmal vorübergehend am Fenster oder unter der Thüre zeigt? – Da drin lebt alles weiter, als ob du nie dagewesen wärest, und wer weiß, ob sie nicht auch Ameile dazu bringen? Nein, das nicht, das wird nie sein. Wie wird's aussehen, wenn du wieder in die Stube trittst und die Tochter begehrst? Bis dahin muß die Welt anders werden. Noch nie in seinem Leben war Dominik an einem Werkeltagsmorgen so lange müßig dagestanden, heute konnte er nicht vom Fleck, und er durfte ja thun und lassen, was er wollte, er war Herr über sich und seine Zeit. Dennoch war's ihm manchmal wieder, als müsse er auch zu den Dreschern; das ist die gewohnte Ordnung, das muß sein, davon kann ihn niemand abhalten. Eine Weile lächelte er vor sich hin, indem er dachte, wie der Meister aufschauen würde, wenn er, ohne ein Wort zu sagen, mit den Dreschern zum Morgenimbiß käme. Es wird ihm selber recht sein, daß seine Uebereilung nicht ausgeführt ist; er ist allezeit so hitzig und denkt oft in der nächsten Minute nicht mehr daran. Wenn er dich aber vor allen Leuten aus dem Haus jagt? was dann? Gestern vor aller Welt für treue Dienste mit der Denkmünze belohnt und heute mit Schimpf und Schande aus dem Haus gejagt. – Was wird Ameile dazu sagen? Bis jetzt hast du selber aufgekündigt und kannst mit Stolz weggehen, und das mußt du, wenn der Bauer nicht kommt und dich holt. Sieh, die Thüre öffnet sich – nein, es ist die Großmagd, die nach dem Brunnen geht, um Wasser zu holen, sie ruft Dominik zu: »So, du bist noch da? Glück auf den Weg.« Sie trommelte mit einem Scheit Holz auf dem Kübel zum Aerger des Dominik, denn nach altem Brauch ist dies Trommeln auf den Kübel ein Zeichen des Spottes und der Mißachtung gegen einen »wandernden« Dienstboten. Sie ging nach dem Brunnen, und während sie wartete, bis der Kübel voll war, sang sie: Heut ischt mein Bündelestag, Morn (morgen) ischt mein Ziel, Schilt mi mein Bauer fort, Geit (gibt) mir et viel. Dominik kehrte nach der Stallkammer zurück, schnürte seine Gewandung noch fester zusammen, hob sie auf die Schulter und verließ den Hof, ohne noch einmal umzuschauen. Er hatte schon zu lange gezögert. Als er aber jetzt an das äußere Hofthor kam, wurde ihm doch eine Ehrenbezeigung zu teil. Die Knechte kamen mit Peitschen, an deren schwanke Spitzen sie rote Bänder geknüpft hatten, und nun begannen sie allesamt nach einer bestimmten Melodie zu knallen, daß es weithin schallte. Dominik dankte für dieses Ehrengeleit, denn wie man einem Soldaten ins Grab schießt, so gilt es als Ausdruck der Ehre und Liebe der Mitdienenden, daß man einem wandernden Dienstboten nachknalle. Dominik ging fürbaß. Er trug schwer auf der Schulter, aber noch schwerer im Herzen. Als er den Hof hinter sich hatte und an dem Garten vorüberkam, wo der Apfelbaum stand, unter dem er noch gestern nacht Ameile in den Armen gehalten, da glühten ihm die Wangen, die ganze Liebe des treuen und plötzlich so starken und selbständigen Mädchens lebte wieder in ihm auf. Er schalt sich, daß er immer nur an sein Knechtsleben gedacht hatte; Ameile hatte recht, ihm fehlte der tapfere Mut, er dachte zu viel daran, daß er ein armer Bursch sei und wie er barfuß als Kühbub auf den Hof gekommen. Es sind schon Mindere hoch hinauf gekommen, halt dein Glück fest und zeig, daß du es wert bist . . . An der Hauskapelle, da, wo der Weg umbiegt und abwärts ins Thal geht, dort stand Dominik noch einmal still, schaute nach dem Hof zurück, wo jetzt der Taktschlag der Drescher verstummte, sie gingen zum Essen, und fast laut sagte Dominik vor sich hin: als Haussohn will ich da aus- und eingehen. Es ist ein tiefdeutiger Spruch: ein Mädchen, das ein ausgelöschtes Licht aus dem glimmenden Docht wieder anblasen kann, ist eine reine Jungfrau. War die Liebe des Dominik nicht schon einmal ausgelöscht? Und wie hellleuchtend hatte sie der Atem Ameiles wieder angefacht. Die Gedanken des Dominik, noch vor kurzem so betrübt und unverzeihlich weichmütig, wurden auf einmal freudig und fest. Nur über eines war er noch nicht mit sich im reinen: ob er es geradezu aller Welt sagen solle, daß ihn Ameile liebe und daß er darum aus dem Hause mußte, oder ob er dies noch verschweigen und sich eine Zeitlang übler Nachrede aussetzen sollte. Wieder wollte ihn die gewohnte Demut noch einmal überkommen, aber er bewältigte sie und faßte den unabänderlichen Vorsatz, denen, an deren Meinung ihm liege, den Sachverhalt mitzuteilen, vor allem dem Hirzenbauer; ob auch der Mutter und den Geschwistern, das wird sich zeigen. Wohlgemut zog Dominik seines Weges. Heute konnte er welchen Weg er wollte, einschlagen, heute befahl ihm niemand mehr. Du bist dein eigener Herr, sagte er sich, aber doch stieg er wieder den Hennenweg hinauf. Der Nebel stand fest über Thal und Wald, von den Zweigen flossen Tropfen, aber Dominik wandelte hin wie in lauter Sonne und lichter Freudigkeit. Als er wieder auf dem begrasten Weg und endlich am Grenzstein des Furchengutes dort an der Waldeslichtung war, dachte er nicht mehr an die Pachtung der Schafweide: er wollte mit seinem Ameile ein gut Stück von diesem Gute haben, und wenn nicht im Boden selbst, doch im Geld. Noch einmal dachte Dominik, ob es nicht klüger wäre, wieder umzukehren und nach Reichenbach zu gehen; dort war jetzt Albans Stelle offen, das war ein Ehrenplatz, und er war näher beim Furchenhof. Aber Ameile hat ihn gebeten, nicht in einen neuen Dienst zu treten . . . Während des Ueberlegens schritt er immer rasch voran, er wollte, wenn er sich anders entschließe, keine Zeit versäumt haben, und wirklich blieb er auch dabei, zu seiner Mutter zu gehen. Dorthin hatte ihn auch Ameile gewiesen, dort waren ihre Gedanken bei ihm, und er mußte für Ameile die Trau auslösen. Jeder Schritt ward ihm leicht und zur Freude, denn er ging ihn für Ameile. In Klurrenbühl im Wirtshaus hielt er an und traf heute große Bewegung, einem der Angesehensten des Dorfes wurden heute im Gantverfahren seine Liegenschaften verkauft. Man erinnerte Dominik, wie vor fünf Jahren hier ein großes Hofgut, das er noch gekannt hatte, zerschlagen wurde; der heut zu Vergantende, ein fleißiger, haushälterischer Mittelmann, kaufte übermäßig viel ein, und nun ist er schon der dritte, der dadurch vergantet wird, zwei Mißernten und die Kapitalschulden erdrückten ihn, und jetzt ist auch sein früheres Besitztum damit verloren und er ein Bettelmann. Die Leute, die Dominik kannten, staunten, als er fragte, was denn das ganze Anwesen im Schätzungswerte betrage, und als er auf die Auskunft erwiderte: das wär' mir zu klein. Dominik sah schon vor sich, wie er ein mittleres Gut kaufte, es durch Fleiß und Bewirtschaftung höher hob und am Ende doch noch Ameile in ein Glück setzte, wie es ihr gehörte. Er war jetzt in der Stimmung, daß er auf die halbe Welt ein Anbot gethan hätte, so frisch ausgerüstet fühlte er sich. Fast vor seinem eigenen Mute fliehend, ging er beim Beginn der Versteigerung davon, und immer wehmütiger ward es ihm jetzt im Herzen, daß er mit jedem Schritt weiter weg von Ameile sei. Es fiel der erste Schnee, der aber alsbald wieder zerging, und der abgerissene Klang aus dem Liede zog Dominik durch den Sinn: Berg und Thal, kalter Schnee – Von Herzlieb scheiden, und das thut weh. Wann wird er den Weg wieder zurückkehren, freudig getrieben von lockender Glückseligkeit? Wenn nur Ameile nicht gar zu hoch über ihm stünde! Freilich, sie hat ein festes Herz, aber sie weiß doch noch nicht, was es heißen will, aus solch einem vollen Hause fortzugehen: der Milchkeller ist allzeit voll, und es ist etwas anderes, wenn man jeden Tropfen sparen muß; daheim ist die Mehltruhe, der Schmalztopf allzeit gefüllt, da heißt es nur: geh da, geh dorthin und schöpf'; wie aber dann, wenn's klein hergeht, und wenn man nach dem, was man braucht, überallhin ausschicken muß? Wir wollen mit Lieb und Freud jeden Bissen salzen und schmalzen. Ein guter Kamerad gesellte sich unversehens zu Dominik, der wußte die besten Herzensgedanken, und der Kamerad war das Lied, das er also vor sich hinsang: Es steht ein Baum in Oesterreich, Der trägt Muskatenblut, Die erste Blume, die er trug, War Königs Töchterlein. Dazu da kam ein junger Knab, Der freit um Königs Tochter; Er freit sie länger als sieben Jahr Und kann sie nicht erfreien. Laß ab, laß ab, du junger Knab, Du kannst mich nicht erfreien; Ich bin viel höcher geboren denn du, Von Vater und auch von Mutter. Bist du viel höcher geboren denn ich, Von Vater und auch von Mutter, So bin ich dein Vaters gedingter Knecht Und schwing' dem Rößlein das Futter. Bist du mein Vaters gedingter Knecht Und schwingst dem Rößlein das Futter, So gibt dir mein Vater auch guten Lohn, Daran laß dir genugen. Der große Lohn und den er gibt, Der wird mir viel zu sauer; Wenn andre zum Schlafkämmerlein gehn, So muß ich zu der Scheuer. Des Nachts wohl um die Mitternacht, Das Mägdlein begunnte zu trauern, Sie nahm ihre Kleider in ihren Arm Und ging wohl zu der Scheuer . . . Das war ein braves Lied. Dominik wußte wohl, es hat noch mehr »G'sätzle«, aber er kannte sie nicht und erinnerte sich nur, daß der Knecht des Königs Schwiegersohn wurde. Und was in alten Zeiten geschehen ist, kann auch wieder geschehen. Und wenn Ameile auch »höcher ist denn er, von Vater und auch von Mutter«, so ist sie doch keine Königstochter und hat ihn gewiß mehr lieb als die von alten Zeiten. »Dich nehm' ich und keinen andern,« das sind ihre Worte gewesen. Wenn's nicht wahr wär', hält' man kein Lied darauf gesetzt. Und Dominik sang die Verse aber- und abermals mit voller Lust, und heute hörte er nicht auf den Ruf der Gabelweihe, nicht auf das Klingen der Herden und das Singen der Hütenden, er wußte nichts vom Weg und nichts von allem rings umher, er ging nicht auf der Erde, er ging im Himmel. In Jettingen erwachte er wieder plötzlich wie aus einem Traum, hier, wo er gestern das Schwärzle eingestellt hatte, ließ er jetzt seine Habseligkeiten zurück und wanderte ledig nach seinem Geburtsorte. Er wollte nicht unterwegs jedem Red und Antwort stehen, weil er seine Habe bei sich trug, und jetzt fiel es ihm doch wieder schwer aufs Herz, daß er so Knall und Fall fortgeschickt war; er konnte ja nicht jedem sagen, wie ganz anders sich das noch wenden müsse. Heute ließ er sich Zeit zu dem Weg nach Nellingen, und war er ihm gestern unbegreiflich lang erschienen, so deuchte er ihm heute ebenso unbegreiflich kurz. Er dachte sich aus, wie seine Mutter und Geschwister seine Rückkunft aufnehmen würden und wie er sich dabei verhalten solle, als er schon vor dem elterlichen Hause stand. Glücklicherweise war niemand daheim, als zwei kleine Bruderskinder, und Dominik ging bald wieder fort und geradenwegs zu dem Hirzenbauer. Nach dem ersten Erstaunen und nachdem er mit auffallender Hast die verpfändete Denkmünze ausgelöst, erzählte er dem Hirzenbauer den ganzen Hergang. Der Hirzenbauer wollte nun seinem Spott über den Furchenbauer Luft machen, Dominik fiel ihm aber ins Wort, indem er sagte: »Redet nicht so von meinem Meister, ich darf das nicht mit anhören.« »Ja so,« lachte der Hirzenbauer, »er wird ja dein Schwäher.« »Das steht noch im weiten Feld.« »Nein, nein, was ich dabei thun kann, soll mit Freuden geschehen. Was willst denn jetzt anfangen?« »Wenn Ihr mich als Drescher brauchen könnet, wär' mir's recht.« »Gut, das kann schon sein, und es mangelt uns grad ein Knecht, da kannst derweil aushelfen, und bist auf dem Sprung, wenn's auf dem Furchenhof losgeht, denn da geht's noch durcheinander.« Als Dominik fortgehen wollte, sagte der Hirzenbauer: »Wart ein bißle, ich geh' mit dir. Ich will's deinen Leuten schon zu verstehen geben, daß du was hast, was du ihnen nicht sagen kannst, und daß sie noch Ehr' an dir erleben. Die Schwägerin ist gar anfechtig (reizbar), die meint gleich, du trägst ihr das halb Haus weg. Dein Mädle hat mir gestern wohl gefallen, und die hat ganz das Ansehen dazu, die führt aus, was sie will.« Wie glückselig war Dominik, als er mit dem Hirzenbauern durch das Dorf ging. Das war doch noch ein Ehrenmann, der sich eines jeden annahm, sei es, wer es wolle, und der erriet, wo es einem fehlt, und wie brav war's, daß er an die Heirat mit Ameile so fest glaubte, und er wußte doch nicht einmal alles, was sie ihm heilig versprochen hatte. Bei den Angehörigen des Dominik, die diesen nur mit halber Freude willkommen hießen, wußte der Hirzenbauer alles fein herzustellen. Man schien zufrieden und ihm zu trauen, aber doch nur halb. Dominik sollte erst später erfahren, warum. Das aber stand jetzt schon fest, der Hirzenbauer nahm sich des Dominik an wie seines Grundholden, und er wachte über sein Schicksal und freute sich über dasselbe wie ein Menschenfreund. – Es ist keine Mutter so arm, sie hält ihr Kindlein warm, sagt ein gutes Sprichwort, das zeigte sich auch an der Mutter des Dominik. Vor dem älteren Sohne und der Schwiegertochter zeigte sie ihre Liebe nicht, ja sie that auch wie die anderen fast erzürnt über seine Rückkehr; als sie aber allein mit ihm war, öffnete sich ihr ganzes Mutterherz, das sich in den Worten aussprach: »Und wenn du aus dem Zuchthaus kämst, du wärst doch mein liebstes Kind, du bist von klein auf die beste Seele gewesen.« Die Mutter wußte nicht anders, als Dominik habe sich eines schweren Vergehens schuldig gemacht, sonst wäre er ja nicht so plötzlich gekommen und hätte nicht den Hirzenbauer zu seinem Fürsprech geholt. Dominik konnte der Mutter nicht sagen, was vorging, sie hatte ihm ja geklagt, daß sie das gestern erhaltene Geld der Söhnerin gezeigt und ihr habe geben müssen, und er wußte wohl, daß sie noch weit weniger als Geld ein Geheimnis vor der Schwiegertochter bergen konnte, mit der sie doch scheinbar in stetem Unfrieden lebte. Die Mutter war redselig, und da sie niemand anders hatte als die Söhnerin, sprach sie mit ihr alles aus. Jeden Tag war sie nun glücklich, denn Dominik war ehrerbietig und liebreich gegen sie, was sie schon lange nicht gewohnt war. Auf dem Hirzenhof unter den Dreschern erfuhr Dominik die seltsame Stimmung seines Heimatdorfes, und jetzt wußte er auch, warum die Seinigen nur halb erfreut und befriedigt waren, als der Hirzenbauer sich seiner annahm. Der Hirzenbauer hatte seinen Hof zerteilt, und das ganze Dorf war darüber erbost. Ein jeder, auch der ärmste Häusler, war stolz darauf gewesen und rühmte sich dessen auswärts, aus einem Dorfe zu sein, wo so ein großer Bauer wie der Klein-Rotteck auch daheim war; jetzt war einem jeden etwas von seinem Glanze genommen, und man war aufgebracht gegen den Hirzenbauer und hatte nur noch den halben Respekt vor ihm. Ein Schneider, der mit unter den Dreschern war, erzählte: »Es geht uns grad wie den Hechingern. Ich bin vor kurzem wieder dort gewesen. Ihr könnt euch gar nicht denken, wie elend das Städtle jetzt dran ist. Früher hat's doch einen Glanz gehabt und seinen Fürsten und alles, und jetzt können sie Blut schwitzen und haben nichts und sehen nichts. Der Hirzenbauer ist unser Fürst gewesen, und jetzt wird alles lauter Lumpen und unser Nellingen das elendeste Nest, soweit man Hosen flickt.« Dominik stand allein mit seinen Entgegnungen, er konnte den Bettelstolz, der an Hartnäckigkeit keinem andern Stolz nachsteht, nicht besiegen; er wußte aber auch keine Antwort auf den praktischen Vorhalt, wie beim nächsten Geschlecht, wenn der Hirzenhof noch einmal verschnitzelt wäre, jeder Abkömmling alles allein bewirtschaften könne, dann hätten die armen Leute im Orte keinen Winterverdienst mehr und müßten auswärts Arbeit suchen und halb verhungern. In der Abendruhe saß Dominik jedesmal beim Hirzenbauer. Dieser hätte wohl ein Menschenverächter werden können, wenn seine Natur dazu angelegt gewesen wäre; er kannte genau die Lage, in der er sich befand, und wie die Menschen um ihn her ihm gesinnt waren, er glich einem mediatisierten Fürsten, dessen Herablassung kaum noch halb als solche angesehen wird. Er ließ sich dadurch nicht abhalten, seine Wohlmeinenheit in doppelter Macht jedem kund zu geben, aber einen gewissen Spott konnte er manchmal nicht zurückhalten, daß man ihm verargte, weil er gethan, was recht und billig ist, und in diesem Bewußtsein beharrte er. Er erzählte Dominik, wie er im Testament angeordnet habe, daß der Boden nur bis zu einem gewissen Grade zerteilt werden solle, sei es so weit, so sollten die übrigen auswandern. Es war eine eigne Erregung, als Dominik einmal hierauf sagte: »Jetzt das gefällt mir, so thät ich's auch machen, und dabei blieb' ich.« Der Klein-Rotteck verhehlte sich nicht, welch ein Widerspruch darin lag, daß er für künftige Zeiten eine Beschränkung heischte, die er jetzt aufhob; aber er wußte keinen andern Ausweg. »Man muß thun, was man in seiner Zeit für recht hält; andere Zeiten können's wieder anders machen,« war sein Wahlspruch. Schön ist der Baum mit seinen farbigen Blüten, schön ist der Baum mit seinen farbigen Früchten, aber schöner ist ein Tisch, daran Vater und Mutter sitzen und um sie her die zahlreichen Kinder, die mit vollen und hellen Wangen die vielfältige Schönheit des Lebens erweisen, ehrwürdig ist der Mann, der sie sättigt und tränkt, selig die Mutter, die sie unter dem Herzen getragen und mit stillem Ernst unterweist. Auf dem Hirzenhof war ein anderes Leben als beim Furchenbauer, stattliche Schwiegertöchter, vollwangige Enkel gingen aus und ein, und überall war ein schön gesättigtes Leben in Arbeit und Frohmut. Der Hirzenbauer bewahrte daheim und in seinem Werktagsgewande allzeit eine gewisse phlegmatische Ruhe, eine langsame Stetigkeit in Reden und Mienen und in allem Thun. Das lag nicht nur in seiner Natur, sondern auch bei allem Freimut im Bewußtsein seiner höheren Stellung. Kleine Leute. denen kommt es zu, ein aufgeregtes, gehetztes, leidenschaftliches Leben zu haben; ein Großbauer muß allezeit mit eisenfester Gemessenheit zu Werk gehen; das schickt sich nicht anders für ihn, so verlangt es seine Würde. Wenn hier auf dem Hirzenhof etwas erörtert wurde, merkte man wohl die natürliche Oberherrlichkeit des Vaters, aber es kam nie zu tyrannischen Machtsprüchen, es gab nie ein lautes Wort. Unserm Dominik erquickte das Reden und Thun des Hirzenbauern das Herz, und dennoch erschien ihm wieder die Welt oft ganz verwirrt. Dort auf dem Furchenhof war Zwietracht wegen ungeteilter Vererbung des Gutes, und hier schimpften die Leute im Dorf, weil man das Gut zerteilt habe, und der Bruder des Dominik wollte diesen auch aufhetzen, mit ihm und andern einen großen Prozeß anzufangen; sie waren ja auch Nachkommen eines abgefundenen Sohnes vom Hirzenhof; nur wenn das Gut beisammen blieb, hatten sie keinen Anspruch, jetzt aber waren auch sie zu einem Erbteil berechtigt. Dominik, der sich der Beteiligung an diesem Prozesse weigerte, erfuhr nun doppelt, wie mißachtet er im elterlichen Hause beim Bruder war: ehedem, wenn er auf Besuch kam, war er geehrt und geschätzt, jetzt gilt er nichts mehr, weil er nichts mehr ist, und fast wird er als ein Eindringling angesehen, der, draußen in der Welt verjagt, wieder ins Nest zurückkehrt. Die Mutter wagte es nur im geheimen, ihm ihre Liebe zu bezeigen, vor den andern mußte sie scheinbar zu ihnen halten; sie mußte ja mit ihrem verheirateten Sohne und ihrer Schwiegertochter leben, Dominik konnte ihr nichts helfen. Vom Furchenhof verbreiteten sich plötzlich seltsame Gerüchte: die einen sagten, der Furchenbauer habe den Alban so geschlagen, daß er am Tode läge; die andern sagten, Alban habe den Bruder erstochen. Es duldete Dominik nicht mehr länger in der Ferne. Es war ein wunderlicher Geleitsspruch, den der Hirzenbauer dem Dominik zum Abschied mitgab, denn er sagte: »Wenn du auf den Furchenhof kommst, tritt fest auf. So lang man einen für gutmütig hält, trampelt ein jedes auf ihm herum. Ich hab' dich in den Tagen neu kennen gelernt. Glaub' mir, die Menschen kriegen erst Respekt vor einem, wenn man ihnen die Gurgel zusammenpreßt, daß sie nimmer schreien können. Steh fest hin, und wenn du jetzt nicht Meister über den Furchenbauer wirst, wirst du's nie.« Kaum acht Tage waren es, seit Dominik diesen Weg beschritten, als er wieder eilig auf demselben zurückkehrte. Er hatte nichts mitgenommen, als seine Denkmünze. Die Angst trieb ihn unaufhaltsam vor sich hin. Es überlief ihn heiß und kalt, wenn er sich ausdachte, was geschehen sein könnte, und einmal schlug er sich heftig auf die Stirn, als träfe er damit leibhaftig den Gedanken, der dort entsprungen war; denn es fuhr ihm durch den Sinn, ob nicht aus dem Unheil der Familie sein Heil erwachsen könne. Er wünschte einem jeden Heil und Frieden, er wollte ihnen nur in der Wirrnis beistehen, und machte sich jetzt Vorwürfe, daß er fortgegangen war, während er doch sah, wie über dem Hause, dem er treu angehört, bös Wetter aufs neue aufzog. Es ist ein alter Glaube: wenn man mit Fingern auf ein Gewitter weist, dann schlägt es ein. Hatte Dominik das gethan? Mitten in allem Bangen, Sorgen und Selbstanklagen durchflammte wieder die Liebe das Herz des Dominik, denn es ist eine sattsam bekannte Wahrnehmung, daß gerade mitten in den heftigsten Erschütterungen des Lebens oft die Seele am meisten nach Liebe lechzt. Dominik schärfte sich die Lippen und genoß im voraus die Küsse, deren Süßigkeit er so lange entbehrt hatte. Und heftiger klopften seine Pulse, und rascher gingen seine Schritte, er ging zwei Armen entgegen, die sich selig ausbreiten, um ihn ans Herz zu schließen. Ein reiches Kind im Elternhaus. Am selben Morgen, an dem Dominik den Furchenhof verlassen, war es im Hause wirr hergegangen. Natürlich konnte sich Ameile nicht am Fenster und nicht an der Thüre zeigen, denn sie saß im Stüble bei der Mutter und weinte, daß ihr die Augen schwollen, diese Augen, die sonst nur mit hellem Freudenglanz in die Welt hineinlachten. Der Vater hatte Ameile schon früh aus dem Gewahrsam geholt, und es war ihm ein Leichtes, mit harten Worten und drohend aufgehobener Hand das Mädchen zusammenzubrechen, daß es auf den Boden sank. Der Vater ließ sie am Boden liegen und ging, die Hände auf dem Rücken übereinander gelegt, die Stube auf und ab; er fuhr fort, ihr Vergehen in heftigen Worten zu züchtigen, und mit der Faust an die Wand schlagend, verwünschte er sein Mißgeschick, das ihm lauter widerspenstige Kinder gegeben, die ihn in Schande und vor der Zeit unter den Boden bringen, aber er schwur, ihrer Meister zu werden. Als er jetzt auch gegen Dominik, »den Heuchler und Verführer, den meineidigen, treulosen, hergelaufenen Lumpenbuben«, loszog, da sprang Ameile plötzlich auf, stellte sich fest vor den Vater hin und sagte: »Vater, Ihr könnet mit mir machen, was Ihr wollet, aber das leid' ich nicht; ja, gucket mich nur so an, Ihr könnet mich tot schlagen, aber das leid' ich nicht, er ist ehrlich und treu und rechtschaffen, und er hat mich nicht verführt, und wir können vor Gott und der Welt hinstehen und frei aufschauen, und daß er arm ist, das ist kein' Schand. Mein Dominik –« »Dein Dominik? Wart', ich will dich, dein Dominik –« »Ja, das wird ein' Kunst sein, eine arme Tochter, die sich nicht wehren kann, zu schlagen. Die gut' Oberamtmännin, die hat's geahnt, die hat nicht umsonst gestern aus heiler Haut zu mir gesagt: ›Mädle, wenn du einmal Beistand brauchst, vergiß nicht, wo ich bin.‹« – Es dröhnte ein polternder Sturz an der Kammerthür, und man hörte kein Wort mehr in der Stube. Die Mutter kam aus der Kammer, sie sah schnell, was geschehen war, Ameile lag am Boden, und der Vater saß am Tisch und hielt die geballte Faust auf demselben. Sie führte Ameile schnell in die Kammer und ließ nicht ab, bis sie sich auf das Bett setzte, dann eilte sie zu ihrem Mann und redete ihm mit klugen Worten zu, doch kein Aufsehen zu machen, man müsse die Sache vertuschen; reize er aber das Kind, so mache er's damit ja ärger, das Kind habe nichts mit dem Knecht, es sei nur eine alte Anhänglichkeit, das Kind sei gescheit und werde sich auch, wenn etwas wahr sei, so eine Narrheit bald aus dem Kopf schlagen; mache man aber viel Wesens daraus und käme so etwas in der Leute Mund, so müßte man Ameile mehr als das doppelte Heiratgut geben, um sie an den rechten Mann zu bringen. Diese Gründe leuchteten dem Furchenbauer wohl ein, und er sagte nur noch: »Aber das Teufelsmädle will die Sach' selber an die große Glock' hängen und will alles der Oberamtmännin berichten.« »Das ist nur so gered't. Wenn man gehetzt und gejagt wird, da sagt man mancherlei, was man nachher doch nicht thut. Da laß nur mich dafür sorgen. Jetzt sei lind gegen das Mädle und verscheuch mir's nicht. Hör nur, wie es heult, es stoßt ihm ja fast das Herz ab. Jetzt laß mir heut den Freudentag, weil unser Alban wieder da ist, und halt' Friede. Meine Kinder sind so brav und noch braver wie andere, und du mußt so gut alles in Frieden und Gutheit herstellen können, wie jeder andere Bauer, und wenn's nicht ist, denk nur, es ist deine Schuld.« »Nicht meine, sag' das nicht, es ist nicht meine.«. »Das wollen wir jetzt nicht ausmachen. Ameile!« rief sie laut, »geh 'naus und thu Schmalz und Mehl 'raus und back Sträuble. Hurtig, mach' voran, seit wann muß ich dir was zweimal sagen? Wasch dir die Augen ab und laß dir vor den Mägden nichts merken. Sei brav, und man hält dich brav.« Der kindliche Gehorsam in der Wirtschaftlichkeit bewältigte den Kummer, in dem sich Ameile fast verzehren wollte: ihr Geliebter war aus dem Haus gejagt, und sie selber mißhandelt. Noch als sie am prasselnden Feuer stand, rann ihr manche Thräne über die Wangen, und sie sagte der Großmagd, daß heute der Rauch so sehr beiße. Mit Trauer und Klage im Herzen buk sie den Festkuchen. Als ihr die boshafte Großmagd, die Wasser geholt hatte, erzählte, wie sie den Dominik verhöhnt habe, der dagestanden habe, wie der »Gottverlaßmichnicht«, kam kein Laut der Erwiderung über Ameiles Lippen; sie war der Großmagd nicht einmal böse. Warum sollten fremde Menschen besser sein als die eigenen Angehörigen? Alban kam mit freudiger Morgenfrische in die Küche, die Hinterhältigkeit des Bruders war ihm ganz aus dem Sinn gekommen. Alban hatte in aller Frühe geordnet und gewirtschaftet, und es that ihm wohl, wieder im väterlichen Hause zu walten, und die Freudenbezeigungen der Taglöhner und Dienstleute erhellten ihm das Gemüt. An Dominik dachte er kaum mehr, er war ein Knecht, er hatte ihn freilich besonders lieb und war ihm zu Dank verpflichtet, aber es ist doch nicht von besonderer Bedeutung, wenn ein Knecht aus dem Haus zieht. Das Herz, das lange der Freude entbehrte, wird oft so eigensüchtig, daß es sich jedes störende Begegnis gern ablenkt. Alban hörte den betrübten Ton nicht, in dem Ameile sagte, daß sie zur Feier seiner Ankunft Sträuble backe; er freute sich nur kindisch ob dieses Schmauses. Dem Vater und der Mutter sagte er im Stüble mit heller Stimme »Guten Morgen«, und selbst der Vater nickte freundlich; er mochte wohl der Erschütterung gedenken, die er in der Nacht beim Horchen empfunden; auch hatte er heute schon Kummer genug gehabt, er durfte sich eine Freude wohl gönnen. Bei dem Morgenschmause waren die Eltern und beide Söhne äußerst wohlgemut. Ameile trug ab und zu. Der Vater wollte sie jetzt zwingen, fröhlich zu sein und sich mit an den Tisch zu setzen, sie aber schützte allerlei Arbeit vor, und als der Vater darob zornig werden wollte, sagte die Mutter nach dem Weggehen Ameiles: »Du willst doch immer die Gedanken gleich umstellen, wie du sie haben möchtest. Laß doch in dem Kind die Sach' auskochen, dann ist's vorbei; will aber nicht gleich: jetzt geheult und jetzt wieder lustig.« Als man aufstand, bat die Mutter, daß ihr Alban noch ein wenig bei ihr sitzen bleibe, und der Vater befahl es ihm ausdrücklich. Er machte seiner Frau gern eine Freude, und heute besonders, er fühlte doch, daß sie ihn von manchem unüberlegten Aufbrausen abhielt, und vielleicht gelingt ihr jetzt bei Alban, wovor ihm noch immer bangte. »Gelt, du bist jetzt brav und hörst auf, zu widerspensten?« sagte die Mutter mit freudig herzlichem Blicke. »O Mutter!« rief Alban erregt, »es gibt doch kein' größere Freud' auf der Welt, als seinen Eltern Freud' machen. Wenn ich draußen in der Welt ein Lob bekommen hab' über das und jenes, hab' ich tausendmal denken müssen: Was nützt mich das alles – Was thu' ich mit eurem Lob und eurer Zufriedenheit? Das geht alles in Wind auf, weil meine Eltern es nicht hören und sehen können, für die allein möcht' ich der rechtschaffenste und allerorten gepriesene Mensch sein. Wenn's meine Eltern nicht hören und sehen, ist alles nichts. Es hat den Schein gehabt, als wenn ich ungehorsam wär', aber jetzt erst seh' ich's, ich bin nichts gewesen, als ein verirrtes Kind im wilden Wald, das jammert und weint, und weint und ruft nach Vater und Mutter. Mir wär' am liebsten, ich thät' jetzt sterben, daß Ihr und der Vater mit Freude an mich denken könntet.« Aus dem Urquell alles Lebens strömten Worte und Gedanken Albans heraus, und die Mutter sah ihn staunend und bewundernd an, wie sein Antlitz sich verklärte, wie eine Verzückung daraus leuchtete. Mutter und Sohn waren in diesem Augenblick hinausgehoben über alle Wirrnis und alle Beschwerung des Alltagslebens. Die Mutter drückte ihre beiden Hände auf Augen und Wangen des Sohnes und hielt sein Haupt in den Händen fest, sie drückte ihre Zähne übereinander vor innerstem Jubel, und hier, auf dem einsamen Gehöft, unter dem Strohdache leuchtete jene Glorie auf, darob der Stern am Himmel erglänzt zum Zeugnis, daß sie so ewig ist, wie er . . . »Lieber Gott, ich hab's ja gar nicht gewußt, was du für ein Kind bist,« brachte endlich die Mutter hervor, und helle Freudenthränen rannen ihr über die Wangen. Eine Weile waren die beiden still, die heiligste Regung klang noch in ihnen auf; aber kein Leben, am mindesten das werktätiger Menschen, duldete eine solche ins höchste versetzte Erhebung lange. Die Hände ineinander legend und ihren Sohn mit behaglichem Lächeln betrachtend, sagte die Mutter endlich wieder: »Du bist doch auch wie dein Vater, nur in anderer Art, und bist besser geschult. Es ist wunderig! Dein verstorbener Bruder ist der einzige gewesen, der meiner Familie nachgeartet ist, der ist grad' gewesen wie mein Vater selig, von dem hat man auch sein Lebtag kein laut Wörtle gehört. Dein Vater hat ihn oft ausgelacht wegen seinem Ochsenschritt; aber ihr seid alle wie die wilden Ross': hinten und vorn ausschlagen, wenn's was gibt, das ist bei euch daheim. Aber jetzt komm und erzähl mir einmal geruhig: wie ist dir's denn auch gangen?« »Wie ich in den Krieg kommen bin –« »Davon will ich nichts wissen. Wie ist dir's denn als Knecht ergangen?« »Gut. Nur um Weihnachten war mir's am ärgsten –« »Kann mir's denken, da hast rechtschaffen Jammer (Heimweh) gehabt?« »Nein, nicht mehr als sonst, aber schrecklich ist mir's gewesen, daß ich mich hab' müssen beschenken lassen. Ich hätt' gern dem Meister die Schenkasche vor die Füß' geworfen und hab's doch nicht dürfen; er hat's gut gemeint. Und fürchterlich ist's, wie die Dienstboten gegeneinander sind. Wenn eines dem andern das Leben recht sauer machen kann, ist's ihm ein' Freud'.« »Ihr Kinder und besonders du hast's uns ja nie glauben wollen, was für ein schlechtes Korps das ist, jetzt bist selber drunter gewesen, jetzt wirst uns recht geben. Freu dich nur jetzt, daß du wieder Haussohn bist. Mach' nur, daß alles mit gutem ausgeht, und laß die Kirch' im Dorf.« »Ich thu', was ich kann, Mutter! Ich lass' mir da die Hand abhacken, eh' ich eine Ungerechtigkeit leid'. Wenn nur der Vinzenz auch brav ist, redet mit ihm, mit mir brauchet Ihr nicht zu reden; er soll Euch sagen, wie ich's im Vorschlag hab' und was er dazu will. Mir gibt er keinen Bescheid.« Ein unterdrücktes Husten in der Stube bestärkte die Mutter in der Vermutung, daß der Vater wieder nach seiner bösen Gewohnheit lausche; sie brach ab, sie wollte sich wo möglich nicht in die Sache mischen, sie konnte Alban ohnedies nicht ernstlich zureden, da es ganz gegen ihre Ansicht war, daß der Erbgang zu Gunsten des Vinzenz geändert wurde; sie hatte keinen Einwand, wenn es sich gütlich ausglich, aber im Herzen war sie nicht nur an sich für den herkömmlichen Erbgang, sondern auch noch aus besonderer Liebe für Alban. Als dieser jetzt sagte: »Ich muß jetzt ans Geschäft,« hörte man draußen die Stubenthür ins Schloß fallen. Noch als Alban weggegangen war, ruhte ein Freudenglanz auf dem Angesichte der Mutter, als ob sie ihn noch vor sich sähe; in Aug' und Mund ruhte ein stilles Lächeln, und die Hände faltend, mit einem Blick nach oben, ging sie an ihre Arbeit. Auf dem Hofe war niemand so vollauf glückselig wie die Mutter. In ihrer ruhig thätigen und leidenschaftslosen Natur glaubte sie auch nicht an die Leidenschaftlichkeit anderer, und die Erfahrung hatte sie belehrt, daß all das heftige Gethue nichts als verhetzte Sinnesweise, unnötig und übertrieben sei; und eben dadurch, weil sie nicht an die unbändige Heftigkeit der Menschen glaubte, hatte sie dieselbe oft bewältigt. Wenn ihr Mann oft in Wildheit gegen Kinder und Dienstboten zu rasen begann, konnte sie ihm sagen: »Christoph, das mußt nicht leiden, so darf dich der Hassard nicht übermannen,« und er wurde still und ruhig. Es ist eine viel zu wenig beachtete Erfahrung, daß die Leidenschaft mitten im ungezähmtesten Ausbruche zu bewältigen ist, wenn es dem Unbefangenen gelingt, den Punkt zu berühren, wo der im Sturme Fortgerissene mit sich selbst ob seines Thuns zerfallen ist. Die Furchenbäurin traf dies bei ihrem Manne meist mit unfehlbarem Takt. Sie wollte aber jetzt nichts thun, denn er war selber zu sich gekommen. Es war gut, daß er nach seiner übeln Gewohnheit gelauscht hatte. Es wird sich alles auf friedlichem Wege ausgleichen. Warum sollte es denn nicht sein? Ist ja daheim in Siebenhöfen allzeit jegliches gütlich beigelegt worden, warum denn hier nicht auch? Es war wieder ein neues rühriges Leben auf dem Furchenhof, Alban arbeitete rastlos vom Morgen bis in die Nacht und pfiff und sang allezeit. Jede Arbeit machte ihm jetzt doppelte Freude, er that sie nicht mehr als Knecht, sondern als freier Sohn des Hauses. Der Vater ließ ihn gewähren und schaute ihn oft mit Zufriedenheit an; er that, als ob er es nicht wüßte, wenn Alban noch spät abends oft zu Vreni auf den Hellberg ging; dieses Verhältnis schien ihm jetzt genehm. Je mehr sich Alban mit Vreni einließ, um so weniger konnte er den Hof beanspruchen; er mußte mit einer erklecklichen Auszahlung zufrieden sein und konnte damit nach Amerika auswandern, wenn er sich hierzuland nicht in ein Häuslerleben schicken mag. Auf dem Hellberg ging es allzeit lustig her. In dem Hause, wo man die Kartoffeln zählte, ehe man sie auf Feuer stellte, sah doch jedes wohlgenährt und munter aus. Das machte die Freude, denn hier war Singen und Tanzen, als wäre beständig Kirchweih. Die Obedfüchti, die den Tag über ganz allein von Gehöft zu Gehöft wandelte und sich allerlei einhamsterte, spielte am Abend die Klarinette, und man sang und tanzte oft dazu. Jetzt wurde bereits an fünf Kunkeln gesponnen, die Erwachsenen spannen den feinen Flachs und die Kinder das Werg. Die Großmutter hatte auch nur Werg an der Kunkel, sie that es wieder den Kindern gleich, denn ihre Finger waren krumm und ihr Auge schwach. Die Spindeln drehten sich lustig auf dem Boden. Zwischenhinein erzählte Obedfüchti allerlei lustige Streiche aus alten Zeiten, wie er einst eine tüchtige Zeche bei einem Wirte angetrunken und, als er nicht bezahlen konnte, eine Ohrfeige erhielt, worauf sie ruhig antwortete: »So gut ist mir's noch nie gegangen, hab' kein Geld gehabt und doch noch was heraus bekommen.« Der Wirt lachte darob so sehr, daß er aufs neue einschenkte. Eine Hauptgeschichte erzählte die Obedfüchti aber stets unter neuem Lachen. Er war einst im Sommer nach Klurrenbühl auf den dortigen Hof gekommen, als eben Sträuble gebacken wurden; er bat auch darum, wurde schnöde abgewiesen und ging; da sah er ein Kind neben einem Weiher sitzen, schnell tunkt er es ins Wasser und trägt es als vom Tode gerettet in das Haus. Nun wurde er reichlich beschenkt und ging nie mehr leer aus, so oft er kam. An längst genossenem Wein und Leckerbissen erlabte sich noch das alte Männchen, und seine Zuhörer zehrten mit. In diesem Hause, wo das tägliche Leben so wenig bot, erquickte und erheiterte man sich an alten Geschichten und Späßen und war wohlgemut. Die Goldfuchsen lachten mit und sprachen in alles hinein im Beisein der Eltern, und die ganze Familie war wie ein Mensch. Wenn Alban jetzt wieder täglich vom elterlichen Hause hierher kam, war es ihm stets, als atmete er nun erst frei auf, hier war er »ausgeschirrt«, wie er oft sagte, und bei allem Freisinn genoß er noch das Wohlbehagen eines Höherstehenden, der sich in niederen Kreis begibt, dem man den besten Stuhl anweist, dem man jede Freundlichkeit doppelt dankt und vor dem man sich gern im besten Lichte zeigt. Alban war hier wieder der rechte Sohn des Furchenbauern, und das that ihm wohl, und er sagte sich nur, daß das überall sei, wo er eintrete. Der Nagelschmied sprach manchmal mit Alban über das Zerwürfnis mit dem Vater. Er war klug und fest, denn er vermied jeden Schein, als ob er Alban aufhetze, und Alban war stolz und eigenwillig genug, daß dies gerade das Gegenteil hervorgebracht hätte. Der Nagelschmied hatte daher nur allerlei unhaltbare Einwände gegen den Plan Albans vorzubringen und ließ sich gern von ihm widerlegen; daneben wußte er aber ernste Andeutungen zu geben, daß er mit seiner Tochter Vreni nicht spielen lasse und daß er sein Leben an den wage, der mit der Krone seines Hauses leichtfertigen Scherz treiben wolle oder gar sie verunehre; er wiederholte stets, daß er Alban nicht damit meine, daß er zu ihm alles Vertrauen hege, er wußte ihm aber dabei immer deutlich zu machen, daß der arme Mann nichts habe als seine Ehre und sein heiteres Gemüt und eben darum um so eifriger auf deren Erhaltung bedacht sein müsse. Bruder und Enkelkind. Nächsten Montag war der Vater siebzig Jahre alt. Am Samstagmorgen wurde Alban in aller Frühe mit den beiden Fuchsen nach Siebenhöfen geschickt, um die kleine Tochter des verstorbenen Schmalzgrafen zu holen; auf dem Rückweg sollte er abends in der Stadt die Ankunft des Eilwagens abwarten, mit dem der Bruder des Furchenbauern, der Dekan im Oberlande war, kommen sollte. Mit dem einzigen Bruder und dem einzigen Enkel des Vaters sollte Alban dann zurückkehren. Die letzte Entscheidung nahte. Der Vater schien dazu alles, was ihm angehörte, um sich versammeln und feierlich mit der Welt abschließen zu wollen. Alban war es trotz aller inneren Entschiedenheit schwer zu Mute auf dieser Fahrt. Vinzenz war ihm immerdar ausgewichen und hatte ihm nie einen richtigen Bescheid auf seinen in der ersten Nacht gestellten Vorschlag gegeben. Alban fand keinen Schlaf mehr neben dem Bruder, der verstockt und wortlos blieb; teils um doch Schlaf zu finden, teils auch aus innerer Furcht, daß er sich einmal im Grimm an seinem Bruder vergreife, hatte sich Alban nun in der Stallkammer das Bett des Dominik zum Lager gewählt, und schließlich hatte das auch noch den besonderen Vorteil, daß man ihm seine Ausflüge nach dem Hellberge und seine Rückkunft nicht nachrechnen konnte. Der Greif allein verriet ihn am ersten Abend, denn dieser Hund, den sich Vinzenz während der Abwesenheit Albans angeschafft hatte und der in der Nacht von der Kette losgelassen war, fiel den Heimkehrenden wie einen räuberischen Eindringling an, so daß das ganze Haus in Alarm kam. Am andern Morgen hatte der Vater zu Alban gesagt: »Das ist grad nicht nötig, daß du in der Knechtskammer schläfst, bleib du nur bei deinem Bruder, und wenn er dir was hinterwärts gegen mich einfädeln will, sag ihm nur: es gilt alles nichts, als was ich festsetz', das allein hat Bestand.« Hatte Vinzenz dem Vater die erste Unterredung verraten? Alban konnte nicht klug daraus werden. Er blieb aber jetzt um so mehr bei seinem Nachtlager, und um den Greif nicht zum Lärm zu bringen, ließ er einen Laden im Heuschuppen nach der Feldseite offen und schlüpfte durch denselben allabendlich herein. Im eigenen elterlichen Hause hatte er einen verborgenen Eingang. Jetzt im Fahren gedachte er, wie fremd er doch eigentlich noch im Elternhause war. Als er in der Ferne am Eichhof vorbeifuhr, wo er vor anderthalb Jahren um die Witwe gefreit, erwachten in ihm wieder Scham und Trotz von damals, und doch konnte er sich des Gedankens nicht erwehren, wie ausgeglichen und friedlich alles wäre, wenn er hier oben bauern würde, vielleicht hielt' er jetzt schon ein eigen Kind auf dem Arm . . . – Alban liebte trotz alledem die Vreni vom Hellberg innig und aufrichtig; aber es gibt Stimmungen, in denen auch der Starke und Mutige sehnlichst wünscht, daß ihm die Last des unaufhörlichen Kampfes abgenommen wäre, daß das Schicksal ihm das Heißerstrebte durchkreuzt haben möchte, nur um ihm Ruhe zu gönnen. In Siebenhöfen wurde Alban herzlich bewillkommt. Man glückwünschte ihm zur baldigen Uebernahme des Hofes und empfahl ihm reiche Bauerntöchter aus der Nähe zur Auswahl. Alban widersprach in nichts; er wollte den Leuten nicht sagen, wie es noch ungewiß sei, ob er in den Erbgang trete; dies schien hier ausgemacht und fraglos. Alban wollte fast selber daran glauben, denn eine Zuversicht von außen, so wenig begründet sie dem Hörer auch erscheint, hat doch immer etwas so Einschmeichelndes und Anmutendes, daß sie sich unvermutet in der Seele festsetzt und alle Zweifel der eigenen besseren Erkenntnis überdeckt. Alban genoß harmlos die Ehre des Hoferben. Wer weiß, ob es nicht zum letztenmal ist, daß er sich ihrer freuen darf. Die Mutter hatte recht: hier im Gäu ging alles viel bedachtsamer und stetiger her, der Menschen Thun und Reden war gelassener und nicht so laut wie daheim. Hätte die Eichbäuerin heute gesehen, wie sorgsam und innig Alban um sein Bruderskind bedacht war, sie hätte ihn nicht mehr der Hartherzigkeit geziehen. Als Alban mit der kaum elfjährigen Amrei (Anna Marie) davonfuhr, war er voll Entzücken; jedes Wort, das das Kind sprach, erquickte ihm das Herz, und ein lang nicht gekanntes Lächeln ruhte beständig auf seinem Antlitz. Wie die Kinder es immer fühlen, wo ein treues und aufrichtiges Herz sich ihnen zuneigt, so war das Mädchen bald äußerst zutraulich und anschmiegend gegen Alban, und als es ihn fragte: »Ohm, hast du daheim auch ein Kind?« wußte er nichts andres zu erwidern, als das Kind fest in die Arme zu schließen und es innig zu küssen. Der ganze Jubel, daß er einst auch ein eigen Kind haben solle, stieg in ihm auf, und er wünschte sich jetzt nur, diesem Mädchen, das ihn wie eine glückselige Zukunft anschaute, recht viel Liebe erweisen zu können. Plötzlich erwachte Wehmut in seiner Seele: dieses Kind hatte seines Vaters Liebe nicht gekannt, er war dahingerafft, bevor es seinen Namen nennen konnte, und er selber – ihm lebte der Vater und bedrückte ihm das Herz mit Härte und unbeugsamer Herrschsucht. Das aber ist die Beseligung, die die Kindesnatur auf ihre Umgebung ausströmt, daß sie ist gleich der stetigen unwandelbaren Natur um uns her, die sich nicht hereinziehen läßt in die Wirrnisse des Denkens und Lebens und die doch im Kinde Sprache gefunden hat. Amrei wußte so lieblich zu plaudern und freute sich so sehr über jedes Begegnis, daß Alban keinen schweren Gedanken nachhängen konnte; er ward kinderfroh mit dem Kinde. Noch nie war eine Fahrt so rasch und fröhlich gewesen, als die von Siebenhöfen nach der Stadt. Mit dem Kind an der Hand ging Alban durch die Stadt, und er hüpfte selbst mit dem Kind, als das Posthorn klang. Der Oheim Dekan war richtig angekommen. Es war ein stattlicher, umfangreicher Mann. Alban hatte ihn seit lange nicht gesehen; dennoch ward er sogleich von ihm erkannt. Der Dekan reichte ihm etwas salbungsvoll die Hand, die andre legte er, als er gehört hatte, wer das sei, auf das Haupt des Kindes. Alban trug das Gepäcke des Oheims nach dem Wirtshause, aber das Kind wollte sich von dem Geistlichen nicht führen lassen, es hing sich an den Rockzipfel Albans. Der Dekan war ein Mann, der nichts übereilte, Alban hielt schon die Zügel der angespannten Pferde in der Hand, als der Dekan noch gemächlich seinen Schoppen trank und dazu die mit ihm angekommene Landeszeitung las. Beim Aufsteigen gab es zwei saure Gesichter, ein altes und ein junges. Das Kind weinte, weil es allein bei dem Pfarrer sitzen sollte, es wollte zu Alban, und dieser mußte sich nun mit auf den gemeinschaftlichen Sitz einzwängen; er setzte sich indes so auf die Kante, daß der Oheim Platz genug hatte. Das Kind saß zwischen ihnen. Im Fahren verschwindet bald jede anfängliche Ungemächlichkeit, man richtet sich allmählich ein und merkt zuletzt, daß jedes noch genugsam Raum inne hat. Der Dekan, der stets die Hände gefaltet auf der Brust hielt, war ein wohlwollender und behaglicher Mann. Er sprach mit seinem Neffen von dessen vormaligem Leben in der Ackerbauschule, er war selber ein eifriger Landwirt und machte Versuche mit Tabaksbau und Seidenzucht; dann ließ er sich von Alban von den Freischärlerzeiten und dem Leben in Reichenbach erzählen. Erst nachdem dieses ordnungsmäßig abgethan war, wobei sie oft von Anrufungen des Kindes unterbrochen wurden, das fast eifersüchtig schien, weil Alban sich jetzt weniger mit ihm beschäftigte, begann der Dekan zu fragen, wie hoch Alban den Hof übernehme, da er jetzt viel mehr wert sei, nachdem man die alten Grundlagen abgelöst habe. Als Alban berichtete, daß er noch immer aus dem Erbgang gestoßen werden solle, als er die ganze Wirrnis auseinander zu haspeln suchte und zuletzt damit schloß, wie er darauf bestehe, daß alles zu gleichen Teilen geteilt werde, sagte der Dekan, ohne eine Miene zu verziehen und ohne die Finger auseinander zu falten: »Dann hab' ich auch noch Ansprüche und der Gipsmüller auch; unsre Abfindung beruht nur darauf, daß das Gut beieinander bleibt; wird es geteilt, gehört es gar nicht mehr deinem Vater allein.« »Wie soll's denn aber gemacht werden?« fragte Alban, der von dieser Rede ganz verwirrt wurde, und der Dekan erwiderte lächelnd: »Wie's recht ist. Kannst ruhig sein, ich verlang' in keinem Fall etwas und der Gipsmüller wohl auch nicht! Aber ruhig muß alles gehen. Friede und Duldsamkeit! Mußt nicht gleich glauben, wenn einer was anders will als du, das sei schlecht; es hat ein jedes seinen eigenen Weg. Darum nur Friede!« »O lieber Gott! Ja, den stiftet,« rief Alban inbrünstig mit lauter Stimme aus, und der Dekan befahl ihm, sich auch in seiner Friedensanrufung zu mäßigen, man könne alles in der Welt viel besser mit leisen Worten beilegen. Das behäbige Wesen des Dekans, der, noch aus der Wessenbergischen Schule stammend, Duldsamkeit und Maßhalten in allen Dingen bewahrte, übte einen eigentümlich beschwichtigenden Einfluß auf Alban; er fühlte sich wie unter einem Zauberbann, und doch wand und bäumte sich noch der Widerspruchsgeist in ihm, der einen nicht unwillkommenen Beistand darin erhielt, daß Alban sich des Gerüchtes erinnerte, wie sein Oheim in der Bewegungszeit ein Gegner derselben gewesen war. Dennoch rief er: »Ich will mein Leben lang für Euch beten, wenn Ihr mir beistehet.« »Ich bete selber für mich, und ich stehe nur dem Rechten bei, keiner Person,« entgegnete der Dekan. In Reichenbach hielt man an, hier mußte der Dekan auf länger einsprechen, er war hier vor Jahren Pfarrer gewesen. Es war schon mehrere Stunden Nacht, als man nach dem Furchenhofe fuhr, das Kind schlief und schmiegte sich traulich an Alban; er hatte Mühe, die Pferde zu lenken, ohne das Kind zu wecken. Alban und der Dekan sprachen fast gar nicht. Als man auf dem Furchenhof ankam, war große Bewegung. Der Vater eilte dem Bruder mit einem Stuhl entgegen und reichte ihm die Hand, der Gipsmüller stand hinter ihm. Die Mutter umhalste ihr Enkelchen und weckte es mit Küssen, Ameile trug das noch halb Schlaftrunkene nach dem Hause. In der Stube war heute abend eine feierliche Weihestimmung, und selbst die Knechte und Mägde im Hofe sprachen leiser miteinander, denn der Dekan übernachtete hier. Der Dekan sah den Gipsmüller jetzt zum erstenmal seit dem Tode der Schwester. Alte Wunden öffneten sich blutend, der Dekan besprach sie aber mit heilenden Worten. Der Gipsmüller kam sonst nie auf den Furchenhof, er hatte sich mit dem Schwager veruneinigt. Heute war alles friedlich und wie mit einer alles lindernden Milde gesalbt. Ein Kirchgang am Morgen und eine Beichte in der Nacht. Am Sonntagmorgen wurde den Pferden das neue Geschirr angelegt, und die Menschen zeigten sich alle in ihren besten Kleidern. In zwei Wagen fuhr die ganze Familie nach der über eine Stunde entfernten Kirche; neben Vinzenz saß die Mutter, hinter ihnen der Oheim Dekan und der Vater, Alban hatte Ameile und die kleine Amrei bei sich. Die ganze Familie außer Amrei war noch nüchtern, denn man ging heute zur Kommunion. Die Häusler, die bald da, bald dort den Wiesenweg von einsamen Gehöften herabkamen, grüßten ehrerbietig, und der Furchenbauer dankte ernst dem Gruß, der seinem geistlichen Bruder galt. Die Fußgänger schauten der stattlichen Ausfahrt noch lange verwundert nach und redeten allerlei darüber. In der Kirche verrichtete der Dekan das Meßamt und reichte den Seinen das Abendmahl. Eine festtäglich gehobene Kirchenstimmung brachte man noch mit auf den Furchenhof zurück, und den ganzen Tag ging jedes allein und in sich gekehrt umher. Nur Alban und Ameile saßen gegen Abend still beisammen auf der Bank am Brunnen, und Ameile sah den Bruder staunend an, als er plötzlich mit tonloser Stimme sagte: »Ameile, wenn ich sterbe, so will ich dir's gesagt haben, daß ich dem Dominik gegen vierhundert Gulden schuldig bin, und er hat nichts Schriftliches von mir.« Ameile wollte den Bruder ob solcher Rede auslachen, aber er wehrte ihr, er sagte zwar, solche Todesgedanken seien närrisch, aber es sei ihm so schwer im Herzen, und er habe sich nun doch erleichtert, daß noch jemand von seiner Schuld an Dominik wisse, er wolle das auch der Mutter mitteilen. Woher kam Alban diese Todesahnung? Ein Volksglaube sagt: wer ein umwandelndes Gespenst, einen Geist erlöst, muß bald sterben. Hat Alban den Geist der Gerechtigkeit erlöst, und muß er darob sterben? Ist es ein notwendiges Gesetz der Menschengeschichte im großen wie im kleinen Leben, daß die einseitig hingegebenen Vertreter eines unterdrückten Rechtsgedankens auch dessen Märtyrer werden müssen? . . . Am Abend wallfahrteten alle Hausbewohner nach dem »Käppele«, der Dekan sprach dort den üblichen Abendsegen. Der Gipsmüller mit seinen Töchtern war auch herbeigekommen, und nun war große Familienzusammenkunft in der Stube. Ein jedes lauschte nur auf die Worte des Dekans, der, dem Scherze nicht abhold, manchmal auch ein kleines Späßchen zum besten gab, worüber man bescheiden zu lachen wagte; in der Regel aber führte er ernste Rede, und immer wieder wußte er Beispiele beizubringen, wie Besonnenheit und Mäßigung die Tugenden seien, die ewig in Ehren gehalten werden müssen. Jedes war zufrieden mit diesen Mahnungen, denn jedes schob dem andern die Betätigung zu und glaubte selbst deren nicht zu bedürfen. Der Dekan kannte die alte Geschichte der Familie und wußte besonders viel zu erzählen von jenem Urahn, der auch Alban hieß und der durch Klugheit und Nachgiebigkeit den Hellberger Hof und den Kandelhof – so hieß ehedem das Furchengut – miteinander vereinigte. Dieser Urahn hatte am Michelstag einen mit zwei Pferden bespannten Pflug rings um das Gut geführt und hatte dabei stets die Sonne im Angesicht, und ohne zu rasten kam er erst mit sinkender Nacht wieder auf der Ausgangsstelle an. Von jener Zeit hatte das Gut den Beinamen: von der langen Furche. Der Dekan erzählte noch, daß das Geschlecht der Feilenhauer vor Zeiten Feigenhauer geheißen habe und adelig gewesen sei. Der alte Furchenbauer schmunzelte, aber zum Staunen aller sagte Alban: »Und die Vorfahren dieser Adeligen sind doch auch wieder Bürgerliche gewesen; drum bleiben wir gleich dabei.« Man ging früh auseinander, denn man wollte morgen mit Tagesanbruch den Feldumgang halten. Der Gipsmüller hatte Abhaltungen, wegen deren er nicht dabei sein könne, versprach aber am Abend zur Abteilung wiederzukommen. Als Alban dem Oheim Dekan die Hand reichte und ihm eine »ruhsame Nacht« wünschte, erschrak er fast, da der Geistliche vor allen ohne Scheu sagte: »Nun schlaf heut noch gut und mach dich recht rein im Gewissen, denn morgen nacht gehst du als Furchenbauer zu Bett.« War der Ohm Dekan auf seiner Seite? Das hatte er nimmer gedacht. Heute zum erstenmal ging Alban nicht nach dem Hellberg, und doch fand er lange keine Ruhe. In stiller Nacht kam die Versuchung über ihn. Er war der Erstgeborene, er trat in den Erbgang: warum sollte es ein Unrecht sein, wenn er den Hof zu geringem Preis annahm und sich erlabte am reichen übermächtigen Besitz? Er konnte den Geschwistern später schenken, was er wollte. Er nahm sich fest vor, das zu thun, er feilschte mit sich selber über die Summen, die er dafür festsetzen wollte, er konnte nicht einig mit sich werden und blieb am Ende dabei, Zeit und Maß seiner Leistungen an die Geschwister nach seinem Gutdünken und nach dem Erträgnis guter Jahrgänge zu bestimmen. Dabei wollte er bleiben und ruhig schlafen, aber er fand keine Ruhe, und plötzlich sprang er aus dem Bett, faßte das Gesangbuch, das er noch vom Kirchgange bei sich hatte, und es in beiden Händen haltend, sprach er laut: »Vor Gott und meinem eigenen Gewissen schwör ich's: ich will kein unrecht Gut. Ich gebe meinen Geschwistern den vollen Teil des Erbes, den ganzen, ohne Vorbehalt und vor aller Welt. Du, o Gott, allein hörst mich und mein eigenes Ohr! Höre mich nicht mehr und mein Ohr vernehme meine Stimme nicht mehr, wenn ich diesem Schwur nur einen Augenblick untreu werde . . .« Jetzt erst fand Alban den Schlaf, der ihn Hoffnung und Qual vergessen machte. Während Alban nach dem Selbstgelöbnis die ersehnte Ruhe fand, war drin im Hause heftige Zwiesprache und Unruhe. Der Dekan schlief im Leibgedingstüble der verstorbenen Eltern. Als ihn der Furchenbauer dahin geleitete, sagte er: »Das versteh' ich nicht. Der Herr Dekan – der Furchenbauer redete mit seinem Bruder stets in der dritten Person – spricht von Frieden und Verträglichkeit und hetzt das eigene Kind gegen den Vater auf.« »Wie thu' ich denn das?« »In meinem Verstand heißt das aufgehetzt, wenn man dem Alban sagt, er sei der Lehnhold, und er sei morgen nacht Furchenbauer, und das wird er mit meinem Willen nie, und ich habe dem Herrn Dekan schon gesagt, warum ich den Vinzenz einsetzen muß.« »Die Sünde an dem einen wird dadurch nicht gut gemacht, daß man eine Sünde an dem andern thut.« »So soll ich also meineidig werden?« »Davor bewahre uns Gott. Für ein ungerechtes Versprechen kann der Buße thun, der es gegeben hat. Der Alban soll dann etwas mehr hergeben, daß du dem Vinzenz eine Versorgung kaufen kannst.« »Nein, nie, nie; der Alban kriegt meinen Hof nicht, der ist vom Hirzenbauer und von denen, die nichts als teilen wollen, angesteckt; der thät' den Hof, den wir von unsern Ureltern her haben, unter seine Kinder teilen.« »Drum komm ihm zuvor und teil selbst.« »Das kann der Dekan nicht ernst meinen, er ist ja keiner von den Revoluzern nie gewesen. Das wär' ja gegen alle rechtschaffene Ordnung.« »Setz dich, ich will dir was erzählen,« sagte der Dekan und setzte sich selbst nieder. »Hör zu: Vor Jahren ist ein Mann zu einem Pfarrer in die Beichte gekommen, der nicht aus seinem Ort war, die Stimme war kräftig, etwas stolz im Ton, und viele Jahre ist der Mann immer wieder gekommen und hat immer dasselbe gebeichtet: ›Ich leb' mit meiner Frau in Fried' und Einigkeit, aber wenn sie mir das glückseligste Geheimnis anvertraut, gehen wir immer beide umher wie zwei junge Leute, die sich verfehlt haben, und ich wünsche den Tod des Kindes, noch bevor es geboren ist, und wenn es geboren ist und größer geworden, da zerreißt es mir das Herz, weil ich nicht weiß. welches Kind mir am wenigsten wehe thäte, wenn es stürbe. Mein Weib findet sich bälder darein, sie nimmt es als eine Schickung Gottes auf sich, mich aber verläßt der Gedanke nicht, und ich kann nicht ruhen und nicht rasten, und ich habe Gott gebeten, er soll mir die große Kinderzahl abnehmen, und es ist geschehen, und jetzt ist doch mein Herz schwer ob dieser Sünde.‹ – ›Und warum hast du einem jungen Leben den Tod gewünscht? – ›Damit das Erbe nicht zu klein werde.‹ Dreimal kam der Mann in derselben Zerknirschung ob derselben Sünde, und dreimal erhielt er die Absolution. Als er das vierte Mal kam, wurde sie ihm verweigert, und er kam nicht wieder; er suchte sich wohl einen andern Beichtiger. Und diese Todesschuld hat der Mann auf sich, weil er im Stolze heischte, daß seine Nachkommen groß und reich seien. Und dieser Mann – bist du –« Wie vom Blitz getroffen, fuhr der Bauer empor, da der Dekan sich plötzlich erhoben hatte und seine Hand mit schwerem Schlag ihm auf die Schulter legte. Schnell aber ermannte er sich, und allen Respekt beiseite setzend, rief er: »Ist das recht, daß du ein Beichtgeheimnis so verratest?« »Mit dir allein darf ich so reden, und ich muß es – weil du noch in der alten Sünde bist. Du willst das eine Kind am Lebensgute töten, um das andre damit zu bereichern. Folgtest du dem Zwange des Erbganges, du könntest dich vielleicht freisprechen, die Schuld liegt hinter dir in alten Zeiten. Jetzt aber willst du neues Unrecht pflanzen. Das dulde ich nicht. Ich ziehe meine Hand ab von deinem Thun. Entweder setzest du Alban ein, oder du teilst. Bleibst du bei deinem Vorhaben, so schüttle ich den Staub von den Füßen und ziehe wieder dahin, von wannen ich gekommen.« Der Furchenbauer hatte noch allerlei Einwände, und besonders über einen wurde der Dekan aufs äußerste aufgebracht, indem der Bauer erklärte, daß er am Tode der Kinder unschuldig sei, und dabei das Sprichwort anführte: »Man trägt mehr Kälberhäute auf den Markt als Ochsenhäute.« (Es sterben mehr Kinder als erwachsene Menschen.) Der allezeit so milde Dekan geriet dabei in solche Heftigkeit und stellte dem Bruder seine Vergangenheit in so greller Weise dar, daß er dadurch die erschütternde Macht, die er bis jetzt geübt hatte, fast ganz einbüßte. Er lernte eine seltsame Verhärtung des Gemütes kennen, indem der Bauer sagte: »Und wenn's so ist, und sei's meinetwegen, und hab' ich meine Seele verdorben und meine Seligkeit in die Höll' geworfen, so will ich's wenigstens hier auch 'nausführen und soll wenigstens nicht alles umsonst gewesen sein.« Der Dekan faßte nochmals in neu gesammelter Ruhe alle die sittlichen Bedingungen zusammen, die hier in Frage stehen, dann ging er auf die praktischen Bedenken über. Der Furchenbauer beharrte dabei, daß er auch ohne die Beschädigung des Vinzenz diesen doch einsetzen würde, denn Alban sei von Haus aus begabter und könne sich leicht forthelfen. Als ihm aber der Bruder erklärte, wie es gegen alles Recht und Herkommen sei, daß ein Beschädigter Lehnhold werde, das geschehe nie, so wenig ein mangelhafter Mensch eine Krone erben dürfe – da stutzte der Furchenbauer. Endlich preßte er das Geständnis hervor, er möchte wohl nachgeben und Alban einsetzen, aber Vinzenz habe ihn in der Hand und werde seine letzten Lebenstage noch der Schande preisgeben. An diesen Ausspruch hielt sich nun der Dekan und redete dem Bruder noch in mildester Weise zu. Mitternacht war längst vorüber, als der Furchenbauer, innerlich geknickt und zerbrochen, seiner Schlafkammer zuwankte; er wußte nicht mehr, was er thun sollte. Als er aber am Morgen erwachte, knirschte er vor sich hin: »Und doch muß es bleiben, wie ich will, und wenn unser Herrgott einen Evangelisten schickt, der kann das nicht ändern. Das ist die alte Satzung, die gilt in Ewigkeit.« Wie ganz anders erwachte Alban. Eine innere Beseligung durchströmte sein ganzes Sein, und er trat in die gewohnte Welt mit geweihtem prophetengleich geklärtem Herzen. Feldumgang und Sonnenwende. Der Oheim Dekan war unwohl und erklärte, den Markungsumgang nicht mitmachen zu können; der Vater und Vinzenz standen indes dazu bereit und gewaffnet, denn jeder trug im linken Arme die übliche Handaxt, auch Alban mußte sich eine solche holen, und als er damit wiederkam, hieß ihn der Vater den Quersack aufnehmen, der auf der einen Seite Speisen, auf der andern mehrere gefüllte Weinkrüge enthielt. Alban wußte nicht, ob das Tragen des Mundvorrats eine Pflicht des Lehnholden oder des Abgefundenen war. Alles hatte heute wieder etwas eigentümlich Feierliches und Zeremonielles. Der Vater reichte der Frau und Ameile die Hand zum Abschiede, und als er dem Dekan die Hand reichte, hielt dieser sie fest, legte die Linke auf die Schulter des Bruders und sagte: »Dein Ausgang sei in Gerechtigkeit und dein Eingang in Frieden.« Die Zurückgebliebenen standen unter der Thür und schauten den Weggehenden nach; aber schon im Hofe gab es einen kleinen Aufhalt. Vinzenz wollte seinen Hund, den Greif, mitnehmen; der Vater wehrte ihm das streng, und er mußte etwas Verwunderliches und Herausforderndes im Blicke Albans bemerkt haben, denn er sagte, zu diesem gewendet: »Wer im Herzen spottet über das, was heute geschieht, der ist ein schandbarer Mensch, vor Gott und der Welt verdammt. Unsre Väter und Urahnen haben's so gehalten, und das ist heiliger Brauch.« Unter dem Hofthor stand der Furchenbauer noch einmal verschnaufend still, er mochte denken, daß er zum letztenmal hier als Herr und Meister stand; wenn er wiederkehrte, gehörte das alles einem andern. Mit dem grünen Maien auf dem Hut wird am Abend ein jüngerer als Meister hier eintreten. Wer wird es sein? Man ging von Sonnenaufgang nach Untergang, schweigend bis zum ersten Marksteine. Dort hielt der Vater an, nahm ein Brot, zerschnitt es in drei Stücke, aß zuerst von dem einen und reichte dann die beiden andern den Söhnen. Alban erhielt das erste Stück aus seiner Hand. Jetzt füllte der Vater ein Glas, schüttete daraus zuerst ein wenig auf den Markstein und trank; dann reichte er es zuerst Vinzenz, dieser trank, gab das Glas in die Hand Albans, der auf den Wink des Vaters den Rest austrank. War es ein Zufall unwillkürlicher Regung, daß das erste Stück des Brotes dem ältesten gereicht wurde, oder war dieser wirklich der Lehnhold – Alban wußte es wiederum nicht. Der Vater schlug mit dem Haus (breiten Rücken) des Beiles dreimal auf den Markstein, die beiden Söhne mußten das Gleiche thun, und der Vater sprach: »Keine Gnade finde der bei Gott, der diesen Markstein verrückt.« Der Vater stieß das Messer, mit dem er das Brot geschnitten, dreimal in den Boden und sagte, als er es zum letztenmal herauszog, halb vor sich hin: »Rein ist das Wasser, rein ist der Boden und schärft den Stahl.« Man schritt weiter. Alban schauderte es im Innern. Auf dem zweiten Markstein saß ein Rabe und sah den Ankommenden ruhig entgegen. Der Vater winkte aufscheuchend mit der Hand, aber nach Art dieser kecken Tiere, die alsbald merken, wenn man waffenlos gegen sie ist, blieb der Rabe ruhig sitzen. Vinzenz bückte sich und hob eine Scholle auf; aber der Vater hielt ihm den Arm, indem er sagte: »Man darf nach einem Raben nicht mit Ackererde werfen.« Erst als man ganz nahe war, flog der Rabe kreischend davon. Dieselbe Weihehandlung wiederholte sich hier, nur sprach der Vater beim Aufstehen keine Verwünschung mehr aus, vielmehr brockelte er Brot ringsumher auf den Boden und sagte dabei. »Das ist für die hungrigen Vögel in Feld und Wald. Wer da gesegnet ist mit reichem Besitz, gedenke allezeit derer, die in Not und Armut sind, denn darum hat ihn Gott gesegnet, und es wird ihm doppelt wohl ergehen.« Der dritte Markstein war am Waldessaum. Der Vater setzte sich auf den Stein und befahl den Söhnen: »Holt Wanderstäbe!« Sie eilten in das Dickicht, und bald hörte man es knacken. Alban war der erste, der wieder zurückkehrte, und im Angesichte des Vaters zuckte es seltsam, da ihm Alban einen abgezweigten Schwarzdornstock übergab und dann wieder in das Dickicht ging, um sich selbst einen zu holen. Vinzenz brachte zwei mit den Zweigen behangene Stöcke; der Vater befahl ihm, einen wegzuwerfen und einen für sich zu behalten. Als nun auch Alban mit seinem Stocke wiederkam, erhob sich der Vater und rief in gebieterischer Haltung: »Zerbrecht eure Stöcke!« Vinzenz schaute den Vater verwundert an, der Stock Albans knackte und bald darauf auch der des Vinzenz, und der Vater rief wieder: »Werft die Splitter weg!« Es geschah, und der Vater fuhr fort, seinen Stab erhebend: »Seht, ich allein halte den Stab, ich allein habe Macht über euch, und ihr müßt mir gehorsam und unterthänig sein in allem.« Vinzenz rief laut »Ja«, und gegen ihn gewendet sprach der Vater: »Ihr habt nicht zu antworten, und ich hab' euch nicht zu fragen. Von Gott eingesetzt ist es, daß das Kind nach dem Willen des Vaters thue, ohne Widerrede; und so ist es treu und fromm von alters her in unsrer Familie gehalten, und darum stehen wir unter den Ersten im Lande.« Mit erleichtertem Herzen schloß er: »So, jetzt hab' ich nach dem alten Brauch gethan, und jetzt können wir ordentlich und frei miteinander reden.« In der That schien sich der Furchenbauer erst jetzt leicht und frei zu fühlen, er schritt an dem frisch geschnittenen Stabe behend dahin; der Waldweg war breit, seine beiden Söhne gingen neben ihm, Vinzenz war zur Linken, sein blindes Auge stets an der Seite des Vaters. Dieser erzählte abermals die Geschichte von dem Urahn, der die Furche um sein Gut gezogen und ihm den Namen gegeben. Im Walde waren viele Menschen, Männer, Weiber und Kinder, die Dürrholz rafften, denn am Montag übten sie von alters her diese Gerechtsame. Jedes, dem man begegnete, erhielt nach alter Sitte Wein und Brot, und die Kinder sogar kleine Münze. Im Walde jauchzte und jubelte es von allen Seiten, und der Tag hellte sich auf. Der Vater sagte, daß nun die Uebergabe des Gutes überall besprochen werde. Er wendete sich mit seinen Worten jetzt vorherrschend und besonders freundlich an Alban und plauderte von allerlei. Es war schon gegen Abend, als man am Markstein unweit des Felsens, den man des Geigerles Lotterbett nennt, wieder den üblichen Halt machte. Drunten rauschte der Waldbach, und der Vater fragte jetzt Alban geradezu: »Jetzt sag einmal: wie thätest du denn das Gut übernehmen?« »Zehnfach so hoch, als es bis jetzt geschätzt ist, aber ich will –« »Schweig. Still, sag' ich. Du verdienst nicht, daß man dir einen Fuß breit Boden gibt. Kann ein Mensch, der fünf zählen kann, ein Gut übernehmen, das so verschuldet ist? Die Zinsen fressen dich ja auf.« »Man kann den Wald am Kugelberg schlagen und –« »So? So fangen die rechten Lumpen an, der Wald muß büßen, was der Acker nicht vermag. Was die Voreltern aufgespart haben, kommt unter die Axt. Am Wald sich versündigen ist das Schlechteste. Du willst gescheit sein und hast kein Lot Verstand. Wenn ein Bauer keinen Wald mehr hat, hat er keinen Anhalt mehr. Drum hab' ich ihn auch geschont wie meine Vorfahren auch. Du thätest es dahin bringen, daß du kein' eigene Tanne mehr hättest, aus der man dir eine Bahre machen kann. Siehst jetzt ein, daß ich recht hab'? Siehst ein?« »Wenn meine Geschwister lieber bar Geld wollen – es ist ein Käufer für den Hellberger Hof da.« »So? Hast schon einen?« »Ja, der Graf Sabelsberg hat mit mir davon gesprochen –« »Von meinem Ablösungsgeld? O, du bist ein vermaledeiter Bub. Eh ich das zugeb, lass' ich mir lieber ein Glied vom Leib abhacken. Mein Gut lass' ich nicht verreißen, nie, nie. Sag jetzt gradaus. Guck mich nicht so an, Vinzenz, ich kann machen, was ich will, ich hab' den Stab in der Hand; da komm her, Alban, versprichst du mir in die Hand hinein, des Nagelschmieds Vreni laufen zu lassen und dir eine rechtschaffene Frau zu holen: versprichst du mir, vor Gott einen Eid zu thun, daß du einem deiner Kinder das Gut ungeteilt vererben willst? Gib Antwort. Steh nicht da wie ein Stock, laß mich nicht die Zunge lahm reden –« »Ich mein' –« »Nichts, nichts, kein ander Wort, Ja oder Nein. Willst du jetzt das Maul aufthun, oder soll ich dir alle Zähn' in Rachen schlagen?« »Ich kann nicht, Vater.« »Gut, dabei bleibt's. Du hast gesehen, ich hab's gut mit dir gemeint, jetzt ist's vorbei, aus und vorbei, oder ich will verdammt sein auf ewig, hier und dort. Komm her, Vinzenz.« Der Vater stand auf, mit zitternder Hand brach er einen Zweig von einer Tanne, nahm dem Vinzenz den Hut ab, steckte den Zweig darauf, setzte ihm den Hut wieder aufs Haupt, reichte ihm die Hand und sagte: »Du bist der Furchenbauer, und dabei bleibt's, so wahr mir Gott helfe. Alban, du sollst nicht zu kurz kommen, dafür laß mich sorgen und sei folgsam. Sei der erste, der deinem Bruder Glück und Segen wünscht, und er soll allezeit brüderlich an dir handeln.« Alban schaute starr vor sich nieder, jetzt erhob er sein Antlitz, wilde Raserei flammte darauf. »Ich leid's nicht!« rief er, »ich leid's nicht!« und riß dem Vinzenz den Zweig vom Hute. »Es gibt noch eine Gerechtigkeit. Die Gerichte sollen entscheiden. Das Gut muß und muß geteilt werden.« Der Furchenbauer war wunderbar ruhig, seine Züge waren eisenstarr, er bückte sich selbst, hob den Hut auf, den Alban zu Boden geworfen hatte, und setzte ihn Vinzenz wieder aufs Haupt. Dieser redete noch immer kein Wort. Man hörte nichts als das Rauschen des Baches und das Schreien der Raben im Walde. Der Furchenbauer sagte endlich: »Kommet heim. Oder, Alban, willst du gleich von hier aus zu Amt? Ich steh' dir nicht im Weg. Ich hab' dir nichts zu befehlen. Du willst mein Kind nicht sein, ich bin dein Vater nicht. Die Gerichte nehmen sich deiner an; und dort werden wir uns sehen. Was hat das Geländer gethan, daß du mit dem Beil darauf loshaust? Hau da zu, da, da ist mein alter Kopf. Komm, Vinzenz.« Der Vater ging mit Vinzenz davon. Als Alban seine Axt aus dem Balken zog, der querliegend am Rande des Feldweges als Geländer befestigt war, kollerte der Balken krachend und knisternd den jähen Fels hinab und klatschte drunten im schäumenden Waldbach auf. Alban schaute nur eine Minute hinab in den Tobel und beugte sich hinaus, er konnte mit der Hand den Wipfel einer hohen Tanne fassen, die drunten im Thale steht, der Bach war bald sichtbar, bald verschwand er unter vorspringenden Felsen. Alban war's, als müsse er sich hinabstürzen, und wieder, als zöge ihn eine Hand zurück, richtete er sich auf und folgte dem Vater und dem Bruder hintendrein. Er kam sich verlassen und verloren vor in der weiten Welt, und doch konnte er nicht anders, und willenlos folgte er dem Schritte des Vaters; er war an seine Macht gebannt. Das Hofgesinde stand am Thor und schaute verwundert aus, daß keiner der beiden Söhne mit dem grünen Zweig auf dem Hute zurückkehrte. Alban drängte sich an die Seite des Vaters, und dieser schritt machtvoll und fest zwischen seinen beiden Söhnen dem Hause zu. Er dankte kaum dem Gruße seiner Dienstleute. Alles zerstiebt ins Weite und einer bleibt in der Enge. Der Furchenbauer hackte seine Handaxt in die Thürpfoste, daß die Wand dröhnte, dann ging er hinein ins Haus. Die Mutter und Ameile standen in der Küche am prasselnden Feuer, sie bereiteten das Festmahl, das dem heutigen Tag sich ziemte. Der Vater ging ohne Gruß an ihnen vorüber nach der Stube. Dort saß der Gipsmüller mit seinen Töchtern beim Dekan, die Mutter kam hinter Vinzenz drein, sie mußte hören, was vorging. Sie hörte es nur allzubald, denn der Bauer war rasend ob des widerspenstigen Sohnes. Niemand wagte zu widersprechen außer dem Dekan. Ameile trug das Essen auf. Man setzte sich dazu nieder, aber es deuchte allen eher ein Leichenmahl denn ein Freudenfest. Alban war nicht zu Tisch gekommen, er hatte sich gleich nach der Stallkammer begehen, die Mutter hatte nach ihm geschickt, ja sie war selbst bei ihm gewesen, aber er gab niemand eine Antwort, sondern saß, das Antlitz mit den Händen bedeckt, auf dem Bett. »Kommt der Bub nichts« fragte der Vater. Die Mutter wollte Ameile nach ihm schicken, aber der Vater wehrte ab: »Nichts da, keine guten Worte, ich ruf' ihn, und ich will sehen, ob er mir folgt oder nicht.« Er öffnete das Fenster und rief in den Hof hinab: »Alban, komm gleich 'rauf! Ich ruf' dich!« Kaum eine Minute verging, und Alban trat in die Stube. Das Licht mochte ihn blenden, denn er rieb sich die Augen, alle Röte war von seinen Wangen gewichen, sein Antlitz war leichenfahl. Der Dekan und der Gipsmüller allein dankten seinem Gruß, niemand wagte es, ein Wort an ihn zu richten. Nur die kleine Amrei rief: »Alban, setz' dich hurtig her, die Ahne hat einen ganzen Haufen Schnitz gekocht. Hast du Schnitz auch gern?« »Und Schnitzgeigerles,« höhnte der Furchenbauer. Niemand hörte darauf, alles beschäftigte sich nur mit Amrei und brachte sie immer mehr zum Reden. Ein jedes fühlte die Erfrischung, daß ein harmloses Gemüt unter ihnen war, das von allem Wirrwarr nichts wußte und wollte. Das Kind fand sich selbstgefällig in die Rolle, daß alles sich ihm zuwendete und plauderte allerlei kunterbunt durcheinander, Kluges und Albernes, aber alles wurde belacht. Selbst der Großvater konnte nicht umhin, seine Miene zu einem Lächeln zu verziehen; man sah es ihm aber an, nur die Oberfläche erheiterte sich, in der Tiefe grollte und kochte ein gewaltiger Zorn. Desto glückseliger waren aber die Mutter und Ameile mit dem Kinde. Ein Enkelkind am Tisch der Großeltern schmückt und erheitert denselben mehr als die schönsten Blumen. Das Kind darf reden, was und wann es will, und alles wird mit Freude begrüßt. und ein jedes hat zu erzählen, was das Kind heute gesagt und gethan und wie alles so lieb und gescheit sei. Vor allem strahlen die Großeltern in Freudenglanz, und was einst in dem Kinde aus dämmeriger Jugenderinnerung ersteht, wenn die Großeltern längst nicht mehr sind, erblüht jetzt in diesen als heiteres Ausschauen eine zukünftige und eine vergangene Welt. Das Abendessen ging durch das Kind ziemlich heiter vorüber. Nur einmal, als Amrei fragte: »Alban, was machst für ein Gesicht? Bist bös mit mir?« sagte der Vater: »Der? Der ist viel zu sanftmütig, der beleidigt kein Kind.« Man stand auf, Amrei betete vor, die Stimmen der Männer bildeten den dunklen Grundton zu der hellen Stimme des Kindes. Alban wollte die Stube verlassen, da rief ihm der Vater: »Da bleibst.« Alban setzte sich auf die Ofenbank, es gesellte sich niemand zu ihm, er saß da wie ein armer Sünder. Da sprang Amrei vom Schoße der Großmutter und schmiegte sich an die Knie Albans. Der Vater befahl Ameile, das Kind ins Bett zu bringen, es folgte nur mit Weinen, und Alban war's, als jetzt das Kind von ihm genommen wurde, als wär' er nun alles Schutzes beraubt. In der That ging nun auch der Sturm gegen ihn von allen Seiten los. Der Vater erzählte den ganzen Vorgang ziemlich sachgetreu, nur übertrieb er etwas seine heutige wohlwollende Stimmung gegen Alban, und diesem deuchte es nun, daß sie nie Ernst gewesen. Das Schelten und Fluchen des Vaters, das Weinen der Mutter, das Mahnen des Dekans, alles drang nun auf Alban ein, und alles vergebens, er blieb bei seinem ausgesprochenen Vorhaben. Ein Feuer, das der Blitz entzündete, kann menschliche Gewalt nicht löschen, so lehrt der allgemeine Volksglaube. Der Gedanke der Gerechtigkeit, der in jener bewegten Zeit wie ein feuriger Funke in die Seele Albans gefallen, war in ihm unauslöschlich. Mitten unter allen Einreden und Ruhestörungen erhob sich sein Herz, nicht in Gier nach Besitz, sondern in einer märtyrergleichen Hingebung an das Unabänderliche. Sein Herz blutete aus tausend Wunden, die ihm Liebe und Haß schlug, und er zagte und zweifelte jetzt keinen Augenblick mehr, er war bereit, zu sterben, aber mit dem Bekenntnis der Wahrheit auf den Lippen. Immer wieder aufs neue toste es an ihn heran, aber er stand fest, unbeweglich wie ein Fels. Zuletzt kam der Vater zitternd auf ihn zu und schwur, ihm alles zu verzeihen, wenn er umkehre; er schilderte noch einmal, wie es ihm das Herz zerfleische, daß sich das Kind nicht beweisen lasse, wie unrecht es habe. »Mein Vater selig,« rief er zuletzt, »hätt' nicht so lang mit einem Kind geredet, er hätt' gesagt: das geschieht, und da hätt' keiner mucksen dürfen. Ich will das nicht, du sollst einsehen, daß ich recht hab', du mußt's einsehen, und du kannst, wenn du dich nur nicht verstockt machst. Schau, du willst gegen die ganze Welt gerecht sein, aber gegen deinen Vater nicht. Du weißt nicht, wer dein Vater ist. Dein Vater ist ein Mann, vor dem du den Hut abthun mußt. Ich dürft' für meine Kinder ein glühiges Eisen tragen (die Feuerprobe bestehen). Gott weiß es, wie ich an ihnen ein Vater bin und sein will. Ich weiß besser als du, und wenn du tausend Bücher im Kopf hast, wie's sein muß. Ich will nicht, daß die ganze Welt verlumpen soll und nichts bleibt als Geißenwirtschaft, und kurzum, ich bin tausendmal gescheiter und braver als du, jetzt glaub's oder glaub's nicht.« Alban verstand sich endlich nur dazu, insoweit nachzugeben, daß er sagte: »Ich thue keinen Schritt, so lang Ihr nichts thut, aber dann auch ohne Widerrede.« »So soll also auf meinem Grabe mein Gut zerrissen werden?« fragte der Vater, weinend vor Zorn. Alban schwieg, und die Männer in der Stube mußten abwehren, daß ihn der Vater nicht erdrosselte. »Red' du, red' du mit ihm,« wendete sich der Bauer an seine Frau, »so red' doch was, du gehörst auch dazu.« »Mein' Mutter selig hat nie in Mannshändel drein geredet. In den Krieg trag' ich keinen Spieß, hat sie immer gesagt. Wie ihr's ausmachet, muß mir's recht sein. Nur haltet Friede. Bei uns daheim ist's der Brauch, daß –« »Du bist jetzt nicht in Siebenhöfen, du bist nicht daheim –« »Das merk' ich an deinem teufelmäßigen Schreien und Toben.« Wie von einem Blitz durchzuckt, standen Mann und Frau plötzlich still, sie merkten, daß vor den Kindern, vor fremden Menschen ein Widerstreit zwischen ihnen zu Tage gekommen war. der tief in ihnen beiden wurzelte. Die plötzlich eintretende Stille machte die scharfe Widerrede noch schärfer. Alban wendete sich nach der Thür, und diese Bewegung des Sohnes zeigte den Eltern aufs neue, was geschehen war, und sprach den härtesten Vorwurf aus. Alban verließ die Stube, die Mutter wollte ihm folgen, aber der Vater hielt sie zurück und so heftig, daß sie laut schrie. Der Dekan erklärte, daß er am Morgen früh wieder abreise, der Gipsmüller verließ mit seinen Töchtern bald das Hans. Am Morgen führte ein Knecht den Dekan nach der Stadt, Alban wirtschafte im Hause umher, als wäre gar nichts geschehen; er schien den Plan in der That ausführen zu wollen, bei Lebzeiten des Vaters keinen öffentlichen Widerstreit anzufachen. Der Bauer stand in der Stube und sah, die heiße Stirn an die Scheibe gedrückt, dem widerspenstigen Sohne zu. Ein Gedanke durchfuhr ihn, und er bäumte sich hoch auf. Er trat zu Alban und befahl ihm einen Sack Kartoffeln aufzuladen und in den Keller zu tragen. Alban gehorchte, der Vater folgte ihm, er befahl ihm, den Sack in einem abgesonderten Verschlage auszuleeren. Kaum war Alban darin, als der Vater hinter ihm zuriegelte und ein Schloß vorlegte. »Was soll das?« fragte Alban. »Ich will dich in Schatten stellen, daß dich die Sonne nicht verbrennt.« Mit einem heftigen Griff und noch einem riß Alban das Lattenwerk zusammen und stieg heraus; aber jetzt faßte ihn der Vater und warf ihn zu Boden. »Vater, was ist das?« rief Alban; »Vater, es ist keiner in der ganzen Gegend, der mich zwingen kann, Ihr könnet's, weil ich mich nicht wehren darf. Lasset los, auf diese Art zwinget Ihr mich nicht, so nicht.« »Aber so,« keuchte der Furchenbauer, er hatte sich sein Halstuch abgeknüpft und band damit Alban die Hände zusammen, dann schwur er, ihn nicht ans Tageslicht zu lassen, bis er nachgebe. »Du bist mit dabei gewesen,« schloß er, »wie ich gehört hab': in alten Zeiten hat der Vater über Leben und Tod seiner Kinder richten können. Ich bin noch aus der alten Welt. Ich will dir zeigen, daß ich's bin.« Er sprang behend die Treppe hinauf und wälzte mit ungewohnter Kraft ein Faß und mehrere Kartoffelsäcke auf die Fallthüre. Während dies im Keller geschah, hatte die Bäuerin ihre große Not im Hause. Bettelleute aus allen Himmelsgegenden waren angekommen, denn es war bräuchlich, daß der junge Lehnhold allerlei Geschenke bei der Gutsübernahme austeilte. Obedfüchti spielte lustige Tänze vor dem Haus. Die Bäuerin fand keinen Glauben, daß ihr Mann noch nicht abgehe, und sie brachte sich die Leute erst vom Halse, als sie Mehl und Schmalz und Brot und Kartoffeln unter sie verteilte. Sie seufzte endlich erlöst auf, da trat eine neue Gestalt ihr vor die Augen. »Dominik, was thust denn du da?« »Ich hab' gehört, daß, daß –« »Daß Untereinander bei uns ist, und da willst du ihn noch vergrößern?« »Nein, ich hab' eben sehen wollen, ob man mich nicht brauchen kann. Wenn ich unwert bin, kann ich schon wieder gehen, aber ich –« »Ich kann dir nichts sagen, ich weiß selber nicht, ob ich noch da hergehöre, ob ich noch auf der Welt bin, und jetzt kommst du auch noch, und jetzt geht die Geschichte mit dem Mädle noch einmal an.« »Ich hab' mit dem Alban was zu reden.« »Darf ich's nicht wissen?« Dominik erstarb die Antwort auf den Lippen, er starrte drein, als sähe er ein Gespenst. War das der lebende Furchenbauer oder sein umwandelnder Geist? Wenn er's selber war, hatte er sich in den acht Tagen fürchterlich verändert. Der Furchenbauer sah ihn steif an, seine Lippen zuckten, aber er sprach kein Wort, er wusch sich die Hände in der Küche und sagte endlich: »Weißt noch, Bäuerin? Wir haben einmal den Türkle an den Apostelwirt verkauft gehabt, und nach drei Tagen ist er wieder kommen mit dem abgebissenen Seil. Der da ist grad wie der Türkle.« »Ein Hund bin ich grad nicht,« knirschte Dominik. »Gehörst aber auch nicht hierher. Willst dir was zu essen holen? Siehst übel aus. Gelt, in Nellingen geht's magerer zu als bei uns?« »Ich will zum Alban,« sagte Dominik stolz. »Such' ihn, wo er ist,« antwortete der Bauer. Ohne eine Erwiderung abzuwarten, ging der Bauer nach der Stube. Dominik ging auch davon, er schaute um und um, aber er sah Ameile nicht. Er stand wieder draußen vor dem Hofe. In einem Acker am Wege grub ein Mann eine Grube, eine sogenannte Miete, um die rings umher aufgehäuften Futterrüben einzukellern. Man sah von dem Manne nichts als seine Mütze und die Schaufeln voll Erde, die er herausschleuderte. »Guten Tag!« rief Dominik. Der Mann dankte und streckte seinen Kopf aus der Grube heraus, es war Vinzenz. Er war hocherfreut, den Dominik zu sehen, und schloß damit: »Könntest mir wohl helfen.« Dominik war dazu bereit, sprang rasch in die Grube und ergriff die Haue. »Wo ist dein Alban?« fragte Dominik während des Arbeitens, und Vinzenz erwiderte lachend: »Ich hab' ihn nicht im Sack. Weiß wohl, er ist dir Geld schuldig, er kann dir jetzt bar heimzahlen, er kriegt genug. Wie viel ist er dir schuldig? Soll ich's zurückhalten von seinem Zukommen?« Dominik verneinte, und seine Mienen erheiterten sich. Er hatte jetzt die Gewißheit, daß das Gerücht in jeder Weise gelogen hatte, Alban war so wenig beschädigt als der Furchenbauer, und um jenen war ihm doppelt bange gewesen, denn Vater und Mutter thaten so verlegen, als er seiner erwähnt hatte. Der Vinzenz war äußerst frohgemut und zutraulich gegen Dominik, ja er sagte ihm: »Wenn du zu mir hältst und den Alban zurechtbringt, da will ich dir was sagen: ich hab' nichts dagegen, im Gegenteil, ich helf' dir dazu, wenn dich mein Ameile will, sie kriegt auch ein schönes Vermögen; der Alban heiratet dann sein' Vreni, und du und das Ameile, ihr gehet alle miteinander nach Amerika, da könnet ihr euch mit dem Geld einen Hof kaufen, zehnmal so groß als der da, und ihr zwei, ihr seid ja Bauern oben 'raus, ihr könnet den Hof hinstellen, daß es eine Pracht ist. Das ist doch gewiß ehrlich und gutgemeint gesprochen. Kann man aufrichtiger sein? Wenn ich nicht so in dem Unglück wär', ich thät's gleich, ich thät's, um den Frieden zu erhalten. Man muß den Vater vor allem ehren. Ich hab' kein Wort dagegen gesprochen, wie er den Alban zum Lehnhold hat machen wollen, er soll selber sagen, ob ich nur Laut geben hab'; aber jetzt bin ich Lehnhold, und jetzt bleib' ich's, und was der Vater festgesetzt hat, muß man in Ehren halten.« Noch nie hatte Dominik eine so lange und eindringliche Rede von Vinzenz gehört; der in sich gekehrte, wortkarge Bursche schien durch seine ausgesprochene Würde plötzlich viel reifer, viel offener und einsichtiger. Dominik machte der Gedanke, daß er einen Beistand im Hause habe, um Ameilen zu gewinnen, die Wangen glühen; freilich war Vinzenz nicht der eigentlich genehme und war ihm doch noch nicht ganz zu trauen, aber er ist doch jetzt der eigentliche Herrscher im Hause, und an der Seite Ameiles und mit Alban in die weite Welt ziehen, da ist die Ferne nicht mehr fremd, da hat man gleich den liebsten Anverwandten an der Hand. Es war aber eine seltsame und doch natürliche Umbiegung des Gedankens, als Dominik jetzt fragte: »Und dir thät's gar nichts ausmachen, wenn deine Geschwister in die weite Welt gingen und du weit und breit niemand mehr hättest?« »Was geht denn das dich an?« sagte Vinzenz zornig. »Ich bin zu gutmütig, daß ich so viel mit dir red'. Ich will den Frieden, und ich hab' gemeint, du auch. Du vermagst viel beim Alban, mehr als wir alle, und es wär' dein Glück auch. Ich red' aber nichts mehr. Ich brauch' dich nicht und brauch' keinen Menschen.« Während Dominik grub, entdeckte er in seiner Seele einen verborgenen ungekannten Schatz: der Hirzenbauer hat recht, mit der Gutheit allein führt man nichts aus. – Jetzt hatte Dominik ein Mittel, das seinem Verlangen Nachdruck verschaffte, er mußte seinen Einfluß auf Alban verwerten, er mußte Vermittler, gewiß vor allem zum Frommen Albans, aber auch zu seinem eigenen sein. Aus Trübsal heraus und noch mitten in ihr empfand Dominik eine nie gekannte Glückseligkeit; denn nicht nur die begeisterte, mit Hingebung erfüllte That erhebt das Herz mit innerster Erquickung: auch das Bewußtsein, die Lebensbegegnisse mit kluger Umsicht zu handhaben und auszubeuten, vermag ein gleiches. Dominik war in dieser Stunde zum festen Manne gereift, er sah, daß er die Augen besser aufmachen müsse, daß er nicht mehr demütig und mit Kleinem zufrieden nach innen gekehrt, sondern klug und beherzt sich und seinen Vorteil geltend machen müsse. Während man die Rüben in die Grube schüttete, kam der Bauer auch herbei. Er stand verdutzt. »Was thust du noch da?« fragte er Dominik, und Vinzenz erwiderte: »Ich hab's ihn geheißen und lasset es dabei, Vater. Lasset nur uns zwei machen, und Ihr werdet sehen, es geht alles gut aus. Der Dominik hat was, und damit kann er den Alban um einen Finger wickeln.« »Was denn?« Halb aus Verschlagenheit, halb auch, weil er doch noch nicht recht wußte, was er sagen sollte, that Dominik sehr geheimnisvoll, aber nichtsdestominder zuversichtlich. Der Bauer sah ihn starr an und ging, ohne ein Wort zu reden, nach dem Hofe zurück. Dominik und Vinzenz vollendeten die Miete, der letztere wollte die Sache nur rasch abthun, aber Dominik ließ sich von seiner Sorgfalt nicht abbringen, er bedeckte zuerst Boden und Wände der Grube mit Stroh und schüttete dann die Rüben hinab. Nachdem er sie mit einer Lage Stroh zugedeckt, wollte er für jetzt aufhören, aber seine Einwendung half nichts, daß man noch eine Weile, bis es gefriere, die Frucht verdunsten lassen müsse. Vinzenz befahl ihm streng, sogleich Erde darauf zu schütten, und er mußte willfahren, er ließ aber trotz Scheltens über sein Besserwissen nicht ab, Strohwische in die Höhlen zu stecken, damit die Frucht nicht ersticke. Mitten in Unruhe und innerer Hast that Dominik jede Arbeit, die er zur Hand nahm, vollkommen. Wer über solch ein Thun nachdenken mag, wird wissen, was das zu bedeuten hat. Flüchtig eingeholt und abermals davon. Als Ameile mit dem Kind an der Hand in die Stube trat, wie erstaunte sie, den Dominik hier zu sehen; er stand neben Vinzenz, gerade dort an der Kammerthür, wo sie im Ringen um ihn niedergefallen war. Sie wußte sich jetzt nicht anders zu helfen, als sie nahm das Kind auf und umhalste und küßte es mit Inbrunst. »Wo ist der Alban?« hieß es allgemein. Man suchte, man rief im ganzen Hause, nirgends eine Antwort, nirgends eine Spur. Man setzte sich zu Tisch, der Platz Albans blieb leer. Der Bauer aß fast gar nicht, er schärfte sich immer die Lippen mit den Zähnen. Hätte nicht wieder das Kind bei Tische gesprochen, man hätte keinen Laut gehört. Als abgegessen und gebetet war, sagte der Bauer zu Dominik: »Ich muß dir's noch einmal sagen, deines Bleibens ist nicht da. Ich brauch' dich nicht.« »Aber der Vinzenz hat gesagt, ich soll bleiben, und ich geb' nicht, bis ich mit dem Alban gesprochen hab',« erwiderte Dominik. Der Bauer atmete rasch auf und warf dabei den Kopf zurück, aber er hielt an sich, und in diesem Augenblicke erschrak alles im Hause: eine Kutsche fuhr in den Hof. Kommen schon die Gerichtsleute, und wer hat sie geholt? Spitzgäbele stieg aus und nach ihm zwei fremde Männer. Das waren keine vom Gericht. Der Furchenbauer ging ihnen entgegen . . . Die Welt geht ihren Gang fort in Handel und Wandel, mag Wirrnis da und dort herrschen. Spitzgäbele brachte die beiden Männer, die Aepfel einkauften. Auf dem landwirtschaftlichen Bezirksfeste hatte der Furchenbauer eine große Masse davon versprochen, und wie kam jetzt die Erfüllung zur Unzeit! Der Furchenbauer that freundlich und unbefangen; und doch brannte es ihm im Innern. Er hatte gedacht, seinen Alban zu befreien, er hatte sich doch übereilt, und jetzt konnte er es vor den fremden Menschen nicht. Wer weiß, was der wilde, nun doppelt verhetzte Bursch im ersten Augenblick anfängt? Der Furchenbauer mußte im wahren Sinn des Wortes in einen sauren Apfel beißen und zwar in mehr als einen: er mußte seine Frucht proben und proben lassen, er mußte die Männer im Garten, in den Scheunen geleiten und zuletzt in die Stube führen, und Spitzgäbele ließ nicht ab, bis der Furchenbauer den fremden Herren zeigte, was für einen guten Tropfen ein Oberländer Bauer im Keller hege. Glücklicherweise war der Weinkeller ein andrer als der, darin der Gefesselte lag. Spitzgäbele war auch eine Art Patriot, er machte sich stolz damit, den fremden Herren zu zeigen und zu erklären, was hier zu Lande ein Bauer sei. Wie war es dem Furchenbauer zu Mute, als er jetzt seinen übermäßigen Reichtum und den Segen der geschlossenen Güter preisen hörte, und wie bei einem solchen Bauer »die Zeinsle singen«, denn man nennt Zeisige und Zinsen Zeinsle. Es wurde Nacht, bevor Spitzgäbele mit seinen Herren davon fuhr, sie hatten hier gegen 400 Simri Aepfel eingekauft. Während der Furchenbauer mit den Fremden zu thun hatte, stand Ameile wieder bei Dominik im Garten. »Ich hab's gewußt, daß du kommst, du hast müssen kommen,« sagte sie nach den ersten Begrüßungen. »O Dominik! Wie sieht's bei uns aus. Ich thät' sterben vor Gram, wenn ich nicht dich hätte. Laß dich nur nicht verscheuchen, du mußt da bleiben; ich muß einen Beistand haben, es kann jeden Augenblick auch gegen mich losgehen. Du bist mein' Hilf' und mein' Zuflucht und mein alles.« Natürlich war Alban bald der einzige Gegenstand des Gesprächs. Ameile konnte sich gar nicht erklären, wohin er verschwunden war; die Mutter glaubte, daß er nach der Stadt vor Amt sei; sie aber habe ihr nicht gesagt, wie sie in seiner Kammer nachgesehen, da seien all seine Kleider, und er sei nicht ein solcher, der unordentlich in die Welt hinaus laufe. Sein Gesangbuch sei aufgeschlagen, und weinend sprach sie die Ahnung aus, daß sie fürchte, Alban habe sich ein Leides angethan, er habe am Sonntag, als sie allein mit ihm war, so viel vom Tode gesprochen. Dominik beruhigte sie, soviel er vermochte, und die frische Stärke des Gemütes, die er heute erst in sich erweckt, sowie der Umstand, daß er allein nicht erhitzt von dem Gehetze der vergangenen Tage aus der Ferne eine gewisse Ruhe mitbrachte, alles das übte endlich einen beschwichtigenden Einfluß auf Ameile. Dennoch war es Dominik nicht wohl dabei, und er sagte, er wolle auf den Hellberg gehen, Alban sei gewiß dort bei der Vreni. Beruhigt mit dieser Auskunft ging Ameile nach dem Hause und Dominik nach dem Hellberge. Zum Nachtessen kam Dominik nicht in die Stube, Ameile brachte ihm Speise in die Stallkammer und hörte, daß Alban seit zwei Tagen nicht auf dem Hellberge gesehen worden sei. Der Vater war heute voll Unruhe und brummte immer in sich hinein. Er schickte alles früh zu Bett, aber Ameile konnte nicht schlafen und hörte jeden Tritt . . . Als alles still im Hause war, schlich der Vater nach dem Keller. Er versuchte es, jetzt die Säcke und das Faß von der Fallthüre zu wälzen, aber die Kraft versagte ihm, er setzte sich ermattet nieder und rief: »Alban!« Keine Antwort. »Alban, ich bin's, dein Vater ruft.« Immer noch lautlose Stille. Dem Vater standen die Haare zu Berge. Hätte sich Alban ein Leid angethan? Kam er zu spät? Mit bebender Stimme rief er: »Alban, du bist mein gutes Kind, Alban, sei fromm und brav, thu' mir das nicht an, es stoßt mir das Herz ab. Alban, du bist ein Schandbub', du bist nicht wert, daß man dich erwürgt. Alban, gib Antwort, sei brav, sei brav, ich will dir ja alles, alles thun, gib Antwort –« »Was wollt Ihr thun?« rief eine Stimme von unten, und der Bauer atmete frei auf. Alban lebte. Er antwortete lange nicht, und erst auf die wiederholte Frage von unten sagte er: »Du wirst jetzt einsehen, daß ich recht hab', du mußt's einsehen, du hast dich im stillen besonnen. Guck, ich könnt' ja warten, ich könnt' ja gar nicht abgeben, so lang ich leb' und mein Testament machen, und das muß dann gehalten werden, und das müssen die Gerichte schützen; aber ich will nicht, auch nach meinem Tod sollen die Amtsleut' sich nicht in meine Sach' mengen, und ich möcht' auch noch meine Kinder verheiratet und auch noch Enkel sehen. Ist das ein schlechter Vater, der das will? Sag', willst du allem folgen, was ich thu?« »Nein.« »Dann siehst du das Tageslicht nicht, bis du anders wirst.« Der Bauer erhob sich und schlich wieder langsam die Treppe hinauf in seine Schlafkammer . . . . . Sie nahm ihre Kleider in ihren Arm Und ging wohl zu der Scheuer. Das Wort aus dem Lied erneuert sich. Aus dem ersten Schlaf wurde Dominik geweckt. Ameile rief ihm. Sie hatte des Vaters nächtigen Gang belauscht und kam jetzt, Dominik das Gräßliche zu künden, was sie vernommen; sie sprach so verwirrt, daß Dominik sie nicht recht verstand, sie bat ihn, ihr zu helfen, die schweren Lasten von der Fallthüre wegzunehmen, und so viel stellte sich endlich heraus, daß Alban gefangen war. Ameile wollte, daß man ihn insgeheim befreie, aber sie staunte, als Dominik sagte: »Nichts geheim! Dein Vater muß wissen, was wir thun. Er darf uns nicht wehren. Das ist unmenschlich! Er muß froh sein, daß wir nicht unter die Leut' bringen, was er thut. Jetzt haben wir ihn in der Hand, jetzt muß er thun, was wir wollen. Komm, Ameile.« Nur wie ein flüchtiger Blitz erkannte Ameile, welch ein kräftiger Mut in Dominik erwacht war. »Du bist unser aller Heil,« rief sie, und seine Hand festhaltend eilte sie mit ihm nach dem Hause. Dominik weckte alles mit lauter Stimme, als er Alban aus dem Keller rufen hörte. Der Vater, die Mutter und Vinzenz kamen herbei, und Alban stieg aus dem Keller empor und starrte sie an wie ein vom Tod Auferstandener. Dominik hielt den Alban in seinen Armen und sagte: »Thu' nichts, was Gott verboten hat, die Hand, die sich gegen den Vater erhebt, wächst aus dem Grabe.« Alles war still, der Furchenbauer trommelte mit den Fingern auf dem Faß. Die Mutter umhalste ihren geliebten mißhandelten Sohn, und jetzt hörten die Kinder ein entsetzliches Wort aus ihrem Munde gegen den Vater. »Du bist ein Untier und kein Mensch,« rief sie ihm zu. Man ging nach der Stube, die Mutter wusch dem Alban selbst die Hände und das Antlitz und trug ihm Essen auf. Der Vater wollte aus allem einen Scherz machen, Alban redete kein Wort; er aß ruhig und ging dann mit Dominik schlafen. Als ihm Dominik den gutmeinenden Plan des Vinzenz darlegte, lachte er vor sich hin. Verhetzt und in den Abgrund gestürzt. Der Tag graute kaum, als Alban einen der Fuchsen gesattelt aus dem Stall zog, er schwang sich behend auf und ritt im Nebel zum Thor hinaus und davon. Ohne Aufenthalt wie ein Feuerbote jagte er im raschen Galopp dahin, und er war in der That ein Feuerbote, er wollte in der Stadt Schutzmittel suchen gegen den Brand, der in seinem elterlichen Hause entflammt war. In der Stadt angekommen und ganz brennend vor Zorn befiel ihn doch noch einmal Bangigkeit darüber, daß er einen Familienzwist vor die Gerichte bringen sollte; die alte strenge Zucht war doch noch mächtiger in ihm, als er geahnt hatte. Er glaubte sein Auge nicht aufschlagen zu können vor dem Richter, dem er die Sache vorbringe. Der Kreuzwirt, noch ein standfester Republikaner, dessen Wirtschaft darum auch von vielen, die es mit dem Amte nicht verderben wollten, gemieden wurde, galt für einen klugen Advokatenkopf, und ihm entdeckte sich nun Alban zuerst, ohne ihm jedoch alles und namentlich die letzte Mißhandlung zu sagen. Der Kreuzwirt erklärte, daß Alban nichts anfangen könne, so lange der Vater lebte; man könne ihn nicht zwingen, sein Gut abzugeben auf diese oder andre Weise; er traute sich indes doch nicht ganz und riet Alban, nach der nächsten Stadt zu reiten, wo der Sohn des Hirzenbauern als Rechtsanwalt wohne. Alban schien das nicht genehm. Er ging aus und stand geraume Zeit vor dem Oberamtsgericht, ohne sich entscheiden zu können, ob er hineingehen solle oder nicht. Da sah er in der Oberamtei eine Frauengestalt am Fenster, er grüßte hinauf, man dankte freundlich. Alban ging hinauf zur Frau Oberamtmännin. Sie öffnete selbst den Treppenverschlag und hieß ihn eintreten; sie fragte ihn nach Ameile, nach dem Vater, nach Dominik und seinem eigenen Befinden. Alban gab anfangs nur stotternde und oberflächliche Auskunft. Sein Blick schweifte wie verloren in der Stube umher. Ist denn dieses Haus auf derselben Erde, auf der sein väterliches stand? Wie ist hier alles so geregelt, so fein, wie spricht aus allem eine Ruhe; und doch ist das nur ein Stockwerk höher über den Stuben, wo die gräßlichsten Händel, Mord und Totschlag, Raub und Betrug verhandelt werden. Und dazu diese begütigende Stimme der Frau. Alban hatte ein solches von Bildung und zarter Sitte erfülltes Hauswesen schon einmal kennen gelernt im Hause des Direktors der Ackerbauschule, aber jetzt erschien ihm alles wieder so fremd, so traumhaft schön. Die Oberamtmännin verstand es, seine Gedanken zu sammeln, und mit einer wie elegisch gebrochenen Stimme erzählte ihr nun Alban alles. Sie stand oft unwillkürlich auf, wenn er ihr eine Herbheit berichtete, setzte sich aber schnell wieder und bat Alban fortzufahren. Zuletzt sagte sie ihm, daß ihr Mann morgen nach Reichenbach müsse, sie werde vielleicht mitkommen und ihn wo möglich bewegen, daß er auf den Furchenhof fahre und dann solle alles rein freundschaftlich ohne den Amtsweg geschlichtet werden, denn das stehe fest, Alban könne nicht mehr bei seinem Vater bleiben. Während dieser noch herzlich dankte für die getreue Annahme, kam ein Dienstmädchen und meldete Dominik. Die Frau Oberamtmännin hieß ihn eintreten. »So? Da treff' ich dich?« sagte Dominik zu Alban und richtete einen Gruß von Ameile an die Oberamtmännin aus, mit der Bitte, sie möge so bald als möglich auf den Furchenhof kommen, der Vater habe Respekt vor ihr, und sie könne viel machen. Die Oberamtmännin gab nun feste Zusage, und auf dem Weg nach dem Wirtshause sagte Dominik zu Alban: »Dein Vater hat mich dir nachgeschickt, du sollst ja nicht vor Gericht gehen. Er will alles thun.« »Will er teilen?« »Das glaub' ich nicht, aber sonst Erkleckliches, und wenn du nachgibst, ist's mein Glück auch.« »Ich geh' nicht um ein Haarbreit ab von dem, was ich gesagt hab',« erwiderte Alban, ohne auf das letzte zu hören, und im Zorn rief Dominik: »Es ist doch so. Du bist grad wie dein Vater, grad so unbändig.« »Meinetwegen, und es wird sich zeigen, wer stärker ist.« Im Kreuz traf man den Klein-Rotteck. Alban bat ihn, doch auch morgen früh auf den Furchenhof zu kommen und ihm beizustehen. Der Klein-Rotteck lehnte entschieden ab, er mische sich nicht in fremde Händel, da putze sich jedes an einem ab. Auf des Dominik Zureden und auf dessen leisen Zusatz, daß er ihm zulieb kommen möge, zumal er es ihm ja versprochen habe, ihm beizustehen, sagte endlich der Klein-Rotteck mit einem Handschlag zu. Der Hirzenbauer war sehr betrübt, obgleich er heute einen Prozeß gewonnen hatte. Seine Ortseinwohner hatten ihn wirklich verklagt, weil er sein Gut geteilt hatte, kein Advokat aus der Nachbarschaft hatte sich dazu hergegeben, den Klägern eine Eingabe zu machen, sie hatten aber einen Winkeladvokaten, einen sogenannten Entenmaier gefunden, der ihnen die Sache als sehr bedeutsam und erfolgreich darstellte; ja, er hatte behauptet, die Advokaten hätten nur deshalb keine Klagschrift gemacht, weil sie alle Parteigenossen des Klein-Rotteck seien. Nun hatte der Klein-Rotteck heute den Prozeß in erster Instanz gewonnen, aber das sah er, er hatte keine Nachbarn mehr, das sind lauter Feinde, ja, sie denunzierten jetzt bei Gericht, was er im Jahr 1848 gesprochen, und wäre der Richter nicht doch noch wohlwollend gewesen, er hätte einen neuen Strick für ihn drehen können. Alban und Dominik ritten miteinander heimwärts, Alban war wild und voll Jähzorn, und Dominik erkannte wieder, daß solch ein reicher Bauernsohn ganz anders geartet ist als ein armer Knecht; solch ein Haussohn ist nicht so leicht zufrieden gestellt und vergibt nicht so schnell. Er erzählte Alban, um ihn zu beruhigen, daß der Vater ihn ja auch dreimal mit Schande aus dem Hause gewiesen habe, und er sei doch geblieben, aus Anhänglichkeit, und um Frieden zu stiften. Diese Mitteilung machte aber die verkehrte Wirkung, denn Alban sagte: »Das beweist eben wieder, daß du kein' Ehr' im Leib hast.« Es war schon Nacht, als man am Hellberg ankam, vom Hause schimmerte Licht, und die Klarinette der Obedfüchti tönte ins Thal. Alban stieg ab und befahl Dominik, das ledige Pferd an der Hand heimzuführen. Dominik riet ihm, jetzt zu den Eltern nach Hause zu gehen, die seiner sehnsüchtig harrten, aber Alban erwiderte: »Ich bin drei, ja vier Tage sind's, nicht dort gewesen. Ich muß wieder hin.« Raschen Schrittes sprang er den Berg hinan. Die Obedfüchti spielte sich allein etwas vor in ihrer zerfallenen Behausung. Ein Hund schlug auf Alban an. Was ist das? Das ist ja der Greif. Wie kommt der daher? Alban eilte die Treppe hinan, Vreni kam ihm entgegen. »Geh nicht hinein,« sagte sie. »Warum? Wer ist da?« »Dein Vinzenz.« »Was will er?« »Nur Gutes. Er hat dem Vater auch vierhundert Gulden versprochen, daß er mit uns kann, wenn du mit mir auswandern willst. Alban, jetzt werden wir ja glücklicher, als wir's je gedacht haben. Jetzt leg' deinen Stolz ab, und es ist alles gut.« »Für deinen Vater sorg' ich und nicht mein Bruder. Er hat nicht mehr als ich auch. Ich und die Meinigen, wir nehmen nichts geschenkt. Laß mich.« Er riß sich von Vreni los und stürmte in die Stube. Vinzenz zuckte zusammen, als er ihn sah. »Du hast nichts da zu schaffen. Marschier' dich,« gebot Alban. »Das Haus ist mein,« entgegnete Vinzenz, »und ich kann dich 'nausjagen.« Der Nagelschmied stellte sich vor Alban, und Vinzenz verließ die Stube. Der Nagelschmied redete nun dem Alban gütlich zu, und dieser sagte endlich, er müsse seinem Bruder nach und noch einmal im guten mit ihm reden. Er eilte von dannen und rief seinen Namen. Unweit des Felsens, dort, wo sie vorgestern am letzten Marksteine gesessen, von dorther hörte Alban das Bellen eines Hundes, und eine Stimme rief: »Fass' ihn!« Der Greif sprang wie ein Tiger an Alban empor, aber dieser kam ihm zuvor, faßte ihn am Genick und schleuderte ihn in die Schlucht. »Du hetzest den Hund auf mich!« schrie Alban, rannte nach seinem Bruder, packte ihn, und stumm rangen die beiden miteinander; da polterte es, es war kein Geländer da, und fest einander umklammernd, stürzten die beiden den Felsen hinab, und der Bach spritzte auf. Wo ist dein Bruder. Dunkle stille Nacht war's, als Alban erwachte. Er griff um sich, und schaudernd prallte er zurück, er faßte ein Menschenantlitz. Die Erinnerung tauchte in ihm auf, das war Vinzenz, sein eines Auge glitzerte starr in der dunkeln Nacht. Er rief ihn mit Namen, er wusch ihm das Antlitz, kein Laut, keine Bewegung. Er legte sein Ohr an das Herz des Bruders. Ach zu spät! Dieses Herz schlug nicht mehr. Er rief laut um Hilfe zu Gott und den Menschen, vergebens, keine Antwort ertönte. Er raffte sich auf und trug den Bruder in den Armen am Bachesufer fort, er riß sich blutig an dem Felsen, aber er ließ nicht los. Jetzt schritt er in den Wald, aber er brach zusammen unter der Last, und laut weinend warf er sich auf sie nieder und sprang dann davon, durch die Nacht hin immer: »Vinzenz! Vinzenz!« rufend. Er stand vor dem elterlichen Hause, alles kam ihm entgegen. »Wo ist dein Bruder?« fragte der Vater. »Im Walde, tot,« stöhnte Alban, und ein Blutstrom quoll ihm bei diesen Worten aus dem Munde. Der Vater riß die Axt aus der Thürpfoste und wollte auf Alban los, Alban kniete nieder wie ein Opferlamm; aber Dominik fiel dem Vater in den Arm und schleuderte ihn zurück mit den Worten: »Habt Ihr nicht genug Elend, wollt Ihr noch mehr?« »Du legst Hand an mich?« schrie der Furchenbauer »Ja, ich,« erwiderte Dominik trotzig. Er hob Alban in die Höhe und fragte ihn, wo Vinzenz liege. Alban bezeichnete die Stelle, dort, wo er am Tage vorher im Unmute mit dem Beil das Geländer hinabgeschleudert hatte. Die Knechte, die fremden Drescher, die in den Scheunen schliefen, wurden aufgeboten, und mit Fackeln zog man hinaus: Alban wollte mit, aber beim ersten Schritt brach er zusammen und mußte in die Stube getragen werden. Durch den nächtigen Wald lief der Furchenbauer mit der Fackel und rief immer: »Vinzenz! Vinzenz!« so daß er zuletzt nur noch mit heiserer Stimme den Namen lallen konnte. Es wurde Tag, aber das war kein Tag, ein fester Nebel stand über Berg und Thal, man ging in Wolken, man sah nicht Himmel, nicht Erde, kaum den Schritt breit, wo man stand. Im Haupthaar und im Barte des Furchenbauern stand der eisige Reif, und nur noch vor sich hin murmelte er den Namen: Vinzenz. Man fand Vinzenz an der bezeichneten Stelle nicht, Alban mußte nicht recht gewußt haben, wo er ihn abgelegt. Der Tag stieg höher, aber der Nebel wich nicht, er war mit Händen zu greifen, als sechs Mann auf einer Bahre aus Baumstämmen die Leiche des Vinzenz daher brachten. Unter dem Hofthore drückte ihm der Vater das eine Auge zu, dieses Auge, das so vorwurfsvoll drein starrte. Keine Thräne kam über die Wange des Furchenbauern, und starr schaute er auf die Frau und auf Ameile, die bei dem entsetzlichen Unglück doch weinen konnten. Man hatte einen reitenden Boten nach dem Arzte geschickt, er kam zugleich mit dem Oberamtmann und dessen Frau, und bald darauf fuhr auch der Hirzenbauer in den Hof. Der Nagelschmied mit seiner Vreni kam auch, und durch alle hindurch drang Vreni, und niemand wagte es, sie abzuhalten, daß sie zu dem Kranken eilte. Wie war jetzt der Hof so voll von fremden Menschen, und von den eigenen war der eine Sohn tot, und der Arzt erklärte jeden Belebungsversuch vergebens, und der andre hatte vielleicht eine Todeswunde und raste mit seiner letzten Kraft! Der Oberamtmann ging nach dem Felsen, um den Thatbestand in Augenschein zu nehmen, er fand die unverzeihliche Fahrlässigkeit: den Mangel eines Geländers. Die Oberamtmännin blieb bei den Frauen und erwies sich in allem ordnend und hilfreich. Im Leibgedingstüble lag die Leiche des Vinzenz, der Vater saß dabei, und noch immer hörte man keinen Laut von ihm; das Wort, das zuerst über diese starren zusammengepreßten Lippen ging, mußte Zerschmetterndes bekunden. Als der Hirzenbauer zu dem Trauernden eintrat, wies er ihn mit der Hand hinaus und verhüllte sein Angesicht mit beiden Händen. Der Hirzenbauer ging, aber bald nach ihm trat der Gipsmüller ein; auch ihm wurde gewinkt, wegzugehen, aber er folgte nicht; er setzte sich, ohne ein Wort zu reden, neben seinen Schwager, und so saßen die beiden Männer stumm nebeneinander, vor ihnen die Leiche. Im Hofe war es lautlos still, nur bisweilen hörte man den raschen Hufschlag eines Pferdes; kein Taktschlag aus den Scheunen ertönte, selbst die fremden Drescher, die nicht im Taglohn standen, feierten, ihre Hände zitterten noch, sie hatten die Leiche getragen, und auf dem Heu saßen sie bei einander und sprachen leise davon, wie elend doch auch der große Reichtum machen könne. Alban war in Ruhe gesunken, der Arzt verordnete, daß man ihm Schnee aufs Haupt lege. Ein Drescher und der Kühbub wurden mit Kübeln nach dem zwei Stunden entfernten hohen Berge geschickt, wo es bereits geschneit haben sollte. Ein Knecht wurde mit einem der Fuchsen nach der Stadt in die Apotheke geschickt. Um Mittag begannen die Drescher plötzlich zu dreschen, und Alban erwachte laut schreiend: »Wo ist dein Bruder?« Er klagte, daß ihm jeder Schlag das Hirn träfe. Dominik eilte, den Dreschern Einhalt zu thun. So viele Hände waren zu beschäftigen, und man dachte nicht daran, sie müßig zu lassen. Dominik befahl ihnen, die Aepfel auf den Wagen zu laden, der Furchenbauer hatte ihm gesagt, daß er sie heute abliefern wolle, und der Nagelschmied fand sich bereit, die Ablieferung zu übernehmen. Man konnte dem großen Leide im Hause in nichts beistehen, es blieb nichts übrig, als die Arbeit zu vollführen, die der Tag verlangte, Dominik wußte selber oft nicht, was er thun sollte, und stand oft mitten in einem raschen Gang müßig und selbstvergessen da, bis er dessen inne wurde und hin und her rannte und immer wieder vergaß, was er gewollt hatte. Ameile kam jetzt zu ihm, das Kind hing sich an ihren Rock und ließ nicht ab von ihr, sie sagte, man müsse das Aepfelschütteln aufgeben, Alban klage: das Poltern der Aepfel sei ihm, als schütte man die Schollen auf sein Grab. Jetzt endlich wurden die Arbeiter zum Müßiggang beordert. Der Oberamtmann stand beim Hirzenbauer am Brunnen, und sie wogen miteinander hin und her abermals die Vorteile und Nachteile der geschlossenen Güter. Der Hirzenbauer sagte: »O, Herr Oberamtmann! Ich habe auf der Versammlung und öffentlich nicht alles sagen können, und ich mag's noch nicht sagen, was für Schandbarkeiten mit dem geschlossenen Erbgang verbunden sind. Der Furchenbauer da hat das traurige Glück gehabt, daß ihm fünf Kinder als klein gestorben sind. Ich weiß wohl, daß mit dem Zerteilen neues Unglück haufengenug kommt, aber kann man's anders machen, und darf man?« Der Oberamtmann war heute besonders freundlich mit dem Hirzenbauer, denn er erkannte den, wenn auch starren, doch reinen Gerechtigkeitssinn des Mannes. Als der Hirzenbauer und der Oberamtmann mit seiner Frau wegfuhren, kam gerade der Kühbub mit einem Kübel voll Schnee, er war vorausgeeilt, der Drescher blieb klugerweise noch einige Stunden auf dem Berge, um dann mit frischem Schnee zu kommen. Bald traf auch der reitende Bote aus der Apotheke ein. Alban duldete niemand um sich als Vreni und Dominik, selbst die Mutter und Ameile durften sich ihm nicht nahen. Einen Tag und eine Nacht saß der Furchenbauer bei der Leiche seines Sohnes und aß nicht und trank nicht und sprach kein Wort. Als man am Morgen darauf die Leiche des Vinzenz zu Grabe führte, schwankte er am Stabe, den Alban ihm geschnitten, hinter der Leiche drein. Erst auf dem Kirchhof, wo er die eingesunkenen Kreuze an den Gräbern der Kinder sah, die Vinzenz vorausgegangen waren, brach er zum erstenmal in lautes und heftiges Weinen aus. Auf der Heimfahrt – der Gipsmüller that es nicht anders, er mußte sich auf den Wagen setzen – sprach der Furchenbauer das erste Wort zu seinem Schwager, und die zitternde Hand erhebend sagte er: »Gott hat mich hart gestraft, aber er hat mir doch recht gegeben, mein Gut bleibt doch bei einander.« Gleich nach dem Leichenbegängnis führte der Nagelschmied Amrei nach Siebenhöfen. Seit der Zerrüttung des Hauses weinte das Kind unaufhörlich nach seiner Mutter und verging fast vor Heimweh. Alban hatte nichts davon gemerkt, als man die Leiche seines Bruders fortbrachte, jetzt, da man das Kind fortführte, merkte er es auf seinem Krankenlager und sagte vor sich hin: »B'hüt dich Gott, Amrei.« Der Vater, der sich bisher gar nicht um Alban gekümmert, war jetzt sorglich bedacht um ihn; er hörte still nickend, daß Alban ruhig sei, aber keinen Schlaf finde; daß er alles bis aufs kleinste erzählt habe, wie es ihm ergangen und wie er dem Bruder im guten nachgeeilt sei; er nickte still zu diesen Berichten. Selber durfte er sich Alban noch am wenigsten nahen, denn dieser schrie wie rasend auf, als er zu ihm trat, und sogar wenn er ungesehen in der Stube war, merkte es der Kranke und war voll fieberischer Hast, die er augenscheinlich zu bekämpfen suchte. Der Zustand Albans war veränderlich, der Arzt wollte trotz allen Drängens keinen ganz tröstlichen Bescheid gehen. Eines Tages mußte alles die Stube verlassen, nur Dominik und Vreni durften zurückbleiben. Die beiden mußten Alban im Bett aufrichten, und er sprach: »Dominik, es wird alles dein. Meinem Peiniger vertrau' ich's nicht. Gib mir deine Hand drauf, daß du dem Nagelschmied und meiner Vreni mein Erbteil gibst. Mein' Vreni ist vor Gott mein.« Dominik reichte die Hand und sagte: »Du bist nicht so krank, aber du kannst's gerichtlich machen, wenn du willst, wenn's dich beruhigt.« »Ich will nichts mehr vom Gericht. . . . Familiensache. . . . Ich glaub' dir . . . und wenn du Kinder bekommst, sei gerecht. Gerechtigkeit. . . . Wo ist dein Bruder? . . . Gerechtigkeit . . .« Das waren die letzten hellen Worte, die Alban sprach, er raste noch mehrere Tage besinnungslos und befand sich oft in der großen Volksversammlung und schrie: »Ruhe! Stille! Bravo!« Mit den Worten: »Wo ist dein Bruder?« hauchte er seinen letzten Atem aus. Seine Wangen waren rot. Als man dem Furchenbauer den Tod seines Sohnes berichtete, stampfte er zornig auf, und seine Faust ballte sich. »Das ist sein letzter –« schrie er, er verschwieg die andern Worte. Er mochte es als eine Unthat seines Sohnes betrachten, daß er ihm durch den Tod seine letzte Hoffnung zerstörte, sein Gut kam in fremde Hand. Bald nach Alban begrub man auch die Mutter, sie hatte niemand ihr Leid geklagt, und eines Morgens fand man sie tot im Bette. Der Furchenbauer, der nun Dominik als einzigen Erben vor sich sah, redete ihm viel zu, daß er ihm verspreche, wenn er Kinder bekomme, das Gut nie zu teilen. Dominik weigerte dies und sagte zuletzt, er habe dem sterbenden Alban das Gelöbnis gegeben, gerecht gegen jedes seiner Kinder zu sein. Der Furchenbauer ging starr und stumm im Hofe umher, er redete mit niemand und ging durch Stall und Scheunen wie ein Gespenst. Im Wald ließ er sich eine alte Tanne hauen, sie zu Brettern versägen und brachte sie selbst auf den Hof. Im Frühling, am selben Tag, als der Nagelschmied mit seiner Familie auswanderte, fand mau den Furchenbauer plötzlich tot. Dunkle Gerüchte gingen über seine Todesart. Man hat nie etwas Bestimmtes darüber erfahren. Der neue Lehnhold. Aus der zerrissenen Erde sprießt die Saat, auf den Gräbern wachsen Blumen. Trübe Schwermut lagerte auf dem Gemüt des Dominik wie Ameiles. Die Oberamtmännin war eine milde Trösterin, denn sie kam jetzt im Frühling auf mehrere Wochen auf den Hof. Sie fand eine Erquickung darin, in die Tiefe der Gemüter zu schauen, die ihre Empfindungen nicht in Worten ausdrücken können, sie aber hatte die Macht des Wortes, und wie linder Balsam heilten sie die Wunden. Was ihr im großen und umfassenden nicht gelingen wollte, gelang ihr im einzelnen; das Herz der Höherstehenden einte sich mit denen, die im beschränkten Lebenskreise verharren. Es war nicht Gefühllosigkeit, sondern unverwüstlicher Lebensmut, daß Ameile sich fast bälder in das Unabänderliche fügte und sich der Heiterkeit nicht verschloß wie Dominik, aber auch diesem gelang es endlich. Oft betrachtete Ameile mit Wehmut die Karte des Hofgutes, die Alban in jenem letzten friedlichen und hoffnungsvollen Winter gezeichnet. Das war das einzige, was von ihm übrig geblieben, und die Karte hing noch an derselben Stelle, wo sie die Mutter aufgehängt hatte. An die Mutter und an Alban mußte Ameile oft denken, und die beiden waren ja auch immer dem Dominik gut gewesen. Dann aber strich sie sich wieder rasch über das Gesicht, und alle Wehmut war daraus weggenommen. Man mag es Eitelkeit nennen, es war aber weit mehr stolze Siegesfreude und die Lust am Wohlthun, was Dominik empfand, als er vierspännig nach Nellingen fuhr, um seine Mutter zur Hochzeit abzuholen. Er hatte jetzt das doppelte Verlangen, seiner Mutter noch recht viel Freude zu bereiten, er hatte nichts von ihr empfangen als das nackte Leben, und wie gräßlich war es denen ergangen, die ihre Kinder mit Reichtum auszustatten vermochten. Die Hochzeit wurde still gefeiert, die Oberamtmännin und die Mutter des Dominik gingen an der Seite Ameiles, Dominik ging zwischen dem Hirzenbauer und dem Gipsmüller zum Traualtar. Ameile trug zur Freude ihres Mannes und aller Anwesenden einen besonderen Schmuck auf der Brust: sie hatte die Denkmünze des Dominik an einen Henkel fassen lassen und trug sie an der Granatenschnur. »Das ist mein schönster Ehrenschmuck,« sagte sie lächelnd beim Hochzeitsmahl. Dominik behielt seine Mutter bei sich auf dem Furchenhof. Sie hatte allezeit über ihre Söhnerin in Nellingen geklagt; sie hatte jetzt glückselige Tage; aber sie hielt es doch nicht lange aus, sie hatte Heimweh nach der keifenden Söhnerin, nach den Nachbarn und vor allem nach den Kindern ihres ältesten Sohnes. Dominik brachte sie wieder nach Nellingen und versorgte sie gut. Erst als auf dem Furchenhof das erste Kind geboren wurde, kam sie wieder und blieb dort. Auf dem landwirtschaftlichen Feste fehlt Ameile nie und ist allezeit im Geleite der Oberamtmännin; der Dominik sitzt jedesmal neben dem Hirzenbauer und ist einer der angesehensten Großbauern. Bei der letzten Heimfahrt vom landwirtschaftlichen Bezirksfeste war der neue Furchenbauer gar lustig, und er sagte zu seiner Frau: »Bäuerin,« – denn so redet er sie jetzt auch nach herkömmlicher Art an – »ich kann dir nicht sagen, wie wohl mir's doch wieder auch ist, und wie glückselig ich bin. Wenn ich so in ein Wirtshaus komm', und ich lass' mir geben, was der Brauch ist, und da denk' ich bei mir: und du kannst's bezahlen und es thut dir nichts. Ich mein' oft noch, ich sei der Kühbub, und dann wird mir's doppelt wohl, daß ich jetzt so dasteh' und mir was erlauben darf.« »Und das sollst du recht oft thun und dir auftragen lassen nach Herzenslust. Du bist manchmal noch ein bißle zu genau. Ich denk' auch bei den Armen immer daran, daß wir auch für die Toten ihr Teil Gaben geben müssen. Aber da ist's schon wieder, hilf mir, daß ich nicht immer und bei allem dran denk', wie meine Brüder und meine Eltern aus der Welt gegangen sind.« »Ich will dir schon helfen. Drum denk jetzt nicht dran. Du bist halt ein Prachtweible. Eine andre hätt' gewiß gesagt: Nimm dich in acht und laß dich nicht verleiten! man vergißt gar bald, wo man herkommen ist. Du kennst mich aber, und du gunnst mir was Gutes, und du hast nicht bang, daß ich dir dein' Sach verthu'.« »Mein Sach? Es ist alles so gut dein wie mein. Du weißt, was mein Ehrenschmuck ist, aber du mußt auch nie vergessen, daß du jetzt ein Großbauer bist.« »Und meine Kinder sollen nicht vergessen, was ihr Vater gewesen ist. Und wenn ich zehn Teile machen muß, ich will sie schon so herrichten. daß ein jedes glücklich und zufrieden sein kann.« *           * * Am Allerseelentag brennen auf dem Kirchhof neun Lichter ganz nahe bei einander, es sind die für den Furchenbauer, seine Frau und seine Kinder. Dominik und Ameile knieen mit ihren Kindern betend dabei, und erst wenn die Lichter verlöscht sind, kehren sie heim in ihre Behausung, wo einst so viel Leidenschaft und Jammer war und jetzt ein stiller Friede waltet. Der Viereckig oder die amerikanische Kiste. »Ich glaub' nicht an Amerika,« sagte einst die alte Lachenbäuerin in der Hohlgasse, als man ihr vielerlei und darunter auch Fabelhaftes von dem fernen großmächtigen Land erzählte. Die Leute erlustigten sich über diese einfältige Rede, denn die Lachenbäuerin hatte keineswegs damit nur sagen wollen, daß sie nicht an die Verheißungen und Hoffnungen Amerikas glaube, sie erklärte sich einfach dahin, sie glaube überhaupt nicht an das Dasein von Amerika, das sei alles lauter Lug und Trug. Sie bemühte sich dazu nicht zu mehr Beweisen, als die Großen am spanischen Hofe gegen Kolumbus vorbrachten, sie glaubte eben nicht an Amerika, und fester Unglaube läßt sich ebenso wenig überführen als fester Glaube. Wenn heutigestags jemand im Dorf durch irgend welche Hindernisse nicht nach Amerika auswandern kann, hilft er sich mit der Scherzrede: »Ich glaub' nicht an Amerika, wie die alte Lachenbäuerin.« Es gibt aber auch landauf und landab kein Haus mehr, in dem man nicht den lebendigen Beweis vom Gegenteil hätte. Da ist ein Geschwister, dort ein Verwandter oder auch nur ein Bekannter in Amerika, man weiß den einzelnen Staat zu nennen, in dem sie sich angesiedelt haben, man hat Briefe von ihnen gelesen und gehört. Im Wirtshaus des entlegensten Dorfes, wo man aus einem guten Schoppen Kräftigung oder Vergessenheit trinken will, schreibt mitten aus den Tabakswolken eine Zauberhand ihr Mene Tekel an die Wand; da legen zwei Hände sich brüderlich ineinander, da segelt ein buntgeflaggtes Schiff auf grüner See und in flammenroten Buchstaben leuchtet die Botschaft: »Nach Amerika!« Verschwunden ist alles Selbstvergessen; der Geist, der sich in sich versenken und begnügen wollte, wird mit Zaubergewalt hinausgetragen auf das unabsehbare Wellenwogen der Ueberlegungen und Beratungen. Freilich ist bei dieser Schrift keine Zauberei, sie ist nur ein Meisterstück der Buchdruckerkunst, und die zahllosen Auswanderungsexpeditionen: die Bruderhand, das treue Geleit, die sichere Obhut, die glückliche Zukunft, und wie sie sich alle nennen – Auswanderungsagenten mit ihren Helfershelfern, Wirten, Schulmeistern und Krämern, sorgen dafür, daß man allerorten eingedenk sein muß, wie weit wir es in der Kunst Gutenbergs gebracht haben. Ist der Blick aber auch nur flüchtig von diesen Zeichen gefesselt worden, so muß auch das Wort ihm folgen, und Menschen die ihr Leben lang kein anderes Fahrzeug gesehen, als das Floß, das eilig an der Wiese vorbeischwimmt, darauf sie mähen, sprechen von gekupferten Dreimastern, vom Leben in Vorkajüte und Zwischendeck. Menschen, die es daheim nicht zu einer handbreit Erde bringen können, sprechen von Kongreßland und den tausend Morgen, die sich leicht erwerben lassen. – Amerika schickte uns einst die Kartoffel, die, in der Alten Welt heimisch und zum Bedürfnis geworden, in hunderterlei Art bereitet und genossen wird; man kann fast sagen, das Gespräch über Amerika ist auch eine Art von Kartoffel: das wird gesotten und gebraten, in hunderterlei Art bereitet und sogar zum berauschenden Trank hergerichtet. Wie erlaben und erhitzen sich oft die Sonntagsgäste an der Kartoffel in Trank und Wort, und kehren sie dann heim in ihre Berufungen, so kommen sie aus dem fernen Land zurück, und spät in der Nacht wird noch mit der Frau überlegt, ob man nicht auch auswandern wolle, dahin, wo man nicht mehr zinse und steuere; jedes kleine Ungemach hebt alsbald ganz hinweg von dem gewohnten Lebensboden, und noch am Morgen bei der Arbeit ist es oft, als ob die Luft von selbst das Wort Amerika spreche; mit Sichel und Sense oder der Pfluggabel in der Hand, schaut der Bauer oft aus, als müßte plötzlich jemand kommen, der ihn abrufe nach dem gelobten Land Amerika. – Glückselig, wer sich bald wieder findet und sich tapfer wehrt auf dem Boden, darauf Geburt und Geschick ihn gestellt. Es wäre thöricht, die unabsehbare Befruchtung und den großen, alles bewältigenden Zug der Menschheitsgeschichte in dem Auswanderungstriebe verkennen zu wollen. Das hindert aber nicht, ja fordert eher dazu auf, die Herzen derer zu erforschen, die, vom Einzelschicksale gedrängt, in die Reihen der Völkerwanderung eintreten, deren weltgeschichtliche Sendung unermeßbar und den einzelnen, die mitten im Zuge gehen, unverkennbar ist. Daneben ist es von besonderem Belang, zu beobachten, welche Wandlung solch ein Trieb, der die ganze Zeit ergriffen, im beschränkten Lebenskreise der Scheidenden und Verbleibenden hervorbringt. Der Statistiker stellt, manchmal mit Bedauern, die Summe derer zusammen, die in diesem und diesem Jahre das Vaterland auf ewig verlassen; er ermißt, welche Arbeite und Kapitalkraft dadurch dem Vaterlande entzogen wurde; die innere sittliche Macht aber, die den Zurückbleibenden dadurch entzogen und anbrüchig geworden ist, läßt sich nicht in Zahlen fassen und nicht in die Linien der statistischen Tabellen eintragen. Wandert über Berg und Thal, und der Lastträger, der sich euch anschließt, stemmt seinen Stock unter die Last auf seinem Rücken, und ausschnaufend erzählt er euch, wie man in Amerika für seine harte Arbeit doch auch etwas vor sich bringe und wie er gern dahinzöge, wenn er nur die Ueberfahrtskosten erobern könnte. Dort in jener Hütte wohnt ein altes Paar, einsam und verlassen; es hat seine Kinder, die Freude und Stütze seines Alters, übers Meer geschickt, damit es doch mindestens ihnen wohlergehe, und ist bereit, den Rest seiner Tage einsam und freudlos zu verbringen, wenn nicht die Kinder es zu sich rufen. In einem andern Hause klagt eine arme Verwandte ihre bittere Not, und ein noch nicht fünfjähriger Bub sagt: »Sei zufrieden, Base, wenn ich groß bin, geh' ich nach Amerika und schicke dir einen Sack voll Geld.« Der Dienstbote spart seinen Lohn zusammen und stellt die Rahmenschuhe weg, die er zu Georgii und Michaeli bekommt, und über alles zunächst Vorliegende hinaus schweift der Gedanke nach Amerika. Das ganze diesseitige Leben wird zu einem mühseligen unruhigen Samstag, hinter dem der lichte amerikanische Sonntag verheißungsvoll winkt. – Hatte jener Bauer recht, der da sagte: »Wenn eine Brücke hinüberginge übers Meer, es bliebe kein einziger Mensch mehr da«? Tretet in die Hallen des öffentlichen Gerichts und der ewige Endreim heißt: nach Amerika. Der Brandstifter wollte mit den Versicherungsgeldern – nach Amerika, der Dieb mit dem Erlös seines Diebstahls – nach Amerika; die Kindsmörderin wollte mit ihrem Verführer – nach Amerika, und da er sie verließ, tötete sie ihr Kind, um sich allein zu retten – nach Amerika, ja selbst der verurteilte Verbrecher tröstet sich, daß er im Zuchthaus so viel erübrigen könne, um auszuwandern, oder gar, daß man ihm die Hälfte seiner Strafzeit schenke und ihn fortschicke – nach Amerika. Aber nicht nur Verarmte, die sich nicht aufraffen und sich der Hoffnung hingeben, daß die Gemeinde oder der Staat sie endlich übers Meer sende, und nicht nur Verbrecher, die sich mit kecker Hand das Lösegeld aneignen, schauen aus nach Amerika; auch die Menschen, die sich wieder darein gefunden haben, mutig und rechtschaffen auf ihrer Stelle auszuharren, im Lande zu bleiben und sich redlich zu nähren, auch diese tragen oft zeitlebens die untilgbaren Folgen davon, daß sie einst eine andre Sehnsucht über sich kommen ließen. Nur starke Naturen oder solche, denen nichts tief geht, überwinden die Unruhe und die Untätigkeit, die auf lange nicht aus der Seele weichen will, welche einst den Gedanken der Auswanderung in sich gehegt hatte. – »Ich glaub' nicht an Amerika,« sagen nun aber auch ganz andre Leute, als die alte Lachenbäuerin. Die Strömung der Auswanderung hat sich auch schon gestaut und ist eine Zeitlang rückwärts gegangen. Viele in Verzweiflung heimgekehrte Auswanderer wissen gar Schauererregendes zu erzählen von der Neuen Welt; denn getäuschte Hoffnung macht bitter, läßt das Gute an einer Sache leicht übersehen oder gar verleugnen, und wer von einem Unternehmen abgelassen hat, das er unter der gespannten Aufmerksamkeit andrer mit großem Eifer versucht hat, der muß die Hindernisse als ungeheuerliche darstellen, um mit seiner Ehre desto besser dabei wegzukommen. Da wird die ehemalige blinde Lobpreisung jetzt zur blendenden Verleumdung. Freilich sind die Gaunereien, die in Amerika unter allerlei Masken oder auch ganz offen freies Spiel haben, oft fabelhaft keck und abenteuerlich, mit Verleugnung alles sittlichen Gefühls und rücksichtsloser Ausnutzung des Nebenmenschen und seines hingebenden Vertrauens; freilich bildet dort die Selbsthilfe, auf die jeder angewiesen ist, sich oft auch zur lieblosen Selbstsucht auf, und wer von seiner eigenen Kraft verlassen ist, ist ganz verlassen. Aber weil eben die Hoffnungen für Amerika zu hoch gespannt, zu träumerisch unklar waren, weil man ein Fabelreich daraus machte, und amerikanisches Wohlleben zu einem Aberglauben geworden war, ist dieser jetzt vielfach in Unglauben umgeschlagen und – »Ich glaub' nicht an Amerika« heißt es jetzt mit der alten Lachenbäuerin, und das hat sein Gutes. Es wird jetzt aufhören, daß jeder, der mit seiner Hoffnung oder mit seiner Thätigkeit in die Brüche gekommen ist, alsbald das Weite sucht und alles Heil von der Neuen Welt erwartet, und von dieser wird sich eine klare und gerechte Anschauung ausbreiten, die nichts vom Aberglauben und nichts vom Unglauben hat, sondern die Bedingungen des alten und des neuen Lebens entsprechend würdigt. – – Des Lachenbauern Xaveri ist der Enkel jener Alten, die den Spruch that: »Ich glaub' nicht an Amerika,« aber der Xaveri mußte daran glauben, und zwar auf seltsame Weise. Das war ein unbändiges Gelächter am Rottweiler Markt, vor dem Wirtshause zur Armbrust! Auf einem sattellosen Apfelschimmel saß ein halbwüchsiger Bursche, breitschulterig, mit einem wahren Stiernacken, darauf ein Kopf von gewaltigem Umfange ruhte, die braunen Haare, die geringelt von selbst emporstanden, machten den Kopf noch umfangreicher, und eben war man daran, diesem Haupt die entsprechende Bedeckung zu verschaffen. Der Reiter hielt mitten im Marktgewühl vor einer Bude, und ein Hut nach dem andern wurde ihm hinausgereicht, aber er gab sie alle wieder zurück. Ein älterer Bauer faßte das Pferd am Zügel und führte es samt dem Reiter durch die drängenden Menschen nach einer andern Bude. Der frühere Versuch wurde hier erneuert, ein Hut nach dem andern wanderte auf das gewaltige Haupt des Reiters und wieder hinab, braune, schwarze und graue Hüte von jener neuen Form, die ohne das Verbot der hohen Regierungen die Menschen verschiedener Bildungsstufen wenigstens der Form nach unter einen Hut gebracht hätte. Man reckte und zerrte die Hüte, man spannte sie über die Form, aber dennoch war keiner passend. Der Bursche hielt den Zügel des Pferdes und die schwarze Zipfelmütze, die er abgethan, krampfhaft in der linken Hand. Eine große Menschenmenge hatte sich bald leise, bald laut spottend um ihn versammelt; da rief einer laut: »Der Xaveri hat einen viereckigen Kopf.« »Es ist beim Blitz wahr, für dich findet sich kein Deckel, reit nur heim, du Malefizbub,« rief der Mann, der früher das Pferd am Zügel nach der andern Bude geführt hatte, und jetzt schrie alles laut spottend: »Der Viereckig! der Viereckig!« Der Reiter nahm die lederüberzogene neue Peitsche, die er über die Brust gespannt hatte, und hieb damit nach dem, der zuerst »der Viereckig« gerufen hatte; aber dieser war rasch entschlüpft, und als der Reiter in langsamem Schritt durch die Menge weiter ritt, rief ihm alles nach: »Der Viereckig! der Viereckig!« Die dicken Lippen des Reiters schwollen noch mächtiger an, er schärfte sie bisweilen mit den Zähnen und murmelte Unverständliches vor sich hin, und als er das Menschengedränge hinter sich hatte, peitschte er das Pferd, daß es vorn und hinten ausschlug, und jagte im wilden Galopp davon. Manchen, der still mit sich allein oder laut selbander mit seinem Rausche dahinwandelte, und manchen, der mehr als nüchtern sein unverkauftes Vieh heimtrieb, hatte er in raschem Ritte fast über den Haufen geworfen, aber er hörte kaum das Fluchen und Schelten hinter sich drein, ja schnelle Steinwürfe erreichten ihn nicht, denn das schwerfällige Pferd trug ihn fast mit Windeseile davon. Gedanken sind aber doch noch schneller, und wir können den Reiter darum leicht geleiten und ihn näher kennen lernen. Es gab keinen keckern, meisterlosern Buben im Dorfe, als des Lachenbauern Xaveri. Der Lachenbauer – er hieß nicht so, weil er viel lachte, das konnte dem finstern und kargen Manne niemand nachsagen, sondern weil sein Haus neben der Pferdeschwemme, der sogenannten Lache, stand, und nicht weit davon war das allgemeine Waschhaus – der Lachenbauer hatte seine heimliche Freude an all den losen Streichen seines Sohnes Xaveri, und wenn man ihm darüber klagte, pflegte er zu sagen: »Haut ihn, das macht ihn fest; das gibt einen Kerl, der Bäum' umreißt, und ich hab' nichts über ihn zu klagen, mir folgt er aufs Wort.« Es war fast keine Hand im Dorf, von der nicht Xaveri schon seine Schläge bekommen hatte. Das konnte ihn aber nichts anfechten, im Gegenteil, er gedieh wacker dabei, er war halsstarrig und hartschlägig; was er einmal wollte oder nicht wollte, davon brachte ihn nichts ab. Seine Hauptheldenthaten vollführte der Xaveri an Sommerabenden bei der Pferdeschwemme und in den Nächten beim Waschhaus. Wenn die Männer und Burschen an Sommerabenden ihre Pferde in die Schwemme ritten, oder auch nur, am Ufer stehend, sie an langem Leitseile hineintrieben, so daß die Tiere ihre Nüstern ausbliesen und die Mähnen schüttelten, dann mußten sie den Xaveri mit hineinreiten oder ihn die Peitsche regieren lassen; wollten sie sich dem nicht fügen, so traf unversehens ein Kiesel Reiter oder Pferd. Wie aus der Luft kam der Wurf geschleudert, man konnte nicht sagen, kam er vom Giebel aus dem Hause des Lachenbauern, aus einer Hecke am Weiher oder von irgend einem Baume, das aber war sicher, daß er aus der Hand des Xaveri kam, dessen man nur selten habhaft werden konnte; geschah dies, so erhielt er seinen ungemessenen Lohn, aber wie gesagt, das geschah doch nur selten, denn der Xaveri war schlau und behend wie eine wilde Katze. Beharrlichkeit, auch in schlimmen Streichen, übt immer eine gewisse siegreiche Macht. Die Männer und Burschen konnten bei allem Aerger nicht umhin, eine gewisse Freude an dem unbändigen Buben zu haben, und es wäre auch mißlich, ihm im Zorn nachzuspüren, da man bei vergeblichem Forschen noch wacker ausgelacht wurde. So kam es, daß der Xaveri immer freiwillig aufgefordert ward, die Pferde mit in die Schwemme zu reiten, und da er nicht auf allen Pferden sitzen konnte, erteilte er solche Gunst an diesen oder jenen Altersgenossen und machte sie sich dienstpflichtig; aber keiner war so geschickt wie der Xaveri, er stand barfuß auf dem Pferde und trieb es in das Wasser bis über die Mähne und lenkte es mit einem Zungenschlage wieder zurück. Hatte er die Männer und seine Altersgenossen sich dienstpflichtig gemacht, daß sie ihm ihre Pferde zur Verfügung stellen mußten, so erpreßte er fast wie ein Raubritter von den wehrlosen Frauen und Jungfrauen Essen und Trinken, was ihm gelüstete, und mancherlei Gunst. Man konnte aufpassen, wie man wollte, unversehens fand man den Zapfen an der Laugengelte ausgezogen und die angefeuchtete Asche, die in einem Tuche über die Wäsche ausgebreitet war, in dieselbe gestürzt, ja sogar die ausgehängte Wäsche war nicht sicher und wie von Geisterhänden herabgerissen und erbarmungswürdig zusammengeballt. Das konnte niemand anders gethan haben, als des Lachenbauern Xaveri. Die Frauen und Mädchen lockten ihn darum an sich, gaben ihm von ihrem Kaffee und Kuchen, versprachen ihm Obst, und was er begehrte, und trieben oft ganze Nächte im Waschhause allerlei Scherz und Neckerei mit ihm, so daß man weithin Lachen und Johlen vernahm. Hatte sich der Xaveri nicht bewegen lassen, im Waschhaus zu bleiben, so kam er oft mitten in der Nacht in allerlei Gespenstergestalt daher, und der Jubel war aus dem Schrecken heraus ein noch höherer. Eine besondere Macht erwarb sich der Xaveri noch dadurch, daß er von neidischen, boshaften oder eifersüchtigen Frauen und Mädchen dazu eingelernt wurde, irgend ein verborgenes Stelldichein zu stören oder geheime Wege zu vertreten. Der Xaveri war noch nicht zwölf Jahre alt, als er bereits Verhältnisse im Dorf kannte, die vielen erst im späteren Alter offenbar wurden, er war aber auch nach Gunst und Laune verschwiegen und war natürlich der Kobold des Dorfes in Scherzen und Schelmenstreichen. Es herrschte die allgemeine Stimme im Dorf: »Der Xaveri wird einmal ein fürchterlicher Mensch,« und jedes that das Seine dazu, daß er das werde; manche aber sagten auch: »Aus so wilden Buben wird oft was ganz Besonderes.« Beides hörte der Xaveri oft, und er nahm sich beides gleich sehr zu Herzen, das heißt gar nicht. Im elterlichen Hause war der Xaveri folgsam, besonders gegen den Vater, gegen die Mutter erlaubte er sich schon manche Widerspenstigkeiten; einen unbedingten Untergebenen hatte er an seinem zwei Jahre älteren Bruder mit Namen Trudpert. Xaveri konnte thun, was er wollte, der Bruder half ihm immer heraus, ja er nahm manche Uebelthat auf sich, nur daß Xaveri verschont wurde; denn dieser hatte es ihm wie mit einem Zauber angethan. Eines Tages, es war im Winter – die alte Lachenbäuerin, von welcher der Spruch herrührt: »Ich glaub' nicht an Amerika,« war schon lange tot, und sie wäre jetzt auch anderer Ueberzeugung geworden – da war großes Hallo im Hause des Lachenbauern. Die Mutter hatte es nicht gestatten wollen, daß der Trudpert seinem jüngeren Bruder alles nachgebe, und hatte Xaveri deshalb geschlagen, bis sie müde war, und der Knabe schrie jämmerlich und schnitt Gesichter, aber ohne zu weinen; da kam ein armer Mann, der nach Amerika auswandern wollte, und bettelte um Dürrobst oder um etwas Leinenzeug für seine zahlreiche Familie. Im Zorn rief die Mutter: »Da, nehmt den bösen Buben mit nach Amerika.« »Ich geh' mit, gleich geh' ich mit,« rief Xaveri aufspringend, aber jetzt wälzte sich der Bruder auf dem Boden und schrie: »Mein Xaveri darf nicht fort, mein Xaveri muß dableiben.« »Schenk mir dein Sackmesser und deine Tauben,« unterhandelte Xaveri, und der Bruder gab trotz der widersprechenden Mutter alles und war glücklich, als er den Xaveri um den Hals fassen und mit ihm nach dem Taubenschlage gehen konnte. Von nun an hatte der Xaveri ein untrügliches Mittel, um von seinem Bruder alles zu erlangen; willfahrte er ihm nicht alsbald, so drohte er: »Ich geh' nach Amerika!« und damit erlangte er allezeit, was er wollte; denn dem Trudpert stand gleich das Wasser in den Augen, wenn er diese Drohung hörte. Auch sonst im Dorfe brachten die Leute den Xaveri oft dazu, daß er seinen Spruch hersagte: »Ich geh' nach Amerika.« Da die Leute an dem Xaveri nichts erziehen konnten und wollten, machten sie sich den genehmeren und weit anschlägigeren Triumph, ihn auf allerlei Weise zu verhetzen, indem sie ihm oft vorhielten, wie gut es die Kinder in Amerika hätten, da brauche man gar nicht in die Schule zu gehen, und die Buben säßen den ganzen Tag zu Pferde und ritten im Wald und Feld umher, und schon mit sechs Jahren bekäme ein Knabe eine Flinte, um Hirsche und Rehe zu schießen. Die Leute waren merkwürdig erfinderisch im Ausmalen von allerlei Ungebundenheit, und der Schreiner Jochem, der mit seiner Familie auswanderte, trieb seine Gemütlichkeit so weit, daß er mit Xaveri ein Komplott einging und ihm versprach, ihn heimlich mitzunehmen. Xaveri kam richtig mitten in der Nacht, in der Jochem mit seiner Familie davonziehen wollte, zu demselben, brachte in einem Packe seine Kleider und in einem Sacke einen ziemlichen Vorrat von Dürrobst. Der Jochem packte das letztere zu unterst in eine große Kiste, schickte aber heimlich nach der Mutter des Xaveri und ließ sie ihren Sohn samt seinen Kleidern abholen. Das war der erste gewaltige Hohn und Betrug, den Xaveri in seinem Leben erfuhr, aber er verwand ihn bald wieder, zumal da die Mutter die ganze Sache und sogar den Raub am Dürrobst vor dem Vater vertuschte. Im Dorfe aber war der Vorgang dennoch ruchbar geworden, man ließ es nicht daran fehlen, den Xaveri in aller Weise zu necken, und er vergalt es durch noch übermütigere Streiche. In einer Kinderseele verschwinden leicht die Spuren der gewaltigsten Eindrücke; es hat sein Gutes weit mehr als sein Schlimmes, daß die jugendliche Spannkraft in ihrem freien Wachstum beharrt. Wer aber weiß, was in der schlummernden Kindesseele fortwaltet? Wenn von brausender Lokomotive ein brennender Funke in den offenen Kelch einer Blume fällt, vom Winde alsbald verweht und verlöscht wird, ihr seht keine Spur an dem offenen Kelche, aber an dem Boden, darin die Wurzel haftet, ruht die verlöschte Asche, fördernd oder verderbend. Wenn der Xaveri nicht seinen Bruder damit neckte, dachte er nicht mehr an Amerika, und nur einmal, als Kinder aus der Schule mit ihren Eltern auswanderten, trug er ihnen auf, dem »Schreiner Jochem drüben« Schimpf und Schande zu sagen; ja, er schrieb einen Brief an ihn mit den heftigsten Drohungen, wenn er nicht den Sack, worin das Dürrobst war, wieder mit Gold gefüllt zurückschicke. In seinem zwölften Jahre stand der Xaveri schon vor dem Gericht und wurde auf einen Tag eingesperrt. Im Dorfe war eine äußerst verhaßte Persönlichkeit, und zwar diejenige, die die öffentliche Ordnung überwachte. Der »Wulliseppli«, so genannt, weil er ehemals Wolle gesponnen hatte, war Ortspolizeidiener geworden und hatte von nun an den Namen »grausig Mall«, d. h. so viel als die grausame Katze, denn er war den Nachtbuben äußerst aufsätzig und konnte seine Augen funkeln lassen wie eine Katze. Nun nahmen die Bursche einst Rache an ihm, und dazu gebrauchten sie den Xaveri. Es war auf dem Tanz, da wurde der kleine Xaveri von den Burschen vor die Musikanten hingestellt, und er rief: »Aufgepaßt! es kommt ein neuer Tanz!« und sang den Musikanten ein Spottlied auf den »grausigen Mall« vor. Dieser war zugegen und wollte abwehren, aber die Burschen riefen: ».Du gehst 'naus! Du hast das Recht, erst um elf Uhr da zu sein! Du bist Polizei und nicht Gast!« Sie bildeten einen Knäuel und drückten den »grausigen Mall« hinaus; der aber rief: »Ich geh', und ich geh' zum Amt!« Nun war Lachen und Johlen und Singen, und der Xaveri wurde von allen auf den Armen herumgetragen. Der »grausige Mall« hielt Wort, und Xaveri stand mit mehreren Burschen vor Gericht. Man wollte wissen, woher er das Lied habe; er blieb dabei, er habe es morgens beim Tränken am Wettibrunnen gefunden. Er mußte das Lied vor dem Amtmann nochmals singen, der selbst darüber lachte; und da er dabei beharrte, niemand angeben zu können, wurde er auf vierundzwanzig Stunden eingesperrt. Als man ihn abführte, rief er: »Wer mich einthut, muß mich auch schon wieder austhun!« Man kann sich denken, welch eine bewunderte Persönlichkeit Xaveri nach dieser Heldenthat war. Er hatte den giftigen Zorn des »grausigen Mall« nicht zu fürchten, denn alle Burschen im Dorf waren seine Gönner. Unter allen im Dorf, die das Gemüt Xaveris verhetzten, stand das Zuckermännle obenan. Es gibt wohl in jedem Dorf einen besonderen Menschen, der seine eigene Freude daran hat, allerlei Wirrwarr und Feindseligkeit anzustiften, und zwar ganz ohne Eigennutz, wenn man nicht eben in der Freude an diesen Vorfällen einen Eigennutz sehen will. Das Zuckermännle, ein kleiner, schmächtiger Schneider, mit verschmitzten grauen Aeuglein in dem faltenreichen Gesichte, hatte, da es noch viel jünger an Jahren war, die alte Krämerin, die sogenannte Zuckerin, geheiratet; es hoffte, seine Alte bald los zu werden und sich dann ein frisches Weibchen nach seinem Sinne zu holen; aber die alte Zuckerin war zäh und dürr, der Tod schien gar kein Verlangen nach ihr zu haben; sie lebte zu besonderem Leidwesen ihres Mannes noch einunddreißig Jahre. Sie war erst diesen Frühling gestorben, und das Zuckermännle, das unterdes alt und grau geworden war, ging auf fröhlichen Freiersfüßen. Bei seinem früheren Hauskreuz war es ihm ein besonderes Labsal gewesen, den Xaveri zu allerlei Schelmenstreichen anzustiften, und er suchte dann mit heimlicher Schadenfreude die Beschädigten auf, um Mittel und Wege zu neuen Schelmereien zu entdecken. Seit Xaveri aus der Schule entlassen war, zog er sich von seinem ehemaligen Lehrmeister auffallend zurück; man hatte geglaubt, daß Xaveri, der Schulzucht entbunden, mit neuen losen Streichen sich zeigen werde, aber seltsamerweise war er arbeitsam und still, und man hörte nichts von ihm; ja, in der Sonntagsschule war er äußerst aufmerksam und ehrgeizig, und die Leute, die prophezeit hatten, daß aus dem Xaveri noch etwas Besonderes werde, frohlockten ob ihrer Weisheit. Es schien, als ob die gewonnene Freiheit und Selbständigkeit ihn geändert hätte. Mehrere Jahre gingen darauf hin, ehe man den rechten Grund erfuhr, und jetzt wunderte man sich, daß man ihn nicht schon früher bemerkt hatte. In diesem Frühling war Xaveri aus der Sonntagsschule entlassen worden; er war achtzehn Jahre alt und verstand, was es heißt, wenn die Blaumeise im Frühjahr singt: »D'Zit is do! D'Zit is do! D'Zit ist do!« Noch viel wahrer aber lauteten die Worte, die man dem Gesange eines andern Vogels unterlegt, denn nachahmend das Schwirren und Zwitschern heißt es, daß die Lerche singt: »'s ist e König im Schwarzwald, hat siebe Töchter, siebe Töchter: d'Lies ist d'schönst', d'schönst', d'schönst'.« Mit dem König konnte niemand anders gemeint sein, als der Pflugwirt im Dorf; er hatte zwar nicht sieben Töchter, aber doch fünf, und dazu nur einen Sohn, und aufs Wort hin war es nichts als Wahrheit, daß des Pflugwirts Lisabeth landauf und landab das schönste Mädchen war. Des Pflugwirts Lisabeth war mit Xaveri zugleich aus der Sonntagsschule entlassen worden, und er galt nun für deren öffentlich Erklärten, und keiner im Dorfe wagte ihm dies streitig zu machen, denn von Kindheit an war Xaveri von allen gefürchtet. Der Pflugwirt schien auch nichts gegen dieses offene Verhältnis zu haben, er hieß den Xaveri, den Sohn eines vermöglichen Bauern im Dorfe, stets bei sich willkommen und sah es mit Genugtuung, daß der Nachwuchs der jungen Burschen im Dorfe sich seinem Hause zuwendete, während bisher alles dem Wirtshaus zur Linde treu geblieben war; denn der Pflugwirt war ein Fremder, er war von Deimerstetten oder vielmehr von Straßburg ins Dorf gezogen, und war er nun auch schon mehr als achtzehn Jahre ansässig, er war doch noch ein Fremder, denn seine Frau war eine Elsässerin und er selber ein seltsamer Mann, vor dem man eine geheime Scheu hatte, wenn man seiner nicht bedurfte. Sein ganzes Gebaren hatte etwas Fremdes und Auffallendes; wenn er über die Straße ging, lief er allezeit so behend, als wenn er immer zu eilen hätte. Das ist im Dorfe besonders auffällig, wo man sich zu allem gern Zeit nimmt. Er mußte es noch von der Stadt her gewöhnt sein, an den Menschen vorüberzugehen, ohne sich um sie zu kümmern; er hielt nirgends stand, und wenn man ihn grüßte, dankte er kurz und knapp. Der Pflugwirt war vordem Hausknecht im »Rebstöckl« in Straßburg gewesen und bildete sich nicht wenig auf seine Welterfahrenheit und besonders auf sein Französisch ein. Um dieses letztere selbst nicht zu vergessen und noch einen Vorteil für seine Kinder daraus zu ziehen, sprach er mit seinem einzigen Sohne Jakob, den er Jacques nannte, nie anders als französisch und zwar elsässer-französisch. Der »Schackle«, wie er im Dorfe hieß, war vor den Leuten nur schwer zu bewegen, in der welschen Sprache zu antworten, und bekam deshalb viel Schläge. Im Dorf und in der Schule wurde er deshalb viel geneckt, und während die andern Kinder des Pflugwirts frisch gediehen, war der »Schackle« ein verbutteter unansehnlicher Knabe. Obgleich er viele Jahre jünger war, hatte Xaveri ihn doch zu sich herangezogen, und nur diesem Umstande verdankte er es, daß er in der Schule nicht täglichen Mißhandlungen ausgesetzt war. Seit kurzer Zeit hatte der Pflugwirt aber auch einen tatsächlichen Erfolg von seiner Weltgewandtheit und Sprachkenntnis; er war nicht nur Agent einer französischen Feuerversicherungsgesellschaft, sondern auch, was noch einträglicher war, Agent einer Auswanderungsexpedition, genannt: »Die Bruderhand.« Nun hatte er oft hin und her zu reisen und sah es gern, daß Xaveri viel in seinem Hause ein und aus ging, denn er half dem sehr unanstelligen »Schackle« sowie den Töchtern bei dem Feldgeschäfte. Xaveri war weit mehr im Pflugwirtshause als bei seinen Eltern, er war ohne Lohn fast der Knecht des Pflugwirts. Dies gab oft Streit zwischen ihm und dem Vater. Xaveri kehrte sich nicht daran. Seit einigen Wochen aber war er mißlaunisch und zanksüchtig, mehr als je. Von Deimerstetten, dem Geburtsorte des Pflugwirts, kamen sonntäglich die Burschen, und besonders einer, des Lenzbauern Philipp, warb offenkundig um Lisabeth, und diese schien es nicht unwillfährig aufzunehmen. Xaveri schalt mit Lisabeth, ja er klagte es dem Pflugwirt selber; aber dieser beruhigte die »Kinder« mit klugen Worten, und Xaveri war wohlgemut, da auch er sich als Kind des Hauses bezeichnen hörte. Nun hatte er heute zum Rottweiler Markt seine schwarze Zipfelmütze abthun und sich auch einen breitkrempigen Hut mit breitem Sammetband und einer hohen Silberschnalle, ganz wie des Lenzbauern Philipp von Deimerstetten, anschaffen wollen; darum war er im Geleit seines Vaters nach Beendigung des Pferdemarktes auf den Krämermarkt geritten, und dort beim Wirtshause zur Armbrust hatte er den fürchterlichen Schimpf erfahren, und der zuerst den Spottnamen »der Viereckig« gerufen hatte, war gerade des Lenzbauern Philipp von Deimerstetten gewesen, und alle Umstehenden, darunter auch viele aus seinem eigenen Orte, hatten ihn ausgelacht und verhöhnt. Darum raste jetzt der Xaveri in wilder Wut dahin, er hatte mit dem schönen Hut ins Dorf zurückkehren wollen, und jetzt kam er mit dem schändlichen Unnamen, und den hatte ihm sein Nebenbuhler gegeben. Hin und her rasten seine wilden Gedanken. Er haßte den Vater, der mitgeholfen, ihn zu beschimpfen, und noch dazu gelacht hatte; vor allem aber schleuderte er seinen bittersten Grimm auf des Lenzbauern Philipp, und wenn er selber darüber zu Grunde ginge, den wollte er krumm und lahm und zu Tode schlagen. Er überlegte nur noch, wie er das ins Werk setze. Der rasche Galopp hatte sein Ende erreicht; am Fuße des Berges, der nach seinem Heimatsdorfe führte, schnauften Roß und Reiter aus, und Xaveri schaute verwirrt umher, als ihn das Zuckermännle grüßte, das eben auch vom Markt heimkehrte. Es war ganz neu gekleidet, und seine fröhlichen Mienen schienen nichts zu wissen von dem Flor, den es um den Arm trug. Er lüpfte den neuen Hut und reichte ihn dem Xaveri, damit er erkenne, wie leicht und geschmeidig er sei. Xaveri erschien das als Hohn, er holte schon mit der Peitsche aus, um sie auf den alten Schelmenkopf zu schlagen, da erinnerte er sich noch, daß ja das Zuckermännle nichts von seiner Verspottung wissen könne; es war ja allen voraus davongeeilt. Ohne zu sagen, was ihm geschehen sei, und nur im allgemeinen von einer Beschimpfung sprechend, verlangte er von dem alten Schlaukopf einen Rat, wie er sich rächen sollte; so sehr aber auch das Zuckermännle darauf drang, Xaveri ließ sich nicht dazu bewegen, seinen Unnamen auf die Lippen zu nehmen, und lautlos ritt er dahin, das Zuckermännle ging im Schritt neben ihm. Im Dorfe ging Xaveri voll Unruhe hin und her, es waren die letzten Stunden, in denen er hier ohne den schändlichen Unnamen lebte. Jedem, der vom Markte kam, schaute er tief ins Gesicht, als wollte er ergründen, wer der erste Verkünder seines Schimpfes wäre. Endlich ging er nach dein Pflugwirtshause und erzählte hier der Lisabeth den ganzen Vorfall, aber noch immer ohne das Wort zu nennen. Er verlangte von Lisabeth, daß sie mit des Lenzbauern Philipp kein Wort mehr spreche, ja ihm sogar die Thür weise; aber sie weigerte ihm das eine wie das andre: hier sei ein Wirtshaus, und da müsse man jeden willkommen heißen. Es war schon Nacht, als die jungen Burschen von Deimerstetten, die auf dem Heimweg nach ihrem Dorfe durch Renkingen mußten, im Pflugwirtshause einkehrten. Xaveri saß am Tische, seine Augen rollten, und seine Fäuste ballten sich; bald verließ er die Stube, und man sah ihn hastig im Dorf hin und her rennen, aber nicht mehr allein, denn von Haus zu Haus vergrößerte sich sein Anhang; sie gingen endlich alle gemeinsam auch nach dem Pflugwirtshause, und wenn die Deimerstetter eine Maß Achter kommen ließen, so riefen die Renkinger: »Ein' Maß Zehner!« und wenn die Deimerstetter ein Lied begannen, sangen die Renkinger ein andres drein und überbrüllten sie. Der Pflugwirt beschwichtigte, so gut er konnte, der »Schackle« mußte die Deimerstetter bedienen, und die Lisabeth mußte sich zu den Ortsburschen setzen und durfte nicht vom Platze. Xaveri aber glaubte zu bemerken, daß sie feurige Blicke nach des Lenzbauern Philipp am andern Tische sendete; und jetzt rief dieser: »Lisabeth, frag einmal den Xaveri, warum er keinen Hut vom Markte mitgebracht hat?« »Wart, ich will dir einen Glashut aufsetzen, den man dir aus dem Kopfe schneiden muß!« schrie Xaveri, faßte eine Maßflasche, sprang damit über den Tisch und schlug nach dem Kopfe des Philipp. Durch die Abwehr des Pflugwirts und der Kameraden schlug er die Flasche nur an der Wand entzwei, und unter Geschrei und Toben gelang es endlich dem Pflugwirt, eine rasche Versöhnung herzustellen. Er behauptete, wer Feindschaft halte, der habe es mit ihm zu thun, er sei ein Deimerstetter und Renkinger in einem Stück; er gab selber eine Maß von seinem Besten als Freitrunk und brachte es endlich dahin; daß die Tische aneinander gestoßen wurden und die Burschen beider Orte zusammen saßen und tranken. Der Wein aus einer Flasche belebte die Zungen, und die gleichen Töne stimmten zusammen, aber doch mochte man beiderseits spüren, daß noch keine Einigkeit da war. Es war schon spät, als die Deimerstetter endlich aufbrachen, die Renkinger wollten ihnen das Geleit geben, der Pflugwirt aber suchte sie davon zurückzuhalten, und es gelang ihm bei mehreren, daß sie in seiner Stube blieben. Der Xaveri mit wenigen seiner Genossen beharrte aber dabei, daß er das Geleit gebe, und man ließ ihn ziehen; er war nun an Zahl den Deimerstettern nicht überlegen, und diese waren berühmt wegen ihrer Stärke. Durch das Dorf ging man still und wohlgemut miteinander. Xaveri hatte den Plan, erst draußen im Hohlweg die Feinde anzugreifen, aber unversehens platzte er am letzten Hause des Dorfs heraus und fragte den Philipp: »Sag, Philipp, sag noch einmal, wie hast du mich auf dem Markte geheißen?« »Laß gut. sein, es ist ja vorbei.« »Nein, sag's nur, ich will's noch einmal hören, sag's! Du mußt! Hast's vergessen?« »Nein, aber ich sag's nicht!« »So thu's, oder ich werde wild.« »Du hist ein närrischer Kerl, ein Wort lauft ja an einem 'runter.« »Ich will's aber noch einmal von dir hören, nur noch einmal.« »Viereckig ist besser als rund,« sagte ein andrer Bursche, und kaum hatte Xaveri diese Worte gehört, als er eine Baumstütze am Wege ausriß und den Philipp traf, daß er zu Boden stürzte. Nun erhob sich allgemeines Schreien, Schlagen und Fluchen, und es hallte weit hinein durch das Dorf. Der Nachtwächter eilte herbei mit seiner Hellebarde und einer Laterne, ihm folgte der »grausig Mall« mit dem Gewehr über der Schulter. Ihr Ruf nach Ruhe wurde nicht gehört, denn wie ein wilder Knäuel wälzte sich alles am Boden. Da schoß der »grausig Mall« über ihren Köpfen weg, und in wilder Flucht stob alles auseinander. Einen aber, der mit Steinen nach ihm warf, glaubte der »grausig Mall« zu erkennen, er verfolgte ihn, und im nahen Wald stellte er sich ihm selber, drang auf den Verfolger ein und rang heftig mit ihm. Der Polizeisoldat riß sich los, faßte sein Gewehr und zerschlug auf dem Haupte seines Gegners den Kolben in Stücke; gleich als wäre nichts geschehen, entfloh der Bursche, und höhnend rief der Polizeisoldat: »Lauf du nur, ich erkenn' dich schon morgen, ich hab' dich gezeichnet. Man wird dir ein Lied singen, das du nicht am Wettibrunnen gefunden hast.« Als der »grausig Mall« ins Dorf zurückkehrte, kam ihm wunderbarerweise, die Arme auf den Rücken übereinander gelegt, der Xaveri entgegen und grüßte ihn zuvorkommend. »Ich will dir morgen groß Dank sagen,« erwiderte der »grausig Mall« und ging, um sogleich alles Vorgekommene dem Schultheiß zu melden. Am andern Morgen war eine seltsame Verhandlung beim Schultheißenamt. Xaveri bekannte offen, daß er bei der Rauferei gewesen, aber er leugnete beharrlich, mit dem »grausigen Mall« in eine persönliche Berührung gekommen zu sein, und staunend sah der Diener der öffentlichen Ordnung ihn an; der Xaveri mußte einen Kopf härter als Stahl und Eisen haben, denn nicht die Spur irgend einer Verletzung war daran zu bemerken, und Xaveri war so lustig wie je. Der Schultheiß, ein Vetter Xaveris, ließ die Verhandlung nach dieser Seite hin gern auf sich beruhen, denn Auflehnung und persönlicher Angriff gegen den Polizeisoldaten hätte, wenn vollkommen erwiesen, nicht die leicht zu verwindende Strafe von ein paar Wochen bürgerlichen Gefängnisses oder eine Geldbuße nach sich geführt, sondern entehrendes Arbeitshaus. Um so ernster nahm dagegen der Schultheiß die Rauferei mit den Deimerstetter Burschen, und hier sah sich Xaveri in einer seltsamen Falle gefangen; er wollte durchaus nicht sagen, was eigentlich der Grund seines Zornesausbruchs gegen den Lenzbauern Philipp war, er bezeichnete ihn im allgemeinen als Ehrenkränkung, und als der Schultheiß spöttelnd darauf kam und auch die Genossen mitteilten, daß der Unname die eigentliche Veranlassung gewesen sei, und als einer nach dem andern unter großem Gelächter das Wort »der Viereckig« aussprach, war Xaveri voll Wut und schrie immer: »Das Wort darf nicht ins Protokoll, das darf nicht auf dem Rathaus eingetragen sein, sonst ist's ja für ewige Zeiten fest; das darf man gar nicht nennen, gar nicht erwähnen, das leid' ich nicht, sonst hat's der ganze Gemeinderat mit mir zu thun.« Alle diese Einwände halfen nichts, und Xaveri sah zu seinem Schrecken, daß er hervorgerufen, was er auf ewig verstummen machen wollte. Er selbst mußte zuletzt seinen Namen unter ein Protokoll schreiben, worin es deutlich und mehrfach wiederholt hieß, daß er den Schimpfnamen »der Viereckig« habe. Als er vom Rathaus herunterkam, ballte er die Faust, und knirschend schaute er das Dorf auf und ab. Freilich hatte er fortan den seltenen Ruhm, einen so harten Kopf zu haben, daß das Gewehr des »grausigen Mall« daran splitterte, ohne ihn zu verletzen. Eine Zeitlang schien es, daß dieser Ruhm einen so bösen Schimpfnamen überdecke. Die Ueberlegenheit im Raufen brachte ihm viel Lob und Ehre ein. Es ist aber doch ein seltsam Ding um solchen Ruhm. Die Betätigung ungewöhnlicher Kraft, ein wüstes Raufen kann sich eine Zeitlang als Bedeutung geltend machen, dann aber tritt plötzlich eine Ernüchterung ein; die Menschen besinnen sich, was denn das eigentlich sei und wenn man nicht immer neue glorreiche Thaten aufbringen kann, erscheinen die verjährten Rechte des Gewalthabers plötzlich in Frage gestellt. Eine Widerspenstigkeit gegen das herrische Wesen Xaveris gab sich im ganzen Dorf kund, er hieß jetzt nur immer »der Viereckig« und mußte das mit guter Miene geschehen lassen, denn er konnte doch nicht immer dreinschlagen. Des Pflugwirts Lisabeth vor allen entzog sich ihm, sie sah jetzt auf einmal, daß Xaveri auch gegen sie roh und gewaltthätig gewesen war; er hatte sie behandelt, als müsse man ihm ohne Frage gehorchen, und indem sie sich von solcher Unterthänigkeit frei machte, machte sie sich auch von Xaveri selbst ganz frei. Das geschah besonders, seitdem des Lenzbauern Philipp von Deimerstetten ungehindert im Dorfe aus und ein ging; denn der Schultheiß hatte Xaveri gedroht, sobald den fremden Burschen im Dorfe irgend eine Unbill widerfahre, würde er ohne Untersuchung Xaveri dafür in Strafe ziehen, und dieser mußte nun fast selber der Wächter seines Nebenbuhlers sein. Bald wurde Lisabeth Braut: mit des Lenzbauern Philipp, und Xaveri that, als ob ihm das sehr gleichgültig sei; er besuchte nach wie vor das Haus des Pflugwirts, und als Elisabeth in Deimerstetten Hochzeit machte, ritt er auf seinem wohlbekannten Apfelschimmel dem geschmückten Brautwagen voraus, und an dem schönen breiten Hute, den er sich allerdings ausdrücklich hatte bestellen müssen, flatterten helle Bänder. Xaveri schien froh, daß er Soldat werden mußte, und an der Fastnacht, bevor er nach der Garnison abging, vollführte er noch einen lustigen Streich, der ihm lange anhaltenden Nachruhm zuzog. Das Zuckermännle hatte sich bald zu trösten gewußt und sich ein armes, aber schönes Mädchen aus Deimerstetten zur Frau geholt. Als nun zu Fastnacht die Burschen auf einem Wagen durchs Dorf zogen und die sogenannte »Altweibermühle« darstellten, erschien Xaveri als die verstorbene Zuckerin und wußte ihr Wesen und ihre ganze Art so täuschend nachzuahmen, daß alles im Dorf darüber jauchzte; und als er unter gewaltigem Schreien in die Mühle geworfen wurde, erschien er auf der andern Seite wieder als die junge Zuckerin. Selbst vor dem Hause des Verspotteten führten sie das Possenspiel auf, und die junge Frau sah, vergnüglich dazu lachend, aus dem Fenster; das Zuckermännle aber ließ sich nicht sehen. Am Aschermittwoch morgen hatte Xaveri die Keckheit, sich ein Päckchen Tabak bei der Zuckerin zu holen, diese aber schien gar nicht böse gelaunt, sie war unter Lachen äußerst zuthunlich gegen Xaveri, und in einem Anfluge von Tugend und Mißgunst sagte dieser zuletzt: »Laß dich nur nicht mit den hiesigen Burschen ein, dann hast du, wenn dein Alter abkratzt, die Wahl unter allen.« Wenige Tage darauf mußte Xaveri in die Garnison, und am Morgen vor der Abreise übergab ihm seine Mutter mehrere Päckchen Tabak, die er bei der Zuckerin eingekauft und die diese überbracht hatte. Xaveri hatte nichts gekauft, er nahm aber das seltsame Geschenk doch wohlgemut mit. Es gibt Anfälligkeiten und Bezeichnungen für dieselben, die sich auf wunderbare Weise überallhin verbreiten. Als Xaveri zu seinem Regimente eingeteilt war, erfuhr er von allen seinen Kameraden den alten Schimpf aufs neue. Der Feldwebel fluchte und wetterte, daß auch dem Beherzten flau zu Mute wurde; er hatte nach und nach fast sämtliche Helme auf Xaveris Haupt probiert, aber keiner paßte. Er drückte ihm die Helme auf den Kopf, das Lederwerk und die Spangen knarrten, aber doch war keiner passend. Endlich sagte er, halb fluchend und halb scherzend: »Kerl, du hast ja einen viereckigen Kopf und größer als eine Bombe.« Nun hatte der Xaveri auch in der Kaserne sein gebranntes Leiden, aber er hatte seinen Stolz darauf, daß man ihm eigens einen Helm bestellen mußte, und bei der ersten Visitation des Obersten war er Gegenstand allgemeiner Betrachtung, wobei er nur in sich hineinlachte, denn nach außen lachen durfte man als Soldat nicht mehr im Angesichte der Vorgesetzten. Ganz gegen alles Vermuten fühlte sich Xaveri im Soldatenleben wohl; diese strenge, unwandelbare Ordnung, diese unbeugsamen Gesetze übten eine große Macht auf den Burschen aus, der nie die Herrschaft eines fremden Willens gekannt hatte. Dazu kam, daß für Xaveri sich bald eine neue Lustbarkeit aufthat; er war Schütze und nicht lange darauf Signalist geworden. Draußen am Waldesrande sich auf dem Horne einzuüben, das war ihm eine Lust, und Xaveris Signale übertönten alle; man mußte ihn nur zwingen, sie nicht zu übermächtig ertönen zu lassen. Schon im ersten Jahre seines Soldatenlebens erfuhr Xaveri den Tod seines Vaters. Er nahm Urlaub auf zwei Tage, ordnete mit seinem Bruder alles und ließ sich bereit finden, gegen eine Summe, die sich nahezu auf tausend Gulden belief, dem Bruder, wie es der Vater bestimmt hatte, das väterliche Erbe zu überlassen. Bald hörte er, daß sein Bruder sich verheirate und seine einzige Schwester mit dem Vetter von des Lenzbauern Philipp verlobt sei. Das Soldatenleben schien aber Xaveri so zu gefallen, daß er nicht einmal zu den Hochzeiten seiner Geschwister heimkam, und besonders glücklich war er, als die Signalisten zu einer Musikbande geordnet und eingeteilt wurden, die nun bei Ein- und Ausmärschen hellauf blies. Xaveri hatte seine sechs Jahre ausgedient, ohne die Garnison zu verlassen, er war willens, als Einsteher einzutreten, da kam gerade um dieselbe Zeit das Gesetz der allgemeinen Wehrpflichtigkeit, welche das Einsteherwesen aufhob, und Xaveri kehrte ins Dorf zurück. Er lebte bei seiner Mutter, die von Trudpert ein mäßiges Leibgeding bezog und in der untern Stube des elterlichen Hauses wohnte. Er konnte sich nicht dazu verstehen, bei seinem Bruder in freiwilligen Dienst zu treten, und schien dem Rate seines Vetters, des Schultheißen, zu folgen, der ihn ermahnte, sich nach einem rechten »Anstand«, d. h. nach einer vermöglichen Heirat umzuthun. Unterdessen aber lebte er in den Tag hinein, und wie von selbst war er wiederum die meiste Zeit in dem Hause des Pflugwirts. Der »Schackle«, der sich zum Feldbau untauglich erwiesen, war auswärts in der Lehre bei einem Kaufmann; aber fast noch schöner als ehemals die Lisabeth war jetzt die zweite Tochter des Pflugwirts, Agatha, geworden. Freilich war sie nicht so beredsam, und die Leute sagten sogar, sie sei dumm wie Bohnenstroh; aber Xaveri hatte das nie gefunden, sie wußte auf alles gehörig Rede und Antwort zu geben, von selbst sprach sie allerdings nicht. Xaveri hatte einmal seinen Kopf darauf gesetzt, eine Tochter des Pflugwirts zu haben; war es Lisabeth nicht, so mußte es Agathe sein. Mit einem Gemisch von Empfindungen hörte und sah Xaveri, daß das Hauswesen der Lisabeth und des Lenzbauern Philipp in Deimerstetten, die bereits sechs Kinder hatten, in Verfall geraten war; ja, die Rede ging, wenn nicht der Pflugwirt noch einmal nachgeholfen hätte, wären sie bereits ganz zu Falle gekommen. Xaveri war nicht hartherzig genug, um sich darüber zu freuen, aber auch nicht so sanftmütig, daß er nicht eine gewisse Genugtuung dabei empfand. Die ältere Schwester sollte einst die jüngere beneiden, und er meinte, der Pflugwirt habe nicht unrecht gethan, da er ihm Lisabeth versagte; er war damals noch zu jung und unerfahren, aber jetzt hatte er etwas von der Welt gesehen und konnte es dem Dorfe beweisen. Das waren die Gedanken Xaveris. Der Pflugwirt verstand es wiederum, ihn als Knecht ohne Lohn im Hause zu halten, und nur zum Essen und Schlafen ging Xaveri zu seiner Mutter. Die Leute schimpften gewaltig darüber und forderten Trudpert auf, das nicht zu dulden, aber dieser konnte es nicht dazu bringen, scharf gegen seinen Bruder zu sein. Die alte Liebe und Anhänglichkeit aus der Kinderzeit lebte noch in ihm, und er hatte deshalb manchen Streit mit seiner Frau. Der Pflugwirt betrieb sein Auswanderungsgeschäft noch viel umfänglicher, er hatte sich ein eigenes Gefährt angeschafft und beförderte mit demselben oft ganze Trupps nach Straßburg. Dabei bediente er sich des Xaveri als Kutscher und Postillon, denn durch Renkingen und durch alle Dörfer, die man bis nach Offenburg an die Eisenbahn berührte, blies Xaveri lustig auf seinem Waldhorn, das er ins Dorf mitgebracht hatte. Länger als ein Jahr war Xaveri so der unbelohnte Knecht des Pflugwirts zum Aerger aller Dorfbewohner, die auch die Mutter verhetzen wollten; aber diese war wie Trudpert dem Xaveri mit unerschütterlicher Liebe zugethan. Da starb das Zuckermännle, und kaum war es unter der Erde, als sich ein Schwarm Bewerber bei der vermöglichen und noch immer wohlansehnlichen Witwe einfand. Zu großer Belustigung des Dorfes wurde ein Brief des alten, abgestellten Baders von Deimerstetten bekannt, der der Zuckerin schrieb, sie möge sich mit einer Heirat nicht übereilen, seine Frau kränkle immer, und er werde sich glücklich schätzen, sich mit ihr zu verehelichen. Man kann sich denken, wie sehr dieser Brief belustigte, und manche konnten seine hochtrabend verschmitzten Worte ganz auswendig. Man konnte recht die Menschen kennen lernen an der Art, wie sie über die Zuckerin sprachen. Sie hatte wenig gute Freunde im Dorfe, sie war eine Fremde, und man war ihr neidisch, und überhaupt ist die Krämerin immer eine widerwillig betrachtete Persönlichkeit, weil ihr der Bauer das besonders hochgeschätzte bare Geld geben muß und weil sie allerlei Heimlichkeiten der Bauernfrauen Vorschub leistet. Jetzt schien plötzlich ihr Ruf ein ganz andrer geworden. Manche verkündeten laut ihr Lob, und andre nickten nur still, aber vieldeutig hinzu. Man konnte ja nicht wissen, in welche Familie die Zuckerin nun bald gehören würde. Eine ihrer Eigenschaften aber wurde mit allgemeinem Lobpreis hervorgehoben, und das war der Acker von anderthalb Morgen, den sie besaß, draußen am Bergesabhang, neben dem Kirchhof, an der Straße nach Deimerstetten. Man ermahnte den Pflugwirt, er solle sich diesen Acker von der Witwe zu erwerben suchen, der sei gerade für ihn gelegen, denn er liebte besonders die Aecker an der Straße; aber er lehnte es ab und sagte spöttisch, der Acker gehöre ja schon einem aus Deimerstetten Gebürtigen. Als man ihn hierauf neckte, er möge den »Schackle« mit der Zuckerin verheiraten, dann habe er den Acker und brauche keinen neuen Kaufladen einzurichten, sagte er mit schelmischer Gemütlichkeit, er wolle einem guten Freund nicht in den Weg stehen. Xaveri war still, aber in ihm kochte die Wut, als ihm der Pflugwirt mit zuthulicher Freundlichkeit anriet, sich auch um die Zuckerin zu bewerben. So hatte er sich zweimal von dem abgeriebenen Schelm betrügen lassen! Dennoch that er wiederum, als ob nichts geschehen wäre, und tagelang saß er in der Wirthsstube zum Pflug und starrte hin auf die große Tafel an der Wand, darauf ein Schiff auf der See schwamm und mit großen roten Buchstaben geschrieben war: »Nach Amerika«. Der Entschluß schien ihm schwer zu werden; endlich aber eines Sonntags, als fast das ganze Dorf in der Wirtsstube versammelt war, verkündete er, daß er auch auswandere. Einige sagten, daß er daran recht thäte, und sie hätten das schon lange erwartet, solch ein halbes Leben schicke sich nicht für ihn; andre dagegen bedauerten seinen Weggang, und wieder andre bezweifelten, daß es ihm ernst sei. »Ihr kennt mich dafür, daß das, was ich gesagt habe, auch ausgeführt wird!« schrie Xaveri, und seine alte Trotzigkeit lebte wieder in ihm auf. Das Wort war heraus, er wußte nun, was er wollte, und war nicht mehr von Zweifeln geplagt. Dennoch willfahrte er beim Nachhausekommen seiner Mutter, die von andren bereits seinen Entschluß gehört hatte, nicht zu schnell damit zu sein und die Sache noch hinzuhalten, vielleicht fände sich doch noch der rechte »Anstand«, daß er im Lande bleibe. Wochenlang ging er nun im Dorf umher und mußte still sein, denn er wußte nichts zu antworten, wenn ihn die Leute immerdar fragten: »Bis wann geht's fort?« Er hatte auch im stillen gehofft, daß der Pflugwirt noch andern Sinnes werde und ihn nicht ziehen lasse, aber dieser hatte sich bereits einen wirklichen Knecht gedingt, und Xaveri sah, daß all seine Hoffnung vergebens sei. Hatte Xaveri bisher die junge Welt im Dorfe beherrscht, so schien es nun, daß er auch mit seinem Weggange eine gewaltige und beispielgebende Macht ausüben sollte. Unter dem ledigen Volke im Dorfe zeigte sich eine ungeahnte und jetzt zum Schrecken vieler hervortretende Auswanderungslust. In dem Auswanderungstriebe war eine neue Entwicklungsstufe von unberechenbaren Folgen eingetreten. Bisher war man es nur gewöhnt, ganze Familien auswandern zu sehen, und mußte man mitunter auch manchen Wohlhabenden scheiden sehen, der Riß unter den Zurückbleibenden war darum doch kein so auffälliger; es schieden Menschen, die sich von ihren Blutsverwandten und Angehörigen schon losgelöst hatten zu einer in sich abgeschlossenen Familie, sie waren nur sich verpflichtet, und man konnte sie, wenn auch mit Wehmut, doch ohne Groll scheiden sehen. Die neue Thatsache aber, daß nun auch ledige Leute auswandern wollten, daß eine ganze Schar von jungen Burschen und Mädchen sich zusammenthat, um in die weite Welt zu ziehen, brachte die Gemüter auf einmal in seltsame Bewegung. Wie ein lebendiges Nationalgefühl es schmerzlich empfinden sollte, wenn, wie in unsern Tagen, noch zukunftsreiche Kräfte sich der Gesamtheit entziehen, so empfand man jetzt im Dorfe, was es heißt, wenn junge Bursche, die man groß gezogen und von denen man etwas erwarten kann, sich mit ihrer Kraft davon machen. Xaveri war der erste Ledige im Dorfe, der davonzog, und andre Bursche und Mädchen wollten es ihm nachthun; mitten in der Familie that sich eine Selbstsucht auf, von der man bisher keine Ahnung gehabt. Kinder, die man unter Sorgen und Mühen groß gezogen und von denen man eine Stütze fürs Alter erwartete, dachten jetzt nur an sich, wollten sich selbst eine Zukunft schaffen und die alten Eltern und jungen Geschwister, der Stütze und thätigen Kraft beraubt, allein lassen. Der Staat duldet es nicht und ahndet es im Betretungsfalle, wenn ein junger Mann sich der Wehrpflicht entzieht, und was ist das Recht des Staates an dem, der ihn verlassen will? Die Familie hat keine äußere Macht, die den Treulosen zurückhielte, und hätte sie auch eine solche, sie brächte sie nur selten zur Anwendung. In vielen Häusern in Renkingen hörte man lautes Schreien und Lärmen, denn hier wollte ein Sohn und da eine Tochter, und dort wollten alle Erwachsenen auswandern; die Eltern klagten, gaben aber meist nach. Denn was opfert die Elternliebe nicht? Auf den Xaveri aber war alles zornig, er hatte diese Sucht im Dorfe aufgebracht und sein Beispiel wurde immer angeführt, er hatte es ja am wenigsten nötig und zog doch übers Meer. Während aber viele andre sich bereits entschieden hatten, war gerade Xaveri noch zweifelhaft. Es war an einem schönen Sommernachmittag nach der Heuernte, da fuhr Xaveri eine neue Kiste von weißem Tannenholz auf einem Schubkarren langsam das Dorf hinaus; er stand oft still und ließ die Leute fragen, was er da habe? um ihnen zu sagen, daß das seine Auswanderungskiste sei, wobei er erklärte, wie sie gesetzmäßig genau drei Schuh hoch, drei breit und vier lang sei, denn so müssen diese Kisten sein, um gehörig in den Schiffsraum gebracht werden zu können. Auch beim Schlosser, wo er die Reife darum schlagen, zwei Schlimpen anbringen und die vier Ecken mit starkem Eisenblech beschlagen ließ, wußte er es so einzurichten, daß dies die allgemeine Aufmerksamkeit erregte. Seine Mutter weinte, aber er tröstete sie, daß nun einmal nichts zu ändern sei. – Er war nun zu seinem ungeordneten und müßigen Leben berechtigt, er zog ja von dannen und durfte sich's wohl noch in der Zeit seines Verweilens in der Heimat bequem machen; er schaffte sich mehrfach neue Kleider an und ging in denselben an Werkeltagen umher. Vor dem Rathause, wo es alle Leute sehen konnten, wurde die Kiste im Sonnenschein mit blauer Farbe angestrichen. Der »grausig Mall« ließ sich einen Nebenverdienst als Sackzeichner nicht entgehen und machte diese Zeichnung mit besonderer Liebe, denn sie entledigte ihn eines von Kindheit auf tückischen Feindes; mit großen Buchstaben schrieb er auf den Deckel und auf die Vorderseite: »Xaver Boger in Newyork.« Ein großes Rudel Kinder stand immer umher, und viel Kopfbrechens und mehrfache Versuche kostete es, hüben und drüben an der Kiste das Waldhorn Xaveris abzumalen; aber darauf bestand er, und endlich war das große Werk gelungen. Xaveri brachte die Kiste zu seiner Mutter, diese aber klagte immer, sie könne nicht schlafen wegen der Kiste, es sei ihr immer, als stünde der Sarg ihres Sohnes bei ihr, und es sei auch ein Sarg, er wäre ja tot für sie, wenn er über das Meer ziehe. Weinend und klagend wiederholte sie oft: »Ach! Meine Mutter hat gesagt, ich glaub' nicht an Amerika; ich, ich muß dran glauben!« Auch Trudpert drang in seinen Bruder, doch zu bleiben, er sei sein einziger Bruder, und sie hätten immer treu zusammengehalten, er solle ihn doch nicht verlassen. Der unbeugsame Xaveri erwiderte: »Was der Viereckig einmal will, das führt er auch aus.« Gegen seine Angehörigen ließ er den Zorn los, daß er diesen Schimpfnamen hatte, und sie konnten doch nichts dafür. Doch machte Xaveri einen letzten Versuch und ging zum Pflugwirt, mit ihm den Ueberfahrtsvertrag abzuschließen; er hoffte, wenn auch nur halb, daß dies ihn möglicherweise noch nachgiebig machen werde. Aber der Pflugwirt holte mit Bedauern zwei gedruckte Formulare, darauf die Bruderhand sehr schön zu sehen war, füllte sie aus, unterschrieb selber und ließ auch den Xaveri unterzeichnen, worauf er ihm den Vertrag einhändigte mit dem Beifügen: »Du kannst mir auf den Abend oder morgen das Geld bringen, aber bezahlen mußt; was einmal da geschrieben ist, muß bezahlt werden, und du siehst, ich hab' dir ja den billigsten Preis gestellt.« Xaveri nickte bejahend, ohne ein Wort zu reden, und steckte den Vertrag zu sich. Als er auf dem Heimweg vor dem Hause der Zuckerin vorüberkam, ging er hinauf, um sich Tabak zu holen. Er hatte sie seit seiner Rückkehr nicht wieder besucht, er hatte eine gewisse Furcht vor ihr; jetzt, mit diesem Abschied in der Tasche, konnte er sie ja wieder sehen. Die Zuckerin war überaus freundlich bei seinem Eintritt, sie schalt zwar lächelnd, daß er sie so ausfallend vernachlässigt habe, erklärte ihm aber dabei, wie sie ihm seine gute Ermahnung doch nicht vergessen habe, und wie sie jetzt sehe, daß er recht gehabt habe, denn sie könne sich der Freier gar nicht erwehren; sie besinne sich aber zweimal, bis sie sich entschließe, um einen in diese volle Haushaltung einzusetzen, in der mehr stecke, als man glaube, und die sie sich bei ihrem Alten habe sauer verdienen müssen. Xaveri sah sich mit Wohlgefallen in dem Hause um, und als eben ein Kind kam, um Essig, und bald darauf der »grausig Mall«, um sein Nasenfutter zu holen, und noch andre die Stiege heraufkamen, schickte die Zuckerin mit zutraulichem Bedrängen den Xaveri in die Stube, damit er dort warte, bis sie die Käufer abgefertigt hätte. Unwillkürlich folgte ihr Xaveri, und es mutete ihn behaglich an in der Stube. Der große Lehnsessel stand neben dem Ofen, der jetzt im Herbst schon geheizt war, und Apfelschnitze, die auf dem Simse gedörrt wurden, verbreiteten einen angenehmen Duft. Die rotgestreiften Vorhänge an den Fenstern, die mit Messing eingelegte nußbaumene Kommode, die gepolsterten Sessel, alles machte einen behaglichen Eindruck. Man hörte nichts als das schnelle Ticken einer doppelgehäusigen Sackuhr, die an der weißen Wand hing, und das Summen der Fliegen, die jetzt das Herbstquartier bezogen hatten und sich an den Aepfelschnitzen gütlich thaten. Alles im Zimmer war, wenn auch etwas ausgedient, doch sauber und an den festen Platz gestellt; da waren keine Kinder, die Unruhe und Unordnung machten. Xaveri nickte mehrmals mit dem Kopfe vor sich hin, als wollte er sagen: »Das ist nicht so uneben.« Xaveri war in einer nie gekannten weichen Stimmung. Der unterschriebene Ueberfahrtsvertrag in der Tasche, nach dem er mehrmals griff, mußte das bewirken. Er fürchtete sich jetzt fast vor der Zuckerin, er hatte sich zu viel zugetraut; die Abfertigung der Käufer im Laden dauerte lange, und immer hörte er wieder neue die Treppe heraufkommen. Mehrmals dachte er daran, sich aus dieser peinlichen Lage fortzumachen und die Rückkehr der Zuckerin nicht abzuwarten. Was sollte ihm das jetzt? Er mußte fort und hatte von der Zuckerin nie was gewollt, dafür war er sich zu viel wert; aber wenn er jetzt fortging, mußte es ja Aufsehen erregen bei den Kunden im Kaufladen. »Aber was liegt daran, wenn man dir auch etwas nachsagt? Du ziehst ja übers Meer. Es ist aber auch wieder nicht recht, die Frau ins Geschrei zu bringen; um ihr das nicht anzuthun, mußt bleiben.« Und so blieb er mit widerstreitenden Gefühlen. Er stopfte sich seine Pfeife, schlug Feuer und setzte sich behaglich schmauchend in den abgegriffenen großen Ledersessel am Ofen. »Das ist kein übel Plätzle«, dachte er, und von diesem Gedanken doch wieder erschreckt, stand er plötzlich auf. Eine eigene Gespensterfurcht überkam ihn am hellen Tag in der stillen Stube; auf diesem Stuhle hatten die alte Zuckerin und das Zuckermännlein sich ausgehustet, das war kein Platz für des Lachenbauern Xaveri. Er schaute an den Pfosten gelehnt durch das Fenster, um zu wissen, wer wegging; als aber jetzt des Pflugwirts Agathe auf dem Hause trat, sich umwandte und nach dem Fenster schaute, trat er tief zurück in die Stube, setzte sich aber nicht mehr in den abgegriffenen Ledersessel am Ofen. Endlich klang die Klingel an der Ladenthüre wie bellend, die Thüre wurde abgeschlossen, aber es sprang wieder jemand die Treppe hinab, man hörte an der Hausthür einen Riegel vorschieben, und laut atmend kam die Zuckerin in die Stube und sagte: »So jetzt bin ich nicht mehr daheim. Wer kein Essig und Oel hat, der kann seinen Salat ungegessen lassen. Du glaubst gar nicht, was man geplagt ist, wenn man so Haus und Geschäft allein über sich hat. Der Verdienst ist gut, ich könnte gar nicht klagen, er ist nicht groß, aber regnet's nicht, so tröpfelt's doch. Das ist recht, daß du dir deine Pfeife angezündet hast. Ich rieche den Tabak gar gern. Mein Alter hat nicht rauchen können. Jetzt sag, ist's richtig. daß du fortgehst?« Ohne ein Wort zu erwidern, reichte Xaveri der Zuckerin den unterschriebenen Ueberfahrtsvertrag, und die Hände zusammenschlagend und klagend rief sie: »Ja, der Pflugwirt! Wenn den der Teufel holt, zahle ich ihm den Fuhrlohn. Oder ich sage, wie die alte Schmiedin einmal von unsrem bösen Schultheiß gesagt hat: ich möchte mit dem in derselben Stunde sterben, denn da haben alle Teufel alle Hände voll zu thun, um die Schelmenseele zu fangen, und da kann derweil jedes andre mit allen seinen Sünden daneben in den Himmel hineinhuschen.« »Du bist gescheit und scharf,« sagte Xaveri schmunzelnd, und auch die Zuckerin schmunzelte; beide waren miteinander zufrieden und sahen einander eben nicht böse an. Aber was ist da für eine Einheit, wo sich zwei Menschen in solch einem bösen Gedanken vereinigen? Was wird daraus werden? Die Zuckerin fuhr indes geschmeichelt rasch fort: »Den Pflugwirt kennt keiner, das ist ein Seelenverkäufer, der hat dich zum Narren gehabt und dich hineingeritten, bis du nicht mehr gewußt hast, wo anders 'naus, und da macht er noch seinen Profit dabei. Wenn ich Gift hätte und wüßte, daß niemand anders davon essen thät', dem gäb' ich's, der ist nichts Besseres wert. Ach! und ich hab's immer gesagt, du bist so gut, nur zu gut. Es ist unerhört, daß ein Mensch wie du und aus einer solchen Familie auswandern soll. Das lasse ich mir gefallen bei einem, der nicht mehr weiß, wo aus und ein und der keinen Anhang hat. Mich dauert nur deine gute, rechtschaffene Mutter, der drückt es das Herz ab, und eine bessere Frau gibt es nicht zwischen Himmel und Erde.« Minder dieser Ruhm und dieses zutrauliche Lob, als der anfängliche Zorn gegen den Pflugwirt, drang Xaveri tief in die Seele; sie sprach es aus, was er selber schon oft gedacht hatte, und um seinetwillen hatte sie diesen Zorn. Nicht nur ein Gegenstand gemeinsamer Verehrung, sondern oft noch weit mehr der eines gemeinsamen Hasses eint die Gemüter, und erst die Folge lehrt, welches Band dauernder sei. Das heftige und ingrimmige Wesen der Zuckerin sprach jetzt Xaveri sehr an, weil es sich gegen den Mann seines Hasses kehrte; er ward zutraulich und freundlich gegen die Witwe und glaubte es ihr schuldig zu sein, daß er sie lobte und ihr Hauswesen bewunderte, während sie ihn vom Speicher bis zum Stalle umherführte. Mit einer verblüffenden Offenherzigkeit erklärte sie dann zwischen hinein: »Kannst dir denken, daß es mir an Freiern nicht fehlt, aber ich mag keinen von allen – ich will keinen, der einem in der Hand zerbricht. Ich will dir's nur gestehen, dir darf ich's schon sagen, ich bin ein bißchen hitzig und oben hinaus, aber auch gleich wieder gut, und darum will ich gerade einen Mann, der den Meister macht, der ein rechter Mann ist und nicht unterduckt. Für die Frau gehört sich's, daß sie untergeben ist, und das kann ich nur sein gegen einen, vor dem ich Respekt habe, der fest hinsteht.« Diese, in verschiedenen Wendungen halb lächelnd, halb klagend vorgebrachten Selbstanschuldigungen, die doch wieder ruhmreich waren, machten den Xaveri ganz wirbelig; seine Antworten, die er doch manchmal einfügen mußte, bestanden in unverständlichem Murren und Brummen, das ebensosehr Mißmut wie Wohlgefallen ausdrücken konnte und in der That auch beides ausdrückte. Trotz freundlicher Zurede kehrte aber Xaveri doch vom Stalle aus nicht mehr in die Stube zurück. Er verließ plötzlich das Haus und rannte die ersten Schritte schnell wie fliehend davon. Es war Nacht geworden, und auf dem Heimwege gelobte er in sich hinein, daß er sich nie mehr zu solcher Vertraulichkeit mit der Zuckerin verleiten lassen wolle; das war einmal geschehen und nie wieder. Er war des Lachenbauern Xaveri, der sich nicht an eine abgedankte Witwe vergeben durfte, die gar nicht einmal wußte, woher sie war. Und gerade daß die Zuckerin seinen großen Familienanhang lobte und das Gelüste zeigte, in denselben einzutreten, erweckte wieder das ganze stolze Bewußtsein in ihm. Jetzt zum erstenmal kam ihm aber auch der Gedanke, daß er drüben in Amerika nicht mehr des Lachenbauern Xaveri sei, da galt sein Familienansehen nichts mehr. Das war nun freilich nicht mehr zu ändern. Es mußte aber doch etwas Eigentümliches in Xaveri vorgehen, weil er am Abend und den ganzen andern Tag seiner Mutter nichts davon sagte, daß er den Ueberfahrtsvertrag abgeschlossen und am heutigen Tage bezahlt habe. Erst von der Zuckerin vernahm sie das spät am Abend. Sie war gekommen, um ihr frisches Backwerk zu bringen, und wußte viel davon zu sagen, wie gern der Xaveri dabliebe, er wisse schon, wo er gleich daheim sei; es käme nur darauf an, ihn dahin zu bringen, daß er, ohne sich vor den Leuten dem Spott auszusetzen, wieder umkehre; man müsse darum thun, als ob man ihn zwinge, daheimzubleiben, das sei, was er wolle, aber nur nicht sagen könne. Die Mutter, der die Schwiegertochter zwar nicht recht anstand, war doch glücklich, daß sie ihren Xaveri daheim behalten sollte, und lange, ehe dieser zum Schlafen kam, war es unter den beiden Frauen ausgemacht und entschieden, daß er bleiben müsse. Xaveri war indes an diesem Tage vor dem versammelten Gemeinderate erschienen und hatte seinen Austritt aus der Gemeinde gemeldet. Der Schultheiß riet ihm, daß er gar nicht nötig habe, sein Heimatsrecht aufzugeben, er könne sich einfach einen Paß nehmen, und wenn es ihm in Amerika nicht gefalle, wieder zurückkehren oder auch unterwegs andern Sinnes werden. Xaveri lachte höhnisch über diese Zumutung und drang jetzt gerade um so mehr auf Entlassung aus dem Orts- und Heimatsverbande. »Nun denn,« rief zuletzt der Schultheiß, »wenn's sein muß, wollen wir's gleich ans Amt ausfertigen; aber ich rate dir, besinn dich noch einmal.« »Bin schon besonnen, fort geh' ich,« sagte Xaveri trotzig. Gelassen erwiderte der Schultheiß nochmals: »Xaveri, ich mein', du verbindest dir den unrechten Finger.« »Ich weiß selber, wo mir's fehlt, und Ihr seid auch kein Doktor. Behüt's Gott!« schloß Xaveri und ging davon. »Es ist, wie's im Sprichwort heißt: wenn's der Geiß zu wohl auf dem Platz ist, da scharrt sie,« sagte ein Gemeinderat hinter ihm drein, und der Schultheiß setzte hinzu: »Es ist halt der viereckig Hartkopf.« – Er hatte aber doch unrecht; gerade weil Xaveri innerlich ein Schwanken empfand, that er nach außen um so trotziger und unbeugsamer. Erst am andern Morgen gelang es der Mutter, ihm den Antrag wegen der Zuckerin zu machen, aber Xaveri that auch hier unmutig und entgegnete: »Wie könnt Ihr mir so einen Antrag machen? Werd' ich so eine nehmen? So eine findet man noch, wenn der Markt schon lange vorbei ist.« Mehrere Tage war nun ein seltsames Widerspiel von verdeckten Meinungen in der niedern Leibgedingstube: die Mutter lobte die Zuckerin überaus und hatte doch im Innern keine rechte Zuneigung zu ihr, und der Xaveri that, als ob er gar nichts davon hören wolle, und im geheimen war es ihm doch lieb, daß man ihn damit bedrängte. Die Mutter erinnerte sich aber wohl, daß ihr die Zuckerin mitgeteilt hatte, der Xaveri wolle gezwungen sein, damit er sich vor den Leuten nicht zu schämen brauche, daß er von seinem Auswanderungsentschlusse abstehe. Sie war eben daran, alle möglichen Bitten und Gründe vorzubringen, und führte schon die Hand nach den Augen, um die zukünftigen Thränen abzuwischen, als gerade der Vetter Schultheiß eintrat. Er überbrachte Xaveri die verlangten Papiere und sagte spöttisch, daß er ihn nun als Fremden im Dorfe begrüße; er sei hier nicht mehr daheim. Die Mutter schrie laut auf, und die Thränen stellten sich jetzt in Fülle ein. Xaveri aber ergriff mit zitternden Händen die Papiere und starrte auf die großen roten Siegel. Der Trudpert, der eben ins Feld fahren wollte, kam auch in die Stube zur Mutter, er sah schnell, was hier vorging, und stemmte die geballte Faust still auf die blaue Kiste, die auf der Bank stand. Eine Weile schwiegen alle vier, die in der Stube versammelt waren, nur die Mutter schluchzte vernehmlich. Als jetzt aber der Schultheiß weggehen wollte, hielt sie ihn zurück, und mit mächtiger Beredsamkeit schilderte sie nun, welch ein Glück der Xaveri im Dorfe machen könne, wie er gewiß kein solches über dem Meere finde, und wie er sich dabei noch sagen könne, daß er seine alte Mutter nicht vor der Zeit ins Grab bringe. Als sie endlich den Namen der Zuckerin nannte, schaute Trudpert wie erschrocken um, aber er schwieg. Xaveri starrte zur Erde, und der Schultheiß zeigte sich als eifriger Beistand der Mutter und half ihr, wenn auch nicht die Zuckerin, doch das schöne Beibringen, das sie besaß, zu loben. Die Mutter redete sich nun immer mehr in Eifer hinein, und was vorhin nur gewaltsame und von außen erregte Wärme war, wurde jetzt zu einer von innen kommenden; denn so eigen geartet ist das Menschenherz, daß es bald nicht mehr weiß und nicht mehr wissen will, was ihm gegeben und was aus ihm gekommen ist. Die Mutter pries sich und die ganze Familie glücklich, die eines der Ihrigen an der Seite einer solchen Frau und in solch einem Hauswesen wußte. Xaveri hatte bei diesen Worten aufgeschaut, und aus seinem Blicke sprach's, daß er an sich und seinen Gedanken zweifelte. War denn eine Heirat mit der Zuckerin in der That ein solches Glück? Fast aber hätte das übertriebene Lobpreisen der Mutter alles zerstört, wenn nicht der Schultheiß mit bedachtsamer Ruhe jegliches in gehörigen Betracht gezogen hätte, so daß auch endlich Trudpert nickte. Zuletzt stieg es wie ein Leuchten im Antlitze Xaveris auf, als der Schultheiß darlegte, Xaveri verstünde ja jetzt das Geschäft der Auswanderungsbeförderung so gut wie der Pflugwirt, und er könne, wenn er die Zuckerin heirate, mit seinem freien Vermögen die Sache so in die Hand nehmen, daß er dem Pflugwirt das Handwerk lege. Das schien bei Xaveri einen gewaltigen Eindruck zu machen, aber er schwieg noch immer, bis endlich Trudpert die Hand auf die Schulter des Bruders legend sagte. »So red' doch auch, wir wollen dich nicht zwingen.« »Nein, wir wollen ihn zwingen, ich geb' dir keine Hand, ich red' kein Wort mit dir, ich weiß nicht, was ich thue. Dein Vater unterm Boden wird mir's nicht verzeihen, daß ich ihm verhehlt habe, wie du als Kind mit dem Schreiner Jochem hast davongehen wollen. Er hätt' einen Eid geschworen, daß er dich verflucht, wenn du je fortgehst. Soll ich jetzt das für ihn thun? Soll ich? Ich muß. Ich hab' dich mein Lebtag nicht zwingen können, von klein auf nicht, jetzt thu' ich's nicht anders, ich zwing' dich: jetzt zwing' ich dich, es geschieht zu deinem Heil, folg mir nur das eine Mal. Eine Mutter weiß am besten, was ihrem Kinde gut ist, ich hab' dich unterm Herzen getragen, ich kenn' dich doch am besten, ich weiß deine Gedanken, du folgst mir, ich bin deine Mutter, du thust's deiner Mutter zulieb, und du thust's gern, und es wird dein Glück sein in dieser Welt und in jener.« So rief die Mutter mit beredtem Mund und hielt zwischen ihren beiden Händen die Hand Xaveris, der wie erwachend lächelte, aber noch immer nicht redete. »So sag doch ein Wort,« drängte endlich der Schultheiß, und Xaveri platzte heraus: »Ich habe meine Entlassung, ich hab' meinen Ueberfahrtsvertrag, ich kann nicht mehr daheimbleiben.« »Hast dein Ueberfahrtsgeld schon bezahlt?« fragte Trudpert zuerst. »Ja, auf den Kreuzer,« erwiderte Xaveri. Vor allem wendete sich nun das Denken des Schultheißen und Trudperts darauf, wie man das Geld von dem Pflugwirt wieder herausbekäme. Xaveri redete nichts darein, und die Mutter, welche die Hand ihres jüngsten Sohnes nicht mehr losließ, sagte: »Das hat nichts zu sagen, und wenn's auch verloren ist; besser, als ein Kind verloren.« »Das verstehen die Weiber nicht, man kann kein Geld 'nausschmeißen,« riefen Trudpert und der Schultheiß wie aus einem Munde, der letztere aber fügte noch hinzu: »Ich will's schon machen, ich will schon ein gut Teil wieder von ihm herauskriegen, er hat mich auch oft nötig; aber es ist jetzt verteufelt, Xaveri! Hättest du mir nur gefolgt und dein Heimatsrecht nicht aufgegeben, jetzt mußt du dich beim Blitz wieder in die Gemeinde aufnehmen lassen; nun, sie können dir's nicht verweigern, aber die ganze Hetzerei und das Gethue wäre nicht nötig gewesen.« »Wenn ich auch bleiben möcht',« sagte Xaveri endlich, »Euch zulieb, Mutter, und auch Euch, Vetter Schultheiß, und auch wegen deiner, Trudpert, wenn ich auch möcht', ich kann nicht, ich hab's den andern versprochen, mitzugehen, und kurzum, ich lass' mich nicht anbinden, ich bin nicht der, der dasteht, wo man ihn hinstellt.« Nun erklärte der Schultheiß in Hohn und Zorn, daß in der Welt jeder für sich selber zu sorgen habe, und Xaveri solle nur einmal die Briefe von den Leuten aus Amerika lesen, da sei's erst recht so, da halte man zusammen, solange man Vorteil davon habe, und keine Minute länger, und man könne niemand versprechen, daß man sich selber vor sein Glück stehen wolle. Xaveri sah bei dieser Darlegung dem Schultheiß steif ins Gesicht, und der Schultheiß konnte nicht ahnen, wie sehr es traf, als er noch hinzusetzte, in Amerika gelte des Lachenbauern Xaveri nicht mehr als jeder andre hergelaufene Knecht. Das war ja ganz dasselbe, was er an jenem Abend, als er von der Zuckerin wegging, schmerzlich gedacht hatte. »Ich muß doch fort. und ich geh' auch,« sagte er abermals mit halber Stimme und heftete den Blick auf die blaue Kiste. Es schien ihn jetzt nur noch der Gedanke zu beherrschen, daß er einmal dem Dorfe Ade gesagt und daß es auch dabei bleiben müsse. Die Mutter ahnte dies, sie zischelte dem Trudpert etwas ins Ohr, worauf dieser wegging, und mit wunderbar heiterem Sinn spöttelte sie nun darüber, wie es so lustig sei, daß man das ganze Dorf zum Narren gehabt habe; von den Nachkommen der alten Lachenbäuerin gehe keiner nach Amerika, sie hätten's nicht nötig. Indem sie nun mit seltsamen Geschick ausführte, was dieser und jener zum Dableiben Xaveris sagen werde, brach sie den scharfen Nachreden, um welche diesem allerdings bangte, mit klugem Geschick im voraus die Spitzen ab. Trudpert kam bald wieder, aber unter der Thür hörte man ihn sagen: »Geh du nur voraus.« Er, der eigentlich scheel dazu sah und der neuen Schwägerin nicht zugethan war, that doch ehrerbietig gegen sie, und die neue Schwägerin war niemand anders als die Zuckerin, die mit aufgerichtetem Haupt Xaveri die Hand bot. Die Mutter, welche die Hand Xaveris gehalten hatte, legte sie nicht ohne fühlbares Widerstreben in die dargereichte der Zuckerin und sagte: »Gott Lob und Dank, daß das so schön fertig geworden ist.« Auch der Schultheiß und Trudpert brachten nun ihre Glückwünsche zur Verlobung. Xaveri nickte still. So war also Xaveri Bräutigam und blieb daheim. Der Schultheiß ging aufs Rathaus, Trudpert aufs Feld, und Xaveri blieb noch lange mit seiner Braut bei der Mutter; er wollte vorher die seltsame Kunde sich im Dorfe verbreiten und bereden lassen, ehe er sich mit seiner Braut zeigte. Vor dieser öffentlichen Schaustellung bangte ihm überhaupt sehr, nur das glückstrahlende Gesicht seiner Mutter erheiterte ihn, und er sagte sich's zum erstenmal in seinem Leben, daß er eigentlich ein guter Sohn sei. Fast nur der Mutter zulieb that er schön mit seiner Braut, aber dennoch willfahrte er ihr nicht, sie jetzt nach Hause zu geleiten. Die Zuckerin ging allein. Den ganzen Tag verließ Xaveri die Stube nicht, er saß fast immer still in sich zusammengekauert auf seiner blauen Kiste; er las wiederholt seinen Ueberfahrtsvertrag, und dann las er ihn nicht mehr und starrte hin auf das Papier, auf die abgebildete Bruderhand, auf die gedruckten Zeilen, zwischen denen sein Name eingeschrieben war, und dann sah er nichts mehr, und alles schwamm ihm vor den Augen. Erst in der Dämmerung machte er sich auf Zureden der Mutter auf, seine Braut zu besuchen; er wurde von allen Begegnenden angehalten, und spöttisch hieß man ihn willkommen aus Amerika. Und ebenso spöttisch klangen die Glückwünsche zu seiner Verlobung. Die Mutter saß still daheim und betete immerfort; es lag ihr schwer auf dem Herzen, daß sie vielleicht doch ihr Kind ins Elend hineingezwungen habe, Xaveri hatte so gar kein Bräutigamsansehen; aber sie tröstete sich wieder, daß es die zurückgehaltene Auswanderung, nicht die widerwärtige Verlobung sei, die den Trübsinn in sein Angesicht brachte. Die Zuckerin war unwillig, daß ihr Bräutigam erst jetzt sich zeigte, und dieser mußte, um sie zu versöhnen, zärtlicher sein, als ihm zu Sinne war. Als er im Gespräch darauf kam, daß er dem Pflugwirt das Handwerk legen wolle, sagte die Zuckerin zuerst: »Das geht nicht, das leid' ich nicht; mein Mann muß daheim bleiben und nicht draußen, ich weiß nicht was treiben.« Xaveri erhob sich auf diese Worte und sah sie zornig an, da setzte sie schnell begütigend hinzu: »Nun, es läßt sich ja drüber reden, es braucht ja nicht alles heut ausgemacht zu sein.« Als Xaveri zuletzt sich noch ein Päckchen Batzenknaster mitnahm und sich's durchaus nicht nehmen ließ, es zu bezahlen, gab ihm seine Braut noch ein andres Päckchen Tabak und sagte: »Probier einmal den, der kostet die Hälfte, probier ihn nur, und er wird dir auch schmecken, so gut wie der teuere; es ist ja nur geraucht.« »Du bist hauslich,« sagte Xaveri mit spöttischem Lob, aber die Zuckerin nahm dies für eine wirkliches hin. Das einzige, was Xaveri zu Hause der Mutter klagte, war diese Geschichte mit dem Tabak, aber die Mutter beschwichtigte ihn: »Sie ist halt ein blutarmes Mädchen gewesen, das den Kreuzer wert halten muß, und hat nachher den Geizhals gehabt. Weiber verthun genug, sei froh, daß du eine häusliche hast, und sie wird sich schon dran gewöhnen, was der Brauch ist bei einem, der aus einem rechtschaffenen Bauernhaus kommt.« Xaveri fügte sich darein, daß man sich ins Leben finden müsse, so gut es geht, und seltsam, diese weiche entsagende Stimmung, die der Trotzkopf zum erstenmal in seinem Leben kannte, machte ihn minder empfindlich gegen die Neckereien, die er vielfach auszustehen hatte wegen seines Daheimbleibens. Die Leute waren ihm fast gram, daß er sie um ihre Teilnahme an seinem Weggehen betrogen hatte; sie hatten ihm diese gewidmet, und er war ihnen nun auch schuldig, wegzugehen. Fast eine stehende Frage, die man an ihn richtete, war, wie es in Amerika aussehe und wie er die Seekrankheit überstanden habe. Zu seiner Verlobung glückwünschte man ihm großenteils aufrichtig, und weil Xaveri gerade wegen dieser in sich bedrückt war, fühlte er die Spöttereien wegen seines Verbleibens fast gar nicht. Der Pflugwirt hatte sich dazu verstanden, das Ueberfahrtsgeld wieder herauszugeben, aber die Bedingung festgesetzt, daß man als billigen Entgelt nun auch die Hochzeit in seinem Hause feiere. War diese ganze Hochzeit eine eigentlich erzwungene, so war es nun auch noch der Ort der Feier. Braut und Bräutigam hatten keine rechte Freude aneinander, und der Wirt und seine Leute, die freundlich und ehrerbietig zu ihnen thaten, empfanden nichts bei dieser Schaustellung. Acht Tage vor seiner Hochzeit wanderten die Burschen und Mädchen aus, mit denen Xaveri hatte ziehen wollen. Er sah ihnen mit trübem Blick nach, aber er schüttelte alles von sich und sagte sich innerlich vor, daß er daheim ein Glück gemacht habe, vielleicht größer als es ihm in Amerika zu teil geworden wäre, und dabei blieb er des Lachenbauern Xaveri. In der Nacht vor seiner Hochzeit fuhr Xaveri seine blaue Kiste, darinnen seine ganze Ausrüstung für die Auswanderung war, in das Haus seiner Braut. Die Zuckerin wollte sogleich die Aufschrift auskratzen und die Kiste in den Kaufladen verwenden, aber Xaveri bestand mit Heftigkeit darauf, daß die Kiste bleibe, wie sie sei, und daß seine ganze Gewandung darin aufbewahrt werde. Er stellte die Kiste in das Schlafzimmer vor das Bett und sagte scherzend: »Ich steige über Amerika hinüber ins Bett.« Ein wohlangebrachter Scherz hat immer etwas Versöhnendes. An diesem Abend übernachtete Xaveri zum letztenmal im Hause der Mutter, und zum erstenmal war er in der Seele eigentlich recht froh, er wußte nicht warum, und wollte es auch nicht wissen. Bei der Hochzeit ging es lustig her, nur war die Zuckerin einmal unwillig, weil Xaveri mehr, als nötig war, mit Lisabeth, die von Deimerstetten herübergekommen war, und mit ihrer jüngeren Schwester Agathe getanzt hatte. Xaveri versöhnt sie bald, und als seine Frau mit seinem Bruder Trudpert tanzte, stieg er zu den Musikanten hinauf und blies den amerikanischen Marsch, den er so oft den Auswanderern auf dem Wagen aufgespielt hatte, als lustigen Hopser und erntete darüber großes Lob. Xaveri trug sozusagen Amerika immer auf dem Leibe, denn er ging in der fremdländischen, mehrfach zu wechselnden Kleidung, die er sich für die neue Welt angeschafft hatte; aber er trug auch Amerika immer noch im Herzen, und das war viel gefährlicher. In der ersten Zeit nach seiner Verheiratung durfte er sich's schon hingehen lassen, daß er sich nur halb der Arbeit widmete; aber als er auf Bedrängen der Frau sich derselben mehr annehmen sollte, zeigte sich's, daß er jetzt doppelt schlaff war. Der Gedanke der Auswanderung hatte ihn erlahmt, er hatte sich gewöhnt, das Dorf gar nicht mehr als den Kreis seiner Thätigkeit anzusehen, er hatte, sozusagen, auf einen neuen Lebensmontag gehofft, an dem er sich scharf ins Geschirr legen wollte; jetzt sollte er mitten in der alten Woche im alten Gleise doppelt frisch zugreifen. Und wie das Dorf und alles, was darin vorging, ihm keine Freude mehr machte – weil er sich daran gewöhnt hatte, sich nur von einem ganz andern Leben, von ganz andern Verhältnissen Erfrischung zu versprechen und alles, was um ihn her vorging, gleichgültig zu betrachten – so war ihm auch gleicherweise das erheiratete Anwesen alt und morsch, es bot keine Gelegenheit, mit starker Kraft etwas ganz Neues zu schaffen, wie er sich's so glänzend ausgedacht hatte. Er war eben in ein verwitwetes Anwesen versetzt; die ganze Alte Welt, die ganze gewohnte Umgebung hatte ihm etwas Verwitwetes. Er konnte sich das nicht deutlich machen, aber er fühlte es nichtsdestominder. Gern gab er seiner Frau darin nach, daß er dem Pflugwirt das Handwerk nicht legte; es war ihm recht, daß er nichts Besonderes, eigentümliche Anstrengung und Zusammenfassung Erforderndes zu thun hatte. Er lebte gern so in den Tag hinein, und es war ihm schon zu viel, daß er damit zu thun hatte, neues Vieh anzuschaffen – denn das alte war verkommen –, daß er neue Feldgeräte anschaffen mußte – denn die alten waren gar nicht zu gebrauchen. Das Anwesen der Zuckerin und die Fülle des Hauses waren nicht so bedeutend, als es den Anschein gehabt hatte. Die Vorräte im Kaufladen waren geborgt, und Xaveri, der sein Vermögen auf Zinsen anlegen wollte, mußte mehr als die Hälfte in das Haus stecken und durfte sich davon vor den Leuten nichts merken lassen. um nicht zum Schaden auch noch den Spott zu haben. Dabei hatte er über die kleinste Anordnung, die er im Hause traf, scharfe Auseinandersetzungen mit seiner Frau. Sie hatte einst gewünscht, einen Mann zu haben, dem sie untergeben sei; und das Geringste, was dieser nun selbständig verfügen wollte, erregte ihre heftigste Einsprache. Xaveri, der einst über das ganze Dorf und noch weit darüber hinaus geherrscht hatte, sah, daß es ihm nicht gelingen wollte, die eigene Frau in seine Gewalt zu bekommen. Er rang mit ihr um die Oberherrschaft, und weil es zwischen ihnen an der Liebe fehlte, die nicht eifert, war Herrschaft ihr einziges Ziel. Wenn eins merkte, daß das andere dies oder jenes besser verstand, herrschte darüber nicht Freude und Anerkennung, sondern Neid und Schmälsucht. Xaveri hatte, ohne vorher ein Wort davon zu sagen, den ganzen Viehstand im Hause verändert, und weil er damit, zum Teil nicht ohne seine Schuld, unglücklich war und mit Verlust noch einmal ändern mußte, ließ sich's die Frau nicht entgehen, ihm solches oft und mit Schadenfreude zu wiederholen und ihm zu zeigen, daß er nichts verstünde und sich von jedem betrügen lasse. Bei solchen Erfahrungen und Wahrnehmungen war Xaveri wohl bös auf seine Frau, aber noch mehr auf seine Mutter, seinen Bruder und alle seine Verwandten. Er sah in allem nur sein Ungeschick für die Alte Welt, man hätte ihn sollen ziehen lassen, er wäre ein ganz anderer Mann geworden in Amerika, das war sein steter Gedanke. Mit Ungestüm forderte er oft Hilfeleistungen und Beistand von seinen Angehörigen; sie durften ihm, wie er glaubte, nichts versagen, sie waren es ihm schuldig, da er ihnen zulieb daheim geblieben war. Wenn man ihn bei solchen Zumutungen auf seine eigene Kraft und Thätigkeit hinwies und jedes unbekümmert um das andere seinem Tagewerk nachging, knirschte er in sich hinein: ihm war ja himmelschreiend unrecht geschehen, er war daheim geblieben, um eine hilfebereite Verwandtschaft zu haben, und es gab ja gar kein Zusammenhalten mehr; er war einsam und auf sich gestellt, als wäre er in weiter Wildnis. Die Familienangehörigkeit erschien ihm eben auch als eine Lüge, wie alles auf der Welt. Tage- und wochenlang sah sich niemand nach ihm um, und doch hatten sie gethan, als könnten sie nicht leben, wenn er nicht da wäre. Wie freundschaftlich und zuthulich war damals das ganze Dorf und besonders seine Verwandtschaft gewesen, als er fortgehen wollte, und jetzt zeigten sie nicht den hundertsten Teil jener Herzlichkeit. Der Pflugwirt erschien jetzt noch als der Bravste, der war doch immer der gleiche Schelm gewesen. Mit Absicht entzog sich jetzt Xaveri den Seinigen und verspottete sie. Besonders gegen seinen Bruder Trudpert faßte er einen tiefen Widerwillen, der war immer so ruhig und still, ging unablässig in seinem Geleise seinen Geschäften nach und hatte nicht einmal ein freiwilliges Wort für das Anliegen eines andern, geschweige einen Beistand. Er war mit dem Pfluge ins Feld gefahren, als Xaveri nach dem Markt ging, um neues Vieh einzukaufen, er hatte ihm kaum Glück auf den Weg gewünscht. Hätte er nicht als älterer, erfahrener Bruder freiwillig mitgehen und Xaveri vor dem Ungeschick bewahren müssen, in das er für sich allein geraten war? Am meisten aber war Xaveri doch auch bös auf sich selber und zwar natürlich darum, weil er der Narr gewesen war, dem Geflenne und Gezerre der Seinigen nachzugeben und daheim zu bleiben. Mitten in all diesem Sinnen und Grübeln war es fast wunderlich, und Xaveri schüttelte oft selbst darüber den Kopf, daß er jetzt so viel über die Menschen und über sich selbst nachdenken mußte. Es schien, als habe er bis jetzt alle seine Jahre nur träumend verbracht, und jetzt auf einmal ginge ihm das Leben auf, so verwirrt und düster. Ein jeder Menschengeist, so dumpf er auch scheinen mag und so sonnenlos auch sein Standort ist, hat doch seine kürzer oder länger andauernde Blütenzeit. War der Kelch, der sich hier erschloß, eine Distel oder gar eine Giftpflanze? Die Nahrung mindestens, die Xaveri zu sich nahm, war in Zorn und Hader vergiftet. Er hatte einen unüberwindlichen Abscheu vor allem Geschirr, das vom Zuckermännle und der alten Zuckerin herstammte, und wenn er das seiner Frau sagte, daß er die Alten immer husten höre, lachte sie ihn höhnisch darüber aus und suchte seinen Ekel noch zu vermehren. Er suchte sich fortan zu überwinden, aber – es mag seltsam scheinen, und doch ist es so – eine Hauptursache vieler Verstimmungen war: die Zuckerin bereitete das Essen so, daß es Xaveri fast gar nicht genießen konnte. Anfangs half er sich damit, daß er sich, zuerst wie zum Scherz, dann aber zu bitterem Ernst von seiner Mutter das Nötige bereiten ließ und bei ihr verzehrte; er scheute sich noch, vor den Leuten zu zeigen, wie es ihm ergehe. Wie seltsam war es Xaveri zu Mute! Sonst ging er satt aus dem Hause, und jetzt ging er hungrig aus demselben, um im Wirtshause zu essen. Er schämte sich, etwas zu bestellen, und doch war ihm so öde und so bitter. Er ließ sich manchmal verstohlen in der Küche etwas geben und aß es hinter dem Hause. Bald aber bestellte er sich schon oft am Tage vorher, was er morgen haben wolle, und aß vor aller Welt im Wirtshause. Und wenn er nach Hause kam, sprach seine Frau, die das immer schon erfahren hatte, ihm das Nachgebet dazu; sie machte ihm nun zum Possen das Essen immer noch schlechter und aß selber vorher insgeheim. Xaveri hatte nie Karten gespielt, aber jetzt saß er oft bis tief in die Nacht hinein im Wirtshause und spielte. Er wollte sich selber vergessen, nichts von sich und seinem Elend wissen, und er fragte sich nicht mehr, worin eigentlich dies sein Elend bestehe, und wie es zu fassen und zu ändern sei. Er sagte sich immer nur, daß er im Elend sei; das war eine ausgemachte Sache, und er wollte ermüdet sein und nichts mehr denken können, wenn er spät heimkam und sich zum Schlafen niederlegte. Anfangs gewann er im Spiel, aber er machte sich nichts aus dem Gewinn; er wollte das zeigen und wurde immer waghalsiger. Natürlich spielte man auch nicht trocken, und in der Hitze von Spiel und Trunk gab's manchmal Händel, aber sie wurden bald wieder geschlichtet; denn Spielgenossen sind seltsam friedfertig, und trotz allen Streites denken sie doch innerlich immer wieder darauf, des zu erhoffenden Vergnügens und Gewinstes nicht zu entbehren. Nun verlor Xaveri geraume Zeit, denn er hatte seine Gedanken nicht beim Spiel; bei jeder Karte, die er wie einen Axthieb auf den Tisch warf, dachte er oft und oft an seine Frau, daß die ihn zwinge, liederlich zu sein und zu spielen. Er wollte sich aber nicht mehr zwingen lassen, setzte eine Zeitlang aus und schaute nur zu, wie die andern spielten; später glaubte er es besser gelernt zu haben und that wieder mit, aber auch jetzt verlor er unbegreiflicherweise fast immer. Er lachte laut und verspottete sich über seinen Verlust, aber innerlich nahm er sich fest zusammen und rührte fortan keine Karte mehr an. Xaveri, der bei aller Wildheit doch noch immer eine gewisse Ehrfurcht vor der Häuslichkeit hatte, die er in so schöner Weise bei seinen Eltern kennen gelernt, bewog seine Mutter, hier vermittelnd einzugreifen, und es gelang der alten Lachenbäuerin, eine entsprechende Friedsamkeit herzustellen. Die beiden Eheleute schienen wieder geraume Zeit in Eintracht miteinander zu leben. Xaveri ermannte sich und griff wacker zu, aber sobald nur der kleinste Zwist ausbrach, sobald nur das geringste Ungemach sich zeigte, war immer sein erster Gedanke: »O, wär' ich doch, wo mich meine Kiste hinweist!« Er hatte dies einmal gegen seine Frau ausgesprochen, und sie holte die Axt und wollte die Kiste zertrümmern und verfluchte ganz Amerika und jeden Gedanken daran. Nur mit der größten Milde und Nachgiebigkeit und durch den schließlichen Vorhalt, daß die Kiste fünf Gulden wert sei, und daß er sie bei nächster Gelegenheit einem Auswanderer verkaufe, rettete er sie noch. Wenn aber fortan ein Gedanke an die Neue Welt in Xaveri aufstieg, verschloß er ihn in sich; manchmal konnte er minutenlang in der Kammer auf die Kiste hinstarren, und seine Gedanken zogen weit ab von allem, was ihn umgab. Wenn Xaveri abends im Pflugwirtshause saß, schaute er durch die Tabakswolken oft nach jener Tafel, darauf das Schiff schwamm, und wo mit roter Schrift zu lesen war: »Nach Amerika!« Wenn er heimkam, machte er dann jenes Scherzwort zur Wahrheit, daß er über Amerika ins Bett stieg. Im Frühling war eine lustige Hochzeit im Dorf, die aber ihre traurigen Folgen hatte. Der »Schackle« war zurückgekehrt und heiratete eine Kaufmannstochter aus der nahen Amtsstadt; er errichtete einen großen Kaufladen, mit langen bis an den Boden reichenden Fenstern, wie man solche im Dorf noch nie gesehen. Die Zuckerin, die, gestützt auf ihren jetzigen Familienanhang bei Schultheiß und Gemeinderat, die Gestattung dieser Konkurrenz hatte verhindern wollen, brachte nichts zu stande, und sie, die einst die Familie Xaveris so hoch gerühmt hatte, konnte nicht genug Schimpfworte auf dieselbe finden, und den Xaveri hieß sie fast nicht mehr anders als den »Garnichts«, weil er einmal gesagt hatte: »Ich kümmere mich um die Sache gar nichts!« und dabei festgeblieben war. Die Zuckerin suchte jetzt den Xaveri zu stacheln, daß er dem Pflugwirt dafür seinen Auswandererhandel verderbe; Xaveri aber war nicht mehr dazu aufgelegt, dennoch versagte er sich die Schadenfreude nicht, ihr vorzuhalten, daß sie ihn verhindert habe, als es noch Zeit war, und ihn jetzt ermahne, da es zu spät sei. Nun wollte sie, daß er mindestens nicht zu »Schackles« Hochzeit gehe, aber auch hierin willfahrte ihr Xaveri nicht; er war ja der alte Beschützer des »Schackle« gewesen und schloß zuletzt auf jede Ermahnung: »Ich bin kein Krämer!« Xaveri pfiff lustig. als es zum Hochzeitsschmaus des »Schackle« ging, und hörte nicht auf das Brummen und auf das laute Schelten seiner Frau; er zog sein bestes amerikanisches Gewand an und versteckte noch darunter sein Waldhorn. Er entsetzte sich fast, als er seine Frau ansah: wie hatte diese sich so fürchterlich verändert! Ihre ganze Erscheinung war so über alle Maßen vernachlässigt, daß er fast gar nicht glauben mochte, das sei seine Frau. Die Zuckerin wußte, daß ihr Mann noch vom Soldatenleben her viel auf properes Wesen hielt, und fast zu seinem Aerger vernachlässigte sie sich immer mehr und lachte, wenn er sie Hanfbutz (Vogelscheuche im Hanfacker) nannte. »Kannst dich anziehen und auf den Abend auch nachkommen, ich will einmal gut essen!« sagte Xaveri und ging nach dem Pflugwirtshause. Das Waldhorn tönte am Abend das ganze Dorf herauf; es konnte niemand anders sein, als der Xaveri, der so schön blies. Die Zuckerin saß daheim in Zorn und bitterem Haß, und sie wußte am Ende nichts anderes zu thun, womit sie ihren Mann ärgern könnte, als daß sie ein Beil holte, um die Kiste zu zertrümmern. Er hütete die Kiste wie ein Kleinod, er hatte seine Frau gebeten, ja ihr streng befohlen, sie nie zu berühren; darum sollte sie jetzt zerstört werden. Die Zuckerin besann sich aber doch wieder, daß sie einen namhaften Geldwert zerstörte, und ließ nun ihren Zorn damit aus, daß sie mit dem Beil den Namen Xaveris und die beiden Waldhörner auskratzte. Sie ging vor das Haus, und jetzt sagte ihr eine wohlwollende Nachbarin, der Xaveri tanze wie ein junger Bursch. Schnell sprang sie nach dem Wirtshaus und eilte atemlos die Treppe hinauf. Dort tanzte Xaveri eben mit des Pflugwirts Agathe und jauchzte und sang dabei; schnell drang sie durch die tanzenden Paare und stand vor ihrem Xaveri: »Was machst du da?« schrie sie laut. »Guck, die ist halt schöner als du!« erwiderte Xaveri. Fluchend mit gellem Schreien, daß darob die Musik einhielt, schimpfte nun die Zuckerin Agathe, die aber ruhig entgegnete: »Was schändest so? Ich mag ihn nicht; wenn ich ihn gemocht hätt', hätt'st du ihn nicht kriegt!« »Du siehst ja aus wie ein Hanfbutz!« rief Xaveri, und in übermütiger Laune begann er das Lied zu singen: Der Hanfbutz, der Hanfbutz, der Hanfbutz isch do! I g'sieh kein Rab, i g'sieh kein Vogel – Die Musik begann die Weisung zu spielen, und alles jauchzte hellauf und tanzte und drückte die Zuckerin hinaus. Diese eilte zu Xaveris Mutter und zu Trudpert. Bald sah man letzteren auf dem Tanzboden, und Xaveri verschwand gleich nach ihm. Im Leibgedingestübchen der Mutter gab es nun heftige Erörterungen, oft von Weinen und Schreien unterbrochen. Die Mutter hatte schnell die Laden zugemacht. Es sollte kein Laut nach außen dringen. Xaveri, der ohnedies nur verzweifelt lustig gewesen war, erkannte wohl bald sein Unrecht, aber er hatte wieder seinen alten Trotzkopf und wollte das nicht gestehen, bis endlich Trudpert, der sein lebenlang gutmütig und nachgiebig gegen ihn gewesen war, auf ihn zusprang und schwur, ihn zu erdrosseln, wenn er nicht in sich gehen und sich bessern wolle. Die Mutter weinte und wehrte ab, soviel sie vermochte, und nach der eigentümlichen Frauenart sprachen ihre Klagen nichts davon, wie jammervoll dieser Bruderstreit an sich war, sie wiederholte nur immer: »Was ist das für eine Schande vor den Leuten, daß ihr so Händel miteinander habt! Um Gottes willen! Das ganze Dorf läuft ja zusammen! Draußen steht alles und horcht zu!« Die Zuckerin saß auf der Bank und hielt die Hände still ineinander. Xaveri schaute nur einmal mit wildem Blick nach ihr hinüber; wie ein Blitz durchzuckte ihn der Gedanke, wie schändlich es von seiner Frau sei, daß sie ihm nicht beistehe und seinen Bruder nicht abwehre, der ihm fast den Hals zudrehte. »Laß los, du hast recht,« rief er, aber doch keuchend. »Du mußt recht haben, weil du so gegen mich sein kannst. Das hätt' ich nie geglaubt!« »Ich hätt's auch nie geglaubt!« sagte Trudpert, ließ ab und seine Hände zitterten. Xaveri versprach aufrichtig, sich zu bessern, und als er mit seiner Frau heimging, schaute ihm die Mutter aus ihrem Fensterchen nach und betete auf den nächtigen Weg der Heimgehenden noch lange inbrünstige Gebete. Der offenkundige Zerfall, den Xaveri herbeigeführt hatte, schmerzte ihn sehr; wir müssen aber sagen, nicht sowohl um des verlorenen Glücks willen, als um die preisgegebene Ehre. Vor Tag ging er mit dem Pflug ins Feld oder zum Holzfällen in den Wald und kehrte erst am Abend wieder heim. Im Wirtshaus sah man ihn lange nicht. Die Leute sagten, sein Gesicht sei zerkratzt, er könne sich nicht sehen lassen, man habe ihn solch einen Ausruf einmal bei Nacht schreien hören; das war nicht der Fall, seine Frau hatte ihm nur während seiner Abwesenheit seinen Namen von der Kiste abgekratzt, und so oft er nun darauf sah, kochte ein Ingrimm in seiner Seele; er sprach zwar nur einmal davon, immer aber mußte er daran denken, wie ganz anders es stünde, wenn er mit seinem unversehrten Namen davongezogen wäre übers Meer. Im Hause wurde wenig gesprochen, es war weder Streit noch Friede. Nur einmal entbrannte jener wieder, als die Zuckerin die Kiste verkauft hatte und Xaveri eben dazu kam, wie man sie abholen wollte. Er hielt sie zurück mit dem Bedeuten, sein Eigentum dürfe niemand anders verkaufen als er selbst. Die Zuckerin, deren Kramladen ganz verödete, kochte ihrem Mann fast gar nichts mehr, und er mußte sich wieder bei seiner Mutter erholen. Die Ernte kam herbei. Xaveri ging schon vor Tag hinaus nach dem Acker neben dem Kirchhofe. Dieses Hinausschreiten im kühlen Morgennebel, da sich ein grauer Schimmer auf Gras und Staude legt, diese Freude am frischen Gang aus Dumpfheit und Verzerrung zur Arbeit, die jetzt noch als Lust entgegenwinkt, der Gruß der Begegnenden, die sich zu gleichem Thun aufmachten und einander in der sichern Hoffnung auf einen hellen Tag bestärkten: alles machte Xaveri plötzlich im Innersten froh; er dachte kaum mehr an sein verworrenes Leben, und es schien ihm leicht zu glätten, mindestens wollte er alles thun, damit es schön und heiter werde. Xaveri war trotz allem doch noch Bauer genug, daß er seine Freude an dem schönen Acker hatte, den er jetzt sein eigen nannte; er lachte vor sich hin, als er denken mußte: es ist doch gut, daß sich die Wiesen und Aecker nichts um die Händel im Hause kümmern und beim Unfrieden nicht davonlaufen; sie wachsen still, und wie prächtig steht hier das Korn! Ihr seid doch glückliche Menschen, und Gott ist gut, daß er euch den Unfrieden nicht entgelten läßt. – Der erste Anschnitt eines Ackers hat immer etwas Feierliches, besonders für den einsam Arbeitenden; der alte Lachenbauer hatte immer gebetet, ehe man anfing; Xaveri that das nun zwar nicht, aber indem er die Sichel noch einmal wetzte, wetzte er gleichsam noch einmal seine Gedanken, und die waren: daß er fortan arbeitsam und friedsam sein wolle. – Das Feld war ergiebig, die niedergelegten Halme, die sogenannten Sammelten, lagen so nahe aneinander, daß man gar keine Stoppeln mehr sah, und das ist das fröhlichste Zeichen einer reichen Ernte. Die Sonne war emporgestiegen, die Lerchen sangen in blauer Luft, aber Xaveri horchte nicht hin und sah nicht auf, seine Gedanken waren drüben in Amerika: »Wie anders wäre das, wenn du dort zum erstenmal Ernte hieltest, auf einem vordem nie bebauten Boden! Hier tönt die Morgenglocke – dort hört man kein Geläute; vom Acker daneben hört man Menschenstimmen – dort vernimmt man nichts. Es ist doch besser, auf dem Boden zu bleiben, den schon die Vorfahren bebaut und der Geschlecht auf Geschlecht genährt, und wer weiß, ob du drüben noch lebtest« . . . Xaveri richtete sich verschnaufend auf und sah nach dem Kirchhofe. – »Dort liegt dein Vater und dort deine Ahne, von welcher der Spruch herrührt: ich glaube nicht an Amerika.« Zum erstenmal in seinem Leben empfand er, was es heißt, den Boden zu verlassen, in dem die Gebeine der Angehörigen ruhen; aber dieser Gedanke streifte ihn nur flüchtig, und im Weiterarbeiten dachte er: »Auch du wirst einmal dort liegen. Dieses Leben hast du nur einmal und willst es so in Haß und Hetzerei verbringen? Fang es frisch an, solang es noch nicht verloren ist; dein Weib wird schon gut sein, sie muß, wenn sie sieht, daß du gut bist. Wir haben unser reichliches Brot, warum sollen wir denn nicht gut miteinander auskommen? Ich will nicht mehr an Amerika denken. Es muß uns hier gut gehen, und wir haben's besser als tausend andre, und wenn jetzt das alt Zuckermännle den Löffel erst grad' aus dem Maul gethan hätt', ich thät' damit essen, und es schmeckt' mir; das darf nichts mehr gelten. Wenn sie mir nur auch bald Essen bringt« . . . Dieser letzte Gedanke war es, bei dem Xaveri am längsten verharren mußte, denn er spürte in sich einen Mahner, und auch von außen wurde er daran erinnert. Von den benachbarten Aeckern hörte man gemeinsames Sprechen und oft lautes Lachen. Es war sechs Uhr, man hatte den Schnittern das Essen gebracht, und überall, soweit er sehen konnte, wandelten Frauen und Kinder mit Körben und Töpfen. Denkt deine Frau allein nicht an dich, und glaubt sie, daß du nicht auch hungrig wirst, und schneidest du denn für dich allein? So sprach es in Xaveri, und der im Hunger doppelt leicht gereizte Zorn wollte wieder in ihm aufsteigen und alles bewältigen; aber noch wurde er seiner Herr und sagte sich, daß seine Frau sich verspätet haben könne, oder daß sie im Kaufladen aufgehalten werde. Er schnitt allein weiter, während alles um ihn her ruhte und sich gütlich that; das aber nahm er sich vor, es sollte als Zeichen des Friedens gelten, ob seine Frau ihm Essen bringe oder nicht. Sieben Uhr war schon vorüber, ringsumher war alles wieder neugestärkt an der Arbeit, und Xaveri, der immer weiter schnitt, empfand tiefes Mitleid mit sich, daß ihm das Weinen nahe stand; er fühlte sich verlorener hier, als wäre er in der neuen Welt. Oft schaute er auf, aber immer sah er seine Frau noch nicht. Er wollte davonlaufen, aber in einer Art von heldenmütiger Selbstvernichtung wollte er unaufhörlich weiter arbeiten, bis er niedersänke vor Ermattung und die Leute dann sahen, wie es ihm ergehe. Endlich, es schlug acht Uhr, da sah er seine Frau den Berg herabkommen, sie hatte weder Korb noch Topf bei sich. Auch das wollte Xaveri verwinden, sie konnte ja wieder umkehren. Als sie aber näher kam und so verwahrlost aussah in der nachlässigsten Kleidung mit der Sichel in der Hand, da konnte er sich nicht enthalten, halb scherzend auszurufen: »Du siehst ja wieder aus wie der Hanfbutz. Guck, es ist kein Vogel weit und breit, es singt keine Lerche, wo du bist, du bist halt der Hanfbutz.« Die Zuckerin stand still und lachte höhnisch. Da rief Xaveri abermals: »Hast nichts zu essen?« »Da wächst ja gutes Brot, iß davon,« erwiderte die Zuckerin, »das ist mein Acker, den ich zugebracht habe; iß aber nur, soviel du magst, ich schenk' dir's.« »Aber dir ist nichts geschenkt,« schrie Xaveri und hackte da, wo er stand, seine Sichel in den Boden und stampfte sie noch mit dem Fuße hinein, dann verließ er das Feld. Die Frau schimpfte und klagte hinter ihm drein, er aber drehte sich nicht mehr um, ging in das Haus, raffte alles, was er zu eigen besaß, in seine Kiste und eilte damit zu seiner Mutter. Dieser erzählte er alles, was am Morgen beim Schneiden in ihm vorgegangen, und wie er so friedfertig gegen seine Frau gewesen war und sie nur im Scherz geneckt habe. Die Mutter mochte ihm hundertmal erklären, daß das ja die Frau nicht wissen konnte, daß man sich erst wieder necken dürfe, wenn man schon lange Frieden habe; Xaveri mochte wohl etwas davon einsehen, denn er antwortete nichts darauf, er wiederholte nur, daß es bei seinem Schwure bleibe, er habe, als er die Sichel in den Boden getreten, in sich hineingeschworen, nie mehr hier zu Lande eine in die Hand zu nehmen, und dabei bleibe es, keine Gewalt des Himmels und der Erde brächte ihn davon ab. – Ein unbeugsamer Trotz gegen die ganze Welt, der sich leicht in Selbstzerstörung verwandelt, setzte sich in Xaveri fest. Mitten in der hohen Erntezeit, wo im Dorfe so zu sagen jeder Finger, der sich regen kann, in Arbeit ist, saß Xaveri draußen am Waldrand und blies auf seinem Waldhorn. Durch dies Benehmen ward Xaveri des ganzen Vorteils und des ihm allgemein zuerkannten Rechts gegen seine Frau verlustig. Solch ein Müßiggang war unerhört und empörend. Man hielt Xaveri anfangs für närrisch, dann aber wendete sich Haß und Verachtung des ganzen Dorfes gegen ihn. Selbst Trudpert ließ seinen Bruder in heftigen Worten an; ja er drohte, der Mutter von der ausbedungenen Nahrung abzuziehen, wenn sie den Xaveri noch länger damit füttere; er wolle die Sache vor Gericht kommen lassen. Mit lang verhaltenem Ingrimm erwiderte Xaveri, daß ihm das recht sei, und es werde sich jetzt bei dem Gericht ausweisen, wie er durch Trudpert in der Erbteilung zu kurz gekommen sei. In der Thal versuchte auch Xaveri einen Rechtsstreit darüber anhängig zu machen, ging oft nach der Stadt, besprach seine Angelegenheit im Wirtshaus mit allerlei fremden Menschen und erholte sich Rats bei einem Rechtsanwalt, der indes immer mehr eigentliche Belege von ihm verlangte. Xaveri redete sich vor, daß er diese beschaffen könne. Es gibt für einen in sich uneinigen und müßiggängerischen Menschen nichts Bequemeres als einen Rechtsstreit. Da hat man immer die Ausrede bei der Hand: Wenn erst diese Sache geschlichtet ist, dann geht wieder alles in Ordnung, und einstweilen entschuldigt man für sich die Nichtstuerei. So erging es auch Xaveri, und ein geheimer Stolz kam noch dazu. Er konnte sich nicht leugnen, daß in seinem ganzen Thun und Lassen etwas Unmännliches sei. Er mußte sich oft im stillen gestehen, daß er eigentlich keine rechte Mannesgeltung habe. Jetzt in den Wirtshäusern in der Stadt, im Vorzimmer bei dem Rechtsanwalt und im innern Stübchen bei diesem selber, jetzt war er doch ein Mann. Wer kann das noch bestreiten, daß einer, der einen Rechtsstreit führt, Protokolle und Abschriften ausfertigen läßt, worin sein Name groß geschrieben ist in Fraktur, und der mit landesfarbigen Schnüren zusammengeheftete Akten ausfüllt – wer kann bestreiten, daß das ein Mann sein muß, der solches veranlaßt? Indes zeigte sich bald, daß der Rechtsstreit zu keinem Ziel führe, und Xaveri ließ ihn ebenso leicht, als er ihn aufgenommen, auf Anraten seines Rechtsanwaltes wieder fallen. Trudpert und Xaveri redeten fortan kein Wort mehr miteinander, und diesem war von allen Menschen im Dorfe niemand mehr zugethan als seine Mutter. Sie ging zu jedermann und redete gut von ihrem Xaveri, sie wollte im einzelnen ihm wiedergewinnen, was er auf einmal und bei allen verloren hatte, und sie allein hoffte noch immer, daß alles sich wieder ausgleiche; aber vergebens. Der Mutter allein erzählte Xaveri, was in ihm vorging, sonst wanderte er durch das Dorf, grüßte niemand und hielt den Blick immer zur Erde gesenkt, denn er verwünschte es innerlich, daß er nicht fort konnte, nicht auf einmal in eine ganz andre Welt, daß er immer wieder heim mußte, um zu essen. Diese natürliche Befriedigung des Lebensbedürfnisses ward ihm zur Qual. Draußen am Waldesrand lag er dann tagelang und schaute hinaus in die Felder, wo die Menschen hin und her gingen. Sein sonst so scharfes Auge schien jetzt plötzlich die Dinge nicht mehr recht zu unterscheiden. Trotzdem er oft einen Männerhut zwischen den Kornfeldern sich fortbewegen sah, wollte er doch glauben, und glaubte es auch, ja indem er sich halb aufrichtete, war es ihm ganz deutlich – daß er eine Frau sähe und gar seine eigene Frau, die ihm winke, daß sie komme und ihn hole; aber die Gestalt verschwand wieder und er blieb allein. Der graue Meilenstein am Wege, den er doch genau kannte, den hielt er jedesmal beim Aufschauen für einen Menschen, der nach ihm ausblicke. War das Täuschung oder Selbstbetrug? Wer kann in solchem Falle entscheiden? Seltsam war und blieb, daß es jedesmal eintraf, so oft er sich's auch vorhersagte. Hörte er einen Schritt sich seinem Lagerplatze nähern, kam ein Mann, eine Frau oder ein Kind, so blinzelte er und richtete sich ein wenig auf, es war gewiß jemand, den seine Frau nach ihm schickte; und wenn der Kommende vorüberging, ohne ihn zu achten, hustete er, um gewiß zu sein, daß er bemerkt und nicht verfehlt worden sei. Dann warf er sich wieder auf das Antlitz nieder, als wolle er sich in die Heimaterde einbohren und eingraben. »Jetzt liegst du noch auf der Heimaterde, und bald mußt du sie verlassen!« sagte er oft vor sich hin, und während er mit einem Grashalm in seinen Zähnen stocherte, sang er dann wieder und wieder: Und wer einen steinigen Acker hat Und einen stumpfen Pflug Und ein böses Weib daheim, Der hat zu feilen g'nug. Der Vers kam ihm gar nicht aus dem Sinn, als wären es nur noch die einzigen Worte, die er kannte, und kein andres mehr. Ja, was denkt und sinnt nicht alles ein Mensch, der in sich verwirrt und verwahrlost ist und sich noch mehr verwirrt und verwahrlost! Xaveri war wie ein Fieberkranker, der im Bette liegt und in einfachen Linien an der Wand, in Leisten und Nägeln allerlei Bilder und Zeichen sieht, Schnäuzchen und Henkel am Wasserkrug wird zu Mund und Höcker eines seltsamen Männchens, und Schränke, Stühle und der Tisch, alles verwandelt sich in beängstigende Ungeheuer. Wenn Xaveri den Weg dahin ging und seinen Schatten sah, kam es ihm oft vor, als wäre er selber nur noch ein Schatten; er spielte mit seinen Schattenbildern und machte allerlei Sprünge und Stellungen wie die Kinder. Die Leute hielten ihn für närrisch. Aber was ist denn ein Mensch, der die ihm gegebenen Verhältnisse nicht so zu fassen und zu gestalten weiß, daß, wenn auch nicht Glück, doch Ruhe und Frieden daraus erwachsen muß? Die Sühneversuche zwischen Xaveri und seiner Frau, die vor dem Pfarrer, vor dem Kirchenkonvent und dem Amte wiederholt abgehalten wurden, blieben erfolglos. Xaveri bestand darauf, daß er nie mehr zu seiner Frau zurückkehre. Die Entscheidung zog sich lange hin, und endlich im Herbst wurden sie getrennt, da sie nicht geschieden werden konnten. Mehr als ein Dritteil seines Vermögens, das Xaveri in das Hauswesen gesteckt hatte, war verloren; es zeigte sich bei der Auseinandersetzung ein auffälliger Rückgang des Besitztums, aber doch blieb Xaveri noch so viel, um in der Ferne sein Heil suchen zu können. Noch einmal wurde die Kiste frisch angestrichen, noch einmal der Name darauf geschrieben und abermals ein Ueberfahrtsvertrag mit dem Pflugwirt abgeschlossen. Des Lenzbauern Philipp von Deimerstetten und Lisabeth mit ihrer zahlreichen Familie wanderten zu gleicher Zeit mit Xaveri aus. Das war ein andres Abschiednehmen als vor einem Jahre. Damals war Xaveri stolz und im vollen Bewußtsein seiner Geltung, jeder mußte bedauern, daß er wegging; jetzt reichte man ihm kaum die Hand und sprach kaum halbe Worte, und Xaveri glaubte es diesem und jenem anzusehen, daß man ihn fortwünschte, und er nahm sich nun als einzige und letzte Rache vor, keinem mehr Ade zu sagen. Nur auf dringendes Bitten der Mutter ging er zu Trudpert und reichte ihm die Abschiedshand. »Ich verzeihe dir,« sagte Trudpert. »Und ich verzeihe dir,« trotzte Xaveri und ging fort. Die Brüder, die einst so einträchtig miteinander gelebt, schieden jetzt in innerm Groll; jeder glaubte sich vom andern tief gekränkt, und jeder sprach Worte, die ganz andres ausdrückten, als was sie eigentlich sagten. Xaveri hielt sein Waldhorn in der Hand, als er, auf dem Wagen neben seiner blauen Kiste stehend, durch das Dorf fuhr; er hatte lustig blasen wollen, aber er brachte es nicht zu stande, es versetzte ihm den Atem. Er schaute um und um nach den gewohnten Menschen; dort lud einer Mist und nickte ihm im Ausladen zu, dort spannte einer seine Ochsen ein, und das Joch in der Hand haltend, rief er ein Lebewohl. Drescher kamen aus den dunkeln Scheunen, nickten und riefen noch ein »B'hüt's Gott!« und kaum war er vorbei, so hörte er hinter sich den Taktschlag der Dreschflegel. Mitten im Dorf stand die Zuckerin am Weg. »Du da, leg dich vors Rad, daß ich über dich wegfahren kann,« schrie ihr Xaveri zu. Die Frau schaute wild um sich, nahm einen gewaltigen Stein auf und schleuderte ihn nach Xaveri. Der Stein kollerte auf die Kiste und zerriß noch einmal den Namen. Xaveri öffnete ohne ein Wort, im Anblick vieler Versammelten, die Kiste und legte den Stein hinein. Jetzt fiel die Zuckerin auf die Kniee und schrie: »Bleib da! Verzeih, ich bitt' dich mit aufgehobenen Händen, verzeih. Ich seh', was ich gethan habe; bleib da. Du bist mein Mann, laß mich's an dir gut machen.« Xaveri war leichenblaß geworden, aber er schüttelte mit dem Kopf und fuhr davon. Die Zuckerin wankte heim und saß lange weinend vor ihrer Hausschwelle, bis Leute kamen und sie in ihr Haus brachten. – Xaveri war unterdes, den Hut in die Augen gedrückt, das Dorf hinausgefahren. Draußen, nicht weit vom Kirchhof, schob er den Hut in die Höhe, da erhob sich eine Frauengestalt, die am Wege saß. Xaveri erkannte jetzt seine Mutter, von der er doch schon Abschied genommen; er sprang vom Wagen, und die Mutter umfaßte ihn und rief: »Xaveri, sei gut und bleib da, bleib bei mir allein, wenn du willst, aber besser, geh zu deiner Frau! Wenn du auch etwas zu leiden hast, denk, du bist auch viel schuld! Guck, dort legt man mich bald in den Boden! Kehr' noch einmal um, alle Menschen auf Erden und die Engel im Himmel werden dir's vergelten, was du an deiner Mutter thust; es wird dir gewiß gut gehen!« Zu erstenmal in ihrem Leben sah die Mutter den Xaveri bitterlich weinen, und er sprach mit aufgehobenen Händen: »Mutter, da schwör' ich's unter freiem Himmel, ich thät' umkehren, Euch zulieb, wenn ich könnte! Ich hätt' mich schon lange umgebracht, wenn Ihr nicht wäret. Ich steh' jetzt da, ich hab' niemand auf der weiten Welt als Euch! Ich möcht' mein lebenlang da Stein' schlagen auf der Straß', wenn ich nur bei Euch bleiben könnt'! Mutter, ich sollt' Euch das nicht sagen, es macht Euch das Herz nur noch schwerer! Mutter, ich muß fort, ich muß! B'hüt's Gott! B'hüt's Gott, Mutter!« Er sprang auf den Wagen und fuhr rasch davon. Vom Thal herauf hörte man ihn noch lange auf dem Waldhorn blasen; die Leute auf den Feldern, die das hörten, schimpften auf die Hartherzigkeit Xaveris, die Mutter aber wußte, daß er ihr noch Zeichen geben wollte, solange sie ihn hörte, sie horchte hinaus, – bis sie nichts mehr vernahm, dann kehrte sie ins Dorf zurück . . . . Die Töne des Waldhorns waren längst verklungen, der Name Xaveris wurde im Dorfe kaum mehr genannt; denn die Menschen können sich nicht damit abgehen, Verschwundenes allezeit in Erinnerung zu behalten, und das hat auch sein Gutes. Nur drei Menschen nannten noch oft den Namen Xaveris und zwei davon fast nur, um gegen ihn loszuziehen: das waren die Zuckerin und Trudpert. Aber daß sie immer wieder von Xaveri sprachen, und zwar nur zu der Mutter, und gern zuhörten, wie diese den verlorenen Sohn verteidigte, darin lag doch wieder ein Beweis, daß sie tief im Herzen nicht von Xaveri lassen konnten. Die Mutter aber sagte stets: »Es kennt meinen Xaveri keines als ich. Er hat im Grunde das beste Herz von der Welt, nur hat er einen falschen Stolz. Hätte ich's verstanden, oder hätte ihn ein andres dazu bringen können, daß er seinen harten Willen auf etwas Gutes stellte, er hätte es ebenso fest ausgeführt als jetzt das Verkehrte. Daß er sich das Amerika in den Kopf gesetzt, das hat ihn verwirrt; es war ja, wie wenn's ihm auf die Stirn geschrieben wär', und jetzt ist er unstet und flüchtig, und mir sagt's mein Herz, er denkt an uns wie wir an ihn, und wenn Gedanken, die an einem Menschen reißen, ihn ziehen könnten, sie wären stärker als alle Dampfwagen und brächten uns wieder zueinander.« Wie gesagt, auch die Zuckerin hörte gern so reden, denn sie schien in sich gegangen zu sein; sie lebte still und arbeitsam und war besonders liebreich und ehrerbietig gegen die Schwiegermutter, bei der sie nicht abließ, bis sie zu ihr ins Haus zog, und alles, was sie ihr Gutes that, schien ihr ein doppelter Trost, als ob sie es damit auch zugleich dem fernen Verlorenen erweise. Man spöttelte anfangs viel über die Verheiratung der alten Lachenbäuerin mit der Zuckerin, aber die Menschen lassen schließlich auch das Gute ohne Spott gewähren. Drei Jahre waren vorüber, man hatte nichts mehr von Xaveri gehört. Da wanderte eines Samstagabends im Spätsommer ein Mann mit einer Kraxe auf dem Rücken vom Thal herauf; er hob oft rasch den Kopf, dann senkte er ihn wieder zur Erde und schritt mit leisem Murmeln vorwärts. An dem Kirchhof hob er die Kraxe vom Rücken und starrte lang auf eine blaue Kiste, die aufrecht auf die Kraxe gebunden war; wenn auch vielfach zerkritzelt, war dennoch deutlich auf dem Deckel zu lesen: Xaver Boger in New York. Ja, es war Xaveri, der wieder heimkehrte; noch sah er breit und kraftvoll aus, aber seine Wangen waren eingefallen, und als er jetzt, das Kinn auf die Hand gestützt, hineinschaute über das Dorf, wo jetzt die Abendglocke läutete und aus allen Fenstern wie tausend und abertausend Lichter das Abendrot widerglänzte, da zog auch über das Angesicht des Bedrückten ein Freudenstrahl. Dann setzte er sich an den Wegrain und verbarg sein Gesicht an der Kiste, in der es seltsam kollerte. Spät in der Nacht klopfte es am Haus der Zuckerin, und von der Treppe hörte man einen durchdringenden Schrei . . . In der Stube saßen noch lange nach Mitternacht Xaveri und seine Frau, und niemand als der Mond, dessen Strahlen schräg ins Zimmer fielen, hat gehört, was sie einander sagten. »Wie lang ist's, daß ich zum erstenmal da gesessen habe,« sagte endlich Xaveri, auf den abgegriffenen Lehnstuhl zeigend. »Ja, und in dem ruht jetzt deine gute Mutter aus!« sagte die Frau. »O, die hat immer an dich geglaubt. Es ist gut, daß sie schläft; wir müssen's ihr morgen früh leise beibringen. O, die wird neu aufleben!« »Ich will sie jetzt nur im Schlaf sehen,« sagte Xaveri. »Nein,« entgegnete die Frau ihn haltend, »du kannst sie damit töten, wenn sie aufwacht. Sei geduldig, bezwinge dich.« »Ja, ich hab' mich bezwungen, und das will ich zeigen,« sagte Xaveri. »Ich bin doppelt umgekehrt.« Und noch einmal öffnete sich die Hausthür, und Mann und Frau traten heraus und wanderten still durch die schlafenden Gassen. Xaveri trug etwas in beiden Händen. »Laß mich's tragen,« bat die Frau, »ich hab' die Schuld, ich hab' die Sünde gethan.« »So nimm,« sagte Xaveri. »Ich hatte mir vorgenommen wie du auch wärest, ich will's in Geduld tragen; aber ich sehe, du kannst gut sein und sollst es bleiben. O, ich habe mit dem da mein ganzes Elend durch die ganze Welt getragen, durch die alte und durch die neue. – Es hat sich keines von uns zweien biegen wollen, drum hat's brechen müssen. Wie gesegnet hätten wir leben können, als Ehre und Vermögen noch unser eigen war! Das erste können wir wieder gewinnen, und das andre – müssen wir entbehren lernen.« »Und jetzt,« sagte die Frau, als sie am Weiher beim elterlichen Hause Xaveris standen, und sie hob den Stein auf, den Xaveri wieder mitgebracht. »und jetzt versenken wir mit dem da alles Elend und alles Vergangene ins tiefe Wasser.« Der Stein klatschte laut auf in dem Weiher. Im Mondschein bildeten sich silberne Ringe darüber. *           * * Es läßt sich denken, welch ein Aufsehen die Heimkehr Xaveris im Dorfe machte, aber er ertrug allen Spott und alles Mitleid geduldig, und täglich sprach er seine Zufriedenheit aus, daß er allen, denen er Kummer gemacht, noch in Freuden vergelten könne; besonders aber seiner Mutter. Xaveri, der nun zu den Aermeren im Dorfe gehörte, arbeitete bei seinem Bruder als Knecht, und wo es sonst etwas Mühseliges zu thun gab, war er bei der Hand, und bald hieß es: »Der Xaveri kann schaffen wie ein Amerikaner.« Als der »grausig Mall« starb, wurde Xaveri Dorfschütze. Er hält gute Ordnung, denn er kennt alle Schliche. Von seinem amerikanischen Leben erzählt er nur den Seinigen. Vielleicht aber können wir doch noch einmal die Erlebnisse des Viereckigen berichten. Wenn jemand im Dorf ihn an seine Auswanderung erinnert, hat er die Redensart: »Meine Großmutter hat gesagt: Ich glaub' nicht an Amerika. Aber ich hab' daran glauben müssen, und jetzt bin ich bekehrt.« Der Geigerlex. Es summt und schwirrt in der mitternächtigen Luft. Horch! rasche Rossestritte aus der Ferne, sie kommen näher! Hei! da springt ein Reiter auf sattellosem Pferde daher und ruft: »Feuerjo! Feuerjo! Hilfe! Feuerjo!« – Er reitet gerade der Kirche zu, und bald klingt es vom Turme, es läutet Sturm. Wie schwer ist's, mitten in der Erntezeit sich aus dem besten Schlaf zu erheben; die Menschen können nicht aufkommen, sie liegen fast wie die Halme draußen im Feld, die sie mit emsiger Hand geschnitten. Aber es muß sein. Die Burschen, die Pferde im Stall haben, sind am flinksten; jeder will den Preis gewinnen, der seit alten Zeiten darauf gesetzt ist, wer am ersten mit angeschirrtem Gespann sich am Spritzenhäuschen einfindet. Da und dort erscheint Licht in den Stuben, öffnet sich ein Fenster, Thüren gehen auf, und die Mannen ziehen eilig erst auf der Straße die Jacken an. Als man am Rathaus versammelt ist, heißt es allgemein: »Wo brennt's?« – »In Eibingen!« – Frag' und Antwort war kaum nötig, denn dort hinter dem dunkeln Tannenwald stand der ganze Himmel angeglüht, still gleich dem Abendrot, und nur bisweilen schoß ein Sprühregen von Funken empor, wie wenn ein mächtiger Luftzug durch einen Hochofen geht. Die Nacht ist so still und lau, die Sterne glitzern so ruhig auf die Erde nieder, sie kümmern sich wohl nichts darum, ob ein Menschenkind da unten verkommt oder vergeht. – Die Spritze ist angespannt, die Feuereimer sind aufgereiht, zwei Fackeln sind entzündet, die Fackelträger stehen bereits hüben und drüben und halten sich an dem Messingspund; wer nur noch einen Griff, eine Hand breit Platz gewinnen kann, um zu stehen und zu fassen, schwingt sich hinauf, man sieht kaum mehr ein Stückchen von der rot angestrichenen Spritze. »Noch ein Gespann vor, zwei Pferde können nicht alles ziehen!« »Thut die Fackeln weg!« »Nein, es ist alter Brauch!« »Fahrt zu, in Gottes Namen!« So scholl die laute Rede hin und her. Jetzt rollte das schwere Gefährt das Dorf hinaus an den schlafenden Feldern und Wiesen vorbei. Die Obstbäume am Wege mit ihren Stützen tanzen lustig vorüber im flackernden Licht, und jetzt dröhnt es durch den Wald; vom Licht und Lärm geweckt erwachen die Vögel aus ihrem Schlummer und fliegen scheu umher und können sich kaum mehr zurückfinden ins warme Nest. Jetzt endet der Wald, da drunten im Thal liegt das Dorf tageshell, und es ist ein Schreien und Sturmgeläute, als ob die Flamme dort Stimme gewonnen hätte. Seht! Steht nicht dort am Waldesrand eine weiße Geistergestalt und hält etwas Dunkles an der Brust? Vernehmt ihr nicht einen Laut, einen schrillen Saitenklang? Die Räder rasseln, man kann nichts Deutliches vernehmen – vorbei, eilt, rettet! Da kommen Leute aus dem Dorfe, die ihre Habe flüchten, Kinder in bloßen Hemden mit nackten Füßen, sie tragen Betten, Zinn- und Kupfergeschirr. Ist's denn so weit, oder hat ein grauser Schreck alles ergriffen? »Wo brennt's?« »Beim Geigerlex .« Und rascher trieb der Fuhrmann die Pferde, und ein jeder reckt sich, um doppelt zu helfen. Als man sich der Brandstätte nahte, sah man bald, das brennende Haus war nicht mehr zu retten; alle Wasserstrahle waren nur auf die angebauten Häuser gerichtet, um diese vor den gierig leckenden Flammen zu wahren. Man war eben damit beschäftigt, ein Pferd, zwei Kühe und ein Rind aus dem Stall zu retten; scheu gemacht durch das Feuer, wollten die Tiere nicht vom Platz, bis man ihnen die Augen verband und sie so durch Schläge endlich hinaustrieb. »Wo ist der Geigerlex?« hieß es von allen Seiten. »Er ist im Bett verbrannt,« berichteten die einen. »Er ist entflohen,« berichteten andre. Niemand wußte Sicheres. Er hatte weder Kind noch Verwandte, und doch trauerte alles um ihn, und die aus den Nachbardörfern gekommen waren, schalten die Einheimischen, daß sie nicht vor allem über das Los des Unglücklichen sich Gewißheit verschafft hatten. Bald hieß es, man habe ihn beim Schmied Urban in der Scheune gesehen, bald wieder, er sitze droben in der Kirche und heule und jammere; das sei das erste Mal, daß er ohne Geige und nur zum Beten dorthin gekommen sei; – aber man fand ihn nicht da und fand ihn nicht dort, und nun hieß es wieder, er sei in dem Hause verbrannt, man habe sein Winseln und Klagen vernommen, aber es sei zu spät gewesen, ihn zu retten, denn schon schlug die Flamme zum Dach hinaus und spritzte das Glas der Fensterscheiben bis an die Häuser auf der andern Seite der Straße. Als es mählich zu dämmern begann, waren die angrenzenden Gebäude gerettet. Man ließ nun das Feuer auf seiner ursprünglichen Stätte gewähren, alles schickte sich zur Heimkehr an. Da kam vom Berg herab, just wie aus dem Morgenrot heraus, ein seltsamer Aufzug. Auf einem zweirädrigen Karren, an den zwei Ochsen gespannt waren, saß eine hagere Gestalt, nur mit dem Hemd angethan, und halb mit einer Pferdedecke zugedeckt; der Morgenwind spielte in den langen weißen Locken des Alten, dessen lustiges Gesicht von einem kurzen struppigen und schneeweißen Bart eingerahmt war. In den Händen hielt er Geige und Fiedelbogen. Es war der Geigerlex. Junge Burschen hatten ihn am Saum des Waldes gefunden, dort wo ihn die Fahrenden im raschen Fluge bei der Fahrt fast als eine Geistererscheinung gesehen, dort stand er, nur mit dem Hemde angethan, und hielt seine Geige mit beiden Armen an die Brust gedrückt. Als er sich jetzt dem Dorfe nahte, nahm er Geige und Fiedelbogen auf und spielte seinen Lieblingswalzer nach dem bekannten Liede: »Heut bin ich wieder kreuzwohlauf« u. s. w. Alles schaute nach dem seltsamen Mann und grüßte ihn, wie wenn er von den Verstorbenen wieder erstanden wäre. »Gebt mir was zu trinken!« rief er den ersten zu, die ihm die Hand reichten – »ich hab' so einen mächtigen Durst.« Man brachte ihm ein Glas Wasser. »Pfui!« rief der Alte, »das wäre eine Sünde, so einen prächtigen Durst, wie ich habe, mit Wasser zu löschen – Wein her! Oder hat der verfluchte rote Hahn auch meinen Wein ausgesoffen?« Und wieder fing er an, lustig zu geigen,. bis man vor der Brandstätte ankam. »Das sieht ja aus wie der Tanzboden den Tag nach der Kirchweih,« sagte er endlich, stieg ab und ging in des Nachbars Haus. Alles drängte sich zu dem Alten und umringte ihn mit Trostworten und mit dem Versprechen, ihm alle Hilfe zum Wiederaufbau des Hauses zu leisten. »Nein, nein,« beschwichtigte er, »es ist recht so, mir gehört kein Haus, ich gehöre zum Spatzengeschlecht, das baut sich kein Nest und hat kein eigenes und huscht nur manchmal ein bei den Pfahlbürgern, den Schwalben. Für ein paar Jahre, die ich noch Urlaub habe, bis ich in unsres Herrgotts Hofkapelle oder in die Regimentsmusik bei seinen Leibgarden-Engeln eingereiht werde, finde ich schon überall Quartier. Jetzt kann ich wieder auf einen Baum steigen und zur Welt hinunter rufen: ›Von dir da unten ist nichts mein!‹ – Es war doch unrecht, daß ich ein Eigentum gehabt habe, außer meiner herzliebsten Frau Figeline.« Es ließ sich dem seltsamen Mann nichts einwenden, und die Auswärtigen kehrten heim mit dem beruhigenden Gefühl, daß der Geigerlex noch da sei. Er gehörte notwendig in die ganze Gegend, – sie wäre verschändet gewesen, wenn er fehlte, fast wie wenn man die weithin sichtbare Linde auf der Landecker Höhe unversehens über Nacht niedergeworfen hätte. Der alte Geigerlex freute sich gar sonderlich, als ihm der reiche Schmied Kaspar einen alten Rock schenkte, der Kehreiner Joseph ein Paar Hosen, und andre andres. »Jetzt trage ich das ganze Dorf auf dem Leib,« sagte er und gab jedem Kleidungsstück den Namen des Gebers. »So ein Rock, den einem ein andrer vorher lind getragen hat, sitzt gar geschmeidig, man steckt in einer fremden Menschenhaut. Mir war's allemal wind und weh, wenn ich einen neuen Rock bekommen hab', und ihr wißt, ich bin allemal in die Kirche gegangen und hab' die Aermel in das herabtropfende Wachs von den heiligen Kerzen gedrückt und hab' g'sagt: ›So, Rock, jetzt bist du mein; bisher bin ich dein g'wesen.‹ Das spar' ich jetzt bei euren Kleidern, die habt ihr schon mit allerlei Speis' und Trank genährt. Ich bin jetzt ein neugeborenes Kind, und dem schenkt man die Kleidchen, die man ihm nicht angemessen. Ich bin neugeboren.« In der That schien das bei dem Alten der Fall; seine frühere tolle Laune, die seit einiger Zeit eingeschlummert schien, jauchzte wieder laut auf. Als ein Mann hereintrat, der zum Löschen des Brandes gekommen war und, weil er einmal im Geschäfte begriffen, auch innerlich einen Brand gelöscht hatte, und zwar, wie sich ganz deutlich zeigte, mehr als nötig – da schrie der Geigerlex: »Ich beneide nur den Kerl um seinen schönen Rausch.« Alles lachte. – Das Lachen und Spaßen ward indes unterbrochen, denn der Amtmann mit seinem Aktuarius kam, um über die Entstehung des Feuers und den angerichteten Schaden ein Protokoll aufzunehmen. Der Geigerlex gestand sein Vergehen offenherzig ein. Er hatte die seltsame Eigenheit, daß er fast in jeder Tasche ein Schächtelchen mit Reibzündhölzchen trug, um nie fehlzugreifen, wenn er seine Pfeife anzünden wollte. Wenn man ihn besuchte, und wenn er wohin kam, spielte er immer damit, daß er eins der Hölzchen rasch entzündete. Oft und oft sagte er dabei: »Es ist doch schändlich, daß das erst jetzt aufkommt, wo ich bald abkratzen muß. Schaut, wie das geht, wie der Blitz. Wenn ich's zusammenrechne, hab' ich Jahre Zeit verloren mit dem Feuerschlagen; der Alte da oben muß mir dafür zehn Jahre Zulag geben zu den siebzig Jahren, die mir gehören.« Aus dieser fast kindischen Spielerei war aller Wahrscheinlichkeit nach der Brand entstanden, es ließ sich aber nichts beweisen, und der Amtmann sagte zuletzt: »Es ist nur gut, Ihr seid eigentlich der letzte Spielmann; in unsrer Zeit voll griesgrämiger Wichtigthuerei seid Ihr ein Ueberrest aus der vergangenen lustig sorglosen Welt, es wäre schade, wenn Ihr so jämmerlich umgekommen wäret.« »Und bei meinem gesunden Durst verbrennen, das wäre gar zu dumm! Herr Amtmann, ich hätte sollen Pfarrer werden, ich hätte den Menschen gepredigt: ›Macht euch nichts aus dem Leben, und es kann euch nichts anhaben; schaut euch alles wie eine Narretei an, und ihr seid die Gescheitesten; und gibt's noch auf der andern Welt eine Nachkirchweihe, so tanzen wir sie auch mit!‹ Wenn die Welt immer lustig wär', nichts thät', als arbeiten und tanzen, da brauchte man keine Schullehrer, nicht schreiben und lesen lernen, keine Pfarrer, und – mit Verlaub zu sagen, auch keine Beamte. – Die ganze Welt ist eine große Geige, die Saiten sind aufgespannt, der lustige Herrgott verstünde es schon, darauf zu spielen, aber er muß immer an den Schrauben am Hals – das sind die Herren Pfarrer und Beamten – drehen und drücken, und es ist alles nichts als ein Probieren und Stimmen, und der Tanz will nie losgehen.« Solcherlei Rede führte der Geigerlex, und der Amtmann nahm wohlwollend Abschied von ihm; denn auch er kannte die Lehensgeschichte des seltsamen Mannes. Es sind jetzt nahezu dreißig Jahre, seit der Geigerlex im Dorf ist, gerade so lange, als die neue Kirche eingeweiht wurde. Damals kam er in das Dorf und spielte drei Tage und drei Nächte, nur einige Morgenstunden ausgesetzt, fast unaufhörlich die tollsten Weisen. Abergläubische Leute munkelten, das müsse der Teufel sein, der so viel Uebermut aus dem Instrumente zu locken vermag, der niemand ruhen und rasten ließ, wer ihm zuhörte, wie er selbst kaum der Ruhe zu bedürfen schien. – Er aß während dieser ganzen Zeit kaum einen Bissen und trank nur, aber in mächtigen Zügen, während der Pausen. Manchmal war's, als bewegte er sich gar nicht, er legte nur den Fiedelbogen auf die Saiten, und helle Töne sprangen daraus hervor, der Fiedelbogen hüpfte fast von selbst in kurzen Sätzen auf und nieder. Hei! was war das ein Rasen und Springen auf dem großen Tanzboden in der Sonne! Einmal während einer Pause rief die Wirtin, eine behagliche runde Witwe: »Spielmann! halt doch einmal ein, alles Vieh im Dorf verklagt dich und muß fast verkommen, die Burschen und Mädchen gehen nicht heim zum Füttern. – Wenn du's nicht wegen der Menschen thust, wegen des lieben Viehes halt doch ein!« »Recht so,« rief der Geigerlex, »da könnt Ihr's sehen, wie der Mensch das edelste Wesen auf der Erde ist, der Mensch allein kann tanzen, paarweise tanzen. Wirtin, wenn du einen Tanz mit mir machst, dann hör' ich eine Stunde auf.« Er stieg von dem Tisch herunter. Alles drang in die Wirtin, bis sie nachgab. Sie mußte ihn um die Hüfte fassen; er aber hielt seine Geige, entlockte ihr noch nie gehörte Töne, und in solch seltsamer Stellung, spielend und tanzend, drehten sie sich im Kreise, und zuletzt hörte er wie mit einem hellen Jauchzen auf, umfaßte die Wirtin und gab ihr einen herzhaften Kuß. – Er erhielt dafür einen ebenso herzhaften Schlag auf den Backen. Das eine wie das andre geschah indes in Frieden und Lustbarkeit. Von jener Zeit an blieb der Geigerlex im Hause der Sonnenwirtin. Er nistete sich dort ein, und wenn eine Lustbarkeit in der Umgegend war, spielte er auf, kehrte aber regelmäßig immer wieder zurück, und es war weit und breit kein Dorf und kein Haus, in dem mehr getanzt wurde, als bei der runden Sonnenwirtin. Der Geigerlex benahm sich im Hause als dazu gehörig, er bediente die Gäste (denn zur Feldarbeit kam er nie), unterhielt alle Ankommenden, machte bisweilen ein Kartenspiel und wußte den neu angekommenen Wein trefflich zu loben. »Wir haben wieder einen frischen Tropfen; verschmeckt ihn nur, in dem Wein da ist Musik drin!« Ueber alles, was das Wirtshaus betraf, sprach er mit der Redeweise »Wir«. »Wir liegen auf der Straß',« – »man muß über uns stolpern,« – »wir haben den besten Keller« u. s. w. Der Jahrestag der Kircheneinweihung kam wieder, und der Geigerlex war noch immer da! »Heut ist mein Purzeltag, heut bin ich hier auf die Welt kommen!« – so rief er, und seine Geige war lustiger als je. Man konnte sich im Dorf und in der ganzen Gegend das Wirtshaus »zur Sonne« gar nicht mehr denken ohne den Geigerlex. Die Wirtin aber dachte sich's doch vielleicht anders. – Als der zweite Jahrestag der Kirchweih vorüber war, faßte sie sich ein Herz und sagte: »Lex, du bist mir lieb und wert; du bezahlst, was du verzehrst; aber möchtest du nicht auch wieder einmal probieren, wie sich's unter einem andern Dach haust? Wie meinst?« »Mir gefällt's bei uns! Wer gut sitzt, soll nicht rücken, sagt man im Sprichwort.« Die Wirtin schwieg. Wieder vergingen einige Wochen, da begann sie abermals: »Lex, nicht wahr, du meinst's gut mit mir?« »Rechtschaffen gut.« »Hör', es ist nur wegen der Leut', ich leg' dir nichts in den Weg, aber weißt, es ist ein Gerede. Du kannst ja wiederkommen, nach ein paar Monaten. Wenn du wiederkommst, steht dir mein Haus offen.« »Ich geh' nicht weg, da brauch' ich nicht wiederkommen.« »Mach' jetzt keine Späß', du mußt fort.« »Ja, zwingen kannst du mich. Geh nauf in meine Kammer, pack meine Sachen in einen Bündel und wirf sie auf die Straße. Anders kriegst du mich nicht vom Fleck.« »Du bist ein Teufelsbursch. Was soll ich denn mit dir anfangen?« »Heirat' mich.« Er erhielt wieder einen Schlag auf den Backen, aber diesmal viel sanfter als bei der ersten Kirchweih. Als die Wirtin den Rücken wendete, nahm er die Geige und spielte hell auf. In kürzeren Zwischenräumen versuchte es nun die Wirtin, den Lex zum Fortgehen zu bewegen, aber seine beständige Antwort war: »Heirat' mich.« Einstmals sprach sie mit ihm, daß ihn wohl die Polizei nicht mehr dulde, er habe ja eigentlich keinen rechten Ausweisschein u. dergl. Drauf antwortete Lex keine Silbe, setzte den Hut auf die linke Seite, pfiff ein lustiges Lied und ging nach dem zwei Stunden entfernten Schlosse des Grafen. Das Dorf gehörte damals noch dem reichsunmittelbaren Grafen von S. Am Abend, als die Wirtin in der Küche am Herd stand und ihre Wangen erglänzten im Widerschein des Feuers auf dem Herd, trat Lex, ohne eine Miene zu verziehen, vor sie hin, überreichte ihr ein Papier und sagte: »So, da hast du unsre Heiratsbewilligung, der Graf dispensiert uns noch von jedem Aufgebot, heut ist Freitag, übermorgen ist unsre Hochzeit.« »Was? du Schelm wirst doch nicht –« »Herr Lehrer!« rief Lex dem eben an der Küche Vorübergehenden zu, »kommet herein und leset vor!« Er hielt die Wirtin am Arm fest, während der Lehrer las und am Ende seinen Glückwunsch aussprach. »Nun, meinetwegen!« sagte die Wirtin endlich, »du bist mir schon lang recht, aber es war nur auch wegen dem Gerede und dem Gelauf.« »Also übermorgen?« »Ja, du Schelm« . . . Das war nun ein lustiger Aufzug, als am Sonntag der Geigerlex, genannt Alexis Grubenmüller, sich selber den Hochzeitsreigen aufspielte, geigend neben seiner Braut zur Kirche ging und die Geige erst am Taufbecken ablegte, auf dem Heimweg aber wieder so lustig geigte, daß allen Leuten das Herz im Leibe lachte. Von dazumal also ist der Geigerlex im Dorf, und das heißt so viel als: die Lustigkeit lebt darin. Seit mehreren Jahren aber ist er manchmal auch trübselig, denn die hohe Kirchen- und Staatspolizei hat verordnet, daß ohne obrigkeitliche Erlaubnis nicht mehr getanzt werden darf. – Auch haben die Trompeten und Blasinstrumente die Geige verdrängt, und so spielte unser Lex nur noch den Kindern unter der Dorflinde seine lustigen Weisen vor, bis auch dies das hochlöbliche Pfarramt als schulpolizeiwidrig untersagte. Vor drei Jahren ist dem Lex noch gar seine Frau gestorben, mit der er immer in Scherz und Heiterkeit gelebt. So trotzig keck auch der Geigerlex anfangs sein Schicksal aufgenommen hatte, so ward es ihm doch jetzt manchmal schwer, mehr als er gestand. »Der Mensch sollte nicht so alt werden,« war das einzige, was er manchmal sagte, und das war nur ein Aufschrei aus einer großen inneren Gedankenreihe, in der er es wohl erkannte, daß zum lustigen Leben eines fahrenden Musikanten auch ein junger Leib gehört. »Das Heu wächst nicht mehr so weich wie vor dreißig Jahren!« pflegte er oft zu behaupten, wenn er sich in Scheunen gebettet hatte. Der junge Amtmann, der ein besonderes Wohlwollen für den Geigerlex hatte, war indes darauf bedacht, ihm sorgenfreie Tage zu sichern. Die nicht unbedeutende Summe, mit welcher das Haus in der allgemeinen Landesfeuerkasse versichert war, wurde statutenmäßig nur dann voll ausbezahlt, wenn ein anderes Haus an der Brandstelle aufgerichtet wurde. Die Gemeinde, die sich schon lang nach einem Bauplatz zum neuen Schulhaus in der Mitte des Dorfes umthat, kaufte nun, auf Betreiben des Amtmanns, dem Geigerlex die Brandstätte mit allem darauf Haftenden ab. Der Alte aber wollte kein Geld, und so ward ihm eine wohlausreichende Jahresrente bis zu seinem Tod ausgesetzt. Das war nun gerade so nach seinem Geschmack. Er erlustigte sich viel damit, wie er sich selbst aufzehre und das Glas voll austrinke, daß auch kein Tropfen mehr darin sei. Auch ward es ihm nun wieder nachgesehen, daß er den Kindern unter der Dorflinde an Sommerabenden vorgeigen durfte. So lebte er nun aufs neue frisch auf, und manchmal erblitzte wieder sein alter Uebermut. Als man im Sommer darauf das neue Schulhaus zu bauen begann, da war er beständig wie zauberisch dorthin gebannt. Er saß auf dem Bauholz, auf den Steinen und sah mit beständiger Aufmerksamkeit zu: hacken, graben und hämmern. Mit dem frühesten Morgen. sobald die Bauleute auf ihrer Arbeitsstätte erschienen, war der Geigerlex schon da. Wenn die Werkleute nach drei Stunden Arbeit ihr Frühstück verzehrten, und wenn sie am Mittag eine Stunde Rast machten und die Kinder und Weiber ihnen das Essen brachten, da saß der Geigerlex immer unter den Ruhenden und Genießenden und machte ihnen »Tafelmusik«, wie er's nannte. Viele aus dem Dorf sammelten sich dazu, und so ward der ganze Bau eine sommerlange einzige Lustbarkeit. Der Geigerlex sagte oft, jetzt sehe er erst recht, wie er so viel zu thun gehabt habe; er hätte sollen überall sein, meinte er, wo fröhliche Menschen rasten; die Musik könnte den magern Kartoffelbrei zum schmackhaftesten Leckerbissen machen . . . Noch ein schöner Ehrentag sollte dem Geigerlex aufgehen, es war der Tag, als der geschmückte Maien auf den fertigen Giebel des neuen Schulhauses gesteckt wurde. Die Zimmerleute kamen, sonntäglich angethan, mit einer Musikbande vorauf, um ihren Bauherrn, den Geigerlex, abzuholen. Er war den ganzen Tag über so voll Uebermut, wie in seinen besten Jahren, er sang, trank und geigte bis in die tiefe Nacht hinein, und am Morgen fand mau ihn, den Fiedelbogen in der Hand, auf seinem Bette tot . . . Manche Leute wollen in stiller Nacht, wenn es zwölf Uhr schlägt, im Schulhaus ein Klingen hören wie die zartesten Geigentöne. Einige sagen, es sei das Instrument des Geigerlex, das, dem Schulhause vererbt, allein spiele. Andere wollen gar die Töne, die der Geigerlex beim Bau in Holz und Stein hineingespielt hat, in der Nacht herausklingen hören. Jedenfalls werden die Kinder nach allen neuen rationellen Methoden in einem Haus unterrichtet, das von der Sage umschwebt ist.