Thomas von Kempen Nachfolge Christi Des Thomas von Kempen vier Bücher von der Nachfolge Christi I. Buch Ermahnungen / die denen / welche ein frommes / geistliches Leben führen wollen / heilsam sein können. Erstes Kapitel. Folge Christo nach und lerne verschmähen / was vergänglich ist! Wer mir nachfolgt / der wandelt nicht in Finsternis / spricht der Herr. Dies sind Worte aus dem Munde Christi / die uns Mut einsprechen / seinem Leben treu nachzuleben / wenn wir wahrhaft erleuchtet und von aller Blindheit des Herzens geheilt werden wollen. Wir sollen also unser erstes Streben daraus machen / in dem Leben Jesu Christi zu forschen. Die Lehre Christi übertrifft ohne Ausnahme alles / was die Heiligen gelehrt haben; und wer den Geist Christi hätte / der müßte in ihr ein verborgenes Himmelsbrot finden. Da geschieht es aber / daß viele das Evangelium oft hören und dabei fast ohne alle Rührung des Herzens bleiben / weil ihnen der Geist Christi fehlt. Wer die Lehre Christi in ihrer Fülle kennenlernen will / der muß mit allem Ernst darauf dringen / daß sein ganzes Leben gleichsam ein zweites Leben Jesu werde. Was nützt es dir doch / über die Dreieinigkeit hochgelehrt streiten zu können / wenn du die Demut nicht hast / ohne die du der Dreieinigkeit nie angenehm werden kannst? Wahrhaftig / hohe Worte machen den Menschen nicht heilig und gerecht / sondern ein Leben voll Tugend / das macht bei Gott uns angenehm. Es ist mir ungleich lieber / Reue und Leid im zerschlagenen Herzen zu empfinden / als aus dem Kopfe eine schulgerechte Erklärung geben zu können / was Reue sei. Hättest du die ganze Bibel und die Sprüche aller Weisen im Gedächtnis / hättest aber dabei nicht die Liebe Gottes / seine Gnade nicht im Herzen: wozu hülfe dir all jenes ohne dieses Einzige? O Eitelkeit der Eitelkeiten / alles ist Eitelkeit / außer Gott lieben und ihm allein dienen. Das ist die höchste Weisheit: Durch Verschmähung der Welt zum himmlischen Reich hindurchdringen. Also ist es Eitelkeit / vergängliche Reichtümer zu sammeln und darauf seine Hoffnungen zu bauen. Also ist es Eitelkeit / nach hohen Ehrenstellen zu trachten und gern sich obenan zu setzen. Also ist es Eitelkeit / den Lüsten des Fleisches sich zu überlassen und Freuden nachzujagen / die uns einst die empfindlichsten Strafen zuziehen werden. Also ist es Eitelkeit / nur immer zu wünschen / daß man lange lebe / und wenig darum sich zu bekümmern / daß man fromm lebe. Also ist es Eitelkeit / das Auge hinzuheften auf das gegenwärtige und nie hinauszublicken auf das kommende Leben. Also ist es Eitelkeit / sein Herz an das zu hängen / was so schnell vorübergeht / und nicht dorthin zu eilen / wo ewige Freude wohnt. Erinnere dich doch oft an den Spruch des Weisen: Das Auge kann nicht satt sich sehen / nicht satt sich hören das Ohr. Reiß also dein Herz los von den sichtbaren Gütern und erhebe es zu den unsichtbaren. Denn / die ihrer Sinnlichkeit blind folgen / beflecken ihr Gewissen und verlieren die Gnade Gottes. Zweites Kapitel. Sei gering in deinen Augen! Es ist dem Menschen natürlich / viel wissen zu wollen; aber noch so viel wissen und dabei den Herrn nicht fürchten – wozu nützt es doch! Wahrhaftig / besser ein demütiger Landmann / der seinem Gott dient / als ein stolzer Weltweiser / der sich außer acht läßt und dafür die Laufbahnen der Sterne mißt. Wer sich nach der Wahrheit kennt / der findet sich wohl gering und schlecht in seinem Auge und kann keine Freude daran haben / daß ihn die Menschen loben. Hätte ich die Wissenschaft aller Dinge in der Welt und fehlte mir nur das eine / die Liebe: was nützte mir all dies Wissen vor Gott / der mich nach meinem Tun richten wird? Laß ab von der überspannten Wißbegier; denn es ist viel Zerstreuung und viel Trug dabei. Die viel wissen / wollen auch den Schein haben / daß sie viel wissen / und hören es gern / wenn man von ihnen sagt: Sieh / das sind weise Männer! Es gibt so viele Dinge in der Welt / deren Erkenntnis der Seele wenig oder nichts einträgt. Und auf etwas anderes sinnen / als was das Heil der Seele fördern hilft / dazu gehört wahrhaftig ein großes Maß von Torheit. Viel Worte machen / das stillet den Hunger der Seele nicht. Aber gut sein und recht tun / das ist das rechte Labsal für unser Gemüt; und ein reines Gewissen schafft uns große Zuversicht vor Gott. Je mehr du weißt und je besser du es einsiehst / desto strenger wirst du gerichtet werden / wenn dein Leben nicht gerade um so viel heiliger sein wird / als deine Einsicht besser war. Darum trage den Kopf nicht höher / weil du diese Kunst oder jene Wissenschaft besitzest. Eben dies / daß dir so viel Erkenntnis gegeben ist / soll dich mehr furchtsam als stolz machen. Wenn es dir in den Kopf steigen will / daß du so viele Dinge weißt und so gründlich verstehst / so denke dabei / daß es doch ungleich mehr Dinge gibt / von denen du nichts weißt und nichts verstehst. Und wenn du dich in den hohen Einbildungen von deiner Weisheit verstiegen haben solltest / so steige eilig wieder herunter und bekenne lieber deine Unwissenheit. Wie magst du dich auch nur über einen einzigen Menschen erheben: Wozu dies? Es werden doch noch viele in der Welt sein / die gelehrter sind und das Gesetz besser verstehen als du. Willst du etwas Rechtes lernen und wissen / so lerne die große Kunst / gern unbekannt zu sein und dich für nichts halten zu lassen. Sich selbst nach der Wahrheit erkennen und nach Verdienst verachten zu können / das ist die erhabenste Wissenschaft / das ist die heilsamste Lehre für mich und dich und uns alle. Aus sich nichts machen und andere gern für besser und höher achten / das ist große Weisheit und Vollkommenheit. Und sähest du einen andern öffentlich sündigen oder einen schweren Fall tun / so halte dich deshalb nicht für besser als ihn. Denn sieh / du weißt ja nicht / wie lange du selbst noch im Guten feststehen wirst. Gebrechlich sind wir alle / aber gebrechlicher als du selbst sei in deinem Auge keiner. Drittes Kapitel. Von der Lehre der Wahrheit. Selig / den die Wahrheit durch sich selbst unterweist / nicht durch Bilder / die verschwinden / nicht durch Worte / die verhallen! Selig / dem sie sich offenbart / wie sie ist! Denn unser Meinen trügt uns oft / und unser Sinn reicht nicht weit. Was nützt es uns denn / daß wir uns den Kopf zerbrechen über Dinge / die verborgen und dunkel sind und uns verborgen und dunkel bleiben dürfen / ohne daß wir deshalb am Tage des Gerichts zur Strafe können gezogen werden? Es ist eine große Torheit / daß wir Dinge / deren Erkenntnis uns nützlich oder gar notwendig ist / außer acht lassen und dafür Dinge / die bloß unsere Neugier reizen und dabei noch uns schaden können / so mühsam erforschen. Da heißt es recht: Augen haben und doch nicht sehen! Und was liegt uns denn am Ende daran / daß wir all das wissen / was die Schulen von den Gattungen und Geschlechtern der Begriffe zu sagen wissen? Wem das ewige Wort zu Herzen redet / der macht von vielerlei Meinungen sich los. Es kommt doch alles von einem Wort her / und alle Dinge zeugen im Grunde nur von einem Worte / und dies eine Wort ist dasselbe Wort / das im Anfang war und jetzt auch zu uns redet. Ohne dieses Wort findest du keinen gesunden Verstand und kein wahres Urteil. Wer das Eine in allem finden / wer alles auf das Eine zurückführen / wer in Einem alles sehen kann / der mag ruhigen / festen Sinn behalten und den schönen Frieden in Gott nie verlieren. O Wahrheit! Gott! mache mich eins mit dir in ewiger Liebe! Wie oft ekelt mich / so mancherlei zu lesen und zu hören? Denn alles / wonach mein Herz verlangt / ist in dir allein. Schweigen sollen alle Lehrer / stille sein alle Geschöpfe vor deinem Angesichte: rede du allein zu mir! Je mehr ein Mensch eins mit sich und einfältig in seinem Innersten geworden ist / desto mehr und höhere Dinge lernt er ohne sonderliche Mühe verstehen; denn das Licht des Verstandes kommt alsdann von oben zu ihm. Ein Geist / der rein / einfältig und feststehend in seinem Innersten geworden ist / wird auch durch die mancherlei Geschäfte des Lebens nicht zerstreut; denn er tut alles zur Ehre seines Gottes und arbeitet in sich / all den geheimen Neigungen der Eigenliebe auf immer zu entsagen. Was hindert und plagt dich doch mehr als die Neigung deines Herzens / die noch ihr volles / ungetötetes Leben hat? Der gute Mann / der sich seinem Gott ganz geweiht hat / ordnet zuerst in seinem Inwendigen alles / was er hernach äußerlich zustande bringen soll. Nicht ihn zieht das / was er tut / dahin / wohin ihn die sündhaften Neigungen haben wollen / sondern er zieht und lenkt die Neigungen dahin / wohin sie das Gesetz der gesunden Vernunft haben will. Wer hat wohl einen heißeren Kampf zu kämpfen als der / welcher mit sich selbst im Streite liegt / um sich zu besiegen? Und dies sollte unser eigentliches Geschäft auf Erden sein: sich selbst überwinden und täglich mehr Stärke über sich gewinnen und so täglich im Guten vorwärts schreiten. Alle Vollkommenheit dieses Lebens hat ihr Unvollkommenes / und all unser noch so lichthelles Forschen hat sein Dunkel. Demütiges Erkennen deiner selbst führt dich sicherer zu Gott als tiefes Graben nach Wissenschaft. Zwar muß man weder das gelehrte Wissen noch das einfache Erkennen einer Sache lästern. Denn es ist ein gutes Ding um das Wissen und Erkennen / und es gehört in Gottes große Haushaltung hinein. Aber ein Gewissen ohne Makel und ein Leben voll Tugend sind unvergleichlich mehr wert als alles Wissen und Erkennen. Und gerade deshalb / weil den meisten Menschen das Vielwissen mehr am Herzen liegt als das Rechtleben / deshalb geraten sie auf so viele Irrwege und schaffen mit all ihrem Wissen und Wissenwollen keine oder nur geringe Frucht. O wenn sie so rastlos daran arbeiten wollten / hier Laster auszurotten / dort Tugenden zu pflanzen / wie sie sich müde studieren / um ihresgleichen ein neues Rätsel aufgeben zu können: ich denke / es würde nicht so viel Unrecht auf Erden / nicht so viel Ärgernis unter dem Volke / nicht so viel Zuchtlosigkeit in den Klöstern sein! So viel ist gewiß: am Tage des Gerichts wird man uns nicht fragen / was wir gelesen / sondern was wir getan haben; nicht fragen / wie schön wir gesprochen / sondern wie fromm wir gelebt haben. Sage mir doch / wo sind jetzt alle jene Herren und Meister / die du ehemals als große Gelehrte und gewaltige Lehrer auf ihren Kanzeln oder in ihren Schriften gekannt hast? Auf ihren Pfründen sitzen nun andere; und ich weiß nicht / ob diese an ihre Vorgänger noch denken mögen. So lange sie lebten / meinte man wohl / sie wären etwas Großes / aber nun liegen sie in tiefer Vergessenheit. O wie schnell ist die Herrlichkeit der Welt dahin! Hätten sie ihr Leben mit ihrer bessern Erkenntnis in Übereinstimmung gebracht / o dann hätten sie recht studiert und recht gelesen. Wie viele stürzt doch ihr eitles Wissen / das sie in aller Welt umhertreibt / in das Verderben / weil sie es so wenig sich angelegen sein lassen / Gottes Willen zu tun? Und weil sie lieber groß als demütig sein wollen / so werden sie in ihren Gedanken vollends eitel / lauter Nichts. Es ist doch nur der wahrhaft groß / der Liebe hat. Es ist nur der wahrhaft groß / der in seinen Augen klein ist und alle Gipfel der Weltlehre für nichts halten kann. Es ist nur der wahrhaft weise / der alles Irdische für Unrat hält / um Christum zu gewinnen. Es ist nur der wahrhaft gelehrt / der seinen eigenen Willen verleugnet und Gottes Willen vollbringt. Viertes Kapitel. Sei vorsichtig in allem / was du tust! Glaube nicht jedem Worte und traue nicht jedem Geiste. Prüfe vielmehr alles / denn die Prüfung ist notwendig / und prüfe es wie vor Gott / mit aller Achtsamkeit und Beharrlichkeit. Prüfe / denn leider glauben und reden wir von andern weit lieber Böses als Gutes / so schwach sind wir. Nicht so der vollkommene Mann! Er glaubt nicht jedem Geschwätz. Denn er kennt den schwachen Sinn der Menschen und weiß wohl / wie sie zum Bösen so geneigt und im Reden so gebrechlich sind. O es ist große Weisheit / nicht so vorschnell und wie in blinder Hitze zu handeln / auch nicht so fest und unbeugsam auf eigenem Sinn und Dünkel zu bestehen! Auch das ist Weisheit / nicht jedes Menschenwort für wahr zu halten und / was man etwa gehört und geglaubt hat / nicht sogleich nachzuerzählen und in fremde Ohren zu übertragen. Suche dir einen Mann aus / der gewissenhaft und weise ist / und sein Rat sei dir heilig in allem! Gehe lieber zu dem bessern Mann in die Schule als zu deinem Eigendünkel. Gut sein und fromm leben / das macht weise vor Gott und gibt einen bewährten Sinn. Je demütiger und gottergebener du bist / desto weiser wirst du und ruhiger in allem. Fünftes Kapitel. Wie man die heiligen Schriften lesen soll. Wahrheit muß man in den heiligen Schriften suchen / Wahrheit / nicht Beredsamkeit. Die Heilige Schrift soll in dem nämlichen Geist gelesen werden / in dem sie verfaßt wurde. Es muß dir bei dem Lesen der Schrift weit mehr um das Heilsame der Lehre als um das Feine des Ausdrucks zu tun sein. Und ein Buch / das noch so einfach und kunstlos / dabei aber mit Andacht geschrieben ist / sollst du ebenso gern lesen als ein anderes / in dem alles tiefgedacht und fein ausgedrückt ist. Nie soll das Ansehen eines Schriftstellers dich irre machen / nie sollst du acht darauf haben / ob die großen Gelehrten ihn für ihresgleichen halten oder nicht. Denn die Liebe zur reinen Wahrheit / und nur diese Liebe / soll dich zum Lesen treiben. Frage nicht lange / wer das gesagt habe / sondern sieh nur immer auf das / was da gesagt wird. Denn die Menschen sind morgen nicht mehr / aber die Wahrheit des Herrn bleibt ewig. Und der Herr redet auf mancherlei Weise zu uns / ohne Ansehen der Person. Was uns beim Lesen der Schrift so oft im Wege steht / das ist unsere Neugier. Wir wollen noch grübeln und begreifen da / wo wir weiter nichts tun als vorbeigehen sollten. Wenn das Lesen dich wirklich besser machen soll / so lies mit Demut / mit Einfalt / mit aller Treue gegen die erkannte Wahrheit und laß die eitle Lust / ein großer Gelehrter zu heißen / dich nicht anfechten. Frage gern und höre schweigend / was die heiligen Männer lehren. Laß es dich auch nicht verdrießen / auf die Gleichnisreden der Alten zu horchen. Denn sie werden nicht ohne Ursache vorgetragen. Sechstes Kapitel. Von ungeordneten Neigungen. Sobald irgendeine Begierde des menschlichen Herzens unordentlich sich gebärdet / sogleich ist der Unfriede da / wird der Mensch uneins mit sich. Der Hochmütige und der Geizige haben niemals Ruhe; wer aber die wahre Demut und die rechte Armut des Geistes besitzt / der hat einen unerschöpflichen Reichtum des Friedens in sich. Wer noch nicht ganz in sich abgestorben ist / der ist schnell versucht und schnell überwunden; jede Kleinigkeit wirft ihn zu Boden / und geringe / schlechte Dinge überwinden ihn. Wer noch schwach im Geiste ist / noch unter dem Gebote des Fleisches steht / noch von dem Hange zu sinnlichen Dingen beherrscht wird / für den ist es ein schweres Stück Arbeit / von irdischen Begierden ganz und auf immer sich loszumachen. Deshalb macht er ein finsteres Gesicht / wenn er sich selbst etwas Angenehmes versagen soll / und bricht leicht in Zorn aus / wenn ein anderer ihm Widerstand tut. Sobald er aber seine Lust befriedigt hat / so straft ihn das Gewissen auf der Stelle / und die Hand dieses Richters liegt schwer auf ihm. Denn er hat nun seine Leidenschaft befriedigt / und diese Befriedigung kann nicht im geringsten ihm behilflich sein zum Frieden / den er gesucht hat. Also nicht dadurch / daß du wie ein Knecht deinen Begierden nachgibst / sondern dadurch / daß du ihnen Widerstand leistest / findest du den wahren Frieden des Herzens. Kein Friede ist daher in einem Herzen / das dem Gesetze des Fleisches dient oder in äußerlichen Dingen Ruhe sucht; sondern nur in dem Menschen ist Friede / welcher dem Gesetz des Geistes dient und das heilige Feuer auf seinem Herde nicht ausgehen läßt. Siebentes Kapitel. Laß keine eitle Hoffnung und keine stolze Einbildung in dein Herz Wer auf Menschen oder auf andere Geschöpfe seine Hoffnung baut / der baut auf Luft. Schäme dich nicht / aus Liebe zu Jesus andern Menschen zu dienen / und laß dich gern für arm und gering in dieser Welt ansehen. Vertraue nicht auf dich selbst / sondern Gott allein sei es / auf dem alle deine Hoffnungen ruhen. Tue / was du kannst / und Gott wird deinem guten Willen freundlich beistehen. Vertraue nicht auf deine Wissenschaft / noch auf den listigen Kopf irgend eines Menschen. Setze vielmehr dein ganzes Vertrauen auf die Gnade Gottes / der den Demütigen Hilfe sendet und die / welche frevelhaft auf ihre eigene Macht trauen / zu demütigen weiß / daß sie ihre Ohnmacht fühlen müssen. Suche deinen Ruhm nicht in Reichtümern / wenn du reich bist / nicht in Freunden / wenn du mächtige Freunde hast; sondern dein Gott / der dir alles Gute / das du schon hast / gegeben hat und der über allen andern Gaben sich selbst noch dir geben will / dein Gott sei auch dein Ruhm. Laß die Größe oder Schönheit deines Leibes dich nicht aufblähen / denn sieh / eine geringe Krankheit zerstört ihn und verwandelt alle Schönheit in Häßlichkeit. Laß auch darüber / daß du etwa so viel Geschicklichkeit und Scharfsinn besitzest / kein eitles Wohlgefallen in dir aufkommen. Denn sieh / sobald du dir selbst wohlgefällst / so mißfällst du Gott / dem alles zugehört / was du von Natur aus Gutes hast. Achte dich nicht für besser als andere / denn sonst möchtest du in Gottes Augen noch viel schlechter sein als andere; und Gottes Auge kann nie unrecht sehen / es sieht / was im Menschen ist. Erhebe dich auch nicht über andere um deiner guten Werke willen / denn Gott richtet anders als die Menschen. Ihm mißfällt oft / was den Menschen wohlgefällt. Und wenn du auch wirklich etwas Gutes in dir hast / so darfst du doch von andern das Bessere denken / um deine Demut zu festigen und zu sichern. Wenn du allen dich nachsetzest / das schadet dir nicht. Aber sehr schädlich kann es für dich werden / wenn du dich auch nur einem einzigen voransetzest. Wo Demut ist / weilt Friede / wo aber Stolz ist / herrschen Eifersucht und Zorn. Achtes Kapitel. Umgang und Vertraulichkeit. Öffne dein Herz nicht vor jedem Auge / sondern suche dir einen Mann aus / der den Herrn fürchtet und wahrhaft weise ist / und diesen mache zu deinem Vertrauten in allem / was dir anliegt. Sei nicht oft bei Jünglingen und Fremden. Schmeichle den Reichen nicht und erscheine nicht gern vor den Großen. Geselle dich lieber zu denen / die durch Einfalt und Demut / durch Andacht / Züchtigkeit und Sittsamkeit sich deinem Herzen empfehlen / und rede mit ihnen von Dingen / die erbauen. Flieh den vertraulichen Umgang mit einer Frau und begnüge dich damit / alle frommen Frauen dem Herrn zu empfehlen. Der vertraute Umgang mit Gott und seinen Engeln sei immer der liebste Wunsch deines Herzens / und deshalb meide du den unnötigen Umgang mit Menschen. Liebe muß man gegen alle im Herzen haben / aber Vertraulichkeit mit jedermann taugt nichts. Oft leuchtet eine ungekannte Person in der Ferne durch das Licht ihres guten Rufs sehr helle / aber wenn sie vor dir steht / da verliert sich der Glanz in deinem Auge. Manchmal glauben wir / es würden andere große Freude daran haben / wenn wir mit ihnen Umgang pflegten. Allein / sobald sie unser zuchtloses Betragen wahrnehmen / so haben sie mehr Mißfallen an unsern Fehlern als Wohlgefallen an ihrer Bekanntschaft mit uns. Neuntes Kapitel. Gehorsam und Unterwürfigkeit. Es ist nichts Geringes / im Gehorsam zu stehen / unter einem Oberen zu leben und nicht sein eigener Herr zu sein. Es ist auch ungleich sicherer / Untertan zu sein als Obrigkeit. Aber viele sind untertan mehr / weil sie müssen / als weil sie aus dem Trieb der Liebe her es wollen. Und diese haben Plage über Plage / und jede Kleinigkeit ist für sie groß genug / daß sie darüber murren. Du magst dahin oder dorthin laufen / du findest doch nirgends Ruhe als im demütigen Gehorsam unter der Regierung eines Oberen. Zwar denkst du oft: wenn ich an diesem oder jenem Orte lebte; Aber diese Einbildung und der Wechsel des Wohnortes haben schon viele getäuscht. Es ist wahr / jeder lebt gern nach seinem Sinn und neigt sich denen zu / die mit ihm eines Sinnes sind. Aber wenn Gott in unserer Mitte wohnt / so werden wir / um den Frieden zu erhalten / uns oft gedrungen fühlen / unsre eigene liebste Neigung daran zu geben. Wer ist doch so weise / daß er alles weiß / und alles / wie es ist / vollständig weiß? Darum traue in keiner Sache zu viel auf deine Einsicht / sondern höre gern / was andere Leute davon denken. Ist deine Meinung gut / und du stehst doch um Gottes willen davon ab und folgst einem andern / so wirst du ungleich mehr Nutzen davon haben / als wenn du deinem eigenen Kopfe gefolgt wärest. Es ist ein wahres Wort / und ich habe es oft sagen hören / es sei ungleich sicherer / sich raten zu lassen / als andern Rat zu geben. Es mag wohl auch dein Urteil hie und da richtig sein / aber wenn du nie nachgeben willst / auch da nicht / wo vernünftige Gründe dir zum Nachgeben raten / so ist es ein sicheres Zeichen / daß du ein eitler Tor und ein unbeugsamer Kopf bist. Zehntes Kapitel. Flieh unnötiges Geschwätz und leere Wortmacherei Laß / soviel es von dir abhängt / dich nicht in das Getümmel der Welt hineinziehen. Denn sieh / weltliche Händel / in die du dich einmischest / beschweren den Geist / auch wenn du eine gerade / wohlmeinende Absicht dabei haben solltest. Ach / die Eitelkeit befleckt so schnell den schwachen Sinn und nimmt so schnell den freien Sinn des Menschen gefangen. Ich wünschte / daß ich öfter geschwiegen hätte und nicht unter Menschen gewesen wäre. Aber warum reden wir denn so gern und schwätzen miteinander / wo wir doch sehr selten ohne alle Befleckung des Gewissens zum Stillschweigen zurückkehren? Deswegen reden wir so gern miteinander / weil wir in der Unterredung einer bei dem andern Trost und Erquickung suchen und dem Herzen / das von so vielen Gedanken bedrückt ist / gern Luft machen möchten. Und was wir lieben und wünschen oder was uns drückt und drängt / davon reden / daran denken wir gern. Aber leider ist gar oft all unser Reden eitel und fruchtlos. Denn dieser äußere Trost / den wir selbst uns schaffen / verbaut uns den inneren / den nur Gott geben kann. Darum laßt uns wachen und beten / damit die Zeit nicht ungebraucht dahinfließe. Darfst du reden / und nützt es dir zu reden / nun / so bringe vor / was zur Erbauung dient. Aber weil wir von Jugend auf gewohnt sind / zu tun / was nicht taugt / und immer zu wenig auf unsern Fortgang im Guten bedacht sind / eben darum sind wir in der Wachsamkeit über unsere Zunge so äußerst nachlässig. Dadurch soll aber nicht geleugnet werden / daß ein geistreiches Gespräch über Angelegenheiten des Geistes das geistliche Leben kräftig fördere / besonders wenn Menschen eines Sinnes und eines Geistes in Gott als ihrem Mittelpunkte sich vereinigt haben. Elftes Kapitel. Wie man Frieden in sich haben und besser werden kann. Wir könnten viel Ruh und Frieden haben / wenn wir Kopf und Herz nicht so sehr marterten mit dem / was andere reden und tun / und was doch unser Gewissen gar nicht berührt. Wie kann der lange in Frieden leben / der sich so gern in fremde Geschäfte mischt / der von außen so viele Anlässe sucht / der so selten oder nur flüchtig sich in sich sammelte? Selig die / welche die rechte Einfalt des Herzens besitzen / denn sie werden viel Frieden haben! Warum sind doch einige Heilige zu einer so reinen Vollkommenheit und zu einer so hohen Beschaulichkeit gelangt? Weil sie von allen irdischen Begierden sich loszumachen strebten / deswegen konnten sie mit ihrem innersten Gemüte Gott allein anhangen und frei und eins mit sich in sich verbleiben. Uns beherrschen die Leidenschaften in uns / die dem armen Herzen so viel zu schaffen geben / und die vergänglichen Dinge außer uns / die dasselbe Herz in steter Bewegung halten und von einer Empfindung zur andern jagen. Wir erkämpfen auch selten über ein einziges Laster einen vollkommenen Sieg und es fehlt uns durchaus an dem verzehrenden / heiligen Eifer / täglich besser zu werden; deshalb bleiben wir immer so lau oder werden am Ende gar kalt. Wären wir uns selbst ganz abgestorben / wäre unser Innerstes nicht im geringsten in das geheime Spiel der Neigungen verflochten und darin gebunden / o dann könnten auch wir göttlicher Dinge inne werden und von der himmlischen Beschaulichkeit schon hier einen Vorgenuß bekommen. Das größte / das einzige Hindernis sind wir uns selbst / wir sind nicht frei von Leidenschaft und Lüsternheit und haben nicht Mut genug / den schönen Lebensweg der Heiligen zu betreten. Es braucht nur eine kleine Plage an unsre Tür zu klopfen / sogleich ist all unser Mut dahin / und wir sehen wieder nach menschlichen Tröstungen uns um. Hätten wir den entschlossenen Mut / wie tapfere Kriegsmänner auf dem Schlachtfeld zu stehen / schnell würden wir die Hilfe des Herrn über uns vom Himmel kommen sehen. Denn er will denen / die streiten und auf seine Gnade trauen / so gewiß Hilfe senden / als gewiß ist / daß er uns Anlaß zum Streite werden ließ / damit wir siegen lernen sollen. Wenn wir unsere Fortschritte im Guten nur immer in jene äußerlichen Übungen setzen / so wird unsere Andacht bald zu Ende sein. An die Wurzel müssen wir die Axt legen / damit wir von den ungeordneten Neigungen rein werden und einen stillen Sinn und ungetrübten Seelenfrieden bekommen mögen. Wenn wir in jedem Jahr nur ein Laster ausrotteten / so würden wir bald vollkommene Männer werden. Aber jetzt zeigt nicht selten sich das Gegenteil: wir müssen gestehen / daß wir in den ersten Tagen unsrer Bekehrung besser und reiner waren / als wir jetzt nach vielen Jahren es sind. Der Eifer im Guten und das Gute selbst sollten mit jedem Tage in uns zunehmen; und jetzt wird es schon als eine Seltenheit angesehen / wenn jemand nur noch einen Funken des ersten Eifers in sich erhalten konnte. Wenn wir nur anfangs ein wenig Gewalt uns antun möchten / so würde in der Folge alles noch einmal so leicht und mit Freude getan sein. Es ist schwer / wider seine Angewöhnung zu handeln / aber noch schwerer / wider seinen eigenen Willen anzugehen. Doch wenn du geringe / leichte Hindernisse nicht zu beseitigen vermagst / wie wirst du große / schwere Hindernisse aus dem Weg schaffen? Tu deinen Neigungen Widerstand gleich in ihrem Entstehen und mache dich durch frühe Entwöhnung von aller bösen Angewohnheit los / damit aus einer geringen Beschwernis nicht nach und nach eine größere werde. O könntest du begreifen / wieviel du selbst an innerem Frieden gewinnen / und was für große Freude du andern bereiten würdest / wenn du von ganzem Herzen gut sein und recht tun möchtest: o ich denke / du würdest mehr Sorge darauf wenden / immer größere Fortschritte in dem Leben des Geistes zu machen. Zwölftes Kapitel. Trübsal nützt uns viel. Daß uns Dinge begegnen / die uns lästig und durchaus zuwider sind / das ist für uns selbst sehr gut. Denn sie treiben den Menschen / der aus seinem Herzen geflohen ist / wieder in sein Herz zurück; damit er fühlen lerne, daß er hier in der Verbannung weilt / und daß er seine Hoffnung auf kein Gut dieser Welt gründe. Es ist gut / daß wir Widersprüche erfahren und daß die Menschen nicht gut und auch recht böse von uns denken und reden / wenn wir auch recht tun und im Rechttun gute Absichten haben. Denn das sichert unsere Demut und bewahrt uns vor eitler Ruhmsucht. Und gerade dann werden wir weit mehr als sonst gedrungen / Gott aufzusuchen als den einen Zeugen / der unser Innerstes kennt. Eben deswegen sollte der Mensch sich ganz an Gott und so fest an Gott allein halten / daß er es nicht nötig hätte / viel Trost bei den Menschen zu suchen. Wenn ein Mensch / der eines guten Willens sich bewußt ist / geplagt oder angefochten oder von bösen Gedanken umhergetrieben wird / dann leuchtet es ihm helle ein / und heller als sonst / daß ihm Gott unentbehrlich sei / und daß er ohne ihn nichts Gutes tun kann. Dann fühlt er nichts als Traurigkeit / dann seufzt und betet er in der heißen Angst seines Herzens. Dann wird er seines Lebens überdrüssig und sähe es gern / daß der Tod käme und die Bande des Leibes löste und ihn zu Christus heimbrächte. Dann lernt er wohl verstehen / daß vollkommene Sicherheit und vollkommener Friede hier in dieser Welt nicht zu finden sind. Dreizehntes Kapitel. Widersteh den Versuchungen! So lange wir auf dieser Erde leben / können wir nicht ohne Trübsal und Versuchung durchkommen; wie es bei Job heißt: Des Menschen Leben auf Erden ist eitel Kampf und Plage. Deshalb soll jeder bei allem / was ihn zum Bösen reizen kann / sorgsam und im Gebete wachsam sein; denn dieser Feind schläft nicht / sondern geht umher und suchet / wen er verschlinge. Es ist kein Vollkommener so vollkommen / kein Heiliger so heilig / daß er nicht manchmal noch zum Bösen versucht werde. Und ein Mensch sein und von allen Versuchungen frei bleiben / das ist schlechterdings nicht möglich. Doch gerade die Versuchungen verschaffen dem Menschen nicht selten große Vorteile / wenn sie ihm auch noch so lästig und beschwerlich sein sollten. Denn sie demütigen / reinigen und unterweisen ihn in mancherlei Gutem. Alle Heiligen mußten durch viel Trübsale und Anfechtungen sich hindurchkämpfen / und sind eben nur in dieser großen Kampfschule so gut und groß geworden. Die aber in den Versuchungen nicht auszuhalten vermochten / sind von Gott abgefallen und verworfen worden. Es ist kein Stand so heilig / kein Ort so geheim / daß Versuchung oder Trübsal nicht Eingang fänden. Der Mensch ist nie ganz sicher vor Versuchungen / solange er hier lebt. Denn wir tragen den Keim der Versuchung in uns selber / weil wir Fleisch und vom Fleische geboren sind. Ist eine Versuchung oder Trübsal überstanden / so kommt eine zweite der ersten oft auf dem Fuße nach; und zu leiden gibt es für uns immer etwas. Denn das große Gut unserer Seligkeit ist uns verloren gegangen. Viele wollen den Versuchungen entlaufen und fallen im Laufen noch tiefer. Durch das Davonlaufen allein können wir nicht überwinden / Geduld und Demut machen uns stärker als all unsre Feinde. Wer nur so von außen den Versuchungen aus dem Wege geht und nicht in sich die Axt an die Wurzel legt / der richtet im Grunde wenig aus; denn die Versuchungen werden nur desto schneller an ihn herankommen / und die letzten Dinge dann ärger als die ersten sein. Nach und nach / in Geduld und Langmut / wirst du / gestützt auf Gottes Hilfe / leichter überwinden / als wenn du mit Ungestüm und mit starrem Sinn gegen den Feind angehst. Bist du wirklich in Versuchung / so frage um Rat bei denen / die dir raten können. Ist aber dein Bruder in Versuchung / so kehre ja nicht die rauhe Seite gegen ihn heraus / sinne darauf / wie du ihn ermuntern / trösten kannst / und tu ihm alles / wie du wünschest / daß er dir tue / wenn du an seiner Stelle wärest. Die Unbeständigkeit des menschlichen Gemütes und das geringe Zutrauen zu Gott / das ist der Anfang aller Versuchungen zum Bösen. Denn wie ein Schiff ohne Steuermann von den Wellen hin und her getrieben wird / so wird ein schwacher Mensch / der seinem Vorsatz ungetreu ward / von allerlei Versuchungen hin und her geworfen. Das Feuer prüft das Eisen / die Trübsal den Gerechten. Oft wissen wir selbst nicht / was wir können / aber die Versuchung macht uns offenbar / was wir sind. Wachen / wachen müssen wir / ganz besonders im Anfang der Versuchung. Denn wenn der Feind nicht zur Tür hereingelassen / sondern noch vor der Türschwelle bei dem ersten Anklopfen zurückgeschlagen wird / so hat es mit dem vollkommenen Siege nicht mehr so viel Schwierigkeit. Daher sagte jemand: Laß den Arzt gleich im Anfange der Krankheit rufen; ist einmal die Krankheit durch längere Zeit übermächtig geworden / so kommt alle Arznei zu spät. Anfangs ist es ein einfacher Gedanke / der dich angreift / hernach kommt eine lebhafte  / mächtige Einbildung dazu / zur Einbildung gesellt sich die Lust / zur Lust die Begierde / und zuletzt sagt der Wille Ja. So nimmt der Feind nach und nach die ganze Festung ein / wenn man ihm nicht gleich anfangs Widerstand leistet. Und je länger du säumst / Widerstand zu leisten / desto schwächer wirst du / desto übermächtiger dein Feind. Einige haben im Anfange ihrer Bekehrung große Versuchungen auszuhalten / andere am Ende. Wieder andere haben ihr ganzes Leben hindurch hart zu kämpfen. Einige werden von den Versuchungen mit Schonung und fast freundlich behandelt. Alles geschieht nach der Weisheit und Güte der heiligen Vorsehung / die Stand und Fähigkeit der Menschen wägt und alles zum Heile der Auserwählten vorher bestimmt. Darum müssen wir / wenn wir versucht werden / den Mut nicht sinken lassen / sondern mit neuem Eifer zu Gott flehen / daß er uns in aller Trübsal zu Hilfe kommen und / nach dem Wort des Apostels Paulus / den Gang der Versuchung lenken und uns einen Ausweg schaffen wolle. Laßt uns also in jeder Trübsal und Versuchung im Gefühle unseres Elends unser Herz erniedrigen unter die allmächtige Hand Gottes. Denn er wird die Demütigen erretten und erhöhen. Versuchungen und Trübsale sind der Prüfstein / der den ganzen Wert des Menschen und besonders seine Fortschritte im Guten entscheidet / sind die Feuerprobe / die der Tugend neuen Wert verschafft und das verborgene Gute an das Tageslicht hervorzieht. Wenn der Mensch nichts hat / das ihn drückt und beschwert / dann ist es nichts Großes / andächtig und inbrünstig im Geist zu sein. Aber in den Tagen der Trübsal geduldig sein und in Geduld sich fassen können / das läßt große Fortschritte in allem Guten hoffen. Es gibt auch Menschen / die vor großen Versuchungen noch bewahrt und doch in den täglichen / kleinen Anfechtungen oft überwunden werden / damit sie aus den geringen Niederlagen Demut lernen und einst in großen Versuchungen nicht zu viel auf sich selbst trauen mögen / da sie bei geringeren Angriffen so viele Schwächen gezeigt haben. Vierzehntes Kapitel. Richte nicht! Kehre deinen Blick einwärts und hefte ihn auf dich selber / auf dein Innerstes / und erkühne dich nicht zu richten / was andere tun. Denn wer andere gern richtet / der arbeitet umsonst / verfehlt die Wahrheit öfter / als er sie trifft / und versündigt sich leichter / als er glaubt. Wer aber sich selbst erforscht / sich selber richtet / der arbeitet immer mit Segen. Wie unser Herz gegen eine Sache gestimmt ist / so urteilt unser Verstand von derselben. Den geraden / wahren Anblick der Dinge verlieren wir gar leicht / weil wir uns selbst mehr lieben als die Wahrheit. Wäre Gottes Wohlgefallen immer der einzige Zielpunkt unseres Herzens / so könnten die unangenehmen Eindrücke von außen nicht so leicht uns aus der Fassung bringen. Aber bald zieht uns etwas in uns / das wir selbst nicht wahrnehmen / bald kommt etwas von außen dazu und zieht uns mit fort. Viele suchen in allem / was sie suchen / nur sich selbst / aber sie merken es nicht / daß sie nur sich selber suchen. Sie glauben wohl auch / den inneren / festen Frieden zu haben / so lange alles nach ihrem Sinn und Wunsch geht. Wenn aber die Sache sich gegen ihren Willen dreht / so sind sie im selben Augenblick mit sich entzweit und lassen den Kopf hängen. Und weil doch jeder Mensch seinen eigenen Kopf / und jeder Kopf seine eigene Meinung hat / so entstehen auch unter Freunden und Bürgern / unter Ordensleuten und selbst unter den Andächtigen leider oft genug Mißverständnis und Zwietracht. Alter Angewöhnungen können wir nur mit äußerster Mühe uns entwöhnen / und niemand sieht es gern / daß man ihn weiter führt / als sein Auge reicht. Wenn du dich mehr auf deine Einsichten und Übungen stützest als auf die Kraft Jesu Christi / der alles untertan sein soll / so wirst du selten und spät genug zur wahren Erleuchtung des Geistes gelangen können. Denn es ist Gottes Wille / daß wir uns ihm in allen Dingen vollkommen unterwerfen und auf den Flügeln der flammenden Liebe über den engen Kreis unsrer eigenen Einsichten hinaus uns sollen erheben lassen. Fünfzehntes Kapitel. Von den Werken / die aus Liebe geschehen. Böses tun darfst du um keines Menschen willen / und wenn du die ganze Welt gewinnen könntest. Aber aus Liebe zu deinem Nächsten / der Hilfe nötig hat / darfst du hie und da ein gutes Werk kühn und frei unterlassen oder vielmehr das geringere in ein besseres verwandeln. Denn wenn du deinem Nächsten zu Hilfe kommst / so wird dadurch das gute Werk nicht zerstört / sondern in ein besseres verwandelt. Ohne innere Liebe nützt alles äußere Tun nichts. Was aber aus Liebe geschieht / das ist groß / das bringt große Frucht / so gering und ungeachtet es in Menschenaugen immer sein mag. Denn auf der Wage Gottes wiegt das / was dich zum Tun treibt / ungleich mehr als die Tat selber. O wer viel Liebe hat / der hat viel getan. Wer eines recht tut / hat viel getan. Wer lieber der Allgemeinheit als seinem Eigenwillen dient / hat wohl getan. Oft scheint es Liebe zu sein / was uns treibt und drängt / und ist doch eitel Fleischlichkeit. Denn natürliche Neigung / Eigenwille / Hoffnung auf Wiedervergeltung und Trieb zur Bequemlichkeit mischen sich in unsre guten Werke. Wer die wahre / vollkommene Liebe hat / der sucht in keiner Sache sich selbst / nur die Ehre seines Gottes will er in allen Dingen gefördert sehen. Er sieht auch keinen Menschen neidisch an / weil er nach keiner Freude jagt / die er nur für sich / und kein anderer mit ihm genießen könnte. Auch ist das / was ihm Freude macht / nicht er selbst / sondern hoch über alle Güter der Erde und über sich selbst hinaus schwingt sein Geist sich hinauf und will nur in Gott selig sein. Er schreibt keinem Geschöpf etwas Gutes zu / sondern führt alles Gute ungeteilt und so ganz / wie es von Gott kam / wieder auf Gott zurück. Denn Gott ist ihm der Brunnen / aus dem alles Gute quillt / und Gott ist ihm der Endpunkt / in dem alle Heiligen Ruhe finden und den höchsten Genuß / der sie selig macht. O wenn jemand aus uns nur ein Fünklein der wahren Liebe in sich hätte / er würde sich des lebendigen Gefühles nicht erwehren können / daß alles Irdische voll Eitelkeit ist. Sechzehntes Kapitel. Fremde Fehler / die man nicht bessern kann / muß man ertragen. Was der Mensch an sich oder andern nicht bessern kann / das muß er mit Geduld ertragen / bis Gott es anders fügt. Denke nur / daß es so vielleicht besser ist / indem es wenigstens helfen kann / deinen Sinn zu bewähren und dich in der Geduld zu üben / ohne welche unsre guten Werke nicht sonderlich viel Gutes in sich haben. Jedoch mußt du bei allem / was dir im Weg ist / und du nicht beseitigen kannst / zu Gott bitten / daß er dir zu Hilfe komme / und du mit stillem / sanftem Gemüt ertragen lernest / was sich nicht ändern läßt. Hast du deinen Nächsten ein- oder zweimal ermahnt und mit deiner Ermahnung nichts ausgerichtet / so laß dich mit ihm in keinen Zank ein / sondern stelle die ganze Sache Gott anheim / daß sein Wille geschehe / und seine Ehre in allen seinen Dienern gefördert werden möge. Denn er weiß ja auch das / was böse ist / zum Guten umzulenken. Lerne Geduld haben mit fremden Fehlern und alle Schwachheiten / wie immer sie heißen / ertragen. Denn sieh / du hast auch viel an dir / was andere tragen müssen. Du kannst aus dir selbst nicht den Menschen schaffen / den du gern aus dir machen möchtest: wie wirst du denn einen andern nach deinem Sinn und Gefallen umschaffen können? Wir sähen es gern / daß die andern keine Fehler hätten / aber unsere eigenen lassen wir ungebessert. Wir sähen es gern / daß andere in strenge Zucht genommen würden / an uns aber soll die strenge Zucht keine Hand anlegen dürfen. Wir haben großes Mißfallen daran / daß anderen so vieles / was sie wider die Ordnung begehren / gestattet werde / und können es nicht leiden / daß nur das Geringste / das wir haben wollen / uns versagt wird. Wir wünschen / daß andere durch schärfere Verordnungen im Zaum gehalten werden / und können es nicht ertragen / daß unsere Freiheit nur im geringsten beschränkt wird. Da wird's dann offenbar / wie selten wir unsern Nächsten mit demselben Auge sehen / mit dem wir uns anschauen. Und wenn alle Menschen um dich herum vollkommen wären / was hätte dann einer vom andern für die Sache Gottes zu leiden? Nun aber hat Gott für dieses Leben es so und nicht anders geordnet / daß einer die Bürde des andern solle tragen lernen. Denn ohne Fehler ist keiner / keiner ohne Bürde / keiner sich selbst genug / keiner weiß in allem sich selbst zu raten / einer muß den andern tragen / einer den andern trösten / stützen / unterweisen / ermahnen. Wie groß aber die Stärke deines Geistes ist / das wird durch die Schwachheit deines Nächsten / die dich plagt und drückt / nur mehr an den Tag gebracht / als sie es schon war. Denn die Gelegenheiten machen den Menschen nicht erst schwach und gebrechlich / sondern sie zeigen nur / wie schwach und gebrechlich er schon ist. Siebzehntes Kapitel. Von dem Leben der Kloster- und Ordensleute. Noch in vielen Dingen mußt du deinen Eigensinn brechen lernen / wenn du in Frieden und Eintracht mit andern leben willst. Es ist nichts Kleines / in Klöstern oder andern Gemeinschaften ohne Widerrede und Klage zu leben und darin bis zum Tod auszuhalten / ohne sich selbst untreu zu werden. Wohl dem / der in irgend einem Kloster heilig lebt und sein Leben selig endet! Willst du im Guten festen Fuß fassen und immer vorwärts wandeln / so mußt du dich stets als einen Fremdling / als einen Pilger auf Erden ansehen. Willst du ein gottseliges Leben führen / so mußt du um Christi willen es leiden können / daß man dich für einen Toren halte. Denn das Ordenskleid und die Tonsur tun es nicht. Aber Sinn und Wandel geändert und alle bösen Neigungen in sich getötet zu haben / das macht den wahren Ordensmann aus. Wer in Klöstern etwas anderes sucht als Gott allein und das Heil seiner Seele / der wird nichts finden als Plage und Herzeleid. Es kann auch mit deinem Frieden keinen Bestand haben / wenn du dich nicht mit der untersten Stelle begnügen und für den Geringsten kannst ansehen lassen. Zu dienen bist du gekommen / nicht zu herrschen. Überleg es doch einmal / leiden und arbeiten ist dein Beruf / nicht Müßiggang und törichtes Geplauder. Das Klosterleben ist eigentlich ein Glutofen / darin der Mensch / wie das Gold im Feuer / geprüft wird. Wer nicht aus Liebe zu Gott von ganzem Herzen sich demütigen kann / der wird nicht lange darin aushalten. Achtzehntes Kapitel. Von dem Beispiel der Heiligen / die vor uns gelebt haben. Schau hin auf die lebendigen Beispiele der heiligen Väter / in denen die wahre Vollkommenheit und Gottseligkeit lichthell geschienen hat / und du wirst sehen / wie alles / was wir tun / so wenig und fast gar nichts ist. Ach / was ist unser Leben / wenn wir uns mit ihnen vergleichen! In Hunger und Durst / in Frost und Blöße / in Müh und Plage / im Wachen und Fasten / in heiligen Gebeten und Betrachtungen / in mancherlei Verfolgung und Schmach haben die Heiligen / die wahren Freunde Christi / diesem ihrem Herrn gedient. O wie viele und schwere Leiden haben die Apostel / die Blutzeugen / die Bekenner des Herrn / die heiligen Jungfrauen und alle anderen / die den Fußstapfen Jesu Christi mutig nachgegangen sind / ausgestanden! Sie konnten dies zeitliche Leben großmütig opfern / um einst das ewige dafür in Besitz zu nehmen. Die heiligen Väter in der Einöde / wie strenge und losgerissen von aller Eitelkeit der Erde lebten sie! Wie anhaltend und schwer waren die Versuchungen zur Sünde / in denen sie mannhaft ausgedauert haben! Wie oft wurden sie von dem unsichtbaren Feind geplagt? Wie viele und glühende Gebete opferten sie dem Herrn! Wie streng war ihre Enthaltsamkeit! Wie groß ihr Wetteifer / im Guten zuzunehmen / wie heiß der Kampf / den sie zur Besiegung des Bösen ausgehalten haben? Wie rein und gerade verlief die Richtung ihres Herzens zu Gott? Der Tag ward der Arbeit und die Nacht dem heiligen Gebete gewidmet; doch auch zu Zeiten / da die Hand arbeitete / dauerte der Feierabend des Geistes / das inwendige Gebet des Herzens / ununterbrochen fort. Nützlich ward alle Zeit zugebracht / aber auch die längste Zeit / in der sie mit Gott Umgang hielten / war ihnen doch immer zu kurz. Die Süßigkeit / die sie in der heiligen Betrachtung Gottes durchströmte / war manchmal so groß / daß sie darüber vergaßen / dem Leibe die notdürftige Erquickung zu verschaffen. Allem / was Reichtum / Würde / Ehre / Freundschaft / Verwandtschaft heißt / hatten sie entsagt und wollten nichts mehr von der Welt haben als kaum die bloße Notdurft des Leibes; und auch nur diese dem Leibe reichen zu müssen / war ihnen oft bitter und schmerzhaft. Sie waren also arm an irdischen Gütern / aber sehr reich an Gnade und Tugend; dürftig im Äußern / aber im Innern voll Gnade und göttlicher Tröstung; abgewandt von der Welt / aber Gottes nächste Verwandten und trauteste Freunde; in ihren eigenen Augen nichts und in dem Auge der Welt verachtet / aber in den Augen Gottes köstlich und teuer. Wahre Demut war ihr Grund und Boden / auf dem sie standen / einfältiger Gehorsam ihr Leben / Liebe und Geduld ihr Wandel; daher kam es auch / daß sie mit jedem Tag zunahmen im Geiste und große Gnade fanden bei Gott. Sie sind allen Ordensleuten als Beispiele aufgestellt / und sie sollten uns weit mehr zum Eifer anspornen / als die Zahl der Lauen zur Nachlässigkeit gegen die Zucht uns verführen kann. O wie mächtig war der Eifer der Ordensleute in den ersten Tagen ihrer heiligen Stiftung; wie groß die Andacht im Gebete! wie rastlos die Begierde / einander auf der Bahn der Tugend voranzugehen wie blühend die Zucht / der Gehorsam und die Ehrerbietung in allem / was Vorschrift ihres Lehrers war! Die Fußstapfen / die sie uns hinterlassen haben / bezeugen es noch / daß es heilige und vollkommene Männer waren / die so tapfer gekämpft und die Welt so glücklich bezwungen haben. Jetzt hält man schon den für einen großen / seltnen Mann / der nur kein Gebot übertritt und das Widrige / das ihm etwa geschieht / geduldig erträgt. O des lauen und nachlässigen Wesens in unserm Berufe! So früh haben wir die Liebe verloren / so lau und träge sind wir geworden / daß es uns fast verdrießt / durch dies Leben uns hindurchzuschleppen. O daß doch dein Eifer / besser zu werden / nicht ganz einschlafen möge / nachdem du so viele Beispiele gottseliger Menschen mit deinen Augen gesehen hast! Neunzehntes Kapitel. Von den Übungen der Gottseligkeit. Das Leben des Gottseligen muß mit allen Tugenden geziert sein / damit er im Innern genau das sei / was er im Äußern zu sein scheint. Und nicht nur das: es soll in seinem Innern noch weit mehr Gutes sein / als im Äußern erscheint. Denn der uns ins Innere schaut / ist Gott / zu dem wir überall in tiefster Ehrfurcht aufschauen / vor dessen Angesicht wir überall rein wie die Engel wandeln müssen. Jeden Tag sollen wir unsern ersten Vorsatz erneuern und uns zu neuem Eifer erwecken lassen / als wenn wir erst heut zu Gott uns bekehrt hätten; jeden Tag sollen wir zu ihm rufen: Steh du / lieber Herr und Gott / steh du mir bei in meinem Vorhaben und in deinem heiligen Dienste! Stärke du mich / daß ich heut einmal recht anfange; denn alles / was ich bisher getan habe / ist nichts. Wie unser Vorsatz / so ist der Verlauf unsrer Besserung. Und wer immer noch besser werden will / darf nie träge / muß immer sehr fleißig sein. Wenn nun aber der / welcher einen starken Vorsatz gefaßt hat / doch wieder im Guten schwach wird / was muß aus dem werden / der selten oder nur so halb und halb sich etwas Gutes vornimmt! Es geschieht indessen auf mancherlei Weise / daß wir unserm Vorsatz untreu werden / und selten können wir auch nur eine geringe Übung im Guten unterlassen / ohne uns selbst Schaden zu tun. Die Gerechten wollen übrigens in ihren Vorsätzen lieber unter dem Regimente der Gnade als unter dem Einflusse ihrer eigenen Weisheit stehen. Gott allein ist es auch / auf den sie stets vertrauen in allem / was sie unternehmen. Denn der Mensch denkt / aber Gott lenkt. Und der Mensch hat nicht die Gewalt über seinen Weg. Wenn du deine Andachtsübung hie und da aus gottseligen Absichten / oder um deinen Brüdern nützlich zu sein / unterlässest / so kannst du den Faden / den du abgerissen hast / leicht wieder anknüpfen. Aber wenn du aus Überdruß oder aus Nachlässigkeit von deinen Übungen ablässest / so ist das schon sehr schuldhaft / und du wirst bald empfinden müssen / daß es dir auch geschadet hat. Wir dürfen wohl nach all unsern Kräften vorwärts trachten / wir werden doch oft genug bei noch so geringen Anlässen zurückbleiben. Unsere Vorsätze sollen nie ins Allgemeine / sondern müssen stets auf etwas Bestimmtes gerichtet sein und vor allem gegen das / was uns am meisten hinderlich ist. Unser Inneres und Äußeres sollen wir streng durchforschen und gewissenhaft ordnen / denn das Innere und Äußere / wenn es genau erforscht und wohl geordnet ist / hilft uns auf dem Wege zum Guten weiter fort. Wenn du dich nicht immer in dir sammeln kannst / so sammle dich doch hie und da / wenigstens einmal am Tage / am Morgen oder am Abend. Am Morgen erwecke einen guten Vorsatz / am Abend durchforsche deinen Wandel / wie deine Gedanken / Worte und Handlungen den Tag über beschaffen gewesen sind; denn vielleicht hast du darin öfter wider Gott und wider deinen Nächsten gesündigt. Rüste dich wie ein Kriegsmann gegen die tückischen Angriffe des Teufels. Besiege die unbezähmten Gelüste nach Speise und Trank / und du wirst dadurch den Sieg über die Lust des Fleisches schon sehr erleichtert haben. Sei nie ganz müßig / sondern lies oder schreib oder bete oder betrachte oder arbeite etwas zum Nutzen der Allgemeinheit. Doch mußt du bei leiblichen Übungen besonders vorsichtig zu Werke gehen: es sind alle solche Übungen nicht allen Menschen in gleichem Maß anzuraten. Was nicht gemeinsame Übung ist / das stelle andern nicht zur Schau aus. Denn was besonders und für dich allein ist / das will deiner eigenen Sicherheit wegen im Stillen geübt sein. Du mußt aber deshalb nicht träge werden zu gemeinsamen Übungen und vorschnell zu den besonderen. Erst wenn du die Pflichten / welche du mit andern gemeinschaftlich hast / genau und treu erfüllt hast / dann gehörst du ganz dir und magst / wenn noch Zeit bleibt / dich dem Triebe deiner besonderen Andacht überlassen. Es taugt nicht jede Übung für alle Menschen / und nicht allen Menschen ist die eine Übung dienlich. Diese ist jenem / jene diesem angemessener. Auch sind nach dem Unterschied der Zeit einige Übungen anziehender für uns als andere / einige sagen an Festtagen / andere an gewöhnlichen Tagen uns mehr zu. Anderer Übungen bedürfen wir in den Stunden der Versuchung / anderer in den Tagen des Friedens und der Ruhe. Andere Gedanken sind uns willkommen / wenn Herzeleid uns die Flügel bindet / andere / wenn wir in Freude vor dem Herrn sanft dahin schweben. An den vornehmsten Festtagen des Jahres sollen unsere Übungen neues Leben gewinnen / und die Fürbitten der Heiligen mit mehr Inbrunst erfleht werden. Unsere guten Vorsätze sollten so immer von einem Fest zum andern hin gefaßt werden / gerade so / als wenn wir das nächste Fest nicht mehr auf Erden / sondern schon im Himmel begehen und dort den ewigen Festtag mitfeiern würden. Eben deswegen sollten wir auf die Tage der öffentlichen Andacht sorgsam uns vorbereiten / sollten sie mit mehr Andacht zubringen / sollten alles Gute weit sorgfältiger ausüben als an andern Tagen / indem wir uns zu Gemüte führen müßten / daß wir schon binnen kurzem den Lohn für unser Tagewerk vom Herrn empfangen werden. Und wenn der Herr den Zahltag für uns weiter hinausschiebt / so dürfen wir nur denken / wir wären zum Fest noch nicht hinlänglich geschmückt / noch nicht würdig der großen Herrlichkeit / welche zur bestimmten Zeit an uns sich offenbaren wird / wir müßten also zum Heimgang noch besser uns vorbereiten. O selig / sagt der frohe Evangelist Lukas / selig der Knecht / den der Herr bei seiner Ankunft wird wachend finden! Ich sage euch: er wird ihn mit voller Macht über alle seine Güter setzen. Zwanzigstes Kapitel. Sei gern einsam und still! Suche oft eine schickliche Zeit aus / wo du bei dir selbst ganz allein mit dir sein kannst. Und wenn du so ganz allein bei dir selber bist / so bedenke das Gute / das du von der Hand Gottes empfangen hast. Entzieh dich all dem / was nur deine Neugier reizt. Lies immer und wieder in solchen Büchern / die / statt deine Gedanken nach allen vier Winden zu zerstreuen / vielmehr dein Herz in dir sammeln und das Gesammelte zu Gefühlen der Reue erwecken. Wenn du von dem unnötigen Geschwätz / dem eitlen Umherlaufen und dem geistlosen Jagen nach Neuigkeiten dich losmachtest / so würdest du Zeit genug übrig haben / heilsame Betrachtungen zu pflegen. Die großen Heiligen sind dem geräuschvollen Umgang mit andern / so viel sie konnten / ausgewichen / und es war ihnen weit lieber / Gott in der Stille zu dienen. Jemand sagte sehr wahr: So oft ich unter Menschen gewesen bin / war ich beim Heimgehen weniger Mensch. Dies erfahren wir fast immer / wenn wir uns müde plaudern. Es ist leichter / sich im Hause verborgen zu halten / als sich außer dem Hause rein zu bewahren. Wer also zum innern / geistlichen Leben gelangen will / der muß sich mit Jesus von der Menge entfernen. Niemand kann sich sicher öffentlich sehen lassen / der nicht gern ungesehen daheim bleibt. Niemand sicherer befehlen als der / welcher gelernt hat / gehorsam zu sein. Niemand hat sichere Freude / als wer das Zeugnis des guten Gewissens für sich hat. Und selbst diese Sicherheit war bei den größten Heiligen immer mit einer Fülle von Gottesfurcht vereint. Und obgleich ihre großen Tugenden und ihre Gnade bei Gott in hellem Glanz vor den Augen der Menschen leuchteten / so nahm doch ihre Wachsamkeit und Demut nicht im geringsten ab. Nicht so die Gottlosen / ihre Sicherheit entspringt aus Stolz und vermessenem Vertrauen und endet mit dem Selbstbetrug. Lieber! versprich dir doch in diesem Leben keine volle Sicherheit / wenngleich die andern dich für einen guten Ordensmann oder andächtigen Einsiedler halten. Nicht selten sind gerade die / welche in den Augen der Menschen die besten waren / in die größte Gefahr geraten / weil die Zuversicht / mit der sie auf sich selbst ruhten / viel zu groß war. Deswegen ist es für viele nützlicher / daß sie von Versuchungen nicht gänzlich frei bleiben / sondern oft noch davon angegriffen werden; denn sonst möchten sie sich in das täuschende Gefühl der Sicherheit einwiegen lassen oder in stolzen Einbildungen sich verlieren oder die Zügel abwerfen und äußern Tröstungen nachlaufen. Wie rein und ruhig würde der sein Gewissen erhalten / der keiner vergänglichen Freude nachjagen und mit der Welt nichts mehr zu tun haben möchte! Und wer den Mut hätte / alle eitle Sorge abzuschütteln / nur an das zu denken / was heilsam und göttlich ist / nur sein ganzes Vertrauen auf Gott zu setzen / der müßte in einer unaussprechlichen Fülle des Friedens und der Ruhe wohnen. Es ist kein Mensch einer himmlischen Tröstung wert / der nicht zuvor in der Schule der heiligen Zerknirschung fleißig sich geübt hat. Soll dein harter Sinn erweicht / dein verschlossenes Herz wieder aufgetan werden / so geh in deine Kammer und laß den Tumult der Welt nicht herein; wie die Schrift sagt: In euern Kammern redet mit euren Herzen / bis sie wund und weich werden. In der Zelle wirst du wiederfinden / was draußen verloren geht. Wenn du oft darin bist / so wirst du gern darin sein; wenn du aber selten darin bist / so wirst du nicht ohne Gram und Überdruß darin sein können. Gewöhne dich gleich im Anfang deiner Besserung / die Zelle fleißig zu besuchen / dann wird sie nach und nach eine liebe Freundin deines Herzens und deine liebliche Trösterin werden. Still und ruhig sein / das bringt die andächtige Seele im Guten weiter / das lehrt sie / die Geheimnisse der Schrift zu verstehen / das schließt ihr Bäche von Tränen auf / in denen sie alle Nächte sich wäscht und reinigt / damit sie mit ihrem Schöpfer desto vertraulicher umgehen könne / je weiter sie sich von dem Getümmel der Welt entfernt hat. Wer also von seinen Bekannten und Freunden sich entfernt / dem nahen sich Gott und die heiligen Engel. Besser / zwischen vier Mauern verborgen und für sein Heil besorgt zu sein / als auf dem Markte Wunder tun und dabei sein Heil versäumen. Es ist an einem Klostermann lobenswert / selten auszugehen / nicht gern sich sehen zu lassen und auch andere nicht sehen zu wollen. Wozu willst du auch sehen / was du nicht haben darfst! Sieh / die Welt vergeht und alle Lust der Welt mit ihr! Die Sinnlichkeit lockt dich zum Ausgehen / aber wenn das Stündchen vorüber ist / was bringst du dann wieder nach Hause als ein beschwertes Gewissen und ein zerstreutes Herz? Ein heiteres Ausgehen erzeugt oft ein trübes Heimkommen / und ein lustiger Abend oft einen traurigen Morgen. So ist's mit jeder Lust des Fleisches. Sie tritt sanft und kosend ein / aber zuletzt beißt und tötet sie. Was willst du auch anderswo sehen / was du im Grunde nicht auch zu Hause siehst? Sieh da Himmel und Erde und alle Elemente / denn daraus ist doch alles gemacht! Sage mir / kannst du anderswo etwas sehen / das lange bestehen kann unter der Sonne? Du glaubst vielleicht / du wirst deine Begierde zu sehen durch Sehen doch noch befriedigen können / aber du täuschest dich und wirst es nicht erreichen. Wenn du alle sichtbaren Dinge sehen könntest / was wäre es denn anders als ein eitles Sehen? Lieber! erhebe deine Augen in die Höhe zu Gott und bete für deine Sünden und Versäumnisse. Laß dem Eitlen / was eitel ist / du aber forsch und sinne im Gesetz des Herrn Tag und Nacht. Schließ deine Tür hinter dir zu und lade Jesum / deinen Geliebten / zu dir. Bleib bei ihm in der Zelle / denn draußen wirst du nirgends so viel Frieden finden. Wärst du nicht hinausgegangen und hättest nicht von Neuigkeiten den Kopf dir warm machen lassen / dein Herz wäre nicht so geschwind um seine Ruhe gekommen. Seitdem du jeden Tag Neues und immer wieder Neues hören willst / schleicht sich fast immer mit den Neuigkeiten neuer Unfriede in dein Herz. Einundzwanzigstes Kapitel. Von der Zerknirschung des Herzens. Willst du im Guten vorwärtsschreiten / so bewahre dein Herz in der Furcht Gottes und sei nicht zu frei / das heißt: behalt deine Sinne in guter Zucht und überlaß dich nicht der törichten Freude. Kehre dich lieber einwärts und laß dein Herz im Anblick deiner Sünden recht wund und weich werden / denn auf diesem Wege wird die Andacht gefunden. Ein wundes / zerschlagenes Herz schließt uns einen reichen Schatz des Guten auf / den aber ein zuchtloses / leichtfertiges Leben schnell wieder verliert. Es ist zu verwundern / daß ein Mensch / der seine Verbannung in diese Welt und die vielen Gefahren / die seine Seele umgeben / zu Herzen nimmt / in dieser Welt jemals recht froh werden kann. Aber ach: Der Leichtsinn unseres Herzens und die Unachtsamkeit auf unsere Gebrechen ist so groß / daß wir das Elend unseres Geistes nicht einmal empfinden / sondern oft noch lachen können / wo wir eigentlich weinen sollten. Es ist doch keine wahre Freiheit und keine wahre Freude zu finden / außer in der Furcht Gottes und in einem guten Gewissen. O selig / wer alles / was ihn hindert und zerstreut / von sich werfen und sein Herz in sich sammeln kann / daß es auftaut zur heiligen Reue! Selig / wer alles von sich stößt / was sein Gewissen beflecken oder drücken kann! Streite wie ein Mann! Gewohnheit wird nur durch Gewohnheit überwunden. Wenn du die Leute gehen und das ihre tun lassen kannst / so werden sie auch dich gehen und das deine tun lassen. Laß fremde Dinge nicht zu nah an dein Herz kommen und verwickle dich nicht in die Geschäfte der Großen. Es ist einer / auf den du stets vor allen andern ein wachsames Auge haben und dem du zuerst unter all deinen Lieben zu Herzen reden sollst / und der eine bist du. Daß dir die Menschen ihre Gunst entziehen / das soll dich nicht traurig machen. Aber das laß dir zu Herzen gehen / daß du nicht immer so gut und so vorsichtig wandelst / wie ein Knecht Gottes und ein andächtiger Ordensmann wandeln soll. Es ist dem Menschen oft nützlicher und immer sicherer / daß er nicht sonderlich viel Freuden auf der Erde zu genießen habe / besonders keine sinnlichen. Daran aber / daß der göttliche Trost uns mangelt oder nur selten zu kosten uns gegeben wird / daran sind wir selber schuld; und die Schuld besteht darin / daß wir uns um das / was unser Herz wund und für den göttlichen Frieden empfänglich machen kann / nicht viel bekümmern und dem / was nur eitle und äußerliche Freuden gewähren kann / nicht mannhaft genug Abschied geben. Erkenne es nur / daß du des göttlichen Trostes unwürdig bist und daß du vielmehr Plage und Trübsal verdient hast. Ist das Herz eines Menschen von Reu und Leid durchdrungen und wie zermalmt / so ist ihm die ganze Welt weiter nichts als Last und Bitterkeit. Ein guter Mann findet zum Trauern und Weinen immer Grund genug. Er mag sich oder seinen Nächsten ins Auge fassen / er hat bald soviel eingesehen / daß hier niemand ohne Trübsal und Herzeleid leben kann. Und je strenger er mit sich selbst zu Gerichte geht / desto mehr Ursache zu trauern begegnet ihm überall. Den tiefsten Herzensstich geben uns nach dem Gesetze der Gerechtigkeit unsere Sünden und Laster / in denen wir so tief begraben liegen / daß wir uns sehr selten zum Anblick himmlischer Dinge emporschwingen können. Möchtest du öfter an deinen Tod als an die Länge deines Lebens denken: ich glaube / du würdest das große Werk deiner Besserung mit mehr Eifer betreiben. Möchtest du die Strafen der Sünde / die in der Hölle oder in dem Zustande der Reinigung auf den Sünder warten / zu Herzen nehmen: ich glaube / du würdest alle die Mühe und Schmerzen gern aushalten / und der strengste Ernst würde dir nicht zu strenge sein. Aber weil wir uns dies alles nicht ans Herz kommen lassen / weil wir die Schmeicheleien dieser Erde noch viel zu lieb haben / darum bleiben wir immer so kalt und träge. Oft ist es ein wahrer Mangel an Geisteskraft / daß wir über ein geringes Ungemach des Leibes so bittere Klagen hören lassen. So flehe denn in Demut zu Gott / daß er dir den Geist der heiligen Reue in dein Herz gebe / und sprich mit dem Propheten: Speise mich / o Herr / mit dem Brot der Tränen und tränke mich mit dem Trank der Zähren im großen / vollen Maße. Zweiundzwanzigstes Kapitel. Von der Betrachtung des menschlichen Elends Sei / wo du willst / und wende dich / wohin immer du willst / wenn du nicht zu Gott dich hinwendest / so bist du überall ein elender Mensch. Warum wirst du doch sogleich uneins mit dir / wenn die Sachen einen andern Gang nehmen / als du wünschest? Wo ist doch der Mensch / dem alles nach seinem Sinne geht? Nicht ich und nicht du und kein Mensch auf Erden kann alles nach seinem Sinn haben. Kein Mensch ist ohne Plage und Trübsal auf der Erde / kein einziger / er sei König oder Papst. Und was meinst du / wer ist wohl unter allen Menschen am besten daran? Sicherlich nur der / welcher gut und groß genug ist / für Gott etwas leiden zu können. Da klagen denn die Schwachen und Unmündigen / und derer sind viele: Sieh / dieser läßt sich's wohl sein / ist reich und groß und mächtig und steht überall obenan. Du aber schau nur mit festem Blick hin auf die Güter des Himmels / und du wirst klar sehen / daß alle Güter der Erde die eigentlichen / rechten Güter des Menschen nicht sein können. Sie sind ja so veränderlich und eher Plagen als Güter / indem sie ihre Besitzer wahrhaft plagen mit tausendfachem Fürchten und Sorgen. Das macht doch die Seligkeit des Menschen nicht aus / daß er an zeitlichen Gütern mehr habe / als er bedarf. Genug für ihn / wenn er so zwischen Not und Überfluß durchkommen kann. Recht betrachtet ist es doch ein Elend / auf Erden zu leben. Und gerade für den / der mehr nach dem heiligen Gesetze seines Geistes leben will / gerade für den hat dieses Leben auch mehr Bitterkeit als für andere / denn er empfindet es besser als andere und sieht es heller ein / was für ein schwaches und gebrechliches Ding es um einen Menschen in diesem Leben ist. Essen / trinken / wachen / schlafen / ruhen / arbeiten und den übrigen Bedürfnissen der körperlichen Natur hingegeben sein: das ist doch alles nur Plage / und keine geringe Plage für einen Menschen / der den Umgang mit Gott bereits gekostet hat und nun gern unabhängig von allem Druck der Natur und rein von aller Sünde sein möchte. Wahrhaftig / die Bedürfnisse des Leibes drücken in diesem Leben den innern Menschen / und der Druck ist groß. Darum bat der Prophet / der von all seiner Angst und Not gern frei gewesen wäre: Herr / rette du mich von meinen Nöten. Aber wehe denen / die ihr Elend nicht einmal erkennen / und zweimal wehe denen / die dieses elende und gebrechliche Leben noch lieben können! Es fehlt nicht an Leuten / die / obgleich sie nur den notdürftigsten Unterhalt und diesen kaum durch Handarbeit oder mit dem Bettelstab erobern können / doch mit ihrem ganzen Herzen so fest an diesem Leben hängen / daß sie auf Gottes Reich gern Verzicht leisten würden / wenn sie nur ewig hier bleiben dürften. O des Unsinns! O des Unglaubens! So tief / so tief kann ein Mensch in den Schlamm der Erde versinken / daß er nur mehr für das Irdische Sinn und Empfindung behält! Am Ende aber wird es den Unseligen wohl noch schwer auf die Seele fallen / wie gar so niedrig und nichtig all das war / was sie geliebt haben. Ganz anders die Heiligen Gottes und alle andächtigen Freunde Jesu! Sie sahen nicht auf das, was dem Fleische schmeichelte / noch was in ihrem Zeitalter glänzte / sondern all ihr Hoffen und Trachten war aufwärts gerichtet zu dem / was gut ist und gut bleibt ewig. Ja / aufwärts gen Himmel / zu dem bleibenden und unsichtbaren Gut des Menschen flog all ihr Verlangen / damit sie nicht etwa von der Liebe zu dem / was sichtbar und vergänglich ist / möchten ergriffen und zur Erde herabgezogen werden. Lieber Bruder / nichts / nichts soll dir die Zuversicht aus dem Herzen stehlen können / daß auch du in dem wahren Leben des Geistes noch weiterkommen wirst. Noch ist Zeit und Stunde da. Aber warum immer so gezögert und das Wichtigste von heut auf morgen verschobene Steh auf und fang in diesem Augenblick an und sprich zu dir: Jetzt ist es Zeit zum Arbeiten / Zeit zum Streiten / jetzt hat die Stunde geschlagen zu meiner Besserung! Ist dir nicht wohl zumute und kommt eine Plage über dich: nun / das ist für dich eben die rechte Zeit / dich eines bessern / seligen Lebens würdig zu machen. Du mußt zuvor noch durch Feuer und Wasser hindurchdringen / ehe du deinen Fuß in das Land der Erquickung wirst setzen können. Und wenn du nicht mit Gewalt dir selbst Widerstand tust / so wirst du deine Sünde nie besiegen. So lange wir in diesem gebrechlichen Leibe wohnen / können wir leider nicht ohne Sünde / nicht ohne Plage und Überdruß durchkommen. Wer möchte nicht gern frei von allem Elend sein? Aber nachdem die Unschuld durch die Sünde verloren gegangen ist / so ist nun auch die wahre Seligkeit für uns dahin / und es bleibt uns nichts andres übrig / als Geduld zu haben mit uns selbst und auf die Erbarmungen Gottes zu warten / bis das Reich der Sünde zerstört / bis selbst die Sterblichkeit vom Leben verschlungen sein wird. Wie ist doch die Gebrechlichkeit des Menschen so groß / wie übermächtig sein Hang zur Sünde! Heute bekennst du deine Sünde / und morgen begehst du wieder die nämliche Sünde / die du heut bekannt hast. Jetzt fassest du den Vorsatz / vor aller Sünde dich zu hüten / und nach einer Stunde handelst du so / als wenn nie ein Vorsatz in deine Seele gekommen wäre. Wir haben also Ursache genug / demütig zu sein und uns selbst für gering zu halten / weil wir gar zu gebrechlich und wandelbar sind. Es kann auch durch Nachlässigkeit schnell wieder zugrunde gerichtet werden / was Gnade und Treue mit saurem Schweiß noch kaum aufgebaut haben. Was wird am Abend unseres Lebens noch aus uns werden / nachdem wir schon am Morgen alles Feuer auf unserm Herde haben ausgehen lassen? Weh uns / wenn wir schon so früh die Waffen weglegen und uns zur Ruhe begeben wollen / als wenn schon Friede und Sicherheit im Lande wäre / da wir doch noch keine einzige Spur der Heiligkeit auf unserm Lebensweg hinterlassen haben! Es wäre wohl nötig / daß wir wieder von vorn anfingen und inmitten der Anfänger von neuem zu einem heiligen Leben uns unterweisen ließen. Vielleicht möchte es geschehen / daß wir unsere Fehler besserten und im Guten weiter vorankämen. Dreiundzwanzigstes Kapitel. Sterblicher / denk ans Sterben. Schnell wird es mit dir hienieden geschehen sein. Darum sei nicht eher mit dir zufrieden / bis du ein anderer Mensch geworden sein wirst. Denn sieh / heut noch ist der Mensch / und morgen ist er nicht mehr. Und ist er einmal aus den Augen der Welt / so ist er schnell auch aus ihrem Andenken dahin. Wie ist doch das Herz des Menschen so verstockt / so abgestumpft sein Gefühl / daß er / angeklammert an die Gegenwart / nicht hinausblicken mag in die Zukunft. Alles / was du denkst und tust / alles soll so gedacht und getan werden / als wenn du heut noch sterben müßtest. Wenn du wirklich ein gutes Gewissen hättest / so würdest du nicht sonderlich vor dem Tode zittern. Immer besser / die Sünde meiden / als den Tod fürchten. Und wenn du heut nicht bereit bist / wie wirst du es morgen sein: Der morgige Tag ist ein ungewisser Tag / und wer hat es dir denn verbürgt / daß du ihn noch erleben wirst. Was nützt es dir / lange zu leben / wenn dein Eifer / besser zu werden / von so kurzer Dauer und von so geringer Wirkung ist: Ach / ein langes Leben macht den Menschen nicht immer besser / macht die Zahl seiner Sünden nur größer. Hätten wir doch hier auf Erden auch nur einen Tag recht gut gewandelt. Es gibt Leute / die von ihrer ersten Bekehrung an die Jahre fleißig zählen; aber wie groß diese Zahl der Jahre immer sein mag / die Frucht der Bekehrung ist doch sehr gering. Wenn es für dich so schrecklich ist / jetzt zu sterben / so ist es vielleicht noch gefährlicher / länger zu leben. Selig / wer die Stunde des Todes immer vor Augen hat und täglich sich zum Sterben rüstete. Wenn du einen Menschen sterben siehst / so sprich zu dir: Diesen Weg muß auch ich gehen. Wenn die Morgenstunde kommt / so rechne darauf / daß du vielleicht die Abendstunde nicht mehr erleben wirst. Und wenn die Abendstunde da ist / so wag es nicht / dir noch die Morgenstunde zu versprechen. So sei denn immer bereit und lebe so / daß der Tod dich nie unbereitet finden kann. Es sterben doch so viele / ehe sie es vermuten und ohne daß sie gefragt werden / dahin. Der Menschensohn kommt auch hier zur Stunde / wo man es nicht glaubt. Wenn deine letzte Stunde wird gekommen sein / dann wirst du dein vergangenes Leben in einem ganz andern Lichte sehen / und es wird dir dein Herz zerreißen / daß du im Guten so nachlässig und lau gewesen bist. Wie selig und klug ist doch der Mensch / der keine andere Sorge kennt / als so zu leben / wie er im Tode wünschen wird gelebt zu haben. Denn die Lüste der Welt standhaft zu verschmähen / in allen Tugenden mit Eifer vorwärts zu dringen / Zucht und Ordnung lieb zu haben; in strenger Buße und in hurtigem Gehorsam / in Verleugnung seiner selbst und in Erduldung alles Widrigen aus Liebe zu Jesus auszuharren: das gibt Mut und Zuversicht / selig zu sterben. In gesunden Tagen kannst du viel Gutes tun; was du aber in kranken Tagen ausrichten wirst / davon habe ich keinen Begriff. Kranksein macht wenig Menschen besser / viel wallfahrten selten heilig. Baue doch dein Heil nicht auf die ungewisse Zukunft und verlaß dich nicht auf deine Freunde und Verwandten; denn die Menschen werden ungleich früher und schneller deiner vergessen haben / als du letzt es glauben kannst. Es ist besser / jetzt / da du noch Zeit dazu hast / deine Seele mit aller Vorsicht in Ordnung zu bringen und gute Werke vorauszuschicken / als auf fremde Hilfe zu warten. Wenn du letzt für dich selbst so unbesorgt dahinlebst / wer wird in Zukunft für dich besorgt sein? Jetzt ist kostbare Zeit / jetzt sind Tage des Heils / letzt ist Zeit der Gnade. Aber wehe / wehe / daß du diese Zeit / in der du dir einen Schatz sammeln könntest / von dessen Früchten du die ganze Ewigkeit zu leben hättest / nicht besser anwendest! Du wirst vielleicht bald um die Frist eines Tages / einer Stunde bitten / um nicht ungebessert dahinsterben zu müssen / aber wer weiß / ob du sie erlangen wirst. Sieh doch / lieber Bruder / nimm es doch zu Herzen / wie groß die Gefahr / wie peinlich die Furcht ist / von der nur die sorgsame / stete Vorbereitung auf den Tod dich freimachen kann: So lerne denn jetzt leben / und so leben / daß dir die Gestalt des Todes lieblich werden und mehr Freude als Schrecken für dich haben möge: Lerne jetzt der Welt absterben / damit du im Tode mit Christus zu leben anfangen kannst. Lerne jetzt alles verschmähen / damit du alsdann / frei von allen Banden / zu Christus heimgehen kannst. Laß jetzt deinen Leib die Züchtigung der heiligen Buße fühlen / damit du ihn einst mit Zuversicht verlassen kannst. O des Toren: was schmeichelst du dir mit der Hoffnung / lange zu leben / da du auch nicht auf einen Tag sicher rechnen kannst: Wie viele haben mit falscher Hoffnung sich betrogen und mußten zu einer Stunde / die sie noch gar nicht für ihre letzte hielten / von dieser Welt hinweg: Wie oft hast du erzählen hören: dieser ist erstochen worden / jener ertrank / dieser fiel vom Dache und brach sich den Nacken / jener starb am Tische / der beim Spiel / einen tötete das Feuer / den andern das Schwert / einen dritten die Seuche / einen vierten die Hand der Mörder. So sterben alle dahin / und das Leben des Menschen geht wie ein Schatten vorüber. Wer wird deiner nach dem Tode noch denken? Wer wird für dich beten? O Freund / jetzt / jetzt lege die Hand ans Werk und tu / was du tun kannst. Denn du weißt nicht / wann du sterben wirst / und was mit dir nach dem Tod geschehen wird. Jetzt / da du noch Zeit hast / setzt sammle dir unsterbliche Reichtümer. Dein Heil sei dein liebster / einziger Gedanke / Gottes Reich deine erste Sorge. Jetzt mache die Heiligen dir zu Freunden / das heißt / verehre sie und lebe wie sie / damit sie in der Stunde deines Scheidens aus dieser Welt in die ewigen Hütten dich aufnehmen. Sei immer wie ein Fremdling und Gast auf Erden / den die Angelegenheiten der Welt nichts angehen. Halte dein Herz frei und in steter Richtung nach oben / zu Gott / denn es ist hienieden für dich keine bleibende Stätte. Dorthin sende täglich deine Tränen / Gebete und Seufzer voraus / damit einst dein Geist nach dem Tode selig ihnen nachfolgen und zum Herrn heimgeholt werden möge. Amen. Vierundzwanzigstes Kapitel. Gericht und Strafe. In allem / was du tust / schau auf das Ende und frage dich: wie werde ich vor dem strengen Richter bestehen / dem nichts verborgen ist / den keine Gabe bestechen kann / der keine Ausflüchte gelten läßt / der richtet nach Gerechtigkeit? Elender / törichter Sünder! Sieh / du zitterst vor dem Angesichte eines zornigen Menschen / wie wirst du dich nun vor Gott verantworten / vor Gott / der alle deine Sünden weiß? Wie kannst du doch so unvorsichtig auf den Tag des Gerichts dahinleben / auf einen Tag / an dem keiner den andern entschuldigen oder verteidigen kann / an dem jeder genug mit sich selbst zu tun haben wird? Jetzt / jetzt kann deine Arbeit Früchte bringen / deine Träne Gnade finden / dein Seufzer Hilfe erflehen / deine Buße der Gerechtigkeit genüge tun und dir zur Reinigung dienen. Wer Geduld übt / das heißt / wem an der Kränkung seiner Ehre mehr die Sünde des andern / der ihn kränket / als die Kränkung selbst wehe tut; wer für seine Gegner gern fürbittet und ihnen das Unrecht / das sie an ihm getan haben / von ganzem Herzen verzeiht; wer selbst als der erste um Vergebung bittet / wer sich leichter zur Erbarmung als zum Zorn bewegen läßt / wer recht oft sich selbst Gewalt antut und strebt / die Sinnlichkeit vollkommen der Herrschaft des Geistes zu unterjochen: ein solcher Mann hat schon in diesem Leben / hat schon in sich sein Reinigungsfeuer / das wahrhaft nicht gering ist und großen Segen schafft. Es ist doch besser / schon in diesem Leben die Bande des Lasters zu lösen und von der Sünde rein zu werden / als die Reinigung für die Ewigkeit aufzusparen. Wir täuschen nur uns selbst / so oft wir eine ungeordnete Liebe zu dem / was sinnlich ist / in unseren Herzen aufkommen lassen. Was wird doch jenes verzehrende Feuer anders zu verzehren haben als deine Sünden? Je mehr du jetzt dich schonst / je mehr du deiner Sinnlichkeit nachgibst / desto empfindlicher wirst du einst dafür gestraft werden / desto mehr Stoff zum Verbrennen wirst du für jenes verzehrende Feuer mit hinüberbringen. Worin die Sünde ihre größte Lust suchte / darin wird sie auch die schwerste Strafe finden. Brennende Stacheln werden die Trägheit nie ruhen lassen / Hunger und Durst die Unmäßigkeit peinigen / siedendes Pech und Schwefel die Wollust züchtigen. Jedes Laster wird seine eigene Plage haben / der Neid wird vor Schmerzen heulen gleich einem tollen Hunde / Schande und Schmach werden wie Berge über die Hoffart fallen / die Armut wird mit ihrer schwersten Last den Geiz zerdrücken. Dort schmerzet eine Stunde Pein mehr als hier Jahrhunderte / in strengster Buße durchlebt. Der ungebesserte / der Verdammung anheimgegebene Sünder wird dort keine Ruhe / keinen Trost finden können; wo es für uns hier doch Feiertage zum Ausruhen und Stunden des Trostes im Schoß der Freundschaft gibt. So traure denn / lieber Freund / jetzt um deiner Sünden willen / sorge jetzt für die Zukunft / damit du am Tage des Gerichts mit allen Heiligen kühn und froh dein Haupt emporheben darfst. Dann werden die Gerechten mit Zuversicht auftreten und mutvoll dastehen denen gegenüber / von welchen sie in diesem Leben geängstigt und niedergedrückt worden sind. Dann wird der Arme und Demütige mit edler Zuversicht dastehen / und der Hochmütige zitternd vor ihm niedersinken. Dann wird der als ein weiser Mann erscheinen / der die seltene Kunst verstand / um Christi willen für einen Toren und für Auskehricht der Welt sich halten zu lassen. Dann wird die Andacht / die ihren Gott nie aus dem Auge ließ / ihr Jubelfest feiern / und der irdische Sinn / der in der Welt ohne Gott war / trauern müssen. Dann wird die Kreuzigung des Fleisches um des Geistes willen mehr Jubel einbringen als alle Verzärtelung und die ausgesuchteste Pflege des Leibes. Dann wird das geringe Kleid des Gottseligen glänzen / und das Seidengewand des Gottlosen allen Farbenglanz verloren haben. Dann wird die niedere Hütte in größerer Achtung stehen als der goldene Palast. Dann wird die standhafte Geduld größere Eroberungen machen als alle Herrlichkeit und Macht der Welt. Dann wird der Gehorsam des einfältigen Herzens über alle Schlauheit des arglistigen Kopfes triumphieren. Dann wird ein gutes / reines Gewissen uns mehr Seligkeit verschaffen als alle Weltweisheit der Gelehrten. Dann wird die Verschmähung des Reichtums alle Schätze der Welt voll aufwiegen. Dann wird ein Gebet / das aus dem Herzen strömte / dir mehr Trost schaffen als ein Freudenmahl / das dich mit Leckerbissen überfüllte. Dann wird das fromme Stillschweigen eines Augenblickes mehr Freude einernten als das geistlose Geschwätz eines Jahrhunderts. Dann werden die guten Werke mehr gelten als die schönen Worte. Dann werden die in ernster Selbstverleugnung und strenger Buße durchlebten Tage dich mehr erfreuen als alle Freuden der Erde. Lerne jetzt geringere Leiden ertragen / damit du einst größere dir ersparen mögest. Versuche jetzt zu tun / was du dereinst müßtest leiden können. Wenn dir jetzt ein so kurzes Leiden schon zu lang ist / wie wirst du einst endlose Leiden aushalten können? Wenn jetzt ein geringes Leiden dich so ungeduldig macht / wie wirst du das Leiden der Hölle ertragen können? Sieh / zwei Paradiese gibt es nicht für dich: hier die törichten Freuden der Welt töricht mitgenießen und dort mit Christus herrschen / das kannst du nicht. Hättest du bis auf diesen Tag im steten Genuß der Ehre und Wollust gelebt und müßtest in diesem Augenblick sterben / sag mir / was hättest du nun von all diesem Genuß? So ist denn alles lauter Eitelkeit / nur eines nicht: Gott lieben und ihm allein dienen. Denn wer Gott von ganzem Herzen liebt / der fürchtet Tod und Strafe / Gericht und Hölle nicht. Die vollkommene Liebe bahnt ihm einen freien / furchtlosen Zutritt zu Gott. Wer aber noch an der Sünde Freude hat / der hat eben darum noch Furcht vor Tod und Gericht. Wenn jedoch die Liebe noch nicht von allem dich abhalten kann / so ist es ein Gewinn für dich / wenn wenigstens die Furcht vor der Hölle dich zurückschreckt. Wer aber die Furcht Gottes verliert / der wird nicht lange mehr im Guten feststehen können / sondern bald in die Stricke des Teufels fallen. Fünfundzwanzigstes Kapitel. Von ernster Besserung unseres ganzen Lebens. Sei wachsam und eifrig im Dienste Gottes! Denk oft: Wozu bin ich hierher gekommen? Warum habe ich die Welt verlassen? Kamst du nicht hierher / um Gott allein zu leben und ein neuer Mensch zu werden / den der gute Geist zu allem Guten treibe? Laß es dir also angelegen sein / immer besser zu werden. Denn sieh / bald wird der Lohn deiner Arbeit dir ausbezahlt werden / und dann wird keine Furcht und kein Schmerz deine Seele mehr berühren. Es ist dir noch ein kurzes Tagwerk übrig / darauf folgt eine lange Ruhe oder vielmehr eine ewige Freude. Wirst du im Gutestun eifrig und treu bleiben / o so wird dein Gott gewiß auch treu und reich sein im Belohnen. Hoffen darfst du / daß du den Siegeskranz erringen wirst / aber in Sicherheit soll deine Hoffnung nicht ausarten / sonst möchtest du träge oder eitel werden. Ich kenne einen Freund / dieser ward von Angst ergriffen und schwebte lange zwischen Furcht und Hoffnung. Eines Tages / da der Kummer ihn fast aufgezehrt hatten warf er / von Herzen bebend / in einer Kirche sich vor den Altar nieder und dachte bei sich: O wenn ich gewiß wüßte / daß ich im Guten bis ans Ende verharren werde! Da hörte er in seinem Innersten die göttliche Antwort: Und wenn du das wüßtest / was wolltest du alsdann tun? Tu jetzt dasselbe / was du alsdann tun wolltest / und du wirst sicher zum Ziele kommen. Dies Gotteswort salbte ihn mit Trost und stärkte ihn / daß er sich ganz dem Willen seines Herrn hingeben konnte / und alle Angst war dahin. Er mochte nimmer neugierig forschen / was da kommen werde / aber was Gottes Wille sei / und wie er nach der Richtschnur des göttlichen Wohlgefallens alles Gute anfangen und vollenden könne / danach forschte er Tag und Nacht. Hoffe auf den Herrn und tu Gutes / sagt der Prophet / und du wirst im Lande wohnen und die Fülle seines Segens genießen. Es ist nur eines / das viele vom Fortgang im Guten und von ernster Besserung ihres Lebens zurückhält / und dies eine heißt: Es ist so schwer / so schwer / wider sich selbst zu kämpfen / und dieses schwere Stück Arbeit scheuen sie. Wahrhaftig / auf der Bahn der Tugend tun gerade am meisten sich die hervor / welche da / wo ihre Neigungen den heftigsten Widerstand leisten / den stärksten Angriff wagen. Je mehr der Mensch sich selbst überwindet und mit der Übermacht des Geistes die Werke des Fleisches ertötet / desto weiter schreitet er im Guten voraus / desto größerer Gaben macht er sich fähig und wert. Zwar haben nicht alle gleichviel / das sie überwinden und dem sie absterben sollten. Wer aber das Werk der Selbstüberwindung mit edlem Wetteifer angreift / wenn er auch noch so viele Leidenschaften zu bekämpfen hat / der wird es im Guten ungleich weiter bringen als ein anderer / der eine stille sanfte Gemütsart besitzt / dabei aber den Eifer nicht hat / mit dem die Tugend errungen sein will. Zwei Dinge kenne ich / die in der Besserung mit besonderer Kraft uns weiter forthelfen. Sich mit Gewalt versagen das / wozu die Natur wider Ordnung und Pflicht hinneigt / dies ist das erste. Dem Guten / daran wir gerade besonders arm sind / mit stetigem Eifer nachringen / dies ist das zweite. Auch das / was dir an andern am meisten mißfällt / meide und bekämpfe du an dir selber mit erstem Fleiß. Sieh überall darauf / wie du besser werden kannst. Siehst oder hörst du etwas Gutes / so laß die schöne Begierde in dir rege werden: Ich will es auch so machen. Siehst oder hörst du aber etwas / das Tadel verdiente / so laß es dir zur Warnung dienen / dasselbe nie nachzumachen / oder / wenn du es sonst getan hast / zum Antrieb / den Fehler schnell wieder gutzumachen. Wie dein Auge auf andere sieht / so sehen andere Augen auf dich. Wie lieblich und schön ist es doch / Brüder zu sehen / die voll Andacht und Eifer in Zucht und Ordnung einträchtig wandeln! Wie niederschlagend / Menschen zu sehen / die die Gesetze der Ordnung übertreten und das / wozu sie berufen sind / ungetan lassen! Wie schädlich ist es / das zu versäumen / wozu unser Vorsatz uns verpflichtet / und das Herz dem zuzuneigen / was außer unsrer Pflicht liegt! Denk an den schönen Entschluß / den du gefaßt hast / und blick auf den / der am Kreuze starb. Du hast Ursache genug / schamrot zu werden / wenn du das Leben Jesu zu deinem Spiegel machst / schamrot / daß du ihm noch so ungleich bist / da du doch schon vor langer Zeit den Weg zu Gott betreten hast. Ein Ordensmann / der das allerheiligste Leben und Leiden Jesu zum Muster seines Lebens und Leidens macht und mit Andacht und Eifer nach diesem Muster sich übt und bildet / wird alles / was ihm nötig und nützlich ist / bei Jesus finden und im Überflusse finden / wird nie die Notwendigkeit fühlen / außer Jesus etwas Besseres zu suchen. O wenn nur Jesus / der Gekreuzigte / mit seinem Lichtstrahl in unser Herz käme / wir würden schnell lernen und bald genug gelernt haben! Ein eifriger Ordensmann nimmt alles / was ihm auferlegt wird / willig auf sich und trägt es gern. Ein lauer / träger Ordensmann hat Plage über Plage und es ist ihm überall zu enge / denn der innere Trost fehlt ihm / und dem äußern darf er nicht nachlaufen. Ein Ordensmann / der Zucht und Ordnung abschüttelt / hat dem Verderben Tür und Tor angelweit aufgerissen. Wer immer nur das lieber hat / was die Bande der Ordnung weiter macht / dem wird es nimmermehr an Beklemmung und Druck fehlen; denn eins oder das andere wird immer wider seinen Geschmack sein. Denk doch / wie andere Ordensleute so leicht in eine weit strengere Lebenszucht sich einpassen könnend! Sie gehen selten aus dem Kloster / leben in Abgeschiedenheit und Stille / haben schlechte Kost und grobes Kleid / arbeiten viel und reden wenig / wachen lange und stehen früh auf / beten lange und lesen viel und halten sich in allem streng an die gemeinsame Zucht. Sieh / die Karthäuser / die Zisterzienser und andere Mönche und Nonnen kürzen bei Nacht sich den Schlaf ab und loben Gott in heiligen Gesängen. Und du willst zu derselben Zeit / wo so viele frommen Seelen Gott preisen / das göttliche Werk nur schläfrig betreiben? Welche Schande! O daß wir nichts anderes zu tun hätten / als unseren Herrn und Gott von ganzem Herzen und mit freudiger Zunge zu loben! Wäre doch nicht das Bedürfnis zu essen / zu trinken / zu schlafen. Könntest du nur immer Umgang mit der Wahrheit haben / immer Gott loben: seliger / weit seliger wärest du als jetzt / wo du dem Fleische / wenn auch nur zur Notdurft / dienest. Gäb es doch keine Bedürfnisse des Leibes und nur Bedürfnisse des Geistes: welch eine Seligkeit / sie zu befriedigen! Und diese Seligkeit / wie selten kosten wir sie! Wenn der Mensch es dahin bringt / daß er von keinem Geschöpf mehr Trost erbettelt / dann erst fängt er an / vollkommen Geschmack an Gott zu finden / dann wird er bei allem / was geschieht oder geschehen mag / zufrieden bleiben. Dann wird kein Großes ihn erfreuen und kein Kleines ihn niederschlagen können. Ganz und voll Zuversicht legt er sich dann in Gottes Hand / der ihm alles in allem sein wird / dem nichts stirbt und nichts zugrunde geht / dem alle Dinge leben und auf jeden Wink zu dienen bereitstehen. Denk immer an das Ende und daran / daß die verlorene Zeit nie wiederkommt. Ohne Eifer und Fleiß kannst du keine einzige Tugend erlangen. Sobald das Feuer des Eifers nachzulassen anfängt / sobald hört das rechte Wohlergehen auf. Wenn du aber im Eifer zu allem Guten aushältst / so wirst du großen Frieden finden / und alle Arbeit wird dir leicht werden; denn Gottes Gnade und die Liebe zur Tugend machen alle Bürden leicht. Wer Eifer und Fleiß hat / der ist zu allem bereit. Den Lastern und Leidenschaften Widerstand zu leisten / ist ein heißeres Tagewerk / als unter herabrinnenden Schweißtropfen die schwerste Handarbeit ununterbrochen fortzusetzen. Wer geringe Fehler nicht meidet / der wird nach und nach auch größere begehen. Du wirst froh sein am Abend / wenn du den Tag nützlich zugebracht hast. Wache du über dich selbst / erwecke du dich selbst / sprich du dir selber Mut ein und / mag es mit deinem Nächsten so oder anders stehn / versäume nur du selber nicht dich. Soviel du selbst dir Gewalt antust / geradesoviel nimmst du im Guten zu. II. Buch Ermahnungen / die uns in uns hineinwerfen und zum Leben in uns anleiten. Erstes Kapitel. Vom inneren Leben des Menschen. Das Reich Gottes ist in euch / spricht der Herr. So wende dich denn zu Gott / dem Herrn / und wende dich von ganzem Herzen zu ihm und verlaß diese elende Welt / und deine Seele wird Ruhe finden. Lerne verschmähen / was dich außer dir umhertreibt / lerne hochachten / was dich in dir zurechtsetzt / und du wirst das Reich Gottes in dein Herz kommen sehen. Denn das Reich Gottes in uns ist Friede und Freude im heiligen Geiste / und dieses Reich ist kein Reich für die Gottlosen. O gewiß kommt Christus zu dir und läßt dich seine Tröstungen genießen / wenn du ihm in deinem Innern eine würdige Wohnstätte wirst bereitet haben. Alle seine Schönheit und Herrlichkeit stammt von innen / im Innern hat er seine Lust. Der innere Mensch ist es / den er oft heimsucht / da wohnt er gern / mit ihm hält er freundliche Gespräche / ihm schenkt er lieblichen Trost und die Fülle des Friedens / mit ihm geht er so vertraulich um / daß Himmel und Erde nicht genug darüber sich wundern können. Wohlan / treue Seele / bereite dein Herz für diesen Bräutigam / denn er will zu dir kommen und in dir Herberge nehmen / wie er selbst sagt: Wer mich lieb hat / der hält mein Wort / und wir werden zu ihm kommen und Herberge bei ihm nehmen. So mache denn Platz für Christus / und damit er Platz habe / so wehre allen übrigen Dingen den Eingang in dein Herz. Hast du ihn selbst / so bist du reich und hast genug an ihm. Er wird für dich sorgen und in allen Dingen dein treuer Behüter sein / daß du nicht erst nötig hast / auf Menschen zu bauen. Denn schnell ändert sich des Menschen Sinn / und der Mensch ist schnell dahin. Christus aber bleibt ewig und bleibt ewig dein treuer Freund / er weicht nie von deiner Seite. Auf einen Menschen / er sei dir noch so lieb und nützlich / sollst du kein großes Vertrauen setzen; denn er ist ein Mensch / gebrechlich und sterblich. Auch sollst du es nicht so tief dir zu Herzen gehen lassen / wenn dir ein Mensch widerspricht und zuwiderhandelt. Die heute für dich stehen / können morgen wider dich auftreten / und umgekehrt. Die Menschen ändern sich wie der Wind. Baue du deine ganze Zuversicht auf Gott. Er sei deine Furcht / er sei deine Liebe. Er wird für dich antworten  / er wird alles wohl machen / wie es für dich am besten sein wird. Hier hast du keine bleibende Stätte / und wo immer du sein magst / bist du ein Pilger / ein Fremdling und wirst nirgends Ruhe finden als in der innigen Vereinigung mit Christus. Was siehst du hier so viel umher? Es ist hier kein Land der Ruhe für dich. In himmlischen Dingen sollst du deine Ruhestätte haben und alle die irdischen Dinge nur so wie im Vorbeigehen anschauen Denn sie vergehen alle / und du mit ihnen. Laß das Vergängliche dich nicht in sein Netz ziehen / sonst möchtest du davon gefangenwerden / daran hängen bleiben und darin zugrunde gehen. Dein Gedanke sei bei dem Allerhöchsten / und dein Gebet höre nicht auf / bei Christus anzuklopfen. Kannst du deinen Geist nicht erheben zu hohen / zu himmlischen Betrachtungen / so suche deine Ruhestätte in dem Leiden Christi und wohne gern in seinen heiligen Wunden. Denn sobald du im lauteren Triebe der Andacht zu den köstlichen Wundmalen Jesu deine Zuflucht nimmst / so wirst du darin wider alle Leiden / die dich mutlos machen könnten / neue Stärke finden und / neugestärkt / die verächtlichen Blicke der Menschen nicht mehr so hart empfinden und ihre beißenden Worte leicht ertragen. Denn sieh / Christus ward in der Welt von den Menschen auch verschmäht / ward in seiner größten Not unter Spott und Hohn von all seinen Bekannten und Freunden verlassen. Christus wollte leiden / Christus wollte sich schmähen lassen; und du wagst es / den Mund aufzutun / um über deine geringen Leiden zu klagen? Christus hatte seine Widersprecher und Widersacher / und du willst alle Menschen zu Freunden und Wohltätern haben? Wofür sollte auch wohl deine Geduld gekrönt werden / wenn sie nichts Widriges zu erdulden hätte? Wenn du nicht Unangenehmes leiden willst / wie kannst du denn ein Freund des leidenden Christus werden? Lerne vielmehr mit Christus und für Christus leiden / wenn du mit Christus herrschen willst. Wärest du nur einmal in das Allerheiligste unseres Herzens / in Jesus / tief eingedrungen / hättest du nur ein Fünklein von seiner brennenden Liebe aufgefangen / o es würde dir nicht mehr um deinen eigenen Vorteil oder Nachteil zu tun sein / du würdest vielmehr Freude daran haben / dich um des Guten willen lästern zu lassen. Denn die Liebe zu Jesus lehrt den Menschen die große Kunst / sich selbst zu verschmähen. Wer Jesum und die Wahrheit liebt / wer in sich wohnte und dadurch ganz innig und von allen ungeordneten Neigungen frei geworden ist / der kann ungehindert sich zu seinem Gott erheben / kann über sich selbst hinaus im Geist sich schwingen / kann in Gott seligen Genuß / und im Genusse Gottes Ruhe finden. Wer so weise ist / daß er alle Dinge für das halten kann / was sie sind / und nicht für das / wofür sie von andern gehalten und ausgegeben werden / der hat die rechte Weisheit und hat seine Weisheit mehr von Gott als von den Menschen gelernt. Wer in sich lebt und deshalb den Wert der Dinge nicht nach ihrer Außenseite bestimmt / der fragt nicht nach besonderen Orten und wartet nicht auf besondere Zeit / um sich in den Gefühlen der Andacht zu üben. Ein inniger Mensch sammelt sich geschwinde wieder in sich / weil er sich nie ganz verloren und ausgegossen hat in die Dinge um sich. Ihn kann keine äußere Mühe und Beschäftigung / die im Bereich der Arbeit von Zeit zu Zeit wohl auch notwendig ist / im Guten hindern. Wie die Dinge kommen / so weiß er in die Dinge sich zu schicken. Wer im Innern fest gestellt und wohl geordnet ist / den zerstreut das törichte und verkehrte Treiben der Menschen nicht. Der Mensch wird von den Dingen nur insofern gehindert und zerstreut / als er die Dinge an sein Herz kommen und sich daranhängen läßt. Wenn du im Innern gut und rein genug wärest / so müßten alle Dinge dir zum Guten dienen und zum Fortschritt im Guten helfen. Nur deshalb findest du überall so viel Widriges und gerätst so leicht in Verwirrung / weil du noch nicht vollkommen dir abgestorben und vom Irdischen noch nicht ganz losgelöst worden bist. Nichts befleckt und verstrickt das Herz des Menschen so sehr als seine unlautere Liebe zu den Geschöpfen. Wenn du den äußeren Tröstungen entsagen könntest / so würdest du himmlische Dinge schauen und im Innern einen Jubel nach dem andern feiern können. Zweites Kapitel. Demut. Lege kein großes Gewicht darauf / ob dieser Mensch für dich oder jener wider dich sei / sondern laß dies allein dein Sorgen und Tun sein / daß Gott in allem es mit dir halte. Hab immer ein gutes Gewissen / und Gott wird immer dein treuer Hüter sein. Und wenn Gott dir helfen will / so mögen alle Menschen ihre verkehrten Anschläge wider dich führen / dir wird keiner schaden können. Wenn du schweigen und leiden kannst / so wirst du gewiß die Hilfe des Herrn kommen sehen. Er weiß es am besten / wann und wie dir zu helfen sei / darum überlaß ihm alles und dich ganz. Denn Gottes Sache ist es / zu helfen und von aller Schande zu erretten. Oft trägt es schon viel bei / uns in der Demut tiefer zu gründen / daß andere unsere Fehler wissen und öffentlich sie strafen. Sobald ein Mensch wegen seiner Gebrechen sich demütigt / dann besänftigt er andere ohne Mühe und tut denen / die über ihn zürnen / mit geringer Anstrengung genug. Den Demütigen nimmt Gott in seinen Schutz und rettet ihn / den Demütigen liebt und tröstet er / zum Demütigen neigt er sich hernieder / dem Demütigen schenkt er große Gnade und hebt nach den Tagen der Unterdrückung ihn hoch empor zur Ehre / dem Demütigen offenbart er seine Geheimnisse und lädt und zieht ihn freundlich zu sich. Der Demütige hat auch in den Tagen der Schmach festen Frieden in sich / denn Gott ist seine Stütze und nicht die Welt. Darum glaube nicht / daß du im Guten zugenommen habest / wenn du nicht im Gefühl deines Geringseins unter alle übrigen Menschen dich setzen kannst. Drittes Kapitel. Sei gut und strebe nach Frieden!. Bewahre zuerst Frieden und Ordnung in dir selber / dann magst du auch Frieden und Ordnung in andern herstellen. Ein Mensch / der den Sinn des Friedens in sich hat / nützt mehr als einer / der eine ausgebreitete Gelehrsamkeit besitzt. Ein Mensch / der von heftigen Leidenschaften hin und her gestoßen wird / deutet und lenkt auch das Gute / das er sieht / zum Bösen und glaubt von andern lieber Böses als Gutes. Wer aber den Frieden liebt / der leitet alles zum Besten. Wer mit sich selbst in Frieden lebt / denkt von keinem Arges. Wer aber mit sich selbst in Unfrieden und Krieg lebt / den treibt bald dieser / bald jener arge Wahn hin und her. Er hat keine Ruh und läßt auch andern keine. Er sagt oft / was er nicht hätte sagen / und tut nicht / was er zu seinem eigenen Vorteil hätte tun sollen. Laß du also deinen Eifer zuerst bei dir selbst anfangen / und dann mag er mit allem Recht auch auf deinen Nachbarn sich ausbreiten. Deine Handlungen kannst du alle schön färben und in mildem Licht erscheinen lassen / aber fremde Entschuldigungen willst du nicht gelten lassen. Und doch / wenn du nach dem Gesetze der Gerechtigkeit richten wolltest / so würdest du lieber dich selbst anschuldigen und deinen Bruder entschuldigen / als nur immer dich entschuldigen und ihn anschuldigen. Wenn du willst / daß die andern dich dulden sollen / so dulde du sie zuerst. Sieh doch / wie fern du noch bist von der wahren Liebe und Demut / die über keinen Menschen zornig oder unbillig werden kann als nur über sich selbst! Mit guten / sanften Menschen in Frieden zu leben / das ist nichts Großes. Denn das ist uns allen von Natur aus angenehm. Hat es doch jedermann gern / wenn er unangefochten durchkommt / und liebt die / welche es mit ihm halten / mehr als andere. Aber mit harten und verkehrten oder zuchtlosen Menschen oder mit solchen / die den Geist des Widerspruchs in sich haben / friedsam leben zu können / das ist eine große Gnade / das ist lobenswert / das ist männlich und edel. Es gibt allerdings Menschen / die dauerhaften Frieden mit sich selber haben und auch mit andern in Frieden leben. Es gibt aber auch Menschen / die weder in sich Frieden haben / noch andere in Frieden leben lassen. Sie sind andern lästig / aber sich noch mehr. Endlich gibt es auch Menschen / die sich im Frieden zu erhalten wissen und um sich her den Frieden herzustellen trachten. Doch ist all unser Friede / den wir in diesem elenden Leben erkämpfen mögen / im Grunde mehr ein demütiges Ertragen des Unangenehmen als ein Nichtempfinden des Widrigen zu nennen. Wer am besten zu leiden versteht / der kann am meisten Frieden haben / der ist ein sieghafter Überwinder seiner selbst / ist Herr über die Welt / ist Christi Freund und des Himmels Erbe. Viertes Kapitel. Einfalt und Lauterkeit. Zwei Flügel heben den Menschen über das Irdische: Einfalt und Lauterkeit / Einfalt in der Absicht / Lauterkeit in der Liebe. Die Einfalt sucht Gott / die Lauterkeit findet ihn. Die Einfalt zielt nach Gott / die Lauterkeit genießt ihn. Das Gute / das du nach außen hin zu tun hast / kann dich nicht um die Freiheit des Geistes bringen / wenn im Innern keine ungeordnete Neigung dich darum gebracht hat. Suchst du nichts anderes / als nur Gott zu gefallen und deinem Nächsten zu nützen / dann wirst du die rechte Freiheit des Geistes genießen können. Wäre dein Herz ohne Falsch / dann würde jedes Geschöpf ein Spiegel des Lebens und ein Buch heiliger Lehre für dich sein. Denn es ist kein Geschöpf so klein und unbedeutend / daß es nicht eine Spur von der Güte Gottes an sich trüge. Wärest du im Innern gut und rein / dann hättest du einen hellen / ungetrübten Blick und würdest alles recht sehen und leicht verstehen. Ein reines Herz dringt durch Himmel und Hölle. Wie jeder in sich selbst beschaffen ist / so urteilt ein jeder von den Dingen außer sich. Ist irgend eine wahre Freude auf Erden / so ist sie nirgend als in einem reinen Herzen zu finden. Und gibt es Angst und Plage auf Erden / so weiß ein böses Gewissen am besten / was Angst und Plage ist. Wie Eisen im Feuer den Rost verliert und ganz glühend wird / so verliert ein Mensch / der ganz zu Gott sich bekehrt / das Erdhafte seiner Natur und wird in einen neuen Menschen umgewandelt. Wenn der Mensch anfängt / lau zu werden / so scheut er auch geringe Mühe und hat es gern / wenn ihm von den Sinnen etwas Trost gereicht wird. Aber wenn er einmal angefangen hat / sich vollkommen zu überwinden und wie ein Held auf dem Wege Gottes zu wandeln / dann ist alles ihm leicht / was er vorher noch so schwer gefunden hat. Fünftes Kapitel. Von der Betrachtung seiner selbst. Wir dürfen uns selbst nicht zu viel trauen / denn oft fehlt uns die Gnade und rechte Erkenntnis der Dinge. Es flimmert ein Licht in uns / und dieses kleine Licht ist bald ausgelöscht / wenn wir es nicht mit besonderer Treue pflegen. Oft nehmen wir´s nicht einmal wahr / daß wir im Innern gar so blind sind. Oft tun wir Böses und machen das Böse / das wir getan haben / durch Entschuldigungen noch böser. Oft treibt uns Leidenschaft / und wir glauben / es sei frommer Eifer / was uns bewege. Geringe Fehler strafen wir an andern sehr scharf und lassen große Fehler an uns selbst ungestraft. Was wir von andern auszustehen haben / das empfinden wir schnell genug und rechnen es hoch an. Aber was andere von uns auszustehen haben / das nehmen wir nicht zu Herzen. Wer Lust hätte / das Seine immer genau abzuwägen / dem würde alle Lust vergehen / das Fremde hart zu richten. Wer in sich für Gott zu leben weiß / der setzt die Sorge / in sich für Gott zu leben / allen anderen Sorgen voran. Und wer auf sich selbst ein wachsames Auge hält / dem wird es nicht schwer / bei fremden Fehlern stumm zu sein. Du wirst nie ein innerer / andächtiger Mensch werden / wenn du nicht bei allem / was dich nicht angeht / stumm und für alles Fremde blind werden kannst / wenn du nicht immer auf dich selber siehst. Wenn aber dein ganzes Gemüt am liebsten nur in sich hinein und von da zu Gott aufschaute / dann würde das / was du von außen wahrnimmst / einen schwachen Eindruck auf dich machen. Sage mir / wo bist du denn / wenn du nicht bei dir selbst daheim bist? Und wenn du alle Welt durchlaufen und darüber dein Heil versäumt hättest / was nützte dir all dies Laufen und Rennen? Wenn du Frieden haben und wahrhaftig eins mit dir werden willst / so mußt du alles übrige fahren lassen und dich allein im Auge behalten. Du wirst viel / viel gewinnen / wenn du aller zeitlichen Sorgen dich entledigen und in dieser Abgeschiedenheit von allen zeitlichen Sorgen dich halten kannst. Wenn du aber etwas Zeitliches deiner Sorge würdig erachtest / so wirst du ohnmächtig zum Guten werden. Nichts soll in deinen Augen groß / nichts erhaben / nichts lieblich / nichts angenehm sein außer Gott allein / oder was nicht Gott ist / nur um Gottes willen / von dem alles Gute kommt. Halt allen Trost / den ein Geschöpf dir darreichen kann / für eitel / für nichtig. Eine Seele / die ihren Gott lieb hat / hält im Hinblick auf ihren Gott alle Dinge für nichts. Gott allein / der Ewige / der Unermeßliche / der Allerfüllende / Gott allein ist der wahre Seelentrost / er allein die wahre Freude des Herzens. Sechstes Kapitel. Vom guten Gewissen. Der Ruhm des guten Menschen ist das Zeugnis seines guten Gewissens. Hab immer ein gutes Gewissen / und du wirst immer Freude haben. Ein gutes Gewissen kann viele Lasten tragen und kann auch mitten in Trübsalen heiter sein. Aber ein böses Gewissen ist immer voll Furcht und Unruhe. Nie wird es dir an einem sanften Ruhekissen fehlen / wenn dich dein Herz nicht straft. Suche keine Freude außer im Rechttun. Denn die Bösen haben keine wahre Freude und genießen nichts vom inneren Frieden. Kein Friede den Gottlosen / spricht der Herr. Und wenn sie es noch so oft sagen: O ja / wir haben Frieden / über uns kommt kein Übel / wer sollte es wagen dürfen / uns wehe zu tun? so glaube du ihnen nicht. Denn sieh / schnell bricht der Zorn des Herrn herein / und zunichte wird alles Tun des Gottlosen / und verloren auf immer sind alle ihre Anschläge. Wer die Liebe hat / wird es nicht schwer finden / sogar seiner Trübsal sich zu rühmen. Denn das heißt eigentlich / seinen Ruhm im Kreuze Christi suchen. Flüchtig und kurz ist alle Ehre / die Menschen voneinander nehmen und Menschen einander geben. Die Ehre der Welt hat immer Angst und Traurigkeit in ihrem Gefolge. Die Guten haben ihre Ehre in sich / in ihrem Gewissen / nicht außer sich / in dem Munde der Menschen. Die Gerechten freuen sich nur in Gott und um ihres Gottes wegen / sie haben ihre Lust an der Wahrheit. Wer die wahre / die unvergängliche Ehre sucht / der bekümmert sich nicht viel um die vergängliche. Und wer noch vergängliche Ehre sucht oder sie noch nicht von ganzem Herzen verschmäht / der beweist eben dadurch / daß ihm die unvergängliche Ehre noch nicht über alles lieb und teuer ist. Große Seelenruhe hat der / welcher weder die Lobsprüche noch die Schmähworte der Menschen sich nahe zu Herzen gehen läßt. Wer ein reines Gewissen hat / der ist mit wenigem zufrieden und leicht zu begnügen. Du bist nicht besser / wenn man dich lobt / und nicht schlechter / wenn man dich lästert. Was du bist / das bist du / und alle Worte der Menschen können dich nicht größer reden / als du in dem Urteile Gottes wirklich bist. Wenn du nur darauf siehst / was du im Innern wirklich bist / so wird es nicht sonderlich dich kränken / was die Menschen von außen gern aus dir machten. Der Mensch sieht auf das Gesicht / Gott in das Herz. Der Mensch legt auf die Wage nur / was die Menschen tun; Gott hat eine Wage für die Absicht / welche die Menschen treibt / das zu tun / was sie wirklich tun. Immer recht zu tun vor Gottes Auge und doch gering in seinen eigenen zu sein / das ist der Prüfstein einer demütigen Seele. Wenn du keinen Trost mehr von den Geschöpfen dir holen magst / so ist das ein sicheres Zeichen / daß dein Herz große Lauterkeit / und deine Zuversicht bleibende Herrlichkeit in sich hat. Wer kein Zeugnis von außen für sich aufsucht / der gibt zu verstehen / daß er ganz in die Hand Gottes sich gelegt habe. Denn nicht der ist ein bewährter Mann / der selber von sich gut spricht / sondern der / für den sein Gott gut spricht / der ist wahrhaftig gut / wie der heilige Paulus lehrt. Im Innern mit Gott freien Umgang zu haben und in diesem freien Umgang sich durch keine Neigung nach außen stören zu lassen / darin besteht das Leben des innerlichen Menschen. Siebentes Kapitel. Was es heißt / unsern Herrn Jesus Christus lieb haben. Wohl dem / der es begreift / was es heißt / Jesum zu lieben und um Jesu willen sich selbst zu verschmähen. Man muß manches Liebe um des Liebsten willen verlassen / denn Jesus will allein über alles geliebt sein. Um die Liebe zu den Geschöpfen ist es ein trügliches / unstetes Ding / aber die rechte Liebe zu Jesus ist treu und unwandelbar. Wer sich an ein Geschöpf hängt / fällt mit dem Hinfälligen / wer sich an Jesus hält / steht ewig fest. Den mußt du lieben / den als deinen Freund behalten / der auch dann dich nicht verläßt und der dich nicht zugrunde gehen läßt / wenn alles andere zugrunde geht. Einmal mußt du doch von allen Geschöpfen scheiden / du magst wollen oder nicht. Halte dich fest an Jesus im Leben und im Sterben und überlaß dich ganz der treuen Liebe desjenigen / der allein noch helfen kann / wo alle andere Hilfe nicht ausreicht. Es ist die Natur deines Geliebten / daß er sein Reich mit keinem andern teilen will / er will dein Herz ganz allein für sich haben / er will darin wie ein König auf seinem Throne herrschen. O könntest du dein Herz für ihn ganz leer machen / leer von allen Geschöpfen / so müßte er bei dir Herberge nehmen / und würde sie am liebsten bei dir nehmen. Im Grunde wirst du doch finden / daß fast alles verloren ist / was du nicht bei Jesus suchst und so gern bei Menschen finden möchtest. Ach / traue nicht und stütze dich nicht auf ein Rohr / das der Wind hin und her bewegt. Denn alles Fleisch ist wie Heu / und alle Herrlichkeit des Fleisches fällt ab wie eine Blume des Heues. Du bist leicht betrogen / wenn du nur auf das siehst / was an den Menschen weiter nichts als Glanz und Anstrich ist. Sobald du bei andern deinen Trost und Gewinn suchst / so wirst du meistenteils nur Schaden und Herzeleid dabei gewinnen. Wenn du Jesum überall suchst / so wirst du ihn auch überall finden. Wenn du aber dich selbst suchst / so wirst du dich selber auch überall finden / aber zu deinem eigenen Verderben. Denn der Mensch / der Jesum nicht sucht / schadet sich selber ungleich mehr / als alle Welt und alle seine Feinde ihm ewig schaden können. Achtes Kapitel. Vom vertrauten Umgang mit unserm Herrn Jesus Christus. Ist Christus bei dir daheim / so ist alles gut und alles leicht. Ist aber Christus nicht bei dir / so ist alles bitter und hart. Wenn dir Jesus keinen inneren Trost einspricht / so ist alle andere Tröstung kraftlos. Aber ein einziges Wort aus seinem Munde bringt großen Trost in dein Herz. Ist nicht Maria Magdalena sogleich von der Stelle / wo sie weinte / aufgestanden / als Martha ihr sagte: der Meister ist da und ruft dich? Selige Stunde / wenn Jesus ruft vom Tränenbrot zur Geistesfreude! O Mensch / wie bleibt doch alles in dir so dürr und kalt ohne Jesus! Wie bist du doch so eitel und töricht / wenn du etwas außer ihm suchst! Ach / ihn nicht haben / das ist ein größerer Verlust / als die ganze Welt verloren haben. Was kann denn die ganze Welt dir geben ohne ihn? Ohne Jesus sein / das ist eine ganze Hölle voll Angst. Bei Jesus sein / das ist ein Paradies voll lieblicher Früchte. Ist Jesus bei dir / so kann kein Feind dir schaden. Wer ihn findet / der hat einen köstlichen Schatz gefunden / ein Gut / besser als alles Gute. Wer aber ihn verliert / der hat viel verloren und mehr als die ganze Welt. Wer ohne Jesus lebt / der ist von allen Armen der ärmste. Wer bei Jesus wohl geduldet ist / der ist unter allen Reichen der Reichste. Es ist aber eine große Kunst / in Jesu Gesellschaft leben zu können. Es ist eine große Weisheit / Jesum bei sich zu behalten wissen. Sei demütig und friedsam / und Jesus ist bei dir. Sei andächtig und still / und Jesus bleibt bei dir. Du kannst ihn schnell vertreiben von dir und seine Gnade verlieren / du brauchst nur nach außen dich zu neigen dem zu / was unter dir sein soll. Und wenn du ihn vertrieben / ihn verloren hast / zu wem wirst du dann deine Zuflucht nehmen? Wo wirst du wieder einen Freund finden? Ohne Freund kann dir nicht wohl sein / und wenn Jesus nicht dein erster Freund ist / so wirst du immerzu nur traurig und wie verlassen sein. Du handelst also töricht / wenn du auf einen andern baust oder in einem andern Freude suchst. Man soll lieber die ganze Welt zum Feinde haben / als das zarte Auge Jesu betrüben. Unter allen deinen lieben Freunden soll dir also Jesus dein liebster Freund sein. Du sollst alle Menschen um Jesu willen lieb haben / aber Jesus um seinetwillen. Christus ist vor allen andern Freunden gut und treu gefunden worden / er ist es also vor allen andern wert / geliebt zu sein. Seinetwegen und in ihm sollen dir alle / Freunde und Feinde / lieb sein. Für alle sollst du zu ihm bitten / daß alle ihn erkennen und lieb haben möchten. Laß dich nie danach gelüsten / daß du vor andern geliebt und gelobt werden möchtest. Denn das steht allein Gott zu / der nicht seinesgleichen hat. Auch sollst du nie die erste Stelle in eines Menschen Herzen / die Gott allein geweiht sein soll / einnehmen wollen / noch einen andern Menschen diese Stelle in deinem Herzen einnehmen lassen. Jesus nehme diese Stelle ein in dir und in jedem guten Menschen! Sei rein und frei in deinem Inwendigen / und laß kein Geschöpf dich gefangen nehmen. Du mußt dein Herz nackt und bloß vor Gott bringen / wenn du dessen inne werden willst / wie süß der Herr sei. Und dazu kommst du nicht / wenn seine Gnade nicht zuvor dich ruft und an sich zieht / daß du von allen Dingen losgelöst werden und / geschieden von allen / dich einzig mit dem Einzigen vereinigen kannst. Denn kommt die Gnade Gottes in den Menschen / so vermag er alles; scheidet sie aber von ihm / so ist er wieder der arme / schwache Mensch wie vorher und taugt fast zu nichts / als seinen Rücken den Geißelhieben hinzugeben / die von allen Seiten eindringen. Das muß dich aber nicht mutlos machen / noch viel weniger dich zur Verzweiflung bringen. Lerne vielmehr / gleichmütig festzustehen / bereit zu allem / was Gottes Wille anordnet / und alles / was über dich kommt / zur Ehre Jesu zu ertragen. Denn sieh / nach dem Winter kommt der schöne Frühling / auf die Nacht der liebliche Morgen / und nach dem Sturmwetter der heitere Himmel wieder. Neuntes Kapitel. Was es sagen will / durchaus trostlos sein. Den menschlichen Trost verschmähen / wenn man einen bessern / den göttlichen / hat / das ist nichts Großes. Aber das ist groß / das ist recht groß / den menschlichen und den göttlichen Trost entbehren zu können und um der göttlichen Ehre willen gern mit seinem Herzen wie ein Vertriebener aus dem Lande alles Trostes umherzuirren / sich selbst in keinem Ding zu suchen und nirgends auf eigene Verdienste oder Vorteile Anspruch zu machen. Was ist es denn Großes / beim sanften Wehen der kommenden Gnade freudig und andächtig zu sein? Diese Stunde möchten alle gern haben. Das ist eine gar liebliche Fahrt durch dieses Leben / wenn einen die Gnade Gottes sanft dahin trägt! Was Wunder / daß der keine Bürde fühlt / den der Allmächtige auf seinen Händen trägt / den der höchste Führer überall hindurchführt! Wir behalten uns gern etwas zurück / an dem unser Herz noch Trost finden kann / und seiner selbst entkleidet der Mensch sich am unliebsten. Laurentius / der heilige Blutzeuge / hat die Welt überwunden / weil er wie sein Priester alles / was die Welt Reizendes hatte / verschmähen konnte. Außerdem konnte er aus Liebe zu Christus mit gelassenem Mut es ertragen / daß sein Freund / der Papst Sixtus / den er innig lieb hatte / von ihm getrennt wurde. Es hat also in ihm die Liebe gegen Gott über alle Liebe gegen irgendeinen Menschen gesiegt / und das Wohlgefallen Gottes mehr bei ihm gegolten als aller Menschentrost. So mußt denn auch du einen Freund / der dir noch so lieb und noch so unentbehrlich sein mag / verlassen können / um Gott allein in Liebe anzuhängen. Auch soll es dir keine tiefe Wunde schlagen / wenn dein Freund dich verläßt; denn du weißt ja / daß die Stunde nicht ausbleibt / wo wir alle einander verlassen müssen. Oh / es muß der Mensch lang und viel mit sich selbst im Kampf liegen / bis er es lernt / sich ganz zu überwinden und ganz mit all seiner Liebe Gott allein sich zu ergeben und ihm allein anzuhängen. Wenn der Mensch noch an sich selber hängt / so neigt er sich bald wieder abwärts und sucht Menschentrost. Wer aber einmal seinem Herrn Jesus Christus von ganzem Herzen und mit allem Ernste in den Tugenden des christlichen Lebens nachzuringen gelernt hat / dem ist es nicht mehr um Trost und süße Empfindungen zu tun. Er will viel lieber starke Prüfungen aushalten und scheut um Christi willen keine Arbeit mehr / auch die schwerste nicht. Wenn dir also ein himmlischer Trost von Gott in die Seele gegeben wird / so nimm ihn dankbar an und sieh in ihm nicht den Lohn deiner Verdienste / sondern die lautere / unverdiente Gabe Gottes. Achte dich deswegen nicht für besser / freue dich auch nicht zu viel darüber und laß keine eitle Anmaßung in dein Herz kommen. Vielmehr soll die Gabe Gottes dich demütiger / behutsamer und in allen deinen Handlungen nur noch vorsichtiger machen. Denn die Stunde des Trostes ist bald vorüber / und es kommt wieder eine Stunde der Versuchung hinterher. Und wenn dann die Tröstung vorüber ist / so mußt du den Mut nicht sinken lassen / sondern in Demut und Geduld warten können / bis das Licht des Himmels dein Auge wieder heimsucht; denn Gott ist mächtig genug / dir wieder eine Tröstung zu senden / und zwar in größerm Maße. Dieser Wechsel von Tröstungen und Versuchungen ist nichts Neues denen / die in den Führungen Gottes wohl bewandert sind. Denn die großen Heiligen und die alten Propheten hatten eben diesen Wechsel auch an sich erfahren. Einer von ihnen sprach im Übermaß der Gnade: Ich hab es gesagt in der Fülle der Freude / in alle Ewigkeit wank ich nicht. Was er aber in sich erfahren / als er das Gefühl der Gnade verloren hatte / beschreibt er bald darauf: Du wandtest dein Angesicht von mir / da ward ich verwirrt. Doch verlor er den Mut nicht / sondern schrie nur um so eindringlicher zum Herrn: Zu dir / mein Herr / will ich schreien / zu meinem Gott will ich flehen. Darauf ward ihm die Frucht seines Gebetes zuteil / und er bezeugt es selbst / daß er Erhörung gefunden hat: Der Herr hat mich erhört / hat meiner sich erbarmt / der Herr hat mir Hilfe gesandt. Aber worin besteht diese Hilfen Du hast / spricht er / meine Klagen in Jubel verwandelt und mich mit Freude umgürtet. Wenn der Herr mit großen Heiligen es so gehalten hat / so dürfen wir Schwachen und Armen den Mut nicht sinken lassen / wenn wir bald im Zustand des Eifers und bald im Zustand des Frostes uns befinden; denn der Geist kommt und geht nach seinem heiligen Wohlgefallen. Deshalb heißt es bei Iob: Du suchst am Morgen ihn heim und prüfst ihn / ehe er es denkt. Worauf kann ich also meine Hoffnung und worauf muß ich meine Zuversicht anders bauen / als allein auf die große Barmherzigkeit Gottes und allein auf die Gnade / die von oben kommt. Denn sieh / selbst gute Menschen / Brüder voll Andacht und Liebe / oder heilige Bücher oder schöne Abhandlungen oder liebliche / geistvolle Gesänge / soviel sie sonst helfen mögen / halfen mir im Grunde doch wenig und sind selbst ohne Geschmack für mich / wenn ich / ohne himmlische Gnade und mir selbst überlassen / in meiner Armut dahinliege. In dieser Not gibt es kein besseres Rettungsmittel / als geduldig zu sein und im Ergreifen des göttlichen Willens seinen eigenen zu verleugnen. Ich habe noch keinen Menschen gefunden / der so andächtig und gottselig gewesen wäre / daß er nie in sich eine Abnahme des Eifers gespürt oder ein Zurücktreten der Gnade erfahren hätte. Kein Heiliger war so hoch verzückt / keiner so hell erleuchtet / daß er nicht vor oder nach seiner Verzückung oder Erleuchtung in eine Versuchung gefallen wäre. Denn wer für das Reich Gottes noch nicht durch irgend ein Probefeuer hindurchgegangen ist / der ist es nicht wert / zur hohen Anschauung Gottes zugelassen zu werden. Immer kann man die vorangehende Prüfung als einen Vorboten der nachfolgenden Tröstung ansehen. Denn nur denen / deren Treue sich durch mancherlei Versuchungen bewährt hat / wird die himmlische Tröstung verheißen. Wer überwunden haben wird / sagt die Schrift / dem will ich vom Baume des Lebens zu essen geben. Auch wird uns die göttliche Tröstung in diesem Leben nur zu dem Zweck gegeben / damit wir dadurch neue Stärke zu neuen Leiden bekommen. Oft auch folgt der Tröstung wieder eine Versuchung auf dem Fuße nach / damit der Mensch des Guten wegen nicht so leicht sich überhebe. Noch ist das Fleisch nicht tot / noch schläft Satan nicht / deswegen mußt du unablässig dich auf den Kampf rüsten; denn es gibt Feinde genug zur Linken und zur Rechten / die nicht müde werden / auf deinen Untergang zu lauern. Zehntes Kapitel. Danke Gott für die Gnade Gottes! Warum willst du Ruhe haben / da du doch zur Arbeit geboren bist? Halte stets mehr auf Leiden als auf Tröstungen dich gefaßt. Denn wo wäre auch unter denen / die in der Welt leben / der Mensch zu finden / der nicht immer gern Tröstungen und Freuden des Geistes genießen möchte / wenn er sie einmal genossen hätte und immer genießen könnte! Die Tröstungen / die wir vom Geist her / der sie genießt / geistlich nennen / übertreffen ohne Widerrede alle Freuden der Welt und alle Wollüste des Fleisches. Denn alle Freuden der Welt sind entweder unedel oder wenigstens eitel; die geistlichen Freuden aber / sie allein sind zugleich edel und eigentliche Freuden / weil sie von Gott in reine Seelen gesenkt und aus Tugend geboren werden. Aber diese göttlichen Freuden / diese himmlischen Tröstungen stehen nicht immer uns so zu Gebote / daß wir sie genießen könnten / so oft wir wollen. Denn auf einmal schlägt wieder die Stunde der Versuchung / und sie bleibt nie lange aus. Was aber der göttlichen Heimsuchung am meisten Tür und Tor verriegelt / das ist die falsche Freiheit des Gemütes und das große Vertrauen auf sich selbst. Gott tut wohl / wenn er die Gnade der himmlischen Tröstungen sendet; aber der Mensch tut nicht wohl / wenn er Gott nicht für alle Gaben dankt und sie durch Dank gleichsam wieder zurückgibt / ohne etwas davon für sich zu behalten. Und eben deshalb können die Gnaden Gottes nicht ungehindert in uns einfließen / weil wir gegen den / der die Gnaden sendet / undankbar sind und nicht alles / was uns gegeben wird / in die Quelle / aus der es geflossen ist / zurückfließen lassen. Denn es ist ein Gesetz der göttlichen Haushaltung: Wer für die Gnade würdig zu danken weiß / der empfängt immer neue Gnade; und es wird dem Stolzen abgenommen / was dem Demütigen zugelegt wird. Ich will durchaus keine himmlische Tröstung haben / die mir den Sinn der Buße aus dem Herzen nähme. Ich möchte selbst die Gabe der Beschaulichkeit nicht haben / wenn sie mich um die Demut brächte. O es ist nicht alles / was hoch ist / auch heilig; nicht alles / was lieblich scheint / auch gut; nicht alles / wonach die Menschen sich sehnen / auch rein; nicht alles / was den Menschen gefällt / auch Gott wohlgefällig. Gern empfange ich eine Gnade / die mich demütiger / wachsamer / vorsichtiger macht und bereitwilliger / mich selbst zu verlassen. Wer durch die Gnade / die ihm die Güte geschenkt / verständig / und durch die Gnade / die ihm die Zucht wieder entzogen hat / weise geworden ist / der wird es nicht wagen wollen / sich etwas Gutes zuzuschreiben / sondern lieber bekennen / daß er arm und nackt sei. Gib Gott / was Gottes ist / und dir / was dein ist; das heißt / danke Gott für die Gnade / die du empfangen / und lege dir allein die Schuld bei in Hinsicht auf das / was dir nicht wieder gegeben ward / und lerne fühlen / daß du durch die Schuld / die auf dir liegt / weiter kein andres Recht erworben hast / als gestraft zu werden. Setze dich gern an die unterste Stelle / und es wird die oberste dir angewiesen werden. Denn das Oberste hat ohne das Unterste keinen festen Boden / auf dem es ruhe. Waren doch die Heiligen / die vor den Augen Gottes die Größten sind / in ihren eigenen Augen die Geringsten / und je höher sie Gott zu sich erhebt / desto tiefer sinken sie vor ihm in ihr Nichts hinab. Ausgefüllt mit himmlischer Wahrheit und Herrlichkeit / haben sie in sich kein leeres Plätzchen für eitle Begierden nach eitler Ehre. Tiefgegründet und wohlbefestigt in ihrem Gott / können sie von keiner Hoffart mehr in die Höhe gehoben werden; weil sie alles Gute / das sie empfangen haben / Gott allein zuschreiben / Gott allein die Ehre geben / so suchen sie eben darum nicht die Ehre / welche Menschen von Menschen nehmen. Sie wollen keine andere Ehre als jene / die von Gott allein kommt / wollen nichts anderes / als daß Gott in ihnen und in allen Heiligen über alles andere gelobt werde; und dies ist das eine Ziel / nach dem sie allezeit streben. Sei also dankbar auch für das geringste Gut / und der Dank für das Geringste wird dich würdig machen / Größeres zu empfangen. Laß die geringste Gabe dir so lieb sein / als wäre sie die höchste; und was andere verachten / das sei dir als eine besondere Gabe besonders wert. Denn wenn du auf die Würde dessen siehst / der dir die Gabe darreicht / so ist keine Gabe gering / kein Geschenk unbedeutend. Es ist nichts gering / was der Allerhöchste darreicht. Sei es auch / daß dir Strafen und Schläge zugeteilt werden / auch diese mußt du als ein wertvolles Geschenk annehmen. Denn alles / was er über uns kommen läßt / wird in seiner Hand uns zum Segen. Wer die Gnade Gottes bewahren und für immer behalten will / der sei dankbar / wenn sie bei ihm einkehrt; geduldig / wenn sie sich zurückzieht; eifrig im Gebet / daß sie wiederkomme; demütig und vorsichtig / daß sie nicht wieder von ihm weiche. Elftes Kapitel. Viel Christen / aber wenig Freunde Christi und seines Kreuzes! Jesus hat jetzt viel Jünger / die im himmlischen Reich gern mit ihm herrschen möchten / aber wenige / die sein Kreuz auf Erden tragen wollen. Viele / die gern seine Seligkeit mit ihm teilen möchten / aber wenige / die in der Trübsal mit ihm aushalten wollen. Viele / die mit ihm essen und trinken möchten / aber wenige / die mit ihm fasten wollen. Alle möchten mit ihm Freude haben / aber wenige wollen mit ihm leiden. Viele folgen Jesu nach bis zum Brotbrechen beim Abendmahle / aber wenige bis zum Trinken aus dem Leidenskelche. Viele ehren seine Wunder / die er getan / aber wenige teilen mit ihm die Schmach des Kreuzes / die er gelitten hat. Viele lieben Jesum / solange sie nichts zu leiden haben / loben und preisen ihn / solange sie Tröstungen von ihm empfangen. Aber wenn er sich verbirgt und nur eine kurze Weile sie allein läßt / da klagen sie gleich oder verlieren gar allen Mut. Die aber Jesum seinethalben und nicht ihres Trostes wegen lieb haben / die loben ihn in den Tagen der heißesten Angst wie in den Stunden des höchsten Jubels. Und wenn er ihnen nie eine himmlische Tröstung senden wollte / würden sie ihn doch immer loben / ihm allzeit danken. O die reine Liebe zu Jesus / die kein Eigennutz und keine Eigenliebe trübt / wieviel vermag sie nicht! Wie kann man die / die nur immer nach Tröstungen haschen / anders nennen als Lohnknechte? Wenn sie immer auf ihren Nutzen / auf ihren Gewinn sinnen / beweisen sie dann nicht selbst / daß sie sich mehr als Jesum lieben? Wo findest du doch einen Menschen / der seinem Gott umsonst dienen will? Ein Mensch / der / noch an den Leib gebunden / so ganz nach dem Geiste lebt / daß er nackt und entblößt von aller Eigenliebe Gott allein anhängt / ist der seltenste Fund auf Erden. Das heißt recht arm im Geiste sein und frei von aller Anhänglichkeit an irgend ein Geschöpf. Und wo findest du einen solchen? Er ist wie eine kostbare Perle / die nur von den fernsten Ländern mit dem größten Aufwande herbeigeschafft wird. Wenn der Mensch all seine Habe daran gibt / so ist es noch so viel als nichts. Wenn er die strengste Buße tut / so ist es noch sehr gering. Wenn er alle Wissenschaft erfaßt hätte / so wäre er noch fern. Und wenn er große Tugend und brennende Andacht hätte / so fehlte ihm noch viel / nämlich gerade das eine Notwendige. Dieses ist: Nachdem du alles andere schon verlassen hast / so mußt du auch dich selbst verlassen / ganz von dir selbst dich entfernen und alle Eigenliebe ohne Erbarmen ans Kreuz schlagen. Und wenn du alles getan hast / was du nach deiner Erkenntnis tun solltest / so sei dir / als hättest du nichts getan. Nichts von alledem / was der Mensch tut / soll er groß achten / wenngleich es groß geachtet werden könnte / sondern in Wahrheit für einen unnützen Knecht sich halten / wie uns die Wahrheit lehrt: Wenn ihr alles getan habt / was euch geheißen ward / so saget weiter nichts als: Wir sind unnütze Knechte. Dann kann der Mensch recht arm und bloß im Geist sein und mit dem Propheten sprechen: Ich bin arm und allein. Desungeachtet ist niemand reicher / niemand mächtiger / niemand freier als der Mann / der sich und alle Dinge verlassen und an die unterste Stelle sich setzen kann. Zwölftes Kapitel. Das heilige Kreuz / der königliche Weg zum Himmel. Es ist für viele Ohren ein hartes Wort: Verleugne dich selbst / nimm dein Kreuz auf dich und folge mir nach. Aber noch härter wird in ihren Ohren das letzte Wort sein / wenn sie es werden hören müssen: Gehet hin / ihr Verworfenen / in das ewige Feuer! Denn jene / die jetzt das Wort vom Kreuz gern hören und willig befolgen / die werden einst von dem Wort der ewigen Verdammnis nichts zu fürchten haben. Das Zeichen des Kreuzes wird am Himmel glänzen / wenn der Herr wiederkommen wird / die Menschen zu richten. Alsdann werden alle Freunde des Kreuzes / die ihrem Vorbild Christus / dem Gekreuzigten / in ihrem Leben gleich geworden sind / zu Christus / ihrem Richter / mit großer Zuversicht hinzutreten. Warum säumst du denn / das Kreuz auf deine Schulter zu nehmen / da doch der Weg vom Kreuze zum Throne führt? Im Kreuze ist Heil / im Kreuze ist Leben / im Kreuze ist Schutz vor den Feinden / im Kreuze ist Stärke des Gemütes / im Kreuze ist Geistesfreude / im Kreuze ist höchste Tugend / im Kreuze ist vollendete Heiligung zu finden. Es ist kein Heil der Seele / keine Hoffnung des ewigen Lebens / außer im Kreuze. Nimm also dein Kreuz auf dich und folge Jesu nach / und du bist auf dem geradesten Weg zum ewigen Leben. Sieh / er ging uns ja voraus und trug uns das Kreuz voran und starb sogar für dich am Kreuze / damit auch du dein Kreuz tragen lernen und Mut empfangen solltest / am Kreuze zu sterben. Denn wenn du nun mit ihm stirbst / so wirst du auch mit ihm leben / und wenn du das Leiden mit ihm teilest / so wird er auch seine Herrlichkeit mit dir teilen. Sieh hier das Kreuz / sieh hier das Sterben! Im Kreuze liegt alles Heil / am Sterben liegt es. Es führt kein anderer Weg zum Leben / zum wahren / innern Frieden / als der Weg des heiligen Kreuzes / des täglichen Sterbens. Geh / wohin du willst / suche / was du willst; aber einen Weg / der höher hinauf und von unten auf sicherer führte / wirst du außer dem Weg des heiligen Kreuzes nicht finden. Ordne und füge alles nach deinem Willen und nach deiner Erkenntnis / und du wirst es nicht anders finden / als daß es überall für dich etwas zu leiden gibt. Gelitten muß es sein / mit Willen oder wider Willen. Und so wirst du überall ein Kreuz finden. Denn entweder hast du Schmerzen am Leibe oder eine Plage im Geiste auszustehen. Bald kannst du deinen Gott nirgendwo finden / und es ist / als wenn er dich verlassen hätte; bald quält dich dein Nächster / und / was das Schlimmste ist / oft bist du selber dir zur Last. Es kommen auch Fälle / die dich nirgend Arznei oder Trost / nirgend Rettung oder Linderung werden finden lassen; du wirst leiden müssen und solange leiden / bis der Herr dem Leiden ein Ende macht. Der Herr will / daß du eine Weile auch ohne Tröstung leiden und dich ihm ganz ohne Ausnahme unterwerfen lernest und aus dem Leiden demütiger hervorgehest / als du hineingingst. Niemand kann das Leiden Jesu ihm so herzlich und innig nachempfinden / als wer aus gleichem Leidensbecher mit ihm getrunken hat. So ist denn überall für dich ein Kreuz gerüstet und wartet auf dich / bis du kommst und deine Schulter darunter legst. Du kannst dem Kreuz auch nicht entlaufen / wohin immer du laufen magst. Denn wo immer du hingehst / da gehst du selbst mit dir / nimmst du dich selber mit / und so wirst du auch überall dich wiederfinden. Wende dich / wohin du willst / nach oben / nach unten / nach innen / nach außen: in allem Wenden wirst du ein Kreuz finden; und du mußt überall / wohin du gehst / Geduld mit dir nehmen / Geduld festhalten lernen / wenn du innern Frieden haben und die ewige Krone erstreiten willst. Wenn du dein Kreuz willig tragen lernst / so wird hinwieder dich das Kreuz tragen und wird zum erwünschten Ziel dich hingeleiten / wo nämlich das Leiden auch sein Ziel und Ende haben wird. Hier in dieser Welt findet aber das Kreuz sein Ende nicht. Wenn du dein Kreuz unwillig trägst / so legst du auf dein Kreuz ein zweites / machst dir die Bürde noch einmal so schwer und wirst sie am Ende dann doch ganz tragen müssen. Wenn du ein Kreuz gewaltsam abschüttelst / so wirst du ohne Zweifel wieder ein anderes dir auf die Schulter laden / und dies andere wird vielleicht schwerer sein als das vorige. Glaubst du / du allein werdest ohne Kreuz durchkommen können / da doch kein einziger Sterblicher durchkommen konnte? Wie heißt denn der Heilige / der ohne Kreuz und Trübsal in der Welt war? Selbst unser Herr Jesus Christus war nicht eine Stunde ohne Leiden / solange er auf Erden lebte. Denn Christus mußte leiden und von den Toten auferstehen / und so in seine Herrlichkeit eingehen. Und wie willst du dir einen andern Weg aussuchen als diesen königlichen Weg / den Weg des heiligen Kreuzes? Das ganze Leben Christi war nur Kreuz und Marter / und du willst nichts als Ruh und Freude haben? Irre gegangen / weit irre gegangen bist du / wenn du etwas anderes suchst als Leiden / weil dies ganze sterbliche Leben voll Elend und überall mit Kreuz und Plagen gezeichnet ist. Und je weiter einer im Leben des Geistes vorwärts geschritten ist / desto schwerere Kreuze werden ihm begegnen. Denn je lieber ihm seine wahre Heimat wird / um so mehr Pein schafft es ihm / in der Verbannung leben zu müssen. Doch wird es ihm bei diesen seinen mancherlei Plagen nicht lang an Tröstungen / die sein Leiden mildern / fehlen können; denn es werden aus dem Kreuze / das er mit Geduld trägt / die schönsten Früchte vor seinen Augen erwachsen. Indem er seinem Kreuz freiwillig sich unterwirft / so tritt freundlich die Zuversicht zu ihm und verwandelt die Bürden der Zeit in so viele Tröstungen der Ewigkeit; und je mehr das Fleisch durch den Druck des Leidens geschwächt wird / desto mehr wird der Geist durch die innerliche Gnade gestärkt. Manchmal fühlt der Geist bei seiner Trübsal und Plage ein solches Übermaß von Stärke / daß er / durchdrungen von der Liebe zu unserm Herrn Jesus Christus und voll Freude über die Gleichheit zwischen seinem eigenen Leiden und dem Kreuze Christi / nicht einmal ohne Trübsal und Schmerz leben möchte; denn er glaubt / daß er seinem Herrn um so angenehmer sein wird / je mehr und je schwerere Leiden er für das Reich wird ausstehen können. Dies aber ist nicht Menschenwerk / es ist Gnade Christi / die in dem sterblichen Fleisch so viel vermag / so viel zustande bringt / daß der Mensch das / was er nach seiner sinnlichen Natur scheut und flieht / im glühenden Eifer seiner besseren Natur mutig angreift und liebgewinnt. Es liegt nicht in der Art des Menschen / daß er sein Kreuz trage und liebe / das Fleisch züchtige und als einen Knecht unter die Herrschaft des Geistes bringe / der Ehre und dem Lob der Menschen aus dem Wege gehe und die Schmach willig ertrage / sich selbst verschmähe und gern es sehe / daß andere ihn verschmähen / alles Widrige unter Aufopferung seines Vorteils erdulde und nichts von den glänzenden Freuden der Erde verlange. Wenn du nur immer auf deine eigene Kraft siehst / so wirst du / dir selber überlassen / so große Dinge nicht tun können. Aber wenn du auf den Herrn vertraust / so wird dir Stärke vom Himmel gereicht / und Fleisch und Welt werden unter deine Herrschaft gebracht. Auch dein Feind / der Teufel / wird nichts Furchtbares für dich haben / wenn du die Waffenrüstung des Glaubens angezogen hast und mit dem Kreuze Christi wirst bezeichnet sein. Halte dich also als ein guter / treuer Knecht Christi darauf gefaßt / das Kreuz deines Herrn mutvoll ihm nachzutragen / ihm / der aus Liebe zu dir sich an das Kreuz schlagen ließ und daran starb. Bereite dich darauf / daß du in diesem Leben viel Widriges und mancherlei Drangsale wirst auszustehen haben. Denn wo du auch bist / es wird nicht anders mit dir gehen / und wo immer du dich verbirgst / anders wirst du es nirgendwo finden. Und so muß es auch sein; denn du kannst bei dem Druck der Gottlosen und bei den schmerzenden Eindrücken von außen dem Leiden nicht anders entkommen / als durch Leiden. So trink denn mit herzlicher Zuneigung zum Herrn aus seinem Leidensbecher / wenn du sein Freund sein und an seiner Herrlichkeit teilnehmen willst. Was aber die Tröstungen betrifft / so stelle sie Gott anheim. Er mache es auch mit den Tröstungen / wie es ihm gefällt. Du mußt aber immer zum Leiden dich anschicken und / was Drangsal ist / für Labsal halten lernen. Denn die Drangsale dieser Zeit können nicht in Vergleich gesetzt werden mit der zukünftigen Herrlichkeit / und die würde den Wert deiner Geduld auch dann noch unvergleichbar übersteigen / wenn du allein alle Drangsale hättest ausstehen können. Wirst du es einmal so weit gebracht haben / daß dir die Bitterkeit des Leidens um Christi willen süß und schmackhaft wird / dann magst du glauben / daß es gut mit dir stehe. Denn alsdann hast du das Paradies auf Erden gefunden. Solange dir aber das Leiden bitter ist und du ihm gern aus dem Weg gehen möchtest / solange wird es nie recht gut mit dir stehen / und es wird dir / wohin du auch fliehen solltest / auf deiner Flucht überall eine Plage nachfliehen. Wenn du dich gefaßt machen kannst auf alles / worauf du gefaßt sein sollst / nämlich auf Leiden und Sterben / dann wird es schnell mit dir besser werden / und du wirst Frieden finden. Wärst du auch mit Paulus entrückt in den dritten Himmel / so wärest du dennoch vor Leiden und Trübsal nicht sicher. Denn gerade von Paulus spricht Jesus: Ich will es ihm zeigen / was er alles um meines Namens willen wird leiden müssen. Leiden ist und bleibt also dein Erbteil hinieden / wenn du Jesum lieb haben und ihm ohne Unterlaß dienen willst. Ach / daß du würdig wärest / um des Namens Jesu willen etwas zu leiden! Welch eine große Herrlichkeit für dich / welch ein göttlicher Jubel für alle Heiligen Gottes / welch eine gründliche Erbauung für deinen Nächsten würde daraus entstehen! Denn die Geduld empfehlen alle / obgleich wenige sie ausüben mögen. Allerdings solltest du gern ein geringes Leiden für Christus tragen lernen / da viele so ungleich schwere Leiden für die Welt erdulden. Laß es dir noch einmal recht gewiß und klar werden / daß das Sterben dein eigentliches Leben sein sollte; denn je mehr einer sich selbst abstirbt / desto mehr fängt er an / seinem Gott zu leben. Niemand ist fähig / himmlische Dinge zu verstehen / der nicht zuvor fähig geworden ist / für Christus widrige Dinge zu leiden. Nichts ist Gott angenehmer / nichts ist dir heilsamer auf Erden / als gern für Christus zu leiden. Und wenn die Wahl dir frei stünde / so müßtest du eher wünschen / recht viel Widriges für Christus zu leiden / als mit vielen Tröstungen erquickt zu werden / weil du auf dem Wege des Leidens Christo ähnlicher und allen seinen Heiligen würdest gleichförmiger werden. Denn unser rechtes Verdienst und das eigentliche Fortschreiten im Guten besteht nicht in vielen Tröstungen und Süßigkeiten / die wir genießen / sondern vielmehr in großen Drangsalen und schweren Lasten / die wir geduldig tragen. Gäbe es für die Menschen einen mehr sicheren und besseren Weg zum Heil als den Weg des Leidens / so hätte Christus mit Wort und Beispiel sicher ihn gewiesen. Hat er doch alle Jünger / die ihm nachfolgten / und auch jene / die ihm nachfolgen wollen / so klar wie möglich angewiesen / das Kreuz zu tragen. Er spricht: Wenn jemand mir nachkommen will / der verleugne sich selbst / nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. Nachdem man also alles durchgelesen und durchforscht hat / muß man es doch bei diesem Schluß bewenden lassen / daß man durch viele Trübsale in das Reich Gottes eingehen müsse. III. Buch Von dem inneren Troste Erstes Kapitel. Von dem Worte Christi in uns. So will ich denn hören / was der Herr / mein Gott / in mir spricht. Selig die Seele / die den Herrn in ihrem Innersten reden hört und aus seinem Munde das Wort des Trostes vernimmt! Selig die Ohren / die das leise Wehen des göttlichen Geistes vernehmen und von dem wilden Geräusche dieser Welt nichts hören! Wahrhaftig / selig die Ohren / die nicht horchen auf die Stimme / die von außen schallt / sondern auf die Wahrheit / die im Innern lehrt! Selig die Augen / die für das äußere verschlossen und für das Innere offen sind! Selig die Menschen / die ins Innere eindringen und durch tägliche Übungen fähiger werden / die Geheimnisse des Himmels zu fassen! Selig / die Mut genug haben / von allen Hindernissen der Welt sich loszureißen und sich ganz ihrem Gott allein zu weihen! Nimm das wohl zu Herzen / meine Seele / und schließ die Tore deiner Sinnlichkeit zu / damit du hören mögest / was der Herr / dein Gott / in dir redet. Dies sagt dein Geliebter: Ich bin dein Heil / ich dein Frieden / ich dein Leben. Halt dich fest an mir / so ist dein Friede gefunden! Gib alles Vergängliche daran und suche nur das Ewige. Was ist doch alles Zeitliche anders als zeitlich / stets bereit / deinen unvergänglichen Geist zu betören; und alle Geschöpfe / was nützten sie dir / wenn du von dem Schöpfer verlassen wärest? So reiß dich denn los von allem / was vergänglich ist / und ergib dich wieder deinem Schöpfer / um ihm zu gefallen / gib dich ihm allein und nimm dich von ihm nicht mehr zurück / damit du die wahre Seligkeit zu ergreifen vermögest. Zweites Kapitel. Die Wahrheit in uns redet ohne Geräusch von Worten. Rede du / o Herr / denn sieh / dein Knecht horcht auf dein Wort! Dein Knecht bin ich / gib du mir Verstand / daß ich verstehe / was du lehrst. Neige zuerst mein Herz den Worten zu / die aus deinem Munde kommen / alsdann fließe deine Rede wie Tau in meine Seele! Einst sprachen die Kinder Israels zu Moses: Rede du zu uns / und wir werden darauf achten / aber der Herr rede nicht mit uns / damit wir nicht etwa sterben. Nicht so bete ich / o Herr / nicht so. Ich bete vielmehr wie Samuel in seiner Demut und in seinem regen Verlangen: Rede du / o Herr / denn sieh / dein Knecht horcht auf dein Wort. Nicht Moses oder der Propheten einer rede zu mir. Du / o Herr / du mein Gott / rede zu mir. Denn du bist das Licht / das alle Propheten erleuchtet / du bist der Geist / der zu allen Propheten gesprochen hat. Du kannst ohne sie durch dich allein mich vollkommen unterweisen / sie aber vermögen ohne dich nichts. Sie / die Menschen / können hochklingende Worte sprechen / aber den Geist geben sie nicht. Lieblich ist dem Ohre / was sie sprechen / aber das Herz des Hörenden bleibt kalt dabei / wenn du nicht mitsprichst. Buchstaben lehren sie / aber den Sinn öffnest du. Geheimnisse verkünden sie / aber den Schlüssel / der die Geheimnisse aufschließt / den hast du; du allein schließest auf / was verschlossen ist. Gebote verkünden sie im Land / aber Kraft / sie zu halten / gibst du. Auf den Weg weisen sie mit dem Finger / aber Ausdauer / ihn zu gehen / gibst du. Sie wirken nur von außen / aber du wirkst im Innern / unterweisest und erleuchtest die Herzen. Sie begießen gleichsam im äußeren / du gibst das Gedeihen im Innern. Sie bringen den Schall des Wortes ins Ohr / du legst den Verstand ins Herz / daß wir auch verstehen / was wir hören. Also nicht Moses rede zu mir / sondern du / mein Gott und Herr / du / die ewige Wahrheit / rede zu mir / damit ich nicht wie ein unfruchtbarer Baum verdorre und sterbe / wenn nur das Wort von außen mich gemahnt / und nicht das Wort von innen mich entflammt hat. Rede du zu mir / damit nicht zum Gericht mir werde das Wort / das ich gehört und nicht befolgt / erkannt und nicht geliebt / geglaubt und nicht erfüllt habe. So rede denn du zu mir / o Herr / denn dein Knecht horcht darauf / und du hast Worte des ewigen Lebens. Rede du zu mir / damit meine Seele getröstet / mein ganzes Leben gebessert und dein Name gelobt / gepriesen und ewig verherrlicht werden Drittes Kapitel. Höre Gottes Wort in Demut und bewahre es mit aller Treuen Meine Sohn / höre meine Worte / denn sie haben an Süße und Lieblichkeit nicht ihresgleichen und übertreffen an Weisheit alles / was die Gelehrten und Weisen dieser Welt gelehrt haben. Meine Worte sind Geist und Leben / und wer ihres wahren Gehalts inne werden will / der darf sie nicht auf die Wagschale menschlichen Dünkels legen. Wer sie verstehen will / darf sie nicht nach dem Ausspruch seiner eitlen Regungen verdolmetschen / sie wollen in der Stille des Geistes gehört und mit aller Demut und Inbrunst des Herzens aufgefaßt werden. Da sagte ich: Selig / den du unterweisest / o Herr / den du dein Gesetz verstehen lehrest / damit er in den heißen Tagen der Not Kühlung finde und im dürren Land nicht verschmachte. Ich bin es / spricht der Heer / der die Menschen vom Anfang her zu Propheten gemacht hat / und noch bis jetzt höre ich nicht auf / zu allen Menschen zu reden. Aber viele haben für mein Wort nichts als taube Ohren und verschlossene Herzen. Die meisten hören die Welt lieber als Gott / leben mehr nach den Lüsten ihres Fleisches als nach dem Wohlgefallen Gottes. Die Welt verheißt nur zeitliche und unbedeutende Güter und hat doch die eifrigsten Diener / ich verheiße das allerhöchste und ewige Gut / und die Herzen der Menschen bleiben kalt und träge dabei. Wer dient und gehorcht mir in allem / was ich gebiete / mit dem treuen Eifer / den die Kinder der Erde im Dienst der Welt und ihrer Herren beweisen! Erröte / Sidon / ruft das Meer; und wenn du nach der Ursache fragst / so höre / die Ursache ist diese: Einer kleinen Gabe wegen läuft man weit und breit umher / und um des ewigen Lebens willen mögen viele nicht einmal einen Fuß von der Erde aufheben. Für nichtswürdige Dinge laufen sie sich müde / zanken sich und streiten um einen Groschen auf niederträchtige Weise / mühen und plagen sich Tag und Nacht / um irgendeine verheißene Kleinigkeit / ein täuschendes Nichts zu erhaschen; und / o Schande  / für ein Gut / das ewig währt / für eine Belohnung / die unschätzbar ist / für die höchste Ehre / für eine Herrlichkeit / die kein Ende nimmt / sich auch nur ein wenig zu bemühen / ach / dazu sind sie viel zu träge. Erröte also / du fauler und mürrischer Knecht / vor dir selbst / daß jene weit geschäftiger an ihrem Verderben arbeiten / als du an deinem ewigen Heile. Jene haben mehr Freude an der Eitelkeit / als du an der Wahrheit. Zwar schlägt ihre Hoffnung ihnen manchmal fehl / aber meine Verheißung täuscht keinen einzigen / und wer mir sich anvertraut / den läßt sie nicht leer ausgehen. Was ich versprochen habe / das werde ich geben / was ich gesagt habe / das werde ich erfüllen / wenn je einer in Liebe mir treu bleiben wird bis ans Ende. Ich bin es / der alle Guten reichlich belohnt / ich / der alle Andächtigen streng prüft. Schreibe meine Worte dir ins Herz und erwäge sie fleißig / denn zur Zeit der Versuchung werden sie dir willkommen und nicht gut entbehrlich sein. Was du in der Stunde / wo du es liesest / noch nicht verstehst / das wirst du am Tage / wo ich dich heimsuche / schon verstehen. Heimsuchungen für meine Freunde hab ich zweierlei: eine heißt Versuchung / die andere Tröstung. Ich habe auch zweierlei Vorlesungen für sie / die ich ihnen täglich halte: die eine / indem ich ihre Fehler ihnen verweise / die andere / indem ich sie zum Fortschreiten in allen Tugenden ermahne. Wer mein Wort hat und es verachtet / der hat schon seinen Richter am jüngsten Tage. Gebet um die Gnade der Andacht. Du mein Gott und Herr / all mein Gut bist du / und was bin ich / daß ich mich unterstehe / mit dir zu reden? Ich bin dein ärmster Knecht / ich krieche auf der Erde wie ein verworfener Wurm / weit ärmer und verachtungswürdiger / als mein Verstand es denken kann / und meine Zunge es auszusprechen wagen darf. Doch du weißt alles / weißt am besten / daß ich nichts bin / nichts habe / nichts vermag. Du allein bist gut / gerecht und heilig. Du vermagst alles / gibst alles / erfüllst alles; den Sünder allein lassest du leer ausgehn. Sei deiner Erbarmungen eingedenk / erfülle mit deiner Gnade mein Herz. Deine Gefäße / die du gemacht hast / wirst du doch nicht leer lassen wollen? Wie könnte ich in diesem elenden Leben mich ertragen / wenn deine Erbarmung mich nicht stärkte / deine Gnade mich nicht hielte? Wende dein Angesicht nicht von mir / laß deine Heimsuchung nicht länger ausbleiben / entzieh mir deine Tröstungen nicht / daß meine Seele nicht vor dir werde wie ein dürstendes Land ohne Regen. Herr / lehre mich deinen Willen tun / lehre mich / wie es vor deinem Auge sich ziemt und in Demut vor dir zu wandeln; denn du bist meine Weisheit / du kennst mich / was und wie ich bin / und kanntest mich / ehe ich geboren wurde / ehe noch die Welt geschaffen war. Viertes Kapitel. Wandle vor Gott in Wahrheit und Demut! Mein Sohn / wandle immer in Wahrheit vor mir und suche mich in Einfalt des Herzens. Wer in Wahrheit vor mir wandelt / den wird die Allmacht vor bösen Anfällen schützen / und die Wahrheit wird ihn von Verführern und den Lästerungen der Gottlosen frei machen. Und hat dich die Wahrheit einmal frei gemacht / dann hast du die wahre Freiheit / und die leidige Wortmacherei der Menschen wird dich nicht mehr darum bringen können. Wahr ist / o Herr / was du lehrest / und es soll auch in mir wahr werden. Deine Wahrheit soll mich lehren / sie soll mich behüten / mich bis zum Ziel des ewigen Heils begleiten. Deine Wahrheit mache mich los von aller bösen Neigung / von aller ungeordneten Liebe / und ich werde mit dir wandeln in großer Freiheit des Herzens. So will ich denn / spricht die Wahrheit / dich lehren / was recht ist und mir wohlgefällt. Denke mit großem Abscheu und inniger Traurigkeit an deine Sünden und laß deine guten Werke dir den Kopf nicht mit eitlem Dunst füllen / als wenn du deshalb etwas wärest. Wahrhaftig / du bist Sünder / bist vielen Leidenschaften unterworfen und in dieses dein Elend tief verwickelt. Dir selbst überlassen und von dir aus / gehst du immer auf Torheit und Nichtigkeit los / wirst leicht überworfen / leicht überwunden / leicht verwirrt / leicht zerstreut. Nichts hast du / was dir ein Recht zum Selbstruhm gäbe / aber vieles / das in deinen Augen dich gering und schlecht machen muß; denn du bist viel schwächer / als du es begreifen kannst. Von all dem / was du tust / soll in deinem Auge nichts groß / nichts kostbar / nichts wunderbar / nichts achtenswert erscheinen. Denn wahrhaftig groß / wahrhaft lobens- und wünschenswert ist nichts / als was ewig ist. Gefallen soll dir über alles die ewige Wahrheit / mißfallen soll dir stets deine Nichtswürdigkeit / die du / ohne einen Rechenfehler zu begehen / für groß ansetzen darfst. Nichts sollst du so sehr fürchten / so sehr verachten / so sehr fliehen als deine Sünden und Laster / sie sollen dir mehr mißfallen / tiefer zu Herzen gehen als jeder zeitliche Verlust. Einige handeln nicht aufrichtig vor mir. Von Neugierde und Stolz geführt / wollen sie nur meiner Geheimnisse inne werden / wollen die Tiefen der Gottheit durchforschen / und dabei vernachlässigen sie sich selbst und ihr eigenes Heil. Menschen dieser Art fallen oft in große Versuchungen und Sünden / denn Neugier und Stolz verhüllen ihnen die Augen / und ich bin wider sie. Laß die Furcht vor Gottes Gerichten tief in dein Herz sich eingraben / erzittere vor dem Zorn des Allmächtigen / laß es dich nie gelüsten / die Werke des Allerhöchsten auszuforschen / forsche lieber in dem Abgrund deines Verderbens und zähle / wenn du´s zählen kannst / wieviel Böses du getan / wieviel Gutes du unterlassen hast. Manche tragen ihre Andacht nur in Büchern / andere in Bildern / wieder andere in äußerlichen Zeichen und Vorstellungen. Einige haben mich im Munde / aber in ihren Herzen ist wenig von mir. Es gibt aber auch einige / die himmlisches Licht im Verstande und himmlische Reinheit im Herzen haben / die immer nach dem Ewigen ihre Hände ausstrecken / ungern vom Irdischen reden hören / ihre natürlichen Bedürfnisse nur mit Unlust befriedigen; und diese nehmen fleißig wahr / was der Geist der Wahrheit in ihnen spricht. Denn er lehrt sie das Irdische verschmähen und das Himmlische lieben / das Vergängliche außer acht lassen und dem Unvergänglichen Tag und Nacht mit ungeteiltem Herzen nachhängen. Fünftes Kapitel. Die heilige Liebe in ihrer Macht und Herrlichkeit. Vater im Himmel / Vater meines Herrn Jesu Christi / ich preise dich / daß du meiner Dürftigkeit nicht vergessen konntest! O Vater aller Erbarmungen und alles Trostes Gott / ich danke dir / daß du / obgleich ich allen Trostes unwert bin / dennoch deines erquickenden Trostes zuweilen mich froh werden lassest! Preisen / verherrlichen und anbeten möcht ich dich immer und immer / dich und deinen eingeborenen Sohn und den heiligen Geist / den Geist des Trostes / von Ewigkeit zu Ewigkeit / Amen. O du / mein heiliger Freund / mein Gott und Herr / o daß du kämest in mein Herz! All mein Inneres würde in festlichem Jubel dir entgegen frohlocken. Du bist mein Ruhm / du die Freude meines Herzens / du meine Hoffnung / du meine Zufluchtsstätte in den Tagen der Trübsal! Aber sieh / weil meine Liebe noch so schwach / und meine Tugend noch so dürftig ist / so wird mein Herz deiner Tröstung und deiner Stärkung nicht wohl entbehren können. So suche denn öfter mich heim und unterweise mich in deiner heiligen Wahrheit. Erlöse mein Herz von allen Leidenschaften / die es gefangen halten / und heile es von allen Neigungen / die es krank machen; damit ich / im Innern von allen Banden erlöst und von allen Krankheiten geheilt / endlich ganz rein und tauglich werde zum Lieben und stark zum Leiden und mutvoll zum Ausdauern. Es ist ein großes Ding um die Liebe. Die Liebe ist in Wahrheit ein großes Gut. Sie allein macht alle Bürden leicht und duldet alles Ungleiche mit gleichem Mute. Sie trägt die schwersten Lasten und fühlt sie nicht. Sie macht alles Bittere süß und alles Widerliche schmackhaft. O die edle Liebe Jesu! Sie treibt zu großen Taten und weckt das Verlangen / immer noch größere zu tun. Was rechte Liebe ist / will aufwärts und will nicht unten auf der Erde kriechen. Die Liebe will frei sein / fern von allem Weltsinn / damit ihr innerer Blick unbefangen bleibe / von keinem irdischen Gut geblendet / von keinem zeitlichen Ungemach niedergeschlagen werde. Lieblicher / mächtiger / erhabener / umfassender / seliger / vollkommener / edler als die Liebe ist im Himmel und auf Erden nichts. Denn sie ist aus Gott geboren und kann eben deswegen / weil sie aus Gott geboren ist / über alle Geschöpfe sich schwingend / nur in Gott ruhen. Schnell ist der Lauf der Liebe / hoch ihr Flug / lauter ihre Freude / frei und unaufhaltsam ihr Sinn. Die Liebe gibt alles für alles und hat alles in allem. Denn sie findet ihre Ruhe nur in dem einen höchsten Gut / das die Quelle alles Guten ist. Die Liebe sieht nicht auf die Gabe / sie schwingt zum Geber hoch über alle Gaben sich hinauf. Sie kennt kein Maß / und über alles Maß flammt ihr Eifer empor. Die Liebe fühlt keine Last / findet in der Arbeit keine Arbeit / fragt in ihrem Streben nie / woher sie die Kräfte nehmen solle / klagt nicht über Unmöglichkeiten; denn sie glaubt: ich kann alles und darf es auch. Eben darum taugt sie zu allem / vollendet vieles und bringt zustande / was jeder / der nicht liebt / ohnmächtig nicht zu tun sich getraut. Die Liebe wacht und schläft im Schlafe nicht. Keine Müh ermüdet sie / keine Beklemmung beklemmt sie / kein Schrecken erschreckt sie; wie eine lebendige Flamme / wie eine hochbrennende Fackel dringt sie mächtig in die Höhe und bricht überall sicher durch. Wer liebt / versteht den Schrei der Liebe / faßt den unendlichen Sinn des Wortes Liebe. Ein mächtiger Schrei in Gottes Ohren ist die glühende Empfindung einer Seele / die da ohne Worte spricht: Mein Gott / meine Liebe / du ganz mein / ich ganz dein! Herr / erweitere mein Herz und fülle es aus mit Liebe / daß mein Innerstes kosten möge / wie süß es sei / zu lieben und von Liebe zu zerfließen und im Meere der Liebe zu schwimmen! Die Liebe halte mich fest / wenn ihre Flamme Maß und Grenze überschreitet und in heiligen Entzündungen mich über mich selbst erhebt; das Lied der Liebe möchte ich singen lernen und dir / meinem Geliebten / zur Höhe nachwandeln und im Lobsingen deines Namens / im Jubel der Liebe aufgelöst werden! Lieben möcht ich dich mehr als mich / und mich nur deinetwegen / und alle / die dich lieben / möcht ich in dir lieben können / wie es das Gesetz der Liebe gebietet / das du lichthell in unsere Seelen geschrieben hast. Die Liebe ist schnell tätig / aufrichtig / fromm / lieblich / froh / mild / stark / geduldig / treu / klug / langmütig / mannhaft und sucht in keiner Sache sich selbst. Denn wo einer sich selbst sucht / da hat er die Liebe schon verloren. Die Liebe ist vorsichtig / demütig / offen / gerade / nicht weichlich / nicht leichtsinnig / nicht auf Eitelkeiten bedacht / nüchtern / keusch / standhaft / ruhig und in allen Sinnen wohlbewahrt. Die Liebe ist untertänig und gehorsam den Obern / ist in ihrem eigenen Auge gering und schlecht / ist Gott ganz ergeben / voll Dank und Zuversicht / und harrt auch dann auf ihn / wenn sie keinen Genuß in ihm findet; denn ohne Schmerzgefühl lebt es sich in der Schule der Liebe nicht. Wer nicht entschlossen ist / für seinen Geliebten alles zu leiden und ihm jeden Wink von seinem Auge abzusehen / der ist nicht wert / den schönen Namen eines Liebenden zu tragen. Wer liebt / muß um seines Geliebten willen alles Bittere süß und alles Schwere leicht sich sein lassen. Alles Ungemach mag über ihn kommen / aber kein Ungemach muß von seinem Geliebten ihn losreißen können. Sechstes Kapitel. Prüfung der Liebe. Mein Sohn / du liebst mich zwar / aber deine Liebe hat noch nicht Licht und Kraft genug. Herr / warum nicht? Ein geringes Hindernis kann dich so mutlos machen / daß du die Bahn / die du betreten hast / gleich nieder verlässest. Du läufst auch noch viel zu hitzig alledem nach / was dir etwas Trost verheißt. Die kraftvolle Liebe steht fest in allen Versuchungen und traut den listigen Eingebungen des Feindes nicht. Wie ich ihr in heitern Tagen gefalle / so mißfalle ich ihr in trüben Stunden nicht. Die erleuchtete Liebe sieht nicht so sehr auf die Gaben dessen / der liebt / als auf die Liebe dessen / der gibt. Sie schätzt mehr das Herz / das von Liebe überfließt / als die Wohltat / die aus der Liebe fließt / und der Geliebte ist ihr weit über alle Gaben. Die edle Liebe findet ihre Ruhestätte in keiner Gabe / sondern schwingt über alle Gaben sich empor und ruht in mir / dem Geber. Deshalb ist aber nicht gleich alles verloren / wenn dein Denken und Empfinden von mir oder von meinen Heiligen nicht immer so hell und rein ist / wie du gern es haben möchtest. Denn jene liebliche und heilige Empfindung / die hie und da dein Inneres durchströmt / kommt von stärkeren Zuflüssen der himmlischen Gnade her und ist ein Vorgeschmack von den Seligkeiten des rechten Vaterlandes. Aber auch auf diese liebliche Empfindung mußt du nicht sonderlich bauen / denn sieh / sie kommt und geht wieder. Kämpfen wider alle Regungen des Bösen / die du in dir wahrnimmst / und die Eingebungen der Hölle mit Verachtung zurückweisen / das ist das sicherste Wahrzeichen der Tugend / das ist das Ordensband des Verdienstes. Wenngleich also allerhand fremde / wertlose Einbildungen deinen Kopf belagern / so übergib du die Festung nur nicht / sei mannhaft / bleib deinem Vorsatz treu und behaupte die gerade Richtung deines Herzens zu Gott. Und wenn manchmal auch deine Freude an Gott in hohe Entzückung übergeht / und dein Herz bald darauf zu seinen alten Torheiten zurückkehrt / so mußt du deshalb deine Tugend nicht gleich für eine Täuschung halten. Denn der freie Wille leidet in der Tat mehr bei jenen Schwachheiten / als daß er selbst mitwirkt. Und solange sie dir mißfallen / und dein Wille tapfer sich dagegen wehrt / solange hast du in Gottes Augen nur gewonnen und nichts verloren. Vergiß die Warnung nie: Dein alter Feind sucht im Grunde nichts anderes / als deinen Eifer nach Heiligkeit zu unterbrechen und von allen Übungen der Andacht dich abzulocken. Er will es dahin bringen / daß du weder das Ehrwürdige an meinen heiligen Freunden mehr ehren / noch an meine Leiden in stiller Liebe denken / noch deine Sünden in heilsame Erwägung ziehen / noch dein eignes Herz bewahren / noch den gefaßten Entschluß / im Guten voran zu trachten / erneuern möchtest. Er bestürmt dich mit mancherlei bösen Gedanken / um dich furchtsam / blöde und des Guten überdrüssig zu machen und dir nach und nach alles Beten und Lesen in heiligen Schriften zu verleiden. Ein demütiges Bekenntnis deiner Sünden ist ihm ein Dorn im Auge / und er möchte dich auch vom Tisch des Herrn auf immer fernhalten / wenn er könnte. Glaube seinem Worte nicht und fürchte nicht seine List / wenn er dir auch noch so oft Fallstricke legen sollte. Schiebt er böse und unlautere Bilder in deine Einbildungskraft hinein / so gib sie ihm mit Verachtung zurück. Sprich zu ihm: Fort mit dir / du unreiner Geist! Schäme dich / Elender / du mußt ein sehr unreiner Geist sein / weil du solche Bilder / die deiner würdig sind / mir in den Sinn bringst. Weiche von mir / du erster aller Verführer! Du sollst keinen Teil an mir und kein Recht auf mich haben. Denn Jesus ist für mich / und wenn Jesus / dieser tapfere Streiter / für mich ist / so mußt du in Schande dastehen. Lieber will ich sterben / lieber alle Pein ausstehen / als eines Sinnes mit dir werden. Schweige / verstumme / ich habe kein Ohr mehr für deine Stimme. Du magst noch so viele Plagen auf mich wälzen wollen / der Herr ist mein Licht / mein Heil / wen soll ich fürchten? Wenn ganze Kriegsheere wider mich sich lagern sollten / mein Herz zittert nicht. Der Herr ist meine Hilfe / der Herr ist mein Erlöser! Kämpfe wie ein tapferer Streiter / und wenn du manchmal aus Schwachheit zur Erde fällst / so stehe mutig wieder auf und sammle im Aufstehn neue Kräfte / die die verlorenen reichlich einbringen / erwarte mit Zuversicht von mir neue Gnaden / die dich mächtiger unterstützen / und bewahre dich sorgsam vor eitler Selbstgefälligkeit und vor aller Hoffart. Selbstgefälligkeit und Hoffart sind es / welche viele Menschen von Irrtum zu Irrtum umhertreiben / sie vollends blind / und ihre Blindheit nach und nach fast unheilbar machen. Dieser Sturz der Hochmütigen / die mit blindem Frevel auf sich selber bauen / sei dir eine Schule der Wachsamkeit und Demut und in dieser Schule beharre bis ans Ende. Siebentes Kapitel. Demut sei Hülle und Hüterin der Gnade! Mein Sohn / die Gnade der Andacht geheim zu halten / dich deshalb nicht über andere zu erheben / nicht viel davon zu reden / nicht viel Gewicht darauf zu legen; vielmehr dich selbst zu verschmähen und auch in Hinsicht auf die Gnade der Andacht / die dir ohne dein Verdienst gegeben ward / nicht ohne alle Furcht zu sein: dies ist für dich ohne Ausnahme das Sicherste und Beste. So edel die Empfindung der Andacht immer sein mag / so darfst du doch dein Herz nicht so fest daran hängen lassen; denn alles / was Empfindung ist / kann schnell dahin sein und einer andern Platz machen. Ist die Gnade da / so vergiß nicht / wie dürftig und elend du seist / wäre sie nicht da. Auch besteht das wirkliche Fortschreiten im geistlichen Leben nicht etwa nur darin / daß du die Gnade himmlischer Tröstungen genießest; sondern auch darin und vorzüglich darin / daß du voll Demut und Selbstverleugnung auch bei zurücktretender Gnade dein Herz in Geduld bewahrst / deshalb den Eifer zum Gebete nicht kalt werden und die übrigen guten Werke / die du sonst getan hast / jetzt nicht ganz ungetan lässest; vielmehr alles / was du noch tun kannst / nach deinem besten Wissen und Können willig tust und nicht etwa wegen der Dürre des Geistes und wegen der Angst der Seele / die dich drückt / dich selbst ganz und gar versäumst. Denn es gibt viele / die / wenn es ihnen nicht nach Wunsch geht / sogleich ungeduldig und träge werden. Ach / der Mensch mag wohl gehn wollen / aber weder Bahn noch Gang liegen in der Macht des Menschen. Geben und trösten ist Gottes Sache. Er gibt Trost / wem er will / wann er will und so viel er will / und nicht mehr. Einige gingen in dem Gefühl der Andacht unbehutsam zu Werke und richteten sich selbst zugrunde / weil sie mehr tun wollten / als sie konnten / weil sie das geringe Maß ihrer Kräfte überspannten / weil sie mehr der Neigung ihres Herzens sich überlassen / als den Aussprüchen der Vernunft zur Leitung sich übergeben wollten. Und weil sie in Anmaßung des blinden Eifers größere Dinge unternahmen / als Gottes Wille durch sie ausrichten wollte / so war die Gnade / ehe sie sich dessen versahen / dahin. Sie wollten ihr Nest in den Himmel bauen und fielen / sich selbst überlassen / auf die Erde herab und mußten da arm und gering im Staube kriechen / damit sie in Armut und Niedrigkeit lernen möchten / nicht mehr mit ihren eigenen Flügeln in die Höhe zu fliegen / sondern unter der Decke meiner Flügel in stiller Zuversicht zu ruhn. Die noch Neulinge und in den Führungen des Herrn unerfahren sind / die kann leicht irgendein Schein täuschen oder eine Übermacht erdrücken / wenn sie nicht das Auge erfahrener Ratgeber ihren Leitstern sein lassen. Wenn sie aber lieber ihrem eigenen Dünkel folgen / als dem Urteile des Geübteren glauben wollen und also fest auf ihrer vorgefaßten Meinung bestehen / so wird ihr Lauf oder Flug ein gefahrvolles Ende nehmen. Die in ihren eigenen Augen sich selber weise genug sind / haben eben deswegen selten Demut genug / die Leitung anderer sich gefallen zu lassen. Besser / wenig Wissenschaft mit viel Demut / als große Reichtümer von Wissenschaft mit vieler Selbstgefälligkeit zu besitzen. Besser für dich / wenig zu haben / als viel / das dich durch Eitelkeit zugrunde richten kann. Dem fehlt es sicher an Klugheit / der in der Stunde des überströmenden Trostes ganz der Freude sich hingibt / seiner vorigen Dürftigkeit vergißt und die heilige Furcht Gottes verläßt / die nie sicher wird und immer sorgsam umhersieht / daß ja die gegebene Gnade ihr nicht wieder geraubt werde. Auf der andern Seite fehlt auch dem an Weisheit der Heiligen / der in der Stunde der Trübsal und jeden Druckes sogleich den Mut sinken läßt / in Verzweiflung hin und her schwankt und nicht mit soviel Zuversicht / als er könnte und sollte / den Gedanken an mich und den Sinn für mich in seinem Herzen festhält. Wer in den Zeiten des Friedens zu viel Sicherheit in seinem Gemüte wurzeln läßt / der wird in den Tagen des Kriegs zuviel Furcht und Zaghaftigkeit zeigen. Könntest du immer züchtig / demütig und gering in deinen Augen bleiben und die Bewegungen des Geistes wohl mäßigen und regieren / so würdest du nicht so oft in Gefahr geraten und nicht so leicht anstoßen. Es ist ein weiser Rat: Wenn in der Stunde der Andacht die Flamme des Eifers lichterloh brennt / so denke / wie dir zumut sein wird / wenn Licht und Feuer wieder verschwunden sind; und sind Licht und Feuer denn wirklich verschwunden / so denke / daß sie wiederkommen können / weil ich sie gegeben / weil ich sie auf eine Zeit zurückgenommen habe / um dich in der Wachsamkeit zu üben und meinen Namen an dir zu verherrlichen. Eine solche Prüfung ist dir weit nützlicher / als wenn alles nach deinem Willen glücklich vonstatten ginge. Denn das / was den eigentlichen Wert des Menschen ausmacht / muß man nicht messen nach den vielen Erscheinungen oder himmlischen Tröstungen / auch nicht nach der Breite oder Tiefe seiner Kenntnis der Heiligen Schrift oder nach der höhern Stufe seines Amts und seiner Ehre; sondern das allein ist der rechte Maßstab des Verdienstes: In wahrer Demut tief gegründet und mit Liebe zu Gott erfüllt sein / in allem die Ehre Gottes allein und allezeit und ohne alle Nebenabsicht suchen / sich für nichts achten und in Wahrheit verschmähen und mehr Freude an Verschmähung und Erniedrigung als an Hochachtung und Erhöhung vor der Welt haben. Achtes Kapitel. Sei gering in deinen Augen und vor deinem Gott! Ich will doch wieder einmal den Mund auftun vor meinem Herrn / obgleich ich Staub und Asche bin. Hielte ich mich für mehr als Staub und Asche / sieh / Herr / du stündest auf wider mich / und meine Sünden bezeugten die Wahrheit / und ich könnte diesem Zeugnis nicht widersprechen. Sobald ich aber mich gering achte vor mir selbst und wie nichts vor dir / o Gott / sobald ich alle eitle Überschätzung meiner selbst ans Kreuz schlage und mich zu Staub erniedrige / wie ich auch Staub bin / dann eilt mir deine Gnade mit ihrem holden Blick entgegen / und dein Licht naht sich meinem Herzen. Und wenn ich mich in diesem neuen Licht betrachte / o dann ist alle eitle Wertschätzung meiner selbst / sie sei noch so geheim und leise / in dem Tal meines Nichts verschlungen und für alle Ewigkeit dahin. In diesem deinem Licht zeigst du mich mir / was ich bin und was ich war / woher ich kam und wohin ich irrte. Da zeigst du es mir recht hell / daß ich nichts bin und nichts weiß. Werde ich mir selbst überlassen / so bin ich nichts / nichts als Schwäche und Gebrechlichkeit. Aber wenn du mich wieder anblickst / so strömt mit deinem Blick neue Kraft in meine Seele / neue Freude in mein Herz. Wahrhaftig / ein großes Wunder / so schnell hebst du mich zu dir empor / so zärtlich umarmst du wieder mich / den seine eigene Schwere stets unter ihn und in die Tiefe abwärts zieht! Das ist das Werk deiner Liebe / die ohne mein Verdienst meinen Bedürfnissen zuvorkommt / die in mancherlei Nöten mich unterstützt / die vor drohenden Gefahren mich bewahrt und / um die ganze Wahrheit zu sagen / von unzähligem Jammer mich erlöst. Denn dadurch / daß ich töricht mich liebte / habe ich mich selbst verloren / da ich aber dich allein suchte und dich allein um deinetwillen liebte / sieh / da hab ich dich und mich miteinander gefunden und mich aus Liebe zu dir noch tiefer in mein Nichts versenkt. Denn du / die Liebe selbst / süßer als jede andere Süßigkeit / handelst mit mir weit über all mein Verdienst hinaus und gibst mir weit mehr / als ich nicht einmal zu hoffen oder zu bitten mir getraute. Gelobt / gelobt seist du / mein Gott! Denn obgleich ich alles Guten unwert bin / so kann doch deine unbegrenzte Güte / welche die Majestät deines Wesens ausmacht / nimmer aufhören / wohlzutun auch den Undankbaren / auch denen / die von dir sich weit entfernt haben. O bekehre du uns alle zu dir / damit wir alle dankbar / demütig und andächtig werden; denn du bist unser Heil / du unsre Kraft und unsre Stärke! Neuntes Kapitel. Führe alles zurück auf Gott / das höchste Gut des Menschen! Mein Sohn / wenn du die wahre Seligkeit finden willst / so muß ich dein höchster und letzter Zweck sein. Und wenn ich dein höchster und letzter Zweck bin / dann reinigt sich alles Dichten und Trachten deines Herzens / das so oft zu dir und andern Geschöpfen sich abwärts neigt / und eben dadurch befleckt wird / daß es sich abwärts neigt und auf der Erde kriecht. Denn sobald du dich selbst in irgend einem Dinge suchst / so findest du auch dich / nämlich lauter Dürre und Ohnmacht zum Guten. So mußt du denn alle Dinge zu mir / als dem Urquell / zurückführen / denn ich bin ja der eine Geber aller Dinge. Lerne alle Dinge so ansehen / wie sie als so viele Bächlein aus dem höchsten Gut fließen / und leite eben darum alle Dinge zu mir / als ihrem Ursprung / wieder zurück. Große und Kleine / Arme und Reiche / alle schöpfen aus mir / als ihrem lebendigen Brunnenquell / lebendiges Wasser. Und die mir aus freier Liebe dienen / die nehmen Gnade um Gnade von mir. Wer aber anderswo als in mir Ehre sucht oder in einem andern Gut als in mir / in einem Gut / das ihm besonders angehören soll / Freude finden will / der sucht umsonst; nirgends wird er dauerhafte Freude finden / überall wird es seinem Herzen zu eng sein / und auf allen seinen Wegen wird Hindernis und Herzeleid ihm begegnen. Du mußt also das Gute / das etwa in dir sein mag / nicht dir / und die Tugend / die du in irgend einem Menschen findest / nicht dem Menschen / du mußt alles Gute Gott zuschreiben / denn ohne Gott hat der Mensch nichts Gutes. Ich habe alles gegeben / was gut ist / und ich will alles wiederhaben und ich fordere den Dank / der alles mir wiedergibt / von allen / die Gutes empfangen haben / und treibe diesen Dank mit großer Strenge ein. Dies ist die rechte Wahrheit / die alle eitle Ruhmsucht aus dem Herzen des Menschen verbannt. Und wenn in irgend einem Herzen die himmlische Gnade und die wahre Liebe Herberge nehmen / o da finden Neid und Eigenliebe und alles / was dir die Freiheit des Herzens rauben könnte / keine Stelle mehr. Denn die göttliche Liebe überwindet alles Ungöttliche und erweitert alle Kräfte der Seele. Hast du einmal die rechte Weisheit gefunden / dann findest du keine Freude mehr als in mir allein / dann ruht alle deine Hoffnung auf mir allein. Denn niemand ist gut / als Gott allein / und wer der Alleingute ist / der soll auch über alles gelobt und in allem verherrlicht werden. Amen. Zehntes Kapitel. Selig / wer das Vergängliche verschmäht und dem Unvergänglichen dient! Nun kann ich nimmer länger schweigen / ich muß wieder einmal reden / wieder einmal vor meinem Gott und König / der da in der Höhe ist / mein ganzes Herz ausgießen. Wie groß ist doch die Fülle der Süßigkeit / die du für alle die / welche in heiliger Furcht vor dir wandeln / im Verborgenen aufgehoben hast! Was mußt du erst denen sein / die dich lieben! Was mußt du endlich denen sein / die dir von ganzem Herzen in Liebe dienen! Wahrhaftig / unaussprechliche Seligkeit genießen alle / die dich lieben / in der Anschauung deiner Liebe! O diese deine Liebe! Sie hat sich auch an mir erwiesen. Deine Liebe hat mich erschaffen / da ich nicht war / hat mich zu dir / zu deinem heiligen Dienst wieder zurückgeführt / da ich irre gegangen war / hat mir ein süßes Gebot ins Herz geschrieben / das Gebot / dich zu lieben. O du Quelle des ewigen Lichts / was soll ich von dir sagen? Wie sollte ich deiner vergessen können / da du / der Hocherhabene / noch an mich dachtest / auch nachdem ich schon in Sünde dahingesunken und zugrunde gegangen war? Du hast deine Erbarmungen über all mein Hoffen an deinem Knecht walten lassen / hast mir ohne mein Verdienst deine Gnade und Freundschaft wiedergeschenkt. Wie kann ich doch für diese Gnade genug dir danken? Denn das ist nicht allen Menschen gegeben / daß sie allem Vergänglichen entsagen / die Welt mit ihren Lüsten verlassen und in irgend einem Kloster ein wahrhaft geistliches Leben führen können. Ist es denn etwas Großes / daß ich dir diene / nachdem jegliches Geschöpf dir dienen muß? Das soll in meinen Augen nichts Großes sein / daß ich dir diene / vielmehr soll das in meinen Augen groß und wunderbar sein / daß du so gütig warst / ein so ärmliches und unwürdiges Wesen in die Zahl deiner Diener aufzunehmen und mit deinen geliebten Knechten zu vereinigen. Sieh / dein ist alles / was ich habe und womit ich dir diene. Doch nicht so sehr diene ich dir / du dienest mir weit mehr / als ich dir. Sieh / Himmel und Erde / die du zum Dienst des Menschen erschaffen hast / stehen bereit da und tun täglich / was du ihnen geboten hast. Und dies ist noch wenig / selbst die Engel hast du zum Dienst der Menschen bestellt. Und was dies alles weit übersteigt / du hast den Menschen so hoch erhoben / daß du selbst ihm dienen / daß du selbst dich ihm geben willst nach deiner Verheißung. Was werde ich denn für alle diese tausend und tausend Gaben dir wiedergeben? O könnte ich alle Tage meines Lebens in deinem Dienste verbringen! Könnte ich auch nur einen einzigen Tag dir nach deiner Würde dienen! Wahrhaftig / du bist allen Dienstes / aller Ehre und des ewigen Lobes würdige Du bist wahrhaftig mein Herr / und ich bin dein dürftiger Knecht / ich sollte dir mit allen meinen Kräften dienen / sollte im Lobpreisen deines Namens nie überdrüssig werden. So wollte ich es gern / so wäre es der Wunsch meines Herzens / und was mir fehlt / das ersetze du. Es ist eine große Ehre / ein großer Ruhm / dir zu dienen und um deinetwillen alles übrige zu verschmähen. Denn große Gnaden werden denen zuteil / die sich in freiwilliger Liebe deinem heiligen Dienst geweiht haben. Die süßesten Tröstungen des heiligen Geistes werden die genießen / welche aus Liebe zu dir alle Vergnügungen der Sinne aufgegeben haben. Große Freiheit des Herzens und weiten Raum in sich werden die genießen / welche um deines Namens willen die schmale Bahn des Lebens der breiten vorgezogen und die kleinlichen Angelegenheiten der Welt großmütig verachtet haben. Es gibt also eine edle Knechtschaft / die den Menschen wahrhaft frei und heilig macht. Gott dienen / o du liebliche / selige Knechtschaft! O ein heiliger Stand / in dem die edlen Knechte Gottes sich befinden! Ein Stand / der den Menschen Gott wohlgefällig / den Engeln gleich / der Hölle fürchterlich / allen Guten ehrwürdig macht! Wahrhaftig  / ein Gottesdienst / der uns stets wünschend wert / allezeit willkommen sein soll: Er macht uns würdig / das höchste Gut zu erlangen / er verschafft uns eine Freude / die kein Ende hat. Elftes Kapitel. Prüfe zuvor und mäßige all dein Verlangen! Mein Sohn / du hast noch vieles zu lernen / worin du noch lange nicht ausgelernt hast. Herr / wie heißt dieses Viele / das ich noch lernen muß? Das mußt du noch lernen / mein Wohlgefallen als die einzige Richtschnur all deines Verlangens anzusehen. Das mußt du noch lernen / nicht dich zu lieben / sondern meinen Willen im edlen Wetteifer zu vollbringen. Es fehlt bei dir nicht an Begierden / die dich schnell entzünden und mächtig antreiben / aber prüfe dich genau / was denn eigentlich dich entzünde und antreibe / ob meine Ehre oder dein Nutzen. Bin ich es / dessen Ehre dich in Bewegung setzt / so wirst du jedesmal ganz wohlzufrieden sein / mag ich es so ordnen oder anders; sobald du aber dich selbst suchst / und sei dies Suchen noch so geheim / so ist es eben dies geheime Suchen deiner selbst / so bist du selbst das / was dich fesselt und drückt. Darum baue nicht sonderlich auf irgendein Ver- langen deines Herzens / das du / ohne zuvor mich um Rat gefragt zu haben / in dir aufkommen ließest. Denn es kann dich bald gereuen / was du als das Bessere so hitzig suchest; kann bald dir mißfallen / was dir als das Schöne sonderlich wohlgefiel. Du mußt nicht jeder Bewegung / die dir gut zu sein scheint / sogleich folgen und nicht jede Empfindung / die dir zuwider ist / sogleich verwerfen. Und du mußt auch in frommen Übungen der vordringenden Begierde den Zaum anlegen. Sonst möchte das ungestüme Treiben dein Gemüt zerstreuen / oder dein zuchtloses Betragen den Schwachen zum Ärgernis werden / oder der heftige Widerstand anderer dich selbst in Verwirrung oder zum plötzlichen Fall bringen. Manchmal muß man aber wider die Bewegungen der Sinnlichkeit mit Gewalt angehen und ihnen den mannhaften Widerstand entgegensetzen / muß gar nicht darauf achten / was das Fleisch will oder nicht will / sondern mit allem Vermögen dahin arbeiten / daß das Fleisch auch wider seinen Willen dem Geist unterworfen werde. Und solange muß die sinnliche Natur in Zucht gehalten / solange zur Unterwürfigkeit gezwungen werden / bis sie zu allem sich bereitwillig zeigt; mit Wenigem sich begnügen lernt; an dem / was einfach ist / Freude hat und keine einzige Widerrede mehr gegen etwas Widriges sich erlaube. Zwölftes Kapitel. Wie man in der Geduld und im Kampf gegen das Böse bestehen kann. Mein Gott und Herr / Geduld ist mir / soweit ich sehe / ein unentbehrlich Ding; denn dies Leben hat soviel Widriges / daß man ohne Geduld wohl nicht durchkommen kann. Wenn ich auch alles tue / was ich tun kann / um Frieden und Ruhe in meinem Herzen zu erhalten / so kann es denn doch nicht anders sein: es gibt immer etwas Unangenehmes / das ich leiden / etwas Böses / dagegen ich streiten muß. So ist es / mein Sohn! Aber das ist auch nicht mein Wille / daß du nach einem solchen Frieden trachtest / der dir in Hinsicht auf alle Versuchungen und Leiden einen Freiheitsbrief mitbrächte. Vielmehr sollst du glauben / erst dann auf der rechten Bahn des Friedens zu wandeln / wenn du durch allerlei Drangsale geläutert und durch viele widrige Erfahrungen bewährt sein wirst. Wenn du sagst / du könntest nicht so viel leiden / so sage mir / wie wirst du denn einst das große Reinigungsfeuer aushalten können? Von zwei Übeln muß man doch immer das geringere wählen. Damit du also nicht den Strafen der Ewigkeit anheimfallest / so übe dich darin / daß du die Leiden dieser Zeit im Aufblick zu Gott und für die Sache Gottes gleichmütig ertragen lernst. Und dann / glaubst du denn / daß die Menschen / die nach dem Geist der Welt leben / nichts oder nur wenig zu leiden haben? Frage bei denen nach / die den feinsten Sinn für die Freuden der Welt haben / und sie werden es dir anders sagen. Aber / denkst du / sie haben doch auch viele Freuden zu genießen und leben im Grunde doch nur nach ihrem eigenen Willen / und eben deswegen halten sie ihre Drangsale nicht für sonderlich groß. Sei es / hätten sie auch alles / was sie wollten / sage mir / wie lange / glaubst du denn / wird dies ihr elendes Paradies auf Erden dauern? Sieh / die hier alles im Überfluß besitzen / wie Rauch vergehen sie / und sie werden die Freuden / die sie hier genossen haben / nicht einmal mehr im Traum der Einbildungskraft wieder genießen können. Aber auch hier / solange dieses Leben währt / können sie nirgend wahre Ruhe finden; denn Bitterkeit / Furcht und Überdruß mischen sich in alle ihre Freuden. Und eben das / worin sie Freude suchen / bringt ihnen oft eine reiche Ernte von Schmerz und Strafe ein. Das eben ist das Gesetz der Gerechtigkeit: Weil sie wider die Ordnung der törichten Freude nachlaufen / so können sie diesen ungeordneten Trieb nach Freude nicht ohne das peinliche Gefühl von Scham und Schmerz befriedigen. O wie kurz und trügerisch / voll Unordnung und Schande sind doch diese Vergnügungen alle! Aber da die Menschen der Verblendung und dem Rausche hingegeben sind / so sehen sie mit sehenden Augen nicht. Wie vernunftlose Tiere vergraben sie sich in den hinfälligen Freuden dieses kurzen Lebens und finden in diesem Lebensgenuß den Tod der Seele. Also nicht deiner blinden Begierde mußt du blind nacheilen / lieber Sohn! Wende dich vielmehr weg von all dem / zu dem dein tierischer Wille dich hinzieht. Suche deine Freude im Herrn / und er wird dir geben / was dein Herz verlangt. Denn wenn du wahre Freude finden und überfließende Tröstung von mir erhalten willst / so fasse Mut / alle Lust der Welt zu verschmähen und alle niederen Freuden daranzugeben. Darin wirst du Segen finden / dafür wird dir eine reiche Quelle des innern Trostes geöffnet werden. Und je mehr du den Trost / den die Geschöpfe dir anbieten / verschmähen lernst / desto süßer und inniger wird die Fülle des Trostes sein / den du in mir finden wirst. Aber anfangs wird es dich manchen heißen Kampf kosten / und du wirst durch manche finstere Stunde dich hindurchschlagen müssen / bis du dahin gelangst. Entgegensetzen wird sich dir die tiefgewurzelte Gewohnheit / aber sie wird durch eine neue / bessere Angewöhnung überwunden werden. Empören wird dagegen sich das Fleisch / aber diese Empörung wird durch den siegenden Eifer des Geistes wieder gestillt werden. Reizen wird dich die alte Schlange und durch ihre Reizungen deinen Kampf noch heißer machen / aber das Gebet wird sie verscheuchen / und eine nützliche Beschäftigung wird ihr Tür und Tor verriegeln. Dreizehntes Kapitel. Jesus / dein Vorbild in Demut und Gehorsam. Mein Sohn / wer gern das Band des Gehorsams lösen möchte / das ihn an seinen Obern knüpft / der löst auch das Band der Gnade auf / das ihn an Gott knüpft. Und wer immer nur Eigenes haben will / der verliert am Ende das Gemeinsame. Wer seiner Obrigkeit nicht gern und willig gehorcht / der beweist eben dadurch / daß ihm seine sinnliche Natur noch nicht vollkommen Gehorsam leistet / sondern oft wider ihren Herrn murrt und sich auflehnt. Lerne also / deinem Obern ohne Widerrede dich zu unterwerfen / wenn du dein eigenes Fleisch unter das Joch bringen willst. Dein äußerer Feind / der Leib / wird bald zur Ordnung gebracht sein / wenn in deinem inneren Menschen / in deinem Geiste / keine Unordnung herrscht. Dein schlimmster und lästigster Feind bist du selbst / sofern du mit dem heiligen Gesetze deines Geistes dich entzweist. Du mußt also dich selbst wahrhaft verachten lernen / wenn du über Fleisch und Blut Herr sein willst. Eben deswegen / weil du dich selbst wider alle Ordnung so unsinnig liebst / sträubt sich dein Wille so sehr / einem fremden Willen vollkommen sich zu unterwerfen. Aber was ist es denn Großes / wenn du / Staub und Nichts vor mir / um Gottes willen einem andern Menschen dich unterwirfst / nachdem ich / der Allmächtige / der Allerhöchste / der Schöpfer aller Dinge / um des Menschen willen dem Menschen mich unterworfen habe? Ich bin der Allerniedrigste und Allerletzte geworden / um durch meine Demut deinen Stolz zu brechen. Lerne gehorsam sein / du Erdenstaub / lerne dich erniedrigen / denn du bist aus Staub gemacht / lerne dich unter alle Sterblichen erniedrigen. Lerne deinen Eigenwillen brechen und gern allen Menschen untertänig sein. Laß einen heiligen Eifer in dir wider dich entbrennen / laß den aufblähenden Stolz in dir nicht Wurzel fassen / nicht Leben gewinnen. Sei so klein in deinen Augen und so willig zum Gehorsam / daß jeder Pilger über dich Erdenstaub hinweggehen / und jeder Fußtritt wie Gassenkot dich zertreten könne. O Mensch / du unstetes / eitles Ding / worüber hast du denn zu klagen? Ein Sünder voll Geschwüre / wie darfst du wider die / die dich lästern / deinen Mund auftun / du / der du wider deinen Gott so oft gesündigt und der Höllenstrafe so oft dich schuldig gemacht hast? Aber sieh / schonend blickte mein Vaterauge auf dich herab / weil dein unsterblicher Geist vor meinem Angesicht kostbar ist. Schonend blickte mein Vaterauge auf dich herab / damit du meine Liebe noch einmal erkennen und im Dankgefühl gegen mich wahre Demut und wahren Gehorsam gegen andere Menschen beweisen und die Verachtung / die von andern dir begegnet / mit Geduld möchtest ertragen lernen. Vierzehntes Kapitel. Die geheimen Gerichte Gottes. Herr / deine Gerichte donnern furchtbar über meinem Haupte / mit Furcht und Zittern zermalmst du all mein Gebein / und tiefer Schrecken liegt auf meiner Seele. Ich steh und staune und denke den schauerlichen Gedanken: In deinem Auge sind auch die Himmel nicht rein. Wenn du in den Engeln Sünde gefunden hast und die Engel nicht schontest / was wird mit mir geschehen? Sterne sind vom Himmel gefallen / und ich / Staub der Erde / wie wag ich zu hoffen? Menschen / deren Handlungen den Schein des Guten hatten / fielen in den Abgrund des Bösen / und die das Brot der Engel aßen / sah ich mit den Trebern der Schweine ihre Lust befriedigen. So steht denn keine Heiligkeit fest / wenn du / Herr / deine Hand zurückziehst. So rettet denn keine Weisheit / wenn du nicht regierst. So hilft denn keine Stärke / wenn du nicht schützest. So dauert denn keine Keuschheit / wenn du sie nicht bewahrst. So nützt denn keine eigene Wachsamkeit / wenn dein heiliges Auge nicht wacht. Denn wenn deine Hand uns losläßt / so fallen wir ins Wasser und gehen unter; wenn aber deine Hand uns anfaßt / so kommen wir wieder ans Land und leben. Unsere Tritte schwanken hin und her / aber du befestigst sie. Unsere Herzen sind lau und werden kalt / aber du zündest sie wieder an. O wie kann ich gering und niedrig genug von mir denken? Wie für gar nichts muß ich es achten / wenn ich etwas Gutes an mir zu haben scheine! Wie tief muß ich mich versenken in den Abgrund deiner Gerichte / o Herr / indem ich an mir nichts anderes finde als nichts und nichts? O eine unermessene Last liegt auf mir / ein unüberschiffbares Meer vor mir! Wie finde ich in mir überall nichts anderes als in allem nichts! Wo sollte doch die eitle Ehre noch eine Falte finden / hinter der sie sich versteckte? Wo sollte noch ein vorgefaßtes Vertrauen auf eigene Tugend in mir Platz finden können? Verschlungen / verschlungen ist alle eitle Ehre in dem Abgrund deiner Gerichte über mir. Gott / was ist alles Fleisch vor deinem Angesicht? Wird auch ein Gefäß aus Ton sich rühmen gegen den / der es gebildet hat? Wie sollte eitles Ruhmgeschwätz ein Herz noch in die Höhe heben können / das die Wahrheit einmal tief genug unter Gott gebeugt hat? O den die Wahrheit sich unterwürfig gemacht hat / den kann die ganze Welt nicht mehr zum Stolz erheben. Wer seine ganze Hoffnung auf Gott gegründet hat / den werden die Lobsprüche einer ganzen Welt nicht mehr bewegen können. Denn sieh / auch die da reden / sind alle nichts / verschwinden mit dem Schall ihrer Worte; aber die Wahrheit des Herrn / die bleibt ewig. Fünfzehntes Kapitel. Wie wir uns bei den mancherlei Wünschen unseres Herzens verhalten sollen. Mein Sohn / so sprich bei allem / was dein Herz begehrt: Herr / wenn dir dies gefällt / so soll es geschehen. Wenn dies dir zur Ehre gereicht / so will ich es auf deinen Namen hin wagen und zustande bringen. Wenn du siehst / daß dies mir gut und nützlich ist / so gib mir Kraft / zu deiner Ehre es zu gebrauchen. Wenn du aber siehst / daß es mir schaden und das Heil meiner Seele nicht fördern würde / so nimm auch das Verlangen danach aus meinem Herzen! Denn nicht jedes Verlangen der Seele / wenn es noch so gut und heilig zu sein scheint / kommt vom heiligen Geiste. Es ist sehr schwer / richtig zu unterscheiden / ob der heilige Geist oder ein fremder Geist oder dein eigener Geist dich treibe / dieses oder jenes zu verlangen. Viele haben es am Ende eingesehen / daß es Täuschung war / was sie anfangs für den Trieb eines guten Geistes hielten. So oft also etwas dir gut und verlangenswert scheint / so begehre es nie anders als in der Furcht des Herrn / nie anders als mit Demut des Herzens / und stelle die ganze Sache mit vollkommenster Hingabe deines Willens dem meinigen anheim / sprich zu mir: Herr / du weißt / was mir besser ist. Was und wie du willst / das und so soll es geschehen. Gib mir das / was du mir geben willst / gib mir / soviel du willst / und gib es mir zu der Zeit / wann du es geben willst. Schalte und walte mit mir / wie du weißt / daß es mir gut ist / wie es dir gefällt / wie es dir zur größeren Ehre gereicht. Stelle mich hin / wohin du willst / und tu mit mir in allem frei und ungehindert / wie du willst. Ich bin in deiner Hand / wende mich hin und wieder / drehe mich um und um. Sieh / ich bin dein Knecht / bereit zu allem. Ich will nicht mir leben / sondern dir / dir allein / und o daß ich dir allein leben könnte / wie ich dir leben sollte / und wie du es würdig bist / daß alles dir lebte! Der Jünger Christi bittet / daß Gottes Wille in uns und an uns vollbracht werde. Du / die Fülle der Gnaden / Jesus Christus / unser Herr / sende deine Gnade herab / daß sie bei mir sei / daß sie mit mir arbeite / daß sie bis ans Ende bei mir ausdaure. Laß mich immer nur das verlangen und suchen / was dir das Angenehmste / das Liebste ist. Dein Wille sei der meine / und mein Wille folge immer nur dem deinen und sei vollkommen eins mit ihm. Mein Wollen und Nichtwollen sei immer einerlei mit dem deinen. O daß ich nur das allein wollen könnte / was du willst / nur das allein nicht wollen könnte / was du nicht willst. Schenke mir Geist und Kraft / allem abzusterben / was vergänglich ist / um deinetwillen gern unbekannt und verkannt zu sein auf Erden / über alles Wünschen und Verlangen aller andern Dinge hinaus nur in dir Ruhe zu finden / den unendlichen Hunger meines Herzens in dir allein zu sättigen. Denn du bist der wahre Frieden / du allein der wahre Ruhepunkt des menschlichen Herzens / und außer dir ist überall Plage und Unruhe des Geistes. In dieser Friedensstätte / das ist in dir / dem einen höchsten / ewigen Gut / will ich ruhen / sanft ruhen ewig. Es werde mir dieser sanfte Schlaf! Sechzehntes Kapitel. Gott allein ist unser Trost. Was immer ich an wahrem / vollständigem Troste wünschen kann / das erwarte ich nicht hier in diesem Leben / sondern in dem kommenden. Hätte ich auch alle Tröstungen dieser Welt / alle Freuden dieses Lebens ganz allein zu genießen / so wüßte ich doch gewiß / daß dieser Genuß keinen Bestand haben könnte. Darum / liebe Seele / kannst du keinen vollständigen Trost / keine vollkommene Erquickung finden außer in Gott allein / der die Armen tröstet und die Demütigen erquickt. Warte noch eine Weile / meine Seele / harre nur noch eine kurze Zeit auf die Erfüllung der göttlichen Verheißungen / und es wird die Fülle aller wahren Güter im Himmel dein sein. Wenn du aber den gegenwärtigen Gütern zu hitzig und mit ungeordneter Liebe nachjagst / so verlierst du die himmlischen und ewigen Güter. Was der Zeit unterworfen ist / das brauche du / was ewig ist / danach strebe du. Es kann doch kein zeitliches Gut dich sättigen; denn sieh / du bist nicht geschaffen / das Zeitliche zu genießen. Und wenn du alle erschaffenen Güter hättest / so würdest du doch keine volle Ruhe / keine Seligkeit darin finden. Denn in Gott / der alle Dinge erschaffen hat / nur in Gott ist volle Ruhe und die ganze Seligkeit zu finden. Diese Seligkeit ist ganz anders beschaffen als die / welche von den törichten Freunden der Welt gekannt und hoch gerühmt wird. Diese Seligkeit ist eben jene / welche die edeln Freunde Christi erwarten / und wovon nur die reinen Seelen / die nach dem Geiste leben / hie und da einen Vorgeschmack bekommen / indem ihr Wandel im Himmel ist. Alles / was menschlicher Trost heißt / währt nicht lange und ist im Grunde eitel. Wahrer / seliger Trost ist nur der / den wir von der Wahrheit in unserm Innersten empfangen. Wer die wahre Andacht in sich hat / der trägt seinen Tröster / Jesus / immer und überall mit sich umher und spricht zu ihm: Hilf mir / Herr Jesus / an jedem Orte und zu jeder Zeit. Das sei mein Trost / gern allen menschlichen Trost entbehren zu wollen. Und wenn auch deine göttliche Tröstung sich mir entziehen sollte / so sei dein Wille und die gerechte Prüfung / die von deinem Willen kommt / mein höchster Trost. Denn du zürnst nicht immer und drohst nicht ewig. Siebzehntes Kapitel. Leg alle deine Sorgen in Gottes Hand! Mein Sohn / laß mich mit dir schalten / wie ich will / denn ich weiß / was dir gut ist. Du denkst wie ein Mensch und urteilst von vielen Dingen / wie deine menschliche Neigung es dir eingibt. Herr / es ist / wie du sagst. Du sorgst weit mehr für mich / als ich selbst für mich sorgen könnte. Und wer nicht all seine Sorgen in deinen Schoß niederlegt / der steht auf einem Grund / der unter seinen Füßen gar zu sehr schwankt. Herr / wenn mein Wille nur immer gerade zu dir hin gerichtet ist und in dieser geraden Richtung festbleibt / so sei alles übrige dir anheimgestellt. Mache es mit mir / wie es dir gefällig ist. Denn was du mit mir machst / das kann nicht anders als gut sein. Wenn du willst / daß Finsternis um mich her werde / so preise ich dich im Finstern / und wenn du willst / daß Licht um mich her werde / so preise ich dich auch im Lichte. Ich preise dich / wenn du eines Trostes mich würdigst / und wenn du Trübsal über mich kommen lässest / so preise ich dich auch in der Trübsal. Mein Sohn / so mußt du gesinnt sein / wenn du mit mir wandeln willst. Gleich schnell zum Leiden mußt du bereit sein wie zur Freude / so willig zur Armut und Dürftigkeit wie zur Fülle und zum Reichtum. Herr / ich will um deinetwillen gern leiden / was du über mich kommen lassen wirst. Gleichmütig will ich von deiner Hand nehmen Gutes und Böses / Süßes und Bitteres / Freudiges und Trauriges und dir danken für alles / was mir begegnet. Bewahre mich nur vor aller Sünde / dann fürcht ich Tod und Hölle nicht. Wenn nur du mich nicht wegwirfst / du mich nicht auslöschest aus dem Buch des Lebens / so kann von allen Trübsalen / die über mich kommen mögen / keine mir schaden. Achtzehntes Kapitel. Trage alle Plagen der Zeit mit gleichem Mut wie Christus! Mein Sohn / ich stieg um deines Heiles willen vom Himmel herab / kleidete mich in das Gewand des menschlichen Elends und trug alle deine Plagen / nicht weil ich mußte / sondern weil ich wollte / und ich wollte / weil ich liebte. Ein Beispiel wollte ich dir geben / wie du dich in Geduld üben und das Elend dieser Zeit mit gelassenem Mute tragen solltest. Sieh / von der Stunde meines Eintritts in diese Welt bis zum Verlassen derselben am Kreuze gab es für mich immer etwas zu leiden. Mangel an zeitlichen Gütern / öffentliches Klagen und Murren über mich / Spott und Hohngelächter war mein tägliches Brot / und ich ergab mich mit stillem Sinn in alle diese Leiden. Meine Wohltaten haben sie mir mit Undank / meine Wunderwerke mit Gotteslästerung / meine Belehrungen mit bewaffnetem Tadel vergolten. Lieber Herr / weil dein ganzes Leben ein lauteres Bild der Geduld gewesen / und durch eben diese Geduld der Auftrag deines Vaters vollbracht worden ist / so achte ich es für billig und recht / daß auch ich / ein Sünder und als Sünder arm und elend / nach deinem Willen und nach deinem Beispiel mich in Geduld übe und die Bürde dieses zerbrechlichen Lebens zu meinem Heil still leidend solange weitertrage / bis du sie mir abnimmst. Zwar ist dieses Leben eine schwere Last / aber an dieser schweren Last hängen viele Gnaden von dir / die uns zu guten Werken fähig und großer Belohnungen würdig machen können. Und die Beispiele der Heiligen und vorzüglich deine eigenen Fußstapfen / die vor unsern Augen daliegen / machen die Last dieses Lebens bei all unserer Schwachheit uns viel erträglicher. Auch fließen jetzt in unsere Lebensbahn mancherlei Quellen des Trostes herab / die in den Zeiten des alten Bundes versiegt waren. Ach / die Pforte des Himmels war wie verriegelt / und der Weg dahin verlor sich ins Dunkel / weil so wenig Pilger die Burg des Himmels zum Ziel ihrer Reise machten. Und auch die Gerechten / die in Zuversicht auf das Heil der Welt die Augen schlossen / konnten nicht gleich in das Reich des Himmels eingehen / ehe du dein Leiden vollbracht und durch dein heiliges Sterben die Schuld des Todes ans Kreuz geheftet hattest. O wie kann ich dir genug danken dafür / daß du mir und allen / die an dich glauben / den guten / geraden Weg in dein ewiges Reich so mild und lichthell gewiesen hast! Wahrhaftig / dein Leben ist unser Weg; und indem wir deiner Geduld mutig nachgehen / erreichen wir endlich das Ziel und kommen zu dir / du unser Heil und unsere Krone! Wärst du nicht vorausgegangen / hättest du nicht mit Wort und Tat Bahn gebrochen / wer würde es sich angelegen sein lassen / dir nachzuwallen? Wie viele würden in einer großen Entfernung vom Ziel zurückbleiben / wenn sie nicht auf dein herrliches Beispiel vorwärts blickten. Sieh / jetzt noch / nachdem wir von deinen Wunden und Lehren so zuverlässige Zeugnisse vor uns haben / jetzt noch werden wir lau und träge im Guten; was würde erst aus uns werden / wenn kein so helles Licht uns ins Auge schimmerte! Neunzehntes Kapitel. Worin die wahre Geduld besteht / und daß man das Unrecht geduldig leiden muß. Was klagst du / mein Sohn? Nimm doch einmal zu Herzen / was ich und die Heiligen gelitten haben / und mach dem Klagen ein Ende! Du hast ja noch nicht bis zum Blutvergießen wider Sünde und Unrecht gekämpft; alles / was du zu leiden hast / ist im Grunde nichts oder sehr wenig im Vergleich mit dem / was die Heiligen ausgestanden haben / die durch so schwere Versuchungen / so heiße Plagen / so mannigfaltige Prüfungen sich hindurchkämpfen mußten. Du sollst also die größeren Leiden anderer Menschen dir zu Gemüte führen / damit du deine geringen Leiden leichter tragen lernst. Und wenn deine Leiden dir nicht so gering vorkommen / so mag eben dies eine Frucht deiner Ungeduld sein / die aus kleinen Leiden große macht. Doch sei dein Leiden klein oder groß / das tut nichts zur Sache. Du sollst alles / was Leiden heiß t / geduldig tragen lernen. Je besser du zum Leiden dich anschickst, desto vernünftiger handelst du / desto angenehmer in meinem Auge und desto würdiger der himmlischen Belohnung bist du. Du wirst auch deine Leiden um so leichter ertragen / je mehr du durch kleine Leiden auf größere dich schon vorgeübt und darauf gefaßt gemacht hast. Du mußt aber nicht etwa sagen: Von so einem Menschen kann ich so ein Unrecht unmöglich ertragen / und wenn ich es auch könnte / so müßte ich es doch nicht. Denn er hat mir einen so großen Schaden getan / hat mir solche Dinge aufgebürdet / an die mein Herz nie gedacht hat. Wenn mir ein anderer Mensch ein Unrecht zugefügt hätte / da wollte ich es gern ertragen und mich nach Kraft umsehen / es geduldig zu ertragen! So denken ist im Grunde doch nur Torheit. Denn wer so denkt / der weiß nicht einmal / worin das Wesen der Geduld besteht / blickt auch nicht auf zu dem / der eigentlich die Geduld krönen wird / sondern sieht nur immer auf die Menschen / die weh tun / und auf das Unrecht / das sie ihm angetan haben. Wer nur so viel leiden will / als er nach dem Urteil seiner fünf Sinne oder seiner Neigung leiden zu können oder zu müssen glaubt / oder nur von solchen Menschen / von denen er noch am liebsten etwas leiden möchte / der mag viele Sachen haben / aber die wahre Geduld hat er nicht. Wer die wahre Geduld besitzt / der sieht nicht darauf / ob der / von welchem er etwas zu leiden hat / über ihn oder seinesgleichen sei / sieht nicht darauf / ob er von einem guten / heiligen Manne oder von einem nichtswürdigen / verkehrten Menschen in der Geduld geübt wird; sondern alles Widrige / das ihm von diesem oder jenem Geschöpf begegnen mag / alles nimmt er gleichmütig und wie von der Hand Gottes dankbar an und hält dieses Leiden für einen großen Gewinn. Denn das geringste Leiden / das ein Mensch um seines Gottes willen duldet / wird ein großer Edelstein in der Krone des Dulders. Rüste dich also zum Streite / wenn du den Siegeskranz erstreiten willst. Denn ohne Streit kannst du die Krone der Geduld nicht erlangen. Wenn du nicht leiden willst / so sprichst du zur Krone: Ich will dich nicht. Wenn du aber die Krone willst / so streite wie ein Mann und leide wie ein Held. Ohne Arbeit wird keine Ruhe / ohne Streit kein Sieg errungen. Lieber Herr / laß es durch deine Gnade mir möglich werden / was nach meiner Natur mir unmöglich zu sein scheint. Du weißt es am besten / daß ich so wenig Leiden ertragen kann / daß der leiseste Wind von Trübsal / der wider mich sich erhebt / mich zu Boden wirft. O laß mir jede Übung in der Geduld um deines Namens willen nur recht wünschenswert und lieblich werden. Denn um deinetwillen leiden und geplagt zu werden / das macht gut und selig. Zwanzigstes Kapitel. Bekenntnis der Schwachheit des Menschen / und von den Trübsalen dieses Lebens. Ich will wider mich selbst ein Zeugnis ablegen / will mein Unrecht gestehen / will meine Schwachheit vor dir / o Gott / bekennen. Oft ist es eine Kleinigkeit / die mich mutlos und traurig macht. Jetzt fasse ich den Entschluß / tapfer mich zu wehren wider alles Böse / aber sieh / gleich darauf tritt eine geringe Versuchung heran / und ich bin schon in großer Bedrängnis. Oft ist es ein schlechtes / nichtswürdiges Ding / woraus eine heftige Anfechtung für mich entsteht. Und wenn ich ein wenig mich sicher glaube / so rauscht / ehe ich dessen mich verseh / ein leichter Windstoß daher und wirft mich samt all meiner Sicherheit zu Boden. So sieh denn / o Herr / auf meine Niedrigkeit und Gebrechlichkeit / die dir noch besser als mir selbst bekannt sind / mit Erbarmung herab. Erbarme dich meiner und reiß mich heraus aus dem Schlamme / daß ich nicht noch tiefer hineinsinke und vollends darin versinke. Ach / das ist es eben / was mich so oft vor deinen Augen zuschanden macht und tief verwundet / daß ich gar so gebrechlich bin / so ohnmächtig / den bösen Neigungen Widerstand zu leisten. Und wenn ich auch dem Anreiz zum Bösen die volle Zustimmung meines Willens versage / so ist es für mich doch lästig und peinlich / daß der Reiz zum Bösen mich immer und immer verfolgt und in die Enge treibt. Es ist doch verdrießlich / täglich in lauter Zank und Streit leben zu müssen mit mir selbst und wider mich selbst. Auch dadurch offenbart sich mir meine Schwachheit / daß die schändlichen Vorstellungen von verbotener Lust viel leichter in meine Einbildungskraft eindringen / als sie daraus sich wieder vertreiben lassen. Gott Israels / du starker / du heiliger Freund aller Seelen / die mit treuer Liebe dir anhangen! Ach / daß du heruntersähest auf die Arbeiten und Kämpfe deines Knechtes und ihm in allem / was er unternimmt / zur Seite stündest! Salbe mich mit himmlischer Kraft / damit der alte Mensch / das Fleisch / das der Geist noch nicht vollkommen unters Joch gebracht hat / nicht wieder die Oberherrschaft erlange / das Fleisch / gegen das mein Kampf nicht früher aufhören darf / als mein Aufenthalt in diesem Lande des Jammers währt. Was ist doch das für ein Leben / wo es nimmer an Trübsal und Elend fehlt / wo überall Schlingen und Feinde genug auf unsern Untergang lauern? Denn wenn eine Trübsal oder Versuchung fortgeht / so zieht schon wieder eine andere auf den Kampfplatz; und oft / indem wir noch mit einer im heftigen Streit liegen / fallen schon mehrere andere uns heimtückisch in den Rücken / ehe wir dessen uns versehen konnten. Und wie ist es möglich / ein Leben lieb zu haben / das mit so viel Bitterkeit / Trübsal und Jammer uns überschüttet? Wie kann man auch ein Leben / das so mancherlei Seuchen und Tod und wieder Tod erzeugt / ein Leben nennen? Und doch verlieben so viele Menschen sich in dieses Leben und suchen ihre ganze Freude darin. Zwar fehlt es nicht an Menschen / die die Welt tapfer schmähen / daß sie voll Lug und Trug sei. Allein ihr Herz bleibt doch an der lug- und trugvollen Welt hängen / weil es die herrschenden Lüste des Fleisches so fest daran ketten. Es treibt nämlich etwas anderes sie zur Weltliebe / und wieder etwas anderes zur Weltverachtung. Zur Weltliebe treiben sie Fleischeslust / Augenlust und Hoffart des Lebens. Der Jammer aber und die Strafen / womit die Weltliebe ihre Freunde nach dem Gesetz der Gerechtigkeit züchtigt / treiben sie zum Haß der Welt und zum Überdruß an der Welt. Eine geringe Lust söhnt ein Herz / das im Grunde doch an der Welt hängt / wieder mit der Welt aus / und es findet ein Vergnügen darin / sein Ruhebett wieder über den Dornen zu lagern / weil es die Süßigkeit / die Gott seinen Freunden gewährt / noch nie gekostet und in die innere Schönheit der Tugend noch nie erblickt hat. Die aber die vergänglichen Dinge vollkommen verschmähen und in heiliger Zucht ihrem Gott allein zu leben suchen / diese kennen die innere Süßigkeit des göttlichen Friedens  / welcher der wahren Selbstverleugnung verheißen ist / aus Erfahrung / diese sehen es heller als andere ein / wie schrecklich die Täuschungen der Welt und wie mannigfaltig ihre Blendungen sind. Einundzwanzigstes Kapitel. Gott allein sei unser höchstes Gut! Erhebe dich / meine Seele / über alle Dinge / und suche deine Ruhe nur im Herrn / und du wirst sie in ihm allein finden; denn er ist die ewige Ruhe aller Heiligen. Gib mir also / o du / die Liebe selbst und die Fülle aller Süßigkeit / Jesus Christus / unser Herr / gib mir Kraft / daß ich mich erhebe über alles Erschaffene / über alle Schönheit und Reize / über alles Heil und allen Segen / über alle Ehre und Herrlichkeit / über alle Macht und Hoheit / über alle Wissenschaft und Scharfsinnigkeit / über alle Reichtümer und Künste / über alle Freude und Entzückung / über alles Lob und Jubelgeschrei / über alle Süßigkeit und Erquickung / über alle Verheißung und Hoffnung / über alle Verdienste und Wünsche / über alle Gaben und Geschenke / die du mitteilen kannst / über alle Himmelslust und Seligkeit / die die Seele fassen und genießen kann / über alle Engel und Erzengel / über alle Heere des Himmels / über alles Sichtbare und Unsichtbare; gib mir Kraft / daß ich mich erhebe über alles / was du / mein Gott / nicht bist / und über alles / was du nicht bist / erhaben / in dir allein Ruhe suche und Ruhe finde. In dir allein / o du mein Herr und Gott / kann ich Ruhe finden / weil du das beste / du das höchste / du das mächtigste / du das selbstgenügsamste und reichste / du das lieblichste Wesen und die Fülle des Trostes für alle anderen Wesen / du die Schönheit und die Liebe / du die Heiligkeit und die Herrlichkeit selber bist. In dir allein ist alles Gute auf das vollkommenste vereinigt / in dir wird immer alles Gute auf das vollkommenste vereinigt bleiben. Was immer also du mir schenkst / oder von dir offenbarst oder verheißest / so groß und wahr und gut es immer sein mag / so ist es doch noch viel zu gering für mein Herz / solange du dich selbst mir nicht schenkst / dich selbst mir nicht zu sehen und zu genießen gibst. Denn dies mein Herz hast du viel zu groß geschaffen / als daß es zur vollen Stillung seines Hungers gelangen könnte / ehe es nicht über alle Geschöpfe und über alle deine Gaben empor sich geschwungen und in dir allein seine ganze Ruhe und Seligkeit gesucht und gefunden hat. O du mein liebster Bräutigam / Jesus Christus / du heiligster Freund unsterblicher Seelen / du Gebieter und Beherrscher aller Geschöpfe / wer gibt mir die Flügel der wahren Freiheit / daß ich auffliege zu dir / daß ich Ruhe und Seligkeit in dir finden möge? O wann wird es mir gegeben werden  / von allem / was mich bindet und hemmt / frei zu sein und zu schauen und zu erfahren / wie süß es sei / dich / meinen Gott / zu genießen? Wann werde ich mein ganzes Wesen in dir allein sammeln und in Liebe zu dir meiner selbst vergessen und nichts als dich / dich empfinden und genießen können / dich genießen auf eine Weise / die die wenigsten kennen und die alle gewöhnlichen Weisen und Empfindungen übersteigt? Jetzt ist Seufzen mein Los / und mein Elend im Gefühl des Schmerzes tragen müssen / das ist mein Tagewerk. überall begegnet mir in diesem Tal des Jammers Jammer genug / Übel genug / die mein Herz verwirren / betrüben und verfinstern / hindern und zerstreun / locken und gefangen nehmen / daß ich nicht freien Zutritt zu dir finden / nicht deine freundlichen Umarmungen genießen / nicht immer im Chor der seligen Geister mitsingen kann. Möchte dein Herz dir brechen / wenn du mein Seufzen hörst und mich auf Erden trostlos und mit mancherlei Kummer beladen umherirren siehst. Jesus / du Abglanz der ewigen Herrlichkeit / du Trostquelle für alle Seelen im Pilgergewande / meine Zunge findet kein Wort vor dir / und nur mein Schweigen redet zu dir! Wie lange zögert noch die Ankunft meines Herrn? Ach / daß er käme zu seinem Armen und froh machte den Traurigen / daß er ausstreckte seine Hand und herausrisse aus all seiner Angst den Geängsteten! Komm / komm doch bald ; denn ohne dich geht für mich kein Freudentag mehr auf / ohne dich schlägt keine frohe Stunde mehr für mich / denn du bist meine Freude / und leer ist ohne dich mein Tisch. Elend bin ich / bin wie eingekerkert und mit Fesseln gebunden / bis mich das Licht deiner Gegenwart erquickt / deine Wahrheit mich frei macht / dein freundliches Angesicht den Himmel in meine Seele bringt. Mögen andere ihr Paradies suchen / wo sie wollen / mir gefällt nichts mehr und kann nichts mehr gefallen als du / mein Gott / meine Zuversicht / mein ewiges Heil. Nimmer schweigen / nimmer aufhören zu bitten will ich / bis deine Gnade wiederkommt / bis deine Stimme wieder in mir spricht: Sieh / da bin ich. Ich komme zu dir / weil du mich gerufen hast. Die Zähre deines Auges und das Sehnen deines Herzens / die Demut und Zerschlagenheit deines Geistes neigten mein Herz und führten mich zu dir hinab! Und ich sprach: Ja / ich habe dich gerufen / ich habe mich gesehnt / deiner zu genießen / entschlossen / alles um deinetwillen zu verschmähen. Aber du hast mich zuvor geweckt / daß ich dich mit Inbrunst suchte. Dir sei also Lob und Dank / daß du nach der Fülle deiner Erbarmungen an deinem Knechte so viele Gnaden bewiesen hast. Was darf ich noch sagen vor dir? Dein Knecht hat kein anderes Wort mehr als: Noch tiefer möchte ich mich vor dir erniedrigen / nie werde ich vergessen können / wie gering und böse ich bin / unter allen Wundern im Himmel und auf Erden ist keines so groß wie du selbst. Gut sind alle deine Werke / heilig deine Gerichte / allumfassend deine Führungen / denn deine Vorsehung regiert alle Dinge. Dir also / Weisheit des Vaters / dir sei Lob und Ruhm! Dich preise und lobe mein Mund und meine Seele / und alle Geschöpfe mögen zugleich in meinen Lobgesang einfallen! Zweiundzwanzigstes Kapitel. Dankbares Gedenken der Wohltaten Gottes. Du / o Herr / hast den Schlüssel zu meinem Herzen / schließ es auf / daß ich dein Gesetz verstehe / und lehre mich / auf der Bahn deiner Gebote zu wandeln. Gib mir Kraft / deinen Willen zu erkennen und deine Wohltaten im allgemeinen und im besonderen mit ungeteilter Aufmerksamkeit zu betrachten und mit tiefer Ehrfurcht im Andenken zu behalten / damit ich dir gebührend dafür danken könne. O ich weiß wohl und bekenne es laut / daß ich unfähig bin / dir auch nur für die geringste Wohltat genug zu danken. Ich bin zu gering / auch nur zu denken an all die Gaben / die ich von dir empfangen habe; und wenn ich zu der edlen Liebe des Wohltäters aufsehe / o dann schwindet mein Geist vor deiner Größe und vermag nicht / sich zu halten. Was wir Gutes haben an Leib und Seele / in uns und außer uns / alles Gute / es liege in dem Gebiet der Natur / oder sei höher als alle Natur / alles Gute ist deine Gabe und preist dich als den Geber voll Güte und Milde / von dem wir alles Gute empfangen haben. Und wenngleich einer mehr / der andere weniger empfangen hat / so ist doch alles empfangen / alles deine Gabe / und ohne dich hätten wir nicht das Geringste. Wer mehr empfangen hat / darf es nicht etwa als sein Verdienst / das ihm Ehre macht / ansehen / darf nicht über andere sich erheben / nicht den / der geringer ist / mit höhnendem Stolz verachten. Denn nur der ist der größere und bessere Mann / der sich selbst weniger zuschreibt und im Danken mehr Demut und Andacht bezeugt. Und gerade der / welcher in seinem Auge geringer und weniger wert ist als andere / der ist auch fähiger / größere Gaben zu empfangen als andere. Wer aber weniger empfangen hat / soll deshalb nicht traurig noch unwillig werden / noch seinen Nachbarn mit scheelem Blick ansehen / sondern zu dir aufschauen und deine Güte dafür preisen / daß du ohne parteiische Vorliebe für die Person so viele Gaben und so reichlich und so milde / ganz ohne alles Verdienst / ausspendest. Alles ist deine Gabe / strömend aus der einen Urquelle / die du bist / also bist du auch in allen Gaben zu loben. Du weißt es / was für eine Gabe einem jeden nützlich ist; warum dieser mehr / jener weniger empfangen hat / darüber können nicht wir Richter sein / das kann dein Blick allein entscheiden / vor dem der Wert eines jeden Menschen schon vor Grundlegung der Welt wie in der Gegenwart bestimmt und entschieden daliegt. Daher achte ich es auch für eine große Wohltat / o mein Gott und Herr / daß ich nicht viel besitze / was in den Augen der Menschen glänzt und den Besitzer groß und herrlich macht. Eben deswegen soll ein Mensch in Anbetracht seiner Armut und Niedrigkeit nicht mißmutig / traurig oder gar mutlos werden / sondern dadurch vielmehr zum Trost und zur Freude sich ermuntern lassen; indem du / mein Gott / die armen niedrigen Menschen / die die Welt verworfen hat / zu deinen Hausgenossen und vertrauten Freunden gemacht hast. Selbst deine Apostel / die du zu Fürsten in deinem Reich gemacht hast / sind Zeugen dieser Wahrheit. Unsträflich war ihr Wandel auf Erden / ohne Falsch und Arglist ihr Sinn / und so einfältig und demütig ihr Herz / daß sie es auch für Ehre und Freude hielten / um deines Namens willen Schmach zu leiden / und / was die Welt verabscheut / mit Inbrunst umfaßten. Wer also dich lieb hat und deine Wohltaten kennt / soll seine größte Freude daran haben / daß dein Wille in allem geschehe / und alles / was du von Ewigkeit her angeordnet hast / nach deinem Wohlgefallen vollbracht werde. Diese deine ewige Ordnung soll sein ganzer Trost und der Grund seiner Zufriedenheit sein. Aus Achtung vor deiner Ordnung sollte er so gern der Geringste sein / als ein anderer gern der Erste wäre / sollte so willig und so zufrieden die letzte Stelle einnehmen / wenn du sie ihm anweisest / als ob sie die erste wäre. Aus Achtung vor deiner Ordnung sollte er so willig und zufrieden dabei sein / wenn er verkannt und verachtet wird / und sein Name aus dem Gedächtnis der Menschen verschwindet / als wenn die Welt über alle andern Menschen ihn hinaufsetzte und ihm die erste Stelle einräumte. Denn dein Wille und der Eifer / deinen Namen zu verherrlichen / muß bei ihm über alles gehen / dein Wille muß ihm mehr Trost und Freude gewähren als alle Gaben / die er von dir empfangen hat oder noch empfangen könnte. Dreiundzwanzigstes Kapitel. Vier notwendige Bedingungen zur Erlangung des wahren / inneren Friedens. Mein Sohn / jetzt will ich dir den Weg in das Land des Friedens und der wahren Freiheit weisen. Mein Herr / tu nach deinem Worte / denn von Frieden und Freiheit höre ich am liebsten reden. Laß es dir angelegen sein / mein Sohn / lieber dem Willen eines andern als deinem eigenen nachzuleben. Wähle in allem / was vergänglich ist / das wenige vor dem vielen. Setze dich lieber unten an und sei gern untertan. Wünsche und bete immer / daß Gottes Wille vollkommen in dir erfüllt werde. Wer diesen Sinn hat / der setzt seinen Fuß in das Land des Friedens und der Ruhe. Herr / deine Rede hat wenig Worte und viel Sinn. Wahrhaftig / deine Lehre ist arm an Wort / aber reich an Sinn und Kraft. Könnte ich diese deine Lehre treu bewahren / so würden Angst und Verwirrung nicht so leicht in mir entstehen. Denn so oft ich mich friedlos und bedrückt fühle / so oft nehme ich wahr / daß ich dieser deiner Lehre untreu geworden bin. Aber du / der du alles vermagst und Freude daran hast / daß die Menschen besser werden / verstärke die Einflüsse deiner Gnade / daß ich dein Wort in Erfüllung und mein Heil in Sicherheit bringen möge. Amen. Gebet wider die Anfälle böser Gedanken. Mein Gott und mein Herr / sei du nicht fern von mir! Mein Gott / schau du herab auf mich und hilf mir! Denn sieh / allerlei Gedanken haben sich in mir wider mich empört / und große Furcht belagert meine Seele. Wie werde ich unverletzt durchkommen? Wie werde ich durchbrechen durch so viele / mächtige Feinde? Ich werde / spricht der Herr / vor dir hergehen und die Großen der Erde demütigen / auftun die Türen des Kerkers und meine Geheimnisse offenbaren. Tu / o Herr / was du sprichst / und fliehen sollen alle bösen Gedanken vor deinem Angesicht! Das ist meine Hoffnung / mein einziger Trost / daß ich in aller Trübsal zu dir meine Zuflucht nehmen / auf dich vertrauen / dich aus innerstem Grunde anrufen / deine Heimsuchung in Geduld erwarten darf. Gebet um Erleuchtung des Gemüts. Guter Jesus / erleuchte mich mit der Klarheit deines Lichtes / das im Innern leuchtet / und jage alle Finsternisse aus meinem Herzen. Zähme meine Gedanken / daß sie nicht in Torheit sich verlieren / und töte alle Versuchungen / die mit Gewalt mich bestürmen. Streite du für mich / denn du bist und heißest der Starke / und erlege die wilden Tiere / die aufreizenden Lüste. Deine siegende Kraft stelle den Frieden in mir her / damit das Lob deines Namens ertöne und widertöne im heiligen Saale / im reinen Gewissen. Dein Wort gebiete dem Winde und dem Sturm. Sprich zum Meer: sei ruhig / und zum Nordwind: schweige / und es wird Ruhe werden. Sende dein Licht und deine Wahrheit herab und laß sie auf die Erde leuchten; denn ich bin ein finsteres Land / wüst und leer / bis du mich erleuchtest. Gieß die Ströme deiner Gnade aus / schütte den Tau des Himmels auf mein Herz / und das heilige Wasser der Andacht benetze dies Erdreich / daß es gute / daß es die besten Früchte bringe. Erhebe mein Gemüt / das von der Last der Sünden niedergedrückt ist / richte mein ganzes Verlangen zu himmlischen Gütern empor und befestige es in dieser Richtung / damit ich die Seligkeit / die da droben zu Hause ist / verkosten und im Vorgeschmack des Himmlischen das Irdische für nichts achten kann. Ziehe mich / reiß mich los von allem flüchtigen Trost / den die Geschöpfe geben. Denn kein Geschöpf kann mein Herz vollkommen befriedigen / kein endliches Gut meinen Hunger nach dem Unendlichen stillen. Vereinige mich mit dir durch das unaufhörliche Band der Liebe. Denn an dir allein hat der Liebende genug / und ohne dich ist ihm alles übrige nichts. Vierundzwanzigstes Kapitel. Forsche nicht neugierig / was andere tun! Mein Sohn / sei kein Sklave der Neugier und wirf alle die leeren Sorgen aus deinem Herzen. Was geht dich dieses oder jenes an? Folge mir nach. Was geht es dich an / ob jener so oder anders beschaffen sei / dieser so oder anders handle oder rede? Du brauchst einst nicht für andere zu antworten / aber für dich selbst mußt du einst Rechenschaft geben. Was mischest du dich also in Dinge / die nichts dich angehen? Sieh / ich kenne alle / wie sie sind / ich sehe alles / was unter der Sonne geschieht  / ich weiß / wie es mit einem jeden steht / was er will und was der Zweck seines Rennens und Laufens ist. Mir also mußt du alles anheimstellen / dich im Frieden erhalten und jeden unruhigen Treiber sein Wesen treiben lassen / soviel er will. Alles / was er sagen oder tun mag / fällt am Ende doch auf seinen Kopf zurück. Denn mich kann er nicht hintergehen. Bekümmere dich nicht um den schönen Schatten eines großen Namens / nicht um die täuschende Eitelkeit / viele Freunde zu haben und von vielen sich geliebt zu sehn. Denn dies wirft den Menschen außer sich in alle Welt hinaus und erzeugt daheim / in seinem Herzen / große Finsternisse. Gern möcht ich oft ein freundliches Wort zu deiner Seele sprechen / meine Geheimnisse dir offenbaren / wenn du nur meine Antwort auch fleißig wahrnehmen und / wenn ich an dein Herz klopfe / die Tür auftun möchtest. Sei also vorsichtig / wache im Gebet und halte dich demütig und still in allem. Fünfundzwanzigstes Kapitel. Worin der dauerhafte Friede des Herzens und der wahre Fortschritt in allem Guten besteht. Mein Sohn / ich habe einst das Wort ausgesprochen: Heil und Frieden lasse ich euch zurück / meinen Frieden gebe ich euch / nicht wie die Welt gibt / gebe ich ihn! Alle wollen Frieden haben / aber das / was allein wahren Frieden schaffen kann / das wollen nicht alle. Mein Friede kehrt bei denen ein / die demütig und sanftmütig sind und es von ganzem Herzen sind. Mein Friede bleibt da / wo man mein Wort gern hört und treu befolgt. Was soll ich also tun? Sei aufmerksam auf alles / was du redest und was du tust / und richte alle deine Absicht dahin / daß du mir allein gefallest und außer mir nichts verlangest / nichts suchest. Was aber andere tun oder reden / darüber erlaube dir nie ein frevelhaftes Urteil und mische dich in keine Angelegenheit / die dich nichts angeht. Und so kann es geschehen / daß dein Herz selten in Unruhe gerät oder wenigstens die Unruhe kein Aufruhr wird. Wenn du aber nie uneins mit dir werden / nie etwas von der Bedrückung des Leibes oder Geistes erfahren willst / so verlangst du etwas / das nicht in dieser Zeit / sondern im Land der ewigen Ruhe zu finden ist. Glaube also nicht / daß der wahre Friede bereits von dir gefunden sei / sobald nichts dich drückt und bedrängt / oder daß alles gut sei / wenn du mit keinem Feind zu streiten hast / oder daß es ein sicheres Wahrzeichen der Vollkommenheit sei / wenn alles dir nach Wunsch und Neigung geht. Noch weniger halte dich für etwas Großes oder für einen besonderen Freund Gottes / wenn du in der Fülle der Andacht und inneren Süßigkeit schwimmst. Denn auch diese Empfindung ist nicht die rechte Feuerprobe des wahren Tugendfreundes / nicht das Wesen des Heldenweges zu allem Guten / nicht das Wahrzeichen der Vollkommenheit. Worin besteht denn aber das Wesen der Tugend? Darin / daß du von ganzem Herzen Gott und seinem Willen dich hingibst und nicht suchst / was dein ist / weder im Kleinen noch im Großen / weder in der Zeit noch in der Ewigkeit. Darin besteht das Wesen der Tugend / daß du in Leiden und Freuden ein und derselbe Mensch mit gleichem Mut und gleichem Sinn / immer gleich dankbar gegen Gott bleiben und alles an der einen gerechten Wage des göttlichen Willens abzuwägen lernst. Wenn du soviel Stärke des Geistes und ausharrende Zuversicht besitzest / daß du in den Tagen innerer Trostlosigkeit dein Herz noch zu größeren Leiden abhärten und waffnen kannst und dir nicht selbst das Recht zusprichst / als hätte dieses oder jenes so große Leiden nicht über dich kommen sollen / sondern vielmehr mich in all meinen Anordnungen als gerecht und heilig lobpreisest / dann wandelst du auf dem rechten und geraden Weg des Friedens / dann magst du die feste Hoffnung behalten / daß du mein Angesicht im heiligen Entzücken bald wiedersehen wirst. Solltest du aber einmal zur vollen Verschmähung deiner selbst dich durchgekämpft haben / so sei überzeugt / daß du von dieser Zeit an all jene Fülle des Friedens genießen wirst / die der seligste Mensch in diesem Pilgerleben auf Erden genießen kann. Sechsundzwanzigstes Kapitel. Von der Würde und Erhabenheit des freien Gemütes / das nicht so sehr durch angestrengtes Lesen und Denken als vielmehr durch Gebet und Tat errungen wird. Gott / nur der vollkommene Mann / der den Kampf mit sich selbst vollendet hat / kann sein Gemüt immer festhalten in der Betrachtung himmlischer Dinge und inmitten vieler Sorgen / die ihn umgeben / gleichsam ohne Sorge hindurchwandeln; nicht etwa weil er träge und ohne Gefühl ist / sondern weil er ein freies Gemüt hat / und dies freie Gemüt keiner ungeordneten Neigung sich gefangen gibt. Ich flehe zu dir / o mein Gott / du allerheiligstes Wesen / bewahre du mein Herz / daß es von Sorgen dieses Lebens nicht gebunden / von Bedürfnissen des Leibes nicht gefesselt / von Lüsten des Fleisches nicht hingerissen / von Plagen der Zeit nicht niedergeschlagen und von unzähligen Hindernissen der Tugend nicht überwunden werde. Zwar haben für mich die Dinge / nach denen die Eitelkeit der Welt sich müde läuft / keinen sonderlichen Reiz mehr. Was aber mich zurückschlägt / daß ich nicht zur Freiheit des Geistes / so oft ich gern wollte / mich aufschwingen kann / das ist das allgemeine Elend / das / mit dem sterblichen Leib verbunden nach dem Fluche / den die Sünde in die Welt gebracht hat / die Seele deines Dieners niederdrückt und hart beschwert. O mein Gott / du unaussprechliche Süßigkeit / verwandle alle sinnliche Lust / die durch den trügerischen Zauber einer flüchtigen Freude mich zu sich hin und von den ewigen Gütern mich hinweg lockt / verwandle mir all diese Lust in Bitterkeit! Zu dir / mein Gott / flehe ich / nicht mehr soll mich Fleisch und Blut überwinden / nicht mehr soll die Welt mit ihrer kurzen Herrlichkeit mich blenden / nicht mehr soll die Hölle mit ihrer List mich hintergehen. Gib mir Kraft / die widerstehen / Geduld / die tragen / Beharrlichkeit / die bis ans Ende aushalten kann. Laß mich statt aller Freuden der Erde die Salbung deines Geistes erfahren / die an innerer Lieblichkeit alles Liebliche übertrifft. Laß statt aller Lust des Fleisches die heilige Liebe deines Namens mein Herz durchglühen. Speise / Trank / Kleidung und was noch zur Erhaltung des Leibes gehört / ist für einen Geist / der nur für das Ewige leben möchte / doch nur eitel Last und Plage. Lehre mich / all diese unentbehrlichen Erhaltungsmittel des sterblichen Lebens mäßig zu gebrauchen und die Begierde zu zähmen / daß sie nicht in Dinge / die nichts taugen / sich verwickele. Man darf auf einer Seite nicht alles wegwerfen  / weil die Natur doch gepflegt sein muß / und soll auf der andern Seite nach dem heiligen Gesetze nichts genießen / was zur Pflege des Leibes überflüssig und bloß zur Lust ist / weil sonst das Fleisch sogleich wider den Geist sich empört. Deine Hand / o Gott / leite und führe mich auch in dieser Sache / daß ich auf keiner Seite zuviel tue. Siebenundzwanzigstes Kapitel. Das höchste Gut des Menschen hat keinen ärgern Feind als die Eigenliebe des Menschen. Mein Sohn / du mußt alles für alles hingeben / mußt nichts mehr für dich und alles für mich sein. Glaube es doch meinem Worte: Kein Ding auf Erden schadet dir mehr als du selbst dir mit deiner Liebe zu dir. Denn eine jede Sache hängt nur insofern an dir / insofern du mit Neigung und Liebe an ihr hängst. Ist deine Liebe rein / einfältig und wohlgeordnet / so kann kein Ding dich gefangen nehmen. Nähre keine Begierde nach dem / was du nicht besitzen darfst / und ringe nicht nach dem Besitz dessen / was dir zum Anstoß werden und die innere Freiheit dir rauben kann. Es ist doch sonderbar / daß du nicht dich und alles / was du hast oder haben willst / in meinen Schoß wirfst und mit dem tiefsten Grund deines Herzens darin ruhen magst. Warum lässest du eiteln Kummer an deinem Herzen nagen / bis es zernagt ist / warum unnütze Sorgen dein Haupt bedrücken / bis es zerdrückt ist? Steh wie ein Mann bereit / nur nach meinem Wohlgefallen dich zu bewegen / dann wird in aller Welt nichts dir schaden können. Wenn du aber bald dies / bald jenes Gut suchst / bald da / bald dort sein möchtest und überall auf deinen Nutzen / auf Befriedigung deiner Neigung siehst / so wirst du niemals ruhig werden / vielmehr die Sorge / die dich unruhig macht / überall mit dir bringen. Denn an jeder Sache wirst du einen Fehler / und an jedem Ort einen Menschen finden / der deiner Neigung sich widersetzt. Also hilft dir nicht das zum inneren Frieden / daß du irgend eine Sache außer dir bekommen oder vermehrt hast / sondern das hilft zum Frieden / daß du diese Sache verschmäht und die Neigung dazu aus deinem Herzen getilgt und von der Wurzel aus vertilgt hast. Und dies gilt nicht nur von Geld und Reichtum / sondern auch von jedem ehrgeizigen Streben nach Ansehn und eitlem Lob und von allem / was mit dieser vergänglichen Welt vergeht. Die Abgeschiedenheit des Ortes schützt dich nicht / wenn die Flamme des Geistes dich nicht bewahrt. Und der Friede / den du im äußern suchst / wird nicht lange währen / wenn der äußere Friede seine Grundfeste nicht in deinem Herzen / und dein Herz seine Grundfeste nicht in mir hat. Du magst den Wohnort ändern / soviel du willst / aber dich selbst umändern / du selbst besser werden / das wirst du nie. Denn was du an einem Orte fliehst / das wirst du an dem andern beim nächsten Anlaß wiederfinden und vielleicht mehr Unangenehmes finden / als du verlassen hast. Gebet um himmlische Weisheit und Reinigung des Herzens. Weil ich denn / o mein Gott / so unstet bin / so befestige du mich durch die Gnade des heiligen Geistes. Gib mir Kraft / die den inneren Menschen in mir zurechtsetze und unwandelbar mache / daß mein Herz von aller unnützen Angst und Sorge leer und frei werde. Gib mir festen Sinn / daß ich weder von dem / was in den Augen der Welt köstlich / noch von dem / was in den Augen der Welt gering ist / in törichte Begierden verwickelt werde / sondern alle Dinge für das ansehen lerne / was sie sind / wie sie nur so vorübergehen / und ich mit ihnen. Denn es ist nichts Bleibendes unter der Sonne / alles ist Eitelkeit und Bekümmernis des Geistes. O wie ist der so weise / der die Dinge von diesem Gesichtspunkt aus ansehen kann. Gib mir himmlische Weisheit / dich vor allem andern zu suchen und in allem zu finden / dich über alles zu lieben und in allem zu genießen / und die übrigen Dinge an jene Stelle zu setzen / die deine Weisheit ihnen angewiesen hat. Lehre mich / den glatten Schmeicheleien des falschen Freundes klug auszuweichen und die harten Worte meines Gegners geduldig zu ertragen. Denn es ist eine große Weisheit / weder die scharfe Zugluft des Tadels noch das sanfte Gelispel des Lobes auf sein Herz wirken zu lassen. Und nur diese Weisheit führt zwischen Abwegen links und rechts hindurch. Achtundzwanzigstes Kapitel. Bewaffnung wider die Pfeile der Lästerung. Mein Sohn / laß dir's nicht so schwer aufs Herz fallen / wenn die Menschen nicht gut von dir denken / und von dir reden / was du nicht gern hörst. Von Rechts wegen solltest du von dir selbst noch schlimmer denken als andere und nicht leicht einen andern für schwächer halten als dich. Wenn du festen Grund in deinem Herzen hast / so wirst du nicht viel darauf achtgeben / was für Worte draußen in der Luft umherfliegen. Es ist eine große Weisheit / in den Tagen der Lästerung zu schweigen / dich ganz zu mir / in dein Herz hineinzukehren / die Menschen außer dir richten und schalten zu lassen und darüber die Ruhe nicht zu verlieren. Dein Friede ruhe nicht auf Menschenzungen / denn sie mögen es so auslegen oder anders / was du tust / du bist deswegen doch kein anderer Mensch. Wo sind denn der wahre Friede und die wahre Ehre zu finden? Wo anders als in mir allein? Wer die Begierde / den Menschen gefällig / und die Furcht / den Menschen mißfällig zu werden / unter das Joch gebracht hat / der vermag viel Ruhe und Frieden zu haben. Denn alle Unruhe des Herzens und alle Zerstreuung der Sinne kommt doch nur von ungeordneter Liebe und von eitler Furcht her. Neunundzwanzigstes Kapitel. Wie man in trüben Stunden zu Gott beten soll Ewig sei dein Name gelobt / o du mein Gott / denn du hast diese Prüfung und Trübsal über mich kommen lassen. Ich kann ihr nicht entfliehn / aber eins kann ich und muß ich / meine Zuflucht zu dir nehmen / damit du mir helfest und alles zu meinem Besten lenkest. Sieh / Herr / jetzt schmachte ich wirklich in großer Trübsal / mir ist nicht mehr wohl um mein Herz / und schwere Plagen liegen auf mir. Und jetzt / lieber Vater / was soll ich sagen? Bedrängt bin ich von allen Seiten her. Rette du mich aus dieser Stunde. Doch hast du ja eben deswegen diese Stunde über mich kommen lassen / damit deine rettende Allmacht in ihrer Herrlichkeit sich offenbare / wenn ich tief erniedrigt und durch dich errettet bin. Herr / laß es dir gefallen, mich aus dieser Not zu reißen / denn ich / arm und schwach ohne dich / was kann ich tun und wohin will ich gehen ohne dich? Geduld / o Herr / Geduld schenke mir auch diesesmal! Mein Gott / sei du meine Hilfe / dann werde ich nicht zittern / wenngleich auch die schwerste Last auf mich stürzte. Was soll ich inzwischen sagen? Herr / dein Wille geschehe / ich habe sie wohl verdient / diese Züchtigung / diese Beklemmung des Herzens. Es muß gelitten / es muß im Leiden ausgeharrt sein; und o daß ich mit stillem / ruhigem Sinn ausharren möchte / bis das Wetter vorübergegangen / bis es mit mir wieder besser sein wird! Die allmächtige Hand Gottes ist ja mächtig genug / auch diese Versuchung von mir hinwegzuheben oder ihren Angriff so zu mildern / daß ich nicht gänzlich unterliege. O du / mein Gott / du meine Barmherzigkeit / du hast es ia bei allen Leiden / die bisher über mich kamen / so gut mit mir gemacht / du kannst es jetzt auch nicht anders als gut mit mir machen. Und so schwer es immer mir wird zu leiden / so ist es doch für deine allmächtige Hand eine leichte Sache / zu helfen / daß alle Zungen werden ausrufen müssen: Da ist der Finger des Allerhöchsten! Dreißigstes Kapitel. Wie man um Hilfe bitten und mit Zuversicht auf die wiederkommende Gnade warten soll Mein Sohn / ich bin der Herr / ich schaffe Kraft und Mut in der Trübsal. Komm nur zu mir / wenn dir nicht wohl ist. Eben dies / daß du so spät zu mir kommst / schlägt die Tröstungen des Himmels so weit zurück. Denn ehe du im Drang des Glaubens zu mir um Hilfe schreist / besuchst du jede andere Trostquelle / eine nach der andern / willst nur immer in Dingen außer dir und mir Labung finden. Und eben deshalb / weil du die Labung am unrechten Ort suchst / nutzt all dein Suchen wenig / bis endlich dir die Augen aufgehen / bis es dir hell einleuchtet / daß ich es bin / der alle errettet / die auf mich bauen / daß außer mir keine Hilfe durchhelfen / kein Rat recht raten / keine Rettung auf die Dauer retten kann. Aber nun fasse wieder Mut / denn der Sturm ist für diesmal vorüber. Hole wieder neue Lebenskraft für dich aus der Fülle meiner Erbarmungen / die im hellen Lichte vor dir leuchten. Denn ich bin nahe / spricht der Herr / ich bin nahe / um alles wieder gut und ganz zu machen; und nicht nur gut und ganz zu machen / wie es vorher war / sondern noch besser / als es war / und im vollen / gerüttelten / überfließenden Maß es wieder herzustellen. Ist für mich irgend etwas schwer / oder bin ich einer von denen / die viel verheißen und nicht tun / was sie verheißen? Wo ist doch dein Glaube? Steh fest und halte aus wie ein Mann. Sei starkmütig und langmütig wie ein Held. Wenn die rechte Zeit kommt / so kommt Trost in dein Herz. Harre nur / harre nur auf mich / ich komme gewiß und heile dich. Es ist nur Versuchung / was dich plagt / nur eitle Furcht / was dich schreckt. Wozu nutzt denn dein banges Sorgen wegen der Dinge / die da kommen sollen / anders / als daß es dich immer noch trauriger und wieder trauriger macht? Hat doch jeder Tag genug an seiner Plage. Wenn dir das / was vielleicht nie geschieht / den Sinn verrücken kann bald durch falschen Schrecken / bald durch falsche Hoffnungen / wie eitel und fruchtlos ist dies dein Fürchten und Hoffen? Es ist zwar menschlich / daß Menschen von solchen Traumbildern getäuscht werden. Wer aber durch jede leise Eingebung seines Feindes sich ziehen und wie im Kreise umhertreiben läßt / der verrät / daß er eine kleine Seele und wenig Herz habe. Dem Feinde ist es übrigens einerlei / ob er mit wahren oder falschen Vorstellungen dich hintergehe / wenn du nur hintergangen bist / einerlei ob die Anhänglichkeit an das Gegenwärtige oder die Furcht vor dem Zukünftigen dich zu Boden werfe / wenn du nur zu Boden geworfen bist. Laß also keinen Schrecken / keine Furcht dein Herz bemeistern. Glaube an mich und vertrau auf meine Erbarmungen. Oft wenn du meinst / du seist weit von mir entfernt / bin ich am nächsten bei dir. Und wenn du denkst / jetzt ist alles verloren / gerade da kannst du am meisten gewinnen / kannst erringen / was ewigen Wert hat. Es ist nicht gleich alles verloren / wenn etwas wider Sinn und Wunsch dir begegnet. Du sollst nicht nach der Empfindung und aus der Empfindung / die du jetzt wirklich hast, urteilen. Und was jetzt dich drückt und niederbeugt, das sollst du nicht so schwer dir auf die Seele fallen lassen, als wenn es immer auf dir liegenbleiben müßte. Denk auch nicht, du wärest ganz verlassen, wenn ich dir auf eine Zeit irgendein Leiden auflade oder die gewünschte Tröstung dir entziehe. Denn der Leidensweg ist eine königliche Straße, die in das Himmelreich führt. Und es ist für dich und meine übrigen Knechte ohne Zweifel besser, daß ihr in der Zuchtschule der Leiden hart mitgenommen werdet, als daß euch alles nach Sinn und Neigung ginge. Ich kenne die verborgenen Gedanken des Menschen, ich weiß, daß es dir gut ist, manchmal so dürr und trocken, so ohne allen Geschmack am Guten gelassen zu werden. Denn sonst möchte etwa der gute Fortgang dein schwaches Herz aufblähen, und ein geheimes Wohlgefallen an dem, was du nicht bist, in deine Seele einschleichen. Was ich dir gegeben habe, das kann ich dir wieder nehmen, wenn ich will, und auch wieder geben, wenn ich will. Wenn ich's gebe, so ist es mein, und wenn ich's nehme, so habe ich das Deine nicht genommen. Denn mein ist alle gute Gabe, von mir kommt alle vollkommene Gabe. Wenn ich die etwas Drückendes oder Widriges sende, so laß dir den Kopf nicht schwindelig und das Herz nicht mutlos werden. Denn ich kann dir's wieder leicht machen und alle Bürde in Freude verwandeln. Wie ich es aber immer mit dir mache, so oder anders, so bin ich in allem, was ich ordne und füge, gerecht und anbetungswert. Wenn du einmal die rechte Weisheit und den geraden Blick auf die Wahrheit erlangt haben wirst, dann wird keine Trübsal dich mehr so mutlos und traurig machen können. Du wirst vielmehr Freude daran haben und dafür danken. Du wirst deine einzige Freude darin finden, daß ich deiner nicht schone und allerlei Plagen an deine Hütte anklopfen lasse. Wie mich mein Vater geliebt hat, so liebe ich euch. Dies Wort sprach ich einst zu meinen lieben jüngern, die ich ja nicht zum leichten Genuß zeitlicher Freude, sondern zum schweren Kampf, nicht zum Einnehmen gleißender Ehrenstellen, sondern zur Erduldung großer Schmach, nicht zum Müßiggehen, sondern zum Arbeiten, nicht zum Ausruhen, sondern zum Fruchtbringen in Geduld ausgesandt habe. Dieses Wort, mein Sohn, sei auch das Wort deines Herzens. Einunddreißigstes Kapitel. Daß man alle Geschöpfe verlassen muß, um ihn, den Schöpfer, zu finden Gnade und noch größere Gnade habe ich nötig, o Herr, wenn ich dahin kommen soll, wo mich im Umgang mit dir kein Geschöpf mehr wird hindern können. Denn so lange noch irgendein Geschöpf mich bindet / so lange kann ich nicht frei zu dir auffliegen. Freien Flug zu dir wünschte sich der / welcher sprach: Wer gibt mir Taubenflügel? Dann will ich fliegen und Ruhe finden. Was ist ruhiger als ein einfältiges Auge? Was ist freier als ein Herz / das von allen Dingen der Erde nichts mehr verlangt? Wer also diese Ruhe und Freiheit erringen will / der muß über alles Geschöpf sich erheben / muß von sich selbst vollkommen sich losmachen und feststehen in dieser Erhabenheit über alle Geschöpfe und über sich / und muß schauen und sehen / daß du / der Schöpfer aller Dinge / unvergleichbar höher und herrlicher bist als alle deine Geschöpfe. Und wer noch nicht von allen Geschöpfen sich losgemacht hat / der kann nicht mit freiem Blick betrachten und schauen / was göttlich ist. Eben deswegen kommen so wenige Menschen zu dieser himmlischen Anschauung / weil so wenige von dem Vergänglichen / von allen Geschöpfen vollkommen sich losmachen können. Und dazu / zur vollen Abgeschiedenheit von allem Vergänglichen / bedarfst du einer großen Gnade / die den Geist zuerst hebt und dann über ihn selbst erhebt. Und hat der Mensch diese Geisteshöhe noch nicht erreicht / ist er noch nicht von allen Geschöpfen frei und los und mit Gott eins geworden / so hat alles / was er weiß / und alles / was er besitzt / kein sonderlich großes Gewicht. Wer noch etwas anderes hochschätzt als das eine / das unermeßliche / ewige Gut / wird immer kleinlich in seinen Gedanken und Absichten und tief unten liegen bleiben. Denn alles / was nicht Gott ist / alles das ist nichts und muß für nichts gehalten werden. Es ist aber zwischen der Weisheit einer erleuchteten und gottgeweihten Seele und zwischen der Wissenschaft eines gelehrten und in den Büchern erfahrenen Geistlichen ein himmelweiter Unterschied. Die Weisheit / die durch göttliche Einflüsse von oben kommt / ist viel edler als die Wissenschaft / welche der menschliche Kopf durch mühsames Forschen sich selbst schafft. Man findet viele Menschen / die sich die Gabe der Beschaulichkeit wünschen / aber auf dem rauhen Wege / der dahin führt / mögen sie sich nicht üben lassen. Auch dies ist ein großes Hindernis / daß sie so fest an Zeichen / Buchstaben und sinnlichen Dingen hängen und das Werk der vollkommenen Selbstverleugnung so nachlässig treiben. Ich weiß nicht recht / was für ein Geist eigentlich uns treibt / und was wir im Grunde wollen. Wir hätten es gern / daß man für geistreiche Männer uns ansähe / und doch wenden wir so viel Mühe und Sorgen auf vergängliche / schlechte Dinge und erforschen so selten in völliger Sammlung des Geistes unser Innerstes. Und wenn wir auch auf eine kurze Zeit uns in uns gesammelt haben / so werden wir bald wieder hinausgeworfen in die äußern Dinge / und unsere Handlungen werden nicht mehr so strenge vor dem Richterstuhl unseres Gewissens untersucht. Wir achten nicht dessen / wie unsere Neigungen überall nur auf der Erde kriechen / und beweinen das Elend nicht / daß alles / was die Menschen tun / so unrein ist wie ihre Neigungen. Alles Fleisch hatte einst seinen Weg verdorben / und eben deswegen mußte die große / strafende Flut über das Geschlecht der Menschen hereinbrechen. Da nun unsre Neigung durch und durch verdorben und befleckt ist / so muß alles / was wir nach dem Trieb unsrer Neigung tun / auch verdorben und befleckt sein / muß die Spur der zerrütteten innern Kraft an sich tragen. Das gute Leben ist eine Frucht / die nur aus dem reinen Herzen hervorwächst. Man fragt zwar hie und da / was und wieviel ein Mensch getan habe / aber wie groß und rein die innere Tugendkraft sei / das wird nicht so fleißig in Erwägung gezogen. Ob einer stark / reich / schön / geschickt / ein guter Schriftsteller / ein geschickter Sänger / ein berühmter Künstler sei / danach fragen die Leute. Ob aber einer die rechte Armut des Geistes besitze / geduldig / sanftmütig / andächtig und in das geheime / gottselige Leben des Geistes eingeweiht sei / darüber wird nicht viel Nachfrage gehalten. Wo die Natur des Menschen sich selbst überlassen ist / da sieht er nur auf das Äußere an sich und anderen Menschen / wo aber die Gnade Gottes im Herzen wohnt / da kehrt der Blick sich einwärts und erforscht das Innere. Die Natur tut auch sehr viele Fehlgriffe in ihren Urteilen / die Gnade aber hält sich mit Zuversicht an Gott / damit sie vor Fehlgriffen bewahrt werden möge. Zweiunddreißigstes Kapitel. Verleugne dich selbst und widersteh aller ungeordneten Begierde. Mein Sohn / die vollkommene Freiheit des Geistes kannst du nicht erringen und nicht behalten / wenn du nicht zur vollkommenen Verleugnung deiner selbst dich hindurcharbeitest. Sklavenfesseln tragen alle / die eigensüchtig an irgendeinem Ding hängen / die sich selbst lieben / die lüstern und neugierig außer sich umherschwärmen / die nur suchen / was ihren Sinnen schmeichelt / und nicht / was das Reich Christi erweitert / die immer das bauen und befestigen wollen / was keinen Grund und Bestand haben kann; denn zu nichts wird alles / was nicht aus Gott geboren ist. Halte dich an das kurze / aber alles sagende Wort: Verlaß alles / dann findest du alles / entlaß die Begierde / dann kommt die Ruhe dir entgegen. Dies Wort laß dir nie aus dem Sinn kommen / dies Wort durchforsche Tag und Nacht / und wenn du dieses Wort in Erfüllung gebracht haben wirst / dann wirst du alles verstehen. Mein Herr / das ist keine Arbeit für einen Tag und kein Spiel für Kinder. In dieser Schale liegt ja der ganze Kern der Vollkommenheit für alle / die Gott / den Herrn / suchen. Mein Sohn / das soll dich nicht zurückschrecken noch mutlos machen / wenn du von dem Wege der Vollkommenheit reden hörst / es soll dich vielmehr reizen / nach dem höheren Ziel emporzuklimmen oder wenigstens ein herzliches Sehnen nach diesem Ziel in dir zu unterhalten. O daß es doch so gut mit dir stünde / daß du doch schon so weit gekommen wärest / daß du / frei von der blinden Liebe zu dir selbst / bereit stündest und gefaßt auf meinen Wink und auf den Wink meines Vaters / den ich dir geoffenbart habe: Dann / dann könnte mein Auge mit Wohlgefallen auf dir ruhen / dann würde dein ganzes Leben in Friede und Freude vorübergehen. Aber / lieber Sohn / du hast in dir noch viel / viel zu verleugnen / und wenn du dieses Viele nicht verleugnest / wenn du nicht alles ganz mir allein anheimstellst / so wirst du nicht finden / was du suchst. Laß meinen Rat dir heilig sein: Kauf dir von mir ein geläutertes Gold / das dich reich mache / das ist die himmlische Weisheit / die alles Irdische mit Füßen tritt. Gib alle irdische Weisheit / alle menschliche Selbstgefälligkeit daran. Ich wollte sagen: Du sollst das / was im Auge der Menschen hoch und kostbar ist / darangeben und etwas / das im Auge der Menschen schlecht und niedrig ist / dafür erkaufen. Denn unbedeutend und schlecht in den Augen der meisten Menschen und fast ganz aus ihrem Erinnern gerückt ist die wahre / himmlische Weisheit / die gering von sich denkt und auf Erden nicht groß scheinen / nicht groß heißen will / eine Weisheit / die viele mit ihrer Zunge rühmen / aber mit ihrem widersprechenden Wandel lästern / die aber ungeachtet die kostbarste Perle ist / verborgen vor den Augen der Menschen. Dreiunddreißigstes Kapitel. Von der Veränderlichkeit des Herzens und von der festen Richtung unserer Endabsicht auf Gott. Traue / mein Sohn / deinem eigenen Herzen nicht / denn jetzt ist es so und gleich darauf wieder anders. Solange du lebst / bist du / auch wider deinen Willen / der Veränderlichkeit preisgegeben / bald freudig / bald traurig / bald stille / bald stürmisch / jetzt voll Andacht und gleich darauf dürr und trocken wie eine Sandwüste / jetzt fleißig / dann träge / diesmal voll Ernst / ein andermal leichtsinnig und ausgelassen. Wer aber im Geist wohlgeübt ist und die rechte Wahrheit besitzt / der hat bei all dieser Veränderlichkeit seines Herzens einen unveränderlichen Standpunkt / heftet seinen Blick nicht auf die Empfindung / die kommt und geht / oder auf die mancherlei Seiten / von denen der Wind bald so / bald anders herweht / sondern richtet all seine Gedanken und Absichten auf den einen / wahren / besten Zielpunkt hin. Denn wenn das geheimste Auge seines Geistes bei den unzähligen / einander durchkreuzenden Begebenheiten immer zu mir und nur zu mir aufschaut / so kann es immer dasselbe / sich gleich / und bei allem / was von Außen erschüttert / im Innern unerschüttert bleiben. Je mehr nun dieses Auge / das ohne Unterlaß zu mir aufschaut / sich reinigt / desto fester steht der Mann im Sturm und Ungewitter. Aber auch dies reine / helle Auge / das zu mir aufblickt / bleibt nicht immer rein und hell. O es ist so bald ein Seitenblick auf ein Gut getan / das unser Verlangen reizt. Selten findest du den Mann / der ganz frei ist von allen Fesseln / das heißt / nie sich selbst sucht. So kamen einst die Juden zu Martha und Maria nach Bethanien nicht bloß um Jesu willen / sondern auch / um den Lazarus zu sehen. Man muß also das geheimste Auge / nämlich die herrschende Absicht bei all unsern Handlungen / reinigen / damit es recht sehe / und man muß es über alles / was nur Mittel ist / emporrichten und zu mir / als dem letzten Zielpunkt / erheben. Vierunddreißigstes Kapitel. Gott / das höchste Gut dessen / der Gott mehr als alles andere und in allem andern liebt. Mein Gott und mein alles: Was will ich mehr und was kann ich Seligeres wünschen? Mein Gott / mein alles: O ein Wort voll Süße und Lieblichkeit / aber süß und lieblich nur dem / der das ewige Wort lieb hat und nicht die Welt und nicht die Güter der Welt: Mein Gott / mein alles: Es ist mit diesem Worte genug gesagt dem / der es versteht / und wer die Liebe hat / der hört es immer gern / wenn es wieder und wieder gesagt wird. Denn wenn du / mein Gott / da bist / so ist alles lieblich und süß / bist du fern / so ist alles bitter und ekelhaft. Du machst das Herz still und schaffst großen Frieden und festliche Freude. Du gibst es uns ins Herz / daß wir alle Dinge gut finden und dich in allen Dingen loben. Ohne dich kann nichts auf die Dauer uns gefallen. Und wenn uns irgend etwas angenehm und schmackhaft werden soll / so darf deine Gnade nicht fehlen / so muß es durch deine Weisheit gewürzt werden. Wer an dir Geschmack findet / dem schmeckt alles wohl. Und wer an dir keinen Geschmack findet / was soll ihm Freude schaffen? Alle die / welche nur an der Weisheit der Welt oder an der Lust der Sinne Geschmack finden / erliegen fern von deiner Weisheit auf ihrer mühsamen Bahn / weil sie in der Weisheit der Welt nichts als Eitelkeit und Eitelkeit / und in den Freuden der Sinne nichts als Tod und Tod finden können. Die aber / welche durch Verschmähung der Weltfreuden und durch Ertötung der sündhaften Lüste des Fleisches dir nachfolgen / diese beweisen / daß sie die rechte Weisheit besitzen / weil sie von der Eitelkeit zur Wahrheit  / vom Fleisch zum Geiste durchgedrungen sind. O diese haben Geschmack an Gott / und was sie in den Geschöpfen Gutes finden / das legt einen neuen Lobgesang auf ihren Schöpfer ihnen in den Mund. Und dieser Geschmack an dem Schöpfer / an der Ewigkeit und an dem unerschaffenen Lichte / wie ist er doch so verschieden / so durchaus verschieden von dem Geschmack an den Geschöpfen / an der Zeit und an dem erschaffenen Licht: O ewig leuchtendes Licht / über alles erschaffene Licht erhaben / sende deinen Strahl aus der Höhe wie einen Blitz in mein Herz / und laß ihn das Allerinnerste meines Herzens durchdringen: Reinige / erhelle / belebe und erfreue meinen Geist und alle seine Kräfte / daß sie dir in dem Jubel der Entzückung ewig anhängen. O wann wird sie denn kommen / die heilige / sehnenswürdige Stunde / daß deine Gegenwart mich sättige / daß du mir werdest alles in allem: Ohne diese Gabe fehlt noch immer mir die Fülle der Freuden. Ach / noch lebt der alte Mensch in mir / noch ist seine Kreuzigung nicht vollendet / seine Ertötung nicht vollbracht. Noch ist er stark genug / mit seinen Lüsten wider den Geist sich zu empören / Krieg über Kriege zu erregen und das Reich der Seele zu beunruhigen. Aber du / der du Gewalt hast über die Gewalt des Meeres und sänftigest die wild tobende Flut / mache dich auf und hilf mir: Zerstreue die Völker  / die Krieg wollen / und zermalme sie mit deiner allzermalmenden Kraft. Zeige / zeige diese deine Allmacht und laß deine gerechte Hand in ihrer Herrlichkeit uns sehen / denn all meine Hoffnung / all meine Zuflucht bist du / mein Gott und mein Herr / du allein: Fünfunddreißigstes Kapitel. In diesem Leben sind wir vor Versuchung nie sicher. Mein Sohn / in diesem Leben bist du vor Angriff nie sicher. Solange du lebst / hast du Wehr und Waffen nötig / womit dein Geist gegen die Sünde sich wehren und schützen kann. Du wohnst unter Feinden / von links und rechts stürmen Versuchungen auf dich los. Wenn du also nicht überall mit dem Schilde der Geduld dich zu decken weißt / so wirst du nicht lang ohne Wunden durchkommen. Und wenn du überdies dein Herz nicht so gestellt hast / daß es fest ruht in mir allein / wenn dein Wille nicht bereit ist / alles Widrige um meinetwillen geduldig zu leiden / so wirst du die Hitze des Kampfes nicht aushalten und die Siegespalme der Seligen nicht erreichen können. Also / hindurchgedrungen muß sein durch alle Leiden / mit tapferer Hand hindurchgestritten durch alles / was dir sich widersetzt. Denn nur dem Überwinder wird das Brot des Himmels dargereicht / und dem Trägen / der keine Hand zum Streit ausstrecken mag / bleibt nichts übrig als Jammer und Not. Wenn du schon in diesem Leben Ruhe haben willst / wie wirst du in dem kommenden zur ewigen Ruhe gelangen können? Versprich dir hier in diesem Lande nicht viel Ruhe / sondern mache vielmehr auf große Geduld dich gefaßt. Suche immer den wahren Frieden / aber nicht auf Erden / sondern im Himmel / nicht bei Menschen oder andern Geschöpfen / sondern bei Gott allein. Aus Liebe zu Gott sollst du alles Unangenehme gern leiden / was immer es sei / peinliche Arbeit / Schmerz / Versuchung / Not / Drangsal / Beängstigung / Armut / Schwachheit / Unrecht / Widerspruch / Tadel / Erniedrigung / Hohn / Zurechtweisung und Verachtung. Das alles treibt zur Tugend / das bewährt den neuen Jünger in der Kampfschule Christi / das macht für ihn die Ehrenkrone im Himmel fertig. Ich werde dir die kurze Arbeit mit ewiger Belohnung und die vorübergehende Schmach mit endloser Herrlichkeit vergelten. Glaubst du etwa / daß die himmlischen Tröstungen dir schon jetzt zu Gebote stehen sollen / daß du davon kosten könntest / so oft du nur wolltest? Oh / selbst meine Heiligen hatten nicht lauter Stunden des Trostes / sondern viele Drangsale / mancherlei Versuchungen und große Anfälle von Trostlosigkeit auszustehen. Aber sie ließen sich in all diesen Leiden nicht zu Boden werfen / standen aufrecht und geduldig da / vertrauten mehr auf Gott als auf sich, indem sie die Verheißung im Herzen trugen, daß die Leiden dieser Zeit nicht werden in Vergleich kommen können mit der Herrlichkeit, womit die Ewigkeit sie belohnen wird. Willst du das sogleich und ohne Kampf haben, was so viele andere durch heiße Tränen und schmerzhafte Mühen kaum erringen konnten? Harre auf den Herrn, sei Mann in allem, was du tust, sei tapfer, fasse neuen Mut, weiche nicht von der Stelle, steh fest und gib Leib und Seele daran zur Ehre Gottes. Denn sieh, ich werde es dir in vollem Maß vergelten und ich bin bei dir in aller Trübsal. Sechsunddreißigstes Kapitel. Was soll ich tun, wenn die Menschen mich richten und verdammen?. Mein Sohn, lege dein ganzes Herz mit fester Zuversicht in meine Hand und fürchte kein menschliches Gericht da, wo dein innerer Richter, das Gewissen, dich freisprichst. Es ist gut und heilsam für dich, daß auch du in dieser Leidensschule hart mitgenommen wirst. Und wenn du ein demütiges Herz hast und mehr auf Gott als auf dich selbst vertraust, so wird dies schwere Leiden dir nicht sonderlich beschwerlich sein. Wo mancherlei Menschen sprechen, da muß es mancherlei Gespräche geben. Und diese mancherlei Gespräche verdienen eben deswegen nicht viel Glauben. Und hernach ist es ganz und gar unmöglich, allen alles recht zu machen. Ist doch Paulus allen alles geworden und hätte gern allen es recht gemacht, um alle dem Herrn zu gewinnen. Und doch mußte auch Paulus allerlei harte Urteile über sich ergehen lassen. Er bekümmerte sich aber nicht darum, daß die menschlichen Gerichte ihn verdammten. Was er zur Erbauung oder Errettung der Menschen tun konnte, das hat er mit aller Treue getan. Aber daß die Menschen ihn nicht hart richteten oder gar verdammten, das konnte er bei all seiner Treue nicht verhindern. Deshalb stellte er seine Sache ganz dem anheim, der die ganze Sache am besten wußte, seinem Gott. Und seine Verteidigung gegen die harten Lästerungen, ungerechten Urteile und stolzen Anmaßungen seiner Gegner bestand eigentlich doch nur in Demut und Geduld. Denn wenn er auch hie und da eine Antwort gab, so geschah es meistens um der Schwachen willen, damit sie an seinem Stillschweigen kein Ärgernis nähmen. Was ist es denn, daß du dich vor einem Menschen fürchtest? Heute ist er, und morgen findest du seine Stätte nimmer. Fürchte du deinen Gott, und die Menschen werden nicht mehr so viel Furchtbares für dich haben. Was kann auch ein Mensch mit all seinen Lästerworten, wenn sie dir auch noch so viel Unrecht nachsagen, wider dich ausrichten? Im Grunde schadet er mehr sich als dir, und er sei, was er wolle, dem Gerichte Gottes kann er doch nicht entgehen. Behalt du stets deinen Gott im Auge und klage nicht und laß dich nicht in einen Wortkrieg ein. Und wenn du auch in den Augen der Menschen unterliegen und eine unverdiente Schmach erdulden müßtest, so solltest du deshalb nicht zürnen, noch die Ungeduld dir den schönsten Stein aus deiner Krone rauben lassen. Schau vielmehr auf zu mir, ich habe Macht, von aller Schmach und allem Unrecht dich zu erretten und einem jeden zu vergelten nach seinen Werken. Siebenunddreißigstes Kapitel. Aus Liebe zu Gott sich ganz in Gottes Willen ergeben, das ist der einzige Weg zur wahren Freiheit des Herzens. Mein Sohn, verlasse dich, dann findest du mich. Sei in allem ohne Eigensinn und Eigenwillen, dann gewinnst du in allem. Denn sobald du ganz dich mir überlässest und dich nicht mehr zurücknimmst, sogleich strömt Gnade um Gnade in größerem Maße in dein Herz. Mein Herr, wie oft soll ich mich dir hingeben, worin mich verlassen: Immer und immer, zu jeder Stunde, im kleinen und im großen. Ich lasse hier keine Ausnahme gelten, ich will dich nackt und bloß haben. Denn nie werden wir sonst eins werden, ich dein, du mein, wenn du noch nicht von allem Eigenwillen im Innern und Äußern dich frei und los gemacht hast / wie der Räuber den Wanderer von allem Eigentum entblößt. Je schneller du Hand anlegst an dies große Werk / desto besser für dich / je aufrichtiger und eifriger du an der Vollendung dieses großen Werkes arbeitest / desto mehr gefällst du mir und desto größer ist dein Gewinn. Einige ergeben sich an mich / aber mit Rückhalt und Ausnahme. Sie trauen ihrem Gott nicht ganz / darum wollen sie sich selbst versorgen. Einige ergeben anfangs sich ganz ohne Ausnahme an mich / aber wenn die Versuchung sie in die Enge treibt / dann laufen sie wieder zu sich selbst zurück und vermögen deshalb in der Tugend nicht weiter zu kommen. Alle diese werden die wahre Freiheit des reinen Herzens und die Gnade meines freundlichen Umgangs nie erlangen / bis sie ganz sich an mich ergeben und täglich sich selbst als Opfer dargebracht haben. Denn ohne diese Selbstaufopferung kann keine Vereinigung und ohne Vereinigung kein seligmachender Genuß bestehen. Ich habe es dir schon oft gesagt und sage es dir wieder: Verlaß dich / ergib dich an mich / und du wirst in mir Frieden haben / großen / inneren Frieden. Gib alles um alles hin / suche nichts dir heraus / nimm nichts zurück von dem Opfer / ergib dich ohne Zögerung an mich / halt dich fest an mir und an mir allein / und du sollst mich haben. Dann wird dein ganzes Herz frei sein / und keine Macht der Finsternis wird dich zertreten können. Danach ringe / darum bitte / danach strecke all dein Verlangen sich aus / daß du / von allem Eigenwillen entblößt / nackt dem nackten Jesus nachfolgen / dir sterben und mir ewig leben mögest. Dann werden alle eitlen Traumgestalten deiner Einbildungskraft / alle Verwirrungen des Gemütes / die aus dem Bösen entstehen und selbst böse sind / alle unnützen Sorgen des Herzens dahin sein. Dann wird auch die ungemäßigte Furcht von dir fliehen und die ungeordnete Liebe sterben. Achtunddreißigstes Kapitel. Von der Freiheit und Herrschaft der Kinder Gottes. Mein Sohn / danach mußt du mit allem Fleiß trachten / daß du überall und in allem / was du tust / in jedem äußern Werke / bei dir im Innersten zu Hause seist / frei und deiner mächtig; daß alle Dinge unter dir seien / und nicht du unter ihnen; daß du der Herr und Regent deiner Handlungen seist / und nicht Knecht und gekaufter Sklave derselben; daß du ein rechter Hebräer werdest / das heißt / aus dem Land der Sklaverei schreitest in das Land der Freiheit / das die Kinder Gottes besitzen. Sie / die Kinder Gottes / stehen auf der Gegenwart als ihrem Fußschemel und schauen in die Ewigkeit hinüber; blicken auf das Vergängliche nur von der Seite / mit dem linken Auge / und sehen mit dem rechten auf das Himmlische; lassen das Zeitliche nicht über ihre Neigungen herrschen / daß sie ihm dienten / sondern beherrschen vielmehr das Zeitliche / daß es ihnen diene zu dem Ende / wozu es Gott / der höchste Werkmeister / der in seinen Werken nichts ungeordnet ließ / bestimmt und angeordnet hat. Wenn du bei dem / was um dich her geschieht / nicht bei dem äußeren Schein bestehen bleibst und das / was du siehst und hörst / nicht nach den fünf Sinnen richtest / sondern bei jedem Vorfall sogleich mit Moses in die Stiftshütte hineingehst und den Herrn um Rat fragst / so wirst du manchmal eine göttliche Antwort hören und / über Gegenwart und Zukunft wohl belehrt / wieder herausgehen können. Denn Moses hatte mit allem / was ihm dunkel und zweifelhaft war / einen freien Zutritt zur Stiftshütte und nahm in allen Gefahren und in aller Bedrängnis durch gottlose Menschen seine Zuflucht zum Gebet. So mußt denn auch du in die geheimste Kammer deines Herzens gehen und darin mit gesammelter Kraft um Gottes Rat und Hilfe flehen. Denn deswegen konnten Josua und die Kinder Israels von den Gabaonitern betrogen werden / weil sie den Mund des Herrn nicht zuvor um Rat gefragt hatten und / zu leichtgläubig / von den süßen Worten sich betören und durch die scheinbare Rechtschaffenheit sich blenden ließen. Neununddreißigstes Kapitel. Sei nicht so ungestüm in deinen Geschäften! Mein Sohn / stelle deine Sache immer nur mir anheim / ich werde zur rechten Stunde alles wohl machen. Lerne im Stillen warten auf das / was ich anordnen werde / und dies Stillhalten wird dich weiter bringen. Gern / o Herr / stelle ich all meine Anliegen dir anheim / denn ich kann mit all meinen Gedanken doch nur so viel wie nichts ausrichten. Wenn ich nur nicht so fest an der Zukunft hinge / sondern ganz ohne Zögern nach deinem Wohlgefallen mich hingeben könnten Mein Sohn / oft treibt den Menschen sein Wunsch. Aber wenn er hat / was er wünschte / dann fängt er an / anders zu denken; denn seine Neigungen haften nicht fest an einem Dinge / sondern treiben von einem zum andern. Es ist also nichts Geringes / auch im Geringsten sich zu verleugnen. Der wahre Fortschritt im Guten besteht in der Verleugnung seiner selbst / und wer es in der Selbstverleugnung weit genug gebracht hat / ist ein freier Mann / ist eins mit sich und scheut kein Geschöpf. Aber der alte Feind / der allem Guten feind ist / hört nicht auf / zum Bösen zu versuchen / sinnt Tag und Nacht hinterlistig auf Trug und Falle / ob es ihm nicht gelinge / den Unvorsichtigen zu täuschen und zu fangen. Wachet und betet / spricht der Herr / damit ihr nicht in Versuchung fallet. Vierzigstes Kapitel. Gott ist die Quelle alles Guten. Mein Herr / was ist der Mensch / daß du seiner gedenkst / oder eines Menschen Sohn / daß du ihn heimsuchst? Wie hätte der Mensch je es verdienen können / daß du deine Huld ihm angedeihen ließest? Wie könnte ich klagen / wenn du deine Huld mir entzögest? Was dürfte ich mit Grund dagegen einwenden / wenn du mein Bitten nicht erhörtest? Wahrhaftig / dies eine kann und darf ich mit aller Wahrheit denken und sagen: Aus mir allein und ohne dich bin ich nichts und habe nichts Gutes an mir / aus mir allein und ohne dich bin ich gebrechlich und ohnmächtig zum Guten und strebe immer nach dem / was nichts ist / und wenn deine Macht mich nicht unterstützt / dein Licht mich nicht im Innern erleuchtet / so werde ich noch ganz lau und zuchtlos. Du aber / o mein Gott / du bist immer derselbe und bleibst ewig / was du bist / gut / gerecht / heilig; und gut / gerecht / heilig in allem / was du tust / und weise in allem / was du anordnest. Du immer derselbe / und ich immer anders und anders. Du immer der Heilige / und ich immer geneigter zum Rückgang als zum Fortgang im Guten. Ach / ich bin das rechte Bild der Zeit / so veränderlich wie sie / siebenmal anders an einem Tag. Doch wird es auch mit mir bald besser werden / wenn du deine helfende Hand mir darreichst. Denn du kannst ohne alle Beihilfe der Menschen mir helfen / du kannst mich im Guten so festigen / daß mein Angesicht immer sich gleich bleibe / und mein Herz / zu dir allein hingewandt / in dir allein seinen Ruhepunkt finde. O verstünde ich doch die große Kunst / allem menschlichen Trost zu entsagen / entweder um die Gabe der Andacht zu erlangen / oder weil wenigstens die Not mich dazu treibt / dich zu suchen / da außer dir nichts die Not meines Herzens stillen kann; dann / dann könnte ich das Wehen deiner Gnade getrost erwarten / dann würde ich bald deine Tröstungen im neuen Maß genießen und in heiliger Entzückung dich lobpreisen können! Dank dir für alles Gute / das ich zustande bringe / denn alles Gute kommt von dir! Ich bin aus mir und vor dir eitel nichts / ein Mensch / unstet und schwach. Was hab ich nun für Grund und Recht / von mir selbst groß zu sprechen oder andere groß von mir sprechen zu lassen? Vielleicht weil ich aus mir nichts bin? Ein Ruhm / auf nichts gebaut / wäre doch von allem / was eitel ist / das Eitelste. O die eitle Ehre / sie ist wahrhaftig die erste Eitelkeit und eine Seelenpest / die alles Gute tötet / denn sie entblößt uns von der Gnade des Himmels und raubt uns das Kleinod der wahren / inneren Herrlichkeit. Denn sobald der Mensch an sich selbst sein Wohlgefallen findet / hast du Mißfallen an ihm. Und wenn er dem Lob der Menschen nacheilt / so verliert er darüber den wahren Wert / den nur die wahre Tugend ihm verschaffen kann. Es gibt aber doch auch einen wahren Ruhm und eine heilige Freude. Und der wahre Ruhm besteht darin / daß der Mensch nicht sich / sondern dich / seinen Herrn / allein verherrliche; die wahre Freude besteht darin / daß der Mensch nicht an seinem Namen oder an seiner Tugend oder an irgend einem Geschöpf / sondern an dir und nur um deinetwegen an dem Guten / das von dir kommt / Freude habe. Dein Name werde gelobt / nicht der meine! Dein Werk werde verherrlicht / nicht das meine! Dein Name werde in aller Welt ausgerufen / und alles Lob / das die Menschen etwa mir beilegen / bleibe nicht an mir haften / sondern gehe auf dich zurück! Denn du bist mein Ruhm / du die Jubelfreude meines Herzens. Deiner will ich immer mich rühmen / deiner will ich mich freuen den ganzen Tag. Und wenn ich meiner mich rühme / so will ich nur meiner Schwachheiten mich rühmen. Mögen doch die Juden Ehre voneinander nehmen / ich will die Ehre suchen / die von Gott allein kommt. Aller Ruhm der Menschen / alle Ehre der Zeit / alle Hoheit der Welt / verglichen mit deiner ewigen Herrlichkeit / ist doch nichts als Eitelkeit und Torheit. O mein Gott / du bist meine Wahrheit! Du meine Liebe / voll Erbarmen und Seligkeit! Gott Vater / Sohn und Geist / ein Gott / allein heilig und selig in dir selbst / dein sei alles Lob und alle Ehre und aller Ruhm und alle Herrlichkeit und alle Kraft / und sei ewig dein! Amen. Einundvierzigstes Kapitel. Von der Verschmähung aller zeitlichen Ehre. Mein Sohn / laß es dir nicht so nahe zu Herzen gehen / wenn du siehst / daß man andere ehrt und erhöht / dich aber verachtet und erniedrigt. Erhebe du dein Herz zu mir in den Himmel / und es wird dich nicht sonderlich betrüben / daß die Menschen dich verachten könnten auf der Erde. Mein Herr / es ist / als wenn wir mit Blindheit geschlagen wären / so sehr leicht und schnell verführen uns Eitelkeit und Trug. Wenn ich mich genau durchforsche / so hat noch kein Geschöpf im eigentlichen Sinn mir Unrecht getan / und wenn ich nach deiner Gerechtigkeit mich richten will / so darf ich meinen Mund vor dir nicht auftun / wider dich zu klagen. Weil ich so viele und schwere Sünden vor deinem heiligen Auge begangen habe / so habe ich es ja verdient / daß alle Geschöpfe wider mich sich bewaffnen. Mir gebührt nach aller Gerechtigkeit nichts als Schmach und Hohn / dir gebührt Lob / Ehre und Ruhm. Und wenn ich mein Herz nicht dazu bringen kann / daß es gern und ohne inneren Widerstreit von allen Geschöpfen verachtet / verlassen und für nichts gehalten werden will / so kann ich im Innern nie befestigt und beruhigt / im Geiste nie erleuchtet / mit dir nie vollkommen vereinigt werden. Zweiundvierzigstes Kapitel. Wahren Frieden findest du bei den Menschen nicht / du mußt ihn also auch nicht bei ihnen suchen. Mein Sohn / wenn dein Frieden auf irgendeinem Menschen beruht und davon abhängt / daß er denkt wie du und immer um dich ist / so wird dein Friede sehr wandelbar / und dein Herz bald uneins mit sich selber sein. Wenn du aber überall den Rückweg zur Wahrheit / die immer dieselbe bleibt und ewig lebt / dir offen hältst / so wirst du nicht sonderlich betrübt werden / wenngleich dein Freund dich verläßt oder von der Seite dir wegstirbt. Die Liebe zu deinem Freund soll eigentlich in mir ihre Wurzel haben / und jeder / den du für gut hältst und vorzüglich lieb hast / soll dir um meinetwillen vorzüglich lieb sein. Denn ohne mich hat der Bund der Freundschaft keine Gültigkeit und keinen Bestand / und alle Liebe / deren Band nicht ich knüpfte / ist weder wahr noch rein. So solltest du aller Anhänglichkeit an geliebte Menschen abgestorben sein / daß du / insofern es auf dich ankommt / Mut genug hättest / allen Umgang mit Menschen zu entbehren. Um soviel näher kommt der Mensch seinem Gott / je weiter er von allem irdischen Trost sich entfernt. Er steigt auch um soviel höher aufwärts zu Gott / je tiefer er zuvor abwärts in sich gestiegen / je geringer er in seinem Auge geworden ist. Wer aber sich selbst etwas Gutes zuschreibt / der richtet eine Scheidewand auf zwischen sich und der Gnade Gottes / daß sie nicht zu ihm herein kann; denn die Gnade des heiligen Geistes sucht zu ihrer Herberge immer nur ein demütiges Herz. Könntest du dich selbst vollkommen vernichten / könntest du von aller Liebe zu irgendeinem Geschöpf dich leer machen / so müßte ich meine Gnadenfülle in dich einströmen und die leere Stätte in dir ausfüllen lassen. Sobald du aber auf die Geschöpfe abwärts schaust / wird der Anblick des Schöpfers dir genommen. So lerne denn / in allen Dingen um deines Schöpfers willen dich zu überwinden / dann wird dir in deiner Seele eine neue Tür zur göttlichen Erkenntnis aufgehen. Was immer man wider die heilige Ordnung der Liebe achtet und liebt / es sei so gering wie es wolle / das schlägt auf dem Weg zum höchsten Gut uns weit zurück und befleckt uns. Dreiundvierzigstes Kapitel. Warnung vor der eitlen / falschen Gelehrsamkeit. Lieber Sohn / laß die schönen / feinen Sprüche der Menschen deinen geraden Sinn nicht verrücken / denn das Reich Gottes besteht nicht in Wort und Schall / sondern in Kraft und Tat. Merke du auf mein Wort / das die kalten Herzen entzündet / die finstern Geister erleuchtet / die harten Gemüter in Tränen der Reue auflöst und die müden / beladenen Seelen mit himmlischen Tröstungen salbt. Lies aber in meinen Worten nicht / um dir den eitlen Anstrich geben zu können / als wenn du gelehrter oder weiser wärest als andere. Alles / was Sünde in dir ist / zu töten / das sei deine Gelehrsamkeit. Denn das nützt dir mehr / alswenn du all die spitzfindigen Fragen der Gelehrten nach der Länge und Breite inne hättest. Wenn du wirklich viel liesest und viel verstehst / so mußt du all dein Lesen und all dein Verstehn jedesmal zur einen Quelle aller Wahrheit zurückführen. Ich bin es / der den Menschen Weisheit lehrt und dem Unmündigen hellere Einsichten gibt / als Menschen von Menschen je erhalten können. Zu wem ich rede / der wird bald weise sein und im Geiste große Fortschritte machen. Wehe denen / die so gern zu ihresgleichen in die Schule gehn / um ihre Neugier zu befriedigen / und um den rechten Weg / mir zu dienen / keine Nachfrage halten. Kommen wird die Zeit / wo Christus / der Lehrer aller Lehrer und der Herr der Engel / sich offenbaren wird. Da wird jeder / was er gelesen hat / ihm aufsagen müssen / das heißt / Christus wird die geheimsten Winkel des Gewissens in jedem Menschen durchforschen / wird Jerusalem mit Licht durchsuchen. Dann wird alles / was im Finstern verborgen war / hell werden / dann werden alle Menschenzungen mit ihrem unendlichen Für und Wider verstummen müssen. Ich bin es / der den Demütigen in einem Augenblick so hoch erheben kann / daß er in die ewige Wahrheit tiefer hineinschaut / als wenn er zehn Jahre in Schulen geschwitzt hätte. Wo ich lehre / da rauschen keine Worte / da durchkreuzen einander keine Meinungen / da bläht sich keine Eitelkeit / da fechten keine Schulgründe. Ich bin es / der den Menschen lehrt / das Vergängliche zu verschmähen und das Unvergängliche hochzuachten / Ekel über das Gegenwärtige und Geschmack am Ewigen zu haben / Ehre zu fliehen und Ärgernis zu erdulden / außer mir nichts zu verlangen / auf mich allein alle Hoffnung zu bauen und mich über alles mit Inbrunst des Herzens zu lieben. Ich habe einen Freund / dieser liebte mich innigst und lernte durch diese innige Liebe göttliche Dinge verstehen und die Wunder meiner Führungen auslegen. Alles verlassen brachte in der rechten Erkenntnis ihn viel weiter als das tiefste Forschen. Zu einem rede ich von gemeinsamen / zum andern von besonderen Dingen. Einigen erscheine ich in Zeichen und Bildern / andern decke ich in hellem Licht Geheimnisse auf. Im Grunde haben zwar alle heiligen Bücher eine und dieselbe Stimme / aber diese eine Stimme ist nicht gleich unterweisend für alle / weil ich der eigentliche Lehrer unter der Hülle des Buchstabens / ich im Innern des Menschen die rechte Wahrheit bin / ich die Herzen erforsche / ich die Gedanken sehe / ich die guten Handlungen fördere / ich die Gaben spende und jedem in dem Maße spende / wie sie eines jeden Fähigkeit und Bedürfnis erheischt. Vierundvierzigstes Kapitel. Daß man das Äußere nicht zu nahe an sein Herz kommen lassen soll. Mein Sohn / lerne in vielen Dingen nichts wissen und dich als einen Toten auf Erden und als einen / dem die ganze Welt gekreuzigt ist / ansehen. O man muß vieles / das an unser Ohr schlägt / nicht hören können / als wenn man taub wäre / und dafür Sinn und Verstand richten auf das / was das Herz des Menschen ruhig macht und ruhig hält! Es ist besser / beide Augen vor unangenehmen Dingen zu schließen / als in ewigem Zank und Streit mit den Nachbarn zu leben. Wenn du bei Gott recht hast und auf seinen Ausspruch dich verlassen kannst / so wirst du es ganz erträglich finden / vor Menschen unrecht zu haben und vor ihnen als überwunden dazustehen. O mein Herr / wie tief sind wir gesunken! Sieh / ein zeitlicher Verlust wird mit heißen Tränen beweint / um eines unbedeutenden Gewinnstes willen arbeitet und läuft man sich müde; und wenn der Geist Schaden genommen hat / das verliert sich sogleich aus unserm Gedächtnis / und man mag es nach vielen Jahren kaum einmal wieder zu Herzen fassen. Was nichts oder äußerst wenig nützt / darauf richtet man die erste Aufmerksamkeit / und was das Erste / das Alleinnotwendige ist / das wird wie nichts außer acht gelassen. Und dies alles / weil der Mensch sich so gern in Dingen außer sich verliert / und wenn er nicht noch zur rechten Zeit seinen Sinn ändert / in Dingen außer sich mit Herzenslust versinkt und / einmal versunken / im Schlamm liegen bleibt. Fünfundvierzigstes Kapitel. Sei vorsichtig / wenn du redest / und nicht leichtgläubig / wenn andere reden! Mein Gott / hilf du mir aus meiner Drangsal / denn die Hilfe der Menschen ist eitel. Wie oft fand ich da keine Treue / wo ich sie mit Zuversicht gesucht habe / und fand sie dort / wo ich sie nicht gesucht hätte. Eitel ist also alle Hoffnung / die auf Menschen ruht / aber fest steht das Heil der Gerechten / denn es kommt von dir / o Gott / und ruht in dir. Dein Name sei gepriesen in allem / was uns begegnet. Denn wir Menschen sind schwach und unstet / lassen leicht uns hintergehen und werden schnell eines andern Sinnes. Wo ist doch der Mensch / der überall mit soviel Vorsicht und Wachsamkeit sich leiten und selbst bewahren kann / daß nie irgendein Vorfall ihn täusche / überliste oder aus seiner Fassung bringe! Wer aber auf dich / o Herr / vertraut / wer in Einfalt des Herzens dich sucht / der steht fest und fällt nicht so leicht. Und wenn auch noch so heiße Leiden über ihn kommen / oder noch so künstliche Fallstricke seine Bahn unsicher machen / so wirst du ihn schnell aus dem Gedränge ins Freie bringen oder wenigstens sein mattes Herz erquicken; denn du verlässest die Deinen / die auf dich vertrauen / in Ewigkeit nie. Ein seltener Fund auf Erden ist der treue Freund / der in allen Nöten seines Freundes mit ihm ausharrt. Dieser Freund / der in allen Nöten seines Freundes treu bleibt / und der treueste von allen Freunden bist du / o mein Gott! Wahrhaftig / ein Freund in aller Not / und außer dir ist es keiner! O wie weise und groß war der Sinn jener heiligen Seele / die mit Wahrheit sagen konnte: Meine Seele ist tief gegründet und steht unbeweglich fest in Christus! Wenn auch ich auf diesem Grunde fest stünde / dann würde keine Menschenfurcht so leicht mich hin und her bewegen / kein Wortpfeil mich von der Stelle rücken können. Wer kann auch alles vorhersehen / wer ist groß und mächtig genug / allen künftigen Übeln vorzubeugen? Wenn schon das / was wir vorhergesehen haben / uns verwundet / soll denn das / was uns unversehens trifft / uns nicht eine noch tiefere Wunde schlagen? Aber warum war ich Elender nicht vorsichtiger? Warum war ich bei den Erzählungen anderer so leichtgläubig? Warum? Weil wir Menschen sind und nichts anderes als gebrechliche Menschen / wenn auch viele uns für Engel halten und ausgeben sollten. Wem soll ich glauben als dir allein / o mein Herr und Gott? Du bist die Wahrheit / die nicht trügen und nicht betrogen werden kann. Und an einem andern Orte heißt es sehr wahr: Der Mensch ist voll Trug und Lug. Er ist gebrechlich / unstet / schwach / besonders in dem Wort / das aus seinem Munde kommt. Ach / man darf doch dem Munde des Menschen kaum glauben / wenn es noch so sehr den Schein der Wahrheit und Gerechtigkeit für sich hat. Wie weise hast du uns im voraus gewarnt / daß wir uns vor den Menschen hüten sollen / daß die eigenen Hausgenossen des Menschen Feinde sind / und daß wir doch nicht glauben sollen / wenn jemand sagt: Da ist Christus / dort ist er. Mein eigener Schaden hat mich oft genug in die Schule geführt / und Gott gebe / daß ich wenigstens in dieser Schule Vorsicht gelernt habe und die alten Torheiten nicht mit neuen vermehre! Jetzt spricht einer zu mir: Sei behutsam / behalt es bei dir / was ich dir sage. Und da ich es bei mir behielt und ehrlich glaubte / daß es noch geheim sein und bleiben werde / konnte er selbst es nicht verschweigen / da er doch zur Verschwiegenheit mich aufgefordert hatte / ging hin und ward sein und mein Verräter. Mein Gott / bewahre mich doch vor solchen unvorsichtigen Menschen und ihrem Lügenkram / schütze du mich / daß ich nie wieder in ihre Hände falle und nie mich selbst der nämlichen Torheit schuldig mache. Lege du mir ein wahres / festes Wort in den Mund und laß keine listige Zunge mir nahekommen. Was ich nicht leiden mag / davor werde ich wohl mit allem Fleiß mich hüten müssen. O wie ist einem so wohl und so friedlich still im Herzen / wenn man von andern schweigen kann / nicht alles / was andere erzählen / ohne nähere Prüfung glaubt / das Gehörte nicht leicht nacherzählt / sein Herz wenig Menschen aufschließt / zu dir / o Gott / als dem allgegenwärtigen Zeugen und Herzenskenner / überall aufblickt / nicht durch jeden Windstoß von Worten sich hin und her bewegen läßt und durchaus keinen andern Wunsch in sich trägt / als daß alles in uns und außer uns nach der Richtschnur deines heiligen Willens geordnet und gelenkt werden möchte! Wieviel trägt es doch zur sichern Bewahrung der himmlischen Gnade bei / wenn man nicht vor Menschen glänzen will / nicht nach Beifall und Bewunderung hascht / sondern mit allem Fleiße allein dem nachringt / was unser Leben besser und unsern Eifer für das Gute lebendiger machte Für wie viele war es schädlich / daß man ihre Tugenden ausposaunte und vor der Zeit zur Schau stellte: Wie nützlich war es im Gegenteil für andere / daß sie den Schatz ihrer Gnade geheim hielten in diesem gebrechlichen Leben / das ganz aus Angriff und Widerstand / aus Streit und Widerstreit zusammengesetzt ist. Sechsundvierzigstes Kapitel. Daß man in den Tagen der Lästerungen auf Gott allein vertrauen soll. Mein Sohn / steh fest und hoffe auf mich. Denn was sind Menschenworte anders als Worten: Durch die Luft fliegen sie / aber sie können keinen Stein von der Stelle rücken. Hast du gefehlt / so laß deine erste Sorge sein / deinen Fehler wieder gut zu machen. Bist du dir keines Fehlers bewußt / so sieh zu / wie du es aus Liebe zu Gott willig erträgst. Die Menschen Arges von sich reden zu lassen / heißt doch im Grunde wenig leiden. Du bist offenbar noch nicht stark genug / schwere Schläge auszuhalten / weil du kaum ein hartes Wort ertragen kannst. Und darum greifen dann so geringe Leiden dir so tief in dein Herz hinein / also nur deswegen / weil du noch unter der Herrschaft des Fleisches stehst / noch auf Menschenurteil ein größeres Gewicht legst / als du aller Vernunft nach darauf legen solltest. Du hast noch eine so kindische Furcht vor den verachtenden Blicken der Menschen / deshalb willst du wegen deiner Fehltritte dich nicht strafen lassen / deshalb willst du deine Blößen mit dem Feigenblatt der Entschuldigung so künstlich zudecken. Kehre nur den schärferen Blick in dein Herz / und du wirst es klar sehen / daß die Welt und die eitle Begierde / den Menschen zu gefallen / in dir noch sehr lebendig sind. Denn da du vor Erniedrigung und Beschämung / die deine Fehler verdient haben / zurückbebst / so gibst du dadurch klar zu verstehen / daß du die wahre Demut noch nicht besitzest / daß du der Welt noch nicht gestorben / und die Welt dir noch nicht gekreuzigt ist. Horche nur auf ein Wort aus meinem Munde / und zehntausend Menschenworte werden dein Herz nicht in Bewegung setzen können. Sieh / wenn alles Böse / das die sinnreichste Bosheit ersinnen könnte / wider dich ausgestreut würde / was würde es denn dir schaden können / wenn du alles vorübergehen ließest / oder wenn dein Herz an all den Lästerworten so wenig Anteil nähme wie an einem Grashalm auf der Wiese draußen: Könnten alle Lästerworte als Worte auch nur ein Haar deines Haupts dir ausreißen? Aber wer sein Herz nicht bei sich daheim und seinen Gott nicht immer vor Augen hat / den kann ein leichtes Lästerwort aus aller Fassung bringen. Wer aber auf mich vertraut und nicht auf seinem Eigendünkel bestehen will / den wird kein Menschenwort so leicht in Furcht und Schrecken jagen können. Denn ich bin der Richter / ich weiß um alle Geheimnisse / ich weiß den Gang der Sache / ich kenne beide / den / der verleumdet / und den / der die Verleumdung still erduldet. Von mir ging das Wort aus / das so tief dich verwundete / ich ließ ihm freien Lauf / damit die geheimsten Gedanken in vielen Herzen sich offenbarten. Ich werde einst den Schuldigen und den Unschuldigen öffentlich richten und habe jetzt nur ein geheimes Gericht über beide ergehen lassen / damit schon im voraus an beiden offenbar werde / was in ihnen ist / Gutes oder Böses. Das Zeugnis der Menschen trügt oft / aber mein Urteil ist wahr / bleibt ewig wahr und vermag durch kein anderes Urteil umgestoßen zu werden. Mein Urteil ist zwar für die meisten Menschen ein Geheimnis / und nur wenige haben Licht genug / es einzusehen. Aber die lauterste Wahrheit ist es immer und kann nichts als die lauterste Wahrheit sein / irrt nicht und kann nicht irren / wenngleich es im Auge des Toren irrig zu sein scheint. Du mußt also bei allen Urteilen / die die Menschen über dich ergehen lassen / zu mir deine Zuflucht nehmen und nicht auf deiner eigenen Meinung bestehen. Denn der Gerechte bleibt heiter und unverwirrt in allem / was der Herr über ihn kommen läßt. Es kränkt ihn auch nicht sonderlich / wenn einige Zeitgenossen wider alle Gerechtigkeit ihn verdammen. Er hat auch keine eitle Freude daran / wenn andere mit aller Vernunft ihn in Schutz nehmen. Denn er erwägt / daß ich es bin / ich allein / der die Herzen erforscht und die Nieren prüft / der nicht nach dem trügenden Schein richtet / sondern nach der Wahrheit. Denn oft finden meine Augen noch da eine Schuld / wo das menschliche Gericht nichts als Unschuld findet. O mein Gott und Herr / du mein Richter und meine Stärke / gerecht in allen deinen Gerichten und stark zum Helfen in allen meinen Nöten: Du kennst die Gebrechlichkeit und den bösen Sinn der Menschen und bist geduldig und barmherzig. Sei du meine Stärke / du mein ganzes Vertrauen. Denn mein Gewissen tut mir kein Genüge. Du weißt / was ich nicht weiß. Deshalb hätte ich mich auch bei allem Tadel der Menschen vor deinem Richterblick erniedrigen und in stiller Sanftmut alles ertragen sollen. Verzeihe mir auch / wenn und so oft ich anders gehandelt habe / und schenke mir neue Kraft zur neuen Geduld. Denn die Fülle deiner Erbarmungen taugt ungleich besser zur Vergebung aller meiner Sünden / als meine vermeintliche Gerechtigkeit zur Rechtfertigung meiner Fehler / die in meinem Gewissen keine Spur hinterlassen haben. Und obgleich ich keiner Sünde mir bewußt bin / so kann ich doch selbst deshalb mich nicht gerecht sprechen. Denn käme deine Barmherzigkeit uns nicht zu Hilfe / so würde kein Mensch vor deinem Angesichte bestehen / kein Mensch mit seiner Gerechtigkeit vor dir ausreichen können. Siebenundvierzigstes Kapitel. Die ewige Freude ist aller zeitlichen Leiden wert. Mein Sohn / laß die Lasten / die du meinetwillen auf deine Schultern genommen hast / dich nicht mutlos / laß die Drangsale / die dich umgeben / dich nicht trostlos machen. Sieh nur auf meine Verheißung hin / sie soll dir bei jedem Ereignis Mut und Trost in die Seele legen. Ich bin ja reich und mächtig genug / für alles / was du tust / dir eine Vergeltung zu schaffen / die allen menschlichen Maßstab weit übersteigt. Es wird deine Arbeit hier nicht lange währen / und die Schmerzen / die dich jetzt zu Boden drücken / werden gestillt sein. Harre noch eine kurze Weile / und du wirst das Ende aller Plagen schnell kommen sehen. Es wird doch noch eine Stunde kommen / wo es heißen wird: Nun ist alle Arbeit und alle Unruhe zu Ende. Klein ist doch alles und von kurzer Dauer / was zeitlich ist und deshalb mit der Zeit vorübergeht. Tu / was du tust. Arbeite fleißig in meinem Weinberge: ich selbst werde dein Lohn sein. Schreibe / lies / singe / seufze / schweige / bete / leide wie ein Mann / was unangenehm ist. Das ewige Leben ist all dieser und wohl noch heißerer Kämpfe wert. Es wird doch noch Friede werden an einem Tage / den der Herr kennt / und dann wird kein Tag und keine Nacht dieser Zeit mehr sein / sondern ein ewiges Licht / eine endlose Klarheit / ein unwandelbarer Friede / eine sichere Ruh. Dann wirst du nicht mehr schreien: Wer wird von diesem Leibe des Todes mich erlösen? nicht mehr schreien: Weh mir / wie lange währt mein Leben hier in diesem Lande? Denn der Tod wird getötet werden / und das Heil in ewiger Herrlichkeit glänzen / und wo das ewige Heil sein wird / da ist keine Angst mehr / nur Freude und Seligkeit / nur edle / liebliche Gesellschaft. O wenn du die unverwelklichen Kronen der Heiligen gesehen hättest / gesehen hättest die Fülle der Herrlichkeit / in der sie jetzt unaussprechliche Freude genießen / sie / die einst die Welt mit Schmach und Hohn gekränkt und kaum des zeitlichen Lebens würdig geachtet hat: o ein solcher Anblick würde bis in den Staub dich erniedrigen / würde in einen andern Menschen dich verwandeln / daß du lieber unter allen Menschen stehen / als über einen einzigen gesetzt sein möchtest / daß du nach keinen Freudentagen auf Erden lüstern wärst / sondern vielmehr Freude hättest / recht vieles um Gottes willen leiden zu können / daß du es für den größten Gewinn ansähest / unter Menschen und von Menschen für nichts geachtet zu werden! O wenn du solche Anschauungen in deinem Gemüte / solche Gefühle tief im Herzen hättest / wie würdest du es wagen können / auch nur ein Klagewort auf deine Zunge zu nehmen? Ist es denn das ewige Leben nicht wert / daß man alles / was Arbeit und Plage heißt / dafür aushalte? Ist es denn eine so geringwertige Kleinigkeit / das Reich Gottes zu gewinnen oder zu verlieren? So hebe denn dein Auge gen Himmel! Sieh / ich bin hier / und alle Heiligen sind bei mir. Sie hatten in dieser Welt großen Kampf zu bestehen. Aber jetzt freuen sie sich / setzt sind sie getrost / jetzt haben sie Sicherheit / jetzt genießen sie Ruhe und werden im Reiche meines Vaters ewig bei mir bleiben. Achtundvierzigstes Kapitel. Vom Tag der Ewigkeit und von der Nacht dieses Lebens. O du seligste Wohnstätte in der heiligen Stadt / die da droben ist! O du lichtheller Tag der Ewigkeit / den keine Nacht verdunkelt! Die höchste Wahrheit selbst ist deine Sonne / ihr Licht deine unvergängliche Heiterkeit! Du Tag der Freude / Tag der Sicherheit / du kennst keinen Wechsel / bist ewig ein und derselbe Tag. O daß auch mir dieser Tag schon aufgegangen wäre / daß auch für mich alles Zeitliche schon sein Ende genommen hätte! Den Heiligen leuchtet dieser Tag schon mit ewiger Klarheit / wir aber / die wir noch hier auf Erden pilgern / sehen ihn nur so von fern / nur wie im Spiegel. Nur die Bürger des Himmels wissen es / was für ein Freudentag der Tag der Ewigkeit ist; wir / Kinder unserer Stammutter Eva / Pilger außerhalb des Vaterlandes / tun durch unser Seufzen kund / wie bitter und schmerzlich der Tag dieses Lebens ist. Kurze / schlimme Tage dieser Zeit / voll Angst / voll Schmerz / in denen der Mensch von vielen Sünden befleckt / von vieler Furcht gefesselt / von vielen Sorgen umhergetrieben / von vielen Begierden nach dem Neuen und Sonderbaren zerstreut / von vielen Eitelkeiten hin und her gezogen / von vielen Irrtümern umlagert / von vielen Arbeiten abgenützt / von vielen Versuchungen niedergedrückt / im Überfluß von Lust entnervt und in Dürftigkeit von Unlust gefoltert wird! Wann werden doch diese Übel ein Ende nehmen? Wann werde ich aus diesem elenden Knechtsstande / dem Sündendienst / erlöst werden? Wann werde ich an dich allein / o mein Gott / denken können? Wann werde ich voll Freude / die dies mein Herz sättigt / zu dir finden? Wann werden alle Ketten von mir abfallen / wann werde ich die wahre Freiheit genießen / die Freiheit von aller Bedrückung des Leibes und der Seele? Wann kommt er denn einmal / der wahre Friede / ein Friede von innen und außen / der sicher / ewig heiter und durchaus unwandelbar ist? O guter Jesus / wann werde ich dich sehen / die Herrlichkeit deines Reiches schauen können? Wann wirst du mir alles in allem / wann werde ich bei dir in deinem Reiche sein / das du von Ewigkeit her deinen Geliebten zubereitet hast? Verlassen / arm und ein Vertriebener hier in Feindesland / irre ich umher / nichts als Krieg und Krieg alle Tage und großes Unheil um mich her! Sende du deinen Trost in dies mein Elend herab / mildere du meine Pilgernot! Denn all mein Sehnen sehnt sich nach dir / und alles / was die Welt zum Trost mir darreicht / ist mir nur eine neue Last. Dich möchte ich in innigster Vereinigung genießen / kann dich aber nicht erreichen. Dem Himmlischen möchte ich mit ganzer Seele anhangen / aber das Zeitliche drückt mich abwärts / und meine ungetöteten Neigungen schleppen auf der Erde mich umher. Hinaufschwingen / hoch über alle Dinge empor / möchte sich mein Geist / aber das Fleisch stößt ihn mit Gewalt und wider seinen Willen unter die vergänglichen Dinge hinab. So lebe ich unseliger Mensch mit mir selbst in hartem Streit und bin mir selbst zur Last / indem mein Geist immer nach oben hinauf und mein Fleisch immer nach unten hinab mich drängt und treibt. O was leide ich im Innersten für heiße Leiden / wenn mein Geist seligen Umgang mit dem Himmel pflegt / und unversehens ein Schwarm sinnlicher / irdischer Dinge den betenden Geist vom Himmel herab auf die Erde lockt! Mein Gott / sei nicht fern von mir / weiche nicht im Zorn von deinem Knechte! Sende deine Blitze und zerstreue sie / sende deine Pfeile und verscheuche sie / die törichten Gedanken / die der Feind in die Seele legte! Sammle alle meine Sinne und erhebe sie zu dir / lehre mich alles / was die Welt Vergängliches hat / vergessen und all die aufreizenden Bilder / mit denen die Sünde meine Seele angefüllt hat / zertrümmern und aus der Seele schaffen. Du ewige Wahrheit / eile mir zu Hilfe / damit keine Eitelkeit mich zum Weichen bringe. Und du / himmlische Freude / ströme in mein Herz / damit alle Unreinigkeit der irdischen Lust vor deinem Angesicht dahinfliehe. Verzeihe es mir / verzeihe es mir / so oft ich im Gebete etwas anderes als dich im Auge habe. Denn ich muß wahrhaftig meine Schwäche bekennen: mein Gebet ist voll Zerstreuung. Ich bin gar oft nicht da / wo der Leib sitzt oder steht / da bin ich oder dort / wohin mein Gedanke mich mit sich fortreißt. Ich bin da / wo mein Gedanke ist / und mein Gedanke ist da / wo meine Liebe ist / und meine Liebe ist da / wo das ist / was ich liebe. Was meine sinnliche Natur ergötzt oder mir durch Angewöhnung lieb geworden ist / das kommt mir leicht zu Sinn. Da fühl ich recht die Wahrheit deines klaren Wortes: Wo dein Schatz ist / da ist dein Herz. Wenn ich das Himmlische lieb habe / so denke ich gern an das Himmlische / wenn ich das Irdische lieb habe / so denke ich gern an das Irdische; ich habe Freude wenn die Ereignisse dem irdischen Sinn angenehm / und habe Kummer / wenn sie ihm unangenehm sind. Wenn ich das Sinnliche lieb habe / so bilde ich mich in das Sinnliche hinein und male diese Bilder aus / wenn ich das Geistliche lieb habe / so bilde ich mich in das Geistliche hinein und lebe mit Freuden in diesen Bildern. Was immer ich lieb habe / davon rede ich und höre ich gern reden / davon nehme ich auch die Bilder mit mir und trage sie nach Hause. Aber selig der Mann / der um deinetwillen / o Gott / allen Geschöpfen Abschied gibt / der der Natur Gewalt antut / der die Lüste seines Fleisches in heiligem Eifer des Geistes ans Kreuz schlägt / damit er mit reinem / heiterem Gewissen reine / heitere Gebete dir opfern könne / und / losgerissen von allem Irdischen in sich und außer sich / würdig werde / in die Chöre der Engel sich zu mengen. Neunundvierzigstes Kapitel. Von dem Heimweh nach dem ewigen Leben und von den großen Verheißungen / die den mutigen Kämpfern gegeben sind. Mein Sohn / wenn ein höheres Leben in dir sich regt / und das Verlangen nach der ewigen Seligkeit in dir sich entzündet / wenn du wirklich aus der Hütte des Lebens hinaustreten möchtest / um meine Klarheit in jenem Licht ohne Schatten anzuschauen / o dann erweitere deine Seele und laß dies heilige Feuer den tiefsten Grund deines Herzens durchglühen. Danke / soviel du danken kannst / der höchsten Liebe / die so freundlich mit dir umgeht / so gütig dich besucht / so mächtig dich entzündet und dich über dich so hoch erhebt / damit du nicht wieder / von eigener Schwere gezogen / zur Erde fallen möchtest. Dies lebendige Verlangen nach dem Himmlischen / dies Heimweh / ist keine Folge deiner Betrachtungen / kein Lohn deiner Bemühungen / sondern eine unverdiente Gabe Gottes / der mit Vaterhuld dich anblickte und milde zu sich emporzog / damit du in allen Tugenden und besonders in der Demut zunehmen / auf kommende Streittage dich rüsten / mit ungeteilter Liebe mir anhängen und mit einem nie erkaltenden Eifer mir dienen möchtest. Mein Sohn / oft brennt das Feuer auf deinem Herde / aber die Flamme / die vom Herde aufsteigt / ist nicht ohne Rauch / der auch mit aufsteigt. So brennen in vielen Herzen viele Begierden / aber die Flamme dieser Begierden ist nicht rein von dem Rauch der sinnlichen Neigung. Deshalb begehren sie von mir mit heißem Flehen bald dies / bald jenes; aber es ist nicht reiner / ganz lauterer Eifer für die Ehre Gottes / der sie zu diesem heißen Flehen treibt. So ist auch dein Verlangen gar oft beschaffen / es ist zu ungestüm / um ganz rein zu sein. Alles / was mit Eigenliebe befleckt ist / ist befleckt / also nicht rein / nicht vollkommen. Begehre nie von mir / was dir Freude oder Vorteil gewähren kann / sondern was mir wohlgefällig ist / was meine Ehre fördert. Denn wenn dein Urteil vernünftig ist / so sollst du ja meinen Willen und / was er anordnet / mehr bei dir gelten lassen als all dein Verlangen und mehr als alles / was du verlangst. Ich kenne dein Verlangen und habe alle deine Seufzer gehört. Du möchtest schon jetzt in der Freiheit sein / die den Kindern Gottes im Lande der Herrlichkeit aufgehoben ist. Schon jetzt hast du Freude an dem unzerstörbaren Hause / an dem himmlischen Vaterland / das mit lauter Freude ausgefüllt ist. Aber diese deine Stunde ist noch nicht gekommen. Jetzt ist noch eine andere Stunde für dich / die Stunde des Streites / der Arbeit / der Prüfung. Du wünschest das höchste Gut schon jetzt zu besitzen / aber du vermagst es jetzt noch nicht zu erlangen. Ich lebe und komme. Warte meiner / spricht der Herr / bis das Reich Gottes kommt. Du mußt noch viele Prüfungen durchmachen / mancherlei Übungen hier auf Erden aushalten. Trost wird dir gereicht werden / aber ein Genuß / der dein Herz sättigt / kann dir nicht gegeben werden. Fasse also neuen Mut und sei ein Mann / stark zum Leiden und stark zum Handeln / wenngleich deine Natur noch so sehr dagegen sich sträubt. Du mußt noch in einen neuen Menschen umgewandelt und noch ein ganz anderer Mann werden. Du mußt tun lernen / was du nicht willst / und verlassen / was du behalten möchtest. Was andere wollen / wird zustande kommen; was du willst / ins Stocken geraten. Was andere sprechen / wird Gehör und Beifall finden; was du redest / wird für nichts gerechnet werden. Andere werden mancherlei begehren und erhalten / was sie begehren; du wirst auch bitten / aber nichts erhalten. Andere werden berühmte Männer werden / von denen die Leute sich nicht satt reden können; aber von dir wird es überall so still sein / als wenn du nicht einmal auf Erden wärest. Andern wird man diesen oder jenen wichtigen Auftrag erteilen / du aber wirst im Urteil der andern zu nichts taugen. Darüber wird dann dein Herz bekümmert sein / und es ist viel / wenn du diesen Kummer still leidend ertragen wirst. Durch diese und andere Erfahrungen muß nun der treue Knecht des Herrn geläutert werden / damit er sich selbst verleugnen und allen seinen Eigensinn und Eigenwillen brechen lerne. Es ist das Bedürfnis / dir selbst abzusterben / für dich in fast keinem Stück so groß als in dem / was du täglich wider deinen Willen sehen und leiden mußt / besonders / wenn Dinge dir befohlen werden / die unschicklich sind und die minder nützlich zu sein scheinen. Und weil du / unter einen Obern gesetzt / es nicht wagen willst / der höheren Gewalt zu widerstehen / so wird es dir schwer / sehr schwer / immer nur nach dem Wink eines andern zu wandeln und stets deine eigenen Empfindungen zu verleugnen. Aber denke / mein Sohn / daß dies alles bald ein Ende nehmen / und auf die Aussaat eine schöne Ernte / auf die Arbeit ein großer Lohn folgen wird; und es wird dir leichter werden / und deine Geduld einen unerschütterlichen Grund des Trostes finden. Denn dafür / daß du jetzt deinen Willen darangibst / dafür wirst du einst im Himmel deinen Willen in allem wiederfinden. Alle deine Wünsche werden dort in Erfüllung gehen. Dort wird dir alle Kraft zum Genuß alles Guten gegeben / und die Furcht / es wieder zu verlieren / auf ewig von dir genommen. Dort wird niemand dir widerstehen / niemand über dich sich beklagen / niemand deine Macht hemmen / niemand deinen Willen beschränken; alles / was du verlangst / wird auch da sein / wird all dein Verlangen befriedigen und dein ganzes Vermögen zu wünschen vollkommen ausfüllen. Dort werde ich alle Schmach mit Ehre / alle Traurigkeit mit Freude / und die letzten Plätze / die du auf Erden eingenommen hast / mit den ersten Stellen in meinem Reiche dir vergelten / und dieser Lohn wird kein Ende nehmen. Dort wird der Gehorsam die schönsten Früchte ernten / der Schmerz der Buße in jauchzende Freude verwandelt / und der Demut / die unter alle sich gesetzt hat / die Krone der Herrlichkeit aufgesetzt werden. So neige dich denn aus edlem Trieb der Demut unter alle und laß es dich nicht ängstigen / wer das gesagt / wer jenes befohlen habe. Aber das laß deine Sorge sein / daß du / mag ein Oberer oder ein Untergebener oder einer deinesgleichen in gebietendem Ton oder mit freundlichem Wink etwas von dir fordern / daß du alles / was sie wollen / so gut wie möglich deutest und ohne Falsch zustande bringst. Einer wird das / ein anderer etwas anderes erobern wollen; dieser in diesem / jener in seinem sein Reich suchen und tausendmal tausend Lobsprüche erhalten; du aber mußt weder in jenem noch in diesem deine Freude suchen / sondern das allein laß deine Freude sein / daß mein Wohlgefallen vollbracht und meine Ehre gefördert werde / wenngleich du um des Guten willen tapfer gelästert und wie Auskehricht weggeworfen werden solltest. Denn das allein ist für dich wünschenswert / daß Gott in dir allzeit verherrlicht werde durch dein Leben oder durch dein Sterben. Fünfzigstes Kapitel. Wie man in der Stunde der Trostlosigkeit sein ganzes Herz in die Hände Gottes legen soll. Mein Gott und Herr / heiliger Vater / dir sei Lob und Preis jetzt und in alle Ewigkeit; denn wie du wolltest / so geschah es / und was du tust / ist alles wohlgetan. In dir suche dein Knecht seine Freude / nicht in sich und in keinem andern Geschöpf; denn du allein bist die wahre Freude / du meine Hoffnung und Krone / du meine Ehre und Seligkeit. Was hat doch dein Knecht / das er nicht von dir empfangen / und auch ohne sein Verdienst empfangen hätte? Dein ist alles / was du gegeben und was du getan hast. Arm bin ich / und Plage und Mühe wuchs mit mir von Jugend auf. Oft habe ich tiefen Kummer im Herzen und Tränen im Auge / oft machen mich herannahende Leiden uneins mit mir. Mein ganzes Herz sehnt sich jetzt doch nur nach einer Freude / sie heißt Ruhe und Frieden. Ich flehe um eine Gnade zu dir / sie heißt Ruhe und Frieden deiner Kinder / die in deinem Lichte und auf der Weide deines Trostes wandeln. Wenn du mir diesen Frieden / diese heilige Freude schenkst / o dann wird die Seele deines Dieners / zu deinem Heile geweiht / lauter Lobgesang sein. Aber wenn ich dich aus dem Herzen / dein Licht aus den Augen verliere / wie es oft geschieht / dann bin ich ohnmächtig / kann nicht mehr auf dem Wege deiner Gebote so munter fortschreiten / muß nur hinsinken auf die Knie und an meine Brust schlagen. Dann ist es in meinem Herzen ganz anders / als es gestern und vorgestern war / da noch dein Licht über meinem Haupte glänzte / da noch der Schatten deiner Flügel vor den eindringenden Versuchungen mich schützte. Vater / gerechter / ewig allen Lobes würdiger Vater / sie ist gekommen / die Prüfungsstunde für deinen Knecht. Vater / ewig aller Liebe würdiger Vater / es ist so billig und recht / daß dein Knecht in dieser Stunde etwas um deinetwillen leide. Vater / ewig aller Anbetung würdiger Vater / sie ist gekommen / die Stunde / die du von Ewigkeit her voraussahst / die du kommen ließest / damit dein Knecht im äußerlichen auf eine kurze Zeit unterliege / im Inwendigen aber sich stets aufrecht halte / aufrecht vor dir / in deinem heiligen Auge: Eine kurze Weile soll dein Knecht von Menschen gering geachtet / erniedrigt / in den Staub gedrückt und von Leiden und Schwachheiten gleichsam zu Staub zermalmt werden / damit er / wenn das Morgenrot deines Lichts anbricht / mit dir herrlich wieder auferstehen und in dem himmlischen Vaterlande neu verherrlicht werden möge. Vater / heiliger Vater / du hast es so angeordnet / dein Wille hat es so geboten / und es ist geschehen / was du angeordnet / was du geboten hast. Denn dein Freund sieht es als eine Gnade an / in dieser Welt um deines Namens willen sich bedrücken und bedrängen zu lassen / so oft und durch wen er immer bedrückt und bedrängt werden mag. Denn aller Druck und Drang steht unter deiner Zulassung. Ohne deinen Ratschluß / ohne deine Vorsehung und ohne Ursache geschieht doch nichts auf Erden. Und ich kann sagen: Herr / es ist gut für mich / daß du mich gedemütigt hast / damit ich deine gerechten Führungen kennen lerne und alle hochmütigen Anschläge / alle Anmaßungen meines Herzens wegwerfe. Wohl mir / daß Schande mein Angesicht bedeckte! Denn das nötigte mich / mehr bei dir als bei Menschen Trost zu suchen. Ich habe noch etwas aus dieser Trübsal gelernt / dies nämlich: in heiligem Schauer aufzuschauen zu deinen unerforschlichen Gerichten; denn deine Züchtigung schlägt den Gerechten wie den Ungerechten / aber jeder Schlag ist Gerechtigkeit und Liebe. Ich danke dir / daß du meine Sünden nicht geschont / sondern meinen harten Sinn mit herben Schlägen weich und mürbe gemacht hast / indem du viele schmerzhafte Leiden über mich und mich selbst in ein Angstgedränge von innen und außen hast kommen lassen. Es ist doch unter allen Dingen unter der Sonne keines / das mich trösten könnte. Du allein / mein Gott / du allein kannst mich trösten / du bist der himmlische Seelenarzt / du schlägst und heilst / du führst in den Abgrund hinab und wieder heraus; deine Hand / die mich züchtigte / schwebt noch über mir; und deine Zuchtrute wird meine Lehrmeisterin sein. Liebster Vater / sieh her / ich bin in deiner Hand; tief gebeugt unter deiner Rute / unterwerfe ich mich deiner Züchtigung. Schlage / schlage zu auf meinen Rücken und Nacken / bis mein starrsinniger / unbeugsamer Wille endlich ganz in deinen Willen sich ergeben haben wird. Laß nicht ab / an mir zu bilden / bis du mich zu einem frommen / demütigen Schüler ausgebildet haben wirst / der dir auf jeden Wink gehorcht; denn das ist deine Weise / die Menschen zu erziehen. Ich gebe mich und all das Meine ohne Ausnahme in deine Schule / damit du alles besser machst / als es ist. Denn es ist wahrhaftig besser / hier in deine Zucht genommen zu werden als dort in der Ewigkeit. Du weißt alles und jedes / und das Verborgenste im Gewissen des Menschen ist unverborgen vor dir. Was kommen wird / das liegt hell vor deinem Blick / ehe es kommt; und du hast nicht nötig / daß jemand etwas von dem / was auf Erden geschieht / dir erzähle oder in dein Gedächtnis bringe. Du weißt / was mir im Guten weiter forthilft / und wieviel die Trübsal dazu beiträgt / den Rest meiner Sünden zu entfernen. So mache es denn mit mir nach deinem heiligen Wohlgefallen und sieh mit dem Blick deiner Gnade herab auf mein Leben / das voll Sünden / und in seiner Sündhaftigkeit dir / mein Gott / am besten bekannt ist. Lehre mich / o Herr / das wissen / was ich wissen / das lieben / was ich lieben soll / das loben / was deinen Beifall / das obenan setzen / was bei dir den ersten Platz hat / das hochachten / was in deinen Augen hochachtenswert / das verachten / was in deinem Auge verächtlich ist. Laß mich nicht nach dem bloßen Augenschein urteilen und auch nicht nach dem Hörensagen unerfahrener Leute irgendein Urteil nachsprechen / lehre mich vielmehr das Sichtbare von dem Unsichtbaren / das Sinnliche von dem Geistigen nach der Wahrheit unterscheiden und vor allem deinem heiligen Willen überall nachforschen. Denn der Sinn des Menschen trügt sich oft. Die Freunde der Welt sind aber unter allen Menschen am meisten der Täuschung preisgegeben / weil sie nur das Sichtbare lieben. Ist der Mensch deshalb besser / weil ihn andere höher schätzen? Der Falsche betrügt den Falschen / der Eitle den Eitlen / der Blinde den Blinden / der Kranke den Kranken / wenn er ihn lobt und obenan setzt. Ein falscher Lobspruch / den die Eitelkeit ausspricht / ist weiter nichts als eine wahre Beschimpfung des Menschen. Kurz: Was der Mensch in Gottes Augen ist / das ist er / und mehr ist er nicht / sagt der demütige heilige Franziskus. Einundfünfzigstes Kapitel. Arbeitet gern im niedrigen Tal / wenn ihr auf dem hohen Berge euch nicht festhalten könnt! Mein Sohn / du kannst das Verlangen nach Heiligung / das dein Herz so oft durchglüht / nicht immer lebendig / noch dich auf dem Berge der höheren Beschaulichkeit feststehend erhalten; sondern du mußt manchmal / gedrückt von dem Erbschaden der menschlichen Natur / in das niedere Tal hinabsteigen und die Last des gebrechlichen Lebens auch wider deinen Willen und mit Ekel und Überdruß tragen lernen. Solange du den sterblichen Leib mit dir umherträgst / solange wirst du von Beklemmung des Herzens und Überdruß nie lange freibleiben können. Du wirst also im Fleische oft über die Last des Fleisches seufzen müssen / weil es dich unfähig macht / den heiligen Übungen des Geistes und der Betrachtung göttlicher Dinge unablässig nachzuhängen. Während dieser Gemütsverfassung ist es dir sehr gut / an niedere und äußere Arbeiten Hand anzulegen / deine verlorenen Kräfte durch gute Werke wieder einzuholen / meine Ankunft und die Gnade des Himmels mit festem Mut zu erwarten und dein Elend und deine Geistesdürre mit Geduld zu ertragen / bis ich dich wieder heimsuchen und von aller Angst erlösen werde. Denn ich werde dir soviel Freude mitbringen / daß du aller Arbeiten wirst vergessen und Ruhe und Frieden in deinem Innersten wirst genießen können. Ich werde die grünen Auen der heiligen Schrift vor deinem Anblick ausbreiten / ich werde dein Herz erweitern / daß du auf der Bahn meiner Gebote wieder mutig wirst fortschreiten können. Und du wirst ausrufen: Das Leiden dieser Zeit ist viel zu gering / als daß es auch nur in Vergleich kommen könnte mit der Herrlichkeit / die in uns wird offenbar werden: Zweiundfünfzigstes Kapitel. Der Sünder achte sich nicht des Trostes und der Gnade wert / er fühle vielmehr / daß er nichts als Strafe und Züchtigungen verdient habe. Mein Herr / ich bin deines Trostes / deiner göttlichen Heimsuchung nicht wert! Und wenn du mich noch so lang in meinem Elend ohne Trost schmachten ließest / so müßt ich doch bekennen / daß du nach Gerechtigkeit handeltest. Denn könnte ich auch Tränen der Reue vergießen / soviel als Wassertropfen im Weltmeer sind / so wäre ich doch deiner Tröstung unwert. Geißel und Strafe / das ist es eigentlich / was ich verdient habe / weil ich deine Liebe so oft undankbar beleidigt / viele und große Fehltritte getan habe. Also wenn ich die Vernunft / nicht die Einbildung in mir entscheiden lasse / so darf ich mich auch des geringsten Trostes nicht würdig achten. Aber du / mein Gott / reich an Güte und Erbarmung / du willst ja nicht / daß die Werke deiner Hände zugrunde gehen sollen; du willst vielmehr den ganzen Reichtum deiner Güte an uns Sündern / als an so vielen Gefäßen deiner Barmherzigkeit / offenbar machen / und deswegen sendest du deinem Knechte ohne all sein Verdienst und über alle Begriffe des menschlichen Verstandes hinaus Trost und Erquickung in sein Herz. Denn wenn du eine Seele tröstest / so ist es etwas ganz anderes / als wenn Menschen mit Menschenworten einander trösten wollen. Mein Herr / was habe ich denn getan / daß du mir himmlische Tröstungen zu kosten gabst? Ich weiß nichts Gutes / das ich getan hätte / ich weiß vielmehr / daß ich von jeher geneigt und schnell bereit zum Bösen / und träg und unbeholfen zum Guten war. So ist es / und ich kann die Wahrheit nicht verleugnen. Käme auch ein anderes Wort aus meinem Munde / so stündest du wider mich auf / und ich hätte niemand / der mich wider deine Anklage rechtfertigen könnte. Was habe ich für alle meine Sünden anders verdient als die Hölle / das ewige Feuer? Wahrhaftig / ich bekenne es / daß ich nichts als Schmach und Hohn verdient habe und daß ich der Stelle unter deinen andächtigen Freunden unwert bin. Und obgleich meine Natur sich dagegen sträubt und es nicht hören mag / so muß ich doch wider mich und für die Wahrheit reden / muß meine Sünden bekennen / muß mich selbst anklagen / damit ich würdiger werde / Gnade und Erbarmung bei dir zu finden. Was soll ich sagen / ich voll Schuld und Schmach? Ich finde kein Wort als dies einzige: Gesündigt / gesündigt habe ich / erbarme dich meiner / verzeih mir! Laß mich eine Weile / laß mich über mein Elend klagen / ehe man mich hineinlegt in das finstere Grab / bedeckt mit Todesschatten. Was forderst du denn von einem Sünder / der nichts als Schuld und Elend in sich hat? Das forderst du vor allem / daß er mit zerschlagenem Herzen und voll Reue sich vor dir um seiner Sünden willen erniedrige / tief vor dir sich beuge. In diesem tiefen Beugen seiner Seele / in dieser Herzensreue wird die Hoffnung der Sündenvergebung geboren / wird das zerrüttete Gewissen mit sich und mit Gott wieder ausgesöhnt / wird die verlorene Gnade wieder gefunden / wird das Geschöpf vor dem kommenden Gericht in Schutz genommen. Da begegnen Gott und die reuige Seele einander und treffen zusammen im heiligen Kusse der Freundschaft. Diese Demut / diese Herzensreue des Sünders ist dir / o mein Gott / ein angenehmes Opfer / ein Wohlgeruch vor dir / lieblicher als aller Duft des angezündeten Weihrauchs: Diese Herzensreue ist die wohlriechende Salbe / die einst eine Sünderin über deine Füße gießen durfte / weil du ein demütiges und reuevolles Herz nicht verschmähen konntest. Hier im demütigen und reuevollen Herzen / hier ist die Freistätte vor dem Grimm des Feindes. Hier wird wieder ergänzt / hier abgewaschen / was die Sünde zerrüttet und befleckt hat. Dreiundfünfzigstes Kapitel. Die Gnade des Himmels ist etwas anderes als Weisheit der Erde. Mein Sohn / es ist ein kostbar Ding um meine Gnade. Sie läßt sich mit äußeren Dingen und mit irdischem Trost nicht vermischen. Du mußt also alle Hindernisse der Gnade aus dem Weg räumen / wenn du wünschest / daß sie freien Einfluß in dein Herz haben soll. Suche dir einen verborgenen Ort aus und lebe da einsam und in dir gesammelt; bekämpfe in dir die eitle Begierde / immer nur mit Menschen zu reden; laß dein Herz vielmehr vor Gott in einem andächtigen Gebet sich ergießen / damit dein Gewissen rein und dein Gemüt stets weich und offen für himmlische Eindrücke bleibe. Lerne die ganze Welt für nichts achten und den innern Herzensumgang mit Gott allem / was außer dir ist und dich außer dir umhertreibt / vorziehen. Denn dein Herz kann nicht mit mir Umgang haben und zugleich den vergänglichen Dingen mit geheimer Lust anhangen. Um mir zu nahen / soll dein Herz von allem / was dir nahe ist / sich entfernen / soll sich losmachen von der ungeordneten Anhänglichkeit an Bekannte und Freunde und dem zeitlichen Trost Abschied geben. In diesem Sinn ermahnt Petrus die ersten Christen / daß sie sich als Fremdlinge und Pilger auf Erden von aller Liebe zum Irdischen rein bewahren sollen. O wenn den Sterbenden keine Neigung an die Erde heftet / wie frei muß sein Herz / wie groß seine Zuversicht sein. Aber ein krankes Gemüt hat keinen Sinn für die Gesundheit / die darin besteht / daß der unvergängliche Wille sich losmacht und reinhält von aller Anhänglichkeit an das Vergängliche; und der tierische Mensch versteht nicht die Freiheit des geistigen Menschen. Und doch bleibt es ewig wahr: Wer das wahre innere / geistliche Lebern in sich haben will / der muß sich losmachen von allen ungeordneten Neigungen zu allen übrigen Dingen / nahen und fernen / und muß vor keinem Feinde sorgsamer sich hüten als vor sich selbst. Denn wenn du dich vollkommen besiegt hättest / so würdest du alles übrige ganz leicht unter das Joch bringen. Sich selbst besiegt zu haben / das ist der vollendete Sieg. Denn wer es in der Selbstbeherrschung soweit gebracht hat / daß seine Sinnlichkeit der Vernunft / und die Vernunft mir in allen Dingen gehorcht / der ist der wahre Sichselbstbesieger und der rechte Herr der Welt. Wenn du diese Höhe ersteigen willst / so mußt du mit dem Mut eines Mannes anfangen / mußt die Axt an die Wurzel legen / mußt ausrotten und austilgen alle ungeordneten Neigungen zu dir selbst und zu allen Gütern / die vergänglich sind und deine törichte Eigenliebe reizen können. Aus dieser Sünde / das heißt aus der ungeordneten Liebe / mit welcher der Mensch an sich selbst hängt / sprießt jede andere Sünde hervor / die in ihrer Wurzel muß zerstört werden. Und wer diese Wurzel alles Bösen in sich unterdrückt und zerstört hat / der wird sogleich Frieden und Ruhe in vollem Maß genießen. Aber eben deswegen / weil so wenige Menschen vollkommen sich absterben / eben deswegen bleiben sie in sich selbst wie in einem starken Netz verstrickt und können nie über sich selbst sich hinaufschwingen. Wer aber in wahrer Freiheit mit mir wandeln will / der muß alle bösen und ungeordneten Neigungen in sich ertöten und keinem Geschöpf mit Eigenliebe und Lüsternheit anhangen. Vierundfünfzigstes Kapitel. Natur und Gnade in ihren entgegengesetzten Richtungen und Bewegungen. Mein Sohn / habe fleißig acht auf die Bewegungen der Natur und der Gnade; denn sie laufen einander schnurstracks entgegen und sind doch so fein / daß auch das geistliche / erleuchtete Auge des innigsten Menschen kaum sie unterscheiden kann. Wir haben zwar alle ein Verlangen nach etwas / das wir für gut halten / jedermann macht etwas Gutes zum Vorwand für seine Reden und Handlungen / aber der Schein des Guten trügt nur zu viele. Die Natur ist schalkhaft / lockt / überlistet und bringt viele in ihre Fallstricke und hat allemal sich selbst zum Zweck; die Gnade ist einfältig und gerade in Sinn und Wandel / meidet allen Schein des Bösen / weiß nichts von Trug und Hinterlist und tut alles nur um Gottes willen / der auch ihr Ruhepunkt ist / außer dem sie nichts mehr verlangt. Die Natur will nicht darangehen / sich selbst abzusterben / scheut allen Druck und alle Überlegenheit / weiß nichts von Gehorsam und freiwilliger Unterwürfigkeit; die Gnade treibt zur Selbstüberwindung / widersteht der Sinnlichkeit / liebt Unterwürfigkeit / kann jeden über sich leiden / eifert nicht nach freier Lebensweise / lebt gern unter Zucht und Ordnung / kennt keine Herrschsucht / will in all ihrem Wesen / Sein und Tun von Gottes Wink und Einfluß abhängig und um Gottes willen auch jedem Menschen in Demut untertänig sein. Die Natur arbeitet immer nur zu ihrem eigenen Vorteil und sieht scharf darauf / was ihr dieses oder jenes für Zinsen abwerfe; die Gnade sieht nicht auf das / was ihr vorteilhaft und bequem / sondern auf das / was andern heilsam ist. Die Natur nimmt gern Ehrenbezeugung und Weihrauch an / die Gnade stellt alle Ehre und allen Ruhm treu ihrem Gott anheim. Die Natur bebt zurück vor allem / was vor Menschen Schande und Verachtung bringt; die Gnade freut sich / um des Namens Jesu willen Schmach zu leiden. Die Natur hat es gern / wenn sie müßiggehen und körperliche Ruhe genießen kann; die Gnade kann nicht müßig sein und schafft immer Trieb und Lust zur Arbeit. Die Natur strebt nach dem / was die Neugierde lockt und die Sinne durch den Zauber des Schönen reizt / und hat Abscheu vor dem / was die Sinne schlecht und rauh finden; die Gnade lustwandelt gern mit Einfältigen und Demütigen / findet nichts zu rauh und macht sich nichts daraus / ein abgenutztes Kleid am Leib zu tragen. Die Natur blickt auf das Vergängliche / macht ein heiteres Gesicht bei einem irdischen Gewinnst und ein finsteres bei einem zeitlichen Verlust / ein unbedeutendes Schmähwort kann sie verbittern; die Gnade sieht auf das Ewige / klebt nicht am Vergänglichen / kennt keine Verwirrung bei einem zeitlichen Verlust und keine Verbitterung bei einer öffentlichen Beschimpfung / weil sie ihren Schatz und ihre Freude im Himmel / wo nichts verloren geht, sichergestellt hat. Die Natur ist habsüchtig / hat mehr Freude daran zu empfangen / als zu geben / liebt eigenes Gut und will alles zu eigen haben; die Gnade ist fromm und gemeinsinnig / meidet alles Besondere / begnügt sich mit wenigem und hält Geben für seliger denn Nehmen. Die Natur treibt zu erschaffenen Dingen / neigt zu Fleisch und Blut / zur Eitelkeit und zum törichten Umherlaufen; die Gnade zieht zu Gott und zur Tugend hin / entsagt dem Geschöpf / flieht die Welt / haßt Fleischeslust / schränkt Umgang und Gesellschaft ein und errötet / wenn sie vor andern sich muß sehen lassen. Die Natur hat gern äußere Tröstungen / die den Sinnen Freude machen; die Gnade spricht zu Gott: Nur du bist mein Trost / und zum höchsten Gut: Du bist mir lieber als alles / was sichtbar ist. Die Natur tut alles aus Gewinn- und Selbstsucht / kann nichts umsonst tun / sucht durch Wohltun das Gleiche oder etwas Besseres oder Lob oder Gunst dafür einzuernten / und sieht es gern / wenn man ihre Handlungen und Geschenke wichtig findet; die Gnade sucht kein vergängliches Gut / sucht keinen Lohn als Gott allein und verlangt selbst den notdürftigen Lebensunterhalt nur insofern / als er ein Mittel werden kann / ewige Güter zu erobern. Die Natur hat Freude daran / viele Freunde und Verwandte zu zählen / hält vieles sich zugute auf adelige Abkunft und einen berühmten Geburtsort / lächelt den Mächtigen Beifall zu / schmeichelt den Reichen und gibt Beifall ihresgleichen; die Gnade liebt auch die Feinde und brüstet sich nicht vieler Freunde wegen / achtet Herkunft und Geburt / wenn nicht edlere Tugend dabei ist / für nichts Großes / hält es mehr mit den Dürftigen als mit den Reichen / will lieber mit dem Unschuldigen leiden / als mit dem Mächtigen Freude haben / freut sich mit Freunden der Wahrheit und nicht mit falschen Brüdern der Lüge / ermuntert die Guten zum schönen Wetteifer / immer besser und dem Sohne Gottes durch Tugend ähnlicher zu werden. Die Natur bricht über jeden Mangel und noch so geringe Lasten in laute Klagen aus; die Gnade kann Mangel und Last mit unbewegtem Mut ertragen. Die Natur lenkt alles auf sich zurück / kämpft mit Mund und Faust für sich; die Gnade führt alle Dinge auf Gott als die Urquelle aller Dinge zurück / schreibt sich nichts Gutes zu / kennt keine stolze Anmaßung / zankt nicht / hält ihre Meinung nicht für besser als fremde Meinungen / sondern unterwirft sich in allem / was sie denkt und empfindet / der ewigen Weisheit und dem Ausspruche des göttlichen Richters. Die Natur forscht nach Geheimnissen und hascht nach Neuigkeiten / will von außen glänzen und durch die Sinne Erfahrungen einsammeln / will gekannt sein und glänzende Taten verrichten / die Lob und Bewunderung schaffen; die Gnade / unbekümmert um alles / was durch Neuheit die Neugier reizt / vergißt es nicht / daß all das Neue Beweis des alten Verderbens ist / daß es im Grunde nichts Neues und nichts Dauerhaftes unter der Sonne gibt. Das ist also die Summe und der Kern alles dessen / was uns die Gnade lehrt: die Sinne zu bezähmen / das eitle Wohlgefallen zu verschmähen / sich selbst nicht zur Schau zu tragen / vielmehr alles / was des Lobes oder der Bewunderung wert sein mag / mit dem Schleier der Demut zu bedecken und in allen Dingen und in allen Wissenschaften nichts anderes zu suchen / als daß Gott dadurch in allem gelobt und verherrlicht und daß der sinkenden Menschheit unter die Arme gegriffen werde. Die Gnade will nicht sich oder ihre Vorzüge gerühmt wissen / Gott möchte sie in allen seinen Gaben verherrlicht sehen / Gott / der alles Gute aus der lautersten Liebe gibt. Diese Gnade kann nicht das Werk der Natur sein / sie ist ein Licht / höher als alles Licht der Natur / ist eine besondere Gabe Gottes / ist das eigentliche Siegel der Auserwählten / ist das rechte Unterpfand des ewigen Heils / hebt den Menschen über ihn und über alles Irdische / daß er das Himmlische lieben kann / und schafft aus dem sinnlichen Menschen einen geistlichen. Eben deswegen wird sie / diese Gnade / dem Menschen desto reichlicher mitgeteilt / je mehr er die sinnliche Natur beherrscht und besiegt. Täglich erhält alsdann der innere Mensch neue Zuflüsse dieser Gnade / wodurch das Ebenbild Gottes in ihm eine herrlichere Gestalt gewinnt und nach dem heiligen Vorbild erneuert wird. Fünfundfünfzigstes Kapitel. Von dem Verderben der menschlichen Natur und von der siegenden Kraft der göttlichen Gnade. Nach deinem Bilde und zu einem gleichenden Bilde deines Wesens / o mein Gott und Herr / hast du mich erschaffen. Schenke mir nun auch deine Gnade / die ich durch die Hilfe deiner Unterweisung für ein so großes und zu meinem Heile unentbehrliches Gut erkannt habe. Schenke mir deine Gnade / damit ich die Natur überwinden kann / welche zerrüttet und verdorben ist und mich zur Sünde und in das Verderben fortreißt. Denn ich fühle in meinem Fleische das eiserne Gesetz der Sünde / das dem Gesetze meines Gemütes widerspricht und mich wie einen Gefangenen fortschleppt / daß ich in so mancherlei Dingen der Sinnlichkeit wie ein Sklave Gehorsam leiste; und ich kann den Leidenschaften keinen entscheidenden Widerstand leisten / wenn mir nicht deine Gnade streiten hilft und wie eine heilige Flamme mein Herz zum Guten entzündet. Ja / deine Gnade ist mir notwendig / und eine große Gnade ist mir notwendig dazu / daß die Natur / die von Jugend auf zum Bösen geneigt ist / in mir besiegt werden möge. Nachdem die menschliche Natur durch den ersten Menschen gefallen und durch die Sünde zerrüttet worden ist / so pflanzt sich dieser Makel nach dem Gesetze der Gerechtigkeit auf alle Menschen fort. Die Natur / die du gut und rein geschaffen hast / ist jetzt eine zerrüttete / kranke / verdorbene Natur. Denn ihre Bewegung / sich selbst überlassen / treibt zu dem / was böse und niedrig ist. Nur eine geringe Kraft ist uns übrig geblieben / gleich einem Fünklein in der Asche verborgen. Und dieses in der Asche verborgene Fünklein ist die natürliche Vernunft / die / von großer Finsternis umhüllt / nur noch Gutes und Böses / Wahres und Falsches zur Not unterscheiden / aber das Gute / das sie selbst billigt / nicht vollbringen / das Wahre / das sie sucht / nicht in vollem Lichte schauen / die Gesundheit der Neigungen / die sie selbst wünscht / nicht durch sich selbst herstellen kann. Daher kommt es / daß ich / dem inwendigen Menschen nach / Freude habe an deinem Gesetz / o mein Gott / indem ich wohl weiß / daß dein Gebot gut / gerecht / heilig ist / alles Böse verdammt und alle Sünde fliehen lehrt. Aber dem Fleische nach diene ich dem Gesetze der Sünde. Ich gehorche mehr der Sinnlichkeit als der Vernunft. Gutes wollen liegt mir nahe / aber das Vollbringen finde ich nicht in mir. Daher kommt es / daß ich so vielerlei gute Entschließungen fasse / aber bei einem geringen Widerstand weiche ich zurück und erliege unter dem Druck der sinnlichen Natur / wenn deine Gnade meine Schwachheit nicht stützt. Daher kommt es / daß ich das Bessere / das ich tun sollte und das mich nach und nach zur Vollkommenheit führen würde / hell genug einsehe / aber / von dem Genuß des eigenen Verderbens niedergedrückt / zu dem / was besser ist / mich wirklich emporzuheben nicht vermag. O wie höchst notwendig habe ich deine Gnade / um das Gute anzufangen / fortzusetzen und zu vollenden: Gutes kann ich ohne diese Gnade nicht tun / aber wenn diese Gnade mich stärkt / dann vermag ich durch dich alles. O du wahrhaft himmlische Gnade / ohne dich hat keine Gabe der Natur / keine Schönheit / keine Leibeskraft / keine Kunst / keine Wissenschaft / keine Beredsamkeit / kein eigenes Verdienst ein Gewicht / einen Wert vor dem Herrn. Denn die Gaben der Natur haben gute und böse Menschen miteinander gemeinsam; aber die Gnade / das ist die heilige Liebe / die den Menschen des ewigen Lebens würdig macht / ist das rechte Unterscheidungszeichen der Auserwählten. So unübertrefflich ist diese Gnade / daß ohne sie selbst die Gabe der Weissagung und die Gabe / Wunder zu wirken / und das tiefste Forschen so viel wie nichts gelten. Noch mehr / ohne diese Gnade / ohne diese Liebe ist weder Glaube / noch Hoffnung / noch eine andere Tugend gottgefällig. O du seligste Gnade / dir ist es gegeben / den / der arm am Geist ist / reich an Tugend / und den / der an vielen Gaben reich ist / von ganzem Herzen demütig zu machen. So komm denn / steig herab zu mir und erfülle mich am Morgen mit deinen Tröstungen / damit meine Seele den Tag über nicht verschmachte und in sich verdorre. Laß mich / o Gott / Gnade finden vor deinem Angesicht / denn an deiner Gnade habe ich genug / wenn ich auch nicht habe / was die Natur verlangt. Es mögen noch viele Versuchungen und Trübsale über mich kommen / ich fürchte nichts / wenn nur deine Gnade bei mir ist. Sie ist meine Stärke / sie schafft mir Rat und Hilfe. Sie ist mächtiger als alle meine Feinde / weiser als alle Weisen. Sie ist die Lehrerin der Wahrheit / sie die Mutter der Zucht / sie das Licht des Herzens / sie schafft Raum in der Bedrängnis / verjagt die Traurigkeit / verscheucht die Furcht / nährt die Andacht und feuchtet das Auge mit Tränen. Was bin ich ohne sie anders als ein dürres Holz / als ein abgestandener Stock / der zu nichts taugt / als hinausgeworfen zu werden? Also komme deine Gnade allezeit mir bevor / deine Gnade begleite mich überall / deine Gnade folge mir überall nach und lasse mich nie müde werden / Gutes zu tun / durch Jesum Christum / unsern Herrn. Amen. Sechsundfünfzigstes Kapitel. Von der vollkommenen Selbstverleugnung. Lieber Sohn / soviel du aus dir selbst herauszugehn vermagst / soviel wirst du in mich eingehen können. Los von dir / eins mit mir. Nichts außer dir verlangen macht dich eins mit dir / dich selbst ganz verlassen macht dich eins mit Gott. Ich will es so: Du mußt endlich doch noch deinen Willen vollkommen verleugnen und den meinen ohne Widerspruch und Klage vollbringen lernen. So folge denn mir nach. Ich bin der Weg / die Wahrheit und das Leben. Ich bin der Weg / den du gehen / die Wahrheit / an die du glauben / das Leben / auf das du dein ganzes Vertrauen bauen mußt. Ich bin der Weg ohne Fehl / die Wahrheit ohne Trug / das Leben ohne Ende. Ich bin der geradeste Weg / die höchste Wahrheit / das wahre / das unerschaffene Leben. Wenn du auf meinem Wege beharrst / so wirst du die Wahrheit erkennen / und die Wahrheit wird dich frei machen / und du wirst in Wahrheit und Freiheit das ewige Leben erfassen. Willst du zum Leben eingehen / so halte die Gebote. Willst du die Wahrheit erkennen / so glaube an mich. Willst du vollkommen sein / so verkaufe alles. Willst du mein Jünger sein / so verleugne dich selbst. Willst du das ewige Leben in Besitz nehmen / so lerne das zeitliche für das ewige dahingeben. Willst du im Himmel erhöht werden / so erniedrige dich auf Erden. Willst du mit mir regieren / so lerne mit mir das Kreuz tragen. Denn nur die Freunde des Kreuzes finden den Weg zur Seligkeit und zum wahren Lichte. Lieber Herr Jesus Christus / voll Leiden war dein Leben / und die Welt verachtete dich und dein Leben. Lehre mich die Welt verachten und deinem Leben nachleben. Denn der Knecht ist nicht mehr als sein Herr / und der Jünger nicht mehr als sein Lehrer. Mein ganzes Leben sei nichts als eine Schule der Übung nach dem Muster deines Lebens / denn darin finde ich Heil und Heiligung. Was ich außer deinem Leben lese oder höre / ist keine rechte Weide für mein Herz und gewährt keine volle Freude. Lieber Sohn / gelesen und verstanden hast du nun alles / was ich gelehrt habe. Wenn du nun auch tust / was du wirklich erkennst / dann bist du selig. Wer meine Gebote hat und sie hält / der ist es / der mich lieb hat / und den werde ich auch lieb haben und mich ihm offenbaren und ihn im Reiche meines Vaters mit mir auf dem Throne der Herrlichkeit sitzen lassen. Lieber Herr Jesus Christus / was du lehrst und verheißest / das soll auch an mir erfüllt werden. Mache mich nur fähig dazu. Angenommen / angenommen habe ich das Kreuz aus deiner Hand / ich will es nun auch tragen / tragen bis zum Tode / wie du es auf meine Schulter gelegt hast. Wahrhaftig / das Leben eines frommen Ordensmannes ist ein rechtes Leben am Kreuze / aber eben deswegen ein sicherer Führer in das Paradies. Ich habe nun einmal den Weg betreten / es ist angefangen / umkehren darf ich nicht / und stille stehn ziemt sich nicht / also voran! Wohlan / Brüder / schließet euch mir an / wir wollen Hand in Hand miteinander gehen. Jesus wird in unserer Mitte / wird unser Reisegefährte sein. Um Jesu willen haben wir das Kreuz auf unsere Schultern genommen / um Jesu willen wollen wir es auch tragen bis ans Ende. Er / der unser Führer und Vorgänger ist / wird auch unser Helfer sein. Seht / unser König geht vor uns her / er wird auch für uns streiten. Laßt uns Männer sein und ihm nachgehen! Kein Schrecken schrecke uns zurück! Der Entschluß gehe mit uns allen ins Feld: den Tod der Ehre im Krieg zu sterben; und die Schande wollen wir unserm herrlichen Beruf nicht antun / daß wir von der Fahne des Kreuzes fliehen. Siebenundfünfzigstes Kapitel. Werde nicht mutlos / wenn du mancherlei Fehltritte tust / oder andere dir Böses nachredend Mein Sohn / Geduld und Demut in trüben Stunden gefallen mir weit mehr als Fülle von Trost und Andacht in heitern Tagen. Wie kann denn ein hartes Wörtlein / das man wider dich fallen ließ / so tief dich verwunden? Wenn es auch mehr gewesen wäre / so hätte es dich nicht entrüsten sollen. Aber nun laß es vorbei sein. Dies ist nicht das Erste und gar nichts Neues und wird auch nicht das Letzte sein / was man wider dich ausstreut. Du bist wohl Manns genug / solange dir nichts Widriges begegnet / du weißt auch andern klug zu raten und ihnen Mut einzureden. Aber wenn plötzlich eine Drangsal dir selbst vor die Türe kommt / da ist dein ganzer Vorrat von Klugheit und Mut zu Ende. Lerne doch einmal deine Gebrechlichkeit kennen / die sich dir so oft bei den unbedeutendsten Vorfällen deutlich genug beweist und die wahrhaftig recht groß ist. Indessen dienen alle Dinge zu deinem Besten / also auch diese und ähnliche Proben deiner Gebrechlichkeit. Schlag dir dies alles / so gut du kannst / aus deinem Sinn und Herzen. Und wenn dir auch etwas zu nahe geht / so laß es dich wenigstens nicht gleich darniederwerfen und verstricke dich nicht selbst tiefer in den Schlingen der Empfindlichkeit. Bist du nicht imstande / im Leiden froh zu sein / so lerne wenigstens geduldig tragen / was auf dir liegt. Und wenn du schon nicht gern hörst und Widerwillen verspürst / so leiste doch Widerstand und laß kein Wort aus deinem Munde kommen / das die Unordnung deines Herzens offenbaren und den schwachen Brüdern Ärgernis geben könnte. O der innere Aufruhr wird bald wieder gestillt und der Schmerz in Freude verwandelt sein / wenn die Gnade wiederkommt. Ich lebe noch / spricht der Herr / und bin bereit / dir zu helfen und dich mehr als sonst zu trösten / wenn du auf mich vertraust und mit vertrauendem Herzen zu mir um Hilfe schreist. Fasse nur Mut / behalte gleichen Sinn bei ungleichen Auftritten und gürte dich mit Geduld zu größeren Leiden. Es ist nicht gleich alles verloren / wenn noch so viele Leiden / noch so schwere Versuchungen dich in die Enge treiben. Mensch bist du / kein Gott; Fleisch und Blut / kein Engel. Wie wolltest du dich auch immer in demselben Stand der Tugend festhalten / da es die Engel im Himmel und der erste Mensch im Paradies nicht vermochten? Ich bin es / der die Niedergeschlagenen aufrichtet zur heiligen Freude; ich bin es / der die Schwachen / die ihr Unvermögen fühlen / in mein göttliches Reich der Kraft emporhebt. Mein Herr / wie dank ich dir für dies dein Wort. Süßer als Honigseim ist es meiner Seele. Was würde in diesen meinen Drangsalen und Ängsten aus mir werden / wenn du mit deinem heiligen Wort mich nicht stärktest? Wenn ich nur einst in dem Hafen des Heils lande / was kümmert es mich dann / was und wieviel ich auf diesem Meer werde ausgestanden haben? Verleih mir ein gutes Ende / einen glücklichen Heimgang aus dieser Welt! Gedenke meiner / mein Gott / und leite mich auf der rechten Bahn in dein Reich. Amen. Achtundfünfzigstes Kapitel. . Forsche nicht in den unerforschlichen Tiefen der göttlichen Ratschlüsse! Mein Sohn / zerbrich dir den Kopf nicht mit eitlem Forschen und Wortwechseln über die geheimen Führungen Gottes: warum dieser so arm und verlassen / jener so klug und in Gnade aufgenommen / dieser so tief erniedrigt / jener so hoch erhöht werde. Denn alles dies liegt über dem Gesichtskreis der menschlichen Vernunft. Kein menschliches Nachforschen kann die Ratschlüsse Gottes erforschen / keine gelehrte Streitrede kann sie erörtern. Wenn also dein Feind solche Gedanken dir in die Seele legt / oder neugierige Menschen darüber Aufschluß von dir haben möchten / so antworte du nur mit dem Propheten: Gerecht bist du / o Gott / und gerecht sind alle deine Ratschlüsse / und: Die Urteile des Herrn sind Wahrheit und bewähren sich selbst als Wahrheit! Denn meine Gerichte sind da / um einen heiligen Schauer über die Menschenherzen zu verbreiten / und nicht / um von den Menschenköpfen untersucht und gerichtet zu werden. Grüble und disputiere auch nicht über die Verdienste der Heiligen / wer etwa heiliger als andere / wer im Reiche Gottes der Größere sein möge. Das Dichten und Forschen dieser Art erzeugt gar oft unnützes Gezänk / nährt Eitelkeit und Stolz / weckt Neid und Zwietracht; da einer diesen / ein anderer jenen Heiligen über alle anderen hochmütig erhebt. Dergleichen Dinge wissen und erforschen wollen / schafft keinen Nutzen und mißfällt den Heiligen; weil ich kein Gott der Zwietracht / sondern ein Gott des Friedens bin; und dieser Friede mehr in wahrer Demut als eigener Erhöhung besteht. Einige haben mehr Neigung zu diesem oder jenem Heiligen / aber bei dieser Neigung unterläuft mehr Menschliches als Göttliches. Ich bin es / der alle Heiligen geschaffen hat / ich habe ihnen Gnade geschenkt / ich habe ihnen Herrlichkeit zugeteilt / ich kenne ihre Verdienste / ich bin ihnen mit den Segnungen meiner Liebe zuvorgekommen / ich habe sie / die Geliebten / von Ewigkeit vorher gekannt / ich habe sie mir von der Welt ausgesucht / nicht sie mich. Ich habe sie durch meine Gnade gerufen / durch meine Erbarmungen angezogen / durch mancherlei Prüfungen hindurch und zu mir herangeführt. Ich habe sie mit den süßesten Tröstungen heimgesucht / ich ihnen die Gabe der Beharrlichkeit geschenkt / ich ihrer Geduld die Krone aufgesetzt. Ich kenne den Ersten und Letzten / ich liebe sie alle mit unvergleichlicher Liebe. Mich soll man in allen meinen Heiligen loben / mich über alles preisen / mich in jedem ehren; denn ich habe sie groß und herrlich gemacht und vorherbestimmt zur Herrlichkeit ohne alles vorhergegangene Verdienst. Wer also einen von meinen Mindesten verachtet / der ehret auch den Großen nicht / denn ich habe den Kleinen und den Großen geschaffen. Und wer einen von den Heiligen verkleinert / der verkleinert auch mich und alle übrigen im Reiche der Himmel. Alle Heiligen sind eins durch das Band der Liebe / eins erkennen / eins wollen sie alle / alle lieben einander / als wenn sie einer wären. Und was noch mehr ist / alle lieben mich ungleich mehr als sich selbst und ihre Verdienste. Ganz außer sich selber und über alle Eigenliebe erhaben / sind sie nichts als lauter Liebe zu mir und wollen nichts als Liebe; und diese Liebe ist ihr Genuß / ihre Ruhe in Gott / ihr Seligsein. Nichts kann sie von mir abwendig machen / nichts kann sie niederdrücken; denn sie sind voll von der ewigen Wahrheit und durchglüht von dem Feuer der unauslöschlichen Liebe. Verstummen sollen also die fleischlichen / tierischen Menschen / sollen es nicht wagen / auch nur ein Wort zu reden von dem Leben der Heiligen / denn sie kennen keine Freude als die der Eigenliebe und keine Liebe als die zu sich selbst. Sie geben und nehmen nach dem Gewicht ihrer Neigung / nicht nach dem Maßstab der ewigen Wahrheit. Einige verfehlen sich hierin aus Unwissenheit / sie sind noch nicht erleuchtet genug und haben vielleicht in ihrem ganzen Leben nie eine lautere / vollkommene / wahrhaft geistliche Liebe gegen irgend einen Menschen gefühlt. Es ist weiter nichts als natürliche Neigung und bloß menschliche Freundschaft / was sie zu diesem oder jenem Heiligen hinzieht. Und ihr irdischer Sinn für das / was irdisch ist / mischt sich unvermerkt auch in ihr Urteil von dem / was überirdisch ist. Aber ach / wer wird ihn messen / den unermeßlichen Abstand zwischen dem / was die Unmündigen denken / und dem / was die Erleuchteten im vollen Licht höherer Offenbarung schauen! Darum hüte dich / mein Sohn / von alledem vor- und aberwitzig zu reden oder zu schreiben / was dein Wissen übersteigt / strebe / ringe vielmehr danach / daß du einst wenigstens als der Geringste im Reiche Gottes mögest befunden werden. Und wenn jemand auch gewiß wüßte / wer im Reiche Gottes an Heiligkeit und Größe obenan stünde / was würde ihm dies Wissen nützen / wenn es ihn nicht zuerst vor mir in den Staub niederwürfe und dann ihn wieder aufrichtete zur größern Verherrlichung meines Namens? Wer immer vor Gott erwägt / wie groß seine Sünden / wie gar klein und schwächlich seine Tugenden / wie fern sein Wandel von der Vollkommenheit der Heiligen sei / handelt ungleich gottgefälliger als der / welcher die größern oder kleinern Verdienste der Heiligen in gelehrten Streitreden auseinandersetzt. Besser ist es / die Heiligen mit heißen Tränengebeten / in Demut und Andacht des Herzens um ihre Fürbitte anzuflehen / als / was von ihrer Herrlichkeit für uns im Dunkel liegt / mit verlorenem Forschen aufhellen zu wollen. O sie sind gar wohl zufrieden / wenn es nur die Menschen auch wären und ihrem leeren Geschwätz einmal ein Ende machten! Sie suchen keinen Ruhm in ihren eigenen Verdiensten / weil sie sich selbst nichts Gutes / weil sie alles Gute mir zuschreiben / mir / der ich ihnen alles Gute aus grenzenloser Liebe geschenkt habe. Ihre Freude an Gott und ihre Liebe zu Gott ist so überfließend groß / daß ihnen nichts mangelt und nichts mangeln kann von alledem / was herrlich und selig macht. Je größer ihre Herrlichkeit / desto größer ihre Demut; je größer ihre Demut / desto näher und lieber sind sie mir. Deshalb heißt es auch / daß sie ihre Kronen niederlegten vor Gott und fielen auf ihr Angesicht vor dem Lamme und beteten an den Ewiglebenden. Viele fragen / wer der Größte im Himmelreich sei / und wissen nicht / ob sie selbst gut genug sein werden / einst auch nur die Stelle des Geringsten einzunehmen. Übrigens ist es schon etwas Großes / auch der Geringste im Himmel zu sein / wo alle groß sind / weil alle Kinder Gottes heißen und sind. Der Geringste soll zu Tausenden werden / der Kleinste zu einem starken Volke. Fluch und Tod kommen über den Sünder von hundert Jahren. Denn als seine Jünger Jesus fragten / wer denn der Größere im Himmelreiche wäre / bekamen sie die unerwartete Antwort: Wenn ihr nicht ganz umgeändert und wie die kleinen Kinder werdet / so könnt ihr in das himmlische Reich nicht eingehn. Wer also so klein in seinem Auge ist wie dieses Kind / der wird der Größte im Himmelreiche sein! Wehe denen / die zu groß sind / um mit den Kleinen klein zu werden; denn die Tür des Himmels ist auch niedrig und nicht hoch genug / um so Große einzulassen! Wehe auch den Reichen / die ihren Himmel hier auf Erden haben; denn sie werden draußen stehen müssen und heulen / während die Armen in das Reich Gottes eindringen! Darum freuet euch / ihr Demütigen / jauchzet / ihr Armen; denn das Reich Gottes ist euer / ist euer / wenn ihr in Wahrheit vor Gott wandelt! Neunundfünfzigstes Kapitel. Gott allein ist meine Hoffnung und Zuversicht. Herr / es sind so viele Dinge unter der Sonne; wie heißt doch das Ding / auf das ich mich in allen Vorfällen meines Lebens verlassen und das mich wahrhaft trösten kann? Bist nicht du / mein Herr und mein Gott / dessen Erbarmungen ohne Zahl und ohne Grenze sind / mein ganzes Vertrauen und mein einziger Trost? Wo war mir doch wohl ohne dich? Oder wie hätte mir übel sein können bei dir? Lieber will ich arm sein um deinetwillen / als reich ohne dich. Lieber will ich mit dir auf Erden Pilger sein / als ohne dich Bürger des Himmels. Wo du bist / da ist der Himmel / wo du nicht bist / da ist Tod und Hölle. Du bist das Verlangen meiner Seele / darum schreit / weint / seufzt sie nach dir und kann nicht anders / muß nach dir schreien / weinen / seufzen. Mein volles Vertrauen kann ich auf niemand setzen als auf dich allein / denn wer hülfe mir in allen meinen Nöten und so zur rechten Stunde wie du? Du bist meine Hoffnung / du mein Vertrauen / du mein Tröster / du mein treuester Freund in Not und Tod. Alle anderen suchen / was ihrer ist; du suchst nur mein Heil / nur meinen Fortschritt im Guten und lenkst alles mir zum Besten. Und wenn du mich noch so vielen Versuchungen und Trübsalen hingibst / so leitest du mir auch alle diese Versuchungen und Trübsale zu meinem Besten. Denn es ist schon so deine Weise: Tausend und wieder tausend Prüfungen müssen deine Geliebten über sich ergehen lassen. Und wenn du wirklich solche Prüfungen über mich kommen lässest / so bist du ebenso aller Liebe würdig und aller Lobpreisung wert / als wenn du mich mit himmlischen Tröstungen überfülltest. Also auf dich allein setze ich meine ganze Hoffnung / du bist meine einzige Zuflucht / dir stelle ich all meine Angst und Beklemmung anheim / weil ich alles / was ich außer dir sehe / schwach und unstet finde. Ja wahrhaftig / schwach und unstet; denn alle meine Freunde / soviel ihrer sind / können mir nichts nutzen / alle starken Helfer mir nicht helfen / alle klugen Räte mir nichts Kluges raten / alle Bücher der Gelehrten mich nicht trösten / alle kostbaren Schätze der Erde mich nicht retten / alle geheimen Zufluchtsplätze mich nicht schützen / wenn du mir nicht beistehst / du mir nicht hilfst / du mich nicht stärkst / du nicht tröstest / du nicht belehrst / du nicht schützest. Alles / was Frieden und Seligkeit verheißt / ist ohne dich nichts und hilft ohne dich zur Seligkeit und Wahrheit nichts. Du bist also die Vollendung alles Guten / du die Urquelle alles Lebens / du der Abgrund aller Freude / an dem alle Lobgesänge sich erschöpfen. Auf dich hoffen / und mehr als auf alles andere / auf dich allein hoffen / das macht den Trost und die ganze Stärke deiner Knechte aus. Zu dir / mein Gott / schauen meine Augen auf / du bist meine Zuversicht! Vater aller Erbarmungen / segne meine Seele / heilige sie durch deine himmlischen Segnungen; damit sie eine heilige Wohnung für dich werde / ein Sitz deiner ewigen Herrlichkeit / ein Tempel deiner Majestät / darin dein Auge nichts Unreines erblicke. Nach der Größe deiner Güte / nach der Fülle deiner Erbarmungen sieh herab auf mich und erhöre das Flehen deines Dieners / der da schmachtet in dem Schattenlande des Todes / fern von dir. Schütze und erhalte die Seele deines Dieners in so vielen Gefahren dieses gebrechlichen Lebens und geleite mich durch deine mitwaltende Gnade auf dem Wege des Friedens in das Vaterland der ewigen Klarheit. Amen. IV. Buch Von dem Sakramente des Altars. Eine erbauende Ermunterung zur heiligen Kommunion. Erstes Kapitel. Von der Ehrfurcht / mit der wir uns dem Tische des Herrn nahen und Christum empfangen sollen. Freundliche Einladung aus dem Munde unseres Herrn. Kommet alle / die ihr mühselig und beladen seid / zu mir / und ich werde euch erquicken / spricht der Herr. Das Brot / das ich geben werde / das ist mein Fleisch / welches ich für das Leben der Welt hingeben werde. Nehmt hin und esset / das ist mein Leib / der für euch wird hingegeben werden; dies tut zu meinem Gedächtnis. Wer mein Fleisch ißt und mein Blut trinkt / der bleibt in mir / und ich in ihm. Die Worte / die ich zu euch geredet habe / sind Geist und Leben. Empfindungen des Christen im Nachdenken über die freundliche Einladung seines Herrn / ein schöner Wettstreit zwischen Demut und Vertrauen. Diese Worte sind deine Worte / ewige Wahrheit / Jesus Christus / obgleich deine Zunge sie nicht zu einer Zeit ausgesprochen / noch die heilige Schrift in einer Stelle sie zusammengefaßt hat. Weil sie aber dennoch deine Worte und Wahrheit sind / so muß ich sie aus deinem Munde mit allem Dank annehmen und mit aller Treue bewahren. Diese Worte sind dein / denn du hast sie einst gesprochen. Sie sind aber auch mein / denn du hast sie zu meinem Heil ausgesprochen. Willig nehme ich sie aus deinem Munde / damit sie tiefer in meine Seele eindringen. Es ist in diesen Worten soviel Lieblichkeit / Milde und Liebe / daß sie mit sanfter Gewalt mich zu dir hinziehen. Aber meine eigenen Sünden schrecken mich / und mein unreines Gewissen schlägt mich zurück / indem ich diesen großen Geheimnissen mich nahen will. Die Freundlichkeit deiner Einladung lockt mich zu dir / aber die große Bürde meiner Sünden drängt mich wieder zurück. Es ist ein Gebot deiner Liebe / daß ich mit Zuversicht zu dir hinzutreten soll / wenn ich an dir und an deinem Reiche teilhaben will; daß ich von dem Brot der Unsterblichkeit essen soll / wenn ich ewiges Leben / ewige Herrlichkeit erlangen will. Du sprichst: Kommet alle zu mir / alle / die ihr mühselig und beladen seid / und ich will euch erquicken. O ein teures / freundliches und liebliches Wort im Ohre des Sünders / daß du / mein Herr und Gott / einen Armen und Dürftigen zu dir einladest / daß er von deinem Fleische esse und von deinem Blute trinke. Aber was bin ich / o mein Herr / daß ich es wagen darf / dir zu nahen? Sieh / die Himmel der Himmel fassen dich nicht / und du sprichst: Kommet zu mir alle! Was willst du denn mit dieser so milden Herablassung / mit dieser so freundlichen Einladung? Wie will ich es wagen / zu dir zu kommen / da ich nichts Gutes in mir finde / das mir Mut macht / vor dir zu erscheinen? Wie werde ich dich in meine Hütte hereinführen dürfen / da ich dein Angesicht voll Gnade und Liebe so oft mit meinem Undank entheiligt habe? Engel und Erzengel haben Ehrfurcht vor dir / und du sprichst: Kommt alle zu mir! Wenn nicht du selbst das sagtest / wenn es nicht dein Wort wäre / wer würde es glauben? Und wenn es nicht dein Gebot wäre / daß wir zu dir kommen sollen / wer würde es wagen / dir zu nahen? Sieh / Noah / der gerechte Mann / baute hundert Jahre an seiner Arche / damit er und wenige mit ihm könnten gerettet werden / und ich / wie werde ich in einer Stunde mein Gemüt in die rechte Fassung bringen und dem Baumeister der Welt eine würdige Wohnstätte in mir bereiten können? Moses / dein großer Knecht und dein besonderer Freund / ließ die Bundeslade aus einem Holz herstellen / das der Verwesung am kräftigsten widersteht / und mit dem reinsten Golde überziehen  / um die Tafeln des Gesetzes hineinzulegen; und ich / ein verwesliches Geschöpf / wie soll ich es wagen / dich / den Gesetzgeber selbst / dich / das Leben des Lebens / in mein Herz aufzunehmen? Salomo / der weiseste der Könige Israels / baute sieben Jahre lang an einem prächtigen Tempel zur Ehre deines Namens / feierte das Fest der Tempelweihe ganze acht Tage / opferte tausend Friedensopfer und ließ die Bundeslade unter Trompetenschall und Jubelgesang an zubereiteter Stätte mit allem nur zu ersinnenden Kriegsgepränge einsetzen; und ich / eines der ärmsten und elendsten Menschenkinder / wie darf ich es wagen / dich in mein Haus einzuführen / da ich kaum eine halbe Stunde in ungestörter Andacht zubringen kann! O daß ich in meinem ganzen Leben auch nur eine einzige halbe Stunde dir allein in voller Andacht des Herzens geweiht hätte! O mein Gott / was und wieviel haben diese deine treuen Diener unternommen / um dir zu gefallen! Und wie gering ist alles / was ich tu! Wie kurz ist die Zeit / auf die sich meine Vorbereitung zur Kommunion beschränkt! Selten bin ich ganz in mir gesammelt / noch seltener bleibe ich auch nur eine kurze Weile in mir gesammelt / ohne die zerstreuenden Gedanken wieder Eingang finden zu lassen. Und doch sollte in deiner heilsamen Gegenwart kein ungeziemender Gedanke in meinem Innersten sich regen / kein Geschöpf deine Stelle in meinem Herzen einnehmen; denn es ist nicht etwa ein Engel / es ist der Herr der Engel / den ich in mir beherbergen will. Es ist wahrhaftig ein großer Abstand zwischen der Bundeslade und all ihren Heiligtümern und deinem reinsten Leibe und seinen unaussprechlichen Kräften; ein großer Unterschied zwischen jenen Bundesopfern / die nur ein Vorbild der Zukunft sein konnten / und dem wahren Opfer deines Leibes / das den Sinn aller Opfer der Vorzeit lebendig darstellt und vollkommen erfüllt. Wie kommt es denn aber / daß deine Gegenwart / die überall die höchste Ehrfurcht einflößen sollte / mein kaltes Herz nicht in Flammen setzt? Warum bereite ich nicht mit mehr Eifer mich vor / dein heiliges Mahl zu genießen / nachdem jene alten heiligen Stammväter und Propheten und Könige und Fürsten mit ihrem ganzen Volke in der öffentlichen Verehrung deines Namens soviel Andacht bewiesen haben? Tanzte doch der König David im Feuer der heiligen Empfindung vor der Bundeslade her / indem die Wohltaten / die seine Väter von Gott / dem Herrn / empfangen hatten / ihm vor Augen schwebten / und der Dank der Seele in all seine Glieder sich ergoß; er ließ allerlei Musikinstrumente verfertigen / verfaßte selbst geistliche Lieder / ließ sie öffentlich und mit festlicher Freude singen / sang selbst mit und spielte oft auf der Harfe / wie der heilige Geist es ihm ins Herz gab; lehrte das Volk Israel seinen Gott mit ganzer Seele preisen und dessen Größe wie mit einem Munde alle Tage in Dank- und Lobgebeten kundtun. Wenn nun schon damals im Anblick der Bundeslade die Flamme der Andacht so mächtig sich regte / und das Lob Gottes so stark sich ergoß: welche Ehrfurcht und Andacht muß jetzt mich und das gesamte Christenvolk beseelen im Anblick des Sakraments und beim Genuß des heiligen Leibes unseres Herrn und Heilandes Jesu Christi! Viele laufen zu vielen Orten hin und her / um die Gebeine der Heiligen zu besuchen / und geraten in große Verwunderung / wenn sie von deren Taten erzählen hören / die prächtigen Kirchengebäude anschauen und die in Seide und Gold eingefaßten Reliquien der Heiligen küssen. Und sieh / du mein Gott / du / der Heilige aller Heiligen / du / der Schöpfer aller Menschen und der Herr aller Engel / du bist hier auf dem Altar zugegen. Jenem Laufen und Sehen unterläuft doch auch viel Neugierde / es reizt uns das Ungesehene / und am Ende haben wir nicht viel Nutzen davon / besonders / wenn es nur ein leichtsinniges Hinundherrennen ist / das die Seele kalt und ohne zermalmende Herzensreue läßt. In dem Sakramente des Altars aber bist du selbst / du mein Gott und ein wahrer Mensch / Jesus Christus / mit all deiner Gnadenfülle zugegen. Wer dich würdig und mit wahrer Andacht in sein Herz aufnimmt / der erntet häufige Früchte des ewigen Heils ein. Dazu aber treibt den Christen nicht Neugier / nicht Leichtsinn / nicht Sinnlichkeit / sondern lebendiger Glaube / feste Zuversicht und ungefälschte Liebe / die Fülle der Andacht. Unsichtbarer Schöpfer der Welt / wie wunderbar handelt deine Liebe mit uns! Wie lieblich und voll Gnade gehst du mit deinen Auserwählten um / indem du selbst im Sakramente ihnen zur Speise dich dargibst und mit ihnen dich vereinigst! Dies übersteigt wahrhaftig alle Begriffe / die der menschliche Verstand sich machen kann / dies zieht die Herzen der Frommen mit besonderer Kraft zu dir / dies entzündet ihr ganzes Verlangen nach dir. Denn sie / deine wahren / treuen Freunde / die in ihrem ganzen Leben nur die fortschreitende Heiligung ihres Sinnes und Wandels zu ihrem Augenmerk machen / gehen nie leer von deinem Tisch zurück / sondern empfangen daselbst neue himmlische Kräfte zur Andacht und zur Liebe der Tugend. O wie ist die Gnadenfülle / die uns durch dies Sakrament mitgeteilt wird / so wunderbar und geheimnisvoll! Nur die gläubigen Freunde Jesu Christi kennen sie / aber die Ungläubigen und Sklaven der Sünde können sie nicht erfahren. In diesem Sakrament wird uns neue Geisteskraft mitgeteilt / der verlorene Tugendsinn ergänzt und die Schönheit der Seele / die durch die Sünde verunstaltet ward / wieder hergestellt. Und diese Gnade erreicht manchmal ein so großes Maß / und die Andacht / die daraus entsteht / ein solches Übermaß / daß nicht nur der Geist / sondern auch die Hülle des Geistes / der schwächliche Leib / neue Kraft empfängt. Indessen ist es eine beweinenswürdige Sache / daß wir gar so lau und nachlässig sind / daß kein lebendigeres Verlangen / Christum zu empfangen / uns zu ihm hintreibt; da doch die ganze Hoffnung aller / die da selig werden / und ihr ganzes Verdienst auf ihm beruht. Denn er ist unsere Heiligung und Erlösung / er die Trostquelle für die Pilger / er der ewige Genuß für die Heiligen. Traurig genug / daß so viele dies heilsame Geheimnis so wenig beachten / ein Geheimnis / das die Freude des Himmels und das Heil der Welt ausmacht. Wahrhaftig / es gehört eine unbegreifliche Blindheit und Verhärtung des menschlichen Gemütes dazu / daß wir für dies unaussprechlich liebliche Geschenk nicht mehr Gefühl und Achtung haben und selbst aus dem täglichen Gebrauch / den wir davon machen / unachtsamer und gefühlloser dafür werden. Denn würde dieses heiligste Sakrament nur an einem Orte und von einem Priester der Welt geweiht  / mit welchem Sehnen würden nicht die Menschen nach diesem Ort und zu diesem Priester eilen / damit sie an den göttlichen Geheimnissen Anteil nehmen könnten! Nun aber sind viele Priester angeordnet / und Christus wird an vielen Orten geopfert / damit die Gnade und Liebe Gottes desto helleuchtender sich offenbaren möge / je öfter und an je mehr Orten die heilige Kommunion gefeiert wird. Ich danke dir / unsterblicher Hirt / Jesus Christus / voll Liebe und Güte / ich danke dir / daß du uns arme und wie im Elende schmachtenden Pilger mit deinem kostbaren Leib und Blut erquickst und noch dazu so freundlich uns einladest: Kommet zu mir alle / die ihr mühselig und beladen seid / ich will euch erquicken! Zweites Kapitel. Gottes Güte und Liebe offenbart sich in diesem Sakramente. Der Jünger Jesu spricht. Im Vertrauen auf deine Liebe und Barmherzigkeit / die so groß ist wie du / o mein Gott und Herr / gehe ich hin zu dir / ein Kranker zu seinem Heilande / ein Durstiger zur Quelle des Lebens / ein Dürftiger zum Könige des Himmels / ein Knecht zu seinem Herrn / ein Geschöpf zu seinem Schöpfer / ein Trostloser zu seinem freundlichen Tröster. Aber woher wird mir das / daß du zu mir kommst? Was bin ich / daß du dich selbst mir hingibst? Ich / ein Sünder / wie darf ich es wagen / vor dir zu erscheinen? Und du / der Heilige / wie kannst du so gütig sein / zu einem Sünder zu kommen? Du kennst doch deinen Knecht und weißt wohl am besten / daß er nichts Gutes in sich hat / das einer solchen Gabe ihn würdig machte. Wahrhaftig / ich gestehe meine Nichtswürdigkeit / ich erkenne deine Güte / ich preise deine Vaterhuld / ich danke deiner Liebe / die keine Grenze hat. Denn das / was du hierin und in allem zu meinem Besten tust / das tust du nicht um meiner Verdienste / sondern nur um deiner Liebe wegen / das tust du nur / um deine Gnade noch herrlicher an mir zu beweisen und mir selbst noch mehr Liebe und Demut ins Herz zu legen. Weil die dies nun wohlgefällig / weil es sogar deinem Gebot gemäß ist / so kann ich nicht anders; was du gebietest / muß auch mir gefallen / und vor allem deine Herablassung. Und daß mir nur meine Sünde nicht in den Weg träte! O du / die Liebe und Lieblichkeit selbst! Welche Verehrung / welchen Dank und welche Lobpreisung bin ich dir nicht schuldig dafür / daß du mich mit deinem heiligsten Leibe speisest? Es ist doch kein Menschenverstand fähig / die unbegreifliche Würde dieser deiner Liebe zu begreifen! Was werde ich aber bei dieser Kommunion / beim Hingehen zu meinem Herrn / den ich nicht nach Würde verehren kann und doch mit voller Andacht empfangen möchte / Besseres und Nützlicheres tun können / als ganz vor dir mich zu erniedrigen und deine grenzenlose Liebe in stillem Lobpreisen zu erhöhen? Das will ich tun / mein Gott! Wie nichtig fühle ich mich vor dir und werfe mich im Abgrund meines Nichts hin vor dir und lobe dich und will dich ewig loben / ewig deinen Namen über alle Namen erhöhen. Du bist der Heiligste unter den Heiligen / und ich bin der Unreinste unter den Unreinen. Du neigst dich zu mir / und ich bin nicht wert / zu dir aufzuschauen. Du kommst zu mir / du willst bei mir sein / du ladest mich selbst zu deinem Gastmahl ein. Du willst die Speise des Himmels / das Brot der Engel zu essen geben / kein anderes Brot als dich selbst / das lebendige Himmelsbrot / das vom Himmel herabgekommen ist und der Welt das Leben gibt. O Übermaß der Liebe / wie groß und herrlich erscheinst du in deinem Lichte Wie werde ich genug dir dafür danken / genug dich lobpreisen könnend Wie hast du mir doch nichts als lauter Heil und Segen zugedacht / da du dieses Gastmahl einsetztest! Wie lieblich und süß ist das Mahl der Liebe / in dem du dich selbst zur Speise gibst! Wie wundervoll ist dein Werk / wie allvermögend deine Macht / wie unaussprechlich die Wahrheit deines Wortes! Denn du sprachst / und es ward alles / was du werden hießest; du sprachst / und es ward auch dieses / wie du es werden hießest. Wahrhaftig / wundervoll und bei aller Unbegreiflichkeit für den menschlichen Verstand glaubwürdig ist es / daß du / mein Herr und Gott / unter den geringen Gestalten des Brotes und Weines zugegen bist und / indem der Mensch dich genießt / unverzehrt bleibst / ewig unser Gott und Herr! Du / dem alles zu Gebote steht / der keines Dinges bedarf / du wolltest durch dies dein Sakrament in uns wohnen. Bewahre du mir Leib und Seele unbefleckt / damit ich mit frohem und reinem Gewissen öfters deine Geheimnisse würdig feiern und / was du zu deiner Ehre und zum immerwährenden Denkmal deiner Liebe gestiftet hast / zu meinem ewigen Heil empfangen kann. So freue dich denn / meine Seele / und danke dem Herrn für diese so edle Gabe und für den erquickenden Trost / den er uns in diesem Tal der Tränen zurückgelassen hat. Denn so oft du dieses Geheimnis dankbar erwägst und den Leib Christi genießest / so oft wirst du aller Verdienste Christi teilhaftig / so oft wird das Werk der Erlösung wie von neuem in dir vollbracht. Denn die Liebe Christi ist ein unerschöpfliches Gut / und seine Sühne ist so unerschöpflich wie seine Liebe. Deshalb mußt du jedesmal mit erneuertem Sinn und Herzen dich vorbereiten und das große Geheimnis des Heils aufmerksam betrachten. Und wenn du Messe liesest oder hörst / so soll dir diese Handlung so wichtig / so neu und erfreuend sein / als wenn zu dieser selben Stunde Christus erst im Leib der heiligen Jungfrau menschliche Gestalt annähme oder / am Kreuze hängend / für das Heil der Menschen litte und stürbe. Drittes Kapitel. Es ist nützlich / oft zum Tisch des Herrn zu gehen. Der Jünger Jesu spricht. So komme ich denn zu dir / mein Herr / damit mir wohl werde an deinem Gnadentische / damit ich Labung finde bei deinem heiligen Mahle / das du aus überfließender Liebe für uns Arme zubereitet hast. Alles / was ich verlangen kann und suchen soll / alles finde ich in dir. Du bist mein Heil und meine Erlösung / meine Hoffnung und meine Stärke / mein Ruhm und meine Herrlichkeit. So erquicke denn heut die schmachtende Seele deines Dieners; denn zu dir / o mein Herr und Heiland / Jesus Christus / zu dir erhebt meine Seele sich mit voller Zuversicht. Mit Andacht und Ehrfurcht möcht ich dich jetzt empfangen und in meine Herberge einführen / möchte wie Zachäus von dir gesegnet und den Söhnen Abrahams beigezählt werden. Meine Seele sehnt sich nach deinem heiligen Leibe / mein Herz brennt im heiligen Verlangen / mit dir vereinigt zu werden. Gib dich mir / und du hast mir genug gegeben / denn außer dir tröstet doch kein Trost. Ohne dich kann ich nimmer sein / nimmer leben ohne deine Heimsuchung. Deshalb muß ich oft zu dir hingehen / dich / das Heil meiner Seele / oft empfangen / damit ich auf meiner Pilgerreise nicht etwa unterliege / wenn nicht das Brot des Himmels immer neue Stärkung mir verschafft. Denn es ging einst / als du voll Erbarmung und Milde den Völkern predigtest und ihre mancherlei Gebrechen heiltest / ein Wort aus deinem Munde: Ich kann sie nicht hungrig nach Hause gehen lassen / denn sie müßten auf dem Wege erliegen! So mache es denn auch mit mir / denn du bist uns zum Trost aller / die an dich glauben / und zur himmlischen Speise in dem heiligen Sakrament hinterlassen. Du bist die süßeste Labung der Seele; und wer jetzt würdig dich empfängt / wird einst das Erbgut der ewigen Herrlichkeit empfangen. Und weil ich so oft falle und sündige / weil ich so bald wieder träg und matt werde / so bedarf ich gar sehr dessen / daß ich durch öfteres Gebet / durch öfteres Bekenntnis meiner Sünden / durch öftern Empfang des heiligen Leibes gereinigt / erneuert und zum Guten neu entflammt werde. Ohne dieses Stärkungsmittel im Guten würde mein feurigster Vorsatz wieder zu Wasser werden. Denn der Sinn des Menschen ist von seiner Jugend auf zum Bösen geneigt / und wenn die göttliche Arznei ihm nicht zu Hilfe kommt / so fällt er gar bald von Sünde zu Sünde immer tiefer in den Abgrund. Die heilige Kommunion zieht ihn also vom Bösen zurück und belebt ihn zum Guten. Denn wenn ich jetzt bei öfterem Empfang dieses Sakramentes dennoch so nachlässig und lau werde / was würde aus mir / wenn ich diese Arznei uneingenommen / dieses mächtige Hilfsmittel ungebraucht ließe? Und obgleich ich nicht jeden Tag fähig und zur Feier deines Todes genug vorbereitet bin / so will ich dennoch allen Fleiß darauf verwenden / daß ich an gewissen Tagen die göttlichen Geheimnisse empfangen und an dieser so großen Gnade teilnehmen kann. Denn für eine gläubige Seele / die noch in ihrer sterblichen Hülle fern von dir pilgert / ist dies eine der vornehmsten Tröstungen / daß sie / ihres Gottes eingedenk / ihren Geliebten mit glühender Andacht öfters in ihre Herberge aufnehmen kann. O wie ist doch deine wundervolle Liebe gegen uns so mild und herablassend / daß du / unser Herr und Gott / du / der Schöpfer und die Lebensquelle aller Geister / eine ärmliche Seele heimsuchst / um ihren Hunger mit der ganzen Fülle deiner Gottheit und Menschheit zu sättigen! O selig / selig die Menschenseele / die dich / ihren Gott und Herrn / mit würdiger Andacht empfangen und dadurch mit Geistesfreude erfüllt werden kann! O wie groß ist der Herr / den sie empfängt / wie lieb der Gast / den sie beherbergt / wie freundlich der Gesellschafter  / den sie aufnimmt / wie treu der Freund / den sie bewillkommt / wie schön und edel und über alle lieben Freunde liebenswert und über alles / was man wünschen kann / wünschenswert ist der Bräutigam / den sie umarmt! Himmel und Erde und alle Schönheit des Himmels und der Erde schwinden da vor deinem Angesicht / o du mein Geliebter voll Liebe und Lieblichkeit! Denn alles / was Himmel und Erde Schönes und Großes haben / das haben sie aus deiner freigebigen Hand; alle ihre Gaben können nicht erreichen die Herrlichkeit des Gebers. Sein Name ist so groß wie er / und unermeßlich seine Weisheit. Viertes Kapitel. Die andächtige Kommunion bringt viel Gutes. Der Jünger Jesu spricht. Mein Gott und Herr / laß deinen Diener im voraus die Segnungen deiner Liebe erfahren / damit ich zu deinem heiligen Sakramente würdig und andächtig hinzutreten kann. Erwecke du mein Herz zu dir und mache es los von seiner Trägheit und Kälte. Laß mich deine heimsuchende und heilbringende Gnade erfahren / damit mein Geist schmecken könne deine unbegreifliche Süßigkeit / die in diesem Sakramente wie in einem Brunnquell in ihrer ganzen Fülle verborgen liegt. Erleuchte meine Augen / damit ich dies große Geheimnis schauen kann; stärke meinen Glaubenssinn  / damit ihn kein Zweifel erschüttern kann. Denn es ist nicht Menschenwerk / sondern Gottes Werk / nicht Menschenerfindung / sondern deine heilige Einsetzung. Aus sich selbst ist kein Mensch imstande / dies Geheimnis der Liebe zu fassen und zu begreifen / weil es auch über den Verstand der Engel erhaben ist. Wie werde also ich / ein Sünder ohne Verdienst / ich / Staub und Asche / dies dein heiliges / hohes Geheimnis erforschen und begreifen können? In Einfalt des Herzens / in festem Glauben / auf deinen Befehl hin und mit Zuversicht und Ehrfurcht trete ich zu dir und glaube / daß du hier im Sakramente zugegen bist als Gott und Mensch. Es ist dein Wille / daß ich dich empfangen und eins mit dir in Liebe werden soll. Deshalb flehe ich zu deiner Güte um die besondere Gnade / daß ich ganz von dir durchdrungen und in Liebe zu dir verwandelt werden und keinen fremden Trost mehr verlangen möge. Denn dieses dein Sakrament / das höchste und würdigste unter allen / ist eine heilwirkende Arznei für die Gebrechen der Seele und des Leibes / stärkt in aller Ohnmacht zum Guten / salbt uns mit himmlischer Kraft / den Schaden der Sünde zu heilen / die Leidenschaft zu bändigen / die Versuchungen zu besiegen und ihre Anfälle zu mindern / gießt neue / größere Gnade ins Herz / rüstet zu mutigerem Tugendkampfe / befestigt den Glauben / stählt die Hoffnung / entzündet und erweitert die heilige Liebe. Viele große Gnade hast du deinen Geliebten / die mit Andacht dieses Sakrament empfangen haben / schon mitgeteilt und teilest ihnen immer neue Gnaden mit / du mein Gott / der auch meine Seele aufnimmt / auch meine Schwachheit stützt / auch mich mit innerm Trost erquickt. Du erhebst deine Freunde aus dem tiefen Gefühl ihres Unvermögens empor zur seligen Hoffnung auf deinen Schutz / du bewaffnest sie mit Trost und Mut für die Tage der Leiden / du erheiterst und erfreust sie mit einem neuen Gnadenstrahle; so daß die nämlichen Menschen / die vor der Kommunion nichts als Angst / Dürre und Ohnmacht in sich fanden / nach der Kommunion / gestärkt von der Speise und dem Trank des Himmels / besser und neugeschaffen zu allem Guten sich fühlen. Und diese liebevolle Führung deiner Auserwählten hat wohl keinen andern Zweck / als sie auf dem Wege eigener Erfahrung zur wahren Erkenntnis zu bringen / wieviel Schwäche und Armut sie in sich selber haben und was für Stärke und welchen Reichtum sie von dir / von deiner Güte empfangen. Sich selbst überlassen / sind sie kalt / hart und ohne alles Andachtsgefühl; durch dich werden sie voll Feuer und weich und munter zur Andacht. Wer sollte auch zur Quelle alles Trostes und aller Süßigkeit in Demut hinzutreten können / ohne ein wenig Trost und Süßigkeit mit sich zurückzubringend? Wer sollte vor einem hellflammenden Glutofen stehen können / ohne ein wenig Wärme und Leben in seinen Gliedern zu fühlen? Und der Brunnquell alles Trostes / aller Seligkeit / ewig voll und ewig überfließend / bist du / mein Gott. Und das Feuer / ewig brennend und nie verbrennend / bist du / mein Gott. Wenn ich also letzt noch nicht aus der ganzen Fülle des Quells selbst schöpfen und satt mich trinken kann / so werde ich doch an dem kleinen Rohr / durch das der himmlische Trank mir zufließt / den Mund ansetzen und etliche Tropfen trinken dürfen / damit mein Durst ein wenig gestillt werde / und ich auf dem Weg zur Quelle selbst nicht ganz verschmachte. Und wenn ich noch nicht ganz himmlisch gesinnt / nicht ganz von Liebe durchglüht sein kann wie die Cherubim und Seraphim / so will ich doch mein Herz mit anhaltendem Fleiß in Andacht üben und vorbereiten / daß ich durch demütigen Genuß dieses belebenden Sakraments mir einige Funken aus dem göttlichen Flammenmeere holen kann. Was aber mir mangeln oder in mir zerrüttet sein mag / das wirst du / guter Jesus / heiliger Erlöser / um deiner Liebe und Erbarmung willen in mir ergänzen und neuschaffen / nachdem du einmal alle zu dir berufen hast mit dem teuren Worte: Kommet zu mir alle / die ihr mühselig und beladen seid / und ich will euch erquicken! Ja wahrhaftig / ich bin mühselig genug / arbeite im Schweiße meines Angesichts / werde von Herzensangst und Kümmernis hart bedrückt / mit Sünden schwer beladen / von Versuchungen hin und her getrieben / von vielen bösen Neigungen umstrickt und niedergezogen / und habe in all dieser Bedrängnis niemand / der mich erlöse und selig mache / als dich allein / du mein Herr und Gott / mein Erretter! Dir allein übergebe ich mich ganz und all das Meine / damit du mich behütest und hinführest zum ewigen Leben. Nimm mich auf zur Verherrlichung deines Namens / nachdem du deinen Leib und dein Blut mir zur Speise und zum Trank bereitet hast / und laß / o du mein Gott und mein Heil / laß dieses mein Herz nach jeder Kommunion immer noch mehr Andacht empfinden. Fünftes Kapitel. Vom Priesterstand und von dem hohen Wert des heiligen Sakraments. Der Geliebte spricht. Wenn du die Reinheit eines Engels und die Heiligkeit des Täufers Johannes hättest / so wärest du nicht würdig / dies Sakrament zu empfangen oder darzureichen. Denn das ist nicht Menschenverdienst / daß jemand das Sakrament Christi weihe und das Brot der Engel genieße. Wahrhaftig / hier ist ein großes Geheimnis / hier erscheint der Priester in seiner Würde! Es ist ihm gegeben / was den Engeln nicht gegeben ist. Denn die Priester allein / die in der Kirche die rechtmäßige Vollmacht erhalten / haben die Gewalt / den Leib Christi zu weihen. Allerdings ist der Priester nur Diener Gottes / er gebraucht nur das Wort Gottes nach Gottes Ordnung und Einsetzung; Gott ist es eigentlich / der hier als der vornehmste Urheber handelt und unsichtbar wirkt. Ihm ist alles untertan / ihm gehorcht alles / und er tut / was er will. Du mußt also in diesem vornehmsten Sakrament dem allmächtigen Gott weit mehr als dem eigenen Sinne oder dem Scheine eines sichtbaren Zeichens glauben. Und deshalb nahe dich mit aller Ehrfurcht dieser Handlung. Hab acht auf dich selbst und bedenk es wohl / was für ein Amt durch die Handauflegung des Bischofs dir anvertraut ist. Sieh / du bist nun mein Priester / bist zur Weihung des Leibes Christi geweiht worden. Sorg also / daß du deinem Gott in Andacht und Treue das heilige Opfer darbringest und dich selbst untadelig darstellest. Du hast deine Bürde nicht erleichtert / es ist vielmehr eine neue Pflicht zu heiligerem Wandel dir auferlegt worden / du bist zur höheren Vollkommenheit berufen. Der Priester soll mit allen Tugenden geschmückt sein / soll seinen Mitchristen als ein Vorbild heiligen Lebens vorleuchten. Er soll nicht auf der Heerstraße mit dem großen Haufen wandeln / sondern mit den Engeln im Himmel oder mit heiligen Menschen auf Erden. Ein Priester in seinem Priestergewand vertritt eigentlich die Stelle Christi / denn er hat den Beruf / für sich und für das gesamte Volk in Demut und Andacht zu Gott zu flehen. Er hat vor sich und hinter sich das Zeichen des Kreuzes / damit er und das Volk zum steten Andenken an das Leiden Christi erweckt werden. Er trägt das Kreuz vor sich auf dem Meßgewande / damit er die Fußstapfen Christi stets im Auge behalte und Mut fasse / denselben nachzufolgen. Das Kreuz Christi ist auch hinten auf dem Meßgewand zu sehen / ein schönes Sinnbild / daß der Priester auch die Leiden / die ihm von andern gleichsam im Rücken zustoßen / um Gottes willen / in Demut und Sanftmut ertragen soll. Er trägt das Kreuz vor sich und hinter sich / ein Denkzeichen / daß er seine eigenen Sünden bereuen und aus Mitleid auch fremde beweinen / sich selbst zwischen Gott und dem Volk als Mittler gestellt ansehen und im Gebet und im heiligen Opfer nicht ermüden soll / bis er Gnade und Erbarmung erfleht hat. Wenn der Priester am Altare sein Amt im Geiste seines Amtes verrichtet / so verherrlicht er seinen Gott / erfreut die Engel / erbaut die Kirche und erfleht Hilfe den Lebenden / Ruhe den Entschlafenen / sich selbst Teilnahme an allem Guten. Sechstes Kapitel. Frage an Jesus Christus / wie man zur Kommunion sich vorbereiten solle. Der Jünger Jesu spricht. Wenn ich an deine Würde / o Herr / und an meine Unwürdigkeit denke / so zittere und erröte ich vor mir selbst. Denn gehe ich nicht hin zu deinem Tische / so fliehe ich vor dem Leben; gehe ich aber unwürdig hin / so falle ich noch tiefer. Was soll ich also tun / mein Gott / du mein Rat / du meine Hilfe in allen meinen Nöten: Zeige du mir den rechten Weg und unterweise mich / wie ich durch eine kurze / schickliche Übung zur heiligen Kommunion mich vorbereiten soll. Denn es ist mir doch nützlich / zu wissen / mit welcher Andacht und Ehrerbietung ich mein Herz vorbereiten soll / dein Sakrament zu genießen und dies große / göttliche Opfer zu verrichten. Siebentes Kapitel. Antwort auf die vorhergehende Frage: Prüfe dich selbst / und dann iß von diesem Brote: Der Geliebte spricht. Vor allem soll der Priester Gottes in tiefer Demut seines Herzens / voll Ehrerbietung / mit lebendigem Glauben und aus der reinen Absicht / Gott zu verherrlichen / zum Opfer und zum Genuß dieses heiligen Sakramentes hinzutreten. So durchforsche denn dein Gewissen mit allem Fleiße und laß es / soweit deine Kräfte reichen / weder an wahrer Reue noch an demütigem Bekenntnis deiner Sünden fehlen / damit dein Innerstes rein und hell werde. Alles / was dich drücken / ängstigen und im freien Zutritt zu Gott hindern kann / soll nach deinem besten Wissen aus deinem Herzen verbannt sein. Alle deine Sünden sollen im allgemeinen dir mißfallen / und jeder deiner täglichen Fehltritte insbesonders. Darüber sollst du wahres Herzeleid / soviel es sein kann / in dir fühlen und nähren und deine zerrütteten Neigungen und all den Jammer / der daraus entsteht / vor Gott im Innersten deines Herzens bekennen. Sieh / was du noch alles an dir zu beweinen und zu verbessern hast: Du bist noch so tierisch und irdisch gesinnt / so unbezähmt in deinen Leidenschaften / so voll Regungen der Fleischeslust / so unbewacht in den äußern Sinnen / so verwickelt in törichten Einbildungen; noch so zugekehrt dem / was außer dir ist / und so unachtsam auf das / was in dir ist; noch so leichtfertig zum Lachen und zur Ausgelassenheit und so felsenhart zur Träne der Reue und zum Schmerz der Buße; noch so vorschnell zu allem / was freiere Lebensart ist und die Sinnlichkeit liebkost / und so träge zum Ernst und zu heiligem Eifer; noch so gierig / Neues zu hören und Liebliches zu sehen / und so kraftlos / das anzufassen / was gering und unangenehm ist; noch so eilig zum Empfangen / so karg zum Geben und so geizig zum Behalten; noch so unüberlegt im Reden und so ungeübt im Schweigen; noch so ungestüm in Handlungen und so ungeordnet in Gebärden und in allem / was Ausdruck des Innern ist; noch so versenkt mit Leib und Seele in die Ernährung des Leibes und so gehör- und gefühllos für Gottes Wort; noch so eilig zur Ruhe und so langsam zur Arbeit; noch so wachsam bei törichten Erzählungen und so schläfrig beim Gottesdienst; noch so zerstreut / wo die Aufmerksamkeit sich sammeln / so dringend und treibend auf das Ende / wo man aushalten sollte; noch so nachlässig im Stundengebet / so lau im Messelesen / so dürr am Tisch des Herrn; noch so selten ganz in dir gesammelt und so oft und so leicht außer dir zerstreut; noch so entzündbar zum Zorn und so bereit / andern weh zu tun; noch so nachsichtig gegen deine Fehler und so geneigt / andere zu richten und so streng sie zu bestrafen; noch so ausgelassen in heiteren und so niedergeschlagen in trüben Stunden; noch so reich an guten Vorsätzen und so bettelarm an guten Werken. Wenn du diese und andere Gebrechen / die dein Gewissen dir vorhält / mit geheimem Seelenleiden und beschämendem Mißfallen an deinen Schwachheiten bekannt und beweint hast / so ermanne dich zum festen / heiligen Entschluß / dein Leben zu bessern und in allem Guten vorwärts zu schreiten. Endlich opfere dich selbst ganz / ohne etwas für dich zurückzubehalten / willig und ungezwungen auf dem Altar deines Herzens zur Ehre meines Namens / gib dich mir als ein ewiges Brandopfer hin / deinen Leib und deine Seele / übergib und überlaß mit aller Treue dich mir allein / damit du würdig wirst / Gott das Opfer darzubringen und das Sakrament meines Leibes zu deinem Heil zu empfangen. Denn es ist kein edleres und würdigeres Sühnopfer für unsere Sünden / als in der Messe und Kommunion sich selbst ganz und ohne Ausnahme mit dem Leibe Christi Gott hinzugeben. Wenn der Mensch tut / was er vermag / und wahrhaft bereut / was er verübt hat / wenn er um Gnade und Vergebung zu mir fleht / so spricht der Herr: So wahr ich lebe / so gewiß will ich den Tod des Sünders nicht / sondern vielmehr / daß er sich bekehre und lebe; nicht mehr will ich seiner Sünden gedenken / alle sollen sie ihm verziehen sein. Achtes Kapitel. Christus opferte sich am Kreuze / opfere auch du dich! Der Geliebte spricht. Wie ich am Kreuze mit ausgestreckten Armen und mit entblößtem Leibe für deine Sünden Gott dem Vater freiwillig mich geopfert / wie ich ganz mich geopfert habe / so daß an mir und in mir nichts übrig blieb / was nicht ein Sühnopfer der Gerechtigkeit ward / so sollst auch du dich selbst und dich ganz mit allen deinen Kräften und Neigungen / sollst freiwillig und mit innigster Andacht täglich in der Messe dich mir opfern. Was sollte ich denn anders von dir fordern / als daß du ganz dich mir ergebest! Alles / was du mir sonst geben magst / dich ausgenommen / das ist in meinen Augen nichts; denn ich will nicht deine Gabe haben / sondern dich. So wie du im Hinblick auf deine volle Seligkeit kein Genüge finden könntest / wenn du alle übrigen Dinge hättest und mich allein nicht hättest / so kann ich kein Wohlgefallen daran haben / wenn du mir alle übrigen Dinge gäbest und dich allein nicht mir gäbest. Opfere dich mir und gib dich ganz für Gott allein dahin / und dein Opfer wird angenehm sein. Sieh / ich habe mich ganz für dich dem Vater geopfert / ich habe meinen Leib und mein Blut zum Trank und zur Speise dahingegeben / damit wir ganz eins / ich dein und du mein werden und bleiben könnten. Willst du aber immer nur an dir hängen bleiben und nie dich selbst nach meinem Wohlgefallen opfern / so wird dein Opfer nicht vollständig / und unsere Vereinigung kann nicht innig und ganz werden. Wenn du also Gnade und Freiheit erlangen willst / so mußt du bei allem / was du äußerlich tust / eine inwendige Aufopferung deiner selbst / eine Hingabe deines ganzen Willens in die Hände Gottes vorangehen lassen. Denn deshalb findet man so wenige Menschen / welche die wahre Freiheit und das rechte Licht haben / weil es so wenige Menschen gibt / die sich ganz verleugnen und opfern. Mein Wort / das ich einst ausgesprochen habe / bleibt noch immer in seiner ganzen Kraft bestehen: Wer nicht allen Dingen absagt / der kann mein Jünger nicht sein! Wenn du also mein Jünger sein willst / so gib dich ganz mit allen deinen Neigungen mir zum Opfer hin. Neuntes Kapitel. Daß wir uns und alles / was unser ist / Gott opfern und für alle beten sollen. Der Jünger Jesu spricht. Herr / dein ist alles im Himmel und auf Erden. Darum möchte ich selbst als ein freiwilliges Opfer dir mich hingeben und aus freier Wahl ewig dein sein und bleiben. So bringe ich denn in Einfalt meines Herzens mich selbst und mich ganz dir zum Opfer dar und weihe mich heute deinem Dienst und der Lobpreisung deines Namens auf ewig. Nimm also mich auf mit dem heiligen Opfer deines Leibes / das ich dir heut in Gegenwart der Engel / dieser unsichtbaren Zeugen und Mitanbetenden / darbringe / damit es mir und deinem ganzen Volke zum Segen werde. Ich lege alle meine Sünden und Laster / die ich von der ersten Stunde des erwachenden Gewissens bis auf diesen Augenblick vor deinem Angesicht und vor deinen heiligen Engeln begangen habe / auf deinen Sühnealtar; damit du sie mit dem Feuer deiner Liebe verbrennen / alle Makel / die sie in mir zurückgelassen haben / austilgen / mein Gewissen von aller Schuld reinigen / mir die Gnade / die ich durch die Sünde verloren habe / wiederschenken und das Siegel der vollkommenen Verzeihung / den Friedenskuß / mir geben mögest. Was kann ich für alle meine Sünden tun / als sie mit demütigem Herzen und tränendem Auge bekennen und deine Gnade ohne Unterlaß anflehen? So flehe ich denn zu dir / o mein Gott! So erhöre mich denn und laß mich Gnade finden / der ich vor dir dastehe und weinen Alle meine Sünden sind jetzt ein Greuel in meinen Augen / ich will sie nicht mehr begehen / immer will ich mit Reue und Schmerzen an sie denken / will den Sinn der Reue nimmer aus meiner Seele kommen lassen / will Buße tun / solange ich lebe / will deiner Gerechtigkeit in allem Genüge tun / so gut ich es vermag. Verzeih / o mein Gott / verzeih mir alle meine Sünden um deines so heiligen Namens willen. Mache selig die unsterbliche Seele / die du mit deinem kostbaren Blut erlöst hast. Sieh / deinen Erbarmungen übergebe ich mich ganz / in deine Hand lege ich mich und alle meine Hoffnungen nieder. Handle mit mir nicht nach meinem bösen  / ungerechten Sinn / sondern nach deinem guten / liebenden Herzen. Jetzt lege ich all mein Gutes / so wenig und unvollkommen immer es sein mag / als Opfergabe auf deinen Altar; damit du es verbessern und heiligen / damit du es dir gefällig und angenehm machen / damit du alles Mangelhafte mir zum Guten lenken und mich / den trägen / unnützen Knecht / immer vorwärts zum Ende des Wegs / zur Seligkeit treiben und hinführen mögest. Ich lege auf deinen Altar nieder auch alle heiligen Wünsche aller Andächtigen und die geheimen Anliegen meiner Eltern und Freunde / Brüder und Schwestern und aller meiner Lieben / die mir oder andern aus Liebe zu dir wohlgetan haben / die sich und die Ihrigen in mein Gebet und Opfer empfohlen haben / sie mögen noch mit uns auf Erden das Pilgerkleid tragen oder schon heimgegangen sein; ich bitte für sie alle / daß sie deine helfende Gnade und deine tröstende Hilfe / Schutz vor Gefahren und Befreiung von Strafen erfahren und / von allem Übel erlöst / dir in heiliger Feier Dank- und Jubellieder singen mögen. Endlich opfere ich dir auch meine Gebete und Sühnopfer besonders für die / welche mich beleidigt / betrübt / gelästert / geschädigt und gekränkt haben; und für die / welche ich betrübt / gekränkt / geschädigt und mit Worten oder Taten / mit oder ohne Wissen geärgert habe; verzeih uns allen miteinander / alle Sünden und alle Beleidigungen / mit denen wir einander betrübt haben. Nimm von unsern Herzen hinweg alles / was Argwohn / Zorn / Verbitterung / Zank heißt und das zarte Band brüderlicher Liebe auflösen und schwächen kann. Erbarme / erbarme dich / o Herr / aller / die deine Erbarmungen anflehen / gib Gnade allen / die deiner Gnade bedürfen / und bilde aus uns solche Menschen / die tüchtig und wert sind / deine Gnade zu genießen / und würdig werden / das ewige Leben zu erwerben! Zehntes Kapitel. Laß dich vom öfteren Hinzutreten zum Tisch des Herrn nicht so leicht zurückhalten! Der Geliebte spricht. Zu mir / zur Quelle der Gnade und Erbarmung / zur Quelle der Milde und Heiligkeit / mußt du recht oft deine Zuflucht nehmen / damit du von deinen Leidenschaften und Sünden geheilt / wider alle Versuchung und List der Hölle immer mehr bewaffnet und zur Wachsamkeit gestärkt werdest. Der Feind weiß wohl / daß in der heiligen Kommunion ein volles Maß von göttlicher Kraft zu heilen und zu segnen für kranke / dürftige Menschen liegt; darum sucht er auf alle Weise und bei allen Anlässen die andächtigen und treuen Christen vom Tisch des Herrn fernzuhalten oder im Hinzutreten sie zu hindern. Manche haben / wenn sie zur heiligen Kommunion mit größerem Eifer sich vorbereiten wollen / wider listigere Eingebungen des Satans zu kämpfen. Da mischt auch in dem Sinne / wie es bei Job heißt / der Satan sich unter die Kinder Gottes / damit er sie mit seinen listigen Anschlägen zuerst in Schrecken und dann in anhaltende Furcht und Verwirrung setze. Er weiß den Glauben durch scheinbare Gegengründe ihnen aus dem Herzen zu stehlen oder ihre Liebe zu schwächen / daß sie entweder gar nicht oder nur kalt und gefühllos zum Tisch des Herrn hinzutreten. Aber der weise Christ weiß auch dies: daß man die listigen Anschläge und Eingebungen des Feindes / sie mögen so schändlich oder schreckhaft sein / wie sie wollen / für nichts zu achten habe und alle Vorspiegelungen auf ihn selbst zurückweisen müsse. Wahrhaftig / verachten und von ganzem Herzen verachten muß man den Elenden / und all seine Anfälle und Bewegungen sollen es nie dahinbringen / daß man ihretwegen die heilige Kommunion unterließe! Andere hindern sich selbst durch die übertriebene Bekümmernis um Andacht und Eifer oder durch die ängstliche Bemühung / ihr Sündenbekenntnis vollständig zu machen. In diesem Fall handle du nach dem Rat der Weisen und lerne / indem du ihrem Urteil folgst / all das kleinliche / ängstliche Wesen aus dem Herzen zu schaffen. Denn es hemmt den Einfluß der Gnade Gottes in dein Herz und den Aufschwung deines Herzens zu Gott. Laß doch irgendeine Verwirrung oder Beklemmung der Seele nie so viel bei dir gelten / daß du deshalb die Kommunion unterlassest; sondern geh lieber zu deinem Gewissensfreunde und öffne ihm dein Herz / verzeih allen / die dich beleidigt haben / von ganzem Herzen und / wenn du jemand beleidigt hast / so bitte in Demut um Verzeihung / und Gott wird auch dir verzeihen. Was nutzt es dir denn / daß du die Beichte oder die heilige Kommunion von einem Tag zum andern verschiebst? Behalte das Gift nicht länger bei dir / wirf es sogleich aus und nimm eilig die stärkende Arznei ein / und du wirst dich besser fühlen / als wenn du noch länger es verschoben hättest. Wenn heut dies Hindernis vom Tisch des Herrn dich fernhält / so kann morgen ein anderes / noch größeres dich fernhalten / und so kannst du lange gehindert und immer unfähiger zum Genuß dieser himmlischen Speise werden. Mach dich doch / so bald du kannst / von den Banden der Trägheit los; denn es taugt nichts / solange Angst und Verwirrung mit dir umherzutragen und jeden Tag eine neue Scheidewand zwischen dir und dem Göttlichen aufführen zu lassen. Es schadet vielmehr dies anhaltende Hinausschieben der Kommunion / denn es erzeugt eine gefahrvolle Trägheit / die dich vielleicht nie mehr zur ernsten Besserung erwachen läßt. Arme Menschen! Weil sie so zerstreut und nicht wachsam dahinleben / so zögern sie mit ihrem Sündenbekenntnis von Tag zu Tag und verschieben die Kommunion bloß deswegen / damit sie nicht wieder sich sammeln und strenger bewachen müssen. Ach / wen die geringste Ursache vom Tisch des Herrn entfernen kann / der gibt deutlich genug zu verstehen / daß seine Liebe überaus schwach / und seine Andacht kraftlos sein muß. Wie selig und gottgefällig ist im Gegenteil der / welcher so himmlisch lebt / sein Gewissen so rein bewahrt / daß er alle Tage zum Tisch des Herrn hinzutreten sollte und könnte / wenn er es nur dürfte und ohne Anstoß tun könnten; Indes / wenn jemand aus innigem Gefühl der Demut oder aus einer andern gültigen Ursache hie und da die Kommunion unterläßt / so muß man ihn nicht lästern / vielmehr loben / was lobenswert ist / nämlich Demut und Ehrfurcht. Wenn aber Trägheit und Kälte in dein Herz sich schleichen / so mußt du dich selbst zusammennehmen / dich selbst ermannen und tun / was du kannst. Der Herr wird alsdann deinem Verlangen schon zu Hilfe kommen; denn auf den guten Willen / wo immer er sich regt / hat der Herr ein besonderes Augenmerk. Ist der gute Christ wirklich gehindert / so behält er doch den guten Willen und die fromme Absicht / zum Tisch des Herrn zu gehen; und dieser gute Wille wird nicht leer ausgehen / wird die Kraft des Sakramentes an sich erfahren. Denn wer die wahre Andacht in seinem Innersten hat / der kann alle Tage / kann jede Stunde des Tags auf eine geistliche Weise zur geistlichen Kommunion Christi gelangen / und daran kann kein Verbot ihn hindern. Desungeachtet wird er aber auch zu bestimmten Tagen den Leib seines Erlösers mit allen Empfindungen der Liebe und Ehrfurcht im Sakrament empfangen wollen und mehr Gottes Lob und Ehre als die Erquickung seines Innersten dabei zum Ziel haben. So oft wir das große Geheimnis der Menschwerdung und das Leiden Christi betrachten und dadurch zur Liebe gegen ihn entzündet werden / so oft gehen wir auf eine geistliche Weise zur Kommunion und werden in dieser Vereinigung mit Christus unsichtbar gestärkt. Wer nur so auf einen nahen Festtag hin oder bloß nach dem Trieb der Gewohnheit zur Kommunion sich vorbereitet / der wird meist unvorbereitet sein. Selig / wer dem Herrn als Opfergabe sich darbringt / so oft er Messe liest oder zur Kommunion geht! Was besonders das Messelesen betrifft / so lies nicht zu geschwind und nicht zu langsam / sondern halte auch hierin dich an die gewohnte Weise / wie es die Besseren in deinem Kreis zu tun pflegen. Es ist nicht nötig / daß du andern Verdruß und Ekel schaffst / sondern wandle lieber auf dem üblichen Pfad / auf dem unsere Vorfahren auch gegangen sind / und sieh auch in dieser Sache mehr auf den Nutzen anderer als auf deine eigene Andacht oder Neigung. Elftes Kapitel. Der Leib Christi und die heilige Schrift: doppelt Brot des Himmels / das die gläubige Seele nicht gut entbehren kann. Der Jünger Jesu spricht. Wie selig ist doch die andächtige Seele / die mit dir / der du die Lieblichkeit und die Liebe selber bist / Jesus Christus / unser Herr / an deinem Tische ißt! Es wird keine andere Speise ihr vorgesetzt als du / ihr Einziggeliebter / nach dem / als ihrem höchsten Gute / all ihr Sehnen unablässig sich sehnt. Auch für mich wäre es ein Vorgeschmack himmlischer Süßigkeit / in deiner Gegenwart aus der Fülle der innigsten Empfindung weinen und mit der Sünderin / die bei dir Gnade fand / deine Füße mit Tränen benetzen zu können. Aber woher nehme ich diese Andacht / woher die heilige Tränenflut; Wahrhaftig / vor deinem Angesicht und vor deinen heiligen Engeln sollte in meinem Herzen die Liebe glühen / und in meinen Augen glänzen die Tränen der Freude: Denn ich habe dich wahrhaftig gegenwärtig im Sakramente / obgleich unter einer fremden Gestalt verborgen. Denn dich / wie du bist / in deiner eigenen / göttlichen Klarheit / dich in deinem Licht anzuschauen / das hielten meine Augen nicht aus; die ganze Welt müßte vor dem Glanz deiner Majestät unterliegen. Um also meine Schwachheit zu schonen / verbargst du dich hier unter dem Sakrament. Ich habe aber dennoch dich und bete dich an / den nämlichen / den die Engel im Himmel anbeten; nur habe ich dich noch im Glauben / jene aber schauen dich ohne Schleier von Angesicht zu Angesicht. Ich muß indessen mit dem Licht des Glaubens mich begnügen / muß nach der Wegweisung deines Schimmers vorwärts wallen / bis einst der Tag der ewigen Herrlichkeit anbricht / bis die Schattenbilder der Zeit vorübergegangen sein werden. Ist aber einmal das Vollkommene da / dann hört auch der Gebrauch der Sakramente auf. Sakramente sind Arzneien / und die Seligen bedürfen in dem Lande der Herrlichkeit keiner Arzneien mehr. Sie schauen Gott in seiner Herrlichkeit von Angesicht zu Angesicht und freuen sich vor ihm ohne Ende / sie werden von Klarheit zu Klarheit verwandelt in das Bild der unergründlichen Gottheit / ihr Genuß ist Gottes Wort / das Fleisch geworden ist / das von Anbeginn war und in alle Ewigkeit bleibt. Wenn ich aber an diese Wunder deiner Liebe auch nur denke / so wird jede Geistesfreude / die dieses Leben mir gewähren kann / mir ekelhaft. Denn bis ich meinen Herrn in seiner Herrlichkeit ohne Hüllen und Schatten werde sehen können / bis dahin halte ich alles / was ich in dieser Welt sehe und höre / für nichts. Du bist mein Zeuge / o mein Gott / daß kein Geschöpf mich trösten / keines mich befriedigen kann / daß nur du / mein Gott / meinen Hunger nach deinem ewigen Genuß stillen / nur du mein ganzes Verlangen sättigen kannst. Zwar ist dies jetzt unmöglich / solange ich dieses Kleid der Sterblichkeit tragen muß. Aber eben deswegen / weil dieses unmöglich ist / so ist ein anderes notwendig / nämlich / ich muß mich zur großen Geduld rüsten / muß mich und all mein Verlangen dir unterwerfen. Denn auch deine Heiligen / die jetzt in deinem Reiche mit dir Freude haben / auch sie mußten in ihrem Erdenleben der Offenbarung deiner Herrlichkeit im stillen Glauben und in großer Geduld entgegenharren. Nun denn / was sie geglaubt haben / das glaube auch ich; was sie mit Zuversicht erwartet haben / das erwarte auch ich; wohin sie endlich gekommen sind / dahin werde durch deine Gnade auch ich endlich kommen / das ist meine Zuversicht: Und bis ich dahin komme / will ich im Glauben wandeln / gestärkt durch die Beispiele meiner Vorgänger / der Heiligen. Überdies habe ich noch einen treuen Spiegel meines Lebens und eine reiche Quelle des Trostes an den heiligen Schriften; und was alles übertrifft / selbst dein Fleisch und Blut ist mir zur Belebung meines Geistes gegeben. Denn zweierlei Bedürfnisse habe ich hienieden / ohne deren Befriedigung mir dies elende Leben durchaus unerträglich wäre. Hier in diesem Kerker des Leibes bedarf ich Speise und Licht. Nun hast du mir / um meiner Schwachheit zu Hilfe zu kommen / deinen Leib zur Speise gegeben zur Stärkung meiner Seele und meines Leibes / und dein Wort zur Leuchte in dem Dunkel des Lebens. Ohne diese beiden könnte ich nicht wohl leben / denn das Wort Gottes ist das Licht / und dein Sakrament das Lebensbrot für meine Seele. Man kann auch sagen / daß sie die zwei Tische sind / die in der Schatzkammer der Kirche aufgestellt wurden. Einer ist der Tisch des heiligen Altars / auf diesem liegt das heilige Brot / das ist der kostbare Leib Jesu Christi. Der andere ist der Tisch des heiligen Gesetzes / auf diesem liegt die heilige Lehre / die uns im rechten Glauben unterweist und uns bis in das Innerste / hinter den Vorhang / in das Allerheiligste hineinweist. Dank dir / du Licht vom ewigen Lichte / unser Herr Jesus Christus / Dank dir für den Tisch der heiligen Lehre / die du uns durch deine Knechte / die Propheten und Apostel und andere heilige Lehrer / dargereicht hast! Dank dir auch / du Schöpfer und Erlöser der Menschen / Dank dir / daß du / um der Welt deine Liebe zu beweisen / ein großes Nachtmahl bereitet hast / in welchem uns nicht etwa das Osterlamm des alten Bundes / das nur ein Bild des neuen war / sondern dein Fleisch und Blut zur Speise dargereicht wird / indem du selbst in diesem heiligen Gastmahl alle deine Gläubigen erfreust und du selbst sie alle mit dem Kelch des Heiles tränkst / darin alle Freuden des Paradieses enthalten sind. Auch die heiligen Engel essen mit uns an diesem Mahle / aber ihr Genuß ist lauter Seligkeit und übertrifft an Süßigkeit den unsern. O wie groß und ehrwürdig ist das Amt der Priester / denen es gegeben ist / den Herrn der Herrlichkeit mit den heiligen Worten zu konsekrieren / mit ihren Lippen zu preisen / mit ihren Händen zu halten / mit ihrem Munde zu genießen und andern zum Genusse darzureichen! O wie rein sollen ihre Hände / ihre Lippen / ihre Herzen sein / da der Urheber aller Reinheit bei ihnen Herberge nehmen will! Aus dem Munde des Priesters soll wahrhaftig kein anderes Wort hervorgehen als ein heiliges und erbauendes! Sein Auge / das den Leib Christi schaut / soll rein und einfältig sein; rein und aufgehoben zum Himmel die Hände / die den Schöpfer des Himmels und der Erde berühren. Das Wort des Gesetzes paßt dem Geiste nach ganz besonders für unsre Priester: Seid heilig / weil ich / euer Gott und Herr / heilig bin! Allmächtiger Gott / laß deine Gnade uns zu Hilfe kommen / daß wir Priester in aller Reinheit des Gewissens würdig und voll Andacht nach unserer Pflicht dir dienen können. Und wenn wir die geziemende Stufe des heiligen Wandels noch nicht erreicht haben / so schenk uns die Gnade / daß wir unsre Sünden im Geist der Demut von ganzem Herzen beweinen und dir nach dem ernsten Vorsatz eines guten Willens in Zukunft eifriger dienen mögen. Amen. Zwölftes Kapitel. Bereite dich mit allem Fleiß zur heiligen Kommunion! Der Geliebte spricht. Ich habe die reinen Seelen lieb und ich mache sie rein / denn meine Heiligkeit ist die Quelle aller Heiligkeit. Ich suche ein reines Herz / und wo ich eines finde / da schlage ich meine Herberge auf. So bereite mir denn einen großen / wohl zugerüsteten Speisesaal / und ich will bei dir mit meinen Jüngern das Ostermahl halten. Wenn du willst / daß ich zu dir kommen und bei dir bleiben soll / so fege den alten Sauerteig aus und reinige die Wohnstätte deines Herzens. Hinausgejagt soll die ganze Welt aus deinem Herzen / und fest zugeschlossen soll die Türe sein vor der Sünde und all ihrem ungestümen / aufrührerischen Gefolge. Sei einsam wie der Sperling auf dem Dache und denk mit reuevollem Herzen an deine Sünden. Denn / wer die Liebe hat / der bereitet für seinen geliebten Freund die reinste und schönste Wohnstätte / und eben dadurch beweist sich die Liebe dessen / der den Geliebten beherbergt. Wisse aber auch dies: aus dir selbst / und wenn bloß auf den Wert deiner Arbeit gesehen würde / könntest du die würdige Vorbereitung nie vollenden / wenn du auch ein ganzes Jahr dich vorbereitetest und nichts anderes als nur die einzige Vorbereitung im Sinn und Herzen hättest. Es ist doch immer meine Gnade und Liebe allein / die dir den Zugang zu meinem Tische öffnet. Es ist im Grunde nichts anderes / als wenn ein Bettler / von einem reichen / guten Mann zum Gastmahl geladen / diese Wohltat nicht anders zu vergelten weiß / als daß er nach Bedürfnis esse und im Gefühl der Demut danke und wieder danke. Tu / was an dir ist / und tu es mit aller Treue / empfange den Leib des Herrn / deines Gottes / der sich herabwürdigt / zu dir zu kommen / nicht aus Gewohnheit / nicht aus Zwang / sondern in heiliger Ehrfurcht / Anbetung und Liebe. Ich bin es / der dir das Gebot auferlegt hat / mich zu beherbergen  / ich will alles das / was dir mangelt / ersetzen / komm nur und beherberge mich. Wenn ich dir die Gabe der Andacht schenke / so danke deinem Gott dafür. Denn es war nicht deine Würdigkeit / sondern mein Erbarmen / das dich zur Andacht stimmte. Hast du die Gabe der Andacht nicht und fühlst dich trocken und dürr / so halte nur an im Gebete / seufze und klopfe an und höre nicht auf anzuklopfen / bis dir ein Brosamen meiner heilsamen Gnade / ein Tropfen des himmlischen Trostes gereicht werde. Du bedarfst meiner / ich bedarf deiner nicht. Du kommst nicht / um mich heilig zu machen / sondern ich komme zu dir / um dich besser / dich heilig zu machen. Du kommst / um durch mich heilig / durch mich eins in Liebe mit mir zu werden / du kommst / um neue Gnade zu empfangen und zur Besserung deines Herzens neue Kraft von meinem Feuerherd zu holen. Versäume diese Gnadenstunde nicht / sondern bereite dein Herz mit allem Fleiße und führe deinen Geliebten zu dir / in dein Haus ein. Aber du sollst nicht nur mit aller Innigkeit und Andacht des Herzens zur Kommunion dich vorbereiten / sondern auch nach der Kommunion mit aller Treue in dieser Innigkeit und Andacht dich bewahren. Und dieses Bewahren ist dir gerade so unentbehrlich wie die Vorbereitung. Denn die treue Bewahrung des Herzens nach der Kommunion ist wieder die beste Vorbereitung zum Empfang einer neuen Gnade; wie denn auch den Menschen nichts so unfähig macht / Gottes Gnade zu empfangen / als daß er sogleich wieder in die äußerlichen Tröstungen sich ergießt und versenkt. Meide die Geschwätzigkeit / bleib bei dir daheim und genieße dort deinen Gott. Denn du hast den / den die ganze Welt dir nicht rauben kann. Ich bin es / dem du dich ganz ergeben sollst / damit du in Zukunft nicht mehr in dir / sondern in mir / fern von aller Sorge und Angst / leben mögest. Dreizehntes Kapitel. Die Vereinigung mit Christus sei dein Streben / denn dies ist auch der Zweck des Sakraments! Der Jünger Jesu spricht. Wann wird denn die selige Stunde schlagen / wann wird mir die Gnade werden / daß ich endlich dich finde / vor dir mein ganzes Herz ausgieße / deiner nach Herzenslust genieße und / von allen Geschöpfen unbeachtet und unangefochten / fern von allen Zeugen und den verächtlichen Blicken der Menschen / mit dir allein rede / und du mit mir wie ein Freund zum Freunde / wie ein Geliebter zu seinem Geliebten beim freundlichen Mahlen Das ist jetzt mein Gebet / das der glühende Wunsch meines Herzens / daß ich ganz mit dir vereinigt und von allem Irdischen und Zeitlichen abgeschieden werde und durch die heilige Kommunion / durch die wiederholte Feier des großen Opfers am Kreuze / neubelebt das Himmlische und Ewige kosten und lieben / lieben und genießen lerne. O mein Gott und Herr / wann werde ich meiner ganz vergessen und eins sein mit dir / ganz eins mit dir und wie verschlungen vom Abgrund deines heiligen Wesens? Du in mir / und ich in dir / das ist mein Wunsch. Laß mich eins mit dir werden und eins bleiben / das ist mein Gebet. Wahrhaftig / du bist mein Geliebter / mein Auserwählter aus Tausenden / und das ist die Himmelslust meiner Seele / bei dir zu sein alle Tage meines Lebens. Wahrhaftig / du bist mein Friedensfürst / denn in dir finde ich den vollkommensten Frieden und die wahre Ruhe / und außer dir nichts als Plage und Schmerz und Pein ohne Ende. Wahrhaftig / du bist ein verborgener Gott / die Gottlosen wissen nichts von deinem geheimen Ratschluß / aber die Demütigen und Einfältigen sind deine Vertrauten! Wie freundlich ist dein Geist / o Herr! Um deine Freundlichkeit gegen deine Kinder zu beweisen / erquickst du sie mit dem schmackhaften Brote / das vom Himmel kam. Wie bist du / unser Gott / doch allen / die an dich glauben / so unaussprechlich nahe! Kein anderes Volk ist so groß / kein anderes Volk kann eines solchen traulichen Umgangs mit seinem Gott sich rühmen / wie wir deiner Nähe uns freuen! Um unser Herz täglich zu erquicken und gen Himmel empor zu richten / gibst du dich selbst uns zum täglichen Genuß / zum täglichen Mahl der Liebe hin. Wo ist ein Volk / so selig wie das Christenvolk? Wo ist unter der Sonne ein Geschöpf / das solche Liebe erfährt / wie die andächtige Seele / die ihr Herr besucht / um sie mit seinem verklärten Fleische zu speisen? O Gnade / die kein Gedanke / o Milde / die keine Bewunderung erreichen kann! O Liebe ohne Maß / die ganz zum Besten der Menschen sich geopfert hat! Was werde ich aber für diese Gnade / für diese Liebe / die alle Begriffe übersteigt / dem Herrn wiedergeben können? Es ist kein Geschenk / das ich ihm geben / keines / das ihm wohlgefälliger sein kann / als dies mein Herz; das will ich ihm ganz ohne Rückhalt geben / das soll vollkommen eins mit ihm werden. Und dann wird er zu mir sagen: Ich bin gern bei dir / magst du denn auch gern bei mir sein? Und ich werde ihm antworten: Lieber Herr / sei so gütig und bleib bei mir / ich will gern bei dir sein. Denn das ist mein einziges Verlangen / daß mein Herz eins mit dir werde und eins mit dir bleibe ewig! Vierzehntes Kapitel. Von der besonderen Andacht einiger Christen am Tisch des Herrn. Der Jünger Jesu spricht. Wie ist doch die Fülle der Seligkeit so groß / die du deinen Freunden im verborgenen Schatze deiner Führungen für alle / die in heiliger Ehrfurcht vor dir wandeln / aufbewahrt hast! Wenn ich daran denke / daß viele anderen Christen mit glühender Andacht zum Tisch des Herrn hinzutreten / so erröte ich vor mir und kann es selbst kaum ertragen / daß ich so kalt und gefühllos zu deinem Tisch hinzutrete; daß ich so dürr und ohne Rührung des Herzens bleibe; daß ich von dir / o mein Gott / nicht ganz entflammt / nicht so mächtig angezogen und von dir zu dir hingezogen werde wie viele Andächtige / welche die übermannende Begierde zur heiligen Kommunion nicht aushalten konnten und vor Übermaß der Liebe in Tränen zerflossen und vom innersten Grund aus mit einem unwiderstehlichen Durst und Hunger nach dir / o Gott / du lebende Quelle alles Trostes / schmachteten und ihr Sehnen nach dir nicht mäßigen oder stillen konnten / bis sie an deinem Tische dein Fleisch und Blut mit aller Seelenlust genossen hatten. Wahrhaftig / dieser ihr Glaube voll Licht und Flamme ist ein zuverlässiger Beweis deiner heiligen Gegenwart! Denn diese erkennen ihren Herrn wahrhaftig am Brotbrechen / ihr Herz glüht / indem Jesus mit ihnen wandelt und es entzündet. Aber diese glühende Empfindung / diese flammende Andacht und Liebe ist fern von mir. Guter Jesus / du bist ja die Liebe und Milde selbst / darum sei auch mir gut und milde / laß deinen armen Bettler auch nur einen Funken von deiner Liebe in der heiligen Kommunion empfinden; damit mein Glaube an dein Wort neubelebt / meine Zuversicht auf deine Güte neugestärkt / meine Liebe zu dir einmal recht angefacht und / durch den Genuß des Himmelsbrotes neubeseelt / niemals ohnmächtig werde. Deine Barmherzigkeit ist mächtig genug / auch mir die so ersehnte Gnade / diese deine Heimsuchung / die das Herz zur heiligen Liebe entzündet / angedeihen zu lassen. Denn wenn schon das große Verlangen deiner Freunde / welche die Gabe der besonderen Andacht haben / in mir noch nicht glüht / so habe ich / durch deine Gnade gestärkt / doch ein Verlangen nach jenem glühenden Verlangen. Ich wünsche wenigstens und bitte um die Gnade / der heiligen Gesellschaft all jener beigezählt zu werden / die von der wahren Liebe zu dir ergriffen sind. Fünfzehntes Kapitel. Die Gabe der Andacht wird auf dem Wege der Demut und Selbstverleugnung gefunden. Der Geliebte spricht. Die Andacht ist eine Gabe Gottes / und diese Gabe sollst du mit anhaltendem Eifer suchen / mit ernstem Verlangen von mir begehren / mit Geduld und Zuversicht erwarten / mit frohem Dank annehmen / in Demut bewahren / mit aller Treue ihr nacheifern / und Zeit und Maß der himmlischen Heimsuchung Gott überlassen / bis er kommt. In den Zeiten der Dürre / die entweder nur ein schwächliches Gefühl der Andacht in dir aufkommen oder dich gar ohne alles Gefühl der Andacht öde liegen lassen / ist die Demütigung deines Herzens vor Gott am rechten Orte. Demütig sollst du allerdings sein / aber nicht so verzagt und nicht so tief bekümmert. Denn Gott gibt oft in einem Augenblick / was er dir lange Zeit nicht gegeben; gibt manchmal am Ende deines Gebetes / was er dir im Anfang und im Fortgang des Gebetes versagt hat. Würde die Gnade immer sogleich und wie auf der Stelle uns gegeben oder stünde sie dem Menschen ganz nach seinem Wunsche zu Gebote / ich denke / die Menschen wären jetzt zu schwach / eine so große Seligkeit zu ertragen. Deshalb ist es am besten / in Hoffnung / Demut und Geduld auf die Gabe der Andacht warten zu lernen / bis sie gegeben wird; und wenn sie nicht gegeben oder schnell wieder zurückgenommen wird / die Ursache in sich selbst und in seinen Fehltritten zu suchen. Oft ist es etwas Geringes / das den Einfluß der Gnade hemmt oder ihr Licht dem Blick entzieht; wenn anders man gering nennen darf / oder vielmehr nicht groß nennen darf / oder vielmehr nicht groß nennen muß / was um ein so großes Gut bringt. Es sei aber gering oder groß / was das Kommen der Gnade hindert: räume du nur das Hindernis aus dem Wege und ruhe nicht / bis du den kleinen oder großen Feind vollkommen besiegt haben wirst / und es wird dir gleich gegeben werden / was du haben wolltest. Denn sobald du / statt dieses oder jenes nach deinem Eigendünkel zu wünschen / dich ganz und ohne Ausnahme / dich ganz aus dem innersten Grunde deines Herzens deinem Gott ergeben / dich ganz und alle deine Wünsche in die Hand Gottes niedergelegt haben wirst: von diesem Augenblick an wirst du dich ruhig und eins mit Gott finden / indem kein anderes Ding mehr dir so schmackhaft / so wohlgefällig sein wird wie Gottes Wohlgefallen. Wer also seinen Sinn in Einfalt des Herzens zu Gott emporgeschwungen und sich von aller ungeordneten Liebe oder vom Haß gegen irgend ein erschaffenes Ding losgemacht hat / der wird vor allen andern fähig und würdig sein / die Gabe der Andacht zu empfangen. Denn wo der Herr leere Gefäße findet / da legt er seinen Segen hinein. Und je vollkommener jemand sein Herz von der Liebe zum Vergänglichen losmacht und durch gründliche Selbstverachtung sich selbst abstirbt / desto schneller kommt die Gnade / desto tiefer dringt sie ein / desto höher hebt sie das freie Herz des Menschen empor. Dann gehen dem Menschen die Augen auf / dann staunt er voll Entzücken / dann erweitert sich sein Herz; denn die Hand des Herrn ist mit ihm / und er hat sich ganz und für die ganze Ewigkeit in die Hand des Herrn gelegt. Sieh / so wird der Mensch gesegnet / der den Herrn von ganzem Herzen sucht und seinen Geist nicht an vergänglichen Dingen hängen läßt. Ein solcher Mensch ist fähig und würdig / zur innigsten Vereinigung mit Gott zu kommen / indem er zum Tisch des Herrn geht. Denn er sieht nicht auf eigene Andacht und Tröstung / sondern auf Gottes Ehre / die ihm ungleich wichtiger ist als alle Andacht und Tröstung. Sechzehntes Kapitel. Daß wir alle unsere Anliegen Christo klagen und ihn um seine Gnade anflehen sollen. Der Jünger Jesu spricht. Herr / der du an Liebenswürdigkeit und an Liebe gegen uns alles / was liebenswürdig ist und lieben kann / unvergleichbar übertriffst / sieh / ich möchte dich jetzt empfangen / möchte ganz eins mit dir werden; aber du kennst meine Schwachheit und meine Not / du siehst mich / wie ich in Sünden und im Elend daliege / niedergedrückt / angefochten / verwirrt / befleckt: Um Hilfe komme ich zu dir / um Trost und Erleichterung flehe ich zu dir. Wohl mir / daß ich mein Herz darf reden lassen zu dem / der alles weiß / dem all mein Innerstes bekannt ist / der allein vollkommen mich trösten / der allein mir helfen kann. Du kennst das Gute / das ich nicht habe und das ich doch vor allem haben sollte; du siehst / wie gar so arm ich bin an allem / was Tugend heißt. Sieh / arm und nackt steh ich vor dir und weine um Gnade und schreie um Barmherzigkeit. Erquicke diesen deinen hungrigen Bettler / entzünde mein kaltes Herz durch das Feuer deiner Liebe und erleuchte meine Blindheit durch das helle Licht deiner Gegenwart. Laß alles Irdische mir bitter werden / lehre mich alles / was mich drückt und kränkt / geduldig tragen / alles Niedere verachten und vergessen. Erhebe mein Herz gen Himmel zu dir hinauf und laß es nicht umherirren auf Erden. Du allein sollst von nun an mein höchstes Gut sein / du mein höchstes Gut in aller Ewigkeit bleiben / denn du allein bist meine Speise und mein Trank / meine Liebe und meine Freude / meine Lust und meine ganze Seligkeit. O daß ich durch deine Gegenwart ganz entzündet / alles Unreine in mir verzehrt / mein ganzes Wesen in dein Bild verklärt würden: Eines Geistes mit dir möcht ich werden / eines Geistes mit dir durch die brennende Liebe / die alles Harte in mir erweichen / die alles Unlautere wegschmelzen und mich ganz mit dir vereinigen kann: Laß mich nicht hungrig und kraftlos von deinem Tische gehen. Handle mit mir nach deiner Barmherzigkeit / wie du mit so vielen Heiligen nach deiner wunderbaren Güte gehandelt hast. Du bist ja ein Feuer / das immer brennt und nimmer abnimmt / du bist ja die Liebe selbst / die das Herz reinigt und den Verstand erleuchtet; wäre es denn ein Wunder / wenn auch ich von dir entzündet und durch dich in eine lebendige Flamme verwandelt würde / und alles eigene Leben in mir erstürbe? Siebzehntes Kapitel. Von der glühenden Liebe und Begierde / Christum zu empfangen. Der Jünger Jesu spricht. Mit höchster Andacht und Liebe / mit einem Herzen / das ganz sich dir / o mein Gott / weiht und dir allein anhängt / möchte ich jetzt dich empfangen / empfangen mit jenem lebendigen Sehnen nach dir / das die heiligsten und andächtigsten Menschen an deinem Tische nach dir empfunden haben. O mein Gott / o du ewige Liebe / o du mein höchstes und all mein Gut / du die Seligkeit ohne Ende / du die Heiligkeit ohne Fehl: dich / dich möchte ich empfangen mit dem lebendigsten Verlangen / mit der tiefsten Anbetung / mit der heiligsten Empfindung / die je im Herzen eines Heiligen gelebt hat oder hätte leben können. Und obgleich ich durchaus nicht würdig bin / alle diese Empfindungen der Andacht den Heiligen nachzuempfinden / so opfere ich dir denn doch mein ganzes Herz mit allen seinen Neigungen / gerade als wenn ich allein alle die glühendsten / heiligsten Gesinnungen / die je die Heiligen gehabt haben / jetzt wirklich in mir hätte. Alles / was ie eine heilige Seele denken und wünschen konnte / alles dieses lege ich mit tiefster Ehrfurcht und höchster Inbrunst auf deinen Altar. Nichts will ich mir vorbehalten / mich selbst und all das Meinige will ich dir mit der vollkommensten Willigkeit meines Herzens opfern. Mein Herr und mein Gott / mein Schöpfer und mein Erlöser / empfangen möcht ich dich mit allen Empfindungen der Andacht / mit all jener Ehrerbietung / Lobpreisung und Verherrlichung deines Namens / mit all jenem Glauben und Dankgefühl / mit all jener Würdigkeit und Lauterkeit / Zuversicht und Liebe / mit welcher deine Mutter Maria / die ehrwürdige Jungfrau / dich empfangen hat / als ihr der Engel das Geheimnis der Menschwerdung kund machte / und sie voll Andacht und Demut antwortete: Sieh / ich bin eine Magd des Herrn / mir geschehe nach deinem Worte: Und wie dein seliger Vorbote Johannes / den du selbst unter den heiligen Propheten oben ansetztest / da er noch im Mutterleib war / bei deiner Annäherung / von der Freude des heiligen Geistes beseelt / wonnevoll aufhüpfte und wie er später / als er dich unter Menschen wandelnd erblickte / tief sich erniedrigte und dem drängenden Gefühl der Andacht nachgab und ausrief: Der Freund des Bräutigams / der seine Stimme hört / freut sich über den Laut / den er hört / weil es der Laut des Bräutigams ist:; so möchte auch ich von großen / heiligen Begierden ergriffen und durchwärmt werden / daß ich mich dir allein ganz hingeben könnte. Alle die jubelvollen Herzensergießungen der Andächtigen / alle ihre brennenden Empfindungen der Liebe / alle ihre Entzückungen im heiligen Feuer der Andach / alle ihre himmlischen Erleuchtungen / und was ihre geistigen Augen in diesen bessern Augenblicken sehen / alle Tugenden und Lobpreisungen der Heiligen / die dir der Himmel und die Erde samt allen ihren Geschöpfen bisher dargebracht haben und noch darbringen werden / lege ich vor dir nieder und falle in ihr gemeinsames Loblied ein und wünsche von ganzem Herzen / daß du von allen Geschöpfen gelobt und ewig verherrlicht werdest / und flehe für mich und alle / die meinem Flehen sich empfohlen haben. Nimm diese meine Gelübde an / o du mein Herr und Gott / und laß die Wünsche meines Herzens dir gefallen; denn alle meine Gelübde sind nur ein Gelübde / alle meine Wünsche sind nur ein Wunsch / daß auch durch mich dein Name ohne Ende verherrlicht / und alle die grenzenlosen Lobpreisungen / die dir allein nach der Fülle deiner unaussprechlichen Herrlichkeit gebühren / im Himmel und auf Erden von allen deinen Kindern ohne Unterlaß dir geopfert werden. Dies ist mein Wunsch / dies mein Opfer / und dieses Opfer des Dankes und Lobes möchte ich dir alle Tage und zu allen Zeiten meines Lebens entrichten; und weil ich mich zu schwach dazu fühle / so lade ich alle himmlischen Geister und alle deine treuen Verehrer dazu ein / daß sie in mein Lob und Danklied einstimmen mögen. Alle Völker der Erde / alle Geschlechter und Zungen sollen dich loben / sollen deinen heiligen Namen / der ein Name der Gnade und Barmherzigkeit ist / mit innigster Andacht und höchstem Jubel preisen. Alle / die dein heiliges Sakrament mit Ehrerbietung und Andacht konsekrieren und mit vollem Glauben empfangen / sollen Gnade und Erbarmung bei dir finden und für mich Sünder in Demut bitten. Und wenn sie in Fülle der Andacht zum seligen Genuß der Einigung mit dir kommen / mit Trost gesalbt und mit dem Wunder der Liebe erquickt von deinem himmlischen Tisch zurückkehren / dann sollen sie meiner / des Armen / nicht vergessen. Achtzehntes Kapitel. Glaube an Jesus Christus und grüble nicht / folge ihm nach und zweifle nicht. Der Geliebte spricht. Hüte dich / mein Sohn / vor unnützer Neugierde / die nichts als forschen und wieder forschen will in dem unerforschlichen Abgrunde dieses Sakraments. Hüte dich davor / wenn du nicht von dem Wirbel des Zweifels ergriffen und in die abgrundlose Tiefe willst verschlungen werden. Wer die Majestät erforschen will / den zerdrückt ihre Herrlichkeit. Die Allmacht Gottes kann doch gewiß mehr tun / als der Verstand eines Menschen ewig begreifen mag. Doch kann man deshalb die fromme und demütige Untersuchung der Wahrheit / die sich gern will belehren lassen und willig ist / auf der Bahn der gesunden Lehre der Väter zu wandeln / nicht verwerfen. Selig die Einfalt des Herzens / welcher es gegeben ist / die rauhe Bahn der rastlosen Sucht des Fragens und Streitens zu verlassen und auf dem ebenen / festen Weg der Gebote Gottes mutig voranzuschreiten. Viele haben alles Gefühl der Andacht in sich verloren / indem sie erforschen wollten / was über ihnen ist. Du sollst glauben und im Geiste des Glaubens leben / das ist deine Pflicht; hohe Erkenntnis zu besitzen und tiefen Blick in die Geheimnisse Gottes / das fordert Gott nicht von dir. Wenn du nicht verstehst und nicht begreifst / was unter dir ist / wie wirst du begreifen / was über dir ist? Unterwirf dich deinem Gott / und all dein Dünkel und dein Meinen beuge sich demütig unter die Zucht des Glaubens; und es wird dir soviel Licht der Erkenntnis gegeben / als dir nützlich und nötig ist. Einige Menschen werden von den Versuchungen wider Glauben und Sakrament hart mitgenommen. Aber daran sind nicht sie schuld / Versuchungen dieser Art kommen nicht selten von dem Feinde des menschlichen Geschlechts. Sei daher nicht bekümmert / laß dich in keinen gelehrten Streit mit deinen eigenen Gedanken ein und zerbrich dir den Kopf nicht mit Auflösungen der unendlichen Zweifel / die der Feind in deine Seele legt / sondern glaube dem Wort Gottes und seinen Heiligen und Propheten; und der arge Feind wird dir Ruhe lassen. Es ist oft gut / daß treue Knechte Gottes durch solche Leiden geprüft werden. Denn die stolzen Ungläubigen und die versunkenen Sünder hat der Feind schon im Besitz und braucht sie nicht mehr erst zu versuchen / aber die gläubigen und andächtigen Freunde Gottes plagt und versucht er auf mancherlei Weise. Halte du also wie bisher fest am Glauben / der dem Zweifel keinen Raum gibt und das Herz in Einfalt zu Gott erhebt / geh hin zum Sakrament in Demut und in heiliger Ehrfurcht. Und was du nicht begreifen kannst / das stelle kühn und furchtlos dem allmächtigen Gott anheim. Gott betrügt dich nicht; aber wer sich selbst zu viel glaubt und traut / der wird betrogen. Gott wandelt mit denen / die ein einfältiges / gerades Herz haben; er offenbart sich den Demütigen / gibt Verstand den Unmündigen / öffnet den Sinn reiner Seelen und verbirgt seine Gnade vor der Neugierde und dem Stolze der Menschen. Die menschliche Vernunft ist eine menschliche Vernunft / hat wenig Licht und kann leicht irren / aber der rechte Glaube an Gott irret ewig nicht. Alle menschliche Vernunft und alle vernünftige Erforschung soll eigentlich dem Glauben demütig nachfolgen / soll ihm nicht voraneilen / noch weniger die Rechte des Glaubens mit anmaßender Gewaltsamkeit verletzen. Glaube und Liebe zeigen ihre Wirksamkeit vorzüglich und auf die geheimste Weise in diesem heiligsten und unübertrefflichsten Sakramente. Gott / der Ewige und Unsterbliche / dessen Allmacht ohne Grenze ist / tut große und unerforschliche Wunder im Himmel und auf Erden; und seine wundervollen Werke vermag kein forschender Verstand zu erforschen. Denn wären die Werke Gottes nur so groß / daß sie von der Vernunft des Menschen leicht könnten erforscht werden / so wären sie eben darum nicht groß / nicht wunderbar / nicht unerforschlich und unaussprechlich zu nennen.