Zur Kulturgeschichte Roms Gesammelte Skizzen von Professor Dr. Theodor Birt     1935 Verlag von Quelle \& Meyer in Leipzig     Theodor Brieger dem ausgezeichneten Darsteller deutschen Kulturlebens bleiben diese Bilder aus Rom auch nach seinem Dahingang in treuem Gedenken zugeeignet Th. B.     Vorwort zur ersten Auflage Den vorliegenden Skizzen sei das Bekenntnis vorausgeschickt, daß sie nicht ganz so flüchtig geschrieben sind, wie sie sich lesen. Über altrömische Kultur besitzen wir mehrere treffliche Bücher. Der bescheidene Zweck dieser Blätter ist eine größere Konzentrierung und eine lebhaftere Vergegenwärtigung des Stoffes; Anschaulichkeit ohne Bilder. Manches, was ich gebe, habe ich dabei mit Dank eben jenen Werken entlehnt; das meiste ist jedoch aus unmittelbarer Lektüre der antiken Schriftsteller selbst geflossen. Auch kam mir der Besuch Pompejis, Roms und andrer denkwürdiger Stätten zu Hilfe; das Ganze endlich gibt den gesammelten Eindruck wieder, den ich in nun über dreißigjähriger Beschäftigung mit Rom von seinem Kulturleben dauernd empfangen habe. Aus eben derselben Beschäftigung aber ergab sich, daß ich über Erziehungswesen, Sklaventum, römische Kunst, über die Gründe des Verfalls der römischen Welt und andere Dinge nicht immer die gleichen Ansichten vortragen konnte, die man in verbreiteten Schriften zu lesen gewohnt ist. Kürze war mir Gebot; gleichwohl muß, was ich gebe, sich selbst zu rechtfertigen versuchen. Marburg a. L., 23. April 1909. Der Verfasser .   Aus dem Vorwort zur dritten Auflage . . . Dies Buch ist bildloser Text. Dem, der es liest, wird die »Römische Kultur im Bilde« von Hans Lamer , die in der Sammlung »Wissenschaft und Bildung« als Nr. 81 erschienen ist und für Bauten, Tracht, Dekorationskunst und Gerätschaften der Römer zahlreiche Abbildungen in kluger Auswahl und trefflicher Wiedergabe darbietet, eine willkommene Hilfe und Ergänzung sein. Marburg a. L., 7. Dezember 1916. Der Verfasser .     Inhaltsübersicht         I.  Ankunft in Rom II.  Im Hause III.  Die Bevölkerung IV.  Rechtsleben V.  Die Bäder VI.  Gottesdienst und Glaube VII.  Erziehung und geistiges Leben VIII.  Spiel und öffentlicher Zeitvertreib IX.  Die Kunst X.  Die Sittlichkeit     I. Ankunft in Rom Es ist schwer, sich in der Vorzeit zurecht zu finden. Versuchen wir es, einem griechischen Reisenden uns anzuschließen, der etwa im Jahre 30 oder 50 nach Chr. aus Ägypten ausfuhr, um sich einmal Italien und Rom anzusehen. Solcher Reisende konnte, ganz wie heute, in Brindisi (Brundisium) oder Neapel landen, aber auch in Tarent, Puzzuoli (Puteoli), Ostia oder Ravenna. Besonders die letztgenannten drei Häfen erfreuten sich kaiserlicher Fürsorge. Ravenna, das heute ganz versandet und gegen 8 km vom Strand des Adriatischen Meeres abgerückt liegt, war damals ein üppiger Seehafenplatz, eine Lagunenstadt wie heute Venedig, mit zahllosen Brücken, die Häuser auf Inseln leicht aus Holz gebaut, die Brücken voll Verkaufsbuden (wie der Rialto), der weite Hafen ein Standort für die kaiserliche Kriegsflotte von 250 Schiffen. Hat der Seereisende Eile und hat er Geld, so benutzt er einen schmalen Schnellsegler, auch zum Rudern eingerichtet, eine Yacht in der Form einer Erbsenschote (Phaselus), wie ihn die Sportleute liebten. Auf keinen Fall aber sucht er die hohe See, sondern hält sich stets der Küste nahe. Denn der Kompaß fehlte ja, und der Steuermann mußte Land sehen, um sich die Richtung zu sichern. Die Fahrt ist schön und eindrucksvoll. Frachtschiffe kommen auf und werden überholt, die da fest im Wasser gehen und breit gebaut und mit breitem Segelwerk gegen den Wind kreuzen. Sie bringen Korn aus Ägypten, Gewürze aus Berytos oder Cäsarea, Schinken aus Frankreich. Auf dem Hinterdeck gibt ein kajütenartiges Zelt Schatten; der hohe Gallion ist mit farbigem Bildwerk geschmückt; Wimpel flattern am Masttopp; Musik, Gelächter ertönt. Da tauchen aber auch Kriegsschiffe auf, ein ganzes Geschwader dreieckiger Galeeren: wie buntbemalt! Sie sind so rank, so schmal und flach, daß sie nur bei ebener See sich aus dem Hafen wagen. Um so schneller fliegen sie dahin und gehorchen dem Steuerruder in den raschesten Wendungen. Jede Triere hat 300 bis 400 Ruderer, und ihre zweimal 200 Riemen 10 schlagen wie Schwingen im Takt auf und nieder. Aus dem Schiffsvorderteil springt wie ein spitzer Unterkiefer ein eiserner langer Sporn vor, der das Wasser aufpflügt und bestimmt ist, das Gegnerschiff zu rammen. Lanzen und Schilde blitzen an Deck auf. Aber der Gegner fehlt. Denn es ist tiefster Friede zu See und Land, und es gibt nur ein Scheingefecht, wenn es nicht gilt, auf Seeräuber Jagd zu machen, die an den cilicischen Küsten des Mittelmeeres nicht aussterben. Schon aber nähern wir uns Ostia, dem Hafen Roms. Die Kauffahrteischiffe mehren sich hier, die den römischen Reedern gehören. Wir sehen ganze Flotten. Denn Rom braucht Nahrung; allein aus Ägypten kommen im Jahr 175 Millionen Liter Weizen. Ein Gebrüll tönt herüber: denn auf einem der Lastschiffe befinden sich Löwen im Käfig, die in Afrika in Gruben gefangen sind und mit dem Schweif schlagen, hungrig und wild: sie sollen in den Tierhetzen der Arena Roms demnächst verwendet werden. Auf anderen Schiffen, die tief im Wasser liegen, werden Marmorblöcke, ganz monolithe Säulen, herangeschafft: Marmor aus Paros, Giallo antico aus Numidien, Porphyr aus Ägypten – sie sollen zu den kaiserlichen Bauten dienen für die Paläste und Bäder der Vornehmen. Durch Riesenbauten ist der Hafen Ostias , der sehr ungünstigen Lage zum Trotz, durch Kaiser Claudius glänzend hergestellt worden. In der Mitte der Einfahrt ragt der Leuchtturm, Pharos, auf einer Insel. Dazu große Molen und ein glänzender Kai mit Treppenwerk. Geschrei der Hafenarbeiter, die löschen, der Flößer, Sackträger, Kornmesser, Zimmerleute, Zollbeamten! Ein Hämmern von den Werften her! Große Reihen von gewölbten Magazinen und Schuppen! Dazu Statuenschmuck, ein Dioskurentempel, Vulkan- und Isistempel, aber auch Schmutz und Teergeruch; der Typus eines südländischen Seeplatzes. Am Strand bei Ostia aber ziehen sich die uralten Salinen, die Salzwiesen hin. Das Meeressalz wird da in Lagunen durch Verdunstung gewonnen. Ostia und Rom waren die Zentrale für den Salzhandel. Der Reisende kann sich nun zu Schiff auf dem Tiberfluß von Ostia nach Rom, 16 Miglien landeinwärts, fahren lassen; Ochsen am Strand ziehen die Fahrzeuge stromauf. Aber es ist ratsamer, sich einen Wagen zu nehmen: Fuhrleute, cisarii , bieten sich an. Zweirädrige Kabrioletts waren in Italien sehr beliebt. 11 Und schon sind wir in Rom , und der Lärm des Seehafens wird durch den Lärm der Hauptstadt selbst übertäubt. Auf 1½ Millionen schätzt man Roms Einwohnerzahl. Der Reisende findet bei Gastfreunden Aufnahme, die ihn schon am Stadttor in Empfang nehmen und durch endlose Gassen zu Fuß nach Hause schleppen a portu dumum ire , Livius 45, 39, 14. , mutmaßlich in den vierten, fünften Stock eines Mietshauses. Der Grieche findet in Rom zahllose Landsleute und braucht kein Wort Latein zu reden. Derselbe Grieche war ein Bewunderer des Erfolges und hat daher stets mit abgöttischer Verehrung auf die Allmacht Roms geblickt. Aber der Anblick der Stadt selbst enttäuscht ihn. Ja, ihm blutet das Herz. In den Hallen, in den Tempelvorhöfen sieht er wundervolle Statuen. »Gestohlen und geraubt! Es sind ja unsere Werke,« so denkt er. Fulvius Nobilior führte im Triumph des Jahres 187 v. Chr. 285 Bronzestatuen und 230 Marmorbilder durch die Straßen usf. Rom ist die Krähe, die sich mit fremden Federn schmückt. Aber die Federn sind der Krähe festgewachsen für die Ewigkeit! In der Tat strömten alle besten griechischen Bildhauer jetzt in Rom zusammen und steigerten ihr Können im Dienst der alles überbietenden Ansprüche der Weltzentrale. Aber die Straßen! wie häßlich! diese engen Quartiere! diese Winkelgassen! Fahrbar waren nur die Sacra via, die Nova via, die Via lata. Wie schön dagegen Alexandria, Antiochien, Priene, Magnesia. Ein weites rechtwinkliges Straßennetz, breite schnurgerade Avenüen, die mit Kolonnaden das Häusermeer kühn und endlos durchschneiden – das war die Regel in den hellenistischen Städten. Im Häusergewirre Roms dagegen fehlt jede Linie, scheint jede Orientierung unmöglich (trotz des gewaltigen antiken Stadtplans, der uns in Trümmern erhalten ist), wenn man nicht einen Höhepunkt gewinnt. Vom Tempeldach auf dem Kapitol allerdings, da läßt sich Umschau halten, und man sieht von da zu seinen Füßen zunächst genug des überwältigend Herrlichen: die ganze blendende Marmorpracht der erst neuerdings errichteten Tempel und Hallen. Denn Kaiser Augustus war es, der das trübe backsteinerne Rom in ein festlich marmornes Rom verwandelt hatte. Freilich steht alles zu eng. Um für das Cäsar-Forum mit dem Venus-Tempel, für das Augustus-Forum mit dem Mars-Tempel Raum zu schaffen, sind da ganze Quartiere 12 niedergelegt worden. In hohe Brandmauern sind die Fora eingezäunt. Noch überraschender ist der Ausblick, wenn man vom Kapitol nach dem Vatikan und Monte Pincio (den Gärten des Pompejus) hinüberschaut: da hat man das flache »Marsfeld«, eine Vorstadt voll vornehmster Schmuckbauten, zu seinen Füßen. Seit 220 v. Chr. hatte hier eine Ansiedlung begonnen mit Anlegung der Flaminischen Straße, die heute der Korso heißt und zum Ponte Molle führt. Das augusteische Zeitalter stellte das Pantheon dahin, mit den Bädern des Agrippa, die Theater des Marcellus und des Balbus; dazu wundervolle Bazare sowie das Mausoleum des Augustus, das von einem Lusthain und Volksgarten umgeben war. Blickt man aber auf die Altstadt zurück, so geht für das Auge alle Ordnung und Planmäßigkeit in dem wüst romantischen Chaos von Dächern und Gängen verloren. Die bergige Lage Roms war daran Schuld. Das wirkliche Ideal des altitalischen Städtebaus vergegenwärtigt uns am besten Turin ( Augusta Taurinorum ), eine Kolonie des Augustus; wer heute Turin betritt, muß sich erstaunen über dies Schachbrett von Häuserkarrees mit den breiten Straßen, die vollkommen geradlinig wie endlose Korridore Durchblick durch das ganze Stadtinnere gewähren. Es ist der antike Grundriß, auf dem Turin noch heute steht. Licht und Luft, danach verlangte der alte Römer. Der Plan ist dem Heerlager nachgebildet, ein weites Rechteck mit cardo und decumanus . Etwa 60 gleichgroße Häuserblöcke zu je 240 Fuß im Quadrat, das war es, was August da in die Ebene stellte: gesund und praktisch, aber reizlos und nüchtern. Ebenso hat sich der Plan der aufgegrabenen Stadt Thamugadi (Timgad) in Numidien erwiesen. Auch Lambaesis, Carnuntum sind im Anschluß an solche Heerlager entstanden, vor deren Toren sich in Baracken ( canabae ) die Marketender und Kleinhändler ansiedelten. Auf den sieben Hügeln Roms war nun aber solcher Stadtplan nicht durchführbar trotz aller Planierungsversuche. Dasselbe gilt von Pompeji. Wer hat die Baupolizei in Händen? In der Zeit der freien Republik waren es die Censoren, die nicht nur die Einschätzung und das Steuerwesen verwalteten und den Gemeindehaushalt regulierten, sondern auch das gesamte öffentliche Bauwesen beaufsichtigten sowie außerhalb der Stadt die Anlage der Heerstraßen oder Landstraßen in Auftrag gaben, während die Aufsicht über Tempel und Gassen den Aedilen oblag. Späterhin jedoch 13 sind es die Kaiser selbst, die in Rom bauen, und zwar für eigene Rechnung, ohne auch nur den Senat zu fragen. Unter den Kaisern gab es dabei Behörden, die sich Wegeaufseher ( curatores viarum ) und Aufseher über die öffentlichen Bauten ( curatores aedium usf.) nannten. Sodann die Warenzufuhr, die Märkte , der Kleinhandel am Ort. Man denke, was dazu gehörte, Rom zu ernähren. Große Lagerspeicher gab es an verschiedenen Stellen, vor allem am Aventin, für Salz, Korn, Wein, auch für Schreibpapier, das nur aus Ägypten kam. Die Schreibverhältnisse im Altertum waren schwierig. Fiel die Papyrusernte in Ägypten schlecht aus, so war der Papiermangel groß, und der Senat selbst sorgte für die Verteilung der vorhandenen Vorräte. Daher wurde so viel auf Wachs geschrieben. Wie sollte es in Rom ferner an Ochsenmarkt und Schweinemarkt, Fischmarkt und Gemüsemarkt fehlen? Für die gleichen Zwecke wurden dann aber auch besondere Markthallen erbaut, sogenannte Macella, wie wir eine in Pompeji hart am Forum kennenlernen: ein hochummauertes Areal, dessen Inneres z. T. unter offenem Himmel, großenteils aber gedeckt ist; in der Mitte eine Rundhalle mit Gruben zum Schuppen der Fische; ringsum schattige Umgänge, darin sich hübsche Wandgemälde befinden, u. a. ein Fries, der Enten, Gänse, Fische, Kalekutten, gerupftes Geflügel, einen Hahn mit zusammengebundenen Füßen nett naturgetreu darstellt (die antike Malerei konnte schon den Reiz des Stillebens! Eier im Glas! Schweinsköpfe u. a. m.). Das waren die Waren, die man eben hier zu kaufen fand. Aber auch eine Fleischbank fehlte nicht in demselben Komplex, sowie Geldwechslerstuben, damit, wer kleine Münze brauchte oder nur ausländisches Geld bei sich führte, sich sogleich wechseln lassen konnte. Und die Rechnungen, die Additionen und Subtraktionen, haben sich da in Pompeji direkt an die Kontorwände gekritzelt gefunden. Die Aedilen aber waren es wiederum, die die Marktpolizei innehatten und durch ihr dienendes Personal ausüben ließen. Gewichte und Maße der Händler wurden nachgeprüft, Normalgewichte und Hohlmaße waren in allen Städten öffentlich aufgestellt. Sie sind in Pompeji noch heute zu sehen. Was aber ist eine Stadt ohne Wasser , Wasserzufuhr von außen? Denn sie will trinken, sie will sich reinigen. Auch dafür gab es eine besondere Wasserbehörde. 14 In den langen Regenzeiten des Winters stürzte durch die Gassen das Regenwasser. Es mußte ablaufen. Unter den Stadtmauern her wurde es durch Abzugskanäle aus der Stadt geführt. Sodann die Kloaken, die Latrinen. Es versteht sich, daß in keinem Privathaus ein derartiges Kabinett gefehlt hat; es lag regelmäßig in der Nähe der Küche, d. h. von den besseren Wohnräumen entfernt, befand sich aber, wo nötig, auch im Oberstock, mit Tonröhrenleitung. Bemerkenswerter ist, daß auch für öffentliche Latrinen gesorgt war, vielleicht noch nicht im Athen des Aristophanes – und der Südländer hatte und hat überhaupt einen großen Hang zur Natürlichkeit –, wohl aber in den Kulturstädten der Kaiserzeit, von denen wir handeln. Am Forum in Pompeji sieht man noch solche Einrichtungen, in Thamugadi gar einen Raum mit 25 Marmorsitzen: unter den Sitzen her war ein Sammelkanal mit fließendem Wasser. Die Sitze sind nicht durch Zwischenwände getrennt; man war plauderlustig; man hatte ja auch keine Zeitungen und leistete sich selbst hier Gesellschaft. Auch Gedichte las man sich dort vor: s. Martial III. 44, 11. Die Kanalisation der Städte aber setzt nun jene Wasserleitungen voraus, die der Ruhm des Römertums sind. Der Römer lechzt nach fließendem Wasser ( salientes ). Und Rom selbst prangt noch heute im Schmuck seiner Springbrunnen. Wer aber kennt nicht die Aquädukte Altroms, Aqua Appia, Marcia, Appia Virgo usw.? In Augustus' Zeit gab es 7, unter Konstantin 19; herrlich die Claudia, die über 45 Meilen zum Teil auf hohen Bögen das Gebirgswasser aus den Sabinerbergen in die Stadt führte! Die Aqua Claudia läuft 10 Meilen auf dem Aquädukt, 35 unterirdisch. Sie sind noch heut die Zierde der einsamen Kampagna um Rom und kriechen wie Raupen über das Blatt der Landschaft, lasttragende steinerne Raupen, die auf 100 000 Füßen wandeln und den viele Meilen langen, mit Fliesenplatten gedeckten Wasserkanal auf ihrem Rücken einhertragen: unzerstörbar wie die Pyramiden Ägyptens, wäre nicht der Mensch gekommen und hätte sie als Steinbruch benutzt. Die Aqua Marcia aus dem Jahre 144 v. Chr. ist i. J. 1869 wieder hergestellt worden; sie brachte im Altertum über 290 000 Kubikmeter Wasser täglich, im Jahre 1909 nur 120 000. Hoch über die Schwibbögen der Stadttore drangen so die Leitungen in das Innere Roms und bildeten auch ihrerseits monumentale Bögen, unter denen der Verkehr hindurchging, oder sie liefen auch die ganzen Straßen 15 und Kolonaden entlang. Wasserkastelle ( dividicula ) gab es in den verschiedenen Teilen der Stadt zum Zweck der gleichmäßigen Verteilung, zur Speisung der großen Badeanstalten. Um genügenden Druck zu haben, mußte das Wasser hoch vom Gebirge kommen und wurde so durch ein Geäst von abermillionen Bleiröhren in alle Hochbauten der Stadt getrieben. Diese Bleiröhren, mit Stempeln versehen, erweisen sich weit trefflicher und dauerhafter, als wir sie heute zu fabrizieren pflegen, und das gilt nicht etwa nur von Rom. Alle großen, ja die kleinsten Städte waren mit solchen Leitungen versehen. Viele Inschriften melden davon. Ravenna erhielt sein Trinkwasser in einer solchen von 30 Kilometer Länge. Nîmes war ebenso wasserarm wie Ravenna, und der berühmte Pont du Gard trug ihm die Leitung zu. Selbst Lyon war im Altertum mit Wasser besser versorgt als heute. Aber nicht nur Bäder speiste man so. An jeder Straßenkreuzung standen öffentliche Brunnen als steinerne Wannen, in die aus einem skulpierten Pfeiler Tag und Nacht das Wasser rann; und allen besseren Privathäusern war es ermöglicht, ihre Schmuckhöfe mit plätschernden Brunnenwerken zu schmücken. Es waren dies freilich zumeist nicht hochgetriebene Wasserstrahlen wie bei unseren Fontänen, sondern das Wasser fiel frei mit klatschendem Geräusch und frischen Hauch verbreitend aus geringer Höhe auf ein Marmortreppchen oder aus dem Schlauch eines Satyrn in ein ausgemauertes Becken herunter. Welch wonnige Erlabung in der Hitze des Südens! Sogar in der Stube hatte man das: das Leitungsrohr stieg am Bein des Tisches hinauf, und das Wasser ergoß sich, wenn man den Hahn drehte, über die Tischplatte. Dazu endlich die Sparsionen, die Sprengungen im Theater, die bis zu den höchsten Rängen Diese Sprengungen und das Drucksystem beim Heben des Wassers erörtert Seneca, Nat. quast. II. 9, 2 hinaufgingen. Das Stadtvolk Roms wurde von den Kaisern verhätschelt; daher brauchte man dort kein Wassergeld zu zahlen; in den übrigen Kommunen hatte, wer sich die Leitung in sein Haus legen ließ, jährlich eine mäßige Abgabe zu entrichten. Der griechische Reisende, der sich in Rom umsah, erkannte indes wiederum in alledem doch nur eine Weiterführung und Steigerung der eigenen griechischen Kultur. Dasselbe gilt von der Einrichtung der Straßen, auf die wir jetzt achtgeben. Wir pflanzen heute an den Fahrstraßen vor den Toren 16 Obstbäume, Kugelakazien, Lindenalleen. Das kennen die Alten nicht. Der Chausseebaum ist durchaus unantik. Wohl aber gab es Volksgärten, wie beim Mausoleum des Augustus; da, wo die Straße sich ausweitete, sorgte man für Ruhebänke ( scholae ), oftmals die Stiftungen von Privaten, die Halbzirkelform haben, auch Löwenfüße, und aus Stein hübsch gemeißelt sind. Vor allem aber sorgte die Baubehörde in der Stadt für gedeckte Wandelbahnen . Denn wie der heutige Italiener, so stand auch der Römer gern müßig in den Straßen herum und rieb sich den Rücken an den Säulen stundenlang, um den leeren Nachmittag auszufüllen. Dazu brauchte er die Portiken, Nur um die heiße Mittagsstunde sind die Portiken leer, Tacit. Ann. 11. 21, 2. die nicht nur die öffentlichen Plätze oft zweistöckig einfaßten, sondern in allen vierzehn Regionen Roms, besonders in der 7. und 9., die Häuserfronten unterbrachen. In der Nähe des Korso gab es allein deren 14, welche 14 zusammen auf 14½ Kilometer Länge berechnet werden. Im Winter stürzt der Regen im Süden wochenlang, im Sommer glüht die Hitze von oben: da half nur das flache Dach dieser gedeckten Säulengänge, Promenaden von oft endloser Ausdehnung und glänzender Ausstattung: Statuenschmuck zwischen den Säulen, die Wände mit Fresken erfüllt. Man bedenke dazu, daß der antike Mensch in der Stadt keinen Hut trug (nur auf Reisen war der Hut üblich) und daß auch der Regenschirm fehlte. Man kannte nur den Sonnenschirm ( umbella ). Barhäuptig liefen die Jungen zur Schule, barhäuptig ging Cicero in den Senat. Daß Kaiser Augustus im Hut einherging, wird besonders notiert. Cäsar bedeckte seine Glatze mit Lorbeer, und auch Kaiser Caligula war früh kahl und ärgerte sich, wenn man ihn vom Fenster aus von oben sah. Aber auch die Frauenhüte fehlten ganz; die Frauen verhüllten nur die Haare schleierartig, und die gespreizten Hutphantasien, diese Orgien der Putzsucht, non plus ultra , mit denen unsere Damenwelt in jüngster Zeit dem Sonnenstich wehrte, würde jede Messalina belächelt haben. Wir aber blicken jetzt vor unsere Füße auf das Straßenpflaster . Es besteht aus großen polygonalen Platten ( silex , Basaltlava), wie sie noch jetzt in den italienischen Städten gebräuchlich sind. Der Gehsteig an beiden Seiten ( margo ) ist oft sehr hoch, bis zu 1 Meter, und zwischen den Steigen läuft die Straße wie 17 ein leerer Fluß zwischen steilen Ufern. In der Tat floß das Regenwasser hoch durch die Straßen, wenn Abzugsleitungen fehlten. Für die Pflasterung des Steiges aber haben die Anwohner zu sorgen. Daher wechselt die Beschaffenheit des Pflasters in Pompeji vor den verschiedenen Häusern und ist bald Naturboden, bald Steinplatten, bald ein aus Ziegelbrocken hergestelltes rohes Mosaik. Weil aber der Fahrdamm so tief ist, werden an gewissen Stellen, um den Übergang von Gehsteg zu Gehsteg zu erleichtern, Schrittsteine gelegt, je 3 oder 4, und diese Schrittsteine verraten uns die Breite der antiken Wagen, d. h. die Weite des Abstands ihrer Räder. Sie erweisen sich als sehr schmalspurig. Ein Wagenverkehr war augenscheinlich schwierig, besonders das Begegnen von Fahrzeugen. Die Fuhrleute mußten genau orientiert sein. In eine Menge von Gassen und Gängen drang nie ein Fuhrwerk. Daher war nun der Wagenverkehr in den Städten am hellen Tag überhaupt polizeilich verboten, und dies ergibt einen ganz wesentlichen Unterschied vom heutigen Stadtgetriebe. Nur zu Prozessionszwecken, wenn ein Priester oder die Vestalinnen zum Tempel fuhren, oder bei den Triumphzügen der Feldherren und Kaiser wurde davon eine Ausnahme gemacht. Daraus muß sich erklären, daß im Stadtbereich Pompejis so wenig Pferdegerippe ausgegraben worden sind. Die Wandanschrift wegen eines verlaufenen Pferdes findet sich vor der Stadt, nicht in der Stadt. Für den Menschen, der nicht zu Fuß gehen wollte, hatte das aber eigenartige Folgen. Wer heutzutage per Automobil durchs Land reist (oder rast), darf unbehindert quer durch die Städte hindurch, die er passiert. Der antike Reisende dagegen mußte, wenn die Fahrstraße die Stadt nicht umging, jedesmal vor dem einen Stadttor seinen Wagen verlassen und am anderen Tor sich einen neuen nehmen. An den Toren lagen die Kutscherkneipen mit dem Ausspann. Im Innern der Stadt herrschte dagegen die Sänfte , der Tragstuhl. Die Gassen waren davon erfüllt; aber nur Freigeborene durften solche Sänften benutzen. Vornehme Damen und auch Herren gingen so ihren geselligen Zwecken nach; der Insasse konnte darin schreiben und lesen, das Klappfenster öffnen, Bekannte anreden, einen Freund mit aufnehmen, und auch das müßig elegante Getändel mit den Frauen, oft mehr artig als verliebt, knüpfte sich daran, wie etwa vor dem Kriege an den Wagenkorso auf Monte Pincio. 18 Wo uns Juvenal einmal das Gedränge in den Straßen schildert, da redet er von Wagen gar nicht. Die Gefahr für den Fußgänger bestand darin, daß man von anderen rücksichtslos gestoßen wurde, weil die fürstlichen Vornehmen nie ohne großen Troß ausgingen und Platzmacher, die auf das rücksichtsloseste ihres Amtes walteten, ihnen voranschritten. Dazu dann die Lastträger, die Stangenwerk und Fässer schleppten, so daß man sich den Kopf daran wund stieß; endlich aber die Sänften, die im eiligsten Trott hindurchgingen. Man lief Gefahr, von ihren metallbeschlagenen Tragbalken gehörig gepufft zu werden. In China sind für einen guten Tragstuhl 4 Kulis nötig; der gepflegtere Römer brauchte 6, um das Schaukeln möglichst zu verhindern und auszugleichen. Und damit haben wir ein Straßenbild Roms. Wer es sich vervollständigen will, denke sich etwa noch die bunten Trachten der Menschen hinzu, oder besser die geniale Nachlässigkeit der Tracht. Die Hosentracht fehlt damals noch ganz. Sie kam erst im 3. Jahrhundert n. Chr. über die Alpen. Die Gallier brachten damals die Hose nach Italien, die Germanen im 4. Jahrhundert den Pelz! Die farbige Tunika, das lange Hemd, ist die allgemeine Bekleidung der männlichen Bevölkerung, und für viele die einzige. Darüber trägt nur der gepflegtere Bürger noch den stolzen Umwurf der weißen Toga. Der Arbeiter zieht sich nur bei Regen und Kälte den zottigen dunklen Fries über ( paenula ); die Eleganten dagegen und auch der Offizier wirft sich gern die Lacerna um die Schultern, einen leichten Mantel mit Kapuze, grell weiß oder bunt, auch scharlachrot. Dazu mannigfaltiges Schuhzeug von der einfachen Sandale bis zum hohen Militärstiefel. In allen Fällen aber war Prinzip, die Zehen vorn bloß und unbedeckt zu lassen. Dadurch wurden freilich tägliche Fußbäder nötig, jenes Fußwaschen, das bisweilen zur bedeutsamen Handlung wird. Aber das Altertum kannte dafür auch den Leichdorn nicht! Die Toga selbst aber kam ab; sie war zu unbequem. Juvenal sagt, daß zumal in den Landstädten alles nur noch in der Tunika lief, und selbst im Theater unterschied sich der Würdenträger darin nicht vom Volke. Warum auch nicht? Viele legten erst auf dem Totenbett die Toga an. Die in Pompeji aufgefundenen Toten bestätigen das. Ich meine die in Gips abgegossenen Verschütteten, deren Hohlformen sich in der Lavamasse gefunden haben: sie zeigen tatsächlich nur geringe Bekleidung. Es war eben die heißeste 19 Sommerzeit, der 24. August 79, und zwar am hohen Mittag, als sie der grausige Tod ereilte. Nun ist aber das, was ich über das Verbot des Fahrens gesagt, doch einzuschränken. Wie sollten Waren, Baumaterial in die Stadt kommen, wenn nicht per Achse? Und es wurde in Rom ständig gebaut. Das war die Manie der Kaiser. Hier galt nun das Gesetz: Lastwagen dürfen in der Stadt fahren, nur etwa von 7 Uhr nachmittag an (zur Sommerzeit; im Winter etwas früher). Diese Erlaubnis betraf zugleich das Abfuhrwesen. Also nur abends und nachts! Nun denke man sich eine italienische Nacht in jenen Zeiten. Bei uns ruht alsdann der Wagenverkehr, bis auf die Nachtdroschken. Die elektrischen Bahnen fahren nur bis 12 Uhr. Dagegen ging im Altertum erst am späten Nachmittag der ganze Frachtverkehr los und donnerte durch die engen Straßen bis Sonnenaufgang. Auf dem Pflaster dröhnt es gewaltig, und die Karren gingen auf massiven Radscheiben ohne Speichen ( tympana ). Welcher unausgesetzte Lärm und betäubende Unruhe! Deshalb wären abends Theater und Konzert unmöglich gewesen. Der Straßenlärm hätte sie übertönt. Man spielte nur am hellen Tage. Und auch in den Wohnhäusern sorgte man dafür, daß die Schlafräume möglichst nach hinten lagen. Nach der Straße zu war das Wohnhaus tot und löste sich gern in Läden auf. Wem geht es nicht zu Herzen, wenn wir den zeitgenössischen Dichter klagen hören! »Die meisten werden in Rom krank und gehen am Nachtwachen zugrunde. In den Mietshäusern, wo man ein Zimmer nach vorn hat, tut man kein Auge zu. Es kostet viel, in Rom zu schlafen. Das ist die Hauptursache unserer Kränklichkeit!« Wir würden sagen: man wird in Rom nervös. Die Wagen stauen sich da, wo die Straße sich biegt, sie führen Marmorblöcke oder lange Fichtenstämme. Dachziegel, Topfscherben sausen krachend von oben aufs Pflaster. Und die obersten Fenster in den Häusern zeigen noch Licht um Mitternacht! Ein Zug von Pferden will hindurch und muß stehen, und die Bereiter schimpfen. »Selbst ein Seekalb könnte dabei nicht schlafen.« Nur drei Gattungen von Menschen konnten in Rom wirklich leben: die prachtumgebenen Großherren oder Millionäre und die Plebs, die Leute, die sich nicht genierten, von jenen sich füttern zu lassen, und das Essen warm auf der Platte aus den Palästen nach Hause schleppten; dazu endlich die vielen Streber aus dem Orient, die, um ein Vermögen um jeden Preis zu machen, allen Plagen 20 gewachsen und überall selbst die lautesten waren. Wer aber still und anständig leben will, der hält es nicht aus. Ihn schrecken auch die täglichen gräßlichen Feuersbrünste; das Löschwesen war elend; die Feuerwehr – oft nur Zimmerleute – kam mit Leitern und Matratzen meistens zu spät. Unerträglich endlich auch der Mangel an Luft, wenn man im 3., 4. oder 5. Stock wohnte, zwischen turmhohen Mietshäusern eingepfercht, daß man sich von Fenster zu Fenster die Hand hätte reichen können. Und doch herrscht dabei die größte Fremdheit, und man lernt sein Fenster- vis-à-vis niemals kennen. Inmitten des Chaos von Menschen vergeht man in Einsamkeit. Nur freilich das verkommene Proletariat, das wußte von Einsamkeit nichts; es lebte selbst nachts gesellig: denn es kann in Rom nicht anders als jetzt in Neapel gewesen sein, wo wohl ein Dutzend dunkler Existenzen in einer einzigen jammervollen fensterlosen Schlafstelle, mehr Loch als Kammer, beisammen schlafen. Aber die übrigen? Die Mieten waren natürlich außerordentlich hoch. Wo sollte man wohnen? wohin sich retten? So beschließt denn der schlichte ehrenhafte Umbricius bei Juvenal, in die Kleinstadt zu ziehen, und packt seinen ganzen Hausstand auf den Wagen. Folgen wir ihm dorthin, um endlich auch das Innere eines behaglichen antiken Hauses, wie es uns Pompeji hundertfach zeigt, kennenzulernen.   II. Im Hause Griechenland war schon im 3. Jahrhundert v. Chr. wie heute fast vollständig entwaldet. In Italien trat dieselbe Entwaldung erst etwa 500 Jahre später ein. Häuserbau, Heizung und Flottenbau verschlangen auch hier den Wald. Vorläufig aber lieferte der Zimmermann noch für das Haus Dachsparren und Treppenwerk. Die Buche und Linde waren damals noch ein häufiger Baum in Italien. Schrecklich aber fraßen die Feuersbrünste in den Städten. Wie viel bedeuten die Brände für die Stadtgeschichte Roms, wie wenig für die Athens! Im übrigen war der Häuserbau auch in Italien massiver 21 Steinbau. Die Nachbarhäuser hatten in den Städten stets gemeinsame Zwischenwände. Neben dem Bruchstein diente als Material der gebrannte Ziegel. Mauerziegel, Dachziegel, Stuckbewurf waren vortrefflich und dem modernen an Güte überlegen. Gleichwohl wurde in der Hauptstadt auf das fahrlässigste gebaut. Häusereinsturz war eine ständige Gefahr, und man fuhr in Todesangst zusammen, wenn die Wände knackten. Wer nach der Kultur eines Volkes fragt, muß vor allem in sein Privathaus eintreten, sei es nun ein Negerzelt oder eine der Villen im Berliner Westend. Immer hat es etwas Intimes, wenn sich ein Privathaus uns öffnet; denn es ist die Muschel, die sich schließt, um das Familienleben zu isolieren. Wie viel Schablone herrscht noch in unseren modernen Häusern! Reichtum tut es nicht. Die wahre Kultur ist da, wo Eigenart herrscht, und schon ein Blick durch die Räume zeigt, ob wir es mit einem Protzen oder einem Gebildeten zu tun haben. Zu den Kulturzwecken des Hauses gehört aber auch dies, daß es das Gemüt nicht beenge, sondern erheitere und freimache. Ich rede nicht nochmals von den Mietskasernen, die jedenfalls oft ganze Quartiere ausfüllten. Wegen dieser Wohnungsverhältnisse war die Sterblichkeit auch schon damals in den Großstädten verhältnismäßig stark. Nach Cicero sind 46 Jahre das Durchschnittsalter, das der Mensch erreicht. Wer auf einer Etage wohnte, der bewohnte sie eigentlich gar nicht; er lebte meist außer Hause und stand auf den öffentlichen Plätzen herum, wie es noch jetzt überall im Süden geschieht. Solche Riesenhäuser sind wie Columbarien oder Taubenschläge: nur zur Nachtruhe kehren die Flieger heim. Freilich hatten diese Häuser Balkons und bisweilen auch oben auf dem Dach einen Garten. Wer dagegen im eigenen Hause wohnt, richtet es so ein, daß er die Hilfe der Straße nicht braucht. So liegt das antike Privathaus zugeknöpft und vornehm an der Straße. Das Ziegeldach fällt vom First gelinde nicht nur nach außen ab, sondern auch nach innen und in den Hof des Hauses. Nur im Oberstock sind ein paar Fenster nach vorn, sonst nichts als blinde Wandfläche, in schönen Quadern oder in Stuckbewurf, der die Quadern nachahmt; gelegentlich war die leere Front auch hübsch mit Gemälden, Landschafts- und Tierbildern belebt, von trefflicher Ausführung. Auf alle Fälle aber ist das Privathaus lediglich Innenbau, der Tempel 22 ist Außenbau gewesen; d. h. die Bauform des ersteren war nicht darauf berechnet, die Straße zu schmücken. Nach der Vorstellung der Alten, die Vergleiche lieben, hat das Haus aber gleichwohl ein Gesicht; die Front die Stirn, die Fenster die Augen, das Gesims die Brauen, die Türe der Mund ( ostium ). os aedium liest man bei Plautus Pseud. 951, u. ähnl. m. Wehe, wenn der Mund des Hauses zu plaudern anfängt! Es ist die Tür, die den Skandal verrät. Wohl dem Haus dagegen, wo die Tür schweigsam ist und ihre Schwelle liebt! Inwelchem Sinne die Tür die Schwelle liebt, zeigt Horaz, Oden I. 25, 4, wie sie schwatzt, Catull c. 67; vgl. Kritik und Hermeneutik S. 250. Und das Gleichnis geht noch weiter; denn wer ins Innere tritt, kommt zunächst in den »Schlund« des Hauses; Schlund heißt der Gang, der ins Innere führt. Die beiden Hauptstuben des Atriums aber heißen die Achseln des Hauses, alae . Wir rühren den Klopfer (Klingeln sind selten). Die Tür schlägt nach innen; sonst wäre bei offenen Türen der Gehsteig unpassierbar. Der Hausmann kommt aus seinem Kämmerchen und hilft uns gleich das Schuhzeug ablegen, das auf der Straße schmutzig geworden. Abkratzer gibt es nicht. So stehen wir zunächst in einem quadratischen Hof, dem Atrium . Ursprünglich war es einmal eine gedeckte Diele gewesen. Aber das Dach ist nun in der Mitte durchbrochen, und unter der Öffnung – impluvium – liegt ein Regenwasserbecken. Um dies Becken führt vierseitig ein gedeckter Gang mit anliegenden Stuben. Und keine Treppen? fragen wir. Bei uns ist doch das Treppenhaus das Zentrum des Baues; der Lichthof nimmt es auf, und unsere Baumeister mühen sich, es möglichst gefällig zu gestalten. Ein antikes Haus war dagegen so gebaut, als wäre es nur Erdgeschoß. Wiederholte sich das Erdgeschoß in einem Oberstock, Neuere Ausgrabungen haben ergeben, daß wohl fast alle Häuser in Pompeji ein zweites Stockwerk hatten mit Balkönchen, Säulengängen und Loggien, ganz ähnlich wie es Italien noch heute liebt. so verkrochen die Stiegen sich in die Winkel, um die schöne Flächenentwicklung der Räume nicht zu stören. Dies Atriumhaus, so eng es ist, muß nun das ältere römische Wohnhaus und zugleich auch das etruskische gewesen sein. Der Herd stand ursprünglich an der Hinterseite der Halle, der Haustür genau gegenüber; in dem Zimmer aber, das noch weiter hinten 23 den Abschluß gibt und Tablinum heißt, stand damals das Ehebett. Und so wie bei uns die Hexen durch den Schornstein fahren, so fuhren im alten Rom die Gespenster durchs Impluvium. Weil aber dies Haus so eng war, deshalb sehen wir in den alten Lustspielen des Plautus (um 190 v. Chr.) im Familienleben die Straße noch die wichtigste Rolle spielen; vor dem Haus auf der Straße wird da gefrühstückt, gekneipt, wird von den hübschen Mädchen Toilette gemacht in der allerunbefangensten Öffentlichkeit. Ähnliches kann man ja auch noch heute in Neapel sehen. Hiergegen aber sträubte sich die entwickeltere Kultur. Darum wurde das Haus an Flächengehalt verdoppelt, nach innen mehr Raum geschaffen, und das Atrium sank jetzt zum Vestibül, Empfangsraum oder Arbeitsraum, falls ein Handwerk betrieben wurde, herab. Ein zweiter offener Hof öffnete sich, das längliche Rechteck des Peristyls: ein Stückchen Garten, von schönen gedeckten Säulengängen eingefaßt, auf die wieder die Stuben ringsum sich öffneten. Das Peristyl war griechischem Vorbild entlehnt, und hier hatte nun die Familie Raum, sich auszuleben, abgerückt vom Gassenlärm. Schlafräume, vor allem aber die Speiseräume, liegen jetzt hier. Dem Üppigeren aber genügte auch das noch nicht. Er dehnte sich noch weiter aus und legte ein doppeltes Atriumhaus vor sein Peristyl oder auch zwei Peristyle hinter das Atrium, so daß nun aus drei Höfen Licht und Luft ins Haus strömte, und ein wundervoll weites Raumgefühl entstand. So kann die Wohnung sich schließlich durch einen ganzen Häuserblock ausdehnen. Sie ist zum Palast geworden. Solches Haus war also kein Zentralbau; es zerfiel in mehrere aneinandergelegte selbständige Komplexe. Dabei fehlt meistens ein Keller. Aber die Parterreräume waren kühl genug, um die Vorräte unterzubringen. Wo Villen an Bergabhängen stehen, wie in Antium, finden wir allerdings auch mächtige Kellerwölbungen. Eine geniale Nachlässigkeit aber herrscht in der mangelhaften Ausebnung der Bodenfläche. War der Baugrund uneben, so ließ man einen Teil des Erdgeschosses ruhig um eine oder mehrere Stufen höher liegen als den anderen. Schon der »Schlund«, der Eingangsflur, pflegt in Pompeji anzusteigen. Alle Stuben öffneten sich immer nach dem Hofe. Im Sommer nahm man sogar die Türen ganz heraus; und eben für die warme Jahreszeit war dies Wohnen gewiß herrlich. Im Dezember bis 24 Februar jedoch muß der antike Mensch in diesen Häusern entsetzlich gefroren haben. Denn der Himmel stand ja über Atrium und Peristyl weit offen. Heizung gab es meist nicht, nicht einmal Kamine, Seneca de prov. 4, 9; cenationes subditus et parietibus circumfusus calor temperavit gilt von den Häusern der Dollarkönige. Die Kälte hindert eine Senatssitzung ( Cic. ad Quint. fr. II. 10). Auf Heizung nimmt Cicero nach ad fam. XVI. 8, 2 und VII. 10, 2 bezug. höchstens kleine tragbare Herde für Holzkohle oder Pfannen, wie der fröstelnde Italiener sie noch jetzt in der Hand hält. Und der Frost, der in Italien damals nachweislich stärker als heute war, drang, sobald sich nur eine Türritze öffnete, unwiderstehlich herein. »Bring' Holz, den Frost zu schmelzen und schicht' es breit Hin über's Feuer; hole mir auch den Wein, Vierjähr'gen reichlich, Thaliarchos, Hol' in sabinischen Henkelkrügen. so singt Horaz, indem er friert und sich in den Herdraum des Hauses zurückzieht. Auch der sabinische Wein hilft dem Dichter, daß er warm wird. Daher kleidet man sich ängstlich in Düffel, auch am Mittagstisch. Kaiser Augustus trug im Winter eine besonders dicke Toga, darunter vier Tuniken übereinander, darunter noch ein wollenes Unterhemd, weiter noch eine wollene Brustbinde und endlich Gamaschen, die hoch über das Schienbein gingen. Blicken wir indes zu guter Jahreszeit vom Peristyl gemächlich durch die Räume, so faßt uns ein helles Entzücken und Wohlgefühl. Es ist ein Gedicht von Linien und Farben, in dem wir stehen. Die Höhe der Räume 6–7 Meter. Der Fußboden Mosaik. Die 18 Säulen des Peristyls wachsen wie Stämme empor, um das Dach des Säulenumganges wie eine Laube zu tragen. Sie sind orange und purpur-violett bemalt. Zwischen ihnen aber liegt das Gärtchen ( viridarium ) wie ein Stück eingefangenes Paradies, feines Strauchwerk darin, und ein paar Blumenfelder; und auch die niedere Brüstung, die den Garten umzäunt, ist oben für Pflanzenerde ausgehöhlt und trägt so einen Saum von Blumen. Dies war das Vorbild für die Klostergärten des Mittelalters, die vom Kreuzgang eingefaßt sind. Ebenda ist auch ein Brunnen oder Fischteich. Marmortische und -becken, leicht farbig getönte schlanke Marmorstatuen schimmern als Zierrat zwischen den Säulen – sie fangen im wechselnden Halbschatten die Sonnenstrahlen immer neu und heben sich 25 lichtvoll von den tiefgefärbten Mauern des Peristyls ab, Marmorstuckwänden in karmoisin oder blau oder kohlschwarz, die selbst noch im Schatten dunkel glühen und lichtdurchsättigt sind, sobald nur ein Flimmer von oben darauf fällt. Wie hübsch und befreiend wirken nicht die Durchblicke, die sich nach dem Atrium auftun! Denn die meisten Gemächer sind zwar geschlossen und verbergen sorgsam in ihrem Innern ihren trivialen Hausrat von Betten, Schränken und Wandborten mit Gefäßen und Lampen; einige der Wohnräume erscheinen dagegen halb offen und transparent wie Pavillons; so das Tablinum; denn das Oberteil ihrer Rückwand ist durchbrochen und weggenommen. So aber ist das Auge verlockt, durch solche Stuben wie durch Käfige hindurch zu blicken und findet Perspektiven von höchstem Reiz. Und nun die berühmten Wandmalereien selbst. Auf einfarbigen Wandflächen, ob nah, ob fern, tauchen eingelegte Bilder auf oder auch nur einzelne Figuren, die in leicht geschwungenen Architekturen stehen: schöne stille Frauen, rennende Centauren, thronende Götterfiguren, oft ohne allen Hintergrund, ohne Boden, auf dem sie stehen, voll Belebung und doch so diskret und unwirklich. Das Detail dringt nirgends vor; man hat zunächst nur Farbenstimmung, und das Gefühl für die Raumtiefe wächst. Wie begnadet war jene Zeit, die noch die papierne Tapete nicht kannte! wie begnadet war jene Zeit, die noch den Nagel nicht kannte, an dem wir ein gerahmtes Bild unorganisch über die Tapete hängen! Auch noch keine Photographien gab es, keine mechanische Vervielfältigung. Jede Wandmalerei, sie sei noch so gering, war doch eine Originalarbeit, über deren Vorzüge und Fehler sich reden ließ. Gewiß war damals wie heute jeder Hausbesitzer an den herrschenden Geschmack gebunden. Gleichwohl aber können wir gelegentlich noch erkennen, wie er die Ausschmückung seines Hauses individuell gestaltet hat. Vor allem ließ der Stil jener Zeiten noch wenig Geschmacklosigkeiten zu. Denn er hat nie in dem Grade gewechselt, daß zu widersinnigen Stilmischungen Gelegenheit geboten wäre, wie wenn wir Dresdener Nippes aus Porzellan oder eine japanische Bronze auf ein gotisches Konsol stellen würden. Eine gewisse Monotonie der Bauformen mag man an den antiken Wohnräumen wie am antiken Tempel bemerken: immer nur Vertikale und Horizontale, immer nur rechte Winkel! nirgends ein Rundbogen! Aber schon die Verschnörkelung der Säulenkapitäle 26 gaben Abwechslung; dazu die Decken der Zimmer und auch des Atriums, die oftmals aufgewölbt waren, so daß die Wände mit Bögen abschlossen. Vor allem aber hingen Teppiche im Haus. Kein Haus ohne Vorhänge , farbenreiche » vela «, mit eingewebten Bildern und Arabesken. Auch Fenstervorhänge sind bezeugt: Plin. epist. 7, 21 Weil sie fehlen, deshalb macht das Pompejanum in Aschaffenburg, das König Ludwig I. von Bayern erbauen ließ, einen so falschen Eindruck, wie ein gerupfter Vogel. Die Hakeneinrichtungen zur Anbringung der Portieren sind an den Zimmerwänden Pompejis noch gefunden; und zwar verdeckte man nicht nur leere Wandöffnungen damit, sondern auch bemalte Wandflächen. Die Kälte und Starrheit der geraden Linie wurde durch sie weich und warm, der Reichtum gesteigert. Was aber zumeist fehlt, ist ein Spiegel . Der Wandspiegel! Wie beliebt ist er heute bei den Italienern, die das Café nie verlassen, ohne rasch und seelenvoll einen Blick hinein zu werfen. Und doch waren die Narzißnaturen auch schon im Altertum nur zu häufig. Der Handspiegel mußte ihnen genügen, meist aus Metall, wie ihn Kaiser Otho im Krieg mit sich führte. Nur vereinzelt finde ich beim braven Plutarch die Vorschrift, daß, ehe man den Frisierladen verläßt, man sich noch einmal vor den Spiegel stellen soll; das verrät, daß er fest stand. Berühmt aber sind die Spiegel aus Glimmer (Phengites), die Kaiser Domitian in den Gängen seines Palastes angebracht hatte. Er hatte Angst vor Mördern und sah in den Wandspiegeln nach, ob niemand hinter ihm herschlich. Auch in den Pandekten werden in die Wand eingelassene Metallspiegel aus Silber erwähnt. Sodann die Möbel! Man war sparsam damit, wie in Italien noch heute, und ließ sie nicht viel überflüssig herumstehen. Etwas Anschauung gibt das Protokoll über einen Kriminalprozeß in Alexandria (auf Papyrus). Die Sache spielt in der römischen Kaiserzeit: »Als gemeldet wurde, daß Sempronius ermordet worden, lagen im Speisezimmer auf einem Sessel eine silberene Trinkschale, Opferschale, Räucherfaß und ein großer Diskus. Jemand sagte: ›Nimm doch diese Sachen fort, damit der Exeget sie nicht mit ins Inventar aufnimmt!‹ Man tat sie also in einen Kasten, und ich trug sie in die Kammer der im Haus befindlichen Badestube.« Es war beliebt, gewisse Möbel festzumauern; nicht nur die Marmortische im Atrium, auch die Speisetische im Saal oder im Garten. Auch die Holzschränke standen auf gemauertem Untersatz in den Alae; die Betten waren oft nur Aufmauerungen, auf die man die 27 Matratzen legte, in jedem Schlafgemach eines, aber oft breit genug für zwei Personen. Gemauert war gelegentlich auch der Waschtisch; und auch die Geldkisten standen so vorne im Atrium festgemacht auf dem Fußboden. Da man beim Speisen lag, war auch die Zahl der beweglichen Stühle gewiß nicht groß. Beliebt waren bewegliche Setztische aus Bronze, auf denen das Getränk stand und die man beim Gelage sich neben das Lager stellen ließ. Die schöngeformten Tischuntersätze bewundern wir noch heute; es sind Dreifüße, und sie sind zum Enger- und Weiterstellen eingerichtet. Denn die Tischplatten waren lose, wurden gewechselt und waren von verschiedener Größe. In kostbaren Tischplatten wurde ein ungeheurer Luxus getrieben; eine solche kostete gelegentlich 200 000 Mk. Seneca soll deren 500 besessen haben. – Übrigens blieben sich die Formen der Möbel merkwürdig gleich, und es gab kein Wechseln der Mode. Und nun endlich der Mensch! das Familienleben , für das das Haus nur das Gehäuse ist! Es ist bedauerlich, daß wir darin nicht deutlicheren Einblick haben. Denn die Literatur gibt uns davon kein zusammenhängendes Bild. Sie schildert nur die Exzesse der Kultur, nicht ihren normalen Zustand, sowie sie die Luft nicht schildert, in der die Welt atmete. Der Tag gestaltete sich damals etwas anders als bei uns. Es sei nur das wichtigste hervorgehoben, und zwar aus dem Leben des Wohlhabenderen. Der antike Mensch schläft ohne Nachthemd. Steht er auf, so zieht er sich zuerst die Tunika an und wäscht sich erst danach Gesicht und Hände und putzt sich die Zähne. Vgl. Corpus glossariorum lat. III. 380 und 70, 3; 120, 53. Der Bauer im Gedicht Moretum wäscht sich freilich gar nicht; er steigt aus dem Bett und knetet gleich mit ungewaschenen Händen seinen Kuchenbrei. Dabei ist er Frühaufsteher. Schon vor Tagesanbruch war Kaiser Vespasian bei der Arbeit, und Plinius besuchte ihn so früh. Horaz liest morgens bei Licht. Mit der Sonne geht die Haustür auf, und das Atrium füllt sich mit Besuchern, an die 40 Personen oder mehr. Es sind die Hausfreunde (Klienten), die wirtschaftlich Schwachen, die regelmäßig im besten Anzug und mit leeren Magen auch bei dem garstigsten Wetter ihre Aufwartung machen müssen. Der Hausherr empfängt sie thronend auf einem Lehnsessel, dessen Form wir als Bischofsstuhl kennen, tauscht Handschlag und Kuß mit den Männern (der Kuß gehörte zum leidigen Zeremoniell) und lädt, wie es 28 kommt, etliche zu Tisch ein; die übrigen können sich ihre Beköstigung aus der Küche abholen. Daher das Sprichwort: Solange der Topf siedet, ist auch die Freundschaft warm. Dies die Klienten. Die Vornehmen selbst dagegen besuchen sich nicht gegenseitig, sondern treffen sich auf dem Forum. Was ist die Uhr? Der Ausrufer verkündet im Haus die Stunden. Denn man besaß nur Sonnenuhren und Wasseruhren. Ob Winter, ob Sommer, der Tag war immer nur in 12 Stunden eingeteilt, ebenso die Nacht, so daß die Stunde an einem Sommertag viel länger war als die im Winter. In der 3. Stunde des Tags, etwa um 9 Uhr, geht der Hausherr seinen Geschäften nach, denen der Vormittag gehört. Den ganzen Nachmittag hatte er für die Ausspannung, für das Otium, frei. War aber im Theater etwas los, so ging auch der Vormittag dem Geschäft verloren, wenn die Aufführung schon in der Frühstunde begann. Inzwischen herrscht im Hause die Frau. Die älteren Kinder sind mit ihrem Aufseher in der Schule. Die jüngeren spielen im Garten in den Säulengängen mit den Sklavenkindern zusammen, die mit ihnen erzogen werden, ein ganzer Schwarm. Die Mädchen hängen in der Schaukel, die Buben füttern die Goldfische im Becken. Das Ehebett der Eltern ist vorn mit einem Eselskopf geschmückt, der der Vesta heilig war; das amüsiert die Kleinen immer wieder, und sie spielen lustig darum umher. Die Diener sind auf Besorgungen zum Markt. Hoffentlich kommen sie pünktlich nach Haus; denn es gab nur zu viele, die vorzogen in den Gassen herumzuschweifen ( errones ). Die Mägde spinnen und weben für den Hausbedarf. Der Gesang der Amme ertönt, die den Jüngsten stillt. Da wird die 7. Stunde ausgerufen, 12 Uhr mittags. Der Hausherr erscheint zum Hauptfrühstück, und es folgt nun das schönste, der Mittagsschlaf, den sich, besonders im Sommer, keiner nehmen ließ. Gespenster erscheinen bei uns nur nachts, bei den Alten auch mittags; so unheimlich still verschlafen und traumversunken war da alles in Haus und Feld. Nur die Eidechse huscht im Laub, und die Hausschlange gleitet geräuschlos über die besonnten Flächen des Peristyls. Dann aber wird es in Küche und Eßsaal rege, und die Dienerschaft rüstet die Hauptmahlzeit für 6 Uhr nachmittags nach unserer Zählung. Der Eßsaal faßt zum mindesten 9 Gäste auf 3 Speiselagern. Doch gab es auch Säle für 3 Tische zu 27 Personen und noch größere (das Triclinium im Haus des Pansa ist 8 29 auf 10 Meter groß). Büfetts, Anrichttische fehlen im Eßsaal; dafür hatte man die vielen Diener; die mochten laufen und alles herzutragen. Die Wandecken im Haus sind deshalb regelmäßig mit Holzbekleidungen geschützt, damit die Diener beim Hindurchrennen den Stuck nicht abstoßen. Während dieser Vorbereitungen widmet sich die Herrschaft der Gymnastik und dem Bade. Denn jeder Gepflegtere hat sein Schwitzbad im Haus. Mitunter freilich ist es nur ein kastenartiges Kämmerchen, das in halber Höhe über der Küche liegt und von der Hitze des Kochherdes unmittelbar mit erwärmt wird. Die Reichen dagegen haben große gewölbte Badehallen mit besonderer Luftheizung. Dann endlich versammelt man sich, leicht und lose gekleidet, im Speisesaal. Selbst bei Frostwetter geht man, wenn man zu Tisch geladen ist, aus, nur nicht bei Schneefall. Für jede Person ist ein Page da. Die Frau des Hauses liegt nicht, sie sitzt. Aber sie ist anwesend. Auch Frauen erscheinen als Gäste. Sie kommen gel. erst nachts a cena heim: Cicero pro Caelio 20. Den verarmten Hausfreunden ist ein besonderer Tisch angewiesen, und das Essen, das für sie aufgesetzt wird, ist minder gut; aber sie werden doch satt gemacht und haben an der allgemeinen Unterhaltung teil. Oft sind sie es, die den Witzemacher stellen. Übrigens sorgt der Wirt für Tafelmusik und allerlei Unterhaltung und Überraschungen: Blumenregen, Mimik, Ballett! Das gab große Eßpausen. Schlimm dagegen, wenn die Gäste sich für die Tischunterhaltung vorher in Büchern vorbereiteten. Noch schlimmer, wenn der Gastgeber bei Tisch aus Büchern vorlesen ließ. Dann waren die Gäste ehrlich genug, davonzulaufen. Und die Speisen? Der kostbare Fisch? Geflügel und Mastschwein? Farcierungen und Austern? Ich muß mir versagen, von ihnen zu reden. Gewiß ist, daß der Durchschnittsmensch damals ebenso frugal, ja vegetarisch von Polenta, Lattig, Kohl und Rüben und etwa einer Artischocke gelebt hat, wie der heutige Südländer, daß sich dagegen, wo es üppige Schmausereien gab, in der Mannigfaltigkeit und kunstvollen Verarbeitung der Fleischspeisen ein hoher Grad der Kultur verriet, wie ihn höchstens die Neuzeit wieder gebracht hat: ein Triumph des Reichtums und der Intelligenz. Denn der Handel brachte die Fülle der Zutaten von allen Küsten. Ob es auch ein Triumph des Wohlgeschmacks war? Jedenfalls galt der 30 Koch als Virtuose und spielt im antiken Lustspiel, also auch im Leben der Alten eine viel größere Rolle, als etwa die Köchin heute bei uns. Selbst das gemein Alltägliche, die Ernährung des Leibes, künstlerisch phantastisch zu verklären, gelingt nur einer Gesellschaft, die auch sonst im Besitz höchster Bildung ist. Aber während des Speisens bricht das Dunkel herein. Die Leuchtkörper werden gebracht, und wir bemerken, daß der schöne und trauliche Eindruck des Wohnhauses nur bei Tageslicht wirkt. Denn die Lampen der Alten taugten wenig. Wenn Martial behauptet, daß eine einzige Lampe zu 20 Dochten ein Convivium erhelle, so ersieht man daraus, wie bescheiden damals die Ansprüche waren. Wir können vielmehr sagen: die Alten vermochten es nicht, ganze Räume unter Licht zu setzen. Daher stand man so früh auf. Man benutzte das Morgenlicht; und eben deshalb wurde auch im Theater morgens gespielt. Der Begriff der Nachtarbeit, das Studieren bei Licht, war für die Alten etwas unheimlich Staunenswertes. Die Wachskerze trat zurück. Es herrschte die Öllampe aus Ton oder aus Bronze. Aber ihr Docht war stets offen, und kein Glaszylinder faßte die Flamme ein. Daher die geringe Leuchtkraft, daher aber auch ein häufiges Qualmen, und die Lampen blieben immer nur klein, in der Form einer niedrigen Teetasse. Hinten der Griff, vorne die Schnauze, aus der der Docht ragt. Über der Mitte ein Deckelchen: da wird das Öl eingefüllt, und die Bedienung war immer in Bewegung; denn das Öl mußte am selben Abend oft nachgefüllt werden. Zur Steigerung des Lichts aber wurde nicht etwa die Flamme vergrößert, sondern entweder Lampen zu mehreren Dochten hergestellt oder viele Lampen an einem gemeinsamen Gestell aufgehängt: bisweilen an Kronleuchtern, öfter an Girandolen, die man auf den Tisch stellte, oder an Kandelabern, die, in Wandnischen eingeschoben, vielarmig auf dem Boden standen und eine Höhe von 2–3 Meter erreichtem Im Rathaus von Tarent gab es einen solchen zu 350 Lampen. Eine traumhafte Stimmung mag das erzeugt haben, wir wollen es glauben, aber gewiß noch mehr Ruß und Gestank. Und dazu noch die Mühsal, den Docht immer weiter herauszuziehen, wozu eine kleine Nadel diente, die mit einer Kette an der Lampe befestigt war. Aber der Schönheitssinn der Griechen griff auch hier zu. Tausendfach sind die Verzierungen, mit denen ihre sinnige Kunst die 31 Körper der Lampen und der Lampenträger gestaltet hat. Die Museen sind voll davon. Und riesenhaft war die Fabrikation. Denn auch in den Bädern war es, wenn sie keine großen Fenster hatten, tagsüber zu dunkel, und so sind in den kleinen Thermen Pompejis allein 1000 Lämpchen aufgefunden worden. Welche Bedienung setzt das voraus! Millionenfach aber war der Verbrauch, wenn in Rom wirklich einmal der gewaltige Steinring des Kolosseum nachts unter Licht gesetzt wurde. Ja, auch Stadtbeleuchtungen werden erwähnt. Am Festtag beleuchtete man seine Haustür frühmorgens mit Lampen. Cicero hatte die Catilinarier greifen lassen; die ganze Stadt Rom illuminierte ihm zu Ehren; und Claudian beschreibt, wie bei der Hochzeit des Kaisers in Mailand nicht nur Fackeln in Reihen aufgestellt, sondern auch unzählige Lampen aufgehängt wurden. Natürlich sind es Amoretten, Flügelknaben, die das für die Hochzeit zu besorgen haben. Straßenbeleuchtung aber gab es nicht, und das ist das Bemerkenswerteste. Die Städte lagen nachts im Dunkel. Die Fuhrleute mußten selbst Licht bei sich führen, und wer vom Gelage spät nach Hause kam, fand seine Haustüre nicht, wenn sein Page die Wachsfackel nicht vor ihm hertrug. Wenn Ammianus Marcellinus sagt, in Rom ist es nachts so hell wie am Tage, kann das nur für seine Zeit, für das späte 4. Jahrhundert gelten, und es galt wohl auch nur für Rom. Mutmaßlich wurden damals die zahlreichen Säulengänge (Portikus) in Anbetracht ihres reichen Bilderschmucks beleuchtet, ähnlich wie um das Jahr 400 n. Chr. in Ephesus die beiden Säulengänge der langen »Arkadischen Straße« zusammen mit 40 Lampen ( candelae ) erhellt wurden; s. Jahreshefte V (1902), Beiblatt, S. 53 f. Der Tag geht zur Ruhe. Aber die Frage erhebt sich noch, die wir schon zu lange unterdrückt: wo wohnen die Frauen des Hauses? Eine bestimmte Regel läßt sich dafür schwerlich geben; sicher aber haben die Frauenstuben sich oft im Oberstock befunden. Die Frauen mußten also die Treppen hinauf, vom Atrium aus und von der Küche. Es waren schmale Hühnerstiegen (bezeichnend ist doch, daß es für Leiter und Treppe im Latein nur ein Wort gibt), und man versteckte sie nach Möglichkeiten in die Winkel des Hauses. Schlimm war das vor allem in den Mietskasernen. Da führten die schachtartig engen Treppenkanäle in 100 Stufen direkt vom 5. Stock auf die Straße, lichtlos und unheimlich für den Bewohner; denn für Flüchtlinge und Verbrecher war dies der willkommenste Unterschlupf. Dazu die Feuersgefahren! Schon darum ist im Altertum, wer zur Miete wohnt, ein Gegenstand des Mitleids gewesen. 32 Wir aber erinnern uns zum Abschluß des Properz. Der Dichter Properz läßt uns wiederholt in das Wohnhaus Einblick tun, und immer erscheint dabei seine Geliebte, Cynthia. Das eine Mal kommt er spät mit schleifendem Schritt vom Kreise der Zecher. Der Morgen naht schon. Er will spähen, ob Cynthia allein ist, und findet sie schlafend auf ihrem Bett wie die verlassene Ariadne, den Arm aufgestützt, in statuenhafter Schönheit, aber in unruhigen Träumen. Er kränzt sie mit Blumen, er formt ihr das Haar, das sich aufgelöst hat, aber er wagt nicht sie zu wecken, bis der Mond, der an der Reihe der Fenster entlang zieht, mit seinen Strahlen ihr das Auge öffnet, und ihre Strafrede beginnt: »Kehrest du endlich . . .?« Wo schläft nun Cynthia? Nur im Oberstock war das möglich. Denn nur da kann der Mond sie finden. Es sind dieselben Fenster, aus denen Cynthia ein ander Mal am Seil sich herunterläßt, um dem Wächter zum Trotz den Geliebten zu finden. Kehren wir indes zum ehrsamen Familienleben zurück: Geburt, Hochzeit und Tod, Elternliebe, Geschwistertreue, Abschied und Heimkehr! – Pompöse Hochzeitsgedichte, ausführliche Beileidsschreiben, auch Reise-Abschiedsgedichte liegen uns zahlreich vor; aber sie sind meist übertrieben im Affekt, südländisch reich an Bildern und geben dabei doch wenig Anschauung vom wirklichen Leben. Vergegenwärtigen wir uns nur dies, daß, wenn junge Leute heiraten, sie oft keinen neuen Hausstand gründeten, sondern zu den Eltern des Mannes zogen und also Großeltern, Kinder und Enkel eine mehr oder minder trauliche Tisch- und Hausgemeinde bildeten. Die Enkel sind gesetzlich in der potestas des Großvaters: Digest. I 6, 4 Daher war für die Kindererziehung die Großmutter eine wichtige Person; lebte sie nicht mehr, so übernahmen andere Verwandte, ältere Frauen gern ihre Funktion. Die Tante war auch im Altertum etwas Liebes und ein tüchtiges Mitglied der Gesellschaft; nur galten die guten alten Weiber für allzu schwatzhaft und leichtgläubig, Daher die fabulae aniles . ja gelegentlich auch für trunksüchtig. Der Onkel dagegen war Gegenstand der Angst; wie ein Polizist kommt er ins Haus. »O onkelhaftester aller Onkel!« so lautet eine Schreckensanrede in den Lustspielen des Plautus. Es ist dabei aber stets nur der Bruder des Vaters gemeint. Um so intimer stand man mit seiner Amme, die zeitlebens im Haus und die Vertraute ihrer Zöglinge blieb. Denn auch die jungen Männer bewahrten ihrer Amme Pietät. Das kostbarste Gut des Hauses aber sind 33 die Kinder. »Wenn Gäste von auswärts kommen, dann läßt du dein Haus von oben bis unten reinigen. So halte dein Haus auch sittenrein für deine Kinder!« Gereist wurde viel: Geschäfts-, Vergnügungs- und Bildungsreisen! Der Abschied vom Hause aber war damals erregender als heute. Wie viel liegt nicht in dem Wort, das uns Varro gibt, enthalten: »Der Weg bis zur Türe ist bei der Abreise der schwerste«! Denn wir sehen darin vor Augen, wie Gattin und Kinder und Diener sich im Haus an den Scheidenden klammern. Erst wenn er draußen, fällt die Schwere von ihm ab, und die Ferne lockt ihn. Jeder Geburtstag aber war ein Festtag mit großem Empfang, Geburtstagsgeschenken und Gottesdienst. Ähnlich auch der Tag, an dem die Kinder aus der Kindheit ausscheiden, den Göttern ihr Spielzeug darbringen und der Knabe die Männertracht der toga virilis anlegt. Ungefähr gleichzeitig, genauer im 14. Lebensjahr, wurden die Kinder auch rechtsfähig; sie konnten heiraten und testamentarisch über ihr Erbe verfügen. Gleichwohl beaufsichtigte der Vater doch noch regelmäßig die Buchführung seiner Söhne, und ein Rechtsvertreter blieb nötig. Denn erst mit dem 25. Jahre wurde man wirklich zu Rechtsgeschäften befähigt. Besonders oft ging die Haustür, wenn der Hausherr krank war; denn da drängten die Krankenbesuche, Männer und Frauen, sich an sein Bett. Nette Sachen brachten sie ihm mit, etwa ein schönes Kissen oder auch etwas Appetitförderndes zum essen, und im Stillen hoffte mancher dabei auf ein Legat. Die Erbschleicherei am Krankenbett war in Rom geradezu zum Beruf ausgebildet. »Sie lauern wie die Geier auf den Kadaver,« sagt Seneca. Mancher alter Mann wußte sich indes durch Diät auf den Beinen zu erhalten. Geradezu ergötzlich ist es, was wir über den weisen Pedanten Spurinna lesen, der tagtäglich um 8 Uhr morgens seine Stiefel fordert und zunächst, genau abgezählt, 3000 Schritt im Hof auf und ab geht, wobei er für Unterhaltung mit Freunden zugänglich ist. Dann sitzt er eine abgemessene Zeit und liest. Dann besteigt er den Wagen und fährt in seinem Garten herum, und zwar genau 7000 Schritt. Dann sitzt er wieder im Haus und dichtet etwas. Um 3 Uhr nachmittags aber nimmt er bei Sommerzeit nackt ein Luftbad in der offenen Sonne, badet dann und speist, natürlich nur von Silber, aber frugal und mit vielen Eßpausen. Das bekam ihm ganz ausgezeichnet; er ist im 77. Lebensjahr 34 lebenslustig und gelenkig geblieben und hört und sieht noch wie ein Junge. Wie aber verändert sich das Haus, wenn der Wehruf sich erhebt und man einen Toten aufzubahren hat; die Aufbahrung geschah im Vorhaus des Atrium, dessen Säulen man in dunkle Cypressenzweige kleidete. Gellend rief man den Toten beim Namen, um ihn aufzuwecken oder um doch sicher zu sein, daß kein Scheintod vorlag. Ein Wärter fehlte nicht; der verscheuchte mit einer Klapper die hereinfliegenden Vögel, damit sie die Leiche nicht verunreinigten. Trübe Nänien erschollen aus dem Mund angestellter Klageweiber; Weihrauchwolken zogen ihren dumpfen Schleier durch den Raum; Blumenkränze dufteten schwer, bis die Leichenschau zu Ende und der Tote – und zwar im Laufschritt und schnellem Tempo wie noch heute in Italien – auf die ferne Grabstätte und zum Scheiterhaufen hinausgetragen wird. Eine Münze hat man ihm in den Mund gelegt: das ist das Eintrittsgeld zum Eingang in das Reich der Schatten. Und der Hinterbliebene läßt das alles hilflos, willenlos geschehen; denn die Begräbnisgenossenschaft richtet jedes Begräbnis aus, und der Trauernde kann ganz nur seiner Trauer leben. Das Bild des Abgeschiedenen aber verklärt sich sogleich. »Des Fundanus Töchterlein ist gestorben,« so klagt einmal Plinius: »ein so entzückend munteres Mädchen, erst 13 Jahre, und schon so verständig, voll jungfräulicher Süßigkeit und dabei doch schon ganz gesetzt wie eine Dame. Wie war sie reizend, wenn sie ihrem Vater am Halse hing, wie schüchtern und doch lieb zugleich umarmte sie auch uns, ihre väterlichen Freunde! Und auch zu ihrer Amme war sie stets so lieb und zu ihren verschiedenen Lehrmeistern. Denn sie lernte sehr eifrig, blieb darum auch beim ausgelassenen Kinderspiel immer maßvoll und gesittet, und endlich auf dem Krankenbett hat sie ihrem Vater und ihrer Schwester selbst Trost zugesprochen; denn sie fühlte den Tod, aber sie fürchtete ihn nicht. Wie rührend ist dies alles, und um so betrübender, da das Mädchen verlobt war. Ja, der Tag war für die Hochzeit schon bestimmt, ihr Festschmuck schon ausgesucht, Perlen und Gemmen, und wir waren dazu schon geladen.« Die Römerinnen heirateten sehr früh, wie man sieht. Hier gab es indes einen Leichenzug statt des Hochzeitszuges. Und nun endlich der Hochzeitszug selbst? Es ist hübsch, ihn sich zu vergegenwärtigen, und ein sprühend lebendiges Gedicht des Catull hilft uns dazu. 35 Alle Festteilnehmer sind bekränzt. Vinia, die kindlich junge Braut, trägt heute zum erstenmal die Frauenfrisur, die aus Flechten mit Bändern besteht. Auf die formelle Eheschließung vor 10 Zeugen und auf das häuslich-gottesdienstliche Opfer folgt endlich zum Schall der Flöten die Heimführung der Braut, bei der der Bräutigam selbst nicht zugegen ist. Der Dichter aber gebärdet sich als Festordner. Eine Schar von Jungfrauen ist vor dem Haus erschienen: sie läßt er zunächst dem Ehegott Hymen zu Ehren ein Jubellied anstimmen. Denn nur die eheliche Liebe schafft rechtes Glück, und Hymen sichert dem Haus die Erbfolge, dem Vaterland gibt er seine Verteidiger! Wo aber bleibt die Braut? Weinst du? weine nicht, die du schön bist wie die Hyazinthe im farbenreichen Garten. Da erscheint Vinia schon auf dem Platz vor dem Hause im feuerfarbigen Brautschleier. Aber auch der Lieblingssklave und Schlafgenosse des jungen Bräutigams läßt sich vor dem Haus blicken und wird verhöhnt. »Der Bursche ist jetzt alt genug um sich rasieren zu lassen,« d. h. um selbst Mann zu sein. Als Vinia die goldbeschuhten Füßchen dann über die Schwelle des neuen Hauses setzt, Sie darf die Schwelle selbst dabei nicht berühren, und zumeist wurde die Braut daher über die Schwelle gehoben. da harrt ihrer Torquatus schon, am Tisch auf purpurnem Polster gelagert. Er speist noch. Von der Haustür aus schon kann sie ihn gewahren. Die Verschleierte aber wird von jungen Knaben der Verwandtschaft, die als Brautführer dienen, in das noch leere Schlafgemach, den Thalamus, geführt. Die Knaben entfernen sich. Ältere Frauen betten die Braut, und dann wird Torquatus gerufen: »Komm herbei! Wie roter Mohn und weiße Kamillenblüte, so lieblich anzusehen ist deine Braut, und sie ist schon im Thalamus. Venus helfe euch! Zahllos wie die Sterne der Nacht seien eure Küsse, und zur rechten Zeit soll ein Sohn dem Vater zulächeln und vom Schoß der Mutter die Händchen nach ihm strecken, und dieser Sohn soll gleich sein dem Sohne der keuschesten Frau, Penelope. Jetzt schließt, ihr Jungfrauen, das Brautgemach. Das Lied verklingt. Mit euch aber sei das Glück, ihr Jungvermählten.« Daß man dem jungen Paar einen Stammhalter wünschte, das ließ sich keiner der Gäste so leicht entgehen. Es war so herkömmlich, und es war so natürlich. Der Südländer liebt die Deutlichkeit. 36   III. Die Bevölkerung In der Körperform zeigt sich die Rasse eines Volkes; im Gesichtsausdruck, in der Bewegung zeigt sich seine Bildung, seine Kultur. Wer jene ferne Bevölkerung wieder beleben könnte! Freilich hat uns das Altertum von so vielen seiner Zeitgenossen das Porträt gegeben, Abbilder, die leben! Aber man muß sie sehen, man muß in die Museen Italiens wandern. Wer vermöchte sie zu beschreiben? Unter den alten griesgrämigen Römerköpfen ragt der Bronzekopf des Brutus auf dem Kapitol hervor: bärtig, finster, mißmutig, mit dem Entschluß ringend und doch sympathisch ergreifend. Er vertritt uns das alte Römertum. Dieser Brutus hat auch noch die großen Ohren, die am alten Römer auffallen. Wie anders schon Sulla, der erste Tyrann Roms, eine Theaterfigur der Weltgeschichte, mit den unheimlich eingezogenen Lippen, wie das Münzbild ihn zeigt, und den tiefliegenden blauen Augen, wie Plutarch ihn schildert, durchdringend erbarmungslos! Den freundlichen Pompejus verglichen seine Verehrer zwar mit Alexander dem Großen; aber außer dem auffallend steilen Haarwirbel über der Stirn wird es mit der Ähnlichkeit nicht weit her gewesen sein. In meinen »Römischen Charakterköpfen« 2. Aufl. S. 128 sind der Kopf Alexanders und der mutmaßliche des Pompejus nebeneinander gestellt. Ein vielgefeierter Herkulestyp mit Geiernase war Mark Anton, der heiße Zecher und Liebhaber Kleopatras; die schöne Büste im Vatikan, die man nach Mark Anton benennt, stellt ihn selbst schwerlich dar, aber auch sie gibt uns Anschauung und zeigt uns den Lebemann großen Stils, gesund, kraftvoll sinnlich und ohne Schranken sorglos, wie ein Gott auf Erden. Derartige prachtvoll durchgearbeitete Römerköpfe stehen im Vatikan noch viele. Vgl. z. B. bei W. Helbig, Führer Nr. 30. Ihre Bilder lehren auf alle Fälle Geschichte, die Geschichte der an starken Naturen so überreichen Zeit des Cicero und des zweiten Triumvirats. Der Bart ist da schon endgültig abgeschafft; um so sprechender wirkt das Untergesicht. Selbst der Bauer rasiert sich jetzt. Der Bart wurde erst wieder Mode, als die Philosophie siegte und mit ihr das Christentum. In der Kaiserzeit aber zeigen sich uns andere Physiognomien, und wir gewahren intimere Züge. Der Schuster Helius auf seinem Grabstein zu Rom mit der Warze im Mundwinkel, so brav und 37 ehrenfest! Ein anderer Grabstein zeigt uns einen älteren Herrn, der Vilius heißt, mit Frau und Sohn; Hekler, Bildnisse, Tafel 134 der Alte sieht da wie ein altgewordener lahmer Professor aus, der zuviel geredet und zeitlebens immer dasselbe vorgetragen hat: bartlos, zahnlos, mit viereckigem Schädel und eckigen Mundwinkeln. Ein anderer Typ ist uns wieder Vergil, der größte Dichter Roms. Er wird uns beschrieben: ein großer schwerer Mensch, von dunklem Teint und bäurisch im Ausdruck, aber dabei stimmschwach, zart, nervös und verlegen. Es fiel ihm schwer, zusammenhängend zu reden, und wenn man auf der Straße auf ihn wies, so versteckte er sich blöde in das erste beste Haus. Vgl. Helbig Nr. 536. Welch seltsame Figur! Das kühne Römertum war geknickt; dieser große Heldendichter mit der Frauenseele, den der Kaiser verhätschelte, brauchte neun Jahre, um ein Gedicht von etwa 80 Seiten Umfang zustande zu bringen. Vergil, der Literat, erinnert uns weiter an das Doppelporträt des pompejanischen Bäckermeisters Paquius Proculus und Frau, die sich mit Buch und Schreibzeug zusammen haben an die Wand malen lassen; also auch sie hübsch literaturbeflissen; im Gesicht aber sind es die reinen Süditaliener von heute, mit tiefschwarzen Haaren, dicken Brauen und blanken großen Augen; dazu hat die Frau Stirnlöckchen in Fransenform, die offenbar mit Brillantine zusammengeklebt sind. Von griechischem Profil aber ist da nichts zu spüren. Es sind Menschen wie aus dem heutigen Leben. Wer dagegen eine Idealfrau der damaligen Gesellschaft sehen will, der sehe die sogenannte Juno Pentini im Braccio nuovo des Vatikan. So etwa mag die Flora, die Geliebte des Pompejus, ausgesehen haben. Gepflegte Schönheiten von so unaussprechlicher Feinheit begegnen nur in den Hochkulturen, und man gedenkt dessen mit Trauer, daß solche Frauen sterblich waren. Holdlieblich erscheint auch die Eumachia in Pompeji. Anders freilich die Kaiserinnen. Auch sie oft vornehm und hoheitsvoll – aber dabei realistisch derber; Faustina mit dem Zug offener Sinnenlust; dazu modischer frisiert, in flavischer Zeit mit dem Toupet über der Stirn. Und nun endlich die Kaiser selbst! die Kaiserbüsten des Altertums! die Galerie von Profilen auf den Münzen! In ihren Köpfen haben wir die Quintessenz der Zeit. Denn die Laune der 38 Kaiser machte die Geschichte. Augustus selbst und die Nachfolger aus seinem Hause edel, schön und kühl, mit weiten Stirnen und glatten Harren, die im Nacken nach außen gekämmt sind. Ein Musterkopf dieser Art ist der Drusus, der Bronzekopf in Paris, Er wird fälschlich für Caligula gehalten. mit dem scharfen napoleonischen Schnitt. Nero dagegen weibisch gedunsen und wollüstig theatralisch; schwächlich und weichlich auch der junge Caligula (in Kopenhagen), dieser katzenhafte Mensch mit dem schwachen Haarwuchs und dem kleinen Mund, der etwas aufgestülpt ist, als wolle er küssen. Dann gar ausländisches Blut: Hadrian, der Spanier, der große Friedenskaiser und Revolutionär, der den Vollbart wieder in Mode brachte; ein Hirn, in dem sich die ganze schönheitssüchtige Bildung der Antike wie in einem Akkumulator sammelte; übrigens weniger ein Kaiser als ein geistreich freisinniger Akademiker! Und dagegen Caracalla, der Sohn eines Afrikaners und einer Syrerin, der Haudegen, den gekniffenen Mund nach unten gezogen, die hämischen Augen tief überschattet, mit kleinen Gesichtszügen, heimtückisch wild, aber dabei ein großer Mann! Denn er gab sich Mühe, den Kopf schräge zu halten, weil auch Alexander der Große dasselbe tat. Am bekanntesten und beliebtesten vielleicht Kaiser Mark Aurel, der beste Mensch auf dem Thron. Ich denke an sein berühmtes Reiterbild voll Sicherheit und Milde, in dem der Typus des echten Landesvaters verewigt ist. Aber ein Zug fehlt darin, die Melancholie und Sorge. Denn in Wirklichkeit war es eine groteske, aber zermalmende Aufgabe, Selbstherrscher zu sein, für den Gewissenhaften ein qualvolles Dasein, eine tragische Existenz; Sklaverei der Arbeit, Fülle der Verantwortung. Alle Büros in seinen Palästen. Allen Ressorts stand der Kaiser selbst vor. Die wenigsten Cäsaren sind in ihrem Glanz alt geworden. Der Kaiser als Amt wurde vom Volk vergöttlicht; die Person rieb sich auf und verzehrte sich, selbst ein Trajan. Aber wir wollen hier nur ein Durchschnittsbild des antiken Lebens geben und sehen von allem Extremen ab. Ich schildere hier also auch nicht die Hofhaltung. Vom Palatin kommt der Ausdruck Palast: palatium . Dort lagen die Kaiserpaläste, zum Teil mit der Front nach dem Forum und nach dem Kapitol gerichtet. Jeden Ausgang des Herrschers sah das Volk; er war der Gegenstand grenzenloser Huldigung und grenzenloser Beaufsichtigung. Ich 39 handle auch nicht vom Institut der Höflinge, dem Abschaum der Kultur. Interessant unter ihnen nur die Hofgelehrten, insbesondere die Hoftheologen stoischer Richtung, die als Tröster für Trauerfälle dienten. Ich rede auch nicht ausführlicher von der Gruppierung der vornehmen Gesellschaft oder von den »Ständen«, in die sie sich teilte, den Senatoren und Rittern . Die Bezeichnung Ritter oder Reiter stammte aus dem altrömischen Heeresdienst. Es handelt sich da um die Leute, die zum mindesten 400 000 Sesterz, oft aber das Hundertfache besitzen. Es sind dies jene Protzen, die mit großem Troß und nicht ohne numidische Vorreiter reisten; durch Schnelläufer bestellen sie sich vorher Quartier, und ein Zug von Maultieren zog, mit Kostbarkeiten beladen, hinterdrein. Die Wohlgepflegtheit ließ sich kaum noch steigern; auch Schlafwagen für die Nachtreise hatte man schon. Viele jener Ritter rückten nun als Magistrate in den senatorischen höchsten Stand auf; viele andere aber nahmen sich nicht die Zeit hierzu, da sie als Domänenpächter und als Großfinanz das Geldgeschäft vorzogen. Denn dies Geldgeschäft war einträglich. Man nahm bei Darlehen bis zu 48 Prozent. Auch Filzfabriken, Ziegeleien, Reedereien waren in ihren Händen. Für senatorische Herren dagegen ziemte sich das nicht, und sie beteiligten sich nur verdeckt an den Konsortien, die die Masseneinfuhr nach Rom in Händen hatten. Malaga liefert heute den schönsten Wein, im Altertum die schönste Fischsauce, und eine römische Aktiengesellschaft an Ort hatte die Herstellung dieser unentbehrlichen Delikatesse in Händen, versandte sie in Steinkrügen an die Detailgeschäfte und nahm die höchsten Preise. Dabei schlossen sich diese Kaufleute im Ausland in Vergnügungsklubs zusammen wie heute die Engländer in Kairo und Bangkok. Dagegen haben die senatorischen Verwalter der Provinzen unter kaiserlicher Aufsicht eine hohe Kulturleistung vollführt; denn die Provinzen, Frankreich und Afrika voran, prangten damals in Glück und Reichtum, mehr als Italien selbst. Das dankten sie den Statthaltern Roms, und ihrer ist hier rühmend zu gedenken. Die Provinzen wurden erst militärisch, dann wirtschaftlich, dann geistig erobert. Bald genug füllte sich der römische Senat selbst mit Männern gallischen, spanischen, afrikanischen und syrischen Blutes. Das römische Reichsheer , im ganzen nur etwa 250 000 Mann (dabei fehlten Reserven), stand ausschließlich nur an den fernen 40 Grenzen des Reichs bis nach Schottland verteilt. Die Dienstzeit war lang, und der Berufssoldat wechselte ungern den Standort; so wurde er dort schließlich zum Grenzer, zum nützlichen Ansiedler. Sein Erspartes legte er, solange er aktiv, in der Sparkasse seiner Kohorte nieder. Daher fehlt nun aber Militär in allen Städten Italiens – welcher Verlust für die Frauenherzen! – und das Pflaster erdröhnt unter keinem Soldatenstiefel, außer in Rom selbst, wo auf dem Viminal die übermütigen Prätorianer in Garnison liegen. Um so häufiger sah man dagegen allerorts Priester auf den Straßen, wie in Italien noch jetzt. Denn die Heiligtümer waren unzählig, und die Priester oder Priesterinnen, übrigens meist verheiratete Leute, mußten doch ihren Weg über die Gasse nehmen. Kaiser Domitian war als junger Prinz im vitellianischen Straßenkampf gefährdet. Aber als Isispriester vermummt, ging er im weißen Fransenkleid keck durch die vollen Straßen, und das Volk machte umsonst auf ihn Jagd. Fast ebenso zahlreich wie die Priester die Ärzte! Es sind zumeist Griechen. Wir wollen uns durch die Satire des Altertums nicht irre machen lassen, deren ergiebigste Opfer sie sind, von den Militärärzten nicht zu reden, die im Feld oft arg gehaust haben mögen. Das »Arzt, hilf dir selber« war verbreitet. Vgl. Cicero ad fam. IV. 5, 5: (medici) ipsi se curare non possunt. Bei Martial lesen wir: Gestern noch kerngesund mit uns Gesunden War er im Bad, ließ sich die Mahlzeit munden. Heut' hat man Gajus tot im Bett gefunden. Warum starb er? fragst du; was ist geschehen? Seinen Hausarzt hat er im Traum gesehen. Sicher ist indes, daß die Heilkunde des Altertums in ihren besten Vertretern auf einer bewunderungswürdigen Höhe stand, die im Mittelalter für lange Zeit verloren ging. Krankheitsbeschreibungen (Asthma, Tuberkulose, Diphterie, Zuckerkrankheit), wie sie beispielsweise Aretaios von Kappadokien lieferte, klingen teilweise so neuzeitlich, als ob sie heute geschrieben wären. Archigenes, der elegante Modearzt der großen Damen von Welt zu Rom, aus dem syrischen Apameia gebürtig, entwickelte die Lehre vom Puls zu einer ungeahnten Höhe und verrät eine höchst interessante Kenntnis verschiedener indischer Heilmethoden. Große Chirurgen wie Leonidas aus Alexandrien oder Antyllos führten die 41 schwierigsten Operationen (Krebs, Luftröhrenschnitt, Schädeltrepanation) aus. Soranos aus Ephesos schrieb sein berühmtes Werk über Frauenkrankheiten, Krito, der Leibarzt Traians, verfaßte ein Handbuch der Toilettenkünste . Dieser Hochstand der Medizin beruhte auf einer gründlichen anatomischen Vorbildung der Ärzte. Freilich bezogen die meisten ihre anatomischen Kenntnisse nur aus Büchern und Bildern. Der bessere Arzt führte seine Krankenjournale wie heute und hatte seine Privatklinik im Haus. Die Laien deklamierten schon damals gegen Vivisektion: Vgl. Quintilian, declam. maiores Nr. 8 das beweist, daß es Praktiker gab, die anders dachten. Jeder Arzt war auch Apotheker und bereitete seine Medikamente selbst. Auch das Militär-Sanitätswesen war geregelt. Militärlazarette gab es in den Standlagern; in den Krankensälen wurde Kälte und Zugluft geschickt abgewehrt; vgl. Deutsche militärärztliche Zeitschrift 1909, S. 441 ff. Vom 2. Jahrhundert an wurde übrigens eine Anzahl von Ärzten von den Kommunen fest angestellt und besoldet. Aber nicht diese gleichsam ambulanten Berufe beherrschen das Straßenbild, sondern das Gewerbe und die Detailhändler. In den Erdgeschossen der Häuser schloß sich Laden an Laden; diese Ladenräume werden gemietet und sind vom Innern des Hauses her oft unzugänglich, stehen dagegen nach der Straße zu wie Lauben weit offen. Große Holzläden, die in die Schwelle eingelassen werden, bilden zur Nachtzeit den Ladenverschluß. Und da gibt es nun Garküchen und Trinkstuben und Bäcker und Konditoren (man süßte nur mit Honig). Bei den Haarkünstlern fand sich die plauderlustige Welt. Pergula hieß der balkonartig hängende obere Teil des Ladenraums; auch der wurde ausgenutzt; da wird Schulunterricht, ja auch Tranchierunterricht gegeben! Bemerkenswerter die Buch- und Bilderläden. Interessante neue Buchtitel wurden an Säulen angeschlagen: man frug eben auch damals schon nach dem Modernsten! Noch sehenswerter aber die Juweliergeschäfte. Spécialités en coreaux, pierres du Vesuve, musaïques de Florence , so lesen wir heut in Neapel an den Schmuckgeschäften: das alles gab es damals noch nicht. Die schönste Spezialität waren vielmehr – neben dem feinen Filigrangoldschmuck griechischer Arbeit auf Goldgrund oder à jour – die geschnittenen Steine, die auch heute noch das helle Entzücken der Sammler sind: man benutzte dazu Topase, Carneol, Amethyst und Achat. Auch machte man in 42 farbigen Glaspasten nach ihnen billigere Abgüsse. Damit siegelte man, nicht ohne den Stein im Ring geziemend zu befeuchten, und man siegelte gern, unendlich viel häufiger als selbst unser 18. Jahrhundert; denn auch um seine Wertkästchen und Schatullen tat man ein Band mit Siegel. Der Schnitt der Gemme aber zeigte die reizendsten Götter- und Frauenbilder oder Fabeltiere in unbeschreiblicher Feinheit. Der elegante Mäcenas freilich petschierte nur mit einem Frosch, und der Frosch des Mäcen war gefürchtet. – Man trug den Ring am vierten Finger. Daß die Geschäfte sich dem Publikum durch Abzeichen kenntlich machten, lehrt besonders Pompeji. Am Haus eines Milchhändlers erscheint da eine Ziege im Relief, beim Bäcker eine Mühle, an den Schankwirtschaften aber eine Art Schachbrett. Das Damenspiel ersetzt den Kneipgästen das Billard oder den Skat. Sehr ausgebildet war der Selbstschutz des Gewerbes; ich meine das Genossenschafts- und Innungswesen . Die Walker besitzen zusammen überall gemeinsame Werkstätten und Walkergruben, die an fließendem Wasser liegen. Das Kollegium der Zimmerleute diente zugleich als Feuerlöschkorps. Die Bäckerzunft wurde in Rom von der Regierung mit besonderen Privilegien bedacht, da sie für die Gratisernährung der bettelhaften Stadtbevölkerung zu sorgen hatte. Im 4. Jahrhundert n. Chr. hatte Rom 254 Bäckereien. Wo es sich um öffentliche Dinge, z. B. um Beamtenwahlen handelte, da traten nun diese Innungen agitatorisch als Personen auf. Das sehen wir wieder aus den Wandanschriften Pompejis. Die Bäcker bitten: wählt den X oder Y zum Aedilen; ebenso bitten die Holzhändler; ebenso die Kutscher. Sie haben ihren bestimmten Kandidaten; sie wollen Leute, die nicht zu schneidig sind, im Amt haben. Dabei findet sich dann auch allerlei Spaßhaftes: alle Diebshände wünschen den Vatia. Eine Camorra der Müßiggänger und Banditen! Offenbar sollten die Wahlaussichten dieses Vatia geschädigt, vernichtet werden. Aber alle bisher Besprochenen sind freie Bürger. Wo bleiben endlich die eigentlichen Arbeiter? der vierte Stand? der Stand der Unfreien? Das wäre ein falsches Kulturbild, wo sie fehlten. Denn es handelt sich dabei zum mindesten um die ganze Hälfte der antiken Bevölkerung, wenn wir auch nur auf jeden Freien einen Unfreien rechnen. In Wirklichkeit aber rechnet man auf eine »Familie« 15 Sklaven. Seneca sagt, sie haben keine andere Tracht als die Bürger, damit sie nicht selbst jedesmal feststellen 43 können, wie viel zahlreicher sie sind. » Sklaven « nennt man sie heut. Aber das ist ein barbarisches Wort, das das Altertum selbst nicht kennt. Die Römer sprechen nur von Dienern oder Knechten ( famuli, servi, ministri; mancipia ist der altmodische Terminus der Juristensprache). Es sind die unschätzbaren Diener der römischen Kultur. Lauter Ausländer oder doch Söhne von Ausländern; und sie waren entweder öffentliches Eigentum oder im Privatbesitz. Denn auch die Städte als solche haben im Gemeindedienst, zum Wegebau usw. ein großes Hilfspersonal nötig. Dabei genießt ein Gemeindesklave so viel Vertrauen, daß er im Namen der Stadtkasse den Empfang von Summen quittiert. Dementsprechend hat er auch mehr Rechte als der Privatsklave. Eine Arbeiterschaft, die unseren Bergleuten entspricht, gab es nicht. Die Bergwerke waren staatlich oder kommunal; indes verwandte man für den Bergbau die Sträflinge und Verbrecher. Die Verwalter der Provinzen haben darüber die Entscheidung. Digesten I, 18, 6. Auch den Freigelassenen kann die metalli poena treffen: ebenda I, 12, 1. So blieb den Alten das Institut der Strafgefängnisse erspart. Wohl aber halten sich auch die öffentlichen Bäder ihre Badediener, die Tempel ihre Tempeldiener. Solche Gemeindesklaven übernahm dann auch das Christentum. Die » servitus « bestand nach Völkerrecht ( ius gentium ); denn das Material waren anfangs nur Kriegsgefangene. Der Krieg ist der Ursprung der unfreien Bevölkerungen. Seitdem aber die Kriege ruhten, war man auf gewisse Teile des Reichs, besonders den Osten angewiesen, wo es Sitte blieb, daß die Leute ihre Kinder auf den Markt brachten. Man wollte dort nicht mehr als 2 oder 3 Kinder im Haus behalten. Das ausgesetzte Kind und das Findelkind spielte im Altertum eine ganz andere Rolle als heute. Dies Menschenmaterial wurde besonders aus denjenigen Provinzen, die kein Militär stellten, weil sie kein gutes Soldatenmaterial lieferten, bezogen. Dazu kam der Seeraub. Die Seeräuber raubten Menschen und verkauften sie. So hörte also auch jetzt der Zufluß des asiatischen Bluts in Italien nicht auf. Wer kaufte, fragte immer zuerst nach dem Nationale. Der Syrer galt als gewandt, aber bösartig, der Gallier war gut als Pferdeknecht, der kleinasiatische Grieche für gepflegte Tischbedienung bevorzugt. Man sprach in Rom mit dieser Tischbedienung griechisch. Juvenal XI, 148. Aus Alexandrien bezog die üppige Welt kleine Kinder, Spielkinder, die man als 44 Amoretten verkleidete und an deren Geschwätz man sich freute. Auch Eunuchen drangen aus dem Osten ein, als Aufseher der Frauengemächer. Das war größter Stil. Eunuchen hielten den Damen im Theater den Sonnenschirm. Das sind nun aber schon Unfreie im Privatbesitz, Privatsklaven. Diese zerfallen aber wieder in zwei Gruppen. Die schlechteren wurden auf die Landgüter hinausgetan, auf die Latifundien, wo sie oft in Ketten arbeiten mußten: denn die Fremdlinge wären ohne das in Scharen entlaufen. Daher das genus ferratile bei Plautus Aber es ging ihnen sonst nicht übel; die gute Ernährung dieser Landarbeiter wird uns bezeugt, wenn es heißt, daß sie Gemüse verschmähen und in den Garküchen der Vorstädte sich Leckeres bereiten lassen. Juvenal XI, 79 f. Daneben die städtische Arbeiterbevölkerung; und hier scheint sich endlich die sogenannte soziale Frage zu erheben. In den Häusern, in den Fabriken regen sich Millionen fleißiger Hände. Knechtung! Zwangsarbeit! welch entsetzliches Bild. Aber wir wollen uns nicht unnütz erregen. Wer unter diesen Verhältnissen am meisten litt, das war vielmehr die freie Bevölkerung; denn die Freien wurden brotlos, weil den Unfreien die Arbeit zufiel. Der hochmütige, elegante Diener, der den armen Tischgast seines Herrn verhöhnt und sich von ihm »Herr« ( domine ) anreden läßt, das ist der typische Kontrast jener Zeit. Damit wird uns die herbe Wirklichkeit gegeben. Wir können unsere heutigen Verhältnisse nicht vergleichen. Denn unsere Arbeitnehmer sind so gut Deutsche wie unsere Arbeitgeber. Unser Gesichtskreis ist also viel zu eng. Hätten wir z. B. in unseren Fabriken und Hausständen chinesische Kulis, es wäre sehr die Frage, ob wir so human verfahren würden wie die Alten; es wäre die Frage, ob wir diesen Leuten eine soziale Gesetzgebung gewähren würden. Der antike Mensch lernte die ihm fremden und oft antipathischen Rassen, die sich ihm selbst verkauften, kennen, indem er sie in seinen Dienst nahm; er lernte die tüchtigen schätzen und gab ihnen weitherzig Bürgerrecht in seinem Land. Wer kann mehr tun? Wer darunter litt, das war, wie gesagt, die einheimisch römische Bevölkerung. Von seiten der letzteren hören wir die lautesten Klagen bis zum Wehschrei; von seiten der Unfreien und Freigelassenen kein Wort der Erbitterung. Wie anders die moderne Zeit! Im Jahre 1816 wurde in Mexiko verfügt: alle Farbigen, die lesen und schreiben können, sind 45 gefährlich und werden erdrosselt, und 600 angesehene Neger wurden daraufhin sogleich massakriert. In den Vereinigten Staaten von Nordamerika leben Millionen von Negern, die noch immer keine volle Bildungsmöglichkeit, keine rechtliche und gesellschaftliche Gleichstellung mit den Weißen besitzen. Alljährlich übt noch heute Richter Lynch seine grausige Tätigkeit mit Hängen, Verbrennen, Teeren und Federn unter ihnen. Einzig Frankreich, jenes schamlos vernegernde Frankreich, in dem heute schon schwarze und gelbe Offiziere weiße Soldaten kommandieren, in dem reiche Neger im roten Reitfrack sich auf Reitturnieren zeigen können, in dem sich vor unseren Augen in rapidem Maße ein ungeheurer rassischer Vermischungsprozeß vollzieht, bietet heute ein gutes Vergleichsbild für die antiken Verhältnisse der Kaiserzeit. Hunderte von Unfreien wurden im römischen Reich von den Fabrikbesitzern für ihre Waffenfabriken, Gerbereien usf. erworben. Aber wir erhalten in diese Betriebe wenig Einblick. Um so deutlicher steht uns die Hausbedienung vor Augen. Diese Hausdiener heißen die Domestiken, die domestici . Der Grieche war milder gegen die Sklaven als der Römer. Die Sklaven gehörten nicht mit zur Nation; darum waren sie gesetzlich in Rom gegen ihre Herrschaft nicht geschützt und schmählicher Mißhandlung ausgesetzt. Nichtswürdige Menschen hat es zu allen Zeiten gegeben. Wenn aber jemand z. B. seinen kranken, arbeitsunfähigen Sklaven einfach auf die Straße setzte, so schritt der Staat dagegen ein; denn der Staat hatte für solche Invaliden keine Unterkunft. Der Besitzer mußte sie durchfüttern. Es gibt ein falsches Bild, wenn man nur immer wieder die Fälle von Grausamkeiten hererzählt, die uns die alten Schriftsteller meist selbst voll Entrüstung mitteilen. Oder will man etwa die Zustände in unserem deutschen Heerwesen der Vorkriegszeit nach den Berichten über die Soldatenmißhandlungen beurteilen, die eine gewisse Presse alljährlich zu berichten wußte? Wichtiger ist, was Seneca zum Nero sagt: sei milde gegen deine Untertanen; denn auch auf den Hausherrn, der gegen einen Sklaven grausam ist, weist die ganze Stadt Rom voll Abscheu mit Fingern. Seneca, de clem. I, 18, 3. Es fehlt jeder Anlaß, diese Bemerkung Senecas zu bezweifeln. So also war damals das Publikum gesonnen. Und schon früher. »Die Sitte sicherte dem Sklaven in alter Zeit ein weit besseres Los, als es die Gesetzgebung ihm später nur irgend zu geben vermochte.« So R. Ihering. Geist des röm. Rechts II, S. 178 ff. 46 Natürlich war es Sache des Egoismus, daß man seinen Sklaven, diesen kostbaren Besitz, gut hielt. Aus dieser Fürsorge aber entwickelten sich in zahllosen Fällen von selbst erfreulich menschliche Bezüge, sowie Juvenal entrüstet ist über den, der Millionen an der Spielbank verliert und dann seinen Diener nicht einmal anständig kleiden kann. Das Wort »Familie« heißt ja eigentlich und wörtlich Dienerschaft . Der Famulus bildet also die Familie, und sein Herr nennt sich pater familias , das heißt Vater der Dienerschaft. Das ist vielsagend, und schon Plinius ( ep. 5, 19, 2) hebt dies hervor. Sehen wir nun nach, so finden wir: der Diener hat seinen Arbeitsraum oft im Oberstock, wo besseres Licht ist. Er schläft in seiner besonderen Kammer, und zwar in Betten. Sein Schlafraum ist ebensogut ausgemalt wie der der Herrschaft. Er speist, auf Bänken sitzend, regelmäßig mit am Familientisch (man denke sich das bei uns! welcher »Gebildete« ißt heute mit seiner Hausangestellten?), und ihm wird ermöglicht, durch Nebenarbeit in freien Stunden sich Geld zu verdienen: das war das Wichtigste. Wer sich gut führt, wird der Vertraute des Herrn. Solche Vertrauenspersonen sind vor allem der Hausmeister ( atriensis ), der das Gesinde beaufsichtigt, der Rechnungsführer ( dispensator ), sodann der Kammerdiener, der im Alkoven im Zimmer seines Herrn schläft. Noch verantwortlicher der Pförtner des Hauses, der so unentbehrlich wie ein Hausschlüssel. War es ein unsicherer Mensch, so legte man ihn an die Kette; denn das Haus war verraten und verkauft, wenn der Pförtner sich entfernte. Weiter hatte der Wohlhabende dann auch seinen Rasierdiener, seinen Schuhanzieher (sagen wir: Stiefelknecht) usf. Durch die große Zahl der Hilfskräfte war eine Überlastung des einzelnen ausgeschlossen. Es sind dieselben Verhältnisse wie jetzt in China, wo ein mittlerer Hausstand sich von 14 Kulis bedienen läßt. Jeder Diener hat seinen besonderen Auftrag; keiner übernimmt den des anderen. Daher war der Dienst sehr leicht. Die servitus urbana heißt feriata , die auf dem Lande ist durum opus , nach Seneca De ira 3, 19. In der deutschen Kolonialzeitung 31. Jahrg. 1914 Nr. 9 S. 151 ist eine Schilderung der Haussklaverei in unserem alten Deutsch-Ostafrika zu lesen. Darnach sind offenbar die Verhältnisse dort vor dem Kriege ganz ähnlich gewesen wie im Altertum. Ein reich gewordener Sklave kauft sich überdies einen »Vikar«, der für ihn die Arbeit tut. Weibliche Bedienung hatten nur die Frauen. 47 Indem nun diese »Sklaven« sich eigenes Geld verdienen, ist ihnen zur Freiheit ihrer Person der Weg geöffnet. Der Hirt Tityrus bei Vergil weidet sein eigenes Vieh. Den Käseertrag bringt er zu Markte. Sobald er genug verdient hat, sucht er seinen Herrn in Rom auf und kauft sich frei. Das geschah oft schon nach 3 Jahren. Bezeichnend ist, daß man den Diener »Knabe« ( garçon , boy ), daß man ihn puer oder παῖς (wovon unser »Page«) rief. Im Durchschnitt traf der Zustand der Unfreiheit eben meist junge Leute. Und die Herrschaft schützte sie und sorgte vor allem für ihre Ausbildung. Den Hochbegabten wurde gelegentlich die beste Erziehung, die unserer Gymnasialbildung entsprach, zuteil. Unzählige wurden nach Bedarf und Anlage zu Musikern, Gelehrten, Schauspielern herangebildet, die der Besitzer dann gegen Geld vermietete. Lesen und schreiben aber konnten alle. Selbst die Pferdeknechte bei Varro lesen in Büchern. Alles dies taten die Besitzer gewiß meist aus Egoismus, um den Wert ihrer Menschenware zu steigern; aber auch der junge Sklave hatte den herrlichsten Vorteil davon. Es entstanden Pietäts- und Vertrauensverhältnisse in unzähligen Fällen; und auch nach der Freilassung blieb ein Pflicht- oder Interessenverhältnis, eine Zusammengehörigkeit bestehen. Das familiäre Verhältnis zeigt uns Cicero ad fam. III, 1, 2; auch XIII, 61; 21, 2. Der Patron behält oft einen Anteil am Geschäftsgewinn seines entlassenen Dieners, der seinerseits, wenn der Patron stirbt und andere Hilfe fehlt, die Vormundschaft über dessen Kinder übernimmt, und er gewährt ihm Rechtsschutz bis an sein Ende. Wie oft machte, wer kinderlos, seinen Freigelassenen zum Erben! Als Beispiel diene nur des Plinius Freigelassener Zosimus, der durch die verschiedensten Talente ausgezeichnet ist; aber er ist brustkrank geworden, und Plinius schickt ihn nach Ägypten. Zosimus kommt geheilt zurück, fängt dann aber doch wieder an, Blut zu husten, und Plinius bemüht sich, ihn bei einem Freund an der Riviera unterzubringen, wo er das schönste Klima und auch gute Milchspeisen findet. Natürlich fehlen dann aber auch Mißstände nicht; der Freigelassene mißbraucht seine Stellung; er wird zum Erbschleicher Cicero ad fam. XII, 26. und zeigt sich auch sonst unverschämt. Digesten I, 12, 1. Schimpfereien und Skandalanschriften gibt es unter den Wandkritzeleien Pompejis genug. Irgendein Wutausbruch eines Sklaven, der gemißhandelt worden, ist dort nirgends zu finden. Nirgends auch die Verhöhnung eines Sklaven durch einen Freien. 48 Wir haben den Eindruck tiefsten sozialen Friedens und der vollkommensten Befriedigung, und jener Schimpf und Skandal, von dem ich sprach, betrifft nur die kleinen Laster und Schwächen des Nachbars und ist wie ein heiteres Geplätscher auf dem stillen, klaren Wasser dieses südländischen Lebens. So schenkt denn Plinius seiner alten Amme ein Landgütchen und sorgt überdies, daß ein benachbarter Großgrundbesitzer acht gibt, daß das Land ihr auch etwas einbringt. Mehrere seiner jungen Sklaven sind ihm schwer erkrankt; Plinius schenkt ihnen darum die Freiheit, und ihn tröstet dabei, daß, wenn sie auch bald sterben sollten, sie es doch vorher noch zu etwas gebracht haben. Auch gestattet er ihnen, ein Testament zu machen, was nur dem Freien zustand. Eine römische Dame hat ihrem Sklaven Modestus schriftlich ein Legat unter der Voraussetzung vermacht, daß sie ihm die Freiheit geschenkt habe; diese Freilassung hat sie aber in Wirklichkeit zu vollziehen versäumt. Die Miterben beschließen nun, den Sklaven trotzdem als freigelassen zu betrachten und ihm sein Erbe nicht anzufechten. Ein Arzt hört, daß ein tüchtiger Sklave seines weit über Land wohnenden Freundes schwer erkrankt ist; er rettet den Sklaven, aber er ist Tag und Nacht gereist und erliegt selbst der Überanstrengung. Dies erzählt uns Aristides nicht etwa als Beispiel für Menschenliebe, sondern für Überanstrengung im Berufe. Daß der Zustand der Sklaverei dem Sklaven verhaßt, weil nämlich aller Zwang verhaßt ist, sagt Seneca benef. 3, 19, 4: die Seele des Sklaven aber ist frei, und jede Guttat des Sklaven ist Wohltat. Derselbe Autor schildert De ira 3, 19, wie ein Kriegsgefangener Diener wird und wie schwer er sich anfangs in die Lage eingewöhnt. Es gab ein Sprichwort: »So viel Diener, so viel Feinde«, das uns bei Macrob tadelnd mitgeteilt wird. Denn natürlich waren auch viele gefährliche Subjekte darunter. Daher sagt Seneca Nat. quaest. 2, 39, 3: Drei Gegenstände der Furcht gibt es im Leben, Feuersbrünste, betrogen werden von seinem Nächsten und Nachstellungen der Dienerschaft. Es war die griechische praktische Philosophie, die da schon seit dem 4. Jahrhundert v. Chr. predigte, daß alle Menschen gleich, auch der Ausländer, auch der Diener. Alle Menschen Brüder! – das ist so alt –, und diese kosmopolitische Lehre eroberte sich alle gebildeten Kreise der kosmopolitischen Kaiserzeit. Diese Gleichheit jedoch auch gesetzlich herzustellen, dazu fehlte in Rom der Anlaß. Auch das Christentum hat ja nicht daran gedacht, in diesem Sinne zu wirken. Nur gewisse mildernde Bestimmungen 49 haben die Kaiser erlassen. Vgl. Digest. I, 6, 1 und I, 12, 1. Die Sklaven dürfen beim Stadtpräfekten gegen ihren Herrn Beschwerde führen. Eine Dame, Umbricia, wurde von Hadrian für 5 Jahre relegiert, weil sie ihre Mägde grausam behandelt hatte. Und das Sklaventum wäre schließlich vielleicht aus Mangel an käuflicher Bevölkerung eingegangen (in Ägypten bestand es kaum noch), hätten die siegreichen germanischen Stämme im beginnenden Mittelalter, die Franken, die Langobarden ihm nicht von neuem Nahrung gegeben. Denn auch da verkauften wieder die Sieger die Besiegten, ja, die Kläger die Verurteilten, die Eltern ihre Kinder. Vgl. hierfür und für das nächste Georg Grupp, Kulturgeschichte des Mittelalters, 2. Auflage, I, S. 190. Die Grausamkeiten in der Mißhandlung steigerten sich noch, und die Kirche widerstand auch jetzt noch nicht. Der Verkauf der Freien in die Knechtschaft diente damals sogar als Kirchenstrafe. Es gab Kirchensklaven und Klostersklaven. Nur suchte die Kirche zu verhindern, daß christliche Sklaven in jüdische Hände fielen. Sie wirkte damals zwar gelegentlich für Freilassungen, aber nicht gegen die Anschaffung von Sklaven. Aber ich habe noch die Pflicht, ein Wort über den Mädchenhandel und über die Gladiatoren hinzuzufügen. Es handelt sich zunächst um das Dirnenwesen. Erst das Mittelalter hat eine selbständige Ordnung desselben in besonderen Frauenhäusern gebracht. Im alten Rom und Athen war dagegen auch dies vielmehr Sache der Privatunternehmer, der Kuppler, die sich junge Mädchen, und zwar wiederum womöglich ausgesetzte Kinder, zusammenkauften und in ihren Häusern zur Prostitution erzogen: spanisches, syrisches, ägyptisches Blut. Die Musikantinnen und Kastagnettentänzerinnen, die man sich zum Gelage holte und deren Frisur Horaz gelegentlich beschreibt, sind solchen Schlages. Das waren Unfreie, Sklavinnen des Kupplers. quaestuaria mancipia , Digesten III, 2, 4. Das lupanar liegt oft als Mietshaus auf Grundstücken anständiger Leute: ib. V, 3, 27. Auch die Inhaber der Wirtschaften an den Landstraßen hielten Dirnen für den, der nachts bei ihnen einkehrte. Der Jüngling aber, der solche Person liebte, konnte sie vom Besitzer freikaufen und, wenn ihn das Herz trieb, zu seiner Gattin erheben. Denn oft stellte sich die gute Herkunft dieser Mädchen heraus. Das Lustspiel des Plautus lebt ja geradezu von solchen Motiven; und die Gesellschaft öffnete sich solchen Geschöpfen ohne Scheu und nahm sie als ebenbürtig auf. Sie wurden legitime Hausfrauen. Doch auch von 50 Geschlechtskrankheiten als Folge der Ausschweifungen hören wir schon. Es ist irrig, anzunehmen, die Antike habe die Syphilis nicht gekannt. Schon Ärzte wie Asclepiades von Prusa, der in Rom zur Zeit Pompeius' lebte, und auch der große Galen haben diese Geißel der sündigen Menschheit als Elephantiasis oder Mentagra beschrieben, wie neuere Forschungen gezeigt haben. Man sieht, nur die Namen des Übels, das schon den Dienern der phönizischen Astarte in Syrien bekannt war, sind andere gewesen! Sodann die Gladiatoren , die Kämpfer der Arena. Wir werden ihnen später wieder begegnen. Auch sie sind Sklaven, vielfach solche, die als schlimme Gesellen sich in ihren Häusern unmöglich gemacht haben und verkauft und abgestoßen wurden. Aber auch Verbrecher und Kriegsgefangene flossen in die Fechterschulen, endlich auch freie Männer, die aus purem Rauftrieb, aus Sporttrieb sich diesem Beruf verkauften. Der Eigentümer ( lanista ) reiste mit seiner Fechterbande von Stadt zu Stadt, kaufte Leute auf und verkaufte sie wieder und vermietete seine Truppe an die Veranstalter von Festspielen. Die Bedingungen solches Handels lauteten: »Ich zahle dir, dem Besitzer, für den Fechter Stichus 20 Denare (gegen 6 Mark), wenn er im Kampf unverletzt bleibt, und liefere ihn danach zurück; ich zahle 1000 Denare (gegen 300 Mark), wenn er verwundet oder getötet wird.« Es gab eine besondere Diät, Gladiatorenmast, die als widerwärtig galt, aber der Steigerung der Muskelkraft diente. Daß die Disziplin die größte Härte erforderte, versteht sich. In einer Zelle der großen Gladiatorenkaserne in Pompeji hat sich ein Schließeisen gefunden, in dem mehrere Gerippe zugleich, an den Füßen gefesselt, sich befanden: offenbar Sträflinge. Erst in Kaiser Hadrian siegte die Menschlichkeit im modernen Sinne, und er verbot sowohl Mädchen an Kuppler als auch Sklaven an diese Fechterschulen zu verkaufen, außer unter Beibringung eines zutreffenden Grundes. So viel von den Unfreien. Und nun das Ergebnis! Es war eines der eigenartigsten gesellschaftlichen Phänomene. Denn aus den freigelassenen Sklaven bildete sich ein besonderer Stand, der Stand der Libertinen . Es waren vielfach die intelligentesten, rührigsten Leute, die an Geldkraft und Macht die alten, vornehmen Familien in Rom rasch überflügelten. Ihr Einfluß wuchs erstaunlich. Möglichst glänzend traten sie auf, Emporkömmlinge, die in Purpur und in ellenlang schleppender Toga über die Straße 51 gingen, so daß alles sich ärgert, alle Finger voll von Ringen und Gemmen, und die dabei ihre schweißigen Hände im Wind spielen lassen, damit jeder den Goldschmuck sieht. In ihren Ohren aber sieht man noch die Ohrlöcher; denn sie sind Asiaten, die einst Ohrringe trugen. Was könnten diese gerissenen Leute nicht, wenn sie hungern? ruft Juvenal: als Schulmeister, Redner, als Feldmesser und Maler, als Masseur, Augur, Seiltänzer, Arzt oder Zauberer treten sie auf. Verlange, daß sie (im Eindecker?) gen Himmel fliegen, sie bringen auch das fertig. Noch nicht dem freigelassenen Sklaven selbst, aber schon seinem Sohn fiel gesetzmäßig das volle römische Bürgerrecht zu. Ein solcher Freigelassenensohn war auch der große Dichter Horaz, der als römischer Offizier im Bürgerkrieg für die Cäsarmörder focht. Der Hof des Kaisers Claudius und der Messalina ist von solchen Libertinen vollständig unterjocht worden, und das römische Reich war zeitweilig geradezu in ihren Händen. In der Tat sind auf diesem Wege, von unten aufrückend, die befähigtsten Köpfe der antiken Kulturarbeit zugeführt worden. Aber der Haß, der sie traf, war grenzenlos. Es war der Rassenhaß des altangesessenen Italieners, der sein Blut untergehen sah unter dem unerschöpflichen Zufluß des Orients. Man male sich die fanatische Wut aus, die entstünde, wenn heute beispielsweise in den Vereinigten Staaten die Neger den Weißen als Bürger vollständig gleichgestellt und zu den einflußreichsten Staatsämtern zugelassen würden, und man wird jene unversöhnliche Stimmung des Altertums begreifen. Was wir aber, die wir heute den ungeheuren Wert rassischer Grundsätze im Leben der Völker erkannt haben, nicht mehr zu verstehen vermögen, das ist die Toleranz der römischen Staatsgesetze in diesen Dingen. Durch sie allein wurde die zunehmende Überfremdung des Altrömertums mit orientalischem und afrikanischem Blute möglich gemacht. So kam es, daß schließlich im 3. und 4. nachchristlichen Jahrhundert der Senat, dessen Bänke einst Geschlechter wie die Cornelier und Fabier geziert, zum größten Teile aus Afrikanern und Orientalen sich zusammensetzte, ja daß im 4. Jahrhundert selbst Juden in seinen Reihen zu finden waren Im 4. Jahrh. n. Chr. spricht Hieronymos von jüdischen Senatoren. Jedoch waren auch früher schon Juden, welche großenteils »getauft«, d. h. zum heidnischen Glauben übergetreten waren, innerhalb des Reichsdienstes zu hohen Stellungen gelangt. Um 140 n. Chr. waren beispielsweise ein Nachkomme der jüdischen Könige Proconsul von Asien. Der Generalstabschef Titus' bei der Zerstörung Jerusalems war bekanntlich ebenfalls ein Jude, Tiberius Julius Alexander, der aus einer reichen und vornehmen alexandrinischen Familie stammte, welche sogar mit dem Kaiserhause verschwägert war (!). Sein Sohn oder Enkel, Ti. Julius Alexander Julianus, kommandierte unter Kaiser Traian eine Legion gegen die Parther, war Senator, und saß sogar im altadeligen Priesterkollegium der Arvalen zu Rom (!). und daß z. B. in Calabrien riesige Länderstrecken Familien syrischer Landmagnaten wie den Cassiodori zu eigen waren. 52   IV. Zum Rechtsleben. Aber wir treten aus dem Privathaus und dem familiären Leben endlich wieder hinaus auf die offene Straße. Heute besichtigt der Reisende in den Großstädten pflichtgemäß die Kirchen, Museen und Schlösser, das Rathaus, das Parlamentsgebäude. In der Antike lockten die Göttertempel das Auge; mächtiger als sie noch die Hallenbauten der Basiliken; kolossaler als diese alle die Bäder, Theater und Amphitheater. Nähern wir uns zuerst der Basilika . Sie ist eine meist am Forum gelegene große Durchgangshalle, die nicht nur als Bazar für allerlei Waren dient, sondern in der zumeist auch Recht gesprochen wird. Es ist Vormittag: Sklaven schleppen Kästen voll Akten herbei. Die Menge der Zeugen, der Verwandten, der Müßigen strömt zusammen; denn jeder will den Angeklagten sehen, jeder die Advokaten hören. Und die Vorstellung vom römischen Recht taucht vor uns auf. Das römische Volk war das klassische Volk der Justiz, der Rechtsprechung und Rechtsfindung, und das war vielleicht sein bleibendster Wert; denn das ganz Erstaunliche ist geschehen, daß das römische Recht bei uns noch in modernen Zeiten gegolten hat, anderthalb Jahrtausende nach seiner Entstehung. Gewiß war der Römer zu dieser Leistung besonders befähigt durch seinen grellen Wirklichkeitssinn, durch seinen starken administrativen Ordnungstrieb, die kühle Berechnung der Konjunktur, den Zahlensinn, die Pünktlichkeit im Geben und im Fordern und endlich durch seine eigene Habsucht, die zur Errichtung des Rechtsschutzes drängte. Daher sagt auch der Römer nicht: wir halten das Gesetz, sondern das Gesetz hält uns, leges nos tenent . So hat er von vornherein das Privatrecht vom Staatsrecht scharf gesondert, um den Privatverkehr von Bürger zu Bürger 53 zu sichern. Gleichwohl war das römische Zwölftafelgesetz, das noch in die Zeit der Vorherrschaft der Etrusker (451–450) fiel und zuerst das uralte Gewohnheitsrecht zu ergänzen versuchte, andern Stadtrechten der Zeit schwerlich überlegen, und es ist auch nicht einmal ohne griechisches Vorbild zustande gekommen. Erst seit der Besiegung Hannibals, als Rom seine politische zentrale Machtstellung für immer gesichert hatte, begann es den großen Ausbau des römischen Privatrechts, die Regulierung des allgemeinen menschlichen Verkehrs. D. h. die unterjochten Völker regten zu dieser Leistung an, und sie gaben auch Hilfe. Die Griechen halfen. Die römischen Juristen waren schon damals, um 100 v. Chr., von griechischer Bildung erfüllt; die stoische Philosophie übte Einfluß mit ihrer Dialektik und mit ihrer sittlichen Anschauung vom Menschenrecht. Man unterschied die Bürger betreffendes Recht (Zivilrecht) und Völkerrecht. Zunächst hatte sich in den engen Grenzen des eigentlichen Römertums das Zivilrecht ausgebildet. Darin aber waren schon alle Grundprinzipien gegeben. Es herrscht schon hier im griechisch-demokratischen Sinn und in großartiger Folgerichtigkeit die vollständige Gleichheit jedes Bürgers vor dem Gesetz. Eine vollständige Nivellierung. Jedes Sonderrecht des Adels oder der Kultusbeamten fehlt. Schon damit trug das Recht den Stempel ewigen Wertes. Das Gerichtsverfahren aber ist öffentlich, und nicht nur der Jurist, sondern vor allem der Laie richtet. Grundlegende Unterscheidungen, wie die vom Besitz und Eigentum, grundlegende begriffliche Zusammenfassungen wie die der Person als Rechtssubjekt, wurden geschaffen. Der gutgläubige Besitzer wird gegen den Eigentümer geschützt. Neben das Familienrecht (Eherecht, Vormundschaftsrecht) trat das Sachenrecht mit der Kasuistik über Besitz und Eigentum, mit der Sonderung der Servituten und dem Pfandrecht, trat endlich das dauernd vollkommenste, das Obligationenrecht, das den Geschäftsverkehr ordnet und sichert. Denn Obligation ist die geschäftliche Verabredung, die als verpflichtender Kontrakt für Darlehn, Tausch, Kauf und Miete sehr verschiedene Formen annimmt. Sie ist »das eingeräumte Recht auf die Leistung eines anderen«. Alles das war jedoch das Gegenteil eines starren Systems. Gewisse dehnbare Grundbegriffe wie nexum, manus, dolus, metus waren gegeben, und die Kunst bestand darin, den einzelnen Rechtsfall unter einen von ihnen zu subsumieren. Jene Begriffe 54 flossen z. T. aus uralter Symbolik. Symbolisch ist der »Kopf«, caput , womit der Einzelmensch als juristisches Ich bezeichnet ist. Der Mensch, der stirbt, ist zwar ausgetilgt, aber sein »Kopf«, sein juristisches Ich, an welchem ev. eine Schuld haftet, lebt in seinem Erben, der gegebenenfalls seine Schulden bezahlen muß, weiter. Wer dagegen rechtlos ist, hat seinen »Kopf« verloren ( capitis deminutio ). Ebenso symbolisch ist die »Hand«, manus . Sie bedeutet den Besitz. Der Hausherr hat Frau, Kinder und Diener »in der Hand«, in manu , und jeder Besitzwechsel war gleichsam »handgreiflich«, ein Greifen mit der Hand, mancipare . Jene Einordnung der Rechtsstreitfälle geschah nun mit größter Klugheit und praktischem Geschick, und dabei wurden die Begriffe selbst möglichst weit gefaßt. Unter Diebstahl begriff Mucius Scävola schon den Fall, daß jemand ein Gespann, das bei ihm untergestellt ist, zur Ausfahrt benutzt. Ließ sich ein Grundsatz nicht durchführen, so wurde unbedenklich eine Ausnahme utilitatis causa , d. h. im Interesse des Publikums angesetzt; oder schien ein Begriff wie »Besitz« zu eng, so half man sich mit einem »gewissermaßen«, quasi . Es gibt eigentlich nur körperlichen Besitz; von Anrechten kann es nur Quasibesitz geben: quasi iuris possessio , keine iuris possessio . Die Hypothek entlehnte man aus dem Recht der Griechen; mit dem alten römischen Pfandrecht ließ sie sich schlecht vereinigen, aber man glich das eben aus, so gut es ging. Wie unsystematisch man noch vorzugehen pflegte, zeigt die ganz unordentliche Anlage des Inhalts der erhaltenen Gesetze, wie der Iulia municipalis , der lex Ursonensis , die nicht besser ist als im alten griechischen Stadtrecht von Gortyn. Der Einzelbürger ist frei, hat absolute Freizügigkeit, freieste Wahl des Lebensberufs, und jeder hat gleiches Recht auf Klage. Diese Freiheit beruht auf dem Privateigentum . Das Privateigentum, d. h. das Haben und Herrschen des einzelnen, das war für den Römer die Grundlage alles Bürgerrechts. Bald gab es auch keine Bodensteuer; aller Landbesitz römischer Bürger in Italien wurde steuerfrei. Dies Privateigentum war so stark, daß daneben das anfangs umfangreiche Staatseigentum ( ager publicus ) allmählich im Verlauf auf ein Minimum eingeschränkt wurde. Aber es gab nicht nur keine Verstaatlichung des Eigentums; auch ein gemeinsames Vermögen mehrerer war dem naiven Römer der älteren Zeiten nicht geläufig. Gegebenenfalls wurde dann angesetzt, daß, wenn 10 Landwirte gemeinsam einen Zuchtbullen 55 besitzen, jedem Besitzer ein Teil des Tieres, also etwa 1 bis 1½ Zentner seines Gewichts gehöre. Vgl. die Bestimmung betr. des Gebälkes Digest. VIII, 2, 36. Auffällig gering war dabei doch der Schutz des Grundeigentums. Denn zwischen Grundeigentum und beweglicher Habe wird in den Rechtsbestimmungen nicht wesentlich gesondert, und der Acker kann ebenso unbedenklich verkauft und verpfändet werden wie das Hemd, ganz anders als im mittelalterlich deutschen Recht. Auch die Bevorzugung des Erstgeborenen im Erbrecht fehlt. In diesem geringen Wertlegen auf die Unverkäuflichkeit und Unteilbarkeit der alten Familienlandstellen verrät sich die unerbittlich strenge Logik des römischen Rechts, sie verrät aber zugleich den Sieg der großstädtischen Interessen über die agrarischen. Rom war von früh an ein Handelsstaat. Die Landwirtschaft ist wohl nie so ungeschützt gewesen wie im römischen Altertum. Charakteristisch ist ferner, daß die Arbeit als solche so wenig gewertet war, daß sie dem Kapital nicht gleichgerechnet wurde; denn ein Besitz des Unkörperlichen war dem alten Römer ursprünglich schwer vorstellbar. Der Acker hat seinen Geldwert; der jährliche Ertrag des Ackers hat gleichfalls seinen Geldwert; die Feldarbeit aber tut der unfreie Knecht, und der Knecht hat wieder seinen Geldwert. Damit war also der Wert der Arbeit als solcher, die der Knecht verrichtet, ausgeschaltet. Von Melioration, von Wertsteigerung durch Arbeit in der Landwirtschaft hören wir deshalb nichts, weil sie tatsächlich nicht bestanden hat. So entstanden nun aber für den Juristen merkwürdige Schwierigkeiten bei Beurteilung künstlerischer Bearbeitungen von Gegenständen. Stritt man um eine Statue, d. h. um einen bearbeiteten Block Marmor, so behaupteten Cassius und Sabinus, die fertige Statue müsse dem Eigentümer des Blocks gehören, sie rechneten also die Arbeit für nichts; nach Proculus wurde sie dagegen Eigentum des Künstlers, wenn auch der Marmor nicht sein war, aber dies geschah um der Gestalt willen, die dem Gegenstand eine neue Form gab ( specificatio ), nicht aber um der aufgewandten Arbeit willen. Das Geschäftsverfahren im altrömischen Zivilrecht war sehr schwerfällig und durch allerlei symbolische Handlungen behindert. So durfte beim Akt des Kaufs und Darlehns das Symbol von Waage und Erzgewicht nicht fehlen. Wurde ein Acker verkauft, so mußte ursprünglich der Ackerboden mit der Hand berührt werden ( mancipare ); zu dem Behuf wurde nun jedesmal eine Scholle 56 des Ackers in die Stadt gebracht. Drakonisch hart war ferner ursprünglich die Art der Vollziehung, besonders im Schuldrecht; und das römische Sprichwort »der Gipfel des Rechts der Gipfel des Unrechts« ( summum ius summa iniuria ) schaut eben auf das altrömische Zivilrecht zurück. Die Schuldknechtschaft stand als drohendes Gespenst hinter jeder Obligation. Dazu das unbiegsame Formelwesen im Prozeßverfahren. Wehe dem, der sich in den solennen Formeln versah! Nur der Wortlaut selbst galt, nicht die Meinung ( voluntas ): ein Maschinenbetrieb, der den Unerfahrenen zermalmte. In der Folgezeit wuchs dagegen mehr und mehr der Einfluß der Billigkeit. Neue Gesichtspunkte kamen auf. Die Minderjährigen wurden vor Ausnützung geschützt. Die bona fides gelangte zur Anerkennung bei dem Beklagten, der ohne böse Absicht gefehlt hatte. Die Schikane (oder der dolus malus ) und die Erpressung (der metus ) wurden unter Strafe gestellt. Für das Kreditwesen fanden sie brauchbare Formen. Es wuchs endlich der Einfluß des Nichtrömers. Während der persönliche Verkehr der Nichtrömer in Rom und der Geschäftsverkehr nach Rom sich ins Grenzenlose steigerte (denn die römischen Untertanen in den Provinzen waren ja noch ohne Bürgerrecht) und das Geschäftsleben selbst in Geldspekulationen und Bankwesen unendlich mannigfaltiger wurde, war es der jährlich wechselnde römische Prätor , der das Recht ergänzte, d. h. durch sein Edikt das überkommene enge Zivilrecht vor allem an die Bedürfnisse dieser »Fremden« mehr und mehr anpaßte. Und aus diesen prätorischen Edikten, die nur, wenn sie sich bewährten, vom Nachfolger beibehalten wurden, und die also mit großer Vorsicht und in elastischer Weise die jeweiligen Ansprüche des Verkehrs im Recht ausprägten, ist in den drei letzten Jahrhunderten v. Chr. langsam das »Völkerrecht«, das ius gentium hervorgegangen, neben dem das alte »bürgerliche Recht« selbst allmählich abstarb. Das heißt: alle Prinzipien blieben die gleichen; aber man hielt jetzt auf Billigkeit und Entgegenkommen, auf glatten Geschäftsgang. Beim Beginn der Kaiserzeit war die Entwicklung vollendet. Diesem für den Verkehr mit den Provinzen, insbesondere mit den griechischen Provinzen ausgebauten Recht, das dem »Naturrecht« der Philosophen nahe kam, unterwarf sich auch der Stadtrömer. Die Nivellierung der Menschheit war vollendet. Aber noch nicht die Entwicklung der Dinge! Denn es folgt nun 57 noch ein außerordentliches, ergänzendes Recht durch Einzelentscheidungen einer neuen höchsten Instanz, und hier begegnet uns zum erstenmal die alles überragende Majestät des Kaisers . In der Tat wurde der allmächtige Monarch in Rom sogleich über den Prätor hinaus Quelle des Rechts. In diesem wie in den gottesdienstlichen Dingen erschien er als unfehlbar: Freilich werden die Entscheidungen verstorbener Kaiser von den Juristen gelegentlich kritisiert: Digest. V, 3, 40. eine Unfehlbarkeit, die hernach auf den römischen Bischof überging. Darum haben sich aus der Fülle der kaiserlichen Entscheidungen – »Dekrete« oder »Reskripte« – späterhin grundlegende Rechtsbücher wie der codex Theodosianus zusammengesetzt. Und durch die Cäsaren kamen nun endlich durch autoritative Gesetzesauslegung auch die eigentlichen Forderungen der Humanität, wie die frommen griechischen Denker und auch Seneca sie predigten, zu praktischer Geltung. Die Widersprüche zwischen Recht und Leben minderten sich jetzt. Der Sklave, der rechtlich bisher nichts als eine Sache war, wurde nunmehr wirklich durch Menschenrechte bis zu einem gewissen Grade geschützt, den Haustöchtern in der Familie endlich der Anspruch auf Mitgift gesichert, jedem Bürger verarmten Verwandten gegenüber die Alimentationspflicht auferlegt, die Fürsorge für Taubstumme, für Geisteskranke, für Verschwender in den Familien unter staatliche Aufsicht gestellt und so fort. Im Erbrecht erhielt auch der formlos hinterlassene letzte Wunsch des Sterbenden (das Fideikommiß) gleiche Gültigkeit wie das altmodische Testament mit seinen sieben Siegeln. Die Erbschaftssteuer betrug beiläufig 5%. Die Vermenschlichung des Rechts mit ihren Rechtswohltaten gelangte in schöner Weise durch den Willen einer aufgeklärten und vom philosophischen Zeitgeist getragenen Gewaltherrschaft zum Siege: ein Gewinn für alle Zukunft. Gesetzgebung und kein Ende! Nun aber der Recht-suchende Mensch selbst, der Rechtsstreit, das Prozessieren . Im römischen Volk lebte eine Prozessierwut wie im athenischen, und auch heute ist es in Italien noch ganz dasselbe: die Gerichtssäle überfüllt, alle Zeitungen überschwemmt von Reden, Reden, Zeugenaussagen; unendliche Sensation. Das liegt am öffentlichen Verfahren . Das öffentliche Verfahren und das Volksgericht verdankt die Neuzeit dem Altertum. Die französische Revolution nahm es von den Römern. 58 Schon bei Sonnenaufgang strömte alles zu Tausenden aufs Forum zusammen. Die drei Fora Roms genügen nicht mehr, sagt Seneca, De ira 2, 9, 4. und er entsetzt sich zugleich über die Massen der Raubtiere in Menschengestalt, die da Händel suchen, auch über die Niedertracht der Ankläger. Je schlimmer die Sache, je schlimmer der Anwalt! Einen unvergleichlichen Vorteil aber hatte der antike Prozeß vor dem modernen: er wurde nie über ein Jahr hinaus verschleppt. War das Jahr um, so erlosch er ( causa exspirat ). In Zivilsachen leitete ihn der Prätor und stellte die Rechtsfrage; in Kriminalsachen richteten konkurrierend bald der Senat, bald der Kaiser selbst; in den Provinzen dagegen die Statthalter, und sie sind es, deren streng sachliches Verfahren wir in den christlichen Märtyrerakten beobachten. Vorschrift ist: der Richter darf nicht zornig werden, aber sich auch nicht zu Tränen rühren lassen: Digest. I, 18, 19. Aber auch in der Ziviljurisdiktion war der Kaiser die höchste Instanz im Instanzenzug. Der Kaiser richtete in Rom in Person, ließ sich dabei jedoch auch oft und gern von dem Gardepräfekten vertreten. So ging z. B. der junge Kaiser Alexander Severus vormittags zum Fischen, während sein Präfekt, der große Jurist Ulpian, die Jurisdiktion für ihn ausübte; und das war gewiß gut. Dies kaiserliche Strafverfahren war geheim, und es hat die öffentlichen Geschworenengerichte allmählich verdrängt. Die Geschworenenlisten aber umfaßten in Rom an 4000 Namen, aus denen vom Vorsitzenden je nach dem Fall bald ein Richter, bald mehrere, bald hundert und mehr berufen wurden. Dies waren somit Laien. Nur sie, nicht der Vorsitzende, fanden das Urteil, das durch kein Appellationsverfahren rückgängig zu machen war. Und hier begegnen wir also zum zweitenmal der Majestät des Kaisers . Von der unfehlbaren Gesetzeskraft seiner Dekrete und Reskripte haben wir geredet. Der Nimbus des Göttlichen umgab sie. Und doch klingt es wie Farce, was die Geschichte z. B. von Kaiser Claudius berichtet. Das Richten wurde bei ihm zur Manie, wie bei Kaiser Nero das Musizieren, und er riß auch die Zivilsachen an sich. Alle Tage saß er auf einer Erhöhung und sprach Recht, bis er einschlief; die Anwälte mußten schreien, damit er acht gab, und das Publikum höhnte laut über seine bornierten Entscheidungen. Er liebte die Advokaten, er haßte die Rechtsgelehrten. Denn die Rechtsgelehrten wollten klüger sein als er. 59 Verdienten die Advokaten diese Gunst? Einst war ihre Blütezeit gewesen, damals, als Ciceros Wort noch ertönte in Rom. Ciceros Beredsamkeit war nicht wie der zündende Blitz, sie war wie eine prasselnde Feuersbrunst. Aber auch »blitzende« Redner hatte die alte Zeit der freien Republik gesehen, wie Gajus Gracchus. Damals führten noch die vornehmsten politischen Größen des Staats nebenher selbst Prozesse vor den Assisen, geradeso, als wenn große Minister wie Pitt oder Palmerston oder Bismarck nebenher Bankerottiers oder Giftmörder zu verteidigen unternommen hätten. Großzügig, flott und schwungvoll war die Beredsamkeit jener Zeit gewesen – jede Rede ein Tagesereignis –, vor allem freilich groß im politischen Prozeß. Daher Ciceros stolzes Wort: »Wer nicht Saiten spielen kann, wird Flötenspieler; so wird auch Rechtsgelehrter nur der, der nicht reden kann.« Dabei will der Redner seine Sache, sei sie noch so aktuell, nicht nur durchsetzen; er dringt auch auf Schönheit; er will Richter und Publikum auch »ergötzen«. Cicero pro Mur. 29; De or. II, 317. Aber das änderte sich unter der absoluten Monarchie sofort. Die kühne politische Rede verschwand ganz; es sank aber auch die Advokatur; auch das Ansehen, auch der Bildungsstand der Sachwalter ging merklich zurück. Der Mann aus dem Volk bei Petron sagt: »mein kleiner Sohn lernt so gut; er kann auch griechisch. Er soll eine Kunst lernen, z. B. Friseur, oder doch wenigstens Advokat.« Das ist denn doch eine schlimme Zusammenstellung! Natürlich gab es Ausnahmen, und einigen Bevorzugten gelang es, sich als Sachwalter die allerhöchste Gunst des Hofes zu erwerben. Dem Passienus Crispus wurde in der Basilica eine Statue errichtet. Eine Größe war z. B. auch jener abergläubische Regulus, von dem erzählt wird, daß er, um Erfolg zu haben, sich das rechte Auge mit Salbe bestrich, wenn er anklagte, das linke, wenn er verteidigte. – Das höchste zulässige Honorar hatte Claudius auf 10 000 Sesterz (über 2000 Mark) angesetzt. Die Mehrzahl aber muß hungern. Die Klienten bezahlen nicht. Ein Wagenlenker in der Arena verdient mehr als hundert Anwälte. Denn um sich in Ansehen zu setzen ist es nötig, daß ein solcher Redner stets glänzend auftritt, im Purpurkleid, mit großem Dienerschwarm. Er pumpt sich daher im Notfall, für den einen Tag, einen Ring, um mit dem Sardonyx zu imponieren, der bei seinem Händespiel in 60 aller Augen fällt. Ein klägliches Dasein! Vor den vierzig Geschworenen muß er seine Lunge üben, meist Bauern vom Lande, die seine Redeschnörkel gar nicht zu würdigen wissen. Denn auch seine Sprache ist natürlich elegant gedrechselt und überfeinert modern. Dazu die Körperhaltung! Auch für sie gab es strenge Vorschriften. Denn des Redners Unterkörper wurde durch kein Pult verdeckt. Daher ist ihm nicht nur das häßliche Achselzucken verboten; er darf auch nicht spreizbeinig stehen und muß sogar auch auf den Kontrapost acht geben; d. h. wenn er den rechten Arm ausstreckt, darf er immer nur den linken , niemals den rechten Fuß vorsetzen. Er wohnt irgendwo im 4. Stock, und sein Klient bezahlt ihn in Naturalien mit einem Korb voll Zwiebeln oder getrocknetem Thunfisch und stellt ihm auch noch ein paar Palmenwedel zum Dank an seine Haustreppe. Das ist alles. Und dazu die Redeübungen jener Zeiten mit ihrem rastlosen Betrieb? Dazu hat Quintilian sein berühmtes Lehrbuch geschrieben, an dem auch noch unsere moderne Prosa gelernt hat, was Beredsamkeit und was Sprachstil ist? Das Redenhalten war eben Mode, war Sport geworden; es galt als wesentlichster Bestandteil der Bildung; alles lief in die Deklamationsschulen. Aber die wenigsten machten zum Glück daraus einen Beruf. Unter » deklamieren « verstand man das Freisprechen einer wörtlich vorbereiteten Übungsrede. Der Vortrag geschah in melodisch singendem Tonfall. Das Übungsstück selbst wurde genau nach Vorschriften gebaut, wie ein Gedicht. Als »Thema« aber dienten frei ersonnene Fälle oft abenteuerlichster Art, von Giftmord und bösen Stiefmüttern, von Piraten, Tyrannen und Tyrannenmord. Es war eine ungefährliche Wollust, vom Tyrannenmord zu deklamieren. Denn an die Kaiser selbst wagte sich keiner, und man überließ es zumeist der Soldateska, die unliebsamsten der Zwingherren Roms zu beseitigen. Das Geschick will, daß uns solche Übungsreden zahlreich erhalten sind; die Reden der Advokaten selbst dagegen sind sämtlich wie Spreu im Winde verflogen; und wir grollen nicht darum. Sie dauerten gelegentlich 7 Stunden, und es galt als etwas Großartiges, wenn jemand sie ganz mit anhörte. Plin. epist. 4, 16. Beim Martial sagt einer: »Der Nachbar hat mir 3 Ziegen gestohlen; du aber, o Advokat Postumus, redest nur von Cannä und von Mithridat, von 61 Carthagischer Untreue, von Sulla und Marius. Komm' doch endlich auf die drei Ziegen!« Die Ausdehnung der Reden wurde vom Vorsitzenden genau vorbestimmt, und zur Sicherung diente dabei eine Wasseruhr, in der das Wasser ablief, wie der Sand in unseren Sanduhren: war das Wasser zu Ende, mußte die Rede schließen. »Dein Wasser läuft,« hieß also soviel als: du hast zu reden. An Kaiser Mark Aurel wird gerühmt, daß er den Advokaten die größten Wasserquanten gewährte. Dagegen kam es auch vor, daß der Gerichtsdiener die beredten Herren schikanierte und ihnen zu wenig einfüllte. Man hätte dies früher bei uns in den Parlamenten gelegentlich auch so machen sollen. Wie anders der Stand der Rechtsgelehrten , die der närrische Claudius verachtete und die schon der freche Caligula hatte mundtot machen wollen! Hier war wirkliche Größe. Was damals die Rechtsgelehrten ausarbeiteten, war wohl die größte praktische Kulturarbeit der ganzen römischen Kaiserzeit und ist ihr Ruhmestitel bis heute geblieben. Und es war nicht nur Praxis, es war Wissenschaft. Auf die alte Zeit des Gewohnheitsrechts war in Rom zunächst eine glänzende Zeit der Gesetzgebung, die Zeit der prätorischen Edikte, gefolgt; jetzt folgte endlich eine dritte Periode, die Zeit des Kaiserrechts und der Rechtswissenschaft. Rechtsschulen bildeten sich, die nach den Schulhäuptern sich benannten, und eine ausgedehnte Literatur entstand, aus deren Fülle die »Pandekten« Justinians nur einen dürftigen Abhub geben. Es waren meist Männer vornehmster Geburt und Stellung – in der Person Nervas bestieg ein Mann aus einer Juristenfamilie den Kaiserthron –, und sie hatten als Vertrauensmänner des Herrschers die Ordnung des bürgerlichen Verkehrs der Welt in Händen. Denn die Rezeption des römischen Rechts gelang in allen Reichsprovinzen glatt – gleiches Recht für Alle! – mit Ausnahme etwa des griechischen Ostens, wo sich doch Rom zum Trotz manche lokale Rechtsgewohnheiten noch länger zu erhalten wußten. Gleichwohl ist Gajus und ist selbst Ulpian in Berytus im griechischen Osten zum römischen Juristen erzogen worden; und auch Papinian war anscheinend Syrer von Herkunft. Dies waren, um das Jahr 200, die drei Heroen des römischen Rechts: Papinian, Ulpian und Paulus, Männer, die als Präfekten auf dem Gipfel der Macht und dicht am Throne standen und in denen die Genialität, Tatkraft: und sittliche Bildung des Altertums noch einmal und zum letztenmal bis zum Eindruck des Erhabenen sich zusammenfand. Das 62 gilt vor allem von Papinian, dem »Asyl des Rechts«, der durch den Mordbuben Caracalla umkam. Er wurde mit dem Beil erschlagen, weil er die Ermordung Getas nicht gutheißen wollte und das Wort sprach: »ein Brudermord ist leichter getan als entschuldigt.« So wurde er zum Blutzeugen der stoisch-römischen Gerechtigkeit am Hofe nichtswürdigster Despotie. Nur wenige Jahrhunderte später, und Theodorich, der Gotenkönig, herrschte in Ravenna. Die Goten rückten in Italien ein; im Osten aber entstand das byzantinische Reich. Der Schatz des römischen Rechts wurde damals zerlesen, zerfetzt und ausgeplündert. Aber es hat auch noch in entstellter Form vermocht, Europa zu erziehen und bis auf den heutigen Tag nicht nur eine historische, sondern auch eine produktive Rechtswissenschaft anzuregen. Und die Basilika? Sie ist eine jener interessanten Gebäudeformen der antiken Architektur, die aus großem Zweck sich groß entwickeln: eine Halle in länglichem Rechteck, zunächst nur ein großer Bazar für Kleinhändler. Die Nichtstuer verbrachten da herumlungernd ihre Tage und, sollte das Gebäude abends geschlossen werden, mußte man das Volk mit Hunden heraushetzen. Aber das Mittelschiff des Gebäudes war überhöht, und in seiner Apsis stand oftmals ein erhöhtes Tribunal. Da oben präsidierte der Magistrat; im Mittelschiff saßen auf Bänken die etwa 45 Geschworenen Gelegentlich auch viel mehr. unter dem Vorsitz der Dezemvirn inmitten des höchst profanen Menschengetriebes, und die Anwälte redeten. Das Publikum mußte stehen. An der Wand der Basilika in Pompeji hat sich die Anschrift gefunden: »Die süße Weintrinkerin ist durstig, ja, ja, sehr durstig.« Also wurde da fürs Publikum auch Wein verschenkt. Aber das versteht sich schon von selber. Meistens war nun der länglich gestreckte Raum so eingeteilt, daß in ihm an allen vier Innenseiten ein Säulengang herumlief, dessen Dachhöhe geringer war als die seiner Mittelhalle. Bisweilen jedoch zog dieser Säulengang sich auch nur an den zwei inneren Längsseiten des Hallenbaus hin, und so entstand die bedeutsame Form der Basilika mit zwei Seitenschiffen und überhöhtem Mittelschiff. Diese Bauform ist nun aber bekanntlich auch die des altchristlichen Kirchenbaus, und so kann es kein Zufall sein, daß die alten Christen ihre große Gemeindekirche Basilika benannt haben. Die Kirche ist vielmehr aus der antiken Gerichtshalle entstanden. 63 Wir werden noch weitere Einflüsse des antiken Profanbaus auf den christlichen Kirchenbau kennenlernen. Wer aber selbst in Rom war, wird hier sogleich der kolossalen Backsteinruine der Konstantinbasilika am Forum gedenken, der größten Basilika, die Altrom gesehen hat, von 6000 Quadratmetern Grundfläche. Nur das nördliche Seitenschiff steht noch, und alle Marmorbekleidung ist heruntergefallen. Gleichwohl, wie kühn und kraftvoll schön wirken noch heute seine zerbrochenen kassettierten Tonnengewölbe! Von diesem Monument des römischen Rechtslebens aber steht fest, daß es noch in der Renaissancezeit zum Vorbild gedient hat für Bramantes Entwurf zum Sankt Peter. In der Tat war das Mittelschiff des Konstantinbaus nur 3 Meter niedriger als das Mittelschiff des Kölner Doms.   V. Die Bäder. Am Vormittag tobten die Rechtshändel. Am Nachmittag strömte das Volk ins Bad. So lassen auch wir auf so ernste Dinge in unserer Besprechung unvermittelt das Trivialste folgen. Das römische Leben will es nicht anders. Da ragt in Rom über der Straße wie ein Ursaurier über Eidechsen das ungeheure Trümmerskelett der Bäder Caracallas. Sie übertrafen an Ausdehnung die Basilika noch bei weitem. In der Tat ist in den Thermen Roms der Gipfel der antiken Baukunst zu erblicken. Und auch sie waren von Einfluß auf den christlichen Kirchenbau. Der antike Tempel war Außenarchitektur, d. h. er zeigte seinen Schmuck nach außen. Die Kirchen waren wie das Privathaus und wie die Thermen Innenarchitektur. Die Gewölbespannungen, vor allem aber den Innenschmuck des Mosaizierens der Gewölbe lernte der Kirchenbau von jenen Bäderhallen. Noch einleuchtender ist aber, daß sich die christliche Taufkapelle aus dem profanen Tauchraume entwickelt hat; denn das Taufen, bapthesthai , bedeutete ein Untertauchen des ganzen Körpers. Das Baptisterium der Badeanstalt verwandelte sich also in das geistliche Reinigungsbad: es blieb eine runde Wanne zum Hineinsteigen mit Umbau, konzentrisch angelegt. Die Nutzzeit für das Freibad beginnt am Mittelmeer ziemlich spät. Wir handeln hier jedoch nicht von Fluß- und Seebad, wir handeln von jenem warmen Bad der Römer, das man zur Sommers- und Winterszeit genoß und dessen durchdachten Luxus 64 unsere Gegenwart nicht von fern wieder erreicht hat. Er entwickelte sich etwa in der Zeit von Sulla auf Augustus. Wie stark an Tugend war noch die schlichte alte Zeit, ruft Seneca, als man sich nur wusch und als selbst ein Scipio nur einmal in der Woche ein Vollbad nahm! Für waschen und baden hat das Latein nur ein Wort: lavare . Der Baderaum heißt davon Latrina oder Lavacrum . Er lag von alters her im Privathaus bei der Küche und wurde stets von der Hausdienerschaft benutzt. Dagegen dienten die großen öffentlichen Bäder zwar vornehmlich der ärmeren Bevölkerungsklasse, aber sie dienten nur den Freien: ein Sammelort für die Bürgerschaft, wo man sich trefflich unterhielt. Die beliebteste Stunde war etwa 2–4 Uhr nachmittags. Nicht jeder hatte freilich Lust, sich mit den Menschen gemein zu machen, und so stellten die Magnaten in ihren Schlössern sich ihre eigenen Privatthermen her, die sie ihren Freunden zur Mitbenutzung öffneten. Das sind die Thermen, wo jener märchenhafte Luxus sich entfaltete, in dessen Schilderung Martial und Statius ihr Dichtertalent üben: über die Wände hin buntschimmernde Marmorinkrustation, wie wir sie heute etwa in der Villa Borghese sehen, aus Alabaster (Onyx) die Hohlräume, in die die trockene Hitze geleitet wird, silberne Wasserröhren, so köstlich, daß das Wasser, das übrigens filtriert war ( aqua saccata ), zaudert hindurch zu fließen, weil es sich im Silber so wohl fühlt. Das Marmorbad Jerômes in Kassel ist dagegen ein Kinderspiel. An der Küste baute man die Fundamente der Thermen ins kühle Meer hinaus. Aber es waren meist Freigelassene, die so protzten. Viel hausbacken-einfacher sind natürlich die Thermen Pompejis, die eben zur Zeit jener Dichter, die ich nannte, verschüttet wurden. Aber sie lassen die Anlagen mit allen Einzelheiten gleichwohl vortrefflich erkennen. Das Bad hieß balneum ; thermae hießen heiße Quellen. Das sind griechische Lehnwörter. Die Sache war also griechisch. Aber erst die Römer haben sie, soviel wir wissen, im höchsten Sinne zweckmäßig, ja, im Dienst übertriebener Genußsucht ausgebildet. Im griechischen balneum ( balneion ) bekam man gegen Eintrittsgeld sein Bad und weiter nichts. Davon sind die mit Turnräumen verbundenen Bäder der Griechen zu unterscheiden, welche Turnräume Gymnasium hießen. »Gymnasium« bedeutet den Übungsraum, in dem man sich nackt bewegt, und wenn wir heute von 65 Mädchengymnasien reden, so sind wir uns, wie es scheint, nicht genügend bewußt, daß das eigentlich den Raum für entkleidete Mädchen bedeutet. Anschließende Wandelgänge und Exedren (Sitzgelegenheiten) dienten für gebildete Unterhaltung; daher hat sich die antike Philosophie auf dem griechischen Turnboden entwickelt, wo man wandelnd oder sitzend über die großen Fragen des Lebens disputierte. Endlich gab es da auch warme und kalte Bäder für die Turner, die ihre Haut salbten und pflegten, wenn die anstrengende Körperübung zu Ende war. Die Römer übernahmen von diesem Vorbild sowohl die einfachen Bäder ( balnea ) als auch die Gymnasien mit Bad, die sie in ihre Thermen umwandelten. Für den Unterschied beider Einrichtungen ist schon die Erzählung bezeichnend von dem reichen Mann, der sich in Rom sowohl ein »Bad« aus Holz als auch »Thermen« aus Marmor baut. Aber ihm fehlt es an Holz, um seine Thermen zu heizen, und der Dichter Martial rät ihm: heize die Thermen doch mit deinem Bade! Solche »Bäder« wurden von den Kommunen, aber auch von Privaten gebaut und an Unternehmer verpachtet. Der Literat, der in Rom verhungert, wird in irgendeiner Kleinstadt Badepächter und lebt da vom Eintrittsgeld. Ganz anders die Thermen. Der Römer hatte für Gymnastik, den Turnsport der Hellenen mit Ringkampf und Boxen und Stangenwurf, wenig Sinn. Deshalb verwandelte er die Turnräume in Unterhaltungsräume, das Baden aber machte er zur Hauptsache, zu einem täglichen Vergnügen: die schönste Art des Faulenzens, ein Schlemmen in Sauberkeit, das zugleich immer den prächtigsten Hunger und Durst entzündet; denn gleich nach dem Bade wurde gespeist. Römisches Bad! Man unterscheidet räumlich und sachlich laues, heißes und kaltes Bad, tepidarium , caldarium und frigidarium , und auch die Ärzte des Altertums unterlassen nicht, sie in dieser Abstufung therapeutisch zu verwerten. Schon die Benennungen aber zeigen uns, daß das Verfahren ganz eigentlich römisch oder doch von den Römern ausgebildet war. Nähern wir uns, um einen Einblick zu gewinnen, einer der schlichten Anlagen Pompejis. Sie bedeckt ein Areal von 56×60 Metern. Die Außenseiten sind zum Teil in Kaufläden und Butiken aufgelöst, die nach innen keinen Zugang haben und einen guten Mietzins abwerfen. Schon dieser Kleinhandel gibt buntes Leben. Denn wir befinden 66 uns mitten im engen Stadtgetriebe. Aus dem unbedeckten Thermenhof schallt Lärmen, Lachen und Geschrei. Die Tür, die auf ihn führt, ist aber so angelegt, daß kein Neugieriger, der vorbeikommt, von der Straße aus ins Innere sehen kann, wo sich die nackten Leute im Spiel tummeln. Zweidrittel des Gesamtgrundstücks dienen solchen Unterhaltungszwecken, nur ein Drittel dem Bade. Da werden Kugeln geschoben, Rappier gefochten, besonders eifrig aber Ball gespielt, und zwar auch von alten und würdigen Herren. Das Ballspiel war die ganz besondere Liebhaberei des Römers. Da gab es kleinere Bälle, mit Haaren und Federn gestopft; die großen waren mit Luft gefüllt; dazu kam noch der Springball trigôn , der nur zwischen drei Spielern hin und her schnellt. Der Ball darf beim Spiel nie zur Erde fallen. Dazu endlich der Fußball, um den zwei Parteien sich streiten; auch er fliegt hoch, und der Staub wirbelt. – Rings um den freien Platz läuft ein Schattengang. Im Hintergrund ein Wasserbecken von fast 13 Meter Länge, wo man sich kühlen und auch schwimmen kann ( natatio ). Doch wir fragen nach den Thermen. Das Gong ertönt schon. Sein Signal bedeutet: es eilt! Wer jetzt nicht kommt, findet drinnen keinen Platz mehr. Eintrittsgeld wird gezahlt. Die Sammelbüchse geht herum. In Rom zahlte man nur 2 Pfennige, in Provinzialstädten mehr, die Männer 4, die Frauen gar 8 Pfennige. Korpulente Damen müssen das dreifache geben; denn sie nehmen zuviel Platz weg; so fordert Martial, der immer zu Scherzen aufgelegt ist. Man konnte auch warme Sitzbäder ( solia ) in Einzelkabinen haben. Aber das war sehr ungesellig. Zu meinem Bedauern muß ich feststellen, daß das benutzte Wasser in diesen Sitzbädern gelegentlich stehenblieb für den nächsten Benutzer. Suchen wir uns lieber im geselligen Bad zurechtzufinden. Eine weise Verwaltung spart gern mit Heizung, und das Bad wurde daher zumeist nicht vor 2 Uhr geöffnet und schon bei Sonnenuntergang geschlossen. Zeitweilig brachte Kaiser Alexander Severus das Baden bei Nacht in Aufnahme, und das kam wohl auch sonst vor. Übrigens unterschied man nach Größe und Heizeinrichtung Sommerthermen und Winterthermen. Für das Frauenbad dienten besondere Räume. Nur in kleinen Ortschaften war das nicht der Fall; wir erfahren, daß in einem Bergnest in Spanien die Frauen vormittags, die Männer nachmittags in 67 denselben Räumen badeten. Zwischen den Räumen des Frauen- und Männerbades liegt zentral der große Ofen mit 3 Kesseln, die den 3 Baderäumen rechts und links entsprechen. Das Frauenbad ist weniger glänzend ausgestattet (die vornehmen Frauen erschienen eben nicht), auch fehlt ihm ein Spielplatz. Davon abgesehen, haben beide Anlagen dieselbe Einteilung, natürlich so, daß das heiße Bad, das Caldarium, hier und dort dem gemeinsamen Heizraum am nächsten liegt. Die Männer, die von ihrem Spielplatz ins Bad eilten, gelangten durch ein paar kleine Warteräume mit Bänken zunächst zu dem Aufseher, capsarius , bei dem man seine Wertsachen, besonders die Ringe, ablegen konnte (wer mit Fingerringen badete, machte sich lächerlich). Es folgte ein Auskleideraum; von da trat man ins Tepidarium, um zunächst in lauer Luft sich durchzuwärmen, und erst danach in das heiße Wannenbad des benachbarten Caldariums. Dahin drängte sich alles. Es war der höchste der Genüsse. Nicht das heiße, nur das warme Bad macht schlaff, so wird uns mit Wichtigkeit gepredigt. Dann aber ließ man sich mit lauwarmem Wasser besprudeln, wobei man in einem runden Becken ( labrum ) stand, das sich in der Apsis desselben Saales befindet. Dabei hat anscheinend auch der Schwamm geholfen. Für gewisse Glatzköpfe war das aber gefährlich. Es gab nämlich alte Gecken, die sich, statt Perücken zu tragen, die Haare mit Farbe auf die Glatze malen ließen. Die ganze Herrlichkeit war vorbei, wenn sie ins Nasse kamen, und sie schnitten sich also, wie ein Witzbold sagt, die Haare gleichsam mit dem Schwamm ab. Das kalte Bad aber mußte vorschriftsmäßig den Abschluß bilden. Dafür diente der hübsche Rundbau des Frigidariums, eines hohlen Steinzylinders, dessen Mitte die runde Marmorwanne einnimmt, ringsum 4 Nischen. Diese Wanne ist in Pompeji 1,30 Meter tief. Der Raum selbst aber steht mit dem Caldarium unzweckmäßigerweise in keiner direkten Verbindung, und es scheint, daß sich viele, zumal in Sommerzeiten, mit dem Frigidarium allein begnügten; daher ist der Raum auch so schön geformt; er ist hell und wurde im Hellen benutzt, während die vorher genannten Räume oft nur dämmerndes Halblicht hatten. Nach vollendetem Bad genügte es aber nicht etwa, sich von seinem Diener abtrocknen zu lassen, sondern es folgten noch sorgliche Abreibungen, Massage und Ölung der Haut. Dazu diente u. a. auch jenes Schabeisen ( strigilis ), das wir in der Hand der 68 herrlichen Statue des Lysippischen »Schabers« im Vatikan gewahren. Man wird bemerken, daß es seinen besonderen Sinn hatte, wenn Agrippa das Originalwerk des Apoxyomenos des Lysipp gerade vor seinen Thermen aufstellte. Aber wir sind auch jetzt noch nicht zu Ende. Denn das eigentlich römische Bad fehlt noch, das Schwitzbad in erhitzter, trockner Luft, wofür es wiederum einen abgesonderten Raum gab, das Laconicum, auch dies hell und daher schön geformt. Das Laconicum hatte wie das Frigidarium stets die Form der Taufkapelle, der Rotunde mit halbkugelförmigem Dach: also ein verkleinertes Pantheon. Sein Dach stand in seinem höchsten Scheitel offen, und in der Öffnung hing eine Metallscheibe, mit deren Hilfe man die Luft temperierte. Das Schwitzbad selbst aber war das angreifendste und taugte besonders für die Schlemmer, die nach schweren Gelagen einer Neubelebung bedurften. Der Weindunst zog aus dem Körper; der aufgeschwemmte Magen beruhigte sich. Wie viele Hilfsmittel der öffentlichen Hygiene – Impfung, Desinfektion –, deren wir uns heute erfreuen, hat das Altertum entbehren müssen! Aber das Bäderwesen trat an ihre Stelle; es war bestimmt, durch Verbreitung der Sauberkeit die Volksgesundheit in allen Volksschichten zu gewährleisten. Denn es handelte sich hier tatsächlich um Volksbäder für alle. Nur im gesunden Körper ist eine gesunde Seele, war der Wahrspruch jener Zeit. Nebenher aber gingen noch andere Vorteile. Denn den Baumeistern, den Technikern des Altertums hat dieser Luxus ganz neue und gewaltige Aufgaben gestellt. Man denke allein an die Beleuchtung und Heizung. Da entstand im Dienste des badenden Volkes die Idee der Durchbrechung der Wand, des Kolossalfensters , des Fensters mit Aussicht. Wie oft hören wir seit dem 1. Jahrhundert n. Chr. das naive Staunen der Alten, wenn es gelang, in diesen großen geschlossenen Räumen, völlige Tageshelle herzustellen! Aber die erhitzten Räume brauchten bei möglichster Helligkeit zugleich festen Wandverschluß, und dazu war also Glas nötig, Fensterglas, große Glasscheiben. Die Glasfabrikation war alt; sie war auch in Süditalien zu Hause; ihr war damit eine neue Aufgabe gestellt. Sodann die künstliche Erwärmung selbst, die Leitung der Heizung durch große Räume. Als die Römer Frankreich, das Rheinland und England in Verwaltung nahmen, brachten sie in den kalten Norden zum Glück ihre fertigen Heizeinrichtungen mit, die 69 sie daheim nicht etwa im Privathaus, sondern im Bäderwesen ausgebildet hatten. Hohle Fußböden! hohle Wände! Die Erfindung wird auf den Römer C. Sergius Orata, einen Zeitgenossen Ciceros, zurückgeführt. In diese Hohlräume werden die heißen Wasserdämpfe geleitet, und die Dämpfe umgeben also allseitig den zu erwärmenden Raum, ohne doch in ihn einzudringen. Der Hohlraum unter dem Fußboden ( hypocaustum ) ist nur etwa 75 cm hoch. Auf niedrigen Ziegelpfeilern ( suspensurae ) ruht da über ihm zunächst ein Fußboden von Tonplatten; erst auf diesen Platten liegt der Mosaikfußboden des Bades auf. Man wußte, daß die Wärme von unten nach oben steigt, und es galt vor allem, die unteren Luftschichten der benutzten Räume warm zu halten. Das Hypocaustum war also das Wichtigste. Aber auch die Seitenmauern wurden an der Innenseite mit Ziegelplatten bekleidet und gleichsam austapeziert, mit einem leeren Abstand von 7 cm, durch den man die Dämpfe leitete. Die Leitung geschah auch in Tonröhren. Oft zog sie sich endlich auch noch über die Decke des Raumes. Der Bürger des Altertums hatte viel Muße. Denn die Kleinarbeit lag großenteils in den Händen der unfreien Bevölkerung, und auch das war nicht viel. Hat doch auch heute der Südländer, zu dem noch keine Kohlenindustrie, kein Fabrikwesen gedrungen ist, so wenig zu tun, und der Müßiggang ist sein köstliches Naturrecht: Freiheit Leibes und der Seele! Nirgends aber ist dies Gefühl so siegreich wie im Bade. Es ist, als ob mit dem Kleid die letzte Sorge vom Menschen fiele, und eine urwüchsig losgebundene Fröhlichkeit beginnt. Wie sollte es damals in jenen Thermen anders gewesen sein? Man hockt, man sitzt, man liegt und kauert durcheinander, läßt sich abtrocknen, und alles schiebt sich und kommt und geht, und der Vornehme mischt sich leutselig unter die Gemeinen; auch Kaiser Titus, auch Hadrian legten Wert darauf, so mit dem Volke zu baden. Und jeder spricht mit jedem: ein Necken, Plaudern und Singen. Die Stimmen sind im Bad glockenrein, und in den gewölbten Räumen hallt es herrlich. Man macht neue Bekanntschaften und lädt sich die Badegenossen sogleich auf morgen zum Speisen ein. Martial ist ein so guter Unterhalter, daß sein Gönner Fabian ihn zwingt, mit ihm zu baden; Martial aber verliert dabei die Laune: denn der Weg zum Bad des Fabianus ist ihm viel zu weit. Aber auch der Schmeichler fehlt nicht, der dir, auch wenn er selbst eben frisch aus dem Bad kommt und sich also vor Staub hüten müßte, doch beim Ballspiel gleich jeden 70 Ball aufhebt, der zu Boden fällt. Dein Badetuch bewundert er und findet, daß es weißer als Schnee, auch wenn es schmutziger ist als die Windeln eines Kindes, und wenn du dir deine paar Haare mit dem Finger glatt streichst, sagt er enthusiastisch, du habest des Achill Locken geordnet! Augenscheinlich brachte man mißbräuchlich auch Hunde mit ins Bad, ja, auch andere Tiere, aufwärts bis zum Rhinozeros. Das war im schlimmsten Wortsinn sensationell. Die ärgste Plage waren jedoch die Dichter, die entbrannt sind, ihre neusten Verse vorzutragen. In den Bädern fanden sie ihr sicherstes Publikum; denn das Publikum war unbekleidet und konnte nicht entrinnen. Daß es dabei auch an krassen Unanständigkeiten nicht fehlte, kann man sich leicht vorstellen, und wir ersparen uns die Nachweise. Aber auch an allerhand Aufregung fehlte es nicht. Garderobendiebstähle ereigneten sich täglich. Ein besonderer Abschnitt in den Pandekten handelt über die Bäderdiebe, Langfinger von Beruf, die die Griechen Balanoklepten nannten. Auch der Dichter Catull fährt gegen einen solchen Dieb los, und Petron schildert uns die Aufregung im Bade, als der Verlust entdeckt ist. Was lag freilich an einer Tunika? Sie kostete nicht viel. Aber man konnte doch ohne sie nicht nach Hause gehen. Übrigens wurde auch im Bad gezecht, inter nudos . Noch aufregender, und zwar im anderen Sinne, wäre es, wenn wirklich Männer und Frauen zusammen gebadet hätten. Doch läßt sich die Prostitution in den Bädern wohl nur für die große Babel Rom und ähnliche antike Großstädte ersten Grades nachweisen. Der freche Martial setzt solche Situationen wirklich gelegentlich voraus: ein Mißbrauch, der in der christlichen Ära sich dann noch steigerte und ja auch noch das Mittelalter überdauert hat. Schon die Thermen der Kleinstadt Pompeji betritt der Reisende mit Staunen. Pompeji ist erst zu einem Teil ausgegraben und hat schon drei solcher Anstalten geliefert. Von Rom erfahren wir nun gar, daß es 952 Bäder hatte. Agrippa allein legte 170 an. Ebenso ging es durch alle Kleinstädte, durch alle Provinzen. Thermenreste sind in England und Algier, sind in Trier und Badenweiler, in Carnuntum bei Preßburg und so fort gefunden. Wir haben nicht Raum, die Orte aufzuzählen. Reiche Privatleute stifteten solche Volksbäder allerorts und sicherten testamentarisch die Badebetriebskosten. Das betraf besonders die Heizung. Ganze Wälder wurden verheizt. Selbst bei den Landleuten wurde das 71 Warmbaden so allgemein, daß die Ärzte, um der Verweichlichung zu wehren, dagegen einschritten, mit der Vorschrift, man solle nur an jedem vierten Tage baden. Und nun gar erst das kaiserliche Rom mit seinem verhätschelten Pöbel! Augustus ließ an einem Festtage das ganze Volk bei freiem Eintritt baden. Agrippa dehnte das auf ein ganzes Jahr aus. Und aus eben dieser Fürsorge für die Majestät des Proletariats sind dann jene Monsterbauten hervorgegangen, wie sie in den Kolossalresten der Caracallathermen und Diocletiansthermen vor uns stehen. Eine ganze Stadt könnte auf diesen Arealen Platz finden. Aus einem Bruchteil der Diocletiansthermen hat Michelangelo die Kirche Santa Maria dei Angeli hergestellt. Auch ihre Spielhöfe wurden damals mit Riesengewölbespannungen überdeckt, und diese zum Herumstehen eingerichteten Hallen boten nun dem Publikum etwa dasselbe, was ihm in Mailand oder Neapel die gewaltigen gewölbten Glasgalerien und Passagen bieten: Galeria Vittorio Emanuele und so fort. Denn in den Hundstagen war es darin herrlich kühl, so daß wir auf die Frage: wo bewahrt man im Sommer am besten einen Fisch auf? die Antwort hören: in den Thermen! Aber auch die dekorative Kunst kam hinzu: die weiten Fußböden bilderreiche Mosaiken, bilderreiche Mosaiken auch die farbenstrahlenden Apsiden in der Höhe. Ja, auch Statuen in Erz und Marmor wurden da aufgestellt, wie es uns Dichter schildern. Siehe Anthol. lat. 210 und 214. Und wirklich stammen so die sogenannte Flora, der farnesische Stier, der farnesische Herkules in Neapel aus denselben Diocletiansthermen, aus den Constantinsthermen die wundervollen Rosse, die heute den Quirinalplatz schmücken. Das sind Meisterwerke der antiken Kunst. Die Namen der Thermen in Alexandria, Hippos, Hygeia u. a. stammen gleichfalls von Kunstwerken her, die darin aufgestellt waren. Der Leib ergötzt sich am Wasser, der Geist an Schildereien, so rühmt uns ein Badegast. Besonders die Privatbäder der Freigelassenen strotzten von Statuen; Seneca Epist. 86. Schon Agrippa hatte seine Thermen beim Pantheon in dieser vornehmen Weise geschmückt, und wir hören, daß der treffliche Mann zudem eine herrliche Rede gehalten hat über öffentliche Aufstellung der Kunstwerke, die sich im Privatbesitz befinden. Es war eine soziale Mahnrede an die Großen Roms. Besäßen wir diese Rede noch! 72 Wir brauchen unsere minderbemittelten Volksgenossen freilich nicht an Müßiggang zu gewöhnen und durch Zerstreuungen »ungefährlich« zu machen. Das Heilmittel für das moderne Volksleben ist die Arbeit. Aber wir sollten Front machen gegen unsere Kunstmuseen, diese trostlosen Bildermagazine, in denen das Viele das Gute tötet. Die Gans wird auf Gänseleber gemästet, der Mensch auf Kunstsinn. Aber weder die Gans wird dessen froh, noch der Mensch. Die antiken Thermen, das waren die richtigen Museen. So sollten auch heute in allen Städten die besten Originalwerke, die unsere Zeit besitzt, auf die Gefahr hin, daß sie früher zugrunde gehen, als wir wünschen möchten, an öffentlichen Stellen zum täglichen Umgangsgegenstand für die Allgemeinheit gemacht werden. Denn für sie ist gerade nur das Beste gut genug, und nicht durch gewolltes Studium, sondern nur durch den ungewollten täglichen Umgang wird jene tiefgehende ästhetische Verfeinerung, wird jene Kunstnatur erworben, wie sie nur das Altertum besaß. Die größten Vergnügungspaläste moderner europäischer oder amerikanischer Großstädte mit ihren Bädern, Kinos, Cafés, Eisdielen und Sportarenen vermögen auch heute noch nicht den Vergleich mit den Caracallathermen des alten Rom auszuhalten, welche eine Fläche von über 110 000 m² bedecken. Und man darf mit Recht bezweifeln, ob Cafés und Lichtspieltheater dieser Bauten den ästhetischen Idealen gerecht werden, die uns Roms großes Beispiel vorhält. Wie schon gesagt ist, hatte Agrippa den »Schaber« des Lysipp öffentlich aufgestellt. Tiberius schaffte das köstliche Werk neidisch in seinen Palast, das römische Gassenvolk aber erhob sich, demonstrierte und zwang den Kaiser, es wieder an den alten Platz zu stellen. Das ist lehrreich für die Kunstliebe der Volksmassen in jenen Zeiten.   VI. Gottesdienst und Glaube Aber wo bleibt die Frömmigkeit? Das antike Leben war in Gottesdienst getaucht, Religion das A und O, und wollten wir in unseren Schilderungen ganz getreu sein, wir müßten von ihr anheben, mit ihr enden und dürften nicht aufhören, von ihr zu reden. Wo sind die Millionen Rauchopfer, die Millionen Gebete, die alltäglich das Herz der Götter suchten, oft nur als anerzogene 73 Gewohnheit, die unverlierbar war wie die Treue zu Haus und Hof, Man liebt seine Penaten wie seine Eltern und Kinder, sagt Seneca. oft aber als bangender Schrei der gefolterten Seele, die einen Helfer braucht und ihn herniederzwingt aus den Wolken?! Je weniger verbreitet die Kenntnis der mechanischen Naturgesetze, je allgegenwärtiger war damals das Übernatürliche. Man bezog alles, jedes Kleinste in lebendigstem Gefühl auf Gott, das heißt auf einen jener Götter, die man mit Namen zu nennen wußte. So prangten auch die Tempel wie schimmernde, marmorne Gebete auf allen Stadtbergen. Denn Gott liebt die Höhe. Lag der Tempel im flachen Feld, so wurde er doch von einem hohen Sockel getragen. Die Säulen stehen wie schlanke versteinerte Gottesdiener und tragen frei balancierend das Tempeldach, und eine breite Freitreppe führte zum Allerheiligsten hinan: der Treppenbau großen Stils ist nicht für Profanbauten, Erst später hören wir von Freitreppen an Palästen: Seneca Epist. 84. Ein Bild davon gibt die Freitreppe der Bibliothek von Ephesus. er ist für die Andacht der Waller erfunden worden, als wären es Himmelsleitern. Auch im Mithrasdienst spielt die mystische Treppe eine Rolle. Soll ich die Götter nun aufzählen? Es wird genügen daran zu erinnern, daß Jupiter, Diana, Merkur und so fort jetzt griechische Götter sind, auf die man die alten römischen Namen übertrug. Jupiter ist Zeus, Diana Artemis; Merkur ist Hermes. Der schöne griechische Olymp war siegreich eingezogen, und der Römer hatte seine alte Religion darüber fast ganz vergessen. Er war leichtgläubig und leicht zu bekehren, nach dem Grundsatz: Je mehr man glaubt, je besser. Denn die griechisch-römische Volksreligion war noch immer eine Religion der Furcht. Eben daher die Vielheit der Götterwesen! Sie ist nur eine Vielheit von Versuchen, das Walten des übermenschlichen Schicksals zu erklären. Man war zu fromm, das heißt zu ängstlich gewissenhaft, um einen dieser Versuche zu bestreiten, und so ist der Grundzug der antiken Frömmigkeit Toleranz ohne Grenzen. Zeitweilig wurde durch den Kaiserhof die Apolloreligion, zugleich auch die Venusreligion, späterhin die Minervareligion begünstigt und mit neuen Kulten ausgestattet. Ebenso stand jeder Bürger durch Familienüberlieferung bald diesem, bald jenem Gott besonders nahe; aber man leugnete deshalb die Gültigkeit der übrigen nicht, und kein Gott nahm es übel, wenn man auch jedem andern Opfer brachte. Es gab wohl Priester, aber 74 nicht Theologen, das heißt es fehlte an jeder gültigen Dogmatik, die eine für die Gemeinde feste Glaubenslehre aufgestellt hätte. Wäre eine vergleichende Dogmatik zur Geltung gekommen, sie hätte unrettbar zum Monotheismus hingeführt. Für das aufkommende Christentum aber lag es nahe, die vielen Götterkulte durch den Kult der Heiligen abzulösen, die zwar nicht göttliche Verehrung genießen, sondern nur um Fürbitte angegangen werden, aber denen man doch als Schutzpatronen immerhin Kirchen weihen und vor deren Gebeinen man knien konnte. Auch dies war eine starke Dezentralisation der göttlichen Hilfe, durch deren Vergleichung wir die antike Anschauungsweise uns gut verdeutlichen können. Freilich erinnert uns wohl die Dogmatik der Kirche gelegentlich daran, daß man den einen Gott über Maria, Petrus, Damian, Agnes und Constanza nicht vergesse. Die Idee Gottes ist so unendlich erhaben und unergründlich reich, daß sie sich für die lebhafte Phantasie des Südländers in viele Bilder zerspaltet, wie das Prisma den Sonnenstrahl in Farben zerlegt. Die meisten vertragen es eben nicht, in das reine Licht zu sehen; sie brauchen das gebrochene Licht, den Abglanz, die Farbe. Es ist der Trieb nach Greifbarkeit, nach Deutlichkeit. So phantasiereich war eben das Altertum, und seine wundervolle Kunst war imstande, jeden Gott als Idealgestalt in Bildern wirklich vorzuführen, die bis heute unvergeßlich herrlich sind; und die römischen Eroberer schleppten solche Bilder in Massen von Hellas nach Rom. Das war die Blüte des naiven Glaubenslebens jener Zeiten. Krasser Unglaube, wie ihn Kaiser Caligula zeigte, war anscheinend selbst in der vornehmen, blasierten Männerwelt selten. Kaiser Caligula betrachtete sich selbst allein als Gott, dabei aber verkroch er sich unter das Bett, wenn es donnerte. Um so berechtigter war es, wenn sich der Hohn der Skeptiker und Epikureer gegen allerlei neu auftauchenden gottesdienstlichen Schwindel wendete, wie ihn die hochgespannte Religiosität des 2. Jahrhunderts erzeugte; man lese dafür den Alexandros des Lucian, wo es sich im Kapitel 24 sogar um Auferweckung der Toten handelt. Einen Skeptiker des 2. Jahrhunderts habe ich in meinem Roman »Menedem der Ungläubige« zu zeichnen versucht, wozu ich ein Vorbild bei Lucian in Alexandros c. 17 fand. Viele Freidenker dieser Zeit verfielen dagegen dem von Osten eingeschleppten chaldäischen Sternenglauben, jener fatalistischen 75 Astrologie , nach der alles, was geschieht, vorher bestimmt in den Sternen steht. Dafür ist Kaiser Tiberius ein berühmtes Beispiel; aber dieser Wahn hat Altertum und Mittelalter überdauert. Noch in der Renaissance des 15. bis 16. Jahrhunderts, noch im Wallenstein herrscht dieselbe gräßliche Astrologie unter den katholischen Christen: »Zu wollen wähnt' ich. Doch es zerrt mit Lieb' und Haß Uns durch das Leben gängelnd die Notwendigkeit.« Das war Aberglaube , der aus dem Ausland stammte. Anderer Aberglaube dagegen war uralt und steckte tief in den Knochen des Volks. Ich denke an das Wunder . So wie heute die hl. Maria von Lourdes die Gläubigen heilt, so taten es die Götter allerorts, schon damals. Ich denke vor allem an die Inkubation, den Schlaf in den Tempeln. Der Gott erscheint da dem schlafenden Kranken und verkündet ihm das Heilmittel, oder der Schlafende ist schon durch die Erscheinung selbst genesen, wenn er erwacht. Mit demselben Erfolg erschienen später auch christliche Heilige, wie die Brüder Cosmas und Damianus, den Kranken im Schlaf. Das Wunder ist das Lieblingskind jeder Religion, aber nur das nützliche Wunder. Schon diese Inkubation brauchte die Nacht als Gehilfin. Die Nacht half aber auch dem furchtbaren Spuk der Zauberei , und auch diese lebte seit Urzeiten im Volk weiter. Die Träger der krassen Superstition sind überall die Frauen. Nicht Zauberer: wir hören viel mehr von Zauberinnen. Medea blieb das Vorbild, Thessalien die Heimat dieser Kunst. Zauberpapyri, rollbare Bleitäfelchen mit Zaubersprüchen sind in großer Anzahl ausgegraben: den Feind soll die Pestilenz treffen; seine Rennpferde sollen lahm werden, damit sie nicht siegen, und das soll der Spruch bewirken. Das steht auf demselben Boden wie der Gebrauch der Amulette und wie das Besprechen der Krankheiten, das uns auch heute noch nicht fremd geworden ist. Auch eine Wünschelrute ( virgula divina ) gab es schon. Wer tot geglaubt ist und doch lebend aus der Fremde heimkommt, darf, wie ein Gespenst, nicht durch die Tür ins Haus, sondern muß übers Dach einsteigen. So machte sich nun aber auch keine Römerin ein Gewissen daraus, sich des Liebeszaubers zu bedienen. Die römische Liebespoesie ist voll davon, und das war nicht immer ganz harmlos. Wie furchtbar ist nicht jene Canidia, die, um einen kräftigen 76 Zaubertrunk zu haben, sich nicht mit Froscheiern, Uhufedern und Zauberwurzeln begnügt, sondern einen halbwüchsigen Knaben halb in die Erde eingräbt und ihn allmählich Hungers sterben läßt, nur um, wenn er tot, seine ausgedörrte Leber in den Trank zu tun. Horaz läßt uns das sehen und das Jammern des Knaben hören, der da im Sterben droht, der Canidia als höllisches Gespenst mit krummen Krallen zu erscheinen, sie zu zerfleischen und in den Tod zu hetzen. Die Dichter tun meistens so, als glaubten sie nicht an die Kraft solchen Zaubers. Aber wir merken doch, wie beklommen ihnen dabei ums Herz ist. Kehren wir indes zur reineren Religiosität, zum eigentlichen Gottesdienst zurück. So wie die Kunst damals fast nur Göttliches darstellte, so war das Leben von frommen Pflichthandlungen erfüllt. Je regelmäßiger aber solche Handlungen ausgeführt werden, je mechanischer geschehen sie. Bei uns ist das Tischgebet, wenn ich nicht irre, im starken Rückgang, vielleicht auch die täglichen Hausandachten . Bei den Römern blieb dies tägliche Pflicht; denn jedes Haus hatte seine Hauskapelle oder Götternische; da waren die alten Laren tanzend gemalt (es sind stets zwei) und zwischen ihnen der Genius des Hausherrn; außerdem wurden in der Nische oft auch noch sonstige Götter wie Apoll, Äskulap, Merkurius in kleinen Figuren aufgestellt. Das nannte man die Penaten. Die kleinen Figuren konnte man auch als Amulett mit auf die Reise nehmen, so wie heute die Heiligenbilder; denn sie bewahrten vor Unglück, und Händler, die solche Figuren verkauften, fanden sich auf allen Jahrmärkten; wer auswandern muß, trägt sie in der Tasche oder im Gewandbausch mit hinweg. Horaz Oden II 18, 27. Täglich wurde nun erstlich am Hausaltar morgens Opfer verrichtet, besonders von der Dienerschaft, ebenso aber auch täglich bei der Hauptmahlzeit dem Lar des Hauses Andacht bezeigt. So waren ferner auch alle Familienfeste, so war jeder Abschnitt in der Berufsarbeit mit Andachtsbezeigung verbunden. Die Handwerkerinnungen feierten ihren Schutzgott, und beim Abreisen grüßte man seine Hausgötter, beim Heimkehren grüßte man sie wieder. Der Wanderer grüßte auch das Götterbild, das er am Wege fand; und zwar legte man dabei die Hand an den eigenen Mund. Das Wort »adorieren« heißt Nicht überall, aber im Gottesdienst. buchstäblich: die Hand an den Mund legen. Diese Bewegung glich der Kußhand. 77 Aber das war das wenigste. Der Gottesdienst außer Hause kam hinzu und füllte ganze Tage aus. Zunächst der öffentliche. Es handelt sich hier um Staatsreligion. Der Staat oder die Stadt selber diente den Gottheiten. Man denke, daß der heilige, offizielle Festkalender Roms für Götterfeste nicht weniger als 109 Tage verzeichnet. An so viel Tagen mußte das Geschäft ruhen. Die Andacht füllte fast ein Drittel des Jahres. Das »heilige Recht«, wir würden sagen »das Kirchenrecht«, war eben darum ein Teil des Staatsrechts, und der Staat war es, der alle die Festspiele, Prozessionen, Speisungen und Opfer, die sich an jeden großen Tempel knüpften, bezahlte. Aber auch kein Staatsbeamter trat sein Amt ohne Opfer und Schenkungsgelübde ( votum ) an. Keine Senatssitzung wurde ohne Gebet eröffnet (was sind wir frommen Christen dagegen?). Der Kaiser selbst stand an der Spitze des Pontifikalkollegiums mit dem Titel Pontifex maximus ; es ist der Titel, den später der Bischof Roms von ihm übernahm. Der Kaiser war somit der Papst der vorchristlichen Religion. Niemand aber war etwa gezwungen, sich an diesen Gottesdiensten zu beteiligen, und man tat es nur aus innerem Trieb oder durch den Glanz des Festes angezogen. Dazu kamen nun aber noch die Privatdarbietungen in den Tempeln, die vom Staat immerhin begünstigt wurden. Erst wo der Einzelmensch seinen Gott im Tempel aufsucht, erst da zeigt sich die Individualfrömmigkeit. Das Weib, das gebären soll, die Mutter, die um ihr krankes Kind bangt, der Sohn, der hinaus über See geht: hundert Fälle der Angst und Not, in den vertrauten Gottheiten, Diana, Äskulap, den Dioskuren ihr Opfer gebracht wird. Dies Opfer war zuvor gelobt worden; der Gott erhält es, sobald er geholfen hat; und er hilft so oft. Es waren Blumen, Früchte, von den Tieren besonders das Schwein (dies war das billigste und am leichtesten zu erschwingen). Auch Geld ( stips ) wurde in den Gotteskasten geschenkt, von den Reichen gar herrliche Kunstwerke aufgestellt. Unzählige Abbildungen von Rettungen und von geheilten Gliedmaßen hängte man an die Tempelwände (wie noch heut in Italien); der ausgediente Soldat hängt dankbar seine Waffen, der Fischer das ausgediente Netz, der müde Schiffer Anker und Ruder im Vorhof auf. So verheißt auch der spekulierende Großkaufmann dem Herkules den Zehnten vom Gewinn, und siehe da, das Geschäft glückt! Die verheißene Summe wird der Tempelkasse überwiesen. Ein üppiger 78 Schmaus, eine Volksspeisung größten Stils wird davon bestritten. So ist der Gott, das heißt seine Gemeinde, am Gewinn beteiligt. Ruinen römischer Tempel gibt es genug. Betreten wir einmal ein Heiligtum. Der Tempel selbst ist nicht groß. Wie ein Marmorschrein steht er auf seinem Unterbau inmitten eines weiten, offenen Tempelhofes, den man von der Profanwelt gern durch eine hohe Mauer abschloß. Der Hof wird im Innern von einem ein-, auch zweistöckigen Säulengang umzogen, an dessen Wänden Gemälde prangen und zwischen dessen Säulen Weihgeschenke, glorreiche Werke griechischer Meister, aufgestellt sind. Die Gemeinde versammelt sich lediglich in diesem Vorhof, nicht im Tempel, und wollen wir den christlichen Kirchenbau vergleichen, so entspricht der offene Vorhof dem Hauptschiff der Kirche, der Tempel selbst dem erhöhten Chor. Denn der Tempel ist, wie der Chor, immer nur dem Priester zugänglich. Das Tempelinnere ist meistens nur ein ungeteilter Raum (eine Erinnerung an das einfache zeltartige Urwohnhaus der Menschheit). Nur an der Hinterwand des Raumes steht auf einem breiten schrankartigen Postament das Gottesbild. In dem Postament werden Tempelgerätschaften aufbewahrt. An seiner Seite führt ein Treppchen zur Statue empor; denn die Tempeldiener müssen hinan können, um das Bildwerk zu säubern, zu bekränzen, ja, zur Prozession hinauszutragen. Auch im Tempelinnern fehlt es nicht an Wandschmuck und Ziergegenständen ( mensae ) doch ist der Tempel bestimmt, vor allem durch sein Äußeres zu wirken: seine Marmorsäulen flimmern und gleißen im Sonnenlicht; sein Fries, seine Giebel, seine Akroterien strahlen in Farben. Er kann nie schön genug sein. Denn die Gemeinde im Vorhof schaut andächtig zu ihm auf. Man betritt das Heiligtum »das Haupt gesenkt, die Toga zurecht gezogen, in bescheidener Haltung«. Vor der Tempelfront steht der große Brandaltar. Die Opferhandlung beginnt. Dazu öffnen sich die schweren Flügeltüren des Tempels, auf denen im Reliefbild allerlei sinnige Legenden dargestellt sind, und der Opfernde kann nun ins Innere schauen und den Gott, den er anruft, selbst gewahren. Es war beliebt, die Front des Baus nach Osten zu richten, so daß der erste Lichtstrahl des Sonnenaufgangs bei aufgetanen Türen auf das Gottesbild fiel. Die Zeremonie selbst folgt strengstem Ritus. Tiefste Stille; denn vom Ausrufer wird Schweigen geboten. Die Flöten setzen 79 ein; Wein und Weihrauch ist schon gespendet: da wird das Opfertier, bei reicherem Opfer ein Rind mit vergoldeten Hörnern, herangeführt. Der Priester liest mit erhobener Stimme ein Gebet aus einer Buchrolle ab, indem er dabei den Altar anfaßt, und besprengt das Tier mit Wein. Die Opferdiener schlachten es. Auf einem beweglichen Herd, der neben dem Altar aufgestellt ist, werden zunächst die Eingeweide, die der Mensch nicht ißt, gekocht. Nur sie sind es, die auf dem Brandaltar dem Gott dargebracht und feierlich verbrannt werden. Das übrige Fleisch verspeisen die Opfernden selbst: ein gewiß nicht unwillkommenes Gericht, da das Volk sonst stark vegetarisch lebte. War bei der Handlung irgend etwas versehen, so mußte sie ganz von vorne wiederholt werden. Auch der Wortlaut der Gebete wurde genau fixiert, da eine einzige fehlerhafte Silbe den Gott verletzt und alle Wirkung aufhebt. Ob solche Handlung auch Schauer der Andacht auslöste, wie sie etwa ein deutsches Gemüt beim Gottesdienst empfindet? Gewiß nicht. Die römischen Schriftsteller reden von solchen Stimmungen nie. Was sie ergreift und zur Andacht stimmt, ist immer nur die Schönheit des Gotteshauses und seines heiligen Bezirks, die Schönheit der Weihegaben, die ihn zieren. Die Schönheit einer durchgeistigten Kunst! Durch sie wurde das Herz des griechisch empfindenden Menschen Gott nahegebracht. Sie ist die erlösende Predigt des Altertums gewesen, und zwar nicht die Schönheit des Gesanges, sondern jener Künste, die für das Auge wirken. Schon das Betreten eines Heiligtums ändert das Herz, sagt Pythagoras bei Seneca Epist. 94, 42; bonus intra, melior exi : C. I. L. VIII, 2584 Was aber suchte und fand der Römer bei seinen Göttern? Es ist klar: er fand und suchte nur Hilfe in den Sorgen des irdischen Lebens. Weiter nichts. Es fehlt die Sündenvergebung. Es fehlt das »Vergib uns«. Es fehlt auch jede Besorgnis um ein seliges Jenseits. Um solche Gedankenreihen zu wecken, dazu mußten erst andere Religionen aus dem Osten heranziehen. Dabei war die Sorge für den Toten selbst, das Bestattungswesen von ungewöhnlicher Sorgfalt, ob man die Leichen verbrannte, ob nicht; die Verbrennung war das Zweckmäßigere und behielt lange den Vorrang. Die Friedhöfe Italiens sind ja noch heut berühmt; denn auch heute noch liebt es der Italiener, den Dahingegangenen, wie wir es in Genua, Mailand, Neapel sehen, prunkvolle Monumente, ja ganze Häuser, in denen die Überlebenden sich versammeln können, aufzubauen. Ganz derselbe Geist hat auch schon die alten 80 Gräberstraßen geschaffen. Via Appia, Via Latina, die hinaus in die verträumte Campagna führen: unvergänglich schön das Grab der Metella, großmächtiger als alle die Engelsburg. Solche Grabmäler faßten die Landstraßen ein, auf Grundstücken, die man vom Staat erwarb, und sie waren der Pietät des Publikums empfohlen ( loca religiosa , nicht sacra ). Verwünschungen gegen die, die sie verletzten, fanden sich oft daran geschrieben, und damit ist gesagt, daß der Staat für ihren Schutz nicht genügend aufkam, während der Staat die Tempel schützte: der sacrilegus und Tempelräuber wird verbrannt. Palatinische Anthologie XI, 184. Die Götter der Unterwelt nannte man schmeichelnd die »Manen«, das heißt die Guten, ein Begriff, der nur pluralisch auftritt. Diesen Manen wurde jedes neue Grab geweiht. Durch Grabesehren und jährliche Spenden wurden sie beschwichtigt. Dann aber heißen auch die Verstorbenen selbst Manen. Daß die Seele nach dem Tode weiterlebt, war also selbstverständlich. Ja, diese Manen werden göttlich genannt! Wenn in der Kaiserzeit dis Manibus regelmäßig auf den Grabsteinen steht, so war das eine Art Seligsprechung, so unbestimmt die Vorstellungen von Seligkeit auch sein mochten. Etwa seit dem Jahr 100 n. Chr. aber kommt dann die Beisetzung in Marmorsärgen auf, jenen Sarkophagen, von denen unser deutsches Wort »Sarg« sich herleitet; und diese Särge finden wir vielfach mit Bildern im Relief bedeckt, die leise und wie in Gleichnissen auf ein seliges Jenseits hindeuten. Trefflich stimmen dazu die Grabinschriften, die anfangs immer nur rührende Trauer, bittere Klagen und liebendes Gedenken zeigen. Seit dem 2. Jahrhundert n. Chr. aber beginnt auf ihnen ab und zu die Hoffnung auf ein Elysium, wie sie die Orphiker und Vergil seit langem lehrten, sich zu äußern. Die Seele ist im Körper nur zeitweilig wie ein gefangener Vogel: sie fliegt wieder davon. Plutarch, Consol. ad uxorem 10. Die deutliche Erwartung des persönlichen Wiederbegegnens wird freilich recht selten ausgesprochen. Martial 5, 34 setzt solches persönliches Wiedersehen voraus, auch Cicero De rep. 6, 14. Auch von einem Gericht nach dem Tode hatte man Vorstellung; Cicero sagt von ihm: da wird kein Advokat für dich reden; du wirst dich selbst verteidigen müssen! Und die verstorbene Cornelia redet so wirklich vor dem Richter der Unterwelt; wir hören bei Properz ihre 81 freimütige Selbstrechtfertigung. Es ist wunderbar und denkwürdig zu lesen. Sie nennt diesen Gott und Richter »Vater«; aber stolz steht sie vor Gott; fern ist ihr das Gefühl, daß wir allzumal Sünder; bestimmt erwartet sie einen Lohn für ihr Leben; der Himmel steht offen für den Gutgearteten. Schön war auch die Sitte, das Grab mit Rosen und Veilchen zu bepflanzen. Denn die Pflanzen wachsen aus der Erddecke des Grabes, und sie machen also dem Toten die Erde leicht. »Sei dir die Erde leicht«, das war der ständige Grabeswunsch. Das Allerheiligenfest aber fiel in den Februar; es hieß Parentalia und dauerte 9 Tage: viele Familien begingen da Gedächtnis und Opfermahl auf der Grabesstätte. Während dieser Tage wurden alle Tempel geschlossen, und keine Heirat durfte stattfinden. Inzwischen aber kam aus Ägypten der Isisdienst , aus Palästina das Christentum , aus Persien der Mithrasdienst . Alle drei konkurrierenden Religionen öffneten nun den Himmel; sie verhießen ewiges seliges Leben und verlegten sogar den Schwerpunkt der menschlichen Existenz energisch aus dem Diesseits ins Jenseits. Alle drei sind Religionen der Inbrunst, nicht der Schönheit, und Seele und Leib treten in schroffen Gegensatz. Im Isisglauben ist es Osiris, der da stirbt, um aufzuerstehen. Ein Gottessohn, der ein Mittler zwischen Gott und Menschen ist, scheint im Mithrasdienst aufzutreten; eben derselbe beging auch, wie es scheint, ein dem Abendmahl ähnliches Sakrament. Vor allem handelt es sich in allen drei Religionen um Buße oder um Reinigung durch Fasten und um Erlösung der Seele aus dem Irdischen. Es handelt sich um ein Gottsuchen, um die Idee, daß Gott in uns sein soll und wir in ihm. Das alles war unrömisch und war orientalisch, und für die Propaganda waren nun die Millionen orientalischer Sklaven und Freigelassenen, die in Italien lebten, zunächst das empfänglichste Publikum. Der kleine dürftige Isistempel in Pompeji, der noch heute steht und in Bulwers Roman eine so phantastische Rolle spielt, ist von einer Freigelassenenfamilie erbaut worden. Den Mithrasglauben brachten die Soldaten aus dem Osten mit. Daher blieben auch alle drei Religionen trotz des Zudrangs lange Zeit Sache privater Gemeindebildung, und der Staat lehnte sie ab. Erst Caligula hat den ersten Isistempel in Rom bauen lassen, erst Caracalla (211–217), der syrisch-afrikanische Mischling, erhob den Isisdienst zur kaiserlichen Religion. Der Kaiser 82 als Oberpontifex hatte die Entscheidung. Später geschah dasselbe mit dem Mithrasdienst und bald danach mit dem Christentum. Das war ein dreifacher Sieg des Orients über das alte griechisch-römische Empfinden. Das Christentum verbreitete sich in der Verborgenheit, und die Welt erfuhr nichts über seinen Kultus. Auch der Mithraskult liebte das Geheimnis; unterirdische Grotten, wie sie in Heddernheim oder auf Capri erhalten sind, waren seine Stätten. Sensationell dagegen, und mit fremdartigem Glanz, trat der Isisdienst früh vor die Öffentlichkeit. Osiris-Serapis, der Gemahl der großen Allgöttin Isis, ist verschwunden, er ist gestorben; aber siehe, er wird wiedergefunden, und er lebt! Das war der Inhalt des großen Haupt- und Freudenfestes im November. So ist es denn auch derselbe Osiris, der das ewige Leben gibt; Osiris reicht dem Toten im Jenseits den Becher voll Wasser des Lebens. Isis war aber auch Herrin der See, und so wurde im März die Eröffnung der Schiffahrt gefeiert. Da zieht eine Prozession mit Fackeln und Musik und Götterbildern ans Gestade. Das seltsame Sistrum klingelt; die Priester gehen ganz in Weiß, sie haben glatte Tonsuren und tragen Symbole des Glaubens, eine offene Hand sowie ein goldenes Gefäß in Form einer Frauenbrust, aus dem Milch träufelt. Ein Schiff liegt am Ufer. Das Schiff wird mit Milch besprengt und dem weiten Meer übergeben. Man wartet am Strande, bis es auf der Höhe der See verschwindet, dann kehrt der Zug zum Tempel zurück: der Priester betet für Kaiser und Volk, und das Volk, das Blumen und Kränze trägt, darf endlich im Heiligtum selbst dem silbernen Isisbildnis die Füße küssen. Aber das merkwürdigste religionsgeschichtliche Phänomen der Zeit fehlt noch. Das ist das Gottmenschentum, das ist der Kaiserkult . Auch er war im Orient entstanden, und Rom entlehnte ihn vom Hellenismus. Die Könige Persiens waren göttlich gewesen, dann Alexander der Große, der als Sohn des Gottes Zeus Ammon galt, dann alle griechischen Könige in Syrien und Ägypten. Das übernahm in Rom schon Julius Cäsar. Kaiser Augustus wollte zwar vom römischen Publikum solche Ehrungen nicht annehmen; aber die griechischen Städte Asiens warfen sich ihm zu Füßen und beteten ihn mit der Göttin Roma vereint in Tempeln an. So wurde es sogleich zum Glaubenssatz, daß der Kaiser, der starb und auf dem Scheiterhaufen verbrannt wird, aus der Flamme zum Himmel auffährt und thront zur Rechten des 83 allmächtigen Jupiter. Plinius in seiner Naturgeschichte VII, 35 belächelt freilich solche Apotheosen. Aber nicht nur das: schon bei Lebzeiten gestattet oder begünstigt es der Kaiser, daß die Untertanen ihn als Gott verehren – das Volk drängte sich selbst dazu heran –, und das geschah im Interesse der Staatsidee. Denn zwar nicht der Mensch war göttlich, aber das Amt machte ihn dazu. Wie des Zeus Wille im Himmel, so war der persönliche Wille des Kaisers das Zentrum der sichtbaren Welt; deshalb mußte er unantastbar, unfehlbar sein. Ohne das fiel das Reich auseinander, »Der Fürst ist sterblich, der Staat ewig«, sagt Tacitus Ann. III, 6. er war die einzige Verkörperung göttlicher, unbedingter Machtfülle auf Erden. Aurelian betitelt sich selbst »Herr und Gott«, dominus et deus . Natürlich muß der Herrscher dann auch in sittlicher Beziehung, so wird gefordert, möglichst gottähnlich sein. Man lese z. B. Plutarch Ad principem ineruditum c. 3. Und so entstanden nun Kaisertempel in allen Groß- und Kleinstädten der Welt – berühmt und einflußreich war der Augustusaltar in Lyon – mit Kollegien, denen dieser Kultus oblag, und die sich aus Freigelassenen zusammenzusetzen pflegten; und da fanden nicht nur die verewigten, sondern auch die lebenden Kaiser ständige Verehrung. Die Dichter setzten sie gar mit Jupiter, mit Phoebus gleich. Die Christenverfolgungen hätten nie so ernsten Charakter angenommen, wenn die Gläubigen nur dem Jupiter oder der Venus das Opfer verweigert hätten; denn die antike Religion verlangt das Opfer gar nicht unbedingt, und jeder mochte dem Gott dienen, an den er glaubte. Daß sie den Kaiserkult ablehnten, das machte die Christen staatsgefährlich und geradezu zu Verbrechern, schuldig des Sakrilegs, so daß man sie mit Räubern gleichsetzte, und ihnen wurde der Prozeß gemacht. Inzwischen geschah das Größte gleichsam hinter der Bühne der Weltgeschichte. Die Philosophen gingen ihren stillen Weg und schufen eine neue und reine Gottesauffassung. Eine Theologie begann. Varro schrieb auf stoischer Grundlage sein großes kritisches Werk »über die überlieferten göttlichen Dinge«, in dem er die Götter in den Dichterfabeln, aber auch die Staatsgötter verwarf und nur die Naturgötter allein, die physikalischen Mächten entsprachen, noch gelten ließ und zu begreifen suchte. Ciceros Werk »über die Natur der Götter« schlug denselben aufklärerischen Ton an. Eine große Sekte von Stoikern entstand unter den Gebildeten Roms. Was blieb ihnen? Es blieb in Wirklichkeit nur ein 84 Gott, der eine Gott der Stoa, der das unerschaffene All in sich schließt, in dem das All lebt. Das war Monismus, Monotheismus und Pantheismus. Diesen Gott predigte Seneca zu Neros Zeiten. Und zwar wird hier endlich gründlich und grundsätzlich, später als mancher vielleicht erwartet hätte, aber doch schon lange bevor das Christentum dies lehrte, die Sittlichkeit auf Gott gegründet. Das war das wichtigste. Für jede Tat soll jeder sich der Verantwortlichkeit vor Gott bewußt sein. Gott gehorchen, das ist die menschliche Freiheit. Seneca, de vita beata 15. Wozu Tempel und Opfer? Deine Seele, das sei Gottes Tempel; das Gutsein, das ist der Opferduft, der ihm angenehm. Der Glaube an Gott ist der vornehmste Gottesdienst. Seneca Epist. 95, 47. Gott ist dein Vater; suche ihm gleich zu werden. Die Tugend um Gottes willen, das ist Religion. Es war in der Tat die Religion Kaiser Mark Aurels. Als Vorbild aber für solche Erlösung durch die Tugend galt dem Seneca Herkules, der Held, der sich wie eine Parallelfigur zu Christus ausnimmt. Auch Herkules ist Gottessohn, auch er kämpft und leidet für die Menschheit; durch den Schmerzenstod der Verbrennung wird er zu Gott, seinem Vater, erhöht, und seine Mutter muß, von Schmerz durchbohrt, als mater dolorosa seinem Tode zusehen; aber sie zeigt der Welt, wie eine Mutter Schmerzen tragen soll. Seneca, Herkules, Ötaeus V. 1848 ff. Allein diese Weisheit der Stoa war zu unsinnlich streng und schwer, um volkstümlich zu werden. Denn das Volk will nicht grübeln; es will auch nicht sittlich erzogen sein; es will nur Vergebung für seine Sünden. So wurde denn jene fromme Lehre im Kampf der Religionen anscheinend spurlos hinweggeschwemmt, um erst in späteren Jahrhunderten wieder junge Kraft zu gewinnen. Und die alten schönen Götter der Fabel? Sie verblaßten schließlich von selbst, wie ein Fresko unter der Witterung; aus den Tempeln wurden sie hinausgejagt. Dies schildert uns einmal Ausonius, Epigramm 70. Aber sie starben nicht. Ja, wir können sagen, sie leben noch heute. Jedenfalls haben die Väter der christlichen Kirche wie Augustinus niemals die Existenz des Jupiter oder der Venus bestritten, sondern sie nur für böse Geister erklärt, die denn also doch, wenn sie böse sind, auch 85 vorhanden sind. Und in der Tat, wer kann heut ohne sie denken? Als Traumgebilde der Phantasie schmücken und beeinflussen sie noch immer unser Dasein und Kunstleben. Es ist ja Rom, wo Rafael in der Farnesina Amor und Psyche, es sind die Stanzen des Papstes, wo Rafael den Parnaß gemalt hat; es ist der Vatikan, wo der Apoll von Belvedere steht. Und in diesem Sinne ist doch bemerkenswert, daß die Götter auch schon von den alten christlichen Dichtern des 4. und 5. Jahrhunderts ohne alle Bedenken beibehalten wurden. Wer den Claudian, den Nonnos oder Sidonius gelesen hat, weiß das. So glaubte auch noch der brave Ausonius um das Jahr 370 an unserer Mosel, wo er den Weinbau beschreibt, die alten, ewig jungen Satyrn und Najaden leibhaftig zu sehen und schildert sie, wie sie die Trauben im Weinberg naschen, wie der bocksfüßige Pan ins Wasser plumpst und wie um die Mittagsstunde die Wasserfrauen heimlich ihren Reigen in den Fluten führen und die lüsternen Faune foppen, die statt ihrer glitschrigen Leiber nur zerfließende Wellen erhaschen. Welch reizende Böcklinsche Staffage! Wer kann an der Mosel wandern, ohne daran zu denken? Auson nennt diese Gestalten paganica numina , »heidnische Götter«; aber sie waren voll Leben für ihn, voll Wirklichkeit.   VII. Erziehung und geistiges Leben Philologie bedeutete für den Römer etwas ganz anderes als heute; sie bedeutete nicht etwa Sprach- oder Literaturstudien, sondern die höhere Bildung im allgemeinen, die möglichst allseitig sein wollte. Alle gebildeten Römer waren also damals Philologen. Nach der formalen Seite hin war dieser Unterricht vielleicht ausgezeichnet und für uns unerreicht, nach der realen war er ohne Frage mangelhaft und wollte nichts geben als eine allseitige Orientierung, ein allgemein gehaltenes Wissen im Sinn der Enzyklopädie. Das begründete sich durch die gesellschaftlichen Verhältnisse. Alle Technik leistet der Unfreie. Technisches Wissen kommt also dem Freien nicht zu. Im Sinne des heutigen Realschulwesens war die unfreie Bevölkerung damals zu großen Teilen besser unterrichtet als die freie. Der Freie entlastet sich von Fachkenntnissen und kultiviert seine Person als Herrenmensch in überlegener Weise, vortrefflich geübt in der Redekunst und Gedankenbildung, im übrigen hinlänglich orientiert, um im Bedarfsfall 86 jedem Gegenstand des Wissens näherzutreten. Dies genügt für seine gesellschaftlichen Pflichten. Diese Erziehung stand somit der Gymnasialbildung unserer Gegenwart nahe; die Gymnasialbildung war für die höheren Stände, die Realbildung für die Knechte. Sieben bis acht Jahrhunderte hindurch – vom 3. Jahrhundert v. Chr. bis zum 5. Jahrhundert n. Chr. – hat sich der Römer damit begnügt und war stolz darauf. Die »Philologie« wird schließlich von ihm den Musen gleich zur Göttin erhoben und im Himmel mit Gott Merkur vermählt, und als diese Bildung umgestürzt wurde, geschah es nicht etwa durch ein Realschulwesen, sondern durch das Christentum, das die Realien noch mehr entwertete. Das Altertum endete mit einer Verkalkung des Lernbetriebes. Es fällt auf, wie wenig Sinn der Römer für Naturwissenschaft zeigt. Wenige Autoren finden wir in ihr so bewandert wie Seneca. Der Römer war kein Forscher, der das Wissen um des Wissens willen liebt: großspurig, resolut und genußsüchtig, aber in diesem Punkt ein schmählicher Banause. Heutzutage wird alles, was die Naturforschung ermittelt, sofort dem Volke zugänglich gemacht. Anders in Rom! Derselbe Grieche, dessen Phantasie die Götter schuf, schob alle Götter kühl beiseite, wenn er forschte, löste das All in Atome auf und begründete nüchtern die mechanische Welterklärung. Lukrez suchte diese Lehre Epikurs in Rom einzuführen, aber der Römer der Kaiserzeit hält sich diese Betrachtungsweise vom Leibe und ist zufrieden, wenn er die vier Elemente kennt. Wenn der Grieche fand, daß nicht die Sonne sich um die Erde, sondern die Erde sich um die Sonne dreht, wenn er die Entfernung der Gestirne voneinander, die Größe des Mondes und der Sonne berechnete, für die Erde Kugelform ansetzte, die Entfernungen der Länder maß und sie in ein Gradnetz eintrug (der Beginn einer physikalischen Geographie): so ließ das den Römer kalt, und er warf sich lieber vor dem Sonnengott auf die Knie, heiligte ihm den Sonntag und baute ihm Tempel. Es war schon viel, daß Cäsar, durch die äußerste Not getrieben, den Kalender nach Eudoxos reformierte. Im Interesse der Verwaltung ließ Augustus Reichsvermessungen vornehmen, und es entstand die Weltkarte Agrippas. Wer aber hat in Rom von ihr Notiz genommen? Es interessierten höchstens die Reiserouten darauf, mit den Entfernungsangaben von Stadt zu Stadt. Die Nähe des Vesuv, der sich schon im Jahre 63 unheimlich zu regen begann, bewirkte, daß man zeitweilig nach der Theorie des 87 Vulkanismus frug, aber solche Fragestellungen – wie auch nach den Quellen des Nil – blieben ganz vereinzelt. Wie bewundernswert und doch wie primitiv und kümmerlich dilettantisch das große Naturgeschichtslernbuch des älteren Plinius , etwa aus dem Jahre 75, sklavische Auszüge aus abertausend Büchern der besten und der schlechtesten Autoren, ohne Wahl und mitunter mit den drolligsten Mißverständnissen! Plinius war Admiral der kaiserlichen Flotte. Man denke sich ihn, wie er Muscheln sammelt, nein, nicht einmal das, wie er als Stubenhocker aus Büchern sich über Fische und Kräuter, Schaltiere und Gestirne unterrichtet. Die unermeßlichen wissenschaftlichen Sammlungen der Griechen erdrückten den Römer; der Römer fuhr mit der Axt in die Fülle; er machte mit grober Hand daraus ein Inventar. Das genügte. Das ist kein Erwerb, das ist Plünderung. Mitten in die wertvollen Beobachtungen eines Aristoteles werden da die kindischsten Merkwürdigkeiten eingeschoben: Völker von Menschen, die nur mit einem Bein geboren sind, oder solche, die sich in ihre Ohren wickeln können; die große Zehe des Königs Pyrrhus, die Kranke heilte und abgetrennt beigesetzt wurde; Satyrn und Tritone, die man vor kurzem lebendig eingefangen. Auf solche Wunder machte man Jagd, und nicht das Gesetz in der Natur interessierte, sondern die Ausnahme. Der Römer Mucian war ein Hauptlieferant für solche Albernheiten, Paradoxa, wie man sie nannte. Im übrigen war das Werk des Plinius praktisch angelegt, der Stoff sorglich geschachtelt, so daß der Benutzer, was er sucht, leicht finden kann: der Höhenstand des Konversationslexikons. Nicht viel günstiger steht es auf technischem Gebiete. Wie erstaunlich entwickelt war nicht das Geschützwesen des römischen Heeres! war nicht der Straßenbau! Trajans großartige Donaubrücke oder die Brücke von Alkantara in Spanien! Aber wer redete davon? Im Grunde niemand. So blieb auch die technische Literatur über diese und andere Dinge im wesentlichen griechisch, d. h. sie gehörte der dienenden Klasse. Es ist auffallend, wie gering entwickelt selbst die militärische Literatur ist, noch auffallender, wahrzunehmen, daß die beiden großen Historiker Livius und Tacitus von militärischen Dingen so wenig verstehen. Tacitus erweckt den Verdacht, daß er seine Germania schrieb, ohne germanischen Boden je betreten zu haben, und Livius fand es nicht einmal der Mühe wert, die nahen Schlachtfelder sich anzusehen, auf denen Hannibal seine berühmten Schlachten schlug. 88 Er blieb in der Stube sitzen, er schrieb im Schatten. Um so schöner ist seine Diktion. Nur die theoretische Lehre vom Betrieb des Landbaues und des Rechts stand dem Herrenvolk der Römer an. Die Fachschriftstellerei über Recht und Landbau ist daher reich, sachkundig und meisterhaft, und sie zieht sich durch alle Jahrhunderte. Am bewunderswertesten Celsus , der enzyklopädisch eine Folge von Werken über Philosophie, Beredsamkeit usw. schrieb; das Werk über die Medizin ist uns daraus erhalten: es ist mit vollkommener Sachkunde abgefaßt, ein klassisches Lehrbuch, und Celsus war doch nicht Arzt: ein Zeichen für die Lernfähigkeit des Römers. Kehren wir an den Anfang der Entwicklung zurück. Seine Weltmachtstellung verdankte Rom keineswegs der humanistischen Bildung, von der ich sprach, und in die es sich erst nachträglich einlebte. Dem siegreich sich emporringenden Römervolk des 5. und 4. Jahrhunderts v. Chr. fehlte noch jedes Luxuswissen. Die Erziehung war nur Hauserziehung; und wenn schon damals sorgfältige Buchführung und Gesetzeskunde im Dienst der Verwaltung und des Kaufhandels notwendig war, Die Eltern sind es, die docent litteras iura leges , nach Plautus Most. 126; so unterrichtete Cato seine Söhne. so fehlte doch noch jedes Lesebuch, so wie in jener Zeit auffallenderweise mit geringen Ausnahmen auch noch keine Steininschriften als Denkmäler gesetzt wurden; so sehr beherrschten die nächsten praktischen Bedürfnisse die Erziehung und das Leben. Dies bücherlose Rom währte bis zur Einnahme Tarents. Die Wendung kam mit einem Schlage. Um das Jahr 240 entstanden Schulwesen und Literatur gleichzeitig, und der Römer wurde und blieb fortan der unselbständige Schüler und doch der nützlichste Schüler des Griechentums. Der Grieche selbst hatte es gut; denn er brauchte nur seine eigene Muttersprache zu lernen, die ihm alles Schönste bot. Der römische Knabe dagegen lernte jetzt zwei Sprachen; denn einigermaßen fließend griechisch zu sprechen, war notwendig: während der heutige Gymnasiast sich mit vier Sprachen plagt und dabei froh ist, wenn er nur leidlich deutsch sprechen lernt. Der Grieche brachte nun damals dem Römer all seine schönen Bücher, aber er lehrte ihn auch die grammatische Behandlung des Latein . Der Römer lernte jetzt seine eigene Sprache verstehen: Wortgeschlecht, Wortbeugung, Wortklassen. Und die Sprachregel, die Grammatik begann. Nun waren 89 für den Schulbetrieb auch lateinische Buchtexte nötig, und so wurde zunächst der Odyssee für Schulzwecke lateinisch übersetzt. Es ist bedeutsam, daß der erste Dichter Roms, Livius Andronicus, zugleich der erste Schulmeister war. Was er tat, war entscheidend: Dichterlektüre blieb die Grundlage des höheren Unterrichts. Und eine römische Buchliteratur begann. Es war die höchste Zeit, daß dies geschah. Hätten sich damals nicht geniale Leute wie Nävius und Ennius gefunden, die ihr Talent in den Dienst der lateinischen Sprache stellten, hätte man nur noch hundert Jahre auf sie zu warten gehabt, eine römische Literatur wäre gar nicht zustande gekommen. Es wäre alles griechisch geworden. Ist doch die römische Literatur, auch wie sie jetzt vorliegt, großenteils so griechischen Geistes, daß, wer sie griechisch übersetzt läse, glauben könnte, das Original zu lesen. Und dabei stammten die Dichter, die sich auftaten, nicht etwa aus Rom selbst; kein einziger. Es waren lauter Sprößlinge der umliegenden Landschaften; erzwungene Kompatrioten. Die römische Poesie war das dichtende Italien außer Rom. Wir hören, daß um das Jahr 40 v. Chr. Varros Rinderhirten in Büchern lesen. Das ist symptomatisch. Fast nie wird uns von Analphabeten gesprochen; in keinem Lustspiel wurden sie als komische Figur verwendet; es gab kaum solche. Die große Zahl der ἀγράμματοι in Ägypten ist an der Hand der ägyptischen Papyrusfunde festgestellt worden. Das beweist aber gar nichts für Hellas und Rom, und eine genauere Untersuchung müßte noch geführt werden. Von ignorantia scripturae redet einmal Sueton Calig. 41. Damals kannte man nur Privatschulen . Die Inhaber nannten sich Professoren der Grammatik (lateinisch: grammaticus professor ) und unterrichteten anfangs auf eigenes Risiko. Später gaben ihnen die Gemeinden Geldhilfe und Sicherung. Vgl. z. B. Plinius Epist. IV, 13. Schon Julius Cäsar erkannte den Ausländern unter ihnen das römische Bürgerrecht zu. Einige dieser Schulmänner kennen wir. Antonius Gnipho, ein Gallier aus Norditalien, wurde als Kind von seinen Eltern ausgesetzt und verfiel dem Sklavenhandel. Der Besitzer aber, der ihn erworben, unterrichtete ihn sorglich und ließ ihn frei. So wurde er erst Hauslehrer des großen Julius Cäsar, als dieser Knabe war; danach tat er eine Privatschule auf: ein großes Licht und dabei schlank im Verkehr; er forderte kein bestimmtes Schulgeld. Um so mehr nahm er ein. Man denke, daß 90 große Männer und Senatoren wie Cicero, 40 Jahre alt, sich noch entschlossen, die Schule und Unterricht des genialen Mannes aufzusuchen. Ein Grobian dagegen der berühmte Orbilius aus Benevent! Gottlob sind seine Rutenprügel dem Horaz gut bekommen. Orbilius war früh Waise geworden, da seine Eltern ein gewaltsames Ende fanden. Erst wurde er Schreibergehilfe beim Magistrat, dann Militärmusiker, dann Kavallerist. Aber die Liebe zum Studium hatte ihn erfaßt: 50jährig erschien er als Professor in der Hauptstadt, und seine Schule kam rasch in Aufnahme. Leider hatte er jedoch seine Unteroffiziersmanieren beibehalten; barsch und bissig gegen Jung und Alt, kam er nicht zu Gelde und starb fast hundertjährig in Dürftigkeit. Benevent aber rühmte sich des Orbilius und setzte ihm eine Statue. Er war sitzend im Pallium dargestellt, von 2 Bücherkästen umgeben; darin waren die griechischen und die lateinischen Bücher. Das sind antike Lebensläufe. Anders Crassicius aus Tarent. Er führte anfangs als Kulissenschieber auf dem Theater ein gewiß höchst leichtfertiges Leben; dann fing er aber in einer Pergula zu unterrichten an und erwies sich als der Gelehrtesten einer, so daß er bei den vornehmsten Familien in Aufnahme kam. Da traf ihn die stoische Predigt von der sittlichen Vertiefung des Lebens, und er zog sich in ein beschauliches Leben strenger Selbstprüfung zurück. Der größte Modeschulmann aber, von dem wir wissen, war Palaemon zur Zeit des Kaisers Claudius, der als Sklave geboren war; seine Schule brachte ihm jährlich 400 000 Sesterzen (82 000 Mark), aber er verschlemmte das Geld in Üppigkeit. Palaemon war ein Blender. Zweifellos war das Brot des Philologen sonst ein hartes Brot. »Nur nicht Rhetor, nur nicht Philologe, Konzertsänger muß werden, wer zu Gelde kommen will,« rät Martial und fügt hinzu: »Hast du jedoch einen zu harten Schädel, so werde Architekt oder Ausrufer bei den Auktionen.« Die Architekten können sich durch dies Urteil geschmeichelt fühlen. Das Latein ist schwer; der Römer selbst hatte Angst vor falschen Formen und schlechter Aussprache. Man duldete nur Ammen, die das reinste Latein sprachen. Auch die Spielkameraden des Kindes wurden danach ausgesucht. Und nun gar erst der Pädagog! Pädagog heißt auf Deutsch der »Knabenführer«; es war 91 der Hausdiener mit dem berüchtigten grämlichen Gesicht, Sueton, Nero 37. der des Knaben gutes Betragen beaufsichtigte und ihn über die Straße führte. Jeder Knabe, auch jedes Mädchen hatte einen solchen. Das Wort ist erst in neueren Zeiten zu hohen Ehren gelangt. Eigentlich sind unsere Schulmänner nur dann wirkliche »Pädagogen«, wenn sie die so beliebten Schulausflüge beaufsichtigen und leiten. Man bedenke, daß das Latein von lauter lateinfremden Menschen gesprochen wurde: in Italien von Oskern, Etruskern und Griechen, in den Provinzen von Galliern und Spaniern. Wie wird daher in den Wandinschriften Pompejis das Latein verhunzt! und welchen Galimathias reden die Bauern bei Petron zusammen! Die Verwechslung von mir und mich, cum mit dem Akkusativ, diibus »den Göttern«, sibi et suibus »für sich und die Seinen« war das geringste. Fehlerverzeichnisse, schreckliche Warnungslisten gingen um, und eine enorme Menge von Grammatiken entstand, deren alleiniger Zweck die Korrektheit ist; die Grammatiker hießen die »Custoden« des Latein. Der Erfolg aber war staunenswert; denn dies Schulwesen hat in der Tat bewirkt, daß die lateinische Literatursprache bis Justinian so straff einheitlich und ganz dialektlos blieb, in dem Grade, daß wir bei Werken der Spätzeit an der Sprache nicht zu erkennen vermögen, ob sie in Afrika, Spanien oder Frankreich entstanden sind (man denke an den Querolus). Übrigens herrschte die Langenscheidtsche Methode: Übungssätze, zugleich griechisch und lateinisch, zum Auswendiglernen: »Woher kommst du? Ich gehe von Gaius zum Lucius. Bringst du auch die Bücher mit? Ja, auch den Schwamm.« Dabei kamen natürlich haarsträubende Fehler vor: »Der, der etwas gemeint hat,« wird von den argen Buben mit putatus übersetzt, zu fero ein Partizip tultus gebildet. Ebenso lernten die Kinder die äsopischen Tierfabeln, ebenso all die schwierigen Götter, Halbgötter und Götterehen gleich in beiden Sprachen auswendig, wobei noch Bilderbücher halfen, in denen man Achill und Hektor oder den Fuchs und den Raben hübsch in Farben sehen konnte. Das war beim Elementarlehrer, der der abecedarius hieß. Über die Schreibschulen der Knaben haben wir jetzt durch Papyrusfunde die reichste Anschauung. Der höhere Unterrichtsgang dagegen, wie ihn Palaemon betrieb, 92 brachte die sorglichste Dichtererklärung . Das betraf nicht nur Homer und Vergil, sondern eine Fülle von Dichtern, wozu gelegentliche Lernpensa aus dem Gebiet der sog. sieben » freien Künste « kamen. Diese sieben Lernfächer für die » Freigeborenen «, die man zusammenfassend Philologie nannte, sind: Grammatik, Stillehre, Logik, Rechenkunst, Geometrie oder Mathematik, Astronomie, endlich sogar Musiktheorie. Wie wenig die Römer in der Musik vorankamen, glauben wir zu wissen. Hoffentlich stand es auf den andern Gebieten anders! »Nur kein mechanischer Gedächtniskram!« wird uns gesagt; »sondern, so wie der Leib die Speisen verdaut, deren Zuführung ihm sonst nutzlos wäre, so soll es auch der Geist mit dem, was er lernt, machen. Es muß zu seinem Wesen werden.« Seneca Epist. 84. Das sind gesunde Grundsätze. Inzwischen ist der Schüler 16jährig und hat schon die langen Knabenhaare und das purpurn bordierte Knabenkleid abgelegt, als er sich noch für mehrere Jahre in den Betrieb der Rhetorik stürzt. Dies war der Unterricht in der Prosa: Durchnehmen von Musterreden, vor allem Aufsatzschreiben und freier Vortrag unter Anleitung eines Speziallehrers. Die Eltern strömten, wenn die jungen Herren Söhne öffentlich ihren Probevortrag hielten, voll Ehrgeiz herzu, und wenn es schlecht ging, hatte natürlich der Lehrer schuld. Die Vortragsthemen aber waren Monologe, die man irgendeinem Geschichtshelden wie dem Hannibal in den Mund legte, sinnige Fragen wie z. B. warum Gott Amor Flügel hat, vor allem Streitreden über abenteuerlich fingierte Familienhändel oder Rechtsfälle, das meiste mit stark moralistischem Anstrich. Die Lehrer selbst verfaßten Musterbeispiele dieser Art, die dann auch in den Buchhandel kamen und noch nach Jahrhunderten den naiven Lesern im Mittelalter sehr gefallen haben. Von wirklichen Rechtsfällen und von juristischer Behandlung wurde dabei planvoll abgesehen; denn es handelte sich um junge Köpfe im Alter des Unterprimaners und Sekundaners, die man noch mit halb kindlich phantastischen Erfindungen ihr Spiel treiben ließ. Übrigens ist es auch heute noch schwer, passende Schulaufsatzthemen zu finden. Das großartige Resultat aber war wiederum, daß auch alle Nichtrömer in den Provinzen, die sich diesem Unterricht unterzogen – und die Rhetorenschulen waren dort überlaufen – frei lateinisch sprechen, daß sie vollkommen lateinisch denken lernten. Es war natürlich, daß der Wortgebrauch des Latein in vielen Punkten Veränderungen, daß der Wortschatz Bereicherung erfuhr. Daß das jedoch einen Verfall bedeute, kann ich nicht zugestehn. Das Latein Tertullians ist um vieles ausdrucksfähiger als das ciceronische geworden. Selbstverständlich ist, daß in den niederen Volksschichten in den Provinzen inzwischen schon der Barbarismus sich verbreitete als Vorbereitung der romanischen Sprachen. 93 Nur so sind Größen der Weltliteratur, Virtuosen im Latein wie Claudian (aus Ägypten), Hieronymus (aus Dalmatien), Augustinus (aus Numidien), möglich geworden. Jeder aber muß erkennen, daß dieser ganze Erziehungsgang eine Vorbereitung auf das praktische Leben ebensowenig hat sein wollen wie unser Gymnasialunterricht. Daher Senecas tadelndes Wort: non vitae, sed scholae discimus , Epist. 106 fin. Das Prinzip ist ganz dasselbe, heute wie damals. Hiernach trat der Römer ins praktische Leben ein, und die Wirklichkeit fing an, ihn zu erziehen. Doch konnte er auch noch gleichsam die Universität beziehen und neben oder auch nach der Rhetorik Rechtswissenschaft studieren oder Philosophie. Beides hörte man in Rom; Philosophie auch in Athen. So hat einst Cicero, so hat auch späterhin Kaiser Julian in Athen studiert, und da gab es dann ein regelrechtes akademisches flottes Leben, in das wir seit dem 2. Jahrhundert n. Chr. Einblick erhalten. Die hohen Philosophen saßen auf Kathedern, die Throne hießen, und lasen ihre Publika und Privatissima gegen Honorar. Privatdozenten oder Lektoren gaben Nachhilfestunden; die Studenten schrieben nach, trampelten oder zischten, brachten Fackelzüge oder Katzenmusiken, ritten Trinkkomment, lebten in Korporationen, die sich am Landungsplatz im Hafen gegenseitig die Füchse abfingen, hatten auch eine Art Fuchstaufe oder Fuchsprellen (Fuchsbrennen). Dasselbe zweite Jahrhundert n. Chr. aber brachte noch etwas Wichtiges: das Unterrichtswesen verfiel endlich der staatlichen Aufsicht . Die Zentralstelle des kaiserlichen Fiskus zahlte jetzt feste Gehälter , erst an die Philosophen, dann auch an eine Anzahl von Schulmännern, und zwar an letztere in allen Städten des Reichs. Dieser Systemwechsel knüpft sich an die Namen Hadrians und der Antonine. Es ist aber ein Irrtum, wenn man glaubt, daß das Schulwesen etwa seitdem gesunken sei. Der Kunstgeschmack ging der Welt allerdings verloren. Das hatte andere Gründe. Das Schulwissen dagegen ist nachweislich im Durchschnitt 94 vielmehr dasselbe geblieben; man braucht, um das zu sehen, nur Apollinaris Sidonius mit Statius, Claudian mit Martial zu vergleichen. Ja, der Buchvertrieb selbst steigerte sich gerade seitdem, und das Lesefieber drang in alle Schichten. Man denke auch an die hohe Bildung der Königin Zenobia, die doch nur ein Geschöpf ihrer Zeit war; vergleiche übrigens M. Roger, L'enseignement des lettres classiques , 1905. Wie schön und feierlich war es, in einer antiken Bibliothek zu sitzen! Es war wie in einem Heiligtum. In den Bücherkammern die Wände voll »Nester«, in denen die Rollen in sorglicher Pflege lagen. Schattige hohe Marmorhallen aber dienten den Benutzern. Mit seinen Porträtbüsten und edlen Musenbildern war alles sinnvoll ausgeschmückt, und man wandelte auf grünen Marmorfliesen, weil grün für das Auge die günstigste Farbe war. Wieviel köstliche Statuen, die heute die Museen Italiens zieren, stammen nicht aus solchen antiken Bibliotheken! Buchhandel und Bibliothekswesen hatten sich rasch über alle Provinzen verbreitet; Rom war gleichsam die Telephonzentrale dieses Verkehrs, und seit der Zeit Ciceros und Varros gab es nicht nur griechische, es gab jetzt wirklich auch lateinische Bücher. Die römische Literatur hatte sich ausgeweitet, und für ihre planmäßige Vervielfältigung wurde nunmehr gesorgt. Das Altertum kannte, wie Japan, keine gehefteten Bücher. Der Text stand in Rollen . Man stelle sich aber vor, wie beschwerlich es für den Lesenden ist, eine Rolle lange Zeit aufgeschlagen sich vor Augen zu halten, wie beschwerlich gar, den Text in sie einzutragen. Beim Lesen mußten immer beide Hände rechts und links anfassen, und jede Nebenbeschäftigung der Hände war unmöglich. Daher traf der Dolch den Kaiser Domitian beim Lesen; der Mord gelang; er hatte zur Abwehr keine Hand frei. Je dicker aber die Rolle, desto unbequemer! Ein Autor von Geschmack verteilte seinen Stoff deshalb gern zur Erleichterung des Lesens auf viele möglichst kleine Röllchen oder Büchlein, jedes Buch oft nur zu 25 Seiten, das ist aufgerollt 3½ Meter Länge, so daß wir heut zehn solcher antiken Bücher bequem in einem modernen Bande abdrucken. Danach aber bemesse man nun den Umfang der römischen Literatur! Horazens ganzes Lebenswerk sind 10 Büchlein; das ist an Textumfang nur ebensoviel wie Schillers Wallenstein. Auch das Lesen war damals etwas anderes als heut. Man schlang nicht; man genoß in kleinen Rationen, an 95 jedem Tag von Vergils Aeneis nur ein Buch. Wer mehr zu sich nimmt, handelt gegen die Absicht des Dichters. Wir begreifen, daß man die faulen Nichtswisser verhöhnte, die, um gelehrt zu scheinen, sich einen Hausphilologen hielten, der sie täglich mit Dichterzitaten versah. Dagegen war es doch vernünftig, daß, wer ernstlich solchen Interessen lebte, sich besondere Vorleser, Lesediener hielt, um so mehr, da die antike Literatur überhaupt aus Wohlklang, d. h. auf das Lautlesen berechnet war. Und nun gar erst, wenn der Büchermarkt Neues brachte! Da war das öffentliche Vorlesen vor großem Publikum die beste Art der Veröffentlichung und der Reklame. Das wurde immer beliebter und geradezu zum Laster, als die großen Klassiker Vergil und Ovid gestorben, und wir erhalten von spottlustigen Zeitgenossen die ergötzlichsten Schilderungen. Es war die Zeit der Überkultur, wo alles dichtete, die Zeit der Wunderkinder, die da schon elfjährig in Konkurrenzen Dichterpreise davontrugen, aber dann früh ins Grab sanken. Der jüngere Plinius berichtet einmal, daß der Monat April, wo die Saison zu Ende ging, fast täglich in Rom solche Dichtervorlesungen brachte. Natürlich trug der Autor sich selber vor. Glücklich, wenn er reich genug war, um die nötigen Unkosten zu bezahlen! Wer arm war, mußte einen großen Gönner zu Hilfe rufen. Denn es galt, einen großen Saal zu mieten, darin Bühne und erhöhte Sitze zu errichten, dann eine Claque zu bestellen, dann Einladungen und Programme herumzuschicken. Denn Eintrittsgeld wurde nicht gezahlt. Doppelt glücklich der Vorleser, der vorher nicht heiser wurde! Er tat gut, tagelang vorher sich den Hals in Wolle zu wickeln oder Hustenpastillen zu essen. Denn sein Organ mußte aller Töne fähig sein. Elegant in Weiß steht er da und grollt und donnert; dann haucht er schmelzend mit brechendem Auge und lispelt schleimig, macht plötzlich eine Pause, leckt sich die Lippen und fragt, ob er fortfahren soll, und der Protest bricht los: »Nein, nein, nicht aufhören, du Göttlicher!« Das war es eben, was er gewollt. Aber viele Geladene kamen zu spät und gingen zu früh: Orest tötete seine Mutter zum tausendstenmal. Es war nicht auszuhalten. Lassen wir uns indes in unserem Gesamturteil durch diese Dilettantenwirtschaft nicht irre machen. Denn wir glauben ja auch an die Güte unserer deutschen Literatur trotz aller Dichterlinge und Schmierer, die bei uns grassiert haben und noch grassieren. 96 Roms Literatur ist schon darum von unvergänglichem Wert, weil sie ein Erzeugnis und ein Abbild der griechisch-römischen Hochkultur ist, die sich in ihr und durch sie der Nachwelt offenbart. Welch ein Glück für Rom, daß es jene Dichter fand, die der Welt bewiesen, wie warm und menschlich tief doch auch ein Römerherz empfinden kann und zugleich, wie wundervoll feinfühlig die lateinische Sprache selbst sich jeder Kunstform anbequemt! Die Literatur ist das Selbstgespräch der Völker; jedes Volk kann es nur in seiner eigenen Sprache führen. Wie begabt erwies sich das Latein! welche Mannigfaltigkeit der Töne! im Kraftwort ( vae victis! oderint dum metuant ), im Sinnspruch ( carpe diem; non omnia possumus omnes ), im Depeschenstil ( veni, vidi, vici ), im blendenden Witz, in strenger Formulierungsfähigkeit, wie der Jurist sie braucht, in jener klangvoll rauschenden Fülle, mit der Cicero gegen Sulla oder Marc Anton sich bewaffnet; dazu des Ovid prickelnde Munterkeit, die Süßigkeit der vergilischen Hirtenverse, der apokalyptische Dämmer der 4. Ekloge, der pompös feierliche Ton im Traum Scipios, die herbe Wucht und Glut des Properz. Überall trägt die Sprache die strengen Kunstgesetze, die ihr auferlegt werden, willig und leicht, wie das Musenroß den Zaum der Muse; noch köstlicher aber, wenn sie sich einmal daraus übermütig löst und genial frisch sprudelt wie im Catull oder gar, wenn sie sich unbeobachtet glaubt und ganz frei ergeht, wie in Ciceros Briefen. So souverän schaltet nur ein Weltmann, der auf dem Gipfel des großen Lebens steht, mit seiner Sprache. Das hat kein Grieche je gekonnt. In einigen Dichtern Roms herrscht freilich eine stark eintönige Wortfülle, die der Deutsche Nicht so der Franzose. lästig empfindet. So ist Lukan mehr beredt als poetisch. Im ganzen aber ist die Unterscheidung, wonach die griechische Poesie unrhetorisch, die römische dagegen rhetorisch sei, töricht und abgestanden. Denn Rhetorik heißt Redekunst, und die Kunstrede ist ihr Erzeugnis. Von Kunstrede aber sind auch die Griechen, ist auch Euripides, ist schon Homer erfüllt. Vergil ist nicht rhetorischer als diese. Seine Redekunst ist nur eine andere. Sie ist nie geschwätzig (wie ab und zu doch Homer), aber sie ist einförmiger. Daß in nationaler Frömmigkeit und Tugend Vergil der Erzieher der römischen Welt geworden, legt uns im 4. Jahrhundert 97 sein Erklärer Donat ausführlich dar. Wir können bei ihm und anderen Größen nicht verweilen. Trotz aller Bewunderung stehen wir vor der römischen Literatur doch nicht ganz ohne Enttäuschung. Denn ihr fehlt eins: das Hinreißende, das Herzbefreiende, das uns voll beglückt. Ist es doch nicht die heldenhafte Werdezeit Roms, die sich in ihr darstellt, sondern nur die Rücksehnsucht der Spätgeborenen nach der einstigen Vollkraft und Größe. Ihr Grundzug ist rückschauend elegisch, dabei oft pessimistisch, oft grell satirisch, wenn sie nicht gar vor den Cäsaren in niedrige Schmeichelei versinkt. Wie düster Sallust! wie grollend Tacitus! wie ätzend der schmähsüchtige Juvenal! Nur die augusteischen Dichter geben uns in vielen Teilen wirkliche Gegenwartspoesie, die sich erlabt an ihrer eigenen Schönheit, froh und festlich, wie in hellschimmernden Marmor gemeißelt und übergoldet von seligem Triumphgefühl: die Poesie des gewonnenen Weltfriedens. Aber diese beglückte Stimmung wirkt dennoch stagnierend, und so wie der Römer kein einziges Wanderlied besaß, das abenteuernd »hinaus in die Ferne« ruft, so fehlt auch seiner Literatur die Zukunft, der Glaube, das Problem, das Stürmen und Drängen in Entwürfen, das Wagen und Jagen nach ungreifbar hohen, fernen Zielen; ihr fehlt jeder Trieb, mächtig über sich selbst hinaus. Sie ist männlich, aber nicht jugendlich.   VIII. Spiel und öffentlicher Zeitvertreib Aber das Frommsein genügt nicht und die Gelehrsamkeit auch nicht; der Mensch will auch lachen und weinen und sich zerstreuen. Ja, er braucht den Taumel der Leidenschaft. Die schonungslose Kraft und Wildheit des Römers lebte noch, und der weichliche Friede der beginnenden Kaiserzeit vermochte nicht, sie zu ertöten. Wie bedauernswert die Vornehmen, die jetzt Brett spielen müssen, statt ins Feld zu ziehen! Wir lesen, wie ein Schmeichler die Feldherrnkunst des großen Piso zu Neros Zeit feiert, aber es war die Feldherrnkunst auf dem Schachbrett, ein Schlagen und Mattsetzen von Puppen aus Glas oder Elfenbein! Dazu die Spielhöllen, der Hasard; das war eine alte Passion der Lebemänner in Rom. Aber die früheren spielten doch daneben noch ein anderes Glücksspiel, sie spielten mit dem Schwert um Königreiche. Jetzt bleibt dem Römer nur der Würfelbecher, und er zählt mit gierigen Augen die gefallenen Punkte nach. Welche Entnervung des 98 Heldentums! Die Volksmenge aber will Blut sehen. Die siebenhundertjährige Kriegszeit ist vorüber, und Gott Mars ist gesättigt. Aber die Gewohnheit bleibt mächtig. Die Leidenschaft lebt sich im Zirkus aus und im Amphitheater. Tierhetze, Fechterspiel! Es ist die Leidenschaft für die Gefahr, der großzügig starke Trieb nach Erschütterung durch das Unerhörte und Gräßliche. Das alte Römervolk hatte eine ausgesprochene Begabung für getragene Deklamation; es besaß auch einen kernhaften Witz; es hatte Sinn für die grell komische Grimasse. Aber ihm fehlte vollständig die Phantasie, und ein Theaterwesen hätte es aus sich selbst wohl nie erzeugt. Freilich, grob karnevalistischen Ulk und Mummenschanz auf der Gasse, den gab es von jeher, und in der Kaiserzeit kam solcher Spaß beim großen Schenkfest der Saturnalien im Dezember (unserm Weihnachten) zur vollsten Blüte, wo in toller Ausgelassenheit ein Festkönig gewählt und ausstaffiert wurde, wo der Rausch herrschte und die Sklaven als Herren galten. Indes alle Scherze, die alljährlich dabei sich wiederholten, blieben immer nur Improvisation, und ähnlichen Stils war auch das altoskische Maskenspiel der Atellane, wo ein buckliger Pfiffikus, ein Fresser und ein alter Tölpel ihre Streiche zum besten gaben. Frauenrollen fehlten. Weiter kannte man in Rom von alters her auch schon ein Wettrennen von Tieren, etwa so, wie man es heutzutage in Siena auf dem Marktplatz erlebt. Den eigentlichen Rennsport dagegen und das eigentliche Theaterwesen lernte das gelehrige Rom vom Ausland. Die Religion gab dazu Anlaß. Schon im 5. Jahrhundert oder früher wurde zu Ehren Jupiters das Wettfahren im Zirkus aus Thurii eingeführt. Als im Jahre 364 eine Pest ausbrach, ließ man Schauspieler aus Etrurien kommen und zum erstenmal ein Bühnenfestspiel geben: auch dies wieder zur Beschwichtigung der Götter. Daraus entwickelte sich alsdann das ständige Theater, und die griechische Komödie und Tragödie hielten ihren Einzug: Auch die Etrusker ahmten die griechische Tragödie nach; siehe Volnius bei Varro l. lat. V, 55. Orest und Priamus und Medea und der listenreiche Bediente, der im griechischen Lustspiel alle Lachlust und Sympathie auf sich lenkt, indem er den mürrischen Greisen das Geld abnimmt und den jungen Liebespaaren flott und selbstlos zum Glück verhilft. So wurde das Größte und Beste, was das alte Athen erzeugt hatte, rasch zum Eigentum Roms. Dies geschah im 3. und 2. Jahrhundert v. Chr. 99 Aber so wie die vornehme Haltung der großen Politik Roms schon im 2. Jahrhundert v. Chr. zu Ende ging, so verlor sich ebendamals auch die sittliche Vornehmheit im Spielprogramm des Theaters. In Ciceros Zeit hatte das Publikum schon kein Ohr mehr für erhabene Lehrsätze der Moral und fromme Weltbetrachtung. Was war ihm Kassandra und Ödipus? Ausstattungsstücke von unerhörtem Pomp und Schaugepränge, ganze Truppenzüge, zu Fuß, zu Roß, mit weißen Elefanten, die über die Bühne gingen, sättigten die Neugier. Und so wie im Berlin der unseligen Nachkriegsjahre klassische Trauerspiele der Großen unserer Literatur fast nur noch aus Respekt gespielt wurden, der echte Großstädter aber, verblendet und verhetzt, nichts wollte als die zumeist durchaus eindeutigen Frivolitäten des Tages, so eroberte sich damals der Mimus die römische Bühne, der griechische Mimus, der in dem Vielerlei, was er gab, an dreister Gewöhnlichkeit, an gemeinem, verderbtem Wirklichkeitssinn und schmutzig lüsterner Frechheit um nichts vor jenen Machwerken zurückstand, die man vor wenig Jahren auch uns Deutschen noch als »modern« anpreisen konnte, und die noch heute an den Bühnen der westlichen Weltstädte, London, Paris, New York, als »modern« gelten. Diese sogenannten Modernen dünken sich neu; aber es ist alles schon dagewesen, und zwar vielleicht sogar besser, jedenfalls ehrlicher; denn man wagte damals, das Unanständige noch mit seinem Namen zu nennen. Alle diese Aufführungen geschahen anfangs im Anschluß an Götterfeste, und selbst bei den Leichenbegängnissen der Großen kamen auf dem Forum Lustspiele zur Aufführung. Allein der gottesdienstliche Zweck der Spiele verlor sich im Bewußtsein mehr und mehr. Zugleich steigerten die ehrgeizigen Beamten als Spielgeber den Glanz der Ausstattung ins Ungeheure, um damit der Gunst des Volkes zu schmeicheln. Die Kaiser setzten dies fort, und die Folge war, daß das Theater immer mehr vor anderen drastischeren Vergnügungen, vor Zirkus und Arena zurücktrat. Eine gewisse patriotisch religiöse Weihe behielten nur die Zirkusrennen . Auch sie hatte man dereinst, wie so vieles, von den Griechen entlehnt, aber sie wurden und blieben das eigentliche Nationalspiel des Stadtrömers, ein Symbol der Zentralstellung Roms, und aus allen Teilen des Reichs strömten die Zuschauer herbei. Denn sonst besaßen wohl nur Großstädte ersten Ranges wie Alexandria, Antiochia, auch Merida (Emerita), das Rom 100 Spaniens, eine Rennbahn. Deshalb trauert, wer aus Rom auswandert: Juvenal XI, 53. Eben deshalb wurden bei Eröffnung eines jeden Rennens zuerst die Götter Roms, dazu auch die Kaiserbilder, in feierlicher Prozession durch den Zirkus getragen, und das Volk huldigte mit Zuruf jedem Bilde, das ihm lieb war. Der festgebende Beamte selbst zog wie ein Triumphator in die Bahn. Dies war kein Reitsport. Jene Südländer sind kein Reitervolk gewesen, ganz anders als die Hunnen und Germanen. Auch wäre der bloße Distanzritt unserer heutigen Wettrennen für ein antikes Gemüt zu undramatisch, ein Hürdenrennen wäre für die Masse schwer zu verfolgen gewesen. Die Gefahr, das Wagnis ist heute zu gering. Daher die Wagenrennen Roms; zumeist mit dem Viergespann. Es war ein Nachklang der Heldenzeit Homers, wo die Könige im Wagen in die Schlacht jagten; so auch noch die Könige der Etrusker. Ebenso hatte ein Alkibiades im olympischen Wagenrennen konkurriert. Warum sollten die Vornehmen Roms dies nicht tun? Nero selbst? Auch bei uns reiten Herren in Farben. In den Schlußzeiten der Republik wuchsen diese alten Zirkusspiele an Bedeutung. Großen Stils ist alles, was in Rom geschieht: so steigerte sich damals auch hierfür das Interesse ins Außerordentliche. Es bildeten sich »Faktionen«, die sich durch Farben unterschieden; und nicht einzelne Private, sondern diese Gesellschaften, Klubs oder Faktionen waren die Besitzer der Gespanne: anfangs zwei, dann vier Parteien, die sich Ställe halten und Kutscher mieten. Der Kutscher ist meistens Unfreier oder Freigelassener und fährt für den, der ihm am meisten zahlt. Seine eng geraffte ärmellose Tunika und seine Kappe zeigt weithin die Farbe der Partei. Aber die Erfolge der Weißen und Roten gingen mehr und mehr zurück; es ist vor allem ein Zweikampf der Blauen und der Grünen, der durch die Jahrhunderte ging. Auch die Kaiser sind leidenschaftlich beteiligt, Vitellius und Caracalla für die Blauen, Nero, Domitian für die Grünen und so fort. Warum auch nicht? Auch heute noch segelt die Yacht des Königs von England in der Regatta von Cowes mit, spielt Schwedens greiser König auf allen vornehmen Tennisplätzen der Riviera als Mister X und galoppieren indische Fürsten und ägyptische Prinzen hinter dem weißen Ball auf allen Poloplätzen von Cannes bis Hurlingham. Unmittelbar zu Füßen der Kaiserpaläste zog sich der große Zirkus hin, in der Senkung zwischen Aventin und Palatin, in einer 101 Länge von zirka 650 m und mehr; der Bau wurde öfter noch mächtig erweitert. Im 4. Jahrhundert fanden etwa 270 000 Zuschauer Platz. Lauter Marmorsitze. Ein Wassergraben ( Euripus ) lief anfangs unter den Sitzreihen entlang; Mauerzüge, Spina genannt, trennten die Bahn in zwei Hälften. Siebenmal mußte diese Spina hin und zurück umfahren werden, und an ihren Enden standen die gefürchteten Metae , je drei freie Kegelsäulen aus Goldbronze, an denen nur zu leicht der Wagen zerschellte. Solcher Wettfahrten gab es 20–24 an einem Tag. Für hinreichenden Wettbewerb mußte der Festgeber sorgen, der die Gesellschaften entschädigte. Einer der Gordiane verteilt 200 Rennpferde an die Faktionen: Script. hist. Aug. Gord. 4. Die domini factionum werden durch das Rennen bereichert: Commodus c. 16, 9. Wer in Rom auch fernab wohnte, hörte das Geschrei aus dem Zirkus durch die Stadt hallen und merkte: aha! die Grünen haben gesiegt. Juvenal XI, 198. Die Rosse scharren am Start. Lautlos atemlose Spannung in der unendlichen Menge. Da gibt der Festgeber das Signal, indem er aus seiner Laube ein Tuch herabwirft: ein einziger Aufschrei aus hunderttausend Kehlen ist die Antwort. Der Staub wirbelt auf; die Fahrt hat begonnen. Alles ruft den Namen des Favoriten, des Kutschers oder des Hauptpferdes. Hauptpferd der Quadriga ist das, das an der Außenseite der Bahn läuft. Jeder weiß den Namen des Tieres, seinen Stammbaum. Es laufen drei- bis fünfjährige. Die besten Renner kamen aus Spanien, Sizilien, Kappadozien, Afrika. Ihre Namen sind uns zu hunderten erhalten. Es sind ausschließlich männliche Tiere. Die Wagen sind zweirädrige Gestelle ohne Federn. Berufskutscher und Wagen, beide möglichst leicht: daher müssen die Leute sich trainieren, und es fahren schon zehnjährige Knaben. Weit vorgebeugt stehen sie hetzend im Gestell und belauern den Gegner, halten erst zurück, jagen plötzlich vor, verlegen dem Gegner den Weg, biegen in engster Kurve um die ersten Zielsäulen: ein Angstschrei der Masse – siebenmal wird die gefährliche Biegung genommen. Wehe, wenn im Anprall der Wagen sich zerschlägt! Der Lenker von den Pferden geschleift! Die nächsten Wagen verfahren sich in die Trümmer. Oder der Haß siegt; die Wettfahrer überfallen einander mit Peitschenhieben – welches Rasen! Wer die Kutscher des Neapel der Vorkriegszeit noch erlebt hat, wenn sie 102 heranstürmen, um dem Reisenden sich anzubieten, und sich wie toll dabei mit den Peitschen schlagen, der bekommt eine Ahnung von jener fanatischen Wut. Alles aber wurde überboten, wenn die Lenker die Gespanne vertauschen mußten und der Favorit mit den ihm fremden Rossen des Gegners siegte. Diese Menschen hatten etwas barbarisch Heldenhaftes; wir haben Grabinschriften von solchen, die über 2000 Siege davontrugen. Der Kutscher Scorpus wird von Martial als das Entzücken Roms besungen; die Todesgöttin, heißt es, verwechselte seine Siege mit seinen Lebensjahren; deshalb ist er schon als Jüngling gestorben. Ein anderer, Eutychus, ist für uns denkwürdig, weil Phaedrus ihm seine Tierfabeln gewidmet hat. Eine Fülle von Bildsäulen wurde diesen Leuten errichtet, und Elagabal machte den Kutscher Cordius unmittelbar zum Kommandanten der Feuerwehr, der wahnsinnige Caligula wollte gar ein Siegerpferd zum Konsuln machen. Es ist derselbe Elagabal, der auch Quadrigen von Kamelen laufen und gar den großen Wassergraben im Zirkus mit Wein anfüllen ließ, worauf dann noch Schiffskämpfe inszeniert wurden. Das Stadtvolk aber, dem alle Politik, dem das Heerwesen selbst entzogen war, und das sonst keine Helden mehr besaß – wer kann es ihm verdenken, wenn es an diese Dinge sein Herz hing? Selbst in das selige Jenseits hinein träumte man von den Freuden des Circus Maximus; denn auf den Marmorsärgen der Toten finden wir ihn oft dargestellt, aber es sind Engel, Flügelknäblein, die da heiter im Wagenkorb stehen und die bäumenden Rosse durch die offene Bahn zum Ziele lenken. Welch strahlendes Leben! Aber die dunkelsten Farben in unserm Kulturbild fehlen noch. Auch Blut floß in Strömen im Dienst des Vergnügens, Tierblut bei den Tierhetzen, Menschenblut bei den Fechterspielen; das eine waren Jagden, das andere Hinrichtungen: und die Arena tut sich vor uns auf. Das Wettfahren war von Haus aus edles Griechentum, die Kämpfe der Arena waren spezifisch römisch. Das brutale Römertum ist in ihnen nicht zu verkennen. An dem kämpfenden Personal selbst haftete die Verachtung. Aber nicht nur in Rom, in fast allen Provinzen, auch in vielen Kleinstädten des Reichs sah man diese grausamen Vorführungen. Denn überall sind Amphitheater gefunden worden. Der neugierige Sinn für wilde und seltene Tiere war im Volk groß. Zoologische Gärten hatte man nicht, auch keinen Hagenbeck, keine Menagerien – aber man hatte mehr. Man sah die Tiere 103 in ihrer natürlichen Wildheit kämpfen und sterben. Abgerichtete Tiere freilich wurden geschont: Löwen, die friedlich den Wagen ziehen; ein Löwe, der den Hasen apportiert, ohne ihn zu verletzen; Elefanten als Seiltänzer, oder Elefanten, die gar griechisch und lateinisch schreiben, und dergleichen mehr. Elagabal hielt sich solche zahmen Löwen und Panther in seinen Stuben, zum größten Unbehagen seiner Gäste. Aufregender, wenn man Bestie gegen Bestie hetzte, und schon vor Sonnenaufgang füllten sich die Zuschauerränge, um dem zuzusehen. Auf freiem Feld sah das Volk zu seinen Füßen den Elefanten vom Nashorn getötet und aufgeschlitzt, den Tiger vom wilden Stier aufs Horn genommen. Das fesselndste aber waren die eigentlichen Jagden , venationes . Herden von Antilopen, Giraffen, Wildschweinen, auch Hasen, 300 Strauße, die man zur Erheiterung ganz rot angemalt, trieb man durch die Fläche; dann aber die Tiger, die Hyänenjagd, der Kampf mit dem Bären, selbst mit dem Nilpferd. Seltsamerweise fehlt unter den reißenden Tieren der Wolf fast ganz. Die Kämpfer oder Jäger waren gut geschult, gut bewaffnet, von Hunden unterstützt und verstanden ihr Handwerk, sowie ja auch die Stierkämpfer in Spanien heute zu ihrem Beruf erzogen werden. Aber die Aufregung war, wie bei diesen modernen Stierkämpfen, grenzenlos. In Nimes wird das wundervoll erhaltene antike Amphitheater für sie noch heute benutzt, und wer sie da einmal miterlebt und dazu den rasenden Fanatismus der Südfranzosen mit angesehen hat, der ist im echten römischen Altertum gewesen. Das war aber nicht etwa nur ein Volksvergnügen. Rom hat damit zugleich ein unvergleichliches Kulturwerk geleistet. Das müssen wir rühmend anerkennen. Wenn Kaiser Augustus im ganzen 3500 afrikanische Tiere im Amphitheater hat umbringen lassen, wenn bei einer einzigen Hetze des Pompejus allein 500 Löwen umkamen und wenn der Betrieb so bis ins 5. Jahrhundert der gleiche blieb, so summierte sich das schließlich zu Millionen. So aber geschah es, daß alle Provinzen von dem Raubzeug, daß so auch die deutschen Wälder von Bären planvoll und gründlich gesäubert worden sind. Dafür sind die auf deutschem Boden ausgegrabenen Mosaikfußböden denkwürdige Monumente, wenn sie uns den Bären im Kampf der Arena zeigen. Man sehe z. B. das herrliche Mosaik in Bad Kreuznach (Hüffelsheimerstraße Nr. 26), etwas aus dem Jahre 300. 104 In derselben Arena folgten auf solche Hetzjagden nun oft noch die Fechterspiele . Aus Leichenspielen waren die Fechterspiele hervorgegangen, bei den Etruskern und so auch in Rom, in jenen Zeiten, als auf dem Forum bei dem Begräbnis eines Feldherrn die Kriegsgefangenen, die er erbeutet hatte, auf Tod und Leben miteinander kämpfen mußten. Suchen wir nach einer Wertbezeichnung, so kann man dies Hinrichtungen in der Form des Zweikampfs nennen. Vielfach waren die Kämpfer schwere Verbrecher, die gegenseitig an sich das Todesurteil vollziehen. Sie taten es nicht ungern; Seneca sagt, Epist. 93. fin . ein solcher stirbt lieber öffentlich kämpfend in der Arena, als daß er sich im geschlossenen Raum hinrichten ließe. Und dazu war also das Volk geladen, geradeso, wie noch im 18. und 19. Jahrhundert das Henken und Köpfen vor großem Publikum geschah. Der Frage, in welcher Ausdehnung auch unschuldig Verurteilte als Gladiatoren umkamen, können wir hier nicht nachgehen. So wie aber heute, wer sich im Gefängnis gut führt, begnadigt wird, so wurde auch dem, der brav focht und durch Tapferkeit Bewunderung erregte, vom Volk selbst durch Akklamation das Leben geschenkt. Übrigens kämpften auch viele Kriegsgefangene; auch mißliebige Sklaven wurden als Gladiatoren verhandelt. Ja, seitdem in Italien keine Soldatenaushebungen mehr geschahen, ließen auch eine Menge rauflustiger Freigeborener sich dort in die Fechterschulen aufkaufen, eine konfiszierte Gesellschaft, die mit Ruten und Ketten in Zucht gehalten werden mußte. In Ciceros Zeit war Kapua für diese »Schulen« Hauptstandort, hernach Rom, und sie ersetzten zum Teil die Gefängnisse, in denen der moderne Staat der Räuber und Mörder sich versichert. Das Publikum aber hatte damit wieder sein Schauspiel. 10 000 Mann fochten, wie es heißt, in Rom bei den viermonatlichen Siegesfesten Trajans im Jahre 107. Gewöhnlich standen bei jedem Gefecht etwa hundert gegen hundert: die einen mit großen, die andern mit kleinen Schilden, die einen mit Netz und Harpune, die andern mit Schwert und Dolch. Die Waffen waren Kostbarkeiten der Schmiedekunst, gelegentlich aus purem Silber oder mit Edelsteinen ausgelegt; Pfauenfedern als Helmbusch. Zum Kampf erscholl grelle Musik. Die Toten bedeckten die Wahlstatt. Die Leichen wurden fortgeschleift, frischer Sand gestreut, die 105 Blutlachen zugedeckt, und das Werk der Justiz war geschehen. Gewandten Fechtern aber gelang es oft, alle solche Schlachten zu überleben; sie wurden die Heroen des Tags und Lieblinge des Publikums, wie es heute den Stierkämpfern in Spanien ergeht, und der Festgeber beschenkte sie in der Arena selbst mit Schüsseln voll blinkenden Goldes. Gegen die ärgsten Missetäter aber, wie den Kaisermörder Mnesteus, richtete sich ein anderes und entsetzlicheres Strafverfahren, das uns an die Hexen- und Ketzerprozesse des ausgehenden Mittelalters gemahnt, wo der zu Verbrennende wehrlos an einen Pfahl gebunden wird und das Publikum zuschaut, während die Flamme des Scheiterhaufens den Unglücklichen verzehrt. Dies Verfahren der Inquisition, dem ein Huß und Savonarola zum Opfer fielen, hat echt Neronischen Geist. Denn nichts anderes ist es, wenn Nero Christen an Pfählen verbrennen ließ; ich meine die sogenannten Brandfackeln Neros. Jedoch steht dieser Fall sehr vereinzelt da, Einen Theaterdichter hatte schon der verrückte Caligula öffentlich verbrennen lassen. und Nero wählte für sie den Flammentod gewiß nur darum, weil die Bestraften die Urheber der großen römischen Feuersbrunst gewesen sein sollten. Sonst zog man es vor, gegen den festgebundenen und so gleichsam gekreuzigten Verbrecher vielmehr die wilden Tiere loszulassen, und das mag uns allerdings noch scheußlicher erscheinen; doch ist es fraglich, ob die Flamme oder die Zerfleischung den schmerzhafteren Tod bringt. Solchen Tod starb jener Mnesteus; und nicht besser erging es manchen der christlichen Märtyrer, die in den Augen des alten Rom Ketzer waren. Das Äußerste der Verirrung hat zu unserm Befremden der große Menschenfreund Kaiser Titus begangen oder doch geschehen lassen. Die Arena des Kolosseums ist in einen Wald verwandelt – ein Verurteilter soll sterben. Er tritt, als Sänger Orpheus verkleidet, in prächtigen Gewändern aus dem Wald hervor und spielt friedevoll auf seiner Leier, während wie bezaubert wilde und zahme Tiere seinem Lied folgen; das alte Sängermärchen ist zur Wirklichkeit geworden, das Publikum staunt: aber der Bär naht schon, der über diesen Orpheus herfällt und ihn zerreißt. Welch perverses Spiel mit der Würde des Todes! und mit dem Sinn der Todesstrafe! Die Hinrichtung wird zum Märchenzauber, der sterbende Verbrecher wird zum Schauspieler, der eine ihm 106 fremde Tragödie spielt. Ein derartiger Kitzel war damals immerhin gut für den Stadtpöbel Roms; aber es läßt sich nicht nachweisen, daß Ähnliches auch sonst vorkam. Soll ich nun noch über den Aufwand reden, den alle diese Darbietungen kosteten? Wie viele senatorische Vermögen sind nicht durch die prätorischen Spiele zugrunde gegangen! Aber das betraf vor allem wieder Rom selbst, und um die kleinen Städte brauchen wir uns weniger zu sorgen, wie wenn wir von Bologna hören, daß da ein reichgewordener Schuster ein Fechterspiel gab. Martial III, 16. Der größte Luxus war jedenfalls der märchenhafte Raum selbst. Rom gelangte zuerst im Jahre 29 v. Chr. zu einem Amphitheater (durch Statilius Taurus). Dieser Bau ging zugrunde und wurde überboten durch das Weltwunder des Kolosseums , das noch aufrecht steht, ein hohler Becher von fast 50 m Höhe, der in 4 Stockwerken über 40 000 Menschen auf marmornen Sitzen Platz gab. Wurde des Kaisers Gegenwart erwartet, so erschien darin das ganze Publikum weißgekleidet und bekränzt. Der ovale Boden des Bechers, die Arena, mißt 86 m in der Länge. Wenige steinerne Amphitheater wie das in Pompeji, sind älter, Bauten, die überall möglichst die ganze freie Stadtbevölkerung aufzunehmen bestimmt waren. Denn auch die Frauen erschienen; auch die Kinder brachte man mit. Die Frauen saßen im Amphitheater getrennt, im Zirkus dagegen mitten unter den Männern. Das Zelttuch, mit dem man das Kolosseum überspannte, mußte eine Länge von etwa 180 m haben. Unter der Fläche der Arena selbst aber befanden sich nun noch unterirdisch tiefe und weite Hohlräume, aus denen im Lift, wie durch Zauber, die ganzen Kämpfergruppen oder auch eine Arche Noah voll von wilden Tieren emporgehoben werden konnten. Der großartigste Triumph der Technik war es jedoch, wenn die Arena sich plötzlich mit Wasser füllte und ganze Flotten herein fuhren, mit tausend, ja zehntausend Gladiatoren bemannt, und der Menschenleben und Schiffe vernichtende Massenkampf begann. Welch Schauspiel! Aber ach, nicht ein Schauspiel nur! Genug! Denn wer könnte diese Darbietungen einer unerhört maßlosen Ruhmsucht, Prunksucht und Sensationssucht erschöpfen? Wohl kein Menschenalter hat so Ausschweifendes gesehen. Aber es ist schon gesagt, daß, was von Rom gilt, keineswegs auch von 107 den Amphitheatern kleinerer Städte gilt; und vor allem der Grieche stand abseits. Der tiefer Gebildete, der griechisch Denkende bevorzugte das Theater , er schauerte vor dem Amphitheater zurück. Es ist bezeichnend, daß die griechischen Städte in Italien, Neapel und Tarent, ein Amphitheater nie erbaut haben. Beides, Humanität und Kunstsinn, mußten auf dasselbe hinführen. Auch der Kunstsinn; denn alle Kunst ist Nachahmung; Kunst darf also nicht blutige Wirklichkeit sein, und dasjenige Spiel ist das feinste, das nicht mit großen Mitteln, sondern mit geringen wirkt und viel mit wenigem erreicht. In solchem Spiel sind bis auf den heutigen Tag die Kinder die größten Virtuosen. Und so hatte sich denn auch damals das Volk noch immer Kindlichkeit genug bewahrt, um zu den bescheidenen Akrobaten, Seiltänzern und Messerschlingern, Pudeln und Affen zu laufen, die sich dann zeigten, wenn die Theater und Arenen sonst leerstanden. Aber auch das Theaterspiel wirkte in der Kaiserzeit fast durchweg mit den einfachsten Mitteln, und eine illusionistische Ausstattung fehlte im Drama fast ganz. Wir hören gelegentlich, daß Rom in jedem Jahr 175 regelmäßige Spieltage hatte, die außerordentlichen nicht gerechnet; davon entfielen 10 Tage auf die Gladiatoren, 64 auf Wagenrennen, 101 dagegen auf das Theater. Das schlichtere Theater waltete also doch immer noch vor. Das ist der Mimus und Pantomimus. Vom Mimus war schon die Rede. Es ist jener Wechselbalg von Theaterstück, bald Posse, bald Operette, bald ernsthaftes Schauspiel, dessen Koupletmelodien man auf allen Gassen pfiff und dem die gröbsten ebenso wie die feinsten Effekte nach freier Laune zur Verfügung standen. Wurde ein dummer König dargestellt, so machte man ihm die Krone von Papier, das Szepter aus Rohr, und das genügte. Der Text blieb oft unausgearbeitet; das meiste improvisierten die genialen Schauspieler. Oft wurden dabei stadtbekannte Personen verspottet. Man spielte ohne Masken. Die Mimen traten aber auch oft in privaten Kreisen auf und brachten da gewiß ihre feinsten Feinheiten. Wenn man bei uns (in der Zeit, als der Deutsche noch die Fremdwörter liebte) in Berliner Zeitungen solche Anzeigen wie die folgende las: »Intimes Kabaret mit erstklassigen Künstlern und reizenden Melodien; sämtliche Nummern neu; der Konferenzier Fritz Grünfeld entfesselte wahre Lachstürme; eine brilliante Akquisition hat man in der Diseuse Miezchen Berna gemacht, ein Gemisch von Pikanterie und 108 Dezenz;« dazu etwa noch»ein keckes Gamingesicht oder eine fesche Person aus Wien«, so könnte man die Anpreisung einfach übernehmen, wenn man für Miezchen Berna etwa Kytheris einsetzte und Adonis für Fritz Grünfeld. Sittengeschichtlich aber ist das Wichtigste, daß in den Frauenrollen, die ja sonst im Altertum nur von Männern gegeben wurden, im realistischen Mimus wirklich Frauen auftraten: die ersten großen Schauspielerinnen der Weltgeschichte, auf Brettern, die nicht etwa die Welt, sondern die die Halbwelt bedeuteten. Eine solche Schauspielerin war die Maitresse des großen Triumvirn Antonius; und die christliche Kaiserin Theodora, die an einer der Kirchenwände Ravennas so fromm gemalt ist, trat in Byzanz in den frechsten Mimenrollen auf. Eine Chanteuse als Kaiserin! Das monarchische Prinzip litt nicht darunter. Ganz anders der Pantomimus . Während wandernde Schauspielertruppen den Mimus in alle Kleinstädte trugen, gab es den leckeren Pantomimus nur in wenigen Hauptzentralplätzen der Kultur. Zur Zeit des Kaisers Augustus wurde diese große »Neuheit« erfunden, und der Kaiserhof hat ihr dauernd seine liebreiche Fürsorge gewidmet. Man denke sich auf der Bühne einen einzigen Tänzer, der in stummer Pantomime eine ganze Tragödie vorführt, indem er sich proteusartig in alle Rollen verwandelt. Ein Triumph der Geste, der beredten Hand! Welch eigenartig feine Volkskultur setzt dies voraus, dies stundenlange Andeuten und Verstehen! Wenn solch schöner griechischer Tänzer mit Verleugnung seines Geschlechts die Phädra, Kanake oder Medea spielte, war die Wirkung berückend, ergreifend, überwältigend. Kostüme und Gebärden waren, dem griechischen Schönheitssinn entsprechend, ganz ideal gehalten; auf das täuschendste wurden vor allem sinnliche Stimmungen, auch an Frauen, dargestellt, und man hütete die Jugend nach Möglichkeit vor dem schamlosen Anblick. Als künstlerisches Prinzip aber erkennen wir deutlich dasselbe, das auch die antike Plastik beherrscht, nämlich nur durch eine einzige bewegte Figur einen ganzen Mythus darzustellen: die Statue der in Schlaf versunkenen Ariadne genügt; jeder kann sich den Theseus, der sie treulos verläßt, jeder sich den Dionys, der sie zur Freude erweckt, selbst hinzudenken. Dies stumme, tragische Ballet war das Ende, es war gleichsam das Verstummen der erhabenen, sonoren Tragödie auf der Bühne des Altertums. Aber diese Pantomime war doch nicht ganz stumm. 109 Vielmehr kam Chorgesang und Orchester dazu, eine sinnfällig klangreiche und weichliche Begleitung. Denn man machte Musik in Rom – wir hätten das beinahe vergessen! – und natürlich nur die allermodernste. Rom und Musik, welcher Gegensatz! Kein Volk war von Haus aus unmusikalischer als die Römer. Kaum irgendein römischer Dichter ist imstande gewesen, seine Texte selbst in Musik zu setzen. Da mußten immer die Griechen helfen. Trotzdem hat sich Rom damals auch ein Musikleben angequält. Hauptbezugsquelle dafür war Alexandria. Aber man begnügte sich nicht mit dem Herkömmlichen; denn in Rom mußte natürlich alles gleich riesig sein; zum mindesten 100 Trompeten oder Harfen unisono (das nannte man Symphonie) oder 1000 Choristen auf einen Haufen: dazu Pauken und Zymbeln, Janitscharengetöse. Für harte Ohren kann man ja nicht genug tun, das weiß auch unsere Gegenwart. Man muß schmettern und girren und die Sinne kitzeln. So war es auch damals. Daß die Ausübenden Sklaven waren, versteht sich, und zwar griechisch gebildete. Warum sollte ein Nabob sich nicht 100 Musikanten kaufen und mit auf die Badereise nehmen? Die beiden Musikkaiser Nero und Domitian haben dann in Rom das Konzertleben sogar zu regulieren, zu veredeln versucht, indem sie regelmäßige Vorführungen herstellten. Das Wort »Konzert« bedeutet Wettstreit; sie veranstalteten also wirklich Konzerte oder Wettkämpfe von Solisten mit Preisverteilung. Aber keiner der redseligen Zeitgenossen hat Muße gefunden, uns seinen Eindruck, seine Ergriffenheit zu schildern. Es fehlte dafür augenscheinlich ein Publikum, und solche hochgegriffenen Kunstfreuden waren entbehrlich. Unentbehrlich dagegen erschien bei den Mahlzeiten die Tafelmusik während der Eßpausen: ganze Orchester, ganze Chöre. Schon damit ist denn doch dieser Betrieb für ein deutsches Gemüt gerichtet, und uns interessiert daran eigentlich nur die Steigerung im Bau der Instrumente, die er mit sich brachte. Im 4. Jahrhundert n. Chr. hatte man Zithern so groß wie unsere Konzertflügel, so daß sie per Achse befördert werden mußten, und seit dem 1. Jahrhundert ist auch die Wasserorgel in öffentlichen Konzerten immer häufiger gehört worden. Es berührt uns in der Tat fast modern, wenn das Mosaik von Nennig bei Trier uns im Bild ein Hornsolo mit Orgelbegleitung zeigt: man setze an die Stelle des Horns nur die Geige oder die Menschenstimme, und man glaubt da ein Kirchenkonzert zu hören. Denkwürdig ist auch, daß der biedere Dudelsack, der sich bis heute 110 erhalten hat, zu Neros Zeit hoffähig und das Allerneueste war. Nero selbst wollte in seinen Konzerten mit dem Dudelsack auftreten (Nero als utricularius !), aber er wurde durch seinen Tod an dieser Großtat verhindert.   IX. Die Kunst Wie göttlich schön ist die griechische Landschaft! wie schön aber auch Italien! Welches Land sollen wir mehr preisen? Vergil und Properz schwankten nicht; sie erheben in inniger Heimatliebe die Stimme laut zum Lobe Italiens, dessen Wonnereiz von Griechenland nimmermehr übertroffen werde. Ein Sinn für Landschaft, ein Natursinn war in ihnen lebendig, der im Grunde nichts anderes als Kunstsinn ist. Denn der Eindruck einer Landschaft wird nur dann aufgefaßt, wenn er sich im Auge zum Bild gestaltet, und solches bildmäßiges Schauen hat nur der Kunstsinnige oder Kunstfähige. Daher pflegt der Natursinn gleichzeitig mit dem Kunstsinn zu wachsen. Natürlich entzückte aber den Großstädter damals zugleich der Stimmungskontrast, der Kontrast der Waldesstille, der Duft und der Reichtum der Vegetation. »Amön« ist das Wort, das der Römer erfand; es bezeichnet insonderheit nur das Naturschöne. Und das war alt. Der Römer ist ohne Landsitz und Landliebe nicht vorstellbar. Dabei hat er jedoch für die Wildheit der Hochgebirge, die Erhabenheit der Einöde keinen Sinn. Auch kennt er keinen Wechsel traumhafter Dämmerstimmungen, nicht das Ahnen, das Erschauern, nicht die Andacht im Ungewitter. Ihn erquickt immer nur die heitere, helle Ruhe, das Amönliebliche. Zugleich aber will er viel sehen. Weitblick, Panorama, Prospekt! Wer daher eine Landschaft beschreibt, zählt auf, was er sieht. So finden wir es auch beim jüngeren Plinius, in dessen hochgelegenen Villen die Fenster mit Aussicht bisweilen so groß wie Türen waren; und die vielen Landschaftsgemälde Pompejis stimmen auffällig dazu, da sie fast alle aus der Vogelperspektive gemalt sind. Eine Schilderung aus der Vogelperspektive gibt auch Lucian im Charon 6. Zugleich aber ist an diesen Gemälden noch ein anderes charakteristisch: daß sie die Natur nie einsam zeigen. Es stehen stets Häuser darin oder stets Staffage, und fehlt der Mensch, so ist eine Nymphe da. Der Römer liebt nur die bewohnte Natur. Aber 111 auch das kann als Ausfluß seines eigenartigen Kunstsinns gelten; denn so wie ein Kunstwerk – ein Harnisch, ein Wohnraum – nur dann als schön galt, wenn es zweckmäßig schien ( καλὸν πρός τι ), so war auch nur die Natur schön, die Zwecken dient. Landleben und otium war dasselbe für den Römer der Kaiserzeit. Otium aber bedeutet nicht Muße, sondern geschäftige Muße. Das Nichtstun heißt nil agere , und das kann man in der Großstadt lernen. Plinius, Epist. 1, 9 fin. Trotzdem ist der Römer niemals ein leidenschaftlicher Jäger oder Fischer gewesen. Denn diese Tätigkeiten setzen jene vollständige Vereinsamung in der Natur voraus, die ihm widerstrebte; und es sind nur Paradoxa, wenn gewisse Kaiser und nach ihrem Beispiel auch Zenobia fischen und jagen gehen. Lächerlich wirkt es, wenn Plinius seine Schreibtafel auf die Jagd mitnimmt und Verse macht; aus Versehen fängt er dabei ein paar Eber im Netze. Villa des Marius am Kap Misen! Cicerovillen! Capri – Posilipp – Bajä – Tivoli – Gardasee: all diese Plätze sind von den Römern genußsüchtig entdeckt worden. An abschüssigen Hängen des Gebirgs bauten sie ihre Villen , oder auch schroff direkt ins brandende Meer hinaus, so daß man steil abwärts aus dem Fenster die Angelschnur ins Wasser werfen konnte. Jeder Bau konstruktiv ein Sieg über die Natur! jeder Bau zugleich eine Jagd nach großartigen Prospekten! Solche Villen waren ausgedehnte Gruppen von Sälen und Hallen, eine vollständige Welt für sich, die für eine Zeitlang Geist und Körper allein ernähren soll, etwa wie ein moderner Weltpostdampfer das heut auch versucht. Freilich kam es auch vor, daß auf solchem römischen Landgut nichts wuchs und daß, wer hinauszog, Körbe voll Eier und sonstigen Proviant sich aus der Hauptstadt mitnehmen mußte. Der trotzig eigensinnige Kunstgeschmack des Römers zeigt sich in diesem und in allem. Man nehme auch ihre Gärten . Die berühmten Gärten des Mäcen, des Sallust, Pompejus, Cäsar und anderer waren ausgedehnte Landstrecken, und sie lagen auf den Höhen um Rom, die Riesenstadt eng umgürtend, die sie zu ihren Füßen sahen, über dem Monte Pincio oder gleich am Janiculus, Gärten, die uns an Villa Borghese und Villa Pamfili gemahnen. Die Römer spielen eine der ersten Rollen in der Geschichte der Gartenkunst, aber nicht im romantischen Sinn. Denn es werden 112 wohl auch einmal Walddickichte, ein ganzer Kaukasus, der künstlich hergestellt wurde, erwähnt. Properz 1, 14, 6. Sonst aber erinnerte nichts an den englischen Park; denn Italien selbst glich ja schon solchem Park mit seinen dunkelen Wäldern und weiten Weideflächen und hochpittoresk aufgebautem Gelände. In den Gärten selbst herrscht deshalb, dazu im Gegensatz, die gerade Linie; der Buchs wird in tausend eckigen Formen geschoren; die Platanen in steife Ordnung gestellt, während mächtiger Epheu von Wipfel zu Wipfel hängt; alles aber übersät mit rieselnden Wasserkünsten und altkostbaren Bronzen und Marmorwerken, die zwischen Lorbeer und Zypressen schimmern. Gestutzte Natur! stilisierte Natur! Barockstil! In solchen Gärten pflag Messalina der Liebe, in solchen Gärten wurden die sommerlichen Trinkgelage gehalten, die Horaz besingt. Das ist römische Kunst. Und nun die eigentliche Kunst! Die Kunst eines Volkes ist der sicherste Gradmesser seiner inneren Verfeinerung. Wir fragen: wie weit war der Römer an ihr beteiligt? und antworten: er war nicht nur ihr mächtiger Auftraggeber, er ist zum Teil auch selbst in großartigem Stil Produzent gewesen. Aber seine praktische Veranlagung war dabei entscheidend, und er hat sich nur an Literatur und Architektur beteiligt. Die Literatur schien ihm fürs praktische Leben verwendbarer als die Musik; denn sie war die Trägerin der römischen Sprache. Daher dichtete der Römer und musizierte nicht. Ebenso war es die Architektur , die das städtische Leben gestaltete, viel mehr als die nur dekorativen Künste; darum hat es viele Architekten römischer Herkunft, aber keinen einzigen Bildhauer und nur wenige Maler gegeben. Dazu kam allerdings der fanatische Reinlichkeitstrieb. Der Römer schrieb nicht gern mit Tinte und Feder, sondern nur mit dem sauberen Metallstift auf Wachs. Ebenso beschmutzte er sich die Hände nicht gern mit Farbenklecksen und Tonkneten. Dagegen war es schon im 2. Jahrhundert v. Chr. ein Römer Cossutius, der im Auftrag des syrischen Königs Antiochos Epiphanes den Bau des Zeustempels in Athen leitete. Der Römer trat unter die Griechen wie ein Riese unter Zwerge. Er brauchte Häuser nach seinem Maß. Wir reden vom Raumbau , dem bedeckten und unbedeckten. Die unbedeckten Raumbauten waren Rennbahn, Theater, 113 Amphitheater. Erdwälle genügten nicht; es galt die Sitzreihe für das Riesenpublikum monumental in Quadern aufzumauern. Das geschah bis zu drei oder vier Stockwerken – wie im Marcellustheater und Kolosseum –, welche Stockwerke, nach außen architektonisch feingegliedert, die Muster geworden sind für die profane Außenarchitektur und den durchbrochenen Fassadenbau der neueren Zeiten. Zugleich wurden eine Anzahl numerierter Eingänge, wurden Gänge und Treppenwerk in wundervoller mathematischer Simplizität und Übersichtlichkeit hergestellt, die das Finden der Plätze, auf die die Eintrittsmarken lauteten, erleichterte. Großartiger und folgenreicher noch die gedeckten Basiliken und Thermen! Die Flachdecke, mit der man gelegentlich sogar ein offenes Theater zu decken versuchte, wich der Wölbung , die sich selber trug. Schon die Griechen kannten das Prinzip des Wölbens, aber ihr Kleinleben bot keinen dringenden Anlaß, es auszubeuten und seine Tragweite zu bemerken: »Tragweite« im eigentlichsten Sinne des Wortes. Hoch auf die Wände gestellte Tonnengewölbe, Kreuzgewölbe und Kuppeln! Ihre Spannungen wurden in Rom kühner und kühner. Mit Backsteinringen, oft auch nur mit hohlen Töpfen wurden die gewaltigen Wölbungen aufgemauert. Die hängende Kuppel über dem Steinzylinder des Pantheon erreicht einen Durchmesser von 43 Meter, und sie ist weit genug, daß die fünf Schiffe des Kölner Doms unter ihr Platz finden könnten. Das ist es, worauf der ganze Gewölbebau des Mittelalters und der Neuzeit fußt, und erst unsere Gegenwart sieht sich durch Glas und Eisen in den Stand gesetzt, Rom wirklich zu schlagen, in Brückenbau, Wolkenkratzern, Bahnhofshallen und Kristallpalästen, siegreich, elastisch und doch oft so unschön, wenn wir nichts gewahren als splitternackte Stahlgerippe. Mit der großartigen Monumentalität und betäubenden Wucht der Römerbauten ließen sich höchstens die Bauwerke Ägyptens vergleichen. Eine herrische Bezwingung der Massen, hier und dort; und dennoch, welcher Unterschied! Welche Ungeheuer, jene Pyramiden, deren Zeltform gar keinen Zweck ausdrückt! Wie hilflos unfrei jene Wälder schwerleibiger, enggestellter Tempelsäulen in Karnak und Theben, die kaum ausreichen, die lastenden Steindecken zu tragen! Vor allem ist die ägyptische Kunst nur sterile Königskunst. Sie diente nicht dem Verkehr . Sie versetzte Berge, nur um den König und Bauherrn als Gott zu verherrlichen. 114 Wie anders Rom! Roms Bauwunder sind für das Volksgetriebe ersonnen, sie dienten der Menschheit. Nur Nero macht eine Ausnahme; er hat in Rom den Pharao gespielt. Denn mitten in die niedergebrannte Stadt stellte er sein »goldenes Haus«, das etwa von da, wo man heute die Meta Sudans sieht, ausging und den ganzen Esquilin überdeckte und Weingärten und Tierparks, ja Säulenhallen von einer Meile Länge in sich barg, während vor dem Palast Nero selbst im Kolossalbild ragte. Aber gleich nach Neros Tod zerstörte Vespasian das Ganze und setzte einen Volksbau an die Stelle, und die märchenhaft in Gold und echten Perlen schimmernden Prunksäle verschwanden wie ein flüchtiger Traum: der Traum sultanischen Größenwahns. Übrigens läßt sich mit diesem Monstrebau der Palast des gealterten Kaisers Diokletian vergleichen, in dessen ausgedehnten Ruinen heute die Stadt Spalato steht. Technisches können wir hier nur streifen. Das römische Theater weicht im Grundplan vom griechischen ab; trotzdem aber erreichte auch der Römer wie der Grieche in diesen Räumen eine Sicherheit der Akustik, um die wir ihn nicht genug beneiden können. Man hörte jeden Hauch, jedes spöttelnde Geflüster des Mimen im fernsten Winkel. Nicht minder erstaunlich sodann der Luxus drehbarer Zimmerdecken: während der Mahlzeiten schob sich die rollbare Decke, und bei jedem neuen Eßgericht sah man über sich ein neues Gemälde erscheinen. In Neros goldenem Haus befand sich ein Saal mit Kuppel, der sich beständig um seine Achse drehte; und dem entsprechen, ins Riesenhafte ausgedehnt, die zwei hölzernen Theater des Curio, deren Zuschauerräume der Konstrukteur mit den Rücken gegeneinander stellte. Diese Zuschauerräume standen aber drehbar auf Zapfen, und wenn man sie gleichzeitig drehte und einander zukehrte, so stellte sich aus den zwei Theatern ein Amphitheater her. Es fehlt an hinreichendem Grund, diese Nachricht zu bezweifeln. Noch bedeutsamer aber für das Volksleben und nicht minder originell und großartig waren die römischen Katakomben des zweiten und dritten Jahrhunderts! Eine Gräberstadt unter der Stadt, ganze Straßennetze von Galerien, in Stockwerken untereinander; in den Wänden Fächer für Leichen; dazwischen Grabkammern, wohnlich ausgemalt wie die Häuser Pompejis. Vorher hatte man in Rom überirdische Begräbnishallen mit Wandnischen für die Aschenkrüge gebaut, die sogenannten Kolumbarien. Diese 115 Idee hat die Christenheit, besonders die Christenheit Roms, die größte Begräbnisgenossenschaft des Altertums, in den Katakomben nach ihrem Bedürfnis umgewandelt. Aber derselbe Römer, sagt man, der so baute, war doch zugleich ein Kunstbarbar! Das ist gewiß nicht richtig. Ich polemisiere hier gegen meine eigene Schrift: »Laienurteil über bildende Kunst bei den Alten«, S. 19. War es doch das römische Volk, das wegen des Schabers des Lysipp gegen Kaiser Tiberius sie erhob (oben Seite 65 ); und der erste, von dem wir hören, daß er durch den Zeus des Phidias innerlich ergriffen war, war ein Römer, Ämilius Paulus. Schmählich haben allerdings die römischen Soldaten, ja auch die Feldherrn, in Alt-Hellas, in Makedonien, Asien den brutalsten Kunstraub betrieben. Aber sie wußten doch sehr bald die besten Sachen herauszufinden. Schon Verres, der Plünderer Siziliens, verriet einen ganz echten Kunstinstinkt. Luculls Kunstsammlungen, Luculls Förderung griechischer Künstler zeugt für dasselbe. So wie für die großen griechischen Dichter, so reifte in Rom auch für die griechischen Künstler das volle Verständnis erst allmählich. Aber welche barbarische Anhäufung von erlesenen Meisterwerken auf allen Märkten und Promenaden! Es kam mit Rom dahin, daß es so viel Statuen wie Einwohner hatte. Was ist Berlin dagegen und die Siegesallee? Welche sinnlose Vergeudung, wenn Markus Scaurus im Jahre 58 vor Christo in dem Theater, das er für 80 000 Zuschauer aus Holz aufbauen ließ, den hohen Bühnenhintergrund mit Glasmosaik und Goldplatten überdeckte, übrigens aber zum Aufputz 360 Marmorsäulen, unzählige Gemälde, 3000 Erzstatuen und noch anderes mehr verwandte, um schon nach wenigen Festtagen das Ganze wieder abzureißen? Aber ich glaube doch, die Sache wirkte gewiß nicht übel; für einen festlichen Raum ist das Prangendste und Reichste gerade gut genug; und die Überfüllung mit Statuen lernte Rom ja doch von Delos, Rhodos, Athen. Das war gut griechisch. Sehr verständig bemerkt jedoch der ältere Plinius, daß diese Vielheit auf die Dauer abstumpfe und daß niemand in der Hauptstadt mehr Zeit finde, das Einzelne wirklich zu würdigen. Dieser Plinius wußte also ganz gut, daß der echte Kunstgenuß ruhige Versenkung braucht, und er urteilte aus Erfahrung . Denn der wirkliche Liebhaber gestaltete sich in Rom den Kunstgenuß allerdings intim und sammelte Malereien und Skulpturen beschaulich abgesondert in Villen und Gärten. 116 Denn auch Gemäldegalerien oder Pinakotheken waren dem Römer etwas Geläufiges, aber nur im Privatbesitz . Sie lagen in den Palästen nach Norden. Dabei lernen wir noch Folgendes. Der Römer ordnete die Werke gern räumlich in strenger Symmetrie, aber er hielt darauf, daß jedes isoliert stand, und zwar möglichst in Vorderansicht. Vgl. Anthol. Palat. XII, 223. Jedes sollte nur ganz für sich wirken. Absurd wären für ihn unsere Museen, wo man die Statuen wie Rekruten in Reih und Glied stellt: ein Rekrut beeinträchtigt da den anderen, und die Reihe verschlingt den einzelnen. So dürfen aber auch Gemälde nicht in Reihen hängen, es sei denn, daß sie Friese bilden. Das ist antike Auffassung. Wenn wir, seit Kaiser Trajan, die Triumphbögen der Römer mit Reliefbildern überladen sehen, so ist das eben Barbarei der späteren Zeiten. Aber wie oft haben Römer Originale zu besitzen geglaubt, und sind mit Kopien betrogen worden! Gewiß, und das geschah den Protzen ganz recht. Wie viele Kopien nach Böcklin sind nicht als echte Böcklins bei uns verhandelt! Wie täuschend waren die aberhundert Fälschungen nach Leibl, Uhde u. a., mit denen uns im Jahre 1908 München überraschte! Und wie viele unechte Tizians, Rubens usf. sind nicht von den fürstlichen Galerien des 17. und 18. Jahrhunderts urteilslos zusammengehandelt worden! Was beweist das? Kunst geschichtliche Bildung wird eben, solange eine hinlängliche orientierende Literatur dem Publikum noch fehlt, sehr schwer erworben, und sie ist zum Glück ebensowenig für den Geschmack unentbehrlich, wie für die Produktion selbst. – Übrigens dachten die Römer oftmals da, wo sie sich berühmen, einen Myron und Skopas zu besitzen, ohne Zweifel selbst nur an Kopien nach solchen Meistern (zum Beispiel Horaz, Carm. 48). Denn sie waren nicht so dumm, nicht einzusehen, daß nicht jeder jedem zum Geburtstag einen echten Skopas schenken konnte. Und die Kopien selbst, die man damals fertigte, zeigten immer noch einen hohen Grad von Meisterschaft. Es sind ja eben dieselben Exemplare, die auch noch Winckelmann zur Bewunderung hinrissen: der Apoll von Belvedere, nicht in Rom, nein, bei Grottaferrata gefunden, die Niobiden in Florenz, der Zeus von Otricoli usf. In Otricoli, diesem Nest, befand sich also dieser Kopf, der heute vollständig unsere Phantasie beherrscht; der Apoll von Belvedere schmückte irgendeines der vielen Landhäuser. Die Römer 117 waren klug, wenn sie auch schon damals an solchen herrlichen Repliken ihre Kunstfreude übten, wie wir es tun; aber sie wußten dabei sehr wohl, daß die Vollkommenheit des Originals beim Kopieren oft nicht erreicht wird. Plinius, Epist. V, 15. Schlimm dagegen das Prahlen mit altem Silbergeschirr, von dem wir so oft hören, das Prahlen mit ziselierten Originalbechern ( archetypi ) des alten Mentor! Es genügte also nicht, daß die Exemplare schön waren, sie mußten auch nach Mentor, dem Benvenuto des Altertums, heißen. Darin lag aber wiederum nicht etwa ein Mangel an Schönheitssinn, sondern nur ein Mangel an historischer Erziehung, die ja in Wirklichkeit erst seit dem 19. Jahrhundert weitere Volkskreise durchdringt. Dennoch weiß ich von einer Barbarei, die nicht ihresgleichen hat. Am 27. November 1900 wurde vor der nördlichen Stadtmauer Pompejis eine Jünglingsgestalt in Bronze ausgegraben, im Stil des Idolino, wundervoll erhalten, ein Original etwa des Jahres 400 vor Christi. Sogliano, der den Fund veröffentlichte, schrieb begeistert: »O du schönstes Produkt der griechischen Plastik, gehe jetzt und tritt nach einer Nacht von 18 Jahrhunderten wieder ein in die große Welt der Kunst und erwarte in Ruhe das Urteil der Gegenwart und Zukunft. So lange es Augen gibt zu sehen, wird deine Schönheit immer hochgehalten werden.« Fremdartig fesselnd, mit großen Antilopenaugen starrt dieser griechische Jüngling in unsere Welt, ein Musterbild seiner Rasse. Was aber machte dereinst der pompejanische Besitzer daraus? Einen Lampenhalter. Dazu übersilberte er die ganze Figur, damit sie das Licht reflektierte; die großen Augen aber aus weißem Marmor mit Pupillen von schwarzer Glaspasta stieß er ein, so daß sie im Bauch der hohlen Figur gefunden worden sind, und setzte dafür andere Augen ein, die schielten. Das war allerdings eine brutale Schändung, und gewiß mag derartiges in der alten Welt hundertmal vorgekommen sein. Aber was beweist es für den Durchschnitt? Ganz Pompeji zeugt ja schon laut dagegen. Denn man gehe nur in dieser kleinen Kreisstadt von Haus zu Haus: wie ist da alles durchdrungen von Anteilnahme an der Kunst! Kein Haus, wo sie fehlte. Welche Fülle, welche Treffsicherheit des Netten, Artigen und Schönen, und wie selten ist der Ungeschmack! Pompejis Vorzüge sind nun 118 aber das Verdienst seiner Hausbesitzer, und diese Hausbesitzer waren nicht etwa Griechen, sondern Römer. Dem Bauherrn selbst gereicht ohne Zweifel sein Haus zum Ruhm, sowie wir, wenn jemand sich geschmackvoll kleidet, doch nicht nur seinen Schneider loben. Darum rühmen wir den Kunstgeschmack des Römers, der nicht nur mit genialem Raumsinn den Platz für seine Villen selbst bestimmte, sondern auch die Bilder selbst wählte, die Statuen selbst aufstellte in Haus und Garten. Sagt uns doch Cicero ausdrücklich: wie Gott Schöpfer der Natur, so ist der Hausherr Schöpfer der Schönheit seines Hauses! Cicero, de deorum nat. II, 17. Derselbe Cicero bestellt sich aus Griechenland Reliefs für sein Atrium; ganz bestimmte Wandplätze hat er dafür im Auge, und die Reliefs müssen an die Plätze passen. Statuen werden ihm angeboten, aber die lehnt er ab, weil sie ihm für den betreffenden Raum ungeeignet scheinen. Wer einen Kunstmaler in seiner Sklavenschaft besaß und ihn freiließ, bedang sich aus, daß er gegen Vergütung auch fernerhin für sein Haus arbeite. Ohne persönlichste Anteilnahme ist alles das nicht denkbar. Daher sagt Lactanz (im Anschluß an Seneca) mit Recht, daß der Römer mit Statuen spiele wie die Kinder mit Puppen . Mit Recht; denn aller Kunstbetrieb ist Spiel; wer aber mit der Puppe spielt, der liebt sie auch, der hegt sie mit Innigkeit wie ein lebendes Wesen. Aus der Spätzeit Roms hören wir endlich, wie auch der Staat selbst die Kunstmaler begünstigt hat: ihnen wurden Werkstätten ohne Mietzins eingeräumt, und zwar in allen Städten. Für das Altertum wäre das Schlagwort gewisser »Moderner« der Vorkriegsjahre » l'art pour l'art « eine Halbheit gewesen. Vielmehr ist der Zweck des Kunstschaffens ein doppelter: Befriedigung des Künstlers selbst und der Beifall der Menge. Seneca, de benef. II, 33. Tatsächlich aber beabsichtigt die ganze antike Kunst nichts, als für und auf den Laien zu wirken. Und der Laie schaute und bewunderte, aber der Laie urteilte nicht. Dies ist wiederum merkenswert. So hielt es die ganze ältere griechische Literatur bis auf Aristoteles, die uns kein einziges Kunsturteil gibt, ebenso hält es aber auch die römische. Denn der stumme Genuß ist oft der tiefste, und Zurückhaltung im Urteil ist eine Klugheit, die wir heute nur zu oft vergessen. Wenn aber die Römer zur Plastik einmal das Wort nehmen, so führen sie das mit den 119 bescheidensten Wendungen ein, wie Plinius in dem schönen Brief III, 6, und zwar bewußt und in der verständigen Voraussetzung, daß für Kunstdinge nur der Ausübende maßgebend und urteilsfähig ist. Nach Plinius gibt es auf diesen Gebieten tatsächlich nur zweierlei: Künstler ( artifices ) und Nichtsachverständige ( imperiti ), kein Drittes. Anders dachte freilich Aristoteles, der eine Erziehung des Laien zum Kunstgenuß und Kunsturteil anstrebte. Daher wird jedes Kunstgeschwätz grundsätzlich vermieden. Nur aus echtem Kunstgefühl erklären sich aber auch die Vorzüge der römischen Architektur . Jede Kolossalität läuft sonst Gefahr, klotzig, erdrückend, barbarisch wie die ägyptische zu werden. Der Römer aber hat, griechischen Geistes voll, die Massen überall durch die Proportion bezwungen und erreicht, daß auch noch das Übergroße harmonisch wirkt: gewiß eine Leistung außerordentlichen Kunstvermögens. Und dabei hat er die herkömmlichen Schmuckformen nicht etwa beibehalten und nur vergrößert, sondern mit kühner Phantasie sie weitergebildet. Es gab auch Dichter in Stein in Rom. Je mehr der Stuckbewurf und die Bemalung der Schmuckformen zurücktrat und bei den Bauten der kostbare Stein als Stein wirkte, desto reicher wurden die Schmuckformen selbst: Kolonnaden mit Rundbogen; üppige Kompositkapitelle; vortretende Schmucksäulen, die nichts tragen; Gebälk und Friese, die vor- und zurückspringen; Verkröpfungen; Nischenbildungen; Zerlegung der Wandflächen in reich umrahmte Felder. Das gab Ausdruck, belebtes Schattenspiel. Dazu der farbige Marmor, Porphyr, Syenit, Giallo antico ! Welche feierliche Pracht, Glanz und Würde! Bis Hadrian geht diese stolze römische Kunst im großen Zug aufwärts. Aber wenn man auch noch das Späteste nimmt und in das Innere von St. Vitale in Ravenna eintritt: ist denn dies entzückende Wunderwerk von Innenarchitektur nicht auch noch ein Geschenk des römischen Kunstgenies? Wie aber steht es mit der Malerei und Plastik? – Männer von Verdienst mit Porträtstatuen zu ehren, das war längst griechische Sitte gewesen. Der Römer setzte das fort, aber er vertausendfachte den Betrieb; zugleich stellte er der Porträtkunst die lohnendsten neuen Typen, und sie bereicherte und steigerte sich immer noch erstaunlich. Dabei sind es die Auftraggeber selbst, die den Künstler beaufsichtigen und über der Ähnlichkeit wachen. Denn es ist schwer ein Gesicht zu treffen, noch schwerer aber, von 120 solchem Porträt Kopie zu nehmen; man soll dabei das Idealisieren ( in melius aberrare ) vermeiden. Plinius, Epist. III, 10, 6 und IV, 28. Kaiser Wilhelm, Moltke, Bismarck standen bei uns früher in Gips in allen Schränken. Das ist aber nichts gegen die Hochflut von Kaiserbildern jener antiken Zeiten, und dabei fertigt man alles nur in Marmor und Erz. Nur in den Schulstuben standen Horaz und Vergil in Gips und wurden von den qualmenden Öllampen kläglich verräuchert. Wollte eine Kleinstadt einen Mitbürger ehren, so ließ sie gegebenenfalls gleich fünf Statuen von ihm aufstellen, alle an verschiedenen Plätzen, und das war ja allerdings das beste Verfahren: man konnte an dem Mann nicht vorbeisehen. Speziell römisch aber ist dabei erstlich die Liebe zur Kolossalstatue, zu der die großen Raumbauten Anlaß gaben, sodann aber die Erfindung der versetzbaren Büste; und diese Erfindung war äußerst praktisch, zum Beispiel gleich im Dienst des Kaisertums. Denn kam einer der oft so kurzlebigen Kaiser neu zur Regierung, so konnten von ihm rasch Büstenbilder zu Hunderten, noch ehe er ermordet war, in alle Provinzen gehen; und die Welt wußte doch wenigstens, wie er ausgesehen hatte. In der Malerei herrschte der sogenannte schöne Stil der Griechen. Auch die entzückende Phantastik der Satyrn und Mänaden, Amoretten und Centauren sah der Römer an seinen Wänden gern; ebenso die elegant gemalten griechischen Legenden von Io, Phädra, Ariadne, Adonis oder Endymion. Ja, seit dem zweiten Jahrhundert begann er mit solchen elegischen Szenen sogar seine Marmorsärge zu schmücken. Besonders aber hat der Römer die Kunst des Mosaiks gefördert, welches Mosaik anfangs die Fußböden bedeckte, dann gleichsam die Wände emporklomm und schließlich großfigurig und strahlend in Gold und farbigem Glas die Decken und hohen Apsiden krönte. Für übergroße Räume erschien nur dies Mosaik monumental genug. Anders dagegen in kleineren Räumen; für ihren Wandschmuck wurde jener bezaubernd duftige Dekorationsstil geschaffen, der in virtuoser Weise fast körperlos die Körper nur andeutet, nur Lichter aufsetzt, nur Ausblicke vortäuscht und den Raum ausweitet und lichtet, statt ihn durch konkrete Gegenständlichkeit von Bildern zu verengen. Es ist wohl kein Zufall, daß diese raffinierte Dekorationsart, die Pompeji uns zeigt, jung und erst in der römischen Kaiserzeit 121 entstanden ist: nur ein an weite Räume gewöhntes Geschlecht von entwickeltstem Raumsinn hat sie erfinden können. Aber auch der grobnaive Wirklichkeitssinn des echten alten Römertums suchte und fand in der Kunst seinen Weg. Gewisse, schlagend realistische Statuen nach Volkstypen, alten Bauern und Fischern, die wir besitzen, sind ohne Zweifel Erzeugnisse des römischen Kunstgeschmacks. In derselben Richtung geht die Moselkunst des zweiten und dritten Jahrhunderts, die wir im Trierer Museum bewundern; und es ist ganz ihres Geistes, wenn in Rom schon der Bäckermeister Vergilius Eurysakes großspurig seinen ganzen Geschäftsbetrieb in Stein aushauen ließ, oder wenn wir in Pompeji Schulszenen gemalt sehen, wo u. a. ein freches Bübchen hübsch übergelegt und mit der Rute gestrichen wird. Drastischer war es freilich und echt südländisch, wenn bei den Gerichtsverhandlungen den Richtern vom Kläger die Schandtat des Verklagten sichtbar in Bildplakaten vorgeführt wurde, gewiß möglichst abschreckend gemalt, ein wahres ad oculos -Demonstrieren! Zum Beispiel ein Spieler steht unter Anklage; man sieht gemalt, wie er würfelt, dann wie er alles verspielt, bis aufs Hemd entblößt ist, ins Gefängnis kommt usf. Das war Bilderbogenstil , Jahrmarktstil. So liebte der Römer aber auch sonst das Bilderbuch nach Art der uns erhaltenen Josuarolle, d. h. ganze Kriegshistorien, nur in Bildern vorgeführt, die eng aneinander hingen und als Papierrolle sich zusammenrollen ließen. Ganz so hatten es schon die alten Ägypter gemacht. Die Ausführung realistisch, ohne viel Perspektive: die Eroberung Sardiniens oder die Einnahme von Karthago, mit Gefechten, mit Sturmlauf, Szene an Szene. Der beteiligte Feldherr kam mit solchen Bildern, die er zu seinem Ruhm anfertigen ließ, persönlich aufs Forum gegangen und erklärte sie dem Volk: in der Tat das wirksamste Kriegsbulletin! Als Kaiser Titus Jerusalem erobert hatte, wurden die Sachen sogar auf hohem Gestell durch die Straßen gefahren, und da sah man Palästina verwüstet, die Juden, wie sie kämpfen, fliehen, fallen und gefangen werden; Tempelbrand, Einstürzen der Häuser usf. Alles das war auf vergänglichem Material ausgeführt und ist rasch dem Untergang verfallen. Besäßen wir es noch, wie viel könnte der Kulturhistoriker daraus lernen! Aber wir haben einen Ersatz. Ich meine eins der stolzesten Denkmäler Roms, das wichtigste Monument römisch-nationaler Kunst, die 122 Trajanssäule . Denn sie ist mit solchem rollbaren Bilderbuch ansteigend umwickelt, das die Kriege Trajans sorgfältig mit allen Einzelheiten erzählt. Das Bilderbuch ist hier versteinert; es ist an der Säule im Marmorrelief nachgeahmt, aber dies Relief war zugleich bunt angemalt und wirkte als Malerei weithin strahlend. Weil aber die Trajanssäule der Mittelpunkt des Trajanischen Bibliothekbaues war, so mußte an ihr das Buch um so sinnvoller erscheinen. So sehr wir dies Werk Trajans bewundern – und Mark Aurel ahmte es nach –, so gröblich ist dagegen, wie ich schon andeutete, die Geschmacksverirrung, wenn gewisse römische Triumphbögen , anders als der edle Titusbogen, mit eben solchen aktuell historischen Schildereien überladen sind. Sie wirken marktschreierisch wie eine Litfaßsäule. Die Vornehmheit war verlorengegangen und jedes Stilgefühl. Man spürt an ihnen das Nahen barbarischer Zeiten. Das aufkommende Christentum hat jede Kunstschöpfung zunächst abgelehnt; es verfolgte die Künstler selbst mit Haß und Grauen, und als Kunstform galt ihm eigentlich nur das Kreuz . Hören wir indes, wie ein Kirchenschriftsteller für das Kreuz bei den Heiden wirbt; die Stelle ist lehrreich. Das Kreuz, sagt Tertullian, ist euch heidnischen Bildhauern selbst nicht fremd, ja, es ist euch unentbehrlich; denn für eure Tonmodelle verwendet ihr jedesmal ein Kreuz als Gerippe, einen Balken, der im Bildwerk aufrecht steht, und einen zweiten in der Richtung von Schulter zu Schulter. Dies Holzkreuz wird nun mit feuchter Töpfererde umkleidet, und so wie in der Bibel Gott den Menschen aus einem Erdenkloß macht, ganz so tut es auch der Plastiker (wir bemerken, daß die Bibelstelle selbst nicht ohne Kenntnis der Bildnerkunst geschrieben ist). Ist die Figur in Ton fertig geknetet, so dient sie selbst als Modell oder »Proplasma« und kann in Gips abgegossen werden, oder es werden auch danach gleich Abbilder in Marmor und Erz hergestellt, worauf das Tonmodell im Atelier verbleibt, die Abbilder aber in den Handel kommen. Wer nun also ein heidnisches Götterbild verehrt, so argumentiert Tertullian, der verehrt auch schon das Kreuz, das im Modell steckt. Also bekehrt euch zu unserm Glauben! Bald genug hat sich das Christentum vielmehr selbst zur Kunst bekehrt, wobei es sich nicht nur der heidnischen Technik, sondern oft auch heidnischer Motive bediente. Schon im 4. Jahrhundert 123 sah man in den Vorräumen der Kirchen die Martyrien der Heiligen gemalt, also Kirchenkunst. Allein das Christentum kam zu spät; alles Schönste, was die Kunst besaß, hatte sie vorher an die anderen Religionen verausgabt. Und diese Verweltlichung der Kirche war dabei zugleich eine Entweltlichung des Kunstgefühls, das immer doch offnen Weltsinns und voller, gesunder Sinnesfreude bedarf. Kein gewaltiger Christustyp, wie die Menschheit ihn brauchte, ist damals geschaffen worden, und weltgeschichtlich Denkwürdiges kam nicht zustande.   X. Die Sittlichkeit Die wichtigste Gabe der Kultur ist die Gesittung. Die Gesittung ist geläuterte Sitte; sie ist Sittlichkeit. Horaz nennt diese sittliche Veredelung kurzweg cultura . Episteln I, 1, 40. Entweder ein Volk läutert selbst seine Sitte, oder auch ein Nachbarvolk wird ihm darin zum Lehrmeister. Dabei ist die Familiensitte von der internationalen zu unterscheiden. Zuerst setzt sich ein Kanon sozialer Pflichten durch; dann erwacht die Humanität, die mehr will als kahle Pflichterfüllung. Diese Sitte aber ist eine Macht, die über den Individuen steht, die alsbald an die Gottheit als ihren Urheber geheftet wird und die, indem sie den Willen des Einzelnen packt, das Volksleben gestaltet und umgestaltet. Doch immer nur unvollkommen. Denn der Künstler vermag, was seine Phantasie schaut, auch vollkommen darzustellen: die Volksseele schaut zwar das Gute, aber sie bleibt ewig ein Stümper, so oft es an die Ausführung geht. Zur altrömischen Moral oder Sitte gehörte der Krieg , die Eroberung. Der Konflikt mit dem Grenznachbar gehörte zum Leben, und die Tugend des Mannes war damals nach zwei Seiten gerichtet, nach innen auf die Hütung der Familie, der er als Herr vorstand, nach außen auf das Gemeinwesen und seine Fehden mit dem Ausland. Wie sich die alte Raubtiernatur, die unersättliche Wolfsnatur des Römers auswuchs, durchsetzte und potenzierte und zu welchen Tugenden und Lastern großen Zuschnitts das führte, kann man in den Geschichtsbüchern lesen. Aber mit der endgültigen Unterjochung der Welt unter der Monarchie hörten auf einmal alle politischen Zwecke auf, und 124 für die Tugend begann eine ganz neue Zeit. Das Kaiserreich war der Friede: man hatte jetzt Raum für eine allgemein menschliche, ganz unkriegerische soziale Ethik, die von den Griechen einfloß. An der Art, wie ein Mensch seine Muße verwendet, heißt es jetzt, erkennt man, was er wert ist. otio prodimur : Plin. Panegyr. 82. Es war in der Geschichte der Ethik das größte Ereignis. Stoische Lehre! Die Sextii begannen in Rom zu predigen wie Paulus. Augustus selbst hoffte sehr, nach der entsetzlichen Verwilderung der Bürgerkriege, auf eine rasche Regeneration. Aber das betraf im wesentlichen immer nur die Hauptstadt Rom selbst. Ja, der Kaiser hat durch unablässigen Eifer dafür selbst gewirkt in seiner vierzigjährigen Regierung. Zwar verfiel er nicht auf den Gedanken, Volkspredigten zu organisieren, sondern die Literatur sollte helfen, vor allem die griechische; er las sie persönlich durch, notierte jede erzieherisch brauchbare Stelle, machte Auszüge und schickte sie an seine Beamten, die solcher Zurechtweisungen zu bedürfen schienen. Er stellte sich im Senat hin und las ganze Bücher moralischen Inhalts persönlich vor, und auch im Volk ließ er sie vertreiben: über Einschränkung des Luxus, über Familiensinn und anderes. Mehr noch: um der Ehescheu und dem Eingehen der alten Familien zu steuern, gab er seine berühmte Ehegesetzgebung; er wußte endlich die großen Dichter seiner Zeit in seinen Ideenkreis zu ziehen, und Vergil wurde der Dichter der Frömmigkeit, Horaz aber dichtete seine Staatsoden, in denen er mit starken energischen Worten Rom zuruft: werde gesund, erwache zur alten Tugend. Wie schön und ergreifend! Aber das war nur für die wenigen! und eine Regeneration läßt sich nicht von oben machen. Dazu sind nicht Bücher gut, sondern das Beispiel. Die Zeit brauchte eine reine und lautere unweltliche Gestalt, einen vir sanctus , als Weckrufer, dessen Person in Einklang mit seiner Lehre steht und der gleichsam seine Seele nackt vorzeigen kann: seht her! ich bin unzerspalten und ganz ohne Makel! werdet wie ich. Augustus steckte mit seinen Wurzeln noch in der bluttriefenden Ära der Bürgerkriege. Die Zeit des klotzigen, graß erbarmungslos würgenden Egoismus aller gegen alle! Er selbst ein zwanzigjähriger Henker! Damals verstieß er seine edle Frau Scribonia. Es war nicht einmal seine erste Frau; aber dies war seine erste 125 Familiensünde. Scribonia wurde 90 Jahre alt, sie überlebte ihn, und ihre Nähe in Rom war wie eine stumme Anklage für ihn zeitlebens. Er gab sich danach alle Mühe, mit seiner Familie vor dem Volk tadellos dazustehen. Aber eine donjuanartige Leichtlebigkeit lag in ihm. Es war Temperamentssache. Erst mit dem Alter verlor sich das, und er reifte wirklich allmählich zum Träger der Humanität, zum Muster bürgerlicher Quasi-Vollkommenheit, zum leutseligsten Friedensfürsten heran, auf alle Fälle eine erstaunliche Leistung der Selbstzucht. Sein hohes Amt selbst wirkte auf ihn erziehend, und das Verlangen, gut zu scheinen, ist immer dem Gutsein förderlich. Als der Greis, immer noch ein schöner Mann, auf dem Sterbebett lag und sich noch einmal hatte seine Haare ordnen lassen, war seine letzte liebenswürdige Frage, ob er sein kleines Stück auch gut gespielt? »Dann freut euch, wenn ich nun abtrete, und klatscht Beifall.« Die Worte des Augustus sind falsch erklärt worden; zum Verständnis muß Cicero, De senect. 64 u. ä. dienen. Es war also nur eine Rolle auf der Bühne, die er gespielt hatte: die Rolle, Kaiser zu sein und gut zu scheinen. Kein Lustspiel, nein! es war eine Tragödie, nicht ohne tiefe eigene Verschuldung, und die entscheidenden Rollen hatten darin die Frauen inne. Augustus hatte von Scribonia eine einzige Tochter, Julia. Wenn der Trieb zum Vollsichausleben irgend einmal schrankenlos geherrscht hat, so war es damals. Julia war von höchster Intelligenz, von feinster literarischer Bildung, von bezaubernder Liebenswürdigkeit und von einer sanften Menschlichkeit im Verkehrston; aber das Tierisch-Brunsthafte in ihr schlug durch. Jene höchste Kultur ihrer gesellschaftlichen Erscheinung war doch nur wie ein wundervoll schillerndes Gewand, das lose saß: die animalische Natur bewegte sich unzüchtig darin. Je dringender eben jetzt die Weisheitslehre und Gotteslehre mit moralischen Vorschriften und gar mit Kontrolle und Aufsicht kam, je elementarer widerstrebten die Menschenexemplare großen Stils. In seiner Tochter Julia stand vor dem Papstkaiser Augustus seine eigene sündige Vergangenheit, wundervoll rassig, aber erschreckend verderbt und verderblich. Augustus hatte etwa 24jährig zum drittenmal geheiratet; er machte die schönste der Frauen, Livia , zur Herrscherin Roms. Aber Livia, kaum 20jährig, war damals schon vermählt, ja, sie war schon Mutter und trat zudem schwanger in die Ehe mit ihm. 126 Ihr erster Gatte Claudius Nero nahm an der seltsamen Hochzeit teil und übergab selbst sein Weib dem neuen Gatten. Es war ein unerhörter Handel. Ein kleines vorlautes Kind, so erzählt man, war unter der Hochzeitsgesellschaft im Festsaal zugegen, wo Livia mit Octavian vereint auf dem Speiselager lag; Claudius Nero lagerte ihnen gegenüber, und das Kind rief laut: »Aber Livia, dort drüben ist doch dein Platz.« Das Wort aus Kindermund blieb unvergessen. Die Sache war ein Schlag ins Gesicht der Gesellschaft. Aber die Gesellschaft vertrug viel. Livia gab dem Augustus keine Kinder; aber sie hatte von ihrem ersten Gatten zwei Söhne, Tiberius und Drusus. Julia dagegen wurde mit Agrippa, dem ersten Mann nach dem Kaiser, vermählt und wurde Mutter von fünf Kindern. Nun standen sich beide Frauen, Stiefmutter und Kaisertochter, mit ihrem Nachwuchs am Hof des Kaisers gegenüber. Es ist rührend zu sehen, wie der Kaiser seine Enkel liebte und darum auch Julia, die sie ihm geboren, mit zärtlicher Nachsicht umgab. Er wollte es nicht wahrnehmen, wie sie bei den vielen Amtsreisen des Agrippa allein im Schwarm vornehmer Buhlen sich zeigte und die Dreistigkeit freien Umgangs steigerte. Agrippa starb im Jahre 12 v. Chr. Da wurde Julia, damals 27jährig, um die Gegensätze am Hofe auszugleichen, mit ihrem Stiefbruder Tiberius, dem Sohne Livias, vermählt. Bisher hatte sie diesen linkischen Menschen Tiber vergeblich in ihre Netze zu ziehen versucht; er hatte sich spröde gezeigt. Jetzt, da er zwangsweise ihr Gatte, verachtete sie ihn mit dem ganzen Haß einer sieggewohnten Courtisane. Die Verachtung war gegenseitig. Tiber verließ Rom und ging in freiwillige Verbannung. Julia behauptete strahlend das Feld, und im Mißbrauch ihrer fürstlichen Stellung wurde sie jetzt noch unbändiger. Sie entzückte, berückte alle. Ein geschlechtlicher Fanatismus kam über sie. Dies sind die leichtlebigen Zirkel, in denen das lockere Genie Ovids groß wurde. Aber plötzlich kam es zum ungeheuren Skandal. Es traf den Kaiser bis ins Mark. Livia, Tibers Mutter, stand als Anklägerin vor ihm. Es ließ sich nichts mehr vertuschen. In den Sommernächten machte Julia das Forum selbst, den großen Prunkbau der Rednerbühne, zum Schauplatz der Unzucht. Der Kaiser mußte jetzt alles an die Öffentlichkeit zerren, Richter sein über sein einziges Kind. Die ganze römische Gesellschaft war in den Prozeß verstrickt. Einer ihrer Kavaliere, Antonius, hatte gar dem Kaiser nach dem 127 Leben getrachtet. Es war dies der Sohn jenes Mark Anton, mit dem Augustus einst um die Weltherrschaft gefochten. Der junge Mensch tötete sich selbst; auch Julias Kammerzofe Phoebe erhängte sich. »Wieviel lieber wäre ich Phoebes Vater!« ächzte Augustus, von Schande überwältigt; denn die Zofe fand den rechten Ausgang, seine Tochter fand ihn nicht. Julia wurde auf einen der schauerlich öden Inselfelsen im Golf von Gaëta zu einem Leben bei Wasser und Brot verbannt, und sie ist nie begnadigt worden. Und der Vater dieser Julia war es nun, der seinen Bürgern ein Ehegesetz gab. Der Prozentsatz an Geburten war in Rom erschreckend zurückgegangen, und wenn Eltern im »Tageblatt« die Geburt eines gesunden Kindes freudig anzeigten, so hatte das damals ein ganz anderes Schwergewicht als heute etwa in einer deutschen Kleinstadt. Schädlich waren die verfrühten Eheschließungen; man heiratete schon im Kindesalter, und die Fortpflanzung litt. Aber das Vollblut, das durch Inzucht verfeinerte Blut der Aristokratie trug den Ruin in sich: früh ausgelebte Menschen voll Übersättigung und Schwäche. Die Eheflucht war allgemein, mit ihr wuchs die Erbschleicherei. Das Gesetz bestimmte nun, daß kein Eheloser fähig sei zu erben; wer vermählt, aber kinderlos, verliert die Hälfte des Erbteils an die Miterben. Für jedes Kind gab es dagegen Belohnung durch sofortige rasche Beförderung im Amt; wer drei Kinder hat, wird überdies von Tutel und Richteramt befreit usf. Jahrhundertelang sind diese harten Bestimmungen durchgeführt worden, aber es hat das Aussterben der alten Familien wohl nur in wenigen Fällen verhindert und hingehalten. »Der Friede vernichtet die Staaten!« ruft Catull. Otium perditit urbes ; vgl. Plutarch, De latenter vivendo c.  4: ἡσυχία σῶμα καὶ ψυχὴν μαραίνει. »Bisher war der Staat eine Armatur der gespannten Tätigkeit, jetzt wird er zum Polster der Trägheit«: siehe Joh. Bauer, Schleiermacher, S. 228. Glücklich der, der einen Feind hat, rufen andere; denn ohne ihn erschlafft die Tüchtigkeit. Seneca, provid. 2, 4 und 4, 6; Plut. Mor. I, S. 209 Bernad. Als Ursache der grenzenlosen Verdorbenheit der Sitten aber nennt uns Properz die bildende Kunst, die Malerei, die das Nackte vorführt. Man denkt dabei gleich an die Nacktlogen, die Schönheitsabende der Vereinigungen für ideale Kunst in unseren Tagen. In bezug auf die Nacktheit in der Antike müssen wir 128 zweierlei unterscheiden. Im Dienst der uralten primitiven Naturreligion galten gewisse Nacktheiten als heilig; man brachte den Geschlechtsteil, den Phallos, an Häusern und Geräten an, kränzte ihn, trug ihn als Amulett und glaubte, daß das Glück bringe und Übel abwehre. Im übrigen hatte der alte Römer einen keuschen Sinn; daß männliche Verwandte zusammen badeten, war ausgeschlossen, und gegen die griechischen Athleten, die ganz entblößt vor dem Volk kämpften, hat man stets einen vornehmen Widerwillen behalten. Cicero Tusc. 4, 70; Plin. 4, 22 fin. Aber was man hier ablehnte, das ließ man in den Gemälden zu, die jetzt alle Privathäuser erfüllten. Man konnte sich gegen die blendende griechische Kunst nicht wehren, und in dieser war der übermütige Sieg des Nackten soeben virtuos vollzogen worden. Selbst Laokoon, selbst Iphigenie sah man jetzt so in Bildern. Der Dichter Ovid, wegen seiner Laszivitäten angeklagt, stellt sich daher frech hin und sagt: was ihr Tadler an euren Stubenwänden duldet und täglich bewundert, warum soll ich das nicht in Verse bringen? Gewiß war die Gesellschaft selbst schuld an dieser Gier nach Nuditäten, die die Phantasie der Künstler ergriff. Pompeji selbst ist dessen Zeuge. Es war eine Krankheit der Zeit. An eine prüde Beaufsichtigung der Kunst, wie man sie bei uns einmal versucht hat, war im freien Altertum nicht zu denken; sonst wäre sie gewiß im Sinn des Augustus gewesen. Die erwähnten Ehegesetze aber wirkten obendrein nach anderer Seite hin schädigend. Denn je strenger ein Gesetz, um so mehr lädt es dazu ein, umgangen zu werden, und der Betrug triumphiert, die Ehrlichkeit sinkt. Man simulierte Ehen, weil der Ehelose benachteiligt war. Man fingierte Adoptionen um gewisser Vorteile willen, u. a. m. Die Gesundheit der Familienverhältnisse, auf der das Volkswohl beruht, wurde dadurch nicht gefördert. Als Zeit der ärgsten Verdorbenheit und Entartung der Sitten müssen wir die Jahre etwa von 30–68, die Zeit Caligulas, Messalinas und Neros betrachten. Auch unter Domitian (bis z. J. 96) war noch wenig gebessert. Das Rom Neros ist die große Babel der Johannes-Apokalypse. Alle entsetzlichsten Schilderungen betreffen jene Zeiten. Auch was Juvenal bringt, gilt (was wichtig) nur für sie. Und es gilt nur für Rom selbst. Es ist die Zeit, wo Seneca von den Frauen sagt: sie zählen die Jahre nach Gatten, nicht nach Konsuln. 129 Das Gesagte betrifft auch die Steigerung im Perversen. Ich meine die sinnlichen Ausschweifungen der Männerfreundschaft, der Knaben- und Jünglingsliebe, die im Altertum als etwas Selbstverständliches herrschte. Die platonische Liebe war ihre Idealisierung. Ob sie in Italien gegenwärtig nicht ebenso verbreitet ist wie damals, ist schwer zu sagen. Der Hauptunterschied ist vielleicht nur, daß die Knabenliebe damals auch in der Literatur ganz offen zu Worte kam; nicht nur bei den Griechen; nicht nur bei den Stoikern, die sie zu regulieren suchten. Dies war die τέχνη ἐρωτική des Zenon und des Kleanthes. Seneca aber lehnt dies als unrömisch ab, Epist. 123, 15 f. Auch die römische Liebespoesie hebt mit Gedichten auf Knaben an. Auch der glühendste Frauendiener, Catull, hat solche Gedichte geliefert. Der größte Dichter Roms, Vergil, wußte von Frauen nichts; er war, wie es scheint, nur Knaben zugeneigt. Die Frauenliebe, wird uns gesagt, ist stürmisch wie Meeresfahrt; wer sich dagegen mit solcher Freundschaft begnügt, fährt sicher auf dem Fluß zwischen engen Ufern. Vom Knaben ( concubinus ) nimmt Abschied, wer heiratet. Nichts scheußlicher aber als der Vergewaltigung des Wehrlosen. Ich denke an die Pageninstitute des kaiserlichen Hofes und der sonstigen Magnaten. Seneca wirft einen Blick tiefsten Kummers auf diese schöngelockten Pagen, die nach dem Festgelage bereit stehen, um sich von den Gästen mißbrauchen zu lassen. Sie waren in durchsichtige Gaze gekleidet, um die Begierde zu locken. »Mögen sie alle über Nacht Glatzen bekommen und ihnen der Bart wachsen!« wünscht der Arme, der dem Reichen diese kostspielige Lust mißgönnt. Carinus war der Liebling des Kaisers Domitian. Welche Erniedrigung der Dichtkunst, wenn Statius die Locken besingt, die diesem Knaben zum erstenmal geschnitten sind Der Akersekomes wird geliebt: Juvenal 8, 128 u. a. und die in einem köstlichen Gefäß dem Asklepios geweiht werden! Dann beging der Wahnsinn seine Orgien: Nero feiert im Jahre 67 Hochzeit mit dem Entmannten Sporus, den er seine Sabina nannte. Davon ein Nachhall der Ehekontrakt jenes Gracchus mit einem Hornisten, beim Juvenal: »man wird nächstens die Heiratsannonce auch in die Zeitung setzen!« Es ist auffällig und nicht zufällig, daß diese Perversitäten aus der römischen Literatur nach Juvenal auf einmal verschwinden oder ganz zurücktreten. Nur unter Nero hat ein Petron schreiben können. Das 2. Jahrhundert bringt uns dagegen die schöne 130 Legende von Amor und Psyche; und die ganze Romanliteratur des Altertums, Apulejus mit einbegriffen, weiß von Knabenliebe nichts oder so gut wie nichts. Eben damals wurde ihr auch von oben her entgegenwirkt. Vgl. Mark Aurel »An sich selbst« I 16 und 17 (die Bemerkung über den Theodotos) Diese Wendung erklärt sich nicht etwa aus der Ausbreitung des Christentums, sondern aus dem Sieg der Provinzen über die Hauptstadt. Rom war die Eiterbeule der Welt, nur Rom. Plinius unterscheidet in dieser Beziehung ausdrücklich die Hauptstadt vom gesamten übrigen Reich. Epist. 4, 22. Für den Stadtrömer galt die Sitte der Landleute und Sittenreinheit für dasselbe, rustica simplicitas , z. B. Ovid, Heroid. 20, 51 und Ars am. 1, 672. und von der Bravheit der Landstädte Italiens wird ausdrücklich und mit Neid gesprochen, auch von Spanien die sittlich gute Führung der Bevölkerung erwähnt. Plin. Epist. 1, 14, 4 und 2, 13, 4. Auf Rom aber lag der Fluch seiner zentralen Stellung. Es war Kaiserstadt . Und während sonst Freiheit der Entwicklung der Individuen das Prinzip der Antike war und das ganze Reich dieser Freiheit genoß, sahen sich nur in Rom selbst die Besten geknechtet. Denn auf ihrem Palastberg saßen die Zwingherrn und Cäsaren, durch ihre Gardetruppen allmächtig, durch ihren Wahn unfehlbar und über Gesetz und Sitte stehend, Plinius Panegyr. 65 und Digesten I, 3, 31; princeps legibus solutus est ; auch auf die Kaiserinnen wurde von den Kaisern dies Prinzip übertragen (Ulpian). die Erben des Augustus, von denen zumeist der Nachfolger das Gute in den Schmutz trat, das etwa der Vorgänger gesät. Denn die kaiserlichen Familien degenerierten meistens schon im zweiten Glied. Von ihnen aber wurden die stolzen Granden Roms, die Senatoren, die am Regiment verfassungsmäßig teilhatten, so lange gepreßt und gedemütigt, bis aller Eigenwille gebrochen und der Knechtsinn, der kriechende Byzantinismus fertig war. Das begann schon unter Tiber und Sejan. Der Kaiser wittert überall Verschwörer und sucht sich gegen sie durch den schmählichsten Terrorismus zu sichern. Stirbt jemand am Hof, so wird wie in Sultansfamilien sogleich an Vergiftung geglaubt. Herden von Angebern ( delatores ) stellten sich in den kaiserlichen Dienst, und jedes Privatgespräch wurde belauert. Im Bodenraum über dem Zimmer verkriechen sich die Spione des Allmächtigen, um, was unten 131 vertraulich gesprochen wird, zu belauschen, und jedes kritische Wort, das fällt, wird zum Anlaß von Justizmorden. Die gnädigste Form der Hinrichtung ist auferlegter Selbstmord. Der kaiserliche Säckel frißt die Vermögen der Gerichteten. Die alten Familien werden dezimiert, vernichtet. Aber noch eine zweite ebenbürtige Macht stand in Rom daneben. Das war der Pöbel , die faex mundi , »die Hefe der Welt«, so wird er uns genannt. Die Hefe strömt in Rom zusammen, der gute Wein der Menschheit selbst bleibt draußen in den Provinzen. Rom eine Futteranstalt für den Abhub der Menschheit! Die Kulturerscheinung ist unerhört und beispiellos. Die Staatskasse, mit anderen Worten also die steuerzahlenden Provinzen, ernährten täglich die hunderttausendköpfige freche Bande in der Hauptstadt, die mit Steinen warf, wenn sie nicht satt war. Darum war die Kornversorgung Roms ein Hauptinteresse der Regierung; mit den Bäckerinnungen der Stadt waren Kontrakte auf Lieferungen gemacht, um täglich 200 000 Bürger zu speisen. Einige Kaiser gingen noch weiter und ließen an sie auch noch Fleischrationen verteilen: Schnapphähne, Pflastertreter, Protzen des Nichtstuns, räudige Existenzen, aber in ihrer Zusammenrottung mächtiger und majestätischer als der Kaiser selbst! Auch die großartigen Fechterspiele und Tierhetzen dienten ja schließlich nur zur Erbauung des lieben Pöbels: panem et circenses . Diese Spiele waren die Gelegenheit, wo der Kaiser sich zeigen mußte. In seiner Loge gab er Audienz. Das Volk aber, furchtbar in seiner rohen Masse, schrie jedesmal so lange, bis der Kaiser, was es verlangte, erfüllt hatte. Es war kein würdiges Schauspiel. Der Kaiser war groß, nur von den Provinzen aus gesehen. Dieser wahnsinnige Aufwand rächte sich rasch. Sehr früh begann der Finanzruin . Auffallend früh schon hören wir von Auktionen des kaiserlichen Hausrates. Aber auch die Privatvermögen verfielen. Denn die Reichen wurden gezwungen, die hohen städtischen Ämter zu bekleiden, die jedesmal die riesigsten Ausgaben mit sich brachten; und nicht nur in Rom, auch in allen kleinen Städten geschah es. Die Welt lebte weit über ihrem Etat, in einer Großmannssucht, die verrät, daß der Römer im Grunde doch nur ein Emporkömmling war, Juvenal 3, 183. ähnlich wie das Deutsche Reich in den Jahren der Üppigkeit, 1871–1913. Wohl nie haben 132 Kapitalisten für die Kommunen so bluten müssen wie damals. Aber dies Prinzip hat sich schlecht bewährt. Denn der Verfall der Kultur war die Folge. Zu diesem Untergang der großen Vermögen kam aber noch der Rückgang der freien Landbevölkerung, und zwar auch in den Provinzen. Die Erträge der großen Güter gingen deshalb, weil nur Unfreie die Landarbeit taten, zurück. Columella I praef. Nun sanken auch die kleinen Gutspächter zu Kolonen , zu Hörigen herab. Eine weitere Folge war, daß auch die Rekrutierung des Heeres zurückging. Die Militärkraft sank erschreckend mit der Geldkraft. Schon im 3. Jahrhundert hat Italien und Rom vollständig abgewirtschaftet, und das Reich wird von den wohlhabenden Provinzen aus regiert. Schon im 4. Jahrhundert wird Rom zu einer Reminiszenz, von den Rückständigen angeschwärmt, von den Realisten zertreten. Hat doch schon Konstantin der Große die Stadt geplündert, um seine neue Hauptstadt Konstantinopel mit dem Kunstraub zu schmücken. Es wäre somit eine Torheit, den Untergang des römischen Reichs aus einem Verfall der Sittlichkeit erklären zu wollen, der außerhalb der Hauptstadt nicht nachweisbar ist. Vielmehr hob sich auch die hauptstädtische Gesellschaft wieder nachweislich. Ja, wir dürfen sagen: das 2. Jahrhundert n. Chr., das Zeitalter des Plinius, Mark Aurel und Papinian, war das klassische Jahrhundert der praktischen Tugend und bedeutet den höchsten Stand der Sittlichkeit in der Antike. Die Germanenstämme, die das Reich allmählich zertrümmerten, standen anfänglich auf einer gleich hohen Stufe der Sittlichkeit. Sie sanken aber sehr schnell tiefer, indem sie ihr arteigenes Brauchtum aufgaben. Die edle Herrschaft eines Theoderich d. Gr. in Italien, die eiserne, spartanisch harte Zucht und Strenge, mit der ein Geiserich in Karthago Prostitution und Päderastie ausrottete, blieben nichts als allzu schnell vergängliche Ausnahmen. Mit dem wachsenden Zerfall aller altüberkommenen Lebensformen nahmen Wüstheit und Verwilderung allerorts zu. Auch das Christentum half da nichts. Denn daß es im 3. bis 6. Jahrhundert Kultur und Sittlichkeit gefördert hätte, läßt sich nicht erweisen. Gerade jene entwurzelten Germanen auf dem Boden des morschenden Römerreiches waren ja Christen. Wer damals auf Heiligkeit hielt, zog sich in klösterliche Einsamkeit zurück, und damit wurde das Niveau der großen Masse nicht gehoben. 133 Dagegen trat erst am christlichen Hof seit Konstantin das Eunuchenwesen in den Vordergrund der Hofgeschichte; der Eunuch wurde jetzt regierungsfähig, und die Gesellschaft empfand das als Schmach. S. z. B. Claudian in Eutropium. Wäre der Ansturm der Goten und Vandalen nicht gekommen, so würde das römische Reich, christlich geworden, allmählich erstarrt sein, eine große Völkereinheit mit Ausgleichung aller Rassengegensätze, so wie es mit China geschehen ist. Denn auch das chinesische Riesenreich ist, als es seine Kultur vollendet hatte, erstarrt, und Rassenkämpfe sind seit langem und wohl auch noch heute in ihm unmöglich. Lesenswert Alexander Ular, Die gelbe Flut, S. 343 f. So chinesisch zähe hat sich denn auch tatsächlich das byzantinische Reich noch durch neun Jahrhunderte erwiesen; es war das amputierte römische Kaiserreich griechischer Zunge. Wir haben bisher nicht viel Erfreuliches verzeichnet. Ist aber unser Thema hiermit abgetan? Das wäre schlimm. Wir haben eine Zeit der Vereine zur Bekämpfung der Unsittlichkeit erlebt, wir haben fast pornographisch genaue Schilderungen des Lebenssumpfes der großen Hafenstädre aller fünf Erdteile, von Antwerpen und Marseille bis San Franzisko, Shanghai und Singapore. Das Paris der Revolutionsjahre von 1789, da Madame Tallien auf Festen in völlig durchsichtiger Kleidung zu erscheinen pflegte, taumelte in einer einzigen Woge erotischer Zügellosigkeit. 1866 gab es beispielsweise in New-York schätzungsweise 20 000 Dirnen, d. h. diese machten den 40. Teil der Bevölkerung aus! Ganz zu schweigen von den Homosexuellen und Transvestitenlokalen des Berlins der Nachkriegszeit. Ist die Liederlichkeit und Verworfenheit in unserer Gegenwart wirklich geringer als im Altertum? Wer kann es wagen die Frage zu beantworten? Jedenfalls werden wir uns hüten, aus unserer heutigen Kriminalstatistik, aus der Sündenchronik unserer Zeitungen und aus unseren Kolportageromanen einen Schluß auf den sittlichen Verfall der großen Bevölkerungsmassen der Gegenwart zu ziehen. Auch den ethischen Gehalt der italienischen Renaissancezeit werden wir nicht nach einem Cesare Borgia, Papst Alexander VI. und Aretino beurteilen. Ganz ebenso wäre es also auch ein Fehlgriff, in Hinblick auf jene Ausschweifungen der Cäsarenstadt Rom, die wir nachgewiesen haben, die antike Moral überhaupt gering einzuschätzen. Zum Glück steht es in Wirklichkeit anders (sonst dürften wir ja 134 unserer Jugend kein römisches Buch in die Hand geben), und das Wertvollste fehlt uns noch. Denn es kommt nicht auf die Lebensführung der Völker, es kommt auf ihre Ideale an. Die Menschengeschlechter lösen sich ab und taumeln dahin und vererben mit ihrem Geblüt auch den Trieb zum Exzeß: ein betrübendes Bild des Vergänglichen, des ewig Gestrigen. Aber über ihnen stehen ihre eigenen Ideale, die, weil sie Vollkommenheit fordern, unwandelbar und ein Erbbesitz aller Zeitalter bis heute geblieben sind. Jede Nation ist das, was sie sein möchte, nicht das, was sie ist. Danach ist sie zu werten. So auch die Römer. Reden wir jetzt nicht von Kriegs- und Staatsdienst, auch nicht vom engeren Familiensinn, der lauter und voll Feinsinns war. Ich erinnere nur an die Cornelia des Properz, diese Kernrömerin, in deren innerstes Herz uns der Dichter schauen läßt. Übrigens gelten als die zwei Nationaltugenden, auf denen alles beruht, »Ehre« und»Mannhaftigkeit«, honos und virtus . Das aber ist (nach Lucilius) das Wesen der virtus : sorge erst für das Vaterland, dann für die parentes , dann für dich. Das gesellschaftliche Ideal des Römers aber ist der vir bonus , d. h. der zuverlässige, und der vir probus , d. h. der gerade und rechtschaffene Mann. Darin liegt die bis zum Trotz unbiegsame Wahrhaftigkeit gegen andere. Die Regulusnaturen werden also gepriesen, auf den Griechen dagegen mit Geringschätzung herabgesehen; denn der Grieche lügt. Das heißt: der Grieche war phantasiebegabt und erfindungsreich, der Römer war geistig schlicht; simplex gilt als Lob. simplex und bonus verbindet Martial 1, 39. So heißt mercator der anständige Kaufmann, der den Städten nützt, Seneca benef. 4, 13. mango dagegen der täuschende, der alte Waren neu aufpoliert. Gegen Lüge wird übrigens in den Zeiten, von denen ich handle, selten ad hoc gepredigt; ich kenne wohl gelegentliche Äußerungen (Zeller, Philos. der Griechen III, 1³, S. 278) aber keine Spezialschrift über Notlüge u. ähnl.; aber vgl. Juvenal 13, 86 und das pythagoräische Wort εὐεργεσία καὶ ἀλήϑεια, das damals im Umlauf war, sodann Mark Aurel, der recht oft davon redet; am denkwürdigsten vielleicht Cicero pro Roscio comoedo 46 f. Schwarz ist der Bösewicht ( hic niger est! ), die reine Seele eine weiße Seele ( animus candidus ). Dazu kam weiter noch das Ideal des vir pius ; denn die Pietätspflichten standen um so höher in Heiligung, je weniger ihre Erfüllung im Leben vom Recht erzwungen werden konnte; dazu 135 ferner der vir frugi , das ist der gute Haushalter als nützliches Mitglied der Gesellschaft, und der vir ingenuus , dessen Art unknechtisch und edel. Der Gastfreund hat auf des Römers Fürsorge mehr Anspruch als die eigenen Verwandten; ebenso der Klient. Auch der gute Nachbar wird als wichtig gelobt. Gellius 5, 13; Columella I, 2, 6 V. Hiermit kamen die Instinkte des Römers nun schon der griechischen Humanität entgegen, die bereits im 2. Jahrh. v. Chr. siegreich vordrang und in den Scipionen sogleich ihre glänzendsten Vertreter fand: fürstlichen Gestalten, Männern in Macht, aber voll wirklicher weitherziger Menschlichkeit. Das Wort homo sum stammt eben aus der Zeit der Scipionen. Dies ging nie wieder verloren. Ein Abwerfen alles Banausentums! Aber noch etwas anderes Wertvolles brachte die Praxis des Lebens: eine Intimität im Verkehr des Fürsten mit dem Geringen, die im Altertum viel mehr möglich gewesen ist als heute. Es gab im Männerverkehr viel weniger Schranken als jetzt. Dafür ist schon das »Du« charakteristisch, das ein geschwisterliches Band um alle schlingt; das Altertum hat nie daran gedacht, das allgemeine Duzen abzuschaffen. Erst die christliche Welt bläht sich und schmeichelt in der Anrede. Eine der praktisch wichtigsten Erscheinungen der Humanität aber ist die Wohltätigkeit . Die christliche Kirche hat die Wohltätigkeit ( charitas ) organisiert und auf ihr Programm gesetzt, und sie zählt bis heute zu ihren Ehrentiteln. Der religiöse Anstrich der Wohltätigkeit begegnet sonst nur ausnahmsweise; s. Walter Otto, Priester und Tempel II, S. 17. Aber sie wurde, wie wohl die wenigsten sich klar machen, in der gleichen Ausdehnung schon vorher betätigt, nur war sie dem Impuls des einzelnen überlassen. Heute bauen sich die Gemeinden ihre Kirchen; wie oft war dagegen in jenen Zeiten das Gotteshaus die Stiftung eines Privatmanns zum Nutzen der Frommen; ebenso die Markthallen und Bäder, die Brücken und die Straßenpflasterung, die sonst Sache der Kommune sind! Eine Fülle von antiken Gedenksteinen sind uns erhalten, die davon melden. Allerorts und hundertfältig ist das geschehen. Ebenso testamentarische Stiftungen; Versorgungsgelder für arme Kinder; Erziehungsgelder; dazu die Volksspeisungen. Die großen Vermögen werden so zu einer Glücksquelle für die Geringen gemacht. Und nicht nur das; man suchte werktätig die Bedrängten auf, sowie es sogar die Kaiserin Livia tat, die nicht nur selbst zu 136 den Verarmten ging, sondern auch bei Feuersbrünsten persönlich zur Hilfe kam. Ich wüßte kein Werk auf diesem Gebiet, das an Umsicht und Zartsinn den 7 Büchern Senecas über das Wohltun ebenbürtig wäre: Gib, ehe man dich bittet. Gut gibt, wer schnell gibt. Und deine Tat selbst sei dein Lohn. Geben ist seliger denn nehmen. Seneca Epist. 80, 7; 81, 17. Erspare dem Beschenkten die Beschämung, daß andere von deiner Wohltat erfahren. »Zeige dem Verirrten den Weg, teile dein Brot mit dem Hungernden«, das genügt noch nicht; sage lieber: wir sind alle Verwandte und eines Stammes; daraus fließt alles. Seneca Epist. 95, 51. Sorge für den Nächsten wie für dich. par alterius ac sui cura , Seneca Epist. 90, 40. Denn der Mensch ist ein soziales Lebewesen; die menschliche Gesellschaft gleicht dem Tonnengewölbe, das zusammenstürzen würde, wenn nicht jeder Stein den andern stützte. Seneca benef. 7, 1, 7. Das ist stoisch. Der gewöhnliche Weltmensch wiegte sich freilich dabei in der Hoffnung, durch die großen Stiftungen, die er machte, sein Andenken in der Nachwelt lebendig zu erhalten, ein echt menschlicher Antrieb zur sozialen Hilfe, der auch heute noch wirkt. Die Stoa lehnt ihn natürlich ab; denn der Ruhm ist nur der Schatten, den die gute Tat wirft (also nur ihre Begleiterscheinung, nicht ihr Motiv), Seneca Epist. 79, 13. Sich damit die ewige Seligkeit zu verdienen, daran dachte kaum irgend jemand. Erst im Christentum ist dies zum Motiv der Werke der Barmherzigkeit geworden. Gleichwohl sagt schon Seneca: »Die Wohltat ist eine Gabe, die wir Gott bringen«. Seneca benef. 7, 29. Daß es auf diesem Gebiet in Wirklichkeit an krassen Gefühlsroheiten nicht fehlte, versteht sich, so wie man bei uns in unseren üppigeren Zeiten auf den Bazaren zum Wohl der Witwen der im Bergwerk Verunglückten Champagner trank, oder eine junge Dame sich tröstet: »Ich kann der armen Frau nichts geben, aber auf dem nächsten Wohltätigkeitsball will ich für sie tanzen.« Ich erwähne nur den tollen Caligula, der einem alten Senator das Leben schenkt; als dieser sich bedanken will, läßt der Kaiser, der saubere Pontifex, sich von ihm öffentlich den linken Fuß küssen, der in Gold und Perlen steckt. Das Fußküssen ist alt. Das Publikum aber bemerkte dazu: Caligula war am ganzen Körper so von Lastern befleckt, daß der Fuß zum Küssen noch die sauberste Stelle war. 137 Auch Plinius »übte« sich im Wohltun. Die »Sozialität«, so drückte er sich aus, soll uns mit den Bedürftigen verbinden. exercitatio , Plin. Epist. 1, 8, 8; vgl. ib. 9, 30, 3. Es ist der von uns oft erwähnte jüngere Plinius , der Anwohner des Comer Sees und römische Senator und Konsul, der in seinen Briefen zwischen den Jahren 97–109 n. Chr. uns den willkommensten Einblick in die römische Gesellschaft gewährt. Eine sittlich gereinigte Gesellschaft. Der Eindruck ist, bei aller oft kleinlichen und echt italienischen Eitelkeit des Autors, höchst erfreulich; »human« aber ist bei ihm fast Stichwort. Human ist es, Strenge mit Milde im Wesen zu vereinigen (8, 21). Hat jemand sich schwer vergangen, so wird seine Missetat zur Warnung wohl erzählt, aber der Name des Täters wird verschwiegen; denn das ist human (8, 22). Plinius bewundert einen Gebirgsquell; viele Villen und Heiligtümer liegen im Tal ringsum, und an Säulen und Wänden findet er da viele fromme Gedichte eingekritzelt, die den Quell und den Gott des Orts lobpreisen. Diese frommen Verse sind nun zum Teil das elendeste Machwerk, aber es ist nicht human über sie zu lachen (8, 8). Wir würden sagen, es verrät kein Herz, darüber zu lachen. Das Herz des modernen Italieners de Amicis schlägt in der Tat schon in Plinius. Seine Trauben hat derselbe nach der Weinlese an etliche Zwischenhändler zu hohem Preis verkauft, als er erfährt, daß der Traubenhandel schlecht geht; sogleich erläßt er den Händlern einen Teil der Summe. Über sein Verhältnis zu seinen Sklaven habe ich früher gesprochen. So waltet in Plinius die »Liberalität«, eine Freiheit oder Entlastetheit des Herzens, und das honestum , Plin. Epist. 3, 1, 4; vgl. z. B. Martial 1, 39. die Anständigkeit der Gesinnung. Freilich nirgends eine Spur von Größe; aber seine Haltung ist warmherzig, taktvoll, von einer vornehmen Freundlichkeit, ja kindlich gut. Ich wüßte nicht, um irgendeinen Vergleich zu ziehen, daß etwa Petrarcas Briefe oder auch selbst die Briefe eines Humboldt oder anderer moderner Humanisten im Grunde auf einer sittlich höheren Stufe stünden als die des Plinius. Wir lesen bei ihm von heller Naturfreude und Kunstfreude, von vornehmen Frauen, die mit Ehrfurcht umgeben sind; von gut erzogenen jungen Leuten, die er Gönnern empfiehlt. Besonders gern aber huldigt er älteren Männern. Eine heitere erfrischte Luft herrscht in seinem Lebenskreis, wie nach einem schweren Gewitter: es ist kein Frühling, aber ein reiner Herbst. 138 Plinius moralisiert wenig, sondern sein idyllisches Gemüt zerlegt wie ein Miniaturmaler das Leben in viele kleine Einzelbilder und sieht alles wie durch rosafarbige Fensterscheibchen. Darin steht dieser Mann nun freilich zu seiner Zeit im allerschroffsten Gegensatz. Denn diese Zeit war sonst moralisch bis zum Exzeß, sie war voll bittersten Ernstes, ja voll Erbitterung. Je tiefer das Rom Neros im Schlamm versunken war, je höher nach oben griffen die sittlichen Postulate . Es kann nicht genug hervorgehoben werden, daß jene ganze Literatur damals sich auch nie herbeiließ, die Kämpfe des Zirkus und der Arena zu schildern. Mit Ausnahme des Martial. Claudian schildert nur die Vorbereitungen. Diese Erregungen waren für den Pöbel. Daher kam aber auch eine Schönheitslehre oder Ästhetik niemals zur Entwicklung, weil alles in der Frage nach Gut und Böse, nach Tugend und Sünde, nach Fleischlichkeit und Gottähnlichkeit unterging. Wie aus Kerkern und dunklen Gewölben rollt der dumpfe Hall des Gebets, des Bekenntnisses und der Mahnung. Man kann sagen: die römische Literatur von 50 v. Chr. bis 150 n. Chr. ist in zweihundert Jahren, indem sie aus griechischen Büchern die leitenden Gedanken nimmt, ganz eigentlich die Zeit der Begründung der Pflichtenlehre und Ethik für den Okzident, und damit auch für die Kirche des Mittelalters gewesen. Auch für die Kirche. Denn die christlichen Evangelien boten keine ins Einzelne ausgearbeitete Pflichtenlehre dar (ebensowenig wie der deutsche Protestantismus bis auf Schleiermacher sie darbietet); sondern das Evangelium predigte nur sittliche Impulse und Ziele und weckte nur den Geist, aus dem die einzelne Pflichtleistung von selbst fließen soll. Der Stoizismus der Kaiserzeit dagegen dachte anders, und ihm wurde die feine und durchgearbeitete Pflichtenlehre verdankt, die die Kirchenväter in langen Abschnitten aus Cicero und Seneca übernahmen, so daß in dem Gefäß des Christentums ein Jahrhundert sie dem andern weitergegeben hat. Viel gelesen wurden im Mittelalter auch die sog. Sprüche des Cato u. a. Auch in diesem besten Sinn kann sich also die katholische Kirche römisch nennen. Die Stoa hielt auf genaue Formulierung; ja, sie will, man soll die Einzelvorschriften der Moral spruchweise auswendig lernen. Seneca benef. 7, 2; ausführlich derselbe Epist. 94, 29 ff. Die Bücher der Philosophie heißen daher sacri . Juvenal 13, 19. So geschah es wirklich, und da wurde nun über Selbstlob gehandelt, über 139 Freundschaft und Schmeichelei, eheliche Liebe, Zorn und Seelenruhe, Geschwistersinn, Prunkliebe, Neid, Neugier, Geschwätzigkeit, Begierde, Aberglaube usf. Für jede Lebenslage wurde womöglich ein Ratschlag ersonnen, und die Kasuistik des Guten war unerschöpflich. Besonders hebe ich noch die Fürstenspiegel hervor. Denn die unerläßlichen Lobreden auf die Kaiser wurden in einigen Fällen zu musterhaften Lehrschriften über Herrschertugend gestaltet, die uns erhalten sind und die den Souveränen des Mittelalters und dann auch der Neuzeit bis zu Friedrich dem Großen ihre Herrscherideale gegeben haben. Die stoische Denkweise lag dem Römer besonders gut. Man denke nur gleich an das Wort magnanimus , das wir mit »großherzig« zu übersetzen haben. Großherzigkeit war das Ideal des alten Römers gewesen; großherzig sein, das fordern jetzt auch die Stoiker. So ist denn ihre Lehre durch die Römer damals zu einer sittlichen Weltmacht geworden: eine Verstaatlichung der stoischen Religion. Dabei geht aber durch alles der Todesgedanke hindurch. Die Todesverachtung des römischen Kriegers vor dem Feind, sie wird jetzt zum Mut des Martyriums in Dingen der Überzeugung. Man soll bekennen , und ob es das Leben koste: vitam impendere vero . Juvenal 4, 91. Von solchen Erwägungen ist Seneca durchtränkt; Z. B. Epist. 85, 29. denn rings fielen die Opfer. Man stellte Erzählungen über die Opfer Neros zusammen ( exitus occisorum ), also ein vorchristliches Martyrologium, das eifrige Leser fand. Plin. Epist. 5, 5, 3 ff. Erst das Leben nach dem Tode ist ganz glücklich: das predigte schon Cicero in seinen Tuskulanen; suchen wir also ein löbliches Leben ruhmwürdig zu beschließen; denn ein Hafen ist uns offen. Und die Menschennatur selbst? Was ist von ihr zu hoffen? Wir sind nicht etwa als Sünder geboren , so heißt es (Sen. epist. 94, 54), aber wir sind allzumal Sünder geworden ( epist. 27, vgl. de clement. 1, 6, 3). Daher liegen wir alle in demselben Krankenhaus, und es ziemt sich, daß wir auch offen über unsere Krankheit miteinander reden. Denn das Gewissen treibt uns dazu. Den Schuldbewußten straft sein Gewissen; er bedarf keiner anderen Strafe; mächtig ist dies von Juvenal (13, 192 ff.) ausgeführt. Ist aber das Gute einmal irgendwo ins Leben getreten, so bleibt es auch; denn das Gute kann nicht degenerieren (Sen. epist. 87, 25). 140 Der Urmensch der goldenen Zeit, der »frisch von Gott« kam, war von Natur gut; wir aber stehen höher, wenn wir es durch Selbsterziehung sind ( epist. 90, 44). Der Weg zur Tugend ist steil ( ardua virtus ). Aber dem Tüchtigen öffnet sich der Himmel: sic itur ad astra. Kann denn aber der Mensch Vollkommenheit erreichen? In der Rede des Alltags war der Römer allerdings rasch bereit, einen Mann von guter Führung einen vir sanctus zu nennen: das tun Cicero und Plinius oft. Gute Führung schien also schon Heiligkeit ; so lesen wir: die Scipionen, Lälius u. a. sind die sancti , die in den Gefilden der Seligen weiterleben. Valerius Maximus 4, 7, 7. Wenn irgendeiner, von dem wir wissen, so hatte Kaiser Mark Aurel, nicht minder aber – nach seiner eigenen Meinung – auch Kaiser Titus Anspruch auf diese Benennung, Titus, »der Liebling des Menschengeschlechts«, der, als man ihn todkrank über die Straße trug, die Vorhänge der Sänfte zurückschlug, um frei zum Himmel aufzublicken, indem er seufzte, er sterbe ohne Sünde; dies war des Titus letztes Wort; er habe, mit einer Ausnahme, in seinem Leben nie etwas getan, was er bereuen müßte. Umsonst forschte man, was der Sterbende mit jener Ausnahme meinte. Juvenal dagegen ruft knirschend: in der weiten Welt gibt es keinen vir sanctus . Juvenal 13, 64. Und dies entsprach eigentlich der strengen Lehre. Kein genialer Mensch hat je gelebt, der nicht Nachsicht brauchte, versichert uns Seneca ( epist. 114, 12). Hieraus erklärt sich, daß die römische Stoa wohl Ideale geschaffen hat, aber keine Idealgestalten . Heiligsprechungen hat sie grundsätzlich vermieden, und so fehlt allen Römern, auch den besten, der Nimbus; man wollte ihn nicht; man sah an den Besten auch stets die Schwächen. Nur Gott ist vollkommen, und der sündenreine Mensch wird in Ewigkeit umsonst gesucht. Gleichwohl konnte man Mustermenschen für Einzeltugenden nicht entbehren. Denn nur das Vorbild, heißt es, spornt den Ehrgeiz zum Guten. Und dies hat nun die merkwürdigsten, tiefgreifendsten Folgen gehabt; ja man könne sie ungeheuerlich nennen. Ich meine die Folgen für die römische Geschichtsschreibung . Denn wir stellen fest, daß für politische Geschichte, Staatengeschichte, für Strategie und Verwaltung und Handel im Reich jetzt niemand mehr Sinn hat. Eine Fülle von tüchtigen Männern steht immer 141 noch im Dienst einer beispiellos großartig organisierten Reichsverwaltung, und keiner ist unter ihnen, der nicht auch an seinem Leibe die wirtschaftlichen Schwierigkeiten der Zeit empfand; aber keiner von ihnen verliert darüber ein Wort. Es interessiert nur noch der Mensch an sich, die sittliche Person, das Heldentum, die großen Männer in der Geschichte. Die Geschichtschreibung zerfällt und zerbröckelt vollständig im Dienst der Moral. Plinius macht einmal dem alten vornehmen Spurinna seinen Besuch, und worüber plaudern die beiden da bei der Spazierfahrt? etwa über Theater? Literatur? Geldgeschäfte? o nein! Sie sprechen über Tugend, über Handlungen vortrefflicher Männer und über die Lehren, die sich daraus ziehen lassen. Plin. Epist. 3, 1, 6. Solche Szene aus dem Alltagsleben ist symptomatisch. So machten es damals alle. Es war ein Heißhunger nach Tugend, und die ganze römische Historiographie der Kaiserzeit hat nur noch den einen Zweck, Handlungen und Worte hervorragender Menschen zu registrieren. Sie löst sich in Biographie und Anekdote auf: eine lose Kette von Musterbeispielen der Moral; und das reicht dann, ohne jemals abzureißen, durch das Mittelalter bis ins 18. Jahrhundert unserer Zeitrechnung. In diesem Sinn wirkt ja Cornelius Nepos noch heute in unseren Schulstuben; noch Schiller ist ja voll von den Biographien des Plutarch, und die Schillersche Ballade selbst ist weiter nichts als die Verklärung jener historischen Anekdote mit ethischer Pointe, die das Altertum damals so liebte. Und so ist schließlich auch Tacitus zu verstehen; denn auch das Exempel des Lasters war brauchbar, und es wurde schonungslos bloßgelegt. Darin war er groß. Auch Tacitus ist zum geringeren Teil Historiker; er ist Ethiker. Eine priesterliche Stimmung herrscht in allen diesen Männern. Die Weltgeschichte ist nur noch ein sittliches Weltgericht: das Bewußtsein hiervon erfüllt sie alle. Sie wollten die Zukunft erziehen und griffen dazu in die Vergangenheit; danach wurde die Vergangenheit von ihnen gestaltet, und so ist die Ethik der römischen Kaiserzeit durch sie auch ohne kirchliche Vermittlung eine Erzieherin der späten und spätesten Geschlechter geworden. Blicken wir zurück. Der wilde Naturmensch wird zum Kulturmenschen in ähnlich langsamem Fortschritt der Veredelung, wie durch gärtnerische Pflege die Wildpflanze zur Kulturpflanze wird, hier wie dort geschieht dies durch Steigerung und Temperierung 142 der vorhandenen Eigenschaften. Aber dieser Vergleich hinkt. Denn der Mensch ist Gärtner und Garten zugleich. Das ist das Wunder. Er ist der Münchhausen, der sich im Lauf der Jahrtausende aus dem Sumpf des Tierdaseins langsam an seinem eigenen Schopf emporzieht. Setzen wir für den Schopf die Verstandeskraft ein, und das Gesagte ist richtig und ernst zu nehmen. Dieser Verstand fehlte auch dem Urrömer nicht ganz. Gleichwohl erinnern wir uns zum Schluß noch einmal, daß es die Griechen waren, die dem Römervolk und den Erben des Römervolks im Okzident in Wirklichkeit zu dieser großartig emporsteigenden Entwicklung verholfen haben. Wie dürftig und belanglos erscheint heute das kleine Griechenland, ein Land der Dörfer und Ruinen! und wie anders steht Rom auch heute noch da, das da in Palästen prangt und Kirchenkuppeln! Aber jener Verfall Griechenlands war schon im Altertum selbst eingetreten und vollendet, und schon um das Jahr 100 n. Chr. lesen wir folgende denkwürdigen Worte, die an einen Römer sich richten, der als allmächtiger Legat des Kaisers Altgriechenlands Verhältnisse ordnen soll: »Die Griechenstädte sind heute machtlos und winzig, selbst ein Sparta und Athen, sie sind nur noch der Schatten von einst und wie Greise gealtert. Aber um so mehr sollst du Ehrfurcht vor ihnen haben. Habe Ehrfurcht vor ihren Tempeln, Ehrfurcht vor ihrer Geschichte! Schone dies Volk; wahre ihm die Freiheit der Selbstverwaltung und kränke es nicht. Denn es ist ja Hellas, in dem zuerst die Humanität entstanden ist, Hellas das Land, in dem die Menschen am menschlichsten und die Freien am freiesten sind. Es ist das Land, dem wir Römer selbst Gesetz und Recht – d. h. unsere gesellschaftliche Entwicklung und unsere Kultur – verdanken.« Also auch Gesetz und Recht. Es ist schön, daß es ein Römer war, der diese Gedanken äußerte; es ist der oft erwähnte Plinius. Epist. 8, 24. Wie warm, wie verständnisvoll sind seine Worte! Sie offenbaren echtes tiefes Dankgefühl. Dieser Römer hat recht. Wir sagen mit ihm: unser Dank gebührt den Griechen.